Band 2 (RB)
Durch das innere Wort empfangen durch Jakob Lorber.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2000 by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
151. Kapitel – Eintritt in das Museum im Hause Roberts. Eine Art Seelenfriedhof.
[RB.02_151,01] Rede Ich: „Ja, Mein liebster Freund, wenn du schon das für einen vollkommenen Himmel ansiehst, was im Grunde nur eine etwas bessere Geisterwelt ist, in der der eigentliche Himmel erst in den Geist des Menschen einzufließen anfängt, damit er daraus erst neugestaltet wird – was wirst du dann erst sagen, so du in den wirklichen Himmel aus dir selbst heraus eingehen wirst?
[RB.02_151,02] Ich sage dir, daß dies alles nur ein Voranfang zum Eingang ins wahre Himmelreich ist. Schau, diese Urväter, Propheten, Apostel und die Mutter Maria mit dem Joseph könntest du ja gar nicht ansehen und das Leben behalten, zeigten sie sich dir in ihrer eigentlichen Himmelsgestalt. Aber mache dir nichts daraus, denn deshalb bin Ich Selbst da, um euch alle nach und nach in den wahren Himmel einzuführen. Und Ich meine, daß Ich den rechten Weg am besten kennen werde!"
[RB.02_151,03] Spricht der Franziskaner: „Ja, Herr, dann ist Robert Blum doch auch noch lange nicht im eigentlichen Himmel?" – Rede Ich: „Freilich noch nicht! Dieses Haus ist zwar schon seinem Herzen entsprossen und ist, soweit wir es jetzt kennen und sehen, schon ziemlich vollendet. Aber da gibt es noch zahllose Fächer und Gemächer, die dem Robert noch ebenso unbekannt sind wie dir. Aber mit der rechten Geduld wird euch noch alles bekannt werden.
[RB.02_151,04] Nun aber begeben wir uns durch die große Pforte in das Museum, dort werden euch allen die Augen ein wenig weiter aufgetan."
[RB.02_151,05] Spricht der Franziskaner: „Herr, was werden wir darin wohl alles zu sehen bekommen?" – Rede Ich: „Wirst es bald ersehen! Siehe, ein Teil unserer Gäste ist schon drinnen, hörst du ihr grenzenloses Erstaunen? Auch wir werden uns gleich dort befinden. Sieh nur genau durch die Pforte, die hoch und breit genug ist, und du wirst so manches zu schauen anfangen. Sage Mir aber, was du allenfalls schon erschaust!"
[RB.02_151,06] Der Franziskaner sieht emsig noch von ferne durch die große Pforte und sagt nach einer Weile: „Herr, das ist ganz sonderbar! Ich erschaue nichts als einen nahezu endlosen Friedhof mit einer Unzahl von Grabmälern. Wahrlich, ein sonderbares Museum! Je näher wir der Pforte kommen, desto klarer stellt sich ein unendlicher Friedhof meinen Blicken dar. – Ich sehe nun auch schon eine Menge unserer vorangeeilten Gesellschaft sich um die Denkmäler auf den Gräbern herumtummeln. Aber von einem freudigen Erstaunen vernehmen meine Ohren nichts, wohl aber hie und da Ausrufe wie von großem Entsetzen. Herr, in diesem Museum werden wir sicherlich wenig Amüsantes finden!"
[RB.02_151,07] Rede Ich: „Oh, sei darum unbesorgt! Ich sage dir, da wirst du unaussprechlich viel und wunderbar Amüsantes finden. Und da wir soeben durch die große Pforte in dieses Museum eintreten, sage Mir abermals, was du nun siehst!"
[RB.02_151,08] Spricht der Franziskaner: „Herr, was ich früher gesehen habe, tritt nun klarer und ausgeprägter vor meine Augen. – Aber unsere Gäste, wie geschäftig sie sind! Mir kommen sie vor wie eine Lämmerherde, die im Frühjahr zum erstenmal auf die Weide getrieben wird. Da gibt's des Springens und Blökens auch kein Ende. Ich muß denn doch einmal so ein prachtvolles Grabdenkmal fest in Augenschein nehmen."
[RB.02_151,09] Der Franziskaner tritt einem solchen Grabmal näher und bemerkt bald eine erhabene Schrift auf einer schwarzen ovalen Platte. Er bemüht sich, diese Schrift zu lesen, bringt aber keinen Sinn heraus, weil da einige ihm ganz unbekannte Buchstaben vorkommen. Demutsvoll wendet er sich daher an Mich und bittet, daß Ich ihm diese Schrift erläutern möchte.
[RB.02_151,10] Ich aber sage ihm: „Mein Freund, so wir in diesem Museum eine jede Denkschrift lesen und entziffern wollten, hätten wir die ganze Ewigkeit vollauf damit zu tun. Aber es wäre dies gerade solch eine Arbeit, wie wenn du berechnen wolltest, wieviel Samenkörner für eine künftige Fortpflanzung, die ins Unendliche geht, sich schon in einem Samenkorn befinden. Um unendliche Dinge zu begreifen, muß man nie beim Einzelnen anfangen, auch nicht bei dem Gegenstand, den man ergründen möchte, sondern immer einfach bei sich selbst. Verstehst du dein eigenes Wesen, so wirst du auch alles andere verstehen und ergründen können. Aber solange du dir selbst nicht zur vollsten Klarheit geworden bist, kann auch alles andere in dir zu keiner Klarheit werden. Wenn das Auge blind ist, woher soll der Mensch dann Licht bekommen und wissen, worauf er steht und was ihn umgibt? Ist aber das Auge hell, dann ist auch alles hell im Menschen und um ihn herum. Und geradeso ist es auch mit dem Geistmenschen.
[RB.02_151,11] Die Seele, als die äußere substantielle Form des Menschen, hat in sich eigentlich gar kein Licht außer dem, das von außen in sie eindringt von anderen Wesen, die schon lange ein eigenes inneres Licht haben; ihr Erkennen ist darum auch nur ein stückweises. Denn welche Teile des seelischen Weltbildes in ihr gerade unter den Brennpunkt eines von außen dringenden Strahles zu stehen kommen, die werden dann von der Seele auch in ihrer Einzelheit erkannt und beurteilt, wie sie sich der Seele vorstellen. Fällt das Licht aber von irgendeinem Teil auf einen anderen, so tritt dadurch ein volles Vergessen des früher Gesehenen ein. Etwas ganz anderes taucht dann wie ein Meteor in der Seele auf und wird von ihr nur so lange erkannt und beurteilt, als es sich im Lichte befindet. Weicht durch eine Wendung das von außen eindringende Licht auch wieder vom zweiten, erleuchtet gewesenen Teile, dann ist es auch mit dem Verständnis der Seele über den zweiten erleuchteten Teil aus. Und so könnte die Seele eine Ewigkeit um die andere sich von außen her erleuchten lassen und würde doch immer noch auf demselben Erkenntnispunkte stehen, auf dem sie zuvor stand.
[RB.02_151,12] Aber etwas anderes und für dich noch Unbegreifliches ist es, wenn in der Seele der eigentliche, lebendige Geist vollkommen auftaucht und die ganze Seele von innen heraus aufs hellste erleuchtet. Das ist dann ein ewiges Licht, das nimmer erlischt und alle Teile in der Seele durch und durch erleuchtet, ernährt und vollkommen sich entfalten macht. So also das in der Seele bewerkstelligt wird, dann braucht sie nicht mehr einzelne Teile zu lernen, sondern dann ist alles auf einmal in der Seele zur vollen Klarheit gediehen. Und der völlig wiedergeborene Geistmensch braucht dann nicht mehr zu fragen: „Herr, was ist dieses und jenes?" Denn der Wiedergeborene dringt dann selbst in alle Tiefen Meiner göttlichen Weisheit.
[RB.02_151,13] Damit du aber diese Wahrheit gründlicher einsehen mögest, will Ich dir nun diese Schrift lesen und du wirst sogleich tausend Fragen in dir entstehen sehen. Und so habe denn acht! So lautet das hier Geschriebene:
[RB.02_151,14] „Die Ruhe ist gleich dem Tode tatlos. Aber dies Ruhen ist dennoch kein Ruhen, sondern eine Hemmung der Bewegung. Räumet hinweg die Hemmpunkte, und die Ruhe wird wieder zur Bewegung! Die Bewegung selbst aber ist dennoch keine solche, sondern das Suchen eines Ruhepunktes. Und ist der Ruhepunkt gefunden und die Bewegung zur Ruhe geworden, dann ist die Ruhe wieder keine solche, sondern ein fortwährendes Streben nach der Bewegung. Diese erfolgt auch sobald wieder als die Hemmpunkte hinweggeschafft werden, durch die aus der Bewegung eine Ruhe ward. Und so gibt es eine Ruhe ohne Ruhe und eine Bewegung ohne Bewegung. Die Ruhe ist eine Bewegung, und die Bewegung ist eine Ruhe. Ja, es gibt im Grunde weder eine Ruhe noch eine Bewegung. Denn beide heben sich fortwährend auf wie eine gleich bejahende und eine gleich verneinende Größe. – O Welt, die du unter diesem Steine ruhst, du ruhst nicht, sondern bewegst dich in deinem Bestreben, das da ist deine sündige Schwere. Jetzt reifst du dem Leben entgegen. Deine Hemmbande suchst du unablässig zu zerreißen. Und so sie zerrissen sein werden, dann wirst du hinaus ins Unendliche stürzen und wirst im Unendlichen wieder suchen, was du nun hast. Ein Leben weilt, ein Leben flieht; aber das weilende will fliehen, und das fliehende sucht die Weile. – Gott, du Urquell des wahren Lebens, gib der Ruhe die wahre Ruhe und der Bewegung die wahre Bewegung!"
[RB.02_151,15] Sage Mir nun, hast du diese Inschrift verstanden? – Spricht der Franziskaner: „Herr, das war für mich rein japanisch, mehr kann ich darüber nicht sagen! Aber erläutere uns das doch ein wenig mehr!"
152. Kapitel – Gefangene der Materie. Wie sollen sie erlöst werden? Vorschlag des Franziskaners.
[RB.02_152,01] Rede Ich: „Siehe, das erläutert dir das Gefühl deines eigenen Lebens, dem Ruhe und Bewegung zu gleichen Teilen beigegeben ist! Du kannst natürlicherweise gehen und stehen, sitzen oder liegen. So du lange umhergegangen und dadurch etwas müde geworden bist, welches Bedürfnis empfindet dann dein Leben?" – (Antwort: „Nach Ruhe!") – „Gut, sage Ich, und du suchst dann auch Ruhe und nimmst dir diese. So du aber wieder völlig ausgeruht hast und siehst muntere Bewegung um dich her – etwa eine Herde munterer Lämmer, die Vöglein von Ast zu Ast hüpfen, einen Bach rasch dahinrauschen und dergleichen mehr – sage Mir, welch ein Bedürfnis fängt dann dein durch die Ruhe neugestärktes Leben wieder zu empfinden an?" – (Antwort: „Oh, nach Bewegung, nach viel Bewegung!")
[RB.02_152,02] „Wieder gut! So wird es dir auch aus dieser Inschrift klar werden, daß sowohl die Ruhe wie die Bewegung an und für sich nichts sind als nur abwechselnde Bedürfnisse jedes Seins und Lebens. Dinge, die notwendig gerichtet sind, müssen sich freilich entweder in ununterbrochener Ruhe oder in unausgesetzter Bewegung befinden. Aber Wesen, die ein freieres Leben in sich bergen, haben Ruhe und Bewegung unter einem Dach zum freien Gebrauch anheimgestellt. Daher die Bitte: ,Herr, gib der Ruhe eine wahre Ruhe und der Bewegung eine wahre Bewegung‘ nichts anderes besagt als: ,Herr, gib uns die Ruhe und die Bewegung frei und halte uns nicht mehr im Gericht!‘ Oder noch deutlicher: ,Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Übel des Gerichtes!‘ – Sage Mir, hast du das nun wohl verstanden?"
[RB.02_152,03] Spricht der Franziskaner: „Ja, Herr und Vater, das ist mir nun ganz klar! Aber wer sind denn die, welche da unten ruhen und aus deren Bedürfnis solch eine Inschrift sich hier unseren Augen beschaulich darbietet? Wer sind sie, die hier nach Erlösung dürsten?"
[RB.02_152,04] Rede Ich: „Höre! Alle, die von der Materie gefangen sind, ruhen unter diesen Denkmälern, die ihnen das Gericht über alle Materie zum ewigen Gedächtnis Meiner urgöttlichen Weisheit, Macht und Stärke gesetzt hat.
[RB.02_152,05] Deine Seele ging ebenfalls aus einem solchen Grabe hervor und wurde in ein anderes Grab gelegt, bereitet aus Blut und Fleisch. Darin spann sie sich wie eine Seidenraupe wieder in eine leichtere und eines sich fortentwickelnden Naturlebens fähige Materie, die sie nach ihrer eigenen Form ausbildete. Als ihr dies gelang, hatte sie eine größere Freude an der Form als an sich selbst und hing sich ganz an die tote Form des Fleisches.
[RB.02_152,06] Das Fleisch aber ist wie alle Materie in sich selbst tot. Wird nun die Seele mit der Materie eins, wie soll sie dann ungerichtet bleiben, so alle Materie in ihr selbst dem unvermeidlichen Gerichte anheimfallen muß? In die Seele ist zwar ein neuer Geist gelegt. Mit ihm eins zu werden, sollte die Seele eigentlich alles aufbieten. Aber so die Seele alles tut, um mit ihrer Materie eins zu werden – wie soll dann der Geist in der Seele ein Herr seines Hauses werden?
[RB.02_152,07] Ich sage dir: Da wird der Geist selbst in der Materie begraben! Und hier siehst du solche begrabene Geister in einer Unzahl. Jedes Grab birgt seinen eigenen. Und dessen Worte sind es, die du hier auf der schwarzen Tafel gelesen hast und noch lesen kannst auf zahllosen anderen. Aber der noch lebendige Geist ächzt und seufzt aus seinem harten Grabe um Erlösung. – Und da sage du Mir, was wir hier machen sollen?"
[RB.02_152,08] Spricht der Franziskaner: „Herr, keiner, der nur einen Funken Liebe in seinem Herzen trägt, wird da um eine rechte Antwort verlegen sein. Man helfe ihnen, so man helfen kann und mag! Und man helfe ihnen bald, so es möglich ist! Sie sollen hervorgehen aus ihren Gräbern. Die Materie lassen wir wie durch einen chemischen Apparat sich verflüchtigen und das rein Geistige soll dann frei werden!
[RB.02_152,09] Daß die Menschen nun auf der Welt zumeist schlecht und gröbst materiell werden, kann ihnen mein Herz durchaus zu keiner Sünde rechnen. Denn man betrachte nur ihre leiblich-irdische Stellung, ihre unverschuldete Armut! Dann in moralischer Beziehung ihre totale Erziehungslosigkeit, meist eine Folge der allgemeinen wirtschaftlichen Verarmung, die wieder aus den ehernen Herzen der reichen Geizhälse folgt – und man richte dann einen armen, aller Not und Verzweiflung preisgegebenen Menschen! Von einer Moral und geistigen Bildung kann da keine Rede sein. Für die Bildung des Geistes geschieht für die Armen nichts, außer daß sie genötigt werden, an Sonn- und Feiertagen in eine sogenannte Kirche zum lateinischen Gottesdienst zu gehen und sich im Winter nicht selten Füße und Hände zu erfrieren.
[RB.02_152,10] Wenn nun die meisten Menschen dieser Art in jeder Hinsicht schlecht werden, wenn sie sich gegen jedes Gesetz empören, ja sogar zu Gottesleugnern werden – wer kann es ihnen im Ernste verargen, so er diese und noch viele andere Umstände genau erwägt! Ich nicht, wahrlich, bei Deinem heiligsten Namen nicht! Darum wahrhaft helfen, zuerst leiblich und dann erst moralisch – dann wird es mit der Erde bald besser aussehen als nun!
[RB.02_152,11] Die Erde ist nun eine barste Hölle für die Menschheit. Man mache sie wenigstens zu einem Viertel-Paradies, und die Menschen werden Gott wieder anerkennen! Denn in der Hölle tut sich's mit dem Studium der höheren Moral auf keinen Fall mehr, dessen bin ich voll überzeugt. Also helfen, wo zu helfen ist und dann heraus mit allen, die in den Gräbern schmachten! Das ist für ewig mein lebendigster Wahlspruch."
153. Kapitel – Wichtige Lebenswinke. Satan – Stammvater der Materie und aller Menschenseelen. Gottes Erlösungsplan.
[RB.02_153,01] Rede Ich: „Lieber Freund, dein Herz ist gut, weil du ein gebührendes Mitleid mit deinen Brüdern hast – eine Eigenschaft, die gar vielen deiner irdischen Glaubensgenossen mangelt. Aber deine Erkenntnis ist noch sehr gering.
[RB.02_153,02] Meinst du denn, Ich kümmere Mich etwa um die Menschheit auf der Erde nicht mehr? Oder glaubst du, daß dein Herz mehr Liebe hat als das meinige? Oder daß Ich nicht mehr einsehen könne, was der auf Erden lebenden Menschheit frommen möchte? Siehe, dein Herz ist ja gut. Aber gut wie ein Blinder, der einen Geier koset in der Meinung, er sei eine sanfte Taube! Weißt du wohl, woher die meisten Menschen der Erde ursprünglich stammen und wie sie jeweils geführt werden müssen, um durch allerlei Erlösungsmittel zu wahren, freien Menschengeistern herangebildet zu werden? Siehe, das hast du noch nie gewußt und eingesehen. Und dennoch willst du Mich ganz leise beschuldigen, als hätte Ich die Schuld, daß es nun mit der Menschheit so schlecht und elend stehe. Das ist sehr eitel von deines Herzens Weisheit!
[RB.02_153,03] Hast du auf der Erde nie gesehen, wie die Metalle aller Art und das Glas bereitet werden? So du je in einem Schmelzofen das Erz sich erglühen und dann zischend und tobend in ein Becken ergießen sahst – was mußte dein Gefühl dabei empfinden, so es an die Möglichkeit dachte, daß solche Materie etwa irgendeine stumm-intelligente Empfindung haben könnte? Welch ein Schmerz muß ihr innewohnen, so sie durch des Feuers Allgewalt in ihrer ersten Form gänzlich zerstört und in eine neue überzugehen genötigt wird! Und so du dann das abgekühlte feste, blanke und nützliche Metall ansiehst, wird es dir dabei auch so wehmütig zumute? Siehe, dann hast du eine Freude und lobst den Verstand der Menschen, die durch die Kraft des Feuers so nützliche Metalle und so herrlich schimmerndes Glasgeschirr zuwege bringen.
[RB.02_153,04] Und so ist es auch mit der Bildung des Menschen. So er krank ist oder lahm, blind, taub, stumm und manchmal voll Aussatz – da wird ein weiser Arzt alles aufbieten, um den Kranken wieder gesund zu machen. Aber so die Krankheit starke und schmerzliche Heilmittel fordert, ist es da vom Arzte wohl weise und liebevoll, aus einem unzeitigen Mitleidsgefühl dem Heilbedürftigen jene Mittel vorzuenthalten, durch die dem Kranken einzig und allein zu helfen ist?
[RB.02_153,05] So du Ohren hast zu hören, so höre: Satan ist ursprünglich als ein Geistmensch geschaffen worden. Als er aber durch ein Gesetz seine volle Freiheit hätte erkennen und annehmen sollen, ward er unwillig und fiel durch die Verachtung des Gesetzes und somit auch durch die Verachtung Gottes. Da er aber gleich Adam ein Urvater der ferneren Menschen für die Ewigkeit hätte werden sollen, so trug er auch gleich einem Samenkorn Aeonen von künftigen Menschen in sich und riß sie sogestaltet von Mir, seinem Schöpfer, los. Die Folge davon war die materielle Schöpfung aller Welten, welche da ist ein notwendiges Gericht. – Er allein für sich kann wohl noch lange bleiben, was er ist; aber die zahllosen Keime der Menschen werden ihm genommen, auf dem freilich harten Wege durch die Materie. Diese Keime aber gehen aus seinem gesamten Wesen hervor: bald aus seinen Haaren, aus seinem Haupte, bald aus seinem Halse, seiner Zunge, seinen Zähnen, seiner Brust, aus seinen Eingeweiden, aus seiner Haut, seinen Händen und Füßen. Und siehe, je nachdem die jeweilige Menschheit aus des gefallenen Satans einem oder dem andern Teile hervorgeht, muß sie auch entsprechend behandelt und geführt werden, um die Stufe der wahren Vollendung zu erreichen.
[RB.02_153,06] Wenn man das weiß, kann man dann mit Grund gegen Mich auftreten und fragen: ,Herr, warum hilfst Du den Elenden nicht und läßt sie verschmachten und zugrunde gehen?‘ Siehe, Ich lasse niemanden zugrunde gehen, selbst den Satan und die barsten Teufel nicht. Aber so lassen kann Ich sie nicht, wie sie – wider alle Meine Ordnung, von der die Erhaltung aller Dinge abhängt – es in ihrer eigensüchtigen Blindheit wollen. Sondern Ich muß auf jede mögliche ordnungsmäßige Weise sorgen, daß sie alle am Ende doch jenes Ziel erreichen, das ihnen von Meiner Ordnung von Ewigkeit her gestellt ist.
[RB.02_153,07] Meinst du aber etwa, daß da in diesen Gräbern lauter armes Proletariat, das gewisserart wegen seiner Armut zu sündigen genötigt ist, im Gerichte gefangen rastet? Oh, da bist du in großer Irre! Siehe, die da unten sind lauter Großstämmler, lauter Wesen, die in den verschiedensten Dingen wohlunterrichtet waren. Aber da sie alles, was sie kannten und hatten, nur zum Vorteile ihres Hochmutes, ihrer harten Unversöhnlichkeit, ihrer fleischlichen Wollust, ihres Neides und Geizes verwendet und somit ihre Seele zu sehr vermaterialisiert haben – so stecken sie nun auch in den Gräbern desselben Gerichtes, das sie sich selbst bereitet haben!
[RB.02_153,08] Dort hinter dem Grabmal wirst du eine Öffnung entdecken. Gehe hin, schaue hinein und sage Mir, was du siehst! Dann erst wollen wir weiter diese Sache miteinander erörtern."
154. Kapitel – Grabesgeheimnisse und jenseitige Kuren. Der große Sammelplatz göttlicher Gnade.
[RB.02_154,01] Der Franziskaner geht darauf sogleich, die besagte Öffnung aufzusuchen. Als er sie findet, schaut er aufmerksam hinein. Anfangs ist alles stockfinster. Aber nach einer kleinen Weile wird es dennoch soweit hell, daß er mit Not wahrnehmen kann, was sich alles in der inneren Höhlung vorfindet und welche Erscheinungen dort bemerkbar sind.
[RB.02_154,02] Nach einer Weile des Betrachtens fängt er zu reden an: „O Herr, um Deines heiligsten Namens willen, da gibt es aber Geschichten! Ich entdecke das Zimmer eines Gelehrten. In einer Ecke einen ganz großen Bücherschrank voll mit allerlei bestaubten Bänden und in der anderen Ecke einen Schreib- und Studiertisch mit einer Menge übereinandergelegter Schriften. An der hintern Wand aber befindet sich ein großes Lotterbett, auf dem ein nacktes, sehr unästhetisch aussehendes Weibsbild liegt, und zwar in keiner moralisch zu nennenden Situation. Und nun kommt auch der Gelehrte sehr häßlichen Aussehens an das Lotterbett und sagt: ,Coiba, laß uns des Lebens höchste Wonne genießen! Denn das Leben ist nur dann Leben, so es im Wonnegenusse schwelgt!‘ Nun entkleidet er sich auch und – o du Hauptvieh! Nein, das ist zu arg! Herr, ist denn kein Wasser bei der Hand, damit ich dem Schweinekerl seine Brunst ein wenig abkühlen könnte? Ich glaubte hier unten einen toten Leichnam zu entdecken. Nein, das wäre mir ein sauberer Leichnam! Das ist wahrlich ein sonderbares Schweine-Museum das!"
[RB.02_154,03] Rede Ich: „Lasse du das nur gut sein! Denn dadurch würdest du ihn zum Zorn reizen und an ihm mehr verderben als gut machen! Solche Menschtiere sind sehr zornsüchtig, und es ist nicht gut, sie in ihrer Brunst zu stören. So er aber mit seinem Vorhaben fertig sein wird, dann wird ihm seine Natur schon von selbst zeigen, welch schmerzliche Verdienste er sich dadurch gesammelt hat. Warte nur ein wenig, er wird mit seinem Wonneakt bald zu Ende sein und dann wirst du sogleich einen anderen zu sehen bekommen. Gib nun acht!" – Der Franziskaner sagt bald darauf: „O du verzweifelte Mette! Des Gelehrten wie seiner fetten Coiba wollüstiges Wonnegefühl hat einen ganz bösen Ausgang genommen. Furchtbares Weheklagen, fürchterliche Verwünschungen dieses Aktes werden nun deutlich vernehmbar, und beide krümmen sich wie getretene Würmer, vor Schmerz am Boden herumkriechend. Ah, das ist ein widerwärtiger Anblick! Wahrlich, so beide nicht gar so schändliche Schweinspelze wären, ich würde Dich, o Herr, für sie um Erbarmen anflehen. Aber da tue ich's gerade nicht! Dies Lumpenpack soll es von Grund aus empfinden, was die Unzucht für ein höllisches Labsal ist!"
[RB.02_154,04] Spricht Miklosch: „Freund, lasse mich auch da ein wenig hineingucken!" – Spricht der Franziskaner: „Komm nur her und schaue!" – Miklosch sieht durch die Öffnung hinein und spricht: „Ah, Tausend! Das ist wahrlich sehr arg! O Herr, die beiden müssen einen ungeheuren Schmerz empfinden. Vielleicht wäre denn doch eine Linderung am Platze?"
[RB.02_154,05] Sage Ich: „Laßt das nur gut sein! Wenn solche verknöcherte Buhler gebessert werden sollen, müssen sie ganz ernst angepackt werden, denn geringe Rupfer sind für solche materielle Seelen von gar keiner Wirkung. Ich sehe dieser Art Menschenwesen ohnehin lange durch die Finger. Aber so alle sanfteren Mahnungen und Rupfer nichts nützen, dann werden sie mit all Meinem Vollernste angegriffen. Und nur durch die Fülle des Schmerzes fangen sie ein wenig an, in sich zu gehen und werden dann für etwas Höheres aufnahmefähig. Daher lassen wir sie ganz ruhig die glühschmerzliche Frucht ihrer lustigen Tätigkeit genießen!"
[RB.02_154,06] Spricht Miklosch: „Aber Herr, es ist wahrlich nimmer zuzusehen! Sie schreien fürchterlich und fangen vor Verzweiflung förmlich sich zu zerfleischen an. Welch schaudererregende Verwünschungen sie über den begangenen Akt ausstoßen! Ah, das ist wahrlich entsetzlich! Herr, geht es denn unter allen diesen zahllosen Denkmälern und Leichensteinen also zu?"
[RB.02_154,07] Rede Ich: „Hie und da noch viel schlechter, aber hie und da auch etwas besser. Denn alle diese haben auf der Erde nicht zu klagen gehabt, als hätten sie kein Licht über das geistige Leben erhalten. Aber da sie das Licht nicht in ihr Herz, sondern nur in ihr loses Gehirn aufnahmen und dabei im Herzen die alten Böcke geblieben sind voll schmutzigen Sinnes und auch voll Hochmut und geheimen Zornes, so müssen sie in diesem Museum erst wieder ganz neu umgestaltet werden. Nützen alle sanften Operationen nicht, so muß dann leider zu den schärferen vorgegangen werden, ansonsten sie nimmer zu retten wären. Lassen wir aber nun diese und gehen wir zu einem andern Grabe über!"
[RB.02_154,08] Spricht einmal der Graf Bathianyi: „Herr, Du bester Vater, da gleich daneben steht ein vergoldetes Grabmal, und zwar, so ich recht lese, mit der sehr mystischen Inschrift:
[RB.02_154,09] ,Gott, Freiheit, Glückseligkeit! Mensch, Kettenhund, Elend, Tod! Der Mensch, ein Schmarotzertier auf dem weiten Gewande der göttlichen Heiligkeit, möchte Gott lieben wie eine Laus den Leib eines Menschen. Aber das ist der Gottheit lästig, daher tötet Sie in einem fort das menschliche Ungeziefer. Welcher Mensch weiß denn, welche Liebe die Läuse zu ihm haben? Je mehr Läuse der Mensch über seine Haut bekommt, von desto mehr Lausliebe wird er umfangen sein. Aber an solch einer lausigen Liebe hat der große, weise Mensch kein Wohlgefallen; daher wendet er alles an, um sich dieser lausigen Liebschaften zu entledigen. Und so macht es auch die große Gottheit! Sie ist stets bemüht, Sich der lausigsten Menschenliebe zu entledigen. – Aber die Gottheit sollte keine Läuse erschaffen und ihnen kein Bewußtsein geben, so Ihr die Lausliebe ein Greuel ist! Denn ist die Laus auch endlos klein gegen die endlos große Gottheit, so hat sie aber doch ein sehr zartes Gefühl und empfindet den göttlichen Abscheu-Druck ebensoviel schmerzlicher, als das Übergewicht der göttlichen Machtschwere größer ist denn das elendste Sein einer Laus, vulgo Mensch. Daher, Du große Gottheit, sei gnädig Deinen Läusen und vernichte sie für ewig ganz und gar!‘
[RB.02_154,10] Wahrlich, eine sonderbar schmutzige, merkwürdige Inschrift! Da möchte ich Einsicht nehmen, von welcher Art etwa der Einwohner dieses Grabes ist."
[RB.02_154,11] Sage Ich: „Mein lieber Ludwig, dieses Vergnügen kann Ich dir sehr leicht gewähren! Gehe hin an die Rückseite dieses Grabmals, wo du eine runde Öffnung finden wirst, dort sieh hinein, und du wirst sogleich im klaren sein!" – Der Graf Ludwig Bathianyi tritt sogleich hinter das Grabmal und entdeckt die Öffnung. Er beugt sich nieder und richtet seine Blicke fest durch die Öffnung in das Innere des Grabes. Nach einer kurzen Weile spricht er ganz erstaunt über den Befund: „Oh, das ist ja im höchsten Grade frappant! Ein äußerst schmutziger Affe größter Art, ganz mit zerzausten Pfauenfedern behangen, spaziert in einem Saale auf und ab, legt öfter einen Finger auf die Nase und bald wieder auf die sehr niedere Stirne, dieselbe ein wenig philosophisch reibend. Und dort auf einem Ruhebette kauern etwa sieben oder acht etwas kleinere, höchstwahrscheinlich weibliche Affen und wispeln sich gegenseitig etwas ins Ohr. Nun aber spricht der große Affe mit kreischender Stimme: ,Ja, ja, Russen und Türken taugen nicht füreinander! Der Böhm hat sie schon beim Schopf. Hintendrein kommen die Engländer und Franzosen und werden dem Russen zeigen, wie weit's von Europa nach Sibirien ist! Und 's liebe Österreich wird zu einem Abwischfetzen und wird am Ende tanzen müssen, wie's die andern haben wollen. Hahahaha, das geht jetzt grad so, wie ich mir's g'wunsch'n hab! O ihr armen Deutschen, ihr dummen Slaven, ihr welschen Esel und ihr ungarischen Ochsen! G'schieht euch ganz recht, daß ihr alle miteinander englisch, französisch und türkisch werdet! Denn ihr habt's ja so g'handelt und habt es so hab'n woll'n! O ihr Hauptviecher! Im Parlament habt's nicht einig werden können, aber am Galgen der allgemeinen Armut und Verzweiflung werd't ihr euch dann vereinen können! Nun g'schieht's euch recht, ihr welschen, deutschen, ungarischen und slavischen Rindviecher! Hahaha! Mi geht's zwar nix mehr an, denn ich bin versorgt. Aber a Freud hab ich ganz unsinnig, daß es jetzt so kommt, wie i's mir auf der Welt oft gedacht hab!‘"
[RB.02_154,12] Spricht der Graf weiter: „Ach Herr, Du guter heiliger Vater, was dieser Affe zusammenschwärmt, das ist ja der Welt ungleich! Sage uns doch, ob daran denn doch etwas Wahres sein könnte." – Sage Ich: „Alles ist möglich auf der Welt, je nachdem die Menschen irgendwo noch mit Mir wandeln oder auf ihre eigengestaltete Macht vertrauen. Höre du aber diesen Affen nur weiter an!"
[RB.02_154,13] Der Graf legt Aug und Ohr wieder an die Öffnung, und der Affe spricht nach einigem Räuspern weiter: „Wo nur meine Malla so lange bleibt! Aha, da kommt sie schon, sicher mit einer Menge Neuigkeiten von der Welt!" – (Malla tritt in den Saal.) – „Grüß dich! No, was gibt's denn Neues auf der Lauswelt?"
[RB.02_154,14] Spricht die Malla, die auch sehr äffisch aussieht: „Nit zum sagen, mein Mallwit! Alles is konfus, kaner waß mehr, wer da is Koch oder Kellner! Die Minister in Österreich arbeit'n auf einem Türl, wo's leicht werden durchgehen können, wann's die Suppen ganz werden versolzen hobn. Aus die Kleinen mochn's Große und aus die Groß'n mochn's Kleine. Gelt, mein lieber Mallwit, das Ding geht lustig ganz nach deinem Wunsch!" – Der Mallwit lacht dazu freudig. –
[RB.02_154,15] Malla spricht weiter: „Die Reichen werden große Steuern zu zahlen kriegen und schimpfen drum schon jetzt wie die Rohrspatzen. Die Geistlichen können über d'Regierung nit gnua fluchen. D'Landleut wollen von zahlen nix wissen. Die Künstler und Professionisten geben sich langsam der Verzweiflung hin. Das Militär hofft immer aufs Silbergeld und Gold; aber es kimmt holt koans. No, und den Spaß! Der Papst hot holt no immer d'„Franzosen" und hot sich dofür von Neapel, Spanien und Österreich Ärzte verschrieben; aber es is gleich umsonst, er wird holt von die Krankheit nit los, und das wird dem lieben Papst wohl den Garaus mochn! Hahaha!"
[RB.02_154,16] Spricht der Affe Mallwit: „Ganz nach meinem Wunsch! Wie i's auf der Welt oft g'sagt hab, so kommt's jetzt! – Aber der Spaß vom Papst ist im Ernst nicht schlecht, und es kann nicht anders werden! Wie leicht wär's im Jahr 1848 g'west, wie wir noch auf der Welt waren, so die dummen Menschen sich nur einigermaßen verstehn hätt'n woll'n. Jetzt habn sie den saubern Dreck. Aber es g'schieht ihnen allen vollkommen recht! – Jetzt aber schau, daß ich was zu essen bekomm'! Ich bin schon verdammt hungrig und unsre Töchter auch dort auf dem Sofa."
[RB.02_154,17] Spricht der Graf weiter: „Jetzt läuft die Äffin Malla zur Tür hinaus! Bin doch auf das Speisegericht neugierig! – Aha, da kommt sie schon wieder mit einem ganzen Korb voll. Aber was das für eine Speise ist, das mag jemand anders bestimmen! Die Geschichte sieht wahrlich so aus, als wenn das lauter halbgesottene weibliche und mitunter auch männliche Leibesteile wären. Er fällt mit Heißhunger über den Korb her und klaubt sich nun gleich die größten heraus. Die kleinen und mageren läßt er im Korbe. Malla und ihre Töchter aber machen sich über die Teile männlichen Aussehens! Ah, das ist ja doch rein zum wahnsinnig werden! Und mit welcher neidischen Begierde das alles verschlungen wird! ,Gottlob, jetzt wär' ich wieder satt! Das waren vortreffliche Austern! Es müssen auch die marinierten Schnecken recht gut gewesen sein; aber mein Magen verträgt sie nicht. Jetzt könnt ihr wieder hinausgehen, so ihr euch im Freien ein wenig vergnügen wollt!‘
[RB.02_154,18] Spricht die Malla: ,Lieber Mallwit! Is jetzt nit ratsam, denn es streichen allerlei wilde Tiere draußen herum, als wenn die ganze Höll los wär. Und wann sie was erwischen, no, Gott sei dem gnädig! Drum moan i, wir bleiben besser zu Hause. Wenn d' Höll Jagd holten tut, dann is nit gut ins Freie z' gehn!‘ – Spricht der Mallwit: ,O weh, o weh! Gute Welt, kannst dich freuen, wann's so ist! Du wirst bald wieder sehr blutig in deinem Gesicht' aussehen! – Aber ich merke, daß da von dem Dunstloch ein unangenehmer Luftzug herabweht. Geh doch ein wenig nachsehen, was es da für Geschichten hat.‘ – Spricht die Malla: ,Ah, was wird's denn sein? Geht holt bißl a höllischer Wind! Müss'n mer holt's Dunstloch zustopfen, da wird der Luftzug gleich sein End habn!‘ Die Malla bringt aus einem Winkel eine Menge schmutziger Fetzen und bemüht sich, das Loch zu verstopfen, aber es gelingt ihr nicht."
[RB.02_154,19] Spricht der Graf weiter: „Herr, wie wäre es denn, so man sie durch dieses Loch anredete?"
[RB.02_154,20] Rede Ich: „Das ist noch lange nicht an der Zeit! Lassen wir sie, die Angst ob der vermeintlichen Höllenjagd wird das beste an ihnen tun. Du mußt dir von seiner anscheinenden Tugend wegen der Anrufung Gottes keinen zu großen Begriff machen, auch nicht wegen seiner scheinbaren politischen Nüchternheit, denn alles das, was er spricht, ist sein Wunsch und seine Liebe. Aus seiner Kost aber konntest du hinlänglich entnehmen, wessen Geistes Kind er samt seiner Familie ist. Aus seiner Gestalt hast du das noch sehr Unmenschliche seines Wesens wahrgenommen. Daher ist hier vorderhand nichts anderes zu tun, als ihn gehen zu lassen wie eine unzeitige Frucht und abzuwarten, bis er reif wird.
[RB.02_154,21] Dies aber ist darum ein ganz besonderes Museum, weil hier ganz verdorbene Geister durch einen besonderen Akt Meiner Gnade wie die Pflanzen in einem Treibhause wieder zum Licht und Leben zurückgeführt werden. Dieser Kunstsammelplatz Meiner Gnade und besonderen Erbarmung hat seine Aufseher und Wärter, die wie echte Gärtner mit aller nötigen Weisheit bestens versehen sind. Du kannst versichert sein, daß alles, was ihrer Pflege anvertraut ist, zur sicheren Reife kommen muß.
[RB.02_154,22] Und so verlassen wir nun diese Stelle und begeben uns dorthin, wo du bei einem großen, sehr kunstreichen Denkmal fast alle unsere Gäste versammelt siehst. Dort wirst du und ihr alle Meine neuangekommenen Freunde noch deutlicher gewahr werden, warum dieser Ort, der sich eigentlich noch immer unter dem Dache von Roberts Haus befindet, das Museum dieses Hauses heißt.
[RB.02_154,23] Ich sagte einst auf der Welt zu Meinen Brüdern: ,Ich hätte euch noch vieles zu sagen, allein ihr könntet es jetzt nicht ertragen. Wenn aber der Geist der Wahrheit zu euch kommen wird, der wird euch in alle geheime und vor den Augen der Welt verborgene Weisheit Gottes leiten!‘ So ist es nun auch hier. Ich kann euch nicht auf einmal alles zeigen und erläutern. Aber durch die Umstände wird der ewigen Wahrheit Geist in euch selbst erweckt. Dieser wird euch dann alles klar machen, was euch jetzt noch dunkel und unerklärlich ist. Gehen wir nun schnell weiter dorthin, wo sich alle versammeln, da wird euch allen ein mächtiges Licht angezündet werden! Denn wo ein Aas ist, da sammeln sich die gewaltigen Adler!"
155. Kapitel – Das große Pyramidendenkmal. Licht- und Lebensworte des Herrn über Geist, Seele und Leib. Die wahre Auferstehung des Fleisches.
[RB.02_155,01] In ein paar Augenblicken sind wir an Ort und Stelle. Die vielen anderen Gäste, von den Aposteln geführt, wie auch die Urväter machen uns in größter Ehrerbietung Platz. Wir treten dem großen Denkmal näher, das ähnlich aussieht wie eine der größten Pyramiden Ägyptens.
[RB.02_155,02] Auf der Spitze der Pyramide ist eine große Goldkugel angebracht. Jede Stufe der Pyramide ist mit einem breiten Goldreif umfangen, in dem allerlei Inschriften eingegraben sind. In die Pyramide führt von der Nordseite her nur eine Türe, durch die man ordnungsmäßig ins Innere gelangen kann. Einige Ellen hinter dem Eingang sind nach rechts und links zwei Seitengänge, und noch etwas tiefer hinten befindet sich eine Treppe in die Tiefe hinab und eine in die Höhe hinaufführend. Obschon die Pyramide äußerlich von lauter undurchsichtigen, schweren Steinen erbaut zu sein scheint, durch die kein Licht ins Innere des riesigen Denkmals zu dringen vermöchte, sind aber im Innern dennoch die vielen Räume so hell erleuchtet, daß man darin alles gut wahrnehmen kann.
[RB.02_155,03] Der schon überaus neugierige Franziskaner Cyprian fragt Mich: „O Herr, Du bester Vater, was hat wohl dieses zu sagen? So eine ungeheure Pyramide muß auch eine ungeheure Bedeutung haben!" – Rede Ich: „Mein lieber Freund, habe nur Geduld, denn so einen Baum haut kein Holzknecht mit einem Hieb auseinander! Es hat wohl auf der Erde einen heidnischen König namens Alexander gegeben, der den berühmten gordischen Knoten mit einem mächtigen Schwerthiebe entwirrte. Aber auf diese Weise werden hier im Reiche der reinen Geister die Wirrknoten nicht gelöst, sondern nur mit gerechter Weile und Geduld! Daher also ein wenig mehr Geduld, Mein lieber Freund Cyprian!"
[RB.02_155,04] Der Franziskaner gibt sich zufrieden und sagt: „Herr, Du bester Vater, Du hast vollkommen recht! Hier ist die unvergängliche Ewigkeit und in ihr dürften wir Weile in größter Fülle haben, um uns alle Einsicht zu verschaffen. Was bliebe uns am Ende auch übrig, so wir mit einem Schlage in alle himmlische Weisheit hineinfielen? Nichts als bald darauf eine ewige Langweile!" – Spricht der Graf: „Freund, du fängst schon wieder an, ein wenig satirisch zu werden! Ich sage dir, nimm dich in acht! Denn der Ort, wo du stehst, ist heilig! Daher laß endlich ab von solchen Witzeleien!"
[RB.02_155,05] Rede Ich: „Nur keinen Streit hier! Du, Bruder Ludwig, hast zwar recht, aber des Cyprian Bemerkung hat auch etwas für sich. Wir haben hier viel wichtigere Dinge vor uns. Geh du, Freund Cyprian, lieber hin zu Robert und beheiße ihn samt seiner Gemahlin zu Mir! Denn er muß hier bei dieser Gelegenheit die Hauptrolle übernehmen."
[RB.02_155,06] Cyprian verneigt sich tiefst vor Mir und richtet schnell den Auftrag an Robert aus. – Robert kommt auch samt Helena gleich zu Mir und bittet Mich um die Kundgabe Meines Willens.
[RB.02_155,07] Ich sage zu ihm: „Liebster Freund, Bruder und Sohn Robert! Siehe, dies Museum ist ebenfalls ein wesentlicher Teil deines Hauses, und Ich will ihn gerade dir ganz besonders ans Herz legen. Du hast bisher schon viel getan und große Dinge vollbracht, so daß Ich mit dir hoch zufrieden bin. Dein Geist ist in der schönsten Ordnung. Aber deine Seele hat noch hie und da zu wenig Festigkeit, was auch nicht anders sein kann, weil die Verwesung deinen Leib noch nicht völlig aufgelöst hat. – Aber hier ist der Ort, wo du zur vollen Festigkeit deiner Seele gelangen kannst und auch wirst. Aber es ist dazu so manches sehr wohl zu beachten!
[RB.02_155,08] Siehe, der Leib eines jeden Menschen ist ein wahres Millionengemenge von allen möglichen Leidenschaften der Hölle, die in eine gerichtete Form zusammengefaßt sind. Du hast doch einmal etwas von der Auferstehung der Toten wie der Lebendigen gehört, wie auch von einer Auferstehung des Fleisches. Nicht minder von einem sogenannten Jüngsten Tage, an dem von Mir alle, die in den Gräbern sind, nach ihren Werken auferweckt werden, entweder zum Leben oder zum ewigen Tode.
[RB.02_155,09] Siehe, hier ist der Ort, wo Ich dir diese Geheimnisse eröffnen muß, und das nach deiner eigenen Natur und Beschaffenheit. Und durch dich dann erst allen, die mit dir der gleichen Ursache wegen in die Geisterwelt gekommen sind und in deinem Hause Aufnahme finden mußten, weil sie schon auf der Erde durch Gedanken, Gesinnung, Worte, Wünsche und mitunter auch Werke mehr oder weniger in deinem Geiste lebten.
[RB.02_155,10] Du warst von allen der erste, den Ich hier aufnahm und für dessen ferneres Fortkommen Ich hier sorgte. Also mußt du hier, wo es sich um die endliche Vollendung handelt, auch der erste sein, der diese an sich vollführt, auf daß sie dann auch an alle anderen übergehen kann.
[RB.02_155,11] Ich habe schon erwähnt, daß deine Seele noch keine eigentliche Festigkeit hat. Wie aber soll diese erreicht werden? Ich sage dir und somit auch allen andern:
[RB.02_155,12] Wie Ich als der Herr Meinem Menschlichen nach euch allenthalben voranging und eine gute, unverwüstbare Bahn legte, so müsset ihr alle Mir auf derselben Bahn in allem nachwandeln, so ihr zum ewigen Leben wahrhaftig gelangen wollet!
[RB.02_155,13] Ich bin nicht nur der Seele und dem Geiste nach auferstanden, sondern hauptsächlich dem Leibe nach. Denn Meine Seele und Mein urewigster Gottgeist bedurften wohl keiner Auferstehung, da es doch zu den größten Unmöglichkeiten gehört hätte, als Gott getötet zu werden. Wie Ich Selbst aber dem Leibe nach auferstanden bin als ewiger Sieger über allen Tod, so müsset ihr alle auch euren Leibern nach auferstehen. Denn Mich als vollendeten Gott könnt ihr erst in euerem auferstandenen, geläuterten und verklärten Fleische anschauen. Das Fleisch aber ist im Gericht, und dieses muß dem Fleische genommen werden, ansonst es nimmer zur Festigung der Seele dienen kann.
[RB.02_155,14] Siehe diese Gräber an – sie alle bergen dein ganz vollkommen eigenes Fleisch, gesondert nach seinen Millionen von gerichteten Teilen, aus denen es zusammengefügt war. Die Wesen, die du unter den Grabmälern entdeckt hast, sind im Grunde nur Erscheinlichkeiten der verschiedenen Wünsche, Begierden und Leidenschaften, die du in deinem Fleische als gerichtete Teile deines ganzen Naturwesens beherbergtest. Diese müssen nun geläutert werden durch allerlei Mittel, um sodann deiner Seele zu einem wahrhaft festen, lebendigen Kleide zu werden.
[RB.02_155,15] Wie aber Ich aus Meiner höchsteigenen Kraft und Macht Mein Fleisch erweckte, so müßt auch ihr alle euch durch die Kraft Meines Geistes in euch an dieses wichtige Werk machen und es zur wahren Vollendung bringen. Denn wer wahrhaft Mein Kind sein will, der muß Mir in allem gleichen und alles das tun, was Ich getan habe und noch tue und tun werde!
[RB.02_155,16] Aber nun machst du, Robert, große Augen und fragst Mich in deinem Herzen: ,Herr, was ist das, wie werde ich das zu bewerkstelligen imstande sein?‘ – Geduld, du sollst es sogleich erfahren!"
156. Kapitel – Erklärung des Pyramidendenkmals. Wanderung in die Unterwelt. Fegfeuer, Himmel und Paradies.
[RB.02_156,01] Rede Ich weiter: „Siehst du hier vor uns diese Pyramide? Sie ist deines Leibes Herz! Wie aber das Herz der Träger aller zahllosen Keime zum Guten und zum Bösen ist, so ist auch dieses Denkmal in Form einer Pyramide der Inbegriff alles dessen, was da rastete und handelte als Fleischeskraft im Fleische deines Naturwesens. Gehe nun mit deiner Gemahlin in diese Pyramide und betrachte alles wohl, was sich darin aufhält in der Höhe wie in der Tiefe und an allen Wänden.
[RB.02_156,02] So du alles besehen haben wirst, dann komme wieder zurück und sage es vor allen, was du angetroffen hast. Und Ich werde dir die weitere Weisung geben, was dir zu tun noch übrigbleibt. Aber verweilen darfst du bei nichts! Sollte dich aber irgendeine Lust bei einer oder der anderen Sache anwandeln, so sieh auf deine Helena und sie wird dich davon abziehen!
[RB.02_156,03] Und so trete nun deine Wanderung in die Unterwelt an, begleitet von Meiner Gnade und Liebe, mutig und voll besten Trostes! Denn auch Meine Seele mußte vor der Auferstehung Meines Fleisches in die Unterwelt hinabsteigen und dort alle frei machen, die da im Fleische Meines Fleisches noch der Erlösung harrten."
[RB.02_156,04] Nach diesen Worten verneigt sich Robert tief und tritt sogleich seine Wanderung an.
[RB.02_156,05] Der Franziskaner aber fragt Mich, ob er nicht etwa auch mitgehen dürfe. Ich aber sage zu ihm: „Mein Lieber, so du ganz reif wirst, dann wird auch auf dich ein Gleiches zu tun kommen, wenn schon deiner Beschaffenheit wegen in einer andern Form. Denn nicht allen ist eine und dieselbe Form entsprechend; diese hängt vielmehr von der hervorragendsten Hauptneigung ab, die eine Seele ihrem Fleische einprägte. Warte darum schön ab, was Robert alles für Dinge hervorbringen wird! Dadurch wirst du schon mehr oder weniger innewerden, auf welche Art du selbst in die Unterwelt steigen wirst."
[RB.02_156,06] Spricht der Franziskaner: „Herr, ist denn diese Unterwelt etwa so eine Art Vorhölle, sozusagen das gewisse Fegefeuer?" Rede Ich: „Ja, so etwas dergleichen! Aber dennoch ganz anders, als wie du es in deinem noch ziemlich römisch befangenen Herzen herumträgst."
[RB.02_156,07] Spricht der Franziskaner: „Also kommt denn eigentlich doch niemand sogleich, wie man sagt, vom Mund auf in den Himmel?" – Rede Ich: „Nicht leichtlich, Mein Lieber! Denn so Ich Selbst zur Unterwelt mußte, der Ich doch der Herr Selbst bin – so wird schon auch ein jedes Meiner Kinder es tun müssen! Denn ein jedes Obst muß vollkommen reif sein, bevor man es genießen kann. Blöde und unwissende Kinder meinen freilich, eine Kirsche sei schon reif, wenn sie nur ein wenig gerötet ist. Aber der kundige Gärtner weiß genau, wie rot die Kirsche aussehen muß, um völlig reif zu sein. – Also ist's durchaus nichts mit dem ,vom Munde aus gleich in den Himmel kommen‘! Wohl aber in das geistige Paradies, wo ihr euch nun an Meiner Seite befindet. Es ist genug, so Ich zu einem Sünder sagte: ,Heute noch wirst du bei mir im Paradiese sein!‘ – Aber nun Ruhe, denn Robert wird bald wieder da sein."
[RB.02_156,08] Der Franziskaner möchte noch gerne etwas sagen auf diese Meine Worte. Aber der General, der sich mit Dismas und dem verklärten Pater Thomas gerade dem Franziskaner am nächsten befindet, legt sogleich die ganze flache Hand auf den Mund des Franziskaners und sagt nichts als: „Der Herr Gott Vater hat geboten, nun stille zu sein, und so heißt es zu gehorchen! Verstanden?"
[RB.02_156,09] Rede Ich: „Laß das gut sein, Freund Mathia! Hier gibt es von Mir aus kein positives Gesetz. Will Cyprian reden, so soll es ihm nicht verwehrt sein!" – Spricht der Franziskaner: „Nein, nein, ich will nicht reden, obschon es mich ein wenig gejuckt hatte. Soeben kommt aus der Pyramide Robert zurück, und ich freue mich schon kindlich auf seine Erzählung. Aber er steht nun vor uns und macht eben nicht das zufriedenste Gesicht, auch seine Gefährtin nicht! Es muß ihnen die Sache nicht ganz zusammengegangen sein. Aber jetzt nur stille!"
157. Kapitel – Bericht von seiner Unterwelt. Die heiligen Inschriften auf den Pyramidenstufen. Große Heilslehre und deren Wirkung auf Robert.
[RB.02_157,01] In diesem Augenblick tritt Robert mit seiner Gemahlin vor Mich hin und beginnt wie folgt zu reden: „O Herr, Du guter heiliger Vater aller Menschen und Engel! Da sieht es schlimm, sehr schlimm aus! Wäre dieser Pyramide Inneres ein Augiasstall, wenn auch noch ums Zehnfache ärger, dann wäre es ein Leichtes, ihn zu reinigen. So aber übersteigt der Sündenmist des Inneren und besonders das Untere dieser Pyramide den Augiasstall ums Millionenfache! Und da ist wahrlich an keine Reinigung mehr zu denken, könnte man auch alle Flüsse der Erde hineinleiten. – In den oberen Regionen dieser Pyramide präsentiert sich eine Unzahl von tausenderlei leichtfertigster Bilder aus meinem gesamten Erdenleben. Die unteren Gemächer aber sind erfüllt von allerlei unbeschreiblichem Unflat, der von übelstem Geruch begleitet ist. O weh, o weh! Wer wird mir Armem helfen, diesen Stall zu reinigen?"
[RB.02_157,02] Rede Ich: „Mein lieber Freund Robert! Keine Arbeit ist so groß, als daß sie mit tauglichen Mitteln nicht könnte in die beste Ordnung gebracht werden. Aber es gehört dazu eine rechte Einsicht und Geduld. Siehe an die unermeßliche Schöpfung von ihrem Beginn bis zu ihrem einstigen notwendigen Ende, und von ihren kleinsten organischen und unorganischen Teilchen bis zu ihrem für dich unermeßlich großen, geordneten Ganzen – und du wirst darin sicher die nach deiner gegenwärtigen Einsicht fast nimmer mögliche Ordnung, Erhaltung und Leitung zum rechten Endzwecke gewahren. Und doch steht dies große Schöpfungsgebäude bestgeordnet da, und kein Atom kann seiner Bestimmung entgehen! So ist es um so mehr möglich, deinen irdischen Augiasstall zu reinigen! Aber es gehört dazu die rechte Einsicht und Geduld und ein fester, durch nichts beirrbarer Wille!
[RB.02_157,03] Damit du aber vor allem zur rechten Einsicht gelangen magst, so gehe hin zu den äußeren Staffeln der Pyramide, die mit einem beschriebenen Goldreifen umfaßt sind. Lies, was darauf geschrieben steht! Das wird dir sagen, was du da alles zu tun haben wirst."
[RB.02_157,04] Robert geht hin und liest zuerst die Inschrift des untersten Reifes. Diese lautet: ,Kommt alle zu Mir, die ihr mühselig und beladen seid, es soll euch Erquickung werden!‘ – Und weiter liest er: ,Haltet euch an die alleinige Liebe! Wahrlich, so die Zahl eurer Sünden wäre wie die des Sandes am Meere und des Grases auf der Erde, so wird die Liebe sie ganz und gar tilgen. Und wäre eure Schande vor Gott gleich dem Blut der Sündenböcke, so soll sie von der Liebe weiß gewaschen werden wie weiße Wolle und wie der feinste Byssus!‘
[RB.02_157,05] Und weiter liest er an der zweiten Stufe: ,Die Liebe ist das Leben, das Gesetz, die Ordnung, die Kraft, die Macht, die Sanftmut, die Demut, die Geduld und dadurch der Kern aller Weisheit! Der Weisheit sind nicht alle Dinge möglich, weil die Weisheit nur einen gewissen Weg geht und sich mit dem nicht befassen kann, was unrein ist. Aber der Liebe sind alle Dinge möglich. Denn sie ergreift auch das, was verworfen ist, mit derselben Innigkeit, wie das, was in sich selbst schon das Reinste ist. Die Liebe kann alles brauchen, die Weisheit aber nur, was die Liebe gereinigt hat.‘
[RB.02_157,06] Und weiter liest er an der dritten Stufe: ,Frage dein Herz, ob es sehr lieben kann, ob es Gott über alles lieben kann ohne Interesse, außer dem der Liebe selbst? – Frage dein Herz, ob es um Gottes willen den Bruder mehr als sich selbst lieben kann? – Frage dein Herz, ob es wahrhaft und völlig rein lieben kann? – Kann es Gott darum lieben, weil Gott eben Gott ist? Und kann es den Bruder wegen Gott und aus purer Liebe zu Gott wie einen Gott lieben? – Kann dein Herz das, so ist deine Verwesung zu Ende, und du selbst stehst vollendet vor Gott, deinem Herrn, Vater und Bruder!‘
[RB.02_157,07] Und weiter liest er auf der vierten Stufe: ,Gott Selbst ist die urewige, reinste Liebe, und ihr Feuer ist das Leben und die Weisheit in Gott. Die Liebe ist also aus Gott wie in Gott das Leben und das Licht aller Wesen. Die Funken aus dem Essenfeuer der reinsten Liebe Gottes sind die Kinder Gottes – gleichen Ursprungs aus dem einen Herzen Gottes! Auch du bist ein solcher Funke! Fache dich an zu einem lebendigen Brande, und du wirst in deinem Herzen Gott schauen!‘
[RB.02_157,08] Und weiter liest er auf der fünften Stufe: ,Das Wort aus dem Gottes-Herzen ist der Liebe Allkraft. Daher ist das Wort und der ewige Sohn aus Gott eins. Gott Selbst ist das volle Wort, das im Feuer der Liebe gezeugt wird. – Du aber bist auch ein Gotteswort, erzeugt im Gottes-Herzen! Darum werde wieder ein volles Wort Gottes! Werde ganz Liebe, volle Liebe in Gott – so wirst du zum Gottes-Sohn gelangen und eins sein mit Ihm! Aber du gelangst nicht zu Ihm außer durch den Vater, der da ist die Liebe und das Wort selbst in sich, von Ewigkeit zu Ewigkeit stets derselbe!‘
[RB.02_157,09] Und weiter liest er auf der sechsten Stufe: ,Christus ist allein der Mittler zwischen Gott und der Menschennatur. Durch den Tod Seines Fleisches und durch Sein vergossenes Blut hat Er allem Fleische, das da ist die alte Sünde Satans, den Weg gebahnt zur Auferstehung und Rückkehr zu Gott! – Christus aber ist die Grundliebe in Gott, das Hauptwort alles Wortes, das da ist Fleisch geworden, und dadurch geworden zum Fleische alles Fleisches und zum Blute alles Blutes. Dieses Fleisch nahm freiwillig alle Sünde der Welt auf sich und reinigte sie vor Gott durch Sein heiliges Blut. – Mache dich teilhaftig dieses größten Erlösungswerkes Gottes durch das Fleisch und durch das Blut Christi, so wirst du rein sein vor Gott! Denn kein Wesen und kein Ding kann rein werden durch sich, sondern allein durch die Verdienste Christi, die da sind die höchste Gnade und Erbarmung Gottes. Du allein vermagst nichts, alles aber vermag Christus!‘
[RB.02_157,10] Und weiter liest er auf der siebenten Stufe: ,Dein irdisches Wohnhaus ist voll Unflates. Wer wird es reinigen? Wer hat die Kraft und die Macht allein? Siehe, Christus, der ewige Hohepriester vor Gott, Seinem ewigen Vater! Denn Christus und der Vater sind eins von Ewigkeit. In Christo allein wohnt alle Fülle der Gottheit körperlich. Und diese Fülle ist der Vater als die reinste Gottliebe. Diese ergreife mit deiner Liebe, und sie wird dein Fleisch reinigen und erwecken, wie sie erweckt hat das Fleisch Christi, das sie selbst in sich barg.‘
[RB.02_157,11] Und wieder weiter liest er auf der achten Stufe: ,Du erschrickst über die große Menge deiner argen Geister, die auf der Welt dein Fleisch und Blut beherrscht hatten, und fragst mit Paulus: Wer wird mich erlösen von meinem Fleische und frei machen von den Banden des Todes? Siehe hin: Christus, der getötet ward, ist auferstanden und lebt, ein Herr von Ewigkeit! Wäre Er im Tode verblieben, so es möglich gewesen wäre, da wäre dir ebenfalls der ewige Tod sicher. Aber da Christus auferstanden ist, wie du Ihn nun selbst siehst, so ist es unmöglich, daß da jemand im Grabe belassen werden könnte. – Denn wie durch die eine Schlange der Tod kam über alles Fleisch, so kam auch das Leben durch den einen Gottmenschen über alles Fleisch der Menschen der Erde. Aber zugleich auch ein neues Gericht, obschon das alte Gericht, das den Tod in sich barg, durch dieses Einen Auferstehung für ewig vernichtet ward. Dieses neue Gericht ist auch ein Tod; aber kein Tod zum Tode, sondern ein Tod zum Leben! – Mache dich an die Liebe durch deine Liebe, damit dies neue Gericht deines Fleisches durch die Werke des Einen zu einem wahren Leben wird. Du stehest an der Quelle, trinke des lebendigen Wassers in der Fülle!‘
[RB.02_157,12] Und auf der neunten Stufe liest er weiter: ,Die pure Weiberliebe ist Eigenliebe! Denn wer von der Weiberliebe sich so weit verziehen läßt, daß ihm daneben die Nächstenliebe und aus dieser die Gottesliebe zur Last wird, der liebt sich selbst im Wesen des Weibes! Lasse dich daher von der reizenden Gestalt eines Weibes nicht gefangennehmen übers gerechte Maß, ansonsten du untergehst in der Schwäche des Weibes, während doch das Weib in deiner Kraft erstehen soll zu einem Wesen mit und in dir! – Wie du aber ein oder das andere Glied deines Wesens liebst, also liebe auch das Weib, auf daß es eins werde mit dir! Aber Gott liebe über alles, auf daß du in solcher mächtigsten Liebe neu geboren werdest zu einem wahren, freiesten Bürger der reinsten Himmel Gottes für ewig und dein Weib wie ein Wesen mit dir!‘
[RB.02_157,13] Und noch weiter liest er auf der zehnten Stufe: ,Suche, suche, suche, daß du dich nicht übernimmst, so du groß wirst! – Siehe an des Herrn Demut, Sanftmut und Güte! Er ist der Herr von Ewigkeit. Alles, was die Unendlichkeit fasset, ist Sein eigenstes Werk. Seine Kraft ist so groß, daß alle Werke der Unermeßlichkeit vor dem leisesten Hauche Seines Mundes in ein ewiges Nichts zurücksinken müßten. Und dennoch steht Er einfach und ohne allen Anspruch bei Seinen Kindlein, als wäre Er nahezu der Allergeringste unter ihnen. Er liebt sie und unterhält sich mit ihnen, als hätte Er nur sie allein in der ganzen Unendlichkeit, die doch von zahllosen Myriaden der wundersamst herrlichen und liebweisesten, reinsten Wesen strotzet! – Also suche, suche, suche der Geringste zu werden und zu bleiben für ewig!‘
[RB.02_157,14] Auf dieser letzten Stufe wird Robert so mächtig gerührt vor Liebe zu Mir, daß er laut zu weinen anfängt. Er sieht bald diese oberste Inschrift, bald wieder Mich und manchmal auch sein neues Weib an und sagt nach einer Weile des Staunens: „O du heilige Inschrift! Du bist so einfach, ohne allen Wortprunk hier auf reinstes Gold geschrieben – und dabei so ewig wahr wie Derjenige Selbst, dessen allmächtiger Finger dich hier in dies Gold gegraben hat! – O Gott! Jetzt, jetzt erst fängt mich eine ungeheure Liebe zu Dir ganz allein zu durchdringen an. Und dabei gewahre ich erst, daß ich Dich noch nie völlig wahr geliebt habe! Aber nun ist es anders geworden! Du ganz allein bist nun der Herr meines Herzens, meines Lebens! – Ewige, unbesiegbare Liebe, Dir allein nichts als Liebe, Liebe und Liebe, Du mein Gott und Vater Jesus!!
[RB.02_157,15] Als Du mir die schönste Helena zum Weibe gabst, da fühlte mein Herz zu Dir mehr eine innige Dankbarkeit als eine rechte Liebe. Und mit pünktlichstem Gehorsam gegen Deine Gebote meinte ich schon sicher die Vollendung zu besitzen. Aber wie weit war ich da vom wahren Ziel! Ja, ich wußte nicht einmal so recht, wie man Dich neben Helena mehr als diese lieben könne. Aber nun ist es anders geworden! Ich liebe nur Dich allein über alles und sehe in dieser Liebe ein ganz neues Leben erwachen! O Herr und Vater, o Jesus, Du meine einzige Liebe!"
158. Kapitel – Roberts feurige Gottesliebe. Helenas gute Rede. Ihre Scheu vor dem Allerheiligsten. Des Herrn stärkende Erwiderung.
[RB.02_158,01] Mit diesen Worten springt Robert förmlich von der Höhe der Pyramide und eilt so hastig zu Mir hin, daß er sogar seines schönsten Weibes vergißt. Bei Mir angelangt, will er Mir sogleich zu Füßen fallen und sein Herz vor Mir ganz ausschütten. Aber Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß er diesmal der Helena, seines Weibes, vergessen habe.
[RB.02_158,02] Darauf spricht Robert selig ergriffen: „O Herr, Vater Jesus, wer kann in Deiner Nähe für etwas anderes Sinn haben als allein für Dich! Ich liebe die überaus schöne und fromme Helena wie ein gutes Glied meines Wesens oder meines geistigen Leibes – aber mein alles bist nun für ewig Du ganz allein, mein Gott, mein Herr und Vater! Was wäre mir ohne Dich eine ganze Welt voll Helenas? Nichts! Habe ich aber Dich, so kann ich auch ohne eine Helena vollkommen glücklich sein. Aber ich will sie dennoch holen, weil sie eine Gabe aus Deiner Hand ist und darum mir auch endlos wert, teuer und angenehm."
[RB.02_158,03] Rede Ich: „Ja, gehe hin und hole sie! Denn sie sieht ganz traurig zu uns her und meint, dich beleidigt zu haben, dieweil du sie verlassen hast!"
[RB.02_158,04] Robert eilt nun zu Helena und sagt ihr: „Komm, komm, mein geliebtes Weib! Ich habe nur aus übergroßer Liebe zum Herrn deiner auf ein paar Augenblicke vergessen. Aber nun ist schon wieder alles in schönster Ordnung! Komme daher jetzt mit mir hin zum Herrn und sei nicht mehr traurig!"
[RB.02_158,05] Spricht Helena: „Mein liebend Herz dem Herrn und dir zum Dank dafür, daß du mich wieder anschaust! Denn mir kam wahrlich ein Kummer ins Herz, daß ich in meiner Seele mich irgend versündigt zu haben meinte. Aber nun ist alles wieder mehr als gut, denn dich zog die allein gerechte und wahre Liebe von mir hin zu Gott, dem heiligen Vater! Nun ziehe aber du auch mich hin vor Ihn, der noch immer der alleinige Besitzer meines Herzens ist und auch ewig verbleiben wird. Lasse unsere Herzen eins werden vor Ihm, der sie zuerst erfüllt hat mit Seiner Liebe, auf daß – so nun dein Fleisch lauter wird durch die Auferstehung im Feuer der Gottesliebe – auch das meinige mitgeläutert werde und wir uns dann wie ein Herz, ein Sinn, eine Liebe, ein Leben und Wesen vor Ihm des seligsten Lebens erfreuen können!"
[RB.02_158,06] Robert zerfließt nahezu vor Liebe und bringt nun die Helena zu Mir. Als sie bei Mir ist, will auch sie auf ihr Angesicht niederfallen. Ich aber hindere sie ebenfalls daran und sage zu ihr: „Ja, Meine allerliebste Helena, getraust du dich denn nicht mehr, Mich so zu lieben, wie du Mich ehedem geliebt hast? Schau, Ich bin ja stets der Gleiche!" – Spricht Helena weinerlich: „Fürs Auge ja! Aber fürs Herz bist Du viel anders geworden: viel größer und heiliger! Das Herz bebt nun vor Deiner Größe und Heiligkeit, denn Du bist wahrhaftig der einige Gott!"
[RB.02_158,07] Rede Ich: „Ja, allerliebste Helena, das hast du doch schon früher gewußt und hast doch keine gar so gewaltige Heiligenscheu vor Mir gehabt. Ja du hast Mich sogar nach deiner ganzen Herzenslust geküßt! Denke zurück und bleibe dir gleich, so wie Ich Mir unwandelbar gleich bleibe, so wirst du in keine solch unnötige Furcht vor Meiner göttlichen Majestät mehr verfallen!"
[RB.02_158,08] Spricht Helena: „O Herr, Du überguter, heiliger Vater! Das tut sich wohl in gar keinem Falle mehr! Denn beim ersten Erkennen hat Dein Göttliches noch mehr einen menschlichen Anstrich und Du bist für das Herz eines armen Sünders zu ertragen. Aber wenn einem die stets größer und wunderbarer werdenden Vorkommnisse nun zu klar den endlosen Unterschied zeigen zwischen Dir, o Herr, und einem Geschöpfe, das sich nach den Gesetzen Deiner Ordnung selbst frei auszubilden hat – dann ist's mit diesem menschlichen Anstrich aus. Wie unverhüllt steht dann Deine Gottheit in aller Heiligkeit vor unseren Augen! Daß uns da alle mehr oder weniger eine gewisse Heiligenscheu vor Deiner Gottheit anwandeln muß, ist ja doch ganz klar.
[RB.02_158,09] Ich habe schon in den zwei Sälen, die mir in diesem Hause Roberts zuerst zu Gesichte kamen, des Wunderbaren zur Übergenüge gehabt, um mich darüber eine Ewigkeit zu verwundern und Dich wegen Deiner Güte, Liebe und Weisheit zu preisen. Aber da führte uns Deine Liebe in dieses Museum, durch welches das fleischliche Wesen Roberts entsprechend bildlich dargestellt werden soll, und da hat es der Wunder kein Ende. Und besonders der erhabene Sinn jener merkwürdigen Inschriften an den Stufen der großen Pyramide, da könnte man bis auf den letzten Tropfen zerfließen vor lauter Ehrfurcht und Anbetung, von der das arme Herz für Dich, o Herr, ergriffen wird! – Daher kann von meiner ersten, gar so furchtlosen Stellung wohl keine Rede mehr sein!"
[RB.02_158,10] Rede Ich: „Deine Entschuldigungen gelten bei Mir eben nicht gar viel! Was du nun fühlst, weiß Ich wohl am allerbesten. Aber das weiß Ich auch, daß geschrieben steht: ,Seid vollkommen, wie auch euer Vater vollkommen ist im Himmel!‘ Wie möglich aber kann das ein Kind erreichen, so es vor dem Vater einen noch größeren Ehrfurchtsrespekt hat als ein Hase vor dem Gebrüll eines Löwen?"
159. Kapitel – Gleichnis vom Kunstmaler und seinen Schülern. Des Herrn liebweise Belehrung bringt Helena wieder zur himmelsbräutlichen Liebe.
[RB.02_159,01] Rede Ich weiter: „Siehe, Ich werde dir nun ein Gleichnis erzählen. Und wir werden sehen, wie sich die Sache, die Ich von dir verlange, darin ausnehmen wird:
[RB.02_159,02] Es gab einmal auf der Erde einen großen Meister der Malerei, dessen Bildern nichts abging als das Leben, damit die dargestellte Sache auch zur vollsten Wahrheit würde. Dieses Meisters Werke zogen aus allen Gegenden der Erde eine große Menge Bewunderer herbei, darunter auch so manches Talent, das sich gerne ausbilden wollte. Das freute den Meister, und er bot alles auf, um aus den jungen Talenten etwas zu machen.
[RB.02_159,03] Unter den vielen Kunstjüngern dieses Meisters waren einige mit den besten Talenten begabt. Sie hatten aber vor der unübertrefflichen Kunstgröße ihres Meisters einen so ungeheuren Respekt, daß sie es kaum wagten, einen Pinsel zur Hand zu nehmen. Denn sie glaubten, daß all ihre noch so große Mühe vergeblich sei, um auch nur ein Atom von der Größe ihres Meisters zu erreichen. – Die anderen, minder Talentierten aber dachten: ,Wohl wissen wir, daß unser Meister unerreichbar in seiner Art dasteht und wir ihm nie das Wasser reichen werden. Aber mit dem Respekt vor seiner Kunst wollen wir's doch nicht so weit treiben, daß wir uns darob nichts zu malen getrauen. Wir wollen im Gegenteil ihm sehr zugetan sein und von ihm lernen, soviel wir nur immer imstande sind. Das wird ihn gewiß mehr freuen, als so wir in seinem Kunstatelier bloß stumme Bewunderer seiner Werke blieben. Denn es muß dies ja auch ein Lob des großen Meisters sein, wenn Tausende, hingerissen von seinen großen Kunstwerken, sich nach Möglichkeit ihrer Kräfte beeifern, dem großen Meister in einem oder anderem näherzukommen. – Und siehe, Meine liebe Helena: die von zu großer Ehrfurcht Hingerissenen lernen von dem großen Meister wenig oder nichts, während sich die anderen durch ihren Fleiß und Eifer unter der Leitung des großen Meisters zu tüchtigen Künstlern heranbilden.
[RB.02_159,04] Sage Mir nun deine Meinung: welcher dieser beiden Jüngergattungen wird der Meister den Vorzug geben – den zu Ehrfurchtsvollen, oder den weniger Ehrfurchtsvollen aber desto eifrigeren Nachahmern seiner Kunst, für die ihr Herz glüht?
[RB.02_159,05] Oder wer wäre dir für dich selbst lieber – einer, der von deiner Schönheit so niedergedrückt ist, daß er sich um keinen Preis den Mut zu nehmen getraut, dir seine Liebe zu bekennen, – oder einer, den deine Schönheit zur Liebe so anfacht, daß er den Mut hat, dir zu gestehen, wie unbeschreiblich er dich liebt! Sage Mir da deine Ansicht!"
[RB.02_159,06] Spricht Helena: „O Herr, die zweiten! Ich ergebe mich schon ganz, denn ich sehe meinen Irrtum nun ein!"
[RB.02_159,07] Rede Ich: „Nun gut, was wirst du dann Mir gegenüber tun? Wirst du wohl wieder so zutraulich sein, wie ehedem nach deiner Erlösung vom Joch deines geistigen Todes?"
[RB.02_159,08] Spricht Helena etwas stotternd: „Hm, soll freilich, a-b-er hm, wenn Du nur nicht gar so heilig wärest! Wenn ich bedenke, daß Du Gott, der ewig Allmächtige, Heilige und Allweiseste bist und ich eigentlich nichts als nur ein kleinstes Gedankenfünkchen aus Dir, – da überkommt mich so eine ungeheure Ehrfurcht vor Dir und Deinen heiligsten Augen, daß ich in die tiefste Tiefe vor Dir versinken könnte!
[RB.02_159,09] Du siehst zwar wohl sanftmütig aus wie ein frömmstes Lämmchen und so herzensgut wie eine Mutter, so ihre liebsten Kinder ihr die Hände küssen. Aber Stürme, Blitz, Hagel und Donner kommen doch auch manchmal aus Deinen holdseligen Augen über die ganze Welt zum Erschrecken für alle Menschen. Da sage ich mir so ganz heimlich: Der Allmächtige sieht wohl aus wie ein Mensch, aber Er ist dennoch etwas ganz anderes. Und Spaß versteht Er schon gar keinen: Er ist wohl unendlich gut denen, die Er liebt; aber mit jenen, die sich Seine Ordnung nicht wollen gefallen lassen, diskuriert Er ganz anders!
[RB.02_159,10] Solche Gedanken drängen sich ganz ungebeten meinem Herzen auf, und ich kann dann nicht dafür, daß sich meiner stets eine größere Ehrfurcht vor Dir bemächtigt. Ja, ich möchte sogar behaupten, daß Du Selbst als Gott es nicht so recht begreifen kannst, was ein schwaches Geschöpf fühlen muß, so es sich vor Dir befindet. Dir ist es sicher ein wahrer Spaß, vor Trillionen Deiner Geschöpfe zu stehen und sie frei nach Deiner göttlichen Lust zu lieben. Aber wir Geschöpfe können das nur mit einem geheimen Ehrfurchtsschauder.
[RB.02_159,11] Wenn ich mir's getraute, wie ich's möchte, da könnte ich Dich freilich, wie man zu sagen pflegt, rein zu Tode lieben. Aber – ja, da ist ein ungeheures Aber dazwischen!"
[RB.02_159,12] Rede Ich: „Was du nun für ein grundgescheites Wesen bist! Ich werde bei dir noch Unterricht nehmen müssen. Aber schau, du furchtsames Lapperl, wenn Ich nicht fühlen könnte, was du als ein Geschöpf zu fühlen vermagst, von wem anderen könnte dir dann überhaupt ein Gefühl eingepflanzt sein? Ich habe dich ja ganz und nicht halb erschaffen! Jetzt hast du wieder einmal einige Überbleibsel aus deiner Wiener Weisheit hervorgeholt!
[RB.02_159,13] Schau, zu was wäre denn ein schwacher Herrgott gut? Der Herrgott muß allmächtig sein und über alles weise, sonst müßte Er ja am Ende samt dir zugrunde gehen! – Nun, was meinst du jetzt, bin Ich noch so fürchterlich oder vielleicht etwa doch nicht?"
[RB.02_159,14] Hier fängt die Helena wieder an zu schmunzeln und sagt nach einer Weile: „Du liebster himmlischer Vater! Du kannst einem aber schon so zureden, daß man am Ende alle übertriebene Furcht vor dir verlieren muß! Aber jetzt sollst Du von mir auch geliebt werden ohne Maß und Ziel!!"
[RB.02_159,15] Sage Ich: „So komme her an Meine Brust und mache deinem Herzen Luft!" – Die Helena besinnt sich gar nicht mehr, fällt Mir an die Brust und bedeckt diese mit einer großen Menge von Freudentränen, Liebeseufzern und Küssen.
160. Kapitel – Pater Cyprian nimmt Ärgernis an Helenas Liebessturm. Gewaltige Donnerworte gegen Priesteranmaßung.
[RB.02_160,01] Als Helena eine gute Weile an Meiner Brust in höchster Liebe schwelgt, kommt Pater Cyprian näher hinzu und sagt: „Ich glaube, die will Dich schon ganz allein besitzen! Was wird denn hernach auf uns noch kommen? Diese Robertus-Gemahlin ist in Dich, o Herr, ganz nagelfest verliebt, und das scheint mir denn doch ein bißchen zu viel zu sein! Siehe, die allerseligste Jungfrau und noch eine Menge hier anwesende andere Frauen lieben Dich sicher auch über alles, aber solche Umstände machen sie doch nicht. Du bist zwar der Herr, und ich werde Dir ewig nichts vorschreiben; aber etwas sonderbar kommt mir diese Geschichte doch vor. Denn die verbeißt sich ja förmlich in Dich! Nein, so ein verliebtes Ding habe ich aber doch in meinem ganzen Leben nicht gesehen! Sie gibt noch nicht nach!"
[RB.02_160,02] Rede Ich: „Gelt, das nimmt dich wunder! Und es wandelt dich auch zugleich ein kleiner Ärger an. Aber Ich sage dir: Es ist nicht gut dem, der an Mir Ärgernis nimmt! Wer Mich nicht liebt wie diese Helena, wahrlich, der wird an Meinem Reiche einen geringen Anteil haben!
[RB.02_160,03] Liebtest du Mich auch wie diese, so würde dich ihre Liebe nicht ärgern und dir nicht übertrieben vorkommen. Aber da du an wahrer Liebe viel ärmer bist als diese da, so ist dir ihr großer Reichtum ein Dorn in deinen Augen. Aber was Mich Selbst betrifft, sage Ich dir, daß Mich ihre große Liebe nicht im geringsten geniert. Aber deine Bemerkungen haben Mich wahrlich ein wenig zu genieren angefangen!
[RB.02_160,04] Daß da die Mutter Maria und noch eine Menge anderer Weiber ihre innere, inbrünstige Liebe zu Mir hier im Paradiese nicht auf eine so auffallende Weise äußern, hat seinen Grund darin, weil sie als schon lange rein himmlische Wesen dieselbe Liebe innerlich in sich bergen, die diese Helena nun äußerlich kundtut. Nun weißt du genug! Und trete jetzt ein wenig in den Hintergrund, da sonst diese hier ihrem Herzen nicht den Mir erwünschten freien Lauf lassen könnte!"
[RB.02_160,05] Spricht der Franziskaner noch ein wenig verweilend: „Herr, so sich aber mein Herz zu Dir in aller Liebe auch so heftig entzünden möchte, werde ich da auch noch im Hintergrunde zu verbleiben haben?"
[RB.02_160,06] Rede Ich: „Die wahre Liebe ist hier der allein gültige Maßstab, nach dem bemessen wird, wie nahe sich jemand bei Mir befinden kann! Hast du eine rechte, von allem Eigennutze freie Liebe, da bist du Mir auch am nächsten. Je mehr Fünklein Eigennutz aber aus deinem Herzen emporsprühen, desto weiter kommst du von Mir zu stehen.
[RB.02_160,07] Siehe, die römischen Bischöfe halten nun Sitzungen auf der Erde über ihre kirchlichen Dinge, als da sind Geld, Ansehen und Konzessionen über noch weitere Verfinsterung der Menschen. Dazu treibt sie der Eigennutz. Sie sind daher ungeheuer ferne von Mir, und ihre Sitzungen werden fruchtlos und ihr Rat wird unnütz bleiben. Weil sie sich ein Vorrecht bei Mir anmaßen, sage ich dir: Diese sind die allerletzten!
[RB.02_160,08] Wer da vorgibt, daß er Mich liebe, ist aber dabei um Meine Liebe andern neidig – der ist Mein Freund nicht und Meiner Liebe nimmer wert! – Und wer da sagt: ,Nur durch diese oder jene bußfertige Weise kannst du dich der Liebe Gottes und des ewigen Lebens im Himmel versichern‘ – der ist ein Lügner und gehört zu seinesgleichen in die Hölle! Denn Ich bin ein Herr und liebe, wen Ich will, und bin gnädig, wem Ich will, und mache selig, wen Ich will! Ich binde Mich nie an eine von herrsch-, ehr- und selbstsüchtigen, gemästeten Propheten erfundene und die schwache Menschheit in schwerster Knechtschaft haltende Art und Weise. Wehe allen, die sich erfrecht haben, Meine Liebe an die Menschheit zu spenden, als ob sie dazu allein das Recht hätten! Ihr Recht soll ihnen bald ganz gewaltig verkürzt werden!
[RB.02_160,09] Siehe, Mein Freund Cyprian, gleich wie die römischen Bischöfe nun auf der Erde ihre Beratungen halten, durch die sie nur ihre alte Macht- und Glanzstellung aufrechthalten wollen, während ihnen an dem wahren Heil Meiner Völker weniger gelegen ist – ebenso ist in dir auch noch etwas echt Römisch-katholisches, das dieser Meiner Tochter Meine Liebe neidet und dein Herz deshalb mit geheimem Ärger erfüllt. Darum sagte Ich zu dir, daß du darob in den Hintergrund zurücktreten sollst, weil dein Neid und dein Ärger Meine liebe Tochter in ihrer Liebe zu Mir beirrt. Aber gebieten will Ich es dir dennoch nicht, weil du vor Mir auch schon einige Proben einer etwas geläuterten Liebe abgelegt hast. Kannst du bleiben, so bleibe! Gestattet dir aber dein geheimer Neid und Ärger das Bleiben nicht, dann gehe!"
[RB.02_160,10] Der Franziskaner macht bei diesen Worten ein trübes Gesicht und sagt bei sich: „Nein, so strenge hatte ich mir Ihn nimmer vorgestellt! Mein Gott und mein Herr, was wird denn aus mir, so Er mir die Türe weiset? Ja, Er hat ewig recht, an uns Pfaffen ist kein gutes Haar vorhanden. Doch was wird aus uns, so Er uns gehen heißt? Aber ich kann ja auch bleiben, sagte Er auch! Bin ich aber auch geeignet zu bleiben, frei vom Neid und Ärger? Leider nein, aber es soll, es muß anders werden! – Ja, der Herr sagte früher einmal, daß die Menschen ihrer Seele und ihrem Leibe nach aus dem gefallenen und gerichteten Satan sind, und das entsprechend aus einem oder dem andern Teile des Fürsten der Lüge. Ich werde sicher aus dessen Hörnern sein, weil sich in meinem Herzen nichts als abstoßendes Zeug bekundet. Und noch andere Dinge werden aus Satans bösestem Herzen sein, weil sie aus nichts als Neid, Geiz, Herrschsucht, Hochmut und einer Menge dergleichen Teufeleien zu bestehen scheinen. O Herr, treibe auch bei mir den Satan aus!"
[RB.02_160,11] Sage Ich: „Nun kannst du schon wieder hier bei Ludwig und seinem Freunde verbleiben! Besprich dich aber unterdessen mit deinem Amtsgenossen Thomas und seinem Freunde Dismas, die werden dir das Teufelsrestchen schon austreiben."
[RB.02_160,12] Cyprian tut das viel heitereren Angesichtes. Ich aber berufe Robert zu Mir.
161. Kapitel – Wunderbare Verwandlung der Seelengrüfte. Robert empfängt seinen himmlischen Namen. Der Engel Sahariel als Führer.
[RB.02_161,01] Als Robert in übergroßer Liebe schnell zu Mir kommt und eine beinahe ausgelassene Freude darüber hat, daß seine Helena vor Mir so viel Gnade gefunden – da verschwinden auf einmal alle die Grabmäler, und statt ihrer steigen mächtige Lichter empor gleich aufgehenden Sonnen. Diese erheben sich, in lieblichster Ordnung aufwärts und aufwärts schwebend, bis sie wie am hohen Himmelsgewölbe als stark leuchtende Sterne erster Größe in herrlichsten Gruppen Ruhe nehmen.
[RB.02_161,02] Nach einer Weile voll Staunens aller Anwesenden kommt aus der Höhe herabschwebend ein leuchtender Geist. Er bleibt auf derselben Stelle stehen, wo ehedem die bekannte Pyramide stand, und hält ein himmelblaues, mit vielen leuchtenden Sternen besetztes Faltenkleid in seiner Rechten.
[RB.02_161,03] Alle überrascht dies so, daß sie sich vor Ehrfurcht kaum zu atmen getrauen. Selbst Robert steht betroffen vor Mir und getraut sich kaum, die Zunge zu rühren. Nur Helena, zwar auch voll Staunens, faßt den Mut und fragt Mich, was denn dies wohl zu bedeuten habe.
[RB.02_161,04] Ich sage darauf: „Siehe, Meine Tochter, dies alles kommt aus dem Fleische des Robert! Der Engel dort hat daraus ein Gewand zusammengefaßt und hat es auf Mein Geheiß nun dem Robert wie aus den Himmeln überbracht. Zur Erreichung dieses Hauptzweckes hast auch du sehr viel beigetragen. Denn die große Liebesmacht deines Herzens half sehr, das Fleisch aufzulösen und zu reinigen. – Daher gehe du zu dem Engel hin und führe ihn hierher, daß er vor Meinen Augen dem Robert das Himmelsgewand überreiche und anziehe! Denn das ist schon ein wahres Kleid zum ewigen Leben!"
[RB.02_161,05] Helena, ganz entzückt über Meinen Antrag, eilt schnell zum leuchtenden Engel hin und bittet ihn, sich zu Mir begeben zu wollen. Und der Engel zieht auch sogleich mit ihr zu Mir her. Bei Mir angelangt, macht er eine tiefe Verbeugung und überreicht das Kleid freundlichsten Angesichts dem beinahe vor Liebe und Ehrfurcht zerfließenden Robert, der sich im selben Augenblick schon angekleidet erschaut, als ihm der Engel das Kleid überreicht.
[RB.02_161,06] Als Robert nun mit dem Kleide der Unsterblichkeit angetan vor Mir steht, frage Ich ihn: „Nun, Freund und Bruder Robert-Uraniel, wie gefällt dir dieses Gewand und wie kommt dir diese Verwandlung vor?" – Spricht Robert-Uraniel: „Herr, Du alleiniger, der höchsten Liebe vollster heiliger Vater! Ich habe es dann und wann schon auf der Erde dumpf empfunden, daß es im Verlaufe des reineren Lebens manchmal Augenblicke gibt, die des Menschen Zunge verstummen machen und selbst die Gedanken stehen stille. Wollte man darüber etwas sagen, findet man keine Worte. Um wieviel mehr muß das hier im Geisterreiche der Fall sein, wo ein außerordentliches Wunder das andere verdrängt! Daher wirst du, o Herr, mir wohl vergeben, daß ich hier vor zu großer Freude und Liebe zu Dir beinahe sprachunfähig bin. Diese erhabenste Sache ist zu plötzlich gekommen, als daß ich mich darüber gleich fassen könnte. Aber so Du, heiligster Vater, mir eine kleine Weile gönnen wolltest, werde ich dann über all das ein Wörtchen zuwege bringen."
[RB.02_161,07] Rede Ich: „Nun gut, so gehe mit diesem Engel! Er wird dir nun dieses ganze Museum als wirklich wahrhaftiges Museum zeigen. Am Ende aber komme wieder hierher und sage allen, was du darin gesehen und gehört hast. Auf daß du aber eher mit der Mühe fertig wirst, sollst du an der Seite Meines Engels mit wahrhaft geistiger Bewegung wandeln. Diese Bewegung aber ist jene Schnelle, von der du auf der Welt oft gesprochen hast. Du nanntest sie den Gedankenflug." – (Mich an den Engel wendend:) „Sahariel, sieh an deinen Bruder Uraniel! Führe ihn durch diese Wunder seiner Seele und zeige ihm auch seine erste Erde, von der auch du ausgegangen bist! Es sei und es geschehe!"
[RB.02_161,08] Und Sahariel spricht zu Robert-Uraniel: „Komm, Bruder, und schaue, lerne und bewundere des Vaters endlose Weisheit!" Sogleich erheben sich beide und verschwinden vor den Augen aller, die hier in der geistigen Welt mit Robert-Uraniel angekommen waren.
162. Kapitel – Helena im Zwiegespräch mit dem Herrn. Wesen und Bewohner der Hölle.
[RB.02_162,01] Es sieht sich aber auch Helena nach Robert-Uraniel um. Da sie ihn nirgends erschaut, fragt sie Mich sanft, wohin nun Robert möge entschwunden sein samt dem Engel?
[RB.02_162,02] Ich aber frage Helena noch sanfter, ob es ihr etwa bange sei um Robert-Uraniel? Und Helena erwidert: „O Du heiligster Vater! Wie könnte mir das sein an Deiner von höchster Liebe erfüllten Brust? Wohin könnte Robert auch gelangen, daß er Deinen Augen unsichtbar würde? Wer aber im Lichte Deiner Augen wandelt, verirrt sich ewig nimmer und kommt wieder, begrüßt von seiner an Deinem Herzen ruhenden Liebe! Oh, er wird nun viele und große Wunder Deiner Allmacht, Weisheit und Güte schauen. Was wird er uns da für Herrlichkeiten zu erzählen wissen!"
[RB.02_162,03] Rede Ich: „Ja, so wird es auch sein. Aber Ich könnte dir unterdessen auch einige merkwürdige Wunderdinge erzählen, die vielleicht noch seltsamer wären als jene, die du nun von Robert-Uraniel erwartest. Was meinst du da?"
[RB.02_162,04] Spricht Helena: „O liebster Vater, das könntest Du freilich besser als alle Engel Deiner Himmel! Aber so Du mir etwas erzählen würdest aus Deiner eigenen Gottesgeschichte, so würden wohl Trillionen von Jahren erforderlich sein, bis ich ein Wort aus Deinem Munde in der Tiefe fassen könnte – obschon ich sehr neugierig wäre, von dem Schöpfer aller Dinge so manches zu vernehmen.
[RB.02_162,05] Für mein Herz von besonderem Interesse wäre es, von Dir zu erfahren, worüber Du, o Herr, mit Deinen Aposteln nach Deiner heiligsten Auferstehung magst gesprochen haben. Und worüber der Evangelist Johannes sagte: Du habest noch vieles mit ihnen geredet, was er nicht aufgezeichnet habe; denn hätte er es auch aufgeschrieben in viele Bücher, so würde sie die Welt doch nimmer fassen und begreifen! Nichts hat so sehr meine Neugierde unbefriedigt gelassen als eben diese Schlußbemerkung des Apostels Johannes. Da mußt Du ja ganz wunderbare Sachen Deinen lieben Aposteln kundgetan haben!"
[RB.02_162,06] Rede Ich: „Ja, Meine liebste Helena! Aber diese Geschichten waren so großartig und tief, daß du sie auch in der Geisterwelt unmöglich begreifen könntest. Aber es wird schon in Kürze eine Weile kommen, wo du das alles sehen und verstehen wirst, denn in Meiner großen Himmelsbibliothek sind derlei Dinge getreuest aufbewahrt. Wenn du einmal dahin gelangen wirst, da wirst du ein vollkommenstes Evangelium zu lesen bekommen! Daher verlange nun von Mir eine andere Geschichte!"
[RB.02_162,07] Spricht Helena: „O Du süßester Vater, erzähle mir etwas von dem Fall des Luzifer! Denn das ist auch so etwas, das mir auf der Welt stets dunkel geblieben ist." – Rede Ich: „Meine Allerliebste, auch das wäre noch etwas zu früh für dein Herz, denn diese Geschichte würde dich zu sehr angreifen. Darum wähle dir lieber etwas anderes!"
[RB.02_162,08] Spricht Helena: „O heiligster Vater, so sage mir denn, was hat es mit der Hölle, von der auf der Erde von den Geistlichen bei weitem mehr als von den Himmeln gepredigt wird, für eine Bewandtnis? Wer kommt eigentlich in die Hölle? Gibt es eine oder gibt es keine? Denn sieh, Du liebster Herr und Gott Jesus: Ich war auf der Welt doch gewiß schlecht genug, ein rechtes Wiener Früchtl, wie man nur eines suchen kann. Der Papst samt allen Geistlichen hätten mich ohne Gnade und Barmherzigkeit in die Hölle verdammt. Und trotz aller meiner Schlechtigkeit bin ich nun doch seligst bei Dir! Und so dürften noch so manche hier in Deiner heiligsten Gesellschaft sich des ewigen Lebens freuen, von denen auf der Erde so mancher Erzpapist sagen würde: ,Nein, diese Kerls sind sogar für die Hölle zu schlecht!‘ Und siehe, sie sind hier in Deinem Heiligtum und loben in ihrem Herzen Deine unendliche Güte, Weisheit, Macht und Stärke! Wie schlecht müssen sonach jene sein, die da in die Hölle kommen, so es überhaupt eine gibt!"
[RB.02_162,09] Rede Ich: „Meine liebste Helena, deine Frage ist nicht ohne Interesse, und die Beantwortung wird nicht ohne Nutzen sein. Aber anstatt dir darüber ein Langes und Breites zu erzählen, werde Ich dir ein höllisches Individuum vorführen lassen, das nun gerade auf dem Sprunge ist, in die Hölle zu kommen und auch sicher in die unterste, ärgste Hölle kommen wird. An diesem argen Wesen wirst du am einleuchtendsten ersehen, wer so ganz eigentlich in die Hölle kommt. Denn es gibt eine Hölle, die in drei Grade geschieden ist, der unterste ist der allerschlimmste. Und du wirst Mich dann loben, so du ersehen wirst, wer, wie und warum einer in die Hölle kommt. Fürchte dich aber nicht, der Arge wird sogleich da sein!"
163. Kapitel – Auftrag an Petrus und Paulus, den einstigen Beduinenhäuptling Cado vorzuführen. Des Petrus vergebliche Liebesmühe um Gewinnung des frechen Geistes.
[RB.02_163,01] Ich berufe darauf Petrus und Paulus zu Mir und sage: „Gehet hin und bringet Mir den Cado, der vor vierzehn Erdtagen in diese Welt kam! Es ist fürs erste sein Wunsch. Fürs zweite geschehe es, damit diesen neuen Brüdern auch der leiseste Schimmer der Meinung benommen werde, als stecke da hinter Mir trotz all Meiner Liebe etwas despotisch Tyrannisches. Also gehet hin und bringet ihn!"
[RB.02_163,02] Die beiden verschwinden plötzlich und sind im Augenblick bei dem berüchtigten Cado. Als sie sich so plötzlich bei ihm befinden, prallt er förmlich zurück und schreit: „Alle Teufel! Was sind denn das für zwei Bestien mit Menschenlarven? O du verfluchtes Bestienvolk, das wird mich noch an den Bettelstab bringen!"
[RB.02_163,03] Spricht Paulus: „Freund, wir kommen nicht, um von dir irgendein Almosen zu erbetteln. Dergleichen bedürfen wir nicht, da uns ohnehin alle Schätze der Himmel und der Erde zu Gebote stehen. Aber etwas anderes haben wir mit dir vor, was dir viel heilsamer wäre als alle Schätze der Erde. Und das besteht darin, dich, so noch möglich, vor dem ewigen Tode in der Hölle zu retten. Denn du warst auf der Erde ein vollendeter Teufel in Menschengestalt und sonach ein schon ganz höllisches Wesen. Nun stehst du in der Geisterwelt auf dem Sprung zur untersten Hölle, ja bist eigentlich deinem Inneren nach schon lange in ihr. So du es aber noch willst, haben wir die Macht, dich davor zu retten. Aber du mußt uns folgen und alles das willig tun, was wir dir anraten werden."
[RB.02_163,04] Spricht Cado: „Was!? Was faselt ihr zwei Hauptspitzbuben da! Bin ich denn je gestorben? Bin ich etwa nicht mehr auf der Erde im Besitze aller meiner Güter, meines Goldes und Silbers? O ihr Canaillen! Auf welch eine feine Art ihr mir einige Goldstücke herauslocken möchtet für einen Himmel, den es nirgends gibt, und mich erretten von einer Hölle, die nichts ist als eine Erfindung arbeitsscheuer Pfaffen! Seht, daß ihr weiterkommt, sonst rufe ich alle meine Hausteufel zusammen und lasse euch mit Hunden hinaushetzen! Da schaue man einmal solche Lumpen an! Von der Hölle retten und den Himmel verschaffen könnten sie einem ums Geld! Schaut, daß ihr weiterkommt, sonst werde ich euch sogleich Himmel und Hölle austreiben!"
[RB.02_163,05] Spricht Paulus: „Freund, solche Rede ficht uns nicht an, und wir haben auch keine Furcht vor dir. Aber das sei dir gesagt: so du uns nicht gutwillig folgst, wirst du unsere Gewalt zum Verkosten bekommen! Denn für das ist schon gesorgt, daß dir auf dein Rufen keine Teufel zu Hilfe kommen. Wir wissen übrigens sehr wohl, wie du auf der Erde zu deinem Reichtum gekommen bist. Da waren wohl eine Menge hungriger Teufel in deinen Diensten, und ein Heer großer, reißender Hunde umlagerte dein Schloß, fiel Reisende an und hielt sie fest, bis deine Hausteufel kamen und sie um ein bedeutendes Lösegeld von den Bestien befreiten. Wohl bist du öfter verklagt worden; aber die Kläger richteten nichts aus, weil die Richter in deinem Solde standen. Wir könnten dir von deinen Räubereien vieles erzählen, aber am rechten Ort wirst du deine unmenschlichsten Greueltaten alle vor dir erschauen. Und es wird sich da zeigen, ob du vor ihnen Abscheu und eine wahre Reue bekommen wirst. Wirst du das, so bist du noch zu retten, wenn aber nicht, ist die unterste Hölle dein Anteil! Und nun komme mit uns gutwillig, sonst werden wir Gewalt brauchen!"
[RB.02_163,06] Schreit Cado: „Ihr Hunde wollt mir Gewalt antun? Alle Teufel herbei!! Wir wollen sehen, wie weit ihr mit eurer Gewalt ausreichen werdet!" Er harrt eine Weile unter gräßlichem Zähneknirschen auf seine Hausteufel, aber es kommt niemand und kein Gebell irgendeines Hundes läßt sich vernehmen. Auch sein Schloß, das er bisher noch immer wie auf der Welt als sein vermeintliches Eigentum vor sich sah, fängt an ganz nebelig zu verrinnen gleich einer Eisblume auf einer Glasscheibe, die von erwärmter Luft bestrichen wird.
[RB.02_163,07] Als Cado solches nun zu merken beginnt, schreit er auf: „Verrat, Verrat! Ihr elenden Hunde, ihr habt mir etwas angetan! Weichet von mir, ihr Hunde!! Bei allen Teufeln, ich will euch nicht folgen! Ihr seid ein paar Zauberer, ihr habt meine Sinne verhext! Hinweg von mir, ihr Höllenhunde!!"
[RB.02_163,08] Bei diesen letzten Ausrufen aber befindet sich Cado schon vor Mir und der Helena wie auch vor all den anderen Gästen, ohne aber außer Petrus und Paulus irgendwen von uns zu sehen. Helena erschrickt vor ihm, da er vor Zorn förmlich glüht und dampft, aber Ich stärke sie, daß sie ihn ruhiger betrachten kann. – Ich gebe nun Petrus einen Wink, mit Cado einen Bekehrungsversuch zu machen und ihn auf Augenblicke paradiesische Gegenden schauen zu lassen.
[RB.02_163,09] Petrus beginnt sogleich äußerst weise und sanfte Worte an Cado zu richten und sagt: „Freund Cado, sei vernünftig! Sieh, die Erfahrung muß dich ja belehrt haben, daß auf der Erde alle Güter eitel und bald vergänglich sind, und daß am Ende der Reichste wie der Ärmste das gleiche Los des Sterbens miteinander teilen. Alles Fleisch muß sterben, alle Materie vergehen, nur der inwendige Geist bleibt unverwüstbar! Sieh, du bist dem Leibe nach gestorben und lebst jetzt nur in deiner mit Geist erfüllten Seele unverwüstbar fort. Hänge daher nicht mehr an dem, was für ewig vergangen ist. Bekenne aber deine großen Weltschulden, und wir wollen für dich Zahler sein und dich dann aufnehmen in unsere wahre und für ewig beständige Welt, in der es dir nimmer an irgend etwas gebrechen soll. Da siehe hin gen Morgen! Jene herrlichen Ländereien und Paläste sind unser, und du sollst sie haben! Aber deine Schulden mußt du uns bekennen, auf daß wir sie auf uns nehmen können!"
[RB.02_163,10] Cado sieht flüchtig hin und beschaut die herrlichen Ländereien: Nach einer Weile sagt er höhnisch: „Wisset, Mäuse und Ratten fängt man am leichtesten mit einem Köder. Manche Narren zahlen doppeltes Eintrittsgeld ins Theater, so ihnen ein Zauberkünstler Nebelbilder zeigt. Aber so ein dummer Hecht bin ich nicht, daß ich sogleich in die Angel bisse! Glaubst du, dummer Tagdieb, ich werde deinem Blendwerk Beifall zollen? Ich weiß es, was und wer du bist, und kenne auch mich sehr genau. Außer dem Leibe bin ich um so freier und werde tun, was mich freut. Aber ein dummer Jude wird mir nie ein Wegweiser sein! Verstehst du dieses, dümmster Esel? Was fragst du denn nach meinen Schulden auf der Erde? Bist du so mächtig und allweise, wirst du ja doch schon lange erfahren haben, worin sie bestehen! Berichtige sie dann auch, wenn du schon so eine Lust zum Schuldenzahlen für andere hast! – Was gehen dich überhaupt meine Verbrechen an? Habe ich dich denn um deine je gefragt? Schaut, daß ihr bald weiterkommet, sonst werdet ihr an mir den rechten Teufel finden! Habe ich euch etwa angerufen gleich einer alten Betfrau? Nein, das tut ein Cado, der Schrecken der Wüste Armeniens, nimmer! Cado ist ein Herr, und die Erde bebt vor seinem Namen! Aber euer Jehova ist ein Bettler und ein Hauptpfuscher in allen Dingen! Glaubst du, ein Cado kennt etwa den Jehova nicht und seine ans Kreuz gehängte Jesus-Pfuscherei? Oh, ein Cado kennt alles, sogar seine ganze Lehre kennt er besser als du, der du sein Fels hättest sein sollen für alle Zeiten. Aber der Fels ist anstatt aus fester Steinmasse aus Schafbutter angefertigt worden und daher auch zerronnen. Und so ist von diesem Felsen auch nichts anderes übriggeblieben als dessen nichtssagender Name und eine Menge hölzerner Statuen, Bilder und falscher Reliquien! Du bist der Peter und dein Begleiter ist der etwas gescheitere Paul oder Saul (der letzte Name dürfte der richtige sein!). Sagt mir lieber, was es denn mit euerem Meister in dieser Geisterwelt für eine Bewandtnis hat! Richtet er noch fleißig die Toten und die Lebendigen? Ist er auch so dumm wie ihr beide?"
[RB.02_163,11] Spricht Petrus: „Der hat uns eben an dich abgesandt, daß wir dich vor dem ewigen Untergang erretten sollen!" – Spricht Cado: „Warum ist er nicht lieber selbst gekommen? Er hat sich vielleicht bei den Gerichten verkühlt und hat darauf einen Schnupfen bekommen und wird jetzt nicht ausgehen können? Daher hat er euch wahrscheinlich an mich abgesandt, auf daß ihr mich erwärmen sollt durch euren starken Atem! Aber Cado ist kein Schaf, wie es der zu Bethlehem geborene Messias der Juden war, darum ihm denn auch seine Landsleute am Kreuze ihre Ehre bezeugt haben. O ihr dummen Schöpse! Meint ihr denn, daß ein Cado sich auch bei der Nase herumziehen läßt wie irgendein hungriger Jude? O weit geirrt, meine lieben Schafe Gottes! Cado ist ein Löwe und nimmer ein Gottesschaft! Versteht ihr das? – So ihr zu euerm Meister kommt, richtet ihm einen schönen Gruß aus von mir und saget ihm, daß es mir sehr leid tut, daß er auf der Erde kein Cado, sondern ein ganz gewöhnliches Schaf war!"
[RB.02_163,12] Spricht Petrus: „Freund, auf diesem Wege wirst du nicht weiter kommen. Dein Weg führt zur Hölle und zur ewigen Qual aus dir selbst, denn du bist verdorben bis in die innerste Faser deines Lebens! Damit du aber weißt, wer nun Jesus der Gekreuzigte ist, war und ewig sein wird, so sage ich dir als einer Seiner getreuesten Zeugen: Er ist Gott, der Einige und Alleinige, der Ewige, ein Herr und Meister, heilig in der ewigen Unendlichkeit! Er allein kann dich erhalten, aber auch fallen lassen für ewig. – Sieh noch einmal gen Morgen hin den Himmel offen, aber siehe auch gen Mitternacht der Hölle Rachen weit aufgetan: Wohin willst du ziehen? Kein Gott wird dich richten und kein Engel und wir beide auch nicht. Aber dein Wille sei dein Richter!"
[RB.02_163,13] Spricht Cado: „Also dort der sogenannte Himmel und da gegen Mitternacht die romantische Hölle! So, so, das ist sehr schön. Was kostet denn dieses von euch hergezauberte Spektakel? Ihr seid ja ein paar Magier höchster Art! Sagt mir, ist die Hölle nach altjüdischer Art oder römisch-katholisch, griechisch, türkisch oder indisch? Der Himmel ist wohl persisch?"
[RB.02_163,14] Spricht Petrus: „Cado, Cado! Du bist ein frecher Geist und treibst schnöden Unfug mit der unendlichen Güte und Erbarmung Gottes! Sieh, wir sind dir wohlwollend gut und bereit, dir jeden nach der Ordnung Gottes ersprießlichen Dienst zu leisten. Wir haben dich noch mit keinem harten Wort beleidigt, außer daß wir dir zeigten, wie es der Urgerechtigkeit Gottes gegenüber mit dir steht. Und du bist wie ein wütender Tiger gegen uns entbrannt! Warum denn das, Freund? Sei doch gegen uns in deiner Ohnmacht so, wie wir im Besitze aller Macht aus Gott gegen dich sind. Wir werden uns dann leichter verständigen als bisher. Glaube mir, der ich dich durch und durch kenne, daß es mit dir wahrlich äußerst schlecht steht aus der bösesten Liebe deines Herzens! Du kannst dir ewig nimmer helfen. Aber so du vor uns deine Missetaten bekennst und dein Herz vor uns auftust, setzt du uns dadurch instand, daß wir dein Herz ausfegen können. Verschließt du es aber stets mehr vor uns, so wird dein arger Unflat im Herzen erstarren und es wird nimmer möglich sein, dich zu erretten vor dem ewigen Tode! Cado, bedenke doch diese heilsamsten und freundlichsten Worte!"
[RB.02_163,15] Spricht Cado: „Ich bitte euch, ersparet euch jede Mühe und ärgert mich nicht vergeblich! Habt ihr denn nie gehört, daß jene, die schon von Kindheit an gewohnt sind zu herrschen, nimmer gehorchen können und wollen? Ihr könnet von mir nur im Wege meiner Gnade und Großmut etwas erreichen, aber auf dem Wege eures Rates ewig nichts! Ein rechter König darf sich niemals raten lassen, so er sein gebieterisches Ansehen behaupten will. Er muß allezeit herrschen!"
164. Kapitel – Grundböses Wesen des Cado. Der Herr über göttliche Züchtigung.
[RB.02_164,01] Spricht darauf abermals Petrus: „Aber du warst doch dein ganzes irdisches Leben hindurch kein König! Wie kannst du da sagen, daß du schon von der Wiege an zum Herrschen geboren gewesen wärest? Du warst nichts als ein Beduinenhäuptling, und das nur in den letzten Jahren deines Lebens. Früher warst du ein Schafhirte und daneben ein Helfershelfer deiner löblichen Vorgänger. Erst durch die schmähliche Heirat mit der ältesten Beduinenhäuptlingstochter bist du zum Häuptling erhoben worden. Du hast somit auf der Erde lange blindlings gehorchen müssen und hast erst in den letzten Jahren eine schnöde Herrschaft über dein lumpigstes Räubergesindel und deine Bluthunde ausgeübt. Und so meine ich, daß dir das Herrschen eben nicht in dem Grade angeboren sein möchte, wie du es uns gesagt hast!"
[RB.02_164,02] Spricht Cado: „Das ist gleich! Was ich nicht will, das will ich durchaus nicht! Ihr möget selbst Götter sein, so werdet ihr mich doch so lange nicht auf eine andere Idee bringen, bis ihr mir ein anderes Herz und einen andern Willen einhauchen werdet. Glaubt ihr denn, daß ich die Hölle fürchte? Oh, da irret ihr euch sehr! Einem allmächtigen Gott gehorchen kann jeder feige Esel; aber Gott den hartnäckigsten Trotz bieten und alle seine Weisheit zuschanden machen, das kann nur ein starker Geist, der auch vor der ärgsten Hölle keine Furcht kennt. Werft mich in kochendes Erz, und ich werde euch im höchsten Brandschmerze dieselbe Antwort erteilen. Denn groß ist der Geist, der seinen Schöpfer auch unter den größten Schmerzen verachten kann! – Welchen Dank soll ich dem Schöpfer auch schuldig sein? Ich bin nur dann gegen jemanden zu Dank verpflichtet, so er mir das tat, um was ich ihn ersucht habe. Den Schöpfer aber habe ich sicher nie ersucht, daß er mich hätte erschaffen sollen. Er hat es eigenmächtig getan! Es ist dann Schande genug für seine angepriesene höchste Weisheit und Macht, daß er an mir eine barste Pfuscherei von einer Schöpfung zuwege gebracht hat. Oder vielleicht muß ich wegen der Erhaltung des Ganzen gerade so sein, wie ich bin? Ihr werdet daher weder auf die eine noch auf eine andere Art mit mir etwas ausrichten. Seht daher, daß ihr weiterkommt!"
[RB.02_164,03] Hier wird Cado ganz schwarz und seine Gestalt entsetzlich häßlich, so daß Helena sich sehr zu fürchten anfängt. Seine Augen werden glühend wie die eines wütenden Hundes und er macht Miene, die beiden Apostel anzufallen. Aber Petrus sagt zu ihm: „Im Namen Jesu gebiete ich dir, daß du dich vor uns ruhig verhältst, sonst sollst du die Schärfe des Gotteszornes zum Verkosten bekommen, sobald du wagst, nur einen Finger gegen uns zu heben!"
[RB.02_164,04] Cado bebt nun vor Wut und wird in seinem Innersten ganz glühend, äußerlich aber aller Kleidung bar. So steht er häßlichsten Anblickes vor uns, ohne jedoch unser ansichtig werden zu können.
[RB.02_164,05] Ich frage nun Helena: „Nun, geliebte Tochter, was sagst du zu dieser Seele? Findest du, daß von Meiner Seite auch nur im geringsten etwas unterlassen worden sei, das für ihre Rettung zu tun wäre? Du sagst in deinem edlen Herzen ein Nein! Und so ist es auch. Es ist bei diesem Geiste alles aufgeboten worden, was nur immer als ein Meiner Liebe entsprechendes sanftes Mittel gedacht werden kann, aber ohne den geringsten Erfolg. Dieser Geist wurde sozusagen auf den Händen getragen. Starke Engel wurden zu seiner Bewahrung beordert. Aber sein Wille, der frei bleiben muß, war stets mächtiger als Meine Liebefesseln. Er zerriß sie alle und spottete ihrer allzeit gräßlich. Es fehlte ihm nicht an der Erkenntnis: er kennt jeden Buchstaben der Schrift und hatte sogar das Vermögen, mit der gesamten Geisterwelt zu verkehren. Er kennt Mich und Meine Göttlichkeit und kann doch Meiner spotten. Für ihn ist jeder Herrscherstuhl ein Fluch, so er ihn nicht sein eigen nennen kann. Ein Greuel ist für ihn jedes Gesetz, das nicht er gegeben. Er kennt nur seinen Willen, und der Wille eines andern ist für ihn ein Verbrechen. Sage Mir, was kann da Meine Liebe noch ausrichten bei solch einem Wesen?"
[RB.02_164,06] Spricht Helena: „Ach du großer, lieber, heiliger Vater! Solch ein Wesen verdient eine fernere Gnade nimmer von Dir; wohl aber so lange eine gerechte Züchtigung, bis es in aller Demut zu Kreuze kriechen wird."
[RB.02_164,07] Rede Ich: „Wäre alles recht, so die Züchtigung von Mir ausgehend nicht auch schon ein Gericht wäre! So Ich die Menschen ihrer großen Bosheit wegen züchtige, muß die Züchtigung ja so gestellt sein, daß sie als eine natürliche Folge der Böswilligkeit erscheint. Gleichwie sich jemand selbst einen Schlag versetzt und der darauf folgende Schmerz als eine notwendige und ganz natürliche Folge seines Tuns sich darstellen muß. Und so muß jede von Mir ausgehende Züchtigung beschaffen sein, wenn durch sie die Freiheit des Geistes und der Seele nicht untergraben werden soll.
[RB.02_164,08] So darf auch bei diesem argbösen Geiste keine andere Züchtigung angewendet werden, als die er sich selbst aus seinem höchsteigenen bösen Willen, der Ausgeburt seiner Liebe, geben wird. Wenn er dann aus solch eigener Schöpfung den Schmerz satt bekommen und sich gewisserart selbst ersticken wird in seiner Wut, dann erst wird es wieder möglich sein, sich ihm auf einem gelinderen Wege zu nahen. Er kommt somit nach und nach in die unterste und allerärgste Hölle – aber nicht etwa von Mir dahin verdammt, sondern durch sein eigenes Wollen. Denn er schafft sich diese Hölle selbst aus seiner Liebe! Was aber jemandes Liebe ist, das ist auch sein Leben, und dieses darf ihm nimmer genommen werden!"
[RB.02_164,09] Spricht Helena: „Aber Herr, Du allein wahrste und vollkommenste Liebe und Erbarmung! So er dann in solcher bösesten Liebe verharrt und Dir zum Trotze lieber ewig das Ärgste erleidet, als seinen starren Willen zu beugen unter Deinen sanftesten – was dann mit solch einem Geiste? Wäre denn bei solch ganz argen Geistern nicht ein glimpfliches Gericht in nützliche Anwendung zu bringen? Der Geist würde sich mit der Zeit vielleicht daran gewöhnen und am Ende daraus eine Tugend machen, wie es zu Zeiten auch auf der Welt der Fall war.
[RB.02_164,10] Zum Beispiel: eine Dirne findet Versorgung in einem eingezogenen Hause mit der Weisung, sich von nun an so zu betragen, als wäre sie in einem strengen Kloster. Das ist für eine rechte Nachtwandlerin sicher ein kleines Gericht. Sie überlegt sich die Sache wohl eine Weile. Aber da der Vorteil eines guten, geregelten Lebens doch sehr anspricht, läßt sie sich gerne das Gericht gefallen, gewöhnt sich endlich an die Ordnung, wird darauf eine ganz züchtige Person und bleibt und stirbt dann auch als solche! Und so meine ich denn, daß so etwas vielleicht bei Cado auch der Fall sein könnte."
[RB.02_164,11] Rede Ich: „Ja, Meine geliebte Helena, das ist bei diesem Geiste schon auf allerlei Art und Weise angewendet worden, leider aber allzeit ohne den geringsten Erfolg. So bleibt uns nun nichts mehr übrig, als ihn sich selbst zu überlassen. Will er durchaus die Hölle, so genieße er sie denn in aller Fülle. Dem, der etwas Böses selbst will, geschieht auch für ewig kein Unrecht. Wer in der Hölle verharren will, der verharre! Ich werde keinen bei den Haaren herausziehen wider seinen Willen. So ihm die Geschichte dann doch einmal zu derb wird, wird er sich schon von selbst einen Weg daraus bahnen. Macht ihm aber die Hölle Freude und ist ihm die ewige Nacht lieber als das alles beseligende Licht, so wähle er das, was ihm Freude macht! Bist du damit einverstanden?"
[RB.02_164,12] Spricht Helena: „Herr, du bester Vater! Jetzt vollkommen! Habe auch gar kein Mitleid mehr mit solch einem dümmsten Esel. Aber was wird mit diesem Teufel jetzt geschehen?" – Rede Ich: „Das wirst du gleich sehen. Ich werde nun den beiden Aposteln einen Wink geben, ihn völlig freizulassen und ihn – aber nur in seiner Sphäre – tun zu lassen, was er will. Du wirst dann schon sehen, was es da mit diesem Geiste für einen weiteren Fortgang nehmen wird."
[RB.02_164,13] Ich gebe nun den beiden den vorbezeichneten Wink. Und Petrus sagt zu Cado: „Da wir beide uns zur Genüge überzeugt haben, daß du dich durch uns nicht für die Himmel Gottes vorbereiten lassen willst, so gehe von hinnen und tue, was dir Freude macht! Denn das will auch dein Gott und unser Gott Jesus Jehova Zebaoth! Von nun an wird Gott keine Boten mehr an dich absenden. Wir beide waren die letzten!" – Nach diesen Worten werden die beiden für ihn unsichtbar, während er selbst allen Anwesenden wohl sichtbar wie auch mit jeglichem Gedanken und Worte vernehmbar bleibt.
165. Kapitel – Cado im Höllenschwitzbad. Des Herrn unverbrüchliche Willensfolgenordnung.
[RB.02_165,01] Als Cado sich nun allein befindet, sagt er bei sich: „Dank der Hölle, daß ich diese beiden Luder endlich losgeworden bin! Ha, da seh ich ja Bekannte, mehrere meiner Gesellen, ja sogar meinen einstigen Häuptling! Das wird ein Jubel sein, so wir zusammenkommen und uns leicht wiedererkennen! Sehen doch noch alle wie auf der dummen Welt aus!"
[RB.02_165,02] Die Schar nähert sich ihm stets mehr und mehr, und sein vormaliger Häuptling stürzt mit großer Hast auf ihn los, packt ihn an der Kehle und schreit fürchterlich: „Ha! Schurke! Elender Hund! Bist du endlich hier, damit ich dir's zahle, daß du dir durch ein schändliches Mittel meine Königstochter zum Weib verschafft hast! Warte, du elender Schurke, diese Schmach sollst du mir nun in einem Schwitzbade büßen, daß dir darob Hören und Sehen vergehen wird! Unbeschreibliche Schmerzen sind mir hier zugefügt worden durch Flammen und Glut. Aber keiner ärger als der, daß ich hier am Orte der Qualen und Schrecken erfahren mußte, daß ein gemeinster Hund meine erhabene Königstochter sich zum Weibe gemacht hat. Aber dafür sollst du Hund auf eine Art gezüchtigt werden, wovon der ganzen Hölle noch nie etwas geträumt hat!"
[RB.02_165,03] Auf diese Worte macht Ludwig Bathianyi folgende Bemerkung zu Dismas, Pater Thomas und dem General: „Nun, das ist ein löblicher Empfang! Der König-Häuptling scheint auch ein ganz starker Kerl zu sein, denn Cado kann sich trotz all seines Ringens aus den Krallen seines Häuptlings nimmer loswinden. Nun kommen auch dessen Helfershelfer herbei, und – o verflucht! – nein, da vergeht wahrhaft dem beherztesten Geiste Hören und Sehen! Mit glühenden Stricken umwickeln sie ihn nun wie die Spinne mit ihrem Fadenschleim eine Fliege. Cado raucht nun von allen Seiten und schreit erbärmlich um Hilfe. O Herr, das ist gräßlich! Da, sehet hin, wie sie ihn vor sich stoßen und hinwälzen! Und dort im finstersten Hintergrund sehe ich einen Thron wie von weißglühendem Metall. Gegen diesen Thron wälzen sie stets heftiger den sehr zu bedauernden Cado. Was wird denn da geschehen? Sollte etwa da das verheißene Schwitzbad sein? O Herr, gar sehr bitte ich dich, vergib mir meine Sünden! Aber das ist zu arg! Sie stellen ihn richtig auf den Thron hinauf, von dem nun auf allen Seiten lichterlohe Flammen schlagen. Und er wird extra noch mit glühenden Ketten gefesselt. – Oh, dies schaudererregendste Schmerzgeheul des geknebelten Cado! Herr, willst Du mir so viel Macht einräumen, daß ich hingehe und den Cado frei mache? – Und da kommen andere mit glühenden Spießen und fangen an, von allen Seiten ihn zu durchstoßen! Von jeder Wunde fließt eine gräßlich dampfende Glühmasse! Herr, ich bitte Dich, gib mir Macht und laß mich hineilen, diesen wahrhaftig ärmsten Teufel zu befreien!"
[RB.02_165,04] Rede Ich: „Lasse das gut sein und sei froh, daß zwischen uns und ihnen eine unübersteigliche Kluft gestellt ist – sonst würden auch die Auserwählten zur Qual kommen. Warte aber nur ein wenig ab! Bald wird diese Sache ein anderes Gesicht bekommen. Denn der zu große, unausstehliche Schmerz wird Cado bald zum Meister seiner Fesseln machen. Dann wirst du den zweiten Akt eines höllischen Dramas zu Gesicht bekommen."
[RB.02_165,05] Spricht Bathianyi: „Herr, ich bin schon mit diesem über alle Maßen zufrieden und auch alle anderen hier. Auch die liebste Helena scheint mehr als genug zu haben!" – Spricht Helena ganz erschüttert: „Übergenug! Denn das ist gräßlich, übergräßlich!"
[RB.02_165,06] Rede Ich: „Meine lieben Kindlein, ihr müßt das sehen, damit ihr vollkommen rein werdet. Denn ein jeder Engel muß auch die Hölle kennen, wie sie beschaffen ist und was da für Früchte aus ihrer bösen Liebe erwachsen. Denket nicht, Ich ließe so etwas aus einer Art Zorn und Rache geschehen. O das ist ferne Meinem Vaterherzen! Aber ihr wisset, daß ein jeglicher Same seine bestimmten Früchte trägt und jede Tat auch eine bestimmte Folge haben muß, wie jedwede Ursache ihre bestimmte Wirkung. Und das alles wegen der ewigen Ordnung aus Mir Selbst, ohne die nie auch ein Atom hätte erschaffen werden können und ohne die noch weniger an eine Erhaltung des Geschaffenen zu denken wäre. Nun aber hat dieser Geist so sehr wider die für ihn frei gestellte Ordnung gehandelt, daß er durch solches Handeln sich selbst die notwendigen Folgen hat bereiten müssen. Sie dürfen wir wegen der Erhaltung der ewigen Ordnung nicht früher abändern, als bis dieses nun höchst unglückliche Wesen durch die schmerzhaften Folgen seiner früheren Handlungen aus sich selbst zu anderen Handlungen getrieben wird, die dann auch andere, bessere oder aber auch noch schlimmere Folgen nach sich ziehen werden!
[RB.02_165,07] So jemand einen guten Samen in die Erde legt, wird daraus auch eine gute Frucht erwachsen. Legt aber jemand statt des Weizenkornes den Samen einer Tollkirsche ins Erdreich, so wird er nur wieder eine Tollkirsche und keinen Weizen ernten.
[RB.02_165,08] Es dürfte Mir aber leicht jemand einwenden: ,Wäre alles recht, o Herr; aber Du hättest Deine Ordnung nicht in so ungeheuer grelle Extreme treiben sollen!‘ – Gut, sage Ich und füge aber die Frage hinzu: Ist das Lichtextrem einer Sonne darum als ein Fehler Meiner Ordnung zu beklagen, weil wegen seiner außerordentlichen Stärke jedes Auge erblindet, das da so toll wäre, stundenlang unverwandt in die Sonne zu schauen? Oder ist das alles verzehrende Feuer etwa mit einem zu heftigen Hitzegrad begabt? Ist nicht die Last eines Berges zu gewaltig, die Schnelligkeit des Blitzes zu groß, die Kälte des Eises zu scharf und die Masse des Meerwassers zu ungeheuer? – Wie sähe es aber mit einer Welt aus, auf der die Ordnung in den Elementen nicht so bestellt wäre? Wenn des Feuers Hitzegrad nur lau wäre, könnte es wohl die harten Metalle schmelzen? Wären aber die Metalle weich, wozu könnten sie dann nütze sein? Wäre die ganze Erde etwa so weich wie Butter, welches Geschöpf von nur einigem Gewicht würde auf so einer Welt bestehen können? Und so die Sonne nicht ein so intensivstes Licht besäße, würde sie dann wohl auch imstande sein, auf Entfernungen von sehr vielen Millionen Meilen die für die Planeten erforderliche Wärme und das über alle Maßen nötige Licht zu bieten?
[RB.02_165,09] Es möchte vielleicht jemand sagen: ,Es sollen ja alle Extreme sein und bestehen, aber wozu ist denn beim Menschen die außerordentlich große Schmerzfähigkeit gut?‘ Die Antwort auf diese Frage ist leicht: Stellt euch die Menschheit als schmerzunfähig vor; gebet ihr dann ein freies Erkenntnisvermögen und einen völlig freien Willen. Sanktioniert dann die Gesetze wie ihr wollt, und es wird niemand ein Gesetz beachten! Denn wer keine Empfänglichkeit für Schmerzen hat, der hat auch keinerlei Lust. Und würden wollüstige Menschen, so sie nur mit purer Lustempfindlichkeit begabt wären, sich nicht in aller Kürze gänzlich verstümmeln, so sie bei einem allfälligen Abtrennen eines Gliedes statt des schützenden Schmerzes nur Lust und Wohltun empfänden?
[RB.02_165,10] Dieser aus übergroßem Schmerze heulende Cado wäre sicher für ewig verloren, wäre er schmerzunfähig. So aber wird er in seinem Hochmut vielleicht noch geraume Zeit Trotz bieten. Wenn ihn aber der Schmerz zu gewaltig erfaßt, so wird er am Ende mit sich sehr handeln lassen und wird sich auf bessere Wege begeben.
[RB.02_165,11] Ihr seht nun aus Meinen Worten, daß da jede Fähigkeit und Beschaffenheit eines Menschen wie auch jedes andern Wesens aus Meiner ewigen Ordnung bestens berechnet ist. Es darf an ihr kein Häkchen fehlen, so der Mensch vollkommen werden soll, was er werden kann. Wenn aber alles so sein muß, dann müsset ihr hier neben Mir stets denken: ,Was jemand selbst will, trotz der großen damit verbundenen und ihm wohlbekannten Nachteile, dem geschieht auch ewig kein Unrecht, und ginge es ihm noch tausendmal schlechter!‘ – Nun aber gebt weiter acht auf die vor sich gehende Handlung! Und du, Meine liebste Helena, erzähle uns, was du siehst!"
[RB.02_165,12] Spricht Helena: „O Herr, das ist zu ungeheuer gräßlich! O wohl dir, Robert-Uraniel, daß du das nicht mit uns schauest, du würdest erstarren vor Grauen!" – Rede Ich: „Sorge dich nicht um Robert! Er sieht diese Szene ebensogut, wo nicht noch besser als du! Denn im Geisterreiche gibt es keine Ferne, von der aus man irgendein Geschehnis weniger klar sehen würde. In dieser Welt gibt es ganz andere Nähen und Fernen, und diese befinden sich lediglich im Herzen eines jeden Geistes. Je inniger sich Geister lieben, desto näher sind sie sich. Je schwächer aber die gegenseitige Liebe ist, desto ferner sind sie sich auch. – Verstehst du das? Sieh jetzt nur mutig die Szene an!"
[RB.02_165,13] Helena schaut nun mit mehr Mut und Ergebung nach der Szene hin, da sie einsieht, daß die Sache unmöglich anders sein kann, als wie sie wegen des Gesamtbestandes der ewigen Ordnung sein muß.
166. Kapitel – Cado wird frei und nimmt Rache. Der Häuptling lenkt ein. Satanischer Höllenplan.
[RB.02_166,01] Es macht aber auch der Franziskaner Cyprian mit dem Grafen Bathianyi und dessen Freund Miklosch eine etwas größere Annäherung zu Mir und richtet seine Augen scharf auf den Schreckensort. Nach einer Weile fängt er unaufgefordert an zu reden: „O du entsetzliche Schwerenot! Cado, von namenlosem Schmerz gedrungen, zerreißt nun alle Fesseln, als wären sie ein lockeres Spinngewebe. Er fällt über seine Peiniger her wie ein wütender Tiger und wen er ergreift, den zerreißt er in kleine Stücke! Die Stücke krümmen sich und hüpfen am glühend aussehenden Boden umher wie abgehauene Stücke einer Schlange! Den glühenden Thron zermalmt er zu Staub! Die Spieße werden vernichtet, und nun stürzt er sich auf seinen irdischen Häuptling, der sich zur Wehr stellt und dem wütenden Cado mit gräßlicher Stimme entgegenruft:
[RB.02_166,02] ,Rühr mich nicht an, Hund, sonst sollst du meine Rache in namenloser Schärfe kennenlernen! Glaube nicht, daß ich hier verlassen und ohnmächtig vor dir stehe. Sowie du mich nur mit einem Finger anrührst, wirst du von Millionen mächtigster Geister umringt und in eine Qual geworfen werden, gegen die alles, was du bis jetzt verkostet hast, ein kühlender Balsam war! Willst du aber, da ich in dir nun einige Kraft entdeckt habe, mit mir gegen einen anderen Fürsten einen Bund machen, so soll dir der auf Erden an mir begangene Frevel völlig nachgelassen werden. Du sollst mein intimer Freund sein und mein königliches Ansehen als mein Schwiegersohn im Vollmaß teilen!‘
[RB.02_166,03] Cado wird nun etwas stutzig und schreit nach einer Pause noch immer grimmig: ,Elendster Teufel! So du mir nun – da du ein kleines Pröbchen meiner unbesiegbaren Macht und Kraft gesehen hast – solch friedliche Anträge machst, warum hast du das nicht eher getan, als ich dir doch so harmlos freundlich entgegenkam? Wahrlich, du hättest an mir einen Freund gefunden, mit dessen Hilfe du die ganze Schöpfung aus den Angeln hättest heben können. So aber hast du dir an mir einen Feind gezogen, wie die ganze Hölle keinen zweiten soll aufzuweisen haben. Du glaubtest, mich vernichten zu können, bist aber gräßlich enttäuscht worden und machst als Besiegter mir nun friedlich schimmernde Anträge. Aber Cado wird deinen Worten ein verdammt kleines Gehör schenken und dir tausendfach vergelten, was du ihm geliehen hast!‘
[RB.02_166,04] Hier streckt Cado seine Hände nach dem Häuptling aus. Aber der Häuptling macht einen Sprung zurück und schreit: ,Blinder Esel! Mußte ich dir das nicht antun, da du sonst nimmer zu dieser Kraft gekommen wärest! Denn hier werden Geister nur durch große Leiden geläutert und zu mächtigen Helden umgestaltet. Und so habe ich dir durch meine grausam scheinende Behandlung ja nur einen größten Freundschaftsdienst geleistet und nicht meinen vorgeschützten Rachedurst gekühlt. Das tat ich dir aber nur wegen der nahen Verwandtschaft, damit du schnell zu jener Kraft gelangest, ohne die sich in diesem Reiche kein Wesen behaupten kann. So du aber das nicht anerkennen willst, versuche immerhin dein loses Vorhaben an mir zu vollziehen, und du wirst dich überzeugen, daß du noch lange nicht der Mächtigste in dieser Welt bist!‘
[RB.02_166,05] Hier stutzt Cado noch mehr und sagt nach einigem Umherschauen: ,Dummes Luder von einem Beduinenhäuptling, wenn sich die Sache so verhält, warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Ich will dir's aber als meinem Schwiegervater in allen Teufelsnamen gelten lassen und annehmen, daß es also ist. Aber wehe dir, so ich dahinterkomme, daß du mich nur so beredet hast! Dann sollst du mir's millionenfach büßen! – Aber nun sage mir, wie der Ort heißt, wo wir uns befinden, und ob es hier keine Burgen und reichbeladene Karawanen gibt, die man etwas leichter machen könnte? Denn unser irdisches Handwerk werden wir hier doch nicht etwa aufgeben müssen?‘"
[RB.02_166,06] Cyprian fortfahrend: „Schönes Vorhaben! Zwei Kerls, wie sie nur in der untersten Hölle ausgeheckt werden können! – Der Häuptling bedenkt sich ein wenig und sagt dann mit geheimnisvoller Würde: ,Freund, auf der Erde waren wir pure Mückenfänger, hier aber sind wir zu mächtigen Löwen herangereift, denen ganz andere Pläne durchzuführen vorgesteckt sind. Du weißt, daß bis jetzt noch immer die alte Gottheit die drückend tyrannischste Obergewalt ausgeübt hat, und sie hat diese durch ihre Menschwerdung noch mehr befestigt. Wir ersten Geister dieses Reiches unbegrenztester Freiheit aber haben mit unserem Scharfsinn die verborgenen Schwächen der alten Gottheit aufgefunden. Wir werden sie nun in aller Kürze von ihrem alten Thron stürzen und mit ihr machen, wie du ehedem mit deinen Peinigern getan hast. Dann werden wir die ganze alte Schöpfung zerstören und an ihre Stelle eine neue und allerfreieste setzen! Wie gefällt dir dieser Plan?‘
[RB.02_166,07] Cado zuckt mit den Achseln und sagt: ,Der Plan wäre wohl unser würdig, aber ich zweifle sehr, daß er uns je gelingen wird. Denn die alte, grausame Gottheit ist stets von größter Schlauheit und sieht gerade da am besten, wo wir an ihr Blindheit zu gewahren wähnen. Daher meine ich, daß es mit der Ausführung dieses großartigen Planes durchaus nicht gehen wird.‘
[RB.02_166,08] Spricht wieder der Häuptling: ,Du bist hier ein Anfänger und redest nach deiner noch sehr beschränkten Einsicht. Du hast noch zu irdisch-dunkle Ansichten von der Gottheit und unterstellst ihr noch Allwissenheit und unbegrenzte Macht. Du siehst die Gottheit noch immer als ein ungeteiltes, allwaltendes Wesen, das nur zu wollen braucht, um eine Myriade neuer Welten aus sich ins Dasein zu rufen. Das kann sie zwar und tut es auch immer, weil das ihr höchstes Vergnügen ist. Aber wir wissen, wohin solch eine Lust die Gottheit mit der Zeitenfolge bringen muß. Sieh Freund, die alte, schwach gewordene Gottheit ist bettelhaft kindisch geworden! Ihre Sache ist, nur immer erschaffen und erschaffen, gehe es, wie immer es gehen mag. Hast du denn auf der Erde nicht schon bemerkt, wie der Gottheit der Zwirn ausgeht? Sie überhäuft die Bäume mit zahllosen Blüten und hat am Ende zu wenig Stoff, alle die Blüten zu einer Frucht zu ernähren. So setzt sie auch Menschen auf Menschen in die Welt. Geht ihr endlich der Erhaltungsfaden aus, so muß sie ihre Lieblinge wie die Fliegen dahinsterben lassen. Und in allem wirst du ähnliche göttliche Verlegenheiten bemerken, aber freilich leider nicht ahnen können, worin der Grund liegt. Wir aber wissen nur zu gut, wie die Gottheit schwächer und schwächer wird und samt ihrer großen Haushaltung am Ende auf den Hund kommen muß. Und so ist es uns auch möglich, Pläne zu entwerfen, die ihren Untergang notwendig befördern müssen.‘"
167. Kapitel – Cados wahnsinniger Höllentrotz. Vermessener Umsturzplan des Häuptlings. Der Höllenschlund tut sich auf.
[RB.02_167,01] Cyprian berichtet weiter: „Cado schüttelt abermals den Kopf und sagt: ,Freund, deine Pläne sind eitel! Ich bin zwar der Gottheit entschiedener Feind, aber nicht ihrer Schwäche, sondern ihrer zu ungeheuren Macht wegen. Es ist mein vollkommen freier Wille, entweder hier im Orte der Qualen zu verbleiben oder umzukehren und Besitz zu nehmen an allen möglichen Freuden eines himmlischen Lebens. Aber ich ziehe dennoch vor hierzubleiben, weil ich der Gottheit endlos große Macht nur zu gut kenne. Wäre die Gottheit nur um einen Grad schwächer, hielte ich's sogleich mit ihr und würde sie verteidigen gegen jeden Angriff. Aber eben da sie so unendlich mächtig und unbesiegbar ist, bin ich ihr entschiedenster Feind. Ich weiß, daß meine Feindschaft barste Torheit ist und sie mich jeden Augenblick vernichten kann. Solange aber ich einen freien Willen habe, will ich ihr entschiedensten Trotz bieten, bloß um ihr zu zeigen, daß sie mit ihrer Allmacht und Weisheit mit mir dennoch nichts richten kann, solange sie mich in der gegenwärtigen Willensfreiheit beläßt. Es ist für einen Helden wahrlich der größte Hochgenuß, als ein Atom gegen die endlose Größe Gottes sich derart zu stemmen, daß sie nichts dagegen auszurichten vermag! Ich werde daher auch nie ihre eingebildeten Schwächen, sondern vor allem ihre unendliche Kraft zu erforschen bemüht sein. Und je mehr Kraft und Stärke ich in ihr entdecke, desto unbeugsamer werde ich mich ihr gegenüber gebärden. Siehe, das ist mein Sinn, der sich für einen Helden ziemt! Aber dein Plan, die Gottheit zu entthronen, gehört zu den größten Lächerlichkeiten. Die Gottheit ist das unendlichste Wesen in jeder Hinsicht! Daher gib deinen Plan auf und tue, was ich tue. Du wirst einen Hochgenuß haben dadurch, daß du dir selbst das Zeugnis geben kannst, der höchsten Gottesmacht mit deiner barsten Nullkraft dennoch Trotz bieten zu können!‘
[RB.02_167,02] Spricht der Häuptling: ,O du dummer Esel! Meinst du denn, daß du aus dir selbst heraus bist, wie du bist? Sieh, du bist ja gerichtet und kannst nimmer anders wollen. Du meinst dadurch der Gottheit zu trotzen, so du bist, wie sie will, und nicht, wie du willst! Solange Gesetze und Fesseln ein Wesen binden, ist es nicht frei, sondern Sklave einer höheren Macht. Und solange die Gottheit unserem Wirken unübersteigliche Grenzen setzt, sind wir die elendsten Sklaven. Von einer Freiheit kann bei uns so lange keine Rede sein, als wir aus unserer eigenen Macht das harte Joch der Gottheit nicht völlig von uns zu weisen imstande sind. Können wir aber der Gottheit trotzen, und muß die Gottheit diese Schmach erdulden, so ist das doch sicher ein Zeichen, daß sie schwach ist. Ist sie aber in einem schwach, so wird sie auch in vielem anderen vielleicht noch schwächer sein. Daher ist es an uns, alle ihre schwachen Seiten sorglich auszukundschaften und sie dann mit unserer Übermacht anzugreifen und gänzlich zu verderben.‘"
[RB.02_167,03] Der Franziskaner Cyprian für sich: „O du verzweifelter Lump! Was der für löbliche Ideen hat! Schau, schau! Ich habe immer noch gemeint, die höllischen Geister müßten in ihrer fürchterlichsten Qual eine ewig brennende Reue über ihre großen Sünden fühlen, ohne je eine leiseste Hoffnung auf Erlösung zu haben. Aber wie ich sehe, ist die Sache ganz anders. Sie wollen das alles selbst, bloß um Dir, o Herr, hartnäckigsten Trotz bieten zu können! Die Kerle haben nur Freude über ihre grenzenlose Verstocktheit, das ist wahrlich nicht übel! – Aber Herr, solchen Lumpen möchte ich an Deiner Stelle denn doch ein bißchen ihre Freude versalzen. O ihr Hauptlumpen, wartet, dieser Freudenbecher soll euch mit einer Galle gefüllt werden, an der ihr für ewig sollt hinreichend zu lecken haben!"
[RB.02_167,04] Sage Ich: „Mein lieber Cyprian! Diese Erscheinung mußt du leidenschaftslos beobachten, sonst füllst du dein eigenes Herz mit demselben Stoff, mit dem der beiden höllischen Geister Herz erfüllt ist. Denn Drohung, Rache und Krieg sind Eigentümlichkeiten der Hölle, wie sie sich dir soeben zur Schau stellen. Sieh nur hin, wie soeben eine Horde gleich glühenden Drachen aus einer mächtig qualmenden Höhle zum Vorschein kommt und unsere beiden Räuberhäuptlinge umstellt, begrüßt und sie belobt ob ihrer gut höllischen Gesinnung. Und wie die beiden sich nun auch in eine gut ausgebildete Drachengestalt umzuwandeln beginnen, was so viel sagen will, daß sie nun vollends ins echt Höllische übergehen, das sich in ihnen nun völlig ausgebildet hat.
[RB.02_167,05] Ich sage dir, es bleibt diesen Geistern nichts geschenkt. Jedes Lästerwort wird zu einem glühenden Stein auf ihrem Haupte. Und sie werden bei solch einer Last schon nach und nach inne, ob sie stärker seien als die Gottheit und fähig, ihre argen Pläne gegen Mich je in Ausführung zu bringen! – Gott ist durch und durch die reinste Liebe, und aus solcher Liebe die höchste Weisheit, Ordnung und Macht. Alles das, mag es dir noch so schrecklich vorkommen, ist Meine Liebe, Weisheit und Ordnung. Es muß alles so geschehen, damit alles bestehe und nichts verlorengehe!
[RB.02_167,06] Die eigentliche Höllenqual wird für diese Geister erst jetzt ihren Anfang nehmen. Du siehst nun auch die ehedem von Cado zerrissenen Quälgeister sich wieder ergänzen – nur nicht in einer menschenähnlichen, sondern in einer Schlangengestalt. Passe recht auf, und du wirst gleich der eigentlichen Hetze ansichtig werden. Aber du, Helena, darfst nun nicht mehr hinsehen, weil das für dich zu arg wäre! Ihr anderen aber sehet hin, und du, Cyprian, kannst auch nebenher erzählen, was du erblicken wirst!"
168. Kapitel – Gewalten der Finsternis. Höllische Tücke und himmlische Wachsamkeit.
[RB.02_168,01] Der Franziskaner Cyprian tritt nun einige Schritte näher, um die Szene ungehinderter betrachten zu können. Aber Ich sage zu ihm: „Cyprian, nähern darfst du dich dem Orte des Greuels nicht, weil das einen üblen Eindruck auf dich machen könnte! Daher mache die Schritte wieder zurück, du wirst die Sache auch von deinem früheren Standpunkte gut übersehen können."
[RB.02_168,02] Cyprian tritt auf diese Anrede sogleich zurück und sagt: „O Herr, ich danke Dir für Deine väterliche Zurechtweisung! Ohne sie wäre ich am Ende ganz hingezogen worden, was wahrhaftig höchst unglücklich für mich hätte werden können. – Nun fängt aber auch dort die höllische Geschichte an, ein ganz verzweifeltes Aussehen zu bekommen! O Kreuz, Blitz und Donner, diese Nordgegend bekommt nun ein schauderhaftes Aussehen! Eine finster gähnende Grotte öffnet sich weit durch die schroffen Wände eines Gebirges, aus dessen Schluchten und gigantischen Spalten sich ein stets dichterer finsterer Qualm entwickelt. Auch vernehme ich ein unheimliches Toben gleich dem eines entfernten großen Seesturmes. Oh, das fängt an, sehr bedenklich zu werden! Nun erschaue ich zu oberst des Gebirges über der schaudervollen Grotte zwei Engel sehr düster ernsten Aussehens! Wer etwa doch diese zwei Engel sind?"
[RB.02_168,03] Sage Ich: „Sehe sie nur besser an, du wirst sie leicht erkennen!" – Cyprian beschaut sie nun schärfer und erkennt bald Sahariel und Robert-Uraniel. Er will sie Mir nennen; aber Ich untersage ihm solches wegen der Helena, deren Herz zu zartfühlend ist, als daß es ohne Vorbereitung das Geschäft ihres Gemahls auf einer für ihre Begriffe so gefährlich scheinenden Stelle mit rechter Ruhe betrachten könnte. – Cyprian versteht solchen Wink und schweigt. – Aber Helena, wennschon an Meiner Brust mit ihrem Gesicht ruhend, fragt dennoch Cyprian, ob er die zwei Engel noch nicht erkannt habe. – Cyprian aber entschuldigt sich recht klug: „Jawohl! Aber ich habe nun vor lauter Schauen keine Weile, dir ihre Namen zu nennen. Gedulde dich nur, sie werden ohnehin bald selbst herkommen." – Helena gibt sich damit zufrieden und verbirgt ihr Gesicht an Meiner Brust vor den angekündigten Greuelszenen der Hölle. Ein stets mächtigeres Tosen und Toben zeigt nun an, daß die Hölle wieder etwas sehr Arges auszuführen beabsichtigt.
[RB.02_168,04] Cyprian aber, dem dieses donnerähnliche Dröhnen nicht gefallen will, sagt zu Mir: „Aber Herr, Du heiligster, bester Vater! Was soll denn aus dieser stets gröber werdenden Brummerei werden? Es fängt sogar dieser Boden, auf dem wir nun stehen, zu beben und sich zu heben an! Und dort, wo die schaudererregende Grotte – aus der nun stoßweise Flammen mit massenhaftem Qualm herausschlagen – sich weiter auszudehnen scheint, wälzen sich jetzt über das Gebirge herab fürchterliche Gewitterwolken gleich losgerissenen großen Felsstücken. Die Sache bekommt ein niederträchtiges Aussehen, obschon die höllische Gruppe sich noch friedlich und nichts Arges ahnend vor dem Eingang der schrecklichen Grotte befindet und nicht einmal Miene macht, etwas zu unternehmen. – Ich bitte Dich, Herr, sage uns doch, was aus dieser sonderbaren Vorbereitung am Ende herauswachsen wird? Ich entdecke sonst nichts als immer mehr Flammen, die aus der Grotte schlagen. Ebenso stets mehr des dicksten Rauches aus der Grotte wie aus anderen Klüften des Gebirges und ein ständiges Anwachsen der Gewitterwolken. Die beiden Engel auf der höchsten Spitze des Gebirges sind ganz ruhig und scheinen diese grauenhaften Vorbereitungen gar nicht zu bemerken. Der unerträgliche Sturmlärm scheint nicht bis zu ihren Ohren zu dringen."
[RB.02_168,05] Rede Ich: „Mein lieber Freund! Die Hölle ist nie gefährlicher und unheilbringender, als so sie sich äußerlich ganz ruhig verhält, aber dafür innerlich mit desto größerer Wut zu toben beginnt – wie dies soeben der Fall ist. Dagegen aber ist auch der Himmel nie wachsamer gegen die Hölle gestellt, als wenn er sich bei solchen Umtrieben der Hölle ganz ruhig und gleichmütig zu verhalten scheint. So lange die Hölle bloß innerlich gärt und tobt, schreitet der Himmel nicht ein. Aber wenn sie, mit der Weile ermutigt, ihre Wut nach außen hin in Wirksamkeit treten läßt, dann wird schon auch der Himmel seine Gegenmittel in nachdrücklichste Wirksamkeit treten lassen. – Gib nur genau acht, wie die Hölle nun ihren alten Versuch, Mich zu fangen und zu stürzen, tückisch unter dem Deckmantel äußerer Ruhe erneuern wird. So du jetzt einen Blick auf die Erde werfen magst, wozu du bloß über deine Achsel links zu schauen brauchst – wirst du genau gewahren, wie die Hölle nun auch an den Höfen gleichermaßen tätig einzuwirken sich bemüht, um die ganze Erde in einem alles verheerenden Krieg zu entflammen. Sie wird ihr Vorhaben auch hie und da zum Ausbruch bringen; aber dann passe auf, auf welch eine Weise ihr da das Handwerk gelegt wird! – Betrachte daher nur diesen Höllenausbruch und seine Folge, so wirst du leicht schließen können, wie sich auf der Erde alles das, was hier nun vorgeht, in entsprechender Weise nachbilden wird. – Siehe, der Rumor wird schon wieder stärker, die Flammen in der Grotte werden intensiver und der Qualm selbst glühend! Die Rotte vor der Grotte wird zahlreicher und fängt an, sich gegen uns her zu bewegen. Nun wird es bald losgehen!"
169. Kapitel – Der höllische Himmelssturm bricht los. – Friedensgeister in der Höhe. Furchtbare Wendung für die Scharen der Finsternis.
[RB.02_169,01] Cyprian wendet kein Auge ab von der Szene. Ich aber gebe Meinen Dienern einen Wink, und diese verstehen, was sie zu tun haben.
[RB.02_169,02] Nach einer kurzen Weile sagt Cyprian ängstlich: „Herr, wir werden uns am Ende doch zu einem Rückzug bequemen müssen. Denn die Hölle scheint nun alle ihre viele tausend Jahre alten Gefangenen freizulassen, damit sie mit vereinten Kräften Dich samt dem ganzen Himmel in Beschlag nehmen. Sie wandern nun keck auf uns zu! Und diese Gestalten, wahrlich mitunter lächerlich gräßlich! Wie sich einige aufblähen und bald darauf wieder zusammensinken bis zur Größe eines kleinen Affen! Auch allerlei Waffen fange ich an zu entdecken! Spieße, Lanzen, Schwerter und Gewehre aller Art. Das geht ja auf einen ordentlichen Krieg los! Aber gegen wen denn? Gegen uns etwa doch nicht? Sehen sie uns denn auch, weil sie sich gerade gegen uns her richten?"
[RB.02_169,03] Sage Ich: „Freilich gilt der Krieg von seiten der Hölle allzeit uns! Sehen können sie uns nicht; wohl aber vermuten sie uns hier, weil sie an der Stelle gegen uns her, die eigentlich der geistige Mittag ist, eine Art Helle wahrnehmen. Sie mühen sich vergeblich ab, uns näherzukommen. Sie meinen wohl, daß sie vorwärts gehen, aber ihr scheinbares Vorwärts ist ein Rückgang und ein stets mehr Sichentfernen von uns. Daher lassen wir sie auch traben, da wir wissen, wie weit und wohin sie mit dieser Bewegung kommen werden.
[RB.02_169,04] Sie werden aber mit der Weile inne, daß sie um nichts vorwärtskommen trotz all ihres Mühens. Und dies wird das Zeichen zum Ausbruch ihrer inneren Wut sein, in der sie sich selbst gegenseitig ohne Schonung anfallen und zerreißen werden gleich wilden Bestien. Gib jetzt nur recht acht, ganz besonders auf ihre Bewegung!"
[RB.02_169,05] Cyprian achtet nun sehr auf alles, was sich in der Bewegung der Höllenrotte ergibt. – Miklosch und Graf Bathianyi aber sagen einstimmig: „Herr, übergroß ist Deine Langmut und Geduld, daß Du solchem Treiben mit Deiner sanftmütigsten Gelassenheit zusehen kannst! So es auf uns ankäme, würden wir diesem Gesindel einen ganz kuriosen Ernst entgegensenden. Nein, solch eine Frechheit, sich Dir entgegenstemmen zu wollen, ja Dich sogar, so es möglich wäre, gänzlich zu vernichten! Nein, das ist zu überhöllisch arg! Solch ein Gedanke würde von uns aus schon einer ewigen Züchtigung wert sein!"
[RB.02_169,06] Rede Ich: „Meine lieben Kindlein, lasset beiseite, was nur immer den Namen Ärger hat! Denn seht, aller noch so geringe Ärger entstammt der Hölle und verträgt sich nie mit der reinen Natur Meiner himmlischen, noch kleinen Kindlein, als wie ihr es nun noch seid. Ihr müßt euch überhaupt über gar keine Erscheinung, wie böse sie auch immer aussehen mag, auch nur im geringsten ärgern. Denn das Ärgern der Kinder der Himmel verleiht der Hölle einen Vorschub und gibt ihr Stoff zum Wiederärger, den sie nur zu leicht und zu bald vergrößert und in einen neuen Wirkungsstand setzt. – Denket aber dafür in euerem Herzen, daß dies alles also geschehen muß, so in jene Grotte auch einmal ein sanfteres Licht dringen soll. Denket, daß die ganze Hölle aus Wesen besteht, die teils durch ihre und zum Teile durch die Geschichte der Weltgroßen zu solchen Teufeln geworden sind und ihr geistiges Leben gänzlich verwirkt haben. Sie sind nun unendlich unglücklich und werden noch stets unglücklicher werden. An uns aber, die wir alle Macht innehaben, liegt es nun, ihnen so viel als möglich zu helfen, und zwar durch jedes Mittel, durch das eine Hilfe noch möglich erscheint.
[RB.02_169,07] Dieser nun bevorstehende Kampf gegen uns setzt ihr mattes Scheinleben in eine größere Tätigkeit, durch die sie vor der völligen Auflösung geschützt werden. Durch den fehlgeschlagenen Versuch werden sie dann wieder in Kenntnis gesetzt, daß sie gegen Gott nichts vermögen. Dann werden viele aus ihrer Rotte bescheidener werden und sich bei einer ähnlichen künftigen Unternehmung nicht mehr beteiligen. Und das ist dann ein wirklicher Fortschritt dieser verlorenen Schafe. Für sie stehen uns dann schon wieder eine Menge wirksamster Mittel zu Gebote, sie in eine etwas hellere Belebung zu leiten, ohne uns direkt an ihrem freien Willen, der ihr Leben ist, zu vergreifen. Daß aber derlei Bäume nicht mit einem Hiebe gefällt werden dürfen, werdet ihr hoffentlich einsehen?"
[RB.02_169,08] Spricht Miklosch: „O ja, Herr und Vater! Nun ist uns schon wieder alles klar, und es ist alles gut, was Du, o Herr, anordnest! – Aber nun entdecke ich, daß auf den Spitzen der überhohen Gebirge sich lichte Geister stets mehr zu sammeln beginnen. Auch auf der höchsten Spitze stehen neben den zwei ersten eine Menge anderer uns ganz unbekannter kräftigster Engel. Und da, seht in die Lüfte empor! Ungeheure Scharen schweben in wohlgeordneten Reihen und haben ein scharfes Auge auf die Bewegungen der höllischen Rotte. Und die Höllenrotten scheinen sie zu bemerken, weil sie nun auf einmal ihre grimmigsten Gesichter erheben und ihre Wurfgeschütze aufwärts zu richten beginnen."
[RB.02_169,09] Spricht Cyprian: „Ja, Bruder Miklosch, hast recht! Dort nahe an der wahren Teufelsgrotte habe ich schon eine Art Raketen in die Höhe steigen sehen, die aber nicht bis zur Achtelhöhe des Gebirges kamen. Auch sehe ich nun, wie ganze Massen an den schwarzgrauen Felswänden aufwärts zu klimmen anfangen, aber ganz verzweifelt schlechte Fortschritte machen. Von unten her werden sie entsetzlich bedroht, und zum weiteren Emporklimmen scheinen sie auch keine Lust zu haben. Die Geschichte fängt an, ein tragisches Aussehen zu bekommen! Nun ist eine ganze Rotte über eine sehr hohe Steilwand herabgestürzt und wird nun gleich wieder angetrieben, neu aufwärts zu klimmen. Sie sträubt sich, indem sie auf die Unmöglichkeit hinweist; aber man fängt an, sie mit glühenden Spießen zu bearbeiten. Ah, das ist schauderhaft!"
[RB.02_169,10] Rede Ich: „Gebt jetzt alle genau acht, denn nun beginnt die eigentliche Hetze! Nun soll aber Miklosch, der mehr gelassenen Geistes ist, die Szene weiter erzählen, wie sie vor sich geht – und zwar ohne alle verwundernden Zwischenrufe! Also sei es!"
[RB.02_169,11] Spricht Miklosch: „Herr und Vater! Ich armes, sündiges Wesen danke Dir aus aller Tiefe meines Herzens für diesen herrlichen und großen Auftrag, den Bruder Cyprian abzulösen in diesem wahrlich jeden noch so standhaften Beobachter höchst in Anspruch nehmenden Geschäfte. Aber ich muß daneben auch sogleich offen bekennen, daß es mir dabei um nichts besser gehen wird. Denn die Mißerfolge jener höllischen Mühen sind selbst für die Hölle und ihre Streiter zu grell und schaudererregend, als daß selbst das beherzteste Gemüt dabei ohne Erschütterung bestehen könnte. Daher bitte ich Dich zu diesem Zwecke wohl um eine ganz besondere Stärkung, wenn ich nicht mitten in der Nacherzählung des Geschauten schon beim dritten Satze steckenbleiben soll. In Deinem allmächtigsten und heiligsten Namen will ich dann versuchen, wie es mir mit dem Nacherzählen gehen wird.
[RB.02_169,12] Soeben stürzt eine ganze, große Felswand über eine Menge, die hinaufzuklimmen genötigt wurden, und begräbt und zerschlägt eine große Masse der höllischen Streiter. Und hinter der eingestürzten Wand ergießt sich lichterloh eine gräßlich brausende und zischende Lavaflut und begräbt in ihrem raschen Vordringen bei weitem mehr als ehedem die eingestürzte Wand. – Nun ersehe ich auch wieder den schon sehr verunstalteten Cado und dessen Häuptling. Sie scheinen im Vordergrund Rat zu halten, was da weiter zu tun und zu unternehmen sei, da, wie es scheint, kein Teufel mehr eine Lust zeigt, über die schroffen Felsenhänge für nichts hinaufzuklettern. Die mächtigeren Teufel treiben die schwächeren wohl noch höllisch-energisch an. Aber da ist von einem Gehorsam keine Rede mehr, und ein jeder, vor dem Lavastrom fliehend, scheint nun allein dem eigenen Willen zu gehorchen. Welch gräßliches Jammergeschrei, welch eine namenlose Not! Es brechen nun aus mehreren Spalten des Gebirges glühende Lavagüsse hervor und stürzen gleich gewaltigen Wasserfällen in die Tiefe herab. Dort über eine hohe Felsenwand stürzt gleich einem Niagarafall eine ungeheure Masse glühend geschmolzenen Erzes unter furchtbarem Krachen in die Tiefe. Und die Rotten, groß und klein, fliehen vor den herwogenden Feuerfluten, heulen und fluchen entsetzlich.
[RB.02_169,13] Cado und sein Häuptling machen ebenfalls eine schnelle Bewegung gegen uns her und erklimmen einen mäßig hohen Hügel, der sich zu unserer Linken befindet. Cado macht dem Häuptling scharfe Vorwürfe wegen seines unausführbaren wahnsinnigen Plans, die allmächtige Gottheit besiegen zu wollen. Nun habe er den Sieg vor seinen dümmsten Krokodilsaugen! Er solle nun die Löcher zustopfen, aus denen die Gottheit über ihn und sein mißhandeltes Heer so reichlich Feuerfluten hervorsprudeln läßt, und soll auch die Begrabenen hervorholen. Aber der Häuptling macht die Bemerkung, daß dies alles nur blinder Lärm sei und die Feuerflut bald erschöpft sein werde.
[RB.02_169,14] Cado lacht dazu höhnisch und sagt: ,O du dümmster Teufel! Da sieh ein wenig hinauf, wie sich da stets neue, gewaltige Quellen auftun und wie die Glühflut in wenigen Augenblicken auch unsern Hügel umspülen wird. Du wirst leicht gewahren, wie bald nach deiner Idee der Gottheit Zornquellen versiegen werden! Sieh hin gegen die Grotte, deren Inneres wahrscheinlich deine Königswohnung ist: sie ist bereits voll glühend fließenden Erzes, auf dessen dampfendem Spiegel ganze Scharen deiner mächtigsten Kämpfer schaudererregend schwimmen und mit des Feuerstromes rascher Flut wahrscheinlich in einen endlosen Abgrund hinabgeschwemmt werden. Das wäre mir ein Sieg! Du wirst doch bald wieder einen Feldzug gegen die Gottheit unternehmen? O herrje, die Flut hat bereits auch unsern Hügel erreicht! Nun heißt es weiterfliehen, sonst werden auch wir in diese Schwimmanstalt der Gottheit aufgenommen!‘ – Der Häuptling erkennt nun die höchste Gefahr und schreit: ,Dorthin gen Abend, wo einige meiner tapfersten Kämpen hinfliehen, fliehen auch wir! Aber eiligst, sonst sind wir verloren!‘
[RB.02_169,15] Spricht Cado: ,Schöne Tapferkeit bei solchem Fersengeld! Oh, ich überdümmster Teufel! Zwei so grundehrliche Boten hatte die Gottheit an mich schlechtestes Luder abgesandt, und ich verschmähte sie! Nun sehe ich meinen gräßlichsten Untergang und kein Retter mehr naht sich mir!‘ – Schreit der Häuptling: ,Fliehe, sonst bist du verloren! Denn diese Flut ist arg und wen sie begräbt, der ist begraben für ewig! Ich fliehe nun!‘ Mit diesen Worten stürzt der Häuptling jählings den Hügel hinab.
[RB.02_169,16] Cado aber bleibt und schreit ihm nach: ,Fliehe nur, Satan! Der ewigen, allmächtigen Gottheit wirst du ebensowenig entfliehen wie ich. Wir beide haben dies Los wohl verdient, daher werden wir ihm auch nicht entfliehen, denn der Gottheit Rachefinger umspannt die Unendlichkeit!‘"
170. Kapitel – Untergang der Höllenmacht. Cado als Überlebender zeigt bessere Regungen. Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach.
[RB.02_170,01] Miklosch berichtet weiter: „Cado schaut nun bebend dem fliehenden Häuptling nach und sieht, wie eine Feuerglut diesem schon nahe an die Fersen kommt. Der Fliehende heult entsetzlich, und schon mancher hervorzuckende Funke leckt an seiner Haut. Das entsetzt Cado, und es scheint ein jeder Funkenbrand, der des Häuptlings Haut berührt, auch die seine gewaltig zu stechen.
[RB.02_170,02] Nun aber hat die Flut den fliehenden Häuptling erreicht und Cado schreit: ,Du allmächtige Gottheit – er ist verschlungen! Und kein Wesen kommt ihm zu Hilfe! Seine Mächtigen sind bereits alle begraben. Ich bin auf diesem Hügel – der bereits auch zur Hälfte von der gräßlichen Flut umflossen ist und wo nur ein schmaler Streifen gen Morgen hin noch passierbar ist – auch auf dem Punkte, in einigen Augenblicken sein Los zu teilen. Wollte ich auch an die unglückliche Stelle hinrennen, würde ihm das nun nichts mehr nützen. Ich bleibe, wo ich bin, und die göttliche Allmacht soll mit mir machen, was sie will, denn zu entfliehen ist ihr nimmer. – Dies Feuermeer muß aber auch eine unermeßliche Brennhitze haben, da es mich schon hier so unausstehlich brennt.
[RB.02_170,03] Großer Gott, welche Schmerzen von höchster Schärfe werden nur zu bald mein ewiger Anteil sein! Das ist also die fürchterliche Hölle, deren Wurm nimmer stirbt und deren entsetzliches Feuer nimmer erlischt! O Gottheit, habe Erbarmen mit einem Kinde der Hölle, das zwar überaus schlecht ist, aber doch wenigstens seine Greuel erkennt und nun leider zu spät bereut! – Ich habe zwar schon eine entsetzlich schmerzliche Höllentour durchgemacht, aber beim Anblick dieser rein göttlichen Strafmacht hat mich alle Kraft verlassen. Und ich fühle nun kaum die Kraft eines Insektes in mir und muß mich demnach gefangennehmen lassen von der gerechten Zornflut des göttlichen Rachefeuers.‘"
[RB.02_170,04] Miklosch fortfahrend: „Nun sinkt Cado auf seinem Hügel zusammen und erwartet die verzehrende Flut, die zwar noch mächtig hin und her wogt, aber dennoch nicht mehr steigt. Bis auf Cado ist nun alles, was gegen uns zu Felde ziehen wollte, von ihr verschlungen. Nur das kommt mir noch unerklärlich vor, daß die mächtigen Himmelsfürsten sich noch nicht entfernen wollen. Auch die schauerliche Grotte, über die Hälfte erfüllt mit dem Feuerstrom, hat ihr drohendes Aussehen noch nicht verloren."
[RB.02_170,05] Rede Ich: „Der Kampf ist noch nicht zu Ende und der Cado noch nicht völlig verloren. Gebt nur acht, was weiter geschehen wird! Darauf erst soll euch eine genügende Aufklärung zuteil werden."
[RB.02_170,06] Miklosch beobachtet jetzt hauptsächlich den Hügel, auf dem Cado wie tot zusammengekauert liegt, und berichtet weiter: „Aber da die schreckliche Flut doch nicht an seine Haut gelangen will, so fängt er sich wieder emporzurichten an, um zu sehen, was es denn mit diesem Zornsturme der Gottheit für einen Fortgang nehme. Er sieht, daß das Feuermeer nicht höher steigt, als es sich anfangs über eine unübersehbare Fläche ausgebreitet hatte und zu bedeutender Höhe angestiegen war.
[RB.02_170,07] Diese Erscheinung flößt Cado mehr Mut ein, und er spricht bei sich: ,Was haben nun alle diese Esel davon, daß sie sich wieder einmal den argen Spaß machten, mit der allmächtigen Gottheit einen Kampf zu wagen! Aber ich selbst bin eigentlich auch ein Ochse, denn warum habe ich ehedem den Antrag jener zwei Boten nicht angenommen, mich von dem schauervollen Untergang zu retten! Wo sind diese Herrlichen nun? Rings um mich her ist Nacht, nur das glühende Feuermeer wirft einen matten Zornschimmer über mein verfluchtes Wesen. Gegen Morgen dort in weitester Ferne entdecke ich einen freundlicheren Schimmer als dieser hier ist. Wie wäre es, wenn ich dahin zöge? Gefährlicher kann es doch nirgends mehr sein als hier in der Mitte der untersten Hölle!‘
[RB.02_170,08] Nun macht sich Cado auf die Beine und fängt an, sich gegen uns her zu bewegen. Aber sein ganzes Bewegen hat ein Aussehen, als ob er sich selbst mit seiner Schnellfüßlerei foppen möchte, denn er zappelt fast immer auf demselben Punkte. – Was kann da wohl die Ursache sein, daß er bei seinem festen Willen nicht weiterkommt?"
[RB.02_170,09] Rede Ich: „Der Grund liegt darin, daß solche Geister auch bei besten Vorsätzen und guter Erkenntnis dennoch ein Herz voll Unflat haben, aus dem fortwährend böse Dünste in die Kammer des Willens aufsteigen und stets einen Rücktritt bewirken, wo der bessere, aber schwächere Willensanteil einen Fortschritt tun wollte. Es geht ja vielen auf der Welt auch so: sie kennen das Gute und das Wahre und nehmen sich auch immer vor, es auszuüben. Aber gewöhnlich in den Augenblicken, da sie das Gute und Wahre in ihren Willen aufnehmen wollen, dunstet dann auch ihr Fleisch am meisten; sie werden schwach und kommen trotz ihres Strebens nicht vom Fleck. Und so ist der Geist stets willig, aber das Fleisch ist schwach! An diesem Cado habt ihr nun ein lebendiges Beispiel, wie ein Mensch oder Geist aus seiner eigenen Kraft nichts vermag ohne Mich. Mit Mir aber vermag er alles!"
171. Kapitel – Veränderte Szene – Versuchungsvolle Höllengeister. Cado ruft die Gnade und Hilfe der Gottheit an.
[RB.02_171,01] Rede Ich weiter: „Nun aber gebt weiter acht, und du, Miklosch, mache den Erzähler. Denn es ist hier in dieser Gesellschaft nicht jedem gegeben, das Kommende zu schauen, aber in Unkenntnis soll niemand belassen werden."
[RB.02_171,02] Miklosch fängt nach einer kurzen Weile wieder zu erzählen an: „Ah, das ist wahrlich im höchsten Grade tragikomisch! Aus dem Feuermeer, das noch immer grauenerregend mit donnerartigem Getöse dahinwogt und eine zahllose Menge Blitze entsendet, erheben sich nun ganz muntere Gestalten in Unzahl. Von vorne sehen sie recht anmutig aus, aber vom Rücken her wie halbverweste Totengerippe. Das Wogen der glühenden Flut scheint sie nicht im geringsten zu genieren und die gewaltigste Glühhitze scheint ihnen nur ein höchst angenehmes Gefühl zu verursachen. Die Blitze fahren durch sie durch wie Wasser durch ein Sieb, ohne die munteren Gestalten im geringsten zu belästigen. Wahrlich im höchsten Grade sonderbar! Ah, sie mehren sich stets mehr und machen einen förmlichen Reigen. Eine von vorne sehr elegant aussehende Gruppe bewegt sich in zierlichen Schritten gegen Cado hin, der diese Erscheinung mit größter Aufmerksamkeit betrachtet, ohne jedoch daran ein sichtliches Wohlgefallen zu haben. Aber dennoch staunt er ganz verblüfft diese vielen Tänzergruppen an. Eine Gruppe macht jetzt knapp am Hügel graziöse Bewegungen und scheint Cado zu unterhalten, denn er hat sie schon ein paarmal recht wohlgefällig angelächelt. Aber den Rücken bekommt er nicht zu Gesicht.
[RB.02_171,03] Nun eilen ein paar Tänzerinnen mit rosenfarbigen Schleifen zu ihm auf den Hügel und winken ihm, ihnen auf den glühenden Tanzboden zu folgen. – Aber Cado entschuldigt sich und spricht: ,Meine Füße würden sich auf solch einem Tanzboden nicht halten, daher bleibe ich, wo ich bin. Bleibet ihr aber, wo es euch gut zu gehen scheint! Ich brauche von solch einem brennheißen Vergnügen wahrlich nichts!‘ – Aber zwei kommen ihm näher und geben sich alle Mühe, ihn auf das glühende Eis zu locken. Cado aber gebietet ihnen, sich ihm nicht mehr zu nahen, ansonsten er wider sie Gewalt gebrauchen müßte. Je mehr er aber ihnen droht, desto mehr zeigen sie ihm von ihren Vordergrundsreizen und bestreben sich, ihn ganz zu bezaubern. Wahrlich ein sonderbares Schauspiel! Merkwürdig ist, daß die Höllengrazien bei allen verlockenden Bewegungen doch nicht aus ihrer Haltung kommen, daß Cado ihrer Rückenteile ansichtig werden könnte. Eine bemüht sich nun, ihm die Schleife gleich einer Schlinge um den Hals zu werfen.
[RB.02_171,04] Cado aber weicht einige Schritte zurück. Er hebt einen Stein auf, schleudert ihn der Grazie an die Brust und schreit mit wahrer Donnerstimme: ,Zurück, Höllenbestie! Wenn Satan, dein Gebieter, kein besseres Verführungsmittel hat, einen armen Teufel noch tiefer in die Hölle hinabzuziehen, dann soll er sich heimspielen lassen! Glaubt denn dieses der Gottheit widerspenstige Rindvieh, Vögel meines Gelichters werden sich dummen Weltfinken und Gimpeln gleich auf seine alten, saudummen Leimruten setzen und sich fangen lassen? Da irrt er sich, ein Aar setzt sich nie auf eine Leimspindel! Saget das euerm Ochsen von einem Gebieter!‘
[RB.02_171,05] Nun spricht die zweite Kameradin: ,Aber lieber Freund, du irrst dich gewaltig über unsere große Fürstin Minerva! Siehe, sie kennt deinen großen Geist und will dir durch uns Genien eine kleine Vor-Auszeichnung zuteil werden lassen. Danach wird sie dir dann selbst im höchsten Glanze ihrer Macht und Kraft liebreichst entgegenkommen, um dich einzuführen zu den allerhöchsten Ehren! Dies, weil du der einzige warst, der diesen von der alten Gottheit gegen einige Feiglinge der großen Fürstin gerichteten Feuerwogen beharrlichen Widerstand geleistet hat. Erkenne daher die Gnade, die dir deiner unbezwingbaren Kraft wegen die allerhöchste Fürstin der Unendlichkeit zuerkannt hat!‘
[RB.02_171,06] Spricht Cado: ,Ist eure hohe Fürstin vielleicht noch dümmer als ihr gemeinsten Höllenfetzen?‘ – Spricht ganz pomphaft die Ungesteinigte: ,Was für eine entsetzliche Frage! Die hohe Minerva, die Göttin aller Weisheit, bei der sogar Zeus und Apoll in die Schule gehen müssen!‘ – Spricht Cado: ,Oh, ich habe nicht gewußt, daß hier das alte Göttergesindel auch noch existiert! Ihr seid gewiß auch eine Art von Göttinnen?‘ – Spricht sie: ,Nun freilich, ich bin ja die berühmte Terpsichore, die Göttin des Tanzes! Und diese hier, nach der du grausam einen Stein geschleudert hast, ist die herrliche Euphrosyne, die Göttin des Frohsinns. Die Arme leidet nun einen starken Schmerz, aber sie trägt ihn geduldig aus großer Liebe zu dir!‘
[RB.02_171,07] Spricht Cado: ,Na, nun weiß ich genug, um euch mit allem Ernst sagen zu können, daß ich die Minerva im höchsten Grade verachte und von ihr ewig nie eine Ehre annehmen werde. Saget ihr, ich bin zwar ein entschiedener Feind eines gewissen Juden Jes-ja, Jesus, richtig Jesus heißt er. Und ich bin auch mehr oder weniger ein Feind seiner Lehre in mancher Hinsicht. Aber so ich diesem verachteten Judenpropheten als ein Esel Dienste leisten sollte, bin ich dazu bei weitem eher erbötig, als von eurer Minerva die höchste Ehre anzunehmen! Und nun fahret ab, ihr sauberen Geniusinnen! Aber sehet zu, daß euer Tanzboden nicht zu heiß wird!" – Spricht sie: ,Na warte nur, da wir dich nicht erweichen können, sollst du die Minerva selbst sehen, aber von ihr keines Blickes gewürdigt werden!‘ – Spricht Cado: ,Oh, das wird mir sehr angenehm sein, hauptsächlich das letzte, verstanden?‘"
[RB.02_171,08] Miklosch fortfahrend: „Nun entfernen sie sich und hüpfen tänzelnd unter den andern Gruppen fort. Jetzt verlieren sie sich so, daß ich sie nirgends mehr zu entdecken vermag. Aber nun wird das Glühmeer schon wieder unruhiger. Das Wogen fängt stärker an und die Oberfläche wird glühender und leuchtender. Die zahllosen Tänzerinnen fliehen jetzt von höchster Angst gepeitscht in wilder Unordnung über die Oberfläche gegen die Grotte hin und stürzen sich unter gräßlichem Schmerzgestöhn entsetzt in einen furchtbaren Abgrund.
[RB.02_171,09] Cado macht hier eine kleinlaute Miene und sagt bei sich: ,Die Gottheit sei aller Kreatur gnädig! Und wenn an der Hilfe des Propheten Jesus, der ein Liebling der Gottheit sein soll, etwas Wirksames ist, so helfe auch er! Denn diese Qualen sind für jedes lebende Wesen, ob Leib, Seele oder Geist, doch zu unaussprechlich hart! Übrigens muß die weiseste Minerva ihre Dienerschaft nicht gar zu artig empfangen haben, weil sie so entsetzlich zu wehklagen anfingen. – O Du große, allmächtige Gottheit, habe ich auch eine Strafe verdient, so lasse mir nur ein bißchen Gnade für Recht widerfahren! Denn diese Strafe für zeitliche Vergehen, wie immer sie beschaffen sein mögen, ist doch als ewig während zu unverhältnismäßig grausam. Lasse uns zunichte werden, und wir sind für ewig zufrieden, denn wer nicht ist, dem ist doch sicher alles recht. – Ich habe Dir, allmächtiger Gott, wohl ehedem trotzen wollen, als ich noch nicht die Macht des gräßlichsten Schmerzes verkostet hatte. Aber da ich nun eine höchst geringe Einleitung zum ewig dauernden höllischen Schmerzenszustand verkostet habe, ist mir wahrlich für ewig alle Lust vergangen, mich Dir je wieder einmal widerspenstig zu zeigen. Ich bin gewiß kein Feigling, aber was zuviel ist, ist zuviel! Zugleich aber danke ich Dir, du große, allmächtige Gottheit, als ein ärmster Teufel für so viel Gnade, daß Du mich bis jetzt noch nicht in den Pfuhl geschleudert hast. O welch qualvoller Anblick ist doch dieses erschreckliche Glühmeer! Welch unerklärbare Schmerzen müssen die empfinden, die unter seinen weißglühenden Wogen begraben ruhen!‘
[RB.02_171,10] Hier wird Cado still und scheint zu weinen. Er seufzt bitterlich und ruft nun in klagendem Ton aus: ,O du elendestes Geschöpf! Du Spielball in den Händen einer unerforschlichen Macht! Was ist dein Los sonst, als eine ewige, gräßlichste Verzweiflung im Gefühle deiner Ohnmacht! Die Erde war dir beschieden, daß du durch ihre tausend Lockungen zu einem Teufel werdest. Dann war dir der elende Leib genommen; nun stehst du als ein allerärmster Teufel, ein Fluch der unerbittlichen Gottheit, vor den Pforten der ewigen Qual! Und weil du ein Teufel bist, reicht dir auch keine helfende Macht einen leisesten Hoffnungsstrahl zur Erlösung! – Wo seid ihr beiden Freunde nun, die ihr mich habt ins Paradies bringen wollen? Damals war ich blind, aber nun bin ich sehend. Warum kommt ihr denn jetzt nicht, um mich zu retten als einen Sehenden, da ihr mich ehedem als Blinden habt retten wollen vor dem Abgrund? Aber ich schreie jetzt vergeblich, denn der Jammer aus der Verdammung eines armen Teufels dringt nimmer an ein göttliches Ohr. Wer verflucht ist, dem ist die ewige, schmerzvollste Verzweiflung sein schreckliches Los. Wehe mir! Dies ist der Anfang, dem aber kein Ende folgen wird!‘"
172. Kapitel – Cados irdische Lebensgeschichte – Weitere Herzenserprobung. Die höllische Minerva im Staatswagen. Cados geweihte Steine der Abwehr.
[RB.02_172,01] Miklosch fortfahrend: „Nun starrt er wieder trübsinnig vor sich hin und wirft dann einen Blick nach der entsetzlichen Grotte, aus deren Hintergrund stets gewaltigere Flammen emporschlagen, begleitet von unheimlichem Tosen und Stimmen, wie sie nur höchster Schmerz einem Gemarterten erpressen kann.
[RB.02_172,02] Dem Cado stehen die Haare zu Berge. In seiner Miene malt sich Furcht und Verzweiflung, und in seinem Inneren wird es zornglühend. Nun faßt er einen Stein und spricht mit bebender Stimme: ,O komm nur, du mir angesagte Minerva, du Urgrund alles Übels! Dieser Stein soll dir dein Gehirn messen, wieviel der grausamsten Weisheit doch darin vorhanden sei. Gott oder ein Teufel gebe mir Antwort: Wer sind die Gequälten, wer quält sie, und was ist ihre Schuld? – Keine Antwort? Auch aus der Hölle keine! Das ist schon die Art der Mächtigen, daß sie die Stimme eines armen Teufels als nichts betrachten. – Mein Herz, du fragst umsonst, hier gibt es keinen Trost mehr! Du bist verloren, verloren auf ewig! Gewöhne dich an die Diamanthärte der Hölle, an die Ferne von Gott und an die Unzulänglichkeit jeder deiner Bitten! Aber welch eine schaudervollste Angewöhnung wird das werden?! Auf der Erde ging es zwar, daß ich mich an die Greuel gewöhnen konnte, die zu verüben ich von meinem Häuptling genötigt wurde. Aber damals war ich ein aller Menschenbildung bares Raubtier und hatte von keiner Religion nur den leisesten Begriff. Erst als ich Selbstherrscher wurde, lesen und schreiben lernte und dabei zu einer geraubten griechischen Bibel kam, wurde ich zum ersten Mal über das Dasein eines allmächtigen Gottes belehrt.
[RB.02_172,03] Ich las das Neue Testament und machte da Bekanntschaft mit dem berühmten Juden Jesus, dessen Lehre bis auf einige Widersprüche viel für sich hatte. Ich ließ mir einen sogenannten Geistlichen an meinen Hof bringen, aber was war dessen Erklärung? Ein jedes alte Weib hätte mir eine bessere gegeben. Der Pfaffe verlangte von mir bloß Opfer zur Sühne meiner Sünden und verbot mir das weitere Forschen in solchen Büchern, durch die des Menschen Geist getötet werde. Ich sah, daß er ein Lump war, ärger denn ich; ich ließ ihn darum gehen und legte die Schrift zur Seite. So ich dadurch zu einem Teufel wurde, so frage ich, ob ich daran wohl alle Schuld trage?
[RB.02_172,04] Wenn ein Soldat auf dem Schlachtfeld Menschen ermorden muß, kann eine höchst weise Gottheit ihm das in sein Schuldbuch schreiben? Nein, und ewig nein! Ist aber auch der Gottheit Weisheit mit dem Dunste ihres Allmachtsdünkels umnebelt, dann freilich muß einem armen Teufel in seiner Nichtigkeit alles recht sein, was die Allmacht über ihn verfügt. – Aber was hadere ich! Geht es für die armen Teufel nicht schon auf der Erde so zu? Die allmächtige Gottheit ruft sie ins Dasein auf einem Boden, auf dem für sie kein Gräschen wächst. Und nehmen sie sich eines ohne den Willen des Besitzers, haben sie als Diebe schon das Gesetz am Genick. O du schöne Weisheit und Gerechtigkeit, die dem Reichen gibt im Übermaß und den Armen verhungern läßt!‘"
[RB.02_172,05] Miklosch fortfahrend: „Nun werden die Flammen sehr tätig, und Blitze fahren in Unzahl über die Fläche des wogenden Glühmeeres. Ich gewahre jetzt ein starkes Drängen im Hintergrund dieser Grotte voll des verzehrendsten Feuers. Sie macht auf mein Gemüt einen gräßlichen Eindruck. Wie muß sie erst Cado vorkommen, der in der vermeinten Anwartschaft steht, in selbe zu gelangen! – O Tausend, nun fängt es aber in der Grotte entsetzlich zu toben an! Flammen und ganze Bündel mächtigster Blitze fahren empor zu den noch in unverrückter Ordnung weilenden Himmelsscharen, die allem gleichmütig zusehen.
[RB.02_172,06] Nun läßt sich aus der Grotte ein angstvolles Jammern vernehmen. Es kommt näher und näher. Cado hält sich die Ohren zu. Das ist teuflisch merkwürdig! Nun kommt aus der innersten Grotte ein Prachtexemplar von einem kaiserlichen Galawagen, von sechs glühenden Drachen bespannt, zum Vorschein. Und im Wagen, der selbst glühend zu sein scheint, sitzt eine Art Minerva, in ihrer Rechten ein Zepter und in ihrer Linken eine glühende Lanze.
[RB.02_172,07] Sie gebietet nun dem Glühmeere Ruhe, doch es bleibt stets gleich unruhig. Jetzt winkt sie mit dem Zepter in den Hintergrund und sogleich stürzt eine Unzahl teuflisch aussehender Geister unter gräßlichem Geheul aus den Flammen hervor. Sie gebietet ihnen, die Wogen des Glühmeeres zu bändigen. Die Teufel, unter allen erdenklichen Geschmeißgestaltungen, werfen sich sogleich darauf und bringen richtig etwas Ruhe zuwege. Aber es scheint dies der Göttin noch nicht zu genügen, deshalb ruft sie noch eine größere Menge solcher Geister herbei. Diese stürzen mit großer Wut hervor und decken mit ihrer Scheußlichkeit beinahe die ganze sichtbare Oberfläche des Glutenmeers. Und diese wird jetzt ganz ruhig, so weit sie von den Scheusalen bedeckt ist.
[RB.02_172,08] Nun erst fängt Minerva an weiterzufahren und nimmt gerade gegen den vor Entsetzen fast starr gewordenen Cado Richtung. Der aber versieht sich nun mit Steinen, und wie ich merke, bezeichnet er diese zum Teil mit dem Namen ,Jeoua‘, und zum Teil auch mit Deinem Namen ,Jesus von Nazareth‘. Er sieht verzweifelt grimmig aus und droht schon von weitem der sich nahenden Minerva.
[RB.02_172,09] Minerva aber herrscht ihm entgegen: ,Wage es nur, meine Majestät zu beleidigen, so du in tausend Stücke zerrissen sein willst! Sieh, ich komme zu dir, um dich glücklich zu machen, und du willst mich steinigen! O du Blinder, was ist deine Macht gegen die meinige? Die ganze Schöpfung, alle zahllosen Sterne und Welten sind aus mir! Ein Hauch aus meinem Munde verweht sie auf ewig, und du willst mit mir einen Kampf beginnen!? O du tollster Tor! Sieh und höre mich vorerst und dann versuche dich an mir!‘ – Spricht Cado: ,Ob mächtig oder schwächer als eine Mücke, das ist mir ganz gleich. Ich warne dich, nahe dich mir nicht, sonst sollst du verdammt schlecht bedient werden, denn ich verachte dich bis in den tiefsten Abgrund der Hölle! O du bildschöner Satan von einer Minerva, meinst du denn, mit deiner reizenden Gestalt wirst du mich verlocken, daß ich mich dir ergebe? Packe ein mit all deinen Reizen! Wahrlich, nicht einmal mit meinem Kot möchte ich deine Haut beschmieren! Fahre ab, sonst sollst du die Kraft meiner Hände zum Verkosten bekommen. Sieh diesen Stein, ,Jeoua‘ ist sein Name!‘"
173. Kapitel – Cado und Minerva im Zwiegespräch. Schreckensproben der Höllenfürstin. – Cados wahrer Stein der Weisen. Gott Jesus ist Sieger! Sein Name ist der Hölle ein Greuel.
[RB.02_173,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht die Minerva: ,Aber Cado, für so unverschämt grob hätte ich dich wahrlich nicht gehalten. Zwar haben mir ein paar Favoritinnen meines Hofes erzählt, welch ein roher Schroll du sein sollst, doch ich nahm ihre Aussagen nicht gleich als bare Münze. Aber da ich mich nun von deiner höchst ungebildeten Weise, mit hohen Geistern zu verkehren, selbst überzeugt habe – bin ich genötigt, mit dir in einem andern Tone zu reden. – Zuerst sollst du einer kleinen Strafvollstreckung zusehen und daraus entnehmen, wie ich mit Geistern deiner Art umzugehen pflege. Sollte dich dieser Anblick noch nicht mürbe machen, so werde ich dann auch dich meine Schärfe verkosten lassen, weil dir meine Herablassung nicht gefallen will!‘
[RB.02_173,02] Minerva winkt, und augenblicklich werden von schrecklich aussehenden Teufeln eine Menge Marterwerkzeuge herbeigeschafft und im weiten Kreise um Minerva aufgestellt. Dann werden von noch gräßlicheren Teufeln eine Menge noch ganz menschlich aussehender, allerärmster Delinquententeufel aus der schauderhaften Grotte herbeigeschleppt. Diese heulen furchtbar und viele winden sich aus tiefster Verzweiflung bittend vor Minerva, daß sie ihrer schonen möchte. Aber sie winkt stumm den vor Martergier ordentlich glühenden Teufeln, und diese ergreifen mit wilder Hast ihre Opfer und beginnen sie auf das unbeschreiblichste zu martern.
[RB.02_173,03] Ah, das ist doch der gräßlichste Anblick! Wenn diese Teufel so wie wir schmerzfähig sind, ist das etwas, worüber selbst der weiseste Cherub verstummen muß. Das Martern geht nur langsam und planmäßig vor sich. O Herr, du ewige Liebe, erbarme dich dieser unglückseligsten Teufel und lasse den armen Cado nicht in vollste Verzweiflung übergehen! Ich höre von ihm nichts mehr als: ,O Gott, o Gott, o Gott! Wo bist Du? Ist es denn möglich, daß Du so etwas ruhig ansehen kannst? Ich bin verloren, verloren!‘ Er fällt wie ohnmächtig zusammen.
[RB.02_173,04] Jetzt ruft Minerva dem Cado höhnisch zu: ,Nun, du tapferster Held, wo ist denn jetzt dein Mut und Starrsinn? Beliebt es dir, mir etwa noch länger trotzen zu wollen? – Versuche es doch, und ich werde dir sogleich meine Kraft zeigen. Wie gefällt dir dies kleine Pröbchen, das ich vor deinen Augen aufführen lasse? Nicht wahr, die Sache macht sich?‘
[RB.02_173,05] Cado aber springt plötzlich wie neu gestärkt auf und heult der Minerva zu: ,Satan! Grund alles Bösen! Was haben diese verschuldet, daß du sie so quälen läßt? Wenn dir nur ein Funke Weisheit innewohnt, so forsche in dir dem Grund nach und gib ihn mir kund! So er mich befriedigt, dann will ich dich anbeten! Rede, oder ich zerreiße dich in Atome!‘ – Hier bricht Minerva in ein gellendes Gelächter aus und ruft: ,O du elendester Wurm, du wagst es noch, bei all dem Geschehenen mich als die Herrin der Unendlichkeit förmlich um Rechenschaft anzuheulen! Warte, es soll dir sogleich die verheißene Züchtigung zukommen! Diese wird dir sagen, aus welchem Grunde die Allmacht so manches zu tun pflegt nach ihrer Laune, ohne ein geschaffenes Wesen zuvor um Genehmigung anzubetteln.‘
[RB.02_173,06] Nun winkt Minerva ihren Büttelteufeln, Cado zu ergreifen. Sogleich springt eine Menge grimmigster Teufel auf ihn zu, um ihn zur Martermaschine zu schleppen. Aber da sehe man den Cado an! Nein, eine solche Kraft hätte ich in ihm nicht gesucht! Im Augenblick wirft er allergewaltigst einen Stein unter sie, daß sie wie durch einen Zauber auseinanderstieben, als wäre ein gewaltiger Blitz unter sie gefahren. Keiner scheint mehr Lust zu haben, einen wiederholten Angriff zu wagen.
[RB.02_173,07] Als Cado ersieht, daß ihm der mit Deinem Namen, o Herr, bezeichnete Stein einen so gründlichen Dienst geleistet hat, legt er die Hände auf seine Brust und sagt: ,Nicht mehr du Judenprophet Jesus, sondern Du – Gott Jesus! Du hast mir geholfen! Dir sei all mein Dank und alle meine Achtung auch aus der Hölle, in der ich mich befinde!‘"
[RB.02_173,08] Miklosch fortfahrend: „Überaus merkwürdig ist es, daß beim Nennen Deines allerheiligsten Namens sämtliche Teufel samt Minerva wie von einer Million Blitze zu Boden geschmettert worden sind und keine Lust mehr zeigen, sich wieder zu erheben.
[RB.02_173,09] Cado aber fragt nun die zusammengekauerte Minerva: ,Nun, du holdeste Beherrscherin der Unendlichkeit, wie geht es dir jetzt? Mir scheint, du bist ein wenig angegriffen? Möchtest du dich nicht ein wenig näher zu mir begeben? Vielleicht könnte ich dir helfen mit noch so einem Stein der Weisen!‘
[RB.02_173,10] Minerva richtet sich nun wieder auf, findet aber zu ihrem Leidwesen, daß ihre Lanze gebrochen und ihr Zepter beschädigt ist. Sie betrachtet ihre Herrschaftsabzeichen eine Weile und sagt: ,Das ist sehr übel für meine Herrschaft! Denn es sprach einst das mächtige Fatum zu mir: ,Minerva, du weiseste und mächtigste Königin über alle Sterne! So es je geschehen sollte, daß dir deine Lanze gebrochen und dein Zepter beschädigt würde, dann wird es mit deiner Herrschaft ein baldiges Ende nehmen, und du wirst verabscheut werden ärger als ein Aas!‘ – Ja, das unerbittliche Fatum hat wahr gesprochen! Kein Engel der Himmel konnte je meine Macht brechen. Aber einem niedrigsten Teufel, der doch bei aller Bosheit ein dümmster Teufel war, wurde es vorbehalten, daß er mich stürze!‘
[RB.02_173,11] Nach diesem Selbstgespräch wendet sie sich an Cado: ,Dümmster aller Teufel, wie ist dir nun, da du mich so schmählich hintergangen hast? Wirst du nun als das Sinnbild rohester Dummheit die Welten, Sonnen und alle Elemente lenken? Wirst du sie aufhalten, so sie nun bald, da ich sie nicht mehr erhalten kann, über dich hereinstürzen? Meinst du, auch eine ganze Welt mit ihrer Schwere wird sich von deinen schmutzigsten Steinen im Fall aufhalten lassen?‘ – Spricht Cado: ,Wenn du als allmächtige Beherrscherin der Unendlichkeit dich vor meinen Steinen nicht schützen konntest, wie werden sich dann deine miserablen Werke vor ihnen schützen? Wer so eine saubere Gottheit wie dich besiegt, für den werden wohl ihre Werke auch nicht unbesiegbar sein. Kümmere dich dessen nicht! Da weiß es schon eine andere Gottheit als du, was sie aus deinen Werken machen wird. – Sage mir lieber, wie viele so arme Teufel hinter jener Grotte noch weilen, die du zu deinem Privatvergnügen auf das scheußlichste martern lassen willst? Und wie viele sind schon von jeher vielleicht noch ärger gequält worden? Sage mir die genaue Wahrheit, sonst sollst du von mir übel bedient werden!‘
[RB.02_173,12] Spricht Minerva: ,Sieh, du blinder Tor! Alles, was du hier sahst, war nichts als eine flüchtige Ausgeburt meiner Phantasie zur Probe deines Mutes. Ich allein bin eine Wirklichkeit alles andere war ja nur Schein und kein Sein. Daher hattest du mit dem Schein auch einen leichten Kampf zu bestehen. Wäre dir hier eine Wirklichkeit entgegengetreten, hätten dir deine Steine sicher keinen Sieg verliehen. Du hast nur einen Schein und keine Wirklichkeit besiegt!‘ – Hier denkt Minerva etwas nach und sagt nach einer Weile: ,Auf deine Frage kann ich dir daher auch keine Antwort geben – zumal auch mein gerechter Stolz nie zugeben könnte, daß ich mich mit so einem dümmsten Teufel in ein Weisheitsgespräch einlassen möchte. Verstehst du solches?‘
[RB.02_173,13] Spricht Cado spöttisch: ,Schau, schau, was du doch für ein kluges Tier bist! Also nur den Schein hätte ich besiegt durch den Gottnamen Jesus? Und doch sagtest du soeben von dir selbst, daß du eine allmächtige Wirklichkeit bist! Wenn ich mit meinem Stein bloß deine grausamsten Phantasiebilder besiegt hätte, wie kommt es dann, daß du dich in Wirklichkeit nun ganz gelähmt vor mir befindest? Rede nun und mache mir die Sache erklärlich!‘
[RB.02_173,14] Spricht Minerva: ,Das ist auch nur ein Scheinsieg, da ich mich nur so stelle, als wäre ich besiegt. Denn als Besiegte stünde ich nicht mit aller Entschlossenheit vor dir und wäre nicht bereit, mit dir noch zahllose Male den Kampf zu erneuern! Ich gebrauchte gegen dich reinstes Nichts dieses Scheingefecht nur aus Schonung für dein mir leider zu wohlgefälliges Wesen, welches mein Herz mit unverdienter Liebe gegen dich erfüllt. Besäße ich nicht diese zarte Rücksicht, so hätte ich ein paar allerschwächste Mückengeister über dich gesandt, die deine Macht in nichts verwandelt hätten. Wenn du mir aber viel Flausen machst, werde ich denn doch noch genötigt sein, dir mit der Wirklichkeit entgegenzukommen.‘
[RB.02_173,15] Spricht Cado: ,Hm, merkwürdig! Nein, du bist wirklich ein scharmantes Wesen. Schau, so viel Herzensgüte hätte ich bei dir nicht erwartet! Daß du überaus gut sein mußt, haben mir ja deine Phantasiebilder hinreichend bewiesen. Ebenso deine schönen Ideen der Gottes-Entthronung, die du früher durch deine Hauptmacht ausführen wolltest, die nun unter dem Glutmeer begraben liegt. War etwa das auch leere Spiegelfechterei? – Der erste Empfang von Seite deiner Apostel war an mir wenigstens verdammt wirklich, was ich zu meiner Witzigung nur zu klar verspürt habe. Dieselben Apostel aber sind hernach in einer ungeheuer vermehrten Anzahl gegen die wahre, allmächtige Gottheit zu Felde gezogen, um höchstwahrscheinlich deinen uralten Plan auszuführen. Aber die allmächtige Gottheit war gleich so keck, die Feuerschleusen dieses Gebirges zu öffnen und begrub deine Hauptmacht unter den Wogen des Glühmeeres. Sage mir gütigst, ob das alles auch nur Schein war ohne alle Wirklichkeit?‘
[RB.02_173,16] Spricht Minerva mit zornverbissenen Lippen: ,Das war leider kein Schein! Daß es aber so ungünstig für mich ausfiel, daran ist leider dein dümmster Häuptling schuld. Denn ich habe es ihm tausendmal gesagt, daß es jetzt noch nicht an der Zeit sei. Aber er handelte eigenmächtig und hat nun den Lohn für seine wahnwitzige Tollkühnheit! Wann wird sich wieder so eine Gelegenheit darbieten?‘
[RB.02_173,17] Spricht Cado: ,Ich glaube, in alle Ewigkeit nimmer! Packe daher ein mit deinem dümmsten Plan. Gott ist und bleibt Gott ewig! Und du – ein allerdümmstes Wesen, schlecht und elend genug, so du diesen Plan nicht aufgeben wirst. Was für ein unsagbar schönes Wesen wärst du, wenn du nicht so bösdumm sein möchtest! Lege einmal dein uraltes, stets fruchtloses Handwerk, und nimm an den Willen der Allmacht, der du ewig nimmer zu widerstreben imstande bist! Ergib dich, du deiner Gestalt nach unbeschreiblich Herrliche, und ich selbst will dich mit einer Liebe umfassen, von der unter den geschaffenen Geistern die ganze Unendlichkeit kein Beispiel gesehen hat. Sonst muß ich dich trotz deiner höchsten Schönheit dennoch zutiefst verachten.‘
[RB.02_173,18] Spricht Minerva etwas weniger leidenschaftlich: ,Wüßtest du, was ich weiß, würdest du von deiner Gottheit anders reden. Aber dennoch hast du recht, daß du so zu mir redest, denn es ist wirklich so! Aber ich kann mich ewig nimmer ändern. Denn ändere ich mich, so ist im nächsten Augenblick außer Gott und mir kein geschaffenes Wesen mehr in der ganzen Unendlichkeit, keine Sonne und keine Erde! Ich muß daher in der ewigen Qual stecken, auf daß die Geschöpfe aus mir in aller Seligkeit schwelgen können. Aber nun habe ich es satt, und es muß einmal anders werden!‘
[RB.02_173,19] Spricht Cado: ,O du arme Mutter der Unendlichkeit, komm her zu mir, ich werde dich zu unserm lieben Herrgott Jesus führen, nachher wird schon alles wieder gut werden!‘
[RB.02_173,20] Schreit Minerva: ,Nur diesen Namen nenne mir nimmer, sonst ist es gleich ganz aus mit uns beiden! Denn dieser Name ist mir ein Greuel!!‘"
174. Kapitel – Cados Weisheit gegen Minervas Verblendung. Anerkenne den Gottmenschen Jesus!
[RB.02_174,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Cado: ,Aber liebe Mutter der Unendlichkeit, holdeste und schönste Minerva! Warum denn gerade vor diesem so menschenfreundlich klingenden Namen einen solchen Widerwillen? Was hat er dir denn getan? Ich finde gerade in diesem Namen sehr viel Tröstendes und Beruhigendes! Also heraus mit der Sprache, was für einen Haken hat es da?‘
[RB.02_174,02] Spricht Minerva ganz erbost: ,Freund, da hat es den unendlich größten Haken, den alle Ewigkeiten nicht gerade biegen werden! Denn in diesem Namen ist die Gottheit wahnsinnig geworden und hat ihre Urhöhe und Tiefe verlassen. Sie hat sich aus törichtester Liebe zu ihren Phantasiegeschöpfen in einen engen Rock gepfercht, aus dem sie nun nicht mehr herauszubringen ist. Denke dir eine aus purer Affenliebe zu ihren Geschöpfen von ihren mistigsten Kreaturen mißhandelte, ans Kreuz gehängte Gottheit! Eine Gottheit, die sich zu einem Aas herunterwürdigt, statt auf ihrer Höhe und Glorie in meiner lichtvollsten Gesellschaft zu bleiben und über alle Wesen zu herrschen, die aus mir ihr unverwüstbares Dasein nehmen! Was, frage ich, was kann ich als die höchste Weisheit von solch einer toll gewordenen Gottheit halten? Ich könnte vor Schande und Schmach vergehen, wenn ich auf solch eine entsetzliche Erniedrigung schauen muß! Würde auch ich mit der Gottheit toll, so geht die ganze Unendlichkeit in Trümmer und alle Wesen haben zu sein aufgehört. Siehe, das ist der verzweifelte Haken!‘
[RB.02_174,03] Spricht Cado: ,Merkwürdig! – Aber was ist denn hier so merkwürdig? Oh, nicht die Erniedrigung der Gottheit zu ihren Geschöpfen herab! Das ist in meinen Augen noch lange nicht so merkwürdig, als daß die höchst weise Göttin Minerva so schauderhaft geistesbeschränkt ist, sich von der großen Gottheit eine so überaus dumme Vorstellung zu machen! Erlaube mir: wie kann die Gottheit als der reinste Urgeist, als die mächtigste Urkraft aller von ihr ausgehenden Kräfte je schwach werden? Sie, die die Unendlichkeit umspannt und der ewige Mittelpunkt ist – könnte je schwach, ja am Ende sogar wahnsinnig werden? Nein, Minerva, du magst sonst sehr weise sein, ja sogar so weise, wie du verführerisch schön bist; aber der Witz mit der göttlichen Schwäche und Tollheit ist dir nicht gelungen! Zudem sehe ich, daß du außerordentlich herrschsüchtig bist und es dir beliebt, mit mir einen Spaß zu machen. Und so ärgere ich mich auch nicht mehr über deine mir bezeigte Dummheit.
[RB.02_174,04] Aber weil ich ein großes Wohlgefallen an deiner Schönheit habe und dich im Ernste liebe, gebe ich dir einen Rat. Dieser besteht darin, daß du dich mit dem Gottmenschen Jesus auf freundschaftlichen Fuß stellen sollst! Lasse wenigstens Seinen Namen in deinem Reiche öfters ausrufen zu deiner eigenen Überzeugung, was daraus etwa entstehen könnte. Ich bin überzeugt, daß du dadurch in aller Kürze zu ganz anderen Vorstellungen über die Gottheit gelangen wirst. – Siehe, ich bin vielleicht ein viel ärgerer Teufel noch als du. Ich kenne Jesum nur dem Namen und einigen Bestimmungen Seiner Lehre nach, die wahrlich göttlich weise sind und sogar jedem redlich denkenden Geist- oder Fleischteufel höchste Bewunderung abnötigen müssen. Es kommt mich wahrlich nicht schwer an, Ihm die tiefste Achtung zu zollen. Warum soll dann gerade dir das so schwer und unausführbar vorkommen?
[RB.02_174,05] Geh und sei nun einmal gescheit! Dumm warst du ohnehin schon lange genug. Schau, wir zwei taugten denn doch hübsch füreinander. Es wird deswegen noch Schlechtes genug geben, wenn es auch nicht mehr von uns ausgehen wird. Der gute Herrgott wird noch eine hübsche Weile zu tun haben, bis Er all unserer Nachkommenschaft vollends Meister wird, so wir auch unser Teufelmachergeschäft für immer aufgeben. Es darf dir darum wahrlich nimmer leid sein, denn du hast davon noch allzeit einen scheußlichen Lohn empfangen. Und am Ende könnte es der Gottheit bei einer Gelegenheit einmal doch einfallen, dich für ewig ganz zu vernageln. Und was hättest du dann von all deiner sauersten Mühe und Arbeit? Daher folge meinem Rat um so mehr, als du mir doch ehedem selbst zu verstehen gabst, daß deine Existenz genau wie die der Gottheit für ewig unverwüstbar sei!‘
[RB.02_174,06] Minerva ist hierauf stumm, steht als ein unbeschreiblich schönstes Weib knapp am Hügel auf ihrem Wagen und scheint über Cados Worte nachzudenken."
175. Kapitel – Minervas Bedingungen der Ergebung – Cados Erwiderung.
[RB.02_175,01] Miklosch berichtet weiter: „Nach einer Weile richtet Minerva ihr Angesicht wieder gegen Cado und sagt: ,Freund, ich muß dir offen gestehen, daß du mich sehr interessierst. Es liegt in deiner schönen Gestalt wie auch in deinen Worten mehr Geist und Wahrheit, als du selbst noch ahnst. Aber ich kann deiner Rede nicht eher Gehör bieten, bis die von mir geschaffene Erzhure des neuen Babel vollends gestürzt ist. Ich habe sie aufgerichtet zu einer Feuerprobe für alle, die auf den mir widrigsten Namen getauft wurden, und wollte der Gottheit nur beweisen, daß auch ihre Lehre in ein abgefeimt tollstes Heidentum umgestaltet werden kann. Scheinbar ist mein Werk gelungen, und die neuen Babylonier wissen sich nun vor Nacht und Grauen nicht mehr zu helfen. Sie haben allen Geist verloren. Vom Christentum ist keine Spur mehr zu entdecken. Sie haben nur noch ein morsches Gerippe und erwürgen sich der toten Haut wegen, in der schon seit nahe einem vollen Jahrtausend kein Leib und noch weniger eine Seele samt ihrem Geist sich befindet. Aber das muß so geschehen: Meine Greuel müssen durch aus sich gezeugte neue Greuel vernichtet und die Menschheit in eine neue Pflanzschule versetzt werden. Wenn solches bewerkstelligt ist, dann sollst du mir unter die Arme greifen, und ich werde mit dir eines Sinnes sein ewig!‘
[RB.02_175,02] Spricht Cado: ,Holdestes und schönstes Weib der ganzen Schöpfung Gottes, mache mir keine so schweren Bedingungen, deren Erfüllung wahrlich nicht abzusehen ist! Lasse das hundemäßige Neu-Babel! Lasse die Gottheit allein walten, der es ein leichtes sein wird, alle von dir angelegten Krummwege zu ebnen! Du aber folge mir und werde fortan glücklich! Gedenke nicht mehr dessen, was du warst, sondern vielmehr, wie glücklich du wieder werden kannst! Und wie glücklich ich sein werde an deiner Seite und mit uns zahllose Myriaden in Anschauung deiner unendlichen Schönheit! Denke dir meinen Schmerz, so ich dich verachten müßte deines tollen Starrsinns wegen. Ich bitte dich, du unbeschreiblich Schönste, folge meinem Rat! Bei der Allmacht der Gottheit schwöre ich dir, daß du von mir nicht hintergangen wirst! Du Zentralsonne alles Lichtes, verlasse deinen Wagen, wirf Zepter und Lanze von dir und ziehe an den herrlichen Schild der Liebe! Komm an meine Brust, und du sollst für alles Ungemach, das dir je begegnet ist, die reichlichste Entschädigung finden! Mit deiner Scheinmacht wirst du mich nie besiegen, aber mit der Liebe wirst du mich zum Sklaven deines Herzens machen!‘
[RB.02_175,03] Spricht Minerva: ,Cado, Cado! Du wagst mit mir ein gefährliches Spiel! Was wirst du tun, so dich der eifersüchtige Himmel meinetwegen auf das härteste verfolgen wird? Blicke auf, und du wirst sehen, wie ich von zahllosen Milliarden in meiner Unterredung mit dir belauscht werde! Meine mit nichts zu vergleichende Schönheit ist ja eben mein ewiges Unglück. Ich sollte nur Einen lieben, für den aber in meinem Herzen keine Liebe thront. Will ich aber meine Liebe jemand anderem zuwenden, dann ist aller Himmel voll Zorn und Rache gegen mich und den, dem ich mein Herz zuwende. Möglich, daß es dir vielleicht gelingt. Aber wehe dir und mir, wenn es dir nicht gelingen sollte!‘
[RB.02_175,04] Spricht Cado: ,Du hast in Hinsicht der Milliarden himmlischer Belauscher wohl recht. Ich ersehe sie nun auch, aber ich erkenne in ihnen Freunde und keine Feinde. Siehe, sie alle winken mir Beifall zu! Sollte aber ihre Freundlichkeit eine Kriegslist sein, so werden sie es mit mir zu tun bekommen. Kurz, ich lasse nimmer ab von dir! Du bist mein, und keine böse Macht soll dich mir nehmen. Denn auch ich bin unzerstörbar und bin mächtig aus Gott – und aus keinem Teufel, der ich selbst einer bin!‘
[RB.02_175,05] Spricht Minerva: ,Cado, Cado! Reize die Götter nicht, denn du bist nur ein schwacher Mensch! Sieh, die da oben werden mich bald in ein häßliches Kleid werfen, was wirst du dann sagen?‘
[RB.02_175,06] Spricht Cado: ,Nein, nein, sieh hinauf! Alle geben mir Zeugnis, daß sie solch einer Tat unfähig sind! Alle haben eine Freude, daß du in deiner urwahrsten Gestalt so lange verharrst und sie Gelegenheit haben, die erste ,Urschönheit‘, den ersten ,Grundgedanken alles Seins aus Gott‘ anzustaunen. O ,Lichtträgerin‘ alles dessen, was der geschaffene Geist schön nennen kann, mache keine Bedingung mehr und komme! Mein Inneres sagt mir, daß auf deine Rückkehr alle Himmel schon Zeitenläufe vergeblich harrten und sich sehnten, dich als die Krone endlicher Vollendung aller Dinge und Wesen die Ihrige nennen zu können. Laß erweichen dein Herz und genieße an meiner Seite höchste Seligkeiten! Fühle einmal auch die Wonne, für die du – als erste, größte und vollendetste Idee aus Gott – bestimmt warst und noch bist!‘
[RB.02_175,07] Minerva sieht Cado nun recht freundlich, aber doch noch mit Herrscheraugen an und sagt: ,Cado, hast du dir im Ernst vorgenommen, mich schwach zu machen? Oh, hoffe nicht zu voreilig! Denn mächtigste, größte Geister haben sich an mir versucht und sind am Ende mit Spott und Schande unverrichtet abgezogen. Wie kann es dir einfallen, mich zu gewinnen für dein Herz und am Ende gar für die mir über alles verhaßten Himmel, die ich besser kenne als du armer, blinder Teufel! Jedes Wesen muß sich selbst treu bleiben! Es muß entweder vollkommen ein starker Teufel sein oder umgekehrt ein dummer Himmelsbote. Aber wenn ein Teufel wie du zugleich auch eine Art Engel sein will, der muß mir widrig werden, obschon er sonstige Eigenschaften besitzt, vor denen ich eine gerechte Achtung habe. Mein lieber Cado, so du mein Herz gewinnen willst, mußt du es anders anfangen! Wahrlich, ich bin dir nicht abgeneigt. Willst du mich aber gewinnen, so mußt du mir folgen und zu mir kommen, aber nicht verlangen, daß ich das tue!‘
[RB.02_175,08] Spricht Cado: ,Aber Herrlichste, ich will dich ja nur für mich selbst gewinnen! Ob sich die Himmel darüber freuen oder ärgern, ist mir gleich. Ich will ja nur dich und nicht die dir verhaßten Himmel und beharre für ewig bei diesem Verlangen! Aber den mächtigsten Himmeln trotzen werde ich auch deinetwegen nicht, obschon ich dich mehr liebe als alle Schätze der Unendlichkeit!
[RB.02_175,09] Siehe, ich halte ein jedes Wesen, dich nicht ausgenommen, für höchst dumm, das mehr tun will als es vermag. Überaus dumm aber ist ein Wesen, das selbst die bittersten, endlos vielen Erfahrungen nicht klüger zu machen imstande sind. Was wohl hast du gewonnen durch deinen unbeugsamen Starrsinn? Bist du dadurch mächtiger oder reicher oder schöner geworden? Oder waren dir die dezillionenfachen Züchtigungen, derer du teilhaftig wurdest, eine Wollust? Da gleichst du jenen eselhaften Völkerbeherrschern, die lieber ihr ganzes Reich zugrunde richten, als sich in ihrer Dummheit von einem niederen Weisen etwas raten zu lassen.
[RB.02_175,10] Du zwar schönstes, aber dabei auch allerdümmstes Weib – wenn ich dich besiegen wollte, da brauchte ich ja nicht ein Wort mit dir zu verlieren, denn da genügten diese Steine! Und da sieh eine neue Waffe! Es ist eine Wurfschlinge, mit der ich umzugehen verstehe. Ich brauche sie nur nach dir zu werfen, und kein Teufel und Gott deines Maßes befreit dich mehr aus meiner Macht! Aber ich selbst will dich nicht fangen und nötigen, sondern alles dir selbst überlassen, damit der Sieg über dich nicht mein, sondern allein dein freies Werk sei!
[RB.02_175,11] Meinst du denn, daß ich Freude hätte, so du mir zu eigen würdest durch meine Macht über dich? So du aber meine wohlgemeinten Worte beherzigst, dich selbst besiegst und dich mir gibst zur ewig treuen Gefährtin, bist du für mich eine Unendlichkeit aller Seligkeiten! – Was wirst du nun tun? Lichtträgerin, um deiner endlosen Schönheit willen bitte ich dich: ermanne dich und laß ab von deinem Starrsinn! Du kommst mir ewig nimmer aus. Denn richte ich mit dir nichts aus durch meine Liebe, so werde ich Gewalt gebrauchen und dich so an mich ketten!‘
[RB.02_175,12] Spricht Minerva: ,Aber lieber Freund, warum soll denn gerade ich mich besiegen und mich dir ergeben? Kannst du nicht dasselbe tun? Denn ich dürfte für dich doch wohl mehr Anlockendes haben als du für mich. Zudem wäre es ordnungsmäßiger, daß der Bräutigam zur Braut hinginge als die Braut zu ihm!‘
[RB.02_175,13] Spricht Cado: ,Allerdings! Ich wäre auch schon lange bei dir, so der Boden, auf dem du stehst, ein anderer wäre. Ich verstehe mich aber nicht, auf solch einem Boden zu wandeln. Dich aber trägt jeder Boden, und so kannst du wohl eher zu mir kommen als ich zu dir!‘
[RB.02_175,14] Spricht Minerva: ,Was wirst du aber mit mir machen, wenn ich zu dir komme?‘ – Spricht Cado: ,Törichte Frage! Lieben und glücklich machen werde ich dich, und aus diesem Hügel ein neues Paradies gestalten der Gottheit zur Ehre, die mich mit Kraft versieht!‘
[RB.02_175,15] Spricht Minerva: ,In einem Paradies bin ich schon einmal schändlich hintergangen worden! Mein Adam, deiner Erde Erstling, hat mich auf eine Art betrogen, daß ich mir's für die ganze Ewigkeit merke! Noch auf keinem Weltkörper ist es der Gottheit gelungen, mich so hinters Licht zu führen als eben auf dieser Erde. Und daran war das schmähliche Paradies schuld. Ich bin da zum erstenmal der Gottheit aufgesessen und genieße nun über 6000 Jahre lang die elendsten Früchte davon! Daher komm du mir mit keinem Paradies, so du mich im Ernst für dich stimmen willst! Aber ich mache dir einen Vorschlag – wenn du diesen annimmst, dann bin ich die Deine für ewig!
[RB.02_175,16] Der Vorschlag aber lautet: Gelobe mir, den Namen Jesus, daran ich fast ersticke, nimmer auszusprechen! Und wirf alle Steine von dir und die Schlinge auch, so soll dir dafür mein Herz zum Lohn werden. Tue das, und ich bin dein für ewig und werde dir allein leben!‘
[RB.02_175,17] Spricht Cado: ,Meine reizendste Minerva! Jesus oder kein Jesus, das wäre mir ein Ding. Und die Steine und diese Götterschlinge, ich könnte deiner auch ohne ihre Hilfe Herr sein. Aber da du zu allen Zeiten die größte Künstlerin im Lügen und Sitzenlassen warst und sicher noch bist, so kann ich keinen Vorschlag annehmen, bis du den von mir gemachten annehmen wirst. Aber bald, denn ich merke, daß die himmlischen Zeugen über uns unruhig werden! Entschließe dich rasch, denn meine Geduld geht nun auch zu Ende!‘"
[RB.02_175,18] Miklosch fortfahrend: „Minervas Gesicht wird nun finsterer und herrschsüchtiger. Sie sinnt nach Widersätzen, aber es scheint ihr kein rechter einfallen zu wollen. Sie möchte sich vor heimlicher Wut in ihre eigenen Lippen beißen, wenn sie sich nicht vor Cado scheute. Wahrlich komisch anzusehen, wie sich die Erfinderin des Hochmuts und der Lüge alle erdenkliche Mühe gibt, dem Cado keine Schwäche zu verraten. Aber dieser läßt sie nun keinen Augenblick aus den Augen und hält die Wurfschlinge schon in Bereitschaft. – Nein, da bin ich wahrlich neugierig, was nun die Satana für ein Manöver ausführen wird!‘"
176. Kapitel – Cado erhält stärkeren Engelsschutz. – Minervas Gegenvorschläge. Die Hölle zeigt neue Schreckensmienen.
[RB.02_176,01] Miklosch berichtet weiter: „Nun begeben sich aber auch unser Freund Robert-Uraniel und sein Gefährte Sahariel unvermerkt auf den Hügel zu Cado hin, der ihrer aber nicht ansichtig wird.
[RB.02_176,02] Auch die Schein-Minerva scheint die Ortsveränderung der beiden nicht zu merken. Sie mustert hin und her, aber Cado steht wie eine Mauer auf seiner Hut. Dies scheint der Minerva nicht zuzusagen, daher sie immer auf den Boden starrt und nachdenkt, was sie nun tun soll. Sie schneidet allerlei Gesichter, bald ein ernstes, bald ein freundliches, bald ein weises, nun wieder ein herrisches; aber überall schaut der alte, heimliche Sünder heraus.
[RB.02_176,03] Die Geschichte scheint Cado langweilig zu werden. Er räuspert sich kräftig und fragt Minerva: ,Nun, Holdeste, ich habe ein ziemliches Weilchen geharrt, aber es kommt von deiner Seite zu keinem Entschluß, noch zu irgendeiner Tat nach meinem Wunsch! Ich gebe dir noch eine kurze Bedenkzeit. Wird diese zu nichts führen, dann sollst du meine Fertigkeit im Gebrauch der Wurfschlinge zu bewundern bekommen! Seit deinem Sein hast du aus den Myriaden der von dir verführten Geister noch keinen gefunden, der dir ein Meister gewesen wäre. Sie alle waren deiner List nicht gewachsen, aber an mir wirst du dich verdammt verrechnen! Ich sage dir wiederholt: Mich fängst du nicht! Ein Cado macht sich aus Gott, Tod und Teufel nichts, und Himmel und Hölle sind ihm einerlei. Der Cado steht unter keinem Kommando! Was er tun will, das wird er auch tun, weil er es kann! Daher entschließe dich sogleich, sonst fliegt die Schlinge an deinen herrlichen Nacken!‘
[RB.02_176,04] Spricht Minerva: ,Aber lieber Cado, sei doch ein wenig manierlicher! Ich kann ja doch nicht so urplötzlich aus meinen alten, üblen Gewohnheiten heraushüpfen. Ich glaube, wenn du deinem Heldentum ein wenig mehr Geduld hinzufügst, wird dir das auch nicht schaden. Daß ich dem Schein nach nicht sogleich auf dein Begehren einging, hat seinen Grund! Denn auch mir muß es zustehen, den zu erproben, mit dem ich, der ganzen Unendlichkeit größte Schönheit, mich verbinden möchte. Wenn ich an dir kein Wohlgefallen hätte, hätte ich mich schon lange von dir entfernt. Aber dein höchst sonderbares Wesen fesselt mich mit zauberischer Gewalt. Und ich lasse mir von dir Dinge sagen, die ich mir selbst von der Gottheit noch nie habe gefallen lassen. Bist du damit noch nicht zufrieden?‘
[RB.02_176,05] Spricht Cado: ,Herrlichste der Schöpfungen Gottes, ich liebe dich unendlich. Um dir gegenüber nicht unartig zu sein, will ich noch einige Augenblicke zuwarten. Aber länger wolle du meine Geduld nicht erproben!‘
[RB.02_176,06] Minerva lächelt nun und wirft ihre zerbrochene Lanze in das beruhigte Glutmeer, auf dem noch immer zahllose breitgeschlagene Geister liegen und dessen Wogen niederhalten.
[RB.02_176,07] Als die Lanze von dem Meer verzehrt ist – was Cado für ein günstiges Zeichen zu halten scheint – erheben sich auf einmal aus dem Glühpfuhl eine Menge schrecklichst aussehender Gestalten und umlagern die Minerva. Einer, der die Gestalt aller Drachen und furchtbarsten Bestien in sich vereinigt, donnert Minerva mit Tigergebrüll zu:
[RB.02_176,08] ,Elendste! Ist das dein Dank für die Trillionen Dienste, die wir dir Ewigkeiten hindurch geleistet haben. Dir zuliebe scheuten wir kein Opfer, keine Mühe und selbst die ungeheuersten Schmerzen und Qualen nicht, um uns endlich deiner uns so oft versprochenen Liebe zu versichern. Dankst du uns damit, daß du uns aus Liebe zu einem neuen Teufel, der kaum erst die Nase in die Hölle gesteckt hat, schmählichst verlassen willst? – Nein, nimmermehr wirst du uns das tun! Eher zerstören wir dich, die Hölle und alle Himmel, bevor du einen Schritt von dieser Stelle tust! Siehe, unsere Diener bändigen dieses Meer und leiden entsetzliche Qual, damit du als Gebieterin ruhig darauf wandeln kannst! Und du willst uns verlassen und nimmer jene Lust gewähren, die du uns so oft verheißen hast? O wage es nur, du elendeste Hure, dir soll dafür ein Lohn werden, von dem selbst die Phantasiefülle der Gottheit nie etwas geträumt hat! Rede nun, was wirst du tun? Sieh nur hinauf, wie dein Held den Mut sinken läßt und sich nach allen Seiten umsieht, ob es nicht irgendwo ein Loch zum Durchgehen gäbe! – O rufe ihn dir zur Hilfe, rufe ihn! Warum rufst du ihn nicht, deinen Erwählten?‘
[RB.02_176,09] Minerva scheint vor Schande, Zorn und Wut vergehen zu wollen. Sie bebt am ganzen Leibe und scheint vor lauter Grimmfieber keines Wortes fähig zu sein. Cado aber gebärdet sich noch grimmiger und scheint in sich zu beraten, was er nun tun soll. Diese gräßlichsten Giganten flößen ihm denn doch Respekt ein, und zugleich erfährt er ein Zeugnis über Minerva, das ihn über deren Treue und Liebe sehr bange macht. Deshalb ist er auch unschlüssig, was er jetzt tun soll. Aber Minerva macht so sehnsüchtige Blicke, daß er sich von ihr nicht trennen mag. Er fängt daher an, seine Steine zu mustern und zu ordnen.
[RB.02_176,10] Nach einer kleinen Weile richtet sich Cado auf und sagt zu den gräßlichen Unholden: ,Eure Macht und eure Trugkunst kenne ich, sie ist nicht euer Werk! Ihr für euch selbst seid nur leere Schemen und pure Phantasiegebilde dieser einen, der ihr eine nichtigste Scheindrohung macht. Wäret ihr wirkliche Wesen, so möchte ich euch sogar belohnen für einen Dienst, den ihr mir nun geleistet habt. Denn durch euer Benehmen und eure Worte wurde ich mit ihrem Charakter näher vertraut, und das ist für mich von größter Wichtigkeit. – Zerreißt sie, so ihr es könnt! Ich könnte es tun, aber ich will es nicht, weil sie solch einer Mühe von meiner Seite aus gar nicht wert ist.
[RB.02_176,11] Satana, wenn dir noch ein Pröbchen ähnlicher Art auszuführen möglich ist, so tue es nur! Dabei bekomme ich desto mehr Gelegenheit, dich durch und durch kennenzulernen. Mit euch, ihr Schemen, aber werde ich nun im Namen Gottes, Jesu des Gekreuzigten, sogleich fertig werden! Seht diesen Stein an, er ist bezeichnet mit dem Gottnamen Jesus nebst drei Kreuzen! Dieser Stein wird zeigen, wessen Geistes ihr seid!‘
[RB.02_176,12] Hier hebt Cado einen Stein vom Boden und fängt an, ihn zu einem kräftigen Wurfe zu schwingen. – Minerva aber schreit ängstlich auf: ,Cado, um alles, was dir heilig ist, tue das nicht! Du bist im selben Augenblick für ewig verloren, in dem der Stein deine Faust verläßt. Die Macht dieser Geister, die du irrig für Ausgeburten meiner Phantasie hältst, ist unbändig. Was sie ergreifen, entreißt ihnen keines Gottes Macht mehr. Verhalte dich ruhig! Vielleicht gelingt es mir, sie zu beschwichtigen und dann meine Befreiung mit dir ins Werk zu setzen!‘
[RB.02_176,13] Cado, der jetzt dem geheimen Einfluß der hinter ihm stehenden beiden Schutzgeister mehr und mehr ausgesetzt ist, spricht ernstlich: ,Deine Worte sind wie Seifenblasen, es ist keine Wahrheit in ihnen. Du bist eine Lügnerin von jeher gewesen, hast aber dadurch niemandem mehr geschadet als gerade dir selbst. Darum sei versichert, daß ich nur das tun werde, was du mir am meisten widerraten wirst! Daher im Namen meines Gottes, meines Heilandes Jesus!‘
[RB.02_176,14] Hier wirft Cado den Stein dem ersten großen Unhold an dessen Drachenkopf. Ein fürchterlicher Knall wie aus tausend Kanonen geschieht, als der Stein den Kopf des Unholds berührt. Alles bis auf Minerva verschwindet, die nun bebend auf einem Sandhaufen ganz nackt steht und sich vor Cado zu verbergen sucht, was ihr aber nicht gelingt.
[RB.02_176,15] Cado aber fragt sie: ,Nun, Holde, wie siehst du nun aus! Wo ist die mir angedrohte Gefahr? Und wo die drohenden Machtgeister, die ehedem Himmel, Hölle, Gott und alle Erde zerstören und dich der Untreue wegen züchtigen wollten? Wo sind sie nun? – Sieh, es tut sich nimmer mit deiner Kunst! Du kommst mir nicht mehr aus! Ein anderer würde dich züchtigen nach Gebühr, aber ich vergebe dir alles. Nur folgen mußt du mir, sonst gebrauche ich eine Gewalt, der du keinen Widerstand wirst leisten können. Sieh, du bist verlassen von allem, was dir je irgendeinen Schein von Macht verliehen hat. Nichts hast du außer mich und deine unbeschreibliche Formen-Schönheit. Lehne dich daher festwillig an mich, und ich werde dich einen rechten Weg führen, einen Weg der wahren Liebe zu dir. Aber frei mußt du mir folgen!‘
[RB.02_176,16] Spricht die tief beschämte Schein-Minerva. „Ja, ja, ich will, ich muß dir folgen! – Aber nur einen Schritt näher tue zu mir, wenn du wirklich Liebe zu mir in deinem Herzen hegst. Da ich mich dir nun schon über tausend Schritte genähert habe, könntest du doch einen Schritt näher zu mir her wagen!‘
[RB.02_176,17] Spricht Cado: ,Du weißt ja, daß ich einer bin, der auch nicht um ein Haar mit sich handeln läßt und nie deinem Verlangen eher folgen wird, als bis du dich auf dem Standpunkt völliger Umwandlung deiner urbösen und ungetreuesten Gesinnung befinden wirst. Daher unterlaß für die Folge alle Forderungen an mich. Ich bin böser als du, obschon deine Urbosheit die Unendlichkeit mit dem härtesten Gericht erfüllen könnte. Aber da zu deiner Wiedergewinnung aller Engel Mühe an deinem unbeugsamen Starrsinn scheiterte, muß dich ein Teufel der Teufel dahin wiederbringen, von wo du ausgegangen bist. Aber dieser Teufel ist kein Teufel deiner Art, sondern einer ganz andern Art! Seine Macht hat er von oben, aber sein Wesen gehört der Hölle an. Du allein bist sein Lohn, den er aber verschmähen wird, so er ihm nicht frei, sondern gezwungen zuteil wird. Darum folge mir!‘"
177. Kapitel – Minerva wittert eine List der Gottheit. – Cado erklärt ihr den Grund. Ein Kleid fällt vom Himmel. – Minervas Neugier.
[RB.02_177,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht die Minerva: ,Freund Cado, wahrlich, ich liebe dich! Es ist wohl die erste wahre Liebe, durch die mein Herz je bewegt ward. Aber so tue mir doch den Gefallen und erkläre den Grund deiner Hartnäckigkeit! Es muß dem ein großer und allerfeinster Plan zugrunde liegen. Man hat mit mir etwas vor von allerhöchster Seite, und du bist deren verkapptes Werkzeug. Der Plan muß mir enthüllt werden, sonst bringst du mich ungezwungen nicht um ein Haarbreit weiter von dieser Stelle. Was wird es dir auch nützen, an mir selbst Gewalt zu üben? Du weißt, welch hartnäckigsten Trotz ich der Gottheit selbst bieten kann, um wieviel mehr dir! Die Gottheit ist endlos mächtig und kann aus mir machen, was sie will, jedoch nur durch ewigen Zwang. Aber das Herz und der Wille sind mein und verstehen jeder Macht zu trotzen! Auch der deinigen – obschon du der einzige bist, der meinem Herzen seit Urbeginn am nächsten gekommen ist. Wäre es nicht so, hättest du statt meiner wahren Urgestalt schon lange ein häßlichstes Scheusal vor dir. Nun weißt du, wie ich bin und sein muß. Daher gib mir den Grund an, warum du mir gegenüber so unbeugsam bist!‘
[RB.02_177,02] Spricht Cado: ,Warum verlangst du von mir das, was ich dir schon sonnenklar dargetan habe? Ich darf darauf nicht eingehen, weil ich dich dann nimmer freimachen könnte. Du mußt zuerst ungezwungen dich in meinen Willen begeben und ihn zu dem deinigen machen. Dann werde ich auch alles tun, was du aus dir selbst wollen wirst!‘
[RB.02_177,03] Spricht Minerva: ,Gewiß, so ich nur das will, was du willst, wirst du freilich meinem Willen leicht nachkommen! Aber wo ist dann meine eigene Willensfreiheit?‘ – Spricht Cado: ,In dem, daß du frei das willst, was ich will, und sonach deinen Willen mit dem meinigen zur Einheit machst! Denn ohne diese ist ewig an keine höhere, wahre Wirkung zu denken.‘
[RB.02_177,04] Spricht die Minerva: ,Das ist mir zu dunkel! Ich verstehe dich nicht, erläutere die Sache genauer!‘ – Spricht Cado: ,O du sonderbare Trägerin alles Lichtes und Leuchtens, das da ausgegossen ist durch alle endlosen Räume! Wenn du solche Dinge nicht faßt, die doch so klar sind, wie wirst du dann Tieferes aus dem unversiegbaren Born der rein göttlichen Weisheit zu erfassen imstande sein?
[RB.02_177,05] Siehe, du sollst wieder frei werden und in eine rechte Ordnung eingehen! Darum mußt du zuerst in meine Willensordnung eintreten, damit dadurch dann auch dein eigener Wille frei wird. Mache wenigstens einen Versuch! Behagt es dir nicht, so kannst du ja in dein altes Gericht zurückkehren!‘
[RB.02_177,06] Spricht Minerva heiteren Angesichts: ,Nun denn, auf diesen Antrag will ich eingehen! Falls mir der Rücktritt nicht verwehrt ist, wenn mir der neue Zustand nicht behagen sollte, dann sei es, wie du willst! – Aber ich bin nackt und schäme mich vor dich hinzutreten. Verschaffe mir ein Kleid, und ich werde mich sogleich zu dir begeben!‘ – Spricht Cado: ,Auch das kann ich dir nicht eher gewähren, als bis du meinem ersten Verlangen nachgekommen bist, soeben ist ein herrliches Gewand wie vom Himmel herab zu meinen Füßen gefallen! Es ist für dich in einer Art, wie die Himmel noch kein ähnliches gesehen haben! Also komm und nimm es als ein würdiges Brautkleid aus meinen Händen!‘"
[RB.02_177,07] Miklosch in seinem Bericht fortfahrend: „Minerva stutzt ein wenig und richtet ihre großen, feurigen Augen nach der Stelle, wo nun zu Cados Füßen ein Gewand in ein rotes Tuch eingewickelt sich befindet. Sie möchte es wahrscheinlich näher besichtigen, ob es ihrer Annahme wert sei und strengt ihre Augen an, um etwas vom eigentlichen Kleide zu erspähen. Aber es ist so gut in das rote Tuch eingewickelt, daß nirgends etwas davon zu erspähen ist. Die Neugierde der Minerva wächst stark. – Ich bin nun wahrlich selbst voll Neugier, was dieses mit allen bösesten Salben geschmierte Satanswesen jetzt tun wird! Herr, unser liebster, heiligster Vater Jesus! Wird diese alte Lügnerin sich wohl einmal bekehren für immer? Und wird es dann besser werden auf den Weltkörpern, besonders auf unserer Erde?"
[RB.02_177,08] Rede Ich: „Mein liebster Freund Miklosch, das wird alles die Folge zeigen. Betrachte nur den ferneren Verlauf der Szene und mache dieser Gesellschaft den Dolmetscher wie bisher, und du wirst samt allen Brüdern und Schwestern ins Klare kommen!"
178. Kapitel – Minerva lenkt ein und nähert sich. Letzte Schritte vor dem Ziel.
[RB.02_178,01] Miklosch kehrt nun wieder seine Augen der Szene zu und spricht: „Aha, Minerva wird nun unruhig, man sieht aus jeder Bewegung, wie sie nur zu gerne das rote Bündel vor sich enthüllt hätte.
[RB.02_178,02] Cado merkt solches wohl und fragt sie: ,Bist du denn an den Boden geheftet? Begib dich hierher, dann wirst du es leichter haben, in das Geheimnis dieses Bündels zu dringen. Bist du aber angeschmiedet auf deinem Boden, so sage es mir. Deine Füße will ich dir auch von hier aus frei machen.‘ – Spricht Minerva: ,Dazu ist keine Notwendigkeit, denn ich bin frei und kann gehen, wohin ich will! Wie sieht das Kleid aus? Geh, sag mir's, lieber Cado!‘
[RB.02_178,03] Spricht Cado: ,Komm selbst und du wirst es sehen und dich darob sehr erstaunen!‘ – Spricht Minerva: ,Ei, du bist aber hart! Muß ich aber auch in dich vernarrt werden! Nein, so etwas hat die Ewigkeit noch nicht erlebt! Nun denn, ich will's wagen! Aber so du mir etwas tust, kehre ich sogleich um und komme nie wieder zu dir zurück!‘"
[RB.02_178,04] Miklosch fortfahrend: „Nun verläßt Minerva endlich ihren Standpunkt, eine Art Glühsandhügel, und begibt sich sondierenden Schrittes hinauf zu Cado, hinter dem noch immer die zwei bekannten Freunde verweilen. Im Augenblick, als Minerva ihren reizend schönen Fuß auf den vom Glutmeer freien Hügel setzt, verschwindet alle Glut. Auch von der scheußlichen Grotte ist nichts mehr zu erschauen, und das greuliche Gebrause und Gedonner sind verstummt. Das Hochgebirge scheint auch etwas niedriger geworden zu sein und hat den schroffen Charakter nahezu verloren, nur hie und da sind noch einige nackte Felsen zu entdecken. Kurz, die ganze Gegend bekommt ein angenehmeres Aussehen und ist zwar nicht stark, aber doch hinreichend erleuchtet.
[RB.02_178,05] Wahrlich, Cado ist ein Künstler in seinem Fach! Denn diese Prinzessin der Ewigkeit in sich verliebt zu machen – ein Wesen, dem die Liebe fremder sein muß als mir das Ende der Unendlichkeit – da gehört mehr dazu als Ohren, Augen, Mund und Hände! Cado ist bis jetzt zwar noch ein sogenannter Teufel, aber vor solch einer Teufelschaft habe ich wahrlich allen Respekt! Charakter hat er, Unbeugsamkeit und einen Mut, der ins Schauderhafte geht. Wenn man so etwas nicht selbst gesehen hätte, wäre solch eine Erzählung unglaublich! Wir können nichts anderes tun als staunen und Dich, o Herr, preisen, daß Du so etwas endlich hast geschehen lassen. Nun ist aber auch zu erwarten, daß die gesamte Erde – vielleicht nach wenigen Stürmen – in ein Stadium übergehen wird, das allen Himmeln sehr erwünscht sein wird.
[RB.02_178,06] Aber gar zu sehr beeilt sich Minerva gerade nicht bei ihrer Annäherung zu Cado, denn ihre Schritte sind klein und gemessen. Alle Augenblicke findet sie etwas am Boden, klaubt es auf, betrachtet es eine Weile und wirft es dann wieder hastig von sich. Mir kommt es vor, als wären am Boden geflissentlich allerlei scheinbare Schmucksachen verstreut, welche die Schlaue stets näher zu Cado hinlocken sollen. Wahrlich, die List ist gar nicht übel! Ich kann mich erinnern, auf der Erde in einer sibyllischen Weissagung gelesen zu haben: ,So aber Satan bekehrt würde, wird er auf Perlen und Diamanten einhergehen und wird sie verschmähen. Dann wird die Hölle verschlossen werden, und die Ketten des Wahnes werden schmelzen wie Wachs an der Sonne.‘
[RB.02_178,07] Wahrlich, die Geschichte sieht beinahe so aus! Sie kommt näher und ist nun keine vierzig Schritte mehr von Cado entfernt. Jetzt muß sie etwas sehr Bedeutendes gefunden haben. Mit großer Hast beugte sie sich zum Boden und hob etwas wie ein Diadem auf, das sie nun beifällig betrachtet und bei dem sie keine Lust zeigt, es ebenso von sich zu schleudern wie die früheren Dinge.
[RB.02_178,08] Nun fragt Minerva den Cado: ,Freund, wer hat denn diese vielen Kostbarkeiten hier verstreut? Sind sie für mich, oder sind sie für jemand anders zu einem neuen Fall gelegt? Hier ist ein herrliches Diadem, meines Hauptes wert! Soll ich's behalten oder von mir schleudern?‘ – Spricht Cado: ,Das Gute behalte und das Schlechte wirf von dir! Zuviel von derlei Dingen würden dich derartig belasten, daß du kaum einen Schritt vorwärts tun könntest. Das Diadem behalte, aber weiter hebe nichts mehr auf! Verstehe das und sei folgsam!‘
[RB.02_178,09] Spricht die Minerva: ,Ja, ja, ich komme schon. Aber da liegt vor mir schon wieder ein herrliches Armband! Cado, erlaube mir, daß ich es noch aufhebe, denn das ist meines Armes würdig!‘ – Spricht Cado etwas ungeduldig: ,Ei, du schmuckgieriges Wesen, laß das verlockende Armband! Dein Arm ist ohnehin so schön, daß er für sich allein als ein Schmuck betrachtet werden kann. Hier aber zu meinen Füßen harrt deiner ja ein Schmuck, dem keiner in der Unendlichkeit gleichkommt. Daher verweile dich nicht über Gassenkehricht, sondern komm und nimm eiligst von dem Besitz, was für dich bereitet ist!‘
[RB.02_178,10] Minerva kommt nun, das Armband von sich werfend, schnell in die Nähe Cados. Nur drei Schritte trennen sie noch. – Sie spricht nun zu Cado: ,Freund, so weit bin ich dir entgegengekommen, drei einzige Schritte fehlen noch. Diese wirst du wohl mir entgegengehen können! Ich sehe es dir nur zu sehr an, wie meine wahrlich mächtigen Reize dein ganzes Wesen erbeben machen. Du liebst mich unaussprechlich, das sagen mir deine Augen! Tue mir daher den kleinen Gefallen und mache nur diese drei kleinen Schritte zu mir!‘
[RB.02_178,11] Spricht Cado: ,Endlos Schönste! Es werden noch himmlische Zustände kommen, da ich dir Millionen Schritte entgegeneilen werde. Aber hier erheischt es eine festeste, für dein alleiniges Wohl berechnete Ordnung, daß ich zuvor keinen deiner Wünsche erhören darf, bis du alles erfüllt haben wirst, was ich von dir verlangen muß. Daher mache auch noch die drei kleinen Schritte, da du schon dreitausend hast tun können!‘
[RB.02_178,12] Spricht Minerva: ,Wer bemüßigt dich denn, von mir all das zu verlangen? Wer ist dein Gesetzgeber?‘ – Spricht Cado: ,Niemand mir Bewußter kann mir vorschreiben, was ich von dir verlange. Ich selbst bin mein eigener Gesetzgeber und lasse mir weder von einer Gottheit noch von irgendeinem Teufel etwas vorschreiben. Ich war ehedem vor Gott durch dessen zwei größte Geister. Sie waren gut und weise und zeigten mir Himmel und Hölle, auf daß ich mich entschiede. Und ich wollte den Himmel nicht und verstand der Hölle den gerechten Hohn zu sprechen! Ich sah ein wahnsinnigstes Unternehmen, dem ewig nie ein Gelingen folgen kann. Es ward sodann von dir auf mich Fahndung gemacht, aber alle deine Trugkünste scheiterten an der Härte meines Willens und an der Festigkeit meiner Absicht, dich vom Joch deiner eigenen Blindheit zu befreien! Sage doch, wer könnte mir so etwas vorschreiben?
[RB.02_178,13] Sieh, in der ganzen Unendlichkeit gibt es kein Wesen, dem ich gehorchen würde. Denn ich bin ein Herr meiner selbst und kümmere mich um niemand anders außer allein um dich, weil du mir so unendlich gefällst. Und weil du nach Gott als erstes, größtes und mächtigstes Wesen dastehst, das nun im vollsten Sinn wieder das werden soll, was es der höchsten Weisheit Gottes zufolge hätte werden sollen. Aber das geht auf keinem andern Weg als nur auf dem, den ich dir vorschreibe. Daher nun kein Zaudern mehr mit den drei Schritten, sonst wirst du nicht zu deiner Urschönheit und Würde gelangen!‘
[RB.02_178,14] Spricht Minerva: ,Mein im vollsten Ernst geliebter Cado, es ist alles gut und herrlich, was du mir nun gesagt hast. Ich kann da nichts einwenden. Aber wenn uns für alle Zukunft die Liebe leiten soll, verstehe ich nicht, wo du diese hernehmen wirst, da du nun mir zuliebe dich nicht um ein Haar von der Stelle rühren wirst. Siehe, ich will noch zwei Schritte tun. Den einen, letzten aber mußt du tun, und sollte ich darauf eine Ewigkeit harren! Denn nun ist ja bei mir ohnehin an keine Umkehr mehr zu denken, da ich mich dir schon so weit habe gefangen gegeben! Tue mir daher diesen kleinen Gefallen!‘"
179. Kapitel – Endkampf und Wendung. Das stolze Urwesen Satanas kommt wieder – Cado bleibt fest. Gleichnis vom rettenden Lotsen.
[RB.02_179,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Cado: ,Aber Holdeste, warum verlangst du denn etwas von mir, das ich nicht tun kann, weil du es von mir verlangst! O du unverbesserliche Krone der Unendlichkeit! Nun mußt du ohne Erbarmen auch den letzten Schritt tun, den ich sonst unfehlbar getan hätte! – Ich bitte dich um deines eigenen, höchsten Vorteils wegen, verlange für die Folge nichts mehr von mir. Sieh, nur einen Schritt noch, und die ganze Unendlichkeit ist gerettet und befreit vom härtesten Joche eines ewigen Gerichts! Und du sollst als das glücklichste Wesen leuchten mit dem Licht aller Sonnen, die der unendliche Raum faßt!‘
[RB.02_179,02] Spricht Minerva: ,Ja, ja, das könnte wohl sein – wenn ich nur so dumm sein könnte, das zu tun, was dir beliebt! Aber diese Dummheit fehlt mir, und das ist sehr traurig für deine glänzenden Aussichten für mich. Es fehlt freilich nur mehr ein einziger, kleiner Schritt. Aber so ich ihn aus freiestem Wollen heraus nicht machen will und jeder deiner Beredungen Hohn ins Angesicht lachen werde – durch welches Mittel wirst du mich dann zwingen? Äußerlich ja, aber innerlich ewig nimmer!!
[RB.02_179,03] Denn wisse, ich bin ein Wesen, aus dem die Unendlichkeit alle ihre Wesen hat. Ich bin ein Wesen der Wesen – die ganz gleiche negative Machtpolarität, wie da die Urgottheit die positive ist! Ich bin der endlos große Boden, auf dem die Urgottheit ihre Werke erbaut! – Und, fasse das wohl, du unendliches Nichts vor mir – du willst mich durch einige elende Worte dir, dem nichtigsten Staub untertänig machen und mich etwa bestechen durch deine endlos dummen Schmeicheleien, mich, das vollendetste Wesen der ganzen Unendlichkeit! – O du elender Dummkopf! Wohl sehe ich dich beben vor Wollust und erkenne deine große Gier nach dem Vollgenuß meiner Umarmung. Aber mache dir ja keine schmutzigen Gedanken, so du diesen letzten Schritt für meine Gunst nicht wagen willst! Ich mache keinen Schritt mehr – mein festester Wille!!‘
[RB.02_179,04] Spricht Cado: ,Oh, schau, schau, wie gescheit du nun auf einmal bist! Du willst mich eine Ewigkeit auf diesen letzten Schritt harren lassen? Ich wünsche dir selbst dazu recht viel Geduld, denn meiner Geduld wirst du nie Meisterin werden! Was macht es mir? Der eine Schritt hindert wenig! Aus meinem Wollen heraus kann ich mit dir tun, was mir immer beliebt. Und somit brauche ich eigentlich nichts mehr, was da meinen Vorteil betrifft. Daher verharre du, so es dir beliebt, nur immerhin, ich werde dadurch gar nichts verlieren. In meinen Händen habe ich dich einmal. In einen Drachen kannst du dich auch nicht mehr verwandeln, und so ist es mir eigentlich lieber, wenn du so bleibst. Juchhe, das wird ein wahrhaft lustiges Leben werden! Minerva, das hast du gut gemacht!‘
[RB.02_179,05] Spricht Minerva ganz verdutzt über solche Verwandlung des Cado: ,Das hätte ich nie geglaubt, daß du ein so feiner Halunke bist! Aber traue dir nicht zuviel zu! Wenn ich nur die verdammte Liebe zu dir loswerden könnte, ginge die Sache gleich anders. Aber gerade du mußt meine Schwäche durchschauen. Nein, das halte ich nicht aus! Verflucht sei, der dich gebildet hat! Aber warte nur, du sollst an mir noch deinen Satan kennenlernen!!‘
[RB.02_179,06] Spricht Cado ganz phlegmatisch: ,Oh, das macht nichts! Ich habe dich einmal und damit die reizendste Schönheit, die sich nicht mehr verhäßlichen kann; und das genügt einem Cado vollkommen! Übrigens bleibt es dir deshalb nicht verwehrt, den verlangten letzten Schritt zu tun. Wenn es dir also langweilig genug wird, wirst du meinem Verlangen wohl von selbst nachkommen. Bis dahin aber nur juchhe, denn ich habe dich, meine holdeste Minerva!‘"
[RB.02_179,07] Miklosch in seinem Bericht fortfahrend: ,Minerva möchte nun zerbersten vor Zorn. Sie möchte sich überaus gerne in ein scheußliches Wesen verwandeln, aber es geht nicht. Sie bemüht sich zu fliehen, aber ihre Füße sind wie an den Boden geheftet, nur gegen Cado hin kann sie den Fuß erheben. Sind das aber wohlgeformte Füße! Wahrhaftig, dem Cado alle Achtung! Wie er solch einer allerreizend üppigen Schönheit gegenüber, die er nun ganz in seiner Gewalt hat, solche Mäßigung beachten kann! Da gehört mehr dazu, als was ich bis jetzt begreife. Vor dieser Schönheit sich wenigstens kalt zu zeigen – allen Respekt!
[RB.02_179,08] Wie sich die Minerva nun zornig stellt, und den armen Cado verächtlich anstarrt! Sie bemüht sich, ihr schönes Gesicht zu verzerren. Aber je mehr sie es tut, desto interessanter wird es. Und Cado sagt auch zu ihr: ,Holdeste, gib dir keine Mühe! Denn je mehr du dein Gesicht verziehst, desto anziehender wirst du für mich! Du bist wahrlich eine Göttin!‘
[RB.02_179,09] Spricht Minerva beinahe weinend vor Zorn: ,O du verfluchtes Leben, wenn es sich so zu gestalten beginnt! Bin ich denn keine Herrin, keine Fürstin aller Fürstinnen mehr? Muß ich mich von solch einem dümmsten Esel verspotten lassen? Kann ich denn nicht zurück, nicht dich auf ewig verlassen? Du hast doch früher mir zugestanden, daß ich zurück kann, wann und wie ich will!‘
[RB.02_179,10] Spricht Cado: ,Mit dieser Verheißung ist es so lange nichts, als du nicht völlig in meinen Willen eingehen wirst. Denn du bist und bleibst so lange im Gericht, als du deines eigenen Starrsinns Sklavin bleibst. Siehe, so jemand in einer großen Gefahr weilt und ein bewanderter Lotse ihm Hilfe bietet – er sie aber nicht ergreifen will, obschon er sich selbst nicht helfen kann – so bleibt er auch so lange Sklave der Gefahr, in der er sich befindet, als er sich der angebotenen Hilfe des Lotsen nicht bedient hat.
[RB.02_179,11] So ist es auch mit dir der Fall! Ich reiche dir hier meine hilfreiche Hand, um dich von einer gräßlichen Gefahr wegzubringen und dich dann in vollste Freiheit zu versetzen. Du aber verschmähst meine Hilfe. Deine allen Zweckes bare, hochmütige Tollheit treibt dich an, alles zu unternehmen, was deinen Untergang früher oder später wird herbeiführen müssen. Darum kannst du auch jetzt nicht mehr zurück, sondern mußt hier auf dieser Klippe verweilen. Und so ich dich nicht bewahrte vor dem Untergang und hielte die Wogen zurück, die dich sonst schon lange weggespült hätten, wo wärst du nun?
[RB.02_179,12] Mir, wie gesagt, kommst du nimmer aus, und du kannst dich nicht um ein Haarbreit von mir entfernen! Was willst du dann fürder tun als die reinste Sklavin meines Willens?! Wirst du mir wohl ewig Trotz zu bieten imstande sein?‘"
180. Kapitel – Cado erquickt sich an Brot und Wein. – Minervas Ärger. Cados deutliche Belehrungen über ihren Unwert.
[RB.02_180,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Minerva: ,Ja, das kann ich, so ich's will. – Habe ich auch hier keine wirksame Macht mehr, so kann ich dennoch in meinem Innersten in hartnäckigster Widerspenstigkeit ewig verharren! Aber ich werde das wegen meiner dummen Liebe zu dir vielleicht doch nicht tun, sondern diese Sache reichlich überdenken und, wenn ich da einen Vorteil für mein Herz entdecke, mich deinem Rat unterordnen. Aber wohlgemerkt, ich werde mich noch lange besinnen!‘ – Cado entgegnet ganz gleichgültig: ,Ganz wohl, meine Liebe! Je länger du aber auf deine völlige Umkehr wirst warten lassen, desto länger wirst du auch unglücklich verbleiben und desto schwerer diesen einen, letzten Schritt tun! Das beachte daneben auch!‘
[RB.02_180,02] Cado setzt sich nun nieder. Da es ihn hungert und dürstet, so nimmt er etwas Brot und Wein und verzehrt beides. Und da er dabei ein behagliches Gesicht macht, muß seine Stärkung von einer großen Lieblichkeit sein. – Minerva betrachtet den Schmausenden mißvergnügt und sagt mehr wie zu sich: ,Na, eine Lebensart hat er, die muß er in der Schule der Bären und Wölfe sich zu eigen gemacht haben! Der Kerl frißt ja wie ein Wolf und sauft wie ein Walfisch. Er hat noch einen Becher und ein gutes Stück Brot, aber seine Schroffheit läßt es nicht zu, mir damit einen Antrag zu machen. Ich würde auch von solch einem Esel wohl ohnehin nichts annehmen! Aber es schickte sich doch, mir, als der ersten Größe der Unendlichkeit, damit ein Angebot zu machen! Wie der Kerl aber frißt! Der ist fähig, die ganze Schöpfung hohl zu fressen!
[RB.02_180,03] Aber was nun? Etwas muß ich ja doch auch unternehmen! Wenn ich nur jenes Bündel, in dem sich für mich ein herrlichstes Gewand befinden soll, näher zu mir herziehen könnte! Was aber tun? So zuschauen, bis er sich vollgefressen hat? Oh, das ist eine verflucht dumme Lage! Aber warte nur, du grober Esel, es soll noch ganz anders werden mit der Folge der Zeit!‘
[RB.02_180,04] Cado ißt und trinkt noch immer ganz behaglich und sagt nun wie zu sich: ,O Gott, das war doch ein herrliches Brot und ein Wein, der muß auf einer Sonne gewachsen sein! Jetzt wäre ich lammfromm und gut wie ein Esel! Und die schönste Frau Satana, nun umgetaufte ,Minerva‘ bei mir, mir untertänig! Juchhe, mir geht's gut! – No, no! Was machst denn du, mein holdestes Minerverl, für ein saures Gesicht dazu? Sei guten Mutes und setze dich traulich zu mir her! Wenn du das tust, soll's dir auch für den noch zu machenden letzten Schritt abgerechnet sein. Geh, Minerverl, mache mir einmal eine rechte Freude! Schau, alle himmlischen Wesen freuen sich mit. Da sieh nur aufwärts, und du wirst es sogleich selbst entdecken. Und wir beide, endlos edler und vollkommener als dies ganze Himmelsgesindel, hocken da beisammen wie ein Paar kranke Esel mit langen Essiggesichtern! Pfui, lassen wir uns doch nicht beschämen und seien wir noch zehnmal heiterer als alle da über uns! Geh, setze dich nur gleich zu mir her!‘
[RB.02_180,05] Spricht Minerva ganz beleidigten Gesichtes: ,Halte dein Maul, grober, besoffener Lümmel! Was der nicht alles möchte! Gleich zu ihm setzen soll ich mich! Es wäre für ihn solch eine Unterhaltung freilich wohl nicht übel. Aber nichts da! Solche Früchte wie ich werden für derlei Esel wohl ewig nimmer reif werden! Versteht Er das?‘
[RB.02_180,06] ,Nicht, Minerverl‘, spricht Cado weiter, ,warum solltest du für mich nicht reif werden können?! O du bist sehr reif, denn du bist auch schön alt geworden! Aber nur ein einziges Bußerl von diesen rechtesten Rosenlippen, oh das wäre schon gar über alles! So komm und mache meinem Herzen eine rechte Freude!‘
[RB.02_180,07] Spricht Minerva: ,O gleich, gleich, mein Herr Gebieter! Sie wissen ja, wie gerne ich solchen Wesen folge, so sie das oder sonst was wünschen. Sie können es gar nicht glauben, wie sehr ich Sie liebe! Beruhigen Sie sich daher nur noch einige Ewigkeitchen, dann werde ich Ihren besoffenen Wünschen schon nachkommen!‘
[RB.02_180,08] Spricht Cado: ,Wie es dir gefällig ist! Mir ist alles ein und derselbe Teufel, ob um ein paar Ewigkeitchen früher oder später! In meiner unauflösbaren Gewalt bist du einmal, und mehr brauche ich zu meinem Vergnügen nicht. Da ich aber mehr auf deine wahre Wohlfahrt sehe als auf die meinige, darum allein möchte ich dich aus deiner ungeheuren Torheit heben und dich wieder frei und glücklich machen. Aber wenn du lieber eine Sklavin deiner blindesten Torheit verbleibst – gut, so bleibe, was du bist, nämlich das dümmste und schlechteste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Mich wird das äußerst wenig bekümmern.
[RB.02_180,09] Hebe deine zwar überschönen, aber dümmsten Augen empor und sieh, wie sich da oben Trillionen ihres göttlichen Daseins freuen, obschon sie wohl wissen, daß du das unglücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit bist. Und so kann auch ich mich nach meiner Art ganz prächtig ohne dich beseligen. Ich muß dir auch noch gestehen, daß ich von nun an gar nicht mehr darauf poche, dich für deine eigene Freiheit in Gott deinem Schöpfer zu gewinnen. Denn ich weiß ja, daß du ein eigensinnigstes Luder bist und mit dir bis jetzt weder Gott noch irgendein Teufel je etwas ausgerichtet hat. Aber das alles stört mich nicht. Du bist mein und bist unschädlich gemacht wie eine Natter, der man das Gift genommen hat. Willst du für dich selbst frei und glücklich werden, weißt du nun zur Genüge, was du zu tun hast! Von nun an wirst du von mir aus keine Einladung mehr erhalten. Gehabe dich nun wohl in deinem Wahn und halte nur daran fest, daß mir da alles eins ist!‘
[RB.02_180,10] Nach diesen Worten denkt Minerva sehr stark nach und sagt: ,Was wird denn dann mit meinem höchsten Ansehen, das ich bis nun in der ganzen Unendlichkeit genossen habe?‘
[RB.02_180,11] Spricht Cado: ,Laß dich um Gottes willen deines eingebildeten Ansehens wegen nicht auslachen! Dich beschämt ja, was die reine Weisheit betrifft, ein jeder Esel. Wo aber ein Wesen, sei es äußerlich noch so schön, so dumm ist wie kein zweites mehr in der ganzen Unendlichkeit, da wird es mit dem wahren Ansehen wohl einen derben Faden haben! Rede mir daher nimmer von einem vermeintlichen Ansehen, das du dir nur selbst gegeben hast. Verschone mich mit derlei Albernheiten!‘
[RB.02_180,12] Spricht Minerva: ,Nun, sei nur nicht gar so aufbrausend! Ich werde doch etwa noch wert sein, daß du dir mit mir eine kleine Mühe nimmst und mich belehrst, wo es mir fehlt!‘ – Spricht Cado: ,O Liebste, dir fehlt gar viel, ja dir fehlt alles! Da werde ich noch vieles zu reden haben mit dir, obschon ich kein Freund des Redens bin.‘
[RB.02_180,13] Spricht wieder Minerva: ,Nun, habe nur Geduld mit meiner Dummheit und Schwäche! Denn so ich dann selbst dir zum Lohn werde, dürftest du ja für deine Mühe doch hinreichend entschädigt sein!‘ – Spricht Cado: ,Allerdings, wenn du je zu belehren bist! Nimmst du aber wie bisher gar keine Belehrung an, so ist mir dann mein Hinterteil lieber als du, trotz all deiner noch so unendlichen Schönheit! Solches beherzige, denn ich bin durchaus kein sinnlicher Teufel!‘"
[RB.02_180,14] Miklosch in seinem Bericht fortfahrend: „Minerva reibt sich die Stirn und scheint mit sich sehr uneins zu sein. – Cado aber wendet sein Gesicht nun gerade zu uns herüber und macht eine Miene, als ob er von uns etwas wahrnehme. Was mich aber sehr wundert ist, daß er, da er doch all die Himmelsgeister über sich wohl erschauen dürfte, die zwei bei ihm, nämlich Robert-Uraniel und dessen Begleiter Sahariel, nicht zu sehen scheint. Denn da macht er gar keine Miene, als nähme er jemanden hinter sich wahr."
181. Kapitel – Bathianyi und Miklosch über diese Szene. Minerva macht den letzten Schritt. – Das Himmelsgewand als Lohn. Mögliche Folgen der vollen Erlösung Satanas.
[RB.02_181,01] Sagt nun Graf Bathianyi, den diese Szene zu langweilen beginnt: „Freund Miklosch, du bist wahrlich ein prächtiger Wiedergeber des Geschauten, und es ist äußerst interessant dich anzuhören. Aber diese Geschichte zwischen dem Cado und der sogenannten Minerva, die besser Luziferina oder Satan hieße, wird etwas langweilig. Ich bewundere nur die ungeheuere Geduld des Herrn, wie auch die der Erzväter, Propheten und Apostel! Diese betrachten die höchst einförmig gewordene Szene, als läge da Gott weiß was für eine ungeheure Wichtigkeit darin! Für mich bekommt die ganze Geschichte mehr und mehr das Gesicht eines fadesten Romans, der eine ganze Ewigkeit fortspinnen kann. – Cado verdient wahrlich allen Respekt! Aber die Minerva ist ein feines Luder, die sich in alle Gestalten, Formen und Elemente verwandeln kann und somit auch nie zu fangen ist. Sie stellt sich zwar hie und da blöde, aber von ihrem innersten, verborgenen Plan läßt sie wohlweislich nichts merken. Oh, das ist eine Canaille! – Gib jetzt nur wieder acht, Freund Miklosch! Du wirst sehen, daß ich recht habe!"
[RB.02_181,02] Sagt Miklosch: „Lassen wir das alles nur dem Herrn über! Ich meine, daß da am Ende schon alles recht werden wird." – Sagt Bathianyi: „Ja, das meine ich auch; es wird am Ende alles gut werden! Aber wann wird dies Ende kommen?! Wir werden es wohl sicher erleben, weil wir ewig leben werden. Aber es ist unsereinem zu verzeihen, wenn man bei der ersichtlichen Lumperei der schönen Minerva notgedrungen auf die Idee gerät, daß diese Geschichte zwischen dem Cado und ihr wohl schwerlich je zu einem Ende kommen werde."
[RB.02_181,03] Spricht Miklosch: „Weißt du, Bruder, was mich betrifft, so kümmert mich das im Grund wenig. Im übrigen interessiert mich diese Sache außerordentlich, denn das ist sicher keine Alltagsgeschichte! Zwei allerdurchtriebenste Geister der Hölle liegen sich in den Haaren, und es wird sich bald zeigen, welcher von ihnen den Sieg davonträgt. Ich halte es noch immer mit Cado." – Spricht Bathianyi: „Ich auch! Denn so es überhaupt ein Ende gibt, soll doch hoffentlich die gute Sache obenauf zu stehen kommen. Jetzt steht die Geschichte noch verzweifelt schiefrig da! – Sieh du aber nur wieder hin und erzähle uns weiter, was dort vor sich geht."
[RB.02_181,04] Miklosch schaut hin und sagt: „Schaue auch du gleichfort hin, und du wirst ebenfalls ersehen können, wie Minerva nun freundlich dem Cado die Hand reicht, und dieser jedoch zu ihr sagt: ,Das nützt dir nichts. Alles, was du mir aus deinem Wollen zur Annahme anträgst, darf ich nicht eher annehmen, bis du auch den letzten Schritt gemacht haben wirst! – Hebe den Fuß an den meinigen her, dann hast du deine Aufgabe gelöst und bist wieder zu deiner Freiheit gelangt! Von da an werde ich dann auch manches tun können, was du von mir wünschen wirst!‘
[RB.02_181,05] Spricht Minerva: ,Nun denn, um zu erfahren, wie du dein Wort halten wirst, hebe ich meinen rechten Fuß vom Boden und setze ihn an den deinigen hin! Alle Himmel und Höllen sollen mir ein Zeugnis geben, ob ich jemandes Willen je so weit nachgekommen bin wie dem deinigen! Aber wehe dir, Cado, so du mich im geringsten hintergangen haben solltest, da ich dich liebe! Ich müßte an dir eine Rache nehmen, wie sie noch nie da war!‘
[RB.02_181,06] Minerva hebt nun ihren rechten Fuß im Ernste vom Boden, setzt ihn zum Fuße Cados hin und sagt: ,Nun habe ich erfüllt, was du von mir verlangtest! Was wirst du jetzt wohl tun?‘
[RB.02_181,07] Spricht nun Cado: ,Hebe auch den andern! Dann erst hast du die Bedingung ganz gelöst, und ich werde dir dann sagen, was ich tun werde! Im Grunde habe ich es dir schon ohnehin gesagt, was danach geschehen wird. Aber da du ein sehr kurzes Gedächtnis zu haben scheinst, so werde ich das Gesagte kurz wiederholen. Aber zuvor muß der letzte Schritt ganz und nicht nur zur Hälfte gemacht werden! Darum also noch mit dem andern Fuß aus der Gefangenschaft, und es wird sich dann sogleich alles andere in bester Ordnung befinden!‘
[RB.02_181,08] Spricht Minerva: ,Nun mir scheint, daß deine Forderungen an mich nimmer ein Ende nehmen. Aber weil ich schon so viel getan habe, so will ich auch das noch tun! Aber sieh dich vor, daß ich dich dann nicht verlasse! Denn du weißt, daß mir dann der freieste Rücktritt in meinen vorigen Zustand gestattet ist als eine Hauptbedingung zu dieser meiner mich entwürdigenden Handlung nach deinem Willen.‘
[RB.02_181,09] Nun hebt die Minerva auch den zweiten Fuß nach und sagt: ,Jetzt ist es vollbracht! Ich habe deinen Willen ganz erfüllt! Nun, was geschieht jetzt?‘ – Spricht Cado: ,Endlos Holdeste! Hier löse das Bündel auf! Nimm das Gewand heraus und bedecke deine mein ganzes Wesen mächtig erregenden Reize!‘
[RB.02_181,10] Minerva beugt sich nieder und löst das Bündel auf. Als sie darin ein karminrotes, mehr als die Sonne hellstrahlendes Kleid, besetzt mit einer schweren Menge strahlendster Diamanten und Rubinen erschaut, erschrickt sie vor dieser ungeheuern Lichtmasse so, daß sie förmlich zu Boden sinkt und in einer Art Betäubung beinahe ohne Regung vor Cado liegt.
[RB.02_181,11] Cado fragt sie: ,Nun, Minerva, wie ist dir? Gefällt dir das urkönigliche Gewand? Habe ich dich angelogen, oder habe ich dir die Wahrheit gesagt? Was hältst du nun von mir?‘
[RB.02_181,12] Minerva, vor lauter Staunen kaum der Sprache mächtig, sagt mit bebender Stimme: ,Cado, das ist zu viel, zu groß, zu herrlich!! Ich kenne doch alle Himmel und deren Bewohner – aber mit solch einem Kleid habe ich da noch nie jemanden angetan gesehen, nicht einmal die Gottheit in ihrem unzugänglichen Licht! Wie soll ich nun – aus meiner ärgsten und tiefsten Verworfenheit kaum ein wenig auftauchend – solch ein Feuergewand anzunehmen und am Ende gar zu tragen imstande sein! Ich habe daran zwar eine unbeschreibliche Freude, aber anzuziehen wage ich es wahrlich nicht! Denn das Tiefste der Hölle kann nicht so bald mit dem Höchsten der Himmel einen zu schnellen Bund eingehen! Dazu gehört noch eine lange Zeit, in der ich über mein höllisch-grundböses Wirken nachdenken muß, um mich über es mehr und mehr hinaussetzen zu können. Denn bedenke, daß ich der Urgrund alles Bösen und alles Gerichts bin! Wie und wann ich mich aber über meine urböse Stellung werde erheben können – o Cado, wie ferne noch ist eines solchen Zeitraums Herbeikommen!‘
[RB.02_181,13] Spricht Cado: ,Törin, zähle die Sonnen im endlosen Raume! Zähle die Planeten alle, die nicht selten zu Trillionen wie Atome im Äther um eine einzige und letzte Zentralsonne kreisen, die noch lange keine Haupt-Zentralsonne ist! Zähle den gerichteten Sand nur eines kleinsten Planeten! Summiere alle Materiepartikel, die im Äthermeer des ewigen Raumes gerichtet rasten und über ihren kleinen Rücken das Licht von einer Unendlichkeit zur andern tragen müssen! Sieh, alles das ist arg gerichtet aus deinem höchsteigenen Gericht! Wie lange wohl müßtest du da zählen und wie viel denken, bis du den Grund eines jeden gerichteten Atoms der ganzen Unendlichkeit durchdächtest? Sieh, das wäre im höchsten Grad töricht! Daher tue du das, was ich dir zu deiner wahren Freiwerdung anrate, und du wirst der ganzen Großrechnung nicht bedürfen, um wahrhaft frei und dadurch auch der allmächtigen Gottheit in ihrer Jesus-Menschheit wohlgefällig zu werden!‘
[RB.02_181,14] Spricht Minerva: ,Geliebter Cado, du hast wohl recht! Aber nur den gewissen Namen sprich mir nicht mehr aus, denn dieser ist für mich im höchsten Grad unerträglich. Ich kann dir zwar nicht sagen, warum, aber es ist einmal so: der Name brennt mich mehr als alles Feuer der Hölle!‘
[RB.02_181,15] Spricht Cado: ,Sieh, das ist schon wieder im höchsten Grad töricht von dir! Gerade in diesem Namen wie in keinem anderen ist für dich und mich ein ewig wahres Heil zu erringen. Deshalb lobe und preise du in Zukunft lieber diesen Namen, so wirst du vollkommen siegen über alles Böse in deinem Herzen! Du wirst dann einen wahren Triumph feiern über alles, was dich je zu solch einem großen, fortlaufenden Abfall von der ewigen Gottheit mag verleitet haben!‘
[RB.02_181,16] Spricht Minerva: ,Guter Cado, du hast viel leichter reden als ich. Bedenke, wie viele Äonen ärmster Wesen schmachten noch in größter Qual, die ich ihnen bereitet habe. Wie soll ich überhaupt je frei und wahrhaft glücklich werden können, solange die zahllosen durch mich unglücklich Gemachten in aller Qual schmachten müssen? Ich soll nun glänzen in diesem Kleid, und zahllose Kinder aus mir sollen meinetwegen ewig schmachten! Nein, das geht nicht, das kann nicht sein!‘
[RB.02_181,17] Spricht Cado: ,Kümmere dich um etwas anderes! Seit die Gottheit zum Körpermenschen ward, hat sie auch die ganze materielle Schöpfung auf ihren Namen genommen und damit jeden Menschen von dir unabhängig und dem eigenen Gewissen zinsbar gemacht! Alle Welt ruht nun auf der Schulter Gottes und auf denen der freien Menschen. Und du stehst mit der Gottheit schon lange in keiner Verrechnung mehr. Tue daher, was ich dir sage, und du wirst frei sein in allem!‘"
182. Kapitel – Minervas neue Ausflüchte – Cados Entgegnung. Von Buße und Bekehrung. – Bedeutsame Erlösungstatsachen.
[RB.02_182,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht die Minerva: ,Aber es ist von der Gottheit eine Art Buße zur Vergebung der Sünden angeordnet, ohne die kein Mensch und somit noch um vieles weniger ein Teufel selig werden kann. Siehe, ich aber war und bin noch aller Sünde Grund und ein Pfeiler des Gerichts und des Todes. Wie soll dann erst ich ohne Buße frei und endlich gar selig werden? Es müßte daher über mich wohl die größte Buße kommen, so ich im Ernste frei und selig werden sollte? Wie aber könnte ich Buße wirken in diesem Lichtgewand? Dazu gehört ein härenes Büßerkleid und Asche und Sack! Verschaffe mir ein solches Büßerkleid, und ich will die ernsteste Buße zu wirken anfangen!‘
[RB.02_182,02] Spricht Cado: ,Jawohl, du und Buße wirken – das ginge so hübsch zusammen! Verstehst denn du, was wahre Buße wirken heißt? Meinst du, ein härenes Kleid, Asche und Sack machen die Buße aus? Oder glaubst du nach römischer Art etwas tun zu müssen, um zur wahren Sündenvergebung zu gelangen? Ich, wennschon gleich dir der Gottheit gegenüber ein Teufel, halte das für die wahre Buße, so man das Schlechte, das der Gottesordnung Widrige, freiwillig verläßt, seinen Willen fest und unerschütterlich unter das Panier der ewigen Gottesordnung stellt. Sodann selbst unerschütterlich fest das will, was man als solcher göttlichen Ordnung gemäß erkennt. Wenn du so handeln wirst aus deinem neu geregelten Willen, dann wirst du auch rechte Buße wirken. Aber ein härenes Gewand, Asche, Sack, Generalbeichte, Kommunion und meinetwegen eine Million Messen gehören ins Fach der größten Menschentorheiten, weil sie den Menschen nur schlechter machen. Durch meinen Willen allein kann ich besser werden. Alles andere hat keinen Wert weder vor bessern Geistern noch vor Gott!
[RB.02_182,03] Du weißt auch, was ein jeder Geist durch seine höhere Weisheit genau ersehen kann. Wolle sonach nichts aus dir heraus, sondern bloß was ich will, so wirst du deines eigenen Kerkermeisters bald loswerden. Solange du aber noch mit deinen eigenen Willensbrocken mir entgegentreten wirst, wird es mit dir noch lange nicht besser werden! – Sieh, an Weisheit und gediegener Erkenntnis hat es dir nie gemangelt. Wohl aber an einem guten Willen, darum bist du zum Grund alles Schlechten und Bösen geworden! – So ein Wesen aber gut und edel werden will, muß es mit seinem ersten, wilden Willen dasselbe Experiment machen, das auf der Erde ein Gärtner mit einem Wildling macht: Er schneidet ihm die Krone ab, spaltet dann den Rumpf und setzt einen edlen Zweig hinein. Dann wird ein neuer, edler und guter Fruchtbaum daraus. – So mußt auch du es mit deinem alten Wildling von Willen machen! Wenn es dich auch eine Weile bekümmern wird, daß du dir die alte Krone nehmen lassen mußt, so mache dir dennoch nichts daraus! Denn du wirst dafür zu einer herrlicheren, besseren und edleren Krone gelangen.‘
[RB.02_182,04] Spricht Minerva: ,Cado, du bist zwar eigensinnig wie ein Teufel, aber dabei weise wie ein Gott!‘ Spricht wieder Cado: ,Was nützt mir meine Weisheit, so sie außer mir niemand befolgen will! Ich predige tauben Ohren, und vor blinden Augen mache ich Spektakel. Ich habe, bei Gott dem Allmächtigen, bis jetzt geredet zur Übergenüge, aber was nützt das alles? Ich zeigte dir, warum du dich gänzlich meinem Willen unterordnen sollst. Aber du hast tausend Ausflüchte, und so du schon etwas tust, da tust du die Sache nie sogleich und auch nie ganz so, wie ich es haben will und muß! So du mich nun weise findest wie einen Gott, warum tust du denn dann nicht gleich, was ich von dir verlange? Das herrlichste Kleid liegt vor dir und wirft seinen mächtigen Strahlenglanz gleich einer Zentralsonne in die weite Unendlichkeit hinaus. Aber sein mächtiges Licht, das da bestimmt ist, nach dem Inneren deines Wesens seinen Strahl zu treiben, muß sich noch immer vergeblich verzehren. Warum denn das? Gib mir dafür einen Grund an!‘
[RB.02_182,05] Spricht Minerva: ,Ich habe dir den Grund schon angegeben, du aber hast ihn widerlegt mit der Schärfe deiner Weisheit. Aber dessen ungeachtet bleibe ich doch dabei, daß ich mich für dieses göttliche Gewand viel zu unwürdig fühle, um es gleich einem anderen gemeinen Fetzen anzuziehen. Einen anderen Grund kann ich dir unmöglich angeben, und wenn du dich darüber noch so ärgern solltest. – Ziehe du es an, wenn du schon so viel Mut besitzt, und ich werde dann deinem Beispiel folgen. – Übrigens noch etwas: Wie würde es dann auf der Erde und in allen anderen Welten aussehen, wenn ich dieses Kleid anzöge? Wird es den dort neuzubildenden, noch in die gröbste Materie verhüllten Geistern besser oder etwa noch schlimmer ergehen? Gib mir eine begreifliche Erklärung, und ich werde dann sogleich alles tun, was und wie du es wünschst.‘
[RB.02_182,06] Spricht Cado: ,Ich habe ja gewußt, daß sie richtig wieder noch eine die Sache verzögernde Ausflucht finden wird! O du ganz verzweifeltes Wesen! Was gehen denn uns nun die Erde und alle anderen zahllosen Welten an? Die Gottheit wird es wohl schon wissen, was sie damit machen wird. Wie von nun an die Menschen auf der Erde oder auf der Sonne untereinander leben werden, hat für uns nicht die geringste Beziehung. Wir leben und handeln nur für uns. – Ich habe dir schon ehedem klar gesagt, daß du selbst außer allen Einfluß auf die Weltkörper gesetzt wurdest. Dies seit der Menschwerdung der Gottheit, in der ein zweiter Adam aus Gott alle Schöpfung samt all ihren Übeln auf die eigene Schulter nahm und nun alles also leitet, wie es Seine ewige Ordnung verlangt. Daher hast du dich von nun an um nichts anderes mehr zu kümmern als allein um dich selbst! – Ziehe das Gewand an, dann wird sich zeigen, was da weiter zu geschehen hat!‘
[RB.02_182,07] Spricht Minerva: ,O du lebendiges Buch, du sprichst ja als ob du ein Jünger Salomos wärst! Aber ich sehe nun ein, daß du einesteils doch recht hast. Und so will ich mich denn vor dir zu einer Putzgretel umgestalten und eine recht dumm-hochmütige und eitle Person spielen, da du daran eine so große Freude hast! Wird's dir dann besser sein, so du mich vor lauter Glanz gar nicht wirst anschauen können? Ich ziehe es nun an. Aber komme mir nicht sobald wieder mit einem anderen Begehren!‘"
183. Kapitel – Minervas Herrlichkeit im Himmelskleid. Robert und Sahariel geben sich zu erkennen. Erziehung zur wahren Freiheit und Selbständigkeit.
[RB.02_183,01] Miklosch in seinem Bericht fortfahrend: „Minerva zieht jetzt wirklich das Gewand an. O Tausend, das ist stark! Nein, das ist ja nimmer zum Aushalten, diese unsagbare Schönheit! Herr und Vater Jesus, sei mir armem Sünder gnädig! Herr, ich würde entweder tot oder ein Narr, so ich diese zu große Schönheit nur einige Sekunden noch anschauen müßte! Wie aber ein Cado und die zwei anderen, Robert-Uraniel und Sahariel solch eine Nähe ohne Verlust ihres Lebens aushalten können, ist mir ein Rätsel! Wohl gehen den beiden Letztgenannten die Augen vor lauter Glanz und Schönheit über. Aber wie Cado es in ihrer größten Nähe auszuhalten vermag, das begreife, wer es kann! Bruder Bathianyi! Geh und vertrete mich für eine Weile, denn ich kann es wahrlich nimmer aushalten!"
[RB.02_183,02] Spricht Bathianyi: „Freund Miklosch, das kann wohl nicht ausgeführt werden! Ich habe nur ein paar flüchtige Blicke hingeworfen und bin davon schon schachmatt. Was würde aus mir erst werden, so ich mich eine längere Weile in sie vergaffte? Ich bedanke mich, liebster Freund, für diesen deinen Antrag! Versieh du nur selbst diesen angenehmen Dienst, ich werde das meinige mir schon aus deinen Worten entnehmen."
[RB.02_183,03] Spricht Miklosch: „Nun gut, so werde aber ich ein reiner Narr! – Nun, so etwas! Jetzt geben die beiden Engel dem Cado und der Minerva sich zu erkennen, und beide scheinen ganz verblüfft zu sein, daß sie nun auf einmal zwei fremde Gesellschafter bekommen. Cado betrachtet die beiden forschenden Blickes und scheint sie fragen zu wollen, woher sie kämen, ob von oben oder von unten. Ich bin nun gespannt, was da herauskommen wird!
[RB.02_183,04] Nun wischt sich Cado die Haare aus dem Gesicht, nimmt beiden gegenüber eine heldenhafte Stellung an und sagt: ,Woher seid ihr? Was wollt ihr und wer seid ihr? Gebt pünktlich genaueste und wahrste Antwort! Verstehet wohl – der Teufel Cado verlangt solches von euch!‘
[RB.02_183,05] Tritt Robert vor und spricht: ,Wir beide sind deine innigsten Freunde, sind von oben wie auch von unten zugleich her. Wir haben dich insgeheim beschützt, ansonsten du diese Urkönigin aller Materie nicht so weit gebracht haben würdest. Nun aber am Ende deines großen Werkes kommen wir, dich zu beglückwünschen, daß dir dies so herrlich gelungen ist, woran die Mühe so vieler mächtiger Brüder scheiterte. Solltest du dich in irgend etwas, das gut ist vor Gott, unserer Dienste bedienen wollen, stehen wir dir zu Gebote!‘
[RB.02_183,06] Spricht Cado: ,Für euren allfälligen Schutz danke ich euch und auch für eure Wache über mich! Aber ich bekenne euch beiden, daß es mir lieber gewesen wäre, wenn ihr mich weder beschützt noch bewahrt hättet. Denn mir genügt der Name und die Kraft des großen Einen, alles andere ist bei mir eitel nichts! Ich ersuche euch darum, daß ihr euch sogleich von mir entfernt, ansonst müßte ich Gewalt gebrauchen. Denn meine heißgeliebte Minerva ist noch lange nicht auf dem Punkt, fremde Gäste, die ein sehr schmarotzerisches Aussehen haben, zu ertragen. Wird sie einmal ganz vollendet sein, dann könnt ihr wiederkommen und euch ihrer Wiedergenesung freuen. Aber nur keine weitere Hilfe mehr, denn das würde meine Mühe nur verzögern und keineswegs verkürzen. Also Gott befohlen, meine Freunde!‘
[RB.02_183,07] Spricht Minerva: ,Freund Cado, da ich nun das urkönigliche Gewand anhabe, glaube ich hier auch schon ein Wörtchen reden und etwas begehren zu dürfen. Ich fordere sonach, daß diese beiden Weisen von ,oben und unten her‘ hier bleiben und mir in so manchem einen Dienst leisten können, so sie's wollen!‘
[RB.02_183,08] Spricht Cado: ,Nur das hat zu geschehen, was ich anordne! Muß ich nachgeben, bist du wieder auf wenigstens eine halbe Ewigkeit verloren samt mir. Vergiß nicht, daß wir beide Teufel sind und eine andere Bahn zu gehen haben als die Engel Gottes, um zur Vollendung zu gelangen. Freunde, tut mir sonach diese reinste Freundschaft und geht, denn in eurer Gegenwart kann ich Minerva nimmer weiter führen!‘
[RB.02_183,09] Spricht Robert: ,Freund Cado! Du kennst uns noch zu wenig, wenn du meinst, daß wir dir hinderlich sein könnten bei Ausführung deines guten Planes mit Minerva. Siehe, was du bisher geredet und getan hast, das hast du durch uns getan. Denn Gott der Herr, dessen Name überherrlich ist, hat uns dazu die gerechte Kraft und Macht erteilt. Hättest du allein vor dieser sogenannten Minerva gestanden, wärst du schon lange als ihr schnödes Opfer gefallen. Wir waren es ja, die dir jegliches Wort in den Mund gelegt haben. Wir haben deine Steine, die du als Waffe gebrauchtest, gesegnet und gekräftigt und ließen die Feuerflut nicht höher steigen, damit du auf diesem Hügel eine sichere Zuflucht finden solltest. Da sich aber die Sachen so und nicht anders verhalten, wie sollen wir dir nun hinderlich sein können? Förderlich ja, das wollen und können wir dir bei deinem löblichen und allen Himmeln gefälligen Werk sein. Sei daher ganz unbesorgt unseretwegen!
[RB.02_183,10] Wir bleiben darum noch eine Weile bei dir, damit du nun frei aus dir selbst das Fernere wirst tun können, was zur Vollendung dieses Großwerkes vonnöten ist. Es wird unser Rat von jetzt an nicht mehr heimlich, sondern offen erfolgen und eine Tat nur auf dein Verlangen geschehen, damit du dadurch samt Minerva wahrhaft frei werden kannst. Du wirst ganz frei unseren Rat entweder annehmen oder von dir weisen können. Würden wir wie bisher in dich heimlich einfließen, so könntest du nimmer frei und dadurch selig werden. Denn in diesem Fall bliebest du nur ein Werkzeug in unseren Händen. Wir aber geben nun das Werkzeug frei aus den Fesseln des Gerichts, auf daß es dann aus sich selbst etwas werde vor dem Herrn. Dies muß aber das schwache Werkzeug erkennen und danach sich selbst bestimmen. Dann wird es in Kürze zur wahren und freien Vollendung gelangen und nicht weiterhin in der genötigten Knechtschaft verbleiben. So sei es im Namen des Herrn Jesu, des einigen Gottes Himmels und aller Welten!‘
[RB.02_183,11] Spricht Cado: ,Wenn so, dann bleibt freilich hier! Denn ich muß und will selbst frei handeln, um frei zu werden von jeglichem Joch. Ob aber Minerva auch noch bleiben wird, das ist eine andere Frage.‘
[RB.02_183,12] Spricht Minerva: ,Die Schritte, die ich nun vorwärts gemacht habe, bleiben; ich werde sicher keinen Rückgang mehr tun. Aber diese beiden himmlischen Gauner müssen mir jetzt aus den Augen, da sie gegen mich geheim und hinterlistig gehandelt haben! So sie hier bleiben, werde ich keinen Schritt mehr vorwärts tun!‘
[RB.02_183,13] Spricht Robert: ,Nicht so, holdeste Minerva! So wir dir etwas Arges zugefügt haben, wollen wir sogleich gehen. Du aber mußt selbst bekennen, daß wir dir nur etwas höchst Gutes erwiesen haben durch die Kraft Gottes, die in uns tatkräftig ist. Du solltest dankbar einsehen, daß wir dich so weit freigemacht haben von den Fesseln der Hölle und sie mehr und mehr haben verstummen gemacht in deinem Herzen, in dem ehedem der Grundkeim allen Übels gelegen ist. Gedenke der schaudervollen Zeitenlänge, in der du höchste Qualen – freilich durch dein eigenes starres Wollen – durchlitten hast, und unsere für dein künftiges Wohl besorgte Gegenwart wird dir sicher nicht unangenehm sein können!‘
[RB.02_183,14] Spricht Cado zur Minerva: ,Ganz richtig! Also denke nach, und es wird dann alles gut werden! Die beiden müssen nun bleiben, weil ich es ihnen gebiete. Hast du auch gegen mein Gebot etwas einzuwenden?‘ – Spricht Minerva: ,O ja, denn du gebietest, weil die beiden dich dazu nötigen!‘
[RB.02_183,15] Spricht Cado: ,Da irrst du, ich lasse mich von niemandem bei meinem freien Wollen nötigen. Wäre ich aber gerichtet, solches tun zu müssen, dann wirst du dich dem um so weniger widersetzen können, was da ausspricht mein gerichteter Wille, indem er dann nicht mehr mein, sondern des allmächtigen Gottes ist. Und so denn bleibe es bei dem, was die beiden bestimmt und ich nun geboten habe!‘
[RB.02_183,16] Spricht Minerva: ,Ja, im Eigensinn bist du groß und weißt die Sache so zu drehen, daß du von deinem Ansehen nichts verlierst. Nur ich, der Erstling aller Kreatur, soll bei dir um ein Ansehen betteln! Aber ich werde mich zwar äußerlich in dein Wollen fügen wie bisher, weil ich zu schwach bin, dir einen wirksamen Kampf zu bieten. Aber das Innere gehört mir und hat von nun an nichts als einen Fluch für dich wie auch für deinen Freundschaftsbund, Amen!! Verstehst du dieses Amen?‘
[RB.02_183,17] Spricht Cado: ,O ja, soviel Verstand besitze ich, gottlob auch noch etwas mehr. Wird nun einmal dein Äußeres recht durchgegerbt werden, dann wird sich auch dein Inneres dem zuwenden, was ich mit dir nach der unwandelbaren Gottesordnung will. Und dazu sage auch ich ein unwandelbares Amen!! Verstehst auch du, was ich mit diesem unwandelbaren Amen gesagt habe?‘"
184. Kapitel – Sahariel über das Amen. – Minervas Liebesantrag. Des Engelsboten weise Antwort. – Gleichnis von den zwei Brunnen. Cado enthüllt die Sachlage.
[RB.02_184,01] Miklosch berichtet weiter: „Nun aber tritt Sahariel hinzu und sagt: ,Hört! Auch mir steht ein Recht zu, ein gar kräftiges Amen auszusprechen. Ich tue es dennoch nicht, weil hinter einem jeden Amen ein Gericht steckt. Ich rate euch daher, eure Amen zurückzunehmen. Denn es steht niemandem ein Recht zu, über etwas, das mit der göttlichen Ordnung nicht in Übereinstimmung steht, aus sich heraus ein Amen zu sprechen. – Wohl aber darf ein jeder Geist in dem ein ewiges Amen in sich tragen, was da betrifft den Willen Gottes! Dies Amen ist das Urleben aller Wesen und ihre höchste Freiheit, so sie es aus sich selbst heraus sich völlig zu eigen machen. Jedes andere Amen aber erzeugt Hochmut, Stolz, Geringschätzung alles Wahren, Guten und Göttlichen. Es baut Kerker, schmiedet Ketten und facht an das Feuer allen Verderbens. Nehmt darum euer Amen zurück und begebt euch in ein ewiges Gottes-Amen! Dann werdet ihr beide am ehesten frei werden von der Hölle, die noch recht stark in euren Herzen tobt. Befolgt diesen Rat und ihr werdet wahrlich nicht schlecht fahren!‘
[RB.02_184,02] Spricht Minerva zum Cado gewendet: ,Hast du es vernommen, du eingebildeter Weisheitspinsel? Das sind Worte voll echt himmlischer Salbung, auf die man bauen kann! Sieh, ich bin deinen Worten gefolgt, aber je mehr ich sie in Erwägung zog, desto klarer wurde mir, daß du nur ein blinder Abenteurer bist. Ein Teufel, der zwar Macht besitzt, sie aber bloß dazu verwendet, damit zu einem Gauklertriumph zu gelangen! Packe nur ein mit deinen Weisheitssätzen, und auch deine Davidssteine kannst du dir zum Andenken aufbewahren. Denn nicht deine Steine, sondern diese beiden Boten haben mir die Lanze gebrochen und mein ewiges Zepter zerschlagen. Daher gebührt nur ihnen, nicht aber dir der Ruhm und Preis. – Sahariel, nimm mich hin! Ich will dir ein Preis sein, denn du hast dich um mich verdient gemacht!‘
[RB.02_184,03] Spricht Sahariel: ,Du aller äußeren Schönheit Krone! Mir wie auch meinem Freund Uraniel gebührt ebensowenig ein Preis wie dem Freund Cado, denn wir sind nur Diener nach dem weisen Plan des Herrn, Werkzeuge in Seiner Hand! So wir auch etwas tun, das aussieht, als täten wir es, ist dies dennoch nur ein Schein, da doch nur Er es ist, der alles vollbringt! Was daher dem Herrn wohlgefällig ist, das geschehe! – Wir alle sind des Herrn und sind nach dem Grad unserer Demut vor Ihm, wie unserer Liebe zu Ihm ein Preis, der allein Ihm gebührt! Uns aber gebührt nichts, als was uns Seine große Liebe, Gnade und Erbarmung bietet. – Du mußt dich darüber aber ja nicht betrüben: Sollte ER Selbst dich aus Seiner endlosen Liebe heraus an mein Herz binden, dann werde ich dich auch mit dankbarster Würdigung für ewig annehmen! Ist dir, du gestaltlich schönste Lichtträgerin, das recht und genehm?‘
[RB.02_184,04] Spricht Minerva: ,Schönster Sahariel, deine beinahe unbegrenzte Bescheidenheit nötigt mir Bewunderung ab. Wie Milch und Honig floß deine himmlische Rede in meine bewegte Brust, und ich atme jetzt nur Liebe über Liebe für dich, du mein göttlich schönster Sahariel! Welch ein freundlicher Ernst strahlt aus deinem jugendlich-zarten Jünglingsgesicht! Welch ein himmlischer Adel durchweht dein ganzes Wesen! Und welch eine himmlische Harmonie leuchtet gleich einem Morgenstern aus allen deinen Gliedern! – Ich muß dir gestehen, daß ich dich über alle Maßen liebe. Und so du mir nicht deine Gegenliebe gibst, dann bin ich das unglücklichste Wesen der ganzen Unendlichkeit! Sieh, ich bin auch schön! Gut freilich bin ich leider nicht. Aber wer weiß denn, ob ich eben durch dich nicht auch so gut werden kann, wie ich schön bin? Gerne möchte ich dir das reinste Herz bieten, so ich's hätte. Aber nimm es an, wie es ist, vielleicht wird es an deiner Seite auch edel und rein werden. Verschmähe meinen Antrag nicht, denn er entstammt der ersten Liebe meines ewig langen Seins!‘
[RB.02_184,05] Spricht Sahariel: ,Meine strahlend holdeste Minerva! Dein Sein ist wohl schon ein sehr langes, aber kein ewiges. Vom Anfang her ist es nicht. Gott allein ist ewig. Alles andere aber hat aus Ihm heraus einen Anfang genommen. Ob auch jemand aus uns um einige Dezillionen von Erdjahren länger besteht, so ist er deshalb noch lange nicht ewig. Du hast dich in deinem Eifer zwar ein wenig verstiegen, aber das macht nichts. Wenn du nur sonst eine wahre Liebe zu mir in deinem Herzen verspürst – woran ich zwar noch ein wenig zweifle – so kann ich über solche poetischen Übertreibungen ruhig hinwegschauen. – Du hast mir dein Herz angetragen, und ich nehme diesen Antrag an. Nur eine einzige kleine Bedingung knüpfe ich daran: daß du mir willig und fröhlich folgst zum Herrn und Freund Cado mitnimmst! Kannst du das tun, so sind wir quitt.‘
[RB.02_184,06] Spricht Minerva: ,Freund, das ist eine unendlich große, für mich rein unausführbare Bedingung! Ich zum Herrn der Unendlichkeit mit dir hinziehen und den mir nun über alles verhaßten Cado auch mitnehmen? Alles andere, nur das nicht, weil es mir so gut wie unmöglich ist! Du mußt mir zuvor mein Herz reinigen, dann erst kannst du mir mit solchen Bedingungen kommen! Es wäre die sofortige Erfüllung auch für dich keine Ehre vor Gott, da es von einer zu geringen Achtung vor der allmächtigen Gottheit Zeugnis gäbe. – Ich sage dir, nimm mich unbedingt an, und du wirst damit keine schlechte Fahrt machen!‘
[RB.02_184,07] Spricht Sahariel: ,Das wird sich schwer tun, weil noch zu viel Gerichts in deinem Herzen rastet. Das kann nur dadurch verringert werden, so du dich stets mehr unserem in Gott geordneten Wollen ohne Zwang unterwirfst. Täten wir nun, was du willst, so begäben wir uns selbst in dein Gericht und würden es dadurch noch härter machen, während wir es mildern und verringern sollen.
[RB.02_184,08] Die Sache verhält sich gleichnisweise so, wie wenn da zwei Brunnen wären, von denen der eine voll ist des reinsten Wassers, der andere aber voll Schmutzbrühe. Leitet man das ergiebige Wasser des reinen Brunnens in den zweiten, unreinen hinein, so wird der Pfützengehalt dieses schlechten Brunnens gereinigt und am Ende selbst zu einem guten Wasser werden. So man aber die Schmutzbrühe des zweiten Brunnens in den ersten, reinen leiten würde, würden beide Brunnen schlecht und unbrauchbar werden!
[RB.02_184,09] Siehe, du hast nun ein handgreifliches Beispiel, woraus du leicht ersehen kannst, warum wir das Wasser deines Willens in den unseren nicht aufnehmen können. Aber es muß dir auch klar sein, warum du zu deinem eigenen Wohl das Wasser unseres Willens in das deines Willens solltest überströmen lassen. Tue sonach das, was wir wollen, und du wirst gereinigt voll edlen Wassers werden! Hast du doch selbst den Wunsch geäußert, daß du durch mich rein und edel werden möchtest! Ja, du kannst das, so du es willst. Aber da mußt du das tun, was ich im Namen des Herrn dir zu tun vorgeschlagen habe!‘
[RB.02_184,10] Minerva sieht nach dieser einfach-weisen Belehrung vor sich hin und scheint darauf zu sinnen, wie sie sich von dieser ihr lästig werdenden Gesellschaft loswinden könnte.
[RB.02_184,11] Cado scheint das auch zu merken und sagt nun zu Sahariel und Robert-Uraniel: ,Liebe Freunde! Obschon ich selbst ein Teufel bin, so darf ich aber doch bemerken, daß wir mit dieser Schlange nichts ausrichten werden. Ihre hartnäckige, böseste Schlauheit übersteigt alle meine Begriffsgrenzen. Ihr ist es niemals ernst, in ein besseres Sein überzutreten, denn dieses Schlangenwesen ist durch und durch voll des Giftes. Was sind ihr schon alles für triftigste Vorstellungen gemacht worden, deren vollkommenste Weisheit sie ebensogut wie wir einsieht. Aber ihr alter Satanswille bleibt stets der gleiche. Sie tut wohl, als ob sie in unser Wollen eingehen wollte. Aber das tut sie nur zum Schein und wendet dabei alles an, uns am Ende in ihren Sack schieben zu können. Aber da sage ich: Nichts da, Satanas! Uns wirst du nicht lange mehr foppen, denn wir kennen dich!‘"
185. Kapitel – Minerva will sich rechtfertigen. Cados Widerlegung. – Entlarvung ihrer Bosheit. Sahariel wendet sich zum Gehen.
[RB.02_185,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Minerva: ,Schweig, du dümmster Esel! Was verstehst du, was ich zu tun habe? Meinst du denn, die göttliche Ordnung sorgt nur für die positive Polarität der Wesen und Dinge? Muß denn die negative Polarität nicht im gleichen Maß ausgebildet dastehen? Ist nicht alles Leben ein fortwährender Kampf beider Polaritäten? Du dummer Esel, nimm einem Baum die Wurzel und frage ihn dann, wie lange er noch Früchte tragen wird! Haue den Tieren die Füße ab und sieh, wie sie dann weiterkommen werden! So durch eine sogenannte gute oder positive Kraft das Blut zum Herzen zurückgedrängt wird und darauf durch eine sogenannte böse Kraft, die ich als negativ bezeichne, wieder vom Herzen hinausgetrieben werden muß, wenn das physische Leben fortdauern soll – sage mir, welche Kraft ist denn da die vorzüglichere, die anziehende oder die abstoßende? Siehst du, grober Lümmel, was du in deiner Dummheit alles zusammenredest? – Es versteht sich wohl von selbst, daß die negative Kraft der positiven untergeordnet bleiben muß, weil sie aus ihr hervorgeht – das reine Wasser muß das trübe reinigen und nicht umgekehrt! Aber das alles ist auch Gottes Ordnung. Wenn Rom nicht finster wäre wie die Nacht, würde die Menschheit nicht nach dem Licht fragen. Also bin auch ich, wie ich bin, aus Gott und werde auch so verbleiben – wie du sicher ein Esel in Ewigkeit!‘
[RB.02_185,02] Spricht Cado lakonisch: ,Ja, ja, den letzten Namen auf dich angewendet, möchte es sich wohl so begeben! O du Dummheits-Prinzessin aus allen Fixsternen! Du wirst mir etwas vorsagen von einer positiven und negativen Kraft und von ihrer gegenseitigen Notwendigkeit! Sage mir, du schönste Eselin, ist Gott eine ganze oder nur eine halbe Macht und Kraft ohne dich? Bist du notwendig, damit Er ist? Oder könnte Er vielleicht auch ohne dich bestehen, so wie Er ohne dich Ewigkeiten bestanden hat? – O du gänzlich zweckloses Geschöpf, du willst mir die Notwendigkeit des Bösen aufdisputieren, ohne das es unmöglich etwas Gutes geben könne? Du blindestes Weibswesen, worauf gründet sich denn die reinste Liebe, Güte und Macht Gottes? Muß etwa die Gottheit, die doch sicher in allem das vollkommenste Wesen ist, auch zuvor böse sein, um hernach gut sein zu können? O lacht doch alle Himmel über solch eine Weisheit! Man erzählt sich von der fabelhaften Minerva, daß sie aus dem Haupt des Jupiter entsprungen sei. Aber jene Minerva wirst du sicher nicht sein. Dein Kleid glänzt freilich wie eine Sonne, doch was nützt das, wenn im Rock ein blitzdummes Wesen steckt! – Hat dir der himmlische Freund Sahariel nicht zur Übergenüge gezeigt, wie die Sache zu deinem alleinigen Nutzen vor sich gehen kann? Warum folgst du denn nicht seinem Rat? O du Haupt aller Bosheit, ich kenne dich nun ganz! Auskommen wirst du mir wohl ewig nimmer. Und mit deinem Zurückspringen in die alte Drachenhaut wird sich's auch nimmer tun, dafür ist schon durch dieses Strahlengewand gesorgt. Was aber wirst du jetzt tun?‘
[RB.02_185,03] Spricht Minerva: ,Schweig, du dümmster Esel! Mit dir zu reden ekelt es mir! Merke es dir: Jetzt werde ich es euch erst recht zeigen, was ich kann! Meine Regimenter, besonders die unter der römischen Hierarchie habe ich noch, und ich werde sie spielen lassen! Inquisitionen, Galgen, Schafotte und Scheiterhaufen sollen wieder erstehen und ihr Wesen ums hundertfache ärger treiben! Und die Herrscher sollen ihre Untertanen mit glühenden Ruten schlagen und sie erwürgen lassen zu Tausenden! Daraus wirst du bald ersehen, was ich auch ohne Drachenhaut zu bewirken imstande bin!‘
[RB.02_185,04] Spricht Cado: ,Aber ich sage dazu: Bis hierher und nicht um ein Haar weiter! – Nun hast du uns in deiner Dummheit selbst deine menschenfreundlichen Pläne verraten. Bravo, das hast du gut gemacht! Mehr brauche ich nicht zu sagen. Das unsrige werden wir dann schon zu tun verstehen.‘
[RB.02_185,05] Spricht dazu Robert: ,Die geheimen Vorkehrungen sind bereits getroffen. Diesmal wird sich Satan selbst den völligen Untergang bereiten. Sein Lohn wird ein fürchterlicher sein!‘
[RB.02_185,06] Spricht Sahariel: ,Liebe Freunde, ereifert euch nicht dieser Unverbesserlichen wegen! Die Hauptmacht ist ihr genommen, und mit ihrer Scheinmacht wird ihr wenig geholfen sein. Es wird diese alte Schlange wohl noch etliche beißen und vergiften, aber dann wird der Herr Selbst zu den Sterblichen kommen und wird der Schlange das Handwerk legen! Sie soll nun tun, was sie will. Je ärger sie es anfangen wird, desto eher wird sie mit ihrer schnöden Arbeit fertig werden. – Und nun genug der Arbeit mit und in der Hölle! Wir werden uns jetzt auf den Rückweg zum Herrn und zu unseren lieben Brüdern machen. Diese aber soll, gänzlich verlassen, hier machen, was sie nur immer will! – Richte dich auf, Bruder Cado! Denn du hast Gnade gefunden vor Gott, darum du dein Böses in dir in Gutes und Wahres gekehrt hast. Du wirst nun auch mit uns hinziehen zum Herrn und Er wird dir eine große Macht geben, über die Hölle zu wachen. Diese Minerva aber wird dir untertan verbleiben, weil du sie besiegt hast mit der Waffe der göttlichen Gerechtigkeit. Mach dich also auf und wandle in unserer Mitte hin vor den Herrn!‘
[RB.02_185,07] Spricht Minerva: ,So! Mich, die Perle der Unendlichkeit, wollt ihr nun verlassen und gleichsam davonjagen wie eine feile Dirne vom Tanz! O das ist schön und löblich von euch! Früher habt ihr durch lauter Lockungen es so weit gebracht, daß ich nachgab und zu euch herkam. Und nun wollt ihr mich verlassen, weil ihr der Meinung seid, daß ich unverbesserlich sei! Aber dem ist nicht so: Ich bin vielleicht wie kein zweites Wesen einer Besserung fähig. Aber nur der soll über mich triumphieren, der mir die notwendige Geduld und Liebe erweist! Ich bin arm geworden, allenthalben spricht man mit tiefster Verachtung von mir. Soll ich da nicht voll Mißtrauen sein gegen jegliches Wesen, das sich mir naht? Allzeit wurden mir Verheißungen gemacht, damit ich umkehre zu Gott! So ich aber nahe daran war, verließen mich die anfangs stets mutig auftretenden Bekehrer und überließen mich meinem Schicksal. Aber tut nur, was ihr wollt, ich werde wohl auch wissen, was ich zu tun haben werde. – Cado! Willst du bleiben, so bleibe, und ich werde dir dann folgen. Aber mit diesen zweien ziehe ich nicht!‘"
186. Kapitel – Minerva rechtet weiter. Sahariels Langmut. Bathianyis Ärger über die Unverbesserliche.
[RB.02_186,01] Miklosch berichtet weiter: „Spricht Cado: ,Was ich mit dir bisher ausrichtete, war nicht mein, sondern dieser mächtigen Gottesfreunde Werk. Bekäme ich nun allein mit dir zu tun, wohin würde ich kommen, da du mir allein in jeder Hinsicht zu mächtig wärest. Du hast so viele Belehrungen und Witzigungen empfangen, als es Welten im endlosen Raum gibt. Aber es war alles vergeblich, da dir dein hochmütiger Wahnsinn stets lieber war als die strahlende Weisheit der vielen an dich gesandten Gottesboten. Deine Sache ist: Alleinherrschaft über alle Himmel, über alle Materie und über alle Höllen! Du willst drei Herrscherkronen, drei Zepter und drei Schwerter! Das ist und war, wie gesagt, stets deine Sache. – Und nun soll ich ärmster, schwächster Teufel allein bei dir verbleiben und mit dir alle bereits erschöpften Bekehrungsversuche nochmals machen? Dazu wird sich ein Cado nimmer gebrauchen lassen! – Darum gehe ich mit diesen beiden lieben Gottesfreunden! Du wolltest ja frei sein! Siehe, diese Freiheit ist dir nun eingeräumt, und du kannst tun, was du willst! Wir sind davon überzeugt, daß du diesmal dir ein Grab zum ewigen Tode bereiten wirst, weil du uns nicht folgen wolltest. Tue nun aus deiner eigenen Macht, was du willst, aber erwarte von Gott nimmer die Zulassung irgendeiner Gewalt!‘
[RB.02_186,02] Spricht Minerva: ,So bitte ich euch alle drei, daß ihr noch eine Weile bei mir verbleibt und Versuche zu meiner noch immer möglichen Besserung macht! Denn am Willen fehlt es mir ja doch sicher nicht.‘
[RB.02_186,03] Spricht Sahariel: ,O ja, das sicher nicht, da du viel zu viel Willen hast! Aber was für einen, das ist eine andere Frage. Doch wir wollen deinem Begehren nachkommen und noch einige Augenblicke mit dir die möglichste Geduld haben. Sollten diese an dir nichts ändern, wirst du auf immer verlassen werden!‘
[RB.02_186,04] Spricht Minerva: ,Nun denn, so bitte ich euch, daß ihr mir kurz erklärt, was ich zu tun habe, um frei zu werden vor Gott und aller Schöpfung.‘ – Spricht Sahariel: ,Schönste, da brauchst du nur so zu bleiben, wie du bist! Denn frei vor Gott und allen Seinen Geschöpfen warst du seit deinem Anbeginn her. Es fragt sich nur, ob du in Gott, deinem Schöpfer und Herrn, wahrhaft frei werden willst? Was du aber dabei zu tun hast, weißt du so gut wie wir. Handle danach freiwillig! Wolle und tue das, was wir wollen und tun, so wirst du auch das erlangen, was wir dir im Namen des Herrn verheißen haben!‘
[RB.02_186,05] Spricht Minerva: ,Ich müßte also zuvor eine Sklavin werden, um dann erst in eine sicher sehr geknechtete Freiheit überzugehen! Das wird sich bei mir schwer tun lassen, weil in mir ein Gefühl gegen jede Erniedrigung sich auf das entschiedenste ausspricht! Gibt es denn keinen andern Weg als diesen, den ich unmöglich zu wandeln vermag?‘
[RB.02_186,06] Spricht Sahariel: ,Wie es nur einen Gott, eine göttliche Ordnung und nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur einen rechten Weg, der zu Gott und der wahren ewigen Freiheit führt. Wer diesen nicht wandeln will, bleibt ewig ferne von Gott, Seiner Ordnung, Wahrheit und Freiheit. Wer aber in der alleinigen Wahrheit in Gott nicht frei wird, bleibt dir gleich ein elender Sklave in Ewigkeit! Nun sage du aber auch uns ganz kurz und entschieden, was du jetzt tun wirst! Willst du mit uns zum Herrn Jesum hin oder willst du nicht?‘
[RB.02_186,07] Spricht Minerva: ,Ich wollte, so ich's könnte! Aber ich kann es nicht, weil es mir vorderhand noch nicht möglich ist. Doch ich will mir nun alle erdenkliche Mühe geben, euch folgen zu können. So ich euch dann in Kürze bekanntgeben werde, ob oder ob nicht – dann könnt ihr tun, was immer euch eure Ordnung gebietet!‘ – Spricht Sahariel: ,Gut, gut! Auch noch diesen Gefallen wollen wir dir erweisen. Mache dich daher sogleich an die Bekämpfung deines bösen Hochmuts!‘"
[RB.02_186,08] Miklosch in seiner Betrachtung fortfahrend: „Aha, da seht nun einmal hin, wie die lose Minerva nun druckt und schluckt und die Augen verdreht, als wäre es ihr noch so ernst, sich zu bessern! Das muß eine durchtriebenste Canaille sein!"
[RB.02_186,09] Spricht Graf Bathianyi: „Freunde, bei der alten Hure schaut keine Besserung mehr heraus! Eine dreifache Krone im Herzen und im Kopfe, und dazu eine Besserung durch Demut! Ich habe doch alles vernommen, was ehedem Cado und nun alle drei mit dieser Primadonna der Hölle verhandelt haben. Wie weit sind sie mit ihr gekommen?! Das Strahlenkleid hat sie wohl angezogen, weil das ihren Stolz und ihre herrschsüchtige Eitelkeit erhöhte. Aber zu etwas, das nur irgend nach einer geringsten Demütigung riecht, werden die drei sie nie bewegen! Ich meine, man sollte das Luder irgendwohin auf ewig festbannen und sich dann weiter nicht mehr darum kümmern, denn bessern wird diese sich wohl ewig nimmer."
[RB.02_186,10] Spricht Miklosch: „Lieber Freund, überlassen wir das dem Herrn! Er wird es am besten wissen, was Er mit diesem sonderbaren Wesen tun wird. – Mich aber interessiert fürs erste die ungeheure Geduld unseres allgütigsten, heiligsten Vaters. Und fürs zweite die mehr als merkwürdige Art, wie sich die Schein-Minerva überall und zumeist auf eine scheinbar bescheidene Weise durchwindet, wenn es gilt, daß sie sich umkehren soll. Ich begreife nur nicht, wie sie bei ihrem urhäßlichen Charakter äußerlich so unsagbar schön sein kann! Aber es gibt ja auf der Welt auch Ähnliches! Die schönsten Tiere sind gewöhnlich auch die bösesten, die schönsten Blumen giftig und die schönsten Weiber gewöhnlich eines sehr schlüpfrigen Charakters. Unter allen kirchlichen Anstalten auf der Erde steht die römische in der äußeren Pracht und Schönheit sicher bei weitem obenan, doch im Inneren ist sie ohne Zweifel die schlechteste. Und so scheint es mir wenigstens, daß gerade in der vollendeten, lediglich äußeren Schönheitsform der eigentliche Hauptcharakter des Höllenwesens zu suchen ist."
[RB.02_186,11] Spricht Graf Bathianyi: „Ja, da hast du ganz recht! Die schönsten Länder der Erde werden gewöhnlich von den schlechtesten Menschen und bösesten Tieren bewohnt und das Unkraut wuchert da ungeheuer. In den Palästen wohnen zwar gewöhnlich die äußerlich schönsten Menschen, aber welches Geistes Kinder sind sie allermeist? Was äußerlich zu sehr glänzt, ist meistens des Teufels!"
[RB.02_186,12] Spricht auch der nebenstehende General: „Wohl wahr! Je mehr Orden auf dem Rock, desto mehr Menschen muß man umgebracht und Tausende zu Sklaven gemacht haben! Die Orden stehen zwar gut, aber darunter das Gewissen steht schlecht, so noch eines da ist! Und das ist auch Satan in deutlichster Form, nicht wahr, liebe Brüder im Herrn?"
[RB.02_186,13] Spricht Bathianyi: „Ja, hie und da ist manchmal etwas daran, aber freilich nicht allzeit. Denn es gibt doch auch Männer, die ihre Ehrenzeichen auf die redlichste Art erwoben haben. Verdienstorden, deren Besitzer biedere Menschen sind und somit auch auf rechtlichstem Weg zu ehrenden Auszeichnungen gekommen sind. Und so ist nicht anzunehmen, daß unter jeder mit Orden geschmückten Brust ein schlechtes oder gar kein Gewissen zu Hause sei!"
[RB.02_186,14] Spricht der General: „Du hast in deiner Weise ganz recht, aber ich in meiner auch. Auch ich verdamme nicht jede geschmückte Brust. Aber der erste Schmuck jeder Brust bleibt die reine und wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten. Wo diese einer noch so geschmückten Brust mangelt, gelten bei mir alle anderen Ehrenanhängsel nichts. Wenn aber der Herr selbst sagte: ,So ihr alles getan habt, so bekennt, daß ihr unnütze und faule Knechte wart!‘ – wie soll da ein wahrer Nachfolger Christi sich ein ehrendes Verdienstzeichen auf seinen Rock hängen lassen können? Ich meine, dagegen wird doch niemand etwas einzuwenden haben, denn das ist Gottes Wort!"
[RB.02_186,15] Spricht Bathianyi etwas gereizt: „Ja, und nocheinmal ja! Du hast recht, aber ich habe deshalb eben auch nicht unrecht. Es versteht sich von selbst, daß es ohne Liebe kein Recht und ohne Recht auch keine wahre Liebe geben kann!"
[RB.02_186,16] Spricht Miklosch: „Brüder, wie ich merke, kommt ihr vor dem Herrn als allein ewig wahrem Richter in eine Art Rechtskampf wegen nichts und wieder nichts! Da, wenige Schritte zu eurer Rechten steht der Herr voll Liebe, Güte und Sanftmut! Ihn fragt, und ihr werdet erfahren, wer von euch das vorzüglichere Recht hat! Wer aber wird hier vor dem Herrn selbst einen irdischen Ordensstreit beginnen wollen, der gerade jetzt, bei dieser vielleicht für die ganze Ewigkeit wichtigsten Erscheinung dort im Norden am ungeeignetsten Platze ist!"
187. Kapitel – Minervas theatralischer Abgang zu ihrem letzten Kampfe. Sahariel, Robert und Cado kehren heimwärts. Der Herr nimmt Cado auf.
[RB.02_187,01] Rede Ich: „Halt, halt! Und nun keinen Lärm, denn die Schwangere ist in Kindsnöten und darf in der Geburt nicht gestört werden! – Miklosch, gehe nun wieder an dein Geschäft und mache den Dolmetsch! – Ich sage euch, die Ernte ist zur Reife gediehen, aber die Schnitter sind auch gerüstet zur Arbeit. Ich merke auf der Erde einen starken Jammer: Satan möchte sie schlagen mit zehnfacher Finsternis. Aber dieses letzte Mal wird er seine Rechnung nicht finden, denn seine Mühe sei verflucht! Von nun an wird jeder Schritt Satans auf sehr kurze Zeit von großer Bedeutung sein für die Erde, den Prüfungsort Meiner Kinder! – Schaue wieder und rede!"
[RB.02_187,02] Miklosch sieht wieder hin und spricht: „Ah, alle Wetter! Minerva braust nun auf einmal auf und verlangt ein Schwert zum Kampf auf der Erde wider den Unglauben und alle Ketzerei!
[RB.02_187,03] Sahariel aber deutet auf die Zunge und sagt: ,So dieses lebende Schwert nichts fruchtet, ist auch jedes andere vergeblich! Das lebendige Schwert mit dem Herzen im Verband wirkt für die Ewigkeit – wie auch der Herr sprach: ,Dieser sichtbare Himmel und diese Erde werden vergehen, aber Meine Worte ewig nimmer!‘ – Also, wenn du es redlich meinst, wirke durch Worte, das Schwert aber lasse stehen! Denn so du mit dem Schwert predigen wirst, da wird das Schwert dein sicheres Ende sein. Denn wer nach dem Schwert greift, der wird auch durch das Schwert umkommen. – Begib dich in Frieden, sonst wird deine Zeit arg verkürzt werden!‘
[RB.02_187,04] Spricht Minerva: ,Ich will ein Schwert, geschehe darauf, was da wolle! Ein Schwert, ein Schwert gebt mir! Denn nun will ich endlich einmal mit Gewalt von heute bis morgen die Erde fegen!‘
[RB.02_187,05] Spricht darauf Robert: ,Nun gut denn, du verlangst ein Schwert. Hier ist eines! Nimm es hin und gebrauche es nach deinem Wissen und Gewissen! Der Lohn wird dir diesmal auf der Ferse folgen.‘
[RB.02_187,06] Robert reicht ihr ein Schwert. – Minerva reißt es ihm aus den Händen und lacht echt satanisch dabei auf: ,Hahaha! Ist das ein Schwert, aus Blei oder Pappendeckel! Ist das etwa ein Sinnbild eurer himmlischen Macht und Stärke?‘ – Spricht Robert: ,O nein, Holdeste! Wohl aber ist es ein Symbol deiner nunmehrigen Macht! Gehe hin und kämpfe damit, du Elende, und erringe deinen Sieg! – Willst du aber mit uns ziehen, so steht dir auch dieser Weg offen! Nun erkläre dich, was du tun wirst!‘
[RB.02_187,07] Spricht Minerva: ,Ich werde kämpfen auch mit diesem Schwert!‘ – Spricht Robert: ,Nur zu mit dieser Waffe! Aber gib acht, daß sie dir morgen auf der Erde nicht zu kurz wird! Diesmal soll dir der letzte Kampf, aber allein nur auf deine Rechnung, zugelassen werden. Und genug nun der Worte mit Satan. Gehen wir unseres Weges! Der Herr richte dich nach Seinem Wohlgefallen!‘"
[RB.02_187,08] Miklosch fortfahrend: „Nun verschwindet Satana plötzlich und die drei eilen unter Vortritt Sahariels hierher. Jetzt bin ich neugierig, was sie etwa von ihren anderweitigen Himmelsbereisungen erzählen werden! Sie kommen, sie kommen schnell!"
[RB.02_187,09] Im selben Augenblick sind die drei auch schon hier. Sahariel tritt vor Mich hin, verneigt sich tiefst und spricht: „O Herr! Du alliebender, allmächtiger, heiligster Gott und unser aller Vater! Mit Bruder Robert-Uraniel bin ich in Deinem Namen hinausgegangen, um ihm ein Fünklein Deiner endlosen Herrlichkeit zu zeigen. Er sah seine Urheimat und hatte eine ungemeine Freude daran, denn alles preist dort Deinen Namen. – Doch auf dem Rückweg führte uns Dein heiliger Geist zu einer großen Szene, die für alle Deine Himmel und für die kleine Erde als Geburtsstätte Deiner Kinder von größter Bedeutung sein wird. Aber diese Szene war ein glühendheißes Werk! Die ganze Hölle empörte sich wider Dich und Deine Himmel! Satan schmückte sich gewaltig, um durch seine Schönheit alle Himmel an sich zu ziehen.
[RB.02_187,10] Hier aber steht ein starker Geist, in sich schlecht und recht, böse und gut – ein Wesen seltener Art! Dieser Geist warf zuerst aus seinem eigenen Willen heraus der Fürstin der Hölle den Fehdehandschuh hin und kämpfte mit ihr wie einst David mit dem Riesen Goliath. Ihr Äußeres bezwang er wie ein Meister, aber das Innere dieser Fürstin blieb wie bisher noch stets dasselbe. Dieser beherzte Geist steht hier, sein Name ist Cado. Und so bin ich und Robert-Uraniel um einen Bruder reicher hierher zu Dir, heiligster Vater, wiedergekehrt. Wir wollen Dich nicht bitten, daß Du ihn aufnehmen möchtest in Dein Reich, da Deine unendliche Güte und Liebe uns schon lange zuvorgekommen ist. Aber unsere große Freude wollen wir hier nach unserer Herzenslust ausschütten darüber, daß Deine Liebe und Macht uns einen so herrlichen Bruder hat gewinnen lassen! Liebe, Preis und alle Ehre Dir allein dafür!"
[RB.02_187,11] Rede Ich: „Meine Liebe, Meine Gnade und Meinen Segen euch und ihm! Er war schon wie verloren. Aber ein Fünklein war noch in ihm, das da lebendig ward in der Qual, die ihm sein einstiges irdisches Oberhaupt bereitet hat. Das rettete sein Herz und verlieh ihm eine große Kraft, mit der er Mir dann unaufgefordert einen großen Dienst erwies. Er soll dafür auch einen großen Lohn überkommen und ein Meister werden im Kampf wider die Hölle.
[RB.02_187,12] Mein geliebter Cado, tritt näher zu Mir, denn Ich habe dir Großes und Wichtiges zu geben!" – Cado verneigt sich tief und sagt dann: „Herr, ich hatte von Dir wohl eine ganz andere Vorstellung. Aber da ich Dich nun in der schlichtesten Einfachheit sehe, so bist Du mir unter diesem Bild auch am angenehmsten. Ich frohlocke tiefst, daß Du als das allerhöchste Gottwesen so schlicht und einfach bist! So habe ich mir die Gottheit oft in meinem Herzen gewünscht, wenn ich sie mir auch stets unzugänglich denken mußte, weil meine Begriffe mir keine andere Vorstellung ermöglichten. Aber da ich hier meinen Gott und allmächtigen Schöpfer so finde, bin ich nun über die Maßen froh und stelle sofort Dir, o Herr, meine kleinste Kraftwenigkeit zum bereitwilligen Dienst. – Aber nur müßig lasse mich nicht sein, denn meine Freude ist, etwas Gutes zu tun. – Was wird nun mit der sogenannten Minerva geschehen? Soll sie so verbleiben, oder sollen wir doch noch weitere Besserungsversuche machen? So wie sie ist, wird sie viel Unheil auf der Erde anstiften, worauf sie ganz sicher ausgegangen ist."
[RB.02_187,13] Rede Ich: „Sei deshalb ruhig, lieber Cado! Diesmal ist ihr wie allen ihres Sinns die Falle gelegt, in der sie sich unausweichbar fangen wird! – Wir aber werden nun etwas anderes beginnen!"
188. Kapitel – Der Herr mit Robert und Helena – Wiedersehen der beiden Gatten. Ein wahres Ehepaar der Himmel.
[RB.02_188,01] Rede Ich: „Robert, siehe hierher! Die du lieb hast, ist die ganze Weile an Meiner Brust gehangen. Du hast sehr viel gesehen und hast große Erfahrungen gemacht. Aber frage sie, was auch sie unter der Zeit deines wichtigen Ausseins gesehen und gehört hat! Du bist in Meine Himmel gedrungen und deine Helena tief in die großen Geheimnisse Meiner Liebe. Was meinst du nun, wer von euch beiden an tiefen und wichtigen Erfahrungen des Lebens wohl die weitesten Fortschritte gemacht hat?"
[RB.02_188,02] Spricht Robert-Uraniel: „O Herr, sicher die liebste Helena hier! Denn wer an der Urquelle selbst schöpft, empfängt sicherlich des Lebens reinstes Licht. Wer aber durch Deine heilige Ordnung genötigt wird, an den weitgedehnten Ausflüssen Deiner Liebe, Weisheit und Macht die Wunder Deiner Erbarmung zu besehen, der trinkt Deine Gnade nur tropfenweise, – während Helena ganze Ströme Deines Urlichts in ihr Herz aufnimmt und dadurch in den ungeheueren Sehkreis Deiner endlosen Erbarmungen und Wundertaten geleitet wird. Eine flüchtige Sekunde ungetrübten Schauens in Dein Herz muß ihr ja mehr enthüllen als mir in der Ferne von Dir ein ganzes Jahrtausend! Wie werde ich nun vor ihr bestehen? Ich, ein durch winzige Lichttropfen gesättigter Geist! Und sie, Meere des Lichts aller Weisheit in sich fassend!"
[RB.02_188,03] Rede Ich: „Dessen kümmere dich nicht! So jemand auf Erden sich ein Weib nimmt, so wird sie ihm um so lieber sein, je reicher sie an guten Eigenschaften ist. Und so wird es dir hier wohl auch nicht unangenehm sein, so hier dein rechtes Weib einen derartigen Schatz von Mir überkommen hat, daß ihr beide daran für die Ewigkeit zur Genüge haben werdet. Ihr Schatz besteht in einer unschätzbaren Fülle der Liebe, und dein Schatz an Weisheit ist auch nicht der kleinste.
[RB.02_188,04] Wohl bist du nur mit Tropfen gespeist worden, wo sie Ströme in sich eingesogen hat. Aber so du einen solchen Tropfen in die Fülle ihrer Liebe tauchen wirst, wird daraus eine Unzahl von Wundern und neuen Geschöpfen und Werken entstehen, an denen du dich nimmer wirst satt sehen können. Du wirst darin erst Meine Macht, Größe, Liebe und Weisheit in aller Fülle stets mehr zu ersehen und anzubeten beginnen. Denn alles, was mit dir bisher geschah, das war nur eine nötige Vorbereitung zu dem, was du von nun an beginnen wirst.
[RB.02_188,05] Du sahst dein Haus zuerst von außen, es gefiel dir ungemein. Als du aber in den ersten Saal deines Hauses kamst, gefiel es dir noch bei weitem besser, da du darauf bald zu einer Gesellschaft kamst, die zwar noch sehr roh aussah – deinem Inwendigen in allem entsprechend. Aber sie ward bald sanft, als dein Inneres selbst lichter und sanfter wurde. Darauf wurde ein zweiter Saal geöffnet, der große Speisesaal, wo du die Tische zu ordnen hattest, die dir viel Bangens machten. Darauf traten wir in einen dritten, sehr großen Saal, das Museum benannt. Da lerntest du alle deine Mängel und des Todes Samen in dir kennen und schafftest sie aus dir nun alle hinaus, indem du auf den Grund der Hölle (von deinem Urentstehen an) zu dringen und dich von ihr zu reinigen hattest. Und nun stehst du noch im selben Museumssaal vor Mir.
[RB.02_188,06] Aber hier ist des Bleibens noch nicht! Daher werden wir uns nun in die große Schatzkammer begeben, in der dir die Schätze ersichtlich werden, die du mit Helena als eine freie Mitgabe von Mir erhältst. Rufe daher die ganze große Gesellschaft zusammen. Wir werden uns dann sogleich in den vierten Saal begeben, der da ist die große Schatzkammer deines Hauses. Grüße aber vorerst deine Helena, dein himmlisches Weib!"
[RB.02_188,07] Robert begrüßt nun die Helena mit wahrer Engelszärtlichkeit, und diese erwidert holdseligst den Gruß. Robert vergeht nahe vor Wonne und ruft. „O du meine himmlische Helena, wie groß bist du nun, und wie klein bin ich vor dir!"
[RB.02_188,08] Spricht Helena: „Liebster Robert-Uraniel, vor Gott dem Herrn, unserem Vater voll reinster Liebe, gibt es weder irgend etwas Großes noch etwas Kleines! Er gibt dem einen Werke diesen, dem anderen Werke einen anderen Zweck. Wo aber der Zweck göttlich, da ist auch das Mittel gut. Ich bin ein Mittel und du auch in der Hand der göttlichen Liebe. Du bist so wie ich weder groß noch klein, sondern gleich mit mir in der Liebe vor Gott. Daher machen wir uns gegenseitig keine Lobreden mehr, sondern ergreifen wir uns recht innig in Gott, unserem heiligen Vater! Deine Weisheit vermähle sich mit meiner in Gott reif gewordenen Liebe! Und werden wir so dann eins vor Gott, so werden wir ein wahrhaftiges Ehepaar im Himmel und werden als ein solches wirken nach der Ordnung Gottes!"
[RB.02_188,09] Spricht Robert-Uraniel: „Holdeste Schwester im Herrn und Vater und Weib meines Herzens! Du hast vollkommen recht! Wie selig doch haben mich deine Worte gestimmt! Denn ich sah darin den Geist der reinsten göttlichen Liebe in mein Herz überströmen. Welch eine liebliche Harmonie entfaltete das in meiner hochseligen Brust! O Gott, welchen Seligkeiten gehe ich nun entgegen! Was alles wird meinen Augen in der geheimen Schatzkammer des Herrn begegnen! Seligkeiten ohne Maß, jede von neuen, nie geahnten Wundern der göttlichen Liebe, Weisheit und Macht begleitet!" – Hier umarmt Robert-Uraniel die Helena und küßt sie auf die Stirne.
[RB.02_188,10] Ich aber segne sie beide abermals und bedeute Robert, daß er nun alle zum Weiterzug aufrufen soll.
189. Kapitel – Cyprian beim Herrn. Der beste Dank. Des Herrn Führungsweise. Gerichtswege Roms.
[RB.02_189,01] Robert verkündigt nun den vielen Freunden, was nach Meinem Willen jetzt zu geschehen habe.
[RB.02_189,02] Währenddessen aber tritt Pater Cyprian zu Mir hin und sagt: „Herr, Du bester Vater der Menschen und Engel! Das rein höllische Zwischenspiel hat ein hübsches Weilchen gedauert. Das beste an der Sache ist, daß mit dem Verschwinden jenes wirklichen Ur-Satans nun auch das leidige Abbild aus meiner Brust gänzlich verschwunden ist. Denn die beiden Brüder Dismas und Thomas haben mit mir nahezu die gleiche Teufelsaustreibung ins Werk gesetzt, wie der famose Cado mit der Schein-Minerva. Ich bin nun, soweit ich mich immer durchforsche, wenigstens von alledem rein, was in mir römisch war. Geiz, Neid, Habsucht, Herrschsucht und Rechthaberei sind nun ferne von mir. Mit leichtem und freiem Gemüt stehe ich jetzt vor Dir und bitte Dich auch um einen kleinen Segen. Da Du den guten Bruder Robert so übermäßig gesegnet hast, daß er sich vor lauter Seligkeit beinahe nimmer zu helfen weiß, wirst Du auch mir meine Bitte nicht als Vermessenheit anrechnen!"
[RB.02_189,03] Rede Ich: „Nein, das ewig nicht. Nur kommst du mit deiner Bitte etwas zu spät, denn Ich habe dich schon gesegnet!" – Spricht Pater Cyprian: „So ist es an mir, Dir, o Herr und Vater, dafür gebührend zu danken!"
[RB.02_189,04] Sage Ich: „Ist auch schon geschehen! Denn Ich lese es in deinem Herzen, und das ist Mir der gültigste Dank. Hast du Mir aber den schon geleistet, wozu hernach noch einen schlechteren hinzufügen?" – Spricht Cyprian: „Aber davon weiß ich selbst kaum etwas! Wie soll dann eine mir ganz unbewußte Handlung vor Dir Wert haben können?" – Sage Ich: „Weil sie Meiner Lehre im Evangelium gemäß ist wonach auch die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte Gutes tut in Meinem Namen! Meinst du noch immer, ein Mir wohlgefälliger Dank müsse Mir nach Roms Art unter schallendem Glockengeläut, unter gewaltigem Tönen der Orgeln, Pauken, Trompeten und Posaunen und unter dem sinnlosen Geplärr lateinischer Hymnen dargebracht werden? O Freund, alles das ist vor Mir ein barster Greuel! Wer Mir recht danken will, der danke Mir im Herzen, und zwar so, daß sein hochweiser Verstand dabei nicht mehr zu tun hat als ein gemeiner Handlanger bei irgendeiner Meisterarbeit. Solch einen Dank hast du Mir dargebracht. So Ich damit überaus zufrieden bin, was willst du hernach noch?"
[RB.02_189,05] Spricht Cyprian: „Mein Gott und Herr! Du bist zu gnädig und barmherzig, daß Du die puren Gedanken des Herzens als etwas Dir Wohlgefälliges ansehen magst! Du ordnest alle Dinge richtig, und Deine Kinder führst Du den rechten Weg, daß sie nimmer irren können. Mein Herz machte seine Lebensschläge in großer Trübnis, aber Du ließest es nicht zu, daß es in seiner Nacht erstarrte und keiner Pulse der Liebe zu Dir mehr fähig geworden wäre. Darum Dir allein ewig alle Anbetung und alle unsere Liebe!
[RB.02_189,06] Es geht zwar nun auf der Erde wieder sehr traurig und finster zu, aber es ist so recht wie Du es zuläßt. Es muß ja auch das Unkraut zur Reife kommen und seine Wurzel dürr werden, damit es dann von Grund aus vernichtet werden kann. Wie das Gute von Dir, so auch muß das Böse sich tatkräftig äußern, damit es wahrhaft als Böses erkannt und verworfen werde.
[RB.02_189,07] Das Böseste auf der Erde ist nun das römische Pfaffentum. Es erhebt sich unter der Maske der Frömmigkeit und steigt höher und höher. Aber so es bald mit seinem stolzen Flügelpaar an die Decke Deiner Himmel schlagen wird, werden ihm die Flügel zerstört werden durch Feuer aus den Himmeln. Es wird da einen erschrecklichen und letzten Fall tun, nach dem keine Erhebung mehr möglich sein wird. Ein trauriger Weg zwar, aber gut und gerecht ist er und verfehlt nimmer des Zieles Mitte!
[RB.02_189,08] Ich war falsch, schlecht und böse vor Dir, o Herr, und stieg höher und höher, um desto tiefer zu fallen. Aber als ich völlig gefallen war, da kamst Du, halfst mir wieder empor und machtest so aus einem Teufel einen Menschen nach Deinem Maß. Und so tust Du, o Herr, fortwährend! Denn Deine Erbarmungen sind unbegrenzt, und Deine Liebe und Gnade erfüllt alle Räume der Unendlichkeit. Den Niederen erniedrigst Du noch mehr, damit er vollkommen werde und näherkomme Deinem Herzen. Aber die Hohen erhöhst Du und bereitest ihnen den vollkommenen Fall, daß sie als Gefallene sehen mögen, wie eitel all ihr Mühen war und wie gar nichts sie sind vor Dir, o Herr! Wohl aber denen, die ihren sicheren Fall merken und sich demütigen vor Dir! Die sich aber in ihrem Fall werden erhalten wollen, denen ein dreifaches Wehe! Denn ihr Weg wird ein heißer sein und ihre Umkehr nahezu unmöglich.
[RB.02_189,09] O Rom, o Rom! Du pochst vergeblich an die eherne Pforte deiner alten Macht! Sieh, die Riegel sind verrostet, mit denen du selbst die Türe zum Gottesreich verrammt hast allen, die hinein wollten! Ich stehe vor Gott dem Allmächtigen, und Sein Auge sagt mir: deine letzte Mühe wird dir einen schnöden Lohn bringen! Aber wehe dir! Der Herr hat dir eine Nacht vorbereitet, die dich verschlingen wird wie eine hungrige Schlange einen Sperling!"
[RB.02_189,10] Sage Ich darauf: „Amen! Du hast gut, wahr und weise geredet vor Meinem Angesicht. Und so sei es, wie du nun geredet hast vor Mir!"
190. Kapitel – Der Altväter Heilsbitte – Antwort des Herrn. Vorbereitungen zur Wiederkunft des Herrn.
[RB.02_190,01] Treten alle Propheten und Apostel zu Mir und sagen: „Ja, Amen! Dein Name werde geheiligt, wie hier in Deinen Himmeln also auch auf Deiner Erde als einer wahren Probestätte für die Geschlechter, die zum ewigen Dasein erkeimen unter Deinem Herzen! Aber nur das, heiliger Vater, bitten wir Dich alle aus einem Herzen und aus einem Mund: Lege dem Satan endlich einmal sein schnödes Handwerk! Nimm hinweg von Deiner Erde den Purpur und mache verschwinden Gold, Silber und Edelgestein, damit die Menschen nicht mehr nach dem Schimmer dieser unflätigen Dinge gieren, sondern nur nach reiner Liebe und Wahrheit streben! Welche Schätze des Geistes müssen zu Grabe getragen werden, weil das Jagen nach all den eitlen Dingen die Menschheit hindert, ihren Geist nach Deiner Ordnung zu erwecken und daraus unvergängliche Reichtümer für Zeit und Ewigkeit zu schöpfen!
[RB.02_190,02] Lege endlich einmal Satan sein schnödes Handwerk! Mit seinem Verschwinden aus der Sphäre der Wirkung muß die Menschheit zu allem Guten und Wahren geneigter werden, widrigenfalls muß die Menschheit stets tiefer ins Verderben sinken. Wohl sind Deine Ratschlüsse unerforschlich und unergründlich Deine Wege. Niemand ist bekannt, wie Du vorgehst, um alles am Ende dem besten Ziel zuzuführen. Bei manchen Wesen wird wohl eine übergedehnte Zeit erfordert, bis sie zu ihrem vorbestimmten Ziel gelangen. Also eine Abkürzung der langen Wege und der Zeiten Dauer, wie Du, o Herr, sie Selbst Deinen Völkern verheißen hast, wäre uns Gottgesinnten wohl das sehnlichst Erwünschte!
[RB.02_190,03] Es ist wahrlich schade für Deine schöne Erde, daß sie die ihr stets neu geschlagenen Wunden nimmer zu heilen vermag, so Du ihr die stets gleichen Quäler nicht vom Leibe schaffst. Was Du aber tun wirst, Herr und Vater, das tue bald! Denn sonst verschmachten die Menschen vor zu banger Erwartung der Dinge, die noch über die Erde kommen. Wir hier warten freilich leicht, da ob der großen Seligkeit bei Dir, heiliger Vater, auch vor uns tausend Erdjahre gleich sind einem flüchtigen Lenztag. Aber den noch in sterblichen Hüllen lebenden Brüdern auf Erden werden bange Minuten zu Jahren und Jahre zu Ewigkeiten. Daher tue auf, o Vater, den reichen Born Deiner Liebe und Gnade, suche die Armen auf Erden gnädig heim und kürze diese arge Zeit ab! Dein heiligster Wille geschehe allzeit!"
[RB.02_190,04] Rede Ich: „Ihr tut wohl daran, daß ihr so bittet. Aber es geht euch bei euren Bitten so wie jenen, die überall zu spät kamen und darum auch vor Mir stets zu spät kommen müssen, weil Ich überall und in allem der Erste bin. Ihr seid wie Meines Leibes Glieder, die nicht eher zu handeln vermögen, bis Mein Geist sie zu handeln antreibt. So es aber in euch allenthalben Meines Geistes bedarf, wie könnt ihr wohl meinen, daß Ich erst durch eure Bitte müßte bewogen werden etwas zu bewerkstelligen, dessen Notwendigkeit Ich schon eingesehen habe, bevor noch irgendein Geist aus Mir sich eines freien Bewußtseins erfreute! Wenn ihr über eine Sache erst nachzudenken beginnt, habe Ich schon um tausend Jahre vorgesorgt und alles so in Gang gesetzt, daß die Wirkungen gerade so zum Vorschein kommen müssen. Sonst könnte am Ende der allgemeine Hauptzweck unmöglich erreicht werden, der da ist euer ewiges, schöpferisch-freiestes Leben Meiner göttlichen Gegenwart gegenüber.
[RB.02_190,05] Soll Ich denn alle Hierarchien durch ein Feuer vom Himmel mit einem Schlage vertilgen? Das geht nach dem großen Werke der Erlösung wohl nicht mehr! Keine allgemeine Sündflut und kein Untergang Sodoms und Gomorras mehr!
[RB.02_190,06] Aber ein jedes Übel der Erde ist nun sein eigener Richter, und die Strafe folgt der Sünde auf der Ferse. Die Hierarchen verlangten ihre alte grausame Priesterfreiheit. Und sehet, sie sei ihnen gegeben, aber ohne materielle Macht! So aber nun die Hierarchen von ihrer grausamen Freiheit auch weiterhin bösen Gebrauch machen, werden sie dadurch Tausende bewegen, aus ihrer schlechten Gemeinde in eine bessere überzugehen. Während ihr hier bittet, sind schon Tausende von Rom abgefallen! Kann da die Zeit noch mehr verkürzt werden? Ist nicht alles getan zu ihrem Untergange, der nun bald notwendig geworden sein wird?
[RB.02_190,07] Wie könnte Ich je wieder zur Erde kommen, so nicht der argen Hierarchie auf wirksame Weise ihr altes Handwerk gelegt würde? Käme Ich aber als Gott – nun, das begreift ihr sicher, daß da die ganze Erde gerichtet würde und kein Wesen auf ihr eines freien Atemzuges mächtig wäre.
[RB.02_190,08] So Ich aber zur Erde komme, kann Ich nur zu den Armen kommen. Erst so ist auf der Erde ein rechter Ausgleich aller herrschsüchtigen Bestrebungen möglich, und daneben auch Mein Entgegeneilen dem Verlorenen.
[RB.02_190,09] Eure Bitte aber war dennoch recht, denn sie ward euch so gegeben; aber Meine Handlung kam ihr um vieles zuvor! – Nun aber kommt Robert-Uraniel mit seinen Scharen. Daher seid alle bereit zum nötigen Weiterzug!"
191. Kapitel – Aufbruch zum Saal der Vollendung. Robert und Helena gefolgt von Cado vor verschlossener Himmelspforte. Minerva tritt wieder auf.
[RB.02_191,01] Alles begibt sich nun schnell in Meinen Willen. Robert-Uraniel kommt und sagt: „Herr und Vater, es ist alles geordnet nach Deinem Willen und Deiner heiligen Ordnung!"
[RB.02_191,02] Sage Ich: „So gehen wir denn gen Morgen, wo du in scheinbar großer Ferne zwei mächtige Säulen siehst! Dort ist der vierte Großsaal der Vollendung, wo der eigentliche Himmel erst seinen Anfang nimmt. Nimm hier dein Weib, auf daß du aus Meiner besonderen Liebe in dir vollkommen eingehest in das Reich deiner Liebe und Erkenntnis!"
[RB.02_191,03] Auf Meine Worte hin umfaßt Robert-Uraniel mit aller Liebe seine Helena und bittet Mich, daß Ich an seiner Seite, und zwar zwischen ihm und Helena in den Großsaal einziehen möchte. – Ich aber sage: „Du mußt einmal frei zu wandeln anfangen, ansonsten du stets eines Gängelbandes bedürftest. Ich aber werde ohnehin im Großsaal zugegen sein, wenn du dort eintrittst. Wo immer du mit der Liebe zu Mir dich hinbegeben wirst, werde Ich bei dir sein, da deine Liebe zu Mir Ich Selbst bin! Denn Ich bin überall gegenwärtig, wo wahre und reine Liebe in einem Herzen zu Mir in rechter Fülle gegenwärtig ist. – Und so gehe denn voran und öffne die Pforte in das Reich der Vollendung deines Herzens!"
[RB.02_191,04] Hier macht Robert eine tiefe Verbeugung vor Mir und tritt sogleich seine Reise an. Er wandelt wohlgemut mit seiner Helena, die ihn unterwegs fragt, wie es ihm hier im Reiche Gottes eigentlich vorkomme und ob er sich wohl schon ganz heimisch fühle. – Sagt darauf Robert-Uraniel: „Manchmal kommt es mir sehr fremd vor, besonders so der Herr Sich nicht neben mir befindet. Aber so der Herr sichtlich in meiner Nähe weilt, bin ich wieder ganz zu Hause. Nur alle die Erscheinungen kommen mir, trotzdem ich sie recht wohl verstehe, noch immer befremdend vor, weil ihr Auftreten oft gar so unvorbereitet zum Vorschein kommt. Doch ich habe mich auch daran schon gewöhnt. – Aber nun ist schon die Pforte da, aber verschlossen! – Was nun?"
[RB.02_191,05] Spricht Helena: „Nun, die werden wir im Namen des Herrn eben aufzumachen versuchen. Sieh, es steckt ja ein goldener Schlüssel darin!" – Robert ergreift sogleich den Schlüssel und fängt an, ihn nach rechts und links zu drehen, aber die Tür will sich nicht öffnen. Er dreht wieder, und stärker als zuvor drückt er mit Gewalt an die beiden Torflügel, doch vergebens!
[RB.02_191,06] Darob wird Robert etwas bange und er spricht zu Helena: „Siehe, mein geliebtes Weib, ich muß dir offen gestehen, daß ich mich wieder einmal sehr fremd fühle, wie einer, der ganz verlassen ist von seinen früheren Helfern in der Not. Siehe dich einmal um, ob du selbst in weitester Ferne jemanden erschauen kannst! Außer Freund Cado, der uns ganz still gefolgt ist, entdecke ich keine Seele und keinen Geist!" Spricht Helena: „Wahrhaft sonderbar, außer Cado sehe auch ich niemanden, und das Tor läßt sich nicht öffnen! Und doch hat uns der Herr Selbst hierher beordert. Versuche noch einmal die Tür zu öffnen, ich werde dir helfen, vielleicht wird es dann gehen!"
[RB.02_191,07] Robert macht sich nun wieder an den Goldschlüssel und dreht ihn nach allen Seiten, während Helena kräftig an die beiden Flügel drückt. Die Bemühung geht eine gute Weile vor sich, aber ohne Erfolg. Als beide schon etwas abgemüdet sind, sagt Helena: „Weißt du, mein geliebter Robert-Uraniel, über die Möglichkeit hinaus kann sich niemand zu einer Tat verpflichtet fühlen. Wir haben bereits alle unsere Kräfte daran verwendet, aber diese Himmelspforte läßt sich durchaus nicht öffnen, woran wir doch kaum schuldig sind. So bleibe sie denn in des Herrn Namen verschlossen! Aber Freund Cado könnten wir noch um eine Mitwirkung ansprechen, vielleicht versteht er damit besser umzugehen als wir beide." – Spricht Robert-Uraniel: „Du hast recht, das werde ich sogleich tun!"
[RB.02_191,08] Robert-Uraniel spricht: „Liebster Freund, du hast uns ganz allein ein freundliches Geleit gegeben. Du hast auch des Herrn Auftrag an mich vernommen, daß ich mit meinem Weibe hierher ziehen und dies Tor öffnen soll. Allein alle unsere noch so kräftigen Versuche scheiterten an diesem Tor! Daher will ich dich hiemit ersuchen, mit mir noch einen dritten Versuch zu machen. Vielleicht gelingt es uns dreien, diese riesige Himmelspforte doch zu öffnen. Gelingt es aber nicht, so mag der Herr dann tun mit uns, was Ihm wohlgefällt!"
[RB.02_191,09] Spricht Cado: „Lieber Freund, es wird dir mein Wirken wenig Segen bringen. Was einem Gott zusteht, gebührt nicht einem Ochsen! Du bist berufen und auserwählt, ich nicht einmal berufen. Aber ich werde dir dennoch die verlangte Hilfe leisten. Du weißt ja, nur die werden das Himmelreich besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen! So fangen wir's denn in Gottes Namen an!"
[RB.02_191,10] Robert macht sich abermals an den Schlüssel und dreht ihn siebenmal nach links. Und da bei allem Kraftaufwand die Pforte noch nicht aufgeht, dreht er den Schlüssel nach rechts so lange, als er sich immer drehen läßt. Dabei wird während des Drehens in einem fort kräftigst gegen die Pforte losgedrückt, allein sie bleibt beharrlich verschlossen.
[RB.02_191,11] Robert-Uraniel kratzt sich hinter den Ohren. Und Cado sagt: „Ich habe dir ja gesagt, daß es nicht gehen wird! Ich weiß doch, daß diese geistigen Dinge um vieles hartnäckiger sind als die irdischen. Ein Berg auf der Erde ließe sich eher versetzen, als so ein Geistertor sich öffnen! Mein Rat wäre hier, die Geschichte abzuwarten! Unsere Bestimmung kann nicht darin bestehen, dem Herrn Gott Jesus immer auf der Nase zu sitzen. Es ist uns demnach ein Ort angewiesen worden, wo wir so lange zu verharren haben, bis uns von höheren Mächten diese Himmelspforte aufgetan wird. Was wir aber tun könnten wäre, uns an den evangelischen Rat zu halten: „Suchet, so werdet ihr finden! Bittet, so wird euch gegeben, und pochet an, so wird euch aufgetan!" – Wer weiß, ob das Tor nicht dann schon vor uns offen stünde. – Was meinst du, mein Freund, in dieser Sache?"
[RB.02_191,12] Spricht Robert-Uraniel: „Ja, du hast da durchaus recht. Aber daß der Herr mich förmlich genötigt hat, mich eilends hierher zu begeben und diese Pforte zu öffnen, da uns großwichtige Dinge dahinter erwarten! Nun bin ich hier und richte mit der Pforte nichts. Das ist denn doch etwas sonderbar. Aber ich werde deinem Rat folgen!"
[RB.02_191,13] Spricht hiezu Helena: „Freunde, wahrlich es gehört viel dazu, um in das Himmelreich Gottes eingehen zu können! Mich geniert hier nichts so sehr als dies herrliche Strahlengewand. Wenn ich ein ganz ordinäres Bauernkleid hätte, so würde mich dieser verweigerte Eintritt in das eigentliche Himmelreich weit weniger genieren. Wahrlich, bei dieser Geschichte könnte man auf den Herrn ordentlich ungehalten werden! Früher Milch und Honig von bester Qualität, und nun einen rechten Bittertropfen darauf! Und an Stelle des Himmelsbrotes, das man schon im wahren Übermaß genossen hat, kommt nun eine Hafergrütze! Prosit Mahlzeit, das wird eine sonderbare himmlische Süßigkeit abgeben! Aber wenn ich Närrin nur dieses dumme Kleid loswerden könnte, denn mich geniert's schon ganz entsetzlich! – Gefällt dir, mein geliebter Robert, noch dein uranisches Sternengewand?"
[RB.02_191,14] Spricht Robert: „Auch mir wäre ein anderes um eine Million lieber, aufrichtig gesprochen! Ich komme mir nun in diesem göttlichen Sternenkleid, wie ein gefoppter himmlischer Esel vor. Bei Gott, eine Lederhose und eine Jacke vom gröbsten Tuch wäre mir lieber! Ich habe mich in meinem ganzen irdischen und geistigen Leben niemals so geschämt wie diesmal in diesem fatalen Himmelsgewande! Wenn ich es nur gegen ein anderes vertauschen könnte!" – Spricht Helena: „Ich gäbe das meine um den schmutzigsten Küchenfetzen her, denn es gibt nichts Erbärmlicheres, als ein Königsgewand zu tragen auf einer Schweinehirtenwiese."
[RB.02_191,15] Spricht Cado: „Meine liebsten Freunde, ihr redet mir aus dem Herzen! Das muß auch Christus als Herr der Unendlichkeit tief gefühlt haben, da Er so oft gegen die Kleiderpracht geeifert hat. Er trägt ja auch hier im Reiche alles Lichtes das allereinfachste Kleid! Ich bin selbst ein größter Feind von jeder Kleiderpracht, mag sie nun auf der Welt materiell oder hier im Reiche des Geistes geistig sein. Daher gebe ich euch ganz recht, daß ihr euer für hier unpassendes prachtvolles Himmelsgewand verabscheut. Hat es nun in euren Augen keinen Wert, dann ist alles gut und recht. In meinen Augen hat selbst solch ein himmlischer Flitter nie einen Wert gehabt! – Aber was werden wir nun vor dem Öffnen der Pforte beginnen? Werden wir zu bitten, zu suchen und zu pochen anfangen?"
[RB.02_191,16] Spricht Helena: „Ich meine, das werden wir schön bleibenlassen! So sie uns der Herr nicht öffnen will, soll sie verschlossen bleiben in alle Ewigkeit, Amen!" – Spricht Robert: „Hast eben nicht unrecht, meine geliebteste Helena! Aber weißt du, so man es schon einmal bis zur Himmelspforte gebracht hat, sollte man sich doch noch einige Mühe geben, auch durch diese zu kommen! – Bitten ist gerade keine Schande, suchen noch weniger und was das Anklopfen betrifft, so will ich gleich auf den beiden Flügeln einen Lärm machen, der sich gewaschen haben soll! Nein, das gefällt mir: ehedem machte ich schon, als selbst ein Engel, mit Sahariel die ausgedehntesten Himmelswanderungen und nun stehe ich wieder in eurer Gesellschaft wie ein Ochse am Berge! Es geht uns nur noch die famose Minerva ab! Das wäre wirklich ein Spaß, diese hier über die Torsperre losziehen zu hören!"
[RB.02_191,17] Spricht Cado: „Nenne den Wolf nicht zu oft, sonst kommt er gerannt! – Wahrlich, so ich mich nicht irre, kommt sie schon daher, uns eine Visite zu machen! Nun sehen wir, wie wir sie wieder loswerden!" – Spricht Helena ganz verblüfft über diese Erscheinung: „Aber die muß ein feines Gehör haben! – Nun Robert-Uraniel, das wird eine hübsche Geschichte werden! Hast aber auch ihren Namen in unserer mißlichen Lage nennen müssen! Das wird eine schöne Messe werden! Am Ende zieht sie uns noch alle drei mit sich in die allerunterste Gott-steh-uns-bei!"
[RB.02_191,18] Spricht Cado: „Ah, von dem ist keine Rede! Das eigentlich Fatale besteht nur darin, daß man sie nicht so bald wieder loswerden kann, so sie einmal da ist!" – Spricht Robert: „So suchen wir eben zu verhindern, daß sie herkommt; denn mit so viel göttlicher Kraft und Gewalt werden wir etwa doch noch ausgerüstet sein!" – Spricht Cado: „Versuche es! Aber ich meine, daß dies nichts nützen wird. Sie wird gleich sagen, daß auch sie das vollste Recht habe, vor die Pforte des Gotteshauses zu kommen und da Einlaß zu begehren. Ob sie hineingelassen wird, ist freilich eine andere Frage. Lassen wir sie nur ungehindert wandeln und tun nicht dergleichen, als ob wir sie bemerkten. Wird sie sich dann etwa an uns machen, so werden wir ihr schon etwas zu erzählen wissen, was sie sicher nicht gerne hören wird. Nur aber dürfen wir uns gegen sie weder freundlich und noch weniger richterlich-gebieterisch benehmen, sondern ganz gleichgültig, was sie am wenigsten vertragen kann. So werden wir sie am ersten loswerden. Ich glaube, sie so ziemlich durch und durch zu kennen."
192. Kapitel – Minerva vor der Pforte. Derbe Begegnung mit Helena.
[RB.02_192,01] Spricht Robert: „Dein Rat ist wahrlich sehr gut! Doch jetzt nur stille, sie kommt schon eilig in unsere Nähe! Das herrliche Kleid hat sie noch an und das Pseudoschwert aus Blech und Pappendeckel. Auch von ihrer außerordentlichen Schönheit scheint sie noch nichts eingebüßt zu haben. Sie ist wirklich unendlich schön, und man könnte die Behauptung aufstellen, daß es der lieben Gottheit gar nicht möglich wäre, eine noch größere gestaltliche Schönheit ins Dasein zu rufen! Aber ich glaube, man darf auch ihre Gestalt nicht zu sehr rühmen; sie könnte dadurch noch eitler und stolzer werden, als sie ohnehin schon ist." – Spricht Cado: „Ja, ja, überhaupt von und mit ihr nicht reden, sonst bringt man sie nicht leichtlich vom Halse!"
[RB.02_192,02] Spricht hinter dem Rücken Cados schon die Minerva: „Richtig, du triffst den Nagel wohl immer auf den Kopf! Du willst die anderen lehren, wie sie mich am ehesten loswerden könnten – als ob ich mich etwa jemandem je schon aufgedrängt hätte! Dazu besitze ich wohl zu viel Ehre in mir und bin zu stolz. Und du, mein Freund Cado, darfst dies schon gar nicht fürchten, denn wir kennen uns doch schon so hübsch lange. Soll ich dich etwa bei deinem wahren Namen nennen?"
[RB.02_192,03] Spricht Cado: „Schweige! Sonst sollst du von meiner dir bekannten Höflichkeit gleich ein neues Pröbchen erfahren! Dort ist die verschlossene Pforte. Versuche, ob dich wer hineinlassen wird. Denn du gehörst etwa ja auch dort hinein?" – Spricht Minerva: „Lecke mich! Ich tue, was ich will, und nie was du willst! Verstehst du das?"
[RB.02_192,04] Spricht Cado: „O das verstehe ich ganz vollkommen! Denn du bist eitel und stolz und somit auch dumm zur Genüge! Wie solltest du da wollen und tun können, was dir für ewig wahrhaft frommen möchte? So du aber mit uns etwa noch etwas zu reden haben solltest, so bitte ich dich um eine gewähltere Sprache, bessere Ausdrücke! Denn so du schon mich nicht berücksichtigen willst, dann berücksichtige unsere hier gegenwärtige allerzarteste Himmelsdame!"
[RB.02_192,05] Spricht Minerva: „Das wäre eine rare Himmelsdame! Diese allergemeinste Proletariertrud – vor der soll ich am Ende noch gar Respekt haben? Ich, das erste Wesen in der ganzen Unendlichkeit! Und die – das letzte aus dem lumpigst berühmten Lerchenfeld! Du hast einen hübschen Begriff von einer Himmelsdame, wenn du dieses echte Wiener Mistbratel für eine solche ansiehst! Gratuliere, du hast es im Himmel mit deiner Weisheit wahrlich schon weit gebracht!"
[RB.02_192,06] Hier unterbricht sie die vor Ärger nahe glühend gewordene Helena: „Nun, du stolzes Aas! Weißt etwa über mich noch was Schlechteres, du aus der ganzen Unendlichkeit zusammengedroschenes Schwein! Nein, das gefällt mir! Will dieses Hauptluder aus allen Fixsternen sich über mich hermachen! Na warte, ich werde dir deine polierte Eselshaut schon etwas runzlicher klopfen, weil sie dich gar so juckt! Glaubst du schönes Obers von der höllischen Rindsuppe, ich kenne dich etwa nicht? O da sei ganz unbesorgt, du schmutzigstes Jesuitenschnupftuch! Die will mich eine Proletariertrud nennen! Jetzt schau nur, daß du bald weiterkommst, sonst zeige ich dir, wo die ewigen Zimmerleute Gottes für dich das Loch gemacht haben!"
[RB.02_192,07] Spricht Robert: „Aber ich bitte dich, holdeste Helena, du mein von Gott Selbst mir gegebenes Weib, ereifere dich nicht! Schau, mit dieser Schein-Minerva richtet Gott Selbst nichts, was sollen erst wir mit ihr richten! Du weißt ja, daß auf Disteln keine Datteln und auf den Dornhecken keine Feigen wachsen! Lasse sie daher reden, was sie will, denn in unsere Ohren dringt ihre Stimme wahrlich nicht und noch weniger in unsere Herzen!"
[RB.02_192,08] Sagt Helena: „Ja, ja, das weiß ich wohl. Aber das weiß ich auch, daß man dem Teufel das Maul stopfen muß als ein ehrlicher Christ! Schau, jetzt ist sie schön still, weil sie sieht, daß sie nimmer gröber werden kann als unsereins. Die soll nur einmal noch sich mucksen, so will ich ihr ein Lerchenfelder Liedl anstimmen, daß sie für alle Ewigkeit damit genug haben soll! Nein, dies Giftbratl vom heiligen Erzengel Michael soll mich dann erst kennenlernen! Wahrhaftig, ich könnte sogar unserem lieben Herrgott eine Grobheit ins Gesicht sagen, wenn Er je diesem Leibstuhle Petri eine Gnade erweisen möchte. Die ist ja schon lange für die Hölle zu schlecht, daher leiden sie die anderen Teufel gar nicht mehr unter ihnen! – Hast es aber auch hierher berufen müssen!"
[RB.02_192,09] Spricht Cado zur zornbebenden Minerva: „Nun, bist du mit deinem Grobheitslexikon schon zu Ende, daß du auf diese würdevollen Komplimente keine Erwiderung zuwege bringst? Mir scheint, daß du eine Meisterin gefunden hast und nun durch dein Schweigen bekennst, daß die Lerchenfelderin recht hat!" – Spricht Minerva: „Ich bitte dich, rede mir von dieser Galgenschnur nichts mehr, denn ich habe sie genossen!"
[RB.02_192,10] Unterbricht sie Helena: „Schau nur, daß du weiterkommst, sonst setzt's noch Gelsen und spanische Mucken ab! Kennst du diesen Lerchenfelder Salat?" (Der Minerva die beiden Fäuste zeigend): „Ich sag dir's, wenn du nicht bald weitergehst, putz ich dir so eine kleine Tagwacht über dein rotziges Großmaul runter!" – Spricht Robert: „Aber ich bitte dich, Helena, um Gottes willen! Wir kommen ja anstatt in den Himmel Gottes gar zum Schmierseppl nach Lerchenfeld! Bedenke doch, wie du als wahrer Gottesliebling dem Herrn an der heiligen Brust lagst und alle Gnade von Ihm einsogest – und nun bist du ganz wieder eine vollendete Lerchenfelderin! Schau, das mußt du ganz ablegen, sonst wird dir die Pforte noch lange nicht aufgehen!"
[RB.02_192,11] Spricht Helena: „Nun, ich glaube, dir ist's etwa gar leid, daß ich diesem ewigen Mistvieh ein paar Wahrheiten ins Gesicht gesagt habe!" – Spricht Robert: „Nein, liebste Helena, das sicher nicht! Aber um deinen nun schon ganz himmlisch gewordenen Mund ist es mir leid, der sogar schon mit Gott gesprochen und mir manche recht herrliche Lehre in der Liebe gegeben hat!"
[RB.02_192,12] Spricht Helena: „Mund hin, Mund her! Die Wahrheit muß einmal heraus! Daß sich die Wahrheit auch aus dem schönsten Munde nicht am besten ausnimmt, das ist schon was Altes. Aber wie kommt es denn, daß du die Wahrheit gerade aus meinem Munde als übelklingend darstellst, während du die Lüge aus dem ebenfalls schönen Munde jener Teufelsgretl nicht sehr häßlich gefunden zu haben scheinst? So es dir um meinen Mund schon leid ist, wenn er auf lerchenfeldisch dieser ewigen Gottesschnipferin eine Lektion gibt, um wieviel mehr leid sollte es dir dann erst um jenen holdesten Mund sein, über dessen Lippen wohl noch nie ein wahres Wort gekommen ist! Sage lieber ihr einige gute Rügen ins Gesicht und laß mich reden, so ich einmal im Zuge bin!"
[RB.02_192,13] Spricht Minerva: „Bist einmal fertig, du ungehobeltes Lerchenholz? Du hast die Höflichkeit sicher nie auf einer hohen Schule studiert, denn etwas Gröberes ist durch meine Ohren noch nie gedrungen." – Unterbricht sie Helena: „Nun, schau nur gleich, daß du etwa kein Ohrengeschwür bekommst! Ich soll etwa ihre Grobheiten von ganzem Herzen demütig einstecken, wie ein frommes Jesuitenbeichtkind, wenn es von seinem Herrn Gottesstellvertreter mit Höll und Fegfeuer gefüttert wird! Da warte du ein bißchen! Wenn du mir nicht aus den Augen gehst, wird es zwischen uns beiden noch einen Mordsspektakel absetzen! Darum sage ich dir nun ein für alle Male, daß du dich nun gleich aus dem Staube machst, sonst möchte dein schönes Gesicht bald ein anderes Aussehen bekommen!"
[RB.02_192,14] Sagt Cado: „Sei ruhig, Helena, und du auch, Freund Robert! Ich werde nun mit Minerva allein reden und mit ihr etwas sehr wichtiges abzumachen versuchen. Vielleicht gelingt es mir, sie dem Herrn wieder um einen Schritt näherzubringen. Aber ihr müsset euch unterdessen ruhig verhalten." – Spricht Robert: „Ja, Bruder, tue das! Ich wäre nun schon wahrlich sehr froh, so wir sie bald loswerden könnten. Es geht von ihr ein wahrer Zwietrachtssamen in die über, die ihr zu nahe kommen! Ich glaube, die brächte in kürzester Zeit alle Engel durcheinander. – Ich wünsche dir viel Glück zu deinem löblichen Vorhaben! Nur zweifle ich an dem geringsten Erfolge deiner Mühe; denn dies Wesen wird nur als genötigt guttun, aber als vollkommen frei ewig nie! Darauf getrauete ich beinahe meine ganze Seligkeit zu setzen."
[RB.02_192,15] Spricht Cado: „Du dürftest zwar nicht ganz unrecht haben. Aber meine Seligkeit getrauete ich mich dennoch nicht darauf zu setzen. Die Ewigkeit ist endlos lang. Und in solchen endlosen Zeiten und Zuständen könnte noch so manches geschehen, von dem bis jetzt noch keinem Geiste etwas durch seinen Sinn gefahren ist. Daher nehmen wir alles als möglich an, was nicht mit der göttlichen Ordnung im grellsten Widerspruch steht. Aber etwas daran setzen, ob dies oder jenes irgendwann möglich oder unmöglich sein sollte, hieße so viel, als in die göttliche Weisheit selbst einen Zweifel setzen. Bei Gott sind alle Dinge möglich, warum auch nicht die volle Umkehr Satans?"
193. Kapitel – Indische Weisheit über Satan. Mahnung zur Geduld. Ein kleines Plätzchen ist leichter gefegt als die gesamte Schöpfung.
[RB.02_193,01] Cado fortfahrend: „Siehe, ich fand einmal in einem Buch altindischer Weisheit eine sehr denkwürdige Stelle, die ungefähr so lautete:
[RB.02_193,02] ,Im urewigen Sein war nur Gott allein. Und die Unendlichkeit und Ewigkeit war Er Selbst im klarsten Schauen Seiner Selbst. Seiner Gedanken und Ideen war kein Ende. Aber wie sich an einem schwülen Abend zahllose Scharen von allerlei Eintagsfliegen in loser Freiheit kreuzen ohne wahrnehmbare Ordnung, so stiegen auch die Gedanken und Ideen in der Gottheit auf und ab und hin und her. Aber noch war der endlose Raum wesenleer. Nur ihre großen Gedanken sah die endlose Gottheit in sich selbst in ungezwungener Freiheit große Bewegungen machen. Dann schied die Gottheit die Ideen von den Gedanken, und das war ein erstes Ordnen in der Gottheit Selbst. Die großen Ideen stellte sie nach und nach fest, nur den Gedanken ließ sie den freien Lauf.
[RB.02_193,03] Als aber die Ideen fester und fester gestellt waren, da zeigte es sich, daß sie nicht völlig lauter waren. Da beschloß die Gottheit, ihre Ideen selbst zu läutern und schied das Lautere von dem Unlauteren. Als dies bewerkstelligt war, stellte die Gottheit all das Unlautere wie außer Sich, festete es durch ihr allmächtiges Wollen und belebte es durch den Geist ihrer freiesten Gedanken.
[RB.02_193,04] Und es ging da hervor ein großer Geist voll Unlauterkeit – zur Läuterung durch sieben andere Geister, welche die Gottheit aus ihren lauteren Ideen durch den freiesten Geist ihrer Gedanken ins Dasein rief.‘ –
[RB.02_193,05] Und siehe, Bruder Robert, hier vor uns steht dieser erste große Unlauterkeitsgeist, an dessen Läuterung noch immer gearbeitet wird. Daher müssen wir nicht sogleich zweifeln, wenn so etwas längere Zeit braucht als manches andere. – Dieser Geist ist wohl das Unlauterste, was du dir nur immer vorstellen kannst, aber zu seiner Zeit einer völligen Läuterung nicht unfähig. – Wir dürfen darum nicht ungeduldig werden, weil wir leichter zu läutern waren als dieser Geist. Denn ein kleines Plätzchen kann doch eher und leichter gefegt werden als der Boden einer ganzen Welt. Dieser Geist ist in sich der Gesamtausdruck der ganzen Schöpfung, während die ganze Erde samt allen ihren Wesen kaum als ein Atom seines eigentlichen Wesens anzusehen ist. Daß da ein winziges Geistlein eher zu läutern ist als dieser allergrößte geschaffene Urgeist, der Gesamtbegriff aller Schöpfung, wirst du ebenso einsehen wie ich. Aber weil zur Läuterung einer solchen Größe etwas mehr erfordert wird, so muß man auch diese Sache Gottes wohl bedenken und sich in aller Geduld in die Anordnungen Gottes fügen! Lieber Freund, das berücksichtige ein wenig, und du wirst dich dann in meine Mühen leichter fügen. – Und nun zur Minerva!"
194. Kapitel – Minervas satanische Versucherlehre. Cados schlagende Richtigstellung.
[RB.02_194,01] Hier wendet sich Cado zur Minerva und sagt: „Wie lange noch, Satana, wirst du unsere Geduld mißbrauchen? Willst du selbst gar nichts tun außer Arges und Böses? – Siehe, so die Gottheit einen Diamanten erschaffen hätte, so groß, daß ein Blitzstrahl von einem Pol zum andern eine Million Erdjahre bedürfte – und hätte hierzu auch ein kleinstes Kolibri-Vögelein mit der Bestimmung erschaffen, daß es alle tausend Jahre einmal zu dieser Diamantkugel flöge und nur einmal mit seinem Schnabel an sie stieße – so hätte das Vögelein der Kugel schon lange den Garaus gemacht. An dich wurden schon tausende solcher Zeitenläufe verwendet, und noch bist du ganz dieselbe, die du warst im Anfang aller Zeiten! Kein Geist kann es fassen, welche Geduld dir die Gottheit stets erwies und welche Wege eingeschlagen wurden, um dich zu läutern. Aber wahrhaft ungeheuerlich zu denken: bisher vergebens! Ich meine, es wäre nun wohl an der Zeit, dein ganzes Wesen in jene Ordnung zu bringen, die dir von Gott schon von Ewigkeit her vorgezeichnet ist!"
[RB.02_194,02] Spricht Minerva: „Was tat ich denn je, das wider deine Gottesordnung gewesen wäre? Du sprichst fortwährend von einer gewissen Gottesordnung und scheinst im Grund es selbst auch nicht einmal zu ahnen, was diese eigentlich ist und worin sie besteht. Wenn ich, als der ausgeschiedene unlautere Teil, den fortwährenden Gegensatz zum reinen Teil der Gottheit darstelle, und das unverrückt, so wie die Gottheit Selbst unverrückt in ihrer Reinheit verbleibt – ist das dann etwas anderes als eben die Gottesordnung selbst in ihrer Gesamtumfassung? Und was tue ich denn, das man vor Gott als Unrecht, als etwas Arges und Böses bezeichnen könnte? Es ist wahr, ich versuchte stets die Menschheit, ob sie in ihrer Tugend für Gott und Seine Liebe feuerprobehältig sei oder nicht. War sie es, nun, so hatte meine Versuchung ohnehin für alle Ewigkeit ein Ende. War sie es nicht, so ward ihr durch meine Versuchung nichts als eine neue Gelegenheit gegeben, sich in der wahren Tugend zu festigen.
[RB.02_194,03] Den Stolzen mache ich noch stolzer, daß er durch dieses Laster am Ende in sich selbst gedemütigt werde. Denn nichts heilt dieses Laster besser als seine Überschwenglichkeit, wenn nicht schon auf der materiellen Probewelt, so doch später hier – was ein gewisser Cado an sich selbst mag erlebt haben! So mache ich auch die sinnlichen Böcke noch geiler, als sie von Anfang an sind. Und das so lange, bis sie sich in ihrem Laster bis in ihre letzte Lebensfiber selbst gefangen haben und ihnen ihr Hang zur größten Qual und Pein wird, worauf sie dann aus eigenem Antrieb diesem Laster den Rücken kehren und den Weg der Keuschheit zu wandeln anfangen. Schon auf der Materiewelt habe ich durch gewisse körperliche Krankheiten der Sinnengier Grenzen gesetzt. Helfen diese nicht, so habe ich hier in der geistigen Welt noch viel stärkere Mittel, den Seelen dieses Laster am Ende verächtlich zu machen.
[RB.02_194,04] So mache ich es mit jedem Laster. Ich bin scheinbar ein Förderer des Lasters, das ist wahr. Ich fühle jedem Hiob auf den Zahn. Aber noch nie ist von mir aus ein Laster belohnt worden, außer der Lasterhafte war noch zu wenig lasterhaft, um das Laster zu verabscheuen. Da freilich mußte ich durch allerlei Lockungen den Lasterhaften noch lasterhafter machen, um ihn auf den Gipfelpunkt zu heben, wo er dann das Laster als solches erkennen mußte, um für ewig von ihm Abschied zu nehmen. – Ich und die Gottheit verfolgen stets das gleiche Ziel, nämlich die Reinigung der geschaffenen Seelen, damit sie tauglich würden, den ungeschaffenen reinsten und mächtigsten Geist aus Gott zu tragen.
[RB.02_194,05] Gott ist der Töpfer, ich aber bin das Feuer! Wie aber zum Kochen kein Topf zu brauchen ist, der nicht zuvor im Feuer selbst gefestet wurde, so ist auch keine Seele eher fähig, das Feuer der göttlichen Liebe zu ertragen, bis sie durch mich feuerbeständig gemacht wurde. So ich aber das tue, was ich tun muß, wie kannst du zu sagen wagen, daß ich nicht nach der Ordnung Gottes (der ich wie alle Dinge ewig unterstehe) lebe und handle? Ja, so du mir je nachweisen kannst, daß ich das Laster belohnt hätte, dann hast du recht! So ich aber des Lasters unerbittlichste Züchtigerin bin, da ist deine Rede blind und schabt an der Rinde, wo sie nie des Kerns ansichtig werden kann.
[RB.02_194,06] Oder kannst du dir eine Tätigkeit denken aus allein positiver Bewegung? Muß nicht ein Fuß jeweils ruhen, damit in der Zwischenzeit der andere die positive Bewegung machen kann? Ein Fuß muß also stets eine Sünde gegen die Bewegung machen, damit aus dem Widerstand gegen die Bewegung und aus der Bewegung des andern Fußes eine vollkommene Bewegung wird. Muß es nicht eine Nacht geben, damit der Sehende das Licht schätzen lernt? Muß es nicht wenigstens einen scheinbaren Tod geben, auf daß durch ihn das Leben verherrlicht wird? Und was wäre denn die Seligkeit für den Geist, dem das Gefühl möglicher Unseligkeit nicht innewohnte! So es keinen Schmerz gäbe, wie sähe es da mit dem Wohlgefühl der Gesundheit aus? Und gäbe es kein wenigstens scheinbar Böses, wie sähe es dann mit dem Guten aus? – Siehe, alles muß seinen Gegensatz haben, damit es sei! Und so ich der Grund alles Gegensatzes bin, wie bin ich dann wider die Ordnung Gottes?"
[RB.02_194,07] Spricht Cado: „Meine liebe Minerva! So du auf einer Universitätskanzel der Erde eine solche salbungsvolle Rede über die Gottesordnung deines satanischen Wesens gehalten hättest, wahrlich, du hättest bei diesen gelehrten Gremien ein nicht unbedeutendes Aufsehen erregt! Aber wenn du mich zu einer guten Überzeugung über dein Wesen zu bringen vermeintest, hast du einen lächerlichen Fehlschuß gemacht. Denn damit zeigtest du, daß du dich selbst noch nie erkannt hast und daher gar nicht wissen kannst, wie du beschaffen bist und welche Richtung du dir selbst nach der Gottesordnung geben sollst. Und fürs zweite kennst du mich gar nicht, nicht einmal dem Namen nach, daß du vor mir solch dummes Zeug dich auszusprechen getraust!"
[RB.02_194,08] Unterbricht ihn Minerva: „Du heißt Cado!" – Spricht Cado weiter: „So heißt mein Rock, den ich nun anhabe. Aber ich selbst heiße anders! – Sage, wie kann es dir je einfallen, daß Gott die Seele durch Laster bessern wolle oder zulasse, daß sie durch Anhäufung von Lastern rein, stark und zum Tragen Seines Geistes kräftig werde? Um dir deine Narrheit zu zeigen, frage ich dich bloß, ob ein Kleid dadurch vollkommener wird, wenn man Tag für Tag einen neuen Riß in dasselbe macht? Oder wird eine verstimmte Harfe reiner klingen, wenn man, anstatt sie rein zu stimmen, sie stets mehr verstimmt? Werden aus einer Schule, in der nichts als Huren, Fluchen, Stehlen, Rauben, Plündern und Morden gelehrt wird, wohl reine, sanfte, ehrlich-gute, liebe und moralische Menschen hervorgehen? Und wird es mit einem Kranken besser werden, wenn man ihm durch giftige Arzneien und gewaltige Züchtigungen zu Hilfe kommt?
[RB.02_194,09] O sieh, du Dümmste und Blindeste, zehntausend Beispiele könnte ich dir anführen, wo eins genügt, den krassen Unsinn deiner Rede handgreiflich darzustellen! Was wolltest du denn damit beweisen? Etwa deine Unschuld – weil du kein Laster je belohnt hättest? O Unsinn über Unsinn! Sage mir, wie möglich könnte man den Toten einen Lohn geben? Wie kannst du einen Stein belohnen für einen Dienst, den er dir durch seine natürliche, in ihm hart gerichtete Schwere geleistet hat? Oder welchen Lohn kannst du einem gebratenen Vogel darum geben, daß er sich von dir hat fangen, braten und essen lassen?
[RB.02_194,10] In solcher Weise also willst du behaupten, ganz der göttlichen Ordnung gemäß zu handeln? Und von dir selbst willst du sagen, du und Gott verfolgen ein und dasselbe Ziel? – O du Allerelendeste! Gott willst du dich gleichstellen, ja dich Ihm sogar voranstellen, als wärst du noch vorzüglicher als Er? Meine Liebe, das ist etwas zu arg! Das kann fernerhin nimmer geduldet werden! Daher wird von nun an selbst deine Scheinfreiheit wieder sehr bedeutend eingeschränkt werden. Denn du hast dich an den Rechten Gottes stark vergriffen und vergreifst dich auf der Erde blind an ihnen mit deinen Baalsdienern, die im Gold und Silber Gott zu dienen vorgeben! Und du hast dich an den Rechten der Könige und ihrer Völker vergriffen, und sie werden dir darum bald einen Garaus machen! Dir wird nichts übrigbleiben, als mit einigen wenigen Schweinen die bekannten Treber zu fressen! Hebe dich aber nun von dannen, denn deine Gegenwart ist mir zum Ekel geworden!"
195. Kapitel – Minerva und Helena. Eine heilsame Entladung. Cado über das Königtum als Zuchtrute. Minerva geht.
[RB.02_195,01] Spricht Minerva, sich von Cado abwendend: „Ich werde gehen, so ich es selbst will! Aber gebieten lasse ich mir's von niemanden, weder von Gott noch von jemand anderem, der wähnt, er habe über mich Gewalt! Verstanden, Herr Cado? Ich bin eine erste Majestät der ganzen Unendlichkeit, und alle Wesen müssen erbeben, so ich mein Haupt und meinen Arm erhebe. Ich werde mit euch nun in einem anderen Ton reden, denn meine nie besiegbare Kraft erteilt mir dazu das unbestreitbare Recht! Wo aber ist der, der es mir nehmen könnte? Ich allein bin ein Herr! Alles andere ist unter meiner Knechtschaft von Ewigkeit her gewesen!!"
[RB.02_195,02] Unterbricht sie Helena: „Meine lieben Freunde und Brüder, jetzt halte ich es aber nimmer aus! Nein, was dieses Ewigkeitsschwein sich alles zu sein einbildet, das ist ja der ganzen Unendlichkeit unfaßlich! Jetzt will sie sogar mehr als Gott der Herr selber sein! O du Mistschwein, du höllisches! Jetzt schau, daß du weiterkommst, sonst werden meine Mandelbäume für dich bald zu blühen anfangen!!" – Spricht Minerva: „Schweig, du Lerchenfelder Jauchenkröte, sonst vernichte ich dich!"
[RB.02_195,03] Helena, förmlich wachsend vor Ärger, ruft darauf laut: „Was sagst du, unterhöllisches Zündholz? Du Parfümbüchse aus allen Schmutzwinkeln der Welt! Du dürrer Ast am Baum der Erkenntnis, du übergrausliches Schwein, du willst mich vernichten? Nicht genug, daß sie mehr sein will als alle Menschen und Engel Gottes, nicht genug, daß sie mehr sein will als Gott Selbst! Nein, das ist dem Satan aller Satane noch viel zu wenig! Er oder sie, was immer ein und derselbe Satan ist, will auch dazu noch alles vernichten! Natürlich, was sollte denn so einem allmächtigen Schwein nicht alles möglich sein?"
[RB.02_195,04] Spricht vor Wut bebend die Minerva: „Nein, das ist zu stark! Gott, wie kannst du es zulassen, daß dein urerstes, vollkommenstes Geschöpf von einem Dreckwurm so gräßlich gelästert wird! Stopfe diesem ekelhaften Wurm das Maul, sonst muß ich mich an ihm vergreifen!"
[RB.02_195,05] Bemerkt die Helena zu Robert: „Aha, sie läßt schon ein wenig mit sich handeln! Jetzt ruft sie schon den lieben Herrgott an! Aber der wird ihr etwas pfeifen!" – Hier tritt Minerva wutentbrannt zu Helena hin und sagt mit gellender Schreistimme: „Wenn du noch ein Wort redest, so vergreife ich mich an dir, so wahr ein Gott lebt!!"
[RB.02_195,06] Helena aber springt vor Ärger auf und gibt der Minerva eine derart wohlgezielte Maulschelle, daß diese niedersinkt, einige Schritte von der Helena hinpurzelt und eine Weile erschöpft liegenbleibt. – Helena aber, erfreut über ihr gelungenes Zuchtwerk, sagt nach der wohlgeführten Maulschelle: „Da hast du, stolzer Wanzenduft aus der Hölle, ein kleines Vorspiel! Wenn's aber beliebt, kann das Hauptspiel nachfolgen!"
[RB.02_195,07] Spricht Minerva, sich vom Boden erhebend und ihr Gesicht abwischend: „Habe genug, um mir den rechten Begriff von der Humanität und Liebenswürdigkeit der lieben Kindlein des Herrn Himmels und aller Erden zu machen! Besonders schön aber ist das von dir, Cado, der du mich auf dem bewußten Hügel vor lauter Liebe gefressen hättest, daß du mich hier ohrfeigen läßt, als wäre ich auf der Erde ein allerletztes Kuhmensch! Es bleibt dir aber vermerkt, verstehe!"
[RB.02_195,08] Spricht Cado: „Ist dir sehr recht geschehen! Warum bist du nicht gegangen, als ich dich zu gehen hieß!" – Spricht Minerva: „Habe ich denn von Gott deshalb den freiesten Willen empfangen, um ihn für ewig in die engste Zwangsjacke des Gehorsams einzupferchen? Hätte der Schöpfer gewollt, daß ich gehorche, so hätte Er mich doch sicher gleich dir mit gehorsamem Willen begabt. Aber da Er das sicher nicht wollte, bin ich eben wie ich bin – nämlich meines eigensten und niemandem gehorchenden freiesten Willens! So Gott alle Wesen mit einem Gehorsamswillen begabt hätte, wer würde dann den blinden Völkern der Erde ein regierender Kaiser, König oder Fürst sein können? Denn du wirst wissen, daß diese niemandem zu gehorchen pflegen, außer einem guten Rat zu ihren Gunsten!"
[RB.02_195,09] Sagt Cado: „O ja, das weiß ich! Darum sprach Jehova durch den Mund Samuels zu den Kindern Israels: ,Zu allen Sünden, die dieses Volk vor Meinen Augen schon begangen hat, tut es nun auch diese größte hinzu, daß es gleich den Heiden von Mir einen König verlangt. Ja, es soll einen haben, auf daß er es züchtige und führe in die Gefangenschaft!‘ – Sieh, so lautet das Gotteszeugnis über die Könige. Kannst du daraus schließen, daß Regenten aus dem Willen Gottes hervorgegangen sind? Ich sage dir, die Regenten aller Zeiten, auch die besten, sind lediglich aus dem Willen der Völker der Erde hervorgegangen! Würde ein Volk zur Erkenntnis kommen, daß es Gott in aller Wahrheit zum ewigen Regenten über sich setzte, so würde Gott solch ein Volk sogleich von dieser Zuchtrute freimachen und es selbst durch Seine Engel in Menschengestalt leiten. Aber so die Völker nur um Erhaltung solcher Zuchtruten zu Gott flehen, müssen sie sich auch alle Schläge gefallen lassen, die ihnen ohne Schonung von diesen zugefügt werden.
[RB.02_195,10] Alle Regenten, mögen sie gut oder böse sein, gehen nicht aus dem Willen Gottes, sondern aus dem Hochmut der Menschen hervor, die da groß und mächtig sein wollen durch den Glanz ihres Königs. Weil aber die dummen Völker lieber einen Menschen über sich setzten als Gott, den Herrn aller ewigen Herrlichkeiten, so verleiht Gott diesem Menschen auch jene gebieterische Gewalt, mit der er seine Untergebenen ganz nach seinem Willen züchtigen kann, wenn sie seine Gesetze nicht beachten. Und diese Gewalt ist dann auch von oben, und der König muß sie üben, weil er von oben so gerichtet wird! Glaube nicht, daß da ein König wollen kann, was er frei will – sondern ein König muß wollen, wozu ihn der Gotteszorn nötigt. Hat ein König auch keinem Menschen zu gehorchen, so muß er dennoch Gott wissentlich oder unwissentlich gehorchen. Aber so er Liebe übt für Recht, so wird Gott Seinen Zorn im gewalthabenden Könige auch sänftigen und in Liebe umwandeln. Verstehst du solches?
[RB.02_195,11] So du mich verstehst, werde sanft und übe Liebe – dann wird Gott dich ansehen und sanfter ziehen dein Herz! Und ein sanftes Herz wird dich in alle Zukunft bewahren vor jeder Mißhandlung. Gehe und werde so, dann wirst du Ruhe haben und wirst geachtet sein! Wahre Achtung wie auch wahre Freiheit werden nur aus der Liebe gezeitigt. Wer sich aber Achtung erzwingen will, dem wird sie nur zum Schein aus Furcht zuteil. Und diese Achtung ist ein Fluch, und zwar derselbe Fluch, der seit deinem Beginn dein Anteil gewesen ist! – Fasse solches und ändere dich!"
[RB.02_195,12] Spricht Minerva: „Ja, ja, ich gehe und werde streben, mich womöglich zu ändern!" – Hier kehrt sie den dreien den Rücken, geht von dannen und verliert sich bald aus dem Gesichtskreis von Helena und Robert, aber nicht auch aus dem des Cado.
[RB.02_195,13] Als Helena von der Minerva nichts mehr sieht, sagt sie: „Gott dem Herrn allein alles Lob, der mir in eurer Mitte den Mut gegeben hat, daß ich dieser ersten Feindin alles Lebens die Courage habe abgewinnen können! Ich meine, von nun an dürften wir vor ihr endlich Ruhe haben?" – Spricht Cado: „Wir wohl! Aber auf der Erde wird sie noch viel Unheil stiften. Doch dann wird sie mehr und mehr in sich gehen durch gewaltige Züchtigungen und Demütigungen! – Aber nun fragt es sich, was wir jetzt beginnen werden? Denn seht, die Pforte hat sich noch nicht geöffnet!"
196. Kapitel – Roberts und Helenas Ärger vor der Himmelspforte. Cados weiser Rat.
[RB.02_196,01] Spricht Robert: „Ja, mein geliebter Freund, da steht mein Verstand noch immer still! Wer sich da auskennt, der muß weiterher sein als ich. Hätte der Herr gesagt: ,Dort vor jener Pforte harret Meiner, bis Ich nachkomme und euch das Tor des Lebens öffne!‘ – da wäre dieses Warten erträglich und man könnte sich das längere Harren wohl gefallen lassen. Aber es sprach der Herr doch ausdrücklich von einer offenen Tür, und daß ich mit Helena sogleich vorauseilen und gewisserart für den Empfang der Nachkommenden dasein möge! Hauptsächlich aber sprach Er von der hier nötigen Eile wegen großwichtiger Dinge, die uns da erwarten.
[RB.02_196,02] Wir eilten nach bester Möglichkeit hierher, fanden aber die Pforte uneröffenbar und stehen schon eine geraume Weile vor dem verschlossenen Eingang. Was heißt das, und warum das alles? Das ist wahrlich etwas zu stark! Ich lasse mir wohl auf der Erde von dummen Menschen eine April-Sendung gefallen; aber hier vom Herrn Selbst sieht diese Fopperei doch etwas sonderbar aus!
[RB.02_196,03] Wir erfüllten bisher, soweit unsere Kräfte genügten, des Herrn Willen sicher vollkommen. Es geht nun nicht mehr weiter, und so bleiben wir denn hier auch stehen. Ums vierte Gemach aber werde ich mich von nun an wenig kümmern! Freilich heißt es, daß das Himmelreich Gewalt leide, aber kann man ihm wohl eine größere Gewalt antun, als sie einem zu Gebote steht? Wir haben unser Möglichstes geleistet, nun soll sich jemand anderer daran machen und sein Glück versuchen!"
[RB.02_196,04] Spricht Helena: „Gerade dieser Meinung bin auch ich! Was einmal durchaus nicht gehen will, davon wende man sich ab und lasse es stehen."
[RB.02_196,05] Spricht Cado: „Meine Lieben, ihr urteilt zwar recht vernünftig; aber trotzdem kann ich mich eurer Meinung nicht anschließen, da ich an der Möglichkeit nicht zweifle, daß diese Pforte geöffnet werden kann. Haben wir denn schon alles versucht? Nein, das haben wir wahrlich nicht! – Wenn nun die Pforte doch offen wäre und ihr sie nur darum nicht hättet öffnen können, weil ihr sie umgekehrt zu öffnen euch bestrebtet?
[RB.02_196,06] Ihr habt die Pforte wohl mit aller Kraft hineindrückend öffnen wollen. Ich aber sah den Irrtum zwar gut ein, konnte ihn euch aber nicht eher aufdecken, bis ihr selbst durch ein gewisses Suchen, Bitten und Anklopfen dahintergekommen seid. Ich habe euch wohl auf diesen evangelischen Rat aufmerksam gemacht, aber ihr habt ihn nicht befolgt. So habt ihr auch nicht entdecken können, daß die Pforte nicht nach innen, sondern nur nach außen aufzumachen ist. Und das aus dem Grunde, weil auch die Pforte im kleinsten Maße das Himmelreich vorstellt, das man mit Gewalt an sich reißen, nicht aber von sich wegschieben darf! Ist es doch schon im natürlichen Sinne so, daß man, so man etwas haben will, es gewisserart an sich ziehen muß.
[RB.02_196,07] In den Himmeln ist in allem dieselbe unwandelbare Ordnung, der nirgends zuwidergehandelt werden darf. So ist es auch beim Toraufmachen, und ihr habt daher nichts ausgerichtet. Versucht nun, im Namen des Herrn mit der Eröffnung dieser Pforte ordnungsgemäß vorzugehen, und ihr werdet es sicher erreichen."
[RB.02_196,08] Spricht Robert: „Liebster Freund, ich begreife nun meinen Irrtum. Aber etwas anderes begreife ich nicht, und das bist du selbst! Woher nimmst du solche Weisheit, vor der sogar der weiseste Cherub Respekt haben müßte? Wahrlich, das ist mir ein Rätsel! So der Herr hier wäre, so könnte Er mich unmöglich weiser belehren."
[RB.02_196,09] Spricht auch Helena: „Ja, das ist wahr! Wie der Freund Cado weise ist, das ist wahrlich allen Himmeln unfaßlich. Er muß es aber auch sein, sonst hätte der Teufel auf jenem Hügel keinen solchen Respekt vor ihm gehabt! Darum habe auch ich eine besonders große Hochachtung vor Cado."
[RB.02_196,10] Spricht Cado: „Aber liebe Freundin, weißt du nicht, daß Cado eigentlich selbst ein Teufel war und daß sonach auf dem bewußten Hügel des Nordens ein Teufel dem andern in den Haaren lag?" – Spricht Helena: „Wenn Cado jemals ein Teufel war, so war ich es sicher zehnfach. Aber Cado war nie im Ernst ein Teufel! Vielleicht bloß nur erscheinlich, um den wahren Teufeln desto mehr entgegentreten zu können! Und das ist auch eine große Weisheit, die einem wahren Teufel jedoch unmöglich ist, weil in ihm keine Liebe wohnt."
[RB.02_196,11] „Bravo!", sagt Cado, „das ist dir gut gelungen! Solange in Cado keine Liebe war, war in ihm auch keine Weisheit. In dem Maße aber, wie Cado in sich die Liebe aufnahm, belebte er auch die Weisheit und kämpfte dann mit dieser wider den Teufel – eine Waffe, vor der jeder Teufel den größten Respekt hat.
[RB.02_196,12] Aber nun macht euch einmal an die Eröffnung der Pforte! Denn ich sehe dort in wohl noch sehr großer Ferne die ganze Gesellschaft sich hierher bewegen. Was wird sie sagen, so sie uns hier vor der noch uneröffneten Pforte treffen wird?"
[RB.02_196,13] Spricht Robert: „Ich habe nur noch einen einzigen evangelischen Anstand bezüglich der Pforte selbst: Es heißt im Worte des Herrn ausdrücklich: ,Die Pforte aber, die in den Himmel führt, ist eng. Ihr müsset durch die enge Pforte ziehen, so ihr in den Himmel kommen wollt!‘ – und ungefähr so weiter im Buche des Lebens. Betrachte aber diese Pforte, welche Höhe und welche Breite! Meinst du wohl, daß dies ein rechter Eingang in den Himmel ist?"
[RB.02_196,14] Spricht Cado: „Freund, du hast noch manche materielle Vorstellung vom Gotteswort. Bedeutet denn die enge Pforte im Evangelium nicht die Demut des Herzens, und nicht eine wirkliche Tür? Aber öffne sie nur, diese hohe Pforte, sie wird dir wohl auch noch etwas eng werden!"
[RB.02_196,15] Spricht Robert: „Merkwürdig, wie dumm man zuweilen wird! Ein Ochse bleibt vor einem Tor stehen, aber unsereiner wollte mit dem Kopf gleich durch die Mauer rennen. Ich wollte diese Pforte stets von mir weg aufmachen. Und als es auch mit Gewalt nicht ging, da war ich verdrießlich, wollte meine Kleider nicht mehr und wünschte mir die Minerva her. Aber daß es mir statt all dieser Dummheiten eingefallen wäre, die Pforte zu mir herwärts aufzumachen, von dem ist mir nicht eine Silbe eingefallen! Nicht, Helena, du wirst mit mir eine rechte Freude haben, weil ich so schön dumm bin?"
[RB.02_196,16] „Ah, das ist alles eins", spricht die nun wieder sehr muntere Helena, „ich bin ja ebenso dumm! Hätte mir doch auch einfallen können, was Freund Cado uns geraten hat. Zwar wissen wir noch nicht bestimmt, ob die Pforte auch wirklich sich herwärts öffnen läßt. Aber es ist schon dumm genug, daß wir beide noch keinen Versuch damit gemacht haben. – Nun aber versuche die Geschichte noch einmal nach hineinwärts, und dann erst, wie es dir Freund Cado geraten hat!" – Spricht Robert: „Nein, nach hinein versuche ich's nimmer, aber nach heraus zu mir soll sogleich ein Versuch gemacht werden!"
197. Kapitel – Die Pforte öffnet sich und zeigt die Stadt Wien. Das Wesen jenseitiger Erscheinlichkeiten. Robert staunt über Cados Weisheit.
[RB.02_197,01] Damit tritt Robert sogleich zur Pforte hin und macht mit leichter Anstrengung den Versuch. Und siehe, der hohen Pforte breite und schwere Flügel gehen ohne allen Anstand auf!
[RB.02_197,02] Als nun die Pforte geöffnet dasteht, beginnt Robert hell aufzulachen und sagt: „Da haben wir nun den Himmel in wahrlich seltsamster Art vor uns! – Nein, das ist wahrlich überkomisch! Helena, komm her und schau!"
[RB.02_197,03] Helena kommt und sieht mit großer Aufmerksamkeit durch die geöffnete Pforte und sagt: „Ja, das ist Wien, wie es leibt und lebt! Und wir stehen hier am Wienerberg bei der „Spinnerin am Kreuz"! O du himmlische Süßigkeit: Wien und nichts als Wien! Also das ist das glorreiche vierte himmlische Gemach deines Hauses? Ah, jetzt können wir uns in Wien gleich wieder um einen Dienst umsehen! Nein, komisch ist das wohl, den Himmel erwarten und dafür nach Wien auf die Erde kommen! Was sagst du dazu?"
[RB.02_197,04] Spricht Robert: „Ich habe es dir ja gesagt, als du mit der Minerva gar so gewaltig gelerchenfeldert hast – daß wir statt in die reinen Gotteshimmel noch nach Lerchenfeld kommen werden. Und sieh, meine Prophezeiung ist in Erfüllung gegangen! Ich muß nun aber auch unseren Freund Cado herführen, damit er die liebe Wienerstadt sieht!"
[RB.02_197,05] Robert ruft den Cado und sagt zu ihm: „Nun, Freund, wie gefällt dir der Himmel des irdischen Hauses Österreich? Ein sauberes himmlisches Jerusalem das! Siehst du die Palisaden, die Schießscharten und die schönen Kanonen, Mörser und Bombenkessel? Nimmst du die Wachen und ihre herrlichen Blockhäuser wahr? Ah, das ist wirklich schön: die himmlische Stadt im Belagerungszustand!"
[RB.02_197,06] Spricht Helena: „Freund Cado, sage mir, ob wir uns für die Sterblichen nicht auf kurze Zeit könnten sichtbar und darauf wieder unsichtbar machen? Ein bißchen möchte ich mir den Spaß machen, die lustigen Wiener ein wenig zu necken! Und sollten Robert, ich und du etwa gar in dieser Stadt Wohnung nehmen, werden wir doch gewiß den Belagerungszustand zuvor aufheben!" – Spricht Cado: „Aber liebste Helena, meinst du denn im Ernst, daß dies das wirkliche, irdische Wien sei? Das ist ja nur eine Erscheinlichkeit und sonst nichts! Hat doch Robert zuvor von einer engen Pforte geredet, durch die man ins Himmelreich einziehen soll. Und sieh, da steht sie schon vor uns! Ihr werdet bei dem Durchgang noch auf so manche Engstellen kommen, die euch sehr schwerfallen werden; aber es wird dennoch zum Durchkommen sein."
[RB.02_197,07] Spricht Robert: „Das meine ich auch, aber wie – das ist eine andere Frage! Wenigstens muß dies erscheinliche Wien doch eine Abbildung vom wirklichen irdischen sein, sonst könnte es ihm doch nicht auf ein Haar gleichsehen. Erlaube mir übrigens noch eine Frage: Du sagtest vordem, daß dies Wien nur eine Erscheinlichkeit sei, und doch steht es so klar vor uns wie wir selbst. Sind demnach wir uns gegenseitig auch nur pure Erscheinlichkeiten? Oder sind wir wirklich das, was wir zu sein scheinen? Ist diese Pforte etwa auch nur eine bloße Erscheinlichkeit? – Ich kann mich in den Begriff ,Erscheinlichkeit‘ noch immer nicht finden. Denn nach meiner Beurteilung ist eine Erscheinlichkeit nichts anderes als entweder der Reflex eines wirklich vorhandenen Dinges oder Wesens – oder sie wird als Erklärung eines Begriffs zur Prüfung eines Geistes nur für einen Moment erschaffen. Hat sie ihren Dienst verrichtet, tritt sie wieder aus der Sphäre jeglichen Daseins. Das ist meine Idee über den Begriff ,Erscheinlichkeit‘. Es muß mir aber darüber volle Klarheit werden, sonst bin ich genötigt, alles für eine bloße Erscheinlichkeit zu halten, was mir seit meinem überirdischen Hiersein unter die Augen gekommen ist."
[RB.02_197,08] Spricht Cado: „Du hast eine ganz richtige Idee von der Erscheinlichkeit. Nur das ist etwas unrichtig, daß eine Erscheinlichkeit etwas ganz Leeres sein soll, weil sie vorderhand bloß Erscheinlichkeit ist. Sieh, eine Erscheinlichkeit ist in der geistigen Welt entweder wirklich nur ein Abbild eines schon in der Wirklichkeit vorhandenen Dinges. Oder sie ist ein Probeplan zu einer neuen Schöpfung, zuerst beschaulich dem Herrn allein, dann aber auch jedem Geist, der seinem Innern nach mit der neuerscheinlichen Idee des Herrn in irgendeinem Liebeverband steht. Daß aber solch eine Idee mit der Sphäre des Beschauers stets in entsprechende Beziehung kommt wie ein Gleichnis – das ordnet des Herrn Weisheit so lange an, bis der Geist jene Stärke erreicht, in dem Erscheinlichen selbst das Wirkliche und Unvergängliche zu erkennen.
[RB.02_197,09] Ein hier anlangender Geist ist zuerst noch viel zu zart und schwach, als daß man ihm gleich die kräftigsten geistigen Wirklichkeiten entgegenstellen könnte. Er würde sich an ihnen sehr stoßen und am Ende aufreiben, wie wenn man auf der Erde ein neugeborenes Kind anstatt in weiche Windeln auf hartes Holz und Steine legen würde. Aber nicht alles, was ein neu hier angekommener Geist zu Gesicht bekommt, ist pure Erscheinlichkeit, sondern meist nach der Kraft des Geistes zum größten Teil Wirklichkeit!
[RB.02_197,10] Die Pforte hier ist eine geistige Wirklichkeit, und wir uns gegenüber auch. Aber jenes Wien dort ist nur eine Erscheinlichkeit, als ein Abbild der wirklichen, irdischen Stadt Wien, das ihr beide in eurer eigenen Seele beschaulich bergt. Dieses Bild aber beschwert eure Seele noch und erzeugt auch zuweilen Unlauteres in ihr, das sich dann in irgendeinem gereizten Lebenszustand den Weg bahnt und in die ,redende Erscheinlichkeit‘ tritt. Solches kann aber in Gottes Liebelicht, das da ist der reinste Himmel, nicht Eingang finden, da etwas Unreines in die Himmel Gottes unmöglich eingehen kann. Und so tritt nun aus eurer Seele vor Eingang in die reinsten Gotteshimmel das letzte unreine Bild der Stadt Wien heraus, auf daß ihr es beschauen und darauf für immer aus euch verbannen möget.
[RB.02_197,11] Es wird euch zwar noch einige Mühe und Arbeit kosten, jedoch mit Hilfe des Herrn wird sich auch das machen. Darum seid mutig im Herrn, so wird alles leicht und vollkommen vonstatten gehen!"
[RB.02_197,12] Spricht Robert: „Aber liebster Freund, sage mir bloß, woher du nur deine Weisheit nimmst? Denn das war schon wieder geredet wie aus dem heiligsten Munde des Herrn Selbst! Ich war früher stets der Meinung, du seist mit uns darum hieher gezogen, daß du durch mich und Helena für die Himmel möchtest vorbereitet werden. Und nun geschieht gerade das Gegenteil: Du bist unser vollendetster Meister, und wir beide haben kaum die Fassungskraft, dich soviel als nötig zu verstehen. Sage mir, bist du im Ernst derselbe Cado, der auf dem Hügel dort die Minerva schlug mit Wort und Tat? Oder bist du bloß als Cado maskiert und bist irgendein erster Erzengel Gottes? Denn nur auf diese Art läßt sich deine Weisheit begreifen, sonst bleibt sie mir ein Rätsel. Also, liebster Freund, sage mir, woher du deine Weisheit borgst!"
[RB.02_197,13] Spricht Cado lächelnd: „So es an der rechten Weile sein wird, wirst du alles erfahren. Kümmere dich vorderhand dessen nicht, da viel wichtigere Dinge vor dir stehen. Sieh, die große Gesellschaft kommt! Tritt darum in die Pforte!"
[RB.02_197,14] Spricht Robert: „Ganz wohl! Aber du mußt auch mit mir, denn du bist doch zehntausendmal reifer für die reinsten Himmel Gottes als ich!" – Spricht Cado: „Nun, das versteht sich doch von selbst, daß ich dich nicht allein werde gehen lassen, ebensowenig Helena, die ich ebenfalls sehr liebhabe." – Spricht Robert: „Aber wie werde ich denn die große Gesellschaft hier in der Pforte empfangen? Was werde ich zum Herrn sagen? Wie mich wegen meiner Dummheit bei Ihm entschuldigen, wie bei den Propheten, den Aposteln und den vielen anderen Weisen, die sich bei dieser wahrhaft heiligsten Gesellschaft befinden? O Freund, hilf mir da ein wenig aus meiner Not!"
[RB.02_197,15] Spricht Cado: „Aber ich bitte dich, sei nicht läppisch! Kindlich magst du zwar sein, aber kindisch nicht! Denn kindisch ist nur der Verstand der Kinder, aber kindlich ist ihr Gemüt, und das ist von größtem Wert vor Gott. Ich werde dir schon heimlich eingeben, was du wirst zu reden haben – viel nicht, aber das wenige muß gut sein!"
[RB.02_197,16] Spricht Robert: „Ja, wie wirst du mir denn heimlich eingeben können? Da müßtest du ja förmlich Gott sein, oder der Herr müßte dir dazu Kraft verliehen haben!" – Spricht Cado: „Ei, bist du aber ein lästiger Grübler! Muß man denn gleich alles bis auf den letzten Grund einsehen? Die Ewigkeit ist lang, und es wird sich in ihr gewiß noch sehr viel einsehen lassen. – Gib nun acht, die Apostel kommen: voran Petrus, Johannes und Paulus als die ersten! Mit ihnen wirst du zuerst zu tun bekommen."
198. Kapitel – Merkwürdiges Verhalten der Gesellschaft gegenüber dem scheinbaren Cado. Robert erkennt mit Helena den hohen, göttlichen Freund.
[RB.02_198,01] Die drei Apostel treten nun vor die Pforte hin, grüßen Robert und dessen Weib Helena auf das herzlichste und zeigen große Freude, wieder bei Robert zu sein. Die andere übergroße Gesellschaft aber fällt vor der Pforte aufs Angesicht und ruft ein himmlisch-harmonisches Hosianna dem Herrn entgegen.
[RB.02_198,02] Robert schaut sich nach allen Seiten um, von wo etwa der Herr käme, aber Er will sich von keiner Seite sehen lassen. Wohl aber ersieht Robert hinter der Gesellschaft noch jemanden, der dem Cado nahezu auf ein Haar gleichsieht. Wärenddem hört das Hosiannarufen nicht auf und Robert merkt es auch den drei Aposteln genau an, daß sie von übergroßer Ehrfurcht ergriffen vor lauter Liebe und heiliger Empfindung kaum etwas zu reden imstande sind.
[RB.02_198,03] Robert fragt darauf eiligst den Cado: „Lieber himmlischer Freund und Bruder! Diese alle sind von einer mir unbegreiflich heiligen Scheu hingerissen. Alle liegen auf ihren Angesichtern. Ja sogar die glorreichste Jungfrau Maria an der Seite ihres würdigsten Joseph macht da keine Ausnahme. Ich schaue mir samt Helena schon beinahe die Augen aus und sehe alle in solcher Ergriffenheit – sogar dort im Hintergrund einen knienden Geist, dir auffallend gleichsehend, der sich auch vor lauter Erbauung kaum mehr zu helfen weiß! Sage mir doch, vor wem sind denn diese alle gar so hingerissen, da doch der Herr noch nirgends zu sehen ist! Oder sehen Ihn diese vielleicht schon in großer Nähe, und nur mein Auge mag noch nichts erschauen? O liebster Freund, laß mich doch jetzt nicht sitzen!"
[RB.02_198,04] Spricht Cado: „Mein lieber Freund, was soll ich denn sagen? Schau, Augengläser und Fernrohre gibt es hier nicht! Was also soll ich dir tun?" – Spricht Robert: „Uns womöglich den Herrn zeigen, sonst nichts! Denn zum Herrn muß ich hin und muß Ihn grüßen aus allen Kräften meines Lebens. Wo, wo ist Er denn? Wann kommt Er, der Heiligste aller Himmel?"
[RB.02_198,05] Spricht Cado: „Wenn du den Herrn auch jetzt noch nicht siehst, bist du wirklich aus dir selbst heraus ein wenig blind! Da frage die drei, vielleicht sehen diese ihn auch nicht?"
[RB.02_198,06] Spricht Robert: „Sonderbar von dir, daß du mir gerade jetzt so halbe Antworten gibst, wo mir eine ganze dienlich wäre. Du wunderst dich auch nicht darüber, daß diese ganze Gesellschaft hier zerknirscht daliegt und sich vor Ehrfurcht nicht einmal aufzuschauen getraut! Wahrlich, dich bringt nichts aus deiner Fassung, weder der offene Himmel noch die finstere Hölle!"
[RB.02_198,07] Spricht Cado: „O nein, lieber Freund und Bruder! Ich gebe dir wohl ganze Antworten, die du aber leider nur halb verstehst. Warum hast du denn für deine so dringliche Angelegenheit nicht die drei befragt, wie ich dir riet? Die hätten dir schon lange gesagt, wo sich allenfalls der Herr befindet. Aber da fehlt dir der Mut, was von dir eigentlich ein wenig dumm ist. Denn sie werden doch als Bürger der Himmel nicht mehr sein wollen als unsereins. Im Himmel ist alles gleich. Und der niederste ist der beste, und das ist der Herr Selbst! – Sieh dich also nach Dem um, und du wirst Ihn bald haben. Aber Er ist dir zu wenig, so magst du Ihn auch nicht erkennen, obschon du Ihn schon lange siehst. Verstehst du das?"
[RB.02_198,08] Spricht Robert: „Ah, das wäre doch komisch – Ihn sehen und nicht erkennen! Ich, der ich schon geraume Weile seit meiner Ankunft in dieser Geisterwelt um Ihn war, sollte Ihn nun auf einmal nicht mehr erkennen können? Freund Cado, du bist wohl sehr weise, aber diese Behauptung scheint dir denn doch mißlungen zu sein. Denn nach deiner Behauptung müßtest entweder du selbst oder gar die Helena der Herr sein! Ich bin es ewig nicht und die drei Apostel neben uns auch nicht. Helena ist doch ein Weib und kann's darum auch nicht sein. Du bist unter uns am einfachsten, denn deine höchst unansehnlichen Kleidungsstücke entbehren jeder Zierde, schmücken auch wahrlich nicht im geringsten, sondern decken nur deines Leibes Blöße. Du mußt daher nach deiner eigenen Behauptung es Selbst sein – obschon du dem Cado noch immer wie ein Ei dem andern gleichsiehst! Hm, solltest du also wirklich – der Herr Selbst sein!?
[RB.02_198,09] Wenn das im Ernst so wäre, träfe mich vor Schande beinahe ein Schlag, trotzdem ich nun ein Geist bin!! Denn wie viel Dummes und sogar Schlechtes habe ich vor Dir durcheinander geredet! Ja, jetzt geht mir auch noch ein anderes Licht auf! Du hast mich überall ans Evangelium gewiesen, und das hätte der eigentliche Cado, der mit der Schrift doch unmöglich so vertraut sein kann, doch nicht so umfassend zuwege bringen können! Jetzt begreife ich Deine ewig unerreichbare Weisheit! Ja, Du bist es schon, niemand anders kann es sein!!
[RB.02_198,10] Aber da Du es bist, o Herr, was auch diese ganze Gesellschaft bezeugt durch ihr unbegrenztes Ergriffensein, so lasse mich und Helena nun zu Deinen heiligen Füßen hinfallen und Dir unseren schuldigsten Dank in aller Zerknirschung der Herzen darbringen! – Helena, sieh hierher! Unser Begleiter, dieser überweise, himmlische Cado, ist nicht der eigentliche Cado! Bloß das Kleid ist wie das des dir bekannten Cado! Aber darin steckt ganz unerkennbar der Herr Selbst! Verstehst du: der Herr Selbst!!"
[RB.02_198,11] Helena, solchen Ruf kaum vernehmend, stürzt sich jäh dem Herrn zu Füßen und schreit: „O Herr, verdamme mich doch nicht, denn ich war entsetzlich roh und grob vor Deinen Augen! O Gott, was habe ich getan!!" – Sage Ich, noch immer als Cado: „Stehe auf, Meine liebste Tochter! Denn Ich liebe dich eben deshalb, weil du so bist und warst, wie du nach Meinem Willen sein mußt! Steh also nur auf, denn wir müssen nun – nach Wien!"
199. Kapitel – Eintritt der Gesellschaft ins erscheinliche Wien. Volkstümliche Szenen an der Paßschranke.
[RB.02_199,01] Spricht Robert: „O Herr, möchtest Du mir nicht ein wenig kundgeben, was wir eigentlich in diesem erscheinlichen Wien machen werden und was uns da alles begegnen wird? Denn wenn ich so unvorbereitet an Deiner Seite in diese Stadt komme und diese ganze große Gesellschaft mit uns – so weiß ich wahrlich nicht, wie wir da empfangen werden oder wie ich mich da zu benehmen habe, um nicht in Verlegenheit vor Dir zu kommen."
[RB.02_199,02] Rede Ich: „Um das hast du dich nicht zu sorgen, so Ich bei dir bin! Die ganze Gesellschaft geht ohnehin nicht mit, sondern nur Ich, die drei Apostel, du und Helena. Alle andern bleiben hier bis zu unserer Wiederkunft.
[RB.02_199,03] Sieh aber nun nach Wien hin, wie es nicht etwa leer, sondern ganz so bewohnt ist wie auf der Erde. Und zwar entsprechend von den selben Menschen, die seit dem Erdjahr 1848 bis in dies gegenwärtige Jahr 1850 diese Stadt bewohnt haben und noch bewohnen, entweder als Geister oder noch als Materiemenschen. Gehen wir daher nur hin, auf daß du dein ,enges Pförtlein‘ bald mögest durchgemacht haben! Da zu euren Füßen liegen dunklere Überwurfskleider, diese werft zuvor über eure himmlischen!"
[RB.02_199,04] Robert und Helena tun sogleich wie geheißen und sehen nun pilgermäßig aus. Ebenso auch die Apostel, die ganz drei Pilgern allenfalls aus Jerusalem gleichsehen. Meine Kleidung aber gleicht der eines einfachsten Juden. So kostümiert treten wir unsere kurze Reise in das vor uns liegende Wien an.
[RB.02_199,05] Bei der Zoll- und Paßlinie angelangt, die sich zunächst der sogenannten „Spinnerin am Kreuz" befindet, fragt Robert, der neben Mir geht: „Herr, sehen bloß wir die verschiedenen wachhabenden Mannschaften, oder sehen sie uns etwa auch? Da ginge es uns schlecht, denn wir haben ja keine Pässe!" – Sage Ich: „Ja, sie sehen uns auch; aber nicht alle, sondern jene nur, die sich auch schon in der Geisterwelt befinden. Aber diese werden durch ein gewisses Einfließen die noch Irdischen auf uns aufmerksam machen, und da wird es dann freilich eine kleine Hetze abgeben. – Laß jetzt Petrus vorangehen, der weiß es am besten, wie man mit solchen Zöllnern und Einnehmern umzugehen hat."
[RB.02_199,06] Petrus geht sogleich zum Zöllner hin und sagt: „Freund, wir sind Reisende von weit her, haben aber keine Pässe, denn in unserem himmlischen Reich ist volle Freizügigkeit für ewige Zeiten. Wir können dir daher nicht mit Reisepässen aufwarten. Wir sind aber kreuzehrliche Wesen, haben uns nirgends etwas zuschulden kommen lassen und sind noch überall ohne Schwierigkeiten durchgekommen. Daher glaube ich, daß man uns auch hier keine Anstände machen wird."
[RB.02_199,07] Spricht der Zöllner: „Mein Freund, wahrscheinlich aus China! So ihr nichts Zollpflichtiges bei euch habt, könnt ihr von mir aus sogleich weiterziehen. Da vorne ist noch eine Maut, dort werden die Pässe abgenommen und geprüft. Seid ihr im Ernst Chinesen?"
[RB.02_199,08] Spricht Petrus: „Ja, ja! Also dort vorne ist das Paßamt? Wir sind Ihnen für diese Auskunft sehr verbunden!" – Spricht der Zöllner: „Nun, ich glaube gar, dieses zerlumpte Bettelgesindel möchte etwa noch großtun!"
[RB.02_199,09] Spricht Petrus: „Freund, beurteile die Menschen nie nach ihrem Rock! Du kannst nie wissen, was vielleicht dann und wann hinter einem schlichten Rock stecken könnte." – Spricht der Zöllner: „Sicher selten etwas anderes als Lumpen und Vagabunden, die man aufgreifen und per Schub dahin zurückschicken muß, wo sie zu Hause und gerichtszuständig sind! Verstanden, mein Herr?"
[RB.02_199,10] „Jawohl", spricht Petrus, „diese Sprache ist heute nur zu gang und gäbe, als daß sie die arme Volksklasse nicht verstehn sollte. Wer hier in einer Prachtkutsche vorüberfährt mit bordierter Dienerschaft, mit dem redest du sicher ganz anders. Aber mit uns Barfüßlern redest du, als wären wir nur eine Gattung Tiere. Sieh, das ist nicht löblich von dir! Laß uns aber nun weiterziehen, vielleicht werden bei der vordern Maut die Aufseher nicht so scharf sein wie du." – Spricht der Zöllner: „Dort werden sie mit euch sicher nicht viel Umstände machen! Seht nun, daß ihr weiterkommt, sonst lasse ich euch noch arretieren!"
[RB.02_199,11] Spricht Robert zu Mir: „So sind sie! Und das ist noch einer der Besseren! Wenn man mit so einem Menschen zu tun bekommt, könnte man vor Grimm und Ärger geradewegs zerbersten! O Menschen! O Erde!" – Spricht auch Helena: „Wenn der uns noch länger mit seinen Geringschätzungsreden belästigt hätte, so hätte ich ihm etwas gesagt! Denn ich kenne diesen Kerl. Gut, daß wir weiterziehen, sonst wäre ich wohl mit ihm zusammengewachsen. Na, der hätte sich verwundert!"
[RB.02_199,12] Sage Ich: „Nur nicht zu laut, Mein Töchterchen, denn dieser Zöllner hat lange Ohren! So er das vernähme, bekämst du ein schweres Tun mit ihm." – Sagt Helena: „Aber ärger, o Herr, wird er doch nicht sein als die Satana selbst?" – Sage Ich: „Das kommt darauf an! Die Hunde als Wächter sind in ihrer Art oft um vieles böser als ihre Herren. Die Herren reden bloß, aber die Hunde beißen! Aber wir kommen nun schon zu der zweiten Maut! Petrus fängt mit der Polizei schon zu reden an. Wir wollen sehen, was da herauskommt!"
[RB.02_199,13] Sagt Helena: „O eingesperrt werden wir, so Du, o Herr, von Deiner Macht keinen Gebrauch machst!" – Sage Ich: „Meine liebe Tochter, sei ohne Sorge! Ein leisester Hauch Meines Mundes und die ganze Erde samt allen ihren Kerkern ist nicht mehr! Und so haben wir uns vor keinem Kerker zu fürchten. – Aber nun horchen wir auf Petrus, der soeben befragt wird. ,Woher des Wegs? Wo sind die Pässe? Her damit!‘"
[RB.02_199,14] Spricht Petrus: „Geduld, nur eine kurze Frage: Sage mir, kann da niemand, auch kein Einheimischer, ohne Paß in die Stadt?" – Spricht der Polizeisergeant: „Bekannte Einheimische wohl, aber Fremde nie! Seid ihr nicht Bürger dieser Stadt, müßt ihr einen Paß haben, sonst kommt ihr nicht hinein! Gehört ihr aber dieser Stadt an, so müßt ihr euch examinieren lassen, auf daß ich sehen kann, wes Geistes Kinder ihr seid."
[RB.02_199,15] Spricht Petrus: „Nur zu, ich werde dir alles genau angeben!" – Hierauf fragt der Sergeant: „Wie heißt Er?" – Spricht Petrus: „Simon Juda, Jonas Sohn, genannt Petrus." – Der Sergeant: „Das klingt sonderbar! Aber wer ist Er denn, was treibt Er für ein Gewerbe?" – Spricht Petrus: „Ich bin ein Fischer von Geburt aus, gehe aber nun aufs Menschenfischen aus, schon seit nahe 2000 Jahren."
[RB.02_199,16] Spricht der Sergeant zu einem Gehilfen: „Bewache diesen, denn der gehört ins Narrenhaus! Der Kerl bildet sich ein, daß er Petrus, der berühmte Apostel sei! Nein, was man bei einer Kontrolle doch alles erlebt!"
[RB.02_199,17] Hierauf wendet sich der Sergeant an Paulus: „Wer seid denn Ihr und wie heißt Ihr!" – Spricht Paulus: „Ich bin ein Teppichweber, dann ein Apostel der Heiden. Mein erster Name war Saulus und der spätere war und ist noch Paulus." – Spricht der Sergeant zu einem zweiten Gehilfen: „Bewahre auch den, denn auch dieser ist reif ins Narrenhaus!" – Darauf, sich zu Johannes wendend, fragt er auch diesen Apostel: „Wer seid denn Ihr? Etwa auch so ein Apostel Christi?"
[RB.02_199,18] Sagt Johannes: „Ich bin der Evangelist Johannes und zugleich auch Apostel des Herrn Jesu Christi!" – Spricht der Sergeant zu einem dritten Gehilfen: „Gehört auch ins Tollhaus! Bewacht sie wohl! Es sind noch drei dort, die werden wohl sicher des gleichen Geistes sein!"
[RB.02_199,19] Hier tritt voll Ärger Helena vor und sagt zum Sergeanten in echt Lerchenfeldischer Weise: „Sö Haupttappschädl von an böhmischen Feldwebel, geben's acht, daß ihnen die drei nit etwa auskommen!" – Spricht der Sergeant ganz spinngiftig über diese Anrede: „Was hat sie gesagt? Na warte du! Dir werden wir das Rohe schon herabarbeiten!" – Hier springt Helena zum Sergeanten hin und sagt: „No, no, du alter Schwefellebertigel aus der höllischen Apothek'! Schau nur gleich, daß dein böhmisches Zartg'fühl kein Leibschad'n kriegt! Schau, schau, ehrgeizig auch noch! Laß sich der Herr den Grimm vergehn, sonst sag i ihm was, das ihm nit am besten schmecken möcht!"
[RB.02_199,20] Spricht der Sergeant: „Wes Landes ist Sie gebürtig, Sie ungehobeltes Mensch?" – Spricht Helena: „No denken's nach! Können Sie sich noch auf das Wirtshäusl erinnern, von dem Sie dreimal hinausgeworfn san's worden wegen Unzucht und Stänkerei? Schaun's, dort bin i gebürtig!" – Sagt der Sergeant: „Was brodelt Sie daher? Ist Sie denn ein Lerchenfelder Früchtl?" – Spricht Helena: „Ja, die Schwarzmaxl-Lenerl! Kennen's mi denn nimmer?"
[RB.02_199,21] Spricht der Sergeant: „Ja, aber sag mir, wie kommst denn du zu dieser Narrengesellschaft? Das ist gut! Die Schwarzmaxl-Lenerl! Sag mir doch, wo bist denn seit der Revolution hingekommen? Man hat von dir ja gar nichts mehr gehört und gesehen!" – Spricht Helena: „Na, g'storben bin i halt! Und jetzt bin i wieder lebendig da und geh mit meine guten Freunde mei Heimat b'suchen – wann's nix dawider habn! Daß aber die keine Narren san, da steh i ihnen gut dafür." – Spricht der Sergeant etwas besänftigter: „Ah, meine Liebste, diese drei sind vollkommene Narren und müssen demnach ins Narrenhaus! – Bei den zwei letzten aber wird es sich erst durch ein Examen zeigen, wes Geistes Kinder sie sind. Ich werde sie daher auch gleich vornehmen."
[RB.02_199,22] Hier tritt Robert von selbst vor und sagt: „Freund, du willst mich und meinen heilig großen Freund untersuchen, ob wir etwa sinnesverrückt seien? O du blinder Hascher! Das hättest du lange schon bei dir selbst tun sollen, auf daß du es in der Einsicht soweit gebracht hättest, daß du schon lange nicht mehr dem Leibe nach lebst im eigentlichen Wien, sondern nur auf der erscheinlich-geistigen Erde! Meinst du denn, daß du hier der wirkliche Linienaufseher bist? In deiner Einbildung bist du es und sonst gar nichts. Glaubst du, daß du hier irgendeine Gewalt oder Recht hast, uns zu untersuchen? Ich sage es dir, du hast kein anderes Recht als das Recht eines Narren, der dazu noch blind und taub zugleich ist!
[RB.02_199,23] Denn du bist ja schon lange gestorben, und zwar an der Cholera im Jahre 1849 der irdischen Rechnung nach! Abgesandte Geister aus den Himmeln haben es dir bereits gesagt, daß du dem Leibe nach gestorben bist. Aber du lachtest sie aus und sagtest: ,Ihr hirnverrückten Kerls, seht ihr denn nicht, wie ich noch ganz rüstig ein erster Polizeisergeant bin? Wollt ihr das nicht glauben, stecke ich euch ins Loch und ihr werdet es dann gleich sehen, ob ich gestorben bin oder noch lebe!‘ – Bei solcher Gegensprache verließen dich dann die Boten aus den Himmeln und ließen dich in deiner Narrheit, in der du nun schon über ein Erdjahr verharrst und andere hilfswillige Geister als Narren erklärst. – Meinst du wohl noch im Ernst, daß du ein leibhaftiger Polizeisergeant der Stadt Wien bist? Da schau den Schrankbaum an! Merkst du es nicht, wie er nun vor uns stets durchsichtiger und nichtiger wird?"
[RB.02_199,24] Spricht der Sergeant: „Das ist alles leeres Geschwätz, das eine Amtsperson nicht anhört, sondern ihr hohes Amt ausübt, wie es ihre Instruktion streng gebietet! – Wie heißt Er denn? Hat Er einen Paß oder irgendeinen sonstigen Ausweis?" – „Nein!", donnert ihm Robert ins Ohr, daß darob der Sergeant ganz schwindlig wird und um Hilfe zu rufen anfängt. – Wieder donnert ihm Robert ins Ohr: „Was willst du, daß ich dir tun soll? Willst du leben oder sterben für ewig? Denn einen zeitlichen Tod gibt es hier nimmer. Wer hier stirbt, der stirbt für ewig!"
[RB.02_199,25] Hier schreit der Sergeant entsetzlich um Hilfe. Darauf erscheinen drei gemeine Diener aus einer Wachtstube und wollen Robert in Empfang nehmen. – Dieser aber donnert über sie so ein gewaltiges ,Halt!‘, daß darob alle so zusammensinken, als ob sie vom Blitz gerührt worden wären. Und als sie wie bewußtlos am Boden liegen, sagt Robert: „Herr, so es Dein Wille ist, können wir unbeirrt weiterziehen. Die drei dort, die Petrus, Paulus und Johannes bewachen, blasen wir hinweg und haben dann freien Abzug von dieser Linie."
[RB.02_199,26] Sage Ich: „Es wäre wohl recht, aber dieser Sergeant muß zuvor auch Mich Selbst examinieren! Ist dies geschehen, dann werden wir weiterkommen, ohne daß uns diese auch nur das geringste Hindernis in den Weg legen können." – Spricht Robert: „Ganz wohl, o Herr! Dein Wille allein ist heilig!"
[RB.02_199,27] Hier erhebt sich der Sergeant wieder und sagt voll Grimm: „Wer ist hier ein Herr, und wessen Wille ist da heilig? Hier regiert allein der Kaiser! Was darunter oder darüber, ist nichts als Asche! – He Mannschaft, habt acht! Nehmt dies ganze Gesindel fest, führt es vors Gericht und sagt dort, wie sich dieses sozialistische Gesindel hier benommen hat! – Dieser Schreier aber soll hier in der Wachtstube zuvor noch extra für sein Schreien mit fünfundzwanzig Stockstreichen belohnt werden! Ergreift ihn und schleppt ihn ins Wachtzimmer!" –
[RB.02_199,28] Drei Mann umstellen Robert und wollen ihn binden. Aber da springt Helena hinzu und sagt: „Wer es wagt, Hand an Robert zu legen, der ist des Todes!" Als aber einer doch Robert beim Kragen packt, bekommt er im Augenblick eine solche Maulschelle von Helena, daß er sogleich wie tot auf den Boden fällt. Nun wollen die zwei andern die Helena packen, werden aber von ihr derart bedient, daß beide jählings die Flucht ergreifen. Auch jene drei, welche die Apostel bewachten, sind flüchtig geworden. Der Sergeant ruft ihnen Galgen und Mordio vergeblich nach, aber es kehrt sich keiner mehr um. Denn diese haben leise zu ahnen angefangen, daß es mit unserer Gesellschaft eine sonderbare Bewandtnis haben müsse.
200. Kapitel – Der Zollsergeant examiniert den Herrn. Er gibt der Gesellschaft freie Bahn. Ein Steuereinnehmer folgt dem Herrn.
[RB.02_200,01] Aber der Sergeant ist noch ganz in Wien und sieht und hört daher nur, was seines vermeintlichen Amtes ist. Nur etwas bescheidener wird er, weil ihn alle Gehilfen im Stich gelassen haben. Er begibt sich zu Mir und fragt, wer denn Ich wäre, wie Ich hieße und ob Ich keinen Paß besäße?
[RB.02_200,02] Und Ich sage zu ihm: „Wir kommen unmittelbar aus den höchsten Himmeln. Ich bin Christus, der Herr, und bin nun hierher gekommen, die Toten zu erwecken, die Verlorenen aufzusuchen und die Kranken zu heilen. Allen, die eines guten Willens sind, soll ein großes Heil widerfahren!"
[RB.02_200,03] Spricht der Sergeant, zu dem sich noch einige Individuen vom Mauthause gesellen: „Gut gesprochen! Du bist noch der gescheiteste Narr von all den früheren, die ihre Narrheit mehr als einen Deckmantel ihrer geheimen Absichten vorschoben, um mich zu täuschen. Ich kenne mich aber nun genau aus und weiß, woran ich bin. So muß ich euch durch allerhöchsten Willen ja wohl passieren lassen. Wenn der katholischen Kirche freiestes Schalten und Walten in ihrer klerikalen Sphäre eingeräumt wurde, darf sich auch ein exponierter Sergeant nicht mehr wundern, so ihm gewisse verkappte Jesuiten und Liguorianer in allerlei Gestalten begegnen werden! Es wird bald wieder Ablässe und Wunder zu regnen anfangen. Die Jakobsleiter wird wieder zwischen Erde und Himmel aufgestellt werden, auf der Engel, Apostel, die seligste Jungfrau, andere Heilige und nicht minder auch Christus Selbst auf- und absteigen werden, natürlich ums Geld und andere kostbare Buße. Ihr seid schon die erste Probe! Ja, ja, wir kennen uns schon aus!
[RB.02_200,04] Ihr könnt weiterziehen! Hätte ich eher gewußt, von welchem Geist ihr getrieben werdet, so hätte ich euch kein Hindernis in den Weg gelegt, wozu ich auch die geheime Weisung habe. Die Zusammenstellung ist wahrlich als gelungen zu betrachten, bis auf Robert Blum und die Schwarzmaxl-Lenerl, die sicher jeder lustige Wiener in vielfacher Hinsicht kennt. Der eigentliche Blum wird zwar von Schmerzen nicht mehr viel geplagt sein. Aber die Erfindung eines Pseudo-Blum ist gut, und dieser Name hat noch viel Gewicht in Wien! Auch eine verkleidete Barrikadenheldin ist für eure Zwecke nicht schlecht, denn zum Gimpelfang gehört ja ein niedlicher Lockvogel mit einem heroisch klingenden Namen. Der Zweck heiligt ja jedes Mittel! – Und du bist Christus, der Herr Selbst? Oh, das ist sehr schön! Nun, wenn solche Christusse der römisch-katholischen Kirche nicht wieder auf die goldenen Beine helfen, dann adieu Papst und Rom und Pfaffentum!"
[RB.02_200,05] Rede Ich: „Freund! Ich weiß, daß du ein Protestant bist. Du denkst übers römische Christentum nicht unbillig, denn dieses ist vor Gott von Grund aus ein Greuel in allen seinen herrschsüchtigen Mühen, wovon ihm aber keine mehr gelingen wird. Aber Mich und Meine kleine Gesellschaft verkennst du ungeheuer! Ich aber will dir nichts mehr aufbürden, indem du frei bist und glauben und tun kannst, was du willst. Aber noch einmal sei dir kundgetan, daß du dich nun nicht mehr auf der Welt der Materie, sondern in allem Ernst in der Geisterwelt befindest. Und daß alles das, was du außer Mir und Meiner Begleitung siehst, nichts als leere Erscheinlichkeit ist, die für dich aber zu geistigen Wirklichkeiten werden könnte, wenn du dich an Mich anschließen würdest. – Aber du bist in deinem Herzen noch zu weit von Meinem Reich entfernt und kannst Mich daher in deiner Blindheit auch nicht erkennen. Bleibe daher, wo und was du bist, vielleicht sehen wir uns später noch einmal wieder."
[RB.02_200,06] Spricht der Sergeant: „Wird mich sehr freuen, wenn nicht in dieser, so vielleicht doch in einer andern Welt! – Wünsche übrigens eine gute Verrichtung in der Residenzstadt! Der noch immer andauernde Belagerungszustand dürfte euerem Unternehmen günstig sein. Darum noch einmal: gute Verrichtung und einen schönen Gruß nach Maria-Zell! Adieu!"
[RB.02_200,07] Wir begeben uns nun ohne weiteren Anstand in das Innere der Stadt, und der Sergeant schaut uns mit seiner Gesellschaft nach. Als auch der Einnehmer der Steuer-Maut hinzukommt, um zu erfahren, was es denn mit diesen sonderbaren Reisenden für eine Bewandtnis habe, sagt der Sergeant: „Das sind verkappte Jesuiten als fromme Missionare! Weißt du, seit die Kirche wieder frei ist in unserem lieben Österreich, haben ihre Pfaffen wieder die alte Jakobsleiter aufgefunden und sie geradewegs am Himmel angelehnt. Mit den alten Kirchenstrafen geht es wenigstens so geschwind nicht, und mit der goldenen Buße der Kreuzfahrer auch nicht. Aber wir werden bald von großartigsten Wundern von allen Seiten rührendste Kunde erhalten!
[RB.02_200,08] So waren z.B. diese sechs, nach höchsteigenem Bekenntnis, nichts weniger als Christus Selbst, der nun alle Kranken gesund machen wird etc.! Vielleicht hilft Er auch den Finanzen Roms auf die Beine? – Die drei ersten waren Petrus, Paulus und Johannes der Evangelist. Ein bildsauberes Menschl haben's auch bei sich g'habt, unter dem Namen Schwarzmaxl-Lenerl, die Barrikadenheldin! Und jetzt werd völlig tot vor Verwunderung: den Robert Blum auch! Nun, g'fällt dir dieser Spaß? Meine Mannschaft, die etwas schwachen römischen Geistes ist, hat dabei Reißaus genommen und mich allein sitzen lassen! – Nun, Freund, was sagst du zu dieser Errungenschaft vom Jahre 1848?"
[RB.02_200,09] Sagt dazu der Steuereinnehmer: „Mein lieber Freund, diese Geschichte sieht wohl dem ersten Anschein nach etwas spaßhaft aus, aber im Grunde liegt, wie mir mein inneres Gefühl sagt, doch etwas sehr Ernstes in dieser Geschichte! Ich will schon zugeben, daß die Pfaffen bei der nun wieder erreichten kirchlichen Freiheit so manches versuchen werden, wodurch ein ihnen wünschenswerter Volksaberglaube wieder belebt werden könnte. Aber auf diese Weise, Freund, das werden sie bleibenlassen! Ich bin sicher kein Freund der Pfaffen. Aber ich glaube, daß sich zu solch einem Geschäft wohl keiner herbeilassen würde, selbst so er davon bedeutende Vorteile zu erwarten hätte.
[RB.02_200,10] Ich halte von dieser Geschichte etwas ganz anderes: Entweder sind diese sechs verkleidete hohe Personen, oder sie sind im Ernste das, als was sie sich ausgaben. Aufrichtig gesagt, mir kommt meine ganze Lebensgeschichte hier in „Wien" doch etwas sonderbar vor. Und das bringt mich immer mehr auf die Vermutung, daß ich mich entweder in einem Traumleben befinde oder von irgendeinem sonderbaren Schwindel geplagt werde. So zum Beispiel habe ich seit ungefähr zwei Jahren auch nicht einen Fuhrwagen gesehen und ebensowenig eine Equipage, was gewiß sehr sonderbar ist. Auch gehen äußerst wenige Menschen hier vorüber. Und von einem Hineintragen von Lebensmitteln ist auch keine Rede mehr. Gewöhnlich werden seltene, mir ganz unbekannte Wurzeln und Kräuter, auch geselchte Wölfe, Füchse und kleine Bären vorbeigetragen und noch eine Menge anderes dummes Zeug mehr, daß man darüber geradezu lachen muß. Ich kann dafür von niemandem eine Steuer erheben, weil derlei Dinge in keinem Steuertarif vorkommen. Halte ich jemanden dazu an, so gibt er mir gar keine Antwort und geht unaufhaltsam seines Wegs weiter. Mir aber fällt es auch gar nicht ein, daß ich jemanden anhalten soll.
[RB.02_200,11] Letzthin sah ich in Gedanken vor mich hin und bemerkte ein großes Goldstück etliche Schritte vor mir am Boden liegen. Ich eilte hin, um es aufzuheben. Als ich hinzukam, war das Goldstück verschwunden und an seiner Stelle lag eine zertretene kohlschwarze giftige Natter. Ich wollte sie mit meinem Stock wegschleudern. Als ich sie kaum berührt hatte, verwandelte sie sich in einen häßlichen Raubvogel, der im selben Augenblick davon flog, als ich den verwunschenen fortschleudern wollte. – Letzthin bin ich ebenfalls auf außergewöhnliche Weise von einer Erscheinung betroffen worden: Ich sah zum Fenster hinaus, es regnete stark. Mir fiel erst jetzt auf, daß ich bis dahin zwei Jahre lang weder regnen noch schneien sah. Ich eilte schnell hinaus, um mich ein wenig anregnen zu lassen. Aber da war vom Regen keine Spur mehr! Ich fing nun an, über die Sonderbarkeit der Witterung nachzudenken. Da kam es mir wahrlich merkwürdig vor, daß ich hier noch nie eine Sonne gesehen hatte und nicht einmal weiß, woher wir das Licht haben. Oder hast du schon einmal eine eigentliche Nacht erlebt? Oder einen Winter, Frühling, Sommer oder Herbst? Alles dauert hier im selben Zustand fort, und uns fällt es gar nicht auf, daß die Sachen hier so sonderbar stehen!
[RB.02_200,12] Durch diese Vorkommnisse bin ich genötigt zu glauben, daß wir uns tatsächlich nicht mehr auf der eigentlichen Erde befinden und dem Leibe nach schon gestorben sind. Und weiter, daß die sechs Männer doch leicht das sein können, für was sie sich ausgegeben haben. Weißt du was, ich werde ihnen nachgehen! Bei denen muß ich ins klare kommen!"
[RB.02_200,13] Spricht der Sergeant: „So warte, ich werde auch mit dir gehen!" – Beide machen sich sogleich auf den Weg und folgen uns eiligst nach.
[RB.02_200,14] Als sie zu uns kommen bei einem Hause, in das wir zuerst Petrus sandten, damit er die Kranken darin heile, sagt der Steuereinnehmer: „Meine erhabensten Freunde, und besonders Du, Urweiser von Nazareth! Eure Rede fiel mir auf und weckte mich so, daß mir darauf verschiedenes anderes aufzufallen begann. Zugleich durchrieselte mich bei eurer Gegenwart ein so merkwürdig wohltuendes Gefühl, daß ich mich kaum halten konnte, euch sogleich zu folgen. Ich kämpfte zwar eine Weile gegen dieses Gefühl und schützte ihm meine Beamtenpflichten vor. Aber mein Gefühl sagte mächtig laut: ,Was kaiserlich, was königlich! So Gott dich ruft, dann hört der Kaiser und der König für ewig auf!‘ – Und ich wandte auf solche Stimme meines Gemütes hin meinem Mauthaus sogleich den Rücken, folgte meinem innersten Triebe und bin nun bei euch, ihr lieben Freunde! Erlaubt mir nun, daß ich mich bei euch wenigstens so lange aufhalten darf, bis ich durch eure Güte und Weisheit so viel Einsicht erlange, wo und was ich denn hier eigentlich bin. Ist das Wirklichkeit oder etwa nur ein ewiger Traum? Lebe ich noch auf der Erde? Ich bezweifle das stets mehr. So es euch möglich ist, da zündet mir in meinem Gehirnkasten ein kleines Lichtlein an!"
201. Kapitel – Der Steuereinnehmer wird vom Herrn aufgenommen, der Sergeant zurückgewiesen. Paulus' Missionsgang ins Haus ,Zum guten Hirten‘.
[RB.02_201,01] Rede Ich: „O ja, das tun wir recht gerne! Nur mußt auch du dann deinen Teil zu verrichten nicht unterlassen. Bleibe also bei uns und gib auf alles acht, was wir reden und tun werden. Und tue das, was dir gut dünkt, dann wirst du bald ins klare kommen!"
[RB.02_201,02] Hier tritt der Sergeant vor und fragt: „Freund, darf auch ich bleiben? Denn auch ich habe mich eines Bessern besonnen!" – Sage Ich zu ihm: „Du bist wie ein Fuchs und traust dir viel zu. Aber es wird nicht ein jeder angenommen, der da kommt und sagt: ,Freund, auch ich will bei dir bleiben!‘ – Wer bei Mir bleiben will, der muß eines reineren Herzens sein als du. Hast du doch nie an Christus geglaubt, wie möchtest du nun Dem folgen, den du für einen verschmitzten Jesuiten hältst? Wir werden uns wohl noch einmal sehen, für jetzt aber wäre es für deine Erkenntnis noch zu früh. Daher geh nur wieder auf deinen Posten zurück. Gib zuerst dem Kaiser das Seine und sieh, wie du dann Gott das Seine geben wirst! Du wurdest geladen und fandest es nicht der Mühe wert, der Einladung zu folgen. Darum werden die an den Straßen und Zäunen zu Mir kommen und ein Gastmahl mit Mir eher halten als die zuerst Geladenen."
[RB.02_201,03] Spricht der Sergeant: „Bei dieser Sprache wird's einem ehrlichen Menschen ohnehin übel, und somit Gott befohlen!" Hier geht der Sergeant schimpfend auf seinen Posten zurück.
[RB.02_201,04] Der Steuereinnehmer aber sagt: „Das hätte ich von diesem Menschen nicht geglaubt! Es ist wohl schwer, Christus als den allmächtigen Gott anzunehmen, da man sich unter dem Begriff Gott etwas zu unendlich Großes und heiligst Erhabenes vorstellt; während Christus doch nur vollkommen ein Mensch war wie ein jeder andere Mensch – nur mit dem Unterschied, daß Er mit dem Geist Gottes mehr noch erfüllt war als ein Moses, Samuel, Elias und andere Propheten. Aber Christus ganz verwerfen, Ihm nicht einmal die Würde eines Weisen zukommen zu lassen, das ist etwas zu stark!"
[RB.02_201,05] Sage Ich: „Gut, was aber hältst du von Christus?" – Spricht der Steuereinnehmer: „Oh, ich halte Ihn so lange für das höchste Gottwesen, als sich nicht ein größerer, besserer und vollkommenerer Gott auffinden läßt. Mit einem Gott, den als endlos großes Wesen ein geschaffenes endliches Wesen nie wird erschauen können, ist mir wahrlich wenig gedient. Christus, der ist mir schon recht! Aber irgendwo ein unendlich großer Gott-Vater oder ein noch unbegreiflicherer Heiliger Geist können von mir aus sein, wie sie wollen, mich werden sie nie genieren. Ich halte mich nur an Christus, das andere wird dann schon Er machen!"
[RB.02_201,06] Sage Ich: „Recht so! Halte dich nur an Ihn so fest als immer möglich! Alles andere wird sich dann schon von selbst finden. – Nun aber kommt Petrus aus dem Haus. Wir wollen hören, welche Ergebnisse er zuwege brachte." – Spricht Petrus: „Herr, da sieht es schlimm aus! Ohne Gericht wird sich da wenig bezwecken lassen. Denn da gibt es eine Verstocktheit, eine Blindheit und einen Wahn, der selbst in Sodom und Gomorra kaum anzutreffen gewesen sein dürfte. Wäre ich angreifbar, wahrlich diese Brut hätte mich in Stücke zerrissen! Herr, diese Kranken bedürfen eines kuriosen Arztes und einer ebenso kuriosen Medizin!"
[RB.02_201,07] Sage Ich: „Nun gut, so lassen wir sie! Aufdringen werden wir uns niemandem, und so ziehen wir weiter!" – Spricht Robert: „O Wien, o Wien! Auch du hast gerichtet, die zu dir gesandt waren! Der Herr vergebe es dir! Ich werde keine Rache je an dir nehmen, aber da du des Herrn vergessen willst, wirst du gewaltig heimgesucht werden. Du magst den Herrn nicht annehmen, so Er dich heilen will. Darum wird eine große Trübsal über dich kommen und große Not und Schmach! Dann wirst du rufen: ,Herr, hilf mir!‘ Aber der Herr wird verziehen, und die Hilfe wird dir zu spät werden!" – Rede Ich: „Ja, du sollst recht haben! Ich will hier auf diesem Weg nicht voraussehen, sondern es nehmen, wie wir's finden werden. Aber sollte uns allenthalben ein solcher Empfang werden, dann, Robert, sollst du völlig recht haben!"
[RB.02_201,08] Wir begeben uns nun weiter und kommen bald zu einem Haus, an dessen Außenmauer ein ,guter Hirte‘ aufgemalt ist. Helena sagt: „Herr, hier heißt es ,Zum guten Hirten‘! Unter solch einem Aushängeschild dürften vielleicht etwas bessere Geister hausen!" – Sage Ich: „Ich will nicht vorhersehen. Geht aber hinein und erforscht es!" – Spricht der Steuereinnehmer: „Meines Wissens hat dieses Haus noch nie etwas Besonderes beherbergt. Ich meine, das wird noch schlechter bestellt sein als das frühere." – Spricht Robert: „Einen Versuch können wir ja wagen, was kann uns geschehen?"
[RB.02_201,09] Sagt Johannes: „So ihr wollt, will ich das Haus betreten." – Sagt Paulus: „Bruder im Herrn, mit Heiden kann ich am wirksamsten umgehen, laß daher mich hier den Versuch machen! Denn du, geliebter Bruder, bist viel zu sanft gegenüber solchen Wesen und würdest auch wenig ausrichten. Ich aber bin etwas barsch und ernst und verlange, wo du zu bitten pflegst. Richte ich aber nichts aus, so werdet ihr, du und Petrus, auch nichts ausrichten." – Spricht Johannes: „Lieber Bruder, gern gönne ich dir dies Geschäft im Hause Roberts. Aber ich meine, daß hier auch deine Schritte vergeblich sein werden. Denn wo die Liebe fehlt, geht der Ernst noch leerer aus!"
202. Kapitel – Paulus im Proletarierklub ,Zum guten Hirten‘. Der Apostel als Goldmacher. Inflationstheorie und Lebenstaumel. Gleichnis vom Wettrennen.
[RB.02_202,01] Paulus geht nun ins Haus und sagt darin zu einem Haufen Menschen, die gerade eine geheime Beratung halten, wie sie eine Demonstration gegen das Ministerium ins Werk setzen könnten: „Der Friede sei mit euch! Ich bin der Apostel Paulus, ein Knecht Jesu Christi, vom Herrn Selbst zu euch gesandt. Ich ermahne euch in aller Liebe und Geduld und christlicher Sanftmut, daß ihr ablaßt von euren nichts fruchtenden Beratungen, von euren unlauteren Begierden und den daraus hervorgehenden Werken! Kehret eure Herzen dem Herrn zu, tragt Ihm eure Not vor, und Er wird euch wahrhaft helfen! Er wird vor euch Sein Ohr und Herz nicht verschließen, so ihr in eurer Not in euren Herzen bittet: ,Herr, Du liebevollster, heiliger Vater, hilf uns doch aus unserer großen Not, denn wir sind ja auch Deine Kinder!‘ Wenn ihr so redet, wird der Herr mitten unter euch sein und wird jedem das Seinige geben. – Bedenket, daß eine jede Menschenhilfe keine wahre Hilfe ist. Sucht also die Hilfe bei Gott, dem Herrn aller Herrlichkeit, und es wird euch für ewig wahrhaft geholfen werden!"
[RB.02_202,02] Tritt einer aus dem Haufen vor und sagt: „Was willst du, verkappter Pfaffe? Sieh, daß du weiterkommst, sonst sollst du hier auf die beste Art Jesus Christus kennenlernen!" – Spricht Paulus: „Lieber Freund, ich sage dir, daß du und deine ganze Gesellschaft euch schon seit geraumer Weile nicht mehr auf der Welt, sondern im Geisterreich befindet. Ihr tut aber noch immer, als wärt ihr in eurem Fleisch auf der finsteren Welt. Laßt euch darum ermahnen und werdet dieses wahren Zustands inne!"
[RB.02_202,03] Schreit der Hervorgetretene: „Hinaus mit diesem Erzpfaffen! Jetzt will uns der Kerl begreiflich machen, daß wir schon gestorben wären! Ah, da geht der Spaß zu weit! Daß er sich für Paulus ausgibt, ist sicher eine schwärmerische Finte des neuen Paulusvereins, er gehört ins Narrenhaus! Aber daß wir schon Geister seien, ist zu viel auf einmal! Darum hinaus mit solch einem Paulus!"
[RB.02_202,04] Spricht Paulus: „Hört, ich will euch noch ein Wort sagen, und danach könnt ihr mich hinaustreiben oder behalten, wie es euch beliebt. Als ich selbst zu Damaskus in Asien vor nahe zweitausend Jahren zu einem Gesandten Christi erwählt wurde, da geschah mir nicht selten, daß ich ebenso wie nun hier, manchmal wohl noch ärger angefallen wurde wegen der bei den Erzjuden und anderen Völkerschaften verhaßt gewordenen Heilslehre Jesu. Aber so ich zu jemandem sagte: ,Freund, prüfe die Lehre und behalte davon, was dir gut dünkt! Sie kostet dich ja nichts als nur deinen Willen und ein wenig Verstand zur Prüfung!‘ – Da war so mancher beruhigt, der mich im ersten Augenblick vor Wut hätte zerreißen mögen. Und mancher wurde am Ende selbst ein Eiferer für Jesu Heils- und Lebenslehre. – Und so sage ich nun auch zu euch: Prüfet zuvor, was ich zu euch geredet habe! Habt ihr etwas gefunden, das sich an euch bewahrheiten sollte – was kann euch dann hindern, es anzunehmen und euer Leben danach zu richten? Wahrlich, ihr müßtet rein von allen Sinnen sein, so ihr das Bessere von euch wieset und das minder Gute behieltet! Darum prüfet, prüfet, und dann erst urteilt!
[RB.02_202,05] Was aber habe ich mit dem neuen Paulusverein zu tun? Ich sage euch: In der Lehre und der zwecklichen Tendenz ist er von mir noch weiter entfernt als die materiellste Erde vom geistigsten Himmel! – Mehr kann ich, als der lebendige und leibhaftige Paulus nicht sagen. Ihr könnt meinem Bekenntnis hinreichend entnehmen, daß ich kein finsterer Pfaffe und noch viel weniger ein Paulusvereinler bin!"
[RB.02_202,06] Sprechen nun mehrere recht proletarisch: „Ja, die Rede wär grad so dumm nicht. Aber zwei dümmste Sachen sind doch dabei! Und das ist, daß du der wirkliche Paulus sein willst, und daß wir schon gestorben wären! Da hätten wir ja entweder keine Leiber mehr und wären pure Geister – oder wir wären wohl gar nicht mehr, was das Gewissere ist. Oder haben denn deine Geister auch Leiber?! Wenn das so wäre, dann magst du recht haben, aber sonst in Ewigkeit nicht!"
[RB.02_202,07] Spricht Paulus: „Ich sagte ja zu euch. Prüfet, und es wird sich zeigen, ob ich zu euch eine Unwahrheit geredet habe!" – Sprechen mehrere: „Prüfen, prüfen – das ist leicht gesagt! Aber wie, das ist eine andere Frage. Wie sollen wir denn das prüfen? Sollen wir das etwa einem Minister unterbreiten?"
[RB.02_202,08] Spricht Paulus: „Habt ihr kein Geld bei euch?" – Sprechen die anderen: „Geld? Welch eine dumme Frage! Wie kämen denn wir und Geld zusammen! Und das in Wien noch dazu, wo schon lange kein Geld mehr existiert! Papiergeld ja, aber schon lange kein rechtes Geld mehr! Wenn dir mit so einem Fetzen gedient ist, können wir dir damit schon aufwarten." – Spricht Paulus: „Laßt sehen, es soll sich zeigen, was sich daraus machen läßt!"
[RB.02_202,09] Sprechen die Redner des Klubs: „Schau, der du durchaus der berühmte Paulus sein willst, nimm denn unseren Gewinn, einen baren Zehn-Kreuzer-Fetzen! Verwandle ihn, so es dir möglich ist, in zehn Dukaten, und rechne dann auf unsere allseitige Dankbarkeit!"
[RB.02_202,10] Paulus nimmt die Zehn-Kreuzer-Note und verwandelt sie augenblicklich in zehn wirkliche gewichtige Dukaten. – Die Klubisten staunen über die Maßen und sagen: „Nein, Freund, du kannst mehr als Birnen braten! Ah, das ist wirklich mehr als zuviel! Das wäre so ein Künstler nach dem Herzen Rotschilds und noch vieler Millionen Herzen! Hörst du, Paulus, wir behalten dich! Du bist uns von Herzen erwünscht!"
[RB.02_202,11] Spricht Paulus: „Nicht deshalb wollen wir in nähere Freundschaft treten, sondern damit ihr der Kraft Gottes in mir gewahr werden möget und daraus erseht, daß ich kein Lügner und Betrüger bin! Ich verlangte von euch ein Geldstück, und ihr alle hattet nicht einmal einen reellen Kreuzer. Das zeigt auf euer Leben hin, das ihr noch immer für ein irdisch materielles haltet.
[RB.02_202,12] Aber ihr gabt mir in der Zehn-Kreuzer-Note ein rechtes Zeugnis über den Gehalt eures Lebens! Euer nunmaliges Leben gleicht ganz diesem schlechten Papiergeld, dessen innerer Wert so gut wie keiner ist. Ihr möchtet aus eurem falschen, völlig wertlosen Leben ein wirkliches herausbeuteln, aber eure Mühe ist vergeblich. Alles Wertlose läßt sich durch abermals Wertloses unmöglich verwerten: So ihr fürs Papier wieder Papier ausgebt oder einlöst, welchen Wert hat dann das Papier? Ich sage euch: keinen! Je mehr neues Papier fürs ältere gesetzt wird, desto wertloser werden beide.
[RB.02_202,13] Geradeso ist es auch mit dem Leben! Das irdische Leben ist an und für sich völlig wertlos. Sein Wert liegt lediglich darin, daß man durch eine rechte Spekulation fürs irdische, nur scheinbare Leben ein wirkliches aus der göttlichen Lebenswechselbank eintauschen kann. Wenn ich aber das irdische Leben nur verwerte, um in der geistigen Welt in ein noch leereres Leben einzugehen, so nehme ich schlechtes Papier fürs bessere frühere und bin somit ein Narr und ein unsinniger Spekulant!
[RB.02_202,14] Habt ihr aber noch nie ein Wettrennen gesehen, wo gute Läufer innerhalb gewisser Schranken einen Rundlauf machen, um als erste das bestimmte Preisziel zu erreichen? Der Preis gilt allen! Aber die sich die Mühe des besseren Laufens nicht nehmen, müssen sich's selbst zuschreiben, so sie leer ausgehen. Ich aber sage euch: Laufet alle, der Preis ist groß und reicht für alle hin! So ihr aber gut laufen wollt, da müßt ihr aller eitlen, dummen Dinge ledig sein, damit euch nichts im Laufe hindert und die Füße nicht vor der Zeit müde macht! Der Lauf ist ein ordentlicher Kampf. Wer aber da kämpft, der kämpfe mit vollem Ernst, denn der Gewinn ist eine gute Sache. Aber wer ihn nicht ernstlich mit aller Mühe anstrebt, bleibt ein armer Teufel ewig!
[RB.02_202,15] Ich machte auf euer Verlangen aus der Zehn-Kreuzer-Note zehn gute Goldstücke, und ihr habt darüber eine große Freude! Ich tat das durch meine geheime Kraft, um euch zu zeigen, was sich aus eurem papierenen Leben machen ließe, so ihr danach auch ein Verlangen trüget. Denn euer hiesiges materiell scheinendes Leben gleicht ganz der Zehn-Kreuzer-Note, die aber keinen reellen Wert hat, weil sie nichts Reelles zur Deckung ihres Nennwerts besitzt. Kann aber jemand wie ich hinter diese Note zehn reelle Dukaten legen, dann freilich wird sie einen hohen Aufwert erhalten. So laßt denn auch ihr euch umwandeln! Werft von euch alles Eitle, Leere, Nichtige! Macht leicht eure Füße und tretet an den Wettlauf nach des wahren Lebens Ziel. Und es soll euch an meiner Seite ein rechter Preis werden!"
203. Kapitel – Die gewonnenen Sechs. Paulus' Werbung um die übrigen. Rede über die Zeit der besonderen Gnade. Die verblendende Fleischeslust.
[RB.02_203,01] Spricht der zuerst hervorgetretene Klubist zu den anderen: „Reden tut er schon wie a Buch! Und a bißchen auf die Schwarzkunst versteht er sich auch! Und ein prächtiges Gemüt hat er auch! Und so närrisch es auch klingt, daß er uns für Geister und sich selbst für den Apostel hält – aber so ganz leer scheint seine Behauptung nicht zu sein! Mir ist auch schon manches aufg'fallen, was i euch nit hab sagen wolln. Aber d' Sach ist einmal so und darum mein i halt, wir sollten grad diesem Paul folg'n! Schlecht meint er's nicht mit uns!"
[RB.02_203,02] Sagen einige: „Probieren können wir's ja! Ist was dran, so kann's nichts Schlechtes sein. Und ist nichts dran, so haben wir nichts verloren. – Also gut, wir fünf sind mit dir einverstanden! Was die anderen machen, geht uns nichts an. Wir aber sind dabei!" – Sagt der erste: „Wenn nur noch einer wär', so machten wir grad die heilige Zahl Sieben aus! Nun, hat von euch keiner mehr Lust dazu?"
[RB.02_203,03] Tritt einer aus der Menge hervor und sagt: „Nun, weil ich von allen, die mit euch stimmen, der Dümmste bin, so will ich in eure heilige Zahl treten. Und so wären nun ,die sieben Schwaben‘ beisammen! Aber das müßt ihr mir schon erlauben, daß ich als der Letzte hinter euch gehe und zu euch sage: ,Jockele, geh du voran, du hast Stiefel an!‘ Solange es gut geht, bin ich überall dabei. Wenn's aber schief zu gehen anfängt, werde ich als Letzter beim Umkehren sicher der Erste sein. Wie es auch irgendwo in einem Evangelium heißt: Es werden dann die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten sein – nämlich beim Davonlaufen!
[RB.02_203,04] Ihr wißt, daß ich stets ein lustiger Kauz war und bin. Aber daß wir schon gestorben sein sollen, geht mir nicht ein, denn wir müßten ja doch etwas davon wissen! Das Sterben ist doch keine so unbedeutende Sache, daß sie der Betreffende total sollte vergessen können. Aber sei ihm nun, wie's ihm wolle, um zehn Dukaten kann man ja so etwas mitmachen. Ich hätte selbst noch ein halbes Dutzend Zehnkreuzerfetzen. Vielleicht verwandelt's mir der gute Paulus auch in Goldstücke!"
[RB.02_203,05] Hier wendet sich dieser siebente an Paulus und spricht: „Höre, lieber guter Freund, ich habe hier gerade noch sechs solcher Fetzen. Möchtest du sie mir nicht auch in Goldstücke umschaffen?" – Spricht Paulus: „Warum denn nicht, so dir nach deiner blinden Meinung damit gedient ist! Wo hast du deine Fetzen?"
[RB.02_203,06] Sagt der siebente: „Hier sind sie schon – beinahe jeden Zusammenhangs ledig!" – Paulus rührt sie an, und es werden im selben Augenblick sechzig Dukaten daraus. – Der siebente sinkt beinahe zu Boden vor Verwunderung und sagt nach einer Weile: „Jetzt ist es klar, das ist ein Wunder bester Art! Beim früheren dachte ich, daß du bloß ein Trugstückchen produziert hättest. Nun aber glaube ich auch an sämtliche Wunderwerke Christi und an alles, was ich sonst ewig nie hätte glauben können. Sieh, du guter Mann Paulus, nun glaube ich auch, daß du im Ernst der eigentliche Paulus bist, wie auch, daß wir schon gestorben sind."
[RB.02_203,07] Sagt der zuerst Hervorgetretene: „Ja, der Meinung bin ich nun auch festweg! Aber nicht so sehr wegen dieses Wunderwerks als vielmehr seiner früheren Rede wegen. Denn da hat wirklich der alte Paulus, wie er einst mag geleibt und gelebt haben, groß und stark herausgeleuchtet! Und je mehr ich bei mir über die Rede nachdenke, desto mehr Paulus finde ich darin und desto mehr Wahrheit! Das Dukatenmachen ist wohl sehr blendend, ob's aber deshalb auch gut und wahr ist, ist eine andere Frage. In der Welt der Geister können doch sicher allerlei zauberhafte Dinge zum Vorschein kommen. Der gute Paulus darf sich nur recht fest hundert oder tausend Dukaten denken, und da die Geister Gedanken sehen können, so werden auch wir als Geister des Paulus Dukatengedanken beschauen können!"
[RB.02_203,08] Sagt der siebente: „Ja, aber wie kommt es denn, daß wir als Geister auch schon seit geraumer Zeit uns mit lauter klingenden Gedanken beschäftigten, aber es kam statt der Fetzen auch nicht ein schlechtester kupferner Pfennig zum Vorschein. Es muß also hinter der Paulinischen Dukatenmacherei etwas ganz anderes stecken als nur feste Gedanken!"
[RB.02_203,09] Sagt der erste: „Ist nicht in Abrede zu stellen! Aber dabei bleibe ich dennoch, daß seine Rede besser war als seine Dukatenmacherei!" – Sagt der siebente: „Allerdings! Aber er hat in seiner Rede auch gezeigt, was eigentlich seine Dukatenmacherei für uns bedeutet. Wir können letztere sonach ziemlich der Rede gleichstellen."
[RB.02_203,10] Spricht Paulus: „Eure ganze Gesellschaft besteht aus einhundertzwanzig Menschen. Sieben haben sich meinen Worten und Taten gefügt. Somit bleiben noch hundertunddreizehn, die sich nicht gefügt haben! Was ist mit ihnen?" Sagt einer aus diesen: „Wir bleiben und brauchen nichts mehr von deiner Lehre und von deinem Gold!"
[RB.02_203,11] Spricht Paulus: „Jetzt ist geöffnet die Pforte zum Reiche Gottes! Wer da hinein will, wird auch hinein kommen. Wer aber nun nicht will, der wird dann, so die große Pforte der besonderen Gnade wieder geschlossen wird, schwer hineinkommen! Denn obschon der Herr stets unveränderlich ist in Seiner Liebe und großen Erbarmung für alle Seine Geschöpfe und Kinder, so ist Er dennoch in der Gabe Seiner besonderen Gnade nicht allzeit gleich. Nicht jeder bekommt sie, sondern nur wenige, die da von Anfang an erwählt und dazu schon zugerichtet sind, die besondere Gnade in sich ohne Nachteil für ihr Sein fassen und ertragen zu können. Auch sind nicht zu allen Zeiten Propheten da. Nicht jedes Erdjahr bringt seine eigenen zum Vorschein. Da gibt es kaum von hundert zu hundert Jahren irdischer Zeitrechnung Propheten, die erweckt sind nach dem Willen des Herrn aus Seiner besonderen Gnade. Sie schauen Dinge des Geistes und hören das Wort aus dem Munde Gottes und verkündigen dann beides den Schwachen und den Blinden der Erde, damit auch diese selig werden und eingehen mögen in die Gnadenhimmel Gottes.
[RB.02_203,12] Und so hört ihr Tauben und seht ihr Blinden! Nun ist wieder eine solche Epoche der besonderen Gnade des Herrn! Boten aus den höchsten Himmeln durchziehen nach allen Richtungen die unteren und untersten Sphären der finsteren Geisterwelt! Ja, der Herr Selbst tut dasselbe, um die Unglücklichen glücklich zu machen! Auf der Erde und in allen Weltkörpern werden nun besondere Propheten und Knechte des Herrn erweckt und geben den anderen Menschen das Licht und das Wort aus den Himmeln!
[RB.02_203,13] Leider kehren sich nur wenige daran. Viele aber tun, was ihr tut: sie lachen den Propheten ins Gesicht und spotten ihrer oder drohen ihnen gar! Aber diese Zeit wird bald wieder vergehen und die besondere Gnadenpforte Gottes wird wieder auf lange hin verschlossen werden den Kindern der Welt. So ihr dann rufen werdet in großer Not, da wird euch keine Antwort werden. Und so ihr auch suchen werdet, da werdet ihr dennoch nichts finden. Jetzt aber, da noch die Zeit der besonderen Gnade währt, braucht ihr einfach nur zu wollen, und ihr werdet angenommen! Denn nun werdet ihr gerufen und an die Tür eures Herzens wird von uns gepocht. Ihr braucht bloß ernstlich ,herein‘ zu sagen, und die Aufnahme ins Gottesreich ist bewerkstelligt! Jetzt tut der Herr alles, was ihr wollt, zu eurer Beseligung für ewig. Aber nach dem baldigen Ablauf dieser besonderen Gnadenzeit werdet ihr alles mögliche tun können und werdet dennoch nichts erlangen!
[RB.02_203,14] Aber ich sehe euren Sinn! Danach wollt ihr nicht dem Geist angehören und seiner sanften Stimme aus den Himmeln nicht folgen, weil ihr auf die tote Stimme eures vermeintlichen Fleisches hört und Weiber wollt, um mit ihnen den Rest eures Lebens zu verbuhlen! Aber eure Bocksgestalt will den Weibern nicht mehr gefallen. Und die an euch noch Vergnügen fänden, die wollen eurem Sinn nicht behagen, weil ihr geilen Fleischböcke nur junges und fettes Fleisch wollt.
[RB.02_203,15] Wartet aber nur noch ein wenig! Diese besondere Gnadenzeit wird nimmer lange währen, und es werden dann Weiber über euch kommen, denen werdet ihr über alle Maßen dienen! Da werdet ihr dann heulen und wehklagen und werdet euch vom Fleische der Weiber entfernen wollen, aber all euer Bestreben wird dann vergeblich sein. Die Weiber werden um eure Lenden glühende Fesseln, aus Schlangen gemacht, schlagen. Und sie werden euch versenken in die Grube des Verderbens für ewig, daraus euch dann auch keine künftige Gnadenzeit mehr wird befreien können! – Wehe jedem hier in der Geisterwelt wie auch jedem Unzüchtigen auf der Welt, so er sich von der Gnade abwendet und seine Augen nach dem Fleische der Weiber richtet! So wahr ein Gott lebt und Sein Wort durch meinen Mund nun an euch ergeht, so gewiß wird das, was eurer Gier nun wie ein Himmel voll Lust sich zeigt und euer Herz verlockt, in Kürze für alle euresgleichen eine Hölle gräßlichster Art werden!
[RB.02_203,16] Ihr schimpft über die Regierungen der weltlichen Fürsten, weil ihr Aufwand zuviel benötigt und ihr dabei zu kurz kommt. Aber dies geniert euch hauptsächlich eures unbefriedigten Fleisches wegen! Weil eure Finanzen nicht auslangen und ihr gewisserart mit den Schweinen die Treber speisen müßt, und das nur selten, so seid ihr darob voll Grimms gegen die Fürsten, die da die schönsten Weiber haben können, soviel sie nur wollen.
[RB.02_203,17] Aber das seht ihr nicht ein, daß Gott der Herr dies so geschehen läßt, damit ihr erkennt, daß euch Gott für etwas Besseres bestimmt hat als bloß für die Werke des Fleisches. Der Mann, solange er auf einer Welt im wahren Fleische des Todes lebt, hat wohl auch diese zu verrichten nach weisem Ziel und Maß – aber nicht als Bestimmung seines Seins, sondern als eine nüchterne natürliche Verrichtung, wie es deren zur Bedienung des zeitlichen toten Fleisches mehrere gibt.
[RB.02_203,18] Wer da auf einer Welt es tut nach Maß und Ziel, der tut wohl. Wer es aber ganz unterläßt, der tut besser. Denn der Herr gab dem Fleische diesen Sinn nicht zu einem Bedürfnis, sondern als eine Eigenschaft zum nüchternen und weisen Gebrauch. Wer aber daraus ein Bedürfnis macht, ist ein elender Sünder. Die Gnade Gottes weicht aus seinem Herzen, da er dem stummen Gesetz des Fleisches gehorcht und sich damit einen Himmel der Böcke und der Hunde nach der Gerechtigkeit des Todes und Gerichts erbaut!
[RB.02_203,19] Fasset es, wer es fassen kann: Wer immer an einem Gesetz, auf dem ein Gericht lastet, eine Lust findet und das Gesetz der Wollust wegen beachtet, hat das Gericht schon in sich. Wer aber das Gericht in sich trägt, der ist ein Sklave und ist für die Freiheit in Gott in aller Wahrheit verflucht.
[RB.02_203,20] Darum sollt ihr über dem Gesetz des Fleisches stehen durch die freie Macht der Selbstverleugnung und durch die Liebe und den lebendigen Glauben an Gott den Herrn, auf daß ihr allen Gesetzes und allen Gerichtes ledig werdet! Ein Sklave des Gesetzes, ob natürlich oder moralisch, kann in das Reich Gottes nicht eher eingehen, als bis er jeden Gesetzes ledig geworden ist. Niemand wird zwar im Reiche Gottes nach dem Gesetz gerichtet, aber das Gesetz selbst ist schon das Gericht. Nur wer sich in der Liebe zu Gott über alles Gesetz frei erhebt, der wird auch frei werden in Gott und in aller Wahrheit! Denn die Liebe in Gott ist die alleinige Wahrheit!
[RB.02_203,21] Nun habt ihr es alle gehört, und niemand kann sich entschuldigen, als hätte er es nicht vernommen! Tuet daher nun, was euch als Bestes dünkt!"
204. Kapitel – Gute Antwort eines aus der Schar. Paulus' letzte Rede an die Hartnäckigen. Der lustige Wiener und die derben Tiroler. Alle ziehen weiter.
[RB.02_204,01] Sagt einer aus der Mitte der hundertunddreizehn: „Diese Rede war gewichtig und deckt mir manches Geheimnis des Lebens auf. Wer am Gesetz hängt, der hängt auch wie am Galgen des Gesetzes-Geistes. Sünde, sowie nach ihr die Strafe sind nichts als Kinder des Gesetzes. Je mehr es Gesetze gibt, desto mehr gibt es auch Übertretungen und Strafen. Das Gesetz ist für irdische Menschen zwar nötig, dabei aber doch stets ein Übel und ein Fluch in der Gesellschaft.
[RB.02_204,02] Wären die Menschen so wie sie als wahre Menschen sein sollen, benötigten sie sicher keines Gesetzes und stünden weit über jedem Gesetz. Aber da die Menschen oft mehr Tiere von der bösesten Art als Menschen sind, bedarf es freilich auch entsprechender Gesetze, durch welche die wilden Leidenschaften der Menschheit gebändigt werden. Was wäre eine große Menschengesellschaft ohne Gesetzesordnung? Daher müssen wohl Gesetze sein als ein Übel gegen ein anderes Übel. Aber trotzdem läßt sich doch immer eine weise Gesellschaft von Menschen denken, die keiner Gesetze bedarf und dadurch auch völlig frei und glücklich sein muß. – Das alles sehen wir recht gut ein und können diesem Paulus nur recht geben!
[RB.02_204,03] Wie aber kann sich ein Mensch von noch so entschiedener Weisheit übers Gesetz hinaussetzen, mag das Gesetz ein natürliches, ein moralisches oder politisches sein? Hält man das Gesetz, ist man offenbar ein Sklave des Gesetzes. Setzt man sich darüber hinaus, so wird man vors Gericht gezogen, wo einem des Gesetzes Fluch zuteil wird. Macht man aber das Gesetz gewisserart zur zweiten Lebensnatur und hat an seiner Erfüllung eine förmliche Lust, gleich einem Scharfrichter an der Hinrichtung eines armen Sünders – so ist man dadurch sich selbst zum lebendigen Gesetz geworden. Und weil das Gesetz selbst dem Menschen ein Fluch ist, so muß denn auch ein Mensch, der es zum Selbstgesetz gebracht hat, der hartnäckigste Fluch sein. Wahrlich, da heißt es wohl: Herr, wer wird vom Gesetze je erlösen können!
[RB.02_204,04] Wir sind aus lauter Soll und Muß zusammengesetzt. Das Muß ist rein des Teufels, und das Soll ist um nicht vieles besser. Was einmal geschehen muß nach dem Willen einer allmächtigen Gottheit, das ist schon gerichtet. Was aber als dem menschlichen freien Willen anheimgestellt geschehen soll, das ist zwar noch nicht gerichtet, aber es steht in der beständigen Erwartung des Gerichts.
[RB.02_204,05] Nun frage ich euch als einer eurer Freunde: Was wollen wir tun? – Dieser Mensch mit dem Apostelnamen, oder meinetwegen auch derselbe Apostel selbst, hat uns diese Geschichte klar und wahr auseinandergesetzt. Folgen wir ihm? In die Hölle, die es sicher nirgends gibt, wird er uns nicht führen und vor ein Gericht auch nicht! Und so können wir ihm ja auf die Gasse hinaus folgen. Da wird sich's dann zeigen, was er eigentlich mit uns will."
[RB.02_204,06] Sagen die anderen: „Ja, ja, wenn wir schon wirklich in der lieben Ewigkeit sein sollten, wäre es dumm von uns, wenn wir einem Paulus nicht folgen möchten! Und gefällt es uns draußen nicht, können wir ja immer wieder umkehren, denn gezwungen können wir draußen ebensowenig werden wie hier."
[RB.02_204,07] Spricht nun wieder Paulus, der sich unterdessen ruhig verhielt: „So frei ihr hier seid, ebenso frei sollt ihr in dem Befolgen meiner Lehre und meines guten Rates sein! Meine lieben Brüder in Gott dem Herrn, was verliert ihr eigentlich, so ihr diese Stube verlaßt? Nichts als eine leere Erwartung einiger wollüstiger Dirnen, die euch eure blind erhitzte Einbildung vormalt, die aber für euch in solch naturmäßigem Zustand nirgends in Wirklichkeit zu finden sind. Was ist ein leeres Phantasiebild gegen die Wahrheit? – Ich aber will euch für all das ekelhafte Leere die vollste Wahrheit geben! Was soll euch denn hernach noch abhalten können, mir zu folgen in die heiligen Sphären des Lichtes, der Wahrheit und des Lebens, welches ist die Liebe in Gott, der da ist Christus, der Ewige, der Wahrhaftige!
[RB.02_204,08] Ihr seid nun schon eine geraume Weile leibesfrei hier in eurer eingebildeten Erwartung. Aber welche Erfolge sind euch geworden? Seht, gar keine, außer daß sich euch dann und wann ein nebliges Gebilde eines weiblichen Wesens auf einige Augenblicke gezeigt hat und dann wieder in nichts verrann. Dies ist alles, was ihr hier als euch Beseligendes aufzuweisen habt! Nicht einmal einen schlechtesten Wein und nicht einen Bissen Brot, kurz gar nichts habt ihr noch genossen! Und dennoch wolltet ihr anfangs nichts hören vom Verlassen dieses leeren Ortes, der zu nichts taugt.
[RB.02_204,09] Wohl euch, daß ihr nun den Entschluß gefaßt habt, mir zu folgen! Denn nun werdet ihr erst dahin gelangen, wo die Urwahrheit und Urwirklichkeit alles Seins und Bestehens zu Hause ist. In der Welt ist alles Lüge und Täuschung. Euer Besitz, eure Wissenschaft, eure Künste und Schätze, euer Leben selbst – nichts als Lüge und Trug war es! Und wäre die materielle Welt etwas Besseres, so müßte sie beständig sein, wie die Wahrheit selbst für ewig beständig bleibt! Was aber bleibt in der Welt beständig? Ich sage euch, nicht einmal das Wort Gottes! Denn auch dieses wird von der Lüge der Welt durchtrübt und dann in allerlei Dummes, Falsches und Böses verkehrt. Darum ist es den Menschen verhüllt gegeben, auf daß es in seinem Heiligsten nicht verunreinigt werden kann. Die Welt ist nichts als eine auf eine bestimmte Probezeit gerichtete Lüge. So diese beim Menschen aufhört, beginnt erst das Gottesreich der ewigen Wahrheit! – So macht nun auch ihr in euch der Welt ein Ende, auf daß dann das Gottesreich in euch anfangen kann Platz zu greifen! Und so folget denn mir alle!"
[RB.02_204,10] Sagt einer, der seiner Natur nach von gutem Humor ist: „So leb' denn wohl du stilles Haus, wir zieh'n von dir vergnügt hinaus! O du liebes Gebäude, wie schön haben wir in dir Hunger und Durst und an durchaus keinem Geldüberfluß gelitten! Wie oft sind wir vor Rührung zwischen deinen vier Wänden zu Tränen gekommen, an deren niederen Fenstern dem Licht nur sehr kleine beschmutzte Flächen zur Durchpassierung belassen sind. Freunde, daß wir beim Verlust dieses Hauses nur ungeheuer gewinnen, wird hoffentlich jedem von euch klar einleuchtend sein!
[RB.02_204,11] Das Spaßigste bei der Sache aber bleibt, daß wir schon sämtliche unsere Madensäcke abgelegt haben und bloß Seelen sind mit Haut, Haaren und Knochen. Aber auch als Seelen müssen wir Hunger und viel Durst verspüren, haben aber wenig, um sie zu stillen! Daher wird's wahrscheinlich kommen, daß man schon auf der Welt oft sagt: Das ist eine arme, hungrige und durstige Seele! Ja, ja, über ein elendes Leben in Wien steht denn doch nichts auf! Seien wir froh, daß wir nimmer leben auf der Erd'! O, Wien, wohin treibt dein Unsinn!
[RB.02_204,12] Schau, schau, während meines Geplausches sind wir nun sämtliche auf die Gasse gekommen! Wie war denn das möglich? Ich kann mich gar nicht erinnern, daß ich nur einen Fuß in die Höhe gehoben hätte!"
[RB.02_204,13] Sagt sein Nachbar, ein recht derber Patron: „Wie kannst du so dumm sein? Siehst denn nit, dös ist halt eine Zauberei, Gott steh uns bei!" – Sagt der Humorist: „Wenn nur ein Tiroler nie sein Maul auftät! Wenn ein Tiroler zu reden beginnt, bebt die ganze Erde vor Dummheit!" – Sagt der Tiroler: „Dös laß stehn, daß du mi schimpfst, sonst kriegst mir eine auf dei Gfrieß, daß dir die rote Suppn abarinnen wird."
[RB.02_204,14] Sagt der Humorist: „O du dummer Kerl von einem Tiroler! Siehst denn nicht, daß wir jetzt Geister sind, die bloß Willen und Verstand, aber keine Leiber haben? Peter! Stecke ein dein Schwert, es hat ja keinen Wert! Wer mit dem Schwert umgeht, der kommt durchs Schwert um! Das steht geschrieben in der Heiligen Schrift! Hast du sie einmal gelesen?" – Sagt der Tiroler: „Wie kunnt ich's denn lesen, bin doch nie in a Schul gangen! Aber dös weiß i wohl, daß i von d'r Heiligen Schrift mehr weiß als du!"
[RB.02_204,15] Sagt der Humorist: „Nun, werde nur nicht so massiv wie die Berge in deinem Landl! Schau lieber dorthin, wo unser Paulus nun so freundlich mit einem lieben, schlichten Manne sich bespricht, und wie ihm jener die Hand drückt wie aus lauter Freude! Und dann schau weiter rechts hin, ein Mädchen, wie's keine zweite mehr gibt! Du, dös wär so a rechte Tausendelement-Lisl! Da gehen wir ein wenig näher hin! Meiner Seel, die wär mir lieber als die österreichische Staatsschuld! Was meinst du blatternnarbiger Tiroler?" – Sagt der Tiroler: „Du bist halt noch immer a damisches Luder! Siehst denn nit, daß auf solchen Bäumen für uns keine Feigen wachsen? Bleiben wir, wo wir san, des ist viel gscheiter für uns."
[RB.02_204,16] Spricht der Humorist: „Gelt, du hast nur keine Courage, sonst gingst du schon hin! Ja, ja, die Courage fehlt dir wohl stark! Ich aber werde hingehen und werde dem guten Paul meinen Dank abstatten, daß er uns zu unserem Wohl ins Freie geführt hat! Wir sind freilich nun noch in unserem lieben Wien, aber doch wenigstens in einer der belebtesten Straßen, wo es stets sehr lebhaft zugeht! Und das ist schon ein ungeheurer Profit." Spricht der Tiroler: „Siehst, was du für a Hauptlump bist? Meinst, ich kenn dich etwa nit? Dös Menschl sticht dich in d' Augn, und döshalb mögst hingeahn, aber nit etwa n' Paul z'dankn! Ober schau nur, daß d' weiter kimmscht, sünscht wirst bald seahn, obs die Tiroler Courage habn oder nit! Verstehst mi?"
[RB.02_204,17] Spricht der Humorist zu einem anderen Nachbar: „Freund, magst du mit mir hingehen, dem Paulus zu danken, daß er uns aus dieser Bleikammer befreit hat? Denn mit diesem vierschrötigen Tiroler ist nichts anzufangen. Also, wenn's dich nicht geniert, so gehe mit!" – Spricht der Angeredete: „Ich geh auch nicht! Denn du hast auch mich beleidigt, indem auch ich ein Tiroler bin, freilich mehr gebildet als der andere. Ihr Wiener seid nichts als gemeinste Mistkäfer, und es ist für keinen ehrlichen Mann eine Ehre, mit euch in Familie zu leben!"
[RB.02_204,18] Spricht der Humorist: „O je, o je! Jetzt hab ich's gut gemacht! Zwischen zwei Feuern vom gröbsten Kaliber! Jetzt habe ich aber auch die höchste Zeit, daß ich weiterkomme, sonst entleert sich noch ehestens ein echtes Tiroler Hochgewitter über mein Haupt!"
[RB.02_204,19] Hier verläßt der Humorist seine Hochgebirgsgesellschaft und begibt sich schnell zu Paulus hin und sagt: „Liebwertester Freund, du hast uns allen eine große Wohltat erwiesen. Aber es ist noch keinem eingefallen, daß er sich hier im Freien bei dir dafür bedankt hätte, daß du uns durch die Wahrheit deiner Rede aus unserer wahren Bleikammer befreit hast. Ich habe daher mir als erster die Freiheit genommen, dir als unserem allerwertesten Freund hiermit meinen tiefsten und wärmsten Dank darzubringen!"
[RB.02_204,20] Sagt Paulus ein wenig lächelnd: „Schön von dir! Aber nur hättest du hier auch den Hauptgrund angeben sollen. Sieh, der grobe Tiroler hatte recht, als er zu dir sagte: ,Nicht der Paulus, sondern das ,Menschle‘ sticht dir in die Augen!‘ – Also in Zukunft nur alles, was wahr ist! Denn hier, vor uns, ist es wohl keiner Seele möglich, sich zu verstellen! Gehe aber jetzt auch zum ,Menschle‘ hin und mache ihr dein Kompliment! Aber vergiß nicht, daß sie schon das Weib eines Mannes ist, und zwar desjenigen, der neben ihr steht!"
[RB.02_204,21] Spricht der Humorist: „Lieber Freund, ich danke dir für diese Belehrung, sie ist durchaus wahr! Aber daß ich nun dieser holdesten Dame sogleich ein Kompliment machen soll, während sie mit ihrem Gatten in ein Gespräch versunken steht, dürfte doch ein wenig unschicklich sein! Je mehr ich sie aber betrachte, desto bekannter kommt mir ihr Gesicht vor, wie auch das seine. Er hat eine außerordentliche Ähnlichkeit mit dem berüchtigten – hm, fällt mir gerade jetzt der Name nicht ein! Kurz, er sieht einem Hauptdemokraten gleich, den ich vor ein paar Jahren oft in Wien gesehen habe."
[RB.02_204,22] Spricht Paulus: „Daran liegt auch vorderhand sehr wenig. Wir haben nun sehr viel wichtigere Dinge zu tun, als uns mit ein paar Namen herumzubalgen. Ich werde dir aber nun einen andern Rat geben. Den befolge und es wird dein Schaden nicht sein! Falle nun vor meinem höchsten und allerbesten Freunde auf deine Knie nieder und sage: ,O Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Nimm mich als ein sehr verlorenes Schaf in deiner großen Gnade auf und laß mich die Ausflüsse deiner Liebe und Erbarmung genießen!‘ Sage solches aber mit aller Wärme deines Herzens, und dir soll dafür Heil widerfahren!"
[RB.02_204,23] Spricht der Humorist: „Freund, du verlangst viel von mir! Bedenke, wie mich alle meine Bekannten für einen barsten Trottel ansehen werden! Und so mich dann jemand fragen wird: Wer ist denn der, vor dem du wie vor dem allerheiligsten Altarsakrament bei der Wandlung auf die Knie gerutscht bist, als ob er unser Herrgott wäre? – was werde ich dann zur Antwort geben?" – Sagt Paulus: „Nichts als: ,Tue auch du desgleichen, es wird für dich besser sein als solch ein leeres Fragen! Denn Der, vor Dem ich niederfiel, ist Jesus Christus, der Herr Himmels und aller Welten!‘"
[RB.02_204,24] Hier fällt unser Humorist auf den Boden nieder und sagt hell lachend: „Nein, was z'viel ist, ist z'viel! Entweder bist du zeitweilig ein Narr, oder dir beliebt es, uns alle dafür zu halten und dich an unserer Schwäche zu belustigen! Es ist genug, daß wir dich unter dem Namen eines alten, berühmten Apostels verehren, weil du uns durch deine Lehre wirklich zu einem wahren Apostel geworden bist. Aber daß nun dein noch schlichter als du aussehender Freund so mir und dir nichts Christus der Herr sei, und die zwei anderen höchstwahrscheinlich auch ein paar Apostel und jene Dame etwa gar die allerseligste Jungfrau mit dem hl. Joseph, das geht vom Himmelblauen schon ins Kirschrote über!
[RB.02_204,25] Ich sage dir, Freund, nun ganz ernst: Mit derlei Späßen bleibe uns vom Halse, denn sie könnten dir verdammt übel bekommen! – Denn wisse, mein sonst hochschätzbarster Freund, obschon ich zwar kein Pharisäer bin in der römisch-katholischen Art, so bin ich dennoch ein wahrer Verehrer Christi und bekenne vollkommen Seine unbestreitbare Göttlichkeit. Aus diesem Grunde ist Er mir viel zu erhaben und heilig, als daß ich Ihn hier in den gemeinsten Wiener Straßenkot herabziehen sollte! – Glaube mir, obschon ich zwar in manchen Punkten, besonders im Punkt des schönen Geschlechts, kein Mönch, kein Plato und kein Sokrates bin, so bin ich dessenungeachtet ein großer Freund, Verehrer und Anbeter Christi! Daher bitte ich dich wohl, mit diesem Namen aller Namen ein wenig behutsamer umzugehen!"
[RB.02_204,26] Sagen nun auch die sieben, die sich zuerst dem Paulus angeschlossen haben: „Ja, der Pepi hat recht! Christus, den Herrn, muß man höher achten! Und es ist nicht schön von unserem sonst achtbaren Freund, daß er den Gottessohn in einen ganz gewöhnlichen Menschen herabziehen will!" – Sagt Paulus: „Seid nur ruhig, es soll sich bald zeigen, ob ich recht habe oder nicht! Ziehen wir nun weiter, denn hier sind wir bereits vollkommen fertig! Der Herr geht, und so gehen denn auch wir!"
205. Kapitel – Phantastische Vermutungen der Mitläufer. Neue sonderbare Begegnungen. Die längstverstorbenen Ahnen des Hauses Habsburg-Lothringen.
[RB.02_205,01] Sagt im Gehen der Humorist: „Was soll nun das wieder heißen: Der Herr geht, also gehen auch wir! Wer ist denn der Herr, warum ist er ein Herr? Der Mensch wird doch nicht im Ernst behaupten wollen, daß dieser echt polnische Schachermann am Ende doch Christus der Herr sein soll!" – Sagt ein anderer neben dem Humoristen: „Du, Seppl, jetzt wird mir ganz klar, was es mit dieser Gesellschaft für eine Bewandtnis hat!" – Seppl fragt: „Nun, was denn? Rede! Bin neugierig, dein Urteil zu vernehmen!"
[RB.02_205,02] Spricht der andere weiter: „So höre denn! Das sind russische Spione unter dem Deckmantel einer gewissen transzendentalen Pietistik, mit der sie die Menschheit blenden! Es ist wahr, der sogenannte Paulus sprach wie ein Buch, und seine zwei Geldwechslergeschichten sind von einer Art, hinter der sich kein Betrug sollte denken lassen. Aber eine plumpe Maske ist schlechter als gar keine, daher haben diese Russitschkis eine feine Maske gewählt. Christus, Paulus, sicher auch Petrus, Jakobus oder Johannes und gar etwa auch Joseph und Maria! Ein recht rares Sextett! – Der Christus wird so ein Hauptmagier sein und sehr hieroglyphisch reden, so er überhaupt etwas redet, denn gewöhnlich sind solche Hauptmagier stumm. Der sogenannte Paulus wird sein nächster Helfershelfer sein, auch in der Magie nicht unbewandert, aber hauptsächlich beim Redezeug zu Hause. Die andern zwei scheinen mir mehr Taschenspieladjudanten zu sein. Und der ganz vordere mit der schönen Zirkassierin ist höchst sicher ein feiner Pfiffikus und kennt sich überall aus. Und seine Holdeste ist so ein Lockvögelein und manchmal, natürlich gegen viel Geld, so ein liebes Zugpflästerchen für gewisse Anschoppungen im Unterleib. Zwar alles menschlich, aber der Art nach doch sogar für unser großes Wien etwas selten! Nun Seppl, fangst schon an, dich ein wenig auszukennen?"
[RB.02_205,03] Sagt der Humorist: „Ja, die Geschichte hat wohl ein Gesicht, daß man so etwas glauben sollte! Aber für ganz möchte ich die Sache denn doch nicht annehmen. Denn der Paulus ist wirklich ein Weiser wie in ganz Wien kein zweiter, und der sogenannte Christus, zwar ganz ein polnischer Jude, scheint sonst ein überaus guter Mann zu sein ohne die geringste kaufmännische Tücke. Die andern vier, die Zirkassierin mitgezählt, sehen sehr honett aus und man entdeckt nichts Gemeines an ihnen. Also laufen auch wir mit, als ob wir bezahlt würden. Die Sache fängt an, für mich ein bedeutend anderes Gesicht zu bekommen, als es im Anfang der Fall war: Schau hinauf ans Firmament! Der Himmel ganz rein, keine Sonne, und doch ist Tageshelle! Schau auch diese uns bekannte Gasse an! Siehst du außer uns auch nur eine Seele wandeln? Alles ist leer, die Häuser sind wie ausgestorben. Und auf der Straße wächst unglaublicherweise das schönste Gras! Sag mir, fällt dir dies nicht auf?"
[RB.02_205,04] Sagt der andere: „Allerdings! Am sonderbarsten sieht wirklich das Firmament aus. Der Himmel ist förmlich licht-indigoblau, und alles ist beleuchtet wie von der Sonne am hellen Mittag. Aber nirgends ist etwas zu entdecken, das der Sonne gleichen möchte, und kein Gegenstand wirft einen Schatten! Überall gleiches Licht, und nirgends ein leuchtender Körper, weder eine Sonne, noch ein Mond, noch ein Stern! Ja, du hast recht, das ist schon sehr merkwürdig!"
[RB.02_205,05] Sagt der Humorist: „Nun, ich glaub's auch, daß die Sache ein wenig merkwürdig ist. Die Stadt, die Häuser, Gassen und Plätze sind wohl ganz Wien. Auch der Belagerungszustand mit seinen verpalissadierten Bastionen und Kanonen dauert in völlig gleicher Gestalt fort. Nur ist das Wach-Militär nicht so streng gegen die Besucher der Bastionen und läßt sie ihre Wege wandeln. Aber sieh dir einmal die Menschen an, so dir welche begegnen. Sie sind meist weltfremd, wild und dumm wie die Chinesen, und traurig und wehmütig, als wenn sie die Cholera hätten. Dort vor einem Haustor stehen so einige Zigeuner. Schau nur, was die für Froschgesichter machen und wie sie dann und wann einander beriechen, ob kein Silber oder Gold aus ihnen röche. Hast du so etwas je im lieben Wien gesehen?"
[RB.02_205,06] Sagt der andere: „Ist wahr, sehr merkwürdig! Aber he, he! Was wandert denn dort für Wien ganz Fremdes uns entgegen? Beim Kuckuck, das sind ja große schwarze Straußvögel! Sie haben ungeheuer lange Hälse und noch längere Beine! Es sind eine Menge und sie kommen uns näher! Wahrlich, mit denen möchte ich gerade nicht einen Gassenkampf beginnen! – Freund Seppl, zupf da ein wenig den Herrn Paul, der wird dir darüber wohl eine Auskunft zu geben vermögen!" – Sagt der Humorist Seppl: „Warum soll das gerade ich tun? Die Vögel werden wohl einer großen Menagerie ausgekommen sein! Der Herr Vetter wird sich doch vor diesen afrikanischen Kapaunen nicht fürchten!"
[RB.02_205,07] Sagt der Vetter Holzbaumer: „Nein, das gerade nicht. Aber wissen möcht' ich doch, wo diese Viecher her san. Vielleicht sein's etwa gar böse Geister? So wir etwa doch in der Geisterwelt sind, wäre so was ja leicht möglich!" – Spricht der Humorist Seppl: „Geister werden's wohl sein, aber keine bösen! Denn Geist muß alles haben, was da lebt. Aber nun machen die Luder förmlich Front vor uns, und aus ihren sonderbaren Mienen ist eine gewisse Kampfgier nicht zu verkennen. Der Herr Vetter könnt' am Ende mit seinen bösen Geistern auch noch recht haben! Nun muß ich doch im Ernst den guten Paulus ein wenig zupfen!"
[RB.02_205,08] Hier zupft der Humorist den Paulus und sagt: „Höre, edler Freund, was hat's denn da mit den schwarzen Straußen für eine Bewandtnis? Werden sie uns fressen oder was?" – Sagt Paulus: „O nein, sorget euch um nichts, diese werden uns nichts tun. Sie ziehen uns nur in Parade entgegen, um uns zu ersuchen, daß wir sie in ihrem Palast besuchen sollen. Daher seid ganz ruhig, in Kürze werdet ihr ohnehin erfahren, was es mit diesen Eisenfressern für eine Bewandtnis hat."
[RB.02_205,09] Der Humorist Seppl ist nun beruhigt und sein Vetter auch. Sie beruhigen auch die andern, die mehr oder weniger über diese Erscheinung stutzen. Als wir aber in die Nähe dieser Vögel kommen, verlieren sie mehr und mehr ihre Straußgestalt und werden zu sehr hager aussehenden Menschen. Ein paar treten vor und ersuchen Robert, daß er seine ganze Gesellschaft in ihren alten, höchst adeligen Palast führen möchte.
[RB.02_205,10] Robert erwidert, daß er der Herr nicht sei und weist die beiden an Mich. Aber die beiden sagen: „Wann du nöt Herr, worum voran gahn?" – Und Robert sagt: „Weil es des Herrn Wille ist! Und so ist es auch Sein Wille, daß ihr euch an Ihn wenden sollt, so euch in irgend etwas wahrhaft geholfen werde. Wir alle anderen können euch nicht helfen außer durch Lehre und Rat. Die Tat aber ist des Herrn allein! Darum wendet euch an den Herrn, was Er anordnen wird, das wird geschehen!"
[RB.02_205,11] Auf diesen Bescheid Roberts verfügen sich die beiden zu Mir und sagen: „Wonn du Herr, so gah mit ons sämtlich deiner Gesellschaft! Wür bitten di dorom!" – Sage Ich: „Was sollen wir bei euch? Wer seid ihr Hohen denn, daß Ich euch nicht kenne?! Was waren eure Taten? Ich kenne die Geister nur nach ihren Taten und nie nach ihrer Gestalt!"
[RB.02_205,12] Sagen die zwei: „Wür sund kane Geister noh, wür sund Herzog und Erzherzog und König und noh mehr! Und wür wohnen alle in einem Höchstadlings-Palast. Und do sollst du mit ons gahn, wür werden ons dort besser verstahn." – Sage Ich zu Robert: „Also führe uns denn dahin, und wir werden sehen, was sich dort alles offenbaren wird!"
[RB.02_205,13] Robert sagt nun zu den zweien: „So ihr vernommen habt, was der Herr geredet hat, so tretet vor mich hin und führt uns alle in euer Haus!" – Sagen die beiden: „Wür hohn kan Haus, wür hohn an Höchstadlings-Palast, weil wür sund von de höchste Adel!"
[RB.02_205,14] Sagt Helena, die schon etwas pitzlich wird über die langweilige Gesprächsweise dieser Höchstadeligen: „Nun, schaut's nur gleich, daß euer Höchstadlings-Palast am End nicht so ein recht schmutziges Saustallerl ist! Jetzt wollen die einen Palast haben! Nein, das ist wohl zum Lachen! So graupige und kleinzerlumpte Kerls und einen Höchstadlings-Palast!" Sagt einer der Höchstadeligen: „Mane Jongfr, sei se stad mid Maul, sonst leg i an Schlos af ihr Maul! Se moß froh san, wonn sie onser Herrgott lebn laht! Hat se verstahn?"
[RB.02_205,15] Sagt Helena: „Sie sagen's mir, wie lang ist es denn schon her, seit Sie gestorben sind? Sie müssen nach Ihrer Sprache doch hübsch viel vor Adam auf der Welt gelebt haben? Nein, ist das eine Sprache, bei der man alle Zustände bekommen möchte! Nun, wie ich merke, geht der Weg ja zu den Kapuzinern! Soll etwa dort der Höchstadlings-Palast sein?" – Sagt der eine Höchstadelige: „Stad sei mid dan Maul! Du verstahn ons nöt, du best su jong. Dorom holt stad dane Maul! Bei de Kopozenr son mer wohl, obr nöt of der Erd' sondern ondr der Erd, verstahn du Jongfr!"
[RB.02_205,16] Sagt Helena: „Ja, ja, mir kommt es auch so vor, daß ihr noch hübsch fest unter der Erde zu Hause seid! Das wird wohl das erstemal sein, daß ihr euch über der Erde befindet!" – Sagt der eine zornig: „Iche hohn de scho gsagt, daß dei Maul holdn sulst! Abr tost du nöt fulgn man Wort, so werd i dr mußn ane obe schlogn! Hast du mi verstahn?"
[RB.02_205,17] Sagt Robert zu Helena: „Meine Geliebteste! Mußt nicht gar zu viel reden mit diesen Wesen, denn sie sind sehr roh und könnten dir im Ernst Leid antun! Ich sehe ja, wohin sie uns führen werden, und so braucht man weiter nicht mehr darum zu fragen. Sieh, das sind lauter längst verstorbene Regenten des Hauses Habsburg und Lothringen! Nun ruhen sie in der Herrschergruft bei den Kapuzinern, teilweise auch bei den Augustinern wie auch einige in den Stephansdom-Katakomben – das ist ihr Höchstadlings-Palast! Wir werden uns nun sogleich bei ihren Särgen befinden. Daher sei nur still!"
206. Kapitel – In der Kaisergruft bei den Kapuzinern. Viel Totes in den Särgen! Die Hauptfrage ist Jesus! Verschiedene Ansichten über Rom.
[RB.02_206,01] Mittlerweile kommen wir wirklich bei den Kapuzinern in der Gruft an, was einigen unserer neuen Begleiter nicht recht zusagt. Denn unser Humorist macht gleich die Bemerkung: „Nun frage ich jeden unter euch: Was haben wir nun bei der Geschichte gewonnen? Gar nichts! Von einem Loch hat uns der gute Paulus herausgefoppt, damit wir nun in ein noch ärgeres gesteckt werden. O das Leben ist doch schön! Das Leben ist eine eingehülste Beweglichkeit, aus Hunger, Durst und allerlei Elend zusammengesetzt. Dies eingehülste Elend-Leben wird stets von einer Grube in die andere versetzt, und darin scheint auch seine Bestimmung zu liegen. – Bei der Zeugung nimmt die Wanderschaft ihren Anfang und hört nachher ewig nimmer auf. Nur so schön fort von einem Trübsalsort zum andern, in Ewigkeit Amen!
[RB.02_206,02] Hier in der alten Fürstengruft können wir den alten Habsburgern ein bißchen herumspuken helfen, denn sie allein werden keinen Spuk mehr zuwege bringen. So eine Spukerei von einem Karl oder Rudolf oder Leopold wäre sicher ein Labsal für die hungrigen Mägen einiger Kapuziner, denen die Messen trotz ihres Kanzellärms nichts mehr eintragen. Wenn so ein Geisterspuk von vielen beobachtet werden könnte in der Fürstengruft – welchen Glauben an die Messen und die vollkommenen Ablässe würde das wieder mit sich bringen! Also, vivat! Freunde, den Kapuzinern soll geholfen werden!"
[RB.02_206,03] Sagt ein anderer: „Aber Freund, wo steht denn geschrieben, daß wir deshalb bei den Fürstensärgen in der Kapuzinergruft bleiben müßten, weil wir mit den Freunden hierhergekommen sind, die uns ehedem aus dem ersten Arrest befreit haben? Das war wohl wieder schwach, lieber Freund Seppl! Ich aber meine, diese Fürsten werden wohl auch den Wunsch haben, von ihrem langen Schlaf einmal erweckt zu werden. Daher haben sie sich, so gut es ihnen möglich war, an diese wundermächtigen Freunde Gottes gewendet. Daß wir dann auch mit hierher gezottelt sind, ist unsere Sache, indem wir ebensogut hätten draußen bleiben können. Da wir nun aber schon hier sind, seien wir ruhig und hören, was die Wunderfreunde Gottes mit diesen alten Fürstengeistern alles tun werden!"
[RB.02_206,04] Sagt der Steuereinnehmer: „Nun, das ist einmal ein Wort, das sich auf so einem ernsten Platze hören läßt! Ein jeder dieser Särge ist eine Weltgeschichte von Völkern, die unter einem dieser Regenten gelebt, gewandelt und gehandelt haben. Und wo Gott Selbst leibhaftig so einen Ort besucht, da müssen solche Protzer und Patzer wie wir beide wohl schön das Maul halten, sonst könnte es uns am Ende nicht am besten gehen. Dort schau hin, wie Paulus und der Herr Jesus und die zwei andern, wahrscheinlich auch Apostel, die alten Särge wehmütig betrachten! Und höre wie Paulus nun sagt: ,O Herr, Deine Liebe, Gnade und Erbarmung hat keine Grenzen, aber da gibt es noch viel Totes in diesen Särgen!‘ – Hörst du, Seppl? Sehr viel Totes gäbe es noch in diesen Särgen!"
[RB.02_206,05] Spricht der Seppl: „No ja, das wird doch ein jeder Mensch wissen, daß in so einem Sarg keine Tanzlustbarkeiten gegeben werden. Daß aber diese alten Fürsten mit ihrem oft sehr tyrannischen Herrschen über die armen Völker so manches Stück einer traurigsten Geschichte zuwege gebracht haben, das weiß ich so gut wie du! Und inwieweit diese Särge ehrwürdig oder nicht ehrwürdig sind, weiß ich auch! – Ob aber jener schlichte Jude, mit dem der sogenannte Paulus sich bespricht, Jesus, der bekannte Gottessohn ist oder nicht, das ist eine andere Frage! Möglich ist alles. Aber hier mangelt uns noch sehr die Gewißheit, was man lieber für wahr als für unwahr halten möchte. Meinst du denn, daß ich etwa ein Feind Christi sei oder an Ihn nicht glaube? Oh, da irrst du dich sehr! Ich verehre Ihn unendlich hoch und eben deshalb trage ich noch immer Bedenken mit diesem Juden da. Ich gebe auf alles acht! Sehe ich aber, daß Er es etwa doch ist, dann sollst du Wunder schauen an meinem Benehmen gegen Ihn! Denn weißt du, ich liebe Ihn unendlich!"
[RB.02_206,06] Sagt der Steuereinnehmer: „Das ist sehr schön von dir, aber aus deinen früheren Reden hätte man das nicht leichtlich herausgefunden!" – Sagt Seppl: „Ja, ja, weil ich über die römischen Pfaffen nicht zu honnett gesprochen habe, hast du geglaubt, ich sei etwa auch so ein halber Fetzen von einem Antichristen! Aber Freunderl, da hat's Zeit! Ja, mein Lieber, man kann dadurch erst ein lebendiger Verehrer und Anbeter Christi sein, wenn man im Herzen ein Feind des Papsttums ist; denn Christentum und Papsttum verhalten sich gerade wie ja und nein. Wenn du mir das nicht glaubst, so gehe hin zu Paulus, der wird es dir auf hebräisch sagen, wenn du es deutsch nicht verstehen solltest!"
[RB.02_206,07] Sagt der Steuereinnehmer: „Ich habe die römische Religion nicht gar so schlecht gefunden und man kann in ihr auch selig werden." – Sagt der Seppl: „O ja, wenn man mit dem Bauernkalenderhimmel zufrieden sein will. Aber hübsch viel Geld kostet es und Zeit und Geduld! – Nun heißt uns Paulus stille sein, und so gehorchen wir ihm!"
207. Kapitel – Anliegen der Regentengeister. Ihre Erzählung vom feurigen Reiter und dessen Weissagung über Weltende und Wiederkunft. Die Regenten erbitten irdische Hilfe, Paulus verheißt geistige.
[RB.02_207,01] Paulus richtet sich auf und sagt zu den Bewohnern der Gruft: „Ihr habt uns berufen, euch gewisserart dringend nötig hierher zu folgen. Was wollt ihr denn, daß wir euch hier tun sollen? Welches Tatenvermögen traut ihr uns wohl zu? Und wodurch wart ihr denn genötigt, zu uns zu kommen? Redet, auf daß wir euch helfen nach eurer Not und nach der Rührigkeit eures Gemüts!"
[RB.02_207,02] Tritt der eine vor und sagt: „Ich bin ein Römisch-Deutscher, (Anmerkung: Die Würde wird bei irdisch hochgestellten Personen im Geisterreich nicht leichtlich genannt, manchmal auch die Namen nicht), bin hier meines Namens und der Würde nach der Erste und heiße Rudolf. – Ich sah letzthin eine große Bewegung in der Luft, und ein feuriger Reiter trat zu mir hin und sagte: ,Dieses euer Haus wird euch wüste gelassen werden und kein Stein auf dem anderen! Die Erde wird durch Feuer und Blut gesäubert werden! Ein großes Wehe wird erschallen aus dem Munde der Großen, und Feuer und Pest wird zu Millionen hinraffen die Armen! Und es soll kommen der Welt Ende!‘ – Das waren die Schreckensworte des feurigen Reiters. Und als er geredet hatte, da hat uns alle eine große Furcht angewandelt, daß wir zu schreien anfingen vor zu großer Angst.
[RB.02_207,03] Aber der feurige Reiter sagte darauf zu uns: ,Es wird aber zuvor noch berufen Gott der Herr alle, auch die Verworfensten. Ins Geisterreich wird der Herr Selbst kommen und wird sich zu erkennen geben allen, die ihre Nacht gefangenhält. Die sich an Ihn wenden werden, die wird Er auch erhalten. Es werden Ihm aber vorangehen Seine Knechte Petrus, Paulus und Johannes und werden den Gefangenen verkünden das Licht, welches da kommt aus dem Namen des allmächtigen Gottes. Und die den Namen aufnehmen werden in ihr Herz, die werden selbst einen neuen Namen bekommen, und der Herr wird wieder aufrichten ihre morschen Festen und zerfallenen Burgen.
[RB.02_207,04] Ebenso wird der Herr auch kommen auf die Erde, und zwar zuerst auch nur durchs Wort aus dem Herzen und Munde der Weisen, die Er erweckt hat und deren Er noch mehrere erwecken wird. Dann aber, so die Erde wird geläutert sein, wird Er auch kommen in Seiner allerheiligsten Person zu all denen, die Ihn lieben und eines reinen, erbarmenden Herzens sind!‘ – Darauf verließ uns der feurige Reiter, fuhr wie ein Blitz von dannen, und wir sahen ihn dann nicht wieder.
[RB.02_207,05] Nun aber haben wir ein Gerücht vernommen, daß in unsere alte Residenzstadt Wien über die ,Spinnerin am Kreuze‘ Menschen angekommen seien, die sich für Gottesboten ausgeben und auch Wundertaten verrichten, um für die Blinden die Wahrheit ihrer Sendung zu bekräftigen. Wir sind bei dieser Kunde, sogleich unseren Höchstadlings-Palast verlassend, in guter Ordnung hinausgeeilt, um womöglich mit solchen Boten selbst zusammenzukommen. Wir sind mit ihnen wirklich zusammengetroffen und haben sie hierher geführt. Ihr selbst seid unleugbar solche Boten!
[RB.02_207,06] Wir Fürsten legen darum unser Anliegen zu euren Füßen – dahingehend, daß ihr unsere alten Festen und Burgen wieder aufrichten und derart befestigen möchtet, daß sie nimmer von irgendeinem Feinde wieder erobert und zerstört werden. Auch diesen unseren Höchstadlings-Palast möget ihr derart festen, daß ihn nimmer jemand soll verwüsten können! – Das ist nun unser ganzes Anliegen, dessentwegen wir euch entgegenkamen und euch hierher geführt haben. Denn könnte diesem Höchstadlings-Palast irgend etwas Übles zugefügt werden, so wäre das auch rück- und vorwirkend ein großes Unglück für die hohe Habsburg-Lothringer Dynastie, und es stünde bald sehr ihr Fortbestand auf dem Spiel.
[RB.02_207,07] Im Erdjahre 1848 ward in unserem Höchstadlings-Palast nur ein einziger Stein ein wenig locker, und seht, die Dynastie hatte zu tun, um sich in ihrem uralten Ansehen zu behaupten! Sie hat sich nun wieder gefestet und hat den redlichen Sinn, ihre Untertanen bestens zu regieren und zu leiten, die Guten zu belohnen und die Bösen rücksichtslos zu bestrafen nach dem Maße ihrer Vergehen. Gewiß vollkommen dem Willen Gottes gemäß, weil Er Selbst es so tut und so haben will. Es wäre darum wahrlich ein unberechenbares Übel für alle untergebenen Völker, so die Dynastie nur in irgendetwas könnte gefährdet werden oder am Ende gar um ihren alten Thron kommen würde!"
[RB.02_207,08] Sagt Paulus: „Freunde, die Prophezeiung des feurigen Reiters ist wohl richtig, doch noch nicht verwirklicht. – Aber eure Bitte und eure Sorge, die euch zu bitten nötigt, ist eitel und sehr töricht! Was können euch die alten Festen und Burgen auf der Erde mehr nützen, deren viele Tausende durch der Zeiten Walten schon in Schutt verwandelt worden sind! Es hat wohl der feurige Reiter von der Aufrichtung eurer Festen und Burgen geredet. Aber es sind darunter nicht zu verstehen eure alten irdischen Festen und Burgen, sondern euer Glaube und eure Hoffnung durch die Macht der Liebe zu Jesus, Gott dem Herrn! Das ist die Feste und die Burg! Diese will der Herr bei euch, die ihr hier zufolge eures höchsteigenen Wollens in tiefer Geistesnacht schmachtet, schon seit langen Zeiten aufrichten und neu beleben. So ihr das wollt, sage ich zu euch im Namen des Herrn, der auch hier ist, den aber ihr nicht erkennet und noch nie erkannt habt: Das wird der Herr euch auch tun, so ihr Ihn darum bitten werdet!
[RB.02_207,09] Auch die irdische Dynastie wird Er erhalten, solange Er es für gut findet und solange diese so handeln wird, daß die Völker von ihr aus in keine zu große Not geraten. Sollten die Völker aber in ihrem Herzen laut zu klagen anfangen, dann wird der Herr der Dynastie auch bald ein volles Ende zu machen verstehen. Denn die Dynastie ist vor Gott nichts, und ihr Thron ist auch nichts, und sie ist nicht da des Thrones wegen, und der Thron nicht der Dynastie wegen, sondern sie ist da als ein weise-sein-sollender Hirte der Kinder Gottes! Kann oder will sie diese Gottesherde nicht hüten vor allerlei Übeln und nimmer Gott geben, was Dessen ist, dann ist sie nicht mehr zu brauchen. Der Herr wird dann auch wissen, einer hochtrabenden Dynastie ein völliges Ende zu bereiten!"
208. Kapitel – Fortsetzung der Dynastenbelehrung. Gleichnis von den faulen Hirten. Die Dynastien sind nur der Völker wegen da. Mahnung zur Demut und Hinweis auf den Herrn.
[RB.02_208,01] Paulus fortfahrend: „Ich, Paulus, ein wahrer Knecht des Herrn Jesus, sage dir und euch allen: Vor Gott dem Herrn sind alle Throne und Dynastien ein Greuel. Aber so die Dynastie den Willen des Herrn achtet und handelt nach solchen Grundsätzen, die aus dem Worte Gottes und aus Seiner Liebe und Erbarmung abgeleitet sind, dann ist die Dynastie über den Thron erhaben und dem Herrn recht und genehm. Mit solch einer Dynastie ist dann des Herrn Gnade, Macht, Kraft und Stärke. Wehe dem Feinde, der sie angriffe, wahrlich, er wird zu Staub und Asche zermalmt werden! Merkt euch das, ihr alten, selbst in eurem Geiste tiefst eingefleischten Dynasten: Keine Dynastie ist an und für sich etwas, und kein Thron hat einen Wert und einen Bestand, wenn nicht jemand tatsächlich von Gottes Gnaden darauf sitzt!
[RB.02_208,02] Eine Dynastie, die der Herr aber so lange wie die Habsburger auf dem Thron beläßt, muß dem Herrn im allgemeinen doch recht sein, ansonsten sie schon lange gleich anderen Dynastien sich auf keinem Throne mehr befände. Ihr aber seid eben deshalb hier so lange in eurer Nacht und Blindheit, weil ihr in euren Herzen die Dynastie für etwas haltet, das auf der Erde und auch noch in der Geisterwelt das allerhöchste sei und für deren Erhaltung der Herr Seine Allmacht verwenden solle. O seht, das ist ein großes Irrsal in euren Eingeweiden! Der Herr ist freilich die alleinige Stärke und Macht jeglicher Dynastie und jeglichen Thrones. Aber nicht der Dynastie und des Thrones, sondern der Völker wegen, die vor Ihm allein etwas sind!
[RB.02_208,03] Gott der Herr tut gegenüber einer jeden Dynastie, was da tut ein Haus- und Grundherr, der viele Weideplätze und viele Herden hat. Wenn ein oder mehrere Schafe seiner Herde schlecht sind, wird sie der Besitzer mit aller Sorgfalt pflegen, daß sie gut werden mögen. Aber so der Hirte faul wird und schlecht, da wird dieser mit dem Herrn der Herden übel zu tun bekommen. Bessert er sich nicht, wird ihn der Herr aus dem Dienst jagen und ihm nimmer eine Herde zur Hut anvertrauen. Wenn der Herr aber auch hundert Hirten vom Dienste hinwegtut, weil sie schlechte Hirten waren, so wird er aber nicht ein Schaf darum wegtun, weil es schlecht geworden ist, sondern er wird es behalten und pflegen; aber einen schlechten Hirten wird er vom Dienst entfernen.
[RB.02_208,04] Seht hin über die ganze Erde! Die Völker sind noch dieselben; aber wo sind alle Dynastien, die einst diese Völker beherrschten? Sie sind schlechte Hirten geworden und somit auch ihres Dienstes verlustig gegangen! Entfernt sonach aus euren Herzen, was töricht ist und überaus nichtig vor Gott! Ziehet aus wie ein schlechtes Kleid euren Dynastenhochmut und zieht an ein neues Gewand der Demut und wahren Erkenntnis, auf daß ihr dadurch mögt in die Zahl der Gotteslämmer aufgenommen werden, die da sind die wahren Gotteskinder!
[RB.02_208,05] Ihr habt die Worte vernommen, die der feurige Reiter an euch gerichtet hat. Da hieß es auch, daß bald auf die Boten, denen ihr entgegengegangen seid, der Herr Selbst kommen und eure zerstörten Festen und zerfallenen Burgen aufrichten wird. – Ich, Paulus, aber sage euch noch viel mehr als jener feurige Prophet zu Pferde:
[RB.02_208,06] Seht, der Herr, der da nach uns kommen sollte, ist gleich mit uns da! Dieser hier an der Seite meines Herzens ist es. Zu Diesem gehet hin und tragt Ihm die Anliegen eurer Herzen vor! Er allein besitzt die Urquelle des lebendigen Wassers. So ihr das trinken werdet, da wird es euch ewig nimmer dürsten! Darum, da Er Selbst hier persönlich wesenhaft gegenwärtig ist, so geht hin vor Ihn: Er allein kann und wird euch helfen! Wir anderen haben keine Hilfe in unserer Macht, wohl aber die Eigenschaft, unsere blinden Brüder für die Hilfe aus Gott vorzubereiten." –
[RB.02_208,07] Sagt darauf der erste Dynast R.: „Von Anfang her war deine Rede gut und du hast uns die Sache recht gezeigt! Aber daß dieser hier an deiner Herzseite Christus, der Herr, sein soll, also Gott Selbst von Ewigkeit, das ist dumm von dir! Wenn ein Herrscher auf der Erde kein Abzeichen, wie etwa einen Hausorden und dergleichen trägt und einhergeht wie ein geringster Stallknecht eines gemeinen Bürgers, dann mag er sich es selbst zuschreiben, so er mit Kot beworfen wird! So aber ein irdischer König auch durch äußeren Glanz zeigen muß, wer er ist – so wird das wohl beim ewigen Herrscher aller Herrscher um so mehr der Fall sein! Zudem heißt es ja auch: ,Gott wohnt im unzugänglichen Lichte‘."
[RB.02_208,08] Spricht Paulus: „O ja, das letztere ist auch richtig, aber nicht für jedermann! Siehe hin! Gerade das Licht, in dem sich der Herr nun befindet, wird für dich und deinesgleichen wohl das unzugänglichste sein; denn das Licht der Demut und der Selbsterniedrigung ist für Wesen euresgleichen wahrlich das verborgenste. Ich, Paulus, sage euch: wäre der Herr strahlend wie eine Sonne zu euch gekommen, so hättet ihr Ihn sogleich anerkannt; aber in diesem Kleide ist Er euch unzugänglich! Es wird euch aber schwer werden, fürder in Seine Nähe zu kommen! Ihr wißt nun alles; tuet sonach, was ihr wollt! Ich habe ausgeredet vor euch."
209. Kapitel – Ein alter Dynast und der Herr. Der Dynast bittet um ein echtes Gotteswunderzeichen.
[RB.02_209,01] Hierauf tritt einer dieser noch geistig toten Dynasten vor Mich hin und sagt: „Du hast vernommen, was jener Paulus und der alte R. von dir geredet haben. Die Sache klingt nahezu unglaublich, aber ich will mich an alledem nicht stoßen. Ich komme daher zu dir um zu vernehmen, ob am Zeugnis des Paulus über dich im Grunde etwas Wahres sei. Ich will jenen guten Mann gerade nicht als Lügner ansehen, da er mir viel zu ehrlich aussieht. Aber leicht kann er für dich zu sehr eingenommen sein und dich deshalb in seiner starken Liebe vergöttern.
[RB.02_209,02] Ich will diesen guten Mann deshalb weder loben noch tadeln, aber prüfen will ich die Geschichte doch, da ja geschrieben steht, daß man solle alles prüfen und das Gute behalten. Sage mir daher selbst, was wir von dir halten sollen! Kann Gott wohl in deinem Aufzug Seinen Geschöpfen erscheinen? Und kann Gott, der Unendliche, überhaupt von Seinen Geschöpfen gesehen und gesprochen werden?"
[RB.02_209,03] Sage Ich: „Freund, du verlangst von Mir nicht Worte, sondern Taten. Handle Ich vor dir aber wie ein Mensch in seiner Ohnmacht, so wirst du sagen: ,Das kann jedermann tun, ohne darum ein Gott zu sein!‘ Tue Ich vor dir aber Ungewöhnliches, so wirst du Mich entweder für einen Magier oder für einen Naturgelehrten halten und sagen: ,Das geht ganz natürlich zu, so man dazu die rechte Kenntnis und Praxis hat. Man ist deshalb noch lange kein Gott, wenn man auch anscheinend Wunder ans Tageslicht fördert!‘ – Würde Ich vor deinen Augen aber eine Tat verrichten, deren nur Gott fähig sein kann, so würde sie dir dennoch nichts nützen, sondern nur ungemein schaden. Denn da wärst du zum zweitenmal gerichtet, und zwar leicht zum ewigen Tode. Denn ein Gefesselter kann in Mein Reich nicht eingehen, spricht der Herr. Glaube also den Worten des Paulus, so wirst du leben! Mehr von Mir sagen kann auch Ich dir nicht, da du noch lange nicht dazu reif bist."
[RB.02_209,04] Sagt darauf der Dynast: „Du hast wohl recht. Aber das sehe ich nicht ein, warum mir ein wirkliches Wunder als eine von deiner Gottheit zeugende Tat schädlich, ja sogar tödlich werden soll! Ist doch alles ein Wunder der Allmacht und Weisheit Gottes, was immer ich anschaue, und ich bin mir selber das größte. Und sieh, das alles bringt mich nicht ums Leben! Ob nun von Gott zu den zahllosen Wundern noch eins hinzukommt, sollte bei Gott doch ein- und dasselbe sein. Mich berührt es gar nicht, in welcher Gestalt die Gottheit sich ihren Geschöpfen zeigen und vor ihren Augen ein außergewöhnliches Werk wirken will. Ich werde in meinem Geiste dennoch ungebunden bleiben und denken und handeln wie jetzt, wo ich von deiner Gottheit noch keine feste Überzeugung habe.
[RB.02_209,05] Du kannst also tun, was du willst. Ich werde stets derselbe bleiben, der ich bin und war. Bist du Gott, werde ich eine große Freude haben, meinen Schöpfer persönlich kennenzulernen. Bist du es aber nicht, so werde ich dich für keinen schlechten, wohl aber für einen hie und da überspannten Menschen halten, und das wird dich hoffentlich nicht bekümmern.
[RB.02_209,06] Zeige mir darum etwas Wunderbares! Erschaffe eine Welt vor meinen Augen, und ich werde mich dabei geradeso verhalten wie bis jetzt, denn bei mir ist kein Wunder größer oder kleiner. Gott ist und bleibt Gott, ob Er eine Mücke oder einen Elefanten erschafft und ob Er im endlosen Lichtgewand der Sonnen oder in dem eines Bettlers sich Seinen Geschöpfen offenbart. Was machte denn Christus mit all Seinen Wunderwerken für einen Eindruck bei den Juden? Sieh, beinahe gar keinen, außer bei einigen für blind gehaltenen Fischern und Anverwandten. Alle übrigen hielten Ihn für einen Magier, Arzt und alles andere eher als für einen Gott. Und doch war Er wirklich Gott Selbst!"
210. Kapitel – Wunder und ihre Wirkung. Der Dynast erkennt des Herrn Weisheit. Sein Christusbekenntnis mit Vorbehalten. Die Dynasten beraten sich.
[RB.02_210,01] Rede Ich: „Freund, welchen Eindruck ein Wunder auf dich machen würde, weiß nur Ich am besten; daher soll dir auch keins gezeigt werden. Daß die gesamte materielle Weltschöpfung allerdings ein großes Wunderwerk göttlicher Macht und Weisheit ist, das die Menschen tagtäglich schauen können, ist wahr und richtig. Aber weil die Bewohner der Erde wie aller anderen Weltkörper eben solche Wunder schauen, die wohl die sprechendsten Gotteszeugen sind, müssen sie auch in diesen Wundern sterben dem Fleische nach, das auch ein gleiches Wunder ist.
[RB.02_210,02] Jedes Wunder ist für die beschauende Seele ein Gericht, von dem sie nur durch möglichst größte Selbstverleugung wieder befreit werden kann. Nun aber kann diese nur darin bestehen, daß der Seele alles hinweggenommen wird, was den leisesten Hauch einer Nötigung hat. Diese Wegnahme aber ist eben das, was ihr das Sterben oder den Tod des Leibes oder der Materie nennet.
[RB.02_210,03] Es muß aus der Seele alles hinaussterben, was nicht des Geistes ist. Solange irgendeine äußere Nötigung die Seele noch in einigen Lebensfibern gefangenhält, kann der freie Gottesgeist sich nicht in ihr völlig ausbreiten und die Seele frei machen von jeglichem Gericht.
[RB.02_210,04] Die Gottheit kann freilich wohl Wunder wirken, um eine Seele zur Überzeugung zu bringen. Aber diese Wunder von außen knebeln dann die Seele derart, daß diese sich an eine freie Bewegung gar nicht mehr erinnern kann, die doch die alleinige Bedingung des Lebens vor Gott ist. Daher muß dann die Seele in einen solchen Zustand kommen, in dem sie aller Äußerlichkeiten ledig wird, damit in ihr der Geist sich ausbreiten kann und der Seele vor Gott ewige Beständigkeit verleihen kann. Denn Gott gegenüber kann nichts bestehen als nur das, was selbst ,Gott‘ ist.
[RB.02_210,05] Verstehst du nun, warum Ich dir Wunder vorenthalte? Wenn Gott in die schon vernünftige Seele nicht den Geist gelegt hätte, könnte sie keinen Augenblick bestehen als ein freies Wesen; es würde ihr ergehen wie einem Wassertropfen auf weißglühendem Eisen. Die Tiere aber müssen eben darum dumm und nahezu ohne alle Erkenntnis einhergehen, weil sonst ihr Bestehen eine Unmöglichkeit wäre. Verstehst du solches?"
[RB.02_210,06] Sagt der Dynast: „Ja, Freund, mir kommt vor, als sollte ich's verstehen, und doch verstehe ich es nicht. Denn derartige Dinge zu begreifen, dazu gehört mehr, als daß man einige Jahre auf der Erde Krone und Zepter getragen hat. – Übrigens aber sehe ich das nun ein, aus was für einem Grund du der eigentlich Erste deiner kleinen Gesellschaft bist, denn du bist bei weitem der Weiseste unter ihnen. Du kennst die Natur der Geister- und Materiewelt aus dem Grunde und siehst die wechselseitigen Beziehungen bestens ein. Ob du aber deshalb auch schon Christus, der Herr Selbst, bist – das ist freilich wieder eine ganz andere Frage!
[RB.02_210,07] Weißt du nicht, daß man als rechter Christ behutsam sein muß mit der Annahme, daß da ein jeder, der weise ist und vielleicht auch einige Wunderzeichen zuwegebringt, Christus sei? Heißt es doch in der Schrift: ,Es werden aber in der Zeit viele falsche Propheten aufstehen und werden Zeichen tun und sagen: ,Sieh, hier ist Christus, oder dort ist Er!‘, aber glaubt es ihnen nicht! Denn des Menschensohnes Ankunft wird sein wie ein Blitz, der da vom Aufgang bis zum Niedergang fährt. Auch wird die Ankunft des Herrn sein wie die eines Diebes zur Nachtzeit!‘ – die freilich etwas fatal sein möchte. Denn ein Dieb tut nichts Gutes, so er heimlich in ein Haus kommt!
[RB.02_210,08] Und so, mein Freund, mußt du uns schon zugute halten, so wir mit der Annahme, daß du Christus seist, etwas zaudern. Übrigens haben wir alle gegen die übergroße Weisheit deines Geistes nicht das geringste einzuwenden. Mit den Wundern wird es sich schon so verhalten, wie du es gesagt hast, ebenso auch mit der Materie der Außenwelt. Aber daß du deshalb schon Christus bist, weil du das alles uns erklären kannst – das anzunehmen wäre etwas Gewagtes. Petrus, Paulus, Johannes, Jakobus, das geht alles an; aber Christus? – Freund, da hört aller Scherz auf!"
[RB.02_210,09] Rede Ich: „Ich verlange das gar nicht, da es völlig genügt, so ihr Christum als Gott und Herrn aller Welten und aller Himmel bekennt. Aber ihr müßt euch darüber untereinander beraten und fest bestimmen: ob alle Christus als Gott, Herrn und Vater in ihrem Herzen anerkennen, und ob alle hier in dieser Gruft uns folgen wollen um Christus des Herrn willen! Alle andern, die ihr hier seht, sind uns darob gefolgt und werden darum ihr Heil finden. Tuet desgleichen und ihr sollt auch darob das eurige finden!"
[RB.02_210,10] Sagt der Dynast: „Gut, das wollen wir gleich in Vollzug bringen! Geht es, so ist's gut, und geht es nicht vollkommen, so wird es doch unvollkommen gehen!"
[RB.02_210,11] Hierauf wendet sich der Dynast an die gesamten Familiengruftbewohner und sagt: „Ihr alle habt vernommen, was dieser Freund hier geredet hat. Ich aber bin der Meinung, da wir hier in unserem Zustand wenig zu gewinnen und noch weniger zu verlieren haben, sollten wir gutgläubig den Antrag annehmen. – Beratet euch deshalb und gebt mir euren Willen und Entschluß kund. Wir werden dann entweder diesen Ort auf immer verlassen, oder aber auch, was sehr traurig wäre, Gott weiß wie lange noch an diesem wahrlich nicht angenehmen Ort verbleiben.
[RB.02_210,12] Ich bin ein fester Christ, und meine Losung war stets: ,Christus! oder alles ist verloren!‘ Und so glaube ich auch jetzt: Christus müssen wir um jeden Preis des Lebens uns zu erringen streben. Denn sollte Er nach der Meinung etlicher nur eine Fabel sein, dann sind wir die unglücklichsten Wesen. Denn wer ist dann Gott, und wie, wann und wo? Wenn aber Christus Gott ist und ein Herr Himmels und aller Welt, so haben wir an Ihm einen sichtbaren, ewigen Vater voll Liebe, Güte und Erbarmung! Der verstößt Seine Kinder nicht so leicht wie ein allmächtiger, gerechtester Gott allein, in dem wohl die höchste Weisheit walten müßte, aber keine Vaterliebe und keine Erbarmung.
[RB.02_210,13] Ich, der erste aus Habsburg, aber denke so: Wer selbst voll Stolz und Hochmut ist, will auch einen höchst stolzen und hochmütigen, unzugänglichen Gott – eine Sünde des Stolzes, die manchmal auch meine Seele beschlichen hat. Aber dieser weiseste Freund hat mir begreiflich gemacht, worin die Unzugänglichkeit des Lichtes besteht, in dem Gott wohnt. Nämlich in der Demut und unbegreiflich tiefen Herablassung Gottes, die dem Stolzen ein Greuel ist. Und ich sage daher: Mea culpa, mea maxima culpa! – Ich war einst als Kaiser auch in der Werktat so, obschon ich immer den Gedanken hatte, nur der Stolze und Hochmütige könne sich Gott also denken. Aber nun ist der Gedanke in mir zur Wahrheit geworden, und ich mache euch allen meinen irdischen Kindern den Antrag, diesem guten Freund zu folgen! Er sagt von sich selbst aus, er sei Christus. Lassen wir das noch auf sich beruhen. Möglich ist alles, aber wir wollen diese Sache noch scharf prüfen. Also was dünkt euch, meine lieben Freunde und irdischen Kinder – was werdet ihr tun?"
[RB.02_210,14] Sagt einer aus der Mitte: „Wir alle wissen, daß du, Rudolf von Habsburg, des Namens und der Würde der Erste bist. Aber dein Höchstadlings-Palast ist nicht hier, sondern anderswo. Du bist hier nur ein Einwohner und sollst daher hier nicht das Hauptwort führen! Vielen behagt es hier, und sie sind auch Christen! Daher werden wir auch bleiben, bis uns die Posaune zum Jüngsten Gericht hinausrufen wird, wo uns der liebe Herrgott gnädig und barmherzig sein wolle! – Wir waren zwar nach unserem Gewissen gerecht und strenge gegen jedermann, der gegen uns gesündigt hatte, aber wir übten auch sehr oft Gnade für Recht. So möge uns auch der liebe Herrgott Gnade für Recht ergehen lassen am Jüngsten Tage, bis dahin wir in aller Ruhe hier verharren wollen!"
[RB.02_210,15] Sagt der Dynast Rudolf: „Warum seid ihr dann mit uns ausgezogen, als wir diesen entgegengingen?" – Sagen einige Hauptthronisten: „Das taten wir allein der Parade wegen und auch aus etwas Furcht wegen der Prophezeiung des feurigen Reiters. Allein, da wir nun sehen, daß an der ganzen Sache nichts ist, bleiben wir wieder in unserem Höchstadlings-Palast! Verstanden? Wir bleiben hier!"
211. Kapitel – Maria Theresia und einige andere Dynasten stimmen Stammvater Rudolf zu. Bitte an den Herrn, sie aus der Gruft zu führen. Gutes Zeugnis über Rudolf.
[RB.02_211,01] Sagt darauf der Dynast Rudolf: „Ich hoffe, daß unter euch vielen Narren doch einige Gescheite sein werden, die mir nachfolgen! Es ist übrigens wahr, es geht in diesem Höchstadlings-Palast keinem etwas ab, außer eine gewisse Lebensfreiheit und Lebenslust. Aber ich bedanke mich für ein solches Schlaraffenleben! Lieber wäre ich ein Schafhirte als ein stummer Einwohner eines solch dummen Hochadlings-Palasts! Ihr drei edlen letzten Lothringer und auch du, meine Tochter Theresia, was ist mit euch?! Werdet auch ihr hier bleiben bis zum wahrscheinlich nie erfolgenden Jüngsten Gerichtstag?"
[RB.02_211,02] Sagt die Theresia: „Lieber Urgroßohm, ich werde dir folgen und meine Söhne auch! Auch wir sind satt geworden dieses Maulwurflebens. Nur einmal eine Veränderung, sonst werden wir noch zu lauter Statuen!" – Sagt Joseph: „Bin vollkommen dieser Meinung! Man muß den Augenblick sich zunutze machen. Wer diesen versäumt, der hat Krone und Zepter von sich geworfen, und keine Zeit bringt sie ihm je wieder zurück! Und so will ich auch nicht der Letzte sein, diesen günstigen Augenblick zu ergreifen!" – Sagt darauf Leopold: „Bin auch so gestimmt! Einmal muß es ja doch anders werden, denn mit dieser Hockerei hier ist es nichts. Auf der Erd' ein Sündenbock und hier ein ew'ger Stock ohne Hemd und Rock, das wird öd und fad! Darum bin auch ich so frei und schließe mich der Auswanderung an!"
[RB.02_211,03] Sagt dazu auch Franz: „Das werden auch wir tun, mögen die andern lachen, soviel sie wollen. Auf der Welt ging mir's schlecht; meine Jugend bestand aus Krieg, Verfolgung, Ärger, Furcht und Zorn und mein Alter aus Mühseligkeiten aller Art, aus Krankheiten und endlich aus einem herben Leibestod. Hier in der Geisterwelt, in diesem Höchstadlings-Elysium verzehrt einen die tödlichste Langeweile. Daher nur hinaus aus diesem Loch, je eher desto lieber!"
[RB.02_211,04] Sagt darauf Rudolf zu Mir: „Freund, wir sind beisammen, die wir mit dir hinauswollen. Einige wenige Verwandte werden sich noch anschließen. Und so könnten wir, wenn es dir genehm ist, uns auf den Weg machen."
[RB.02_211,05] Rede Ich: „Gleich, Mein recht schätzbarer Freund! Du warst Mir stets ein lieber Mann und hast dir nie eine Ungerechtigkeit zuschulden kommen lassen. Du hattest eine große Liebe zu Gott, Jesus dem Herrn. Darum wurdest du auch gesalbt zum Leiter der Völker und hast von der Gotteskraft das Erbrecht für deine Nachkommen erwirkt, so daß nun nach etlichen hundert Jahren noch immer deine Nachkommen, wenigstens mütterlicherseits, auf dem dir von Gott verliehenen Thron sitzen und die Völker leiten gut, recht und schlecht, je nach dem Tun der Völker.
[RB.02_211,06] Weil du Mir aber stets ein lieber Mann warst und die Völker gut geleitet hast, soll dir nun auch der Lohn dafür werden, auf den du schon so lange gewartet hast. – Es erscheint ein solch langes Harren als eine Ungerechtigkeit von seiten Gottes des Herrn; allein dem ist nicht also. Ein jeder Herrscher, wenn noch so gerecht, kann auf der Welt unmöglich das Hohe seines Standes in den Staub der Demut herabziehen. Er muß sich wie ein Gott förmlich anbeten lassen, ansonst er kein rechter Herrscher wäre. Das Reich Gottes aber kann nur von denen in Besitz genommen werden, die sich bis in die letzte und kleinste Lebensfiber gedemütigt haben.
[RB.02_211,07] Wer auf der Welt eine nur geringe Stellung einnahm, dem ist es auch ein leichtes, in der Demut Tiefe hinabzusteigen. Aber nicht so für den, der den höchsten Gipfel menschlicher Würde und Größe in der Welt eingenommen hat. Wer am Meer wohnt, der hat nur wenige Schritte, und er befindet sich am Ufer der Segnungen des niederen Meeres. Wer sich aber noch auf einer höchsten Bergspitze befindet, wird bedeutend länger brauchen, bis er zum Strande des Meeres hinabgelangt.
[RB.02_211,08] Die Herrscher befinden sich geistig auf solchen Höhen. Es braucht da mehr, um ans Meer zu kommen, als bei denen, die schon am Meer wohnen. Sieh, David war ein König ganz nach dem Herzen Gottes, denn er war gut und recht. Und doch mußte er in der Geisterwelt mehrere hundert Jahre harren, bis die völlige Erlösung zu ihm kam. Und so mußt auch du es nehmen, so wirst du darin die vollste Rechtfertigung der göttlichen Gerechtigkeit, Gnade, Liebe und Weisheit finden.
[RB.02_211,09] Was Ich nun dir gesagt habe, gilt allen, die auf der Erde die Krone über Meine Völker getragen haben. Wer von euch sich darein finden will, der finde sich bald und folge Mir! Wer aber nicht will, der bleibe! – Leider gibt es manche hier, die sich noch lange nicht finden wollen. Ich aber will noch einmal, bevor wir diesen Ort verlassen, durch Mein Rüstzeug Paulus über diesen Schlaf der Blinden eine Erweckungsstimme erklingen lassen! Ihr Wille ist frei wie ihr Geist, darum darf Ich Selbst nicht bestimmen und sagen: ,Diese und so viele!‘, denn Ich will hier nicht vor-, sondern bloß nur nachsehen und mild sein voller Erbarmung. Denn denen Ich viel zu tragen gab, muß Ich auch eine große Nachsicht erweisen, da sie sehr müde und schläfrig geworden sind unter ihrer großen Bürde.
[RB.02_211,10] Darum, Paulus! Erhebe dich und erwecke sie, die sich wollen erwecken lassen!"
212. Kapitel – Paulus Erweckungsrede an die Dynasten. Der Apostel zeigt ihre Regierungsuntaten auf und verheißt des Herrn Gnade.
[RB.02_212,01] Hier erhebt sich Paulus und richtet folgende Worte an die Höchstadelinge: „Meine geliebten Freunde und Brüder in Gott Jesus, dem Herrn!"
[RB.02_212,02] Hier wird er sogleich vom Vater der Theresia unterbrochen, der ihm höhnisch vorhält: „Wann haben denn wir schon Schweine miteinander gehütet, daß Er als gemeiner Judensohn sich erfrecht, mich als Bruder anzureden! Weiß Er denn nicht, wer wir sind? Also mehr Art, Er hundsgemeiner Judenpatzen, sonst wird man Ihm zeigen, wer da ein Kaiser ist!"
[RB.02_212,03] Paulus aber achtet nicht darauf, sondern fährt mit seiner Rede fort: „Es steht geschrieben: ,Denen wenig anvertraut ward, die werden über weniges Rechnung zu geben haben; denen aber vieles anvertraut ward, die werden über sehr vieles Rechnung zu legen haben!‘ Ihr aber gehört allesamt zu jenen, denen Gott der Herr sehr vieles anvertraut hat. So habt ihr nun auch eine übergroße Rechnung vor Gott dem Herrn zu legen! Denn ich, Paulus, sage euch, die ihr noch voll alten, verrosteten, höchstadeligen Starrsinns seid, daß für euch alle nun ein eigentlichster Jüngster Tag herbeigekommen ist, an dem man von euch die strengste Rechnung fordern wird, so ihr von eurem Starrsinn nicht lasset. Denn Gott Jesus, unser Herr und Vater, obwohl die höchste Liebe, Sanftmut und Geduld, läßt mit Sich nicht spaßen, da Er allzeit nur das Beste Seiner Kinder will. Und dieser Jesus, der uns alle durch Seinen Kreuzestod der Macht des Satans entwunden hat, steht hier vor euch; zwar noch immer so geduldig wie ein Lamm, aber Seine Sanftmut und Geduld ist nicht ohne Grenzen. Wehe euch, so Er einmal mit euch wird zu rechten anfangen! Nicht eins werdet ihr Ihm auf tausend antworten können, denn ihr seid allesamt große Sünder vor Ihm!
[RB.02_212,04] Wie viele habt ihr eures überschwenglichen Hochmuts wegen hinrichten lassen, nicht selten auf eine grausame Weise! Wie hart habt ihr stets einen erleuchteten Geist verfolgt! Welch schonungsloser Grausamkeiten habt ihr euch gegen die evangelischen Brüder bedient! Welch namenlosen Jammer habt ihr nicht selten in tausendmal tausend Familien gebracht! Wie habt ihr in dem dreißigjährigen Religionskrieg gegen die reine Lehre Jesu gewütet! Und wie viele andere Ungerechtigkeiten habt ihr auf eurem Gewissen! Wie sehr habt ihr stets danach gestrebt, euren Glanz zu erhöhen auf Kosten des Lebens und Blutes von Millionen, die ebensogut Gottes Kinder sind wie ihr! Wie viele Tausende schmachteten in den Kerkern schuldlos durch die Trägheit eurer Richter, die es sich unter eurem Schutz gut gehen ließen! Solche und tausend andere gröbste Sünden habt ihr auf eurem Gewissen. Ströme ungerecht vergossenen Bluts schreien um Rache wider euch zu Gott. So der Herr ausschließlich nach der Gerechtigkeit richten wollte, müßte Er euch für jede Ungerechtigkeit und Grausamkeit im Feuer der Hölle eine Ewigkeit schärfstens büßen lassen.
[RB.02_212,05] Aber Er hat nun beschlossen, allen Gnade für Recht angedeihen zu lassen, da Er keine Freude hat an den Qualen der Sünder. Er betrachtet euch als sehr Kranke und will euch helfen und kam daher als Heiland Selbst hierher zu euch. Was hält euch, ihr Blinden, denn ab, daß ihr Seinem Ruf nicht folgen wollt? Was habt ihr hier? Nichts, als was euch eure herrscherische Einbildung schafft! Und dennoch wollt ihr dem Beispiel eurer wahrhaft hohen Brüder nicht folgen, die – wohl wissend, daß vor Gott alle irdische Größe ein purstes Nichts ist – sich dem Herrn sogleich angeschlossen haben, obwohl sie Ihn noch nicht ganz erkennen!
[RB.02_212,06] Seht an einen Rudolf, der ein Regent war nach dem Herzen Gottes, die Theresia, den biederen Joseph, den herzlichen Leopold, den leutseligen Franz und noch einige ihrer Brüder und Schwestern – sie haben auch, wie einst David, manches begangen, das nicht in der Ordnung der Gottesliebe war. Aber Gott der Herr erwog ihre Bürde, die sie zu tragen hatten, erließ ihnen wie David jegliche Schuld und hat sie nun schon in Sein Reich aufgenommen. Denn die bei Ihm sind, die sind auch in Seinem Reich. Der Herr aber will auch euch allen gnädig sein. Warum wollt ihr Seine große Gnade denn nicht annehmen? Ist es denn nicht besser, dem Gnadenruf des Herrn zu folgen, als sich durch unbeugsamen Starrsinn für die Hölle reif zu machen?"
[RB.02_212,07] Durch diese Rede werden alle bis auf einen erschüttert und fangen an nachzudenken. Nur der eine sagt: „Ich bleibe ein Kaiser, auch vor Gott ein Kaiser ewig!"
213. Kapitel – Paulus' Rede an den hartnäckigen Kaiser. Starrsinnige Gegenrede.
[RB.02_213,01] Sagt darauf Paulus: „Mein Freund, sage dir selbst, was ein Kaiser ist – ohne Land, Volk und Macht! Ich sage dir, nichts als ein Tor! Ist denn einer je aus eigenen Gnaden Kaiser geworden, oder aus Gottes Gnaden? Wer gibt denn dem Menschen Macht, zu herrschen, und den Völkern den Willen, daß sie ihm gehorchen? Siehe, das tut Gott, der allein ewige Herr aller Macht und Kraft. So dich aber Gott zum Kaiser machte, was pochst du hernach auf deine Kaiserwürde, als hättest du dich selbst zum Kaiser gemacht!
[RB.02_213,02] Wäre es so leicht, ohne göttliche Kraft und Macht ein Kaiser zu werden, da gäbe es eine große Menge Kaiser auf der Erde; das wäre aber vor Gott ein Greuel der Greuel. Deshalb setzt Er über viele Länder nur einen Kaiser und versieht ihn mit Macht, Kraft und großem Ansehen, aber nur auf seine herrschensfähige Lebensdauer!
[RB.02_213,03] Nach dem Leibestod hört der Kaiser für ewig auf, und der Mensch, der auf Erden ein Kaiser war, wird gleich einem seiner geringsten Untertanen. Er kann aber im Reich Gottes wieder etwas werden: durch die Demut und durch große Liebe vor allem zu Gott dem Herrn und dann zu allen Brüdern und Schwestern. Aber solch starres Beharren auf dem, was jemand auf Erden war, bringt nicht Leben, sondern den wirklichen Tod! Ich sage dir daher: Bedenke wohl, was du tun wirst! Denn siehe, das Tor der besonderen Gnade und Erbarmung des Herrn ist nicht stetig offen, wie es auf Erden auch nicht immer Tag und Sommer ist. Hier kann niemand zum voraus sagen: ,Sieh, nun kommt bald das Frühjahr und dann der Gnadensommer!‘, sondern das liegt im Herrn verborgen! Wann Er will, so ist es da. Er allein schließt und öffnet, wie und wann Er will.
[RB.02_213,04] Nun ist das Tor offen vor euch allen! Darum ergreift und benützt es, bevor es wieder verschlossen wird! Glaubst du denn, daß der Herr Tag für Tag körperlich von Seinen allerhöchsten Himmeln auf die Erde herabkommt und lehrt, heilt und begnadigt Seine Geschöpfe und macht aus ihnen Seine Kinder? O sieh, das tut der Herr nicht, und Er weiß allein, warum Er so etwas tut oder nicht tut. Er ist zwar stets die Liebe und Erbarmung Selbst; aber Seine besondere Gnade gibt Er nicht allzeit gleich und nicht jedem gleich!
[RB.02_213,05] Sieh, ich war einst der größte und wütendste Verfolger, und Er erwies mir dennoch die höchste Gnade und stärkte mich zu einem Weltapostel – während Er Seine anderen Apostel zumeist nur für die Juden bestellt hat. Und andere, gar viel bessere und edlere Menschen hat Er einer besonderen Gnade nicht gewürdigt. Den Weisen enthielt Er es vor und den unmündigen Kindern offenbarte Er Sein Reich und Seine besondere Gnade!
[RB.02_213,06] Daraus geht abermals hervor, daß der Herr nach Seiner innersten Weisheit tut, was Er will. Wer sich am sichersten wähnt, ist oft von tausend Gefahren umringt. Den Furchtsamen aber beschützt der Herr nicht selten derart, daß ihm auch dann nichts geschehen würde, so die ganze Erde in Splitter gerissen würde. So tut der Herr, was Er will, und bedarf nie eines Menschen Rat. Es ist aber dann die unverzeihlichste Torheit, die Gnadengeschenke aus Seiner eigenen Hand nicht anzunehmen, so Er sie jemandem freiwillig verabreicht.
[RB.02_213,07] Laß also nun fahren deinen Kaiser und nimm dafür hin des Herrn Gnade, so wirst du leben, sonst aber sterben in deinem Wahn!"
[RB.02_213,08] Sagt der Starrsinnige: „Du redest wohl recht weise wie ein Minister; aber welch ein Unterschied ist doch zwischen einem Minister und einem Kaiser! Führe mir den Herrn selbst vor; ich will ihn in Gnaden anhören und ihm ausnahmsweise eine längere Audienz erteilen!"
[RB.02_213,09] Spricht Paulus: „Ah, das geht wirklich schon über alles, was man von deiner Gnade erwarten kann! Du wolltest sogar dem Herrn eine Audienz erteilen, so ich Ihn dir vorführte! O du unsinnigster Tor, du! Nein, Freund, das geht etwas zu weit! Ich, ein Paulus, erbebe vor diesem Gedanken, und du kannst ihn denken und solches verlangen? Das kann unmöglich dein Werk, sondern nur ein Werk des Satans sein! Ermanne dich und stehe ab von deiner ungeheuren Torheit! Ich bitte dich, werde ein Mensch – vor Gott!"
[RB.02_213,10] Spricht der Starrsinnige: „Ein Regent spricht nach seiner gewohnten Weise und ein Apostel nach der seinen! Ich verstehe aber unter einer Audienz nicht etwa so Himmelschreiendes wie Er und meine, daß es unmöglich so hoch gefehlt sein kann, so ich den Herrn zu mir bitten lasse! Auf der Erde schickt man ja auch um einen Geistlichen, daß er dann komme mit Christo dem Herrn, wenn man selbst als ein Kranker nicht zu ihm kommen kann. Mache daher keinen solchen Lärm, als ob deshalb schon Himmel und Erde eingestürzt wären!
[RB.02_213,11] Bedenke dabei, daß zwischen einem Kaiser und einem gewöhnlichen Menschen doch immer ein himmelhoher Unterschied obwaltet. In welcher Sphäre jemand lebt, in der bildet sich auch sein Leben zu seiner eigentlichen Natur aus. So ich also hier vor dir meiner hohen Seelennatur nach rede, wird das doch nicht so weit gefehlt sein können, als wenn ein gewöhnlicher Mensch sich so zu reden unterfangen würde!
[RB.02_213,12] Ich war einmal ein Kaiser, das kann mir kein Gott nehmen, solange er mir die Rückerinnerung beläßt. Und so bleibe ich ewig ein Kaiser auch vor Gott in meiner Erinnerung. Daß ich aber hier weiter nichts mehr zu gebieten habe, weiß ich schon lange so gut wie Er, mein polternder Freund! Ich brauche daher aber auch nichts weiteres mehr von Ihm. Ich werde mich schon selbst weiter fortbringen. Wolle mir also gar nichts aufdringen, so werde ich das Gute und Wahre von selbst aufnehmen und darnach tun und handeln. Sonst aber bleibe ich, wie ich bin, ob gut oder schlecht, das ist eins. Verstanden, Er Polterpatron?"
[RB.02_213,13] Sagt Paulus: „O ja, sehr gut! Bemerke aber ganz einfach hinzu: solange dein Ich maßgebend dir zum Richter dient, wird das ewige Ich des Herrn nicht Wohnung nehmen in deinem Herzen! – Die äußeren Lebensverhältnisse berücksichtigend, hast du recht in allem, was du in deiner Rede mir gesagt hast. Aber die inneren Lebensverhältnisse sind von einer ganz anderen Art! Weil sie dir ganz fremd sind, mußt du diese dir vorerst aufdringen lassen, sonst kommst du in der Geisterwelt, deren Einwohner du nun schon nahezu zweihundert Erdjahre bist, nimmer auf ein grünes Plätzchen. Wenn ich dir nach der Beheißung des Herrn die volle Wahrheit offenbare, warum behandelst du mich, als wenn ich dein Feind wäre?"
[RB.02_213,14] Sagt der Harte: „Ich behandle dich nicht als Feind; aber du gefällst mir nicht! Darum will ich einen andern hören, auf daß ich recht weiß, was ich zu tun habe!"
214. Kapitel – Lebenszeitrechnung im Jenseits. Ein weltgeschichtliches Verlangen. Gleichnis vom Taschenspieler. Der wahre Hofglanz.
[RB.02_214,01] Spricht Paulus: „Du wirst auch einen andern erhalten, aber jetzt noch nicht, wo du in deinem Denken, Sinnen und Trachten noch beinahe wie ein Stein materiell bist. Ich, Paulus, aber bin darum ein Paulus, der winzige Apostel – weil ich zuerst von den Kindern das Grobmaterielle hinwegrasple und von ihnen den ersten Unrat wegschaffe. Solange du nicht deine materievollen Gedanken und Begierden gegen geistige vertauschst, wirst du Paulus daher nicht los! Denn das ist des Paulus Geschäft, daß er zuvor den Platz reinigt, damit hernach die rechten Bauleute das Gebäude aufführen können, das dann vom großen Baumeister eigenhändig die entsprechend herrlichen inneren Einrichtungen erhält.
[RB.02_214,02] Sei daher anfänglich nur zufrieden mit mir. Denn wer einmal den Paulus annimmt, kommt dann auch zu Petrus, zu Johannes und endlich zum Herrn Selbst. Jeder, der da anfängt, der fange mit Paulus an, sonst kommt er nimmer an den Petrus und noch weniger an den Johannes. Wer aber nicht an Johannes kommt, der kommt auch nicht an den Herrn! Denn Johannes ist gleich der Liebe des Herrn zu Seinen Kindern."
[RB.02_214,03] Sagt der Harte: „Ganz wohl, aber du bist nicht getreu in deinen Angaben, und so kann ich mich auf dich nicht verlassen! Du sagtest, daß ich mich schon seit nahe zweihundert Jahren irdischer Rechnung hier in der Geisterwelt aufhalte. Siehe, das ist vollkommen erlogen, denn ich bin erst kaum 110 Jahre hier, es fehlen sonach noch 90 zu deiner Angabe! Sollten denn Geister deiner Art nicht genau anzugeben imstande sein, wie lange schon ein Geist hier wohnt? Putze dich nun aus dieser Tunke, so du's kannst, und ich will dich behalten!"
[RB.02_214,04] Sagt Paulus: „Es soll dir ein solcher Streit sehr schwerfallen! Sage mir, du ausgehöhlter Hohlbohrer der Materie, wann du in der Geisterwelt das Rechnen gelernt hast, da du mich einer Lüge beschuldigen willst? Siehe, du Tor, wir rechnen hier in der Geisterwelt so: Von dem Augenblicke an, als deiner Seele vom Herrn der Geist eingelegt ward (was geschieht, sobald die Seele eines Kindes des ersten Gedankens fähig wird, was bei manchen Kindern schon im ersten Jahr der Geburt der Fall ist) – von dieser Zeit an ist jeder Mensch schon ein Bewohner der Geisterwelt, was ihm seine Träume nur zu klar sagen. Nur die naturwache Tageszeit ist er mit dem größten Teile seines Wesens in der Materie, obschon mancher durch geistige Gedanken, Betrachtungen, Gebete, Liebe zu Gott und edle Handlungen sich auch am hellsten Tage in der reinen Geisterwelt befindet. Und sieh, von da an beginnt auch die Rechnung, die wir hier zu rechnen pflegen. Und so du das hinzuzählst zu deinen 110 Jahren, wirst du die Annäherung an die 200 Jahre wohl sicher nicht gar so lügenhaft finden, als wie du es mir grob genug ins Gesicht sagtest."
[RB.02_214,05] Sagt darauf der Harte: „Das habe ich nicht gewußt, daß man hier so rechnet. Hättest du mir davon früher eine Anweisung gegeben, so hätte ich dich keinen Lügner genannt und du mich auch nicht einen ausgehöhlten Hohlbohrer der Materie, was auch kein Kompliment ist. Und so glaube ich, daß wir uns gegenseitig quittiert haben und sind demnach einander nichts mehr schuldig. Ich bin nun gut; bist du es auch?"
[RB.02_214,06] Sagt Paulus: „Ganz vollkommen! Aber jetzt mußt du dir von mir dafür noch einige Worte gefallen lassen!" – Sagt der nun etwas Weichere: „Rede nur, soviel du magst und kannst, ich will dich anhören! Sage mir aber auch, wie es nun in der Welt aussieht, was meine Nachkommen machen und wie es ihnen ergeht. Ich habe vernommen, daß es in Österreich große Bewegungen gegeben habe?"
[RB.02_214,07] Sagt Paulus: „Wir sind nun erscheinlicherweise in Wien selbst und werden bei dieser Gelegenheit auch manches erfahren, wie es nun auf der materiellen Außenwelt aussieht. Vorderhand aber heißt es sich mit dem befassen, was uns viel näherliegt als die Materiewelt. Du bist noch ganz von der spanischen, zumeist durch den damals höchst und reichst gestellten Priesterstand gepflegten Hofgrandezza durchdrungen. Und du meinst, daß alles Hohe nur durch einen möglichst erhöhten Glanz, der in Gold und eitlen Zeremonien besteht, aller Welt imponieren kann. Ich aber sage dir, daß es auf der ganzen Welt nichts Grundfalscheres geben kann als diese über alle Maßen dumme Annahme!
[RB.02_214,08] Sieh, ein Taschenspieler unterhält seine geblendeten Zuseher nur so lange, als diese nicht hinter das Nichtige seiner Kunst gelangen. Werden sie aber von einem Sachkundigen aufgeklärt, dann kann der falsche Zauberer schauen, wie er ein Loch zum Durchgehen findet, wenn er ihnen eine falsche für eine wirkliche Zauberei verkauft hat. Etwas anderes ist's, so ein Falschmagier sich auch als ein solcher ankündigt! Da wird jeder Zuschauer wissen, daß diese Zauberei eine rein natürliche ist und wird ganz vergnügt den Schauplatz verlassen.
[RB.02_214,09] Ebenso verhält es sich mit dem Hofglanz. Dieser kann ein wirklicher oder ein falscher sein. Wehe aber dem Regenten, der durch einen falschen Hofglanz seine Untertanen hat täuschen wollen! So sie dahinter kommen, wie es in Frankreich und anderen Staaten schon der Fall war, da wird es solch einem Falschglänzer schlecht ergehen.
[RB.02_214,10] Der wahre Hofglanz aber besteht in der Weisheit und Herzensgüte des Regenten, in einem gut verteilten und zweckmäßigen Wohlstand der Untertanen und in allerlei weisen Staatseinrichtungen, vor denen die ganze Welt einen tiefen Respekt hegen muß. Und erst nachher auch in dem, daß der Regent seiner Würde nach in seiner Residenz als das erscheint, was er eigentlich ist, nämlich ein weiser Regent eines wahrhaft glücklichen Volkes.
[RB.02_214,11] Was nützt es aber einem Regenten, in goldenen Staatswagen umherzufahren, so sein Volk in dürftige Lumpen gehüllt dahinschmachtet? Was nützt es, den Schwachen alle Bürden aufzulegen, von denen sie erdrückt werden, selbst aber sich zu ergötzen beim Elend der schreienden Armut? Diese wird sich in ihrem Kampfe entsetzlich rächen an solch einem Regenten, der eher ein Volksvampir als ein Volksregent genannt zu werden verdiente.
[RB.02_214,12] Sieh solch stolze Herrscher an, wie Spanien, Frankreich und England schon einige getragen haben! Sie fielen endlich als traurige Opfer einer entfesselten Volkswut! – Du bist selbst noch ganz befangen von dieser Hofgrandezza, die weder vor den Menschen noch viel weniger vor Gott einen Wert hat. Lasse sie fahren, denn sie wird dir für die Ewigkeit nie einen Segen bringen! Siehe, wäre deine Tochter Maria Theresia nicht von einem ganz anderen Geist als von dem deinen durchdrungen gewesen, bestände schon lange kein Österreich mehr! Von allen Seiten wären sie darüber hergefallen und hätten es zerrissen nach allen Seiten, wie sich's hernach unter dem Sohn deiner Tochter, wie unter dem Leopold und Franz zum Teil schon gezeigt hat. Zu all diesen Übeln hast du den Samen gelegt! Und solange die nachfolgenden Regenten in deinen Goldwagen fahren werden, werden sie von Prüfungen mancher trüben Art nicht befreit sein!
[RB.02_214,13] O Karl, du warst ein harter Regent! Werde daher nun weich vor Gott, deinem Herrn, auf daß du jene Wunden heilen magst, die dein übertriebener Hochmut den Völkern geschlagen hat. Es schmachten ihrer noch viele hier im Geisterreich, die unter dir geblendet worden sind! Gehe daher nun hin vor den Herrn, deinen Gott und Vater, lege deine große Schuldenlast zu den Füßen Jesu des Herrn, auf daß Er dich stärke und gesund mache in allem, worin du als höchst krank vor Ihm erscheinst! Denn bei Ihm sind alle Dinge möglich."
215. Kapitel – Des stolzen Karls Lebensbericht. Paulus rüttelt den Hochmütigen. Zwiegespräch Karls mit Jesus. Endlich Gnadenbitte und Befreiung.
[RB.02_215,01] Spricht Karl: „Wo ist der Je-Je-Je, na, jetzt bringe ich den Namen nicht heraus! Wie heißt er denn noch anders?" – Spricht Paulus: „Jesus Christus, das heißt der Heiland, der Gesalbte! Du kannst diesen Namen deshalb nicht aussprechen, weil nichts von Ihm in deinem Herzen ist. Du brauchst aber nicht stolz zu sagen: ,Wo ist denn Jesus, zu dem ich hingehen soll?‘ Denn Er steht ja ohnehin hier bei mir und ist mir stets der Allernächste! Du brauchst dich nur an Ihn zu wenden und du bist dann schon bei Ihm, so gut es dir in deinem Zustand möglich ist. Sage wenigstens in deinem Herzen: ,Herr, sei mir großem Sünder gnädig und barmherzig! Nicht wert bin ich, meine Augen zu Dir emporzuheben!‘ Und der Herr wird dir tun, was da des Rechts und der milden Gerechtigkeit ist."
[RB.02_215,02] Sagt Karl: „Also dieser ganz ordinäre Jude soll der Herr sein?" – Sagt Paulus: „Ja, dieser ist es, einzig und allein!"
[RB.02_215,03] Hier fängt Karl an, sich hinter den Ohren zu kratzen und sagt bei sich: „Das soll der Herr und Schöpfer Himmels und der Erde sein! Nicht übel, gar nicht übel! Dem hätte ich ja gleich einem gemeinen Bettler etwas geschenkt! Und das soll wirklich Gott der Herr sein? Zwar reisen manchmal auch die hohen Regenten der Erde im strengsten Inkognito. Warum sollte so etwas Gott unmöglich sein? Auf dieses Paulus Verantwortung will ich es annehmen, obschon mir diese Annahme äußerst bedenklich vorkommt, wie mir auch auf der Welt jeder gemeine Kerl unendlich fad vorgekommen ist. Ich habe deshalb auch nur einer Messe beiwohnen können, wo kein Plebs in die Kirche eingelassen wurde. Ich erteilte darum dem gemeinen Volk des Jahres auch nur eine bis höchstens vier Audienzen, weil mir dies gemeine Gesindel über alles zuwider war. Ich verlieh auch dem Hof den größten Glanz, um mich vor der unerträglichen Fadheit zu verwahren. Und nun soll ich mich wieder in die Fadheit hineinwerfen? In Gottes Namen, so sei es denn! – Dieser gemeine Jude – überhaupt ein Jude – das ist mir schon das Unerträglichste! Ich hätte als Kaiser alle Juden können hinrichten lassen, und jetzt soll ich einen gemeinen Juden als Gott den Herrn anerkennen und anbeten? O du entsetzliche, furchtbarste Fadheit!"
[RB.02_215,04] Sagt Paulus: „Siehe zu, daß dir am Ende nicht etwas anderes fade wird! Meinst du denn, der Herr ist auch ein solcher Erzaristokrat und findet alles fade, was sich nicht als hochadelig legitimieren kann? Ich aber sage dir: Sieh zu, daß du dem Herrn nicht unerträglich wirst, denn da wärest du das unglücklichste Wesen unter allen! Denn wer Gottes Einrichtungen fade findet, ist ein Kind des Hochmuts und Stolzes und somit ein Greuel vor Gott! Der Herr ist stets dem Kleinen zugewendet. Wer da nicht wird wie das Kind eines gemeinsten Bettlers, wird nie an dem Reich Gottes teilhaben!
[RB.02_215,05] Meinst denn du, der Herr liebe die Regenten der Erde? – O da irrst du dich sehr! Sieh, der Herr duldet sie wohl als ein Übel der Völker, die selbst übel und böse sind, aber Seine Liebe sind sie nicht! Nicht in der Liebe, sondern im Zorn gab Gott den törichten Juden, die auch durch eines Königs Glanz ein großes Volk sein wollten, einen König, der sie hernach knechtete und zu Sklaven machte. Daraus aber geht hervor, daß die Könige dem Volk nicht so sehr ein Segen, als vielmehr eine Strafe sind, weil die Menschen noch immer die Welt mehr als Gott lieben.
[RB.02_215,06] Was bildest du dir hernach gar soviel ein auf das, daß du auf der Erde ein Regent warst? Gott allein ist Regent! Alle Menschen aber sind Brüder und Schwestern! Gehe hin und bekenne vor Gott deine Schuld, sonst sieht es schlimm aus mit dir!"
[RB.02_215,07] Sagt Karl: „Warum sollte es übel mit mir aussehen? Ich habe als Regent so gehandelt, daß mir alle Weltgeschichte ein rühmendes Zeugnis vor Gott und den Menschen geben muß. Besaß ich nicht die Liebe meiner Völker, und zwar in dem Maß, daß ich sie buchstäblich mit ins Grab nehmen konnte? Und wurden meine Anordnungen nicht pünktlich befolgt? Was Arges habe ich denn hernach angestellt, daß ich ein Übel zu erwarten haben sollte!"
[RB.02_215,08] Sagt Paulus: „Wir wollen darüber keine weitere Kritik anstellen. Es handelt sich hier weniger darum, was du deinen Untertanen gegenüber, als vielmehr, was du dir und deinem innersten Leben selbst warst! Sagst du: ,Ich habe geherrscht aus meiner Macht!‘ – dann war deine ganze Herrschaft schlecht. Sagst du aber: ,Gottes Kraft und Macht hat mich so und nicht anders zu herrschen bestimmt!‘ – dann hat die Sache gleich ein anderes Gesicht. Denn der Herr sieht nie auf die Handlung allein, sondern hauptsächlich auf den Grund und die Absicht der Handlung.
[RB.02_215,09] Mag eine Handlung an und für sich noch so gerecht sein, der Handelnde aber verrichtet sie zu seiner eigenen Ehre, so ist sie schlecht für ihn. Denn der Herr sagt: ,Und so ihr alles getan habt, so bekennet: Wir sind unnütze und faule Knechte gewesen!‘ So du sagst: ,Ich war ein Regent!‘, da handelst du schon wider Gott und gibst dir selbst ein arges Zeugnis. Sagst du aber: ,Ich war nur ein schlechtes Werkzeug in der Hand Gottes, und der Herr war der Regent durch meinen Willen!‘ dann bist du gerechtfertigt vor Gott.
[RB.02_215,10] Du besaßest wohl deines Volkes Gunst, besonders des hochadeligen, aber es wäre besser gewesen, so du die Gunst und Liebe des Herrn besessen hättest! Also Freund, nicht wir, sondern der Herr allein ist alles in allem! Dies fasse in deinem Herzen und wende dich an den Herrn, so wird es mit dir vorwärtsgehen! Ich habe nun geredet. Der Herr sei mit dir!"
[RB.02_215,11] Karl, durch diese Worte sehr zum Denken getrieben, wendet sich nach einer Weile zu Mir und sagt: „Du wärest nach der Aussage dieses Paulus also wirklich Christus, der Herr. Jener, der einst zu Jerusalem gekreuzigt wurde von den bösen Juden, die mir deshalb im höchsten Grad zuwider sind, derart, daß es mir noch jetzt leid tut, diese Brut wenigstens in Meinem Reich nicht vertilgt zu haben!" – Sage Ich: „Ja, der bin Ich! Hast du aber dagegen etwas einzuwenden, so sage, was Mir noch abgeht, um vor dir, du großer Herr, würdig als Christus auftreten zu können!"
[RB.02_215,12] Sagt Karl: „Das ist eine sonderbare Frage! Nach irdischer Art zu urteilen, ginge dir wohl gar vieles ab, um vor mir würdig als Christus anerkannt zu werden. Aber hier bin ich nun nicht mehr so delikat und nehme bald einen Prügel für ein Zepter und eine Schlafmütze für eine Krone an – warum denn nicht auch dich für Christus, den Herrn! Kommt mir aber irgendwann ein anderer und Tüchtigerer vor, läßt sich die Sache dann leicht ändern; der Rechte wird angenommen und der Falsche sitzengelassen! Übrigens verstehst du recht gut die Rolle als Christus zu spielen! Dein leutseliger Ernst und dein majestätisch schöner Kopf mit den großen blauen Augen machen dich sehr gut zum würdigen Repräsentanten dessen, den du hier vorstellst. Auf die Gefahr dessen, der dich mir als den wirklichen Christus anzeigte, will ich das auch annehmen und falle daher als der größte gewesene Kaiser des römisch-deutschen Reiches Dir zu Füßen und sage: ,Herr sei mir Sünder vor Dir gnädig und barmherzig!‘"
[RB.02_215,13] Sage Ich: „Freund, Ich bin zufrieden, daß es mit dir so weit gekommen ist und wir uns nun aus dieser Gruft der Toten hinaus ins Freie begeben können. Hier, wo die Toten hausen, kann man nicht viel vom Leben sprechen. Draußen, wo ein helleres Licht das endlose All der Geisterwelt durchdringt, läßt sich auch reiner schauen und empfinden, wer Der ist, der hier nun mit dir redet! Und so verlassen wir denn diesen Ort und begeben uns ins Freie!"
[RB.02_215,14] Rufen nun alle: „Heil Dir, o Herr, daß Du solches an uns tust! Denn nun fangen wir erst an einzusehen, wo wir waren und wie es uns ergangen ist. Du allein bist unser Erlöser! – Dir ganz allein daher alle unsere Liebe, Ehre und Anbetung, denn Du allein bist würdig, dies alles von uns zu empfangen und gnädigst hinzunehmen!" – Sagt Karl, sich vom Boden wieder erhebend: „Herr, bei diesem Gruße bin auch ich dabei, und nun wirklich aus vollem Herzen! Aber wohin wirst Du uns nun führen?"
[RB.02_215,15] Sage Ich: „Hinaus in die Gassen Wiens, und da wird es sich schon zeigen, wo wir einkehren werden. Robert, gehe du mit Helena wieder voran!"
216. Kapitel – Geldgierige Bettelmönche am Ausgang der Gruft.
[RB.02_216,01] Robert geht nun voran. Am Eingang der Gruft aber stehen zwei Mönche mit einer Geldbüchse und reden Robert um ein Trinkgeld für die armen Seelen im Fegfeuer an. Robert entschuldigt sich und sagt, daß er kein Geld habe. Die Mönche sagen heimlich: „Ja, ja, wieder ein Schmutzpack mehr auf der Welt!" – Nun kommen die Dynasten an den Ausgang und werden ebenfalls angesprochen; sie geben den Mönchen auch nichts, natürlich aus dem Grund, weil sie nichts haben. – Und die Mönche sagen: „Ja, ja! Bei diesen muß man allzeit bittschriftlich einkommen, und nachher kriegt man höchstens einen abweislichen allergnädigsten Bescheid um ein paar Jahrln später! Na, das kennen wir schon! – Aber jetzt kommen die vier Fremden, vielleicht lassn die einige Haar!"
[RB.02_216,02] Komme nun Ich mit Paulus, Petrus und Johannes. Und auch wir werden sogleich um einen Beitrag für die armen Seelen im Fegfeuer angeredet. Paulus aber fragt die Mönche, wo denn das Fegfeuer für die armen Seelen wäre. – Und ein Mönch antwortet ganz gravitätisch: „Zweihundert Meilen tief unter der Erde! Und noch um hundert Meilen tiefer kommt dann die Hölle mit den Verdammten, die dort ewig brennen, weil sie nie für die armen Seelen im Fegfeuer was tun wollten!"
[RB.02_216,03] Sagt Paulus darauf: „Und da habt ihr wohl eine rechte Freude darüber?" – Sagen die beiden Mönche: „O ja, sicher! Wenn wir ihnen auch helfen könnten, täten wir's dennoch nit; denn die schmutzigen harten Luder sollen nur ewig brennen! Wir möchten kein Vaterunser beten für sie." – Sagt Paulus: „Aber ihr seid nicht sehr barmherzig, wie ich sehe! Wie wäre es denn, so ihr in der vierhundert Meilen tiefen Hölle unter der Erde wäret? Wäre es euch angenehm, so jemand gar so unbarmherzig mit euch umginge? Möchtet ihr euch ewig so sieden und braten sehen?" – Sagt der eine: „I bitt, euer Gnadn, das war aber a dumme Frag! Wie kann ma so was frogn, was nit gschehen kann? A Mönch kimmt nit so leicht in d'Höll wie an anderer Mensch – denn den schützen schon die vielen heiligen Messen, die er für die armen Seeln gelesn hat! Verstandn, euer Gnadn?"
[RB.02_216,04] Sagt Paulus etwas scherzhaft: „Ah, das ist freilich etwas ganz anderes! Richtig, an die heiligen Messen habe ich gar nicht gedacht! Ja, die mögen freilich für alles mögliche gut sein! Habt ihr beiden schon so recht viele heilige Messen gelesen, und mehr bezahlte oder mehr unbezahlte?"
[RB.02_216,05] Sagen die Mönche: „Dos is schon wieder a dumme Frag! Wer wird denn in Wean an ungezahlte Meß lesen! Waß der gnäd'ge Herr nit, daß sich die Reichn n' Himmel kaufen müssen und nur die armen Teufel werdn umsonst hineinglass'n!? Ja, mein lieber gnäd'ger Herr! D' reich'n Ludern solln nur zohln, wann's a in Himmel hineinkummen wolln. Wer den Himmel auf der Erd hat, dem gebührt in d'r anderen Welt die Höll. Und wann er dort den Himmel hobn will, so muß er'n sich kaufen, so teuer als nur immer mögli. Wir Priester Gottes habn's Recht, den Himmel aufz'tan oder zuz'machn. Daß wir ihn aber für d' Reichn nit umsonst auftun, werdn die gnäd'gen Herrn doch begreifn? Die schmutzigen Luder solln zohln, daß ihnen d'Augn übergehn, bevor sie in den Himmel hineinglassen werdn. Jo, dös tun wir, und wir habn's Recht dazu!"
[RB.02_216,06] Sagt Paulus: „Und wer hat euch denn das Recht gegeben?" – Sagt der Mönch: „Na, is das wieder a Frog! Wer wird's denn geben habn? Der Papst, als der Stellvertreter Christi auf Erden, und der hat's Recht von Gott! Das werdn's etwa doch wissn, wenn's ka Erzketzer san!"
[RB.02_216,07] Sagt Paulus: „Nun gut, wir verstehen uns schon. Aber sagt mir noch, ob ihr wißt, daß ihr euch nicht mehr auf der Erde, sondern in der Geisterwelt befindet?" – Sagen die Mönche lachend: „Uns scheint's, daß es beim gnäd'gen Herrn z'rappln anfangt! Wenn wir in der Geisterwelt wärn, so wärn wir entweder im Himmel oder im Fegfeuer oder gar in der Höll! Das aber sieht der gnä' Herr ja doch, daß mer jetzt in aner Kirchn san und da ist kane Geisterwelt!"
[RB.02_216,08] Sagt Paulus: „Ich habe eingesehen, daß ihr noch für lange Zeit unheilbar seid! Daher wir euch auch so belassen wollen, wie wir euch gefunden haben. Ich bin zwar Paulus, der bekannte Apostel des Herrn; die zwei hinter mir sind Petrus und Johannes, und in ihrer Mitte ist Christus, der Herr Selbst, der euch helfen wollte. Aber ihr seid dafür noch viel zu blind, euch wird nur das Loch des äußersten Abends heilen, wo Heulen und Zähneknirschen sein wird. Gehabt euch wohl! In einigen hundert Erdjahren werden wir uns wiedersehen!"
[RB.02_216,09] Paulus geht nun. Und als Ich mit Petrus und Johannes zu den Mönchen komme, reden sie auch Mich um ein Almosen für die armen Seelen im Fegfeuer an. Ich aber gebe ihnen keine Antwort und schenke ihnen auch kein Almosen, wie auch Meine Begleiter ihnen nichts geben. Da fangen die beiden Mönche an, uns in die Hölle zu verwünschen, und heißen uns schmutzige Luder hin und her. Darauf kommen alle die Wiener nach, die wir schon früher gewonnen haben, packen die beiden Mönche und wollen sie recht wacker durchprügeln. – Ich aber sage zu ihnen: „Lasset sie, diese sind geschlagen zur Genüge! Alle ihre Mühe auf Erden wie hier im Geisterreich, ist von nun an eine vergebliche. Sie werden langsam verdorren wie gemähtes Gras und werden zu Futter für die Tiere aufgespeichert im äußersten Abend. Gehen wir nun hinaus! Ich sehe noch einige fruchtbare Gärten, in denen müssen wir noch eine Ernte machen!"
217. Kapitel – Vor dem Stephansdom. Gute Bittrede der erlösten Dynasten. Schwierige Heilung geistlichen Hochmuts.
[RB.02_217,01] Wir gehen nun vorwärts und befinden uns in kurzem vor dem sogenannten Stephansdom.
[RB.02_217,02] Da treten einige Dynasten zu Mir und sagen: „Herr, Dir hat es wohlgefallen, unsere Residenzstadt zu besuchen, um die in ihr noch vielfach hausenden blinden Geister zu beleben mit Deiner Liebe, Gnade und Erbarmung und sie zu befreien aus der Nacht des Todes. So wolle nun auch noch der Armen gedenken, die hier unter diesem Bethaus in den Katakomben leiblich und geistig begraben liegen! Wir sehen es jetzt schon klar ein, daß bei Dir alles, was auf der Welt niedrig gestellt war, einen leichten Vorzug hat. Denn solcher Menschen Vergehen liegen zumeist im Mangel einer zweckmäßigen Erziehung. Aber bei den Hochgestellten rühren ihre Sünden sicher nicht von einer verwahrlosten Erziehung, sondern lediglich von ihrem Hochmut und Eigennutz her und sind daher sicher auch hartnäckiger als bei den Niederen. Da bedarf es hier ausschließlich eines Arztes wie Dich, o Herr, damit solchen Schwerkranken geholfen werde. Besuche daher auch diese Armen hier unter den Katakomben, vielleicht werden auch hier sich einige erwecken lassen!"
[RB.02_217,03] Sage Ich: „Meine lieben Freunde, die ihr auf der Welt vielfach nach Meinem Herzen gelebt und gehandelt habt! Von euch freut es Mich ungemein, daß ihr euch dieser Toten hier erinnert, und Ich werde sogleich dem Wunsche eures Herzens nachkommen. Aber das sage Ich im voraus: In diesem Garten werden wir eine sehr magere Ernte halten! Denn nichts ist schwerer aus einer Seele zu bringen, ohne ihr zu schaden oder sie ganz zu vernichten, als der sogenannte theologische Hochmut.
[RB.02_217,04] Ein Kaiser, König oder Fürst dünkt sich wohl unter den Menschen der Höchste zu sein; das aber liegt seinem Stand natürlich nahe, der von ihm das zu sein auch pflichtgemäß verlangt. Aber ganz anders ist es bei diesen da unten! Das sind zumeist alte, eingefleischte Hierarchen aus den finstersten Zeiten. Diese halten sich fortwährend für Wesen, denen die Gottheit Selbst gehorchen muß. Zu dieser wahnsinnigen Idee kamen sie zumeist durch die Irrlehre Roms, die jeden Priester zweimal höher stellt als die Mutter Maria, und diese wiederum an Macht zweimal über Mich Selbst, und das so, daß Ich nur durch sie zu etwas zu bewegen sei. Dazu kommen ihre Messen, in denen sie mit Mir gewisserart machen können, was sie wollen, und dabei wie ein Papst Alexander ausrufen: ,Wer kann es wagen, mit mir zu rechten? Die ganze Erde, die ich trete, erbebt unter meiner Sohle! Und Gott halte ich in meiner Rechten!‘
[RB.02_217,05] Ihr könnt daraus leicht begreifen, wie schwer es ist, Geister zur rechten Demut zurückzuführen, die sich selbst nicht nur als Götter, sondern als barste Gebieter über Gott halten. Und eben solche hausen viele da unten. Es wird daher recht schwer gehen, bei ihnen etwas auszurichten. Vielleicht ein paar dürften etwas sanfter sein; aber die andern – da werdet ihr Wunder der Hartnäckigkeit sehen! Aber ärgern dürft ihr euch nicht, auch in keine Furcht geraten; denn sie werden auch Zeichen tun durch Fixierungen ihrer Phantasie. Aber ihr müßt das alles als ein Trugwerk ansehen, das da völlig nichts ist und keine Realität hat. Und so denn, da ihr das wißt, wollen wir uns ruhig hinab begeben! Es sei!"
[RB.02_217,06] Wir steigen nun hinab in die finsteren Katakomben und lassen nur so viel Licht entstehen, als es nötig ist für die neuaufgenommenen Dynasten, auf daß sie die Einwohner dieser unterirdischen Gewölbe sehen können.
[RB.02_217,07] Als wir uns alle im Zentrum der Gewölbe befinden, kommt Robert mit Helena zu Mir und sagt: „Herr, Du unser liebevollster Vater! Erlaube uns nun, ganz nahe bei Dir zu sein, denn ich muß gestehen: Weder auf der Erde noch in der Geisterwelt, hat mich je so eine Furcht angewandelt wie hier in diesen Gewölben! Ich sehe noch niemanden; nur hie und da grinst uns ein halbverfaulter Totenschädel aus einem Sarg an, und ein höchst unangenehmer Moderduft beschleicht unsere Nüstern. – Und doch durchrieselt ein sonderbares Bangen mein ganzes Wesen. Das ist wahrlich höchst sonderbar! Als ich vor ein paar Erdjahren von Fürst Windischgrätz zum Tod verurteilt wurde, habe ich keine solche Angst empfunden wie nun. Du, lieber Vater, erlaubst es wohl, daß wir uns bei dieser Expedition in Deiner nächsten Nähe befinden dürfen?"
[RB.02_217,08] Sage Ich: „Ganz in Ordnung, mein lieber Sohn Robert! Denn Ich will ja stets, daß da ein jeder zu Mir komme, der irgendwo belastet ist, auf daß er bei Mir erquickt werde! Bleibe also nur hier, denn der Haupttanz wird bald angehen!"
218. Kapitel – Kaiser Josephs Erfahrungen mit der Klerisei. Grund des frühen Todes dieses Kaisers, der nun als Gerichtsengel gegen Rom bestellt wird.
[RB.02_218,01] Hier tritt der Kaiser Joseph hin zu Mir und sagt: „Herr, sei mir Sünder gnädig! Ich sollte zwar nicht über andere etwas reden, denn ich bin selbst noch voll von allerlei Schulden. Aber da es sich hier um den römischen hohen Klerus handelt, kann ich unmöglich schweigen! Ich habe diese Brut kennengelernt wie keiner vor und nicht leicht einer nach mir. Sie ist aber von mir auch auf eine Art gesalbt worden, die ihr in ewigem Andenken bleiben dürfte. O Herr, es ist mir vor Dir nahe unmöglich, alles zu beschreiben, was ich als Kaiser mit diesen Wesen erlebt habe! Die Schändlichkeit und Gewissenlosigkeit erreicht bei dieser Kaste einen solchen Grad, daß man, um sie zu beschreiben, wahrlich keine Worte finden kann.
[RB.02_218,02] Da es mir als Bekenner Deiner reinen Lehre nur zu hell einleuchtete, welch ein Unterschied zwischen der Lehre Roms und Deiner reinsten Himmelswahrheit hervortrat – so hätte ich der falschen Römerin für alle Zeiten den Garaus gemacht. Wäre es mir vergönnt gewesen, nur noch zehn Jahre auf der Erde zu leben – bei Deinem heiligsten Namen, da hätte ich's auch getan! Aber eben diese Luder, denen ich zum ärgsten Stein des Anstoßes geworden bin, wußten sich wie ein böses Krebsgewürm hinter meinen irdischen Lebensfaden zu schleichen und ihn vor der Zeit zu durchnagen. Und so mußte mein Vorhaben unterbleiben.
[RB.02_218,03] Aber es freut mich dennoch, daß ich wenigstens den Weg zu ihrem Verfall gebahnt habe und dieser Anfang gute Folgen hat. Denn so oft ich in dieser Welt von der Erde Kunde erhalte, heißt es allzeit, daß die Hure Babels an unheilbarer Abzehrung leide. Und das ist für mich eine Wonne, ja ein völliger Himmel. O Herr, segne meine Arbeit, daß sie auf Deiner Erde gute Früchte trage! Es würde meine größte Freude sein, so Du mir sagst, daß ich Dir auf der Erde kein ganz unnützer Knecht war!"
[RB.02_218,04] Sage Ich: „Mein liebster Bruder Joseph! Ich kann dir vorderhand nichts anderes sagen als: Du warst Mir ein Knecht wie wenige vor dir und wie bisher keiner mehr nach dir! Du handeltest ganz nach Meinem Herzen und warst treu in dem dir anvertrauten Haushalt. Daß Ich es zuließ, daß du nur eine kurze Zeit auf der Erde Mir zu dienen hattest, hatte seinen Grund darin, weil die Menschheit deiner nicht wert war. Darum habe Ich sie dann auch durch Kriege und allerlei Nöte und Trübsale heimgesucht, wodurch hoch und niedrig gedemütigt ward wie nicht leicht irgendwann vorher. Und diese Demütigungen sollen fortdauern, bis der letzte böse Same von der Erde vertilgt wird.
[RB.02_218,05] Dir aber werde Ich erst jetzt ein rechtes Schwert geben, mit dem du der Hure Babels ganz anders wirst zusetzen können, als du es auf der Erde je hättest zu tun vermocht; denn du bist Mir ein rechter Kämpfer für diese allerwichtigste Sache! Was aber Babel und dessen schwarze, scharlach- und purpurrote Knechte alles für Greuel getrieben haben, brauchst du Mir hier nicht zu erzählen. Denn alles weiß Ich am allerbesten, darum aber auch die Zeit des Gerichts über sie gekommen ist.
[RB.02_218,06] Jetzt aber gib acht: Dort aus einem finsteren Gewölbe trabt ein Erzbischof aus deiner Zeit zu uns hervor. Du wirst ihn sogleich erkennen, auch er dich. Dem gib eine gemessene Antwort, wie Ich sie dir in den Mund legen werde."
219. Kapitel – Das wahre Wesen des Erzbischofs Migatzi. Zwiegespräch zwischen diesem und Joseph. Blick in tiefste Priesternacht.
[RB.02_219,01] Spricht Joseph: „Ja, ich erkenne ihn an seinem Gang, er ist es. O Herr, wie sieht der aus, eine wahre Schreckensgestalt! Über einem förmlichen Totengerippe hängt ein alter sogenannter Vespermantel un