VON DER HöLLE BIS ZUM HIMMEL – DIE JENSEITIGE FüHRUNG DES ROBERT BLUM

Band 1 (RB)

Durch das innere Wort empfangen durch Jakob Lorber.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

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1. Kapitel – Robert Blums Erdenlaufbahn.

[RB.01_001,01] Robert Blum kam unter den dürftigsten Umständen auf diese Erde und hatte bis auf seine letzten Jahre stets mit irdischer Lebensnot zu kämpfen, was ihm aber aus gutem, der Welt freilich unbekanntem Grund zu teil wurde. Seine Seele und sein Geist stammten von jenem Planeten her, von dem ihr aus der Enthüllung der ‚Natürlichen Sonne‘ wißt, daß seine Einwohner mit hartnäckigster Beharrlichkeit ganze Berge versetzen und, was sie leiblich nicht vollbringen, sogar als Geister noch ins Werk setzen.

[RB.01_001,02] Dieser durch seine Tollkühnheit von der Welt gerichtete Mann zeigte schon von Kindheit an, welch beharrlichen Geistes er war. Obschon Ich Selbst ihm, wo immer er sich erheben wollte, seines Heiles wegen stets tauglichste Hindernisse in den Weg legte, so half das besonders für diese Welt doch wenig. Denn seines Geistes zu beharrliches Streben brach sich endlich aus aller Unbedeutendheit doch eine Bahn, auf der er zu größerem Wirken gelangte.

[RB.01_001,03] Hier machte er sogleich tausend große Pläne und setzte sie auch nach Möglichkeit ins Werk. Vor allem lag ihm ein gewisses Völkerwohl am Herzen, das zu bewerkstelligen er kein Opfer scheute. So er alle Schätze der Erde besessen hätte zur Verwirklichung dieser für ihn höchsten Idee, hätte er sie alle, samt seinem Leben, in die Schanze geschlagen!

[RB.01_001,04] Diese Völkerwohlidee hatte er hauptsächlich der Welt-Religionsschule des Ronge und Genossen zu verdanken. Aber eigentlich ist diese gar keine Religion und keine Kirche, weil sie Mich, den Herrn, leugnet und Mich zu einem gewöhnlichen Menschen und Volkslehrer der Vorzeit macht. Diese „Kirche" verwirft sonach auch den Grundstein, auf dem sie ihr Gebäude aufführen will, und ihr Haus wird daher einen schlechten Bestand haben.

[RB.01_001,05] Wie aber Ronge seine Kirche baute, so baute auch unser Mann seine Völkerwohlideen auf Sand. Ihm schien alles, was die Welt darbietet, nur klein und ohnmächtig. Nur in seiner Rednergabe sah er jene Machtgröße, der es gelingen müsse, in Kürze allen Machthabern den Stab zu brechen.

[RB.01_001,06] Seine Überzeugung war so stark, daß er darüber nahe keines Bedenkens fähig war. Mahnte Ich ihn auch innerlich bei zu gewagten Unternehmungen, vermochte ihn das dennoch nicht von dem abzuhalten, was er sich einmal vorgenommen hatte. Denn es war ihm eine Art Wahlspruch, daß ein rechter Deutscher eher alles opfern solle, als von einer einmal gefaßten Idee abzugehen.

[RB.01_001,07] Zur Festhaltung seiner einmal zur Ausführung bestimmten Ideen bestärkte ihn auch ein mehrmaliges glänzendes Gelingen derselben. Und so wagte er sich nun auch an ein Himalajagebirge, weil ihm die Abtragung einiger politischer Hügel gelungen war. Durch diese Arbeit hatte er sich auch allgemein bemerkbar gemacht und gewann dabei das Vertrauen eines ganzen Landes, was ihm aber dann den Weg zu seinem irdischen Untergang bahnte.

[RB.01_001,08] Er erprobte in der Deutschen Versammlung öfters die Macht seiner Zunge und hatte große Freude über seine Siege, woran freilich sein starker Geist den größten Anteil hatte. Darauf gestützt, eilte er in eine große ostdeutsche Stadt, wo das Volk seine Ideen tatsächlich ans Tageslicht zu fördern begann. Da wollte er sozusagen mit einem Schlag etliche dreißig sogenannte Fürstenfliegen totschlagen, nicht bedenkend, daß hinter diesen Fliegen auch Ich ein paar Wörtchen zu reden hätte.

[RB.01_001,09] Unser Mann ging hauptsächlich von einer Idee aus, die er wohl aus Meinem Worte borgte: daß man „vollkommen" sein soll gleich dem Vater im Himmel, und daß da nur Einer der Herr ist, alle anderen aber „Brüder" ohne Unterschied des Standes. Aber er glaubte fürs erste an Den nicht, dem die Menschen in der Vollkommenheit gleichen sollen. Für den Herrn aber hielt er eigentlich sich – durch die Macht der Rede. Er vergaß dabei ganz, daß die Fürsten auch Menschen sind im Besitz der Macht aus Mir; und vergaß auch den Schrifttext: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist!"

[RB.01_001,10] Dieser Mann wurde in der obenerwähnten Stadt, wo er seine völkerbeglückende Idee durch die Gewalt der Waffen wie durch seine Reden verwirklichen wollte, als ein dem Staate gefährliches Individuum gefangengenommen und nach einem kurzen Prozeß aus dieser in die andere Welt befördert. Und somit ward auch sein diesweltlicher, Völker beglücken-sollender Wirkungskreis geschlossen.

 

2. Kapitel – Erste Eindrücke des Hingerichteten im Jenseits. Bewußtwerden des Lebensgefühls.

[RB.01_002,01] Nun fragt es sich: Wie kam seine Seele und sein Geist in der ewigen Geisterwelt an?

[RB.01_002,02] Hier muß bemerkt werden, daß die meisten, ihr irdisches Leben durch ein Strafgericht gewaltsam Einbüßenden in der Geisterwelt mit dem größten Zorn- und Rachegefühl gegen ihre Richter ankommen und eine Zeitlang wie völlig Rasende umhertaumeln. Aus diesem Grund werden solche Ankömmlinge, so sie wirkliche Verbrecher wider Gottes Gebote, also im Grunde Böse sind, sogleich in ihr eigentliches Element, zur Hölle, getrieben, um dort Rache zu üben. Aus ihr kehren sie aber, so ihre Rache einigermaßen abgekühlt ist, wieder in die eigentliche Geisterwelt zurück und beginnen da von neuem, freilich auf sehr beschränkten Wegen, ihre Freiheitsprobe durchzumachen.

[RB.01_002,03] Geister aber wie der unseres Mannes, die bloß als politische Verbrecher gegen weltliche Gesetze gerichtet drüben ankommen, werden anfangs bloß in einen lichtlosen Zustand versetzt. In dem befinden sie sich wie Blinde und werden somit auch keines Wesens ansichtig, an dem sie ihre blinde Rache kühlen könnten. Großer Zorn und große Rache bewirken ja schon bei Menschen auf der diesirdischen Welt, daß sie förmlich blind werden vor Zorn und glühender Wut. Umso mehr bewirken diese argen Leidenschaften jenseits bei Seele und Geist den Zustand gänzlicher Blindheit. Darin werden solche Geister so lange belassen, bis sich ihre Rache in das Gefühl der Ohnmacht umwandelt. Die tief gekränkte und beleidigte Seele beginnt im auftauchenden Gefühl ihrer Ohnmacht zu weinen, was zwar auch dem Zorne entstammt, ihn aber nach und nach ableitet und schwächt.

[RB.01_002,04] Diesseits konnte unser Mann nichts mehr tun als nur so viel als möglich seine männliche Ehre retten. Deshalb zeigte er sich auch bei seiner Hinrichtung entschlossen und den Tod verachtend – was aber in Wahrheit durchaus nicht der Fall war. Denn er fühlte in sich überaus stark die Schrecken des Todes, und das um so mehr, als er als fester Neukatholik an ein Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes durchaus nicht glaubte.

[RB.01_002,05] Aber ungefähr sieben Stunden nach seiner Hinrichtung, da seine Seele sich gewisserart wieder zusammenklaubte, überzeugte er sich schnell von der Grundlosigkeit seines irdischen Glaubens und gewahrte gar bald, daß er fortlebe. Aber da verwandelte sich seine Überzeugung von dem Fortbestehen nach dem Tod in einen andern Unglauben: Er meinte nun bei sich, daß er wohl auf den Richtplatz hinausgeführt, aber nur scheinbar erschossen worden sei, um die vollkommene Todesangst auszustehen. Da ihm der Offizier die Augen habe verbinden lassen, auf daß er nicht das leere In-die-Luft-schießen merken solle, sei er bloß vor Angst betäubt zusammengesunken. Von da sei er in bewußtlosem Zustand in einen finsteren Kerker gebracht worden, von wo ihn eine Beschwerde von Deutschlands Bürgern sicher bald in die erwünschte Freiheit setzen würde.

[RB.01_002,06] Ihn stört nun bloß die starke Finsternis. Sein Aufenthaltsort erscheint ihm als ein finsteres Loch, das ihm jedoch nicht feucht und übelriechend vorkommt. Er befühlt sich auch die Füße und die Hände und findet, daß ihm nirgends Fesseln angelegt sind. So versucht er die Weite seines Kerkers zu untersuchen, und wie etwa der Boden beschaffen ist. Ob sich in seiner Nähe nicht etwa so ein heimliches Gericht vorfindet?

[RB.01_002,07] Aber er staunt nicht wenig, als er gar keines Bodens gewahr wird und ebensowenig irgendeiner Kerkerwand; und fürs zweite auch nichts von einer Hängematte finden kann, in der er sich etwa in einem freien Katakombenraume hängend befände.

 

3. Kapitel – Robert wähnt sich in Narkose.

[RB.01_003,01] Diese Sache kommt ihm sonderbar und bedenklich vor. Er prüft auch sein Gefühl, ob dieses nicht etwa an den Gliedmaßen gewisserart noch halbtot sei. Aber er überzeugt sich durch ein tüchtiges Kneipen und Reiben an allen seinen Seelenleibesteilen, daß sein Gefühl durchaus nicht tot, sondern im Gegenteil nur gar zu lebendig ist.

[RB.01_003,02] Nachdem er sich nun von allen Seiten überzeugt hat, daß er völlig lebendig sich von keiner Seite her irgendwie eingeschlossen befindet außer von Nacht und Finsternis, fragt er sich endlich ganz verzweifelt

[RB.01_003,03] „Wo in drei Teufels Namen bin ich denn? Was haben denn die Bluthunde aus mir gemacht? Erschossen haben sie mich nicht, sonst lebte ich nicht! Eingesperrt haben sie mich auch nicht; denn da finde ich weder Wand noch Boden und keine Fesseln an meinen Gliedern! Mein vollkommenes Gefühl habe ich auch; die Augen habe ich auch, sie sind mir nicht ausgestochen und doch sehe ich nichts! Wahrhaftig, das ist schaudervoll merkwürdig! – Dieser Menschenfeind, der mich pro forma hat erschießen lassen, muß mich vielleicht durch ein unbekanntes Narkotikum haben einschläfern lassen, weshalb ich mich nun in diesem Zustand befinde! – Aber warte, du Wüterich, du Völkerrechtmörder, wenn ich aus dieser Narkose komme, dann freue dich! Ich werde dir eine ganz verdammt heiße Suppe kochen!

[RB.01_003,04] Dieser Zustand wird nicht ewig dauern. Man wird mich in Frankfurt und in ganz Sachsen suchen lassen. Ich muß dahin kommen! Und bin ich dort, dann sollst du kennenlernen, was für ein Frevel es ist, an einem ersten Reichstagsdeputierten sich so schonungslos zu vergreifen! Das wird auf eine Art gesühnt, von der die ganze Weltgeschichte noch kein Beispiel aufzuweisen hat!

[RB.01_003,05] Wenn ich nur schon bald aus dieser sonderbaren Narkose geweckt würde! Ich brenne vor Rache, und dieser lästige Zustand dauert noch immer fort! Das ist doch eine echt teuflisch verfluchte Erfindung! Aber nur Geduld, es wird, es muß bald besser werden!"

 

4. Kapitel – Notschrei zu Gott – Berufung auf Jesus.

[RB.01_004,01] Nach diesen Worten verhält er sich eine ziemlich lange Weile ganz ruhig und reibt sich bloß manchmal die Augen, um eine allfällige narkotische Trübung los zu werden. Aber da es trotz aller Geduld nicht heller werden will, beginnt er an der Wiedergewinnung des Augenlichts zu zweifeln und wird darum immer erboster. Als aber auch trotz seines stets größeren Zornes das Licht sich nicht einstellen will, ruft er stark aus:

[RB.01_004,02] „Was ist denn mit mir geschehen? Was ist das für ein verfluchter Zustand? Gibt es denn keinen Gott mehr, der mächtig wäre und gerechter als die Machthaber der Erde von Seiner Gnaden!

[RB.01_004,03] Gott! – so Du Einer bist, recke aus Deinen Arm! Sühne mich, der ich die gute Sache Deiner Kinder zu jenem Ziel führen wollte, das einst schon der erhabene, unverstandene Völkerlehrer Jesus erreichen wollte. Aber von gemeinen Häschern aufgegriffen wurde auch er aus Dank für seine großen Mühen und Opfer zum Besten der gesamten Menschheit, an den Pfahl zur größten Schmach der Menschheit gehängt!

[RB.01_004,04] Wie er, bin auch ich ein Sohn von und aus Dir, so Du Einer bist! Bist Du aber nicht und nirgends außer im Bewußtsein der Menschen selbst? Ist Deine Kraft nur jene, deren sich auch der Mensch bewußt ist, dann freilich rede ich nur fruchtlose Worte und bin um mein ganzes Wesen für ewig betrogen! Warum aber mußte ich ein lebendes, selbstbewußtes Wesen werden? Warum mußte irgendeine im endlosen Raum sich selbst ergreifende, plumpe Idee in mir zum klarsten Ausdruck des Seins werden? Verfluchter Zufall, der mich je in ein so elendes Dasein versetzte! Wenn es arge und böse Teufel gäbe, so sollen sie doch jene Kraft, die mich werden machte, für ewig zerstören!

[RB.01_004,05] O Menschen! Ihr betrogenen armen Menschen, hört auf, euch fortzupflanzen! Menschen, die ihr nun noch lebt, ermordet eure Kinder und euch, auf daß die verfluchte Erde leer werde! O erwürgt ihr Machthaber alle Menschen und teilt dann die verfluchte Erde unter euch auf, auf daß ihr an ihr allein zur Genüge haben sollt! – Aber umsonst ist mein Eifer; ein ewiger Sklave! Was kann ein Tropfen gegen des wogenden Meeres Allgewalt? Darum verstumme, du eitle Sprache! Nur ihr Hände, versuchet diesem elendsten Dasein ein Ende zu machen!"

[RB.01_004,06] Nach diesen Worten machte er sich an Erdrosselungsversuche: einige tüchtige Eingriffe in seine Kehle, aber natürlich ohne alle Wirkung. Denn er greift sich gewisserart alle Male durch und durch, ohne auch nur eine leiseste Spur irgendeiner Erstickung zu verspüren. Das macht ihn stutzen, und er wird über diesen Zustand stets begriffsverwirrter. Da es mit dem Erdrosseln nicht geht, beschließt er, sich gerade vorwärts zu bewegen. „Denn", spricht er bei sich ganz erbost, „finsterer und grundloser als hier kann es wohl im ganzen endlosen Raum nirgendmehr sein. Daher habe ich auch keinen Abgrund und noch weniger irgendein geheimes Gericht mehr zu befürchten. Darum also nur vorwärts! Vielleicht komme ich doch irgendwo zu einem Lichtschimmer oder zum erwünschten Tod!

[RB.01_004,07] O wie glücklich muß der Zustand eines vollkommenen Todes sein! Wie glücklich muß ich gewesen sein, als ich kein Dasein fühlte und kein freies Bewußtsein! Wenn ich doch nur wieder völlig vernichtet werden könnte! Aber sei es nun, wie es will, – so mir der vollkommene Tod ein Labsal ist, gibt es auch nichts mehr, wovor ich mich fürchten sollte. Darum also nur vorwärts!"

 

5. Kapitel – Gehversuche im leeren Raum. Selbstgespräche vom Nichts und vom Fortleben. Fluch gegen Gott, den Leidensbereiter.

[RB.01_005,01] Hier macht unser Mann mit den Füßen gewöhnliche Gehbewegungen. Aber da er unter seinen Füßen keine Boden wahrnimmt, scheinen sie ihm bloß nutzlose Pendelbewegungen zu machen, die kein Weiterkommen bewirken. Er sinnt daher auf eine andere Art der Weiterbewegung und spricht:

[RB.01_005,02] „Ich muß mit Händen und Füßen durch diese lichtlose Luft auf eine eigene Art zu schwimmen anfangen! Um mit den Beinen weiterzukommen, muß man eine feste Unterlage haben. Aber wenn diese fehlt, da heißt es entweder schwimmen oder fliegen! Zum Fliegen aber gehören Flügel, diese haben wir nackten Zweibeinler nicht. Was läßt sich da anderes tun, als die noch innewohnenden Kräfte möglichst zweckmäßig zu gebrauchen. Also, es werde geschwommen!"

[RB.01_005,03] Hier fängt er an, Schwimmbewegungen mit Händen und Füßen zu machen, verspürt jedoch keinen Fortgang durch irgendeinen Luftzug. Aber das beirrt ihn nicht und er setzt seine Schwimmversuche fort. Je mehr er arbeitet, desto mehr verspürt er, daß all sein Mühen vergeblich ist. Er merkt, daß ihn diese schwarze Luft nicht den geringsten Widerstand verspüren läßt, und er stellt daher seine Bewegungen wieder ein. Er spricht:

[RB.01_005,04] „Ich Esel und Narr, was mühe ich mich denn vergeblich ab? Ich bin nun im barsten Nichts; was will ich das Nichts weiter verfolgen?! Auch ich will in die Ruhe des Nichts eingehen, um in ihr auch zu nichts zu werden! Ja, das ist der Weg zur völligen Vernichtung! Wenn ich nur wüßte, daß ich wirklich erschossen worden bin? Freilich müßte ich da vollkommen tot sein, was bei mir doch nicht der Fall ist? Auch verspüre ich nichts von irgendeiner Zerrüttung!

[RB.01_005,05] Oder sollte es nach dem Tode wirklich ein Fortleben der Seele geben? Ich aber bin ja noch mit Haut und Haaren und sogar mit meiner Kleidung da! Hat denn die Seele auch Beine, Haut, Haar und Kleidung? Wenn so, da muß also der Rock eine Seele haben? Nein! So etwas anzunehmen, müßte doch die ganze Unendlichkeit laut aufzulachen veranlassen! Hahaha! Die Unsterblichkeit eines Rockes wäre noch bei weitem ärger als die Wunderkraft des Leibrockes Christi zu Trier! Und doch, wenn ich Seele bin, ist der Rock mit mir hierher gewandert! – ?

[RB.01_005,06] Nein und tausendmal nein! Ich bin keine Seele, ich bin Robert Blum, der Reichstagsdeputierte in Frankfurt! Ich habe es hier in Wien kennengelernt, was Österreich will. Ich weiß es, daß alles Trachten dieses Staates dahin gerichtet ist, den alten Absolutismus wieder von neuem aufzurichten. Ich kämpfte wie ein Riese dagegen. Aber da die Kanonen des Gegners stärker waren als mein guter Wille, mußte ich samt meiner gerechten Sache dennoch abziehen und mich am Ende sogar totschießen lassen! Ein schöner Lohn für ein dem Vaterlande treu ergebenes Herz! O du verfluchtes Leben!

[RB.01_005,07] So es irgendeinen Gott gibt – welche Freude kann es Ihm denn wohl sein, wenn sich Menschen wegen eines Thrones und wegen Meinungsverschiedenheiten grausam totschlagen? Weil aber allezeit so Arges geschieht auf der Erde und solches doch von einem Gott nicht ausgehen kann, der logisch und physisch nichts als nur die reinste Liebe sein kann, – so gibt es gar keinen Gott. Oder, wenn es einen Gott gibt, so ist er nur ein fluchwürdiges Fatum, das die Wesen als ein Spielzeug seiner Launen betrachtet. Darum noch einmal Fluch jedem Wesen, das Menschen schafft fürs leidigste Verderben!

[RB.01_005,08] Aber jetzt nur Ruhe. Denn wenn ich in diesem Nichts die erwünschte gänzliche Vernichtung finden will, aber stets mit mir selbst rede, so erwecke ich mich dadurch aus der Vernichtung und werde wieder lebend durch die neu erregten Lebenskräfte. Daher also strenge Ruhe, damit die Vernichtung kommt!"

 

6. Kapitel – Äußere Ruhe, innere Unruhe. Was ist das Leben? Sehnsucht nach Glaubensfrieden lenkt aufs Gebet. Der Gedanke an Weib und Kinder.

[RB.01_006,01] Nach diesen Worten wird Robert ganz stumm und ruhig mit dem Munde, aber desto rühriger in seinem Herzen. Das ärgert ihn schon wieder, da er damit nur desto mehr Leben und umfassenderes Bewußtsein in sich wahrnimmt. Je ruhiger er wird, desto größer wird die innere Regsamkeit. Je mehr er diese unterdrücken will, desto kräftiger tritt sie auf.

[RB.01_006,02] Das treibt ihn wieder in eine neue Art von Verzweiflung und Zornwut. Denn es wird ihm immer einleuchtender, daß er auch auf diese Weise des ihm schon über alles lästigen Lebens nicht loswerden kann. Daher fängt er wieder zu reden an:

[RB.01_006,03] „Nun möchte ich aber in Teufels Namen doch wissen, was denn das schweinsdumme Leben ist, daß man seiner nicht loswerden kann! Ich habe ja doch Tausende sterben gesehen: sie wurden tot und es blieb nicht das leiseste Lebenszeichen mehr übrig! Verwesung war das vollkommene Ende ihres Seins. Diese können doch unmöglich irgendein Bewußtsein mehr haben. Oder sollten sie etwa außer dem Leibe auch noch ein Leben haben gleich meinem?

[RB.01_006,04] Ich kann nicht tot werden. Wer erhält mir denn dieses lästige Leben? – O du, der du mich hast erschießen wollen, du hast mich nicht tot-, sondern nur lebendig schießen lassen! Wenn deine Helfer an allen deinen Feinden solche Effekte wie an mir bewirken werden, dann erspare dir die Mühe. Denn du wolltest mir nehmen, was du mir ewig nicht wiedergeben kannst. Aber wie sehr lache ich dich nun aus! Denn ich, den du totmachen wolltest, lebe. Du aber, der du zu leben wähnst, bist nun um zehnmal toter als ich, dein Opfer!

[RB.01_006,05] Es wäre im Grunde alles recht, wenn ich nur ein kleinstes Schimmerchen von einem Lichte hätte! Aber diese totale Finsternis soll der Teufel holen!

[RB.01_006,06] Wenn ich in dieser Lage etwa ewig verharren soll? O verflucht! Wenn ich etwa doch schon ein Geist bin? Das wäre eine verteufelte Bescherung! Nein, das glaube ich nicht, ein ewiges Leben kann es ja nicht geben. Doch kommt es mir schon hübsch lange vor, seit ich in dieser Finsternis zubringe. Es müssen doch schon einige Jährchen verflossen sein? Nur Licht, Licht, dann ist alles recht!

[RB.01_006,07] Ich muß offen gestehen, daß es mir nun lieber wäre, so ein dummer Kerl zu sein, der an den Gottes-Sohn, an den Himmel, nebenbei freilich auch an den ewigen Tod, an den Teufel und an eine Hölle glaubt und in solchem Wahnglauben mit ruhigem Gewissen stirbt, – als daß ich hier mit meiner Vernunft mich in totalster Lichtlosigkeit befinde! Aber was kann ich dafür? Ich suchte stets die Wahrheit und glaubte, sie auch gefunden zu haben. Aber was nützt sie, wenn es in ihr kein Licht gibt?

[RB.01_006,08] Das Beste bei mir ist und bleibt meine Standhaftigkeit und gänzliche Furchtlosigkeit. Denn wäre ich ein ängstliches Wesen, müßte ich in diesem Zustand in die tiefste Verzweiflung geraten. Aber so ist mir nun schon alles eins!

[RB.01_006,09] Mein Weib und meine Kinder fangen in meinem Herzen freilich nun auch sich ein wenig zu rühren an. Die Armen werden wohl Traurigkeit und großen Kummer um mich haben. Aber was kann ich in dieser Lage für sie tun? Nichts, gar nichts! Beten, das könnte ich freilich, aber zu wem und zu welchem Nutzen? Der beste Wunsch für sie ist ohnehin in meinem Herzen ein wahres Gebet, das ihnen sicher nicht schadet, so es ihnen auch nichts helfen kann. Ein anderes Gebet aber kenne ich nicht, – außer dem wohlbekannten römischen ,Vaterunser‘, ‚Ave Maria‘ und wie noch eine Menge anderer Zungenwetzereien heißen! – Für diese aber würde sich meine gebildete Familie sicher erstaunt bedanken. Doch sie kann es ja unmöglich je erfahren, was ich hier tue!"

 

7. Kapitel – Ehrfurchtsvolles Gedenken an Jesus ruft starkes Blitzen hervor. Schreck und freudige Verwunderung Roberts.

[RB.01_007,01] Robert spricht weiter: „Das sogenannte Vaterunser ist unter allen Gebetsformeln wohl die beste! Denn also hat der weise Lehrer Jesus seine Schüler beten gelehrt. Leider ist dieses Gebet noch nie ganz verstanden worden, da man es meistens blind für alle Fälle und Bedürfnisse vorbrachte. Aber die Römischen legen in diese Gebetsformel statt der Wahrheit nur eine gewisse läppisch magische Kraft und gebrauchen sie als eine sympathische Universalmedizin gegen alle Übel, auch wider die Krankheiten der Tiere! Und das ist mir denn doch unmöglich! – Das Vaterunser an und für sich ist sicher ein sehr würdevolles Gebet; aber freilich nur im rechten Sinne und nur als das, was es ist. Aber in der Art, wie es Römlinge und Protestanten gebrauchen, der barste Unsinn!

[RB.01_007,02] O du guter Lehrer und Meister Jesus! Wenn dein Los etwa auch dem meinen gleicht, so wirst du in solch einem Zustand nach deiner Hinrichtung wohl auch schon oft bereut haben, den argen Menschen so viel Gutes getan zu haben? Beinahe 2000 Jahre in solcher Nacht! O Edelster, das muß sehr hart sein!"

[RB.01_007,03] Als unser Mann den Namen Jesus so teilnehmend und ehrend ausspricht, fährt ein starker Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang. Darüber erschrickt unser Freiheitsapostel sehr, empfindet aber eine große Freude, da er dadurch die Überzeugung hat, daß er nicht blind ist.

[RB.01_007,04] Zugleich aber fängt er auch an, nachzudenken, was denn etwa doch die Ursache dieses hellen Blitzes war. Er geht alle ihm bekannten Gründe zur Erweckung der Elektrizität durch, findet aber nichts zur genügenden Erklärung dieser ersten Lichterscheinung in seinem ihm noch immer unbegreiflichen Zustand.

[RB.01_007,05] „Aber jetzt geht mir ein neues Gedankenlicht auf!" ruft er. „Ja, ja, so ist es! – – O du herrliche Philosophie, du unversiegbarer Born der wahren Weisheit! Du bringst jedem das rechte Licht, der dich, wie ich, mit aller Glut und Liebe ergreift und dich in allen Lebenszuständen als einzigen und verläßlichsten Ratgeber und Wegweiser benützt! Schau, wie geschwind habe ich nun mit deiner Hilfe diesen gordischen Knoten gelöst!

[RB.01_007,06] Wo im Reich des Nichts ein individuelles Sein sich vorfindet, da können sich ja noch eine Menge anderer, entweder gleich- oder anders gearteter Sein vorfinden! Und so können außer diesem meinem Sein sich noch eine Menge allerartiger Wesenheiten hier befinden, die zur Erweckung der Elektrizität tauglich sind, ohne das uns alle umfassende Nichts im geringsten zu beeinträchtigen. So ist's gut! Ich weiß nun, daß es außer mir in dieser Nacht doch noch irgendwie geartete wesenhafte Nachbarn gibt. Ich bin somit durchaus nicht gar so allein hier, wie ich es mir geraume Zeit vorgestellt habe. Oh, das ist gut, das ist sehr gut!

[RB.01_007,07] Wenn ich mich nur schon früher ernstlich der deutschen Philosophie in die Arme geworfen hätte, da stünde ich sicher schon auf einem andern Boden. Aber ich Dummkopf verlor mich am Ende in eine kleinlich läppische Gebetskritik und in ein nutzloses Bedauern des großen, weisen und edelsten Völkerlehrers Jesus und ver– –!"

[RB.01_007,08] Hier blitzt es wieder und diesmal noch stärker als zuvor. Robert ist außer sich vor Schreck und Verwunderung und kann sich nicht fassen über dieses für ihn unbegreiflich intensive, freilich nur kurz dauernde Licht. – Es kam ihm dabei auch vor, als hätte er in einer weiten Entfernung bestimmte Umrisse von allerlei ihm bekannten Gegenständen gesehen. Aber ihre Beleuchtung dauerte zu kurz, als daß er sie näher hätte bestimmen können.

[RB.01_007,09] Nach einer langen Ruhe konnte er erst wieder seine Gedanken tiefer zu fassen anfangen. Sein erster wieder etwas geordnete Gedanke war folgender: „Aha, nun weiß ich erst, woran ich bin! Dieses Blitzen deutet auf ein starkes Gewitter, das sich nun in der Nacht über Wien hermachen wird! Ich erwache nun nach und nach aus meiner großen Betäubung und kehre wieder ganz ins Leben zurück. Wahrscheinlich hilft diese vom elektrischen Fluidum schwangere Luft mir dazu, und ich werde unter Blitz, Donner und Hagel wieder ins Leben zurückkehren? Donnern höre ich zwar noch nicht, aber das Wetter kann auch noch sehr weit von hier stehen.

[RB.01_007,10] Aber kann es denn nicht sein, daß ich auch taub bin? Meine Gedanken vernehme ich freilich wie Worte; aber das ist noch kein Beweis, daß ich darum im Vollgebrauch meiner Gehörsorgane bin. Vielleicht komme ich bei dieser Gelegenheit auch wieder zu meinem Gehör. Freilich, das sonderbare Gefühl des mich umgebenden Nichts kann ich mir auf natürlichem Wege durchaus nicht erklären. Aber was liegt da daran? Ich bin einmal da und habe nun zweimal blitzen gesehen: Beweis, daß ich nicht blind bin! Wer weiß, ob das nicht alles die Wirkung des drohenden Gewitters ist? Daher lasse ich das Wetter einmal loskrachen und vorüberziehen; da wird es sich dann schon zeigen, ob ich noch so verbleiben werde wie jetzt.

[RB.01_007,11] Freilich dauert dieser Stand schon hübsch lange. Nach meinem Gefühl könnten es auch schon hundert Jahre sein; aber das wird eine bloße Gefühlstäuschung sein. Ja, ja, wenn man in einer gewissen Betäubung dahinschmachtet, muß ja aus einer Minute ein Jahr werden. Ja, so ist es auch! Wenn es nur bald wieder blitzte und nachher auch ein wenig donnerte! Aber die Blitze lassen sich Zeit?" – –

 

8. Kapitel – Erneute Liebe zum Leben. Rachedurst wandelt sich in Vergebungsgedanken. Neuer Blitz und bleibende Helle.

[RB.01_008,01] Spricht Robert weiter: „Oder, oder? Sonderbarer Einfall! Sollten etwa diese zwei Blitze bloß in meiner Phantasie vorgekommen sein und zeigen vielleicht an, daß es mit mir nun bald völlig zu Ende gehen werde? Ja, es kann auch sowas sein. Denn da ich nun angefangen habe, dies armselige Leben ein wenig liebzugewinnen, wird es sicher bald zu Ende sein mit ihm! Man rufe nur den Tod, da kommt er sicher nicht. Fürchtet man ihn aber und wünscht von ganzem Herzen, daß er noch lange ausbleiben möchte, da kommt er sicher am ehesten! Daher muß ich wieder meine baldigste volle Vernichtung mit all meinen noch vorhandenen Kräften begehren, dann darf ich völlig sicher sein, daß mich der wahre Tod noch nicht gar zu bald am Kragen haben wird!

[RB.01_008,02] Wahrlich, das ist ein guter, alter Spruch: ,Wer das Leben liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben verachtet, der wird es erhalten!‘ – Bei mir ist das nun schon einmal der Fall gewesen. Denn nur aus Lebensverachtung habe ich aus Liebe zu allen meinen deutschen Brüdern mich in die größten Gefahren begeben und wurde da höchstwahrscheinlich doch durch Pulver und Blei hierher befördert! Aber ich, Robert Blum, lebe!

[RB.01_008,03] Freilich bin ich jetzt noch ohnmächtig. Aber es sagt mir ein inneres Gefühl: Robert, du wirst bald stark und mächtig werden, dein Blut zu sühnen an diesen gemeinen Mördern und Henkern! Ja, ja, Robert, du wirst wieder stark werden! Als du auf der Erde lebtest, da warst du einfach in dir selbst zu Hause. Nun aber lebst du in Millionen Herzen deiner Brüder und lebst in dir selbst auch noch in der Wirklichkeit! Daher zage nicht, Robert! Du wirst noch sehr stark und mächtig werden!

[RB.01_008,04] Freilich wäre es besser, wenn ich jetzt schon stark wäre, wo sich noch mein Zorn und Rachedurst in vollster Glut befindet. Aber so sich etwa nach und nach in dieser Nacht meine Rache legen sollte und ich darauf erst erstarken soll, da bleibe ich schon lieber in meiner gegenwärtigen Schwäche und will an meiner Statt das Fatum walten lassen.

[RB.01_008,05] Es ist überhaupt merkwürdig, daß ich nun meinen doch gerechtesten Zorn und mein Rachegefühl nicht halten kann! Es wandelt sich manchmal ganz in eine Art großmütiger Vergebung, was mich sehr ärgert. Aber wenn ich die Sache recht fasse, ist das doch eigentlich wieder echt deutsch! Nur der Deutsche kann vergeben. Und das ist eine herrliche Tugend, die den edelsten Seelen nur eigen ist!

[RB.01_008,06] Wer kann zu seinem Mörder sagen: ,Freund, du hast Übles an mir getan, aber ich vergebe es dir vom Grunde meines Lebens!‘ Das kann Robert! Ja, Robert kann es nicht nur, er tut es auch! – Bruder Alfred, der du mich hast schändlich ermorden lassen, ich vergebe es dir und will an dir ewig keine Rache nehmen, und könnte ich es auch tausendfach tun! – Ja, höre es ganz Deutschland: Robert Blum hat seinem und also auch deinem Feinde die Untat vergeben!

[RB.01_008,07] Ah, nun ist mir auf einmal leichter! Hm, ich bewundere selbst meine Größe, das ist ein großes Labsal für mich! Zwar sagt die Mythe das ebenso von dem großen Völkerlehrer, der auch am Kreuz seinen Feinden alle ihre Untaten vergab. Aber in ihm war sicher auch eine echt deutsche Seele zu Hause, sonst wäre er solcher Charaktergröße kaum fähig gewesen. Denn den Orientalen ist so eine Großmut wohl nie zu eigen gewesen. Ja, ja, der große Lehrer Jesus war auch ein Deutscher!"

[RB.01_008,08] Bei Nennung des Namens Jesus fährt wieder ein mächtiger Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang und läßt nach dem Untergange einen leichten, bleibenden Schimmer eines eigentümlich grauen Leuchtens zurück, was unsern Robert sehr befremdet, da er nun schon wieder mit seiner früheren Gewittererwartung sozusagen ganz breitgeschlagen ist.

 

9. Kapitel – Alle Weltweisheit ist eitel. Jesus legt Seinen Jüngern den Glauben ans Herz.

[RB.01_009,01] Aufmerksam betrachtet er den nachhaltigen Schimmer und weiß nicht, was er daraus machen soll. Nach einer Weile kommt er wieder zu sich, fängt wieder nüchterner über diese Erscheinung zu denken an und sagt sich:

[RB.01_009,02] „Es ist am Ende doch noch ein Wetter, dessen Gewölk sich nun nach dem dritten Blitz auf einer Seite ein wenig zu lichten anfängt. Nur eines geht mir dabei nicht so ganz ein, daß ich erst jetzt klar gewahr werde, wie ich mich gleich einem Vogel in freier Luft oder im freiesten Äther ohne alle Unterlage befinde. Solch ein Zustand hätte in der früheren Nacht wohl noch als Gefühlstrug angenommen werden können; aber nun ist es kein Trug mehr, sondern volle Wahrheit.

[RB.01_009,03] Jetzt wird mir wohl klar, daß ich dem Leibe nach wirklich gestorben bin, da man doch unmöglich annehmen kann, daß sich ein schwerer Leib so lange frei im Luft- oder Ätherraume halten könnte. Aber außer mir, weder unter mir noch über mir ist nirgends etwas Gegenständliches wahrzunehmen. Ich muß mich sonach sehr ferne von irgendeinem Weltkörper befinden. Hm, sonderbar!

[RB.01_009,04] O Hegel, o Strauß, o Ronge! Eure Weisheit scheint hier stark Schiffbruch zu leiden. Wo ist eure allgemeine Weltseele, in die nach des Leibes Auflösung der Mensch übergehen soll? Wo ist der im Menschen auftauchende Gott und wo sein Sich-seiner-selbstbewußt-Werden im Menschen? Ich bin gestorben und bin nun hier ganz in der ohnmächtigsten Alleinheit, die sich nur irgendwie denken und vorstellen läßt. Da ist keine Spur von irgendeiner auftauchenden Gottheit und ebensowenig irgendein Übergang meines Wesens in das allgemeine Weltseelentum wahrzunehmen.

[RB.01_009,05] O ihr eingebildeten menschenfreundlichen Weltweisen! Von solch einem Befinden nach des Leibes Tod habt ihr wohl noch nie die leiseste Ahnung gehabt. Kurz und gut, ihr habt mich betrogen und werdet noch viele betrügen. Aber es sei euch alles vergeben, da ihr ja auch Deutsche seid! Wüßtet ihr etwas der Wahrheit Gemäßeres, so würdet ihr es euren Jüngern sicher nicht vorenthalten haben! Aber da ihr dessen nicht fähig seid, so gebet ihr, was ihr habt, und das ist wenigstens redlich gehandelt.

[RB.01_009,06] Freilich nützt dem Menschen hier eure Redlichkeit gar nichts. Aber das macht auch nichts, da es im Grunde genug ist, die Menschheit bloß irdisch-materiell in einer gewissen Ordnung zu erhalten. Was aber das oft bezweifelte Leben nach dem Tode betrifft, so braucht es da sicher keine Gesetze mehr. Denn welche Verpflichtungen könnten mir noch obliegen? Sicher keine anderen, als die eines Wölkchens in der Luft, das die Winde treiben. Hätte ich nun auch die Weisheit Salomos und die Stärke Goliaths, wozu wohl könnten sie mir dienen?

[RB.01_009,07] Darum wäre es wahrlich besser, in dem finstersten Aberglauben Roms zu sterben, da man wenigstens im blinden Glauben seinen Leib ablegte, nach dessen Abfall entweder gut oder schlecht der Seele nach fortzuleben. Besser, als daß man als Rongeanischer Puritaner mit dem Tod alles Leben für ewig zu verlieren wähnt und sich somit vor dem Tod auch gräßlich fürchten muß. O Himmel! Lieber ewig in dieser wesenlosen Leere schmachten, als noch einmal solch eine Todesangst auszustehen!

[RB.01_009,08] Darum, ihr Lehrer, lehret eure Jünger glauben! Und sie werden glücklicher sterben, als ich mit all meiner Vernunftstärke gestorben bin. Nun wird mir auch klar, warum der große Meisterlehrer seinen Jüngern stets nur den Glauben ans Herz legte!"

 

10. Kapitel – Gute Gedanken über Jesus. Der Glaube an die Unsterblichkeit und an einen Gott der Liebe wächst.

[RB.01_010,01] Spricht Robert weiter: „Dieser weiseste Lehrer der Völker ward gleich mir aus dem Schoße dürftiger Eltern zur Welt geboren. Er muß sich höchstwahrscheinlich nur mühsam unter allen möglichen Entbehrungen auf den Standpunkt der höchsten moralischen Weisheit gehoben haben, wobei er sich seitens der verschrobenen jüdischen Priesterherrschaft sein ganzes Leben hindurch auch noch manche Verfolgungen hat gefallen lassen müssen. Es mußte für ihn enorm schwer gewesen sein, sich unter den hartnäckigsten Mosaisten und Aaroniten, in deren Köpfen und Herzen eine finstere Nacht zu Hause war, zu solcher Weisheit emporzuschwingen.

[RB.01_010,02] Wahrscheinlich ist er einmal als armer Teufel entweder mit seinen ebenso armen Eltern oder mit einer andern Karawane nach Ägypten gekommen und hat dort durch seine angeborenen Talente die Aufmerksamkeit irgendeines großen Weisen auf sich gezogen. Der nahm ihn dann in seine Schule und weihte ihn in alle Geheimnisse der tiefsten Weisheit ein, mittels deren weiser Anwendung er dann bei seinen dümmsten Landsleuten die größte Sensation erregen mußte. Oder er kam in die Schule der Essäer, die damals die Quintessenz aller Weisheit besaßen. Wodurch er dann natürlich auch vor den blinden Juden nahe als ein Gott dastehen mußte, der armen Menschheit zum größten Troste, wennschon der überreichen und hochmütigen Priesterschaft zum größten Arger!

[RB.01_010,03] Es lacht mir noch jetzt das Herz, wenn ich daran denke, wie er bei den verschiedensten Anlässen die gesamte hohe Priesterschaft manchmal auf eine Art zurechtgewiesen hat, daß sie darob nicht selten vor Ärger hätte zerbersten mögen. Leider ward er am Ende ein Opfer seines zu großen Mutes und der allzu tückischen Niederträchtigkeit der mit Gold und Edelsteinen verbrämten Tempelbestien.

[RB.01_010,04] Aber – erging es mir etwa besser? O nein! Auch ich bin ein Märtyrer für meine edelsten Bestrebungen geworden. Ich wollte die Menschheit von den alten Sklavenketten befreien, und mein Lohn dafür war der schnödeste Tod. Es ist wahrlich rein des Teufels um die gesamte Menschheit! Ihre größten Freunde tötet sie, und ihren abgefeimtesten Feinden bringt sie Triumphzüge unter Musik- und Fackelglanz!

[RB.01_010,05] Aber nun bin ich von allem erlöst, und zwar mit dem überzeugenden Bewußtsein, daß es allen großen Völkerwohltätern nicht um ein Haar besser ergangen ist als mir, der ich trotz meines guten Willens doch noch lange kein Jesus bin!"

[RB.01_010,06] Bei der Nennung dieses Namens fährt schon wieder ein mächtiger Blitz, und zwar diesmal sehr nahe an Robert vorüber. Er hinterläßt nun schon eine Art Abenddämmerung wie auch gegen Abend hin etwas von einer dunstigen Gegend, so daß unser Mann nun seine ganze Form recht gut erkennen kann, ohne dabei seinen freiesten Zustand in der Luft zu verlassen.

[RB.01_010,07] Obschon ihn der Blitz auch diesmal sehr überrascht, so erschrickt er nicht mehr davor, sondern fängt sogleich mit Ruhe darüber nachzudenken an und spricht bei sich: „Wahrlich, im höchsten Grade merkwürdig! Nun fuhr der Blitz mir ja sozusagen durch den Leib, und ich empfand dabei nichts als zum ersten Mal ein ganz überaus wohltuendes Lüfterl und fühle mich nun darauf ganz außergewöhnlich gestärkt! Und sein noch stärkerer Lichtschimmer tut meinem Herzen und meinen Augen um so mehr wohl. Auch darf ich, wie mir vorkommt, gegen Abend eine Art sehr dunstiger Gegend erschauen, – was mich um so mehr überzeugt, daß ich ernstlich in der freien Luft schwebe. Auch kann ich nun meine Füße, Hände, und auch meine Kleidung, wie ich sie am Richtplatz anhatte, gut ausnehmen.

[RB.01_010,08] Oh, wer auf der Erde würde nicht über Hals und Kopf zu lachen anfangen, wenn man ihm sagte, daß nach dem Abfall des Leibes nicht nur die Seele unter der früheren irdischen Menschengestalt, sondern auch im vollsten Ernste des Leibes Kleidung unsterblich ist!?

[RB.01_010,09] Der große Shakespeare hatte wahrlich recht, da er sagte: ,Zwischen Mond und Sonne geschehen Dinge, von denen sich die menschliche Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen.‘ Und zu diesen Dingen gehört die Unsterblichkeit irdischer Leibeskleidungen! Dabei scheint eine ganz sonderbare Fügung obzuwalten, gerade mein Siegeskleid, das Kleid der höchsten Schande in den Augen meiner Feinde, wurde mit mir erhöht zur höchsten Freiheit! Ja, das kann nur ein liebevollster und gerechtester Gott so fügen! – Nun glaube ich aber auch, daß es einen wahrhaftigen Gott gibt, der es ewig nicht nötig hat, erst bei Hegel und Strauß anzufragen, ob Er da sein darf und kann.

[RB.01_010,10] Sonderbar aber kommt es mir doch vor, daß es, sooft ich den Namen des großen Morgenländers nannte, ebensooft geblitzt hat! Sollte etwa auch an seiner mehr als menschlichen Gottessohnschaft doch im Ernst etwas Wahres sein?

[RB.01_010,11] Wenn Röcke sogar unsterblich sind, da kann es mit Jesus – aha, hat richtig wieder geblitzt, und das stärker nun als die früheren Male! – Sonderbar!!"

 

11. Kapitel – Weitere Ehrfurchts- und Sehnsuchtsgedanken für Jesus. Die Lichtgegend rückt näher.

[RB.01_011,01] Spricht Robert weiter: „Sollte auch er etwa, gleich mir, sich irgendwo hier befinden und verkehrt nun mit mir, als einem Mann ungefähr seinesgleichen, auf diese ganz unschädliche elektrische Art und Weise? Ja, ja! Denn er soll besonders in der ägyptischen Magie, hauptsächlich durch die Kenntnis der innersten Naturkräfte, einer der erfahrensten Männer gewesen sein. Woraus auch seine sogenannten Wundertaten sehr wohl zu erklären sein dürften, – besonders wenn die dümmsten Osmanen die große Bibliothek zu Alexandria nicht verbrannt hätten.

[RB.01_011,02] Ja, ja, wie mir meine Hegelsche und Rongeanische Weisheit geblieben ist, so ist auch ihm sein großer Weisheitsschatz verblieben, mit dessen unschätzbarer Hilfe er mir nun durch Blitze kundtut, daß er sich in meiner Nähe befindet und vielleicht ebenso den Wunsch hat, in dieser Leere irgendein Wesen zu treffen. Es muß kein Spaß sein, mit dem gewecktesten Geiste der Welt 1800 und dazu noch etliche 40 Jahre sich bloß mit seiner höchsteigenen Gesellschaft begnügen zu müssen. O edelster, bester und größter Menschenfreund! Wohl bin ich deiner Größe gegenüber nicht wert, dir die Schuhriemen zu lösen, aber was nützt hier alle irdische Größe? Da verschwindet wahrlich aller Glanz und alle irdische Berühmtheit!

[RB.01_011,03] Dein Name, und für die Folge auch der meinige werden wohl noch lange auf der Erde gerühmt und bewundert werden; aber was haben wir beide davon? Wir können hier in der endlosen Leere bloß durch eine Art elektrischer Blitztelegraphen andeuten, daß wir beide uns hier, vielleicht nicht gar zu ferne voneinander befinden.

[RB.01_011,04] Wäre es doch möglich, daß wir uns einander nahen könnten, wahrlich unsere Gesellschaft genügte uns für ewig! Zwei große, in allem höchst verwandte Seelen würden wohl für ewig nie des herrlichsten Gesprächsstoffes ermangeln und sich auf die anziehendste Weise die Zeit oder auch die Ewigkeit verkürzen und köstlich würzen! Aber was nützt da der beste Wunsch. Wer soll, wer kann ihn verwirklichen?

[RB.01_011,05] So wie wir beide schweben vielleicht noch zahllose andere Wesen. Die Weltkörper waren vielleicht ursprünglich auch das, was wir nun sind? Nach Trillionen von Erdjahren haben sich zahllose Atome um sie angesammelt. So sind aus ihnen am Ende ganze Weltkörper entstanden, in deren Mitte noch dieselben Geister oder Seelen wohnen, um die sich durch die Ansammlung ganze Welten gestaltet haben!

[RB.01_011,06] Vielleicht bist du, mein großer Freund, auch seit nahe 2000 Jahren schon so ein kleines Kometchen geworden und kannst aus deiner eigenen Dunstsphäre schon Blitze erwecken? Es wird bei mir noch sicher viel Geduld brauchen, bis ich einmal nur einige Meter Dunstatmosphäre um mich angesammelt haben werde. Vielleicht werde ich einmal, wenn du schon ein reifer Planet sein wirst, ein Trabant von dir sein? Oder so du etwa gar zu einer Sonne wirst nach vielen Dezillionen Erdjahren, kann ich vielleicht dein allernächster Planet wie Merkur werden!

[RB.01_011,07] Das sind wohl freilich sehr weit hinausgeschobene Hoffnungen; aber was kann man dagegen tun? Nichts, als alles in Geduld abwarten. Hier im Reich der Ewigkeit muß man sich auch mit ewigen Hoffnungen trösten, will man vor entsetzlicher Langeweile nicht in die barste Verzweiflung übergehen.

[RB.01_011,08] Aber da sieh! Jene dunstige, sonderbare Gegend tief unter mir wird nun etwas heller, und es scheint auch, als ob sie mir näher käme. O das wäre sehr scharmant! Das ist schon so, wie ich es mir früher gedacht habe.

[RB.01_011,09] Mein großer Freund Jesus – aha, hat schon wieder geblitzt! Allein das macht nichts! – Was habe ich eigentlich sagen wollen? Mein großer Freund, der wahrscheinlich schon zu so einer kleinen Kometwelt angewachsen ist, hat meinen sehnlichsten Wunsch vernommen und bietet nun alles auf, um zu mir zu kommen. Da wird er mich sicher zu ihm in seine junge Weltmitte ziehen, wird auf diese Art die Anziehungskraft der äußern Ätheratome verstärken und somit desto eher und leichter zu einer Vollwelt anwachsen. Ja vielleicht hat er auch schon eine größere Menge ihm verwandter Wesen um sich? Das kann sehr leicht sein, denn Wesen wie ich hat es schon so manche gegeben.

[RB.01_011,10] Kann er mich nun anziehen, so hat er auch alle seine Nachfolger, die vor mir den wahren Kreuzweg durchgemacht haben, auf eine gleiche Weise angezogen! Und so könnte ich nun auch schon eine ganz große Gesellschaft um ihn antreffen? Wäre das der Fall, welch ein Vergnügen wäre das für mich!

[RB.01_011,11] Aus dieser Sache scheint einmal doch ernstlich etwas werden zu wollen. Die sonderbare Gegend kommt mir stets näher und wird dabei auch stets etwas heller und deutlicher. Ich nehme nun schon wirklich etwas aus, das ungefähr einem kleinen Berg gleichsieht, umgeben mit mehreren Hügelchen! Gott Lob, auf diese Art komme ich vielleicht doch mit der rechten Geduld endlich einmal auf irgendeinen festeren Grund!"

 

12. Kapitel – Ein Mensch erscheint in der Lichtgegend. Ist es Jesus? Roberts Freude in Erwartung des Ersehnten.

[RB.01_012,01] Spricht Robert weiter: „Mein Herz, freue dich! Denn die Gegend ist schon recht nahe an mich herangekommen. Und da sehe ich ja auch etwas wie einen Menschen auf dem kleinen Berg stehen, der mir zu winken scheint!

[RB.01_012,02] Am Ende ist das gar der gute Jesus selbst? Ja, ja, er ist es leibhaftig! Denn nun sah ich klar, wie bei der Nennung seines Namens gerade von ihm ein starker Blitz in der Richtung gegen mich herfuhr. Oh, das wird endlos scharmant sein, mich in der Gesellschaft desjenigen Geistes zu befinden, dessen Größe und unübertreffliche Weisheitstiefe ich so oft über alles bewundert habe!

[RB.01_012,03] O ihr armen, dummen Menschen auf der Erde, die ihr euch wegen irdischer Güter und wegen einer sogenannten höheren Geburt für besser haltet, als da sind viele Tausende der armen Brüder und Schwestern, die ihr nur unter dem Namen Canaillen kennt! Ich rufe euch zu, daß ihr alle zusammen nicht wert seid, statt eures Gehirnes den Dreck eines der armen Brüder in eurem edlen Kopfe herumzutragen! Hättet ihr einen so schalen Gehirnkasten, da hättet ihr doch wenigstens eine Ahnung von dem, wie es hier ist!

[RB.01_012,04] Hierher kommt, ihr großen, mehr als zur Hälfte toten Esel. Hier werdet ihr es erst kennenlernen, was ihr seid, was eure Geburt, was eure Ahnen, was euer Gold! Wahrlich, kein Teufel wird euch aus eurer finsteren Verbannung befreien! Denn die, welche die Gottheit euch zu Rettern sandte, habt ihr, von Abel angefangen, allezeit gefangengenommen und grausamst ermordet. Aber nun rufe ich es laut über euch aus:

[RB.01_012,05] Eure arge Zeit ist am Rande! Bald werdet ihr alle hier sein und vielleicht nach euren stolzen Ahnen fragen. Aber der ewige, finstere Raum um euch wird auch ewig antwortleer verbleiben! Aus euch wird die Gottheit wohl schwerlich je ein Schneckenhaus, geschweige eine Welt bauen! Aber Gott tue, was Er will! Ich aber bin nun über die Maßen froh, daß mir mein allerliebster Freund samt der stets helleren Gegend schon so nahe ist, daß ich ihn beinahe schon anreden könnte! Gott Lob für diese Bescherung!"

 

13. Kapitel – Roberts Anruf. Jesu Kommen. Die abgeschiedene Seele findet wieder einen festen Grund.

[RB.01_013,01] Spricht Robert weiter: „Stets näher kommt diese sonderbare Gegend heran! Der eine Berg, auf dem der Groß-Meister der herrlichsten Moral steht, ist ziemlich von Bedeutung. Er dürfte einige hundert Fuß Höhe haben und ist auf der einen Seite recht felsig und schroff. Aber die anderen Hügelchen um ihn könnte man sehr leicht bloß nur für etwas bedeutendere Sandhaufen halten, von denen die größten wohl kaum dreißig Fuß Höhe haben dürften. Auch die Beleuchtung dieser Hügelgegend ist sonderbar. Man sieht die Hügel auf eine Art, als wären sie mit Phosphor überzogen. Aber ihre Füße und die dazwischen vorkommenden Täler und Ebenen ersieht man durchaus nicht. Man gewahrt nur einen Dunst, der ein sonderbares dunkelgraugrünes Aussehen hat und kann durchaus nicht ausnehmen, wie weit über diese kleine Hügelgegend er sich etwa hinaus erstreckt.

[RB.01_013,02] Ich meine, so werden wohl alle sich neugestaltenden Weltkörper aussehen, bevor sie als unscheinbare Kometen ihre Laufbahn um eine Sonne beginnen? Diese Hügel werden unten wohl irgendeine Verbindung haben. Aber wie? Das wird der einzige Bewohner, der einstige Groß-Meister der reinsten Moral wohl am allerbesten wissen! Er ist nun schon ganz nahe und würde mich vielleicht vernehmen, so ich an ihn einen recht kräftigen Ruf richtete. Gelingt es mir, so wird es natürlich sehr gut für mich und vielleicht auch für ihn sein. Habe ich aber vergeblich gerufen, nun, so wird das wohl sicher nicht mein letzter vergeblicher Ruf sein!"

[RB.01_013,03] Nach diesen Worten macht Robert sich mittels beider Hände ein Faustsprachrohr, holt tief Atem und schreit darauf mit allen Kräften:

[RB.01_013,04] „Jesus, du großer Meisterlehrer aller Völker der Erde! So du der bist und so du meine Stimme vernimmst, so komm zu mir her mit deiner jungen Erde! Fürwahr, an mir sollst du deinen größten Verehrer finden! Ich schätze dich wegen deiner schlichten und dennoch größten Weisheit, mit der du alle deine Vorgänger und Nachfolger himmelhoch überragst. Ferner schätze ich dich, weil unser beider irdisches Los nahe ein ganz gleiches war. Und endlich schätze ich dich überaus hoch, da du der erste warst und noch bist, der mir in diese meine unausstehliche Finsternis das erste Licht gebracht hat; weshalb ich dir auch ewig dankbar verbleiben werde.

[RB.01_013,05] Wenn du der mir so überteure Jesus bist, da komme! O komm zu mir und laß uns einander gegenseitig trösten! An mir soll es nicht fehlen, dich nach Möglichkeit zu trösten. Desgleichen bin ich auch von dir im voraus fest überzeugt, daß du mit deiner großen Weisheit mir sicher den größten Trost geben wirst. O komme mein geliebter Freund und Leidensgefährte!

[RB.01_013,06] Du Meister der Liebe, der du die Liebe zum einzigen allumfassenden Gesetz machtest! So dir deine große Liebe geblieben ist wie mir, so komme mir mit deiner Liebe entgegen, die du selbst gelehrt hast! Und mit dieser Liebe will ich auch dir für ewig entgegenkommen!"

[RB.01_013,07] Nach diesem sehr kräftigen Anruf bewegt sich die kleine schimmernde Hügelwelt schnell unter die Füße unseres Mannes hin. So zwar, daß er – zum ersten Male nach seinem gewaltsamen Übertritt – gerade an Jesu rechter Seite auf dem höchsten Berge wieder festen Grund mit seinen Füßen faßt.

 

14. Kapitel – Anrede Roberts an den Herrn. Jesu Antwort. Eine wichtige Lebensfrage.

[RB.01_014,01] Als Robert nun da fest vor Mir steht, betrachtet er Mich vom Kopfe bis zu den Zehenspitzen und findet in Mir richtig und ganz unverkennbar den Jesus, den er da zu finden glaubte. Und zwar im selben dürftigen Anzug und auch mit den Wundenmalen, wie er sich seinen Jesus gar oft in seiner Phantasie ausgemalt hatte.

[RB.01_014,02] Nachdem er Mich eine Weile ganz stumm betrachtet hat, beginnen ihm Tränen aus seinen Augen zu rollen. Und er spricht nach einiger Fassung voll des innigsten Mitleids:

[RB.01_014,03] „O du lieber, du größter Menschenfreund, der du Herz genug hattest, sogar deinen grausamsten Henkern die schändlichste Unbill, die sie an dir begingen, von ganzem Herzen zu vergeben! Und das bloß darum, da du aus deiner Menschengröße ihre sicher totalste Blindheit als den gültigen Entschuldigungsgrund annahmst!

[RB.01_014,04] Aber wie hart muß dabei die Gottheit, dein so oft über alles gelobter und angebeteter Vater sein, wenn Er irgendwo ist, – daß Er dich, den edelsten, vollkommensten und besten aller Menschen nun schon nahe 2000 Jahre in dieser finsteren Leere herumschweben läßt: in derselben dürftigsten Armseligkeit, in der du von Kindheit an zum reinsten und alleredelsten Menschenfreund heranwuchsest!

[RB.01_014,05] O du, mein bester und aller Liebe würdigster Meister Jesus! – Wie sehr bedauere ich dich und liebe dich auch andererseits deiner bis jetzt noch gleichen Armseligkeit wegen! Denn wärest du mir in einem nur zum Teil seligen Zustand entgegengekommen, so hätte es mich wahrlich geärgert, daß ein Geist wie du nach dem Abfall des Leibes nicht sogleich zur höchsten Auszeichnung gelangen soll, wenn es eine gerechte, vergeltende Gottheit gibt!

[RB.01_014,06] Aber da ich dich hier noch gerade so antreffe, wie du die Erde verließest, scheinen die Verhältnisse ganz andere zu sein, als wir sie uns vorstellen. Darum erscheint unser Zustand nach Ablegung des Leibes als eine in sich bedingte Notwendigkeit, durch die wir erst nach weiten Zeitläufen das verwirklichen können, was in unserem Erkenntnis- und Begehrungsvermögen als Grundlage unseres Seins gegeben ist.

[RB.01_014,07] Von diesem Standpunkt aus erscheint dein und mein gegenwärtiges Sein freilich noch immer sehr bedauernswürdig, weil die Verwirklichung dessen, was wir als Erkenntnisse in uns zur klaren Vorstellung gebracht haben, weit hinter der Macht unseres Willens liegt. Allein, um die werdende Verwirklichung unserer Vorstellungen mit der Schwäche unseres Willens zum Ausgleich zu bringen, besitzen wir in unserem Gemüte zum größten Glück etwas, das wir im bürgerlichen Leben Geduld nennen. Diese wird freilich manchmal auf eine Probe gestellt, von der wir beide uns sicher manches werden zu erzählen wissen!

[RB.01_014,08] Liebster Freund, ich habe dir nun so gut als möglich mein wahres Bekenntnis abgelegt. Nun gib auch du mir kund, was du nun von unserem noch sehr mißlichen Zustand hältst? Durch gegenseitige Mitteilung werden wir uns wohl eine lange Zeitenfolge erträglicher machen. Sei demnach so gut, edelster Menschenfreund, und öffne vor mir deinen für mich heiligsten Mund!"

[RB.01_014,09] Rede Ich (Jesus), Robert die Hand reichend: „Sei Mir vielmals gegrüßt, Mein lieber, teurer Leidensgefährte! Ich sage dir, sei froh, daß du Mich gefunden hast und kümmere dich ums Weitere gar nicht. Es ist genug, daß du Mich liebst und nach deinen Erkenntnissen für den edelsten und weisesten Menschen hältst. Alles andere lasse von nun an ganz Mir über. Ich gebe dir die heiligste Versicherung, daß am Ende alles, mögen uns was immer für Begebnisse noch entgegenkommen, gewiß überaus gut ausgehen wird. Denn Ich habe hier in dieser Einsamkeit alles durchdacht und kann dir mit größter Bestimmtheit sagen, daß Ich im Gebrauch der dir am schwächsten vorkommenden Willensmacht es so weit gebracht habe, daß Ich, so Ich es will, alles ins Werk setzen kann, was Ich nur immer Mir denke und vorstelle. Daß Ich aber dir hier so verlassen und einsam vorkomme, davon liegt der Grund bloß in deiner für diese Welt noch unvollkommenen Sehe. Wird diese mehr und mehr gestärkt durch deine Liebe zu Mir, so wirst du auch bald einsehen, wie weit Meine Willenskraft zu reichen imstande ist.

[RB.01_014,10] Aber abgesehen von all dem, was du zu Mir gesprochen hast und Ich nun zu dir geredet habe, richte Ich erst eine bedeutungsvolle Frage an dein Gemüt, die du Mir ohne Rückhalt getreu zu beantworten hast, und zwar gerade so, wie es dir ums Herz ist.

[RB.01_014,11] Diese Frage aber lautet: Siehe, liebster Freund und Bruder, du hast auf der Erde einen redlichen Sinn gehabt, nämlich deine Brüder von dem übermäßigen Druck ihrer harten und herzlosen Regenten zu befreien. Obschon du dazu eben nicht die tauglichsten Mittel erwählt hast, sehe Ich da allein auf den Zweck und weniger aufs Mittel. Wenn dieses nur kein grausames genannt werden kann, dann ist es vor Mir auch schon recht und billig. Aber so viel Mir bekannt, bist du auf halbem Wege zur Verwirklichung deines guten Zweckes von deinen Feinden ergriffen und bald darauf hingerichtet worden. Daß dich dieses traurige Begebnis bis in dein Innerstes zornsprühend muß ergriffen und mit einer billigen Rachegier dein Herz erfüllt haben, finde Ich so natürlich, daß sich darob gar nichts einwenden läßt! Wenn du aber nun jenen österreichischen Feldherrn, der dich selbst zum Tod verurteilte, unter deine nun schon mächtig gewordenen Hände bekämst und nebst ihm auch alle seine Helfershelfer: sage Mir ganz getreu, was wohl würdest du mit ihnen tun?"

 

15. Kapitel – Gute Antwort Roberts. Fromme Wünsche.

[RB.01_015,01] Spricht Robert: „Edelster Freund! Daß ich im Augenblick, als dieser aller Menschenliebe ledige Wüterich mich dem abgefeimtesten Verbrecher gleich behandelte, in größte Zorn- und Rachewut geriet – das, glaube ich, muß ein jeder billig denkende Geist gerecht finden. Aber nun ist bei mir Verzeihung schon lange eingetreten. Ich wünsche daher für diesen Blinden wahrlich nichts anderes, als daß er sehend würde und erkennen möchte, ob er an mir recht oder unrecht gehandelt hat.

[RB.01_015,02] Hätte er mich wahrhaft totmachen können, dann hätte ich wohl ohnehin nie auf Rache sinnen können. Da er mich aber eigentlich buchstäblich lebendiggeschossen hat und mir weiter wohl kein Leid mehr tun kann, und ich eigentlich nun schon um vieles glücklicher bin als er in all seinem herrschsüchtigen Wahne, – so kann ich ihm um so leichter alles vergeben. Auch hatte er eigentlich dem Äußeren nach bei weitem mehr Grund, mich als ein ihm gefährlichst vorkommendes Objekt aus dem Wege zu räumen, als einst zu deiner Zeit die überargen Hohenpriester Jerusalems Grund hatten, dich, meinen liebenswertesten Freund, schändlichst und über alle Maßen grausam aus der Welt zu schaffen!

[RB.01_015,03] Konntest du, mein edelster Freund, sogar mit voller Empfindung aller Marterschmerzen deinen Peinigern vergeben, um wieviel mehr ich, der ich doch im Grunde nichts empfunden habe, das ich als einen wirklichen Marterschmerz bezeichnen könnte.

[RB.01_015,04] Daher könnte mein irdischer Großfeind nun auch vor mir erscheinen, und ich würde zu ihm nichts sagen, als was du bei deiner Gefangennahme im Garten Gethsemane zu Petrus sagtest, als er dem Knechte Malchus ein Ohr abhieb.

[RB.01_015,05] Wenn es im ewig unermeßlichen Raume ein allgerechtes Gottwesen gibt, so wird dieses ihn schon ohnehin den Lohn finden lassen, den er um mich und noch um viele andere verdient hat. Sollte es aber, was ich nun kaum mehr glaube, kein solches Gottwesen geben, so wird ihn die spätere Geschichte richten, ohne daß ich es nur im geringsten zu wünschen brauche.

[RB.01_015,06] Wenn ich dir aber einen kleinen Wunsch meines Herzens vortragen darf und es in deiner Macht steht, ihn zu verwirklichen, so empfehle ich dir zuerst meine arme Familie, d.i. mein liebes Weib und meine vier Kinder! Dann aber alle guten Menschen, die eines redlichen Herzens und Sinnes sind! Die reinen Selbstsüchtler aber, die alles getan haben, um für sich und ihre Nachkommen auf Unkosten der gesamten andern Menschheit im vorhinein zu sorgen, lasse dahin gelangen, daß sie auch noch auf der Erde schmecken, wie es denen geht, die von solchen Reichen abhängend von heute auf morgen leben müssen! Doch sei auch das durchaus als kein Begehren betrachtet, denn ich für mich finde an dir für alles auf Erden Erlittene und Verlorene die hinlänglichste Entschädigung!"

 

16. Kapitel – Der Herr verheißt Erfüllung gerechter Wünsche, macht aber kritische Vorbehalte. Roberts Feuerrede gegen die Tyrannen.

[RB.01_016,01] Rede Ich: „Ganz gut hast du auf Meine überaus wichtige Lebensfrage geantwortet. Deine Antwort ist um so mehr zu schätzen, weil sie so gegeben ist, wie sie sich in dir lebendig und wahr finden läßt. Ich kann dir dagegen sagen, daß Ich ganz sicher jedem deiner ausgesprochenen Wünsche nachkommen werde, soviel es nur immer in Meiner Macht steht.

[RB.01_016,02] Aber nur etwas, lieber Freund und Bruder, kann Ich mit deiner sonst gerechten und menschenfreundlichen Denk- und Handlungsweise nicht vereinbaren. Und das besteht darin, daß du auf der Erde doch ein gewisses Wohlgefallen daran hattest, wenn irgendein recht bornierter Aristokrat von dem sogenannten Proletariat um einen Kopf kürzer gemacht wurde!

[RB.01_016,03] So weiß Ich Mich zu erinnern, daß du selbst in Wien in einer Versammlung unter vielem Beifall ausgerufen hast: daß es in Österreich wie auch noch in manch anderen Landen nicht eher besser wird, bevor nicht wenigstens einige hundert Große geköpft werden würden! Sage Mir ganz ernstlich, ob das wohl vollkommen aus deinem Willen hervorgegangen ist? Oder war das nur so hingeworfen, um deiner Rede einen größeren Nachdruck zu geben?"

[RB.01_016,04] Spricht Robert: „Freund, als ich mich noch auf der Erde befand, wollte ich mein Dasein bloß dem möglich besseren Fortkommen der armen, vielfach bedrückten Menschheit zum Opfer bringen. Dabei aber mußte ich durch vielfache Erfahrungen an mir und auch an andern sehen, wie die aristokratischen, reichen Menschenbestien sich mit dem Schweiß und Blut der Armen mästen! Wie die meisten Throne und Paläste aus dem Blut der armen Menschheit erbaut sind! Und als ich in Österreich nur zu deutlich erkennen mußte, daß man von der hohen dynastischen Seite wieder alles aufzubieten begann, um den alten eisernen Absolutismus wieder einzuführen und die arme Menschheit mit dreifachen Sklavenketten zu belegen: – das war auf einmal zu viel für einen Menschenfreund, wie ich aus allen meinen Kräften einer zu sein glaube! Wahrlich, so ich hunderttausend Leben hätte, so gäbe ich sie alle her, wenn ich damit den Menschen helfen könnte. Diese Weltgroßen aber lassen sich auch nicht ein Härchen grau werden, wenn auch Hunderttausende hingeschlachtet werden, damit sie nur an Ansehen und Glanz gewinnen!

[RB.01_016,05] O sage, Freund, wenn ein von wahrer Nächsten- und Bruderliebe erfülltes Herz solche kalten Greuel an den armen Brüdern schauen und mitfühlen muß: ist es ihm da zu verargen, so es aus gerechtestem Ärger zu so manchem Ausruf getrieben wird, an den es bei gerechtem Sachgang wohl nie denken würde?

[RB.01_016,06] Wohl mag das alles im unerforschlichen Plane irgendeiner unbekannten Vorsehung liegen, und daher auch alles so kommen müssen, wie es geschieht. Aber was hat ein Erdenbürger davon für einen Begriff? Oder was gehen ihn irgendwelche allergeheimsten Gesetze an, die ein Gottwesen in der ewigen Halle der Unendlichkeit beschließt?

[RB.01_016,07] Wir Erdenbürger kennen nur deine erhabensten Gesetze der Liebe, die treu zu befolgen wir sogar um den Preis unseres eigenen Lebens verpflichtet sind! Was darunter und darüber ist, geht uns wahrlich wenig an. Es können wohl irgend in einer Sonnenwelt andere Gesetze gang und gäbe sein, die vielleicht weiser, aber leicht auch dümmer sind, als die du, liebster Menschenfreund, uns gegeben hast? Aber es wäre sicher für jeden Erdenbürger toll zu nennen, so er sein Leben nach irgendwo bestehenden fernen Sonnengesetzen einrichten wollte. Wir erkennen nur ein Gesetz für göttlich wahr und gültig an, unter dem nach dem Urteile der unbefangen reinen Vernunft jede menschliche Gesellschaft bestmöglich existierbar gedacht werden kann. Was aber irgendein Fatum dazwischenstreut, das ist nichts als schlechtes Unkraut zwischen dem herrlichen Weizen, den du, edelster Menschenfreund, auf die undankbare Erde gestreut hast. Und dieses Unkraut verdient nichts anderes, als verbrannt zu werden im Feuerofen eines vollkommen gerechten Gerichtes!

[RB.01_016,08] Ich sage ganz frei heraus: so lange der Mensch nach deinen Gesetzen Mensch ist, so ist er auch jeder Hochachtung wert. Erhebt er sich aber über dein Gesetz und will seine Brüder zu seinen eigenen Vorteilen unterjochen und beherrschen, so erklärt er dadurch dein Gesetz für null und nichtig. Dann ist er kein Bruder, sondern ein Herr den Brüdern, mit deren Leben er schalten und walten zu können glaubt. In diesem Punkt werde ich ewig Robert Blum verbleiben und werde den Völkerherrschern nie ein Loblied singen! Und das darum nicht, weil sie schon lange nicht mehr das sind, was sie eigentlich sein sollen, nämlich weise und liebevolle Führer ihrer armen Brüder.

[RB.01_016,09] Wohl weiß ich, daß es auch in der armen Klasse außerordentlich viele gibt, die mehr Vieh als Menschen sind und daher auch nur mittels eiserner Zuchtrute in der Ordnung erhalten werden können. Aber ich frage da: Wer trägt daran die Schuld? Eben die, welche solche Völker unterjochten und ihre ursprüngliche Lebensnacht noch vielfach vermehrten, um auf den Pfeilern gänzlicher Unintelligenz ihrer Völker ihre Herrschergewalt desto mehr zu festen! – Freund, wer solchen Herrschern ein Lebehoch bringt, der muß freilich kein Robert Blum und noch weniger ein Jesus von Nazareth sein!

[RB.01_016,10] Ah, es gibt schon noch Herrscher, die es mit ihrem Amte gerecht und ernstlich nehmen; diese sind ihren Untergebenen die wahrsten Engelfreunde. Solchen Herrschern ein tausendfaches Lebehoch! Aber Völkerbezwingern und Geistesmördern, für diese fehlt mir wahrlich der passende Ausdruck! So es Teufel gibt, da sind diese es leibhaftig!

[RB.01_016,11] Ich glaube, auf deine Frage nun ziemlich deutsch geantwortet zu haben. Nun bitte ich aber auch dich, mir über meine Meinung die deinige kundzugeben! Ich bin zwar ziemlich fest in allem, was ich einmal als Recht erkenne, aber dennoch nicht starr und unbeugsam, so besonders du mir etwas Besseres dafür geben kannst!"

 

17. Kapitel – Der Herr wendet ein: „Seid untertan der Obrigkeit!" Robert bezweifelt dieses Gebot. Er wünscht Aufschluß über die gottmenschliche Natur Jesu.

[RB.01_017,01] Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund und Bruder, Ich kann deine Denk- und Handlungsweise durchaus nicht tadeln. Wo zwischen Herrschern und ihren beherrschten Völkern Verhältnisse obwalten, wie du sie Mir soeben vorgezählt hast, hast du freilich vollkommen recht, so zu reden und zu handeln. Aber so sich die Sachen anders verhielten, als du sie nach deinen Begriffen aufgefaßt hast, wie würdest du dann urteilen über die mannigfachen Verhältnisse der Herrscher zu ihren untergeordneten Völkern?

[RB.01_017,02] Wohl sagtest du Mir ganz offen, daß du alle Verhältnisse der Menschen nur nach Meinem Gesetze der Liebe beurteilst und dich überirdische Einflüsse nichts angehen. Aber siehe, in diesem Punkt kann Ich dir aus vielen Gründen nicht beipflichten.

[RB.01_017,03] Ein Grund wäre z.B. schon das eine Gebot von Mir Selbst, laut dessen Ich Mich jeder weltlichen Gewalt als unterwürfig bezeigte – während Ich doch Macht genug gehabt hätte, einer jeden den weidlichsten Trotz zu bieten. Ferner jener Fall, wo Ich im Tempel bei Vorweisung des Zinsgroschens eigens gebot, dem Kaiser zu geben, was sein ist, und Gott, was Dessen ist! Ebenso lehrte Ich auch durch Paulus, jeder Obrigkeit zu gehorchen, ob sie mild oder strenge ist; denn keine habe eine Gewalt außer die von oben! – Was sagst du wohl zu diesen ebenfalls Meinen Geboten?"

[RB.01_017,04] Spricht Robert: „Edelster Menschenfreund, weißt du, aus rein menschlich klugen Rücksichten scheint die damalige Notwendigkeit dir – zur größeren Sicherung deiner Lehre wie auch mitunter deiner Person selbst – diese Gebote abgerungen zu haben. Denn hättest du, wie im alten Judentestamente Jehova durch den Mund Samuels, wider die Könige geeifert, so hätte deine so erhabene Moral unter der stolzesten Weltherrschaft Roms wohl schwerlich die nahezu 2000 Jahre erlebt; außer auf rein übernatürlichem Wege, von dem wohl die finstern Römlinge eine große Menge zu erzählen wissen. Wieviel aber daran Wahres ist, darüber wirst du hoffentlich besser zu urteilen verstehen als ich, der ich nicht gleich dir Zeuge von all den Greueln dieses neuen Babels habe sein können!

[RB.01_017,05] Sieh, ich beurteile die Sache so: Wenn es dir mit dem Gebot, allen weltlichen Obrigkeiten zu gehorchen, ob sie gut oder böse seien, völlig Ernst gewesen wäre, so hättest du ja schon im voraus auf deine ganz andere, im höchsten Grade liberale Lehre Verzicht leisten müssen. Du hättest zugeben müssen, daß man für alle Zeiten ein finsterer Heide bleiben würde, – sobald es einem Volke eine heidnische Obrigkeit geboten hätte, die alten Götter zu verehren und nicht deiner damals aufkeimenden Lehre Gehör zu geben!

[RB.01_017,06] Freilich sagtest du: ,Gebet dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist‘. Aber du bestimmtest damals zu wenig die Grenzen, was eigentlich im Gesamtkomplex des Kaisers und was daneben Gottes ist. Daher war es dann dem Kaiser ein gewissenlos Leichtes, sich Vorrechte eines Gottes anzueignen und jene Pflichten unbeachtet zu lassen, in denen er sich eigentlich bewegen sollte.

[RB.01_017,07] Dessenungeachtet läßt dein damaliger Tempelausdruck sich noch eher begrenzen als jenes gar nach einer zu großen Weltfürstenfurcht riechende Paulische Gebot. Laut dessen muß man streng genommen sogar ein Christ zu sein aufhören, sobald es einem solchen Weltfürsten aus gewissen Rücksichten für nötig dünkt, deine reine Lehre als seinen herrscherischen Absichten gefährlich zu betrachten, – wie solches die entgottete Lehre Roms himmelschreiend durch viele Jahrhunderte gezeigt hat und noch gegenwärtig zeigt.

[RB.01_017,08] Es müßten nur andere, höhere Rücksichten den sonst überaus weisen Paulus dazu veranlaßt haben, ein solches Mandat ergehen zu lassen. Aber die Sache mit gesunden Sinnen betrachtet, erscheint streng genommen als Unsinn. Denn auf der einen Seite heißt es: ,Ihr alle seid Brüder, und Einer ist euer Herr!‘ Auf der andern aber steht das Gebot, weltlichen Obrigkeiten, bei denen das Brüdertum ein reiner Hohn ist, in allem streng zu gehorchen.

[RB.01_017,09] Freund, das muß sich ja gegenseitig aufheben. Entweder das eine oder das andere! Ist man aber beides zu befolgen genötigt, so heißt das im Grunde zweien Herren dienen, was du selbst als unmöglich bezeichnet hast! Oder man müßte eine Doppelnatur bei sich bewerkstelligen, welcher heuchlerischen Eigenschaft zufolge man dann bloß äußerlich täte, was die Fürsten wollen. Innerlich aber müßte man es verfluchen und im geheimen tun, was der liberale Teil deiner Hauptlehre verlangt. Und das wäre natürlich sehr schwer, manchmal sogar unmöglich oder wenigstens äußerst gefährlich.

[RB.01_017,10] Glaube mir, edler Freund, ich habe wie wenige jeden Punkt deiner Lehre genau erwogen. Ich glaube ziemlich darüber im klaren zu sein, was du frei gelehrt hast als deinen eigentlichen Hauptsinn, – und was dagegen du wie deine Jünger durch die damals drohenden Zeitumstände einzuflechten genötigt warst. Aber dennoch bin ich dein glühendster Verehrer und weiß, was ich von deiner reinsten Lehre zu halten habe! Freilich sagtest du ehedem, daß auch du trotz deiner bezwingenden Macht dennoch den weltlichen Obrigkeiten gehorsam warst. Das will ich dir schon darum nicht streitig machen, da du selbst dich durch das Gesetz der Welt mußtest ans Kreuz hängen lassen.

[RB.01_017,11] Ob du, wertester Freund, dich auch durch eine in dir verborgene übersinnliche Macht hättest widersetzen können, als dich diese Obrigkeit ernstlich gefangennahm, das zu beurteilen ist wohl zu hoch über meinem bisherigen Erkenntnishorizont! So deine Taten dir nicht als heidnische Halbgötterfabeln untergeschoben sind, ist es gewiß, daß dir – als einem Weisen, der mit den innersten Kräften der Natur sicher vertraut war – auch außerordentliche Kräfte zu Gebote standen. Aber deine Gefangennahme und Hinrichtung hat bei sehr vielen Helldenkenden dein wunderbares Kraftvermögen in ein sehr schiefes Licht gestellt und viele haben sich daran gewaltig gestoßen. Aber ich und eine Menge andere haben bloß deine reinste Lehre angenommen und alles daraus verbannt, was nur eine später eingeschobene heidnische Fabel zu sein schien.

[RB.01_017,12] Ob wir recht oder nicht recht gehandelt haben, hoffe ich nun von dir in der Fülle der Wahrheit zu erfahren. Wie auch, ob an deiner, ganz besonders durch einen gewissen Swedenborg im 18. Jahrhundert sogar mathematisch erwiesen sein sollenden Gottheit etwas daran sei, und wie? Was freilich ein reiner Denker schwerlich annehmen wird, weil diese Sache allem Anscheine nach denn doch etwas zu burlesk aussieht!

[RB.01_017,13] Denke dir nur selbst ein endloses, unbegrenztes Gottwesen, dessen Intelligenz, Weisheit und Macht notwendig die allerausgedehnteste sein muß! Es wäre daher sogar logisch unmöglich, daß dies Endlose und Allumfassende sich je verendlichen und auf die Person eines Menschen einschränken könnte! Und frage dich, ob man es bei nur einigem Nachdenken annehmen kann, daß du und die endlose, allumfassende Gottheit wirklich identisch sein könnet? Ja, als ,Sohn Gottes‘ – da habe ich nichts dawider; denn das kann ein jeder bessere Mensch von sich mit gleichem Recht behaupten. Aber Gott und Mensch zugleich – das geht denn doch offenbar etwas zu weit!

[RB.01_017,14] Übrigens habe ich auch da nichts dagegen, wenn mir die Sache klar bewiesen werden kann. Denn wenn es zwischen Sonne und Mond noch Dinge geben kann, von denen sich keine menschliche Weisheit noch je etwas träumen ließ – warum sollte zu solch außerordentlichen Dingen nicht auch gehören, daß du im Ernste das allerhöchste Gottwesen sein kannst? Vielleicht ist nach Hegel in dir die früher gewisserart schlafende Gottheit zum ersten Male erwacht und ins klare Bewußtsein ihrer selbst übergegangen?

[RB.01_017,15] Oder vielleicht hat sie die Notwendigkeit gefühlt, sich selbst ihren geschaffenen Wesen gegenüber als ein Mensch zu manifestieren, um von den Menschen begriffen und erschaut werden zu können, ohne dadurch von ihrer allumfassenden höchsten Willenskraft etwas zu vergeben? Wie gesagt, das ist alles möglich. Besonders hier, wo überhaupt das Sein einen so höchst rätselhaften Charakter annimmt.

[RB.01_017,16] Aber warum sich dann die in dir als Gottmensch manifestierte Gottheit von einem Häuflein wahnwitziger Juden zum schmählichsten Tod am Schandpfahl hat verurteilen lassen, und das noch dazu auf einem der unansehnlichsten Planeten – Freund, so etwas kommt zwischen Sonne und Mond wohl schwerlich vor! Solch ein Wunder müßte man schon zwischen Nebelsternen zu suchen anfangen.

[RB.01_017,17] Ich glaube aber auch, daß du solches von dir im Ernste wohl nicht einmal im Traume behauptet hast! Denn ich weiß nur zu gut, was du erwidertest, als man dich fragte, ob du im Ernst Gottes Sohn seist? Da war deine Antwort wie die eines Weisen, nämlich: ,Nicht ich, sondern ihr selbst sagt es!‘ Wer aber im entscheidenden Moment so spricht, der weiß auch, was er spricht und warum. Ich glaube, diese Antwort, soweit es menschlichen Kräften gestattet ist, auch verstanden zu haben und habe daraus entnommen, daß du als reinster Mensch in allem ein wahrster Engelsgeist, aber durchaus kein heidnischer Halbgott seist.

[RB.01_017,18] Daß aber zu deiner Zeit, wo man noch an ein Orakel zu Delphi glaubte, wo der Thumim und Urim weissagten, und des Aarons nahe über tausend Jahre alter Stab in der Lade noch grünte, wo man einem ersten Weisen, der wie du seit nahe 2000 Jahren noch von keinem andern übertroffen wurde, eine Vergöttlichung beilegte, das finde ich überaus begreiflich! – Denn so schon die sonst weisen Römer jeden großen Mann als vom Gottesgeiste angehaucht betrachteten, um wieviel mehr deine noch wundersüchtigeren Landsleute dich, der du vor ihren Augen mitunter Dinge wirktest, von deren sicher höchst natürlichem Grunde sie seit Abraham nicht die leiseste Ahnung hatten!

[RB.01_017,19] Freund, ich meine, deine Frage nun hinreichend beantwortet zu haben. Nun käme wieder die Reihe an dich. Ich werde mit der gespanntesten Aufmerksamkeit jedes deiner Worte anhören und würdigen!"

 

18. Kapitel – Rede Jesu über die Notwendigkeit irdischer Obrigkeit. – Keine menschliche Gesellschaft ohne Ordnung und Gehorsam.

[RB.01_018,01] Rede Ich: „Mein geliebter Bruder! Siehe, wenn man wie du mit rein weltlichen Augen und ebenso weltlichem Verstande diese Sache betrachtet und sich dabei mit jeder noch so freien, oft alles gesunden Sinnes mangelnden Übersetzung der vier Evangelisten und der Briefe Pauli begnügt, zu alledem noch die Weltphilosophie mehrerer deutscher Atheisten mit großen Zügen in sich geschlürft hat, – da kann es wohl nicht anders sein als so, wie es mit dir ist und steht.

[RB.01_018,02] Ich sage dir, hättest du dir je selbst die Mühe gegeben, die Schriften des Alten und des Neuen Testaments genau durchzugehen, und zwar nach einer guten Übersetzung – wie die Martin Luthers oder auch die sogenannte Vulgata und die griechische Urbibel –, so wärest du zu ganz anderen Urteilen gekommen als auf deinem radikalen Wege. Deine Wurzeln sind so gut wie gar keine, da die Lehren deiner Weltweisen nur als Schmarotzerpflanzen auf dem Baume der Erkenntnis vorkommen. Du als ein irdischer Baumzüchter wirst wohl wissen, wie die Wurzeln der Schmarotzerpflanzen beschaffen sind?! Und so wirst du auch wissen, wieviel an deinen Vor-Leitsmännern gelegen ist in Meinen Augen!

[RB.01_018,03] Wenn man erstens die Bibel übersetzt, wie man sie für seine Grundsätze gerade haben will, und dann gerade nur jene Texte heraushebt, die bei einer beliebigen Übersetzung einen Doppelsinn zulassen, dann ist es auch keine Kunst, so zu argumentieren, wie du es vor Mir nun tatest.

[RB.01_018,04] Aber siehe, es ist dem nicht so. Denn fürs erste lauten die angeführten Texte: Mein bekannter Tempelspruch bezüglich des Zinsgroschens und besonders der des Paulus aus den Briefen an die Römer und an Titus nicht so, wie du sie Mir vorgeführt hast. Sodann kann weder bei Mir noch bei Paulus je von einer Fürstenfurcht die Rede gewesen sein, da Ich es mehr als handgreiflich vor Pilatus und Herodes, wie zuvor vor Kaiphas bewiesen habe, wie Ich Mich so gar nicht vor diesen Weltmachtträgern gefürchtet habe! Denn wer den Tod nicht fürchtet, da Er sein Herr ist und ewig bleibt, hat doch noch weniger Grund, die eitlen Geber des bloß leiblichen Todes zu fürchten.

[RB.01_018,05] Ebensowenig aber wie Ich nur den leisesten Grund hatte, Mich vor den Machthabern der Erde zu fürchten, hatte auch Paulus keinen Grund dazu. Nero war unter allen Machthabern Roms bekanntlich der grausamste; und siehe, Paulus suchte Schutz wider die ihn verfolgenden geistig bösen Juden bei ihm und fand ihn auch, solange er diesen irdisch vonnöten hatte. Hatte er aber etwa Furcht vor den Juden? O nein, denn obschon er gar wohl wußte, wie sehr sie ihn anfeinden, ging er dennoch trotz Widerratens seiner intimsten Freunde nach Jerusalem.

[RB.01_018,06] Daraus kannst du aber entnehmen, daß weder Ich noch Paulus aus irgendeiner Fürstenfurcht unsere gleichen obrigkeitlichen Gebote, eigentlich vielmehr ,Räte‘, von uns gegeben haben, sondern bloß nur der notwendigsten Weltordnung der Menschen wegen. Denn das mußt du doch einsehen, daß keine menschliche Gesellschaft ohne Leiter bestehen kann. Daher es auch nötig ist, als Lehrer den Menschen die Notwendigkeit zu zeigen, diesen Leitern zu gehorchen!

[RB.01_018,07] Oder bist du der Meinung, daß da auf der Erde große menschliche Gesellschaften ohne alle Leitung bestehen könnten? Das wäre die größte Unmöglichkeit und wäre sogar wider die natürlichste Ordnung nicht allein des Menschen, sondern auch aller irdischen Dinge.

[RB.01_018,08] Damit du dies aber etwas tiefer einsiehst, will Ich dich ein wenig durch die verschiedenen Reiche der natürlichen Dinge führen, und so höre Mich weiter!"

 

19. Kapitel – Rede über den Gehorsam. Beispiele aus Reichen der Naturwelt.

[RB.01_019,01] Rede Ich weiter: „Stelle dir vor, daß alle Weltkörper mit der für ihre Bestimmung nötigen Intelligenz und freien Einsicht ausgestattet sind. Siehe, diese großen Körper schweben alle im für deine Begriffe freiesten Ätherraume. Warum sind sie denn so eigensinnig und bewegen sich seit vielen Jahrtausenden stets in gleichen Kreisen um eine bestimmte Sonne, die sie gewisserart um keinen Preis verlassen wollen?

[RB.01_019,02] Gewiß ist manche ihrer Umlaufszeiten für sie schlimmer als andere, was schon die guten und schlechten Jahre eines Planeten ziemlich handgreiflich beweisen, besonders in solchen Perioden, wo es auf dem Sonnenkörper manchmal etwas stürmischer zugeht als sonst. Zwar kann sich ein Körper wie ein Planet schon einen kurzen Puff von seiten der Sonne gefallen lassen, aber es geschehen oft für einen Weltkörper mehrere solch qualvoller Umläufe ununterbrochen, freilich hie und da örtlich mehr oder minder.

[RB.01_019,03] Wenn dann so ein großer Wanderer durch den Ätherraum nach manchmal zehn und mehr, von seiner Sonne wie stiefmütterlich behandelten Umläufen am Ende doch der Sache überdrüssig würde und sich ernstlich vornähme, die ihn regierende Sonne zu verlassen, um dann zu einem absoluten Freischwärmer durch den endlosen Weltenraum zu werden, – was würde wohl von solch einer planetarischen, nach absolutester Freiheit schwindelnden Idee die unvermeidlichste Folge sein?

[RB.01_019,04] Siehe, zuerst ein völliges Erstarren ob des nur zu bald eingetretenen Licht- und Wärmemangels; darauf notwendig ein völliges inneres Entzünden ob des zu mächtigen Druckes von außen nach innen; und endlich eine völlige Auflösung aller Teile des Planeten und mit dieser auch dessen vollkommener Tod!

[RB.01_019,05] Die Planeten aber fühlen in ihrem Innersten. Ihr Dasein ist ihnen das höchste fühlbare Bedürfnis. Und so bleiben sie gleichfort unter dem Regiment ihrer Sonne, bleiben bei ihrer Bewegung stets in unverrückbarer Ordnung und machen sich nichts daraus, ob sie bei mancher Umlaufszeit von ihrer sie beherrschenden Sonne karger gehalten werden als andere Male.

[RB.01_019,06] Allerdings könnte da mancher dir gleichgesinnte Planetenfreund unparteiisch sagen: ,Ich lobe mir wohl solche willige Planeten. Aber eine so launenhafte Sonne als notwendigen Regenten der armen Planeten möchte ich denn doch, wenn ich der Schöpfer wäre, gehörig züchtigen für ihre Regentenlaunen!‘

[RB.01_019,07] Doch da steht die Sonne auf und spricht: ,Was faselst du kurzsichtiger Kosmopolit? Siehst du nicht, daß ich nicht nur einen, sondern gar viele größere und kleinere Planeten zugleich zu versorgen habe? Weißt du nicht, daß ihre Bahnen ungleich sind, daß mir manchmal die großen wie die kleinen Planeten näher, manchmal ferner zu stehen kommen? Daß sie sich manchmal in größerer Zahl gerade auf der einen Seite befinden und mich sehr in Anspruch nehmen, und daher irgendein einzelner Planet auf einem entgegengesetzten Standpunkt an meinen sonst reichen Gaben notwendig etwas karger zu Teile kommt! – Wird ein solcher Planet aber auf einer Umlaufszeit notwendig etwas karger beteilt, so bekommt er dennoch immer so viel, daß er bestehen kann. Ich kann es seit Trillionen von eigenen Wanderungen um eine andere noch größere Regentensonne bezeugen, daß darum noch nie ein Planet, so er sich meiner Ordnung angeschlossen hatte, verhungert und zugrunde gegangen ist. Wenn aber Kometen, denen ihre Freiwandlerschaft lieber ist als meine feste Ordnung, irgendwo im endlosen Raume, wohin sie ihre wahnwitzige Freiheitslust getrieben hat, zugrunde gehen, – dafür kann wohl ich nicht. Denn einem Wesen, das sich nur selbst bestimmen will, ohne von einer mächtigeren Leitung abhängen zu wollen, geschieht kein Unrecht; es hat sich selbst gerichtet! – So du, freisinnigster Kosmopolit, mich als Planetenregentin schon durchaus wegen meines notwendig veränderlichen Verhaltens gegen die mir untergeordneten Planeten gestraft haben willst, da nimm mir mein Licht und meinen Glanz, meine Größe und Macht! Sieh aber dann zu, wie die nach deiner Meinung von mir so sehr an den Sklavenketten gehaltenen Planeten ohne mich bestehen werden!‘

[RB.01_019,08] Siehe, Freund, so spricht sich die natürliche Ordnung schon bei den ersten, stärksten und freien Weltkörpern aus, ohne welche kein Planet bestandfähig gedacht werden könnte! So aber diese freischwebenden großen Wesen eines Leiters bedürfen, um wieviel mehr jene kleinen und in ihrer Bewegung durch allerlei Verhältnisse mehr gebundenen Wesen, als da sind die Tiere und besonders die mit einem vollkommen freien Geist begabten Menschen!

[RB.01_019,09] Tiere ein und derselben Art haben in der Regel eines unter ihnen, das gewisserart ihr Leiter ist. Wenn dieser sich rührt, dann sind alle wie durch einen elektrischen Schlag zur gleichen Bewegung angefacht. Siehe eine Rinderherde an, sie hat einen Leiter unter sich! Der Hirte, der aus Erfahrung bald merkt, welchem Stück aus seiner Herde die anderen nachgehen, hängt solchem Tiere eine Schelle an den Hals. Und wenn er abends die Herde heimführen will, horcht er bloß, wo die Schelle läutet. Dorthin begibt er sich und findet seine ganze Herde daselbst versammelt. Will er sie heimführen, dann braucht er bloß den beschellten Leiter zu führen, so gehen alle anderen von selbst nach. Der gleiche Fall ist sogar mit den sehr dummen Schweinen, besonders wo sie ständig in freier Natur leben, ebenso bei den Ziegen, Schafen, Pferden, Eseln und hundert anderen Tiergattungen. Das gleiche kannst du sogar an den verschiedenartigsten Insekten entdecken, an den Vögeln und nicht minder an den stumpfsinnigsten Fischen und anderartigen Wassertieren.

[RB.01_019,10] Aber Ich will dir die Sache ganz zeigen und will dich sogar auf die noch viel stummer scheinende Natur leiten.

[RB.01_019,11] Betrachten wir das in sich selbst überaus lockere Wasser, das sich ohne fühlbaren Widerstand in zahllose Tröpfchen zerteilen läßt. Dieses höchst wichtige Naturelement, das in sich alle Urkeime des tierischen wie des pflanzlichen Lebens birgt und zugleich von dir nie berechenbaren Kräften geschwängert ist, es gehorcht im freien Zustand unbedingt dem ihm innewohnenden Gesetz der Schwere. Laut diesem Gesetz, dessen es durch ein eigenes Wahrnehmungsvermögen gewahr wird, empfindet es die leiseste Abdachung irgendeines Geländes. Es fängt sogleich an, nach einer größeren Niederung hin sich fortzubewegen und hat so lange keine Rast und Ruhe, bis es des Meeres größte Geländeniederung vollends erreicht hat. – Auch hat dieses Element noch die sonderbare Eigenschaft, daß es sich erst dann völlig klärt, wenn es des Meeres Niederung erreicht hat. Es deutet gewisserart dadurch an, daß auch der Mensch erst dann zum klaren Bewußtsein seiner wahren, ewigen Bestimmung kommt, so er irdisch nicht nach den höchsten Würden strebt, sondern nur nach dem niedersten Standpunkt, das ist: die wahre, von Mir so oft anempfohlene Demut, die aber nie durchs Gebieten, sondern nur durchs Gehorchen erreicht werden kann!"

 

20. Kapitel – Weiteres Beispiel: Hochgebirge und ihre Notwendigkeit.

[RB.01_020,01] Rede Ich weiter: „Also wäre dir durchs Wasser nun ein Beweis gegeben, daß auch dieses Element eine eigentümliche Intelligenz in sich enthält, durch die es dem ihm zugrunde liegenden rein göttlichen Ordnungsgesetz pünktlichsten Gehorsam leistet bis zum letzten Tropfen; trotzdem ein jeder Tropfen eine Menge von Trillionen Leben in sich birgt!

[RB.01_020,02] Aber wir wollen uns weiter an die Geburtsstätte des Wassers, also auf die Berge wenden und sehen, ob an ihnen nicht auch irgendeine ganz eigentümliche Intelligenz zu bemerken ist und zufolge dieser auch eine genaue Beobachtung der in sie gelegten Gesetze.

[RB.01_020,03] Siehe, Freund, auf der Erde findest du allerlei Berge. Darunter sind sehr hohe, oder Urgebirge; dann mittelhohe, oder sogenannte Gebirge der sekundären Formation; und endlich ganz niedere, mehr Hügel als Berge, die sämtlich nach der irdisch gelehrten Fachbezeichnung einer tertiären Formation angehören. – Du lächelst nun freudig, weil du an Mir auch einen Geologen entdeckst! Oh, da sei du ganz getröstet; denn in der Geologie wie in der höheren Kosmologie bin Ich so ziemlich bewandert.

[RB.01_020,04] Aber nun weiter! Wir haben also dreierlei Berge. Von diesen drei Arten wollen wir zuerst der höchsten unsere Betrachtung zukommen lassen.

[RB.01_020,05] Warum sind wohl auf der Erde die Berge da? Hier meine Ich ganz besonders die erste Art. Siehe, ihre Zwecke sind verschieden: Fürs erste sind sie die Regler der elektromagnetischen Strömungen, damit diese über den ganzen Erdboden gehörig verteilt werden. Fürs zweite verhindern sie, daß die Luft um die Erde bei der schnellen Drehung um ihre Achse stehenbleibt, während die Oberfläche der Erde sich fortbewegt. Dies brächte eine über alle Orkane heftigste Gegenströmung hervor, durch die wohl kein Wesen auf der Erde bestehen könnte. – Fürs dritte ziehen sie die zu mächtigen, durch Sauerstoff und Wasserstoff gebildeten Feuchtteilchen aus der Luft an sich, weshalb ihre höchsten Spitzen auch meist umdünstet und somit selten klar sichtbar erscheinen. Hier vereinen sie sich durch die stets mächtig vorhandene Elektrizität und fallen dann zumeist als Schnee und Eis auf die steilen Abhänge der Berge nieder. Von da stürzen sie nach größeren Anhäufungen als Lawinen in die Schluchten und Hochgebirgstäler und bilden dort durch starke Anhäufung die Gletscher. Diese haben wieder die besondere Eigenschaft, die Kälteteilchen aus der gesamten Luft anzuziehen und dadurch die niedriger gelegenen Fruchtgegenden vor den alles erstarrenden Frösten zu bewahren. Zugleich aber schwächen die Gletscher auch sehr die manchmal zu stark angesammelte Luftelektrizität und ordnen den Kreislauf des Wassers durch die Atmosphäre. Ohne diese Tätigkeit hätten die Ebenen der Erde nahezu unausgesetzt allerheftigste Wolkenbrüche auszustehen.

[RB.01_020,06] Du siehst nun aus diesem wenigen die große Notwendigkeit der Hochgebirge und sprichst auch bei dir: ,Ja, das ist klar und unwiderruflich wahr! Denn wo immer die Menschen es zu rücksichtslos wagten, etwas an der Ureinrichtung der Berge zu ändern, da sind sie nur zu bald durch zuvor nie dagewesene Elementarschäden für ihren Frevel auf das empfindlichste gezüchtigt worden.‘ – Siehst du, Freund, so ist es auch! – Aber nun kommen wir eigentlich erst aufs Rechte, daher gib nun ganz besonders acht!

[RB.01_020,07] Siehe, damit die Hochgebirge die wichtige Bestimmung zur Erhaltung eines ganzen Weltkörpers und allem auf seiner weiten Oberfläche erfüllen können, ist es durchaus nicht gleichgültig, wo sie sich befinden. Ferner müssen sie – durch die in und über ihnen wohnenden Geister oder (nach deiner Art zu reden) Kräfte – notwendig jene Intelligenz besitzen, durch die sie instand gesetzt werden, das zu bewirken, wozu sie bestimmt sind.

[RB.01_020,08] Die ihrer unleugbaren Intelligenz anheimgestellte Wirkungssphäre ist für sie ein positives Gesetz, das sie durch ihre Intelligenz ganz genau wahrnehmen; was du Mir um so mehr glauben kannst, da du doch ehedem selbst behauptetest, Ich sei durch die Schule der Ägypter in die inneren Kräfte der Natur eingeweihter gewesen als alle Gelehrten der Jetztzeit.

[RB.01_020,09] Darum sieh auch ein, daß nur durch die genaueste Befolgung der Gesetze, die der Intelligenz dieser großen Erdauswüchse anheimgestellt sind, die Erhaltung eines ganzen Weltkörpers bewerkstelligt werden kann. Würden aber die Hochgebirge sich einmal gegen diese Gesetze auflehnen und gewisserart sagen: ,Wir wollen keine hohen Erdbeherrscher mehr sein, sondern auch wir wollen uns zu kleinen Fruchthügeln erniedrigen!‘ – sage, was würde aus solch einem Gebirgsungehorsam schließlich für die ganze Erde für ein namenloses Unheil erwachsen?

[RB.01_020,10] Obschon diese Hochgebirge keine Früchte tragen, viele hundert Quadratmeilen unfruchtbares Land ausmachen und so dem gemeinen Menschenverstand als ,unnütz‘ erscheinen – wäre es wohl wünschenswert, diese Bergfürsten zu entthronen und sie zu vermeintlichen Fruchtebenen umzugestalten? Du sagst: ,Das wolle der Himmel verhüten!‘

[RB.01_020,11] Nun, so sage auch, daß es der Himmel verhüten wolle, daß die Hochgebirge in der menschlichen Gesellschaft nicht verwüstet werden! Sonst wird es auf der politischen Erde nur zu bald aussehen, wie es auf der natürlichen aussehen würde, wenn die natürlichen Hochgebirge zerstört würden!

[RB.01_020,12] Siehe, so die Könige der Erde wahrhaft ihrer Bestimmung entsprechen sollen, müssen sie sein gleich den Hochgebirgen! Verstehst du das? Du sprichst: ,Ja, ich verstehe es nun ganz und sehe auch ein, daß du ein wahrer Urweiser bist!‘ –

[RB.01_020,13] Gut! Die Sache ist aber noch nicht zu Ende. Wir haben noch zwei Gebirgsarten vor uns. Diese müssen uns auch noch etwas erzählen. Höre daher weiter und sieh, wozu sie da sind!"

 

21. Kapitel – Mittel- und Kleingebirge – ihre Entstehung und Notwendigkeit im Erdganzen.

[RB.01_021,01] Rede Ich weiter: „Als die Erde noch ein wüster Weltkörper war und weder Pflanzen noch Tiere zu erhalten hatte außer jene Urtypen aller späteren Formen in den Gewässern, da freilich genügten die Urgebirge allein, dem noch gewisserart ganz rohen, unausgebackenen Erdball die schon erwähnten Dienste zu leisten. Als aber nach einer Anzahl von Jahrtausenden der Erdkörper sich mehr und mehr gesetzt hatte, über den Meeresspiegel schon ganz bedeutende Inselgruppen sich zu erheben anfingen und auch die in das Wasser gelegten Urkeime sich darüber in allerlei Gras- und Pflanzenarten auszuprägen begannen, – da war es nötig, dafür zu sorgen, daß die in die Gewässer gelegten Urkeime ob ihrer Reife auch ehestens zu ihrer Entwicklung ein größeres Landgebiet bekämen. Durch unterirdische Feuerkräfte wurden neue Erhöhungen bewerkstelligt, durch die dann mit der Zeit die neuen Produkte mehr Raum, Nahrung und Schutz bekamen. Da fing es über den ganzen Erdkreis gewaltig zu toben und zu wüten an. Die unterwässerlichen Festlagen wurden zersprengt und durch die großen Kräfte zu vielen Millionen weit über den Wasserspiegel emporgehoben.

[RB.01_021,02] Es gehörten wohl viele Jahrtausende dazu, bis diese große Arbeit beendet werden konnte. Aber das macht bei Gott gerade keinen merklichen Unterschied; denn tausend oder eine Million Jahre dieser Erde sind vor Ihm gleich wie ein Tag! Kurz, darum also wurden die Berge der zweiten Art gebildet, wie Ich es dir soeben dargetan habe.

[RB.01_021,03] Diese Berge aber waren anfangs auch viel höher und schroffer als sie nun sind. Doch die Zeit und die natürlichen Stürme haben ihre Häupter sehr erniedrigt, haben damit die großen Vertiefungen mehr und mehr ausgefüllt und dadurch engere und breitere Täler gebildet. Da aber diese Täler hie und da höher und niederer ausfielen und daher dem Wasser keinen freien Durchzug gestatteten, so blieb dasselbe in den größeren Vertiefungen sitzen, wodurch sich dann ganz natürlich größere und kleinere Seen bilden mußten.

[RB.01_021,04] Da ferner diese Seen durch den beständigen Kreislauf des Gewässers, sowohl durch die Erdporen wie auch durch die Luft (auf dem Wege des Regens, Schnees, Hagels und Taues) einen beständigen Zuwachs erhielten, so mußten sie notwendig über ihre Ufer fließen und zu stürzen anfangen. Dadurch haben sie mit der Zeit durch ihr Strömen kleinere und größere Teile ihrer natürlichen Ufer oder Dämme abgelöst. Sie haben damit zum Teil die ungleichen Vertiefungen der Täler ausgefüllt und besonders zu Zeiten größerer Überflutungen auch förmliche Hügel und Hügelreihen gebildet – was sogar heute noch hie und da auf der Erde zu geschehen pflegt, wie auch, daß hie und da Berge der zweiten Art durchs Feuer entstehen.

[RB.01_021,05] Diese nun zuletzt berührte Hügelbildung auf dem Wege der Anschwemmung ist die sogenannte tertiäre Formation, die natürlich durch die sekundäre bedingt ist.

[RB.01_021,06] So hätten wir nun die Entstehung der beiden letzten Bergarten naturrichtig hergeleitet und die Ursache der zweiten auch schon angegeben. Warum aber die dritte Art entstand und hie und da noch entsteht, ist wohl leicht einzusehen, wenn man den Grundsatz nicht aus dem Auge verliert, daß zur ferneren Hervorbringung und Erhaltung neuer Wesen und zur Fortpflanzung der schon daseienden vor allem ein guter und geräumiger Boden nötig ist.

[RB.01_021,07] Der Boden der Erde ist nun so bestellt, daß auf ihm allerlei Wesen entstehen, wohnen, leben und sich fortpflanzen können. Und diese Einrichtung wurde und wird noch bewirkt durch die drei verschiedenen Bergarten.

[RB.01_021,08] Die zwei letzten Bergbildungen scheinen dem Anschein nach freilich mit der ersten Gebirgsgattung keine Ähnlichkeit in der Bestimmung zu haben. Denn wie ihre Entstehungsart, so ist auch ihre eigentliche Bestimmung eine ganz andere. Aber da sie einmal in die Reihe der Urgebirge, also der Bergfürsten getreten sind, so müssen sie sich ohne alles Sträuben auch jenen Gesetzen fügen, die ihnen die Urgebirge wie aus sich heraus vorzeichnen. Das heißt für sie: ,Es ist nicht genug, daß ihr niederen und jüngeren Berge mit eurem Überfluß die Täler und Gräben ausfüllt, dort ein fruchtbares Land erzeugt und kleine Berglein mit schönen Lustwäldchen anleget. Sondern ihr müßt vom Anbeginn eures Seins an auch einen großen Teil unserer Lasten übernehmen und uns in allem unterstützen, sonst erfüllet ihr eure Bestimmung nicht. Ihr könntet sie auch nicht erfüllen, da durch euer Entstehen unsere Kraft zu sehr in Anspruch genommen würde, wenn wir nun so wie früher, da ihr noch nicht wart, alles ordnen und lenken sollen!‘ – Und siehe, diese neuen Berge tun zufolge der in ihnen ebenfalls zugrunde liegenden Intelligenz genau, was ihnen die Bergfürsten auferlegen.

[RB.01_021,09] Es gibt aber im Ernste auch welche unter ihnen, die den Höchsten gewisserart nicht gehorchen wollen. Solche Berge aber werden durch die gewaltigsten Stürme so lange gehetzt, bis sie sich die Ordnung der Hohen entweder gefallenlassen oder im Gegenfalle selber ganz zugrundegerichtet werden. Bei den alten Weisen hießen solche Berge ,Widerspenstige‘, auch bisweilen ,Verfluchte‘. In der neueren Zeit heißt man solche Helden von Bergen: ,Lockere‘, ,Unbeständige‘, ,Verwitterte‘. – Beispiele von solchen bestraften (eingestürzten und gänzlich vernichteten) Bergen gibt es eine Menge sowohl in alter als auch in neuer Zeit."

 

22. Kapitel – Stufenmäßige Unterordnung auch unter den Menschen notwendig.

[RB.01_022,01] Rede Ich weiter: „Lieber Freund und Bruder, du wirst aus dieser ganz der Natur entnommenen Darstellung sogar an den für dich leblosen und somit intelligenzlosen Dingen die Unterwürfigkeitsverhältnisse eingesehen haben, ebenso wie du sie ehedem bei den Tieren, Weltkörpern und Gewässern begriffen hast. Es dürfte daher kaum vonnöten sein, dir noch mehr Belege aus der für dich gewisserart toten Natur vorzuführen. Ich könnte das wohl noch, besonders, wenn Ich dich auf andere Planeten hinführte, wo die Ordnung in allem viel genauer und strenger abgemessen erscheint als auf dem geflissentlich nahezu in der größtmöglichen Unordnung belassenen Erdplaneten. Der Grund liegt darin, daß auf ihm eben die freiesten Geister, als wahrhafte ,Gotteskinder‘, desto freier und für ihr Wesen ersprießlicher großgezogen werden können. Du siehst also das alles nun nach deiner innersten Bejahung ein. Und Ich sage dir, daß Ich damit völlig zufrieden bin!

[RB.01_022,02] Weil du aber nun sogar an der für dich stummen Natur einsiehst, daß in ihrem Gefüge eine gewisse stufenweise Unterwürfigkeits-Ordnung unerläßlich notwendig ist, damit die Natur dauernd erhalten werde – nun denn: so denke dir jetzt den Menschen, der da begabt ist mit einem absolut freiesten Geiste, der in seinem Denk-, Beschluß- und Begehrungsvermögen sich in höchster Unbeschränktheit befindet! Stelle dir so recht vor, was da am Ende herauskäme, wenn jeder Mensch zufolge seiner inneren absoluten Freiheit ohne alle Beschränkung tun dürfte, was sein inneres Geistwesen in seiner unversiegbaren Lebenskammer aus seinem gottähnlichen, unendlichen Ideenreichtume nur immer unter zahllosen Formen schöpft!

[RB.01_022,03] Ich sage dir, da wäre kein Mensch vor dem andern sicher! Denn erstens gibt es da Geister, deren innere Phantasien oder Schöpfungen sich hauptsächlich damit beschäftigen und eine eigene Wollust darin finden, alles Bestehende zu vernichten. Einige möchten fort und fort Menschen auf die verschiedensten Arten töten, andere wieder möchten alle Berge zerstören. Wieder andere durch die Erde ein Loch graben, dieses mit Pulver so weit als möglich anfüllen, um dadurch möglicherweise die ganze Erde zu zersprengen; wieder andere möchten alles Wasser der Erde vertilgen; andere wieder die ganze Erde ersäufen; noch andere die ganze Erde verbrennen; andere den Mond mit einem Strick an die Erde anhängen und ihn herabziehen!

[RB.01_022,04] Zweitens gibt es wieder eine Menge ungeheuer sinnlicher Geister, deren Phantasie aus lauter Genußideen zusammengesetzt ist. Wenn diese Geister keine Beschränkung durch Gesetze hätten, würde vor ihrer großen Geilheit kein weibliches Wesen sicher sein, am Ende auch kein Knabe und sogar kein Vieh mehr! Denn Ich kenne nur zu viele solche Naturfreunde nach der Art von Sodom und Gomorra, die sich zu einem förmlichen Geschäfte machten, sich mit allen möglichen weiblichen Rassen zu begatten, und wenn dies Zeugungsspiel ihrer Phantasie nicht genügte, da machten sie fürs zweite Versuche auch an den verschiedensten Tieren.

[RB.01_022,05] Nun denke dir eine große Gesellschaft solch sinnlicher Genußmenschen in moralisch wie auch politisch völlig gesetzlosem Zustand! Von welch verschiedenartigsten Kreaturen und barsten Scheusalen wird es unter ihnen wimmeln? Nach wenigen Hunderten von Jahren würde es auf der Erde wimmeln von Wesen, vor denen am Ende kein menschliches Leben mehr sicher wäre! Moses hat darum auch ein äußerst scharfes Gebot ergehen lassen und sogar den Feuertod als Strafe gesetzt für solch einen Geiler, der sich unterfinge, so etwas zu tun.

[RB.01_022,06] So hat es auch solche sinnliche Geister gegeben, und gibt es leider noch hie und da, die ihre echt teuflische Genußsucht nur dann befriedigten, wenn sie die Maid während und auch vor dem Akt auf das grausamste quälten und marterten. Erst ihre letzten, schmerzvollsten Lebensäußerungen gewährten ihnen die größte Wollust! Ich brauche dir nicht eine Menge spezieller Taten aufzuführen. Genug, daß du weißt, welche Früchte daraus zum Vorscheine kommen, so irgendeine Menschengesellschaft sich in einem gesetzlosen Zustand befindet.

[RB.01_022,07] Drittens gibt es wieder Geister, die von sich selbst die außerordentlichsten Ideen haben und alles endlos tief unter ihrer Würde finden. Diese Geister sind stolz und über die Maßen herrschsüchtig; vor ihnen soll sich alles bis in den Staub verkriechen und nur das tun, was sie wollen. Denke dir nun eine ganze Gesellschaft lauter solcher Menschen: wie würden sie miteinander leben? Ich sage dir, eine Welt voll Tigern, Löwen und Panthern würde miteinander in weit größerer Harmonie leben als solche Menschen, wenn sie nicht durch moralische wie auch durch weise politische Gesetze beschränkt wären!

[RB.01_022,08] Und so gibt es unter den Menschen noch eine Menge zahlloser Abarten verschiedenster Geister, deren Hauptneigungen in ihrer Art gegen alle positive Ordnung so höchst lasterhaft verkehrt sind, daß du dir davon nicht die allerleiseste Idee machen kannst!

[RB.01_022,09] Wenn aber alle diese Geister von ihrer absolutesten inneren Freiheit nur zum Teil einen unbeschränkten Gebrauch machen dürften, sage Mir, wie würde es dann nur zu bald auf einem Weltkörper aussehen? – Du sprichst: ,Freund, das wäre entsetzlich, das wäre die Hölle aller Höllen auf der Erde!‘ – Richtig, sage Ich dir, du hast wohl gedacht und gesprochen!

[RB.01_022,10] Ich aber frage dich weiter: Was ist demnach höchst notwendig, damit die vollste Hölle soviel als möglich von der Erde hintangehalten werde? Siehe, nun kommen wir beide erst dorthin, wo ich dich eigentlich haben wollte.

[RB.01_022,11] Erkennst du nun, was Ich damit sagen wollte, wenn Ich wie auch Paulus allen Bekennern Meiner Lehre den Gehorsam gegen eine rechtmäßige weltliche Obrigkeit anempfahl? Siehst du nun, warum man dem Kaiser, was sein ist, und Gott, was Gottes ist, geben soll?

[RB.01_022,12] Sage Mir nun, wie du die Sachen jetzt einsiehst. Kommen sie dir noch so widersinnig vor als ehedem? Findest du den gerechten Gehorsam und die rechte Demut immer noch als des freien Menschengeistes unwürdig? Rede nun, die Reihe ist wieder an dir! Ich will dich hören."

 

23. Kapitel – Roberts anerkennende Antwort. Seine Gegenfrage über den Machtmißbrauch der Fürsten.

[RB.01_023,01] Spricht Robert: „Was, liebster Freund, soll ich im Grunde noch reden? Ich begreife und bekenne nun, daß du als einer, der mir an Wissenschaft und Weisheit himmelhoch überlegen ist, in allem recht hast, weil sich die Dinge wirklich so verhalten. Es läßt sich dem nichts entgegenstellen, da du, als ein in die geheimsten Kräfte der Natur eingeweihter Weiser dich am gründlichsten auskennen mußt! Alles, was du mir nun gütig erläutert hast, habe ich in allen Teilen als völlig wahr und unumgänglich nötig eingesehen. Aber nun kommt etwas anderes:

[RB.01_023,02] Bei deiner Darstellung des absolut freien menschlichen Geistes tritt die eiserne Notwendigkeit eines diese Freiheit beschränkenden Gesetzes und eines machthabenden Vollstreckers klar ins Licht. Aber es fragt sich dabei: Dürfen gewisserart von Gottes Gnaden ernannte oder erwählte Macht-Vollstrecker des Gesetzes wohl auch ,von Gottes wegen‘ ausgenommen sein, das Gesetz zu beachten, das sie gewöhnlich selbst machen? Dürfen ganz willkürliche Despoten und Tyrannen wegen eines mißlichen Thrones die armen Menschen, die doch auch ihre Brüder sind, zu Tausenden hinschlachten lassen? War z.B. mein Vergehen wohl von der Art, daß mich darum ein Alfred W. im Namen seines Kaisers erschießen ließ, und desgleichen mehrere andere meiner Denk- und Handlungsweise!

[RB.01_023,03] Wenn solch ein Machthaber sich schon von seinem eigenen Gesetz enthebt, so fragt sich aber, wer ihn dann von deinem Liebesgesetz enthebt, das der ganzen Welt ohne Unterschiede des Standes und Charakters gleich gelten soll? Warum müssen Hunderttausende in der größten Armut dahinschmachten, so sie nur irgendeine kleinste, oft nur durch zu große Not gezwungene Veruntreuung sich zuschulden kommen lassen? Warum alle unnachsichtige Strenge des Gesetzes sich gefallen lassen, während die Großen in behaglichster Gewissenlosigkeit tun können was sie wollen, und kein Richter sie zu einer Verantwortung fordern darf!

[RB.01_023,04] Ich bin für weise und gute Regenten gewiß im höchsten Grade eingenommen. Aber nicht für Regenten, die oft kaum wissen, was sie sind, und noch viel weniger, was sie eigentlich sein sollten. Regenten, die nur auf dem Throne sitzen und ihren Untergebenen gleich Vampiren das Blut aussaugen, anstatt sie durch weise Gesetze zu leiten! Sage mir, Freund, soll da ein armes, gedrücktes Volk nicht das Recht haben, solche glänzenden Taugenichtse und gefühllose Tagediebe davonzujagen, um an ihre Stelle weise und taugliche Männer zu setzen, die Kopf und Herz am rechten Fleck haben. Muß denn eines Regenten Wohnung ein prachtvoller Palast sein, und müssen sich seine Regentenbezüge auf viele Millionen belaufen? Was natürlich alles von den blutigen Schweißtropfen der Untertanen hergeschafft werden muß! – Der ,arme Teufel‘ hat auf der Erde nichts Gutes. Von der Geburt bis zum Grabe bleibt er ein Spielball der Mächtigen und muß für sie Gut und Blut setzen. Dafür aber wird er zum Danke verachtet, und wenn er sich nicht alle Niederträchtigkeiten der Großen möchte gefallen lassen und käme zu einem Pfaffen in einen Beichtstuhl, um sich da sein Herz zu erleichtern, wird er noch obendrauf mit der ewigen Verdammnis vertröstet! Sage, ist das auch schon irgendwo in der Natur begründet? Freund! Ich, Robert, meine da und behaupte fest: Das ist die Hölle und ihr regsamstes Mühen, aus armen Engeln dieser Erde noch ärmere und elendere Teufel zu zeugen!

[RB.01_023,05] Es ist übrigens wohl wahr und gewiß, daß das irdische Leben ein pures Prüfungsleben ist zur Erreichung höchster reingeistiger Vollkommenheit. Und daß man daher mit Recht von ihm auch keine zu glänzende irdische Glückseligkeit erwarten kann. Denn ein Studierender bleibt stets mehr oder weniger ein Sklave derer, die ihm als Meister vorgesetzt sind. Aber wenn von seiten der völkerbeherrschenden, gar zu grausam prüfenden Tyrannen die Erziehungs-Saiten zu stark gespannt und auf diese Art aus den Völkern statt wahren Menschen nur barste Teufel gebildet werden, – was sagt dann eine urgöttliche Weltordnung dazu?

[RB.01_023,06] Ist da auch noch die Gottheit der alleinige Herr und Meister? Und sind da auch noch ihre gläubigen Bekenner und Anbeter pure Brüder? Heißt das auch noch ,Gott über alles, und seinen Nächsten wie sich selbst lieben?!‘

[RB.01_023,07] Oder ist es von einer allgerechten Gottheit wohl recht, Völker durch schlechte Regenten leiblich und moralisch unter den Hund hinabsinken zu lassen? Sind dann die Völker durch ihre schändlichst schlechten Regenten auf die unterste Stufe alles Elends gesunken, so kommen noch von oben, das heißt von der gerechtesten Gottheit, alle erdenklichen Strafen und Geißeln! Natürlich zumeist nur über die armen Völker, weil sie notgedrungen haben schlecht werden müssen, zumeist ,von Gottes Gnaden‘! Denn auch die gewissenlosesten Regenten führen den Titel: ,Von Gottes Gnaden!‘ So kommen dann gewöhnlich Armut, Hungersnot, allerlei unheilbare Krankheiten und eine Menge Seuchen und Kriege, – versteht sich von selbst: alles ,von Gottes Gnaden‘!

[RB.01_023,08] Neben diesen schönsten Bescherungen aber kommt endlich auch noch die süße Verzweiflung und zuletzt die angenehme ewige Verdammnis im brennenden Pfuhle! Und siehe, das alles ,von Gottes Gnaden‘! – Bravo! Nur zu! Oh, das Leben ist wohl schön! Wer es erfunden hat, wie es ist, muß selbst eine närrische Freude daran haben!

[RB.01_023,09] Ich will aber damit eben kein höchstes Gottwesen tadeln, weil das Leben der Erde so scheußlich sich gestaltet. Denn ein solches Gottwesen hat sicher Größeres zu tun, als sich mit den Dreckwürmern dieses Erdstaubes abzugeben. Aber das Elende bei der Sache ist mir, daß diese irdischen Menschenwürmer doch auch Gefühl und leider auch Verstand besitzen und am Ende doch nicht völlig vernichtet werden können.

[RB.01_023,10] Sollen denn von der liebevollsten Gottheit, von deinem gewissen ,heiligen Vater‘, der dich ans Kreuz hängen ließ (wahrscheinlich auch aus Liebe?) – die Menschen dieser Erde als ,Gotteskinder‘, etwa eine besondere Begünstigung, die Ehre und das Glück haben, die Allerverfluchtesten zu sein?

[RB.01_023,11] Wahrlich, je länger ich da nachdenke, desto bedenklicher kommt mir die Sache vor. Daher rede lieber wieder du! Vielleicht gelingt es dir, diese Sache mit einem besseren Lichte zu beleuchten?"

 

24. Kapitel – Trostvolle Antwort auf Roberts finstere Zweifel. Die Bosheit der freien Menschen straft sich selbst. Erfahrungslehren der Geschichte.

[RB.01_024,01] Rede Ich: „Lieber Freund, diese deine Kritik nach dem Urteil deines kurzsichtigen Verstandes hat dem Außenschein nach viel für sich. Und wenn es sich wirklich so verhielte, wie du es nun vor Mir so scharf beurteilt hast, da sähe es wirklich äußerst schlecht mit der gesamten Menschheit aus. Aber zum größten Glück bist du da mit all deinen Begriffen und somit auch mit all deinen scharfen Urteilen auf dem dürrsten Holzwege!

[RB.01_024,02] Denn siehe: Erstens sorgt die Gottheit eben für die Menschen dieser Erde so außerordentlich, als hätte sie in der ganzen Unendlichkeit nahe keine Wesen mehr, die Ihrer Fürsorge bedürften. Und sie führt die Menschen unter allen Verhältnissen ihres Prüfungslebens so, daß fast alle trotz aller Schwierigkeiten jene hohe Bestimmung erreichen müssen, derentwegen sie von der Gottheit einzig und allein ins Dasein gerufen sind!

[RB.01_024,03] Freilich gibt es ziemlich viele, die ihren Willen trotz aller angewendeten Mittel dennoch nicht unter den besten Willen der Gottheit beugen wollen! – Daß die Gottheit für solche Geister dann auch ernstere und schärfere Mittel gebrauchen muß, um sie unbeschadet ihres freien Willens am Ende dennoch auf den rechten Weg zu bringen, ist begreiflich. Ich meine, daß man darob die Gottheit von deiner Seite denn doch ein wenig zu seicht beurteilt und ihr Ergebnisse unterschiebt, die ganz allein nur in dem verkehrten und hochmütigen Willen der Menschen zu suchen und leicht zu finden wären!

[RB.01_024,04] Du sprachst wohl viel von der gnädigen Zulassung schlechter Regenten. Aber davon sagtest du nichts, daß es auch schlechte Völker gibt, die nicht durch politische Verfügungen schlechter Regenten, sondern lediglich durch sich selbst schlechter als schlecht geworden sind, – was Ich dir durch zahllose Beispiele handgreiflich dartun könnte und später auch dartun werde.

[RB.01_024,05] Aber nun siehe zweitens – den Punkt deiner vermeinten ewigen Verdammnis, die nach dem Tod den durch schlechte Regenten verdorbenen, also ohne eigenes Verschulden schlecht gewordenen Menschen zuteil werden solle! Da muß Ich dir, der Ich doch alle Verhältnisse der Geisterwelt genauest kenne, offen gestehen, daß Mir dergleichen Begebnisse noch nie vorgekommen sind. Die ganze Ewigkeit kann dir in Wahrheit auch nicht einen Fall vorweisen, wo nur ein Geist von Gott aus verdammt worden wäre! Aber zahllose Fälle kann Ich dir vorführen, wo Geister nur zufolge ihrer vollsten Freiheit die Gottheit verabscheuen und verfluchen und um keinen Preis von deren endloser Liebe abhängen wollen, da sie selbst Herren sogar über die Gottheit zu sein sich dünken!

[RB.01_024,06] Da aber die Gottheit nur jenen endloseste Liebefülle in vollsten Zügen zu genießen geben kann, die sie haben wollen, so wird es hoffentlich klar sein, daß jene, welche die Gottheit samt ihrer Liebe über alles hassen und verachten und ein Gespött aus ihr machen, dieser Liebe darum nicht teilhaftig werden können; eben weil sie auf das entschiedenste ihrer nicht teilhaftig werden wollen!

[RB.01_024,07] Solche Wesen lieben nur sich allein und hassen alles, was sie nicht für ihr selbstsüchtiges Ich vollkommen tauglich und demselben tiefst ergeben finden. Die Gottes- und Nächstenliebe ist ihnen ein Greuel der Verwüstung, ein Fluch in ihrem Herzen! Gott ist ihnen nur pure Faselei eines verbildeten Gemüts, Albernheit eines im höchsten Grade verdummten Verstandes und der Nächste ist eine Canaille, nicht wert, daß man ihn anspuckt.

[RB.01_024,08] Wenn aber freieste Geister tatsächlich bei dem hartnäckig verharren und durch gar kein gegebenes freies Mittel, also nicht durch sich selbst von ihrem verderblichen Wahne zu heilen sind und sich eher aller Bitterkeit, die sie sich selbst bereiten, für ewig unterziehen wollen, als sich auch nur ein sanftestes Gebot der Gottheit gefallen zu lassen – sage, kann da wohl die Gottheit an solch einer Selbstverdammnis die Schuldträgerin sein?

[RB.01_024,09] Wenn aber dann die Gottheit aus purster Liebe solche Abtrünnlinge von ihren seligsten Freunden absondert, ihnen aber auf den abgesonderten Zustandsorten dennoch die vollste Freiheit beläßt: kann sie dann als unsorgsam, hart und lieblos gescholten werden?

[RB.01_024,10] Du sagst: Dafür können Menschen und Völker ja nicht, wenn sie so arg werden – denn daran schulde die schlechte Erziehung und ein schlechter Unterricht; daß aber diese schlecht sind, daran schulden schlechte, selbst- und herrschsüchtige Regenten; und endlich an den schlechten Regenten schulde die Gottheit Selbst! Oh, Ich will es gar nicht in Abrede stellen und sagen: Es gäbe keine schlechten Regenten und noch nie sei ein Volk dadurch verdorben worden!

[RB.01_024,11] Ebensowenig aber wirst du behaupten können, daß die gerechteste Gottheit noch nie irgendeinen schlechten Regenten gezüchtigt habe! Gehe die Weltgeschichte vom Anbeginn des Menschengeschlechts durch, und sie wird dir Tausende von Regenten vorführen, die wegen schlechter Leitung der ihnen anvertrauten Völker auf das empfindlichste gezüchtigt worden sind.

[RB.01_024,12] Nichtsdestoweniger hat sich in allen Zeiträumen der Erde die alte Erfahrung stets bewährt, daß gerade unter harten Tyrannen das Volk im allgemeinen stets besser und lenksamer war als unter guten und sanften Regenten. Weshalb denn die Gottheit schlechte Regenten zumeist darum über Völker aufstellen läßt, auf daß die Völker, so sie arg geworden, an ihnen eine Zuchtrute haben. Sie sollen dadurch genötigt werden, ein rechtes Bußkleid anzuziehen und sich zu bessern, wonach ihnen die Gottheit unfehlbar wieder bessere Regenten geben wird und auch allzeit gegeben hat!"

 

25. Kapitel – Sinn und Zweck der irdischen Lebensschule. Zeitliche oder ewige Glückseligkeit?

[RB.01_025,01] Rede Ich weiter: „Aber wenn ein Volk unter guten Regenten und unter friedvoll gesegneten Jahren zu lässig und völlig naturmäßig-sinnlich, wird und nichts anderes mehr denkt, als wie es sich auf Erden für sein Fleisch einen Himmel schaffen könnte, – siehe, so etwas darf die für das reingeistige Wohl eines jeden Menschen über alles besorgte Gottheit nimmer dulden. Dies darum, weil ein irdischer Fleischhimmel nach der ewigen Urordnung Gottes stets den Tod des Geistes in sich führt. Gleich wie ein Knabe, der sich schon von der Wiege an im größten Wohlleben befindet, für jede geistige Entwicklung nur sehr wenig Sinn haben wird, also auch ein Volk, dem es irdisch zu gut ginge.

[RB.01_025,02] Gehe in die Paläste der Reichen und erkundige dich da nach der rechten Bildung, und du wirst zumeist finden, daß da selten eine gottgewollte Herzensbildung zu Hause ist. Gehe aber dann in die Hütte eines armen Landmannes und du wirst ihn in der Mitte der Seinen, das wenige Brot segnend, antreffen. Dieser betet aus seinem Geiste, erzieht dadurch seine Kinder geistig und erhebt sie zu Gott. Des Reichen Gott aber ist nur sein Fleisch, das er durch alle erdenklichen Wohlgenüsse hochverehrt. Und so erzieht er seine Kinder auch nur des Fleisches wegen. Solch eine Erziehung aber kann Gott unmöglich gefallen, weil durch sie jener heilige Zweck, dessentwegen Gott die Menschen geschaffen hat, ewig nie erreicht werden kann.

[RB.01_025,03] Und so ist es auch mit einem ganzen Volk. Wird es irdisch zu wohlhabend, so wird es stets mehr und mehr sinnlich. Weil es ihm zu wohl geht, vergißt es am Ende des wahren Gottes ganz und macht dafür sich selbst, oder was sonst seinen Sinnen am meisten zusagt, zu einem Gott. Und das ist allzeit der Ursprung des Götzentums gewesen!

[RB.01_025,04] Du sprichst freilich bei dir: ,Wozu ist denn die Gottheit dann höchst weise und allmächtig, wenn sie so etwas nicht verhüten kann?‘ – Ich aber sage dir: Wenn die Gottheit die absolut frei werden sollenden Geister mit Ihrer Allmacht richtete, da wäre es mit der Freiheit wohl auf ewig aus! Denn die Allmacht würde da anstatt der freiesten Geister nur gerichtete Spielpuppen darstellen, aber ewig nie von der Gottheit ganz frei und unabhängig sich selbst bestimmende Geister, die in ihrer Vollendung selbst Götter werden sollen.

[RB.01_025,05] Was aber die Einwirkung der göttlichen Weisheit betrifft, so verfügt diese eben solche Zustände über entartete Menschen, durch die sie wieder auf den Weg zum rechten Ziel gebracht werden können. Es ist zwar das auch ein Gericht und gewisserart eine Nötigung, aber nur den Außenmenschen berührend, auf daß der innere desto eher und leichter erwache und seine wahre Bestimmung wieder ergreifen möge. Die Allmacht aber würde den ganzen Menschen richten und töten!

[RB.01_025,06] Bedenke daher, ob du wohl noch ein Recht hast, die Gottheit zu beschuldigen, als täte sie nichts für die Menschen oder, wenn sie etwas täte, bloß nur Hartes, Liebloses und Schlechtes!

[RB.01_025,07] Findest du nun immer noch das Erdenleben so verächtlich? Ist sein Erfinder in deiner Kritik noch gewisserart ein Wesen, das sich solch einer Erfindung durchaus nicht zu rühmen hätte?

[RB.01_025,08] Ich meine, so du nur irgendeinen Funken eigenen Lichtes und des ,Hegelschen‘ besitzt, mußt du es doch einsehen. Und zwar aus vielen Erfahrungen, daß auf der vergänglichen Erde unmöglich je eine wahre Glückseligkeit zu finden ist. Das eben darum, weil sie nach der natürlichsten Ordnung aller Dinge der Außenwelt mit der Zeit veränderlich und am Ende ganz und gar vergänglich sein muß!

[RB.01_025,09] Wer sich aber nach Meiner Lehre Schätze sammelt, die Rost und die Motten nicht zerstören, der allein kann von einer wahren Glückseligkeit reden. Denn was für ewig bleibt, wird doch offenbar besser sein, als was dem scharfen Zahne der Zeit unterliegt?

[RB.01_025,10] Was wohl hast du selbst nun von all deinen rein irdischen Glückseligkeitsbestrebungen? Siehe, Pulver und Blei hat all deinen Mühen ein vollkommenes Ende gemacht. Ob du das verdient oder nicht verdient hast, lassen wir nun dahingestellt sein. Denn Ich habe das gleiche Los ertragen müssen, nur mit dem Unterschied: Ich – für Gott und Geist; du aber – für die Welt und ihre vermeintliche materielle Glückseligkeit; Ich fürs ewige, und du fürs zeitliche Wohl der Menschen.

[RB.01_025,11] Wie Ich, so kannst auch du nun sagen: ,Herr, vergib ihnen! Denn was sie taten, das taten sie in ihrem blinden Glauben, etwas Rechtes zu tun!‘ Aber – was hast du nun für die sichere Ewigkeit mit herübergebracht? Siehe, Freund, das ist eine ganz andere Frage! Wird dir die für dich vergangene Welt wohl etwas zu geben imstande sein? – Denke nur einmal darüber nach und sage Mir, wie du es nun hier anfangen wirst?"

 

26. Kapitel – Roberts Antwort: Das Leben gebe ich dem zurück, von dem ich's erhielt. Gibt es einen Gott der Liebe, der seine Geschöpfe so hart behandelt?

[RB.01_026,01] Nach einigem Nachdenken spricht Robert wieder und sagt: „Mein allerliebster Freund und Bruder! Was da deine triftige Widerlegung meiner Anwürfe gegen die Gottheit und ihre aufgestellte Lebensordnung betrifft, so bin ich auch in diesem Punkte mit dir ganz einverstanden. Ich bekenne es laut, daß ich der lieben Gottheit sehr unrecht getan habe – vorausgesetzt, daß es wirklich eine Gottheit gibt als liebevollsten Vater, wie du ihn deine Jünger lehrtest.

[RB.01_026,02] Darum verlangten sie von dir auch einmal, daß du ihnen deinen ,Vater‘ hättest zeigen sollen. Und da du solchem Begehren nicht anders genügen konntest, als dich ihnen selbst als Vater darzustellen, so wolltest du wohl nach meinem Dafürhalten damit nichts anderes sagen als: O ihr jüdischen Dummköpfe! Wißt ihr denn nicht, daß es außer dem Menschen nirgends einen Gott gibt? So ihr mich oder auch einen andern Menschen sehet, so sehet ihr ja, was ihr verlangt. Könnt ihr es denn unmöglich fassen, daß der Vater in uns ist und wir im Vater sind? Oder mit anderen Worten: daß es nirgends einen Gott gibt außer den im Menschen!

[RB.01_026,03] Obschon ich dieses kaum anders auffassen kann, so bin ich deswegen dennoch nicht hartnäckig darauf versessen und will gerne irgendeine Gottheit annehmen, so du sie mir erweisen und zeigen kannst. So ich aber einer nirgends als nur in uns seienden Gottheit solche Anwürfe machte, kann ich deine wirklich triftigste Widerlegung auch um so leichter als Wahrheit annehmen: Weil sie sich lediglich auf unsere eigenste innere Ordnung bezieht, die erst ganz verstanden sein will, bevor sie sich einer zu seichten kritischen Beurteilung preisgeben kann. Oder mit anderen Worten: ,Mensch, erkenne dich zuvor ganz! Dann erst beurteile dein Sein und alle die notwendigen Verhältnisse, welche die Bestimmtheit deines Seins mit sich führt!‘

[RB.01_026,04] Ich kann dir für diese wahrhaft große Belehrung nur danken aus allen meinen Kräften. Denn auf meinem überaus nichtigen Boden dürften solche Früchte wohl noch lange nicht zum Vorscheine kommen.

[RB.01_026,05] Aber trotzdem ich nun diese weisen Beschränkungen der absoluten Freiheit als überaus notwendig und nach der Natur der menschlichen Ordnung zum wahren Leben höchst angemessen finde, so muß ich aber noch immer leider eines offen bekennen: Ich kann die Lehre, daß Gott die purste Liebe ist und man diese Liebe über alles, den Nächsten aber gleich sich selbst lieben solle, durchaus nicht mit allem vereinigen, was du mir bis jetzt gesagt hast. Und eher schon gar nicht, bis du mich vom Dasein einer wirklichen Gottheit überzeugen wirst!

[RB.01_026,06] Gott muß zuerst definitiv da sein und seine Natur und sein Wille vollkommen erkannt werden, dann erst läßt sich von Notwendigkeiten reden. Ist aber Gott nur ein vom blinden Glauben angenommenes, nie aber der reinen Vernunft erweisbares Wesen, muß notwendig jede Gotteslehre, möchte sie auch noch so metaphysisch oder theosophisch klingen, sich von selbst in ein Nichts auflösen.

[RB.01_026,07] Ich widerspreche hiermit deiner Belehrung gar nicht, denn ich sehe ihre Realität nur zu klar ein. Aber nur in dem Fall, so es eine Gottheit gibt, die solche Ordnung zur Heranbildung des Menschen zu einem höheren, freiesten Wesen für nötig gestellt hat. Gibt es aber keine Gottheit, dann brauche ich dir gar nicht zu widersprechen, denn da widerspricht sich die Sache von selbst.

[RB.01_026,08] In der Beantwortung meiner an dich gerichteten Frage: Mit welchem Recht mich ein Windischgrätz erschießen ließ, gingst du ganz kurz zu dem Entschuldigungsgrund über: daß es nun nicht an der Zeit sei, darüber viel zu reden, ob solches mit Recht oder Unrecht geschehen sei. Denn auch dir sei ein ähnliches Los zuteil geworden, nur mit dem Unterschied: Dir – für Gott und der Menschen ewiges und geistiges Wohl; mir aber – für die Welt und ihre vergängliche Glückseligkeit! – Und ich soll dir nun kundgeben, was ich aus der vergangenen Zeit für die Ewigkeit mit herübergenommen habe? Freund, ich meine, diese Frage zu beantworten, wird mir eben nicht zuviel Kopfzerbrechen machen!

[RB.01_026,09] So es doch irgendeine liebevollste Gottheit geben sollte, so lehrt uns die Tausende von Jahren alte Erfahrung, daß diese Gottheit den Menschen, wenn sie sie zur Welt in die sogenannte Freiheitsschule schickt, absolut nichts als nur das nackteste, begriffsloseste und somit auch allerdümmste Leben mitgibt. Also ein barstes Nichts bringt der Mensch auf diese elende Welt! Von all den Weltschätzen gehört nichts ihm, da er sie am Ende seines Lebens doch für ewig wieder verlassen muß.

[RB.01_026,10] Was wohl hätte ich da für die Ewigkeit mit herübernehmen sollen oder können, außer – ohne mein Verlangen und ohne meinen Willen – mich ganz allein! Nur mit dem geringen Unterschied, daß ich nun in diese Welt als ein denkendes, und somit etwas mehr geistig gebildetes Wesen eintrat, während mein Eintritt in die materielle Welt ein höchst unbehilflich elender war. Welchen Eintritt ich aber dennoch dem zweiten in diese unweltliche Welt sehr vorziehen möchte. Denn in der Materiewelt fühlte ich als Säugling nichts, außer etwa einen stummen Hunger oder einen stummen Schmerz. Aber diese beiden Martern waren für mich so gut wie gar nicht da, denn ich hatte damals ja kein Bewußtsein. Hätte meine arme irdische Mutter mir in dieser Zeit nicht die kärglichste Pflege gegeben, so hätten mich zufolge deiner göttlichen Liebsorge wohl alle Mäuse und Ratten fressen können; die Gottheit hätte es sicher nicht abgewehrt!

[RB.01_026,11] Ja die Gottheit in der Brust meiner Mutter sorgte wohl für mich. Aber die große, allmächtige, irgend über allen Sternen – die weiß vielleicht noch diesen Augenblick nichts von einem armen Teufel, von einem Robert Blum!

[RB.01_026,12] Wenn ich aber dennoch ein miserables Produkt dieser großen Gottheit sein soll, die aus purster Liebe mich so reichlichst ausgestattet in die Prüfungswelt sandte, – kann sie nun wohl mehr von mir zurückverlangen, als sie mir auf die Weltreise mitgegeben hat? Ich meine, wo nichts ist, da hört wohl von selbst jedes Recht auf. Oder gibt es hier in der Geisterwelt wohl irgendeine solche Rechtsverfassung, nach der man auch für ein barstes Nichts jemandem zum Schuldner werden kann?

[RB.01_026,13] Das nackte Leben ist nicht mein, da ich mir's nicht gegeben habe. Dieses Leben mit einiger Intelligenz sogar bereichert und mit einem schlechten Rock noch dazu, habe ich wieder hierhergebracht und stelle es mit dem größten Vergnügen dem wieder zurück, der es mir gegeben hat. Aber mit der Bitte, daß ich, als der elende Robert, für alle Ewigkeit völlig zu sein aufhöre! – Denn ich ersehe nun sogar aus deinen weisen Reden, daß dem Leben überhaupt keine glückliche Seite abzugewinnen sein dürfte. Und so ist es ja endlos besser, ewig nicht mehr zu sein, als so elend, wie ich es stets zu sein die große Ehre hatte!

[RB.01_026,14] Es ginge mir zur Vollendung meines Glücks nur noch ab, daß du, lieber Freund, zu mir sprächest: ,Weiche von mir, du Verfluchter, in das ewige Zornfeuer Gottes und brenne dort ewig unter den gräßlichsten Qualen‘ – so wäre dadurch dem Leben und seiner Herrlichkeit wahrlich die Krone der urgöttlichen Liebe aufgesetzt! Freund, wenn solch ein unbegreiflich hartes und aller Liebe lediges Urteil auch dein liebevollster Vater dir eingegeben hat – wahrlich, da wäre von seiner endlosen Liebe nicht viel Gutes zu erwarten! Aber ich meine, solch eine grausame Sentenz dürfte kaum je über deine Lippen gekommen sein, sondern wurde höchst wahrscheinlich in späterer Zeit von den liebevollsten Römlingen eingeschoben? Das Warum dürfte nicht schwer zu erraten sein! – Rede nun wieder du, denn ich bin mit meiner Antwort zu Ende."

 

27. Kapitel – Aufklärung aber die Erziehung des Menschen zur Selbständigkeit. Scheinbar harte Erziehungsschule – höchste göttliche Liebeweisheit.

[RB.01_027,01] Rede Ich: „Höre, du lieber Freund! Mit dir wird es noch einige Anstände haben, bis du zu klareren geistigen Begriffen gelangst. Du hängst noch viel zu sehr an der Materie und den daraus hervorgehenden Erscheinlichkeiten. Deshalb beurteilst du auch alles nach der Materie, die gerichtet und daher vergänglich ist, und magst das rein Göttlich-Geistige nicht erfassen.

[RB.01_027,02] Begreifst du als ein Hauptphilosoph denn noch immer nicht: So die Gottheit ein Leben aus sich freigibt, so muß sie dasselbe doch vollkommen freigeben, und nicht gerichtet. Außer was höchst notwendig gerichtet sein muß: das leibliche Leben, damit es Festigkeit habe zur Aufnahme des Lebensgeistes aus Gott. Hat dieser Geist einmal die rechte Festigkeit erreicht, oder will Gott einen noch sehr schwachen Geist auf eine andere Art zum ewigen Leben kräftigen, ohne daß dieser es nötig haben soll, die volle Fleischprobe durchzumachen, – so nimmt Gott Selbst das Gerichtete vom freiesten Geiste. Er ist dann ganz frei und es geschieht ihm dann nichts anderes, als was er absolut frei selbst aus sich heraus will.

[RB.01_027,03] Glaubst du denn, Gott wird dir gebieten, etwa entweder in die Hölle zu fahren oder in die Himmel einzugehen? Oh, mit solchen Ideen brauchst du dich nicht abzugeben. Da bist du vollkommen frei; was deine eigene Liebe will, das soll dir auch werden! Gott kann dir auch zum besseren Teil behilflich sein, aber nur, wenn du es willst. Willst du aber solche Hilfe nicht, so wird sie dir Gott auch nicht nachwerfen. Und das darum nicht, weil du ein freies und von Gott ganz unabhängiges Leben hast, das sich frei bestimmen kann wie es will, und daher auch für seine Ernährung und Stärkung zu sorgen hat, ganz unabhängig von Gott, ansonst es wahrlich kein freies Leben wäre!

[RB.01_027,04] So aber Gott den Menschen nackt und in jeder Hinsicht völlig unbehilflich zur Welt geboren werden läßt, so geschieht das darum, um das Menschenleben schon da freizugeben, damit selbes sich an das Sich-selbst-überlassen-sein schon von Geburt an gewöhnen soll. – Dieser Lebens-Trennungs-Prozeß muß darum auch mit der Geburt seinen Anfang nehmen, wo das Kind noch keiner Vorstellung, keines Begriffes und somit auch keines bewußten Schmerzes fähig ist. Denn bei einer solchen Lebenstrennung, wenn sie dem Menschen in einem begriffsfähigen Zustande geschähe, könnte er den Schmerz und die zu große Trauer gar nicht ertragen. Trauert doch ein Mensch, wenn durch des Leibes Tod einer seiner besten Freunde gewisserart von seinem Lebensband getrennt wird. Um wieviel mehr würde der Mensch erst trauern, so er mit vollstem Bewußtsein sich von Gott, seinem eigensten Lebensvater trennen sollte, – was aber dennoch geschehen muß, weil ohne diesen an und für sich schmerzlichen Akt kein Leben neben Gott freigestellt werden könnte.

[RB.01_027,05] Des Herrn höchste Weisheit und Liebe versetzt solch eine notwendige Trennung in einem beinahe empfindungslosen Zustand des Menschen. Er gibt ihm zum anfangs ganz gebundenen geistigen Leben ein äußeres Naturleben dazu, das das ehemalige mit Gott vereinte Leben auf unbestimmte Zeit verbirgt, auf daß der Geist sich solche Trennung leichter angewöhne und sich in sein künftiges, absolut freies Leben desto unbeirrter finden kann. Sage, kann ein Mensch dann darum die Gottheit schmähen oder gar leugnen, wenn sie tut, was ihre eigene höchste Liebe, Weisheit und Ordnung gebietet?

[RB.01_027,06] Wenn es einen anderen Weg zur Freigestaltung des Lebens aus sich gäbe, der noch weniger schmerzlich wäre, so hätte ihn die Gottheit sicher in ihre Ordnung aufgenommen. Aber bei den Verhältnissen der Lebensdinge, wie sie sind und notwendig sein müssen, ist eben kein besserer Weg möglich. Der Weg ist somit auch gut und zweckmäßig. Und weil so und nicht anders, da ist ja die Sache selbst schon der größte Beweis fürs sichtbare, greifliche Dasein Gottes, ohne den nichts entstehen, sein und bestehen kann.

[RB.01_027,07] Ist aber dadurch das Dasein Gottes offenkundig erwiesen, wie verdient es von so weisen Männern, wie du einer sein willst, geschmäht zu werden? – Sieh, lieber Freund, wie unrecht du dem großen, heiligen Vater tust!"

 

28. Kapitel – Auch der Leibestod ein Hilfsmittel der Liebe Gottes. Vom Todesleiden in alter und jetziger Zeit.

[RB.01_028,01] Rede Ich weiter: „Siehe, das Sterben der Menschen ist auch für die äußeren Sinne eine traurige und zumeist mit verschiedenen Schmerzen verbundene Erscheinung. Der bloße Weltverstand findet dies für sehr hart und grausam von seiten einer allmächtigen Gottheit, die noch dazu voll der höchsten Liebe und Erbarmung sein soll. Wie oft ist die gute Gottheit schon darob von Menschen und Geistern geschmäht oder auch ganz geleugnet worden!

[RB.01_028,02] Aber auch da tritt wieder dieselbe Notwendigkeit wie bei der Geburt ein. Der freie Geist im Menschen kann unmöglich anders von jedem seine wahre Freiheit hemmenden Gericht ledig werden als durch die Hinwegnahme seiner gerichteten, zeitweiligen Umhüllung. Diese darf dem Geiste nur so lange belassen werden, bis er von dem Urleben Gottes nach allen Teilen völlig isoliert worden ist. Wobei freilich nur Gott als Gestalter des Lebens wissen kann, wann solch ein Geist zur völligen Selbständigkeit gediehen ist. Ist solch eine Reife eingetreten, dann ist es auch an der Zeit, dem Geiste die Last abzunehmen, die ihn an seiner Freiheit hindert.

[RB.01_028,03] Freilich sagst du wie viele: ,Warum geschieht dann diese Abnahme nicht schmerzlos?‘ – Ich aber sage dir: Würde ein Mensch nach der Lehre Gottes leben, so würde seines Leibes Tod ihm auch nur eine Wollust sein, oder doch wenigstens wäre er völlig schmerzlos. Aber da die Menschen zufolge ihrer Freiheit sich zu sehr in die Widerordnung der Materie begeben, ihren Geist mit eisernen Ketten daran heften und ihn zur Weltliebe erziehen, da muß freilich solche Trennung mit um so mehr Schmerzen verbunden sein, je fester ein Geist sich an die gerichtete Welt angeklebt hat.

[RB.01_028,04] Aber auch dieser Schmerz ist dennoch keine Härte, sondern nur die purste Liebe Gottes. Denn würde die Gottheit da nicht eine kleine Gewalt anwenden, die freilich nie wohltun kann, dann ginge der Geist ins vollkommene Gericht über und somit in den qualvollsten ewigen Tod, der da die eigentliche Hölle ist. Aber um den Geist davor möglicherweise zu retten, muß die Gottheit ein solches notwendiges Gewaltstreichlein ausführen. Sage, verdient sie darum wieder, geschmäht oder gar geleugnet zu werden? Leider gibt es nun eine zu große Menge Geister, die von Gott nichts mehr hören wollen, sobald sie ihre Freiheit erlangt haben. Aber Gott unterläßt es dennoch nie, sie auf den besten Wegen zum wahren und vollkommensten Ziele zu leiten.

[RB.01_028,05] Siehe, in der Urzeit wurden die Menschen im allgemeinen dem Leibe nach viel älter und starben auch eines gelinden und schmerzlosen Todes. Das geschah aber darum, weil sie in ihrem Geiste von Gott nicht so leicht wie die Menschen dieser Zeit abgelöst werden konnten. Und das darum nicht, weil die Erde für sie viel zu wenig Reize aufzubringen hatte und sie dadurch mehr in sich gekehrt blieben und auch mit Gott in einem schwerer zu trennenden Verband standen.

[RB.01_028,06] Als aber mit der Zeit die Menschen der Erde stets mehr Reize abzugewinnen begannen, und sich die Trennung vom Gottesleben daher auch eher ergab, da wurde auch die irdische Lebensperiode stets kürzer und kürzer.

[RB.01_028,07] Als endlich die Menschen vor lauter Welttum und seinen Reizen ganz und gar ihres Schöpfers zu vergessen anfingen, da erreichten sie aber auch das Extrem wider alle Gottesordnung, in dem der ewige Tod ihnen zuteil werden müßte. Siehe, da war es dann göttlicherseits nötig, sich ihnen wieder mehr zu nähern und sich hie und da zu offenbaren, um die dem ewigen Untergang nahe Menschheit zu retten. Viele ließen sich retten, viele aber nicht – aus eigenem, freiestem Willen! Hätte sie die Gottheit da mit ihrer Allmacht ergreifen sollen, wenn sie ihrer Liebe kein Gehör schenken wollten? Das hieße doch alle solche Geister für ewig verderben!

[RB.01_028,08] Was kann da die ewige Liebe anderes tun, als zu sagen: „Weichet von Mir, die ihr euch gänzlich von Mir abgelöst habt, und gehet in eine andere Erhaltungsschule, die allen euresgleichen zu eurer möglichen Wiederlöse bereitet ist! Es ist ein Feuer des Gerichtes der Welt, das muß euch lostrennen von ihr, ansonst es um euch geschehen ist!"

[RB.01_028,09] Wenn die Gottheit, um solche Übel soviel als möglich zu verhüten, nun äußere Plagen über die Erde kommen läßt, sage, ist sie da nicht vorhanden? Oder ist sie da hart und lieblos, wenn sie tut, was zu tun sie für allernötigst findet? – Wie kannst du dir auch nur im Traum einfallen lassen, daß die Gottheit ihre Geschöpfe, die sie aus sich heraus zeugte – verfluchen und verdammen soll für ewig! Was hätte sie wohl davon?

[RB.01_028,10] Aber wenn sie die Geschöpfe freistellen will für ewig: Muß da nicht ihre größte Sorge sein, daß diese Geschöpfe ja nicht irgend wieder in die Arme ihrer Allmacht hineingeraten, wo es um die Freiheit in jedem Falle geschehen sein müßte. Gerade, als so du Kinder hättest und möchtest sie in ihrer Zartheit mit all deiner Manneskraft an deine Brust drücken, was ihnen natürlich das Leben kostete. Wenn du sie aber zu Tode erdrückt hättest und hättest noch andere Kinder, – sage, würdest du diese nicht warnen vor deiner unbändigen Kraft, oder würdest du diese Kraft noch an mehreren versuchen? Dich würde wohl die Erfahrung davor warnen.

[RB.01_028,11] Die Gottheit aber bedarf freilich der Erfahrung nicht, da sie im Besitze der unendlichsten Weisheit ist. Sie ist der alleinige wahre gute Hirte aller ihrer Schäflein und kann sie am besten schützen vor ihrer Allmacht, die sie nur zur Gestaltung der gerichteten Dinge der Körperwelt gebraucht, nie aber zur Gestaltung freier Geister aus ihr! Diese müssen allein aus ihrer Liebe und Weisheit hervorgehen, ansonst an ihnen ewig keine Freiheit und somit auch kein Leben zu bewerkstelligen ist! Denn Gottes Allmacht zeugt nichts als Gericht über Gericht!"

 

29. Kapitel – Wahrer Sinn des Textes: „Weichet von Mir, ihr Verfluchten!" Jeder böswillige Geist verflucht sich selbst. Sünde wider den Heiligen Geist.

[RB.01_029,01] Rede Ich weiter: „Wenn du jene dir so schauderhaft vorkommende Sentenz aus dem Evangelium einmal als kritischer Denker bloß grammatikalisch durchgegangen hättest, so müßtest du schon aus der alleinigen Wortfügung auf den ersten Blick erkannt haben, daß die Gottheit damit ein richterliches Verdammungsurteil über die sogenannten verstockten Todsünder nie habe für ewig wirkend (aus der Allmacht) aussprechen können und wollen!

[RB.01_029,02] Denn sieh, es heißt da: ,Weichet von Mir, ihr Verfluchten!‘ – Also sind die schon verflucht, an die das Gebot ergeht. Denn sonst müßte es heißen: Da ihr vor Mir allzeit unverbesserlich gesündigt habt, verfluche Ich als Gott euch nun für ewig zur Hölle ins ewige Qualfeuer!

[RB.01_029,03] So aber die schon verflucht sind, an welche die Gottheit solche Sentenz ergehen läßt, so folgt daraus: fürs erste, daß die Gottheit hier durchaus nicht als Richter, sondern nur als ein ordnender Hirte auftritt und den von ihr aus eigener Willensmacht ganz abgetrennten Geistern einen andern Weg strenge anweisen muß. Weil sie sonst, alles Verbandes mit der Liebe der Gottheit ledig, unmittelbar in die Arme der Allmacht geraten müßten, wo es dann wahrlich um sie geschehen wäre!

[RB.01_029,04] Fürs zweite aber fragt es sich, wer sie dann verflucht hat? Die Gottheit unmöglich! Denn wenn die Gottheit jemanden verfluchte, wäre keine Liebe in ihr und auch keine Weisheit. Wenn die Gottheit gegen ihre Werke zu Felde zöge, zöge sie da nicht so ganz eigentlich gegen sich selbst, um sich zu verderben, – anstatt stets mehr von Ewigkeit zu Ewigkeit sich aufzurichten durch die wachsende Vollendung ihrer Werke, ihrer Kinder!

[RB.01_029,05] So aber die Gottheit danach unmöglich aus ihrer Allmacht heraus als Richter erscheinen kann, sondern allein aus Liebe und Weisheit heraus als ordnender Hirte, so ist es ja klar, daß solche Geister zuvor durch etwas anderes mußten gerichtet worden sein. Durch wen aber? – Diese Frage ist gar leicht zu beantworten, wenn man nur soviel Selbsterkenntnis besitzt, um dieses einzusehen: daß ein Wesen einerseits einen völlig freien Geist und Willen hat, der eigentlich allein der Liebe und Weisheit Gottes entstammt. Anderseits aber, auf daß es von der Allmacht isoliert werden könne, um ein wahrhaft vollkommen freies Wesen zu werden, auch eine Zeitlang einen von der Allmacht gerichteten Leib und eine äußere, gerichtete Welt mit eigenen, ebenfalls gerichteten Reizen haben muß. Es kann daher durch niemand anders als lediglich nur durch sich selbst gerichtet und bestimmt werden. Es kann sich ein solch freies Wesen nur selbst ,verfluchen‘, d.h. gänzlich von aller Gottheit absondern.

[RB.01_029,06] Die Gottheit aber, die auch solch einem Wesen die Freiheit nicht nehmen will, kann da nichts anderes tun, als solche verirrte Wesen bei ihrer Beschaffenheit anrufen und mit Liebernst ihnen den Weg anzeigen, auf dem sie wieder in den Verband der Liebe und Weisheit Gottes treten können. Außerhalb dieses Verbandes ist keine absolute Freiheit und somit auch kein geistiges, ewiges Leben denkbar. Denn außerhalb dieses Verbandes wirkt allein nur die Allmacht der Gottheit, – in der nur die Kraft der Liebe und Weisheit Gottes wesenseins mit der Allmacht als das Urleben bestehen kann. Jedes andere, von diesem Urleben abgelöste Leben muß in ihr zugrunde gehen und ewig erstarren, weil es für sich unmöglich der endlosesten Kraftschwere den leisesten Widerstand leisten kann!

[RB.01_029,07] Darum heißt es auch: Gott wohne im ewig unzugänglichen Lichte! Was so viel sagen will als: Gottes Allmacht, der eigentliche Machtgeist Gottes, der die Unendlichkeit erfüllt, ist für das Sein jedes geschaffenen Wesens, so es bestehen soll, für ewig unzugänglich. Denn jeder Konflikt mit der Allmacht Gottes ist der Tod des Wesens! Daher wird auch die Sünde gegen diesen Machtgeist als höchst verderblich bezeichnet. Weil ein Wesen, das, von der Gottes-Liebe sich zuvor völlig trennend, mit dieser Macht sich messen will, notwendig von solcher Allkraft gänzlich verschlungen werden muß und nur schwer oder auch wohl gar nicht mehr von ihr loszuwinden ist, – gleich als wenn eine Milbe unter dem Schutt des Himalaja begraben wäre! Wie würdest du sie daraus befreien?"

 

30. Kapitel – Vom reichen Prasser und armen Lazarus im Jenseits. Wer hat die Hölle gemacht? Nur die Bosheit der Geister.

[RB.01_030,01] Rede Ich weiter: „Du sprichst nun bei dir: ,Ja, das ist alles richtig, wenn die Gottheit zu jenen so spricht, die sich zufolge ihrer vollsten Freiheit von ihr ganz abgelöst haben nach der Art und Weise, wie sie durch sich selbst in sich beschaffen sind. Somit kann in diesem scheinbaren Schreckensurteil unmöglich das Schaudervolle vorhanden sein, wie man auf den ersten Augenblick vermutet. Aber was hat es dann mit der Erzählung vom armen Lazarus und dem reichen Prasser für eine Bewandtnis, der ohne alle Gnade im schrecklichsten Feuer der Hölle gesehen wird? Der da bittet und keine Erhörung seiner Bitten findet und zwischen dem und der Gnade Gottes eine unübersteigliche Kluft angezeigt wird, über die für ewig keine Übergangsbrücke führt? Was sagt denn da die göttliche Liebe, Weisheit und Erbarmung dazu?‘

[RB.01_030,02] Lieber Freund, Ich wußte wohl, daß du mit dieser Frage kommen wirst. Dagegen frage Ich dich, ob du Mir sagen kannst, wer denn diesen Prasser eigentlich in die Hölle geworfen hat? Etwa die Gottheit? Mir ist solches wahrlich nicht bekannt.

[RB.01_030,03] Oder hat dieser in seiner notwendigen Qual sich etwa an die göttliche Liebe und Gnade gewendet, um davon befreit zu werden? Ich weiß nur, daß er sich an den Geist Abrahams und nicht an die Gottheit gewendet hat! Der Geist Abrahams ist aber, obschon als geschaffener Geist überaus vollkommen, doch ewig die Gottheit nicht, die allein nur helfen kann. Und auch in solchen Fällen ist sie die unübersteigliche Kluft, über die sich die Geister verschiedenster Art nie die Hände reichen dürfen, denn da wirkt allein Gottes geheimste und tiefste Weisheit und Liebe!

[RB.01_030,04] Wenn dieser Prasser sich aber in großem Elend befindet, kann da die Gottheit dafür, wenn er sich gewaltig selbst hineingestürzt hat? Kann dem Selbstwollenden ein Unrecht geschehen, so ihm geschieht, was er will? Sage Mir nun wieder deine Meinung!"

[RB.01_030,05] Spricht Robert: „Ja, das ist wieder ganz richtig! Aber wenn die Gottheit voll der höchsten Liebe ist, was sie auch sein wird, wie ich's nun mehr und mehr einsehe, da fragt es sich von selbst: Wie konnte wohl diese Gottheit einen so qualvollen Ort oder Zustand einrichten, in dem ein Geist zuvor unbeschreibliche Schmerzen auszustehen hat, bis er sich möglicherweise einer Vollendung nähern und durch diese in einen gelinderen Zustand übergehen kann? – Muß denn eine Hölle bestehen? Und müssen solche Geister schmerzfähig sein? – Könnte denn das alles nicht auf eine weniger grausame Art eingerichtet sein?"

[RB.01_030,06] Rede Ich: „Höre, Mein lieber Freund, meinst du denn, daß die Gottheit die Hölle so eingerichtet habe? Oh, da bist du in einem großen Irrtum! Siehe, das haben von alten Urzeiten her die argen Geister selbst getan. Die Gottheit hat es ihnen nur zugelassen, um sie nicht im geringsten zu beirren in ihrer Freiheit. Aber daß sie eine Hölle je erschaffen hätte, das kann in allen Himmeln kein Wesen sich auch nur im entferntesten Sinne denken. Denn so die Gottheit eine Hölle erschaffen könnte, da müßte in ihr auch Sünde und somit Böses sein, was für die Gottheit eine Unmöglichkeit wäre. Denn es ist nicht möglich, daß die Gottheit wider ihre eigene ewige Ordnung handeln könnte. Und so ist es auch unmöglich zu denken, daß die Gottheit aus sich im eigentlichsten Sinn des Wortes eine Hölle erschaffen könnte. Aber zulassen kann und muß sie es den freiesten Geistern, wenn sie aus ihrer ganz verkehrten ursprünglichen Ordnung heraus sich selbst Zustände bereiten, die allerdings sehr arg und schlimm sind!

[RB.01_030,07] In der ganzen Unendlichkeit aber wirst du nirgends einen Ort finden, der da schon von der Gottheit aus als eine Hölle gestaltet wäre. Denn es gibt nirgends eine Hölle außer im Menschen selbst. Wenn aber der Mensch ganz freiwillig in sich durch gänzliche Nichtbeachtung des Gotteswortes die Hölle ausbildet und sich nimmer an die leichte Beachtung der Gottesgebote kehrt: was kann da die Gottheit dafür, so ein Geist sie freiwillig flieht, verspottet und lästert?

[RB.01_030,08] Da aber die Gottheit allein das wahre Leben und auch das Licht allen Lichtes ist und sonach auch die alleinige vollste Seligkeit aller Wesen, – so ist es auch wohl erklärlich, daß ein gottloser Zustand durchaus nichts Angenehmes an sich haben kann, – da es ohne Gott kein Leben, kein Licht, kein Wahres und kein Gutes geben kann!

[RB.01_030,09] Ein Mensch aber, der die Gottheit verläßt, aus sich hinausschafft und keine mehr annehmen will, muß ja in sich eine wahre Hölle gestalten, die in allem böse und arg sein muß. Wenn es dann solch einem gottlosen Menschengeist notwendig sehr schlecht ergehen muß – und je länger er in dem gottlosen Zustand beharrt, desto schlechter –, da kann die Gottheit nichts dafür. Denn würde die Gottheit sich durch ihre Allmacht eines Wesens trotzdem bemächtigen, obschon das Wesen aus eigenem freiesten Willen ihr auf das hartnäckigste widerstrebt, so würde das solch ein Wesen augenblicklich gänzlich vernichten, was wider alle göttliche Ordnung wäre.

[RB.01_030,10] Denn wenn die Gottheit nur ein kleinstes Wesen vernichten möchte, das einmal aus ihr heraus freigestellt ward, so wäre das ein Anfang zur gänzlichen Vernichtung aller Wesen. Wenn aber die Gottheit ihre Ordnung für ewig unwandelbar dahin feststellt, daß kein Wesen, möge es in der Folge sich gestalten wie es wolle, je vernichtet werden kann, so ist dadurch allen Wesen die ewige Fortdauer gesichert. Und zugleich auch für jedes Wesen die freie Möglichkeit, ein überglückliches werden zu können, aber auch so lange ein unglückliches zu verbleiben, als es selbst will!

[RB.01_030,11] So jemand einen Weinberg besitzt, in den lauter edle Reben gepflanzt sind, der Besitzer aber dann freiwillig die edlen Reben ausrottet und an ihre Stelle Dornen und Disteln setzt, weil ihn derlei Wildgewächse mehr freuen als der einfache Weinstock, – sage, ist auch da die Gottheit schuld, wenn dieser dumme Besitzer keine Weinernte macht und darob zu einem mittellosen, elenden Menschen wird?

[RB.01_030,12] Siehe, so ist es auch mit allen Geistern der Fall, die sich die Ordnung Gottes nicht wollen gefallen lassen und den herrlichen Gottesweinberg in ihnen nicht pflegen wollen! Wenn sie dann Dornen und Disteln anstatt der herrlichen Trauben ernten, kann da wohl die Gottheit als Schöpferin solches Unheils beschuldigt werden? Sage Mir, was du darüber denkst?"

 

31. Kapitel – Roberts freudige Zustimmung. Weitere Hauptfrage: Wiegestaltet ist die wahre Gottheit?

[RB.01_031,01] Spricht Robert: „Höchstgeehrter Freund! Was soll ich über diese Sache noch mehr denken, als du nun ausgesprochen hast. Alles ist klar, wohlverständlich und zugleich unwidersprechlich wahr. Es kann wahrlich die Gottheit nicht anders sein und handeln als so, wie du es mir dargestellt hast. Denn sonst müßte die Gottheit aufhören, Gottheit zu sein oder es wäre wenigstens mit allen ihren Schöpfungen ehestens völlig zu Ende.

[RB.01_031,02] Ich sehe nun auch ein, daß ein jeder Geist, wenn er wahrhaft glückselig sein soll, für die höchste Wonne alle Reize der Empfänglichkeit, das zarteste Gefühl und eine feinste Empfindung und Wahrnehmung haben muß, so daß ihm auch die subtilsten Eindrücke unmöglich entgehen können. Und so muß er als ein lebendiger Geist mit der gleichen Empfänglichkeit auch die schlimmen Eindrücke mit gleicher Gefühlsschärfe wahrzunehmen imstande sein. Sonst müßte er entweder halbtot oder geistig narkotisiert sein, was sich aber mit seiner freien Willenskraft unmöglich vertrüge!

[RB.01_031,03] Es kann sich daher die Gottheit nur so, wie du sie mir im besten Verhältnis zu ihren Geschöpfen dargestellt hast, als für ewig bestehend denken lassen. Darum kann ich auch nicht weiter darüber nachdenken, weil ich mich in der Notwendigkeit deiner Gedanken völlig zurechtgefunden habe.

[RB.01_031,04] Nun aber kommt eine andere Hauptfrage: Wo ist denn diese Gottheit? In welcher Region der Unendlichkeit hat sie denn für ewig ihre Wohnung aufgerichtet? Denn irgendwo muß sie doch in aller ihrer Fülle zu Hause sein? Hat sie eine Gestalt und welche wohl? Oder ist sie gestaltlos und ist ihr Sein ein Unendliches, – ohne Form, damit sie eben darum der Inbegriff aller Formen sein kann? – Sieh, Freund, da ich nun die Notwendigkeit eines obersten Gottseins klar einsehe, so ist nun das Wo und Wie für mich von der größten Wichtigkeit!

[RB.01_031,05] Vor allem aber muß ich bekennen, daß es mir viel lieber wäre, wenn die Gottheit doch unter einer Form vorhanden wäre, und zwar eben in der menschlichen. Denn eine ihrem Wesen nach unendliche Gottheit, oder eine Gottheit unter einer unserer menschlichen ganz fremden Form könnte weder ich und ebensowenig auch jemand anders aus allen seinen Kräften lieben.

[RB.01_031,06] Ein Wesen, das man nie erfassen und beschauen kann, kann nie geliebt werden! Mathematisch ist wohl die Gestalt einer vollkommenen Kugel die vollkommenste; aber moralisch? Es nehmen sich zwar die großen himmlischen Leuchtkugeln sehr schön aus, aber das macht das Licht. Ob man aber auch eine solche Leuchtkugel lieben könnte? Wahrlich, auf diese Frage würde mein Gefühl offenbar verstummen!

[RB.01_031,07] Daher, liebwertester Freund, da du in allem Ernste mit der Gottheit um vieles näher vertraut zu sein scheinst als ich, so rücke auch einmal mit der lieben Gottheit, und zwar mit dem Wo und Wie vollernstlich heraus!

[RB.01_031,08] Denn von nun an brauchst du mit mir nicht mehr gar so beweisgründlich zu reden wie bisher. Ich bin von deiner tiefsten Weisheit vollkommen überzeugt und will dir aufs Wort glauben, was immer du mir sagen wirst. Daher bitte ich dich, daß du mich darüber nicht im Zweifel belässest!"

 

32. Kapitel – Liebe Mich, Jesus, denn in Christus wohnt die Fülle der Gottheit körperlich! Robert bezweifelt Jesu Gottheit, will aber blind glauben.

[RB.01_032,01] Rede Ich: „Mein liebster Freund und Bruder! Bevor die Traube am Stock nicht völlig reif wird, soll sie nicht von ihm gelöst werden! Denn ihr Lebenssaft würde dann einen noch saueren Wein geben, der sehr wenig Geist hätte; und hätte er schon einen, so doch einen sehr unedlen.

[RB.01_032,02] Siehe, du bist nun auch noch wie eine nicht vollreife Traube und bist für deine verlangte Enthüllung noch nicht reif. Warum aber, das wird dir die jüngste Folge zeigen! Wenn du aber reif wirst, dann wird es dir dein eigener Geist sagen, was du nun von Mir gerade heraus haben möchtest.

[RB.01_032,03] Wir haben nun zuvor noch ein sehr wichtiges Kapitel miteinander zu verhandeln. Wird dieses wohl vonstatten gehen, so wirst du eher reif als du dir's vorzustellen vermagst. Wird aber diese Verhandlung nicht nach der Ordnung Gottes ausfallen, dann wirst du noch eine geraume Weile bis zu deiner Vollreife vonnöten haben.

[RB.01_032,04] Das aber sollst du dennoch im voraus wissen: Wie die Traube nur durch die Wärme der Sonne, also kommt auch ein jeder Menschengeist durch die rechte Liebe zu Gott zur Reife. Kannst du aber schon Gott nicht lieben, da du noch fragst, wo und wie Er sei, so liebe doch Mich aus allen Kräften, da du doch über Mein Sein sicher in keinem Zweifel sein kannst. Damit wirst du der erwünschten Reife schon näher kommen. Denn die Liebe zum Nächsten ist gleich der Liebe zu Gott. Daß Ich aber hier dein Nächster bin, daran wirst du wohl keinen Zweifel haben?

[RB.01_032,05] Und so tue das, so wirst du dich der Gottheit sehr zu nahen anfangen. – Aber nun gehen wir zu unserem zu verhandelnden Kapitel über!

[RB.01_032,06] Lieber Freund, sage Mir, da dir die Briefe Pauli nicht unbekannt sind, was dieser Lehrer wohl meinte mit den Worten: ,In Christo wohnt die Fülle der Gottheit körperlich.‘ Meinte er wohl, daß sich in Christo, also in Mir, die gesamte Gottheit befindet? Oder wollte er mit diesen vergötternden Worten nur die Vortrefflichkeit des Geistes Meiner Lehre bezeichnen? Und zwar nach der damaligen Sitte, wo man nur zu bereit war, alles Außerordentliche zu vergöttern? Sage Mir darüber dein eigenes Urteil! Ich möchte es von dir vernehmen!"

[RB.01_032,07] Spricht Robert: „Ja, mein geliebter Freund, das ist eine ganz kitzlige Frage! Denn wie möglich ließe sich hier erraten, was der gute Paulus damit eigentlich gemeint hat! – Es wäre äußerst gewagt, festweg zu behaupten: Das und nichts anderes hat damit dieser höchst respektable Lehrer der Heiden gemeint. Ich finde es überhaupt für eine große Anmaßung so mancher Gelehrter, wenn sie festweg behaupten, den wahren Geist irgendeines genialen Autors vollauf erfaßt zu haben! Ich bin da um sehr vieles bescheidener und lasse in solchen Fällen sehr gerne andere urteilen. Gefällt mir ihr Urteil, so pflichte ich ihnen bei. Gefällt es mir nicht, so höre ich darüber noch andere urteilen und handle dadurch auch nach Paulus, der da spricht: ,Prüfet alles, aber nur das Gute behaltet!‘ – Als gut aber kann ich nur das anerkennen, was meiner innersten Überzeugung am nächsten kommt. Hätte Paulus das erste gemeint, was auch möglich sein kann, so hat er unmöglich das zweite meinen können, und umgekehrt! Das ist mathematisch und logisch richtig!

[RB.01_032,08] Aus dieser meiner Definition aber wirst du hoffentlich einsehen, daß ich dir auf deine Frage eine genügende Antwort schuldig bleiben und von dir erwarten muß, was du von mir haben wolltest! Sei demnach gebeten, selbst über dieses Kapitel nach deiner Weisheit zu reden!"

[RB.01_032,09] Rede Ich: „Diese Antwort, Freund, habe Ich erwartet. Sie mußte so natürlich-klug ausfallen, weil du ein natürlich-kluger Mann bist. Aber von einer übernatürlichen Klugheit ist darin noch nichts zu entdecken. Nach der innersten, also rein geistigen Klugheit aber kann Paulus nur ein Bestimmtes gemeint haben. Das muß sich aus der Stellung seiner Worte genau definieren lassen, sodaß man im Verfolge dieser wichtigsten Sache nimmer im Zweifel sein kann, ob er dies oder jenes gemeint habe; sondern daß er ganz bestimmt nur, nehmen wir an, das erste hatte meinen müssen. Wie aber das aus der innersten, übernatürlichen Klugheit zu entnehmen ist, kannst du freilich nicht wissen. Denn Hegel und Strauß, Rousseau und Voltaire haben solches selbst nie begriffen. Und du, als einer der eifrigsten Verehrer dieser Weltweisen, kannst daher auch jene Wege unmöglich kennen, die deinen Lehrern und Führern noch unbekannter waren als den alten Römern Amerika, Australien und Neuseeland.

[RB.01_032,10] Hättest du als Deutscher an Stelle dieser genannten Führer lieber die deutsche Bibel, den Swedenborg und ähnliche Weise deutscher Abstammung recht fleißig studiert, da wüßtest du nun ganz perfekt, wie Paulus zu verstehen ist. Aber als Hegelianer bist du davon wohl noch weit entfernt, und es wird noch ziemlich vieles brauchen, bis du zu der innersten Klugheit gelangen wirst! Gib aber nun acht, Ich will dir etwas sagen! Wenn du es annimmst, da sollst du dem Ziele um ein bedeutendes nähergerückt werden.

[RB.01_032,11] Siehe, Paulus hielt Christum, also Mich, für das höchste Gottwesen selbst, obschon er zuvor Mein schroffster Gegner war. – Sage Mir nun, was du vom Glauben und der Weisheit des alten Paulus hältst?"

[RB.01_032,12] Spricht Robert: „Geliebtester Freund, auf diese Frage ist wieder äußerst schwer eine genügende Antwort zu geben. Denn fürs erste gehörte da wohl auch eine übernatürliche Klugheit dazu, die mir aber mangelt. Und sodann kann man ohne nähere kritische Beweise doch nicht so ganz annehmen, daß der sonst sehr weise Paulus im vollsten Ernste selbst geglaubt hat, was er den anderen Menschen wollte glauben machen. Denn alle ehrenhaft alten Weisen haben samt Paulus sicher selbst gar wohl eingesehen, auf welch lockerem Boden alle metaphysischen und theosophischen Theorien stehen. Sie berechneten nach ihrer genauen Menschenkenntnis, wie unglücklich in kurzer Zeit das Menschengeschlecht werden müßte, wenn es durch höhere Aufklärung über sein vergängliches Wesen ins klare gekommen wäre. Daher suchten sie durch Reden und Denksprüche – manchmal nach Art des Orakels zu Delphi – die Völker zu einem gewissen mystischen Glauben zurückzuführen, durch den wenigstens eine Hoffnung auf ein künftiges Leben sich zuwegebringen ließe. Ob sie aber auch im Ernst selbst voll solcher Hoffnung lebten oder gar von alledem, was sie lehrten, eine völlig wahre Überzeugung hatten, das muß ich wohl sehr in Frage gestellt sein lassen, bis ich entweder auf innerstem Klugheitswege oder durch eine unmittelbare Gegenüberstellung mit den Geistern, die so etwas gelehrt haben, eines anderen belehrt werde.

[RB.01_032,13] Ich für meine Person nehme übrigens nicht den geringsten Anstand, dich, meinen allerliebsten Freund, so lange für einen Gott zu halten, bis ich einen andern irgendwo finde! Sollte sich aber für ewig kein anderer Gott zeigen, so bleibst du mein einziger Gott und Herr auch für ewig! Denn wenn es unter uns einer ist, da bist es offenbar du! Denn an mir läßt sich trotz aller meiner Hegelschen Weisheit auch nicht eine leiseste Spur von einer Gottheit finden. Aber um einen Beweis, warum ich das gerne glaube und annehme, darfst du mich nicht fragen, denn da müßte ich dir die Antwort wieder schuldig bleiben.

[RB.01_032,14] Denn was man glaubt, das glaubt man ohne Beweis, da der Glaube an sich selbst nichts ist als entweder eine Trägheit oder manchmal wohl auch ein gewisser Gehorsam des Verstandes. Fordert aber ein tätigerer Verstand Beweise für das Glaubensobjekt, und können solche dem Verstande genügend geliefert werden, so hört der Glaube ohnehin auf, ein Glaube zu sein; denn dann wird er zur anschaulichen Überzeugung!

[RB.01_032,15] Diese aber kann ich mir hier von deiner Gottheit durchaus nicht verschaffen. Daher will ich unterdessen nur glauben, daß du vorderhand ein Gott seist. Sollte es in der Folge aber möglich werden, diesen Glauben bis zu einer bestimmten Offenkundigkeit beweislich zu steigern, dann wird mein Glaube zur beschaulichen Wahrheit werden. Ob aber mein Glaube leicht dahin wird umgestaltet werden können, das gehört freilich wieder in ein anderes Kapitel!

[RB.01_032,16] Denn sieh, ich bin ein sehr starker Thomas und verlange zuvor ganz genaue Beweise, bis ich etwas als bestimmte Wahrheit annehme.

[RB.01_032,17] Du hast mir wohl die Bibel und den Theosophen Swedenborg angeraten. Aber was nützt hier ein solcher Behelf, wo man ihn nicht haben kann. Daher bleiben wir nur beim einfachen Glauben. Und so es dir möglich ist, mache mich ein wenig dümmer, als ich von Natur aus bin, auf daß ich im bloßen Glauben desto stärker werde. Ich sehe schon zum voraus, daß ich dann um vieles glücklicher sein werde, als ich es so bin!

[RB.01_032,18] Denn ein recht blitzdummer Kerl hat in Hinsicht auf ein glücklicheres Sein viel vor einem aufgeklärten Geiste voraus. Während dieser im Schweiße seines Angesichtes forscht und forscht, um der großen und heiligen Wahrheit näherzukommen und dadurch sich und viele Tausende glücklich zu machen, – da betet der reine Glaubensmensch sein ,Pater noster‘ und legt sich dann ganz behaglich auf seine Bärenhaut nieder und schläft wie ein Murmeltier sorglos, süß und ruhig! Kommt dann die letzte Stunde, so macht er sich eben nicht gar zu viel daraus. Wenn ihm nur ein Priester ob einiger gutbezahlter Messen die Dispens von der Hölle und den Nachlaß der zeitlichen Strafen im Fegfeuer verschafft! Sein blinder Glaube nimmt das alles für bare Münze, und er stirbt in der zuversichtlichen Hoffnung, sogleich in den Himmel aufzufahren. Das heiße ich doch eine glückliche Dummheit! – Und ich sage noch hinzu:

[RB.01_032,19] Ein Narr und Esel ist der, der sich durch sein ganzes Leben mit Denken und Forschen abgibt. Denn das vermehrt weder auf der Körperwelt und noch viel weniger in dieser geistig dunstigen Welt sein Glück. Im Gegenteil macht es ihn nur um so unglücklicher, je mehr er nach Licht und Wahrheit dürstet, dabei aber stets mehr zur Einsicht gelangt, daß die irgendwo seiende Gottheit zur Stillung dieses Durstes nirgends eine erquickende Quelle erschaffen hat.

[RB.01_032,20] Also will ich nun diesen Weg ganz verlassen und mich dafür in die weichen Arme des stumpfen und trägen Glaubens werfen. Vielleicht komme ich da eher zu etwas, das man mit Recht ein wahres Glück des menschlichen Wesens nennen kann?

[RB.01_032,21] Wie glücklich ist z.B. so ein Stiftsprälat! Er denkt nichts, er erfindet nichts; sondern er lebt bloß seines echt römisch-katholischen Glaubens in der süßen Ordnung seines epikuräisch-stoischen Ordensstifters und läßt sich täglich seine ausgesuchten Mahlzeiten wohl schmecken. Wahrlich, siehe Freund, das ist ein glückliches Leben! Und solch ein Leben gibt der blindeste und stupideste Glaube?!

[RB.01_032,22] Daher will ich nun auch rein nur ganz ohne Gedanken mich dem Glauben in die Hände werfen. Vielleicht werde ich dadurch glücklicher werden!? – Ich glaube daher nun an deine Gottheit! Sage mir, tue ich recht und wohl damit? O rede du, mein geliebter Freund!"

 

33. Kapitel – Vom wahren und falschen Glauben. Gefahren und Folgen des stumpfen Wohllebens.

[RB.01_033,01] Rede Ich: „Höre, mein liebster Freund! Zwischen dem, was du Glauben nennst und was der rechte Glaube ist, waltet ein endloser Unterschied! Dein Glaube ist eine barste Trägheit des Verstandes, während der wahre Glaube alle Leibes-, Seelen- und Geisteskräfte in den vollsten Tätigkeitsanspruch nimmt. Dein Glaube ist ein Froschglaube. Denn wie ein Frosch sich mit jeder noch so schlechten Pfütze begnügt, so auch ein solcher Stumpfgläubiger mit allem Unflat. Er weiß am Ende nicht zu unterscheiden, was da Himmlisches oder Höllisches ist in der Lehre, der er stumpfgläubig blinde Folge leistet.

[RB.01_033,02] Wie kannst du einen Prälaten darum als glücklich bezeichnen, wenn er durch seinen Stumpfglauben unter dein Protektorate Roms in seinem Stift auf Kosten der Dummheit seiner Untertanen sich mästet und wohl geschehen läßt? Ist denn das irdisch glückliche Leben auch ein glückliches in dieser Welt der Geister? O mitnichten, sage Ich dir!

[RB.01_033,03] Je mehr jemand auf der Welt seinem Fleische als des Geistes Kerker gedient hat, je mehr er dasselbe pflegte und nährte, und je mehr er diesem Kerker willigst gewährte, darnach es ihn gelüstete, – desto mehr und fester hat er sich auch mit demselben verbunden!

[RB.01_033,04] Wenn es dann aber zur endlichen Ablösung von diesem Kerker kommen wird: wie hart, wie schwer und schmerzlich wird diese sein! Wird man nicht wie bei einer schlechten Geburt, wo die Leibesfrucht mit der Gebärmutter an mehreren Stellen förmlich verwachsen ist, die Seele und den Geist auch mit aller Gewalt förmlich stückweise dem zu sehr gemästeten Fleischkerker entreißen müssen, um diese ineinander verwachsenen Wesenheiten notwendig trennen zu können? Wird solch eine Operation dem Fleische, der Seele und dem Geist wohl ein angenehmes Gefühl verursachen? O siehe, das setzt schon zuerst eine Marter ab, die mit keiner rein irdischen zu vergleichen ist, die ich nur zu gut kenne! Da aber diese bittere Folge auf solch ein irdisch glückliches Leben fast allzeit bestimmt zu erwarten ist, sage – kann man solch ein Leben ein wahrhaft glückliches nennen?

[RB.01_033,05] Glaube es Mir, sorglose und egoistische Fettwänste, sowie alle die durch ihr eigenes Fleisch gerichteten Unzüchtler und Hurer werden sich vollauf zu verwundern haben, welch merkwürdige Schmerzen ihnen der Leibestod bereiten wird!

[RB.01_033,06] Mit diesen Schmerzen nimmt das eigentliche ,Glück‘ eines Stumpfgläubigen erst so recht seinen Anfang! Kommt ein solch ,glückliches‘ Wesen dann aber wie ganz zerrissen und zerstochen in dieser Geister-Welt an, wo die Empfindsamkeit für jeden Eindruck bis ins Ungemessene gesteigert sein muß, weil die früher durch den groben Leib geschützte Seele hier ganz bloßgestellt ist, da fängt dann erst das eigentliche Schmerzglück an, das dein Stumpfglaube bereitet!

[RB.01_033,07] Wenn du aber ein solches ,Glück‘ im Ernst willst, so tue, wodurch du glücklich zu werden wähnst. Ich stehe dir dafür, daß du nur zu bald ganz anders denken und urteilen wirst!

[RB.01_033,08] Ich Selbst aber habe gelehrt: ,Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!‘ Und Paulus verlangte, daß man alles genau prüfen solle und das Gute daraus behalten. Sage, wurde dadurch ein Stumpfglaube geboten, der kein Glaube ist? Oder ein wahrer, lebendiger Glaube, der über alles Wissen himmelhoch erhaben ist! Urteile nun selbst, ob das, was du Glauben nennst, wohl Glaube ist! Dann erst werde Ich dir genau erläutern, was eigentlich wahrhaft glauben heißt! Rede nun, es ist die Reihe wieder an dir!"

 

34. Kapitel – Roberts Begriffe vom Glauben und der rechten Gottesverehrung.

[RB.01_034,01] Spricht Robert: „Freund, du machst mich wahrhaftig ganz dumm! Höre einmal, wenn das nicht Glauben heißt, was ich für Glauben halte, da kannst du mir gleich den Kopf vom Rumpfe reißen. Ich werde es dennoch nicht zu sagen imstande sein, was man denn eigentlich für Wahrglauben halten soll.

[RB.01_034,02] Das reine Wissen kann doch kein Glaube sein! Das Schauen und Vernehmen und gar das Betasten noch weniger? Außer dem Wissen und dem truglosen Wahrnehmen durch unsere Sinne kenne ich aber weiter nichts, das der Mensch in sein Erkenntnis- und Urteilsvermögen aufnehmen könnte. Und wenn das Wissen, wie das Schauen, Hören, Schmecken und Fühlen, Glauben heißt, was ist denn hernach das, was ich bisher Glauben nannte?

[RB.01_034,03] Glauben heißt bei mir etwas für wahr halten, das an sich auch wahr sein kann, sofern es nicht mit den Gesetzen der reinen Vernunft im Widerspruche steht, wenn die Lehrsätze auch nicht wie ein mathematischer Grundsatz bewiesen werden können. – Können sie aber einmal das, so hat es dann notwendig mit dem Glauben ein Ende, – so wie die Hoffnung als Tochter des Glaubens eben da ihr Ende erreichen muß, wo man das Erhoffte endlich in Wirklichkeit erreicht hat!

[RB.01_034,04] Ich kann mir unter Glauben demnach nichts anderes vorstellen als eine willige Annahme von Lehrsätzen und geschichtlichen Daten so lange, bis sie für den Verstand erwiesen werden können. Soll das nicht Glauben heißen, da möchte ich doch wissen, was sonst noch Glauben sein soll.

[RB.01_034,05] Du hast wohl zu deinen Jüngern einige Male von der Wunderkraft des Glaubens gesprochen. Weißt du, wo du vom Bergeversetzen etwas sagtest, – das sie aber wahrscheinlich um kein Haar besser verstanden als ich! Du müßtest sonach nur diesen fabelhaften Glauben meinen? Da freilich wäre mein Glaube alles eher als ein solcher. Denn vor meinem Glauben wäre nicht einmal ein kleinstes Sandkörnchen, geschweige ein Berg gewichen!

[RB.01_034,06] Ja, hör' einmal, Freundchen! Wenn ich solch eines Glaubens auf der Erde hätte teilhaftig werden können, da wäre es dem guten Windischgrätz verzweifelt schlecht ergangen. Nun, den hätte ich ganz kurios versetzt! Ach, bloß mit dem Glauben Berge versetzen können, das ist ein großer und schöner Gedanke! Aber leider nur ein Gedanke!

[RB.01_034,07] Den Lehrsatz Pauli, alles zu prüfen und daraus das Beste anzunehmen, habe ich wohl allezeit mir zum Leitsatz gewählt. Und die große Idee, Gott ähnlich zu werden (wenn schon unmöglich je so vollkommen wie er selbst es ist), war die mächtigste Triebfeder zu all meinen Mühen. Aber was habe ich dadurch erreicht? Mein diesmaliger Zustand gibt dir von selbst die Antwort.

[RB.01_034,08] Und du scheinst auch noch keine Sonne unter deinen Füßen zu haben. Ich meine damit: dein Wunderglaube hat weder dir noch mir bisher goldene Berge getragen! Aber wer weiß es, was da noch nachkommen kann.

[RB.01_034,09] So ich es z.B. ganz willig annehme, daß du der Sohn des lebendigen Gottes bist, oder gar das höchste Wesen selbst (vorausgesetzt, daß du solch eine Annahme von mir verlangst) –, so glaube ich das nur. Denn ich kann mir keinen Beweis verschaffen, daß du das auch wirklich bist. Und so glaube ich es bloß darum, weil meine Vernunft darin wenigstens keine logische Unmöglichkeit findet. Und das hauptsächlich durch deine triftigsten Erläuterungen, daß die Gottheit ganz unbeirrt in all ihrem allmächtigen Tun als wirkliche Gottheit verbleiben kann, wenn sie auch ihren Geschöpfen gegenüber eine beschauliche Form annimmt. Aber wenn ich etwa doch tastbare Beweise bekäme, daß du wirklich das bist, was ich nun bloß glaube, so hört ja doch der Glaube auf und an seine Stelle tritt dann ein helles Erfahrungswissen.

[RB.01_034,10] Freilich könntest du wohl nun sagen: ,Siehe, alle wahrhaft Gläubigen beugen ihre Knie bei der Nennung meines Namens und beten mich an. Wenn du aber sagst, du glaubst, daß ich die Gottheit selbst bin: warum tust du denn nicht, was da alle wahrhaft Gläubigen tun?‘

[RB.01_034,11] Dieser Einwurf ist allerdings sehr beachtenswert. Aber ich halte diese der Gottheit geziemenden Ehrfurchtsbezeugungen für eine Art Verstandesschwäche. Was dem Verstande mangelt, das ersetzt dann die gewisse fanatische Glaubensbegründung.

[RB.01_034,12] So du auch wirklich die Gottheit selbst wärest, müßtest du das doch auch ganz ähnlich ansehen, ansonst du eine ehrsüchtige und überaus schwache Gottheit wärst, die eher auszulachen als anzubeten wäre! Aber ich weiß, daß dich solche Schwächen nie geplagt haben, solltest du schon Gott oder auch nicht Gott sein. Daher liege ich auch noch nicht auf meinen Knien vor dir. Ich weiß nur zu gut, daß dich ein solcher Akt menschlicher Verstandesschwäche nur ärgern müßte.

[RB.01_034,13] Daher täte ich das sogar auch dann nicht, wenn ich die Überzeugung bekäme, daß du wirklich Gott bist. Denn ich kann durchaus nicht annehmen, daß eine weiseste Gottheit anbetungssüchtig sein könnte. Eine solche Frommkriecherei, wenn sie mir erwiesen würde, müßte sogar schon mir als einem nur ein wenig fortgeschrittenen Denker sinnlos und in hohem Grade dumm vorkommen.

[RB.01_034,14] Ich halte eine gewissenhafte Haltung der Gesetze Gottes für die rechte und der Gottheit allein wohlgefällige Anbetung. Denn das verlangt die ewige Ordnung der Gottheit selbst, ohne die kein Wesen denkbar wäre. Aber alles darüber hinaus gehört in das Reich des blindesten Heidentums!

[RB.01_034,15] Ich habe deine Lehre über die Schändlichkeit der langen jüdischen Lippengebete oft bewundert und hoch gepriesen. Wogegen ich das Paulinische ,Betet ohne Rast‘ für die größte Eselei ansehen mußte, – vorausgesetzt, daß Paulus unter Gebet nur ein andächtiges Lippengemurmel verstanden hat, was man von einem sonst so weisen Mann doch wohl kaum annehmen kann.

[RB.01_034,16] Ich glaube demnach nun, daß du Gott seiest. Oder wenigstens ein wahrer Sohn Gottes: ein Prädikat, das du selbst allen Menschen zusagtest, die Gottes Gebote halten und Ihn dadurch über alles lieben. – Ich bin auch fest entschlossen, alles zu tun, was du von mir weise verlangst. Aber wenn du von mir Kniebeugung und ein rosenkranzartiges Gebet verlangen möchtest, da sei im voraus versichert, daß ich so etwas nie tun würde! Und das darum, weil ich darin nur eine Verletzung, nie aber eine Verehrung deines mir über alles teuren Namens finden müßte! – Sage mir nun wieder gütigst, ob du mit dieser Erklärung zufrieden bist oder nicht."

 

35. Kapitel – Doppeltes Erkenntnisvermögen des Menschen. Nur das Licht des Geistes verschafft wahren Glauben. Übung und Sittenreinheit.

[RB.01_035,01] Rede Ich: „Mein Freund, solange der Mensch bloß aus seinem Verstande heraus Definitionen macht, kann er vom Glauben und vom Gebet auch keine andere Meinung haben, als du sie Mir sehr unumwunden kundgegeben hast. Denn des Menschen Kopfverstand hat keinen andern Weg, als den der materiellen Anschauung und sinnlichen Betastung. Ein geistig lebensvoller Glaube aber kann in einem sinnlichen Gemüt ebensowenig Wurzeln fassen, wie ein Weizenkorn auf einem Granitfelsen. Wohl hat es da eine feste Unterlage; aber weil der harte Fels keine Feuchtigkeit hat, die das Weizenkorn auflöst und den Keim frei macht, so bleibt das Korn auf dem harten Felsen eine Zeitlang was es war. Mit der Zeit jedoch stirbt es dann gänzlich ab, weil es keine Nahrung hat. Was nützt dir all dein Wissen und deines Verstandes Gehorsam, den du Glauben nennst, so dein Geist keinen Anteil daran nimmt?

[RB.01_035,02] Siehe, jeder Mensch hat ein doppeltes Erkenntnisvermögen: ein äußeres, das ist der Kopf- oder eigentliche äußere Seelenverstand. Mit diesem Erkenntnisvermögen läßt sich nie das göttliche Wesen erfassen und begreifen, weil es der Seele gerade nur darum gegeben ward, um den Geist in ihr von der Gottheit vorderhand zu trennen und ihm diese auf eine Zeitlang verborgen zu machen. Will nun eine Seele mit diesem alleinigen negativen Vermögen Gott suchen und finden, entfernt sie sich stets desto weiter vom Ziele, je hartnäckiger sie auf diesem Wege dasselbe verfolgt.

[RB.01_035,03] Aber die Seele hat noch ein anderes Vermögen, das nicht in ihrem Kopfe, sondern in ihrem Herzen wohnt. Dieses Vermögen heißt inneres Gemüt und besteht aus einem ganz eigenen Willen, aus der Liebe und aus einer diesen beiden Gemütselementen entsprechenden Vorstellungskraft. Hat diese einmal den Begriff vom Dasein Gottes in sich aufgenommen, so wird er dann sogleich von der Liebe umfaßt und durch ihren Willen festgehalten, – welches Festhalten dann erst ,glauben‘ heißt.

[RB.01_035,04] Durch diesen Glauben, der lebendig ist, wird der wahre Geist erweckt. Der beschaut dann seinen Erwecker, erkennt und ergreift ihn sogleich, richtet sich darnach auf wie ein mächtig Licht aus Gott und durchdringt dann die Seele und umwandelt in ihr alles ins Licht. Und dieses Licht ist dann der eigentliche Glaube, durch den jede Seele selig werden kann.

[RB.01_035,05] Hast du je von diesem allein wahren Glauben etwas vernommen? Du sprichst in dir: Nein, diese Art des Glaubens ist mir völlig fremd; denn ein Denken im Herzen kommt mir völlig unmöglich vor! – Ja, so ist es auch! Es muß dir diese Sache unmöglich vorkommen.

[RB.01_035,06] Um im Herzen denken zu können, muß man eine eigene Übung haben; diese besteht in der stets erneuerten Erweckung der Liebe zu Gott. Durch diese Erweckung wird das Herz gestärkt und erweitert, wodurch dann des Geistes Bande lockerer werden, so daß sein Licht (denn jeder Geist ist ein Licht aus Gott) sich stets mehr und freier entwickeln kann. Fängt dann des Geistes Licht an, die eigentliche Lebenskammer des Herzens zu erhellen, so werden auch die zahllosen Urtypen in rein-geistigen Formen an den ebenfalls zahllosen Wänden des Lebenskämmerleins stets deutlicher ausgeprägt und der Seele beschaulich gemacht. Und siehe, diese Beschauung der Seele in ihrem Herzen ist dann ein neues Denken. Die Seele gelangt da zu neuen Begriffen und zu großen und klaren Vorstellungen. Ihr Sehkreis erweitert sich mit jedem Pulsschlag. Die Steine des Anstoßes verschwinden nach dem Maße, wie der Kopfverstand verstummt. Da ist dann kein Fragen nach Beweisen mehr. Denn das Licht des Geistes erleuchtet die inneren Formen also, daß sie nach keiner Seite hin einen Schatten werfen. Somit wird auch alles, was einem Zweifel nur wie im leisesten Hauche ähnlich wäre, für ewig verbannt.

[RB.01_035,07] Und so ist denn auch ein Glaube, der sogestaltig im Herzen und nicht im Kopfe seinen Sitz hat, ein wahrer und lebendiger Glaube zu nennen: wahr, weil er dem untrüglichen Licht des Geistes entstammt, und lebendig, weil im Menschen nur der Geist im wahrsten Sinne lebendig ist!

[RB.01_035,08] In diesem Glauben aber liegt dann auch jene außerordentliche Kraft, von der in den Evangelien zweimal die Rede ist.

[RB.01_035,09] Um aber zu diesem alleinseligmachenden Glauben zu gelangen, muß man bei vorerwähnter Übung aufs ernsteste bestrebt sein, darin sobald als möglich eine rechte Fertigkeit zu erlangen. Denn wenn der Mensch zu sehr und zu lange nur für die Ausbildung des Kopfverstandes und durch diesen nur für irdische Zwecke und Wohlfahrten gesorgt hat, da muß es einem solchen Menschen völlig unmöglich vorkommen, auch im Herzen denken zu können.

[RB.01_035,10] Ferner muß man sich auch der Sittenreinheit zu erfreuen vollen Grund haben. Man darf kein Schwelger und hauptsächlich kein fleischlicher Unzüchtler sein. Denn Unzucht und Hurerei tötet entweder beinahe ganz den Geist, oder, wenn sie schon den Geist nicht zu töten vermag, so verhindert sie doch für alle Zeiten die freie Entwicklung seines Lichtes. Woher es denn auch kommt, daß solche Unzüchtler, besonders in vorgerückten Jahren ganz stumpfsinnig werden und ihrem matten Leben nur dann noch ein heiteres Augenblickchen abgewinnen, so sie ein wenig geschwelgt und irgendeine Maid angegafft und betastet haben.

[RB.01_035,11] War solches bei dir etwa gar nicht der Fall in der späteren Zeit, da du doch das weibliche Geschlecht ohnehin als nur zum alleinigen Lustzweck bestimmt ansahst. Fandest du nicht auch in solchen unlautersten Genüssen die eigentliche irdische Glückseligkeit? Und wenn du nun zu einer rein geistigen Seligkeit übergehen sollst, da gibt es in dir nun beinahe keinen Grund, auf dem man etwas bauen könnte. Denn siehe, rings um dich herum ist alles leer, so leer wie in deinem Herzen und ebenso wesenlos wie in deines Herzens Lebenskammern.

[RB.01_035,12] Sage, woher werden wir nun Stoff nehmen, um in dir einen ganz neuen Menschen aufzubauen? Rede nun wieder und schaffe Rat!"

 

36. Kapitel – Roberts Unmut über die Erinnerung an irdische Schwächen. Er wünscht andere Gespräche.

[RB.01_036,01] Spricht Robert: „Wertester Freund! Ich merke, du wirst ein wenig anzüglich und mitunter auch etwas beleidigend! Es ist das wohl so eine Eigenschaft, die nahe allen Lehrern anklebt, mögen sie groß oder klein sein. Denn alle durch die Bank sind bei gewisser Gelegenheit etwas grob und deuten ihren Zöglingen manchmal so ganz leise an, daß diese dem Geschlechte jener geduldigen Tiere angehören, die mit den großen Weltweisen hinsichtlich der Sanftmut und Geduld so manches Ähnliche haben sollen! Nach Blut lechzen diese Tiere niemals, wohl aber nach Heu und Stroh. Diese magere Kost soll freilich zur Bildung des Gehirnes nur einen geringen Beitrag leisten. Daher auch sollen diese Tiere durchwegs im Kopf verdammt wenig jenes breiartigen weißlichen Stoffes besitzen, an dem der Kopf des Sokrates einen überschwenglichen Reichtum gehabt haben soll.

[RB.01_036,02] Du hast mir nicht gar zu schwer verständlich angedeutet, wie es da um mich her sowie in mir gewisserart so leer ist wie etwa im Haupte des Vierfüßlers, der seinen Lebensäther aus Heu und Stroh bezieht. Da kann ich wirklich nicht umhin, für die Folge zu bitten, daß du mir, wenn ich schon durchaus ein Esel bin, das ohne vorhergehende Umschreibung glattweg heraussagst! Denn so du in mir im Ernste nichts findest, das zu einem weiteren Ausbau meiner Erkenntnisse taugt, wenn in mir kein anderer Stoff vorhanden ist als wie etwa im Haupt eines Esels, – so sage es heraus, und ich werde mich darob gar nicht kränken. Denn wo nichts ist, da ist einmal nichts!

[RB.01_036,03] Ich sehe es wohl ein, daß der von dir erläuterte innere Glaube in mir nie zu Hause war. Aber was kann denn ich dafür, so mir bis jetzt das Wesen des wahren Glaubens von niemandem erläutert wurde? Wäre da an Stelle Hegels jemand aufgetreten und hätte mir nach deiner Art Belehrungen gegeben, da wäre auch ich sicher kein Hegelianer geworden, sondern stünde gleich einem Paulus vor dir.

[RB.01_036,04] Aber da dies nicht der Fall war und meines Wissens wohl niemandem je der Gedanke kam, daß der Mensch auch im Herzen, ja vielleicht gar auch in den Knien und Fersen soll denken können, – so mußte ich ja dort meine Gedanken fassen, wohin sie in mir die liebe Mutter Natur beschieden hatte. – Auf der Welt dachte ich im Kopfe so: Jedes Glied und jeder Bestandteil des menschlichen Wesens hat seine eigene Bestimmung und zweckdienliche Verrichtung. Die Füße können die Hände nicht ersetzen, der Hintere nicht den Kopf, der Inhalt des Magens nicht den des Kopfes, das Ohr nicht den Dienst des Auges und das Herz nicht den der Zunge. Daher dachte ich denn auch nur im Kopfe und ließ dabei ganz unbeirrt dem Herzen seine Verrichtung. So ich aber darum leer hierhergekommen bin, kann ich etwas dafür?

[RB.01_036,05] Wenn du nun aber von mir Dinge verlangst, deren ich auf der Welt niemals teilhaftig wurde, so bist du offenbar trotz aller deiner Weisheit um tausend Male blöder als ich und wirst mir für die Folge wenig oder nichts nützen können!

[RB.01_036,06] Es ist auch läppisch von dir, mir hier meine irdische, wahrlich nur seltene Schwelgerei und Venusdienerei vorzurupfen und sie zugleich als Grund anzuführen, warum ich mich hier so leer vor dir befinde. Wenn solche Genüsse, die in die Natur des Menschen gelegt sind wie der Keim in das Samenkorn, vor dir eine Sünde sind: warum sind sie dann in den Menschen gelegt worden?

[RB.01_036,07] Man sagt doch von einem Löwen, daß er kein Mückenfänger ist. So du aber nicht nur einer der größten Weisen bist, sondern sogar die allmächtige Gottheit selbst – wie du mir im Verlauf unseres Beisammenseins schon einige Male nicht undeutlich hast zu verstehen gegeben –, da ist es mir unbegreiflich, wie du solcher Kleinigkeiten gedenken magst. Dinge, die ich als Mensch, selbst so ich mich auf Augenblicke in ihrem leidigen Genusse befand, kaum eines näheren Denkens würdigte!

[RB.01_036,08] Der Mensch ist seinem Leibe nach ein Tier und hat daher leider auch tierische Bedürfnisse, deren Befriedigung ihm die leidige Natur mit eiserner Hand diktiert. Findet er in sich einen unwiderstehlichen Drang, gegen den alle geistigen Vorstellungen nichts ausrichten, so ist es ja des Geistes unerläßliche Pflicht, das Fleisch seinen Notdrang befriedigen zu lassen, um sich dann in der eigenen geistigen Sphäre wieder freier bewegen zu können.

[RB.01_036,09] Wenn der Geist also dem Muß in seinem Fleische, und zwar in dessen Drangperioden, nachkommt: wenn er den Kot und Harn durch die Kanäle von sich treibt, wenn er Speise und Trank zu sich nimmt, wie sie dem Fleische schmecken, wenn er ferner den lästigen Geschlechtstrieb, so dieser sein Opfer verlangt, auch nach Möglichkeit befriedigt, um darnach wieder einige Stunden Ruhe vor ihm zu haben, – sage, kann das wohl je als eine Sünde deklariert werden? Und ganz besonders hier, wo wir beide hoffentlich für ewig von solchen groben Naturtrieben verschont bleiben. Denn ohne Fleisch werden wir im Dienste des Fleisches wohl sicher ein verdammt schlechtes Geschäft machen?

[RB.01_036,10] Reden wir daher von etwas anderem und lassen all die vergangenen Naturfetzen sein, was sie sind! Reden wir z.B. einmal etwas vom gestirnten Himmel! Das wird mich mehr erbauen als die Aufwärmung meiner weiland Naturfetzerei!

[RB.01_036,11] Schau, du mein höchst wertester Freund und Gott und alles, was du mir gegenüber nur immer sein willst: Ich kann mich zwar über mein gegenwärtiges Befinden gar nicht beklagen. Ich bin weder durstig noch hungrig; mein ganzes Wesen plagt kein Schmerz und an deiner Gesellschaft habe ich für die Ewigkeit genug. Aber, wenn wir zu unseren gegenseitigen Debatten nur ein etwas besseres Plätzchen ausfindig machen könnten, so wäre das wirklich nicht übel! Denn hier sieht es wohl etwas zu luftig, ja man könnte sogar sagen, nach gar nichts aus! Außer diesen Berglein, auf denen wir nun schon eine geraume Zeit beisammenstehen, ist nirgends etwas von irgendeiner Wesenheit zu entdecken. Könnten wir nur irgendwo ein Rasenplätzchen mit etwa einem schlichten Landhüttchen entdecken und in Besitz nehmen, so könnten wir unsere äußerst interessanten Debatten mit viel mehr Stimmung durchführen!

[RB.01_036,12] Besonders interessant wären da Worte von großer Bedeutung über die Sonnen und verschiedenen anderen Weltkörper! Aber nur nichts mehr von den gottlob weiland irdischen Lebensverhältnissen! Denn diese könnten mich mit größtem Widerwillen erfüllen, so, daß ich am Ende sogar mit dir über gar nichts mehr zu reden imstande wäre! Wäre es dir sonach möglich, für uns beide ein solches Plätzchen ausfindig zu machen, da sei von mir über alle Maßen gebeten, dafür deine Sorge und Weisheit in gehörige Tätigkeit zu setzen!"

 

37. Kapitel – Die Seelengefahr des Lobes. Selbst Engelsfürsten brauchen Demut zum Geistesfortschritt. Bekenne demütig deine Schuld – zu deinem Heil!

[RB.01_037,01] Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder! Das wird sich nun nicht tun lassen. Hier in der Welt der Geister kann nur das in die wesenhafte Erscheinlichkeit treten, was eine Menschenseele in ihrem Herzen mit herüberbringt. Ist das Herz aber geistig ganz leer wie leider bei dir, – trotzdem du dagegen protestierst –, so kann daraus auch nicht das kleinste Rasenplätzchen zum Vorschein kommen.

[RB.01_037,02] Du sprachst auch, daß Ich dir lieber etwas vom gestirnten Himmel kundtun soll, als dir deine irdischen Fehler vorzurupfen. Das glaube ich dir gerne. Einer jeden Seele ist es schon vom Urbeginne ihres Seins lieber, so sie gelobt, als so sie, wenn auch begründet, getadelt wird.

[RB.01_037,03] Aber glaube Mir, jedes auch verdiente Lob ist Gift für die Seele und daher auch schädlich für den Geist. Wäre Ich dir feind, dann würde Ich dich loben, um dich dadurch zu verderben. Da Ich dir aber sicher ein größter Freund bin, so muß Ich schon darum offen mit dir reden. Denn ein schändlicher Schmeichler ist jedem ein gefährlicher Feind, weil er unter der Maske der Freundschaft gewöhnlich nur einen reißenden Wolf birgt. Ich sage dir, du kannst dir nichts Ärgeres antun, als so du dich selbst lobst und Freude an deiner eigenen Vortrefflichkeit hast. Denn dadurch versetzt du dir selbst einen Todesstoß in dein eigenes Herz.

[RB.01_037,04] Ich habe darum auch allen Meinen Jüngern streng aufgetragen, sich sogar dann nicht loben zu lassen, wenn sie auch alles getan haben, was immer Gott von ihnen haben will. Auch da sollen sie stets ganz ernstlich behaupten, daß sie nichts als unnütze Knechte waren.

[RB.01_037,05] Warum aber forderte Ich solches von den Jüngern? Weil Ich allein es nur zu klar sehe, was die Seele tun muß, um sich selbst durch die Freimachung ihres Geistes wahrhaft frei zu machen. Es gibt in der ganzen Unendlichkeit nur ein einziges wirksames Mittel zur Erreichung dieses Zweckes und dieses heißt die Demut des Herzens – im ganzen Umfang ihrer Bedeutung!

[RB.01_037,06] Die rechte, vollkommene Demut aber, allein der Seele wahrhaft nützlich, schließt selbst das schwächste und bescheidenste Selbstlob aus – weil dadurch die Selbstliebe, die eine Abwendung von der Gottheit ist, eine Nahrung bekommt, – eine Nahrung zum Verderben des Geistes, welches ist ein rechter Tod der Seele.

[RB.01_037,07] Wenn Ich dich nun auch noch loben möchte, obschon alle deine irdischen Handlungen im Grunde nur Meinen gerechten Tadel verdienen; und fürs zweite in dir noch dazu eine große Gier nach Lob vorhanden ist, aus der heraus du Mich wenigstens dahin bringen möchtest, daß Ich deine Weisheit anerkenne und vor der Schärfe deines Verstandes einen massiven Respekt bekomme – was würde da aus dir werden?

[RB.01_037,08] Aber gesetzt den Fall, daß es möglich wäre, solches an Mir zu bewirken: was käme dann für dich heraus? Nichts anderes, als daß Ich von dir als Besiegter weichen müßte, weil Mich deine größere Stärke unterjochte. Was aber in der Geisterwelt so viel sagen will, als seinen Gegner verschlingen und so aus der Erscheinlichkeit treten machen. Die Folge davon wäre, daß du wieder ganz allein dastehen würdest und es dann wohl äußerst schwer sein würde, daß du je wieder zu einer Gesellschaft kämst. Denn wenn Ich jemanden verlassen würde, der wäre dann auch für ewig verlassen, und der wahre Tod müßte der ewige Anteil seiner Seele sein.

[RB.01_037,09] Aber es ist so etwas wohl rein unmöglich. Selbst der größte Weise aus allen Sternen muß sich vor Meiner Weisheit beugen bis zur innersten Faser seines Lebens. Und das ist heilsam sogar für den tiefsinnigsten Engelsgeist. Denn auch die größten Engel müssen demütig sein, so sie ganz selig sein wollen, obschon ihr Weisheitsglanz jede Sonne zum finsteren Klumpen umstalten müßte, so diese in seines Lichtes Sphäre käme.

[RB.01_037,10] Um wieviel notwendiger ist dir sonach eine rechte Demütigung, der du noch ganz leer bist von allem, was dich wenigstens mit dem Schimmer eines reellen Seins erfüllen möchte. – Beurteile daher künftig alles, was Ich dir vorhalte, genauer und werde darob nicht erbost, sondern – bekenne deine Schuld vor Mir und demütige dich, so wirst du in Augenblicken weiter kommen als sonst in Jahrtausenden!

[RB.01_037,11] Bedenke das wohl und sage Mir genau, was du tun wirst. Ich werde Mich von nun an darnach richten."

 

38. Kapitel – Roberts Rückschau auf seine Erdenschicksale. „Züchtige mich – aber verlasse mich nicht!"

[RB.01_038,01] Spricht Robert: „Freund, deine Worte sind wohl voll Ernstes. Du scheinst es mit mir ganz ernstlich nehmen zu wollen, wofür ich dir nur aus allen Lebenskräften dankbar sein muß. Aber wie du mich als noch viel zu wenig gedemütigt ansehen kannst, ist mir völlig unbegreiflich! Bin ich denn, schon von meiner elenden Geburt an, nicht durch alle möglichen widrigsten Erfahrungen ohnehin bis aufs letzte gedemütigt worden?

[RB.01_038,02] Als ich mich trotz aller Hemmnisse mit der Zeit aus meinem angeborenen Staub ein wenig zusammenraffte, da brachen Unruhen in meinem Staat aus. Sieh, ich dämpfte sie durch meinen redlichen Willen und Verstand, ohne mich dann dafür vom Staat erhöhen zu lassen. Als darauf ganz Europa rebellisch ward, da wurde ich als ein Deputierter meines Staates nach Frankfurt gesandt und vertrat dort meinen Staat nach meiner möglichst besten Kenntnis, geleitet von einem mir bewußten guten Willen. Wahrlich, es war nie im entferntesten Sinne meine Absicht, jemandem zu schaden, sondern allein nur zu nützen, freilich nur in der Art, wie ich es für die Völker nach meiner damaligen Überzeugung für nützlich erachtete. Ob es ihnen wirklich zum Nutzen geworden wäre, wenn meine Projekte sich verwirklicht hätten – das ist eine andere Frage. Aber damals konnte ich unmöglich anders handeln, als ich es mit meinem Wissen und Gewissen für gut und recht fand. Und ich meine, daß eine jede Rede und Handlung aus redlichem Gemüt vor Gott und aller Welt als recht anerkannt wird. Denn ich glaube, daß auch Gott nur auf den Willen und nicht auf den Erfolg sieht, der ohnehin allzeit in der Hand der göttlichen Macht liegt.

[RB.01_038,03] Als in Österreich die wütendsten Unruhen ausbrachen, da dachte ich daran, wie es mir in meinem Staate gelungen war, einen Volksaufstand gegenüber dem König zu dämpfen. Und dachte darnach, daß mir so etwas auch in Österreich gelingen dürfte! So faßte ich den Entschluß dahin zu eilen.

[RB.01_038,04] Dort aber fand ich die Sachen bei weitem anders stehen. Das Volk war bedrückt und klagte laut über die Wortbrüchigkeit seines Regenten. Die schwärzeste und geldsüchtigste Reaktion war allen Dynasten und Aristokraten, Kaufleuten und Gold- und Silberjuden von der Nase abzulesen. Das arme Volk wurde nur Luder und Canaille gescholten. Und jeder, der dem armen, geistig und körperlich bedrückten Volk mit Gut und Blut, Rat und Tat helfen wollte, wurde als ein Volksaufwiegler und Meuterer aufgegriffen und ohne Pardon ums irdische Leben gebracht, – ,welche Ehre‘ auch mir allerschnödest widerfuhr. Wenn man als ein sonst achtbarer und angesehener Mann wie ein gemeinster Verbrecher auf den Richtplatz hinausgeschleppt und dort wie eine gemeine Bestie erschossen wird, so glaube ich doch, damit für jede Ehre, die einem je irgendwo zuteil wurde, zur Genüge gedemütigt worden zu sein?

[RB.01_038,05] Oder ist dir das auch noch zu wenig Demut? Soll ich wohl noch mehr gedemütigt werden? Ich finde besonders in dieser meiner Lage, daß so etwas völlig unmöglich ist. Denn elender zu sein, als ich es nun bin, wird wohl kaum irgendwo einem Wesen beschieden sein!

[RB.01_038,06] Nichts habe ich als dich, meinen allergeliebtesten Freund, ganz allein. Du bist mir alles: mein Trost, mein größter Reichtum, meine einzige Entschädigung für alle meine irdischen Leiden und Demütigungen! Aber du, statt mich zu trösten, erweckst durch deine weisheitsvollen Reden in mir auch noch eine Menge neuer, qualvoller Bedenklichkeiten, die mein großes Elend nur vermehren, nie aber verringern können. O sieh, geliebter Freund, das ist etwas hart von dir!

[RB.01_038,07] Es mag wohl sein, daß du mit mir die besten Absichten hast. Und so es mir möglich ist, das zu tun, was du mir rätst, so kann das auch leicht mein größtes Glück sein. Aber nur das einzige bedenke dabei: daß ich ein elendestes und über alles unglückliches Wesen bin, das von allem, was das Gemüt aufrichten könnte, völlig blank und leer ist – so wirst du deine sonst weisesten Lehren wenigstens so stellen, daß sie mich nicht zu sehr beängstigen vermögen!

[RB.01_038,08] Ich will mich fürderhin nicht mehr auch nur mit dem schwächsten Gedanken loben. Alle meine Handlungen sollen für ewig mit dem Stempel der Schlechtheit und Verächtlichkeit gebrandmarkt bleiben. Gerne will ich vor dir, so du es verlangst, das letzte und wertloseste Wesen der ganzen Unendlichkeit sein.

[RB.01_038,09] Aber nur verlasse du mich nicht! Und mache mich dadurch nicht gar zu elend. Drohe mir nicht mehr mit deiner Entfernung, sondern stärke mich mit der Versicherung, daß du mich ewig nie verlassen werdest, dann gebe ich dir die getreueste Versicherung, daß ich alles tun werde, was du nur immer von mir verlangst!

[RB.01_038,10] Habe ich auf der Welt wie immer gesündigt, so züchtige mich dafür und demütige mich, so tief es nur immer möglich ist. Ich werde trotzdem nie aufhören, dich zu lieben. Aber nur vom Verlassen rede nichts mehr! Denn das wäre das Schrecklichste, was du mir nur immer antun könntest!"

 

39. Kapitel – Gute Wendung bei Robert. Texterklärung über den Täufer Johannes. In Robert bricht der Tag des ewigen Erkenntnislichtes an.

[RB.01_039,01] Rede Ich: „Nun, Mein liebster Freund und Bruder, das werde Ich auch nicht tun! Wir bleiben schon beisammen. Aber freilich in der Art wie nun könnte sich's für künftige Dauer wohl nicht leicht verwirklichen lassen, denn damit würde dir wenig geholfen sein.

[RB.01_039,02] Aber Ich entdecke nun im Ernst eine gute Wendung in dir und kann dir daher versichern, daß es mit dir ehestens besser gehen wird. Nur mußt du das, was Ich dir nun eröffnen werde, genau nach Meiner Vorschrift erfassen und darnach handeln mit deinem Herzen, so wirst du sogleich heller zu sehen anfangen. Und es werden dir Dinge, über deren Wesenheit du noch sehr im dunkeln bist, ganz klar und hell werden.

[RB.01_039,03] Siehe, in den Evangelien, da von Johannes dem Täufer die Rede ist, heißt es unter anderem: Ich bin nur die Stimme eines Rufers in der Wüste und bereite den Weg des Herrn. Nicht würdig bin ich, Dem die Schuhriemen aufzulösen, der nach mir kommt. Ich taufe nur mit Wasser, Er aber wird taufen mit dem Geist der Wahrheit, mit dem Geist Gottes zum ewigen Leben! Dieser mein erhabenster Nachfolger wird wachsen unter euch und in euch; ich, Johannes, aber werde abnehmen! – Was meinst du wohl, was dieser größte aller Propheten damit hat sagen wollen?"

[RB.01_039,04] Spricht Robert: „Ja, du mein bester Freund! Wenn ich das verstünde, wäre ich wahrlich nie auf diesen traurigen Punkt zu stehen gekommen, auf dem ich nun weile.

[RB.01_039,05] Diese von mir nie verstandenen Texte waren ja am meisten Schuld, daß ich an deiner Gottheit zu zweifeln begann – was denn auch ein Hauptgrund war, daß ich ein Neukatholik wurde.

[RB.01_039,06] Daher erkläre mir doch diese höchst mystisch klingenden Texte! Denn von selbst würde ich die eigentliche Bedeutung dieser wie manch anderer Texte nimmer herausbringen."

[RB.01_039,07] Rede Ich: „Nun, so höre denn! Johannes der Täufer ist im Leibe der Kirche das, was da bei jeglichem Menschen der äußere Weltverstand ist. Und eines jeden Menschen Verstand sollte so beschaffen sein wie der des Johannes. So wie Johannes vor Mir den Weg bereitet hat, ebenso soll auch ein rechter äußerer Verstand den Weg zum Verstand des Herzens anbahnen – welcher Herzensverstand gleich ist Mir Selbst. Denn Ich Selbst nehme diesen Herzens-Verstand aus Meinem Geiste und lege ihn wie ein guter Sämann in das Erdreich des Herzens ein, das da ist die rechte Liebe, die durch die Demut und Sanftmut bestens gedüngt wird.

[RB.01_039,08] Johannes ist eine Rufer-Stimme in der Wüste, und das muß auch ein rechter äußerer Verstand sein. Denn die Welt, aus welcher der Verstand seine ersten Begriffe schöpft, ist eine Wüste. Das darum, weil sonst kein Mensch von der Gottheit völlig abgelöst und freigestellt werden könnte. Und so ist der äußere Verstand, der zum Teil aus dieser Wüste, zum Teil aber durch mittel- oder unmittelbare Offenbarungen aus den Himmeln seine Begriffe, Ideen und Urteile schöpft, eben durch die Aufnahme der geoffenbarten Wahrheiten auch die ,Stimme eines Rufers in der Wüste‘ und bereitet durch den Glauben die Wege zum Verständnis des Herzens.

[RB.01_039,09] Dieser rechte äußere Verstand tauft sonach die Seele mit dem Wasser der Demut und des willigen Gehorsams. Der Verstand des Herzens aber, in dem der ewige Geist aus Gott wohnt, muß durch die Erweckung dieses Geistes notwendig mit eben diesem Geiste taufen, weil Geist aus Gott das wahre Licht, die vollste Wahrheit, die Liebe und somit das ewige Leben selbst ist.

[RB.01_039,10] Es versteht sich demnach von selbst, daß der äußere Verstand notwendig abnehmen, ja endlich sogar gefangengenommen und enthauptet werden muß, so der wahre Herzensverstand, der Mich Selbst darstellt, in einem jeden Menschen zunimmt und zum herrlichsten Baum des ewigen Lebens wächst, in dem vollkommenste Erkenntnis ist. Daß demnach der äußere Verstand wahrlich nicht wert ist, dem Verstande des Herzens die Schuhriemen zu lösen – das wird doch ebenso klar sein, wie daß das Licht einer Nachtlampe bei weitem unbedeutender ist als das Licht der Sonne am hellsten Mittag.

[RB.01_039,11] Ich will nun nichts mehr von deinen irdischen Taten erwähnen, ob sie recht waren oder nicht recht waren. Denn sie flossen alle aus deinem äußersten Verstand, in dem die Stimme des Rufers gar nicht durchdringen konnte, weil das zu große Geräusch der Wüste – die ,johanneslose‘ Welt – den eigentlichen Johannes, das ist Meine geoffenbarte Lehre übertäuben mußte. Denn so durch eine Wüste große Orkane toben und Donner rollen, da geht des Rufers Stimme wohl nur zu leicht unter. Das Gericht und der Tod hält dann ungestört sein Erntefest.

[RB.01_039,12] Aber Ich komme dann auch dorthin, um zu retten, was noch zu retten ist. Nur freilich nicht so wie auf einem vom Johannes bereiteten Wege, sondern wie ein Blitz, der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet, wie es eben bei dir nun der Fall ist. Wer da das Licht dieses Blitzes annimmt, der wird gerettet. Wer aber dieses Licht nicht annimmt, der geht zugrunde; d.h. er begibt sich auf einen Weg, auf dem es sehr schwer wird, das ihm von Gott gestellte Ziel zu erlangen.

[RB.01_039,13] Du aber hast das Licht des Blitzes wohl ergriffen. Daher kam auch der Retter Selbst zu dir und führt dich nun des rechten Weges. Aber du mußt nun dem Retter willig folgen und Ihm durch deinen äußeren Verstand keine Hemmnisse in den Weg legen, sonst verzögerst du selbst die Erreichung des Zieles.

[RB.01_039,14] Was wirst du nun tun auf Meine Erläuterung jener Texte, die dir nach deinem Geständnis Den verbargen, den du am klarsten hättest erkennen sollen?"

[RB.01_039,15] Spricht Robert nachdenklich: „O Freund! Ja endlos mehr als nur ein Freund! Nun erst fängt es in mir auf einmal an gewaltig zu tagen!! – O Herr, Herr! Wie kannst Du bei mir verweilen? Denn ich bin ja ein Sünder!

[RB.01_039,16] Was hielt wohl meine Augen gebunden, daß ich Dich nicht erkannte? Wohl sagte mir meine starke Liebe zu Dir, daß Du mehr sein mußt, als wofür Dich mein elender Verstand hielt. Aber ein Teufel oder sonst wer schob mir stets eine Decke vor die Augen. Aber nun erkenne ich die endlose Kluft zwischen mir und Dir! Nun kann ich nichts anderes sagen als: O Du mein großer Herr und Gott! Sei gnädig und barmherzig mir ärmstem, törichtstem Sünder vor Dir!!"

 

40. Kapitel – Neues Leben aus dem göttlichen Geiste beginnt. Ankündigung einer neuen Freiheitsprobe auf höherer Erkenntnisstufe.

[RB.01_040,01] Rede Ich: „Liebster Bruder und Freund! Ich sage dir: Deine Sünden sind dir vergeben, weil du dich so gedemütigt hast, daß du den Wert deines Außenverstandes gänzlich hintangabst und dafür den Verstand des Herzens annahmst. Daher soll auch von nun an von allen deinen irdischen Gebrechen ewig keine Rede mehr sein!

[RB.01_040,02] Du hast nun angefangen, eine ganz neue Lebensepoche zu beginnen, in der du eine nochmalige Freiheitsprobe durchmachen mußt. Darin wird dir die Gelegenheit geboten, deinen alten irdischen Menschen ganz auszuziehen und dafür den inneren aus Mir vollends auftauchen zu machen.

[RB.01_040,03] Bis jetzt warst du ganz gesellschaftslos und hattest auch keinen Grund und Boden, auf den du deine Füße hättest stellen mögen. Der magere Boden hier entspricht genau jenen von dir angenommenen Lehrsätzen, die du als Neukatholik Meinem Evangelium entnommen hast. Und Ich Selbst kam dir gerade so entgegen, wie du Mich auf der Erde mit Hilfe deines Verstandes in deinem Gemüt ausgebildet hast: nämlich als ein bloß nur sehr weiser Lehrer der Vorzeit. So aber konnte Ich wohl nicht verbleiben, sondern mußte dich durch allerlei Lehre dahin leiten, daß du Mich endlich aus dir selbst als das erkennen mußtest, was Ich von Ewigkeit her bin und auch ewig sein werde!

[RB.01_040,04] Aber diese Erkenntnis allein genügt noch bei weitem nicht. Sondern du mußt, um das wahre Himmelreich zu erlangen, diese Erkenntnis auch mit der wahren Liebe zum Nächsten und daraus mit aller Liebe zu Mir beleben!

[RB.01_040,05] Daher werde Ich dich nun an einen Ort bringen, wo es dir an Gesellschaft verschiedener Art durchaus nicht fehlen wird. Du sollst einen ansehnlichen Grund mit einem großen und wohleingerichteten Wohnhaus bekommen, und das an einer Hauptstraße in einer sehr anmutigen Gegend. Auch für eine zahlreiche Dienerschaft wird gesorgt sein, die dir auf den leisesten Wink gehorchen wird.

[RB.01_040,06] Viele Reisende von der Erde in diese geistige Welt werden an deiner Wohnung vorüberziehen und bei dir vorsprechen. Darunter werden sein Freunde und Feinde. Aber da sieh darauf, daß du sie alle mit der rechten Liebe empfängst und ihnen reichst, dessen sie bedürfen, weil sie alle Meine Kinder und somit auch deine Brüder sind. So wirst du alles das vielfach wieder gutmachen, was du auf der Erde – freilich nicht mit deinem Willen, sondern nur mit deinem geistigen Unverstande – verdorben hast. Ich Selbst werde dann wieder zu dir kommen und werde dir sagen: Weil du bei dieser kleinen Haushaltung gut gewirtschaftet hast, sollst du nun über Großes gesetzt werden!

[RB.01_040,07] Vor allem aber nimm dich in acht vor Zorn, Rache, wie auch vor unreiner Liebe, wozu es dir an Gelegenheiten nicht fehlen wird. Dann wird deine neue Lebensaufgabe ehestens gelöset sein und dein wahres, ewiges Lebensglück wird von da an erst seinen hellsten Anfang nehmen!

[RB.01_040,08] Hüte dich auch vor der Neugierde! Denn diese macht keinen Geist besser und heller, sondern gar zu leicht nur schlechter und finsterer. Wo deine Kräfte nicht auslangen sollten, da opfere solches allemal Mir auf, und es soll dir dann bald eine rechte Hilfe werden.

[RB.01_040,09] Nun weißt du alles. Daher sage Mir nun, wie du mit Meinem Antrag zufrieden bist? Worauf wir uns dann auch sogleich an dem bestimmten Ort befinden werden!"

 

41. Kapitel – Robert: „Dein Wille sei mein Leben!" Der Herr: „Liebe um Liebe!"

[RB.01_041,01] Spricht Robert: „O Herr, Du meine nun ewig ganz alleinige Liebe! Alles ist mir ja unaussprechlich recht, was immer Du mit mir armem Sünder verfügen willst. Ich kann alles nur als Deine unermeßliche Gnade und Erbarmung ansehen! Was wohl bin ich vor Dir? Was ist der Staub gegen Den, der den endlosen Raum mit alleiniger Macht ausgespannt und mit den zahllosen Wunderwerken Seiner ewigen Liebe und Weisheit erfüllt hat! Dein heiliger Wille ist mein Leben! Wie sollte mir da etwas unrecht sein, das Du mit mir bestimmst? O Herr! Dein Name werde geheiligt und Dein Wille sei mein Leben!

[RB.01_041,02] Was ich nur immer vermag, werde ich mit freudigstem Herzen tun! Denn Du, mein Gott und meine alleinige Liebe, hast es mir ja selbst geboten. Und wie sollte mir das nicht über alles heilig und in meiner Liebe zu Dir angenehm sein?

[RB.01_041,03] Nur, daß Du mich wieder sichtbar verlassen willst, das wird mich freilich schmerzlich berühren. Aber es ist ja auch Dein heiliger Wille. Und dieser wird Dich mir wiedergeben, wenn mein Herz Deiner einmal würdiger sein wird als jetzt, wo es vor Deiner Heiligkeit nahe vergehen könnte aus gerechter Schande! Wie konnte es so lange gar so unbegreiflich blind und stumpf sein, Dich nicht auf den ersten Blick zu erkennen und Dir sogar widerspenstig zu begegnen!

[RB.01_041,04] O Herr! Mein großer Unsinn lähmt mir nun die allzeit dumme Zunge, daß ich nahezu unvermögend bin, noch länger Dir gegenüber, o Du Heiligster, Rede zu stehen. Daher geschehe sobald als möglich Dein Wille!"

[RB.01_041,05] Rede Ich: „Nun, nun, Mein geliebter Bruder –!"

[RB.01_041,06] Bittet Robert dazwischen: „O Herr! Nenne mich ,Staub‘ und ,Nichts‘ vor Dir, aber nicht ,Bruder‘! Denn wie sollte das Nichts Dir ein Bruder sein?"

[RB.01_041,07] Rede Ich: „Ich weiß wohl am besten, ob und wie du Mir auch ein rechter Bruder bist. Daher mache dir nun nicht so viel daraus! Ich ersehe soeben etwas in deinem Herzen, das sich nun plötzlich gestaltet hat! Und so werden wir Beide bei deiner nächsten Lebensfreiheitsprobe nicht so ferne voneinander abstehen, als du es dir vorstellst. Denn so jemand mit solcher Liebe aufzublühen anfängt, wie da nun die deinige sich plötzlich zu gestalten beginnt, dessen Weg wird fürderhin mit sehr wenig Steinen zum Anstoße belegt sein.

[RB.01_041,08] Schau, du Mein lieber Robert, deine Sünden sind alle hinweg. Und Ich liebe dich ja ganz unbeschreiblich, weil auch du Mich nun gar so zu lieben anfängst! Wie sollte Ich dich demnach verlassen können? – O nein! Fürchte dich nicht!

[RB.01_041,09] Da du Mich so sehr liebst, so werde Ich dich nicht verlassen, sondern werde mit dir in dein Wohnhaus einziehen und mit dir arbeiten! Und so will Ich dir auch vieles erlassen, was du sonst noch notwendig zu bestehen hättest. Denn wer viel Liebe hat, dem wird auch viel vergeben werden!

[RB.01_041,10] Du wirst zwar alles durchmachen, was Ich dir ehedem zugesagt habe – aber an Meiner Seite! Sage Mir nun, Mein geliebter Bruder, ob Dir dieser Antrag lieber ist als der frühere?"

 

42. Kapitel – Ein wahrer Bruder. Gleichnis vom Scheibenschießen. Die Liebe zum Herrn bestimmt alles.

[RB.01_042,01] „O Herr", spricht Robert nach einer Weile, „wenn Du mich Sünder vor Dir nur doch nicht ,Bruder‘ nennen möchtest! Denn solch einer ungeheueren Gnade bin ich ja doch ewig nicht wert!"

[RB.01_042,02] Sage Ich: „Laß das nur gut sein! Es lebt ja nun Mein Ebenmaß in dir. Durch deine Liebe zu Mir bist du ja in Mir, wie Ich in dir, und so sind wir eins in der Liebe. Und siehe, diese Einheit ist ein rechter Bruder. Sind wir auch ein jeder vollkommen für sich, so beirrt das dennoch die engste Verbrüderung nicht, die da ist eine rechte Einung durch die Liebe. Denn es gibt nur eine wahre Liebe und ein wahres Gute; und diese sind gleich und somit eins in allen Engeln und anderen seligen Geistern und vollkommen gleich Meiner Liebe und dem Guten aus ihr. Und siehe, diese völlige Gleichheit heißt wahrhaft ein ,Bruder‘!

[RB.01_042,03] Und so bist du Mir – zufolge deiner nun wahren Liebe zu Mir – auch ein wahrer Bruder. So, wie Ich einst auf der Erde alle, die Mir werktätig nachfolgten, Brüder nannte; nicht etwa aus einer Art freundlicher Höflichkeit, sondern aus vollster Wahrheit heraus. Also mache dir nun künftig nichts mehr daraus, so Ich dich Bruder nenne; denn nun weißt du auch warum!

[RB.01_042,04] Nun aber sage Mir, ob dir dieser zweite Antrag lieber ist als der erste?"

[RB.01_042,05] Spricht Robert: „O Herr! Du überguter, heiliger Vater aller Menschen und Engel, da ist ja gar nichts mehr zu sagen, jeder Vergleich fällt da von selbst hinweg. Denn was Du bestimmst, ist immer das Allerbeste, weil Du als die endloseste Güte es so bestimmt hast. Daß mir aber der zweite Antrag offenbar lieber sein muß als der erste, das versteht sich ganz von selbst. Denn Dich, liebevollster Vater, wenn auch nur der Erscheinlichkeit nach zu missen, wird doch sicher keinem Wesen, das Dich so unbeschreiblich liebt wie ich, ebenso angenehm sein, als so es Dich als sein Alles auch persönlich sichtbar an seiner Seite hat!

[RB.01_042,06] Aber da Du so endlos barmherzig bist, bitte ich Dich aus der Tiefe meines Herzens auch, Du möchtest mir gnädigst anzeigen, was ich wohl tun soll, damit ich Deiner Liebe wenigstens um ein Haar würdiger wäre als leider bis jetzt!

[RB.01_042,07] Rede Ich: „Geliebter Bruder! Du hast auf der Erde wohl zu öfteren Malen ein Spiel gesehen unter dem Namen ,Scheiben- oder Bestschießen‘? Du sprichst in dir: ,O ja, hab' öfter selbst mitgeschossen und sogar manchmal ein Bestes gewonnen!‘ – Gut, da sage Mir: wie und durch welches Verdienst hast du dir wohl das Beste erworben? Es mußten ja doch alle, die sich durch die Schüsse ums Beste bewarben, ein gleiches Leggeld geben und dennoch gewannst du das Beste!

[RB.01_042,08] Du sprichst nun in dir: ,Weil ich das Zentrum der Scheibe glücklicherweise getroffen habe! Es hatte der Bestgeber dadurch freilich wohl im Grunde keinen Nutzen, aber er hatte dennoch eine große Freude mit mir, da ich einen Zentralschuß gemacht habe.‘

[RB.01_042,09] Rede Ich weiter zu Robert: „Siehe, so geht es auch bei Mir! Ich bin ein ewiger Bestgeber allen Meinen Geschöpfen und besonders den aus ihnen hervorgehenden Kindern. Die Schießscheibe ist Mein Vaterherz, die Schützen sind Meine Kinder. Ihre Schießgewehre sind ihre eigenen Herzen, und das Beste bin wieder Ich Selbst und das vollkommenste ewige Leben mit und aus Mir!

[RB.01_042,10] Welches Verdienst haben demnach die Kinder sich zu erwerben, um das von Mir für sie bestimmte Beste zu gewinnen? Siehe, nichts anderes, als recht scharf ihre Herzen zu laden und damit auf das Zentrum Meines Herzens zu schießen. Und so sie es treffen, haben sie auch schon das Beste in der Tasche ihres Lebens. Und bei Mir geht es umso leichter, weil Ich gar keine Einsätze brauche, da Ich jedem ein vollkommenes Freischießen gewähre.

[RB.01_042,11] Wie du aber auf der Erde manchmal ein Hauptschütze warst, so ist es dir auch hier gelungen, das Zentrum Meines Herzens mit dem deinen zu treffen. Und so hast du auch schon alles, was Ich von dir verlange, nämlich die wahre Liebe. Diese allein macht dich Meiner Gegenliebe würdig, da sie vor Mir allein als ein wahres Verdienst anerkannt wird. – Was sollen da noch irgend andere Verdienste um Meine Gnade vonnöten sein? Denn so Ich mit dir zufrieden bin, so möchte Ich denn doch wissen, wie du da noch etwas Weiteres und Meiner Würdigeres tun solltest?

[RB.01_042,12] Wie du aber Meine Liebe in dir auch anderen deiner verschiedenartigen Mitbrüder wirst mitzuteilen haben, das wirst du durch deine künftige Stellung dir erst zu eigen machen müssen, was dir aber auch zu keinem höheren Verdienst angerechnet wird. Denn die größere Vervollkommnung deines Wesens wird dir nur zuteil, damit du selbst wirst desto seliger werden können – also lediglich nur ein Vorteil für dich! – Aber von einem Meiner Gnade würdiger werden kann keine Rede mehr sein, da du unmöglich mehr tun kannst, als Mich über alles lieben, – was Ich von dir wie von jedem andern allein verlange.

[RB.01_042,13] Sei also ganz unbesorgt wegen der größeren Verdienste, deren Ich ewig nicht benötige. Und habe nun acht, was jetzt vor deinen Augen vor sich gehen wird!

[RB.01_042,14] Siehe, wir sind nun noch auf unserer dürftigsten kleinen Welt beisammen und du erschaust noch nichts außer dieser Welt, die uns einen kärglichen Standpunkt bietet. Du hast gemeint, diese Welt sei so ein kleiner, angehender Komet, aus dem sich etwa nach Trillionen von Erdenjahren allenfalls ein Planet bilden könnte. Er entstehe etwa zufolge der Anziehungskraft Meines Wesens, durch die sich Atome aus dem endlosen Äther um Mich her ansammeln. – Allein, dem ist nicht also:

[RB.01_042,15] Diese kleine, sehr nackte und dürftige Welt ist aus dir und entspricht völlig deinem bisherigen inneren Zustand, in und auf dem freilich Ich das Allerbeste bin. So wie diese Welt, und wie du Mich auf ihr zuerst erschautest – war dein Inneres beschaffen: der Grund klein und schwach, und Ich auf diesem Grunde nur als ein purer Mensch!

[RB.01_042,16] Nun aber, als dein Herz Mich erkannte und in aller Liebe zu Mir entbrannte, wird aus dieser kleinen und sehr dürftigen Welt sogleich eine größere, festere und reichere hervorgehen.

[RB.01_042,17] Ich halte nur noch die innere Blende in dir, daß sich das starke Licht deines Geistes noch nicht in die Seele ergießen kann. Aber so Ich nun in dir diese Blende zerreißen werde wie einst den Vorhang des Tempels, wodurch das Allerheiligste freigegeben wurde – so wirst du sogleich eine ganz andere Welt erschauen und dich über alles verwundern! Und so gib nun recht acht!"

 

43. Kapitel – Roberts neue, herrliche Welt. Worte staunenden Dankes und innigster Liebe. – „Diese Welt ist aus dir!" Gleichnis der Kinderzeugung.

[RB.01_043,01] Robert schaut nun voll größter Aufmerksamkeit um sich, um irgendwo eine bessere und größere Welt zu erblicken. Dennoch will sich keine so schnell zeigen, als er sie auf Meine Worte hin erwartet. Er strengt seine Augen an und schaut nach aufwärts, ob nicht aus den Himmeln nach seiner Idee die verheißene neue, bessere Welt niedersteigen möchte? Aber es kommt auch von da nichts.

[RB.01_043,02] Nach einer Weile vergeblicher Erwartung wendet Robert sich wieder an Mich: „Erhabenster, ewiger Meister und Schöpfer der Unendlichkeit, Du liebevollster Vater! – Siehe, ich schaue mir fast die Augen aus und es kommt doch noch keine andere Welt zum Vorschein. Es wird höchst wahrscheinlich bei mir wohl noch irgendeinen Haken haben. Aber wo, das bringe ich nicht heraus. Daher möchte ich Dich bitten, mir diesen Grund zu zeigen!

[RB.01_043,03] O Herr, so es Dir wohlgefällig wäre, ziehe mir endlich einmal die Decke von den Augen!"

[RB.01_043,04] Rede Ich: „Nun, Bruder, Ich sage dir: Tue dich auf! – Was sagst du nun? Woher kam diese Gegend? Und wie gefällt sie dir?"

[RB.01_043,05] Robert, vor Freuden sich kaum fassend, blickt nach allen Seiten über alle Maßen erstaunt um sich. Denn er ersieht nun in größter Klarheit herrlichste Fluren um sich herum. Auch die schönsten und kühnsten Gebirgsgruppen begrenzen den weitgedehnten Gesichtskreis. Mitten aus den herrlichen Fluren ragen auch kleine, hellgrüne Hügel empor, an deren Füßen niedliche Wohnhäuser sich Roberts staunendem Auge darbieten. In der Nähe steht ein großes Gebäude, um das ein üppiger, frucht- und blütenreicher Garten sich breitet. Über diese herrliche Gegend wölbt sich ein reinster hellblauer Himmel, an dem zwar noch keine Sonne zu erschauen ist, dafür aber desto mehr der schönsten Sterngruppen, von deren Sternen der kleinste heller glänzt als auf der Erde die Venus in ihrem stärksten Lichte. Daher wird auch diese Gegend durch das Licht dieser vielen tausend Sterne beinahe heller erleuchtet als die Erde von der Mittagssonne.

[RB.01_043,06] Robert kann sich kaum satt sehen an dieser zauberhaft schönen Gegend. Nach einer Weile des Schauens und Staunens fällt er vor Mir auf seine Knie nieder, starrt Mich eine Weile liebetrunken an und preßt dann förmlich aus seiner Brust folgende Worte.

[RB.01_043,07] „O Gott, o Vater! Du allmächtigster Schöpfer nie geahnter Wunderwerke! Wie soll denn ich reinstes Nichts Dich zu preisen anfangen und wo enden mit dem ewigen Lob? Ach, wie groß muß Deine Weisheit und Macht sein, daß Du mit dem leisesten Wink solch eine Schöpfung zuwege bringen kannst?

[RB.01_043,08] Und doch stehst Du bei mir da wie ein gewöhnlicher Mensch! Ja, das macht Dich noch endlos größer, liebens- und anbetungswürdiger, daß Du äußerlich nicht mehr zu sein scheinst als wie ein ganz gewöhnlicher Mensch. Aber so Du sprichst und gebietest, entströmen Deinem Munde zahllose Welten, Sonnen, Engel und Myriaden anderer Wesen von nie geahnter Wunderpracht und Herrlichkeit!

[RB.01_043,09] O Herr! Wer kann Dich je fassen und wer begreifen Deine Liebe, Weisheit und Allmacht? – O mein Gott, ich bin wohl nur ein ärmster Sünder und kann nichts als Dich lieben und wieder lieben! Du herrlichster Jesus, wer auf der Erde begreift es, daß gerade Du und sonst ewig kein anderes Wesen das allerhöchste, urewige Gottwesen Selbst bist!

[RB.01_043,10] Und Du bist hier bei mir, als einem, den die Welt gerichtet hat! O Du Liebe der Liebe! O Herr, o Vater, o Gott! Und Du nennst mich, den von der Welt Verfluchten – einen Bruder! Nein! Du bist zu groß und Deine Liebe ist zu furchtbar groß! O schaffe in mir Kräfte, daß ich Dich für Deine Güte und Herablassung lieben kann mit der Glut aller Sonnen, die der endlose Raum faßt!"

[RB.01_043,11] Rede Ich: „Mein liebster Bruder! Es erfreut Mein Herz gar sehr, daß du Mich in deinem Herzen so preisest, weil Ich dir nun die Decke von deinen Augen nahm und du wieder eine Gegend schaust, die herrlicher ist als die schönste auf Erden und heller als ein reinster Mittag des gelobten Landes!

[RB.01_043,12] Mit Recht lobst du Meine Liebe, Weisheit, Macht und Tatengröße. Denn wahrlich, ob du Mich auch lobtest mit der Zunge aller Engel, so würdest du dennoch ewig nicht den kleinsten Teil Meiner göttlichen Größe und Vollkommenheit geziemend zu preisen imstande sein!

[RB.01_043,13] Daß du Mich aber aus allen deinen Kräften liebst, ist Mir das angenehmste Lob! Denn nur durch die alleinige Liebe bin Ich als Vater für jene Geschöpfe, die Meine Kinder sind, erreichbar; durch die Weisheit aber ewig nicht. Denn die Weisheit aller Meiner ohne Zahl und Ende vorhandenen Engel und Geister ist gegen Meine ewige Weisheit kaum das, was da ist ein Tautröpfchen gegen das ewige Äthermeer, das den unendlichen Raum erfüllt.

[RB.01_043,14] Da du aber aus deiner Liebe heraus Mich lobst, so ist auch dein Lob gerecht, obschon hier gerade nicht nötig. Denn alles das, was du nun siehst, ist eigentlich dein Werk. Es ist freilich auch Mein Werk, da du selbst Mein Werk bist. Aber sonderheitlich ist das alles dein Werk, wie auf der Erde dein Werk war, was du gemacht hast.

[RB.01_043,15] Wohl fragst du nun in dir: ,Herr, wie ist das möglich? Wenn das mein Werk wäre, da müßte ich selbst denn doch in mir irgendein Bewußtsein haben, wie ich es angefangen habe, solche Herrlichkeiten und Größen zu erschaffen? Aber ich habe auch nicht die leiseste Ahnung davon!‘

[RB.01_043,16] Das ist wohl vorderhand wahr, aber es tut das nichts. Zeugtest du doch auf der Erde auch Kinder, von denen jedes ein endlos größeres Wunderwerk ist als alles, was du hier siehst. Wußtest du wohl darum, daß du durch die ganz einfache und stumme Zeugung solche dir noch völlig unbegreiflichen Wunderdinge bewerkstelligtest, und wie und nach welchem vorgefaßten Plan?

[RB.01_043,17] Und doch warst du es und nicht Ich, der du mit deinem Weibe solche Wunder zeugtest. Freilich bin Ich auch da wieder der Grund-Urheber und der alleinige Plan- und Ordnungsteller und habe die Sache so eingerichtet, daß durch den Akt der Zeugung ein Mensch werden muß. Aber trotzdem muß auch der willkürliche Akt der Zeugung von seiten der Menschen hinzukommen, so ein neuer Mensch gestaltet werden soll.

[RB.01_043,18] Darum staune nicht zu sehr, wenn Ich zu dir sage: Siehe, das alles ist dein eigenes Werk, daher ist auch alles dein, was du hier anschaust! Es wird schon noch eine geistige Zeit kommen, in der du das einsehen wirst. – Nun aber zu etwas anderem!"

 

44. Kapitel – Roberts Aufgabe im neuen Heim. Erste Gesellschaft – die im Kampfe gefallenen politischen Freunde. Roberts Belehrung an die Gäste.

[RB.01_044,01] Rede Ich weiter: „Du siehst hier in nächster Nähe ein großes und herrliches Wohngebäude. Siehe, das wirst du nun bewohnen. Und Ich werde allemale bei dir sein und dir helfen, so oft du Mich nur immer in deinem Herzen rufen wirst; was aber so viel sagen will als: Ich bleibe stets bei dir!

[RB.01_044,02] Du wirst auch keineswegs allein sein, wenn Ich Mich auch auf Augenblicke sichtlich von dir entfernen werde. Denn du wirst in diesem Hause eine weit größere Gesellschaft finden, als du sie je irgendwo finden möchtest. Auch ist diese ganze Gegend vollauf bewohnt, so weit nur immer deine Augen reichen. Daher braucht es dir von nun an um Gesellschaft auch nimmer bange zu sein.

[RB.01_044,03] Aber Ich sage dir, daß diese Gesellschaften zumeist sehr radikaler Art sind. Es wird daher eine Hauptaufgabe von dir sein, alle diese Radikalen auf den gleichen Weg zu bringen, auf den nun Ich dich gebracht habe. Wird dir dieses Werk gelingen, so wirst du noch ganz andere Wunderdinge zu entdecken anfangen, als du sie nun bis jetzt an Meiner Seite gefunden hast. Denn eben dadurch wirst du erst recht in deine eigene Schatz- und Wunderkammer eingehen, in der sich dir Dinge offenbaren werden, von denen dir bisher noch nie etwas geträumt hat!

[RB.01_044,04] Vor allem aber mußt du beachten, daß du Mich an gar keinen aller derer, die dir hier bald entgegenkommen werden, verrätst! Denn sie alle kennen Mich nicht, da es mit ihrem Glauben noch mangelhafter aussieht, als es mit dem deinen der Fall war. So du Mich ihnen vor der Zeit verrietest, so würdest du ihnen dadurch viel mehr schaden als nützen, daher sei da vorsichtig!

[RB.01_044,05] Nun aber folge Mir durch den Garten! An der Flur des Hauses wird uns eine große Gesellschaft empfangen."

[RB.01_044,06] Ich gehe nun voran und Robert folgt Mir in der größten Liebe, Ehrfurcht und Demut nach.

[RB.01_044,07] Als wir durch den Garten vor eine herrlich geformte Hausflur gelangen, da strömen aus derselben Massen von Menschen beiderlei Geschlechts und schreien laut: „Vivat hoch! Hoch lebe unser verehrtester Robert Blum, der größte Völkerfreund Europas! Ein Hoch dir, du erster und größter Deutscher des 19. Jahrhunderts! Tausend Male willkommen, du unser größter Freund und mutvollster Anführer gegen die Feinde der Freiheit der Menschen! Komm in deiner Brüder Mitte! Wie lange harrten wir hier schon deiner, aber du wolltest nicht vorkommen, obschon wir gar wohl wissen, daß du vielen von uns vorangegangen bist. Wie sehr drängt uns die höchste Begierde, dein und unser Blut an jenen hochmütigen Barbaren zu rächen, die aus der pursten Herrschsucht uns haben gemeinen Hunden gleich erschießen lassen! Aber es fehlte uns an einem Anführer. Nun aber bist du hier als derjenige Mann, der mit allen Gesetzen der Natur- und Geisterwelt wohl vertraut ist. Daher ordne uns zuvor nach unseren Fähigkeiten und führe uns dorthin, wo wir die glühendste Rache nehmen können! Diese irdisch großglänzenden Raubtiere in menschlicher Gestalt sollen Wunder der Rache erleben, die wir an ihnen verüben werden!"

[RB.01_044,08] Spricht Robert: „Freunde! Kommt Zeit, kommt Rat! Vor allem meinen Dank für euren herzlichen Gruß, und Gott dem Herrn alles Lob, daß Er mich euch alle hier beisammen hat treffen lassen! Vorderhand sage ich euch bloß nur das: Wie auf der Erde, so hat auch hier alles seine Zeit! Bevor der Apfel nicht reif ist, fällt er nicht vom Baume. Was sollen wir uns hier nun vor der Zeit eine extra Mühe machen, um uns an jenen Wüterichen zu rächen, die sich auf der Erde nun die Herren über alle Menschen zu sein dünken? Lassen wir ihnen nur diese elende Freude noch einige Wochen oder Monate; sie werden uns dann schon von selbst kommen. Und haben wir sie einmal hier, dann, Freunde, werden wir mit ihnen ein paar Wörtlein diskurrieren! Ihr versteht hoffentlich, was ich damit sagen will?"

[RB.01_044,09] Schreien alle: „Ja, ja, wir verstehen dich! Du bist stets ein grundgescheiter Mann gewesen und bist es sicher auch noch hier in dieser Welt, in der wir uns noch gar nicht auskennen und auch nicht wissen, wie wir hierhergekommen und wo wir nun eigentlich sind.

[RB.01_044,10] Wohl ist diese Gegend sehr schön, ja so schön wie ein wahrhaftiges Paradies. Aber wir wissen nur, was uns bei unserer Ankunft hier von ein paar freundlich aussehenden Männern gesagt worden ist: ,Dieses Haus gehört dem Robert Blum samt allem, was hier euere Augen ersehen.‘ – ,Also sogar die Sterne am Firmament?‘ fragten wir. – ,Ja, auch die Sterne‘, antworteten die zwei Männer. – Darauf geboten sie uns, sich so lange hier ganz ruhig zu verhalten, bis du als der Besitzer dieser Herrlichkeit selbst kommen wirst mit noch einem großen und guten Freund. Du würdest dann schon selbst mit deinem Freunde uns Bescheid geben, was wir in dieser Gegend anzufangen haben.

[RB.01_044,11] So verhielten wir uns denn bisher in deinem Hause und dessen Gemächern ganz still und ruhig. Nur als wir dich nun mit deinem Freunde ankommen sahen, eilten wir dir entgegen und teilten dir sogleich unser Hauptanliegen mit.

[RB.01_044,12] Nun aber sei so gut und zeige uns allen gütigst an, was wir denn unternehmen sollen? – Denn durch ein ganz müßiges Herumbrüten wird uns auch die schönste Zeit und Gegend langweilig. Kurz, wir hoffen von deiner weisen Einsicht und deinem redlichen Brudersinn alles Beste. Denn einem Robert Blum soll künftighin nichts mehr mißglücken! – Vivat! Hoch!"

[RB.01_044,13] Spricht Robert: „Ganz wohl und gut! Es wird euch alles werden, was ihr wünscht. Und es freut mich außerordentlich, daß ihr euch alle hier nicht minder folgsam zeigt, als ihr es auf der Erde wart, – was euch hier aber auch sicher bessere Früchte tragen wird. Aber nun laßt mich vor allem in mein Haus ziehen, damit ich es als Eigentümer auch einmal in Augenschein nehmen kann.

[RB.01_044,14] Vor allem aber muß ich euch darauf aufmerksam machen, mir von nun an kein ,Vivat hoch‘ mehr darzubringen! Das wäre eine reine Dummheit, wo wir hier ein ewiges, unverwüstliches Leben zu leben anfangen, dem ewig kein Tod mehr folgen wird. Warum sollen wir sonach einander ein Lebehoch zurufen, wo wir ohnehin durch Gottes Güte und Gnade das eigentliche höchste Leben erhalten haben?

[RB.01_044,15] Euer künftiger Ruf sei daher ein anderer und laute: Hochgelobt und geliebt und gepriesen sei Gott der Herr in Christo Jesu, – den wir für einen puren Menschen hielten, der aber dennoch in Ewigkeit ist der alleinige Gott und somit Schöpfer der Unendlichkeit und alles dessen, was in ihr ist!" – Wenn ihr so rufet, werdet ihr ehestens den vollsten Grund haben, euch eines vollkommenen Lebens zu erfreuen – während euch Ehrenbezeugungen, die ihr mir erweist, nicht um ein Haar weiterbringen!

[RB.01_044,16] Merket euch auch, daß der Blum kein Narr ist und seinen guten Grund hat, euch allen gleich anfangs solches hier kundzugeben, was er auf der Erde leider selbst in hohem Grade bezweifelt hatte! Und das tut Blum hier wie auf der Erde als euer aller bester und aufrichtigster Freund. Wenn ihr das wohl erwägt, wird es euch hoffentlich leicht fallen, das Wort eures Freundes anzunehmen. Freunde, was ich euch sage, das sollt ihr auch glauben, da ihr wohl wißt, daß ich nichts leichten Kaufes annehme, besonders in Sachen des Glaubens und der Religion!"

[RB.01_044,17] Schreien alle: „Ja, ja, was du uns lehrst, das nehmen wir alle unbedingt an! Denn wir wissen, daß unser Robert eine weiße Kuh auch bei der finstersten Nacht niemals für eine schwarze angeschaut hat. Was du uns sagst, das ist auch sicher wahr. Denn du hast uns auch auf der Erde in Wien die Wahrheit gesagt und rietest uns, vom Gefecht abzustehen, da der Feind zu stark sei, und der Zusammenhalt der Verteidiger Wiens zu locker. Aber wir glaubten dir's nicht und sprachen: ,Ist denn nun auch Blum ein Feigling geworden?‘ Da riefst du mit männlicher Stimme: ,Blum fürchtet auch hunderttausend Teufel nicht, geschweige diese frechen Söldlinge! Daher zu den Waffen von neuem, wer Mut hat, an meiner Seite zu sterben!‘ Da griffen wir zu den Waffen und sahen leider zu spät, daß du die Wahrheit geredet hattest!

[RB.01_044,18] Nun aber wollen wir dir alles aufs Wort glauben und nimmer Widerrede tun. Bleibe nur stets unser Führer und Lehrer, denn du bist in einem Finger weiser als wir alle zusammen! Nun aber geh ungestört in dein Haus und besichtige es. Uns aber gib bald irgendeine unseren Kräften angemessene Beschäftigung!"

 

45. Kapitel – Roberts machtvolles Bekenntnis zu Christus. Die Wiener Gesellschaft.

[RB.01_045,01] Spricht Robert: „Das freut mich sehr, meine lieben Freunde und wackeren Kampfgenossen, daß ihr nun alles so willig annehmt, was ich euch anrate! Ich gebe euch aber auch die Versicherung, daß ich – so wahr mir dieser mein und auch euer größter Freund allzeit beistehen werde – euch nun auch die durchdachteste Weisung geben werde, durch die ihr unfehlbar zur wahrsten Wohlfahrt des ewig unzerstörbaren Lebens gelangen müßt, in dem ihr euch nun nach Ablegung der schweren Leiber befindet.

[RB.01_045,02] Freilich wird noch manches erforderlich sein, und ihr werdet noch manche Proben zu bestehen haben, bevor ihr für jene großen Zwecke vollends reif werdet, die der heilige, ewige Urheber alles Seins uns Erdenmenschen gestellt hat, die Er sich zu Kindern erkor.

[RB.01_045,03] Aber nur Mut und Ausharrung bewahren, und eine wahre, vollkommene Liebe zu Ihm, unserem ewigen, heiligen Vater! Dadurch werden wir alle uns beirrenden Vorkommnisse leicht besiegen und ehestens die Reife erreichen, durch die wir uns Ihm im Geiste und in der Wahrheit werden nahen können!

[RB.01_045,04] O Brüder! Ich, euer getreuester Freund Robert, sage euch: Was ich selbst auf der Erde nicht einmal zu ahnen vermochte, entfaltet sich hier vor meinen Augen nun so wundersam, daß keine Zunge darzustellen vermöchte, was Gott denen bereitet, die Ihn lieben! Aber alles, was ihr nun seht, ist nicht einmal ein Tautröpfchen gegenüber dem Meer. Denn Unaussprechliches erwartet uns!

[RB.01_045,05] Höret, ein Weiser auf Erden sprach einst in großer Entzückung: ,Welch ein Reichtum, welch unversiegbarer Born von zahllosen Himmeln ist in das kleine Herz dessen gelegt, der auf der Erde, unter allen Tieren aufrecht gehend, sich Mensch nennt! Könnte dieser Mensch alle seine Ideen durch ein göttliches ,Werde‘ verwirklichen – was wäre es da Großes, ein Mensch zu sein! Und doch ist aller dieser Ideen- und Phantasiereichtum eines Menschen kaum nur ein leisester Schimmer jener endlosen Fülle, Tiefe und Klarheit, die jedes tiefdenkenden Menschen Erkenntnis in Gott annehmen muß!‘

[RB.01_045,06] So aber dieser Weise eine so erhabene Idee vom Menschen und eine noch erhabenere von der Gottheit faßte – um wieviel mehr haben wir nun das Recht, uns ganz diesen großen Ideen hinzugeben, da wir durch des großen Gottes Gnade uns über dem Staube der Verwesung befinden, und uns Christen nennen, die berufen sind, in des großen Gottes Reich einzugehen!

[RB.01_045,07] Leider sind wir nur kaum dem Namen nach Christen. Viele aus uns haben sich sogar geschämt, Christen zu heißen, woran aber freilich Rom und unsere eigene Dummheit die Hauptschuld trägt. Aber von nun an soll es nimmer so sein. Die größte Ehre unseres Herzens wird es nun sein, Christus völlig anzugehören!

[RB.01_045,08] Ich sage euch: Christus ist alles in allem! Er ist das ewige Alpha und Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende! Er allein ist das Leben, die Wahrheit und der Weg – allen Wesen, Menschen, Geistern und Engeln! In Seinen Händen ruhen alle Himmel, alle Welten und alles, was auf und in ihnen lebt. Durch Ihn und durch Sein ewiges Wort können wir Kinder Seines Vaterherzens werden und in Ihm alles in allem sein. Ohne Ihn aber gibt es ewig kein Sein, kein Leben, keine Seligkeit! – Glaubt ihr mir das, meine lieben Freunde?"

[RB.01_045,09] Schreien alle: „Ja, ja, wir glauben es! Sehen wir es auch noch nicht völlig ein, was du uns nun verkündet hast, so glauben wir es dennoch unerschütterlich. Denn wir wissen ja, daß du uns nichts verkünden willst, was du zuvor nicht selbst klar mit allem Grunde einsiehst. Ehre sei Gott in der Höhe, der dich mit so viel Verständnis und Einsicht begabt hat!

[RB.01_045,10] Das, was du uns nun von Christus so schön gesagt hast, hat uns alle besonders erfreut. Weißt du, wir hielten heimlich auf Ihn stets große Stücke. Freilich, wie die römischen Pfaffen nur zu oft Ihn nichts anderes tun ließen, als alle Menschen, die nicht nach ihrer Pfeife tanzen, schnurgerade zur Hölle zu verdammen: da mußte man sich ja dieses sonst erhabensten Namens förmlich zu schämen anfangen! Denn einen Gott von so zorniger und eigensinniger Art, wie ihn gewisse Mönche aus dem so guten Christus Jesus gemacht haben, konnte doch kein nur mit einiger Vernunft begabter Mensch annehmen. Rosenkranzbeten, Litanei, Heiligen-Gebete, Exerzitien, Verehrung der Reliquien, Beichten ohne Maß und Ziel, Messenzahlen und ähnliche Dummheiten mehr fordere Christus für die Gewinnung des Himmels! – Bruder, das konnte man im 19. Jahrhundert doch nicht mehr annehmen, besonders wenn man als ein armer Tagwerker nur zu oft sah, wie diese Gottesdiener sich beim Altar, wo sie ihre Messen herunterleierten, vor lauter Speck kaum umdrehen konnten.

[RB.01_045,11] Aber den Christus, von dem du nun gesprochen hast, nehmen wir mit größter Bereitwilligkeit an und haben große Freude an Ihm! Der kann auch wohl Gott Selbst sein! Denn Er ist nach unserem Verstand gut, weise und mächtig genug dazu. Der rechte Christus muß gewiß ein ganz anderer gewesen sein, als wie Ihn die Pfaffen Roms ums Geld den armen Sündern verkündeten!

[RB.01_045,12] Was meinst du, Bruder, und etwa dein uns gar liebevoll vorkommender Freund, der bis jetzt noch nichts geredet hat – werden wir wohl auch einmal die Gnade haben, diesen wahren Christus irgendeinmal nur so von ferne zu sehen zu bekommen? Denn das könnten wir wohl nimmer verlangen, daß ein Christus, wie du Ihn verkündet hast, sich so hundsgemeinen Menschen wie uns öfter zeigen sollte. Wenn so etwas möglich wäre, leisteten wir auf jede andere Seligkeit Verzicht!" –

[RB.01_045,13] Spricht Robert: „Liebe Freunde, ich versichere euch: Der wahre Christus, obschon das allerhöchste und heiligste Gottwesen, ist noch immer Derselbe, wie Er als Mensch auf Erden war! Er sieht nur das an, was auf der Welt niedrig und verachtet war, und die von der Welt Verfolgten sind Seine Freunde und Brüder! Alles aber, was die Welt groß und herrlich nennt und bevorzugt, ist vor Ihm ein Greuel!

[RB.01_045,14] Daher freuet euch, meine lieben Brüder, ihr werdet den wahren Christus nicht nur einmal, sondern für immer sehen und lieben – ohne Maß und Ende! Denn glaubt mir aufs Wort: Christus ist euch jetzt schon näher, als ihr es je glauben möchtet! So ich dürfte, so könnte ich schon eure Köpfe dorthin drehen, wo Er sich befindet, und ihr würdet Ihn da ohne weiteres ersehen. Aber ich darf es eures Heiles willen noch nicht tun. Daher geduldet euch noch eine Weile, bis ihr etwas reifer werdet, dann wird auch das geschehen. Seid ihr damit zufrieden?!"

[RB.01_045,15] Schreien alle: „Ja, ja, wir sind alle vollkommen zufrieden! Wir wissen nur zu gut, daß wir Seines Anblickes noch lange nicht wert sind, wollen aber darum alles tun, uns Seiner einigermaßen würdiger zu machen!

[RB.01_045,16] Weißt du, wir waren in Wien doch schöne Lumpen! Und so können wir's wohl unmöglich etwa bald verlangen. Wenn die römischen Pfaffen nur ein hundertstel Wahrheit in ihren Höllenpredigten den Zuhörern auftischten, da wären wir gerade reif fürs Zentrum der Hölle. Wenn aber Gottes, Christi Gnade größer ist, als die Prediger es verkündeten, dürfen wir wohl auch noch hoffen! Aber da gehört noch viel Zeit und Geduld dazu, und so sind wir dennoch sehr zufrieden und danken dir und deinem Freund für diese Zusage!"

 

46. Kapitel – Frage Roberts nach drei irdischen Kampfgenossen. Ein Seelenbild dieser „Volksfreunde". Roberts Mahnung zu friedlichem Vergeben.

[RB.01_046,01] Spricht Robert: „Ich wußte ja, daß es mit euch leicht zu handeln ist. Bleibet stets so, wie ihr nun seid und habet ein weiches und beugsames Herz, so wird euch die Erreichung des von Gott gestellten Zieles leichte Mühe machen!

[RB.01_046,02] Aber nun noch etwas, liebe Freunde: Sagt mir doch, wo sind denn die drei irdischen Kampfgenossen Messenhauser, Jellinek und Dr. Becher hingekommen? – Ich habe euch nun schon einige Male Mann für Mann durchgemustert, aber von den Dreien kann ich leider keinen entdecken! Sind sie etwa in dieser Welt von euch irgendwo zurückgelassen worden? Sagt mir darüber etwas, so ihr's könnt! Danach will ich sogleich in dies Haus einziehen mit meinem liebsten Freunde."

[RB.01_046,03] Sprechen einige aus der Menge: „O Freund, wie fragst du um diese drei Erzlumpen? Die sind nicht unter uns. Wir wollten es ihnen auch gar nicht raten, sich unter uns blicken zu lassen! Denen wollten wir es kurios beschreiben, wie es hier in der Geisterwelt aussieht!

[RB.01_046,04] Glaubst du denn, diese haben es auch so redlich mit uns gemeint wie du? Siehe, diese drei, die sich nicht selten so gebärdeten, als könnten sie mit dem kleinen Finger die ganze Erde bezwingen, taten das nur des irdischen Gewinnes halber. So sie mit ihren vollgestopften Säckeln ganz unbemerkt in die Schweiz oder sonstwohin hätten entwischen können – so hätten uns dann in Wien alle Hunde und Schweine auffressen können, sie hätten sich sicher wenig daraus gemacht! Aber es ist ihnen ihr sauberer Plan nicht gelungen, und so hieß es denn am Ende: ,Mit gestohlen, mit gehängt!‘

[RB.01_046,05] Wir wollen von den letzten zweien das nicht gerade bestimmt behaupten. Aber der Messenhauser, der verstand es, viel blinden Lärm zu machen und sich dafür seine Säckel zu füllen! Hat er uns nicht die Munition vorenthalten und die tapferen Verteidiger Wiens gerade dorthin beordert, wo die Gefahr am geringsten war? Wo aber die Feinde herkamen, da ließ er ihnen das Türl offen! O das war ein feiner Lump! Wahrscheinlich dachte er sich dabei heimlich: Die dummen Wiener halten mich für ihren Retter und lassen darum die Haare! Nun aber liefere ich sie alle in die Hände des Windischgrätz, so wird mir dieser wohl auch ein hohes Denunziantensümmchen zukommen lassen? Aber fehlgeschossen, Herr Messenhauser! Der Feldmarschall verstand keinen Spaß, machte mit Messenhauser nicht viel Umstände und sandte ihn mit einer Extraschnellpost in diese Welt. Nun ist er sicher auch irgendwo hier, aber wo? Das werden die Engel Gottes sicher besser wissen als wir! Gott Lob, unter uns ist er nicht.

[RB.01_046,06] Und ebenso sind auch Jellinek und Dr. Becher nicht unter uns, wir sind sehr froh darüber! Wir wissen von ihnen zwar nichts besonderes, außer daß sie mit den Gänsekielen noch ärger herumfuchtelten als der Feldmarschall mit seinen Kanonen. Und daß beide Zungenkünstler waren, wodurch sie viele dahin brachten, sich mit ihnen am Ende auf die Entdeckungsreise in diese Geisterwelt begeben zu müssen. Einige, die durch den Eifer des Jellinek und Becher diese Reise unternehmen mußten, sind wohl unter uns hier, aber sie wissen von ihnen ebensowenig wie wir.

[RB.01_046,07] Nun macht es uns zwar wenig mehr, da wir doch im Ernst nach dem Tod fortleben. Aber so wir mit dem lumpigen Kleeblatt irgendwo zusammenkämen, würden wir ihnen schon einige Leviten auf echt wienerisch vorlesen! Jetzt freilich sind wir nun froh, das irdische Hurenleben für alle Ewigkeiten überstanden zu haben, um welches Leben wirklich keinem ehrlichen Kerl leid sein darf. Aber weißt du, kitzeln macht es uns dennoch manchmal, so wir der Gewissenlosigkeit jener Lumpen gedenken, die unser gutes Vertrauen so schmählich mißbraucht haben!

[RB.01_046,08] Aber jetzt ist uns schon alles völlig eins. Gott wird es ihnen schon geben, was sie verdient haben. Wie sie auf der Erde waren, wirst du ohnehin besser wissen als wir, weil du besonders mit Messenhauser öfters Worte zu tauschen hattest als wir armen Teufel. Und so haben wir dir nun alles gesagt, was wir wissen."

[RB.01_046,09] Spricht Robert: „Meine lieben Freunde, zwar tut es mir leid, daß jene drei sich nicht unter euch befinden. Aber ich sage euch: Enthaltet euch hier im Reiche des ewigen Friedens und der Liebe alles Urteils, gelte dasselbe, wem immer es wolle! Denn wir haben nie jemanden etwas geben können, das wir zuvor nicht selbst empfangen hätten. Und so können wir auch nicht die Nehmer so beurteilen, als wenn sie uns unseres baren Eigentums beraubt hätten, sondern nur so, als ob sie von uns entliehen hätten, was wir selbst nur als zeitweiliges Darlehen empfingen. Der große Eigentümer, welcher der alleinige wahre Richter über alles ist, das allein Ihm gehört, wird schon das richtigste Urteil fällen.

[RB.01_046,10] Wir aber wollen von nun an also handeln, wie es Christus, der Herr, gelehrt hat! Nämlich – unseren Feinden wollen wir Gutes tun, die uns fluchen, wollen wir segnen, und denen, die uns hassen, wollen wir mit Liebe entgegenkommen – so werden wir vor Gott dem Herrn als Ihm wohlgefällige Kinder erscheinen und Seine Gnade wird mit uns sein ewiglich!

[RB.01_046,11] Wir beten doch oft: ,Vergib uns unsere Schulden, so wie wir unseren Schuldigern vergeben!‘ Tun wir das, so wird uns auch der Herr alles vergeben, wie oft und wiegestaltig wir auch immer gesündigt haben. Wenn wir allen alles werden vergeben haben, dann wird auch uns alles vergeben sein. – Seid ihr mit meinem Antrag zufrieden?"

[RB.01_046,12] Schreien alle: „Ja, ja, wir sind mit dir ganz einverstanden!"

[RB.01_046,13] Spricht Robert: „Nun, so lasset uns ins Haus einziehen!"

 

47. Kapitel – Eintritt in Roberts Haus. Geistige Entsprechung der Stockwerke. Mahnung zur Vorsicht mit der Wiener Gästeschar. Herzensverkehr mit dem Herrn.

[RB.01_047,01] Darauf begibt sich Robert mit Mir ins Haus, das drei hohe Stockwerke nebst dem majestätisch schönen Erdgeschoß hat. Jedes Stockwerk aber hat eine andere Farbe, und zwar in folgender Art: Das Erdgeschoß ist hell saftgrün, und mit weiß und rot mannigfach verziert. Das erste Stockwerk ist völlig weiß und mit lichtgelb und blau verziert. Das zweite Stockwerk ist hellblau und mit violett und rosenrot verziert. Und das dritte Stockwerk ist rot, gleich dem Morgenrot, und hat durchaus keine Verzierungen.

[RB.01_047,02] Robert fallen diese verschiedenen Färbungen des gesamten Hauses auf, und er fragt Mich heimlich: „O Herr, müssen diese Färbungen und Verzierungen so sein, oder ist das eine bloße Geschmacksache der hiesigen Bauleute? Denn auf der Erde, etwa an vielen Orten Europas würde man so einen Baustil, der sich hier zwar herrlich ausnimmt, entweder für chinesisch oder wohl gar für närrisch halten! Ich möchte daher wohl von Dir darüber eine Aufklärung erbitten. So es Dein Wille, könntest Du mir ein paar Wörtchen aus Deinem heiligsten Munde gnädigst zukommen lassen!"

[RB.01_047,03] Rede Ich: „Fürs erste, liebster Bruder, mußt du, so du mit Mir in Gegenwart deiner vielen Gäste sprichst, nur in deinem Herzen sprechen, auf daß du Mich ihnen nicht vor der Zeit verrätst! Denn so Mich diese nun dir gleich erkennten, müßte Ich dann weichen, weil sie noch viel zu wenig Festigkeit haben, um Meine Gegenwart voll ertragen zu können. – So du aber etwas mit Mir vernehmlich reden willst, um sie dadurch auf eine höhere Erkenntnisstufe zu setzen, so nenne Mich nur Freund und Bruder, aber nicht Herr! Dann wirst du mit deinen Freunden in kurzer Zeit sehr weit kommen, was eben Mein sehnlichster Wunsch ist!

[RB.01_047,04] Was aber deine Frage betrifft, bist du ja ohnehin in der Farben- und Blumensprache bewandert und weißt genau, was die verschiedenen Färbungen dieses Hauses besagen. Siehe, da ist dein Fragen eitel, besonders hier in der Gegenwart dieser vielen, die noch lange nicht wissen dürfen, wer Ich bin.

[RB.01_047,05] Nimm dich also in Zukunft recht in acht, besonders wo es sich um Reden über Mich handelt, sonst könntest du bei deinem besten Willen dennoch mehr Schaden als Nutzen stiften! Denn du darfst dich nicht auf die Bejahungen dieser Freunde stützen und glauben, so ihnen alles recht ist, daß sie dadurch der Vollendung schon sehr nahe sind. Ich sage es dir, da ist oft gerade das Gegenteil von dem vorhanden, was du meinst!

[RB.01_047,06] Siehe, Ich weiß Menschen hier und auf der Erde, die Mich bei weitem besser kennen als nun du. Ich sage dir, daß Ich ihnen so gleichgültig bin wie ein abgetragener Rock! Ihre Liebe zu Mir ist so stark, daß ein Mädchen mit nur einigen sinnlichen Reizen sie bis auf den letzten Tropfen aufzehren kann! Und Ich habe dann zu tun, um bei solchen Bekennern nicht ganz in Vergessenheit überzugehen!

[RB.01_047,07] Siehe, gerade das könnte auch bei diesen deinen Freunden der Fall sein. Sie sind sämtlich Genußmenschen und Spektakelhelden. So wir ihnen stets Wunder vormachten, sie dabei gut bewirteten und ihnen auch eine Menge recht üppiger Jungfern zuführten, mit denen sie sich nach ihrer starken Sinnlichkeit ungeniert vergnügen könnten, – da würden sie auch stets unsere besten Freunde bleiben, und wir möchten ihnen sogar unentbehrlich werden. Aber so wir nötigerweise etwas ernster zu reden anfingen, da würdest du dich hoch wundern, wie sie uns einer nach dem andern möchten den Rücken zuwenden. Wir werden mit ihnen noch eine recht schwere Not bekommen. Aber durch eine recht weise Leitung können sie dennoch gewonnen werden! – Ja, Ich sage dir insgeheim: Einige werden sogar den ersten Grad der Hölle verkosten müssen, um ihre zu große Weibergier los zu werden! Wir werden zwar wohl eher noch alles versuchen, was immer sich mit ihrer Freiheit verträgt. Aber so alles das dennoch nichts fruchten möchte, wird freilich zu dem äußersten Mittel geschritten werden! Sei daher recht vorsichtig und verrate Mich durch keine Miene! Suche sie vor allem auf ihre Sinnlichkeit und deren Folgen aufmerksam zu machen, so werden wir mit ihnen noch am leichtesten zurecht kommen. Ich werde sie auch bearbeiten; aber sie dürfen, wie gesagt, noch lange nicht erfahren, wer Ich bin.

[RB.01_047,08] Nun höre aber auch noch kurz, was die verschieden gefärbten Stockwerke deines Hauses bedeuten: Das saftgrüne Erdgeschoß stellt den geistig-naturmäßigen Zustand dar, dessen Hauptlebenszug sich im Hoffen ausspricht, welches Hoffen mit Glaube und Liebe umkleidet ist. – Der erste Stock stellt den reinen und wahren Glauben dar, der mit sanfter Ruhe und Beständigkeit umkleidet ist. – Der zweite Stock stellt die Liebtätigkeit dar, die aus dem reinen Glauben entspringt: entsprechend der irdischen Himmelsfarbe, durch die ebenfalls die beständige Liebetätigkeit des Lichtes wohlerkenntlich verkündet wird allen, die eines verständigen Herzens sind. Dieser Stock ist darum auch geziert mit tiefer himmlischer Weisheit (violett) und reinster Nächstenliebe (rosenrot). – Das dritte Stockwerk endlich bezeichnet durch sein jungfräulich hehres Morgenrot den höchsten Unschulds- und pursten Liebehimmel, den eigentlich völlig wahren Himmel, in dem Ich mit jenen zu wohnen pflege, die Mich über alles lieben. Dieser Himmel ist daher auch ohne Verzierung, weil er in dem Wesen seiner Färbung schon alle erdenklichen Vollkommenheiten in sich faßt und ganz allein Mich zu seiner Zierde hat.

[RB.01_047,09] Nun hast du ganz kurz die richtige Bedeutung der sonderfarbigen Gestaltung deines Hauses. Frage aber nicht weiter; denn in dem Maße, wie du in deinem Hause selbst von Stock zu Stock höher kommen wirst, wird dir ohnehin alles klar werden, was du jetzt noch nicht begreifen könntest.

[RB.01_047,10] Wir werden nun aber ins Erdgeschoß einziehen, wo wir uns fürs erste Stockwerk vorbereiten werden. Und so gehen wir voran und lassen dann alle anderen nach uns hineingehen, so sie es wollen. Die aber nicht wollen, die sollen dann auch tun, was sie wollen! Hast du wohl alles verstanden?"

[RB.01_047,11] Spricht Robert: „Ja, Bruder, und ich werde es auch getreu beachten! Aber sonderbar ist es doch, daß es unter diesen gutmütigen Menschen so verstockte und leichtfertige Wesen geben soll; wahrlich, das ist mir ein Rätsel der Rätsel!"

[RB.01_047,12] Rede Ich: „Ja, Mein geliebter Bruder, du wirst dich noch absonderlich zu wundern anfangen, wenn du wirst mit mehreren Charakteren der Geisterwelt zu tun bekommen! Du wirst die Schönsten finden können mit schneeweißer Wolle äußerlich angetan, und innerlich werden sie lauter reißende Wölfe, Löwen, Hyänen, Bären und Tiger sein!

[RB.01_047,13] Aber siehe da, nun sind wir schon in deinem Hause, und zwar in des Erdgeschosses ersten Eintrittsgemächern. Wie gefallen sie dir?"

 

48. Kapitel – Wundervolles Innere des Hauses. Roberts Ärger beim Ausblick in den Garten. Skandalszenen der Wiener Gesellschaft. Der Herr unternimmt die Seelenkur der Argen.

[RB.01_048,01] Spricht Robert: „O Freund und Bruder! Wunderherrlich! Man sieht es von außen diesem Hause wahrlich nicht an, daß es innen so herrliche und geräumige Gemächer enthält. Und wie schön ist die Aussicht durch die hohen Fenster! Ach wie herrlich nimmt sich der Garten aus und die Gebirgsgruppen in der Ferne! Und wie lieb die vielen netten Häuschen auf den umliegenden kleinen Hügeln! – Ach, das ist ja mehr als himmlisch!

[RB.01_048,02] Aber da sieh doch beim ersten Fenster hinaus! Was ist denn das für ein wahrstes Lumpenpack? Nein, so etwas von Gesindel ist mir noch nie vorgekommen! – Da, da! O die frechste Unverschämtheit! Sieh, eine Gruppe lustiger Dirnen ziehen die lumpigsten Mannsbilder –! Ah, das ist zu arg! Die müssen wir denn doch aus dem Garten schaffen!"

[RB.01_048,03] Rede Ich: „Siehe, das sind schon so einige ,Wiener Früchtel‘! Es sind dieselben, die dir draußen alles bejahten. Da wir nun aber ins Haus gegangen sind, sind sie lieber draußen geblieben und unterhalten sich nun nach ihrer Lieblingsweise. Sieh dich nur um und zähle sie, die uns ins Haus gefolgt sind, und du wirst auch nicht einen finden! Denn die etlichen Buhldirnen sind ihnen mehr als wir und alle deine Lehren und werden ihnen noch lange mehr sein!

[RB.01_048,04] Gehst du aber jetzt hinaus und machst ihnen eine Predigt, da werden sie zum Schein wieder ganz Ohr sein. Ich sage dir, es gibt kaum eine Gattung Sünder, die schwerer zu bekehren wären als die fleischlichen Sündenböcke; und das darum, weil sie äußerlich geschmeidig alles annehmen, wenn sie sich nur in ihrer inneren Lustgier nicht beeinträchtigt fühlen. Versuche aber, ihnen solche Lust ernstlich zu untersagen, so wirst du Wunder von Widerspenstigkeiten und Grobheiten erleben. Lassen wir sie aber nur austoben und ihre Lust befriedigen. Dann wollen wir wieder hinaustreten und sie fragen, warum sie nicht ins Haus gefolgt sind. Du wirst dich nicht genug verwundern können, mit welcherlei Entschuldigungen sie uns entgegenkommen werden!

[RB.01_048,05] Zuvor aber werde Ich es zulassen, daß da einige recht üppige Dirnen zu ihnen stoßen sollen. Da erst wirst du Dinge der Unzucht zu schauen bekommen! Und so gib denn acht!"

[RB.01_048,06] In diesem Augenblick kommen durch den Garten zwölf recht saubere Dirnen zu der Gesellschaft. Sogleich ertönt ein feldgeschreiartiger Jubelruf, und alles, was nur Mann heißt, stürzt sich wie Tiger auf die Dirnen los.

[RB.01_048,07] Robert springt über diese Ungezogenheit beinahe vor Ärger auseinander und will mit Donner und Blitz hinauseilen. Aber Ich halte ihn weislich davon ab, und er wirft nur voll gerechten Ingrimms manchmal einen Blick zum Fenster hinaus.

[RB.01_048,08] Nach einer Weile, als Robert sich über die verschiedenen Unzuchtsskandale seiner Wiener Freunde satt geärgert hat, spricht er zu Mir: „O Herr, nun hätte ich mich wahrlich zur Übergenüge geärgert. Aber, bei aller Deiner Heiligkeit, was wahr ist, ist wahr – diese echten Lumpen werden darum um kein Haar besser. Und so sehe ich nun ein, daß es von mir selbst eine tüchtige Dummheit war, mich darüber geärgert zu haben!

[RB.01_048,09] Du könntest diese Sache freilich sogleich ändern, so Du es wolltest und es Deine Weisheit für gut und recht fände. Aber Du, der Du die ungeheuerste Geduld, Liebe und Sanftmut bist, siehst diesem Luderspektakel mit einer Ruhe zu, als könnte Dich so etwas ewig nie auch nur in scheinbaren Ärger versetzen. Oh, da werde ich mich für die Zukunft auch nicht ärgern, und sollen es diese Lumpen noch tausendmal ärger treiben als bisher!

[RB.01_048,10] Nur das begreife ich nicht, wie einem sonst gebildeten Menschen solch eine Schweinerei zur Leidenschaft werden kann? Ich war doch auch ein Mensch von sehr heißem Blut und habe wohl auch dann und wann dem Fleische gedient. Aber bis zur Leidenschaft ist bei mir dieser Akt nie gediehen. Denn ich habe mich dabei stets geschämt und sagte mir oft: ,Robert! Was bist du nun? Du sollst in allem ein rechter Mann sein, und bist – ein Tier! Schäme dich, Robert, du bist blöde wie ein Esel! Du bist kein Mann, ein Weiber-Knecht bist du! Wie kannst du darob schwach werden! Tausendmal Pfui dir! So bist du kein Mann. Ein Tier kann nicht bewußt handeln, sondern bloß wie ein Schwein aller Gedanken ledig genießen!‘

[RB.01_048,11] Solche und oft noch ärgere Lektionen habe ich mir selbst gegeben, wenn ich dann und wann schwach geworden bin, besonders wenn ich manchmal bei festlichen Gelegenheiten zu tief ins Gläschen geguckt habe. Aber bis zur Leidenschaft ist es bei mir nie gekommen!

[RB.01_048,12] Diese hundsgemeinen Kerle jedoch betreiben diese Sachen mit leidenschaftlichster Gier! Was mich am meisten wundert ist, daß hier gerade die alten Schöpse und Esel es am ärgsten treiben! Da sieh einmal hinaus, dort unter einem Feigenbaum haben drei recht alte Kerle eine Dirne und machen Spektakel mit ihr! Das ist ja doch zum Donnerwetterdreinschlagen! Wird denn diese Schweinerei kein Ende nehmen?"

[RB.01_048,13] Rede Ich: „Gedulde dich nur noch ein wenig! Ich will ihnen noch mehr Dirnen herbeiziehen. Diese sollen noch üppiger sein als die früheren, dafür aber etwas spröder und züchtiger. Wir werden sehen, was deine Freunde mit diesen machen werden."

[RB.01_048,14] Spricht Robert: „O Herr, ich meine, um das im voraus zu bestimmen, braucht man gar nicht allwissend zu sein! Da werden diese Kerle es noch tausendmal ärger treiben! Ich mag gar nicht einmal hinausschauen, wenn diese dumme Hetze angehen wird! – Aber sag' mir doch einmal, Du einziger Herr über alle Himmel und Welten, was wird denn da am Ende heraus kommen? Werden diese Lumpen die Sache nicht einmal satt bekommen? Werden sie, statt Geister zu werden, sich nun zu echten Tieren umwandeln?"

[RB.01_048,15] Rede Ich: „Sei nur ruhig, du wirst darüber bald ein rechtes Licht bekommen. Nur mußt du gleich Mir einen ganz ruhigen Zuschauer machen! Wenn Ich dir die Augen mehr öffnen werde, wirst du erst vollends einsehen lernen, wie man hier zu Werke gehen muß, um womöglich solche Schweine noch zu Menschen umzugestalten. Was aber hier die Liebe nicht vermag, das wird der Hölle, dem eigenen, in jeder Seele wohnenden Strafgericht anheimgestellt. – Aber nun ruhig! Denn siehe, die Dirnen kommen schon!"

[RB.01_048,16] Robert blickt zum Fenster hinaus, sieht nach den neu ankommenden Dirnen und spricht nach einer Weile: „Bei meinem armen Leben – wahrhaftig wahr, diese Dirnen, etliche zwanzig an der Zahl, sehen nach rein irdischem Maßstab gar nicht übel aus! Potz Tausend und alle Elemente, die vorderen drei sind ja wie die ersten Pariser Ballettänzerinnen gekleidet! Die werden sicher diesen Wiener Tiermenschen einen Tanz zum besten geben, um sie desto lüsterner zu machen?

[RB.01_048,17] Es wäre nach meiner menschlichen Meinung wahrlich besser, so an der Stelle dieser schmucken Tänzerinnen ein paar Dutzend Bären aufmarschiert wären. Vielleicht würden diese sehr kräftigen und keinen Spaß verstehenden Wald- und Alpentänzer auf meine tierischen Freunde eine heilsamere Wirkung ausüben als diese rundfüßigen und vollbrüstigen Ballettdamen!

[RB.01_048,18] Mich wundert es aber, daß die Wiener Geister sich nun beim Anblick dieser Schönheiten noch so viel zurückhalten, daß sie diese neuen Tanzkünstlerinnen der Geisterwelt nicht wie die früheren sofort beim ersten Erscheinen gleich wütenden Hunden angefallen haben! Wahrscheinlich imponieren ihnen diese Schönheitssterne doch etwas zu stark, und sie trauen sich nicht an sie."

 

49. Kapitel – Eine Schar einstiger Kunsttänzerinnen tritt ins Haus. Sie erfuhren viel Not in der Geisterwelt. Demütige Bitte um Brot und Unterkunft.

[RB.01_049,01] Kaum hat Robert solches ausgeredet, kommen diese zwei Dutzend weiblicher Schönheiten eine nach der anderen in das Zimmer zu uns beiden und machen vor uns eine tanzmeisterliche Referenz. Sie fragen uns, ob in diesem Prachtpalast nicht etwa auch ein Theater sei, auf dem sie etliche Vorstellungen in der hohen Choreographie geben könnten.

[RB.01_049,02] Spricht Robert: „Da, neben mir steht der eigentliche Herr, den fraget! Ich bin erst seit einigen Augenblicken der Inwohner dieses Hauses und kenne in ihm außer diesem Gemache noch kein anderes. Es kommt mir überhaupt sonderbar vor, wie ihr hier in der Geisterwelt, wo man – um ein vollendeter Geist zu werden – allein nur Gott den Herrn suchen und sich in Liebe zu Ihm üben soll, euch mit solchen irdisch-materiellen Skandalkünsten noch abgeben könnt? Aber, so es dem Herrn dieses Hauses angenehm und zweckdienlich ist, dann macht, was ihr wollt! – Da neben mir aber, wie ich's euch schon angezeigt habe, ist eben der Herr Selbst!"

[RB.01_049,03] Sagen die drei ersten: „Wie ist nun das? Draußen sagte uns einer, du wärest der Eigentümer dieses Palastes! Und du sagst nun, dieser dein Freund ist es!"

[RB.01_049,04] Spricht Robert: „Ja, und noch tausendmal ja – Dieser ist der eigentliche Herr dieses Hauses! Und wer euch gesagt hat, daß ich es sei, der war ein dummer und blinder Mensch! Fragt also Diesen oder schaut, daß ihr bald zum Tempel hinauskommt!"

[RB.01_049,05] Darauf wenden sich die drei an Mich und fragen Mich, ob Ich sonach wohl der Herr dieses Palastes wäre?

[RB.01_049,06] Rede Ich: „In der Welt der Geister ist ein jeder Herr, das ist ein Besitzer dessen, was sein ist. Und so dieser da Mein Freund und Bruder ist, so besitze Ich ihn auch als das, was er Mir ist. Ich bin sonach auch sein Herr und auch der Herr dessen, was sein ist; wogegen er vor euch aber auch von Mir das gleiche aussagen kann.

[RB.01_049,07] Daß Ich aber dieses Haus, wie es beschaffen ist, besser kenne als er, hat seine gewissen Gründe, weil Ich schon um sehr viele Jahre länger Mich hier in der Welt der Geister befinde als der Freund da.

[RB.01_049,08] Mit Gewißheit kann Ich euch daher sagen, daß sich in diesem ganzen Hause durchaus kein Theater und ebensowenig irgendein Tanzsaal befindet. Außer an der äußersten Nordseite dieses Hauses eine Art Rednerkammer mit einer Versenkung, durch welche unlautere Geister, die sich Gottes Ordnung durchaus nimmer wollen gefallen lassen, ganz wohlerhalten zur Hölle hinab versenkt werden können! So ihr dort eure Produktionen diesen Gästen da draußen wollt zum besten geben, so kann euch diese Redner- oder besser Haderkammer zur Verfügung gestellt werden! Aber ihr müsset da sehr acht geben, daß ihr bei eurer Choreographie nicht in eine solche Versenkung stürzt. Denn wenn ihr da hineinkommt, dürftet ihr schwer wieder den Weg zurück finden! Habt ihr das verstanden?"

[RB.01_049,09] Sprechen die drei ersten Koryphäen: „Höre, lieber Freund, das ist etwas fatal! So ein Lokal können wir durchaus nicht brauchen! Kannst du aber nicht gestatten, daß wir draußen im Garten unsere hohe Kunst produzieren dürften?"

[RB.01_049,10] Rede Ich: „Ja, draußen könnt ihr tanzen und springen, wie ihr nur immer wollt, da haben wir vorderhand nichts dagegen. – Geht sonach wieder hinaus und macht draußen, was ihr wollt! Hier im Hause tut es sich mit eurer Sache durchaus nicht!"

[RB.01_049,11] Spricht die eine aus den dreien: „Lieber Freund, als wir noch auf der Erde waren, ging es uns sehr gut. Denn wir waren die Abgöttinnen der großen Städte. Alles, was uns zu bewundern Gelegenheit hatte, war entzückt. Wir erwarben uns neben der Gunst der größten Kronenträger auch viel Geld und sonstige Schätze. Aber dann kam plötzlich eine fatale Krankheit über unseren Leib; wir zehrten ab und starben!

[RB.01_049,12] Nun sind wir schon bei dreißig Jahre lang hier in dieser armseligsten Geisterwelt, und es geht uns entsetzlich schlecht! Nirgends gibt es für uns einen Verdienst. Wo immer wir anklopfen, werden wir wie hier beschieden. Und der Hunger tut entsetzlich weh! Auf eine zu gemeine Weise wollen wir uns das Brot doch nicht verdienen, da wir dazu denn doch zu gut sind. Besonders möchten wir mit einem so lumpigen Gesindel wie das draußen schon gar nichts zu tun haben, da wir auf der Erde nicht selten Prinzen das nicht gewährten, was sie oft bei uns suchten. Und sonst gibt uns hier aber kein Mensch oder Geist auch nur einen Tropfen Wasser. Du siehst daraus, daß wir hier sehr elend und entsetzlich arm sind!

[RB.01_049,13] Wolltest du uns denn nicht gegen was immer für einen Dienst in diesem Hause Unterkunft und nur so viel Brot zukommen lassen, daß wir uns nur einmal den brennendsten Hunger etwas stillen könnten? Oh, sei von uns allen durch mich inbrünstigst darum gebeten!"

[RB.01_049,14] Rede Ich: „Ja, Meine lieben Tanzkünstlerinnen, das hängt hier nicht von Mir ab. Denn der eigentliche Eigentümer dieses Hauses, wie auch all dieser weitgedehnten Gegend ist dennoch dieser Mein Freund und Bruder. Wenn er euch das geben will, was ihr möchtet, da werde Ich nichts dagegen haben, es wird Mir im Gegenteile nur eine große Freude sein. Aber dazu bereden werde Ich ihn nicht. Wendet euch daher an ihn!"

[RB.01_049,15] Die Sprecherin will sich nun in dieser Sache an Robert wenden.

[RB.01_049,16] Aber Robert kommt ihr zuvor und spricht: „Meine liebe Tanzkünstlerin und ihr alle zwei Dutzend desselben Gewerbes! Ich habe von euch bisher nur gewußt, daß eure Füße viel elastischer seien als die Füße anderer Menschen. Daß ihr aber auch fuchsfeine Nasen hättet, wußte ich bisher nicht! So ich es allein mit euch zu tun hätte, würde ich euch sogleich zur Türe hinausweisen. Aber da es diesem meinem Freund eine Freude macht, so ich eure Bitte erhöre, will ich euch denn in Gottes Namen auch aufnehmen! Und so bleibet denn! Dort in einer Ecke dieses Gemaches befindet sich ein kleiner Tisch mit etwas Brot und Wein. Geht hin und stärket euch! Sodann kommt wieder, und wir werden euch dann schon ein Geschäft anweisen, dem ihr emsig zu obliegen haben werdet. – Nun geht, wohin ich euch beschieden habe!" Die Tänzerinnen folgen sogleich diesem Befehl.

 

50. Kapitel – Die Wiener Gesellschaft verlangt nach den Tänzerinnen. Roberts Donnerpredigt. Seelenrettung am Abgrund.

[RB.01_050,01] Die vierundzwanzig schönen Tänzerinnen aber bleiben für die lüsternen Wiener Freunde nun schon zu lange im Hause. Daher kommen sie vor Roberts Zimmertür und schreien: „Nun, wie lange belieben denn diese Schnellfüßlerinnen bei euch zu verweilen? Wir glauben gar, daß du sie für dich und deinen Freund da zurückbehalten möchtest! Wäre nicht übel, du behieltest das Beste für dich, und wir als deine Freunde könnten uns draußen mit den mageren und häßlichen Fetzen begnügen! Wir bedanken uns ganz gehorsamst für solch saubere Freundschaft! Höre, wir wollen billig sein, weil du der Blum bist: ein Dutzend kannst du für dich behalten. Aber das andere Dutzend von diesen schönen Engländerinnen oder Französinnen mußt du uns sogleich ausliefern, sonst fangen wir ein Spektakel ums andere an! Und wenn dich dies auch noch nicht für die Erfüllung unserer Wünsche stimmen sollte, so schlagen wir hier alles kleinweis zusammen!"

[RB.01_050,02] Spricht Robert: „Aber oha! Ich sage euch: So wahr ein ewiger Gott lebt, und so wahr ich bis jetzt noch den Erdnamen Robert Blum führe, so wahr auch kommt keine von diesen Tänzerinnen zu eurem schändlichen Vergnügen aus dieser Burg, in der Gott der Wahrhaftige wohnt und jedem gibt, wie er es verdient hat!

[RB.01_050,03] Ich habe sie als hungrige und elende Wesen in mein Haus aufgenommen. Sie sind nun meine Gäste und genießen als solche auch allen Respekt, den mein Haus von jedem ehrlichgesinnten Geiste zu fordern das Recht hat! Seid ihr aber etwa ernstlich gesonnen, dieses heilige Recht jedes Hauses hier zu schänden, so versucht es! Wir wollen dann sehen, wer da den kürzeren ziehen wird!

[RB.01_050,04] Nach dem, was ich von euch durch diese Fenster gesehen habe, bin ich der Meinung, daß ihr euch draußen im Garten doch zur Vollgenüge müßtet ausgebuhlt haben? Wahrlich, ich kenne kein Tier auf der Erde, das einen solch schändlichen Instinkttrieb je irgendwo verriete, wie ihr als vernünftige Menschen hier im Gottesreiche tätigst an den Tag gelegt habt! Aber nicht genug, daß ihr euch schon bis ins Zentrum der untersten Hölle hineingesündigt habt und Teufeln gleich geworden seid; nicht genug, daß eure Gier jene ärmsten weiblichen Wesen, statt ihnen zu helfen, noch tausendmal elender gemacht hat, als sie ehedem waren; nicht genug, daß ihr diese reine, geistige Gotteserde mit dem schändlichen Geifer echt höllischer Unzucht und Hurerei auf das schmählichste befleckt habt! Nein, das alles ist eurer unersättlichen Lustgier noch viel zu wenig!

[RB.01_050,05] Diese armen Wesen, die nun lange Jahre Hunger, Durst und anderes Elend nach dem Ratschluß des Allerhöchsten zu erdulden hatten, hat Gott Selbst nun aufgenommen! Die dort in jener Ecke seit dreißig langen Jahren das erste Stückchen nährenden Brotes genießen und dafür Gott, den sie leider noch kaum kennen, mit Tränen danken – diese wollt ihr auch noch mit euch zur Hölle hinabziehen! Welche grenzenlose Verruchtheit!

[RB.01_050,06] Die armen Wesen da draußen, die ihr soeben auf das gewissenloseste geschändet habt, die nun voll Schmerzen wehklagen und daliegen wie Halbtote – wißt ihr, wer sie sind? Seht, das sind eure eigenen Töchter auf Erden gewesen! Sie kamen zum Teil durch natürliche Krankheiten und zum Teil durch die Beschießung Wiens um ihr irdisches Leben. Aller geistigen Bildung bar kamen sie in dieser Welt an und wußten nicht wo aus noch ein. Da erfuhren sie durch eine gütige Fügung Gottes, daß ihr als ihre irdischen Väter euch in dieser Gegend befindet. Voll Freuden und in der Hoffnung, ihr trauriges Los zu verbessern, eilten sie hierher. Als sie hier anlangten und euch erblickten und erkannten, und euch mit dem kindlichen Rufe ,Vater!‘ an ihr Herz ziehen wollten, da sprangt ihr gleich wütenden Hyänen über sie und fingt sogleich an – als Väter mit den eigenen Töchtern –, die schmählichste Unzucht und Hurerei zu treiben. Umsonst schrien die Armen: ,Um Gotteswillen, wir sind ja eure Töchter! Was tut ihr mit uns!? Jesus, Jesus! Was tut ihr!‘ Aber das hörtet ihr gar nicht! Denn eure verfluchte teuflische Brunst hat euch blinder gemacht, als da ist ein Auerhahn in seiner Balzzeit! Ihr zerrisset förmlich die Armen in eurer Geilwut! O ihr verruchten Täter des Übels! Da sehet hinaus, euer schönes Werk – mit welchem Namen soll man es bezeichnen? Wahrlich, meine Zunge findet keinen Ausdruck dafür!

[RB.01_050,07] Als ich mit meinem großen Freunde hier ankam und euch alle hier in meinem Hause antraf, hatte ich eine rechte Freude an euch. Besonders freute es mich, als ich nach meinen Worten von euch das Verlangen vernahm, demnach es nun eure größte Freude wäre, Christus, den Herrn, nur einmal von ferne zu Gesicht zu bekommen. Ich gab euch darauf die Versicherung, daß ihr, so ihr Ihn innig liebend in euer Herz aufnehmt und durch solche Liebe reiner werdet, Ihn, den Herrn der Ewigkeit, immer und ewig sehen werdet! Worauf ihr froh ergriffen wart und demütig bekanntet, daß ihr solcher Gnade noch lange nicht wert seid! Das gefiel mir so gut, daß ich vor Freude hätte weinen mögen.

[RB.01_050,08] Als ich aber in mein Haus mit meinem Freunde eintrat und Ihm darob meine Freude äußerte, da sprach Sein weisester Mund: ,Trau ihnen nicht zu viel; das sind lauter grobsinnliche Genußmenschen! Ich sage dir, es werden etliche von ihnen zur Hölle hinab müssen und ihre Besserung wird ein hartes Werk sein!‘ O der großen Wahrheit! Ich sage euch, ihr braucht nun nicht mehr zur Hölle hinabzukommen – ihr seid schon völlig in ihr! Denn diese böse, unersättliche Lustgier eurer unratvollen Herzen kann Gott in euch nicht mehr bessern außer durchs Gericht der Hölle!

[RB.01_050,09] Nun habe ich euch gesagt, was mir Gott ins Herz gelegt hat. Ihr wißt nun, was ihr getan habt und noch tun wollt, und was davon die unvermeidlichste Folge sein wird. Tut nun, was ihr wollt! Noch seid ihr frei; aber nur zu bald wird das Gericht Gottes euch ergreifen und euch euren Lohn geben! Aber nicht nur euch, sondern allen, die auf Erden in dieser Zeit noch im Leibe wandeln und sich die Mahnungen Gottes, deren diese Zeit so voll ist, nicht wollen gefallen lassen!

[RB.01_050,10] Hätte ich selbst auf der Erde lieber so manchen unverkennbaren Gottesmahnungen Ohr und Herz geöffnet, so wäre ich auch in gar kein Gericht gekommen. Aber weil ich nur dem folgte, was mein verstiegener und ruhmsüchtiger Verstand mir eingab, mußte ich mir denn auch ein übles Gericht gefallen lassen. Ich wollte nach meinem Urteil immerhin Gutes und habe mich dennoch eines Gerichtes schuldig gemacht. Was wird aber mit euch, da ihr nur Arges wollt, obwohl ihr einseht, daß es ein Arges ist?"

[RB.01_050,11] Auf diese eindringliche Rede Roberts fangen die äußerst betroffenen Zuhörer gewaltig zu stutzen an und einer um den andern zieht sich zurück. Keiner hat den Mut, Robert auch nur ein Wörtlein zu erwidern. Nur untereinander murmeln sie, daß sie die Veränderung Roberts nicht begreifen, und sein Ernst sei wie ein großer Donner und seine Rede wie eine verheerende Sturmflut!

[RB.01_050,12] Einige unter ihnen aber fangen an, sehr in sich zu gehen. Eine mächtige Furcht ergreift ihr ganzes Wesen, und sie bereuen sehr, was sie getan haben.

[RB.01_050,13] Darauf wendet sich Robert im Herzen zu Mir und spricht: „O Du mein heiligster, wahrster und bester Vater! Vergib mir, so ich an diese Wiener Freunde eine vielleicht doch etwas zu harte und scharfe Mahnrede gerichtet habe! Du siehst ja in meinem Innersten, daß ich ihnen allen nur das Beste wünsche und durch die Schärfe meiner Rede nichts anderes bewerkstelligen wollte, als ihnen, wenn möglich, das höchst traurige Gericht der Hölle zu ersparen. Denn ich meine, ein noch so scharfes Mahnwort ist noch unberechenbar milder als das kleinste Fünklein höllischen Gerichtes! Und so donnerte ich denn in diese aller höheren Bildung ledigen Brüder mit aller Kraft meines Wesens hinein und habe, wie es scheint, bei einigen einen wohl sichtbaren Effekt zuwege gebracht!

[RB.01_050,14] O Vater, segne Du meine Worte in ihnen! Vielleicht werden sie doch das bewirken, was ich damit so ganz eigentlich habe tun wollen!"

[RB.01_050,15] Rede Ich: „Mein lieber Freund, Bruder und nun auch Sohn! Ich sage dir: Nicht ein Wort mehr oder weniger hast du geredet, als Ich Selbst in dein Herz gelegt habe! Denn was du gesagt hast, das habe Ich in deinem Herzen gedacht und gewollt. Darum darfst du dir durchaus keine Vorwürfe machen, als wärest etwa du aus dir selbst gegen diese aller geistigen Lebensbildung ledigen Menschen zu hart gewesen. Deshalb sei du nun ganz ruhig!

[RB.01_050,16] Denn siehe: solche Geister, die sich am Rande des Abgrundes schon vorneigen, um im nächsten Augenblick hineinzustürzen, müssen mit aller Kraft ergriffen und so vom Abgrund zurückgerissen werden. Nur so ist es möglich, sie ohne Hölle auf einen bessern Weg zu bringen.

[RB.01_050,17] Du wirst dich nun bald überzeugen, welch gute Wirkung die Donnerrede deines Mundes bei ihnen hervorgebracht hat! Alle werden freilich noch Ausflüchte suchen und werden sich schöner machen wollen als sie sind. Aber wenn nur der größere Teil in sich geht, so ist das schon gut. Der mindere Teil wird dann als der schwächere mit der Weile dennoch bemüßigt sein, sich am Ende willig zu fügen, da er sonst keinen Ausweg finden wird.

[RB.01_050,18] Doch lassen wir sie nun ein wenig ruhen und dabei ein wenig durchgären! So sie nach rechtem Maße werden durchsäuert sein, wie da auf Erden die Maische, bevor sie zur Gewinnung des Weingeistes in den Destillierkessel getan wird – da werden wir sie dann auch in den Kessel tun, unter dem ein mächtiges Feuer unserer Liebe brennt. Und es wird dann ein leichtes sein, ihr wahres Geistiges von den groben irdischen Trebern zu scheiden. – Nun aber unterdessen zu etwas anderem!"

 

51. Kapitel – Drei Kampfgenossen Roberts vor dem Herrn. Auch sie sollen gebessert werden. Die dankbaren Tänzerinnen als Werkzeuge.

[RB.01_051,01] Rede Ich weiter: „Es war schon ehedem die Rede von deinen drei Freunden, von Messenhauser, Jellinek und Becher. Deine Freunde gaben ihnen ein nicht zu glänzendes Zeugnis. So plump und grob zwar dieses Zeugnis an und für sich war, so war dennoch etwas Wahres daran. Denn alle drei waren heimlich von einem ganz anderen Geiste getrieben als du. Du hattest nach deinem Verstand und deiner Erkenntnis einen, irdisch genommen guten Zweck vor dir, den du zu erreichen strebtest. Aber nach solch einem irdisch achtbaren Ziele trachteten deine drei Freunde nicht. Während du als ein echter Menschenfreund wirktest, handelten die drei, mit geringen Gesinnungsunterschieden, nur für die Erreichung eines losesten Volksabsolutismus. Oder, so dies fehlschlüge, doch wenigstens einer reich bespickten Börse, mit der sie sich dann bei günstiger Gelegenheit in nächtlicher Dunkelheit hätten empfehlen können.

[RB.01_051,02] Aber das schlüpfrige Glück war ihnen nicht günstig. – Dein erster Freund merkte es nicht, daß sich unter dem Füllhorn Fortunas jene fatale Rollkugel befand, die an das Unbeständige alles irdischen Glückes so trefflich mahnt! Und so geschah es denn auch, daß das irdische Glück des Messenhauser nur zu bald umschlug.

[RB.01_051,03] Den andern zweien war diese Fortuna freilich nicht so günstig, obschon sie alles aufboten, um sich diese Göttin geneigt zu machen. Sie fochten mit den Waffen der Gänsekiele und schlugen damit eine Zeitlang wacker und ohne Schonung auf den Köpfen der sogenannten reaktionären Philister herum. Aber es wollte an diesen Wunden niemand sterben, die sie ihren Feinden mit den Gänseschwertern beibrachten. Und auch Fortuna war eigensinnig und wollte ihnen kein freundliches Gesicht zeigen. Das ärgerte sie mächtig, so daß sie darob die erste Waffengattung von sich warfen und sich dafür andere beim Mars ausborgten. Aber da stand es bald noch ärger um die beiden. Fortuna wurde erbost und warf ihnen am Ende so viele Kugeln unter die Füße, daß es für sie unmöglich ward, sich noch weiter aufrecht zu erhalten. Und ihr Liedchen an Fortuna kam damit auch völlig zum Ende.

[RB.01_051,04] Mit ihrem Fall traten diese drei Helden von dem Schau- und Prüfungsplatz der Außenwelt ab. Nun sind sie dir gleich in diese ewigdauernde neue Welt herübergewandert, natürlich unter zahllosen Verwünschungen jener Weltmächtigen, die sie mit einer Extraschnellpost hierher befördert haben. Sie sind sonach ohne allen Zweifel hier in der Geisterwelt, und das sicher nicht gar zu weit von hier.

[RB.01_051,05] Du sprichst in dir: ,Das ist sicher wahr. Aber schweben sie etwa auch noch irgendwo zwischen Himmel und Erde im Äther? Oder sind sie etwa gar hier in der Nähe dieses Hauses irgendwo verborgen?‘

[RB.01_051,06] Ich sage dir: Nicht im Äther und nicht in einem Versteck etwa in der Nähe deines Hauses, das da gleich ist dem Inneren deines Herzens. Sondern wie sie in deinem Herzen durch dein liebvolles Gedenken an sie gegenwärtig sind, so sind sie auch in Wirklichkeit in diesem Hause gegenwärtig! Eine einzige Tür scheidet sie noch von dir und Mir. So wir diese Tür öffnen, da wirst du sie noch ganz so antreffen, wie sie die Erde verlassen hatten.

[RB.01_051,07] Aber wenn Ich die Tür öffnen werde, darfst du sie nicht sogleich anreden, sondern sie eine Zeitlang an Meiner Seite belauschen, was alles sie untereinander beschließen werden. Erst so sie einen Vollbeschluß werden gefaßt haben, wird es an der rechten Zeit sein, sie anzureden und sich ihnen zu zeigen. Dies zu deiner Darnachrichtung!

[RB.01_051,08] Vorderhand aber wollen wir noch mit unseren Tänzerinnen ein paar Wörtlein wechseln und sie für unsere kommenden Maßnahmen ein wenig vorbereiten. Denn diese Tänzerinnen werden wir in der Folge so gut brauchen können, wie du dir es noch gar nicht vorzustellen vermagst!"

[RB.01_051,09] Nach dieser kurzen Unterweisung begeben wir uns auch sogleich zu diesen Tänzerinnen, die uns beide freundlichst empfangen und herzlich danken: zuerst für die so überaus gute Bewirtung und dann auch für den energischen Schutz gegen jene, die so üble Absichten auf ihre ohnehin sehr unglückliche Person hatten. Auch bitten sie den Robert tausendmal um Vergebung, daß sie ihn zuerst für ein hartes Wesen hielten, während er nun in der Tat bewiesen habe, was für ein liebevoller und rechtlicher Mann er sei.

[RB.01_051,10] Robert, solches Lob zwar nicht ungern anhörend, ermannt sich aber doch gleich und spricht in seinem gewöhnlichen, etwas rauhensten Ton: „Meine lieben, armen Schwestern, seid nicht zu voreilig mit eurem Lob und Dank! Denn ihr wißt ja noch lange nicht, wer hier der eigentliche Geber aller guten Gaben ist!

[RB.01_051,11] Ihr könnt es mir aufs Wort glauben, daß durchaus nicht ich der Geber bin, sondern jemand ganz anderer. Ich aber bin hier sozusagen nur ein derber Hausknecht, aber gottlob kreuzehrlich. Aber das ist nun alles eins, ob ihr mir oder dem eigentlichen Herrn dieses Hauses dankt. Denn was mir nicht gebührt, nehme ich auch nicht an, sondern gebe es getreu meinem einzigen Herrn wieder.

[RB.01_051,12] Doch nun von etwas anderem: Sagt uns beiden, ob ihr nun noch darauf besteht, eine Tanzproduktion in diesem Hause zu veranstalten? Oder seid ihr etwa gar von dieser tollen Idee im Ernst abgekommen?"

[RB.01_051,13] Sprechen die Tänzerinnen: „O ihr allerbesten Freunde der armen Menschheit! So ein Verlangen wäre nun wahrlich die größte Tollheit von unserer Seite! Denn wir wollten ja nur darum hier unsere armseligste Kunst zur Ausübung bringen, um uns durch sie so viel zu verdienen, daß wir damit den brennendsten Hunger hätten stillen können. Da wir aber nun dank euch beiden auch ohne unsere Vorführung die herzlichste Aufnahme fanden, wäre es doch eine der größten Torheiten, so wir noch an so etwas denken möchten. Umsomehr, als wir nun sehr überzeugt sind, daß unsere elende irdische Kunst in euren himmlisch reinen Augen ein Greuel ist! So ihr beide uns nur stets so gnädig seid wie bis jetzt, wollen wir von unserer Kunst ewig nichts mehr hören und wissen! Dessen könnt ihr völlig versichert sein."

[RB.01_051,14] Spricht Robert: „Das freut uns, das ist schön und gut von euch! Aber so wir beide später eines gewissen guten Zweckes wegen von euch verlangen möchten, daß ihr bei einer kommenden Gelegenheit denn doch ein Tänzchen produziert, würdet ihr auch dann eurem löblichen Entschluß getreu verbleiben?"

[RB.01_051,15] Sprechen die Tänzerinnen: „O Freunde, was immer ihr wollt, werden wir auch tun, da wir nur zu gut wissen, daß ihr nur etwas Gutes wollen könnt. Und so wollen wir auch tanzen, so ihr es verlangt. Denn euer Wille soll fortan auch der unsrige sein!"

[RB.01_051,16] Spricht Robert: „Nun gut, so haltet euch bereit! Denn es wird sich in kurzer Frist Gelegenheit ergeben."

 

52. Kapitel – Das gute Werk des Geistes in Robert. Die Herablassung des Herrn erschüttert sein Herz. Sein Mitleid kommt den Tänzerinnen zugute.

[RB.01_052,01] Rede Ich zu Robert: „Mein liebster Freund, Bruder und Sohn! Du hast wahrlich ein geschmeidiges Herz, und das ist für Mich eine große Freude. Du redest wie aus dir selbst, und dennoch redest nicht du aus dir, sondern Ich! Das ist eine rechte Sache hier im Reiche der Geister, daß des Freundes Mund das laut kündet, was da Rechtes und Wahres vorgeht im Herzen seines Nächsten. Dein Herz vernimmt genau Meine Gedanken, und Mein Wille bleibt ihm nicht fremd! Und siehe, das alles ist das Werk Meines schon stark wach gewordenen Geistes in dir.

[RB.01_052,02] Dieser reine Geist aus Mir kann daher auch in Meine Tiefen dringen und allda erschauen und erforschen Meine Gedanken und Meinen Willen. Das ist nun bei dir schon sehr der Fall; daher du nun schon so genau in deinem Herzen wahrnimmst, was Ich denke und will, als wärest du schon tausend Jahre hier in die heiligen Geschäfte eingeweiht! Fahre nur so fort, dann wirst du Mir in Kürze ein tüchtiges Rüstzeug werden.

[RB.01_052,03] Und nun, da unsere Tänzerinnen schon wissen, was sie zu tun haben, wollen wir uns sogleich an das Öffnen der Tür machen, hinter der wir sogleich das Wiener Heldenkleeblatt debattierend antreffen werden.

[RB.01_052,04] Nur muß Ich dich vorher fragen, ob die Tänzerinnen so schön genug sind, wie du sie nun siehst. Oder sollen wir sie etwa noch schöner machen?"

[RB.01_052,05] Spricht Robert lächelnd: „Herr, wie über alle Begriffe gut, mild und herablassend bist Du! Du sprichst mit mir wahrlich nicht als ewiger Herr der Unendlichkeit, sondern gerade wie ein irdischer Freund zum anderen, und als ob Du im Ernst meines Rates bedürftest! Ja, das, das macht Dich noch unendlich größer in meinem Gemüt, als so Du ganze Heere neuer Welten und Himmel vor meinen Augen erschaffen möchtest. – Daß Du als Gott und Herr, unendlich mächtig in Dir Selbst, auch Unendliches gestalten kannst, findet mein Herz ganz natürlich. Aber daß Du mit mir, Deinem Geschöpf, so vertraulich redest und handelst wie ein rechter Bruder mit dem andern – das macht mein Herz völlig erstarren vor Deiner Größe!

[RB.01_052,06] Was aber die noch größere Verschönerung dieser Tänzerinnen betrifft, so stelle ich es natürlich ganz Dir anheim! Die ersteren sehen nach meiner Beurteilung ohnehin gar nicht übel aus, denn sie sind recht fest und nett beisammen. Aber die anderen sehen wohl sehr spitzig aus, und ihr Kleid erinnert mich lebhaft an den Anzug fliegender Komödianten-Trupps. So du diese in ein bißchen besseres Licht stellen möchtest, könnte gerade das nicht schaden – vorausgesetzt, daß sie dadurch nicht eitler werden. Jetzt scheint sie die Eitelkeit nicht gar zu sehr zu plagen, weshalb sie sich wahrscheinlich mehr im Hintergrunde befinden!"

[RB.01_052,07] Rede Ich: „Ganz gut, Mein allerliebster Robert! Wie du es gewünscht hast, soll es auch geschehen. Siehe, dort an der Wand befindet sich ein Schrank. Öffne ihn und zeige es dann jenen Tänzerinnen, die du einer Verschönerung für nötig erachtest. In diesem Schrank werden sich eine Menge Kleider vorfinden, die ihnen ganz gut stehen werden, die sollen sie anziehen!"

[RB.01_052,08] Robert tut sogleich, wie ihm geraten, und die Tänzerinnen haben eine große Freude daran und kleiden sich hurtig an.

[RB.01_052,09] Als sie in wenigen Augenblicken herrlich bekleidet dastehen, kann sich Robert nicht genug verwundern über die Gestalten. Er kommt schnell wieder zu Mir und spricht: „Aber das ist kaum zu denken. Nicht nur, daß ihnen diese himmlisch schönen Kleider wie angegossen stehen, sondern die Kleider wirken auch auf ihre Gestalt ein! Was das nun für allerliebste Gesichter sind! Und wie schön weiß und rund sind nun ihre früher sehr spitzeckigen Arme geworden! Wie wallend ihr Busen! Und erst ihre Füße! Nein, so was bekommt ein armer Sünder auf der Erde nie zu Gesicht! Ist aber auch gut, denn so einem Fuß wäre ich auf der Erde gewiß nachgerannt. Hier an Deiner Seite aber ist mir das völlig gleich.

[RB.01_052,10] Aber nun stechen sie denn doch etwas zu stark ab von den ehedem schöneren Tanzmeisterinnen. – Du wirst diese auch ein wenig besser ausstaffieren müssen!"

[RB.01_052,11] Rede Ich: „Ganz recht! Geh nur wieder hin und öffne den bewußten Schrank, und es werden sich auch für diese noch Kleider in rechter Menge vorfinden!"

[RB.01_052,12] Robert zeigt das den ersten Tänzerinnen gleich an, und diese hüpfen vor Freude und ziehen sich auch in wenigen Augenblicken außerordentlich himmlisch brillant an.

[RB.01_052,13] Sie gefallen nun Robert noch besser als die früheren, sodaß er sich daran gar nicht satt genug sehen kann. Er kommt wieder zu Mir zurück und spricht: „O Herr, was Dir doch alles so leicht möglich ist, ermißt wohl ewig kein noch so vollkommener Geist! Nein, wie schön diese Engelchen nun dastehen! Welch himmlische Anmut, Frische und Heiterkeit nun aus ihren schönsten Augen strahlt, das ist gar nicht zu beschreiben! Bei meiner Seligkeit, die könnten mich sogar zu einem Kuß –! Nein, nein, doch nicht! Auch das muß für einen Blum eine und dieselbe Tinte sein. Aber schön sind sie, das ist wahr! Na, meine lieben Wiener draußen: wenn ihr diese sehen werdet, dann wird der Teufel bei euch doch wieder ein bißchen los werden! – Nun aber könnten wir doch schon zu den drei Helden gehen?"

[RB.01_052,14] Rede Ich: „Ja, komm nur mit Mir!"

 

53. Kapitel – Die Volksführer Messenhauser, Jellinek und Becher im Jenseits. Ihre Ansichten über Gott, Hölle und Fatum.

[RB.01_053,01] Wir beide kommen bei der Tür an und diese geht sogleich wie von selbst auf.

[RB.01_053,02] Durch die geöffnete Tür sieht man die drei, ganz vertieft um einen runden Tisch sitzend. Sie wühlen in verschiedenen Schriften und Akten herum, als suchten sie irgendein wichtiges Dokument.

[RB.01_053,03] Nach einer Weile vergeblichen Suchens spricht Messenhauser ziemlich aufgeregt: „Aber ich sage ja immer: dies wichtigste Dokument für unsere Unschuld ist bei den letzten unglücklichen Affären verloren oder wohl ganz vernichtet worden! Was nützt uns nun all unser Suchen? Rettet uns nicht ein guter Genius aus diesem Gefängnis, so sind wir ohne weiteres verloren. Denn bei diesen Rechtlern Gnade erwarten, wäre doch größter Wahnwitz. Wir sind nun schon einmal in den Händen von rechten Teufeln, da gibt es weder Gnade noch Erbarmen! Ihr werdet sehen, es wird nicht lange dauern, so wird ein Kriegsrichter mit einem Profosen hereinkommen und unser Todesurteil vorlesen. Und das mit einer solchen Gleichgültigkeit, als hätte er statt Menschen bloß nur ein paar Regenwürmer vor sich, die zertreten werden sollen! Ich sage euch, wir werden erschossen werden!"

[RB.01_053,04] Spricht darauf Jellinek: „Freund Messenhauser, was du noch immer befürchtest, ist an uns schon lange buchstäblich vollzogen worden! Es sieht die Sache wohl aus wie ein Fiebertraum, aber es ist dennoch kein Traum! Denn es schwebt mir nur zu klar noch meinen Augen vor, wie ich in den entsetzlichen Graben hinausgeführt und dort in aller Form erschossen wurde. Ebenso, daß ich mich gleich in diesem zweiten, dem irdischen nicht unähnlichen Kerker befand und dich, Messenhauser, hier schon antraf, worauf auch Freund Becher hier eintraf. Wir leben also nun ganz bestimmt nach dem Tod unseres Leibes hier ein gewisserart geistiges Seelenleben fort, und unsere Furcht vor einem nochmaligen Erschossenwerden ist völlig eitel!

[RB.01_053,05] Aber mich drückt hier in diesem sonderbaren Zustand etwas ganz anderes: die große Ungewißheit darüber, wo wir nun sind und zweitens, was wir zu erwarten haben! – Wenn in Dreiteufelsnamen am Ende an den vielen Höllenpredigten der Pfaffen doch etwas daran wäre – da wären wir wahrlich nicht zu beneiden! So ein ewiges Verdammungsurteil irgendeines allmächtigen Wesens ginge zur Vervollständigung unseres Glückes gerade noch ab! Aber ich tröste mich noch immer damit, daß das Gottwesen, so es irgendwo ist, sicher endlos besser sein muß als alle besten Menschen der Erde zusammengenommen. Sicher ist es besser als der Feldmarschall Windischgrätz, der uns mit so unbeschreiblicher Gemütsruhe hat hinrichten lassen. Oh, wenn es nur irgendein Mittel gäbe, sich an diesem Tiger rächen zu können, und das so grausam als nur möglich, so wäre das für mich wenigstens die größte Seligkeit! Wäret ihr da nicht einverstanden?"

[RB.01_053,06] Spricht Becher: „Ja, ja, Bruder, du scheinst in allem recht zu haben. Freund Messenhauser fühlt sich noch in gewisser Hinsicht irdisch gefangen und meint, daß er noch immer in Wien in einem Kerker schmachtend das Todesurteil zu erwarten habe. Allein in diesem Punkt stimme ich ganz Freund Jellinek bei. Es ist leider die nackteste Wahrheit, daß wir alle drei vollkommen erschossen worden sind. Ich könnte aber nicht mit Gewißheit bestimmen, an welchem Tag. Denn ich bin hier, wo es weder ganz Tag noch ganz Nacht ist, ganz aus aller Zeitrechnung heraus. Es liegt hier aber auch nichts daran: Wir sind irdisch genommen ein für alle Male tot, und da nützt kein Denken und kein Reden.

[RB.01_053,07] Aber an eine Hölle glaube ich durchaus nicht. Denn so es einen Gott gibt, kann es keine Hölle geben. Gibt es aber keinen Gott, da kann es noch weniger eine Hölle geben! Denn der Begriff Gott ist zu rein, zu erhaben groß und zu weise gut, als daß man sich aus Ihm eine Hölle als den Begriff der totalsten Unvollkommenheit denken könnte. Gäbe es aber keinen Gott, sondern nur rein mechanische, bewußtlose Kräfte, so fragt sich's, wie hätten diese eine systematische Hölle zuwege bringen können?

[RB.01_053,08] Spricht Jellinek: „Oh, das kann ich mir leicht vorstellen! Gibt es einen Gott, was nicht zu bezweifeln ist, so fragt sich's: wie hat dies vollkommenste, beste Wesen auch z.B. einen Windischgrätz erschaffen können? Dieser Tiger-Mensch stellt die Hölle so ziemlich getreu auf der Erde vor, und ist doch wie eine jede Klapperschlange ein Werk der vollkommensten Gottheit? Sollte es aber keine Gottheit geben, wie konnten die stummen Naturkräfte in eine so miserable Laune geraten und einen Windischgrätz ganz zufällig herausmodeln? Ihr seht nun, daß unter einem Gott wie auch unter gar keinem Gott das Böse sich ebensogut vorfindet wie das Gute. Zumeist noch reichlicher und stärker, woraus sich aber dann unter beiden Bedingungen die Hölle ganz gut schlußfolgern läßt. Daher ist es auch sehr leicht möglich, in diese ebenso unschuldig zu geraten, als wie wir irdisch in die Hände des Windischgrätz gerieten. Was meint ihr in dieser Beziehung?"

[RB.01_053,09] Spricht Messenhauser: „Ja, du scheinst ganz recht zu haben! Mir kommt es nun auch schon ganz klar vor, daß ich wirklich erschossen wurde und das bald nach dem armen, gutherzigen Blum. Ich habe nun schon so manche Beobachtungen gemacht, die ich euch wohl mitteilen kann.

[RB.01_053,10] Seht auf den Tisch, auf dem wir unsere wichtigen Papiere liegen hatten. Sie sind auf einmal unsichtbar geworden. Das ist schon ein verblüffend sonderbarer Umstand! Ferner bemerke ich dort gegen Morgen zu auf einmal eine Tür offen, wo wir noch kurz vorher keine Spur hatten, an welcher Wand sich möglicherweise etwa doch die Tür vorfinden ließe! Endlich bemerke ich mit nicht geringem Staunen, daß sich unser Kerker in ein nett aussehendes Zimmer umzugestalten beginnt. Auch fange ich nun wirklich an, Fenster in diesem Zimmer zu entdecken und nehme genau wahr, daß es immer lichter und lichter wird. Zwar war auch schon ein sonderbares Dämmerlicht in unserem Kerker; aber wir konnten dabei nichts so recht bestimmt unterscheiden. Nun aber nehme ich schon alles recht genau wahr und sehe allerlei zierliche Gegenstände!

[RB.01_053,11] Alle diese Erscheinungen bestärken mich mehr und mehr, daß wir uns nun in einer Traum- oder Geisterwelt befinden müssen. – Aber was da in dieser Welt aus uns in der Folge wird, das ist freilich eine andere Frage!

[RB.01_053,12] Du, Bruder Jellinek, hast ehedem angedeutet, wie dir die Rache an dem Windischgrätz zur größten Seligkeit gereichen würde. In diesem Punkte stimme ich dir wieder nicht bei; denn sieh, ich bin durchaus ein Fatalist. Das Schicksal hat auf die Erde Gift und Balsam in gleichem Maß ausgestreut. Was kann ein Tiger dafür, daß er ein Tiger ist? Was kann die Tollkirsche dafür, daß ihre Frucht dem Menschen gefährlich ist! Und ebensogut läßt sich auch von Windischgrätz sagen: Er ist ein blindes Werkzeug des Fatums, das ihn so gestaltet hat, wie er ist. In seiner Art ist er ebenso zu bedauern wie wir, die wir seine blutigen Opfer geworden sind.

[RB.01_053,13] Wir haben es gottlob überstanden. Er aber hat es noch zu überstehen. Und wer weiß, ob er es einmal besser haben wird, als wir es hatten! Heute mir, morgen dir! Und am Ende ist es eins, ob man hundert oder zehn Jahre den Staub der Erde flachgetreten hat, oder ob man am Galgen oder im weichen Bett den Leib den Würmern zur Speise übergibt. Mir ist das nun ganz einerlei!

[RB.01_053,14] Ein Leben habe ich wieder und der Messenhauser bin ich auch noch! Ich habe keinen Schmerz, keinen Hunger und keinen Durst. Ihr, meine lieben Freunde, seid mir auch geblieben, und unser Zimmer wird stets heller und schöner! Was wollen wir da noch mehr? Wenn es so fortgeht, so können wir uns nur gratulieren. Denn besser und sorgloser ist es uns auf der lieben Erde ja auch nie gegangen! Wer weiß es, wie es sich hier noch gestalten wird? Ich glaube, stets besser und besser! Und sollte es mit der Weile wieder einmal schlechter werden: Wie oft hat uns das Fatum auf Erden zwischen gut und schlecht hin- und hergeschoben!

[RB.01_053,15] Ändern kann ich die Sache nicht. Und so ist es am klügsten, alle Dinge zu nehmen, wie sie kommen und dabei alle seine Wünsche an den Nagel zu hängen. Denn diese haben uns noch nie Interessen getragen und werden uns auch wahrscheinlich hier nie einigen Nutzen bringen! Seid ihr darin mit mir nicht vollkommen eins?"

 

54. Kapitel – Jellinek beweist aus dem Buch der Natur das Dasein Gottes. Näheres über die Gottheit könne der Mensch aber niemals fassen.

[RB.01_054,01] Spricht Jellinek: „Bis auf dein Fatum ganz einverstanden mit allem! Aber mit deinem Fatum scheint es einen bedeutenden Haken zu haben!"

[RB.01_054,02] Fragt Messenhauser: „Wieso? Erkläre dich darüber deutlicher!"

[RB.01_054,03] Spricht Jellinek: „Nur Geduld, lieber Messenhauser. So etwas läßt sich nicht gleich aus dem Ärmel herausbeuteln! Aber ich will dennoch versuchen, dir dein leidiges Fatum ein wenig aus dem Kopf zu treiben.

[RB.01_054,04] Sieh, du warst dein ganzes Leben lang ein Mensch, der sich nie viel mit der höheren Sphäre der Wissenschaften abgegeben hat. Du warst sozusagen schon mit dem Einmaleins zufrieden und kümmertest dich nie um die ,höhere Mathematik‘! Immer warst du ein Schalen- oder Hülsengelehrter und hast dich wenig um den Kern der Wissenschaften bekümmert. Daher kam es denn auch, daß dir das innere Wesen der Dinge verschlossen bleiben mußte. So konntest du auch nie zu jener wohlbegründeten Einsicht gelangen, in der sich dir eine wunderbar wohlberechnete Ordnung in allen Dingen und ihren Wirkungen beschaulich dargestellt hätte. Du bliebst nur an der äußeren Rinde kleben, die freilich dem ersten Anschein nach oft das Aussehen hat, als wäre sie bloß nur des Zufalls Werk. Aber es ist dennoch ganz anders!

[RB.01_054,05] Hast du schon einmal erlebt, daß ein Haus mit allen Einrichtungen aus bloßem Zufall entstanden ist? Du sprichst: ,Nein, so etwas ist noch nie geschehen!‘ – Gut, sage ich! Wenn der Zufall nicht einmal ein Haus zuwege bringen kann, wie soll er eine ganze Erde erschaffen können? Auf der wir doch Wunderdinge in einer Unzahl antreffen, von denen das einfachste schon eine viel zu weiseste Konstruktion aufweist, als daß man auf die Mutmaßung kommen könnte, zu behaupten: Das ist ein Werk des stummen und blinden Fatums! – Bruder, du gibst mir recht und das freut mich! Aber höre mich noch ein wenig weiter an!

[RB.01_054,06] Betrachte einmal die wunderbaren Einrichtungen der Pflanzen! Wie strenge und genau sie in ihrer einmal gestellten Form durch Jahrtausende stets gleich vorkommen und ihre Gattung auch nicht um ein Atom ändern! Wie unberechenbar kunstvoll muß schon die Gestaltung eines Samenkorns sein, daß es aus der Erde nur die ihm zusagenden Teile an sich zieht und sich allzeit vervielfältigt fortpflanzt! Von dem übersinnlichen Wesen eines Samenkorns will ich gar nicht reden. Denn wer begreift jene göttliche Berechnung, derzufolge ein einziges Samenkörnchen zahllose Myriaden seinesgleichen in sich faßt.

[RB.01_054,07] Oder nimm eine Eichelnuß an! Setze sie ins Erdreich, so wird in Kürze ein ganzer Eichbaum zum Vorschein kommen, und dieser wird dir dann viele Jahre hindurch eine unzählbare Menge Eicheln abgeben. Legst du all diese Nüsse wieder in die Erde, so wirst du schon einen Wald von Millionen Eichen haben, die alle die gleichen Früchte in einer nimmer berechenbaren Vielheit erzeugen. Und das alles liegt wunderbar in einer jeden Eichel vor unseren Blicken verborgen und ist doch unleugbar da! Sage mir, ob ein Fatum eine Eichelnuß wohl so einzurichten vermag?"

[RB.01_054,08] Spricht Messenhauser: „Bruder Jellinek, wahrlich, ich muß dir sagen, daß du ein ganzer Theosoph bist! Dein schlichter Beweis mit der Eichelnuß hat mir mehr gesagt als alle gelehrten Redensarten. Von der Nichtigkeit eines Fatums bin ich nun gänzlich überzeugt und brauche weiter keine Beweise mehr. Aber nun kommt etwas anderes

[RB.01_054,09] Einen Gott voll der höchsten Urmacht und Weisheit muß es zwar geben – das kann mein Gemüt und mein Verstand nimmer in Abrede stellen! Aber wo und wer ist dieses Gottwesen? Kann es von einem Geschöpfe je erschaut und begriffen werden? Ich kann mich noch wohl entsinnen, wie ich als Studierender die biblische Geschichte habe zu lernen gehabt und da in einem der fünf Bücher Mosis einen Text gefunden habe. Dieser lautete: Gott kann niemand sehen und leben zugleich! – Dieser bedeutsame Text soll dem Moses aus einer Feuerwolke zugerufen worden sein, als er an die mit ihm redende Gottheit das heiße Verlangen stellte, sie nicht nur zu hören, sondern auch zu schauen. Ich muß bekennen, daß ich wohl noch immer so einen gewissen halben Glauben an die Gottheit behielt. Aber was dann den Glauben betrifft, daß der gewisse Jesus die Fülle der Gottheit in sich fassen soll – da muß ich euch, liebste Freunde, ganz offen bekennen, daß ich darin ein reinster Ungläubiger war und noch bin.

[RB.01_054,10] Zwar hat die reine Lehre Jesu wahrhaftig die edelsten und richtigsten, mit der Natur der Menschen vollkommen übereinstimmenden Grundsätze, gegen die sich gar nichts einwenden läßt. Aber daß der Erfinder solcher Grundsätze darum auch ein Gott sein solle, weil er moralische Grundsätze, die sich mit der allgemeinen Natur der Menschheit am besten vertragen, zusammengestellt und gelehrt hat – das geht über den Horizont meines Wissens und Glaubens!

[RB.01_054,11] Die Lehre für sich kann also ganz gut nur menschlichen Ursprungs sein und benötigt keines Gottwesens. Denn so jeder Urheber richtiger Lehren ein Gott sein müßte, da müßte es schon beinahe wimmeln vor lauter Göttern auf der Erde. Euklid, der Erfinder der geometrischen Figuren, wäre ein Gott! Der Erfinder der Ackergerätschaften, die von unberechenbarer Wichtigkeit sind, wäre schon eine Art Gott-Vater! Der Erfinder der Zahlen, der Erfinder der Schiffe ebenfalls Götter, und so noch zehntausend mehr andere Erfinder der verschiedensten nützlichsten Dinge! – Wie aber das ganze Heer von Erfindern wichtiger Dinge noch nie auf eine Vergötterung Anspruch machte, so glaube ich auch, daß der Erfinder der besten und einfachsten Moral wohl darauf hat Verzicht leisten können. Meines Wissens hat er auf die lächerliche Vergöttlichung nie einen Anspruch erhoben. Sicher machten in jener Zeit kurzsichtige und abergläubische Menschen aus ihm einen Gott, weil er tausendmal gescheiter war als sie. Das aber soll uns nun nicht mehr beirren, Jesus nicht mehr lächerlicherweise für einen Gott zu halten, sondern nur für das, was er wirklich war. Ich glaube, daß die gegenwärtige Menschheit es endlich einmal einsehen sollte, daß das Unendliche niemals endlich werden kann; daß Gott ewig Gott bleibt, und der beschränkte Mensch nur ein Mensch.

[RB.01_054,12] Doch es lohnt sich hier wahrlich nicht der Mühe, viele Worte darüber zu machen, was gegenwärtig bei allen Grundgelehrten als eine ausgemachte Sache betrachtet wird. – Aber, was ich früher bemerkt habe, nämlich: Wo und wer so ganz eigentlich die Gottheit ist, deren Dasein ich durchaus nimmer bezweifeln kann – darüber sagt mir eure Meinung, meine beiden Freunde!"

[RB.01_054,13] Spricht Jellinek: „Ja, liebster Bruder Messenhauser, das ist eine ganz kitzlige Sache. Das Wo und das Wer werden wir wahrscheinlich niemals herausbringen! Denn so wir endliche Wesen das unendliche Wesen der Gottheit begreifen wollten, da müßten wir es zuvor endlich machen können – was natürlich vollkommen unmöglich ist. Ebenso scheint es mir auch unmöglich zu sein, von dem unendlichen Gottwesen mehr zu wissen, als was ich dir früher durch das Beispiel der Eichelnuß gezeigt habe! – Ich bin der Meinung, wir sollten uns nun mit etwas anderem abgeben, denn im Punkt der Gottheit werden wir alle drei verzweifelt wenig herausbringen."

[RB.01_054,14] Spricht Becher: „Du hast ganz vollkommen recht! Denn die Gottheit ergründen wollen, heißt wahrlich das Meer in eine hohle Nuß einfassen wollen! Lassen wir daher dieses Gespräch, das kein Ende und Absehen hat, und fangen wir von etwas anderem zu parlieren an. Zum Beispiel, was etwa unser Freund Robert Blum in dieser Welt, oder was etwa unser Erzfeind Windischgrätz auf der Erde nun macht, und ob er nicht etwa auch bald zu uns herüberkommen wird, wo wir ihn gebührend empfangen würden!"

[RB.01_054,15] Spricht Jellinek: „Brüder, was unseren armen Freund Blum betrifft, da bin ich gleich dabei! Aber mit dem Windischgrätz verschont mich, denn diesen Tiger wünsche ich ewig nimmer zu Gesicht zu bekommen! – Aber horcht, mir kommt vor, als vernehme ich noch mehrere Menschenstimmen außerhalb der Tür. Erheben wir uns einmal vom Tisch, um zu sehen, was es da draußen gibt."

 

55. Kapitel – Aufbruch zu Entdeckungsfahrten. Furchtsame Helden. Der Herr und Robert treten auf.

[RB.01_055,01] Die drei erheben sich von ihrem Tisch und begeben sich behutsamen Schrittes zur offenstehenden Tür. Hier entdecken sie, wie aus einem Schlaf erwachend, daß es außer ihrem Wohnzimmer noch ein größeres und viel herrlicheres Zimmer gibt. Sie gucken einige Schritte vor der Tür hin und her, um irgend etwas Denkwürdiges zu entdecken. Denn ganz an die Tür getrauen sie sich noch nicht, weil sie nicht wissen, wer und was ihnen da etwa begegnen könnte.

[RB.01_055,02] Nachdem sie eine Weile das Zimmer, in dem Ich Mich mit Robert, etwas von der Tür zurückgezogen, befinde, sowie auch die vierundzwanzig Tänzerinnen im Hintergrund beisammenstehen – gehörig durchspioniert haben und darin nichts Bedenkliches wahrnehmen, spricht Jellinek mit leiserer Stimme:

[RB.01_055,03] „Freunde, ich entdecke durchaus nichts Gefährliches in diesem Vorzimmer. Im Gegenteil ersehe ich in der Ecke dort einen Tisch, auf dem sich in einer Kristallflasche ein sehr gut aussehender Wein und einige einladende Stücke Brotes befinden. Wenn uns sonst keine Gefahr droht, glaube ich, wir sollten da nicht so zaghaft hingehen. Offenbar scheint dies dafür bestimmt zu sein, um uns von unserem geistigen Sein bessere Begriffe und Ideen beizubringen als die, auf denen wir bis jetzt herumgeritten sind. Es dürfte uns meines Erachtens ein bißchen mehr Mut gar nicht schaden! Was meint ihr?"

[RB.01_055,04] Spricht Messenhauser: „Bruder Jellinek, da stimme ich dir vollkommen bei! Nur das muß ich zu meiner Schande bekennen, daß ich bei solchen Forschungsgelegenheiten allzeit am liebsten der letzte bin! Denn könnte es da möglicherweise zu einem Rückzug kommen, so wäre ich dann natürlich der erste!"

[RB.01_055,05] Spricht Jellinek: „Aber lieber Bruder, wie es mir vorkommt, bist du ja ein Haupthasenfuß! Wie aber hast du mit solch einem Mut einen Armeekommandanten vorstellen können? Nun wird mir so manches klar! Schau, so du nicht hättest deine Heeresmacht statt von deinem wohlbewachten Kommandantenbüro aus lieber im offenen Feld vor dem Feind befehligt – wer weiß, ob Wien nicht gesiegt hätte? Aber nun all das beiseite. Ich bitte dich um deiner eigenen Ehre willen, sei nur jetzt kein Hasenfuß!"

[RB.01_055,06] Spricht Messenhauser: „Aber, liebster Freund und Bruder, weil du schon so ein förmlicher Napoleon von einem Helden bist, wie wäre es denn, so du mir und Becher einen mutigen Vortrupp machtest? Da du unter uns den meisten Mut hast, sei so gut und mache uns den Anführer! Denn ein wahrer Heldenmut hat mein Gemüt nie belebt. Aber was wahr ist, das ist wahr: ich hatte trotz meinem geringen Heldenmut dennoch nie eine große Furcht vor dem Tod. Und so ist es auch jetzt. Aber es klebt mir eine ganz eigene Scheu vor diesem Vorzimmer an, so wie sie gespensterscheue Kinder vor manchen Gemächern haben. Es ist wirklich etwas ganz Eigenes, wie eine unverscheuchbare Ahnung von großen Ereignissen, die bald und sicher eintreffen werden! Ihr werdet ja sehen, ob mich mein Gefühl getäuscht hat, wenn wir unsere Füße über die Türschwelle setzen. Es kommt mir gerade so vor, daß wir da sogleich auf unerwartete, große Dinge und Begebnisse stoßen werden. Und ich hoffe, das wird meine sonderbare Mutlosigkeit bei dir doch ein wenig entschuldigen?"

[RB.01_055,07] Spricht Jellinek: „Ja, mein Freund, das ist aber auch etwas ganz anderes! Denn auch mich foltert ein ähnliches Vorgefühl. Aber weißt du, das darf nie einen großen Geist genieren! – Wenn ich mir jene Flasche Wein und das schöne Weizenbrot daneben besehe, und mein appetitvoller Magen eine bedeutende Sehnsucht kundzugeben anfängt – oh, da möchte ich mich schon lieber draußen am Tische befinden als hier in eurer zitternden Gesellschaft! Was soll mich eigentlich hier noch länger zurückhalten? Frisch gewagt, ist halb gewonnen! Daher also vorwärts, hurra!"

[RB.01_055,08] Hier geht Jellinek mutig auf die Tür zu und will zu dem gutbesetzten Tisch hinwandeln. Aber im Augenblick, als er den Fuß über die Türschwelle setzt, vertreten Robert und Ich ihm den Weg. Robert spricht in seinem gewöhnlich etwas barschen Ton: „Halt! Wer da? Keinen Schritt weiter, bevor du nicht nebst deinen zwei Begleitern dich legitimieren wirst, wer ihr seid und was ihr hier wollt!"

[RB.01_055,09] Jellinek fährt bei dieser unerwarteten Begegnung etwas zurück, ermannt sich aber bald, da er in dem Examinator sogleich Blum erkennt, und spricht erstaunt: „Oh, oh, Blum! Robert! Ja wo, wo – bist denn du nun gewesen? Ah, das ist denn doch etwas zu stark! Laß dich tausendmal umarmen und küssen! Kennst du uns etwa im Ernst nicht? – den Messenhauser, den Becher und mich, deinen Jellinek?"

[RB.01_055,10] Spricht Robert: „Ja, richtig, richtig! Ihr meine Leidens- und Schicksalsgenossen seid es ja – leibhaftig ganz dieselben, wie ihr es auf der Erde wart! Ich wußte ja lange schon, daß ihr hier meine Gäste seid. Ihr aber wußtet nicht, daß ihr euch in meinem Hause befindet. Ihr habt euch aber von einer läppischen Furcht beschleichen lassen! Kommt nun alle ganz wohlgemut heraus und laßt uns dort bei jenem Tisch guter und fröhlicher Dinge sein! – Bruder Messenhauser und du, Bruder Becher, traut ihr euch noch nicht über die Türschwelle?"

[RB.01_055,11] Sprechen Messenhauser und Becher zugleich: „Sei uns tausendmal gegrüßt, schätzbarster Bruder und Freund! Mit dir gehen wir, wohin du uns immer führen willst – besonders aber zu jenem Tische hin, der für unsere leeren Magen eine reichliche Segnung trägt!"

[RB.01_055,12] Mit diesen Worten stürzen sie voll Freude zu Robert heraus, umarmen und küssen ihn und begeben sich dann zum Tische hin.

 

56. Kapitel – Jellineks Herz entbrennt in Liebe zu Roberts Freund. Ein Himmelswein. Jellineks Trinkspruch und des Herrn Erwiderung.

[RB.01_056,01] Jellinek aber schaut Mich freundlich fest an und fragt Mich: „Lieber, holdester Freund unseres Bruders Blum, dürfte ich dich bitten, daß du dich auch uns näher zu erkennen gibst? Du mußt sicher ein äußerst guter Mensch sein, sonst möchtest du dich nicht in der Gesellschaft unseres edlen Freundes Blum befinden!"

[RB.01_056,02] Rede Ich: „Die Folge wird dir alles enthüllen, was dir noch dunkel ist. Gehe aber nun mit Mir auch zum Tische des Herrn hin und stärke dich zuvor! Dann wirst du viel geeigneter sein, so manches zu begreifen, was dir bis jetzt noch ein Rätsel sein mußte. Komm also, mein lieber Freund und Bruder Jellinek!"

[RB.01_056,03] Spricht Jellinek: „O Freund, deine Stimme klingt wunderbar freundlich! Jedes deiner Worte schwellt mir das Herz auf eine nie empfundene Weise. So du nicht ein Engel aus den Himmeln bist, so leiste ich auf mein Menschentum ewig Verzicht. Ja, ja, du mußt ein Engel sein! Weißt du, ich werde bei dir bleiben und mich ganz besonders an dich halten! Denn so lieb ich auch den guten Freund Blum habe, so habe ich dich nun, seit du mit mir geredet hast, ganz unbegreiflich um sehr vieles lieber! Jetzt also zu Tisch und ein Gläschen miteinander zur ewigen Freundschaft! Denn ich glaube, hier wird es doch etwa keine Windischgrätz oder ähnliche geben, die über dies Haus ein Standrecht verhängen könnten?"

[RB.01_056,04] Rede Ich: „O nein! Diese Furcht laß du für ewig beiseite! Nun aber zum Tische hin, denn die anderen trinken uns schon eine rechte Gesundheit entgegen."

[RB.01_056,05] Messenhauser geht Jellinek sogleich mit einem Kristallpokal voll des besten Weines entgegen und spricht: „O Bruder Jellinek, das ist eine wahre Tausendessenz aller besten Weine, die wir irgendwann auf der Erde verkostet haben! Da, trink den Pokal aus auf das Wohl aller unserer Freunde und Feinde! Auch der Windischgrätz soll leben! Dies blinde Werkzeug irdischer Völkerbeherrscher wird vielleicht auch einmal zu einer besseren Einsicht gelangen."

[RB.01_056,06] Jellinek nimmt erfreut den Pokal und spricht: „Liebe Freunde! So gefallt ihr mir besser als ehedem bei unseren nichtssagenden Debatten in jenem Haftkämmerchen, wo du, Bruder Messenhauser, noch immer aufs Todesurteil in Verzweiflung harrtest!

[RB.01_056,07] Aber hört, ich habe mir hier den Freund unseres Blum zu meinem Herzensfreund erwählt. Und so müßt ihr mir schon vergeben, wenn ich von diesem göttlich duftenden Saft eher keinen Tropfen nehmen will, als bis nicht er zuvor aus diesem Pokal getrunken hat!"

[RB.01_056,08] Alle stimmen fröhlichen Mutes in den Wunsch Jellineks ein. Dieser aber reicht Mir mit innigster Freundschaftsliebe den Pokal und spricht: „Lieber, göttlich erhabener Freund! Verschmähe es nicht, aus der Hand eines armen Sünders, eines irdischen Staatsverräters diesen Becher anzunehmen! Wahrlich, hätte ich hier etwas Besseres, wie gerne würde ich dir's als ein Zeichen meiner Verehrung und Hochachtung reichen! Aber siehe, Gold und Silber besitze ich nicht! Was ich jedoch habe, nämlich diesen Becher und dann ein warmes, dich als einen wertesten Freund begrüßendes Herz, das gebe ich Dir. O nimm es so an, wie ich es dir darreiche! Es ist wohl sicher eine Keckheit von mir, daß ich es wage, dir, der du sicher ein Engel bist, diesen Becher und mein Herz als Freundschaftspfand anzubieten. Aber ich liebe dich einmal auch mit meinem schlechten Herzen, weil ich ehedem in deinen wenigen Worten gar so viel Freundliches, Liebes und Weises fand. – Bin ich auch ein ganz unreiner Geist, so drücke ein wenig deine himmlisch milden Augen zu und denke dir: Der Kerl versteht's nicht besser! – Weißt du, ich kenne die Manieren noch lange nicht, wie man mit Geistern deiner Art umzugehen hat. Aber dessen kannst du versichert sein, daß bei mir Herz und Zunge fest aneinandergewachsen sind! Gelt ja, Freundchen, du nimmst mir diese kecke Freiheit nicht übel?"

[RB.01_056,09] Ich nehme sehr freundlich den Becher aus Jellineks Hand, trinke daraus und sage dann zu Robert: „Bruder, in dem Speiseschrank steht noch eine Flasche voll Meines eigentlichen Leibweines. Diese trage her, damit Ich Meinem neuen Herzensfreund zeige, wie gar teuer Mir seine Freundschaft ist!"

[RB.01_056,10] Robert springt geschwind hin und bringt eine förmlich diamantene Flasche voll des köstlichsten Weines und reicht sie Mir unter sichtlicher Rührung dar.

[RB.01_056,11] Ich aber nehme die Flasche und schenke denselben Becher voll ein. Darauf sage Ich: „Hier, lieber Freund und Bruder, nimm den Becher und trinke dir daraus die vollste Überzeugung, wie überaus lieb und teuer Mir deine Freundschaft ist! Was sprichst du von deinen Sünden? Welcher Mensch wohl könnte ein Herz, das so voll der uneigennützigsten Liebe ist, als mit Sünden behaftet ansehen? Ich sage dir, vor Mir bist du rein. Denn deine Liebe zu Mir bedeckt die Menge deiner irdischen Sünden! Was du aber noch irgend der Welt schuldig warst, – Ich müßte ein schlechter Freund sein, so Ich dir diese Schuld nicht abnähme und sie an deiner Statt nicht berichtigte! Also trinke nun, Bruder Jellinek – auf unsere ewige Freundschaft!"

[RB.01_056,12] Jellinek spricht zu Tränen gerührt: „O du göttlicher Freund, du! Wie gar so lieb und gut bist du! Oh, wenn ich mir nur jetzt das Herz aus dem Leib reißen und in deine Brust hineinschieben könnte! – Aber gib nun den Becher her!"

[RB.01_056,13] Jellinek nimmt den Kristall, trinkt daraus und spricht: „Nein, o du himmlischer Engelbruder! So deine Freundschaft diesem Saft gleicht, dann bist du kein Engel, sondern – ein reinster Gott selbst!! – Denn etwas Göttlicheres von einem Geschmack und Geist kann die ganze Unendlichkeit unmöglich mehr aufzuweisen haben! Brüder, kostet auch ihr davon und sagt, ob ich nicht vollkommen richtig geurteilt habe!"

 

57. Kapitel – Wirkung des Himmelsweines. Frage nach Christus und Seiner Gottheit. Bedeutsame Antwort Roberts. Jellineks Liebeswahlspruch.

[RB.01_057,01] Robert, Messenhauser und Becher trinken alle daraus und verwundern sich über alle Maßen über die unaussprechliche Güte dieses wahrhaft himmlischen Weines.

[RB.01_057,02] Messenhauser spricht: „Wahrhaftig, Herr, ist das aber ein Wein! Bruder Blum, in diesem Hause ist gut sein, wir sollten uns hier einquartieren! Bleiben wir hier nun gleich für ewig beisammen, wenn es sein kann! Sollte sich dann und wann so ein armer Sünder einfinden, wie wir es waren und noch sind – so wollen wir ihn aufnehmen und ihm hier einen guten Tag angedeihen lassen, und wenn es auch einer unserer ärgsten irdischen Feinde wäre!"

[RB.01_057,03] Spricht Robert: „Freund Messenhauser, das war von dir sehr schön und würdig gesprochen, weil diese Worte wirklich aus dem Herzen und nicht aus dem Verstande kamen. Ich sage selbst: so jetzt der Windischgrätz herkäme als ein notleidender Geist, wahrlich, er soll bei uns sicher eine bessere Aufnahme empfangen, als wir sie auf der Erde bei ihm fanden!"

[RB.01_057,04] Alle drei schreien: „Bravo, so ist es recht! Um ein rechter Christ zu sein, muß man aus seinem tiefsten Lebensgrund Böses mit Gutem vergelten können. Wer noch Rache in sich verspürt, der ist noch lange nicht ein vollkommener Geist. Aber wer, wie einst der größte und weiseste Lehrer der Juden, am Galgen noch sagen kann: ,Herr! Vergib es ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!‘ – der hat in sich gewiß die höchste Lebensfreiheit! Ja, wir möchten sogar behaupten: Der ist ein Gott! Und das spricht auch am meisten für die Annahme der sonst sehr ins Dunkel gestellten Gottheit Christi.

[RB.01_057,05] Wo doch dieser einstige Jesus, an dessen irdischer Existenz gar nicht zu zweifeln ist, sich nun in dieser Geisterwelt befindet? Wahrlich, das war wohl ein allergrößter Freund der Menschen! Freund Blum, hattest du bisher noch nie Gelegenheit, hier über diesen merkwürdigen Mann etwas Näheres in Erfahrung zu bringen?"

[RB.01_057,06] Spricht Robert: „Liebste Freunde, ich kann euch auf mein Wort versichern, daß gerade Er meine erste wesenhafte Bekanntschaft in dieser Welt war!"

[RB.01_057,07] Fragen alle freudig überrascht: „Wieso? Wie ging das zu? In welcher Gegend ereignete sich das? Was hat Er zu dir geredet?! Geh Bruder, gib uns davon etwas zum besten!"

[RB.01_057,08] Spricht Robert: „Liebe Freunde, da wir jetzt noch ganz anderes zu tun haben, wollen wir das auf eine günstigere Gelegenheit verschieben. – Aber das kann ich euch schon zum voraus versichern, daß Er mich bald wieder besuchen wird, bei welcher Gelegenheit dann auch ihr Ihn werdet näher kennenlernen."

[RB.01_057,09] Spricht Jellinek: „Aber du kannst uns doch noch sagen, ob du mit ihm nicht auf seine von vielen Schwachgläubigen angenommene Gottheit zu reden gekommen bist? Und hat er solchen Glauben gebilligt oder nicht?"

[RB.01_057,10] Spricht Robert: „Ja, liebe Freunde, gewiß haben wir darüber sehr viel gesprochen. Und ich muß der euch freilich noch kaum begreiflichen Wahrheit gemäß hinzufügen: Christus ist der alleinig wahre Gott von Ewigkeit! Er ist der Schöpfer aller Himmel und aller Welten! Mehr kann ich euch nun nicht sagen. Wenn Er aber kommen wird, so werdet ihr alles Nähere schon von Ihm Selbst erfahren!"

[RB.01_057,11] Spricht Jellinek: „Freund Blum, das ist wegen des Beweises wahrlich nicht nötig, wohl aber meines Herzens wegen. Denn ich muß offen bekennen, daß ich, so er jetzt daherkäme und mir winkte, ihm zu folgen, euch allen augenblicklich untreu würde! Denn ich liebe ihn schon als den vollkommensten, besten Menschen mehr als alle Menschen der Erde zusammengenommen. Um wie vieles mehr aber werde ich ihn erst lieben, so er auch wirklich Gott ist! – Um das Wie will ich mich gar nicht kümmern. Denn ich habe einmal einen Wahlspruch gelesen, der lautet: ,Gott ist die Liebe! Wenn dein Herz je von einer mächtigen Liebe ergriffen wird, so denke: Gott ist in dieser Liebe!‘ Seht, dieser Spruch ist mein Barometer für das Dasein Gottes auch in jedem Menschen. – Wenn ich aber nun zu Christus eine mächtigste Liebe in meinem Herzen verspüre, da sagt mir diese Liebe eben: Christus ist und muß ein Gott sein; denn wie könnte ich ihn sonst gar so mächtig lieben? Darum liebe ich auch diesen himmlischen Bruder so sehr, weil er sicher viel Gottesliebe in sich birgt! Habe ich recht oder nicht?"

[RB.01_057,12] Spricht Robert: „Vollkommen! Nur das Herz kann Gott begreifen, der Verstand ewig nie! – Aber nun, liebe Freunde, zu etwas anderem! Da wir schon gerade bei dem Kapitel Liebe sind, so können wir dies leicht damit verbinden.

[RB.01_057,13] Hört! Wohl ist die Liebe der einzige Beweis für die Gottheit und ihr unbestreitbares Dasein. Aber wir wissen auch, daß es ein zartes weibliches Geschlecht gibt, das nur zu oft unsere Herzen derart in Anspruch nahm, daß wir darob einer höheren und reineren Liebe für Gott gar nimmer fähig waren! Nun, meint ihr wohl, daß auch in dieser zumeist doch nur rein sinnlichen Liebe Gott wohnt?"

[RB.01_057,14] Spricht Jellinek: „Allerdings! Wäre nicht Gottes Zartheit in dem Weib, wer könnte es lieben? Aber daß dessenungeachtet diese Liebe auch ausarten kann, daran ist nicht zu zweifeln."

[RB.01_057,15] Spricht Robert: „Wenn zur Probe hier mehrere ganz ausgezeichnete weibliche Schönheiten im schönsten Ballettkostüm aufträten, und zwar mit der größten Freundlichkeit gegen uns – daneben aber auch der strenge, wenn sonst auch übergute Gottmensch Jesus – sage mir, besonders du, Jellinek, was würde dein Herz dazu für eine Miene machen? Denn ich weiß, daß dir die sogenannten Tanzkünstlerinnen stets am meisten gefährlich waren!"

[RB.01_057,16] Spricht Jellinek: „Bruder, du hast zwar hier eine meiner schwächsten Seiten berührt. Aber so viel kann ich dagegen doch gewisserart rühmlich erwidern, daß ich trotz all meinen Schwächen dennoch für ein echtes Haar Christi 10000 Tanzkünstlerinnen auf der Stelle kann sitzen oder tanzen lassen! – Denn die Liebe zu Gott wird doch etwa ein bißchen mächtiger sein als die Liebe zu einer schmucken Tänzerin. Die Liebe zu den Weibern kann nur dann die Liebe zu Gott schwächen, wenn man entweder an keinen Gott glaubt, oder an einen Gott zu glauben bemüßigt ist, der irgend in einer Hostie stecken soll! Aber so die Gottheit wirklich, und zwar in der Person Christi da ist, daß man sie sieht, als solche erkennt und mit Ihr sogar reden kann – Bruder, da fahre du ab mit deinen tanzenden Schönheiten! – Aber natürlich ohne Christus könnten mir einige sehr üppig gestellte Fannys in der Brust etwas mehr Wärme erzeugen, als wenn keine da sind."

[RB.01_057,17] Spricht Robert: „Bruder, möchtest du einige sehen?"

[RB.01_057,18] Spricht Jellinek: „Wenn du auch derlei Geister hier hast, so laß sie sehen, auf daß wir an uns erfahren, inwieweit sie uns gefährlich werden könnten!"

 

58. Kapitel – Probe der Weiberliebe für Roberts Freunde. Gute Erwiderungen Jellineks und Messenhausers.

[RB.01_058,01] Auf diese Rede Jellineks begibt sich Robert sogleich in den bekannten hinteren Teil des Zimmers, wo sich die vierundzwanzig Tänzerinnen nun hinter einem Vorhang befinden. Als er da anlangt, zieht er den Vorhang auseinander und spricht zu den ruhig versammelten Tänzerinnen: „Nun, meine Lieben, ist es an der Zeit. Tretet sonach hervor und macht vor jenen drei Gästen einige recht artige Bewegungen. Aber macht eure Sache gut und bereitet diesem Hause keine Schande!"

[RB.01_058,02] Die Tänzerinnen tun sogleich, was Robert von ihnen verlangt. Aber bevor sie noch einen Tanzschritt machen, spricht die erste zu Robert: „Nur das bitten wir dich, daß du es uns nicht zu einem Fehler anrechnest, so wir durch unsere hier merkwürdig üppige Gestalt etwa gefährlich würden! Solltest du aber so etwas im voraus vermuten, wäre es uns allen lieber, du ließest uns nicht vor jene neuen Gäste treten! Denn es wäre uns allen wahrlich leid, so wir Böses anrichteten, da wir nun ganz ernstlich Gutes wirken möchten!"

[RB.01_058,03] Spricht Robert: „Meine lieben Schwestern, diese Äußerung erfreut mein Herz, denn ich entnehme daraus, daß ihr guten und reinen Sinnes seid. Aber es sei euch allen nicht im geringsten bange! Denn dafür wird schon mein liebster Freund dort und auch ich Sorge tragen, daß ihr jenen Gästen und die Gäste euch nicht den geringsten Schaden zufügen werden! Tretet sonach nur mutig und unerschrocken auf; denn nichts Böses oder Gefährliches, sondern nur Gutes und Ersprießliches sollt ihr durch euren Tanz an jenen drei Gästen bewirken!"

[RB.01_058,04] Als die Tänzerinnen diese Versicherung vernehmen, treten sie rasch in den hellen Vordergrund des Zimmers und beginnen sogleich mit den freundlichsten Mienen ihre Künste durch allerlei artige Bewegungen zu entfalten. Robert, schon wieder bei den drei Freunden, fragt sogleich den Jellinek: „Nun Bruder, wie gefallen dir unsere Haustänzerinnen? Hast du auf der Erde je etwas Vollendeteres in dieser Art gesehen?"

[RB.01_058,05] Jellinek betrachtet die Tänzerinnen mit großer Aufmerksamkeit und spricht darnach wie mit einem tiefen Seufzer: „Ach, lieber Bruder, ich kann mir nicht helfen, aber mein Gefühl beim Anblick solcher Produktionen bleibt sich stets gleich! Ich muß es dir ganz offen sagen, daß ich daran nie ein wahres Vergnügen gehabt habe. Im Gegenteil, ich bin dabei stets nur mit einer gewissen Art von Wehmut erfüllt worden und verließ ganz sonderbar gestimmt das Komödienhaus. Ich dachte auf der Erde oft über den sonderbaren Vorgang in meinem Gemüt nach. Ich war aber stets unfähig, mir darüber eine begründete Rechenschaft zu geben. Nun aber geht mir darüber ein recht tüchtiges Lichtlein auf, und das freut mich mehr als all diese Tanzkunstproduktionen. Der Grund liegt in der totalen Zwecklosigkeit dieser Gliederverrenkung. Sage mir, welchen Nutzen kann diese Kunst wohl je bezwecken? Nach meinem Dafürhalten nicht den allergeringsten! Alle anderen Künste, die Tonkunst, die Dichtkunst und die Maler- und Bildhauerkunst können in ihrer wahren und würdigen Haltung dem menschlichen Gemüt wohl von sehr wesentlichem Nutzen sein. Dies, indem sie das Herz sänftigen und veredeln und so nicht selten einen rauhen Menschen zu einem sanften und gemütvollen erziehen und eine rechte Liebe in der Brust erwecken. Nun aber lassen wir diese Tanzkunst eine noch so reine und würdige Richtung nehmen, so werden durch sie zumeist nur die unlautersten Gefühle in der Seele wach. Die Natur fast eines jeden Mannes wird nach einer solchen Vorführung stets ums vielfache sinnlicher und begehrender.

[RB.01_058,06] Ich meine, daß dieser angeführte Grund meines Mißbehagens allerdings beachtenswert ist, obschon er nicht eigentlich die Quelle meiner Wehmut war, die stets meine Gefährtin nach solchen Darbietungen war. Die eigentliche Quelle meiner Wehmut nach solchen Kunstleistungen war wohl hauptsächlich der Gedanke, durch den ich so eine wohlgestaltete Tänzerin wie durch ein magisches Theaterglas als einen gefallenen Engel ansah!

[RB.01_058,07] Wie oft sprach ich da bei mir selbst: Was könntest du meinem Herzen sein! Aber als ein gefallener Engel erkennst du nimmer den Wert eines Herzens, das dich so gerne aus dem Schlamm deiner Gesunkenheit wieder zu einem wirklichen Engel erheben möchte. Der Welt Mammon ist nun dein Gott. Und dein eigenes Herz trittst du Blinde mit den Füßen, mit denen du nur die frechste Unzucht stachelst. Was kümmern dich die Herzen, in die deine zauberischen Füße mit jedem Schritt giftige Pfeile geschleudert haben?"

[RB.01_058,08] Solche Gedanken waren stets meine Begleiter und stimmten meine Seele ganz sonderbar trüb. – Hatte ich aber nicht recht, wenn ich so dachte? Weil ich aber nun auch hier ebenso denke – so frage dich nun selbst, ob mir nach deinem Dafürhalten diese Tänzerinnen, die nun glücklicherweise ihre Vorführung beendet haben, je gefährlich werden könnten? Mir sind sie in dieser Situation wohl am wenigsten gefährlich, sowie auch diesem meinem wohl allerliebsten Freund, der meine Rede mit sichtlicher Rührung angehört hat. – Also kann ich dir, Freund Blum, die volle Versicherung geben, daß alle diese vierundzwanzig Künstlerinnen samt ihren achtundvierzig schönsten Füßen meiner Jesusliebe nicht den leisesten Eintrag gemacht haben! Im Gegenteil – nur erhöht haben sie meine nun heiligste Liebe! Denn sieh, ich habe nun ein rechtes Mitleid mit diesen armen gefallenen Engeln! Und so es mir möglich wäre, sie aus ihrer Niedrigkeit zu wahren Menschen zu erheben, gäbe ich mein halbes Leben darum! – Aber lassen wir das! – Nun saget auch ihr beide, Messenhauser und Becher, wie euch dieses Spektakel gefallen hat?"

[RB.01_058,09] Sprechen die beiden: „Nun, nun, so – gar nicht übel! Aber etwas komisch kommt uns die Sache doch vor! Auf der Erde sind einem solche Exzentritäten menschlicher Dummheit ganz erträglich. Aber hier im Geisterreiche wirken solche Verirrungen des menschlichen Strebens wohl ein bißchen zu sonderbar! – Denke dir, so wir nun wieder zur Erde zurückkehren und dort unseren Freunden erzählen könnten, daß wir soeben einem himmlischen Ballett beigewohnt hätten! Na, das Gelächter möchten wir hören! Aber sage nun, wie du so eigentlich zu diesem tollen Gedanken gekommen bist, dir hier im Reich der Geister ein förmliches Serail, gleich von ein paar Dutzend der saubersten Balletttänzerinnen zu halten? Hast du sie denn förmlich in deinen Sold genommen? Oder ist das etwa der Himmel der Neukatholiken? Geh, fahr ab mit deinen neukatholischen Engelchen! Bringe uns lieber noch so ein Flascherl von dem letzten Wein. Von dem ist ein Tropfen mehr wert als alle die achtundvierzig Füßlein!" Robert lächelt dazu und holt die zweite Bouteille.

 

59. Kapitel – Der Herr über den oft mißbrauchten Satz: „Der Zweck heiligt das Mittel".

[RB.01_059,01] Jellinek wendet sich nun auch an Mich und fragt, wie etwa Mir diese sonderbare Kunstleistung gefallen hätte?

[RB.01_059,02] Ich aber sage zu ihm: „Lieber Freund, Ich muß dir offen bekennen, daß Ich bei solchen Gelegenheiten viel weniger auf das Mittel als nur allein auf den Zweck Mein Augenmerk richte. Denn es kann an und für sich das Mittel oft noch so sonderbar aussehen, so macht das nichts, wenn damit nur ein in allen Beziehungen edler und guter Zweck erreicht worden ist. Denn hier im Geisterreiche heiligt allzeit der erreichte beste Zweck jedes Mittel, durch das er einzig allein hat erreicht werden können. Hier liegt wahrlich nichts an dieser Tanzvorführung; aber in Verbindung mit der durch sie allein möglichen Erreichung eines edelsten Zweckes liegt dann wieder unendlich viel daran.

[RB.01_059,03] Ich will dir diesen zwar jesuitisch klingenden Grundsatz zuvor irdisch beleuchten, daß dir sein geistiger Gehalt desto einleuchtender werde. Und so höre Mich! Siehe, der Grundsatz lautet kurz so: Der gute Zweck heiligt jedes Mittel, durch das er möglich erreicht werden kann. – Ob dieser Grundsatz aber auch richtig ist, werden wir nun aus mehreren Beispielen ersehen:

[RB.01_059,04] Siehe, ein Sohn auf der Erde hat einen Vater, der bei einer Arbeit das Unglück hatte, sich ein Bein dergestalt zu brechen, daß es nur durch eine geschickte Operation wieder geheilt werden kann. Was würde der gute, seinen Vater über alles liebende Sohn wohl mit einem Menschen tun, der seinem Vater nur aus Zorn oder bösem Mutwillen einen Fuß mit einem scharfen Beil abhiebe? Dieser Sohn würde den Übeltäter ergreifen und ihn züchtigen sein Leben lang. Und doch hätte sein Vater bei dieser Schnelloperation bei weitem weniger gelitten – da sie an einem gesunden Fuß wäre pfeilschnell bewerkstelligt worden – als da sie nun an einem im höchsten Grade leidenden Fuß vom Arzt muß vollzogen werden. – Siehe, das Mittel an und für sich, ohne Verbindung mit dem dadurch erreichbaren Zweck, wäre allein genommen ein Greuel. Aber in Verbindung mit dem guten Zweck ist es ein Heil. Und der Sohn wird sich gewiß dem geschickten Operateur, der seinem geliebten Vater das Leben rettete, im höchsten Grade dankbar erweisen. Denn ohne diesen wäre der Vater am Brand gestorben. – Gehen wir aber weiter!

[RB.01_059,05] Was wohl würdest du jemandem tun, der dir mit der Faust einen Zahn einschlüge? Siehe, du würdest diesen Wüterich vors Gericht fordern und von ihm kein kleines Schmerzensgeld verlangen. So du aber einen leidenden Zahn hast, der viel Schmerzen verursacht, da gehst du selbst zu einem Zahnarzt und zahlst ihn gerne dafür, so er dir den schlechten Zahn herausreißt. Wer könnte einen Zahnreißer loben, der bloß zu seinem Vergnügen den Menschen die Zähne einschlüge oder ausrisse? Ganz anders verhält sich die Sache in den Händen eines wirklichen Zahnarztes, weil er mit seiner oft noch so schmerzlichen Operation einen guten Zweck erreicht. Du kannst unmöglich in Abrede stellen, daß hier das an und für sich grausame Mittel durch den erreichten guten Zweck geheiligt wird. – Aber darum nur weiter!

[RB.01_059,06] Siehe, der Totschlag ist eine der größten Sünden, die ein Mensch an seinem Nebenmenschen begehen kann. Es wandelt ein Vater mit seinem Sohn durch einen Wald. Ein böser Mensch, der bei dem Vater viel Geld wittert, springt auf einmal aus dem Dickicht hervor, packt den Vater an der Kehle und will ihn erdrosseln. Der Sohn sieht die große Gefahr seines Vaters, greift sogleich nach seinem Gewehr und tötet den Raubmörder! – Siehe, der Totschlag ist also, wie gesagt, eine der größten Sünden. Ist aber der Totschlag, den der Sohn an dem Mörder beging, der seinen Vater erdrosseln wollte, auch eine Sünde? O nein! Schon der pure Verstand sagt dir: Der Totschlag ist nur an und für sich, sowie als Mittel zur Erreichung eines schlechten Zweckes eine der größten Sünden. Aber, wie hier in Verbindung mit dem besten Zweck ist er ebenso heilig wie der Zweck selbst. Ganz besonders dann, wenn er sich als ein einzig wirksames Mittel herausstellt.

[RB.01_059,07] Wie mit diesen drei Beispielen, so verhält es sich auch mit jeder Handlung, deren nur immer ein Mensch oder Geist fähig ist. Wenn sie nach weiser Überlegung als das einzig wirksame Mittel zur Erreichung eines guten Zweckes erscheint, so ist sie auch gut, gerecht und durch den erreichten Zweck geheiligt!

[RB.01_059,08] Und so wirst du, lieber Freund, bei diesen armen Tänzerinnen schon ein Auge zudrücken müssen. Denn sie tanzten zur Erreichung eines mehrfach guten Zweckes. Und dieser ist auch wirklich erreicht worden, wie du gar bald einsehen wirst. Sage, sollen wir diesen Tanzkünstlerinnen dafür grollen, oder sollen wir ihnen dafür etwa auch von der zweiten Bouteille ein Gläschen zu verkosten geben?"

[RB.01_059,09] Spricht Jellinek: „Oh, wenn so – dann allerdings! Kommt nur her, ihr lieben Herzerln, ihr sollt auch einen guten Tag haben!"

 

60. Kapitel – Die Tänzerinnen wünschen Aufschluß über Gott. Robert belehrt sie: „Nur in dir suche Licht!" – Gefahr rein äußerlicher Forschung.

[RB.01_060,01] Die Tänzerinnen verneigen sich auf diesen Ruf gar ehrerbietig und die drei ersten sagen: „O ihr lieben, herrlichen Freunde, ihr seid gar zu gut und nachsichtig gegen uns! Denn unsere schlechte und elende Kunst ist wohl die allerunterste aller Künste, als daß sie von Geistern wie euch nur die geringste Achtung verdienen könnte. Und so können wir es gar nicht begreifen, warum ihr uns armen Sünderinnen gar so gut sein könnt? Wahrlich, so wir auf der Erde uns noch im Fleisch befänden, da könnten so herzlich gute Menschen eine große Macht über uns bekommen. Aber wir sind hier ganz vollkommen Arme im Geist, und haben nichts, als was eure große Güte uns beschert. Daher können wir auch für eure große Güte euch nichts anderes entgegentun als euch achten und lieben, so mächtig es unseren Herzen möglich ist! Dürfen wir uns euch damit nahen, so wollen wir übergerne mit euch fröhlich sein. Ist aber unsere vielleicht zu wenig reine Liebe euerem Wesen nicht genehm, dann laßt uns wieder fortziehen und unsere irdischen Sünden beweinen!"

[RB.01_060,02] Spricht Jellinek: „Ich bitte euch, liebste Herzchen, seid nur nicht gar so römisch-katholisch! Wo ist denn der Gott, der die Liebe für ein Verbrechen hielte? Wie sollten dann wir euch wohl verachten, weil ihr uns liebet? Kommt also nur alle her und trinkt von diesem wahren Lebenswein! Scheuet euch nicht vor uns; wir alle fünf verlangen von euch nichts als bloß eure Liebe, die ihr uns gerne werdet zukommen lassen. – Und so hoffe ich, daß ihr nun im klaren seid, was wir von euch zu erlangen wünschen – nämlich nichts als eure reine Liebe und Freundschaft!"

[RB.01_060,03] Als die Tänzerinnen solches von Jellinek vernehmen, begeben sie sich darauf freundlichsten Angesichtes zu uns hin und sagen: „Wir sind eure Mägde! Euer guter und edelster Wille sei unser heiligstes Gesetz! Eine Bitte aber wagen wir euch dennoch vorzutragen: Wir hatten auf der dummen Welt wenig Gelegenheit gesucht, das höchste Gottwesen wahrhaft kennenzulernen und sind sonach in diesem allerersten Punkte menschlichen Wissens und Glaubens hier als reine Blinde angekommen.

[RB.01_060,04] Wohl waren wir sogenannte römische Christinnen und machten äußerlich alles mit, was diese Kirche zu beachten vorschrieb. Aber alle unsere Fasten, Beichten und Kommunionen haben uns der wahren Erkenntnis Gottes nicht um ein Haar nähergebracht. Wir starben etwa im Verlauf von zehn bis fünfzehn Jahren alle, wie wir hier sind, und fanden uns hier wie zufällig wieder. Aber in demselben Zustand, in dem wir diese ernste Welt betraten, befinden wir uns noch jetzt. Wir kannten Gott nie und kennen Ihn noch immer nicht. Und doch kann nur ein überaus guter, höchst weiser und allmächtiger Gott uns dieses Dasein gegeben haben!

[RB.01_060,05] Wenn ihr, liebe Freunde, es nicht unter eurer Würde fändet, auch uns armen Kreaturen bei Gelegenheit von Gott eine etwas bessere Vorstellung zu geben, würdet ihr uns eine überaus große Freude machen.

[RB.01_060,06] Man hat uns auf der Welt die Gottheit stets auf eine solche Weise geschildert, daß eben diese Vorstellung von Gott uns jeden wahren Begriff von Gott nahm. Ein Gott bestehe aus drei Personen, deren jede für sich vollkommen Gott sei, was doch offenbar drei Götter ergeben müßte! Aber diese drei Götter seien dennoch nicht drei Götter, sondern einzig nur ein Gott! Jeder der drei Götter hat zwar seine eigene Verrichtung. So hängt z.B. der Gott-Sohn sehr vom Gott-Vater ab und darf nur das tun und lehren, was der Vater will. Und doch heißt es wieder: Sohn und Vater sind völlig eins! – Mit dem Heiligen Geist weiß man eigentlich gar nichts anzufangen. Ist er mehr oder weniger als der Vater oder der Sohn? Er gehe aus beiden hervor und ist über beiden als eine Taube dargestellt! – Nun kommen aber noch die Milliarden Hostien, von denen jede auch vollkommen Gott sein soll! – Kann daraus ein Mensch über das Gottwesen je ins klare kommen? Daher laßt euch unsere Bitte nicht zuwider sein, denn ihre Erhörung tut uns not – mehr als dieser Wein!"

[RB.01_060,07] Spricht Robert, einen Pokal des besten Weins darreichend: „Liebe Schwestern, im Namen Gottes, des Herrn und Schöpfers der Unendlichkeit, nehmet nur getrost hin diesen Wein und trinket ihn! Denn dieses Weines Geist ist nicht wie der Geist der irdischen Weine, in denen nach Paulus die Geister der Unzucht und Hurerei wohnen. Sondern der Geist in diesem Wein heißt der Geist der ewigen, reinsten Liebe in Gott; welcher Geist daher auch eine heilige Flamme voll Licht, Helle und Klarheit ist. In diesem Lichte werdet ihr gar bald von selbst in euch finden, was ihr von uns haben möchtet.

[RB.01_060,08] Erhaben ist zwar euer Wunsch, und kein Engel kann an ihm einen Makel entdecken. Aber sucht seine Erfüllung nicht außer euch, sondern in euch, so wird sie euch nützen für ewig! Geben wir sie aber euch, da habt ihr ein fremdes Eigentum in euch. Das kann euch wohl äußerlich einen zeitweiligen Vorteil gewähren, müßte euch aber innerlich mit der Zeit einen nicht leicht zu verbessernden Schaden bringen.

[RB.01_060,09] Denn seht, eine bloß äußere Lehre kann sich vorerst auch nur den äußeren Geistern mitteilen, deren Sinn ein materieller ist. Er macht dann in diesen Geistern wohl eine Revolution und nötigt sie hie und da, solche Lehre anzunehmen. Der innere Geist merkt solches bald. Er tritt hinaus unter die Naturgeister oder die eigentliche Naturseele jedes Menschen, gewahrt da die gute Saat und hat eine große Freude daran. Aber da geschieht dann meist ein Unglück. Während der eigentliche Lebensgeist des Menschen die äußere Saat betrachtet und sich außerhalb seines Gemaches unter seinen Naturgeistern auf eine reiche Ernte freut, raffen sich die bösesten und unlautersten Naturgeister, die noch in der Seele vorhanden waren, zusammen, um in das Gemach des wahren Geistes einzudringen und diesem dann den Rückzug zu verwehren, ja gar oft unmöglich zu machen. So der wahre Geist aber dann seinen Sitz des Lebens verliert, sucht er anfangs sich einen neuen Sitz unter den besten seiner seelischen Naturgeister aufzurichten; er wohnt da unter ihnen wie eine Wohnpartei im Hause eines anderen Besitzers. Aber da er, all seines Eigentums beraubt, am Ende den Mietzins nicht entrichten kann, so nimmt ihm der eigentliche Hausherr alles, was er noch hatte und macht ihn obendrauf zu einem Gefangenen oder gar zum Sklaven seiner Herrschsucht! In diesem Zustand muß sich dann der wahre innere Lebensgeist mit den unlautersten Naturgeistern verbinden und im selben Joch am Schandseile des Lasters ziehen. Und das ist dann auch so viel wie der geistige Tod des Menschen. Denn in solch einem Menschen hat dann Satan seinen Thron aufgerichtet und hat den eigentlichen Herrn des Lebens im Menschen zum Sklaven höllischer Gelüste und Triebe gemacht!

[RB.01_060,10] Daher laßt euch allzeit raten, daß ihr nicht zu gierig nach äußerer Belehrung trachtet. Denn diese taugt für nichts, wenn sie der Geist nicht in der größten Demut aufnimmt und sogleich sein ganzes Leben vollkommen darnach einrichtet, was wohl für jeden Geist eine sehr schwere Aufgabe ist. – Seht, Salomo, Israels weisester König, fiel trotz seiner Weisheit. Denn sein innerer Geist, sich stark genug fühlend, wagte es einmal, seinen innersten Wohnsitz zu verlassen, dann hinauszutreten unter seine Naturgeister, um sie zu ordnen nach seiner Weisheit. Aber da er das tat vor der Zeit seiner Vollreife – die allzeit von innen heraus und nie von außen nach innen erfolgen muß –, so ward er von seinen unlauteren Naturgeistern gefangen und nicht mehr in sein Haus gelassen, das nur zu bald zu einer Wohnung alles Lasters, der Unzucht und Abgötterei umgestaltet wurde! – So verriet auch Judas seinen Meister, Herrn und Gott, weil er die Lehre des Heils nur in seine äußeren Geister aufnahm, die im Verstand und daraus in allerlei Begierlichkeiten ihren Sitz haben. Dadurch lockte er den eigentlichen Lebensgeist aus seiner innersten Wohnung und öffnete sie dem Satan zum freien Einzug. Die Folge davon ist zu bekannt, als daß ich sie euch wiedergeben müßte.

[RB.01_060,11] Daher trinket nun diesen Wein! Dieser wird in euch die rechte Liebe zu Gott erwecken. Und diese wird euren Geist stärken und wachsen machen. Wenn der Geist dann durch sein Wachstum alle seine äußeren Naturgeister durchdringen wird, ohne seinen ursprünglichen Sitz zu verlassen, dann wird er schon in sich alles finden, was er jetzt von außen her erhalten möchte. – Habt ihr mich wohl verstanden?"

 

61. Kapitel – Der Tänzerinnen Verständnis. Kampf gegen unreine Naturgeister im Menschen. Stufenleiter der Vervollkommnung. Der Allerhöchste.

[RB.01_061,01] Sprechen die Tänzerinnen: „O du weisester, wahrhaft in das innerste Wesen des Menschenlebens eingeweihter Freund! Gar wohl haben wir dich verstanden! Du hast das, was wir oft dunkel geahnt haben, uns zur klaren Anschauung gestellt. Wie sollen wir dir dafür je genug danken können?

[RB.01_061,02] Wie oft sahen wir auf der Welt Menschen, deren Geist alle erdenklich beste Bildung hatte. Menschen, die namentlich im Fach der Religion im Ruf der Heiligkeit standen und die jedermann ehrte und pries. Ja noch mehr: Menschen, die unverkennbare Spuren höherer Erleuchtung durch Wort und Tat bekundeten. Solche Menschen kamen zuweilen zu uns und machten uns Anträge zu abscheulichsten Vergnügungen. Nein, dachten wir uns, wenn das die Folgen einer so ausgezeichneten christlichen Tugend sind, so wollen wir von ihr nichts Weiteres mehr! Damals waren uns solche Erscheinungen ein unerforschliches Rätsel, jetzt aber ist uns alles klar. Denn nun wissen wir erst, woher die vielen Übel rühren. – Gib nun den Wein des Lebens her, und wir alle wollen diesen Becher der Demut bis auf den letzten Tropfen in uns aufnehmen!"

[RB.01_061,03] Robert reicht ihnen nun den Becher und sie trinken daraus und werden dabei voll Freude.

[RB.01_061,04] Jellinek aber verwundert sich samt Messenhauser und Becher gewaltig über Roberts Weisheit und spricht nach einer kleinen Weile: „Bruder, das ist zu viel auf einmal! Du weißt, daß ich dich allzeit für einen sehr weisen Geist hielt. Aber daß du ein gar so grundweiser Mann bist, davon hatte ich nie die leiseste Ahnung! Nur kommt es mir unwillkürlich so vor, als wenn das, was du nun geredet hast, nicht auf deinem eigenen Grund gewachsen wäre? Aber das macht nichts. Denn auch mir hast du damit ein Lichtlein angezündet, daß ich nun die Dinge und Erscheinungen ganz anders zu beurteilen anfange als früher.

[RB.01_061,05] Es leuchtet mir nun auch ein wenig ein, warum diese Tänzerinnen vor uns getanzt haben? – Haben sie nicht etwa dadurch unsere unreinen Geister aus der besetzten Wohnung unseres wahren Ichs gelockt, und dieses hat dann schnell wieder seine rechte Wohnung eingenommen?"

[RB.01_061,06] Spricht Robert: „Ja, ja, beinahe hättest du die Sache der Wahrheit gemäß dargetan. Aber trotzdem hast du noch ein wenig zu seicht in dich hineingeschaut. Denn, lieber Bruder, wie hast du so von dir und uns allen denken können?

[RB.01_061,07] Ich sage dir, bei uns ist gerade der umgekehrte Fall vorhanden. Unsere und besonders eure Geister befinden sich glücklicherweise in ihrer rechten Lebenswohnung, ansonst ihr euch nicht hier in diesem Hause befinden würdet, sondern in einem solchen, wohin ewig kein Licht und keine Wärme des Lebens kommt.

[RB.01_061,08] Eure Geister wurden nur zu sehr von den Naturgeistern umlagert, sodaß sie sich kaum rühren und durch diese Geister der Naturmäßigkeit hindurchschauen konnten. Daher konntet ihr auch ehedem in jenem Gemach euch kaum rühren und noch weniger irgendwohin sehen. Nur durch eine außerordentliche Hilfe von oben sind die Umlagerer eures Geistes nach außen gerückt worden. Und seht, euer Geist konnte auch sogleich aus sich mehr Licht entwickeln und dadurch seinen ehedem äußerst beschränkten Gesichtskreis erweitern. Ihr entdecktet dann auch sogleich eine offenstehende Tür und diesen Tisch mit dem Lebenswein.

[RB.01_061,09] Aber dennoch sind eine solche Menge Naturgeister als Umlagerer um die rechte Wohnung eures Geistes geblieben, daß durch ihre noch große Anzahl euer Geist nicht in voller Klarheit, sondern wie durch einen leichten Nebel schauen mußte. Da aber diese Geister, die stets am hartnäckigsten den wahren Geist umlagern und ihn in ihre Sphäre herauslocken wollen, zumeist der sinnlichen Fleischliebe entstammen, so haben sie auch in einer Hinsicht die bedeutendste Ähnlichkeit mit dem wahren Geiste der reinen Liebe Gottes in unseren Herzen. Sie sind am schwersten von dieser Wohnung des Lebens wegzubringen, weil sie, wie keine andere Art der Naturgeister, nur zu sehr am Leben hängen. Ihre größte Furcht ist es, das Leben zu verlieren, das ihnen so viele süße Genüsse darreicht.

[RB.01_061,10] Diese hartnäckigen Naturgeister können nur durch eine außerordentliche äußere Lockung etwas mehr der Wohnung des eigentlichen Geistes entrückt werden, bei welcher Gelegenheit dann der wahre Geist sein Territorium wieder ein wenig erweitern und dadurch freier und heller werden kann. Und sieh, eine solche äußere Lockung ward auch hier durch diese Tänzerinnen veranstaltet. Und euer wahres Ich ist dadurch um vieles freier und heller geworden. Daher hat auch ehedem mein erhabener Freund zu dir, Bruder Jellinek – als du die Tanzerei hier ein wenig sonderbar fandest – gesagt, daß du hier nicht so sehr auf das Mittel als vielmehr auf den guten Zweck sehen sollst! Nun hast du den klar beleuchteten besten Zweck vor dir. Und so meine wenigstens ich, daß du gegen das Mittel nun auch nichts mehr einwenden wirst?

[RB.01_061,11] Daß aber diese Tänzerinnen darum auch noch keine reinen Engel sind, weil durch sie für euch ein guter Zweck erreicht worden ist, brauche ich euch kaum näher zu beleuchten. Aber wir wollen alles tun, daß sie das werden, was sie – und auch wir – noch nicht sind!

[RB.01_061,12] Ich habe nur eine einzige Stufe euch voraus und das ist auch mein ganzer Vorteil. Aber die Leiter unserer ewigen Bestimmung ist eine unendliche. Und da wird es wohl leicht geschehen können, daß sich unsere gegenwärtigen Unterschiede so ausgleichen werden, daß von uns niemand vor dem anderen etwas voraushaben wird. Mit Ausnahme jenes Freundes und Bruders neben dir, Bruder Jellinek, der uns allen so ungeheuer weit voran ist, daß wir Ihn niemals einzuholen vermöchten! Warum? Das wird euch in der Folge eine nähere Bekanntschaft mit Ihm sehr zur Übergenüge beantworten.

[RB.01_061,13] Nun aber haben wir noch eine andere, sehr bedeutende Arbeit vor uns, die ehestens in die Ordnung kommen muß, ansonsten wir uns in diesem Hause nicht nach unserer freien Willkür bewegen könnten."

 

62. Kapitel – Bei der losen Wiener Gesellschaft. Heilsame Kur dieser Fleischeshelden. Robert ermuntert sie zum Eintritt ins Haus.

[RB.01_062,01] Spricht Robert weiter: „Seht einmal zu diesem Fenster hinaus in den herrlichen Garten, der weit und breit dieses Haus umgibt und sagt mir, was ihr da seht?"

[RB.01_062,02] Die drei gehen sogleich ans Fenster und schauen hinaus. Kaum aber haben sie einen Blick durch dasselbe gemacht, schaudern sie förmlich zurück. Jellinek nimmt das Wort und spricht: „Aber Brüder! Um Gottes willen, was ist denn das? Sind das Menschen, Tiere oder Teufel? Nein, so etwas hätte ich in der Nähe dieses Hauses nicht vermutet. Da sieht man ja auf einmal alle Scheußlichkeiten der schmutzigsten Heidenmythologie auf einem Haufen beisammen, plastisch und tatsächlich! Ich bitte dich, lieber Bruder, verschließe doch die Pforte des Hauses, sonst laufen wir Gefahr, daß diese Bestien zu uns hereindringen und uns alle bei Butz und Stengel auffressen!"

[RB.01_062,03] Spricht Robert: „O fürchtet das nicht! Sie sehen im Grunde nicht so aus, wie sie euch auf den ersten Blick vorkommen. Daß sie euch aber also abschreckend erscheinen, rührt daher, weil sie noch von Wien aus meinen, ihr hättet sie an den Windischgrätz verraten! Werden sie vom Gegenteil überwiesen sein, so werden sie euch dann sogleich etwas menschlicher vorkommen. Denn wisset, das sind allerlei Wiener Individuen, die in den verhängnisvollen Oktobertagen als Kämpfer für die irdische Freiheit durch die Waffen der kaiserlichen Soldaten gefallen sind. Sie glauben nun, daß dieses nie möglich gewesen wäre, so besonders Messenhauser an ihnen nicht einen heimlichen Verräter gemacht hätte. Werden sie aber vom Gegenteil überzeugt, dann wird auch mit Hilfe Gottes etwas anderes mit ihnen zu machen sein. Sollten unter ihnen auch einige sein, die sich nimmer wollen belehren lassen, so wird der Herr schon wissen, mit Seiner Macht solche Böcke von den besseren Schafen abzuscheiden!

[RB.01_062,04] Daher werden wir sie denn auch herein lassen und nach dem Willen des Herrn in Arbeit nehmen! Da wir doch auch viel schuld daran waren, daß sie durch unsere Reden und Gesetze dahin gekommen sind, ist es nun auch vor allem unsere Pflicht, sie auf einen besseren Weg zu bringen. Und so folgt mir nun hinaus zu ihnen im Namen des Herrn!"

[RB.01_062,05] Robert begibt sich nun mit Messenhauser und Becher hinaus in den Garten, wo sich noch die bekannten Wiener nebst ihren matt gewordenen Dirnen und vergewaltigten Töchtern befinden. Ich aber folge mit Jellinek an Meiner Seite sobald in den Garten nach, wo wir die Menge in einem ersichtlich unbehaglichen Zustand antreffen.

[RB.01_062,06] Als Robert sie fragt, wie es ihnen nun ergehe, schreien sie beinahe alle zugleich: „Miserabel, elend und schlecht! – Helft uns oder bringt uns um dieses elende Schweineleben, das wird uns einerlei sein! – Ist das nicht rein zum Teufels werden!? Stelle dir vor, was wir hier in diesem dreckigen, faul riechenden Geisterreich alles für schöne Erfahrungen gemacht haben! Es ist wahr, wir haben es mit der Menscherei ein wenig zu arg getrieben. Aber wir sind Viecher und waren nie was anderes, weil wir nie zu etwas Besserem erzogen worden sind – woran unsere weisen und milden Regenten die alleinige Schuld tragen. Und so unterhielten wir uns denn auch hier auf die beliebte Art gleich Vater Adam mit der Eva. Aber nun höre, was an der Sache hier im Geisterreich ganz niederträchtig ist: Kaum glaublich, wir sind hier fast durch die Bank angesteckt worden! Das ist ja doch verflucht, hier im Geisterreich angesteckt! Wenn's hier nur irgendeine Hilfe gäbe! Aber da ist überall nichts, wo man nur hinschaut. Du siehst nun, wie es uns geht! Daher sei doch so gut und verschaffe uns irgendeine Hilfe oder bringe uns alle um. Denn es ist doch tausendmal besser, gar nicht zu sein als unter so scheußlich bitteren Umständen!

[RB.01_062,07] Noch etwas! Sage uns, wer deine Begleiter sind? Den einen kennen wir schon; das ist der sogenannte eigentliche Hausherr dieses Hauses, ein recht rarer Mann Gottes! Aber die anderen drei kennen wir nicht! Geh und sag' uns, wer sie sind!"

[RB.01_062,08] Spricht Robert: „Meine armen, kranken Freunde, seid ihr denn gar so blind, daß ihr den Messenhauser, Becher und Jellinek nicht mehr erkennen mögt?"

[RB.01_062,09] Schreien mehrere: „Potz tausend und fix Laudon! Was!? Die drei Hauptlumpen sind das? Na, da hätten wir uns auch eher den Tod eingebildet, als daß wir besonders den Hauptspitzbuben Messenhauser nochmals zu Gesicht kriegen werden! Aber sein Glück, daß wir nun alle so miserabel sind! Sonst hätten wir ihm hier wohl einen kuriosen Dank für sein Oberkommando in Wien zukommen lassen! Aber weil wir für eine handfeste Dankbezeugung zu schwach sind, so kann er sich unterdessen bloß mit dem vertrösten, daß wir diesem ausgepichten Lumpen und Spitzbuben wünschen, was er sich selber sicher nicht wünscht! – Also Messenhauser, Becher und Jellinek! Na, so kommt da aber alles Gesindel zusammen! Wirklich ein schönes Paradieserl das!"

[RB.01_062,10] Spricht Robert: „Sagt mir, ist euch nun leichter, da ihr meine Freunde beschimpft habt?" – Sagen die Wiener: „Na, das nicht. Aber wir haben es ihnen ja sagen müssen, weil sie es wirklich verdient haben! Du weißt es selbst, wie und warum!"

[RB.01_062,11] Spricht Robert: „Höret, lassen wir das nun gut sein, was vorüber ist, das ist vorüber! Keiner von uns allen, mit Ausnahme meines hohen Freundes, kann von sich behaupten, daß er nie gefehlt habe! Ich glaube vielmehr, daß wohl ein jeder von uns die Skala aller Todsünden nicht nur einmal durchgemacht hat. Es wäre zwar sehr dumm von mir, so ich nun diese drei Beschuldigten als unschuldig vor euch hinstellen wollte. Sie haben ihre gehörige Portion Sünden begangen; aber wir haben damit unsererseits auch durchaus nicht gespart. Wer von uns vor Gottes Richterstuhl eigentlich für die Hölle reifer wäre, das dürfte dem ewigen Meister des Lebens wohl nicht viel Kopfzerbrechen kosten! Aber ich meine, da wir schon alle durch die Bank vor Gott nichts wert sind, so sollten wir uns gegenseitig hier wohl gar nicht mehr anklagen. Es ist besser, uns die Hände unter allgemeiner gegenseitiger Amnestie zu reichen, uns gegenseitig alles vergeben und hier in diesem neuen Reich des Lebens auch eine neue Kolonie aus lauter Freunden und Brüdern gründen! Das wird uns in der Folge bessere Früchte tragen, als so wir uns hier noch richten wollten, wo ohnehin ein jeder von uns ein ganz gehöriges Maß des Gerichts auf seinen Schultern zu tragen hat! – Was meint ihr, wie gefällt euch mein bestgemeinter Antrag?"

[RB.01_062,12] Schreien alle: „Ja, ja, du hast vollkommen recht! Aber nur die Gesundheit tut uns vor allem not! Denn du weißt, daß ein leidender Mensch oder Geist nicht leicht zu einem gesunden Beschluß kommen kann. Denn ein kranker Wiener ist für die Sau zu schlecht!"

[RB.01_062,13] Spricht Robert: „Nun, laßt das nur gut sein! Erhebt euch und kommt alle zu mir ins Haus, dort werden sich schon Mittel finden, euch wieder gesund zu machen! Denn hier im Geisterreich ist fürs Äußerliche mit keinem Arzt etwas zu machen, weil hier alle Übel von innen aus geheilt werden müssen. Und dazu ist es nötig, daß ihr hier in mein Haus eintretet, das mit allem Möglichen bestens versehen ist! Daher folgt mir!"

[RB.01_062,14] Auf diese Worte Roberts erheben sich alle, auch die weiblichen Wesen, und humpeln so gut es geht uns nach ins Haus, und zwar in das schon bekannte Zimmer, das groß genug ist, um, viele tausend Gäste aufzunehmen.

 

63. Kapitel – Die Gäste beim Anblick der Tänzerinnen. Volksgespräche. Die Barrikadenheldin. Der Pathetikus.

[RB.01_063,01] Als sie alle im Zimmer beisammen sind, bemerkt einer die Tänzerinnen: „Na, die können uns nun auch alle gestohlen werden! Unser Zustand und die da, das taugte so hübsch füreinander!" – Spricht ein anderer neben ihm: „Aber fix Element! Sauber wärn's! Und die schönen Füß', die sie habn! Saprament, wenn i nur g'sund wär – meiner Seel, der Mittlern dort saget i was!"

[RB.01_063,02] Ermahnt ihn sein Nachbar: „Aber ich bitt dich Franz, sei nur jetzt g'scheit! Weißt du denn nit, daß wir nimmer auf der Welt san?" Spricht der erste: „Das weiß i wohl! Aber Welt hin, Welt her – schön san's halt doch! Und ma müßt gar kein G'fühl habn, wann ma dabei gleichgülti bleibn kunnt!"

[RB.01_063,03] Spricht ein dritter: „Aber wann halt der Franz nachher mit seiner Ungleichgültigkeit in d' Höll kimmen tät, wie wär's n' Franz nachher zu Mut?" – Spricht der Franz: „Eh, hol's der Teufel! Bist und bleibst a dummes Luder! Sein mir denn jetzt vielleicht im Himmel? Oder hast schon amol die Höll g'sehn, um sag'n zu können, daß du jetzt noch nit in der Höll wärst?" – Spricht der Angeredete: „Dos woaß i schon, aber da müss'n wir erst verdammt werdn und nachher s' höllische Feuer sehn. Und dos moan i, is jetzt mit uns no nit der Fall. Es brennt mi wohl ganz sakrisch – du woaßt schon warum! Aber dos is denno ka Höll! Weil mer no nit san verdammt wordn, und a ka Feuer sehn! Aber dos moan i holt, wan wir jetzt a no nit von de verdammten Menscher ablassen, wo wir schon in der Geisterwelt san, da kunnt ma viel leichter in d' Höll kummen als auf der Welt! – Hab i etwa unrecht?"

[RB.01_063,04] Spricht der erste: „Jo, jo, hast wohl recht! Aber denken kann i ja doch, wie mir der Kopf g'wachsen is?! – Deswegen werd i denno nix tun!" – Spricht der andere: „Jo, jo, nix tan, nix tan! Z'erst kummen allzeit die Gedanken; nach die Gedanken kummen die Begierden und nach die Begierden die Taten. Und danach kummt die Höll, und nachher is gar! Verstehst mi? I moan holt so: Gstorbn wärn wir und san jetzt in der Geisterwelt. Do hoaßt's schön ruhig und g'hursam sein und nix anders denken, redn und tan, als wos uns der Blum sagen wird – do kanns mit uns no besser werdn!" – Spricht der Franz: „No ja, is a recht so; bist nit gar so dumm als wie's du ausschaust."

[RB.01_063,05] Spricht neben den Beiden eine Barrikadenheldin: „Do schauts die zwa Schnipfer an! Die wolln anonder die Höll aus- oder einreden! Hahaha! War do aner an größrer Schnipfer als der andre – und warten no, bis sie verdammt werdn – als wenn's etwa nit längst schon verdammt wärn! – Hahaha! Das is do g'spaßi!" – Spricht der Franz: „Haltst nit dein galgenstinketn Brotlad'n? Du Hauptmärzenflaxen von alle Weaner Studenten. Na wart, dir meß i vor'n Himmelreich Christi schon no a Paarl über, daß dabei die allerseligste Jungfrau selber auweh schrein soll! Da schau aner dös Mistbratl an! Die möcht uns schon alli mitanander in der Höll hobn! Schau, daß du mit deine Fledermausflügel von Händ nit z'erst hineinfliegen wirst!"

[RB.01_063,06] Kommt ein anderer hinzu und spricht in einem pathetischen Ton: „Freunde, bedenkt, wo ihr seid! Das ist nicht etwa der Prater, in dem die Wiener Menschheit sich noch zehnmal roher gebärdet als sonst! Bedenkt, hier ist das ernste Geisterreich, wo man ordentlich und ernst sein muß, um nicht augenblicklich auf ewig verdammt zu werden. Denn bei Gott ist keine Gnade und kein Pardon mehr in dieser Welt!" – Spricht die Heldin: „Oho, ereifern's Ihna nit gar so, Sö bratschulteriger Tapschädl! Daß unser Herrgott mit an solchenen Eimerbier-Sauflümmel, wie Sö aner san, ka Erbarmnis hobn kann, das wird doch ganz natürli san?" – Spricht der Pathetiker, seine Augen weit auftuend: „Wa-a-s sagt diese Blocksberghexe? Oh, für diese Hacke wird sich wohl auch hier in der Geisterwelt ein Stiel finden lassen! Ist denn kein Kerl hier, dem es um seine Hände nicht leid sein dürfte, dieser unflätigen Dirne den Hals umzudrehen?" – Spricht die Heldin: „Oh, deswegen machen's Ihnen ka Müh! Denn wenn's auf die gemeinste Kerlschaft hier ankäm, um mir den Hals umz'drahn, da war zu dem G'schäft ja so kaner tauglicher wie Sö! Aber da moan i, daß so an Arbeit für Sö wohl no viel z'gut war! Was moanen's denn, wer Sö san, Sö lebendigs Eimer-Bierfaßl!? Gelten's 's Bierl und Ihnere kropfete Mierl – die gehn Ihnen halt ab hier in der Geisterwelt? Aber trösten's Ihnen nur, vielleicht kummt Ihre Mierl a bald noch. Da wird dann der liebe Herrgott glei barmherziger sein als er jetzt ist!"

[RB.01_063,07] Spricht der Pathetikus: „Freunde! Lassen wir ab von diesem stinkenden Aas, denn eine Kuh mit einem bedreckten Schweif macht alles unrein, was sie umgibt!" – Spricht die Heldin: „No, wär doch a Schand, wann Sö nit reiner warn als i – hobens Ihnen doch durch Ihr ganzes Leben mit anige tausend Eimer Bier ausgwoschen gnua! Und das wird doch ganz wos anderes sein als hundert Generalbeichten bei olle Jesuiter! Wann i so a Stückl vom lieben Herrgott war, i wißt schon, wie Sö selig z'machen warn! Schaun's, i mochet die Donau zu lauter Doppelbier und setzet Ihnen dann grad durt hin, wo die Donau ins Schwarze Meer rinnt, und die kropfete Mierl daneben. Da wärn Sö dann der seligste Mensch!"

 

64. Kapitel – Der Pathetikus wird von Robert zurechtgewiesen. Die gutherzige Heldin redet ihm vergebens zu.

[RB.01_064,01] Der Pathetikus verläßt nun die Heldin und begibt sich zu Robert hin, um ihm ehrerbietig anzuzeigen, was für zotige Wesen hier in der Geisterwelt sein erhabenstes Haus verunreinigen. Er möchte solche Wesen doch irgendwo anders hin bescheiden!

[RB.01_064,02] Spricht Robert: „Mein schätzbarer Freund, das geht hier durchaus nicht an! Sehen Sie, wir wollten auf der Erde ja nichts anderes erreichen unter den Menschen, als ihre vollste Gleichberechtigung in jeder Beziehung! Was jedoch auf der Erde nicht zu erreichen war, bietet sich nun hier uns allen in vollstem Maße dar. Und das ist ein wahres Geschenk von seiten des allerhöchsten Beherrschers aller Himmel und Welten. Wollen Sie nun unter der freiesten Verfassung, die uns hier Gott Selbst gibt, wahrhaft glücklich sein, so überschätzen Sie nie Ihren Menschenwert! Bedenken Sie gewissenhaft, daß alle Menschen, die Sie hier sehen, den gleichen Gott zu ihrem Schöpfer und Vater haben. So werden Sie diese Menschen dann wahrhaft lieben und werden rechte Gegenliebe finden, die hier allein das Glück aller bewirkt. So werden Sie auch nimmer zu Ehrenrichtern Zuflucht nehmen müssen, sondern Ihr eigenes Herz wird Ihnen die allerbeste Rechtfertigung in den Herzen Ihrer Brüder und Schwestern verschaffen! – Übrigens haben Sie sich darum gar nicht zu sorgen, ob mein Haus durch diese armen Wesen verunreinigt wird oder nicht; denn dafür ist schon gesorgt! – Auch muß ich Ihnen offen bekennen, daß mir jene mundgeläufige Heldin lieber ist als Sie! Sie ist, wie sie ist, eine Wienerin, und hat dabei ein gutes Herz. Sie aber sind ein pensionierter Hof-Philosoph, der sich nur per Sie titulieren läßt, ohne zu bedenken, daß wir hier alle Brüder und Schwestern sind! Sagen Sie selbst, wer mir hier teurer sein soll – Sie, oder jene Wienerin in ihrer vollen Echtheit?"

[RB.01_064,03] Der Pathetikus verneigt sich vor Robert und spricht: „Wenn man hier eine solche Sprache gegen Ehrenmänner führt, da bitte ich, mir erlauben zu wollen, daß ich mich wieder hinaus ins Freie begeben darf; denn hier stinkt es vor Gemeinheit und Gesindel!"

[RB.01_064,04] Spricht Robert: „Mein Freund, in diesem Hause befindet sich nirgends ein Kerker noch irgendeine Fessel – außer die der Liebe! Wollen Sie sich diese nicht gefallen lassen, so können Sie ebenso frei wieder hinausgehen, wie Sie hereingekommen sind! Nur das muß ich leider hinzu bemerken, daß es Ihnen dann ein wenig schwer werden dürfte, in dies Haus der Liebe wieder hereingehen zu wollen. Denn es könnte sehr leicht sein, daß Sie dies Haus aus dem Gesicht verlören, sobald Sie den ersten Schritt hinaus täten! – Sie wissen nun, woran Sie sind. Aber Sie sind frei und können tun, was Sie wollen!"

[RB.01_064,05] Der Pathetikus stutzt nun und weiß nicht, was er tun soll. – Aber unsere Heldin kommt schnell herzu und spricht: „Gängen's, bleiben's do! Und san's nit gar so eingebüldet! Schaun's, i bin scho lang wieder guat! Mi hat's halt a bißl verdrossen, daß Sö dem lieben Herrgott alle Gnad und Barmherzigkeit hobn absprechen wolln. Und da hob i Ihnen halt so mei Meinung gsogt, war aber ganz gutherzi dabei. Aber Sö hätten mi glei gfressen vor Zorn, wann's Ihnen war mögli gwest! – Nachher san's mi a no verklagen gangen und hätten mi gern gstraft gsehn. Aber der Herr Blum is halt a bißerl gscheiter als wir zwa, und so habn's holt nix ausg'richt und das verdrießt Ihnen jetzt! – Aber lassen's das und san's wieder guat und bleiben's do! Nachher wird scho alls wieder guat werdn! Wir san ja lauter fehlerhaftige Menschen und müss'n deswegn mitanand a bißl a Geduld hobn! Wos war denn dös, wann wir als Geister hier a noch beleidigt warn? – Gängen's nur wieder zu uns her! Der alte Franz, der lang Euer Stiefelputzer war, wird Ihnen schon wieder den Kopf z'rechtbringen! – No, sans no harb auf mi?"

[RB.01_064,06] Spricht der Pathetikus: „Nein, böse gerade bin ich nicht auf dich! Denn das würde mir zu keiner Ehre gereichen, weil du gegen mich doch sozusagen nichts bist! Aber in eure Mitte, wo die größte Gemeinheit herrscht, kann ich mich auch nicht mehr begeben, sondern ich werde mich hier im Kreise der Honoratioren aufhalten. Und so gehe sie zurück!" – Spricht die Heldin: „Aber gebn's acht, daß es den Honoratioren neben Ihnen nit übel wird, Sö eingebildeter Tapschädl! Was glaubn's denn, was Sö etwa da san? I bin wohl a recht lustigs Weaner Madl; aber schlecht bin i grod nit. Wann i aber für Sö z'schlecht bin, da suchen's Ihna holt a bess're aus! Dort steheten glei a paar Dutzend! Gehn's hin und probirn's halt Euer Glück! Die werdn Ihne schon sag'n, wieviel's etwa wert san!"

[RB.01_064,07] Die Heldin begibt sich wieder in die Mitte der ihrigen. Der Pathetikus aber rümpft die Nase und macht, als ob er auf die mundgeläufige Heldin gar nicht geachtet hätte.

 

65. Kapitel – Die Wiener und der ungemütliche Böhme. Die Heldin wendet sich an Jellinek. Dieser weist sie an den Herrn.

[RB.01_065,01] Als unsere Heldin wieder in der Mitte derer sich befindet, mit denen sie früher ein etwas beißendes Zwiegespräch gehalten hatte, sagt der schon bekannte Franz zu ihr: „No, du odrahte Luxemburger Achazibaum-Mierl, wie is dir denn gang'n mit dem bratschultrigen Kolofonifeuerhelden? No, hast's ihm so recht einigsogt af ächt weanerisch?" – Spricht die Heldin: „Na, verstandn wird er's wohl hobn! Jetzt moant der Tolkentipl, daß er da a no a gnädiger Herr is! Na, dem werdn's da glei an ondre Wurst broten! Ober gsagt hob i 's ihm! Hätt ihr's nur ghört, wie ihm's der Herr Blum einigsogt hot, weil er mi verklogen is gangen, ös hätts a narrische Freud ghobt! – Ich wünsch kan Menschen was Schlechts, a diesem Tapschädl nit; aber weil er holt gar a so a hochmietiger Dinger is überanand, da hob i a rechte Freud, wann ihm die guaten Herrn dort a wengerl die Flügel stutzen tan. O dös gschiecht ihm schon recht!" – Spricht der Franz: „Na, Mierl, jetzt g'fallst mi scho wieder, und i bin scho wieder guat af di! Ober dos sog i di a, wanns mi wieder amol so angreifst, wie's ehnter tan host, da mogst schaun, wie's weiter kummen mogst! Ober jetzt is olles wieder guat, versteast mi?"

[RB.01_065,02] Spricht die Heldin: „No, no, mir san ja keine Böhm', doß wir auf anond sieben Johr solln harbig san! Die Weaner, wann's no so tan, als wollten's anonder fressen, wann sie sich aber dann amol umdrahn, san's nachher glei wieder die besten Freund! – Aber mit d'n Böhmen is do a Kreuz! I hob amol so an Dolken harbig gmocht. I glaub, der hätt mi vor lauter Lieb nach drei Jahrln no z'rissen, wo er mi wo kriegen hätt kinnen!" – Spricht der Franz: „Mierl, red nit so laut! Denn ma kann nit wissen, wer do olles zuhört. Woaßt denn nit, daß d'Böhmen die längsten Finger und d' längsten Ohrwaschl hobn, deshalb se a immer die besten Spitzl und Polizeidiener warn?"

[RB.01_065,03] Auf diese Worte des Franz erhebt sich sogleich eine kräftige, dickbackige Gestalt (ein Böhme), holt tief Atem und spricht dann hauptsächlich zum Franz: „Hörte mi Kerl fluckte! Wer hot de Urwaschl lunge, un wer hot de Finger lunge? A, sog du mi nu amul a su, noche wart mi! Wan bin a Geist; aber werd di noche schun sogn, wer hot de Urwaschl lunge! A, host di mi verstondn, Kerl fluckte!" – Spricht die Heldin: „O jegerl, Franz! Jetzt schaun ma, daß ma weiterkummen! Wann ma in Wulf nennt, kummt er grennt. Da war scho grad aner, wie ma sich sein Lebtag kan bessern wünschen kunnt. No, wann der zurni wurd, i glaub, der bringet an glei um!" – Spricht der Böhme: Holt die Kusche, deine fladerwaschete! Oder i schlag de ani eine, do wirst de g'nug hobn! Oder manst de, de Böhme sein Teibl? Du bis de ani Hur satrazena, aber de Böhmen sein gute Leut! Verstehs mi, du Großkuschete?" – Spricht die Heldin: „Hörts meine lieben Weaner, dos is aner! Wann mer nit in so an ehrsamen Haus warn, der müßt mir hinausgwutzelt werdn und wann's das Lebn meiner Muater kosten tät. Aber do is nix z'machen! Gehn ma do nur glei weg, sunst gibts an Spektakl!"

[RB.01_065,04] Auf diese Worte begibt sich die Heldin mit mehreren Wienern schnell zu Jellinek und Mir hin und fängt sogleich mit Jellinek folgendes Gespräch an: „No, no, Herr Dokter, Hietz hätt i Ihna bold nit kennt! Grüß Ihna Gott! Wia geht's Ihna und wos mochn denn Sö da?"

[RB.01_065,05] Spricht Jellinek: „Schau, mir geht es sehr gut, viel besser als je auf der Welt! Mein sehnlichster Wunsch aber ist, daß es euch allen bald ebenso gut gehen möchte, dann werdet ihr miteinander nicht mehr so hadern wie bis jetzt. Ihr müßt das hier ganz ablegen, sonst kann's mit euch allen schwerlich besser werden! Lernt es von uns, wie man mit den Schwächen seiner Brüder Geduld haben muß, so werdet ihr euch gleich leichter verstehen, und das wird euch goldne Früchte tragen! Aber wenn ihr euch untereinander stets beschimpft und mit Schlägen bedroht, da wird sich noch lange nicht jene christlich-himmlische Liebe unter euch aufhalten, die allein die wahre Seligkeit aller Geister bedingt.

[RB.01_065,06] Daher laßt ab von eurem dummen Hader und werdet sanft in euren Herzen, so wird euch leicht und bald zu helfen sein! Aber so ihr stets untereinander forthadert, werdet ihr noch lange leiden müssen. Und so euch auch geholfen wird, wird aber die Hilfe ebenso karg bemessen sein, wie da karg ist eure gegenseitige Liebe und Freundschaft! Denkt doch, daß wir vor Gott alle gleich sind! Niemand hat einen andern Vorzug, außer allein, wie er am meisten demütig ist und die stärkste Liebe zu Gott und allen seinen Brüdern in seinem Herzen birgt! Hast du mich wohl verstanden?"

[RB.01_065,07] Spricht die Heldin: „O ja, verstanden hätt ich's wohl. Aber unsre Weanergoscherln, de können holt nit still sein, wann's wo a Lüftl kriegen! Da war holt a so a Wunderkur guat! Wär das nit mögli hier im Geisterreich? Wissen's unsre Herzen warn grod so schlecht nit; aber holt's Goscherl, das hot'n Teixel gsehn!"

[RB.01_065,08] Spricht Jellinek: „Nun, wir werden schon sehen, was sich da wird tun lassen. Aber ein bißchen müßt ihr euch auch selbst bestreben, eure Zungen im Zaum zu halten! Bitte diesen Herrn da neben mir, der vermag sehr viel! Wenn der euch hilft, so wird euch wahrhaft geholfen sein!"

[RB.01_065,09] Spricht die Heldin: „Herr Jellinek, sogen's mir, versteht der Herr do a unser weanerisch? A guats Gsichtl hot er wohl, und gar so gmütli sahet er aus! Den trauet i mi schon anz'redn; aber wann er nur weanerisch versteht!"

[RB.01_065,10] Spricht Jellinek: „Oh, und wie! Der versteht und spricht alle erdenklichen Sprachen. Ja, ich sage dir, daß er sogar die Sprache des Herzens genau versteht und sozusagen von der Nase herabliest, was sich nur immer jemand noch so geheim denken möchte. Versuch's nur einmal, und du wirst dich sogleich überzeugen, daß ich recht habe!"

[RB.01_065,11] Spricht die Heldin: „Ei der Tausend, was sog'n Sö mir da? Wann der dos kann, da muß er fast mit unserm lieb'n Herrgott a bißl verwandt sein? 'S wird aber a a spaßigs Redn werdn, wann der schon ehenter alles waß, wos ma ihm sog'n möcht! Aber angehn tu i ihn amol, und möcht er sog'n, wos er glei immer wollt! Aber nur dos sogen's mir no, wie er haßt – nachher brauch i nix mehr."

[RB.01_065,12] Spricht Jellinek: „Ja, liebe Freundin, da klopfst du gerade auf dem Fleck an, unter dem es auch bei mir ziemlich hohl ist! Ich ahne und vermute es, daß er ein großer und mächtiger Engelsgeist ist und ist zu uns ausgesandt, um uns zu belehren und den rechten Weg zu Gott zu zeigen. Das ist aber auch alles, was ich dir sagen kann. Wie er aber so ganz eigentlich heißt und welche hohe Stellung er vor Gott bekleidet, das weiß ich ebensowenig wie du! – Aber das ist gewiß, daß er hier ganz allein wahrhaft helfen kann, weil er dazu die Macht besitzt."

[RB.01_065,13] Spricht die Heldin: „Aha, aha, hietzt geht mir schon so a Lichtl auf! Wissen's, Herr Jellinek, i moan, das wird leicht wohl goar so an Apostl san? Vielleicht goar der Petrus oder der Paulus? He, was moanen denn Sö do – hob i recht oder nit?"

[RB.01_065,14] Spricht Jellinek: „Meine Liebe, das kann alles leicht sein. Wende dich daher nur schnurgerade zu ihm hin und du wirst bald wissen, wie du mit ihm dran bist. Nur ein wenig zu selbständig spricht er mir für einen Petrus oder Paulus! Ich vermute daher, daß er noch etwas Bedeutenderes sein müsse. Vielleicht so eine Art Erzengel? Aber rede du nur selbst mit ihm, da wirst du am ersten ins klare kommen!"

 

66. Kapitel – Die Heldin wendet sich um Hilfe an den Herrn. Des Heilands Rat: Bekenne offen, was dir fehlt! Geschichte einer Gefallenen.

[RB.01_066,01] Auf diese Belehrung hin schaut Mich die Heldin eine Weile an, geht darauf näher zu Mir hin und spricht zu Mir: „Verzeihn's mir, mein allerbester Herr, wann i Ihne hietzt mit aner Bitt lästig fall'n tu! Schaun's, der Herr Jellinek hat mi an Sö g'wiesen und hot mir gsogt, daß Sö goar so allmächti warn und kunnten an holt überoll helfen, wo's an glei immer fahlen möcht. Schaun Sö, bester, liebenswürdigster Herr! Mir fahlet's halt so hübsch tüchti, und do gab's denn holt a hübsch viel z'helfen! San's so guat und helfen's mir und uns Weanern ollen, wann's Ihne mögli ist! Schaun's, wir san auf der Welt aufg'wachsen wie's liebe Vieh und san so a als Viecher doherkummen und san krank hietzt do überall, wo's nur glei hinschaun mög'n; und dumm san w'r a no dazu wie a dreißigjähriger Religionskrieag. San's so guat und mach's uns a bißl gsund und gscheiter, wie mir jetzt san – und wir olli werden uns dann schon besser aufführen!"

[RB.01_066,02] Rede Ich: „Ja, ja, helfen kann Ich euch wohl, und dir am ersten! Aber du mußt Mir zuvor offen bekennen und gestehen, was dir nun so ganz besonders fehlt? Bist du krank, da mußt du Mir sagen, wo, wie und wodurch du dir die Krankheit zugezogen hast. Und so du dumm zu sein glaubst, mußt du Mir auch getreu angeben, was dir an dir selbst eigentlich dumm vorkommt? Ich werde dann schon sehen, wie dir und auch deinen Landsleuten zu helfen ist. Denke nun recht gewissenhaft über alle deine Zustände nach und sage Mir dann, wie du dich gefunden hast! Das andere werde dann schon Ich machen!"

[RB.01_066,03] Spricht die Heldin: „O jegrl! Da wird's bei mir an g'waltigen Faden hobn! – Sö wärn ja noch über an Liguorianer, wann i Ihne dos olles sogen soll! Schaun's, i war amol bei an solchenen beichten; na hören's, um was mi der a olles ausg'frogt hot – da hobn Sö gar kan Begriff! – Na, ane ärgste Stabscanaille müßt da bis af die Zehn schandrot werdn. Und schaun's, wann i Ihne hietzt olles sogn müßt, wos i mei Lebtag olles schon tan hob – o jegrl, na! Da möchten's Augen mochen! Wann nit so viel Leut da wärn, ganget's no, aber vor so viel Leut müßt i mir jo grod die Augen ausschamen! Hören's, dos war so a Spaß! – Können denn Sö nit so erkennen, wos mir fehlt? San's so guat und probiern's mit mir holt Ihner Glück, vielleicht geht's doch ohne Schand ab?"

[RB.01_066,04] Rede Ich: „Aber hör du, Meine Liebe, wie kam es denn, daß du dich damals nicht geschämt hast, als du sündigtest? Du warst ja bei diesen Gelegenheiten auch zumeist in Gesellschaft und schämtest dich wenig, so dich in nächtlichen Stunden ein Dutzend Jünglinge, vor denen du dich ganz entkleidet aufstelltest und allerlei wollüstige Gesten machtest, angafften, betasteten und dann gewöhnlich noch was taten! Wie solltest du denn gerade jetzt gar so schamhaftig sein? Ich weiß, daß du einmal, als du etwas tief ins Gläschen geschaut, dich so ungeheuer schweinisch benommen hast, daß es dabei sogar den ausgelassenst sinnlichen Hurenhelden vor dir zu ekeln anfing! Und so weiß ich eine Menge noch ärgerer Schaustückchen von dir, die du wie eine wahre Heldin ohne die allergeringste Schamhaftigkeit vollbracht hast. Und so wird es auch hier, meine Ich, nicht gar zu sehr deine Keuschheitsehre angreifen, so du Mir offenherzig sagst, wo es dir fehlt, und wie du mit deinem Fehltum in Not und Elend gekommen bist!"

[RB.01_066,05] Spricht die Heldin verdutzt: „No, Sö warn mir a der Rechte! Sö wissen, wie man die andern fangt! Sö kunnten an ins G'schrei bringen, daß ma sein Lebtag gnua dran hätt! Schaun's, wann's nit gar so guatmüti aussaheten, i künnt meiner Seel harb auf Ihne werdn! Ober weil i aus Ihnern guaten Gsichtl erkennen tu, daß Sö mir's net schlecht moanen, so will i mir nix draus mochen! Aufrichti gsogt, schiniern tu i mi eigentli nur vor Ihne. Wos do dieses Weaner Gfraßt betrifft, do machet i mir grod nit z'viel draus! Wenn's mir aber erlauben, a wengerl leiser z'reden, da kunnt i Ihne schon so manche Stückl zum besten gebn."

[RB.01_066,06] Sage Ich: „Das kannst du schon tun. Aber nur nichts verheimlichen, verstehst du!"

[RB.01_066,07] Spricht die Heldin, sich zuvor ein wenig räuspernd: „No, in Gottes Nam', wann's denn schon san muß, so hören's mi holt guatmüti an! Schaun's, mit vierzehn Jahrln hob i grod am Pfingstmontag mei Jungfernschaft einbüßt, und wann i mi nit irr, so war's a g'wisser Pratenhuber-Toni. Dos woar schon o ganz sakrisch saubrer Bua! Und weil er mir holt goar so zugsetzt hot, do hob i holt gmant: Na, ewi kannst so ka Jungfer bleibn, und amol muaßt doch probiern, wie dös is. – Und so hob i ihn holt feschweg drübr lassn! – Und weil's mir holt goar so guat gschmeckt hat und ihm a, so hamer's nochher holt öfter probiert. Und i wär nit goar so schlecht worden, wann i nur amol hät kinnen schwanger werdn! Aber do hob i schun tan kinnen, wos i nur g'wollt hob, so is denno nix draus wordn! Und schaun's, do hot nochher der Toni mi heiroten solln. Weil er aber gmant hot, daß i unfruchtbar wär, hot mi der Hauptschnipfer nochher sitzen lossen und hot sich ane andre g'numma! Und i war do ganz deschperadig und hob mir denkt: Hietzt is schon olls ans, um a paar Dutzend Liebhaber auf oder ab! Die Höll is dir so g'wiß, wann's ani gibt! Und do hob i holt recht fidel z'leben ang'fangen, was nur's Zeig gholten hat! – Vadern hob i ehenter nie an gsehn, und mei Muader, Gott tröst sie, woar holt selber nix besser wie i! Und schaun's, bei so an Lebenswandel bin i holt öfter ang'steckt worden, und andre nochher a von mir. Und do hot mir nochher wohl so a homipathischer Doktor gholfen; aber dafür hab i nochher müssn zu ihm in Dienst gehn; no, daß er dann mit mir a kan Rosenkranz bet't hot, dos werden's Ihne wohl denken kinnen!

[RB.01_066,08] Wie nochher aber die Gschichten in Wean ausbrochen san, do wor holt mei Herr Doktor a dabei und hot überoll fleißi g'holfen Revolution machen. Und weil i holt goar a so a kuraschierts Madl wor, so hob i mi holt a zum Revolutionmachen brauchen lassen und hob dabei mein Tod gfunden. Und hietzt bin i holt do als an oarmi Seel und muaß holt dfür leidn, weil i auf der Welt z'lusti war! – Und hietzt hob i's Ihne a olles gsogt, wos i gwußt hob. Und Sö wiss'n hietzt a, wie's mit mir dran san, und wissen a, wo's mir fehlt und wie i dazu kummen bin. Und so bitt i Ihne holt um Himmels Jesu willen, wann's mir helfen kinnen, so helfen's mir!"

[RB.01_066,09] Rede Ich: „Nun, Ich bin zufrieden mit deiner Offenherzigkeit und werde auch schauen, ob und wie dir zu helfen sein dürfte. Zugleich aber muß Ich dir ebenso offen bekennen, wie du Mir deine Hauptsünden offen bekannt hast, daß dich nur dein gutes Herz und deine dir unmöglich zu Schulden fallende schlechte Erziehung von der Hölle retten! Hättest du ein etwas schlechteres Herz, oder wärest du in deiner Erziehung weniger vernachlässigt worden, so würdest du dich schon in der Hölle befinden und dort die entsetzlichste Qual leiden! Denn es steht geschrieben: ,Hurer und Ehebrecher werden in das Himmelreich nicht eingehen!‘ – Aber, Ich will aus den obigen Gründen mit dir die Sache nicht so genau nehmen und werde sehen, wie dir zu helfen ist! Sage Mir aber zuvor, was du von Jesus, dem Heiland hältst?"

[RB.01_066,10] Spricht die Heldin: „Oh, den hob i z' Tod gern! Denn der hot jo die Ehbrecherin grettet und hot die Magdalena a nit verstoßen, wann sie a no so a große Sünderin woar. Und vor der Samariterin hot er grad a kan Grausen kriegt! Un do moan i holt, wann er mi sähet und i ihn recht schön bitten tat, daß er mi grod a it glei umbringen tät?"

[RB.01_066,11] Sage Ich: „Nun gut, Meine Liebe, Ich werde heimlich mit Ihm reden! Denn Er ist nicht weit von hier. Vielleicht macht Er's mit dir auch wie mit der Magdalena? Warte nur ein wenig hier – aber ganz ruhig!"

 

67. Kapitel – Sonderbemerkung des Herrn über den Zweck dieser zum Teil ärgerlich scheinenden Kundgabe.

[RB.01_067,01] Wohlzumerken! – Daß diese Szene hier ganz so wörtlich wiedergegeben wird, wie sie in der Geisterwelt in der Wirklichkeit vor sich geht – und auch unmöglich anders vor sich gehen kann, als wie da Sitte, Sprache, Leidenschaften und die verschiedenen Grade der Bildung bei einem Volk es notwendig mit sich bringen – geschieht deshalb, um dem gläubigen Leser und Bekenner dieser Offenbarung einen anschaulichen Beweis zu geben, daß der Mensch nach Ablegung des Leibes ganz so Mensch ist mit Haut und Haaren, mit seiner Sprache, mit seinen Ansichten, Gewohnheiten, Sitten, Gebräuchen, Neigungen, Leidenschaften und daraus hervorgehenden Handlungen, wie er es auf der Welt bei seinem Leibesleben war – d.h. solange er nicht die völlige Wiedergeburt des Geistes erlangt hat.

[RB.01_067,02] Deshalb heißt auch ein solcher erster Zustand sogleich nach dem Übertritt ,die naturmäßige Geistigkeit‘, während ein vollends wiedergeborener Geist sich im Zustand der ,reinen Geistigkeit‘ befindet.

[RB.01_067,03] Den Unterschied zwischen dem Leben dieser Welt und jenem in der Geisterwelt macht bei naturmäßigen Geistern, so sie mehr einfacher Art sind, bloß die zweckmäßige Erscheinung der Örtlichkeit aus. Sie ist stets mehr oder weniger ein Aushängeschild von dem, wie die Geister zum größten Teil innerlich beschaffen sind. – Diese, die vernachlässigte Wiedergeburt des Geistes hier in der Geisterwelt sehr begünstigende Erscheinlichkeit kommt zumeist nur jenen armen Geistern zugute, die auf der Welt in einer natürlichen und geistigen Armut ihr Leben zugebracht haben. – Aber Geister von reichen Besitzern allerlei irdischer Güter, an denen ihr Herz wie ein Polyp am Meeresgrund klebt, finden alles wieder, was sie hier verlassen haben. Sie können dort mehrere hundert Jahre nach irdischer Rechnung in solch einem grob naturmäßigen Zustand verharren und werden daraus nicht eher gehoben, bis sie selbst Bedürfnis nach etwas Höherem und Vollkommenerem in sich zu verspüren anfangen.

[RB.01_067,04] Nun wißt ihr, warum diese wichtige Szene wörtlich und umständlich offenbart wird. Und so wollen wir denn wieder zu der Szene selbst übergehen! – Denn unsere Heldin wird schon unruhig und erwartet mit der größten Sehnsucht den Bescheid, den Ich ihr von Jesus Christus zu geben verheißen habe! – Ihr müßt aber dabei noch den wichtigen Umstand berücksichtigen, daß sich diese bedeutungsvolle Szene gerade jetzt in der Geisterwelt zuträgt und sonach einen großen Einfluß auf die Begebnisse dieser irdischen Zeit ausübt! Aus allen diesen noch so trivial klingenden Gesprächen könnt ihr bei einiger Verstandesschärfe die ganze Lage und Bewegung der Dinge, wie sie nun auf der Erde statthaben, gar leicht erkennen. Ebenso auch die Folgen dieser Bewegungen, die besonders aus dem späteren Verlauf dieser Szene hell und klar hervorgehen werden. Aber stoßen dürft ihr euch an nichts! Denn es muß hier alles so kommen, wie es kommt. – Und nun wieder zur Szene!

 

68. Kapitel – Die harrende Heldin und der hochmütige Pathetikus. Letzterer vom Herrn zurechtgewiesen. Liebeswunder an der Heldin Helena.

[RB.01_068,01] Die Heldin, nun schon ganz ungeduldig, geht etwas schüchtern näher zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich etwa schon ganz geheim durch gewisse Zeichen mit Jesu, dem Herrn, ihretwegen gesprochen habe?

[RB.01_068,02] Der Pathetikus, der nun aus der Gesellschaft mehrere seines Gelichters gefunden hat, ist schon sehr ärgerlich darüber, daß diese seiner Meinung nach elende Lerchenfelderin so frech ist und Mich als einen Honoratior dieses Hauses so belästige! Er geht daher mit noch einigen auf sie zu und spricht: „No, Sie Lerchenfelder Bagage, wie lange wird es Ihr denn noch belieben, dem respektabelsten Herrn dieses Hauses mit Ihrem Hundegebell zur Last zu fallen! Hat Sie denn gar keine Lebensart?"

[RB.01_068,03] Spricht die Heldin: „Sö bratschultriger Tapschädl Sö! Geht Ihne das eper wos an? Schaun's daß weiter kummen, Sö naturwidrigs Fleischfuttral von all'n adeligen Weaner Drecksäu! Sonst sag i's Ihne, wia's auf echt deutsch hoaßen tan! Do schau der Mensch so an zopfign Gallpitzlfabrikanten an! Hietzt is ihm gar nit recht, daß unserans mit an solchenen Herrn redt! Was glauben's, wer Sö san? Glauben's, weil's amol auf der Welt als pansionierter Fourierschütz an kaiserlichen Sabl trogen hobn, daß Sö deshalb a do in dieser Welt besser san als unserans? – O Sö damischer Tapschädl, do wird ma Ihne glei an Exrawurst broten! Is wohl guat, daß Christus der Herr nit do bei uns is; denn der müßt jo a narrische Freud hobn, wann er so an grobn Limmel vor ihm sahet, wie do Sö aner san! Hietzt schaun's aber nur, daß Sei mit Ihnre Krokodilaugen und Bockfüß weiterkummen tan, sonst gschieht Ihne wos anders."

[RB.01_068,04] Darauf wendet sich der Pathetikus zu Mir und spricht: „Aber lieber, bester Freund, ich bitte Sie um Gottes willen, dieser Kreatur zu untersagen, fürderhin so ein loses Maul gegen Männer von Ehre und Reputation zu haben; denn sie stellt einen ja her, wie wenn man der allergemeinste Schuhflicker wäre! Es ist wohl wahr, daß wir hier in der Geisterwelt sind, wo der Standesunterschied für ewig aufzuhören hat. Aber der Unterschied der Intelligenz und feineren Bildung kann solange nicht aufhören, bis diese auf Erden verwahrlosten menschlichen Potenzen jenen Grad von Bildung und Humanität werden erreicht haben, durch den sie einer besseren Gesellschaft angenehm und interessant werden können! Ich bitte Sie, lieber Freund, bedeuten Sie das doch dieser weiblichen echten Lerchenfelder-Kreatur!"

[RB.01_068,05] Rede Ich: „Mein lieber Freund, es tut Mir leid, hier Ihrem Verlangen auf gar keinen Fall Gewähr leisten zu können. Und zwar aus dem alten Grunde, weil vor Gott alles ein Greuel ist, was die sogenannte bessere Welt groß, glänzend, erhaben und schön nennt und preist! Denn Gott bleibt sich stets gleich und hat nie ein Wohlgefallen an solchen Ehrenmännern, die den Menschenwert nur nach der Anzahl der Adelsahnen oder nach der Amtswürde oder nach der Vielheit des Geldes bestimmen, alles andere aber als Canaille bezeichnen. Aber alles, was vor der Welt klein, gering und oft sehr verachtet ist, das steht wieder bei Gott in großen Ehren! Und so muß Ich Ihnen hier offen bekennen, daß Mir, als einem allerintimsten Freunde Gottes, diese von euch verachtete Lerchenfelderin um eine Million mal lieber ist als Ihr, Meine hochadeligen Freunde, d.h. wenn Ich so frei sein darf, euch als Meine Freunde zu titulieren! – Ihr habt aber dieser Armen nun sehr genützt; denn von nun an will Ich sie erst recht an Mich ziehen und ihr eine Bildung hinzugeben, vor der selbst die Engel einen Respekt bekommen sollen. Sie wird bald sehr hoch oben stehen und eine Zierde dieses Hauses sein! Wo ihr Ehrenmänner aber euch in Kürze befinden dürftet, das wird die leidige Folge zeigen! Ich ersuche euch aber eures eigenen Heiles willen, diese Arme ja nicht mehr zu belästigen, denn sie gehört nun ganz Mir an! – (Mich zur Heldin wendend): Und du, Meine liebe ,Magdalena‘, bist du damit zufrieden?"

[RB.01_068,06] Spricht die Heldin: „O Jesus ja, und ob! Sö san mir a um zehnmillionenmol lieber als diese hochmütigen Dinger do, die an armen Menschen grod als a Vieh betrachten! I bin nit harbig af sö; aber giften kann mi das wohl, wann's an goar so bagatellmäßi behandeln tan. Unser Herrgott verzeih's ihnen, denn sie wissn wohl a nit, was sei tan!"

[RB.01_068,07] Spricht der Pathetikus: „No, schon gut, schon gut! – Hört ihr, meine Kameraden, wenn's in der Welt der Geister überall so fad zugeht als dahier, da ist diese Welt eine saubere Bescherung für die saueren Vorbereitungen auf der Erde zu dem vielgerühmten Leben der Seele nach dem Tod! Auf der Erde hat der gebildete Ehrenmann sich doch durch seine Stellung, durch sein Staatsamt und durch seine Wohlhabenheit vor den Angriffen solch gemeinsten Geschmeißes verwahren können. Hier aber wächst einem dieses Lumpengepack keck übers Haupt, und man wird sich am Ende etwa gar noch müssen eine Gnade daraus machen, daß unsereinen so eine pausbackige Dirne anschaut! Zum Überfluß aller sozialen Fadheiten muß dieser sonst recht ehrenwert aussehende Mann sich auch noch für diese faule Pomeranze interessieren und sie uns zum Trotz gerade bis zum Himmel erheben. Das ginge uns hier gerade noch ab zur vollen Verzweiflung! – Der sagte, daß er ein allerintimster Freund Gottes sei! Nach seiner Neigung zu der pausbackigen, vollbrüstigen und dicksteißigen Lerchenfelderin zu urteilen, muß die ihm so sehr befreundete Gottheit ein wahrer Superlativ aller Gemeinheit sein! Diese feile Dirne stinkt vor Unzucht, und er will sie bilden und sie zur Zierde des Hauses erheben! Hört, das wird eine schöne Zierde werden! Hahaha, oder was!"

[RB.01_068,08] Spricht die Heldin zu Mir: „Aber hörn's, wie der schimpfen tut! Na, dem solltn's doch was sogn – so aber, daß er's verstanget!"

[RB.01_068,09] Sage Ich: „Mache dir nichts daraus! Sie sollen nur schimpfen, wie es ihnen gefällt. Es wird sich dann schon zeigen, wie viele Interessen ihnen ihr hochmütiges Schimpfen tragen wird! Auf daß aber ihr Hochmut noch mehr Steine zum Anstoß an uns zweien finden soll, mußt du von nun an als Meine Geliebte Mich mit ,du‘ anreden und mußt zugleich auch versuchen, recht fein deutsch zu reden. Wenn diese das hören werden, da wirst du erst sehen, wie ihnen der Hochmutspitzel steigen wird! Versuch's einmal, ob du nicht ganz rein deutsch zu reden imstande sein solltest!"

[RB.01_068,10] Die Heldin merkt in sich eine Veränderung. Ein großes Wohlgefühl durchströmt ihr ganzes Wesen, was auch auf ihre Gestalt einen sehr günstigen Eindruck macht. Ganz selig erstaunt über solch plötzliche Veränderung ihres Wesens, an dem sich auch nicht ein leisester Schmerz irgend mehr verspüren läßt, blickt sie Mich voll Freuden an und spricht: „O du hoher Freund aus den Himmeln, wie wohl wird mir nun an deiner Seite! Alles Rohe fiel wie ein Schuppenpanzer von mir! Mein Denken und meine grobe Sprache haben sich verwandelt wie eine ehemals eklige Raupe in einen herrlichen Falter! Und alle meine Schmerzen schwanden wie der Schnee vor der Glut der Sonne! O wie wohl ist mir nun! Und wem danke ich das? Dir, dir! Du großer, heiliger Freund des Allerhöchsten!

[RB.01_068,11] Aber da du mir ärmsten Sünderin eine so unendlich große Gnade erwiesen hast, deren ich wohl ewig nie nur im allergeringsten Maße wert kann werden – o so sage mir nun aber auch, was ich tun soll und wie mich benehmen, um dir nur einigermaßen meine gebührende Dankbarkeit an den Tag legen zu können!"

[RB.01_068,12] Rede Ich: „Du Meine geliebte Helena (d.i. ihr himmlischer Name!), wir sind schon quitt miteinander. Du gefällst Mir nun ganz ausgezeichnet und hast ein Herz, das Mich gar sehr liebt, so wie das Meinige dich! – Was braucht es da noch mehr? Reiche Mir nun auch deine Hand zum Pfand deiner Liebe zu Mir und gib Mir einen recht brennheißen Kuß auf Meine Stirne! – Für alles übrige werde schon Ich sorgen."

[RB.01_068,13] Helena wird nahe ganz glühend vor Liebe, reicht Mir sogleich die Hand und gibt Mir auch den verlangten Kuß auf die Stirne mit einer kaum zu beschreibenden Liebe-Innigkeit.

[RB.01_068,14] Diese Szene lockt Robert, Messenhauser, Becher und vorzüglich dem Jellinek Tränen aus den Augen. Helena sieht bald nach dem Kuß auf Meine Stirne wie eine Verklärte aus und wird in ihrer Gestalt so edel und schön wie ein schon himmlisches Wesen – bis auf ihre Kleidung, die aber dennoch nun sehr gereinigt und nett aussieht. – Robert aber kommt sogleich herzu und fragt Mich, ob er für diese schöne Blume auch neue Kleider holen soll! Ich sage ihm: „Nach einer kurzen Weile, so Ich es verlangen werde!"

 

69. Kapitel – Pathetikus über diese wunderbare Veränderung Helenas. Unterschied zwischen Traum und wirklichem Leben. Olafs Gleichnis von der Brautwerbung.

[RB.01_069,01] Diese Verwandlung bemerkt auch unser Pathetikus und seine Gesellschaft. Und einer aus der Gesellschaft sagt zu ihm: „Du, Freund, merkst du nichts? Jene Lerchenfelderin, ein ehemaliger Schmerkübel voll Unzucht, Ruß und Dreck wird nun ganz verklärt! Es ist nun eine Passion, das neckische Dingerl anzuschaun! Sollte etwa doch jener unbekannte Freund Blums eine Art von echt ägyptischem Magier sein?"

[RB.01_069,02] Spricht der Pathetikus: „Ja, ich merke auch so etwas Ähnliches. Aber weißt du, wenn so ein Menscherl recht verliebt ist, und ihr die Liebe die Wangen zu röten anfängt und den Busen anschwellen macht, so ist dann so ein Figürl gleich ganz nett aussehend beisammen! Oh, da hab' ich auf der Erde nicht selten Menscherln gesehen, die in ihrer gewöhnlichen, schmutzigen Hausverfassung direkt grauslich ausgesehen haben, wenn sie aber sonntags mit ihren Liebhabern zum Sperl hinausgewandelt sind, da waren sie gar nicht mehr zu erkennen! Das ist bloß die Liebe, die hier wie auf der Erde nicht selten solche wunderähnliche Verschönerungen des weiblichen Geschlechts hervorbringt. Nimm du ihr die Liebe, und sie wird gleich wieder mit einem anderen Gesicht dastehen!"

[RB.01_069,03] Spricht der andere: „Weißt, du hast wohl in einer Hinsicht recht; hier aber scheint sich die Sache ganz anders zu verhalten! Denn fürs erste ist dies Wesen wirklich auf einmal zu schön geworden, und dann spricht es nun auch ein reinstes und edles Deutsch, es ist keine Spur von einem Wiener Dialekt mehr zu entdecken. Das bewirkt so eine gewöhnliche Liebe nicht! Da muß etwas Höheres, für uns Unbegreifliches mit im Spiel sein. Betrachte nur einmal recht den unendlich zarten Teint, die Weichheit ihrer Arme und ihres Nackens, das schönste Blond ihres Haares, die höchst interessante Form ihres Gesichts und die echt himmlische Rötung ihrer Wangen. Was wahr ist, ist wahr! Du wirst mir in jedem Falle recht geben müssen!"

[RB.01_069,04] Der Pathetikus fängt hier ernstlich zu stutzen an, da er die Bemerkung seines Freundes wohl begründet findet. – Aber ein dritter in der Gesellschaft erhebt sich und spricht: „Werte Freunde. Ihr beide faßt die Sache ganz irrig auf! – Seht, diese Verwandlung hat in meinen Augen einen ganz natürlichen Grund. Wir sind nun in der reinsten Geisterwelt. Unser Leben ist nichts als ein vollkommener Traum, und was wir nun sehen ist ein Spiel unserer Phantasie, an der nichts echt und wahr ist als sie selbst. Dieser Phantasie beliebt es nun, uns allerlei Spektakel vorzumachen, die sich unseren seelischen Traumsinnen wie objektive Wirklichkeiten darstellen. An denen aber ist natürlich ebensowenig gelegen wie an den Bildern, die wir auf Erden mittels einer sogenannten Zauberlaterne zuwege brachten. Seht, so verhält sich die Sache hier! Begreift ihr das?!"

[RB.01_069,05] Spricht der erstere: „Freund, mit dieser deiner Erklärung hat es hier einen offenbaren Haken. Denn wenn das alles nur eine Art Traum wäre, müßte ja deine Erklärung auch ein Traum sein, auf den man dann auch ebensowenig halten könnte wie auf alle übrigen Erscheinungen. Oder könntest du wohl behaupten, daß deine Belehrung an uns von deiner Ansicht eine Ausnahme macht? Ich habe auf Erden sehr oft und lebhaft geträumt; aber welch ein Unterschied zwischen einem Traum und dieser einleuchtend hellsten Wirklichkeit!

[RB.01_069,06] In meinen Träumen verhielt ich mich vollkommen passiv, hier aber bin ich meinem klarsten Bewußtsein nach vollkommen aktiv. Im Traum hatte ich nie eine Rückerinnerung. Und wenn mir schon so etwas vorkam, als wäre es eine Art Rückerinnerung, so war sie stets dumpf und unvollständig. Hier aber ist die Rückerinnerung von einer solchen Klarheit, daß mir sogar die unbedeutendsten Erscheinungen meines irdischen Lebenswandels wie vollendete Bilder einer Camera von A bis Z vorschweben! Sage Freund, kann man das einen Traum nennen?

[RB.01_069,07] Im Traum empfand ich nie vollkommen Schmerzen oder Hunger und Durst. Und die Gestalten der mir im Traume erscheinenden Wesen waren stets sehr flüchtig und wandelbar und verdrängten sich in schneller Reihenfolge sogestaltig, daß von den Vorgängern gewöhnlich nichts mehr vorhanden war, wenn die Nachfolger in Erscheinung traten. Von irgendeiner logischen Ordnung zwischen dem Vorhergehenden und Nachfolgenden war nie eine leiseste Spur zu entdecken. Hier hingegen aber geht alles – wennschon das Gepräge des Wunderbaren unleugbar an sich tragend – in einer solch logischen Konsequenz vor sich, daß man sich als stiller Beobachter darüber nicht genug verwundern kann.

[RB.01_069,08] Welche weise Logik durchweht jede Rede, die entweder Blum oder seine Freunde an jemanden richten! Wie formbeständig und architektonisch richtig ist dieser Saal erbaut! Und wie sieht hier alles so bedeutungsreich aus!

[RB.01_069,09] Und das alles soll ein Traum sein? Nein, Freunde, das ist kein Traum, das ist eine große, heilige Wirklichkeit! – Und wir tun sehr wohl, wenn wir alle diese Erscheinungen mehr zu würdigen anfangen als bisher. Und so kommt mir die merkwürdige Verschönerung unserer Lerchenfelderin nun auch viel bedeutungsvoller als ehedem vor! Was meint ihr nun von meiner Beurteilung dieser Sache?"

[RB.01_069,10] Spricht der Pathetikus: „Freund, du hast recht, ich pflichte dir vollkommen bei. Aber das kann ich nicht begreifen, wie man auch hier leidenschaftlich für oder wider etwas eingenommen sein kann! Sieh, mich ärgert es noch, wie mich ehedem diese nun unbegreiflich schön gewordene Lerchenfelderin gar so lausbubenmäßig hergestellt hat. Und als ich dann bei ihrem Freund und Geliebten Rechtfertigung suchte, erhielt ich auch von ihm, was ich sicher nicht suchte. Kurz, ich ward bis in die innerste Fiber meines Lebens gekränkt, was man als Mann von unbescholtener Ehre doch nicht so gleichgültig hinnehmen kann. Und sieh: eben, daß man auch hier im Reich der Geister, im Reiche der höchsten Ordnung und Konsequenz, gekränkt und beleidigt, ja sogar ordentlich erzürnt werden kann, ist mir ein Rätsel! Erkläre mir, wie das möglich ist, und ich will mich dann vollkommen deiner Ansicht anschließen!"

[RB.01_069,11] Spricht der angeredete Max Olaf: „Mein Freund, diese Sache ist ja ganz einfach und klar! Was ist denn eine Kränkung und Beleidigung? Nichts anderes als eine Zurückweisung unseres natürlichen Hochmuts. Der Hochmut an und für sich aber scheint mir das Gefühl in der Seele zu sein, wonach sie ihre hohe, göttliche Abkunft bloß wie für sich ansieht und so betrachtet, als wäre nur sie allein die Bevorzugte; alles andere sei entweder viel minder oder gar eine Null! Tritt nun dieser Lieblingsidee etwas schroff in die Quere und will neben ihr wenigstens den gleichen Rang auch behaupten, so empfindet die Seele diese Opposition wie schmerzlich, sie beengend und dadurch kränkend. Weil sie daraus ersieht, daß andere von ihr das nicht halten wollen, was sie von sich selbst hält. Ein solcher Zustand der Seele aber scheint mir jedoch sehr unlogisch und unkonsequent zu sein; und er muß eine gerade entgegengesetzte Richtung einschlagen, so aus ihm für die Seele ein wahres Glück erwachsen soll!

[RB.01_069,12] Auf der Erde haben jene, die sich für besser dünken als andere, allerlei Mittel, diesem Dünkel Geltung zu verschaffen. Aber hier, wo es weder Geld, noch Adel, Heere, Bajonette und Kanonen gibt, sieht's mit solch unlogischem Seelendünkel notwendig etwas fatal aus! Denn es ist ja im Grunde doch unrecht, so ein Geschöpf sich vor einem anderen ganz gleichen Geschöpf erheben will. Und fürs zweite ist ein solches Bestreben sogar eine barste Narrheit!

[RB.01_069,13] Denn Logik und Erfahrung sagen, daß im Grunde derjenige Mensch stets der glücklichste ist, der die wenigsten Anforderungen für sich an seine Nebenmenschen stellt. Daher ist es wirklich eine Tollheit, mit etwas das Glück erreichen zu wollen, womit es ewig unerreichbar ist! – Sage mir, was hältst du wohl für besser und zweckmäßiger: das Bestreben nach Erfüllung zahlloser Bedürfnisse, die in der Seele gleich dem Unkraut wuchern, oder eine weise Beschränkung der Bedürfnisse auf ein mögliches Minimum?"

[RB.01_069,14] Spricht der Pathetikus: „Offenbar das zweite. Denn je weniger man braucht, um glücklich zu sein, desto leichter und auch wahrer wird man glücklich!"

[RB.01_069,15] Spricht Max Olaf: „Richtig! So ist es und wird es ewig bleiben!

[RB.01_069,16] Handeln wir nun auch danach und es wird uns keine Lerchenfelderin mehr genieren! Habe ich wohl recht oder nicht?!"

 

70. Kapitel – Ehegeschichte des Pathetikus. Der hilfreiche General.

[RB.01_070,01] Spricht der Pathetikus: „Bruder Max, du hast nun gut, wahr und aus dem Leben gegriffen gesprochen! – Auch ich war von Geburt aus nur ein Landjunker, wie du weißt. Meine Eltern haben nie zur Klasse der Wohlhabenden gehört und konnten mir somit auch keine andere Erziehung geben, als sie selbst hatten. Der Zufall wollte es, daß ich zum Militär kam. Ich war ein sauberer Bursche und hatte das Glück, meinen Oberst für mich eingenommen zu machen. Er gab mich in die Regimentsschule, in der ich binnen kurzem gut lesen, schreiben und rechnen lernte. In den sonstigen Dienstsachen war ich bald einer der Gewandtesten im ganzen Regiment. Die natürliche Folge davon war, daß ich Gefreiter, Korporal, Feldwebel und schließlich nach sieben Jahren schon Offizier wurde. Jung, sauber, lustig und geschickt, und Offizier! Denke, daß ich auch im Punkt des schönen Geschlechts bei solchen Eigenschaften nicht zurückblieb.

[RB.01_070,02] Zum Unglück lernte ich bei einem Erzaristokraten eine seiner Töchter kennen, und das bei Gelegenheit eines Balls, den er dem Offizierkorps gab. Sie war von Geburt eine Baronesse und ihr Vater obendrauf ein ungeheuer reicher Mann. Das Mädchen gefiel mir, und ich ihr wahrscheinlich noch mehr. Kurz, sie fing Feuer und gab es mir unzweideutig zu verstehen, was sie für mich fühle! Ich, von Geburt ein Landwirt und gegenüber dem Baron arm wie eine Kirchenmaus, nur durch meine Leibesvorzüge und nicht durch Verdienst Offizier, das reimte sich wohl schlecht zusammen. Aber was fragt rechte Liebe nach Geburt und Reichtum!

[RB.01_070,03] Wir beide waren also ineinander über Hals und Kopf verliebt, und unser Wunsch war natürlich kein anderer, als einander ehestmöglich zu heiraten. Aber wie? Wie des erzaristokratischen, reichen Vaters Einwilligung erhalten und ihn zur Legung der vorgeschriebenen Kaution bewegen? Ich steckte mich hinter alles, was mich beim Vater nur immer protegieren konnte. Der Erfolg war, daß mir das Haus auf höfliche Art verboten wurde. Was nun?

[RB.01_070,04] Mein Oberst, der mich wie einen Sohn liebte, riet mir, den Dienst zu quittieren, dann nach England zu reisen und mir dort eine bedeutende Militärstellung zu kaufen. Zu diesem Behufe wolle er mir, selbst ein sehr reicher Kavalier, das nötige Geld ohne allen Rückhalt vorschießen. Ich befolgte seinen väterlichen Rat auf das pünktlichste. Kurz, im Verlauf eines halben Jahres war ich, da ich mich zur Marine wandte, erster Kapitän eines Kriegsschiffes, das nach kurzer Zeit die Bestimmung erhielt, nach Ostindien zu segeln. An Tapferkeit fehlte es mir nicht, und die Nautik hatte ich mir bald zu eigen gemacht.

[RB.01_070,05] Nur zu bald boten sich mir tausend Gelegenheiten, mich als Feldherr auszuzeichnen. Alle Operationen, die mir anvertraut wurden, habe ich glänzend durchgeführt, und so fehlte es auch nicht an gebührenden Auszeichnungen. Nach etwa vier Jahren kehrte ich nach England zurück, geadelt und auch sehr reich. Dort bekam ich einen halbjährigen Urlaub, den ich natürlich benützte, um meine Heiratsgeschichte in Ordnung zu bringen.

[RB.01_070,06] Als ich in meinem Vaterland ankam und gottlob meine Eltern und Geschwister am Leben fand, war darauf mein erster Gang in die Stadt, wo sich mein guter Vater Oberst nun schon als Generalmajor befand. Die Freude über unser Wiedersehen war groß. Meine erste Sorge war, ihm die große Schuld abzutragen. Aber er nahm nichts an und sagte, als ich ihm blankes Gold auf den Tisch legte: ,Mein liebster Freund, Sie wissen, daß ich nie verheiratet war und keine Kinder habe. Sie sind mein einziger Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe, und somit auch der Erbe meines sämtlichen Vermögens. Diese Kleinigkeit aber betrachten Sie als ein väterliches Vorgeschenk und machen davon auch keine Erwähnung mehr!‘

[RB.01_070,07] Daß mich eine solche Erklärung bis zu Tränen rühren mußte, das versteht sich von selbst. Wer wohl könnte einem solchen Edel- und Ehrenmann gegenüber ungerührt bleiben? Als wir uns so recht wacker ausgesprochen hatten, so fragte er mich, ob die bewußte Baronesse nie an mich, oder ich an sie geschrieben hätte. Ich erwiderte, daß ich ihr dreimal geschrieben habe, aber leider auf keines dieser Schreiben eine Antwort erhielt. Daß ich aber nun mit diesem Besuch, den ich ganz besonders ihm, meinem größten Freund, schuldig war, auch noch eine Anfrage an den Baron um die Hand seiner Tochter verbinden möchte.

[RB.01_070,08] Der Generalmajor war damit sehr zufrieden, obschon er mir nicht verhehlte, daß der Baron mit seiner Tochter jetzt noch ein anspruchsvolleres Wesen treibe als ehedem. Reichtum sei kein Köder für ihn, ebensowenig auch das Verdienst eines unadelig Geborenen, sondern bei diesem bornierten Aristokraten zähle bloß die Geburt und der hohe Adel. Er habe auch deshalb den ihm vom Kaiser verliehenen Grafentitel zurückgelegt, weil er dadurch zu einem jüngsten Grafen würde, während er sonst doch der älteste Baron sei!

[RB.01_070,09] Daß diese Erklärung auf mein Gemüt keinen sehr günstigen Eindruck machte, läßt sich leicht begreifen. Ich war wohl auch nun ein Edelmann. Aber wo wären bei mir die erforderlichen wenigstens sechzehn Ahnen zu suchen gewesen? Aber der Generalmajor meinte, ich solle dennoch dem Alten meine Aufwartung machen und ihm dabei recht viel Abenteuerliches erzählen von Meeresstürmen, Seeschlangen und Seeschlachten, wovon der Baron ein großer Freund sei; vielleicht gelänge es mir, das Herz des alten Kauzes zu gewinnen!

[RB.01_070,10] Ich befolgte den Rat meines Freundes und wurde vom Alten mit großer Auszeichnung empfangen, was ich für ein gutes Vorzeichen hielt.

[RB.01_070,11] Das Beste an der Sache war das, daß mich meine Emma noch mit derselben Glut liebte wie ehedem. Sie hatte meine Briefe richtig erhalten, mußte dieselben jedoch nur stumm und unter vielen Tränen in ihrem Herzen beantworten. Ich bot natürlich alles auf, um den Alten in Punkto seiner Tochter mir geneigt zu machen. Aber da war alles vergebliche Mühe! Kurz, ich stand nach einem Vierteljahr auf demselben Punkt mit ihm wie am ersten Tag meines Besuches.

[RB.01_070,12] Was ist da zu machen? fragte ich meinen Freund. Nach einer Weile sagte er: ,Ich will Ihnen durchaus keinen bösen Rat erteilen; aber so Sie hier zum Ziel gelangen wollen, so müssen Sie sich schon auf einen Gewaltstreich verlegen. Das Mädchen ist nun nahe an sechsundzwanzig Jahre alt, also vollkommen majorenn und kann über Herz und Hand disponieren, wie es will. Hat es den Mut, sich auch ohne die Einwilligung ihres Vaters zu verheiraten, da nehmen Sie Ihre Emma nur vom Fleck weg! Ich denke, weil das Mädchen selbst Ihnen unlängst den Vorschlag zu einer Entführung machte, so dürfte es auf meinen Vorschlag doch noch eher eingehen, weil er sich auf dem Boden der Gesetzlichkeit befindet. Wenn aber dieser Plan scheitern sollte und Sie hier zu keiner Trauung kämen, dann freilich müßten Sie den Gewaltstreich der Entführung schnell und wohlberechnet wagen und sich dann in England trauen lassen. So es kein anderes Mittel zur Erreichung des Zieles gibt, wird Ihnen am Ende nichts anderes übrig bleiben. Sie werden zwar sicher verfolgt werden! Aber das lassen Sie nur mir über; ich werde die Verfolgung schon so leiten, daß Sie sicher nicht eingeholt werden. Das Weitere werden Sie dann schon selbst zu veranstalten wissen.‘

[RB.01_070,13] Dieser Rat gefiel mir natürlich, und ich führte schon bald den Gewaltstreich aus, weil sich der Ausführung der Heirat unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg stellten. Wie mir hernach von seiten meines Freundes bekanntgemacht, wurde ich auch verfolgt. Aber da mein Freund die Verfolgung zu lenken wußte und fürs zweite das Meer keine Balken hat, so kam ich gut davon. Meine Fregatte betretend, ließ ich mich sogleich von unserem katholischen Schiffskaplan trauen und die Trauung gehörig dokumentieren. Damit war soweit alles in Ordnung, was sozusagen die bloße Heirat betrifft."

 

71. Kapitel – Des Pathetikus Ehehimmel umdüstert sich. Das wahre Gesicht der Gattin.

[RB.01_071,01] Spricht Pathetikus weiter: „Ich sah nun nichts als ein Paradies vor mir, da ich nun das Ziel erreicht hatte. Aber leider stiegen um mein Paradies nur zu bald die düstersten Wolken auf!

[RB.01_071,02] Meine Emma wurde stets mehr von Gewissensbissen gepeinigt, daß sie ihren Vater verlassen hatte, sie wurde daher von Tag zu Tag mißmutiger, bereute den Schritt und verwünschte die Stunde, in der sie mit mir die erste Bekanntschaft gemacht hatte. Ferner wuchs bei ihr auch das Heimweh, so daß ich ernstlich um sie zu sorgen anfing. Ich bot alles auf um ihr vom Leben andere Begriffe beizubringen, aber alle meine Mühe war vergeblich! Und so blieb mir schon nach Verlauf von einem Jahre nichts übrig, als meinen Dienst in England zu quittieren und mich dann mit meiner Ehehälfte als wohlhabender Privatmann nach Wien zurückzuziehen.

[RB.01_071,03] Dort angelangt, wollten wir zu Emmas Vater, um womöglich seine Vergebung zu erlangen. Aber er – wahrscheinlich mehr aus Gram als an einem Nervenfieber – war leider dahin!

[RB.01_071,04] Jetzt war es bei meiner Emma völlig aus. Ihre hochmütigen Geschwister machten ihr die bittersten Vorwürfe und machten sie gleichsam zur Mörderin ihres Vaters, der noch sterbend die Hände nach seiner einzigen Emma ausgestreckt hätte! Solche Nachrichten brachten sie aufs Krankenlager und mich um mehrere Tausende. Sie wurde jedoch wieder gesund und verlangte von mir nicht selten Opfer, die ich kaum erschwingen konnte, die ich ihr aber dennoch mit aller Zartheit darbrachte. Der Zufall wollte nun, daß ihre Geschwister nach ein paar Jahren starben, wodurch mein Weib, Mutter von zwei Töchtern, die alleinige Erbin eines großen Vermögens wurde. Da sollte man denken, dies werde meine Emma wieder fröhlicher und mir geneigter machen.

[RB.01_071,05] Aber nach der Erbschaft erfuhr ich erst, wer sie und wer ich war! – Ihre frühere Gemütskrankheit hatte sich zwar bald nach dem Empfang ihrer Erbschaft gelegt. Aber an ihre Stelle trat eine andere, nämlich die unersättliche Begierde nach Glanz, Pracht und Vergnügungen aller Art.

[RB.01_071,06] Einmal eröffnete ich ihr mit der größten Zartheit, daß so ein Leben nicht in der Ordnung sei und im Grunde sie mich viel unglücklicher gemacht habe als ich sie. Und daß ich in England schon ein Admiral sein könnte, so ich nicht ihr zuliebe dort meine Offiziersstellung verkauft hätte und nach Wien gezogen wäre! Als ich ihr solches unter Tränen sagte, da war der Teufel vollkommen los! Ohne mir ein Wort zu erwidern, lief sie hastig in ihr Gemach, brachte mir Papiere im Werte von zweimalhunderttausend Gulden und sprach: ,Da, mein Herr Gemahl, von Geburt ein Schweinehalter, empfangen Sie, was ich Sie allenfalls gekostet habe! Verlassen Sie meine Wohnung und sehen Sie sich um eine andere um! Auch steht es Ihnen frei, die paar Bälge von Kindern mitzunehmen; denn mit derlei Geschöpfen kann ich mich nicht abgeben, die mir leider in meiner großen Verblendung ein Bauernjunge gezeugt hat! Adieu, wir sind quitt!‘

[RB.01_071,07] Mit diesen Worten warf sie die Tür hinter sich zu, und ich stand mit den zwei weinenden lieben Töchterchen wie versteinert da. Ich ging nach ein paar Stunden selbst zu ihr hin, wurde aber nicht vorgelassen. Der Kammerdiener sagte mir, daß die gnädige Frau Baronin es wünsche, daß ich sogleich aus dem Hause ziehen solle. Ich bedeutete dem Kammerdiener, er möge der Gnädigen vermelden, daß ich weder ihres Geldes noch ihres Hauses bedarf. Ich werde mit meinem eigenen, redlich erworbenen Vermögen mich samt den zwei Kinderchen schon durchbringen!

[RB.01_071,08] Darauf eilte ich sogleich in mein Zimmer und berief meine Dienerschaft. Ich gebot ihnen: ,Packt schnell alle meine Sachen zusammen, denn wir müssen heute noch aus dem Hause. Hole einer von euch noch andere Taglöhner, damit die Sache hurtiger vom Fleck geht!‘ Meine Dienerschaft machte große Augen und lange Gesichter, fügte sich aber emsig meinen Befehlen.

[RB.01_071,09] Als ich gerade mit dem Einpacken beschäftigt war, pochte jemand an meine Tür. Wer war's? Mein guter Generalmajor, der gerade an diesem Tag in Geschäften nach Wien kam! ,Was sehe ich, was tun Sie? Ziehen Sie denn aus?‘, waren seine Worte. Ich erzählte ihm natürlich alles, was vorgefallen war, und das alles ohne meine allergeringste Schuld!

[RB.01_071,10] Der General wußte anfangs nicht, ob er lachen oder sich ärgern solle. Nach einer Weile erst faßte er sich und sprach: ,Mein armer, geliebter Freund, beruhigen Sie sich! Wenn Ihre Gemahlin so ist, da seien Sie von Herzen froh, daß Sie auf eine so honette Art diese adelige Dame los geworden sind! Aber diese wertvollen Papiere behalten Sie für Ihre Kinder, denn da wären Sie wohl nicht recht gescheit, ihr diese namhafte Summe für nichts und wieder nichts zurückzulassen!‘

[RB.01_071,11] Als der General mich so tröstete und belehrte, trat der Kammerdiener der Gnädigen barsch ins Zimmer und sagte: ,Die Gnädigste läßt Euch sagen, daß sie das, was sie Euch als Entschädigung gab, unter gar keiner Bedingung mehr zurücknehmen wolle. Sollte aber dies etwa zu wenig sein, so ist sie erbötig, Euch noch mehr zu geben!‘ – Ich biß mir in die Lippen vor Ärger und konnte wahrlich nicht reden. Dafür aber nahm der General für mich das Wort und sprach: ,Sagen Sie der Gnädigen, diese 200000 Gulden sind für die Opfer, die dieser Mann für sie brachte, nichts anderes als ein lausiger Bettel! Die Ehre eines Offiziers, wie dieser einer war, bezahlt man nicht mit solch einem Bettel! Darum soll die Gnädigste nur in die große Kasse greifen und diesem Ehrenmanne, der seinesgleichen sucht, seine von ihr mit Füßen getretene Ehre vergüten! Sagen Sie der Gnädigen, ich, der Fürst N. N., Vater dieses meines liebsten Sohnes, fordere das von ihr! Und sagen Sie ihr auch, daß sie sich nimmer unterstehen solle, seinen Namen zu führen! Hat Er das alles verstanden?‘ – Spricht der Kammerdiener: ,Ja, Euer Durchlaucht!" ,So packe Er sich!‘ donnerte der General. Der Kammerdiener verbeugte sich bis zum Boden und ging.

[RB.01_071,12] Nach einer Weile öffnete sich die Tür und die Baronin stürzte vor den General hin und bat ihn und mich händeringend um Vergebung. Sie sprach viel von einer kränklichen Laune und von der durch sie bewirkten Übereilung, und Gott weiß, was sie noch alles zusammengeschnattert hat.

[RB.01_071,13] Der General ließ sie ausreden und sprach dann in seiner leidenschaftslosen Ruhe: ,Madame, ich kannte Ihren bornierten Vater und kenne Sie! Der Apfel fällt nie weit vom Baum, und so werden auch Sie, meine Holde, nicht viel besser sein. Dieser Ihr gewesener Mann ist zwar nicht mein leiblicher Sohn. Aber da ich keine Kinder habe, so habe ich es bei meinem guten Kaiser dahin gebracht, daß er ihn einstweilen als meinen rechtmäßig adoptierten Sohn unter dem Titel Graf anerkannt hat. Sterbe ich aber heute oder morgen, so ist er Fürst! Verstehen Sie mich? Und sollten es andere Hochadelige beim Kaiser dahin bringen, daß ihm der Fürstentitel auch im Geheimen nicht zugelassen würde, so bleibt er aber dennoch mein Sohn und alleiniger Erbe aller meiner Güter! Dieser mein Sohn benötigt weder Ihres Hauses noch Ihres Vermögens. Aber Sie haben als Baronin seine Ehre geschändet, und dafür verlange ich als sein Vater eine Genugtuung von einer halben Million! Verstehen Sie mich, Madame?‘ – Spricht die Baronin: ,Durchlauchtigster Herr Schwiegerpapa! Nicht nur eine halbe Million, sondern mein ganzes Vermögen gebe ich her, wenn Sie mir nur verzeihen und mir meinen geliebten Gemahl nicht wegnehmen!‘

[RB.01_071,14] Darauf der General: ,Ja, ja, meine holde Tochter, jetzt, da Sie zum ersten Mal erfahren haben, daß dieser ,Schweinehalter‘, wie Sie ihn zu titulieren pflegten, mein Sohn ist, fühlen Sie wieder Liebe zu ihm! Aber auf diese Art wird es sich wohl schwerlich mehr tun. Gehen Sie daher in Ihr Gemach zurück, denn ich habe meinem Sohn wichtige Dinge zu eröffnen.‘ Emma bittet nun noch inständiger um Vergebung und gelobt bei allem, was ihr heilig ist, mit mir durch ihr ganzes Leben lieber eine Schweinehirtin zu sein, als mich nur eine Minute mehr zu verlassen! – ,Gut‘, sprach darauf der General, ,das werden wir sehen! Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen sogleich auf den adeligen Zahn zu fühlen und werde sehen, wie Sie die Probe bestehen!‘ – Spricht Emma: ,Tun Sie mit mir, was Sie wollen; nur als eine Leiche werde ich mich von meinem Gemahl trennen lassen!‘ – Spricht der General: ,Nun das wird sich sogleich zeigen, liebste Baronin! Warten Sie auf keine neue Probe von mir; denn ich habe mit Ihnen die Probe schon gestellt und Sie haben diese zur Hälfte schlecht bestanden. Sie lieben meinen Sohn, weil Sie nach meinem Geständnis ihn nun ungezweifelt dafür halten. Aber dem ist nicht so! Ich sagte das nur, um Sie zu prüfen und Sie dadurch von der Schmählichkeit ihres Aristokratenhochmuts schlagend zu überzeugen. Als ihre Leichtgläubigkeit in Ihrem Gemahl nicht mehr den stinkenden Schweinehalter, sondern einen Fürsten gewahrte, da fingen Sie an, zu Kreuz zu kriechen! Aber was werden Sie nun tun, so ich das nur zu Ihrer Probe Gesagte fest widerrufe und sage: Ihr mir über alles schätzbarer Herr ist doch nur der Sohn eines Bauern?‘

[RB.01_071,15] Als Emma solches vernahm, sprang sie jählings auf und rief: ,Was!! So verfährt man mit der Tochter des reichen Barons N. N.? – Also mein Gemahl kein Fürst, sondern nur ein Bauernsohn und ein in England neugebackener Gentleman! Oh, das ist schändlich, das ist unaussprechlich niederträchtig! Mich, eine Baronin ersten Ranges, so zu einer barsten Gans zu stempeln! – Kammerdiener!‘ – Spricht der Kammerdiener: ,Was wünschen gnädige Frau Baronin?‘ – Spricht Emma: ,Gehe Er eilends in mein Gemach und hole die Papiere auf meinem Tisch, damit ich diesem Bauern da seine gekränkte Ehre vergüte!‘ – Sprach der General: ,Hat nicht vonnöten, meine Gnädige! Ich wußte es ja, daß die zweite Probe schlechter als die erste ausfallen werde. Sie sind und bleiben, was Sie sind; Sie verstehen mich hoffentlich? Und dieser mein wirklicher Sohn bleibt aber trotz seines Bauerntums das, wie ich's Ihnen früher kundgab! Und nun gehen Sie weiter!‘

[RB.01_071,16] Bei diesen Worten kehrt sich Emma noch einmal um und sagt: ,Euer Durchlaucht! Sie hatten die Güte, mir soeben zu bemerken, daß ich diese Probe schlecht bestanden habe. Aber Dieselben bedenken dabei nicht, daß vielleicht dieser ganze von mir wohlberechnete Auftritt nichts anderes war als eine energische Frage an meinen Herrn Gemahl, ob er mich wohl noch liebe? Denn ich muß nun offen gestehen, daß mein Herr Gemahl seit nahe anderthalb Jahren sich gegen mich mit einer mir kaum begreiflichen Kälte benommen hat, die mich ganz unglücklich machte. Ich gab ihm oft zu verstehen, wie ich ihm nun das nicht mehr sei, was ich ihm einstens war! Aber da wußte sich der fürstliche Herr Gemahl allzeit mit tausenderlei zu entschuldigen. Da mußte es doch irgendeinen Haken haben!

[RB.01_071,17] Ich bin nun sehr reich und kann so manches tun, um das Herz meines Gemahls zu erforschen. Ich gab Gesellschaften und Bälle und ließ mir von Kavalieren den Hof machen, um zu sehen, ob er doch etwa einmal mit etwas Eifersucht zum Vorschein kommen werde. Aber da war alle meine Mühe vergeblich! Es schien ihm sogar recht zu sein, daß ich mich mit andern besser unterhielt als mit ihm! Lange ertrug ich diese Schmach für mein Herz. Da aber seine Kälte gegen mich nur zunahm, und er auch mein Schlafgemach gar nicht mehr zu kennen schien, so faßte ich eben diesen Entschluß, den ich heute ausführte, um eine letzte ernste Frage an sein Herz zu tun!

[RB.01_071,18] Aber es blieb auch diese ohne den geringsten Erfolg. Weil ich aber ohne mein Verschulden seine Liebe so ganz verloren habe, so sei sie denn in Gottes Namen verloren!

[RB.01_071,19] Wahrlich, Euer Durchlaucht, ich rede nun die volle Wahrheit: Solange ich als eine Arme an seiner Seite stand, liebte er mich mit einer Kraft, die ich kaum begreifen konnte. Als ich aber alleinige Erbin eines großen Vermögens wurde, da war es gerade aus bei ihm! Er äußerte mir nicht nur keine Freude darüber, sondern er ärgerte sich allzeit darüber und sagte mir oft ins Gesicht: ,Dein Geld wird diesem Hause Fluch, nie aber einen Segen bringen!‘ – Überlegen Euer Durchlaucht nun ganz nüchtern meine Lage und urteilen dann über mich, ob ich wohl eine so infame Sünderin bin, als wie Sie und Ihr Herr Adoptivsohn nun meinen!‘"

 

72. Kapitel – Forderungen der Gattin Emma. Des Generals Vermittlungsmühe. Ehesturm.

[RB.01_072,01] „Der General sagte darauf zur Emma: ,Meine liebe Frau Schwiegertochter! Wenn sich die Sache so verhält, bekommt unser Prozeß freilich ein ganz anderes Gesicht. Ich werde dadurch genötigt, Sie vor allem um Vergebung zu bitten und hernach meinem Herrn Sohn einige Leviten zu lesen!‘ – Spricht Emma: ,Euer Durchlaucht, ich verlange nichts als unsere erste Liebe! Ist diese da, dann will ich ihm alles vergeben und alles tun, was immer sein Herz verlangt!‘ Der General wandte sich nun zu mir und sagte: ,Ja, höre du, mein Sohn, wenn es an dir liegt, daß dein Weib dir nur notgedrungen solche bedauerliche Exzesse machte, so mußt du nun vor allem deinen Fehler wieder gutmachen! Emma wünscht deine erste Liebe. Also enthalte sie ihr nicht vor!‘

[RB.01_072,02] Darauf erwiderte ich: Mein geliebter Vater! Meine Liebe zu Emma ist noch nie schwächer geworden als bei unserer ersten Bekanntschaft. Aber so die allerliebste Emma dort Gespenster sah, wo sie nicht waren, da kann ich wahrhaftig wenig dafür! Daß ich ihr nicht eifersüchtige Vorwürfe machte, ist allein meinem zartfühlenden Herzen zuzuschreiben. Daß ich bei mir dennoch so manches Bittere empfand, weiß freilich nur ich allein! Was aber ihr großes Vermögen betrifft, muß ich leider zugeben, daß ich darauf nie einen Wert gelegt habe. Ja, ich muß offen gestehen, daß mich der Anblick des großen Vermögens meiner Emma höchst unangenehm berührt hat. Denn je reicher irgendein Haus ist, desto mehr Gelegenheit bietet es auch zu allerlei sündigen Ausschweifungen! – (Mich zur Emma wendend): Siehe, hättest du die Tausende, die dich deine Gesellschaften kosteten, den Armen zukommen lassen, wie glücklich wären diese und ich gewesen! Aber du wolltest mich dadurch nur strafen, und das war nicht löblich von dir! Denn einen noch nachsichtig geduldigeren Gatten kann es wohl kaum geben, als ich es allezeit war!

[RB.01_072,03] Emma wußte darauf nichts Rechtes zu erwidern, schien aber mit Ungeduld auf den Kammerdiener zu warten. Endlich kam dieser ihr mit einem schweren Paket entgegen. Sie herrschte ihn sogleich an, dieses auf den Tisch zu legen. Dann blickte sie mich etwas höhnisch lächelnd an und sagte: ,Ich muß doch zuvor die dir angetane Beleidigung wiedergutmachen, bevor du mir wieder gutwerden kannst!‘ – Worauf ich erwiderte: Liebe, teuerste Emma! Ich liebe dich zu sehr, als daß ich nur den geringsten Groll auf dich haben könnte! Auch habe nicht ich, sondern mein geliebter Vater in einer verzeihlichen Aufwallung eine solche Forderung an dich getan. Nimm daher deine Papiere nur wieder in Verwahrung und werde mir wieder ganz dieselbe Emma, die mir vor einigen Jahren nach England gefolgt ist, und für die ich mein Leben tausend Gefahren preisgab!

[RB.01_072,04] Die Emma stutzte hier und sagte nach einer Weile mit wahrhaft stoischem Gleichmut: ,So du mich schon liebst, so tue mir doch den Gefallen und nimm diese Papiere in deine Verwahrung, denn du weißt ja, daß ein Weib mit dem Geld nicht umzugehen versteht!‘ – Worauf ich sagte: Das ist etwas anderes! Mit dem größten Vergnügen will ich deinem Verlangen nachkommen! Aber nun mußt du mir auch deine Hand reichen zum Zeichen, daß du mir wieder gut bist, und auch um einen schon lang vermißten Kuß nicht verlegen sein! Komm, Emmchen, mache mich wieder glücklich! – Sie spricht: ,Dazu hat es schon noch Zeit, mein Herr Gemahl! Eine Frau muß mit dem Besten nicht gar zu freigebig sein, so sie den Kurs der Liebe aufrechterhalten will! Dann muß ich dir noch etwas Besonderes bemerken: Ich habe dir schon einige Male gesagt, daß ich nicht Emma, sondern nach meinem ersten Taufnamen Kunigunde heiße! Warum nennst du mich denn immer Emma und nicht Kunigunde, einen echt altadeligen Namen, auf den schon meine Mutter und Großmutter getauft waren? So du mich wahrhaft liebst, nenne mich in Zukunft auch bei meinem würdigen, rechten Namen!‘

[RB.01_072,05] Ob dieser Liebebedingung kommt mir und natürlich auch dem Herrn General das Lachen an. Ich sage daher auch zur Emma: Aber meine liebe Gemahlin, das tat ich ja nur aus purer Achtung vor dir! Du kennst ja doch das gewisse Lied, in dem von ,Eduard und Kunigunde‘ auf eine lächerliche Art zur Belustigung des Publikums herabgesungen wird! So oft ich dich rief, so fiel mir auch allzeit jenes dumme Lied ein. Auch klingt der Name Emma doch ästhetischer als Kunigunde. Willst du von nun an aber durchaus Kunigunde heißen, nun, in Gottes Namen, so will ich dich ja auch recht gerne so nennen! – Spricht sie darauf bissig: ,Ja, ja, was man nicht mag, das sucht man eben lächerlich zu machen!‘ – Sage ich: Was fällt dir denn ein! Ich werde dich doch nicht lächerlich machen wollen, die du mir so unendlich lieb und teuer bist! Ich hoffe nun, daß du dies für beendet ansehen und mir nun die Hand zur gänzlichen Aussöhnung reichen wirst! Oder hast du etwa noch etwas im Hintergrund?

[RB.01_072,06] Sprach Sie: ,Oh, nur genug!‘ Erwiderte ich: Was denn alles noch, wenn ich fragen darf, meine geliebteste Em – hätte ich bald gesagt –, bitte tausendmal um Vergebung! – Kunigunde wollte ich sagen! Nur heraus, Kundl, was dich noch drückt!

[RB.01_072,07] Auf diese etwas lakonisch-zärtliche Frage hob sie den Fuß und stieß damit vor Zorn so gewaltig auf den Boden, daß darob die Gläser in meinem Kasten klirrten. Und dann folgte ein schneidendes ,Nein!‘ – mit Begleitung von einigen Tränen. Diesem bedeutungsvollen Nein folgte eine stumme Zornpause, sodann eine ganze Legion von Namen an meine Person, die wahrlich der derbsten Öbstlerin keine Schande gemacht hätten! Zum Schluß herrschte sie mich noch an: ,Wir sind quitt! Ich will von dir nichts mehr hören und sehen! Bezahlt bist du, und so sind wir quitt für ewig! Mich hänseln auch noch! Das ginge mir noch ab von so einem Lümmel, der von irgendeiner bäurischen Kuh geworfen wurde! Du magst tausend Male vom Kaiser selbst zum Fürsten erhoben sein, so bist du aber für mich, eine Baronin von uraltem Geschlecht, doch nichts, verstehst du? Gar nichts bist du gegen mich! Sieh, daß du mir ehestens aus den Augen kommst!‘

[RB.01_072,08] ,Mit der richten wir nichts‘, sprach der General, ,denn die ist eine komplette Närrin! Laß sie gehen, mein Sohn, und kümmere dich nicht mehr um sie! Vielleicht bessert sie die Zeit eher als wir beide. Aber die Papiere nimm nur mit, denn es kann eine Zeit kommen, wo sie sogar ihr gute Dienste leisten werden, wenn sie etwa nur zu bald ihre Reichtümer vergeudet haben wird.‘

[RB.01_072,09] In diesem Augenblick tritt auch mein Kammerdiener ein und meldet mir, daß er eine sehr schöne, sogleich beziehbare Wohnung gefunden habe. – ,Gut‘, sprach der General, ,also jetzt nur geschwind auf- und eingepackt!‘ Spricht der Kammerdiener: ,Herr, bis auf dieses Zimmer ist schon alles in der Ordnung! Nun kommen die Träger hier herein!‘"

 

73. Kapitel – Fortsetzung der Ehegeschichte. Emmas Nervenkrisis und Umkehr.

[RB.01_073,01] Pathetikus: „Nun gut. Sehr gut hast du es gemacht! Spricht der Kammerdiener: ,Euer Gnaden werden eine rechte Freude haben mit der Wohnung! Sie ist zwar nicht in der Stadt, sondern in einer der Vorstädte. Aber eine wahre Prachtwohnung, versehen mit allen möglichen Bequemlichkeiten und kostet wirklich eine Bagatelle!‘

[RB.01_073,02] Spricht der General: ,In welcher Vorstadt ist es und im wievielten Stock?‘ – Spricht der Kammerdiener: ,Die Vorstadt nenne ich aus guten Gründen (dabei auf mein Weib hindeutend) nicht. Stock aber ist es der zweite! – Denn wenn man sich vor dem Feind zurückzieht, darf man ihm nicht auf die Nase binden, wohin!‘ Sagt der General: ,Ihr müßt einmal auch schon vor dem Feind gedient haben, weil Ihr das so gut wißt?‘ – Spricht der Kammerdiener: ,Zweifach, Euer Exzellenz! Einmal als Wachtmeister vor dem wirklichen, wo es Bomben, Granaten und Kartätschen geregnet hat; und bald darauf vor dem unwirklichen, nämlich vor meinem Weib! Da hat es zwar keine Bomben, Granaten und Kartätschen geregnet, aber dafür ganze Heuschreckenzüge von Lästerzungen! Fünf Jahre habe ich's ausgehalten mit aller Geduld und Zartheit. Aber es war mit ihr um keinen Preis mehr auszukommen. Ich zog mich daher vor diesem zweiten Feind zurück, suchte mir einen Dienst und fand auch bald einen, nämlich hier! Wenn vielleicht Euer Gnaden Frau Gemahlin wünschte, bei meiner liebenswürdigen Gattin in diesen Dingen einen gründlichen Unterricht zu nehmen, so könnte ich ihr kein tauglicheres Individuum anempfehlen!‘

[RB.01_073,03] Meine Emma, aus Ingrimm an einem entfernten Fenster des Zimmers stehend, läuft darauf auf meinen Kammerdiener verbissen zu und zieht ihre zarte Hand für eine energische Ohrfeige gewisserart vom Leder. Aber der Kammerdiener pariert und spricht: ,Oha! Solches Gfraßt kann ich mir drunten bei einer Öbstlerin schon selber holen! Mein Gesicht ist nicht so nobel, daß es sich zum Rasieren von einer hochadeligen Hand sollte einseifen lassen! Drei Schritte von meinem ehrlichen Feldwebelleib, sonst könnte ich auf den Gedanken kommen, mit der gnädigen Frau Baronin einen ganz kuriosen Tanz anzugehen, verstanden?!‘ – Emma zerbarst nahe vor Zorn und schrie: ,Mir aus den Augen, Canaillenvolk; mir aus den Augen, Bestien!! Er niederträchtiger Kujon! Wie kann Er sich unterstehen, miiir solche Sottisen ins Angesicht zu sagen, mir, einer Baronin vom ältesten Adel! Packe Er sich augenblicklich aus meinen Augen, sonst lasse ich ihn durch die Polizei holen!‘

[RB.01_073,04] Spricht der Kammerdiener: ,Hat's nicht nötig, Euer Gnaden, Frau Baronin! In einer halben Stunde werden wir gottlob aus dem Bereich Ihrer Augen kommen. Zürnen Sie nicht, denn das könnte auf Ihre zartesten Nerven von sehr üblem Einfluß sein!‘ ,Schweige Er, impertinenter Lümmel, sonst soll Er es sogleich empfinden, was es heißt, eine Baronin so zu beleidigen! Ich bin imstande und werfe ihm, was mir in die Hände kommt, in sein scheußliches Affengesicht!‘ Spricht ein anderer Bedienter zum Kammerdiener: ,No, du, jetzt hast bald Zeit 's Maul z'haltn, sonst erleb'mer noch so a klans Vorspiel zum Jüngsten Tag! Schau, daß mer weiterkommen!‘ Sage ich: Ja, ja, tummelt euch; denn jetzt möchte ich schon selbst lieber fliegen als gehen!

[RB.01_073,05] Als ich kaum ausgeredet hatte, springt Emma zu mir hin und schreit: ,Nein, nein! Habe ich das um dich verdient, daß du mich nun im Ernste verläßt und mich obendrauf dem Gespött deiner frechen Dienerschaft preisgibst? Sieh, ich war in eine üble Laune geraten, wie und warum, das wird nur Gott wissen; kurz, ich wurde wieder krank und bin dir gewiß in meinem Leiden roh und bitter entgegengekommen. Aber nun fällt es mir wieder wie Schuppen von den Augen. Ich gewahre dumpf, daß ich dich, wie den Herrn General muß ganz tüchtig beleidigt haben! Und du hast nicht erkannt, daß dies nur deine arme, kranke Emma getan hat, die ihrer gesunden Sinne nicht mächtig war! O du mein teuerster Gemahl! Tue mit mir, was du willst; strafe mich, wenn ich Strafe verdient habe! Aber nur verlasse mich nicht!‘

[RB.01_073,06] Mit diesen Worten fällt sie mir schluchzend an die Brust und umfaßt mich krampfhaft. Die Dienerschaft macht große Augen und fragt mich, was nun zu machen wäre – ob weiter fortzuziehen oder wieder zurückzuwandern sei? – Spricht Emma: ,Augenblicklich ist auf meine Rechnung wieder zurückzuziehen und die Miete der Wohnung auf ein halbes Jahr zu bezahlen!‘

[RB.01_073,07] Spricht darauf der General: ,Ja, wenn die Sache so steht, da bedauere ich dich und auch deine Gattin, die mir im Ernst krank zu sein vorkommt. Natürlich kannst du als Kavalier, Mensch und Gatte unter solchen Umständen deine Emma in keinem Fall verlassen! Ich aber werde nun einen notwendigen Gang machen und in ein paar Stunden wieder bei euch sein. Richtet mir ein Zimmer ein, denn ich werde einige Tage bei euch zubringen.‘ – Der General empfiehlt sich nun. Die Diener gehen an ihre Rückwanderungsarbeit, was ihnen etwas fatal vorkommt. Und meine Emma ist wie ausgewechselt und weiß sich kaum an etwas zu erinnern, was früher zwischen uns vorgefallen ist! Ich staunte heimlich; die Emma kurz vorher noch ein Teufel – ward jetzt zu einem Engel!"

 

74. Kapitel – Überraschungen für den Pathetikus. Er findet alte Bekannte. Olafs guter Rat.

[RB.01_074,01] Spricht endlich wieder der Max Olaf: „Mein geehrtester Freund, deine eheliche Lebensgeschichte fängt an, sich stark zu dehnen! Daher lassen wir die weitere Fortsetzung derselben, umso mehr, als sie mir ebensogut bekannt ist wie dir selbst. Denn wisse, ich, hier unter dem Namen Max Olaf, der ich dir hier als ein rechter Freund zur Seite stehe, bin ja ebenderselbe Oberst und General, der dich auf der Welt aus nichts zu etwas gemacht hat. Und dieser Freund da, der alle diese Erscheinungen samt der Wandlung der Lerchenfelderin für einen puren Traum ansieht, ist jener Baron, dessen Tochter ohne sein Wollen dein Weib wurde. Willst du aber auch dein Weib hier kennenlernen, mit der du nahezu zwanzig Jahre auf der Erde gezankt hast? So sieh das armseligst ausschauende Wesen, das halbnackt und entsetzlich mager hinter dem Baron auf dich herüberlugt – und du hast dann das wirkliche Schlußstück deiner ganzen Lebensgeschichte beisammen! – Bist du zufrieden mit der Lösung deiner uns so gedehnt erzählten Lebensgeschichte?"

[RB.01_074,02] Spricht der Pathetikus: „O du verzweifeltes Wetter! Na, die Sache wird sich machen! Ich glaube, die mißliche Fortsetzung meiner Lebensgeschichte wird hier wieder wie der zweite Akt eines Dramas ihren Anfang nehmen! Was meinst du, mein aufrichtiger Freund?!"

[RB.01_074,03] Spricht Max Olaf: „Lieber Freund, mir kommt es stark so vor, daß wir uns fast ausschließlich an jenen Mann werden halten müssen, so wir eine bessere Fortsetzung unseres Lebensdramas gewärtigen wollen! Denn sieh, mir als einem stummen Beobachter ist nichts entgangen, was sich hier in diesem Gemach während deiner Erzählung für mein Gemüt Wichtiges ereignet hat. Die Lerchenfelderin wurde neu bekleidet und sieht nun wie ein purster Engel aus. Und je mehr sie jenem sonderbaren Mann mit Liebe zugetan ist, desto schöner und weiser wird sie auch! Aber nicht sie allein ist so glücklich. Ich sehe schon eine Menge, die früher gleich uns sehr elend dastanden. Wie sie sich aber jenem Manne mehr haben zu nähern angefangen, bekamen sie sogleich ein besseres Ansehen und ihre Kleider verwandelten sich nahezu wie ihre Gemüter!

[RB.01_074,04] Freund, das sind ja doch im buchstäblichen Sinne des Wortes Wunder über Wunder!

[RB.01_074,05] Dort auf einer geräumigen Tribüne ersiehst du etwa vierundzwanzig weibliche Wesen im Ballettkostüm, die sehen doch schon rein himmlisch aus! Und dort am mit Brot und Wein besetzten Tisch stehen der Demokrat Blum, der uns bekannte Messenhauser, Doktor Becher und Redakteur Jellinek! Welch eine heilige Würde strahlt aus ihren Angesichtern und von welcher Weisheitstiefe ist jede ihrer Reden erfüllt! Wie freundlich und dabei doch so erhaben ernst ist ihr Benehmen!

[RB.01_074,06] Und dennoch scheint ihnen jener schlichte Mann, der nun der schönen Lerchenfelderin förmlich den Hof macht und mit ihr von nichts als Liebe spricht, alles in allem zu sein. Denn sie fragen ihn um alles. Er ordnet alles an und es ist da und dort, was er will und was er gebietet! Dabei aber ist sein ganzes Benehmen ein anspruchsloses und himmlisch freundliches, daß ich ihn bloß durchs Zusehen und Beobachten schon so liebgewonnen habe, wie man nur immer einen besten Freund lieben kann!

[RB.01_074,07] Ich möchte selbst zu ihm hineilen und ihn so zu liebkosen anfangen, wie ein sehr bedrängter Feldherr eine eroberte feindliche Hauptfahne liebkost, von deren Eroberung der vollkommene Sieg abhängt! – Sage mir, Freund, fühlst du nicht auch ein ähnliches Bedürfnis in dir? – und du, Traumdeuter von einem Baron samt deiner Tochter Kunigunde-Emma?"

[RB.01_074,08] Spricht der Pathetikus: „Ich für meine Person fange nun auch das gleiche zu fühlen an. Aber ob es mein Herr Schwiegerpapa und meine Emma auch so fühlen, das ist freilich eine ganz andere Frage. Vielleicht die Emma, bei der ich in der letzten Zeit einige Spuren von Religiosität entdeckt habe. Aber was den Herrn Baron betrifft, so kenne ich viel zu wenig, wie er denkt und fühlt! Das wenigstens dürfte gewiß sein, daß er mit seinen irdischen Ahnen-Hoheitsbegriffen hier keine zu weiten Sprünge wird machen können!"

[RB.01_074,09] Spricht der Baron: „Mein lieber Tochterentführer, kehren Sie nur schön fleißig vor Ihrer eigenen Flur! Denn so ich mit Ihnen hier rechten wollte, da würde es einen tüchtigen Prozeß absetzen! Aber ich habe Ihnen auf der Welt alles vergeben, und so sind wir in unserem fraglichen Streitfall quitt. Haben Sie aber hier in dieser mir wie ein Traum vorkommenden Welt etwas Ersprießliches vor mir voraus, so entgelten Sie mir hier durch Ihre Freundschaft, was Sie mir auf der Erde feindlich genug entwendet haben, nämlich mein Leben! Denn meine Emma war dort mein Leben, das Sie mir geraubt haben! Aber ich habe Ihnen diesen Raub vergeben. Fragen Sie daher nicht, wie ich hier gesinnt sei, sondern helfen Sie mir und der armen Emma, so Sie uns irgend helfen können!"

[RB.01_074,10] Spricht Max Olaf: „Vollkommen richtig, sozusagen mir aus dem Herzen gesprochen, lieber Freund! Der Schwiegersohn wird das auch sicher tun, denn an gutem Willen hat es bei ihm nie gemangelt. Nur geht uns allen hier noch das Können ab. Aber ich hoffe zu Gott, daß wenigstens einem von uns bald geholfen wird, und dieser wird dann auch seine lieben Freunde nicht in der Not sitzen lassen!"

[RB.01_074,11] Spricht der Baron: „Ich danke Ihnen recht herzlich dafür! Irgendeine Hilfe täte mir und Emma überaus not. Denn etliche zwanzig Jahre, die hier zu zweitausend geworden sind, schmachte ich schon in der größten Verlassenheit! Keine Hilfe, kein Trost, kein Licht kam bis nun zu mir. Sie sind der erste, der angefangen hat, mir aus meinem langen Traum zu helfen. O Freund, vollenden Sie aber auch, was Sie begonnen haben, so soll mein Herz und Leben Ihnen zum Lohn geweiht sein!"

[RB.01_074,12] Spricht Max Olaf: „Liebe Freunde, und Sie auch, meine arme Emma! Folget mir getrost dorthin zu jenem herrlichen Mann, der sich nun mit Doktor Jellinek bespricht. Ich will dort vor ihm einen Kniefall machen zu eurem und vielleicht auch meinem Besten! Wenn der uns seine wunderbar hilfreiche Hand bietet, wird uns auch geholfen sein! Aber es heißt sich vor ihm ungeheuer zusammennehmen, das habe ich schon beobachtet. Denn so unaussprechlich gut er auch sein mag, besitzt er aber daneben auch eine enorme Weisheit, vor der jeder unserer allertiefsten Gedanken wie Butter an der Sonne zerschmilzt. Wie wir denken und fühlen, so müssen wir vor ihm auch reden, denn vor seinem Scharfblick läßt sich kein Hinterhalt machen! Kommt daher mit mir, vielleicht finden wir Gnade bei ihm!"

[RB.01_074,13] Spricht der Pathetikus: „Bruder, wie wäre es denn, so du ohne uns allein zu ihm hingingest und machtest für uns einen Fürsprecher? Denn wahrlich, ich habe heimlich vor ihm eine ganz eigene Art von Furcht!"

[RB.01_074,14] Auch der Baron und Emma bitten den General Max Olaf darum. Und dieser spricht: „Liebste Freunde, was ich für euch tun kann, das werde ich auch tun. Aber sammelt euch unterdessen, denn ich ahne, daß ich mit einer guten Antwort bald zurückkehren werde!"

 

75. Kapitel – Olafs Bitte für das Wohl seiner Freunde. Des Herrn Verheißung an ihn. Menschenseelen-Fischfang. Der blindstörrische Pathetikus.

[RB.01_075,01] Nach diesen Worten begibt sich Max Olaf sogleich zu Mir hin, verbeugt sich tief und spricht: „Erhaben weisester und sicher auch liebevollster Freund! Von allem, was nun während meines Hierseins sich wunderbar ereignet hat, ist meinen Augen nichts entgangen. Aber bei all dem habe ich auch bemerkt, daß sich alles ganz allein auf dich stützt! Du scheinst wenigstens hier in diesem Hause der Grund von allem zu sein. So scheint es auch, daß es hier eigentlich bloß auf dich ankommt, ob da jemand glücklich oder unglücklich werden soll. Wer dich gewonnen hat, der hat, wie mir vorkommt, alles gewonnen! – Auf deine ersichtliche Güte vertrauend, habe ich, vielleicht der Unwürdigste von allen, mir die Freiheit genommen, dich aus dem Innersten meines Herzens zu bitten: daß du jenen dreien dort, nämlich zwei Männern und einem gar armseligen Weibe deine Gnade, Liebe und Freundschaft zukommen lassen wollest! Es klebt an ihnen wie an mir wohl noch manch irdischer Klumpen, der für diese Geisterwelt kaum zu brauchen sein dürfte. Aber wir alle sind, bei Gott dem Lebendigen, sicher vom besten Willen beseelt und werden nach all unseren Kräften zu ergänzen trachten, was uns noch abgeht, um uns dadurch deiner Gnade würdiger zu erweisen."

[RB.01_075,02] Rede Ich: „Mein geliebter Freund und Bruder, Ich sage dir, gehe hin und bringe sie zu Mir! Denn wo ist wohl ein Vater, der dem Ohr und Herz verschlösse, der ihn um Gnade für seine Kinder anfleht? Siehe, das würde selbst der härteste Vater auf Erden nicht tun; um wieviel weniger Ich, wo in Mir doch alle Liebefülle des himmlischen Vaters körperlich wohnt! Daher eile nur und bringe sie alle her, die nach Mir verlangen!"

[RB.01_075,03] Spricht Max Olaf voll tiefster Freude: „O Freund, ich wußte es ja, daß ich zu dir keine vergeblichen Schritte machen werde! Ich danke dir schon im voraus für alle; denn nun sehe ich sie schon im Glück weinen vor Freude! Oh, ich danke dir, ich danke dir!"

[RB.01_075,04] Rede Ich: „Aber liebster Freund und Bruder! Ich habe nun immer gewartet, daß du für dich selbst auch etwas bitten möchtest; aber es kam nichts dergleichen zum Vorschein. Willst denn du nicht auch ein bißchen glücklicher sein, als du nun bist?"

[RB.01_075,05] Spricht Olaf: „O du himmlisch lieber, guter Freund! Sieh, ich bin so beschaffen, wenn ich nur andere glücklich sehe, da bin ich auch schon glücklich im Anschauen des Glückes derer, die mir am Herzen liegen! Ich war ja auf der Welt auch nicht anders. Ich vergaß darum stets für mich zu sorgen, weil mir nur das Wohl anderer am Herzen lag! Daher mußt du, bester Freund, es mir nicht für übel nehmen, so ich zu dir nur für andere um deine Gnade bitte. Ich vergaß dabei meiner fast so, als bedürfte ich ihrer weniger als jene, für die ich dich gebeten habe! Oh, ich bedarf ihrer gar sehr, warte aber gerne darauf, so ich zuerst die andern glücklich sehen kann!"

[RB.01_075,06] Rede Ich: „Höre, liebster Freund und Bruder! Ich wußte es wohl, wie dein Herz beschaffen ist und wie es mit dem Meinen in der größten Harmonie steht. Ich fragte dich aber nicht, als wüßte Ich's nicht – sondern um dein Herz für etwas vorzubereiten, was zu fassen du nun noch nicht imstande bist. Aber Ich Selbst werde dich bald fähig machen! – Gehe nun hin und bringe sie her, die dir am Herzen liegen! Lasse aber noch von mehreren dein Herz belasten, denn Ich sage dir: Alle, die du Mir herbringen wirst, sollen angenommen werden! – Verstehst du das? Ja, du verstehst es!"

[RB.01_075,07] Max Olaf verneigt sich nun wieder tief vor Mir und kehrt zu den Seinen zurück. Als er dort sehnlich erwartet zurückkommt, fragt ihn der Baron gleich, wie er und seine Bitte bei Mir aufgenommen worden sei.

[RB.01_075,08] Spricht Max Olaf: „Meine Lieben alle, ich sage euch: Allerbestens! Nicht nur ihr allein, sondern so viel sich ihrer uns anschließen wollen, werden bei ihm Aufnahme finden! Daher lasset uns ein wenig unter dieser Menge umsehen, ob sich nicht noch jemand findet, der sich uns anschlösse!"

[RB.01_075,09] Spricht der Baron: „O lieber Freund, sehen Sie da gleich hinter Emma noch ein paar weibliche Wesen, es sind meine älteren zwei Töchter! Und hinter ihnen ihre Gatten, und daneben noch ein paar treue Domestiken – vielleicht würden sie auch angenommen, wenn sie mit uns hingingen?" – Spricht Max Olaf: „Nur her mit ihnen! Was mit uns geht, wird angenommen, denn ich habe dafür sein göttliches Wort! Aber wir müssen uns nun um noch mehrere umsehen."

[RB.01_075,10] Spricht der Pathetikus: „Hören Sie, mein Freund! Da weiß ich ein Mittel: wir gehen unter die uns bekanntere Menge und machen unter ihr einen allgemeinen Aufruf. Wer sich dem fügen will, der wird uns auch folgen. Wer aber nicht, der bleibe eben zurück. Nötigen, glaube ich, sollten wir gerade niemanden."

[RB.01_075,11] Spricht Max Olaf: „Vom Nötigen ist da ohnehin keine Rede! Aber erklären müssen wir es ihnen doch, warum wir von ihnen zu ihrem höchst eigenen Wohl so etwas wünschen! Eine solche Erklärung wird hoffentlich doch keine Nötigung sein?" – Spricht der Pathetikus: „Je nachdem man die Sache nimmt. Eine zu magere Erklärung wird wenig Effekt machen. Eine wohlbegründete aber ist ebensogut eine Nötigung wie sonst eine andere Macht. Der Wille des so Beredeten ist dann kein freier mehr!"

[RB.01_075,12] Spricht Max Olaf: „Freund, Sie greifen da sehr weit aus! Wenn man das alles Nötigung nennen würde, wodurch Menschen auf andere Ideen, Begriffe und Entschließungen gebracht werden, müßte ja auch aller Unterricht verbannt werden! Denn durch den Unterricht kommen die Schüler, die doch auch mit einem freien Geist begabte Menschen sind, ja auch zu ganz anderen Begriffen, durch die ihr ursprünglich rein sinnliches Wollen eine ganz entgegengesetzte Richtung bekommt. Ich meine, daß das etwas sehr Gutes ist. So aber durch die Unterrichtsnötigung der menschliche Geist erst zur wahren Freiheit gelangen kann, da sehe ich gar nicht ein, wie da im eigentlichen Reich des Geistes eine belehrende Erklärung die Willensfreiheit eines Menschen gefährden könnte! Seien Sie, mein lieber Freund, deshalb nur ganz unbesorgt! Wenn daran etwas gefehlt sein sollte, so werde ich es schon dort vor Dem verantworten, der mir dazu sein göttliches Wort gegeben hat! Ich werde mich selbst sogleich ans Werk machen und werde mein treues Wortnetz unter diese Fische hineinsenken. Fange ich etwas, so wird es gut sein. Fange ich aber nichts, nun, so wird es auch so gut sein müssen."

[RB.01_075,13] Mit diesen Worten begibt sich unser Max Olaf unter die Menge und richtet an diese eine wohlgesetzte Ansprache. Und bei zwanzig an der Zahl schließen sich ihm an, während die andern murrend sagen: „No, wann mer hin wolln, werdn mer wohl selbst 'n Weg findn! Wir brauchen kan extra Patzigmacher dobei!"

[RB.01_075,14] Max Olaf kehrt mit seinem Fang sogleich zu den Seinen zurück und sagt voll Freude: „Nun seht, liebe Freunde, mein Fischfang ist recht gut ausgefallen! Nun ziehen wir aber sogleich zu Ihm hin, der uns allen allein helfen kann und wird! Denn dafür habe ich sein göttliches Wort!"

[RB.01_075,15] Spricht der Pathetikus: „Aber ich begreife nicht, was Sie, teuerster Freund, immer von seinem ,göttlichen Wort‘ reden! Wie kann denn ein wenn schon auch ganz vollendeter Menschengeist ein göttliches Wort haben und geben? Oder halten Sie ihn denn im Ernst etwa für so eine Art Apollo?"

[RB.01_075,16] Spricht Max Olaf: „Ja, ich sage es Ihnen ohne Scheu: Entweder Er oder sonst keiner! – Seine an mich gerichteten großen Worte fielen bei mir nicht auf Sand, sondern in alle Tiefe meines Lebens! Und dieses sagt mir nun stets: Er und sonst ewig keiner! – Verstehst du diese Kraft? So fragt mich mein Herz. Und mein Geist antwortet: Ja, Herz! Den du liebst, der ist es, und außer Ihm ist keiner mehr! – Aber nun nichts weiter davon, sondern auf und zu Ihm! Heil dem, der mir folgt!"

[RB.01_075,17] Spricht der Pathetikus schnell: „Muß wahrlich um Vergebung bitten, mein sonst schätzbarer Freund! Unter solcher Annahme kann ich Ihnen nicht folgen! Einen Menschen als alleinigen Gott ansehen!? Fürwahr, das ist mehr als zu stark! – Ich habe gegen seine Weisheit und innere Willenskraft nichts einzuwenden, wie auch gegen seine Güte nichts. Denn die Lerchenfelderin macht sich unter seiner Güte famos! Aber gegen seine von Ihnen uns angezeigte Gottheit muß ich protestieren! – Im Moses heißt es: ,Du sollst allein an einen Gott glauben!‘ Und ferner: ,Gott kann niemand sehen und leben, denn Gott ist ein verzehrendes Feuer!‘ – Und hören Sie weiter, was der weise Jude Jesus, den Sie auch für einen Gott halten, selbst an einer Stelle, glaube im Johannes, spricht. Er sagt: Es habe die Gottheit wohl nie jemand gesehen. Aber wer sein Wort hörte, es annehmen und darnach handeln möchte, der würde dadurch den Geist Gottes in sich aufnehmen und dieser in ihm wohnen! – Sehen Sie, auch ich bin mit der Bibel so ziemlich vertraut. Aber das steht nirgends darinnen, daß ein Menschengeist, wenn er auch aus Gott ist, darum auch schon das allerhöchste, im ewig unzugänglichen Licht wohnende Gottwesen selbst wäre! Und da Sie, mein sonst schätzbarster Freund, eben von jenem Lerchenfelderin-Verschönerer das zu behaupten scheinen, kann ich wirklich nicht mit Ihnen gehen!"

[RB.01_075,18] Spricht Max Olaf: „Lieber Freund, tun Sie nun, was Sie wollen! Sie haben schon früher selbst gegen Nötigung protestiert, und so werde ich Sie auch fürderhin nicht mehr zu was immer bereden."

 

76. Kapitel – Der aufrichtige Stiefelputzer. Die unwillkommene Mierl. Des Pathetikus große Seelenwäsche. Der gekränkte Hochmutsgeist verläßt die himmlische Gesellschaft.

[RB.01_076,01] Tritt darauf zum Pathetikus der schon bekannte Franz, der weiland auf der Welt sein treuer Stiefelputzer war, und sagt: „Mir san hier wohl alle gleich, aber i sog zu Ihne dennoch Euer Gnaden: Hörn's, Sö san da akrad no so, wia's af der Welt woarn. Und das kummt mir holt a so vor, als wann's nit recht war, verstängen's mi? Af der Welt woarn's freili a recht a großer Herr und woarn dazu no sakrisch reich, zu dem Ihne freilich ihre Gnädige z'meist verholfen hot. Aber mit oll dem ist's hietzt goar. Denn wir san do in der Geisterwelt, verstängen's mi? Und do muaß a jeder schön demütig sein, sonst gibt's spanische Mucken und an Luxemburger Spargl! Der guate Herr do mant's guat mit uns und hot uns a bißl a Licht gmocht. Und do moan i holt, das soll'n wir nit so leicht abischlucken. Gängen's nur mit uns, es wird Ihner Schaden nit sein! Und do schaun's her, Ihnre liebe Mierl is a do! Wißn's, die Sö halt so neben Ihrer Gnädigen ghobt hobn, verstängen's mi!? Und wo Ihre Mierl is, do sollten Sö a nit fehlen! Woas moanen's dazu?"

[RB.01_076,02] Spricht der Pathetikus ganz indigniert: „O du verfluchte Hauptwäsche! Das Fegefeuer scheint schon da zu sein, und so dürfte die Hölle auch nicht weit weg sein. Das ist aber ja doch rein zum Teufels werden! Jetzt ist das Luder von einer Mierl auch hier und mein gottseliges Weib dazu! No, die Sache wird sich machen! Ist mein Weib doch ein paar Jahrln vor mir in die Ewigkeit gegangen. Und ich glaubte, weil sie in ihrer letzten Zeit gar so fromm geseufzt hat und so selig in dem Herrn entschlief, daß sie schon längst auf einer Himmelswolke herumschwebt! Aber nein, sie ist hier, und das noch hundertmal elender als auf der Welt knapp vor ihrem Tode! Und jetzt kommt zum Überfluß auch noch mein Ludersmensch hinzu, die ein Maul wie ein Schwert hat. Na, das ginge einem noch ab, mit so einer Gesellschaft zu jenem Mann hinzugehen, der mir schon ehedem unzweideutig zu verstehen gab, daß ich noch sehr gedemütigt werden soll! Aber ich rieche den Braten und werde mich hüten, hinzuwallen vor den Magier und seine verklärte Lerchenfelderin! Muß man aber in dieser Sauwelt mit allen Verdrießlichkeiten zusammenkommen! O Kruzifix Donnerwetter! Wenn das nicht Fatalitäten sind, so weiß ich nicht mehr, was man noch so nennen sollte! Vielleicht kommen noch meine anderen zeitweiligen Amoretteln und allerlei Gruppierungen, die ich mit ihnen per Jux manchmal machte, zum Vorschein?"

[RB.01_076,03] Solches redete der Pathetikus in sich hinein, aber es vernahmen die Umstehenden auch seine Worte. Und sein Weib trat hervor und sagte sanft zu ihm: „Johann, ich wußte es ja auf der Welt, wie dein Leben beschaffen war. Das war auch der Grund der Disharmonie, die zwischen uns beiden in der letzten Zeit obwaltete. Aber ich habe dir dennoch alles vergeben! Mache daher auch du hier vor Gott alles gut an mir, deinem irdischen Weib, das dir aus purer Liebe alles, sogar die Liebe ihres Vaters geopfert hat! Fürchte mich nicht, denn ich werde dir keine Vorwürfe mehr machen. Folge aber nun auch Dem, dem allein zu folgen du auf der Welt stets vorgabst! Wie oft hast du mich des altaristokratischen Hochmutes beschuldigt, aber hier im Reiche der Demütigung bist du hundertmal hochmütiger als ich und meine Angehörigen! Wie kommt denn das?"

[RB.01_076,04] Der Pathetikus Johann stutzt, murrt in sich hinein und sagt nichts auf diese Anrede seines Weibes.

[RB.01_076,05] Da tritt aber die Mierl hervor und sagt zu Emma: „I bitt Euer Gnodn tausendmol um Verzeihung, doß i Ihnern Mann ghobt hon! I bin sonst alleweil a guats und bravs Diandl gwest. Aber beim Sperl draußt hob i amol Ihnern Herrn kennengelernt, wo er mir goar so zugsetzt hot und hot mir af Tod und Leben 's Heiraten versprochen; und do han i holt gmoant, 's kinnt vielleicht do mögli sein! Aber der Sausakra hot mi von an Johr zum andern bei der Nosen herumzogen und vom Heiraten woar ka Red mehr. Aber do hob i nix gwußt, daß er verheirat woar! Schaun's, dos hob i erst hietzt ghört! Aber hietzt gfreuen's Ihne a, wia i dem Sausakra mei Manung sogn werd; na, der sull af seine betrogne Annamierl denken!"

[RB.01_076,06] Darauf wendet sich die Mierl zum Pathetikus und spricht: „No, Sö Sakra von an Wosserfiaker und pensionierter Fourierschütz oder wos Sö woarn! Was moanen's denn, wer Sö san? Ihnern Gnädigen kunnten's schon Antwort gebn, de Sö af der Welt so damisch angschmiert hobn? Redn's hietzt, wann's a Kuraschi hobn, Sö damischer Sausakra Sö! Wissen's, wos Sö mir olles gsogt hobn, daß Sö a lediger Herr san, und wos für a Menge Geld Sö hättn! Wann Sö schon so a großer Herr warn, wie Sö mi anglogn hobn, mit so a großer Ehr in Ihnern Leib, do wärn Sö doch unmögli so a damischer Saukerl gwest! Wissen's, wann i mi nit hellicht schamen miaßt, i soget Ihnerer gnädigen Frau olles, wos Sö mit mir triebn hobn! Na warten's no a bißl, i werd Ihnerer gnädigen Frau schon mehr sogn! Denn hietzt kriag i erst a rechte Gift af Sö, weil i woaß, doß Sö so an ehrsams, guats Weiberl ghobt hobn!"

[RB.01_076,07] Max Olaf, solches vernehmend, tritt zum Pathetikus hin, unterbricht die Mierl und spricht: „Na, lieber Freund, da kommen ja recht löbliche Histörchen über Ihren irdischen Lebenswandel zum Vorschein! Wahrlich, davon habe ich von Ihnen nie etwas vernommen. Ja, jetzt verstehe ich so manches, was ich sonst nie verstanden hätte. Also solche Treue und Liebe erwiesen Sie Ihrem guten Weib? O Sie Schweinepelz von einem Ehrenmann! Ja, nun weiß ich, warum Sie jene Lerchenfelderin so scheuen. Sie wird vielleicht wohl auch einige Male teil an Ihren sauberen Seitensprüngen genommen haben? Und es wird Ihnen daher hier gar nicht angenehm sein, sich mit mir dorthin zu begeben, wo man Sie etwas besser zu kennen scheint, als ich Sie je gekannt habe! Freund, wenn ihre ehemännischen Aktien also stehen und Sie dabei doch noch als ein Mann von Ehre dastehen wollen, so muß ich Sie nun wirklich bitten, sich nicht mit mir zu jenem reinsten und heiligsten Menschenfreunde hinzubegeben! Ich müßte eine verdammt geringe Achtung vor jenem Heiligen haben, so ich Ihm so einen Ausbund von einem Schweinepelz vorführte. Tun Sie nun, was Sie wollen; ich aber werde mich weislich hüten, mit Ihnen noch fernerhin Umgang zu pflegen!

[RB.01_076,08] Arme Emma! Hätte ich das auf der Welt gewußt, welch einen Mann du hattest, da hätte ich dir sicher keine Ehrenbeleidigungsstrafe diktiert. Geht aber nun alle mit mir hin zu jenem großen und heiligen Menschenfreund! Dort soll euch alles vergolten werden, was ihr je von mir irgend an Unrecht erlitten habt! Aber dieser Schweinepelz soll gehen, wohin er will!"

[RB.01_076,09] Spricht der Baron: „Nein, das hätte ich von diesem Menschen auch nie geglaubt! So bleibt es allzeit wahr: Was gemein ist, das bleibt gemein! Aber geschehen ist geschehen! Wir wollen ihn zwar nicht richten, aber für unsere Gesellschaft taugt er auch hier in dieser Welt nicht mehr! – (Sich zum Pathetikus wendend): Gehen Sie von uns und meiden Sie unsere Gesellschaft! Dort unter dem Proletariat ist für Sie der tauglichste Platz! Vielleicht finden Sie dort noch einige Göttinnen, die Ihnen bei Ihren sauberen Paschafesten den Nektar kredenzt haben!"

[RB.01_076,10] Spricht der Pathetikus erbost: „Man wird sich derlei Anherrschungen wohl auch hier zu verbieten das Recht haben! Hat etwa nicht auch mein sauberes Weib alle Samstage Gesellschaften gegeben? Ob sie dabei Betrachtungen á la Ignatius von Loyola gemacht hat, weiß ich wahrlich nicht! Im übrigen hat mir hier niemand etwas zu gebieten, denn ich glaube, daß ich keines Vormunds mehr bedarf! Ich verbitte mir aber für die Folge alle undelikaten Bemerkungen, denn ich werde schon selbst wissen, was ich zu tun habe! Übrigens brauchen Sie mir gar nicht zu bedeuten, als wäre ich nun für Ihre hochadlige Gesellschaft zu gemein. Denn ich selbst danke nun Gott, solch eines Gesindels auf gute Art ledig geworden zu sein. Zum Glück sehe ich dort im Hintergrund mehrere gute Bekannte; mit denen werde ich sicher ehrenhafter daran sein, als mit euch, ihr eingebildetes, hochadeliges Lumpenpack!"

[RB.01_076,11] Mit diesen Worten verläßt der Pathetikus diese Gesellschaft und begibt sich zu seinen Bekannten hin. Die Emma will ihn aufhalten, aber er stößt sie zurück und eilt davon.

[RB.01_076,12] Max Olaf aber sagt: „Laßt ihn ziehen! Vielleicht zieht er zu seiner Erstehung – oder zu seinem Fall! Wir aber wollen den Herrn dort bitten, daß Er ihm Gnade für Recht möge angedeihen lassen! Und so begeben wir uns denn hin zu Ihm, dem Retter der Menschen!"

 

77. Kapitel – Olafs Fürbitte vor dem Herrn. Gutes Bekenntnis von der Gottheit Jesu und völlige Hingabe in des Herrn Willen. Der armen Seelen Sättigung.

[RB.01_077,01] Etliche zwanzig an der Zahl bewegen sich an der Seite Max Olafs hin zu Mir. Und der Anführer spricht, sich tief verneigend: „Mein Herr und allerhöchster Freund! Nach Deiner gnädigsten Beheißung habe ich, wie Du hier ersiehst, eine kleine Werbung, die mein Herz ausgeführt hat, vor Dich hergebracht!

[RB.01_077,02] Einer zwar wollte nicht mitkommen, weil ihn einige Personen wegen zu großer Bekanntschaft mit seinen irdischen Lebensverhältnissen zu sehr genierten. Aber ich meine, daß er darum doch noch nicht völlig verloren sein muß? Denn Du bist ja der eigentliche Herr dieses Hauses, und wer es einmal betreten darf, der kann doch unmöglich verlorengehen! Er war auf der Welt im Grunde nie ein böser Mensch. Seine Hauptschwäche war sein Fleisch. Und da er leider irdische Mittel in großer Menge besaß, verfiel er dabei in einen Wust von allerlei Begierlichkeiten, die er auch leicht ins Werk setzte. Ich muß offen gestehen, daß sie seinem Geist wahrlich keine Ehre machen. Aber was kann man nun tun? Verübt sind sie einmal! Und so glaube ich, daß er wohl in Zustände kommen dürfte, die ihm zur Besserung und zur rechten Demut verhelfen. Aber ihn darum zu richten und zu strafen, käme mir doch etwas zu hart vor!

[RB.01_077,03] Übrigens sind das nur meine Ideen, mit denen ich Dir, o Herr, nicht im geringsten vorgreifen möchte! Denn Dir gegenüber sage ich bloß: O Herr, o Freund, was Du willst, das geschehe!"

[RB.01_077,04] Rede Ich: „Ich sage dir aber, daß deine Meinungen sehr gut und daher auch sehr zu brauchen sind. Aber mit jenem Geiste wird noch so manches geschehen müssen, bis er zur wahren Einsicht und Besserung gelangt. Ich will auch von seinem irdischen, höchst unkeuschen Lebenswandel gerade nichts sagen, obschon er sehr geeignet wäre, ihn um das ewige Leben zu bringen. Aber dieser Geist ist zugleich voll stinkenden Hochmutes und voll des verderblichen Übermutes! Und siehe, da sieht es bei weitem schlimmer aus, als du meinen möchtest. Der Sinnlichkeit kann bald ein taugliches Mittel das Ziel setzen. Aber dem Hoch- und Übermut ist auf dem Wege der ungebundenen Freiheit wohl nur sehr schwer oder auch gar nicht beizukommen! Doch wir werden sehen, was da zu machen sein wird.

[RB.01_077,05] Was soll Ich aber nun deinen Mitgebrachten tun? Sage es Mir ganz unverhohlen!"

[RB.01_077,06] Spricht Max Olaf: „Herr! Was Du in Deiner unbegrenzten Güte nur immer willst! Denn Deine Weisheit geht über alles, Deine Güte kennt keine Grenzen, und vor Deinem Willen werden Welten zu Staub!"

[RB.01_077,07] Rede Ich: „Aber lieber Freund, wie Ich aus deinen Worten merke, hältst du Mich ja für das allerhöchste Gottwesen! Sage Mir doch, woher kommst du zu solch einem Glauben? Weißt du denn nicht, daß Gott niemand sehen und leben kann?"

[RB.01_077,08] Spricht Max Olaf: „Herr! Zu dieser wohlbegründeten Anschauung gelangte ich eben durch Dein heiliges göttliches Wort! Denn Worte, wie die Deinen, so voll Wahrheit, so voll der höchsten Kraft, Weisheit und Liebe, spricht keines geschaffenen Geistes Zunge! Daß die Gottheit Selbst in Ihrem innersten Urwesen niemand schauen kann und leben zugleich, weiß ich recht wohl! Aber die Gottheit, die durch Moses redete, lehrte nach etlichen Jahrhunderten in aller Ihrer Fülle aus dem Menschensohn Jesus. Und Dieser sagte: ,Ich und der Vater sind eins, wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!‘ – So aber Jesus das lehrte und Seine Jünger Ihn gar wohl schauen und hören durften, ohne daß sie ihr Leben einbüßten, so sehe ich wahrlich nicht ein, warum man sich Gott in einem ewig unzugänglichen Lichte vorstellen sollte! Dazu kommt noch, wie es mir ganz untrüglich vorkommt, daß Du derselbe Herr Jesus bist, der uns diese erhabenste Lehre gegeben hat! Und so bin ich mit meinem Herzen und mit meinem untrüglichsten Glauben schon am rechten Ort! Und ich meine, ich werde, je mehr ich Dich mit Herzen und Augen anschauen werde, nicht nur nie das Leben verlieren, sondern dieses nur stets mehr und mehr gewinnen!? – Habe ich recht oder nicht?"

[RB.01_077,09] Rede Ich: „Ich sehe schon, daß du in deinen Behauptungen fest und unerschütterlich bleibst. Und so muß Ich vorderhand schon gelten lassen, was du von Mir Höchstes hältst. Die Folge aber wird es dir erst ganz klar machen, worin du noch in einem Zweifel sein könntest. Im übrigen aber sei du Meiner Liebe und Freundschaft für ewig versichert!

[RB.01_077,10] Saget Mir, habt ihr keinen Hunger und Durst?"

[RB.01_077,11] Sprechen alle: „O bester, himmlischer Freund! Mehr als wir brauchten, um auf der Welt vor Hunger und Durst zu vergehen! Wenn wir so eine kleine Stärkung haben könnten, wie würde das unsere Gemüter aufrichten! Darum sei so gut und lasse uns nach Deinem besten Willen etwas zukommen!"

[RB.01_077,12] Ich winke dem Robert, Jellinek, Messenhauser und Becher, daß sie diesen Armen Brot und Wein reichen sollen, was auch sogleich geschieht.

[RB.01_077,13] Mit tausend Dank und Lob essen und trinken diese Herbeigebrachten. Und als sie bald gesättigt und gestärkt dastehen, spricht Max Olaf: „O Herr! Nun stehe ich vor Dir hier ohne allen Zweifel: Du bist es und sonst ewig keiner mehr! Dir allein sei unser aller Verehrung, Anbetung und Liebe!"

[RB.01_077,14] Diese Worte wiederholen alle, die er mitgebracht hat. Robert lächelt vor Freuden über solch eine schnelle Zurechtbringung sonst von der Welt sehr verwirrter Gemüter. Doktor Becher und Messenhauser verwundern sich ganz gewaltig, daß ihnen Max Olaf mit seiner Gesellschaft in der klaren Erkenntnis der Gottheit Jesu zuvorgekommen ist. Auch unsere Helena (die Lerchenfelderin) fällt vor Mir nieder.

 

78. Kapitel – Mahnung zur Vorsicht mit Halbblinden. Ankündigung eines himmlischen Großrates. Des Herrn Größe, Einfachheit und Güte.

[RB.01_078,01] Ich aber ermahne sie aus guten Gründen, daß sie nun nichts von dem merken lassen, was sich ihnen aus besonderer Gnade eröffnet hatte! Und sie verstehen Mich und schweigen, während ihre Herzen stets mehr und mehr zu erbrennen anfangen.

[RB.01_078,02] Helena geschieht es am schwersten, daß sie schweige. Aber Jellinek sagt zu ihr: „Geliebte Schwester, brenne innerlich, wie du willst und kannst; aber dem Äußeren nach mäßige dich – um derjenigen willen, die hier noch blinden Herzens sind, auf daß über sie kein Gericht ergehe! Wir werden aber nun einen großen Rat halten, wie es mir der Herr insgeheim anvertraut hat. Und dabei müssen wir uns so ruhig wie möglich verhalten, daß diejenigen nichts merken, die noch nicht erkennen, daß der Herr alles Lebens ihnen so überaus nahe ist! Daher sei also ruhig!"

[RB.01_078,03] Spricht Helena: „Was sagtest du von einem geheimen Rat halten? Was wird denn da beraten werden? O Gott, o Gott! Dahinter muß gewiß sicher etwas Großwichtiges stecken!"

[RB.01_078,04] Spricht Jellinek: „Ja, ja, etwas sehr Großwichtiges! Ich sage dir: Wehe allen Hochmütigen, Herrschsüchtigen, allen Mördern und Menschenschlächtern, und wehe denen, die auf den Thronen sitzen! Ich sah ehedem eine ungeheure Menge zorniger Engel mit flammenden Schwertern sich auf die Erde hinabstürzen. Und eine Stimme hallte ihnen donnernd nach: ,Meine Geduld ist zu Ende! Darum keine Schonung mehr! Denn die Großen suchen Hilfe nicht bei Gott, sondern in ihren vielen Waffen. Und die Kleinen heulen und knirschen mit den Zähnen und kehren auch nicht um zu Gott, von dem alle Hilfe kommt! Daher keine Schonung mehr!‘ – Und siehe, darüber wird nun Rat gehalten werden, weil nun alle Himmelsmächte in Bewegung gesetzt werden. Daher mußt du also doppelt ruhig sein!"

[RB.01_078,05] Spricht Helena: „Ja, ja, ich bin schon ruhig. Aber was wird da herauskommen? O schrecklich, schrecklich!"

[RB.01_078,06] Spricht Jellinek: „Ja, meine schätzbarste Schwester Helena, da geht es nun ganz kurios anders zu als in Wien, wo wir beide seligen Andenkens uns noch im Fleisch unter den Freiheitskämpfern befanden! Denn hier gilt im vollkommensten Sinn der Wahrheit: entweder Leben oder Tod – Himmel oder Hölle! Der Herr der Unendlichkeit, der allmächtige Schöpfer ist hier unter uns! Und seine Myriaden von mächtigsten Dienern werden, wenn auch uns noch nicht sichtbar, sicher nicht ferne von hier Seiner heiligen Winke harren. So kannst du dir schon im voraus einen kleinen Begriff machen, wie unaussprechlich großwichtig nun dieses große Zimmer ist, wo der Herr Himmels und aller Welten Beschlüsse unter uns, Seinen jüngsten Freunden fassen wird, von denen alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten abhängen sollen! Nun, was denkst du dir, wenn du diese Sache so recht im wahren Licht betrachtest?"

[RB.01_078,07] Spricht Helena: „Sieh, lieber Freund, ich kann die erschreckliche und unendliche Wichtigkeit dieses Platzes gar nicht fassen! Es ist mir unbegreiflich, wie in Ihm – da Er nichts von irgendeiner göttlich-allmächtigen Auszeichnung zur Schau trägt – eine so unbegreiflich höchste Kraft und Macht vorhanden sein kann! Und wie Er mit einem Blick die ganze ewige Unendlichkeit vom größten bis zum allerkleinsten so scharf übersehen kann? Er steht da unter uns, als wären wir die einzigen, mit denen Er Sich nun abgibt! Gar so anspruchslos, so gut, zuvorkommend und unbeschreiblich lieb ist Sein Benehmen! O Freund, welch eine unendliche Herablassung ist das!

[RB.01_078,08] Und höre – welch ein Unterschied zwischen Ihm, dem allmächtigen, ewigen Herrn der Unendlichkeit, und den Machthabern unserer stinkenden Erde! – Er, alles in allem, ist voll Demut und erhöht sich nie vor seinen Geschöpfen! Aber die Mächtigen der Erde, du kennst sie, wollen von Herablassung und Demütigung nichts hören. Sie allein wollen alles sein und alles haben; alle anderen aber kann der Teufel holen! Wahrlich, bei solchen Regierungen muß die sonst so schöne Erde doch notwendig in aller Kürze zur barsten Hölle werden, aus der am Ende kein sterblicher Mensch mehr fürs ewige Leben wird gewonnen werden können!"

[RB.01_078,09] Spricht Jellinek: „Ja, ja, da urteilst du gut und scharf! Aber denke dir auch, daß bei Gott gar viele Dinge möglich sind, die sich auch ein weisester Geist nimmer als möglich vorstellen kann – so wirst du all das Kommende mit viel ruhigerem Gemüt anzusehen imstande sein. Denn siehe, alle unendliche Machtgröße liegt ja eben in der unermeßlichen Größe Seiner Liebe. So aber des Allerhöchsten Höhe, Macht und Größe in Seiner Liebe steckt, so darf es uns bei Seinen noch so großen Beschlüssen ja nicht bangen. Denn was die mächtigste Liebe tut, kann doch unmöglich anders als nur höchst gut sein, und sollte es äußerlich noch so ein erschreckliches Gesicht haben."

[RB.01_078,10] Spricht Helena: „Ich danke dir, lieber Freund, für deine Belehrung! Wahrlich, du hast mir nun einen schweren Stein vom Herzen hinweggewälzt! Aber sage mir noch: Wann wird denn diese vorerwähnte allerhöchste Beratung anfangen?"

[RB.01_078,11] Spricht Jellinek: „Sogleich, geliebte Schwester! Sieh, die große Gesellschaft der Wiener Proletarier, die noch kein Licht zu haben scheint, wird dort soeben von Blum in ein Seitengemach zu treten beschieden. Nur die vierundzwanzig Tänzerinnen, Blum, Messenhauser, Becher, ich und du und Max Olaf mit seiner Zwanziger-Gesellschaft, wie auch jener Halbengländer mit ebenfalls einem paar Dutzend echter Aristokraten dort im Hintergrund des Saales werden bei der Beratung zugegen sein.

[RB.01_078,12] Dort aus einem anderen Gemach kommen soeben zwölf sehr weise aussehende Männer zum Vorschein und hinter ihnen noch sieben andere. Diese werden höchstwahrscheinlich auch an der großen Beratung teilnehmen. Und ein großer Tisch befindet sich auch schon in der Mitte dieses stets wie größer werdenden Saales. Es ist somit schon alles in Bereitschaft. Freue dich, die Beratung wird nun unverzüglich ihren heiligen Anfang nehmen!"

[RB.01_078,13] Auf diese Belehrung Jellineks wendet sich Helena ganz zerknirscht und bis zum Boden gebeugt zu Mir und kann vor lauter Furcht beinahe kein Wort herausbringen. Ich aber fasse sie am Arm und sage zu ihr: „Aber Meine allerliebste Tochter Helena, was machst denn du für ein Gesicht? Vor wem fürchtest du dich denn gar so gewaltig? Schau, Ich bin ja bei dir! Wie kannst du dich denn an Meiner Seite fürchten?"

[RB.01_078,14] Spricht Helena: „O Du mein Gott und mein Herr! Ja freilich, wenn Du mir gut bleiben magst, kann man sich nicht fürchten! Aber wenn einem darauf Deine alleinige, heiligste Gottheit einfällt, zu der sich denn doch kein Sünder nahen darf, so kommt's mir doch vor, daß Du unsereins geschwinde verdammen könntest, besonders wenn Du etwa ein bißchen in Zorn kämst! Früher habe ich mich freilich nicht so gefürchtet, weil ich da noch nicht wußte, wer Du eigentlich bist! Ich hielt Dich nur für irgendeinen älteren Heiligen und dadurch auch für einen intimen Freund Gottes, der für mich bei Gott eine wirksame Vorbitte tun könnte. Aber jetzt, welch eine schreckliche Enttäuschung – bist Du Gott der Allmächtige! – O weh, o weh, wer sollte sich da nicht fürchten? Und jetzt wirst Du auch noch einen Rat halten, wahrscheinlich zum Jüngsten Gerichtstag! Und da soll ich mich nicht fürchten als eine so große Sünderin vor Dir?"

[RB.01_078,15] Rede Ich im gutmütigsten Tone der Welt: „Also das drückt dich gar so sehr! Nun, wenn du jetzt schon eine so ungeheure Furcht vor Mir hast, so wirst du Mich wohl auch nicht mehr lieben mögen? Was werde Ich denn anfangen, wenn du Mir die Liebe etwa darum aufsagtest, weil Ich der schreckliche Allmächtige bin? Helenerl, sage Mir, ob du Mich jetzt wohl auch noch so gerne hast wie früher, wo du Mich nur bloß für einen heiligen Joseph oder Petrus hieltest?"

[RB.01_078,16] Spricht Helena etwas beruhigter: „O Du mein Gott und mein Herr! Na, ist das aber eine Frage! Wenn's auf meine Liebe zu Dir ankommt, so kannst Du ja ohnehin in mein Herz hineinsehen, und da muß sich's ja gleich zeigen, ob neben Dir noch wer Platz in meinem Herzen hätte! Dich liebe ich ja nur ganz allein, um meine Liebe zu Dir darf Dir darum wohl nie bange sein. Aber mir darf wohl bangen um Deine Liebe zu mir, wo ich eine so große Sünderin bin!"

[RB.01_078,17] Rede Ich: „Nun, Mein liebes Helenerl, jetzt werden wir zwei schon bald wieder in Ordnung sein! – Wie wäre es denn, so du nun probieren tätest, Mich wieder zu umarmen und gar zu küssen?"

[RB.01_078,18] Helena reibt sich ganz verblüfft die Augen und spricht endlich mit liebebebender Stimme: „Hm, wäre freilich unendlich süß, so etwas! Unendlich gerne hätte ich Dich freilich, aber wenn Du doch nicht gar so heilig und allmächtig wärst!"

[RB.01_078,19] Rede Ich: „Ah, das macht nichts! Tue nur, was dein Herz will, und du wirst dich gleich überzeugen, daß dir Meine Heiligkeit und Allmacht nicht dein Nasenspitzchen wegbeißen wird!"

[RB.01_078,20] Als Helena Mich so herablassend vor sich sieht, vergeht ihr endlich alle Furcht. Sie fällt an Meine Brust und küßt sie und spricht nach einer Weile: „Gott, o Gott! Da wär's freilich gut! Wenn ich nur so die ganze liebe Ewigkeit verbleiben könnte!" Endlich erhebt sie sich wieder und sagt: „Aber ist es denn möglich, daß Du, mein Gott und Herr, so unbegreiflich herablassend sein kannst? Nein, das hätte ich auf der Welt mir nicht einmal zu denken getraut. So gut, demütig und lieb bist Du! Wer da vor lauter Liebe zu Dir nicht ordentlich vergeht, der ist gar kein Mensch!"

[RB.01_078,21] Rede Ich: „Nun, siehst du, jetzt sind wir zwei schon wieder in der schönsten Ordnung, und das freut Mich! Nun aber komme auch du mit Mir an den Ratstisch! Dort wirst du gleich neben Mir sitzen und uns mitunter auch einen Rat erteilen, was etwa mit der gar schlechten Welt der Erde nun geschehen soll?"

[RB.01_078,22] Spricht Helena: „Nein, nein, das geht nicht! Ich – und Rat erteilen!? Nein – das möchte ein schöner Rat werden!"

[RB.01_078,23] Rede Ich: „Nun, Mein liebes Helenerl, wir werden die Sache von dir ja gar nicht so streng fordern. Wenn dir manchmal etwas Gescheites einfällt, dann sage es Mir. Ich werde es dann, so du dir's nicht getraust, schon der Ratsgesellschaft vortragen."

[RB.01_078,24] Spricht Helena: „O Du mein Gott und Herr! Wenn man Dich anschaut und so einfach reden hört, so kommt's unsereinem gar nicht vor, als wenn Du unser allerliebster Herr und Gott wärst. Aber dennoch bist Du es, und das sehe ich jetzt klar! Aber ich werde darum jetzt auch so verliebt in Dich, daß ich vor lauter Liebe schon gerade zerplatzen könnte! Aber für ungut wirst Du mir's ja doch nicht aufnehmen, ich kann ja nichts dafür! Warum bist Du auch gar so lieb, herzlich gut und gar so bescheiden und herablassend?"

[RB.01_078,25] Rede Ich: „Sei du nur verliebt, so viel du magst, das ist Mir schon recht! Aber wärst du auch noch so verliebt in Mich, so ist Meine Liebe zu dir dennoch viel stärker! Aber das macht auch wieder nichts. Denn Ich muß als Gott ja stärker lieben können als du – und das aus dem Grunde, weil Ich ja sonst auch stärker bin als du, meine liebste Helena!"

[RB.01_078,26] Spricht die Helena: „Ich bitte Dich, sei doch nicht gar so gut mit mir! Ich muß ja vor lauter Liebe zu Dir noch ganz zugrunde gehen!"

[RB.01_078,27] Rede Ich: „Oh, sorge dich nur darum nicht! Wenn du auch mitunter ein wenig schwach wirst, so habe Ich ja eine Menge von allerlei Stärkungen bei Mir, die werden dich schon wieder aufrichten. Oh, darum sei dir nur gar nicht bange! – Aber jetzt heißt es, sich an den Ratstisch begeben. Komm also mit und setze dich hier gleich neben Mich!"

[RB.01_078,28] Helena folgt Mir nun bescheiden und wird am Tisch, zu dem sich nun auch die anderen setzen, ganz rot vor lauter Sichgenieren. Aber nach einer kleinen Weile fängt sie an, sich mehr in dieser Gesellschaft zu finden und erwartet aufmerksam den ersten Vortrag.

 

79. Kapitel – Die ehrwürdige Ratsversammlung. Des Herrn Frage: Was soll mit der Erde werden? Adam, Noah, Abraham, Isaak und Jakob reden.

[RB.01_079,01] Nach einer Weile allgemeinen Schweigens fragt Helena Mich leise: „Herr, wer wird denn nun zu reden anfangen? Und wer ist denn der so ehrwürdig neben mir sitzende Mann?"

[RB.01_079,02] Ich antworte ihr auch leise: „Meine Liebste, zu reden werde Ich Selbst anfangen, sobald aller hier Anwesenden Gemüter ganz zur erforderlichen Ruhe gelangt sein werden. Der neben dir sitzende Mann ist Vater Adam, wie er vor ungefähr sechstausend Jahren auf der Erde als erster geschaffener Mensch gelebt hat. Neben ihm siehst du Noah und nachher den Vater Abraham, dann Isaak und Jakob. Dann siehst du noch zwei: Der erste ist Moses und der andere David. – Die auf diese sieben nun folgenden zwölf ernst aussehenden Männer sind die dir wohlbekannten zwölf Apostel. – Hinter ihnen stehen auch noch zwei Apostel: der vordere ist Paulus und der etwas hinter ihm stehende ist Judas, der Mich verraten hat. Die andern kennst du ohnehin. Und so weißt du nun, in welch einer gewiß sehr merkwürdigen Gesellschaft du dich befindest.

[RB.01_079,03] Was aber alle hier bei diesem Rat werden zu tun haben, das wird dir am Ende der Beratung vollends klar werden. Nun paß aber auf! Die Gemüter der Gesellschaft sind nun zur Ruhe gelangt, und so werde Ich nun auch sogleich zu reden anfangen. Aber du mußt dich nicht erschrecken, wenn Ich manchmal ein wenig scharf reden werde und hier vor uns so manche Erscheinungen vorüberziehen, die freilich keinen angenehmen Anblick gewähren werden. Aber da halte dich nur fest an Mich und du wirst gleich wieder gestärkt sein!"

[RB.01_079,04] Darauf wende Ich Mich zur Gesellschaft mit der Frage: „Meine Kindlein! Meine Freunde! Ich, euer aller wahrer Vater, Gott und Herr und Schöpfer der Unendlichkeit frage euch: Wie gefällt euch allen nun die Erde? Was wollt ihr, daß Ich ihr tun soll?"

[RB.01_079,05] Spricht Adam: „Herr, Du ewige Liebe! Die Erde war nie ärger als jetzt, aber auch Deine Liebe war nie größer als jetzt! Tue ihr nach Deiner Liebe! Denn siehe, das Meer, der Erde weitsehendes Auge, ist blind geworden. Lege ein mächtiges Feuer hinein und lasse durch seine gewaltige Flamme Licht werden in den Abgründen, auf daß vor ihm sich alle Ungeheuer erschrecken und vergehen vor Schmach, die ihr endlicher Lohn für ihre schwarzen Taten sein soll! So sah und sehe ich es als der Erde erster Mensch."

[RB.01_079,06] Darauf spricht Noah: „Herr, zu dem ich allezeit gebetet und treu bewahrt habe den Glauben und die Liebe! Als es sich vor etlichen viertausend Jahren mein Bruder Mahal gelüsten ließ, von den heiligen Höhen seine Blicke in die Tiefe hinabzusenken und eine Reise nach Hanoch zu machen, in der Drohuit und Funghar Hellan ihr Unwesen trieben, und als eine Tochter Mahals Königin ward in der Tiefe – siehe, da beriefst Du mich und zeigtest mir einen mächtigen Kasten zu bauen zur Rettung meiner kleinen Familie und vieler Tiere, die Deine Macht aus allen Gegenden der Erde in den weiten Kasten trieb.

[RB.01_079,07] Ich tat, wie Du, o Herr, es gewollt hast. Und die Folge lehrte mich und mein Haus, wie gut es war, daß ich Dir unbedingt gehorcht habe. Damals war die Menschheit schlecht und arg und förderte Böses um Böses auf dem Boden der Erde und entweihte gräßlich das Werk Deiner Hände. Aber dennoch geschah damals alles, was da geschah, in irgendeiner bestimmten, scharf abgegrenzten Ordnung. Und die Lüge, der Hochmut und die satanische Herrschsucht schwellte nicht so nahezu jedes Sterblichen Brust, wie es nun in dieser Zeit der Erde der Fall ist.

[RB.01_079,08] Es waren damals die Menschen wohl auch grausam, und einzelne Taten finden kaum ihresgleichen wieder. Aber nun sind die Menschen zu Hyänen und Tigern geworden und begehen Grausamkeiten, vor denen die ganze Unendlichkeit erschauert. Damals sandtest Du ein schreckliches Gewässer über die Sterblichen und ersäuftest alle Täter des Übels. Was wirst Du wohl nun tun, o Herr? – Ich kenne aber die Größe Deiner Liebe. Ich weiß auch, daß es Dich gereute, damals die Menschheit ersäuft zu haben; denn es waren darunter ja auch viele Kinder, die noch der Mütter Brüste sogen! Wird es Dich nun auch gereuen, die tausendmal schmutzigere Erde durch ein mächtiges Feuer zu reinigen, daß sie wieder würdig würde, Tritte Deiner Füße aufzunehmen?"

[RB.01_079,09] Noah schweigt darauf. Und der alte Vater Abraham erhebt sich und bittet um die Erlaubnis zu reden. Ich aber sage zu ihm: „Rede, denn du hast die Verheißung überkommen, und diese muß erfüllt werden!"

[RB.01_079,10] Spricht Abraham: „Herr, tausend oder zehntausend Jahre sind vor Dir wie ein einziger Tag! Denn aus Dir ging hervor Zeit und Raum, aber Du setzest Dich über beide. Und die fernste Vergangenheit wie die fernste Zukunft sind Dir gleich wie die Geschichte eines Tages! Liebe ist Dein Wesen, und die höchste Güte ist Deine Weisheit! Weich wie Wolle ist Dein Gemüt und sanft wie des Lenzes Abendhauch ist Dein Herz. Alle Deine Wege heißen Erbarmung, und Deine Führungen sind die Gerechtigkeit Deines Herzens!

[RB.01_079,11] Als ich im Lande Kanaan mit meinem Bruder stritt um des Bodens Teil, da sahst Du mein Herz an und fandest es bereit zur Nachgiebigkeit. Und siehe, Du rührtest meine Seele an, und sie sprach zu Loth: ,Bruder, frei sollst du wählen! Siehe, groß ist der weiten Erde Boden. Warum sollen wir also streiten um dessen vergänglichen Besitz? Ziehe du weg oder bleibe! Ziehst du gen Abend, so ziehe ich gen Morgen, auf daß Friede und Einigkeit zwischen uns herrsche und zwischen all denen, die uns folgen werden. So du aber bleiben willst, da schwinge den Stab nach der Gegend, dahin du willst, daß ich ziehen soll, und ich werde tun nach deinem Willen. Aber hier beisammen können wir nimmer wohnen, indem du nicht auf den Wegen des Friedens wandeln magst!‘

[RB.01_079,12] Und Loth faßte meine Worte und nahm sie zu Herzen und sprach: ,Bruder, ich habe mir den Abend erwählt; dahin will ich ziehen. Dir aber steht es frei, ob du bleiben oder ziehen willst, entweder nach Mitternacht oder Mittag oder Morgen! Wohin du aber ziehst, da vergiß dennoch des Loth nicht!‘ Und wir segneten uns und zogen – er nach dem Abend und ich nach dem Morgen.

[RB.01_079,13] Aber Loths Volk erhob sich bald mächtig in seinen reichen Gauen und baute Sodom und Gomorra und fing an toller und toller zu werden. Ich sandte Boten an Loth, aber sie richteten nichts aus. Mehrere wurden getötet, und die wenigen Zurückkehrenden brachten stets die übelste Kunde. Und siehe, in der Zeit hast Du wieder mein Herz geprüft und fandest es gerecht vor Dir. Und Du sandtest Boten aus der Höhe an mich, und diese taten mir kund, was Du vorhättest mit Sodom und Gomorra. Ich aber erschrak darob und bat Dich um Schonung und stellte Dir die möglichen Gerechten vor. Aber Dein Auge fand sie nicht, außer allein den Loth. Und siehe, diesen rettetest Du, O Herr! Aber Sodom und Gomorra ließest Du verheeren durch Feuer von oben!

[RB.01_079,14] Als aber die beiden Städte samt Menschen und Vieh im Pfuhl begraben waren, da sah Dein Herz nach der Stätte hin. Und es gereute Dich wiederum des harten Gerichtes über Sodom und Gomorra, und Du machtest einen Bund mit mir und gabst mir die Verheißung zur Erfüllung Deiner großen Erbarmungen.

[RB.01_079,15] Und wie Du es mir verheißen hast, so hast Du auch alles erfüllt bis zu diesem Zeitpunkt. Aber Deine Verheißungen dehnen sich noch gar endlos weit über diesen Zeitpunkt hinaus. O Herr! So gedenke nun, da alle Völker der Erde wieder in eine größte Gärung geraten sind, Deines mit mir gemachten Bundes! Du kennst die Feinde Deiner Kinder und Du kennst ihre Habsucht, ihren unbeugsamen Willen! Siehst Du nicht die vielen Wölfe, Hyänen und Tiger, wie sie gewissen- und schamlos in den Eingeweiden Deiner Lämmer wühlen und sie zerfleischen mit feurigen Drachenzähnen? O Herr! Konntest Du Sodom und Gomorra züchtigen, so ergreife nun auch die Wölfe, Hyänen und Tiger und schlachte sie als ein Sühnopfer für all die Unbilden, die sie begingen an Deinen Kindern! Aber schone das Blut der Gerechten und das Blut Deiner Kinder!"

[RB.01_079,16] Darauf erhebt sich Isaak und spricht: „O Herr! Ich bin das erste Blatt, das am großen Lebensbaume Deiner Verheißung, die Du meinem Vater Abraham gemacht hast, sich zu zeigen anfing. Wohl sehr alt und nahe gänzlich verdorrt stand zur selben Zeit der Lebensbaum Deiner Kinder im Garten der Liebe, während die Schlange fruchtbar mit ihrem Gezüchte alle Gaue der Erde anfüllte! Aber Du, o Herr, besahest die gänzliche Dürre des Lebensbaumes Deiner Kinder und belebtest ihn von der Wurzel bis zum obersten Scheitel und gabst ihm eine neue heilige Triebkraft! Und siehe, ich war das erste lebendige Blatt an dieses heiligen Baumes Zweigen.

[RB.01_079,17] Abraham hatte eine große Freude beim Anblick dieses ersten hoffnungsgrünen Blattes. Aber Dir, o Herr, gefiel es, seine Freude zu trüben und seinen Glauben zu prüfen. Du befahlst ihm, mich zu schlachten und am brennenden Scheiterhaufen zu opfern. Das tatest Du, um der Schlange zu zeigen, wie stark der Glaube Deines Sohnes Abraham war! Als aber Abraham durch den Gehorsam die Macht seines Glaubens bewährt hatte, da führtest Du einen Bock durch des Berges Gestrüpp, ein lebendes Bild Satans und seiner Herrschsucht! Das Gestrüpp umflocht nahe an seinem Rand des Bockes Geweih, das ein Zeichen war seiner Widerspenstigkeit, seines Ungehorsams, seines Hochmuts und seiner gierigen Herrschsucht. Diesen Bock mußte dann mein Vater ergreifen, ihn schlachten und ihn statt meiner auf den brennenden Opferaltar legen.

[RB.01_079,18] O Herr, konntest Du damals den Weltbock ins Gestrüpp treiben und zum Zeichen gerechter Sühne auf den Brandaltar legen, so tue nun auch desgleichen in der Wirklichkeit! Denn war damals der Bock nur ein Sinnbild – wie ich selbst ein Vorzeichen Deiner Ankunft in die Welt und der zweiten Schöpfung durch Dein großes Erlösungswerk – so ist aber dieser Bock nun in der vollsten Wirklichkeit in der Welt so groß geworden, daß seine Geweihe nun schon in Deine Himmel reichen. So errichte nun auch den großen Brandaltar über die ganze Erde! Ergreife dies schändliche Tier, das sich mit seinen mächtigen Geweihen gewaltigst im dicksten Weltgestrüpp durch und durch verflochten hat, schlachte es und wirf es dann ins mächtige Feuer des großen Brandaltars!

[RB.01_079,19] O Herr, zögere nun nicht mehr, lasse die vielen grünen Blätter am Baume des Lebens nicht abfressen von des Tieres sündigster Freßgier, sondern tue nach Deiner Verheißung! Denn siehe, die Zeit ist zur Vollreife gediehen, und Deine Kinder schreien nun überlaut: ,Vater, tue Dich auf! Erhebe Deine Rechte! Ergreife das Beil Deiner Gerechtigkeit und schlachte das Tier, das mit seinen Geweihen sogar schon an die Feste der Himmel zu stoßen beginnt!‘ Amen!"

[RB.01_079,20] Spricht darauf Jakob: „O Herr, Du rangst mit mir und ließest mich nicht weiterziehen. Und als ich Dich ergriff, da gabst Du mir einen Stoß in die Hüfte, daß ich darnach hinkte mein Leben lang! Aber der Stoß tat mir nicht wehe, denn ich rang ja aus Liebe mit Dir. Aber dennoch blieb dieser Stoß allen nachfolgenden Kindern, und diese fühlten wohl auch den Schmerz. Und siehe, dieses hat nun den höchsten Grad erreicht. Oh, so befreie nun endlich einmal die Kinder vom Stoß und von seinem Schmerz!

[RB.01_079,21] Vierzehn Jahre diente ich um die himmlische Rahel, aber Du gabst mir die welthäßliche Lea. Ich nahm sie und murrte nicht. Und nocheinmal vierzehn Jahre mußte ich dienen und Verfolgung leiden um die himmlische Rahel. Da gabst Du sie mir dann wohl, aber sie mußte unfruchtbar sein, so daß ich einen anderen Schoß in ihren Schoß legen mußte, um meinem Samen Leben zu geben. O Herr, das war hart von Dir vorgesehen!

[RB.01_079,22] Nimm aber nun endlich einmal zurück Deine Härte! Nimm der Lea die Fruchtbarkeit und gib sie der Rahel im Vollmaße, auf daß die Erde einmal ledig werde vom argen Gezüchte der Schlange und ihren Boden allein betreten möchten die Kinder der himmlischen Rahel! O lasse einmal Joseph und Benjamin zu wirklichen Kindern aus dem Schoß der himmlischen Rahel werden und mache versiegen die Quelle der Lea!"

 

80. Kapitel – Helenas Ungeduld wird beruhigt. Moses und David reden. Helenas Zwischenrede und Davids Nachrede.

[RB.01_080,01] Hier fragt Mich Helena heimlich: „Aber Herr, Du mein süßester Jesus, Du hast ja zu mir gesagt, daß Du zuerst reden werdest. Und nun reden immer die andern, und Du sagst eigentlich gar nichts dazu, und Erscheinungen kommen auch keine zum Vorschein. Wie ist denn das zu verstehen? Ich bitte Dich, erkläre mir diese Sache doch ein wenig näher!"

[RB.01_080,02] Rede Ich: „Meine liebste Helena, gedulde dich nur ein wenig, es wird dir nachher schon alles klar werden. Zuerst geredet aber habe Ich ja ohnehin, indem Ich an diese alle hier beim großen Ratstische eine überaus wichtigste Frage gerichtet habe. Nun aber müssen sie ja auf diese Meine an sie gestellte Frage sich äußern. Und so sie sich bald alle entäußert haben werden, dann werde Ich zu reden anfangen.

[RB.01_080,03] Und siehe, Ich kann zu reden anfangen, wann Ich nur immer will, so bin Ich dennoch stets der Erste und Meine Rede ist ebenso allzeit die erste, weil Ich Selbst der Erste bin! Verstehst du das? So sei nur wieder ruhig und horche recht genau, was nun Moses reden wird! Die Erscheinungen werden nachher, wann Ich reden werde, schon zum Vorschein kommen. Nun sieh, Moses erhebt sich schon, und so wollen wir ihn denn hören!"

[RB.01_080,04] Helena ist nun wieder ganz ruhig. Und Moses spricht mit großem Ernst: „Herr, als Dein Volk unter der ägyptischen Tyrannei schmachtete, da erwecktest Du mich und machtest mich zum Retter Deines Volkes. Ich lebte am Hofe Pharaos und ward eingeweiht in alle Schändlichkeiten und argen Pläne, die dieser Wüterich mit Deinem Volke vorhatte. Denn seine Frevellust war mit der Ersäufung aller Erstlinge Deines Volkes noch lange nicht gesättigt. Ich betete im geheimen oft zu Dir, daß Du Dein Volk doch endlich einmal erlösen möchtest von solch schrecklichem Joch. Aber Du hörtest damals viel schwerer denn jetzt!

[RB.01_080,05] Als ich sah, daß des Königs Wut von Stunde zu Stunde stieg, und dazukam, wie ein elender Höfling einen Israeliten erbärmlich schlug, da ergriff ich entrüstet den Elenden, erschlug ihn und verscharrte ihn dann im Sande. Pharao, solches bald erfahrend, ließ mich suchen, daß er mich erwürge. Aber ich entfloh noch zur rechten Zeit nach Midian. Dort beim Priester Reguel ankommend, der sieben Töchter hatte, erhielt ich bald deren eine, die Zippora hieß, zum Weibe und ward darauf Hirte der Schafe des Priesters Bruder Jethro!

[RB.01_080,06] Und erst als ich Jethros Schafe am Fuße des Berges Horeb weidete, kam ein Engel von Dir zu mir, hieß mich mit ihm gehen, da ein Dornbusch gar heftig brannte. Hier hieß Deine Stimme mich meine Schuhe ausziehen, da die Stätte heilig war, an der ich stand. Dann gabst Du mir die heilige Weisung, nach Ägypten zu ziehen und Dein Volk zu befreien, und gabst mir einen Stab, um damit siebenfach zu schlagen den Pharao, dessen Herz Du verhärtet hattest, da er Dich nicht erkennen wollte.

[RB.01_080,07] Siehe, o Herr, nun ist mehr denn die Härte Pharaos in die Herzen der vielen großen und kleinen Machthaber gekommen. Sie opfern nun nicht mehr allein nur die Erstlinge ihrer Völker wegen der Ehre ihrer Throne, sondern entsenden viele Tausende auf die Schlachtfelder und lassen sie kämpfen und würgen untereinander, ärger als es einst der Fall war unter den finstersten Heiden. Diese alle sind getauft auf Dein Wort und Deinen Namen und haben Dein Gesetz: Du sollst nicht töten! Aber dennoch morden sie fort und fort und sind taub und stumm und blind geworden. Sie hören nicht die Stimme ihrer armen Brüder und sehen nicht das große Elend der Elenden!

[RB.01_080,08] O Herr, wie lange wirst Du noch solchen Greueln der Verwüstung zusehen? O Herr, erhebe Dich einmal, wie Du es verheißen hast! Gib mir den Stab wieder, mit dem Du in meiner Hand den harten Pharao schlugst und Dein Volk errettet hast! Ich, Dein alter, getreuer Moses, bin nun wieder bereit, auf Deinen Wink hinabzuziehen zur Erde, dort zu schlagen alle die Harten und Starren und zu erretten Deine Kinder von ihren zu großen Bedrängnissen! O Herr, erhöre Deinen alten Knecht Moses, und erhöre auch die Bitten Deiner blutenden Kinder! – Dein Name werde geheiligt und Dein allein heiliger Wille geschehe nun wie allzeit und ewig auf Erden wie in den Himmeln!"

[RB.01_080,09] Nach dem Moses erhebt sich sogleich David und sagt: „Herr, also sprach einst Dein Geist zu mir, Deinem Knecht: ,Setze dich zu Meiner Rechten, bis Ich alle deine Feinde zu deinen Füßen lege!‘ – Herr, alles was Dein Geist mir offenbarte, ist getreu in die Erfüllung gegangen. Nur die volle Bekämpfung Deiner Feinde, die endliche Zerstörung des Hochmuts und alles dessen, was er gebärt – das mir Dein Geist auch geoffenbart hat – will nicht in Erfüllung gehen. Die Menschen sind noch, wie sie waren: neun Zehntel schlecht und kaum ein Zehntel halbwegs gut!

[RB.01_080,10] In Deinem Zorn, Herr, gabst Du Deinem Volk einen König – als es Sünden auf Sünden häufte und dazu auch noch einen König verlangte. Und dieser Dein Zorn währt nun fort und will kein Ende nehmen. Denn alle Völker haben nun Könige und sogar nach heidnischer Art Kaiser, die den Völkern stets als Vorbild höchsten Stolzes und unersättlichen Hochmutes dienen!

[RB.01_080,11] O Herr, wann wirst Du endlich einmal die größte Plage Deiner Menschen von der Erde nehmen und wieder Deine alte, heilige, patriarchalische Verfassung einführen? Du siehst ja, daß nun feige und gewissenlose Speichellecker sich um die Könige machen und ihnen lobhudelnden Weihrauch streuen des eigennützigsten Gewinnes wegen; und daß sie jeden ehrlichen Menschen sogleich zum Tod verdammen, so er es wagte, einem König die Wahrheit zu sagen, die ihm doch um vieles nötiger wäre als das Licht seiner Augen. Jede gegen den König gerichtete bestgemeinte Wahrheit wird als Hochverrat erklärt und ihr Verkünder schnöde aus der Welt geschafft.

[RB.01_080,12] O Herr! Unter meiner Regierung standen die Sachen wohl auch arg, aber so arg ewig nicht! Denn ich lobte jeden Weisen, der mir die Wahrheit sagte. Nun aber ist alles verkehrt! Der Weise wird verfolgt wie ein reißendes Tier, aber der Lügner und der Schmeichler wird mit allen Ehrenzeichen geziert!

[RB.01_080,13] Herr, so kann die Sache nicht mehr bleiben! Die Hölle soll Hölle sein, wo sie ist in ihrer Urtümlichkeit. Aber auf der Erde so vollkommen ihr Regiment aufzurichten, sollte ihr nimmer gestattet sein! Herr, darum bitten wir Dich alle, daß Du der Herrschaft der Hölle auf Erden endlich einmal ein Ende machst! Lasse immerhin Könige sein, aber lasse sie so sein, wie ich es war, daß die Menschen nicht zu Teufeln werden und Dein Name nicht gar so entheiligt werde! Denn wer wird Dich preisen in der Hölle, und welcher Teufel wird Dich loben? Daher tue Dich auf, o Herr, und mache zuschanden alle unsere Widersacher! Dein Wille geschehe! Amen."

[RB.01_080,14] Ganz beifällig durchdrungen von der Rede Davids, kann sich unsere Helena nicht mehr halten, sondern richtet sich vergnügt auf und sagt zum Redner: „Bravo, bravo, Herr David! Sie waren wohl ein rechter König für die Erde. Wenn es solche Könige gäbe, da wäre es wohl eine wahre Seligkeit, ihnen untertan zu sein! Aber unsere Könige in dieser Zeit, die gar nicht mehr wissen, was ein Mensch ist und welchen Wert er hat – sind entweder ,Götter‘, die von allen ihren Untertanen nebst einer oft unerschwinglich großen Steuer auch eine wahrhaftige Anbetung verlangen. Oder sie sind in ihrem Handeln jenen reißenden Tieren gleich, die sie gewöhnlich als Aushängeschilder in ihren Wappen führen. Wie es den Untertanen unter solchen Herrschern geht, das können sich der Herr David wohl gar leicht vorstellen! Ich wäre von ganzem Herzen dafür, daß solchen Herrschern, die nur sich selbst für alles, ihre Völker aber für gar nichts halten, unser liebster, bester und allmächtigster Herr und Vater Jesus auf recht eindringliche Weise zeigte, wieviel es nun etwa an der Zeit ist, und was sie und ihre Völker wert sind! Habe ich recht oder nicht?"

[RB.01_080,15] Spricht David sehr freundlich: „Liebe Helena, als eine junge Nachkömmlingin meines Volkes, du hast ganz recht, ich muß deine Weisheit loben; denn du wünschest nur Billiges und Gerechtes.

[RB.01_080,16] Es sollen ja Könige bleiben, aber sie sollen von ihren zu hoch gestellten Thronen nun zu ihren Völkern herabsteigen und mit ihnen Menschen sein und ihnen gewähren, was recht und billig ist! Aber ebenso sollen auch die Völker an ihre Könige nur solche Forderungen stellen, die gerecht und ausführbar sind. Aber nun werden von beiden Teilen die Saiten zu hoch gespannt, und da wird es wohl leichtlich nicht eher besser, als bis die Saiten vollends reißen! Die Könige werden ihre Völker, und darauf die Völker ihre Könige, schlagen!

[RB.01_080,17] Aber dessenungeachtet steht zwischen König und Volk noch immer unser alleiniger Jehova-Zebaoth, der alles auf eine uns unbekannte Weise in die beste Ordnung bringen kann. Das große Werk ist des Herrn allein! – So, meine Liebe, verhält es sich mit dieser Sache."

[RB.01_080,18] Spricht Helena: „Ja, ja, Sie sind wohl ein weiser König, Sie haben recht!"

 

81. Kapitel – Petrus' scharfe Gerichtsrede über Rom. Paulus' lichtvolle Gegenrede von der Gnade.

[RB.01_081,01] Darauf erhebt sich Petrus und spricht im Namen aller Apostel: „O Herr, Du meine Liebe, Du mein Leben! Zu Rom, der alten Hauptstadt der Heiden, herrscht schon bei eintausend Jahre lang ein aus dem Heidentum, Judentum, wie auch aus Deiner sehr beschnittenen Lehre zusammengesetzter Hierarch. Er nennt sich Papst und Stellvertreter Gottes auf Erden! Seinen Thron nennt er meinen Stuhl und sich selbst meinen Nachfolger! Er gibt vor, im Besitze aller Macht Deines allerheiligsten Geistes zu sein, sucht aber, so er in seinem weltlichen oder geistlichen Regiment durch Aufstände bedrängt wird, nie Hilfe in seiner angeblichen Kraft des Heiligen Geistes, sondern nur bei den größeren Machthabern der Welt. Dieser Papst ist nun in großer Klemme und ruft öffentlich Maria – als seine vermeintliche alleinige Helferin – um Schutz und baldige Wiederherstellung seines Reiches an. Da er aber bei sich an solche Hilfe gar nicht glaubt, läßt er nun auch noch andere Hilfe kommen, gegen die er wohl flüchtige Scheinproteste erhebt, um der Welt gewisserart zu zeigen, daß er Schutz aus den Himmeln zur Genüge habe und somit keiner anderen Hilfe bedürfe. Aber so sich's die weltlichen Machthaber trotz aller seiner Proteste nicht nehmen ließen, ihm zu helfen, sei es dann aber auch klar, daß diese Helfer heimlicherweise von der mächtigsten Himmelskönigin angetrieben werden, der Kirche Gottes auf Erden zu helfen, so die Pforten der Hölle sie zu überwältigen drohen! – Was sagst denn Du, o Herr, zu dieser Gemeinde?

[RB.01_081,02] Der Bruder Paulus stiftete sie wahr und rein; und sie erhielt sich durch mehrere hundert Jahre mehr oder weniger rein. Aber nun ist diese Gemeinde seit nahe eintausend Jahren in ein allerschmutzigstes, oft sogar böses Heidentum übergegangen, gierend nach nichts als Gold, Silber, Herrschergröße und nach der absolutesten Herrschaft über alle Völker der Erde. Und für die Erreichung dieses Zweckes sendet sie in alle Gegenden die verschmitztesten Missionare aus! – Sage, o Herr, wirst Du solch einem über alle Maßen argen Treiben wohl nimmer irgendein Ziel setzen?

[RB.01_081,03] Siehe, die Völker, die sich lange von dieser vorgeblichen Himmelstochter am Narrenseil ganz geduldig herumzerren ließen, haben sich endlich einmal erkühnt, ihr nunmehr die glänzende Larve herabzureißen. Nun bietet sie alles mögliche auf, die starken Risse ihrer alten Larve auszuflicken und soviel als möglich unkenntlich zu machen. Herr, es geschehe Dein Wille! Aber das meine ich denn doch, daß Du dieser elenden Kreatur lange genug durch die Finger gesehen hast! Es wäre daher endlich einmal an der Zeit, sie gänzlich aus dem Buche der Lebendigen zu streichen und ihren Namen in das Buch der Toten zu übertragen!

[RB.01_081,04] Denn läßt Du sie wieder zu Kräften kommen, so wird sie sich nicht nur nicht bessern, sondern wird ihr Hurengetriebe nur noch glänzender aufrichten, so daß auch jene, die nun an Dich hielten, von ihrem üppigen Schoß angelockt, mit ihr im sinnlichsten Vollmaße werden zu buhlen anfangen. Und Dir wird dann in Kürze dennoch nichts übrigbleiben, als mit ihr zu machen, was Du dereinst mit Sodom und Gomorra zu tun genötigt warst.

[RB.01_081,05] Es ist wohl wahr, daß uns diese Erzhure eine Menge der allerschönsten Kinder geboren hat und darum auch Deine große Geduld und Nachsicht bei tausend Jahre mehr oder weniger ungetrübt genoß. Und ich habe darob selbst eine rechte Freude gehabt samt allen meinen Brüdern.

[RB.01_081,06] Nun aber ist sie ob ihrer zu großen Verworfenheit unfruchtbar geworden und wird uns wenig schöne Kinder mehr zutage fördern. Daher meine ich, daß es endlich doch an der Zeit wäre, ihr den verdienten Lohn zu geben. Übrigens geschehe dennoch ewig nur allein Dein heiliger Wille!"

[RB.01_081,07] Rede Ich zu Paulus: „Bruder Paulus, sage nun auch du, als ein Lehrer der Heiden, ob du mit all diesen Vor- und Anträgen einverstanden bist? Denn in bezug auf die Heiden hast du eine Hauptstimme. An euch ist es, wie Ich Selbst es euch verheißen habe, zu richten die Geschlechter auf der Erde!"

[RB.01_081,08] Paulus verneigt sich und spricht: „O Herr, ich habe die Heiden vielfach beobachtet und habe ihnen gepredigt Dein Wort, das sie mit großer Begierde und Freude annahmen, wodurch sie sich teilhaftig gemacht haben Deiner Gnade. Und doch waren sie Kinder des Vaters der Lüge und des Hochmuts! Die Kinder Abrahams aber kreuzigten den hohen Gesandten von Gott und erkannten ihn nicht! Ich frage: Was ist da wohl rühmlicher, ein Heide oder ein Nachkomme Abrahams? Was haben denn da die Juden für einen Vorzug vor den Heiden? Daß Gott nur mit diesem Volke geredet hat, ist denn das ein Verdienst des Volkes oder ist es nicht vielmehr eine Gnade Gottes? Oder glaubt wohl ein jeder Jude, daß Gott mit seinen Vätern geredet hat? Ich finde unter allen Juden und Heiden nichts, das ich Gerechtigkeit und Verdienst nennen könnte. Gott, unser Herr und Vater ist allein wahrhaft und gerecht! Alle Menschen aber, ob Juden oder Heiden und nunmalige Christen sind falsch und vor Gott nichts nütze!

[RB.01_081,09] So aber der Heiden Ungerechtigkeit Gottes Gerechtigkeit dennoch preiset, was wollen wir denn dann noch richten?! Kannst Du, o Herr, Dich darüber erzürnen? O nein, das ist ferne von Dir! – Denn so Du Dich darüber erzürnen möchtest, da müßtest Du ja ungerecht sein, und das ist ewig ferne von Dir! Denn wer wohl würde die Welt erhalten, wenn Gott so dächte, als wäre Er gleich wie ein Mensch!

[RB.01_081,10] Welchen Vorteil haben wir dabei, so wir schreien: ,Herr, siehe doch endlich an die Ungerechtigkeit Deiner Völker!‘ – Ich sage euch: Gar keinen Vorteil! Denn wir wissen nur zu genau, daß alle Menschen vor Gott Sünder sind – wie denn auch geschrieben steht: ,Da ist auch nicht einer, der da gerecht wäre vor Gott!‘ So wir aber das wissen, wie können wir denn Gott zum Gericht auffordern, als wären wir ohne Sünde?

[RB.01_081,11] Sagt mir doch, welches Ruhmes kann sich jenes schöne Weib dort an der Seite Gottes rühmen? Welch ein Verdienst hat sie denn gerechtfertigt vor Ihm? Und dennoch sitzt sie neben Ihm pur aus Seiner Gnade! Und welches Verdienst hatte denn ich vor Ihm, der ich die verfolgte, die an Ihn glaubten! Sehet, ich war ein Täter des Übels und war die Ungerechtigkeit selbst. Aber Gott kehrte sich nicht an meine Sünden, sondern berief mich, als wäre