JUGEND JESU – DAS JAKOBUS-EVANGELIUM

Biographisches Evangelium des Herrn von der Zeit an, da Joseph Mariam zu sich nahm.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der 11. Auflage 1996.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

Alle Rechte vorbehalten.

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Vorrede

Vom Herrn Selbst kundgegeben als Einleitung zu Seiner Jugendgeschichte unterm 22. Juli 1843 und 9. Mai 1851 durch denselben Mund, den Er zum Organ dieses Werkes erwählte.

[JJ.01_000,01] 1. Ich lebte die bekannte Zeit bis zum dreißigsten Jahre geradeso, wie da lebt ein jeder wohlerzogene Knabe, dann Jüngling und dann Mann, und mußte durch den Lebenswandel nach dem Gesetze Mosis die Gottheit in Mir – wie ein jeder Mensch Mich in sich – erst erwecken.

[JJ.01_000,02] Ich Selbst habe müssen so gut wie ein jeder andere ordentliche Mensch erst an einen Gott zu glauben anfangen und habe Ihn dann stets mehr und mehr mit aller erdenklichen Selbstverleugnung auch müssen mit stets mächtigerer Liebe erfassen und Mir also nach und nach die Gottheit erst völlig untertan machen.

[JJ.01_000,03] Also war Ich, als der Herr Selbst, ein lebendiges Vorbild für jeden Menschen, und so kann nun deshalb auch ein jeder Mensch Mich geradeso anziehen, wie Ich Selbst die Gottheit in Mir angezogen habe, und kann mit Mir selbständig ebenalso völlig Eins werden durch die Liebe und durch den Glauben, wie Ich Selbst als Gottmensch in aller endlosen Fülle vollkommen Eins bin mit der Gottheit.

[JJ.01_000,04] 2. Auf die Frage, wie die Kindes-Wunder Jesu und dessen göttlich geistige Tätigkeit mit Seinem gleichsam isolierten Menschsein in den Jünglings- und Mannesjahren und in diesen wieder die in denselben verrichteten Wunder zusammenhängen, wenn man sich Ihn in diesen Jahren nur als Mensch denken solle, – diene als Antwort der Anblick eines Baumes vom Frühjahre bis in den Herbst.

[JJ.01_000,05] Im Frühjahre blüht der Baum wunderbar und beherrscht ihn eine große Tätigkeit. Nach dem Abfalle der Blüte wird der Baum wieder, als wäre er untätig. Gegen den Herbst hin aber erscheint der Baum wieder in seiner vollsten Tätigkeit: die Früchte, die sicher wunderbaren, werden gewürzt, gefärbt, schöner denn vorher die Blüte, und also gereift, und der ihnen gegebene Segen wird seiner Bande los und fällt als solcher in den Schoß der hungrigen Kindlein.

[JJ.01_000,06] Mit dem Auge des Herzens wird man imstande sein, dies Bild zu fassen, aber niemals mit den Augen des Weltverstandes. – Die fraglichen Stellen, ohne der Gottheit Jesu nahe zu treten, sondern diese im Glauben des Herzens, der da ist ein Licht der Liebe zu Gott, festhaltend – lassen sich nur zu leicht erklären, sobald man aus dem Herzen heraus rein wird, daß die volle Einung der Fülle der Gottheit mit dem Menschen Jesu nicht auf einmal, wie mit einem Schlage, sondern – wie alles unter der Leitung Gottes – erst nach und nach, gleich dem sukzessiven Erwachen des göttlichen Geistes im Menschenherzen, und erst durch den Kreuzestod vollends erfolgt ist; obschon die Gottheit in aller ihrer Fülle auch schon im Kinde Jesus wohnte, aber zur Wundertätigkeit nur in der Zeit der Not auftauchte.

[JJ.01_000,07] 3. Der leibliche Tod Jesu ist die tiefste Herablassung der Gottheit in das Gericht aller Materie und somit die eben dadurch mögliche vollends neue Schaffung der Verhältnisse zwischen Schöpfer und Geschöpf.

[JJ.01_000,08] Durch den Tod Jesu erst wird Gott Selbst vollkommen Mensch und der geschaffene Mensch zu einem aus solcher höchsten göttlichen Gnade neu gezeugten Kinde Gottes, also zu einem Gotte, und kann erst also als Geschöpf seinem Schöpfer als dessen vollendetes Ebenmaß gegenüberstehen und in Diesem seinen Gott, Schöpfer und Vater schauen, sprechen, erkennen und über alles lieben und allein dadurch gewinnen das vollendete ewige, unzerstörbare Leben in Gott, aus Gott und neben Gott. Dadurch ist aber auch des Satans Gewalt (besser: Wille) dahin gebrochen, daß er die vollste Annäherung der Gottheit zu den Menschen, und umgekehrt dieser ebenalso zur Gottheit, nicht mehr verhindern kann.

[JJ.01_000,09] Noch kürzer gesagt: Durch den Tod Jesu kann nun der Mensch vollends mit Gott fraternisieren, und dem Satan ist da kein Zwischentritt mehr möglich; darum es auch im Worte zu den grabbesuchenden Weibern heißt: „Gehet hin und saget es Meinen Brüdern!" – Des Satans Walten in der äußeren Form mag wohl stets noch bemerkbar sein, aber den einmal zerrissenen Vorhang zwischen der Gottheit und den Menschen kann er ewig nicht mehr errichten und so die alte unübersteigbare Kluft zwischen Gott und den Menschen von neuem wiederherstellen.

[JJ.01_000,10] Aus dieser kurzen Erörterung der Sache aber kann nun jeder im Herzen denkende und sehende Mensch sehr leicht und klar den endlosesten Nutzen des leiblichen Todes Jesu einsehen. Amen.

 

Das Jakobus-Evangelium über die Jugend Jesu.

Biographisches Evangelium des Herrn von der Zeit an, da Joseph Mariam zu sich nahm.

22. Juli 1843

[JJ.01_43.07.22] Jakobus, ein Sohn Josephs, hat solches alles aufgezeichnet; aber es ist mit der Zeit so sehr entstellt worden, daß es nicht zugelassen werden konnte, als authentisch in die Schrift aufgenommen zu werden. Ich aber will dir das echte Evangelium Jakobi geben, aber nur von der obenerwähnten Periode angefangen; denn Jakobus hatte auch die Biographie Mariens von ihrer Geburt an mit aufgenommen, wie die des Joseph. – Und so schreibe denn als erstes Kapitel:

 

1. Kapitel – Joseph der Zimmermann. Die Verlosung Mariens im Tempel. Gottes Zeugnis über Joseph. Josephs Gebet. Maria im Hause Josephs.

[JJ.01_001,01] Joseph aber war mit einem Hausbaue beschäftigt in der Gegend zwischen Nazareth und Jerusalem.

[JJ.01_001,02] Dieses Haus ließ ein vornehmer Bürger aus Jerusalem dort der Herberge wegen erbauen, da sonst die Nazaräer bis Jerusalem kein Obdach hatten.

[JJ.01_001,03] Maria aber, die im Tempel auferzogen ward, ist reif geworden und war nach dem Mosaischen Gesetze not, sie aus dem Tempel zu geben.

[JJ.01_001,04] Es wurden darum Boten in ganz Judäa ausgesandt, solches zu verkünden, auf daß die Väter kämen, um, so jemand als würdig befunden würde, das Mägdlein zu nehmen in sein Haus.

[JJ.01_001,05] Als solche Nachricht auch zu Josephs Ohren kam, da legte er sobald seine Axt weg und eilte nach Jerusalem und daselbst an den bestimmten Versammlungs- und Beratungsplatz in dem Tempel.

[JJ.01_001,06] Als sich aber nach Ablauf von drei Tagen die sich darum gemeldet Habenden wieder am vorbestimmten Orte versammelt hatten und ein jeder Bewerber um Maria einen frischen Lilienstab so bestimmtermaßen dem Priester dargereicht hatte, da ging der Priester sobald mit den Stäben in das Innere des Tempels und betete dort.

[JJ.01_001,07] Nachdem er aber sein Gebet beendet hatte, trat er wieder mit den Stäben heraus und gab einem jeglichen seinen Stab wieder.

[JJ.01_001,08] Alle Stäbe aber wurden sobald fleckig, nur der zuletzt dem Joseph überreichte blieb frisch und makellos.

[JJ.01_001,09] Es hielten sich aber darob einige auf und erklärten diese Probe für parteiisch und somit für ungültig und verlangten eine andere Probe, mit der sich durchaus kein Unfug verbinden ließe.

[JJ.01_001,10] Der Priester, darob etwas erregt, ließ sobald Mariam holen, gab ihr eine Taube in die Hand und behieß sie zu treten in die Mitte der Bewerber, auf daß sie daselbst die Taube frei solle fliegen lassen,

[JJ.01_001,11] und sprach noch vor dem Auslassen der Taube zu den Bewerbern: „Sehet, ihr Falschdeuter der Zeichen Jehovas! – Diese Taube ist ein unschuldig reines Tier und hat kein Gehör für unsere Beredung,

[JJ.01_001,12] sondern lebt allein in dem Willen des Herrn und verstehet allein die allmächtige Sprache Gottes!

[JJ.01_001,13] Haltet eure Stäbe in die Höhe! – Auf dessen Stab diese Taube, so sie das Mägdlein auslassen wird, sich niederlassen und auf dessen Haupt sie sich setzen wird, der solle Mariam nehmen!"

[JJ.01_001,14] Die Bewerber aber waren damit zufrieden und sprachen: „Ja, dies soll ein untrüglich Zeichen sein!"

[JJ.01_001,15] Da aber Maria die Taube auf Geheiß des Priesters freiließ, da flog dieselbe sobald zu Joseph hin, ließ sich auf seinen Stab nieder und flog dann vom selben sogleich auf das Haupt Josephs.

[JJ.01_001,16] Und der Priester sprach: „Also hat es der Herr gewollt! Dir, du biederer Gewerbsmann, ist das untrügliche Los zugefallen, die Jungfrau des Herrn zu empfangen! So nehme sie denn hin im Namen des Herrn in dein reines Haus zur ferneren Obhut, Amen."

24. Juli 1843

[JJ.01_001,17] Als aber der Joseph solches vernommen hatte, da antwortete er dem Priester und sprach: „Siehe, du gesalbter Diener des Herrn nach dem Gesetze Mosis, des getreuen Knechtes des Herrn Gott Zebaoth, ich bin schon ein Greis und habe erwachsene Söhne zu Hause und bin seit lange her schon ein Witwer; wie werde ich doch zum Gespötte werden vor den Söhnen Israels, so ich dies Mägdlein nehme in mein Haus!

[JJ.01_001,18] Daher lasse die Wahl noch einmal ändern und lasse mich draußen sein, auf daß ich nicht gezählt werde unter den Bewerbern!"

[JJ.01_001,19] Der Priester aber hob seine Hand auf und sprach zum Joseph: „Joseph! Fürchte Gott den Herrn! Weißt du nicht, was Er getan hat an Dathan, an Korah und an Abiram?

[JJ.01_001,20] Siehe, es spaltete sich die Erde, und sie alle wurden von ihr verschlungen um ihrer Widerspenstigkeit willen! – Meinst du, Er könnte dir nicht desgleichen tun?

[JJ.01_001,21] Ich sage dir: Da du das Zeichen Jehovas untrüglich gesehen und wahrgenommen hast, so gehorche auch dem Herrn, der allmächtig ist und gerecht und allzeit züchtiget die Widerspenstigen und die Abtrünnlinge Seines Willens!

[JJ.01_001,22] Sonst aber sei gewaltig bange dir in deinem Hause, ob der Herr solches nicht auch an deinem Hause verübe, was Er verübet hat an Dathan, Korah und Abiram!"

[JJ.01_001,23] Da ward dem Joseph sehr bange, und er sprach in großer Angst zum Priester: „So bete denn für mich, auf daß der Herr mir wieder gnädig sein möchte und barmherzig, und gebe mir dann die Jungfrau des Herrn nach Seinem Willen!"

[JJ.01_001,24] Der Priester aber ging hinein und betete für Joseph vor dem Allerheiligsten, – und der Herr sprach zum Priester, der da betete:

[JJ.01_001,25] „Betrübe Mir den Mann nicht, den Ich erwählet habe; denn gerechter als er wandelt wohl keiner in Israel, und keiner auf der ganzen Erde, und keiner vor Meinem ewigen Throne in allen Himmeln!

[JJ.01_001,26] Und gehe hinaus und gebe die Jungfrau, die Ich Selbst erzogen habe, dem gerechtesten der Männer der Erde!"

[JJ.01_001,27] Hier schlug sich der Priester auf die Brust und sprach: „O Herr, Du allmächtiger einiger Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sei mir Sünder vor Dir barmherzig; denn nun erkenne ich, daß Du Dein Volk heimsuchen willst!"

[JJ.01_001,28] Darauf erhob sich der Priester, ging hinaus und gab segnend im Namen des Herrn das Mägdlein dem geängstigten Joseph

[JJ.01_001,29] und sprach zu ihm: „Joseph, gerecht bist du vor dem Herrn, darum hat Er dich erwählt aus vielen Tausenden! Und so magst du im Frieden ziehen, Amen."

[JJ.01_001,30] Und Joseph nahm Mariam und sprach: „Also geschehe denn allzeit der allein heilige Wille meines Gottes, meines Herrn! Was Du, o Herr, gibst, ist ja allzeit gut; daher nehme ich ja auch gerne und willigst diese Gabe aus Deiner Hand! Segne sie aber für mich und mich für sie, auf daß ich ihrer würdig sein möchte vor Dir jetzt, wie allzeit; Dein Wille, Amen."

26. Juli 1843

[JJ.01_001,31] Da aber Joseph solches geredet hatte vor dem Herrn, da ward er gestärkt im Herzen, ging sodann mit Maria aus dem Tempel und führte sie dann in die Gegend von Nazareth und daselbst in seine ärmliche Behausung.

[JJ.01_001,32] Es wartete aber die nötige Arbeit des Joseph; daher machte er in seiner Behausung diesmal auch nicht Säumens und sprach daher zur Maria:

[JJ.01_001,33] „Maria, siehe, ich habe dich nach dem Willen Gottes zu mir genommen aus dem Tempel des Herrn, meines Gottes; ich aber kann nun nicht bei dir verbleiben und dich beschützen, sondern muß dich zurücklassen, denn ich muß gehen, um meinen bedungenen Hausbau zu besorgen an der Stelle, die ich dir auf der Reise hierher gezeigt habe!

[JJ.01_001,34] Aber siehe, du sollest darum nicht allein zu Hause sein! Ich habe ja eine mir nahe anverwandte Häuslerin, die ist fromm und gerecht; die wird um dich sein und mein jüngster Sohn; und die Gnade Gottes und Sein Segen wird dich nicht verlassen.

[JJ.01_001,35] In aller Bälde aber werde ich mit meinen vier Söhnen wieder nach Hause kommen zu dir und werde dir ein Leiter sein auf den Wegen des Herrn! Gott der Herr aber wird nun über dich und mein Haus wachen, Amen."

 

2. Kapitel – Der neue Vorhang im Tempel. Marias Arbeit am Vorhang.

[JJ.01_002,01] Es war aber zu der Zeit noch ein Vorhang im Tempel vonnöten, da der alte hie und da schon sehr schadhaft geworden war, um zu decken das Schadhafte.

[JJ.01_002,02] Da ward denn von den Priestern ein Rat gehalten, und sie sprachen: „Lasset uns einen Vorhang machen im Tempel des Herrn zur Deckung des Schadhaften.

[JJ.01_002,03] Denn es könnte ja heute oder morgen der Herr kommen, wie es geschrieben steht, – wie würden wir dann vor Ihm stehen, so Er von uns den Tempel also verwahrlost fände?"

[JJ.01_002,04] Der Hohepriester aber sprach: „Urteilet nicht doch gar so blind, als wüßte der Herr, dessen Heiligtum im Tempel ist, nicht, wie nun da bestellet ist der Tempel!

[JJ.01_002,05] Rufet mir aber dennoch sieben unbefleckte Jungfrauen aus dem Stamme Davids, und wir wollen dann eine Losung halten, wie da die Arbeit ausgeteilt sein solle!"

[JJ.01_002,06] Nun gingen die Diener aus, zu suchen die Jungfrauen aus dem Stamme Davids und fanden mit genauer Not kaum sechs und zeigten solches dem Hohenpriester an.

[JJ.01_002,07] Der Hohepriester aber erinnerte sich, daß die dem Joseph erst vor wenigen Wochen zur Obhut übergebene Maria ebenfalls aus dem Stamme Davids sei, und gab solches sobald den Dienern kund.

[JJ.01_002,08] Und sobald gingen die Diener aus, zeigten solches dem Joseph an, und er ging und brachte Mariam wieder in den Tempel, geleitet von den Dienern des Tempels.

27. Juli 1843

[JJ.01_002,09] Als aber die Jungfrauen in der Vorhalle versammelt waren, da kam sobald der Hohepriester und führte sie allesamt in den Tempel des Herrn.

[JJ.01_002,10] Und als sie da versammelt waren in dem Tempel des Herrn, da sprach sobald der Hohepriester und sagte:

[JJ.01_002,11] „Höret, ihr Jungfrauen aus dem Stamme Davids, der da verordnet hatte nach dem Willen Gottes, daß da die feine Arbeit am Vorhange, der da scheidet das Allerheiligste vom Tempel, allzeit solle von den Jungfrauen aus seinem Stamme angefertigt werden,

[JJ.01_002,12] und solle nach seinem Testamente die mannigfache Arbeit durch Verlosung ausgeteilt werden, und solle dann eine jede Jungfrau die ihr zugefallene Arbeit nach ihrer Geschicklichkeit bestens verfertigen!

[JJ.01_002,13] Sehet, da ist vor euch der schadhafte Vorhang, und hier auf dem goldenen Tische liegen die mannigfachen rohen Stoffe zur Verarbeitung schon bereitet!

[JJ.01_002,14] Ihr sehet, daß solche Arbeit not tut; daher loset mir sogleich, auf daß es sich herausstelle, diewelche aus euch da spinnen solle den Goldfaden und den Amiant- und den Baumwollfaden,

[JJ.01_002,15] den Seidenfaden, dann den hyazinthfarbigen, den Scharlach und den echten Purpur!"

[JJ.01_002,16] Und die Jungfrauen losten schüchtern, da der Hohepriester über sie betete; und da sie gelost hatten nach der vorgezeichneten Ordnung, hatte es sich herausgestellt, wie die Arbeit verteilt werden sollte.

[JJ.01_002,17] Und es fiel der Jungfrau Maria, der Tochter Annas und Joakims, durchs Los zu der Scharlach und der echte Purpur.

[JJ.01_002,18] Die Jungfrau aber dankte Gott für solche gnädige Zuerkennung und Zuteilung solch rühmlichster Arbeit zu Seiner Ehre, nahm die Arbeit und begab sich damit, von Joseph geleitet, wieder nach Hause.

[JJ.01_002,19] Daheim angelangt machte sich Maria sogleich an die Arbeit freudigen Mutes; Joseph empfahl ihr allen Fleiß, segnete sie und begab sich dann sogleich wieder an seinen Hausbau.

[JJ.01_002,20] Es begab sich aber dieses zur selbigen Zeit, als der Zacharias, da er im Tempel das Rauchopfer verrichtete, zufolge seines kleinen Unglaubens ist stumm geworden, darum für ihn ein Stellvertreter ward erwählt worden, unter dem diese Arbeit ist verloset worden.

[JJ.01_002,21] Maria aber war verwandt sowohl mit Zacharias wie mit dessen Stellvertreter, darum sie denn auch ums Doppelte ihren Fleiß vermehrte, um ja recht bald, ja womöglich als erste mit ihrer Arbeit fertig zu werden.

[JJ.01_002,22] Aber sie verdoppelte ihren Fleiß nicht etwa aus Ruhmlust, sondern nur um nach ihrer Meinung Gott dem Herrn eine recht große Freude dadurch zu bereiten, so sie baldmöglichst und bestmöglichst ihre Arbeit zu Ende brächte.

[JJ.01_002,23] Zuerst kam die Arbeit an dem Scharlach, der da mit großer Aufmerksamkeit mußte gesponnen werden, um den Faden ja nicht hier und da dicker oder dünner zu machen.

[JJ.01_002,24] Mit großer Meisterschaft wurde der Scharlachfaden von der Maria gesponnen, so daß sich alles, was nur ins Haus Josephs kam, höchlichst verwunderte über die außerordentliche Geschicklichkeit Mariens.

[JJ.01_002,25] In kurzer Frist von drei Tagen ward Maria mit dem Scharlach zu Ende und machte sich sodann alsogleich über den Purpur; da sie aber diesen stets annässen mußte, so mußte sie während der Arbeit öfter den Krug nehmen und hinausgehen, sich Wasser zu holen.

 

3. Kapitel – Die Ankündigung der Geburt des Herrn durch einen Engel. Marias demutvolle Ergebenheit.

28. Juli 1843

[JJ.01_003,01] An einem Freitage morgens aber nahm Maria abermals den Wasserkrug und ging hinaus, ihn mit Wasser zu füllen, und horch! – eine Stimme sprach zu ihr:

[JJ.01_003,02] „Gegrüßet seist du, an der Gnade des Herrn Reiche! Der Herr ist mit dir, du Gebenedeite unter den Weibern!"

[JJ.01_003,03] Maria aber erschrak gar sehr ob solcher Stimme, da sie nicht wußte, woher sie kam, und sah sich darum auch behende nach rechts und links um; aber sie konnte niemanden entdecken, der da geredet hätte.

[JJ.01_003,04] Darum aber ward sie noch voller von peinigender Angst, nahm eiligst den gefüllten Wasserkrug und eilte von dannen ins Haus.

[JJ.01_003,05] Als sie da bebend anlangte, stellte sie sobald den Wasserkrug zur Seite, nahm den Purpur wieder zur Hand, setzte sich auf ihren Arbeitssessel und fing den Purpur wieder gar emsig an fortzuspinnen.

[JJ.01_003,06] Aber sie hatte sich noch kaum so recht wieder in ihrer Arbeit eingefunden, siehe, da stand schon der Engel des Herrn vor der emsigen Jungfrau und sprach zu ihr:

[JJ.01_003,07] „Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast eine endlos große Gnade gefunden vor dem Angesichte des Herrn; siehe, du wirst schwanger werden vom Worte Gottes!"

[JJ.01_003,08] Als Maria aber dieses vernommen hatte, da fing sie an, diese Worte hin und her zu erwägen, und konnte nicht erfassen ihren Sinn; darum sprach sie denn zum Engel:

[JJ.01_003,09] „Wie solle denn das vor sich gehen, bin ich doch noch lange nicht eines Mannes Weib und habe auch noch nie dazu eine Bekanntschaft mit einem Manne gemacht, der mich sobald nähme zum Weibe, auf daß ich gleich andern Weibern schwanger würde und dann gebäre ihnen gleich?"

[JJ.01_003,10] Der Engel aber sprach zur Maria: „Höre, du erwählte Jungfrau Gottes! Nicht also solle es geschehen, sondern die Kraft des Herrn wird dich überschatten.

[JJ.01_003,11] Darum wird auch das Heilige, das da aus dir geboren wird, der Sohn des Allerhöchsten genannt werden!

[JJ.01_003,12] Du sollst Ihm aber, wann Er aus dir geboren wird, den Namen Jesus geben; denn Er wird erlösen Sein Volk von all den Sünden, vom Gerichte und vom ewigen Tode."

[JJ.01_003,13] Maria aber fiel vor dem Engel nieder und sprach: „Siehe, ich bin ja nur eine Magd des Herrn; daher geschehe mir nach Seinem Willen, wie da lauteten deine Worte!" – Hier verschwand der Engel wieder, und Maria machte sich wieder an ihre Arbeit.

 

4. Kapitel – Marias kindlich-unschuldiges Gespräch mit Gott und die Antwort von oben.

1. August 1843

[JJ.01_004,01] Als aber darauf der Engel sobald wieder verschwand, da lobte und pries Maria Gott den Herrn und sprach also bei sich in ihrem Herzen:

[JJ.01_004,02] „O was bin ich denn doch vor Dir, o Herr, daß Du mir solche Gnade erweisen magst? –

[JJ.01_004,03] Ich solle schwanger werden, ohne je einen Mann erkannt zu haben; denn ich weiß ja nicht, was Unterschiedes da ist zwischen mir und einem Manne.

[JJ.01_004,04] Weiß ich denn, was das so in der Wahrheit ist: schwanger sein? O Herr! siehe, ich weiß es ja nicht!

[JJ.01_004,05] Weiß ich wohl, was das ist, wie man sagt: ,Siehe, ein Weib gebäret‘? – O Herr! siehe mich gnädig an; ich bin ja nur eine Magd von vierzehn Jahren und habe davon nur reden gehört – und weiß aber darum doch in der Tat nichts!

[JJ.01_004,06] Ach, wie wird es mir Armseligen ergehen, so ich werde schwanger sein – und weiß nicht, wie da ist solch ein Zustand!

[JJ.01_004,07] Was wird dazu der Vater Joseph sagen, so ich ihm sagen werde, oder er es etwa also merken wird, daß ich schwanger sei?!

[JJ.01_004,08] Etwas Schlimmes kann das Schwangersein ja doch nicht sein, besonders wenn eine Magd, wie einst die Sara, vom Herrn Selbst dazu erwählet wird?

[JJ.01_004,09] Denn ich habe es ja schon öfter im Tempel gehört, welch eine große Freude die Weiber haben, wenn sie schwanger sind!

[JJ.01_004,10] Also muß das Schwangersein wohl etwas recht Gutes und überaus Beseligendes sein, und ich werde mich sicher auch freuen, wann mir das von Gott gegeben wird, daß ich schwanger werde!

[JJ.01_004,11] Aber wann, wann wird das geschehen, und wie? – oder ist es schon geschehen? Bin ich schon schwanger, oder werde ich es erst werden?

[JJ.01_004,12] O Herr! Du ewig Heiliger Israels, gebe mir, Deiner armen Magd, doch ein Zeichen, wann solches geschehen wird, auf daß ich Dich darob loben und preisen möchte!"

[JJ.01_004,13] Bei diesen Worten ward Maria von einem lichten Ätherhauche angeweht, und eine gar sanfte Stimme sprach zu ihr:

[JJ.01_004,14] „Maria! sorge dich nicht vergeblich; du hast empfangen, und der Herr ist mit dir! – Mache dich an deine Arbeit, und bringe sie zu Ende, denn fürder wird für den Tempel keine mehr gemacht werden von dieser Art!"

[JJ.01_004,15] Hier fiel Maria nieder, betete zu Gott und lobte und pries Ihn für solche Gnade. – Nachdem sie aber dem Herrn ihr Lob dargebracht hatte, erhob sie sich und nahm ihre Arbeit zur Hand.

 

5. Kapitel – Die Übergabe der beendeten Tempelarbeit Mariens. Maria und der Hohepriester. Maria besucht ihre Muhme Elisabeth.

2. August 1843

[JJ.01_005,01] In wenigen Tagen ward Maria auch mit dem Purpur fertig, ordnete ihn dann und nahm den Scharlach und legte ihn zum Purpur.

[JJ.01_005,02] Darauf dankte sie Gott für die Gnade, daß Er ihr hatte lassen ihre Arbeit so wohl vollenden, wickelte dann das Gespinst in reine Linnen und machte sich damit nach Jerusalem auf den Weg.

[JJ.01_005,03] Bis zum Hausbau, da Joseph arbeitete, ging sie allein; aber von da an begleitete sie wieder Joseph nach Jerusalem und daselbst in den Tempel.

[JJ.01_005,04] Da angelangt, übergab sie sobald die Arbeit dem Hohenpriester.

[JJ.01_005,05] Dieser besah wohl den Scharlach und den Purpur, fand die Arbeit allerausgezeichnetst gut und belobte und begrüßte darum Mariam mit folgenden Worten:

[JJ.01_005,06] „Maria, solche Geschicklichkeit wohnet nicht natürlich in dir, sondern der Herr hat mit deiner Hand gewirket!

[JJ.01_005,07] Groß hat dich darum Gott gemacht; gebenedeiet wirst du sein unter allen Weibern der Erde von Gott dem Herrn, da du die erste warst, die da ihre Arbeit dem Herrn in den Tempel überbracht hat."

[JJ.01_005,08] Maria aber, voll Demut und Freude in ihrem Herzen, sprach zum Hohenpriester:

[JJ.01_005,09] „Würdiger Diener des Herrn in Seinem Heiligtume! O lobe mich nicht zu sehr, und erhebe mich nicht über die andern; denn diese Arbeit ist ja nicht mein Verdienst, sondern allein des Herrn, der da meine Hand leitete!

[JJ.01_005,10] Darum sei Ihm allein ewig alles Lob, aller Ruhm, aller Preis und alle meine Liebe und alle meine Anbetung ohne Unterlaß!"

[JJ.01_005,11] Und der Hohepriester sprach: „Amen, Maria! du reine Jungfrau des Herrn, du hast wohl geredet vor dem Herrn! – So denn ziehe nun wieder hin im Frieden; der Herr sei mit dir!"

[JJ.01_005,12] Darauf erhob sich Maria und ging mit Joseph wieder bis zur Baustelle hin, allda sie eine kleine Stärkung, bestehend aus Brot und Milch und Wasser, zu sich nahm.

[JJ.01_005,13] Es wohnte aber bei einer halben Tagereise weit vom Bauplatze über einem kleinen Gebirge eine Muhme Mariens, namens Elisabeth; diese möchte sie besuchen und bat den Joseph darum um die Erlaubnis.

[JJ.01_005,14] Joseph aber gestattete ihr gar bald, solches zu tun, und gab ihr zu dem Behufe auch den ältesten Sohn zum Führer mit, der sie so weit begleiten mußte, bis sie das Haus Elisabeths erschaute.

 

6. Kapitel – Der wunderbare Empfang Mariens bei Elisabeth. Demut und Weisheit der Maria. Marias Heimkehr zu Joseph.

3. August 1843

[JJ.01_006,01] Bei der Elisabeth angelangt, d.h. bei ihrem Hause, pochte sie gar bald schüchternen Gemütes an die Türe nach dem Gebrauche der Juden.

[JJ.01_006,02] Als aber Elisabeth vernommen hatte das schüchterne Pochen, gedachte sie bei sich: „Wer pochet denn da so ungewöhnlich leise?

[JJ.01_006,03] Es wird ein Kind meines Nachbars sein; denn mein Mann, der da stumm noch ist im Tempel und harret der Erlösung, kann es nicht sein!

[JJ.01_006,04] Meine Arbeit aber ist wichtig; solle ich sie wohl weglegen des unartigen Kindes meines Nachbars wegen?

[JJ.01_006,05] Nein, das will ich nicht tun, denn es ist eine Arbeit für den Tempel, und diese steht höher denn die Unart eines Kindes, das da sicher wieder nichts anderes will, als mich bekanntermaßen necken und ausspötteln.

[JJ.01_006,06] Daher werde ich fein bei der Arbeit sitzen bleiben und das Kind lange gut pochen lassen."

[JJ.01_006,07] Maria aber pochte noch einmal, und das Kind im Leibe der Elisabeth fing an vor Freude zu hüpfen, und die Mutter vernahm eine leise Stimme aus der Gegend des in ihr hüpfenden Kindes, und die Stimme lautete:

[JJ.01_006,08] „Mutter, gehe, gehe eiligst; denn die Mutter meines und deines Herrn, meines und deines Gottes ist es, die da pochet an die Türe und besucht dich im Frieden!" –

[JJ.01_006,09] Elisabeth aber, als sie das gehört hatte, warf sogleich alles von sich, was sie in den Händen hatte, und lief und öffnete der Maria die Türe,

[JJ.01_006,10] gab ihr dann nach der Sitte sogleich ihren Segen, umfing sie dann mit offenen Armen und sagte zu ihr:

[JJ.01_006,11] „O Maria, du Gebenedeite unter den Weibern! Du bist gebenedeit unter allen Weibern, und gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes!

[JJ.01_006,12] O Maria, du reinste Jungfrau Gottes! – Woher wohl kommt mir die hohe Gnade, daß mich die Mutter meines Herrn, meines Gottes besucht?!"

[JJ.01_006,13] Maria aber, die nichts von all den Geheimnissen verstand, sagte zu Elisabeth:

[JJ.01_006,14] „Ach liebe Muhme! – ich kam ja nur auf einen freundlichen Besuch zu dir; was sprichst du denn da für Dinge über mich, die ich nicht verstehe? – Bin ich denn schon im Ernste schwanger, daß du mich eine Mutter nennst?"

[JJ.01_006,15] Elisabeth aber erwiderte der Maria: „Siehe, als du zum zweiten Male pochtest an die Türe, da hüpfte sobald das Kindlein, das ich unter meinem Herzen trage, vor Freude und gab mir solches kund und grüßte dich in mir schon zum voraus!"

[JJ.01_006,16] Da blickte Maria auf zum Himmel und gedachte, was da der Erzengel Gabriel zu ihr geredet hatte, obwohl sie von all dem noch nichts verstand, und sprach:

[JJ.01_006,17] „O Du großer Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, was hast Du wohl aus mir gemacht? Was bin ich denn, daß mich alle Geschlechter der Erde selig preisen sollen?"

[JJ.01_006,18] Elisabeth aber sprach: „O Maria, du Erwählte Gottes, trete in mein Haus und stärke dich; da wollen wir uns besprechen und gemeinschaftlich Gott loben und preisen aus allen unseren Kräften!"

4. August 1843

[JJ.01_006,19] Und die Maria folgte sobald der Elisabeth in ihr Haus und aß und trank und stärkte sich und ward voll heiteren Mutes.

[JJ.01_006,20] Elisabeth aber fragte die Maria um vieles, was alles sie im Tempel während ihres Dortseins als Zuchtkind des Herrn erfahren habe, und wie ihr alles das vorgekommen sei.

[JJ.01_006,21] Maria aber sagte: „Teure, vom Herrn auch gar wohl gesegnete Muhme! – Ich meine, diese Dinge stehen für uns zu hoch, und wir Weiber tun unklug, so wir uns über Dinge beraten, darüber der Herr die Söhne Aarons gesetzt hat.

[JJ.01_006,22] Daher bin ich der Meinung, wir Weiber sollen die göttlichen Dinge Gott überlassen und denen, die Er darüber gestellt hat, und sollen nicht darüber grübeln.

[JJ.01_006,23] So wir nur Gott lieben über alles und Seine heiligen Gebote halten, da leben wir ganz unserem Stande gemäß; was darüber ist, gebühret den Männern, die der Herr beruft und erwählt.

[JJ.01_006,24] Ich meine, liebe Muhme, das ist recht, darum erlasse mir die Ausschwätzerei aus dem Tempel; denn er wird darum nicht besser und nicht schlechter. Wann es aber dem Herrn recht sein wird, dann wird Er schon den Tempel züchtigen und umstalten zur rechten Zeit."

[JJ.01_006,25] Elisabeth aber erkannte in diesen Worten die hohe Demut und Bescheidenheit Mariens und sagte zu ihr:

[JJ.01_006,26] „Ja, du gnaderfüllte Jungfrau Gottes! Mit solchen Gesinnungen muß man ja auch die höchste Gnade vor Gott finden!

[JJ.01_006,27] Denn also, wie du sprichst, kann nur die höchst reinste Unschuld sprechen; – und wer darnach lebt, der lebt sicher gerecht vor Gott und aller Welt."

[JJ.01_006,28] Maria aber sagte: „Das gerechte Leben ist nicht unser, sondern des Herrn, und ist eine Gnade!

[JJ.01_006,29] Wer da aus sich gerecht zu leben glaubt, der lebt vor Gott sicher am wenigsten gerecht; wer aber stets seine Schuld vor Gott bekennt, der ist es, der da gerecht lebt vor Gott.

[JJ.01_006,30] Ich aber weiß nicht, wie ich lebe, mein Leben ist eine pure Gnade des Herrn; daher kann ich auch nichts anderes tun, als Ihn allzeit lieben, loben und preisen aus allen meinen Kräften! – Ist dein Leben wie das meinige, da tue desgleichen, und der Herr wird daran mehr Wohlgefallen haben, als möchten wir noch soviel über die Verhältnisse des Tempels miteinander verplaudern."

[JJ.01_006,31] Elisabeth aber erkannte gar wohl, daß aus der Maria ein göttlicher Geist wehe, stellte daher ihre Tempelfragen ein und ergab sich, Gott lobend und preisend, in Seinen Willen. –

5. August 1843

[JJ.01_006,32] Also verbrachte aber Maria noch volle drei Monate bei der Elisabeth und half ihr wie eine Magd alle Hausarbeit verrichten.

[JJ.01_006,33] Mittlerweile hatte aber auch unser Joseph seinen Bau beendet und befand sich mit seinen Söhnen wieder zu Hause und besorgte da seinen kleinen, freilich nur gemieteten Grund.

[JJ.01_006,34] Eines Abends aber sagte er zum ältesten Sohne: „Joel, gehe und rüste mir für morgen früh mein Lasttier; denn ich muß Mariam holen gehen!

[JJ.01_006,35] Das Mädchen ist nun schon bei drei Monate aus meinem Hause, und ich weiß nicht, was da mit ihr geschieht.

[JJ.01_006,36] Ist sie auch beim Weibe des stumm gewordenen Hohenpriesters, so kann man aber doch nicht wissen, ob dieses Haus von allen Versuchen dessen, der Eva verlocket hatte, frei ist!

[JJ.01_006,37] Also will ich denn morgen hinziehen und mir das Mädchen wieder holen, auf daß mir nicht etwa mit der Zeit Israels Söhne übel nachreden sollen und der Herr mich züchtige ob meiner Sorglauheit des Mädchens willen."

[JJ.01_006,38] Und Joel ging und tat nach den Worten des Joseph; aber der Joel war kaum fertig mit seiner Arbeit, so stand auch schon Maria vor der Hausflur und grüßte den Joseph und bat ihn um die Wiederaufnahme in sein Haus.

[JJ.01_006,39] Joseph, ganz überrascht von dieser Erscheinung Mariens, fragte sie sogleich: „Bist du es wohl, du Ungetreue meines Hauses?"

[JJ.01_006,40] Und Maria sprach: „Ja, ich bin es, aber nicht ungetreu deinem Hause; denn ich wäre lange schon wieder gerne dagewesen, aber ich habe mich nicht getraut, allein über das waldige Gebirge zu ziehen, – und du sandtest auch keinen Boten um mich! Also mußte ich ja wohl so lange ausbleiben!

[JJ.01_006,41] Nun aber besuchten drei Leviten das Weib Zacharias', und da sie wieder heimkehrten nach Jerusalem, so nahmen sie mich mit, brachten mich an die Grenze deines Grundes, segneten mich dann und dein Haus und zogen dann ihres Weges weiter, und ich eilte hierher zu dir wieder, mein lieber Vater Joseph!"

[JJ.01_006,42] Obschon der Joseph gerne die Maria ein wenig ausgezankt hätte ob ihres langen Ausbleibens, so konnte er aber solches doch nicht über sein Herz bringen; denn fürs erste hatte die Stimme Mariens sein edelstes Herz zu sehr gerührt, und fürs zweite sah er sich selbst als Schuldigen, da er Mariam so lange nicht durch einen Boten hatte holen lassen.

[JJ.01_006,43] Er ließ daher das Mädchen zu sich kommen, um es zu segnen, und das Mädchen sprang zu Joseph hin und kosete ihn, wie da die unschuldigsten Kinder ihre Eltern und sonstigen Wohltäter zu kosen pflegen.

[JJ.01_006,44] Joseph aber ward darüber ganz gerührt und ward voll hoher Freude und sprach: „Siehe, ich bin ein armer Mann und bin schon bejahrt, aber deine kindliche Liebe macht mich vergessen meine Armut und mein Alter! Der Herr hat dich mir gegeben zu einer großen Freude, darum will ich ja auch ziehen und arbeiten mit Freuden, um dir, mein Kindlein, ein gutes Stückchen Brot zu verschaffen!"

[JJ.01_006,45] Bei diesen Worten fielen dem alten Manne Tränen aus seinen Augen. Maria aber trocknete behende dessen feuchte Wangen und dankte Gott, daß Er ihr einen so guten Nährvater gegeben hatte.

[JJ.01_006,46] In der Zeit aber vernahm Joseph plötzlich, als würden Psalmen gesungen vor seinem Hause. – –

 

7. Kapitel – Josephs Ahnungen und Prophezeiung. Marias Trost. Das gesegnete Abendbrot. Das Sichtbarwerden von Mariens Schwangerschaft.

7. August 1843

[JJ.01_007,01] Joseph aber ward von hohen Ahnungen erfüllt und sprach zur Maria: „Kind des Herrn! Viel Freude ist meinem Hause in dir gegeben, meine Seele ist von hohen Ahnungen erfüllt!

[JJ.01_007,02] Aber ich weiß es auch, daß der Herr diejenigen, die Er liebhat, allzeit schmerzlich heimsucht; daher wollen wir Ihn allzeit bitten, daß Er uns allen allzeit gnädig und barmherzig sein möchte!

[JJ.01_007,03] Es ist sogar möglich, daß der Herr durch dich und mich die alte, schon morsch gewordene Bundeslade wird erneuert haben wollen?!

[JJ.01_007,04] Sollte so etwas aber im Zuge sein, da wehe mir und dir; wir werden da eine gar harte Arbeit zu überstehen haben! – Doch nun nichts mehr davon!

[JJ.01_007,05] Was da kommen muß, das wird auch sicher kommen, und wir werden es nicht zu verhindern vermögen; aber so es kommen wird, dann wird es uns ergreifen mit allmächtiger Hand, und wir werden zittern vor dem Willen Dessen, der die Festen der Erde gestellet hat!"

[JJ.01_007,06] Maria aber verstand von all diesem nichts und tröstete daher den sehr bekümmert aussehenden Joseph mit solchen Worten:

[JJ.01_007,07] „Lieber Vater Joseph! Werde nicht betrübt ob des Willens des Herrn; denn wir wissen es ja, daß Er mit Seinen Kindern ja allzeit nur das Beste will! – Ist der Herr mit uns, wie Er es war mit Abraham, Isaak und Jakob, und wie Er noch allzeit war mit denen, die Ihn liebten, was Leids und Arges sollte uns da wohl begegnen?"

[JJ.01_007,08] Joseph aber war mit dieser Tröstung zufrieden und dankte dem Herrn in seinem Herzen aus allen seinen Kräften, darum Er ihm in der Maria einen solchen Trostengel hatte gegeben, und sagte darauf:

[JJ.01_007,09] „Kinder, es ist schon spät des Abends geworden; darum stimmen wir den Lobgesang an, verzehren dann unser gesegnetes Abendbrot und begeben uns dann zur Ruhe!"

[JJ.01_007,10] Solches geschah, und Maria eilte dann und brachte das Brot her, und Joseph teilte es aus; es nahm aber alle wunder, daß das Brot diesmal von einem gar so guten Geschmacke war.

[JJ.01_007,11] Joseph aber sagte: „Dem Herrn alles Lob! Was Er segnet, das schmecket allzeit wohl und ist vom besten Geschmacke!"

[JJ.01_007,12] Und die Maria aber bemerkte dann dem Joseph gar liebreichst weise: „Siehe, lieber Vater, also sollst du dich ja auch nicht fürchten vor den Heimsuchungen des Herrn; denn sie sind ja eben auch Seine gar köstlichen Segnungen!"

[JJ.01_007,13] Und der Joseph sprach: „Ja, ja, du reine Tochter des Herrn, du hast recht! Ich will ja in aller Geduld tragen, was immer der Herr mir aufbürden wird; denn zu schwer wird Er mir Seine Bürde und zu hart Sein Joch ja nicht machen, denn Er ist ja ein Vater voll Güte und Erbarmung – auch in Seinem Eifer! Und so geschehe denn allzeit Sein heiliger Wille!"

[JJ.01_007,14] Darauf begab sich die fromme Familie zur Ruhe und arbeitete zu Hause die folgenden Tage. –

[JJ.01_007,15] Tag für Tag aber ward der Leib Marias voller; da sie solches wohl merkte, so suchte sie ihre Schwangerschaft vor den Augen Josephs und seiner Söhne so gut als nur immer möglich zu verbergen.

[JJ.01_007,16] Aber nach einer Zeit von zwei Monaten half ihr ihr Verbergen nichts mehr, und Joseph fing an Argwohn zu schöpfen und beriet sich insgeheim mit einem seiner Freunde in Nazareth über den sonderbaren Zustand Mariens.

 

8. Kapitel – Die Ansicht des Arztes. Joseph verhört Maria. Marias Erklärung.

9. August 1843

[JJ.01_008,01] Der Freund Josephs aber war ein Sachkundiger; denn er war ein Arzt, der da die Kräuter kannte und bei gefährlichen Geburten nicht selten den Wehmüttern beistand.

[JJ.01_008,02] Dieser ging mit Joseph und besah insgeheim Mariam, – und als er sie beschaut hatte, sprach er zu Joseph:

[JJ.01_008,03] „Höre mich an, Bruder aus Abraham, Isaak und Jakob, deinem Hause ist ein großes Unheil widerfahren, – denn siehe, die Magd ist hochschwanger!

[JJ.01_008,04] Du bist aber auch selbst schuld daran; denn siehe, es ist nun der sechste Mond, da du aus warest auf deinem Hausbaue! – Sage, wer hätte denn da wohl achthaben sollen auf die Magd?"

[JJ.01_008,05] Joseph aber antwortete: „Siehe, Maria war unter der Zeit kaum drei Wochen in einem fort zu Hause, und das im Anfange, da sie in mein Haus kam; dann brachte sie volle drei Monde bei ihrer Muhme Elisabeth zu!

[JJ.01_008,06] Nun aber sind bereits auch zwei Monde, da sie unter meiner beständigen Aufsicht sich befindet, verflossen, und ich habe nie jemanden gesehen, der da zu ihr offen oder heimlich gekommen wäre!

[JJ.01_008,07] Und in der Zeit meiner Abwesenheit aber war sie ja ohnehin in den besten Händen; mein Sohn, der sie geleitet hat zur Elisabeth, gab mir den teuersten Eid zuvor, daß er, außer im Notfalle, auch nicht einmal ihr Kleid anrühren wolle auf dem ganzen Wege!

[JJ.01_008,08] Und so weiß ich mit großer Bestimmtheit, daß da Maria von meinem Hause aus völlig rein sein müsse; ob aber solches auch der Fall ist mit dem Hause des Zacharias, das unterliegt freilich wohl einer andern Frage!

[JJ.01_008,09] Sollte ihr das etwa im Tempel begegnet sein von einem Diener desselben? – Davor wolle mich der Herr bewahren, so ich da möchte einer solchen Meinung sein; denn so was hätte der Herr längst ruchbar gemacht durch die allzeitige Weisheit des Hohenpriesters!

[JJ.01_008,10] Ich aber weiß nun, was ich tun werde, um der Wahrheit der Sache auf die rechte Spur zu kommen. – Du, Freund, magst nun wieder im Frieden ziehen, und ich werde mein Haus einer starken Prüfung unterziehen!"

[JJ.01_008,11] Josephs Freund verzog nicht und ging sobald aus dem Hause Josephs; Joseph aber wandte sich sobald an Maria und sprach zu ihr:

[JJ.01_008,12] „Kind! mit welcher Stirne solle ich nun aufschauen zu meinem Gott? Was solle ich nun sagen über dich?

[JJ.01_008,13] Habe ich dich nicht als eine reine Jungfrau aus dem Tempel empfangen, und habe ich dich nicht treulich gehütet durch mein tägliches Gebet und durch die Getreuen, die da sind in meinem Hause?

[JJ.01_008,14] Ich beschwöre dich darum, daß du mir sagest, wer es ist, der es gewagt hat, mich zu betrügen und sich also schändlichst zu vergreifen an mir, einem Sohne Davids, und an dir, die du auch demselben Hause entsprossen bist!

[JJ.01_008,15] Wer hat dich, eine Jungfrau des Herrn, verführt und geschändet?! – Wer hat es vermocht, deinen reinsten Sinn also zu trüben? – und wer, zu machen aus dir eine zweite Eva?!

[JJ.01_008,16] Denn also wiederholt sich an mir ja leibhaftig die alte Geschichte Adams, denn dich hat ja augenscheinlich gleich der Eva eine Schlange betöret!

[JJ.01_008,17] Also antworte mir auf meine Frage! Gehe aber, und fasse dich; denn dir solle es nicht gelingen, mich zu täuschen!" – Hier warf sich Joseph vor Gram auf einen mit Asche gefüllten Sack auf sein Angesicht und weinte.

[JJ.01_008,18] Maria aber zitterte vor großer Furcht, fing an zu weinen und zu schluchzen und konnte nicht reden vor zu großer Furcht und Traurigkeit.

[JJ.01_008,19] Joseph aber erhob sich wieder vom Sacke und sprach mit einer etwas gemäßigteren Stimme zur Maria:

[JJ.01_008,20] „Maria, Kind Gottes, das Er Selbst in Seine Obhut genommen, warum hast du mir das getan? – Warum hast du deine Seele so sehr erniedrigt und vergessen deines Gottes?!

[JJ.01_008,21] Wie konntest du solches tun, die du auferzogen wardst im Allerheiligsten und hast deine Speise empfangen aus der Hand der Engel und hast diese glänzenden Diener Gottes allzeit gehabt zu deinen Mitgespielen?! – O rede, und schweige nicht vor mir!"

[JJ.01_008,22] Hier ermannte sich Maria und sprach: „Vater Joseph, du gerecht harter Mann! Ich sage dir: So wahr ein Gott lebt, so wahr auch bin ich rein und unschuldig und weiß bis zur Stunde von keinem Manne etwas!"

[JJ.01_008,23] Joseph aber fragte: „Woher ist denn hernach das, was du unter deinem Herzen trägst?"

[JJ.01_008,24] Und Maria erwiderte: „Siehe, ich bin ja noch ein Kind und verstehe nicht die Geheimnisse Gottes! Höre mich aber an, und ich will es dir ja sagen, was mir begegnet ist! Solches aber ist auch so wahr, als wie da lebet ein gerechter Gott über uns!"

 

9. Kapitel – Mariens Erzählung über die geheimnisvollen heiligen Vorkommnisse. Josephs Kummer und Sorge und sein Entschluß, Maria heimlich zu entfernen. Ein Engel des Herrn erscheint Joseph im Traum. Maria bleibt im Hause Josephs.

10. August 1843

[JJ.01_009,01] Und Maria erzählte dem Joseph alles, was ihr, da sie noch am Purpur arbeitete, begegnet ist, und schloß dann ihre Erzählung mit dieser Beteuerung:

[JJ.01_009,02] „Darum sage ich dir, Vater, noch einmal: So wahr Gott, der Herr Himmels und der Erde lebt, so wahr auch bin ich rein und weiß von keinem Manne und kenne auch ebensowenig das Geheimnis Gottes, das ich unter meinem Herzen, zu meiner eigenen großen Qual, nun tragen muß!" –

[JJ.01_009,03] Hier verstummte Joseph vor Maria und erschrak gewaltig; denn die Worte Mariens drangen tief in seine bekümmerte Seele, und er fand bebend seine geheime Ahnung bestätigt.

[JJ.01_009,04] Er aber fing darum an, hin und her zu sinnen, was er da tun solle, und sprach so bei sich in seinem Herzen:

[JJ.01_009,05] „So ich ihre vor der Welt, wie sie nun ist, doch unwiderlegbare Sünde darum verberge, weil ich sie nicht als solche mehr erkenne, so werde ich als Frevler erfunden werden gegen das Gesetz des Herrn und werde der sichern Strafe nicht entgehen!

[JJ.01_009,06] Mache ich sie aber wider meine innerste Überzeugung als eine feile Sünderin vor den Söhnen Israels offenbar, da doch das, was sie unter ihrem Herzen trägt, nur – nach ihrer unzweideutigen Aussage – von einem Engel herrühret,

[JJ.01_009,07] so werde ich ja von Gott dem Herrn erfunden werden als einer, der ein unschuldig Blut überliefert hat zum Gerichte des Todes?!

[JJ.01_009,08] Was solle ich also mit ihr beginnen? – Solle ich sie heimlich verlassen, d.h., solle ich sie heimlich von mir tun und sie irgend verbergen im Gebirge, nahe an der Grenze der Griechen? – Oder solle des Tages des Herrn ich harren, auf daß Er mir am selben kundtue, was ich da tun solle?

[JJ.01_009,09] Wenn aber morgen oder übermorgen jemand zu mir kommt aus Jerusalem und erkennet Mariam, was dann? – Ja, es wird wohl das Beste sein, ich entferne sie heimlich und sorge für sie geheim, ohne daß da jemand anderer außer meinen Kindern etwas davon erfährt!

[JJ.01_009,10] Ihre Unschuld wird mit der Zeit der Herr sicher offenbar machen, und dann ist alles gerettet und gewonnen; und so geschehe es denn im Namen des Herrn!"

[JJ.01_009,11] Darauf tat Joseph solches der Maria ganz insgeheim kund, und sie fügte sich vorbereitend in den beabsichtigten guten Willen Josephs und begab sich dann, da es schon spät abends geworden war, zur Ruhe.

[JJ.01_009,12] Joseph aber versank über seinen mannigfachen Gedanken ebenfalls in einen Schlummer; und siehe, ein Engel des Herrn erschien ihm im Traume und sprach zu ihm:

[JJ.01_009,13] „Joseph, sei nicht bange ob der Maria, der reinsten Jungfrau des Herrn! – Denn was sie unter dem Herzen trägt, ist erzeuget vom heiligen Geiste Gottes, und du sollst ihm, wenn es geboren wird, den Namen Jesus geben!" –

[JJ.01_009,14] Hier erwachte Joseph vom Schlafe und pries Gott den Herrn, der ihm solche Gnade erwiesen hatte.

[JJ.01_009,15] Da es aber schon des Morgens war, so kam Maria schon für die beabsichtigte Reise fertig zum Joseph und zeigte ihm an, daß es schon an der Zeit sein dürfte.

[JJ.01_009,16] Joseph aber umfaßte das Mädchen, drückte es an seine Brust und sprach zu ihr: „Maria, du Reine, du bleibst bei mir; denn heute hat mir der Herr ein mächtig Zeugnis über dich gegeben, denn das aus dir geboren wird, solle Jesus heißen!"

[JJ.01_009,17] Hieran erkannte Maria sobald, daß der Herr mit Joseph geredet hatte, da sie denselben Namen vernahm, den ihr der Engel gab, da sie davon dem Joseph doch nichts erwähnt hatte zuvor!

[JJ.01_009,18] Und der Joseph hütete darauf das Mädchen sorgsam und ließ es an nichts gebrechen, das ihr in dem Zustande vonnöten war. – –

 

10. Kapitel – Die römische Volkszählung. Josephs Nichtbeteiligung am Volksrat in Jerusalem. Der Verräter Annas.

11. August 1843

[JJ.01_010,01] Es ist aber zwei Wochen nach diesem Begebnisse ein großer Rat in Jerusalem gehalten worden, und zwar darüber, da man von einigen in Jerusalem wohnenden Römern vernommen hatte, daß der Kaiser werde das gesamte jüdische Volk zählen und beschreiben lassen.

[JJ.01_010,02] Solche Nachricht hatte einen großen Schreck bei den Juden, denen es verboten war, Menschen zu zählen, hervorgebracht.

[JJ.01_010,03] Darum berief der Hohepriester zu dem Behufe eine große Versammlung zusammen, zu der alle Ältesten und Kunstmänner, wie da der Joseph einer war, erscheinen mußten.

[JJ.01_010,04] Joseph aber hatte gerade eine kleine Reise ins Gebirge wegen Bauholz unternommen und blieb etliche Tage aus.

[JJ.01_010,05] Der Bote aus Jerusalem aber, der unter der Zeit zu Joseph kam und ihm die Einladung zur großen Versammlung überbrachte, gab, da er Joseph nicht antraf, dessen älterem Sohne die Beheißung, daß dieser solches, sobald Joseph nach Hause käme, ihm ja unverzüglich auf das dringendste zu benachrichtigen habe!

[JJ.01_010,06] Joseph aber kam schon am nächsten Tage morgens wieder nach Hause. Der Sohn Joses benachrichtigte ihn sogleich davon, was da gekommen ist aus Jerusalem.

[JJ.01_010,07] Joseph aber sagte: „Nun bin ich fünf Tage lang im Gebirge herumgestiegen und bin daher überaus müde geworden, und meine Füße würden mich nimmer tragen, so ich nicht zuvor ein paar Tage werde geruht haben; daher bin ich diesmal genötigt, dem Rufe Jerusalems nicht zu folgen.

[JJ.01_010,08] Übrigens ist diese ganze große Versammlung keine hohle Nuß wert; denn der mächtige Kaiser Roms, der sein Zepter nun schon sogar über die Länder der Skythen schwingt, wird wenig Notiz nehmen von unserer Beratung und wird tun, was er will! Daher bleibe ich nun fein zu Hause!"

[JJ.01_010,09] Es kam aber nach drei Tagen ein gewisser Annas aus Jerusalem, der da ein großer Schriftgelehrter war, zu Joseph und sprach zu ihm:

[JJ.01_010,10] „Joseph, du kunstverständiger und schriftgelehrter Mann aus dem Stamme Davids! – Ich muß dich fragen, warum du nicht in die Versammlung gekommen bist?"

[JJ.01_010,11] Joseph aber wandte sich zum Annas und sprach: „Siehe, ich war fünf Tage lang im Gebirge und wußte nicht, daß ich berufen ward.

[JJ.01_010,12] Da ich aber nach Hause kam und durch meinen Sohn Joses die Nachricht erhielt, war ich zu müde und schwach, als daß es mir möglich gewesen wäre, mich sobald gen Jerusalem auf die Beine zu machen! – Zudem aber ersah ich ja aber ohnehin auf den ersten Blick, daß diese ganze große Versammlung wenig oder gar nichts nützen wird."

[JJ.01_010,13] Während aber Joseph solches gesprochen hatte, sah sich der Annas um und entdeckte unglücklicherweise die hochschwangere Jungfrau.

[JJ.01_010,14] Er verließ daher auch wie ganz stumm den Joseph und eilte, was er nur konnte, nach Jerusalem.

[JJ.01_010,15] Allda ganz atemlos angelangt, eilte er sogleich zum Hohenpriester und sagte zu ihm:

[JJ.01_010,16] „Höre mich an, und frage mich nicht, warum der Sohn Davids nicht in die Versammlung kam; denn ich habe unerhörte Greueldinge in seinem Hause entdeckt!

[JJ.01_010,17] Siehe, Joseph, dem Gott und du das Zeugnis gabst dadurch, daß du ihm die Jungfrau anvertraut hast, hat sich unbeschreiblich tief und grob vor Gott und vor dir verfehlt!"

[JJ.01_010,18] Der Hohepriester aber war ganz entsetzt über die Nachricht Annas' und fragte ganz kurz: „Wie so, wie das? – Rede mir die vollste Wahrheit, oder du bist heute noch des Todes!"

[JJ.01_010,19] Und der Annas sprach: „Siehe, die Jungfrau Maria, die er laut des Zeugnisses Gottes aus diesem Tempel des Herrn zur Obhut erhielt, hat er weidlichst geschändet; denn ihre schon hohe Schwangerschaft ist ein lebendiges Zeugnis davon!"

[JJ.01_010,20] Der Hohepriester aber sprach: „Nein, Joseph hat das nimmer getan! – Kann auch Gott ein falsches Zeugnis geben?!"

[JJ.01_010,21] Annas aber sprach: „So sende denn deine vertrautesten Diener hin, und du wirst dich überzeugen, daß da die Jungfrau im Vollernste hochschwanger ist; ist sie es aber nicht, so will ich hier gesteiniget werden!"

 

11. Kapitel – Des Hohenpriesters Bedenken wegen Marias Zustand. Das Verhör Marias und Josephs im Tempel. Josephs Klage und Hader mit Gott. Das Todesurteil über Joseph und Maria und ihre Rechtfertigung durch ein Gottesurteil. Maria wird Josephs Weib.

16. August 1843

[JJ.01_011,01] Der Hohepriester aber besann sich eine Zeitlang und sprach also bei sich: „Was soll ich tun? Annas ist voll Eifersucht seit der Wahl der Jungfrau, und man soll nie auf den Rat eines Eifersüchtigen handeln.

[JJ.01_011,02] Wenn sich's aber mit Maria dennoch also verhalten würde, und ich hätte die Sache gleichgültig behandelt, was werden dann die Söhne Israels sagen, und zu welch einer Rechenschaft werden sie mich fordern?

[JJ.01_011,03] Ich will daher dennoch insgeheim Diener hinsenden zu Joseph, die, falls sich die schlimme Sache bestätigen sollte, die Jungfrau samt Joseph sogleich hierher ziehen sollen!"

[JJ.01_011,04] Also ward es gedacht und beschlossen. Der Hohepriester berief insgeheim vertraute Diener und gab ihnen kund, was sich im Hause Josephs zugetragen habe, und sandte sie dann sobald zu Joseph hin mit der Bestimmtheit, wie sie zu handeln haben, falls sich die Sache bestätigen sollte.

[JJ.01_011,05] Und die Diener begaben sich eiligst hin zu Joseph und fanden alles so, wie es ihnen der Hohepriester bezeichnet hatte.

[JJ.01_011,06] Und der älteste aus ihnen sagte zu Joseph: „Siehe, darum sind wir aus dem Tempel hierher gesandt worden, auf daß wir uns überzeugen sollen, wie es mit der Jungfrau stehet, da von ihr üble Gerüchte zu den Ohren des Hohenpriesters gelangt sind.

[JJ.01_011,07] Wir aber fanden die traurige Mutmaßung leider bestätigt; daher lasse dir keine Gewalt antun, und folge uns mit der Maria in den Tempel, allda du aus dem Munde des Hohenpriesters das gerechte Urteil vernehmen sollst!"

[JJ.01_011,08] Und Joseph folgte mit Maria sobald ohne Widerrede den Dienern vor das Gericht in den Tempel.

[JJ.01_011,09] Als er da vor dem Hohenpriester anlangte, fragte der erstaunte Hohepriester sobald die Maria, in ernstem Tone redend:

[JJ.01_011,10] „Maria! Warum hast du uns das getan und hast mögen gar so gewaltig erniedrigen deine Seele?

[JJ.01_011,11] Vergessen hast du des Herrn, deines Gottes, – du, die du auferzogen wardst im Allerheiligsten, und hast deine tägliche Speise empfangen aus der Hand des Engels,

[JJ.01_011,12] und hast allzeit vernommen seine Lobgesänge, und hast dich erheitert, hast gespielt und getanzt vor dem Angesichte Gottes! – Rede, warum hast du uns solches getan?"

[JJ.01_011,13] Maria aber fing an bitterlich zu weinen und sprach unter gewaltigem Schluchzen und Weinen: „So wahr Gott, der Herr Israels, lebet, so wahr auch bin ich rein und habe noch nie einen Mann erkannt! – Frage den von Gott erwählten Joseph!"

[JJ.01_011,14] Und der Hohepriester wandte sich darauf zu Joseph und fragte ihn: „Joseph, ich beschwöre dich im Namen des ewig lebendigen Gottes, sage mir es unverhohlen, wie ist das geschehen? Hast du solches getan?"

[JJ.01_011,15] Und der Joseph sprach: „Ich sage dir bei allem, was dir und mir heilig ist, so wahr der Herr, mein Gott, lebet, so wahr auch bin ich rein vor dieser Jungfrau, wie vor dir und vor Gott!"

[JJ.01_011,16] Und der Hohepriester erwiderte: „Rede nicht ein falsches Zeugnis, sondern sprich vor Gott die Wahrheit! – Ich aber sage dir: Du hast erstohlen dir deine Hochzeit, hast nicht Kunde gegeben dem Tempel und hast nicht zuvor dein Haupt gebeugt unter die Hand des ewig Gewaltigen, auf daß Er gesegnet hätte deinen Samen! – Daher rede die Wahrheit!"

18. August 1843

[JJ.01_011,17] Joseph aber ward stumm auf solche Rede des Hohenpriesters und mochte kein Wörtlein erwidern; denn zu bitter ungerecht ward er vom Hohenpriester beschuldigt.

[JJ.01_011,18] Da aber Joseph tief schweigend vor dem Hohenpriester dastand und nicht reden mochte, da öffnete sobald wieder der Hohepriester seinen Mund und sprach:

[JJ.01_011,19] „Gib uns die Jungfrau wieder, wie du sie erhalten hast aus dem Tempel des Herrn, da sie war so rein wie eine aufgehende Sonne an einem allerheitersten Morgen!"

[JJ.01_011,20] In Tränen zerfließend stand Joseph da und sprach nach einem mächtigen Seufzer:

[JJ.01_011,21] „Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, was habe ich armer Greis denn vor Dir so Arges getan, daß Du mich nun so gewaltig schlägst?!

[JJ.01_011,22] Nehme mich von der Welt; denn zu hart ist es, als ein allzeit Gerechter vor Dir und aller Welt solch eine Schmach zu erleiden!

[JJ.01_011,23] Meinen Vater David hast Du gezüchtiget, darum er gesündigt hatte am Urias.

[JJ.01_011,24] Ich aber habe noch nie an einem Menschen mich versündiget und vergriffen mich an irgendeines Menschen Sache, noch an einem Tiere, und habe das Gesetz allzeit beobachtet bis auf ein Häkchen; o Herr, warum schlägst Du mich denn?

[JJ.01_011,25] O zeige mir eine Sünde vor Dir, und ich will ja gerne die Strafe des Feuers erleiden! – Habe ich aber gesündigt vor Dir, da sei verflucht der Tag und die Stunde, da ich geboren ward!"

[JJ.01_011,26] Der Hohepriester aber ward erbittert ob dieser Rede Josephs und sprach in großer Aufgeregtheit seines Gemütes:

[JJ.01_011,27] „Wohl denn, da du vor Gott deine laute Schuld bekämpfest, so will ich euch beide trinken lassen das Fluchwasser Gottes, des Herrn; und es werden offenbar werden eure Sünden in euren Augen und vor den Augen alles Volkes!" –

[JJ.01_011,28] Und sobald nahm der Hohepriester das Fluchwasser und ließ davon den Joseph trinken und sandte ihn dann nach dem Gesetze in ein dazu bestimmtes Gebirge, das da nahe an Jerusalem lag.

[JJ.01_011,29] Und desgleichen gab er auch solches Wasser der Jungfrau zu trinken und sandte sie dann ebenfalls ins Gebirge.

[JJ.01_011,30] Nach drei Tagen aber kamen beide gänzlich unverletzt zurück, und alles Volk wunderte sich, daß an ihnen keine Sünde ist offenbar gemacht worden.

[JJ.01_011,31] Der Hohepriester aber sprach dann selbst ganz über alle Maßen erstaunt zu ihnen: „So Gott der Herr eure Sünde nicht hat offenbar machen wollen, da will auch ich euch nicht richten, sondern spreche euch für schuldlos und ledig.

[JJ.01_011,32] Da aber die Jungfrau schon schwanger ist, so soll sie dein Weib sein zur Buße, darum sie mir unbewußtermaßen ist schwanger geworden, und solle fürder nimmer einen andern Mann bekommen, so sie auch eine junge Witwe würde! Also sei es! – Und nun ziehet wieder im Frieden von dannen."

[JJ.01_011,33] Joseph aber nahm nun Mariam und ging mit ihr in seine Heimat und ward voll Freuden und lobte und pries seinen Gott. Und seine Freude war nun um so größer, da nun Maria sein rechtmäßiges Weib ist geworden.

 

12. Kapitel – Das Gebot des Augustus zur Schätzung und Zählung aller Landesbewohner. Neuer Kummer und Trost.

19. August 1843

[JJ.01_012,01] Und Joseph verbrachte nun ganz wohlgemut mit Maria, die nun sein Weib war, noch zwei Monate in seinem Hause und arbeitete für den Unterhalt Mariens.

[JJ.01_012,02] Als aber diese Zeit verstrichen und Maria der Zeit der Entbindung nahe war, da geschah ein neuer Schlag, welcher unseren Joseph in eine große Bekümmernis versetzte.

[JJ.01_012,03] Der römische Kaiser Augustus ließ nämlich in allen seinen Landen einen Befehl ergehen, demzufolge alle Völker seines Reiches sollten beschrieben und gezählt und der Steuer und der Rekrutierung wegen klassifiziert werden.

[JJ.01_012,04] Und so waren auch die Nazaräer von diesem Gebote nicht ausgenommen, und Joseph ward genötigt, sich auch nach Bethlehem, der Stadt Davids, zu begeben, in welcher die römische Beschreibungskommission aufgestellt war.

[JJ.01_012,05] Als er aber dieses Gebot vernahm, dessentwegen er schon ohnehin zu einer Versammlung nach Jerusalem ist berufen worden, da sprach er bei sich selbst:

[JJ.01_012,06] „Mein Gott und mein Herr, das ist ein harter Schlag für mich gerade zu dieser Zeit, da Maria der Entbindung so nahe ist!

[JJ.01_012,07] Was soll ich nun tun? – Ich muß wohl meine Söhne einschreiben lassen, denn diese sind dem Kaiser leider waffenpflichtig; aber was soll ich, um Deines Namens willen, o Herr, mit Maria machen?!

[JJ.01_012,08] Daheim kann ich sie nicht lassen; denn was würde sie da machen, wenn ihre Zeit sie zu drängen anfinge?

[JJ.01_012,09] Nehme ich sie aber mit, wer steht mir da dafür, daß ihre Zeit sie nicht schon unterm Wege befällt und ich dann nicht wissen werde, was da mit ihr zu machen sein wird, da sie doch noch mehr ein Kind als ein so ganz festes Weib ist?

[JJ.01_012,10] Und bringe ich sie auch noch mit genauer Not hin vor die Amtleute Roms, wie soll ich sie da einschreiben lassen?

[JJ.01_012,11] Etwa als mein Weib, davon doch niemand außer mir und dem Hohenpriester bis jetzt noch etwas weiß?

[JJ.01_012,12] Wahrhaftig, dessen schäme ich mich beinahe vor den Söhnen Israels; denn sie wissen es, daß ich ein über siebzig Jahre alter Greis bin! – Was werden sie sagen, so ich das kaum fünfzehnjährige Kind, im hochschwangeren Zustande noch dazu, als mein rechtmäßiges Weib einschreiben lasse?!

[JJ.01_012,13] Oder soll ich sie als meine Tochter einschreiben lassen? – Es wissen aber ja die Söhne Israels, woher Maria ist, und daß sie nimmer meine Tochter ist!

[JJ.01_012,14] Lasse ich sie als die mir anvertraute Jungfrau des Herrn einschreiben, was dürften da einige, die noch nicht wissen möchten, daß ich mich im Tempel gerechtfertiget habe, zu mir sagen, so sie Mariam hochschwanger erschauen würden?

[JJ.01_012,15] Ja, ich weiß, was ich nun wieder tun will: den Tag des Herrn will ich abwarten! An diesem wird der Herr, mein Gott, machen, was Er wird wollen, und das wird auch das Beste sein. Und also geschehe es denn!"

 

13. Kapitel – Ein alter Freund stärkt und segnet Joseph. Josephs Reiseanordnungen an seine fünf Söhne. Das tröstliche Zeugnis von oben. Die fröhliche Abreise.

21. August 1843

[JJ.01_013,01] Am selben Tage aber noch kam ein alter weiser Freund aus Nazareth zu Joseph und sagte zu ihm:

[JJ.01_013,02] „Bruder! siehe, also führet der Herr Sein Volk über allerlei Wüsten und Steppen! – Die aber willig folgen, dahin Er lenket, die kommen ans rechte Ziel!

[JJ.01_013,03] Wir schmachteten in Ägypten und weinten unter Babels Ketten, und der Herr hat uns dennoch wieder frei gemacht!

[JJ.01_013,04] Nun haben die Römer ihre Adler über uns gesandt; es ist des Herrn Wille! – Daher wollen wir auch tun, was Er will; denn Er weiß es sicher, warum Er es also will!"

[JJ.01_013,05] Joseph aber verstand wohl, was der Freund zu ihm geredet hatte, und als der Freund ihn segnete und wieder verließ, da sprach der Joseph zu seinen Söhnen:

[JJ.01_013,06] „Höret mich an! Der Herr will es, daß wir alle nach Bethlehem ziehen müssen; also wollen wir uns denn auch Seinen Willen gefallen lassen und tun, was Er will.

[JJ.01_013,07] Du, Joel, sattle die Eselin für Maria und nehme den Sattel mit der Lehne; und du, Joses, aber zäume den Ochsen und spanne ihn an den Karren, in dem wir Lebensmittel mitführen wollen!

[JJ.01_013,08] Ihr drei, Samuel, Simeon und Jakob, aber bestellet den Karren mit haltbaren Früchten, Brot, Honig und Käse, und nehmet davon so viel, daß wir auf vierzehn Tage versehen sind; denn wir wissen es nicht, wann die Reihe an uns kommen wird, und wann wir frei werden, und was mit Maria geschehen kann unterwegs! Darum leget auch frische Linnen und Windeln auf den Karren!"

[JJ.01_013,09] Die Söhne aber gingen und bestellten alles, wie es ihnen der Joseph anbefohlen hatte.

[JJ.01_013,10] Als sie aber alles nach dem Willen Josephs bestellt hatten, kamen sie zurück und zeigten es dem Joseph an.

[JJ.01_013,11] Und Joseph kniete nieder mit seinem ganzen Hause, betete, und empfahl sich und all die Seinen in die Hände des Herrn.

[JJ.01_013,12] Als er aber mit solchem Gebete, Lobe und Preise zu Ende war, da vernahm er eine Stimme wie außerhalb des Hauses, welche da sprach:

[JJ.01_013,13] „Joseph, du getreuer Sohn Davids, der da war ein Mann nach dem Herzen Gottes!

[JJ.01_013,14] Als David auszog zum Kampfe mit dem Riesen, da war mit ihm die Hand des Engels, den ihm der Herr zur Seite stellte, und siehe, dein Vater ward ein mächtiger Sieger!

[JJ.01_013,15] Mit dir aber ist nun Der Selbst, der ewig war, der Himmel und Erde erschaffen hat, der zu Noahs Zeiten regnen ließ vierzig Tage und Nächte und ersaufen ließ alle Ihm widrige Kreatur,

[JJ.01_013,16] der dem Abraham gab den Isaak, der dein Volk führte aus Ägypten und mit Moses erschrecklich redete auf dem Sinai!

[JJ.01_013,17] Siehe, Der ist in deinem Hause nun leibhaftig und wird ziehen mit dir auch nach Bethlehem; daher sei ohne Furcht, denn Er wird es nicht zulassen, daß dir ein Haar gekrümmet werde!"

[JJ.01_013,18] Als aber Joseph solche Worte vernommen hatte, da ward er fröhlich, dankte dem Herrn für diese Gnade und ließ dann sogleich alles zur Reise sich bereiten.

[JJ.01_013,19] Er nahm Mariam und setzte sie so weich und bequem als nur immer möglich auf das Lasttier und nahm dann den Zügel in seine Hand und führte die Eselin.

[JJ.01_013,20] Die Söhne aber machten sich um den beladenen Karren und fuhren mit demselben nach der Eselin Getrabe.

[JJ.01_013,21] Nach einiger Zeit aber übergab Joseph den Zügel seinem ältesten Sohne; er aber ging Mariam zur Seite, da diese manchmal schwach ward und sich im Sattel nicht selbst zu halten imstande war.

 

14. Kapitel – Marias Gesicht von den zwei Völkern. Der Eintritt der Wehen. Zuflucht in einer nahen Höhle.

23. August 1843

[JJ.01_014,01] Also kam unsere frömmste Gesellschaft nahe bis auf sechs Stunden vor Bethlehem hin und machte da eine Rast im Freien.

[JJ.01_014,02] Joseph aber sah nach der Maria und fand, daß sie voll Schmerzes sein mußte; daher gedachte er ganz verlegen bei sich selbst:

[JJ.01_014,03] „Was kann das sein? Marias Antlitz ist voll Schmerzes, und ihre Augen sind voll Tränen! – Vielleicht bedränget sie ihre Zeit?"

[JJ.01_014,04] Darum sah Joseph Mariam noch einmal genauer an; und siehe, da fand er sie zu seinem großen Erstaunen lachend!

[JJ.01_014,05] Darum fragte er sie auch sobald: „Maria, sage mir, was wohl gehet in dir vor? – Denn ich sehe dein Angesicht bald voll Schmerzes, bald aber wieder lachend und vor großer Freude glänzend!"

[JJ.01_014,06] Maria aber sagte darauf zu Joseph: „Siehe, ich sah nun zwei Völker vor mir; das eine weinte, und da weinte ich notgedrungen mit.

[JJ.01_014,07] Das andere aber wandelte lachend vor mir und war voll Freude und Heiterkeit; und ich mußte mitlachen und in seine Freude übergehen! – Das ist alles, was meinem Antlitze Schmerz und Freude entwand."

[JJ.01_014,08] Als Joseph solches vernommen hatte, da ward er wieder beruhigt, denn er wußte, daß Maria öfter Gesichte hatte; daher ließ er denn auch wieder zur Weiterreise aufbrechen und zog hinauf gen Bethlehem. –

[JJ.01_014,09] Als sie aber in die Nähe von Bethlehem kamen, da sprach Maria auf einmal zum Joseph:

[JJ.01_014,10] „Höre mich an, Joseph! – Das in mir ist, fängt an mich ganz gewaltig zu bedrängen; lasse daher stillehalten!"

[JJ.01_014,11] Joseph erschrak völlig vor diesem plötzlichen Aufrufe Mariens; denn er sah nun, daß das gekommen ist, was er eben am meisten befürchtet hatte.

[JJ.01_014,12] Er ließ daher auch plötzlich stillehalten. Maria aber sprach wieder sobald zu Joseph:

[JJ.01_014,13] „Hebe mich herab von der Eselin; denn das in mir ist, bedränget mich mächtig und will von mir! Und ich vermag dem Drange nicht mehr zu widerstehen!"

[JJ.01_014,14] Joseph aber sprach: „Aber um des Herrn willen! Du siehst ja, daß hier nirgends eine Herberge ist, – wo solle ich dich denn hintun?"

[JJ.01_014,15] Maria aber sprach: „Siehe, dort in den Berg hinein ist eine Höhle; es werden kaum hundert Schritte dahin sein! Dorthin bringet mich; weiter zu kommen, ist mir unmöglich!"

[JJ.01_014,16] Und Joseph lenkte sobald sein Fuhr- und Reisewerk dahin und fand zum größten Glücke in dieser Höhle, da sie den Hirten zu einem Notstalle diente, etwas Heu und Stroh, aus welchem er sogleich für Maria ein notdürftiges Lager bereiten ließ.

 

15. Kapitel – Maria in der Grotte. Joseph auf der Suche nach einer Hebamme in Bethlehem. Josephs wunderbare Erfahrungen. Das Zeugnis der Natur. Die Begegnung Josephs mit der Wehmutter.

24. August 1843

[JJ.01_015,01] Als aber das Lager bereitet war, brachte Joseph Mariam sobald in die Höhle, und sie legte sich aufs Lager und fand Erleichterung in dieser Lage.

[JJ.01_015,02] Als Maria aber also erleichtert sich auf dem Lager befand, da sagte Joseph zu seinen Söhnen:

[JJ.01_015,03] „Ihr beiden Ältesten bewachet Mariam und leistet ihr im Falle früher Not die gerechte Hilfe, besonders du Joel, der du einige Kenntnisse in dieser Sache dir durch den Umgang mit meinem Freunde in Nazareth erworben hast!"

[JJ.01_015,04] Den andern dreien aber befahl er, den Esel und den Ochsen zu versorgen und den Karren auch irgend in der Höhle, welche so ziemlich geräumig war, unterzubringen.

[JJ.01_015,05] Nachdem aber Joseph solches alles also wohl geordnet hatte, sagte er zu Maria: „Ich aber will nun gehen hinauf auf den Berg und will in der Stadt meines Vaters mir eine Wehmutter in aller Eile suchen und will sie bringen hierher, dir zur nötigen Hilfe!"

[JJ.01_015,06] Nach diesen Worten trat der Joseph sobald aus der Höhle, da es schon ziemlich spät abends war und man die Sterne am Himmel recht wohl ausnehmen konnte.

[JJ.01_015,07] Was aber Joseph bei diesem Austritte aus der Höhle alles für wunderliche Erfahrungen gemacht hat, wollen wir mit seinen eigenen Worten wiedergeben, die er seinen Söhnen gab, als er mit der gefundenen Wehmutter in die Höhle zurückkehrte und Maria schon geboren hatte.

[JJ.01_015,08] Die Worte Josephs aber lauten also: „Kinder! wir stehen am Rande großer Dinge! – Ich verstehe nun dunkel, was mir die Stimme am Vorabende vor unserer Abreise hierher gesagt hat; wahrlich, wäre der Herr unter uns – wennschon unsichtbar – nicht gegenwärtig, so könnten unmöglich solche Wunderdinge geschehen, wie ich sie jetzt geschaut habe!

[JJ.01_015,09] Höret mich an! – Als ich hinaustrat und fortging, da war es mir, als ginge ich, und als ginge ich nicht; – und ich sah den aufgehenden Vollmond und die Sterne im Aufgange wie im Niedergange, und siehe, alles stand stille, und der Mond verließ nicht den Rand der Erde, und die Sterne am abendlichen Rande wollten nimmer sinken!

[JJ.01_015,10] Dann sah ich Scharen und Scharen der Vöglein sitzen auf den Ästen der Bäume; alle waren mit ihren Gesichtern hierher gewendet und zitterten wie zu Zeiten großer bevorstehender Erdbeben und waren nicht zu verscheuchen von ihren Sitzen, weder durch Geschrei noch durch Steinwürfe.

[JJ.01_015,11] Und ich blickte wieder auf dem Erdboden umher und ersah unweit von mir eine Anzahl Arbeiter, die da um eine mit Speise gefüllte Schüssel saßen. Einige hielten ihre Hände unbeweglich in der Schüssel und konnten keine Speise aus der Schüssel heben.

[JJ.01_015,12] Die aber schon eher einen Bissen der Schüssel enthoben hatten, die hielten ihn am Munde und mochten nicht den Mund öffnen, auf daß sie den Bissen verzehreten; aller Angesichter aber waren nach aufwärts gerichtet, als sähen sie große Dinge am Himmel!

[JJ.01_015,13] Dann sah ich Schafe, die von den Hirten getrieben wurden; aber die Schafe standen unbeweglich da, und des Hirten Hand, der sie erhob, um zu schlagen die ruhenden Schafe, blieb wie erstarrt in der Luft, und er konnte sie nicht bewegen.

[JJ.01_015,14] Wieder sah ich eine ganze Herde Böcke, die hielten ihre Schnauzen über dem Wasser und mochten dennoch nicht trinken, denn sie waren alle wie gänzlich gelähmt.

[JJ.01_015,15] Also sah ich auch ein Bächlein, das hatte einen starken Fall vom Berge herab, und siehe, des Wasser stand stille und floß nicht hinab ins Tal! – Und so war alles auf dem Erdboden anzusehen, als hätte es kein Leben und keine Bewegung.

[JJ.01_015,16] Als ich aber also dastand oder ging und nicht wußte, ob ich stehe oder gehe, siehe, da ersah ich endlich einmal wieder ein Leben!

[JJ.01_015,17] Ein Weib nämlich kam dem Berge entlang herabgestiegen gerade auf mich an und fragte mich, als sie vollends bei mir war: ,Mann, wo willst du hingehen so spät?‘

[JJ.01_015,18] Und ich sprach zu ihr: ,Eine Wehmutter suche ich; denn in der Höhle dort ist eine, die gebären will!‘

[JJ.01_015,19] Das Weib aber antwortete und sprach: ,Ist sie aus Israel?‘ – Und ich antwortete ihr: ,Ja, Herrin, ich und sie sind aus Israel; David ist unser Vater!‘

[JJ.01_015,20] Das Weib aber sprach weiter und fragte: ,Wer ist die, welche in der Höhle dort gebären will? Ist sie dein Weib, oder eine Anverwandte, oder eine Magd?‘

[JJ.01_015,21] Und ich antwortete ihr: ,Seit kurzem – allein vor Gott und dem Hohenpriester nur – mein Weib. Sie aber war noch nicht mein Weib, da sie schwanger ward, sondern ward mir nur zur Obhut in mein Haus vom Tempel durch das Zeugnis Gottes anvertraut, da sie früher auferzogen ward im Allerheiligsten!

[JJ.01_015,22] Wundere dich aber nicht über ihre Schwangerschaft; denn das in ihr ist, ist wunderbar gezeuget vom heiligen Geiste Gottes!‘ – Das Weib aber erstaunte darob und sagte zu mir: ,Mann, sage mir die Wahrheit!‘ – Ich aber sagte zu ihr: ,Komm, siehe und überzeuge dich mit deinen Augen!‘" – – –

 

16. Kapitel – Die Erscheinungen bei der Höhle. Das Traumgesicht der Wehmutter und ihre prophetischen Worte. Die Wehmutter bei Maria und dem Kinde. Salomes, ihrer Schwester, Zweifel an der Jungfräulichkeit Mariens.

25. August 1843

[JJ.01_016,01] Und das Weib willigte ein und folgte dem Joseph hin zur Höhle; da sie aber zur Höhle kamen, da verhüllte sich dieselbe plötzlich in eine dichte weiße Wolke, daß sie nicht den Eingang finden mochten.

[JJ.01_016,02] Ob dieser Erscheinung fing sich die Wehmutter hoch zu verwundern an und sprach zu Joseph:

[JJ.01_016,03] „Großes ist widerfahren am heutigen Tage meiner Seele! – Ich habe heute morgen ein großwunderbarstes Gesicht gehabt, in dem alles sich also gestaltete, wie ich es jetzt in der Wirklichkeit gesehen habe, noch sehe und noch mehr sehen werde!

[JJ.01_016,04] Du bist derselbe Mann, der mir im Gesichte entgegenkam; also sah ich auch zuvor alle Welt ruhen mitten in ihrem Geschäfte und sah die Höhle, wie eine Wolke über sie kam, und habe mit dir geredet, wie ich nun geredet habe.

[JJ.01_016,05] Und ich sah noch mehreres Wunderbarstes in der Höhle, als mir meine Schwester Salome nachkam, der ich allein mein Gesicht am Morgen anvertraute!

[JJ.01_016,06] Darum sage ich denn nun auch vor dir und vor Gott, meinem Herrn: Israel ist ein großes Heil widerfahren! Ein Retter kam, von oben gesandt, zur Zeit unserer großen Not!"

[JJ.01_016,07] Nach diesen Worten der Wehmutter wich sobald die Wolke von der Höhle zurück, und ein gewaltiges Licht drang aus der Höhle der Wehmutter und dem Joseph entgegen – so, daß es die Augen nicht zu ertragen imstande waren, und die Wehmutter sprach: „Wahr ist also alles, was ich gesehen habe im Gesichte! – O Mann! du Glücklicher, hier ist mehr denn Abraham, Isaak, Jakob, Moses und Elias!" –

[JJ.01_016,08] Nach diesen Worten aber fing das starke Licht an, nach und nach erträglicher zu werden, und das Kindlein ward sichtbar, wie es gerade zum ersten Male die Brust der Mutter nahm.

[JJ.01_016,09] Die Wehmutter aber trat mit Joseph nun in die Höhle, besah das Kindlein und dessen Mutter, und als sie alles auf das herrlichste gelöset fand, sagte sie:

[JJ.01_016,10] „Wahrlich, wahrlich, das ist der von allen Propheten besungene Erlöser, der da ohne Bande frei sein wird schon im Mutterleibe, um anzudeuten, daß er all die harten Bande des Gesetzes lösen wird!

[JJ.01_016,11] Wann aber hat jemand gesehen, daß ein kaum gebornes Kind schon nach der Brust der Mutter gegriffen hätte!?

[JJ.01_016,12] Das bezeuget ja augenscheinlichst, daß dieses Kind einst als Mann die Welt richten wird nach der Liebe und nicht nach dem Gesetze!

[JJ.01_016,13] Höre, du glücklichster Mann dieser Jungfrau, es ist alles in der größten Ordnung; darum lasse mich aus der Höhle treten, denn mir fällt es schwer nun auf die Brust, da ich empfinde, daß ich nicht rein genug bin, um die zu heilige Nähe meines und deines Gottes und Herrn zu ertragen!"

[JJ.01_016,14] Joseph erschrak völlig über diese Worte der Wehmutter. – Sie aber eilte aus der Höhle ins Freie.

[JJ.01_016,15] Als sie aber aus der Höhle trat, da traf sie draußen ihre Schwester Salome, welche ihr ob des bewußten Gesichtes nachgefolgt ist, und sprach sogleich zu ihr:

[JJ.01_016,16] „Salome, Salome! komme und sehe mein Morgengesicht in der Wirklichkeit bestätigt! – Die Jungfrau hat in der Fülle der Wahrheit geboren, was die menschliche Weisheit und Natur nimmer zu fassen vermag!"

[JJ.01_016,17] Die Salome aber sprach: „So wahr Gott lebt, kann ich eher nicht glauben, daß eine Jungfrau geboren habe, als bis ich sie werde mit meiner Hand untersucht haben!"

 

17. Kapitel – Der ungläubigen Salome Bitte an Maria. Salomes Zeugnis der unverletzten Jungfräulichkeit Mariens. Das Gottesgericht. Des Engels Weisung an Salome. Salomes Genesung.

26. August 1843

[JJ.01_017,01] Nachdem aber die Salome solches geredet hatte, trat sie sobald hinein in die Höhle und sprach:

[JJ.01_017,02] „Maria, meine Seele beschäftiget kein geringer Streit; daher bitte ich, daß du dich bereitest, auf daß ich mit meiner wohlerfahrnen Hand dich untersuche und daraus ersehe, wie es mit deiner Jungfrauschaft aussehe!"

[JJ.01_017,03] Maria aber fügte sich willig in das Begehren der ungläubigen Salome, bereitete sich und ließ sich untersuchen.

[JJ.01_017,04] Als aber die Salome Marias Leib anrührte mit ihrer prüfenden Hand, da erhob sie sobald ein gewaltiges Geheul und schrie überlaut:

[JJ.01_017,05] „Wehe, wehe mir meiner Gottlosigkeit wegen und meines großen Unglaubens willen, daß ich habe wollen den ewig lebendigen Gott versuchen! – denn sehet, sehet hierher! – meine Hand verbrennt im Feuer des göttlichen Zornes über mich Elende!!!"

[JJ.01_017,06] Nach diesen Worten aber fiel sie sobald vor dem Kindlein auf ihre Knie nieder und sprach:

[JJ.01_017,07] „O Gott meiner Väter! Du allmächtiger Herr aller Herrlichkeit! Gedenke mein, daß auch ich ein Same bin aus Abraham, Isaak und Jakob!

[JJ.01_017,08] Mache mich doch nicht zum Gespötte vor den Söhnen Israels, sondern schenke mir meine gesunden Glieder wieder!"

[JJ.01_017,09] Und siehe, sobald stand ein Engel des Herrn neben der Salome und sprach zu ihr: „Erhört hat Gott der Herr dein Flehen; tritt zu dem Kindlein hin und trage Es, und es wird dir darob ein großes Heil widerfahren!"

[JJ.01_017,10] Und als solches die Salome vernommen hatte, da ging sie auf den Knien vor Maria hin und bat sie um das Kindlein.

[JJ.01_017,11] Maria aber gab ihr willig das Kindlein und sprach zu ihr: „Es möge dir zum Heile gereichen nach dem Ausspruche des Engels des Herrn; der Herr erbarme Sich deiner!"

[JJ.01_017,12] Und die Salome nahm das Kindlein auf ihre Arme und trug es kniend und sprach, sobald sie das Kindlein auf dem Arme hatte:

[JJ.01_017,13] „O Gott! Du allmächtiger Herr Israels, der Du regierest und herrschest von Ewigkeit! – In aller, aller Fülle der Wahrheit ist hier Israel ein König der Könige geboren, welcher mächtiger sein wird denn da war David, der Mann nach dem Herzen Gottes! Gelobet und gepriesen sei Du von mir ewig!"

[JJ.01_017,14] Nach diesen Worten ward die Salome sobald völlig wieder geheilt, gab dann unter der dankbarsten Zerknirschung ihres Herzens das Kindlein der Maria wieder und ging also gerechtfertigt aus der Höhle wieder.

[JJ.01_017,15] Als sie aber draußen war, da wollte sie sobald laut zu schreien anfangen über das große Wunder aller Wunder und hatte auch ihrer Schwester sogleich zu erzählen angefangen, was ihr begegnet ist.

[JJ.01_017,16] Aber sobald meldete sich eine Stimme von oben und sprach zur Salome: „Salome, Salome! verkündige ja niemandem, was Außerordentliches dir begegnet ist; denn die Zeit muß erst kommen, wo der Herr von Sich Selbst zeugen wird durch Worte und Taten!"

[JJ.01_017,17] Hier verstummte sobald die Salome, und Joseph ging hinaus und bat die beiden Schwestern, nun wieder in die Höhle zurückzutreten nach dem Wunsche Marias, auf daß da niemand etwas merken solle, was Wunderbarstes in dieser Höhle nun vorgefallen sei. – Und die beiden traten wieder demütig in die Höhle.

 

18. Kapitel – Die Nachtruhe der hl. Familie in der Höhle. Die Lobgesänge der Engel am Morgen. Die Anbetung der Hirten. Des Engels aufklärende Worte an Joseph.

28. August 1843

[JJ.01_018,01] Als aber alle also in der Höhle versammelt waren, da fragten die Söhne Josephs ihren Vater (den Joseph nämlich):

[JJ.01_018,02] „Vater, was sollen wir nun tun? Es ist alles wohl versorgt! Die Reise hat ermüdet unsere Glieder, dürfen wir uns denn nicht zur Ruhe legen?"

[JJ.01_018,03] Und Joseph sprach: „Kinder! ihr sehet ja, welch eine endlose Gnade von oben uns allen widerfahren ist; daher sollet ihr wachen und Gott loben mit mir!

[JJ.01_018,04] Ihr aber habt ja gesehen, was da der Salome begegnet ist in der Höhle, da sie ungläubig war; daher sollen auch wir nicht schläfrig sein, wann uns der Herr heimsucht!

[JJ.01_018,05] Gehet aber hin zur Maria, und rühret an das Kindlein; wer weiß es, ob eure Augenlider nicht sobald also gestärkt werden, als hättet ihr mehrere Stunden lang fest geschlafen!"

[JJ.01_018,06] Und die Söhne Josephs gingen hin und rührten das Kindlein an; das Kindlein aber lächelte sie an und streckte Seine Händchen nach ihnen, als hätte Es sie als Brüder erkannt.

[JJ.01_018,07] Darob sie sich alle hoch verwunderten und sprachen: „Fürwahr, das ist kein natürliches Kind! Denn wo hat je jemand so etwas erlebt, daß jemand wäre von einem kaum gebornen Kinde gottseligst also begrüßet worden!?

[JJ.01_018,08] Zudem sind wir nun auch im Ernste noch obendrauf plötzlich also gestärkt worden in allen unseren Gliedern, als hätten wir nie eine Reise gemacht und befänden uns daheim an einem Morgen mit völligst ausgerastetem Leibe!"

[JJ.01_018,09] Und der Joseph sagte darauf: „Sehet, also war mein Rat gut. Aber nun merke ich, daß es anfängt, mächtig kühl zu werden; daher bringet den Esel und Ochsen hierher! Die Tiere werden sich um uns lagern und werden durch ihren Hauch und ihre Ausdünstung einige Wärme bewirken; und wir selbst wollen uns darum auch um die Maria lagern!"

[JJ.01_018,10] Und die Söhne taten solches. Und als sie brachten die beiden Tiere in die Nähe Marias, da legten sich diese sogleich am Hauptteile des Lagers Mariens und hauchten fleißig über Mariam und das Kindlein hin und erwärmten es also recht gut.

[JJ.01_018,11] Und die Wehmutter sprach: „Fürwahr, nichts Geringes kann das sein vor Gott, dem sogar die Tiere also dienen, als hätten sie Vernunft und Verstand!"

[JJ.01_018,12] Die Salome aber sprach: „O Schwester! Die Tiere scheinen hier mehr zu sehen als wir! – Was wir uns noch kaum zu denken getrauen, da beten schon die Tiere an Den, der sie erschaffen hat!

[JJ.01_018,13] Glaube mir, Schwester, so wahr Gott lebt, so wahr auch ist hier vor uns der verheißene Messias; denn wir wissen es ja, daß sich nie bei der Geburt selbst des größten Propheten solche Wunderdinge zugetragen haben!"

[JJ.01_018,14] Maria aber sagte zur Salome: „Gott der Herr hat dir eine große Gnade erwiesen, darum du solches erschauest, davor selbst meine Seele erbebt!

[JJ.01_018,15] Aber schweige davon, wie es dir zuvor der Engel des Herrn geboten hat; denn sonst könntest du uns ein herbes Los bereiten!"

[JJ.01_018,16] Die Salome aber gelobte der Maria zu schweigen ihr Leben lang, und die Wehmutter folgte dem Beispiele ihrer Schwester.

[JJ.01_018,17] Und so ward nun alles ruhig in der Höhle. In der ersten Stunde aber vor dem Sonnenaufgange vernahmen alle gar mächtige Lobgesänge draußen vor der Höhle.

[JJ.01_018,18] Und Joseph sandte sogleich seinen ältesten Sohn, nachzusehen, was es sei, und wer so gewaltig singe die Ehre Gottes im Freien.

[JJ.01_018,19] Und Joel ging hinaus und sah, daß alle Räume des Firmaments erfüllt waren hoch und nieder mit zahllosen Myriaden leuchtender Engel. Und er eilte erstaunt in die Höhle zurück und erzählte es allen, was er gesehen.

29. August 1843

[JJ.01_018,20] Alle aber waren hoch erstaunt über die Erzählung des Joel und gingen hinaus und überzeugten sich von der Wahrheit der Aussage Joels.

[JJ.01_018,21] Als sie solche Herrlichkeit des Herrn aber gesehen hatten, da gingen sie wieder in die Höhle und gaben Maria auch das Zeugnis. Und der Joseph sagte zur Maria:

[JJ.01_018,22] „Höre, du reinste Jungfrau des Herrn, die Frucht deines Leibes ist wahrhaftig eine Zeugung des heiligen Geistes Gottes; denn alle Himmel zeugen nun dafür!

[JJ.01_018,23] Aber wie wird es uns gehen, so nun alle Welt notwendig erfahren muß, was hier vor sich gegangen ist? Denn daß nicht nur wir, sondern auch alle andern Menschen nun sehen, welch ein Zeugnis für uns durch alle Himmel strahlet, – das habe ich an vielen Hirten nun gesehen, wie sie ihre Angesichter gen oben gerichtet hielten!

[JJ.01_018,24] Und sangen mit gleicher Stimme mit den mächtigen Chören der Engel, welche nun – allen sichtbar – erfüllen alle Räume der Himmel hoch und nieder bis zur Erde herab!

[JJ.01_018,25] Und ihr Gesang lautete wie der der Engel: ,Tauet herab, ihr Himmel, den Gerechten! Friede den Menschen auf der Erde, die eines guten Willens sind!‘ – Und: ,Ehre sei Gott in der Höhe in Dem, der da kommt im Namen des Herrn!‘

[JJ.01_018,26] Siehe, o Maria, solches vernimmt und sieht nun die ganze Welt; also wird sie auch kommen hierher und wird uns verfolgen, und wir werden müssen fliehen über Berg und Tal!

[JJ.01_018,27] Daher meine ich, wir sollten uns so bald als nur immer möglich heben von hier und, sobald ich werde beschrieben sein – was heute früh noch geschehen soll – , uns wieder begeben nach Nazareth zurück und von dort gehen zu den Griechen über, von denen ich einige recht wohl kenne. – Bist du nicht meiner Meinung?"

[JJ.01_018,28] Maria aber sprach zu Joseph: „Du siehst aber ja, daß ich heute noch nicht dies Lager verlassen kann; daher lassen wir alles dem Herrn über! Er hat uns bisher geführt und beschützt, so wird Er uns auch sicher noch weiter führen und gar treulich beschützen!

[JJ.01_018,29] Will Er uns vor der Welt offenbaren, sage: wohin wollen wir fliehen, da Seine Himmel uns nicht entdecken möchten?!

[JJ.01_018,30] Daher geschehe Sein Wille! – Was Er will, das wird recht sein. Siehe, hier auf meiner Brust ruht ja, Dem dieses alles gilt!

[JJ.01_018,31] Dieser aber bleibet bei uns, und so wird auch die große Herrlichkeit Gottes von uns nicht weichen, und wir können da fliehen, wohin wir nur immer wollen!"

[JJ.01_018,32] Als Maria aber noch kaum solches ausgeredet hatte, siehe, da standen schon zwei Engel als Anführer einer Menge Hirten vor der Höhle und zeigten den Hirten an, daß hier Derjenige geboren ist, dem ihre Lobgesänge gelten.

[JJ.01_018,33] Und die Hirten traten ein in die Höhle und knieten nieder vor dem Kindlein und beteten Es an; und die Engel kamen auch scharenweise und beteten an das Kindlein.

[JJ.01_018,34] Joseph aber blickte mit seinen Söhnen ganz erstaunt hin nach der Maria und dem Kindlein und sprach: O Gott, was ist denn das? – Hast Du denn Selbst Fleisch angenommen in diesem Kinde?

[JJ.01_018,35] Wie wohl wäre es möglich sonst, daß Es angebetet würde selbst von Deinen heiligen Engeln? Bist Du aber hier, o Herr, was ist denn nun mit dem Tempel – und mit dem Allerheiligsten?!"

[JJ.01_018,36] Und ein Engel trat hin zum Joseph und sprach zu ihm: „Frage nicht, und sorge dich nicht; denn der Herr hat die Erde erwählt zum Schauplatze Seiner Erbarmungen und hat nun heimgesucht Sein Volk, wie Er es vorhergesagt durch den Mund Seiner Kinder, Seiner Knechte und Propheten!

[JJ.01_018,37] Was aber geschieht nun vor deinen Augen, das geschieht nach dem Willen Dessen, der da ist heilig, überheilig!"

[JJ.01_018,38] Hier verließ der Engel den Joseph und ging wieder hin und betete an das Kindlein, welches nun alle die Betenden mit offenen Händchen anlächelte.

[JJ.01_018,39] Als aber nun die Sonne aufging, da verschwanden die Engel; aber die Hirten blieben und erkundigten sich beim Joseph, wie möglich doch solches vor sich gegangen ist.

[JJ.01_018,40] Joseph aber sagte: „Höret, wie wunderbar das Gras wächst aus der Erde, also geschah auch dieses Wunder! Wer aber weiß, wie das Gras wächst? – So wenig weiß ich euch auch von diesem Wunder kundzugeben! Gott hat es also gewollt; das ist alles, was ich euch sagen kann!"

 

19. Kapitel – Josephs Beschreibungssorge. Der Wehmutter Bericht vor dem römischen Hauptmann Cornelius. Des Hauptmanns Besuch in der Grotte. Joseph und Cornelius. Des Cornelius Frieden und Freude in der Nähe des Jesuskindes.

30. August 1843

[JJ.01_019,01] Die Hirten aber waren mit diesem Bescheide zufrieden und fragten den Joseph nicht weiter und gingen von dannen und brachten der Maria allerlei Stärkungen zum Opfer.

[JJ.01_019,02] Als die Sonne aber schon eine Stunde der Erde geleuchtet hatte, da fragte der Joseph die Wehmutter:

[JJ.01_019,03] „Höre mich an, du meine Freundin und Schwester aus Abraham, Isaak und Jakob! – Siehe, mich drückt die Beschreibung ganz gewaltig, und ich wünsche nichts sehnlicher, als sie hinter mir zu haben!

[JJ.01_019,04] Ich aber weiß nicht, wo in der Stadt sie gehalten wird; lasse daher die Salome hier bei der Maria, mich aber führe mit meinen Söhnen hin zu dem römischen Hauptmann, der da die Beschreibung führt!

[JJ.01_019,05] Vielleicht werden wir sogleich vorgenommen werden, so wir sicher die ersten dort sein werden?"

[JJ.01_019,06] Und die Wehmutter sagte zum Joseph: „Gnadenvoller Mann, höre mich an! – Der Hauptmann Cornelius aus Rom wohnt in meinem Hause, das schier eines der ersten ist in der Stadt.

[JJ.01_019,07] und hat daselbst auch seine Amtsstube. Er ist zwar ein Heide, aber sonst ein guter und rechtlicher Mensch; ich will hingehen und ihm alles anzeigen bis auf das Wunder, und ich meine, die Sache wird abgetan sein!"

[JJ.01_019,08] Dieser Antrag gefiel Joseph wohl, da er ohnehin eine große Scheu vor den Römern, besonders aber vor der Beschreibung hatte; er bat daher obendrauf noch die Wehmutter, solches zu tun.

[JJ.01_019,09] Und die Wehmutter ging und fand den Cornelius, der noch sehr jung war und am Morgen gerne lang schlief, noch im Bette und gab ihm alles kund, was da notwendig war.

[JJ.01_019,10] Cornelius aber stand sogleich auf, warf seine Toga um und sprach zu seiner Hausherrin: „Weib, ich glaube dir alles; aber ich will dennoch selbst mit dir hingehen, denn ich fühle einen starken Drang dazu!

[JJ.01_019,11] Es ist nach deiner Erzählung nicht weit von hier, und so werde ich zur rechten Zeit noch am Arbeitstische sein! Führe mich also nur gleich hin!"

[JJ.01_019,12] Und die Wehmutter erfreute sich dessen und führte den ihr wohlbekannten biederen, jungen Hauptmann hin, welcher ihr vor der Höhle gestand und sagte: „O Weib, wie leicht gehe ich in Rom zu meinem Kaiser, und wie schwer wird es mir hier, in diese Höhle einzutreten!

[JJ.01_019,13] Das muß etwas Besonderes sein! – Sage mir doch, ob du irgendeinen Grund weißt; denn ich weiß, daß du eine biedere Jüdin bist!"

[JJ.01_019,14] Die Wehmutter aber sprach: „Guter Hauptmann des großen Kaisers! Harre hier vor der Höhle nur einen Augenblick; ich will hineingehen und will dir die Lösung bringen!"

[JJ.01_019,15] Und sie ging und sagte es dem Joseph, daß der gute Hauptmann selbst draußen vor der Höhle harre, und daß er herein möchte, aber sich nicht getraue aus einem ihm unerklärlichen Grunde.

[JJ.01_019,16] Als der Joseph solches vernahm, ward er gerührt und sprach: „O Gott, wie gut bist Du, daß Du sogar das vor mir in Freude verwandelst, davor ich mich am meisten gefürchtet habe! – Darum sei Dir allein alles Lob und alle Ehre!"

[JJ.01_019,17] Nach diesen Worten eilte er sogleich aus der Höhle und fiel dem Cornelius zu Füßen, sagend: „Machtträger des großen Kaisers, habe Erbarmen mit mir armem Greise! Siehe, mein junges Weib, das mir durchs Los im Tempel zuteil ward, hat hier sich entledigt ihrer Frucht diese Nacht, und gestern bin ich erst hier angekommen, daher mochte ich nicht mich sogleich bei dir melden lassen!"

[JJ.01_019,18] Und der Cornelius sagte, den Joseph aufhebend: „O Mann! sei des unbesorgt, es ist schon alles in der Ordnung! Lasse mich aber auch hineintreten und sehen, wie du hier eingelagert bist!"

[JJ.01_019,19] Und Joseph führte den Cornelius in die Höhle. Als aber dieser das Kindlein erblickte, wie Es ihm entgegenlächelte, da erstaunte er ob solchen Benehmens des Kindleins und sagte: „Beim Zeus, das ist selten! Ich bin ja wie neu geboren, und nie noch habe ich eine solche Ruhe und Freude in mir gewahret! – Fürwahr, heute sind Geschäftsferien, und ich bleibe euer Gast."

 

20. Kapitel – Des Cornelius Fragen über den Messias. Josephs Verlegenheit. Des Hauptmanns Fragen an Maria, Salome und die Wehmutter. Der Engel Warnung vor dem Verrat des göttlichen Geheimnisses. Des Cornelius heilige Ahnung von der Göttlichkeit des Jesuskindes.

31. August 1843

[JJ.01_020,01] Joseph aber, darüber hoch erfreut, sprach zum Hauptmann: „Machtträger des großen Kaisers, was wohl kann ich armer Mann dir für deine große Freundschaft entgegenbieten? – Womit werde ich dir in dieser feuchten Höhle aufwarten können?

[JJ.01_020,02] Wie dich bewirten deinem hohen Stande gemäß? – Siehe, hier in dem Karren ist meine ganze Habseligkeit, teils mitgebracht aus Nazareth, teils aber ein Geschenk schon von den hierortigen Hirten!

[JJ.01_020,03] Wenn du davon etwas genießen kannst, so sei ein jeder Bissen, den du in deinen Mund führen möchtest, tausendfach gesegnet!"

[JJ.01_020,04] Cornelius aber sagte: „Guter Mann, kümmere und sorge dich ja nicht um mich; denn siehe, hier ist ja meine Hausherrin, diese wird schon Sorge tragen für die Küche, und wir werden alle genug haben um ein lichtes Geldstück, das da gezieret ist mit des Kaisers Haupte!"

[JJ.01_020,05] Hier gab der Hauptmann der Wehmutter eine Goldmünze und hieß sie sorgen für ein gutes Mittag- und Abendmahl und, sobald es der Kindbetterin möglich wird, auch für eine bessere Wohnung.

[JJ.01_020,06] Joseph aber sagte darauf zum Cornelius: „O herrlicher Freund! Ich bitte dich, mache dir doch unsertwegen keine Unkosten und Bemühungen; denn wir sind für die wenigen Tage, die wir hier noch zubringen werden, ohnehin – dem Herrn, Gott Israels, alles Lob! – gut versorgt!"

[JJ.01_020,07] Hier sagte der Hauptmann: „Gut ist gut, aber besser ist besser! Daher laß es nur geschehen, und lasse mich dadurch deinem Gotte auch ein freudig Opfer bringen; denn siehe, ich ehre aller Völker Götter!

[JJ.01_020,08] Also will ich auch den deinigen ehren; denn Er gefällt mir, seit ich Seinen Tempel zu Jerusalem gesehen habe. Und Er muß ein Gott von großer Weisheit sein, da ihr solch eine große Kunst von Ihm erlernt hattet!?"

[JJ.01_020,09] Joseph aber sprach: „O Freund! wäre es möglich mir, dich von der alleinigen einigen Wesenheit unseres Gottes zu überführen, wie gerne würde ich es tun zu deinem größten ewigen Wohle!

[JJ.01_020,10] Aber ich bin ein schwacher Mensch nur und vermag solches nicht; aber suche du irgend unsere Bücher auf und lese sie, da du unserer Sprache so wohl kundig bist, und du wirst da Dinge finden, die dich ins höchste Erstaunen setzen werden!"

[JJ.01_020,11] Und der Cornelius sagte: „Guter Mann, was du mir nun freundlichst geraten hast, das habe ich schon getan, habe auch wirklich Erstaunliches darinnen gefunden!

[JJ.01_020,12] Unter anderem aber bin ich auch auf eine Vorhersage gekommen, in der den Juden ein neuer König für ewig verheißen ist; sage mir, ob du wohl weißt, nach der Auslegung solcher Vorsage, wann da dieser König kommen wird – und von woher?"

[JJ.01_020,13] Hier ward der Joseph etwas verlegen und sagte nach einer Weile: „Dieser wird kommen aus den Himmeln als der Sohn des ewig lebendigen Gottes! Und Sein Reich wird nicht von dieser, sondern von der Welt des Geistes und der Wahrheit sein!"

[JJ.01_020,14] Und der Cornelius sprach: „Gut, ich verstehe dich; aber ich habe auch gelesen, daß dieser König in einem Stalle bei dieser Stadt solle geboren werden von einer Jungfrau! – Wie ist denn das zu nehmen?"

[JJ.01_020,15] Joseph aber sprach: „O guter Mann, du hast scharfe Sinne! – Ich kann dir nichts anderes sagen als: Gehe hin, und siehe an das Mägdlein mit dem neugebornen Kinde; dort wirst du finden, das du finden möchtest!"

1. September 1843

[JJ.01_020,16] Und der Cornelius ging hin und betrachtete die Jungfrau mit dem Kindlein mit scharfen Augen, um aus ihr und in dem Kinde den künftigen König der Juden zu entdecken.

[JJ.01_020,17] Er fragte daher auch die Maria, auf welche Weise sie also früh ihres Alters ist schwanger geworden.

[JJ.01_020,18] Maria aber erwiderte: „Gerechter Mann, so wahr mein Gott lebt, so wahr auch habe ich nie einen Mann erkannt!

[JJ.01_020,19] Es geschah aber vor drei Vierteln des Jahres, da ein Bote des Herrn zu mir kam und unterrichtete mich mit wenig Worten, daß ich vom Geiste Gottes aus solle schwanger werden.

[JJ.01_020,20] Und also geschah es denn auch; ich ward, ohne je einen Mann erkannt zu haben, schwanger; und siehe, hier vor dir ist die Frucht der wunderbaren Verheißung! Gott aber ist mein Zeuge, daß solches alles also geschehen ist!" –

[JJ.01_020,21] Hier wandte sich der Cornelius an die beiden Schwestern und sagte: „Was sagt denn ihr zu dieser Geschichte? Ist das ein feiner Trug von diesem alten Manne, ein für ein blindes, abergläubiges Volk guter Vorschutz, um sich bei solchen Umständen der gesetzlichen Strafe zu entziehen?

[JJ.01_020,22] Denn ich weiß, daß Juden für derlei Fälle die Todesstrafe gesetzt haben! – Oder sollte daran im Ernste etwas sein, – das noch schlimmer wäre als im ersten Falle, weil da des Kaisers Gesetz müßte in schärfste Anwendung gebracht werden, das da jeden Aufwiegler schon im ersten Keime erstickt haben will?! O redet die Wahrheit, damit ich weiß, wie ich mit dieser sonderbaren Familie daran bin!"

[JJ.01_020,23] Die Salome aber sprach: „Höre mich an, o Cornelius, ich bitte dich bei aller deiner großkaiserlichen Vollmacht! Habe ja mit dieser armen und doch wieder endlos reichen Familie nichts Ernstes und Gesetzliches zu schaffen!

[JJ.01_020,24] Denn du kannst es mir glauben, denn ich stehe mit meinem Kopfe für die Wahrheit: dieser Familie stehen alle Mächte der Himmel, wie dir dein eigener Arm, zu Gebote, davon ich die lebendigste Überzeugung erhielt."

[JJ.01_020,25] Hier stutzte Cornelius noch gewaltiger und fragte die Salome: „Also auch Roms heilige Götter, Roms Helden, Waffen und unbesiegbare Macht? – O Salome! was redest du?!"

[JJ.01_020,26] Salome aber sagte: „Ja, wie du gesagt, also ist es! – Davon bin ich lebendigst überzeugt; magst du es aber nicht glauben, da gehe hinaus und sehe an die Sonne! Sie leuchtet heute schon bei vier Stunden, und siehe, sie steht noch im Osten und getraut sich nicht weiterzuziehen!"

[JJ.01_020,27] Und der Cornelius ging hinaus, sah an die Sonne, kam sobald wieder zurück und sagte ganz erstaunt: „Fürwahr, du hast recht; wenn die Sache mit dieser Familie in Beziehung steht, so gehorcht dieser Familie sogar der Gott Apollo!

[JJ.01_020,28] Also muß hier Zeus sein, der mächtigste aller Götter, und es scheint sich die Zeit Deukalions und der Pyrrha zu erneuen; wenn aber das der Fall ist, so muß ich solch eine Begebenheit ja sogleich nach Rom vermelden!?"

[JJ.01_020,29] Bei diesen Worten erschienen zwei mächtige Engel; ihre Angesichter leuchteten wie die Sonne und ihre Kleider wie der Blitz. Und sie sprachen: „Cornelius! – Schweige sogar gegen dich von dem, was du gesehen hast, – sonst gehest du und Rom heute noch zugrunde!"

[JJ.01_020,30] Hier überfiel den Cornelius eine große Furcht. Die beiden Engel verschwanden; er aber ging hin zum Joseph und sprach: „O Mann! – Hier ist endlos mehr als ein werdender König der Juden! Hier ist Der, dem alle Himmel und Höllen zu Gebote stehen! Daher laß mich wieder ziehen von hier; denn ich bin's nicht wert, in solcher Nähe Gottes mich zu befinden!" – –

 

21. Kapitel – Josephs Worte über den freien Willen des Menschen und sein Rat an Cornelius. Des Hauptmanns Fürsorge für die heilige Familie.

2. September 1843

[JJ.01_021,01] Und der Joseph, selbst ganz frappiert durch diese Äußerung des Cornelius, sagte zu ihm: „Wie groß dieses Wunder ist in sich, wüßte ich dir selbst zu künden nicht!

[JJ.01_021,02] Daß aber große und mächtige Dinge dahinterstecken, das kannst du mir glauben; denn um geringer Sachen wegen würden sich nicht alle Mächte der ewigen Himmel Gottes also bewegen!

[JJ.01_021,03] Aber darum ist dennoch kein Mensch in seinem freien Willen gehemmt und kann tun, was er will; denn das erkenne ich aus dem Gebote, das dir die zwei Engel des Herrn gegeben haben!

[JJ.01_021,04] Denn siehe, der Herr könnte ja unsern Willen bei dieser Gelegenheit gerade also durch Seine Allmacht binden, wie Er den Willen der Tiere bindet, und wir müßten dann handeln nach Seinem Willen!

[JJ.01_021,05] Aber Er tut das nicht und gibt dafür nur ein freies Gebot, daraus wir ersehen können, daß wir frei aus uns das wollen und tun können, was da ist Sein heiliger Wille.

[JJ.01_021,06] Also bist auch du in keiner Fiber deines Lebens im geringsten gebunden und kannst daher tun, was du willst! Willst du heute mein Gast sein, da bleibe; willst du aber das nicht oder getrauest dir es nicht, so hast du ebenfalls den freiesten Willen.

[JJ.01_021,07] Hätte ich dir aber zu raten, da würde ich freilich dir wohl also raten und sagen: O Freund, bleibe! – denn besser aufgehoben bist du nun wohl in der ganzen Welt kaum irgendwo, als hier unter dem sichtbaren Schutze aller himmlischen Mächte!"

[JJ.01_021,08] Und der Cornelius sagte: „Ja, du gerechter Mann vor den Göttern und vor deinem Gotte, und vor allen Menschen, dein Rat ist gut, und ich will ihn befolgen und will bleiben bis morgen bei dir!

[JJ.01_021,09] Aber nur so viel werde ich mich jetzt mit meiner Hausherrin auf eine kurze Zeit entfernen, daß ich Anstalten treffen kann, durch die ihr alle – wenn schon hier in dieser Höhle – besser gelagert werdet."

[JJ.01_021,10] Und der Joseph sagte: „Guter Mann, tue, was du willst! Gott, der Herr, wird es dir dereinst vergelten!"

[JJ.01_021,11] Hier ging der Hauptmann mit der Wehmutter in die Stadt und ließ zuerst verkünden durch alle Gassen, daß an dem Tage Amtsferien seien, nahm dann dreißig Kriegsknechte, gab ihnen Bettzeug, Zelte und Brennholz und hieß sie dies alles hinaustragen zur Höhle.

[JJ.01_021,12] Die Wehmutter nahm Speise und Trank in gerechter Menge mit sich und ließ noch mehr nachtragen.

[JJ.01_021,13] In der Höhle angelangt, ließ der Hauptmann sogleich drei Zelte aufrichten: ein reiches für Maria, eines für sich, Joseph und seine Söhne und eines für die Wehmutter und ihre Schwester.

[JJ.01_021,14] Und im Zelte Mariens ließ er ein frisches und gar weiches Bett aufrichten und versah das Zelt noch mit andern nötigen Einrichtungen. Also richtete er auch die andern Zelte zweckmäßig ein, ließ dann einen Kochherd in aller Geschwindigkeit von seinen Knechten erbauen, legte selbst Holz darauf und machte Feuer zur Erwärmung der Höhle, in welcher es sonst ziemlich kalt war in dieser Jahreszeit.

 

22. Kapitel – Cornelius bei der heiligen Familie in der Grotte. Die Hirten und der Hauptmann. Die neue ewige Geistessonne. Des Cornelius Abschied. Josephs Dankesworte über die Güte des heidnischen Hauptmanns.

4. September 1843

[JJ.01_022,01] Also versorgte unser Cornelius die fromme Familie und blieb den ganzen Tag und die ganze Nacht bei ihr.

[JJ.01_022,02] Des Nachmittags aber kamen auch wieder die Hirten, anzubeten das Kindlein, und brachten allerlei Opfer.

[JJ.01_022,03] Als sie aber in der Hütte Zelte und den römischen Hauptmann erschauten, da wollten sie fliehen aus großer Furcht vor ihm;

[JJ.01_022,04] denn es waren mehrere Beschreibungsflüchtlinge unter ihnen, die sich vor der auf solche Flüchtlinge gesetzten Strafe gar gewaltigst fürchteten.

[JJ.01_022,05] Der Hauptmann aber ging hin zu ihnen und sprach: „Fürchtet euch nicht vor mir, denn ich will euch nun alle Strafe nachlassen; aber bedenket, was da nach dem Willen des Kaisers geschehen muß, und kommet daher morgen, und ich werde euch so zart und sanft als nur möglich beschreiben!"

[JJ.01_022,06] Da nun die Hirten erfahren hatten, daß der Cornelius ein so sanfter Mensch ist, da verloren sie ihre Scheu und ließen sich am nächsten Tage alle beschreiben.

[JJ.01_022,07] Nach der Rede mit den Hirten aber fragte der Hauptmann den Joseph, ob die Sonne diesmal nimmer den Morgen verlassen werde.

[JJ.01_022,08] Und der Joseph erwiderte: „Diese Sonne, die heute der Erde aufgegangen ist, ewig nimmer! Aber die natürliche gehet ihren alten Weg nach dem Willen des Herrn fort und wird in etlich Stündlein untergehen."

[JJ.01_022,09] Solches aber sprach der Joseph prophetisch und wußte und verstand im Grunde selbst kaum, was er geredet hatte!

[JJ.01_022,10] Und der Hauptmann aber fragte den Joseph: „Was sagst du hier? – Siehe, ich habe deiner Worte Sinn nicht begriffen; daher rede verständlicher zu mir!"

[JJ.01_022,11] Und der Joseph sprach: „Es wird eine Zeit kommen, in der du dich wärmen wirst in den heiligen Strahlen dieser Sonne und baden in den Strömen ihres Geistes!

[JJ.01_022,12] Mehr zu sagen aber weiß ich dir nicht und verstehe selbst nicht, was ich dir nun gesagt habe; die Zeit aber wird es dir enthüllen, da ich nicht mehr sein werde, in aller Fülle der ewigen Wahrheit."

[JJ.01_022,13] Und der Hauptmann fragte den Joseph nicht mehr und behielt diese tiefen Worte in seinem Lebensgrunde.

[JJ.01_022,14] Am nächsten Tage aber grüßte der Hauptmann die gesamte Familie und gab ihr die Versicherung, daß er so lange für sie sorgen werde, als sie sich allda aufhalten werde, und werde sie in seinem Herzen behalten sein Leben lang.

[JJ.01_022,15] Nachdem aber begab er sich an sein Geschäft und gab der Wehmutter wieder eine Münze, zu sorgen für die Familie.

[JJ.01_022,16] Joseph aber sprach zu seinen Söhnen, als der Hauptmann schon fort war: „Kinder, wie ist denn das, daß ein Heide besser ist als so mancher Jude? – Sollten etwa hierher die Worte Isaias passen, da er spricht:

[JJ.01_022,17] ,Siehe, Meine Knechte sollen vor gutem Mute jauchzen; ihr aber sollt vor Herzeleid schreien und vor Jammer heulen!‘?" – Und die Söhne Josephs erwiderten: „Ja, Vater, diese Stelle wird hier in ihrer Fülle erklärt und verstanden."

 

23. Kapitel – Die liebevolle Fürsorge des Cornelius. Des Engels Anweisung an Joseph zum Aufbruch nach Jerusalem zur Darstellung im Tempel. Marias Traum. Die militärische Wache vor der Grotte.

5. September 1843

[JJ.01_023,01] Also verlebte Joseph sechs Tage in der Höhle und ward an jedem Tage besucht von Cornelius, der da emsigst sorgte, daß dieser Familie ja nichts abgehen solle.

[JJ.01_023,02] Am sechsten Tage frühmorgens aber kam ein Engel zu Joseph und sprach: „Verschaffe dir ein Paar Turteltauben, und ziehe am achten Tage von hier nach Jerusalem!

[JJ.01_023,03] Maria solle die Turteltauben nach dem Gesetze opfern, und das Kind muß beschnitten werden und erhalten den Namen, der dir und der Maria ist angezeigt worden!

[JJ.01_023,04] Nach der Beschneidung aber ziehet wieder hierher, und verweilet hier so lange, bis ich es euch anzeigen werde, wann und wohin ihr von hier ziehen sollet!

[JJ.01_023,05] Du, Joseph, wirst dich zwar früher zur Abreise anschicken; aber ich muß dir sagen: Du wirst nicht um einen Pulsschlag eher von hier kommen, als bis es der Wille Dessen sein wird, der bei dir ist in der Höhle!"

[JJ.01_023,06] Nach diesen Worten verschwand der Engel, und der Joseph ging hin zur Maria und zeigte ihr solches an.

[JJ.01_023,07] Maria aber sprach zu Joseph: „Siehe, ich bin ja allzeit eine Magd des Herrn, und so geschehe mir nach Seinem Worte!

[JJ.01_023,08] Ich aber hatte heute einen Traum, und in diesem Traume kam das alles vor, was du mir jetzt eröffnet hast; daher sei nur besorgt um das Taubenpaar, und ich werde mit dir am achten Tage getrost ziehen nach der Stadt des Herrn."

[JJ.01_023,09] Es kam aber bald nach dieser Erscheinung eben auch wieder der Hauptmann auf einen Morgenbesuch, und der Joseph zeigte ihm sogleich an, warum er am achten Tage werde nach Jerusalem ziehen müssen.

[JJ.01_023,10] Und der Hauptmann bot dem Joseph sogleich alle seine Gelegenheit an und wollte ihn führen lassen nach Jerusalem.

[JJ.01_023,11] Aber Joseph dankte ihm darum für den herrlich guten Willen und sprach: „Siehe, also ist es der Wille meines Gottes und Herrn, daß ich also ziehen solle nach Jerusalem, wie ich hierher gezogen kam!

[JJ.01_023,12] Und so will ich denn auch die kurze Reise also anstellen, auf daß der Herr mich nicht züchtige meines Ungehorsams willen.

[JJ.01_023,13] So du aber schon bei dieser Gelegenheit mir etwas tun willst, so verschaffe mir zwei Turteltauben, die da zu opfern sind in dem Tempel, und erhalte mir die Wohnstätte!

[JJ.01_023,14] Denn am neunten Tage werde ich wieder hierher kommen und werde mich darinnen so lange aufhalten, als es da von mir verlangen wird der Herr!"

[JJ.01_023,15] Und der Cornelius versprach dem Joseph, all das Verlangte zu bieten, und ging darauf fort und brachte dem Joseph selbst eine ganze Taubensteige voll Turteltauben, aus denen sich Joseph die schönsten aussuchen mußte.

[JJ.01_023,16] Nachdem aber ging der Hauptmann wieder an sein Geschäft und ließ die Taubensteige (Taubenhaus) unterdessen bis auf den Abend in der Höhle, allda er sie dann selbst wieder abholte.

[JJ.01_023,17] Am achten Tage aber, als Joseph nach Jerusalem abgereist war, ließ Cornelius eine Wache hinstellen vor die Höhle, die da niemanden aus und ein gehen ließ, außer die zwei ältesten von Joseph zurückgelassenen Söhne und die Salome, die sie mit Speise und Trank versah; denn die Wehmutter zog mit nach Jerusalem.

 

24. Kapitel – Die Beschneidung und Namensgebung des Kindleins und die Reinigung der Maria. Die Darstellung des Kindes im Tempel durch die Mutter. Der fromme Simeon und das Jesuskind.

6. September 1843

[JJ.01_024,01] Am achten Tage nachmittags aber – nach gegenwärtiger Rechnung um die dritte Stunde – ward das Kindlein im Tempel beschnitten und bekam den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, ehe noch das Kindlein im Mutterleibe empfangen war.

[JJ.01_024,02] Da aber für den äußersten Fall der erwiesenen Jungfrauschaft Marias auch ihrer Reinigung Zeit konnte als gültig angesehen werden, so wurde Maria auch sogleich gereinigt im Tempel.

[JJ.01_024,03] Darum nahm Maria bald nach der Beschneidung das Kindlein auf ihren Arm und trug Es in den Tempel, auf daß sie Es mit Joseph darstellete dem Herrn nach dem Gesetze Mosis.

[JJ.01_024,04] Wie es denn auch geschrieben steht im Gesetze Gottes: „Allerlei Erstgeburt solle dem Herrn geheiligt sein.

[JJ.01_024,05] Und solle darum geopfert werden ein Paar Turteltauben oder ein Paar junge Tauben!"

[JJ.01_024,06] Und Maria opferte ein Paar Turteltauben und legte es auf den Opfertisch; und der Priester nahm das Opfer und segnete Mariam.

[JJ.01_024,07] Es war aber auch ein Mensch zu Jerusalem, namens Simeon, der war überaus fromm und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; denn er war erfüllt mit dem Geiste Gottes!

[JJ.01_024,08] Diesem Manne hatte zuvor der Geist des Herrn gesagt: „Du wirst nicht den Tod des Leibes sehen, bevor du nicht sehen wirst Jesum, den Gesalbten Gottes, den Messias der Welt."

[JJ.01_024,09] Darum kam er nun aus einer inneren Anregung in den Tempel, da gerade Joseph und Maria sich mit dem Kinde noch in dem Tempel befanden und noch taten, was alles das Gesetz verlangte.

[JJ.01_024,10] Als er aber das Kindlein erblickte, da ging er sobald hin zu den Eltern und verlangte bittend, daß sie ihn möchten dasselbe auf eine kurze Zeit auf seine Arme nehmen lassen.

[JJ.01_024,11] Das frommste Elternpaar aber tat das gerne dem alten, überfrommen Manne, den sie wohl kannten.

[JJ.01_024,12] Und Simeon nahm das Kindlein auf seine Arme, kosete es, lobte dabei Gott inbrünstigst und sprach endlich:

[JJ.01_024,13] „Herr! nun lasse Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du es gesagt hast;

[JJ.01_024,14] denn meine Augen haben nun den Heiland gesehen, den Du verheißen hast den Vätern und den Propheten.

[JJ.01_024,15] Dieser ist es, den Du bereitet hast vor allen Völkern!

[JJ.01_024,16] Ein Licht zu leuchten den Heiden, ein Licht zum Preise Deines Volkes Israel."

[JJ.01_024,17] Joseph und Maria aber wunderten sich selbst über die Worte Simeons; denn sie verstanden noch nicht, was er von dem Kinde ausgesagt hatte.

[JJ.01_024,18] Simeon aber gab das Kindlein nun der Maria wieder, segnete darauf beide und sprach dann zur Maria:

[JJ.01_024,19] „Siehe, dieser wird gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel, und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird!

[JJ.01_024,20] Ein Schwert aber wird durch deine Seele dringen, auf daß da vieler Herzen offenbar werden!"

[JJ.01_024,21] Maria aber verstand die Worte Simeons nicht; aber dessenungeachtet behielt sie dieselben tief in ihrem Herzen.

[JJ.01_024,22] Desgleichen tat es auch der Joseph und lobte und pries Gott darum gar mächtig in seinem Herzen. – –

 

25. Kapitel – Die Prophetin Hanna im Tempel und ihr Zeugnis über das Jesuskind. Hannas Warnung an Maria. Das Notquartier der heiligen Familie beim reichen Israeliten.

7. September 1843

[JJ.01_025,01] Es war aber zu dieser Zeit auch eine Prophetin im Tempel – Hanna war ihr Name; sie war eine Tochter Phanuels vom Stamme Assers.

[JJ.01_025,02] Diese war schon im hohen Alter und war so fromm, daß sie, als sie sich in ihrer Jugend mit einem Manne verband, aus Liebe zu Gott sieben Jahre sich nicht enthüllte dem Manne und behielt diese Zeit ihre Jungfrauschaft.

[JJ.01_025,03] In ihrem achtzigsten Jahre ward sie Witwe, ging da sobald in den Tempel und verließ denselben nicht mehr.

[JJ.01_025,04] Sie diente hier ausschließlich Gott dem Herrn allein durch Beten und Fasten nahe Tag und Nacht aus eigenem Antriebe.

[JJ.01_025,05] Bei dieser Gelegenheit aber war sie schon vier Jahre also im Tempel und kam nun auch herzu, pries Gott den Herrn und redete also zu allen, die da auf den Erlöser harrten zu Jerusalem, was ihr der Geist Gottes gab.

[JJ.01_025,06] Als sie aber zu Ende war mit ihren prophetischen Worten, da bat auch sie um das Kindlein, kosete es und pries und lobte Gott.

[JJ.01_025,07] Nachdem aber gab sie das Kindlein wieder der Maria und sagte zu ihr: „Glücklich und gebenedeiet bist du, o Jungfrau, darum du die Mutter meines Herrn bist.

[JJ.01_025,08] Lasse dir es aber ja nie gelüsten, dich darum preisen zu lassen; denn Das nur, was da sauget an deiner Brust, ist allein würdig, von uns allen gelobt, gepriesen und angebetet zu werden!"

[JJ.01_025,09] Nach diesen Worten kehrte die Prophetin wieder zurück, und Joseph und Maria gingen, nachdem sie bei drei Stunden im Tempel zugebracht hatten, wieder aus demselben und suchten bei einem Verwandten Herberge.

[JJ.01_025,10] Als sie aber dahin kamen, fanden sie das Haus verschlossen; denn der Verwandte befand sich diesmal eben auch in Bethlehem bei der Beschreibung.

[JJ.01_025,11] Joseph aber wußte nicht, was er nun tun solle; denn fürs erste war es bereits tiefe Nacht, wie es in dieser kürzesten Tageszeit gewöhnlich zu sein pflegt, und es war auch fast kein Haus mehr offen um diese Zeit, und das um so mehr, da es ein Vorsabbat war.

[JJ.01_025,12] Im ganz Freien zu übernachten, war es zu kalt, indem der Reif auf den Feldern lag und dazu noch ein kalter Wind wehte.

[JJ.01_025,13] Als Joseph also hin und her dachte und den Herrn bat, daß Er ihm helfen möchte aus dieser Not,

[JJ.01_025,14] siehe, da kam auf einmal ein junger vornehmer Israelit auf den Joseph zugeschritten und fragte ihn: „Was machst du denn so spät mit deinem Gepäck auf der Gasse? Bist du nicht auch ein Israelit – und weißt nicht den Gebrauch?"

[JJ.01_025,15] Joseph aber sagte: „Siehe, ich bin aus dem Stamme Davids! Ich war aber im Tempel und habe geopfert dem Herrn; da hat mich die frühe Nacht übereilt, und nun kann ich keine Herberge finden und bin in großer Angst ob meines Weibes und ihres Kindes!"

[JJ.01_025,16] Und der junge Israelit sagte zu Joseph: „So kommt mit mir denn; ich will euch bis morgen eine Herberge vermieten um einen Groschen oder um dessen Wert!"

[JJ.01_025,17] Und Joseph folgte mit Maria, welche sich auf dem Lasttiere befand, und mit seinen drei Söhnen dem Israeliten in ein prachtvollstes Haus und nahm dort in einer niederen Kammer Herberge.

 

26. Kapitel – Der Tadel des Herbergsbesitzers Nikodemus. Josephs Rechtfertigungsrede. Das Zeugnis der Wehmutter. Ein Gnadenwink an Nikodemus, der den Herrn erkennt.

9. September 1843

[JJ.01_026,01] Am Morgen aber, als Joseph sich schon zur Abreise nach Bethlehem angeschickt hatte, kam der junge Israelit und war willens, den Mietgroschen zu verlangen.

[JJ.01_026,02] Aber als er in die Kammer trat, befiel ihn alsobald eine so mächtige Angst, daß er darob keinen Laut über seine Lippen zu bringen vermochte.

[JJ.01_026,03] Joseph aber trat hin zu ihm und sagte: „Freund! siehe, was wohl hältst du an mir für einen Groschen wert? – Das nehme, da ich kein Geld in meinem Besitze habe!"

[JJ.01_026,04] Nun erholte sich der Israelit etwas und sagte mit bebender Stimme: „Mann aus Nazareth, nun erst erkenne ich dich! – Du bist Joseph, der Zimmermann, und bist derselbe, dem vor neun Monden Maria, die Jungfrau des Herrn, aus dem Tempel durchs Los zugefallen ist!

[JJ.01_026,05] Hier ist dieselbe Jungfrau! – Wie hast du sie gehütet, da sie nun Mutter ist in ihrem fünfzehnten Jahre? – Was ist da vorgefallen?

[JJ.01_026,06] Wahrlich, du bist der Vater nicht! Denn Männer von deinem Alter und von deiner Gottesfurcht, die anerkannt ist in ganz Israel, tun desgleichen nimmer.

[JJ.01_026,07] Aber du hast erwachsene Söhne; kannst du bürgen für deren Unschuld? Hast du sie stets in den Augen gehabt und hast beobachtet all ihr Denken, Handeln, Tun und Lassen?"

[JJ.01_026,08] Joseph aber entgegnete dem jungen Manne und sprach: „Nun habe auch ich dich erkannt; du bist Nikodemus, ein Sohn Benjams aus dem Stamme Levi! Wie magst du mich erforschen wohl, da dir solches nicht zukommt? – Mich aber hat der Herr erforschet darum im Heiligtume und auf dem Berge des Fluches und hat mich gerechtfertiget vor dem Hohen Rate; was für Schuld willst du noch an mir und meinen Söhnen finden?

[JJ.01_026,09] Gehe aber hin in den Tempel und erforsche den Hohen Rat, und es wird über mein ganzes Haus dir ein rechtes Zeugnis gegeben werden!"

[JJ.01_026,10] Diese Worte drangen dem jungen reichen Manne tief ins Herz, und er sagte: „Aber um des Herrn willen, wenn es also ist, so sage mir doch, wie es zugegangen ist, daß diese Jungfrau also geboren hat! – Ist das ein Wunder, oder ist es natürlich?"

[JJ.01_026,11] Hier trat die anwesende Wehmutter hin zum Nikodemus und sprach: „Mann! Hier ist der Mietgroschen für die höchst dürftige Herberge! Halte uns aber nicht vergeblich länger auf; denn wir müssen noch heute in Bethlehem eintreffen!

[JJ.01_026,12] Bedenke aber, was das ist, was heute in deinem Hause dürftig beherberget war um einen Groschen! – Wahrlich, wahrlich! deine herrlichsten Zimmer, die mit Gold und Edelsteinen gezieret sind, wären zu schlecht für solche Herrlichkeit Gottes, die da eingekehrt ist in diese Kammer, die sich höchstens für Sträflinge schickt!

[JJ.01_026,13] Gehe aber hin und rühre an das Kindlein, auf daß von deinen Augen falle die grobe Decke und du sehest, wer dich heimgesucht hatte! – Ich als Wehmutter aber habe das alte Recht, dir zu gestatten, das Kindlein anzurühren."

[JJ.01_026,14] Hier ging Nikodemus hin und rührte an das Kindlein; und als er es berührt hatte, da ward ihm die innere Sehe auf eine kurze Zeit erschlossen, daß er ersah die Herrlichkeit Gottes.

[JJ.01_026,15] Er fiel sobald nieder vor dem Kinde und betete es an und sprach: „Welche Gnade, welche Liebe und welche Erbarmung muß, o Herr, in Dir sein, daß Du also dein Volk heimsuchest!

[JJ.01_026,16] Was solle aber ich nun mit meinem Hause geschehen lassen, und was mit mir, daß ich die Herrlichkeit Gottes also verkannt habe?!"

[JJ.01_026,17] Die Wehmutter aber sprach: „Bleibe in allem, wie du bist; aber allertiefst schweige von dem, was du gesehen, sonst unterliegst du dem Gerichte Gottes!" – Hier gab Nikodemus den Groschen zurück, ging weinend hinaus und ließ hernach diese Kammer mit Gold und Edelsteinen verzieren. – Joseph aber machte sich sogleich auf die Reise.

 

27. Kapitel – Die Rückkehr der heiligen Familie nach Bethlehem. Der herzliche Empfang in der Grotte durch die Zurückgebliebenen. Eine Futterkrippe als Bettchen für das Kindlein. Gute Ruhe in der Frostnacht.

11. September 1843

[JJ.01_027,01] Abends, noch eine Stunde vor dem Untergange der Sonne, erreichten die hohen Reisenden Bethlehem wieder und zogen ein in die schon bekannte Höhle.

[JJ.01_027,02] Die beiden zurückgebliebenen Söhne, die Salome und der Hauptmann kamen ihnen mit offenen Armen entgegen und fragten die Zurückkehrenden sorglichst, wie es ihnen ergangen sei auf der Reise.

[JJ.01_027,03] Und Joseph erzählte alles, was ihnen begegnet ist, bekannte aber auch zuletzt, daß er an diesem Tage noch völlig nüchtern sei samt allen den Mitreisenden; denn der höchst geringe Vorrat hatte kaum für die schwache Maria hingereicht.

[JJ.01_027,04] Als der Hauptmann solches von Joseph vernommen hatte, da ging er sogleich in den Hintergrund der Höhle und brachte eine Menge den Juden erlaubter Speisen hervor und sprach dann zum Joseph:

[JJ.01_027,05] „Hier segne es dir dein Gott, und segne es du nach deiner Sitte, und stärket und sättiget euch alle daran!"

[JJ.01_027,06] Und der Joseph dankte Gott und segnete die Speise und aß dann ganz wohlgemut mit Maria und seinen Söhnen und mit der Wehmutter.

[JJ.01_027,07] Es war aber der Maria das Kindlein den ganzen Tag hindurch schon schwer geworden, darum sie denn auch zum Joseph sagte:

[JJ.01_027,08] „Joseph, siehe, wenn ich nur neben mir ein Plätzchen hätte, das Kindlein niederzulegen, um meinen Armen eine kleine Ruhe zu gönnen, da wäre ich für alles versorgt, und das Kindlein Selbst könnte Sich ruhiger im Schlafe stärken!"

[JJ.01_027,09] Als der Hauptmann solchen Wunsch Mariens noch kaum gemerkt hatte, da sprang er sogleich in den Hintergrund der Höhle zurück und brachte eilends eine kleine Futterkrippe hervor, welche für Schafe bestimmt war (und also aussah, wie heutzutage die Futtertröge vor den Gasthöfen auf dem Lande).

[JJ.01_027,10] Die Salome aber nahm sogleich schönstes frisches Heu und Stroh, belegte das Kripplein damit, deckte dann ein frisches Tuch darüber und machte also ein weiches Bettchen fürs Kindlein.

[JJ.01_027,11] Maria aber wickelte das Kindlein in frische Linnen, drückte Es dann an ihre Brust, küßte Es und gab Es dann dem Joseph zu küssen und dann auch allen Anwesenden und legte Es dann in das wohl sehr ärmliche Bettchen für den Herrn Himmels und der Erde!

[JJ.01_027,12] Gar ruhig schlief das Kindlein, und Maria konnte nun ruhig essen und sich stärken am Mahle, welches ihnen der überaus gutherzige Hauptmann bereitet hatte.

[JJ.01_027,13] Nach der Mahlzeit aber sprach wieder Maria zu Joseph: „Joseph, lasse mir mein Lager zurechtmachen, denn ich bin gewaltig müde von der Reise und möchte mich darum zur Ruhe begeben!"

[JJ.01_027,14] Salome aber sprach: „O Mutter meines Herrn, siehe, dafür ist schon lange bestens gesorgt; komm und siehe!"

[JJ.01_027,15] Und Maria erhob sich, nahm wieder das Kindlein und ließ sich auch das Kripplein in ihr Zelt tragen und begab sich also zur Ruhe; und das war die erste völlige Schlafnacht für Maria nach der Geburt.

[JJ.01_027,16] Der Hauptmann aber ließ ja fleißig heizen auf dem Herde und weiße Steine wärmen und mit selben das Zelt Mariens umstellen, auf daß sie mit dem Kindlein ja keine Kälte leiden solle; denn es war dies eine kalte Nacht, in der das Wasser im Freien zu festem Eise ward.

 

28. Kapitel – Joseph drängt zum Aufbruch nach Nazareth. Des Hauptmanns Rat zu warten. Die Kunde von der persischen Karawane und von des Herodes Fahndung nach dem Kinde. Marias Furchtlosigkeit und Gottvertrauen.

12. September 1843

[JJ.01_028,01] Am Morgen des kommenden Tages aber sprach Joseph: „Was sollen wir nun noch länger hier? Maria ist wieder gestärkt, daher wollen wir aufbrechen und uns nach Nazareth begeben, allwo wir doch eine ordentliche Unterkunft haben!"

[JJ.01_028,02] Als aber der Joseph schon sich zum Aufbruche anzuschicken anfing, da kam der Hauptmann, welcher vor Tagesanbruch schon in der Stadt etwas zu tun hatte, wieder zurück und sprach zum Joseph:

[JJ.01_028,03] „Gotteswürdiger Mann! – Du willst aufbrechen zur Heimreise; aber für heute, morgen und übermorgen widerrate ich es dir!

[JJ.01_028,04] Denn siehe, soeben sind Nachrichten durch meine Leute, die heute gar früh schon von Jerusalem angekommen sind, zu meinen Ohren gekommen, daß da in Jerusalem drei mächtige persische Karawanen eingezogen sind!

[JJ.01_028,05] Drei oberste Anführer als Magier hatten sich bei Herodes um den neugeborenen König der Juden angelegentlichst erkundigt!

[JJ.01_028,06] Dieser, von der Sache als ein römischer Mietfürst aus Griechenland nichts wissend, wandte sich an die Hohenpriester, auf daß sie ihm kundgäben, wo der Neugesalbte geboren werden sollte.

[JJ.01_028,07] Diese aber gaben ihm kund, daß solches in Judäa, und zwar in Bethlehem, geschehen solle; denn also stünde es geschrieben!

[JJ.01_028,08] Darauf entließ der Herodes die Priester und begab sich mit seiner ganzen Dienerschaft wieder zu den drei Anführern und gab ihnen kund, was er von den Hohenpriestern erkundschaftet hatte,

[JJ.01_028,09] und empfahl darauf den dreien, in Judäa ja sorglichst den Neugesalbten der Juden zu suchen und, wenn sie ihn fänden, ja sobald wieder zu ihm zurückzukehren, auf daß auch dann er käme und dem Kinde seine Huldigung darbrächte.

[JJ.01_028,10] Weißt du aber, mein geliebtester Freund Joseph, daß ich weder den Persern, am allerwenigsten aber dem überaus herrschsüchtigen Herodes traue?!

[JJ.01_028,11] Die Perser sollen Magier sein und sollen die Geburt durch einen sonderbaren Stern entdeckt haben. Das will ich gar nicht in Abrede stellen; denn haben sich hier bei der Geburt dieses Knäbleins so große Wunder gezeigt, so hat solches auch in Persien geschehen können.

[JJ.01_028,12] Aber das ist für die Sache eben auch der mißlichste Umstand; denn offenbar geht es dieses Kind an. Finden es die Perser, so wird es auch der Herodes finden!

[JJ.01_028,13] Und wir werden uns dann sehr auf die Hinterbeine zu stellen haben, um dem alten Fuchse aus den Krallen zu kommen!

[JJ.01_028,14] Daher mußt du, wie gesagt, wenigstens drei Tage noch hier verweilen an diesem abseitigen Orte, binnen welcher Zeit ich mit den Königsuchern sicher eine gute Wendung machen werde; denn siehe, ich gebiete hier über zwölf Legionen Soldaten! – Mehr brauche ich dir zu deiner Ruhe nicht zu sagen. Nun weißt du das Nötigste; bleibe daher! Ich aber gehe nun wieder und werde um des Tages Mitte wieder zu dir kommen!"

13. September 1843

[JJ.01_028,15] Joseph, durch diese Nachricht samt seiner Familie eingeschüchtert, blieb und wartete in aller Ergebung in den Willen des Herrn ab, was da aus dieser sonderbaren Fügung werden solle.

[JJ.01_028,16] Und er ging hin zur Maria und erzählte ihr, was er soeben vom Hauptmanne vernommen hatte.

[JJ.01_028,17] Die Maria aber sprach: „Des Herrn Wille geschehe! Was alles für bittere Dinge sind uns schon bisher begegnet, – und der Herr hat sie alle in Honig verwandelt!

[JJ.01_028,18] Sicher werden uns auch die Perser nichts zuleide tun, falls sie im Ernste zu uns kommen sollten; und sollten sie an uns irgendeine bedungene Gewalt verüben wollen, so haben wir ja durch die Gnade Gottes den Schutz des Hauptmanns für uns!"

[JJ.01_028,19] Und der Joseph sagte: „Maria, das alles ist in der Ordnung! Die Perser fürchte ich auch eben nicht so sehr; aber den graubärtigen Herodes, dieses reißende Tier in menschlicher Gestalt, – der ist es, den ich fürchte, und auch der Hauptmann sich scheut vor ihm!

[JJ.01_028,20] Denn wird es durch die Perser allenfalls erwiesen, daß da unser Knäblein der neugesalbte König ist, dann wird uns nichts als eine schnöde Flucht übrigbleiben!

[JJ.01_028,21] Denn dann wird auch unser Hauptmann aus staatlichen römischen Rücksichten uns seines Heiles willen zum Feinde werden müssen und wird uns, statt zu retten, nur verfolgen müssen, will er nicht als ein Abtrünniger und als ein geheimer Verräter seines Kaisers angesehen werden!

[JJ.01_028,22] Und das sieht er heimlich auch sicher ein, da er selbst zu mir bezüglich des Herodes nicht unbedeutende Bedenklichkeiten zu erkennen gab.

[JJ.01_028,23] Darum, meine ich, läßt er uns auch noch drei Tage hier harren! Geht es gut, so bleibt er sicher unser Freund;

[JJ.01_028,24] geht es aber schlecht, so hat er uns aber auch bei der Hand, um uns der Grausamkeit Herodis auszuliefern, und wird dadurch noch obendrauf von seinem Kaiser eine große Auszeichnung erhalten, darum er auf eine so feine Art einen jüdischen König, der einst dem Staate gefährlich werden könnte, aus der Welt befördert hat!"

[JJ.01_028,25] Maria aber sagte darauf: „Joseph! Ängstige dich und mich nicht vergeblich! – Siehe, haben wir doch das Fluchwasser getrunken, und es ist uns nichts geschehen! Warum sollen wir uns denn nun ängstigen, da wir doch schon so viel der Herrlichkeit Gottes ob dieses Kindes gesehen und erprobet haben?!

[JJ.01_028,26] Gehe es, wie es wolle, ich sage dir: Der Herr ist mächtiger denn die Perser, der Herodes, der Kaiser Roms und der Hauptmann samt seinen zwölf Legionen! Daher sei ruhig, wie du siehst, daß ich ruhig bin!

[JJ.01_028,27] Übrigens aber bin ich überzeugt, daß der Hauptmann eher alles aufbieten wird, als bis er notgedrungen unser Feind werden wird!"

[JJ.01_028,28] Damit ward der gute, frommste Joseph wieder beruhigt und ging hin und erwartete den Hauptmann und ließ von seinen Söhnen die Höhle beheizen und einige Früchte kochen für Maria und für sich und die Söhne.

 

29. Kapitel – Des bangen Joseph Bitte an den Herrn. Die persische Karawane vor der Grotte. Der erstaunte Hauptmann. Der drei Weisen Zeugnis über das Kind: ein König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit! Ihre Warnung vor Herodes.

14. September 1843

[JJ.01_029,01] Der Mittag war herangekommen, aber der Hauptmann verzog diesmal, und Joseph zählte mit banger Erwartung die Augenblicke; aber der Hauptmann kam nicht zum Vorscheine.

[JJ.01_029,02] Darum wandte sich Joseph zum Herrn und sprach: „Mein Gott und mein Herr, ich bitte Dich, daß Du mich doch nicht so sehr möchtest ängstigen lassen; denn siehe, ich bin alt und schon ziemlich schwach in allen meinen Gelenken!

[JJ.01_029,03] Daher stärke mich durch eine Verkündung, was ich tun solle, um nicht zuschanden zu werden vor allen Söhnen Israels!"

[JJ.01_029,04] Als der Joseph also gebetet hatte, siehe, da kam der Hauptmann fast außer Atem und sprach zu Joseph:

[JJ.01_029,05] „Mann meiner höchsten Achtung! – Soeben komme ich von einem Marsche zurück, den ich selbst mit einer ganzen Legion nahe auf den drittel Weg gen Jerusalem gemacht habe, um etwas von den Persern zu erspähen,

[JJ.01_029,06] und habe auch allorts Spione aufgestellt, aber bis jetzt konnte ich nichts entdecken! Sei aber nur ruhig; denn wenn sie kommen, müssen sie auf meine ausgestellten Posten stoßen!

[JJ.01_029,07] Da aber solle es ihnen eben nicht zu leicht werden, irgendwo durchzubrechen und hierher zu gelangen, bevor sie nicht von mir sind verhört und beurteilt worden! – Ich gehe nun darum sogleich wieder und werde die Wachen verstärken; am Abende bin ich bei dir!"

[JJ.01_029,08] Hier eilte der Hauptmann wieder fort, und der Joseph lobte Gott und sprach zu seinen Söhnen: „Nun setzet die Speisen auf den Tisch, und du, Salome, frage die Maria, ob sie mit uns am Tische essen will, oder sollen wir ihr die Speisen aufs Lager bringen?"

[JJ.01_029,09] Maria aber kam selbst mit dem Kindlein ganz heiteren Mutes heraus aus ihrem Zelte und sprach: „Weil ich stark genug bin, will ich bei euch am Tische essen; nur das Kripplein schaffet her fürs Kindlein!"

[JJ.01_029,10] Joseph aber war darüber voll Freuden und setzte vor Maria die besten Stücke hin; und sie lobten Gott den Herrn und aßen und tranken.

[JJ.01_029,11] Als sie aber noch kaum abgespeist hatten, siehe, da entstand auf einmal vor der Höhle ein starkes Lärmen. Joseph sandte den Joel, nachzusehen, was es gäbe.

[JJ.01_029,12] Als der Joel aber hinausblickte zur Türe (denn die Höhle war am Ausgange gezimmert), da sah er eine ganze Karawane von Persern mit belasteten Kamelen und sprach mit ängstlicher Stimme:

[JJ.01_029,13] „Vater Joseph! Um des Herrn willen, wir sind verloren! – Denn siehe, die berüchtigten Perser sind hier mit vielen Kamelen und großer Dienerschaft!

[JJ.01_029,14] Sie schlagen ihre Zelte auf und lagern sich in einem weiten Kreise, unsere Höhle ganz umringend, und drei mit Gold, Silber und Edelsteinen gezierte Anführer packen goldene Säcke aus und machen Miene, sich herein in die Höhle zu begeben!"

[JJ.01_029,15] Diese Nachricht machte unseren guten Joseph beinahe sprachunfähig; mit großer Mühe brachte er die Worte heraus: „Herr, sei mir armem Sünder barmherzig! – Ja, jetzt sind wir verloren!" – Maria aber nahm das Kindlein und eilte damit in ihr Zelt und sprach: „Nur wenn ich tot bin, werdet ihr Es mir entreißen!"

[JJ.01_029,16] Joseph aber ging nun hin zur Türe, geleitet von seinen Söhnen, und sah verstohlen hinaus, was da macheten die Perser.

[JJ.01_029,17] Als er aber die große Karawane und die aufgerichteten Zelte erschaute, da ward es ihm doppelt bange ums Herz, daß er darob inbrünstigst zu flehen anfing, der Herr möchte ihm nur diesmal aus solcher großen Not helfen.

[JJ.01_029,18] Als er aber also flehte, siehe, da kam der Hauptmann in ganz kriegerischer Rüstung, geleitet von tausend Kriegern, und stellte die Krieger zu beiden Seiten der Höhle auf.

[JJ.01_029,19] Er selbst aber ging hin und befragte die drei Magier, aus welcher Veranlassung und wie – von ihm also ganz unbemerkt – sie hierher gelanget seien.

[JJ.01_029,20] Und die drei sprachen einstimmig zum Hauptmann: „Halte uns ja nicht für Feinde; denn du siehst ja, daß wir keine Waffen mit uns führen, weder offene noch verborgene!

[JJ.01_029,21] Wir sind aber Sternkundige aus Persien, und wir haben eine alte Prophezeiung, in dieser steht es geschrieben, daß in dieser Zeit den Juden wird ein König der Könige geboren werden, und seine Geburt wird durch einen Stern angezeigt werden.

[JJ.01_029,22] Und die da den Stern sehen werden, die sollen sich auf die Reise machen und ziehen, dahin sie der mächtige Stern führen wird; denn sie werden dort den Heiland der Welt finden, wo der Stern wird seinen Stand nehmen!

[JJ.01_029,23] Siehe aber, ob diesem Stalle stehet der Stern, sicher jedermann sichtbar am hellen Tage sogar! – Dieser war unser Führer hierher; hier aber blieb er stehen ob diesem Stalle, und wir haben sicher ohne allen Anstand die Stelle erreicht, allwo das Wunder aller Wunder sich lebendig vorfindet, ein neugebornes Kind, ein König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit!

[JJ.01_029,24] Diesen müssen wir sehen, anbeten und Ihm die allerhöchste Huldigung darbringen! – Daher wolle uns ja nicht den Weg verrammen; denn sicher hat uns kein böser Stern hierher geführt!"

[JJ.01_029,25] Hier sah der Hauptmann nach dem Sterne und verwunderte sich hoch über ihn; denn fürs erste stand er ganz nieder, und fürs zweite war sein Licht nahe so stark wie das Naturlicht der Sonne.

[JJ.01_029,26] Als der Hauptmann aber sich von alledem überzeugt hatte, da sprach er zu den dreien: „Gut, ich habe nun aus euren Worten und aus dem Sterne die Überzeugung erlangt, daß ihr redlichen Sinnes hierher gekommen seid; aber nur sehe ich nicht ein, was ihr zuvor in Jerusalem bei Herodes zu tun hattet! – Hat euch der Stern auch jenen Weg gezeigt?

[JJ.01_029,27] Warum hat euch denn euer Wunderführer nicht sogleich hierher geführt, indem doch alsonach sicher hier der Ort eurer Bestimmung ist? – Darüber verlange ich noch eine Antwort von euch, sonst kommt ihr nicht in die Höhle!"

[JJ.01_029,28] Die drei aber sagten: „Der große Gott wird das wissen! Sicher muß es in Seinem Plane liegen; denn keiner aus uns hatte je den Sinn gefaßt, sich Jerusalem auch nur von ferne zu nahen!

[JJ.01_029,29] Und du kannst uns völlig glauben, uns gefielen die Menschen in Jerusalem gar nicht, am wenigsten aber der Fürst Herodes! Da wir aber schon dort waren und aller Stadt Aufmerksamkeit auf uns gerichtet war, so mußten wir doch zeigen, was da ist unsere Absicht!

[JJ.01_029,30] Die Priester gaben uns Kunde durch den Fürsten, der uns bat, daß wir ihm wieder die Kunde überbringen sollen von dem gefundenen Könige, auf daß auch er käme und brächte dem neuen Könige seine Huldigung dar."

[JJ.01_029,31] Der Hauptmann aber sprach: „Das werdet ihr nimmer tun; denn ich kenne die Absicht dieses Fürsten! Eher bleibet ihr hier als Geiseln! – Ich aber gehe nun hinein und will mich mit dem Vater des Kindes über euch besprechen."

 

30. Kapitel – Der Stern der drei Weisen und die alte Prophezeiung der persischen Sternkundigen. Die Anbetung des Herrn, des Schöpfers der Unendlichkeit und Ewigkeit, im Kinde durch die drei Weisen. Ihre Namen: Chaspara, Melcheor und Balthehasara. Die sie begleitenden Geister: Adam, Kain und Abraham. Sie huldigen dem Herrn und bringen Ihm Geschenke dar.

16. September 1843

[JJ.01_030,01] Als der gute Joseph alles das vernommen hatte, da ward es ihm leichter ums bedrängte Herz; und da er vernommen hatte, daß der Hauptmann zu ihm kommen werde, so machte er sich auf seinen Empfang bereit.

[JJ.01_030,02] Und der Hauptmann trat ein, grüßte den Joseph und sprach dann zu ihm: „Mann meiner höchsten Achtung!

[JJ.01_030,03] Siehe, durch wunderbare Fügung sind diese draußen nun harrenden Morgenländer hierher gekommen. – Ich habe sie scharf geprüft und habe an ihnen nichts Arges entdeckt!

[JJ.01_030,04] Sie wünschen dem Kinde nach der Beheißung ihres Gottes ihre Huldigung darzubringen, und so bin ich der Meinung, du kannst sie ohne die allergeringste Furcht hereinlassen, wann es dir gelegen ist."

[JJ.01_030,05] Und der Joseph sprach: „Wenn es also ist, da will ich meinen Gott loben und preisen; denn Er hat wieder einen glühenden Stein von meinem Herzen genommen!

[JJ.01_030,06] Aber es hat sich zuvor die Maria etwas entsetzt, als sich die Perser um diese Höhle zu lagern anfingen; darum muß ich doch zuvor nachsehen, wie sie bestellt ist, auf daß da ein unvorbereitetes Eintreten dieser Gäste sie nicht noch mehr erschreckt, als sie sich schon ehedem vor ihnen erschreckt hat."

[JJ.01_030,07] Der Hauptmann aber billigte diese Vorsicht Josephs; und Joseph ging hin zur Maria und benachrichtigte sie von allem, was er vom Hauptmann vernommen hatte.

[JJ.01_030,08] Und Maria ganz heiteren Mutes sprach: „Friede allen Menschen auf Erden, die eines treuen und guten Herzens sind und haben einen Willen, der sich von Gott lenken läßt!

[JJ.01_030,09] Diese sollen nur kommen, wann es ihnen des Herrn Geist anzeigen wird, und sollen den Segen ihrer Treue ernten! – Denn ich habe nicht die allergeringste Furcht vor ihnen!

[JJ.01_030,10] Aber wenn sie eintreten werden, mußt du doch mir recht nahe zur Seite stehen; denn es würde sich doch nicht schicken, daß ich sie ganz allein empfinge in diesem Zelte!"

[JJ.01_030,11] Joseph aber sagte: „Maria, so du Kraft hast, da stehe auf mit dem Kinde, nehme das Kripplein und lege Es vor dir in dasselbe, und dann können die Gäste eintreten und dem Kinde ihre Ehre geben!"

[JJ.01_030,12] Und die Maria vollzog sogleich diesen Willen Josephs, und Joseph sprach darauf zum Hauptmann:

[JJ.01_030,13] „Siehe, wir sind bereit; so da die drei eintreten wollen, da können wir es ihnen schon andeuten, daß wir nach unserer Armut ganz auf ihren Empfang bereitet sind!"

[JJ.01_030,14] Und der Hauptmann ging hinaus und kündigte solches den dreien an. – Die drei aber fielen sobald zur Erde nieder, lobten Gott für diese Gestattung, nahmen dann die goldenen Säcke und begaben sich allerehrfurchtsvollst in die Höhle.

18. September 1843

[JJ.01_030,15] Der Hauptmann öffnete die Tür, und die drei traten mit der allerhöchsten Ehrfurcht in die Höhle; denn es ging im Augenblicke ihres Eintretens ein mächtiges Licht vom Kinde aus.

[JJ.01_030,16] Als sie, die drei Weisen nämlich, sich auf ein paar Tritte dem Kripplein, darinnen das Kindlein lag, näherten, da fielen sie sobald auf ihre Angesichter nieder und beteten dasselbe an.

[JJ.01_030,17] Bei einer Stunde lang lagen sie, von der höchsten Ehrfurcht ergriffen und gebeugt, vor dem Kinde; dann erst erhoben sie sich langsam und richteten kniend ihre mit Tränen befeuchteten Angesichter auf und besahen den Herrn, den Schöpfer der Unendlichkeit und Ewigkeit.

[JJ.01_030,18] Die Namen der drei aber waren: Chaspara, Melcheor und Balthehasara.

[JJ.01_030,19] Und der erste, in Gesellschaft des Geistes Adams, sprach: „Gebet Gott die Ehre, das Lob, den Preis! Hosianna, hosianna, hosianna Gott, dem Dreieinigen, von Ewigkeit zu Ewigkeit!"

[JJ.01_030,20] Hier nahm er den goldgewirkten Beutel, in dem dreiunddreißig Pfunde feinsten Weihrauchs waren, und übergab ihn mit der größten Ehrerbietung der Maria mit den Worten:

[JJ.01_030,21] „Nimm ohne Scheu, o Mutter, dies geringe Zeugnis dessen, davon mein ganzes Wesen ewig erfüllt sein wird! – Nimm hin den schlechten äußeren Tribut, den jedes denkende Geschöpf aus dem Grunde seines Herzens seinem allmächtigen Schöpfer schuldet für ewig!"

[JJ.01_030,22] Maria nahm den schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph, und der Spender erhob sich, stellte sich hin zur Türe und kniete da abermals nieder und betete den Herrn in dem Kinde an.

[JJ.01_030,23] Und sobald erhob der zweite, der da ein Mohr war und des Kain Geist in seiner Gesellschaft hatte, einen etwas kleineren Beutel, aber von gleichem Gewichte, gefüllt mit reinstem Golde, und überreichte ihn der Maria mit den Worten:

[JJ.01_030,24] „Was dem Könige der Geister und der Menschen auf Erden gebührt, bringe ich dar, ein kleinstes Opfer Dir, Du Herr der Herrlichkeit ewig! – Nimm es hin, o Mutter, die du geboren hast, das aller Engel Zunge ewig nie wird auszusprechen imstande sein!"

[JJ.01_030,25] Hier übernahm Maria den zweiten Beutel und übergab ihn dem Joseph. – Und der opfernde Weise erhob sich und ging hin zum ersten und tat, was dieser tat.

[JJ.01_030,26] Sodann erhob sich der dritte, nahm seinen Beutel, gefüllt mit allerfeinster Goldmyrrhe, einer damals allerkostbarsten Spezerei, und übergab ihn der Maria mit den Worten:

[JJ.01_030,27] „Der Geist Abrahams ist in meiner Gesellschaft und sieht nun den Tag des Herrn, auf den er sich so mächtig gefreut hat!

[JJ.01_030,28] Ich aber, Balthehasara, opfere hier in kleiner Gabe, was da gebühret dem Kinde der Kinder! – Nimm es hin, o Mutter aller Gnade! – Ein besseres Opfer aber berge ich in meiner Brust; es ist meine Liebe, – diese solle diesem Kinde ewig ein wahrstes Opfer bleiben!"

[JJ.01_030,29] Hier nahm Maria den ebenfalls dreiunddreißig Pfunde schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph. – Der Weise aber erhob sich dann auch und ging hin zu den zwei ersten, betete an das Kindlein und ging nach vollendetem Gebete mit den ersten zweien hinaus, da ihre Zelte aufgerichtet waren.

 

31. Kapitel – Maria weist hin auf die Gnadenführung Gottes. Josephs Redlichkeit und Treue. Die drei gesegneten Geschenke Gottes: Sein heiliger Wille, Seine Gnade und Seine Liebe. Marias, des Hauptmanns und des Kindleins edelstes Zeugnis für Joseph.

19. September 1843

[JJ.01_031,01] Als die drei Weisen aber völlig wieder draußen waren und sich zur Ruhe begeben hatten in ihren Zelten, da sagte die Maria zum Joseph:

[JJ.01_031,02] „Siehe, siehe nun, du ängstlicher, sorgerfüllter Mann, wie herrlich und gut der Herr, unser Gott, ist, wie gar so väterlich Er für uns sorgt!

[JJ.01_031,03] Wer hätte von uns sich je im Traume etwas solches können beifallen lassen? Aus unserer großen Angst hat Er solch einen Segen für uns bewirkt und hat alle unsere große Furcht und Sorge in eine so große Freude verwandelt!

[JJ.01_031,04] Von denen wir befürchteten, daß sie nach dem Leben des Kindes trachten möchten, gerade von denen haben wir erlebt, daß sie Ihm nur eine Ehre dargebracht haben, wie wir sie nur immer Gott, dem Herrn, schuldig sind!

[JJ.01_031,05] Und haben uns noch obendrauf so reichlich beschenkt, daß wir uns um den Wert der Geschenke ein sehr ansehnliches Landgut völlig zu eigen ankaufen können und können dort für die Erziehung des göttlichen Kindes sicher nach dem Willen des Herrn bestens sorgen!

[JJ.01_031,06] O Joseph! – Heute erst will ich dem allerliebvollsten Herrn danken, Ihn loben und preisen die ganze Nacht hindurch; denn Er ist nun unserer Armut auch so sehr zuvorgekommen, daß wir uns jetzt recht gütlich behelfen können! – Was sagst denn du dazu, lieber Vater Joseph?"

[JJ.01_031,07] Und der Joseph sprach: „Ja, Maria, unendlich gut ist Gott der Herr denen, die Ihn lieben über alles und alle ihre Hoffnung auf Ihn allein richten; – aber ich meine, nicht uns, sondern dem Kinde gelten die Geschenke, und wir haben demnach nicht das Recht, sie zu gebrauchen nach unserem Gutdünken.

[JJ.01_031,08] Das Kind aber heißt Jesus und ist ein Sohn des Allerhöchsten; daher müssen wir zuerst den allerhabensten Vater fragen, was da mit diesen Schätzen geschehen solle!

[JJ.01_031,09] Und was Er damit anordnen wird, das wollen wir auch tun; ohne Seinen Willen aber will ich sie nicht anrühren mein Leben lang und will dir und mir lieber auf die beschwerlichste Art von der Welt ein gesegnetes Stückchen Brotes verdienen!

[JJ.01_031,10] Habe ich dich und meine Söhne doch bis jetzt durch die vom Herrn gesegnete Arbeit meiner Hände ernährt; also werde ich es mit der Hilfe des Herrn auch noch fürder zu tun vermögen!

[JJ.01_031,11] Daher sehe ich nicht auf diese Geschenke, sondern allein auf den Willen des Herrn und auf Seine Gnade und Liebe.

[JJ.01_031,12] Das sind die drei größten, uns allzeit mächtig segnenden Geschenke Gottes; Sein heiliger Wille ist mir der köstlichste Weihrauch, Seine Gnade das reinste und schwerste Gold, und Seine Liebe die allerköstlichste Myrrhe!

[JJ.01_031,13] Diese drei Schätze dürfen wir allzeit ohne Scheu verschwenderisch gebrauchen; aber diesen Weihrauch, dieses Gold und diese Myrrhen da in den goldenen Säcken dürfen wir nicht anrühren ohne die ersten drei Hauptschätze, die uns bis jetzt noch immer die reichlichsten Interessen abgeworfen haben.

[JJ.01_031,14] Also, liebe Maria, wollen wir tun, und ich weiß, der Herr wird uns darum mit großem Wohlgefallen ansehen; Sein Wohlgefallen aber sei uns der allergrößte Schatz!

[JJ.01_031,15] Was meinst du, holdeste Maria, habe ich recht oder nicht? Ist also nicht am besten mit diesen Schätzen die rechte Bestimmung getroffen?"

[JJ.01_031,16] Hier wurde die Maria bis zu Tränen gerührt und lobte die Weisheit Josephs. Und der Hauptmann fiel dem Joseph um den Hals und sprach: „Ja, du bist noch ein wahrer Mensch nach dem Willen deines Gottes!" – Das Kindlein aber sah den Joseph lächelnd an, hob ein Händchen auf und tat, als segnete Es den Nährvater, den frömmsten Joseph.

 

32. Kapitel – Der Engel als Ratgeber der drei Weisen. Der Abzug der Weisen nach dem Morgenland. Die Ungeduld Josephs. Des Cornelius beruhigende Worte an Joseph. Josephs Hinweis auf die Macht und Güte Gottes.

20. September 1843

[JJ.01_032,01] Die drei Weisen aber traten in einem Zelte zusammen und besprachen, was sie nun tun sollten.

[JJ.01_032,02] Sollten sie dem Herodes das gegebene Wort halten, oder sollten sie hier zum ersten Male wortbrüchig werden?

[JJ.01_032,03] Und so sie einen anderen Weg in ihr Land einschlagen sollten, da frage es sich, welchen, der sie sicher wieder brächte in ihr Land.

[JJ.01_032,04] Und einer fragte den andern: „Wird wohl der wunderbare Stern, der uns hierher geführt hatte, uns auch wieder anderen Weges nach Hause führen?"

[JJ.01_032,05] Als sie sich aber also berieten, siehe, da trat auf einmal ein Engel unter sie und sprach zu ihnen: „Sorget euch nicht vergeblich, der Weg ist schon gebahnt!

[JJ.01_032,06] So gerade als da fallet der Sonne Strahl auf die Erde am Mittage, ebenso geraden Weges sollet ihr morgen in euer Land anderen Weges denn über Jerusalem geleitet werden!"

[JJ.01_032,07] Darauf verschwand der Engel, und die drei begaben sich zur Ruhe. Und früh am Morgen zogen sie von da hinweg und gelangten auf dem kürzesten Wege bald wieder in ihr Land, allwo sie vielen Freunden die große Ehre Gottes verkündeten und weckten sie wieder im rechten Glauben an den einigen Gott.

[JJ.01_032,08] Am selben Morgen aber fragte Joseph den Hauptmann, wie lange er denn noch in dieser Höhle werde verweilen müssen.

[JJ.01_032,09] Der Hauptmann aber sagte freundlichst zu Joseph: „Mann meiner höchsten Achtung! Glaubst du denn, ich halte dich hier wie einen Gefangenen?

[JJ.01_032,10] O welch ein Gedanke! – Wie sollte ich, ein Wurm im Staube vor der Macht deines Gottes, dich wohl je gefangen halten!? – Was aber meine Liebe zu dir tut, siehe, das ist ja keine Gefangenschaft!

[JJ.01_032,11] Von meiner Macht aus bist du zu jeder Stunde frei und kannst ziehen, dahin du willst! – Aber nicht ebenso frei bist du von meinem Herzen aus; das möchte dich freilich hier halten für alle Zeit, denn es liebt dich und dein Söhnlein mit unbeschreiblicher Macht!

[JJ.01_032,12] Sei aber noch ein paar Tage ruhig; ich will sogleich Kundschafter nach Jerusalem senden und dort erfahren, was da der graue Fuchs machen wird, so die Perser ihm das Wort nicht gehalten haben!

[JJ.01_032,13] Dann aber werde ich mich schon zu richten wissen und werde dich schützen gegen jede Verfolgung dieses Wüterichs.

[JJ.01_032,14] Denn du kannst es mir glauben, dieser Herodes ist der größte Feind meines Herzens, und ich will ihn schlagen, wo ich nur immer mag und kann!

[JJ.01_032,15] Ich bin freilich nur ein Hauptmann und bin noch selbst ein Untergebener dem höheren Feldherrn, der zu Sidon und Smyrna residiert und befiehlt über zwölf Legionen in Asien.

[JJ.01_032,16] Aber ich bin kein gemeiner Zenturio, sondern bin ein Patrizier und gebiete daher nach meinem Titel mit über die zwölf Legionen in Asien! So ich eine oder die andere gebrauchen will, da brauche ich nicht erst nach Smyrna zu senden, sondern als Patrizier nur zu gebieten, und die Legion muß mir gehorchen! Daher kannst du auf mich schon rechnen, wenn sich Herodes erheben sollte!"

22. September 1843

[JJ.01_032,17] Joseph dankte dem Hauptmann für diese allerfreundlichste Sorgfalt, setzte aber dann hinzu und sprach:

[JJ.01_032,18] „Höre mich nun auch an, du achtbarster Freund! – Siehe, du hast dich ehedem wohl auch allerwachsamst gesorget wegen der Perser; aber was hat das alles genützt?!

[JJ.01_032,19] Die Perser kamen ungesehen von all deinen tausend Augen und hatten lange eher schon ihr Lager geschlagen, als du auch nur einen von ihnen entdecken mochtest!

[JJ.01_032,20] Siehe, hätte mich da der Herr, mein Gott, nicht beschützt, wo wäre ich nun schon mit deiner Hilfe? Ehe du zum Vorscheine kamst, hätten die Perser mich samt meiner Familie schon lange erwürgen können!

[JJ.01_032,21] Daher sage ich dir nun als ein wärmsten Dankes vollster Freund: Menschenhilfe ist zu nichts nütze; denn alle Menschen sind nichts vor Gott!

[JJ.01_032,22] So aber Gott der Herr uns helfen will und auch allein nur helfen kann, da sollen wir uns gar nicht viel Mühens machen; denn es wird trotz alles unseres Mühens dennoch alles also geschehen, wie es der Herr will, aber nie, wie wir es wollen.

[JJ.01_032,23] Unterlasse daher das mühsame und gefährliche Auskundschaften in Jerusalem, durch das du fürs erste wenig Erhebliches erfahren möchtest und fürs zweite, so es aufkäme, dir noch meinetwegen ein herbes Los bereiten könntest!

[JJ.01_032,24] In dieser Nacht aber wird es mir der Herr ohnehin sicher anzeigen, was da Herodes tun wird, und was ich werde tun müssen; daher magst du nun samt mir ganz ruhig sein und den Herrn allein über mich und dich walten lassen, und es wird schon alles recht sein."

[JJ.01_032,25] Als der Hauptmann aber solche Rede von Joseph vernommen hatte, ward er sehr bewegt in seinem Gemüte, und es tat ihm wehe, daß der Joseph seine Hilfe abgelehnt hatte.

[JJ.01_032,26] Joseph aber sprach: „Guter, liebster Freund! dich schmerzt es, weil ich dir es abgeraten habe, dich ferner noch um meine Wohlfahrt zu kümmern.

[JJ.01_032,27] Aber so du die Sache beim hellen Lichte betrachtest, da mußt du ja doch selbst notwendig dasselbe finden!

[JJ.01_032,28] Siehe, wer von uns hat noch je die Sonne und den Mond und alle die Sterne über das Firmament getragen? Wer von uns noch je den Winden, Stürmen und Blitzen geboten?

[JJ.01_032,29] Wer hat dem mächtigen Meere sein Bett gegraben, wer von uns den großen Strömen ihren Weg vorgezeichnet?

[JJ.01_032,30] Welchen Vogel haben wir den schnellen Flug gelehrt und wann sein Gefieder geordnet? Wann für ihn die klang- und sangreiche Kehle gebildet?

[JJ.01_032,31] Wo wohl stehet das Gras, zu dessen Wachstume wir den lebendigen Samen gebildet hätten?

[JJ.01_032,32] Siehe, das alles aber tut der Herr täglich! – So dich aber Sein mächtiges wunderbares Walten doch in jedem Augenblicke an Seine unendlich liebvollste Fürsorge erinnert, wie sollte es dich da wundern, wenn ich dich freundlichst darauf aufmerksam mache, da vor Gott alle Menschenhilfe in den Staub der Nichtigkeit zurücksinket?"

[JJ.01_032,33] Diese Worte brachten den Hauptmann wieder in eine günstige Stimmung; aber dessenungeachtet sandte er dennoch heimlich Kundschafter nach Jerusalem, um zu erfahren, was dort vor sich ginge.

 

33. Kapitel – Die Vorbereitungen zur Flucht nach Ägypten. Die Vorsorge des Herrn. Joseph bespricht sich mit Cornelius.

23. September 1843

[JJ.01_033,01] In dieser Nacht aber erschien dem Joseph, wie der Maria, ein Engel im Traume und sprach:

[JJ.01_033,02] „Joseph! verkaufe die Schätze und kaufe dir noch einige Lasttiere; denn du mußt mit deiner Familie nach Ägypten fliehen!

[JJ.01_033,03] Siehe, Herodes ist in einen mächtigen Grimm ausgebrochen und hat beschlossen, alle Kinder von ein bis zwölf Jahren Alters zu ermorden, darum er von den Weisen hintergangen ward!

[JJ.01_033,04] Diese hätten es ihm anzeigen sollen, wo der neue König geboren ward, auf daß er dann seine Schergen ausgesandt hätte, welche das Kind hätten ermorden sollen, welches da ist der neue König.

[JJ.01_033,05] Wir Engel der Himmel aber haben die Weisung vom Herrn erhalten, eher noch, als Er in die Welt ging, über alles das allsorglichst zu wachen, was eure Sicherheit betrifft!

[JJ.01_033,06] Darum denn kam ich nun zu dir, um es dir anzuzeigen, was der Herodes tun wird, da er des Einen nicht bestimmt habhaft werden kann.

[JJ.01_033,07] Der Hauptmann selbst wird müssen dem Herodes Subsidien leisten, will er nicht von ihm beim Kaiser verraten werden; darum sollst du dich schon morgen auf die Reise machen!

[JJ.01_033,08] Solches aber kannst denn du wohl auch dem Hauptmann anzeigen, und er wird dir behilflich sein zur schleunigen Abreise! – Also geschehe im Namen Dessen, der da lebet und sauget die Brüste Marias!"

[JJ.01_033,09] Hier ward Joseph wach, und also auch die Maria, die da sogleich mit ängstlicher Stimme den Joseph zu sich rief und ihm dann sogleich ihren Traum erzählte.

[JJ.01_033,10] Joseph aber ersah sobald sein Gesicht in der Erzählung Mariens und sagte darauf: „Maria, sorge dich nicht, noch vor der Mitte des Tages sind wir schon übers Gebirge – und in sieben Tagen in Ägypten!

[JJ.01_033,11] Ich will aber nun, da es schon helle wird, sogleich ausgehen und alles bestellen zur schnellen Abreise."

[JJ.01_033,12] Hier ging der Joseph auch sobald mit den drei ältesten Söhnen, nahm die Schätze und trug sie hin zu einem Wechsler, welcher ihm sobald die Türe öffnete und ihm alles ablöste um den gerechten Betrag.

[JJ.01_033,13] Dann ging Joseph zu einem Lasttierhändler, geleitet von einem Diener des Wechslers, und kaufte sogleich noch sechs lastbare Esel und kam also wohl ausgerüstet wieder in die Höhle zurück.

[JJ.01_033,14] Daselbst harrte auch schon der Hauptmann seiner und erzählte ihm sogleich, was für allergrausamst schändlichste Nachrichten ihm von Jerusalem überbracht worden sind.

25. September 1843

[JJ.01_033,15] Joseph aber verwunderte sich nicht sehr über diese Erzählung des Hauptmanns, sondern sprach nur in einem gottergebenen Tone:

[JJ.01_033,16] „Geehrter Freund! was du mir hier kundgibst, das alles und viel genauer ließ mir in dieser Nacht, wie ich es dir gestern meldete, der Herr kundgeben, was alles der Herodes beschlossen hat!

[JJ.01_033,17] Siehe, du selbst wirst ihm noch obendrauf müssen Subsidien leisten; denn er will um Bethlehem und in der Stadt selbst alle Kinder von etlichen Wochen Alters bis ins zwölfte Jahr erwürgen lassen, um unter ihnen auch auf das meine zu kommen!

[JJ.01_033,18] Darum muß ich heute noch fliehen von hier, dahin mich des Herrn Geist führen wird, um der Grausamkeit Herodis zu entkommen.

[JJ.01_033,19] Darum aber ersuche ich dich, daß du mir den sicheren Weg gen Sidon weisest; denn schon in einer Stunde muß ich aufbrechen!"

[JJ.01_033,20] Als der Hauptmann aber solches vernommen hatte, ward er ergrimmt über alle Maßen über den Herodes und schwor ihm unversiegbare Rache, sagend:

[JJ.01_033,21] „Joseph, so wahr es jetzt Tag wird und die Sonne schon über dem Horizonte steht, so wahr dein Gott lebt, so wahr will ich mich als edelster Patrizier Roms eher ans Kreuz binden lassen, ehe ich solch ein Unternehmen den Wüterich werde ungestraft verüben lassen!

[JJ.01_033,22] Führen will ich dich sogleich übers Gebirge selbst mit einer guten Bedeckung; und weiß ich dich in Sicherheit, dann werde ich zurückeilen und sogleich einen Eilboten nach Rom senden, der dem Kaiser alles anzeigen soll, was da der Herodes zu unternehmen gedenkt.

[JJ.01_033,23] Ich aber werde alles Mögliche aufbieten, um hier das Vorhaben des Scheusals zu hintertreiben."

[JJ.01_033,24] Und der Joseph erwiderte: „Guter, achtbarster Freund! Wenn du schon etwas tun kannst, da beschütze wenigstens die Kinder von drei bis zwölf Jahren! Solches wird in deiner Macht stehen!

[JJ.01_033,25] Aber die Kindlein von der Geburt an bis ins zweite Jahr wirst du nicht zu schützen vermögen!

[JJ.01_033,26] Ersteren Schutz aber wirst du auch nicht durch Gewalt, sondern allein durch Klugheit zu bewerkstelligen imstande sein!

[JJ.01_033,27] Der Herr aber wird dich in solcher Klugheit leiten! Darum denke nicht viel, was du tun wirst; denn der Herr wird dich leiten im geheimen!"

[JJ.01_033,28] Der Hauptmann aber sprach: „Nein, nein, der Kinder Blut solle nicht fließen; eher will ich militärische Gewalt brauchen!"

[JJ.01_033,29] Joseph aber sprach: „Siehe, was kannst du wohl tun, so der Herodes schon mit einer ganzen römischen Legion soeben Jerusalem verläßt, – wirst du wider deine eigene Macht ins Feld ziehen? – Daher tue, wie dich der Herr leiten wird, damit du auf freundlichem Wege doch die Drei- bis Zwölfjährigen rettest!" – Hier gab der Hauptmann nach.

 

34. Kapitel – Der Aufbruch zur Flucht. Josephs Bitte an Salome. Der Abschied vom Hauptmann. Die Abreise. Der Schutzbrief des Cornelius an Cyrenius. Josephs Reiseweg. Das Erlebnis mit den Räubern. Josephs Ankunft in Tyrus bei Cyrenius. Des Cyrenius Trostworte und Hilfe.

26. September 1843

[JJ.01_034,01] Nach dieser Unterredung Josephs mit dem Hauptmanne sprach der Joseph zu seinen Söhnen: „Machet euch auf, und rüstet die Lasttiere!

[JJ.01_034,02] Die sechs neuen Esel sattelt für mich und euch und den alten und approbierten für die Maria! Nehmet, soviel ihr könnet, von den Eßwaren mit; den Ochsen mit dem Karren aber lassen wir hier der Wehmutter zum Angedenken und zum Lohne für ihre Aufmerksamkeit für uns!"

[JJ.01_034,03] Also ward der Ochse mit dem Karren von der Wehmutter in Besitz genommen und wurde zu keiner Arbeit mehr verwendet.

[JJ.01_034,04] Die Salome aber fragte den Joseph, ob sie nicht mit ihm ziehen dürfte.

[JJ.01_034,05] Und der Joseph sprach: „Das kommt auf dich an; ich aber bin arm, das weißt du, und kann dir keinen Lohn geben, so du mir eine Magd abgeben möchtest!

[JJ.01_034,06] Hast du aber Mittel und kannst sorgen mit mir für den Mund und für des Leibes Haut, da kannst du mir ja folgen!"

[JJ.01_034,07] Die Salome aber sprach: „Höre, du Sohn des großen Königs David! Nicht nur für mich, sondern für deine ganze Familie solle mein Vermögen auf hundert Jahre genügen!

[JJ.01_034,08] Denn ich bin reicher an Weltgütern, als du dir es gedenken möchtest! Warte aber nur noch eine Stunde, und ich werde mit Schätzen beladen reisefertig dastehen!"

[JJ.01_034,09] Joseph aber sprach: „Salome, siehe, du bist eine junge Witwe und bist Mutter; du mußt also auch deine zwei Söhne mitnehmen!

[JJ.01_034,10] Siehe, das wird dir viel Arbeit machen, und ich habe keine Minute Zeit mehr zu verlieren; denn in drei Stunden wird schon Herodes hier seinen Einzug halten, und in einer Stunde werden schon seine Vorboten und Läufer eintreffen!

[JJ.01_034,11] Daraus aber kannst du ersehen, daß es für mich unmöglich ist, auf deine Zurechtrichtung zu warten!

[JJ.01_034,12] Daher meine ich, so du bleibest, tust du besser, indem ich nicht durch dich aufgehalten werde; komme ich aber einst nach dem Willen des Herrn wieder zurück, so werde ich wieder Nazareth beziehen.

[JJ.01_034,13] So du mir aber schon einen Dienst erweisen willst, so ziehe bei Gelegenheit nach Nazareth und verpachte auf weitere drei bis sieben oder zehn Jahre meinen Grund, auf daß er nicht in fremde Hände komme!"

[JJ.01_034,14] Und die Salome stand von ihrer Forderung ab und begnügte sich mit diesem Auftrage.

[JJ.01_034,15] Nachdem umarmte Joseph den Hauptmann und segnete ihn – und berief dann die Maria, auf daß sie sich setzete auf ihr Lasttier mit dem Kindlein.

[JJ.01_034,16] Als sonach alles zur Abreise bereitet war, sprach der Hauptmann zum Joseph: „Mann meiner höchsten Achtung! – werde ich dich je wieder zu sehen bekommen! – und dieses Kind mit der Mutter?!"

[JJ.01_034,17] Und der Joseph sprach: „Es werden kaum drei Jahre verfließen, werde ich dich wieder begrüßen und das Kind und Seine Mutter! Des sei versichert; – nun aber lasse uns aufbrechen, Amen." –

[JJ.01_034,18] Hier bestieg Joseph sein Lasttier, und seine Söhne folgten seinem Beispiele; und Joseph ergriff die Zügel des Lasttieres der Maria und führte es unter Lobpreisung des Herrn aus der Höhle.

[JJ.01_034,19] Als sich nun alles schon im Freien befand, da ersah Joseph, wie sich eine Menge Volkes aus der Stadt zu drängen anfing, um den Abzug des Neugebornen zu sehen, indem es durch die heimkehrende Wehmutter und durch den Wechsler erfuhr, daß solches geschehen werde.

[JJ.01_034,20] Dem Joseph aber kam die Gafflust sehr ungelegen; er bat daher den Herrn, Er möchte ihn doch so bald als möglich dieser schnöden Gafflust müßiger Menschen entziehen.

[JJ.01_034,21] Und siehe, sobald fiel ein dichter Nebel über die ganze Stadt, und es war niemandem möglich, auch nur fünf Schritte weit zu sehen.

[JJ.01_034,22] Das Volk aber ward darob verdrießlich und zog sich wieder in die Stadt zurück, und Joseph, geleitet vom Hauptmanne und der Salome, konnte ungesehen das nächste Gebirge erreichen.

[JJ.01_034,23] Als er so die Grenze zwischen Judäa und Syrien erreichte, da gab der Hauptmann dem Joseph einen Schutzbrief an den Landpfleger Cyrenius, der über Syrien gestellt war.

[JJ.01_034,24] Und Joseph nahm ihn mit Dank an, und der Hauptmann sprach: „Cyrenius ist ein Bruder zu mir; mehr brauche ich dir nicht zu sagen, und so denn reise glücklich und komme wieder also!" Hier kehrte der Hauptmann um mit der Salome, und Joseph zog weiter im Namen des Herrn.

[JJ.01_034,25] Um die Mittagsstunde hatte Joseph die Vollhöhe des Gebirges erreicht, in einer Entfernung von zwölf Stunden von Bethlehem, welche schon ganz in Syrien lag, auch zu der Zeit von den Römern Coelesyria genannt ward.

[JJ.01_034,26] Denn Joseph mußte diesen etwas größeren Umweg nehmen, indem von Palästina kein sicherer Weg nach Ägypten führte.

[JJ.01_034,27] Seine Reiseroute aber war folgende: Am ersten Tage kam er in die Nähe der kleinen Stadt Bostra. Allda übernachtete er, den Herrn preisend. Da geschah es auch, daß Räuber zu ihm kamen, um ihn zu berauben.

[JJ.01_034,28] Als sie aber das Kindlein ersahen, fielen sie auf ihr Angesicht, beteten Dasselbe an, und flohen dann überaus erschreckt ins Gebirge.

[JJ.01_034,29] Von da zog Joseph des andern Tages wieder über ein starkes Gebirge und kam am Abende in die Gegend von Panea, einem Grenzstädtchen zwischen Palästina und Syria nördlich.

[JJ.01_034,30] Von Panea aus erreichte er am dritten Tage die Provinz Phoenicia und kam in die Gegend von Tyrus, wo er am nächsten Tage sich mit seinem Schutzbriefe zum Cyrenius begab, welcher in der Zeit sich Geschäfte halber in Tyrus aufhielt.

[JJ.01_034,31] Cyrenius nahm den Joseph freundlichst auf und fragte ihn, was er ihm tun solle.

[JJ.01_034,32] Joseph aber sprach: „Daß ich sicher nach Ägypten käme!" – Und Cyrenius sagte: „Guter Mann, du hast einen starken Umweg gemacht; denn Palästina liegt Ägypten ja um vieles näher denn Phoenicia! Nun mußt du doch wieder Palästina durchwandern – und mußt von hier nach Samaria, von dort nach Joppe, von dort nach Askalon, von da nach Gaza, von da nach Geras und von da erst nach Elusa in Arabien!"

[JJ.01_034,33] Da ward Joseph traurig, darum er sich also verirrt hatte. Aber der Cyrenius faßte Mitleid mit dem Joseph und sprach: „Guter Mann, es schmerzt mich deine Not. Du bist zwar ein Jude und ein Feind der Römer; aber da mein Bruder, mein Alles, dich so lieb hat, da will auch ich dir eine Freundschaft tun.

[JJ.01_034,34] Siehe, morgen geht ein kleines, aber sicheres Schiff von hier nach Ostracine ab! Mit diesem sollst du in drei Tagen dort anlangen; und bist du in Ostracine, so bist du auch schon in Ägypten! – Ich werde dir aber auch einen Schutzbrief mitgeben, demzufolge du in Ostracine wirst ungehindert verweilen und dir auch etwas ankaufen können. Für heute aber bist du mein Gast; lasse daher dein Gepäck hereinbringen!"

 

35. Kapitel – Die heilige Familie bei Cyrenius. Josephs Unterredung mit Cyrenius. Cyrenius, der Kinderfreund, und das Jesuskind. Inneres und äußeres Erfahrungszeugnis von der Göttlichkeit des Jesuskindes.

28. September 1843

[JJ.01_035,01] Und der Joseph ging hinaus und führte seine Familie vor das Haus, da Cyrenius wohnte, und dieser befahl sogleich seiner Dienerschaft, Josephs Lasttiere zu versorgen,

[JJ.01_035,02] und führte den Joseph mit Maria und den fünf Söhnen in sein vorzüglichstes Gemach, in dem alles von Edelsteinen, Gold und Silber strotzte.

[JJ.01_035,03] Es standen aber da auf einem weißen, feinst polierten marmornen Tische eine Menge etwa einen Schuh hohe Statuen, aus korinthischem Erze gar wohl geformt.

[JJ.01_035,04] Und Joseph fragte den Landpfleger, was diese Figuren wohl darstellten.

[JJ.01_035,05] Der Landpfleger aber sagte gar freundlich: „Guter Mann, siehe, das sind unsere Götter! Wir müssen sie halten und kaufen von Rom gesetzmäßig, wenn wir auch keinen Glauben daran haben.

[JJ.01_035,06] Ich betrachte sie bloß nur als Kunstwerke, und darin liegt auch einzig irgendein kleiner Wert für mich in diesen Götterfiguren; sonst aber muß ich sie nur allzeit mit der gegründetsten Verachtung ansehen!"

[JJ.01_035,07] Und der Joseph fragte darauf den Cyrenius: „Höre, wenn du also denkest, so bist du ja ein Mensch ohne Gott und ohne Religion! Beunruhigt dir denn das nicht dein Gewissen?"

[JJ.01_035,08] Und Cyrenius sprach: „Nicht im geringsten; denn wenn es keinen andern Gott gibt, als diese erzenen es da sind, da ist ja ein jeder Mensch mehr Gott als dieses dumme Erz, in dem kein Leben ist. Ich aber meine, es gibt irgend einen wahren Gott, der ewig lebendig ist und allmächtig; darum verachte ich solchen alten Unsinn!"

[JJ.01_035,09] Es war aber Cyrenius auch ein großer Kinderfreund und näherte sich darum der Maria, welche das Kind auf ihren Armen hielt, und fragte die Mutter, ob sie nicht müde sei ob der beständigen Tragung des Kindes.

[JJ.01_035,10] Und die Maria sprach: „O mächtiger Herr des Landes! Freilich wohl bin ich schon gar sehr müde; aber meine große Liebe zu diesem meinem Kinde macht mich alle Ermüdung vergessen!"

[JJ.01_035,11] Und der Landpfleger erwiderte der Maria: „Siehe, auch ich bin ein großer Kinderfreund, bin vermählet wohl, aber die Natur oder Gott haben mich noch mit keiner Nachkommenschaft gesegnet; daher pflege ich fremde Kinder – sogar die der Sklaven – nicht selten zu mir zu nehmen an Kindesstelle!

[JJ.01_035,12] Ich will damit aber nicht sagen, als sollest du mir auch das deinige geben; denn es ist ja dein Leben!

[JJ.01_035,13] Aber bitten möchte ich dich, daß du es mir auf meine Arme legen möchtest, auf daß ich es herzete und kosete ein wenig nur!"

[JJ.01_035,14] Da Maria in dem Landpfleger solche Herzlichkeit fand, sprach sie: „Wer deines Herzens ist, der mag wohl dies mein Kindlein auf seine Arme nehmen!"

[JJ.01_035,15] Hier übergab Maria das Kindlein dem Landpfleger zur Kosung, – und als der Landpfleger das Kindlein auf seine Arme nahm, da bemächtigte sich seiner ein so wonnigstes Gefühl, das er noch nie empfunden hatte.

[JJ.01_035,16] Und er trug das Kindlein im Saale hin und her – und kam mit Ihm auch dem Göttertische nahe.

[JJ.01_035,17] Diese Annäherung aber kostete sogleich allen den Götzenstatuen das Dasein, denn sie zerrannen wie Wachs auf glühendem Eisen.

[JJ.01_035,18] Darob entsetzte sich Cyrenius und sprach: „Was ist denn das? – Das harte Erz zerfloß so ganz und gar, daß von ihm aber auch nicht eine Spur zurückgeblieben ist! – Du weiser Mann aus Palästina, erkläre mir doch das! – Bist du ein Magier denn?"

 

36. Kapitel – Joseph im scharfen Verhör und sein Bericht über das Wesen und die Geburt des Jesuskindes. Des Cornelius Brief. Josephs Rat zum Schweigen. Widersprüche und Zweifel. Josephs energische Rechtfertigung vor dem ,Staatsanwalt‘.

29. September 1843

[JJ.01_036,01] Joseph aber war selbst über die Maßen erstaunt und sprach darum zum Cyrenius: „Höre mich an, mächtiger Pfleger des Landes! Es kann dir nicht unbekannt sein, daß da nach dem Gesetze meines Volkes ein jeder Zauberer verbrannt werden muß.

[JJ.01_036,02] Wäre ich sonach ein Zauberer, da wäre ich nicht so alt geworden, als ich bin; denn schon lange wäre ich als solcher den Hohenpriestern in Jerusalem in die Hände gefallen!

[JJ.01_036,03] Daher kann ich dir hier nichts anderes sagen, als daß diese Erscheinung sicher von der großen Heiligkeit dieses Kindes abhängt!

[JJ.01_036,04] Denn schon bei der Geburt dieses Kindes geschahen Zeichen, darüber sich alles entsetzt hatte: alle Himmel standen offen, die Winde schwiegen, die Bäche und Flüsse standen stille, die Sonne blieb am Horizonte stehen;

[JJ.01_036,05] der Mond ging nicht von der Stelle, bei drei Stunden nicht; also rückten auch die Sterne nicht weiter; die Tiere fraßen und soffen nicht, und alles, was sich sonst reget und beweget, versank in eine tote Ruhe; ich selbst war im Gehen und mußte stehen!"

[JJ.01_036,06] Als der Cyrenius solches von Joseph vernommen hatte, sprach er zu ihm: „Also ist dies das merkwürdige Kind, von dem mir mein Bruder geschrieben hatte mit den Worten:

[JJ.01_036,07] ,Bruder, eine Neuigkeit muß ich dir berichten: In der Nähe von Bethlehem ist ein Kind von einem jungen Weibe jüdischer Nation geboren worden, von dem eine große Wunderkraft ausgeht; ich möchte meinen, daß es ein Götterkind sei!

[JJ.01_036,08] Aber dessen Vater ist ein so kreuzehrlicher Jude, daß ich es nicht über mich zu bringen vermag, darüber nähere Untersuchungen anzustellen!

[JJ.01_036,09] Wenn du etwa in der Kürze nach Jerusalem ziehen solltest, so dürfte es für dich nicht ohne Interesse sein, in Bethlehem diesen Mann zu besuchen! – Ich meine stets, daß das Kind so ein verkappter junger Jupiter oder wenigstens Apollo ist. Komme aber, und urteile selbst!‘ –

[JJ.01_036,10] Siehe, guter Mann, so viel ist mir von der Sache bekannt; aber was du mir nun gesagt hast, ist mir rein unbekannt. Darum sage mir, ob du der nämliche Mann bist, von dem mir mein Bruder aus Bethlehem gemeldet hatte?"

[JJ.01_036,11] Und der Joseph sprach: „Ja, mächtiger Herr, ich bin derselbe! Wohl aber deinem Bruder, daß er dir nicht mehr von dem Kinde kundgab!

[JJ.01_036,12] Denn er hat vom Himmel ein Wort bekommen, zu schweigen von allem dem, was da geschehen ist! – Wahrlich, hätte er dir mehr gesagt, so wäre mit Rom das geschehen, was da jetzt vor deinen Augen geschehen ist mit Götterfiguren, die da standen auf dem Tische!

[JJ.01_036,13] Heil aber dir und deinem Bruder, so ihr schweigen möget; denn ihr sollet darum Gesegnete des Herrn, des ewig lebendigen Gottes, des Schöpfers Himmels und der Erde sein!"

[JJ.01_036,14] Diese Worte flößten dem Cyrenius eine große Achtung vor dem Joseph und eine Furcht vor dem Kinde ein, daß er darob sogleich wieder das Kind auf die Arme der Maria legte.

30. September 1843

[JJ.01_036,15] Nachdem aber wandte er sich wieder zum Joseph und sprach zu ihm: „Guter, ehrlicher Mann, habe nun wohl acht auf das, was ich zu dir reden werde;

[JJ.01_036,16] denn mir ist jetzt ein guter Gedanke durch den Kopf gefahren, und diesen sollst du hören und mir darüber zur Rede stehen!

[JJ.01_036,17] Siehe, wenn dieses Kind göttlicher Abkunft ist, so mußt ja auch du als dessen Vater es sein; denn ex trunco non fit Mercurius, und auf den Dornen wachsen keine Trauben! – Also kann wohl auch von einem gewöhnlichen Menschen kein Götterkind entsprossen!

[JJ.01_036,18] Du aber scheinst mir im übrigen denn doch ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein, so wie deine fünf andern Söhne, die da hinter dir stehen; ja die junge Mutter selbst, zwar eine artige Jüdin, scheint eben auch nichts Götterähnliches zu besitzen!

[JJ.01_036,19] Dazu gehört eine große, fast überirdische Schönheit und große Weisheit, wie wir es aus den Traditionen wissen von den Weibern, mit denen sich einmal die Götter sollen abgegeben haben, – wozu aber freilich wohl ein überaus starker Glaube gehört, den ich durchaus nicht besitze!

[JJ.01_036,20] Zudem aber muß ich dich noch auf etwas aufmerksam machen, und das ist, daß du dich mit deinem Götterkinde als ein von Bethlehem aus nach Ägypten reisen Wollender hierher hast verirren mögen, was daraus erhellt, da du traurig und verlegen warst, als ich dir angezeigt habe, wie du dich gar so weit verirrt hast auf dem Wege nach Ägypten!

[JJ.01_036,21] Sollte dein Gott – oder die Götter Roms – denn unkundig des nächsten Weges von Bethlehem aus nach Ägypten sein?

[JJ.01_036,22] Siehe, das sind grobe Widersprüche, die sich häufen, je mehr man die Sache verfolgt! Dazu ist aber doch sogar eine Drohung von dir beim Untergange Roms gegeben, so ich oder mein Bruder das Kind verriete!

[JJ.01_036,23] Warum aber sollen Götter dem schwachen Sterblichen drohen, als hätten sie eine Furcht vor ihm? – Sie brauchen ja nur frei auf die Erde zu treten, und alles muß blind gehorchen ihrem mächtigen Willen!

[JJ.01_036,24] Siehe, die Sache deiner Kundgabe kommt mir daher als eine schwache Ausflucht zu sein vor, um mich hinters Licht zu führen, auf daß ich dich nicht erkennen solle, wer du so ganz eigentlich bist, ob ein jüdischer Magier, der sich nach Ägypten begibt, um dort bei diesem Metier sein Brot zu finden, da er in seinem Vaterlande des Lebens nicht sicher ist, –

[JJ.01_036,25] oder ob etwa gar ein verschmitzter jüdischer Spion, vom herrschsüchtigen Herodes bestochen, um zu erspähen, wie da die Uferfestungen Roms bestellt sind?!

[JJ.01_036,26] Ich habe freilich wohl den Schutzbrief meines Bruders und den Brief, von dem ich dir erwähnte, – aber ich habe darüber mit meinem Bruder noch nicht gesprochen, und so können diese Dokumente auch falsch sein; denn auch meines Bruders Schrift ist nachzumachen!

[JJ.01_036,27] Ich halte dich aber nun für beides, also für einen Magier und für einen Spion! Rechtfertige dich nun auf das gründlichste, sonst bist du mein Gefangener und wirst der gerechten Strafe nicht entgehen!"

[JJ.01_036,28] Bei dieser Rede sah der Joseph dem Cyrenius fest ins Angesicht und sagte: „Sende einen Eilboten an deinen Bruder Cornelius, gebe die beiden Briefe mit, und dein Bruder solle bezeugen, ob sich die Sache mit mir also schändlich verhalte, als du der argen Meinung bist!

[JJ.01_036,29] Und solches fordere ich nun von dir; denn meine Ehre ist vor Gott, dem Ewigen, gerechtfertiget und solle nicht von einem Heiden zertreten werden! – Bist du auch ein Patrizier Roms, so bin ich aber ein Nachsohn des großen Königs David, vor dem der Erdkreis bebte, und als solcher lasse ich mich von keinem Heiden entehren!

[JJ.01_036,30] Ich aber werde dir nun nicht eher von der Seite gehen, als bis du mir meine Ehre wieder wirst hergestellt haben; – denn die Ehre, die mir Gott gegeben hat, soll mir kein Heide nehmen!"

[JJ.01_036,31] Diese energischen Worte machten den Cyrenius stutzen; denn also hatte er als Landpfleger, der da unumschränkt über Leben und Tod zu gebieten hat, noch nie ihm gegenüber reden gehört! – Er dachte darum bei sich: Wenn dieser Mensch sich nicht einer außerordentlichen Kraft mir gegenüber bewußt wäre, so könnte er nicht also reden! – Ich muß daher nun ganz anders mit ihm zu reden anfangen. –

 

37. Kapitel – Des Cyrenius sanftmütigere Erklärung und Josephs Erwiderung. Die Ehre, der Schatz des Armen. Das Versöhnungsmahl. Guter Rat Josephs. Des Cyrenius bestrafte Neugier. Die Empfängnisgeschichte des Kindleins. Die Anbetung des Kindleins durch Cyrenius und die Bestätigung der Wahrheit.

2. Oktober 1843

[JJ.01_037,01] Nach solcher Vornahme wandte sich Cyrenius wieder an den Joseph und sprach: „Guter Mann, du brauchst mir darum nicht gram zu werden! – denn das wirst du mir denn doch zugeben, daß ich als Landpfleger wohl das Recht haben werde, jemandem auf den Zahn zu fühlen, um zu sehen, wes Geistes er ist?!

[JJ.01_037,02] Daß ich aber dich davon nicht ausnehmen konnte – wie gerne ich es auch sonst getan haben würde –, da brauchst du nur auf jenen verhängnisvollen Tisch hinzublicken, der da seiner Zierde ledig geworden ist, und dir muß es ja doch klar sein, daß man Menschen deiner Art etwas schärfer ansehen muß als nur solche, die da bedeutungslos gleich Tagesfliegen umherstreichen.

[JJ.01_037,03] Ich meine daher, dadurch dir keine Beleidigung zugefügt zu haben, im Gegenteile nur eine Auszeichnung, indem ich dich also bedeutungsvoll ansah und redete zu dir, wie es sich für mich als Landpfleger gebührt.

[JJ.01_037,04] Denn siehe, mir ist einzig und allein nur um die volle Wahrheit über deine Herkunft zu tun, weil ich dich für sehr bedeutungsvoll ansehe!

[JJ.01_037,05] Und darum stellte ich auch geflissentlich Zweifel über dich auf, damit du ganz vor mir auftreten sollest!

[JJ.01_037,06] Deine Sprache aber hat mir gezeigt, daß du ein Mensch bist, an dem keine Täusche haftet! Und so brauche ich weder eine zweite Nachricht von meinem Bruder, noch eine höhere Beglaubigungsurkunde von irgend woandersher; denn ich sehe nun, daß du ein vollkommen ehrlicher Jude bist! – Sage, braucht es da noch mehr?"

[JJ.01_037,07] Und der Joseph sprach: „Freund, sieh, ich bin arm; du aber bist ein mächtiger Herr! – Mein Reichtum ist meine Treue und Liebe zu meinem Gott und die vollste Ehrlichkeit gegen jedermann!

[JJ.01_037,08] Du aber bist neben deiner Kaisertreue auch noch überreich an Gütern der Welt, die ich entbehre. Wenn dir jemand deiner Ehre zu nahe tritt, da bleiben dir aber dennoch die Güter der Welt.

[JJ.01_037,09] Was bleibt aber da mir, so ich die Ehre verliere? – Mit Schätzen der Welt kannst du dir die Ehre erkaufen; womit aber werde ich sie erkaufen?

[JJ.01_037,10] Darum wird der Arme ein Sklave, so er einmal seine Ehre und Freiheit vor dem Reichen verloren hat; hat er aber darüber irgend heimliche Schätze, so kann er sich Ehre und Freiheit wieder erkaufen.

[JJ.01_037,11] Du aber hast mir gedroht, mich zu deinem Gefangenen zu machen; sage, hätte ich da nicht alle meine Ehre und Freiheit verloren?

[JJ.01_037,12] Und hatte ich da nicht recht, so ich mich davor verteidigte, indem ich doch von dir, dem Landpfleger Syriens und Mitpfleger der Küste zu Tyrus und Sidon, bin zur Rede gestellt worden?"

[JJ.01_037,13] Der Cyrenius aber sprach: „Guter Mann! Nun bitte ich dich – lasse uns das Vorgefallene gänzlich vergessen!

[JJ.01_037,14] Siehe, die Sonne stehet dem Horizonte nahe! Meine Diener haben die Mahlzeit im Speisesaale bereitet; gehet daher mit mir und stärket euch, – denn ich habe keine römischen, sondern eures Volkes Speisen zurichten lassen, die ihr essen dürfet! Daher folget mir ohne einen Gram auf mich, nun eurem Freunde!" –

[JJ.01_037,15] Und der Joseph folgte dem Cyrenius mit Maria und den fünf Söhnen in den Speisesaal und erstaunte über die Maßen über die unbeschreibliche reiche Pracht des Speisesaales selbst, wie über die Pracht der Tafelgeschirre, welche zumeist aus Gold, Silber und kostbaren Edelsteinen angefertigt waren.

[JJ.01_037,16] Da aber die reichen Gefäße mit lauter heidnischen Götterfiguren geziert waren, da sprach Joseph zum Cyrenius:

[JJ.01_037,17] „Freund, ich ersehe, daß da alle diese deine Tafelgefäße mit deinen Göttern gezieret sind! – Du kennst da aber ja schon die ausgehende Kraft meines Kindes!

[JJ.01_037,18] Siehe, so ich mich mit meinem Weibe zu Tische hinsetze und mein Weib mit ihrem Kinde, so kommst du im Augenblick um alle deine reichen Geschirre und Gefäße!

[JJ.01_037,19] Daher rate ich dir, lasse entweder ganz ungezierte Gefäße oder ganz gemeine tönerne aufsetzen, sonst stehe ich dir nicht für dein Gold und Silber!"

[JJ.01_037,20] Als der Cyrenius solches von Joseph vernommen hatte, da erschrak er und befolgte sogleich den Rat Josephs. – Die Diener brachten sobald in ganz glatten tönernen Gefäßen die Speisen und schafften die goldenen und silbernen sogleich beiseite.

[JJ.01_037,21] Es verlockte aber die Neugier dennoch den Cyrenius, dem Kinde einen herrlichen Goldpokal in die Nähe zu bringen, um sich zu überzeugen, ob des Kindes Nähe wohl auch aufs Gold so zerstörend einwirken werde, wie ehedem auf die erzenen Figuren.

[JJ.01_037,22] Und der Cyrenius mußte diese Neugier im Ernste mit dem plötzlichen Verlust des kostbaren Pokals auf eine Zeit bezahlen.

[JJ.01_037,23] Nachdem er aber des Pokals ledig geworden war, erschrak er und stand da, als wäre er von einem elektrischen Schlage berührt worden.

[JJ.01_037,24] Nach einer Weile erst sprach er: „Joseph, du großer Mann, du hast mir wohl geraten, darum danke ich dir!

[JJ.01_037,25] Ich selbst aber will verflucht sein, so ich eher von dieser Stelle weiche, als bis ich erfahre von dir, wer da dieses Kind ist, da ihm eine solche Kraft innewohnt!"

[JJ.01_037,26] Hier wandte sich Joseph zum Cyrenius und erzählte ihm in aller Kürze die Empfangs- und Geburtsgeschichte des Kindes.

[JJ.01_037,27] Und der Cyrenius aber, als er solches von Joseph in festem Tone vernommen hatte, fiel sobald vor dem Kinde nieder und betete Es an.

[JJ.01_037,28] Und siehe, im Augenblick stand der zerstörte Pokal, aber ganz glatt, auf dem Boden vor Cyrenius, von gleichem Gewichte; der Cyrenius erhob sich und wußte sich nun vor Freude und Seligkeit nicht zu helfen.

 

38. Kapitel – Des Cyrenius heidnischer Vorschlag, das Wunderkind an den Kaiserhof nach Rom zu bringen. Josephs gute Entgegnung mit Hinweis auf die Niedrigkeit des Herrn. Prophetische Worte von der geistigen Lebenssonne.

4. Oktober 1843

[JJ.01_038,01] In dieser seligen Gemütsstimmung sprach der Cyrenius zum Joseph: „Höre mich weiter an, du großer Mann! – Wäre ich nun Kaiser zu Rom, ich würde dir den Thron und die Kaiserkrone abtreten!

[JJ.01_038,02] Und wüßte es der Kaiser Augustus also, wie ich nun, – für dieses Kind, da würde er dasselbe tun! Hält er auch große Stücke darauf, daß er der mächtigste Kaiser der Erde ist, so aber weiß ich doch auch, wie sehr er alles Göttliche weit über sich setzt.

[JJ.01_038,03] Willst du, so schreibe ich an den Kaiser und versichere dir im voraus, daß er dich nach Rom mit der größten Ehre ziehen wird und wird dem Kinde, als einem unzweideutigen Sohne des höchsten Gottes, den größten und herrlichsten Tempel erbauen!

[JJ.01_038,04] Und wird Ihn erhöhen im selben bis ins Infinitum und wird selbst sich in den Staub legen vor dem Herrn, dem die Elemente und alle Götter gehorchen müssen!

[JJ.01_038,05] Daß solches aber bei dem Kinde der Fall ist, habe ich mich nun zum zweiten Male überzeugt, indem vor Ihm sich nicht einmal der Jupiter zu schützen vermag und kein Erz vor Seiner Macht besteht!

[JJ.01_038,06] Wie gesagt, so du willst, will ich heute noch Boten nach Rom senden! – Fürwahr, das würde in der großen Kaiserstadt eine unendliche Sensation erregen und würde das stolze Priestertum sicher etwas herabsetzen, das da ohnehin nicht mehr weiß, auf welche Art es die Menschheit am zweckdienlichsten betrügen und belügen solle!"

[JJ.01_038,07] Joseph aber entgegnete dem Cyrenius: „Lieber, guter Freund! – Meinst du denn, daß Dem an der Ehrung Roms etwas gelegen ist, dem da Sonne, Mond, Sterne und alle Elemente der Erde allzeit gehorchen müssen!

[JJ.01_038,08] Hätte Er gewollt, daß Ihn alle Welt ehrete wie einen Götzen, da wäre Er vor aller Welt Augen in aller Seiner ewig unendlichen göttlichen Majestät zur Erde herabgekommen! – Dadurch aber wäre auch alle Welt zum Untergange gerichtet worden!

[JJ.01_038,09] Er aber hat die Niedrigkeit der Welt erwählt, um die Welt zu beseligen, wie es geschrieben steht im Buche der Propheten; und so lasse du es mit der Botschaft nach Rom gut sein!

[JJ.01_038,10] Willst du aber Rom vernichtet sehen, da tue, wie es dir gut dünket! – Denn siehe, Dieser ist gekommen zum Falle der Welt der Großen und Mächtigen, und zur Erlösung der Armseligen, ein Trost den Betrübten, und zur Auferstehung derer, die im Tode sind!

[JJ.01_038,11] Ich glaube also fest in meinem Herzen, – aber nur dir habe ich nun diesen meinen Glauben kundgetan; sonst aber solle ihn niemand von mir ausgesprochen vernehmen!

[JJ.01_038,12] Behalte aber auch du diese Worte als ein Heiligtum der Heiligtümer in deinem Herzen bis zur Zeit, da dir eine neue Lebenssonne aufgehen wird, so wirst du gut fahren!"

[JJ.01_038,13] Diese Worte Josephs gingen wie Pfeile ins Herz des Cyrenius und stimmten ihn ganz um, so zwar, daß er sogleich bereit gewesen wäre, all sein Ansehen niederzulegen und die Niedrigkeit zu ergreifen.

[JJ.01_038,14] Aber Joseph sagte zu ihm: „Freund! Freund! – bleibe, was du bist; denn die Macht in der Hand von Menschen deiner Art ist ein Segen Gottes dem Volke! – Denn siehe, was du bist, das bist du weder aus dir, noch aus Rom, sondern allein aus Gott! Daher bleibe, was du bist!" – Und der Cyrenius lobte den unbekannten Gott und setzte sich dann zum Tische und aß und trank heiteren Mutes mit Joseph und Maria.

 

39. Kapitel – Des Cyrenius Mäßigkeit im Essen und Trinken. Josephs Dankgebet und seine gute Wirkung auf Cyrenius. Josephs Worte vom Tode und ewigen Leben. Wesen und Wert der Gnade.

5. Oktober 1843

[JJ.01_039,01] Obschon aber sonst die Römer an lange dauernde Freßgelage gewöhnt waren, so war aber doch davon der Cyrenius eine Ausnahme.

[JJ.01_039,02] Wenn er dergleichen Freßgelage nicht dann und wann zur Ehrung des römischen Kaisers halten mußte, so war bei ihm die Mahlzeit nur kurz; denn er war einer derjenigen Philosophen, die da sagen: „Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er ißt nur, um zu leben, – und dazu braucht es nicht tagelang dauernder Freßgelage."

[JJ.01_039,03] Und so war denn auch die geheiligte Mahlzeit nur kurz und war bloß auf die nötige Stärkung des Leibes berechnet.

[JJ.01_039,04] Nach der also kurzen Mahlzeit dankte der Joseph dem Herrn für Speise und Trank und segnete dafür den Gastgeber.

[JJ.01_039,05] Dieser aber ward darob sehr gerührt und sagte zu Joseph: „O wie hoch doch stehet deine Religion über der meinigen! – Um wie vieles stehest du der allmächtigen Gottheit näher denn ich!

[JJ.01_039,06] Und um wie vieles bist du daher auch mehr Mensch, als ich es je werde werden können!"

[JJ.01_039,07] Joseph aber erwiderte dem Cyrenius: „Edler Freund, du kümmerst dich um etwas, was dir der Herr soeben jetzt gegeben hat!

[JJ.01_039,08] Ich aber sage dir: Bleibe du, was du bist; in deinem Herzen aber allein nur vor Gott, dem ewigen Herrn, demütige dich und suche allen Menschen im geheimen Gutes zu tun, und du bist Gott so nahe als meine Väter Abraham, Isaak und Jakob!

[JJ.01_039,09] Siehe, in diesem Kinde hat dich ja der allmächtige Gott heimgesucht; du hast Ihn auf deinen Armen getragen! – Was willst du noch mehr? Ich sage dir, du bist gerettet vom ewigen Tode und wirst hinfort keinen Tod an dir mehr sehen, noch fühlen, noch schmecken!" –

[JJ.01_039,10] Hier sprang der Cyrenius vor Freude auf und sprach: „O Mann! – was sprichst du?! – ich werde nicht sterben?!

[JJ.01_039,11] O sage mir, wie ist solches möglich?! – Denn siehe, bis jetzt ist noch kein Mensch vom Tode verschont geblieben! – Sollte ich also wirklich in die Zahl der ewig lebendigen Götter aufgenommen werden also, wie ich jetzt lebe?!"

[JJ.01_039,12] Joseph aber sprach: „Edler Freund, du hast mich nicht verstanden; ich aber will dir sagen, wie es an deinem irdischen Ende zugehen wird. Und so wolle mich in aller Kürze anhören!

[JJ.01_039,13] So du ohne diese Gnade gestorben wärest, da hätten schwere Krankheit, Schmerzen, Kummer und Verzweiflung deinen Geist und deine Seele samt dem Leibe getötet, und dir wäre nach diesem Tode nichts geblieben als ein quälendes, dumpfes Bewußtsein deiner selbst.

[JJ.01_039,14] In dem Falle glichest du jemandem, der da im eigenen Hause, welches über ihm zusammengestürzt ist, halb zu Tode verschüttet wurde und ward also beim lebendigen Leibe begraben und muß nun also den Tod fühlen und gar verzweifelt bitter schmecken, indem er sich nimmer zu helfen vermag.

[JJ.01_039,15] Stirbst du aber nun in dieser Gnade Gottes, da wird nur dieser schwere Leib dir schmerzlos abgenommen werden, und du wirst erwachen zu einem ewigen vollkommensten Leben, in dem du nicht mehr fragen wirst: Wo ist mein irdischer Leib?!

[JJ.01_039,16] Und du wirst, so dich der Herr des Lebens rufen wird, nach deiner geistigen Freiheit selbst deinen Leib ausziehen können wie ein altes lästiges Gewand!"

[JJ.01_039,17] Diese Worte machten auf den Cyrenius einen allermächtigsten Eindruck. Er fiel darob vor dem Kinde nieder und sprach: „O Herr der Himmel! So belasse mich denn in solcher Gnade!" Das Kind aber lächelte ihn an und hob ein Händchen über ihn. –

 

40. Kapitel – Des Cyrenius Hochachtung vor der Maria. Die trostreiche Antwort der Maria. Der Glückwunsch des Cyrenius an Joseph. Josephs Worte über die wahre Weisheit.

6. Oktober 1843

[JJ.01_040,01] Nachdem stand der Cyrenius auf und sprach zur Maria: „O du glücklichste aller Weiber und aller Mütter der Erde! – Sage mir doch, wie es dir ums Herz ist, so du doch sicher in dir die vollste Überzeugung hast, daß da der Herr Himmels und der Erde auf deinen Armen ruht!"

[JJ.01_040,02] Maria aber sprach: „Freund, wie fragst du mich darum, was dir dein eigenes Herz sagt?

[JJ.01_040,03] Siehe, wir gehen auf derselben Erde, die Gott aus Sich erschaffen hat, Seine Wunder treten wir fort und fort mit unseren Füßen, – und doch gibt es Millionen und Millionen Menschen, die ihre Knie lieber vor den Werken ihrer Hände beugen als vor dem ewig wahren lebendigen Gott!

[JJ.01_040,04] Wenn aber Gottes große Werke die Menschen nicht zu wecken vermögen, wie solle das nun ein Kind in den Windeln bewirken?

[JJ.01_040,05] Darum wird es nur wenigen gegeben sein, in dem Kinde den Herrn zu erkennen! – Jenen nur, die dir gleich eines guten Willens sind.

[JJ.01_040,06] Die aber eines guten Willens sind, die werden nicht Not haben, zu mir zu kommen, auf daß ich ihnen kund täte, wie es mir ums Herz ist.

[JJ.01_040,07] Das Kind wird Sich Selbst offenbaren in ihren Herzen und wird sie segnen und wird es sie fühlen lassen, was da fühlt die Mutter, die das Kind auf ihren Armen trägt! –

[JJ.01_040,08] Glücklich, ja überglücklich bin ich, da ich dies Kind auf meinen Armen trage!

[JJ.01_040,09] Aber größer und glücklicher noch werden in der Zukunft diejenigen sein, die Es allein in ihren Herzen tragen werden!

[JJ.01_040,10] Trage Es auch du unvertilgbar in deinem Herzen, und es wird dir werden, dessen dich mein Gemahl Joseph versichert hat!"

[JJ.01_040,11] Als Cyrenius diese Worte von der holden Maria vernommen hatte, konnte er sich nicht genug verwundern über ihre Weisheit.

[JJ.01_040,12] Er sagte darob zum Joseph: „Höre, du glücklichster aller Männer der Erde! Wer hätte je solch eine allertiefste Weisheit in deinem jungen Weibe gesucht!?

[JJ.01_040,13] Fürwahr, so es irgend eine Minerva gäbe, da müßte sie sich ja endlos tiefst verkriechen vor ihr, dieser allerholdesten Mutter!"

[JJ.01_040,14] Der Joseph aber sprach: „Siehe, ein jeder Mensch kann weise sein in seiner Art aus Gott; ohne Den aber gibt es keine Weisheit auf der Erde!

[JJ.01_040,15] Daraus aber ist ja auch die Weisheit meines Weibes erklärlich.

[JJ.01_040,16] Da aber der Herr aus dem Maule der Tiere schon zu den Menschen geredet hat, wie sollte Er das nicht können durch den Mund der Menschen?!

[JJ.01_040,17] Doch lassen wir nun das; denn ich meine, es wird Zeit sein, für die morgige Abreise zu sorgen!"

[JJ.01_040,18] Der Cyrenius aber sagte: „Joseph, sei des unbekümmert; denn dafür ist schon lange gesorgt; ich selbst werde dich morgen bis Ostracine begleiten." –

 

41. Kapitel – Josephs Voraussage vom Kindermord. Des Cyrenius Grimm über Herodes. Die glückliche Seereise nach Ägypten. Josephs Segen als Fährlohn an die Schiffer und an Cyrenius.

9. Oktober 1843

[JJ.01_041,01] Darauf sprach Joseph zum Cyrenius: „Edler Freund, gut und edel ist dein Vorsatz; aber du wirst ihn kaum auszuführen imstande sein!

[JJ.01_041,02] Denn siehe, noch in dieser Nacht werden Briefe zu dir gelangen vom Herodes aus, in denen du aufgefordert wirst, alle Kindlein männlichen Geschlechtes von ein bis zwei Jahren längs dem Meeresufer aufzufangen und nach Bethlehem zu schicken, damit sie Herodes dort töten wird!

[JJ.01_041,03] Du kannst dich aber dem Herodes wohl widersetzen; aber dein armer Bruder muß leider zu diesem bösen Spiele eine politisch gute Miene machen, um sich nicht dem Bisse dieser giftigsten aller Schlangen auszusetzen.

[JJ.01_041,04] Glaube mir, während ich nun bei dir bin, wird in Bethlehem gemordet, und hundert Mütter zerreißen in Verzweiflung ihre Kleider ob dem grausamsten Verluste ihrer Kinder!

[JJ.01_041,05] Und das geschieht alles dieses einen Kindes wegen, von dem die drei Weisen Persiens geistig aussagten, daß Es ein König der Juden sein wird!

[JJ.01_041,06] Herodes aber verstand darunter einen Weltkönig, darum will er ihn töten, indem er selbst die Herrschaft Judäas erblich auf sich bringen will und fürchtet, dieser möchte sie ihm einst entreißen, – während dies Kind doch nur in die Welt kam, das Menschengeschlecht zu erlösen vom ewigen Tode!" –

[JJ.01_041,07] Als der Cyrenius solches vernommen hatte, da sprang er auf vor Grimm gegen den Herodes und sprach zu Joseph:

[JJ.01_041,08] „Höre mich an, du Mann Gottes! Dieses Scheusal solle mich nicht zu seinem Werkzeuge dingen! – Heute noch werde ich mit dir abreisen, und in meinem eigenen dreißigruderigen Schiffe wirst du ein gutes Nachtlager finden!

[JJ.01_041,09] Meinen vertrautesten und bei allen Göttern geschwornen Amtsgehilfen aber werde ich schon die Weisung geben, was sie mit allen Boten zu tun haben, die da mit an mich gerichteten Depeschen hier anlangen.

[JJ.01_041,10] Siehe, nach unseren geheimen Gesetzen müssen sie so lange in Gewahrsam gehalten werden, bis ich wieder hierher komme!

[JJ.01_041,11] Die Briefe aber werden ihnen abgenommen und müssen mir ohne Wissen der Herodesboten nachgesandt werden, auf daß ich daraus ersehe, wessen Inhaltes sie sind.

[JJ.01_041,12] Ich aber weiß nun schon, wes Inhaltes die Briefe sicher sein werden, und weiß auch, wie lange ich ausbleiben werde; sollten Nachboten kommen, so wird auch sie der Wartturm aufnehmen auf so lange, bis ich wiederkomme!

[JJ.01_041,13] Und so lasse du nun deine Familie reisefertig machen, und wir wollen sogleich mein sicheres Schiff besteigen!"

[JJ.01_041,14] Der Joseph aber ward nun damit zufrieden, und in einer Stunde befanden sich alle ganz wohl untergebracht im Schiffe; selbst die Lasttiere Josephs wurden wohl untergebracht. Ein Nordwind blies, und die Fahrt ging wohl vonstatten.

10. Oktober 1843

[JJ.01_041,15] Sieben Tage dauerte die Fahrt, und alle Matrosen und Schiffsleute beteuerten, daß sie so ganz ohne den allergeringsten Anstand noch nie dieses Gewässer durchrudert hätten, als diesmal, –

[JJ.01_041,16] was sie aber für diese Zeit um so mehr für wunderbar hielten, indem – wie sie ihres Glaubens sagten – der Neptun in dieser Zeit gar heikel sei mit seinem Elemente, da er seine Schöpfungen im Grunde des Meeres ordne und mit seiner Dienerschaft Rat halte!

[JJ.01_041,17] Der Cyrenius aber sagte zu den sich wundernden Schiffsleuten: „Höret, es gibt eine zweifache Dummheit: die eine ist frei, die andere geboten!

[JJ.01_041,18] Wäret ihr in der freien, da wäre euch zu helfen; aber ihr seid in der gebotenen, welche sanktioniert ist, und da ist euch nicht zu helfen, –

[JJ.01_041,19] und so möget ihr ja dabei bleiben, als habe Neptunus seinen Dreizack verloren und habe sich nun nicht getraut, mit seiner schuppigen Hand uns zu züchtigen für unsern Frevel, den wir an ihm begangen haben!"

[JJ.01_041,20] Der Joseph aber sprach zum Cyrenius, fragend: „Ist es nicht üblich, daß man den Schiffsleuten einen Lohn verabreicht? Sage es mir, und ich will es tun, wie sich's gebührt, damit sie uns nichts Übles nachreden sollen!"

[JJ.01_041,21] Cyrenius aber sagte: „Lasse das gut sein; denn siehe, diese sind unter meinem Gebote und haben ihren Dienstsold, – daher hast du dich um Weiteres nicht zu kümmern!"

[JJ.01_041,22] Joseph aber erwiderte: „Das ist sicher und wahr, – aber sie sind doch auch Menschen wie wir; daher sollen wir ihnen auch als Menschen entgegenkommen!

[JJ.01_041,23] Ist ihre Dummheit eine gebotene, so sollen sie ihre Haut dem Gebote weihen, aber ihren Geist solle meine Gabe ihnen frei machen!

[JJ.01_041,24] Lasse sie daher hierher kommen, auf daß ich sie segne und sie in ihren Herzen möchten zu gewahren anfangen, daß auch für sie die Sonne der Gnade und Erlösung aufgegangen ist!"

[JJ.01_041,25] Hier berief der Cyrenius die Schiffsleute zusammen, und Joseph sprach über sie folgende Worte:

[JJ.01_041,26] „Höret mich an, ihr getreuen Diener Roms und dieses eures Herrn! – Treu und fleißig habt ihr das Schiff geleitet; ein guter Lohn solle von mir, dem diese Fahrt galt, euch dargereichet werden!

[JJ.01_041,27] Aber ich bin arm und habe weder Gold noch Silber; aber ich habe die Gnade Gottes im reichen Maße, und das ist die Gnade jenes Gottes, den ihr den ,Unbekannten‘ nennet!

[JJ.01_041,28] Diese Gnade möge euch der große Gott in eure Brust gießen, auf daß ihr lebendigen Geistes werdet!"

[JJ.01_041,29] Auf diese Worte kam über alle ein endloses Wonnegefühl, und alle fingen an, den unbekannten Gott zu loben und zu preisen.

[JJ.01_041,30] Und der Cyrenius erstaunte über diese Wirkung des Segens von Joseph und ließ sich dann selbst segnen von Joseph.

 

42. Kapitel – Die Wirkung des Gnadensegens an Cyrenius. Josephs demütiges Selbstbekenntnis und Rat an Cyrenius. Die Ankunft in Ostracine (Ägypten).

11. Oktober 1843

[JJ.01_042,01] Auch der Cyrenius ward von einem großen Wonnegefühl befallen, daß er darob sprach: „Höre du, mein achtbarster Mann! – Ich empfinde nun also, wie ich's empfunden habe, als ich das Kindlein auf meinen Armen hielt.

[JJ.01_042,02] Bist du denn mit demselben einer Natur? – Oder wie ist das, daß ich nun den gleichen Segen empfinde?"

[JJ.01_042,03] Der Joseph aber sprach: „Edler Freund! – nicht von mir, sondern allein vom Herrn Himmels und der Erde geht eine solche Kraft aus!

[JJ.01_042,04] Mich durchströmt sie nur bei solcher Gelegenheit, um dann segnend in dich überzufließen; aber ich selbst habe solche Kraft ewig nicht, denn Gott allein ist Alles in Allem!

[JJ.01_042,05] Ehre aber in deinem Herzen stets diesen einen, allein wahren Gott, so wird die Fülle dieses Seines Segens nie von dir entweichen!"

[JJ.01_042,06] Und weiter sprach Joseph: „Und nun Freund, siehe, wir haben mit der allmächtigen Hilfe des Herrn dieses Ufer erreicht, sind aber, wie es mir vorkommt, noch lange nicht in Ostracine!

[JJ.01_042,07] Wo zu liegt es denn, auf daß wir dahin zögen? – Denn siehe, der Tag neiget sich! Was werden wir tun? Werden wir weiterziehen oder hier verbleiben bis morgen?"

[JJ.01_042,08] Und der Cyrenius sprach: „Siehe, wir sind am Eingange der großen Bucht, in deren innerstem Winkel zu unserer Rechten Ostracine liegt als eine reiche Handelsstadt!

[JJ.01_042,09] In mäßigen drei Stunden mögen wir sie erreichen; aber so wir in der Nacht dort anlangen, so werden wir schwer eine Unterkunft finden! Daher wäre ich der Meinung, für heute hier im Schiffe zu übernachten und uns morgen dahin zu begeben."

[JJ.01_042,10] Joseph aber sprach: „O Freund, wenn es nur drei Stunden sind, da sollten wir nicht hier übernachten! Dein Schiff mag wohl hier verbleiben, auf daß du kein Aufsehen erregest in dieser Stadt – und ich im geheimen komme an den Ort meiner Bestimmung!

[JJ.01_042,11] Denn würde die römische Besatzung alldort das Schiff eines Landpflegers Roms entdecken, so müßte sie dich mit großen Ehren empfangen,

[JJ.01_042,12] und ich müßte dann nolens volens mit dir als Freund deine Beehrungen teilen, was mir wirklich im höchsten Grade unangenehm wäre.

[JJ.01_042,13] Daher wäre es mir wohl sehr erwünscht, daß wir uns sogleich weiter auf die Reise macheten! – Denn siehe, meine Lasttiere sind nun hinreichend ausgerastet und können uns gar leicht in kurzer Zeit nach Ostracine bringen!

[JJ.01_042,14] Meine Söhne sind stark und gut bei Füßen; diese können zu Fuß gehen, und du bedienest dich mit einer nötigen Dienerschaft ihrer fünf Lasttiere, und so ziehen wir leicht den Weg nach der nimmer fernen Stadt!"

[JJ.01_042,15] Cyrenius willigte in den Rat Josephs, übergab das Schiff den Schiffsleuten zur treuen Obhut, nahm dann vier Diener mit sich, bestieg die Lasttiere Josephs und zog dann sogleich mit Joseph in die Stadt.

[JJ.01_042,16] In zwei Stunden war diese erreicht. Als sie aber in die Stadt einzogen, wurden sie um Schutzbriefe von der Torwache belangt.

[JJ.01_042,17] Cyrenius aber gab sich dem Wachkommandanten zu erkennen; dieser ließ sogleich ihn begrüßen von den Soldaten und machte dann sogleich Anstalten für die Unterkunft.

[JJ.01_042,18] Und so ward unsere Reisegesellschaft ohne den geringsten Anstand alsogleich in dieser Stadt recht wohl aufgenommen und auf das vorteilhafteste untergebracht.

 

43. Kapitel – Der Ankauf eines Landhauses für die heilige Familie durch Cyrenius.

12. Oktober 1843

[JJ.01_043,01] Des andern Tages am Morgen aber sandte Cyrenius sogleich einen Boten zum Obersten der Militärbesatzung und ließ ihm sagen, daß er sobald als tunlich, aber ohne alles Gepränge zu ihm kommen solle.

[JJ.01_043,02] Und der Oberste kam zum Cyrenius und sprach: „Hoher Stellvertreter des großen Kaisers in Coelesyrien und oberster Kommandant von Tyrus und Sidon, lasse mich vernehmen deinen Willen!"

[JJ.01_043,03] Und der Cyrenius sprach: „Mein geachtetster Oberster! Fürs erste wünsche ich, daß mir diesmal keine Ehrenbezeigungen erwiesen werden; denn ich bin inkognito hier.

[JJ.01_043,04] Fürs zweite aber möchte ich von dir erfahren, ob hier entweder in der Stadt selbst ein kleines Wohnhaus oder wenigstens nicht ferne von der Stadt irgend eine Villa käuflich oder wenigstens mietlich zu haben ist.

[JJ.01_043,05] Denn ich möchte für eine überaus hochschätzbarste, allerehrenwerteste jüdische Familie so etwas kaufen.

[JJ.01_043,06] Denn diese Familie hat sich aus uns wohlbekannten Gründen aus Palästina, von dem saubern Herodes verfolgt, flüchten müssen und sucht nun Schutz in unserer römischen Biederkeit und allzeitigen strengen Gerechtigkeit.

[JJ.01_043,07] Ich habe alle Umstände dieser Familie genau untersucht und habe sie als höchst rein und gerecht befunden! – Daß sie aber unter solchen Umständen unter Herodes freilich wohl nicht bestehen kann, das ist ebenso gut begreiflich, als es begreiflich ist, daß dieses Scheusal von einem Vierfürsten Palästinas und einem Teile Judäas Roms größter Feind ist!

[JJ.01_043,08] Ich meine, du verstehst mich, was ich dir damit sagen will? – Daher also möchte ich für diese benannte Familie allhier so etwas Kleines und Nutzbares ankaufen.

[JJ.01_043,09] Wenn dir so etwas bekannt ist, so tue mir den Gefallen und zeige es mir an! Denn siehe, ich kann mich für diesmal nicht lange aufhalten, da wichtige Geschäfte meiner harren in Tyrus; daher muß alles noch heute in die Ordnung gebracht werden!"

[JJ.01_043,10] Und der Oberste sprach zum Cyrenius: „Durchlauchtigster Herr! Da ist der Sache bald abgeholfen; ich selbst habe mir etwa eine halbe Milie außer der Stadt eine recht nette Villa erbaut und habe da Obstgärten und drei schöne Kornäcker angelegt.

[JJ.01_043,11] Mir aber bleibt zu wenig Zeit übrig, mich damit gehörig abgeben zu können. Sie ist mein vollkommenes Eigentum; wenn du sie haben willst, so ist sie mir um hundert Pfund samt Schutz und Schirm verkäuflich und kann als ein unbesteuertes Gut besessen werden."

[JJ.01_043,12] Als der Cyrenius solches vernommen hatte, reichte er dem Obersten die Hand, ließ sich von seinen Dienern die Säckel bringen und zahlte dem Obersten die Villa sogleich noch ungesehen bar aus und ließ sich dann, ungesehen von Joseph, vom Obersten dahin geleiten, um da seinen Kauf zu besichtigen.

[JJ.01_043,13] Als er die ihm überaus gut gefallende Villa besehen hatte, da befahl er sogleich seinen Dienern, in der Villa so lange zu verweilen, bis er mit der Familie zurückkommen werde.

[JJ.01_043,14] Sodann begab er sich mit dem Obersten in die Stadt, ließ sich von ihm auf Pergament den Schutz- und Schirmbrief ausfolgen, empfahl sich dann beim Obersten und begab sich damit voll heimlicher Freude hin zum Joseph.

[JJ.01_043,15] Dieser fragte ihn sogleich, sagend: „Guter lieber Freund, ich muß meinem Gotte danken, daß Er dich also gesegnet hat, daß du mir bisher so viel Freundschaft hast erweisen mögen!

[JJ.01_043,16] Ich bin nun gerettet und habe hier für diese Nacht eine herrliche Unterkunft gehabt! – Aber ich muß hier verbleiben; wie wird es in der Zukunft aussehen – wo werde ich wohnen, wie mich fortbringen? – Siehe, dafür muß ich mich sogleich umsehen."

[JJ.01_043,17] Und der Cyrenius sagte: „Ganz wohl, mein allerachtbarster Mann und Freund, lasse daher deine Familie aufpacken deine Sachen, und ziehe dann sogleich mit Sack und Pack mit mir, und wir wollen einige hundert Schritte außer der Stadt etwas aufsuchen, weil in der Stadt meiner Erkundigung nach nichts zu haben ist!" – Das gefiel dem Joseph wohl, und er tat, was der Cyrenius verlangte.

 

44. Kapitel – Joseph mit der heiligen Familie im neuen Heim. Cyrenius als Gast. Der Dank Josephs und Marias.

13. Oktober 1843

[JJ.01_044,01] Als der Cyrenius bei der gekauften Villa mit dem Joseph und dessen Familie anlangte, da sagte der Joseph zum Cyrenius:

[JJ.01_044,02] „Edler Freund, da gefiele es mir; eine prunklose Villa, ein artiger Obstgarten voll Datteln, Feigen, Granatäpfeln, Orangen, Äpfeln und Birnen, Kirschen,

[JJ.01_044,03] Trauben, Mandeln, Melonen und einer Menge Grünzeug! Und daneben ist noch Wiesengrund und drei Kornäcker, das alles sicher hierzu gehört!

[JJ.01_044,04] Fürwahr, nicht Glänzendes und Prunkendes möchte ich haben; aber diese nutzbringend angelegte Villa, die da eine große Ähnlichkeit hat mit meinem Mietgrunde zu Nazareth in Judäa, möchte ich entweder mieten oder gar kaufen!"

[JJ.01_044,05] Hier zog der Cyrenius den Kauf- Schutz-und-Schirmbrief hervor und übergab ihn dem Joseph mit den Worten:

[JJ.01_044,06] „Der Herr, dein und nun auch mein Gott, segne es dir! Hiermit übergebe ich dir den steuerfreien Vollbesitz dieser Villa!

[JJ.01_044,07] Alles, was du mit einem Gebüsch dicht umwachsen und mit einem Palisadenzaune umfangen erschaust, gehört zu dieser Villa! Hinter dem Wohngebäude ist noch eine geräumige Stallung für Esel und Kühe! Zwei Kühe wirst du finden; Lasttiere aber hast du ohnehin genug für deinen Bedarf.

[JJ.01_044,08] Solltest du aber etwa mit der Zeit wieder in dein Vaterland zurückkehren wollen, so kannst du diese Besitzung verkaufen und mit dem Gelde dir irgend woanders etwas anschaffen!

[JJ.01_044,09] Mit einem Worte – du, mein großer Freund, bist von nun an im Vollbesitze dieser Villa und kannst damit tun, was du willst.

[JJ.01_044,10] Ich aber werde heute, morgen und übermorgen noch hier verbleiben, damit des Herodes arge Boten desto länger auf mich harren sollen!

[JJ.01_044,11] Und nur diese kurze Zeit will ich einen Mitgebrauch, aus großer Liebe zu dir, von dieser Villa machen!

[JJ.01_044,12] Ich dürfte es zwar nur gebieten, und es müßte mir im Augenblicke der kaiserliche Palast eingeräumt werden, – fürs erste, weil ich mit der kaiserlichen Vollmacht ausgerüstet bin,

[JJ.01_044,13] und fürs zweite, weil ich ein naher Anverwandter des Kaisers bin!

[JJ.01_044,14] Aber dieses alles vermeide ich aus großer Achtung und Liebe zu dir, ganz besonders aber zu dem Kinde, das ich wenigstens unwiderruflich für den Sohn des allerhöchsten Gottes halte!"

[JJ.01_044,15] Der Joseph aber war über diese edle Überraschung so sehr gerührt, daß er aus dankbarster Freude nur weinen, aber nicht reden konnte.

[JJ.01_044,16] Auch der Maria ging's nicht besser; aber sie faßte sich eher und ging zum Cyrenius und drückte ihre Dankbarkeit dadurch aus, daß sie das Kindlein dem Cyrenius auf die Arme legte. Und der Cyrenius sprach ganz gerührt: „O Du mein großer Gott und Herr, ist denn auch ein Sünder wert, Dich auf seinen Händen zu tragen? – O sei mir denn gnädig und barmherzig!"

 

45. Kapitel – Die Besichtigung des neuen Heimwesens. Marias und Josephs Dankesworte. Des Cyrenius Interesse an der Geschichte Israels.

14. Oktober 1843

[JJ.01_045,01] Joseph nahm, nachdem er sich aus seiner großen Überraschung erholt hatte, mit dem Cyrenius alles in Augenschein.

[JJ.01_045,02] Und Maria, die das Kindlein von den Armen des Cyrenius wieder nahm, besah auch alles mit und hatte eine rechte Freude über die große Güte des Herrn, darum Er auch irdisch für sie so wohl gesorgt hatte.

[JJ.01_045,03] Und als sie alles besehen hatten und ins reine Wohnhaus eingekehrt waren, da sprach die Maria ganz selig zum Joseph:

[JJ.01_045,04] „O mein teurer, geliebter Joseph! Siehe, ich bin über die Maßen fröhlich, daß der Herr so gut für uns gesorgt hat!

[JJ.01_045,05] Ja, es kommt mir überhaupt vor, als hätte der Herr die ganze alte Ordnung umgekehrt!

[JJ.01_045,06] Denn siehe, einst führte Er die Kinder Israels aus Ägypten ins gelobte Land Palästina, damals Kanaan genannt.

[JJ.01_045,07] Nun aber hat Er Ägypten wieder zum gelobten Lande gemacht und floh mit uns oder führte uns vielmehr Selbst hierher, von wo Er einst unsere Väter erlösend führte durch die Wüste ins gelobte Land, das da überfloß von Milch und Honig."

[JJ.01_045,08] Und der Joseph sprach: „Maria, du hast eben nicht ganz unrecht in deiner heiteren Bemerkung;

[JJ.01_045,09] aber nur bin ich der Meinung, daß deine Aussage nur für diese unsere gegenwärtige Stellung taugt.

[JJ.01_045,10] Im allgemeinen aber kommt es mir also vor, als hätte der Herr nun mit uns das getan, was Er einst mit den Söhnen Jakobs getan hat, als eben im Lande Kanaan die große Hungersnot ausgebrochen war!

[JJ.01_045,11] Das israelitische Volk blieb dann bis Moses in Ägypten; aber Moses führte es wieder heim durch die Wüste.

[JJ.01_045,12] Und ich glaube, also wird es uns auch ergehen; auch wir werden nicht hier begraben werden und werden sicher müssen zur rechten Zeit wieder nach Kanaan zurückkehren!

[JJ.01_045,13] Zu unserer Väter Heimführungszeit mußte zwar erst ein Moses erweckt werden; wir aber haben den Moses des Moses schon in unserer Mitte!

[JJ.01_045,14] Und so meine ich, es wird also geschehen, wie ich es ausgesprochen habe."

[JJ.01_045,15] Und die Maria behielt alle diese Worte in ihrem Herzen und gab dem Joseph das Recht.

[JJ.01_045,16] Auch der Cyrenius hatte diesem Gespräch aufmerksamst zugehört und gab dann dem Joseph zu verstehen, daß er mit der Urgeschichte der Juden näher bekannt werden möchte. –

 

46. Kapitel – Die gemeinsame Mahlzeit und Josephs Erzählung über die Geschichte der Schöpfung, der Menschheit und des jüdischen Volkes. Des Cyrenius vorsichtiger Bericht an den Kaiser und seine gute Wirkung.

16. Oktober 1843

[JJ.01_046,01] Joseph befahl dann seinen Söhnen, die Tiere zu versorgen und dann nachzusehen, wie es mit den Eßwaren aussehe.

[JJ.01_046,02] Und diese gingen und taten alles nach dem Willen Josephs, versorgten die Tiere, melkten die Kühe,

[JJ.01_046,03] gingen dann in die Speisekammer und fanden dort einen großen Vorrat von Mehl, Brot, Früchten und auch mehrere Töpfe voll Honig.

[JJ.01_046,04] Denn der Wachkommandant war ein großer Bienenzüchter nach der Schule, wie sie in Rom gang und gäbe war, daß sie darum sogar ein damaliger Dichter Roms besang.

[JJ.01_046,05] Und sie brachten daher bald Brot, Milch, Butter und Honig in das Wohnzimmer zu Joseph.

[JJ.01_046,06] Und Joseph besah alles, dankte Gott und segnete all die Speisen, ließ sie dann auf den Tisch legen und bat den Cyrenius, daran teilzunehmen.

[JJ.01_046,07] Dieser erfüllte auch den Wunsch Josephs gerne; denn auch er war ein großer Freund von Milch und Honigbrot.

[JJ.01_046,08] Während der Mahlzeit aber erzählte der Joseph dem Cyrenius ganz kurz die Geschichte des jüdischen Volkes nebst der Geschichte der Schöpfung und des Menschengeschlechtes

[JJ.01_046,09] und stellte das alles also bündig und folgerecht dar, daß es dem Cyrenius ganz einleuchtend ward, daß da Joseph sicher die verbürgteste Wahrheit geredet hatte.

[JJ.01_046,10] Er ward darob einesteils sehr vergnügt für seinen Teil, aber wieder anderseits betrübt für die Seinen in Rom, von denen er wohl wußte, in welch schändlicher Finsternis sie waren.

[JJ.01_046,11] Daher sprach er zu Joseph: „Erhabener Mann und nun größter Freund meines Lebens!

[JJ.01_046,12] Siehe, ich habe nun einen Plan gefaßt! – Alles, was ich nun von dir vernommen habe, werde ich also meinem nahe leiblichen Bruder, dem Kaiser Augustus, berichten, aber nur also, als hätte ich's zufällig von einem mir übrigens ganz unbekannten Juden voll Biederkeit vernommen.

[JJ.01_046,13] Dein Name und dein Aufenthalt wird nicht im allerentferntesten Sinne berührt; denn warum solle denn der beste Mensch in Rom, der Kaiser Augustus, mein Bruder, ewig sterben müssen?!"

[JJ.01_046,14] Diesmal willigte Joseph ein, und der Cyrenius schrieb noch in Ostracine drei Tage lang und sandte es durch ein Extraschiff nach Rom an den Kaiser, mit der alleinigen Unterschrift: Dein Bruder Cyrenius.

[JJ.01_046,15] Die Durchlesung dieser Nachricht von Seite des Cyrenius hatte dem Kaiser die Augen geöffnet; er fing dann das jüdische Volk zu achten an und verschaffte ihm sogar die Gelegenheit, gegen eine kleine Taxe als echt römische Bürger aufgenommen zu werden.

[JJ.01_046,16] Zugleich aber wurden alle extrafeinen Heidentumsprediger unter irgendeinem Vorwande aus Rom verbannt.

[JJ.01_046,17] Aus einem ähnlichen Grunde wurde der sonst in Rom so beliebte Dichter Ovidius aus Rom verbannt, davon man den Grund nicht erfahren konnte; und so erging's dann unter dem Augustus auch dem Priesterstande nicht am besten.

 

47. Kapitel – Die Abreise des Cyrenius und seine Vorsorge für die heilige Familie. Die Schreckensbotschaft der Zeugen des Kindermordes. Ein Brief des Cyrenius an Herodes.

17. Oktober 1843

[JJ.01_047,01] Am vierten Tage empfahl sich dann erst Cyrenius, nachdem er zuvor dem Stadtobersten ganz besonders ans Herz gelegt hatte, dieser Familie ja seinen Schutz bei jeder Gelegenheit unverzüglich angedeihen zu lassen.

[JJ.01_047,02] Als er aber fortzog, da wollte ihm die ganze Familie das Geleite geben bis zum Meere, da sein Schiff vor Anker lag.

[JJ.01_047,03] Aber Cyrenius lehnte das freundschaftlichst ab und sprach: „Liebster, erhabener Freund, bleibe du nun ungestört allhier!

[JJ.01_047,04] Denn man kann nicht wissen, was alles für Nachboten schon mein Schiff eingeholt haben – und mit was für Nachrichten!

[JJ.01_047,05] Obschon du aber nun vollkommen gesichert bist, so ist aber hier doch auch für mich jene Klugheit vonnöten, durch welche von den Nachzettlern niemand erfahren solle, warum ich diesmal im Januarius Ägypten besucht habe!"

[JJ.01_047,06] Joseph aber verstand den Cyrenius wohl, blieb zu Hause und segnete diesen Wohltäter an der Hausflur.

[JJ.01_047,07] Darauf begab sich der Cyrenius unter der Verheißung, den Joseph bald wieder zu besuchen, von dannen mit seinen vier Dienern und erreichte also zu Fuß gar bald sein Schiff.

[JJ.01_047,08] Allda angelangt, wurde er sobald mit großem Jubel empfangen, – aber hintendrein auch von einigen andern hier angelangten Boten mit einem großen Jammergeschrei.

[JJ.01_047,09] Denn viele Eltern flüchteten sich von der Küste Palästinas vor der Verfolgung des Herodes, des Kindermörders, und erzählten sogleich über Hals und Kopf, welche Greuel Herodes um Bethlehem und im ganzen südlichen Teile Palästinas mit Hilfe der römischen Soldaten verübe.

[JJ.01_047,10] Hier schrieb der Cyrenius sogleich einen Brief an den Landpfleger von Jerusalem und einen an den Herodes selbst, – und das gleichen Sinnes!

[JJ.01_047,11] Der Brief aber lautete also kurz: „Ich, Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und oberster Landpfleger über Asien und Ägypten – befehle euch im Namen des Kaisers, eurer Grausamkeit auf der Stelle Einhalt zu tun;

[JJ.01_047,12] widrigenfalls ich den Herodes als einen barsten Rebellen ansehen werde und werde ihn züchtigen nach dem Gesetze, nach der Gebühr und nach meinem gerechten Zorne!

[JJ.01_047,13] Seine Greuel aber hat der Landpfleger von Jerusalem genau zu untersuchen und mich davon unverzüglich in Kenntnis zu setzen, auf daß mir der Wüterich der gerechten Strafe für seine Tat nicht entgehe!

[JJ.01_047,14] Geschrieben auf meinem Schiffe ,Augustus‘ an der Küste zu Ostracine, im Namen des Kaisers, dessen oberster Stellvertreter in Asien und Ägypten und sonderheitlich Landpfleger in Coelesyrien, Tyrus und Sidon – Cyrenius vice Augusti."

 

48. Kapitel – Die Wirkung und Folge dieses Briefes. Die List des Herodes. Ein zweiter Brief des Cyrenius an Herodes.

18. Oktober 1843

[JJ.01_048,01] Der Landpfleger von Jerusalem und der Herodes aber entsetzten sich gewaltigst über den Brief des Cyrenius, stellten ihr Greuelgetriebe ein und sandten Boten nach Tyrus, die dem Cyrenius anzeigen sollten, aus welcher wichtigen Ursache sie solches taten.

[JJ.01_048,02] Sie schilderten mit den grellsten Farben die Gesandtschaft der ohnehin schlüpfrigen Perser und behaupteten sogar, daß sie gar wichtige, geheime Spuren entdeckt hätten, daß sogar des Cyrenius Bruder, Cornelius, in diese geheime, ganz asiatische Verschwörung als Oberhaupt mit begriffen sei!

[JJ.01_048,03] Denn man habe in Erfahrung gebracht, daß Cornelius diesen neuen König der Juden in seinen Schutz genommen hatte.

[JJ.01_048,04] Und Herodes sei nun gesonnen, Boten nach Rom darob zu senden, so ihm von Cyrenius nicht Gewähr geleistet werde.

[JJ.01_048,05] Cyrenius habe daher den Cornelius der strengsten Untersuchung zu unterziehen, – wo nicht, so werde der Bericht an den Kaiser unausbleiblich abgehen!

[JJ.01_048,06] Diese Reprise, welche Cyrenius, schon wieder in Tyrus, erhielt, machte ihn anfangs stutzen.

[JJ.01_048,07] Aber er faßte sich bald, vom göttlichen Geist geleitet, und schrieb folgende Zeilen an den Herodes, sagend nämlich:

[JJ.01_048,08] „Wie lautet das geheime Gesetz des Augustus für allfällige Entdeckungen der Komplotte? – Es lautet also: ,So jemand irgendein geheimes Komplott entdeckt, so hat er sich ruhigst zu benehmen und alles sogleich umständlichst der höchsten Staatsbehörde des Landes anzuzeigen!

[JJ.01_048,09] Weder ein sonderheitlicher Landpfleger, noch weniger ein Lehensherr aber hat ohne den ausdrücklichen Befehl der obersten Staatsbehörde, welche alles eher wohl zu untersuchen hat, einen Finger ans Schwert zu legen.

[JJ.01_048,10] Denn nirgends kann ein unzeitiger Angriff einen größeren Schaden für den Staat bewirken als eben in diesem Punkte;

[JJ.01_048,11] indem das Komplott dadurch sich zurückzieht und seinen bevorhabenden Umtrieb unter noch verschmitztere Kniffe verbirgt und ihn in günstigeren Umständen sicher, seinen Zweck nicht verfehlend, zum effektiven Vorschein bringt!‘

[JJ.01_048,12] Das ist in dieser gar wichtigsten Hinsicht des weisesten Kaisers eigenmündiges Gebot!

[JJ.01_048,13] Habt ihr darnach gehandelt? – Mein Bruder Cornelius aber hat darnach gehandelt! Er hat sich des sein sollenden neuen Königs der Juden sobald bemächtiget,

[JJ.01_048,14] hat mir ihn in die Gewalt geliefert, und ich habe mit ihm schon lange die gerechtesten Verfügungen nach der Gewalt getroffen, die mir über Asien und Ägypten zusteht.

[JJ.01_048,15] Mein Bruder hat euch alles das vorgestellt; allein er redete zu tauben Ohren!

[JJ.01_048,16] Als wahrhafte Rebellen habt ihr gegen alle Vorstellung meines Bruders den Kindermord unternommen und habt mich noch obendrauf keck aufgefordert, daß ich euch unterstützen solle! – Heißt das, das kaiserliche Gesetz handhaben?

[JJ.01_048,17] Ich aber sage euch, der Kaiser ist bereits von allem unterrichtet und hat mich bevollmächtigt, den Landpfleger von Jerusalem abzusetzen, obschon er mir anverwandt ist, und dem Herodes eine Strafe von zehntausend Pfund Goldes aufzulegen.

[JJ.01_048,18] Der entsetzte Landpfleger hat sich binnen fünf Tagen bei mir einzufinden und der Herodes seine Geldbuße in längstens dreißig Tagen hier völlig zu entrichten, im widrigen Falle er seines Lehnsrechtes verlustig erklärt wird. Fiat! Cyrenius vice Augusti."

 

49. Kapitel – Die Wirkung des zweiten Schreibens. Die Ankunft des Herodes und des Landpflegers in Tyrus. Der Empfang bei Cyrenius. Die Erregung des geängstigten Volkes. Maronius Pilla vor Cyrenius.

19. Oktober 1843

[JJ.01_049,01] Dieser Brief des Cyrenius hatte erst den Landpfleger von Jerusalem wie den Herodes in die größte Angst versetzt.

[JJ.01_049,02] Herodes und der Landpfleger, namens Maronius Pilla, begaben sich darum schleunigst zum Cyrenius.

[JJ.01_049,03] Herodes, um von seiner Buße etwas herabzuhandeln, und der Landpfleger, um in sein Amt wieder aufgenommen zu werden.

[JJ.01_049,04] Als sie mit großem Gefolge in Tyrus anlangten, da entsetzte sich das Volk; denn es war der Meinung, Herodes werde auch hier seine Grausamkeit ausüben mit dem Einverständnisse des Cyrenius.

[JJ.01_049,05] Daher lief es außer Atem zu ihm, warf sich nieder und bat und schrie um Gnade und Erbarmen!

[JJ.01_049,06] Cyrenius aber, da er die Veranlassung zu dieser Erscheinung nicht wußte, entsetzte sich anfangs, –

[JJ.01_049,07] faßte sich aber dann und fragte das Volk ganz freundlichst, was es denn gäbe, was vorgefallen sei, darum es also gewaltig geängstiget vor ihm schreie.

[JJ.01_049,08] Das Volk aber schrie: „Er ist da, er ist da, der Grausamste der Grausamen, der in ganz Palästina viele Tausende von den unschuldigsten Kindern ermorden ließ!!!" – – –

[JJ.01_049,09] Nun erst erriet Cyrenius den Grund der Angst des Volkes, tröstete es, worauf das Volk sich wieder beruhigte und von dannen ging; er aber machte sich gefaßt auf den Empfang der beiden.

[JJ.01_049,10] Kaum war das Volk aus der Residenz des Cyrenius hinweggezogen, so ließen schon auch die beiden sich anmelden.

[JJ.01_049,11] Der Herodes trat zuerst vor den Cyrenius, verbeugte sich tiefst vor der Kaiserlichen Hoheit und erbat sich die Erlaubnis zu reden.

[JJ.01_049,12] Und der Cyrenius sprach mit großer Erregtheit: „Rede du, für den die Hölle zu gut ist, um ihm einen Namen zu geben! – Rede, du bösartigster Auswurf der untersten Hölle! – Was willst du von mir!?"

[JJ.01_049,13] Und der Herodes, ganz erblassend vor den Donnerworten des Cyrenius, sprach bebend: „Herr der Herrlichkeit Roms! – Zu unerschwingbar groß ist die von dir diktierte Buße; erlasse mir daher die Hälfte!

[JJ.01_049,14] Denn Zeus sei mir Zeuge, daß ich, was ich getan habe, im gerechten Eifer für Rom getan habe!

[JJ.01_049,15] Ich habe freilich grausam gehandelt, aber es war nicht anders möglich; denn die persische, gar glänzende Gesandtschaft hat mich offenbar dazu veranlaßt, indem ich von ihr hintergangen ward gegen ein von ihr mir gegebenes Wort!"

[JJ.01_049,16] Cyrenius aber sprach: „Hebe dich von hier, arger Lügner zu deinem Vorteile! Mir ist alles bekannt! Bekenne dich unverzüglich zur diktierten Buße, oder ich lasse dir auf der Stelle hier deinen Kopf vom Rumpfe schlagen!"

[JJ.01_049,17] Hier bekannte sich Herodes zur Buße, und das unter der Geisel des abgeforderten Lehensbriefes, der ihm erst nach der geleisteten Buße wieder überreicht ward.

[JJ.01_049,18] Und Cyrenius ließ ihn darauf sich entfernen und ließ den Maronius Pilla vor.

[JJ.01_049,19] Dieser aber, da er im Vorgemache die Stimmung des Cyrenius vernommen hatte, kam schon mehr als eine Leiche denn als ein lebendiger Mensch vor den Cyrenius.

[JJ.01_049,20] Cyrenius aber sprach: „Pilla, fasse dich, denn du warst gezwungen! – Du mußt mir wichtige Aufschlüsse geben; darum ließ ich dich rufen! – Deiner harret keine Buße, außer die deines Herzens vor Gott!"

 

50. Kapitel – Das Verhör des Landpflegers durch Cyrenius. Der Beschönigungsversuch des Landpflegers. Die Gewissensfrage des Cyrenius an den Maronius, dessen Bekenntnis und Verurteilung.

20. Oktober 1843

[JJ.01_050,01] Nach dieser Anrede des Cyrenius fiel dem Maronius Pilla ein gewaltiger Stein von der Brust; der Puls fing an freier zu gehen, und er ward bald fähig, dem Cyrenius zur Rede zu stehen.

[JJ.01_050,02] Und als der Cyrenius sah, daß der Maronius Pilla sich erholt hatte, fragte er ihn folgendermaßen:

[JJ.01_050,03] „Ich sage dir, gebe mir die gewissenhafteste Antwort darüber, worüber ich dich fragen werde! Denn jede ausflüchtige Antwort wird dir mein gerechtes Mißfallen zuziehen! Und so vernehme denn meine Frage!

[JJ.01_050,04] Sage mir, kennst du die Familie, deren erstgebornes Kind der sogenannte neue König der Juden sein solle?"

[JJ.01_050,05] Maronius Pilla antwortete: „Ja, ich kenne sie persönlich nach der Kundgabe der Judenpriester in Jerusalem! – Der Vater heißt Joseph und ist ein Zimmermann ersten Rufes in ganz Judäa und halb Palästina und ist seßhaft nahe bei Nazareth.

[JJ.01_050,06] Seine Redlichkeit ist im ganzen Lande, wie auch in ganz Jerusalem bekannt. Er mußte vor ungefähr elf Monden ein reif gewordenes Mädchen aus dem jüdischen Tempel zur Obhut nehmen, ich glaube, durch eine Art Losung.

[JJ.01_050,07] Dieses Mädchen hat wahrscheinlich in Abwesenheit dieses biederen Zimmermanns etwas zu früh der Venus gehuldigt, ward schwanger, darob dann meines Wissens dieser Mann grobe Anstände mit der jüdischen Priesterschaft zu bestehen hatte.

[JJ.01_050,08] Insoweit ist mir die Sache wohl bekannt; aber mit der Entbindung dieses Mädchens – das da dieser Mann, um der Schande zu entgehen, die er von seinen Genossen zu befürchten hatte, noch vor der Entbindung zum Weibe genommen haben solle – haben sich überaus mystische Sagen im Volke verbreitet, und man kann darüber nicht ins klare kommen!

[JJ.01_050,09] Sie hat bei der Gelegenheit der Volksbeschreibung in Bethlehem entbunden, und zwar in einem Stalle; so viel habe ich herausgebracht.

[JJ.01_050,10] Alles Weitere ist mir völlig unbekannt; solches sagte ich auch dem Herodes!

[JJ.01_050,11] Dieser aber meinte, Cornelius habe diese ihm von den Persern verdächtig gemachte Familie irgend im Volke verbergen wollen, um ihm den Lehnsthron streitig zu machen, da er wohl weiß, daß dein Bruder sein Freund nicht ist!

[JJ.01_050,12] Darum nahm er denn auch zu dieser exzentrischen Grausamkeit seine Zuflucht, um dadurch vielmehr dem Cornelius seinen Plan zu vereiteln, als so ganz eigentlich dieses neuen Königs habhaft zu werden.

[JJ.01_050,13] Er übte somit mehr aus Rache gegen deinen Bruder, als aus Furcht vor diesem neuen König, diese kindermörderische Rache aus. Das ist nun alles, was ich dir zu sagen weiß über diese sonderbare Begebenheit!"

[JJ.01_050,14] Und der Cyrenius sprach weiter: „Bisher habe ich aus deinen Worten ersehen, daß du zwar die Wahrheit geredet hast; aber daß du dabei vor mir auch gewisserart den Herodes weißwaschen möchtest, ist mir keineswegs entgangen!

[JJ.01_050,15] Ich sage dir aber, wie ich geschrieben habe, die Tat des Herodes läßt sich durch nichts entschuldigen!

[JJ.01_050,16] Denn ich will es dir sagen, warum Herodes diese allerunmenschlichste Grausamkeit ausgeübt hat.

[JJ.01_050,17] Höre! Herodes ist selbst der allerherrschsüchtigste Mensch, den je die Erde genährt hat.

[JJ.01_050,18] Wenn er es könnte und einigermaßen nur eine entsprechende Macht dazu hätte, so würde er heute noch mit uns Römern, den Augustus nicht ausgenommen, das tun, was er mit den unschuldigsten Kindern getan hat! – Verstehst du mich?!

[JJ.01_050,19] Er hatte diesen Kindermord nur darum unternommen, weil er der Meinung war, uns Römern einen groß respektablen Dienst zu erweisen und sich dadurch als echter römischer Patriot zu zeigen, auf daß ihm der Kaiser mein Amt zum Lehnsfürstentume noch hinzu anvertrauen möchte;

[JJ.01_050,20] wodurch er dann gleich mir vice Caesaris unumschränkt mit dem Drittel der ganzen römischen Macht disponieren könnte und könnte sich dadurch dann auch von Rom ganz los und unabhängig machen, um als Alleinherrscher über Asien und Ägypten dazustehen.

21. Oktober 1843

[JJ.01_050,21] Verstehst du mich?! – Siehe, das ist der mir gar wohlbekannte Plan dieses alten Scheusals; und wie ich ihn kenne, so kennt ihn nun auch Augustus!

[JJ.01_050,22] Nun aber frage ich dich bei deinem Kopfe zum Pfande der Wahrheit, die du mir darüber zu erteilen hast, ob du von diesem Plane Herodis nichts gewußt hattest, als er dich zu seinem schändlichsten Werkzeuge gedingt hatte?

[JJ.01_050,23] Rede! aber bedenke, daß dich hier jede unwahre ausflüchtige Silbe das Leben kostet! Denn mir ist in dieser Sache jeder Punkt auf ein Haar bekannt!"

[JJ.01_050,24] Hier ward der Maronius Pilla wieder zur Leiche und stotterte: „Ja, du hast recht, ich wußte auch, was der Herodes im Schilde führte.

[JJ.01_050,25] Aber ich fürchtete seinen argen Intrigengeist und mußte darum tun nach seinem Verlangen, um ihm dadurch den Grund zu einer noch größeren Intrige zu zerstören.

[JJ.01_050,26] Ganz also durch und durch aber, wie ich den Herodes jetzt durch dich kenne, habe ich ihn ehedem doch nicht erkannt; denn hätte ich das, da lebte er nicht mehr!"

[JJ.01_050,27] Und Cyrenius sprach: „Gut, ich schenke dir im Namen des Kaisers zwar das Leben; aber in dein Amt werde ich dich nicht eher einsetzen, als bis deine Seele genesen wird von einer starken Krankheit! – Bei mir hier wirst du gepflegt, deine Stelle aber wird einstweilen mein Bruder Cornelius versehen; denn siehe, ich traue dir nimmer! Daher bleibst du hier, bis du gesund wirst!"

 

51. Kapitel – Das Geständnis des Maronius Pilla. Cyrenius als weiser Richter.

24. Oktober 1843

[JJ.01_051,01] Als der Maronius Pilla solch Urteil von Cyrenius vernommen hatte, da sprach er mit bebender Stimme:

[JJ.01_051,02] „Wehe mir, denn es ist alles verraten! – Ich bin ein Republikaner, und solches ist dem Kaiser offen dargelegt, – wehe, ich bin verloren!"

[JJ.01_051,03] Cyrenius aber sprach: „Wohl wußte ich, wessen Geistes Kinder ihr seid, und welch ein Grund dich zum Kindermorde mit dem Herodes verbündet hatte.

[JJ.01_051,04] Darum handelte ich auch also, wie ich gehandelt habe!

[JJ.01_051,05] Wahrlich, so du nicht samt mir dem ersten Hause Roms entstammen möchtest, ich hätte dir den Kopf ohne Gnade herabschlagen lassen,

[JJ.01_051,06] wo ich dich nicht sogar hätte ans Querholz heften lassen! Ich aber habe dich darum begnadigt, weil du fürs erste von Herodes mehr verleitet wardst zu diesem Schritte, und weil du einer der ersten Patrizier Roms bist samt mir und dem Augustus Caesar.

[JJ.01_051,07] Aber in dein Amt kommst du nicht, solange Herodes leben wird, und solange du nicht vollkommen geheilt sein wirst!

[JJ.01_051,08] Die Bedingung deines Hierseins aber wirst du dadurch erfüllen, daß du ohne alle Widerrede dich der Arbeit unterziehen wirst, die ich dir zuteilen werde, und daß du streng unter meinen Augen wandeln wirst!

[JJ.01_051,09] Im Frühjahre aber werde ich einen amtlichen Ausflug nach Ägypten machen, – dahin wirst du mich begleiten!

[JJ.01_051,10] Dort wohnt außer der Stadt ein alter Weiser; diesem werde ich dich unter die Augen stellen, – und er wird dir alle deine Krankheit kundtun!

[JJ.01_051,11] Und es wird sich dort auf den ersten Augenblick zeigen, inwieweit allen deinen Aussagen zu trauen ist!

[JJ.01_051,12] Bereite dich daher wohl vor; denn dort wirst du mehr antreffen denn das Orakel zu Delphi!

[JJ.01_051,13] Denn dort wirst du vor einen Richter gestellt werden, dessen Augenschärfe das Erz fließen macht wie Wachs! – Bereite dich daher wohl vor; denn bei diesem meinem Ausspruche wird es verbleiben!" –

 

52. Kapitel – Die Reise des Cyrenius nach Ägypten und seine Ankunft in Ostracine. Josephs und Marias Entschluß, Cyrenius zu begrüßen. Die ersten Worte des Kindleins.

25. Oktober 1843

[JJ.01_052,01] Das bestimmte Frühjahr kam gar bald heran; denn in dieser Gegend ist dessen Anfang schon im halben Februar.

[JJ.01_052,02] Aber Cyrenius bestimmte seine Reise nach Ägypten erst im halben März, welcher Monat bei den Römern gewöhnlich für militärische Geschäfte festgesetzt war.

[JJ.01_052,03] Als sonach der halbe März erschien, ließ der Cyrenius sobald wieder sein Schiff ausrüsten und trat mit Maronius Pilla gerade am fünfzehnten die Reise nach Ägypten an.

[JJ.01_052,04] In fünf Tagen ward diesmal die Reise zurückgelegt.

[JJ.01_052,05] Diesmal ließ der Cyrenius sich in Ostracine mit allen Ehren empfangen; denn er mußte diesmal große militärische Musterungen und Visitationen halten.

[JJ.01_052,06] Darum mußte er sich diesmal auch mit allen Auszeichnungen empfangen lassen.

[JJ.01_052,07] Es machte sonach diese Ankunft des Cyrenius ein übergroßes Aufsehen in Ostracine, welches auch bis zu unserer bekannten Villa sich verbreitete.

[JJ.01_052,08] Joseph sandte darum die zwei ältesten seiner Söhne in die Stadt, auf daß sie sich genau erkundigen sollten, was das sei, darum die ganze Stadt in solcher Bewegung ist.

[JJ.01_052,09] Und die beiden Söhne gingen eiligst und kamen bald mit der guten Botschaft zurück, daß der Cyrenius in der Stadt angekommen sei, und wo er wohne.

[JJ.01_052,10] Als der Joseph solches vernommen hatte, sprach er zu Maria: „Höre, diesen großen Wohltäter müssen wir sogleich dankbar besuchen, und das Kindlein darf nicht zurückbleiben!"

[JJ.01_052,11] Und die Maria, voll Freuden über diese Nachricht, sprach: „O lieber Joseph, das versteht sich von selbst; denn das Kindlein ist ja der eigentliche Liebling des Cyrenius!"

[JJ.01_052,12] Und sogleich zog Maria dem schon recht stark gewachsenen Kinde ganz neue, von ihr selbst verfertigte Kleider an und fragte so in ihrer mütterlichen Liebe und Unschuld das Kindlein:

[JJ.01_052,13] „Gelt, Du mein herzallerliebstes Söhnchen, Du mein geliebtester Jesus, Du gehst auch mit, den lieben Cyrenius zu besuchen?"

[JJ.01_052,14] Und das Kindlein lächelte die Maria gar munter an und sprach deutlich das erste Wort; und das Wort lautete:

[JJ.01_052,15] „Maria! jetzt folge Ich dir, bis du Mir einst folgen wirst!"

[JJ.01_052,16] Diese Worte brachten eine solch erhabene Stimmung im ganzen Hause Josephs hervor, daß er darob beinahe den Besuch des Cyrenius vergessen hätte.

[JJ.01_052,17] Aber das Kindlein ermahnte den Joseph selbst, sein Vorhaben nicht aufzuschieben; denn der Cyrenius hätte diesmal viel zu tun zur Wohlfahrt der Menschen.

 

53. Kapitel – Josephs und Marias Angst und Fluchtgedanken auf dem Paradeplatz. Das Zusammentreffen mit Cyrenius und Maronius Pilla. Das Ende der Truppenbesichtigung und die Heimkehr der heiligen Familie in Begleitung des Cyrenius.

26. Oktober 1843

[JJ.01_053,01] Darauf machten sich Joseph und Maria sogleich auf den kurzen Weg; und der älteste Sohn Josephs begleitete sie, ihnen den nächsten Weg zur Burg zeigend, in der sich Cyrenius aufhielt.

[JJ.01_053,02] Als sie aber auf den großen Platz gelangten, siehe, da war derselbe ganz mit Soldaten angefüllt, daß nicht leichtlich zum Eingange in die Burg zu gelangen war.

[JJ.01_053,03] Und der Joseph sprach zur Maria: „Geliebtes Weib, siehe, was für uns Menschen unmöglich ist, das bleibt unmöglich!

[JJ.01_053,04] Also ist es auch jetzt rein unmöglich, durch alle diese Soldatenreihen zur Burg zu gelangen; daher, sollen wir geradezu wieder umkehren und eine günstigere Zeit abwarten!?

[JJ.01_053,05] Auch das Kindlein blickt diese rauhen Kriegerreihen ganz ängstlich an! Es könnte leicht erschreckt und darauf krank werden, und wir hätten dann die Schuld; daher kehren wir wieder zurück!"

[JJ.01_053,06] Maria aber sprach: „Geliebtester Joseph! Siehe, so mich meine Augen nicht täuschen, so ist jener Mann, der soeben da vor dieser letzten Reihe mit einem glänzenden Helm auf dem Kopfe dahergeht, ja eben der Cyrenius!

[JJ.01_053,07] Warten wir daher ein wenig, bis er daher kommt; vielleicht wird er unser ansichtig und wird uns dann sicher einen Wink geben, was wir zu tun haben, ob wir zu ihm kommen sollen, oder nicht!"

[JJ.01_053,08] Und der Joseph sprach: „Ja, geliebtes Weib, du hast recht; es ist offenbar Cyrenius selbst!

[JJ.01_053,09] Aber siehe einmal dem andern Helden, der neben ihm einhergeht, so recht fest ins Gesicht! Wenn das nicht der berüchtigte Landpfleger von Jerusalem ist, so will ich nicht Joseph heißen!

[JJ.01_053,10] Was tut dieser hier? – Sollte seine Gegenwart uns gelten? – Sollte uns Cyrenius schändlichst also an den Herodes ausgeliefert haben?!

[JJ.01_053,11] Das Beste an der Sache ist, daß er mich und dich persönlich sicher nicht kennt, und so können wir uns noch durch eine neue Flucht tiefer nach Ägypten hinein retten.

[JJ.01_053,12] Denn kennete er mich oder dich, so wären wir schon verloren; denn er ist nun kaum mehr zwanzig Schritte von uns entfernt und könnte uns sogleich ergreifen lassen!

[JJ.01_053,13] Daher ziehen wir uns nur schleunigst zurück, sonst ist es mit uns geschehen, so der Cyrenius unser ansichtig wird, der uns sicher noch gar wohl kennt!"

[JJ.01_053,14] Hier erschrak Maria und wollte sogleich zurückfliehen. Aber das Volksgedränge gestattete hier keine Flucht; denn die Neugierde trieb so viele Menschen auf den Platz, daß durch sie es wohl unmöglich war, sich hindurchzudrängen.

[JJ.01_053,15] Joseph sagte daher: „Was unmöglich ist, das ist unmöglich; ergeben wir uns daher in den göttlichen Willen! Der Herr wird uns auch diesmal sicher nicht verlassen!

[JJ.01_053,16] Stecken wir aber doch zur Vorsicht so hübsch die Köpfe zusammen, auf daß wenigstens der Cyrenius uns nicht vom Angesichte erkennt!"

[JJ.01_053,17] Bei dieser Gelegenheit aber kam auch der Cyrenius so ziemlich knapp an den Joseph und schob ihn ein wenig vom Wege. Joseph aber konnte des Gedränges wegen nicht weichen; daher sah Cyrenius seinen hartnäckigen Mann sich näher an und erkannte sobald den Joseph.

[JJ.01_053,18] Als er des Joseph ansichtig ward und der Maria und des ihn anlächelnden Kindes, da wurden seine Augen vor Freude voll Tränen; ja so erfreut ward Cyrenius darüber, daß er kaum zu reden vermochte.

[JJ.01_053,19] Doch aber faßte er sich so bald als möglich, ergriff mit Hast die Hand Josephs, drückte sie an sein Herz und sprach:

[JJ.01_053,20] „Mein erhabenster Freund! – Du siehst mein Geschäft!

[JJ.01_053,21] O vergebe mir, daß ich noch nicht dich habe besuchen können; aber soeben ist die Musterung zu Ende! Ich werde sogleich die Truppen abziehen lassen in ihre Kasernen,

[JJ.01_053,22] sodann dem Obersten meinen kurzen Befehl erteilen für morgen und dann alsogleich hier umgekleidet bei dir sein und dich geleiten in deine Wohnung!"

[JJ.01_053,23] Hier wandte er sich noch voll Freude zur Maria und zu dem Kinde und fragte, gleichsam das Kindlein kosend:

[JJ.01_053,24] „O Du mein Leben, Du mein Alles, kennst Du mich noch, hast Du mich lieb, Du mein holdestes Kindchen Du!?" –

[JJ.01_053,25] Und das Kindchen hob Seine Händchen weit ausgebreitet gegen den Cyrenius auf, lächelte ihn gar sanft an und sprach dann deutlich:

[JJ.01_053,26] „O Cyrenius! Ich kenne dich wohl und liebe dich, weil du Mich so sehr lieb hast! – Komme, komme nur zu Mir; denn Ich muß dich ja segnen!"

[JJ.01_053,27] Das war zuviel für das Herz des Cyrenius; er nahm das Kindlein auf seine Arme, drückte Es an sein Herz und sprach:

[JJ.01_053,28] „Ja! Du mein Leben, mit Dir auf meinen Armen will ich das Kommando zum langen Frieden der Völker erteilen!"

[JJ.01_053,29] Hier rief er den Obersten zu sich, erteilte ihm seine volle Zufriedenheit und befahl ihm, die Truppen abziehen zu lassen und drei Tage lang auf Kosten des eigenen Beutels (d.h. des Cyrenius Beutel) verpflegen zu lassen, und lud dann den Obersten zu einem guten Mahl nebst mehreren Hauptleuten auf die Villa Josephs ein.

[JJ.01_053,30] Er aber zog, wie er war, geleitet von dem sich stets mehr wundernden Maronius Pilla, sogleich das Kindlein selbst tragend, mit Joseph und der Maria hinaus auf die Villa und ließ dort durch seine Diener sogleich ein festlich Mahl bereiten. – Das aber machte ein großes Aufsehen in der Stadt; denn alles Volk ward entflammt mit Liebe für den Cyrenius, da es in ihm einen so großen Kinderfreund ersah. –

 

54. Kapitel – Josephs bange Frage an Cyrenius wegen der Anwesenheit des Maronius Pilla. Des Cyrenius beruhigende Antwort. Die Ankunft im Landhaus Josephs.

27. Oktober 1843

[JJ.01_054,01] Dem Joseph aber war alles recht, und er lobte in seinem Herzen auch Gott den Herrn inbrünstigst für diese überglückliche Wendung seiner ängstlichen Besorgnis.

[JJ.01_054,02] Aber dennoch genierte ihn der Maronius ein wenig; denn er wußte noch immer nicht, was denn so ganz eigentlich dieser Freund des Herodes hier mache.

[JJ.01_054,03] Daher nahte er sich noch auf dem Wege ganz unvermerkt dem Cyrenius und fragte ihn etwas leise:

[JJ.01_054,04] „Edelster Freund der Menschen! – Ist dieser Held, der da vor dir zieht, nicht der Maronius von Jerusalem?

[JJ.01_054,05] Wenn er es ist, dieser Freund des Herodes, was macht er wohl hier?!

[JJ.01_054,06] Sollte er etwa irgend Wind von mir erhalten haben und will mich hier aufsuchen und gefangennehmen?

[JJ.01_054,07] O edelster Freund! belasse mich nicht länger in dieser bangen Ungewißheit!"

[JJ.01_054,08] Der Cyrenius aber ergriff die Hand Josephs und sagte ebenfalls ganz leise zu ihm:

[JJ.01_054,09] „O du mein liebster, erhabenster Freund! fürchte dich vor dem im Ernste wirklich gewesenen Landpfleger von Jerusalem ja nicht im geringsten!

[JJ.01_054,10] Denn heute noch sollst du dich selbst überzeugen, daß er einen bei weitem größeren Grund hat, sich vor dir zu fürchten, als du vor ihm!

[JJ.01_054,11] Denn siehe, er ist nun nimmer Landpfleger in Jerusalem, sondern er ist nun, wie du ihn siehst, mein barster Gefangener und wird seine Stelle nicht eher wieder einnehmen, als bis er vollkommen geheilt sein wird!

[JJ.01_054,12] Ich habe ihn aber gerade deinetwegen mitgenommen; denn als ich ihn verhörte der Greueltat in Palästina wegen,

[JJ.01_054,13] da gab er vor, dich und die Maria persönlich zu kennen. Wie es sich aber jetzt zeigt, so kennt er weder dich noch dein Weib Maria!

[JJ.01_054,14] Und das ist schon ein sehr gutes Wasser auf unsere Mühle.

[JJ.01_054,15] Er weiß aber keine Silbe, daß du hier bist; darum mußt du dich auch nirgends verraten!

[JJ.01_054,16] Denn er erwartet hier nur einen überweisen Mann, der ihm seine Eingeweide enthüllen wird;

[JJ.01_054,17] und dieser ist kein anderer als du selbst! Denn darum habe ich ihn nach meiner Aussage mitgenommen, daß er in dir den weisen Mann solle kennen und zu seinem Besten verkosten lernen.

[JJ.01_054,18] Er fürchtet dich daher schon im voraus ganz entsetzlich und ist, nach seinem sehr blassen Aussehen zu schließen, schon sicher der Meinung, daß du der von mir erwähnte Mann sein wirst!

[JJ.01_054,19] Aus diesem wenigen kannst du vorderhand dich schon ganz beruhigen; die Folge aber wird dir dieses alles ins klarste Licht setzen!"

[JJ.01_054,20] Als der Joseph solches von Cyrenius vernommen hatte, da ward er überfroh und unterrichtete heimlich die Maria und den ältesten Sohn, wie sie sich gegen den Maronius zu benehmen haben, damit da ja nichts irgend von dem Plane des Cyrenius verraten werden möchte. Und so wurde vorsichtigen Schrittes auch die Villa erreicht und daselbst das Mahl bereitet, wie es schon bekanntgegeben wurde. –

 

55. Kapitel – Das Gastmahl in Josephs Landhaus. Marias Demut und Liebesstreit mit Cyrenius. Die göttliche, alle Philosophie beschämende Weisheit des hl. Kindes.

28. Oktober 1843

[JJ.01_055,01] Die Mahlzeit war bereitet, und die Gäste, die da geladen waren, kamen auch herbei; und der Cyrenius, bisher noch immer das Kindlein lockend, das mit ihm spielte und ihn auch liebkosete, gab der Maria wieder das Kindlein und gab das Zeichen zum Essen.

[JJ.01_055,02] Alles setzte sich zum reinen Tische; aber Maria, da sie keine stattlichen Kleider hatte, ging mit dem Kindlein in ein Seitengemach und setzte sich zum Tische der Söhne Josephs.

[JJ.01_055,03] Es merkte aber solches sobald der Cyrenius, eilte selbst der lieben Mutter nach und sprach:

[JJ.01_055,04] „O du allerliebste Mutter dieses meines Lebens, was willst du denn tun?!

[JJ.01_055,05] An dir und an deinem Kinde ist mir ja am meisten gelegen; du bist die Königin unserer Gesellschaft, und gerade du möchtest nicht teilnehmen an meinem Freudenmahle, das ich gerade deinetwegen hier veranstalten ließ!?

[JJ.01_055,06] O siehe, das geht durchaus nicht an! Komme daher nur geschwind herein ins große Gemach und setze dich an meiner Rechten, – und neben mir zur Linken sitzet dein Gemahl!"

[JJ.01_055,07] Maria aber sprach: „O siehe, du lieber Herr, ich habe ja gar ärmliche Kleider; wie werden sich diese an deiner so glänzenden Seite ausnehmen!?"

[JJ.01_055,08] Cyrenius aber sprach: „O du liebe Mutter! – So dich meine goldnen Kleider, die für mich gar keinen Wert haben, beirren sollten, da möchte ich sie sogleich von mir werfen und dafür einen allergemeinsten Matrosenrock anziehen, um dich nur bei meiner Tafel nicht zu missen!"

[JJ.01_055,09] Da die Maria von der großen Herablassung des Cyrenius überzeugt war, so kehrte sie um und setzte sich also neben den Cyrenius zur Tafel mit dem Kinde auf ihren Armen.

[JJ.01_055,10] Als sie nun alle am Tische saßen, da sah das Kindlein fortwährend den Cyrenius lächelnd an; und der Cyrenius konnte auch vor lauter Liebe zu diesem Kinde seine Augen nicht abwenden von Ihm.

[JJ.01_055,11] Eine kurze Zeit hielt er es aus; aber dann wurde seine Liebe zum Kinde zu mächtig,

[JJ.01_055,12] und er fragte den lieben Kleinen: „Gelt, Du mein Leben, Du möchtest wieder zu mir auf meine Arme?"

[JJ.01_055,13] Und das Kindlein lächelte den Cyrenius gar lieblich an und sprach wieder sehr deutlich:

[JJ.01_055,14] „O mein geliebter Cyrenius! – zu dir gehe Ich sehr gerne, weil du Mich so lieb hast! – darum habe auch Ich dich so lieb!"

[JJ.01_055,15] Und sogleich streckte der Cyrenius seine Arme nach dem Kinde aus und nahm Es zu sich und kosete Es inbrünstigst.

[JJ.01_055,16] Maria aber sprach scherzend zum Kindlein: „Mache aber den Herrn Cyrenius ja nicht irgend schmutzig!"

[JJ.01_055,17] Und der Cyrenius aber sprach in hoher Rührung: „O liebe Mutter! Ich möchte wohl wünschen, daß ich so rein wäre, dieses Kind würdig auf meinen Armen zu tragen!

[JJ.01_055,18] Dies Kind kann mich nur reinigen, aber nimmer beschmutzen!"

[JJ.01_055,19] Hier wandte er sich wieder zum Kinde und sprach: „Mein Kindlein, gelt ja, ich bin wohl noch sehr unrein, sehr unwürdig, Dich zu tragen?"

[JJ.01_055,20] Das Kindlein aber sprach abermals deutlich: „Cyrenius, wer Mich liebt wie du, der ist rein, und Ich liebe ihn, wie er Mich liebt!"

[JJ.01_055,21] Und der Cyrenius fragte das Kindlein ganz entzückt weiter, sagend: „Aber wie kommt es, Du mein Kindlein, daß Du, noch kaum etliche Monate alt, schon so vernünftig und deutlich sprichst? Hat Dich Deine liebe Mutter das gelehrt?"

[JJ.01_055,22] Das Kindlein aber, gar sanft lächelnd, richtete Sich auf den Armen des Cyrenius ganz gerade auf und sprach wie ein kleiner Herr:

[JJ.01_055,23] „Cyrenius, da kommt es nicht auf das Alter und auf das Erlernen an, sondern was für einen Geist man hat! – Lernen muß nur der Leib und die Seele; aber der Geist hat schon alles in sich aus Gott!

[JJ.01_055,24] Ich aber habe den rechten Geist vollmächtig aus Gott; siehe, darum kann Ich auch schon so frühe reden!"

[JJ.01_055,25] Diese Antwort brachte den Cyrenius, wie auch die ganze andere Gesellschaft, völlig außer sich vor Verwunderung, und der Oberste selbst sagte: „Beim Zeus, dieses Kind beschämt schon jetzt mit dieser Antwort alle unsere Weisen! Was ist da Plato, Sokrates und hundert andere Weise mehr! Was aber wird dieses Kind erst leisten im Mannesalter?" – Und der Cyrenius sprach: „Sicher mehr als alle unsere Weisen samt allen unseren Göttern!"

 

56. Kapitel – Des Maronius hohe Meinung über das Kindlein und des Cyrenius Zufriedenheit mit Maronius.

30. Oktober 1843

[JJ.01_056,01] Der Cyrenius aber wandte sich bald nach diesen Wunderworten des Kindleins an den stets blasser werdenden Maronius und sagte zu ihm:

[JJ.01_056,02] „Maronius Pilla, was sagst denn du zu diesem Kinde? Hast du je etwas Ähnliches gesehen und gehört?

[JJ.01_056,03] Ist das nicht offenbar mehr als unsere Mythe von Zeus, da er auf einer Insel solle an einer Ziege gesaugt haben?

[JJ.01_056,04] Nicht bei weitem mehr als die fragliche Tradition von den Gründern Roms, den Nährkindern einer Wölfin?!

[JJ.01_056,05] Rede, was deucht dich hier? Denn darum bist du mein Geleitsmann, daß du etwas hören, sehen, lernen und darüber dann vor mir urteilen sollest!"

[JJ.01_056,06] Der Maronius Pilla faßte sich hier, so gut er es nur konnte, und sprach:

[JJ.01_056,07] „Hoher Befehlshaber von Asien und Ägypten, was solle ich armer Tropf hier sagen, wo die größten alten Weltweisen verstummen müßten und Apollos und Minervas Weisheit wie auf einem glühenden Amboß des Vulkan gar jämmerlich zum dünnsten Bleche breitgeschlagen wird?!

[JJ.01_056,08] Ich kann hier nichts anderes sagen als: Den Göttern hat es wohlgefallen, aus ihrer aller Mitte einen allerweisesten Gott auf die Erde zu stellen; und Ägypten als der alte, von allen Göttern begünstigteste Boden muß auch dieses Gottes aus allen Göttern Vaterland sein, ein Land, das den Schnee und das Eis nicht kennt!"

[JJ.01_056,09] Und der Cyrenius sagte etwas lächelnd: „Du hast gewisserart nicht unrecht;

[JJ.01_056,10] aber siehe, nur darin scheinst du dich geirrt zu haben, daß du dies Kind ein Kind aus allen Göttern nanntest!

[JJ.01_056,11] Denn sieh, da zu meinen beiden Seiten sitzen des Kindes Vater und Mutter ja, und diese sind Menschen, wie wir beide es sind!

[JJ.01_056,12] Wie sollte hernach aus ihnen ein Gottkind aller Götter zum Vorscheine kommen?

[JJ.01_056,13] Obendrauf aber würden sich dadurch ja offenbar die hohen Bewohner des Olymps eine ganz gewaltige Laus in den Pelz gesetzt haben, die ihnen durch ihr enormes Weisheitsübergewicht gar bald den Garaus machen würde!

[JJ.01_056,14] Ich ersuche dich darum, dich anders zu beraten; denn sonst läufst du Gefahr, daß dich für solch eine Demonstration alle Götter zugleich angreifen werden und werden dich beim lebendigen Leibe vor den Minos, Äakus und Rhadamanthys stellen und dich darauf dem Tantalus zur Seite stellen!"

[JJ.01_056,15] Hier stutzte der Maronius und sprach nach einer Weile: „Consulische Kaiserliche Hoheit! Ich glaube, das Gericht der drei Unterweltsrichter ist schon beinahe eingegangen, und die Götter haben, wie es mir vorkommt, auch schon so ziemlich stark ihren Olymp gelüftet!

[JJ.01_056,16] Wenn wir nur weise Menschen haben, die sicher auch ihre Weisheit nicht aus den Pfützen haben, da dürften wir unserer Götter Rat gar bald entbehren lernen!

[JJ.01_056,17] Fürwahr, dieses Wunderkindes Worte stehen schon jetzt in einem größeren Ansehen bei mir als drei Olympe voll ganz frisch gebackner Götter!"

[JJ.01_056,18] Und der Cyrenius sprach: „Maronius! – Wenn das dein vollster Ernst ist, dann sei dir alles vergeben; aber wir wollen darüber eher noch so manches Wort wechseln; darum vorderhand nichts mehr weiter!"

 

57. Kapitel – Die Aufhebung der Tafel. Die Vernehmung des Maronius Pilla über die hl. Familie durch Cyrenius. Des Maronius Eingeständnis seiner Notlüge.

31. Oktober 1843

[JJ.01_057,01] Nach der Beendung der Mahlzeit, welche bei Cyrenius nie über zwei Stunden dauerte, begaben sich der Oberst und die Zenturionen wieder in die Stadt mit dem ausdrücklichen Befehle, ihm an diesem Tage keine Ehrenbezeigungen mehr zu erweisen.

[JJ.01_057,02] Als sich alle sonach entfernt hatten, da nahm der Cyrenius erst den Maronius sozusagen recht ad coram.

[JJ.01_057,03] Er fragte ihn darum in der Gegenwart Josephs und der Maria, die wieder das Kindlein auf ihren Armen hatte:

[JJ.01_057,04] „Maronius! Du hast mir in Tyrus, als ich dich verhört hatte nach dem Herodes, gesagt, und hast es mir förmlich beteuert, den gewissen biederen Zimmermann Joseph aus der Gegend von Nazareth persönlich zu kennen;

[JJ.01_057,05] also auch eine gewisse Maria, die eben der Zimmermann aus dem Tempel zum Weibe oder bloß nur zur Obhut solle übernommen haben!

[JJ.01_057,06] Gebe mir daher eben jetzt, da wir bei diesem meinem Gastwirte gute Muße haben, eine nähere Beschreibung davon!

[JJ.01_057,07] Denn ich habe dieser Tage in Erfahrung gebracht, daß sich diese Familie im Ernste hier in Ägypten befinden solle und soll eine ganz andere sein als diejenige, die mir mein Bruder überantwortet hat und von mir aus sich noch in gutem Gewahrsame befindet.

[JJ.01_057,08] Denn so viel Rechts- und Menschlichkeitsgefühl wirst du ja trotz der Herodianischen Greuelgenossenschaft haben, um anzuerkennen, daß es doch sicher höchst grausam wäre, unschuldige Menschen – woher sie auch immer sein mögen – ohne Not gefangenzuhalten!

[JJ.01_057,09] Gebe du mir daher eine sichere Beschreibung von dem berüchtigten Paare, auf daß ich es in dieser Gegend aufsuchen und gefangennehmen kann; denn das erfordern streng unsere Staatsgesetze!

[JJ.01_057,10] Ich aber bin berechtigt, solches um so mehr von dir zu verlangen, weil du selbst es mir gestanden hattest, diese Familie persönlich zu kennen, an deren richtiger Habhaftwerdung mir nun alles gelegen sein muß!"

[JJ.01_057,11] Hier fing der Maronius wieder ganz gewaltig an zu stutzen und wußte nicht, was er nun sagen solle; denn er hatte weder den Joseph, noch die Maria zuvor gesehen.

[JJ.01_057,12] Nach einer Weile sagte er mit ganz stotternder Stimme erst:

[JJ.01_057,13] „Consulische Kaiserliche Hoheit! Auf deine Güte und Nachsicht bauend, muß ich dir endlich beim Zeus und allen andern Göttern beteuern und eidlich bekennen, daß ich den besagten Joseph samt der gewissen Maria nicht im geringsten kenne!

[JJ.01_057,14] Denn mein Bekenntnis in Tyrus war nur eine leere Ausflucht, da ich damals noch böswillig dich zu täuschen suchte.

[JJ.01_057,15] Nun aber habe ich mich bei dir überzeugt, daß du durchaus nicht zu täuschen bist; so hat sich denn auch mein Wille geändert, und ich habe dir demnach die volle Wahrheit kundgetan!"

[JJ.01_057,16] Hier winkte der Cyrenius dem reden wollenden Joseph, zu schweigen noch, und sagte zum Maronius:

[JJ.01_057,17] „Ja, wenn ich so mit dir stehe, da werden wir uns schon noch etwas länger beschauen und besprechen müssen; denn nun erst erkenne ich dich als einen vollkommen staatsgefährlichen Menschen! – Gebe mir daher nun Rede und Antwort auf jegliche meiner Fragen eidlich!"

 

58. Kapitel – Maronius Pillas Verteidigungsrede und guter Entschluß. Joseph als Schiedsrichter. Des Cyrenius edles Urteil.

2. November 1843

[JJ.01_058,01] Der Maronius aber sagte darauf zum Cyrenius: „Consulische Kaiserliche Hoheit! Wie wohl solle ich nun noch ein staatsverdächtiger Anhänger des Herodes sein?

[JJ.01_058,02] Denn ich erkenne es ja nun, daß dieser Wüterich nach der Alleinherrschaft von Asien strebt!

[JJ.01_058,03] Sollte ich ihm dazu etwa behilflich sein? – Wie wäre da solches möglich? – Mit der Handvoll Jerusalemer könnte sich Herodes höchstens über die Kinder der Juden wagen!

[JJ.01_058,04] Und diese Gewalttat hat ihm schon eine solche Schlappe beigebracht, daß er ein ähnliches Unternehmen für alle Zeiten der Zeiten unterlassen wird!

[JJ.01_058,05] Ich aber war ja ohnehin ein Werkzeug der Not und mußte handeln nach dem Willen dieses Wüterichs, weil er mir mit Rom drohte!

[JJ.01_058,06] Da ich aber nun von dir aus ganz klar weiß, wie die Sachen stehen, und zudem auch keine Macht in meinen Händen habe und auch keine mehr haben will,

[JJ.01_058,07] sehe ich fürwahr nicht ein, wie und auf welche Art ich noch ein staatsgefährlicher Mensch sein sollte?!

[JJ.01_058,08] Behalte du mich bei dir als ewige Geisel meiner Treue für Rom, und du machst mich glücklicher, als so du mich wieder zum Landpfleger von Palästina und Judäa machst!"

[JJ.01_058,09] Diese Worte sprach der Maronius ganz ernstlich, und war seiner Rede keine Zweideutigkeit zu entnehmen.

[JJ.01_058,10] Darum sprach Cyrenius zu ihm: „Gut, mein Bruder, ich will dir glauben, was du geredet hast; denn ich habe in deinen Worten nun viel Ernst gefunden!

[JJ.01_058,11] Aber eines geht mir zur vollsten Bekräftigung der Wahrheit deiner Worte noch ab, und das ist das Urteil jenes weisen Mannes, dessen ich dir schon in Tyrus erwähnt hatte.

[JJ.01_058,12] Und siehe, dieser Mann, dieses Orakel aller Orakel, steht vor uns hier!

[JJ.01_058,13] Dieser Mann hat dich bis in die innerste Gedankenregung durchschaut; darum wollen wir nun ihn fragen, was er von dir hält!

[JJ.01_058,14] Und dir solle nach seinem Ausspruche geschehen! Setzt er dich wieder zum Landpfleger in Jerusalem ein, so bist du heute noch zum Landpfleger von Jerusalem ernannt;

[JJ.01_058,15] tut er aber das aus höchst weisen und guten Gründen nicht, so bleibst du meine Geisel!"

[JJ.01_058,16] Hier wurde darum Joseph gefragt, und er sprach: „Edelster Freund Cyrenius! Von mir aus ist Maronius nun rein, und du kannst ihm wieder seine Stelle geben ohne Bedenken!

[JJ.01_058,17] Wir aber stehen in der Hand des allmächtigen, ewigen Gottes; welche Macht solle sich da gegen uns auflehnen können?"

[JJ.01_058,18] Hier hob Cyrenius seine Hand auf und sprach: „So schwöre ich denn auch dir, Maronius Pilla, beim lebendigen Gotte dieses Weisen, daß du von nun an wieder Landpfleger von Jerusalem bist!"

[JJ.01_058,19] Maronius aber sprach: „Gebe dies Amt einem anderen, und behalte mich als deinen Freund bei dir; denn das macht mich glücklicher!"

[JJ.01_058,20] Und der Cyrenius sprach: „So sei denn mein Amtsgefährte, solange Herodes leben wird, und dann erst Oberpfleger vom ganzen Judenlande!" – Und der Maronius nahm diesen Antrag dankbar an.

 

59. Kapitel – Josephs Frage nach Herodes. Maronius Pillas Antwort. Die Leidenskrone und das schreckliche Ende des Herodes.

3. November 1843

[JJ.01_059,01] Nachdem aber sprach Joseph zum Maronius: „Da ich nun durch die große Gnade meines Gottes und meines Herrn dich erkannt habe, daß in dir kein arger Wille mehr haftet,

[JJ.01_059,02] so gebe du mir kund, wie du es wahrgenommen wirst haben, wie da des Herodes Herz beschaffen ist gegen die Kinder, die er gemordet hat wegen des neuen Königs der Juden?

[JJ.01_059,03] Ist es nicht erweicht worden durch das unschuldigste Blut der Kinder, durch das Wehklagen der Mütter?!

[JJ.01_059,04] Was würde er tun, so er durch eine neue Nachricht erführe, daß er unter den vielen gemordeten Kindern dennoch das rechte nicht ermordet hat?!

[JJ.01_059,05] Wenn er erführe, daß das rechte Kind ganz wohlbehalten irgend in Judäa oder Palästina noch lebe?!"

[JJ.01_059,06] Hier sah der Maronius den Joseph ganz verdutzt an und sprach nach einer Weile:

[JJ.01_059,07] „Wahrhaft tiefweisester Mann! da kann ich dir nichts anderes sagen als:

[JJ.01_059,08] So du von deiner Weisheit den allerübelsten Gebrauch machen und von Herodes zehntausend Pfund Goldes verlangen möchtest dafür, daß du ihm mit Bestimmtheit das rechte Kind verrietest;

[JJ.01_059,09] fürwahr, du würdest diese enorme Goldsumme im voraus erhalten!

[JJ.01_059,10] Denn das Gold ist dem Wüterich nichts gegen seine Herrschlust.

[JJ.01_059,11] Da er des Goldes so viel hat, daß er Häuser aus purem Golde bauen könnte, so achtet er es kaum; aber wenn er sich den Thron sichern könnte, da möchte er all sein Gold ins Meer werfen und dafür eine Welt voll Menschen erschlagen!

[JJ.01_059,12] Siehe, auch mich wollte er anfangs schwer bestechen mit Gold, Diamanten, Rubinen und größten Perlen;

[JJ.01_059,13] allein meine echt römische Patriziertugend verwies solches streng dem alten Bluthunde!

[JJ.01_059,14] Das entflammte aber seinen Zorn noch mehr, und er drohte mir dann aus seinem patriotischen Scheingrunde mit Rom!

[JJ.01_059,15] Dann erst mußte ich tun, was er wollte, und war mir kein Ausweg möglich; denn er gab mir aus eigener Hand eine Urkunde, laut welcher er die ganze Rechnung mit Rom auf sich nahm.

[JJ.01_059,16] Darum war ich gezwungen zu handeln, wie es dir sicher bekannt ist.

[JJ.01_059,17] Daß aber demnach von seinem Herzen bis zur Stunde nichts Gutes zu erwarten ist, des kannst du vollends versichert sein!

[JJ.01_059,18] Ich glaube, mehr brauche ich dir, der du ein so tiefst Weiser bist, kaum kundzugeben von diesem wahren Könige aller Furien, von diesem lebendigen Medusenhaupte!"

[JJ.01_059,19] Und der Joseph sprach: „Der ewig einige, wahre Gott segne dich für diese getreuen Worte!

[JJ.01_059,20] Glaube es mir, du wirst dich überzeugen: Gott, der ewig Gerechte, wird diesem Auswurfe der Menschheit noch auf der Welt eine Krone, nach der er so blutdürstig ist, aufs Haupt setzen, vor der sich alle Welt wundern wird!" –

[JJ.01_059,21] Hier hob das Kindlein Seine Hand hoch auf und sprach wieder ganz deutlich: „Herodes, Herodes! – Ich habe keinen Fluch für dich; aber eine Krone auf dieser Welt sollst du tragen, die dir zur großen Qual wird und schmerzlicher denn die Last des Goldes, die du nach Rom zahlen mußtest!"

[JJ.01_059,22] Zur Zeit, als das Kindlein dieses in Ägypten ausgesprochen hatte, ward Herodes mit Läusen übersät, und sein Gesinde hatte durch das noch übrige Leben des Herodes nichts zu tun, als ihn von den Läusen zu reinigen, die sich stets mehrten und endlich auch seines Leibes Tod herbeiführten. – –

 

60. Kapitel – Des Cyrenius Grimm über Herodes und des Jesuskindes beruhigende Worte. Des Kindleins Frage: „Wer hat den längsten Arm?"

4. November 1843

[JJ.01_060,01] Als der Cyrenius aber solches von Maronius Pilla vernommen hatte und den Ausspruch Josephs und des Kindleins, da entsetzte er sich förmlich und sprach:

[JJ.01_060,02] „O ihr ewigen Mächte eines allerhöchsten Beherrschers der Unendlichkeit! Habt ihr denn keine Blitze mehr, um sie über dieses Scheusal von einem Vasallen Roms zu schleudern?!

[JJ.01_060,03] O Augustus Caesar, mein guter Bruder! – Welche Furie hat denn dir damals deine Augen geblendet, als du dieses Scheusal, diesen Auswurf aus dem untersten Tartarus, aus dem wahren Orkus mit Palästina und Judäa belehntest?!

[JJ.01_060,04] Nein, nein, das ist zuviel auf einmal zu vernehmen! – Maronius! – warum sagtest du mir damals nichts davon, als Herodes in Tyrus vor meinem Verhöre stand?!

[JJ.01_060,05] Standrechtlich hätte ich ihm da augenblicklich das Medusenhaupt vom Rumpfe schlagen lassen!

[JJ.01_060,06] Und lange schon stünde ein würdiger Vasall an der Stelle dieses Scheusals aus Griechenland!

[JJ.01_060,07] Was aber kann ich jetzt tun? Seine Buße hat er geleistet; ich kann ihm nun keine zweite auferlegen, darf ihn nicht weiter strafen!

[JJ.01_060,08] Warte aber, du alter Bluthund, du Hyäne aller Hyänen, auf dich solle eine Jagd gemacht werden, von welcher es allen Furien noch nie etwas geträumt hat!"

[JJ.01_060,09] Maronius, Joseph und Maria bebten vor dem Grimme des Cyrenius; denn sie wußten nicht, was alles der Cyrenius etwa unternehmen wird.

[JJ.01_060,10] Auch getraute sich niemand, nun eine Frage an ihn zu stellen; denn zu aufgeregt war sein Gemüt.

[JJ.01_060,11] Das Kindlein allein äußerte keine Furcht vor der gewaltigen Stimme des Cyrenius, sondern sah ihm stets ruhig ins Gesicht.

[JJ.01_060,12] Und als sich des Cyrenius Sturm etwas gelegt hatte, da sprach auf einmal das Kindlein wieder ganz deutlich zum Cyrenius:

[JJ.01_060,13] „O Cyrenius! Höre Mich an! – Komme her zu Mir, nehme Mich auf deine Arme, und trage Mich hinaus ins Freie, dort werde Ich dir etwas zeigen!"

[JJ.01_060,14] Diese Worte flossen wie Balsam auf das wunde Herz des Cyrenius, und er ging sobald mit offenen Armen hin zum Kindlein, nahm Es voll Liebe gar sanft auf seine Arme und trug Es unter der Begleitung des Joseph, der Maria und des Maronius Pilla hinaus ins Freie.

[JJ.01_060,15] Im Freien bald angelangt, fragte das Kindlein sogleich den Cyrenius mit deutlichen Worten:

[JJ.01_060,16] „Cyrenius, wer von uns beiden hat denn wohl den längsten Arm? Messe den Meinen gegen den deinen!"

[JJ.01_060,17] Den Cyrenius befremdete diese Frage, und er wußte nicht, was er darauf dem Kinde antworten sollte; denn er sah doch offenbar den seinigen für dreimal so lang an, als beide des Kindes zusammengenommen.

[JJ.01_060,18] Das Kindlein aber sprach wieder: „Cyrenius! du siehst deinen Arm für viel länger als den Meinigen an?!

[JJ.01_060,19] Ich aber sage dir, daß der Meinige dennoch um vieles länger ist als der deinige!

[JJ.01_060,20] Siehst du dort in tüchtiger Ferne von uns eine hohe Säule, geziert mit einem Götzen?

[JJ.01_060,21] Lange von hier mit deinem längeren Arme hin, reiße sie nieder, und zermalme sie dann mit deinen Fingern!"

[JJ.01_060,22] Cyrenius, noch betroffener als früher, aber sprach nach einer kurzen Pause: „O Kindlein, Du mein Leben, das ist außer Gott wohl niemandem möglich!"

[JJ.01_060,23] Das Kindlein aber streckte sobald Seinen Arm nach der Säule, die gut tausend Schritte entfernt stand, und die Säule stürzte nieder und ward sobald zu Staube!

[JJ.01_060,24] Und das Kindlein sprach darauf: „Also kümmere dich nicht vergeblich um den Herodes; denn Mein Arm langt ja weiter als der deinige! Herodes hat seinen Lohn; du aber vergebe ihm, wie Ich ihm vergeben habe, so wirst du besser fahren, denn auch er ist ein blinder Erdensohn!" – Diese Worte nahmen dem Cyrenius allen Groll, und er fing an, heimlich das Kind ganz förmlich anzubeten. –

 

61. Kapitel – Maronius Pillas Entsetzen und Josephs Frage. Das heidnische Bekenntnis des Maronius. Josephs bescheidene Erklärung. Des Cyrenius Mahnung zur Vorsicht.

6. November 1843

[JJ.01_061,01] Der Maronius Pilla aber entsetzte sich über diese wunderbare Erscheinung so sehr, daß er am ganzen Leibe bebte wie das Laub der Espe bei einem gewaltigen Sturme.

[JJ.01_061,02] Joseph aber ersah bald des Maronius große Not, trat darum auch sobald zu ihm hin und sprach:

[JJ.01_061,03] „Maronius Pilla! warum bebest du denn nun gar so sehr? Hat dir jemand etwas zuleide getan?"

[JJ.01_061,04] Und der Maronius erwiderte dem Joseph: „O Mann, der du deinesgleichen nicht hast auf Erden, du hast es leicht; denn du bist ein Gott, dem alle Elemente gehorchen müssen!

[JJ.01_061,05] Ich aber bin nur ein sterblicher schwacher Mensch, dessen Leben, so wie die Existenz jener Säule, in deiner Hand steht!

[JJ.01_061,06] Mit deinem Gedanken kannst du mich, wie sicher eine ganze Welt, im Augenblicke vernichten!

[JJ.01_061,07] Wie sollte ich da nicht beben vor dir, da du sicher der mächtige Urvater aller unserer Götter bist, so sie irgend wirklich existieren sollten?!

[JJ.01_061,08] Dem Jupiter Stator war jene Säule schon seit undenklichen Zeiten geweiht; alle Stürme und Blitze bebten aus großer Ehrfurcht vor ihr zurück!

[JJ.01_061,09] Und nun zerstörte sie sogar dein unmündiges Kind! – Kann aber dein Kind schon solches, welche Macht muß erst in dir zugrunde liegen?!

[JJ.01_061,10] Lasse dich daher anbeten von mir unwürdigstem Erdwurme!"

[JJ.01_061,11] Joseph aber sprach: „Höre, Freund und Bruder Maronius, du bist in einer großen Irre!

[JJ.01_061,12] Ich bin nicht mehr als du, also nur ein sterblicher Mensch! – So du aber auf dein Leben schweigen kannst vor aller Welt, da will ich dir etwas sagen!

[JJ.01_061,13] Schweigst du aber nicht, so wird es dir nicht viel besser ergehen, als es jener Säule ergangen ist!

[JJ.01_061,14] Und so höre mich denn an, so du willst und es dir getrauest!"

[JJ.01_061,15] Der Maronius aber bat den Joseph auf den Knien, ihm ja nichts zu erzählen; denn es könnte ihm doch einmal irgend zufällig etwas entfallen, und da wäre er verloren.

[JJ.01_061,16] Joseph aber sprach: „Des sei völlig unbesorgt; der Herr Himmels und der Erde züchtiget nie jemanden des Zufalls wegen!

[JJ.01_061,17] Daher magst du ganz ohne Furcht mich anhören; was ich dir sagen werde, wird dich nicht verderben, wohl aber erhalten für ewig!"

[JJ.01_061,18] Und der Cyrenius das Kindlein anbetend, kosend auf seinen Händen noch, trat hin zum Joseph und sagte zu ihm:

[JJ.01_061,19] „Mein größter und liebster Freund! Lasse du den Maronius nun, wie er ist; ich selbst will ihn heute bei mir eher vorbereiten, und morgen kannst du ihm dann erst die höhere Weihe geben!"

[JJ.01_061,20] Und Joseph war damit einverstanden und begab sich dann mit der Gesellschaft sobald wieder in das Wohnhaus.

 

62. Kapitel – Cyrenius und Joseph im Liebeseifer ums Wohl einer Menschenseele. Josephs Worte über Bruder- und Menschenliebe. Warum der Mensch zwei Augen, zwei Ohren, aber nur einen Mund hat.

7. November 1843

[JJ.01_062,01] Am Abende aber sprach der Cyrenius zum Joseph: „Mein Freund, mein göttlicher Bruder! Wie sehr leid ist es mir, daß ich heute nicht bei dir übernachten kann!

[JJ.01_062,02] Und wie leid ist es mir, daß ich den morgigen Tag bis nach Mittag dem Staatsgeschäfte widmen muß!

[JJ.01_062,03] Aber um die dritte Stunde des Nachmittags werde ich mit Maronius wieder zu dir kommen, und du wirst ihm dann auf meine Unterweihe die heilige Oberweihe geben!

[JJ.01_062,04] Denn siehe, es liegt mir sehr viel daran, daß dieser sonst so kenntnisreiche Mensch gerettet werde durch die heilige Lebensschule deines Gottes, die ich für die allein wahre und lebendige halte!"

[JJ.01_062,05] Und der Joseph sprach: „Ja, du hoher Freund, das ist recht und billig; denn nichts ist dem Herrn angenehmer, als so wir unsere Feinde mit Liebe behandeln und sorgen für ihr zeitliches und ewiges Wohl!

[JJ.01_062,06] Betrachten wir jeden Sünder als einen irrenden Bruder, so wird uns auch Gott als Seine irrenden Kinder betrachten,

[JJ.01_062,07] im Gegenteile aber nur als böswillige Geschöpfe, die da allzeit Seinen Gerichten unterliegen und werden getötet gleich den Ephemeriden!

[JJ.01_062,08] Denn siehe, darum hat der Herr uns Menschen zwei Augen gegeben und nur einen Mund zum Reden, auf daß wir mit dem einen Auge nur die Menschen als Menschen, mit dem andern aber als Brüder betrachten sollen!

[JJ.01_062,09] Fehlen die Menschen vor uns, da sollen wir das Bruderauge offen halten und das Menschenauge schließen;

[JJ.01_062,10] fehlen aber die Brüder vor uns, da sollen wir das Bruderauge schließen und das Menschenauge auf uns selbst richten und uns alsonach selbst gegenüber den fehlenden Brüdern als fehlende Menschen ansehen.

[JJ.01_062,11] Mit dem einen Munde aber sollen wir alle gleich einen Gott, einen Herrn und einen Vater bekennen, so wird Er uns als Seine Kinder anerkennen!

[JJ.01_062,12] Denn auch Gott hat zwei Augen und einen Mund; mit dem einen Auge sieht Er Seine Geschöpfe – und mit dem andern Seine Kinder!

[JJ.01_062,13] Beschauen wir uns mit dem Bruderauge, da sieht uns der Vater mit dem Vaterauge an;

[JJ.01_062,14] beschauen wir uns aber mit dem Menschenauge, da sieht uns Gott nur mit dem Schöpferauge an, und Sein eben auch nur ein Mund kündet den Kindern Seine Liebe, oder aber den Geschöpfen Sein Gericht!

[JJ.01_062,15] Also ist es recht und billig, daß wir also für unseren Bruder Maronius sorgen!"

[JJ.01_062,16] Hier segnete Joseph den Cyrenius und den Maronius; die beiden begaben sich dann in die Stadt mit ihrer Suite, – und Joseph bestellte sein Hauswesen.

 

63. Kapitel – Jakobus als Kindsmagd an der Wiege des Kindleins; seine Neugier und seine Zurechtweisung durch das Kindlein. Des Jakobus Ahnung, wer da im Kinde ist.

8. November 1843

[JJ.01_063,01] Am Abende legte Maria das schon müde gewordene Kindlein in die Wiege, die der Joseph schon zu Ostracine verfertigt hatte.

[JJ.01_063,02] Und Josephs jüngster Sohn mußte gewöhnlich die Kindsmagd machen und wiegte auch jetzt das Kindlein, auf daß Es einschlafen möchte.

[JJ.01_063,03] Und Maria ging in die Küche, um ein nötiges Nachtmahl zu bereiten.

[JJ.01_063,04] Der wiegende Sohn Josephs aber hätte gerne gehabt, daß das Kindlein diesmal etwas früher einschlafen möchte, weil er gerne mit seinen Brüdern draußen die Beleuchtung eines Triumphbogens geschaut hätte, der mittlerweile unfern der Villa dem Cyrenius ist errichtet worden.

[JJ.01_063,05] Er wiegte daher das Kindlein fleißig und sang und pfiff dabei.

[JJ.01_063,06] Aber das Kindlein wollte dennoch nicht einschlafen; wann er mit dem Wiegen innehielt, da fing das Kindlein sich gleich wieder zu rühren an und zeigte dem Wieger an, daß Es noch nicht schlafe.

[JJ.01_063,07] Das brachte unsere männliche Kindsmagd beinahe zur Verzweiflung, indem es draußen vor lauter brennender Fackeln schon ganz helle geworden war.

[JJ.01_063,08] Er beschloß daher, das Kindlein, wenn Es auch noch wache, ein wenig zu verlassen, um das Spektakel draußen ein wenig anzugaffen.

[JJ.01_063,09] Als sich also unser Jakob aber erhob, da sprach das Kindlein: „Jakob, wenn du Mich nun verläßt, so solle es dir übel ergehen!

[JJ.01_063,10] Bin Ich denn nicht mehr wert als das törichte Spektakel draußen und deine eitle Neugier?

[JJ.01_063,11] Siehe, alle Sterne und alle Engel beneiden dich um diesen Dienst, den du Mir nun erweisest, und du bist voll Ungeduld über Mich und willst Mich verlassen? –

[JJ.01_063,12] Wahrlich, so du das tust, da bist du nicht wert, Mich zum Bruder zu haben!

[JJ.01_063,13] Gehe nur hinaus, wenn dir das Spektakel der Welt lieber ist als Ich!

[JJ.01_063,14] Siehe, das ganze Zimmer ist voll Engel, die da bereit sind, Mir zu dienen, wenn dir dein kleiner und leichter Dienst an Mir lästig ist!"

[JJ.01_063,15] Diese Rede benahm dem Jakob plötzlich alle Lust zum Hinausgehen;

[JJ.01_063,16] er blieb daher an der Wiege und bat das Kindlein förmlich um Vergebung und wiegte Es fleißig wieder fort.

[JJ.01_063,17] Und das Kindlein sprach zum Jakob: „Es sei dir alles vergeben; aber ein anderes Mal lasse dich ja nimmer von der Welt bestechen!

[JJ.01_063,18] Denn Ich bin mehr als alle Welt, alle Himmel und alle Menschen und Engel!"

[JJ.01_063,19] Diese Worte brachten unseren Jakob beinahe ums Leben; denn er wurde leise gewahr, Wer da sicher hinter dem Kinde stecke.

[JJ.01_063,20] Nun aber kamen auch schon Maria und Joseph und die andern vier Söhne Josephs ins Zimmer und setzten sich zum Tische; Jakob aber erzählte sogleich, was ihm begegnet ist.

 

64. Kapitel – Josephs Rede über die Liebe zu Gott und die Liebe zur Welt. Seine Hinweise auf David, Salomo und Cyrenius. Die Rührung der Söhne Josephs und der Segen des Jesuskindleins.

9. November 1843

[JJ.01_064,01] Als der Jakob mit seiner Erzählung zu Ende war, da sprach Joseph zum Jakob:

[JJ.01_064,02] „Ja, also ist es und ist auch allzeit also gewesen und wird allzeit also sein; man muß Gott mehr lieben, im geringsten Teile schon, als alle Herrlichkeiten der Welt!

[JJ.01_064,03] Denn was geben einem Menschen auch alle die schreienden Herrlichkeiten der Welt?

[JJ.01_064,04] David selbst mußte flüchten vor seinem eigenen Sohne, und Salomo mußte bitter am Ende die Ungnade des Herrn empfinden, weil er zu sehr den Herrlichkeiten der Welt nachhing!

[JJ.01_064,05] Gott aber schenkt uns zu jeder Sekunde ein neues Leben; wie sollten wir Ihn da nicht im geringsten Teile mehr lieben als alle Welt, die vergeht und ist voll Aases und Unrates!

[JJ.01_064,06] Wir aber sind ja unter uns alle überzeugt, daß dies unser Kindlein von Oben ist und heißet Gottes Sohn.

[JJ.01_064,07] Es ist somit kein geringer Teil Gottes; daher ist es auch billig, daß wir Es mehr lieben als alle Welt!

[JJ.01_064,08] Sehet an den Heiden Cyrenius! – Nicht uns gilt das, was er an uns tut, sondern dem Kindlein; denn sein Herz sagt es ihm, daß nach seinem Begriffe ein allerhöchstes Gottwesen mit diesem unserem Kinde in engster Verbindung stehe, darum er Es dann fürchtet und liebt.

[JJ.01_064,09] Tut aber solches schon ein Heide, um wieviel mehr müssen wir erst desgleichen tun, die wir vollends wissen, woher dies Kindlein kam, Wer Sein Vater ist. –

[JJ.01_064,10] Daher solle allzeit all unser Augenmerk auf dies Kindlein gerichtet sein; denn das Kind ist mehr als wir und alle Welt!

[JJ.01_064,11] Nehmt euch an mir ein Beispiel, und sehet, welche schweren Opfer ich alter Mann alle schon diesem Gotteskinde gebracht habe!

[JJ.01_064,12] Aber ich brachte sie leicht und mit großer Liebe, weil ich Gott mehr liebe als alle Welt!

[JJ.01_064,13] Haben wir aber dadurch je irgend etwas verloren? – O nein! Wir haben noch nach jedem Opfer gewonnen!

[JJ.01_064,14] Also denket und tut auch ihr alle dasselbe, und ihr werdet nie etwas verlieren, sondern allzeit nur hoch gewinnen!

[JJ.01_064,15] Zudem ist dies Kind ja ohnehin so sanfter Art, daß es wahrlich eine höchste Freude ist, bei Ihm zu sein!

[JJ.01_064,16] Nur höchst selten weint Es laut! Es ist noch nie krank gewesen; und wenn man Es lockt, so sieht Es so munter und fröhlich umher und lächelt jeden Menschen allzeit so herzlich an, daß man dadurch zu Tränen gerührt wird.

[JJ.01_064,17] Und jetzt, da Es auch wunderbar auf einmal zu reden hat angefangen, möchte man Es ja gar erdrücken vor lauter Liebe!

[JJ.01_064,18] Daher also, meine Kinder, bedenket wohl, wer dieses Kindlein ist, und wartet und pfleget Es ja sorgfältigst!

[JJ.01_064,19] Denn sonst könnte Es euch gebührendermaßen strafen, wenn ihr Es, als unser höchstes Gut, geringer achten möchtet als alle die nichtssagenden Torheiten der Welt!"

[JJ.01_064,20] Diese Rede brachte alle die fünf Söhne zum Weinen, und alle standen vom Tische auf und umlagerten die Wiege des Kindes.

[JJ.01_064,21] Das Kindlein aber sah Seine Brüder auch gar freundlichst an und segnete sie und sprach: „O Brüder, werdet Mir gleich, wollet ihr ewig glücklich sein!" – Und die Brüder weinten und aßen nichts am selben Abende.

 

65. Kapitel – Joseph mahnt zur Nachtruhe. Des Kindleins Aufforderung zu wachen wegen eines bevorstehenden Sturmes. Der Ausbruch des Orkans. Die Ankunft des flüchtenden Cyrenius.

10. November 1843

[JJ.01_065,01] Die Söhne Josephs aber wollten nicht mehr die Wiege verlassen; denn zu mächtig ergriff sie die Liebe zu ihrem göttlichen kleinen Bruder!

[JJ.01_065,02] Da es aber schon ziemlich spät geworden war, da sprach der Joseph zu den Söhnen:

[JJ.01_065,03] „Ihr habt nun hinreichend gezeigt, daß ihr das Kindlein liebet!

[JJ.01_065,04] Es ist schon spät in die Nacht geworden, und morgen wird es wieder früh Tag werden; daher möget ihr euch im Namen des Herrn zur Ruhe begeben!

[JJ.01_065,05] Das Kindlein schläft nun bereits, stellet behutsam die Wiege an das Bett der Mutter, und begebet euch dann in euer Schlafgemach!"

[JJ.01_065,06] Solches hatte der Joseph noch kaum ausgesprochen, da schlug das Kindlein die Augen auf und sprach:

[JJ.01_065,07] „Bleibet für diese Nacht alle hier, und behaltet die Schlafstube für Fremde, die heute hier noch die Zuflucht nehmen werden!

[JJ.01_065,08] Denn bald wird ein allergewaltigster Sturm diese Gegend heimsuchen, desgleichen noch nie in dieser Gegend erhöret ward!

[JJ.01_065,09] Aber niemand von euch fürchte sich; denn es wird darum niemandem ein Haar gekrümmt werden!

[JJ.01_065,10] Versperret aber darum ja keine Türe, auf daß die Flüchtlinge sich in diesem Hause zu retten vermöchten!"

[JJ.01_065,11] Joseph erschrak über diese Vorsage des Kindes und eilte sogleich hinaus, um zu sehen, von woher das Gewitter kommen würde.

[JJ.01_065,12] Als er aber draußen war, bemerkte er nirgends ein Wölklein; der Himmel war rein, und kein Lüftchen regte sich.

[JJ.01_065,13] Eine Grabesstille war über die ganze Gegend verbreitet, und von einem herannahenden Sturme war ewig nirgends eine Rede.

[JJ.01_065,14] Joseph kehrte darum sobald zurück, gab Gott die Ehre und sagte:

[JJ.01_065,15] „Das Kindlein wird vielleicht geträumt haben; denn von einem Sturme ist nirgends eine Rede!

[JJ.01_065,16] Der Himmel ist rein nach allen Seiten, und kein Lüftchen regt sich; woher solle da ein Sturm werden?!"

[JJ.01_065,17] Kaum hatte Joseph noch diese Worte ausgesprochen, da geschah auf einmal ein Knall wie von tausend Donnern; die Erde erbebte so gewaltigst, daß in der Stadt mehrere Häuser und Tempel zusammenstürzten.

[JJ.01_065,18] Gleich darauf fing ein so heftiger Orkan zu wüten an, daß er das nahe Meer in die Stadt ellenhoch trieb; und alles Volk, durch den gewaltigsten Erdstoß geweckt, eilte hinaus aus der Stadt auf die höher liegenden Orte.

[JJ.01_065,19] Und der Cyrenius selbst mit Maronius und seinem ganzen Gefolge kam bald eiligst fliehend in die Villa zum Joseph und erzählte ihm flüchtig die Schauderszenen, die das Erdbeben und der Sturm bewirkten.

[JJ.01_065,20] Joseph aber beruhigte den Cyrenius dadurch, daß er ihm sogleich kundgab, was das Kindlein ehedem geredet hatte. – Hier fing der Cyrenius leichter zu atmen an, und das Toben des Sturmes erschreckte ihn nicht mehr; denn er fühlte sich wie wohlgeborgen.

 

66. Kapitel – Der tobende Sturm. Das schlafende Kindlein. Des Cyrenius Besorgnis. Das Kindlein: „Die Stürme müssen sein ...". Ein Evangelium der Natur und des Gottvertrauens.

[JJ.01_066,01] Als der Cyrenius sich nun so ganz wieder erholt hatte, ging er hin zur Wiege und betrachtete das Kind, in seiner Brust großer Gedanken voll.

[JJ.01_066,02] Das Kindlein aber schlief ganz ruhig, und das entsetzliche Toben des Sturmes beirrte Es nicht im Schlafe.

[JJ.01_066,03] Es fing aber in kurzer Zeit der Orkan so heftig an das Gebäude zu stoßen, daß Cyrenius einen Einsturz befürchtete.

[JJ.01_066,04] Er sprach daher zum Joseph: „Erhabener Freund! Ich meine, dem steten Zunehmen der Gewalt des Sturmes zufolge sollten wir doch lieber dies Gebäude verlassen!

[JJ.01_066,05] Denn wie leicht kann eine mächtige Windhose dieses wenn auch feste Gebäude ergreifen und uns alle unter dem Schutte desselben begraben!

[JJ.01_066,06] Daher ergreifen wir lieber frühzeitig die Flucht, da wir denn doch nicht sicher sein können davor, als könnte so etwas hier nicht ebenso gut geschehen wie in der Stadt!"

[JJ.01_066,07] Hier schlug das Kindlein plötzlich wieder Seine himmlisch göttlichen Augen auf und erkannte sogleich den Cyrenius und sprach gar deutlich zu ihm:

[JJ.01_066,08] „Cyrenius! – Wenn du bei Mir bist, brauchst du dich nicht zu fürchten vor diesem Sturme;

[JJ.01_066,09] denn die Stürme auch liegen, wie alle Welt, in der Hand deines Gottes!

[JJ.01_066,10] Die Stürme müssen sein und müssen verscheuchen das ausgebrütete Böse der Hölle leibhaftig!

[JJ.01_066,11] Aber denen, die um Mich sind, können sie nimmer zu Leibe; denn auch die Stürme kennen ihren Herrn und tun nicht planlos, was sie tun.

[JJ.01_066,12] Denn der Eine, der höchst liebevoll, weise und allmächtig ist, hält ihre Zügel in Seiner Hand.

[JJ.01_066,13] Daher sei ohne Furcht, Mein Cyrenius, hier bei Mir, und sei versichert, daß da niemandem auch nur ein Haar gekrümmet wird!

[JJ.01_066,14] Denn diese Stürme wissen es genau, Wer hier zu Hause ist.

[JJ.01_066,15] Siehe, haben die Menschen doch heute abend sogar dir, der du doch nur ein Mensch bist, eine feurige Ehrung dargebracht!

[JJ.01_066,16] Hier aber ehren die Stürme Jemanden, der mehr ist als nur ein Mensch! – Findest du das unbillig?

[JJ.01_066,17] Siehe, das ist ein Loblied der Natur, die ihren Herrn und Schöpfer preist! Ist das nicht billig?

[JJ.01_066,18] O Cyrenius, die Luft, die dich anweht, verstehet auch Den, der sie erschuf; darum kann sie Ihn auch preisen!" –

[JJ.01_066,19] Diese Worte des bald wieder einschlafenden Kindleins machten alles verstummen, und Cyrenius kniete sich zur Wiege nieder und betete heimlich das Kindlein an.

 

67. Kapitel – Die Schreckensnachricht der Eilboten. Das blutige Verlangen der heidnischen Götzenpriester. Cyrenius im Zwiespalt zwischen Herz und Welt. Des Kindleins Rat.

13. Oktober 1843

[JJ.01_067,01] Also verging eine ruhigere Stunde, und man kümmerte sich nicht mehr zu sehr um das Wüten und Toben des Sturmes draußen.

[JJ.01_067,02] Nach dem Verlaufe von einer Stunde aber kamen Eilboten zum Cyrenius ins Haus Josephs und erzählten, sagend:

[JJ.01_067,03] „Hoher, mächtiger Herr! Unerhörte Dinge geschehen:

[JJ.01_067,04] Feuer bricht an mehreren Orten aus der Erde;

[JJ.01_067,05] fliegende Feuersäulen werden von dem Orkane hin und her getrieben und zerstören alles, was sie erreichen!

[JJ.01_067,06] Nichts ist fest und stark genug, ihrer entsetzlichen Kraft zu widerstehen!

[JJ.01_067,07] Die Priester haben gesagt: Alle gesamten Götter hätten sich erzürnt und wollen uns alle vernichten!

[JJ.01_067,08] Also ist es aber auch; denn man hört deutlich das Gebelle des Cerberus, und die Furien tanzen schon allenthalben herum! Der Vulkan hat seine Essen auf die Oberwelt gerichtet!

[JJ.01_067,09] Seine mächtigen Zyklopen zertrümmern mutwillig die Häuser und die Berge!

[JJ.01_067,10] Und der Neptun hat alle seine Macht zusammen in eine vereint!

[JJ.01_067,11] Gleich Bergen erhebt er das Meer und will uns alle ertränken!

[JJ.01_067,12] Wenn nicht plötzlich große Menschenopfer den überaus erzürnten Göttern dargebracht werden, so ist es um uns alle geschehen!

[JJ.01_067,13] Tausend Jünglinge und tausend Jungfrauen haben die Priester zur Sühnung bestimmt; und wir sind darum in aller Eile an dich abgesandt, auf daß wir von dir das Fiat empfangen sollen!"

[JJ.01_067,14] Der Cyrenius erschrak über diese Botschaft ganz gewaltig und wußte nicht, was er nun beginnen solle.

[JJ.01_067,15] Dem Priesterrufe getraute er sich der Staatspolitik wegen nicht schnurgerade zu widersetzen;

[JJ.01_067,16] das Opfer aber zu billigen, war seinem Herzen noch unmöglicher, als den Priestern zu widersprechen.

[JJ.01_067,17] Er wandte sich daher an das Kindlein, welches eben wach geworden war, und fragte Es um einen Rat in dieser schrecklichen Sache.

[JJ.01_067,18] Das Kindlein aber sprach: „Sei ruhig! Denn in einer Minute wird sich der Sturm legen, und die, welche Menschen schlachten wollten, sind nicht mehr! Daher sei ruhig, Mein Cyrenius!"

 

68. Kapitel – Des Cyrenius Antwort an die Boten. Die drei blutrünstigen Priester drängen auf Opferung. Die weise Entscheidung des Cyrenius. Die Qual der zweitausend Opfer.

14. November 1843

[JJ.01_068,01] Die Eilboten aber warteten noch immer auf den Opferbefehl des Cyrenius.

[JJ.01_068,02] Cyrenius aber erhob sich von der Wiege und sprach zu den Eilboten:

[JJ.01_068,03] „Gehet hin zu den Priestern, und überbringet mir die Liste der zum Opfer bestimmten Jünglinge und Mädchen;

[JJ.01_068,04] denn ich muß mich überzeugen, ob die Wahl gerecht ist!"

[JJ.01_068,05] Die Eilboten rannten davon bei schon gänzlich eingetretener Ruhe des Sturmes.

[JJ.01_068,06] In der Stadt angelangt, fanden sie aber das Priestergebäude zu ihrem Entsetzen schon in einen mächtigen Schutthaufen verwandelt, unter dem bis auf drei Unterpriester alle anderen höheren Priester ihren Untergang fanden.

[JJ.01_068,07] Die Eilboten kehrten darum bald um und brachten dem Cyrenius die Nachricht, was da mit den Priestern geschehen ist.

[JJ.01_068,08] Cyrenius, nun völligst überzeugt von der Richtigkeit der Aussage des Kindleins, wußte nun nicht, was er tun solle, und wollte wieder das Kindlein um Rat fragen.

[JJ.01_068,09] Aber in dem Augenblick kamen auch die drei noch übriggebliebenen Unterpriester;

[JJ.01_068,10] diese fragten nun auch eiligst, was da zu tun sein werde, indem ein neuer Erdstoß alle die frommen Diener der Götter in ihrem Palaste begraben hatte, während sie schon zur großen Opferung ausgerüstet waren.

[JJ.01_068,11] „Die tausend Jünglinge und die tausend Mägde stehen schon zur großen Opferung an jenem Platze bereitet, an dem die Säule des Jupiter stand, nun aber auch völlig vernichtet ist!

[JJ.01_068,12] Soll die Opferung sobald oder erst beim Aufgange der Sonne vorgenommen werden!?

[JJ.01_068,13] Aufgehoben kann sie auf keinen Fall werden, da dadurch die Götter ob des Undankes und wegen der Menschen Treulosigkeit in einen noch größeren Zorn sicher geraten könnten!"

[JJ.01_068,14] Und der Cyrenius erwiderte den drei Unterpriestern:

[JJ.01_068,15] „Heute darf die Opferung auf keinen Fall unternommen werden und morgen früh bei Todesstrafe nicht eher, als bis ich persönlich dazu den Befehl erteilen werde!"

[JJ.01_068,16] Darauf verließen die drei Unterpriester den Cyrenius und begaben sich auf den Platz, allda die armen Opfer weinten und wehklagten und aus großer Marter- und Todesangst die Hände zu den Göttern rangen, daß sie verschont werden möchten.

[JJ.01_068,17] Cyrenius aber konnte kaum den nächsten Morgen erwarten; denn ihn dauerten die geängsteten Opfer zu sehr, da sie eine solche Schauernacht zu bestehen haben! – –

 

69. Kapitel – Die angstvolle Nacht der jungen Menschenopfer. Die drei teuflischen Götzendiener. Cyrenius voll Empörung spricht sein Urteil: Freiheit den Opfern, Tod den drei Priestern!

15. November 1843

[JJ.01_069,01] Die drei Unterpriester aber, als sie auf den Opferplatz gelangten, verkündeten den Opferwachen sogleich, wie den armen von aller Todesangst übermannten jungen Opfern, daß die vorbestimmte und unabänderliche Opferung erst am nächsten Morgen desto bestimmter vorgenommen werde, weil solche der hohe Cyrenius selbst also angeordnet habe.

[JJ.01_069,02] In welche Stimmung diese Nachricht die zweitausend Opfer versetzt hat, braucht keiner näheren Beschreibung für den, der es aus der geschichtlichen Tradition weiß, daß derlei Opfer zur Versöhnung verschiedenartiger Götter auch sehr verschiedenartig gemartert und getötet wurden.

[JJ.01_069,03] (Es dürfte für manchen zu empörend sein, alle die bei tausend verschiedenen Marterarten zu vernehmen; daher wollen wir sie auch übergehen.

[JJ.01_069,04] Dafür aber wollen wir sogleich mit dem Cyrenius und dem Maronius und Joseph am frühen Morgen den Opferplatz besuchen und uns dort ein wenig umsehen! –)

[JJ.01_069,05] Am frühesten, überaus heiteren Morgen begaben sich die drei Obenerwähnten an den vorbestimmten Opferplatz.

[JJ.01_069,06] Mit der größten Erbitterung vernahm der Cyrenius schon von der Ferne das entsetzliche Angstgeschrei der zu opfernden Jugend.

[JJ.01_069,07] Er beschleunigte daher seine Schritte, um ja baldmöglichst dieser Schauderszene ein Ende zu machen.

[JJ.01_069,08] Auf dem Platze angelangt, entsetzte er sich über das unmenschliche Gefühl der drei Unterpriester, welche schon mit der größten Sehnsucht des Cyrenischen Befehls zum Würgen harrten.

[JJ.01_069,09] Cyrenius ließ die Priester sogleich zu sich kommen und fragte sie: „Sagt mir, dauert euch diese herrliche Jugend gar nicht, so sie allergrausamst ermordet werden sollte? – Habt ihr für sie kein Mitleid in eurer Brust?!"

[JJ.01_069,10] Und die Priester sprachen: „Wo die Götter fühlen, da hat es mit dem Menschlichkeitsgefühle ein Ende!

[JJ.01_069,11] Den Göttern ist der Menschen Leben nichts – und oft nur ein Greuel; daher stimmt das uns, ihre Diener auf Erden, nach ihrer Art, und wir können daher kein Erbarmen in uns tragen,

[JJ.01_069,12] wohl aber nur eine Wonne und einen Jubel in dem, wie wir den Göttern pünktlichst zu dienen vermögen!

[JJ.01_069,13] Also freuen wir uns auch schon jetzt über die Maßen auf die Schlachtung dieser ohnehin selten von den hohen Göttern verlangten Opfer!"

[JJ.01_069,14] Diese Äußerung versetzte dem Cyrenius einen so mächtigen Stoß aufs Herz, daß er vor Zorn über diese Priester zu beben anfing.

[JJ.01_069,15] In kurzer Zeit sich ermannend aber sprach er wieder zu den Priestern: „Wie aber, wenn Zeus selbst sich hier befände und schenkte diesen Opfern das Leben! – was würdet ihr dann tun?"

[JJ.01_069,16] Und die Priester erwiderten: „Dann müßte die Opferung um so bestimmter vorgenommen werden, weil das nur eine Prüfung für unseren priesterlichen Diensteifer wäre!

[JJ.01_069,17] Würden wir dann uns der bestimmten Opfer erbarmen, so würde uns Zeus als Frevler ansehen und uns vernichten mit Blitz und Donner!"

[JJ.01_069,18] Cyrenius aber fragte die Priester weiter und sprach: „Was haben denn die andern hohen Priester vor den Göttern dann verbrochen, daß sie so übel sind in ihrem Palaste getötet worden?"

[JJ.01_069,19] Und die Priester erwiderten: „Weißt du denn nicht, daß über allen Göttern und ihren Priestern noch ein unerbittliches Fatum herrschet?!

[JJ.01_069,20] Dieses hat die Priester getötet, wie ehedem die Götter aufgereizt; die Götter aber kann es nicht töten, wohl aber die noch hie und da sterblichen Priester!"

[JJ.01_069,21] „Gut", sprach Cyrenius, „heute nach Mitternacht kam das Fatum zu mir und erteilte mir den Befehl, aller dieser Jugend das Leben zu schenken – und dafür euch zu opfern, und das so bestimmt, als ich Cyrenius heiße und mein Bruder Julius Augustus Caesar als oberster Consul und Kaiser in Rom herrschet! – Was saget ihr denn zu dieser Kunde?!"

[JJ.01_069,22] Diese Schreckenskunde machte die Priester erblassen und die andern Opfer wieder zum Bewußtsein gelangen. – Denn hier ließ Cyrenius sogleich allen Opfern die Freiheit verkünden, aber die drei Priester binden und für die Hinrichtung vorbereiten. –

 

70. Kapitel – Josephs Milderungsversuch. Des Cyrenius Grimm gegen die zum Tode verurteilten drei Priester. Das Flehen der Verurteilten um Gnade.

16. November 1843

[JJ.01_070,01] Joseph aber trat nun zum Cyrenius hin und fragte ihn, sagend: „Geachtetster liebster Freund! Ist das dein vollkommenster Ernst, diese drei Götzenknechte zu töten?"

[JJ.01_070,02] Und der Cyrenius, voll Grimm gegen diese allergefühllosesten drei Menschentiger, sprach zum Joseph:

[JJ.01_070,03] „Ja, mein erhabenster Freund! Hier will ich ein Beispiel statuieren, daran alles Volk erkennen solle, daß ich nichts so sehr ahnde als die gänzliche Lieblosigkeit!

[JJ.01_070,04] Denn ein Mensch ohne Liebe und ohne alles Mitleidsgefühl ist der Übel größtes auf der Erde.

[JJ.01_070,05] Alle reißenden Tiere sind Lämmer gegen ihn, und die Furien der Hölle sind nur kaum schlechte Schüler gegen ihn zu nennen!

[JJ.01_070,06] Darum erachte ich es auch als erste und oberste Pflicht eines wahren Völkerregenten, derlei Scheusale auszurotten und gänzlich von der Erde zu vertilgen!

[JJ.01_070,07] Priester sollen das Volk ja aber nur ganz besonders in der Liebe unterrichten; sie sollen jedermann mit einem guten Beispiele vorangehen!

[JJ.01_070,08] Wenn aber diese ersten Volkslehrer und Leiter zu Furien werden, was solle dann aus ihren Schülern werden?

[JJ.01_070,09] Daher weg mit derlei Bestien! – Ich sinne nun nur auf die martervollste Todesart nach; habe ich diese, sodann solle sogleich der Stab über sie gebrochen werden!"

[JJ.01_070,10] Joseph aber getraute sich kaum mehr dem Cyrenius etwas einzuwenden, denn dieser hatte diese Worte in einem zu mächtigen Ernste gesprochen.

[JJ.01_070,11] Nach einer Weile aber fielen die drei Priester vor dem Cyrenius nieder und baten ihn um Gnade unter der Versicherung, daß sie ihr Leben sicher ändern werden, und seien auch bereit, auf der Stelle ihr Priestertum niederzulegen.

[JJ.01_070,12] Für die Gewinnung der Gnade aber appellierten sie an das priesterliche Gesetz, welches sie also und nicht anders zu handeln bestimmt habe.

[JJ.01_070,13] Cyrenius aber sprach: „Meint ihr Bösewichte denn, ich kenne die Gesetze der Priester nicht?!

[JJ.01_070,14] Höret, das außerordentliche Opfergesetz lautet also: ,Wenn irgend ein Volk ersichtlichermaßen den Göttern durch seine Ausschweifung untreu geworden ist und die Götter dasselbe dann heimsuchen mit Krieg, Hunger und Pest, dann sollen die Priester das Volk zur Besserung ermahnen.

[JJ.01_070,15] Kehrt sich das Volk daran, da sollen es die Priester wieder segnen und dem Volke zur Pflicht machen, zur Versöhnung der Götter gewisse Opfer an Gold, Vieh und Getreide vor die Priester zu bringen, die dann diese Opfer weihen und dann damit ein Rauchwerk machen sollen!

[JJ.01_070,16] Sollte es jedoch irgend ein so hartnäckiges, unbekehrbares Volk geben, das da der Priester spottete, da sollen die Priester die Spötter samt ihren Kindern ergreifen lassen und sie in unterirdischen Gemächern mit der Zuchtrute unterrichten sieben Monde lang!

[JJ.01_070,17] Bekehren sich da die Frevler, so sollen sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden; bekehren sie sich aber nicht, da sollen sie durch das Schwert fallen – und dann erst zur Sühne der Götter in die Flamme gelegt werden!‘

[JJ.01_070,18] Lautet nicht also das alte weise Opfergesetz? – War hier Krieg, Hunger und Pest? – War diese schöne Jugend abtrünnig den Göttern? Habt ihr sie zuvor sieben Monde lang unterrichtet? – Nein!!! – Sondern aus Ehr- und Geilsucht wolltet ihr sie töten; und darum müßt ihr sterben als die größten Frevler an eurem eigenen Gesetze!" – –

 

71. Kapitel – Josephs sanfter Einspruch an Cyrenius unter Hinweis auf das Gericht des Herrn. Des Cyrenius Nachgeben. Die scheinbare Verurteilung zum Tode am Kreuz als Besserungsmittel für die drei Priester.

17. November 1843

[JJ.01_071,01] Nach dieser Erklärung des Cyrenius trat abermals der Joseph zu ihm und sprach:

[JJ.01_071,02] „Cyrenius, du mein großerhabner Freund und Bruder! – Ich meine, du sollst die Strafe für diese drei Götzenknechte, welche wohl im Ernste böswillig sind, dem Herrn überlassen;

[JJ.01_071,03] denn glaube mir, niemand tut dem Herrn, dem allmächtigen Gott Himmels und der Erde, einen wohlgefälligen Dienst, selbst dann nicht, wenn er den größten Missetäter umbringen läßt!

[JJ.01_071,04] Überlasse du daher unbesorgt dem Allmächtigen die gerechte Züchtigung dieser drei, und der Herr wird dich segnen durch die Strafe, die Er diesen dreien nur zu sicher wird zukommen lassen, wenn sie sich nicht zu einer übergroßen Reue und völligen Umkehr wenden werden!

[JJ.01_071,05] Gehen sie aber in sich zur wahren Reue und Umkehr zum einig wahren Gott über, so können sie ja auch noch edle Menschen werden!"

[JJ.01_071,06] Diese Worte Josephs brachten den Cyrenius zum Nachdenken darüber, was er so ganz eigentlich tun solle.

[JJ.01_071,07] Nach einer Weile beschloß er, die drei wenigstens einer starken Todesangst auszusetzen als Reprise für die, welche sie der armen Jugend verursacht hatten.

[JJ.01_071,08] Daher sprach er zum Joseph: „Mein innigster, mein erhabenster Freund und Bruder! Ich habe nun deinen Rat wohl erwogen und werde ihn auch befolgen!

[JJ.01_071,09] Aber nur für diesen Augenblick kann ich das nicht tun! – Ich muß diesen dreien einmal den angedrohten Stab brechen und sie zu einem martervollsten Tode verurteilen!

[JJ.01_071,10] Haben sie erst eine vierundzwanzigstündige Todesangst ausgestanden, dann bitte du mich laut vor allem Volke an diesem Richtplatze um die Gnade und um die Aufhebung der Todesstrafe;

[JJ.01_071,11] und ich werde dich offenbar erhören und dann nach der gesetzlichen Ordnung diesen drei Wichten das Leben schenken!

[JJ.01_071,12] Ich meine, also wird es recht sein; denn siehe, sogleich begnadigen kann ich sie nicht, weil ich sie als schwarze Verbrecher am priesterlichen Gesetze erkannt habe!

[JJ.01_071,13] Nach dem Gesetze müssen sie das Todesurteil vernehmen; ist das geschehen, so kann dann erst bei außerordentlichen Fällen die Begnadigung an die Stelle der Exekution des Urteils treten.

[JJ.01_071,14] Und so will ich mich sogleich an dieses Werk machen!"

[JJ.01_071,15] Joseph billigte das, und der Cyrenius berief sogleich die Richter, die Liktoren und die Büttel zu sich und sprach:

[JJ.01_071,16] „Schaffet drei eiserne Kreuze her und Ketten; die Kreuze befestiget in dem Boden und heizet vierundzwanzig Stunden um die aufgestellten Kreuze!

[JJ.01_071,17] So diese in dieser Zeit die rechte Glühhitze haben werden, dann werde ich kommen und die drei Frevler an die glühenden Kreuze aufziehen lassen! – Fiat."

[JJ.01_071,18] Darauf nahm der Cyrenius einen Stab, zerbrach ihn, warf ihn den dreien unter die Füße und sprach:

[JJ.01_071,19] „Nun habt ihr euer Urteil vernommen! Bereitet euch daher vor; denn ihr seid solchen Todes würdig! Fiat."

[JJ.01_071,20] Wie tausend Blitze schlug dieses Urteil die drei; sie fingen an sogleich zu heulen und zu wehklagen und alle Götter zu Hilfe zu rufen.

[JJ.01_071,21] Sie wurden dann auch sogleich unter feste Wache genommen, und die Büttel gingen sogleich ins Richthaus und schafften die anbefohlenen Marterwerkzeuge herbei. Cyrenius, Joseph und Maronius aber begaben sich nach dem sogleich wieder nach Hause.

 

72. Kapitel – Marias Zweifel an der Allmacht des Jesuskindes. Josephs beruhigende Erzählung. Warum der mächtige Löwe von Juda vor Herodes floh. Die Seligkeit der ermordeten Kindlein. Pillas Reife.

18. November 1843

[JJ.01_072,01] Als sich Cyrenius mit Joseph und Maronius Pilla wieder der Villa näherte, ging Maria mit dem Kinde auf dem Arme den dreien ganz ängstlich entgegen und fragte sogleich den Joseph:

[JJ.01_072,02] „Mein Joseph, mein geliebtester Gemahl! O sage mir, was da mit der Jugend geschehen ist!

[JJ.01_072,03] Denn wenn hier bei solchen sicher nicht selten vorkommenden Elementarstürmen allzeit derlei Opferungen stattfinden, da sind ja auch wir nicht sicher mit unserem Kinde!

[JJ.01_072,04] Hat Es auch eine große Macht, – aber wir mußten uns doch trotz dieser Macht aus Palästina vor dem Herodes flüchten!

[JJ.01_072,05] Woraus ich denn auch den Schluß gemacht habe: Für gewisse Fälle hat das Kind noch zuwenig Macht; daher liegt es da an uns, Es all den großen Gefahren zu entziehen!"

[JJ.01_072,06] Und der Joseph sprach zur Maria: „O du mein mir von Gott dem Herrn Selbst angetrautes Weib, fürchte dich nicht darob!

[JJ.01_072,07] Denn siehe, nicht ein Haar von der zur schmählichsten Sühnopferung bestimmten Jugend ist ihr angetastet worden!

[JJ.01_072,08] Unser lieber Cyrenius hat sogleich ihr die Freiheit gegeben und verurteilte dafür die drei Priester, die gestern hier waren und die Einwilligung für die Schlachtung der Jugend vom Cyrenius verlangten, zum allerschmerzlichsten Glühkreuzestode!

[JJ.01_072,09] Aber – unter uns gesagt – nur scheinhalber! – Morgen in der Frühe werden sie anstatt der Exekution des Todesurteils die Begnadigung empfangen!

[JJ.01_072,10] Und diese Lektion wird ihnen sicher zu einer vollsten Witzigung dienen, der zufolge sie künftighin sicher kein ähnliches Götzensühnopfer in Vorschlag bringen werden!

[JJ.01_072,11] Daher also sei du, mein geliebtestes Weib, ganz völlig unbesorgt und denke: Der Herr, der uns bis jetzt so sicher geführt hat, der wird uns auch in der Zukunft nicht in die Macht der Heiden überliefern!"

[JJ.01_072,12] Maria ward durch diese Worte Josephs vollkommen beruhigt, und ihr Gesicht heiterte sich wieder auf.

[JJ.01_072,13] Und das Kindlein lächelte der Mutter ins Angesicht und sprach zu ihr:

[JJ.01_072,14] „Maria! – So jemand einen Löwen also gebändiget hätte, daß dieser ihn gleich einem sanftmütigen Lasttiere herumtrüge,

[JJ.01_072,15] meinst du wohl, daß es da löblich wäre, sich auf dem mächtigsten Rücken des Löwen zu fürchten vor den flüchtigen Hasen?!"

[JJ.01_072,16] Maria erstaunte über die tiefe Weisheit dieser Worte, aber sie verstand sie nicht.

[JJ.01_072,17] Und das Kindlein sprach daher noch einmal zur Maria, und sprach ganz ernsten Angesichtes:

[JJ.01_072,18] „Ich bin der mächtige Löwe von Juda, der dich auf Seinem Rücken trägt; wie magst du dich denn fürchten vor denen, die Ich mit einem Hauche verwehen kann wie lose Spreu?!

[JJ.01_072,19] Meinst du denn, Ich bin vor Herodes geflohen, um Mich zu sichern vor seiner Wut?!

[JJ.01_072,20] O nein! – Ich floh nur, um ihn zu schonen; denn hätte ihn Mein Angesicht gesehen, da wäre es mit ihm für ewig aus gewesen! –

[JJ.01_072,21] Siehe, die Kindlein aber, die für Mich erwürgt worden sind, sind überaus glücklich schon in Meinem Reiche – und sind täglich um Mich und loben und preisen Mich und erkennen in Mir schon vollkommen ihren Herrn für ewig!

[JJ.01_072,22] Siehe Maria, also stehen die Dinge! Daher du wohl von Mir allenthalben schweigen sollest, wie es befohlen ward; aber du für dich sollest es wohl wissen, Wer Der ist, den du ,Gottes Sohn‘ heißen sollest und Ihn auch also geheißen hast!"

[JJ.01_072,23] Diese Worte erschütterten die Maria durch und durch; denn sie sah nun ganz ein, daß sie den Herrn auf ihren Armen trägt!

[JJ.01_072,24] Es hatte aber auch der Maronius, der sich hier hinter der Maria befand, die Worte des Kindes vernommen und fiel nieder vor dem Kinde.

[JJ.01_072,25] Nun erst entdeckte der Cyrenius Mariam; denn früher war er in einem Gespräche mit einem seiner ihn begleitenden Sekretäre begriffen.

[JJ.01_072,26] Er eilte daher plötzlich hin zum Kinde und grüßte und kosete Es. Und das Kindlein tat desgleichen und sprach: „Cyrenius! erhebe den Maronius, denn er ist nun schon bearbeitet; nun darf er Mich erkennen! – Verstehst du Mich, was Ich damit sagen will?!" –

 

73. Kapitel – Des Cyrenius Erlaß: Ausfall der militärischen Übungen. Der Aufbruch nach der Stadt und des Jesuskindleins Bedingung zugunsten der drei Todesopfer.

20. November 1843

[JJ.01_073,01] Als aber also die ganze Gesellschaft bei der Villa angelangt war, da sandte der Cyrenius sogleich seinen Adjutanten in die Stadt an den Obersten der Stadt und ließ ihm bedeuten, daß an diesem wie am künftigen Tage keine Paraden und keine Ausrückungen stattfinden sollen.

[JJ.01_073,02] Denn solches war bei den Römern bei außerordentlichen Gelegenheiten gebräuchlich, daß da bei gewissen Erscheinungen – wie etwa eine Mondes- oder Sonnenfinsternis, ein starkes Ungewitter,

[JJ.01_073,03] feurige Meteore, Kometen, das plötzliche Auftreten eines Irrsinnigen, das Befallenwerden von der sogenannten Epilepsie,

[JJ.01_073,04] imgleichen auch außerordentliche Scharfgerichtstage – die Sitten den Römern nicht gestatteten, zugleich andere Staatsgeschäfte zu unternehmen.

[JJ.01_073,05] Denn alle derlei Tage galten den sonst vielseitig biederen Römern als Unglückstage oder als besondere Tage der Götter, welche die Menschen sofort zu heiligen und nicht zu ihrem eigenen Geschäfte zu verwenden haben.

[JJ.01_073,06] Obschon aber Cyrenius bei sich eben nicht viel auf diese leeren Sitten hielt, so mußte er solches aber dennoch des Volkes wegen tun, welches noch fest an solchen Torheiten hing.

[JJ.01_073,07] Als der Adjutant aber abgegangen war, da sprach der Cyrenius zum Joseph: „Edelster Bruder und Freund! Lasse du nun ein Morgenmahl richten! – Nach dem Morgenmahle aber wollen wir alle samt und sämtlich in die Stadt gehen und wollen dort die Verheerungen des Sturmes in Augenschein nehmen!

[JJ.01_073,08] Wir werden bei dieser Gelegenheit sicher viele arme und verunglückte Bürger dieses Ortes antreffen und werden ihnen auch helfen auf jede mögliche Weise.

[JJ.01_073,09] Sodann werden wir den Hafen besichtigen und sehen, wie es mit den Schiffen aussieht, ob und wie sie beschädigt worden sind.

[JJ.01_073,10] Es wird sich da sicher so manche Arbeit für deine Söhne ergeben, die ich sogleich zu Oberbauführern ernennen will, indem es ohnehin gerade in dieser Stadt an Baukundigen überaus mangelt.

[JJ.01_073,11] Denn Ägypten ist nun in architektonischer Hinsicht bei weitem nicht mehr das, was es einst vor tausend Jahren war zu den Zeiten der alten Pharaonen."

[JJ.01_073,12] Joseph befolgte sogleich das Verlangen des Cyrenius, ließ ein frugales Morgenmahl bereiten, bestehend aus Brot, Honig und Milch und einigen Früchten.

[JJ.01_073,13] Nach dem Mahle aber erhob sich der Cyrenius und die ganze Tischgenossenschaft und wollte sogleich seinem Vorhaben nach in die Stadt ziehen;

[JJ.01_073,14] aber das Kindlein berief den Cyrenius zu Sich und sprach zu ihm: „Mein Cyrenius! Du ziehst in die Stadt, der notleidenden Bürgerschaft irgend zu helfen, und dein größter Wunsch ist, daß Ich bei dir sein möchte!

[JJ.01_073,15] Ja, Ich will auch mit dir ziehen, aber du mußt Mich hören und Meinen Rat befolgen!

[JJ.01_073,16] Siehe, die an der größten Not Leidenden sind wohl jene drei von dir zur vierundzwanzigstündigen Todesangst Verurteilten!

[JJ.01_073,17] Siehe aber hinzu! – Ich habe keine Freude am zu großen Schmerze der Elenden; daher ziehen wir zuerst dahin und helfen diesen Allerunglücklichsten! Danach wollen wir erst die weniger Unglücklichen in der Stadt und den Meereshafen besuchen!

[JJ.01_073,18] Tust du das, so werde Ich mit dir ziehen; tust du aber das nicht, so bleibe Ich daheim! – Denn siehe, Ich bin auch ein Herr in Meiner Art und kann tun, was Ich will, ohne Mich an dich zu halten! Befolgst du aber Meinen Rat, da will Ich Mich dann wohl an dich halten!"

 

74. Kapitel – Cyrenius am Scheideweg. Des Kindleins Rat. Maronius als Kenner des römischen Rechts. Die Begnadigung der drei Priester auf dem Richtplatz, ihr Tod vor Freude und ihre Wiederbelebung durch das Jesuskind.

21. November 1843

[JJ.01_074,01] Als der Cyrenius solches vernommen hatte von dem ihm über allen stehenden kleinen Wiegenredner, wie er Ihn manchmal nannte, da stutzte er bei sich selbst und wußte nicht, was er so ganz eigentlich tun solle.

[JJ.01_074,02] Denn auf der einen Seite sah er sich vor dem Volke als ein wankelmütiger Feldherr und oberster Statthalter gewaltig prostituiert,

[JJ.01_074,03] anderseits aber hatte er dennoch zuviel Respekt vor der erprobten Macht des Kindes!

[JJ.01_074,04] Er sann eine Zeitlang hin und her und sprach nach einer Weile wie zu sich selbst:

[JJ.01_074,05] „O Scylla, o Charybdis, o Mythe des Herkules am Scheidewege!

[JJ.01_074,06] Hier stehet der Held zwischen zwei Abgründen; weicht er dem einen aus, so stürzt er unvermeidlich in den andern!

[JJ.01_074,07] Was solle ich nun tun? – Wohin mich wenden? – Solle ich zum ersten Male wankelmütig vor dem Volke erscheinen und tun den Willen dieses mächtigen Kindes?

[JJ.01_074,08] Oder solle ich tun nach meinem ohnehin sehr milden Beschlusse?"

[JJ.01_074,09] Hier berief wieder das Kindlein den Cyrenius zu Sich und sprach lächelnd: „Du Mein lieber Freund, du rührest hohle Eier und hohle Nüsse durcheinander!

[JJ.01_074,10] Was ist die Scylla und was die Charybdis und was der Held Herkules vor Mir? – Folge du Mir, und du wirst mit allen diesen Nichtigkeiten nichts zu tun bekommen!"

[JJ.01_074,11] Und der Cyrenius, sich erholend von seinem Wankelmute, sprach zum Kinde:

[JJ.01_074,12] „Ja, Du mein Leben, Du mein kleiner Sokrates, Plato und Aristoteles in der Wiege! – Dich will ich zufriedenstellen, und komme daraus, was wolle!

[JJ.01_074,13] Und so lasset uns denn hinziehen auf den Richtplatz und dort unser Urteil sobald in Gnade verwandeln!"

[JJ.01_074,14] Hier näherte sich auch Maronius dem Cyrenius und sagte ganz sachte zu ihm:

[JJ.01_074,15] „Kaiserliche Consulische Hoheit! – Ich bin ganz mit dem Rate des Kindes einverstanden; denn mir ist gerade jetzt eingefallen, daß die Todesstrafe bei priesterlichen Angelegenheiten nie ohne die Einwilligung des Pontifex Maximus in Rom über die Priester verhängt werden darf, –

[JJ.01_074,16] außer diese wären Staatsaufwiegler, was sie aber hier nicht sind, sondern nur blinde Eiferer ihrer Sache!

[JJ.01_074,17] Daher billige ich den Rat des Kindes sehr; dessen Befolgung kann dir daher nur nützen, aber nie schaden!"

[JJ.01_074,18] Den Cyrenius freute diese Bemerkung des Maronius, und er machte sich darum sogleich auf den Weg mit der ganzen vorbestimmten Gesellschaft.

[JJ.01_074,19] Am Richtplatze angelangt, fand er die drei Priester schon fast entseelt vor zu großer Angst vor dem martervollsten Tode.

[JJ.01_074,20] Nur einer von ihnen hatte noch so viel Geistesgegenwart, daß er vor dem Cyrenius sich mühsamst erhob und ihn bat um eine gnädigere Todesart.

[JJ.01_074,21] Cyrenius aber sprach zu ihm, wie zu den andern zweien: „Sehet an das Kind, das diese Mutter auf ihren Armen trägt, das gibt euch das Leben wieder! Und so schenke ich es euch auch und widerrufe mein Urteil!

[JJ.01_074,22] Erhebet euch daher wieder, und wandelt frei! Fiat! – Und ihr Wachen, ihr Richter, Liktoren und Büttel, ziehet ab mit allem! Fiat!"

[JJ.01_074,23] Dieser Gnadenruf benahm den drei Priestern das Leben; aber das Kindlein streckte die Hand über die drei, und sie erwachten wieder ins Leben und folgten sogleich ganz erheitert ihrem kleinen Lebensretter! –

 

75. Kapitel – Die Besichtigung der Stadt nach dem Sturm. Die gute Wirkung des Orkans. Die törichte Absicht des Cyrenius, sein Schwert wegzuwerfen. Des hl. Kindleins weise Worte über das Schwert als Hirtenstab.

22. November 1843

[JJ.01_075,01] Vom Richtplatze sich schnell hinwegbegebend, zog die ganze Gesellschaft nun in die Stadt im Gefolge von den drei begnadigten Priestern.

[JJ.01_075,02] Als sie, die Gesellschaft nämlich, aber in der Stadt am großen Platze anlangte – und zwar vor dem mächtigen Schutthaufen des großen Tempels und des ganzen, noch größeren Priesterpalastes,

[JJ.01_075,03] da schlug der Cyrenius die Hände über dem Kopfe zusammen und sprach mit lauter Stimme:

[JJ.01_075,04] „Wie sehr verändert siehst du aus! – Ja, so kann nur eines Gottes Macht wirken!

[JJ.01_075,05] Nicht langer Zeiten bedarf es, sondern ein Wink der Allmacht genügt, den ganzen Erdkreis in Staub zu verwandeln!

[JJ.01_075,06] O Menschen! – wollt ihr kämpfen mit Dem, der den Elementen gebietet, und sie folgen Seinem Winke?!

[JJ.01_075,07] Wollt ihr Richter sein, wo der Gottheit Allmacht gebietet, und herrschen, wo euch ein leiser Wink des ewigen Herrschers zertrümmert?!

[JJ.01_075,08] Nein, nein! – Ich bin ein Tor, daß ich noch mein Schwert umgürtet trage, als hätte ich eine Macht!

[JJ.01_075,09] Weg mit dir, du elendes Zeug! Da, in diesem Schutthaufen ist der beste Platz für dich! – Mein wahres Schwert aber sollst Du sein! Du! – den die Mutter auf ihren Armen trägt!" – –

[JJ.01_075,10] Hier löste der Cyrenius plötzlich sein Schwert samt dem Ehrengürtel vom Leibe und wollte es mit aller Gewalt in den Schutthaufen schleudern.

[JJ.01_075,11] Aber das Kindlein, das Sich zur Seite des Cyrenius auf den Armen der Maria befand, sprach zu ihm:

[JJ.01_075,12] „Cyrenius! Tue nicht, was du tun willst, – denn wahrlich, wer das Schwert nach deiner Art trägt, der trägt es gerecht!

[JJ.01_075,13] Wer das Schwert gebraucht als Waffe, der werfe es von sich;

[JJ.01_075,14] wer es aber gebraucht als einen Hirtenstab, der behalte es; denn also ist es der Wille Dessen, dem Himmel und Erde ewig gehorchen müssen!

[JJ.01_075,15] Du bist aber ein Hirte denen, die in das Buch deines Schwertes geschrieben sind;

[JJ.01_075,16] daher umgürte dich nur wieder mit der gerechten Ehre, auf daß dich dein Volk erkennt, daß du ihm ein Hirte bist!

[JJ.01_075,17] Bestünde deine Herde aus pur Lämmern, da bedürftest du keines Stabes!

[JJ.01_075,18] Aber es gibt darunter sehr viele Böcke; darum möchte Ich dir lieber noch einen Stab hinzulegen, als dir den einen nehmen!

[JJ.01_075,19] Wahr ist es! Außer in Gott gibt es keine Macht; aber wenn dir Gott die Macht verleiht, dann sollst du sie nicht dahin von dir werfen, was Gottes Fluch gerichtet hat!"

[JJ.01_075,20] Diese Worte brachten den Cyrenius sogleich wieder zur Umgürtung des Schwertes unter steter stiller Anbetung des Kindleins. – Die drei Priester aber entsetzten sich allergewaltigst vor der Weisheit dieses Kindes!

 

76. Kapitel – Die Verwunderung der drei Priester über die Weisheit des Kindes und Josephs. Josephs Göttermythologie.

24. November 1843

[JJ.01_076,01] Mit der größten Hochachtung näherten sich die drei Priester dem Joseph und fragten ihn, wie dieses Kind zu einer solchen allerwunderbarsten Weisheit gelangt ist, und wie alt es schon sei.

[JJ.01_076,02] Joseph aber sprach zu ihnen: „Liebe Freunde, fraget nicht zu früh danach; denn eine zu vorzeitige Antwort könnte euch das Leben kosten!

[JJ.01_076,03] Folget uns aber, und lasset eure vielen Götter fallen, und glaubet, daß es nur einen wahren Gott Himmels und der Erde gibt, und glaubet, daß dieser eine wahre Gott Derjenige ist, den das Volk Israel anbetet und ehret zu Jerusalem, so werdet ihr es in euch und aus diesem Kinde erfahren, woher Dessen Weisheit ist!"

[JJ.01_076,04] Die Priester aber sprachen: „O Mann, du redest hier seltsame Worte!

[JJ.01_076,05] Sind denn unsere Hauptgötter, der Zeus, der Apollo, der Merkur, der Vulkan, der Pluto, Mars und Neptun, die Juno, die Minerva, die Venus und andere mehr nichts als bloße Werke der menschlichen Phantasie?"

[JJ.01_076,06] Und der Joseph erwiderte: „Höret mich an, ihr Freunde! Alle eure Götter sind entstanden durch die Phantasie eurer Urväter, die den einen Gott noch gar wohl gekannt haben!

[JJ.01_076,07] Sie aber waren seltene Dichter und Sänger an den Höfen der alten Könige dieses Landes und personifizierten – zwar in guten Entsprechungen – die Eigenschaften des einen wahren Gottes!

[JJ.01_076,08] Ihnen war Jupiter als die Güte und Liebe des Vaters von Ewigkeit darstellend, Apollo war die Weisheit des Vaters, und die Minerva stellte die Macht dieser Weisheit dar.

[JJ.01_076,09] Merkur bedeutete die Allgegenwart des einen Gottes durch Seinen allmächtigen Willen.

[JJ.01_076,10] Die Venus stellte die Herrlichkeit und die Schönheit und die ewige gleiche Jugend des Gottwesens dar.

[JJ.01_076,11] Vulkan und Pluto stellten des einen Gottes Vollmacht über die ganze Erde dar.

[JJ.01_076,12] Mars stellte den göttlichen Ernst dar und das Gericht und den Tod für die Gerichteten.

[JJ.01_076,13] Neptun stellte den wirkenden Geist des einen Gottes in allen Gewässern dar, wie Er durch sie die Erde belebt.

[JJ.01_076,14] So stellte die alte Isis, wie Osiris, die göttliche, unantastbare Heiligkeit dar, welche da ist die göttliche Liebe und Weisheit urewig in sich!

[JJ.01_076,15] Und so stellten alle anderen Untergötter nichts als lauter Eigenschaften des einen Gottes in entsprechenden Bildern dar!

[JJ.01_076,16] Und das war eine recht löbliche Darstellung; denn man wußte da nichts anderes, als daß dieses alles nur den einen Gott bezeichne in der verschiedenen Art Seiner zahllosen Auswirkungen.

[JJ.01_076,17] Aber mit der Zeit haben Eigennutz, Selbstliebe und die Herrschsucht die Menschen geblendet und verfinstert.

[JJ.01_076,18] Sie verloren den Geist, und es blieb ihnen nichts als die äußere Materie, und sie wurden zu Heiden, was soviel heißt als: sie wurden zu groben Materialisten und verloren den einen Gott, nagten daher an den äußeren, leeren, unverstandenen Bildern gleich Hunden, die da heißhungrig nackte Knochen benagen, an denen kein Fleisch mehr haftet! – Verstehet ihr mich?"

[JJ.01_076,19] Die drei sahen einander groß an und sprachen: „Wahrlich, du bist in unserer Religion besser bewandert denn wir! – Wo aber hast du solches erfahren?"

[JJ.01_076,20] Joseph aber sprach: „Geduldet euch nur; das Kind wird es euch kundtun! Daher folget uns, und kehret nicht wieder um!"

 

77. Kapitel – Cyrenius und die drei Priester. Die Ausgrabung der Verschütteten. Des Kindleins wunderbare Mithilfe. Die Belebung der sieben scheintoten Katakombenführer.

25. November 1843

[JJ.01_077,01] Die drei Priester fragten nun um nichts mehr weiter; denn sie erkannten in Joseph einen Mann, der in die alten Mysterien Ägyptens tief eingeweiht zu sein schien, was sonst nur bei den höchsten Oberpriestern dieses Landes der Fall war.

[JJ.01_077,02] Der Cyrenius aber wandte sich um und fragte die drei Priester, wieviel ihresgleichen hier ums Leben gekommen sind.

[JJ.01_077,03] Und die drei sprachen: „Mächtigster Statthalter! Ganz genau können wir dir die Zahl nicht angeben;

[JJ.01_077,04] aber über siebenhundert waren es gewiß, die da begraben wurden, ohne die Zöglinge beiderlei Geschlechts mit eingerechnet!"

[JJ.01_077,05] „Gut", sprach Cyrenius, „wir wollen uns von der Sache bald genauer überzeugen!"

[JJ.01_077,06] Er fragte darauf den Joseph, ob es nicht rätlich wäre, die Verschütteten auszugraben!

[JJ.01_077,07] Und der Joseph erwiderte: „Das ist sogar strenge Pflicht; denn es könnten hie und da in den Katakomben noch Zöglinge am Leben sein, und diese zu retten ist strenge Pflicht!"

[JJ.01_077,08] Als der Cyrenius solches vernommen hatte, ließ er sogleich zweitausend Arbeiter dingen, die sich alsogleich an die Wegschaffung des Schuttes machen mußten.

[JJ.01_077,09] In wenigen Stunden wurden schon sieben Leichen hervorgezogen, und das waren gerade die Katakombenführer.

[JJ.01_077,10] Und der Cyrenius sagte: „Wahrlich, um diese tut es mir leid; denn ohne ihre Hilfe werden wir nicht viel richten in dem unterirdischen Labyrinthe von zahllosen Gängen und Gängen!"

[JJ.01_077,11] Das Kindlein aber sagte zum Cyrenius: „Mein Cyrenius! was da die Katakomben betrifft, so wird in ihnen nicht viel Ersprießliches zu treffen sein;

[JJ.01_077,12] denn diese liegen schon seit mehreren Jahrhunderten unbenützt und sind angefüllt mit Schlamm und Ungeziefer aller Art!

[JJ.01_077,13] Diese sieben Führer in den Katakomben aber hatten bloß nur den Titel als solche; aber von ihnen hatte noch nie einer eine Katakombe betreten.

[JJ.01_077,14] Siehe, damit du aber glaubst, was Ich dir sage, so sage Ich dir auch, daß diese sieben Führer nicht ganz tot, sondern nur sehr betäubt daliegen und können daher wieder ins Leben gerufen werden!

[JJ.01_077,15] Lasse sie reiben an den Schläfen, an der Brust, im Genicke und an den Händen und Füßen von kräftigen Weibern, und sie werden sobald erwachen aus ihrer Betäubung!"

[JJ.01_077,16] Und der Cyrenius fragte das Kindlein: „O Du mein Leben! So Du sie anrühretest, da würden sie doch auch sicher erwachen?!"

[JJ.01_077,17] Das Kindlein aber sprach: „Tue, was Ich dir geraten; denn Ich darf nicht zu viel tun, will Ich nicht statt des Segens ein Gericht der Welt geben!"

[JJ.01_077,18] Cyrenius verstand zwar diese Worte nicht; aber er befolgte dennoch den Rat des Kindleins.

[JJ.01_077,19] Er ließ sogleich zehn kräftige Jungfrauen bringen, daß sie rieben die sieben Führer.

[JJ.01_077,20] Nach einigen Minuten erwachten die sieben und fragten die Umstehenden, was da mit ihnen geschehen sei, und was hier geschehe.

[JJ.01_077,21] Und der Cyrenius ließ sie sogleich führen in eine gute Herberge; aber das Volk wunderte sich hoch über diese Erweckung und erwies den Jungfrauen eine große Verehrung.

 

78. Kapitel – Arbeit der Barmherzigkeit. Der intelligente Sturm. Des Cyrenius Ahnung. Der Besuch des Hafens.

27. November 1843

[JJ.01_078,01] Nachdem wurde weiter gegraben, und Cyrenius erließ den Befehl, daß alle Leichen, welche nicht irgend zu sehr verstümmelt seien, auf einen gewissen mit Matten überdeckten Platz sollten mit den Gesichtern zur Erde gelegt werden;

[JJ.01_078,02] die sehr Verstümmelten allein sollten sogleich auf die gewöhnliche Art auf dem allgemeinen Beerdigungsplatze entweder verbrannt oder acht Fuß tief begraben werden.

[JJ.01_078,03] An den wenig Verstümmelten aber sollten ähnliche Erweckungsversuche gemacht werden wie mit den sieben.

[JJ.01_078,04] Und so einer oder der andere wieder ins Leben käme, er sogleich in die Herberge zu den sieben gebracht werde!

[JJ.01_078,05] Als dieser Befehl erteilt ward, begab sich Cyrenius von dannen mit seiner Gesellschaft, um noch andere Stadtteile in Augenschein zu nehmen.

[JJ.01_078,06] Zu seiner großen Verwunderung aber fand er, daß da nirgends ein bürgerliches Haus irgend beschädigt war;

[JJ.01_078,07] wohl aber war nirgends ein Göttertempel mehr zu finden, der nicht im Schutte zertrümmert daläge, bis auf einen einzigen, kleinen, verschlossenen mit der Aufschrift: „Dem unbekannten Gott!"

[JJ.01_078,08] Als die Gesellschaft unter großem Volksgefolge also die ganze nicht unbedeutende Stadt von achtzigtausend Einwohnern zum größten Teile durchwandert hatte, da berief der Cyrenius den Joseph zu sich und sprach zu ihm:

[JJ.01_078,09] „Höre, du mein allererhabenster Freund und Bruder! Ich muß heimlich über die sonderbare Wirkung des Erdbebens wie des Sturmes geradezu lachen!

[JJ.01_078,10] Da sieh nur einmal hin! Längs dieser Gasse vor uns stehen Häuser von so elender Bauart; trockene Steine sind ohne Mörtel – noch ziemlich unsymmetrisch dazu – zu einer Wand übereinandergelegt.

[JJ.01_078,11] Man sollte glauben, daß sie kaum fest genug wären, um der Erschütterung zu widerstehen, welche durch den Huftritt eines nur einigermaßen schweren Pferdes hervorgebracht wird!

[JJ.01_078,12] Aber siehe, diese wahren Ameisengebäude stehen unversehrt da! Nicht eines ist irgend auch nur im geringsten beschädigt,

[JJ.01_078,13] während mitten unter diesen wahren Vonheutebismorgen-Häusern die für Jahrtausende fest gebauten Tempel nach der Bank alle in die schmählichsten Schutthaufen verwandelt sind!

[JJ.01_078,14] Wie findest du diese höchst merkwürdige Erscheinung? – Ist es hier nicht handgreiflich, daß das Erdbeben wie der Sturm sehr intelligent müssen zu Werke gegangen sein?!

[JJ.01_078,15] Fürwahr! ich muß es dir zu meiner großen Freude bekennen und sagen:

[JJ.01_078,16] Wenn dein Söhnlein nicht mit Seinem allmächtigen Finger ein wenig unter den Tempeln in Gesellschaft mit dem Sturme herumgespielt hat, so will ich nicht Cyrenius heißen!"

[JJ.01_078,17] Joseph aber sprach: „Behalte es für dich ganz allein, was du glaubst, und rede ja zu niemandem davon – denn es wird schier also sein!

[JJ.01_078,18] Wir begeben uns aber nun zum Hafen und wollen da sehen, ob sich dort für mich keine Arbeit vorfindet!" – Und der Cyrenius befolgte sogleich den Rat Josephs und zog an des Meeres Ufer hin.

 

79. Kapitel – Der geringe Schaden im Hafen. Die Rückkehr nach Hause. Der Umweg auf Rat des Kindleins. Der Grund dafür.

28. November 1843

[JJ.01_079,01] Am Ufer des Meeres angelangt, allwo der Hafen für die Schiffe teils von der Natur und teils durch die Kunst der Menschen errichtet war, erstaunte Cyrenius ebenfalls nicht wenig.

[JJ.01_079,02] Denn es war nirgends ein Schaden zu entdecken, außer daß am prachtvollsten Schiffe des Cyrenius alle sogenannten mythologischen Verzierungen möglichst vernichtet waren.

[JJ.01_079,03] Cyrenius sprach daher zum Joseph: „Mein allerachtbarster Freund, bei obwaltenden Umständen werden deine Söhne wenig zu tun bekommen!

[JJ.01_079,04] Siehe, nicht ein Fahrzeug hat irgendeinen sonstigen Schaden erlitten, außer daß da – mir sehr willkommen – besonders auf meinem Schiffe die Götzen wahrscheinlich haben das Meerwasser zum Verkosten bekommen,

[JJ.01_079,05] was mir aber eben sehr lieb ist; denn ich werde sicher keine mehr irgend auf meinem Schiffe anbringen lassen!

[JJ.01_079,06] Deinem Gotte sei alles Lob und alle Ehre dafür!

[JJ.01_079,07] Deine Söhne aber werde ich dessenungeachtet für allfällige kleine Reparaturen, die sich hier und da an den Schiffen als vonnöten zeigen werden, schon also belohnen, als ob sie was Großes getan hätten!"

[JJ.01_079,08] Und der Joseph sprach zum Cyrenius: „O Freund und Bruder, sorge dich nicht zu sehr um den Verdienst meiner Kinder!

[JJ.01_079,09] Siehe, nicht des Verdienstes wegen, sondern um dir einen guten Dienst erweisen zu können, wäre ich dir gerne mit meinen Söhnen in solcher baulichen Hinsicht zu Hilfe gekommen; es hat dir aber der Herr geholfen, und so ist es besser, und du kannst meiner Hilfe nun leichtlich entbehren.

[JJ.01_079,10] Wir aber haben nun bereits alles gesehen; daher meine ich, da es bei der Gelegenheit schon so ziemlich spät nachmittags geworden ist, wir sollten uns nun wieder nach Hause begeben und allenfalls morgen das etwa noch Übrige in Augenschein nehmen!"

[JJ.01_079,11] Und der Cyrenius sprach: „Der Meinung bin ich auch; denn mich dauert der armen Mutter schon ganz über die Maßen. Daher müssen wir nun trachten, sobald als möglich nach Hause zu kommen!

[JJ.01_079,12] Ich aber werde für sie sogleich eine Sänfte bringen lassen, auf daß sie nach Hause getragen wird mit dem Kindlein!"

[JJ.01_079,13] Und das Kindlein meldete sich sogleich hinter dem Cyrenius und sprach zu ihm:

[JJ.01_079,14] „Das tust du sicher; denn diese Mutter ist schon sehr müde geworden, indem sie an Mir sehr schwer zu tragen hat!

[JJ.01_079,15] Im Nachhauseziehen aber darfst du deinem Vorhaben zufolge nicht über den gewissen Priesterplatz den Weg nehmen!

[JJ.01_079,16] Denn so Ich mit der Mutter vorübergetragen würde, da nun schon bei hundert Verschüttete auf den Matten liegen,

[JJ.01_079,17] so würden sie plötzlich alle lebendig, und das gäbe dir und allem Volke ein Gericht, das da jedem sehr übel bekäme!

[JJ.01_079,18] Also aber werden sie durch menschliche Hilfe unter Meiner geheimen Einwirkung die Nacht hindurch erweckt werden!

[JJ.01_079,19] Dadurch wird der Schein des Wunderbaren vermieden, und du und alles Volk bleibt verschont von einem den Geist für ewig tötenden Gerichte!"

[JJ.01_079,20] Cyrenius befolgte genau diesen Rat, hocherfreut in seinem Herzen; die Sänfte ward augenblicklich herbeigeschafft, und Maria mit dem Kindlein begab sich in dieselbe.

[JJ.01_079,21] Und der Cyrenius bestimmte einen andern Weg, auf welchem die ganze Gesellschaft, die drei Priester mitgerechnet, gar bald und ganz bequem die Villa Josephs erreichte.

 

80. Kapitel – Josephs hausväterliche Fürsorge. Des Kindleins Freude an Jakob. „Die Ich liebe, die necke Ich auch und kneipe und zupfe sie!" Jakobs glückliche und beneidenswerte Mission.

29. November 1843

[JJ.01_080,01] In der Villa wieder angelangt, begab sich Joseph sogleich zu seinen Söhnen, welche soeben mit der Bereitung eines Mittagsmahles beschäftigt waren, und sprach zu ihnen:

[JJ.01_080,02] „Gut, gut, meine Söhne, ihr seid meinem Wunsche zuvorgekommen; aber wir haben heute drei Gäste mehr, nämlich die drei Priester, die heute früh sind zum Tode ausgesetzt worden!

[JJ.01_080,03] Diese wollen wir ganz besonders gut bewirten, damit sie unsere Freunde werden in der Anerkennung unseres Vaters im Himmel,

[JJ.01_080,04] der uns zu Seinen Kindern erwählt hat durch den Bund, den Er mit unseren Vätern gemacht hat!

[JJ.01_080,05] Du, Jakob, aber gehe sogleich hinaus, der sehr müde gewordenen Mutter entgegen, und nehme ihr unser aller allerliebstes Kindlein ab,

[JJ.01_080,06] und bringe Es sogleich zur Ruhe; denn Es ist auch schon sichtbar müde und sehnt Sich nach der Wiege!"

[JJ.01_080,07] Und sogleich lief der Jakob hinaus und zu der Maria, die soeben aus der Sänfte stieg, und nahm ihr sogleich mit großer Liebe und Freude das Kindlein von den Armen.

[JJ.01_080,08] Das Kindlein aber erwies dem Jakob eben auch dieselbe große Freude; denn Es hüpfte auf seinen Armen und lächelte und kneipte und zupfte ihn, wo Es ihn mit Seinen Händchen nur erwischen konnte.

[JJ.01_080,09] Die drei Priester aber, die vor diesem Kinde den allerungeheuersten Respekt hatten, verwunderten sich in aller Freude ihres Gemütes, da sie an diesem Kinde auch etwas echt Kindliches entdeckten.

[JJ.01_080,10] Einer von ihnen aber ging hin zum Jakob und fragte ihn in gut hebräischer Sprache:

[JJ.01_080,11] „Sage mir, ist dieses Wunderkind aller Kinder stets so munter, ja man möchte sagen – sogar ein wenig neckend schlimm, wie Kinder gewöhnlicher Art manchmal freilich erst in zwei oder drei Jahren es sind?"

[JJ.01_080,12] Das Kindlein aber antwortete sogleich Selbst an Stelle des Jakob:

[JJ.01_080,13] „Ja, ja, Mein Freund! – Die Ich liebe, die necke Ich auch und kneipe und zupfe sie; aber das geschieht nur jenen, die Mich so wie Mein Jakob lieben – und Ich sie auch so liebe wie diesen Meinen lieben Jakob!

[JJ.01_080,14] Aber Ich tue ihnen darum doch nicht Leids an! – Nicht wahr, du Mein lieber Jakob, es tut dir nicht weh, so Ich dich zupfe und kneipe?"

[JJ.01_080,15] Und der Jakob, wie gewöhnlich gleich zu Tränen gerührt, sprach: „O Du mein göttlich allerliebstes Brüderchen, wie könntest Du mir wehe tun?!"

[JJ.01_080,16] Und das Kindlein erwiderte darauf dem Jakob: „Jakob, Mein Bruder, du hast Mich wahrlich lieb!

[JJ.01_080,17] Ich aber habe auch dich so lieb, daß du es in Ewigkeit nie genug wirst begreifen können, wie lieb Ich dich habe!

[JJ.01_080,18] Siehe, du Mein lieber Bruder Jakob, die Himmel sind weit und endlos groß; zahllose glänzende Lichtwelten fassen sie, wie die Erde einen Tautropfen!

[JJ.01_080,19] Und die Welten sind Träger von zahllosen glücklichsten Wesen deiner Art; aber glücklicher ist unter ihnen keines als du, nun Mein liebster Bruder! – Jetzt verstehst du Mich noch nicht; aber du wirst Mich schon noch recht gut verstehen mit der Zeit. – Schlafen aber mag Ich jetzt nicht, wenn die Menschen um Mich wachen! – Aber bei dir will Ich bleiben!"

[JJ.01_080,20] Diese Rede brach unserem Jakob von neuem wieder sein Herz, daß er darob weinte vor Liebfreude; der fragende Priester aber sank beinahe in den Boden vor lauter Ehrfurcht und Höchstachtung dieses Kindes!

 

81. Kapitel – Des Cyrenius Wunsch, vom hl. Kindlein auch gezupft zu werden. Des Kindleins Antwort. Eine Verheißung für Rom. Maria mahnt, des Kindleins unverstandene Worte im Herzen zu bewahren.

1. Dezember 1843

[JJ.01_081,01] Cyrenius, der diese Worte des Kindleins ebenfalls gar wohl vernommen hatte, begab sich augenblicklich hin zum Kindlein und fragte Es gar liebreich:

[JJ.01_081,02] „O Du mein Leben! Du hast mich dann gewiß nicht so lieb, weil Du mich, so ich Dich auf meinen Armen hatte, noch nie gekneipt und gezupfet hast?"

[JJ.01_081,03] Das Kindlein aber sprach: „O Cyrenius! Sorge dich nicht darum; denn siehe, alle die Unannehmlichkeiten, die du Meinetwegen schon erduldet hast, waren lauter Kneipereien und Zupfereien von Mir, darum Ich dich so lieb habe!

[JJ.01_081,04] Verstehst du Mich nun, was Ich dir gesagt habe?

[JJ.01_081,05] Ich werde dich aber schon noch öfter kneipen und zupfen – und werde aus lauter Liebe zu dir recht schlimm sein!

[JJ.01_081,06] Aber höre, deswegen mußt du dich aber dennoch nicht fürchten vor Mir, denn es wird dir dabei kein Wehe geschehen, so wie bis jetzt; verstehst du Mich, Mein lieber Cyrenius?"

[JJ.01_081,07] Der Cyrenius, voll der tiefsten Achtung in seinem Herzen vor dem Kinde, sprach ganz betroffen und gerührt:

[JJ.01_081,08] „Ja, ja, Du mein Leben, ich verstehe Dich gar wohl und weiß, was Großes Du mir gesagt hast!

[JJ.01_081,09] Aber dessenungeachtet möchte ich aber doch auch, daß Du mich also wie Deinen Bruder ein wenig kneipen und zupfen möchtest!"

[JJ.01_081,10] Und das Kindlein sprach zum Cyrenius: „O Mein lieber Freund, du wirst doch nicht kindischer sein als Ich?

[JJ.01_081,11] Glaubst du denn, daß Ich dich darum mehr lieben werde?

[JJ.01_081,12] O siehe, da irrest du dich sehr; denn mehr noch, als Ich dich ohnehin liebe, kann Ich dich ja doch unmöglich lieben!

[JJ.01_081,13] Wahrlich, auch du wirst die Größe und Stärke Meiner Liebe zu dir ewig nie erfassen und begreifen können!

[JJ.01_081,14] Höre, kein Säkulum mehr wird vorüberziehen, da Rom in Meine Burg vielfach einziehen wird!

[JJ.01_081,15] Nun ist zwar die Zeit noch nicht da, aber glaube es Mir, du stehst schon jetzt an der Schwelle, die bald von gar vielen wird betreten werden!

[JJ.01_081,16] Verstehe! – aber nicht körperlich, sondern geistig in Meinem zukünftigen Reiche für ewig!"

[JJ.01_081,17] Diese Worte des Kindes erregten eine große Sensation bei allen Anwesenden, und der Cyrenius wußte nicht, was er daraus machen solle.

[JJ.01_081,18] Er wandte sich daher zur danebenstehenden Maria und fragte sie, ob sie verstünde, was das göttliche Kindlein nun ausgesagt hatte.

[JJ.01_081,19] Maria aber sprach: „O Freund! – wäre dies ein gewöhnliches Menschenkind, so würden wir Menschen Es auch verstehen;

[JJ.01_081,20] aber so ist Es von höherer Art, und wir verstehen Es nicht! Behalten wir aber alle Seine Worte in uns; die Zeitenfolge wird sie uns schon im wahren Lichte enthüllen!"

 

82. Kapitel – Des Cyrenius Frage an Joseph und dessen Antwort vom Lüften des Schleiers der Isis. Des Maronius gute Erklärung. Das Mahl. Die Ehrfurcht der drei Priester.

1. Dezember 1843

[JJ.01_082,01] Hier kam der Joseph wieder aus der Villa und lud die Gesellschaft zum schon bereiteten Mahle.

[JJ.01_082,02] Cyrenius aber, sich durchkreuzender großer Gedanken voll, berief den Joseph zu sich und erzählte ihm, was ihm nun das Kindlein und am Ende die befragte Maria gesagt haben,

[JJ.01_082,03] und fragte daher den guten Joseph auch zugleich, wie solche Worte und Reden zu verstehen seien.

[JJ.01_082,04] Joseph aber erwiderte dem etwas zu sehr erregten Cyrenius, sagend nämlich:

[JJ.01_082,05] „O Freund und Bruder, ist dir die Mythe unbekannt, die eines Menschen erwähnt, der einst den Mantel der Isis lichten wollte?"

[JJ.01_082,06] Und der Cyrenius, ganz erstaunt über diese unerwartete Frage, sprach:

[JJ.01_082,07] „O erhabener Freund, die Mythe ist mir gar wohl bekannt; der Mensch ging elend zugrunde! Aber was willst du mir nun damit sagen auf meine Frage?"

[JJ.01_082,08] Und der Joseph erwiderte dem Cyrenius: „Liebster Freund, nichts anderes als: Hier ist mehr denn die Isis!

[JJ.01_082,09] Darum befolge den Rat meines Weibes, und du wirst ewig gut fahren!"

[JJ.01_082,10] Daneben stand aber auch der Maronius Pilla und sprach bei dieser Gelegenheit:

[JJ.01_082,11] „Consulische Kaiserliche Hoheit! Ich bin sonst in derlei Sachen zwar noch sehr dumm, aber diesmal kommt es mir vor, als so ich den Weisen verstanden hätte auf ein Haar!"

[JJ.01_082,12] Und der Cyrenius erwiderte ihm: „Wohl dir, so du dessen in dir überzeugt bist!

[JJ.01_082,13] Ich aber kann mich vorderhand dessen noch nicht rühmen.

[JJ.01_082,14] Mein Gehirn ist zwar sonst auch gerade nicht kreuz und quer vernagelt; aber diesmal will es mir die gerechten Dienste nicht leisten!"

[JJ.01_082,15] Und der Maronius sprach: „Ich meinesteils verstehe die Sache also: Greife nicht nach zu fernen Dingen; denn dazu ist deine Hand zu kurz!

[JJ.01_082,16] Es wäre freilich wohl sehr ehrsam, ein glücklicher Phaeton zu sein;

[JJ.01_082,17] aber was kann da der schwache Sterbliche tun, wenn die Sonne zu ferne über ihm ihren Weg gebahnt hat!?

[JJ.01_082,18] Er muß sich bloß an ihrem Lichte begnügen und dabei die Sonne leitende Ehre und Macht jenen Wesen ganz gutwillig überlassen, die sicher längere Arme haben als er, der schwache Sterbliche!

[JJ.01_082,19] Wie lang aber der unsichtbare Arm dieses Kindes ist, davon haben wir uns gestern überzeugt!

[JJ.01_082,20] Siehe, Consulische Kaiserliche Hoheit, verstehe ich nicht aus dem Salze das, was dieser weise Mann geredet hat?"

[JJ.01_082,21] Und der Cyrenius gab dem Maronius recht, beschwichtigte sein Herz und begab sich wohlgemut mit dem Joseph in die Villa und stärkte sich am frugalen Mahle.

[JJ.01_082,22] Die drei Priester aber getrauten sich kaum die Augen zu öffnen; denn sie meinten, das Kind sei entweder Zeus oder gar das Fatum selbst.

 

83. Kapitel – Die Blindheit, Ehrfurcht und Fluchtgedanken der drei Götzenpriester. Des Jesuskindleins weise Verhaltensregeln an Joseph und Cyrenius.

2. Dezember 1843

[JJ.01_083,01] Nachdem aber die Mahlzeit vorüber war und alles sich wieder vom Tische erhoben hatte, da trat einer der Priester hin zum Joseph und fragte ihn in der tiefsten Demut:

[JJ.01_083,02] „Uranos, oder doch wenigstens Saturnus als Vater des Zeus! Denn das bist du sicher leibhaftig, obschon du deine Göttlichkeit ehedem in der Stadt vor uns zu verbergen dich bestrebtest;

[JJ.01_083,03] so tatst du solches aber dennoch, um uns zu prüfen, ob wir dich im Ernste erkenneten oder nicht.

[JJ.01_083,04] Nur eine Zeitlang verkannten wir dich, und darum bitten wir dich um Vergebung unserer groben Blindheit!

[JJ.01_083,05] Die ehemalige Sprache deines Kindes aber hat uns allen ein Licht angezündet, und wir wissen nun genau, wo wir uns befinden!

[JJ.01_083,06] O mache uns daher sogestaltig glücklich, daß du uns kundgebest, wie wir dir ein Opfer bringen sollen, wie deinem göttlichen Weibe und wie deinem Kinde, dem sich sicher durch deine Allmacht verjüngenden Zeus?!"

[JJ.01_083,07] Joseph aber erstaunte über diese plötzliche Veränderung der drei Priester, denen er doch früher in der Stadt den Irrgrund ihres Heidentums klar und wohlbegreiflich auseinandergesetzt hatte.

[JJ.01_083,08] Er sann daher nach, was er ihnen nun antworten solle. – Aber das Kindlein verlangte sogleich hin zum Joseph;

[JJ.01_083,09] und als Es dort anlangte auf den Armen Jakobs, sprach Es sogleich zum Joseph:

[JJ.01_083,10] „Lasse du die Armen, und verweise es ihnen nicht; denn sie sind blind und schlafen und träumen!

[JJ.01_083,11] Behalte sie aber einige Tage hier, und Meine Brüder werden sie schon aus ihrem Schlafe und Traume erwecken! Wenn sie sehen werden, wie ihr selbst zu Gott betet, da werden sie ihren Uranos, Saturnus und Zeus schon fallenlassen!"

[JJ.01_083,12] Diese Worte beruhigten den Joseph vollkommen, und er machte darauf sogleich den drei Priestern den Vorschlag, unterdessen unter seinem Dache zu wohnen, bis sich mit ihnen irgendeine versorgliche Bestimmung treffen werde.

[JJ.01_083,13] Die drei Priester aber, sich kaum zu atmen getrauend aus lauter Ehrfurcht, getrauten sich um so weniger den Vorschlag abzulehnen, indem sie nun durchaus nicht wußten, wie sie so ganz eigentlich daran seien.

[JJ.01_083,14] Sie nahmen sonach den Vorschlag an; aber unter sich murmelten sie:

[JJ.01_083,15] „Ach! – wäre es hier möglich, davonzulaufen und sich in irgendeinem letzten Winkel der Erde zu verkriechen, wie glücklich wären wir da!

[JJ.01_083,16] Aber so müssen wir hier verbleiben im Angesichte der offenbaren Hauptgötter. O welche Qual ist das für uns Nichtswürdigste!"

[JJ.01_083,17] Der Cyrenius aber merkte solche Murmelei unter den dreien, trat daher hin und wollte sie darob zur Rede stellen.

[JJ.01_083,18] Das Kindlein aber sprach: „Mein Cyrenius, bleibe zurück; denn Mir ist es nicht unbekannt, was in den dreien vorgeht.

[JJ.01_083,19] Ihr Plan ist die Frucht ihrer Blindheit und ihrer törichten Furcht und führt nichts anderes im Schilde, als eine Flucht vor uns in irgendeinen allerentferntesten Erdwinkel.

[JJ.01_083,20] Siehe, das ist alles, und darum brauchst du dich nicht gleich so zu ereifern!

[JJ.01_083,21] Lasse hier in diesem Hause nur Mir das Gericht über, und sei versichert, daß da niemandem ein Unrecht geschehen wird!"

[JJ.01_083,22] Und Cyrenius ward damit zufrieden und begab sich mit Joseph in die Freie wieder; die drei Priester aber begaben sich in ihr angewiesenes Gemach.

 

84. Kapitel – Die Sage von der Entstehung der Stadt Ostracine. Des Cyrenius Zukunftssorge wegen der Göttertempel.

4. Dezember 1843

[JJ.01_084,01] In der Freie angelangt, fingen Joseph und Cyrenius sich über so manche Dinge zu besprechen an, während unter der Zeit die Maria das Kindlein versorgte im Hause

[JJ.01_084,02] und die Söhne Josephs sich abgaben mit der Beordnung des Hauswesens, wobei ihnen die Dienerschaft des Cyrenius so manche Dienste leistete.

[JJ.01_084,03] Nach mehreren weniger gehaltvollen Gesprächen zwischen Joseph und Cyrenius in Begleitung des Maronius Pilla aber kam auch ein wichtiger Punkt zur Sprache, und dieser lautete also, und das aus dem Munde des Cyrenius:

[JJ.01_084,04] „Erhabener Freund und Bruder! – Siehe, die Stadt und das ganze große Gebiet, welches noch zur Herrschaft der Stadt gehört, zählt bei achtzigtausend Menschen sicher!

[JJ.01_084,05] Darunter gibt es nur sehr wenige deines Glaubens und deiner Religion.

[JJ.01_084,06] Sie sind zumeist mehr oder weniger seit Jahrtausenden meines Wissens Erzgötzendiener.

[JJ.01_084,07] Ihre Götzentempel haben sie alle in dieser uralten Stadt, von der die Mythe sagt, sie sei bei Gelegenheit der Götterkriege mit den Giganten der Erde erbaut worden, und das von Zeus selbst zum Zeichen des Sieges über diese Giganten der Erde.

[JJ.01_084,08] Merkur habe die Knochen der Giganten sammeln und sie ins Meer versenken müssen; dadurch sei dieses Land entstanden.

[JJ.01_084,09] Über diese Gigantenknochen habe Zeus dann durch einen ganzen Monat Sand und Asche regnen lassen und mitunter große und schwere Steine.

[JJ.01_084,10] Darauf habe Zeus die alte Ceres beordert, sie solle dieses Land fruchtbar machen und in seiner Mitte nicht zu ferne vom Meere eine Burg und eine Stadt erbauen zum Zeichen des großen Sieges;

[JJ.01_084,11] Zeus selbst aber werde dann ein Volk aus der Erde rufen, welches für alle Zeiten der Zeiten dieses Land und diese Stadt bewohnen solle. –

[JJ.01_084,12] Aus dieser meiner Kundgabe wirst du nun leicht ersehen, daß ebendieses Volk, wie nicht leichtlich ein anderes irgend auf der Erde, noch fest der Meinung ist, die Stadt zu bewohnen, welche die Götter selbst erbaut haben,

[JJ.01_084,13] aus welchem Grunde du denn auch die überaus zerlumpten Wohnhäuser allzeit ersiehst, indem sich kein Mensch an dem Werke der Götter etwas auszubessern getraut, um sich nicht zu versündigen gegen sie.

[JJ.01_084,14] Ganz besonders solle die alte Ceres mit Hilfe des Merkur und des Apollo die Tempel eigenhändig erbaut haben. –

[JJ.01_084,15] Das ist die Mythe und zugleich der noch feste Glaube dieses sonst gutmütigen Volkes, welches trotz seiner Armut sehr gastfreundlich und ausnahmsweise ehrlich ist.

[JJ.01_084,16] Was aber wird nun hier zu tun sein, wenn das Volk etwa die Wiederherstellung der Tempel verlangt?

[JJ.01_084,17] Sollte man ihm die Tempel wieder aufbauen oder nicht, – oder sollte man es bekehren zu deiner Lehre?

[JJ.01_084,18] Und tut man das, was werden die benachbarten Völker dazu sagen, die auch noch nicht selten diese Stadt besuchen, die nun um so mehr, wie freilich schon seit gar langen Zeiten, mehr eine Ruine als eine eigentliche Stadt ist!?"

 

85. Kapitel – Josephs Hinweis aufs Gottvertrauen und Vorhersage über das Ende Ostracines.

4. Dezember 1843

[JJ.01_085,01] Und weiter redete der Cyrenius: „O Freund, wahrlich, hier wird ein guter Rat sehr teuer!

[JJ.01_085,02] Hast du in der lebendigen Kammer deiner echten göttlichen Weisheit einen Rat dafür, so gebe mir ihn!

[JJ.01_085,03] Denn wahrlich, je mehr ich nun über diese Sache nachdenke, desto kritischer und verwickelter wird sie!"

[JJ.01_085,04] Und der Joseph sprach darauf zum Cyrenius: „Höre mich an, edelster Freund! Aus dieser Verlegenheit kann dir sehr leicht geholfen werden!

[JJ.01_085,05] Ich will dir dafür einen guten Rat geben, der dir das Rechte zeigen wird, was du zu tun haben sollest bei dieser Gelegenheit.

[JJ.01_085,06] Siehe, du bist nun in deinem Herzen meines lebendigen Glaubens und liebst und ehrest samt mir den einig-wahren Gott!

[JJ.01_085,07] Ich sage dir aber: Solange du dich sorgen wirst, so lange auch wird Gott nichts tun für dich!

[JJ.01_085,08] Wie du aber alle deine Sorge auf Ihn legst und dich um nichts anderes kümmerst und sorgst als darnach nur, eben diesen wahren Gott stets mehr zu erkennen und stets mehr zu lieben,

[JJ.01_085,09] da wird dann Er dir in allem zu helfen anfangen, und alles, was du heute noch krumm ersiehst, wird morgen gerade vor dir stehen!

[JJ.01_085,10] Lasse du daher diese Stadt nur da vom Schutte reinigen, wo allenfalls unter demselben Menschen begraben sein möchten, was soeben geschieht.

[JJ.01_085,11] Alle anderen Tempel, unter deren Schutte sich nichts als höchstens einige sehr plumpe, wertlose, zertrümmerte Götzen befinden, aber lasse als Ruinen liegen!

[JJ.01_085,12] Denn was Elemente zerstören, gilt diesem blinden Volke soviel, als hätten es die Götter zerstört.

[JJ.01_085,13] Es wird daher sich auch gar nicht darum bemühen, diese Tempel selbst wieder aufzubauen;

[JJ.01_085,14] denn es fürchtet sich, daß es wider den Willen der Götter dadurch tätig wäre, was ihm eine große Strafe zuziehen könnte.

[JJ.01_085,15] Priester aber, die das auf eine erdichtete Aufforderung von seiten der Götter durch die Hände und Mittel des Volkes zu ihrem Besten unternommen hätten, sind nicht mehr, –

[JJ.01_085,16] und die noch da sind, werden nimmer Tempel für Götzen erbauen!

[JJ.01_085,17] Also kannst du darob ganz ohne Sorge sein; der Herr Himmels und der Erde wird das Beste machen für dich und fürs ganze Volk!

[JJ.01_085,18] In dieser Zeit aber wird ohnehin mehrere Städte ein ähnliches Los treffen, daß sie verschüttet werden hie und da; und so wird es wenig auffallen, so diese alte Stadt in zehn Jahren gänzlich zur Ruine wird!"

[JJ.01_085,19] Diese Rede Josephs tröstete den Cyrenius, und er kehrte wieder ganz wohlgemut mit Joseph in die Wohnung zurück.

 

86. Kapitel – Die Heimkehr des Cyrenius mit seiner Dienerschaft nach Ostracine. Maria im Gebet. Josephs tröstende Worte.

5. Dezember 1843

[JJ.01_086,01] Im Speisezimmer angelangt, fragte der Cyrenius den Joseph: „Lieber Freund, du mein Alles, siehe, mir ist soeben ein guter Gedanke durch die Brust und in den Kopf gefahren!

[JJ.01_086,02] Was meinst du, wäre es in meiner Sache, von der wir draußen uns besprachen und du mir darüber wohl das Beste und Tröstlichste gesagt hast, nicht ersprießlich für die volle Beruhigung meines Gemütes,

[JJ.01_086,03] so ich die drei hier anwesenden Priester einvernehmen möchte, was da ihre Meinung wäre?"

[JJ.01_086,04] Und der Joseph sprach: „So dir mein Wort noch nicht genügt, – du bist hier der Herr und kannst tun, was dir beliebt zu deiner Beruhigung,

[JJ.01_086,05] obschon ich der Meinung bin, daß hier mit diesen Priestern eben nicht viel zu reden sein wird, solange sie mich für den Uranos oder Saturnus und das Kindlein für den sich verjüngenden Zeus halten!

[JJ.01_086,06] Wenn du sie demnach fragen wirst darum, daran es dir liegt, so werden sie dich offenbar an mich und an das Kindlein verweisen!"

[JJ.01_086,07] Als der Cyrenius solches vom Joseph vernommen hatte, da stand er sobald ab von seinem Verlangen und sprach darauf:

[JJ.01_086,08] „Nun bin ich ganz im klaren; mein Gemüt ist völlig beruhigt, und ich kann meine fernere Zeit wieder ganz ruhig dem ordentlichen Staatsgeschäfte widmen.

[JJ.01_086,09] Es ist bereits Abend geworden; ich werde mich daher wieder in die Stadt begeben mit meiner Dienerschaft!

[JJ.01_086,10] Morgen aber am Nachmittag bin ich wieder bei dir; sollte ich aber dennoch eher irgend deines Rates vonnöten haben, dann werde ich noch am Vormittage dich zu mir entbitten!"

[JJ.01_086,11] Hier segnete Joseph den Cyrenius und den Maronius, und der Cyrenius begab sich noch zur Wiege und küßte ganz leise das schlafende Kindlein.

[JJ.01_086,12] Sodann erhob er sich und begab sich mit Tränen in seinen Augen von dannen.

[JJ.01_086,13] Während des Ganges sah er sich wenigstens einige hundert Male nach der Villa um, welche nun für ihn mehr war als alle Schätze der Welt.

[JJ.01_086,14] Joseph aber sandte dem Cyrenius auch einen Segen um den andern nach, solange er nur noch etwas von der Schar des Cyrenius entdecken konnte.

[JJ.01_086,15] Als nichts mehr vom Cyrenius zu entdecken war, da erst begab sich Joseph wieder ins Haus und da zur Maria, die gerade – wie gewöhnlich um diese Zeit – tief im Gebete zu Gott versammelt war.

[JJ.01_086,16] Sobald sie aber den Joseph bei sich gewahrte, erhob sie sich und sprach: „Lieber Gemahl, fürwahr, dieser Tag hat mich ganz ausgewechselt! – Die Welt, die Welt! – sie ist für den Menschen kein Gewinn!"

[JJ.01_086,17] Und der Joseph sprach: „Mein getreuestes Weib, du hast recht; aber ich denke: Solange der Herr mit uns ist, da verlieren wir in der Welt auch nichts! Daher sei guten Mutes; morgen wird uns wieder die alte Sonne neu und herrlich aufgehen! Dem Herrn allein alle Ehre ewig Amen."

 

87. Kapitel – Maria als Vorbild weiblicher Demut. Das Lob- und Danklied Josephs und seiner Söhne. Die gute Wirkung auf die drei Götzendiener.

6. Dezember 1843

[JJ.01_087,01] Maria aber, die von jeher nie viel Worte machte und auch nie nach der Art der Weiber das letzte Wort haben wollte, begnügte sich in ihrem Herzen mit der ganz einfachen und ebenso kurzen Tröstung Josephs.

[JJ.01_087,02] Sie begab sich darauf zur Ruhe, von Joseph dem Herrn in seinem Herzen aufgeopfert.

[JJ.01_087,03] Joseph aber begab sich darauf zu seinen Söhnen und sagte zu ihnen: „Kinder, der Abend ist herrlich und schön; gehen wir hinaus ins Freie!

[JJ.01_087,04] Da wollen wir im großen heiligen Tempel Gottes ein Loblied anstimmen und wollen dem Herrn danken für alle die unendlichen Wohltaten, die Er uns und unsern Vätern von Anbeginn der Welt erwiesen hat!"

[JJ.01_087,05] Alsogleich ließen die Söhne Josephs alles stehen und folgten dem Vater.

[JJ.01_087,06] Und er führte sie auf einen freien kleinen Hügel, welcher etwa hundert Schritte von der Villa entfernt lag, zum Grunde Josephs gehörte und ungefähr eine Höhe von zwanzig Klaftern hatte.

[JJ.01_087,07] Es bemerkten aber solche Bewegung die drei Priester und meinten, die Götter begeben sich für die Nacht etwa in den Olymp, um da einen allgemeinen Rat zu halten mit allen Göttern.

[JJ.01_087,08] Daher erhoben sie sich auch bald aus ihrem Gemache und schlichen ganz heimlich und leise dem Joseph nach.

[JJ.01_087,09] An dem Hügel angelangt, horchten sie unter einem dichtbelaubten Feigenbaume, was da etwa die vermeinten Götter im Olymp beschließen werden.

[JJ.01_087,10] Aber wie sehr fingen sie an, sich unter sich zu verwundern, als sie die vermeinten Götter erster Klasse gar mächtig und ergreifend einen Gott anbeten und lobsingen vernahmen.

[JJ.01_087,11] Ganz besonders aber wirkten folgende Stellen eines Psalmes Davids auf sie, welche Stellen also lauten:

[JJ.01_087,12] „Herr Gott, Du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen ward, bist Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!

[JJ.01_087,13] Der Du den Menschen lässest sterben und sprichst: ,Kommet wieder, Menschenkinder!‘

[JJ.01_087,14] Denn tausend Jahre sind vor Dir wie ein Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

[JJ.01_087,15] Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, und sie sind dann wie ein Schlaf und gleichwie ein Gras, das welk geworden ist,

[JJ.01_087,16] das da frühe blüht und bald welk wird und des Abends abgehauen wird und dann verdorrt.

[JJ.01_087,17] Das macht Dein Zorn, daß wir so vergehen, und Dein Grimm, daß wir so plötzlich dahinmüssen!

[JJ.01_087,18] Denn unsere Missetat stellst Du vor Dich und unsere unerkannte Sünde in das Licht vor Deinem Angesicht!

[JJ.01_087,19] Darum fahren alle unsere Tage dahin durch Deinen Zorn, und wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.

[JJ.01_087,20] Unser Leben währet etwa siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, so war es voll Mühe und Arbeit; denn es fähret schnell dahin, als flögen wir von dannen!

[JJ.01_087,21] Wer glaubt es aber, daß Du so sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor solchem Deinem Grimme?

[JJ.01_087,22] Lehre uns aber bedenken, daß wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.

[JJ.01_087,23] Herr, kehre Dich doch wieder zu uns und sei Deinen Knechten gnädig!

[JJ.01_087,24] Fülle uns frühe mit Deiner Gnade, so wollen wir Dich rühmen und in Dir fröhlich sein unser Leben lang!

[JJ.01_087,25] Erfreue uns nun wieder, nachdem Du uns lange geplaget hast und wir so lange im Unglücke waren!

[JJ.01_087,26] Zeige Deinen Knechten Deine Werke und Deine Ehre ihren Kindern!

[JJ.01_087,27] Und Du Herr, unser Gott, sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns; ja, das Werk unserer Hände wolle Du fördern!" –

[JJ.01_087,28] Als die drei diesen Gesang gar deutlich vernahmen, da begaben sie sich sogleich wieder in ihr Gemach.

[JJ.01_087,29] Und einer sprach zu den andern zweien: „Fürwahr, das können keine Götter sein, die so zu einem Gott beten und Seinen Zorn und Grimm sogar über sie anerkennen!"

[JJ.01_087,30] Und ein anderer sprach: „Das wäre im Grunde das wenigste; aber daß dieses Gebet ganz uns getroffen hatte, da liegt das Ungetüm begraben!

[JJ.01_087,31] Daher nun stille; die Betenden kommen zurück! Morgen aber wollen wir das Vernommene tiefer prüfen für uns; also nur stille für heute, denn sie kommen!"

 

88. Kapitel – Die goldene Morgenstunde. Joseph und seine Söhne auf dem Felde bei der Arbeit. Joel betäubt durch den Biß einer giftigen Schlange. Die Heimkehr und der Schrecken zu Hause. Des Kindleins tröstende Worte. Die Wiederbelebung Joels.

7. Dezember 1843

[JJ.01_088,01] Joseph behieß aber dann seine Söhne, daß sie ihr allfälliges Geschäft noch beenden sollen und darauf zur Ruhe gehen.

[JJ.01_088,02] Er selbst aber, da er auch schon eine Müdigkeit in seinen Gliedern zu verspüren anfing, begab sich darauf gleich zur Ruhe.

[JJ.01_088,03] Also ward dieser Tag, der reich an Erscheinungen war, beschlossen.

[JJ.01_088,04] Am nächsten Tage aber war unser Joseph, wie gewöhnlich, schon eine geraume Zeit vor dem Aufgange der Sonne auf und weckte auch seine Söhne zur Arbeit.

[JJ.01_088,05] Denn er sprach: „Golden ist die Morgenstunde; das wir in ihr tun, ist gesegneter als des ganzen folgenden Tages Mühe!"

[JJ.01_088,06] Und so ging er mit Ausnahme des Jakob, welcher beim Kindlein verbleiben mußte, mit den älteren vier Söhnen sobald hinaus auf einen Acker und bestellte ihn.

[JJ.01_088,07] Der älteste Sohn aber arbeitete am fleißigsten und wollte den andern dreien vorkommen.

[JJ.01_088,08] Siehe aber, als er so recht emsig mit dem Spaten in die Erde stach, da hob er auf einmal eine sehr giftige Schlange aus dem Boden!

[JJ.01_088,09] Und die Schlange bewegte sich schnell und biß ihn in den Fuß.

[JJ.01_088,10] Wohl eilten die drei jüngeren Brüder herbei und erschlugen die Schlange; aber dessenungeachtet schwoll der Fuß des Bruders zusehends, ein Schwindel befiel ihn, und er sank bald in den Tod dahin.

[JJ.01_088,11] Joseph und die drei jüngeren Brüder fingen an zu wehklagen und flehten zu Gott, daß Er ihnen doch den Joel wieder erwecken möchte.

[JJ.01_088,12] Und der Joseph verfluchte die Schlange und sagte zu den dreien: „Nun solle ewig nimmermehr eine Schlange diesen Boden bekriechen!

[JJ.01_088,13] Hebet den Bruder aber auf und traget ihn nach Hause; denn es muß also dem Herrn gefallen haben, daß Er mir den Stammhalter nahm!"

[JJ.01_088,14] Und die drei Brüder erhoben weinend den Joel und trugen ihn nach Hause, und Joseph zerriß sein Gewand und folgte ihnen wehklagend.

[JJ.01_088,15] Im Hause angelangt, kam, durch das Wehklagen erschreckt, ihnen alsbald die Maria mit dem Kinde entgegen, und der Jakob folgte ihr.

[JJ.01_088,16] Beide aber stießen einen Jammerschrei aus, als sie den entseelten Joel und den Joseph mit zerrissenem Gewande erblickten.

[JJ.01_088,17] Auch die drei Priester kamen sobald herbei und erschraken nicht wenig über den Anblick des Leichnams.

[JJ.01_088,18] Und einer sprach zum Joseph: „Nun erst glaube ich dir völlig, daß du auch nur ein Mensch bist; denn wärest du ein Gott, wie könnten da deine Kinder sterben, und wie möchtest du sie nicht sobald erwecken?!"

[JJ.01_088,19] Das Kindlein aber sprach: „Ihr irret euch alle; Joel ist wohl betäubt und schläft, aber tot ist er nicht!

[JJ.01_088,20] Bringet eine Meerzwiebel her; leget sie ihm auf die Wunde, und es solle alsbald besser mit ihm werden!"

[JJ.01_088,21] Eiligst brachte Jakob eine solche Zwiebel herbei und legte sie dem Joel auf die Wunde;

[JJ.01_088,22] und er kam in wenigen Augenblicken wieder zu sich und fragte alle, was denn mit ihm vorgefallen sei.

[JJ.01_088,23] Die Umstehenden aber erzählten ihm alles sobald und lobten und priesen Gott für die Rettung; die drei Priester aber bekamen eine große Achtung vor dem Kinde, – aber eine noch größere vor der Zwiebel.

 

89. Kapitel – Josephs Opfergelübde. Des Jesuskindleins Einspruch und Hinweis auf das Gott wohlgefälligste Opfer. Josephs Einwand und seine Entkräftung durch das Kindlein.

9. Dezember 1843

[JJ.01_089,01] Darauf begab sich Joseph sobald mit seiner ganzen Familie in das Schlafgemach und lobte und pries Gott laut bei einer Stunde lang;

[JJ.01_089,02] und machte auch ein Gelübde, demzufolge er, sobald er wieder nach Jerusalem käme, dem Herrn ein Opfer darzubringen sich verpflichtete.

[JJ.01_089,03] Das Kindlein aber sprach zum Joseph: „Höre du Mich an! – Meinst du, der Herr hat daran ein Wohlgefallen?

[JJ.01_089,04] O da irrest du dich gewaltig, – siehe, weder an den Brandopfern noch am Blute der Tiere und ebensowenig am Mehle, Öle und Getreide hat Gott ein Wohlgefallen,

[JJ.01_089,05] sondern allein nur an einem reumütigen, zerknirschten und demütigen Herzen, das Ihn über alles liebt!

[JJ.01_089,06] Hast du aber etwas Übriges, so gebe denen, die da nackt, hungrig und durstig sind, so wirst du eine rechte Opferung dem Herrn darbringen!

[JJ.01_089,07] Ich enthebe dich daher von deinem Gelübde und der Pflicht für den Tempel darum, weil Ich dazu die volle Macht habe!

[JJ.01_089,08] Ich Selbst aber werde einst dein Gelübde in Jerusalem auf eine Art erfüllen, daß daran die ganze Erde gesättigt wird für die Ewigkeit!" – – –

[JJ.01_089,09] Joseph aber nahm das Kindlein auf seine Arme und küßte Es und sagte dann zu Ihm:

[JJ.01_089,10] „Du mein allergeliebtester kleiner Jesus, Dein Joseph dankt Dir dafür zwar aus ganzem Herzen und erkennt die vollste heilige Wahrheit Deines wunderbarsten Ausspruchs;

[JJ.01_089,11] aber siehe, Gott, Dein und unser aller Vater, hat dennoch solches durch Moses und die Propheten angeordnet und uns, Seinen Kindern, zu halten befohlen!

[JJ.01_089,12] O sage es mir: Hast Du, mein Söhnchen, obschon göttlicher heilig wunderbarer Abkunft, wohl das Recht, die Gesetze des großen Vaters, der in Seinen Himmeln wohnet ewig, aufzuheben?"

[JJ.01_089,13] Das Kindlein aber sprach: „Joseph, so Ich es dir auch sagen würde, wer Ich bin, so möchtest du es Mir dennoch nicht glauben, indem du in Mir nur ein Menschenkind erschauest!

[JJ.01_089,14] Aber dennoch sage Ich dir: Da Ich bin, da ist auch der Vater; da Ich aber nicht bin, da ist auch der Vater nicht.

[JJ.01_089,15] Ich aber bin nun hier und nicht im Tempel; wie solle dann der Vater im Tempel sein? – !

[JJ.01_089,16] Verstehst du das? – Siehe, wo des Vaters Liebe ist, da ist auch Sein Herz; in Mir aber ist des Vaters Liebe und somit auch Sein Herz!

[JJ.01_089,17] Niemand aber trägt sein Herz außer sich, also auch der Vater nicht; da Sein Herz ist, da ist auch Er! – Verstehest du solches?"

[JJ.01_089,18] Diese Worte erfüllten den Joseph, die Maria wie die fünf Söhne mit tiefer heiliger Ahnung; und sie gingen dann hinaus und lobten in ihren Herzen den so nahen Vater. Und die Maria machte sich dann an die Bereitung eines Morgenmahles.

 

90. Kapitel – Das Morgenmahl. Die Sitte der Waschung. Der Widerstand der drei Priester gegen die Weisungen Josephs und ihre Erziehung zum Gehorsam durch das Kindlein. Die bedeutsame Frage der Priester und Josephs Verlegenheit.

11. Dezember 1843

[JJ.01_090,01] Das Morgenmahl war bald bereitet, denn es bestand in nichts anderem als in einem Topfe aufgesottener frischer Milch mit etwas Honig mit Thymian und in Brot.

[JJ.01_090,02] Maria selbst brachte es auf den Tisch und rief den Joseph und die fünf Söhne wie auch die drei Priester zum Tische.

[JJ.01_090,03] Und der Joseph erschien sobald mit dem Kinde auf seinem Arme, übergab Es der Mutter und begab sich dann zum Tische.

[JJ.01_090,04] Hier stimmte er sogleich dem Herrn sein Loblied an; und als das Loblied abgesungen war, da fragte Joseph nach gewohnter Sitte, ob alles gewaschen sei.

[JJ.01_090,05] Und Maria, die fünf Söhne und das Kindlein sprachen: „Ja, wir sind alle gar wohl gewaschen!"

[JJ.01_090,06] Und der Joseph erwiderte: „Also möget ihr auch essen! Wie sieht es aber mit euch dreien aus, habt auch ihr euch gewaschen?"

[JJ.01_090,07] Die drei Priester aber sprachen: „Bei uns ist es nicht Sitte, sich am Morgen mit Wasser zu waschen, wohl aber am Abende.

[JJ.01_090,08] Am Morgen salben wir uns mit Öl, auf daß uns die Hitze des Tages nicht zu lästig werde."

[JJ.01_090,09] Und der Joseph sprach: „Das mag gut sein; so ich in euer Haus käme, würde ich ein Gleiches tun mit euch.

[JJ.01_090,10] Da ihr aber nun bei mir im Hause seid, so beobachtet meine Sitte; denn sie ist besser als die eurige!"

[JJ.01_090,11] Die Priester aber baten, daß sie damit verschont werden möchten.

[JJ.01_090,12] Da wollte Joseph den Priestern das Waschen erlassen;

[JJ.01_090,13] aber das Kindlein sprach: „Fürwahr, zum Steine solle ein jeder Bissen in ihrem Magen werden, so sie sich nicht eher reinwaschen mit Wasser, bevor sie teilnehmen an dem Tische, an dem Ich gegenwärtig bin!"

[JJ.01_090,14] Diese Worte brachen den drei Priestern sogleich ihre Sitte, und sie verlangten Wasser und wuschen sich.

[JJ.01_090,15] Nachdem sie sich aber gewaschen hatten, da lud sie Joseph sogleich wieder zum Tische;

[JJ.01_090,16] aber die Priester weigerten sich und getrauten sich nicht, denn sie fürchteten das Kind.

[JJ.01_090,17] Das Kindlein aber sprach: „So ihr euch nun weigern werdet, zum Tische zu gehen und da mit uns das gesegnete Morgenmahl zu halten, so werdet ihr sterben!"

[JJ.01_090,18] Und sogleich begaben sich die Priester zum Tische und aßen mit großer geheimer Ehrfurcht vor dem Kinde.

[JJ.01_090,19] Als aber das Morgenmahl verzehrt war, da erhob sich Joseph wieder und brachte Gott den Dank dar.

[JJ.01_090,20] Die Priester aber fragten ihn darauf: „Welchem Gotte dankest denn du? – Ist denn nicht dies Kind der erste rechte Gott? – Wie dankest du da noch einem andern?"

[JJ.01_090,21] Diese Frage frappierte den Joseph sehr, und er wußte nicht, was er darauf erwidern solle.

[JJ.01_090,22] Aber das Kindlein sprach: „Joseph! – sorge dich nicht vergeblich; denn was die drei geredet haben, wird erfüllet werden! Aber jetzt sei du ohne Sorge; denn du betest dennoch nur zu einem Gott und Vater!"

 

91. Kapitel – Die Liebe als das wahrhafte Gebet zu Gott. Jesus als Sohn Gottes. Die heidnischen Gedanken der drei Priester und des Kindleins Entgegnung.

12. Dezember 1843

[JJ.01_091,01] Joseph küßte das Kindlein und sprach: „Ja fürwahr, wäre in Dir nicht das Herz des Vaters, nimmer wärest Du solcher Worte fähig!

[JJ.01_091,02] Denn wo wohl auf der ganzen Erde ist ein Kind Deines Alters, das da vermöchte solche Worte aus sich zu reden, die noch nie ein Weiser geredet hat!

[JJ.01_091,03] Darum sage mir, ob ich Dich als meinen Gott und Herrn vollkommen anbeten solle?"

[JJ.01_091,04] Diese Frage Josephs an das Kindlein überraschte alle anwesenden Gemüter.

[JJ.01_091,05] Aber das Kindlein sprach sanft lächelnd zum Joseph: „Joseph! weißt du wohl, wie der Mensch zu Gott beten solle?

[JJ.01_091,06] Siehe, du weißt es nicht völlig; darum will Ich es dir sagen.

[JJ.01_091,07] Höre! Im Geiste und in der Wahrheit solle der Mensch zu Gott beten, nicht aber mit den Lippen, wie es die Kinder der Welt tun, die da meinen, daß sie dadurch Gott gedient haben, so sie eine Zeitlang mit ihren Lippen gewetzt haben.

[JJ.01_091,08] Willst du aber im Geiste und in der Wahrheit beten, da liebe du Gott in deinem Herzen, und tue Gutes allen Freunden und Feinden, so wird dein Gebet gerecht sein vor Gott!

[JJ.01_091,09] So aber jemand zu gewissen Zeiten eine kurze Zeit nur mit den Lippen gewetzt hat vor Gott und hat während solcher Wetzerei an allerlei weltliche Dinge gedacht, die ihm mehr am Herzen lagen als all sein loses Gebet, ja mehr als Gott Selbst, – sage, ist das dann wohl auch ein Gebet?

[JJ.01_091,10] Wahrlich, Millionen solcher Gebete werden bei Gott gerade also erhört werden, als da erhöret ein Stein die Stimme eines Schreiers!

[JJ.01_091,11] So du aber durch die Liebe zu Gott betest, da brauchst du nimmer zu fragen, ob du Mich nun als den allerheiligsten Gott und Vater anbeten sollest.

[JJ.01_091,12] Denn wer also zu Gott betet, der betet auch zu Mir; denn der Vater und Ich sind einer Liebe und eines Herzens!"

[JJ.01_091,13] Diese Worte bekehrten alle zur reinen Einsicht, und sie wußten nun, warum Jesus ein Sohn Gottes geheißen werden solle.

[JJ.01_091,14] Josephs Brust ward nun voll der höchsten himmlischen Wonne.

[JJ.01_091,15] Und die Maria frohlockte heimlich über das Kindlein und behielt alle solche Worte in ihrem Herzen; desgleichen auch die Söhne Josephs.

[JJ.01_091,16] Die drei Priester aber sprachen zu Joseph: „Erhabenster Weiser aller Zeiten!

[JJ.01_091,17] Einige ganz geheime Worte möchten wir mit dir ganz allein auf jenem Hügel reden, allwo du gestern abend mit deinen Söhnen so herrlich und erbauend gebetet hast zu deinem Gott!"

[JJ.01_091,18] Das Kindlein aber sprach da sogleich in die Mitte, sagend nämlich:

[JJ.01_091,19] „Meinet ihr denn, Meine Ohren werden zu kurz und werden auf dem Hügel nicht euren Mund erreichen? – O ihr irrt euch; denn Meine Ohren reichen so weit wie Meine Hände! Daher besprechet euch nur vor Mir hier."

 

92. Kapitel – Die Enthüllung der Blindheit und Torheit der drei Priester. Vom Tempelbau im Herzen und vom wahren Gottesdienst.

13. Dezember 1843

[JJ.01_092,01] Die drei Priester aber wurden darob sehr verlegen und wußten nun nicht, was sie machen sollten; denn sie getrauten sich nicht, ihr Anliegen in der Gegenwart des Kindes dem Joseph zu enthüllen.

[JJ.01_092,02] Das Kindlein aber sah sie an und sprach darauf mit einer recht festen Stimme:

[JJ.01_092,03] „Möchtet ihr nicht auch aus Mir einen Götzen machen?

[JJ.01_092,04] Dort an jenem Hügel möchtet ihr einen Tempel erbauen, im selben ein Schnitzwerk nach Mir anbringen auf einem goldenen Altare und diesem Schnitzwerke dann opfern nach eurer Art.

[JJ.01_092,05] Versuchet nur so etwas zu unternehmen; wahrlich sage Ich euch, der erste, der dafür einen Schritt tun und nur einen Finger ausstrecken wird, solle sogleich am Platze des Todes sein!

[JJ.01_092,06] Wollt ihr Mir aber schon einen Tempel erbauen, da erbauet ihn in euren Herzen lebendig;

[JJ.01_092,07] denn Ich bin lebendig, aber nicht tot, und will daher lebendige, aber nimmer tote Tempel!

[JJ.01_092,08] So ihr aber schon glaubet, daß in Mir da wohne die Fülle der Gottheit leibhaftig, bin Ich da nicht Selbst genug ein Tempel lebendig vor euch?! – Weshalb solle da von Mir noch ein Schnitzwerk und ein steinerner Tempel sein?

[JJ.01_092,09] Was ist da mehr, Ich – oder so ein nichtssagender Tempel und ein Schnitzwerk von Mir?

[JJ.01_092,10] So der Lebendige bei euch und unter euch ist, wofür solle da dann der Tote wohl gut und dienlich sein?

[JJ.01_092,11] O ihr blinden Toren! – Ist denn das nicht mehr, so ihr Mich liebet, als wenn ihr Mir tausend Tempel aus Steinen erbauen möchtet und möchtet dann tausend Jahre lang in denselben vor geschnitzten Bildern von Mir eure Lippen wetzen in verbrämten Röcken?!

[JJ.01_092,12] So aber ein armer Mensch zu euch käme, der da nackt wäre und hungrig und durstig,

[JJ.01_092,13] ihr aber möchtet sagen: ,Siehe, das ist ein Halbgott, denn also erscheinen diese hohen Wesen;

[JJ.01_092,14] lasset uns von ihm ein Bild machen und es dann setzen in einen Tempel, auf daß es von uns verehrt werde!‘ –

[JJ.01_092,15] saget Mir, so ihr das sicher tätet, würde damit dem armen Menschen wohl etwas gedient sein, und möchtet ihr sein Bild auch aus purem Golde anfertigen?!

[JJ.01_092,16] Wird es aber dem Armen nicht mehr frommen, so ihr ihn nach eurer Liebe bekleidet und reichet ihm dann Speise und Trank?

[JJ.01_092,17] Ist aber Gott nicht lebendiger noch als jeder Mensch der Erde, indem doch alles das Leben aus Ihm hat?

[JJ.01_092,18] Solle Gott etwa blind sein, der die Sonne erschuf und gab dir ein sehend Auge?!

[JJ.01_092,19] Oder solle Der taub sein, der dir das Ohr gemacht hat, und gefühllos, der dir die Empfindung gab?

[JJ.01_092,20] Siehe, wie töricht wäre das gedacht und geredet!

[JJ.01_092,21] Gott ist sonach ja das vollkommenste Leben Selbst, also die vollkommenste Liebe; wie wollt ihr Ihn denn hernach wie einen Toten anbeten und ehren? –

[JJ.01_092,22] Bedenket dieses, auf daß ihr in eurer Blindheit geheilt werdet."

[JJ.01_092,23] Diese Rede trieb die drei Priester zu Boden; sie ersahen die heilige Wahrheit und redeten am selben Tage nichts mehr.

 

93. Kapitel – Die allseitig gute Wirkung dieser Belehrung. Die hl. Familie im häuslichen Leben. Die blinde Bettlerin und ihr Traum. Die Heilung der Blinden durch das Badewasser des Kindes.

14. Dezember 1843

[JJ.01_093,01] Nach solcher bezeigten Höchstachtung kehrten die drei Priester wieder in ihr angewiesenes Gemach zurück und verblieben im selben bis zum Untergange der Sonne.

[JJ.01_093,02] Sie redeten nichts, sondern ein jeder von ihnen dachte über die Worte des wunderbar redenden Kindes nach.

[JJ.01_093,03] Joseph aber gab Gott die Ehre in seinem Herzen und dankte inbrünstigst für die endlos große Gnade, daß er der Nährvater des Sohnes Gottes ward.

[JJ.01_093,04] Als er also mit Maria und seinen Söhnen Gott die Ehre und das Lob gegeben hatte und die Maria das Kindlein ebenfalls versorgt hatte,

[JJ.01_093,05] da ward das Kindlein wieder dem Jakob übergeben, und Joseph ließ sich von der Maria das zerrissene Kleid zusammenheften und ging dann mit seinen vier Söhnen wieder hinaus auf den Acker und bestellte ihn.

[JJ.01_093,06] Maria aber reinigte unterdessen das Zimmergeräte des Hauses, damit es rein sei zum Empfange der Gäste, die da nachmittags wiederzukommen versprochen hatten.

[JJ.01_093,07] Als sie mit der Reinigung zu Ende war, da sah sie wieder beim Kinde nach, ob Ihm nichts fehle.

[JJ.01_093,08] Das Kindlein aber begehrte die Brust und dann ein Bad, und das mit reinem kaltem Wasser.

[JJ.01_093,09] Maria tat das alles sogleich; und als sie das Kindlein gebadet hatte, kam ein blindes Weib ins Zimmer zur Maria und klagte viel über ihr Elend.

[JJ.01_093,10] Maria aber sprach zu diesem blinden Weibe: „Ich sehe wohl, daß du sehr elend bist; aber was kann ich dir da wohl tun, daß dir damit geholfen wäre?"

[JJ.01_093,11] Und das Weib sprach: „Höre mich an! – In dieser Nacht hat mir geträumt gar wunderbar.

[JJ.01_093,12] Ich sah, wie du ein gar mächtig leuchtendes Kind hattest; dieses Kind begehrte von dir Brust und Bad.

[JJ.01_093,13] Das Bad war ein frisches Wasser; und als du das Kind darinnen gebadet hast, da ward das Wasser voll leuchtender Sterne!

[JJ.01_093,14] Da erinnerte ich mich, daß ich blind bin, und wunderte mich nicht wenig, wie ich solches alles zu sehen vermöchte.

[JJ.01_093,15] Du aber hast daneben zu mir geredet: ,Weib, so nehme denn dieses Wasser, und wasche dir die Augen, und du wirst sehend!‘

[JJ.01_093,16] Da wollte ich sogleich nach dem Wasser greifen und mir die Augen waschen; aber ich ward sobald wach – und bin noch blind geblieben!

[JJ.01_093,17] Heute am Morgen aber sprach jemand zu mir: ,Gehe hinaus, und suche! Du wirst das Weib mit dem Kinde treffen; denn du wirst eher in kein Haus kommen als in das allein!‘

[JJ.01_093,18] Hier bin ich nun am sichern Ziele meiner großen Mühe, Angst und Gefahr!"

[JJ.01_093,19] Hier reichte Maria dem blinden Weibe das Badewasser, und das Weib wusch sich damit das Gesicht und ward im Augenblicke sehend.

[JJ.01_093,20] Das Weib aber wußte sich vor lauter Dank nicht zu helfen und wollte das sogleich in ganz Ostracine ausposaunen; Maria aber verbot dem Weibe solches auf das nachdrücklichste.

 

94. Kapitel – Der Geheilten Dank und Bitte um Aufnahme in das Haus Josephs. Jakobs Zeugnis von Marias Wesen. Eine Voraussage des Mädchens über die einstige Verehrung Marias. Marias Bescheidenheit. Josephs Heimkehr.

15. Dezember 1843

[JJ.01_094,01] Das Weib aber bat Mariam, ob sie ihr nicht erlauben möchte, daß sie bei ihr eine Zeitlang verbleibe, auf daß sie dem Hause dienete, in dem ihr ein so großes Heil widerfahren ist.

[JJ.01_094,02] Maria aber sprach: „Weib, das steht nicht bei mir, denn ich bin selbst nur eine Magd des Herrn.

[JJ.01_094,03] Verharre aber eine Zeitlang, bis mein Gemahl vom Felde heimkehrt; von ihm sollst du den rechten Bescheid bekommen!"

[JJ.01_094,04] Das Weib aber fiel der Maria zu den Füßen und wollte sie förmlich als eine Göttin anzubeten anfangen; denn sie sah die Heilung ihres Gesichtes als ein zu großes Wunder an, indem sie eine Blindgeborne war.

[JJ.01_094,05] Maria aber verwies ihr solches strenge und entfernte sich in ein anderes Gemach.

[JJ.01_094,06] Das Weib aber fing darob an zu weinen, da sie der Meinung ward, als hätte sie dadurch ihre größte Wohltäterin beleidigt.

[JJ.01_094,07] Jakob aber, der im selben Zimmer das Kindlein lockte, sah das Weib an und sprach zu ihr:

[JJ.01_094,08] „Was weinest du, als hätte dir jemand etwas zuleide getan?"

[JJ.01_094,09] Das Weib aber sprach: „Ach, du lieber Jüngling! Ich habe ja die beleidigt, die mir das Licht der Augen gab; wie solle ich da nicht weinen?"

[JJ.01_094,10] Der Jakob aber sprach: „Ach, sorge dich um etwas anderes! Das junge Weib, das dir das Badewasser reichte, ist sanfter als eine Turteltaube; darum kann sie nimmer beleidiget werden.

[JJ.01_094,11] Wenn sie auch jemand beleidigen möchte, so kann er aber das doch nicht zuwege bringen.

[JJ.01_094,12] Denn da segnet sie ihn für eine Beleidigung zehn Male und bittet selbst den Beleidiger auf eine Art um seine Freundschaft wieder, der auch der härteste Stein nicht widerstehen könnte!

[JJ.01_094,13] Siehe, so gut ist dieses Weib! Daher sei ja ohne Sorge; denn ich versichere dir, daß sie soeben zu Gott für dich betet!"

[JJ.01_094,14] Und also war es auch. Maria betete fürwahr zu Gott für dieses Weib, daß Er ihr den Verstand erleuchten möchte, und sie dann einsehe, daß sie (die Maria nämlich) auch nur ein schwaches Weib sei.

[JJ.01_094,15] Maria war wohl vom höchsten Adel; aber ihre Freude bestand darin, daß sie gedemütiget werde allorts und von jedermann.

[JJ.01_094,16] Nach einer Weile aber kam die gute, liebe Maria wieder zurück und bat im Ernste das Weib um Vergebung darum, so sie dieselbe etwa zu hart angefahren hätte.

[JJ.01_094,17] Dieses Benehmen von Seite der Maria brachte das dankbare Weib völlig um vor lauter Liebe zur Maria.

[JJ.01_094,18] Und das Weib sprach in der völligen Verzückung ihrer Liebe:

[JJ.01_094,19] „O du helle Psyche meines Geschlechtes, was ehedem dein edelstes Herz mir verwies, das werden dir einst Völker tun!

[JJ.01_094,20] Denn aus allen Weibern der Erde bist du sicher die erste, die mit den hohen Göttern um so sicherer im Bunde steht, da sie nebst ihrer wahren Göttertugend auch gar so unaussprechlich lieb, hold und schön ist!"

[JJ.01_094,21] Maria aber sprach: „Liebes Weib, nach meinem Tode sollen die Menschen mit mir machen, was sie wollen; aber bei meinen Lebzeiten solle das nicht geschehen!"

[JJ.01_094,22] Hier kam der Joseph mit den vier Söhnen wieder zurück; und die Maria führte ihm sogleich das Weib vor und erzählte ihm alles, was da vorgefallen ist.

 

95. Kapitel – Die Aufnahme der Geheilten durch Joseph. Ihre bewegende Lebensgeschichte. Joseph tröstet die arme Waise.

16. Dezember 1843

[JJ.01_095,01] Als das Weib aber sobald erkannte, daß Joseph der Gemahl der Maria sei, da ging sie hin und brachte vor ihn die Bitte, daß sie in seinem Hause verbleiben dürfte.

[JJ.01_095,02] Und der Joseph sprach zum Weibe: „So dir solche Gnade widerfuhr, wie es mir mein Weib kundgab nun in deiner Gegenwart, und du willst darum dankbar diesem Hause sein, so magst du wohl bleiben.

[JJ.01_095,03] Denn siehe, ich habe hier einen ziemlich großen Grund und habe mehrere Haustiere und habe ein geräumiges Haus!

[JJ.01_095,04] Und so wird es an der Beschäftigung nicht fehlen, und Raum zur Wohnung ist auch genug da.

[JJ.01_095,05] Mein Weib ist ohnehin mehr von schwacher Beschaffenheit in ihrer Leibeskraft; daher wirst du mir einen guten Dienst erweisen, wenn du hie und da meinem Weibe in der häuslichen Arbeit helfen magst.

[JJ.01_095,06] Für alle deine Bedürfnisse solle gesorgt sein; aber in Geld kann ich dir keinen Lohn geben, indem ich selbst keines habe.

[JJ.01_095,07] Bist du mit diesem Antrage zufrieden, so magst du hier verbleiben nach deiner Lust, aber nicht aus irgend einer vermeinten Pflicht!"

[JJ.01_095,08] Diese Worte machten das Weib, die ohnehin eine ganz arme Waise war, überaus glücklich, und sie lobte das Haus über die Maßen, in dem ihr so viel Gutes entgegenkam.

[JJ.01_095,09] Joseph aber fragte sie nach dem Geburtsorte und nach ihrem Alter, und welcher Religion sie wohl sei.

[JJ.01_095,10] Und das Weib erwiderte: „Aller Ehre würdigster Mann! – Ich bin aus Rom gebürtig, bin die Tochter eines mächtigen Patriziers!

[JJ.01_095,11] Mein ältliches Aussehen entspricht nicht meinem Alter; denn ich bin erst kaum zwanzig Sommer eine Bewohnerin der Erde.

[JJ.01_095,12] Ich kam blind zur Welt; meinen Eltern aber riet ein Priester, sie sollen mich nach Delphi bringen, allda würde ich durch Apolls Erbarmung das Licht der Augen bekommen.

[JJ.01_095,13] Als dieser Rat meinen Eltern gegeben ward, da war ich zehn Jahre und sieben Monate alt.

[JJ.01_095,14] Meine Eltern, die sehr reich waren und mich als die einzige Tochter überaus liebten, befolgten diesen Rat.

[JJ.01_095,15] Sie mieteten ein Schiff, um mit mir nach Delphi zu steuern.

[JJ.01_095,16] Wir befanden uns aber kaum drei Tage auf dem Meere, da kam ein allergewaltigster Sturm und trieb das Schiff mit großer Schnelligkeit in diese Gegend.

[JJ.01_095,17] Ungefähr zweihundert Klafter außerhalb des Ufers, wie es mir mein Lebensretter oft erzählte, ward das Schiff auf eine Klippe geschleudert,

[JJ.01_095,18] und alles bis auf mich und einen Matrosen, der mich gerettet hat, ging zugrunde, und somit auch meine guten Eltern.

[JJ.01_095,19] Nimmer fand sich eine Gelegenheit, die mich in meine Vaterstadt zurückbrächte. Der Matrose starb auch hier schon vor fünf Jahren, und ich bin nun eine von großer Not und Traurigkeit abgezehrte waise Bettlerin in diesem Orte.

[JJ.01_095,20] Doch da ich solch eine Gnade sicher bei den Göttern gefunden habe und habe meiner Augen Licht bekommen und nun sehen kann meine Wohltäter, so will ich ja gerne vergessen meiner großen Trübsal!"

[JJ.01_095,21] Diese Erzählung des scheinbaren Weibes brachte alles zum Weinen; und der Joseph sprach: „O du arme Waise, sei getröstet; denn hier sollst du deine Eltern vielfach wiederfinden!"

 

96. Kapitel – Die Frage der Waise auf die für sie dunklen Worte Josephs. Josephs Antwort.

18. Dezember 1843

[JJ.01_096,01] Das vermeintliche Weib aber verstand den Joseph nicht völlig, was er mit der Gewinnung der mehrfachen Eltern gemeint hatte; daher fragte sie ihn:

[JJ.01_096,02] „O du lieber, überguter Mann, in dessen Hause mir eine so endlos wunderbar große Gnade widerfuhr, was wohl meinst du damit, daß mir nach deinem Worte eine mehrfache Wiederfindung meiner verlornen Eltern hier werden solle?"

[JJ.01_096,03] Joseph aber sprach zu ihr: „Fürwahr, du sollst in meinem Hause meinen Kindern gleich gehalten werden dein Leben lang!

[JJ.01_096,04] Du sollst bei mir den einig und ewig wahren Gott erkennen lernen, der da ist Derselbe, der dich erschaffen hat und dir nun wiedergab das Licht deiner Augen.

[JJ.01_096,05] Ja du sollest deinen Gott und Herrn wesenhaft erkennen und sollst von Ihm Selbst gelehret werden!

[JJ.01_096,06] Also wirst du auch hier gar bald einem hohen Römer in diesem meinem Hause begegnen, der deine Sachen in Rom ordnen wird.

[JJ.01_096,07] Und dieser Römer ist Cyrenius, ein Bruder des Augustus.

[JJ.01_096,08] Er kannte sicher deine Eltern und wird sich auf mein Anraten sicher auch für deiner Eltern Sache deinetwegen in Rom verwenden. – Und das werden doch deine Eltern mehrfach sein, geistlich und leiblich?!

[JJ.01_096,09] Denn so irgend deine leibhaftigen Eltern lebten, sage, könnten diese mehr tun für dich?

[JJ.01_096,10] Hätten sie dir wohl das Licht deiner Augen wiedergegeben, und hätten sie dir wohl den einigen, ewigen, wahren Gott zu zeigen vermocht?

[JJ.01_096,11] Deine leiblichen Eltern hätten dich wohl zeitlich versorgt, hier aber wirst du für ewig versorgt werden, so du diese Versorgung nur annehmen willst!

[JJ.01_096,12] Sage, was ist dann wohl mehr, deine leiblichen Eltern, die das Meer verschlungen hat, oder deine jetzigen, denen das Meer im Namen des einen Gottes gehorchen muß?"

[JJ.01_096,13] Hier war das vermeintliche Weib völlig stumm vor lauter Hochachtung und Liebe gegen den Joseph.

[JJ.01_096,14] Denn sie meinte, da sie ohnehin schon hie und da so ganz leise reden gehört hatte, als wohne irgend in der Gegend von Ostracine der Zeus, sie sei nun in der leibhaftigen Gegenwart desselben.

[JJ.01_096,15] Joseph aber erkannte gar bald den Wahn des Weibes und sprach zu ihr:

[JJ.01_096,16] „O Magd, o Tochter! – Halte mich ja nicht für mehr als ich bin; am wenigsten aber für etwas, das nichts ist!

[JJ.01_096,17] Ich bin dir gleich ein Mensch, das genüge dir vorderhand. Mit der Zeit aber wird es schon heller werden um dich; daher gut für jetzt!

[JJ.01_096,18] Bringet aber nun das Mittagsmahl; nach diesem wollen wir mehreres kennenlernen; also geschehe es."

 

97. Kapitel – Josephs Worte wegen der drei fastenden Priester. Die Demut der neuen Hausgenossin und ihre Annahme als Tochter durch Joseph. Der Segen und die Freude des Jesuskindleins.

19. Dezember 1843

[JJ.01_097,01] Die Söhne Josephs gingen sogleich hinaus und brachten das Mittagsmahl herein.

[JJ.01_097,02] Joseph aber sprach: „Was ist mit den dreien, werden sie mit uns das Mittagsmahl halten, oder werden sie etwa lieber für heute in ihrem Gemache speisen?

[JJ.01_097,03] Gehet hinaus und erkundiget euch darnach, und es soll ihnen werden, wie sie es am liebsten haben wollen!"

[JJ.01_097,04] Und die Söhne gingen und fragten die drei; diese aber sprachen nichts, sondern bedeuteten den Söhnen, daß sie vor dem Untergange nichts reden und nichts zu sich nehmen werden, weder Speise noch Trank!

[JJ.01_097,05] Solches berichteten die Söhne dem Joseph, und Joseph war damit zufrieden und sprach:

[JJ.01_097,06] „Wenn sich die drei das zu einer Gewissenssache gemacht haben, da würden wir sündigen an ihnen, so wir sie nicht belassen möchten in der Treue ihres Gelübdes!

[JJ.01_097,07] Setzen wir uns daher im Namen des Herrn nur zum Tische und verzehren dankbar, was uns Gott bescheret hat!"

[JJ.01_097,08] Das vermeintliche Weib aber sprach: „O Herr dieses Hauses! – Du bist zu gut, und ich habe keinen Wert; daher bin ich wohl nicht würdig, an deinem Tische zu essen; an der Flur des Hauses will ich dankbarst verzehren, was mir deine Güte bescheren wird!

[JJ.01_097,09] Zudem sind auch meine gar zu zerlumpten Kleider und mein ungewaschener Leib wohl nicht schicklich für einen Tisch eines solchen Herrn, wie du einer bist!"

[JJ.01_097,10] Joseph aber sprach zu den Söhnen: „Gehet und bringet vier große Krüge Wassers; stellet sie ins Seitengemach der Maria!

[JJ.01_097,11] Du, Weib, aber gehe und wasche das Weib und kämme sie und ziehe ihr deine besten Kleider an!

[JJ.01_097,12] Und wenn sie also köstlich und festlich ausgestattet sein wird, dann führe sie hierher, damit sie mit uns ohne Scheu halte das Mittagsmahl!"

[JJ.01_097,13] In einer halben Stunde war der Wille Josephs vollzogen, und ganz gereinigt stand nun an der Stelle des Weibes ein gar liebes, schüchternes und überaus dankbares Mädchen da, in deren Gesicht nur noch die Spuren der ehemaligen Traurigkeit zu sehen waren.

[JJ.01_097,14] Sie war ihren Zügen nach von großer Schönheit, und in ihren Augen lag tiefe Demut, aber auch tiefe Liebe.

[JJ.01_097,15] Joseph hatte eine rechte Freude an diesem Kinde nun und sprach: „O Herr, ich danke Dir, daß Du mich dazu ausersehen hast, diese Arme zu retten; in Deinem allerheiligsten Namen will ich sie zur völligen Tochter aufnehmen!"

[JJ.01_097,16] Und zu den Söhnen sich wendend, sprach er: „Sehet an eure arme Schwester, und grüßet sie als Brüder!"

[JJ.01_097,17] Mit viel Freuden taten das die Söhne Josephs, und am Ende sprach auch das Kindlein:

[JJ.01_097,18] „Also, wie von euch, sei sie auch von Mir angenommen; das ist ein gutes Werk und macht Mir viel Freude!"

[JJ.01_097,19] Als aber das Mädchen das Kindlein also reden hörte, da verwunderte sie sich und sprach: „O Wunder! – was ist das, daß dies Kindlein also redet wie ein Gott!?" –

 

98. Kapitel – Die liebliche Szene zwischen dem Mädchen und dem Kindlein. Die Gefahren des hl. Geheimnisses. Die Seligkeit und überschwengliche Freude des Mädchens.

20. Dezember 1843

[JJ.01_098,01] Das Mädchen ging sogleich hin zum Kindlein und sprach:

[JJ.01_098,02] „O was bist Du doch für ein außerordentliches Wunderkind!

[JJ.01_098,03] Ja, Du bist dasselbe leuchtende Kindlein, von dem es mir so wunderbar geträumt hat, daß Es die Mutter gebadet hatte und mir hernach dasselbe Badewasser das Licht meiner Augen gab!

[JJ.01_098,04] Ja, ja, Du göttlich Kindlein! – Du gabst mir das Licht der Augen; Du bist mein Heiland; Du bist der wahre Apollo von Delphi!

[JJ.01_098,05] Ja, Du bist in meinem Herzen schon jetzt mehr als alle Götter Roms, Griechenlands und Ägyptens!

[JJ.01_098,06] Welch ein hoher göttlicher Geist muß in Dir wohnen, der Dir schon so früh Deine Zunge gelöset hat, und der durch Dich schon jetzt so heilbringend und mächtig wirkend sich zu erkennen gibt!? –

[JJ.01_098,07] Heil euch Menschen der Erde, die ihr samt mir in großer Finsternis und Trübsal lebet!

[JJ.01_098,08] Hier ist die Sonne der Himmel, die euch Blinden, wie mir, die Sehe wiedergeben wird!

[JJ.01_098,09] O Rom! du mächtige Bezwingerin der Erde, siehe, hier vor mir lächelt der Held mich an, der dich in einen Schutthaufen umwandeln wird!

[JJ.01_098,10] Sein Panier wird Er über deinen Mauern aufpflanzen, und du wirst zu Grabe gehen; wie da verwehet wird vom Sturme eine lose Spreu, so wirst du verweht werden!"

[JJ.01_098,11] Das Kindlein aber bot dem Mädchen die Hand und verlangte zu ihr.

[JJ.01_098,12] Und das Mädchen nahm Es mit tausend Freuden zu sich und herzte und kosete Es.

[JJ.01_098,13] Das Kindlein aber spielte mit den reichen Locken des Mädchens und sprach dabei ganz leise zum Mädchen:

[JJ.01_098,14] „Glaubst du, Meine liebe Schwester, wohl den Worten, die du ehedem ausgesprochen hast vor Mir, da Ich Mich noch auf den Armen Meines Bruders befand?"

[JJ.01_098,15] Und das Mädchen sprach eben auch ganz leise zum Kindlein:

[JJ.01_098,16] „Ja, Du mein Heiland, Du mein Licht, Du meine erste Morgensonne! – jetzt glaube ich um so fester, da Du mich darnach gefragt hast!"

[JJ.01_098,17] Und das Kindlein sprach darauf: „Wohl dir, daß du in deinem Herzen also glaubst, wie du geredet hast!

[JJ.01_098,18] Aber das sage Ich dir, halte vorderhand nichts geheimer als eben dieses dein Glaubensbekenntnis!

[JJ.01_098,19] Denn nie hat der Feind alles Lebens sein Ohr also gespitzt, als gerade in dieser Zeit!

[JJ.01_098,20] Daher schweige von Mir, und verrate Mich ja nicht, wenn es dir daran liegt, von diesem Feinde nicht für ewig getötet zu werden!"

[JJ.01_098,21] Das Mädchen aber gelobte solches allerkräftigst und ward in der Zeit, da sie das Kindlein lockte, so ganz vollkommen jugendlich schön, daß sich darob alle höchst zu verwundern anfingen; und das Mädchen konnte sich vor lauter Seligkeit beinahe gar nicht helfen, ja so selig war sie, daß sie zu jauchzen und zu kirren begann.

 

99. Kapitel – Des Cyrenius und Pillas Ankunft. Josephs Bericht über das Mädchen. Des Cyrenius Werbung um die Adoptivtochter Josephs.

21. Dezember 1843

[JJ.01_099,01] Als das Mädchen noch in ihrer größten Freude sich befand, da kam gerade der Cyrenius wieder in Gesellschaft des Maronius Pilla zum Joseph, wie er es am vorigen Abende versprochen hatte.

[JJ.01_099,02] Joseph und Maria empfingen ihn mit großer, herzlichster Freude, und der Cyrenius sprach:

[JJ.01_099,03] „O du mein erhabener Freund und Bruder, was habt ihr denn doch erlebt, darob ihr zu meiner großen Freude so heiter seid?"

[JJ.01_099,04] Joseph aber wies den Cyrenius sogleich an das Mädchen und sprach:

[JJ.01_099,05] „Siehe, dort mit dem Kindlein auf dem Arme und in eine tiefe Wonne versunken, siehst du den Gegenstand unserer Freude!"

[JJ.01_099,06] Cyrenius blickte das Mädchen näher an und sprach darauf zum Joseph:

[JJ.01_099,07] „Hast du sie denn zu einer Kindsmagd angenommen? – Woher kam denn diese schöne israelitische Maid?"

[JJ.01_099,08] Und der Joseph erwiderte dem vor Neugierde brennenden Cyrenius:

[JJ.01_099,09] „O hoher Freund! – siehe, ein Wunder brachte sie unter dies Obdach! – Sie kam blind zu mir, aussehend wie ein betagtes allerärmstes Bettelweib.

[JJ.01_099,10] Durch die Wundermacht des Kindleins aber bekam sie ihr Gesicht, und es zeigte sich dann, daß sie erst eine Magd von kaum zwanzig Sommern ist, und ist eine Waise, darum ich sie denn auch zu einer Tochter angenommen habe; und das ist der so ganz eigentliche Grund unserer Freude!"

[JJ.01_099,11] Und der Cyrenius, das Mädchen mit stets größerem Wohlgefallen betrachtend, während das Mädchen aus lauter Wonne den Cyrenius noch gar nicht bemerkte, obschon er in seinem vollen Glanze gegenwärtig war, sprach zum Joseph:

[JJ.01_099,12] „O Freund, o Bruder! – wie sehr bedaure ich mich nun, daß ich ein hoher römischer Patrizier bin!

[JJ.01_099,13] Fürwahr, ich gäbe alles darum, so ich ein Jude wäre und könnte diese herrliche Jüdin von dir mir nun zum Weibe erbitten!

[JJ.01_099,14] Denn du weißt, daß ich ledig und kinderlos bin. O was könnte mir so ein Weib, von dir gesegnet, sein!"

[JJ.01_099,15] Und der Joseph lächelte den Cyrenius an und fragte ihn: „Was würdest du denn tun, so dies Mädchen keine Jüdin, sondern eine Römerin hohen Standes wäre, dir gleich?

[JJ.01_099,16] So sie die einzige Tochter eines Patriziers wäre, deren Eltern den Untergang in den Fluten des Meeres bei einer Fahrt nach Delphi fanden? – !"

[JJ.01_099,17] Hier sah der Cyrenius den Joseph ganz verblüfft an und sagte nach einer stummen Weile:

[JJ.01_099,18] „O erhabener Freund und Bruder! Was sprichst du hier!? – Ich bitte dich, erkläre dich deutlicher; denn die Sache scheint mich nahe anzugehen!"

[JJ.01_099,19] Joseph aber sagte: „Mein hoher Freund! Siehe, es hat alles seine Zeit; daher gedulde dich auch du hier ein wenig, und das Mädchen selbst wird dir alles kundgeben!

[JJ.01_099,20] Du aber gebe mir kund vorderhand, wie es mit den ausgegrabenen Leichen aus dem Schutte des Tempels aussieht!"

 

100. Kapitel – Cyrenius berichtet über die Wiederbelebung von zweihundert Scheintoten. – Sein steigendes Interesse an dem fremden Mädchen. Josephs Bedenken. Das dreifache Eherecht im alten Rom.

22. Dezember 1843

[JJ.01_100,01] Cyrenius aber sprach zum Joseph: „O Freund und Bruder! Kümmere dich nicht der Leichen; denn in dieser Nacht sind bei zweihundert zum Leben gebracht worden, und ich habe für ihr Unterkommen heute den ganzen Vormittag gesorgt!

[JJ.01_100,02] Und sollten im Verlaufe der Schuttwegräumung noch mehrere unversehrte Leichen vorgefunden werden, so wird für sie gesorgt sein wie für die bisherigen.

[JJ.01_100,03] Siehe, das ist in kurzem das Ganze und ist bei weitem von keinem so großen Interesse nun für mich als eben diese Maid, die nach deiner mir höchst glaubwürdigen Aussage die Tochter eines verunglückten römischen Patriziers sein soll!

[JJ.01_100,04] Lasse mich daher vorher genau in Erfahrung bringen, wie es mit diesem Kinde steht, auf daß ich dann ja alles aufbieten kann, was zum Wohle dieser Waise erforderlich ist.

[JJ.01_100,05] Siehe, wie ich dir schon ehedem gesagt habe, ich bin ledig und habe keine Kinder; kann sie wohl besser versorgt werden, als so ich sie als ein Bruder des Kaisers zum festen Weibe nehme!?

[JJ.01_100,06] Daher also liegt mir die Geschichte dieses Mädchens nun vor allem stets mehr und mehr – und mehr am Herzen!

[JJ.01_100,07] Verschaffe mir daher nur sogleich die Gelegenheit, daß ich mich mit diesem herrlichen Kinde bespreche und wohl berate!"

[JJ.01_100,08] Und der Joseph sprach zum Cyrenius: „Hoher Freund und Bruder! Du sprichst da zu mir, daß du ledig seist, und hast doch in Tyrus selbst zu mir geredet, daß du vermählt bist mit einem Weibe, – nur hast du keine Kinder mit ihr!?

[JJ.01_100,09] Sage mir, wie solle ich das nehmen? – Du kannst dir wohl ein zweites Weib nehmen, so das erste unfruchtbar ist; aber wie du als ein vermählter Gatte noch ledig seist, fürwahr, das verstehe ich nicht! Darüber erkläre dich deutlicher!"

[JJ.01_100,10] Und der Cyrenius lächelte bei dieser Gelegenheit und sprach: „Lieber Freund! Ich sehe, daß du mit den Gesetzen Roms nicht vertraut bist; daher muß ich dir schon einen näheren Aufschluß erteilen, – und so höre mich denn!

[JJ.01_100,11] Siehe, wir Römer haben ein dreifaches Eherecht; zwei darunter sind nicht bindend, nur eines ist bindend.

[JJ.01_100,12] Laut der zwei nicht bindenden Gesetze kann ich mich vermählen wohl mit einer Sklavin sogar; ich habe aber darum dennoch kein festes Weib, sondern nur eine gesetzlich erlaubte Beischläferin, und ich bin dabei ledig noch und kann mir allzeit ein standesmäßiges rechtes Weib nehmen.

[JJ.01_100,13] Der Unterschied der ersten zwei nicht bindenden Gesetze besteht bloß darin, daß ich im ersten Falle mir bloß eine Konkubine nehmen kann, ohne die geringste Verbindlichkeit, sie je zum rechtmäßigen Weibe zu nehmen.

[JJ.01_100,14] Im zweiten Falle aber kann ich auch die Tochter von einem standesmäßigen Hause mir bloß von ihren Eltern anbinden lassen unter der Bedingung, sie zum rechtmäßigen Weibe zu nehmen, so ich mit ihr ein bis drei lebende Kinder erzeuge, darunter wenigstens eines ein Knabe ist.

[JJ.01_100,15] Im dritten Falle tritt dann erst das festbindende Gesetz ein, laut dem ich erst vor dem Altare Hymens von einem dazu bestimmten Priester mit einem rechtmäßigen Weibe fest verbunden werde und dann nicht mehr ledig, sondern verheiratet bin.

[JJ.01_100,16] Also hebt bei uns weder die Vermählung (nuptias capere), noch die examinative Ehe (patrimonium), sondern allein die wirkliche Verheiratung (uxorem ducere) den ledigen Stand auf nach den Gesetzen, wie sie jetzt bestehen.

[JJ.01_100,17] Also können wir nuptias capere, patrimonium facere und uxorem ducere, und nur das Letzte hebt das Ledigsein auf.

[JJ.01_100,18] Siehe, darum auch bin ich um so mehr ledig, da ich mit der Konkubine keine Kinder erzeugen kann, und wäre sogar dann noch ledig, so ich mit ihr Kinder hätte, weil die Konkubinat-Kinder bei uns kein Recht auf den Vater haben, außer der Vater adoptiert sie mit des Kaisers Einwilligung!

[JJ.01_100,19] Nun weißt du alles, daher ersuche ich dich, mich nun mit der Geschichte dieses Mädchens näher vertraut zu machen; denn ich bin nun vollkommen entschlossen, mich mit ihr sogleich vollkommen zu verheiraten!"

[JJ.01_100,20] Als der Joseph das vom Cyrenius vernommen hatte, da sprach er: „Wenn also, dann will ich selbst zuvor das Mädchen unterrichten und vorbereiten, auf daß sie ein solcher Antrag nicht schwäche oder gar töte!"

 

101. Kapitel – Tullia lernt Cyrenius kennen. Eine wunderbare Entdeckung: Tullia, die Base und Jugendliebe des Cyrenius. Cyrenius gerührt.

23. Dezember 1843

[JJ.01_101,01] Darauf ging der Joseph hin zum immer noch mit dem Kindlein beschäftigten Mädchen, zupfte sie am Ärmel und sprach zu ihr:

[JJ.01_101,02] „Höre, meine teure Tochter, hast du denn im Ernste noch nicht bemerkt, wer sich nun hier befindet? – Blicke doch einmal auf und sehe!"

[JJ.01_101,03] Hier erwachte das Mädchen aus ihrer Wonne und ersah den glänzenden Cyrenius.

[JJ.01_101,04] Sie erschrak förmlich und fragte ganz ängstlich: „O du mein lieber Vater Joseph, wer ist dieser gar so stark glänzende Mann? – Was will er hier? Woher kam er denn?!"

[JJ.01_101,05] Und der Joseph sprach zum Mädchen: „O fürchte dich nicht, meine Tochter Tullia! – Siehe, das ist der überaus gute Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und Statthalter von Asien und einem Teile Afrikas!

[JJ.01_101,06] Dieser wird deine Sache in Rom sicher in die beste Ordnung bringen; denn du bist ihm schon beim ersten Anblicke sehr teuer geworden!

[JJ.01_101,07] Gehe aber hin, und bitte ihn um Gehör, und trage ihm deine ganze Lebensgeschichte vor, und sei versichert, daß du nicht zu tauben Ohren wirst geredet haben!"

[JJ.01_101,08] Das Mädchen aber sprach: „O du mein lieber Vater! Das getraue ich mir nicht; denn ich weiß, so ein Herr prüft ganz entsetzlich strenge bei solchen Gelegenheiten, und hat er irgendeinen Punkt erfahren, der sich nicht erweisen läßt, da droht er einem gleich mit dem Tode!

[JJ.01_101,09] Wie es mir in meiner Armut schon einmal ergangen ist, da mich sicher auch ein solcher Herr zu examinieren hatte angefangen, woher ich wäre.

[JJ.01_101,10] Und als ich ihm alles getreu kundgab, da forderte er dann gar strenge Beweise von mir.

[JJ.01_101,11] Da ich ihm aber solche in meiner gänzlichen Verwaistheit und blanksten Armut nicht herzustellen vermochte, da gebot er mir das gestrengste Schweigen und drohte mir mit dem Tode, so ich noch mehr davon zu jemandem reden möchte.

[JJ.01_101,12] Ich bitte dich darum, verrate auch du mich nicht, sonst bin ich sicher verloren!"

[JJ.01_101,13] Hier trat der Cyrenius, der diese leise Unterredung vernommen hatte, hin zur Tullia und sprach zu ihr:

[JJ.01_101,14] „O Tullia! Fürchte den nicht, der ja alles aufbieten will, um dich so glücklich als möglich zu machen!

[JJ.01_101,15] Sage mir nichts als nur den Namen deines Vaters, so du ihn dir noch gemerkt hast, und mehr brauche ich nicht.

[JJ.01_101,16] Doch fürchte ja nichts, wenn dir auch der Name deines Vaters entfallen wäre; du bleibst mir gleich teuer darum, daß du nun eine Tochter dieses meines größten Freundes bist!"

[JJ.01_101,17] Hier bekam die Tullia schon mehr Mut und sprach zum Cyrenius: „Wahrlich, wenn mich dein sanftes Auge täuscht, so ist die ganze Welt eine Lüge! Ich will dir daher ja wohl sagen, wie mein guter Vater hieß.

[JJ.01_101,18] Siehe, sein Name war Victor Aurelius Dexter Latii; – so du ein Bruder des Kaisers bist, da muß dieser Name dir nicht fremd sein."

[JJ.01_101,19] Als der Cyrenius diesen Namen vernommen hatte, da ward er sichtbar gerührt und sprach mit gebrochener Stimme:

[JJ.01_101,20] „O Tullia, das war ja ein rechter Bruder meiner Mutter! – Ja, ja, von dem weiß ich ja, daß er mit einem rechtmäßigen Weibe eine blindgeborne Tochter hatte, die er über alles liebte!

[JJ.01_101,21] O wie oft habe ich ihn beneidet um sein Glück, das eigentlich ein Unglück war! – Aber ihm war die blinde Tullia mehr als die ganze Welt!

[JJ.01_101,22] Ja ich selbst war in diese Tullia, da sie noch kaum vier bis fünf Jahre alt war, ganz verliebt und habe oft bei mir geschworen, diese oder sonst keine soll mein rechtes Weib werden dereinst!

[JJ.01_101,23] Und – o Gott! – nun finde ich dieselbe himmlische Tullia hier im Hause meines himmlischen, göttlichen Freundes!

[JJ.01_101,24] O Gott, o Gott! – das ist zuviel Lohnes auf einmal für einen schwachen Sterblichen um das Wenige, das ich, ein Nichts vor Dir, o Herr, tat!" – Hier sank der schwachgewordene Cyrenius auf einen Stuhl und faßte sich nach einer Weile erst wieder zur ferneren Rede mit der Tullia.

 

102. Kapitel – Cyrenius wirbt um die Hand Tullias. Seine Prüfung durch Tullia. Ein Evangelium der Ehe.

27. Dezember 1843

[JJ.01_102,01] Nach der Erholung sprach der Cyrenius wieder zur Tullia: „Tullia! Möchtest du mir denn nicht die Hand reichen und werden mein rechtmäßiges Weib, so ich dich dazu aus dem tiefsten Grunde meines Herzens erbitten würde?"

[JJ.01_102,02] Und die Tullia sprach: „Was möchtest du mir wohl tun, so ich dir solches verweigern würde?"

[JJ.01_102,03] Und der Cyrenius sprach etwas erregt, aber immer aus dem besten Herzen:

[JJ.01_102,04] „Dann würde ich es Dem aufopfern, den du auf deinen Armen hältst, und würde sodann traurig ziehen von dannen!"

[JJ.01_102,05] Und die Tullia fragte den Cyrenius weiter, sagend nämlich: „Was würdest du denn dann tun, so ich Den, der nun auf meinen Armen ruht, um einen Rat fragen würde, was ich tun solle,

[JJ.01_102,06] und Er widerriete mir, anzunehmen deinen Antrag, und hieße mich treu verbleiben dem Hause, das mich so überaus freundlichst aufgenommen hat!?"

[JJ.01_102,07] Und der Cyrenius stutzte bei dieser Frage ein wenig, sprach aber dennoch etwas verlegen:

[JJ.01_102,08] „Ja dann, du meine herrlichste Tullia, – dann müßte ich freilich ohne Widerrede sobald abstehen von meinem Verlangen!

[JJ.01_102,09] Denn gegen den Willen Dessen, dem alle Elemente gehorchen, kann sich der sterbliche Mensch ewig nimmer auflehnen!

[JJ.01_102,10] O frage das Kindlein aber ja sogleich, auf daß ich ja ehestens erfahre, wie ich daran bin!"

[JJ.01_102,11] Das Kindlein aber richtete Sich sogleich auf und sprach: „Ich bin nicht ein Herr dessen, was der Welt ist; daher seid ihr von Mir aus in allem Weltlichen frei.

[JJ.01_102,12] Habt ihr aber wahre Liebe in euren Herzen zueinander gefaßt, da sollet ihr dieselbe nicht brechen!

[JJ.01_102,13] Denn es gibt bei Mir kein anderes Gesetz für die Ehe, als welches da mit glühender Schrift geschrieben steht in euren Herzen!

[JJ.01_102,14] Habt ihr euch aber schon beim ersten Anblicke laut dieses lebendigen Gesetzes erkannt und verbunden, da sollet ihr euch auch nicht mehr trennen, so ihr nicht sündigen wollet vor Mir!

[JJ.01_102,15] Ich halte aber kein weltlich Eheband für gültig, sondern allein das des Herzens;

[JJ.01_102,16] wer dieses bricht, der ist ein wahrhaftiger Ehebrecher vor Mir!

[JJ.01_102,17] Du, Mein Cyrenius, hast zu dieser Tochter dein Herz gar mächtig gefaßt; daher sollst du es nicht mehr abwenden von ihr!

[JJ.01_102,18] Und du, Tochter, aber warst beim ersten Anblicke brennend schon in deinem Herzen zum Cyrenius, darum bist du schon sein Weib vor Mir und brauchst nicht erst eines zu werden!

[JJ.01_102,19] Denn bei Mir gilt nicht äußerer Rat oder Widerrat, sondern allein der Rat eurer Herzen ist bei Mir gültig.

[JJ.01_102,20] Bleibet sonach diesem für ewig getreu, wollt ihr nicht zu wahrhaftigen Ehebrechern werden vor Mir!

[JJ.01_102,21] Verflucht aber sei ein Widerräter aus weltlichen Gründen in der Sache der Liebe, die von Mir ist!

[JJ.01_102,22] Was ist denn mehr: die lebendige Liebe, die aus Mir ist, oder der weltliche Grund, der aus der Hölle ist?

[JJ.01_102,23] Wehe aber auch der Liebe, deren Grund die Welt ist; sie sei verflucht!" –

[JJ.01_102,24] Diese Worte des Kindleins machten, daß sich alle entsetzten, und niemand getraute sich weiter etwas zu reden in der Sache der Ehe.

 

103. Kapitel – Das göttliche Kind erklärt das lebendige Ehegesetz. Die Liebe des Kopfes und die Liebe des Herzens. Die Verbindung der beiden Liebenden durch das Kindlein. Tullias Bekenntnis von der Gottheit im Kindlein.

28. Dezember 1843

[JJ.01_103,01] Da aber alle auf diese Rede des Kindleins ganz bestürzt vor sich hinblickten und niemand etwas zu reden sich getraute, da öffnete auf einmal das Kindlein wieder den Mund und sprach:

[JJ.01_103,02] „Was steht ihr alle denn nun so traurig um Mich herum? Habe Ich euch doch nichts zuleide getan!

[JJ.01_103,03] Dir, Mein Cyrenius, gab Ich, danach dein Herz dürstete, und also auch dir, du liebe Tullia; was wollt ihr denn mehr?

[JJ.01_103,04] Solle Ich denn etwa den lebendigen Ehebruch gutheißen, während doch ihr Menschen auf den toten die Todesstrafe gesetzt habet?

[JJ.01_103,05] Welch ein Verlangen wohl wäre das?! Ist denn das, was im Leben vorgeht, nicht mehr, als was im Tode gerichtet ist?

[JJ.01_103,06] Ich meine, des sollet ihr euch wohl freuen, aber nicht trauern, darum es also ist!

[JJ.01_103,07] Wer da liebt, liebt der im Herzen oder im Kopfe?

[JJ.01_103,08] Ihr aber habt eure Ehegesetze nicht dem Herzen, sondern nur dem Kopfe entlockt!

[JJ.01_103,09] Das Leben aber ist nur im Herzen und geht vom selben in alle Teile des Menschen aus, und somit auch in den Kopf, welcher in sich kein Leben hat, sondern tot ist.

[JJ.01_103,10] So ihr aber schon die Gesetze des Kopfes mit dem Tode sanktionieret, die samt dem Kopfe tot sind, um wieviel billiger ist es dann, die lebendigen ewigen Gesetze des Herzens zu respektieren!

[JJ.01_103,11] Daher aber freuet euch, daß Ich als der Lebendige unter euch die Gesetze des Lebens festhalte; denn täte Ich solches nicht, so wäre über euch alle schon lange der ewige Tod gekommen!

[JJ.01_103,12] Darum aber kam Ich in die Welt, auf daß durch Mich alle die Werke und Gesetze des Todes vernichtet werden und an ihre Stelle treten müssen die alten Gesetze des Lebens!

[JJ.01_103,13] So Ich euch aber im voraus zeige, was da sind die Gesetze des Lebens, und was die des Todes, was Leids wohl tue Ich euch dadurch, daß ihr darob trauert und euch vor Mir fürchtet, als hätte Ich euch anstatt des Lebens den Tod gebracht?!

[JJ.01_103,14] O ihr Törichten! In Mir ist das alte ewige Leben zu euch gekommen; daher freuet euch und seid nimmerdar traurig!

[JJ.01_103,15] Und du, Mein Cyrenius, nehme hin das Weib, das Ich dir gebe; und du, Tullia, nehme den Mann, den Ich dir zugeführt habe vollernstlich; nur sollet ihr euch nimmer verlassen!

[JJ.01_103,16] Wenn euch aber des Leibes Tod getrennt wird haben, dann solle der überlebende Teil frei sein dem Außen nach, aber die Liebe solle währen ewiglich, Amen."

[JJ.01_103,17] Diese Worte des Kindleins setzten alle ins größte Erstaunen;

[JJ.01_103,18] und die Tullia sprach, ganz zitternd vor der größten Ehrfurcht:

[JJ.01_103,19] „O Menschen! Dieses Kind ist kein Menschenkind, sondern Es ist die höchste Gottheit Selbst!

[JJ.01_103,20] Denn also kann kein Mensch, sondern nur ein Gott reden; nur ein Gott als das Grundleben Selbst kann die Gesetze des Lebens kennen und kann sie in uns erwecken!

[JJ.01_103,21] Wir Menschen aber sind alle tot; wie könnten wir da die Gesetze des Lebens finden und dieselben als solche setzen?

[JJ.01_103,22] O Du überheiliges Kindlein, jetzt erst erkenne ich klar, was ich ehedem dunkel geahnt habe: Du bist der Herr Himmels und der Erde von Ewigkeit! – Dir sei daher auch alle meine Anbetung!"

 

104. Kapitel – Des Cyrenius Bitte um des Kindleins Segen. Des Kindleins Forderung an Cyrenius, auf Eudokia um der Tullia willen zu verzichten. Cyrenius' innerer Kampf. Des Kindleins fester Wille. Eudokia wird in das Haus Josephs gebracht.

29. Dezember 1843

[JJ.01_104,01] Diese hohe Sprache von Seite der Tullia hatte den Cyrenius ganz begeistert, und er trat hin zur Tullia, die noch das Kindlein auf den Armen hielt, und sprach in der höchsten Rührung zum Kindlein:

[JJ.01_104,02] „O Du mein Leben, Du wahrer Gott meines Herzens! Da Du mich denn schon mit diesem Mädchen also gnädigst verbunden hast, so bitte ich, ein armer Sünder, Dich denn auch um Deinen Segen, dem ich getreu verbleiben werde mein Leben lang!"

[JJ.01_104,03] Und das Kindlein richtete sich sobald auf und sprach: „Ja, du Mein lieber Cyrenius, dich segne Ich mit deinem Weibe Tullia!

[JJ.01_104,04] Aber das Weib, das bis jetzt deine Vermählte war, die mußt du dafür Mir geben!

[JJ.01_104,05] Denn tätest du solches nicht, so bliebest du vor Mir in der Sünde des Ehebruchs; denn du hast das Weib geliebt – und liebst es noch sehr!

[JJ.01_104,06] So du aber Mir das Weib überlieferst und sie ganz Mir gibst und opferst, so hast du Mir auch deine Sünde gegeben.

[JJ.01_104,07] Ich aber bin ja darum in diese Welt gekommen, daß Ich alle Sünde der Menschen der Welt auf Mich nehme und sie tilge durch Meine Liebe vor Ihrem göttlichen Angesichte auf ewig! – Also geschehe es!"

[JJ.01_104,08] Und der Cyrenius stutzte anfangs ein wenig bei dieser Aufforderung; denn seine Vermählte war eine überaus schöne griechische Sklavin, die er um teures Geld erkauft hatte.

[JJ.01_104,09] Er liebte sie wegen ihrer großen Schönheit sehr, obschon er mit ihr keine Kinder hatte.

[JJ.01_104,10] Diese Griechin war zwar schon dreißig Jahre alt, aber sie war dessenungeachtet noch so schön, daß sie von den geringen Heiden als eine förmliche Venus angebetet ward.

[JJ.01_104,11] Darum war diese Aufforderung für unseren guten Cyrenius etwas stark, und es wäre ihm viel lieber gewesen, wenn sie nicht erfolgt wäre.

[JJ.01_104,12] Aber das Kindlein ließ Sich dadurch nicht irremachen, sondern bestand fest auf Seiner Forderung.

[JJ.01_104,13] Da aber der Cyrenius sah, daß das Kindlein von Seiner Forderung durchaus nicht weichen wollte, so sprach er zum Kindlein:

[JJ.01_104,14] „O Du mein Leben! Siehe, meine Vermählte, die schöne Eudokia, ist mir sehr ins Herz gewachsen, und ich werde sie sehr schwer missen!

[JJ.01_104,15] Fürwahr, so es tunlich wäre, möchte ich eher Dir die Tullia lassen, als die gar so schöne Eudokia hintangeben!"

[JJ.01_104,16] Das Kindlein aber lächelte den Cyrenius an und sprach zu ihm: „Hältst du Mich denn für einen Tauschkrämer?

[JJ.01_104,17] O siehe, das wohl bin Ich nicht! – Oder hältst du Mich für ein Wesen, das mit sich um ein ausgesprochenes Wort handeln läßt?

[JJ.01_104,18] O da sage Ich dir, so du zu Mir sprächest: ,Lasse vergehen den ganzen sichtbaren Himmel und die sichtbare Erde!‘, so würde Ich dir eher Gehör geben, als daß Ich zurücknähme ein einmal ausgesprochenes Wort!

[JJ.01_104,19] Wahrlich sage Ich dir: Sonne, Mond und Sterne und diese Erde werden vergehen, wie ein Kleid werden sie veralten und so zunichte werden; aber Meine Worte ewig nimmer!

[JJ.01_104,20] Daher wirst du auch sobald die Eudokia hierher bringen lassen und dann erst empfangen die Tullia, gesegnet von Mir.

[JJ.01_104,21] Wirst du dich aber sträuben, da lasse Ich dir die Eudokia sterben – und gebe dir dann die Tullia nimmer.

[JJ.01_104,22] Denn was du tust, mußt du frei tun; eine gerichtete Tätigkeit hat vor Mir keinen Wert!

[JJ.01_104,23] Stirbt die Eudokia, dann bist du schon gerichtet mit ihrem Tode und kannst nicht mehr der Mann der Tullia werden.

[JJ.01_104,24] Opferst du Mir aber frei die Eudokia, dann bist du wahrhaft frei, und die Tullia kann dein rechtes Weib sein!

[JJ.01_104,25] Zwei Weiber aber kannst du zufolge Meiner Ordnung nicht haben; denn im Anfange ward nur ein Mann und ein Weib erschaffen.

[JJ.01_104,26] Also tue, wie Ich nun zu dir geredet habe, auf daß da nicht ein Gericht über dich komme!"

[JJ.01_104,27] Diese Worte des Kindes brachten den Cyrenius zu dem plötzlichen Entschlusse, die Eudokia aus der Stadt holen zu lassen;

[JJ.01_104,28] denn er hatte sie mitgenommen von Tyrus, ließ sie aber niemanden sehen, auf daß da ja auch niemand von ihren großen Reizen solle bestochen werden.

[JJ.01_104,29] Aber dennoch vertraute er sie selbst jetzt noch niemand anderem an als allein dem ältesten Sohne Josephs und dem Maronius Pilla.

[JJ.01_104,30] Diese beiden gingen im Geleite der Leibwache des Cyrenius hin in die Residenz des Cyrenius und brachten gar bald die schöne Eudokia in die Wohnung des Joseph; die Eudokia aber verwunderte sich sehr darüber und wußte nicht, wie es kam, daß sie der Cyrenius nun zum ersten Male durch fremde Männer holen ließ.

 

105. Kapitel – Des Cyrenius nochmalige Bitte um Belassung der Eudokia. Des Kindleins Nein. Eudokias Aufbegehren. Der Sieg des Geistes in Cyrenius. Marias Trostworte an die Eudokia.

30. Dezember 1843

[JJ.01_105,01] Als der Cyrenius nun die Eudokia gegenüber der Tullia ersah, da fand er, daß sie bedeutend schöner war als die Tullia, und es tat ihm weh, sich nun für immer von ihr zu trennen.

[JJ.01_105,02] Und er fragte darum das Kindlein noch einmal, ob er sie nicht wenigstens als Magd und als Gesellschafterin der Tullia bei sich behalten dürfe.

[JJ.01_105,03] Das Kindlein aber sprach: „Mein Cyrenius! Du kannst so viele Mägde, als du willst, in dein Haus nehmen,

[JJ.01_105,04] aber nur die Eudokia nicht! Diese mußt du hier lassen, und das darum, weil Ich es zu deinem Wohle also haben will!"

[JJ.01_105,05] Als aber die Eudokia solches sah und gar wohl vernahm, wie dieses unmündige Kindlein dem Cyrenius gebieterisch antwortete,

[JJ.01_105,06] da entsetzte sie sich und sprach: „Aber um aller Götter willen, was ist denn das?! – Ein unmündiges Kind gebietet dem, vor dem Asien und Ägypten zittert, so er spricht!

[JJ.01_105,07] Und der große Gebieter hört ängstlich an das so entschieden gebietende Kind und fügt sich willig nach dessen Ausspruche?!

[JJ.01_105,08] Wie ich höre, so solle ich mich von Cyrenius trennen, damit eine andere meinen Platz einnehme!

[JJ.01_105,09] O das wird so leicht nicht geschehen, als da etwa gar dieses unmündige Kind meint!

[JJ.01_105,10] Es wäre für dich, du mächtiger Cyrenius, denn doch eine barste Schande, so du dich etwa gar von diesem Kinde befehligen möchtest lassen; daher sei ein Mann und ein Römer!"

[JJ.01_105,11] Als der Cyrenius aber solches von der Eudokia vernommen hatte, da erregte er sich und sprach:

[JJ.01_105,12] „Ja, Eudokia! Gerade jetzt werde ich dir zeigen, daß ich ein Mann und ein Römer bin!

[JJ.01_105,13] Siehe, so dieses Kind, das die Tullia lockt, auch nicht göttlicher Abkunft wäre und Es möchte zu mir nahe also reden, so würde ich Ihm folgen!

[JJ.01_105,14] Dieses Kind aber ist von der allerhöchsten göttlichen Abkunft, und so will ich Ihm um so mehr folgen, was immer Es von mir will!

[JJ.01_105,15] Was wohl wird dir lieber sein: zu tun, was dies Kind aller Kinder will, oder zu sterben für ewig?"

[JJ.01_105,16] Diese Worte des Cyrenius an die Eudokia waren von großer Wirkung.

[JJ.01_105,17] Sie fing zwar an zu weinen, darum sie nun auf einmal so viel Herrlichkeit verlassen müßte,

[JJ.01_105,18] aber sie dachte dabei, wie sich eines Gottes Rat nicht mehr abändern läßt; und so ergab sie sich in diese Fügung.

[JJ.01_105,19] Es trat aber die Maria zur Eudokia hin und sprach zu ihr: „Eudokia! – traure nicht ob diesem Tausche!

[JJ.01_105,20] Denn du gabst nur eine gar geringe Herrlichkeit hin, um für sie eine gar große andere zu empfangen!

[JJ.01_105,21] Siehe, auch ich bin eines Königs Tochter, aber die königliche Herrlichkeit ist lange vergangen, und siehe, nun bin ich eine Magd des Herrn, und das ist eine größere Herrlichkeit als alles Königtum der Welt!"

[JJ.01_105,22] Diese Worte wirkten gar mächtig auf die Eudokia, und sie fing an Herz zu fassen im Hause Josephs.

 

106. Kapitel – Eudokia verlangt nach Licht über das Kind. Maria mahnt zur Geduld. Das Jesuskind auf den Armen der Eudokia und im Gespräch mit ihr.

2. Januar 1844

[JJ.01_106,01] Es fragte aber die Eudokia die Maria, woher es denn komme, daß dies Kindlein so voll Wunderkraft und so höchst göttlicher Natur sei.

[JJ.01_106,02] Und wie es denn gekommen wäre, daß nun der Cyrenius gar so sehr von den Worten des Kindleins abhänge.

[JJ.01_106,03] Maria aber sprach zur Eudokia gar holdseligst: „Liebe Eudokia! Siehe, es läßt sich nicht ein jeder Prügel übers Knie brechen!

[JJ.01_106,04] Jedes Ding braucht seine Zeit und seine Weile; mit der lieben Geduld kommen wir am weitesten!

[JJ.01_106,05] Wirst du erst eine Zeit bei mir sein, da wirst du schon alles erfahren; vorderhand aber glaube, daß dies Kind größer ist als alle Helden und Götter Roms!

[JJ.01_106,06] Hast du vorgestern nicht verspürt die große Macht des Sturmes?

[JJ.01_106,07] Siehe, dieser kam aus der mächtigen Hand Dessen, den noch die Tullia locket!

[JJ.01_106,08] Siehe, was aber die Gewalt dieses Sturmes mit den Tempeln in der Stadt tat, das könnte sie auch tun mit der ganzen Erde!

[JJ.01_106,09] Nun weißt du vorderhand genug und darfst nicht mehr wissen deines Heiles willen;

[JJ.01_106,10] wann du aber reifer wirst, dann wirst du auch mehr erfahren!

[JJ.01_106,11] Darum bitte ich dich auch um deines Heiles willen, daß du davon schweigest vor jedermann; redest du aber davon, so wirst du gerichtet werden!"

[JJ.01_106,12] Diese Worte Marias brachten die Eudokia zur Ruhe, und sie fing an bei sich gar sehr darüber nachzudenken, was sie von der Maria vernommen hatte.

[JJ.01_106,13] Maria aber ging hin zur Tullia und nahm ihr das Kindlein wieder von den Armen, und sprach zu ihr:

[JJ.01_106,14] „Siehe, dich hat dies mein Söhnchen schon gesegnet, und du wirst darum glücklich sein für immer!

[JJ.01_106,15] Dort aber ist die arme Eudokia; diese hat bis jetzt noch nicht die endlos große Wohltat des Kindleinssegens empfunden! Daher will ich das Kindlein auch auf die Arme der Eudokia legen, auf daß sie empfinde, welche Macht aus dem Kindlein geht!"

[JJ.01_106,16] Darauf trug die Maria das Kindlein zur Eudokia hin und sprach zu ihr:

[JJ.01_106,17] „Hier – Eudokia, ist mein und dein Heil! Nehme es auf eine kurze Zeit auf deine Arme und empfinde, wie süß es ist, eine Mutter solch eines Kindes zu sein!"

[JJ.01_106,18] Mit großer Ehrfurcht nahm die Eudokia das Kindlein auf ihre Arme;

[JJ.01_106,19] aber sie fürchtete dies geheimnisvollste Kind und getraute sich dabei kaum zu rühren.

[JJ.01_106,20] Das Kindlein aber lächelte und sprach: „O Eudokia! fürchte dich nicht vor Mir; denn Ich bin nicht dein Verderber, sondern dein Heiland!

[JJ.01_106,21] In der Kürze der Zeit aber wirst du Mich schon besser kennenlernen, als du Mich jetzt kennst!

[JJ.01_106,22] Dann wirst du Mich nicht mehr fürchten, sondern lieben, wie Ich dich liebe!" – Diese Worte benahmen der Eudokia die Furcht, und sie fing an, das Kindlein zu herzen und zu kosen.

 

107. Kapitel – Des Cyrenius Dank. Der Edelmut und die Weisheit des bescheidenen Joseph. Cyrenius übergibt acht arme Kinder an Joseph zur Erziehung.

3. Januar 1844

[JJ.01_107,01] Nun aber sprach der Cyrenius zum Joseph: „Erhabener Freund und Bruder! Ich habe nun in deinem Hause mein größtes Glück in jeder Hinsicht gemacht; sage nun, welchen Lohn du für dich von mir verlangst?!

[JJ.01_107,02] O sage, wie kann ich es dir nur im geringsten Maße vergelten, was alles du an mir getan hast?!

[JJ.01_107,03] Bringe aber ja etwa nicht diese Villa in den Anschlag, welche als Lohn für dich wohl etwas zu Geringes und zu Elendes ist!"

[JJ.01_107,04] Und der Joseph sprach: „O Bruder und Freund, was wohl hältst du von mir?!

[JJ.01_107,05] Meinst du denn, ich sei ein Wohltatskrämer und tue Gutes nur eines Lohnes wegen?

[JJ.01_107,06] O wie groß irrest du dich da, wenn du solches von mir glaubst!

[JJ.01_107,07] Siehe, ich kenne nichts Elenderes als einen bezahlten Wohltäter und eine bezahlte Wohltat!

[JJ.01_107,08] Wahrlich! ich sei verflucht und der Tag und die Stunde, in der ich geboren ward, so ich von dir auch nur einen Stater annehmen möchte!

[JJ.01_107,09] Nehme du daher nur ganz wohlgemut dein Weib zu dir, die gereinigte Tullia; was du ihr und noch so manchen Armen tun wirst, das werde ich allzeit als einen guten Lohn für meine Taten an dir ansehen und annehmen!

[JJ.01_107,10] Dieses Haus doch verschone mit jeder Dotation; denn was ich habe, ist genug für uns alle – wozu solle da ein mehreres?

[JJ.01_107,11] Du meinst etwa, ich werde für die Eudokia irgendein Kostgeld von dir verlangen? – Oh – des sei ruhig!

[JJ.01_107,12] Ich nehme sie auf als eine Tochter und werde sie erziehen in der Gnade Gottes.

[JJ.01_107,13] Wo aber ist wohl der Vater, der sich für die Erziehung seiner Tochter je noch von jemandem hätte etwas zahlen lassen?!

[JJ.01_107,14] Ich sage dir, Eudokia ist mehr wert als alle Welt; daher gibt es auf der Welt auch keinen Lohn, der mir nun um sie annehmbar geboten werden könnte.

[JJ.01_107,15] Der große Lohn aber, den ich für all mein Tun habe, siehe, der liegt nun in den Armen der Eudokia!"

[JJ.01_107,16] Als aber der Cyrenius diese große Uneigennützigkeit Josephs ersah, da sprach er höchst gerührt:

[JJ.01_107,17] „Wahrlich, vor Gott und allen Menschen der Erde stehest du allein da als ein Mensch aller Menschen!

[JJ.01_107,18] Dich mit Worten zu rühmen, wäre eine vergebliche Mühe; denn du bist über jedes Menschenwort erhaben!

[JJ.01_107,19] Ich aber weiß, was ich tun werde, um dir zu zeigen, wie überaus hoch ich dich achte und schätze.

[JJ.01_107,20] Ein Geschenk werde ich dir machen, das du sicher nicht von dir abweisen wirst!

[JJ.01_107,21] Siehe, ich habe in Tyrus drei Mädchen und fünf Knaben von ganz dürftigen Eltern, die aber schon verstorben sind!

[JJ.01_107,22] Diese lieben Kinder werde ich hierher zu dir bringen lassen, auf daß sie von dir erzogen werden!

[JJ.01_107,23] Daß ich für ihren Unterhalt sorgen werde, des kannst du vollends versichert sein.

[JJ.01_107,24] Wirst du mir auch das abschlagen? – Nein, Joseph, du mein erhabenster Bruder, das wirst du sicher nicht tun!"

[JJ.01_107,25] Und der Joseph sprach ganz gerührt: „Nein, Bruder, das werde ich dir nimmer versagen! Sende diese Kinder daher nur so bald als möglich hierher; sie sollen bestens versorgt werden in allem, was ihnen not tut!"

 

108. Kapitel – Des Cyrenius Bedenken wegen der Einsegnung der Ehe durch einen Oberpriester des Hymen. Josephs guter Rat und des Cyrenius große Freude.

4. Januar 1844

[JJ.01_108,01] Cyrenius, durch diese Versicherung Josephs ganz zufriedengestellt, sagte darauf zum Joseph:

[JJ.01_108,02] „Erhabenster Freund! nun ist ein jeder meiner Wünsche erfüllt, und ich habe nun nichts mehr, das ich wünschen möchte!

[JJ.01_108,03] Nur ein fataler Umstand waltet noch neben meinem großen Glücke, und dieser besteht darinnen:

[JJ.01_108,04] Tullia, die himmlische, ist nun zwar von Gott aus gesegnet mein rechtmäßiges Weib; aber siehe, ich bin dem Außen nach noch ein Römer und muß daher auch des Volkes wegen mich von einem Priester zeugnisweise förmlich einsegnen lassen!

[JJ.01_108,05] Eine solche Einsegnung aber kann nur von einem Oberpriester des Hymen vorgenommen werden, wodurch sie dann erst ein rechtskräftiges Bündnis wird.

[JJ.01_108,06] Wie stellen wir aber hier solches an, da außer den drei Unterpriestern nicht einer mehr vorhanden ist?"

[JJ.01_108,07] Und der Joseph sprach zum Cyrenius: „Was kümmert dich das, an dem nichts liegt?

[JJ.01_108,08] Wenn du nach Tyrus wieder zurückkehren wirst, da wirst du der Priester genug treffen, die dich ums Geld einsegnen werden, wenn du schon auf dieser Einsegnung Wert irgendein Gewicht legst.

[JJ.01_108,09] So du aber bleibst, wie du nun bist, so wirst du besser tun; denn du bist ja auch ein Herr über dein eigen Gesetz!

[JJ.01_108,10] Ich aber erinnere mich, einmal von einem Römer gehört zu haben, daß da in Rom ein geheimes Gesetz bestehe, welches also laute:

[JJ.01_108,11] ,So ein Mann ein Mädchen erwählt in der Gegenwart eines Stummen, eines Narren oder eines unmündigen Kindes,

[JJ.01_108,12] und diese sind bei der Erwählung gutmütig und lächeln dabei, so ist die Ehe dadurch vollkommen gültig, und muß darauf dem betreffenden Priester davon eine Anzeige gemacht werden,

[JJ.01_108,13] wobei freilich ein kleines glänzendes Opfer nicht fehlen darf.‘

[JJ.01_108,14] Hat es mit diesem geheimen Gesetze seine Richtigkeit, was braucht es da mehr?

[JJ.01_108,15] Lasse die drei Priester kommen, die da bei mir sind; diese werden dir das Zeugnis geben, daß du in der Gegenwart eines dich anlächelnden und dich sogar segnenden Kindes, das erst kaum im vierten Monat Alters ist, die Tullia erwählet hast!

[JJ.01_108,16] Hast du dieses ganz unschuldige Zeugnis und etwas Goldes, was braucht es da mehr fürs ganze römische Volk?!"

[JJ.01_108,17] Und der Cyrenius hüpfte vor Freude förmlich in die Höhe und sprach zum Joseph:

[JJ.01_108,18] „Fürwahr, du erhabenster Bruder hast vollkommen recht! Es besteht im Ernste ein solches Gesetz; nur konnte ich mich anfangs desselben nicht sogleich entsinnen!

[JJ.01_108,19] Jetzt ist alles in der besten Ordnung; bestelle mir daher nur die drei Priester, und ich werde alsogleich über diesen Punkt eine gehörige Rücksprache mit ihnen führen!" – Und Joseph ließ darauf sogleich die drei noch stummen Priester ins Zimmer treten.

 

109. Kapitel – Die Bedenken der Priester. Die Übernahme der Verantwortung durch Cyrenius. Ein schlechtes Zeugnis für Roms Geldgier. Des Cyrenius Eheschließung mit Tullia.

5. Januar 1844

[JJ.01_109,01] Die drei Priester kamen sogleich, und einer sagte: „Nur ein Gebot des Statthalters vermag uns heute die Zunge zu lösen;

[JJ.01_109,02] denn wir taten heute am Morgen einen Schwur, diesen ganzen Tag über kein Wort zu reden und keinen Bissen in den Mund zu nehmen!

[JJ.01_109,03] Aber, wie gesagt, wir brechen nun am Abende diesen Schwur, weil wir dazu durch das Gebot des Statthalters genötiget werden! – Möge er dereinst für uns die Rechnung machen!"

[JJ.01_109,04] Der Cyrenius aber sprach: „Wahrlich, genötiget habe ich euch mitnichten; aber so ihr euch darüber ein Gewissen macht, da nehme ich ja recht gerne die Rechnung auf mich!

[JJ.01_109,05] Denn ich bin ja im Hause Dessen, den derlei Rechnungen grundursächlich angehen, und da glaube ich, daß es mir in der Probe dieser Rechnung nicht so schwer gehen dürfte, als ihr es euch törichterweise vorstellet!"

[JJ.01_109,06] Und der Joseph sprach: „O Bruder! Die Probe ist schon fertig, daher sage den dreien nur, was du von ihnen zu verlangen hast!"

[JJ.01_109,07] Einer der Priester aber kam dem Cyrenius zuvor und fragte ihn, was sie für ihn etwa tun sollten.

[JJ.01_109,08] Und der Cyrenius, sich ganz kurz fassend, trug den dreien sogleich sein Anliegen vor.

[JJ.01_109,09] Die drei aber sprachen: „Das Gesetz ist richtig, und die Tat ist es desgleichen; aber wir sind nur Unterpriester, und unser Zeugnis wird nicht als gültig angesehen werden!"

[JJ.01_109,10] Und der Cyrenius erklärte ihnen, daß in diesem Falle wegen gänzlicher Ermangelung eines Oberpriesters jeder Unterpriester ein oberpriesterliches Amt und Recht auszuüben sogar verpflichtet sei.

[JJ.01_109,11] Die Priester aber sprachen: „Das ist richtig; aber siehe, als wir vor zwei Tagen die oberpriesterliche Gewalt ausüben wollten, da hattest du uns verdammt!

[JJ.01_109,12] Wenn wir nun wieder vor dir ein oberpriesterliches Recht ausübeten, würdest du uns da nicht abermals etwa verdammen?!"

[JJ.01_109,13] Cyrenius aber sprach etwas erregt: „Damals verdammte ich euch, weil ihr ein oberpriesterliches Recht ganz gesetzwidrig ausüben wolltet.

[JJ.01_109,14] Nun aber habt ihr das gesetzliche Recht vor euch; so ihr darnach handelt, da habt ihr sicher keine Verdammung von mir zu fürchten!

[JJ.01_109,15] Wohl aber will ich euch darob ein Opfer verabreichen, das euch euren Lebensunterhalt sichern soll! Und ein Opfer für Rom wird nicht unterm Wege bleiben!"

[JJ.01_109,16] Und die Priester sprachen: „Gut; aber wir drei gehören nun auch nicht mehr den Göttern zu und wollen mit Roms Heidentume nichts mehr zu schaffen haben!

[JJ.01_109,17] Wird unser Zeugnis wohl gültig sein, so man in Rom erfahren wird, daß wir zum Glauben Israels übergetreten sind?"

[JJ.01_109,18] Und der Cyrenius sprach: „Ihr wisset es so gut als ich, daß in Rom ums Geld jedes Zeugnis gültig ist!

[JJ.01_109,19] Daher tut ihr das, was ich von euch verlange, alles andere geht euch nichts an; denn darum werde schon ich sorgen!"

[JJ.01_109,20] Diese Versicherung erst bewog die Priester, dem Cyrenius das verlangte Zeugnis auszustellen und ihn damit zu segnen.

[JJ.01_109,21] Als der Cyrenius nun das Zeugnis hatte, dann erst reichte er der Tullia die Hand und erhob sie als nun sein rechtmäßiges Weib

[JJ.01_109,22] und gab ihr einen Ring und ließ sogleich königliche Kleider für sie aus der Stadt holen.

 

110. Kapitel – Tullia in königlichen Kleidern. Eudokias Schmerz. Das Kindlein tröstet Eudokia. Eudokias Freudentränen. Marias Teilnahme.

8. Januar 1844

[JJ.01_110,01] In kurzer Zeit waren die königlichen Kleider für die Tullia herbeigeschafft, und sie ward mit denselben angetan, wie schon voran bemerkt ward.

[JJ.01_110,02] Maria aber nahm ihr Kleid wieder, wusch es, und behielt es dann wieder für sich.

[JJ.01_110,03] Cyrenius wollte der Maria freilich wohl auch königliche Kleider dafür geben;

[JJ.01_110,04] aber Maria wie Joseph lehnten solches feierlichst von sich ab.

[JJ.01_110,05] Da aber die Eudokia sah die Tullia in ihrer wahren Königspracht, da ward es ihr doch schwer ums Herz, daß sie heimlich zu seufzen anfing.

[JJ.01_110,06] Aber das Kindlein sprach leise zu ihr: „Eudokia, Ich sage dir, seufze du nicht der Welt wegen, sondern seufze du deiner Sünde wegen, so wirst du besser fahren!

[JJ.01_110,07] Denn siehe, Ich bin mehr als Cyrenius und Rom; hast du Mich, dann hast du mehr, als besäßest du die ganze Welt.

[JJ.01_110,08] Willst du aber Mich vollkommen haben, dann mußt du bereuen deine Sünde, der zufolge du unfruchtbar wurdest.

[JJ.01_110,09] Wirst du aber in Liebe zu Mir deine Sünde bereuen, dann erst wirst du nach dem Maße deiner Liebe zu Mir erkennen, Wer Ich so ganz eigentlich bin!

[JJ.01_110,10] Wann du Mich aber erkennen wirst, dann wirst du glücklicher sein, als wärest du die Gemahlin des Kaisers selbst!

[JJ.01_110,11] Denn siehe, der Kaiser muß starke Wachen halten, auf daß er nicht vom Throne vertrieben wird.

[JJ.01_110,12] Ich aber bin Mir allein genug! Geister, Sonnen, Monde, Erden und alle Elemente sind Mir gehorsam; und dennoch brauche Ich keine Wachen und lasse Mich von dir dennoch auf den Armen tragen trotz dem, daß du eine Sünderin bist!

[JJ.01_110,13] Daher sei ruhig und weine nicht; denn du hast empfangen, was der Tullia abgenommen ward, da sie empfing die königlichen Kleider!

[JJ.01_110,14] Und das ist endlos mehr als jene goldschimmernden Königskleider, welche tot sind und den Tod bringen,

[JJ.01_110,15] während du das Leben auf deinen Armen trägst und den Tod ewig nimmer schmecken wirst, so du Mich liebst!" –

[JJ.01_110,16] Diese Worte des Kindleins wirkten so sehr heilsam auf das Gemüt der Eudokia, daß sie vor gar großen Freuden hoher seligster Verwunderung zu weinen anfing.

[JJ.01_110,17] Maria aber bemerkte, daß die Eudokia in Freudentränen ihre Augen badete, ging darum zu ihr und fragte sie:

[JJ.01_110,18] „Holde Eudokia, was wohl ist dir, darum ich süße Tränen in deinen Augen entdecke?"

[JJ.01_110,19] Und die Eudokia erwiderte nach einem tiefen Wonneseufzer:

[JJ.01_110,20] „O du glücklichste der Mütter auf der ganzen Erde! Siehe, dein Kindlein hat zu mir wunderbar geredet!

[JJ.01_110,21] Wahrlich, nicht sterbliche Menschen in all ihrer Weltgröße, sondern nur Götter können solcher Worte fähig sein!

[JJ.01_110,22] Großer Gedanken und Ahnungen ist nun voll meine Brust. Wie aus einer verborgnen Tiefe steigen sie in mir gleich wie helle Sterne aus dem Meere empor; und darum weine ich vor Entzückung!"

[JJ.01_110,23] Maria aber sprach: „Eudokia, gedulde dich nur, nach den Sternen wird auch die Sonne kommen; in ihrem Lichte erst wirst du erschauen, wo du bist! – Aber nun stille, denn Cyrenius kommt hierher."

 

111. Kapitel – Des Cyrenius Dank an das Kindlein. Des Kindleins Segensworte an das Brautpaar. Josephs Einladung zum Hochzeitsmahl. Die Rückkehr des Cyrenius in die Stadt.

9. Januar 1844

[JJ.01_111,01] Als Cyrenius mit der Tullia hinkam zur Eudokia, die noch das Kindlein auf dem Arme hielt, da sprach er zum Kindlein:

[JJ.01_111,02] „O Du mein Leben, Du mein Alles! Dir allein danke ich dies mein großes, wunderbares Glück!

[JJ.01_111,03] Ich tat nur etwas Weniges für Dich, und Du belohntest mich so unaussprechlich und machtest mich zum glücklichsten Menschen der Erde!

[JJ.01_111,04] O wie solle ich armer Sünder Dir je genug dafür danken können?!"

[JJ.01_111,05] Das Kindlein aber richtete Sich auf, hob Seine rechte Hand empor und sprach:

[JJ.01_111,06] „O Mein lieber Cyrenius Quirinus, Ich segne dich nun und dein Weib Tullia, auf daß ihr auf der Welt miteinander glücklich leben sollet!

[JJ.01_111,07] Aber das sage Ich dir auch: Schätze dich im Glücke der Welt nie als zu glücklich, sondern halte die Welt samt ihrem Glücke für einen Schauplatz des Truges, so wirst du in der rechten Weisheit das Leben der Welt genießen!

[JJ.01_111,08] Denn siehe, alles in der Welt ist gerade das Gegenteil von dem, als was es sich dir darstellt; die alleinige Liebe nur, wenn sie aus des Herzens Grunde kommt, ist wahr und gerecht!

[JJ.01_111,09] Wo du Leben ohne der Liebe erblickst, da ist kein Leben, sondern der Tod!

[JJ.01_111,10] Wo du aber ob der Ruhe der wahren Liebe den Tod wähnest, da ist Leben zu Hause, und niemand kann dasselbe zerstören!

[JJ.01_111,11] Du weißt es nicht, wie locker die Unterlage ist, auf der du stehst; Ich aber weiß es, darum sage Ich dir solches alles!

[JJ.01_111,12] Grabe hier nur tausend Klafter tief, und du wirst einen mächtigen Abgrund vor dir haben, der dich verschlingen wird.

[JJ.01_111,13] Also grabe nicht zu tief in die Welt hinein, und freue dich der Entdeckungen in der Tiefe der Welt nicht;

[JJ.01_111,14] denn wo immer jemand zu tief in die Welt hinein gräbt, da auch bereitet er sich den eigenen Untergang.

[JJ.01_111,15] Traue dem Punkte nicht, auf dem du stehst; denn er ist locker und kann dich verschlingen, so du ihn aufgräbst und machest eine Mine in den Boden!

[JJ.01_111,16] Bedenke, alles auf der Welt kann dich töten, weil alles selbst in sich den Tod trägt, – nur die alleinige Liebe nicht, so du sie bewahrest in ihrer Reinheit!

[JJ.01_111,17] Mischest du sie aber mit weltlichen Dingen, so wird sie schwer und kann dich auch töten, wie leiblich also auch geistig.

[JJ.01_111,18] Bleibe sonach in der reinen uneigennützigen Liebe; liebe den einen Gott als deinen Vater und Schöpfer über alles und die Menschen als deine Brüder wie dich selbst, so wirst du das ewige Leben haben in solcher deiner Liebe, Amen."

[JJ.01_111,19] Diese überweisen Worte des Kindleins flößten dem Cyrenius wie allen Anwesenden eine so tiefe Achtung ein, daß sie bebten am ganzen Leibe.

[JJ.01_111,20] Joseph aber ging hin zum Cyrenius und sprach: „Bruder, fasse dich, und ziehe unter dem Segen dieses Hauses in die Stadt! Halte aber alles, was du hier hörtest und empfingst, vorderhand verborgen! Morgen aber komme und halte hier das Hochzeitsmahl!" – Und Cyrenius begab sich sogleich in die Stadt mit der Tullia und mit seinem Gefolge.

 

112. Kapitel – Eine neue Überraschung bei Joseph: fremde weißgekleidete Jünglinge als Helfer im Hause.

10. Januar 1844

[JJ.01_112,01] Als der Cyrenius schon ziemlich stark am Abende aus dem Hause Josephs mit den Seinen sich in die Stadt begab, da sagte Joseph zu seinen Söhnen:

[JJ.01_112,02] „Kinder, gehet nun, und bestellet unsere Wirtschaft! Versorget die Kühe und die Esel, und bereitet uns dann ein Nachtmahl, und das ein gutes und frisches; denn ich muß ja heute noch meine neue Tochter beim fröhlichen Mahle adoptieren und segnen!"

[JJ.01_112,03] Darauf gingen die Söhne Josephs sogleich und taten, wie es ihnen Joseph befohlen hatte.

[JJ.01_112,04] Aber wie erstaunten sie, als sie im Stalle mehrere weißgekleidete Jünglinge antrafen, die da gar emsig das Vieh Josephs warteten.

[JJ.01_112,05] Die Söhne Josephs fragten sie, wer ihnen solches zu tun geboten habe, und wessen Diener sie seien.

[JJ.01_112,06] Die Jünglinge aber sprachen: „Wir sind allzeit Diener des Herrn, und der Herr hat solches zu tun uns geboten; darum tun wir es auch!"

[JJ.01_112,07] Die Söhne Josephs aber fragten die Jünglinge: „Wer ist euer Herr, und wo ist er zu Hause? Ist es etwa der Cyrenius?"

[JJ.01_112,08] Und die Jünglinge sprachen: „Unser Herr ist auch der eurige, wohnt bei euch, – aber Cyrenius ist nicht Sein Name!"

[JJ.01_112,09] Da meinten die Söhne Josephs, solches sei offenbar ihr Vater selbst, und sprachen daher zu den Jünglingen:

[JJ.01_112,10] „Wenn also, da gehet mit uns, auf daß euch unser Vater, der hier der Herr dieses Hauses ist, erkenne, ob ihr wirklich seine Diener seid!"

[JJ.01_112,11] Und die Jünglinge sprachen: „Melket die Kühe zuvor, sodann wollen wir mit euch gehen und uns eurem Herrn vorstellen!"

[JJ.01_112,12] Hier nahmen die Söhne die Milchgefäße und melkten dreimal soviel als sonst, wenn sie ihre Kühe zuvor noch so gut bestellt hatten.

[JJ.01_112,13] Da erstaunten sie über die Maßen und konnten sich nicht erklären, wie die Kühe diesmal gar so viel Milch gaben.

[JJ.01_112,14] Als sie aber mit dem Melken der Kühe zu Ende waren, da sprachen die Jünglinge:

[JJ.01_112,15] „Nun, da ihr mit eurer Arbeit fertig seid, so lasset uns ins Haus ziehen, allda euer und unser Herr wohnet!

[JJ.01_112,16] Aber euer Vater hatte auch ein gutes Nachtmahl bei euch angeordnet; dieses muß eher bereitet sein, bevor wir ins Gemach des Herrn treten!"

[JJ.01_112,17] Sogleich gingen die Jünglinge in die Küche, und siehe, da waren auch schon mehrere Jünglinge mit der Bereitung eines köstlichen Abendmahles vollauf beschäftigt. –

[JJ.01_112,18] Es dauerte aber dem Joseph die Arbeit der Söhne etwas über die gewohnten Maßen; daher ging er nachzusehen, was diese täten.

[JJ.01_112,19] Wie aber erstaunte er, als er die Küche gedrängt voll Arbeiter traf!

[JJ.01_112,20] Er fragte sogleich die Söhne, was denn das um des Herrn willen wäre.

[JJ.01_112,21] Aber die Jünglinge antworteten: „Joseph, kümmere dich nicht; denn was da ist und geschieht, ist und geschieht wirklich um des Herrn willen! – Lasse uns aber erst das Nachtmahl bereiten, dann wirst du das Nähere vom Herrn Selbst erfahren."

 

113. Kapitel – Marias Erstaunen über die andauernden Heimsuchungen. Josephs Trost. Der Engel Ehrfurcht vor dem Kindlein und dessen Worte an die Erzengel. Das gemeinsame Abendmahl.

11. Januar 1844

[JJ.01_113,01] Joseph ging darauf sogleich wieder ins Zimmer und erzählte der Maria und der Eudokia, was er nun gesehen habe, und was draußen in der Küche vor sich gehe.

[JJ.01_113,02] Maria und die Eudokia erstaunten darob ganz gewaltig, und die Maria sprach:

[JJ.01_113,03] „O großer Gott, so sind wir doch keine Sekunde sicher vor Deinen Heimsuchungen! – Kaum hat die eine den Fuß außer der Türe, so setzen schon wieder hundert neue dafür die Füße ins Zimmer!

[JJ.01_113,04] O Herr, willst Du uns denn gar keine Ruhe gönnen?! – Sollen wir etwa schon wieder fliehen, und nun etwa vor den Römern? Oder was solle aus dieser Erscheinung werden?"

[JJ.01_113,05] Joseph aber sprach: „Liebe Maria, ängstige dich nicht vergeblich! Siehe, wir sind ja lauter Wanderer in dieser Welt, und der Herr ist unser Führer!

[JJ.01_113,06] Wohin der Herr uns führen will, dahin folgen wir Ihm auch ganz ergeben in Seinen heiligen Willen; denn Er allein weiß es ja, wo und was für uns am besten ist!

[JJ.01_113,07] Siehe, du ängstigest dich allzeit, so uns der Herr etwas Neues zusendet; ich aber bin darob voll Freuden, – denn nun weiß ich es ja, daß der Herr allzeit für unser Bestes sorget!

[JJ.01_113,08] Heute morgen hat der Herr eine starke Prüfung über mich gesandt; ich ward darob sehr traurig.

[JJ.01_113,09] Aber die Traurigkeit währte nicht lange; der Getötete ward erweckt und lebt, und ich bin wieder voll Heiterkeit und freue mich nun auf ein gutes, gesegnetes Nachtmahl.

[JJ.01_113,10] Tue du desgleichen, und es wird dir viel besser bekommen als alle deine vergebliche jugendliche Furcht und Ängstlichkeit!"

[JJ.01_113,11] Diese Worte Josephs beruhigten die Maria, und sie ward nun selbst voll Neugierde, zu sehen die neuen Köche in der Küche.

[JJ.01_113,12] Sie erhob sich darum und wollte nachsehen; aber im Augenblicke traten die Söhne Josephs mit Speisen beladen ins Zimmer, und alle die Jünglinge folgten ihnen mit der allerhöchsten Ehrfurcht.

[JJ.01_113,13] Und als sie in die Nähe des Kindleins kamen, da fielen sie plötzlich auf ihre Knie nieder und beteten dasselbe an.

[JJ.01_113,14] Das Kindlein aber richtete Sich auf und sprach zu den Jünglingen: „Erhebet euch, ihr Erzengel Meiner endlosen Himmel!

[JJ.01_113,15] Ich habe eure Bitte erhört! Eure Liebe will Mir dienen auch hier in Meiner Niedrigkeit; doch Ich, euer Herr von Ewigkeit, habe noch nie eures Dienstes bedurft!

[JJ.01_113,16] Da aber eure Liebe so mächtig ist, da bleibet drei Erdtage hier und dienet diesem Hause; aber außer denen, die hier im Hause sind, erfahre niemand, wer ihr seid!

[JJ.01_113,17] Nun aber haltet das Nachtmahl mit Meinem Nährvater und mit Meiner Gebärerin und mit dieser Tochter, die Mich auf ihren Händen hat, mit den drei Suchenden und mit Meinen Brüdern!"

[JJ.01_113,18] Darauf erhoben sich die Jünglinge, Maria nahm das Kindlein, und alles setzte sich zum Tische, stimmte mit Joseph das Loblied an, und aß und trank überselig und fröhlich.

[JJ.01_113,19] Die Erzengel als Jünglinge aber weinten vor Seligkeit und sprachen:

[JJ.01_113,20] „Wahrlich, Ewigkeiten sind unter unseren Blicken vergangen voll der höchsten Wonne;

[JJ.01_113,21] aber alle die wonnevollsten Ewigkeiten sind aufgewogen durch diesen Augenblick, in dem wir am Tische des Herrn speisen, ja am Tische Seiner Kinder, unter denen Er ist in aller Seiner Fülle! – O Herr! Lasse auch uns zu Deinen Kindern werden!"

 

114. Kapitel – Maria im Gespräch mit Zuriel und Gabriel. Des Kindleins Hinweis auf die neue Ordnung im Himmel und auf Erden. Eudokias Wißbegier wegen der ,Erzboten‘.

12. Januar 1844

[JJ.01_114,01] Als das Nachtmahl eingenommen war und sodann alle dem Herrn mit Joseph ein Danklied dargebracht hatten, da sprach einer der Jünglinge zur Maria:

[JJ.01_114,02] „Maria, du Gebenedeite unter den Weibern der Erde! erinnerst du dich meiner nicht mehr? – Bin ich nicht der, welcher im Tempel so oft mit dir gespielt hat und hat dir allzeit eine gute Speise und einen süßen Trank gebracht?"

[JJ.01_114,03] Hier schmuzte die Maria und sprach: „Ja, ich erkenne dich, du bist Zuriel, ein Erzengel! Du hast mich aber manchmal auch sehr geneckt, da du mit mir sprachst, aber dich nicht sehen ließest;

[JJ.01_114,04] und ich mußte dich oft stundenlang bitten, bis du dich bewegen ließest dazu, daß ich dich ersah!"

[JJ.01_114,05] Und der Jüngling sprach: „Siehe, du gebenedeite Mutter, also war es des Herrn Wille, der dich überlieb hatte.

[JJ.01_114,06] Wie aber das Herz in dir, als der Sitz der Liebe, fortwährend pocht und dein ganzes Wesen stupft und neckt,

[JJ.01_114,07] also ist das auch die Art der Liebe des Herrn, daß sie ihre Lieblinge fortwährend stupft, zupft und neckt, aber auch eben dadurch das Leben bildet und dauerhaft macht für die Ewigkeit!"

[JJ.01_114,08] Maria ward über diese Erklärung sehr erfreut und lobte die große Güte des Herrn.

[JJ.01_114,09] Ein anderer Jüngling aber wandte sich auch zur Maria und sprach: „Gebenedeite Jungfrau! erkennst du auch mich? Es wird nicht viel über ein Jahr sein, als ich dich besucht habe in Nazareth!"

[JJ.01_114,10] Und Maria erkannte ihn an der Stimme und sprach: „Ja, ja, du bist Gabriel! Wahrlich, dir gleich ist keiner; denn du hast der Erde wohl die größte Botschaft gebracht, und das Heil allen Völkern!"

[JJ.01_114,11] Und der Jüngling erwiderte der Maria: „O Jungfrau! im Anfange hast du dich geirrt; denn siehe, der Herr hat schon mit mir angefangen, Sich zur Ausführung der größten Tat der kleinsten und geringsten Mittel zu bedienen!

[JJ.01_114,12] Darum bin ich wohl nur der Geringste und Kleinste im Reiche Gottes, aber nicht der Größte! – Wohl habe ich der Erde die größte und heiligste Botschaft gebracht;

[JJ.01_114,13] aber darum bin ich nicht, als wäre mir an Größe keiner gleich; wohl aber umgekehrt, wie ich nämlich der Geringste bin im Reiche Gottes!"

[JJ.01_114,14] Da verwunderte sich Maria samt Joseph über die große Demut des Jünglings.

[JJ.01_114,15] Das Kindlein aber sprach: „Ja, dieser Engel hat recht! Im Anfange war der Größte Mir der Nächste.

[JJ.01_114,16] Dieser aber erhob sich und wollte Mir gleich sein, und wollte Mich übertreffen, und entfernte sich darum von Mir.

[JJ.01_114,17] Darum aber baute Ich dann Himmel und Erde und gab die Ordnung, daß nur das Geringe Mir am nächsten sein solle!

[JJ.01_114,18] Nun aber erwählte Ich für Mich alle Niedrigkeit der Welt; und es werden darum nur die die Größten sein bei Mir, die gleich Mir in der Welt wie in sich selbst die Geringsten und Niedrigsten sind.

[JJ.01_114,19] Und so hast du, Mein Gabriel, recht aus dir, und die Mutter hat auch recht; denn also bist du der Größte, weil du der Geringste bist aus und in dir!"

[JJ.01_114,20] Als das Kindlein solche Worte zu dem Jünglinge Gabriel redete, da fielen sobald alle Jünglinge nieder auf ihre Knie und beteten Dasselbe an.

[JJ.01_114,21] Die Eudokia aber forschte hin und her; denn sie wußte nicht, was sie aus diesen überschönen Jünglingen machen sollte.

[JJ.01_114,22] Sie vernahm wohl, wie man diese Jünglinge ,Erzboten‘ nannte, und das aus dem Reiche Gottes, – aber sie hielt Palästina wie auch Oberägypten dafür. Sie fragte daher, ob das etwa Gesandte seien.

[JJ.01_114,23] Ein Jüngling aber sprach: „Eudokia, gedulde dich nur! Siehe, wir bleiben ja drei Tage hier, und da werden wir uns schon noch besser kennenlernen!" – Und die Eudokia war damit zufrieden und begab sich bald zur Ruhe.

 

115. Kapitel – Joseph mahnt zur Nachtruhe. Der Jünglinge Eröffnung über den nächtlichen Anschlag der dreihundert Räuber. Der Überfall. Der Sieg der Engel.

13. Januar 1844

[JJ.01_115,01] Joseph aber sprach: „Kinder und Freunde! Es ist schon spätabends geworden; daher meine ich, es wird an der Zeit sein, sich zur Ruhe zu begeben!"

[JJ.01_115,02] Die Jünglinge aber sprachen: „Ja, Vater Joseph, du hast recht; ihr alle, die ihr noch in den sterblichen Leibern wohnet, gehet zur stärkenden Ruhe!

[JJ.01_115,03] Wir aber werden hinausziehen vor dein Haus und werden es bewachen!

[JJ.01_115,04] Denn es hat der Feind des Lebens nun listigerweise erfahren, daß hier der Herr wohnt, und hat beschlossen, in dieser Nacht dieses Haus mörderisch zu überfallen.

[JJ.01_115,05] Daher aber sind wir da, um zu schützen dieses Haus; und so der Feind kommen wird, da solle er übel zugerichtet werden!"

[JJ.01_115,06] Joseph und Maria, die noch wache Eudokia, die drei Priester und die Söhne Josephs erschraken gewaltigst über diese Nachricht;

[JJ.01_115,07] und Joseph sprach: „Wenn also, da mag ich nicht ruhen, sondern mit euch wachen die ganze Nacht hindurch!"

[JJ.01_115,08] Die Jünglinge aber sprachen: „Seid alle ganz außer Sorge; wir sind unser genug und haben auch Kraft genug, nach dem Willen des Herrn die ganze Schöpfung in Nichts zu verwandeln!

[JJ.01_115,09] Wie sollen wir uns dann vor einer Handvoll gedungener feiger Mörder fürchten!?

[JJ.01_115,10] Denn siehe, die ganze Sache besteht darinnen: einige Freunde der zugrunde gegangenen Priesterschaft haben in Erfahrung gebracht durch die Mühe des Satans, daß der Cyrenius ein großer Freund der Juden geworden ist, und das durch dieses Haus.

[JJ.01_115,11] Darum machten sie ein geheimes Komplott und schworen, in dieser Nacht dies Haus zu überfallen und alles zu ermorden, was darinnen ist.

[JJ.01_115,12] Wir aber haben solchen Plan schon lange vorausgesehen und sind darum gekommen, um dieses Haus zu schützen.

[JJ.01_115,13] Sei daher ganz ruhig; morgen aber wirst du sehen, wie wir diese Nacht hindurch für dich arbeiten werden!"

[JJ.01_115,14] Als der Joseph aber solche treue Schutzversicherung von den Jünglingen vernommen hatte, da lobte und pries er Gott,

[JJ.01_115,15] zeigte darauf zuerst der Eudokia ihr Schlafgemach, segnete sie als seine Tochter, und sie begab sich zuerst und sogleich zur Ruhe.

[JJ.01_115,16] Darauf ging Maria mit dem Kindlein ins selbe Gemach und nahm diesmal Dasselbe zu sich ins Bett.

[JJ.01_115,17] Dann gingen auch die drei Priester in ihr Gemach; Joseph und die Söhne aber blieben im Speisezimmer und wachten.

[JJ.01_115,18] Die Jünglinge aber gingen hinaus und lagerten sich um das Haus.

[JJ.01_115,19] Als die Mitternacht herankam, da vernahm man Waffengeklirr auf dem Wege aus der Stadt zur Villa.

[JJ.01_115,20] In wenigen Minuten war das ganze Haus Josephs umzingelt von dreihundert bewaffneten Männern.

[JJ.01_115,21] Als sie aber nun ins Haus dringen wollten, da erhoben sich die Jünglinge und erwürgten im Augenblick bis auf einen Mann die ganze Schar.

[JJ.01_115,22] Den einen aber banden sie und führten ihn in eine Kammer zum Zeugnisse für den nächsten Tag.

[JJ.01_115,23] Und so ward Josephs Haus wunderbar gerettet und blieb dann im Frieden und sicher vor jedem künftigen Anfalle.

 

116. Kapitel – Die Vorbereitungen zum Hochzeitsmahl des Cyrenius. Die Ehrerbietung der Engel angesichts des badenden Kindleins. Die Belebung der Mörderleichen durch das Badewasser des Kindleins.

15. Januar 1844

[JJ.01_116,01] Am Morgen, schon frühe vor dem Aufgange, war alles tätig im Hause Josephs.

[JJ.01_116,02] Die Jünglinge bestellten den Stall und die Küche mit den Söhnen Josephs; denn es mußte ja so manches fürs Hochzeitsmahl des Cyrenius bereitet werden.

[JJ.01_116,03] Joseph selbst aber ging mit ein paar Jünglingen, mit Zuriel und Gabriel, hinaus und besichtigte die Leichen und sprach zu den beiden:

[JJ.01_116,04] „Was solle daraus werden? Werden wir sie doch zuvor begraben müssen, bis Cyrenius aus der Stadt kommen wird?!"

[JJ.01_116,05] Die Jünglinge aber sprachen: „Joseph! sorge dich nicht darum, denn gerade der Statthalter muß das sehen, welche Macht in deinem Hause wohnet!

[JJ.01_116,06] Darum bleiben diese Leichen liegen, bis der Cyrenius kommt, und er selbst mag sie dann hinwegräumen lassen."

[JJ.01_116,07] Joseph war mit diesem Bescheide zufrieden und begab sich dann mit den beiden wieder ins Haus.

[JJ.01_116,08] Als sie ins Zimmer traten, war Maria gerade mit dem Bade des Kindleins beschäftigt, wobei ihr die Eudokia – wo möglich – half.

[JJ.01_116,09] Die beiden aber blieben stehen in der größten Ehrerbietung, mit übers Kreuz an die Brust gelegten Händen, solange das Kindlein gebadet ward.

[JJ.01_116,10] Als aber das Kindlein gebadet und wieder angezogen war mit frischer Wäsche, da berief Es sobald den Joseph um einer Sache willen zu sich und sprach:

[JJ.01_116,11] „Joseph! es solle auf dem Grunde, der diesem Hause angehört, niemand ums Leben kommen!

[JJ.01_116,12] Die Sache aber, um derentwillen Ich dich berief, ist, daß du dies Wasser nimmst und es aufbewahrest.

[JJ.01_116,13] Wann aber der Cyrenius aus der Stadt kommen wird und wird sehen die Erwürgten, sodann nehme das Wasser und besprenge sie; und sie werden dann erwachen und vor das Staatsgericht geführt werden.

[JJ.01_116,14] Bindet aber zuvor einer jeden Leiche am Rücken die Hände, auf daß, so sie erwache, sie nicht sobald die Waffe ergreife und sich verteidige!"

[JJ.01_116,15] Als Joseph solches vernommen hatte, da tat er mit Hilfe der beiden sogleich, was das Kindlein geredet hatte;

[JJ.01_116,16] und als er der letzten Leiche die Hände gebunden hatte, da kam auch schon der Cyrenius im vollen Glanze aus der Stadt mit einem großen Gefolge.

[JJ.01_116,17] Er entsetzte sich aber beim Anblicke dieser gebundenen Leichen und fragte hastig, was hier geschehen.

[JJ.01_116,18] Joseph aber, ihm alles kundgebend, ließ sich das Wasser bringen und besprengte sogleich die Leichen, worauf sich diese wie aus einem tiefen Schlafe erhoben.

[JJ.01_116,19] Cyrenius aber, nun von allem unterrichtet, ließ diese Erweckten sogleich ins Staatsgefängnis bringen.

[JJ.01_116,20] Und als diese alle, samt dem am Leben Gelassenen, abgeführt wurden unter scharfer Bewachung, begab sich Cyrenius mit seiner Braut ins Gemach und lobte und pries da den Gott Israels über alle Maßen.

 

117. Kapitel – Cyrenius verstimmt wegen der Verräter. Josephs Hinweis auf die Hilfe des Herrn. Cyrenius und die Engel. Das Machtwunder der Engel.

16. Januar 1844

[JJ.01_117,01] Es hatte aber diese Erscheinung den Cyrenius dennoch etwas verstimmt, und er wußte nicht, was er nun mit diesen Verrätern tun solle.

[JJ.01_117,02] Er trat darum zum Joseph hin und besprach sich mit ihm; Joseph aber erwiderte ihm:

[JJ.01_117,03] „Sei guten Mutes, du mein Bruder im Herrn! Denn es wird dir darob kein Haar gekrümmt werden.

[JJ.01_117,04] Siehe, du bist auf der Erde sicher mein größter Freund und Wohltäter; aber was hätte mir heute in der Nacht alle deine Freundschaft genützt?

[JJ.01_117,05] Diese gedungenen Mörder hätten mich in der Nacht samt meinem ganzen Hause sieden und braten können, ohne daß du davon etwas eher erfahren hättest, als bis du heute am Morgen, da du zu mir kamst, nichts mehr von mir gefunden hättest!

[JJ.01_117,06] Wer war da mein Retter? Wer hatte die geheimen Pläne der Bösen schon lange eher durchschaut und hat mir zur rechten Zeit Hilfe gesandt?

[JJ.01_117,07] Siehe, es war der Herr, mein Gott und dein Gott! – Also sei du guten Mutes; denn auch du bist nun in der allschützenden Hand des Herrn, und Er wird es nicht zulassen, daß dir auch nur ein Haar gekrümmt werde!"

[JJ.01_117,08] Mit gerührtem Herzen dankte der Cyrenius an der Seite seiner Tullia, die sich mit dem Kindlein beschäftigte, dem Joseph für diesen Trost.

[JJ.01_117,09] Aber er ersah zugleich die zwei herrlichen Jünglinge und gewahrte auch, daß deren in der Küche noch mehrere zugegen sind.

[JJ.01_117,10] Er fragte darum den Joseph, woher denn diese gar so schönen, überzarten Jünglinge wären, ob das etwa auch gerettete Unglückliche seien.

[JJ.01_117,11] Joseph aber sprach: „Siehe, ein jeder Herr hat seine Diener; du weißt aber nun ja, daß mein Kindlein auch ein Herr ist!

[JJ.01_117,12] Und siehe, das sind Seine Diener; diese sind es auch, die dies Haus heute Nacht vor dem Untergange bewahrt haben!

[JJ.01_117,13] Rate aber nicht, woher des Landes sie sind; denn da wirst du nichts richten, indem diese Helfer von einer unbeschreiblichen Kraft und Macht sind."

[JJ.01_117,14] Also werden sie es dir nicht kundgeben, und mit Zwang wirst du gegen sie nichts ausrichten, indem sie zu mächtig und endlos kräftig sind!

[JJ.01_117,15] Und der Cyrenius sprach: „So sind das Halbgötter, wie wir sie haben in unserer fabelhaften Lehre?

[JJ.01_117,16] Wie?! – Solltet auch ihr neben dem einen Gotte solche Halbgötter haben, welche bestimmt sind, dem Menschen wie dem Hauptgotte gute Dienste zu leisten?!"

[JJ.01_117,17] Und der Joseph sprach: „O Bruder, da irrst du gewaltig! Siehe, von Halbgöttern ist bei uns ewig keine Rede;

[JJ.01_117,18] wohl aber von schon überseligen Geistern, die nun Engel Gottes sind, einst aber auch wie wir auf der Erde gelebt haben!

[JJ.01_117,19] Doch was du nun von mir erfahren hast, davon schweige, als hättest du nie etwas erfahren, sonst könnte deinem Leibe Übles begegnen!"

[JJ.01_117,20] Hier legte Cyrenius den Finger auf den Mund und schwor zu schweigen bis in seinen Tod.

[JJ.01_117,21] Hier traten die zwei Jünglinge hin zum Cyrenius und sprachen: „Nun gehe mit uns hinaus, auf daß wir dir unsere Kraft zeigen!"

[JJ.01_117,22] Und der Cyrenius ging mit ihnen hinaus, und siehe, ein Berg im tiefen Hintergrunde verschwand durch ein Wort aus dem Munde der Jünglinge!

[JJ.01_117,23] Hier ersah der Cyrenius erst den Grund, warum er schweigen müsse, und er schwieg davon auch durch sein ganzes Leben – und alle, die mit ihm waren.

 

118. Kapitel – Der Unterschied zwischen des Herrn Macht und der Macht Seiner Diener. Des Cyrenius Frage nach dem Zweck der Engel. Das Gleichnis vom liebenden Vater und seinen Kindern.

17. Januar 1844

[JJ.01_118,01] Nach dieser Machtbezeigung führten die beiden Jünglinge den Cyrenius wieder ins Gemach, da Joseph, Maria mit dem Kindlein, die Tullia, die Eudokia und die drei Priester, der Maronius und noch anderes Gefolge des Cyrenius sich befanden.

[JJ.01_118,02] Und der Joseph trat sogleich zum Cyrenius hin und fragte ihn:

[JJ.01_118,03] „Nun, erlauchtester Bruder und Freund, was sagst du zu diesen Dienern des Herrn?"

[JJ.01_118,04] Und der Cyrenius sagte: „O erhabenster Bruder! Da ist zwischen ihnen und dem Herrn ja nahe gar kein Unterschied; denn sie sind ebenso mächtig wie Er!

[JJ.01_118,05] Das Kindlein zerstörte letzthin durch den Wink mit einer Hand die große Statue des Zeus;

[JJ.01_118,06] diese Diener aber zerstörten durch ein Wort einen ganzen Berg! – Sage, was Unterschiedes wohl ist da zwischen Herr und Diener?!"

[JJ.01_118,07] Und der Joseph erwiderte dem Cyrenius: „O Freund! dazwischen ist ein endlos großer Unterschied!

[JJ.01_118,08] Siehe, der Herr tut solches alles aus Sich Selbst ewig; Seine Diener aber mögen solches nur aus dem Herrn dann tun, wann Er es haben will!

[JJ.01_118,09] Ist das nicht der Fall, da vermögen sie aus sich so wenig als ich und du, und alle ihre eigne Kraft vermag nicht ein Sonnenstäubchen zu zermalmen!"

[JJ.01_118,10] Der Cyrenius aber erwiderte: „Ich verstehe dich; was du gesagt hast, ist richtig und bedarf keiner weiteren Erläuterung.

[JJ.01_118,11] Aber so das alles nur der Herr wirkt und die Diener in sich keine Kraft haben, wozu sind sie Ihm denn hernach?"

[JJ.01_118,12] Und der Joseph sprach: „Siehe, du Herrlicher, du lieber Bruder, hier ist das Kindlein, wende dich mit dieser Frage an Dasselbe, – das wird dir darüber die gültigste Antwort geben!"

[JJ.01_118,13] Und der Cyrenius tat dies, und das Kindlein richtete Sich auf und sprach:

[JJ.01_118,14] „Cyrenius, du bist nun Gatte und hast in dieser Nacht schon befruchtet dein Weib, auf daß dir ein Nachkomme werde!

[JJ.01_118,15] Ich sage dir aber, du wirst deren zwölf noch bekommen! Wenn du aber ein Vater von zwölf Kindern sein wirst, sage Mir, wozu sie dir sein werden, und warum und wozu du überhaupt Kinder haben willst?

[JJ.01_118,16] Kannst du denn etwa ohne solche deine Geschäfte nicht gut und rüstig genug versehen?"

[JJ.01_118,17] Hier stutzte der Cyrenius gewaltig und sprach nach einer Weile etwas verlegen:

[JJ.01_118,18] „Was das Versehen meiner regierenden Staatsgeschäfte betrifft, da hat es seine geweisten Wege, und ich bedarf dazu der Kinder nicht!

[JJ.01_118,19] Aber nur in meinem Herzen spricht sich ein mächtiges Bedürfnis für den Besitz der Kinder aus, und dieses Bedürfnis heißt Liebe!"

[JJ.01_118,20] Und das Kindlein sprach: „Gut, wenn du aber Kinder haben wirst, wirst du sie nicht auch aus purer Liebe in deine Geschäfte ziehen und wirst ihnen geben Macht und Gewalt darum, weil sie deine Kinder sind, und wirst sie machen zu deinen gewaltigen Dienern?"

[JJ.01_118,21] Und der Cyrenius erwiderte: „O Herr, das werde ich wohl gewiß sicher tun!"

[JJ.01_118,22] Und das Kindlein erwiderte wieder: „Nun siehe, wenn du als Mensch schon solches aus deiner Liebe zu deinen Kindern tust, warum sollte es denn Gott nicht tun als ein heiliger Vater mit Seinen Kindern aus Seiner unendlichen Liebe zu ihnen?!"

[JJ.01_118,23] Diese Antwort sagte dem Cyrenius alles, erfüllte ihn, wie alle, mit der höchsten Achtung, und er fragte hernach um nichts mehr.

 

119. Kapitel – Josephs Anordnungen zum Hochzeitsmahl. Das Anlegen der Festkleider. Das strahlende Festgewand der Engel. Die Beklommenheit des Cyrenius und der übrigen. Das Wiederablegen der Festkleider.

18. Januar 1844

[JJ.01_119,01] Hier kamen aber auch schon die Söhne Josephs herein und sagten zu ihm: „Vater, das Morgenmahl ist reichlich bereitet!

[JJ.01_119,02] So du willst, wollen wir den großen Speisetisch ordnen und sodann das Mahl aufsetzen."

[JJ.01_119,03] Und der Joseph sprach: „Gut, meine Kinder, tut das, ziehet aber eure neuen Kleider an, denn wir werden nun am Morgen das Hochzeitsmahl des Cyrenius halten!

[JJ.01_119,04] Ihr müsset auch am Tische sein, darum müßt ihr auch hochzeitlich angezogen sein! Gehet nun, und tut alles, was da gut, recht und schicklich ist!"

[JJ.01_119,05] Und die Söhne ordneten den Tisch und gingen dann und taten, wie es ihnen Joseph geboten hatte.

[JJ.01_119,06] Es traten aber auch die beiden Jünglinge hin zum Joseph und sprachen:

[JJ.01_119,07] „Vater Joseph, was meinst du wohl? Siehe, unser Gewand, das wir anhaben, ist nur unser Werkkleid; sollen auch wir uns in ein hochzeitliches Kleid werfen?"

[JJ.01_119,08] Joseph aber erwiderte: „Ihr seid Engel des Herrn, und dies euer Gewand ist ja ohnehin das schönste Hochzeitsgewand; wozu solle da euch ein anderes zieren?"

[JJ.01_119,09] Die Jünglinge aber sprachen: „Siehe, wir wollen niemandem ein Ärgernis geben; das du deinen Söhnen befohlen hast, wollen auch wir tun und wollen bei deinem Tische in unsern Hochzeitskleidern zugegen sein!

[JJ.01_119,10] Lasse uns daher hinausziehen, auf daß wir die Kleider wechseln gleich deinen Söhnen!"

[JJ.01_119,11] Und Joseph sprach: „So tut denn, was ihr sicher vom Herrn aus für nötig findet! Ihr seid ja allzeit Diener des Herrn und wisset auch allzeit Seinen Willen; also tuet darnach!"

[JJ.01_119,12] Und die beiden Jünglinge gingen hinaus, und in kurzer Zeit kamen sie mit den Söhnen Josephs und all den andern Jünglingen in also hellstrahlenden Kleidern wie die Morgenröte im schönsten Rotglanze;

[JJ.01_119,13] ihre Gesichter, Füße und Hände aber strahlten wie die Sonne, wenn sie aufgeht.

[JJ.01_119,14] Cyrenius und all sein Gefolge entsetzten sich vor dieser unendlichen Pracht und Majestät.

[JJ.01_119,15] Und der Cyrenius sprach in einer ängstlichen Eile zum Joseph:

[JJ.01_119,16] „Allererhabenster Freund, ich habe jetzt gesehen die endlose Herrlichkeit deines Hauses! Lasse mich aber hinausziehen, denn diese Herrlichkeit verzehrt mich!

[JJ.01_119,17] Warum mußtest du aber auch deinen Söhnen eine Umkleidung geboten haben? Ohne die wären sicher auch des Herrn Diener in ihrer früheren, mir so wohltuenden Einfachheit und Glanzlosigkeit geblieben!"

[JJ.01_119,18] Hier ermannte sich Joseph, dem auch sein Atem vor lauter Glanz zu kurz wurde, und befahl wieder seinen Söhnen, ihre Werkkleider anzuziehen.

[JJ.01_119,19] Die Söhne gingen und taten das; aber auch die Jünglinge gingen und wechselten ihr Gewand und kamen dann mit den Söhnen Josephs wieder in ihrer ersten Einfachheit.

[JJ.01_119,20] Nun ward es dem Cyrenius wieder leichter ums Herz, und er konnte sich nun zum Tische setzen mit seinem Weibe und seinen Gefährten.

[JJ.01_119,21] Und so besetzte er den oberen Teil des Tisches mit den Seinen und Joseph, Maria mit dem Kindlein, die Eudokia, die Söhne Josephs und die Jünglinge den unteren Teil des Tisches und aßen und tranken alle nach dem Lobgesange Josephs.

[JJ.01_119,22] Einige Hauptleute samt dem Obersten aber meinten, sie seien nun leibhaftig an der Tafel der Götter im Olymp, und wußten sich vor lauter Wonne nicht zu helfen; denn sie wußten nichts vom Hause Josephs, wie es beschaffen ist.

 

120. Kapitel – Joseph besorgt wegen der vorschriftsmäßigen Feier des Osterfestes. Die beruhigenden Worte der Engel. Josephs neue Sorge wegen der vielen anwesenden Heiden. Des Kindleins Antwort.

19. Januar 1844

[JJ.01_120,01] Nach der Beendigung der köstlichen Morgenmahlzeit, welche bei einer Stunde lang gedauert hatte, ward von Joseph der Lobgesang gesprochen, und alles erhob sich vom Tische.

[JJ.01_120,02] Da aber der Tag ein Vorsabbat, also ein Freitag war, auf den die Osterfeste der Juden fielen, so war es dem Joseph etwas bange, und er wußte hier mitten unter lauter Römern nicht, wie er diese Feste begehen solle.

[JJ.01_120,03] Denn er wußte, daß ihn diese nun auch am Sabbate der Ostern so gut wie an einem andern Tage besuchen werden.

[JJ.01_120,04] Darum war es ihm, wie gesagt, bange, wie er diesen gar außerordentlich hohen Sabbat heiligen solle.

[JJ.01_120,05] Da umringten ihn aber die Jünglinge und sprachen: „Höre uns an, du gerechter, aber vergeblich besorgter Mann!

[JJ.01_120,06] Du weißt es, daß um diese Zeit auch die Engel Gottes sich in Jerusalem einfanden – als Erzengel, Cherubim und Seraphim.

[JJ.01_120,07] Und das Allerheiligste ward stets von ihnen bewohnt, wie du es weißt, und wie es weiß dein Weib.

[JJ.01_120,08] Weil du aber weißt, daß wir nur dem Herrn nachgehen und nicht dem Tempel zu Jerusalem, – so sind wir auch nicht im Tempel!

[JJ.01_120,09] Da der Herr im Tempel wohnte zu Jerusalem, da auch waren wir im Tempel.

[JJ.01_120,10] Nun aber wohnet Er hier, und wir sind auch hier, zu feiern mit dir die Ostern, und ist keiner aus uns im Tempel, der nun gar weidlich verlassen ist.

[JJ.01_120,11] Wie sollst du aber besser die Ostern feiern, als so du gleich uns handelst?!

[JJ.01_120,12] Siehe, wir aber werden morgen dasselbe tun, was wir heute getan haben und noch tun werden, und das wird recht sein!

[JJ.01_120,13] Tue du desgleichen, und du wirst mit uns in der vollsten Gegenwart des Herrn des Sabbats und aller Feste den Sabbat und das Osterfest recht begehen!

[JJ.01_120,14] Frage das allerhabenste Kindlein, und Es wird dir dasselbe sagen und treulichst kundtun!"

[JJ.01_120,15] Und der Joseph sprach: „Es ist alles recht und gut und wahr, aber was ist da mit dem Gesetze Mosis? Hört dieses auf?"

[JJ.01_120,16] Die Jünglinge aber sprachen: „Gerechter Mann, du irrst dich, – sage, hatte Moses je das Osterfest nach Jerusalem beschieden?

[JJ.01_120,17] Hat er nicht allein nur da das Fest bestimmt, wo der Herr mit der Bundeslade ist!?

[JJ.01_120,18] Siehe, nun aber ist der Herr nicht mehr mit der Bundeslade, sondern Er ist mit dir und mit deinem Hause leibhaftig!

[JJ.01_120,19] Sage nun, wo solle nach Moses rechtermaßen das Osterfest begangen werden?"

[JJ.01_120,20] Und der Joseph sprach: „Wenn also, da muß das Fest freilich wohl hier begangen werden! Aber was tun wir mit den vielen Heiden hier?"

[JJ.01_120,21] Und die Jünglinge sprachen: „O gerechter Sohn aus David, kümmere dich dessen nicht, sondern tue, was wir tun werden, und es wird schon alles recht sein!"

[JJ.01_120,22] Hier verlangte das Kindlein den Joseph, bei welcher Gelegenheit die Jünglinge sobald niederfielen, und sprach:

[JJ.01_120,23] „Joseph, wie heute, so morgen und übermorgen; – sorge dich aber nicht der Unbeschnittenen wegen, denn diese sind nun besser als die Beschnittenen!

[JJ.01_120,24] Siehe, an der Beschneidung der Vorhaut liegt nichts, alles aber an der Beschneidung des Herzens!

[JJ.01_120,25] Diese Römer aber haben ein edel beschnittenes Herz; darum halte Ich auch nun mit ihnen und nicht mit den Juden das Osterfest!"

[JJ.01_120,26] Diese Worte brachten den Joseph wieder ins Gleichgewicht; er ward voll Freude und übergab alle Sorge den Jünglingen für das Osterfest.

 

121. Kapitel – Joseph, von Cyrenius zum Osterfest in seine Burg geladen, in Osterfeiernöten. Des Kindleins beruhigende Worte. „Wo Ich bin, da sind auch die wahren Ostern!"

20. Januar 1844

[JJ.01_121,01] Nachdem aber also die Feierung der Ostern bestimmt war und Joseph sich in alles ergab,

[JJ.01_121,02] da trat der Cyrenius hin zu Joseph und sprach: „Erhabenster Freund und Bruder! Siehe, heute war ich dein Gast und werde es bis auf den Abend verbleiben!

[JJ.01_121,03] Morgen aber werde ich in meiner Burg ein kleines Fest bereiten und lade dazu dein ganzes Haus ein, wie es hier versammelt ist,

[JJ.01_121,04] und ich hoffe, du wirst mir diese Freundschaft nicht abschlagen?!

[JJ.01_121,05] Denn nicht, um dir dadurch einen Ersatz zu machen, lade ich dich, sondern aus meiner großen Liebe und Achtung, die ich für dich und dein ganzes Haus hege, tue ich das!

[JJ.01_121,06] Denn siehe, auf übermorgen habe ich meine Abreise darum festgesetzt und kann nicht so lange hier verweilen, als ich mir anfangs vorgenommen habe;

[JJ.01_121,07] denn dringende Geschäfte veranlassen mich dazu, daß ich meinen Plan abändern muß.

[JJ.01_121,08] Aber eben aus dem Grunde möchte ich einmal das Glück haben, dich bei mir zu bewirten, und das sicher auf eine deiner würdige Art!"

[JJ.01_121,09] Hier stutzte der Joseph wieder und wußte nicht, was er tun solle; denn er hatte den heiligen Ostersabbat vor sich, den er doch wenigstens in seinem Hause feiern wollte.

[JJ.01_121,10] Er sagte daher zum Cyrenius: „Allerwertester Freund und Bruder im Herrn!

[JJ.01_121,11] Siehe, morgen ist bei uns Juden der wichtigste Festtag, den ein jeder Jude innerhalb seiner Hausflur wenigstens feiern muß, wenn er schon nicht zum Tempel in Jerusalem ziehen kann!

[JJ.01_121,12] Ich müßte mir den bittersten Vorwurf machen, wenn ich dies erste unserer Gesetze verletzen würde;

[JJ.01_121,13] daher kann ich dir in dieser Hinsicht wirklich nichts versprechen!

[JJ.01_121,14] So du aber zu mir kommen willst und dein bevorhabendes Fest in meinem Hause feiern, das eigentlich auch dir gehört, so wird es mir überaus angenehm sein!"

[JJ.01_121,15] Und Cyrenius sprach: „Aber Bruder! Bist du denn ungläubiger denn ich, ein Heide nach deinen Worten von Geburt an!?

[JJ.01_121,16] Was ist dein Kind? Ist Es nicht der Herr, von dem alle deine Gesetze sind vom Anfange!?

[JJ.01_121,17] Sind die Jünglinge nicht Seine Urdiener? – Hat Er nicht das Recht, die Gesetze zu bestimmen, der so allmächtig auf den Armen der jungen Mutter ruht?!

[JJ.01_121,18] Wie, wenn Dieser mich erhörte, würdest du auch dann noch deinen Festtag höher halten als Sein göttlich Wort?"

[JJ.01_121,19] Hier erhob Sich das Kindlein und sprach: „Ja Cyrenius, du hast recht geredet; aber nur behalte alles bei dir!

[JJ.01_121,20] Morgen aber sind wir alle deine Gäste; denn wo Ich bin, da sind auch die wahren Ostern, – denn Ich bin der Befreier der Kinder Israels aus Ägypten!" –

[JJ.01_121,21] Als der Joseph solches vernahm, da ließ er seine Ostern fahren und nahm des Cyrenius Einladung an.

 

122. Kapitel – Josephs Frage nach dem Wegräumen des Tempelschuttes, nach dem Schicksal der Meuterer und der drei Unterpriester und nach den acht Kindern. Des Cyrenius Antwort.

22. Januar 1844

[JJ.01_122,01] Nach dieser Osterfesthaltungsbestimmung, mit der, wie schon erwähnt, Joseph zufriedengestellt ward, fragte aber wieder Joseph den Cyrenius, wie es mit der Wegschaffung des Tempelschuttes aussehe und wie mit den Ausgegrabenen.

[JJ.01_122,02] Und der Cyrenius sprach: „O du mein erhabenster Bruder und Freund, kümmere nur du dich dessen nicht;

[JJ.01_122,03] denn damit sind schon nach meiner Einsicht die besten Bestimmungen getroffen worden!

[JJ.01_122,04] Der Schutt ist schon bis aufs letzte Steinchen hinweggeräumt, die rein erschlagenen Priester begraben, und die Geretteten werde ich übermorgen nach Tyrus mitnehmen und dort mit ihnen die rechten Verfügungen treffen!

[JJ.01_122,05] Siehe, also steht es mit dieser Sache! Ich meine, sie ist so gut und gerecht als möglich bestellt?"

[JJ.01_122,06] Und der Joseph sprach: „Ja, fürwahr, besser hätte auch ein Vater für seine eigenen Kinder nicht gesorgt! Ich bin damit vollkommen zufrieden!

[JJ.01_122,07] Aber was wirst du mit den Meuterern machen, die da gestern in der Nacht mein Haus überfielen?"

[JJ.01_122,08] Und der Cyrenius sprach: „Siehe, das sind Hochverräter und haben sich dadurch der Todesstrafe schuldig gemacht.

[JJ.01_122,09] Du aber weißt es, daß ich vom Blutvergießen kein Freund, sondern nur der größte Feind bin!

[JJ.01_122,10] Daher habe ich ihnen die Todesstrafe erlassen und habe aber dafür ihre wohlverdiente Strafe dahin beschieden, daß sie darum zu lebenslänglichen Sklaven werden!

[JJ.01_122,11] Und ich meine, diese Strafe wird an Stelle der Todesstrafe nicht zu groß sein, besonders wenn dem sich ganz Gebesserten auch geheim die Freiwerdung möglich belassen wird.

[JJ.01_122,12] Sie kommen auch nach Tyrus mit, allwo mit ihnen die weiteren Verfügungen getroffen werden."

[JJ.01_122,13] Und der Joseph sprach: „Lieber Bruder! Auch da hast du ganz der göttlichen Ordnung getreu gehandelt, und ich kann dich darum nur loben als einen wahrhaft weisen Statthalter!

[JJ.01_122,14] Aber nun hätte ich noch eines auf dem Herzen! Siehe, da sind noch die drei Unterpriester; was solle mit diesen nach deinem Rate?"

[JJ.01_122,15] Und der Cyrenius sprach: „O erhabenster Freund und Bruder! Auch für die habe ich gesorgt.

[JJ.01_122,16] Der nun so wie ich denkende Maronius nimmt sie zu sich und wird sie zu seinen Beamten verwenden in dem Amte, das ich ihm zuteilen werde.

[JJ.01_122,17] Sage, ist es recht also? – Wahrlich, wäre größer und tiefer meine Einsicht, so könnte ich sicher noch bessere Verfügungen treffen!

[JJ.01_122,18] Aber so handle ich denn, wie es mir am besten vorkommt, und denke, dein Herr und dein Gott wird ja segnen meinen guten Willen, wenn er auch nicht aus der besten Einsicht hervorgeht?!"

[JJ.01_122,19] Und der Joseph sprach: „Der Herr hat schon gesegnet deine Einsicht, wie deinen Willen, und du hast darum auch schon die besten Verfügungen getroffen!

[JJ.01_122,20] Nun aber noch eines: Bis wann wirst du mir die acht Kinder übersenden, darunter fünf Knaben und drei Mädchen seien?"

[JJ.01_122,21] Und der Cyrenius sprach: „Mein Bruder, mein Freund, das wird meine erste Sorge sein, sowie ich in Tyrus anlangen werde!

[JJ.01_122,22] Nun aber lasse uns hinaus ins Freie ziehen, denn es ist heute ein äußerst freundlicher Tag, und wir wollen da unsern Herrn loben." – Und Joseph setzte darum gleich das ganze Haus in Bewegung.

 

123. Kapitel – Der Zug nach dem hl. Berg. Die Begegnung mit den wilden Tieren. Die Zähmung der Bestien durch die zwei himmlischen Jünglinge.

23. Januar 1844

[JJ.01_123,01] Cyrenius mit seinem Gefolge, Maronius mit den drei Priestern und Joseph mit der Maria und mit dem Kindlein, zwei Jünglinge und die Eudokia bildeten den Zug;

[JJ.01_123,02] Maria und die Eudokia saßen auf zwei Eseln, die die beiden Jünglinge leiteten.

[JJ.01_123,03] Die andern Jünglinge aber blieben mit den Söhnen Josephs daheim und halfen ihnen das Haus bestellen und bereiten ein gutes Brot und Mittagsmahl, welches aber freilich erst am Abende verzehrt ward.

[JJ.01_123,04] Außer der Stadt befand sich aber ein Berg, der ganz mit Zedern bewachsen war und maß bei vierhundert Klafter Höhe.

[JJ.01_123,05] Dieser Berg ward von den Heiden als ein Heiligtum verehrt, daher auch auf ihm kein Baum gefällt ward.

[JJ.01_123,06] Nur ein Weg, den die Priester angelegt hatten, führte bis zur Vollhöhe, auf der ein offener Tempel errichtet war, von dem man nach allen Seiten hin eine weite und reizende Aussicht hatte.

[JJ.01_123,07] Wegen der dichten Bewaldung dieses ziemlich weitgedehnten Berges aber hielten sich auch fortwährend eine Menge reißender Bestien in den dichten Waldungen dieses Berges auf, die die Besteigung des Berges unsicher und gefährlich machten.

[JJ.01_123,08] Die drei Priester aber wußten wohl von dieser Eigenschaft des Berges; daher traten sie auch hin zum Cyrenius, als er schon den Fuß des Berges erreicht hatte, und zeigten ihm solches an.

[JJ.01_123,09] Und der Cyrenius sprach: „Sehet ihr denn nicht, daß ich keine Furcht habe?

[JJ.01_123,10] Warum sollte ich auch diese haben? – Ist ja doch der Herr aller Himmel und aller Welt mitten unter uns und zwei von Seinen allmächtigen Dienern!"

[JJ.01_123,11] Die Priester ermannten sich bei diesen Worten des Cyrenius und traten wieder zurück, und der Zug ging rasch bergan.

[JJ.01_123,12] Als aber die ganze Gesellschaft sich etwa eine gute halbe Stunde tief im Gebirgswalde befand, da sprangen plötzlich drei mächtige Löwen aus des Waldes Dickicht hervor und verrammten dem Cyrenius den Weg.

[JJ.01_123,13] Cyrenius erschrak darob nicht wenig und schrie um Hilfe.

[JJ.01_123,14] Und sogleich traten die zwei Jünglinge hervor, bedrohten die drei Bestien, und diese verließen im Augenblick brüllend die Stelle;

[JJ.01_123,15] aber sie flohen nicht ins Dickicht zurück, sondern begleiteten die Gesellschaft am Rande des Weges und taten niemandem etwas Leids an.

[JJ.01_123,16] Als aber die Gesellschaft wieder eine halbe Stunde weiter kam, da kam ihr eine ganze Karawane von Löwen und Panthern und Tigern entgegen.

[JJ.01_123,17] Als aber diese unheimliche Karawane der beiden Jünglinge ansichtig ward, da teilte sie sich zu beiden Seiten des Weges und machte also unserer Gesellschaft Platz.

[JJ.01_123,18] Vielen in der Gesellschaft im Gefolge des Cyrenius aber war diese Begegnung Ehrfurcht und allen Respekt einflößend, daß sie sich darob kaum zu atmen getrauten.

[JJ.01_123,19] Als sie aber bemerkten, wie die Bestien in der Nähe des Kindleins niedersanken und bebten, da ging den furchtsamen Heiden ein Licht auf, und sie fingen an zu ahnen, wer im Kinde zu Hause ist. –

 

124. Kapitel – Eudokias und Tullias Ohnmacht. Die giftigen Schlangen auf der Vollhöhe. Die Reinigung des Platzes durch Maria mit dem Kinde. Das Erstaunen des Gefolges des Cyrenius.

24. Januar 1844

[JJ.01_124,01] Diese Bestienkarawane aber kehrte nicht um, sondern sie zog etwas knurrend ihren Weg weiter.

[JJ.01_124,02] Die Eudokia an der Seite Marias, wie auch die Tullia an der Seite des Cyrenius, der nun knapp vor den zwei Eseln ging, überfiel bei dem Anblick wohl eine kleine Ohnmacht;

[JJ.01_124,03] aber der Joseph und die Maria flößten ihnen so viel Mut ein, daß ihnen bald alle Furcht wieder verging.

[JJ.01_124,04] Und der Zug ging wieder ungehindert weiter und hatte nun bis auf die Vollhöhe keinen Anstand mehr.

[JJ.01_124,05] Aber auf der Vollhöhe angelangt, und zwar in die herrliche Freie, allda auf dem höchsten Punkte der Tempel stand, da erhob sich ein neuer Anstand.

[JJ.01_124,06] In der Gegend des Tempels war ein förmliches Lager von den giftigsten Klapperschlangen und Vipern.

[JJ.01_124,07] Zu Hunderten sonnten sie sich auf dem weiten freien Platze um den Tempel herum.

[JJ.01_124,08] Als dieses Geschmeiß der anrückenden Gesellschaft ansichtig ward, da fing es an zu klappern und zu züngeln und zu pfeifen.

[JJ.01_124,09] Das Gefolge des Cyrenius ward darob ganz starr vor Angst. Besonders schlecht ging es hier der Tullia, die zu Fuße ging; die ward ganz wie von Sinnen und sah hier ihren Untergang vor Augen in ihrer großen Angst.

[JJ.01_124,10] Aber nicht nur die Menschen, sondern auch die drei Löwen fingen an, ein gewisses Angstgetöne von sich zu geben, und schmiegten sich so eng als möglich an die Menschen.

[JJ.01_124,11] Dem Cyrenius machte zwar dieser Anblick nichts, aber dennoch genierte er ihn seines Weibes und seines Gefolges wegen.

[JJ.01_124,12] Er wandte sich darum an den Joseph und sprach: „Bruder! sage den beiden Dienern des Herrn, daß sie dieses Geschmeiß bedrohen sollen!"

[JJ.01_124,13] Der Joseph aber sprach: „Es ist dieses nicht vonnöten!

[JJ.01_124,14] Denn siehe, da ist mein Weib eine Hauptmeisterin; lassen wir sie nur voraustreten mit ihrem Lasttiere,

[JJ.01_124,15] und du wirst es sehen, wie dieses Geschmeiß vor ihr die Flucht ergreifen wird!"

[JJ.01_124,16] Und die Maria mit dem Kindlein auf dem Arme trat mit ihrem Lasttiere hervor; und als die Bestien die Maria ersahen,

[JJ.01_124,17] da flohen sie plötzlich mit Blitzesschnelle von dannen, und nicht eine war irgend mehr zu erblicken.

[JJ.01_124,18] Es verwunderte sich aber darob das ganze Gefolge des Cyrenius, und viele fragten sich ganz erstaunt untereinander:

[JJ.01_124,19] „Ist das nicht etwa gar die Hygéa, der auch alle Schlangen sollen auf einen Wink gehorcht haben?"

[JJ.01_124,20] Cyrenius aber, der solches Fragen vernahm, sprach: „Was redet ihr von Hygéa, die nie war!?

[JJ.01_124,21] Hier ist mehr als Juno, die auch nie war; es ist das von Gott dem Höchsten erwählte Weib dieses erhabensten Weisen!"

[JJ.01_124,22] Hier stutzten alle aus dem Gefolge des Cyrenius; aber keiner getraute sich weiter jemanden darüber zu fragen.

 

125. Kapitel – Der gefährliche Tempel. Der Schwarm schwarzer Fliegen. Der Tempel stürzt ein. Die Gesellschaft unter dem Feigenbaum.

25. Januar 1844

[JJ.01_125,01] Als die Vollhöhe dieses Berges auf die Weise von all dem Geschmeiße gereinigt war, da sprach der Cyrenius zu seiner Dienerschaft:

[JJ.01_125,02] „Gehet in den Tempel und feget ihn, und bedecket den Altar mit reinen Tüchern, und leget dann den mitgenommenen Mundvorrat auf denselben!

[JJ.01_125,03] Wir werden sodann in diesem schönen Aussichtstempel eine kleine Stärkung zu uns nehmen!"

[JJ.01_125,04] Sogleich ging die Dienerschaft des Cyrenius und tat, was ihr anbefohlen ward.

[JJ.01_125,05] Als also alles bestellt war, da machte der Cyrenius dem Joseph und der Maria die Einladung, daß sie ihm in den Aussichtstempel folgen sollen, um dort eine kleine Stärkung und Erfrischung zu nehmen.

[JJ.01_125,06] Der Joseph aber sprach: „Bruder, ich sage dir, lasse eilends alles aus dem Tempel holen, sonst fällt er eher zusammen, als bis du deine Sachen wirst herausgeholt haben!

[JJ.01_125,07] Denn siehe, dies Gebäude ist schon überaus alt, verwittert und locker und hat einst zu großen Schändlichkeiten den Priestern gedient!

[JJ.01_125,08] Darum wird es nun nur noch von einigen argen Geistern zusammengehalten.

[JJ.01_125,09] Trete nun ich mit meinem Weibe und Kindlein in dies lose Gebäude, da werden die argen Geister entfliehen, und der ganze Tempel stürzt dann in dampfende Trümmer über uns zusammen!

[JJ.01_125,10] Ich bitte dich darum, befolge meinen Rat, und du wirst gut fahren!"

[JJ.01_125,11] Der Cyrenius machte hier große Augen und befolgte den Rat Josephs aber dennoch augenblicklich.

[JJ.01_125,12] Es war aber seine Dienerschaft kaum noch, wennschon eiligst, mit diesem Geschäfte fertig, als man eine große Menge schwarzer Fliegen aus dem Tempel entfliegen sah unter einem wilden Stoßgesumse.

[JJ.01_125,13] Bei dieser Erscheinung rief Joseph den Dienern zu: „Begebet euch schleunigst aus dem Tempel, sonst leidet ihr Schaden!"

[JJ.01_125,14] Wie vom Sturmwinde ergriffen, schossen auf diesen Zuruf Josephs die Diener des Cyrenius aus dem Tempel.

[JJ.01_125,15] Als sie aber kaum noch einige Schritte in größter Eile vom Tempel entfernt waren, da stürzte schon der Tempel unter großem Gekrache zusammen.

[JJ.01_125,16] Alles entsetzte sich und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen; selbst die drei getreuen Löwen machten bei dieser Gelegenheit etwas Reißaus, kamen aber nachderhand wieder.

[JJ.01_125,17] Man fragte sich allseitig um den Grund dieser Begebenheit; aber unter den Heiden – mit Ausnahme des Cyrenius – konnte niemand dem andern einen Bescheid erteilen.

[JJ.01_125,18] Als aber die Gesellschaft sich von dem Schreck ein wenig erholt hatte, da fragte der Cyrenius den Joseph, wo da wohl ein sicherer Platz wäre, den er möchte für die Erfrischungen decken lassen.

[JJ.01_125,19] Und Joseph zeigte ihm ein ganz freies grünes Plätzchen unter einem Gebirgsfeigenbaume, der voll von Blüten und Früchten war.

[JJ.01_125,20] Und sogleich sandte Cyrenius seine Diener dahin, ließ den Platz reinigen und dann gar zierlich decken und darauf legen allerlei mitgenommene Erfrischungen.

 

126. Kapitel – Der Imbiß im Freien mit den Jünglingen. Der Brand des kaiserlichen Palastes. Des Cyrenius Aufregung und Zorn. Josephs Ruhe und gelassene Antwort an den erregten Cyrenius.

26. Januar 1844

[JJ.01_126,01] Darauf lud der Cyrenius den Joseph abermals ein, daß er sich mit ihm an die Erfrischungen machen möchte samt der Maria, dem Kindlein und der Eudokia.

[JJ.01_126,02] Hier ging der Joseph sogleich mit den Seinen und nahm zuunterst Platz und segnete die Speise und aß und trank.

[JJ.01_126,03] Dem Beispiele Josephs folgten auch die zwei Jünglinge und dann die ganze andere Gesellschaft.

[JJ.01_126,04] Als sie aber also ganz wohlgemut beisammensaßen und aßen und tranken,

[JJ.01_126,05] siehe, da bemerkte der Maronius, der da an der Seite des Cyrenius saß, wie sich über die Stadt Ostracine eine mächtige Rauchsäule zu erheben anfing,

[JJ.01_126,06] und wie auch am etwas fernen Meeresufer sich ebenfalls dichte Rauchsäulen erhoben.

[JJ.01_126,07] Er zeigte solches dem Cyrenius sogleich an, und dieser erkannte sobald, daß da in der Stadt eben sein Palast in Flammen stehe, – und vermutete, daß auch am etwas fernen Meeresufer seine Schiffe angezündet seien.

[JJ.01_126,08] Wie von tausend Blitzen getroffen, sprang hier Cyrenius auf und schrie:

[JJ.01_126,09] „Um des Herrn willen, – was muß ich erschauen?! – Sind das die Früchte meiner Güte an euch elenden Ostracinern?

[JJ.01_126,10] Wahrlich, ich will diese Güte in die Wut eines Tigers umwandeln, und ihr sollt euren Frevel büßen, wie ihn noch keine Furie in der untersten Hölle gebüßt hat!

[JJ.01_126,11] Auf, Freunde und Brüder! Nun ist für uns hier keines Bleibens mehr! Auf, auf zur gerechten Rache gegen diese Frevler!!!"

[JJ.01_126,12] Alles Gefolge des Cyrenius sprang auf diesen furchtbaren Ruf des Cyrenius mit Blitzesschnelle auf und raffte im Nu alles zusammen.

[JJ.01_126,13] Nur Joseph blieb mit den Seinigen ganz ruhig sitzen und sah kaum nach der Gegend hin, da es brannte.

[JJ.01_126,14] Cyrenius bemerkte das und fuhr den Joseph hastig an, sagend:

[JJ.01_126,15] „Was für ein Freund bist du mir wohl, so du im Anblicke meines Unglücks also ruhig hier sitzen kannst?!

[JJ.01_126,16] Weißt du doch, daß ich ohne dich diesen Gebirgsweg nicht sicher passieren kann wegen der vielen reißenden Bestien!

[JJ.01_126,17] Daher erhebe dich und stelle mich sicher, sonst erbitterst du mich auch gegen dich!"

[JJ.01_126,18] Und Joseph sprach ganz gelassen: „Siehe, du zornentbrannter Römer, gerade jetzt werde ich dir nicht folgen!

[JJ.01_126,19] Was wirst du wohl tun, so du etwa in zwei Stunden hinabkommst? – Wird in der Zeit nicht alles schon von den Flammen verzehrt sein?!

[JJ.01_126,20] Willst du aber dafür Rache üben, da meine ich, es dürfte dazu noch immer Zeit genug sein!

[JJ.01_126,21] Wärest du nicht also aufgefahren, wahrlich, ich hätte es den beiden Jünglingen gesagt, und diese hätten dem Brande augenblicklich den Garaus gemacht.

[JJ.01_126,22] Da du aber selbst also aufgefahren bist, so ziehe nun selbst hin, und dämpfe mit deinem Zorne das Feuer!"

 

127. Kapitel – Cyrenius versucht durch Tullia Joseph günstiger zu stimmen. Josephs Freundesworte. Die Löschung des Brandes durch die Willenskraft der zwei Jünglinge.

27. Januar 1844

[JJ.01_127,01] Diese ganz ernstlich von Joseph gesprochenen Worte machten auf den Cyrenius einen gar mächtigen Eindruck, und er wußte nicht, was er darauf sagen solle;

[JJ.01_127,02] auch getraute er sich dem sichtlich etwas aufgeregten Manne nicht noch mit irgendeinem Worte zu kommen.

[JJ.01_127,03] Darum sagte er zur Tullia: „Gehe du hin zu dem weisen Manne und trage ihm meine verzeihliche Not und die von ihr bewirkte Aufregung meines Gemütes vor!

[JJ.01_127,04] Bitte ihn um Verzeihung und versichere ihm, daß ich ihm in alle Zukunft keine solche Minute mehr bereiten werde!

[JJ.01_127,05] Nur möchte er mich diesmal nicht sitzenlassen und solle mir nicht versagen seinen Beistand!"

[JJ.01_127,06] Joseph aber vernahm wohl, was Cyrenius zu der Tullia geredet hatte;

[JJ.01_127,07] er stand darum auf, ging hin zum Cyrenius und sprach: „Edler Freund und Bruder in Gott dem Herrn! Wir haben bis jetzt noch keine Unterhändler gebraucht,

[JJ.01_127,08] sondern wir haben unser gegenseitiges Anliegen uns allzeit offen bekannt!

[JJ.01_127,09] Wozu solle da dein Weib eine Unterhändlerin machen, als wären wir beide uns nicht genug?

[JJ.01_127,10] Meinst du etwa, als könnte auch ich mich irgendeiner Sache wegen erzürnen?

[JJ.01_127,11] O siehe, da würdest du dich sehr irren an mir! – Mein Ernst ist nur die Frucht meiner großen Liebe zu dir!

[JJ.01_127,12] Schlecht aber ist der Freund, der seinen Freund im Notfalle nicht auch ein Wort des Ernstes kann vernehmen lassen!

[JJ.01_127,13] Siehe, wäre an der Sache, die dich nun so kümmert, etwas, da dürftest du doch versichert sein, daß ich dich zuerst darauf aufmerksam gemacht hätte, wie ich es dir sonst noch bei jeder Gelegenheit tat!

[JJ.01_127,14] Hier aber ist nichts als ein ganz leeres Blendwerk von seiten derjenigen argen Geister, die hier vertrieben wurden!

[JJ.01_127,15] Sie üben nun eine blinde Rache aus und wollen uns darum beunruhigen, weil wir sie hier aus ihrem alten Neste vertrieben haben.

[JJ.01_127,16] Siehe, das ist das Ganze! – Hättest du mich früher gefragt, bevor du dich erregtest, da hättest du nicht einmal vonnöten gehabt, dich vom Boden zu erheben!

[JJ.01_127,17] Du aber trautest sogleich deinen Sinnen und erregtest dich für nichts und nichts!

[JJ.01_127,18] Nun aber setze dich nur ganz beruhigt wieder nieder, und schaue mit gelassenen Blicken dem Brande zu, und sei versichert, er wird bald ein Ende nehmen!"

[JJ.01_127,19] Diese Kundgabe Josephs war für den Cyrenius freilich wohl ungefähr das, was da ist für eine Kuh ein neues Tor;

[JJ.01_127,20] aber er glaubte dennoch, was ihm der Joseph gesagt hatte, obschon er von dieser Sache nichts verstand.

[JJ.01_127,21] Joseph aber sprach in der Gegenwart des Cyrenius zu den Jünglingen:

[JJ.01_127,22] „Blicket auch ihr einmal hin nach der Stätte, da die hier Vertriebenen ihren Mutwillen treiben, damit des ein Ende werde zur Beruhigung meines Bruders!"

[JJ.01_127,23] Und die zwei taten das, und siehe, im Augenblick war von dem Brande keine Spur mehr zu entdecken!

[JJ.01_127,24] Nun erst begriff Cyrenius etwas besser, was ihm zuvor Joseph kundgab, und ward nun wieder heiteren Mutes; aber vor den zwei Jünglingen wie vor dem Joseph bekam er einen ungeheuren Respekt.

 

128. Kapitel – Cyrenius wird belehrt über die verheißenen Zupfereien des Herrn. Joseph erklärt die wunderbaren Erscheinungen in der Natur.

29. Januar 1844

[JJ.01_128,01] Nachdem also alles wieder zur Ordnung und Ruhe gebracht ward, da richtete Sich das Kindlein auf und sprach zum Cyrenius:

[JJ.01_128,02] „Höre Mich an, du edelherziger Mann! – Erinnerst du dich noch dessen, wie Ich den Bruder Jakob bei den Haaren zupfte?

[JJ.01_128,03] Siehe, da wolltest du, daß Ich auch dich also bei den Haaren zupfen sollte!

[JJ.01_128,04] Ich versprach dir solches, und siehe, nun halte Ich auch schon Mein Versprechen;

[JJ.01_128,05] denn all die kleinen Überraschungen, die dir seither vorkamen, sind nichts als die dir verheißenen Zupfereien bei deinen Haaren!

[JJ.01_128,06] Wenn dir aber in Zukunft wieder solche vor- und zukommen werden, da erinnere dich dieser Meiner Worte und fürchte nichts, und werde nimmer zornig;

[JJ.01_128,07] denn du wirst darob kein Haar verlieren! Dem Ich solches tue, den liebe Ich! – und der hat nichts zu fürchten weder in dieser noch in der andern Welt!"

[JJ.01_128,08] Dem Cyrenius kamen bei dieser Erklärung des Kindleins die Tränen, und er wußte sich vor lauter Liebe und Dank nicht zu helfen.

[JJ.01_128,09] Es vernahmen aber auch viele umstehende Heiden solche Rede des Kindleins und erstaunten über alle Maßen, wie dies Kindlein von einem Vierteljahre Alters also vollkommen weise und klarst zu reden vermag