Band 8 (GEJ)
Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 7 Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte vorbehalten.
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1. Kapitel – Der Herr und Seine Widersacher, Fortsetzung. (Kap.1-220)
[GEJ.08_001,01] Als Ich noch kaum die letzten Worte ausgesprochen hatte, da kam schon ein Diener des Lazarus in den Speisesaal, in dem wir noch gar wohlgemut beisammensaßen, und sagte zu ihm, daß mehrere Fremde angekommen seien und mit dem Herrn der Herberge zu sprechen wünschen.
[GEJ.08_001,02] Da fragte mich alsbald Lazarus, was er nun machen solle.
[GEJ.08_001,03] Sagte Ich: „Du bleibst gleich uns vorderhand hier! Nur Raphael und die sieben Ägypter werden hinausgehen und mit den verschmitzten Pharisäern und Schriftgelehrten eine kleine Abhandlung halten. Was sie zu tun und zu reden haben, das wissen sie!"
[GEJ.08_001,04] Hierauf begaben sich Raphael und die sieben Oberägypter sogleich hinaus, und Raphael fragte sie mit ernsten Worten, was sie hier suchten und wollten.
[GEJ.08_001,05] Da sprach ein höchst heuchlerischer Pharisäer: „Junger Mensch, der du von guter Abkunft zu sein scheinst, bist du ein Abgeordneter des Lazarus, den wir kennen, und mit dem allein nur wir reden wollen? Es ist das eine sonderbare Sitte nun hier geworden, daß der Gerufene an seiner Stelle denen, die nur den Herrn sprechen wollen, einen unbärtigen Knaben entgegensendet! Gehe du hin zu Lazarus, den wir sprechen wollen, und sage ihm, daß wir, die ihn sprechen wollen, wohl in Jerusalem und in allen Landen der Juden einen viel höheren Rang einnehmen als er!"
[GEJ.08_001,06] Sagte Raphael: „Wenn ihr denn schon gar so große Herren seid, so wundert es mich wahrlich, daß ihr, verkleidet, im schon ziemlichen Dunkel des Abends euch hier herauf auf diesen von euch in den Bann gelegten Berg und Ort begeben habt! Heißt es nicht also in eurem Fluche: ,Wer von den Juden diesen Berg betritt zur Tages- oder Nachtzeit, der sei verflucht an Leib und Seele!‘? Wenn aber also, wie mochtet ihr selbst euch heraufbegeben, um mit dem Ketzer Lazarus zu sprechen?"
[GEJ.08_001,07] Sagte der Pharisäer: „Was verstehst du unbärtiger Knabe von dem? So wir die Macht von Gott haben, einen Ort aus guten Gründen in den Bann zu tun, so haben wir auch die Macht, ihn zum wenigsten für uns aufzuheben, wann wir wollen; denn wir stehen nicht unter dem Gesetz, sondern über demselben, so wir das sind, was du meinst. – Hast du das verstanden?"
[GEJ.08_001,08] Sagte Raphael: „Höret! Wenn ihr euch dünket, über dem Gesetze Gottes zu stehen, da seid ihr dann ja doch offenbar mehr als Gott Selbst! Denn Gott Selbst fügt Sich ewig in Seine ewigen Ordnungsgesetze und handelt niemals wider dieselben und hebt darum auch ewig nie ein Gesetz auf – etwa aus dem Grunde, um zeitweilig Selbst, so es Ihn gelüstete, wider das Gesetz zu handeln.
[GEJ.08_001,09] So ihr euch aber dazu zur Genüge machthabig dünket, da steht ihr ja weit über Gott; denn Gott Selbst, als das Urgesetz, besteht und handelt stets in Seinem Gesetz und steht sonach in und unter Seinem Gesetz. Wenn aber Gott Selbst das ewig auf das allerstrengste beachtet, wer gab demnach euch das Recht, euch übers Gesetz zu stellen, euch zu verkleiden, damit man euch nicht erkennen möchte, wie und wann ihr selbst euer Gesetz übertretet? So ihr Herren über das Gesetz seid, wozu dann eure Furcht, vom Volke erkannt zu werden, so ihr wider eure Gesetze handelt?"
[GEJ.08_001,10] Sagte ganz unwillig der Pharisäer: „Was verstehst du unbärtiger Knabe von diesen höheren Dingen, über die allein die Priester des Tempels zu urteilen von Gott das Recht haben?"
[GEJ.08_001,11] Sagte Raphael: „So, – warum hatte denn Samuel schon als Knabe das Recht, mit Gott zu reden und über göttliche Dinge zu urteilen?"
[GEJ.08_001,12] Sagte der Pharisäer: „Wie magst du dich erkühnen, dich mit Samuel zu vergleichen?"
[GEJ.08_001,13] Sagte Raphael: „Wie erkühnet denn ihr euch, euch über Gott und Seine Gesetze zu stellen? Wer gab euch das Recht dazu! Wahrlich, ich habe ein tausendfach größeres Recht, mich mit Samuel zu vergleichen, als ihr, euch über Gott und Seine Gesetze zu stellen!
[GEJ.08_001,14] Aber nun habe ich eure Dummheit satt! Gebet mir Antwort auf meine erste Frage, warum ihr nun hier herauf gekommen seid, und was ihr hier wollet, sonst sollet ihr mich bald näher kennenlernen und daraus ersehen, was mich berechtigt, mich aus gar guten und wahren Gründen mit Samuel zu vergleichen!"
[GEJ.08_001,15] Sagte der Pharisäer: „Das ist ein Geheimnis, welches wir niemand anderem als nur dem Lazarus anvertrauen können; darum hole uns den Lazarus heraus, sonst sind wir genötigt, mit Gewalt ins Haus zu dringen! Dich aber geht unser Anliegen an den Lazarus gar nichts an, und wärest du auch ein zehnfacher Samuel!"
[GEJ.08_001,16] Sagte Raphael: „Was? Ihr habt ein Geheimnis? Wie aber kann das ein Geheimnis sein, was die Sperlinge von den Dächern schon jedermann verkünden! Ich werde euch aber euer Geheimnis hier kundgeben, damit ihr daraus entnehmen könnet, daß euer vermeintes Geheimnis schon seit lange her kein Geheimnis mehr ist.
[GEJ.08_001,17] Seht, ihr habt in eurem Rate beschlossen – weil die von euch gestern Ausgesandten euch keine Nachricht über den Aufenthalt des euch so sehr verhaßten Propheten aus Galiläa haben bringen können, und das aus dem höchst einfachen Grunde, weil sie selbst nicht wieder zurückgekehrt sind –, erstens euch hier auf eine schlaue Weise zu erkundigen, ob etwa Lazarus hier anwesend sei, und ob er nicht wüßte, wohin etwa der Prophet gezogen ist, und zweitens, wenn Lazarus etwa nicht mehr anwesend sein sollte, den Wirt oder einen anderen Diener zu bestechen, daß er euch möglicherweise eine erwünschte Auskunft gäbe! Erhieltet ihr diese, so würdet ihr dann sogleich alle eure euch noch treu gebliebenen Häscher aussenden, um den euch so sehr verhaßten Propheten fangen und auch alsogleich töten zu lassen.
[GEJ.08_001,18] Sehet, das ist euer gar sehr löbliches Geheimnis, das uns, und besonders mir, der ich ein größter Freund des erhabensten Propheten bin, schon seit lange her nur zu gut bekannt ist! Und nun redet wahr und treu, ob sich die Sache irgend anders verhält!"
[GEJ.08_001,19] Hierauf sah der Pharisäer den Raphael groß an und sagte nach einer Weile: „Wer gibt dir, du unbärtiger Junge, das Recht, uns also zu verdächtigen? Erstens weißt du noch nicht, ob wir wohl im Ernste dem Tempel angehören, und ob wir Juden sind, und zweitens sagen wir, daß wir von deinem großen Propheten kaum etwas wissen! Wir haben auf unserer Reise hierher wohl hie und da etwas vernommen, daß im Judenlande ein großer Magier sich bemerkbar mache durch seine Künste oder Zaubereien, ob er aber ein Freund oder Feind der Judenpriester ist, oder ob diese ihn verfolgen, das ist uns wahrlich sicher ganz gleichgültig! Wir sind Handelsleute und kümmern uns sicher um derlei Kleinigkeiten niemals! Wenn aber also, wie kannst du uns Dinge vorhalten, die uns noch nie gekümmert haben?"
[GEJ.08_001,20] Sagte Raphael: „So, weil euch nun das Wasser zum Munde hineinzurinnen anfängt, so möchtet ihr nun sogar euren Stand verleugnen; aber es geht das vor mir und diesen meinen sieben Gefährten mit dem Verleugnen sogar eures Charakters und Standes durchaus nicht! Damit ihr aber das einsehet und noch besser begreifet, daß ihr euch vor uns unmöglich verstellen könnet, so werde ich mir nun die Freiheit nehmen und werde euch eurer griechischen Überröcke berauben, auf daß ihr dann in euren Tempelkleidern vor uns steht; dann werdet ihr sicher nicht mehr zu leugnen imstande sein, daß ihr das seid, als was ich euch bezeichnet habe!"
[GEJ.08_001,21] Hier griffen die Pharisäer nach ihren Überröcken und hielten sie fest, – aber es nützte das nichts; denn Raphael gebot in seinem Willen, und die Templer standen sogleich in ihren nur zu wohlbekannten Priesterkleidern da und machten Miene, die Flucht zu ergreifen. Aber die sieben Oberägypter waren schnell bei der Hand, verstellten ihnen den Weg und bedeuteten ihnen, stehenzubleiben und keinen Schritt irgend zum Entfliehen zu versuchen; wenn sie dem Verlangen nicht gehorchten, würde es ihnen gar übel ergehen.
[GEJ.08_001,22] Um diesem Mandate mehr Gewicht zu verschaffen, zeigten sie den nun schon sehr geängstigten Pharisäern drei große Löwen, die etwas tiefer unten am Wege lagerten und sich gar grimmig gebärdeten. Dieses Mittel wirkte, und die Pharisäer – zehn an der Zahl – fingen an, Raphael um Vergebung zu bitten, und gestanden nun auch gleich alles ein, warum sie auf den Ölberg gekommen seien, und sagten auch, daß er die Wahrheit geredet habe.
[GEJ.08_001,23] Als sie nun also dastanden in großer Angst, da sagte Raphael zu ihnen: „Saget mir nun: Wer von allen Menschen ist wohl schlechter noch als ihr? Ihr wollt Diener Gottes sein, seid aber Diener der Hölle! Welcher Teufel hat euch wohl gezeugt? Der große Meister aus Nazareth hat euch durch Worte und Taten mehr als sonnenklar gezeigt und bewiesen, daß Er der verheißene Messias ist und als solcher auch der alleinige Herr Himmels und der Erde – wie das von Ihm auch geweissagt ist durch den Mund aller Propheten –, und ihr glaubet nicht nur nicht daran, sondern verfolget noch mit aller Wut und Gier den Herrn Himmels und der Erde! O ihr ohnmächtigen Toren! Was wollet ihr denn ausrichten gegen die Gewalt des Allmächtigen, der euch mit dem leisesten Gedanken vernichten oder eure argen Seelen in die Hölle werfen kann, die ihr schon lange verdient habt? Was wollet ihr Elenden nun tun?"
[GEJ.08_001,24] Sagte ein anderer Pharisäer: „Höre, du junger weiser Redner, wir bitten dich nun um nichts Weiteres, als daß du uns wieder unversehrt hinab in die Stadt kommen lässest, und wir geben dir die vollste Versicherung, daß wir als nun Hierseiende uns nimmerdar an der Verfolgung des wundersamen Propheten aus Galiläa irgend im geringsten beteiligen werden! Ja, wir wollen und werden sogar den andern nach Möglichkeit davon abraten! Ob wir aber unsere Amtsgenossen gegen den Wundermann werden geneigter machen können, dafür können wir dir freilich nicht gutstehen; aber daß wir unser möglichstes aufbieten werden, um die Verfolgungswut unserer Genossen zu dämpfen, dafür stehen wir euch gut! Denn wir haben es jetzt erfahren und uns selbst überzeugt, daß unsere blinde Verfolgung des Galiläers eine der größten Torheiten ist, die zu gar nichts anderem als nur zu unserem Untergange führt. Und so wollen und werden wir auch das tun, was wir dir hier gelobt haben; aber nur laß du uns, wie wir dich schon gebeten haben, unversehrt die Stadt wieder erreichen!"
[GEJ.08_001,25] Sagte darauf Raphael: „Wohl denn! – Ihr könnet wieder abziehen, und es soll euch kein Leides geschehen; aber wehe jedem von euch, der sein hier mir gegebenes Wort brechen wird! Denn das merket euch, daß Gottes Macht, Weisheit, Allwissenheit und Ernst unendlich ist und der schwache sterbliche Mensch gegen Gott und Seine Wege ewig nichts ausrichten kann und wird!
[GEJ.08_001,26] So ihr aber alle leicht sehet und auch wohl begreifen könnet, daß Werke, die der Gesalbte Gottes vor den Menschen verrichtet, stets derart sind, daß sie nur Gott allein bewirken kann, so werdet ihr auch einsehen, daß eben Gott Selbst innigst vereint mit dem euch so verhaßten Propheten aus Galiläa waltet und wirkt, und daß es übertöricht ist, sich den Anordnungen Gottes zu widersetzen!
[GEJ.08_001,27] Saget das auch euren argen und blinden Genossen! Sie können ihre Wut gegen Ihn auch so weit steigern, daß sie – durch Seine Zulassung – Hand legen an Seines Leibes Leben und es töten, so werden sie damit dennoch nichts anderes erreichen als die Beschleunigung des Gerichtes über sich und ganz Jerusalem. Er aber wird nicht getötet werden können, weil Er das Leben Selbst ist, sondern Er wird fortleben und richten alle Geschlechter der Erde. Wohl dem, der an Ihn glaubt und nur Sein Wohlgefallen und Seine Freundschaft sucht!
[GEJ.08_001,28] Nun wisset ihr, was ihr zu tun habt, und könnet nun abziehen, so ihr wollet; wollet ihr aber zuvor jetzt noch mit Lazarus ein weises Wort reden, so soll euch das nun auch gestattet sein."
[GEJ.08_001,29] Sagte ein Pharisäer: „So er hier ist, möchte ich mit ihm wohl reden, doch von etwas ganz anderem, als was wir ihn eigentlich haben fragen wollen. Denn warum wir heraufgekommen sind, das hast du uns nur zu klar vorgehalten; von dem aber soll bei uns nun keine Rede mehr sein, sondern von etwas ganz anderem! Wenn wir demnach mit Lazarus ein Wort reden könnten, so wäre uns das wohl sehr lieb!"
[GEJ.08_001,30] Hierauf sagte Ich zu Lazarus im Saale: „Nun erst kannst du hinausgehen und etliche gute Worte wechseln mit den sehr geängstigten Pharisäern; doch von Meinem Aufenthalte rede nichts!"
2. Kapitel
[GEJ.08_002,01] Hierauf ging Lazarus hinaus, begrüßte nach der Sitte die Templer und fragte sie dann, was ihr Anliegen an ihn sei.
[GEJ.08_002,02] Sagte der eine Pharisäer: „Es hatte uns zwar anfangs ein böser Geist heraufgeführt, und so war auch das, um was wir dich so ganz eigentlich haben fragen wollen, durchaus nichts Gutes. Wir sind durch die Worte dieses überklugen und weisen Jünglings und durch die sonderbare Macht dieser sieben Männer, die uns noch umstehen, eines Besseren belehrt worden und haben bald eingesehen, wie eitel töricht unsere böse Mühe war, und so sind wir denn auch von ihrem losen Grunde ganz abgestanden.
[GEJ.08_002,03] Nun aber bitten wir dich freundschaftlichst, daß du uns gestatten möchtest, dich als deine Freunde wieder in Bethanien besuchen zu dürfen, allwo wir über gar manches mit dir unter vier Augen sprechen möchten. Dann bitten wir dich nun aber auch, daß du uns ein sicheres Geleit über den Berg bis in die Stadt möchtest angedeihen lassen; denn da, etwas weiter unten am Wege, liegen drei Löwen, die sicher den sieben Männern angehören, weil sie sich auf ihren Ruf sogleich eingefunden haben. Diese bösen Tiere werden – was schon öfter der Fall gewesen sein soll – wahrscheinlich wohlgezähmt den sieben anstatt der Hunde zum Schutze auf ihren Reisen dienen, aber trotz ihrer Zahmheit ist ihnen dennoch nicht zu trauen! Ein noch so böser Hund kennt auch zur Nachtzeit seinen Hausherrn; aber einen Fremden packt er an und reißt ihn, und das wäre von den drei Löwen um so mehr zu erwarten! Darum bitten wir dich, daß du den sieben andeuten möchtest, daß sie die drei Bestien wieder zur Seite schaffen möchten."
[GEJ.08_002,04] Hierauf sagte Lazarus: „Wenn euer innerer Sinn gleichlautend ist euren Worten, und wenn ihr den Schaden, den ihr an gar vielen Armen, Witwen und Waisen verübt habt, nach Möglichkeit wieder gutmachen wollet, so könnet ihr ganz ruhig an diesen Löwen vorüberziehen, und es wird sich keiner nach euch umsehen; aber so ihr in eurem Herzen dennoch eines andern Sinnes seid, als wie gelautet haben eure Worte, da wäre es für euch eben nicht geheuer, sich den Löwen zu nahen! Darum prüfet selbst euer Herz, und saget es offen heraus, wie dessen Sinn lautet!
[GEJ.08_002,05] Auch nach Bethanien, und zwar in mein Wohnhaus, werdet ihr so lange schwerlich einen Eingang finden, solange ihr im Herzen nicht eines andern Sinnes seid, als wie da lauten eure Worte; denn auch mein Haus bewachen ähnliche Hüter, wie diese drei da unten sind. Wer zu mir redlichen Sinnes kommt, der hat nichts zu befürchten; wer aber unredlichen und bösen Sinnes sich meinem Hause naht, dem ergeht es übel!"
[GEJ.08_002,06] Sagte der redeführende Pharisäer: „Du kannst es mir glauben, daß wir alle nun auch also denken, wie ich rede, und wir werden auch, wo wir irgend jemanden bedrückt haben, den Schaden nach aller Möglichkeit gutzumachen auf das eifrigste bemüht sein; aber an den drei Bestien getrauen wir uns dennoch nicht allein vorüberzuziehen! Darum gib uns dennoch ein sicheres Geleit!"
[GEJ.08_002,07] Sagte Lazarus: „Die sieben werden euch das sicherste Geleit geben, so ihr redlichen Sinnes seid. Aber nun noch eine Frage an euch! Saget es mir, aus welchem Grunde glaubet ihr denn an Jesus aus Nazareth nicht, daß Er allein der vollwahre Messias ist? Ihr habt doch gelesen die Schrift, habt auch vernommen Seine Lehre und gesehen die Zeichen, die Er wirkt! Wie möglich könnet ihr über alles das noch so verstockten Sinnes sein? Tausende von Juden und Heiden glauben an Ihn, und viele Heiden kommen von allen Enden der Erde, verneigen sich vor Ihm, nehmen Sein Wort an und glauben, daß Er der Herr ist; nur ihr, die ihr allem Volke mit einem besten Beispiele vorangehen sollet, sträubet euch dagegen, ärger denn die harten Berge den Stürmen.
[GEJ.08_002,08] Der Herr kam im Fleische als Mensch auf diese Erde, wie Er es durch den Mund der Propheten Selbst geoffenbart hat, und tut nun auch die Werke, die ebenfalls die Seher schon vor Jahrhunderten besungen haben – was ihr als Schriftgelehrte am ehesten erkennen müßtet –, und dennoch glaubet ihr, wie gesagt, nicht an Ihn! Worin liegt denn davon wohl der Grund?"
[GEJ.08_002,09] Sagte der Pharisäer: „Das, liebster Freund, wollen wir in Bethanien bei dir jüngst einmal ganz klar besprechen; hier aber kann ich dir nun so viel sagen, daß es nun im Tempel eine höchst schwere Sache ist, ein Mensch zu sein. Man ist zwar ein Priester, aber darum ein Mensch nicht. Ein jeder ist ein Feind des andern und sucht ihm zu schaden, um daraus für sich einen Nutzen zu ziehen, und so muß man darinnen und dort, wo man als Mensch lieber weinen möchte, mit den Wölfen heulen, damit man von ihnen nicht zerrissen wird. Aber laß nun das nur noch eine kurze Zeit gut sein, und dieses Tempelgetriebe wird einen großen Umsturz erleiden; denn für die Länge der Zeit gibt es darin kein Bleiben mehr!
[GEJ.08_002,10] Nun kennst du auch unsere eigentliche innere Gesinnung; habe darum die Güte, den sieben zu sagen, daß sie uns wohlbehalten von diesem Berge hinab bis zur Stadt geleiten möchten!"
[GEJ.08_002,11] Hierauf erst sagte nun wieder Raphael zu den Pharisäern: „Warum beeilt ihr euch denn nun so sehr, wieder in die Stadt zu kommen? Wenn ihr wahrhaft gut und ehrlichen Sinnes seid und auch schon saget, daß ihr an den Messias glauben wollt, so seid ihr ja auch hier bei uns sicherer als in der Stadt! Ihr seid doch mit dem Sinne heraufgekommen, um als des Messias Feinde hier auszukundschaften, wo Er Sich etwa aufhalte? So ihr aber nun gegen Ihn anders gesinnt worden seid, warum wollet ihr euch nun als Seine Freunde nicht nach Ihm erkundigen, wo Er Sich aufhält, damit ihr Ihn aufsucht und euch Ihm zeiget als solche, die an Ihn glauben?"
[GEJ.08_002,12] Sagte der Pharisäer: „Lieber junger Weiser, so wir das täten, da könnte uns das übel angerechnet und etwa so gedeutet werden, als wollten wir, zum bösen Spiele eine gute Miene machend, nun dennoch aus euch herausbringen, wo sich nun der Messias aufhält. Es liegt uns aber nun wahrlich nichts mehr daran, wo er sich aufhalten mag! Denn seine Feinde sind wir fürwahr nicht mehr; sich ihm aber nun als bekehrte Freunde vorzustellen, fühlen wir uns noch viel zu schlecht und seiner unwürdig, und so ist es denn ja doch begreiflich, daß wir uns nun gar nicht nach seinem irgendwoigen Aufenthalt näher erkundigen können und wollen und darum auch schon in unseren Wohnungen sein möchten, um uns selbst treu zu beraten, was wir in der Folge zu tun haben werden, um uns in uns vollends ihm anzuschließen. Zudem müssen wir vor allem aber auch das Fruchtlose unseres Unternehmens dem Tempel anzeigen, auf daß er nicht, bevor er noch von uns eine Nachricht bekommt, schon andere Kundschafter aussende und so die ganze Stadt und die ganze Umgegend beunruhige. Wir glauben, euch nun alle unsere Gründe genügend dargetan zu haben, die uns nötigen, sobald als möglich wieder in den Tempel und in unsere Wohnungen zu kommen, und so gewähret uns den sicheren Abzug!"
[GEJ.08_002,13] Sagte nun Raphael: „Ich kann euch aber versichern, daß der Tempel bis morgen auf eure Nachrichterstattung warten wird, und er wird darum keine neuen Kundschafter aussenden. Hier aber hat Lazarus auch der Gemächer zur Genüge, in denen ihr euch beraten könnet, und hat auch der Speisen und des besten Weines in Hülle und Fülle, damit ihr euch stärken könnt. Mein Rat an euch, weil ihr schon einmal da seid, wäre, daß ihr mindestens bis zur Mitte der Nacht hier verbliebet und euch dann erst unter sicherem Geleite in die Stadt hinabbegäbet. Aber so ihr nun schon durchaus hinab wollet, so sollet ihr von uns auch nicht mehr aufgehalten werden! Die Löwen – wie ihr das noch gut sehen könnet – sind bereits weg, und dort im nächsten Zelte liegen eure griechischen Mäntel! Tut nun, was ihr wollt!"
3. Kapitel
[GEJ.08_003,01] Auf diese Worte Raphaels wußten die Pharisäer nicht so recht, was sie nun tun sollten.
[GEJ.08_003,02] Aber einer von ihnen sagte nach einer Weile: „Wißt ihr was? Der Junge wird recht und wahr gesprochen haben, und ich bin darum der Meinung, daß wir bis Mitte der Nacht gerade hier verbleiben sollten, wenn uns Lazarus ein Zimmer anweisen kann, in dem wir unbeirrt allein sein könnten, um die Sache des Messias unter uns genau und gut besprechen zu können und danebst noch so manches andere mit unserem Freunde Lazarus."
[GEJ.08_003,03] Damit waren alle einverstanden, und Lazarus führte sie durch ein anderes Tor ins Haus, wies ihnen da ein geräumiges Zimmer an und ließ auch sogleich den Tisch darin decken und Brot, Wein, wie auch andere Speisen in großer Menge auftragen und wohlleuchtende Lampen aufstellen, was alles den Pharisäern so ganz wohlgefiel, daß einer von ihnen sogleich die Bemerkung machte: „Ja, wenn also, da können wir es auch bis zum Morgen hier aushalten und lassen unsere Amtsgenossen im Tempel gute Männer sein! Die sollen auf eine Nachricht von uns nur ganz fein bis zum Morgen warten!"
[GEJ.08_003,04] Damit waren alle einverstanden, und ein Ältester, der soviel wie ein Oberster war, wohl bewandert in allerlei Weltweisheit, sagte, als der Wein seine Zunge gelöst hatte: „Wo es dem Menschen wohl geht, da soll er auch bleiben, und so bleiben wir auch bis zum Morgen hier, und ich möchte mit euch, meine lieben Amtsgenossen, etliche freie Worte reden! Denn im Tempel geht das nicht; aber hier, wo wir ganz unbeirrt beisammensitzen und von niemandem behorcht werden, der uns schaden könnte, kann man schon auch ein freies Wort reden!
[GEJ.08_003,05] Es ist doch ein sonderbares Ding um den Menschen! Was ist eigentlich der Mensch, der sterbliche Gott der Erde, der ihren Boden bebaut und große Werke mit seinem Verstand und mit der Kraft seiner Hände in ein harmonisches Dasein schafft? Ich sage es euch: Der Mensch ist nichts als ein elendestes Tier; denn er weiß es, daß er sterben muß und wird, während kein Tier davon eine Ahnung zu haben scheint, daher es bis zu dem Zeitpunkt seines Verendens ganz ruhigen Gemütes fortleben kann, ohne jemals einen Gedanken zu haben, daß es dereinst sterben werde. Es tut der Mensch darum wohl daran, wenn er sein elendes Leben manchmal ein wenig erheitert und den schwarzen Gedanken an den Tod auf Augenblicke verscheucht.
[GEJ.08_003,06] Die Macht, die den Menschen ins Dasein rief, kann nach meinem Urteil nie eine weise und gute gewesen sein, gleichwie auch ein Mensch nie gut und weise genannt werden könnte, der die kunstvollsten Werke schaffte, um sie dann, wenn sie durch seine Sorge und Mühewaltung ihre höchste Vollendung erreicht haben, wieder zu zerstören und die abscheuvollen Trümmer und Reste gänzlich alles Daseins zu berauben und darauf gleich wieder dieselben Werke von neuem für den gleichen Zweck zu schaffen.
[GEJ.08_003,07] Wer das so recht beim Lichte betrachtet, der kann sich in (unter) Gott als der alles erschaffenden Macht unmöglich etwas höchst Weises und Gutes vorstellen. Denn wäre sie ganz gut und weise, so müßte sie ja auch für den Fortbestand ihrer allerkunstvollsten Werke, wie wir Menschen es sind, gesorgt haben! Aber nichts von dem! Wenn ein Mensch erst in seinem rechten Alter eine größere Vollendung im Wissen, Denken und Handeln erreicht hat, dann fängt er aber auch schon zu sterben an; er wird schwächer und schwächer, seine Lebenskräfte nehmen von Tag zu Tag ab, und das so lange fort, bis er das Leben ausgehaucht hat. Was dann mit ihm geschieht, wißt ihr alle, und es ist nicht nötig, die Sache näher zu beschreiben.
[GEJ.08_003,08] Freilich haben wir wohl in unserer Gotteslehre die Versicherung, daß es im materiellen Menschen noch einen geistigen gibt, der nach dem Abfalle des Leibes fortlebt, – aber was nützt dem Menschen eine Lehre und nach ihr der Glaube, so dafür niemandem ein unumstößlicher Beweis gegeben ist?!
[GEJ.08_003,09] Welche erhabenen Väter, Weise und Propheten haben vor uns gelebt nach den besten und weisesten Gesetzen, glaubten ungezweifelt an einen Gott, beteten Ihn an und liebten und ehrten Ihn über alle Maßen und glaubten auch ungezweifelt fest an ein ewiges Leben nach dem Tode des Leibes! Aber endlich mußten diese großen und weisen Glaubenshelden denn doch sterben, und es ist von ihnen bis zu uns nichts übriggeblieben als ihre Namen und ihre in der Schrift aufgezeichneten Taten und Lehren! Wohin sind denn aber ihre Seelen gekommen?
[GEJ.08_003,10] Wer von uns allen hat denn je im Ernste und der vollsten Wahrheit nach eine nach dem Tode irgendwo fortlebende Seele gesehen und gesprochen?! In einem Traume höchstens oder in einer bösen Fieberhitze! Es gibt wohl Menschen, die da behaupten, daß sie mit den Seelen verstorbener Menschen geredet haben; aber das sind Menschen, denen zumeist alle Wissenschaft und alle Beurteilungsfähigkeit mangelt, und sie gefallen sich oft und zumeist selbst darin, den anderen Menschen aus ihrer natürlichen Phantasie und lebhaften Einbildung übernatürliche Dinge zu erzählen, um sich dadurch ein gewisses mystisches Ansehen zu verschaffen, an dem ihnen oft mehr liegt als einem Magier an seinem baren Gewinne.
[GEJ.08_003,11] Man muß auch das eingestehen, daß es mitunter Menschen gibt, die zur Bekräftigung ihrer Aussagen und Lehren gewisse wundervolle Taten verrichten und damit ihren Lehren das Wahrheitszeugnis aufprägen wollen, wie wir das nun an dem wirklich merkwürdigen Propheten aus Nazareth erleben. Er lehrt dabei das Volk auch ganz gut und verheißt allen, die an ihn glauben, das ewige Leben der Seele.
[GEJ.08_003,12] Ja, das ist alles recht schön und sogar gut, weil das gar vielen Menschen eine gewisse Beruhigung verschafft und ihnen die Furcht vor dem Tode benimmt; aber das haben auch die alten Propheten getan, und Tausende von Menschen haben fest geglaubt und haben ihren Glauben sogar mit dem Martertode besiegelt. Die Zeit aber hat die großen Propheten samt ihren Gläubigen hinweggerafft, und es ist von ihnen bis auf uns, wie schon gesagt, nichts übriggeblieben als ihre in den Schriften verzeichneten Namen und Taten, die wir aber auch ohne alle weitere Überzeugung bloß nur glauben müssen!
[GEJ.08_003,13] Warum kommt denn nicht einmal eine irgend jenseitig fortlebende Seele zu uns und sagt es uns: Ich bin zum Beispiel der jenseits glücklichst fortlebende Elias, Daniel, David oder Jesajas? Ich sage es euch: Wie die alten Propheten samt Moses vergangen sind, so werden wir samt dem nun so berühmten Propheten, der sogar Tote erwecken soll, vergehen, und die späteren Nachkommen werden von uns und ihm gerade das überkommen, was wir von den alten Propheten überkommen haben. Wenn sich auch der Glaube vielleicht viele Jahrhunderte mit manchen Zusätzen und Entstellungen erhalten wird, so wird die lebendig wahre Überzeugung aber doch auf ein Haar ganz dieselbe sein, die wir nun von dem Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes haben.
[GEJ.08_003,14] Es wäre ein solches Fortleben der Seele nach dem Leibestode freilich etwas unschätzbar erhaben Großes, und ein Mensch würde gewiß alles tun, wodurch er sich eines solchen Lebens völlig versichern könnte, wenn er für dasselbe irgendwelche haltbaren Beweise hätte; aber diese haben allzeit gemangelt, und es ist darum nicht zu verwundern, daß der einst bei den Alten noch so kernfeste Glaube bei uns erkaltete.
[GEJ.08_003,15] Wer von dem mehr gebildeten und erfahreneren Teil der Menschen besucht denn nun noch vollgläubig den Tempel? Die Hohen und Weisen gehen nur des gemeinen Volkes wegen in den Tempel und tun, als wäre ihr Glaube noch so kernfest, damit dann das Volk etwa doch bei sich denkt und sagt: ,Es muß denn doch etwas daran sein, weil die Hohen, Gelehrten und Weisen, die alles wissen können, so viel darauf halten!‘
[GEJ.08_003,16] Ich bin darum wahrlich kein Feind des berühmten Galiläers, weil er die armen Menschen von neuem wieder für ein Leben der Seele nach dem Tode des Leibes begeistert und ihnen einen guten Trost gibt; aber es ist mir nur das nicht recht, daß er uns bei jeder Gelegenheit als die größten Volksbetrüger darstellt und als ein weise sein wollender Mann nicht bedenkt, daß er im Grunde doch dasselbe am Volke tut, dessen er uns beschuldigt. Er rede nur, wie ich nun, die Wahrheit, wie sie die alte Erfahrung lehrt, zum Volke, und er wird schwerlich so viele Anhänger haben, wie er sie nun hat.
[GEJ.08_003,17] Das ist so mein wahrer Glaube und mein treues Bekenntnis vor euch, meine Amtsgenossen, das ich aber nur unter uns ausgesprochen habe, weil ich es wohl weiß, daß ihr alle in euch geradeso denkt wie ich; im Tempel vor dem Volke und vor unseren vielen und sehr blinden Amtsgenossen aber heißt es freilich wohl anders reden! Was saget ihr alle zu dieser meiner Ansicht?"
4. Kapitel
[GEJ.08_004,01] Sagte ein anderer Schriftgelehrter: „Ich kann dir nicht unrecht geben und bin vielfach auch deiner Ansicht; aber als eine völlig ausgemachte Wahrheit kann ich deine Meinung und Ansicht denn doch auch nicht annehmen! Denn ich kann denn doch nicht glauben, daß Gott als sicher ein allerweisester Schöpfer Himmels und der Erde, der doch Sonne, Mond, Sterne und diese Erde gleichfort erhält, uns Menschen als ganz sicher die vollendetsten Werke Seiner Weisheit und Macht pur zu Seinen vergänglichen Spielpuppen geschaffen hat!
[GEJ.08_004,02] Daß der Mensch nur ein kurzes diesirdisches Leben hat, davon scheint der Grund denn doch mehr darin zu liegen, daß seine Seele sich in ihrem Leibe gewisserart ausbilde, eine gewisse und haltbare Gediegenheit erhalte, auf daß sie dann in einer andern, ihrem Wesen ähnlichen Welt, die unbegrenzt sein muß, fortbestehen kann.
[GEJ.08_004,03] Denn wenn der Mensch mit Leib und Seele nur für diese materielle Welt bestimmt wäre, die sicher ihre Grenzen hat, wenn sie auch noch so groß ist, so würde infolge der täglichen Vermehrung der Menschen, so sie auch dem Leibe nach unsterblich wären, diese Erde, die dazu noch aus viel mehr Wasser als aus festem, bewohnbaren Boden besteht, eben für die Menschen bald zu klein und enge werden; es müßte Gott nach einer bestimmten Zeit die Menschen nur unfruchtbar machen und sie auch nimmer älter werden lassen, damit sie dann in einer gewissen normalen Kraft und Stärke gleich ewig fortleben und den Boden der Erde zu ihrem Unterhalte bearbeiten könnten.
[GEJ.08_004,04] Daß die Menschen aber mit der Zeit eines solchen notwendig einförmigen Lebens auch satt würden, das können wir mit aller Bestimmtheit annehmen; denn es lehrt uns ja die tägliche Erfahrung, daß jeder in ein und demselben stets gleichen Lebensverhältnisse sich sehr zu langweilen und nach irgendeiner Veränderung zu sehnen anfängt, und so würde selbst der allererfinderischste Mensch nach vielen tausend Jahren mit den ihn ergötzenden Veränderungen zu Ende kommen und endlich in eine größte Langeweile geraten, die er mit nichts mehr verscheuchen könnte.
[GEJ.08_004,05] Aus diesen sicher inhaltsschweren Betrachtungen aber ist es wohl ersichtlich, daß Gottes Weisheit die Menschen für ein anderes, höheres und freieres Leben erschaffen hat und nicht für eine in allem höchst beschränkte Welt, die wohl gut genug ist, um dem Menschen als eine erste Bildungsstufe zu dienen, aber nie dazu bestimmt sein kann, ihm einen seligen ewigen Unterhalt zu geben.
[GEJ.08_004,06] Aus diesen und noch manchen andern Gründen aber glaube ich an die Unsterblichkeit unserer Seelen, weil ihre Sterblichkeit uns Gott, dessen Macht und höchste Weisheit aus allen Seinen Werken hervorleuchtet, so wie auch Seine Güte und Gerechtigkeit, entweder als ohnmächtig und unweise oder auch als gar nicht daseiend vorstellen würde.
[GEJ.08_004,07] Das kann aber doch kein nur einigermaßen heller denkender Mensch behaupten, daß irgendeine blinde und stumme Kraft Werke, wie da wir Menschen es sind, in ein geordnetes Dasein rufen könnte. Denn was man selbst nicht hat, davon kann man auch unmöglich jemand anderem etwas geben. Oder stellt einen sehr dummen Menschen, der kaum seine Muttersprache lallen kann, als Lehrer einer fremden Sprache in eine Schule! Was wird der wirken? Nichts mehr als eine Bildsäule! Darum muß es ja einen höchst weisen und allmächtigen Gott geben, was ein jeder hellere Denker als höchst wahr bekennen muß.
[GEJ.08_004,08] Ist aber der allmächtige Gott höchst weise, so ist Er auch höchst gut und gerecht und hat mit uns Menschen sicher höchst wahre und gute Absichten und hat durch den Mund der Propheten und anderer weiser Menschen auch allen anderen Menschen kundgetan, was Er mit uns Menschen für Absichten hat, und was aber auch die Menschen zu tun haben, um hier auf Erden schon ein gutes und recht seliges Vorleben zu genießen und sich durch dieses Vorleben für das nachfolgende ewige Leben so tüchtig und empfänglich wie möglich zu machen.
[GEJ.08_004,09] Ein Gott aber, der das getan hat und noch gleichfort tut, hat uns Menschen, ja sicher nicht einmal eine Mücke, zu keinem leidigen Spielzeug Seiner Launen erschaffen! Oder kann man sich einen weisen und somit auch guten Menschen denken, der daran sein größtes Vergnügen hätte, seine armen Nebenmenschen in einem fort auf das grausamste quälen zu sehen? Soviel aber ich die Menschen in allen Verhältnissen und Richtungen betrachtet habe, habe ich auch stets bemerkt, daß Gott den Menschen durchaus kein Leid zufügt; sondern das tun sich die Menschen gegenseitig und auch ein jeder nur zu oft und am allermeisten sich selbst. Denn erstens treibt die Menschen ihre nie zu sättigende Selbstsucht und Habgier dazu an, daß sie sich nach aller Möglichkeit verfolgen und sich gegenseitig dadurch Übel und Qualen aller Art und Gattung bereiten und zuziehen; und weil sie dabei auf den geoffenbarten Willen Gottes nicht mehr achten, so gelangen sie durch die ungeordnetsten Lebensweisen auch in allerlei böse Leibeskrankheiten, die ihnen dieses Vorleben höchst verbittern.
[GEJ.08_004,10] Frage: Ist da auch etwa Gottes Weisheit und Güte daran schuld? Wenn das der Fall wäre, so müßten jene hoch zu ehrenden Menschen, die stets streng nach den Gesetzen Gottes gelebt haben, vor ihrem Abscheiden von dieser Welt auch mit solchen bösen Krankheiten zu Tode gemartert werden wie diejenigen, die von ihrer Jugend an schon ein gottloses Leben geführt haben und dadurch die Natur ihres Wesens in die größte Unordnung brachten. O nein, ich selbst habe mich schon gar oft überzeugt, daß der nach der Ordnung Gottes lebende Mensch zumeist ein hohes Alter erreicht und am Ende eines sichtlich ganz sanften Todes stirbt.
[GEJ.08_004,11] Es gibt hie und da freilich wohl auch Beispiele, daß recht fromme und gerechte Menschen am Ende auch mit irgendeiner eben nicht sehr sanften Todesart von dieser Welt scheiden; aber da können wir immer zwei Fälle annehmen, und diese können wohl darin bestehen, daß Gott so einem Menschen eine größere Geduldsprobe zukommen läßt, damit seine Seele fürs Jenseits eine desto größere Gediegenheit erlange. Warum? Das wird Gott sicher höchst klar wissen!
[GEJ.08_004,12] Im zweiten Fall aber kann der im gesetzten Alter fromm und gerecht gewordene Mensch durch so manche Jugendsünden doch seines Leibes Natur leicht in irgendeine Unordnung gebracht haben, und diese kann ihm dann am Ende seines Lebens auch so manche bitteren Folgen zum Verkosten bringen, die ihm die letzten Stunden eben nicht zu den angenehmsten machen dürften. Aber das können wir als völlig sicher und gewiß annehmen, daß von der Wurzel an ganz nach der Ordnung Gottes lebende Menschen stets höchst sanft dahinsterben.
[GEJ.08_004,13] Das ist nun so mein wahres Bekenntnis, bei dem ich für mich bis an den Rand dieses meines Erdenlebens treu verbleiben werde; von euch aber glaube und tue ein jeder, was er will!"
5. Kapitel
[GEJ.08_005,01] Hierauf sagte der erste Redner: „Ja, da kann ich dir wahrlich nichts anderes einwenden, als daß du uns bei allen deinen überaus guten Ansichten nicht auch darüber einen Aufschluß gegeben hast, wie sich der frühe Tod der Kinder mit der Weisheit, Güte und Gerechtigkeit Gottes vereinen läßt.
[GEJ.08_005,02] Der Mensch ist nach deiner Ansicht von Gott berufen, sich durch ein wohlgeordnetes Vorleben auf dieser Erde eine wahre und der Absicht Gottes gemäße Gediegenheit und Solidität seiner Seele zu verschaffen – denn daß das in der Absicht Gottes liege, davon zeige sich der Grund ja klar in aller Offenbarung durch den Mund der Urväter und Propheten –; aber was wird dann jenseits mit und aus den Kindern, die wegen ihres frühen Todes eigentlich weder ein ungeordnetes und noch weniger ein geordnetes Vorprobeleben aufzuweisen haben? Wenn des Menschen Seele nur durch ein wohlgeordnetes Vorprobeleben zum gediegenen, wahren, ewigen Leben gelangen kann, durch was gelangt dazu dann die Seele eines Kindes? Oder stirbt die Kindesseele mit dem Leibe?"
[GEJ.08_005,03] Sagte darauf der zweite, gute Redner: „In der Urzeit der Menschen weiß kein Mensch etwas davon, daß damals auch Kinder gestorben wären; den frühen Tod der Kinder haben nur die Sünden der Eltern bewirkt, und sie sind darum wissentlich oder unwissentlich schuld am frühen Tode ihrer Kinder. Aber Gott wird in Seiner höchsten Weisheit auch für die unschuldigen Seelen der Kinder zu sorgen wissen; sie werden sicher im großen Jenseits das hier nicht durch ihre Schuld Versäumte nachzuholen bekommen!
[GEJ.08_005,04] Ist denn diese Erde etwa die einzige Welt? Sehen wir den gestirnten Himmel an! Große Weise der Vorzeit und selbst Moses in seinen Beibüchern, die wir zwar noch haben, aber ihnen keinen Glauben schenken, haben gezeigt, daß Sonne, Mond und alle Sterne Welten seien, und oft um gar vieles größer, als die unsrige da ist; wenn aber so, da wird es für Gottes Weisheit und Macht wohl auch ein leichtes sein, für die Seelen der Kinder eine andere und vielleicht auch um manches bessere Vorlebensprobewelt zu bestimmen, auf der sie dann ihre Lebensvollendung erreichen werden.
[GEJ.08_005,05] Daß Gott im ewig großen Schöpfungsraume noch andere Schulerden für Menschen haben wird, daran ist wahrlich nicht zu zweifeln, – haben ja doch auch wir kleinen und schwachen Menschen für unsere Kinder mehr als nur ein einziges Schulhaus! Was aber schon bei uns noch ohnmächtigen Menschen möglich ist, warum sollte das dem allmächtigen und höchst weisen Gott etwas Unmögliches sein?
[GEJ.08_005,06] Die Urväter, die sicher mehr denn wir nun mit dem Himmel Gottes im Verbande standen, wußten gar wohl darum, daß es also ist; wir aber haben durch unseren materiellen Weltsinn alles, was des Geistes ist, verloren und wissen kaum mehr etwas Näheres davon. Ich bin zwar auch nur ein Materiemensch, aber ich habe viel gelernt und erfahren und rede darum nun also, wie ich rede. Freilich kann ich im Tempel vor allen nicht auch also reden!"
[GEJ.08_005,07] Sagte der erste Redner: „Nun kann ich dir nichts mehr einwenden und bin recht froh, daß du mich auf eine andere Meinung gebracht hast. Aber es ist nun auch an der Zeit, auf unser Hauptthema, nämlich auf den sonderbaren Propheten aus Galiläa, zurückzukommen. Ich habe gleich anfangs dahin meine Bemerkung gemacht, daß es auf der Erde immer gewisse und sonderbare Menschen gibt, aus deren Worten und Taten sich unleugbar eine höhere, gottähnliche Begabung leicht erkennen läßt, wie das eben bei unserem Galiläer der Fall zu sein scheint.
[GEJ.08_005,08] Aber auch bei andern Menschen fehlt es an ähnlichen Begabungen nicht. Nehmen wir nur heute das plötzliche Verschwinden unserer Mäntel und die Herbeizauberung der drei Löwen! Das ist ein offenbares Wunder, das ein gewöhnlicher Mensch nicht begreifen kann. Nun könnten aber diese auch sagen: ,Ich oder der da ist euer Messias, weil er Wunder zu wirken imstande ist!‘, – was wir denn doch nicht annehmen können! Denn würden wir das, so würde es bald vor lauter Messiassen wimmeln. Die Essäer wirken auch Wunder, aber darum sind sie noch lange keine Messiasse. Der Galiläer aber offeriert sich uns als ein solcher. Was sollen wir dazu sagen?"
[GEJ.08_005,09] Sagte der zweite, gute Redner: „Meine Meinung wäre diese, die ich aber aus begreiflichen Gründen nicht habe aussprechen können: Seine Lehren und Taten sind mir wohlbekannt. Er ist ganz mit Leben und Tat der reinste Jude, ganz im Sinne Mosis. Wie es aber nun bei uns im Tempel mit dem lieben Moses aussieht, das wissen wir alle nur zu gut, und auch er scheint es ganz perfekt zu wissen, ansonst er uns heute vormittag nicht so derbste Brocken vorgeworfen hätte. Zudem aber hat er auch an dem Blindgeborenen ein wahres Gotteswunder bloß durch seinen Willen gewirkt, was vorher wohl niemandem möglich war, und so bin ich nun der Meinung, wir sollten als scharfe Beurteiler die Sache auf sich beruhen lassen. Kommt Zeit, kommt auch der Rat. Ist er am Ende denn doch das, als was er sich offen allen Menschen ankündet, so werden wir gegen ihn schon ewig nichts ausrichten; ist er aber am Ende dennoch nicht das, so wird er auch gegen uns nichts ausrichten – trotz allen seinen Wundern!
[GEJ.08_005,10] Das beste ist, so wir im geheimen alle seine Lehren und Taten prüfen. Finden wir sie ganz rein und seine Taten ganz göttlicher Art, dann werden auch wir an ihn glauben; ist aber für uns von ihm aus diese Bedingung nicht erfüllt, dann bleiben wir, was wir sind, und überlassen alles andere Gott!"
[GEJ.08_005,11] Mit dem waren nun alle einverstanden und aßen und tranken darauf wieder.
[GEJ.08_005,12] Nach dieser Rede aber kam auf Mein Geheiß Lazarus wieder zu ihnen. Er wußte um alles, was sie geredet hatten, denn Ich hatte das allen gesagt.
6. Kapitel
[GEJ.08_006,01] Als die jetzt wohlgesättigten Pharisäer des Lazarus bei ihnen ansichtig wurden, drückten sie alle ihre Freude aus, daß er nun ungerufen zu ihnen gekommen sei.
[GEJ.08_006,02] Er aber grüßte sie auch, sagend (Lazarus): „Es freut mich sehr, daß ihr euch auf diesem von euch in den Bann gelegten Orte doch so wohl befindet! Aber ich meine nun, da mir alles bekannt ist zu meiner rechten Herzensfreude, was ihr hier ganz allein miteinander verhandelt habt, so werdet ihr wahrlich recht weisen Männer von eurem Bannfluche gegen diese meine Besitzung eben keinen besonderen Gebrauch machen?"
[GEJ.08_006,03] Sagte der erste Redner: „Das sicher nicht; aber wie – bei Moses! – hast du bei verschlossenen Türen und Fenstern denn vernehmen können, was wir so leise wie möglich unter uns gesprochen haben? Sage uns den Inhalt unserer Reden, sonst müssen wir glauben, daß du uns hier zum besten haben willst!"
[GEJ.08_006,04] Hier beteuerte ihnen Lazarus, daß so etwas höchst ferne von ihm sei, und trug ihnen darauf alles Wort für Wort vor, was sie ehedem miteinander verhandelt hatten.
[GEJ.08_006,05] Als die Pharisäer das vernahmen, da sagte der erste wieder: „Aber wie – um alle Sterne am Himmel! – bist du dahintergekommen?"
[GEJ.08_006,06] Sagte Lazarus: „Hast doch du selbst in deinen Worten bekannt, daß es in der Welt Menschen gäbe, die mit gar seltenen Fähigkeiten begabt sind! Warum sollte zum Beispiel ich nicht auch mit so mancher seltenen Fähigkeit von Gott aus begabt sein? Aber ich kann euch noch etwas viel Wichtigeres sagen, und das besteht darin, daß ihr infolge eures Wissens und Redens dem Reiche Gottes recht nahe wäret, wenn euch die böse Luft des Tempels nicht daran hinderte. Besonders aber bezeichne ich dafür deinen Gegenredner, dem du am Ende selbst in allem beistimmtest, sowie auch alle die andern, darum ihr alle nun mit dem gar sehr werten Gegenredner auf ein und demselben Punkte stehet zu meiner wahrlich großen Freude; denn Männer euresgleichen werden sich nun nicht gar viele mehr im ganzen Tempel vorfinden. Darum sage ich euch, als nun euer alter und wahrer Freund, daß ihr dem Reiche Gottes nun näher stehet, als ihr es ahnet!"
[GEJ.08_006,07] Sagte nun der zweite Redner: „Lieber Freund, erkläre du dich deutlicher! Was willst du uns damit denn sagen? Wie sollen und können wir nun hier dem Reiche Gottes näher sein, als wir es zu ahnen imstande sind? Sollen wir hier etwa sterben? Hast du uns etwa – Gift in den Wein getan?"
[GEJ.08_006,08] Sagte Lazarus: „Wie könnet ihr als wahrlich gescheite Leute euch so etwas nur denken! Ich will ja gleich aus euren Bechern trinken, um euch zu beweisen, wie irrig ihr da denket; ihr werdet noch lange genug auf dieser Erde zu leben haben! Nur mit eurem Wissen seid ihr dem Reiche Gottes nahe gekommen und mit eurem geheimgehaltenen Glauben, aber nicht mit eurem irdischen Leben!"
[GEJ.08_006,09] Sagte der erste Pharisäer: „Was verstehst du denn hernach unter dem Reiche Gottes?"
[GEJ.08_006,10] Sagte Lazarus: „Nichts anderes als nur die rechte Erkenntnis Gottes in eurem Gemüte! Würdet ihr dazu aber auch noch Den als das annehmen, was Er wahrhaft ist, den ihr bis jetzt verfolgt habt, so wäret ihr schon auch völlig im lichtvollsten Reiche Gottes! Verstehet ihr mich nun, was ich euch damit habe sagen wollen, als ich sagte: ,Ihr seid dem Reiche Gottes näher gekommen, als ihr es ahnen möget!‘?"
[GEJ.08_006,11] Sagte nun wieder der erste Redner: „Nun gerade recht, daß du uns auf dieses Thema gebracht hast! Daß du auf den sonderbaren Galiläer alles hältst, das wissen wir schon eine ziemliche Zeit lang, und wir haben dir das, ob recht oder unrecht, auch tatsächlich zu erkennen gegeben. Das ist uns nichts Neues. Aber da du den Mann sicher besser kennst denn wir und wir nun hoffentlich wieder wahrhaftige Freunde geworden sind, weil du durch deine uns früher unbekannte Fähigkeit dich selbst überzeugt hast, wie wir eigentlich bei uns denken, so wäre es nun bestens an der Zeit, daß eben du uns den Mann möchtest näher kennen lehren. Du brauchst uns darum seinen irgendwoigen und etwa nunmaligen Aufenthalt gar nicht anzugeben, weil wir von dem lächerlichen Beschlusse des Tempels ja ohnehin nimmer Gebrauch machen wollen und werden; ja, wir brauchen den Galiläer auch nicht etwa der verschlagenen Tempelpriester wegen näher kennenzulernen, sondern nur allein unsertwegen, und kannst du nun schon ganz offen von ihm zu uns reden!"
[GEJ.08_006,12] Sagte darauf Lazarus: „Wie und wo Er geboren ist, und was sich bei Seiner Geburt schon alles zugetragen hat, als der alte, böse Herodes vor dreißig Jahren zu Bethlehem Seinetwegen die schwere Menge der unschuldigen Knäblein von ein bis zwei Jahren Alters hat ermorden lassen, weil ihm die drei Weisen aus dem fernen Morgenlande, die ein Stern hierhergeführt hatte, die Kunde gebracht hatten, daß den Juden ein neuer König zu Bethlehem geboren worden sei, das alles wisset ihr so gut wie ich; aber ihr wisset es nicht, daß jener neugeborene König der Juden durch göttliche Vorsehung und Waltung nicht in die Hände des grausamen Herodes geraten ist, sondern durch Gottes Hilfe und durch die Vermittlung des damaligen noch jungen römischen Hauptmanns Kornelius glücklich nach Ägypten und – ich glaube – in die alte Stadt Ostrazine entflohen ist und erst, als der alte Herodes nach drei Jahren, von Läusen gefressen, gestorben ist, in die Gegend von Nazareth ganz wohlbehalten zurückgekehrt und dort in ganz stiller Zurückgezogenheit ohne irgendwelchen besonderen Unterricht zu einem Manne herangewachsen ist.
[GEJ.08_006,13] Als er zwölf Jahre alt war, kam er mit Seinen irdischen Eltern zu der vorgeschriebenen Knabenprüfung nach Jerusalem, blieb drei volle Tage im Tempel und setzte durch Seine Antworten und Fragen alle Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer ins größte Erstaunen, was mir mein Vater, der für Ihn wegen der Armut Seiner Eltern sogar die höhere Prüfungstaxe bezahlt hatte, erzählte.
[GEJ.08_006,14] Auch das wird den älteren von euch noch sicher erinnerlich sein, wenn gerade schon das nicht, daß er der Wut des alten Herodes entflohen und nach drei Jahren aus Ägypten wieder nach Nazareth zurückgekehrt ist.
[GEJ.08_006,15] Und sehet nun, der Mann, der nun so große Werke verrichtet bloß durch die rein göttliche Macht Seines Willens und Seines Wortes, ist ebenderselbe vor dreißig Jahren zu Bethlehem neugeborene König der Juden und ebenderselbe weise Knabe, der vor zwanzig Jahren den ganzen Tempel ins größte Erstaunen gesetzt hat!
[GEJ.08_006,16] Nun wisset ihr einmal genealogiter, mit wem ihr es in dem nun so außerordentlichen Galiläer zu tun habt, und das gehört auch sehr dazu, um über Ihn ein günstiges Urteil fällen zu können.
[GEJ.08_006,17] Was Er aber nun tut, das wisset ihr teilweise, haltet aber davon das meiste, was euch von Ihm, Seinen Lehren und Taten hinterbracht wurde, mehr denn zur Hälfte für Fabeln und Übertreibungen des Volkes, das an Ihm hängt und an Ihn glaubt, – und da eben irret ihr euch groß!
[GEJ.08_006,18] Ich bin wahrlich, wie ihr mich auch wohl kennet, der Mensch nicht, der die Katze im Sacke kauft! Ich habe mich darum auch bei Ihm sehr genau selbst mehrorts und längere Zeit hindurch überzeugen wollen, was denn eigentlich an diesem Manne sei. Und seht, ich, der ich doch auch in der Schrift bewandert bin, fand an Ihm nie etwas Verdächtiges, wie gar so oft schon an den marktschreierischen Magiern und Zauberern!
[GEJ.08_006,19] Seine Lehren sind vollkommen die des Moses und der Propheten, und Seine Wunder wirkt Er nur, wo es not ist, und läßt sich von niemandem dafür je etwas bezahlen. Kurz und gut, Sein kräftiges Wort ist reinstes Gotteswort, Seine Weisheit Gottes Weisheit, und Seine Taten sind ebenso nur Gottes Taten, weil es keinem Menschen möglich ist, daß er sie bewerkstellige!
[GEJ.08_006,20] Als ich vor mehr als einem halben Jahre mit Ihm und Seinen damals vielen Jüngern nach Bethlehem zog, da fanden wir daselbst vor den Toren der alten Stadt Davids eine große Menge Bettler, weil alldort ein Fest abgehalten wurde. Diese Armen beiderlei Geschlechts baten uns unter großem Gejammer um ein Almosen. Am allermeisten schrien ganz Verstümmelte ohne Hände und manche auch ohne Füße, und ich wollte sie auch nach meinen Kräften beteilen.
[GEJ.08_006,21] Er aber gab mir zu verstehen, daß es dazu noch Zeit sei, und fragte die Armen dann, ob sie sich, so sie völlig gesund wären und ihre geraden Glieder hätten, nicht lieber mit der Arbeit ihrer Hände das nötige Brot verdienen möchten. Alle beteuerten, wenn das möglich wäre, so würden sie lieber Tag und Nacht arbeiten als nur einen Augenblick mehr jemanden um ein Almosen bitten. Er aber sagte darauf: ,So stehet auf und wandelt, und suchet euch Arbeit!‘ Auf dieses Wort hin waren alle augenblicklich von ihren allerartigen Übeln geheilt. Die Blinden sahen, die Tauben und Stummen hörten und redeten, die Lahmen sprangen auf wie junge Hirsche, und die Verstümmelten ohne Hände und Füße bekamen – sage – ganz offenbar neue Glieder, und das war alles das Werk eines Augenblicks! Ich aber nahm dann gleich alle diese so wunderbar Geheilten in meine Dienste, beschenkte sie sogleich und wies ihnen an, wohin sie zu gehen hatten.
[GEJ.08_006,22] Wenn man selbst Zeuge einer solchen Tat und noch von hundert anderen war, von denen man nicht einmal mehr sagen kann: ,Siehe, diese waren größer und denkwürdiger denn die anderen!‘, wenn man auch gesehen hat, daß Seinem Willen auch alle Tiere, alle Elemente, die ganze Natur, selbst Sonne, Mond und Sterne und die Meere der Erde wie auch ihre Berge gehorchen, und Er Selbst sagt: ,Ich und der Vater im Himmel sind Eins! Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater. Wer da an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, der Weg und das Leben!‘, so kann man bei gesunden Sinnen und bei gesunder Vernunft denn doch nimmer zweifeln, daß es also ist, wie Er es lehrt, und wie das von Ihm schon von – sage – Adam an alle Väter, Patriarchen und Propheten geweissagt und gelehrt haben.
[GEJ.08_006,23] Ich glaube nun vollkommen fest und ungezweifelt an Ihn und getraue mir das auch vor aller Welt laut zu bekennen, weil ich meine unumstößlichen Gründe dafür habe; ein anderer aber kann tun, was er will! Nun wisset ihr in Kürze das Wichtigste, was den großen Galiläer betrifft, in vollster Wahrheit und möget nun selbst urteilen, was ihr von Ihm zu halten und zu glauben habt!"
7. Kapitel
[GEJ.08_007,01] Sagte der zweite, gute Redner: „Ja, Freund Lazarus, da kann ich dir durchaus nicht unrecht geben; denn wäre ich an deiner Stelle, so würde ich auch das tun, was du tust! Aber so kann ich das, wie jede andere bessere Überzeugung, nur geheim bei mir behalten, weil ich in meiner Stellung nicht offen gegen den argen Weltstrom schwimmen kann. Du aber bist ein überreicher und nun durch dein römisches Bürgerrecht ein ganz freier Mann und kannst des Guten so viel tun, als du nur immer willst. Niemand kann dir in die Quere treten! Wie wir Templer aber nun stehen, das weißt du ohnehin! Darum können wir nur im stillen der Wahrheit zugetan sein; offen aber sind wir genötigt, der Lüge das Wort zu reden. Daß es sich aber mit uns, die wir noch den älteren und besseren Tagen angehören und die Wahrheit für uns wohl begreifen, leider nun in dieser neueren Lügenzeit also verhält, weißt du so gut wie wir.
[GEJ.08_007,02] Ich glaube nun das, was du glaubst, und es ist also und wird nie anders werden, da zu große und unleugbarste Beweise aller Art und Gattung nur zu sehr dafür sprechen und zeugen; aber wir können offen dennoch nichts dafür tun, außer daß wir uns im Rate jeder Stimmung weder dafür noch dawider ganz kategorisch enthalten und bei guter Gelegenheit dartun, daß bei dieser Gelegenheit ein jeder Verfolgungsversuch ein rein vergeblicher ist. Und ich meine, daß wir dadurch der guten Sache, wennschon nicht gerade förderlich, so aber doch nicht als hinderlich erscheinen, und das kann denn am Ende doch auch nicht als etwas völlig Schlechtes angesehen werden! – Was ist da deine Meinung, Freund Lazarus?"
[GEJ.08_007,03] Sagte Lazarus: „Freund, offen gesagt: Wenn man von einer so großen und alles Sonnenlicht übertreffenden Wahrheit in sich völlig überzeugt ist, sich aber offen vor der Welt dennoch nicht getraut, sich zu ihren Gunsten auszusprechen – abgesehen von jeder wie immer gearteten Stellung in dieser Welt –, so ist man da immer mit einem Menschen zu vergleichen, der da nicht kalt und auch nicht warm ist. Wenn ich mir nun denken und laut der größten und unwiderlegbarsten Beweise gläubigst sagen muß: ,Das ist der Herr Selbst, durch dessen Liebe, Gnade und Willen ich lebe!‘ – wie das auch alle Propheten von Ihm vorausgesagt haben –, so ist Er allein mir alles und alle Welt und der ganze Tempel nichts mehr! Er hat nun erfüllt, was Er verheißen hat; Er, der auf Sinai dem Moses und unseren Vätern die Gebote gegeben hat, ist nun leibhaftig unter uns und zeigt uns durch Worte und Taten, daß Er es ist, der ewig getreue, wahrhaftige Jehova. Wie ist es da einem wahren Menschen noch möglich, sich bei einer so endlos hochwichtigsten Lebenssache lau zu verhalten?!
[GEJ.08_007,04] Ich an eurer Stelle, indem ihr es ohnehin einsehet, daß es mit dem Tempel, wie er nun bestellt ist, keinen langen Halt mehr haben wird, würde mein Vermögen nehmen und sehen, ein wahrer Lebensjünger des Herrn zu werden. Ihr könnt von nun an im Tempel nicht für euer irdisches Leben viel mehr irgend gewinnen, weil die Opferungen von Jahr zu Jahr aus sehr begreiflichen und euch wohlbekannten Gründen um ein sehr bedeutendes magerer werden. Dazu seid ihr aber auch schon so ziemlich an der Neige eurer irdischen Lebensjahre und müsset euch selbst sagen: Mit uns wird es auf dieser Welt wahrscheinlich nicht gar zu lange mehr dauern! Was dann?
[GEJ.08_007,05] Über das Jenseits habt ihr meines guten Wissens wohl Vermutungen, aber durchaus noch lange keine Gewißheit. Der Herr, der nun wunderbarstermaßen unter uns Menschen als Selbst Mensch wandelt, könnte euch das Jenseits zeigen und euch des künftigen Lebens versichern, und das wäre für euch doch sicher der größte Lebensgewinn! Was dünket euch?"
[GEJ.08_007,06] Sagte der erste Redner: „Ja, ja, Freund, da hast du ganz wohl gesprochen, und es wird sich mit dem Galiläer die Sache auch also verhalten; aber man muß auch das bedenken, wie man sich auf eine gute Art vom Tempel frei machen kann, damit es den andern Amtsgenossen nicht auffalle. Wären wir nicht die Ältesten des Tempels, so könnten wir uns unter irgendeinem Vorwande aus dem Tempel entfernen, etwa als Judenapostel, um irgend Heiden zum Judentum zu bekehren; aber wir sind dazu schon zu alt und bekleiden die ersten Stellen im Tempel, und so ist das eine schwere Sache.
[GEJ.08_007,07] Wir könnten uns wohl in den Ruhestand setzen lassen gegen Rücklassung des zehnten Teiles unseres Vermögens, aber wir würden dadurch der guten Sache des erhabenen Galiläers offenbar mehr schaden als nützen; denn so wir unsere Stellen im Tempel verlassen, so werden sie ehest von anderen besetzt, die ohnehin schon darauf lauern. Diese unsere Stellvertreter würden als gewisserart neue Kehrbesen der guten Sache des Galiläers sicher um noch gar viele Male wütender entgegentreten als wir, die wir nun durch dich wissen, was wir zum wenigsten für uns von ihm zu halten haben.
[GEJ.08_007,08] Wir können nun im Hohen Rate beschwichtigend für den Galiläer wirken und ihm so manche Hindernisse bei seinem erhabenen Lehramte aus dem Wege räumen, weil wir als Älteste des Tempels denn doch auf den Hohepriester, der in seiner Sphäre ein wahrer Tyrann ist, einen bedeutenden Einfluß haben, und können ihm auch bei guter Gelegenheit so manches Außerordentliche mitteilen und ihm zeigen, wer der ihm so überaus verhaßte Galiläer ist, und daß es ein Wahnsinn ist, sich als ein schwacher Mensch einem Menschen entgegenzustellen, dessen Wille eine ganze Welt im Augenblick zu vernichten imstande ist.
[GEJ.08_007,09] Wenn wir dem Hohenpriester das so recht kernfest darstellen, so wird er in seinem wilden Eifer sicher kühler werden und nicht oft Tag und Nacht Rat halten, wie der Galiläer mit seinem ganzen Anhange zu ergreifen und zu verderben wäre. Wir für uns aber werden dann geheim schon wohl eine Gelegenheit finden, als nunmehr wahre Freunde und Anhänger des Galiläers mit ihm irgend persönlich zusammenzukommen und uns von ihm belehren zu lassen. Ich meine, daß diese meine Ansicht sich auch hören läßt?"
[GEJ.08_007,10] Sagte Lazarus: „Oh, allerdings; aber es sieht dabei für euch selbst der Wahrheit nach noch wenig Heil heraus! Was ihr von nun an zu Seines Amtes Gunsten im Tempel tun wollet, hat ein gutes, menschliches Ansehen; aber so ihr bedenket, daß Er, den ihr noch immer den berühmten Galiläer nennet, wahrhaft der Herr Selbst ist, dem alle Weisheit und Macht zu Gebote steht, so muß es euch dabei ja doch klar sein, wie albern und eitel der Gedanke ist und wie dumm des Menschen Einbildung, in seiner sterblichen Schwäche und Blindheit irgend durch einen Rat oder durch eine Tat Gott helfen zu wollen. Er bedarf unserer Hilfe ewig nicht, sondern wir nur der Seinigen!
[GEJ.08_007,11] Wenn Er uns Menschen Gutes in Seinem Namen tun und wirken läßt, so geschieht das nur unseres eigenen Heiles wegen; denn dadurch üben wir uns in der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und aus dieser zum Nächsten. Je mehr aber jemand in der Liebe zu Gott und zum Nächsten in seinem Herzen zugenommen hat, desto mehr Fähigkeiten wird er von Gott erhalten, Ihn und den Nächsten noch immer mehr und mehr lebendigst lieben zu können!
[GEJ.08_007,12] Aber darum benötigt Gott unserer Tätigkeit nicht, wie etwa wir Menschen der Tätigkeit unserer Knechte und Mägde benötigen, sondern so wir nach Seinem Rate und nach Seiner Lehre tätig sind, so sind wir das nur zu unserem Heile, aber ewig nie etwa zum Heile des Herrn, der Selbst das ewige Heil aller Kreatur ist.
[GEJ.08_007,13] Daß sich hier die Sache also und nicht anders verhält, werdet ihr nun wohl leicht selbst einsehen, das heißt, so ihr in eurem berühmten Galiläer das sehet und erkennet, was ich schon lange gesehen und erkannt habe, nämlich, daß Er der Herr Selbst ist.
[GEJ.08_007,14] Haltet ihr Ihn aber noch immer für einen bloß außerordentlichen Menschen, der bei allen seinen wunderbaren Fähigkeiten denn zuweilen doch auch noch der Mithilfe der Menschen bedarf, dann ist das, was ihr für Ihn tun wollet, allerdings löblich; denn die Nächstenliebe gebietet uns das, daß wir Menschen uns gegenseitig mit Rat und Tat behilflich sein sollen."
8. Kapitel
[GEJ.08_008,01] Sagte nun wieder der erste Redner: „Lieber Freund Lazarus, du hast da ganz richtig geurteilt, so sich die Sache mit dem wundersamen Galiläer im vollsten Ernste also verhält, wie du sie uns aus deiner wohlerwiesenen Überzeugung mitgeteilt und getreu dargestellt hast, laut der wir auch der vorwiegenden Meinung sind, daß sich diese Sache auch also verhalten wird. Aber bei einer so endlos hochwichtigen Sache ist von unserer Seite als Juden – dem Volke Gottes – sehr notwendig, eine starke Prüfung anzustellen und zuvor gar vieles wohl zu bedenken und zu überlegen, ob möglicherweise doch etwa irgend etwas in einem sehr verborgenen Hintergrunde stecken könnte, das am Ende der Sache doch ein anderes Gesicht geben könnte, als für was sie ein von den Wundereffekten gewisserart berauschter und im Gemüt und Verstande gefangengenommener Mensch von ihr sich vorstellte.
[GEJ.08_008,02] Siehe, so ist mir, wie auch uns allen, ehedem draußen sehr aufgefallen, wie zuerst der junge, wohlberedte Mensch uns unsere Mäntel bloß durch sein Wort und durch seinen Willen abnahm in einem so schnellen Augenblick, daß wir uns dawider gar nicht versehen konnten und auch gar nicht wußten, wohin unsere Mäntel verschwunden waren. Weiter kamen die sieben, dem Aussehen nach Ägypter oder Araber; es kostete sie nur einen Wink, und drei grimmige Löwen waren zu unserem Entsetzen da! Siehe, das sind von Menschen hervorgebrachte Wunder, was sich nicht leugnen läßt. Wenn nun der junge Mensch, dem es an der Weisheit auch nicht gebricht, von sich aussagte: ,Ich bin Christus; meine Wundertat beweist euch das!‘, – würdest du ihn dann wohl auch gleich als das annehmen, was er aussagt, daß er sei? Oder so einer jener sieben Männer ein gleiches von sich vorgäbe, würdest du ihm wohl auch den Glauben schenken? Haben, wie wir aus der Schrift lesen, nicht auch Moses wie die andern Propheten nach ihm große Wunder gewirkt und waren darum doch nicht Christus?!
[GEJ.08_008,03] Nun wirkt der wundersame Galiläer auch große und jedermann höchst auffallende Wunder, hat dazu auch eine wahrlich höchst weise Rede und sagt, daß er Christus sei! Nun, daß er von sich das aussagt, was kein anderer Wundertäter von sich ausgesagt hat, das genügt noch nicht vollkommen als ein Beweis, daß er darum auch schon das wirklich ist, als was er sich vor den Menschen ausgibt! Wir nehmen es nun nach deinem Zeugnisse wohl an und glauben, daß sich die Sache also verhalten wird; aber darum kann es uns noch nicht benommen sein, die Sache nebstbei noch immer nach allen Richtungen hin zu prüfen. Finden wir dabei nirgends einen auch nur scheinbaren Widerspruch, so werden wir auch alsogleich das tun, was du uns wahrlich sehr weise und freundlich angeraten hast.
[GEJ.08_008,04] Siehe, du kannst noch ganz andere und sonderheitliche Beweise haben, die wir nun noch nicht kennen, diese können dich zu einer tieferen und inneren Überzeugung geführt haben! Nun, solches mangelt uns offenbar aus leicht begreiflichen Gründen; denn wir selbst haben persönlich ihn, den berühmten Galiläer, nur etliche Male im Tempel gesehen und gehört und hörten nur von seinen Wundertaten aus anderer Menschen Munde vieles; aber selbst Augenzeugen waren wir eigentlich von nur sehr wenigem, das in der Heilung eines Gichtbrüchigen und jüngst in der eines Blindgeborenen bestand. Und das, Freund, genügt uns nun wahrlich um so weniger, als wir eben heute abend den jungen Menschen, der auch ein Galiläer zu sein scheint, und die sieben andern Männer auch Wunder wirken sahen und daraus wohl entnommen haben, daß andere Menschen auch Wunder zu wirken imstande sind.
[GEJ.08_008,05] Was die weise Rede anbelangt, so sprach auch der junge Mensch höchst weise wie ein wahrer Prophet, und unsere Mäntel schützten uns nicht vor seinem Scharfblick; und so können wir bis jetzt noch immer sagen: Weder Wundertaten noch weise Reden und Lehren sind für uns genügende Beweise, daß darum der Galiläer schon im vollsten Wahrheitsernste der verheißene Messias sei, von dem es geschrieben steht, daß Er sei Jehova, der Herr Selbst.
[GEJ.08_008,06] Auch du selbst gabst uns ehedem einen gar sonderbaren Beweis, wie ein Mensch auch durch seinen sehr geweckten Scharfsinn sogar die innersten Gedanken und geheimen Reden Wort für Wort wissen kann und vielleicht noch manches andere, was er aber einem Freunde, um niemand anderm ein Ärgernis zu geben, nur unter vier Augen sagen würde. Da aber sogar dir schon, als nur einem Menschen unseresgleichen, eine solche Fähigkeit innewohnt, die etwas sehr Wunderbares ist, warum sollen dem Galiläer nicht auch solche besonderen Fähigkeiten innewohnen, die jedem andern Menschen als ein offenbares Wunder vorkommen müssen, weil ihm die Wege zur Erlangung solcher besonderen Fähigkeiten gänzlich unbekannt sind und selbst die Menschen, die solche besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen, einem andern darin gar keinen Unterricht entweder geben oder geben wollen.
[GEJ.08_008,07] Es gab einst Prophetenschulen, in die aber nur solche Menschen, und das schon als Jünglinge, aufgenommen wurden, die sich schon von der Geburt an durch gewisse besondere Eigenschaften bemerkbar gemacht hatten; vor allem soll dazu ein höchst sittlicher und, was die Fleischnatur des Menschen betrifft, auch höchst keuscher Charakter erforderlich gewesen sein.
[GEJ.08_008,08] Nun, das sehen wir wohl ein, daß in einer sittlich ganz unverdorbenen Menschennatur sich ganz andere Fähigkeiten entwickeln können als in der kranken eines ganz gewöhnlichen, sinnlich unsittlichen Menschen; aber ein solcher hernach mit außerordentlichen Fähigkeiten begabter Mensch kann darum doch noch lange und eigentlich gar nie sagen, daß er vor anderen natürlich schwachen Menschen ein Gott sei.
[GEJ.08_008,09] Ich selbst habe in meiner Jugendzeit einmal einen ganz einfachen Hirten gesehen, den seine Gefährten ihren König genannt haben. Dieser Mensch war sehr sittlich und fromm. Er hatte keinen Hirtenstab und brauchte nur zu wollen, und seine Herde folgte seinen Winken und seinem Worte und Willen. Ob er noch andere Dinge zu bewirken imstande war, weiß ich nicht; aber warum konnte er solche seine besondere Eigenschaft nicht zu einem Gemeingut auch der anderen Hirten machen?
[GEJ.08_008,10] Darum bleibt es bei mir solange ein fester Satz, daß es auf der Welt immerhin einige besonders befähigte Menschen geben kann; aber man muß darum sehr auf der Hut sein, solch einen irgend besonders befähigten Menschen als einen in diese Welt aus den Himmeln gekommenen Gott anzusehen und anzuerkennen.
[GEJ.08_008,11] Es hat ja unter den alten Propheten auch große und kleine gegeben, aber Gott war weder Moses noch Elias. Ich habe dir nun meine Meinung ganz klar ausgesprochen, und du kannst nun darüber nach deinem Gutdünken urteilen, wie du nur immer magst und kannst!"
[GEJ.08_008,12] Sagte nun Lazarus in einem ganz freundlichen Ton: „Nach dem irdisch- menschlichen Verstande hast du ganz wahr und richtig gesprochen und konntest auch wohl füglich nicht anders urteilen und sprechen, weil dir, wie auch deinen Amtsgenossen, noch gar vieles mangelt, um den erhabensten Galiläer vollends als das anzuerkennen, was Er trotz deiner Zweifel und allervernünftigst scheinenden Einwendungen und Einwürfe dennoch ist.
[GEJ.08_008,13] Glaubet es mir, daß ich mich auch nicht durch eine gewisse Wunderberauschtheit habe hinreißen lassen, den erhabensten Galiläer als den Messias anzuerkennen! Oh, da haben ganz andere Dinge mich dazu bestimmt!
[GEJ.08_008,14] Ihr bewundert nun wohl auch den jungen Menschen, die sieben Ägypter und daneben sogar nun auch mich; aber ich sage es euch, daß ihr weder den jungen Menschen noch die sieben Ägypter, die noch ganz einfache und unverdorbene Menschen sind, wie es einst die Urväter auf der Erde waren, kennet und also auch nicht wisset, wie es mir möglich war, auf ein Haar genau zu wissen, was ihr allein untereinander geredet habt!"
[GEJ.08_008,15] Sagte der erste Redner: „Nun, so erkläre uns das näher, und wir werden dann sehen, ob wir dir vollends im Glauben folgen können!"
9. Kapitel
[GEJ.08_009,01] Sagte Lazarus: „Hast du denn in der Schrift nicht gelesen: Wenn der Herr als ein Menschensohn auf diese Erde kommen wird, so werden die wenigen Gerechten sehen die Engel aus den Himmeln herniederkommen und Ihm dienen!? Was werdet ihr aber sagen, so ich euch sage: Das habe ich und viele an meiner Seite gesehen, und es war das weder ein Traum, noch weniger irgendeine andere Täuschung, sondern eine volle, mit Händen zu greifende Wahrheit! Und der junge Mensch ist eben auch ein Engel, und das ein Erzengel auch noch dazu!
[GEJ.08_009,02] Den sieben Männern im tiefsten Hinterägypten aber hat es ihr innerer Geist angezeigt, daß bei uns Juden die große Verheißung in die volle Erfüllung gegangen ist, und sie machten sich auf und kamen, vom Geiste geführt, zu uns, um selbst zu sehen den Herrn aller Herrlichkeit als Menschen wandeln und lehren unter uns Menschen, die wir so blind sind, daß wir das noch nicht erkennen mögen, was jene überweit von hier entfernt wohnenden Menschen schon im hellsten Lichte schauen.
[GEJ.08_009,03] Was aber meine Fähigkeit anbelangt, durch die ich wissen konnte, was ihr allein untereinander geredet habt, so habe ich sie zuvor nie besessen, sondern der große, erhabenste Galiläer, der Herr, hat sie mir gegeben infolge meines Glaubens an Ihn und meiner Liebe zu Ihm und Seinetwegen zu den vielen armen Nebenmenschen.
[GEJ.08_009,04] Was ich euch hier gesagt habe, ist eine heilige Wahrheit; aber ich kann sie euch nicht anders bezeugen, als daß ich euch ein für alle Male sage: Also ist es und nicht anders, und ich glaube darum, daß der erhabenste Galiläer lebendigst wahr der verheißene Messias, Jehova Zebaoth ist. Wer an Ihn glaubt und Ihn auch über alles liebt und seine Nächsten wie sich selbst, der wird das wahre, ewige Leben in sich haben!
[GEJ.08_009,05] Und nun könnet ihr aber deswegen tun, was ihr wollet; denn dies ist auch des Herrn heiliger Ausspruch: Der Wille muß sogar dem Teufel frei gelassen bleiben; denn ohnedem wäre der Mensch kein Mensch und kein Ebenmaß Gottes. Er wäre ein Tier, dessen Seele keine Freiheit hat und darum also tun muß, wie es von der Allmacht Gottes getrieben wird.
[GEJ.08_009,06] Alles, was ihr sehet auf der Erde und am Firmament, ist gerichtet und steht unter dem unwandelbaren Gesetze des Muß. Der Mensch muß sich dieses starre und unwandelbare Gesetz auf eine kurze Zeit hin nur für seinen Leib gefallen lassen; denn den Leib des Menschen leitet, was dessen Form, Wachstum und kunstvollste organische Einrichtung wie auch die normale Dauer des Fleischlebens betrifft, nur die Allmacht Gottes, und Gott kann darum auch jeden kranken Leib augenblicklich heilen mittels der Macht Seines göttlichen Willens. Aber mit der freien Seele des Menschen hat die Allmacht Gottes nichts zu tun! Darum sind auch die Verhaltensregeln, die Gott für die Seelen der Menschen den Menschen gegeben hat, nicht unter Muß, sondern unter ,Du sollst‘ gegeben.
[GEJ.08_009,07] Wir haben die Gesetze von Gott demnach ohne Muß erhalten und können sie beachten, wenn wir sie beachten wollen; darum wird auch nun vom Herrn aus gar niemand gezwungen, sich im Glauben an Ihn zu wenden, sondern wer das aus sich frei will. Aber man bedenke die Folgen für die Seele im Jenseits, wo sie ebenso frei bleiben wird, wie sie jetzt ist, nur mit dem Unterschied, daß sie dort alles aus sich wird schöpfen müssen, was sie zu ihrem ewigen Lebensunterhalte benötigen wird. Aber wie wird es ihr da dann ergehen, so sie sich nach dem Rate Gottes hier keine geistigen Schätze und Materialien in sich selbst angesammelt hat?
[GEJ.08_009,08] Wie Gott Sich hier wegen der vollsten Lebensfreiheit der Seele mit Seiner Allmacht ferne hält, so wird Er Sich vermöge Seiner ewigen Ordnung auch ewig ferne halten. Hier auf dieser Erde aber hat jeder Mensch für seine Seele den Vorteil, daß ihm die Allmacht Gottes allerlei Schätze zu seinem Gebrauche hinzugegeben hat, mit denen er sich bei rechtem Gebrauche nach dem Rate Gottes übergroße geistige Schätze für seine Seele für ewighin erwerben kann. Jenseits aber fällt eine irgend von Gott erschaffene Schätze- und Nährwelt ganz weg; da wird eine jede Seele, als ein Ebenmaß Gottes, sich alles selbst erschaffen müssen aus sich, das heißt, aus ihrer eigenen Weisheit und aus ihrem eigenen freiesten Willen. Wie wird es ihr aber ergehen, wenn sie nicht im Verbande mit dem Willen Gottes, mit Seiner Weisheit und Liebe je gestanden ist?
[GEJ.08_009,09] Was wird da eine blinde, finstere und sonach gänzlich ohnmächtige und an allen inneren, geistigen Schätzen völlig arme Seele – sage – jenseits anfangen und machen? Wenn ihr das nur einigermaßen bedenket, so müsset ihr es doch einsehen, wie höchst dumm es ist, sich jetzt der größten Zeit der Gnade Gottes des Herrn nicht teilhaftig machen zu wollen, wo man sie vor sich hat, wie man vielleicht ewig nie wieder im solch allerhöchsten Grade die wundervollste Gelegenheit vor sich haben wird!
[GEJ.08_009,10] Ich habe euch nun alles gesagt, was ein wahrheitsliebender Freund euch sagen kann, und ich sage euch nun noch einmal das, was ich euch schon etliche Male gesagt habe: Ihr seid von mir aus aber darum durchaus nicht gebunden und könnet tun, was ihr wollet; denn eure Seelen sind ebenso vollkommen frei, wie da ist die meinige."
[GEJ.08_009,11] Als die Pharisäer den Lazarus also reden hörten, da sagte der zweite Redner, der, wie schon bekannt, ein tüchtiger Schriftgelehrter war: „Daß der Freund Lazarus, der sicher als ein Privatmann beinahe so wohlhabend ist wie kaum ein zweiter im Lande, durchaus kein Interesse haben kann, so wir seinem Rate folgen, das ist mehr als mit beiden Händen zu greifen! Denn was sollte ihm an unserem Golde und Silber, Perlen und Edelsteinen wohl gelegen sein? Er hat dessen so viel, daß er sich damit ganz leicht ein Königreich kaufen könnte! Er beredet uns also nicht, darum an den Galiläer zu glauben, daß wir etwa aus dem Tempel träten und dann unsere Schätze gegen Zinsen in seine Wechselbank legten; das sei ferne von uns, so etwas von ihm zu glauben, da er ohnehin schon vor ein paar Jahren seine Wechselbank für immer gesperrt hat! Aber er als ein bekannt gar tüchtiger Beurteiler aller möglichen Begebnisse in dieser Welt hat die Sache des großen Galiläers durchaus nicht irgend einseitig betrachtet und hat mit seinem bekannt scharfen Geiste den rechten Kern in dieser sonderbaren Sache gefunden; darum täten wir wahrlich wohl am besten, so wir ohne weiteres das täten, was er uns als Freund angeraten hat!
[GEJ.08_009,12] In unserem Tempel gibt es nun wahrlich sehr wenig irgend mehr zu gewinnen! Der materielle Gewinn ist so gut wie zum größten Teil dahin, für unsere Seelen aber gibt es im Tempel nur stets größere Verluste, aber nie mehr einen Gewinn; darum würden wir ganz klug tun, so wir uns denn auch endlich in diesen unseren alten Tagen umsähen, wie es nach unserem Leibestode, der bei uns sicher eben nicht gar zu lange auf sich wird warten lassen, mit unseren Seelen aussehen wird. Ich wäre sogleich dabei, mich vollends vom Tempel frei zu machen, so auch ihr alle dasselbe tätet!
[GEJ.08_009,13] Aber nur eines möchte ich vorher noch zu einer leicht erfüllbaren Bedingung stellen, und das bestünde darin: Ich möchte nun noch einmal mit dem Jungmenschen reden, den der Freund Lazarus uns soeben zuvor als einen Erzengel bezeichnet hat. Sage mir, Freund Lazarus, wäre das nun wohl etwa möglich?"
[GEJ.08_009,14] Sagte Lazarus: „Oh, nichts so leicht möglich als das! Ich darf ihn nur rufen, und er wird im Augenblick sich hier befinden!"
[GEJ.08_009,15] Sagte der zweite Redner: „Ich bitte dich, Freund, tue das; denn ich brenne vor Begierde, nun diesen Erzengelmenschen zu sehen und zu sprechen!"
10. Kapitel
[GEJ.08_010,01] Hierauf berief Lazarus nach Meiner ihm schon im großen Speisesaale gegebenen Instruktion sogleich den Raphael, und dieser war auch im Augenblick in dem kleinen Speisesaale, in welchem sich eben die Pharisäer nun mit Lazarus befanden.
[GEJ.08_010,02] Als Raphael gar so plötzlich vor den Pharisäern stand, da erstaunten sie überaus darüber, wie er gar so schnell auf den Ruf des Lazarus hatte dasein können.
[GEJ.08_010,03] Als Raphael zum hohen Erstaunen aller nun da vor den Pharisäern stand und sie ihn mit sehr bedeutungsvollen Blicken musterten, da sagte, von einer geheimen, tiefsten Ehrfurcht durchschauert, der zweite Redner: „Sage uns, du geheimnisvoller Jüngling, ist die Sache sicher also, wie sie uns unser Freund Lazarus ehedem berichtet hat?"
[GEJ.08_010,04] Sagte Raphael: „Warum zweifelt ihr daran? Habt ihr es zuvor denn nicht selbst erfahren, daß ein Mensch meines Alters unmöglich meine Fähigkeiten besitzen kann? Ja, ich sage es euch: Wie es euch Lazarus nur etwas zu früh enthüllt hat, gerade also verhält sich auch alles! Ich bin nicht wie ihr ein irdischer Mensch, sondern ich bin wahrlich ein Bote des Herrn! Mein Name ist Henoch, Raphael bin ich aber nun genannt, weil ich auf dieser Welt, als ich in der Urzeit auch als ein irdischer Mensch das Fleisch trug, keinen Tod des Leibes auf dieser Erde genossen habe, gleich dem Propheten Elias. Denn Gott der Herr hat mich in einem Augenblick verwandelt. Doch solche Gnade hat der Herr etwa nicht mir allein erwiesen, sondern auch andern, die Ihn über alles liebten.
[GEJ.08_010,05] Aber ihr seid allzeit voll Unglauben gewesen und seid es auch jetzt um so mehr! Doch zu eurem Heile gereicht euch solche eure Zweifelsucht nimmer! Wenn ihr das alles nicht frei glaubet, so wird euch auch keine äußere oder innere Macht dazu zwingen; denn euer Wille muß völlig frei sein, weil ihr ohne den freien Willen, wie euch das schon Freund Lazarus erklärt hat, nicht Menschen, sondern pur stumpfsinnige Tiere wäret, ähnlich den Affen der Wälder Afrikas.
[GEJ.08_010,06] Ich sage es euch nun: Wer nun noch die Vergänglichkeit dieser Welt und ihre nichtssagenden bösen Ämter mit ihrem beklagenswerten Ansehen mehr schätzen und lieben kann als den Herrn, der nun leibhaftig unter euch Menschen wandelt und wir, Seine Himmelsdiener, mit Ihm, der ist ein großer Narr bei allem seinem Weltverstande, ist des Herrn nicht wert, und Seine Hilfe wird ihm nicht zuteil werden. Wer den Herrn erkannt hat und Ihn nicht sucht, den wird auch der Herr nicht suchen mit Seiner Gnade!"
[GEJ.08_010,07] Sagte der zweite Redner, der sich an der endlos schönen Gestalt Raphaels nicht genug weiden konnte: „Ja, ja, du bist wahrlich ein Erzengel! Ich glaube nun alles, und es ist nun die größte Sehnsucht in mir wach geworden, mit dem erhabensten Galiläer irgend zusammenzukommen, vor Ihm niederzuknien und Ihn um Vergebung zu bitten für alle die großen Sünden, die ich auf dieser Welt schon begangen habe!"
[GEJ.08_010,08] Das sagten darauf auch die andern neun Pharisäer und Schriftgelehrten.
[GEJ.08_010,09] Darauf sagte Raphael: „Nun wohl denn, so möget ihr am Morgen wieder in den Tempel euch begeben! Werden euch eure nun beinahe durchgehends argen und finsteren Gefährten fragen, was ihr in Erfahrung gebracht habt, da antwortet ihr: ,Wir haben mit Eifer geforscht und haben Ersprießliches erfahren. Aber es tut uns sehr not, die Forschung zu unserm Heile noch weiter fortzusetzen, um alles, was da not tut, in volle Erfahrung und beste Kenntnis zu bringen. Darum werden wir auch heute die Forschung fortsetzen und erst dann im Rate wieder erscheinen, wenn wir alles erfahren haben werden!‘
[GEJ.08_010,10] Auf solche eure Äußerung wird man euch gerne gehen lassen. Dann kommet aber nach Bethanien, und sorget euch um nichts Weiteres mehr! Denn für alles andere wird dann schon von mir aus nach dem allmächtigen Willen des Herrn gesorgt werden. Von allem andern aber, das ihr hier erfahren habt, redet nichts! Wie ich es euch nun gesagt habe, so tuet!"
[GEJ.08_010,11] Darauf verschwand Raphael, und auch Lazarus empfahl sich bei den Templern.
[GEJ.08_010,12] Die Templer besprachen sich nun noch bis über die Mitternacht über das Erlebte und Vernommene und schliefen dabei auf den guten Ruhestühlen ein.
11. Kapitel
[GEJ.08_011,01] Ich aber sagte zum nun wieder zu uns zurückgekehrten Lazarus: „Mein Sohn, Mein Freund und Mein Bruder! Du hast deine heutige Aufgabe zu Meiner vollsten Zufriedenheit gelöst; denn es ist nun der letzte Rest der noch klarer denkenden Templer gewonnen, und das ist gut für Meine Sache. Denn auf diese nun Gewonnenen fußte zumeist der Hohe Rat; denn sie haben Kenntnisse und Erfahrungen und haben einen guten Mund. Was nun, wenn auch noch in einer großen Anzahl, im Tempel haust und regiert, ist vollends blind, dumm und böse.
[GEJ.08_011,02] Es sollen aber die nun Gewonnenen dennoch also beim Tempel verbleiben, wie da verbleiben unser Nikodemus und Joseph von Arimathia. Denn würden sie den Tempel ganz verlassen, so würden die andern, voll des bittersten Unmutes, zu wüten und derart zu toben anfangen, daß die Römer noch vor der Zeit zu den Waffen greifen müßten und verderben Volk und Land. So aber diese Ältesten bleiben, da können sie zu unseren Gunsten noch so manches hintanhalten und auf den Grimm der vielen andern beschwichtigend einwirken. Aber es ist dennoch gut, daß sie morgen unter einem klugen Vorwande nach Bethanien kommen, und daß auch ihre sehr bedeutenden irdischen Schätze in die Verwaltungskammer des Lazarus kommen; denn dadurch sind die zehn nicht mehr an den Tempel gebunden und können sich frei von ihm entfernen, wann sie wollen und auf wie lange sie wollen, und dabei dennoch Mitglieder des Tempels verbleiben, auf daß ihre Stellen nicht von argen Heuchlern alsbald besetzt werden.
[GEJ.08_011,03] Der Grund, den sie angeben werden, warum sie längere Zeit vom Rat und Tempel entfernt bleiben werden, ist ganz gut; denn die Templer werden, in die zehn all ihr böses Vertrauen setzend, meinen, sie gehen darauf aus, um Mich ganz bestimmt irgend zu fangen. Aber da werden sie im großen Irrtume sein! Die zehn werden wohl ausgehen, um größere Forschungen nach Mir und über Mich vorzunehmen, aber nicht zugunsten des Tempels, sondern zugunsten ihrer Seelen.
[GEJ.08_011,04] Darum ist das heute ein letzter und guter Fang aus dem Tempel; denn die zehn waren noch die letzten grünen Zweiglein am alten, schon gänzlich verdorrten und totmorschen Baume des Tempels. So sie als noch brauchbare Pfropfreiser auf einen jungen und frischen Stock gesetzt werden, können sie in Kürze noch gar viele und gute Früchte zum Vorschein bringen.
[GEJ.08_011,05] Eines aber will Ich ihnen heute noch tun, und das bestehe darin, daß alle zehn einen ganz für sie höchst denkwürdigen Traum haben sollen. Der wird ihnen morgen und noch lange hin vielen Stoff zum Denken und zum Reden geben. Worin er bestehen wird, das werden sie euch morgen in Bethanien schon kundgeben mit aller ihrer Beredsamkeit.
[GEJ.08_011,06] Nun aber wollen wir uns erst an unser Nachtmahl machen; denn zuvor mußte Ich euch ja alles von Wort zu Wort kundgeben, was draußen mit den Templern vorgenommen und verhandelt worden ist. Und so, mein Freund Lazarus, kannst du nun die gutbereiteten Fische, gutes Brot und noch mehr guten Wein auf die Tische setzen lassen! Denn diese Nacht hindurch, die für euch alle eine sehr denkwürdige sein muß, werden wir uns nicht dem Schlafe weihen, sondern wachen und dabei noch gar manches erfahren. Darum tue du, Freund, nun das, was Ich dir gesagt habe!"
[GEJ.08_011,07] Darauf ging Lazarus mit Raphael sogleich hinaus, und es war alles in wenigen Augenblicken bestens besorgt. Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut und besprachen dabei so manches, was zum Nutzen der Menschen dient, wie auch, was die Pharisäer unter sich besprochen und abgemacht haben.
[GEJ.08_011,08] Es hatten aber besonders die Römer, Nikodemus und Joseph von Arimathia eine große Freude daran, daß die zehn ärgsten Pharisäer, die im Hohen Rat stets unbeugsam gegen Mich zu Felde gezogen waren, sich nun doch hatten umstimmen lassen.
[GEJ.08_011,09] Sagte Ich: „Es ist dadurch ein großer Sieg für die gute Sache des Lebens wohl erkämpft worden, aber die Hölle ist darum noch gleichfort überaus tätig, und der Fürst der Lüge und Finsternis ist nun tätiger, daß er verderbe die Aussaat des neuen Lebens aus Mir, als er es je zuvor war, und ihr werdet, bevor von nun an ein Jahr um sein wird, die argen Früchte seiner Tätigkeit schon gar wohl wahrnehmen!"
12. Kapitel
[GEJ.08_012,01] Sagte nun etwas aufgeregt Agrikola: „Aber, Herr und Meister, Du bist doch endlos weise und bist voll des allmächtigsten Willens; auch stehen Dir zahllos viele Legionen der mächtigsten Engel, wie da Raphael einer ist, zu Gebote; auch wir Römer wollen in diesweltlicher Beziehung für das Gedeihen der guten Sache gegen die Macht aller Teufel in den Kampf gehen und wollen den Spruch im Herzen und im Munde führen: ,Eher soll die ganze Erde in eitle Trümmer zerfallen, als daß zerstört werde nur ein Häkchen an der Wahrheit und Gerechtigkeit dessen, was uns Deine Lehre verkündet hat!‘
[GEJ.08_012,02] Du aber bist allein allmächtig zur Übergenüge und bedarfst weder der Hilfe Deiner zahllos vielen Engel und noch weniger unserer römischen Kriegsheere; da ist es Dir ja doch ein leichtestes, dem irgendwo im geheimen gegen dich wirkenden Fürsten der Lüge und der Finsternis für ewig sein arges Handwerk zu legen! Was tun denn wir Menschen mit einem völlig unverbesserlichen Verbrecher? Wir werfen ihn entweder in ein sogenanntes ewiges Gefängnis, oder wir geben ihm nach dem Gesetz den Tod als eine gerechte Strafe! Denn ein Mensch, der einmal zu einem vollendeten Teufel geworden ist, ist ja um gar viele Male besser von der Erde vertilgt, als daß er fortlebe zum größten Unheile der andern, besseren Nebenmenschen. Tue Du, o Herr und Meister, desgleichen auch mit dem Fürsten der Lüge und der argen Lebensfinsternis, und es wird dann Ruhe und Ordnung und Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit auf der Erde herrschen unter den Menschen!"
[GEJ.08_012,03] Sagte Ich: „Du hast da gut reden, weil du jetzt noch nicht verstehst und einsiehst, worin eigentlich die Hölle und worin der Fürst der Lüge und der Finsternis besteht!
[GEJ.08_012,04] Du hast recht, daß du sagst, daß Ich sicher die Macht habe, die Hölle samt ihrem Fürsten und allen seinen Teufeln zu vernichten; aber so Ich das tue, dann hast du keine Erde mehr unter deinen Füßen, keine Sonne, keinen Mond und ebenso auch keine Sterne mehr! Denn alle materielle Schöpfung ist ja ein fortwährendes Gericht nach der nie verrückbaren Ordnung Meines Willens und Meiner Weisheit. Dieses muß sein und bestehen, damit die Seelen der Menschen auf dem harten Boden des Gerichts die Freiheit und die volle Selbständigkeit des ewigen, unverwüstbaren Lebens sich erkämpfen können.
[GEJ.08_012,05] So Ich nach deinem Rate nun alle materielle Schöpfung auflöste, da müßte Ich ja auch unter einem jeden Leib der Menschen vertilgen, der denn doch ein notwendiges Werkzeug der Seele ist, weil sie nach Meiner höchsten Weisheit und tiefsten Erkenntnis sich nur einzig und allein mit diesem Werkzeuge das ewige Leben erkämpfen und erwerben kann.
[GEJ.08_012,06] Obwohl aber der Leib der Seele zur Erreichung des ewigen Lebens unumgänglich notwendig ist, so ist er aber leicht auch das größte Unheil für die Seele; denn wenn sie sich von den notwendigen Reizungen ihres Fleisches betören läßt, ihnen nachgibt und sich ganz in dieselben mit aller ihrer Liebe und mit allem ihrem Denken und Wollen versenkt, so ist sie in das Gericht ihres eigenen Fürsten der Lüge und Finsternis eingegangen, aus dem sie höchst schwer zu erlösen sein wird.
[GEJ.08_012,07] Und siehe, was dein Leib für deine Seele ist, das ist die Erde für das ganze Menschengeschlecht! Wer sich zu sehr von dem Glanze ihrer Schätze blenden und gefangennehmen läßt, der kommt auch selbst- und freiwillig in ihr Gericht und in ihren materiellen Gerichtstod, aus dem er ebenfalls noch schwerer sich befreien wird.
[GEJ.08_012,08] Weil nun aber die Menschen der Erde stets mehr und mehr der glänzendsten Schätze zu entlocken verstehen, um damit ihrem Fleische die größtmögliche Wohlfahrt, Behaglichkeit und Wollust zu verschaffen, so ist eben das die besonders erhöhte Tätigkeit des Fürsten der Hölle, welche in sich ist das ewige Gericht und somit der Tod der Materie und der Mittod jener Seelen, die sich aus oberwähnten Gründen von ihr haben gefangennehmen lassen.
[GEJ.08_012,09] Mit welcher Allmacht und Weisheit willst du dagegen als für ewig wirksam kämpfen? Ich sage es dir und euch allen: Mit keiner andern als mit der Wahrheit, die Ich euch gelehrt habe, und mit der Macht der möglichsten Selbstverleugnung und der wahren und vollen Demut des Herzens!
[GEJ.08_012,10] Wolle du nur das, was du als wahr erkennst, und handle danach auch der Wahrheit gemäß und nicht irgend aus weltlichen Gründen zum Schein wie also tun da unten die Templer und auch gar viele Heiden, so hast du dadurch die ganze Hölle und ihren Fürsten in dir besiegt! Alle bösen Geister, die in aller Materie vorhanden sind, werden dir nichts mehr anhaben können, und kämen sie dir auch im endlos großen Vereine aus der Materie des gesamten, großen Schöpfungsmenschen entgegen, so würden sie vor dir dennoch also fliehen müssen, wie lockere Spreu und der Sand der Wüsten vor dem mächtigen Sturmwind.
[GEJ.08_012,11] Aber wenn dich die Schätze der Erde gefangenhalten, so daß du, um in ihren vollen Besitz zu gelangen, auch die erkannte Wahrheit verleugnen würdest, dann bist du in deiner Seele schon ein Besiegter von der Macht der Hölle und ihres Fürsten, der da heißt Lüge und Finsternis, das Gericht, das Verderben und der Tod.
[GEJ.08_012,12] Sieh an unsere sieben Ägypter! Sie kennen alle inneren, verborgenen großen Schätze der Erde und könnten dieselben auch in großen Massen ausbeuten; aber sie verachten das, leben lieber höchst einfach und suchen nur die Schätze des Geistes, und so haben sie aber auch noch unverrückt jene wahren, urmenschlichen Eigenschaften, durch die sie als wahre Herren und Gebieter über die gesamte Natur dastehen, was sicher nicht der Fall wäre, wenn sie sich von den Reizen der Natur je hätten irgend gefangennehmen lassen.
[GEJ.08_012,13] Wenn ein Hausvater und Hausherr die rechte und gute Ordnung in seinem Hause erhalten will, so muß er mit seinem Gesinde nicht gemein werden und sich bald fügen in dessen allerartige Schwächen. Denn tut er das, so wird er ein Gefangener seines losen Hausgesindes, und wenn er dann zu einem oder zum andern sagen wird: ,Tue dies!‘ oder ,Tue jenes!‘, – werden ihm da seine über ihn mächtig gewordenen Diener wohl noch gehorchen? O nein, sie werden ihn nur verhöhnen und verlachen!
[GEJ.08_012,14] Also auch wäre es der Fall mit einem Feldherrn, so er sich unterordnete seinen Kriegern, die ihre Kraft und ihren Mut nur dem Feldherrn verdanken. Es käme der Feind, und er geböte dann den Kriegern, den mächtig drohenden Feind anzugreifen und zu besiegen, würden die Krieger dem schwach gewordenen Feldherrn wohl gehorchen? O nein, sie würden sich sträuben und sagen: ,Wie magst du, Schwacher, uns gebieten? Hast du nicht den Mut und den Willen je gehabt, uns ernstlich den Gebrauch der Waffen einüben zu lassen und tändeltest nur mit uns wie ein Spielgefährte, wie kannst du uns nun gegen den Feind führen? Du warst nie unser Meister, sondern wir die deinen! Wie wirst du es nun auf einmal anstellen, uns alten Meistern über dich ein Meister zu werden?‘
[GEJ.08_012,15] Sehet, so auch ergeht es einem jeden Menschen, der nicht schon von der frühesten Zeit an von seinen Eltern und Lehrern streng angehalten wird, sich in allen möglichen fleischlichen Leidenschaften selbst zu verleugnen, damit diese nicht die Herren und Meister über seine Seele werden! Denn sind sie einmal der Seele über den Kopf gewachsen, so hat diese dann einen schweren Stand, über alle die Begehrungen und Reizungen ihres Fleisches zu gebieten, weil sie eben in ihrem Fleische schwach und nachgiebig und hinfällig geworden ist.
[GEJ.08_012,16] Wird aber eine Seele schon von Jugend an nach der Wahrheit des klaren Verstandes vernünftig also geleitet und geübt, daß sie stets mehr Herr ihres Fleisches wird und demselben ja nicht mehr gewährt, als was ihm von der Natur aus nach Meiner Ordnung gebührt, so wird solch einer Seele auch von selbst verständlich alle Welt mit ihren Schätzen und ihren andern Lustreizen gleichgültig, und die also nun rein im Geiste starke Seele ist dadurch denn auch nicht nur Herr über ihres Leibes Leidenschaften, sondern auch ein Herr über die gesamte Natur der Welt und somit auch ein Herr über die gesamte Hölle und ihren Fürsten der Lüge und der Finsternis.
[GEJ.08_012,17] Nun wisset ihr, wer und was eigentlich die Hölle und der Fürst der Lüge und der Finsternis ist, und wie er zu bekämpfen und sicher zu besiegen ist. Tut es denn auch also, so werdet ihr Menschen auf dieser Erde sein Reich bald und leicht vollends zerstört haben, und ihr werdet wahre Herren der ganzen Erde und eurer und ihrer Natur sein!"
13. Kapitel
[GEJ.08_013,01] Sagte nun Agrikola: „Herr und Meister, Du hast mir nun wieder eine neue und übergroß-wichtige Wahrheit enthüllt, und ich sehe nun klar ein, daß es so sein soll. Aber wo steckt da nun nahezu in aller Welt die Erziehung des Menschen schon von Kindesbeinen an? Man weiß ja nicht einmal, wie und wo man bei der Erziehung der Kinder anfangen und wo enden soll!
[GEJ.08_013,02] Da wird den reichen Eltern ein Kind geboren. Sie haben eine wahre Affenliebe zu ihm und gewähren ihm alles, was sie ihm nur in den Augen ansehen, und verzärteln es oft auf eine unausstehliche Weise. Sie selbst getrauen sich nicht, ein solches Kind nur mit einem ernsteren Worte ob seiner vielen Unartigkeiten zu strafen, und tut das dann später etwa ein Lehrer, so hat er sich das Kind und die Eltern zu Feinden und Verfolgern gemacht; schon die alten Römer sagten: ,Wen die Götter haßten, aus dem haben sie einen Schulmeister gemacht!‘ Nun, die Eltern sind blinde Toren, und der Schulmeister muß es sein, wenn er leben will. Woher sollen dann solche Kinder eine rechte Menschenerziehung bekommen?
[GEJ.08_013,03] Bei solcher Erziehung aber, wie sie nun in der besonders großen Herrenwelt nahezu allgemein gang und gäbe ist, muß ja der Mensch und die gesamte Menschheit derart entmannt (degeneriert) werden, daß er gar nie mehr von irgendwoher erfahren kann, wie der eigentliche, wahre Mensch aussehen und beschaffen sein soll! Und ich muß es hier offen gestehen, daß auf dieser Erde noch gar viele Stürme über ihre Gefilde und Meere dahinbrausen werden, bis die Menschheit wieder auf den großen und wahren Standpunkt zurückkommen wird, von dem sie im Urbeginne ausgegangen ist.
[GEJ.08_013,04] Es müßten nun gute Schulen nicht nur für Kinder, sondern auch für die blinden Eltern ernstlich errichtet werden, in denen sie alle die großen Wahrheiten erlernen müßten, die ein jeder kennen und wissen muß, um, als nach ihnen tätig, ein wahrer Mensch werden zu können.
[GEJ.08_013,05] Aber woher wird man für so zahllos viele Menschen die rechten Lehrer nehmen? Du, o Herr und Meister, hast wohl schon eine Menge Jünger gebildet, die da wissen, was dazu gehört, um ein wahrer Mensch nach Deiner Ordnung zu werden und zu sein; aber was ist ihre Zahl gegen die nahe endlos große Zahl der Menschen auf der ganzen Erde? Dazu kommt noch die große Roheit und gänzliche Verwilderung der Menschen und Völker auf der Erde und die starre Begründung in ihren Sitten und Gebräuchen und auch ihre verschiedenen Sprachen!
[GEJ.08_013,06] Wie möglich kann ein Mensch gegen alle diese kolossalsten Hindernisse kämpfen und wie sie besiegen? Du bist doch der Herr Selbst, und alles gehorcht Deinem Willen, und dennoch stößt Du Selbst hier in den Ländern der Bildung auf unübersteigbare Hindernisse. Auf welche Hindernisse werden dann erst die wenigen Jünger stoßen?
[GEJ.08_013,07] Ja, gut wäre es, wenn man Deine göttliche Lehre so über eine Nacht hin in aller Menschen Herzen legen könnte samt dem Eifer, danach zu handeln! Aber das liegt nicht in Deiner Absicht, weil ein jeder Mensch sich alles das nur durch den Unterricht von außen her zu eigen machen muß und dann den ernsten Willen fassen, danach zu handeln. Aber es wird auf diese Weise mit der Menschheit wohl nur sehr langsam vorwärtsgehen, und es ist da gar keine Zeit zu ermessen, in der alle Menschen auf der ganzen Erde Deine Lehre überkommen werden, und so wird Deiner Lehre reinstes Lebenslicht nur stets ein Eigentum weniger Menschen bleiben, und es fragt sich selbst da, wie langehin ganz rein!
[GEJ.08_013,08] Denn solange die Menschen nicht von der Wahrheit Deiner Lehre lebendigst durchdrungen sein werden, werden sie in ihren Weltgelüsten nebenbei dennoch stets verharren, mehr oder weniger, was am Ende gleich ist, und werden sich aus Deiner Lehre bald mit manchen Zusätzen eine irdische Erwerbsquelle schaffen, und es wird dann mit Deinen späteren Jüngern um nichts besser stehen, als wie es nun steht mit den vielen Juden und Heiden, und der wahre Segen und die lebendige Frucht Deiner Lehre wird ferne sein den Menschen. Ich bin zwar kein Prophet; aber es sagt mir das so mein ziemlich klarer Verstand, der mir durch meine vielen Erfahrungen zuteil geworden ist, und ich glaube, daß ich in dieser Sache ein ganz wahres Urteil ausgesprochen habe."
14. Kapitel
[GEJ.08_014,01] Sagte darauf Ich: „Das hast du zwar wohl, und Ich weiß es wohl auch, daß es zum größten Teil also gehen wird, aber es macht das im ganzen dennoch nichts aus, denn in Meiner Schöpfung gibt es für die Seelen noch eine Menge Schulhäuser. Wer es in Jerusalem nicht lernt, dem wird es andernorts verkündet werden!
[GEJ.08_014,02] Ja, Ich weiß und sehe es, wie nach Mir eine Menge falscher Lehrer aufstehen und zu den Menschen sagen werden: ,Sehet, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist er!‘! Aber Ich sage es nun euch, und ihr saget es euren Nächsten und euren Kindern, daß man solchen falschen Lehrern nicht glaube, denn sie werden aus ihren Werken leicht zu erkennen sein!
[GEJ.08_014,03] Wie aber ein rechter Jünger nach Meinem Worte beschaffen sein soll, das hast du gestern zu Emmaus auf dem Berge des Nikodemus bei der Gelegenheit erfahren, als Ich die etlichen siebzig aussandte, daß sie ausbreiteten Meine Lehre.
[GEJ.08_014,04] Wo du demnach Lehrer antreffen wirst, die also nach Meinem Willen die Lehre von der Ankunft des Reiches Gottes unter den Menschen ausbreiten werden, diese halte du und jedermann für echte und vollends wahre Lehrer; wo aber Lehrer zwar auch unter Meinem Namen aus Meiner Lehre ein Geschäft machen werden um Geld und andere Schätze, die halte du für falsche und von Mir niemals berufene Ausbreiter Meiner Lehre! Denn Meine wahren Jünger und Ausbreiter Meiner reinen Lehre werden stets irdisch arm, gleich Mir, aber darum geistig überreich sein; denn sie werden nicht nötig haben, Meine Lehre und Meine Worte von einem Vorgänger gewisserart durch ein langweiliges Erlernen sich zu eigen zu machen, sondern Ich werde ihnen Meine Lehre und Meinen Willen in ihr Herz und in ihren Mund legen.
[GEJ.08_014,05] Aber die falschen werden durch ein langes Lernen von ihren ebenfalls falschen Lehren sich allerlei Lehren, Worte und Sprüche zu eigen machen müssen und werden dann erst, wenn sie alles mühsam werden erlernt haben, von ihren großtuenden und prahlerischen Lehrern und Vorstehern unter allerlei leerer und blinder Zeremonie zu Jüngern geweiht werden, wie solches nun auch geschieht im Tempel bei den Pharisäern, Schriftgelehrten und Ältesten und auch bei euch Heiden, wo der Priesterstand eine ordentliche Kaste bildet, die sich vom Vater auf den Sohn vererbt, und ein Mensch aus dem Volke nur dann aufgenommen wird, wenn irgendein Priester keine Kinder hat, und selbst da nur als ein Kind, das hernach erst zu einem Priester erzogen wird.
[GEJ.08_014,06] Wie sonach ein wahrer von Mir berufener Lehrer und Ausbreiter Meiner reinen Lehre von einem falschen zu unterscheiden sein wird, das habe Ich euch allen nun klar dargetan, und es wird sich da leicht ein jeder vor den falschen Lehrern und Propheten hüten können; wer ihnen aber zugetan sein wird und wird ihnen Glauben schenken, sie ehren und ihnen noch in allem behilflich sein, der wird es nur sich selbst zuzuschreiben haben, so er von ihnen dann verschlungen wird.
[GEJ.08_014,07] Ja es wird sogar geschehen, daß die falschen Propheten sich auf goldene Throne emporschwingen werden und die wahren von Mir Erwählten und Berufenen mit aller Hast verfolgen werden. Wenn aber das eintreffen wird, dann wird auch ihr Gericht und ihr Ende über sie kommen, und Meine Lehre wird dennoch fortbestehen unter gar vielen Menschen auf der Erde; aber sie wird stets nur als ein freies Gut unter den Menschen im stillen glänzen, leuchten und trösten, nie aber als eine Herrscherin über ganze Völker auf einem Herrscherthrone mit Krone, Stab und Zepter gebieten.
[GEJ.08_014,08] Wo das in Meinem Namen der Fall sein wird, da werde Ich Selbst ferne sein, und anstatt Meiner Liebe wird die Habsucht, der Geiz, Neid und Verfolgung aller Art und Gattung unter den Menschen zu Hause sein, und ein Betrug wird dem andern die Hände reichen. Wenn ihr aber solche Früchte Meiner sein sollenden Lehre unter den Menschen sehen werdet, so werdet ihr es ja wohl merken, welches Geistes Kinder die auf den Thronen herrschenden Propheten sind und von wem ihre falschen Lehren stammen!
[GEJ.08_014,09] Wenn du aber allzeit das Rechte und Wahre wirst haben können, wenn du nur ein Verlangen danach haben wirst, so wirst du dein Herz doch wohl nicht dem Falschen zuwenden? Und so wisset ihr nun, daß trotz all der späterhin auftauchenden falschen Propheten und Lehrer im stillen und Prunklosen Meine reine Lehre bis ans Ende der Zeiten unter den Menschen fortbestehen wird.
[GEJ.08_014,10] Daß aber diese Meine Lehre erst nach und nach unter alle Völker der Erde ausgebreitet wird, davon habe Ich euch die Gründe schon mehrfach klar gezeigt; denn wann ein Volk zur Aufnahme Meiner Lehre reif ist, das weiß Ich sicher wohl am besten!
[GEJ.08_014,11] Was aber zur möglich schnellen Ausbreitung Meiner Lehre in alle nur etwas reifen Punkte der Erde geschehen konnte, das ist auch geschehen und wird bald ein viel mehreres noch geschehen; und so können wir dieses Thema nun schon ohne weitere Bemerkungen auf sich beruhen lassen, da wir noch um vieles wichtigere Dinge zu besprechen haben."
[GEJ.08_014,12] Sagte nun wieder Agrikola: „Das wird schon allerdings also sein, denn Du allein weißt es am besten, was auf dieser leidigen Erde noch alles zu geschehen hat; aber unsereiner, der keinen Blick in die Zukunft machen kann und sehen, wie sich die Sachen noch gestalten werden, dem von Dir aus nur vergönnt ist, sein diesirdisches Freiheitsprobeleben nach Deiner Lehre möglichst glücklich durchzumachen, und der aber dabei noch gar viele Hindernisse auf dem Wege des Lichtes aufgestellt findet, wird dennoch selbst beim besten Wissen und Willen von der Sorge ergriffen und fragt notgedrungen: Was wird mit der Zeit aus allem dem werden?
[GEJ.08_014,13] Wird Deine nun so heilig reine Lehre zu allen Menschen kommen, und wann? Oder wird sie stets nur ein besonderes Gut weniger Erwählter bleiben? Nach Deinen nun erflossenen Worten scheint wohl nur das letzte der Fall zu sein! Nun, auch recht; denn was Dir, o Herr und Meister, recht ist, das muß wohl auch uns Menschen recht sein, da wir die Sache ohne Dich nicht ändern können; aber weil es Dir wohlgefallen hat, uns Menschen, Deinen Geschöpfen, nebst dem freien Willen auch einen ebenso freien Verstand zu geben, so hast Du uns dadurch auch ein freies Urteil eingeräumt, und demzufolge habe ich denn auch also geredet, wie ich geredet habe!
[GEJ.08_014,14] Aber ich habe Deiner Gegenrede entnommen, daß Du denn doch mit den Menschen ganz außerordentliche Pläne und Absichten hast, ansonst Du es nicht zuließest, daß neben Deiner nun einmal gegebenen reinsten Lehre und neben Deinen wohlunterrichteten Jüngern noch andere, falsche aufstehen und die Menschen von neuem wieder in die gottloseste Finsternis verleitet werden; so kann ich freilich für weiterhin nicht mehr reden und werde mich nun wieder ganz aufs Zuhören verlegen."
[GEJ.08_014,15] Sagte Ich: „Freund, daran wirst du sehr wohl tun! Besser ist das Hören als das Predigen, solange man den rechten Grund dazu noch viel zu wenig kennt.
[GEJ.08_014,16] Glaube es Mir: Welten erschaffen ist ein leichtes; aber freie Menschen also ins Dasein zu rufen und sie aus sich selbst vollenden zu lassen, wobei die göttliche Allmacht vermöge der Ordnung ihrer Liebe und Weisheit schweigen und untätig sein muß, das bleibt am Ende auch für Mich eine Sache, die nicht leicht zu nennen ist! Da hilft Mir nichts als Meine unbegrenzte Geduld und übergroße Sanftmut.
[GEJ.08_014,17] Darum müssen die Menschen durch ihr höchsteigenes Glauben und Tun in allerlei gute und böse Zustände versetzt werden, damit sie erst aus den Folgen ihres Glaubens und ihrer Handlung klug werden und am Ende selbstwillig das rechte Licht zu suchen anfangen.
[GEJ.08_014,18] Wie aber alle Kreatur auf dieser Erde zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und Winter gedeiht materiell, so auch der Mensch geistig.
[GEJ.08_014,19] Als die Urmenschen dieser Erde geistig am hellen Tage wandelten, da war ihnen am Ende das Licht ordentlich lästig geworden, als aber bei ihnen dann später die geistige Nacht eingetreten war, da erst fingen sie an, den Wert des geistigen Tages zu begreifen und zu schätzen, und die Besseren suchten ängstlich das verlorene Paradies.
[GEJ.08_014,20] Es ward dann wenigen wieder gegeben, zu finden den geistigen Tag, und viele rannten zu den glücklichen Wiederfindern des geistigen Tages und ließen sich leiten zu dessen Lichte hin. Aber auch viele von der Welt Geblendete begriffen nimmer, was da ist ein geistiger Tag, und blieben in ihrer Nacht, durch ihre eigene Trägheit dazu genötigt. Diese genossen dann freilich wohl nichts von dem Glück eines geistigen Tages und befanden sich in einer großen Not; aber diese Not war dennoch ein guter Wächter für die Glücklichen, weil sie wohl sahen, welche Früchte dem Menschen aus seiner geistigen Nacht erwachsen.
[GEJ.08_014,21] Siehe, so denn geschieht es, daß neben den Erleuchteten sich auch stets Unerleuchtete aufhalten und fortpflanzen werden! Aber darum wird es auf dieser Erde an wahrhaft erleuchteten Menschen nie einen Mangel haben, und diesen wird stets die Gelegenheit geboten sein, die Unerleuchteten mit ihrem wahren Lebenslichte zu erleuchten; und welche Erleuchteten das tun werden in Meinem Namen, deren Lohn wird groß sein in Meinem Reiche dereinst!
[GEJ.08_014,22] Selbst erleuchtet sein durch Meine Gnade ist ein großes und unschätzbares Glück für den Menschen; aber noch tausend Male schätzbarer ist es, mit seinem wahren Lebenslichte auch andere, die in der Finsternis wandeln, zu erleuchten, das heißt, wenn sie das Licht annehmen wollen. Aber das sei euch auch zu wiederholten Malen gesagt, daß ihr die Perlen Meiner Lehre nicht den Schweinen von Menschen vorwerfen sollet! – Denn welcher Mensch einmal eine rechte Sau geworden, der bleibt auch eine Sau! Denn wenn so ein Mensch in einer gewissen guten Stunde auch ein wahres und gutes Wort recht wohlgefällig anhört und es auch aufnimmt, so geht er aber dennoch bei der nächsten Gelegenheit seiner alten Pfütze zu und wirft sich mit aller Behaglichkeit in dieselbe und bleibt gleichfort die alte Sau. – Also, solchen Menschen ist kein Evangelium zu predigen, und Ich habe für solche dann schon ein anderes, das ihnen ihre eigene Natur predigen wird unter vielen Schmerzen, Heulen und Zähneknirschen!
[GEJ.08_014,23] Und nun haben wir wieder einen wichtigen Punkt verhandelt und können auf etwas ganz anderes ganz getrost übergehen. Wer von euch noch in irgend etwas einen Zweifel hat, der trete auf und rede; denn Ich will es, daß ihr morgen mit Mir wohlerleuchtet diesen Ölberg verlassen sollet! Darum steht es nun einem jeden von euch frei, zu reden, wie es ihm sein Sinn gibt."
[GEJ.08_014,24] Sagten darauf die meisten: „Herr, wir fühlen gar keinen Zweifel mehr in uns und sind ganz glücklich darob!"
15. Kapitel
[GEJ.08_015,01] Aber einer der indischen Magier, die auch noch bei uns waren, sagte: „Großer Herr und Meister, ich hätte noch so manches, worüber mir ein helleres Licht nicht schaden könnte! Wenn ich Dich sonach um etwas fragen würde, würdest Du mich dann wohl einer Antwort aus Deinem Munde würdigen?"
[GEJ.08_015,02] Sagte Ich: „Du bist nicht minder ein Mensch als irgendein anderer, und das ist genug! Und so frage denn, um was du nur immer willst, und Ich werde dir antworten!"
[GEJ.08_015,03] Hierauf besann sich der Magier ein wenig, ob die Frage wohl etwa nicht eine zu alberne und gemeine wäre; aber er ermannte sich dennoch bald und sagte: „Herr, etwas finde ich nach meinen gemachten Erfahrungen auf dieser Erde denn doch eben nicht besonders zum Behufe des Fortbestandes der Menschen eingerichtet! Wenn diese Sache von Dir aus nicht in etwas abgeändert und gewisserart verbessert wird, so wird es mit dem Fortbestande der Menschen mit der Länge der Zeit seine entschiedene Not haben.
[GEJ.08_015,04] Siehe, Menschen und Tiere vermehren sich von Tag zu Tag und benötigen auch stets mehr Nahrung; aber der Boden der Erde bekommt nirgends einen Zuwachs und irgendeine Vergrößerung! Wenn die Sache noch ein paar Tausende von Jahren also zugehen wird, so wird es mit dem Fortbestande der Menschen seine entschiedene Not haben müssen. – Was sagst Du, o Herr, zu dieser meiner Meinung und Ansicht?"
[GEJ.08_015,05] Sagte Ich: „Mein lieber Freund, diese Sorge hättest du dir aus mehrfachen Gründen ganz und gar ersparen können; denn wie viele Menschen der nun bewohnbare Teil der Erde gar wohl fassen kann, das ist schon seit ewigen Zeiten von Mir wohlst berechnet gewesen. Wenn die Erde – was bis jetzt nur von ihr zur Beherbergung der Menschen trockengelegt ist – also noch zehntausend Jahre fortbesteht und das Menschengeschlecht alle Jahre sich verdoppeln oder auch verdreifachen wird, so werden auf dieser Erde noch zehnmal so viele Menschen, wie sie nun bestehen, recht wohl fortbestehen können. Und sollten denn mit der Zeit im Ernste so viele Menschen auf dieser Erde zum wirklichen Vorschein kommen, daß der jetzige große und trockengelegte Boden der Erde sie nimmer ernähren könnte, nun, so haben wir noch eine Menge Mittel im Vorrat, um in einem Augenblick noch für hunderttausendmal so viele Menschen, als deren jetzt auf der Erde wohnen, aus dem Meere ganze Weltteile herauszuheben! Was sonach diesen dir so bedenklichen Punkt betrifft, da kannst du völlig außer aller Sorge sein!
[GEJ.08_015,06] Es wohnen jetzt auf der Erde eine so große Anzahl von Menschen, daß du nun gar keine so große Ziffer kennst, mit der du die Zahl bezeichnen könntest, und dennoch gibt es auf der Erde noch so große Strecken völlig unbewohnten Bodens, daß ein Mensch, der sie bereisen und besichtigen wollte, in tausend Jahren noch kaum alle durchgemacht hätte. Und doch besitzen gewisse reiche Menschen für sich ganze große Landteile, die für ihr Nährbedürfnis wahrlich mehr als hundertfach zu groß ausgemessen sind! Nimm du mit der Zeit eine etwas gleichere Verteilung des Erdbodens an, und alle Menschen – wären ihrer noch hundertfach so viele wie jetzt – werden noch eine hinreichende Nahrung und Unterkunft für ihren Leib finden, und dann schon ganz besonders leicht, wenn sie nach Meiner Lehre leben werden! – Bist du mit dieser Meiner Erklärung nun wohl zufrieden?"
[GEJ.08_015,07] Sagte der Magier: „Herr und Meister, ganz vollkommen, und es ist mir nun um ein großes leichter ums Herz! Aber ich hätte nun noch eines, worüber ich von Dir noch um ein kleines mehr Licht haben möchte, als ich es mir bis jetzt in Deiner erhabensten Gesellschaft habe zu eigen machen können. Es ist zwar davon schon die Rede geführt worden, und es sind aus Deinem Munde auch Erklärungen erflossen, die mir viel Licht gegeben haben; aber einiges ist mir dabei dennoch dunkel geblieben. Weil ich mit meinen Gefährten nun schon einmal an der Urquelle des Lichtes stehe, so möchte ich denn auch in allem, was mir noch dunkel ist, ein wenig nur noch mehr erleuchtet sein, als das bis jetzt hat geschehen können.
[GEJ.08_015,08] Siehe, Herr und Meister, es ist wahrlich ein großes und überherrliches Ding um das Sein und Leben eines Menschen! Er wird gezeugt, geboren und von da an von seinen Alten erzogen zu einem Menschen, der denken, reden und handeln kann nach den Begriffen, die ihm durch die Erziehung beigebracht worden sind, wie auch nach denen, die er als ein denkender Mann durch seine Vernunft und durch seinen auf dem Wege der Erfahrungen gebildeten Verstand selbst gefunden hat.
[GEJ.08_015,09] Wenn dann ein Mensch von gutem Willen seine geistigen Kräfte unter mancher großen Mühe und oftmals bitteren Erfahrungen auf eine für ihn möglichst höchste Stufe gebracht hat, so fangen seine physischen und auch geistigen Kräfte zu schwinden an, der Leib wird mühselig, alt und gebrechlich, wird krank und stirbt dann auch unter zumeist großen Schmerzen und unter großer Angst und Furcht vor dem Tode.
[GEJ.08_015,10] Nun weiß ich wohl aus Deinem Munde, daß für die Menschen der Tod gar nichts Schreckliches hätte und auch völlig schmerzlos wäre, wenn sie in der ihnen geoffenbarten Ordnung geblieben wären und fortgelebt und -gehandelt hätten; nun ist aber das ein Umstand, der für die Menschen von einer höchst bedauerlichen Art ist, daß so viele ohne ihr Verschulden von einer in den Urzeiten geoffenbarten Menschenlebensordnung unmöglich etwas wissen können, daher auch in einer vollsten Widerordnung zu leben genötigt sind. Sie sind sonach durchaus nicht schuld an ihrer Lebensunordnung; aber sie müssen dennoch die argen Folgen davon so gut tragen, als ob sie dieselben durch ihre Schuld verdient hätten. Nun, das finde ich, aufrichtig gesprochen, von Dir aus für eine sehr sonderbare Einrichtung im Mechanismus des menschlichen Leibes!
[GEJ.08_015,11] Es ist das Gesetz ganz gut, daß der, der einen Menschen tötet, auch mit dem Tode soll bestraft werden zum warnenden Beispiel für andere, denen vielleicht auch irgendein Mensch für ihre argen Gelüste im Wege steht. Aber ein Gesetz, daß zum Beispiel auch ein Mensch, der vom Dache fiel und durch seinen Fall einem gerade unten stehenden Menschen das Leben nahm, auch mit dem Tode bestraft werden soll, wäre doch so ungerecht, wie es schon nichts Ungerechteres in der Welt geben könnte! Und siehe, geradeso kommt mir auch die soeben angeregte göttliche Verfügung hinsichtlich der Krankheiten und des qualvollsten Leibestodes der meisten Menschen vor; sie erleiden damit eine Strafe, die sie im Grunde nie als verschuldet verdient haben! Das könntest Du für die Folge etwa doch anders einrichten!
[GEJ.08_015,12] Es sind zwar eben die Indier, die oft die größten Schmerzen viele Jahre lang mit der größten Standhaftigkeit erdulden, weil unsere Gotteslehre ihnen sagt, daß Gott an denen sein größtes Wohlgefallen habe, die die größten Schmerzen langehin mit der größten Geduld und Standhaftigkeit ertragen. Aber bei dem Anblick solcher oft gräßlichsten Leiden und Schmerzen sträubt sich das Gemüt eines Menschenfreundes von unbefangenem und vorurteilsfreiem Gemüte und fragt den Schöpfer der Erde und der Menschen: ,Allmächtiger und sicher höchst weiser Gott! Kannst Du an den unsäglichen Qualen und Schmerzen Deiner Geschöpfe denn wohl im Ernste ein Wohlgefallen haben? Sind die Menschen verrückt in ihrer Vernunft und in ihrem Verstande, so hast Du ja doch der Mittel zur Genüge, sie allzeit von neuem wieder also zu erleuchten, wie Du die erstgeschaffenen Menschen dieser Erde erleuchtet hast!
[GEJ.08_015,13] Warum lässest Du aber zu, daß sich Tausende von Geschlechtern zuvor auch Tausende von Jahren blutigst durchquälen müssen, bevor nur ein Fünklein Deines Lichtes unter sie ausgestreut wird?‘
[GEJ.08_015,14] Sieh, Herr, das ist eine gar gewichtige Frage von unserer höchst geplagten menschlichen Seite an Dich, den Herrn und Schöpfer der Erde und der Menschen! Gib uns darüber ein wahres Licht!"
16. Kapitel
[GEJ.08_016,01] Sagte Ich: „Freund, darüber habe Ich euch vor ein paar Tagen ein klares Licht gegeben. Wenn du es nicht völlig begriffen hast, so kann Ich wahrlich nicht dafür! Sieh hinauf zu den Sternen! Ich sage dir, daß sie alle weltengroße Erden sind, auf denen auch Menschen wie hier wohnen.
[GEJ.08_016,02] Viele jener zahllos vielen Menschen auf den Sternenerden wissen es durch ihre Engel, daß eine Seele nur hier auf dieser Erde zur wahren Kindschaft Gottes gelangen kann, aber nur durch ein höchst beschwerliches und mühevolles Fleischleben. Wenn sie es wünschen, so wird es zugelassen, daß ihre Seelen auch auf diese Erde ins Fleisch gezeugt werden. Sind sie aber einmal da, so müssen sie sich auch das durchzumachen gefallen lassen auf eine kurze Zeit, weil sie dadurch auch für ewig den Triumph der vollen Gottähnlichkeit ernten, und dafür können sie sich schon auch etwas gefallen lassen, da doch Ich Selbst aus Liebe zu Meinen Kindern Mir auch freiwillig gar vieles gefallen lasse und Mir noch ein Größtes und Bitterstes werde müssen gefallen lassen, zum Heile aber für Meine Kinder.
[GEJ.08_016,03] Das Reich Gottes kann nur mit Gewalt und großen Opfern gewonnen werden! Das bedenke wohl, wie auch das, was Ich darüber schon gesagt habe! – Hast du nun das wohl verstanden?"
[GEJ.08_016,04] Sagte darauf der Magier: „Ja, Herr und Meister, ich habe das nun wohl verstanden und habe mich an das auch wohl zurückerinnert, was Du vor ein paar Tagen eben über diesen Gegenstand geredet hast, und ich danke Dir für alles, was wir nun an Deiner heiligen Seite zum ewigen Wohl unserer Seelen gewonnen haben. Wenn denn auch unseren Leib Leiden und Schmerzen heimsuchen werden, so werden wir sie aus Liebe zu Dir auch mit aller Geduld ertragen; denn auch wir können nun nicht wissen, unter welchen anderen Bedingungen wir auf diese Erde ins Fleisch gesetzt worden sind, als daß wir Gott suchen, erkennen und Ihn dann unter allen noch so bitteren Umständen über alles lieben sollen, wollen und auch werden.
[GEJ.08_016,05] Denn mir scheint es, daß Du gerade denen, die Deinem Herzen am nächsten stehen, stets größere Lebensproben zukommen läßt als jenen, die sich durch ihr Tun und Treiben Deinem Herzen entfernter befinden. Denn ich habe schon oft bei unseren Reisen in allen Teilen der Erde Menschen getroffen, die nahe an gar keinen Gott glaubten und ihre Nebenmenschen oft ärger als wilde Tiere behandelten, aber dabei selbst eine unverwüstliche Leibesgesundheit besaßen und im größten Wohlleben schwelgten. Am Ende starben sie noch dazu eines schmerzlosen, blitzschnellen Todes!
[GEJ.08_016,06] Während ich wieder andernorts gar fromme und in ihrem Glauben sehr gottergebene und gute Menschen mit aller Geduld oft im größten Elende antraf, was mir die Fürsorge eines guten und höchst weisen Gottes und selbst das Dasein eines solchen in ein sehr zweifelhaftes Licht stellte.
[GEJ.08_016,07] Nun haben sich solche Zweifel bei uns freilich wohl gänzlich gelegt, und wir wissen und erkennen nun, woran wir sind, und in welchen mannigfachen Verhältnissen die verschiedenen Menschen auf dieser Erde ihr Freiheitsprobeleben durchzumachen haben; aber dabei muß ich doch nach meinem Gefühle sagen und bekennen, daß eben dieses Freiheitsprobeleben eine schwere Aufgabe für die Menschen ist, wenn sie auch durch ihre Lösung den größten und ewigen Lebensvorteil erreichen.
[GEJ.08_016,08] Wir Menschen konnten vor unserem Dasein nie gewollt haben, dazusein, sondern nur Du allein konntest das wollen, und wir sind demnach Deine Werke, für die Du sorgst, damit sie vollends das werden können, wozu Du sie erschaffen und bestimmt hast.
[GEJ.08_016,09] Weil es denn aber einmal so und nicht anders ist und Du uns nun Selbst die Wege lichtvoll gezeigt hast, die wir zu wandeln haben, so wollen wir denn auch treu und dankbarst auf denselben dem Ziele zuwandern, das Du uns gestellt hast, und die Dornen, die sich hie und da uns in den Weg stellen, standhaft und mit möglichster Geduld und Ergebung in Deinen Willen überschreiten. Das ist nun mein wie auch meiner Gefährten fester und ernster Entschluß. Du aber als nun unser wohlerkannter Herr des Lebens lasse nicht zu harte Proben und Prüfungen über uns kommen zur Zeit unseres Scheidens von dieser Erde, und sei also auch allen andern Menschen nach ihrem Lebensverdienste gnädig und barmherzig!"
[GEJ.08_016,10] Sagte Ich: „Um was ihr den Vater bitten werdet in Meinem Namen, das wird euch auch gegeben werden. Denn der Vater allein ist gut und hat kein Wohlgefallen an den Leiden der Menschen; aber Er hindert auch nicht, daß solche über die Menschen kommen, so sie aus lauter Weltsinn des Vaters vergessen, keinen Glauben haben und sich selbst in alles das begeben, was ihnen alles mögliche Ungemach bereiten und bringen muß.
[GEJ.08_016,11] Wandelt gleichfort auf den Wegen, die Ich euch nun treulich gezeigt habe, so werdet ihr wenig zu leiden haben, und euer Abgang von dieser Welt wird ein leichter sein!
[GEJ.08_016,12] Nur über jene kommen am Ende zumeist bittere Leiden, die aus allerlei Welttümlichkeiten ihre Seele zu sehr in ihr Fleisch vergraben haben; denn eine solche Seele muß, damit sie nicht völlig verderbe in ihrem Fleische, mit großer Gewalt von ihm losgetrennt werden, und dies muß dann auch im Leibe große Schmerzen erzeugen. Und das ist noch gut für die Seele, weil sie durch die Schmerzen und Leiden von ihren fleischlichen Gelüsten gereinigt wird und dadurch im Jenseits einen leichteren Fortgang und ein sichereres Vorwärtsschreiten auf der Bahn des geistigen Lebens findet.
[GEJ.08_016,13] Ganz welttümliche Menschen aber, die an keinen Gott glauben und dabei doch ein gesundes Leben bis in ihr hohes Alter genießen und am Ende auch eines schnellen und schmerzlosen Todes sterben, haben ihren Lebenslohn auch schon auf dieser Welt empfangen und werden im Jenseits sehr schwer je mehr einen zu gewärtigen haben. In der Gesellschaft solcher wird die äußerste Finsternis walten, und es wird sein viel Heulen und Zähneknirschen unter ihnen."
[GEJ.08_016,14] Sagte der Magier: „Herr und Meister, wenn aber solche Menschen, die nun denn doch zumeist Heiden sind, nicht dafür können, daß sie von einem wahren Gott nie etwas vernommen haben und darum auch an keinen glauben konnten, so ist dann ein gar fürchterliches Fortbestehen ihrer Seelen im Jenseits doch eine zu arge Strafe! Ja, Menschen wie nun wir, die Gott wohlerkannt haben und an Ihn glauben müssen, weil Er vor ihnen sichtbar da ist und sie Selbst lehrt die Wege des Lebens, – wenn sie dennoch abfielen und Böses täten, verdienten dann wohl ein solches von Dir nun sehr erschrecklich ausgesprochenes Los im Jenseits; aber Menschen, die da nicht dafür können, daß sie nahezu mehr Tiere als Menschen auf der Welt waren, erscheinen vor meinem Verstande als unzurechnungsfähig, und eine jenseitige Strafe für ihre hier verübten bösen Taten scheint mit der göttlichen Ordnung und mit der der Liebe Gottes entstammenden Gerechtigkeit in keiner besonderen Harmonie zu stehen; denn wo jemand auf dieser Erde keinen Gott und somit auch Dessen Willen nicht kennt und kein anderes Gesetz hat als das nur, das ihm seine Natur und seine Leidenschaften vorschreiben, der kann ja dem ungekannten Willen Gottes gegenüber auch keine Sünde begehen und für dieselbe gestraft werden. Herr und Meister, siehe, da ist nun wieder ein noch finsterer Winkel in Meiner Seele, den Du mir noch gnädigst ein wenig heller erleuchten möchtest!"
17. Kapitel
[GEJ.08_017,01] Sagte Ich: „Auch über diesen Punkt ist hier schon das Rechte und völlig Geeignete gesagt worden, und ihr habt das auch von Meinen Jüngern teilweise wohl erfahren; aber es geht euch mit dem Merken eben nicht am besten, und es ist darum in euch wieder so mancher Lebenswinkel ein wenig dunkel geworden. Aber so ihr leben werdet nach Meinem Worte, so werdet ihr in euch die Taufe des Geistes überkommen, welche da ist die wahre, innere Wiedergeburt des Geistes in eurer Seele. Dieser lebendigste Geist alles Lichtes und aller Wahrheit wird euch dann schon in alle Wahrheit leiten, und es wird dann auch alles helle werden in euch, was nun dunkel und finster ist.
[GEJ.08_017,02] Das aber, was dir schon dein mehr geklärter Verstand sagt, daß es als von Gott also verordnet sicher ungerecht und unbillig wäre, kennt Gottes Liebe und Weisheit auch also und sicher noch um gar vieles heller: daß man den nicht strafen kann, dem man kein Gesetz zur Befolgung gegeben hat.
[GEJ.08_017,03] Aber es besteht nun kein Volk irgend auf der ganzen Erde, das da ganz ohne alle Gesetze wäre. Denn Gott hat unter allen Völkern nach dem Bedürfnisse derselben weise Männer erweckt und berufen, und diese haben ihnen Gesetze gegeben und ihnen auch gesagt und gezeigt, daß es einen Gott gibt, der alles erschaffen hat und auch alles forterhält, leitet und regiert. Also lehrten die benannten weisen Männer die Menschen auch, daß Gott diejenigen, die die Gesetze befolgen, belohnen werde hier und jenseits, die Widersacher aber auch züchtigen und unnachsichtlich strengst bestrafen werde auch hier schon und gar sicher jenseits, weil die Seele des Menschen nach dem Tode des Leibes in einer anderen Welt der Geister fortlebe und nach ihrem Tun gerichtet werde.
[GEJ.08_017,04] Siehe, solche Kunde hat jedes Volk erhalten, und wenn es diese zu vergessen beginnt, so wird es gleich von neuem wieder daran erinnert, teils durch abermals neuerweckte weise Männer und teils und stets aber durch das eigene Gewissen, und so kann sich da niemand, der einen Verstand und seine gesunden Sinne hat, so ganz entschuldigen, so er wider seine ihm bekannten Gesetze handelt. Wenn er aber jenseits ohnehin in den Zustand seiner Liebe und seines freien Willens kommen wird, so wird auch niemand Gott gegenüber sagen können, daß Er an diesem oder jenem irgend ungerecht gehandelt habe; denn einem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht.
[GEJ.08_017,05] Jeder Seele wird drüben das werden, was sie will. Ist es Böses, so wird sie zuvor darauf wohl aufmerksam gemacht, welche Folgen es notwendig haben wird. Wird sie sich daran kehren, so kann ihr bald und leicht geholfen werden; kehrt sie sich aber nicht daran, so wird ihr unbehindert belassen werden, also alles zu haben und zu genießen, wie sie es aus ihrer Liebe heraus will.
[GEJ.08_017,06] Die Liebe aber, ob guter oder böser Art, ist das eigenste Leben der Seele eines jeden Menschen, Engels und des Teufels; nehmen wir der Seele die Liebe, so nehmen wir ihr auch das Leben und das Dasein. Das aber kann ewig nicht in der reinen Ordnung Gottes bestehen; denn könnte nur das kleinste Atom in der Schöpfung vernichtet werden und gänzlich das Dasein für ewig verlieren, so würde Gott Selbst dadurch an Seinem Dasein ein Atom verlieren, was aber unmöglich ist.
[GEJ.08_017,07] Und so kann eine Menschenseele um so weniger je ihr Dasein völlig verlieren; aber sie kann höchst unglücklich und unselig werden durch ihren höchst eigenen Willen und kann, so sie es nur ernstlich will, auch wieder durch ihren eigenen freien Willen glücklich und vollends selig werden.
[GEJ.08_017,08] Wenn aber die Lebensverhältnisse und Zustände für die Seele also gestaltet und geordnet sind, wie möglich anders und besser und gerechter könnten sie gestaltet und geordnet sein? – Verstehest du nun das, und ist dein noch dunkler Winkel nun auch schon um etwas heller?"
[GEJ.08_017,09] Sagte der Magier: „Herr und Meister alles Lebens, ich bin nun schon wieder um ein bedeutendes heller geworden! Ja, weil die Sache sich also verhält und auch also verhalten muß, so läßt sich von unserer menschlichen Seite Dir gegenüber auch nicht die allergeringste Einwendung mehr machen, und ich habe mit dem mein Fragen beendet."
[GEJ.08_017,10] Sagte Ich: „Da wirst du nun vorderhand sehr wohl daran tun! Aber es wird sich schon wieder geben, wo du noch um gar manches fragen wirst. Doch nun ist es an der Zeit, daß wir zu etwas anderem übergehen. Wer von euch nun noch irgend etwas wissen möchte, der trete hervor und rede und frage; denn heute stehet euch allen die Pforte der Himmel weit geöffnet!"
18. Kapitel
[GEJ.08_018,01] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da trat schnell der gewonnenen Pharisäer einer hervor und sagte: „Herr und Meister, da Du nun ausgesprochen hast, daß uns allen die Pforte des Himmels weit offen steht, – könnte es denn nicht geschehen, daß wir nun alle die geöffnete Pforte des Himmels mit unseren Augen besehen könnten, um uns doch nur so einen kleinen Begriff von der inneren Gestalt des Himmels machen zu können, von dem man durch die geöffnete Pforte sicher einen kleinen Teil wird erschauen können?"
[GEJ.08_018,02] Sagte Ich: „Wie lange werde Ich noch müssen um euch sein und wie lange euch in eurem materiellen Sinne ertragen?! Wer ist denn die Pforte ins wahre Himmelreich? Ich bin die Pforte, der Weg und der Himmel Selbst! Wer Mich hört, an Mich glaubt und den Vater in Mir über alles liebt, der wandelt durch die rechte Pforte alles Lebens und Seins den lichten Weg in das Reich der Himmel, das geistig geschaffen ist aus Meiner puren Liebe in der lichtesten und lebendigsten Form aus Meiner Weisheit.
[GEJ.08_018,03] Sehet weder hinauf noch hinab mit euren Fleischesaugen, wollt ihr die wahre Gestalt und das Wesen des Himmels, welcher ist das Reich Gottes, ergründen, sondern richtet die Augen eures Gemütes in euer innerstes Liebelebensbewußtsein, da werdet ihr den Himmel erschauen, und das überall, auf welchem Punkte Meiner Schöpfungen ihr euch auch immer befinden möget, ob auf dieser Erde oder auf einer andern, das wird stets gleich sein; denn die Gestalt des Himmels wird sich nach dem formen aus eurem Lebensgrunde, wie dieser nach Meinem Worte und durch eure guten Werke beschaffen sein wird. Erst durch solchen euren Himmel werdet ihr dann auch in Meinen ewigen und endlos großen Himmel gelangen.
[GEJ.08_018,04] Das merket euch alle wohl: Das Reich Gottes ist nirgends ein äußeres Schaugepränge und kommt auch nicht in einer äußeren Zeichnung und Form zu euch, sondern es ist inwendigst in euch und besteht im Geiste der reinen Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der Wahrheit des Lebens der Seele daraus; denn wer keine Liebe weder zu Gott noch zum Nächsten in sich hat und gewahrt, der hat auch kein Leben in sich und keine Auferstehung, welche da ist der Himmel im Menschen, und sonach auch kein Leben im selben, sondern nur das Gericht und den alsogestaltig sicher ewigen Tod gegenüber dem allein wahren und vollkommenen Leben im Himmel.
[GEJ.08_018,05] Es leben gewisserart die Seelen der Bösen nach dem Tode auch fort; aber es ist das nur ein Scheinleben gleich dem aller Materie und gleich dem, das gewisse Tiere haben, die den ganzen langen Winter in irgendeiner Erdhöhle schlafen und vollkommen untätig sind.
[GEJ.08_018,06] So ihr das nun ein wenig tiefer betrachtet, so werdet ihr doch hoffentlich zu Mir nicht mehr sagen: Herr, zeige uns die Pforte des Himmels und so etwas Weniges vom Himmel selbst, oder zeige uns etwa auch die Hölle, auf daß wir, durch ihren Anblick gewarnt, uns desto leichter von allen Sünden enthalten! Wer also fragte, den müßte Ich einen Toren nennen; ein jeder Mensch hat entweder den Himmel oder im schlimmsten Falle auch die Hölle vollkommen in sich und kann alles in sich beschauen.
[GEJ.08_018,07] Aber wer die Hölle in sich birgt, der ist taub und blind in seinem Gemüte; nur dann und wann mahnt ihn sein Gewissen daran, ansonst er der Hölle in sich nicht gewahr werden könnte, – denn eine höllisch gewordene Seele ist schon so gut wie vollends im Tode durch das Gericht aller ihrer Materie.
[GEJ.08_018,08] Aber eine Seele, die durch ihre guten Werke nach Meinem Willen den Himmel in sich hat, die kann in sich auch am hellen Tage den Himmel wohl gewahren und von Zeit zu Zeit in nächtlichen hellen Traumgesichten in sich erschauen. Denn es sind darum dem Menschen Traumgesichte gegeben, damit er durch sie in einem Verkehr mit der Welt der Geister minderer oder höherer Art während seines diesirdischen Lebens verbleiben kann, je nachdem sie in sich mehr oder weniger des wahren Himmels durch ihre guten Werke nach dem Willen Gottes erbaut und eigentlich erschaffen hat.
[GEJ.08_018,09] Wandelt also nach Meinen Geboten, und ihr werdet leicht und bald in euch gewahren die Gestalt und die Wesenheit des Himmels! – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?"
[GEJ.08_018,10] Sagten die Juden, Römer, Ägypter und Indier: „Ja, Herr und Meister, und wir danken Dir herzinniglichst für solche Deine Belehrung an uns, die wir trotz all dem vielen und großen Lichte, das Du uns hattest zukommen lassen, noch immer stark blind und taub sind! Daher aber bitten wir Dich denn auch, daß Du Geduld habest mit unseren noch immer großen Schwächen; aber wir werden uns fürder schon also zusammennehmen, daß Dein heiliges uns gespendetes Licht in uns stets heller und heller soll zu leuchten beginnen."
19. Kapitel
[GEJ.08_019,01] Sagte Ich: „Was ihr aber immer tut, das tuet stets in Meinem Namen; denn ohne Mich vermöget ihr nichts Wirksames zum Heile eurer Seelen zu tun! Und wenn ihr am Ende schon alles getan habt, was euch zur Erlangung des wahren, ewigen Lebens zu tun geboten und angeraten ist, da saget und bekennet in euch wie auch vor der Welt, daß ihr faule und unnütze Knechte gewesen seid! Denn nur Gott allein ist Alles in Allem und wirket auch in dem Menschen alles Gute.
[GEJ.08_019,02] Wo ein Mensch den erkannten Willen Gottes tut, da tut er nicht nach seinem eigenen Willen, sondern nach dem Willen Gottes; was aber der Wille Gottes tut im Menschen oder im schon reinen Engel, das ist dann sicher nicht ein Werk pur des Menschen oder eines Engels, sondern ein Werk dessen, wessen der Wille ist, nach dem ein Werk vollbracht ward.
[GEJ.08_019,03] Des Menschen Werk zu seinem Heile ist dabei nur das, daß er aus Liebe zu und aus wahrer Ehrfurcht vor Gott den erkannten Willen Gottes mit seinem freien Willen vollends zu seinem Willen gemacht hat und dann nach demselben handelt. Aber von da an wirkt nicht mehr des Menschen Wille, sondern der Wille Gottes alles Gute im Menschen, und so ist denn das Gute im Menschen auch nur ein Werk Gottes, was der rechte und wahre Mensch anzuerkennen hat in seiner rechten Demut. Schreibt sich aber ein Mensch ein gutes Werk als sein eigenes Verdienst zu, so zeigt er dadurch schon, daß er weder sich und noch weniger Gott je wahrhaft erkannt hat, und er ist darum noch ferne vom Reiche Gottes.
[GEJ.08_019,04] Darum gebet allzeit Gott in allem die Ehre, und handelt stets in Seinem Namen, so werdet ihr die Liebe Gottes in euch haben! Wer aber die Liebe Gottes in sich hat, der hat alles für Ewigkeiten in sich.
[GEJ.08_019,05] Daneben aber merket euch nun auch das: Wenn der Mensch wider den erkannten Willen Gottes Böses tut, so ist die Tat nicht ein Werk Gottes, sondern des Menschen völlig eigene Tat; denn da hat der Mensch seinen eigenen freien Willen nicht dem erkannten Willen Gottes untergeordnet, sondern demselben nur allzeit widerstrebt, und es kann von ihm füglich gesagt werden, daß seine bösen Taten völlig sein eigen sind. Aber eben darum hat der Mensch durch den großen Mißbrauch seines freien Willens sich selbst gerichtet und in seiner Blindheit sich dadurch unglücklich gemacht.
[GEJ.08_019,06] Sehet, es ist da mit diesen geistigen Dingen nahe also wie mit einem weisen Feldherrn und mit seinen ihm untergebenen Kriegern! Die Krieger müssen wohl zu vielen Tausenden in den heißen und blutigen Kampf; aber keiner von ihnen darf anders als nur nach dem Plan und Willen des Feldherrn kämpfen. Wer das tut, der führt auch einen glücklichen Kampf; wer von den vielen Kriegern aber etwa bei sich dächte: ,Ah, ich habe selbst Mut, Kraft und auch rechte Kenntnisse, und ich werde auf meine eigene Faust mich in den Kampf begeben und mir für mein Haupt eine Krone erkämpfen!‘ und träte aus der Kampfesplanlinie seines kriegserfahrenen Feldherrn, der wäre schon so gut wie verloren; denn er würde von den Feinden bald gefangen und arg zugerichtet werden. Und wer schuldet daran? Niemand als er selbst! Warum hat er den Willen seines weisen Feldherrn nicht für immer zu dem seinigen gemacht? Er hätte da ein leichtes gehabt, über die Feinde mitzusiegen. Da er für sich selbst einen Feldherrn und einen Krieger zugleich machen wollte, so ward er auch bald und leicht eine Beute der Feinde.
[GEJ.08_019,07] Ich aber bin auch, und das einzig und allein, ein Feldherr des Lebens gegen alles, was dem Leben ein Feind ist. Wer da unter Meinen Geboten und nach Meinen Plänen kämpft, der wird auch gegen die vielen Lebensfeinde leicht zu kämpfen haben und sie auch leicht besiegen; wer sich aber ohne Mich und nach seinem eigenen Verstande und Willen in den Kampf mit den vielen Feinden des Lebens einlassen wird, der wird gefangen und dann arg zugerichtet werden. Ist er aber einmal in der harten Gefangenschaft, wer wird ihn dann aus derselben erlösen, wo er seine ärgsten Lebensfeinde nur in sich selbst zu suchen und zu bekämpfen hat?!
[GEJ.08_019,08] So aber jemand an Meiner Seite leicht den Sieg über gar viele Feinde erkämpft, so ist dann der Sieg ja doch nur Mein Werk; denn er konnte den Sieg ja doch nicht anders als nur durch die genaue Befolgung Meines Willens, Planes und Rates erkämpfen. Ist der erkämpfte Sieg aber Mein Werk, so ist er auch Mein Ruhm und Mein Verdienst!
[GEJ.08_019,09] Ihr werdet nun hoffentlich zur Genüge einsehen, wie und warum ihr ohne Mich nichts Verdienstliches zum ewigen Heile eurer Seele wirken könnet, und warum ihr dann noch, so ihr alles getan habt, was euch weisest zu tun geboten war, frei vor Mir zu bekennen habt, daß ihr faule und unnütze Knechte an Meiner Seite waret.
[GEJ.08_019,10] Wenn ein Landmann seinen Acker bebaut, so düngt er ihn, ackert dann das Erdreich mit dem Pfluge auf, streut das Weizenkorn in die Furchen und eggt es darauf ein, und er hat dann bis zur Ernte nichts mehr zu tun. Ist darauf die Ernte des Landmanns pures Verdienst und Werk, oder ist sie nicht vielmehr in allem Mein Werk und Verdienst? Wer schuf ihm das kräftige Ochsenpaar für seinen Pflug? Wer gab ihm Holz und Eisen, wer das Samenkorn mit dem lebendigen Keime? Wer legte in diesen schon zahllos viele neue Keime und Körner? Wessen war das alles erwärmende und alles belebende Licht der Sonne? Wer sandte den fruchtbaren Tau und Regen? Wer gab den wachsenden und reifenden Halmen das Gedeihen und wer am Ende dem Landmanne selbst das Leben, die Kraft, die Sinne, die Vernunft und den Verstand?
[GEJ.08_019,11] Wenn ihr nun dieses Bild so ein wenig tiefer überdenket, so wird es euch doch klar werden, wie höchst wenig als Werk und Verdienst bei der Bestellung des Ackers auf den Landmann entfällt? Ganz bei klarem Lichte betrachtet wohl beinahe gar nichts, – und doch mag dieser sagen: ,Sehet, das habe ich alles meinem Fleiße zu verdanken!‘ Aber daran denkt er kaum, wer der alleinige Hauptbearbeiter des Weizenackers war! Sollte er nicht vielmehr in seinem Herzen sagen und bekennen: ,Herr, Du großer, guter und heiliger Vater im Himmel, ich danke Dir für solche Deine Sorge! Denn alles das war, ist und wird sein allzeit nur Dein Werk; ich war dabei ein fauler und völlig unnützer Knecht!‘?
[GEJ.08_019,12] Wenn sich aber das schon bei einer materiellen Arbeit wohl geziemte, – um wieviel mehr geziemt sich das dann erst zu sagen und zu bekennen von seiten eines Menschen, dem Ich seinen geistigen Lebensacker mit allem und jedem bearbeiten helfe, wobei er schon eigentlich nichts anderes zu tun hat, als an Mich zu glauben und dann Meinen göttlichen Willen als ein purstes Geschenk aus Mir sich also anzueignen, als wäre er so ganz sein, obwohl er im Grunde des Grundes dennoch pur Mein ist! Wenn solch ein Mensch mit dem Vollbesitze Meines Willens dann alles vermag und große Dinge und Werke verrichten kann, wessen ist dann das Hauptverdienst?"
20. Kapitel
[GEJ.08_020,01] Hier sagten wieder alle: „Herr und Meister! Alles, alles ist von Ewigkeit her nur Dein alleiniges Werk und Dein alleiniges Verdienst! Wir Menschen sind ja allzeit in allem gar nichts gegen Dich! Nur Deine Liebe und Gnade hat uns das Dasein gegeben und will uns nun gar noch zu ihren ihr ähnlichen Kindern erheben, und so sind wir ja selbst in allem Dein Werk, und unsere Vortrefflichkeit ist Dein alleiniges Verdienst! Verlasse, o Herr und Meister, nur Du uns nie und niemals; denn ohne Dich sind wir vollends nichts! Was wüßten wir nun aus uns von allen den geistigen Dingen, von Dir und Deinem allmächtigen Willen? Und so wie wir nun Dir allein alles zu verdanken haben, so auch werden unsere späten Nachkommen auch nur Dir alles zu verdanken haben, so sie sich möglicherweise auch noch in unserer Einsicht und in unserm reinen Glauben befinden werden. Aber Du, o Herr und Meister, wirst wohl dafür sorgen, daß sie nicht zu ferne von dem Lichte kommen werden, das uns nun gar so helle leuchtet!"
[GEJ.08_020,02] Sagte Ich: „Das wird so wie bis jetzt den Bearbeitern Meiner Äcker und Weinberge auch für die Folge überlassen werden; und da wird es wohl sehr darauf ankommen, wie von ihnen Mein nun wohl erkannter Wille gehandhabt wird, ob recht oder möglicherweise auch verkehrt. Habt darum wohl acht darauf, daß nach Meinem leiblichen Scheiden von euch nicht Zänkereien und Streitigkeiten vorkommen; denn diese würden dann vollwahr die Mutter des Gegenchristen auf dieser Erde werden! Ich sage euch dieses nun zum voraus, auf daß ihr das verhütet. Zwar werdet ihr es wohl verhüten, – ob aber eure Nachjünger das auch also tun werden, das ist darum nun eine noch andere Frage, weil denn auch ihr freier Wille so gut wie der eurige geachtet werden muß.
[GEJ.08_020,03] Meine Lehre gibt euch die höchste Freiheit und kann darum nicht mit dem Schwerte und mit den Ketten der finsteren Sklaverei verkündet werden; denn was dem Menschen die höchste Lebensfreiheit verschaffen kann und wird, das muß er auch in seiner vollen Freiheit anerkennen und annehmen. Wie Ich aber alles das euch umsonst gegeben habe, also sollet ihr es denen, die es von euch haben möchten, auch wieder umsonst geben!
[GEJ.08_020,04] Also habe Ich auch niemandem von euch einen Zwang angetan, sondern in der vollsten Freiheit habe Ich euch nur zugerufen: Wer da will, der komme, höre, sehe und folge Mir nach! Und ihr tatet das aus eurem freien Willen heraus. Und also tuet auch fürder in Meinem Namen, und ihr werdet guten Weges zu wandeln haben!
[GEJ.08_020,05] Wer aber daraus ein Muß machen wird, der wird Mein Jünger nicht sein, und auf seinem Wege wird er Felsen, Klippen und Dornen finden. Nehmet euch alle an Mir ein rechtes und wahres Beispiel! Was kostete es Mich denn, nun in einem Augenblick alle Menschen auf der ganzen Erde durch Meine Allmacht geradeso zur Annahme Meiner Lehre und zur vollsten Befolgung Meines Willens zu zwingen, als wie es Mir möglich ist, in einem Augenblick aller anderen Kreatur den Weg mit Muß vorzuzeichnen, den sie streng nach Meinem Willen zu gehen hat? Aber welche als selbständig sich selbst wahrhaft beglückende, sittliche Lebensfreiheit hat sie wohl dabei? Ich sage es euch: gar keine!
[GEJ.08_020,06] Denn eine stumpfe und höchst beschränkte Intelligenz mit einem Fünklein Meines Mußwillens, nach dem sie tätig sein muß, ist doch sicher ein ganz anderes Ding als eine nach allen möglichen Richtungen hin unbeschränkteste Innewerdung, verbunden mit einer lichtvollen Vernunft, hellem Verstande und dazu mit dem allerunumschränktest freien Willen, dem Ich nie durch ein ,Du mußt!‘, sondern allzeit nur mit dem freien ,Du sollst!‘ Meine Gebote und Meinen väterlichen Rat gab! Denn alle die Gebote, die Ich den Menschen gab, waren eigentlich niemals Gesetze, sondern nur Ratschläge, die Meine ewige Liebe und Weisheit den freien Menschen erteilte. Aus diesen Meinen den Menschen erteilten Ratschlägen haben dann erst die Menschen in der Meinung, Mir dadurch eine desto größere Ehre zu erweisen, strengst zu haltende Gesetze gemacht, deren Nichthaltung sie mit zeitlichen und ewigen Strafen sanktionierten.
[GEJ.08_020,07] Moses selbst tat viele dazu, um den Juden eine desto größere Achtung vor dem geoffenbarten Willen Gottes zu verschaffen, und andere taten dasselbe. Und die gegenwärtigen Pharisäer haben den höchsten Kulminationspunkt nicht nur der Dummheit, sondern auch der notwendig daraus hervorgehenden Bosheit erreicht. Daß die Sache des Judentums nun auf so unbeschreibbar schlechten Füßen steht, ist eine notwendige Folge davon, daß die Menschen aus Meinen freiest gegebenen Ratschlägen Mußgesetze gemacht haben. Wie verträgt sich aber ein Mußgesetz mit dem freiesten Willen und mit dem ebenso freien und durch nichts beschränkten Verstande der Menschen?
[GEJ.08_020,08] Der freie Wille des Menschen wird eine helle Erleuchtung seines Verstandes sicher gern und stets mit dem größten Dank als eine Gnade von oben annehmen; aber ein strenges Mußgesetz wird er in seinem Willen und Gemüte verfluchen. Darum ist ein jeder Mensch, der unter einem Gesetze mit Muß steht, so gut wie gleichfort gerichtet und somit auch wie verflucht.
[GEJ.08_020,09] Wer sonach den Menschen Mußgesetze in Meinem Namen geben wird, der wird ihnen anstatt Meines Segens nur das harte Joch und die schwere Bürde des Fluches geben und sie zu neuen Sklaven der Sünde und des Gerichts machen.
[GEJ.08_020,10] Darum gehe eure Sorge bei der Weiterverbreitung Meiner Gebote vor allem darauf hin, daß ihr ihnen damit kein neues und schwer zu tragendes Joch auf den Nacken bürdet, sondern daß ihr sie dadurch von dem alten frei machet!
[GEJ.08_020,11] Wenn der Mensch mit freiem Gemüte die lichte Wahrheit Meiner Lehre und Meines besten väterlichen Willens erkennen und einsehen wird, so wird er sich dann schon selbst mit seinem freien Willen ein auch freies Mußgesetz daraus machen und wird frei danach handeln, und das auch allein nur wird ihm zur wahren Wohlfahrt der Seele gereichen, aber ein ihm gegebenes Mußgesetz schwerlich je oder auch gar niemals, und das darum, weil erstens ein Mußgesetz für den freien Willen eines Menschen ganz wider Meine göttliche Ordnung ist und den Menschen nur verfinstert und nie erleuchtet, und zweitens, weil mit dem Mußgesetz sich die Gesetzverkünder sogleich eine höhere, nur ihnen zukommende Gewalt anmaßen, darum bald stolz, hochmütig und herrschsüchtig werden und zu den als rein göttlich pronunzierten (ausgesprochenen) Satzungen auch aus einer angemaßten göttlichen Gewaltsinnehabung, vor der ihre Gläubigen oft mehr als vor Gott Selbst zittern und beben müssen, eigene arge Satzungen als göttlichen und ihnen neu geoffenbarten Willen hinzufügen und auf deren Beachtung stets ein viel größeres Gewicht legen als auf die Beachtung der rein göttlichen Gebote.
[GEJ.08_020,12] Daraus aber geht dann hervor finsterer Aberglaube, Abgötterei, Haß gegen Andersgläubige, Verfolgung, Mord und die verheerendsten Kriege. Die Menschen begründen sich dabei mit allerlei finsterem Unsinn, daß sie am Ende der Meinung und des Glaubens werden, Gott einen angenehmen Dienst zu erweisen, wenn sie an ihren andersgläubigen Nebenmenschen die größten Frevel und Missetaten begehen. Und daran schulden allein die Mußgesetzgeber!
[GEJ.08_020,13] Darum aber werden sie auch jenseits in der Hölle, deren eifrige Diener sie hier waren, sicher die ersten Plätze unter den allerunerbittlichsten Mußgesetzen einnehmen; denn in Meinen Himmeln herrscht nur die höchste Freiheit, aber dadurch auch die höchste Eintracht, durch die reine Liebe und größte Weisheit bewerkstelligt.
[GEJ.08_020,14] Ich habe euch das nun treu und offen dargestellt und lichtvoll erklärt, und ihr wisset nun denn auch frei ohne einen geringsten inneren Zwang, was ihr als Ausbreiter Meines Evangeliums zu beachten habt. Aber so da jemand von euch oder euren Jüngern anders wird handeln wollen, so wird er wohl gewarnt, aber es wird ihm von Mir darum kein innerer Zwang aufgebürdet werden. Doch an den faulen und schlechten Früchten werden es die besseren Menschen wohl bald merken, wessen Geistes Kind so ein Nachjünger ist.
[GEJ.08_020,15] Da Ich euch aber nun solches kundtue, sollet ihr aber dennoch nicht des Glaubens sein, als höbe Ich damit das durch Moses gegebene Gesetz auf; denn es ist ja ganz dasselbe, das Ich euch in seiner ursprünglichen Reinheit wiedergebe. Nur das alte verrostete ,Muß‘ hebe Ich auf und gebe euch die alte volle Freiheit wieder; und darin besteht eben hauptsächlich das Werk der Erlösung eurer Seelen aus dem harten Joche des Gerichts und des eigentlichen Satans, des euch schon bekannten Fürsten der Nacht und der Finsternis, daß ihr von nun an unter keinem Mußgesetz in Meinem Namen mehr stehen sollet.
[GEJ.08_020,16] Wie aber Ich nun euch allen die volle Freiheit aus Mir Selbst wiedergebe, so tut ihr in Meinem Namen auch euren Brüdern dasselbe! Taufet sie im Namen Meiner ewigen Liebe, welche da ist der Vater, des Wortes, das da ist des Vaters fleischgewordener Sohn, und dessen Geistes aller Wahrheit, und löschet in ihnen dadurch das alte Erbübel aus, das da ist das euch nun wohlbekannte und verdammliche Muß des Gesetzes! – Und nun frage Ich euch, ob ihr alle das verstanden habt."
21. Kapitel
[GEJ.08_021,01] Es bejahen das wohl alle; aber Agrikola tritt zu Mir hin und sagt: „O Herr und Meister, ich selbst begreife und erkenne nun tief die reinste, göttliche Wahrheit dieses Deines lichtvollsten Ausspruches und sehe es nun auch ein, daß eben das ewig zu verwünschende Muß des Gesetzes, ein Werk der menschlichen Blindheit, den Menschen notwendig alles höheren Lichtes berauben muß, weil es ihm alle jene Quellen verstopft, durch die das rein geistige Licht aus den Himmeln in ihn einfließen könnte und eben dadurch auch seine Seele mit der eisernsten Gewalt in die finstere Materie zieht und erdrückt. Aber dies größte Übel ist in unserer Zeit zu einer solchen Macht und Größe herangewachsen, daß es schwerlich je völlig vom materiellen Boden der Erde zu verbannen sein wird.
[GEJ.08_021,02] Nehmen wir nur unseren römischen Gesetzeskram an, zu dessen strenger Aufrechthaltung mindestens 800000 blindeste und roheste Krieger und eine nicht minder große Zahl der allerfinstersten Heidenpriester mit ihren Plenipotenzen als treue Wachen dastehen. Diesen seelenmörderischen Damm zu durchbrechen und zu vernichten, ist menschlichen Kräften auch beim besten Willen und der größten und allerenergischsten Klugheit so gut wie völlig unmöglich.
[GEJ.08_021,03] Ich rede hier nur von unserem Staate, in dem bekanntlich noch bis jetzt die meiste Zivilisation anzutreffen ist, und will von anderen Reichen der Erde nicht reden, in denen die Menschheit sich von den wilden Tieren der Erde um nicht vieles unterscheidet. Aber wenn ich schon bei uns Römern auf Schwierigkeiten stoße, die vorderhand sicher unüberwindbar sind, – wie wird sich dann diese Sache erst bei den ganz wilden Völkern dieser Erde machen?
[GEJ.08_021,04] Ja, einzelne, wie ich und sicher noch mehrere es sind, werden alles das mit größter Freude annehmen; aber wie sich in diesem reinen Geisteslichte werden Gesellschaften und Gemeinden zu bilden anfangen, so werden sich die Priester hinter den Kaiser stecken und ihn so lange torquieren (plagen), bis er selbst gegen solche Gemeinden das Schwert wird ziehen müssen. Da wird das alte Mußgesetz dann erst recht mit ehernen Klammern und Ketten um die armen Völker geschlungen werden. Wehe darauf dem, der es dann noch wagen wird, irgendwo diese Deine Lehre unter den Menschen auszubreiten!
[GEJ.08_021,05] Und nun muß ich zu dem noch eines Punktes Erwähnung tun, der mir auch von großer Wichtigkeit zu sein scheint, und das ist die Erziehung der Jugend von der Wiege an. Viele tausendmal tausend Kinder sind schon entweder durch die wahre Affenliebe der Eltern zu ihren Kindern oder oft auch durch ihre tyrannische Strenge und sonstige Blindheit total verzogen. Dazu kommen dann noch – sage – für den sogenannten besseren Teil der Menschen in den Städten die Schulen, die alle unter dem Zepter der Priester stehen, in denen die Kinder wohl lesen, schreiben und rechnen lernen, aber von etwas rein Geistigem nie etwas anderes vernehmen als allerlei Dinge des finsteren Aberglaubens.
[GEJ.08_021,06] Frage: Wie wird man da zu wirken haben, um erstens den Eltern der Kinder zu zeigen und begreiflich zu machen, wie sie von Hause aus ihre Kinder erziehen sollen? Und sollte es möglich sein, daß man in diesem ersten zu einem günstigeren Resultate gelangt ist, – wie soll man dann zu wirken anfangen, um den öffentlichen Volksschulen jene Einrichtung zu verschaffen, aus der für die Menschen ein wahres Seelenheil nach Deiner Lehre erwachsen soll? Herr und Meister, so unbeschreibbar gut und wahr Deine Ratschläge an und für sich schon sind und noch mehr durch ihre lebendige und möglich allgemeine Praxis wären, so nahezu unmöglich erscheint die Bekehrung der Menschen im nur einigermaßen allgemeinen dazu auf einem ganz natürlichen Wege. Da wird Deine Allmacht denn doch so in recht dicken und großen Portionen ziemlich augenscheinlich mitwirken müssen, ansonst mit der Menschheit, wie sie jetzt beschaffen ist, bis ans Ende der Zeiten nicht viel auszurichten sein wird.
[GEJ.08_021,07] Ich bin wohl kein Prophet, aber ich habe als nun schon ein ziemlich alter Staatsmann gar viele Erfahrungen gemacht, kenne die Staatsmaschine und kenne die Völker und kann somit auch ein sicheres Prognostikon (Voraussage) stellen, wie diese Sache auf dem natürlich-menschlichen Mitteilungswege aufgenommen und welche Wirkung es machen wird.
[GEJ.08_021,08] Darum zeige Du uns neben der höchst rein göttlich wahren Lehre, von der ich nun für mich und in der Folge auch sicher für mein ganzes Haus erfüllt bin, auch die sicheren Wege und Mittel, wie wir schwachen Menschen sie unseren gar vielen Mitmenschen wirkungsvoll werden mitteilen können! Denn sonst werden die Menschen mit seltenen Ausnahmen bis ans Ende der Zeiten dieser Erde das verbleiben, was sie nun sind: nichts als mit einiger Vernunft und etwas materiellem Verstande, gepaart mit einem sinnlich freien und bösen Willen, begabte Tiere."
22. Kapitel
[GEJ.08_022,01] Sagte Ich: „Du hast nun als ein ehrlicher Staatsmann recht weise gesprochen, und es verhalten sich die Dinge auch also, wie du sie Mir recht hell und ohne irgendeinen Vorhalt dargestellt hast; und Ich sage es dir, daß wir sie nun in diesem Momente auch nicht ändern wollen, wenn wir das auch sicherlich wohl imstande wären.
[GEJ.08_022,02] Denn wie selbst der irdische Tag nicht auf einmal anbricht, sondern vom ersten, kaum merkbaren Grauen bis zum vollen Sonnenaufgange nur durch gar viele Lichtzunahmestufen nach und nach, ebenso geht es auch mit dem werdenden geistigen Tage bei den Menschen auf dieser Erde. Denn ließe Ich den vollen geistigen Tag allen Menschen auf einmal plötzlich werden, so würden die Menschen, solange sie ihren schweren Leib noch zu tragen haben, dann träge und würden sich nicht mehr viel mit dem Suchen und Forschen abgeben. Sie würden wohl die Gebote halten und handeln nach der in ihnen helleuchtenden Wahrheit, aber das sicher mehr auf eine mechanische, als auf eine vollends lebendige Art; und so ist es sicher besser, daß die Menschen erst so von Stufe zu Stufe durch ihr eigenes Suchen, Forschen und Handeln den geistigen Tag in sich entstehend gewahren und, dabei eine große Freude habend, auch ihre noch in der eigenen Nacht wandelnden Brüder belehren und sie auch zum Suchen des eigenen inneren Geistestages anregen und aneifern, als daß ein jeder Mensch ohne eigenes Tun und Handeln gleich in alle Fülle des inneren Geistestages durch Meine Allmacht versetzt würde.
[GEJ.08_022,03] Es werden besonders in dieser gar finsteren Zeit Meine diese Lehre ausbreitenden Jünger auch mit all dem ausgestattet sein, was nun allein in Meiner Macht steht, und werden in Meinem Namen große Zeichen zu wirken imstande sein, wo und wann selbige zum wahren Wohle der Menschen nötig sein werden; aber es wird dennoch das stets einen um gar vieles größeren Wert haben, wo die Bekehrungen zum Glauben an Mich und Handeln nach Meiner Lehre geschehen werden.
[GEJ.08_022,04] Denn durch das reine Wort erleidet die Seele keinen Zwang, sondern bleibt völlig frei im Erkennen und Handeln, während vor der Lehre gewirkte Zeichen der Seele offenbar einen Glaubenszwang auferlegen und dann eben um nichts besser sind als das Muß des Gesetzes.
[GEJ.08_022,05] Was aber eure äußeren Staatsgesetze betrifft, so sollen sie bestehen fürs Fleisch der Menschen; denn solange der Mensch nicht vollends im Geiste wiedergeboren ist, sind ihm äußere Staatsgesetze notwendig, weil sie ihn in der Demut und Geduld üben, die zur Erreichung der vollen Wiedergeburt höchst notwendig sind, andernteils aber den gar finsteren und bösen Menschen abhalten, seinen Nebenmenschen Böses in zu großem Maße zuzufügen, indem sie mit scharfgezogenen Linien jedem das Seinige zuweisen und den mutwillig dawider Handelnden züchtigen.
[GEJ.08_022,06] Ich sage euch darum auch, daß ihr der weltlichen Macht untertan bleibet, ob sie euch minder gut oder auch gar böse dünkte; denn ihre Gewalt ist ihr von oben verliehen. Wer aber einmal im Geiste wiedergeboren ist, den wird so wenig wie Mich Selbst ein weltliches Gesetz mehr beirren.
[GEJ.08_022,07] Die Kinder aber sollen mit wahrer und ernster Liebe behandelt und erzogen werden. Jede Verzärtelung und Nachgiebigkeit von seiten der Eltern ist ein großer Seelenschaden für die Kinder, der den Eltern als Schuld gerechnet werden wird.
[GEJ.08_022,08] Weise Eltern werden auch mit weisen Kindern gesegnet werden.
[GEJ.08_022,09] Bei der Erziehung der Kinder aber ist ein Muß so lange nötig, bis das Gute der Gesetze zu einem freiwilligen und freudigen Gehorsam geworden ist. Ist der Fall eingetreten, so hat das Kind des Gesetzes Muß in sich selbst aufgehoben und ist zum freien Menschen geworden.
[GEJ.08_022,10] Tuet demnach das, was ihr nun gehört habt, so wird alles gut und recht werden! – Wer noch etwas hat, der frage, und Ich werde ihm Licht geben, damit er wandle und handle am hellen Tage!"
23. Kapitel
[GEJ.08_023,01] Hier trat der zu Emmaus wohnende Römer Agrippa mit seinem Gefährten Laius zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Du hast uns nun wahrlich übergroße und herrliche Dinge kundgetan, und uns sind dabei wie schwere Steine von unserer Brust hinweggetan worden; aber etwas, das unser Freund Agrikola auch als eine große Gegensache bei der Ausbreitung Deiner Lehre dargestellt hat, hast Du nun doch noch nicht besonders berührt, und das ist die schwer mögliche Besiegung des über alle Maßen hartnäckigen heidnischen Priestertums.
[GEJ.08_023,02] Es geht schon hier mit den Judenpriestern, die doch einen Begriff von dem einen, wahren Gott haben, schwer; um wie vieles schwerer wird sich das dann erst bei den materiellst verknöcherten Heidenpriestern machen, die von einem wahren Gott gar keine Ahnung haben und ihre Götter, die sie vor dem Volke anbeten, und denen das Volk opfern muß, aus der oft gröbsten Materie, wie Stein, Erz und Holz, bei den Bildnern anfertigen lassen. Da wäre es demnach wohl auch gut, so Du uns darüber etwas sagen würdest."
[GEJ.08_023,03] Sagte Ich: „Auch darum sollet ihr euch keine leere und eitle Sorge machen! Denn fürs erste sage Ich euch, daß ihr eher hundert heidnische Priester für Meine Lehre gewinnen werdet denn einen Pharisäer, denn es haben die heidnischen Priester durch die griechischen und auch nach ihnen gebildeten römischen Weltweisen ungeheuer viel an ihrem alten Ansehen verloren; und zweitens ist durch die vielen umherziehenden Magier, die von allen Orten der Erde nach Rom kamen, auch ihr Wunderwirken in einen großen Mißkredit beim Volke gekommen. Es macht des gewissen Anstandes und Ansehens wegen wohl noch so manches mit und schaut des Zeitvertreibes wegen die Spektakel an; aber es hat keinen besonderen Glauben mehr daran. Und es wird sonach auch geschehen, daß im Volke bald gar kein heidnischer Priester mehr bestehen, während das Pharisäertum der Juden sich noch gar lange fort erhalten wird. Und was aber noch ärger als das alte Pharisäertum sein wird, das wird leider darin bestehen, daß sich unter Meinem Namen ein neues Pharisäertum bilden wird, das viel ärger denn das gegenwärtige sein wird!
[GEJ.08_023,04] Als Ich euch die zwei Kapitel des Propheten Jesajas erklärt habe, da habe Ich euch auch das neue Pharisäertum gezeigt und brauche es euch nun nicht noch einmal zu zeigen und zu enthüllen.
[GEJ.08_023,05] Was aber nun die heidnischen Priester betrifft, so fängt sie ihre eigene Finsternis bereits schon selbst sehr zu drücken an, und es sehnen sich viele nach einem möglich besseren und wahren Lichte. Viele ziehen darum von Zeit zu Zeit nach Ägypten, um dort von irgendeinem Weisen über die Bestimmung des Menschen ein höheres Licht zu bekommen, und es steht darum im geheimen mit dem heidnischen Priestertum eben nicht so sehr schlecht, wie ihr es euch vorstellt, und Ich habe darum dieses Umstandes wegen keine besondere Erwähnung tun wollen; weil ihr euch aber darunter eine gar so unübersteigbare Klippe vorgestellt habt, so war es denn auch nötig, euch eines Bessern zu belehren.
[GEJ.08_023,06] Ich sage euch allen nur ganz besonders das und lege es euch lebendig ans Herz, daß ihr aus Meiner Lehre ja unter gar keiner Bedingung ein Mußgesetz für die Menschen machet, damit sie doch wenigstens unter wenigen in ihrer freien Reinheit verbleibe bis ans Ende der Zeiten dieser Erde und Ich darum auch im Geiste stets gleichwirkend unter euch.
[GEJ.08_023,07] Es werden mit der Zeit wohl sicher eine Menge halb- und ganz falscher Propheten in Meinem Namen vorgeblich aufstehen, und es werden die einen dies und die andern jenes behaupten; die Sehenden in der reinen Lehre werden ihnen aber sicher in aller Sanftmut und Geduld entgegenarbeiten und am Ende den Sieg auf ihrer Seite haben.
[GEJ.08_023,08] Aber es wird der ganz Reinen Zahl gegen die der Unreinen stets nur eine geringe sein; und sehet, das kann Ich nicht verhüten – außer Ich mache alle freien Menschen durch Mein Machtwort zu Tiermaschinen –, und ihr werdet das im allgemeinen um so weniger imstande sein!
[GEJ.08_023,09] Hätte Ich aber das bei den Menschen durch Meinen allmächtigen Willen verhüten wollen, so hätte Ich wahrlich nicht nötig gehabt, je ins Fleisch dieser Erde zu treten; denn alle andere Kreatur hätte Ich auch ewig fort von Meinen Himmeln aus pur durch Meinen allmächtigen Willen lenken und regieren können, wie Ich das auch jetzt tue und ihr darum an aller Kreatur sicher keine noch so geringe Veränderung zu merken vermöget. Denn der Steine, der Pflanzen und der Tiere wegen bin Ich wahrlich nicht als nun Selbst ein leibhaftiger Mensch auf diese Erde gekommen, sondern nur des in seinem Willen und Erkennen völlig freien Menschen wegen! Und da kann Ich Selbst ihm kein göttliches Muß, sondern nur die vollste göttliche Freiheit als ein wahres Evangelium aus den Himmeln geben und danach den Menschen frei wählen und handeln lassen.
[GEJ.08_023,10] Daß aber auch dafür gesorgt ist, daß nach Meiner Ordnung die Nichtbeachtung Meiner Lehre auch stets die alten bösen Folgen nach sich ziehen wird, dessen könnet ihr völlig versichert sein, und das ist genug zur Bändigung jener Menschen, die von Meiner reinen Lehre eine gute Kunde erhielten, sich aber dann doch wieder zur Welt kehrten.
[GEJ.08_023,11] Zu einer gewissen Zeit aber werde Ich, wenn die Trübsal zu groß wird, die Erde vom alten Unflate schon zu reinigen verstehen! Solches aber habe Ich euch schon gezeigt, was da sind die bösen Folgen der Sünde leiblich und moralisch für die Seele; der Körper wird verfallen in allerlei böse Krankheiten, und die Seele in allerlei Zweifel durch den Unglauben oder falschen Glauben und in aus diesem hervorgehende dumme und böse Handlungen.
[GEJ.08_023,12] An allem dem aber wird der, der im reinen Lichte des Lebens steht, bald und leicht erkennen, in welchem Geisteslichte die physisch und moralisch geplagten Menschen sich befinden. Wo ihr solche sehen werdet, da gehet hin und saget zu ihnen: ,Der Friede sei mit euch! Ihr wandelt auf Irrwegen, und wir sind zu euch gekommen, vom Geiste des Herrn geführt, um euch zu verkünden das wahre Evangelium, die Wege zum Lichte des Lebens, welches ist das wahre Heil der Seele in Gott!‘
[GEJ.08_023,13] So man euch dann aufnehmen wird, so bleibet, lehret sie erkennen die Wahrheit und handeln nach ihren leicht zu fassenden Grundsätzen! Haben sie diese freudig angenommen und haben auch alsbald danach zu handeln bereitwillig angefangen, so betet über sie, leget den Kranken die Hände auf, damit sie geheilt werden von ihren Übeln, und taufet sie dann auf die Weise wahrhaft, wie Ich sie euch zuvor gezeigt habe, und ihr werdet dadurch nach Meinem Willen ein Mir wohlgefälliges Werk ausgerichtet haben, und euer Lohn im Himmel wird dadurch um vieles vergrößert werden.
[GEJ.08_023,14] Wo und wann ihr irgendeine solche Gemeinde bekehrt, sie geheilt und in Meinem Namen gefestet habt, so stellet dann aus ihrer Mitte den kundigsten und getreuesten Mitbürger zu einem freundlichen Hüter und Aufseher über die Gemeinde. Erteilet ihm besonders die Gaben des Heiligen Geistes, auf daß er ein wahrer Wohltäter der ihm anvertrauten Gemeinde werden und sein kann. Aber bindet ihn auch nicht mit einem Mußgesetz, was auch er gegen die Glieder der Gemeinde zu beachten haben soll, mit Ausnahme der Kinder, wie Ich euch dafür schon eine Weisung gegeben habe.
[GEJ.08_023,15] Aber obwohl ein solcher Hüter von euch bestellt wird in Meinem Namen, so soll er aber dennoch darum keinen irdischen Rang haben, sondern er soll sein gleich euch ein demütigster und wie ein geringster Diener der ihm anvertrauten Brüder und Schwestern und soll sich von ihnen nicht ehren oder von ihnen für seine ihnen geleisteten Dienste gar belohnen lassen; denn was er umsonst erhalten hat, das soll er umsonst wieder geben in aller Liebe zu seinen irgend schwächer begabten Brüdern und Schwestern.
[GEJ.08_023,16] Was ihm aber die freie Liebe seiner Gemeinde bieten wird, das soll er auch annehmen gleich also, wie Ich solches auch euch gestattet habe; denn wer einem von Mir Gesandten etwas Gutes tun wird, der wird auch den Lohn eines Gesandten ernten. Und somit wisset ihr nun alles, was euch vor allem zu wissen nötig war; vieles andere werdet ihr zur rechten Zeit überkommen."
24. Kapitel
[GEJ.08_024,01] Hier trat ein Pharisäer zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Du hast in Deiner Rede zu uns gesagt, daß Deine Jünger, die Deine wahre Lebenslehre ausbreiten werden, jene, die vollends Deine Lehre tatsächlich angenommen haben, durch die Auflegung ihrer Hände taufen, das heißt stärken sollen im Namen des Vaters, welcher die Liebe ist, im Namen des Wortes, das da ist der Sohn oder die Weisheit des Vaters, und im Namen des Heiligen Geistes, welcher da ist der alles vermögende Wille des Vaters und des Sohnes.
[GEJ.08_024,02] Ich aber denke mir da: Wenn Deine Jünger alle die gläubig Gewordenen nur in Deinem Namen oder allein im Namen des Vaters tauften, so würde das für viele leicht daraus hervorgehende Streitfragen ein Hinderungsmittel sein; denn mit den drei wennschon allerhöchsten und hochheiligsten Begriffsnamen können in der Folge die begriffsschwächeren Menschen ganz leicht auf den Glauben von drei besonderen Göttern als drei göttlichen Persönlichkeiten gebracht werden, gleichwie der uralte reine Glaube an nur einen, wahren Gott mit der Zeit bei den alten Ägyptern sich aus den vielen Eigenschaften Jehovas eine zahllose Menge von Göttern schuf, die dann die blinde Phantasie der Menschen in allerlei für sich bestehende und besonders wirkende göttliche Wesen umwandelte, ihnen Tempel erbaute und sie dann auch besonders verehrte, aber dabei auch in den krassesten Materialismus derart versank, daß sie den also sich vorstellenden göttlichen Persönlichkeiten oft die gemeinsten menschlichen Schwachheiten und lasterhaften Leidenschaften zuschrieb.
[GEJ.08_024,03] Das könnte mit der Zeit, als etwa nach mehreren Jahrhunderten, auch wieder der Fall werden, daß die mehr dummen und blinden Menschen bloß infolge der bei der Taufe vernommenen allerhöchsten Begriffsnamen anfingen, sich drei Götter vorzustellen, und es würde dann auch sicher das nicht auf sich warten lassen, daß man die drei sich also vorgestellten Götter auch besonders zu verehren anfinge in ihren eigens erbauten Tempeln. Geschieht aber das, so wird es dann auch nicht lange währen, daß die Menschen auch Deine ihnen dem Namen nach bekannt gewordenen Jünger und auch ihre Nachfolger Dir gleich zu verehren und in ihnen erbauten Tempeln anzubeten anfangen werden. Dem wäre nach meiner Meinung dadurch am leichtesten und dauerndsten vorgebeugt, wenn man Gott den Menschen nur unter einem Begriffsnamen bekannt machte. – Was sagst Du dazu?"
[GEJ.08_024,04] Sagte Ich: „Da hast du ganz wohl und recht gesprochen; aber Ich kann da dennoch nicht umhin, euch allen ans Herz zu legen, das zu tun; denn unter den drei Begriffsnamen ist das Wesen Gottes wie ganz erklärt den Menschen vollständig dargestellt.
[GEJ.08_024,05] Es ist wahr, daß dabei gewisserart für einen schwachbegriffsfähigen Menschen eine Art göttlicher Dreipersönlichkeit zum Vorschein kommt; aber man kann das, um der tiefsten und innersten Wahrheit in allem völlig getreu zu bleiben, ja doch nicht anders geben, als wie es eben ist.
[GEJ.08_024,06] Siehe, der Mensch ist ganz nach dem Ebenmaße Gottes erschaffen, und wer sich selbst vollkommen kennen will, der muß wissen und in sich erkennen, daß er als ein und derselbe Mensch eigentlich auch aus drei Persönlichkeiten besteht! Du hast einmal einen Leib, versehen mit allen notwendigen Sinnen und anderen für ein freies und selbständiges Leben nötigen Gliedern und Bestandteilen vom größten bis zum kaum denkbar kleinsten. Dieser Leib hat zum Bedarf der Ausbildung der geistigen Seele in ihm ein ganz eigenes Naturleben, das sich von dem geistigen Seelenleben in allem streng unterscheidet. Der Leib lebt von der materiellen Nahrung, aus der das Blut und die andern Nährsäfte für die verschiedenen Bestandteile desselben gebildet werden.
[GEJ.08_024,07] Das Herz hat in sich einen eigens belebten und derartigen Mechanismus, daß es sich in einem fort ausdehnen und darauf wieder zusammenziehen muß und dadurch das den Leib belebende Blut mit den andern aus demselben entstehenden Säften in alle seine Teile treibt und durch das Sichzusammenziehen auch wieder in sich zurück aufnimmt, um es mit neuen Nährteilen zu sättigen und dann wieder zur Ernährung der verschiedenartigsten Leibesbestandteile von neuem hinauszutreiben, in welchen zahllos vielen und allerverschiedenartigsten Bestandteilen auch ebenso viele und verschiedene Naturgeister wohnen, die die ihnen zusagenden und zur Ernährung und Erhaltung eben der von einem solchen Geiste beherrschten Teile notwendigen Nähr- und Erhaltungsstoffe aus dem Blute nehmen und sie dann eben den von ihnen, das heißt den von eigenen Geistern beherrschten Teilen assimilieren und so den ganzen Leib kräftigen und stärken, ohne welche fortwährende eigene Tätigkeit des Herzens der Mensch keine Stunde lang dem Leibe nach leben würde.
[GEJ.08_024,08] Siehe, mit dieser Lebenstätigkeit hat die Seele gar nichts zu tun; denn sie liegt mit dem freien Willen der Seele in gar keiner Verbindung und ebenso auch die eigene Tätigkeit der Lunge, der Leber, der Milz, des Magens, der Gedärme, der Nieren und so noch von zahllos vielen andern Bestandteilen ihres Leibes, die sie gar nicht kennen und für die sie denn auch nicht Sorge tragen kann, und dennoch ist der Leib als eine für sich ganz abgeschlossene Persönlichkeit ein und derselbe eine Mensch und tut und handelt also, als wären beide eine und ganz dieselbe Persönlichkeit! Wer von euch aber kann da sagen, daß Leib und Seele völlig ein Ding seien!
[GEJ.08_024,09] Betrachten wir aber nun die Seele für sich, und wir werden finden, daß sie auch für sich ein ganz vollkommener Mensch ist, der substantiell geistig auch in sich und für sich die ganz gleichen Bestandteile enthält wie der Leib und in höherer geistiger Entsprechung sich derselben auch also bedient wie der Leib seiner materiellen.
[GEJ.08_024,10] Obschon aber einesteils der Leib und andernteils die Seele für sich zwei ganz verschiedene Menschen oder Personen darstellen, von denen eine jede für sich eine ihr ganz eigentümliche Tätigkeit innehat, von der sie sich am Ende nicht einmal eine Rechenschaft über das Wie und Warum geben können, so machen sie aber im Grunde des eigentlichen Lebenszweckes dennoch so ganz nur einen Menschen aus, daß da niemand weder von sich noch von jemand anderm sagen und behaupten kann, daß er nicht ein Einmensch, sondern nur ein Zweimensch sei. Denn es muß der Leib der Seele dienen und diese mit ihrem Verstande und Willen dem Leibe, weshalb diese auch für die Handlungen, zu denen sie den Leib benutzt hatte, ebenso verantwortlich ist wie für ihre höchst eigenen, die in allerlei Gedanken, Wünschen, Begehrungen und Begierden bestehen.
[GEJ.08_024,11] Wenn wir aber das Leben und Sein der Seele für sich noch näher betrachten, so werden wir auch bald und leicht finden, daß sie als auch noch ein substantielles Leibmenschwesen für sich um nichts höher stünde als allenfalls die Seele zum Beispiel eines Affen. Sie würde wohl eine instinktmäßige Vernunft in einem etwas höheren Grade innehaben denn ein gemeines Tier, aber von einem Verstande und einer höheren freien Beurteilung der Dinge und ihrer Verhältnisse könnte da nie eine Rede sein.
[GEJ.08_024,12] Dieses höhere und eigentlich höchste und Gott völlig ähnliche Vermögen in der Seele bewirkt ein rein essentiell geistiger dritter Mensch, eben in der Seele wohnend. Durch ihn kann sie Wahres vom Falschen und Gutes vom Bösen unterscheiden und kann frei nach allen erdenklichen Richtungen hin denken und völlig frei wollen, wodurch sie sich selbst dem in ihr wohnenden Geiste, je nachdem sie sich mit ihrem von ihm unterstützten freien Willen für das reine Wahre und Gute bestimmt, nach und nach völlig ähnlich, also stark, mächtig, weise und als in ihm wiedergeboren, identisch macht.
[GEJ.08_024,13] Ist das der Fall, dann ist die Seele so gut wie ein Wesen mit ihrem Geiste, so wie auch die edleren Leibesteile einer vollkommenen Seele – welche Leibesteile eigentlich in den gar sehr verschiedenen Leibesnaturgeistern bestehen – ganz in den geistig substantiellen Leib, den ihr das Fleisch der Seele nennen könnet, übergehen und am Ende dadurch auch in den essentiellen des Geistes, darunter auch zu verstehen ist die wahre Auferstehung des Fleisches an dem jüngsten und wahrsten Lebenstage der Seele, der dann erfolgt, wenn ein Mensch vollkommen im Geiste wiedergeboren wird, entweder schon hier in diesem Leben oder etwas mühevoller und langwieriger jenseits.
[GEJ.08_024,14] Obschon aber ein im Geiste vollends wiedergeborener Mensch ganz nur ein vollkommener Mensch ist, so besteht seine Wesenheit aber dennoch ewigfort in einer in sich wohl unterscheidbaren Dreiheit.
[GEJ.08_024,15] Wie aber das, das will Ich euch allen nun ganz klar dartun, und so habt denn auch alle wohl acht darauf!"
25. Kapitel
[GEJ.08_025,01] (Der Herr:) „Ihr merket an jedem Dinge, so ihr nur ein wenig aufmerksam sein wollet, und an jeder Sache ein unterscheidbares Dreifaches: Das erste, das euch in die Augen fällt, ist doch sicher die Außenform; denn ohne diese wäre kein Ding und keine Sache denkbar und hätte auch kein Dasein. Das zweite aber, so das erste einmal da ist, ist offenbar der Inhalt der Dinge und der Sachen; denn ohne den wären sie auch gar nicht da und hätten auch keine Form oder Außengestalt. Was ist denn nun das dritte zum Dasein eines Dinges oder einer Sache ebenso Notwendige wie das erste und zweite? Sehet, das ist eine innere, jedem Ding und einer jeden Sache innewohnende Kraft, die den Inhalt der Dinge und Sachen gewisserart zusammenhält und das eigentliche Wesen desselben ausmacht. Und weil eben diese Kraft den Inhalt und somit auch die Außenform der Dinge und Sachen ausmacht, so ist sie auch das Grundwesen von allem wie immer gearteten Dasein, und ohne sie wäre ebensowenig ein Wesen, ein Ding oder eine Sache denkbar wie ohne einen Inhalt und ohne eine äußere Form.
[GEJ.08_025,02] Ihr sehet nun, daß die benannten drei Stücke an und für sich sicher wohl unterscheidbar sind, da die Außenform nicht ihr Inhalt und der Inhalt nicht die ihn bedingende Kraft selbst ist. Und doch sind die benannten drei Stücke völlig eins; denn wäre keine Kraft da, so gäbe es auch keinen Inhalt und sicher auch keine Form desselben.
[GEJ.08_025,03] Gehen wir nun zu unserer Seele zurück! Die Seele muß des sicheren und bestimmten Daseins wegen einmal eine Außenform, die eines Menschen nämlich, haben. Die Außenform ist demnach das, was wir den Leib oder auch das Fleisch nennen, ob noch materiell oder vergeistigt substantiell, das ist da ganz einerlei.
[GEJ.08_025,04] Ist aber die Seele als ein Mensch der Form nach da, so wird sie auch einen der Außenform entsprechenden Inhalt haben. Dieser Inhalt oder innere Körper der Seele ist ihr eigenes Lebenswesen selbst, also die Seele.
[GEJ.08_025,05] Ist das alles aber da, so ist auch die Kraft da, die die ganze Seele bedingt, und diese ist der Geist, der am Ende alles in allem ist, da es ohne ihn unmöglich eine gediegene Substanz und ohne diese auch keinen Leib und somit auch keine Außenform gäbe.
[GEJ.08_025,06] Obschon aber die drei wohl unterscheidbaren Persönlichkeiten im ganzen nur ein Wesen sind, so müssen sie aber dennoch eigens als unterscheidbar benannt und erkannt werden.
[GEJ.08_025,07] Dem Geiste oder der ewigen Essenz wohnt die Liebe inne als die alles bewirkende Kraft, die höchste Intelligenz und der lebendig feste Wille; alles das zusammen erzeugt die Substanz der Seele und gibt ihr die Form oder das Wesen des Leibes.
[GEJ.08_025,08] Ist die Seele oder der Mensch also einmal da nach dem Willen und nach der Intelligenz des Geistes, so zieht sich der Geist ins Innerste zurück und gibt der einmal daseienden Seele nach seinem innersten Willen und nach seiner innersten Intelligenz einen wie von ihm getrennten freien Willen und eine freie und gewisserart selbständige Intelligenz, die sich die Seele teilweise durch äußere Wahrnehmungssinne und teils durch ein inneres Innewerden also aneignet und dann so vervollkommnet, als wäre die vervollkommnete freie Intelligenz ihr eigenes Werk.
[GEJ.08_025,09] Infolge dieses notwendig also gestalteten Zustandes, in dem sie sich wie getrennt von ihrem Geiste fühlt, ist eben die Seele auch einer sowohl äußeren wie inneren Offenbarung fähig. Empfängt sie diese, nimmt sie sie an und tut danach, so fängt sie dadurch auch an, sich mit ihrem Geiste zu einen und geht dadurch dann auch stets mehr in dessen unbeschränkte Freiheit über, sowohl in Hinsicht der Intelligenz und der Willensfreiheit nach eben der lichtvollen Intelligenz, wie auch in der Kraft und Macht, alles das bewirken zu können, was sie erkennt und will.
[GEJ.08_025,10] Daraus aber könnet ihr wieder erkennen, daß die Seele als der in die lebendige Substanz umgewandelte Gedanke des Geistes, der im Grunde der Geist selbst ist, doch gewisserart als ein zweites aus dem Geiste Hervorgehendes angesehen und betrachtet werden kann, ohne deshalb ein anderes zu sein, als da ist der Geist selbst.
[GEJ.08_025,11] Daß endlich die Seele als ein Individuum auch mit einem äußeren Leibe umkleidet erscheint, der gewisserart als die dritte Persönlichkeit erscheint, das zeigt euch die tägliche Erfahrung. Der Leib dient der Seele als eine äußere Offenbarung ihres innersten Geistes und hat den Zweck, die Intelligenz und den freien Willen der Seele nach außen zu kehren, zu beschränken und dann erst die innere Unbeschränktheit der Intelligenz und des Willens und dessen wahrer Kraft zu suchen, sicher zu finden und dadurch ein endlos verherrlichtes und völlig individuell selbständiges Eins zu werden mit dem innersten Geiste, der immer selbst das alleinige Etwas und durchgreifende Sein des Menschen ist.
[GEJ.08_025,12] Da ihr nun aus dieser Meiner Erklärung hoffentlich einsehen müsset, wie ein Mensch in und für sich, so wie auch in untergeordneten Graden ein jedes andere, aus einem gewissen unterscheidbaren Drei besteht, so wollen wir zum Schlusse dieser hochwichtigsten Beleuchtung und Verhandlung zu dem dreieinigen Wesen Gottes selbst übergehen, auf daß ihr hell und klar einsehen möget, warum Ich euch infolge der höheren und inneren lebendigen Wahrheit habe anbefehlen müssen, daß ihr die Menschen, die an Mich glauben und Meine Lehre tatsächlich angenommen haben, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen, das heißt stärken sollet.
[GEJ.08_025,13] Und so habt denn abermals wohl acht darauf, was ihr nun zur wahrsten Vervollständigung des Ganzen aus Meinem Munde vernehmen werdet!
[GEJ.08_025,14] Sehet, die Schrift der Propheten, wie ihr das nun schon alle gar wohl wisset, sagt und erklärt, daß Ich, namens Jesus, Christus – auch Menschensohn genannt, der wahre Gott sei, obschon Er unter verschiedenen Namen, als Vater, Sohn und Geist bezeichnet und benannt wird! Und dennoch ist Gott nur eine persönliche Herrlichkeit in der vollkommensten Form eines Menschen.
[GEJ.08_025,15] Wie aber, euch nun schon bekannt, die Seele, ihr Außenleib und ihr innerster Geist geeint sind also, daß sie nur ein Wesen oder gewisserart am Ende nur eine individuelle Substanz ausmachen, unter sich aber doch ein wohl unterscheidbares Drei sind, eben also geeint sind der Vater, Sohn und Geist, wie das obenerwähnt auch klar lehrt die Schrift der alten Väter und Propheten.
[GEJ.08_025,16] David sagte einst, daß seine Seele, sein Leib und sein Geist vor Gott möchten als unsträflich befunden werden. Wenn aber da die Worte des alten, weisen Königs also lauteten, könnte man da nicht auch sagen und fragen: Wie? Besteht denn der Mensch aus drei Personen oder aus drei Menschen? So aber das schon beim Menschen nicht angehen kann, bei dem seiner Bildung und wahren Lebensvollendung wegen die Zerspaltung seines Drei doch gar fühlbar notwendig da ist, – wie könnte dann erst Gott, der in Sich von Ewigkeit her höchst vollendet nur Einer ist, in drei verschiedene Personen oder gar in drei Götter zerteilt werden?"
26. Kapitel
[GEJ.08_026,01] (Der Herr:) „Höret! Wenn Gott als der Schöpfer aller Wesen, aber dennoch unterschieden von allen andern von Ihm geschaffenen Wesen, sicher ewig war, ist, und sein wird, legt Ihm das etwa irgendeine unwandelbare Notwendigkeit, zu verharren im gewissen Urzentrum, auf?! Wenn schon dem Menschen eine freie Bewegung nach jeder Richtung des Leibes sogar und noch endlos mehr dem Geiste nach gegeben ist, wie sollte Sich da allerfreieste Gott in dem beschränken, worin Er sogar Seinen Geschöpfen die vollste Freiheit gab? Ich sage es euch: Die göttliche Unendlichkeit in allem hat die Macht, Sich auch endlos frei zu bewegen! Ihr steht demnach sicher wohl auch das Recht zu, Ihre Herrlichkeit ins Fleisch zu wandeln, um Selbst gegenüber den von Ihr geschaffenen Menschen auch als ein ewig vollkommenster Mensch schau- und begreifbar dazustehen.
[GEJ.08_026,02] Aber die Macht hat die endlose Herrlichkeit Gottes nicht und kann sie unmöglich haben, andere, Ihr völlig gleiche Gottheiten außer Sich zu schaffen; denn könnte Sie das, so müßte Sie außerhalb des einen unendlichen Raumes auch noch mehrere ebenso unendliche Räume erschaffen können, was wohl sicher jeder nur ein wenig helldenkende Mensch schon von ferne für einen allerbarsten Unsinn ansehen und anerkennen muß. Denn wenn der eine Raum nach allen denkbaren Richtungen hin unendlich ist, wo sollte dann ein zweiter ebenso unendlicher Raum seinen Anfang nehmen?
[GEJ.08_026,03] Ein nur zweiter vollkommener Gott mit der vollsten unendlichen Herrlichkeit ist demnach ebensowenig denkbar wie ein zweiter unendlicher Raum, und ihr könnet daraus nun klar ersehen, daß Ich als nun euch gleich auch ein Menschensohn im Fleische wandelnd kein zweiter, sondern nur ein und derselbe Gott bin, der Ich vor aller Kreatur von Ewigkeit her war und also auch bleiben werde in alle Ewigkeit. Ich kann darum nichts wider Meine ewige Herrlichkeit tun, aber alles für dieselbe.
[GEJ.08_026,04] Würde Ich außer Mir noch zwei Götter schaffen, wie etwa den Sohn und den Heiligen Geist, so daß dann beide von Mir individuell unterschieden wären, so müßten sie ja notwendig auf alle Meine Machtvollkommenheit Anspruch machen, da ohne diese kein Gott denkbar ist, sowenig wie der Begriff eines zweiten und gar dritten vollkommen unendlichen Raumes unter einer gewissen Teilung und gegenseitigen Beschränkung. Wenn aber das denkbar möglich wäre, wie sähe es dann mit dem nur einen möglichen Hoheitsrechte Gottes aus?
[GEJ.08_026,05] Es kann aber nur ein solches endloses göttliches Hoheitsrecht geben! Denn gäbe es deren drei, so wäre das endlose Einreich Gottes zersplittert, und sein Bestand wäre ebenso undenkbar möglich wie der Bestand von drei unendlichen Räumen nebeneinander.
[GEJ.08_026,06] Das Einreich des nur einen Gottes kann ewig bestehen, weil Er allein nur ein Einiger König und Herr desselben ist, wie solches denn geschrieben steht in der Schrift der Propheten, die aus dem Munde Gottes also geweissagt haben: ,Gott wird Seine Herrlichkeit keinem andern geben‘ (Jes.42,8). Denn allein Ich, Christus, bin der Einzige Gott! Menschen, Engel, Herrschaften und Gewalten, ja alle Dinge im Himmel und auf allen Erden haben sich allzeit vor Mir gebeugt und werden sich auch in Ewigkeit nur vor Mir beugen und nie vor einem andern, gleichwie auch alle für eure Begriffe noch so endlos groß scheinenden Weltenschöpfungsräume von dem nur einen unendlichen Schöpfungsraume verschlungen werden und ihm gegenüber als völlige Nichtigkeiten erscheinen.
[GEJ.08_026,07] Wenn unter dem Namen Vater, Sohn und Heiliger Geist nicht ein für Sich bestehender, grund- und einwesiger Gott zu verstehen wäre und man anstatt dessen einen von dem Vater unterschiedenen Sohn und ebenso einen unterschiedenen Heiligen Geist annehmen müßte, – was für ein Gott wohl müßte dann der Vater sein?
[GEJ.08_026,08] Wenn nach der Schrift der Propheten, die der grobe, selbstverschuldete Unverstand der Menschen nicht faßt, der Vater den Sohn mit aller Macht und Gewalt im Himmel und auf allen Erden und Welten bekleidet und den Heiligen Geist als einen Mitwirker Ihm beigesellt hat behufs der Heiligung und Bewaltung der nun euch gegebenen neuen Lehre aus den Himmeln, zu deren Haupt eben nur der Sohn, den Ich vorstelle, wie auch zum Haupte aller andern Dinge gemacht ist, so frage Ich euch: Was für einen Gott machet ihr dann da aus dem Vater? Könnet ihr überhaupt noch einen Gott aus Ihm machen?
[GEJ.08_026,09] Und könnet ihr euch in der materiell-menschlichen Blindheit noch einen vorstellen, so müsset ihr Ihn euch offenbar als müßig und tatlos vorstellen, da ihr doch offenbar einsehen müßt, daß Er bei so bewandten Umständen nichts mehr zu wirken und auch nichts mehr zu regieren hätte. Ihr müßtet euch nur nach der höchst finsteren menschlichen Art vorstellen, daß der Gott-Vater etwa wegen Seines hohen Alters gleich dem alten Könige Pharao in Ägypten, der die Regierung dem Joseph übergab, auch nun also Seiner Schwäche und Mühseligkeit wegen sie dem Sohne für ewig übergeben habe, damit Er Sich nun in Seiner Ruhe ganz müßig könne wohlgeschehen lassen!
[GEJ.08_026,10] Könnet ihr euch wohl denken, daß der Vater alt geworden sei, und daß Er Sich nun zur Ruhe setzen wolle, indem Er nun außer Sich einen vollkommen Ihm gleich allmächtigen Sohn und weiter noch einen gleich allmächtigen Heiligen Geist habe, den Er etwa aus Sich und Seinem Sohne hervorgebracht habe, denen Er nun die ganze Regierung übergeben und, Sich Selbst abdankend, überweisen wolle?
[GEJ.08_026,11] Oh, wie überheidnisch dumm, blöde und blind müßte da der Menschenverstand sein, dem es möglich würde, in solch eine Raserei zu geraten!
[GEJ.08_026,12] Besteht ein Sohn und ein Heiliger Geist unterschieden von und außer dem Vater im Gleichen, wie da bestehen Engel und Menschen, so können sie weiter nichts als nur Seine Geschöpfe sein, weil sie ihr etwa noch so vollkommenes Wesen nur von dem einen Schöpfer und nicht aus sich infolge der höchsteigenen und ewigen Machtvollkommenheit erhalten haben.
[GEJ.08_026,13] Wie aber kann da eine vollkommene, göttliche Verwandtschaft oder eine wesentliche Einheit zwischen einem Geiste ohne Leib und Form und einem Geiste mit Leib und Form bestehen? Kann von dem Sohne, der eine leibliche Person ist und, wie ihr sehet, einen Körper hat, gesagt werden, daß Er in dem Vater sei, wenn der Vater keinen Leib, keine Gestalt und keine Form hat? Oder kann der leib-, gestalt- und formlose unendliche Vater im Sohne sein?
[GEJ.08_026,14] Weiter: Wenn der Heilige Geist eine vom Vater und Sohne ausgehende dritte für sich dastehende Person ist, wie kann sie da mit beiden gleich geeigenschaftet und gleich ewig sein? Oder kann das, was sein Sein von einem andern erhält, gleich sein dem, das sein Sein ewig aus sich selbst hat? Kann je die Ewigkeit gleich sein der stets flüchtigen Zeit oder ein beschränkter Raum der Unendlichkeit?
[GEJ.08_026,15] Wenn man auch annehmen kann, daß alle Zeiten der Zeiten in der Ewigkeit stecken, sich bewegen und verändern, so kann man aber unmöglich denken, sagen und behaupten, daß die Ewigkeit in der irgend noch so lange währenden Zeit enthalten ist, gleichwie man auch wohl denken, sagen und behaupten kann, daß da alle noch so großen, aber endlich doch noch begrenzten Räume sicher wohl im endlosen Urraume enthalten sind, aber dieser unmöglich auch in ihnen.
[GEJ.08_026,16] Wenn sonach der Heilige Geist wirklich gleich einem andern Geschöpf vom Vater und Sohn als eine für sich wesenhafte Person ausginge, dann wäre er ja offenbar ein Gott der Zeit und nicht der Ewigkeit! Ein solcher Gott aber könnte dann, wie alles Zeitliche, mit der Zeit aufhören zu sein! Wenn aber das, wer würde und könnte dann allen Menschen und Engeln ein ewiges Dasein geben und erhalten?!
[GEJ.08_026,17] Damit euch aber diese allerhöchst wichtige Sache noch heller und klarer einleuchtend wird, so verfolgen wir dieses Thema noch weiter, und ihr höret Mich!"
27. Kapitel
[GEJ.08_027,01] (Der Herr:) „Wenn ferner der Sohn von Ewigkeit her war, wie konnte Er gezeugt werden? Und wenn der Heilige Geist eben auch von Ewigkeit her war, wie konnte er vom Vater und Sohn ausgehen und also seinen Ursprung nehmen? Wenn nach eurem Sinne und Verstand die von euch beanstandeten drei göttlichen Personen, aus denen die späteren Menschen leicht drei Götter machen könnten, insgesamt ewig, das heißt ohne Anfang sind, so konnte dann ja nicht einer dem andern den Anfang des Seins geben!
[GEJ.08_027,02] Ich bin, als nun ein Mensch im Fleische vor euch, der Sohn und bin niemals von einem andern als nur von Mir Selbst gezeugt worden und bin eben darum Mein höchsteigener Vater von Ewigkeit. Wo anders könnte da der Vater sein als nur im Sohne, und wo anders der Sohn als nur im Vater, also nur ein Gott und Vater in einer Person?
[GEJ.08_027,03] Dieser Mein Leib ist sonach die verherrlichte Gestalt des Vaters der Menschen und Engel wegen, damit Ich ihnen ein begreiflicher und schaubarer Gott bin, und ihr könnet Mich nun schauen, hören und sprechen und doch leben dabei! Denn ehedem hieß es, daß Gott niemand sehen und dabei leben könne. Ich bin denn nun durchgängig Gott; in Mir ist der Vater, und die von Mir nach Meiner Liebe, Weisheit und nach Meinem allmächtigen Willen ausgehende Kraft, die den ewig endlosen Raum allenthalben erfüllt und auch überall wirkt, ist der Heilige Geist.
[GEJ.08_027,04] Ich, wie ihr Mich nun als Gottmenschen unter euch sehet, bin mit Meiner ganzen Urzentralwesenheit sicher vollkommen und ungeteilt unter euch hier in diesem Speisesaale auf dem Ölberg und befinde Mich darum als ein wahrster Gott und Mensch zugleich nirgends anderswo, weder auf dieser Erde und noch weniger auf einer andern; aber durch die von Mir ausgehende Kraft, die da ist der Heilige Geist, erfülle Ich wirkend dennoch alle Himmel und den irdisch materiellen und endlosen Raum. Ich sehe da alles vom Größten bis zum Kleinsten, kenne alles, weiß um alles, verordne alles und schaffe, leite und regiere alles.
[GEJ.08_027,05] Wenn ihr aber nun solches wohl wisset aus Meinem Munde, so werdet ihr auch verstehen, aus welchem Grunde ihr die Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner ihnen bekanntgemachten Lehre auch handeln werden, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes durch die Auflegung der Hände stärken sollet.
[GEJ.08_027,06] So ihr nun den Grund einsehet, da werdet ihr auch einsehen, daß infolge der Nennung der drei Eigenschaftsnamen die Menschen, so sie von euch wahr und richtig unterrichtet werden, nicht leicht auf die Idee von drei persönlich wesenhaften Göttern verfallen werden. Aber Ich lege euch das denn auch teuerst ans Herz, daß ihr den Menschen allenthalben ein rechtes und wahrheitsvolles Licht gebet; denn wo es an dem gebrechen wird, da werden die Menschen denn auch leicht und bald verkümmern und in allerlei Irrlehren übergehen, und es wird dann schwerhalten, sie auf die Wege der vollen Wahrheit zu bringen.
[GEJ.08_027,07] Daß aber auch bei aller eurer Treue dennoch falsche Lehrer und Propheten aufstehen und gar viele Menschen verführen werden, das werdet ihr wohl nicht zu verhindern vermögen, und es wird euch das auch nicht zur Last gerechnet werden, sowenig als es einem Landmann, der reinen Weizen auf seinen Acker säte, und dem sein Feind zur Nachtzeit Unkraut darunter streute, zur Sünde gerechnet werden kann, so auf seinem Acker unter dem Weizen das Unkraut wuchert und die gute Frucht schwächt.
[GEJ.08_027,08] Es ist wohl Mein Liebeswunsch, daß alle Menschen dieser Erde die lichten Wege der Wahrheit betreten und auf denselben dem ewigen Leben zuwandeln möchten; aber weil Ich Mich aus euch schon bekanntgegebenen Gründen mit Meiner Allmacht da völlig zurückziehen muß, so ist ein jeder Mensch völlig frei und kann am Ende glauben und tun, was er selbst will.
[GEJ.08_027,09] Ihr aber werdet bei der Weiterverbreitung Meiner Lehre am besten tun, so ihr den Verstand und mit demselben das Gemüt der Menschen bearbeitet. Denn wo einmal der Verstand und das Gemüt durchdrungen sind, da wird der Glaube durch den guten Willen lebendig und erfolgvoll tätig; ohne die rechte Aufhellung des Verstandes und Gemütes aber bleibt der Glaube nur eine stumme und blinde Annahme dessen, was der Mensch von irgendeiner autorisierten Seite her vernommen hat. Solch ein Glaube aber ist so gut wie nahe gar keiner; er belebt das Gemüt nicht zur freiwilligen und das Herz beglückenden Tat und ist sonach denn auch tot, weil er ohne freie und Freude erzeugende Werke ist.
[GEJ.08_027,10] Werke aber, die der Mensch durch ein äußeres Muß erzwungen verrichtet, haben für die Seele keinen Wert, da sie dieselbe nicht beleben, sondern erdrücken, weil sie nicht freiwillig aus innerer Überzeugung mit Freude, sondern nur aus Furcht vor der angedrohten Strafe unter geheimem Ärger, Grimm und Zorn vollbracht werden.
[GEJ.08_027,11] Wenn Ich aber schon zu euch sage, daß ihr so vollkommen in der Erkenntnis und reinen Liebe sein sollet, als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel, so sollen das auch eure Jünger sein! Darum sage Ich euch noch weiter: Prüfet alles wohl zuvor, und behaltet dann das Gute und Wahre!
[GEJ.08_027,12] Was Ich euch aber anrate, daß ihr es für euch selbst beachten möget, das tut auch euren einstigen Jüngern! Ich könnte von euch nun ja auch gar wohl verlangen, daß ihr Mir auch ohne weitere Erklärungen glaubet, was Ich euch sage und zu tun anrate, denn die Zeichen, die Ich vor euren Augen gewirkt habe, haben Mir doch sicher jene Autorität verschafft, die euch nötigt, Mir zu glauben; aber ein solcher genötigter Glaube ist noch lange kein inneres Licht der Seele und belebt sie nicht freudig zur Tat.
[GEJ.08_027,13] Daß es aber also ist, das beweiset ihr durch euer beständiges Fragen, und ihr bekennet dadurch offen, daß der pure Autoritätsglaube der Seele viel zu wenig Licht bietet, dessen Mangel euch dann erst Meine Erklärungen in euch decken. Wenn ihr aber nun neben allen Meinen gewirkten Zeichen und Lehren noch immer helle Erklärungen verlanget und diese euch wohltun, so werden das auch eure Jünger von euch verlangen, und ihr sollet damit nicht sparsam sein, so ihr dem Auftreten der falschen Propheten nach aller Möglichkeit steuern wollet!
[GEJ.08_027,14] Ihr werdet auch Zeichen wirken, und die Falschen werden durch allerlei Trugwerk dasselbe tun, und es werden daher die von euch gewirkten Zeichen stets ein magerer Beweis für die Echtheit der von euch dem Volke gepredigten Lehren sein und bleiben; aber was ihr dem Verstande und dem Gemüte der Menschen durch lichtvolle Worte einprägen werdet, das wird als ein lebendiger Beweis für die Wahrheit der Lehre aus Meinen Himmeln ewig unvertilgbar bleiben. Solch eine hell begriffene Wahrheit wird euch und eure Jünger dann erst vollends frei machen. – Und nun habe Ich euch allen wieder vieles enthüllt und euch viel Licht gegeben und frage euch darum abermals, ob ihr das auch wohl begriffen habt."
[GEJ.08_027,15] Sagten alle: „Ja, Herr und Meister, das haben wir nun gar wohl begriffen; denn nun hast Du wieder einmal ganz frei und offen geredet!"
[GEJ.08_027,16] (Hierauf sagte Ich:) „Es ist noch Zeit; so jemand noch weiter etwas wissen will, der komme und frage!"
28. Kapitel
[GEJ.08_028,01] Auf diese Meine Aufforderung erhob sich einer der gewissen Judgriechen, die da schon bekannt sind, und sagte: „Herr und Meister, wir haben bis jetzt aus Deinem Munde, wie auch durch Deine Zulassung aus dem Munde Raphaels schon so viele und lichtvollste Wahrheiten vernommen, daß ich nun wahrlich hin und her denken kann, wie ich will und mag, und ich finde nichts mehr, das mir unbekannt wäre, und es wird darum einem jeden von uns nun schwer werden, Dich noch über etwas zu fragen, worüber Du uns noch keine Erklärung gegeben hättest. Was Du uns aber erklärt hast, das ist auch also erklärt, daß es selbst ein ganz einfacher Verstand ganz hell fassen und begreifen muß, und so bleibt uns nun nahe schon gar nichts mehr übrig, um das wir Dich fragen und dabei um eine noch hellere Beleuchtung bitten könnten."
[GEJ.08_028,02] Sagte Ich: „Wohl deiner Seele, wenn sie nun schon so viel Lebenslicht eingesogen hat! Wenn du aber schon in dir keinen unerleuchteten Winkel mehr finden kannst, so wird schon etwa ein anderer sich finden, der in sich noch so manche Dunkelheit verspüren wird, und mit der Zeit vielleicht auch wieder du selbst!"
[GEJ.08_028,03] Als der Judgrieche solches von Mir vernommen hatte, verneigte er sich vor Mir und setzte sich auf seinen Platz.
[GEJ.08_028,04] Darauf sagte aber Lazarus: „Herr und Meister, ich hätte wohl noch so einige dunkle Winkel in mir; wenn Du sie mir gnädigst aufhellen wolltest, so würde das für meine Seele ein großes Labsal sein!"
[GEJ.08_028,05] Sagte Ich: „Wohl kenne Ich, wonach es dich dürstet, und Ich könnte dir auch darüber eine lichtvollste Antwort ins Herz legen; aber da es sich hier um die Erleuchtung aller hier Anwesenden handelt und damit auch so mancher von euch allen gewahren möge, ob es in ihm wohl schon vollends hell ist, so frage du nur offen, und Ich werde dir auch vor allen laut und offen antworten!"
[GEJ.08_028,06] Sagte darauf weiter Lazarus: „Herr und Meister! Nach dem, was Du uns erklärt hast von den großen Sphären und Weltkörpern, von den Hülsengloben und von dem Großen Schöpfungsmenschen, ist es mir über die schaudererregende endlose Größe des ewig unbegrenzten Raumes nicht unbedeutend hell geworden; aber ich habe da doch bald darauf eine sehr große und sehr finstere Kluft gefunden, über die auch mein kühnster Gedanke nicht zu fliegen wagte!
[GEJ.08_028,07] Siehe, daß der Schöpfungsraum unendlich ist und also nach keiner Richtung hin je ein Ende haben kann, das ist mir und auch sicher jedem andern klar! Aber wie sieht es mit dessen ewigem Bestande aus? Wer hat ihn so endlos weit ausgedehnt, und wie und wann? Was ist so ganz eigentlich die Ewigkeit, und wie ist in der Zeit und im Raume Gott Selbst ewig und in allem unendlich? Siehe, Herr und Meister, es ist das für einen sterblichen Menschen zwar Dir gegenüber eine sicher höchst ungeschickte Frage; aber was kann da die auch in dieser Sphäre nach Licht dürstende Seele dafür, wenn solche Gedanken in ihr wach werden?"
[GEJ.08_028,08] Sagte Ich: „Du nanntest das eine Mir gegenüber höchst ungeschickte Frage; Ich aber heiße sie eine ganz gute und sehr geschickte Frage und will euch allen darauf auch eine möglichst helle Antwort erteilen!
[GEJ.08_028,09] Seht! Gott, Raum und Ewigkeit sind wieder gleich den Begriffen Vater, Sohn und Geist. Der Vater ist durchgehend Liebe und sonach ein ewiges Streben nach dem vollendetsten Sein durch die Kraft des ewigen Willens in ihr. Der Raum oder der Sohn ist das aus dem ewigen Streben der Liebe auch ewig gleich hervorgehende Sein, und die Ewigkeit oder der Geist als die endlose Urkraft im Vater und Sohne ist die Bewegung und Effektuierung (Verwirklichung) der Bestrebungen der Liebe im Sohne.
[GEJ.08_028,10] Hätte der Raum einmal etwa wie aus einem Punkte sich ins Endlose nach allen Richtungen hin auszudehnen angefangen, so wäre er erstens bis zur Stunde ebensowenig unendlich, als es für sich der Große Schöpfungsmensch ist. Zweitens aber stellt sich von selbst die Frage auf, was dann das war, das sicher nach allen erdenklichen Richtungen endlos weit hinaus den Punkt umgeben hat, aus dem dann erst der unendliche Schöpfungsraum sich ausgedehnt hat. War das der lichtlose Äther, oder war es das heidnische Chaos, oder war das eine völlig feste Masse, oder war es Luft oder Wasser oder Feuer?
[GEJ.08_028,11] Wenn es eines von den benannten Dingen war, wie hat der Raumpunkt in sich die Kraft haben können, solche endlosen Massen von sich hinaus ins unendlichmal Unendliche zu verdrängen, und wohin sind dann die verdrängten Massen gekommen, so aus dem ursprünglichen Punkte der ewig unendliche Raum hervorgegangen sein soll? Sie müßten sich dann notwendig außerhalb des unendlichen Raumes befinden, wie sie sich ursprünglich außerhalb des Punktes befunden haben, aus dem der endlose Raum hervorgegangen sei. Wenn aber das auch nur zu denken möglich wäre, so wäre der Schöpfungsraum ja dennoch wieder begrenzt und beschränkt und würde auch bei einem ewig andauernden sich weiter und weiter Ausdehnen dennoch nie unendlich werden.
[GEJ.08_028,12] Ihr erseht aus dem, daß der Schöpfungsraum notwendig ewig nach allen Richtungen hin unendlich war und nie einen Anfang hat nehmen können, und da Gott, Raum und Ewigkeit identisch sind, wie Ich euch das schon gezeigt habe, so ist Gott, der alle diese Begriffe in Sich vereinigt, ja auch ohne Anfang, weil ein Anfang von Gott ebenso unmöglich zu denken ist wie der Anfang im Werden des unendlichen Raumes und mit ihm der ewigen Zeit. Ich meine, daß das nun schon so hinreichend klar dargetan ist, daß ein jeder darüber vollends im klaren sein kann.
[GEJ.08_028,13] Aber Ich sehe dennoch eine gewisse dunkle Klippe in euch, über die ihr noch nicht hinwegzukommen imstande seid. Und sehet, diese Klippe besteht darin, daß ihr euch den endlosen und ewigen Raum als an und für sich tot und ohne alle Lebensintelligenz seiend vorstellt und daher auch nicht begreifen könnet, wie Gott als das alleinige ewige Lebensprinzip Sich im ewigen und endlosen Tode gewisserart Selbst gefunden und Sich als das vollendetste Leben erkannt und begriffen hat.
[GEJ.08_028,14] Ja, wenn man vom endlosen und ewigen Schöpfungsraume sich den Begriff macht, dann kann man freilich auch schwer oder gar nicht begreifen, wie der unendliche Geist – Gott – Sich im ewig unendlichen Tode als ein vollendetstes Leben auch von Ewigkeit her hat zurechtfinden können!
[GEJ.08_028,15] Machet euch daher gerade die entgegengesetzte Vorstellung vom ewig unendlich großen Raume, denket euch, daß es in ihm nicht einmal ein leb- und intelligenzloses Pünktchen gibt, und daß selbst das, was vor euch wie tot und völlig leblos sich darstellt, nicht tot und leblos, sondern nur von dem allmächtigen Willen Gottes also gerichtet ist, wie ihr das an einem Weltkörper selbst oder an seinen leblos scheinenden Bestandteilen gar wohl bemerken könnet!
[GEJ.08_028,16] Wenn aber alle Weltkörper und ihre mannigfachsten Bestandteile nichts anderes sind und sein können als durch den allmächtigen Willen Gottes fixierte Ideen und Gedanken Desselben, wie können sie dann von den Menschen für tot und völlig intelligenzlos angesehen werden?
[GEJ.08_028,17] Wenn Gott, der mit dem endlosen Raume und seiner ewigen Zeit identisch, aber durchgängig in Sich das höchste und allervollendetst vollkommene Leben ist, wie möglich soll dann das, was nur aus Ihm hervorgeht, tot, leb- und intelligenzlos sein?!
[GEJ.08_028,18] Was demnach als daseiend euch wie tot vorkommt, das ist nur also von Gott aus gerichtet und kann wieder ins völlig freie Leben zurückkehren, sobald Gott an solch einem gerichteten Dinge die festen Bande Seines Willens löst.
[GEJ.08_028,19] Ihr habt desgleichen von Mir Selbst und durch Meine Zulassung auch von Raphael bewerkstelligen sehen, als da Steine entweder plötzlich in den ursprünglichen Lebensäther verwandelt wurden oder dieser zu einem festen Steine wurde, wovon euch die Säule am Wege gen Emmaus sicher ein sehr handgreifliches Beispiel bietet.
[GEJ.08_028,20] Wenn aber das alles also und unmöglich anders sich verhält, so müsset ihr, um zu lebendig wahren Begriffen über Gott zu gelangen, allen Tod aus dem endlosen Raume vollends verbannen und euch nichts als Leben über Leben und Intelligenz über Intelligenz vorstellen, weil es in dem unendlichen Intelligenz-Machtwesen Gottes ewig keinen Tod geben kann."
29. Kapitel
[GEJ.08_029,01] (Der Herr:) „Daß dem mit einem eigenen Lebensbewußtsein begabten Menschen aber der endlose Schöpfungsraum und das gar endlos viele in ihm Enthaltene wie stumm, tot und intelligenzlos vorkommt, hat seinen weisesten Grund darin, daß sein Lebensbewußtsein wegen der Gewinnung der vollsten, Mir ähnlichen Lebensselbständigkeit durch Meinen Willen von dem allgemeinen Lebensbewußtsein und dessen endlosester und höchster Intelligenz völlig abgesondert ist, damit es sich in sich selbst finde und sich dadurch zum ewigen Selbstfortbestande auf dem ihm wie von außen her geoffenbarten Wege auch selbst bilde und befestige.
[GEJ.08_029,02] Solange aber ein Mensch mit sich selbst wegen der Gewinnung seiner Lebensselbständigkeit zu tun hat, ahnt er kaum, daß er von lauter Leben und von der höchsten Lebensintelligenz umgeben und seinem Leibe nach auch durchdrungen ist, ohne dessen er eigentlich gar nicht da wäre. Wenn er aber nach dem ihm geoffenbarten Willen Gottes mit sich selbst fertig geworden ist, indem sein innerster Geist ihn ganz durchdrungen hat, da tritt der ganze Mensch dann auch in den freien Verband mit dem höchsten Leben und dessen lichtester Intelligenz in der allgemeinsten Unendlichkeit Gottes, ohne dabei sein Selbstisches und Persönliches zu verlieren. Dann aber gewahrt er außer sich auch keinen toten und stummen Raum und keine toten Steine mehr, sondern da wird für ihn alles Leben und lichte, sich selbst wohlbewußte Intelligenz.
[GEJ.08_029,03] Daß es aber also ist und sich verhält, beweist euch ja zuerst klar Meine von euch oft erprobte Allwissenheit. Wie könnte Ich denn um gar endlos vieles und alles wissen, wenn der Raum zwischen Mir, das heißt Meiner individuell-persönlichen Wesenheit, und zum Beispiel der Sonne oder einem andern noch um gar vieles ferneren Objekte ein lebloser und ein intelligenzloser wäre? Und zweitens beweist das auch schon die Weisheit gar vieler Menschen, die, obwohl ihren Ort nicht verlassend, um gar vieles wissen, was irgend in weiter Ferne sich befindet, wie und was mit demselben vor sich geht oder erst in der Folge vor sich gehen wird.
[GEJ.08_029,04] An den sieben Ägyptern habt ihr gleich ein sprechendes Beispiel. Wer hat sie benachrichtigt, daß Ich da sei? Sie wurden in sich aus der großen und allgemeinen Intelligenz dessen inne, wie auch des Weges, der sie hierher brachte. Wäre der Raum zwischen hier und Oberägypten ein leb- und intelligenzloser, so wären sie dessen auch unmöglich innegeworden, was hier ist und geschieht.
[GEJ.08_029,05] Des Menschen Seele ist in ihrem Leibe nur durch eine gar dünne, mit der allgemeinen Lebensintelligenz in keiner Verbindung stehenden Wand getrennt, und das genügt, daß sie in ihrem natürlichen Zustande zumeist gar keine Ahnung nur von dem hat, was oft zunächst, als hinter ihrem Rücken, ist und geschieht, und auch nicht einmal den tausendmal tausendsten Teil von dem begreift, was vor ihren Augen ist und vorgeht. Und das macht alles die höchst dünne, obbezeichnete Scheidewand zwischen ihrem speziellen und dem allgemeinsten endlosen Raumleben. Wenn aber diese Scheidewand von einer großen Dichte und Ausdehnung wäre, was würde dann erst so eine mächtig isolierte Seele von dem wissen, was sie nach allen Richtungen hin umgibt?!
[GEJ.08_029,06] Daß aber eine Seele dann und wann aus nur Mir bekannten Gründen durch eine stärkere und dichtere Scheidewand von dem allgemeinen allerintelligentesten Gottleben getrennt ist, das könnet ihr an den Blöden, Stummen und sogenannten Trottelmenschen gar wohl ersehen; eine solche Seele ist darum auch nur einer sehr mageren und dann und wann auch gar keiner Bildung fähig.
[GEJ.08_029,07] Warum aber auch das zugelassen wird, das weiß Ich gar wohl, und etliche von Meinen alten Jüngern wissen es teilweise auch; ihr andern aber werdet alles dessen schon noch innewerden.
[GEJ.08_029,08] Tierseelen, wie auch die der Pflanzen, aber sind von dem allgemeinen Gottraumesleben nicht strenge geschieden und sind darum aus dem Innewerden zu dem ohne allen Unterricht geschickt, wozu sie ihrer Beschaffenheit und Einrichtung nach bestimmt sind. Jedes Tier kennt seine ihm zusagende Nahrung und weiß sie zu finden; es hat seine Waffen und weiß sie ohne alle Übung zu gebrauchen.
[GEJ.08_029,09] So kennt auch der Geist der Pflanzen genauest den Stoff im Wasser, in der Luft und im Erdreich, der seiner besonderen Individualität dienlich ist. Der Geist oder die Naturseele der Eiche wird nimmer und niemals den Stoff an sich ziehen, von dem die Zeder ihr Sein und Wesen schafft. Ja, wer lehrt denn das eine Pflanze, daß sie gleichfort nur den für sie bestimmten Stoff an sich ziehen mag? Seht, das alles ist die Wirkung der höchsten und allgemeinsten Raumlebensintelligenz; aus dieser schöpft eine jede Pflanzen- und Tierseele die ihr speziell nötige Intelligenz und ist dann nach deren Weisung tätig.
[GEJ.08_029,10] Wenn aber also, wie das ein jeder Mensch aus der Erfahrung allzeit ersehen und wohl erkennen kann, so ist es ja klar, daß der endlose Raum und alles in ihm ein Leben und eine allerhöchste Intelligenz ist, von der die Menschenseele nur darum kein erschauliches Innewerden hat, damit sie mittels ihrer abgesonderten Intelligenz, die von höchst großem Umfange ist, ihre bleibende Lebensselbständigkeit sich erschaffen kann, was aber keine Pflanzen- und Tierseele vermag und darum für sich keine gesonderte, sondern nur eine mengbare und sonach bis zur Menschenseele hin eine unzählig oftmalige Veränderungsexistenz hat, von der ihr auch keine Erinnerung zurückbleibt, weil sie nach jeder Mengung und Wesensänderung auch in eine andere Intelligenzsphäre übergeht.
[GEJ.08_029,11] Selbst die Seele des Menschen, als die höchst potenzierte Zusammenmengung von Mineral-, Pflanzen- und Tierseelen, hat für ihre Präexistenzen keine Rückerinnerung, weil die speziellen Seelenteile in den obbenannten drei Reichen keine eigene und streng gesonderte, sondern für ihre Art nur aus dem allgemeinen Gottraumleben gewisserart entliehene Intelligenz besaßen. Es sind zwar in einer Menschenseele alle die zahllos vielen speziellen Vorintelligenzen vereinigt beisammen, und das bewirkt, daß die Menschenseele aus sich alle Dinge wohl erkennen und verständig beurteilen kann, aber ein spezielles Rückerinnern an die früheren Bestands- und Seinsstufen ist darum nicht denkbar und möglich, weil in der Menschenseele aus den endlos vielen Sonderseelen nur ein Mensch geworden ist.
[GEJ.08_029,12] Wenn aber der Mensch von dem Geiste alles Lebens und Lichtes vollends durchdrungen wird, so wird er solche Ordnung auch also in sich erschauen, wie Ich Selbst sie in Mir ewig und allzeit erschaue, daß nämlich aus Mir alles besteht und Ich Alles in Allem bin. – Und nun sage Mir, du Freund Lazarus, ob du das alles nun auch wohl begriffen hast! Und es steht auch einem jeden von euch frei, sich darüber zu äußern."
30. Kapitel
[GEJ.08_030,01] Sagte nun Lazarus: „Herr und Meister! Diese Deine nunmalige Erklärung übertrifft alles, was wir bis jetzt von Dir gehört und gesehen haben, und es wird mir erst jetzt vollends klar, warum Du Selbst zu uns Menschen als Selbst Mensch gekommen bist, um uns zu belehren über Gott und über uns selbst: weil wir von Dir aus bestimmt sind, ewig fortzuleben in der höchstmöglichen Selbständigkeit, was wir aber erst durch unsere Selbsttätigkeit nach Deiner Lehre uns frei erringen müssen, wollen und mit Deiner Hilfe auch werden.
[GEJ.08_030,02] Jetzt erst haben wir einen vollständig richtigen Begriff über Dich und auch über uns selbst und wissen auch, warum dies und jenes zu tun notwendig ist; denn ohnedem wäre es wohl keinem Menschen möglich, das wahre, ewige Leben zu erringen. Nun kennen wir das Wesen Gottes wahrhaft und kennen aber auch uns selbst. Nun ist es also denn auch ein leichtes, auf dem wohl erleuchteten Wege zum Leben fortzuwandeln. Aber wie viele tausendmal Tausende von Menschen haben keine Ahnung von allem dem und sind genötigt, den Weg des Verderbens fortzuwandeln! Wann sie möglich daraus, so wie wir nun, werden erlöst werden können, das weißt Du allein; uns aber bleibt nur der Wunsch übrig, daß die Menschenseelen sobald als möglich aus der zu großen Drangsal möchten befreit werden. Denn je heller und freier wir nun durch Deine Gnade werden, desto mehr und tiefer fühlen wir auch das Unglück aller derer, denen diese Gnade nicht zuteil wird.
[GEJ.08_030,03] Aber was läßt sich da machen? Wenn Du Selbst das also zuläßt aus Dir bekannten, sicher höchst weisen Gründen, so muß das denn auch uns also recht sein. Aber wie lange wird das noch dauern, bis alle Menschen auf der ganzen Erde eines Glaubens, eines Lichtes und eines wahren Brudersinnes werden?"
[GEJ.08_030,04] Sagte darauf auch Agrikola: „Ja, das ist auch fortwährend mein Kummer! Auch mich fängt mein stets helleres Licht im Herzen darum ganz ordentlich zu beengen an, weil ich dabei den Abstand der andern, beinahe gesamten Menschheit nur zu klar erschaue. Herr und Meister, Dir ist die Zukunft so bekannt, wie Dir sicher alle unsere Gedanken und Wünsche bekannt sind, und so könntest Du uns schon auch eine ganz bestimmte Zeit angeben, in der doch sicher der größte Teil der Menschen sich eines höheren und wahren Lebenslichtes wird zu erfreuen haben!"
[GEJ.08_030,05] Sagte Ich: „Es ist dem Menschen, solange er auf dieser Erde als im Geiste noch nicht völlig wiedergeboren wandelt, eben nicht gar besonders zum Guten dienlich, wenn er um gar zu vieles weiß, und die ihm zu klar enthüllte Zukunft würde sein noch zu wenig starkes Gemüt erdrücken und leicht zur Verzweiflung bringen.
[GEJ.08_030,06] Bedenke du nur den einzigen Umstand, wie es den Menschen zumute wäre, so sie ganz bestimmt wüßten, in welcher Zeit und Stunde sie dem Leibe nach sterben werden! Es ist ihnen schon unangenehm zu wissen, daß sie sicher sterben müssen; wie noch unangenehmer wäre es ihnen, auch das Jahr, den Tag und die Stunde zu wissen, wann der Leibestod über sie kommen werde!
[GEJ.08_030,07] Ah, etwas ganz anderes ist es mit dem hier schon völlig im Geiste alles Lebens wiedergeborenen Menschen, der sein künftiges Leben schon in aller Klarheit in sich hat und allerwahrst und lebendigst fühlt! Der kann seines Leibes Ziel und Ende schon ganz genau zum voraus wissen; denn die Zeit der Abnahme der schweren Bürde wird ihn nicht mit Trauer, sondern nur mit einer höchsten Freude erfüllen. Aber bei einem gewöhnlichen Menschen würde solch eine bestimmte Voraussicht sicher von einer höchst traurigen Wirkung sein.
[GEJ.08_030,08] Darum forschet auch ihr nicht zu emsig nach der Gestaltung der Zukunft, sondern begnüget euch mit dem, was ihr als zum Heile eurer Seele Nötiges wisset, und dann auch mit dem, daß Ich in Meiner Liebe und Weisheit darum weiß und sicher alles so werde kommen lassen, wie es zu jeder Zeit für die gute oder auch entartete Menschheit sicher noch immer am besten sein wird, und ihr werdet dann auch jede böse und gute Zukunft erträglich finden!
[GEJ.08_030,09] Wenn ihr aber selbst im Geiste des Lebens werdet wiedergeboren sein, so werdet ihr auch in die Zukunft zu schauen imstande sein und werdet darob nicht betrübt und schwach werden.
[GEJ.08_030,10] Wie es sich aber in der ferneren Zukunft gestalten wird, habe Ich erstens durch die Nachterscheinung schon ziemlich klar gezeigt und noch klarer in der Erklärung der zwei Kapitel des Propheten Jesajas, und Ich werde euch schon noch ein Weiteres von dem Ende der eigentlichen argen Menschenwelt zeigen, womit ihr zwar auch nicht besonders zufrieden sein werdet. Aber in dieser nunmaligen Mitternachtsstunde lassen wir die Sache noch auf sich beruhen; denn wir haben noch um vieles notwendigere Dinge miteinander zu besprechen und zu verhandeln. Wer von euch denn noch etwas hat, der frage, und Ich werde ihn erleuchten."
31. Kapitel
[GEJ.08_031,01] Sagte hierauf Agrippa: „Herr und Meister, weil Du in dieser Nacht mit dem Lichtgeben schon einmal so freigebig bist, so möchte ich von Dir bei dieser Gelegenheit über eine sonderbare Lebenserscheinung unter den Menschen eine rechte Aufhellung haben!
[GEJ.08_031,02] Siehe, ich bin gleich dem Freunde Agrikola ein um recht vieles wissender und auch in manchen seltenen Dingen wohlerfahrener Mensch und kann darum auch über so manches reden, was gerade nicht jedem Menschen möglich wäre. Ich kam vor mehreren Jahren in hohen Amtsgeschäften nach Illyrien in Europa. Dieses Illyrien ist ein sehr gebirgiges und zum großen Teil auch ein ödes und hartes Land, und seine Bewohner sind darum auch wenig gebildet und haben mit dem von ihnen bewohnten Lande viele Ähnlichkeit. Sie sind hart, im Geiste wenig fruchtbar, aber dafür in allerlei Sagen und besonders in allerlei Aberglauben stark und wie ihr Land an allerlei Unkraut sehr fruchtbar.
[GEJ.08_031,03] Nun, in einem Flecken, wo wir Römer schon seit langer Zeit eine feste Burg haben, fand ich eine Gruppe Menschen, worunter sich auch ein paar Priester befanden. Diese hatten mit einem Menschen von etwa dreißig Jahren Alter zu tun, von dem sie mir angaben, daß er schon jahrelang von einem Kakodämon besessen sei und sie nun Versuche machten, ihn von diesem zu befreien. Der Mensch sei der Sohn einer in diesem Orte angesehenen Familie, und es leide das ganze Haus, ja zuzeiten sogar der ganze Ort von diesem Menschen eine rechte Höllenqual, und doch könne der Mensch nichts dafür, da er selbst dabei der am meisten Geplagte sei.
[GEJ.08_031,04] Ich hielt das anfangs für eine Narrheit dieser Menschen und daneben aber auch für einen feinen Kniff der Priester, die sich irgendein dazu präpariertes Menschenindividuum ausgesucht hätten, um durch dessen vielleicht nur eingelernte Raserei das wundersüchtige Volk sich anheischiger und an sie gläubiger zu machen. Aber als ich mich bald darauf mit allen meinen Sinnen überzeugte, daß des Menschen Raserei durchaus keine natürliche sein konnte, weil seine Kraftäußerungen sich zu einer solchen Höhe steigerten, gegen die die sogenannten Herkulischen Arbeiten purste Kinderspielereien wären, so fing ich selbst an, das Vorhandensein eines Kakodämons in dem Menschen aus völliger Überzeugung zu glauben.
[GEJ.08_031,05] Die zwei Priester, die sich bei dem unglücklichen Menschen nach vorausgegangenen Symptomen wohl recht gut auskannten, sagten zu den andern, lauter starken Männern: ,Die Zeit des Tobens und Rasens wird bald erscheinen; darum bindet und knebelt ihn nun sogleich mit den stärksten Stricken und Ketten!‘ Denn nur dann werde den Menschen der Kakodämon verlassen, so er dessen etwa geweihte Stricke und Ketten nicht zu zerreißen imstande sein werde.
[GEJ.08_031,06] Darauf wurde der Mensch mit Stricken und Ketten derart zusammengeknebelt, daß nach einer solchen Knebelung hundert Herkulesse sich nimmer hätten rühren können. Darauf entfernten sich die Priester und auch die andern Menschen auf wenigstens hundert Schritte von dem Geknebelten und baten auch mich, das Gleiche zu tun. Ich tat auch, was sie mir rieten.
[GEJ.08_031,07] Es dauerte aber keine zwanzig Augenblicke, nachdem wir uns in der vorbesagten Ferne befanden, da erhob sich unter gräßlichem Gejauchze der Mensch pfeilschnell, zerriß in einem Augenblick Stricke und Ketten in viele Stücke, sprang darauf gleichfort gräßlich jauchzend unglaublich hoch vom Boden in die Luft, faßte dabei aber auch noch mehrere hundert Pfund schwere Steine und schleuderte sie gleich leichten Bohnen um sich herum. Als dieses Toben und Rasen bei einer Stunde lang angedauert hatte, da sank der Mensch ganz ohnmächtig auf den Boden, und wir durften uns ihm wieder nahen.
[GEJ.08_031,08] Die beiden Priester richteten Fragen an ihn, daß er ihnen sage, wie es ihm ergangen sei. Er aber wußte nichts von seiner Raserei, sondern erzählte nur ein Traumgesicht, nach dem er sich in einer sehr schönen Gegend befunden habe. Bei dieser kurz dauernden Erzählung war der Ton seiner Stimme ein ganz sanfter, wie der einer geduldig leidenden Mutter; aber bald änderten sich Ton und Sprache. Es ward ihm der Mund weit, wie durch eine magische Gewalt aufgesperrt und eine ganz fremde, donnerähnlich kräftige Stimme in griechischer Zunge drang aus dem weit aufgesperrten Munde an unsere Ohren mit ungefähr diesen Ausdrücken:
[GEJ.08_031,09] ,O ihr elenden Mücken unter Menschenlarven wollet mich da aus diesem gemieteten Hause vertreiben!? Alle römischen Heere sind das nicht imstande! Ehe noch ein Stein zur Erbauung Roms in Bereitschaft lag, ja gar lange eher war ich der berühmte König Cyaxares, der erste dieses Namens, habe die Skythen geschlagen, mit Lydien Krieg geführt. Meine zweite Tochter Mandane wurde des Königs der Perser Weib und Mutter des berühmten großen Cyrus, dessen Vater Kambyses hieß. Mehr brauchet ihr nicht zu erfahren!
[GEJ.08_031,10] Dieses Fleischhaus aber, das ich nun beliebig bewohne und mich daraus nicht vertreiben lasse, stammt von meinem Blut, und ich besitze es darum mit Recht! Darum ist alle eure Mühe, mich daraus zu vertreiben, eine vergebliche; ich kann in diesem meinem Hause mich unterhalten, wie es mir gefällig ist!‘
[GEJ.08_031,11] Auf dieses sonderbare Gespräch stieß er noch einige gräßliche Verwünschungen und Drohungen über die beiden Priester aus, riß den Menschen einige Male, worauf dieser wieder zu sich kam, sich äußerst schwach fühlte und etwas zu essen verlangte. Er wurde, als er nach zu sich genommener Speise etwas kräftiger ward, wieder befragt, ob er darum wisse, was er zuvor geredet habe. Er verneinte das mit seiner natürlichen, weichen Stimme, wohl aber erinnere er sich, daß er geschlafen habe und sich im Traume unter weißgekleideten Jünglingen befand.
[GEJ.08_031,12] Ich besprach mich dann sonderlich mit den Priestern und auch mit des Menschen noch lebenden Eltern und riet ihnen, daß man solch einem Menschen auf eine gute Art das Leben nehmen sollte, so werde der Kakodämon dann sein Haus wohl verlassen müssen. Aber da versicherten mir alle, daß dies so gut wie rein unmöglich wäre und der, welcher so etwas unternähme, sich selbst in die größte Lebensgefahr begeben würde. Es habe das schon einer versucht, sei aber sehr böse zugerichtet davongekommen. Ich bin bald darauf von dem unseligen Orte abgezogen und habe mir dieses treu erlebte Faktum wohl notiert, habe es auch oft schon weisen Menschen erzählt, auch hier den Juden schon, aber von einer nur einigermaßen genügenden Erklärung darüber war da noch nie eine Rede.
[GEJ.08_031,13] Man erzählte mir wohl auch manches von Menschen, die von Teufeln oder bösen Geistern besessen seien, und daß es sehr schwer sei, solche Leidende zu heilen; aber niemand wußte mir zu sagen, wer eigentlich solche Teufel oder böse Geister seien, und wie sie in einem armen und schwachen Menschen sich einbürgern und dessen Natur gänzlich beherrschen mögen und dürfen. Oft fände man schon Kinder, die von den bösen Geistern jämmerlich geplagt werden.
[GEJ.08_031,14] Herr und Meister, was ist da wohl dahinter? Betrug von seiten eines solchen unglücklichen Menschen ist da wohl sicher keiner möglich; denn das, was ich an dem Illyrier erlebt habe, war sicher so ferne von einem Betruge wie von einem Ende der Welt bis zum andern."
32. Kapitel
[GEJ.08_032,01] Sagte Ich: „Deine Erfahrung ist eine ganz richtige, und Ich Selbst habe hier im Lande der Juden und auch bei den Griechen mehrere von solchen Übeln befreit. Es gibt demnach wirklich solche Menschen, die von bösen Geistern auf eine Zeitlang, im Fleische aber nur, in Besitz genommen werden, ohne dadurch der Seele eines solchen Besessenen nur im geringsten schaden zu können.
[GEJ.08_032,02] Die das Fleisch eines Menschen in Besitz nehmenden argen Geister sind im Ernste Seelen verstorbener Menschen, die einst auf der Welt ein arges Leben geführt haben, und das wohl wissend, daß ihr Tun ein böses war.
[GEJ.08_032,03] Es kommt aber das Besessensein nur unter jenen Menschen vor, bei denen der Glaube an einen Gott und an die Unsterblichkeit der Seele rein gar geworden ist.
[GEJ.08_032,04] Diese an sich schlimm aussehenden Vorkommnisse in den glaubensfinsteren Zeiten sind demnach eine Zulassung, damit die Ungläubigen darin eine derbe Mahnung erhalten, daß ihr Unglaube ein eitler ist, und daß es nach dem Abfalle des Leibes ein sicheres Fortleben der Seele des Menschen gibt und sicher auch einen Gott, der die Bosheit und Dummheit der Menschen auch jenseits gar wohl zu züchtigen imstande ist.
[GEJ.08_032,05] Der arge Geist, der da das Fleisch eines Menschen in Besitz nimmt, erfährt trotz seines bösen Sträubens die für ihn kaum erträglichen Demütigungen und wird darauf in sich sanfter und lichter; und die Zeugen vom Vorkommen solcher Zustände werden aus ihrem zu materiellen und finsteren Lebenswandel wie mit Gewalt gerissen, fangen an, über Geistiges nachzudenken, und werden besser in ihrem Tun und Lassen.
[GEJ.08_032,06] Und so hat diese unter den Menschen vorkommende und sehr schlimm aussehende Sache auch wieder in den Zeiten der größten Glaubensnot ihr entschieden Gutes, wie du das bei deinen Illyriern sicher selbst wahrgenommen hast.
[GEJ.08_032,07] Die beiden Priester, die ehedem das Volk durch allerlei magische Betrügereien an sich zu fesseln verstanden, für sich nichts glaubten, aber sich dabei dennoch bedeutende Schätze sammelten, sind durch jenen Besessenen auf ganz andere Gedanken gekommen und haben von ihren Betrügereien bedeutend abgelassen; denn der böse Geist hat es ihnen schon mehrere Male vorgedonnert, daß sie sehr elende Betrüger seien, und daß er um vieles besser sei denn sie, die ihn in ihrer Ohnmacht bekämpfen wollten.
[GEJ.08_032,08] Die beiden Priester glauben nun vollends an ein Fortleben der Seele nach des Leibes Tode und glauben nun an einen Gott, weil ihnen der Geist auch mehrere Male ins Gesicht geschrien hat, daß er selbst als ein böser Geist um gar vieles mehr sei als zehntausend Legionen ihrer eingebildeten Götter, mit deren Hilfe sie ihn austreiben wollten; aber es gäbe nur einen wahren Gott, dem er gehorchen würde, so dieser ihm geböte, aus dem Fleischhause zu ziehen.
[GEJ.08_032,09] Solches aber vernahmen auch die andern Menschen und sind darum auch eines andern und besseren Glaubens geworden, und es ist somit solch ein Besessensein eben nicht immer etwas gar so Schlechtes und von Gott wie ungerecht Zugelassenes, wie es sich die menschliche Vernunft vorstellt.
[GEJ.08_032,10] Bei Menschen, die im wahren und lichtvoll lebendigen Glauben sind, kommt das Besessensein schon gar nie vor, weil des Menschen Seele und der Geist in ihr auch den Leib also durchdringen, daß da kein fremder und etwa auch noch arger Geist in ein lauteres und durchgeistigtes Fleisch dringen kann; aber wo die Seele eines Menschen finster, fleischlich und materiell geworden ist und dadurch auch ängstlich und furchtsam, krank und schwach, daß sie einem fremden Eindringling keinen Widerstand leisten kann, da geschieht es auch leicht, daß dann und wann die argen Seelen, die sich nach dem Austritt aus dem Leibe zumeist in jenen niederen Regionen dieser Erde aufhalten und ihr Unwesen treiben, wo die Menschen ihres Gelichters im Fleische leben, in den Leib irgendeines schwachen Menschen dringen, sich zumeist im sinnlichsten Unterleibe ansetzen und sich als fremde und stets arge Geister durch das Fleisch des Besessenen nach außen hin zu äußern anfangen.
[GEJ.08_032,11] Für die Seele aber erleidet der Besessene niemals einen Schaden, wie Ich das schon gleich anfangs bemerkt habe, und so ist das Besessensein, wie auch schon gesagt, eben nicht so etwas Arges, wie es den Menschen vorkommt.
[GEJ.08_032,12] Wo ihr aber in der Folge solche Besessene antreffen werdet, da leget ihnen in Meinem Namen die Hände auf, und die argen Geister werden den Besessenen verlassen. Solltet ihr aber irgendeinen treffen, der von einem hartnäckigen Geiste besessen ist, den bedrohet, und er wird dann sogleich gehorchen dem, der ihn ernst und vollgläubig in Meinem Namen bedroht hat! Denn wo durch euch Meine Lehre den Menschen gepredigt wird, da ist es nicht mehr nötig, daß auch die Teufel den ganz gefallenen Glauben aus dem Fleische eines Besessenen bei den Menschen aufrichten sollen. Wo die Engel lehren, da sollen die Teufel in die Flucht geschlagen werden!
[GEJ.08_032,13] Was aber nun jenen illyrischen Besessenen betrifft und auch seine Umgebung, so lebt er noch und ist nun von seiner Plage befreit, und seine Umgebung glaubt nun an einen, ihnen freilich noch unbekannten Gott, wie auch an die Unsterblichkeit der Seele, und so jemand von euch in der Bälde dahin kommen wird in Meinem Namen, so wird er bei jenen Menschen und auch im weiten Umkreise jenes Landes ein leichtes haben, jene Menschen zum wahren Glaubenslichte zu bekehren und ihren Aberglauben zu vernichten. – Hast du, Agrippa, das nun wohl verstanden?"
33. Kapitel
[GEJ.08_033,01] Sagte Agrippa: „Herr und Meister, das ist mir nun, wie auch sicher den andern, klar, und ich danke Dir für dieses Licht. Doch etwas Kleines habe ich dabei noch zu bemerken, und das besteht darin, daß Du uns auch anzeigen möchtest, wo sich örtlich im Vergleich mit dieser Erde die eigentliche Geisterwelt befindet. Du hast in Deiner Rede zwar wohl so ein Fünklein fallen lassen, aber ich konnte daraus noch nicht völlig klug werden. Wenn es Dir genehm wäre, so möchte ich Dich wohl darum bitten, mir auch in dieser Hinsicht das Geeignete zu sagen."
[GEJ.08_033,02] Sagte Ich: „Es hat zwar alle Geisterwelt, wie Ich das schon einige Male dargetan habe, mit dem Raume und der Zeit dieser materiellen, gerichteten und somit unfreien Welt durchaus nichts mehr zu tun; aber er (der Raum), als eine äußerste Hülle, ist am Ende dennoch der Träger aller Himmel und aller Geisterwelten, weil diese sich irgend außerhalb des unendlichen Schöpfungsraumes nirgends befinden können. Und so muß es, um klar und für euch verständlich zu reden, auch gewisse Räumlichkeiten geben, in denen sich die Geisterwelten wie örtlich befinden, obschon besonders einen vollendeten Geist die Örtlichkeit des Raumes ebensowenig angeht wie dich nun dieser Ölberg, wenn du dir Rom oder Athen denken willst, denn für den Geist gibt es sogestaltig weder einen bestimmten Raum noch irgendeine gemessene Zeit.
[GEJ.08_033,03] Aber was das sogenannte individuelle Wesen eines Geistes betrifft, so kann es sich dennoch sowenig wie Ich nicht völlig außer Raum und Zeit befinden; und so befinden sich denn auch die Seelen der von dieser materiellen Welt Abgeschiedenen in einer bestimmten örtlichen Räumlichkeit, obwohl besonders die lebensunvollendeten keine Ahnung davon haben, – sowenig wie du in einem Traume, in dem du dich zwar auch bald in dieser und bald in einer ganz anderen Gegend recht behaglich und sogar tätig befindest, ohne dabei die materiell- räumliche Örtlichkeit für dein persönliches Individuum auch nur um eine Linie zu verändern.
[GEJ.08_033,04] Du willst aber von Mir die eigentliche, gleichsam stabile Örtlichkeit kennenlernen, in der sich besonders die lebensunvollendeten Seelen nach dem Tode des Fleisches befinden, und Ich will dir das denn auch treulich kundgeben. Und so höre Mich denn und verstehe Mich wohl, was Ich dir darüber sagen werde!
[GEJ.08_033,05] Wenn ein Mensch in seinem Leibesleben eine besondere Liebe für diesen oder einen andern Ort auf der materiellen Welt hatte, so bleibt er auch als abgeschiedene Seele in demselben Ort, oft viele hundert Jahre lang und wird dessen auch, wenn auch unklar, zuweilen inne auf dem Wege der geistigen Entsprechungen.
[GEJ.08_033,06] Wo du demnach auf dieser Erde einen Ort hast, da hast du auch schon eine Örtlichkeit für die Welt der Geister, die in sich aber freilich wohl keine materielle, sondern nur eine geistige ist, weil sie aus der gewissen Phantasie der Geister mittels ihres Willens entsteht.
[GEJ.08_033,07] Du kannst demnach eine solche von dir selbst geschaffene Welt kreuz und quer durchreisen, bleibst aber als Individuum dennoch fest in ein und derselben materiellen Örtlichkeit.
[GEJ.08_033,08] Es sei aber zum Beispiel ein Mensch, der eine große Sehnsucht dahin in sich trägt, den Mond, die Sonne und auch die Sterne näher kennenzulernen. Wenn eines solchen Menschen Seele entleibt wird, so ist ihre materielle Örtlichkeit auch schon dort, wohin sie ihre Liebe gezogen und gestellt hat. Dort wird sie auch bald durch die Geister jener Welten in Verkehr treten und ihre dortigen Anschauungen und Studien in tätigsten Angriff nehmen.
[GEJ.08_033,09] Ist eine Seele aber hier schon von der Liebe zu Gott vollends durchdrungen, so wird ihre materiell-individuelle Bestandsörtlichkeit zwar aus der Nähe dieser Erde als der Erziehungswiege für die Kinder Gottes nicht verändert, aber sie wird durch Mich dennoch im hellsten Lebenslichte die ganze Unendlichkeit nach dem stets steigenden Bedürfnisse ihrer Intelligenz und daraus hervorgehenden Seligkeit durchwandern können, ohne dabei die materiell-räumliche Örtlichkeit für ihr individuelles Sein auch nur um eine Linie verändern zu dürfen, gleichwie auch Ich sie im Geiste nicht verändere und dennoch allenthalben in der ganzen Unendlichkeit zugleich gegenwärtig bin.
[GEJ.08_033,10] Ein Mehreres und Tieferes kann Ich dir darüber jetzt nicht sagen; wenn du aber im Geiste selbst wiedergeboren sein wirst, so wirst du auch noch ein Mehreres sonnenklar verstehen. – Hast du nun das wohl verstanden?"
[GEJ.08_033,11] Sagten hierauf Agrippa und auch viele andere: „Herr und Meister, wir danken Dir für diese Deine uns allen sehr nötig gewesene Erklärung; denn wir alle hatten die Gelegenheit zu öfteren Malen, Besessene aller Art und Gattung zu sehen und zu beobachten, und wußten uns die Sache unmöglich anders zu erklären, als daß solche Unglücklichen von ganz wirklichen Teufeln besessen und somit auch ihre Beute sind, wenn sie ihrer nicht los werden können.
[GEJ.08_033,12] Unter solcher Beurteilung über das Vorkommen des Besessenseins waren wir genötigt, entweder den Besessenen selbst als einen gröbsten Sünder und von Gott schon auf dieser Welt als vollends verdammt anzusehen, oder wir zuckten da über die Liebe und höchste Gerechtigkeit Gottes besonders dann heimlich mit unseren Achseln, wenn wir uns oft von der Unbescholtenheit des Besessenen sowohl als auch von der Frömmigkeit seiner Eltern gelegentlich nach allen Richtungen hin überzeugen konnten, was uns wahrlich nicht zu verargen war. Aber nun hat diese Sache freilich ein ganz anderes Gesicht bekommen, und wir sind über die Maßen froh, daß wir durch Deine Gnade auch da ins reine gekommen sind."
[GEJ.08_033,13] Sagte Ich: „Nun, wohl denn also, so ihr nun auch in dieser Sphäre im klaren seid, da haben wir bis zum Morgen noch bei vier Stunden Zeit, uns noch über so manches zu besprechen und ins reine zu stellen. Wenn jemand von euch irgend im unklaren ist, so frage er laut, und es soll ihm ein rechtes und helles Licht werden; denn euch will Ich es geben, das Geheimnis alles Gottesreiches wohl zu verstehen!"
34. Kapitel
[GEJ.08_034,01] Hier trat wieder einer der zu Emmaus bekehrten Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, auf und sagte: „Herr und Meister! Wir wissen nun wohl, was es mit den Besessenen der Wahrheit nach für eine Bewandtnis hat, und wer im Grunde die argen Geister sind, von denen hie und da eine Menschennatur in Besitz genommen wird; aber es wird in der Schrift dennoch von den wirklichen, urerzbösen Teufeln und von ihrem Fürsten, dem Satan, sehr augenfällig gesprochen und auch gesagt, daß der Satan, auch Luzifer genannt, und eine zahllose Menge der nach ihm sich gerichtet habenden Engel von Gott verstoßen und ins ewige Höllenfeuer verworfen worden sind.
[GEJ.08_034,02] Also steht es auch geschrieben, wie eben der Satan in der Gestalt einer Schlange die ersten Menschen zum Falle brachte, und wie Gott durch ihn den frommen Hiob versuchen ließ.
[GEJ.08_034,03] Was hat es nun nach Deiner neuen Lehre mit dem Satan und mit seinen ihm untergeordneten Teufeln für eine Bewandtnis? Wer und wo ist der Satan, und wer und wo sind die Teufel?
[GEJ.08_034,04] Wenn es uns schon von Dir aus gegönnt ist, das gesamte Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, so müssen wir auch in dieser Sache im klaren sein, und Du wolle uns großgnädig darüber eine verständliche Aufklärung geben!"
[GEJ.08_034,05] Sagte Ich: „Darüber ist von Mir schon vieles gesagt und erklärt worden, und Meine älteren Jünger wissen es, woran sie sind; aber da du bei Mir noch ein Neuling bist, so magst du wohl danach fragen, was dir noch nicht verkündet ward, und so magst du Mich vernehmen!
[GEJ.08_034,06] Siehe, was der endlose Raum als eine Materie in sich faßt, das ist gerichtet und dadurch gefestet durch die Macht des Willens Gottes! Wenn es nicht also wäre, da befände sich keine Sonne, kein Mond, keine Erde und gar keine Kreatur im ganzen endlosesten Raume; nur Gott allein bestünde in der Anschauung Seiner großen Gedanken und Ideen.
[GEJ.08_034,07] Gott aber hat schon von Ewigkeit her Seine Gedanken wie gleichsam aus Sich hinausgestellt und sie verkörpert durch Seinen allmächtigen Willen. Diese verkörperten Gedanken und Ideen Gottes aber sind dennoch keine so ganz eigentlichen Körper, sondern sie sind gerichtetes Geistiges und Gefäße zur Ausreifung für ein selbständiges Sein. Es sind das sonach Geschöpfe, bestimmt, wie aus sich und aus eigener Kraft neben Mir, dem ihnen sichtbaren Schöpfer, für ewig fortzubestehen.
[GEJ.08_034,08] Alle Kreatur als ein gerichtetes Geistiges ist gegen das schon Rein- und Freigeistige noch unrein, unreif, daher noch nicht gut, und kann dem reingeistig Guten gegenüber als an und für sich noch schlecht und böse angesehen werden.
[GEJ.08_034,09] Verstehe sonach unter ,Satan‘ im allgemeinen die ganze materielle Schöpfung und unter ,Teufel‘ das getrennte Spezielle derselben.
[GEJ.08_034,10] Wenn ein Mensch auf dieser Welt nach dem erkannten Willen Gottes lebt, so erhebt er sich dadurch aus der geschöpflichen Gefangenheit und geht in die ungeschöpfliche Freiheit Gottes über.
[GEJ.08_034,11] Ein Mensch aber, der an einen Gott nicht glauben und darum auch nicht handeln will nach dessen den Menschen geoffenbarten Willen, versenkt sich dann stets mehr und mehr und tiefer und tiefer in das geschaffene Materielle und wird geistig unrein, schlecht und gerichtet böse und somit ein Teufel; denn alles pur Geschaffene und Gerichtete ist, wie schon gezeigt, dem ungeschaffenen Rein- und Freigeistigen gegenüber unrein, schlecht und böse, nicht aber etwa darum, als hätte Gott aus Sich je etwas Unreines, Schlechtes und Böses erschaffen können, sondern nur in und für sich darum, weil es erstens des Daseins wegen notwendig ein Geschaffenes sein muß, begabt mit Intelligenz und Tatkraft und im Menschen auch mit freiem Willen, und zweitens, weil es in sich das geschaffen Gegebene, um zur möglichen Selbständigkeit zu gelangen, selbsttätig zu verwenden und wie in sein Eigentümliches zu verkehren hat.
[GEJ.08_034,12] Vor Gott aber gibt es nichts Unreines, nichts Schlechtes und nichts Böses; denn Dem Reinen ist alles rein, und alles ist gut, was Gott geschaffen hat, und Gott gegenüber gibt es denn auch keinen Satan, keinen Teufel und somit auch keine Hölle. Nur das Geschaffene in und für sich ist alles das so lange, als es ein Geschaffenes und Gerichtetes zu verbleiben hat und endlich im Besitze des freien Willens, ob gut oder böse, verbleiben will.
[GEJ.08_034,13] Wenn es denn in der Schrift heißt, daß Satan in der Gestalt einer Schlange das erste Menschenpaar verführt habe, so will das soviel sagen als: Das erste Menschenpaar, das Gott und Seinen Willen wohl kannte, hatte sich von der Anmut der materiellen Welt bestechen lassen, und ihres gerichteten Fleisches Begehren und Stimme sagte: ,Wir wollen sehen, was daraus wird, so wir einmal dem wohlerkannten Willen Gottes zuwiderhandeln! Denn Gott Selbst hat uns das Handeln freigestellt; wir können dadurch an unserer Erkenntnis ja nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Denn Gott weiß es sicher, was uns durch ein freies Handeln werden kann, wir aber wissen es nicht; darum handeln wir einmal nur nach unserem Sinn, und wir werden dann durch die Erfahrung auch das wissen, was nun Gott allein weiß!‘
[GEJ.08_034,14] Und siehe, also aßen die beiden von dem verbotenen Baume der Erkenntnis auf dem Wege der selbst machen wollenden Erfahrung und versanken dadurch um einen Grad tiefer in ihr gerichtetes Materielles, das dem freien Geistleben gegenüber auch ,der Tod‘ genannt werden kann.
[GEJ.08_034,15] Sie erkannten darauf wohl, daß in ihrem Fleische das Mußgericht und der Tod daheim ist, der bei der steigenden Weltliebe auch die freie Seele in sein Gericht und in seine Unfreiheit begraben kann, und so verloren sie denn auch das reine Paradies, das in der vollen Einung der Seele mit ihrem Geiste bestand, und mochten aus sich heraus dasselbe wohl nicht völlig wiederfinden; denn ihre Seele war vom Stachel der Materie verletzt worden und hatte dann viel zu tun, um sich noch so frei als möglich über dem Gerichte des geschaffenen Muß zu erhalten, wie das nun bei allen Menschen der Fall ist, – und Ich bin darum in diese Welt gekommen, um den Menschen wieder den wahren Lebensweg zu zeigen und das verlorene Paradies durch Meine Lehre wiederzugeben.
[GEJ.08_034,16] Also ist es auch bei Hiob der Fall. Hiob war ein irdisch äußerst glücklicher Mann und hatte viele Güter. Er war aber auch ein weiser und Gott sehr ergebener Mensch, der strenge nach dem Gesetze lebte. Sein außerordentlicher Wohlstand machte aber dennoch sein Fleisch mehr und mehr begierlich und machte große Anforderungen an den Geist in ihm.
[GEJ.08_034,17] Der gerichtete Geist des Fleisches sagte gewisserart zur Seele: ,Ich will denn doch sehen, ob ich dich durch alle meine irdischen Freuden und Leiden von deinem Gott nicht abziehen, dich in deiner Geduld nicht ermüden und nicht in mein Mußgericht setzen kann!‘
[GEJ.08_034,18] Da kostete es Hiob einen mächtigen Kampf; denn einerseits standen ihm alle irdischen Freuden zu Gebote, die er zwar genoß, aber dieselben übten über seine Seele dennoch keine Herrschaft aus, und sie blieb mit dem Geiste im Verbande.
[GEJ.08_034,19] Da aber der arge Geist der Materie mit der Seele auf diese Art nichts ausrichtete, so ward die Seele Hiobs durch allerlei körperliche Unannehmlichkeiten versucht, die bildlich im Buche dargestellt sind. Aber Hiob bestand sie alle mit Geduld, obschon er hie und da murrte und über seine Not klagte, aber am Ende dennoch allzeit offen bekannte, daß ihm Gott zuvor alles gegeben, nun weggenommen und ihm wiedergeben könne, und das noch mehr, als Er ihm genommen hatte wegen der Vollstärkung der Seele im Geiste.
[GEJ.08_034,20] Wenn aber also, wer war dann der Satan, der den frommen Hiob so sehr versuchte? Es war der gerichtete Geist seines Fleisches, das heißt dessen verschiedenartige Begierlichkeiten!
[GEJ.08_034,21] Aber einen gewissen persönlichen Ursatan und persönliche Urteufel hat es in der Wirklichkeit niemals woanders gegeben als nur in der gerichteten Weltmaterie aller Art und Gattung. Daß aber der Satan und die Teufel von den alten Weisen unter allerlei Schreckensbildern dargestellt wurden, hat den Grund darin, damit die Seele unter allerlei argen Formen sich einen Begriff bilde, welch eine Not ein freies Leben zu erleiden hat, so es sich wieder von dem Gerichte der Materie gefangennehmen läßt."
35. Kapitel
[GEJ.08_035,01] (Der Herr:) „Ich Selbst habe Meinen ersten Jüngern einmal den Satan in einem entsprechenden Bilde auftreten lassen, und sie entsetzten sich gewaltigst vor demselben. Desgleichen geschah auch zu öfteren Malen bei den Altvätern dieser Erde; doch damals ward keine Erklärung darum wörtlich hingesetzt, weil die Alten, aus dem Geiste Weise, die bildliche Darstellung auf dem Wege der inneren Entsprechungen wohl verstanden und darum auch sagten: Erschrecklich ist es, in die Gerichtshände Gottes zu fallen, das heißt: Erschrecklich ist es für eine Seele, die schon einmal zum vollen Selbstbewußtsein gelangt ist, sich wieder von dem nie wandelbaren Gerichtsmuß des göttlichen Willens in der Materie gefangennehmen zu lassen.
[GEJ.08_035,02] Daß dieses für die Seele als etwas Erschreckliches bezeichnet wird, das lehrt jedermann die Erfahrung eines Sterbenden, der zuvor nicht die volle Wiedergeburt im Geiste erlangt hat.
[GEJ.08_035,03] Warum fürchtet sich denn solch eine Seele gar so sehr vor dem Tode ihres Leibes? Weil sie, als noch in sein Mußgericht verstrickt, auch mit zu sterben wähnt! Daß das also der Fall ist, das könnet ihr bei allen jenen ersehen und wohl erkennen, die darum an ein Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes entweder gar nicht oder nur schwer glauben, weil sie auch entweder ganz oder zum größten Teil im Gerichte ihres Fleisches steckt und somit auch dessen Tod mitempfinden muß auf so lange hin, als sie nicht von demselben durch Meinen Willen völlig getrennt wird.
[GEJ.08_035,04] Da ihr nun aber hoffentlich wohl erkennen werdet, was es mit dem eigentlichen Satan und seinen Teufeln für eine wahre Bewandtnis hat, so werdet ihr daraus auch von selbst in euch darüber klarwerden können, daß es auch mit der Hölle die gleiche Bewandtnis haben muß. Sie ist gleich dem Satan in sich das ewige Mußgericht, also Welt und ihre Materie.
[GEJ.08_035,05] Warum aber wird der Satan auch ein Fürst der Finsternis und der Lüge genannt? Weil alle Materie das nicht ist, was sie zu sein scheint, und wer sie in seiner Liebe dem Scheine nach erfaßt und sich von ihr gefangennehmen läßt, der befindet sich denn auch offenbar im Reiche der Lüge und, der Wahrheit gegenüber, im Reiche der Finsternis.
[GEJ.08_035,06] Wer zum Beispiel die sogenannten Schätze aus dem Reiche der toten Materie zu sehr liebt, sie für das hält und schätzt, was sie zu sein scheinen, und nicht für das, was sie der Wahrheit nach sind, der befindet sich dadurch schon im Reiche der Lüge, weil seine Liebe als der Grund seines Lebens sich in sie wie ganz blind versenkt hat und sich höchst schwer aus solcher Nacht zum Lichte der vollen Wahrheit wieder emporschwingen kann.
[GEJ.08_035,07] Wer aber das Gold nur als eine entsprechende Erscheinlichkeit betrachtet, durch die das Gute der Liebe in Gott, wie durch das reine Silber die Wahrheit der Weisheit in Gott, dargestellt wird, der kennt denn auch den wahren Wert des Goldes und Silbers, steht somit im Reiche der Wahrheit, und seine Seele wird nicht erstickt im trüglichen Scheine und dessen Gericht.
[GEJ.08_035,08] So hatten denn bei den Alten und allen Propheten Gold, Silber und die verschiedenen Arten der Edelsteine nur allein die wahre Bedeutung; als Materie aber hatten sie keinen Wert und konnten darum einer Seele auch nicht gefährlich werden. Aus der Erkennung des wahren Wertes der Materie erkannten sie auch leicht und bald deren naturmäßige Tauglichkeit und Brauchbarkeit und schöpften daraus den wahren Nutzen.
[GEJ.08_035,09] Als aber mit der Zeit die Menschen die Materie ihres Glanzes und ihres Scheines wegen zu schätzen und zu achten anfingen, da gingen sie in ihr Gericht über, wurden blind, hart, habgierig, geizig, lügnerisch, zänkisch, betrügerisch, hochmütig, böse und kriegs- und eroberungssüchtig und gerieten dadurch ins Götzen- und Heidentum und somit auch in die eigentliche Hölle, aus der sie ohne Mich nicht erlöst werden konnten.
[GEJ.08_035,10] Darum mußte Ich Selbst die Materie anziehen, mit ihr das Gericht, und muß es durchbrechen, damit Ich dadurch zur Eingangspforte ins ewige Leben werde für alle Gefallenen, wenn sie durch diese Pforte zum Leben eingehen wollen. Darum auch bin Ich die Tür zum Leben und das Leben Selbst. Wer nicht durch Mich eingeht, der kommt nicht zum Leben im Lichte der ewigen Wahrheit und der Freiheit, sondern bleibt gefangen im Gerichte der Materie.
[GEJ.08_035,11] Nun aber ergibt sich noch eine Frage von selbst, und diese lautet: Gibt es denn sonach im Ernste keinen persönlichen Satan und keine persönlichen Teufel?
[GEJ.08_035,12] Und Ich sage: O ja, es gibt deren schon hier, noch im Fleische wandelnd, und noch um ein Großes mehr im großen Jenseits, die auch fort und fort bemüht sind, einen argen Einfluß auf das Diesseits auszuüben, und das einmal durch die rohen Naturgeister, die noch in allerlei Materie weilen, der bestimmten Ausreifung wegen, und dann aber auch unmittelbar durch gewisse geheime Einflüsterungen, Anreizungen und Verlockungen. Sie merken bei den Menschen gar wohl die verschiedenen Schwächen und Anlagen zu denselben, bemächtigen sich derselben und fachen sie zu glühenden Leidenschaften an.
[GEJ.08_035,13] Ist aber eines Menschen Schwäche einmal zur glühenden Leidenschaft geworden, dann befindet er sich schon ganz in dem Zustande des Gerichtes der Materie und ihrer argen Geister, und es ist für ihn dann schwer, sich davon loszumachen.
[GEJ.08_035,14] Der Satan ist die Zusammenfassung des gesamten Materiemußgerichtes, und was seine Persönlichkeit betrifft, so ist diese an und für sich nirgends da, wohl aber ist sie als ein Verein aller Art und Gattung von Teufeln nicht nur dieser Erde, sondern aller Welten im endlosen Schöpfungsraume anzusehen, gleichwie auch nach Meiner euch schon gegebenen Erklärung alle die zahllos vielen Hülsengloben am Ende ihrer gemeinsamen Zusammenfassung einen übergroßen Schöpfungsmenschen darstellen.
[GEJ.08_035,15] Im kleineren ist freilich auch ein Verein aller Teufel eines Weltkörpers ein Satan, und im kleinsten Maße ein jeder einzelne Teufel für sich.
[GEJ.08_035,16] Solange es aber keinen Menschen auf einem Weltkörper gab, gab es auf demselben auch keinen persönlichen Teufel, sondern nur gerichtete und ungegorene Geister in aller Materie eines Weltkörpers; zur Materie aber gehört alles, was ihr mit euren Sinnen wahrnehmet.
[GEJ.08_035,17] Aber das könnet ihr auch annehmen, daß es nun wohl auf keinem Weltkörper ärgere und bösere Teufel gibt als eben in und auf dieser Erde. Wenn es ihnen zugelassen wäre, so würden sie die Erde und ihre Bewohner gar arg zurichten – aber es wird das nicht zugelassen –, und damit die Teufel das nicht tun können, so sind sie eben darum mit aller Blindheit und somit auch mit der größten Dummheit behaftet, und ihre Vereine gleichen jenen Sicherheitsanstalten dieser Erde, in denen die argen Narren und Wahnsinnigen festgehalten werden, auf daß sie den andern Menschen nicht schaden können.
[GEJ.08_035,18] Aus dem bisher Gesagten könnet ihr alle nun wohl mit voller Vernunft und erleuchtetem Verstande einsehen, was es mit dem Satan und mit seinen Teufeln für eine Bewandtnis hat, und habt nun nicht mehr nötig, darüber um ein Weiteres zu fragen. – Und nun sage du, Schriftgelehrter, ob du das alles auch wohl verstanden hast!"
36. Kapitel
[GEJ.08_036,01] Sagte darauf der Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, denn Du hast über diese Sache nun so klar und umfassend als möglich gesprochen und hast uns dabei Deine Schöpfungsart und -weise ordentlich wie ganz zergliedert gezeigt, und so mußte uns die Sache ja vollends klarwerden, das heißt, insoweit es dem immerhin beschränkten Menschenverstande klarwerden kann, denn das Wissen allein ist noch lange kein alles durchdringendes Schauen; aber es genügt uns, weil wir das, was wir wissen, völlig vom Grunde aus wissen.
[GEJ.08_036,02] Aber da Du uns nun schon so vieles über diese schwer zu fassenden Dinge gesagt hast, so wolle uns nun dazu noch die Örtlichkeiten des Aufenthaltes der persönlichen Teufel etwas näher bezeichnen, auf daß wir dieselben meiden können; denn so sich ein Mensch oder auch eine ganze Gesellschaft in einer solchen Örtlichkeit unwissend befände, so könnte ihr das am Ende sehr übel zustatten kommen. Darum wolle Du auch in dieser Hinsicht die Gnade haben, uns das ein wenig näher zu beleuchten!"
[GEJ.08_036,03] Sagte Ich: „Du denkst noch sehr materiell! Was liegt denn an irgendeiner gewissen Örtlichkeit, in der sich irgend geistige Teufelspersönlichkeiten besonders aufhalten könnten?
[GEJ.08_036,04] Wenn deine Seele aus Mir nur rein und stark ist, so kann sie sich in der ärgsten Teufel Vereine befinden, so werden sie ihr nicht im geringsten einen Schaden zufügen können. Denn eine reine und aus Mir starke Seele befindet sich mitten unter zahllosen Legionen von persönlichen Teufeln dennoch vollkommen im Reiche der Himmel, die da nicht irgend sind wie ein äußeres Schaugepränge, sondern inwendig im Herzen der vollkommenen Seele; denn also wird die Seele zu einer Mir ähnlichen Schöpferin ihres seligsten Wohnreiches, in das ewig kein persönlicher Teufel wird zu dringen vermögen.
[GEJ.08_036,05] Und so kann einer reinen und aus Mir starken Seele auch schon auf dieser Erde die örtliche, etwa mindere oder größere Wohnlichkeit der persönlichen Teufel wohl eine ganz gleichgültige sein; denn die reine und aus Mir starke Seele trägt allerorts ihren Himmel ebenso in und mit sich wie der persönliche Teufel seine Hölle oder sein Gericht.
[GEJ.08_036,06] Aber da wir nun schon davon reden, so will Ich euch gleichwohl auch die besonders wohnlichen (bewohnten) Örtlichkeiten der persönlichen Teufel etwas näher bezeichnen, und so höret denn:
[GEJ.08_036,07] Seht unter den Menschen jene öffentlichen Häuser und Gebäude an, in denen viel betrüglicher Handel und Wandel getrieben wird, wie zum Beispiel nun im Tempel und in vielen andern Kauf- und Verkaufhäusern! Das sind denn auch besondere Wohnörtlichkeiten für die vielen persönlichen Teufel. Also sind auch jene Häuser, in denen allerlei Unzucht, Hurerei und Ehebruch getrieben wird, ebenfalls besondere Ortswohnlichkeiten für die persönlichen Teufel. Ebenso auch sind jene Berge und Höhlen, in denen die Menschen mit großer Hast und Gier dem Golde, Silber und andern Erdschätzen nachgraben, von den persönlichen Teufeln sehr stark und mächtig bewohnte Örtlichkeiten; desgleichen Wälder und Höhlen, in denen sich Diebe, Räuber und Mörder aufhalten; also auch die Kriegslager und -felder, die Wege der kaufmännischen Karawanen und die Flüsse, Seen und Meere, auf denen ein starker Gewinnhandel betrieben wird.
[GEJ.08_036,08] Und weiter sind die Länder und Gründe, Wiesen, Äcker, Weinberge und Wälder der harten Heiden und auch der jüdischen geizigen und hartherzigen Reichen besonders beliebte Wohnorte für die persönlichen Teufel, imgleichen auch die Luft über und in den bezeichneten Wohnörtlichkeiten und das Feuer, die Wolken und der Regen, und auch alle Götzentempel und falschen Orakel.
[GEJ.08_036,09] Ferner halten sich die persönlichen Teufel gar sehr zahlreich dort auf, wo ihr eine große irdische Pracht und den mit ihr noch verbundenen starken Hochmut erschauet.
[GEJ.08_036,10] An Orten aber, die von Menschen nicht bewohnt werden und auch von ihren Sünden nicht verunreinigt worden sind, halten sich auch die persönlichen Teufel nicht auf, außer es bereisete sie eine weltgewinnsüchtige Menschenkarawane; dieser zuliebe würden sich dann dort auch die persönlichen Teufel bald wohnlich einfinden.
[GEJ.08_036,11] Nun hast du, Freund, auch das angezeigt erhalten, was du von Mir noch hattest erfahren und für dich wissen wollen.
[GEJ.08_036,12] Warum aber die persönlichen Teufel gerade die angezeigten Wohnörtlichkeiten lieben, das liegt für den, der das Frühere nur einigermaßen aufgefaßt hat, von selbst klar auf der Hand und bedarf darum keiner weiteren Erklärung."
37. Kapitel
[GEJ.08_037,01] Sagte der Schriftgelehrte: „Aber wie werden die Teufel dessen inne? Können sie diese Erde und auch uns Menschen samt unserem Handeln sehen?"
[GEJ.08_037,02] Sagte Ich: „O ja, aber nur das, was da ist ihresgleichen. Ich sage es dir: Auch da versammeln sich schnell die bösen Geier, wo sich ein ihnen wohlschmeckendes Aas befindet.
[GEJ.08_037,03] Ich allein weiß es von Ewigkeit her, was dazu erforderlich ist, um einen Gedanken aus Mir zu einem freien Wesen, und das in der vollsten göttlichen Selbständigkeit, darzustellen; daher weiß Ich auch nur ganz allein, was dazu gehört, um dieses allerhöchste Werk vollkommen zu realisieren. Ob nun Tod, Gericht, Mensch oder Engel, das ist vor Meinen Augen bis zur Realisierung des Hauptzweckes Meiner Liebe und Weisheit ganz ein und dasselbe. Denn, wisse du, der Ewige hat immer Zeit genug dazu. David sagte zwar, daß tausend Jahre vor Gott kaum ein Tag seien, Ich aber sage dir, du nun Mein schriftgelehrter Freund: tausendmal tausend Jahre sind vor Mir kaum ein allerflüchtigster Augenblick!
[GEJ.08_037,04] Siehe, du bist nun da, und zahllose myriadenmal Myriaden Schöpfungen, wie nun diese es ist, liegen schon vollendet hinter uns, der natürlichen Zeitenfolge nach! Welche Beschwerde kannst du darum gegen Mich anbringen, daß Ich dich nun erst in dieser jüngsten Zeit habe ins Dasein treten lassen? Und welche Beschwerde werden dann erst die gegen Mich anstrengen können, die Ich erst nach vergangenen äonenmal Äonen langen Zeit- und Ewigkeitsfolgen ins Dasein rufen werde?
[GEJ.08_037,05] Ich bin ja doch der Herr Meiner ewigen Gedanken und Ideen und kann sie ins selbstbewußte freie Dasein rufen, wann Ich will! Denn Ich stehe ewig unter keinem Gesetz, weil Ich Selbst das Gesetz von Urewigkeit her bin, und Ich kann darum in der göttlich moralischen Angelegenheit auch ein Gesetz, was nur von Mir ausgehen kann und in Meinem Wollen liegt, ergehen lassen, wie und wann Ich aus Meiner Liebe und Meiner Weisheit heraus es will!
[GEJ.08_037,06] Wer außer Mir kann das voraussehen, und wer Mich dazu nötigen und bestimmen, als nur Ich Mich Selbst aus Meiner ewigen Ordnung heraus?
[GEJ.08_037,07] Mein ewig freiester Wille ist das Gesetz über Meine Gedanken und Ideen, die zwar von Ewigkeit in Mir ihr nur für Mich beschauliches Dasein haben; wenn es Mir aber nach Meiner Liebe wohlgefällig ist, sie in ein festes und selbständiges Dasein treten zu lassen, so bestimmt Meine Weisheit Meinen Willen zum Gesetz über Meine Gedanken und Ideen, und sie werden zu Realitäten wie außerhalb Meines Seins, und sie müssen dann also fortbestehen als äußere selbständige Realitäten, solange Meine Liebe und Weisheit Meinen Willen als das Gesetz aller Gesetze über sie gutachtlich und zweckdienlich waltend erhält.
[GEJ.08_037,08] Und siehe, also ist der Fortbestand auch der persönlichen Teufel ein Gesetz, das in sie gelegt ist nebst dem noch immer eigenen freien Willen! Solange sie selbst Mich nicht als Den anerkennen wollen, der Ich von Ewigkeit her war, noch bin und ewig sein werde, so lange auch wird Mein Mußgesetz nicht von ihnen weichen; denn zöge Ich Mein Mußgesetz hinweg, so hätte ihr Dasein für sich als ein selbständiges ein Ende.
[GEJ.08_037,09] Ob sich aus seinem freien Willen ein schon für sich bestehendes Wesen jetzt oder etwa erst gar nach einer für dich undenklich langen Zeit bessert und ins Reich der Wahrheit übergeht, das kann Mir wohl nur ein und das selbe sein, und Ich werde darum Meine ewige Ordnung nicht um ein Haar ändern; wer es aber in sich anders haben will, der kann das auch, denn es sind ihm alle Mittel dazu gegeben.
[GEJ.08_037,10] Da Ich euch nun aber auch die Wohnörtlichkeiten der argen und bösen Seelen, die die eigentlichen persönlichen Teufel sind, angezeigt habe, so meidet, wenn ihr euch noch irgend schwach fühlet, dieselben; denn an solchen Orten droht dem Schwachen noch immer Gefahr! Wer sich aber als ein noch Schwacher in eine Gefahr begibt, der kommt auch leicht in der Gefahr um, oder er kommt zum wenigsten nicht leicht ganz ohne Schaden davon.
[GEJ.08_037,11] Lasset euch denn auch nicht gelüsten nach all dem unlauteren und unreifen Zeug dieser Welt, dieweil ihr als nun schon auf der letzten Stufe der inneren Lebensvollendung stehende Menschen das alles hinter euch habt! Trachtet nur stets nach vorwärts und nicht mehr nach dem unreifen Rückwärts, so werdet ihr leicht und bald am wahren Lebensziel stehen, und es wird euch dann nicht mehr gelüsten, auch nur Blicke nach dem unreifen Rückwärts zu machen! – Habt ihr alle das nun auch verstanden?"
[GEJ.08_037,12] Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, auch das ist uns nun klargeworden, und wir wissen nun, wie wir auch in dieser Beziehung daran sind; aber es gibt unter den Menschen doch so manche Erscheinungen, mit denen man doch noch nicht so recht im klaren ist. So zum Beispiel kenne ich selbst im Judenlande mehrere alte Burgen und von den Menschen vielleicht schon einige Jahrhunderte nicht mehr bewohnte alte Häuser. In denen spukt es oft so entsetzlich, daß sich kein sonst noch so beherzter Mensch ihnen nur von weitem zu nahen getraut, und wehe dem, der etwa wie zufällig oder auch des leidigen Sachverhaltes unkundig, solchen Orten in die Nähe kommt! Denn ein solcher Mensch wird sehr übel bedient, und noch um vieles übler der, welcher gar mutwilligerweise sich an einen solchen Ort hinbegeben möchte. Nun, solche eben nicht selten vorkommenden Orte sind schon gar viele Jahre lang weder von einem noch dem andern groben Sünder betreten worden, und man darf sie dennoch nicht betreten. Was ist hernach das?"
[GEJ.08_037,13] Sagte Ich: „O Mein Freund, da steckt nicht immer das dahinter, was du meinst, sondern zumeist etwas ganz anderes. Laß du solche berüchtigten Burgen und alten Meierhöfe nur von einer mutigen Kriegerschar umringen, und Ich stehe dir dafür, daß sich bei solch einer Gelegenheit deine sonst so gefährlichen Erscheinungen derart zurückziehen werden, daß kein Krieger von ihrem allfälligen Dasein auch nur das Allergeringste merken wird!
[GEJ.08_037,14] Es gibt wohl hie und da schon auch solche Örtlichkeiten, in denen sich Seelen von schon lange verstorbenen Menschen aufhalten und sich dann und wann den vorüberziehenden Menschen auf eine oder die andere Art bemerkbar machen. Das sind Seelen, die bei ihren Leibeslebzeiten zu mächtig in ihren irdischen Besitz verliebt waren und, um ihn zu vermehren, auch so manche große Ungerechtigkeit begangen haben. Solche auch höchst materiell gewordenen Seelen halten sich dann auch nach dem Abfalle des Leibes in jenen Örtlichkeiten auf, die ihnen bei ihren Leibeslebzeiten über alles lieb und teuer waren, und das oft so lange, bis von ihrem meist so teuren Besitz jede Daseinsspur verweht worden ist. Dann erst fangen sie an, jenseits mehr und mehr darum in sich zu gehen, weil sie in sich selbst zu gewahren anfangen, daß aller irdische und zeitliche Besitz ein eitler und leerer Wahn ist und war.
[GEJ.08_037,15] Doch solche Seelen können nie in eine gar zu fühlbare Bosheit ausarten, und ihr höchst beschränktes und machtloses Dasein kann keinem Menschen auch nur einen moralischen Schaden zufügen, im Gegenteil wirkt ihr Sich-dann-und- wann-Kundgeben oft ganz gut auf den Unglauben so manches Weltmenschen ein, der dann gläubig wird und sein Weltleben ändert, weil er nach dem Tode des Leibes ein Fortbestehen der Menschenseelen erfährt, das ihm eben nicht von einer guten und seligen Art zu sein scheint."
38. Kapitel
[GEJ.08_038,01] (Der Herr:) „Also derlei Geister eben auch nicht guter und reiner Art können einem Menschen nicht gefährlich werden, und es ist gut, für solche Seelen zu beten. Denn das Gebet einer mit wahrer Liebe und Erbarmung erfüllten Seele im vollen Liebevertrauen auf Mich hat eine gute Wirkung auf solche wahrlich armen Seelen im Jenseits, denn es bildet um sie einen gewissen Lebensätherstoff, in dem sie wie in einem Spiegel ihre Mängel und Gebrechen erkennen, sich bessern und dadurch leichter zum Lebenslichte emporkommen.
[GEJ.08_038,02] Und Ich Selbst biete euch diese Gelegenheit, damit ihr auch euren abgeschiedenen Brüdern und Schwestern wahrhaft nützlich werden könnet.
[GEJ.08_038,03] Aber wie sollet ihr für sie denn beten?
[GEJ.08_038,04] Das geht ganz leicht! Ihr sollet bei euren Gebeten nicht etwa der Meinung sein, als möchtet ihr Mich dadurch zu einer größeren Erbarmung bewegen, da Ich wahrlich Selbst endlos barmherziger bin denn alle besten und liebevollsten Menschen der ganzen Welt zusammengenommen, sondern traget ihnen gläubig und aus dem wahren Liebegrunde eures Herzens, eben im Herzen, das Evangelium vor, und sie werden es vernehmen und sich auch danach richten! Und auf diese Weise werdet ihr auch den wahrhaft Armen im Geiste das Evangelium predigen, das ihnen von großem Nutzen sein wird.
[GEJ.08_038,05] Alles andere Beten und Plärren aber nutzt keiner abgeschiedenen Seele auch nur im geringsten, sondern schadet ihr vielmehr, weil sie sich, so sie derlei inne wird, nur ärgert, weil dergleichen Gebete für die Seelen der Verstorbenen, wie das bei den Pharisäern vor allem sogar gesetzlich gang und gäbe ist, mit großen Opfern bezahlt werden müssen.
[GEJ.08_038,06] Die Art und Weise, wie Ich euch nun gezeigt habe, für die Verstorbenen zu beten und für ihre geistige Armut zu sorgen, ist sicher ein fruchtbarer Segen für sie; dagegen ist ein hochbezahltes Gebet der Pharisäer ihnen ein Fluch, den sie sehr fliehen und tiefst verachten.
[GEJ.08_038,07] Dieses möget ihr euch auch als einen guten Rat, euch von Mir gegeben, wohl merken und ihn auch sehr wohl beachten; denn dadurch werdet ihr euch wahre, große, mächtige und sehr dankbare Freunde im großen Jenseits schaffen, die euch, so ihr in irgendeine Not gerietet, nicht verlassen werden weder dies- noch jenseits! Solche Freunde werden dann eure wahren Schutzgeister sein und sich allzeit um das Wohl ihrer Wohltäter kümmern.
[GEJ.08_038,08] Aber ihr könnet euch diese nur erwerben, wenn ihr für sie auf die euch von Mir angezeigte Weise bekümmert und besorgt seid. Ihr brauchet da aber eben nicht auf alte Burgen und Meierhöfe zu warten, sondern das könnet ihr allzeit tun so vielen abgeschiedenen Seelen, als ihr euch solche nur immer vorstellen möget; denn euer Glaube, eure wahre Liebe und Erbarmung und die Wahrheit aus Mir reichen noch endlos weit über die großen Sphären des euch gezeigten großen Weltenmenschen hinaus. Denn ihr seid nicht Meine Geschöpfe nur, sondern ihr seid Mir, eurem Vater, gleich endlos mehr, und der Große Schöpfungsmensch ist nicht einmal ein fühlbarer Daseinspunkt im kleinsten Lebensnerv eures kleinen Fußzehens, – freilich alles das nur geistig oder vom Standpunkte der tiefsten Wahrheit aus betrachtet.
[GEJ.08_038,09] Wahrlich sage Ich euch: Euch ist ein endlos großer Wirkungskreis zugemittelt (zugedacht), dessen Größe ihr selbst aber erst dann vollendeter erschauen werdet, wenn ihr dereinst in Meinem ewigen Reiche in einem Vaterhause mit Mir wohnen und wirken werdet! Denn jetzt ist euch das alles nur noch so ein wunderlicher Traum, wie das auch oft bei guten Kindern frommer Eltern der Fall ist; aber was Ich euch hier sage, ist tiefe und göttliche Wahrheit.
[GEJ.08_038,10] Wie Mir Selbst alle Macht und Gewalt im Himmel und auf dieser winzigen Erde eigen ist, ebenso soll sie auch euch allen, die ihr an Mich glaubet und Mich über alles liebet, vollends eigen werden; denn die Kinder eines Vaters dürfen nicht minder vollkommen sein, als wie endlos vollkommen da ist ihr Vater.
[GEJ.08_038,11] Bei den Menschen auf dieser Erde sieht das zumeist wohl anders aus, besonders wo der Vater seine irdischen Kinder zu sehr verhätschelt; aber das ist bei Mir wahrlich nicht und niemals der Fall, denn Ich weiß es von Ewigkeit her, was da Meinen Kindern not tut.
[GEJ.08_038,12] Nun, Ich habe euch jetzt so einen kleinen Vorgeschmack gegeben, damit ihr daraus entnehmen sollet, wer Ich bin, und wer ihr seid und eigentlich noch viel mehr werden sollet. Darum tuet überall und allzeit nach Meinem Worte, und ihr werdet das auch mit einer Leichtigkeit erreichen, was ihr nach Meinen Vaterworten zu erreichen habt; denn einen sichereren und mächtigeren Bürgen, als Ich Selbst es bin, hat die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit nicht. Aber, wie gesagt, merket euch das ja wohl im tiefsten Grunde eures Lebens, ansonst Ich umsonst solches zu euch geredet hätte!
[GEJ.08_038,13] Suchet für eure Mir dargebrachten kleinen Opfer nicht Entschädigungen in dieser Welt – denn wahrlich, da wäret ihr Meine Kinder nicht, sondern Kinder dieser Welt und Erde, die da ist ein schlechter Fußschemel Meiner Liebe und Meines Ernstes –, sondern tut alles, was ihr tut, aus wahrer, lebendigster Liebe zu Mir, eurem Vater, und Ich werde dann schon etwa auch wissen, womit Ich Meinen lieben Kindern eine wahre Gegenfreude werde zu machen haben!
[GEJ.08_038,14] Wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Keines Menschen Auge hat es je geschaut, keines Menschen Ohr gehört und keines Menschen Sinn je gefühlt, was Ich für jene Meiner Kinder in der Bereitschaft halte, die Mich als ihren Vater wahrhaft mit einfältigem Herzen lieben!
[GEJ.08_038,15] Aber das sage Ich euch allen auch: Neben der Welt her lasse Ich Mich durchaus nicht schleppen! Denn entweder alles her oder auch alles hin; aber die gewisse Halbheit ist ein Ding der finsteren Heiden und trägt ihnen denn auch schlechte Früchte.
[GEJ.08_038,16] Was kann es denn einem Menschen nützen, so er besäße alle Schätze der Welt, aber dabei großen Schaden litte an seiner Seele? Darum kümmert euch allzeit nur um Schätze, die die Motten nicht verzehren und der Rost nicht zerfressen kann, so werdet ihr auch allzeit bestens daran sein!
[GEJ.08_038,17] Also, diesen Rat merket euch auch wieder und befolget ihn, so werdet ihr ein gutes Sein auch schon auf dieser Erde haben und die andern Menschen, die an euch glauben werden, mit euch; alles andere aber soll schmachten, damit sein Fleisch nicht zu hochmütig werde! Denn nur Ich ganz allein bin der Herr und tue nach Meiner ewigen Weisheit allzeit, was Ich will! Die Welt möge da Zeter schreien, wie stark und mächtig sie das nur immer will und mag, und das bald über dieses und jenes, und Ich werde niemals horchen auf ihr eitles Geplärr!
[GEJ.08_038,18] Aber was Mir Meine wahren Kinder und Freunde vortragen werden, auf das werde Ich auch horchen und dem Übel leicht und bald abhelfen; doch alles, was Welt heißt und ist, soll von nun an ums hundertfache mehr gezüchtigt werden, als es je vom Anfange der Welt her der Fall war! Das ist auch Mein Wort, und die Zeiten werden es die Menschen lehren, daß Ich nun diese Worte nicht vergeblich ausgesprochen habe.
[GEJ.08_038,19] Wehe allen Weltsüchtigen und Meinem Willen Widerspenstigen! Denn diese Erde ist eine Wiege für Meine Kinder, und diese werden nicht tüchtig ohne die Zuchtrute; und helfen da sanftere Mahnstreiche nichts, so werden dann schon schärfere und sehr ernste in die volle Anwendung gebracht werden, was da Meine Sorge sein wird. Doch nun haben wir noch den einen Teil deiner Frage zu berichtigen!"
39. Kapitel
[GEJ.08_039,01] (Der Herr:) „Du, Mein schriftgelehrter Freund, hast Mir in deiner Frage von gar entsetzlich polternden Geistern in alten Burgen und Meierhöfen Erwähnung getan, und Ich sage es dir, daß sich die Sache auch – besonders in diesen Zeiten – also verhält; aber Ich kann dir da auch die vollste Versicherung geben, daß dies durchaus keine gefährlichen Geister, wohl aber oft recht sehr gefährliche und grundschlechte Menschen sind, die im Vereine mit heidnischen Magiern, auch jüdischen Expriestern und abgedankten oder so durchgegangenen Essäern ihr arges Spiel treiben. Diese Menschen haben allerlei böses Gesindel im guten Solde und sammeln sich durch Raub, Mord und allerlei andere echt teuflische Trugkünste große Schätze, und die alten Burgen mit ihren unterirdischen Gängen dienen ihnen zu den für ihr Handwerk bequemsten Werkstätten.
[GEJ.08_039,02] Will ein harmloser Mensch sich diesen wahren Höllennestern nahen, so wird er, damit der Betrug nicht ans Tageslicht kommt, ja nicht in die Nähe gelassen, aber durch ihre bösen Künste so in Angst versetzt, daß er dann selbst der beste Beschützer und Verteidiger eines solchen Höllennestes bleiben muß; denn er erzählt das tausend andern Menschen von Mund zu Mund, und alle halten das für etwas erschrecklich Übernatürliches, und keiner von Tausenden wagt sich dann je mehr auch nur in einige Nähe eines solchen wahren Höllennestes. Aber, wie Ich das schon gleich einleitend in dieser deiner Frage bemerkt habe, lassen wir nur ein wohlgerüstetes römisches Kriegsheer sich solch einer verrufenen Spukgeisterburg nahen, und die Geister werden sich nicht rühren, sondern durch ihre geheimen, unterirdischen Gänge schleunigst die Flucht ergreifen.
[GEJ.08_039,03] Ich sage es dir: In solchen von dir angeführten Burgen und Meierhöfen halten sich wenige der eigentlichen verteufelten Menschenseelen auf, die ihre Leiber schon lange abgelegt haben, aber dafür oft eine desto größere Menge solcher, die noch im Fleische ihren überteuflisch schlechten Lebenswandel führen und gewöhnlich um vieles ärger sind als die jenseitigen absoluten Teufel! Ich meine, daß dir aus dieser Meiner Darstellung nun diese Sache auch sehr anschaulich klar sein dürfte! Oder hast du noch irgendeinen Zweifel, so lasse ihn uns hören!"
[GEJ.08_039,04] Hierauf trat der Römer Agrikola wieder auf und sagte: „Ah, so geht es in solchen Nestern zu? Gut, daß ich nun auch dieses aus dem Munde des allerwahrhaftigsten Zeugen erfahren habe! Diese Art Spukgeister werde ich schon auszutreiben verstehen! Auch bei uns in Europa kenne ich eine Menge solcher berüchtigten Nester, und es wird solchen Geistern mit Fleisch und Blut bald das Handwerk gelegt werden!"
[GEJ.08_039,05] Sage Ich: „Es wird dir dabei aber um ein bedeutendes schwerer ergehen, als das hier in den Judenlanden der Fall wäre; denn bei euch steht eure effektive Heidenpriesterschaft besonders interessiert mit im argen Spiel. Solange dort Meine euch nun gegebene Lehre nicht einmal einen bedeutenden Vorsprung genommen haben wird, wird sich mit den europäischen Spuknestern mit irgendeiner Gewalt nicht viel anfangen lassen. Aber das beste Mittel gegen solch einen großbetrügerischen Unfug ist die Aufklärung des besseren Volksteiles; denn weiß dieser einmal so recht verläßlich, wie sich der vollen Wahrheit nach diese Sachen verhalten, so erfährt es von ihm auch bald der Pöbel, und der ist dann ehest der Hauptaustreiber solcher bösen Geister mit Fleisch und Blut.
[GEJ.08_039,06] Wer die Vögel fangen will, muß nicht gleich mit Prügeln in den Stauden herumzuschlagen anfangen, sondern er muß zuvor die Garne legen und dann erst mit dem Werfen der Prügel nach den Stauden anfangen, und die Vögel werden sich dann haufenweise selbst in den Garnen fangen.
[GEJ.08_039,07] Wo gewisse Weltregierungsmaximen zu eng mit dem betrügerischsten Priestertum verbunden sind, da läßt sich mit offener Gewalt vorderhand eben nicht viel ausrichten; aber nachderhand wird sie schon recht wohl zu gebrauchen sein.
[GEJ.08_039,08] Doch hier im Judenlande, und namentlich in Galiläa, habe Ich Selbst schon ein paar solcher Trugstätten zerstört, wovon dir Cyrenius etwas wird erzählen können. Es bestehen aber noch welche, und mit denen werde Ich auch noch bald fertig werden, so wie Ich auch mit den bösen Götzentempeln in Samosata am Euphrat fertig geworden bin.
[GEJ.08_039,09] Aber bei euch im noch tief heidnischen Europa läßt sich jetzt eben nichts anderes gegen solche Spukwerke unternehmen als nur das, was Ich dir früher angezeigt habe.
[GEJ.08_039,10] Es wird Europa einst im Glauben Asien bei weitem übertreffen; aber für jetzt ist es im allgemeinen noch sehr roh und unreif, weil es noch zu tief im allerfinstersten Heidentum steckt und dasselbe auch nach vielen Hunderten von Jahren nicht völlig wird fahren lassen können. Aber es werden dort auch viele in Meinem Namen in der vollsten Wahrheit stehen, aber von den Heiden auch gleichfort mehr oder weniger verfolgt werden. Aber Ich werde dann einmal ein größtes Gericht über alle wie immer gearteten Heiden ergehen lassen, und das wird dann allen Heiden den vollkommenen Rest geben. – Aber nun lassen wir noch den Schriftgelehrten reden.
[GEJ.08_039,11] Sage nun du, Mein schriftgelehrter Freund, was du noch irgend nicht verstehst! Denn als ein wahrer Schriftgelehrter mußt du auch die Schrift vollends verstehen, und so gebe Ich nun dir und den andern Gelegenheit, euch über alles, was euch noch unklar ist, bei Mir sicher das rechte Licht zu verschaffen."
[GEJ.08_039,12] Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, ich bin nun schon über alles, was mir am wichtigsten schien, vollends aufgehellt worden durch Deine Güte und Gnade; aber da Du Selbst ehedem von einem allergrößten Gericht über alle Heiden Erwähnung gemacht hast, so könntest Du uns ja auch die Zeit näher bestimmen, wann das alles eintreffen wird.
[GEJ.08_039,13] Es haben davon wohl auch Daniel und Jesajas in dunklen Bildern geredet, und Du Selbst hast zwei volle dahin deutende Kapitel des Jesajas erklärt, wie auch den sicheren Untergang Jerusalems; aber von einer bestimmten Zeit hast Du darin nichts Besonderes angedeutet. Da wir nun aber von Dir schon so vieles erfahren haben, so könntest Du darüber, und namentlich über das letzte Gericht über die Heiden allerorten, auch etwas Bestimmtes kundtun, wie auch, wie solches Gericht geartet sein wird, und welche Zeichen ihm vorangehen werden. Denn ohne gewisse Mahnzeichen läßt Du niemals ein Gericht über die Menschen ergehen."
[GEJ.08_039,14] Sagte Ich: „Mein lieber schriftgelehrter Freund! Du hast wahrlich eine ganz gute Frage nun gestellt, und Ich werde sie euch allen auch beantworten; aber ihr müßt euch das Heidentum in jener Zeit, deren Ich Erwähnung tat, nicht also vorstellen, wie da nun beschaffen ist das Heidentum in der Jetztzeit. Es werden die Götzentempel der Jetztzeit wohl schon lange zerstört sein; aber an ihre Stelle werden vom Widerchristen eine Unzahl anderer, und das sogar unter Meinem Namen, erbaut werden, und ihre Priester werden sich als Meine Stellvertreter auf Erden überhoch ehren lassen und werden alle Weltschätze an sich zu ziehen am allermeisten bemüht sein. Sie werden sich mästen; aber das Volk wird in großer Not sein geistig und leiblich.
[GEJ.08_039,15] Seht, wenn jenes Heidentum wird überhandgenommen haben, dann wird auch ehest das große Gericht über die neue Hure Babels ausgegossen werden! Ein Näheres werde Ich euch später sagen, jetzt aber lasset uns zuvor etwas Wein zu uns nehmen!"
40. Kapitel
[GEJ.08_040,01] Lazarus ließ sogleich einen frischen Wein bringen und sagte: „Das Große und Allererhabenste, was wir nun aus Deinem Gottesmunde vernommen haben, muß auch mit einem frischen Weine bekräftigt und in unseren Herzen besiegelt werden!"
[GEJ.08_040,02] Sagte Ich: „Da hast du, Freund und Bruder Lazarus, recht! Alles Gute und Wahre findet im Brot und Wein seine volle Entsprechung. Darum werdet ihr nach Mir zu Meinem Gedächtnis auch beim mäßigen Genusse des Brotes und des Weines stets versichert sein können, daß Ich im Geiste, so wie nun im Leibe, bis ans Ende aller Zeiten dieser Erde Mich unter euch, Meinen Kindern, Brüdern und Freunden, persönlich befinden werde. Werdet ihr Mich mit euren Fleischesaugen auch gerade nicht allzeit erschauen, so wird es euch aber dennoch euer Herz sagen: ,Freuet euch; denn euer Herr, Gott und Vater ist unter euch und segnet für euch das Brot und den Wein! Seid denn fröhlich und heiter in Seinem Namen, und gedenket dabei der armen Brüder und Schwestern und besonders der Armen im Geiste!‘
[GEJ.08_040,03] Wenn euch euer Herz eine solche Mahnung geben wird, da denket und glaubet allzeit, daß Ich Mich persönlich unter euch befinde, und um was Gutes und Wahres fürs Leben der Seele ihr Mich da bitten werdet, das werde Ich euch denn auch allzeit bereitwilligst und wohlverständlichst geben.
[GEJ.08_040,04] Die Mich aber da mit großer Liebe ihrer Herzen begrüßen werden, die werden sich auch bald mit ihren Augen überzeugen, daß Ich wahrhaft persönlich Mich unter euch befinde. Was Ich aber hier euch sage und beteuere, das gilt auch ganz gleich allen euren wahren und getreuen Nachfolgern. – Aber nun gib den frischen Wein her; denn Ich bin durstig geworden!"
[GEJ.08_040,05] Hierauf ward ganz frischer und bester Wein kredenzt. Ich trank, und auch alle andern tranken und lobten den Wein, der durch Meinen Willen sehr gewürzt und versüßt war.
[GEJ.08_040,06] Als wir uns also gestärkt hatten, da sagte abermals der Schriftgelehrte, ob Ich nun schon willens wäre, ihm das zu beantworten, um was er Mich gefragt hatte.
[GEJ.08_040,07] Ich aber sagte: „Freund, es gibt da noch andere Dinge, die nun nötiger sind, daß sie besprochen werden, als das Ende des Heidentums. Lassen wir erst den Morgen herankommen und die im andern Gemache ruhenden Pharisäer zuvor von hier abziehen, und Ich werde euch dann im Freien das Wie- und Wann-Ende des Welt- und Heidentums bildlich dartun.
[GEJ.08_040,08] Nun aber wollen wir, wie schon bemerkt, von etwas anderem reden, das vorderhand wichtiger sein wird, als das traurig und höchst bedrängnisvoll aussehende Welt- und Heidentumsende. Was dünket euch, worüber wir nun zuerst reden könnten, und was zu wissen und zu glauben euch allen recht not tut?"
[GEJ.08_040,09] Hier sagte einmal wieder Petrus: „Herr, ich hätte nun etwas; so auch ich nun reden dürfte – darum ich Dich bitte –, so wüßte ich an Dich eine Frage zu stellen!"
[GEJ.08_040,10] Sagte Ich: „So rede! Denn nun hat ein jeder von euch das Recht zu reden und zu fragen."
[GEJ.08_040,11] Sagte nun Petrus: „Herr, Moses hat zur Reinigung der Sünder gewisse äußere Mittel verordnet, wie sie jedem Juden wohlbekannt sind. Sollen wir uns deren auch bedienen? Haben sie für den Menschen eine ihn heiligende Kraft, und sind sie zur Erlangung des ewigen Lebens der Seele unumgänglich notwendig?
[GEJ.08_040,12] Sollen auch die Heiden sich beschneiden lassen, so sie Deine Lehre annehmen werden, oder genügt bei ihnen schon die Taufe allein? Und sollen auch die andern Läuterungsmittel nebst der Beschneidung bei den zu uns bekehrten Heiden stattfinden?"
[GEJ.08_040,13] Sagte Ich: „Wer ein Jude ist und die Beschneidung hat, der soll sie auch gleichfort haben; aber die Beschneidung selbst für sich ist nichts und hat für niemand einen irgend geheimen und gewisserart seelenmagisch heiligenden Wert.
[GEJ.08_040,14] Den Menschen heiligt nichts als der lebendige Glaube und seine tätige Liebe zu Gott und zum Nächsten.
[GEJ.08_040,15] Wer aber gesündigt hat gegen Gott und gegen seinen Nächsten, der erkenne wahrhaft reuig seine Sünden, bitte Gott ernstlich um Vergebung, mache am Nächsten die ihm zugefügten Unbilden gut und sündige fürder nicht mehr, so ist er dann auch schon völlig gereinigt; denn dadurch, daß er die Übel gutgemacht hat und keine Sünde mehr begeht, werden ihm selbstverständlich auch die Sünden nachgelassen.
[GEJ.08_040,16] Wer aber das nicht tut, der bleibt in den Sünden und in ihren argen Folgen auch dann ganz gleich fort, so für ihn auch zehntausend Böcke wären geschlachtet und in den Jordan geworfen worden. Dieses und auch alle andern äußeren Reinigungsmittel bessern und heiligen den Menschen nicht im geringsten, sondern allein sein wahres und aufrichtiges Handeln nach Meiner Lehre, und daß er glaubt an den einen, wahren Gott, und also auch an Mich im Herzen.
[GEJ.08_040,17] Ich aber habe euch ja ohnehin gesagt, daß ihr jedermann, der lebendig und wahrhaft Meine Lehre und also auch Mich Selbst an- und aufgenommen hat, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen sollet; dazu aber genügt die Auflegung der Hände und als ein äußeres Zeichen der wahren, inneren Reinigung durch den Geist Gottes ein Waschen mit reinem Wasser. Und das genügt für Juden und Heiden völlig.
[GEJ.08_040,18] Alles andere hat hinfort keinen Wert vor Mir, so wie da vor Mir auch keinen Wert hat ein äußeres und noch so langes Lippengebet. Wer da will und wünscht, daß sein Gebet bei Mir erhört werde, der bete im stillen Kämmerlein seines Herzens vollgläubig zu Mir, und Ich werde ihm geben, um was er gebeten hat.
[GEJ.08_040,19] Ich sage euch abermals, wie Ich das schon oft gesagt habe: Suchet in allem allein nur die Wahrheit, diese wird euch völlig frei machen!
[GEJ.08_040,20] Es ist ganz gut, daß der Mensch nach der Lehre Mosis rein halte auch seinen Leib. Durch Unreinigkeit kommen allerlei böse Krankheiten in das Fleisch und Blut und erzeugen Unlust und Traurigkeit in der noch schwachen Seele; aber was das Fleisch vom Schmutze reinigt, das reinigt die Seele nicht von ihren Sünden. Waschen sich doch die Juden vor und nach einem Mahle die Hände und oft auch die Füße, und wir tun das oft nicht, und doch sind wir reiner mit ungewaschenen Händen als die strengen Juden mit allzeit gewaschenen Händen und Füßen.
[GEJ.08_040,21] Und nun kurz und gut: Kein äußeres Reinigungsmittel hat für den inneren Menschen irgendeine Heiligung, sondern allein der lebendige Wahrheitsglaube, seine Liebe und seine guten Werke. – Habt ihr das nun verstanden?"
[GEJ.08_040,22] Sagte Petrus: „So denn wird es in der Folge auch nicht nötig sein, daß wir gleich den Tempelpriestern die Ehen einsegnen?"
[GEJ.08_040,23] Sagte Ich: „An und für sich ganz und gar nicht; denn das Band der Ehe schließt genügend das gegenseitige Gelöbnis vor den Eltern oder sonstigen wahrhaftigen Zeugen. Aber so ihr in einer Gemeinde, die ihr irgend in Meinem Namen werdet gegründet haben, die Ehen einsehet und sie segnet in Meinem Namen, so wird ihnen das zum Nutzen und zur Bekräftigung ihres Bundes dienen. Es geschehe das nur von eurem guten Willen als ein Liebesdienst ausgehend.
[GEJ.08_040,24] Ich gebe euch aber dieses nur als einen guten Rat und nicht etwa als ein Gesetz. Und also soll auch von euch um so weniger ein Gesetz daraus gemacht werden; denn welch eine arge Wirkung Mußgesetze auf die freiwollende Seele ausüben, habe Ich euch in dieser Nacht mehr denn zur Genüge gezeigt, wie auch deren notwendige Folgen, und so sei unter euch alles nur eine freie Handlung der wahren und reinen Liebe und nie eines gebieterischen Zwanges. Daran nur wird man erkennen Meine wahren Jünger, daß sie unter sich nur das freie Gesetz der Liebe üben und sich untereinander lieben, wie nun Ich euch liebe.
[GEJ.08_040,25] Aber solch eine bezahlte Einsegnung der Ehe durch einen gebieterischen und überhochmutsvollen Priester in oder außer dem Tempel hat vor Mir nicht den allergeringsten Wert, sondern nur Mein vollstes Mißfallen. Was Mir aber mißfällt, das ist auch sicher wider Meine Ordnung und ist ein Übel und eine Sünde, die wahrlich keinem Menschen einen Segen bringt. So ihr aber das wohl begriffen habt, da handelt auch also, und ihr werdet dabei wohl tun!"
[GEJ.08_040,26] Sagte hierauf Agrikola: „Herr und Meister, da werden auch wir Römer wohl tun, so wir unser Ehewesen also einrichten! – Und was sagst Du denn für oder gegen die Vielweiberei?"
41. Kapitel
[GEJ.08_041,01] Sagte Ich: „Wer von euch Heiden in Meiner Lehre wandeln wird, der wird sich auch solchen Meinen Rat allzeit wohl gefallen lassen. Doch was da betrifft die Vielweiberei, so soll es bei Meinen Nachfolgern sein, wie es war im Anfange der Menschen auf dieser Erde, da Gott nur einen ersten Mann schuf und ihm auch nur ein Weib gab; denn wer schon einmal ein Weib geehelicht hat, dem er seine volle Liebe und unwandelbare Treue gelobt hatte, und er freit dann noch ein zweites und ein drittes Weib hinzu, und mancher noch mehrere, so begeht er dabei ja offenbar gegen das erste Weib einen Ehebruch, und da steht es aber im Gesetz: ,Du sollst nicht ehebrechen!‘
[GEJ.08_041,02] Ich sage es euch, daß die Vielweiberei von großem Übel ist; denn sie zeihet (macht) die Seele ganz sinnlich durch die zu große Wollust des Fleisches und ist und bleibt eine böse Geilerei und Hurerei und offenbare Ehebrecherei.
[GEJ.08_041,03] Alle mit diesen Gebrechen Behafteten werden ins Reich Gottes nicht eingehen, – wie könnten sie das auch? Ihre Seele ist ja zu sehr in ihres Leibes sinnliche Fleischmasse vergraben und kann nichts Geistiges mehr fassen und fühlen! Darum gelangen solche Wollüstlinge schwer oder auch nahe gar nicht ins Gottesreich. Denn worin das eigentliche Gottesreich besteht, das habe Ich euch allen schon überhinreichend erklärt.
[GEJ.08_041,04] Aber so schädlich für die Seele des Menschen die Mehrweiberei auch ist, so gebe Ich euch dawider doch kein Gesetz, sondern überlasse alles dem freien Willen jedes Menschen, zeige euch die Wahrheit und gebe euch den guten Rat.
[GEJ.08_041,05] Ebenso aber verhält es sich auch, so ein Mann sich Sklavinnen als Beischläferinnen oder Kebsweiber hält, denn auch mit ihnen bricht er gegen das ordentliche Weib die Ehe.
[GEJ.08_041,06] Ein Mann aber, der mit gar keinem ordentlichen Weibe, sondern nur mit Beischläferinnen sein geiles Leben fortführt, ist ebenfalls so schlecht, und oft schlechter noch, als so mancher schwache Ehebrecher, denn er schadet nicht nur seiner Seele, sondern auch den Seelen seiner wollüstigen Beischläferinnen. Solche Menschen bereiten sich schon in dieser Welt ein böses und bitteres Los und ein noch schlechteres und bittereres im Jenseits, denn sie haben durch ihren Wandel beinahe allen Seelenätherlebensstoff vergeudet!
[GEJ.08_041,07] Wer immer nach Meiner Lehre eine baldige und volle Wiedergeburt im Geiste seiner Seele wünscht, der führe ein möglichst keusches Leben und lasse sich nicht berücken und betören vom Fleische der Jungfrauen und Weiber; denn dieses zieht den Lebenssinn der Seele nach außen und verhindert dadurch gewaltigst die Wachwerdung des Geistes in der Seele, ohne die aber keine volle Wiedergeburt der Seele in ihrem Geiste denkbar möglich ist!
[GEJ.08_041,08] Eine gute, mit Vernunft, Weisheit und Selbstverleugnung gepaarte Ehe verhindert die geistige Wiedergeburt nicht, aber die Geilheit und Wollust macht sie unmöglich. Darum fliehet sie ärger denn die Pestilenz!
[GEJ.08_041,09] Wollüstlinge beiderlei Geschlechts, wenn sie auch nach einer Zeit völlig in sich gehen und durch eine große Selbstverleugnung ein völlig keusches Leben zu führen anfangen und durch solch eine rechte Buße auch die volle Vergebung ihrer Sünden erlangen, werden doch die volle geistige Wiedergeburt auf dieser Welt schwer oder auch gar nicht erlangen, sondern nur eine teilweise; denn es hat die Seele solcher Menschen zu tun genug, sich nur so weit von ihrem Fleische frei zu machen, daß sie des Geistes Mahnungen insoweit vernehmen kann, als sie zu ihrem Heile notwendig sind. Ein solcher Mensch kann zwar noch sehr gut und weise werden und viel Gutes wirken; aber zu der wundermächtigen Tatkraft wird er schwer in der Fülle gelangen. Das kann solch eine Seele erst im Jenseits erlangen.
[GEJ.08_041,10] Es gleicht eine solche Seele einem Menschen, der viele Jahre lang siech und krank war und endlich durch ein wahres und rechtes Heilmittel gesund geworden ist. Ja, gesund ist nun so ein Mensch wohl und kann, wenn er hinfort ganz ordentlich lebt, auch noch ein gesundes und hohes Alter erreichen; aber die Kraft eines von der Wiege an völlig gesunden Menschen wird er kaum mehr erreichen, weil seine inneren Muskeln, Nerven und Fibern durch die lange Krankheit erstens an der gehörigen Ausbildung verhindert worden sind, und zweitens, was die Hauptsache ist, sie haben auch nicht in den verschiedenen Bewegungen und Anstrengungen geübt werden können.
[GEJ.08_041,11] Wie aber ein solcher von der lange angedauert habenden Krankheit, ob Mangel an der inneren Ausbildung der Muskeln, Nerven und Fibern und ob Mangel an der Übung derselben, nicht leicht zur vollen Leibeskraft eines urgesunden Menschen gelangen kann, so geht es entsprechend einer lange krank gewesenen Seele; denn es fehlt ihr die ursprüngliche Ausbildung der wahren und reinen Liebe zu Gott, somit auch des Glaubens und des Willens. Fehlt ihr aber dies erste, so fehlt ihr dann sicher noch mehr die Übung der bezeichneten drei Stücke, und es bleibt die Mächtigkeit dieser drei Lebensstücke der Seele eines völlig gebesserten Wollüstlings stets zurück, obschon im Himmel über die volle Bekehrung eines Sünders mehr Freude waltet als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben. Denn soll eines Menschen Liebe, Glaube und Wille wahrhaft tatkräftig werden, so müssen sie schon von Jugend an gehörig ausgebildet und dann recht geübt werden.
[GEJ.08_041,12] Aber wie Ich die Macht habe, jede noch so schwere und langdauernde Krankheit also vollkommen zu heilen, daß der von Mir geheilte Mensch auch also kräftig wird, als wäre er von der Geburt an nie krank gewesen, ebenso kann von nun an die Seele eines vollends bekehrten Sünders auch noch zu jener inneren Kraft gelangen wie die Seele eines Gerechten, der einer Buße nie bedurft hatte. Aber es kostet sie das viele sich selbst verleugnende Mühe.
[GEJ.08_041,13] Wer da Kinder hat, der übe sie schon von früher Jugend an in den drei Stücken, und sie werden dann mit der Besiegung der Welt in sich ein leichtes haben!
[GEJ.08_041,14] Seht, das alles gebe Ich euch nur als einen guten Rat und nicht als irgendein Gesetz; denn unter dem Mußgesetz kannst du Mensch nicht der freie Gründer deines Heiles werden! Wer sich aber solchen Meinen Rat selbst in seinem Willen als ein Mußgesetz auferlegt und danach handelt und lebt, der tut wohl daran. – Habt ihr alle das aber nun auch wohl verstanden?"
42. Kapitel
[GEJ.08_042,01] Sagten alle: „Ja, Du wahrlich allerweisester Herr und Meister, die wahre und vollkommene Buße ist und bleibt also das einzige und alleinige Seelenheilmittel (sacramentum), und alles andere ist nichts und hat keinen Lebenswert. Das sehen wir nun alles wohl und ganz rein ein. Aber was sagst Du, o Herr und Meister, zu den strengen Büßern in Sack und Asche? Sind bei der strengen Buße der Sack und die Asche notwendig?"
[GEJ.08_042,02] Sagte Ich: „Das ist es ebensowenig, als es von eurer Seite nun auch nicht notwendig war, Mich darum zu fragen, da Ich euch doch ohnehin hinreichend klar gezeigt habe, worin die wahre und bei Mir allein Wert habende Buße eines Sünders besteht. Was sollen denn Sack und Asche dem Menschen für eine Heiligung seiner Seele bieten? Sack und Asche wurden bei den Alten nur als entsprechende Bilder aufgestellt, unter denen die rechte Buße zu verstehen war; denn der Sack bezeichnet die äußere Demut und die Asche die wahre innere der Seele. Aber das faule Tragen eines Sackes und das Bestreuen des Hauptes mit der Asche hat einem Menschen ebensowenig eine Heiligung gebracht wie das Fasten und Kasteien, – wie auch der Krieger, der sich vor dem Feinde in eine sichere Höhle aus Furcht und Angst verkriecht, statt mit ihm mutvoll in einen Kampf zu treten, wohl auch schwerlich mit einer Siegerkrone gekrönt wird.
[GEJ.08_042,03] Darum fort mit Sack und Asche, fort mit dem Kasteien und Fasten, und fort mit der Opferung der Böcke und fort mit allen andern Tempelopfern wegen der Vergebung der Sünden; denn sie haben vor Mir nicht den allergeringsten Lebenswert! Aber dafür herbei mit einem festen und unbeugsamen Willen zur wahren inneren Lebensbesserung! Herbei mit der lebendigen Liebe zu Gott und zum Nächsten, und herbei mit dem vollen Glauben an Gott und Dessen Menschwerdung in Mir; denn nur das heiligt den Menschen und macht stark und voll-lebend die Seele in Meinem in ihr waltenden Geiste!
[GEJ.08_042,04] Bei dem bleibet, und lehret es auch alle andern Völker, so werdet ihr Mir das angedrohte Gericht über alle Heiden in den späten Zeiten ersparen; aber ihr müßt vor den Menschen nicht zittern und beben, sondern in gutem und mutvollem Willen ihnen den vollen göttlichen Ernst der Wahrheit offen verkünden! Und werdet auch ihr nicht ganz imstande sein, alles Heidentum vollends siegreich zu bekämpfen in kurzer Zeit, so wird aber das die reine Wahrheit in den späten Zeiten doch gar wohl vermögen. Denn das große euch von Mir angekündigte Gericht über das Reich der Lüge wird eben in dem Siege der Wahrheit über sie bestehen, und das wird keine andere Wahrheit sein als eben diese, die Ich euch hier nun verkünde.
[GEJ.08_042,05] In jenen Zeiten werde Ich wieder Männer und sogar Mägde erwecken, die den Menschen diese Wahrheit ebenso rein und klar überliefern werden aus Meinem Munde in ihren Herzen, wie Ich sie nun euch Selbst mit Meinem leiblichen Munde verkünde, und solche Wahrheit wird für alle blinden Heiden der mächtige und unerbittliche Richter sein.
[GEJ.08_042,06] Also keinen Sack und keine Asche mehr, sondern in allem die volle Wahrheit und den festen Willen!
[GEJ.08_042,07] Also, Meine Jünger und Freunde, habe Ich nun offen und in keinen Bildern zu euch geredet, und eben also verstehet und begreifet das auch ihr offen und durch die Tat; denn das Wissen allein nützt der Seele wenig oder nichts! Wer aber durch die Tat der Wahrheit ein rechtes Opfer bringt, der wird das ewige Leben ernten.
[GEJ.08_042,08] Und nun saget Mir abermals, ob euch noch irgendeine finstere Dummheit drückt, und ob ihr diese Meine klaren Worte auch der vollen Wahrheit nach verstanden habt! Ich frage euch um das aber nicht, als wüßte Ich es nicht, wie und ob ihr alles das verstanden habt, sondern Ich frage euch nur darum, daß auch ihr euch lebendig selbst fragen sollet, wie sich die Wahrheit in euch selbst gestaltet; denn nur das gehört zu eurem eigenen Leben. Und so möget ihr nun abermals reden!"
[GEJ.08_042,09] Sagten alle wie aus einem Munde: „O Herr und Meister, wir haben nun alles wohl begriffen, was Du uns erklärt hast, und sehen auch die volle Wahrheit des Gesagten und Erklärten ein! Wir werden darum auch das in der Tat ausführen, erstens für uns selbst, und werden es auch getreu den andern Menschen, die eines guten Willens sind, also beibringen. Aber es bedünket uns dennoch sehr, ob diese golden lichte Wahrheit von den vielen gar sehr blinden Menschen als das freudig angenommen wird, was sie in sich ist. Denn wer da sehend ist, der hat sicher auch stets eine große Freude am werdenden Tag; doch für den Stockblinden ist Nacht und Tag schier etwas ganz gleiches.
[GEJ.08_042,10] Es gibt nun aber eine übergroße Menge im Geiste stockblinder Menschen, die sich nur in der alten mystischen Zeremonie glücklich fühlen und sich gegen Gott, den sie freilich noch nie erkannt haben, zu versündigen wähnen, wenn sie von den alten Gebräuchen irgend etwas vergeben müßten und somit ausziehen den alten Menschen wie ein altes, morsches Kleid und anziehen einen ganz neuen.
[GEJ.08_042,11] Mit solchen Menschen wird sich schwer reden und handeln lassen, was da leicht vorauszusehen ist; denn wer nicht schon auf dem Wege vieler Erfahrungen zu einem helleren Denken gelangt ist, der wird diese noch so lichtvolle Wahrheit dennoch nicht als das ganz lebendig in sich aufnehmen, was sie ist, sondern aus seiner alten verrosteten Gewohnheit am Altmystischen kleben bleiben, die alten Sitten und Gebräuche als einen über alles hochzuverehrenden Gottesdienst ansehen und diese neuen, lichtvollsten Wahrheiten am Ende für Ketzereien betrachten und sie verachten und verfolgen. Und so wird es schwer werden, diese allerlichtesten Wahrheiten den gar vielen Blinden als auch für sie wirksam beizubringen.
[GEJ.08_042,12] Also besteht bei den Juden eine alte Gewohnheit, derzufolge sie sich durch ein Bekenntnis einem Priester zu zeigen haben, auf daß er um ihre Sünden wie auch um ihre guten Werke wisse, sie gegeneinander abwäge und vergleiche, um danach zur Sühnung der Sünden die Bußwerke und die Reinigungsopfer zu bestimmen. Der Mensch nun, der sich so einem Priester gezeigt und darauf auch das getan und vollbracht hat, was ihm vom Priester auferlegt wurde, betrachtet sich darauf für vollkommen gereinigt und vor Gott gerechtfertigt; aber so man ihn näher betrachtet, so ist und bleibt er nach einer solchen Reinigung gleichfort ganz der gleiche ungebesserte Mensch und begeht bis zum nächsten Bekenntnisse nicht nur die alten Sünden wieder, sondern oft noch einige neue hinzu, und da zeigt es sich offenkundig, daß diese alte Reinigungssitte den Menschen nicht nur nicht besser, sondern oft nur noch schlechter macht, als er früher war.
[GEJ.08_042,13] Aber man versuche gegen diesen alten Unfug aufzutreten und zu lehren, und man wird die Flucht ergreifen müssen, wenn man nicht gesteinigt werden will! – Was aber sagst Du, o Herr und Meister, dazu?"
43. Kapitel
[GEJ.08_043,01] Sagte Ich: „Darum sollet ihr eben nur die Wahrheit den Menschen predigen! Die sie annehmen werden, die werden frei und selig werden; die sie aber nicht annehmen werden, die werden denn auch verbleiben in ihren Sünden und in deren Gericht und geistigem Tode.
[GEJ.08_043,02] Ich verpflichte euch ja nicht, diese Wahrheiten des Lebens allen Menschen in der kürzesten Zeit beizubringen, derart, daß sie auch schon völlig danach leben sollen. Vorderhand habe Ich ja nur euch gegeben, das Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, und nicht auch allen in dieser Zeit gar sehr arg blinden Menschen. Nachderhand aber werdet ihr schon auch Menschen in Menge finden, die sich euch mit allem Eifer anschließen und mit euch wirken werden zum Gedeihen der von Mir euch verkündeten Wahrheiten.
[GEJ.08_043,03] Was aber da für sich betrifft die von euch berührten Sündenbekenntnisse vor den Priestern, so sind sie in der Art und Weise, wie sie nun bestehen, schlecht und somit völlig verwerflich, weil sie die Menschen nicht bessern, sondern sie nur in ihren Sünden bis an ihr Ende verharren machen; aber Ich bin auch wieder nicht dawider, so ein schwacher und seelenkranker Mensch im guten Willen einem stärkeren und seelengesunden Menschen seine Schwächen und Gebrechen treu bekennt, weil dann der gesunde und lichtstarke Mensch ihm aus wahrer Nächstenliebe leicht jene wahren Mittel an die Hand geben kann, durch die des schwachen Nächsten Seele erstarken und gesund werden kann. Denn auf diese Weise wird dann ein Mensch dem andern ein rechter Seelenheiland. Aber Ich mache daraus auch kein Gesetz, sondern gebe euch damit auch nur einen guten Rat; und was Ich tue, das tuet auch ihr, und lehret jedermann die Wahrheit!
[GEJ.08_043,04] Das Bekenntnis allein aber reinigt einen Menschen ebensowenig von seinen Sünden, wie das einen leiblich Kranken schon gesund macht, so er einem Arzte seine Leiden, und wie er dazu gekommen ist, noch so treu bekennt, sondern er muß darauf auf den Rat des weisen und kenntnisreichen Arztes hören und ihn dann auch getreu befolgen und alles in der Folge meiden, was ihn zum Leiden gebracht hat.
[GEJ.08_043,05] Also ist es auch gut, daß in einer Gemeinde ein jeder Bruder den andern kennt, sowohl in seinen starken wie schwachen Seiten, damit einer den andern der vollen Wahrheit nach seelisch und auch leiblich unterstützen kann und mag. Wer aber verschlossen sein und bleiben will in der Meinung, daß er durch sein Bekenntnis jemanden ärgern könnte, dem soll niemand seine Schwächen herausfordern!
[GEJ.08_043,06] Wenn aber jemand von euch ein Weiser ist, und sein Geist offenbart ihm die Schwächen des schwachen und ängstlichen Bruders, so gebe ihm der Weise unter vier Augen einen guten Rat und helfe ihm mit Rat und Tat aus der geheimen Not, und sein Lohn wird nicht unterm Wege irgendwo steckenbleiben!
[GEJ.08_043,07] Doch lasset jedem den freien Willen, und tut niemandem einen Zwang an; denn ihr wisset es nun, daß ein jeder moralische Zwang völlig wider Meine ewige Ordnung ist! Was Ich nicht tue, das tuet auch ihr nicht!
[GEJ.08_043,08] Und so hätten wir nun auch die rechten Worte über das offene Bekenntnis der Schwächen und geheimen Sünden geredet; alles, was darüber oder darunter ist, das ist wider Meine Ordnung und ist vom Übel.
[GEJ.08_043,09] Ihr sollet aber dem schwachen Bruder, der sich einem Stärkeren von euch traulich enthüllt hat, ja nicht mit einer richterlich drohenden Miene begegnen, sondern ihm stets mit aller Liebe und Freundlichkeit die Wahrheit offen kundtun und ihm auch die Mittel an die Hand geben, durch die er leicht und sicher geheilt werden kann, so wird er auch den Mut dazu nicht sinken lassen und wird ein dankbarer Jünger der freien Wahrheit werden; aber wenn ihr ihm mit allerlei Strafpredigten kommen werdet, so werdet ihr nicht nur nichts oder wenig ausrichten mit ihm, sondern ihr werdet ihn noch um vieles elender machen, als er je zuvor war.
[GEJ.08_043,10] Es wird aber in den späteren Zeiten leider geschehen, daß die Sündenbekenntnisse vor den falschen Propheten in Meinem Namen noch mehr gang und gäbe werden, als sie je unter den Pharisäern und Erzjuden es waren, und das wird zum Fall und zum Gerichte der falschen Propheten unter Meinem Namen führen. Denn diese werden den Menschen gleich den Heiden sagen, daß sie allein das von Gott ihnen erteilte Recht haben, allen Sündern die Sünden nachzulassen oder auch vorzuenthalten; also werden sie auch gegen große Opfer ihre blinden Günstlinge für alle Himmel selig und heilig sprechen.
[GEJ.08_043,11] Wenn das geschehen wird, dann wird bald jene Zeit herbeikommen, in der das große Gericht über das neue Heidentum ergehen wird. Darum seid denn vorsichtig mit den offenen Bekenntnissen, damit sie euch nicht zu bald in einem noch ärgeren Sinne nachahmen, als wie das nun bei den Pharisäern und Erzjuden der Fall ist!
[GEJ.08_043,12] Ich habe es euch, besonders Meinen alten Jüngern, auch einmal gesagt, daß ihr denen, die an euch gesündigt haben, die Sünden vergeben könnet, und denen ihr sie vergeben werdet hier auf Erden, denen sollen und werden sie auch im Himmel vergeben sein; solltet ihr aber wegen sichtlicher Unverbesserung (Unverbesserlichkeit) guten Grund haben, ihnen die Sünden, die sie gegen euch begangen haben, vorzuenthalten, so werden sie ihnen auch im Himmel vorenthalten sein.
[GEJ.08_043,13] Wir haben aber schon damals ausgemacht, daß ihr erst dann das Recht haben sollet, den Sündern ihre Sünden gegen euch vorzuenthalten, so ihr ihnen zuvor schon siebenmal siebenundsiebzig Male vergeben habt.
[GEJ.08_043,14] So aber ihr als Meine nächsten Jünger erst auf die besagte Weise das Recht von Mir aus habt, nur den Sündern gegen euch die Sünden vorzuenthalten oder auch zu vergeben, so ist es ja klar, daß kein Priester je das Recht von Gott aus haben konnte, auch fremde Sünden zu vergeben oder vorzuenthalten.
[GEJ.08_043,15] Wer zum Beispiel sich an Kaiphas versündigt hat, dem kann Kaiphas die Sünden auch vergeben oder nach Gestalt der Sache auch vorenthalten; wer sich aber gegen Herodes versündigt hat, der hat mit Kaiphas, und er mit ihm, nichts zu tun, sondern nur allein mit Herodes. Wer sich aber versündigt hat gegen den Tempel, der soll sehen, wie er mit dem Tempel ins reine kommt!
[GEJ.08_043,16] Aber da meine Ich freilich nicht den Tempel, wie er nun beschaffen ist, sondern wie er einst beschaffen war – denn nun wäre auch Ich ein Sünder gegen den Tempel, wie ihr alle es seid –, und wir werden dann auch vor dem Tempel kein Sündenbekenntnis abzulegen haben; denn nun sind wir der vollstwahre Tempel Gottes, der da unten aber ist eine Mördergrube geworden. Darum wird es denn auch bald zur Ernte seiner bösen Früchte kommen, die er auf seinen Äckern ausgesät hat. Da wird man von seinen Dornen und Disteln keine Trauben und Feigen ernten.
[GEJ.08_043,17] Wie aber nun der Tempel – sage – im Namen Jehovas bestellt ist, ebenso und noch um vieles ärger wird dereinst das neue Heidentum in Meinem Namen bestellt sein; aber die Ernte seiner Früchte wird noch um vieles schlechter ausfallen, als wie da bald die Ernte dieses Tempels da unten ausfallen wird.
[GEJ.08_043,18] Ihr werdet an dem neuen Heidentum wohl keine Schuld tragen, wie auch die Propheten keine Schuld tragen, daß nun der Tempel da unten also geworden ist, wie er nie hätte werden sollen, sondern alle Schuld werden die Menschen tragen, denen es ihre behagliche Trägheit nicht zuließ, die Wege der Wahrheit selbsttätig zu wandeln, sondern lieber die andern und namentlich die sogenannten Priester für sich um ihnen dargereichte schmutzigste Opfer wandeln zu lassen, – aber auch nicht die Wege der Wahrheit, sondern nur die Wege des Truges und der Lüge. Allda führt dann ein Stockblinder den andern so lange, bis beide zu einer Grube kommen und sodann auch beide hineinfallen.
[GEJ.08_043,19] Wenn ihr dieses nun aus Meinem Munde vernommen habt, so verstehet es aber auch der vollen Wahrheit nach, und lasset euch niemals von der Trägheit der Vornehmen berücken! Denn wer da nicht selbst arbeiten will, der soll auch nicht essen aus der Schüssel des Lebens!"
[GEJ.08_043,20] Sagte der Schriftgelehrte: „Nun, das war über alle Maßen klar von Dir geredet, und die Wahrheit des Gesagten ist mit Händen zu greifen! Hätten Moses und die Propheten auch so klar zum Volke geredet, wie Du, o Herr und Meister, nun zu uns geredet hast, so stünde das ganze Judentum auf einem ganz andern Fuße, als es da in dieser argen Zeit steht! Wenn solche Deine Lehre unter das Volk kommen wird, so wird sie sicher für alle Zeiten ganz andere Früchte tragen; denn von uns aus wird sie wahrlich so wenig verändert an die andern Menschen übergehen, als wie die Sterne am Himmel unverändert auf- und niedergehen. Wir bitten Dich, o Herr und Meister, wolle Du uns nur stets mit Deiner Gnade und Hilfe nimmerdar verlassen, wie auch jene nicht, die nach uns Deine Völker führen und leiten werden!"
44. Kapitel
[GEJ.08_044,01] Sagte Ich: „Du hast nun zwar recht wohl geredet, und es wird sich diese nun euch gegebene Lehre bis ans Ende der Zeiten rein bei den Reinen erhalten; aber wenn du meinst, daß es nun mit dem Judentum auch anders stünde, so Moses und die Propheten ebenso klar zu dem Volke geredet hätten, wie Ich nun zu euch geredet habe, da sage Ich dir, daß du darob in einer großen Irre bist. Denn hätten Moses und die Propheten in der Weise zum Volke gesprochen, wie Ich nun zu euch geredet habe, da hätte das Volk, das sich damals nur in der Bildersprache am leichtesten verständigen konnte, weder Moses noch die Propheten verstanden.
[GEJ.08_044,02] Damals besaß selbst das ganz einfache und gemeine Volk die Wissenschaft der Entsprechungen, und seine Schrift waren Bilder, und seine Sprache richtete sich nach den dem Volke wohlbekannten Bildern. Als aber das Volk dann später irdisch wohlhabender und angesehener geworden war, da bekam es auch bald eine Menge irdischer Bedürfnisse, und um diese zu befriedigen, mußte es sich auch eine Menge natürlicher Mittel dazu verschaffen. Nun, die vielen Bedürfnisse und die vielen Mittel bekamen auch ihre ganz einfachen Wortnamen, hinter denen keine entsprechenden Bilder sich vorfanden. Diese erst später von den Menschen gebildeten einfachen Namen der vielen Bedürfnisse und der Mittel zu ihrer Herbeischaffung verdrängten dann nur zu bald die Bilderschrift und ihre innere Bedeutung, und so waren da weder Moses noch die Propheten schuld daran, daß sie von den gegenwärtigen Juden nicht mehr verstanden werden, sondern nur die Menschen selbst, die durch ihren selbstverschuldeten und immer wachsenden Weltsinn die Kunde der alten Schrift und Sprache, die immer Tiefgeistiges in sich barg, ganz verloren haben.
[GEJ.08_044,03] Hättest du zu Mosis Zeiten also geredet, wie du nun redest, so hätte dich damals weder Moses noch einer der andern Propheten verstanden; da sich aber nun bei euch die alte Sprache aus den euch bekanntgegebenen Gründen in dieser Zeit so gänzlich verloren hat, so müßt ihr auch darin die Ursache suchen, wegen der ihr nun Moses und die Propheten nicht verstehen könnet.
[GEJ.08_044,04] Aber nun fängt es im Aufgange zu grauen an, und unsere Templer im andern Saale fangen an, sich dahin zu rühren, um bald den Weg in ihre Wohnungen anzutreten und dort die sich fest vorgenommenen Anordnungen zu ihrer Abreise zu treffen. So sie bald von hier abgezogen sein werden, dann werden wir uns hinaus ins Freie begeben und daselbst unsere Betrachtungen machen.
[GEJ.08_044,05] Du, Freund Lazarus, aber wirst wohl tun, wenn du einige deiner Knechte den Templern zum Geleit bis zum Gartentore mitgehen lässest; denn sie sehen in ihren Gedanken die drei Löwen unten am Wege lauern, was ihnen das Fortgehen ängstlich macht. Darum laß einige Knechte zu ihnen in ihr Gemach treten und ihnen sagen, daß von den Löwen keine Spur mehr vorhanden ist! Sollten sie aber noch bedenklich sein, da auch sollen ihnen die Knechte die Begleitung anbieten, die die Templer mit Freuden annehmen und darauf aber gleich abziehen werden, und wir können uns dann sogleich ins Freie hinausbegeben."
[GEJ.08_044,06] Lazarus tat das sogleich, und in wenigen Augenblicken waren die Knechte schon dienstfertig und in einer kleinen Viertelstunde geschah auch schon der Abzug der Templer.
[GEJ.08_044,07] Darauf berief Ich Meinen Raphael und sagte der Anwesenden wegen laut zu ihm: „Du aber versorge nun unsere Jungen, und bringe sie vor uns nach Bethanien auf einem Wege, der kein allgemeiner ist! Dort erwartet uns; denn wir werden in drei Stunden nachkommen!"
[GEJ.08_044,08] Da begab sich Raphael eiligst zu der Jugend und brachte auch alles schnell zurecht.
[GEJ.08_044,09] Unterdessen war es heller geworden, und wir verließen die Herberge und begaben uns auf die Anhöhe, die schon beschrieben ist. Am Himmel schimmerten noch die größeren Sterne, der Mond in schon starker Sichelgestalt und der Planet, Venus genannt, was alles einen herrlichen Anblick gewährte.
[GEJ.08_044,10] Es war aber der Morgen ziemlich kühl, und die Römer sagten: „Herrlich wäre dieser seltene Anblick wohl, wenn der Morgen nur nicht so empfindlich kühl wäre!"
[GEJ.08_044,11] Sagte Ich: „Diese Kühle ist zwar für die Haut ein wenig unangenehm, aber dafür stärkend für Leib und Seele; denn nun ziehen die reineren Geister in der Luft an uns vorüber. Aber so es euch zu kühl ist, da will Ich schon machen, daß es euch von innen aus wärmer wird. Doch wir andern bleiben in dieser reinen Temperatur!"
[GEJ.08_044,12] Da sagten die Römer: „Oh, da bleiben auch wir; denn eine größere Stärkung für Leib und Seele kann auch uns Römern nicht schädlich sein!"
[GEJ.08_044,13] Und so blieb darauf alles heiter und zufrieden, und niemand achtete der Kühle mehr.
[GEJ.08_044,14] Da aber sagte Agrikola zu Mir: „Herr und Meister, haben denn die nun an uns vorüberziehenden Geister auch irgendeine für sich abgegrenzte Gestalt, oder sind sie gestaltlos nur so ineinander verschwommen wie im Meere ein Tropfen Wasser in den andern?"
[GEJ.08_044,15] Sagte Ich: „Mein Freund, da wird es ein wenig schwer werden, dir in dieser Hinsicht eine völlig verständige Antwort zu geben; aber wir wollen es auf eine andere Art versuchen! Ich werde euch Römern auf einige Augenblicke wieder die innere Sehe auftun, und ihr möget euch dann selbst eine rechte Antwort aus dem Geschauten verschaffen!"
[GEJ.08_044,16] Das war den Römern recht, und Ich öffnete ihnen sogleich die innere Sehe, auch dem Agrippa und dem Laius, die uns aus Emmaus hierher gefolgt und noch bei uns waren.
[GEJ.08_044,17] Nun ersahen diese eine zahllose Menge von allerlei Gestalten gedrängt aneinander an sich vorüberschweben, und Agrippa sagte: „Ah, das ist aber doch sonderbar! Welch eine Unzahl von nicht beschreibbaren Formen und Gestaltungen! Da sieht man allerlei Kräuter und Pflanzen, auch Sämereien dazwischen! Auf den Pflanzen ersieht man auch eine Menge von allerlei Insekteneierchen, deren Larven und auch schon ausgebildete Insekten. In ihnen, sowohl in den Pflanzen, deren Sämereien, wie auch in den Insekteneierchen, in deren Larven, wie auch in deren schon völlig ausgebildeten Insektenformen ersieht man wie helleuchtende Punkte und zwischen den besagten Formen ersieht man unermeßbar viele ganz kleine Lichtpünktlein mitschweben. Und es geht alles bunt und munter durcheinander, und keines vermengt sich mit dem andern. Also, das sind die reineren Naturgeister?"
[GEJ.08_044,18] Hierauf machte Ich wieder der Römer innere Sehe zu, und sie sahen wieder nichts als nur die reine Luft.
[GEJ.08_044,19] Da sagte Agrikola: „Herr und Meister, was haben denn diese Geister für eine besondere Bestimmung? Wird aus ihnen erst alles das in der materiellen Welt, wozu sie offenbar die Anlagen in ihren Formen in sich tragen, oder sind das gewisserart die Seelen verstorbener Pflanzen und Kräuter und Bäume und Insekten?"
[GEJ.08_044,20] Sagte Ich: „Das zweite nicht, aber das erste wohl in der Weise, wie ihr sie nun mittels der inneren Sehe geschaut habt!
[GEJ.08_044,21] Ihre Intelligenz, die sich auch durch die Form offenbarte, treibt sie an, sich mit all dem schon Bestehenden auf dieser Erde zu einen, was ihrer Form engst verwandt ist. In den Pflanzen werden sie hernach tätig, und von ihrer Vielheit und erhöhten Tätigkeit hängt dann auch der Reichtum einer oder der andern Ernte ab, sowie auch die Vielheit der verschiedenartigsten Kleintiere, die ihr Mücklein, Insekten und Würmchen nennet. Das sind aber auch stets die ersten Tiere einer werdenden Erde, deren Seeleneinigung dann erst die größeren Tiere einer Erde ins Dasein ruft."
[GEJ.08_044,22] Sagte Agrikola: „Herr und Meister, aber warum konnten wir denn nun keine Seelen von schon verstorbenen Menschen dieser Erde sehen?"
[GEJ.08_044,23] Sagte Ich: „Aus zwei Ursachen. Fürs erste habe Ich eure innere Sehe nur so weit aufgetan, daß ihr die schon mehr in die Materie übergehenden Naturgeister habt erschauen können, was zum untersten Grade des inneren Schauens gehört, welches manche einfachen Menschen von Natur besitzen. Mit diesem Grade des inneren Schauens aber lassen sich die Seelen, besonders die schon vollendeteren, nicht erschauen, weil dieses Schauen noch mehr zum materiellen als zum reinen, geistigen Schauen gehört.
[GEJ.08_044,24] Zum zweiten aber, was die unlauteren Seelen betrifft, die ihr mit diesem euch von Mir nun auf einige Augenblicke verliehenen inneren Schauen hättet sehen können, so befand sich deren keine an diesem Orte, und so habt ihr auch keine sehen und wahrnehmen können; denn derlei Seelen wittern die Örtlichkeit Meiner persönlichen und vollen Gegenwart und meiden dieselbe auf das allersorgfältigste. – Und da hast du nun die beiden Ursachen, warum ihr bei dieser Gelegenheit keine abgeschiedenen Seelen habt sehen und wahrnehmen können!"
[GEJ.08_044,25] Mit dieser Erklärung waren alle Römer vollkommen zufrieden und fragten Mich um derlei weiter nicht mehr.
45. Kapitel
[GEJ.08_045,01] Aber Agrikola, der ein äußerst gefühlvoller Mann war, erbat sich bei Mir das Wort und sagte: „Oh, welche unermeßlichen Schätze haben wir nun kaum volle acht Tage hindurch geerntet! Wir haben das Allerhöchste, das Allererste und Allergrößte hier gefunden! Und wem nach Deiner geheimen Gnade haben wir dieses nie beschreibbare Glück zu verdanken? Sehet und höret! Jenem noch jungen Weibswesen, das uns am ersten Abende unserer Hierherkunft den Weg hier herauf wies!
[GEJ.08_045,02] Jenes Weibswesen, das nach meiner unmaßgeblichen Beurteilung jenen weiblichen Persönlichkeiten anzugehören scheint, die es mit der Keuschheit und anderen Sittenreinheiten eben nicht zu genau nehmen, war ohne weiteres von Deinem Willen geheim inspiriert, und es mußte ein Wegweiser zum Lichte des Lebens werden.
[GEJ.08_045,03] Nun, ich als ein Römer kenne das besagte Weibswesen sicher durchaus nicht und kenne auch dessen Wohnung und Namen nicht, also kann ich auch nicht wissen, ob es arm oder reich ist und einer Unterstützung bedarf. Aber wenn es etwa doch in die Klasse der Armen gehörte, was ich als das Wahrscheinlichste annehmen kann, so möchte ich ihm durch den Freund Lazarus aus wahrer menschlicher Dankbarkeit eine Unterstützung zukommen lassen, was sicher recht und billig wäre; denn der Freund Lazarus wird es schier wissen, wie es mit dem Wesen steht. Es wundert mich sehr, daß es uns nicht wieder besucht hat hier auf diesem Berge des Heils. In Emmaus, wie ich mich entsinne, soll es Dich, o Herr und Meister, etwa haben suchen wollen und hat sich hier zuvor erkundigt nach Deinem Aufenthalt, aber keine Kunde erhalten, und so kam es wahrscheinlich auch gar nicht dahin. Aber wir sind nun schon wieder einige Tage hier, und es wundert mich wieder, daß es nicht mehr zum Vorschein gekommen ist!"
[GEJ.08_045,04] Sagte Ich: „Jene Maid wußte es nicht, daß Ich Mich hier noch aufhalte; aber sie hat es gestern in Bethanien erfahren aus dem Munde der Schwestern unseres Freundes Lazarus und ist nun auf dem Wege hierher. Um die Zeit des Aufgangs der Sonne wird sie auch hier eintreffen, und du kannst mit ihr alles Gute und Rechte abmachen.
[GEJ.08_045,05] Was aber ihren bisherigen Lebenswandel anbelangt, so hast du richtig geurteilt; aber sie hat dabei stets der Armut gedacht, weil sie als eine irdische Schönheit durch ihren Wandel zu großen Schätzen gekommen ist und schon von ihren Eltern aus mit allem reich ausgestattet war.
[GEJ.08_045,06] Dort, weit gen Mittag, ersiehst du auf einem Hügel ein Schloß, es führt den Namen Magdalon. Dort ist die Maid geboren, und das Schloß, viele Gärten, Äcker, Wiesen, Weinberge und Waldungen sind nun ihr Eigentum, da ihr ihre Alten schon vor ein paar Jahren gestorben sind. Sie hätte schon mehrere Male ehelichen können, aber die Templer hielten sie davon ab, weil sie bei ihr stets eine gute Herberge fanden und sich auch sonst mit ihr gut unterhielten. Aber seit sie Mich ersah, kennenlernte und Meine Worte hörte, ist es anders in ihrem Hause, Verstande und Herzen geworden; und weil sie viel geliebt hatte die Armen, so wurden ihr auch viele ihrer Sünden vergeben.
[GEJ.08_045,07] Ihr Name ist Maria von Magdalon. Ihrer Armut wegen benötigt sie sonach keine Unterstützung von eurer Seite; aber so sie von euch für ihre vielen Armen etwas wird annehmen wollen, so könnet ihr es ihr ja wohl antragen. Und so wisset ihr nun auch, wer und woher jene Maid ist, und wie sie heißt; doch auch ihre Schuld sei in den Sand geschrieben!
[GEJ.08_045,08] Und nun gut von dieser Sache, und wir betrachten nun lieber den schönen Morgen, aus dessen Gestaltungen nach allen Richtungen hin ihr so manches, besonders für die letzte Zeit der neuen Heiden, werdet entnehmen können!"
46. Kapitel
[GEJ.08_046,01] Hier sagten Meine alten Jünger: „Herr und Meister, Du hast uns ja verheißen, noch hier ein Näheres darüber kundzutun, und so tue nun das, da nun wohl die schicksamste Gelegenheit dazu wäre!"
[GEJ.08_046,02] Sagte Ich: „Wann dazu die schicksamste Gelegenheit ist, das weiß wohl Ich am besten, und dann habe Ich eben euch schon gar vieles davon kundgegeben, was auch sicher also kommen wird, weil Ich an dem freien Willen der Menschen nichts ändern darf – und ihr es nicht ändern könnet!
[GEJ.08_046,03] Aber es hat mit Meiner Geburt das Gericht der Heiden allerorten schon begonnen und dauert nun in stets erhöhterem Maße fort und wird noch bis zum Vollichte unter den Menschen auf dieser Erde fortdauern nahe an 2000 Jahre.
[GEJ.08_046,04] Wie ihr aber nun in der Morgengegend allerlei Wolken sich bilden und sich am Horizonte hinlagern sehet, als wollten sie sich dem Aufgange der Sonne hinderlich entgegenstellen, also wird sich gegen den einst kommenden großen Aufgang der geistigen und ewigen Wahrheitssonne auch eine große Masse von allerlei Hinderungswolken aufzutürmen anfangen und unter den Menschen vielen Schaden anrichten, aber den endlich großen Aufgang der Wahrheitssonne doch nicht verhindern können.
[GEJ.08_046,05] Ihr habt ehedem noch recht viele schöne Sterne am Himmel leuchten sehen, und am Untergange sahet ihr auch Sterne, die in der tiefen Nacht geleuchtet haben. Sehet, die gingen als gute Boten den noch sichtbaren Morgenboten voran und wirkten in der Nacht; und das ist nun euer Beruf!
[GEJ.08_046,06] Wenn aber am geistigen Morgenhorizonte aufgehen werden die noch helleren Morgenboten, so wird das ein Zeichen sein, daß ihnen bald die große und allgemeine Lebens- und Wahrheitssonne folgen wird. Ihr hellstes Licht wird ein unerbittliches Gericht sein aller Lüge und alles Truges, und sie wird samt ihren Jüngern und Verehrern und samt ihrem großen Weltpompe hinabgeschleudert werden in den Abgrund der Verachtung, des gerechten Zornes und der Vergessenheit. Denn dann werden die erleuchteten Menschen nicht mehr gedenken des Truges und des lange gedauert habenden Gerichts.
[GEJ.08_046,07] Wie ihr aber nun wohl schon gut merken könnet, daß das ehedem so drohend schwarz aussehende Gewölk anfängt, golden leuchtende Säume zu bekommen, so werdet ihr es in jener Zeit auch merken, wie die Menschen, die vor kurzem noch ganz finster und wahre Feinde des Lichtes der Wahrheit waren, von allen Seiten von den Lichtstrahlen der Wahrheit stets mehr und mehr und heller und heller erleuchtet und dann auch als selbst leuchtend zu Feinden der alten Lüge werden. Und solches Erleuchten von der dem vollen Aufgange sich nähernden Wahrheitssonne aus den Himmeln wird sein Mein Menschensohnszeichen allen Wahrhaftigen auf der Erde und das beginnende große Gericht über die Hure des neuen Babels.
[GEJ.08_046,08] Da werden die Liebhaber der Wahrheit hoch aufzujubeln anfangen und werden Mich loben, daß Ich ihnen schon zum voraus gesendet habe Meines Aufgangs Zeichen am Himmel des inneren Geistestages. Aber die Feinde der Wahrheit werden zu heulen und mit den Zähnen sehr zu knirschen anfangen und werden sich, soviel noch irgend möglich, in finstere Winkel zu verbergen suchen mit ihren stets weniger werdenden Getreuen, was ihnen aber nichts nützen wird; denn so dann die volle Wahrheitssonne aufgegangen sein wird, so wird ihr Licht alle noch so finsteren Löcher und Winkel und Höhlen durchleuchten, und die Feinde des Lichtes werden auf der ganzen neuen Erde keine Zufluchtsstätte mehr finden.
[GEJ.08_046,09] Ich Selbst aber werde als die ewige Wahrheit in jener Sonne sein und durch ihr Licht bei den Menschen als Herrscher und Leiter ihres Lebens und ihrer zeitlichen und geistigen und ewigen Geschicke.
[GEJ.08_046,10] Und somit habe Ich euch nun der vollen und leichtbegreiflichen Wahrheit nach das große Gericht des neuen und alten Heidentums gezeigt. Aber Ich werde euch später für die Menschen noch ein Bild geben, das ihr dann auch den Menschen mitteilen könnet, aber nicht ohne die wahre Erklärung. – Nun aber betrachten wir die Morgenszene wieder ruhig weiter!"
47. Kapitel
[GEJ.08_047,01] Nach der Zeit von einer Viertelstunde, in der wir alle die Morgenszenen mit vieler Aufmerksamkeit betrachteten, sagte Ich wieder zu allen Anwesenden: „Nun erst habet wohl acht darauf, was sich alles noch vor dem vollen Aufgange der Sonne ordentlich bildlich zeigen wird; denn Ich will es, daß auch ihr mit euren Augen schauen sollet, wie sich in der letzten Zeit des neuen Heidentums alles gestalten wird!"
[GEJ.08_047,02] Nun richteten alle mit verdoppelter Aufmerksamkeit ihre Augen nach dem Osten. Es war bis zum vollen Aufgange noch eine gute halbe Stunde Zeit, und es konnte somit noch so manches Bild sich vor den Augen der beobachtenden Jünger entwickeln.
[GEJ.08_047,03] Zuerst ersah man einen dichten und völlig schwarzen Nebel weithin von dem Horizonte aufsteigen. Als dieser Nebel die ungefähr siebenfache Höhe der fernen Gebirge des Horizonts erreichte, da wurde er bald wie glühend; denn er ward von einer Unzahl von Blitzen durchzuckt, daß darum alle die Anwesenden meinten, daß dort nun ein gräßliches Gewitter wüten werde.
[GEJ.08_047,04] Ich aber sagte: „Sorget euch um etwas anderes, denn von dieser Erscheinung sieht außer uns niemand etwas nur im geringsten!"
[GEJ.08_047,05] Es ward darauf weiterhin wieder mit aller Ruhe beobachtet, was da alles nachkommen werde.
[GEJ.08_047,06] Und siehe, auf dem obersten schwarzen und von den vielen Blitzen durchglühten Rande des Genebels zeigte sich eine große Stadt!
[GEJ.08_047,07] Und Ich sagte: „Sehet an das Bild des neuen Babels!"
[GEJ.08_047,08] Da sagte Agrikola: „Herr, das hat mit unserem Rom eine bedeutende Ähnlichkeit! Nur bemerke ich eine Menge Ruinen ringsherum, doch in der engeren Stadt nebst den alten mir nur zu wohl bekannten Gebäuden wohl auch eine Menge neuer Gebäude und Tempel, deren Giebel sonderbarerweise mit Kreuzen verziert sind. Was bedeutet nun das wohl?"
[GEJ.08_047,09] Sagte Ich: „Siehe, das ist der Untergang des alten und zugleich der Anfang des neuen Heidentums! Etwa schon in 500-600 Jahren, von nun an gerechnet, wird es alldort buchstäblich so aussehen. Beobachtet aber das Gebilde nun nur weiter!"
[GEJ.08_047,10] Wieder richteten alle ihre Aufmerksamkeit auf das Gebilde, dessen Szenen sich schnell nacheinander entwickelten. Und siehe, man ersah große Völkerzüge und viele arge Kämpfe und Kriege, und in der Mitte der Stadt ersah man etwas sich hoch erheben wie einen Berg! Auf dem Berge stand ein hoher und großer Thron, aussehend, als wäre er von glühendem Golde. Auf dem Throne saß mit einem Stabe, dessen oberstes Ende ein dreifaches Kreuz zierte, ein Herrscher mit einer dreifachen Krone auf dem Haupte. Aus seinem Munde gingen zahllose Pfeile, und aus seinen Augen und aus seiner Brust zuckten ebenso zahllos viele Blitze des Zornes und des höchsten Hochmutes. Und es zogen ihm Könige zu, von denen sich viele vor ihm tiefst verneigten. Die sich vor ihm also verneigten, die sah er freundlich an und bestätigte ihre Macht; die sich aber vor ihm nicht verneigten, die wurden von seinen Pfeilen und Blitzen arg verfolgt und zugerichtet.
[GEJ.08_047,11] Hier sagte Agrippa: „Herr, das gibt kein gutes Vorbild für die späteren Beherrscher des neuen Babels! Es scheint wohl, daß ihre Macht eine noch größere, aber auch eine um vieles grausamere sein wird, als sie nun ist. Denn jetzt werden nur die ärgsten Verbrecher mit dem Kreuze bestraft, aber nur mit dem einfachen; der aber hält gar ein dreifaches in seiner Herrscherhand sogar allen andern Königen entgegen! Herr und Meister, erkläre uns das nur ein wenig!"
[GEJ.08_047,12] Sagte Ich: „Das stellt keinen besonderen Herrscher über viele Länder und Völker vor, sondern nur die sichtliche Persönlichkeit des Antichristen. Das dreifache Kreuz aber bezeichnet Meine Lehre, die daselbst eben dreifach verfälscht den Königen und ihren Völkern aufgedrungen werden wird: falsch im Wort, falsch in der Wahrheit und falsch in der lebendigen Anwendung.
[GEJ.08_047,13] Die Könige aber, die sich vor ihm nicht beugen, und die er verflucht, die sind es, die noch mehr oder weniger in der Wahrheit der alten Lehre verbleiben. Es erreichen sie wohl seine Pfeile und Blitze, aber sie können ihnen dennoch keinen Schaden von einiger Erheblichkeit zufügen. – Aber beobachtet nun das Gebilde weiter; denn Ich kann euch durch dasselbe nur die Hauptmomente zeigen!"
[GEJ.08_047,14] Nun sahen wieder alle mit erhöhter Aufmerksamkeit hin.
[GEJ.08_047,15] (Der Herr:) „Und siehe, es sammeln viele Könige, die sich zuvor noch vor dem, der auf dem Throne sitzt, tiefst verneigt hatten, ihre Kriegsscharen und ziehen gegen ihn! Seht, das gibt einen erbitterten Kampf, und es sinkt sein erhabener Thron schon sehr bedeutend tief ganz zur Stadt herab, und ihr sehet nur etliche Könige, die sich, so pro forma nur, vor ihm verneigen, während aber von den vielen andern von ihm abgefallenen Königen nun gar viele Pfeile und Blitze auf ihn zurückgesandt werden. Aber nun ist von ihm beinahe gar nichts mehr zu sehen, und das wird geschehen schon nach 1000 bis 1500 bis 1600 und 1700 Jahren.
[GEJ.08_047,16] Aber nun sehet abermals hin! Sehet, er macht Versuche, sich abermals zu erheben, umgeben mit schwarzen Rotten, und einige Könige reichen ihm die Hände, um ihm zu helfen; aber sehet, die das tun, die werden alsbald ganz ohnmächtig, und ihre Völker reißen ihnen die Kronen vom Haupte und geben sie den starken Königen! Und sehet! Nun sinkt sein Thron, und die starken Könige eilen herbei und zerteilen ihn in mehrere Teile, und so geht für ihn nun alle seine Macht, Höhe und Größe unter! Wohl schleudert er noch Pfeile und matte Blitze um sich, aber sie beschädigen niemanden mehr; denn die allermeisten kehren auf ihn selbst zurück und verwunden ihn und seine matten und finsteren Horden."
48. Kapitel
[GEJ.08_048,01] (Der Herr:) „Aber nun sehet, wie die Sonne bereits alles mit ihrem Lichte zu durchdringen anfängt, und ihr sehet die finsteren Horden nach allen Seiten hin fliehen, nur dahin nicht, von woher die Sonne kommt! Vor ihrem Lichte schwindet nun alles und sinkt in das Reich der Vergessenheit.
[GEJ.08_048,02] Nun aber sehet noch einmal hin, und ihr ersehet, wie aus den lichten Wölklein sich eine neue Erde bildet! Was wohl stellen die lichten Wölklein dar? Es sind das Vereine von lauter solchen Menschen, die von der göttlichen Wahrheit durchleuchtet sind. Und sehet, nun rücken diese Vereine enger und enger zusammen und bilden so einen großen Verein, und sehet, das ist eben die neue Erde, über der sich ein neuer Himmel ausbreitet voll Licht und Klarheit!
[GEJ.08_048,03] Ihr müsset aber dabei nicht etwa der Meinung sein, als würde dann diese natürliche Erde vergehen und in eine neue umgewandelt werden, sondern nur die Menschen werden durch die Vollaufnahme der göttlichen Wahrheit in ihre Herzen als wahre Brüder und Schwestern in Meinem Namen unter sich eine neue geistige Erde schaffen.
[GEJ.08_048,04] Auf dieser neuen Erde werde Ich Selbst dann sein und herrschen unter den Meinen, und sie werden mit Mir Umgang pflegen und Mich nimmerdar aus ihren Augen verlieren.
[GEJ.08_048,05] Aber betrachtet nun auch nebenbei die alte Erde! Seht, wie aus der neuen Erde in stets dichteren Strömen Lichter hinab auf die alte Erde schweben und diese so entzünden, daß sie wie in vollen Flammen zu stehen scheint! Da sehet ihr gar viele Tote wie aus den Gräbern hervor ans Licht gehen, und wie sie auch bald bekleidet werden mit dem Gewande der Wahrheit und dann auch aufwärtsschweben in das Reich der neuen Erde.
[GEJ.08_048,06] Aber zugleich merket ihr auch, wie noch ein gar großer, finsterer Teil sich auch bestrebt, das Gewand des Lichtes über sein schwarzes anzuziehen und daraus und damit aus Eigennutz und aus Herrschsucht abermals ein neues antichristliches Heidentum zu schaffen; aber Ich Selbst lasse Meinen Zorn über sie hereinbrechen, das ist das Feuer Meiner Wahrheit, und Meine Engel der neuen Erde fallen wie mit flammenden Schwertern über sie her und schlagen jede weitere finstere Bestrebung in die Flucht und in den Abgrund der gänzlichen Vernichtung.
[GEJ.08_048,07] Dies ist dann das allerletzte und größte Gericht um tausend Jahre später. Diese Zeit wird genannt werden Mein tausendjähriges Reich auf Erden, das durch dies allerletzte Gericht auf eine ganz kurze Zeit noch einmal eine kriegerische Unterbrechung haben wird; aber der Sieg wird ein baldiger und für alle künftigen Zeiten ein gänzlicher sein. Von da an wird aus den Himmeln und aus der Erde ein Hirt und eine Herde werden. Der Hirt werde wie allzeit Ich sein, und die Herde werden die Menschen auf Erden ausmachen im vollen Vereine mit den Seligen in Meinen Himmeln.
[GEJ.08_048,08] Denn diese Letztgenannten werden wieder so, wie es in den Urzeiten der Menschen auf dieser Erde war, sichtbar mit den Menschen auf der Erde verkehren. Aber bevor das geschehen wird, wird auch die natürliche Erde ganz mächtige Umgestaltungen erleiden. Große Länder und Reiche, die jetzt noch das große und tiefe Meer bedeckt, werden zum fruchtbarsten Boden emporgehoben werden, und gar viele jetzt noch sehr hohe Berge werden erniedrigt und mit ihren zerbröckelten Spitzen gar viele tiefe Gräben und Täler ausgefüllt werden und ein fruchtbares Land bilden.
[GEJ.08_048,09] Da in jener Zeit die Menschen nicht mehr nach irdischen und vergänglichen Schätzen gieren und geizen werden, so werden auf der Erde auch hunderttausendmal so viele Menschen, als nun auf derselben leben, gar wohl versorgt und glücklich leben können. Zugleich aber werden in jener Zeit auch alle die bösen, das Fleisch mächtig quälenden Krankheiten von der Erde verschwinden. Die Menschen werden ein heiteres und hohes Alter erreichen und viel Gutes wirken können, und niemand wird eine Furcht vor dem Tode des Leibes haben, weil er mit klaren Blicken das ewige Leben der Seele vor sich sehen wird.
[GEJ.08_048,10] Die Hauptsache im Wohltun wird in jener Zeit in der rechten Erziehung der Kinder bestehen und daß der Starke mit aller Liebe das physisch schwächere Alter nach allen Kräften unterstützen wird.
[GEJ.08_048,11] Es werden aber auf der neuen, glücklichen Erde auch Ehen geschlossen werden, aber also wie im Himmel nach Meiner Ordnung, und es werden auch Kinder gezeugt werden in großer Anzahl, aber nicht auf dem Wege der puren Geilsucht, sondern auf dem Wege des wahren Liebeernstes, und das bis ans Ende aller Zeiten dieser Erde.
[GEJ.08_048,12] Da habt ihr nun ein treues Bild von dem letzten Gerichte über alle Heiden auf der ganzen Erde, das ihr auch ganz leicht und wohl verstehen könnet!"
49. Kapitel
[GEJ.08_049,01] Hier fragten Mich die Jünger: „Herr und Meister! Werden wir aus dem Reiche der Geister das auch alles mit anschauen und mit empfinden können? Und wie lange wird dann die glückliche Erde noch fortbestehen bis zum vollen Ende ihrer Zeiten?"
[GEJ.08_049,02] Sagte Ich: „Was eure erste Frage betrifft, so versteht es sich ja ohnehin von selbst, daß ihr aus den Himmeln das alles nicht nur allerklarst sehen, hören und fühlen werdet, sondern ihr werdet die Hauptleiter daselbst und zu allen Zeiten sein, – aber nicht nur auf der neuen Erde, sondern über den ganzen Großen Schöpfungsmenschen, wie auch über alle endlos vielen Vereine aller Himmel, die ewig nirgends begrenzt sind.
[GEJ.08_049,03] Darum sage Ich es euch abermals, daß es kein Mensch je geschaut, noch gehört und in keines Menschen Sinn jemals empfunden worden ist, was Gott denen bereitet hat, die Ihn wahrhaft lieben.
[GEJ.08_049,04] Ich könnte euch sogar jetzt noch vieles sagen und auch schon zeigen, aber ihr könntet das jetzt noch nicht ertragen; wenn aber der Geist aller Wahrheit und alles Lebens über euch kommen wird und ihr in ihm wiedergeboren sein werdet, so wird er euch in alle Tiefen Meines Lichtes leiten und erheben. Dann erst werdet ihr es begreifen und einsehen, welche großen Worte Ich nun zu euch und also auch durch euch zu allen Menschen geredet habe.
[GEJ.08_049,05] Was aber eure zweite Frage betrifft, so ist sie wahrlich noch sehr albern; denn unsere Rechnung hat gar keine Zahl, durch die man die übergroße Vielheit der Erdjahre bestimmen könnte, die bis zu ihrem Zeitende verrinnen werden, und wäre selbst das irgend möglich, so kann das denen, die im Geiste ewig fortleben werden, wohl nur ganz ein und dasselbe sein.
[GEJ.08_049,06] Ich sage es euch: Von solch einer irgend bestimmten Zeit und Stunde weiß auch kein Engel im Himmel; das weiß allein der Vater im Himmel! Denn die ganze Schöpfung ist Sein großer Gedanke, der aber kein Zeitgedanke, sondern ein ewiger ist wie sein allmächtiger Träger und Festhalter. Ich habe es aber ja ohnehin erst unlängst gezeigt, wie endlich einmal alles Materielle ins rein Geistige, aber wie selbständig Seiende verwandelt wird, und es ist sonach wohl nicht mehr nötig, euch noch ein mehreres darüber zu sagen.
[GEJ.08_049,07] Sehet und betrachtet nun lieber die herrliche Morgennatur des Tages, und wie das stets kräftiger werdende Licht der Sonne alle Dünste und Trübnisse der Erde verscheucht, und lernet daraus, wie in der Folge das geistig auch euer Geschäft sein wird, und ihr werdet besser daran tun, als so ihr euch zu emsig um das erkundiget, was euch nun noch lange hin nichts angeht!
[GEJ.08_049,08] Um was ihr euch zu sorgen habt, das habe Ich euch schon gar oft gezeigt; um alles andere aber habt ihr euch gar nicht zu sorgen! Ja, Ich sage euch, daß es sogar unnötig und eitel ist – so ihr lebendig an Mich haltet im Glauben und in der Liebe –, daß ihr euch sorget um den kommenden Tag, was ihr essen und trinken und womit ihr euren Leib bekleiden werdet!
[GEJ.08_049,09] Bekommt man auf dem Markte nicht hundert Sperlinge um einen Pfennig? Wie gering ist also ihr Wert vor den Menschen, und dennoch sorgt der Vater im Himmel für sie und bekleidet sie wohl! Ihr seid als Menschen aber doch sicher mehr wert als die Sperlinge?
[GEJ.08_049,10] Betrachtet da diese Feldblumen und Lilien! Salomo in aller seiner Pracht war nicht so herrlich bekleidet, wie sie da sind. Wer sorgt denn da für ihr Gewand? Darum ist alle derlei Sorge eitel von euch, und noch eitler die ums einstige völlige Zeitenende dieser Erde! – Habt ihr alle Mich nun wohl verstanden?"
[GEJ.08_049,11] Alle bejahten dies bis auf Judas Ischariot. Dieser meinte, daß es ihm nicht ganz klar wurde, was Ich da auf dem Berge von dem letzten Heidengerichte geweissagt habe.
[GEJ.08_049,12] Ich aber sagte zu ihm: „So wende dich an jene, denen es klar geworden ist! Was die Römer als Heiden fassen, das sollte nun dir als einem Juden und einem alten Jünger wohl auch schon faßbar sein!"
[GEJ.08_049,13] Hierauf sagte er nichts mehr, denn er hatte es wohl gemerkt, warum Ich ihm solch eine Antwort gegeben hatte, und zog sich wieder zurück.
50. Kapitel
[GEJ.08_050,01] Als wir uns aber da auf dieser Höhe noch eine Zeitlang vergnügten, da ersahen wir alle die gewisse Maria von Magdalon zur Herberge des Lazarus kommen, und sie fing auch sogleich bei dessen Dienern sich nach Mir zu erkundigen an. Diese aber hießen sie warten, bis Ich zurückkehren werde; aber sie ließ sich nicht zurückhalten, als sie uns bald und leicht auf der Anhöhe gewahrte, und zog eilenden Schrittes zu uns herauf.
[GEJ.08_050,02] Als sie sich unserem Standorte nahte, da ging ihr Agrikola entgegen, grüßte sie freundlich und führte sie dann vollends zu uns, wo sie auch von den andern Römern auf das freundlichste begrüßt wurde.
[GEJ.08_050,03] Sie (Maria von Magdalon) aber sagte: „Ich weiß es wahrhaftig nicht, aus welchem Grunde mir hier eine solche Ehre zuteil wird! Ich bin nur eine Sünderin und verdiene, von allen Menschen tief verachtet zu werden; aber daß ich auch einer Ehre würdig wäre, besonders von solchen hohen Herren, wie ihr es seid, das fasset mein Verstand nicht. Dazu bin ich nun nur hergekommen, um allein dem Herrn meines Lebens zu danken, da Er mich von den argen Geistern des Fleisches erlöst hat; aber um mich ehren zu lassen, bin ich nicht hierher gekommen!"
[GEJ.08_050,04] Sagte Agrikola: „Höre, du holde Maria von Magdalon! Wir alle, die wir aus Rom hierher gekommen sind, haben dir gar vieles zu verdanken; denn hättest du uns an jenem Abende vor ungefähr acht Tagen nicht hierherauf den Weg gezeigt und uns auch geführt, so hätten wir vielleicht gar nicht das ewig unschätzbare Glück gehabt, den Herrn alles Lebens und alles Seins persönlich kennen, Ihn als den allein wahren Gott erkennen und über alles lieben zu lernen. Siehe, darin liegt denn auch einzig und allein der Grund, dessentwegen wir dir so dankbar sind und auch fortan bleiben werden; und so wundere dich nun darob nicht also sehr, wenn wir dir so freundlich entgegenkommen! Denn wir erachten das als unsere Pflicht, weil du uns zu einem so unschätzbarsten Glück verholfen hast.
[GEJ.08_050,05] Denn wir haben ein gutes Staatsgesetz, laut dem derjenige, der durch einen andern Menschen zu einem großen und wahren Glück gelangt ist, eben diesem Menschen zeitlebens im hohen Grade dankbar zu verbleiben hat durch Gebärden, Worte und Taten, auch dann, wenn der Mensch, durch den ein anderer zum großen Glücke kam, nicht darum wußte, daß er seinem Nebenmenschen zu einem Glücke verhelfen werde. Die Dankbarkeit hat sich auch auf des Glück verursachenden Menschen Nachkommen zu erstrecken.
[GEJ.08_050,06] Was sind aber alle materiellen Glücksgüter, zu denen ein Mensch durch einen andern gelangen kann, gegen diese rein geistigen, die wir hier geerntet haben? Durch diese haben wir den allein wahren Gott und durch Ihn uns selbst, die wir verloren waren, und das wahre ewige Leben unserer Seelen gefunden, und das ist endlos mehr, als so du uns zu allen Schätzen der Erde verholfen hättest. Und darum sind wir dir, da du die erste Veranlasserin dazu warst, auch allen Dank für alle Zeiten schuldig.
[GEJ.08_050,07] Wärest du eine Arme an irdischer Habe, so würden wir dich auch königlich belohnen; da du aber ohnehin mit den Gütern dieser Erde reichlichst versehen bist, so können wir dir wohl unsere Dankbarkeit mit nichts anderem als mit unseren wahren und ungeheuchelten Worten, wie sie in unserem Herzen gewachsen sind, allerfreundlichst ausdrücken, und du wirst solche unsere dir pflichtschuldigste Dankbarkeit nicht von dir weisen?"
[GEJ.08_050,08] Sagte nun ebenfalls in einem sehr freundlichen Ton die Maria von Magdalon: „Es ist das wohl gar sehr schön und artig von euch edlen Römern, daß ihr mir darum dankbar sein und bleiben wollet, weil ich euch zufällig – wahrlich ohne mein Wissen und Wollen – zu einem, wie sich's leicht begreifen läßt, so endlos großen Glück verholfen habe, aber es gebührt mir darum dennoch kein Dank und keine Ehre; denn das war alles also des Herrn Wille, und ich selbst war nur Sein stummes und blindes Werkzeug. Und so seid ihr dem Herrn allein auch nur allen Dank und alle Ehre schuldig!"
[GEJ.08_050,09] Sagte abermals Agrikola: „O du liebe und holdeste Maria von Magdalon! Das wissen wir auch, daß wir alle nur Ihm allein alles zu verdanken haben; aber wir denken da nun also: Wollen wir dem Herrn unsere wahrste und vollste Dankbarkeit für die endlos große Gnade erweisen, die Er uns nun in einem so nie erhört überschwenglichsten Maße erwiesen hat, so dürfen wir das Werkzeug, dessen Er Sich zu unserer Heiligung bedient hat, doch nicht verächtlich über die Achseln anblicken, sondern es auch ehren des Herrn wegen. Und nur in dieser Hinsicht ehren wir nun dich denn auch, abgesehen davon, ob du zu unserem größten Lebensglücke ein sehendes oder nur blindes Werkzeug in der allmächtigen Hand des Herrn warst, und ich bin der Meinung, daß das auch in der Folge beachtet werden wird. Denn wenn man das Werkzeug des Herrn nicht mit dankbarem Herzen begrüßen möchte, wie stünde es dann mit der wahren Nächstenliebe, die wir doch nach der Lehre des Herrn sogar unseren Feinden schuldig sind und sicher um so mehr denen, durch die uns der Herr so große Gnaden zukommen ließ?
[GEJ.08_050,10] Siehe, du unsere nun holdeste und unvergeßliche Freundin, da habe ich recht und lasse es mir von gar niemand bestreiten und nun schon am allerwenigsten von dir, die der Herr zu unserem Glücks- und Leitstern auserkoren hat, und wir dir darum Ehre und wahre Liebe schulden! Laß mich darum nur bei meinem guten Rechte!"
[GEJ.08_050,11] Sagte die Maria von Magdalon: „Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du, hoher Herr, schon ganz recht, aber ich selbst werde darum den Herrn, meine einzige Liebe, loben, rühmen und preisen immerdar, daß Er mich, eine große Sünderin, zu einem blinden und stummen Werkzeuge gemacht hat! Denn hätte ich gewußt, daß Er hier oben sei, so hätte ich euch nicht hierherauf geführt; denn ich hätte es als eine zu grobe Sünderin ja selbst nicht gewagt, mich dem Herrn zu nahen, da ich von der Wahrheit Seiner Lehre und Seines heiligsten göttlichen Wesens nur zu tief überzeugt bin und auch einsehe, daß eine Sünderin, wie ich eine war, nie wert sein und werden kann, sich Seiner heiligsten Person zu nahen.
[GEJ.08_050,12] Ich aber wußte erstens nicht, daß sich der Herr hier aufhalte mit Seinen getreuen Jüngern; aber das wußte ich, daß diese Bergherberge eine der besten von ganz Jerusalem ist. Und weil diese Herberge gewöhnlich von den Fremden besucht wird, so habe ich, da ihr mich in einer Straße der Stadt aufhieltet und um eine gute Herberge befragtet, euch hierherauf geführt und habe daher von euch nur den Dank nach menschlicher Weise zu beanspruchen, der mir als einer Wegweiserin zu einer guten Herberge gebührt; aber dafür, daß ihr hier der höchsten Gnade des Herrn teilhaftig geworden seid, gebührt mir wahrlich kein noch so geringer Dank, da es unmöglich in meiner Absicht hat liegen können, euch solche hier zu verschaffen, indem ich selbst keine Ahnung haben konnte, daß ihr einer solchen hier würdet teilhaftig werden. Daher gebet darum nur allein dem Herrn allen Dank und alle Ehre, und gedenket deshalb meiner nicht, worum ich euch sogar inständigst bitte!"
[GEJ.08_050,13] Hierauf sagte Ich: „Höre du, Meine Maria! Du hast nun ganz wohl und wahr gesprochen und hast völlig recht in deinem Teile; aber auch die Römer haben recht in dem ihrigen. Daß du Mir allein alle Ehre und allen Dank zuwendest, dadurch zeigst du, daß du vom wahren Geiste der Demut vollends erfüllt bist und dir darum auch alle deine Sünden vergeben sind; aber auch die Römer zeigen, daß sie vom rechten Geiste der Nächstenliebe durchdrungen sind, und begehen deshalb keine Sünde gegen Mich, so sie dich in ihrer dankbaren Erinnerung behalten, wenn du auch nur ein blindes Werkzeug Meiner Liebe und Meines Willens warst.
[GEJ.08_050,14] Ich aber sage nun bei dieser Gelegenheit allen: Ihr sollet zwar nicht suchen Dank und Ehre bei den Menschen, denen ihr in Meinem Namen werdet Gutes getan haben, so wie auch Ich Selbst bei den Menschen desgleichen nicht suche, da Der, der in Mir wohnt, Meine allerhöchste Ehre ist; aber so euch die Menschen für die in Meinem Namen erwiesenen höchsten Lebenswohltaten verunehren und mit Undank begegnen werden, so werde Ich ihnen das ebenso anrechnen, als hätten sie Mir Selbst das angetan! Denn wer den rechten Jünger, den Ich erweckt habe, nicht ehrt und ihm in Meinem Namen nicht dankbar ist, der ehrt auch Mich, den Herrn und Meister, nicht und ist Mir für die ihm erwiesene Gnade auch nicht dankbar.
[GEJ.08_050,15] Denn so Ich Jünger und Propheten erwecke, so geschieht das nicht der Jünger und Propheten allein wegen, sondern aller Menschen wegen; und darum sollen die Jünger und Propheten auch als das geachtet werden, als was sie von Mir berufen sind. Wer denn einen Jünger und einen Propheten in Meinem Namen mit Liebe und rechter dankbarer Achtung aufnehmen wird, dem werde Ich es auch also anrechnen, als hätte er Mich Selbst also aufgenommen, und er wird denn auch dereinst eines Jünger- und Prophetenlohnes teilhaftig werden. Und deren Lohn wird wahrlich kein geringer sein!
[GEJ.08_050,16] Aber wehe auch jenen falschen Jüngern und Propheten, die sich gleich den Pharisäern und Hochpriestern von den Menschen werden ehren lassen und solches von den Menschen sogar gesetzlich verlangen werden! Wahrlich, die sollen als Diebe und Räuber angesehen werden und dereinst vor allen Engeln zu großen Schanden werden! Je mehr Ehre sie sich in dieser Welt für sich nehmen werden, desto mehr der ärgsten Schande werden sie dereinst zu gewärtigen haben.
[GEJ.08_050,17] Dieses sollet ihr euch alle auch wohl merken und könnet das auch leicht; denn so ihr Mein Gebot der wahren und reinen Nächstenliebe recht in Betrachtung ziehet, so werdet ihr es gar leicht begreifen, daß jedem echten und wahren Menschen der stinkende Hochmut seines Nebenmenschen am meisten weh tut!"
51. Kapitel
[GEJ.08_051,01] (Der Herr:) „Daher sei ein jeder voll Sanftmut und Demut, und ihr werdet euch dadurch gegenseitig die größte und wahrste Menschenehre erweisen und in Frieden und Ruhe miteinander leben und verkehren!
[GEJ.08_051,02] Ehrsucht und Hochmut aber erzeugen Mißmut, Ärger, Verachtung, Groll, Zorn und am Ende Rache, Krieg und sein böses Gefolge. Der Hochmütige und Ehrgierige ist auch stets voll Selbstsucht und Habgier; und weil er alles nur für sich zur Erhöhung seiner Weltehre gewinnen will, so ist dann davon die traurige Folge, daß Hunderte und Tausende um ihn dann nichts haben und in der größten Armut und Not leben müssen, wie das auch zu den Zeiten Noahs der Fall war und in der letzten Zeit des neuen Heidentums noch mehr der Fall sein wird.
[GEJ.08_051,03] Aber eben dieser böse und vollends höllische Zustand unter den Menschen wird das Gericht sein, das sie sich selbst schaffen werden. Die übergroße Zahl der Armen und Gedrückten wird sich endlich über ihre überhochmütigen Bedrücker erheben und mit ihnen ein Garaus machen, und das wird sein eine zweite Sündflut durch das Zornfeuer der am Ende zu arg und mächtig gedrückten Armut.
[GEJ.08_051,04] Aber auch ein natürliches Feuer wird in jener Zeit viele Orte verwüsten; denn es werden in jener Zeit die Menschen aus zu hoch übertriebener irdischer Gewinnsucht gleich bösen Würmern in die Tiefen der Erde dringen und darin allerlei Schätze suchen und auch finden. Wenn sie aber an die mächtigen Lager begrabener Urwälder der Erde kommen werden und sie zur Feuerung und Schmelzung der Metalle und noch zu vielen anderen Dingen gebrauchen werden, so wird auch das letzte Gericht, das sie sich selbst bereiten werden, vor der Türe sein.
[GEJ.08_051,05] Am meisten aber werden die zu leiden haben, die da wohnen werden in den großen Städten der Könige und der dermaligen Mächtigen der Erde.
[GEJ.08_051,06] Darum bleibet alle stets in der Sanftmut und Demut und dadurch in der wahren Nächstenliebe, so wird kein Gericht unter euch erzeugt werden; denn wo in jener Zeit die Menschen in Meiner Ordnung leben werden, dort wird auch kein letztes Gericht zum Vorschein kommen. Ich habe euch das nun deshalb zum voraus gesagt, auf daß ihr es auch den andern Menschen sagen und verkünden sollet, damit sich am Ende niemand entschuldigen kann, daß er nicht vor der Gefahr gewarnt worden sei."
[GEJ.08_051,07] Sagten alle: „Herr und Meister, an unserem Eifer für die gute und wahre Sache wird es uns mit Deiner Hilfe wahrlich nicht fehlen; aber es gibt der Menschen viele auf der Erde, die groß und weit ist, und wir werden nicht in alle ihre Orte kommen können, und so wird das Böse unter dem Guten und Wahren fortwuchern, und wir werden wohl nicht imstande sein, demselben vollen Einhalt zu tun!"
[GEJ.08_051,08] Sagte Ich: „Dafür werdet ihr, wie ein jeder wahrhaft Gute in Meinem Namen, auch zu keiner Verantwortung gezogen werden. Denn es genügt, daß den Menschen die Wahrheit verkündet wird; das Leben und Handeln danach ist ihre höchst eigene Sache. Wer danach leben und handeln wird, der wird in kein Gericht kommen, sondern das ewige Leben ernten und selig werden."
52. Kapitel
[GEJ.08_052,01] Hier trat die Maria von Magdalon näher zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, kann auch ich noch selig werden und dereinst das ewige Leben ernten? Denn ich bin eine große Sünderin, und mir kommt es in Deiner heiligsten Nähe stets mehr und mehr vor, daß ich auch Deiner allergeringsten Gnade zu unwürdig bin!"
[GEJ.08_052,02] Sagte Ich: „Bleibe du nur fortan in der reinen Liebe, und sündige nicht mehr! Das sei deine Sorge; um alles andere werde schon Ich für dich Sorge tragen. Ich habe dich befreit von deinen unreinen Geistern und habe zu dir auch gesagt: Deine Sünden sind dir vergeben, weil du den Armen viel Liebe erwiesen hast und nun auch Mich liebst über alles. Zu wem Ich aber sage: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘, dem sind sie auch wahrhaft vergeben. Aber er muß hinfort keine Sünden mehr begehen; denn sündigt er von neuem wieder, so versetzt er sich in einen noch ärgeren Zustand, als da war sein erster. Aber Ich sehe bei dir den ernsten Willen, nicht mehr zu sündigen, und so wirst du auch verbleiben in Meiner Gnade und Liebe. Wer aber in Meiner Gnade und Liebe verbleibt, der hat schon das ewige Leben in sich und mit ihm die ewige Seligkeit.
[GEJ.08_052,03] Wer aus Liebe zu Mir alles tut, was die Nächstenliebe fordert, dem werde auch Ich alles tun, was in Meiner Macht steht. In Meiner Macht aber steht nicht nur vieles, sondern alles. So du, liebe Maria, nun das weißt, da sei du frohen Gemütes, und tue fortan Gutes, und Ich werde dich nicht verlassen!"
[GEJ.08_052,04] Hierauf fiel die Maria von Magdalon zu Meinen Füßen, dankte Mir mit dem gerührtesten Herzen und benetzte Meine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. Meinen alten Jüngern aber kam diese Szene etwas zu lange dauernd und nach ihrer Meinung auch etwas unanständig vor, und sie murrten heimlich unter sich.
[GEJ.08_052,05] Ich aber merkte das und sagte zu ihnen: „Warum ärgert denn ihr euch darob? Ich bin schon lange unter euch, und ihr habt Mir eine solche Liebe noch nie bezeigt, und Ich verlangte sie von euch auch nicht. Darum aber sage Ich euch nun auch: Wo immer Mein Evangelium den Menschen gepredigt wird, da soll auch dieser Maria volle Erwähnung gemacht werden; denn sie hat Mir einen großen Liebedienst erwiesen. Das merket euch auch! Du, Maria, aber erhebe dich nun wieder, und sei Meiner vollen Liebe und Gnade versichert!"
[GEJ.08_052,06] Darauf erhob sich die Maria und dankte Mir nochmals mit dem liebevollsten Herzen.
[GEJ.08_052,07] Die Jünger aber baten Mich und sie um Vergebung ob ihrer kleinen Ungeduld.
[GEJ.08_052,08] Und Ich sagte: „Lernet die Schwachen ertragen, so werdet ihr dadurch mehr Stärke eurer Seelen vor Mir an den Tag legen, als so ihr nur mit den Helden kämpfet und über sie sieget!
[GEJ.08_052,09] Nun aber ist die Sonne schon ziemlich hoch über den Horizont gestiegen, und das Morgenmahl steht in Bereitschaft; wir wollen dasselbe zu uns nehmen und uns dann von hier nach Bethanien begeben!"
[GEJ.08_052,10] Darauf begaben wir uns behende ins Haus und nahmen das Morgenmahl ein, an dem auch unsere Maria teilnahm.
[GEJ.08_052,11] Nach dem Morgenmahle aber machte Lazarus mit seinem Wirte die Rechnung und nahm den Gewinn, wie auch die andern Schätze und Kostbarkeiten mit sich. Es hatten daran zehn Maultiere zu tragen, da auch die Schätze von den etlichen bekehrten Pharisäern dabei waren, die Lazarus zur Verwaltung übernahm.
[GEJ.08_052,12] Nikodemus, Joseph von Arimathia und der alte Rabbi empfahlen sich Meiner Gnade und Liebe, dankten für alles und gingen samt den Magiern in die Stadt, allwo sie zu tun hatten. Die Magier aber begaben sich zu den Ihrigen, die schon mit vieler Sehnsucht ihrer harrten. Die beiden Römer aber, die zu Emmaus wohnten, zogen mit den sieben Oberägyptern nach Emmaus, von wo aus dann die letzteren nach einigen Tagen wieder in ihr Land zogen. Alle andern Anwesenden aber zogen mit uns nach Bethanien.
[GEJ.08_052,13] Es braucht hier nicht weiter und sonderheitlich angegeben zu werden, welche Menschen noch da waren, da dieselben im Verlaufe der erzählten Begebenheiten auf dem Ölberge ohnehin mehrere Male benannt und bezeichnet wurden.
[GEJ.08_052,14] Maria von Magdalon bat Mich auch, uns nach Bethanien nachkommen zu dürfen, und fragte Mich, wie lange Ich wohl in Bethanien verweilen werde.
[GEJ.08_052,15] Und Ich sagte: „Ich werde daselbst drei Tage hindurch ruhen; denn Ich habe nun viel gearbeitet, und auf viel Arbeit kann man sich eine kleine Rast nehmen. Wenn du dein Haus bestellt haben wirst, dann komme zu uns nach Bethanien!"
[GEJ.08_052,16] Darauf begab sich auch die Maria sogleich nach Hause, um daselbst schnell alles zu ordnen, und das auf einige Tage, da sie es sich vornahm, diese Zeit bei Mir zuzubringen.
53. Kapitel
[GEJ.08_053,01] Schließlich fragte Mich noch Agrikola, ob er nicht eines von den Goldgeschirren, die wunderbar für den Tisch der Römer geschaffen worden waren, zum Gedächtnisse mitnehmen dürfe gegen Erlegung eines ausgesprochenen Geldwertes.
[GEJ.08_053,02] Und Ich sagte zu ihm: „Was für euch geschaffen ward, das gehört euch auch, und ihr könnet es daher auch ohne Erlegung eines Geldbetrages mit euch nehmen. Zudem wirst du ohnehin der Armen genug von hier mit dir nach Rom nehmen und sie dort wohl versorgen, und so sind in der materiellen Hinsicht diese Gefäße wohl nur ein ganz geringer Lohn für das, was du Mir zuliebe tust. Darum nimm nur alles, was sich irdisch Kostbares auf eurem Tische befindet! Aber betrachte das nicht etwa als einen wirklichen Lohn für alles das, was du aus Liebe zu Mir den vielen Armen und Bedrängten tust; denn dein Lohn dafür wird ein ganz anders gestalteter sein auf Erden schon, und über alles jenseits in Meinem Reiche.
[GEJ.08_053,03] Sorge daheim aber ernst und gut für die, welche Ich dir zur Pflege übergeben habe! Du wirst nach einem Jahre nach dem äußersten Westen Europas in Regierungsangelegenheiten eine Reise machen müssen mit einem Sohne von dir, und du wirst dort lange und viel zu tun haben. In der Zeit aber bestelle dein Haus wohl, damit alle die, welche Ich dir anvertraut habe, ja keine Not weder leiblich und noch weniger seelisch zu erleiden haben sollen!"
[GEJ.08_053,04] Sagte Agrikola, von der Liebe zu Mir ganz zu Tränen gerührt: „O Herr und Meister, das wird wohl meine erste und größte Sorge sein, und ich hoffe, daß mir mit Deiner Hilfe alles wohl und bestens gelingen wird! Aber verlasse ja Du mich niemals, und lasse keine zu starken Versuchungen über mich und mein Haus kommen! Ich kenne wohl nun ganz gut meine von Dir mir geschenkte Stärke; aber ich kenne auch meine alten, höchsteigenen Schwächen. Sollte mich dann und wann eine oder die andere gemahnen zu einem Falle, – o Herr, da ergreife mich und stärke meinen Willen, auf daß ich mich aufrecht erhalte und nicht falle!"
[GEJ.08_053,05] Sagte Ich: „Wahrlich, um was du den Vater, den du nun kennst, bitten wirst in Meinem Namen, das wird dir auch gegeben werden! Darum sei du stets voll Trostes und voll der wahrsten und lebendigsten Zuversicht; denn Ich werde, so du im lebendigen Glauben und in der Liebe zu Mir verharrst, stets bei dir sein und werde dich führen und leiten, wie auch jeden, der deines Glaubens und deiner Liebe sein wird!"
[GEJ.08_053,06] Hierauf dankten Mir alle Römer und auch alle die, welche die Römer in ihre Sorge und Pflege aufnahmen.
[GEJ.08_053,07] Wir waren nun reisefertig und begaben uns hinab auf die Straße, die nach Bethanien führte.
[GEJ.08_053,08] Als wir an der Mauer der Stadt vorüberzogen, da sagte der Wirt im Tale, der auch mit uns heimzog, wie auch der an der großen Heerstraße unweit Bethlehem: „Herr, sieh doch diese furchtbar starken Mauern der Stadt an! Wie wohl werden die mit menschlichen Kräften zerstört werden können?"
[GEJ.08_053,09] Sagte Ich: „Was Menschenhände schufen, das können sie auch zerstören. Denn es sind die Menschen überhaupt geschickter im Zerstören als im Schaffen, und so werden sie zur rechten Zeit auch Meister dieser starken Mauern werden. Ich sage euch: Nicht ein Stein wird auf dem andern gelassen werden! In ein paar Jahrhunderten werden die Menschen die Stelle suchen, auf welcher nun noch der Tempel steht, und werden sie nicht finden.
[GEJ.08_053,10] Wie war es denn zu den Zeiten Noahs vor der großen Flut? Ich habe euch das gezeigt vor einigen Tagen! Konnten die Menschen jener Zeit sogar Berge zerstören, wodurch die inneren Gewässer der Erde zum Ausbruch kamen und die Frevler ersäuften, also werden die Menschen desto leichter mit dieser Mauer fertig werden zur rechten Zeit!"
[GEJ.08_053,11] Mit diesem Bescheide waren die beiden zufrieden, und wir zogen auf der Straße weiter und kamen bald an ein Mauthaus.
54. Kapitel
[GEJ.08_054,01] Der Zöllner aber erkannte Mich bald, trat zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, seit Deine Worte und Lehren mich auf dem Ölberge durchdrungen haben, bin ich wahrlich ein ganz anderer Mensch geworden und danke Dir nun noch einmal aus vollem Herzen für die übergroße Gnade, die Du mir und meinem Hause erwiesen hast! Ich habe alles von Dir Vernommene allen meinen Angehörigen treulich mitgeteilt, und sie glauben nun an Dich; lasse darum auch Deinen Segen über mein ganzes Haus walten!"
[GEJ.08_054,02] Sagte Ich: „Weil du solches getan hast, so wird das Heil dir und deinem Hause auch nicht ferne bleiben! Aber du forderst dennoch auch sogar von den Einheimischen den Zoll, wenn der Fremden zu wenige nach Jerusalem kommen; wenn aber die Fremden kommen, so verlangst du willkürlich um vieles mehr, als es nach dem Gesetz bestimmt ist. Das aber habe Ich wahrlich nicht gelehrt, und ein solches Handeln steht nicht im allerentferntesten Verbande mit der Nächstenliebe, die Ich jedermann vor allem ans Herz legte. Hast du aber die Nächstenliebe in der Tat nicht, da bist du ferne von Meinem Reiche; denn der pure Glaube ohne die Werke der Liebe ist tot und der, welcher ihn hat, mit ihm. Darum ändere du dein Handeln, ansonst dir wenig Heil aus deinem Glauben an Mich erwachsen wird!
[GEJ.08_054,03] Daß du ein Zöllner bist, von dem die Templer sagen, daß er gleichfort ein großer Sünder sei, das wird dir von Mir aus nicht zur Sünde gerechnet; aber daß du die Wanderer bedrückst und von ihnen forderst, was über die gesetzliche Gebühr geht, das ist wider die Nächstenliebe und ist somit auch eine grobe Sünde, die keinem Menschen ein Heil bereitet. Ändere darum dein Handeln, so du ein rechter und fruchtbarer Jünger nach Meiner Lehre sein willst!"
[GEJ.08_054,04] Sagte der Zöllner nun ganz betroffen: „O Herr und Meister, ich sehe nun, daß es vor Deinen Augen nichts Verborgenes gibt, und ich werde darum mein Handeln völlig ändern! Dir aber danke ich nun abermals inbrünstigst für diese Deine Ermahnung."
[GEJ.08_054,05] Sagte Ich: „Mache aber auch an den Armen den ihnen zugefügten Schaden gut, sonst baust du deine künftige Nächstenliebe auf hohlem Sandgrunde!"
[GEJ.08_054,06] Als der Zöllner solches von Mir vernahm, verneigte er sich und sagte: „Herr und Meister, an meinem Willen dazu wird es nicht fehlen, aber an der Möglichkeit, da ich die allermeisten nicht kenne und ihnen die manchmaligen Überbürdungen nicht zurückerstatten kann!"
[GEJ.08_054,07] Sagte Ich: „So habe den ernsten Willen dazu und tue, was dir möglich ist, so wird dir der Wille als Werk angerechnet werden! Es gibt aber um Jerusalem noch Arme genug, die dann und wann einer Hilfe bedürfen; denen tue du Gutes und bringe ihnen ein Opfer, so wirst du dein Unrecht sühnen!"
[GEJ.08_054,08] Auf diese Meine Worte verneigte sich der Zöllner abermals, versprach auf das feierlichste, Meinen Rat zu befolgen, und wir zogen dann weiter.
[GEJ.08_054,09] Auf dem halben Weg nach Bethanien aber saß am Wege ein Blinder, der da bettelte. Er hatte aber einen Führer bei sich, der dem Blinden sagte, daß Ich vorüberzöge.
[GEJ.08_054,10] Als der Blinde das vernahm, da fing er sogleich aus voller Brust zu schreien an: „O Jesus von Nazareth, Du wahrer Heiland der Menschen, hilf mir armem Blinden!"
[GEJ.08_054,11] Weil er aber gar so stark schrie, so bedrohten ihn Meine Jünger und verwiesen ihm sein starkes Schreien und sagten, daß Ich ihm auch so helfen könne, wenn er auch nicht gar so heftig schreie.
[GEJ.08_054,12] Ich aber verwies das den Jüngern und sagte: „Warum ärgert ihr euch denn darum, daß dieser Blinde Mich um Hilfe angeht? Ist euch sein Geschrei lästig, so haltet euch die Ohren zu, und lasset ihn Mich um Hilfe rufen! Denn sähe er, so würde er nicht also schreien; da er aber wahrlich völlig stockblind ist, so schreit er, damit Ich ihn erhören möchte, wenn sein Geschrei von Mir vernommen wird. Euch aber hat er nicht um Hilfe angerufen, sondern nur Mich, und so geht euch sein Schreien auch nichts an, und ihr habt euch darüber nicht zu ärgern und den Blinden nicht zu bedrohen!"
[GEJ.08_054,13] Da wurden die Jünger still, und Ich trat zum Blinden hin und sagte: „Hier stehe Ich vor dir. Was willst du denn, daß Ich dir nun tun soll?"
[GEJ.08_054,14] Sagte der Blinde: „O guter Heiland, Herr und Meister, gib mir mein Augenlicht wieder; denn ich habe wohl vernommen, daß Du alle Blinden wohl heilen und sehend machen kannst! Und so bitte ich Dich, daß Du Dich nun auch meiner erbarmen möchtest!"
[GEJ.08_054,15] Sagte Ich: „Glaubst du denn wohl so ganz ungezweifelt fest, daß Ich dir helfen kann?"
[GEJ.08_054,16] Sagte der Blinde: „Ja, Herr und Meister, nur Du ganz allein kannst mir helfen, wenn Du das willst!"
[GEJ.08_054,17] Sagte Ich: „Nun, so will Ich denn, daß du wieder sehen sollst! Aber das sage Ich dir auch, daß du in Zukunft nicht mehr sündigest; denn so du in deine alten Sünden verfallen würdest, da würdest du auch wieder blind werden! Darum beachte wohl, was Ich dir nun gesagt habe!"
[GEJ.08_054,18] Der Blinde versprach Mir das aufs feierlichste, und Ich berührte darauf mit dem Finger seine Augen, und er war im Augenblick sehend und wußte sich darob vor lauter Freuden nicht zu helfen und dankte Mir mit aufgehobenen Händen, daß Ich ihm geholfen habe.
[GEJ.08_054,19] Ich aber sagte darauf zu ihm: „Da du sehend geworden und sonst noch ein kräftiger Mensch bist, so erhebe dich nun von dieser Stelle und suche dir in irgendeinem Hause einen Dienst und verdiene dir das tägliche Brot; denn der Müßiggang ist stets der Grund und der Anfang zu allerlei Sünden und Lastern!"
[GEJ.08_054,20] Sagte der nun sehend gewordene Blinde: „O Du guter Heiland, Herr und Meister! Gar gerne möchte ich nun dienen und arbeiten, wenn sich nur irgend ein Dienstgeber vorfände! Ich und dieser mein Führer würden wohl gar gerne arbeiten, so uns jemand in Arbeit nähme."
[GEJ.08_054,21] Hier traten sogleich die beiden Wirte hervor und sagten: „So gehet mit uns, und ihr sollet sogleich Dienst und Arbeit haben; denn wir sind Besitzer von vielen Äckern, Gärten, Wiesen und Weinbergen!"
[GEJ.08_054,22] Als die beiden das vernahmen, da wurden sie überfroh, erhoben sich von ihren alten Bettelsitzen und zogen ganz wohlgemut mit uns fort nach Bethanien, wo sie einen ganzen Tag wohlverpflegt wurden.
55. Kapitel
[GEJ.08_055,01] Als wir nach Bethanien kamen, da ersahen Mich die beiden Schwestern des Lazarus schon von weitem und liefen Mir mit offenen Armen entgegen.
[GEJ.08_055,02] Als sie zu Mir kamen, konnten sie nicht genug lobend erzählen, was sich unterdessen alles Gutes in Bethanien zugetragen habe, während Ich Mich zu Jerusalem aufhielt, und welche Freude ihnen am Morgen die Ankunft der vielen Jungen verursachte; aber zugleich bedauerten sie auch, daß die lieben Jungen nicht in Bethanien verbleiben würden, wie ihnen das der Raphael angezeigt habe.
[GEJ.08_055,03] Ich aber sagte ihnen den Grund, und sie stellten sich zufrieden.
[GEJ.08_055,04] Dabei erreichten wir den Hof und begaben uns denn auch sogleich ins Haus, wo in einem großen Saale die Jungen Mich empfingen und als Vater begrüßten, und das mit so herzlichen Worten, daß darob alle zu Tränen gerührt worden sind.
[GEJ.08_055,05] Von diesem Saale bezogen wir einen anderen Saal.
[GEJ.08_055,06] Als wir in dem schon angezeigten Saale uns befanden und uns gewisserart zu einiger Ruhe geordnet hatten, da ließ Lazarus Brot und Wein auf die Tische setzen und ersuchte uns, daß wir uns damit ein wenig stärken möchten. Wir taten das denn auch eben nicht ungern, da wir von dem kleinen Marsche ein wenig müde geworden waren. Doch diese Müdigkeit war wahrlich kaum des Erwähnens wert; aber da die Römer den Wunsch geäußert hatten, auch diese Stammbesitzung des Lazarus, die von großem Umfange war, näher kennenzulernen, so war da eine kleine leibliche Vorstärkung eben ganz am rechten Orte. Wir nahmen denn auch das Brot und den Wein, nachdem Ich beides zuvor gesegnet hatte, und aßen und tranken ganz wohlgemut das Gegebene.
[GEJ.08_055,07] Nach dieser kleinen Leibesstärkung aber begaben wir uns abermals ins Freie und durchzogen den größten Teil der Besitzungen des Lazarus, und die Römer verwunderten sich sehr über den großen Reichtum des Lazarus.
[GEJ.08_055,08] Aber dieser sprach (Lazarus): „Liebe Freunde, ich besitze noch bei dreißigmal soviel, als was ihr hier nur flüchtig habet übersehen können! Aber all dieser große Besitzesreichtum macht mich darum nicht glücklich, weil ich ihn auf dieser Erde völlig mein nennen kann; denn heute bin ich wohl noch vor den weltlichen Gesetzen ein rechtmäßiger Besitzer, doch morgen fordert der Herr die Seele von mir, und diese wird vor Ihm Rechnung zu legen haben, wie und zu welchem Frommen sie die Erdengüter, die ihr anvertraut worden waren, getreu verwaltet hat. Und sehet, da wird es dann wohl gar mancher Seele schwer ergehen, vor dem Herrn in der Rechenschaft bestehen zu können! Daher sind wir wohl nur, vom rechten Standpunkte des Lebens auf dieser Welt aus betrachtet, zeitweilige Verwalter solcher Erdengüter zum Frommen der armen Menschheit, aber niemals Besitzer. Denn der ewig rechtmäßige Besitzer ist allein der Herr; wir aber besitzen nur das Recht, diese Erdengüter zum Frommen der bedürftigen Menschen zu verwalten und sie zweckdienlich zu bearbeiten.
[GEJ.08_055,09] Und so bin denn auch ich kein Besitzer von allem dem, sondern nur ein noch immer schwacher Bearbeiter und Verwalter. Der aber nun als der allerhöchste Lebensfreund unter uns wandelt und ein wahrster Herr alles Lebens ist, Der ganz allein ist auch der wahre Besitzer dieser und aller Güter der Erde, und es wird uns dereinst zum Heile gereichen, so Er zu uns sagen wird: ,Ihr habet Meine euch anvertrauten Güter wohl verwaltet!‘"
[GEJ.08_055,10] Sagte Agrikola: „Was du nun von deinen Gütern denkst und sagst der vollen Wahrheit nach, das werde auch ich von den meinen denken und sagen und nach Möglichkeit auch dir gleich handeln. Dich, o Herr, aber bitten wir schon jetzt, daß Du mit uns dereinst nicht eine allzustrenge Rechnung über unser Gebaren mit Deinen uns nur zur Verwaltung verliehenen Erdengütern halten möchtest! Denn am Willen, recht zu tun, soll es uns nicht mangeln; aber ob die äußeren, finsteren Weltverhältnisse uns dann und wann nicht manchen unerwarteten und unvorhergesehenen Strich durch unsere gute Rechnung machen werden, das liegt außer unserer Macht, und Du, o Herr, wirst uns für solche möglichen Fälle gnädig und barmherzig sein."
[GEJ.08_055,11] Sagte Ich: „Was da immer geschehen wird wider euren Willen, dafür werden die Rechnung zu geben haben, die euch dann und wann als Hindernisse in den Weg getreten sind. Denn die vor Mir allein gültige Rechnung wird in euren Herzen geschrieben stehen. Da ihr aber nun Meine Freunde seid, so werdet ihr auch als dieselben verbleiben in Ewigkeit!
[GEJ.08_055,12] Denn wahrlich sage Ich euch: Selig seid ihr, die ihr nun das sehet und höret, was alle Patriarchen und Propheten zu sehen und zu hören so sehnlichst wünschten! Aber es war damals noch nicht an der Zeit. Im Geiste sehen und hören sie nun das auch und freuen sich über die Maßen darob; doch ihrem Fleische blieb das verborgen, und den künftigen Generationen wird das auch mehr oder minder verborgen bleiben. Für euch aber ist es nun ein leichtes, zu glauben und danach zu handeln, denn ihr seid nun Augen- und Ohrenzeugen von allem dem, was auf dieser Erde noch nie ein Menschenauge geschaut und ein Menschenohr gehört hat; aber in der Folge werden nur jene selig, welche, so sie auch nicht sehen und hören werden, wie ihr nun, dennoch glauben und nach dem Glauben handeln werden. Darum aber wird ihr Verdienst ihnen noch höher angerechnet werden."
[GEJ.08_055,13] Sagten Meine Jünger: „Wenn Du, o Herr, in der Folge niemandem mehr sichtbar und vernehmbar wirst, wie wirst Du denn dann bei den Deinen verbleiben bis ans Ende der Zeiten?"
[GEJ.08_055,14] Sagte Ich: „Das war einmal wieder eine ausgezeichnet blöde Frage von euch! Wie vieles und Großes habe Ich euch schon verkündet und gezeigt, und dennoch verstehet ihr noch wenig von der inneren Weisheit in Gott! Ich kann doch nicht ewig in diesem Fleische auf dieser materiellen Welt verbleiben, und Ich habe es euch schon zu mehreren Malen gesagt, was Mir noch begegnen wird, damit das Sündenmaß der Juden voll werde und ihr Gericht über sie komme, und noch fraget ihr beinahe wie Blindgeborene nach den Farben des Lichtes, wie Ich dann in der Folge bis ans Ende der Zeiten bei den Meinen verbleiben werde! Weil ihr aber das noch nicht verstehet, so will Ich es euch noch einmal sagen:
[GEJ.08_055,15] Ich werde im Geiste, im Worte und in der Wahrheit bei den Meinen verbleiben, und die in großer Liebe zu Mir sich befinden werden, die werden Mich auch persönlich auf Momente zu sehen bekommen. Die aber nach Meinem Worte leben und nach der inneren Wahrheit desselben sorglich forschen werden, mit denen werde Ich reden durch das Verständnis ihres Herzens und werde also legen Meine Worte in ihr Gemüt, und in Meinem Namen wohlerzogene Jünglinge und Mägde sollen Gesichte haben, in denen ihnen erklärt wird Meine Wesenheit, die Himmel und das ewige Leben, wie auch das Los der Abtrünnigen und Bösen, und auch also werde Ich verbleiben bei den Meinen bis ans Ende der Zeit dieser Erde. Das alles verstehet nun recht, und fraget Mich um derlei nicht wieder!"
[GEJ.08_055,16] Die Jünger stellten sich mit dieser Meiner Antwort ganz zufrieden und fragten Mich dann fürder nicht mehr um solches.
56. Kapitel
[GEJ.08_056,01] Als wir aber noch zwischen den Äckern und Gärten schon ganz in der Nähe von Bethanien umherwandelten und dann bald auf dem schon bekannten Lieblingsruheplatze des Lazarus auf einer kleinen Anhöhe anlangten, um allda im Freien ein wenig auszuruhen, da wir bei der Besichtigung der Gründe des Lazarus denn doch bei drei Stunden lang auf den Füßen zugebracht hatten, da trat einer aus der Zahl der Römer zu Mir und fragte: „Herr und Meister, bis jetzt habe ich nur zugehört und für mich noch kein Wort geredet und sage nun, daß alles von Dir, wie auch von dem sonderbaren Engel Gesprochene, Erklärte und von uns Gesehene mir das unwidersprechbarste Zeugnis von Deiner unmittelbaren und persönlichen Göttlichkeit gab. Aber Du erklärtest uns auch den gestirnten Himmel und hast uns durch Deine Güte und durch die Allmacht Deines heiligen Willens in derartige Zustände versetzt, in denen wir die andern Erdkörper ebenso klar besehen konnten wie nun mit den fleischlichen Augen die Gefilde dieser Erde, und fanden überall Menschen und eine Menge anderer Geschöpfe. Ja, wir fanden in den geschauten andern Erdkörpern sogar noch um vieles herrlichere Länder und Gegenden und Menschen und andere Geschöpfe in einer auch um vieles höheren Vollendung, und die Schönheit und große Regelmäßigkeit ihrer Wohngebäude übertraf die dieser Erde ums unbeschreibbare.
[GEJ.08_056,02] Nun, als ich bei mir darüber allerlei Betrachtungen anstellte, da warf sich in meinem Herzen die Frage auf, wie und aus welchem Grunde Du, o Herr, gerade auf dieser in jeder Hinsicht mageren Erde hast einen diesmenschlich fleischlichen Leib anziehen wollen, da Dir zu diesem Zwecke doch zahllose Myriaden der herrlichsten und größten Sonnenwelten zu Gebote gestanden wären. Könntest oder wolltest Du uns darüber nicht auch noch so einige für uns Römer verständlichere Aufschlüsse geben?"
[GEJ.08_056,03] Sagte Ich: „O ja, – obschon Ich euch alle bei der Enthüllung der materiellen Schöpfung und namentlich bei der Darstellung und klaren Erklärung der Sonnenordnung in einer Hülsenglobe und hernach des ganzen großen Schöpfungsmenschen darauf wohl aufmerksam gemacht habe, wie und warum Ich gerade auf dieser Erde und auch eben in dieser Zeit das Leibliche angezogen habe; aber so Ich es euch auch wieder erkläre, so werdet ihr das doch auf den vollen Grund nicht einsehen, und das so lange nicht, bis ihr nicht selbst im Geiste wiedergeboren werdet. Aber dessenungeachtet kann Ich euch dennoch noch einen ganz kurzen Wink darüber geben, weil Ich es zum voraus sehe, daß eben dieser Punkt unter den künftigen Weltweisen und Theosophen ein ganz bedeutsam und bedenklich strittiger werden kann und auch werden wird. Und so höret Mich denn nochmals an!
[GEJ.08_056,04] Der eigentliche Grund liegt freilich nur in Meiner Weisheit und in Meinem Willen. Daß ein jeder Mensch, so wie auch jedes warmblütige Tier, ein Herz hat, von dem sein leibliches Leben abhängt, das werdet ihr wohl alle wissen, aber ihr kennet den Bau des Herzens nicht, Ich aber kenne ihn gar wohl und weiß darum auch, was im Herzen ist, durch das dasselbe belebt wird.
[GEJ.08_056,05] Es befinden sich im Herzen zwei überaus kleine Kämmerlein, die den beiden großen Blutkammern entsprechen. Für eure Augen würden diese beiden Kämmerlein wohl kaum als kleinste Pünktlein sichtbar sein. So klein aber auch diese Pünktlein sind, so bedingen sie durch ihre Einrichtung doch ganz allein zuerst das Leben des Herzens und durch dasselbe das Leben des ganzen Leibes und aller seiner zahllos vielen Teile und Organe.
[GEJ.08_056,06] Das eine erste und somit allerwichtigste Kämmerlein entspricht dem, was des Geistes und somit des eigentlichen Lebens ist, und wir wollen es das bejahende und somit wahre nennen. Das zweite, gewisserart minder wichtige, obschon zum natürlichen Leben des Leibes auch unumgänglich notwendige, aber wollen wir das der Materie entsprechende, also auch das verneinende nennen. Dieses hat für sich kein Leben, sondern ist nur ein Aufnahmegefäß fürs Leben, welches es mit jedem erneuten Herzschlage aus dem bejahenden Kämmerlein wie von neuem aufnimmt und es dann dem ganzen Leibe durch das Blut mitteilt.
[GEJ.08_056,07] Aus diesem leicht faßlichen Bilde könnet ihr nun schon entnehmen, wie das Herz in seinem Lebensgrunde beschaffen ist und sein muß, auf daß es dem ganzen Leibe das Leben verschaffe. Daß das Herz dann noch eine sehr weitwendige und überaus kunstvolle und höchst weise organisch-mechanische Einrichtung zur Fortförderung des in ihm entwickelten Lebens hat und haben muß, das versteht sich auch ohne weitere Erklärung von selbst; denn wo etwas weitergebracht werden soll, da müssen zu dem Zwecke auch wohlgebahnte Wege und Überbringungsmittel bestehen und dasein. Wir aber brauchen zur Beleuchtung unserer Sache hauptsächlich nur die beiden Kämmerlein, und von ihnen eigentlich nur das bejahende."
57. Kapitel
[GEJ.08_057,01] (Der Herr:) „Seht, wie im Kleinen ein jeder Mensch zum Behufe seines leiblichen kurzen Probelebens eingerichtet ist, also ist entsprechend auch in den weitesten Umrissen der ganze große Schöpfungsmensch eingerichtet!
[GEJ.08_057,02] Denket euch, daß eben diese Hülsenglobe, in der sich diese Erde mit dem Monde, der Sonne und allen zahllos vielen andern Sonnen und Erdkörpern befindet, zur Einrichtung des Herzens im Großen Schöpfungsmenschen gehört, und daß eben diese Sonne mit ihren Planeten, von denen sie umbahnt wird, das bejahende Lebenskämmerlein darstellt und in diesem Lebenskämmerlein eben diese Erde entsprechend den eigentlichen geistigen Grundlebensstoff bedingt und ausmacht, was wohl nie ein Weltweiser einsehen wird, wie und warum. Aber Ich als der Schöpfer der Unendlichkeit aus Mir weiß darum und kann es euch denn auch also sagen, wie sich diese Sache verhält.
[GEJ.08_057,03] Ich bin aber von Ewigkeit der Grund alles Lebens und alles Seins und bin somit auch die urbejahende Lebenskammer im ewigen Lebensherzen der Unendlichkeit.
[GEJ.08_057,04] So Ich denn nach Meiner Liebe, Weisheit und Ordnung in Mir Selbst beschlossen habe, das Leiblich-Menschliche anzuziehen, so konnte Ich der ewigen Ordnung gemäß in dem Großen Schöpfungsmenschen ja das auch nur auf dem Punkte realisieren, der Meinem Urwesen, wenn auch aus Mir geschaffen, völlig entspricht.
[GEJ.08_057,05] Es ist zwar damit nicht gesagt, daß gerade diese Erde, auf der wir nun sind, den eigentlichen Hauptbejahungspunkt darstellen müßte. Das könnte auch eine andere Erde, zu dieser Sonne gehörig, sein, und es war auch schon eine andere dazu bestimmt; aber deren Bewohner haben sich noch um vieles unwürdiger benommen als nun die Bewohner dieser Erde, und so ward jene Erde verworfen und verwüstet samt ihren Bewohnern.
[GEJ.08_057,06] Da aber nun diese Erde seit den Zeiten Adams dazu erkoren ward und auf ihrem Boden Ich nun das Leibmenschliche angenommen habe, so wird sie als das auch verbleiben bis ans Ende der Zeiten der gerichteten Geister in aller Materie, und ihr werdet aber auch die Austräger des Urgrundlebens in alle Unendlichkeit und Ewigkeit im Geiste aus Mir verbleiben und eben darum Meine wahren Kinder sein.
[GEJ.08_057,07] Sehet, da ist nun ganz kurz und so klar als möglich der Grund vor euch hingestellt, warum Ich nur auf dieser und auf keiner andern noch so großen und vollkommenen Erde habe das Leibmenschliche aus purer Liebe zu nun Meinen Kindern anziehen können!
[GEJ.08_057,08] Es gibt aber neben diesem Hauptgrunde auch noch andere Gründe, die da mit in die Bestimmung Meines Willens der ewigen Ordnung gemäß gezogen werden können. Allein diese Nebengründe sind denn doch nur notwendige Folgen des eigentlichen Hauptgrundes, und wir brauchen sie darum nicht gar zu namentlich vorzuführen.
[GEJ.08_057,09] Ein solcher Grund ist einmal die gänzliche Demütigung und Erniedrigung, ohne die sich auch ein höherer Geist nicht mit dem Fleische der Lebensprobe umkleiden und dann wieder ins völlig freieste und selbständige Leben übergehen oder zurückkehren kann; und das stellt auch diese Erde dar.
[GEJ.08_057,10] Das bejahende Lebenskämmerlein im Herzen ist, was die Leibesteile betrifft, sicher auch das unansehnlichste Partikelchen des ganzen Leibes, ist finster und wird nie von den Strahlen der Sonne erleuchtet und wird selbst von den Menschen, denen es doch das Leben schafft und gibt, gar nicht erkannt und geachtet. Ja, wenn man davon zu den Weltweisen redete, so würden sie mit den Achseln zucken und sagen: ,Wie möglich kann das mächtige allgemeine Leben eines Menschen wohl nur von einem kaum sichtbaren kleinen Pünktlein abhängen?!‘ Aus dem aber geht ja doch klar hervor, daß selbst die größten Weltweisen ihren eigenen Lebensgrund nicht von fernehin kennen, geschweige erst ein anderer Tagesmensch.
[GEJ.08_057,11] Und doch muß ein jeder Mensch, der sich selbst und Gott wahrhaft erkennen will, in dies sein allerunansehnlichstes Herzlebenskämmerlein auf dem Wege der äußersten Demut und Fügsamkeit eingehen und das aus demselben empfangene Leben geistig wieder zurückgeben! Wenn ein Mensch das tut, so erweitert er das Lebenskämmerlein und erleuchtet es durch und durch. Ist aber das geschehen, so wird dann das ganze Herz und vom Herzen aus der ganze Mensch erleuchtet und erkennt sich selbst und dadurch auch Gott, weil er da erst gewahren und erschauen kann, wie das Leben in diesem Kämmerlein aus Gott einfließt, sich da sammelt und zu einem freien, selbständigen Leben ausbildet.
[GEJ.08_057,12] In diesem Kämmerlein wohnt sonach der eigentliche Geist aus Gott, und so die Seele des Menschen in dies Kämmerlein durch die rechte Demut, Fügsamkeit, wie die Liebe des rechten Menschen zur ewigen, unerschaffenen Liebe Gottes eingeht, so einigt sich dadurch die Seele mit dem ewigen Geiste aus Gott und dieser mit der geschaffenen Seele, und das ist dann eben die Wiedergeburt der Seele im Geiste aus Gott.
[GEJ.08_057,13] Wie aber ein rechter Mensch das tun muß, um in sich zur vollen Herrlichkeit des Lebens einzugehen, also habe es nun auch Ich Selbst euch allen zum wahren Muster und zu einem wahrsten Wegweiser im Großen Schöpfungsmenschen getan und bin darum auf diese Erde, weil sie nach Meiner ewigen Ordnung eben, wie schon gezeigt, dem bejahenden Herzenskämmerlein entspricht, gekommen, um so zu Meiner eigenen und dadurch auch zu eurer größten Herrlichkeit einzugehen in alle Gewalt im Himmel und auf allen Erden.
[GEJ.08_057,14] Ich war wohl schon von Ewigkeit her in Mir Selbst in aller Macht und Herrlichkeit, aber Ich war dennoch für kein geschaffenes Wesen ein schau- und begreifbarer Gott, auch nicht für einen vollkommensten Engel. So Ich Mich jemandem, wie dem Abraham, Isaak und Jakob, gewisserart beschaulich machen wollte, so geschah das dadurch, daß Ich einen Engel besonders mit dem Geiste Meines Willens also erfüllte, daß er dann auf gewisse Momente Meine Persönlichkeit darstellte. Aber von nun an bin Ich allen Menschen und Engeln ein schaubarer Gott geworden und habe ihnen ein vollkommenstes, ewiges und selbständig freiestes und somit wahrstes Leben gegründet, und eben darin auch besteht Meine eigene größere Verherrlichung, und so denn auch die eurige.
[GEJ.08_057,15] Denn wie konnten selbst die vollkommensten Engel und auch die frömmsten Menschen dieser und aller andern Erden den niemals geschauten und daher auch niemals vollkommen begriffenen Gott wahrhaft verherrlichen durch eine wahre und lebendige Liebe zu Ihm? Denn da hieß es allzeit: ,Gott kann niemand schauen und dabei erhalten das Leben; denn die pure Gottheit in Sich ist ein verzehrendes, ewiges Feuer!‘ Dies Feuer ist nun in Mir bedeckt und gedämpft durch diesen Meinen Leib, und es heißt nun nicht mehr: ,Gott kann niemand schauen und leben!‘, sondern: ,Von nun an wird ein jeder Engel und Mensch Gott schauen und leben können; und wer nicht Gott schauen wird, der wird ein sehr elendes und gerichtetes Leben haben!‘
[GEJ.08_057,16] Dieses nun euch Gesagte und Gezeigte ist demnach sicher auch ein Nebenhauptgrund, warum Ich eben nur auf dieser Erde das Fleischmenschliche angenommen habe.
[GEJ.08_057,17] Wie ihr aber nun aus dieser Darstellung sicher habet klar entnehmen müssen, warum Ich auf dieser und auf keiner andern Erde das Fleischmenschliche habe annehmen können, so werdet ihr auch noch das Weitere ebenso klar entnehmen und einsehen können.
[GEJ.08_057,18] Ihr habt gesehen, wie das gewisse allerunansehnlichste bejahende Herzlebenskämmerlein als das eigentliche Grundlebensprinzip des Menschen auch allein der hellsten und wahrsten Intelligenz fähig und sonach schon in sich das Licht, die Wahrheit und das Leben ist. Also verhält es sich auch mit den Menschen dieser Erde. Sie sind gegenüber den Menschen der andern Erden ursprünglich auch höchst unansehnlich, verdeckt, finster, klein, schwach und ohnmächtig und sind von den Geistern der andern Weltkörper auch wie ungekannt und kennen sich am Ende auch selbst nicht; aber eben in ihrer verborgenen inneren Lebenstiefe sind sie aus Mir der Grundlebenspunkt des ganzen Großschöpfungsmenschen und können aus sich darum auch solch allerhöchste Lebensfähigkeiten entwickeln, die bei den Menschen anderer Erden nur in einem höchst einseitigen und untergeordneten Grade vorkommen.
[GEJ.08_057,19] Vermöge solcher höchsten und gottähnlichen Fähigkeiten der Menschen dieser Erde, zu denen auch besonders eine wohlartikulierte äußere und innere Sprache, die Schreib- und Rechenkunst und noch gar manches andere gehört, sind sie denn auch allein geeignet, das geoffenbarte Wort aus dem Munde Gottes einmal vorerst im äußeren Buchstaben- oder Bildersinne und daraus dann auch im wahren geistigen und endlich auch im tiefsten himmlischen Lebenssinne zu vernehmen.
[GEJ.08_057,20] Diese Fähigkeit aber ist etwas unschätzbar Großes und Vorzügliches, gleichwie auch die Lebens- und Intelligenzfähigkeit des bejahenden Herzlebenskämmerleins der allerunschätzbarst vollkommenste und edelste Teil des ganzen Menschen ist. Und Ich konnte darum auch wieder nur zu euch auf diese Erde und zu niemand anderem auf einer anderen Erde kommen.
[GEJ.08_057,21] Sehet, das ist denn wieder so ein Grund, aus dem Ich auch eben nur auf dieser Erde das Fleischmenschliche habe annehmen können! Und darin bestehen schon so die Hauptgründe Meiner Menschwerdung auf dieser Erde.
[GEJ.08_057,22] Und nun denket darüber ein wenig nach, und äußert euch, wie ihr das nun begriffen habt!"
58. Kapitel
[GEJ.08_058,01] Sagte der Römer: „Ja, ja, Herr und Meister, das kann Deiner nunmaligen Erklärung zufolge unmöglich anders sein als gerade also, wie Du es uns nun dargestellt hast. Begreifen können wir das freilich wohl noch lange nicht zur Genüge; aber wir glauben es ungezweifelt, weil Du als die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst es uns also, wie es ist und sein muß, gezeigt hast. Denn Du als der Schöpfer aller Dinge mußt ja wohl am besten wissen, wie und in welcher Ordnung Deine Werke erschaffen sind, zu welchem Zwecke das eine und das andere. Wir können demnach derlei Verhältnisse Deiner ewigen und uns Menschen bis jetzt völlig unenthüllten Ordnung nur von Dir enthüllt vernehmen und glauben alles, was Du uns sagst, wenn wir mit unserem Verstande und noch weniger mit unseren Sinnen auch nicht in die vollen Tiefen Deiner Weisheit zu dringen vermögen. Wir danken Dir für diese übergroße Enthüllung.
[GEJ.08_058,02] Damit, was wir nun von Dir vernommen haben, hast Du uns aber auch eine Waffe in die Hand gegeben, mit der wir alle Weltweisen und alten Theosophen am ehesten zu Boden strecken werden können. Denn das ist ein Beweis wie kein zweiter, aus der innersten Lebensquelle eines jeden Menschen geschöpft, die darum mit dem ganzen endlos Großen Deiner Schöpfung im allerwahrsten Entsprechungsverbande stehen muß, weil der Mensch als ein Dir Selbst nun vollends ähnliches Wesen den allervollendetsten Schlußstein aller Deiner Werke darstellt und darum das in kleinster Gestalt ist, was da ist die gesamte endlos große Schöpfung.
[GEJ.08_058,03] Daß aber der Weg zum wahren, freien und selbständigen Leben ein sehr enger und schmaler ist, das geht aus dieser Deiner wunderbarst großen Enthüllung auch wie von selbst klar hervor; aber man sieht es auch ein, daß es also sein muß und unmöglich anders sein kann.
[GEJ.08_058,04] Wer sich selbst und dadurch auch Dich wahrhaft und lebendig finden will, der muß durch das engste Pförtlein in sich dringen, sonst bleibt er außerhalb seines Herzlebenskämmerleins. Nur die Liebe zu Dir und zum Nächsten erweitert das sonst so enge Pförtlein, die wahre Demut macht die sonst sich so groß dünkende Seele klein, und die rechte Sanftmut macht sie schmiegsam; und nur eine also zubereitete Seele kann dann durch das enge Pförtlein in das Lebenskämmerlein ihres göttlichen Geistes dringen und daselbst mit ihm eins und dadurch in ihm auch neu- oder wiedergeboren werden. Das habe ich nun so als etwas für unser diesirdisches Probeleben unumgänglich Praktisch-Notwendiges aus Deiner großen Enthüllung herausgefunden und bin denn auch auf den wahren und rechten Grund gekommen, warum Du uns die Liebe zu Gott und zum Nächsten und die Demut und Sanftmut vor allem so teuer und wichtig ans Herz gelegt hast.
[GEJ.08_058,05] So wir aber nun den Grund kennen, wie auch, was wir auf diesem Wege unfehlbar sicher zu erreichen haben, so haben wir denn auch nun leicht zu handeln und werden das auch mit dem möglichsten Fleiße und Eifer tun!
[GEJ.08_058,06] Denn wissen wir in unserer großen Lebensarmut, wo der große und reichste Schatz verborgen ist, und haben wir auch die Mittel und Werkzeuge, denselben für uns zu erbeuten, so müßten wir doch die größten Toren sein, wenn wir zu seiner sicheren Auffindung und Hebung unsere Hände gewisserart träge in den Schoß legten und uns gleich den geistblinden Weltmenschen nach dem höchst vergänglichen Kote der gerichteten Weltmaterie zerbalgten, der heute noch etwas zu sein scheint und morgen von den Winden und Stürmen verweht wird wie wertloseste Spreu.
[GEJ.08_058,07] Oh, Dank Dir, o Herr und Meister, daß Du uns nun den Grund der tiefsten Dinge Deiner Schöpfung so klar enthüllt hast!
[GEJ.08_058,08] Aber nun, o Herr und Meister von Ewigkeit, – noch eine kleine Frage hätte ich im Hintergrunde! Ich weiß es wohl, daß Du schon eine Ewigkeit voraus hellst gewußt hast, um was ich Dich nun fragen möchte; aber ich frage Dich dennoch offen, erstens, weil Du es also haben willst, und zweitens der andern wegen, die hier sind, damit sie innewerden, um was es sich noch weiter handelt.
[GEJ.08_058,09] Die Frage aber lautet: Haben die Bewohner anderer Erden entweder gar keine Kunde und Kenntnis von Dir, oder, haben sie welche, wie kommen sie dazu? Sind die Menschen anderer Erden und Welten auch wahrhaft Menschen, oder sind sie nur der Außenform nach Menschen, dem Innen nach aber noch gewisse, uns Menschen dieser Erde ähnlich gestaltete Tiere, die von einem gewissen weisen, von Dir in sie gelegten Instinkt geleitet werden, wie wir Ähnliches schon hier bei gewissen Tieren in der Art und Weise beobachtet haben, daß wir nahe daran waren, ihnen einen gewissen Grad von Verstand, Vernunft und Beurteilungsfähigkeit zuzumuten?
[GEJ.08_058,10] Nun, darüber, o Herr und Meister, noch ein Lichtlein, und wir sind dann für unsere Seelen aber schon ganz versorgt!"
59. Kapitel
[GEJ.08_059,01] Sagte Ich: „Du hast Meine Worte in der Beantwortung deiner ersten Frage ganz wohl begriffen und hast von Meiner euch gemachten Enthüllung eine so treffliche und wahre Anwendung auf euer Leben gefunden, wie Ich Selbst sie euch nimmer klarer hätte zu geben vermocht, und wer also nach deiner Rede durch das enge Pförtchen in sich eingehen wird, der wird auch vollends wahr in seinem Geiste zum ewigen Leben wiedergeboren werden. Aber weil du eben Meine euch gemachte Enthüllung gar so klar und gut begriffen hast, so ist es nahezu ein Wunder, daß du die volle Antwort auf deine zweite Frage nicht auch in dir wahrgenommen und vollauf gefunden hast.
[GEJ.08_059,02] Siehe, wenn die Menschen dieser Erde im anbetrachtenden Vergleiche zum endlos großen Schöpfungsmenschen das sind, was ihres Herzens bejahendes Herzenskämmerlein gegen ihren ganzen Umfang ist, der denn doch auch lebt und nach den Normen des Verstandes, Willens und mitunter auch noch des Instinktes tätig ist, so ist da dann deine zweite Frage ja ganz leicht und offen zu beantworten!"
[GEJ.08_059,03] Sagte der Römer: „Ja ja, Herr und Meister, es kommt mir nun die Sache schon beinahe selbst also vor! Es ist mir, als hätte ich die Sache schon; aber – ich habe sie eigentlich doch noch nicht! Darum habe Du denn doch die Güte und Gnade für mich und uns alle und führe uns auf den rechten Weg!"
[GEJ.08_059,04] Sagte Ich: „Nun gut denn, Ich will es tun! Siehe und höre!
[GEJ.08_059,05] Der Hauptlebensgrund liegt sowohl für den Leib als auch für die Seele im bekannten bejahenden Herzenskämmerlein. Wenn dieses tätig ist, so leben von ihm aus auch alle endlos vielen Teile deines ganzen Wesens derart, als wären sie selbst Lebenskämmerlein, Lebensbewirker und Lebensträger. Und siehe, deine Glieder können durch eine rechte Übung wahrlich in gar vielen Dingen zu einer erstaunlichen Kraft und kunstvollsten Fertigkeit gelangen! Wem aber haben sie am Ende dennoch alle ihre Eigenschaften und großen Kunstfertigkeiten zu verdanken? Siehe, alles nur dem gewissen Herzenskämmerlein; denn ohne dieses wären ja alle Glieder ebenso tot und unbeweglich wie die eines ehernen Götzenbildes!
[GEJ.08_059,06] Ja, von wem erlernten denn eines Künstlers Glieder solche Fertigkeiten, und das ein jedes Glied nach seiner besonderen Bauart und zweckdienlichen Befähigung? Siehe, alles nur aus dem Herzenskämmerlein, und das zwar stufenfolgerecht!
[GEJ.08_059,07] Die ersten Lebensregungen machen von Stufe zu Stufe das ganze Herz tätig. Von da geht die Tätigkeit durch das Blut in die Lunge, Leber und Milz über und von da aus in die andern Eingeweide und in den Kopf und alle seine Teile.
[GEJ.08_059,08] Ist der Kopf einmal in der Ordnung und das Gehirn ausgebildet, so geht beim Menschen dann das Denken, Urteilen, Schließen und Verstehen und Begreifen an und von da dann erst die rechte und weise Übung der äußersten Glieder, die dann alle noch so kunstvolle Arbeit bald so gut und weise verrichten, als hätten sie es selbst zu einem eigenen, freien und selbständigen Leben gebracht. Ich sage dir aber noch etwas darüber:
[GEJ.08_059,09] Wenn ein Mensch im Geiste wiedergeboren ist, so kann er auch in allen seinen Seelen- und Leibesteilen denken und für sich ganz wohlvernehmbar reden und ist dann in seinem ganzen Wesen Mir gleich Geist, Leben, Kraft, Gedanke und ein vollends lebendiges Wort. Von woher ist denn das der Mensch geworden? Siehe, schon wieder alles nur aus seinem bejahenden Herzenskämmerlein!
[GEJ.08_059,10] Wie aber der Mensch seinen gesamten Unterricht und seine gesamte Ausbildung nur aus seinem Herzenskämmerlein überkommt, in gleicher Weise erhalten die Menschen anderer Welten ihre bestimmte Ausbildung auch nur aus des Großen Schöpfungsmenschen Herzenskämmerlein – das freilich wohl überaus groß ist – je nach ihrer eigenen Gestaltung und Befähigung.
[GEJ.08_059,11] Das Wie kannst du nun freilich wohl noch nicht fassen; wenn du aber im Geiste völlig wiedergeboren sein wirst, dann wirst du das große Wie und Warum klar fassen und wohl begreifen. Hast du nun schon so einen Schein, wie die Menschen anderer Welten zu Meiner Erkenntnis gelangen und auch weise und selig werden?"
60. Kapitel
[GEJ.08_060,01] Sagte der Römer: „O Herr und Meister, durch diese Deine nun zweite Beleuchtung dieser für mich und sicher auch für jeden andern hochwichtigen Sache bin ich auch in eine ganze Sonne voll des stärksten Lichtes versetzt worden! Wir auf dieser Erde, als mit Dir in der nächsten und innigsten Liebe- und Weisheitslebensverbindung stehend, sind für den ganzen, endlos großen Schöpfungsmenschen gerade und in Anbetracht Deiner größten Nähe zu uns notwendig das, was in unserem Herzen das bejahende Lebenskämmerlein ist. Die andern Weltkörper mit ihren Menschen, die Hülsengloben mit ihren Sonnenallen und Zentralsonnen verhalten sich zu uns wie unsere andern Leibes- und Seelenteile zu dem Herzenslebenskämmerlein.
[GEJ.08_060,02] Du bist nun einmal hier bei uns in Deiner vollkommensten und intensivsten Gottpersönlichkeit und beherrschest die ganze Unendlichkeit also auch sicher von nirgendwo anders als eben von da aus, wo Du ganz und vollends gegenwärtig bist, – und wir Menschen dieser Erde und zuallernächst nun dieses Ortes in unserer großen Liebe zu Dir sind Deine auch sicher nächste und durch die Annahme Deiner Lehre, Deiner göttlichen Liebe und Weisheit lebendigste und durch Deinen Willen mächtigste und tätigste Umgebung.
[GEJ.08_060,03] Wenn also und unmöglich und undenkbar anders, wie kann es da anders sein, als daß von uns aus durch Deinen Willen alle Bildung auch in alle zahllosesten andern Weltkörper und deren Bewohner auf eine uns freilich unbekannte Weise überströmen muß, gleichwie auch das Grundleben und alle sonstige Bildung aus dem kleinsten Herzkämmerlein auf eine dem Grundleben im Kämmerlein sicher auch bis zur vollen Wiedergeburt unbekannte Weise in den ganzen Menschen überströmt!
[GEJ.08_060,04] Daß sich die Sache ganz sicher also verhält, das unterliegt nun keinem Zweifel; an dem Wie aber liegt vorderhand darum nicht soviel für uns als geistig noch unmündige Kinder Deiner Liebe und Gnade. Denn Du, dem das große Wie sicher schon von Ewigkeit her nur zu überklar bekannt ist, bist ja unter uns und wirst auch im Geiste vorzüglich bei uns bleiben nicht nur bis ans Ende der Zeiten, sondern nach meiner Meinung schon gleich ewig! Bleibst Du aber gleich ewig fort bei und unter uns, so kann sich das Bestands- und Bildungsverhältnis in der ganzen Unendlichkeit ja auch nie ändern, weil sich unser gegenwärtiges Verhältnis, das heißt zwischen Dir und uns, ja auch nie ändern kann.
[GEJ.08_060,05] Denn das Herzenslebenskämmerlein wird nie etwa in die Augen, Ohren, Nase oder in den Magen, die Nieren, die Milz oder in die Hände und Füße des Leibes oder gar in dessen Extremitäten versetzt werden, obwohl sicher ein jedes dieser Teile, groß oder klein, auch ein eigenes Hauptlebensorgan ganz besonders eingerichtet haben wird, ansonst es das Leben aus dem Grundleben des Herzenskämmerleins nicht auf- und annehmen und für seinen besonderen Zweck tätigst gebrauchen könnte.
[GEJ.08_060,06] Denn das Auge verwendet das vom Herzen in ihn einströmende Leben sicher ganz anders als das Ohr, und so jeder Teil des Menschen anders zu seinem Zwecke, und am Ende ist dennoch das endlos Viele nur ein vollends Ganzes und entspricht völlig dem Urgrundleben im Herzen und findet sich dort wie in seiner Urheimat; und hat es sich da gefunden, so ist dieses Sichfinden ja eben das, was Du, o Herr, so treffend die Wiedergeburt im Geiste nanntest.
[GEJ.08_060,07] Und nun durchzuckt mich ein gar endlos großer Gedanke so hell und licht, wie da oben leuchtet die Sonne! Neben der Wiedergeburt eines Menschen auf dieser Erde, von der wir nun schon sonnenklar wissen, worin sie besteht und wir sie auch sicherst erreichen werden, leuchtet noch eine andere, endlos große Wiedergeburt im Geiste hervor, nämlich die des ganzen großen Schöpfungsmenschen!
[GEJ.08_060,08] Ich würde aus mir sicher in diesem Leben wohl nie darauf gekommen sein, wenn Du, o Herr, mir nicht einen sehr klaren Wink dazu gegeben hättest; aber diesen hast Du mir nur wie ein Fünklein groß gegeben, und siehe, er hat sich in mir nun zu einer leuchtenden Sonne umgewandelt!
[GEJ.08_060,09] Siehe, Du sagtest aus Deiner endlosen Klarheit, daß bei einem völlig im Geiste wiedergeborenen Menschen sein Grundleben alle seine endlos vielen Teile derart durchströmt, daß dann im ganzen Menschen ein Ur- und Grundleben wird und der Mensch dann auch in allen seinen Teilen denken, urteilen, schließen und für sich wohlverständlich reden kann, wodurch dann der ganze Mensch Dir ähnlich zu einem lebendigen Worte wird!
[GEJ.08_060,10] Wie aber bei einem völlig im Geiste seines Grundlebens seienden und von ihm ganz durchdrungenen Menschen alles ein hellstes und lebendigstes Wort wird, also muß es endlich ja auch beim ganzen großen Schöpfungsmenschen der gleiche Fall werden. Er wird durch Dich von uns in allen seinen noch so endlos vielen Teilen durchdrungen werden, und unser Leben und Licht wird in der ganzen endlosen Größe des Urschöpfungsmenschen wirken und leuchten, und so wird der ganze große Schöpfungsmensch mit uns und Dir, o Herr, auch nur ein großes und lebendiges Wort werden.
[GEJ.08_060,11] Und so kommt es mir nun vor, als verstünde ich nun auch schon so ein wenig von dem großen Wie; denn nur also und nicht anders kann es Deiner ewigen Ordnung gemäß gehen, daß da von uns Menschen dieser Erde aus endlich auch der ganze große Schöpfungsmensch in allen seinen Teilen mit unserer Erkenntnis und Bildung durchdrungen und uns gleich lebendig wird.
[GEJ.08_060,12] Und nun noch etwas als einen Wahrheitsbeleg aus Deinem Munde hinzu; denn ich habe durch Deine Gnade schon von meiner Kindheit an ein überaus scharfes und starkes und bis jetzt noch unverwüstliches Gedächtnis gehabt und habe mir darum auch jedes Wörtlein, das Du gesprochen, gar wohl gemerkt.
[GEJ.08_060,13] Siehe, Du hattest uns auf dem Berge so eine Geschichte Wiederkehr eines gewissen verlorenen Sohnes zu seinem Vater erzählt, um uns die Größe Deiner göttlich-väterlichen Barmherzigkeit so recht anschaulich zu machen; aber ich urteilte schon damals über Deine Worte ganz anders als vielleicht so mancher andere aus seinem zwar guten, aber sonst vielleicht doch noch etwas beschränkteren Gesichts- und Auffassungskreise und dachte mir das um so leichter, weil Du Selbst uns ganz bedeutungsvolle Winke dazu gabst.
[GEJ.08_060,14] Dieser gewisserart verlorene und dann zum Vater wieder zurückgekehrte Sohn scheint mir im kleinen Maßstabe zunächst wohl nur die nun schon bekannt wie geartete Wiedergeburt eines Menschen dieser Erde anzudeuten, aber im größten Maßstabe auch zugleich jene einstige totale des ganzen großen Schöpfungsmenschen. Denn, Herr, Deine Worte sind keine Menschenworte, sondern sie sind Gottesworte, und diese gelten nicht nur uns, sondern durch uns auch der ganzen Unendlichkeit naturmäßig und geistig. Denn es ist ja die ganze Schöpfung von Ewigkeit her auch Dein Gedanke, Dein Wort und Dein Wille.
[GEJ.08_060,15] Herr und Meister, habe ich in meiner noch starken, menschlichen und heidnischen Schwäche Deine mir erteilte Belehrung wohl nur so annähernd richtig aufgefaßt?"
61. Kapitel
[GEJ.08_061,01] Sagte Ich: „Freund und Bruder Markus, Sohn einer Aurelia als der züchtigsten und wohlerzogensten Patrizierin, du hast Meine an dich ergangene Belehrung nicht nur annähernd richtig und wohl verstanden, sondern du hast da den Nagel auf den Kopf getroffen, und Ich sage hier noch abermals: Also wird das Licht von den Juden genommen und den viel weiseren Heiden gegeben werden. Denn die lange Nacht der Heiden hat sich in den Tag umgewandelt, und der Tag der Juden sinkt in die dickste Nacht hinab.
[GEJ.08_061,02] Bringet sie Mir her von ganz Jerusalem und vom ganzen Judenlande, und es wird sich auch nicht einer darunter finden, der nun diesem Meinem Markus in der wahren Weisheit sich vergleichen könnte!
[GEJ.08_061,03] Wahrlich sage Ich dir, daß du nun mit deinem rechten Verstande Meinem Herzen eine große Freude gemacht hast; denn Meine Worte sind in deinem Herzen lebendig geworden! Darum aber wirst du und auch deine Gefährten in der kürzesten Zeit die volle Wiedergeburt in Meinem Geiste in euch erlangen.
[GEJ.08_061,04] Du, Markus, aber stehest nun schon am Eingange des engen Lebenspförtchens in dein Grundlebenskämmerlein; denn wäre das nicht der Fall, so hättest du Meine Worte nicht in solch einer Lichttiefe aufgefaßt, wie du sie aufgefaßt hast. Denn solches kann dem Menschen nicht sein Fleisch, sondern nur Mein in ihm schon für seine Seele erwachter Geist geben.
[GEJ.08_061,05] Aus dem aber könnet nun ihr alle ersehen und wohl erkennen, in welchen Wahrheits- und Weisheitstiefen diejenigen sich befinden werden, die sich der vollen Wiedergeburt ihrer Seelen in Meinem Geiste werden zu erfreuen haben. Ich sage es euch hier noch einmal, was Ich euch schon zu öfteren Malen gesagt habe: daß es keines Menschen Auge je gesehen, keines Menschen Ohr je gehört und keines Menschen Sinn je empfunden, was Gott denen für eine endlose und nie mit einem Fleischmunde auszusprechende Seligkeit bereitet hat, die Ihn wahrhaft, das heißt werktätig lieben!
[GEJ.08_061,06] Ich habe in Mir Selbst sicher von Ewigkeit her unvermeidbar die allerhöchste Seligkeit im höchsten Vollgenusse; denn Meine Liebe, Meine Weisheit und Meine endloseste Macht bietet Mir in Mir Selbst ewig den unnennbar allerseligsten Vollgenuß Meines göttlichen, allervollkommensten Lebens, und Ich als euer Vater sage es euch: Was Ich habe, das sollet auch ihr als Meine liebsten Kinder haben! Denn wo ist schon auf dieser Erde irgendein Vater, der mit den Kindern, die er mehr denn sich selbst liebhat, nicht gern alle seine Freuden teilen würde, und am Ende selbst erst dann die größte Freude hat, wenn er seine lieben Kinder voll Freuden um sich versammelt hat?
[GEJ.08_061,07] Meinet ihr etwa, daß der Vater im Himmel über Seine Kinder, die Ihn über alles lieben, eine mindere Freude haben wird? O mitnichten, sondern eine noch endlos größere! Darum aber wird Er ihnen auch endlos größere Freuden bereiten, als das einem irdischen Vater vom allerbesten Herzen seinen Kindern gegenüber je möglich ist oder sein kann; denn euer Vater im Himmel hat dazu wahrlich Mittel in der unendlichsten und ewig wunderbarst abwechselnden Menge.
[GEJ.08_061,08] Aber tut darum auch gern und mit großem Eifer, was Ich euch nicht befohlen, sondern als Vater nur angeraten habe, und ihr werdet es in euch bald gewahren, welch ein Lohn euer harrt!
[GEJ.08_061,09] Saget es aber selbst, und denket darüber recht wohl nach: Wäre ein Kaufmann, der da wüßte, daß er um einen annehmbaren Preis eine der allergrößten Perlen von einem sicher unschätzbaren Werte zu kaufen bekäme, nicht ein allergrößter Narr, so er, wenn er auch eben nicht soviel Geld besäße, nicht sogleich alle seine wenig werten Güter verkaufte und dafür dann die unschätzbare Perle sich ankaufte? Denn die unschätzbare Perle ist doch vor den Augen der Menschen unaussprechbar mehr wert denn alle seine früheren Güter zusammengenommen.
[GEJ.08_061,10] Und sehet, also steht es auch mit dem Werte der Wiedergeburt der Menschenseele in ihrem Urlebensgeiste aus Mir! Ist diese nicht wert, daß ein rechter Mensch auf alle Weltschätze verzichtet und aus allen seinen Kräften nur nach der größten Lebensperle, nämlich nach der Wiedergeburt der Seele im Urlebensgeiste, nach allen seinen Kräften trachtet? Oder ist es nicht besser, für das ewige Leben der Seele zu sorgen denn um alle vergänglichen Schätze der Welt, die vergehen und verwesen, und zum ewigen, klaren Leben ihrer Seelen wohl nahe niemals völlig wieder zurückkehren?
[GEJ.08_061,11] Es ist wohl wahr, daß während des Lebens auf dieser Erde die Seele aus ihrem Fleische das ihr Verwandte sich aneignet und es in ihr Wesen verkehrt und nach dem gänzlichen Abfalle des Leibes, und zwar aus dem Verwesungsäther nach und nach auch noch das ihr Entsprechende sich zu ihrer Bekleidung aneignet; aber das ist darum kein Lebensschatz einer Seele, sondern nur eine in Meiner Ordnung begründete Lebenseigentümlichkeit einer jeden Seele, die niemals zu ihrem Verdienste gerechnet werden kann, weil das nur Meiner Sorge Sache ist.
[GEJ.08_061,12] Aber das ist auch dabei als etwas Sicheres und Wahres anzunehmen, daß bei einer reinen und nach Meinem Willen gelebt habenden Seele mehr von ihrem irdischen Leibe in sie übergehen wird denn bei einer unreinen und sündigen Seele; denn war ein keuscher Leib hier schon eine Zierde der Seele, so wird er es in einem verklärten geistigen Zustande sicher noch desto mehr sein.
[GEJ.08_061,13] Aber auch selbst das gehört nicht zum eigentlichen Lebensverdienst der Seele, sondern es ist auch eine die Seele lohnende Anordnung von Mir, und es wäre selbst da eine eitle Torheit einer Seele, so sie sich um diesen ihr auch im Jenseits bleibenden Erdenschatz, der doch zu ihrem Ich gehört, nur einen Augenblick lang sorgen möchte. Ja, es wäre diese Sorge jener von gar sehr törichten Eltern ganz zu vergleichen, die sich vor allem nur darum kümmern, ob ihre Kinder wohl eine höchst schöne und anmutige Gestaltung überkommen werden, und wie sie es machen sollen, daß ihr eitel törichter Wunsch in Erfüllung ginge, bedenken aber dabei nicht, daß das Wachstum und die Gestaltung nur allein von dem Willen Gottes abhängen und kein Mensch daran etwas ändern kann.
[GEJ.08_061,14] Für eine jede Seele ist darum ganz allein nur das einzige notwendig, daß sie in sich suche und auch finde Mein Lebensreich im kleinen Grundlebensherzenskämmerlein; alles andere wird ihr ja ohnehin als eine freie Zugabe von Mir werden.
[GEJ.08_061,15] Darum sagte Ich auch schon mehrere Male zu euch, daß ihr euch nicht ängstlich sorgen sollet, was und wo ihr etwas zu essen und zu trinken bekommen und womit ihr euren Leib bekleiden werdet, sondern suchet vor allem nur Mein Reich und seine wahrste Gerechtigkeit in euch! Alles andere wird euch schon so hinzugegeben werden; denn der Vater im Himmel weiß es, wessen ihr zu eurem irdischen Unterhalte bedürfet.
[GEJ.08_061,16] So ihr heute arbeitet und esset und trinket, so habt ihr euch für die Zeit schon hinreichend gesorgt für den Tag der Mühe. Es wäre darum eitel, sich am Tage der Arbeit auch schon für den morgigen Tag zu sorgen; wenn ihr ihn erleben werdet, so wird er schon seine Sorgen für euch mit sich bringen. Denn nur der Tag, an dem ihr noch lebt und arbeitet, ist von Mir euch auf die Rechnung gegeben; der kommende ruht noch in Meiner Hand und ist euch noch nicht auf eure Rechnung verliehen. Und es ist darum töricht, sich in irdischer Richtung heute auch schon für morgen zu sorgen; denn es stehet ja doch rein nur bei Mir, ob Ich einen Menschen den kommenden Tag erleben lasse oder nicht.
[GEJ.08_061,17] Es sorgte sich auch ein Hausherr und Besitzer größerer Gründe und Herden einmal derart zum voraus, daß er, um seinen irdischen Reichtum zu erhöhen und zu sichern, neue Scheunen, Stallungen und große und feste Getreidekästen erbauen und dazu noch zur größeren Sicherung eine starke und hohe Mauer um die Neubauten errichten ließ. Und als dann alles fertig war, da sagte er: ,Ah, nun wird es mir leicht in meinem so sorgenvollen Herzen; denn von nun an werde ich ohne Sorgen und Kummer mit meiner großen Habe ganz ruhig fortleben können!‘ Aber als er so sich tröstend noch fortredete, da ertönte eine Stimme wie ein Donner und sagte: ,O du irdisch eitler Tor! Was rühmest du dich nun und tröstest dich, als wärest du der Herr deiner Seele und deines Lebens? Siehe, noch in dieser Nacht wird man deine Seele trennen von deinem Fleische, um das du so viel zu sorgen hattest. Was werden dann der Seele alle deine großen Sorgen, Mühen und Arbeiten wohl nützen?‘ Da erschrak der Mensch und erkannte, daß er für seine Seele sich gar wenig noch gesorgt hatte, und starb alsbald auf diese Kunde.
[GEJ.08_061,18] Fraget euch selbst nun, wozu dem Menschen seine viele Sorge in der Welt ums Weltliche nunmehr dienlich war! Wäre es nicht klüger gewesen, so er lieber seine Seele recht und wohl versorgt hätte und hätte in sich das Reich Gottes gefunden, wie das viele Alten auch in sich gefunden haben, und auch sogar die Heiden, wie ihr das bei den sieben Ägyptern wohl habt merken können?
[GEJ.08_061,19] Ich will aber damit nicht sagen, als sollte darum ein rechter Mensch etwa Meinem Willen zufolge gar keine irdische Arbeit verrichten! Oh, das sei ferne; denn der leibliche Müßiggang ist der Erzeuger und Ernährer aller Laster! Im Gegenteil soll ein jeder Mensch gar sehr emsig und tätig sein und im Schweiße des Angesichtes sein Brot essen.
[GEJ.08_061,20] Es kommt hier nur auf die Absicht an, in welcher ein Mensch tätig und arbeitsam ist. Wer also sorgsam, tätig und arbeitsam ist, wie da Mein Freund und Bruder Lazarus es ist, der sucht auch kräftig und sehr wirksam in sich Mein Reich und dessen Gerechtigkeit und wird es auch finden, gleichwie er es schon gefunden hat zum größten Teile und du auch, Mein lieber Markus. Sei du darum nun froh und heiter; denn du hast die große Perle schon dir zu eigen gemacht und wirst deinen Brüdern zu einer tüchtigen Stütze dienlich werden.
[GEJ.08_061,21] Aber nun ruhen wir ein wenig, denn Ich sehe dort den Weg entlang, der von Westen hierher führt, etliche jener Jünger zurückkommen, die Ich von Emmaus ausgesandt habe; sie werden bald hier sein, und wir werden hören, wie es ihnen ergangen ist."
62. Kapitel
[GEJ.08_062,01] Wir warteten noch eine kurze Zeit, und es kamen die von Emmaus ausgesandten Jünger bei uns an; denn es ward ihnen von ihrem Geiste angezeigt, daß Ich Mich in Bethanien und nun auf dem schon bekannten Hügel aufhalte unter Meinen Freunden.
[GEJ.08_062,02] Es waren von den Angekommenen anfangs nur etliche vierzig, aber es kamen auch andere, von ihrem Geiste getrieben, in wenigen Augenblicken zu Mir, auf daß sie alle vor Meinen Freunden zeugten, wie sich schon in den wenigen Tagen bei ihnen alles erfüllt hatte, was Ich ihnen bei der Aussendung vorhergesagt und verheißen hatte.
[GEJ.08_062,03] Es kamen mit ihnen aber auch noch andere in allerlei Dingen erfahrene und gelehrte Juden und Griechen, damit einige von Mir Selbst die Worte des Lebens zu vernehmen vermöchten, die andern aber, daß sie Mich versuchten, ob Ich wohl im Ernste Der wäre, als den Mich die ausgesandten Jünger ihnen verkündet hatten.
[GEJ.08_062,04] Als nun alle die nun genannten Jünger und die andern Juden und Griechen um Mich versammelt waren, da fragte Mich ein Jude, sagend: „Meister, diese Jünger haben uns eine gute Kunde von dir gebracht, haben in deinem Namen unsere Kranken gesund gemacht und die Besessenen von den bösen Geistern befreit! Wir haben daraus ersehen und erkannt, daß du entweder ein rechter Prophet seist, oder daß aber auch im Ernste in dir der verheißene Messias verborgen sei. Da wir aber aus den Worten der Boten dennoch nicht völlig haben klar werden können, so sind wir denn auch hierher gekommen, um aus deinem Munde zu vernehmen, wie es mit dem steht, was uns deine Boten verkündet haben. Wolle darum unsere Hierherkunft nicht ungütig aufnehmen!"
[GEJ.08_062,05] Hierauf wandte Ich Mich an die anwesenden Jünger und sagte zu ihnen: „Wer euch hört, der höret auch Mich; wer aber euch verachtet, der verachtet auch Mich. Wer aber Mich verachtet, der verachtet auch Den, der Mich gesandt hat. Der Mich aber gesandt hat, der ist Eins mit Mir, und eben Der ist es, von dem ihr saget, daß Er euer Gott sei; aber ihr habt Ihn noch nie erkannt, und so möget ihr auch Den nicht erkennen, den Er gesandt hat. Ich aber sage nun zu euch, Meinen Jüngern, daß ihr alle treu, wahr und recht den Menschen Mein Wort verkündet habt."
[GEJ.08_062,06] Hierauf traten die etlichen siebzig Jünger voll Freude näher zu Mir und sagten: „O Herr, in Deinem Namen waren uns auch die ärgsten Teufel untertan, und wir hatten eine große Freude darob!"
[GEJ.08_062,07] Darauf sagte Ich in verdeckter Rede: „Ja, ja, Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen wie einen Blitz (die Sichtung des Falschen vom Wahren), aber das genügt noch nicht, sondern das Handeln nach der Wahrheit, damit die Wahrheit im Menschen zu einem lebendigen Gute werde!
[GEJ.08_062,08] Sehet, Ich habe euch aus Mir die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und also auch über alle Gewalt der Feinde! Doch deshalb freuet euch nicht, wohl aber freuet euch darüber, daß eure Namen nun im Himmel geschrieben sind; und das ist nun auch Meine große Freude! Darum preise auch Ich in dieser Meiner Menschnatur Dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß Du solches verborgen hast den Klugen und Weisen der Welt und hast es geoffenbart den Unmündigen. Ja, Vater, also war es schon von Ewigkeit wohlgefällig vor Dir!
[GEJ.08_062,09] Ich sage es nun euch Weltweisen und Klugen: Mir ist vom Vater alle Gewalt übergeben im Himmel und auf Erden! Aber von euch weiß es niemand, wer und was der Sohn ist; nur Mein ewiger Vater weiß es. Und also weiß und erkennt es auch niemand von euch, wer der Vater ist als nur der Sohn und der dann auch, dem es der Sohn offenbaren will. Denen es aber der Sohn hat offenbaren wollen, denen hat Er es auch schon geoffenbart; aber denen, die da große Stücke auf ihre Weisheit und Klugheit halten, wird das der Sohn nicht offenbaren!"
[GEJ.08_062,10] Hierauf wandte Ich Mich zu Meinen sämtlichen nun hier anwesenden Jüngern und sagte insbesondere zu ihnen: „Wahrlich sage Ich euch: Selig sind die Augen, die das sehen, was ihr sehet und gesehen habt, und selig die Ohren, die das hören, was ihr höret und gehört habt! Denn Ich sage es euch nochmals: Gar viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr sehet, und hören, was ihr höret, und haben es nicht gesehen und auch nicht gehört!
[GEJ.08_062,11] Aber es gibt nun auch welche hier, die das auch sehen und hören, was ihr sehet und höret; aber sie vernehmen davon doch nichts und verstehen und fassen auch nichts, denn sie sind und bleiben verstockt und blind im Herzen. Wer aber verstockt und blind im Herzen ist, der ist auch verstockt und blind im Gehirne und im ganzen Leibe; denn wenn schon das, was im Menschen Licht sein soll, Finsternis ist, wie groß wird dann erst des ganzen Menschen Finsternis sein?
[GEJ.08_062,12] Ihr wisset es auch, daß das Salz die erste und beste Würze für die Speise ist; wo aber das Salz selbst faul geworden ist, womit sollen dann die Speisen gewürzt werden? Ihr aber seid nun ein rechtes Salz fürs Leben der Menschen; sehet aber zu, daß ihr nicht auch faul werdet, gleichwie die Pharisäer und Schriftgelehrten faul geworden sind und deshalb die Menschen nicht zum ewigen Leben, sondern nur zum Tode versalzen mit ihrem faul gewordenen Salze!"
63. Kapitel
[GEJ.08_063,01] Es befand sich aber unter denen, die mit den etlichen siebzig Jüngern zu Mir nach Bethanien gekommen waren, auch ein Schriftgelehrter. Diesen verdrossen Meine Worte.
[GEJ.08_063,02] Er trat darum zu Mir hin, in der Absicht, Mich zu versuchen, und sagte darum (der Schriftgelehrte): „Meister, ich habe deinen Worten entnommen, daß du in der Schrift wohlbewandert bist und ein rechtes Urteil aussprichst; sage denn nun auch mir, was ich tun soll, um gleich deinen Jüngern selig zu werden!"
[GEJ.08_063,03] Sagte Ich: „Wie stehet es denn im Gesetze Gottes geschrieben, und wie liesest du, was geschrieben ist, als ein Schriftgelehrter?"
[GEJ.08_063,04] Sagte der Schriftgelehrte: „Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus allen Kräften und aus dem ganzen Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst!"
[GEJ.08_063,05] Sagte darauf Ich zum Schriftgelehrten: „Du hast völlig recht geantwortet. Tue das, so wirst du leben! Denn das Rechte wissen allein gibt und bringt niemandem das ewige Leben. Es ist das Wissen allerdings nötig, weil man ohne dieses als ein Blinder ohne Führer am Wege stünde; aber so der Blinde sehend geworden ist durch die Wissenschaft, aber dann auf dem Wege nicht fortwandeln will, so nützt ihm sein Licht wenig oder nichts. Wer da nicht weiß, was er tun soll und es sonach auch nicht tun kann, der hat auch keine Sünde, so er das Rechte nicht tut; wer aber das Rechte weiß und nicht tut, obgleich er weiß, daß es ein Rechtes ist, der hat die Sünde!"
[GEJ.08_063,06] Hierauf sah Mich der Schriftgelehrte groß an und sagte, sich vor Mir gleichsam rechtfertigen wollend: „Meister, ich erkenne, daß du in der Wahrheit wohlerfahren bist, und weiß auch, daß es zum wahren, Gott wohlgefälligen Leben nicht genügt, die Gesetze nur allein zu kennen, sondern danach zu leben und zu handeln! Gott über alles lieben kann man sicher nur dadurch, daß man alle Seine Gebote genau befolgt; aber so man den Nächsten wie sich selbst lieben soll, da muß man zuvor ja doch wissen, wer denn so ganz eigentlich der Nächste ist, den man wie sich selbst lieben soll. Wen soll ich als meinen Nächsten ansehen?"
[GEJ.08_063,07] Darauf sagte Ich: „Das ist wahrlich zum Staunen, daß du als ein Schriftgelehrter nicht weißt, wer dein Nächster ist. Ich will dir ein Geschichtlein erzählen, aus dem soll dir klar werden, wen du als einen Nächsten anzusehen hast.
[GEJ.08_063,08] Es war ein Mensch, der ging von Jerusalem hinab gen Jericho in Geschäften, fiel auf dem Wege aber unter die Räuber. Diese zogen ihn bis auf die Haut aus, schlugen ihn darauf beinahe zu Tode, gingen mit ihrem Raube davon und ließen den Menschen halbtot liegen.
[GEJ.08_063,09] Es begab sich aber zufällig, daß auch ein Priester aus Jerusalem dieselbe Straße hinabzog. Er sah den Menschen, den die Räuber übel zugerichtet hatten, am Wege liegen, ging aber ganz unbekümmert vorüber. Desgleichen kam bald nach dem Priester auch ein Levite und tat wie der Priester.
[GEJ.08_063,10] Bald darauf kam auch ein Samariter an dieselbe Stelle, und als er den Menschen da liegen sah, da jammerte ihn des Halberschlagenen Not. Er ging zu ihm, verband ihm seine Wunden, goß Öl und Wein hinein, hob ihn auf sein Lasttier und brachte ihn also in eine Herberge und pflegte ihn den Tag und die Nacht hindurch selbst. Als er am nächsten Tage sah, daß es mit dem Verwundeten bei rechter Pflege wohl besser werde, so berief er den Wirt, gab ihm zwei Groschen und sagte zu ihm: ,Da ich dringende Geschäfte habe, so reise ich nun ab; du aber pflege seiner, bis ich in etlichen Tagen wiederkommen werde! Was du mehr brauchen solltest, das werde ich dir dann getreu ersetzen!‘ Dann reiste er ab, und als er nach einigen Tagen wiederkehrte, fand er den Menschen, über den er sich erbarmt hatte, gut gepflegt und soweit geheilt, daß er ihn nach Jerusalem zurückbringen konnte, bezahlte dem Wirte nochmals zwei Groschen und bekleidete den Geheilten noch obendarauf.
[GEJ.08_063,11] Was meinst du nun? Welcher von den dreien war dem wohl der Nächste, der unter die Räuber und Mörder gefallen ist?"
[GEJ.08_063,12] Da sagte der Schriftgelehrte: „Offenbar der, der ihm die Barmherzigkeit erwiesen hat!"
[GEJ.08_063,13] Sagte Ich: „Gut, so gehe du hin und tue desgleichen! Ein jeder Mensch, der in irgend etwas deiner Hilfe bedarf, ist dein Nächster; und so du ihm hilfst, da bist auch du sein Nächster. Und so du ihm geholfen hast, da hast du ihn als deinen Nächsten auch geliebt wie dich selbst; denn die wahre Nächstenliebe besteht eben darin, daß ihr euren Nebenmenschen alles das tuet, was ihr vernünftigerweise wünschen könnet, daß sie im Notfalle auch euch tun möchten. – Weißt du nun, wer dein Nächster ist?"
[GEJ.08_063,14] Hierauf getraute sich der Schriftgelehrte Mich um nichts Weiteres mehr zu fragen, zog sich zurück und sagte zu seinen Gefährten: „Wahrlich, in diesem Galiläer steckt ein mächtiger Wahrheitsgeist! Es lohnt sich der Mühe, ihn zu hören!"
[GEJ.08_063,15] Darauf aber sagte einer von den Jüngern: „Noch mehr aber lohnt sich's der Mühe, also zu leben und zu handeln, wie Er lehrt; denn Er ist der Herr und hat alle Macht in Sich über Leben und Tod. Wer Seine Lehre tut, der wird von Ihm das Leben überkommen!"
[GEJ.08_063,16] Sagte der Schriftgelehrte: „Wenn er der Messias der Juden ist, da hast du ganz recht; aber so er das ist und alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden besitzt, so kann er ja das den Hohenpriestern sagen; und sträuben sie sich, das anzunehmen und zu glauben, so verwerfe er sie und züchtige sie mit Feuer aus den Himmeln, wie Gott dereinst Sodom und Gomorra gezüchtigt hat!"
[GEJ.08_063,17] Sagte der Jünger: „Du redest nach der Weise der Menschen; wir aber reden nach der Weise Seines Geistes! Wir aber wissen es schon aus Ihm, was Er noch alles tun wird, und kennen Seine Macht, und wir sind Zeugen von allem, was Er in Jerusalem gewirkt hat und was gelehrt; und so können wir auch reden, und wir wissen es, woran wir sind, und was noch alles geschehen wird.
[GEJ.08_063,18] Haben nicht alle Hohenpriester die Zeichen am Himmel gesehen, die ihnen klar andeuteten, was sie bei ihrer Verstocktheit zu gewärtigen haben? Aber es hat das auf sie keinen Eindruck gemacht, außer den des Hasses gegen Ihn, und sie trachten nun noch mehr und halten Rat über Rat, wie sie Ihn ergreifen und töten könnten! Aber Er wandelt dennoch frei im ganzen Judenlande und hat keine Furcht vor Seinen vielen und sich übermächtig dünkenden Feinden. Wäre Er nicht der Herr aller Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden, so würde Er schon lange aus dem Lande geflohen sein. Aber da Er wohl weiß, welche Macht und Gewalt Ihm eigen ist, so flieht Er vor Seinen Feinden nicht, sondern geht ohne alle Scheu und Furcht in den Tempel und lehrt das Volk von der Ankunft des Reiches Gottes auf Erden und bedroht die Pharisäer und Juden mit aller Schärfe Seiner Rede. Wer anders als nur Er als der Herr aller Macht und Kraft würde sich das wohl zu tun getrauen? Das aber wird doch für jeden Vernünftigen mehr als ein genügender Beweis sein, daß nur Er und kein anderer mehr der wahre Messias und somit auch der Herr ist!
[GEJ.08_063,19] Wir haben Seine Taten und Seine Wunderzeichen gesehen und haben vernommen die ewige Wahrheit Seiner Worte und glauben darum auch lebendig an Ihn; ihr habt dasselbe gesehen und gehört und glaubet doch nicht, daß Er der verheißene und nun in diese Welt zu uns gekommene Messias ist!
[GEJ.08_063,20] Worin kann da wohl der Grund eures Unglaubens zu suchen sein? Sehet, in der großen Blindheit und Verstocktheit eurer Herzen liegt da der Grund! Ihr seid doch Schriftgelehrte und kennet es aus der Schrift, unter welchen Zeichen und Bedingungen der Messias in diese Welt kommen wird. Nun, alles das trifft nun bei Ihm auf ein Häkchen überein! Ist aber das unbestreitbar der Fall, wie möget ihr noch zweifeln und einen andern erwarten?
[GEJ.08_063,21] Ja, ihr werdet in eurer Blindheit wohl einen andern erwarten; der aber wird nicht kommen bis ans Ende der Welt und ihrer Zeiten! Ihr habt uns also reden hören vor ein paar Tagen zu Bethlehem und auch an andern Orten, und wir erklärten euch die Schrift, obschon wir als einfache Menschen nie lesen und schreiben gelernt haben, und wirkten Zeichen vor euren Augen zum Wohle und Frommen der Menschen, daß ihr euch darob hoch erstauntet; ich aber frage nun euch, von wem haben denn wir solche wunderbaren Fähigkeiten, oder in welcher Schule haben wir solches alles wohl erlernen können?
[GEJ.08_063,22] Oh, gäbe es eine solche Schule irgend in der Welt, so wüßtet ihr sicher um sie und hättet sie zu eurem Vorteile auch schon besucht! Aber es besteht keine solche Schule in der Welt außer allein nun unter diesem Herrn und Meister von Ewigkeit, der, zwar auch mit Fleisch und Blut angetan, als ein sichtbarer Mensch unter uns wandelt, aber in Seinem Geiste eben Derjenige ist, durch dessen Liebe, Weisheit, Wort und Willen alle Himmel, diese Erde und alles, was auf ihr ist, erschaffen worden sind.
[GEJ.08_063,23] Wer es nun nicht von Ihm lernt, der überkommt es auch nicht, und würde er auch alle die hohen Weltweisheitsschulen besuchen. Und wer es nicht von Ihm erlernt hat, der kommt auch nicht zum ewigen Leben und nicht zu Ihm; denn es steht geschrieben: ,In jener Zeit werden alle, die da wollen, von Gott gelehrt; des Vaters Geist wird sie erziehen!‘ Und wer da nicht vom Vater wird gezogen sein, der wird nicht kommen zum Sohne, in welchem der Vater wohnt, den ihr nicht kennet und noch nie erkannt habt, und also auch nicht kennet den Sohn und wer Er ist, wie Er dir das Selbst gesagt hat.
[GEJ.08_063,24] Wir aber kennen nun den Sohn und den Vater in Ihm, da Er uns das Selbst geoffenbart hat; und Er hat uns das geoffenbart, weil wir an Ihn alsogleich geglaubt haben. Er hat aber auch offen gesagt und gezeigt, wer Er ist. Aber ihr glaubtet nicht und glaubet noch nicht; darum werdet ihr aber auch verbleiben in eurer Sündennacht und sterben in ihrem Tode. Merket euch das! Denn wir als Seine nun wahrhaftigen Zeugen haben das schon in Bethlehem zu euch gesagt, als ihr uns bedrohtet, und hatten keine Furcht vor euch und sagen es euch nun abermals ohne alle Furcht und Scheu in Seiner Gegenwart, auf daß Er Selbst euch verdolmetschen kann, ob wir recht oder unrecht zu euch geredet haben.
[GEJ.08_063,25] Ihr seid uns wohl hierher nachgezogen, als wolltet ihr die Wahrheit aus Seinem eigenen Munde vernehmen; aber eigentlich seid ihr mit uns nur darum hierher gewandert, um den Herrn der Herrlichkeit Gottes zu versuchen. Er aber hat es euch gezeigt, wie unsinnig es ist, als ein schwacher, sterblicher Mensch den Herrn des Lebens und des Todes zu versuchen. Und ihr seid darum denn auch verstummt und hattet nichts Weiteres mehr, um Ihn nochmals zu versuchen. Darum werdet ihr nun schier am besten tun, so ihr alsbald diese geheiligte Stätte verlasset und euch in eure alten Sündennester zurückziehet, auf daß euch nicht noch etwas Ärgeres begegne, als euch schon begegnet ist!"
64. Kapitel
[GEJ.08_064,01] Diese sehr triftige Rede des einen Jüngers rauchte dem Schriftgelehrten sehr in die Nase, wie auch seinen Gefährten, und sie kamen darum zu Mir und fragten Mich, sagend: „Meister, hast du deinen Jüngern das Recht gegeben, mit uns also zu reden? Wenn wir alsofort nicht glauben mögen, was sie glauben, sondern als Gelehrte noch allerlei andere Beweise suchen, so geht sie das doch sicher wenig oder nichts an! Kommen sie uns gut und sanft entgegen, so werden wir sie auch anhören und ihre Aussage in guter Art prüfen; kommen sie uns aber so wie nun entgegen, so bleibt uns dann am Ende ja auch nichts übrig, als ihnen auch so zu begegnen, wie sie uns entgegenkommen! Haben Sie aber von dir aus das Recht, uns Gelehrten also zu begegnen, dann werden sie mit uns auch wenig ausrichten!"
[GEJ.08_064,02] Sagte Ich: „Ein jedes Wort, das der eine Jünger zu euch redete, habe Ich ihm in den Mund gelegt und habe also Selbst durch Seinen Mund zu euch geredet. Und es ist daher eure Frage damit auch schon völlig beantwortet und zeigt euch, von wem Meine Jünger das Recht haben, also mit euch zu reden. Ihr aber möget nur die Wahrheit niemals hören und haltet die eitle Schmeichelei und Heuchelei in Ehren; darum kommt euch Meine Rede hart und roh vor und macht euch ärgerlich.
[GEJ.08_064,03] Ich aber sage es euch: Wer, wie ihr, einmal im Falschen begründet ist und auch falsch lehrt und dafür von den blinden Menschen noch eine große Ehre begehrt, da er sich selbst in seiner Blindheit für etwas Großes hält, dem kommt die lichte Wahrheit stets hart und seine vermeinte Ehre verletzend vor und macht ihn ärgerlich. Aber Ich sage es euch, daß ein solcher Mensch, so er sich in seinem Falschen nicht durch die lichtvollste Wahrheit demütigen lassen will, auch niemals in die Wahrheit eingehen wird, sondern er wird sich gleichfort in seiner Finsternis ehren lassen, aber dann auch untergehen in derselben.
[GEJ.08_064,04] Es war einmal ein Mensch, der wahrlich viel gelesen hatte von allen Wegen und Straßen, und man ehrte den Menschen seiner Wissenschaft wegen, und der Mensch hielt denn auch große Stücke auf diese Ehre. Obwohl er aber von den Wegen und Straßen in der Welt vieles wußte, so hatte er aber dennoch persönlich die von ihm aus den Schriften der Römer und Griechen bekannten Wege niemals bereist.
[GEJ.08_064,05] Es fügte sich aber, daß gegen guten Sold ein königlicher Mensch, der eine weite Reise vorhatte, diesen wegkundigen Menschen zu einem Führer dingte, obschon er auch noch andere Führer bei sich hatte, die zwar nicht so gelehrt waren wie er, aber schon viele Reisen gemacht hatten und denn auch aus der Übung mit den vielen Wegen und Straßen bekannt waren.
[GEJ.08_064,06] Da begab es sich aber bei einer Reise im tiefen Ägypten, in welchem Lande der Königliche in etlichen Tagen die alte Stadt Memphis erreichen wollte, daß er sich mit den Reisekundigen beriet, wie man dahin wohl den nächsten und sichersten Weg einschlagen könnte. Die alten Reise- und Wegkundigen rieten, daß man die Straße längs des Stromes, wenn sie auch etwas gedehnter wäre, einhalten solle. Aber der Gelehrte sagte: ,Ihr wisset nichts, und was ihr gewußt habt, das wisset ihr nun schon lange nicht mehr; ich allein habe die Wege und Straßenzüge der Ägypter, Griechen und Römer studiert, und mir sind sie alle wohlbekannt. Ich schlage hier vor, daß der gerade Weg durch die Wüste genommen wird und wir also Memphis um drei Tage eher erreichen mögen, als so wir am Strome fortziehen!‘
[GEJ.08_064,07] Dem Königlichen gefiel dieser Vorschlag, und er stellte den Wegkundigen zum Führer.
[GEJ.08_064,08] Mit vielen Beschwerden zog die Karawane schon tagelang durch den Sand, und es fing ihr schon an Wasser und Lebensmitteln zu gebrechen an.
[GEJ.08_064,09] Da berief der Königliche abermals die Führer und stellte den Wegkundigen zur Rede und bedrohte ihn, so er durch seinen Starrsinn die Karawane auf Abwege gebracht hätte.
[GEJ.08_064,10] Da sagten auch die alten Führer: ,Herr, wenn wir nicht umkehren und nicht dem Aufgange zu den Weg nehmen, sondern fort und fort dem Untergange zuziehen, so werden wir auch alle untergehen!‘
[GEJ.08_064,11] Der gelehrte Wegweiser aber wollte noch dartun, daß er recht habe, da es ihm gar sehr an seiner Weltehre gelegen war.
[GEJ.08_064,12] Aber da befahl der Königliche, den Weg nach dem Aufgange zu nehmen. Alle gehorchten und erreichten in drei Tagen glücklich wieder den Strom und in sieben Tagen die alte Stadt.
[GEJ.08_064,13] Was hat der eingebildete und ehrsüchtige gelehrte Wegkundige der Karawane wohl genützt? Wenn sie ihm vollends gefolgt wäre, so wäre sie offenbar zugrunde gegangen; aber dadurch, daß sie ihm nur einige Tage lang gefolgt ist, ist sie auch um so viel später und ermüdeter ans Ziel gelangt.
[GEJ.08_064,14] Als der Königliche aber in Memphis ankam, da sagte er zum eingebildeten Wegkundigen: ,Du hast deine Aufgabe schlecht gelöst; daher sollst du in der Folge der letzte und geringste unter meinen Dienern sein! Du mußt in deiner Demut durch die Erfahrung klug und brauchbar werden, ansonst du keines Lohnes wert bist, wohl aber einer gerechten Strafe!‘
[GEJ.08_064,15] Und was der Königliche dem eingebildeten Wegkundigen sagte, das sage Ich auch euch Schrift- und Gottesgelehrten. Auch ihr führet in eurem Ehrdünkel die Menschen anstatt dem Aufgange des inneren Lebens nur dem traurigen Untergange desselben zu; und so man es euch sagt, da werdet ihr voll Ärgers und Grimmes, weil ihr in euren Köpfen wohl die toten Buchstaben der Schrift herumtraget, aber den belebenden Geist, der in ihnen steckt, noch nie erkannt habt, weil eure Herzen stets voll Hochmutes und Weltsinnes waren und der nur in der wahren Demut des Herzens wohnende Geist noch nie zum hellen und lichtvollen Leben hat erwachen können.
[GEJ.08_064,16] Weil ihr aber fürderhin zur Führung Meiner Karawanen nicht mehr taugt, so habe Ich in der alten und ersten Art und Weise wieder ungelehrte, aber der Wege der wahren Herzensdemut und Nächstenliebe wohlkundige und erfahrene Führer bestimmt, und diese werden Meine durch euch in die Wüste verleiteten Karawanen wieder an den Strom des Lebens zurückleiten; ihr aber, so ihr noch fürder in eurem Hochmute verharret, werdet dem nicht entgehen, was dem Hochmute als Lohn folgt! Denn Ich sage es euch: Der pure Buchstabe der Schrift tötet, nur der Geist macht lebendig. Diesen aber überkommen nur jene, die Mir nachfolgen in der Demut und Liebe.
[GEJ.08_064,17] Solange euch noch ein sogar gutgemeintes Wahrheitswort aus dem Munde eures Nebenmenschen kränken und beleidigen kann, stehet ihr ferne vom Reiche Gottes! Wer aber Mein wahrer Jünger und Nachfolger sein will, der muß sogar seinen wahren und erwiesenen Feinden vergeben, für die beten, die ihm fluchen, und die segnen, die ihn hassen und verwünschen, also auch denen Gutes erweisen, die ihm einen Schaden zugefügt haben, so wird er eher glühende Kohlen der Reue über den Häuptern seiner Feinde sammeln, als so er Böses mit Bösem vergilt.
[GEJ.08_064,18] So ihr verbleibet in eurem Starrsinn und eurer hochmütigen Verstocktheit, da wird das Licht von euch genommen und den Heiden gegeben werden, was schon lange vorgesehen ist, und ihr euch nun zu dem Behufe unter dem Joche der Heiden befindet und euch ihre harten Gesetze müsset gefallen lassen, weil ihr die leichten Gesetze Gottes mit euren Füßen zertreten habt.
[GEJ.08_064,19] Ich kam nun, um euch wieder zu versammeln und aufzurichten, und will euch durch die Macht der Wahrheit wahrhaft frei machen. So ihr aber in eurer selbstgeschaffenen Sklaverei verbleiben wollet, so bleibet, und Ich werde Mein Licht geben den Heiden; ihr aber werdet gelassen werden in der Nacht eurer Sünden, und die Heiden werden fortan herrschen über euch. Dieses euer gelobtes Land aber wird zertreten von den Feinden und wird hinfort wüste und öde verbleiben. Das sei euch gesagt zu eurer Danachachtung!
[GEJ.08_064,20] Wenn sich das alles an euch erfüllen wird, so werdet ihr Mich wohl erkennen und ausrufen: ,Herr, Herr!‘; aber Ich werde euch nicht anerkennen, sondern zu euch sagen: ,Ich habe euch niemals anerkannt; darum weichet von Mir, ihr Feinde der Wahrheit!‘"
65. Kapitel
[GEJ.08_065,01] Als der Schriftgelehrte und seine Gefährten solches von Mir vernommen hatten, konnten sie nichts mehr finden, das sie Mir hätten einwenden können.
[GEJ.08_065,02] Aber der Schriftgelehrte besann sich und sagte zu Mir: „Meister, ich erkenne es ja, daß du ein wahrhaftiger und weiser Lehrer bist, lehrest das Wort Gottes recht und achtest weder das Ansehen einer Person, noch das eines Volkes. Also wissen wir auch, was in den Propheten von der Ankunft des Messias geschrieben steht, und wir sind auch bei uns schon halbwegs des Glaubens, daß du der verheißene Messias sein kannst; denn wir haben vieles von deinen Lehren und Taten gehört und manches auch selbst erlebt, da wir dich als einen merkwürdigen Nazaräer schon über zehn Jahre lang kennen und schon damals von dir manches Unbegreifliche erlebt haben, wie zum Beispiel wunderbar schnell hergestellte Bauten, Krankenheilungen, reiche Fischereien und sogar eine unbezweifelte Erweckung eines Menschen, der durch einen gewaltigen Fall ums Leben kam. Solches und noch anderes mehr erfuhren wir von deinem geheimen Wirken, obschon du selbst wie auch dein Vater Joseph das unter den Menschen nicht wolltet ruchbar werden lassen.
[GEJ.08_065,03] Aber damals war nie auch nur im entferntesten von dir irgend zu vernehmen, daß du ein Prophet seist und noch weniger der verheißene große Messias der Juden und aller Menschen der Erde. Erst seit etwa kaum zwei Jahren und etlichen Monden darüber ist es allenthalben laut und offenkundig von dir geworden, daß du im Volke aufgestanden bist und von dir durch Worte und Taten zeugest, daß eben du der verheißene Messias seist.
[GEJ.08_065,04] Wir sind denn auch nicht hierhergekommen, um von dir irgendein Wunderzeichen zu verlangen, sondern nur, daß wir höreten deines Mundes Rede; denn daheim warst du alles eher denn ein Redner, und das also, daß selbst dein wohlberedter Vater Joseph uns darüber seine Not klagte, als fürchtete er sich, daß du mit der Zeit noch ganz stumm und blöde werden könntest, weil von dir oft wochenlang kein Wort herauszubringen war. Und nun bist du ein Volkslehrer geworden, vor dem man, wie vor jedem großen Propheten, die allergrößte Hochachtung haben muß.
[GEJ.08_065,05] Daß du als der uns schon lange wohlbekannte Sohn des Zimmermanns Joseph gar der Messias selbst seist, ja, das konnten wir denn trotz all dem, was wir über dich vernommen haben, denn doch nicht gleich so unbedingt völlig glauben. Und so wir nun von Bethlehem und von noch weiter hierher gekommen sind, angeregt durch deine zu uns gekommenen Jünger, um uns von dieser höchst wichtigen Sache selbst näher zu überzeugen, so kannst du uns darob ja doch nicht gram werden; denn so du vom höchsten Weisheitsgeiste nach der Aussage deiner Jünger und nun auch nach deiner eigenen durchdrungen und erfüllt bist, so wirst du es ja doch einsehen, daß uns keine böse Absicht zu dir hierher geleitet hat.
[GEJ.08_065,06] Heißt es ja schon in den alten Sprüchen der Weisheit, daß man alles wohl prüfen und dann annehmen und behalten solle das Gute! So wir als Menschen das nun auch an dir tun, so sind wir deshalb ja doch noch als keine vor dir verdammlichen Sünder anzusehen! Du hast doch den Jüngern, die ehedem ganz ungelehrte Leute waren, ein solches inneres Licht erteilet, demzufolge sie dich als den verheißenen Messias alsbald erkennen mochten; warum enthältst du denn uns solch ein Licht vor? Müssen denn wir darum, weil wir in der Annahme des Glaubens an dich etwas bedenklicher sind, von dir zur ewigen Finsternis verurteilt sein? Siehe, du hast uns ehedem ein gar gutes Geschichtchen über das, wer unser Nächster sei, gegeben! Wir aber sind auch arm am Lichte, und es täte uns da auch ein barmherziger Samariter noch um vieles mehr not, als jener vor Jericho dem halberschlagenen Menschen not tat; aber in dir scheint er sich für uns eben noch nicht vorfinden zu wollen. Was sagst du, weisester Meister, nun dazu?"
[GEJ.08_065,07] Sagte Ich: „So deine Mundrede auch die deines Herzens wäre, so hättet ihr zur Heilung eurer zerschlagenen Seelen auch mehr denn einen barmherzigsten Samariter gefunden! Aber solange ihr in euren Herzen ganz anders fühlet, als was da aussprechen eure glatten Zungen, so lange auch werdet ihr an Mir den vermeinten barmherzigen Samariter nicht finden. Ich aber habe euch dennoch dadurch Meine Barmherzigkeit bezeiget, daß Ich euch eben das sagte, was Ich euch gesagt habe! So ihr es beherzigen wollet, wozu Ich euch niemals nötigen werde, so wird es auch in euch licht und helle werden.
[GEJ.08_065,08] Daß ihr Mich als des Zimmermanns Sohn nach eurem blinden Urteil wohl kennet, das weiß Ich wohl; aber ihr habt selbst eingestanden, daß ihr von Mir zuweilen vernommen habt, daß Ich Taten verrichtet habe, die keinem Menschen möglich wären. So hättet ihr doch in der Schrift nachschlagen können, und ihr hättet darin schon mit leichter Mühe gefunden, Wer Sich hinter dem Zimmermannssohne verborgen aufhält, wie das in jener Zeit sogar viele Heiden gefunden haben. Aber das tatet ihr niemals, und seid ihr von einem Menschen besseren und helleren Lichtes bei guten Gelegenheiten darauf aufmerksam gemacht worden, so dachtet ihr nicht nur nie darüber weiter nach, sondern bedrohtet einen jeden, der solch eine Meinung hegte, und hieltet Mich teilweise für einen Besessenen und, so es gut ging, teilweise auch für einen talentierten Magier, der seine geheime Kunst dort oder da bei guter Gelegenheit erlernt hat, um sich in der Folge damit etwa große Schätze bei den Heiden zu erwerben.
[GEJ.08_065,09] Als ihr aber nun von Mir wieder Kunde erhieltet, da sagtet ihr in eurem bösen Rate wider Mich: ,Ah, nun ist uns von dem Menschen alles klar! Sein Vater Joseph soll in gerader Linie von David abstammen?! Der Alte hat in seinem Sohne Talente verspürt und hat ihn irgend geheim in aller Zauberei unterrichten lassen, die bei den Heiden als etwas Götterhaftes angesehen wird. Er hat sich dadurch schon viele große Heiden zu Freunden gemacht; und weil diese unsere Feinde sind, so hat er die Idee gefaßt, in seinem Zauberer von einem Sohne sich durch ihre Gunst auf den Thron Davids emporzuschwingen und uns als die Feinde der Heiden dann mit einem Schlag zu stürzen und mit der Essäer Hilfe zugrunde zu richten, die auch bei den Römern im großen Ansehen stehen. Dem aber muß um jeden Preis vorgebeugt werden, dadurch, daß wir ihn bei einer günstigen Gelegenheit aufgreifen und ihm das Leben nehmen, wonach es dann mit ihm sicher für immer gar sein wird. Denn ist er nur ein böser Zauberer und will uns zugrunde richten, dann ist es wohl recht, daß wir ihn lange eher zugrunde richten, als er uns irgend wird zu schaden imstande sein; und sollte er im Ernste der Christ sein, so werden wir ihm nichts anhaben können und können dann hinterdrein noch früh genug glauben, daß er der Christ sei, und er wird es uns nicht zum Übel anrechnen können, so wir an ihm alles eher versuchen mußten, bis wir ihn als den verheißenen Christ annahmen, und er wird uns dann erst noch als Eiferer für die Wahrheit obendrauf loben und hoch belohnen müssen.‘
[GEJ.08_065,10] Sehet, also denket ihr im Herzen, wie auch der ganze Tempel in Jerusalem ebenalso denkt, und nicht einer von euch hat auch nur von ferne den Wunsch, daß Ich etwa doch der Christ sein möchte, sondern nur, daß Ich als ein von euch Erwürgter für ewig tot bleiben solle!
[GEJ.08_065,11] So aber bei euch das der Lieblingswunsch ist und kein anderer, welchen Wunsch sollte dann Ich der Wahrheit gemäß für euch in Meinem Herzen tragen? Seid ihr bei solch eurem Wunsche und Willen gegen Mich wohl noch Meiner Erbarmung wert? Urteilet darüber selbst! Ich aber bin endlos besser denn der Beste von euch und erweise euch dennoch diese große Barmherzigkeit dadurch, daß Ich es euch nun offen sage, wie ihr inwendig beschaffen seid, auf daß ihr euch erkennen möget und eines ganz andern Sinnes werdet; denn noch wäre das bei euch möglich! Aber welche Barmherzigkeit erweiset ihr Mir dafür? Oder redet nun offen, ob Ich euch nun etwas anderes als eben nur die reine Wahrheit ins Gesicht gesagt habe!"
[GEJ.08_065,12] Hier machten alle große Augen, und keiner hatte den Mut, Mir zu widersprechen.
66. Kapitel
[GEJ.08_066,01] Es trat aber alsbald mit ganz ernster Miene der Römer Agrikola zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, ist es möglich, daß es unter den Juden gar so elendeste Kreaturen geben sollte, die so etwas gegen Dich geheim im Herzen tragen können? O Du großer Gott! Hast Du für sie denn kein verzehrendes Feuer mehr? Von solchen elendesten Kreaturen verdient ja doch ein jeder tausend Male gekreuzigt zu werden! Wahrlich, ich habe schon manches Böseste über das vernommen, wie die Templer gegen Dich gesinnt sind, aber das habe ich noch nicht gehört!"
[GEJ.08_066,02] Sagte Ich: „Freund, wundere dich dessen ja nicht gar besonders; denn es wird bald die Zeit kommen, in der du noch ganz anderes von dieser argen Art über Mich hören wirst! Denn sie wird nicht eher ruhen in ihrem geheimen Grimme gegen Mich, als bis Ich Selbst, wie Ich es euch schon zum voraus angedeutet habe, es zulassen werde, daß sie an Mir Selbst das Maß ihrer Greuel vollmachen werden; dann aber wird auch kommen das große Gericht über sie, von dem der Prophet Daniel geweissagt hat, als er stand an der geheiligten Stätte, und von dem Ich dir auch schon zum voraus eine Wahrkunde gab!"
[GEJ.08_066,03] Sagte Agrikola: „O Herr und Meister, es ist ganz gut, daß Du mir solches geoffenbart hast; denn dadurch werden wir Römer dann schon am klarsten wissen, was wir nachher zu tun haben werden!"
[GEJ.08_066,04] Sagte Ich: „Ihr werdet handeln, so ihr dazu berufen werdet! – Aber nun lassen wir das; es wird nun bald etwas anderes zum Vorschein kommen!"
[GEJ.08_066,05] Als der Schriftgelehrte solches alles vernommen hatte, da fing er an, in sich zu gehen, und sagte nach einer Weile: „Herr und Meister, nun erkenne ich, daß Du mehr als der Sohn Josephs, des Zimmermanns, bist, der vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet hat! Denn so Du weißt, was im Herzen eines Menschen vor sich geht, so mußt Du ein Gott sein! Und siehe, dieweil Du vermochtest, solches hell und der Wahrheit getreust uns ins Gesicht zu sagen, was keinem sterblichen Menschen je möglich wäre, so fange ich nun an zu glauben, daß Du sicherlichst der Messias bist! Herr und Meister, stärke mich in meinem Glauben!"
[GEJ.08_066,06] Sagte Ich: „Der Glaube allein wird dich nicht selig machen, sondern die Tat nach dem Lichte des Glaubens, auf daß der Glaube lebendig werde. Mache aber auch das Unrecht, das du vielfach an deinen Nebenmenschen begangen hast, soviel es möglich ist, wieder gut, so werden dir deine Sünden vergeben werden; denn solange jemand nicht den letzten ungerechten Stater an seinem Nebenmenschen berichtigt hat, wird er ins Reich Gottes nicht eingehen!"
[GEJ.08_066,07] Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, da werden wenige ins Reich Gottes eingehen! Denn wie häufig ist das der Fall, daß man selbst beim besten Willen das an jemand wissentlich verübte Unrecht gar nicht mehr wieder gutmachen kann, und solcher Verhinderungsfälle gibt es eine Menge. Was soll man da tun, um zur Vergebung der Sünden zu gelangen?"
[GEJ.08_066,08] Sagte Ich: „Wo ein Mensch, der sein Unrecht erkannt und bereut hat, das unmöglich an seinem Nebenmenschen mehr gutmachen kann, was er ihm geschadet hat, so bekenne er sein Unrecht reuig und wahr im Herzen vor Gott und bitte Ihn um Vergebung und daß Er, dem alle Dinge möglich sind, an dem Geschädigten den ihm zugefügten Schaden gutmachen wolle und möge, so wird Gott solch eine aufrichtige Bitte auch allzeit sicher erhören und dem ernst gutwilligen und reuigen Bittsteller die Sünde vergeben, besonders wenn derselbe durch Liebewerke an anderen wieder gutzumachen bemüht ist, was er an denen, die für ihn nicht mehr da sind, hätte gutmachen sollen.
[GEJ.08_066,09] Wer aber auch das nicht mehr könnte, dem solle durch eine rechte Reue und durch seinen wahrhaft guten Willen von Gott aus geholfen sein. Aber solange die Gelegenheit noch da ist, daß du das deinem Nebenmenschen angetane Unrecht selbst noch gutmachen kannst, da nützet dir der pure gute Wille, Reue und Bitte wenig oder nichts, sondern allein die Tat. Nach dieser erst sollst du auch Gott um Vergebung deiner Sünden bitten, und sie werden dir auch von Gott aus vergeben werden, so du dir den wahren und ernsten Vorsatz im Herzen gemacht hast, keine Sünde mehr zu begehen, und den gemachten Vorsatz auch aus allen deinen Lebenskräften, die unter der Herrschaft deines freien Willens stehen, hältst.
[GEJ.08_066,10] Fällst du aber wieder in deine alten Sünden von neuem, so bleiben dir auch alle die begangenen auf der Rechnung. Denn hast du an deinem Nächsten ein begangenes Unrecht einmal gutgemacht, daß ihr dann Freunde geworden seid, begehest aber bald darauf entweder an demselben Freunde oder an einem andern ein neues Unrecht, so kommt dir auch das schon gutgemachte vor dem Gericht als ein erschwerender Beweis für deine neu begangene Sünde entgegen, und du wirst von dem Gerichte auch doppelt so stark bestraft werden, als du für deine erste Untat wärest bestraft worden. Wenn aber schon die weltlichen Richter also ihre Urteile fällen, und das mit Recht, so wird Gott sicher mit einem verstockten Sünder, der sich wohl manchmal bessert und sein Unrecht sühnt, aber bald wieder von neuem zu sündigen anfängt, nicht milder verfahren.
[GEJ.08_066,11] Der Mensch kann also nur dadurch die wahre und volle Vergebung seiner begangenen Sünden erlangen, so er erstens seine Sünden als ein Unrecht gegen seine Nebenmenschen erkennt, sie bereut und nach Möglichkeit wiedergutmacht, und zweitens aber dann auch Gott um Vergebung bittet mit dem ernsten Vorsatz, die Sünden nicht mehr zu begehen und dem gemachten guten Vorsatz auch treu zu bleiben. So ihr das in euren Herzen euch treu und wahr vornehmen und dann aber auch nach der Vornahme handeln werdet, so sage Ich es euch schon hier: Eure Sünden sind euch von Mir vergeben!"
[GEJ.08_066,12] Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister! Deine Lehre ist scharf, aber wahr, und ich werde nach aller Möglichkeit trachten, ihr in der Tat nachzukommen. Aber Du sagtest, daß Du uns die Sünden vergibst im voraus, so wir Deiner Lehre nachkommen werden. Hast Du denn auch an Gottes Stelle das Recht und die Macht, den Menschen ihre Sünden zu vergeben?"
[GEJ.08_066,13] Sagte Ich: „Mit euch Blinden ist schwer von der Pracht der Farben zu reden! Habe Ich denn nicht zuvor gesagt, daß Mir alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden zukommt?"
67. Kapitel
[GEJ.08_067,01] Als Ich dieses laut zu dem Schriftgelehrten sagte, da kam die eine Schwester des Lazarus, die Martha nämlich, nahe außer Atem zu uns auf den Hügel und brachte uns die Nachricht, daß ein Knecht von einem hohen Gerüst, auf dem er etwas zu tun hatte, herabgefallen sei und nun kein Lebenszeichen mehr von sich gebe. Sie bat Mich, daß Ich ihm helfen möchte.
[GEJ.08_067,02] Und Ich sagte: „Nun, so laß ihn durch die andern Knechte hierher bringen, und Ich werde sehen, was Ich tun werde!"
[GEJ.08_067,03] Auf diese Worte eilte die Martha wieder hinab, und der sich zu Tode gefallene Knecht wurde, auf einer Trage liegend, in wenigen Augenblicken vor Mich hingebracht.
[GEJ.08_067,04] Und Ich sagte: „Habe Ich es euch nicht zum voraus gesagt, daß wir ehest etwas anderes zu tun bekommen werden?"
[GEJ.08_067,05] Hierauf sagte Ich zu dem Schriftgelehrten, der seine Augen starr auf den Toten richtete: „Untersuche ihn, weil du in diesem Fache auch Kunde besitzest, ob dieser Knecht wohl völlig tot ist!"
[GEJ.08_067,06] Hierauf besah und befühlte er den Toten vom Kopfe bis zu den Fußzehen und fand ihn vollkommen tot; denn er war vom Gerüst auf den Kopf hinabgestürzt, und es war ihm die Hirnschale eingedrückt und das Genick völlig gebrochen.
[GEJ.08_067,07] Als der Schriftgelehrte solche den Tod sicher bewirkende Beschädigungen an dem Toten fand, da sagte er: „Herr und Meister, den kann nur Gott wieder lebendig machen; für menschliche Hilfe ist er unwiederbelebbar!"
[GEJ.08_067,08] Sagte Ich: „Was dünket dich, was da leichter zu sagen ist, ob: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘, oder zu diesem Toten wirkungsvoll zu sagen: ,Stehe mit geheiltem Leibe auf und wandle!‘?"
[GEJ.08_067,09] Sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, das erste offenbar leichter als wirkungsvoll das zweite! Denn das erste kann ein jeder Mensch zu dem sagen, der an ihm gesündigt hat, und das gilt nach Deiner Lehre dann auch sicher vor Gott; das zweite aber mit Wirkung ist nur Gott allein möglich und vielleicht dem auch, dem Gott dazu die Macht verleihen würde."
[GEJ.08_067,10] Sagte darauf Ich: „Auf daß du aber siehst und wohl merkest, daß Mir auch die Macht zukommt, dem gebesserten Sünder seine Sünden als für ewig gültig zu vergeben, so sage Ich nun aus Meiner höchsteigenen Macht zu diesem Toten: Sei geheilt, stehe auf und wandle!"
[GEJ.08_067,11] In diesem Augenblick richtete sich der Tote auf, ersah Mich vor sich und dankte Mir inbrünstigst für die Heilung.
[GEJ.08_067,12] Der Schriftgelehrte aber sagte zum nun wieder Lebenden: „Mensch, du warst völlig tot, und der Herr hat dich nicht nur geheilt, sondern Er hat dich auch völlig von neuem wieder belebt; darum danke Ihm auch für dein neues Leben!"
[GEJ.08_067,13] Sagte Ich: „Wer für die Heilung dankt, der dankt auch fürs Leben, und das genügt!"
[GEJ.08_067,14] Hierauf aber wandte Ich Mich wieder an den neubelebten Knecht und sagte zu ihm: „Ein anderes Mal aber sieh dich vor, und besteige kein hohes Gerüst ohne besondere Not! Wenn aber ein solches zu besteigen ist, so überlaß das denen, die darin geübt sind; denn eine jede unnötige Prahlerei straft sich allzeit von selbst, wie es nun auch bei dir der Fall war.
[GEJ.08_067,15] Dazu aber merke dir noch etwas, und das besteht darin: Wolle dich unter deinen Mitknechten niemals durch allerlei Wagestücke hervortun, um von deinem Dienstherrn als ein erster Knecht geachtet zu werden und dann über deine Mitknechte herrschen zu können, sondern sei du nur treu und fleißig in dem, was dir zusteht, so wirst du nie mehr das Unglück haben, hoch herabzufallen und dir das Genick zu brechen, womit des Leibes Tod verbunden ist! Denn wer hoch steigt, der fällt dann auch tief herab."
[GEJ.08_067,16] Auf diese Meine Worte dankte der Knecht abermals und ging mit seinen Mitknechten, die ihn auf der Trage zu Mir gebracht hatten, wieder hinab mit dem Vorsatz, Meine Worte sein Leben lang zu befolgen.
[GEJ.08_067,17] Hierauf aber sagte Ich noch zum Schriftgelehrten: „Dies Zeichen, das Ich zur Stärkung eures Glaubens nur gewirkt habe, behaltet bei euch, und gebet es niemand anderm vor der rechten Zeit kund! Ich weiß es, warum Ich das also will. Nun aber könnet ihr gehen mit den Jüngern wieder dahin, wohin euch Mein Geist führen wird! Im Tale beim Wirte werdet ihr alle zu essen und zu trinken bekommen."
[GEJ.08_067,18] Hierauf begaben sich diese wieder von dannen, und wir begaben uns auch zum Mittagsmahle, da es schon ziemlich spät an der Zeit war.
[GEJ.08_067,19] Wir stiegen nun den Hügel hinab und begaben uns ins Haus und darin in den großen Speisesaal, allwo ein gutes Mahl für uns schon bereitet war. Wir setzten uns an die Tische, und Ich berief den Raphael, daß er auch einigen Jungen, die alle in einem andern Hause des Lazarus untergebracht waren, bedeuten solle, sich zu uns zu begeben und an unserem Tische teilzunehmen. Und Raphael ging und brachte zwölf Jünglinge und zwölf Fräulein, die von ausnehmender Schönheit und nun auch schon durch Meinen Einfluß der hebräischen, griechischen und römischen Sprache kundig waren. Diese vierundzwanzig wurden an einem besonderen Tische untergebracht, an dem Raphael präsidierte.
[GEJ.08_067,20] Als Agrikola diese schöne junge Gesellschaft eine Zeitlang mit großem Vergnügen betrachtet hatte, da sagte er ganz gerührt: „O Herr, mit diesem Geschenk hast Du mir wahrlich eine übergroße Freude gemacht; denn auf diese Weise bin ich nun der Vater von vielen Kindern geworden und werde für sie auch so und noch besser besorgt sein wie für meine eigenen! Nur bitte ich Dich um ein noch recht langes und gesundes Leben, damit ich alle, die Du mir anvertraut hast, geistig und auch leiblich bestens versorgen kann; am Willen dazu wird es mir nie mangeln und so auch nicht am Handeln!"
[GEJ.08_067,21] Sagte Ich: „Darüber freue auch Ich Mich, und Ich werde dir auch geben, um was du Mich bitten wirst; aber du wirst daheim wenig Zeit finden, weil du – wie Ich dir schon angezeigt habe – dich bald nach Britannia wirst zu begeben haben und dort viel zu tun bekommen wirst. Was wirst du dann mit den Jungen tun?"
[GEJ.08_067,22] Sagte Agrikola: „Herr, dann, wie allzeit, werde ich Mich im Herzen an Dich wenden, und Du wirst mich nicht ratlos lassen!"
[GEJ.08_067,23] Sagte Ich: „Also hast du ganz wohl dich beraten und Mir auch ganz wohl geantwortet! Wenn du aber nach Britannia gehen wirst, so kannst du diese vierundzwanzig Leutchen mit dir nehmen; sie werden dir gute Dienste tun. Nun aber essen und trinken wir!"
[GEJ.08_067,24] Darauf aßen und tranken wir wohlgemut und besprachen uns über allerlei gute und seltene Dinge.
[GEJ.08_067,25] Maria, des Lazarus jüngere Schwester, aber setzte sich auf einen niederen Stuhl neben Mich zu Meinen Füßen und horchte auf Meine Worte, wie sie das auch sonst tat.
[GEJ.08_067,26] Da aber diesmal viele Gäste da waren, und Martha in Sorge kam, allein die vielen und hohen Gäste etwa nicht gut genug bedienen zu können, so kam sie zu Mir und sagte: „Herr, sieh, ich habe viel zu tun; sage doch Du der Schwester, daß sie mir helfe!"
[GEJ.08_067,27] Da sagte Ich: „Martha, Martha, du bist noch die gleiche, obwohl Ich dir schon ein paarmal aus dem gleichen Grunde Meine Meinung sagte! Du sorgst dich viel um das, was der Welt ist, aber Maria hat sich den besseren Platz erwählt; darum soll sie auch allda bei Mir verbleiben. Wir aber haben ja ohnehin zu essen und zu trinken in Überfülle. Was sorgst du dich nun noch um ein mehreres?"
[GEJ.08_067,28] Martha aber sah ihren Fehler alsbald ein, beließ die Maria bei Mir und verrichtete allein mit den Dienstleuten leicht die noch übrige Arbeit.
68. Kapitel
[GEJ.08_068,01] Als wir aber also beisammensaßen und ganz wohlgemut aßen, tranken und uns über allerlei Dinge besprachen, da fingen die großen Hunde im großen Hofe stark zu bellen an.
[GEJ.08_068,02] Lazarus, darauf aufmerksam gemacht, sagte zu Mir: „Herr und Meister, sicher nahen sich meinem Bethanien wieder ungeladene Gäste! Aber es ist gut, daß Du mir die Wächter gabst; wir sind durch sie vor lästigen Besuchern gesichert. Aber nachsehen sollte man etwa doch, was es gibt, weil die Tiere einen gar so starken Lärm machen."
[GEJ.08_068,03] Sagte Ich: „Lasse du das nur gut sein; denn Ich weiß es schon, was es draußen gibt! Erinnerst du dich nicht mehr der Pharisäer, die gestern nacht bei dir bis zum Morgen verblieben sind? Siehe, diese haben es dir ja versprochen, heute Meinetwegen heraus nach Bethanien zu kommen! Siehe, diese und noch einige nähern sich nun diesem Orte und wollen in dieses dein Hauptwohnhaus einkehren; aber es ist noch nicht an der Zeit, und das darum um so weniger, weil sie heute vormittag wieder im Rate gesessen sind und ihre gestrigen Gesinnungen schon wieder um ein bedeutendes geändert haben. Es sind noch ein paar weitmaulige, wahre Zeloten bei ihnen, und so haben sie nun gut warten, bis sie hereinkommen werden. Sende aber du einen deiner Diener hinaus; der soll sie in die Herberge der Fremden bringen! Gen Abend werden wir dann schon sehen, was wir tun werden."
[GEJ.08_068,04] Lazarus entsandte sogleich einen Diener, und es geschah, wie Ich es anbefohlen hatte.
[GEJ.08_068,05] Lazarus aber sagte darauf: „Das wundert mich von den gestrigen Pharisäern sehr, daß sie wieder eines anderen Sinnes geworden wären, indem Du doch Selbst gesagt hast, daß dies wohl etwa die letzten und einzigen seien, die sich aus der großen Zahl der Templer zu Dir bekehrt haben! Und wir waren auch alle des ganz frohen Glaubens."
[GEJ.08_068,06] Sagte Ich: „Sei darob nicht zweiflig und bange! Diese werden uns auch bleiben; aber gerade jetzt sind sie noch nicht völlig bekehrt. Doch wenn der Abend sich nahen wird, dann werden sie auch eines anderen und besseren Sinnes werden, und wir wollen dann zu ihnen gehen. Für jetzt aber bleiben wir hier ganz heiteren Mutes beisammen, und es wird sich noch so manches finden, darüber wir unter uns einige Worte werden wechseln können."
[GEJ.08_068,07] Damit waren Lazarus und alle Anwesenden völlig zufrieden.
[GEJ.08_068,08] Es wurde darauf eine kurze Zeit völlig still an unserem Tische; nur am Tische der Jungen wurde dann und wann ein Wort gesprochen, indem die Jünglinge den Raphael um allerlei befragten und er sie darüber auch stets freundlichst belehrte.
[GEJ.08_068,09] Wir behorchten sie, und die bei uns anwesenden vier Templer, die in Emmaus zu uns getreten waren, wie auch die sieben, die am Ölberge schon früher zu uns gestoßen waren, sagten: „Solch ein Unterricht gibt aus! Denn von solch einem Lehrer lernt die Jugend ja in einer Stunde mehr als bei einem Weltlehrer in zehn Jahren! Herr, unsere Weiber und Kinder befinden sich auch hier in Bethanien, in irgendeinem Hause des Lazarus unter gebracht, wenn sie auch nur eine Stunde lang solch einen Lehrer aus den Himmeln hätten, welch ein großer Vorteil wäre das für sie!"
[GEJ.08_068,10] Sagte Ich: „Allerdings wäre das ein großer Vorteil für sie; aber sie wären nicht fähig, von solch einem Lehrer den Unterricht anzunehmen, weil ihre Herzen und Seelen schon mit zu vielen weltlichen Dingen vollgepfropft sind. Diese Jungen aber sind von möglichst keuschem Sinne und sittlich unverdorben; ihnen ist jede Sünde noch fremd, und sie haben viel Not und Elend ausgestanden und mußten sich an Entbehrungen aller Art gewöhnen, daher sie auch aller Leidenschaften, denen Kinder reicher Eltern unterworfen sind, völlig bar geworden. Ihre Seelen sind demnach engelrein und somit fähig, den göttlichen Geist in sich unbehindert sich ausbreiten zu lassen. Und sieh! Darin liegt denn auch der Grund, daß sie schon als Kinder nun von einem ersten Engel unterrichtet werden können; denn nur solche höchst reinen und gänzlich unverdorbenen Seelen können von den Engeln des Himmels unmittelbar unterrichtet werden, Kinder aber, wie die eurigen, nur, so es gut geht, mittelbar.
[GEJ.08_068,11] Ich sage es euch: Wenn die Eltern es verstünden, ihre Kinder also zu erziehen, daß diese ihre Unschuld und Seelenreinheit erhalten könnten nur bis in ihr vierzehntes Jahr, so würden ihnen auch aus den Himmeln Lehrer und Führer unmittelbar gegeben werden; aber da das nun in dieser Zeit unter den besonders angesehenen Juden schon gar nie mehr vorkommt, so haben auch die Lehrer aus den Himmeln mit euren Kindern unmittelbar nichts mehr zu tun.
[GEJ.08_068,12] Aber bei den Patriarchen war das sehr häufig der Fall, und hie und da geschah das auch noch in diesem, wie auch im vorigen Säkulum. Meines Leibes Mutter wie auch Mein Nährvater Joseph, dann auch der alte Simeon, die Anna, der Zacharias, sein Weib Elisabeth und sein Sohn Johannes und noch etliche sind von den Engeln aus den Himmeln erzogen worden, und das unmittelbar; aber die Benannten sind von ihren Alten (Eltern) auch in der größten Sitten- und Seelenreinheit von der Wiege an erzogen worden, was aber bei euren Weltkindern wohl nie der Fall war.
[GEJ.08_068,13] Allein, es wäre das wohl gar überaus gut für die Menschen, obwohl das zur Erlangung der Seligkeit und des ewigen Lebens nicht gerade unbedingt nötig ist; denn es ist bei Mir und somit auch im Himmel unendlich mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut und sich wahrhaft bessert, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben, wie Ich euch das schon einmal gesagt habe. Darum tuet nun das, was Ich euch lehre, und ihr werdet leben; denn Ich, der Ich euch das sage, bin mehr denn alle Engel der Himmel, und somit auch sicher Meine Lehre!"
[GEJ.08_068,14] Sagte nun ein Schriftgelehrter, dessen Weib und Kinder auch in Bethanien sich befanden: „Herr, mein Weib und meine sieben Kinder haben meines guten Wissens allzeit streng nach dem Gesetze leben müssen, und die Seelen der Kinder dürften wohl noch ganz rein sein! Diese könnte ich ja doch wohl hierher bringen lassen? Sie würden hier sicher für ihr ganzes künftiges Leben viel gewinnen. Was meinst Du, o Herr, da?"
[GEJ.08_068,15] Sagte Ich: „Da meine Ich dennoch also, daß es für dein Weib und für deine Kinder, die nicht so rein sind, wie du das meinst, besser ist, wenn sie heute bleiben, wo sie sind; denn morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen auch einer, und da wird es sich schon noch fügen, daß Ich auch mit euren Weibern und Kindern zusammenkommen werde. Und nun machet Mir in dieser Hinsicht keine Vorstellungen mehr!"
[GEJ.08_068,16] Nach diesen Meinen Worten machten sie Mir auch keine derartigen Vorstellungen mehr.
69. Kapitel
[GEJ.08_069,01] Da wir aber nun ganz in aller Ruhe wohlgemut beisammensaßen, da sagte der Römer Markus, den wir schon als einen tiefen Denker haben kennengelernt, zu Mir: „Herr und Meister, erlaubst Du es mir, weil wir gerade Muße haben, an Dich noch eine Frage zu stellen? Es drückt mich noch etwas, und ich möchte darüber eine noch nähere Aufklärung haben, als Du sie uns auf dem Ölberge hast zukommen lassen."
[GEJ.08_069,02] Sagte Ich: „Rede und frage du nur immer zu, denn in dir wohnt eine helle Seele! Ich weiß zwar wohl, was du noch hast, aber Ich habe der andern wegen gern, daß eben du redest und fragst, auf daß auch sie wissen, um was es sich handelt; denn es ist das stets ein großer Fehler bei den Menschen, daß nur wenige in sich merken, was und wo es ihnen fehlt. Denn würden die Menschen das merken und fühlen, so würden sie auch mit großem Fleiß und Eifer das Abgängige suchen und zu finden trachten und würden auch vieles finden. Weil sie aber träge sind und nicht wissen und fühlen, was ihnen noch mangelt, so suchen sie das Mangelnde auch nicht und finden es auch nicht. Wer aber sucht, der findet, und wer da bittet, dem wird gegeben, und wer da anklopft, dem wird aufgetan! Und so sage du nun nur, über was du noch ein helleres Licht haben möchtest, als es euch auf dem Ölberge gegeben worden ist!"
[GEJ.08_069,03] Sagte nun unser Römer Markus: „Siehe, Herr und Meister, Du Selbst hast es laut gesagt, daß der Mensch Gott nicht völlig über alles lieben könne, der Ihn nicht, soweit es ihm nur immer möglich ist, zu erkennen trachtet; und da habe ich nun nach längerem Nachdenken gefunden, daß mir noch gar manches mangelt!
[GEJ.08_069,04] Siehe, ich habe in Illyrien und auch in unseren weiten Länderstrichen mehrere Bergwerke und gewinne da allerlei Metalle, wie Gold, Silber, Blei und eine große Menge Eisen, das wir gar wohl gebrauchen können!
[GEJ.08_069,05] Aber beim Baue in den Bergen habe ich schon so Seltsames und Denkwürdiges aufgefunden, und das sehr tief unter dem gewöhnlichen Erdboden. Es waren das Knochen und Gerippe von einst auf der Erde lebenden riesenhaft großen Tieren. Wann haben diese die Erde bewohnt, und wie konnten sie so tief unter – sage – sogar hohe Berge geraten? Also fand man in Ägypten und auch in Hispania sogar Knochen und Gerippe, die mit denen eines Menschen eine große Ähnlichkeit hatten; nur waren sie auch wenigstens ums Vier- bis Fünffache größer und stärker als die eines jetzigen Menschen. Also fand ich noch gar manche Seltenheiten, deren ich hier näher zu gedenken nicht für nötig finde.
[GEJ.08_069,06] Du hast uns auf dem Berge wohl ganz kurz eine Erwähnung davon gemacht, daß es vor Adam auf der Erde schon gar lange eine Art Menschen gegeben habe, die aber noch wenig freien Willen hatten, sondern sich mehr den Tieren ähnlich instinktmäßig bewegten und auch nach dem Instinkte handelten. Erst vor etwa viertausend Jahren erscheint nach der Juden Schrift der erste Mensch Adam mit einem vollends freien Willen und mit einem auch ebenso freien Verstande und gibt selbst aus sich seinen Nachkommen weise Gesetze und Anordnungen.
[GEJ.08_069,07] Hier wage ich eine große Frage zu stellen, und diese besteht darin: War diese Erde zur Zeit Adams hie und da noch von den Vormenschen bewohnt, und hat sich dieses Geschlecht vielleicht auch irgendwo an gewissen Punkten der Erde bis auf unsere Zeiten erhalten, und wird es sich vielleicht auch noch länger forterhalten? Und wie kamen die Knochenüberreste der Vorwelttiere sogar unter die Grundfesten der Berge und ebenso auch die riesigen Überreste der Präadamiten?
[GEJ.08_069,08] Herr, darüber gib mir noch einen näheren Aufschluß; denn was wir forschenden Römer bis jetzt schon aufgefunden haben, das und sicher noch ein mehreres werden unsere Nachkommen finden.
[GEJ.08_069,09] Die uns bekannten Bücher Mosis geben uns über die Bestandsverhältnisse der Erde vor Adam gar keinen Aufschluß. Moses beginnt gleich mit der höchst mystischen Schöpfungsgeschichte, die aber mit dem, was wir nun auf der Erde finden, in gar keinem Zusammenhang steht, – ja, nur die höchsten Widersprüche aufstellt.
[GEJ.08_069,10] Wenn Du uns über das nun kein höheres Licht zukommen läßt, so wird das besonders bei den späteren Nachkommen große Wirrnisse erzeugen, und Deine Lehre wird großen Spaltungen unterworfen werden. Denn Deine Lehre ruht auf der mosaischen; ist aber jene in irgend etwas dunkel, so kann Dein Licht nicht zur vollen Helle auf der Erde kommen. Darum gib Du uns auch da noch einen helleren Aufschluß; wir bitten Dich darum!"
70. Kapitel
[GEJ.08_070,01] Sagte Ich: „Höre, du Mein Mir sehr liebgewordener Markus! Gar vieles habe Ich euch schon gesagt und gezeigt und werde euch auch noch das sagen und zeigen; aber alles das euch nun Gesagte und Gezeigte wird nicht viel über eure nächsten Nachkommen hinauskommen, weil die Weltmenschen das nicht fassen, nicht begreifen und somit auch nicht glauben werden. Du hast wohl einen ganz guten Grund aufgestellt, demzufolge eine von dir beanspruchte Erklärung über die Dinge und Bestandsverhältnisse dieser Erde zur wahren Festigung des Glaubens der Menschen an Meine Lehre besonders als notwendig erscheint. Doch habe Ich es euch aber auch gesagt, daß über alles in Meiner Schöpfung Vorkommende einem jeden, der im Geiste wiedergeboren wird, eben der Geist es offenbaren wird. Wem es aber der Geist offenbaren wird, der wird es dann auch im wahren Lichte lebendig begreifen, wie sich alle die dir nun noch so unbegreiflich scheinenden Dinge verhalten.
[GEJ.08_070,02] Was Ich euch aber nun mündlich darüber sagen werde, das werdet ihr Mir wohl glauben, weil Ich es euch sage; aber in der Tiefe begreifen werdet ihr es auch nicht, und noch weniger werdet ihr imstande sein, den andern nun im Geiste noch völlig blinden Menschen einen rechten Begriff davon beizubringen. Und so werden die Menschen noch lange zu warten haben, bis für sie alle die sogenannten großen Fragen werden beantwortet werden können, auf eine solche Weise, daß sie ihnen verständlich werden.
[GEJ.08_070,03] Siehe, auch die Juden sind als einst das erleuchtetste Volk der Erde, abgesehen, daß ihnen Moses selbst alles erklärt hatte durch den Mund seines Bruders Aaron in zwei nachgetragenen Büchern, nun dahin gekommen, daß sie von allen dergleichen urweltlichen Dingen rein nichts mehr wissen und verstehen. Alles, was sie irgend von solchen Urüberresten finden, bezeichnen sie als eine Wirkung der von ihnen nicht mehr verstandenen noachischen Sündflut. Lehre sie etwas anderes, so werden sie dich als einen Ketzer verdammen!
[GEJ.08_070,04] Ihr Heiden habt in eurer Götterlehre die mythische Kunde gleich von zwei großen Erdüberflutungen und schreibt ihnen zunächst den ursächlichen Grund der Erscheinungen zu, und das Volk hängt fest daran. Saget ihm nun die Wahrheit, so wird es euch verlachen und, wenn es gut geht, dazu sagen: ,Ei, wer kann das wissen? Das wissen nur die Götter!‘ Was könnet ihr ihm dann entgegnen? Sieh, darum werden die Menschen in dieser Hinsicht erst dann die Wahrheiten zu fassen imstande sein, wenn sie erstens in allerlei Wissenschaften werden bewandert sein, und zweitens, so es ihnen ihr geweckter Geist offenbaren wird!
[GEJ.08_070,05] Euch aber will Ich nun gleichwohl einige Winke geben, wie sich die Sachen etwa verhalten, obschon Ich es nur zu klar einsehe, daß ihr das alles mit eurem gegenwärtigen Verstande nicht fassen werdet, weil fürs erste euch dazu der Begriff von überaus großen Zahlen mangelt, und weil ihr fürs zweite von den Sternen und ihren Größen, Entfernungen und Bewegungen nun nur das wisset und glaubet, was Ich euch darüber gesagt habe; aber es ist alles das so lange auch bei euch nur ein äußeres Wissen, bis es sich in eurem Geiste als eine selbständige und selbstgeschaffene lichtvolle Wahrheit gestalten wird.
[GEJ.08_070,06] Daß diese Erde ein derartig hohes Alter hat, daß ihr die Zahl ihrer Bestandjahre gar nicht fassen könntet, wenn Ich sie euch auch darstellen würde, das habe Ich euch schon auf dem Ölberge gezeigt. Kurz aber und gut, die Erde besteht als ein Weltkörper für eure Begriffe schon nahezu unendlich lange und hat viele Veränderungen auf ihrer Oberfläche zu erleiden gehabt, bis sie zu ihrer gegenwärtigen Gestalt gediehen ist. Feuer, Wasser, Erdbeben und andere große Stürme, besonders in ihren Urzeiten, waren die Handlanger, die aus ihr nach Meinem Willen das gemacht haben, was sie nun ist. Und damit sie fortbesteht und zur zeitweiligen Ernährung von noch viel mehr Menschen und anderen Kreaturen noch fähiger wird, so müssen Feuer, Fluten, Erdbeben und kleine und große Stürme noch in ihr, auf ihr und über ihr nach rechtem Bedarf tätig sein."
71. Kapitel
[GEJ.08_071,01] (Der Herr:) „Als die Erde in ihren Urzeiten nur so weit gediehen war, daß sich über ihren Gewässern nur einige größere und kleinere Inseln erhoben, die mit dem Meeresschlamme überdeckt waren, da legte Ich auch bald aus Meiner Weisheit und aus Meinem Willen allerlei Pflanzensamen in den fruchtbaren Schlamm. Und siehe, da wurden solche Inseln denn auch bald bepflanzt, und zwar zuerst mit allerlei seltenen Gräsern, Kräutern und kleinen und später auch überaus großen Bäumen!
[GEJ.08_071,02] Als solche Inseln also bewachsen waren, da legte Ich dann auch Eier oder Samen zur Bildung einer für jenen Erdzustand tauglichen Tierwelt, die zuerst nur in allerlei kleinen und dann größeren Würmern bestand und im Verfolge aus Insekten und endlich, als der trockener gewordene Boden schon des Futters in großer Fülle hatte, auch aus riesig großen Tieren, deren Aufgabe es war, sich mit den noch sehr rohen Kräutern und Baumästen zu nähren und mit ihrem Kote den Boden mehr und mehr zu düngen, und endlich auch mit ihren umgestandenen (verendeten) riesig großen Leibern, von deren Knochen ihr auch noch in den tiefen Höhlen und Schächten der Erde Überreste finden möget.
[GEJ.08_071,03] Aus der Verwesung solcher Tiere entwickelten sich nach Meinem Willen auch wieder eine Menge neuer Tiere in der Gestalt von kleineren und größeren Würmern und aus ihnen allerlei Insekten.
[GEJ.08_071,04] Nennen wir nun das einen Erdbildungsabschnitt. Es versteht sich aber schon von selbst, daß der Erdkörper vordem schon beinahe zahllose Male allerlei Vorveränderungen unterworfen werden mußte, weil dieser Zustand ohne jene Vorgänge nie hätte stattfinden können. Allein alle solche Vorgänge gehen euch ebensowenig etwas an wie jene zum Beispiel eines ins Erdreich gelegten Weizenkornes bis dahin, wo endlich aus dem Keime eine vollreife und sehr gesegnete Frucht zum sicher sehr brauchbaren Vorschein kommt. Kurz, Ich habe euch nun die Erde in ihrer ersten Befruchtungsblüte gezeigt, wo in ihrem Oberboden allerlei Samen für Kräuter und Bäume gelegt worden sind und Eier für allerlei Getier, für was alles schon lange zuvor im Wasser der Grund gelegt worden ist; denn gewisse und sehr verschiedenartige Wasserpflanzen und -tiere sind offenbar in allem um sehr vieles älter als die Tiere der festen Erde und die Tiere der Luft.
[GEJ.08_071,05] Ihr habt nun einen ersten Abschnitt der ersten Fruchtbodenbildung der Erde in Meinen Worten angeschaut und habt dabei euch selbst denken müssen, daß auf diesem Urfruchtboden für ein besseres Getier, geschweige erst für einen Menschen, ein Sein nicht stattfinden konnte. Aber es war dieser sauere Zustand dennoch notwendig, da ohne ihn kein zweiter und vollendeterer hätte folgen können, so wenig, als ohne die vorgängige Magersauerknospe je auf einem Baume eine reifere und endlich ganz reife Frucht zum Vorschein kommen kann.
[GEJ.08_071,06] Zum Vollreifwerden einer Baumfrucht aber gehören nach dem Magersauerknospenbilden doch sicher noch eine Menge Vorgänge, die freilich nur Mein Auge ganz genau beobachten kann; und das ist sicher bei der Reifebildung eines Weltkörpers noch um so mehr der sehr bedingt notwendige Fall.
[GEJ.08_071,07] Wir haben nun die Erde in ihrer Magersauerknospengestaltung gesehen. Was geschieht denn bei einem Baume im ersten Frühjahre, wenn die Magersauerknospe so recht geschwollen und grünsaftig wird? Sehet, sie springt, von innen gedrängt, auf, wirft ihre erste Umhüllung gewisserart über Bord ins Meer der Vergänglichkeit und Auflösung und entfaltet sich zu einer größeren Vollkommenheit, damit aus ihrer Mitte sich dann die Blätter als die notwendigen Begleiter der nachfolgenden Blüte zur Entwicklung der Frucht entfalten können. Obschon aber, wie schon bemerkt, ein Baum nur ein höchst magerer Vergleich zur Entwicklung eines Weltkörpers ist, so kann er euch aber dennoch als ein gutes Bild dienen, dem ihr in einem sehr verjüngten Maße entnehmen könnet, wieviel dazu gehört, bis ein Weltkörper tauglich wird, um Menschen eurer Gattung zu tragen und zu ernähren.
[GEJ.08_071,08] Diese erste Periode oder der erste Abschnitt der Erdbefruchtung in der noch allerrohesten und unkultiviertesten Art geht nach sehr vielen tausendmal tausend Jahren, wie sie nun auf dieser Erde gerechnet werden, unter; denn damals gab es für diese Erde noch keine bestimmten Jahreszeiten, und die schon da waren, die dauerten ein wenig länger als die nunmaligen.
[GEJ.08_071,09] Was wir in der ersten Periode gesehen haben, das ging durch zugelassene und, noch besser, fest angeordnete Feuerstürme aus dem Innern der Erde unter, und nach einer großen Anzahl von jetzigen Erdjahren erhoben sich größere Landstrecken, schon mit Bergen geziert, aus den großen Tiefen der Meere der Erde, mit einem schon um vieles fruchtbareren Schlamme überdeckt.
[GEJ.08_071,10] Zur rechten Zeit wurden aus Meiner Weisheit und aus Meinem Willen vollkommenere Sämereien in diesen Schlamm gelegt, und bald ward es eines schon gar üppigen Aussehens auf den größeren Länderstrecken der noch immer jungen Erde.
[GEJ.08_071,11] Als es nun abermals des Futters in großer Menge auf den verschiedenen größeren Länderstrecken gab, da ward von Mir aus auch gleich in der weisesten Ordnung für eine größere und schon vollkommenere Anzahl der kleinen und großen Konsumenten gesorgt. Da ward das Wasser zwischen den Länderstrecken von größeren Tieren belebt, und die größeren Länderstrecken hatten ihre großen Verzehrer dessen, was ihr Boden an neuen Pflanzen, Kräutern und Bäumen bot.
[GEJ.08_071,12] Gräser, Pflanzen, Kräuter, Gesträuche und gar riesige Bäume erzeugten teilweise schon Samen und konnten sich fortpflanzen; doch der größere Teil wuchs immer noch den Pilzen gleich aus dem fruchtschwangeren Boden der Länderstrecken, und die Tiere entstanden auf nahezu die Art und Weise wie die euch bekannten Drachen des Nilstromes in Ägypten, nämlich aus den Eiern, und konnten in der Luft wie auch im Wasser leben und sich auch nähren von Pflanzen im Wasser und auf den Länderstrecken, auf denen es aber auch noch lange nicht irgend zu trocken aussah.
[GEJ.08_071,13] Denn in dieser gewisserart für das fruktitive Pflanzen- und Tierleben fortschreitenden Bildungsperiode der Erde konnte es ebensowenig wohnlich trocken aussehen wie bei den sich mehr und mehr entfaltenden Baumknospen; denn so es bei diesen ein trockenes Aussehen hat, dann sieht es mit der Blüte und mit der nachfolgenden Frucht sicher eben nicht am besten aus."
72. Kapitel
[GEJ.08_072,01] (Der Herr:) „Die zweite Vorbildungsperiode dauerte wieder eine für euch nicht aussprechbare Zeit von jetzigen Erdjahren. Aber die Erde war noch lange nicht tauglich, warmblütige Tiere, geschweige Menschen von noch so unterer Art, zu tragen; daher ging sie auch wie die erste unter, und es dauerte dann wieder lange, bis eine dritte Vorbildungsperiode zum Vorschein kam.
[GEJ.08_072,02] Natürlich gingen zwischen einer und der andern Hauptvorbildungsperiode eine Menge auch sehr stürmischer Zwischenperioden vor sich, deren Bedeutung zunächst nur Ich als der Schöpfer am besten kenne und endlich auch der Geist, dem Ich es offenbaren will.
[GEJ.08_072,03] Es entstand aus den vielen notwendigen Vorgängen wieder eine dritte Periode. Nun treten schon gar bedeutend große Länder aus dem Meere hervor, getrieben durch das innere Feuer der Erde, natürlich nach Meinem Willen. Die Vegetation wird noch um vieles reichhaltiger und immer noch riesiger Art; die Tiere ebenso wie die Vegetation. Aber auch diese Periode, die ebenfalls überaus lange angedauert hat, und die man gewisserart mit der Blüte eines Baumes vergleichen könnte, war so wie die beiden früheren noch lange nicht geeignet, dem Menschen zu einem Wohnorte zu dienen; daher ging auch diese unter und begrub so wie die erste und zweite ihre Produkte sowohl in der vegetabilen wie in der animalischen Sphäre, nur nicht so tief wie die erste.
[GEJ.08_072,04] Darauf gab es wieder eine Menge Zwischenperioden, und es kam nach langen Zeiten eine vierte Vorbildungsperiode zum Vorschein. Die Landteile wurden wieder um vieles größer, die Vegetation abermals auch um vieles üppiger, und es fing an, im Wasser, auf den schon trockeneren Landen, wie auch in der Luft von allerlei kleinen und daneben auch von größeren Tieren sehr lebendig zu werden, und es gab darunter schon sogar warmblütige Säugetiere, die nicht mehr mittels der Eier in diese Welt kamen, sondern auf dem Wege der natürlichen Zeugung, und sonach lebendige Junge zur Welt brachten, mit Ausnahme der Wassertiere, einiger großer Amphibien, der Vögel, Würmer und Insekten.
[GEJ.08_072,05] Diese vierte Hauptvorbildungsperiode dauerte ungemein lange, und der Boden der Erde wurde da schon von Zeit zu Zeit von den Strahlen der Sonne beleuchtet, und an einigen Bäumen fing sich schon eine Frucht zu zeigen an, die euch aber freilich eben noch nicht besonders gemundet hätte; aber sie diente der damaligen Tierwelt doch zu einem guten Futter.
[GEJ.08_072,06] Auch in dieser vierten Vorbildungsperiode gab es noch nichts Menschenähnliches auf der Erde.
[GEJ.08_072,07] Es kamen wieder große Erdumwälzungen und begruben auch zum größten Teil alles, was ihr damals als eine Kreatur benamset hättet, und ihr findet aus dieser Periode auch gar vieles und manches unter dem Boden der Erde begraben, das sich aber von den Produkten der ersten drei Perioden hier und da schon sehr wesentlich unterscheidet.
[GEJ.08_072,08] Nach langen Zeiten, in deren Verlauf nun auf der Erde schon eine größere Ruhe und Ordnung eintrat, und nach vielen noch immer sehr großen Erdstürmen sehen wir nun eine fünfte Erdvorbildungsperiode auftauchen. Aus dem tiefen Meeresgrunde erheben sich von neuem große Länder, schließen sich an die aus den früheren Perioden schon bestehenden an und bilden schon ordentliche Festlande.
[GEJ.08_072,09] In dieser fünften Periode entstehen die meisten und höchsten Berge der Erde. Ihre überhohen Spitzen werden von den Blitzen zertrümmert und dann durch gewaltige Erdbeben und durch mächtige Wolkenbrüche entstandene Strömungen in die tiefen Täler und Gräben der Erde geschoben. Dadurch werden weitgedehnte Ebenen und minder breite Täler und Triften gebildet, auf denen dann alles besser gedeihen kann.
[GEJ.08_072,10] Mit dem Beginn dieser Periode wird die Erde auch in eine geordnete Umbahnung um die Sonne gebracht. Tag und Nacht wechseln schon regelrecht, auch des Jahres Zeiten, obschon noch unter allerlei Veränderungen, weil die Schwankungen der Erdpole noch immer bedeutend sind und in dieser Periode auch noch sein müssen.
[GEJ.08_072,11] In dieser Periode, in der sich schon ein bleibendes Festland gebildet hat, beginnen die regelmäßigen Meeresströmungen von 14000 zu 14000 Erdjahren. Durch diese wird nach und nach einmal die südliche Erdhälfte und darauf wieder die nördliche vom Meer überschwemmt zur weiteren Fruchterdbildung über die oft sehr weitgedehnten Steingeröllwüsten. Denn nach ungefähr 14000 Jahren hat das Meer so viel fruchtbaren Schlamm über die wüsten Steingeröllflächen und Täler gelegt, daß sie dann, so das Meer wieder zurücktritt und der zurückgelassene Schlamm zu einem gediegeneren Boden wird, überaus fruchtbar sind.
[GEJ.08_072,12] Es bedurfte bei dieser fünften Periode wohl mehr denn tausendmal tausend Jahre, bis aller gut gelegene Erdboden vollends für eine neue Schöpfung von einer großen Anzahl der verschiedenartigsten Pflanzen, wie Gräser, Kräuter, Sträucher und Bäume, und dann auch für allerlei Tiere und voradamitische Menschen geeignet war.
[GEJ.08_072,13] In dieser Periode sehen wir schon eine große Menge von allerlei Fruchtbäumen und anderen Fruchtgewächsen aller Art und Gattung für Tiere und für die damaligen Vormenschen. Doch von einem Ackerbau ist da noch keine Rede, wohl aber benutzen die Vormenschen schon gewisse Tierherden und führen ein rohes Nomadenleben, haben kein Gewand und bauen sich auch keine Häuser und Hütten; aber auf den dicken Baumästen errichten sie sich den Vögeln gleich gewisse feste Wohn- und Ruhenester und schaffen sich Vorräte von Nahrungsmitteln, die sie nach und nach verzehren. Ist der Vorrat aufgezehrt, so gehen sie wieder scharenweise auf neue Jagd nach Nahrungsmitteln aus. Wenn es frostig wird, weil in dieser Periode auch der Schnee zum gedeihlichen Vorschein kommt, so ziehen diese Menschen samt ihren Haustieren, die in Mammuts, großen Hirschen, Kühen, Ziegen und Schafen bestehen – auch der Elefant, das Nas- und Einhorn, allerlei Affen und auch Vögel gehören dazu –, in wärmere Gegenden.
[GEJ.08_072,14] Mehr gegen das Ende dieser Periode erscheint auch der Esel, das Kamel, das Pferd und das Schwein, welche Tiere auch von diesen Vormenschen beherrscht werden. Denn so viel höheren Vernunftinstinkt besitzen sie, daß sie die benannten Tiere beherrschen und auch gebrauchen können teils zum Tragen, teils zur Jagd und teils zur Gewinnung der Milch und der Wolle, mit der sie sich ihre Nester wohl auslegen und sich so ein weiches Lager bilden.
[GEJ.08_072,15] Sprache haben sie eigentlich in der Art, wie sie nun unter Menschen gang und gäbe ist, keine; aber sie haben dennoch gewisse artikuliertere Laute, Zeichen und Gebärden als selbst die vollkommensten Tiere und können sich gegenseitig verständigen, was sie für ein Bedürfnis haben, und kommen dann auch einander zu Hilfe. Wird jemand krank, gewöhnlich wegen hohen Alters, so kennt er schon das Kraut, das ihm hilft; kann er nicht mehr gehen und es suchen, so tun das die andern für ihn.
[GEJ.08_072,16] Nur ein Feuer machen und es benutzen, das können sie nicht; so sie es aber hätten sehen können, wie es die Adamiten später machten, so würden sie es ihnen nachgemacht haben, weil bei ihnen der Nachahmungstrieb ein sehr vorherrschender ist und ihre Intelligenz mit einem gewissen Grade des freien Willens schon weit über die Intelligenz eines noch so vollkommenen Affen ragt. Also würden sie auch reden erlernen können nach unserer Weise, doch aus sich nie eine weise Rede erschaffen.
[GEJ.08_072,17] Als Menschen aber waren sie riesig groß und überaus stark und hatten auch ein so starkes Gebiß, daß sie sich dessen statt der Schneidewerkzeuge bedienen konnten. Ebenso hatten sie auch einen höchst starken Geruchs- und Gefühlssinn und gewahrten schon von weitem, wenn sich ihnen etwas Feindliches nahte; mit ihren Augen und mit ihrem Willen bändigten sie die Tiere und mitunter auch die Naturgeister.
[GEJ.08_072,18] Obschon aber diese fünfte Vorbildungsperiode gar sehr viel tausendmal tausend Jahre währte, so war unter diesen Menschen doch keine wie immer geartete Fortschrittskultur bemerkbar, sondern sie lebten ihr einförmiges Nomadenleben fort und waren somit nur eine Vordüngung der Erde fürs gegenwärtige Mir in allem völlig ähnliche Menschengeschlecht.
[GEJ.08_072,19] Die Farbe ihrer noch ziemlich behaarten Haut war zwischen dunkel- und lichtgrau; nur im Süden gab es auch haarlose Stämme. Ihre Form hatte eine bedeutende Ähnlichkeit mit den Mohren der Jetztzeit. Sie pflanzten sich bis zu Adam in den Niederungen und dichten Wäldern fort; aber auf die Berge verpflanzten sie sich niemals."
73. Kapitel
[GEJ.08_073,01] (Der Herr:) „Zu den Zeiten Adams, mit dem die sechste Periode beginnt, hatte die Erde wieder teilweise große Umwälzungen zu bestehen durchs Feuer und durchs Wasser, und da ging bei dieser Gelegenheit das beschriebene Voradamitengeschlecht samt ihren Haustieren nahezu ganz unter, so auch die vielen Wälder und deren andere Tiere, die nicht zu den Haustieren zu rechnen sind; nur einige Gattungen der Vögel blieben, wie auch die Tiere der Berge und der Gewässer der Erde.
[GEJ.08_073,02] Es erhielten sich hier und da die beschriebenen Vormenschen wohl noch, aber höchst schütter mit den Adamiten bis in die Zeiten Noahs in Asien; aber sie verkümmerten nach und nach, weil sie keine ihnen entsprechende Nahrung in rechter Genüge mehr fanden. Doch in einigen tiefen Gegenden des südlichen Afrika und auf einigen größeren Inseln der weiten Erde sind noch einige verkümmerte Nachkommen aus der fünften Periode anzutreffen. Sie sind aber noch ganz wild; nur haben sie sich von den Nachkommen Kains doch hier und da eine etwas größere Kultur angeeignet. Sie können zu verschiedenen Arbeiten abgerichtet werden, aber aus sich im Grunde doch nichts erfinden. Ein Teil steht ja etwas besser, weil er aus der Vermischung der Kainiten und später auch der Lamechiten hervorging; aber auch dieser Teil ist zu einer höheren und tieferen Geistesbildung nicht geeignet.
[GEJ.08_073,03] Diese Art von Menschen aber wird sich alldort, wo sie nun ist, noch lange forterhalten und fortpflanzen und nach und nach von den Adamiten auch noch mehr Bildung annehmen, aber dabei doch nie zu einem großen Volke werden. – Da habt ihr nun die Präadamiten aus der fünften Erdvorbildungsperiode.
[GEJ.08_073,04] Bei deren Beginn hatte diese Erde auch den Mond zu ihrem Begleiter und Regulator ihrer Bewegung um die Sonne und um ihre eigene Achse bekommen; freilich hatte auch der Mond nicht sogleich die Gestalt, die er jetzt hat. Bis er zu dieser kam, hatte er auch für ihn große und sturmvolle Perioden durchzumachen, die freilich wohl nicht so lange andauerten wie die der Erde.
[GEJ.08_073,05] Fraget Mich aber nun nicht, warum denn das Ausbilden eines Weltkörpers eine so undenkbar lange Zeit vonnöten hat, denn das liegt in Meiner Weisheit und Ordnung. Wenn aber der Herr eines Weinbergs alle Arbeit in einem Augenblick könnte fertig haben, was würde er dann das ganze Jahr hindurch tun? Der kluge Weinbergsbesitzer aber teilt sich die Arbeit ein, hat alle Jahre etwas zu tun, und diese tägliche Tätigkeit bereitet ihm auch stets eine neue Seligkeit. Und sehet, also ist es auch bei Mir der Fall; denn Ich bin in der ganzen Unendlichkeit ewig das allertätigste, aber darum auch das allerseligste Wesen.
[GEJ.08_073,06] So im Frühjahre die Kinder eines Hausvaters im Garten die Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfel blühen sehen, so haben sie wohl zwar auch eine Freude darüber, aber sie möchten doch schon gleich die reifen Früchte sehen und genießen, als sich pur nur an den schönen Blüten ergötzen. Aber der weise Vater sagt zu den noch sehr von der Ungeduld befangenen Kindern: ,Nur Geduld, meine lieben Kinder! Alles in dieser Welt hat nach der Anordnung Gottes seine Zeit, und alles kommt in ihr zu seiner Reife! Darum habet auch ihr nur Geduld; auch diese nun blühenden Bäume werden in wenigen Monden mit reifen und süßen Früchten voll behangen dastehen, und wir werden sie dann mit dem Vater im Himmel genießen!‘ Das beruhigt dann die Kinder.
[GEJ.08_073,07] Und so möget auch ihr beruhigt sein, wenn ihr auch nicht schon allenthalben auf dieser Erde die vollreifen Früchte Meiner Lehre erschauet; zur rechten Zeit werden sie schon zur Reife gelangen. Denn das könnet ihr euch wohl denken, daß Ich nicht umsonst und vergebens den lebendigen Samen Meines Wortes unter euch ausgestreut habe. Von heute aber bis morgen kann die Vollreife noch nicht erfolgen.
[GEJ.08_073,08] Und sehet, was schon bei einem Baume eine gewisse Zeit braucht nach Meiner Ordnung, das benötigt es nach derselben sicher um so mehr bei einer Erde! Denn es ist da nicht hinreichend, daß eine Welt nur als ein übergroßer Klumpen von Steinen, Erde und Wasser im großen Ätherraume sich befindet, denn ein solcher Klumpen wäre völlig tot, und es könnte auf ihm nichts wachsen und leben. Eine Welt aber, die Lebende tragen und ernähren soll, muß zuvor selbst lebend werden. Dazu aber gehört, daß sie zuvor unter allerlei Einflüssen und Prozessen innerlich gleich einem großen Tier organisch völlig ausgebildet wird.
[GEJ.08_073,09] Es hat zwar jeder werdende Weltkörper, gleich wie ein Embryo im Mutterleibe, schon alle Anlagen zu einer vollkommenen tierisch-organischen Lebensform, aber sie liegen im Anfange der Bildung wie chaotisch untereinandergemengt; erst nach und nach ordnen sie sich und werden dann zu einem organisch lebenden Ganzen. Wie aber dieses Ordnen vor sich geht, das weiß Ich, weil Ich allein in allem der Grundordner bin. Wenn ihr aber selbst im Geiste werdet vollendet sein, da werdet es auch ihr einsehen, wie dieses Ordnen vor sich geht.
[GEJ.08_073,10] Nach und aus den euch nun so einfach und klar als möglich dargestellten Bildungsperioden könnet ihr aber noch etwas entnehmen, und zwar den eigentlichen Urgrund, aus dem der Prophet Moses die Schöpfung in sechs Tage eingeteilt hat.
[GEJ.08_073,11] Diese sechs Tage sind demnach die euch gezeigten sechs Perioden, die ein jedes geschaffene Wesen einmal naturmäßig und dann, wie es bei euch Menschen der Fall ist, auch seelisch und geistig zu seiner Reife und Vollendung durchzumachen hat.
[GEJ.08_073,12] Nach diesen erst kommt die siebente Periode der Ruhe, welche ist das seligste, ewige Leben. Ruhe aber heißt die siebente Periode darum, weil den vollendeten Geist kein Zwang, kein Gericht und keine ängstliche Sorge mehr drückt, sondern sein Sein in die vollste Wissenserkenntnis- und freieste Willensmacht übergeht für ewig.
[GEJ.08_073,13] Und nun sage du, Mein lieber Markus, Mir, wie du nun diese Meine Erklärung verstanden hast!"
74. Kapitel
[GEJ.08_074,01] Sagte Markus ganz voll Staunens: „Herr und Meister von Ewigkeit! Ich und hoffentlich auch alle die andern haben Deine gnädige Erklärung wohl aufgefaßt, von einem durchdringenden Vollverständnisse aber kann bei uns nun darum sicher keine Rede sein, weil uns eben das mangelt, was Du Selbst uns angezeigt hast. Aber wir sind in uns dennoch dahin zu einer klaren Anschauung gelangt, daß wir erstens nun wissen, für was wir die in den Tiefen der Erde aufgefundenen Reliquien zu halten haben, und wie sie durch die mehrfachen periodischen Umwälzungen der Erde und ihre nachherigen Meereswanderungen in solche Tiefen gekommen sind, und zweitens erkannte zum wenigsten ich, was der große Prophet Moses mit seinen sechs Schöpfungstagen so im Hinterhalte angedeutet hat. Und das genügt uns vorderhand, und wir können ganz ruhig nun abwarten, bis wir durch unsere eigene geistige Vollendung ein Weiteres erfahren werden. Aber das sehe ich auch ein, daß das nur eine Lehre für wenige ist und auch bleiben wird.
[GEJ.08_074,02] Nur eine Frage ist mir, wenigstens für mich, noch übriggeblieben, und Du, o Herr und Meister, wirst es mir gnädigst erlauben, Dir damit noch einmal zur Last zu fallen?"
[GEJ.08_074,03] Sagte Ich: „Du weißt es ja, daß Ich dich gern vernehme, und so magst du wohl reden!"
[GEJ.08_074,04] Sagte der Römer Markus: „Herr und Meister! Die besprochenen Voradamiten, obschon nur mit einer instinktartigen Intelligenz und mit nur wenig freiem Willen begabt, hatten ja doch auch Seelen, die als solche nicht sterblich, obwohl vielleicht wandelbar sein können. Was hat es nun mit diesen Seelen für eine Bewandtnis? Wo und was sind sie nun in dieser sechsten Erdperiode, und was wird etwa noch fürder aus ihnen werden? Man könnte das freilich wohl schon eine anmaßende und frevelhafte Frage nennen; aber da ich noch immer ein wißbegieriger Römer und kein schläfriger Jude bin, so magst Du mir diese Frage auch noch zugute halten und mir darüber eine ganz kurze Antwort geben!"
[GEJ.08_074,05] Sagte Ich: „O ja, warum sollte Ich das nicht? Haben wir ja doch der Zeit noch zur Genüge dazu, und so magst du Mich nun wohl anhören! Siehe! So sogar die Stein-, Pflanzen- und Tierseelen fortleben und in ihrem von der Materie freien Zustande durch die Einung schon in – sage – Menschenseelen übergehen und dann im Leibe eines Menschen zu wahren Menschen werden können, so werden die Seelen der Voradamiten doch auch ein Fortleben haben, gleichwie auch die Seelen der Menschen aller anderen Welten im endlosen Schöpfungsraume ein ewiges Fortleben haben.
[GEJ.08_074,06] Als im Reiche der Geister fortlebende Seelen aber werden sie auf irgendeinem großen Weltkörper, das heißt auf seinem entsprechenden geistigen Boden, in tiefere Erkenntnisse über Gott und Seine Macht und Weisheit geleitet, leben so auch ganz selig fort und können auch noch immer seliger werden. Doch wo sich in dieser Hülsenglobe solch ein großer Weltkörper befindet, das wäre wohl sehr unnütz, so Ich dir auch das anzeigte, weil du solch einen Weltkörper mit deinen Sinnen nicht wahrnehmen könntest, und von einer Überzeugung dessen, ob es dort wohl also aussehe, wie Ich es dir beschriebe, könnte bei deinen Leibeslebzeiten ohnehin so lange keine Rede sein, solange du in deinem Geiste nicht völlig wiedergeboren werden würdest; und so mußt du dich bis dahin nun schon mit dem begnügen, daß Ich dir sage: In Meines Vaters Hause gibt es gar viele Wohnungen! Einst in Meinem Reiche wird euch allen alles klar werden. – Hast du Mich verstanden?"
[GEJ.08_074,07] Sagte Markus: „O ja, Herr und Meister! Aber nun noch etwas, weil da eins so das andere gibt!
[GEJ.08_074,08] War zur Zeit der Voradamiten diese Erde auch schon das gewisse Lebenskämmerlein im Herzen des Großen Schöpfungsmenschen?"
[GEJ.08_074,09] Sagte Ich: „Wenn auch nicht völlig in der handelnden Wirklichkeit, so doch in der Bestimmung dazu; als handelnd war in jener Vorzeit ein anderer Weltkörper, dessen Menschen aber zu sehr in den größten Hochmut und in die vollste Gottvergessenheit übergingen, und die noch an einen Gott glaubten, die achteten Seiner nicht, boten Ihm Trotz und suchten Ihn in ihrer Blindheit gewisserart vom Throne Seiner ewigen Macht zu stürzen. Sie suchten Ihn, und arge Weltweise sagten, daß Gott im Zentrum ihrer Erde Wohn