Band 7 (GEJ)

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der 7 Auflage.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

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1. Kapitel – Der Herr auf dem Ölberg, Fortsetzung. (Kap.1-185)

[GEJ.07_001,01] Alle kehrten nun ihre Augen nach dem Aufgange hin und bewunderten das gar herrliche Morgenrot. Es zeigten sich äußerst anmutige Nebelgruppen über dem Horizont, die immer heller und heller wurden, und jeder sagte, daß er schon lange keinen so herrlichen Morgen gesehen habe.

[GEJ.07_001,02] Und Ich sagte nun zu den vielen Umstehenden: „Seht, solch ein Aufgang der Sonne hat eine große Ähnlichkeit mit dem geistigen Lebensmorgen des Menschen und mit dem Aufgange der geistigen Sonne der Himmel in seiner Seele!

[GEJ.07_001,03] Wenn der Mensch das Wort Gottes hört, so fängt es in seiner Seele zu morgendämmern an. Wenn er den vernommenen Worten glaubt und traut, so wird es schon heller in ihm. Er fängt dann an, eine stets größere Freude an der Lehre zu bekommen, und wird tätig danach. Da werden diese Taten gleich jenen lieblichen Morgenwölkchen von der Liebe gerötet, und es wird dadurch schon heller und heller im Menschen. Aus solcher Freude des Menschen zum Guten und Wahren aus Gott gelangt der Mensch zur stets helleren Erkenntnis Gottes, und sein Herz erbrennt in voller Liebe zu Gott, und das gleicht ganz diesem nun schon strahlend hellen Morgenrot. Die Erkenntnisse über Gott und daraus auch über sich und seine große Bestimmung steigern sich derart, wie nun auch durch die schon große Helle des Morgenrotes alle die schönen Gegenden der Erde ringsherum wohl erkenntlich werden.

[GEJ.07_001,04] Es wird aber immer noch heller und heller. Die der aufgehenden Sonne zunächst stehenden Wölkchen – gleich den Taten aus reiner Liebe zu Gott – werden hellstrahlendes Gold. Endlich erglüht es im Morgen, und seht, die Sonne selbst steigt in aller Lichtglorie und Majestät über den Horizont herauf, und wie der neue Tag also aus der Nacht durch die Lichtkraft der Sonne neu geboren wird, so auch der Mensch durch die Kraft des Wortes Gottes und aus dem dann durch die stets steigende Liebe zu Gott und zum Nächsten; denn darin besteht die geistige Wiedergeburt im Menschen, daß er Gott stets mehr und mehr erkennt und sonach auch stets mehr und mehr liebt.

[GEJ.07_001,05] Hat er es dann in seinem Herzen zu einer wahren Glut gebracht, so wird es heller und heller in ihm, die Glut wird zur hellsten Lichtflamme, und Gottes Geist geht gleich der Morgensonne auf, und im Menschen ist es vollkommen Tag geworden. Aber es ist das kein Tag wie ein Tag dieser Erde, der mit dem Abend wieder sein Ende hat, sondern das ist dann ein ewiger Lebenstag und die volle Neu- oder Wiedergeburt des Geistes Gottes in der Menschenseele.

[GEJ.07_001,06] Wahrlich sage Ich euch: Bei wem solch ein Tag in seiner Seele anbrechen wird, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit, und bei dem Austritt aus seinem Leibe wird er einem Gefangenen im Kerker gleichen, der begnadigt worden ist, und dessen Kerkermeister mit freundlicher Miene kommt, die Kerkertür öffnet und zum Gefangenen spricht: ,Erhebe dich; denn dir ist Gnade geworden, und du bist frei! Hier ziehe an das Kleid der Ehre, verlasse diesen Kerker, und wandle hinfort frei vor dem Angesichte dessen, der dir solche Gnade erwies!‘

[GEJ.07_001,07] Wie sich ein Gefangener sicher im höchsten Grade über solche Gnade freuen wird, so und noch mehr wird sich ein im Geiste wiedergeborener Mensch freuen, so Mein Engel zu ihm kommen und sagen wird: ,Unsterblicher Bruder, erhebe dich aus deinem Kerker, ziehe an das Lichtgewand der Ehre in Gott, und komme und wandle hinfort frei und selbständig in der Fülle des ewigen Lebens im Angesichte Gottes, dessen große Liebe dir solche große Gnade erweist; denn von nun an wirst du ewig keinen solchen schweren und sterblichen Leib mehr zu tragen haben!‘

[GEJ.07_001,08] Meinet ihr wohl, daß eine Seele da eine Betrübnis fühlen wird, so Mein Engel also zu ihr kommen wird?"

[GEJ.07_001,09] Sagte der Mir nahe stehende Römer: „Herr, wer wird da sogestaltig noch eine Betrübnis fühlen können? Das ist ganz sicher nur jenen Weltmenschen eigen, die in der Eigenliebe, Selbstsucht und in der größten Unkenntnis Gottes und ihrer Seele leben; denn diese wissen von einem Leben der Seele nach dem Tode des Leibes nichts, – und haben sie davon auch je etwas gehört, so glauben sie es nicht, wie mir gar viele solche nur zu bekannt sind. Ich bin bis jetzt nur ein Heide und bin es noch meinem Äußeren nach; aber an die Unsterblichkeit der Menschenseele habe ich schon von meiner Kindheit an geglaubt, und nach den gehabten Erscheinungen war für mich das Leben der Seele nach des Leibes Abfall etwas völlig unbezweifelt Gewisses. Wenn man aber das den andern Weltmenschen kundgibt, so lachen sie darüber, zucken mit den Achseln und halten am Ende alles für das Spiel einer lebhaften Phantasie und Einbildungskraft.

[GEJ.07_001,10] Nun, für derlei Menschen, die dazu noch sehr gerne leben, mag der Tod des Leibes wohl etwas ganz Entsetzliches sein; doch uns – und besonders von nun an, wo wir von Dir aus als dem Herrn alles Lebens die höchste Zuversicht über die Seele und über ihr ewiges Fortleben nach des Leibes Tode haben – kann eben der Tod des Leibes kein Bangen mehr verursachen, besonders wenn ihm keine zu großen Leibesschmerzen vorangehen, durch die der Leib bis auf den Tod gemartert und gequält wird. Aber auch dann muß die Erscheinung des das Tor des harten Gefängnisses öffnenden Kerkermeisters sicher eine höchst willkommene sein! – Das ist so meine Meinung und auch mein fester Glaube; ein anderer aber kann da meinen und glauben, was er will!"

[GEJ.07_001,11] Sagten alle: „Ja, also meinen und glauben auch wir; denn wen sollte das Leben in dieser Welt, die eigentlich die Hölle in ihrer vollsten Blüte und Reichhaltigkeit ist, noch freuen können?!"

[GEJ.07_001,12] Sagte Ich: „Ja, also ist es! Darum sage Ich euch denn auch: Wer das Leben dieser Welt liebt, der wird das wahre Leben der Seele verlieren; wer es aber nicht liebt und in der Art, wie es ist, flieht, der wird es gewinnen, das heißt, das wahre, ewige Leben der Seele.

[GEJ.07_001,13] Lasset euch nicht blenden von der Welt, und horchet nicht auf ihre Verlockungen; denn alle ihre Güter sind eitel und vergänglich! So ihr euch aber in dieser Welt schon Schätze sammelt, so sammelt euch vor allem solche, die kein Rost angreift und die Motten nicht verzehren! Das sind Schätze für den Geist zum ewigen Leben, zu deren vollstem Erwerb ihr alles aufbieten möget. Wem aber auch irdische Schätze verliehen sind, der verwende sie gleich dem Bruder Lazarus, und er wird dafür Schätze des Himmels ernten. Denn wer viel hat, der gebe viel, und wer wenig hat, der gebe wenig!

[GEJ.07_001,14] Wer einem Durstigen in rechter Nächstenliebe aus seinem Brunnen auch nur einen Trunk frischen Wassers reicht, dem wird es jenseits vergolten werden; denn wer da seinem Nächsten Liebe erweist, der wird auch drüben Liebe finden. Es kommt hier wahrlich nicht darauf an, wieviel jemand gibt, sondern hauptsächlich darauf kommt es an, wie jemand seinem armen Nächsten etwas gibt. Ein aus wahrer Liebe freundlicher Geber gibt doppelt, und es wird ihm auch jenseits also vergolten werden.

[GEJ.07_001,15] Wenn du viel hast, so kannst du, wie gesagt, auch viel geben. Hast du das mit Freuden und mit vieler Freundlichkeit gegeben, so hast du dem Armen doppelt gegeben. So du aber selbst nicht viel hast, hast aber deinem noch ärmeren Nächsten dennoch auch von deinem Wenigen mit Freude und Freundlichkeit einen Teil gegeben, so hast du zehnfach gegeben, und es wird dir jenseits auch also wiedergegeben werden. Denn was ihr den Armen also tut in Meinem Namen, das ist so gut, als hättet ihr solches Mir Selbst getan.

[GEJ.07_001,16] Wollt ihr aber bei jeder Gabe und edlen Tat erfahren, ob und wie Ich Selbst daran ein Wohlgefallen habe, so sehet nur in das Antlitz dessen, dem ihr in Meinem Namen also, wie Ich's nun erklärt habe, Gutes erwiesen habt, und es wird euch den wahren Grad Meines Wohlgefallens klar und deutlich anzeigen.

[GEJ.07_001,17] Was die wahre Liebe tut, das allein ist vor Gott wohlgetan; was aber da irgend pur nach dem Maße des Verstandes getan wird, das hat wenig Wert für den Nehmer und noch weniger für den Geber. Ich sage es euch: Seliger ist es zu geben als zu nehmen.

[GEJ.07_001,18] Nun aber gehen wir ein wenig fürbaß und sehen uns die Gegend gen Bethania an! Da werden wir große Zuzüge von allerlei Handelsleuten erschauen, da heute der große Markt beginnt und fünf Tage hindurch fortdauert."

 

2. Kapitel

[GEJ.07_002,01] Darauf begaben wir uns auf die Stelle hin, von der man gar gut die Gegend von Bethania sehen konnte, aber auch eine Menge Wege und Straßen, die nach Jerusalem führten. An den Wegen und Straßen waren die Maut- und Zollhäuser erbaut, bei denen die Fremden den verlangten Zoll zu entrichten hatten. Die meisten Zöllner von dieser Seite mit mehreren ihrer Diener und Knechte waren seit gestern bei uns.

[GEJ.07_002,02] Es fragte sie aber der Schriftgelehrte, ob sie nun nicht lieber da unten wären und viel Geldes einnähmen.

[GEJ.07_002,03] Sagte ein Zöllner: „Mein Freund, diese Frage hättest du dir füglich ersparen können! Denn wäre uns an dieser höchst materiellen Gewinneinnahme mehr gelegen als an der höchst geistigen, so wäre sicher schon ein jeder von uns auf seinem Platze; denn wie wir gekommen sind, so hätten wir auch schon lange wieder gehen können, und niemand hätte uns etwas in den Weg legen können. Aber da uns dieser große Lebensgewinn hier lieber ist als der materielle bei unseren Zollhäusern da unten, so bleiben wir hier und kümmern uns um die vorüberziehenden Handelskarawanen gar nicht. Was aber die kleine Wegmaut anbelangt, nun, so haben wir daheim schon noch Leute, die das besorgen werden.

[GEJ.07_002,04] Es wird aber ja nun in eurem Tempel die Krämerei auch bald angehen. Würde es dir gefallen, so ich zu dir sagete: ,Freund, sieh da hinab; es wird schon sehr lebendig vor des Tempels Hallen! Kümmern dich die dort zu erwartenden großen Gewinne nicht? Es wird da des blanksten Goldes und Silbers und der Edelsteine und Perlen in großer Menge geben, und euch muß von allem der Zehent gegeben werden. Wird man euch davon etwas geben, so ihr nicht gegenwärtig seid?‘

[GEJ.07_002,05] Wir Zöllner und Sünder vor euch aber wissen nun von euch, daß ihr eurem Tempel für immer den Rücken zugewendet habt, und so wäre solch eine Frage, von uns an euch gestellt, nun sicher so unklug wie möglich. Wir aber haben nun ohnehin den vollwahren Entschluß gefaßt, daß wir aus Liebe zum Herrn jedermann das Zehnfache zurückvergüten werden, so wir mit unserem Wissen ihn je irgendwann übervorteilt haben, und so mögen darum heute alle die vielen Handelsleute wenigstens an unseren Zoll- und Mauthäusern ganz frei vorüberziehen, und wir alle werden darum noch lange nicht verhungern. Darum lassen wir sie nun nur ganz ruhig vorüberziehen!"

[GEJ.07_002,06] Auf diese ganz energische Antwort des Zöllners sagte der Schriftgelehrte gar nichts mehr und bewunderte im stillen die Großmut des Zöllners und seiner Gefährten.

[GEJ.07_002,07] Lazarus aber sagte: „Alle diese Fremden werden gegen Abend ganz sicher da herauf kommen, und ich werde noch Sorge treffen müssen, daß erstens der Keller noch besser bestellt wird und ebenso auch die Küche und die Speisekammer. Dazu werde ich auch noch mehr Tische und Bänke im Freien herrichten lassen müssen, – sonst wird es mir knapp gehen!"

[GEJ.07_002,08] Sagte Ich zu Lazarus: „Laß das alles; denn solange Ich hier bin, da bist du schon mit allem am besten und reichlichsten versorgt! Und kämen ihrer noch so viele, so sollen sie dennoch alle bestens versorgt werden. – Sehen wir nun nur ganz ruhig dem tollen Welttreiben da unten zu! Wie viele stark beladene Kamele, Pferde, Esel und Ochsen traben auf den Wegen und Straßen einher und tragen große Schätze und Güter ihrer Herren, und sie werden alles verkaufen!

[GEJ.07_002,09] Aber dort auf der breiten Straße, die aus Galiläa nach Jerusalem führt, sehen wir mit Ochsen bespannte Wagen und Karren; die führen Sklaven aus den Gegenden am Pontus hierher zum Verkaufe. Es sind Jünglinge und Mädchen im Alter von 14-18 Jahren von schönstem körperlichen Wuchs. Ihre Zahl beträgt hundertzwanzig männliche und hundertsiebzig weibliche Personen. Nun, diesen Verkauf wollen wir verhindern und dann für dieser Armen Bildung und Freiheit sorgen! Derlei Menschenmärkte dürfen innerhalb der Stadtmauer nicht statthaben; dieser Berg aber befindet sich schon außerhalb der Stadtmauer und ist dennoch sehr nahe bei der Stadt, und so werdet ihr bald sehen, wie diese Wagen- und Karrenbesitzer gerade am Fuße dieses Berges ihre Verkaufshütten aufrichten werden und darauf bald ihre Anbieter und Ausrufer allenthalben überallhin auszusenden suchen werden! Allein da werden wir ihnen zuvorkommen und ihnen solche ihre Ware ganz abnehmen und dann aber auch den schnöden Verkäufern ein Wörtlein sagen, das ihnen solch einen Handel auf lange hin verleiden soll!"

[GEJ.07_002,10] Sagte hier Agrikola: „Herr, wie wäre es denn, so ich diesen Menschenverkäufern alle die männlichen und weiblichen Sklaven abkaufte, und das um den verlangten Betrag, sie dann mitnähme nach Rom, sie dort ordentlich erziehen ließe und ihnen dann die volle Freiheit und das Bürgerrecht Roms schenkte?"

[GEJ.07_002,11] Sagte Ich: „Deine Idee und dein Wille sind gut; aber Meine Idee und Mein Wille werden da noch besser sein! Wozu da Geld hingeben für etwas, das man ganz Rechtens auch ohne Geld haben und in Besitz nehmen kann?! Bist du damit nicht einverstanden? Solchen Menschen noch einen Gewinn geben, hieße sie in ihrem Bösen noch bestärken; wenn sie aber mehrere solche Erfahrungen machen werden, so werden sie sich dann schon hüten, zu solch unmenschlichen Erwerbsarten ihre fernere Zuflucht zu nehmen."

[GEJ.07_002,12] Sagte hier Agrikola: „Herr, es ist hierbei nur noch auf eins zu sehen! Mir kommt es vor, daß da in dieser Beziehung von Rom aus für alle Länder ein eigenes Gesetz in bezug auf den Menschenhandel besteht, laut dessen ohne Bewilligung eines römischen Oberstatthalters kein Sklave aus irgendeinem fremden, nicht römischen Reiche in Roms Länder eingeführt werden darf; die Bewilligung kostet aber ganz entsetzlich viel. Nun, da geschieht es aber sehr häufig, daß derlei Sklavenhändler ihre Sklaven auf geheimen Wegen und oft auch mit falschen Bewilligungsdokumenten in ihren Händen in unsere Länder hereinschmuggeln. Wenn das bei diesen nun ankommenden Sklavenhändlern der Fall sein dürfte, dann wäre es ein leichtes, ihnen ihre Ware abzunehmen; doch im Falle, daß sie im Besitze einer oberwähnten teuren Befugnis wären, da wäre auf dem natürlichen Wege nicht viel anderes zu machen, als den Händlern ihr verlangtes Geld zu geben und sie dann ungehindert weiterziehen zu lassen, weil sie in diesem Falle unter dem Schutze des Gesetzes stehen."

[GEJ.07_002,13] Sagte Ich: „Da hast du ganz richtig geurteilt; aber weißt du, Ich bin Der, der der Ewigkeit und der Unendlichkeit Gesetze vorschreibt, und so wirst du daraus schon begreifen, daß Ich Mich nun da, wo das Gegenteil not tut, nicht an die Gesetze Roms binden werde, obwohl Ich ihnen sonst als Mensch völlig untertan bin.

[GEJ.07_002,14] Diese Menschen, die nun die bezeichneten Sklaven hierher auf den Markt bringen, sind zwar sehr gewinnsüchtig, aber dabei im höchsten Grade abergläubisch. Dieser ihr stockblinder Aberglaube ist ihr größter Feind; und da weiß Ich schon zum voraus, was da zu geschehen hat, um diese Menschen derart zu strafen, daß sie nicht nur ihre Ware, sondern noch mehreres allerwilligst hinzu hergeben werden, um nur mit heiler Haut davonzukommen. Wenn sie bald dasein werden, so werdet ihr alle dann schon sehen und wohl erfahren, was Gottes Weisheit und Macht alles zu bewirken gar wohl imstande ist.

[GEJ.07_002,15] Jetzt aber gehen wir wieder ins Haus und stärken unsere Glieder mit einem guten Morgenmahle; denn die Tische sind bereits alle wohl bestellt. Währenddessen werden unsere Sklavenhändler auch vollends an Ort und Stelle sein, und wir wollen ihnen dann einen Besuch abstatten!"

[GEJ.07_002,16] Sagte zu Mir der Schriftgelehrte: „Herr, den Tempel wirst Du heute etwa doch nicht besuchen? Denn heute geht es wahrlich zu arg darin zu!"

[GEJ.07_002,17] Sagte Ich: „Was kümmert Mich nun diese Mördergrube da unten in der Hölle! Dort und da ist der rechte Tempel Jehovas, wo im Menschen ein Herz ist, das Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst liebt! – Gehen wir nun zum Morgenmahle!"

[GEJ.07_002,18] Darauf begaben wir uns alle ins Haus, setzten uns an die Tische, auf denen schon alles in der vollen Bereitschaft war, was jedem nach seiner Art am besten mundete, und am besten Weine hatte es auch keinen Mangel. Die Römer bewunderten nun erst am vollen Tage die herrlichen Trinkgefäße aus dem reinsten Golde, wie auch ihre silbernen Speiseschüsseln. Auch die sieben Pharisäer gingen nun näher hin und konnten sich nicht genug verwundern über die Reinheit und vollste Güte der Trinkgefäße und Eßgeschirre. Lazarus aber ermahnte sie zum Essen, weil sonst die Fische kalt würden, und so griffen denn die sieben auch sogleich zu und aßen und tranken mit vielem Rühmen über die Güte der Speisen und des Weines. Auch die etlichen siebzig Armen mit dem Weibe in ihrer Mitte erschöpften sich im Lobe über die Speisen und über den Wein, und ebenso auch die Zöllner und ihre Gefährten.

[GEJ.07_002,19] Ein Römer sagte: „Nun bin ich volle sechzig Jahre alt, und noch nie sind so gute Speisen und ein solch wahrer Götterwein in meinen Mund gekommen!"

[GEJ.07_002,20] Und so gab es hier des Lobens und Dankens nahezu kein Ende.

 

3. Kapitel

[GEJ.07_003,01] Als wir da noch saßen, aßen und tranken, da kam aus dem reinen und völlig wolkenlosen Himmel ein mächtiger Blitz, dem ein alles erdröhnen machender Donner folgte. Alle entsetzten sich und fragten Mich, was denn nun das zu bedeuten habe.

[GEJ.07_003,02] Sagte Ich: „Das werdet ihr bald sehen! Diese Erscheinung hat schon den Anfang für unsere Sklavenhändler gemacht; denn während wir hier aßen und tranken, kamen sie unten am Berge an, und alle ihre Wagen und Karren stehen schon unten. Sie hätten sogleich ihre Ware abgesetzt, wenn nicht dieser Blitz sie davor gewarnt hätte.

[GEJ.07_003,03] Es haben die Völker am nördlichsten Pontus auch eine Art Gotteslehre, die aber natürlich im höchsten Grade mangelhaft ist; und selbst diese liegt ganz in den Händen gewisser Wahrsager, die vom anderen Volke ganz abgesondert für sich leben, ihre eigenen Gründe und sehr zahlreiche Herden haben und zumeist auf den Bergen in schwer zugänglichen Hochtälern wohnen. Diese Wahrsager stammen zumeist von den Indiern ab und sind darum in steter Kenntnis von allerlei Magie und Zauberei, gehen jedoch nie oder nur höchst selten zu den in den großen Tiefebenen wohnenden größeren Völkern; aber diese wissen weit und breit von ihnen und gehen bei für sie wichtigen Angelegenheiten zu den erwähnten Wahrsagern und lassen sich von ihnen weissagen, natürlich gegen nicht geringe Opfer. Bei solchen Gelegenheiten sagen dann und wann diese Weisen der Berge den Fragern auch von höheren und mächtigen unsichtbaren Wesen, von denen sie und alle Elemente beherrscht werden, und daß eben sie als die Weisen der Berge ihre nächsten Diener und Beherrscher der unteren Naturmächte sind. Dieses setzt natürlich die blinden Wallfahrer stets in größtes Erstaunen, besonders, so daneben ein solcher Wahrsager den Fragern noch irgendein Zauberwunder zum besten gibt.

[GEJ.07_003,04] Unsere Sklavenhändler sind mit ihrer Ware eben von dorther, und das nun schon zum siebenten Male, obwohl in Jerusalem erst zum ersten Male, da sie sonst solche ihre Ware entweder in Lydien, Kappadokien, auch schon in Tyrus und Sidon, oder auch in Damaskus verkauft haben. Diesmal haben sie sich einmal nach Jerusalem gewagt und würden auch diesmal nicht hierher gekommen sein, wenn sie nicht Mein Wille gezogen hätte.

[GEJ.07_003,05] Bevor sie aber daheim mit ihrer Ware abfuhren, befragten sie auch einen Wahrsager, ob sie mit ihrem Handel glücklich sein würden. Und er sagte mit tiefernster Miene: ,Wenn ihr keinen Blitz sehen und keinen Donner hören werdet, so werdet ihr eure Ware wohl an den Mann bringen.‘ Das war alles, was ihnen der Wahrsager sagte. Die Sklavenhändler hielten das für eine gute Prophezeiung, da sie meinten, daß in dieser späten Jahreszeit kein Donnerwetter mehr kommen werde. Doch dieser gewaltige Blitz mit dem heftigsten Donner hat sie nun eines andern belehrt, und sie stehen nun ratlos unten am Berge. Doch bevor wir hinabgehen, werden noch ein paar solcher Blitze folgen, durch die unsere Sklavenhändler noch mehr eingeschüchtert werden, und wir werden dann mit ihnen leicht reden!"

[GEJ.07_003,06] Sagte hier einer Meiner alten Jünger: „Wer weiß, was sie für eine Zunge reden?"

[GEJ.07_003,07] Sagte Ich: „Das geht dich vorderhand gar nichts an; Mir ist keine Zunge in der ganzen Welt fremd! Doch diese Menschen reden zum größten Teil Indiens Zunge, die da der urhebräischen gleichkommt."

[GEJ.07_003,08] Da sagte der Jünger nichts mehr, und es kam auch der zweite Blitz mit dem heftigsten Donner, bald darauf der dritte; doch alle schlugen in die Erde und richteten keinen Schaden an.

[GEJ.07_003,09] Nach dem dritten Blitz aber kam schnell ein gar wunderschöner Jüngling ins Zimmer, verneigte sich tief vor Mir und sagte mit lieblicher und doch männlich- fester Stimme: „Herr, hier bin ich nach Deinem Rufe, um zu vollziehen Deinen heiligen Willen!"

[GEJ.07_003,10] Sagte Ich: „Du kommst von Cyrenius und von der Jarah?"

[GEJ.07_003,11] Sagte der Jüngling: „Ja, Herr, nach Deinem heiligen Willen!"

[GEJ.07_003,12] Hier erkannten die alten Jünger den Raphael, gingen hin und grüßten ihn.

[GEJ.07_003,13] Der Jüngling aber sagte zu ihnen: „O ihr Glücklichen, die ihr stets um den Herrn in Seiner allerhöchsten Wesenheit sein könnet! – Aber bevor wir an ein großes und wichtiges Werk schreiten, gebt auch mir etwas zu essen und zu trinken!"

[GEJ.07_003,14] Da wetteiferten alle, dem Jünglinge zu essen und zu trinken zu geben. Die Römer luden ihn zu sich, und auch alle andern boten alles auf, um dem Jüngling zu dienen; denn alle konnten die Anmut des Jünglings nicht genug bewundern. Sie hielten ihn für einen überschönen Sohn einer irdischen Mutter, der auf irgendein ihm bekanntgemachtes Verlangen Mir nachgereist sei. Nur die alten Jünger wußten, wer der Jüngling war. Er aß und trank wie ein Heißhungriger, und es nahm alle wunder, wie der Junge gar soviel in seinen Magen bringen konnte.

[GEJ.07_003,15] Raphael aber lächelte und sagte: „Meine Freunde! Wer viel arbeitet, der muß auch viel essen und trinken! Ist es nicht also?"

[GEJ.07_003,16] Sagte Agrikola: „Oh, allerdings, du wahrhaft himmlisch schönster Junge! Aber sage mir doch, wer dein Vater und wer deine Mutter ist, und aus welchem Lande du abstammst!"

[GEJ.07_003,17] Sagte Raphael: „Laß dir nur Zeit! Ich verbleibe nun einige Tage hier und in dieser Zeit wirst du mich schon noch näher kennenlernen. Jetzt haben wir eine große Arbeit vor uns, und da, lieber Freund, heißt es sich sehr zusammennehmen!"

[GEJ.07_003,18] Sagte Agrikola: „Aber, du mein allerliebster und schönster junger Freund, was wirst du wohl arbeiten mit deinen durch und durch jungfräulich zarten Händen? Du hast noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, und du willst dich nun bald an eine große und schwere Arbeit machen?"

[GEJ.07_003,19] Sagte Raphael: „Ich habe nur darum noch nie eine schwere Arbeit verrichtet, weil mir eine jede dir noch so schwer vorkommende Arbeit etwas ganz Leichtes ist. Die Folge wird dich schon eines Bessern belehren!"

[GEJ.07_003,20] Sagte darauf Ich: „Nun ist die Zeit da, diese Gefangenen da unten zu erlösen und frei zu machen; und so gehen wir! Wer aber hierbleiben will, der bleibe hier!"

[GEJ.07_003,21] Es baten Mich aber alle, daß sie mitgehen dürften, und Ich ließ es ihnen zu. Und so gingen wir schnell den Berg hinab und waren bald bei unseren Sklavenhändlern, um die schon eine Menge Volkes versammelt war, um die armen Sklaven und ihre Verkäufer anzugaffen.

[GEJ.07_003,22] Ich aber winkte dem Raphael, daß er das müßige Volk hinwegschaffen solle, und er stob das Volk wie Spreu auseinander. Jeder lief, was er nur laufen konnte, um von mehreren Löwen der grimmigsten Art, die sie unter sich bemerkten, nicht zerrissen zu werden.

 

4. Kapitel

[GEJ.07_004,01] Als das Volk sich also bald gänzlich verlaufen hatte, da erst trat Ich mit Raphael, Agrikola und Lazarus zu dem Haupthändler hin und sagte zu ihm in seiner Zunge: „Wer gab euch zuerst das Recht, Menschen und eure Kinder als eine Ware auf den Märkten der Welt zu verkaufen und sie dadurch zu Sklaven eines tyrannischen, geilen Käufers zu machen?"

[GEJ.07_004,02] Sagte der Oberhändler: „Willst du sie mir abkaufen, dann zeige ich dir, daß ich dazu das Recht habe; kaufst du sie aber nicht, so sage ich dir, so du's haben willst, erst vor dem Pfleger des Landes, daß ich mein Recht dazu habe. Bin ich dereinst doch selbst als ein Sklave verkauft worden; aber mein Herr, dem ich treust diente, schenkte mir darauf die Freiheit und vieles Geld. Ich zog wieder in mein Heimatland und handle nun selbst mit derselben Ware, als welche ich selbst vor zwanzig Jahren einem andern dienen mußte. Ich wurde als ein Sklave glücklich; warum diese da nicht?! Dazu ist das in unseren Ländern eine schon gar alte Sitte, und unsere Weisen haben uns darob noch nie zur Rede gestellt. Gegen unsere Landesgesetze sündigen wir dadurch nicht, und für die eures Landes zahlen wir ein Lösegeld; und so haben wir uns vor niemandem unseres guten Rechtes wegen zu verantworten!"

[GEJ.07_004,03] Sagte Ich: „Du warst aber doch vor dreißig Tagen im Gebirge und opfertest dreißig Schafe, zehn Ochsen, zehn Kühe und zehn Kälber, und dein Wahrsager sagte zu dir: ,Wenn du auf deiner Reise keinen Blitz sehen und keinen Donner hören wirst, so wirst du glücklich sein!‘ Du aber legtest dir die Sache gut aus, indem du meintest, daß es in so später Jahreszeit kein Ungewitter mit Blitz und Donner mehr gäbe, und begabst dich mit deinen Mithändlern auf die weite Reise. Aber nun hat es denn doch gedonnert und zum voraus geblitzt! Was wirst du nun machen?"

[GEJ.07_004,04] Hier sah mich der Haupthändler groß an und sagte: „Wenn du nur ein Mensch bist, gleichwie ich einer bin, so kannst du das nicht wissen! Denn erstens bist du noch nie in unserem Lande gewesen, und zweitens weiß auf der ganzen Welt kein Mensch um den Ort, wo der erste und berühmteste Wahrsager wohnt. Verraten haben kann es dir auch kein Mensch denn wir verraten uns um alle Schätze der Welt nicht. Wie also kannst du mein tiefstes Geheimnis wissen? Freund, sage mir nur das, und alle diese Sklaven gehören dir!"

[GEJ.07_004,05] Sagte Ich: „Hat euch nicht euer Wahrsager einmal gesagt, daß es noch einen größeren Gott gebe, von dem er bloß aus alten, geheimen Schriften gehört habe? Doch das sei für Sterbliche zu groß und unbegreiflich, und sie sollten sich darum nicht weiter um diese Sache bekümmern! – Hat nicht also geredet euer Wahrsager?"

[GEJ.07_004,06] Nun ward der Haupthändler ganz außer sich und sagte: „Ich habe es gesagt und sage es noch einmal: Du bist kein Mensch, sondern – Du bist ein Gott! Und was soll ich, ein schwacher Wurm der Erde, mich gegen Dich setzen, der Du mich mit einem Hauche vernichten kannst?! Es ist wahr, ich mache irdisch ein schlechtes Geschäft! Aber hätte ich noch tausendmal so viele Sklaven, als ich hier habe, und das wahrlich um teures und großes Geld, so wären sie alle Dein eigen! Denn weißt Du, großer und unbegreiflich erhabener Freund, wir in unserem Lande wissen es zum größten Teile, wo uns das harte Bärenleder am Fuße drückt; aber helfen können wir uns nicht! Hilf Du uns, Freund, – und nicht nur diese, sondern tausendmal so viele, und so viele Du noch darüber haben willst, gehören Dir; denn Du bist kein Mensch, sondern Du bist ein völlig wahrster Gott!"

[GEJ.07_004,07] Sagte Ich zu den Umstehenden: „Nehmt euch alle ein Exempel daran! Das sind Sklavenhändler von sehr finsterer Art, und wie bald haben sie Mich erkannt! Und da oben stehet der Tempel, den David und Salomo mit großen Unkosten Mir erbauen ließen, – aber welch ein ungeheurer Unterschied zwischen diesen Sklavenhändlern, die nur der Menschen Leiber verkaufen, und diesen Seelenverkäufern an die Hölle!"

[GEJ.07_004,08] Seht, diese Sklavenhändler sind Eliasse gegen diese elenden Seelenmeuchelmörder da oben! Darum wird es dereinst auch Sodom und Gomorra vor Mir besser ergehen als dieser elenden Höllenbrut da oben. Denn wäre in Sodom und Gomorra das geschehen, was hier geschieht, so hätten sie in Sack und Asche Buße getan und wären Selige geworden. Allein, hier bin Ich Selbst da, und sie trachten Mir nach dem Menschenleben!

[GEJ.07_004,09] Seht, hier an Meiner Seite steht Mein Lieblingsengel Raphael, und Ich sage es euch: Es besteht mehr Ähnlichkeit zwischen ihm und diesen Sklavenhändlern denn zwischen ihm und diesen Gottesdienern da oben! Ich sage es euch: Dieser Sklavenhändler ist schon ein Engel; aber die da oben sind Teufel!"

[GEJ.07_004,10] Hier wandte Ich Mich wieder an den Sklavenhändler und sagte zu ihm: „Freund, wieviel verlangst du für alle diese deine Sklaven? Rede!"

[GEJ.07_004,11] Sagte der Haupthändler: „Mein Gott, was soll ich, ein schwacher, sterblicher Mensch, von Dir wohl verlangen? Alle diese und noch tausendmal so viele gebe ich Dir, wenn Du mich nur der Gnade für wert hältst, mir zu sagen, wo es uns so ganz eigentlich fehlt und gebricht!"

[GEJ.07_004,12] Sagte Ich: „So gib sie alle frei, und Ich werde euch darob die ewige Freiheit eurer Seelen und das ewige Leben geben!"

[GEJ.07_004,13] Sagte hierauf der Haupthändler: „Der Handel ist gemacht und geschlossen; denn mit Göttern ist leicht handeln. Gebt alle Sklaven frei; denn wir haben nun den besten Handel gemacht! Daß unsere Sklaven nicht schlecht daran sein werden, davon bin ich zum voraus überzeugt. Wir selbst aber haben den größten Gewinn gemacht; denn wir haben uns dadurch von Gott das ewige Leben erkauft. – Seid ihr, meine Gefährten, alle einverstanden?"

[GEJ.07_004,14] Sagten alle: „Ja, Hibram, wir haben noch nie einen größeren Gewinn gemacht! Aber unser Wahrsager hat sich diesmal sehr geirrt; denn gerade der Blitz und der Donner haben uns zum größten Glücke verholfen! – Machet sie frei, die Gebundenen, und sie seien ein unentgeltliches Eigentum dieses reinen Gottes! Wir aber wollen uns sogleich auf den Rückweg machen!"

[GEJ.07_004,15] Sagte Ich: „O nein, die Gebundenen nehme Ich wohl an, – aber ihr selbst werdet euch noch drei Tage hier aufhalten, jedoch ohne eure Kosten; denn für euch werde Ich der Zahler sein zeitlich und ewig!"

 

5. Kapitel

[GEJ.07_005,01] Hier gab Ich dem Raphael wieder einen Wink zur Befreiung der Gefangenen, und sie wurden in einem Augenblick frei und ganz vollkommen bekleidet, während sie früher nackt waren. Es machte aber diese plötzliche Befreiung der jungen Sklaven aus leicht begreiflichen Gründen eine übergroße Sensation, und der Haupthändler, seinen Augen nicht trauend, ging hin und befühlte die nun ganz gut bekleideten Sklaven und sah, daß ihre Kleidung aus ganz echten Kleiderstoffen verfertigt war, und daß diese Sklaven wirklich die seinen waren.

[GEJ.07_005,02] Da hob er die Hände auf und sagte (der Sklavenhändler): „Jetzt erst erkenne ich klar, daß ihr nun wahrhaft in den Händen der Götter seid! Bittet aber auch ihr sie, daß sie euch gnädig sein möchten! Wenn ihr aber im wahren Glücke sein werdet, dann gedenket eurer Alten daheim, die in hartem Lande hausen und mit schwerer Mühe und Arbeit sich die dürftige und magere Leibeskost verschaffen müssen und in dürftigen und sehr elenden Hütten aus Lehm und Stroh wohnen! Sammelt euch allerlei Kenntnisse, und kommet dann wieder zu uns, auf daß es durch euch dann auch einmal bei uns licht und gut werde; denn von nun an sollen keine Menschen mehr aus unseren Ländern ausgeführt und verkauft werden!"

[GEJ.07_005,03] Hierauf wandte sich Hibram zu Raphael, dessen Schönheit und Zartheit er nicht genug bewundern konnte, und sagte: „O du unbegreiflich selten schönster Junge! Bist denn auch du ein Gott, daß dir so eine wundersame Tat möglich war? Wie vermochtest du die Binden, mit denen diese Sklaven gebunden waren, so schnell zu lösen, und woher nahmst du die vielen und sehr kostbaren Kleider für die Jünglinge und für die Mägde?"

[GEJ.07_005,04] Sagte Raphael: „Ich bin kein Gott, sondern nur durch die Gnade Gottes Sein Diener! Ich vermag aus mir selbst ebensowenig wie du; aber wenn der allmächtige Wille Gottes mich durchdringt, dann vermag ich alles, und es ist mir dann nichts unmöglich. – Was wirst du aber mit den zweihundert noch daheim gelassenen Sklaven machen, die für den Handel noch nicht hinreichend gemästet sind?"

[GEJ.07_005,05] Sagte Hibram: „Auch darum weißt du, allmächtiger Junge?! Was anders soll ich nun tun, als sie zu nützlichen und guten Menschen erziehen und sie fürderhin als meine wahren Kinder betrachten! Dich aber werde ich bitten, daß du mir auch für sie Kleider verschaffen wollest, die ich dann für sie mitnehmen werde."

[GEJ.07_005,06] Sagte Raphael: „Das ist nun noch nicht nötig; wenn du aber nach etlichen Tagen von hier abziehen und redlichen Sinnes verbleiben wirst, so wirst du samt deinen Gefährten daheim schon alles antreffen, dessen du und deine Gefährten bedürfen werden."

[GEJ.07_005,07] Damit war Hibram ganz zufrieden und desgleichen seine Gefährten, und alle dankten ihm und noch mehr Mir, dem Herrn; denn das erkannten nun alle diese Händler, daß Ich allein der Herr sei. Darauf aber gedachten sie der ziemlich vielen Wagen und Karren – die freilich mit den Wagen dieser Zeit nicht zu vergleichen waren – und der schon sehr ermüdeten Zugtiere.

[GEJ.07_005,08] Und Hibram sagte zu Raphael: „Mein allmächtiger Wunderjunge! Wo werden wir wohl unsere Wagen, Karren und die Zugtiere unterbringen und woher ein Futter nehmen?"

[GEJ.07_005,09] Sagte Raphael: „Da, innerhalb dieser Mauer, die diesen Berg umschließt, der im Besitze jenes Mannes ist, der nun mit dem Herrn spricht, sind Hütten und Stallungen in Menge, ebenso das Futter für eure Zugtiere im Vorrat vorhanden, und da könnet ihr all das Eure wohl unterbringen."

[GEJ.07_005,10] Damit war der Händler Hibram ganz zufrieden, und seine Knechte versorgten nun Wagen, Karren und Tiere.

[GEJ.07_005,11] Sagte Ich: „Da nun auch dieses Werk wohl beendet ist, so wollen wir alle uns denn wieder auf den Berg begeben, und die befreiten Sklaven sollen zuerst mit Speise und Trank gestärkt werden. Und wenn du, Hibram, alles in der Ordnung haben wirst, dann komme auch du mit deinen Gefährten und Knechten und nehmet als Meine Gäste auch Speise und Trank!"

[GEJ.07_005,12] Damit waren alle im höchsten Grade zufrieden, und die befreiten Sklaven wußten sich vor Freude nicht zu helfen. Alle wollten nun zu Mir hingehen und Mir danken. Da sie aber ihrer großen Anzahl wegen nicht auf einmal Platz haben konnten, so stellten sie sich in schönster Ordnung in einem Kreise um Mich herum und baten Mich in ihrer Zunge, daß ich sie ansehen und anhören möge. Da sah Ich sie alle freundlich an und bedeutete ihnen, daß sie nun reden möchten.

[GEJ.07_005,13] Darauf sagten sie mit vieler Rührung (die Sklaven): „O du guter Vater! Wir danken dir, daß du uns gerettet und unsere harten Binden gelöst hast. Wir haben nichts, um es dir je zu vergelten; aber wir wollen dir in der Folge dienen, als wären wir deine Füße, Hände, Augen, Ohren, Nase und Mund. Oh, laß dich auch von uns lieben, guter Vater! Bleibe uns fortan ein Vater in deiner Güte und Liebe, und verlasse uns nimmerdar!"

[GEJ.07_005,14] Darauf ging Ich im Kreise zu jedem einzelnen, umarmte ihn und drückte ihn an Meine Brust und sprach dabei die Worte: „Der Friede mit dir, Mein Sohn, Meine Tochter!"

[GEJ.07_005,15] Da weinten alle die zarten, blondlockigen Jünglinge und die noch zarteren und gar sehr lieblichen Jungfrauen und benetzten mit ihren Freudentränen Meine Hände und Füße.

 

6. Kapitel

[GEJ.07_006,01] Nach dieser gar feierlichen und jedes Herz rührenden Handlung, die keiner von allen Anwesenden ohne Tränen in den Augen ansehen konnte, sagte Ich zu Raphael: „Nun führe du sie hinauf und versorge sie vor uns; so wir aber dann nachkommen werden, dann erst werde für uns gesorgt!"

[GEJ.07_006,02] Nun führte Raphael die Freien hinauf, und als sie in den großen Saal kamen, da waren schon drei große und lange Tische gedeckt, und diese noch ganz wahren Kinder aßen die für sie bereiteten Speisen mit vieler Lust und Freude und tranken auch etwas Wein mit Wasser und wurden dabei voll Freude und voll guter Dinge.

[GEJ.07_006,03] Wir aber verweilten noch am Wege und sahen uns da die vielen herankommenden Kaufleute und Krämer an, die mit allerlei Waren, Tieren und Früchten auf der großen Straße in die Stadt zogen.

[GEJ.07_006,04] Da sagte der Römer zu Mir: „Herr, das sind doch sehr viele Juden! Wissen sie denn noch nichts von Dir? Es ist doch sehr sonderbar, wie gleichgültig die Menschen an uns vorüberziehen!"

[GEJ.07_006,05] Sagte Ich: „So wie diese da werden noch viele an Mir vorüberziehen, werden Mich nicht ansehen und nicht erkennen, sondern sie werden in ihrem Welttume fortwühlen, bis der Tod sie ins Grab werfen wird und ihre Seele in die Hölle! Derlei Händler, Kaufleute, Krämer und Mäkler sind zu weit von allem Geistigen entfernt und sind das unter der besseren Menschheit, was da sind die Schmarotzerpflanzen auf den Ästen der edlen Fruchtbäume und das Unkraut unter dem Weizen. Lassen wir sie ziehen, ihrem Grabe und Tode entgegen!"

[GEJ.07_006,06] Sagte Agrikola: „Aber mein Herr und mein Gott! Es muß aber doch unter den Menschen der wechselseitige Kauf- und Verkaufhandel bestehen, da sonst bei den Menschen schlechter und magerer Länder das Leben ganz und gar nicht möglich wäre! Ich kenne in Europa Länder, die unbeschreibbar gebirgig sind, nichts als Felsen über Felsen; den dort lebenden Menschen muß durch den Handel der meiste Lebensbedarf zugeführt werden. Hebe diesen notwendigen Verkehr auf, und ein ganzes, großes Volk stirbt vor Hunger! Da mußt Du selbst als Herr Himmels und aller Welten einsehen, daß derlei Menschen nur durch einen gewissen Handelsverkehr leben und bestehen können. Mich wundert es daher sehr, daß Deine höchste, göttliche Weisheit das platterdings verdammt! Denn weißt Du – sonst alle erdenklichste Achtung vor Deiner reinsten Göttlichkeit! –, aber für dieses Dein Urteil kann ich Dir mit meinem sonst ganz gesunden Menschenverstande keinen Beifall zollen!"

[GEJ.07_006,07] Sagte Ich: „Freund, was du weißt und verstehst, das – erlaube es Mir – habe Ich schon lange eher verstanden, bevor noch eine Urzentralsonne in einer Hülsenglobe leuchtete!

[GEJ.07_006,08] Wahrlich, Ich sage es dir: Ich eifere nicht gegen den gerechten und höchst wohltätigen Verkehr zwischen Menschen und Menschen, – denn so will Ich es ja Selbst haben, daß ein Mensch von dem andern in einer gewissen Beziehung abhängen soll, und da ist ein gerechter Verkehr zwischen Menschen und Menschen ja ohnedies in der höchsten Ordnung der Nächstenliebe; aber das wirst du hoffentlich denn doch wohl auch einsehen, daß Ich dem pur allerlieblosesten Wucher kein lobend Wort reden kann! Der redliche Kaufmann soll für seine Mühe und Arbeit seinen entsprechenden Lohn haben; aber er soll nicht für zehn Groschen hundert Groschen und noch mehr gewinnen wollen! Verstehst du dieses? Ich verdamme nur den Wucher, aber nicht den notwendigen, rechtlichen Verkehr. Verstehe solches wohl, auf daß du nicht in eine üble Versuchung fallest!"

[GEJ.07_006,09] Hier bat Mich der Römer um Vergebung und gestand ein, daß er sich sehr und gar grob geirrt habe.

[GEJ.07_006,10] Hier trat Lazarus zu Mir und sagte: „Herr, da wir nun ohnehin uns in die Höhe begeben werden, da hier wohl nicht besonders viel mehr zu machen sein wird, so möchte ich von Dir nun erfahren, was denn da mit dem wunderbaren Jünglinge ist! Wer und woher ist er denn? Seiner Tracht nach scheint er ein Galiläer zu sein; aber wann ist er denn zu solch einer Weisheit und Wundertatkraft gelangt? Der Mensch ist seinem Ansehen nach kaum sechzehn Jahre alt – und übertrifft Deine alten Jünger! Wolle mir darüber doch auch eine Auskunft geben!"

[GEJ.07_006,11] Sagte Ich: „Steht es denn nicht in der Schrift: ,In derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes vom Himmel zur Erde steigen sehen, und sie werden den Menschen dienen‘? Wenn dir solches bekannt ist, so wirst du bald und leicht einsehen, was es mit dem Jünglinge für eine Bewandtnis hat. Behalte das nun vorderhand für dich; denn alle die andern müssen selbst darauf kommen! Meine alten Jünger kennen ihn schon, dürfen ihn aber auch nicht vor der Zeit ruchbar machen.

[GEJ.07_006,12] Du meintest, daß wir uns nun bald in deine Herberge begeben sollen, – doch dazu wird es nach einer Stunde auch noch Zeit sein! Nun aber wollen wir noch hier an dieser Straße verharren; denn es wird bald etwas vorkommen, das unsere Gegenwart sehr benötigen wird!"

[GEJ.07_006,13] Fragte Mich Lazarus, sagend: „Herr, haben wir Schlimmes zu erwarten?"

[GEJ.07_006,14] Sagte Ich: „Freund, in dieser Welt und unter diesen Menschen ist wenig Gutes zu erwarten! Siehe, die Zuzüge der Marktleute werden nun schon schwächer, und so werden die Knechte der Pharisäer nun bald einen armen Sünder, der sich vor einer Stunde im Tempel ob seines Hungers an den Schaubroten vergriffen hat, dort an den freien Platz unter der hohen Mauer bringen, um ihn ob seines Frevels zu steinigen! Das aber wollen wir verhüten. Und so weißt du nun schon, warum wir noch hier verweilen."

[GEJ.07_006,15] Es vernahm solches aber auch Agrikola, trat zu Mir hin und sagte: „Herr, ich vernahm Deine Worte, die wahrlich nicht sehr erbaulich klangen! Haben denn die Templer auch ein JUS GLADII? Ich weiß doch um alle die Privilegien, die Rom seinen Völkern gegeben hat; doch von einem solchen Privilegium weiß ich nichts! Ah, um diese Sache werde ich mich wohl um ein sehr bedeutendes näher erkundigen! – Sage Du, Herr und Meister, was an dieser Sache liegt!"

[GEJ.07_006,16] Sagte Ich: „Als die Römer Herren von der Juden Länder wurden, durchprüften sie haarklein der Juden Gotteslehre und ihre Satzungen von Moses und von den Propheten und fanden auch, daß dem Tempel, das heißt den Priestern, von Moses aus das Recht eingeräumt ist, gewisse gar große Verbrecher zu Tode zu steinigen. Doch die Priester selbst haben kein Recht, jemanden zum Tode zu verurteilen, sondern sie haben den Verbrecher den Gerichten zu überantworten, und diese haben dann nach der Priester treuem Zeugnisse zu urteilen und den großen Verbrecher den Steinigern zu übergeben. Allein dies geschah hier nicht, sondern das tun nun die Priester eigenmächtig und zahlen dem Herodes eine Pacht, auf daß auch sie eine Art eigenmächtiges Jus gladii haben, mit dem sie den größten Mißbrauch treiben, wie es nun soeben der Fall sein wird. Aber nun heißt es, ganz gehörig auf der Lauer zu sein; denn nun werden sie auch gleich dasein!"

 

7. Kapitel

[GEJ.07_007,01] Ich hatte dieses kaum ausgesprochen, da nahte sich schon eine bedeutende Schar, die den Unglücklichen grausamst in ihrer Mitte daherschleppte.

[GEJ.07_007,02] Ich aber sagte zu Agrikola: „Nun gehen wir beide diesen Schergen, die von einem Tempelobersten angeführt werden, entgegen!"

[GEJ.07_007,03] Wir kamen ihnen gerade noch am Ausgange des großen Tores entgegen, und Ich legte dem Römer die zu redenden Worte in den Mund, und der sagte zu dem Obersten mit der gewaltigen, ernstesten Stimme und Miene eines Römers (der Römer): „Was gibt es hier?"

[GEJ.07_007,04] Sagte der Oberste: „Wir haben das alte Recht von Moses, auch das Jus gladii, und können es gegen einen gar großen Frevler auch aus eigener Macht in Vollzug setzen!"

[GEJ.07_007,05] Sagte der Römer: „Ich bin aber als erster kaiserlicher Gesandter aus Rom nun hierhergekommen, um eure vielen Mißbräuche der euch von Rom gegebenen Privilegien zu untersuchen! Wo habt ihr das Urteil eines Weltrichters?"

[GEJ.07_007,06] Diese Frage kam dem Tempelobersten sehr ungelegen, und er sagte (der Oberste): „Zeige du mir zuvor, daß du wirklich ein Gesandter aus Rom bist; denn es könnte sich bald jemand als ein Römer verkleiden und uns im Namen des Kaisers neue Gesetze vorschreiben!"

[GEJ.07_007,07] Hier zog Agrikola eine Pergamentrolle aus einer goldenen Büchse hervor, die mit allen Insignien versehen war, die den Obersten keinen Augenblick im Zweifel ließen, daß der Vorweiser eines solchen Dokumentes ein mächtig-hoher Römer sei.

[GEJ.07_007,08] Hierauf aber fragte Agrikola, mit großem Ernste sagend: „Nun, ich habe dir das verlangte Dokument auf dein Begehren sogleich vorgewiesen; wo hast du nun das von mir verlangte weltrichterliche Urteil über diesen Verbrecher?"

[GEJ.07_007,09] Sagte der Oberste: „Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß der Tempel von Moses aus das alte Recht hat, einen großen Frevler am Tempel mit dem Tode zu bestrafen, und dieses Recht ist nun auch von Rom aus sanktioniert, und somit handelt der Tempel recht, wenn er zum abschreckenden Beispiele einen solchen Verbrecher an Gott und Seinem Tempel durch den Tod mittels der Steinigung, die Moses verordnet hat, bestraft!"

[GEJ.07_007,10] Sagte Agrikola, immer ernster werdend: „Stand dieser Tempel auch schon zu den Zeiten Mosis?"

[GEJ.07_007,11] Sagte der Oberste: „Das eben nicht; aber Moses war ein Prophet und wußte in seinem Geiste sicher davon, daß Salomo, der weise und große König, Gott einen Tempel erbauen werde, und es ist sonach ein Frevel gegen den Tempel und seine höchst geheiligten Einrichtungen ebensosehr strafbar wie ein Frevel gegen Gott Selbst!"

[GEJ.07_007,12] Sagte Agrikola: „Warum hat denn hernach Moses selbst für derlei Vorfälle eigene Richter aufgestellt und gab solch ein Gericht nicht in die Hände der Priester? Wie seid denn ihr nun auch zu Richtern über Tod und Leben eines Menschen geworden? Moses hat euch nur zu Priestern gemacht, und Rom hat nun dafür, daß es gleich euren Weltrichtern zu eures Königs Saul Zeiten sich dasselbe Recht nahm, euch allen auch ein weltliches Richteramt gegeben, und das mit der ausdrücklichen Weisung, daß wie immer geartete Verbrecher, besonders die, die den Tod verdient haben, allzeit dem Weltrichter des Ortes zu übermitteln sind, und daß kein Priester sich dann weiter darum zu kümmern habe, was das Gericht über den Verbrecher verfügen mag. Euch kommt es daher niemals zu, je jemanden zu richten, zu verurteilen und am Ende gar selbst Hand an ihn zu legen!

[GEJ.07_007,13] Daher lasset nun diesen euren Verbrecher augenblicklich los! Ich selbst werde ihn vernehmen und daraus ersehen, ob sein Verbrechen wohl den Tod verdient hat oder nicht; und wehe euch, wenn ich da eine Ungerechtigkeit von eurer Seite gegen diesen Menschen finde!"

[GEJ.07_007,14] Auf diese scharfe Androhung ließen die Tempelschergen und Knechte den Verbrecher los und stellten ihn vor Agrikola hin.

[GEJ.07_007,15] Und der Oberste sagte: „Da ist der Bösewicht! Erforsche ihn selbst! Ich und alle diese Knechte aber sind hoffentlich Zeugen zur Genüge und können wider sein hartnäckiges Leugnen auftreten!"

[GEJ.07_007,16] Sagte Agrikola: „Ganz wohl; aber ich habe eben hier einen höchst wahrhaftigen Zeugen an meiner Seite und erkläre euch hiermit zum voraus, daß ich jede Lüge, sowohl von seiten dieses Verbrechers, wie auch von eurer Seite, auf das allerschärfste ahnden werde! Aber noch schärfer werde ich mit denen verfahren, die über diesen Armen etwa gar ein boshaftes und somit höchst strafbares Urteil gefällt haben!"

[GEJ.07_007,17] Auf diese eben nicht sehr freundliche Anrede des Römers wurde der Oberste samt seinen Knechten von einer großen Angst befallen, und der Oberste machte Miene, sich zu entfernen, und auch die Knechte sagten: „Was haben wir dabei zu tun? Wir haben keinen Willen, sondern wir müssen selbst dem Willen des Tempels gehorchen. Der Oberste soll diese Sache mit dir, hoher Gebieter, selbst aus- und abmachen! Wenn ein Verbrecher zu bestrafen ist, so sind wir die tätlichen Vollstrecker des Urteils; warum aber jemand im Grunde des Grundes verurteilt worden ist, davon wissen wir selbst nichts anderes und weiteres, als was uns von den Richtern nur stets ganz kurz mitgeteilt worden ist. Wie könnten wir da nun gegen oder für diesen Verbrecher zeugen? Darum laß uns, du hoher Gebieter, weiterziehen!"

[GEJ.07_007,18] Sagte darauf Agrikola: „Das geht hier durchaus nicht an, sondern ihr bleibet des Obersten wegen, also wie auch der hier verbleiben muß, bis ich den Verbrecher werde vernommen haben!"

 

8. Kapitel

[GEJ.07_008,01] Als alle solche Sentenz vernommen hatten, blieben sie stehen, und Agrikola fragte zuerst den Obersten, sagend: „Was hat dieser Mensch denn verbrochen, darum er vor euch den Tod verdient hätte?"

[GEJ.07_008,02] Sagte der Oberste sehr verlegen: „Er hat gestern nachmittag mit frecher Hand gewagt, die höchst geheiligten Schaubrote anzugreifen und sogar davon zu essen, was allein nur der Hohepriester ungestraft tun kann, unter Gebet und Absingung der Psalmen. Man ergriff ihn bei der frechen Tat und verurteilte ihn nach dem Gesetz zum verdienten Tode, und da bedarf es keines weiteren Verhörs, weil da schon die Tat ohnehin der größte Beweis für die Schuld des Verbrechers ist."

[GEJ.07_008,03] Sagte Agrikola: „So, – das ist eine gar löbliche Gerichtsbarkeit! Muß denn nicht laut unseren Gesetzen bei jedem Verbrecher vor allem darauf gesehen werden, inwieweit bei einem oder dem andern Verbrechen ein Verbrecher zurechnungsfähig ist?! Wenn ein blöder Mensch ein noch so großes Verbrechen begeht, das bei einem mehr intelligenten Menschen nach den Gesetzen offenbar den Tod nach sich ziehen würde, so ist der offenbar Blöde in Gewahrsam zu nehmen, damit er der menschlichen Gesellschaft fürderhin nicht so leicht gefährlich werde, und ist, wenn er sich gebessert hat, entweder freizulassen oder im nicht völligen Besserungsfalle als Galeerensklave zu verwenden, damit er da seine Sünden abbüße und dabei den Menschen doch noch etwas nütze.

[GEJ.07_008,04] Ferner ist bei einem Verbrecher ja auch darauf zu sehen, durch welche Umstände gedrungen ein Mensch oft bei den Haaren zu einem Verbrechen hingezogen wurde, welche Umstände dann das Verbrechen auch gar sehr mildern können. Denn es ist gewiß ein großer Unterschied, ob jemand vom Dache fällt und dadurch einen zufällig darunter weilenden Menschen tötet, oder ob jemand vorsätzlich einen Menschen tötet. Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es noch eine Menge Nebenumstände, die ein jeder gerechte Richter wohl zu beherzigen hat, weil sie auf ein und dasselbe Verbrechen entweder mildernd oder erschwerend einwirken können.

[GEJ.07_008,05] Wenn zum Beispiel jemand als Kläger zu euch käme und sagte: ,Durch diesen Menschen ist mein Bruder getötet worden!‘, und wenn ihr dann, ohne den verklagten Menschen weiter zu prüfen, ihn sogleich zum Tode verurteiltet, welch elende Richter wäret ihr da! Ist denn in unserem Gesetz nicht ausdrücklich jedem Richter strengstens geboten, sich vor allem über das CUR, QUOMODO, QUANDO ET QUIBUS AUXILIIS genauest zu erkundigen und dann erst zu urteilen?! Habt ihr das bei diesem Verbrecher getan?"

[GEJ.07_008,06] Sagte der Oberste: „Wir aber haben im Tempel kein römisches, sondern allein nur das Mosaische Gesetz, und das lautet ganz anders!"

[GEJ.07_008,07] Sagte Agrikola. „So? Wenn euer Moses solche richterlichen Gesetze gab, wie ihr sie in eurem Tempel beobachtet, dann müßte euer Moses der dümmste und grausamste Gesetzgeber gewesen sein, gegen den wir Römer reine Götter wären! Doch ich kenne die sanften Gesetze Mosis nur zu gut, und wir haben unsere Staatsgesetze zumeist nach ihm geformt, und ihr Templer seid vor Gott und vor allen Menschen die strafwürdigsten Lügner, so ihr mir ins Gesicht behaupten wollt, daß eure allerdümmsten, tyrannisch grausamsten Tempelsatzungen von Moses aufgestellt sind! Das sind eure Satzungen, die ihr eigenmächtig und gottvergessen ganz sinn- und gewissenlos zusammengeschrieben habt, und ihr quält nun das arme Volk nach solchen euren scheußlichen Gesetzen ganz nach eurer Willkür! Könnet ihr so etwas als ein von einem höchst weisen Gotte geheiligtes Gesetz anerkennen?"

[GEJ.07_008,08] Sagte der Oberste: „Habe ich doch die Satzungen des Tempels nicht gemacht! Sie sind einmal da, und wir haben uns an sie zu halten, ob sie nun von Moses oder von jemand anders herrühren!"

[GEJ.07_008,09] Sagte Agrikola: „Ganz gut, wir Römer werden solch einem Unfuge schon zu steuern wissen! Aber nun heißt es: AUDIATUR ET ALTERA PARS"!

[GEJ.07_008,10] Hierauf wandte er sich mit einer freundlicheren Miene an den Verbrecher: „Gib du mir nun ganz der Wahrheit gemäß an, wie es mit deinem Verbrechen steht! Leugne nichts, sondern bekenne alles; denn ich kann dich retten, aber auch töten, so dein Verbrechen irgendwie den Tod verdient hat!"

 

9. Kapitel

[GEJ.07_009,01] Hier richtete sich der Verbrecher auf und sagte voll Mutes ganz frei und ohne allen Hinterhalt: „Mein großer und mächtiger und gerechter Herr und Richter! Ich bin ebensowenig irgendein Verbrecher wie du und der, welcher mit dir ist!

[GEJ.07_009,02] Ich bin ein armer Tagewerker und muß mit meinen Händen erhalten und ernähren Vater und Mutter, welche beiden Eltern stets krank und nahe ganz arbeitsunfähig sind. Dazu habe ich noch eine jüngere Schwester, die erst siebzehn Jahre und acht Monde alt ist. Auch diese muß ich ernähren, weil sie sich selbst nichts verdienen kann, da sie daheim die kranken Eltern pflegen muß. Diese meine gar liebe und brave Schwester, obschon sehr arm, ist aber von Natur aus sehr schön und reizend und ist als das den Templern leider nicht unbekannt, und es haben sich einige schon eine große Mühe gegeben, um sie zu verführen; aber sie richteten dennoch nichts aus und machten mir und den Eltern Drohungen, sagend: ,Na warte, du stolzes Bettelvolk, du sollst uns bald zahmer und demütiger werden!‘

[GEJ.07_009,03] Ich suchte am nächsten Tage in den mir schon bekannten Häusern Arbeit, und man sagte mir, daß ich von den Priestern darum für einen großen Sünder erklärt worden sei, weil ich mit meiner leiblichen Schwester Blutschande triebe. Man wies mir die Tür, und ich wußte mir nicht zu helfen.

[GEJ.07_009,04] Ich ging darauf zu etlichen Heiden und stellte ihnen meine große Not vor. Diese beschenkten mich mit etlichen Pfennigen, damit ich für uns doch etwas Brot kaufen konnte. Doch die etlichen Pfennige waren bald verzehrt, und ich und die Meinen hatten schon zwei Tage nichts zu essen, und ich konnte mir auch nichts mehr verdienen und auch von niemand mehr etwas erbitten, woran aber auch diese Feiertage viel schuldeten, weil man in dieser Zeit auch auswärts keine Arbeit bekommen kann. Da dachte ich mir: ,So du als schuldloser Jude das tätest, was einst David tat, als es ihn sehr hungerte, so wäre das vor Gott ja doch keine so grobe Sünde!?‘

[GEJ.07_009,05] Und ich ging gestern am späten Nachmittag, von großer Not getrieben, in den Tempel, kam zu den Schaubroten, griff nach einem ersten und für meinen Hunger besten Laibe und wollte mich sättigen und einen Teil meinen ebenso hungrigen Eltern und der nicht minder hungrigen Schwester bringen; aber da entdeckten mich alsbald die lauernden Wächter, schrien Frevel über Frevel und schleppten mich unbarmherzigst vor die Priester. Diese erkannten mich bald und schrien: ,Ha, das ist ja der stolze Bettler, der Blutschänder und nun Frevler an den Schaubroten! Darum werde er morgen noch vor der Mitte des Tages gesteinigt!‘

[GEJ.07_009,06] Darauf schleppte man mich unter allerlei Mißhandlungen und fürchterlichsten Beschimpfungen in ein finsteres Loch, darin ich bis heute schmachtete. Wie man mich von dort bis hierher geschleppt hat, das hast du, hoher Richter, selbst gesehen. Wie es aber den armen Eltern und meiner armen Schwester ergehen wird oder schon ergangen ist, das wird Jehova wissen!

[GEJ.07_009,07] Hoher Richter! Das ist alles, was ich dir von meinem Verbrechen als völlig wahr sagen kann! Oh, richte mich nicht so hart, wie mich besonders dieser Oberste gerichtet hat! Denn offen gesagt, eben der war es auch, der meine keusche Schwester verführen wollte, – was ich beschwören kann vor Gott und vor allen Menschen! Ich kann dir dafür auch getreuest wahre Zeugen angeben, die diesen gewiß traurigen Vorfall mit Eid bestätigen werden!"

[GEJ.07_009,08] Sagte Agrikola, ganz ergrimmt über den Templer: „Mein Freund! Wer so offen spricht wie du, bei dem bedarf es wahrlich nicht vieler anderer Beweise! Zudem habe ich hier an meiner Seite einen gar gewichtigen Zeugen zur Steuer der Wahrheit deiner Aussage. Es wird aber sogleich jemand dasein, der deine Eltern und deine Schwester ganz gestärkt hierherschaffen wird – und dann noch jemand anders, den ich für diesen Templer sehr vonnöten haben werde!"

 

10. Kapitel

[GEJ.07_010,01] Hier war auf Meinen innern Ruf Raphael auch schon da, zu dem Ich innerlich sagte: „Horche nun auf das Verlangen des Römers; denn Ich gebe ihm Gedanken, Worte und Willen!"

[GEJ.07_010,02] Als Agrikola den Raphael bemerkte, sagte er: „Ich dachte mir es ja, daß du nicht lange auf dich warten lassen wirst!"

[GEJ.07_010,03] Sagte Raphael: „Was du willst, weiß ich bereits! Es wird alles binnen weniger Augenblicke in der Ordnung sein; denn die verlangten Menschen wohnen nicht weit von hier, und ich werde sie darum auch bald herbeigeschafft haben."

[GEJ.07_010,04] Sagte nun der Oberste: „Wozu das?"

[GEJ.07_010,05] Sagte Agrikola: „Du wirst reden, wenn du gefragt wirst; jetzt schweige!"

[GEJ.07_010,06] Hier entfernte sich der Engel schnell und brachte die beiden Alten und die junge, sehr ärmliche, aber der Gestalt nach wahrlich sehr schöne Schwester, und zugleich kamen hinter ihnen zehn römische Soldaten und ein von Pilatus abgeordneter Richter.

[GEJ.07_010,07] Raphael sagte zu Agrikola: „Freund, also wird es recht sein!"

[GEJ.07_010,08] Sagte Agrikola: „Das sicher; denn also wollte ich es ja haben!"

[GEJ.07_010,09] Hierauf trat Raphael zurück und stand in der vollsten Bereitschaft, auf Meinen Wink zu handeln.

[GEJ.07_010,10] Agrikola wandte sich nun zu den dreien und fragte sie, ob sie den mißhandelten Menschen wohl kennten.

[GEJ.07_010,11] Sagte die Schwester: „O Jehova, was ist denn mit meinem armen Bruder geschehen? Er ging gestern nachmittag irgendwohin, Brot zu holen, da wir schon zwei volle Tage nichts gegessen hatten, kam aber nicht wieder. Wir hatten eine große Angst um ihn und beteten, daß ihm ja nichts Arges begegnen möge. Und nun treffen wir ihn nach der Nachricht jenes lieben, jungen Boten hier in einem Zustande, der nichts Gutes hinter sich haben kann!"

[GEJ.07_010,12] Die Schwester wollte noch weiter forschen, doch Agrikola ermahnte sie mit freundlicher Stimme, sagend: „Lasse, du lieblichste Tochter Zions, nun alles weitere Fragen; denn dein Bruder befindet sich nun schon ohnehin in den besten Händen! Ich werde dir aber nun jenen Tempelobersten, der sein Gesicht soeben von uns abgewandt hat, vorstellen, und du mußt mir der vollsten Wahrheit nach bekennen, ob und wie du ihn kennst!"

[GEJ.07_010,13] Sagte die Schwester: „O Herr, erspare dir diese Mühe; denn diesen Elenden habe ich zu meinem Entsetzen bei meinem Hergehen von weitem schon erkannt!"

[GEJ.07_010,14] Sagte Agrikola: „Das macht nichts; desto besser für euch alle!"

[GEJ.07_010,15] Hierauf berief der Römer mit sehr gebieterischer Stimme den Obersten, sagend: „Nun tritt offenen Angesichtes näher und rede! Was kannst du nun auf solch eine gegen dich gerichtete Anklage erwidern? Bekenne offen die Wahrheit, oder ich werde sie dich am glühenden Kreuze bekennen lassen, auf daß du der Römer Gerechtigkeit näher kennenlernen sollst; denn wir Römer machen auch mit keinerlei Priestern irgendwelche Ausnahmeumstände! Tritt her und rede!"

[GEJ.07_010,16] Hier wandte sich der Tempeloberste um und sagte mit bebender Stimme: „Herr voll Macht und Würde! Was soll ich hier noch erwidern können?! Es ist leider also, wie der Arme ehedem über mich ausgesagt hat, und ich habe die Strafe verdient, die du immer über mich erlassen wirst! Könnte ich je frei werden, so würde ich mein unmenschlich großes Vergehen an dieser armen Familie tausendfach gutmachen; aber ich habe keine Befreiung von einer gerechten Strafe verdient, und so wird es schwer sein, an dieser armen und höchst braven Familie das wieder gutzumachen, was ich ihr Übles zugefügt habe."

[GEJ.07_010,17] Sagte Agrikola: „Ich bin kein Richter gleich euch nach dem Maße der Leidenschaft, sondern ein Richter nach dem Maße des Rechtes; ich sage aber hier, daß nun deine Hauptrichter diese vier von dir so unmenschlich tief Beleidigten sind! Wie dich diese verurteilen werden, also werde auch ich dich verurteilen! Was aber dieser Arme und Hungrige im Tempel gegen eure Schaubrote sich versündigt hat, das soll Gott richten! Vergibt ihm Der, so vergeben ihm auch wir; denn gegen uns hat er keine Sünde begangen!"

[GEJ.07_010,18] Hierauf wandte sich Agrikola an die arme Familie und sagte: „Bestimmet nun, was ich diesem großen Übeltäter tun soll! Denn er hat euch nicht nur in eurem Hause doppelt geschadet, da er eure keusche Tochter hat schänden wollen und, weil ihm das mißlang, dann durch seinen bösen Mund dahin wirkte, daß euer Sohn nirgends mehr eine Arbeit bekam, sondern er hat euern Sohn auch deswegen, weil er sich aus Hunger an einem Laib Schaubrot vergriff, zum Steinigungstode verurteilt, – und wäre dieser größte aller Menschenfreunde nicht dagewesen, so wäre dieser euer Sohn nun schon tot, und ihr hättet ihn nie wieder zu Gesichte bekommen!

[GEJ.07_010,19] Dort vorne stehen noch die tierischen Tempelhäscher und Schergen, die ihn gesteinigt hätten, – dieser Tempeloberste aber ist eben auch vorzugsweise jener allerunbarmherzigste und ungerechteste Richter, der euren Sohn zum Steinigungstode verurteilt hat! Mir ist das Gesetz über den Vergriff an den Schaubroten nicht unbekannt; die Todesstrafe hat Moses nur für den Fall des verstockten Mutwillens erlassen und nicht für den Fall einer wahren Hungersnot, wo ein jeder Jude das Recht hat, sich auch mit den Schaubroten zu sättigen, so es ihn zu gewaltig hungert, wie desgleichen auch euer großer König David getan hat, als es ihn hungerte, weil er das Gesetz Mosis besser verstand als sein damaliger Oberpriester. Damit aber spreche ich auch euren Sohn von aller Schuld frei, und an euch ist es nun, ein Urteil über diesen gewaltigen Verbrecher an euch auszusprechen!"

[GEJ.07_010,20] Sagte der Vater des Sohnes und der schönen Tochter: „Herr und mächtiger Richter! Wir alle danken dem großen Gott und dir und deinem Freunde, daß wir so wunderbar aus solch einer großen Gefahr gerettet worden sind. Wie aber Gott das Gute und Rechte am Ende allzeit beschützt, so bestraft Er auch allzeit das wahrhaft Böse eines verstockten Sünders, so er ohne Reue und Buße in seiner Bosheit verharrt. Bessert er sich aber ernstlich, so vergibt ihm Gott auch seine noch so großen und vielen Sünden. Darum richte ich diesen Menschen auch nicht, sondern überlasse ihn lediglich dem Willen Gottes; denn Gott allein ist ein gerechtester Richter. – Das ist unser Urteil über diesen unsern großen Feind. Wir alle vergeben ihm von Herzen alles, was er an uns Übles getan hat."

 

11. Kapitel

[GEJ.07_011,01] Als der Tempeloberste solches Urteil über sich aus dem Munde des ehrlichen, armen Vaters vernommen hatte, brach er in Tränen aus und sagte: „O großer Gott, wie gut sind deine wahren Kinder, und wie entsetzlich schlecht sind wir als eine wahrhafte Schlangenbrut der Hölle! O Gott, strafe mich ganz nach meinem bösesten Verdienste!"

[GEJ.07_011,02] Sagte Agrikola: „So dich diese nicht gerichtet haben, die dazu das eigentliche Recht hätten, so richte auch ich dich nicht; aber darum habe ich den Richter kommen lassen, daß er es dir und dem ganzen Tempel strengstens untersage, je ein Todesurteil über jemand zu verhängen; – ansonst bist du und der ganze Tempel nicht straffrei. Diese Häscher und Schergen aber sollen für ihren freien Mutwillen mit diesem Armen jeglicher mit hundert Rutenhieben gezüchtigt werden, damit auch sie fühlen, wie wohl ein solch unmenschlicher Mutwille einem Armen tut. Die Soldaten mögen sie sogleich ins Zuchthaus bringen und sie stäupen! Es geschehe!"

[GEJ.07_011,03] Nun fingen diese an zu heulen und zu bitten.

[GEJ.07_011,04] Sagte Agrikola: „Hat euch dieser Arme nicht auch gebeten, daß ihr ihn nicht also mißhandeln sollet, – und ihr achtetet nicht seines Flehens, da euch doch nur befohlen ward, ihn zu bewachen? Daher, weil ihr etwas getan habt, wozu ihr nicht einmal ein scheinbares Recht hattet, wird euch auch nicht ein einziger Rutenhieb erlassen, sondern den Peinigern noch streng bedeutet, daß ein jeder Hieb mit der größten Schärfe geführt wird. Und nun weiter; denn für euch gibt es weder bei Gott und noch weniger bei mir ein Erbarmen!"

[GEJ.07_011,05] Hier umschlossen die Krieger die im ganzen fünfzehn Tempelhäscher und Schergen und stießen sie vor sich hin.

[GEJ.07_011,06] Der Tempeloberste aber fragte mit zitternder Ehrfurcht den Römer, sagend: „Hoher und mächtiger Gebieter! Was soll ich denn nun eigentlich mit diesem Richter abmachen?"

[GEJ.07_011,07] Sagte Agrikola: „Das habe ich dir schon angezeigt; so du es aber noch nicht begriffen hast, da sage ich es dir noch einmal: Du gehst mit dem Richter ins Amthaus und wirst dort von ihm eine wohlgemessene Weisung erhalten, wie sich der Tempel in aller Zukunft mit seinen Mosaischen Strafen zu verhalten hat! Jede Übertretung solch einer Weisung wird von Rom aus auf das schärfste geahndet werden! Mit solch einer von Pilatus auf meinen Befehl unterfertigten Weisung begibst du dich dann in den Tempel und machst sie kund!"

[GEJ.07_011,08] Sagte der Oberste: „Was soll ich aber dem Pilatus sagen, so er mich näher um dich fragen möchte?"

[GEJ.07_011,09] Sagte Agrikola: „Das wird Pilatus nicht tun, da ich schon vor ein paar Tagen bei ihm war, er mich nur zu gut kennt und wohl weiß, warum ich nun diese unsere Länder im Namen des Kaisers bereise. Und nun magst auch du gehen!"

[GEJ.07_011,10] Hier verbeugten sich der Richter und der Oberste tief vor Agrikola, und der Richter ermahnte den Obersten, ihm zu folgen.

[GEJ.07_011,11] Aber der Oberste sagte: „Nur eine Frage an den Gesandten des Kaisers laß mich noch stellen!"

[GEJ.07_011,12] Sagte der Richter: „So frage eilig; denn wir Richter haben in dieser Zeit wenig Weile!"

[GEJ.07_011,13] Hierauf wandte sich der Oberste nochmals an Agrikola und sagte: „Mächtiger Gesandter des Kaisers! Siehe, ich bin sehr reich, und es ekelt mich vor meinen Schätzen! Da ich aber dieser armen Familie ein gar so himmelschreiendes Unrecht zugefügt habe, so möchte ich durch die vollkommenste Abtretung aller meiner Schätze an sie dieses Unrecht an ihr nach aller Möglichkeit sühnen. Dürfte ich nun bei diesem Richter unter einem einen Schenkbrief ausfertigen lassen und solchen ihr dann samt allen meinen Schätzen einhändigen, auf daß sie dann niemand fragen kann, woher sie solche erhalten hat?"

[GEJ.07_011,14] Sagte Agrikola: „Du wirst der armen Familien noch in großer Menge finden, an denen du die langversäumten Werke der Nächstenliebe üben kannst; doch diese arme Familie ist schon so gut wie allerbestens versorgt. Und somit kannst du nun schon gehen! Tue in der Folge recht und fürchte Gott, so wirst du zu keiner solchen Begegnung mehr gelangen! Es sei!"

[GEJ.07_011,15] Hierauf verneigten sich die beiden nochmals und gingen von dannen.

[GEJ.07_011,16] Wir aber kehrten mit der geretteten Familie wieder zu den Unseren zurück, die schon voll Neugierde harrten, um zu erfahren, was sich da alles zugetragen hatte. Denn sie waren von uns so weit entfernt, daß sie uns wohl noch sehen, aber von all dem Vorgegangenen nichts vernehmen konnten. Auch unser Sklavenhändler Hibram hatte sich mit seinen Gefährten vorgedrängt, um zu erfahren, was etwa da vorgefallen sei.

[GEJ.07_011,17] Aber Ich sagte zu Lazarus: „Freund, nun ist vor allem nötig, diesen vieren eine Leibesstärkung zu verschaffen, – alles andere werden wir dann schon oben besprechen; denn diese haben nun schon über zwei Tage lang nichts gegessen. Die beiden Alten waren sehr krank und schwach, doch sie sind geheilt. Dieser sonst kräftige jüngere und sehr mißhandelt aussehende Mensch ist eben derjenige, der da hätte gesteinigt werden sollen, und diese gar liebliche Jungfrau ist seine Schwester, und beide sind Kinder dieses armen, aber ehrlichen Elternpaares. Und nun weißt du schon, mit wem du es zu tun hast!"

[GEJ.07_011,18] Sagte auch Agrikola: „Und was sie verzehren werden, solange ich mich hier aufhalten werde, das kommt auf meine Rechnung, sowie ich auch wünsche, daß sie an meinem Tische bestens verpflegt werden sollen! Hierauf nehme ich sie ohnehin mit nach Rom. Also werde ich auch die Sklaven alle auf meine Rechnung nehmen und werde fortan für ihr gutes Fortkommen in natürlicher und geistiger Hinsicht alle meine Sorge aufbieten!"

[GEJ.07_011,19] Sagte Lazarus: „Freund, einige aber möchte wohl auch ich behalten; denn sieh, ich habe weder ein Weib noch Kinder und möchte wohl auch etliche an Kindesstelle aufnehmen!"

[GEJ.07_011,20] Sagte Agrikola: „Das steht dir ganz frei; so viele du willst, überlasse ich dir gerne!"

[GEJ.07_011,21] Damit war Lazarus ganz zufrieden, und wir traten den Weg auf den Berg an und waren auch bald an Ort und Stelle.

 

12. Kapitel

[GEJ.07_012,01] Als wir oben ankamen, da waren die Sklaven alle in guter Ordnung aufgestellt und grüßten Mich schon von weitem, sagend: „Heil dir, lieber, guter Vater; denn du hast uns erlöst und frei gemacht von unseren harten Banden! Du hast uns ein neues, gar schönes Gewand gegeben, daß wir nun gar lieblich anzusehen sind, und hast uns gesättigt mit überguter Speise und gar kräftig und süß schmeckendem Tranke! O du guter, lieber Vater du, komme, komme, damit wir dir mit unserer Liebe danken können!"

[GEJ.07_012,02] Als Ich ganz zu ihnen kam, da drängten sich alle zu Mir und küßten und kosten Mich.

[GEJ.07_012,03] Die Jünger aber bedeuteten ihnen, daß sie sich nicht gar so sehr und heftig um Mich drängen sollten.

[GEJ.07_012,04] Ich aber sagte zu den Jüngern: „Lasset ihnen ihre allerunschuldigste Freude; denn wahrlich, Ich sage euch: Wer Mich nicht liebt wie eins dieser wahren Kinder hier, der wird nicht zu Mir kommen! Denn wen nicht der Vater (in Mir) zieht, der kommt nicht zum Sohne (zur Weisheit aus Gott). Diese aber zieht der Vater, und darum drängen sie sich denn auch also um Mich. Diese wissen noch nicht, wer Ich bin, doch den Vater haben sie in Mir schon um vieles besser erkannt denn ihr bis zur Stunde. Wie gefällt euch das?"

[GEJ.07_012,05] Da sagten die Jünger nichts mehr und fühlten es wohl, daß sie Mich noch nie mit solcher Liebe in ihren Herzen aufgenommen hatten wie nun diese Kinder aus dem sonst so kalten Norden.

[GEJ.07_012,06] Als Mich diese Kinder also abgekost und Mir für alles gedankt hatten, da traten sie wieder in einer ganz guten Ordnung zurück, und wir gingen ins Haus und setzten uns an die Tische in der Ordnung wie am vergangenen Tage, nur nahmen die vier Armen nach dem guten Willen des Agrikola am Tische der Römer Platz. Die Sklavenhändler mit Hibram aber nahmen neben den sieben Pharisäern Platz, und als also alles geordnet war, da wurden Speisen aufgetragen und Wein und Brot in schwerer Menge, so daß die Sklavenhändler sich über eine so reiche Mahlzeit nicht genug wundern konnten. Raphael saß neben Mir, um gewisserart schnell bei der Hand zu sein, so Ich seines Dienstes benötigte.

[GEJ.07_012,07] Es waren aber die vier Armen aus sehr leicht begreiflichen Gründen höchst dürftig in schon sehr schadhafte Kleider gehüllt, was den Lazarus, der auch neben Mir saß, sehr dauerte.

[GEJ.07_012,08] Er sagte darum zu Mir (Lazarus): „Herr, ich habe daheim der Kleider in Menge! Wie wäre es denn, so ich jemanden nach Bethania entsendete und für diese Armen Kleider herbeischaffen ließe? Vielleicht käme auch die Schwester Maria, die hier sicher auch eine große Freude hätte!"

[GEJ.07_012,09] Sagte Ich: „Freund, deine Sorge für die Armen ist Mir immer sehr lieb, und Ich habe darum Wohnung bei dir genommen; aber diesmal werde schon Ich auch für diese also sorgen, wie Ich ehedem für die Kinder, die nun draußen herum sich erheitern, gesorgt habe! Die beiden Schwestern aber haben daheim nun ohnehin mit den vielen Fremden zu tun und sind in deinem Hause notwendig; wenn Ich aber wieder von hier gehen werde, so werde Ich ohnehin vorher zu dir nach Bethanien kommen und da deine Schwestern sehen und sprechen. Diese vier Armen aber wirst du bald in besseren, und zwar in römischen Kleidern ersehen. Doch lassen wir sie nun zuvor ihren inneren Leib und ihre Glieder stärken, – darauf soll dann schon auch für ihren äußeren Leib gesorgt werden! – Bist du damit zufrieden?"

[GEJ.07_012,10] Sagte Lazarus: „Herr, ganz vollkommen; denn nur das ist gut und völlig recht, was Du willst und anordnest! Aber nun heißt es essen und trinken, und wenn wir alle gestärkt sein werden, dann werden wir wieder über gar viele verschiedene Dinge reden können."

[GEJ.07_012,11] Darauf aßen und tranken alle ganz wohlgemut und konnten die gute und freundliche Bewirtung und die wohlschmeckenden Speisen wie auch den lieblichen und das Herz erheiternden Wein nicht genug loben. Die Sklavenhändler waren ganz und gar außer sich vor Freude und bekannten, daß sie selbst bei ihren früheren Reisen in die südlicheren Länder der Erde noch nie so etwas außerordentlich Gutes genossen hätten.

[GEJ.07_012,12] Ein Pharisäer am selben Tische aber sagte dazu: „Ja ja, meine lieben fernen Freunde, im Hause des Vaters leben oft die ungeratenen Kinder besser als irgendwo, weit vom väterlichen Hause entfernt!"

[GEJ.07_012,13] Sagte Hibram: „Wie sollen wir das verstehen?"

[GEJ.07_012,14] Sagte der freilich nun ganz bekehrte Pharisäer, auf Mich hinzeigend: „Siehe, dort sitzet der ewig wahrste Vater unter uns, Seinen ungeratenen Kindern, die wir, was alle Menschen dieser Erde, sind! Die da zu Ihm kommen, Ihn erkennen und Ihn lieben, sind Seine besseren Kinder, und Er sorgt dann durch Seine Weisheit und durch Seinen allmächtigen Willen allenthalben für sie, daß es ihnen dann schon auf dieser Erde wohl ergeht, nach diesem Leibesleben aber noch besser im Reiche der ewigen Geister, die nimmerdar sterben, sondern ewig fortleben. Und siehe, das meinte ich darunter, daß es selbst den ungeratenen Kindern nirgends besser geht als im Hause ihres wahren Vaters! – Verstehst du nun solches?"

[GEJ.07_012,15] Sagte Hibram: „Ja ja, das verstehe ich nun schon, und du hast da vollkommen gut und wahr geredet; doch jener Mann ist eigentlich ja Gott, und da ist Er zu erhaben, als daß Er ein Vater von uns schlechten Menschen wäre! Ich möchte das sogar für eine gar große Vermessenheit halten, Ihn Vater zu nennen!"

[GEJ.07_012,16] Sagte der Pharisäer: „Da hast du einesteils freilich wohl nicht ganz unrecht; doch er Selbst lehrt uns solches und bedrohet jeden, der das nicht in seinem Gemüte glauben würde, mit der Ausschließung von dem seligsten, ewigen Leben und zeigt uns, daß Er allein aller Menschen Schöpfer und wahrhaftigster Vater ist, und so müssen wir solches auch glauben, aber auch nach Seinem uns bekanntgegebenen heiligsten Willen also auf dieser Welt leben, daß wir dadurch erst würdig werden, Seine Kinder zu sein. Wenn Er Selbst uns aber solches lehrt, so müssen wir das dann wohl auch mit aller Liebe und Dankbarkeit annehmen und das tun, was Er uns lehrt; denn Er allein weiß, wie es mit uns Menschen steht, und wozu Er uns ins Dasein gerufen hat."

[GEJ.07_012,17] Mit dieser ganz guten Belehrung waren unsere Sklavenhändler denn auch vollkommen zufrieden und aßen und tranken darauf weiter und unterhielten sich mit den Pharisäern, so gut es ihre Zungen zuließen. Aber mit der Zeit verstanden sie sich immer besser, weil der eine Pharisäer in der urhebräischen Sprache so ziemlich bewandert war, in der die nordischen Abkömmlinge Indiens in einer noch wenig verdorbenen Art ihren Gedanken Raum und Form gaben.

 

13. Kapitel

[GEJ.07_013,01] An den anderen Tischen ging es noch ganz still her; denn alle lauschten nur, ob Ich Selbst etwa bald über etwas den Mund öffnen würde. Da nun aber auch Ich Mich mehr der Ruhe hingab, so fingen die Zungen an den andern Tischen sich ein wenig mehr zu regen an. Die Römer fingen an, sich mit der armen Familie etwas vertrauter zu machen, und Agrikola fragte die gar lieblich aussehende Tochter, ob sie sämtlich keine besseren Kleider hätten als die am Leibe.

[GEJ.07_013,02] Die Tochter aber sagte: „Edler, hoher Herr! Wohl habe ich daheim in unserer elenden Wohnung ein härenes Oberkleid; aber es ist noch schlechter als der linnene Leibrock, den ich nun anhabe. Wir sind ehedem nicht gar so entsetzlich arm gewesen, als die Eltern noch gesund waren und arbeiten konnten. Als sie dann, schon vor ein paar Jahren, recht schwer krank wurden, da ging es dann immer schlechter und schlechter. Der Bruder konnte mit allem Fleiße nicht mehr so viel verdienen, daß wir uns außer dem kärglichen Mundvorrat noch etwas anderes hätten anschaffen können, und so sind wir nun ohne unser Verschulden in diese große Armut geraten, und es wäre mit uns allen wohl in längstens noch zwei Tagen rein aus geworden, wenn du und jener Freund dort uns nicht gerettet hättet auf eine nahe ganz wunderbare Weise; denn ich begreife es noch immer nicht, wie jener schöne Jüngling dort unsere ärmlichste Wohnung also hat finden können, als wäre er, Gott weiß es, wie sehr bekannt in all den geheimsten Winkeln dieser großen Stadt. Wer etwa jener gar herrliche Mann und jener wunderholde Jüngling an seiner Seite doch sind? Möchtest du mir das nicht nur ein wenig aufklären?"

[GEJ.07_013,03] Sagte Agrikola: „Ja, du meine allerliebste Arme, du wahrhaft schönste Tochter Zions, das steht wahrlich nicht bei mir; denn siehe, ich bin ein sicher gar großer und mächtiger Herr im ganzen römischen Reich, und doch bin ich gar nichts gegen jenen herrlichen Mann und gegen jenen schönen Jüngling! Ich könnte wohl heute an den Kaiser von Rom einen beglaubigten Boten mit meinem Handschreiben absenden, und er würde mir gar viele Legionen senden, und ich könnte damit das ganze große Asien mit Krieg, und das siegreich, überziehen, – aber was wäre das gegen die unendliche Macht jenes herrlichen Mannes?! Wenn Er etwas will, so ist das schon eine vollbrachte Tat!

[GEJ.07_013,04] Meine liebe Tochter Zions! Verstehst du wohl, was das sagen will? Sieh, deine Eltern waren krank, wie du sagst, über zwei Jahre hinaus! Und bloß der Wille jenes herrlichen Mannes hat sie in einem Augenblick gesund gemacht, und eben jener herrliche Mann wußte auch jenem Jünglinge ganz genauest eure Wohnung anzuzeigen, in der er euch ganz unfehlbar hat finden müssen. Also hat auch jener herrliche Mann vor ungefähr drei Stunden angezeigt, was diesem deinem Bruder bevorsteht, und darauf erst ward es mir ermöglicht, deinen Bruder und euch durch Seine alleinige Gnade zu retten, und so habe nicht ich, sondern nur Er ganz allein hat euch alle gerettet; denn ich war nur Sein förmlichst blindes Werkzeug.

[GEJ.07_013,05] So hast du zuvor draußen auch die vielen, gar wunderherrlich schönen Jünglinge und Mägdlein gesehen. Siehe, diese herrlich schönsten Wesen hätten alle als elende Sklaven verkauft werden sollen! Und siehe wieder, jener herrliche Mann hat sie alle befreit und sie vom Fuße bis zum Kopfe gar schön bekleiden lassen, und das alles in einem Augenblick, weshalb sie Ihn alle denn auch als einen gar lieben Vater begrüßten. Wenn aber das nun ganz wahrhaftig also der Fall ist, was ist da meine gesamte Macht gegen nur einen Hauch Seines Willens?! Daher habet nun auch ihr vorzüglich auf jenen herrlichen Mann euer ganzes Augenmerk zu richten; denn was jener Mann bloß nur durch Seinen Willen zu bewirken imstande ist, davon haben sich die Menschen noch nie etwas träumen lassen. Was ich dir aber hier ganz offenherzig gesagt habe, das ist die höchste Wahrheit. Was aber sagst du nun dazu?"

[GEJ.07_013,06] Sagten alle die vier: „Ja, wenn jener herrliche Mann das alles also vermag, wie du als ein allerglaubwürdigster Zeuge uns das kundgegeben hast, so muß jener herrliche Mann ja gar ein großer Prophet sein! Denn sieh, wir Juden erwarten einen Messias, der gar sehr mächtig in Wort und Tat werden soll! Doch bevor Jener kommen wird, soll Ihm vorangehen der große Prophet Elias und nach der Meinung vieler Menschen auch dessen Jünger Eliseus (Elisa). Und sieh, am Ende ist das gar der Elias oder sein Jünger Eliseus!"

[GEJ.07_013,07] Sagte Agrikola: „Diese eure Sage ist mir eben nicht gar zu sehr bekannt, wohl aber die von eurem Messias, dessentwegen ich nun hauptsächlich von Rom hierher nach Jerusalem gekommen bin. Habt ihr denn noch nichts gehört von dem nun schon überall über die Maßen berühmt-bekannten Heiland aus Galiläa?"

[GEJ.07_013,08] Sagte der Alte: „Allerehrwürdigster Freund und Herr! Wir armen Tagwerksleute kommen des Jahres höchstens zehnmal in den Tempel; dort verrichten wir unser kleines Opfer und hören irgendeine Predigt an, die wir nicht verstehen. Wenn es dann auch irgendwo etwas Neues und so Außerordentliches gäbe, so erfahren wir in unserer Abgeschiedenheit sicher nur höchst wenig oder auch wohl gar nichts davon.

[GEJ.07_013,09] Zudem waren wir nun ja über zwei volle Jahre bettlägerig. Der Sohn mußte Tag für Tag, sogar den Sabbat nicht ausgenommen, arbeiten, um uns nur den dürftigsten Lebensunterhalt zu verschaffen. An den Sabbaten arbeitete er bei einem Griechen oder Römer, die natürlich unseren Sabbat nicht feierten und irgend heiligten, und das war gewisserart noch ein wahres Glück für uns; denn ohne das hätten wir jeden Sabbat, besonders in diesen zwei letzten Jahren, vollkommen fasten können.

[GEJ.07_013,10] Wenn du, hoher Herr und Freund, das zusammenfassest, so wirst du das ganz leicht einsehen, wie eine ganz arme Familie, selbst mitten in dieser großen Stadt wohnend, von allen noch so großen und außerordentlichen Erscheinungen und Vorkommnissen ebensowenig erfahren kann, als lebte sie irgendwo ganz am Ende der Welt! Wenn wir nun aus dem dir gezeigten Grunde von dem berühmten und sonst schon weithin bekannten Galiläer nahe soviel wie nichts wissen, so kann uns das wahrlich nicht zu einer Schuld gerechnet werden.

[GEJ.07_013,11] So viel haben wir vor einem Jahre in Erfahrung gebracht, daß etwa ein Prophet namens Johannes in einer Wüste am Jordan wider die Pharisäer gepredigt habe und ihnen tüchtige Wahrheiten gesagt haben soll. Was aber dann weiter mit ihm geschehen ist, davon haben wir nichts erfahren. Vielleicht ist nun dieser herrliche Mann jener Prophet?"

[GEJ.07_013,12] Sagte Agrikola: „Das ist dieser euer herrlicher Mann nicht; aber ihr werdet Ihn zu eurem Glücke schon noch heute näher kennenlernen. Darum esset und trinket, daß ihr gehörig stark werdet, um die große Enthüllung, die euch werden wird, zu ertragen; denn es ist keine Kleinigkeit, jenen euren herrlichen Mann näher kennenzulernen!"

[GEJ.07_013,13] Auf das aßen und tranken die Armen wieder ganz gemütlich fort. Während des Essens und öftermaligen Trinkens fielen ihnen die schönen und schweren Speiseschüsseln auf, und noch mehr die goldenen Weinkrüge und Trinkbecher.

[GEJ.07_013,14] Die Tochter betrachtete diese Dinge mit stets größerer Aufmerksamkeit und sagte am Ende zu Agrikola: „Aber höre, du großer und mächtiger Herr, ist das nicht purstes Silber und Gold? Das hast du sicher von Rom hierher mitgebracht? Oh, das muß ja gar entsetzlich viel gekostet haben!"

[GEJ.07_013,15] Sagte Agrikola: „Ja, meine schöne Tochter Zions, das würde wohl sehr viel kosten, so man das Silber und Gold kaufen und dann daraus diese Gefäße machen lassen müßte! Aber diese Gefäße hier haben mich gar nichts gekostet und Den, der sie auf eine wundervollste Weise hergestellt hat, auch nichts, und dennoch sind sie alle von einem unschätzbar großen Wert. Denn sieh, Dem, der allmächtig ist, ist nichts unmöglich! – Verstehst du das?"

[GEJ.07_013,16] Sagte die schöne Jüdin: „Ja, das verstehe ich schon; aber allmächtig ist ja nur Gott allein! War denn Gott Selbst hier, oder hat Er einen Engel hierher gesandt, der hier solch ein Wunder gewirkt hat? Denn solche Dinge sind unter dem jüdischen Volke stets geschehen!"

[GEJ.07_013,17] Sagte Agrikola: „Mein liebstes und wahrlich schönstes Kind! Ja, ja, Gott Selbst war hier, ist noch da und gibt Sich denen wunderbar zu erkennen, die Ihn wahrhaft und rein lieben! Wenn du im Herzen recht voll Liebe zu Ihm wirst, dann wird Er Sich dir und euch allen schon auch zu erkennen geben! – Glaubst du, Holdeste, mir solches?"

[GEJ.07_013,18] Sagte die nun immer schöner werdende junge Jüdin: „Aber Gott ist ja ein Geist, den kein Mensch je sehen kann und dabei behalten das Leben; denn also steht es im Moses geschrieben: ,Gott kann niemand sehen und leben.‘"

[GEJ.07_013,19] Sagte Agrikola: „Da hast du wohl recht; aber es steht auch in den andern Propheten geschrieben, daß der ewige Geist Gottes – also Gott Selbst – in der Zeit um der Menschen willen Fleisch anziehen werde und Selbst als ein Mensch unter ihnen wandeln und sie Selbst die rechten Wege des Lebens lehren werde. Und so kann nun ein rechter Mensch Gott schauen und hören und dabei nicht nur dieses irdische Leben behalten, sondern noch das ewige Leben der Seele hinzuerhalten, so daß er dann fürder ewighin keinen Tod mehr sieht und fühlt. Wenn dieser Leib mit der Zeit auch abfällt, so lebt aber dennoch die Seele des Menschen ewig fort und genießt dabei die höchste Seligkeit. – Wie gefällt dir denn nun das?"

[GEJ.07_013,20] Sagte die schöne Jüdin: „Ja, das gefiele uns allen wohl gar überaus; doch für solch eine nie erhörte Gnade sind wir sicher zu gering und auch zu große Sünder! Denn erstens konnten wir schon lange den Sabbat nicht ordentlich heiligen und gehörten schon lange in die Reihe der großen Sünder, und zweitens konnten wir uns davon auch nicht reinigen, weil wir dazu die Mittel niemals besaßen. Und so wird Gott, so Er nun auch irgend leiblich zu den Menschen kommt, uns sicher nicht ansehen. Er kam wohl zu Abraham, Isaak und Jakob; aber das waren ungeheuer fromme und sündenfreie Menschen. Was sind da wir dagegen? Lieben könnte ich Gott also schon über alle die Maßen; aber Er ist viel zu heilig und kann die Liebe eines Sünders nicht annehmen."

[GEJ.07_013,21] Hier sagte Ich über den Tisch zu der Jüdin: „O liebe Tochter, Gott sieht nicht auf die Sünden der Menschen, besonders deiner Art, sondern allein auf das Herz! Wer Gott wahrhaft liebt, dem werden alle Sünden erlassen, und hätte er derselben so viele, als wie da ist des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere. Deine Sünden aber liegen nur in deiner Einbildung und nicht in der Wirklichkeit. Gott aber ist alles das nur ein Greuel, was vor der Welt groß ist; du bist aber gar klein vor der Welt und somit vor Gott kein Greuel. Liebe Gott nur recht stark, und Er wird dich dann auch lieben und dir geben das ewige Leben! – Verstehest du das?"

[GEJ.07_013,22] Sagte die Jüdin: „Das habe ich verstanden; aber führet mich doch dahin, wo nun Gott ist, damit ich Ihn sehe, liebe und anbete!"

 

14. Kapitel

[GEJ.07_014,01] Es wollte nun die schöne Jüdin noch mehr mit Mir verkehren; aber es kamen des Lazarus Diener in den Saal herein und sagten, daß eine Menge fremder Menschen den Berg heraufkämen, und sie (die Diener) wüßten nicht, wo alle die Ankommenden unterzubringen sein würden.

[GEJ.07_014,02] Sagte Lazarus zu Mir: „Herr, was wird hier zu tun sein? Ich vertraue nun allein auf Dich!"

[GEJ.07_014,03] Sagte Ich: „Wie viele können ihrer sein, die da nun ankommen und auch später noch ankommen können?"

[GEJ.07_014,04] Sagte Lazarus: „Herr, nach den vergangenen Jahren zu urteilen, könnten da wohl fünf-, sechs- bis siebenhundert Köpfe ankommen; heute aber wird der Zudrang offenbar am stärksten sein!"

[GEJ.07_014,05] Sagte Ich: „Gut nun, gehe du mit diesem Meinem Diener hinaus, und er wird dir im Freien schon alles also herrichten, daß da alle die ankommenden Gäste ganz gut unterzubringen sein werden! Die Jugend aber lasset in den kleinen Saal treten, auf daß sie nicht der Gaff- und Geilsucht der Fremden zu sehr ausgesetzt sei!"

[GEJ.07_014,06] Als Lazarus solches vernommen hatte, ging er mit Raphael sogleich ins Freie hinaus, wo Raphael zuerst die vielen Jungen in den anstoßenden kleinen Saal brachte und darauf zu Lazarus sagte: „Hast du wohl Tische und Bänke in genügender Anzahl?"

[GEJ.07_014,07] Sagte Lazarus: „Ja, du mein liebster und gar mächtiger Freund voll Heiles aus Gott, damit hat es nun eben den größten Anstand! In Bethania hätte ich daran wohl einen großen Vorrat; aber den kann ich nun nicht so bald herschaffen! Was wird da nun zu machen sein?"

[GEJ.07_014,08] Sagte Raphael: „Mache dir nichts daraus! Da du auf den Herrn vertraust und Ihn über alles liebst, so wird dir hier gleich geholfen sein. Sieh, ich bin im Namen des Herrn ein guter Zimmermann und Schreiner, und so wird gleich alles dasein, was du nun nötig hast!"

[GEJ.07_014,09] Als Raphael das noch kaum ausgesprochen hatte, da standen auch schon Tische und Bänke in der rechten Menge da, und über jedem Tisch war ein Zelt gespannt und so recht lieblich anzusehen.

[GEJ.07_014,10] Nun kamen aber die fremden Gäste auch schon an und fragten, ob sie wohl hier bewirtet werden könnten.

[GEJ.07_014,11] Sagte Lazarus: „O allerdings, es werden die Diener sogleich kommen und einem jeden geben nach seinem Verlangen!"

[GEJ.07_014,12] Sagte Raphael zu Lazarus: „Wirst du wohl mit deinen Dienern auslangen für so viele Gäste?"

[GEJ.07_014,13] Sagte Lazarus: „Zur Not etwa wohl; aber sie werden alle vollauf zu tun haben!"

[GEJ.07_014,14] Sagte Raphael: „Gut, sollte es an ihnen gebrechen, so werde dann schon auch ich ihnen helfen!"

[GEJ.07_014,15] Sagte nun Lazarus: „Siehe, du heilvoller Diener Gottes, das, was du mir nun im Namen des Herrn hier gemacht hast, ist ein Wunder über Wunder; aber es nimmt mich nun schon nahe nichts mehr wunder, da ich den Herrn kenne und schon Zeuge von gar vielen Wundern war, von denen eines größer war als das andere!"

[GEJ.07_014,16] Sagte Raphael: „Das ist nun ganz ein und dasselbe; denn alles, was du siehst und fühlst und denkst, ist ein noch größeres Wunder des Herrn, und ein jeder Mensch selbst ist das größte! Ob der Herr nun einen schnellsten Blitz erschafft, der in einem Momente aus einer Wolke auf die Erde herabfährt, oder ob Er eine Sonne erschafft, die dann äonenmal äonen von Erdenjahren vielen Erden leuchtet, so ist das der Weisheit und der Macht des Herrn wohl ganz ein und dasselbe, und so hast du auch ganz recht, daß du dir aus diesem gegenwärtigen Wunder eben nicht gar soviel machst. Es wäre das nun vor den vielen sehr neugierigen Fremden auch eben nicht sehr klug. – Aber jetzt kannst du schon zusehen, daß alle die vielen Gäste bedient werden, sonst fangen sie an, einen großen Lärm zu schlagen!"

[GEJ.07_014,17] Sagte Lazarus: „Ja, du heilvoller Diener des Herrn, du hast recht; denn es haben noch die wenigsten etwas! Was werden wir da tun?"

[GEJ.07_014,18] Sagte Raphael: „Nun, was tun? Helfen wollen wir deinen Dienern, sonst bekommen die vielen und sich noch immer mehrenden Gäste noch lange nichts!"

[GEJ.07_014,19] Hier verließ Raphael auf ein paar Augenblicke Lazarus, und in solch einem kürzesten Zeitraume waren alle Tische, an denen sich Gäste befanden, mit Wein, Brot, Salz und auch anderen Speisen bestens versehen.

[GEJ.07_014,20] Es fiel solche Bedienung freilich wohl manchen Gästen auf; aber die Gäste dachten sich, daß sie ob ihrer Gespräche auf das Herschaffen des Weines und Brotes und der anderen Speisen nicht gehörig achtgegeben hätten, und so aßen und tranken sie fort. Was ihnen aber dennoch auffiel, das war die außerordentliche Güte des Weines, da sie zuvor wohl noch niemals etwas Ähnliches über ihren Gaumen gebracht hatten.

[GEJ.07_014,21] Es kamen darum einige, von ihren Tischen aufstehend, zu Lazarus hin und fragten ihn, was das für ein Wein wäre, und ob er solchen auch in einem größeren Quantum verkaufen würde.

[GEJ.07_014,22] Sagte Lazarus: „Diesen Wein bekomme ich selbst wahrhaft ordentlich durch die Gnade Gottes. Bei diesem Umstande könnet ihr ihn nach Maß und Ziel trinken; aber zum Weiterverkauf besitze ich gar keinen Wein!"

[GEJ.07_014,23] Darauf gingen die Gäste wieder an ihre Plätze.

[GEJ.07_014,24] Die aber einmal da waren, die gingen nicht mehr fort, und dennoch kamen noch immer neue hinzu, so daß es Lazarus schon ordentlich zu schwindeln begann und er zu Raphael sagte: „Mein liebster, von Gottes Heil erfüllter Freund, wenn das noch lange fortgeht, so werden wir am Ende doch noch zu wenig Sitze und Tische haben!"

[GEJ.07_014,25] Sagte Raphael: „Nun, da werden wir denn noch einige hinzustellen müssen!"

[GEJ.07_014,26] Und kaum hatte Raphael das ausgesprochen, so standen auch schon Tische, Bänke und Zelte da, und doch merkte von vielen Hunderten von Gästen niemand, wie die vielen Tische, Bänke und Zelte entstanden waren. Die Gäste kamen und wurden auch auf die gleiche Weise bedient.

[GEJ.07_014,27] Als so nach ein paar Stunden die Fremden, die auch in früheren Jahren stets diese Herberge zu besuchen pflegten, sich alle eingefunden hatten und hinreichend gesättigt worden waren, wandte sich Lazarus an Raphael und fragte ihn: „Liebster, von Gottes Heile voller Diener des Herrn, sage mir denn nun doch ein wenig nur, wie dir solches zu bewirken möglich ist, und das alles in einem Augenblick! Ich wollte von den Tischen, Bänken und Zelten noch nichts sagen; aber woher die entsprechenden Gefäße, das Salz, der Wein und die Speisen, und die Speisen aber also, daß der Perser für sich und also der Ägypter, der Grieche und, kurz, ein jeder, woher er auch sei, seine nationale Landeskost allerbestens bereitet vor sich hat? Wie ist dir denn doch das alles, und das in einem Augenblicke, möglich?"

[GEJ.07_014,28] Sagte Raphael: „Mein liebster Freund, so ich dir auch die Möglichkeit alles dessen noch so genau erklärte, so würdest du davon dennoch nur wenig oder nahe gar nichts begreifen. Ich kann dir daher vorderhand nur das sagen, daß bei Gott alle Dinge möglich sind!"

 

15. Kapitel

[GEJ.07_015,01] (Raphael:) „Ich bin eigentlich für mich selbst aus mir ebensowenig etwas zu tun imstande wie du; aber ich bin ein purer Geist und habe hier nur einen aus den Stoffen der Luft zusammengezogenen Leib. Als Geist aber kann ich ganz mit dem Willensgeiste des Herrn erfüllt werden und dann also wirken wie der Herr Selbst. Wenn ich also mit dem Geiste des Herrn erfüllt bin, dann habe ich keinen andern Willen als den des Herrn und kann unmöglich etwas anderes wollen, als was der Herr allein will. Was aber der Herr will, das ist dann auch schon da.

[GEJ.07_015,02] Siehe, alles, was auf dieser oder auch auf einer andern Erde ist und wächst, das ist – samt der Erde – ebenso ein Wunder, hervorgehend aus dem Willen des Herrn, nur daß der Herr da der Bildung der Intelligenz wegen bei den Geschöpfen eine gewisse notwendige Stufenfolge beobachtet und eines aus dem andern so nach und nach pur aus Seinem Willen entstehen läßt. Wenn der Herr solches der Bildung und Festigung der intelligenten und belebten Geschöpfe wegen nicht tun würde, so könnte Er vermöge Seiner Allmacht auch eine Welt im selben Augenblick ins Dasein rufen, wie Er einen Blitz ins Dasein und Wirken ruft.

[GEJ.07_015,03] Sieh, in der Luft der Erde sind in einem aufgelösten Zustand alle Substanzen und alle Stoffe einer ganzen Erde enthalten! Du kannst sie zwar mit deinen irdischen Sinnen nicht wahrnehmen, aber für einen vollkommenen Geist ist das etwas ganz ebenso Leichtes, wie es dir ein leichtes ist, einen Stein vom Boden aufzuheben und zu unterscheiden, daß er kein Fisch und nicht ein Stück Brotes ist. Und es ist dem Geiste dann auch ein leichtes, zum Beispiel die zu diesem oder einem anderen Gegenstande nötigen Stoffe zusammenzufassen, nämlich aus der Luft, und sie in einem Augenblick als das darzustellen, was sie in naturgeordnetem Zustande erst nach und nach geworden wären.

[GEJ.07_015,04] Wie aber einem vollkommenen Geiste das möglich ist, das ist nun freilich eben jene Sache, die der natürliche Mensch, solange er im Geiste nicht völlig wiedergeboren ist, unmöglich fassen und begreifen kann. Und das kann ich dir denn auch nicht näher erklären. Doch will ich dir aber in Kürze eine kleine Hinweisung auf so manche Erscheinung in der Natur geben.

[GEJ.07_015,05] Siehe, in allen Keimen der Pflanzen und Bäume wohnt in einer kleinen und zarten Hülse eine sonderheitliche Intelligenz in der Gestalt eines deinem Auge nicht mehr sichtbaren Fünkleins! Dieses Fünklein ist das eigentliche erste Naturleben des Samens und hernach der ganzen Pflanze. Nun denke dir aber die beinahe zahllose Menge der verschiedenartigsten Pflanzen und Bäume, die natürlich auch alle verschiedenartige Samen tragen, in deren Keimhülschen auch ebenso verschiedene geistige Intelligenzfünklein wohnen!

[GEJ.07_015,06] Wenn du nun verschiedene Samen ins Erdreich legst, so werden sie durch die Wärme und durch die vom Erdreich aufgesogene Feuchtigkeit der Luft erweicht, das geistige Fünklein wird tätig und erkennt ganz bestimmt jene Stoffe in der es umgebenden Luft, fängt an, sie durch seine ihm eigene Willenskraft anzuziehen und bildet aus ihnen eben jene Pflanze mit ihrer Gestalt und Frucht, für die zu bilden es eben die geeignete Intelligenz und die ihr entsprechende Willenskraft vom Herrn aus besitzt.

[GEJ.07_015,07] Könntest du mit deinem Verstande, mit deinen Sinnen und mit deinem Willen wohl auch die für ein gewisses Samenkorn bestimmten Stoffe aus der das Samenkorn umgebenden Luft herausfinden? Sicher nicht; denn du ißt und trinkst ja auch, um dich zu ernähren, und hast doch keine Ahnung, wie dein dir bisher noch völlig unbekannter Geist, als der geheime Liebewille Gottes im Herzen deiner Seele wohnend, durch seinen dir noch völlig unbekannten Willen und durch seine hohe Intelligenz aus den zu dir genommenen Speisen eben jene Stoffe, die zur Bildung deiner sehr verschiedenartigen Leibesteile unerläßlich notwendig sind, ausscheidet und sie dahin zieht, wo sie eben notwendig sind.

[GEJ.07_015,08] Wenn du das dir nun Gesagte so recht tiefsinnig betrachtest, so wirst du eben dieselben Wunder allenthalben ersehen, als wie diese da sind, die ich vor deinen Augen nach dem Willen des Herrn in einem Augenblick gewirkt habe, – nur daß ich als ein vollkommener Geist das durch den Willen des Herrn in einem Momente aus der Luft zusammenzuziehen vermag, was ein natürlich noch ganz unvollkommener Geist mit seiner beschränkten Intelligenz und ebenso beschränkten Willensmacht nur so nach und nach vermag."

 

16. Kapitel

[GEJ.07_016,01] (Raphael:) „Siehe, du siehst den Stoff, aus dem das ganz reine Gold besteht, sicher nicht als in dieser Luft enthalten herumschwimmen; ich aber sehe ihn und kann ihn von den zahllos vielen anderen Stoffen sehr wohl unterscheiden. Weil ich aber das wohl kann und auch meinen Willen als entsprechend gleichartig nach allen Richtungen ausdehnen kann, so kann ich auch eben diesen in der Luft enthaltenen reinsten Goldstoff sogleich auf einen sichtbaren Haufen zusammenziehen, oder ich kann ihn auch ebenso leicht sich in eine beliebige Form, als wie etwa da ist ein Trinkgefäß, festest zusammenfügen lassen, und du wirst entweder alsogleich einen beliebig großen Goldhaufen oder ein Goldgefäß vor dir sehen, und es wird solches ebenso ein ganz natürliches und kein gewisserart nichtig wunderbares Gold sein, als wie natürlich jenes Gold ist, das die Menschen aus den Bergen graben, von den fremden Stoffen reinigen, es dann im Feuer schmelzen und daraus allerlei kostbare Sachen und Dinge verfertigen.

[GEJ.07_016,02] Denn die gewissen Naturgeister in der Materie der Berge, die eben mit dem in der Luft freien Goldstoffe am nächsten verwandt sind, ziehen vermöge ihrer sehr geringen Intelligenz und der mit ihr verbundenen Willenskraft – was die Apotheker die Anziehungskraft nennen – das freie Gold aus der Luft an sich, und so das mehrere Hunderte von Jahren fort und fort geschieht, so wird an einer solchen Stelle dann recht viel Gold sichtbar werden.

[GEJ.07_016,03] Daß aber solch eine Ansammlung des Goldes in der Natur nur sehr langsam vor sich geht, daran schuldet die sehr geringe Intelligenz und die ebenso geringe Willensmacht solcher Naturberggeister in ihrem notwendig gerichteten Zustande.

[GEJ.07_016,04] Ich aber als ein höchst freier und vollkommener, mit den höchsten Intelligenzen ohne Zahl und Maß sowie dazu mit der Fülle der Willensmacht aus Gott versehener Geist kann nun das in einem Augenblick bewirken – wie ich das schon gezeigt habe –, was die einseitig schwach intelligenten und ebenso willensbeschränkten Naturgeister nur nach und nach zustande bringen.

[GEJ.07_016,05] Habe nun wohl acht, wie ich solch ein Wunder vor dir bewirken werde! Ich will es dir zuliebe aber mit dem Wunder etwas langsamer machen, damit du leichter merken kannst, wie sich das Gold aus der freien Luft gerade auf deiner Hand ansammeln wird. Sieh, ich will nun, und schon siehst du auf deiner Handfläche einen dünnen Goldanflug! Sieh nur zu, wie sich das Gold mehrt und mehrt! Nun bedeckt deiner Hand Fläche schon eine ganz gewichtige Goldscheibe. Über diese fängt nun ein ganz wohlgeformter Rand an sich zu erheben. Er wächst nun fort, und sieh, du hast jetzt in wenigen Augenblicken schon ein fertiges Gefäß aus reinstem und – sage – ganz natürlichem Golde auf deiner Hand, das nur eines vollkommenen Geistes Macht wieder in seinen Urstoff auflösen kann, sonst aber auch nicht leichtlich eine andere Kraft in der Natur. Aber ich werde dir dieses Gefäß belassen, wie es ist, und du kannst es verwerten oder dir von einem Goldschmiede auch etwas anderes daraus machen lassen oder es auch also behalten.

[GEJ.07_016,06] Du hast nun gesehen, wie ich auf eine langsamere Weise vor dir ein Wunder gewirkt habe; aber nun strecke deine andere Hand aus, und ich werde dir ein gleiches Wunder augenblicklich bewirken! Sieh, ich will, und du hast nun in einem Augenblick ein ganz gleiches Gefäß in deiner linken Hand!

[GEJ.07_016,07] Wie ich aber das vermag durch die mir innewohnende Kraft, so vermag ich auch alles andere, was ich dir für die vielen Gäste dargestellt habe. Aber du brauchst darum das Mahl diesen Gästen nicht zu schenken; denn sie sind alle reiche Handelsleute und sollen auch bezahlen, was sie gegessen und getrunken haben. Sie werden sich darauf bald wieder in ihre nun unterdessen verschlossenen Verkaufsbuden begeben und die Käufer durch ihr Geschrei anlocken. Laß nun nur deine Diener das Geld einsammeln!"

[GEJ.07_016,08] Hierauf berief Lazarus die Diener und sagte, daß sie von jedem Gaste nicht mehr als einen Groschen verlangen sollten. Und die Diener taten das, und jeder Gast zahlte gern den verlangten Groschen und bedankte sich noch obendrauf für die gute Verpflegung, und alle erbaten sich die Freiheit, am Abend sowie an den noch kommenden zwei Tagen wiederkommen zu dürfen, was ihnen natürlich von Lazarus freundlichst gestattet wurde.

[GEJ.07_016,09] Als so die vielen Gäste sich vom Berge hinab in die Stadt verliefen, da wollten die Diener die Tische nach gewohnter Sitte abräumen. Aber Raphael bedeutete ihnen, daß sie sich diese Arbeit ersparen sollten; denn so dieselben Gäste am Abend wiederkommen würden, so brauche niemand sich anders um sie zu kümmern, als daß die Diener ihnen nach dem Abendmahle das Geld abverlangen und darauf wieder alle Tische so wie jetzt gedeckt lassen. Bei dem blieb es denn auch, und es wurden also die noch folgenden zwei Tage hindurch alle die vielen Gäste mit Speise und Trank versorgt, ohne daß Lazarus auch nur einen Fisch, ein Stück Brotes und einen Becher Weines von seinem Vorrate herzugeben vonnöten hatte.

 

17. Kapitel

[GEJ.07_017,01] Als aber nun alle Gäste sich verlaufen hatten, da fragte unser Freund Lazarus den Raphael, sagend: „Höre, du Gottes Heils vollster Menschengeist, du sagtest ehedem, daß es in der Luft eine unzählbare Menge von allerlei Urstoffen und Substanzen als freischwebend und ungebunden gibt, die durch die Weisheit und durch den Willen eines vollkommenen Geistes als solche erkannt und zu einem festeren Körper zusammengezogen und verbunden werden können! Durch die mir gegebenen Beispiele wurde mir diese Sache notwendig sehr einleuchtend; aber daneben fiel mir eine noch ganz andere äußerst wichtige Frage auf, und diese besteht darin: Sieh, die Urstoffe und Substanzen mögen immerhin also in der Luft dieser Erde vorhanden sein, wie du mir das wahrlich sehr einleuchtend gezeigt hast; aber wie erzeugen sie sich denn ursprünglich? Wie kommen sie denn in so zahlloser Mannigfaltigkeit in die Luft unserer Erde, wahrscheinlich auch in noch größerer Mannigfachheit in die Luft der zahllos vielen anderen Erden und Welten, die mich und die vielen anderen Jünger der Herr Selbst gnädigst hat kennen gelehrt? Erkläre mir denn auch das noch!"

[GEJ.07_017,02] Sagte Raphael: „Ei, ei, daß dir das noch nicht von selbst einleuchten mag! Gibt es denn außer Gott etwas, das etwa nicht aus Ihm hervorgegangen wäre? Ist nicht alles, was von Ewigkeit her den unendlichen Raum erfüllt, Sein Gedanke, Seine Idee, Seine Weisheit, Sein Wille?

[GEJ.07_017,03] Siehe, Seine Gedanken in der nie versiegbaren endlosesten Fülle von einer Ewigkeit zur andern sind die eigentlichen Ursubstanzen und die Urstoffe, aus denen alles, was da auf Erden und in den Himmeln gemacht ist, durch die ungeteilte ewige Macht des göttlichen Willens besteht. Kein Gedanke und keine Idee aber kann selbst in Gott ohne Seinen Willen entstehen und fortbestehen. Dadurch aber, daß ein jeder Gedanke und eine jede Idee als aus der höchsten Intelligenz Gottes durch Seinen Willen hervorgehend eben auch in sich selbst als eine sonderheitliche Intelligenz den entsprechenden Teil des Gotteswillens in sich birgt, kann denn auch jeder solche den Gotteswillen in sich tragende Einzelgedanke Gottes oder eine ebenso beschaffene größere Idee des Herrn nimmerdar ebensowenig je ein Ende nehmen wie Gott Selbst, weil Er einen einmal gedachten Gedanken und eine noch tiefer gefaßte Idee nimmerdar vergessen kann in Seiner allerlichthellsten Selbstbewußtseinssphäre. Weil aber das bei Gott die purste Unmöglichkeit ist, einen einmal gehabten Gedanken oder eine einmal gefaßte Idee zu vergessen, so ist auch jeder noch so kleine Gedanke und eine noch so geringfügig scheinende Idee Gottes für ewig in ihrer urgeistigen Beschaffenheit unzerstörbar.

[GEJ.07_017,04] Da aber ferner – wie schon früher angedeutet – ein jeder Gedanke und eine jede Idee Gottes auch teilweise als ein göttlicher Intelligenzfunke notwendigerweise auch den göttlichen Willen in sich trägt und tragen muß, weil er ohne den nie gedacht worden wäre, so kann denn auch jeder solche Einzelgedanke und jede solche Einzelidee Gottes entweder für sich oder durch mehrere weise miteinander verbundene Gedanken – was dann eine Idee ist – als ein für sich Bestehendes sich selbst in seiner Art und Sphäre ausbilden, sich vervollkommnen in und für sich als das, was er ist, sich ins Unendliche vermehren und durch weise Verbindung mit anderen Urstoffen und Substanzen auch edler und vollkommener werden.

[GEJ.07_017,05] So ist eine werdende Sonne zuerst ein purer, lichtschimmriger Lichtäther oder ein Sich-Ergreifen von zahllos vielen Gedanken und Ideen Gottes infolge des in ihnen eigens zugrunde liegenden und entsprechenden Willensanteiles aus Gott. Diese ziehen dann eben durch den in ihnen zugrunde liegenden Gotteswillen das ihnen Gleiche aus dem endlosen Äther fort und fort an sich, und so wird der früher lichtschimmrige Äther schon dichter und bekommt nach und nach die Dichtigkeit dieser Erdluft. Diese verdichtet sich nach und nach auch mehr und mehr, und es wird Wasser zum Vorscheine kommen; aber auch dieses verdichtet sich nach und nach, und es wird daraus Schlamm, Lehm, Steine und somit ein schon festeres Erdreich.

[GEJ.07_017,06] Die nun also fester und fester aneinandergebundenen, ursprünglich geistigen Ursubstanzen und Urstoffe fangen an, sich in solch einem unfreien Zustande stets mehr und mehr unbehaglich zu fühlen, werden sehr tätig, um sich freier zu machen, und es fängt in einem solchen Weltkörper, besonders in seinen festen und schweren Partien, sehr feurig zu werden an. Durch diesen Feuereifer der gedrückten ursprünglichen freien Ursubstanzen und Urstoffe werden die festeren Teile eines solchen neuen Weltkörpers zerrissen, ja es wird da das Innerste oft zum Äußern und umgekehrt das Äußere zum Innersten, und erst nach gar vielen solchen Kämpfen wird ein solcher neuer Weltkörper in eine ruhigere Ordnung gesetzt, und die in ihm gefangenen Urgedanken und Urideen Gottes finden dann einen andern Weg, sich von dem großen Drucke frei und los zu machen.

[GEJ.07_017,07] Und sieh, da entstehen bald allerlei Pflanzen und Tiere, und das so fort bis zum Menschen hin, in welchem gar sehr viele solcher Urgedanken und Urideen Gottes dann erst ihre volle Erlösung von ihrem alten Gerichte finden. Diese erkennen dann erst Gott als den Urgrund alles Seins und alles Lebens und kehren sodann als selbständige, freieste Wesen – das heißt, so sie nach Seinem erkannten Willen gelebt haben – zu Ihm zurück.

[GEJ.07_017,08] Aber es ist in dieser rein, frei und selbständig geistigen Umkehr auf den zahllos vielen und höchst verschiedenartigen Weltkörpern auch ein ebenso großer Unterschied wie in und zwischen den Weltkörpern selbst. Die allervollkommenste Rückkehr von einem Weltkörper zu Gott aber ist und bleibt nur von dieser Erde möglich, weil hier ein jeder Mensch in seiner Seele und in seinem Geiste Gott vollkommen ähnlich werden kann, wenn er nur will; denn wer hier nach Gott strebt, der wird auch zu Gott kommen. – Verstehest du solche Dinge?"

[GEJ.07_017,09] Sagte Lazarus: „Das verstehe ich nun wohl, da ich in Hinsicht auf den gesamten Weltenbau schon vom Herrn aus die allerbedeutendsten Vorkenntnisse innehabe; aber es bleibt mir doch noch so manches unverständlich und somit zu fragen übrig."

[GEJ.07_017,10] Sagte Raphael: „Oh, mein lieber Freund, das ist auch bei mir selbst der Fall! Denn es liegt in Gott noch gar endlos vieles verborgen, von dem wir, die nach Gott höchsten und reinsten Geister selbst nichts wissen; denn Gott hat für die guten und reinen Geister ewigfort einen derartig großen Vorrat, daß Er sie auch ewigfort mit nie geahnten neuen Schöpfungen aus Seiner Liebe und Weisheit auf das unaussprechlichste überraschen und dadurch ihre Seligkeit stets mehren und erhöhen kann. Und sieh, so könnte es wohl geschehen, daß du mich bald dieses und jenes fragen würdest, worüber ich dir dann keinen Aufschluß geben könnte!"

[GEJ.07_017,11] Sagte Lazarus: „O ja, das glaube ich dir recht gerne; doch worüber dich mein noch sehr beschränkter Menschenverstand zu fragen vermag, darüber kannst du mir auch schon ganz sicher einen Aufschluß geben!

[GEJ.07_017,12] Sieh, so las ich einst ein altes Buch mit dem Titel ,Kriege Jehovas‘, und darin ist, freilich in einer höchst mystischen Sprache, die Rede vom Falle der urgeschaffenen Engel!

[GEJ.07_017,13] Anfangs habe Gott – natürlich endlos lange vor aller Weltenerschaffung – sieben große Geister entsprechend den sieben Geistern in Gott erschaffen. Er gab ihnen eine große Macht und eine ebenso große Weisheit, daß dadurch auch sie vermochten, Gott gleich, kleinere ihnen völlig ähnliche Geister in höchster Unzahl zu erschaffen, und es ward also der ewige Raum mit zahllosen Geisterheeren angefüllt.

[GEJ.07_017,14] Der größte und mächtigste dieser sieben urgeschaffenen Geister war offenbar nach der alten Schrift Luzifer. Er aber überhob sich in seiner Macht und Größe, wollte nicht nur Gott gleich, sondern sogar über Gott sein und herrschen. Da ward Gott zornig, ergriff den Verräter und stieß ihn für ewig von Sich ins Gericht. Die sechs großen Geister aber blieben mit ihren zahllos vielen Untergeistern bei Gott und dienen Ihm allein von Ewigkeit zu Ewigkeit, wogegen die Untergeister Luzifers als arge Teufel mit ihm für ewig als von Gott verworfene Wesen mit Luzifer im ewigen Feuer des Zornes Gottes brennen und stets die größten Qualen zu leiden haben ohne irgendeine Linderung. – Nun, was sagst du als sicher auch ein solcher erster Engel Gottes dazu?"

 

18. Kapitel

[GEJ.07_018,01] Sagte Raphael: „Das ist ja nur ein entsprechendes Bild von eben dem, was ich dir ehedem von der Erschaffung oder sukzessiven Bildung eines ganzen Weltkörpers mitgeteilt habe.

[GEJ.07_018,02] Die urgeschaffenen großen Geister sind ja eben die Gedanken in Gott und die aus ihnen hervorgehenden Ideen.

[GEJ.07_018,03] Unter der mystischen Zahl Sieben wird verstanden das vollkommen ursprünglich Göttliche und Gottähnliche in jedem von Ihm ausgehenden Gedanken und in jeder von Ihm gefaßten und wie aus Sich hinausgestellten Idee.

[GEJ.07_018,04] Das erste in Gott ist die Liebe. Diese läßt sich finden in allen geschaffenen Dingen; denn ohne sie wäre kein Ding möglich.

[GEJ.07_018,05] Das zweite ist die Weisheit als das aus der Liebe hervorgehende Licht. Auch diese kannst du in jedem Wesen in seiner Form ersehen; denn für je mehr Licht ein Wesen empfänglich ist, desto entfalteter, entschiedener und schöner wird auch seine Form sein.

[GEJ.07_018,06] Das dritte, das aus der Liebe und Weisheit hervorgeht, ist der wirksame Wille Gottes. Durch ihn bekommen die gedachten Wesen erst eine Realität, daß sie dann wirklich sind und da sind, – ansonst wären alle Gedanken und Ideen Gottes eben das, was deine hohlen Gedanken und Ideen sind, die niemals ins Werk gesetzt werden.

[GEJ.07_018,07] Das vierte, das wieder aus den dreien hervorgeht, ist und heißt die Ordnung. Ohne diese Ordnung könnte kein Wesen irgend eine bleibende und stetige Form und somit auch nie einen bestimmten Zweck haben. Denn so du einen Ochsen vor den Pflug spanntest, und er würde seine Form und Gestalt verändern, zum Beispiel in einen Fisch oder in einen Vogel, würdest du da wohl mit ihm je einen Zweck erreichen? Oder du wolltest eine Frucht essen, und sie würde dir vor dem Mund zu einem Steine werden, – was würde dir die Frucht nützen? Oder du gingest irgendwohin auf festem Wege, und der Weg würde dir unter den Füßen zu Wasser, – könnte dir da selbst der festeste Weg etwas nützen? Siehe, alles das und zahllosfach anderes wird verhütet durch die göttliche Ordnung als den vierten Geist Gottes!

[GEJ.07_018,08] Der fünfte Geist Gottes aber heißt der göttliche Ernst, ohne den kein Ding als etwas Bestehendes möglich wäre, weil er gleich ist der ewigen Wahrheit in Gott und erst allen Wesen den wahren Bestand, die Fortpflanzung, das Gedeihen und die endliche Vollendung gibt. Ohne solchen Geist in Gott stünde es mit allen Wesen noch sehr schlimm. Sie wären gleich den Fata-Morgana-Gebilden, die wohl etwas zu sein scheinen, solange sie zu sehen sind; aber nur zu bald ändern sich die sie erzeugt habenden Bedingungen, weil in ihnen kein Ernst waltet, und die schönen und wunderbaren Gebilde zerrinnen in nichts! Sie sind zwar auch sehr wohlgeordnet anzusehen, aber weil in dem sie hervorbringenden Grunde kein Ernst waltet, so sind sie nichts als leere und höchst vergängliche Gebilde, die unmöglich einen Bestand haben können.

[GEJ.07_018,09] Siehe, da haben wir nun schon einmal die fünf großen Urgeister Gottes, und wir wollen denn noch zu den zwei letzten übergehen, und so höre mich noch weiter an!

[GEJ.07_018,10] Wo die höchste Liebe, die höchste Weisheit, der allmächtige Wille, die vollkommenste Ordnung und der unwandelbar festeste Ernst vorhanden sind, da muß doch offenbar auch die höchste und ewig nie erreichbare Geduld vorhanden sein; denn ohne sie müßte sich alles überstürzen und endlich in ein unentwirrbares Chaos der alten Weisen übergehen.

[GEJ.07_018,11] Wenn ein Baumeister ein Haus aufbaut, so darf er doch nebst seinen anderen dazu erforderlichen Eigenschaften auch die Geduld nicht außer acht lassen; denn fehlt ihm diese, so – glaube es mir – wird er mit seinem Hause niemals zurechtkommen.

[GEJ.07_018,12] Ich sage es dir: Wenn Gott diesen Geist nicht hätte, so leuchtete schon gar endlos lange keine Sonne einer Erde im endlosesten Raume, und in der Welt der Geister sähe es ganz absonderlich, gänzlich wesenlos aus. Die Geduld ist die Mutter der ewigen, unwandelbaren Barmherzigkeit Gottes, und wäre dieser sechste Geist nicht in Gott, wo und was wären dann alle Geschöpfe dem allein allmächtigen Gott gegenüber?!

[GEJ.07_018,13] Wenn wir nun denn auch irgend fehlen und uns dadurch offenbar dem vernichtenden Fluche der göttlichen Liebe, Weisheit, des göttlichen Willens, dem Sein Ernst offenbar wegen der vorangegangenen Ordnung folgt, preisgeben, so stoßen wir an die göttliche Geduld, die mit der Zeit dennoch alles ins Gleichgewicht bringt und bringen muß, denn ohne sie wären alle noch so vollkommenen Geschöpfe dem ewigen Gerichte des Verderbens anheimgestellt.

[GEJ.07_018,14] Die göttliche Geduld würde mit den vorangehenden fünf Geistern in Gott wohl einen oder auch zahllos viele Menschen auf den Weltkörpern erschaffen und sie auch gleichfort erhalten; aber da würde ein Mensch oder auch zahllos viele Menschen im schweren Fleische eine endlose Zeit fortleben, und von einem endlichen Freiwerden der Seele aus den Banden der Materie wäre da schon ewig lange keine Rede. Zugleich würden sich Tiere, Pflanzen und Menschen gleichfort mehren und am Ende in einer solchen Anzahl auf einem raumbeschränkten Weltkörper so eng zusammengedrängt wohnen, daß da einer dem andern nicht mehr ausweichen könnte. Das ist aber nur zu verstehen, wenn ein Weltkörper unter dem Walten der endlosen göttlichen Geduld je noch dahin reif werden würde, daß er Pflanzen, Tiere und Menschen tragen und ernähren könnte. Ja, es ginge mit den alleinigen dir bis jetzt bekanntgegebenen sechs Geistern sogar mit der Erschaffung einer materiellen Welt unendlich saumselig her, und es wäre sehr zu bedenken, ob da je eine Welt zum materiellen Vorscheine käme.

[GEJ.07_018,15] Aber die Geduld ist, wie schon gesagt, die Mutter der göttlichen Barmherzigkeit, und so ist der siebente Geist in Gott eben die Barmherzigkeit, die wir auch die Sanftmut nennen wollen. Diese bringt alles zurecht. Sie ordnet alle die früheren Geister und bewirkt die rechtzeitige Reife einer Welt sowohl, wie aller Geschöpfe auf ihr. Für alles hat sie einen bestimmten Zeitraum gestellt, und die reif gewordenen Geister können demnach bald und leicht der vollen Erlösung gewärtig werden und in ihre ewige Freiheit und vollste Lebensselbständigkeit eingehen.

[GEJ.07_018,16] Dieser siebente Geist in Gott bewirkte denn auch, daß Gott Selbst das Fleisch annahm, um dadurch alle die gefangenen Geister aus den harten Banden des notwendigen Gerichtes der Materie in möglichster Kürze der Zeit zu erlösen, darum auch dieses Sein Werk – die Erlösung – die Neuumschaffung der Himmel und der Welten und somit das größte Werk Gottes genannt werden kann, weil in diesem alle die sieben Geister Gottes völlig gleichgewichtig wirken, was vordem nicht so sehr der Fall war und auch nicht sein durfte zufolge des Geistes der Ordnung in Gott. Denn früher wirkte dieser dir nun bekanntgegebene siebente Geist in Gott nur insoweit mit den anderen Geistern mit, daß alle die Gedanken und Ideen Gottes zu Realitäten wurden; von nun an aber wirkt er mächtiger, und die Folge davon ist eben die vollkommene Erlösung.

[GEJ.07_018,17] Und siehe nun, das sind die von dir unverstandenen sieben Geister Gottes, und all das Erschaffene aus den sieben Geistern Gottes entspricht in allem und jedem diesen sieben Geistern Gottes und birgt sie in sich. Und die ewig fortwährende Erschaffung und das ebenso fortwährende Erschaffen ist das, was die Urweisen dieser Erde die ,Kriege Jehovas‘ nannten."

 

19. Kapitel

[GEJ.07_019,01] (Raphael:) „Wie die sieben Geister oder besonderen Eigenschaften in Gott dahin gleichsam in einem fortwährenden Kampfe stehen, daß die eine stets auch die andere zur Tätigkeit herausfordert, also kannst du den gleichen Kampf mehr oder weniger auch in allen Geschöpfen Gottes ganz und gar leicht erkennen.

[GEJ.07_019,02] Die Liebe für sich ist blind, und ihr Bestreben ist, alles an sich zu ziehen. Aber in diesem Bestreben entzündet sie sich, und es wird Licht und somit Verständnis und Erkenntnis in ihr.

[GEJ.07_019,03] Siehst du nun nicht, wie das Licht gegen das vereinzelte Bestreben der puren Liebe kämpft und sie zur Ordnung und Besinnung bringt?!

[GEJ.07_019,04] Aus diesem Kampf oder Krieg aber erwacht zu gleicher Zeit der Wille als der tätige Arm der Liebe und ihres Lichtes, der das, was das Licht weise geordnet hat, ins Werk setzt.

[GEJ.07_019,05] Aber da wird aus der Erkenntnis der Liebe durch ihr Licht und durch die Kraft der beiden eben auch gleichzeitig die Ordnung hervorgerufen, und diese kämpft fort wider alles Unordentliche durch das Licht und durch den Willen der Liebe, und du hast darin wieder einen ewig beständigen Krieg Jehovas in Ihm sowie in allen Geschöpfen.

[GEJ.07_019,06] Das wäre nun aber schon alles recht also, wenn man nur dafür gutstehen könnte, daß das, was die vier Geister noch so schön geordnet ins Werk setzten, damit schon einen Bestand hätte. Aber alle die noch so herrlichen Werke der ersten vier Geister gleichen noch sehr den Spielwerken der Kinder, die zwar mit großer Lust und Freude so manches ganz meisterlich geordnet ins Werk setzen, doch kurze Zeit darauf an ihrem Produkte keine Freude mehr haben und es dann noch eifriger wieder zerstören, als sie es ehedem ins Dasein gesetzt haben. Und wahrlich, Freund, da sähe es mit dem Bestande all des Geschaffenen noch sehr übel aus!

[GEJ.07_019,07] Um aber das zu verhüten, erhebt sich aus den vier Geistern, und zwar infolge des großen Wohlgefallens an der vollendeten Gelungenheit der Werke, der Ernst als ein fünfter Geist in Gott sowie in Seinen Geschöpfen, und dieser Geist kämpft dann gleichfort wider die Zerstörung und Vernichtung der einmal hervorgebrachten Werke, gleichwie auch ein verständig ernst gewordener Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus erbaut hat und einen Weinberg angelegt, alles auf die Erhaltung und Nutzung des Hauses und des Weinberges verwenden wird, nicht aber etwa auf die baldige Wiederzerstörung des Hauses und des Weinberges, wie ich dir solches ehedem bei den hervorgebrachten Werken der Kinder gezeigt habe. Und siehe, das ist – wie schon gesagt – schon wieder ein Krieg Jehovas!

[GEJ.07_019,08] Aber das erbaute Haus zeigt mit der Zeit dennoch Mängel, und der Weinberg will noch immer nicht die erwünschte Ernte bringen, und der Erbauer fühlt Reue wegen seiner Mühe und wegen seines Ernstes in seinem Tätigkeitseifer, und er möchte darum das Werk auch gleichwohl zerstören und dafür ein ganz anderes und neues errichten; aber da tritt dann der sechste Geist solchem Ernste entgegen und heißt – wie schon gezeigt – die Geduld. Und siehe, die erhält dann das Haus und den Weinberg! Und das ist schon wieder ein neuer Krieg Jehovas!

[GEJ.07_019,09] Nun, die Geduld für sich, wie auch mit den früheren Geistern vereint, würde aber weder am Hause noch am Weinberge besondere Verbesserungen vornehmen, sondern so hübsch alles gehen und stehen lassen; aber da kommt der siebente Geist, nämlich die Barmherzigkeit, die in sich enthält die Sanftmut, die Besorgtheit, den Fleiß, die Liebtätigkeit und Freigebigkeit. Und siehe, der Mensch bessert dann sein Haus so gut aus, daß dann an ihm keine Mängel von nur irgendeiner Bedeutung mehr vorhanden sind, und gräbt und düngt den Weinberg, so daß er ihm bald eine reiche Ernte abwirft! Und sieh nun abermals, das ist dann wieder ein Kampf oder ein Krieg Jehovas im Menschen gleichwie in Gott und im Engel!

[GEJ.07_019,10] Und also ist das wahre, vollkommene Leben in Gott, im Engel und im Menschen gleichfort ein Kampf der dir nun gezeigten sieben Geister. Aber dieser Kampf ist in Gott wie im Engel kein solcher, als wäre in einem oder dem andern der sieben Geister ein Bestreben, die anderen Geister zu unterdrücken und untätig zu machen, sondern der Kampf geht ewig dahinaus, daß ein Geist den andern gleichfort nach aller seiner Kraft und Macht unterstützt und sonach ein jeder Geist in dem andern vollkommen enthalten ist. Es ist also die Liebe in allen den anderen sechs Geistern und ebenso das Licht oder die Weisheit in der Liebe und in den anderen fünf Geistern und also fort, so daß in jedem einzelnen Geiste auch alle anderen ganz vollauf wirken und stets wirkend gegenwärtig sind und sich fort und fort im schönsten Ebenmaße unterstützen."

 

20. Kapitel

[GEJ.07_020,01] (Raphael:) „Also sollte es auch im Menschen sein; aber es ist leider nicht so. Wohl ist diese Fähigkeit jedem Menschen gegeben, jedoch ohne je völlig ausgebildet und durchgeübt zu werden. Nur wenige Menschen gibt es, die alle die sieben Geister in sich zur vollen und gleichen Tätigkeit bringen und dadurch wahrhaft Gott und uns Engeln Gottes gleich werden; aber, wie gesagt, gar viele sind davon abgewandt und kümmern sich wenig darum und erkennen sonach das wahre Geheimnis des Lebens in sich ganz und gar nicht. Solche blinden und halbtoten Menschen können dann den ihnen zugrunde liegenden Zweck des Lebens nicht erkennen, weil sie sich nur von einem oder dem andern der sieben Geister leiten und beherrschen lassen.

[GEJ.07_020,02] So lebt der eine pur aus dem Geiste der Liebe und achtet der anderen Geister gar nicht. Was ist dann ein solcher Mensch anders als ein freßgieriges und nie genug habendes Raubtier? Solche Menschen sind stets voll Eigenliebe, voll Neid und voll Geiz und sind gegen alle ihre Nebenmenschen hartherzig.

[GEJ.07_020,03] Andere wieder haben eine erleuchtete Liebe und sind somit auch recht weise und können ihren Nebenmenschen ganz gute Lehren geben; aber ihr Wille ist schwach, und sie können darum nichts völlig ins Werk setzen.

[GEJ.07_020,04] Wieder andere gibt es, bei denen die Geister der Liebe, des Lichtes und des Willens ganz tätig sind; doch mit dem Geiste der Ordnung und des rechten Ernstes sieht es ganz schwach aus. Diese Art Menschen werden auch recht klug und manchmal sogar recht weise reden und auch hie und da etwas Vereinzeltes ins Werk setzen; aber der recht und ganz aus allen sieben Geistern weise Mensch wird nur zu bald aus ihren Worten, Reden und Werken ersehen, daß darin keine Ordnung und kein Zusammenhang waltet.

[GEJ.07_020,05] Und wieder gibt es Menschen, die Liebe, Licht, Willen und Ordnung besitzen; aber es fehlt ihnen der Geist des Ernstes. Sie sind darum ängstlich und furchtsam und können ihren Werken selten eine ganz volle Wirkung verschaffen.

[GEJ.07_020,06] Wieder andere sind dabei auch voll Ernst und Mut; aber mit der Geduld sieht es schwach aus. Solche Menschen überstürzen sich gewöhnlich und verderben mit ihrem geduldlosen Eifer oft mehr, als sie irgend gut machen. Ja, Freund, ohne eine gerechte Geduld gibt es nichts; denn wer keine gerechte Geduld hat, der spricht sich selbst ein gewisses Todesurteil! Denn der Mensch muß warten, bis die Traube vollends reif wird, wenn er eine gute Ernte machen will. Ist er damit widerwillig, nun, so muß er es sich denn am Ende doch selbst zuschreiben, so er statt einen edelsten Wein nur einen untrinkbaren Säuerling geerntet hat.

[GEJ.07_020,07] Die Geduld ist also in allem und jedem ein notwendiger Geist: erstens zur Beherrschung und zur Zurechtbringung des oft ins Unendliche gehen wollenden Geistes, den ich Ernst nannte – weil dieser Geist in Verbindung mit der Liebe, Weisheit und dem Willen in den größten Hochmut ausartet, der bekanntlich beim Menschen dann keine Grenze findet –, und zweitens, weil die Geduld zunächst, wie ich dir schon gezeigt habe, die Mutter des Geistes der Barmherzigkeit ist, welcher Geist als rückdurchwirkend erst allen vorhergehenden Geistern die göttlich-geistige Vollendung verleiht und der Menschenseele zur vollen und wahren Wiedergeburt im Geiste verhilft.

[GEJ.07_020,08] Darum hat der Herr Selbst nun euch allen die Liebe zu Gott und zum Nächsten vor allem ans Herz gelegt und dazu gesagt: ,Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist, und seid sanftmütig und demütig, so wie auch Ich von ganzem Herzen sanftmütig und demütig bin!‘

[GEJ.07_020,09] Der Herr gebot euch Menschen sonach, den siebenten Geist vor allem darum auszubilden, weil eben in diesem letzten Geiste alle vorhergehenden enthalten sind und durchgebildet werden. Wer demnach diesen letzten Geist mit allem Eifer bildet und stärkt, der bildet und stärkt auch die vorangehenden Geister und wird dadurch am ehesten und sichersten vollendet. Wer aber seine Bildung mit einem oder auch mehreren der früheren Geister beginnt, der gelangt schwer oder oft auch gar nicht zur ganzen und vollen Lebensvollendung, weil diese ersteren Geister als pur für sich den siebenten Geist nicht in sich enthalten, aber für sich alle die ihm notwendig vorangehenden.

[GEJ.07_020,10] Und siehe nun, darin besteht dann auch fortwährend insolange der Fall der Engel oder der Gedanken und Ideen aus Gott – die wir auch als die von Gott beständig ausgehenden Kräfte benamsen können –, als wie lange sie in ihrer Gesamtheit im Wesen des Menschen nicht den siebenten Geist in sich zur wahren und höchsten Vollendung gebracht haben. Denn alle die früheren Geister sind beinahe allen Geschöpfen teilweise mehr oder weniger frei gegeben; aber der siebente Geist muß erst von dem Menschen durch seinen höchsteigenen Fleiß und Eifer gewonnen werden.

[GEJ.07_020,11] Und wie durch solche Gewinnung alle die früheren sechs Geister erst ihre wahre Bedeutung und den wahren Lebenszweck erreichen, so erreicht denn auch der ganze Mensch durch ihn erst die vollste Lebensfreiheit und Selbständigkeit. – Und nun frage ich dich aber, ob du das alles auch wohl verstanden hast?"

[GEJ.07_020,12] Sagte Lazarus: „Ja, du von Gottes Geist erfüllter Diener des Herrn, ich kann dir für solche deine große Geduld und Gnade wahrlich ewig nie genug danken! Nun verstehe ich erst der alten Bücher Weisheit! Nur ist es ewig schade, daß ich das nun ganz allein verstehe, der ich ein zu schlechter Schreiber bin, um mir solche Lehren in ein Buch aufzuzeichnen. Das solltest du wohl auch den andern Jüngern des Herrn kundgeben, auf daß sie es, weil einige unter ihnen des Schreibens wohl kundig sind, für alle Zeiten und Völker aufzeichneten; denn sie werden davon noch nichts wissen."

[GEJ.07_020,13] Sagte Raphael: „Sorge du dich nur darum nicht; denn in eben der Stunde, als ich dir alles das von den Wundern, von den Kriegen Jehovas und von den sieben Geistern Gottes erklärte, hat im Saale der Herr Selbst ganz auf ein Haar das gleiche und dasselbe allen ebenso verständlich erklärt, wie ich selbst dir nun solches erklärt habe, und Johannes und Matthäus haben sich davon die Hauptpunkte auch notiert! So du aber ein leeres und unbeschriebenes Buch hast, so will ich dir das denn auch selbst im Momente von Wort zu Wort aufzeichnen."

[GEJ.07_020,14] Sagte Lazarus: „Ein solches Buch besitze ich nun wohl; soll ich es dir hierherbringen?"

[GEJ.07_020,15] Sagte Raphael: „Hat keine Not! Gehen wir aber nun auch ins Haus, und da wirst du dein Buch schon vollgeschrieben finden!"

[GEJ.07_020,16] Darob hatte Lazarus eine gar große Freude, und beide kamen bald zu uns in den großen Speisesaal.

 

21. Kapitel

[GEJ.07_021,01] Als Lazarus mit Raphael zu uns kam, da hörte er noch die allseitigen großen Verwunderungen über Meine Lehre – über die Wunder, über die Kriege Jehovas, über die sieben Urgeister in Gott und über den sogenannten Fall der Engel, und der Römer Agrikola bedauerte Lazarus, weil er nicht anwesend war bei einer so heiligen und überwichtigen Lehre aus Meinem Munde.

[GEJ.07_021,02] Darauf sagte Lazarus zu ihm: „Ich danke dir für diese deine besondere Aufmerksamkeit! Doch was euch der Herr durch Seine übergroße Gnade hier im Hause allergütigst erklärte, ganz dasselbe erklärte und zeigte mir draußen dieser überweise und durch den Willen des Herrn auch gar übermächtige Jüngling.

[GEJ.07_021,03] Hier zum Beweise diese zwei Becher aus reinstem Golde, von denen – um mir das Wirken eines vollkommenen Geistes um so anschaulicher und begreiflicher zu machen – der eine langsam vom Boden bis zum obersten Rande, der zweite aber augenblicklich mir in meiner Hand erschaffen wurde! Die Veranlassung dazu war die wunderbar plötzliche Herstellung der vielen Bänke, Tische, Zelte und der Tischgeschirre, der Tischdecken und der verschiedenen Speisen und Getränke. Es wurden nahe an acht- bis neunhundert Menschen von allen Weltgegenden in ihrer Art und Weise bestens bedient, und dennoch ist den Fremden aus meinen Vorräten nicht so viel vorgesetzt worden, wie da unter einem Nagel Platz hätte! Weil alles das unter meinen Augen geschah, so war es denn doch begreiflich, daß ich mich erkundigte, wie ihm alles das zu bewirken möglich wäre. Und er erklärte mir alles so gut und rein, daß ich alles, was er mir aufhellte, ganz wohl begriffen habe.

[GEJ.07_021,04] Darauf kamen wir auf das alte Buch der Kriege Jehovas, auf die sieben Geister Gottes und auf den Fall der Engel mit ihrem Fürstenengel Luzifer zu sprechen. Und sieh, dieser anscheinende Jüngling enthüllte mir alles und machte dazu noch, daß seine ganze, über eine Stunde lange Rede über diese hochwichtigen Dinge in ein Buch gezeichnet wurde, das ich dir als einen zweiten Beweis dafür, daß ich alles das, was ihr vernommen habt, auch vernommen habe, sogleich vorweisen werde, und du kannst darin selbst eine vergleichende Nachlese halten!"

[GEJ.07_021,05] Sagte Agrikola: „Da wirst du wahrlich sehr wohl daran tun, und es war ganz klug und weise von dir, daß du den wunderbaren Jungen dazu beredet hast; denn es war diese Lehre zu hochwichtig, als daß sie nicht wortgetreu hätte aufgezeichnet werden sollen. Es haben auch hier zwei Jünger des Herrn geschrieben, doch nur, wie es lautete, die Hauptpunkte der großen Rede. Gehe darum hin, wo du das Buch hast, und bringe es hierher, auf daß wir es alle sehen und vergleichen mögen!"

[GEJ.07_021,06] Hier wandte sich Lazarus an Mich uns sagte: „O Herr, sage Du es mir auch, ob es an der Zeit ist, den Römern das Buch vorzuweisen!"

[GEJ.07_021,07] Sagte Ich: „O allerdings, gehe nur und bringe es! Es wird niemandem schaden, wenn er solche gar wichtige Lehre noch einmal vernimmt."

[GEJ.07_021,08] Hierauf ging Lazarus in sein Gemach und brachte, selbst voll Staunens und großer Freude, das Buch, legte es vor den Römer auf den Tisch und sagte dazu: „Siehe, Freund, hier ist das wunderbar geschriebene Buch! Lies es laut vom Anfange bis zum Ende vor, auf daß alle Anwesenden noch einmal vernehmen können, was Wichtiges der Raphael und der Herr uns geoffenbart haben!"

[GEJ.07_021,09] Sagte Agrikola: „Das werde ich auch alsogleich tun, wenn die Schrift nur gut leserlich ist!"

[GEJ.07_021,10] Hierauf öffnete der Römer das Buch, fand die Schrift in griechischer Zunge äußerst klar und deutlich und las das geschriebene Wort allen Anwesenden vor vom Anfange bis ans Ende, was denn auch nahe eine Stunde dauerte, und alle, die hier zuallermeist der griechischen Zunge mächtig waren, konnten sich nicht genug verwundern, wie Meine frühere Belehrung ganz von Wort zu Wort darin enthalten war.

 

22. Kapitel

[GEJ.07_022,01] Hier erst fing die junge schöne Jüdin an, den Agrikola ernster zu fragen, wer Ich und der wunderbare Jüngling denn so ganz eigentlich seien, und warum Mich alle stets mit ,Herr und Meister‘ anredeten. Das sähe sie schon ein, daß Ich ein Grundweiser sei; aber sie wüßte dennoch nicht, woher Ich wäre, und wer Ich sei.

[GEJ.07_022,02] Da antwortete ihr Agrikola und sagte: „Meine schöne Tochter! Sei du nur auf alles recht aufmerksam, samt deinen Eltern und deinem Bruder, und du wirst schon dahinterkommen, wer jener herrliche Mann ist, und woher Er gekommen ist, wie desgleichen auch dieser Jüngling!"

[GEJ.07_022,03] Sagte die Jüdin: „Wisset denn ihr selbst das auch noch nicht ganz und gar sicher, wer jener herrliche Mann so ganz eigentlich ist? So ihr es aber wisset, – warum saget ihr es mir denn nicht?"

[GEJ.07_022,04] Sagte Agrikola: „O meine liebste Tochter, euer weiser König Salomo sagte einst: ,Alles in dieser Welt hat seine Zeit, und zwischen Zeit und Zeit soll der Mensch Geduld haben; denn solange die Traube nicht reif ist, soll man sie nicht vom Weinstocke nehmen!‘ Und siehe, also wirst auch du noch nicht völlig reif sein, das Nähere über jenen herrlichen Mann zu erfahren; wenn du aber reif werden wirst, dann wird dir auch schon das Nähere kundgemacht werden. Aber wie gesagt, gib du nur auf alles genau acht, was jener herrliche Mann reden und tun wird, und es wird dir dann dein Herz sagen, wer jener herrliche Mann ist! – Hast du mich nun wohl verstanden?"

[GEJ.07_022,05] Sagte die Jüdin: „Ja, ja, ich habe dich ganz verstanden! Der arme Mensch ist noch allzeit auf die Geduld zum Besserwerden hingehalten; der reiche und von aller Welt angesehene Mensch aber kann sich für eine zu lange Geduld schon irgendein anderes Auskunftsmittel verschaffen. Ja, ja, das ist mir schon ziemlich lange her bekannt! Nun, nun, ich werde deinen gütigen Rat, hoher Herr, wohl ganz befolgen; ob ich aber dabei etwas gewinnen werde, das ist eine ganz andere Frage!"

[GEJ.07_022,06] Hier bat der Vater der Tochter den Agrikola sehr um Vergebung und sagte: „Herr, Herr, vergib es dem armen Kinde; denn es ist manchmal bei aller seiner Gutherzigkeit ein wenig zu wißbegierig und wird, so man ihm dann und wann irgend aus guten Gründen etwas vorenthält, leicht unwillig. Aber wenn dann der oft eitle Neugiersturm vorüber ist, so wird es darauf gleich wieder voll Geduld und Sanftmut und fügt sich dann ganz gern in alles noch so Bittere. Darum wolle du, guter und hoher Herr, diesem unserem Kinde diese kleine Ausartung ein wenig zugute halten!"

[GEJ.07_022,07] Sagte Agrikola: „Ah, was fällt euch da bei?! Dieser eurer lieben Tochter Rede gefiel mir ja eben nur ganz besonders gut, weil sie ganz offen und unbefangen die Wahrheit redete. Ich bleibe von jetzt an noch mehr euer Freund, als ich es zuvor war. Darum könnet ihr in dieser Hinsicht schon ganz beruhigt sein. Aber die Tochter soll in ihrer Weise nur weiterreden, und wir werden dadurch doch noch aufs ganz Wahre kommen."

[GEJ.07_022,08] Damit waren die armen Alten ganz zufriedengestellt, und die Tochter durfte nun reden, wie ihr die Zunge und der Verstand gewachsen waren.

[GEJ.07_022,09] Sie wandte sich nun gleich wieder an den Römer und sagte zu ihm (die Jüdin): „O lieber, großer Herr und Freund, du bist wohl ein gar sehr guter Mensch, und alle deine Gefährten scheinen es auch zu sein; aber du kannst in deinem großen Weltglück es doch nie ganz fühlen, was die Armut in ihrer oft ganz hilflosen und großen Not fühlt! Wenn man sich als ein junges und von der Gottesnatur nicht vernachlässigtes Mädchen nicht in alles das begibt, was die Großen und Reichen wünschen, so ist man dann schon so gut wie ganz verloren. Kein Mensch schaut da mehr auf unsereins, man wird beschimpft und für ein eitel dummes und stolzes Wesen gehalten, und kommt man dann in irgendeiner Not zu jemand um Hilfe, so wird man zur Tür hinausgewiesen und darf sich dann nicht mehr vor einer solchen Tür sehen lassen. Das ist und bleibt für unsereins denn doch immer etwas im hohen Grade Unangenehmes und benimmt einem am Ende alles Vertrauen selbst zu der besseren Menschheit. Denn Menschen sind wir alle und sind behaftet mit allerlei Schwächen und Unvollkommenheiten. Ist das wahr oder nicht?"

[GEJ.07_022,10] Sagte Agrikola: „Du hast zwar ganz wahr und recht gesprochen; aber es gibt dennoch noch etwas, dessen du bei deiner Armut- und Notschilderung vergessen hast! Sieh, wen Gott liebhat, den prüft er zuvor ganz gehörig durch, bevor Er ihm vollauf hilft! Und das scheint denn Gott der Herr mit euch getan zu haben. Als aber eure Not aufs höchste gestiegen war, da kam zu euch denn auch Seine Hilfe, und nun ist euch erst wahrhaft geholfen. Denn ich habe euch im Namen Gottes, eures und meines Herrn, zugesagt und werde mein euch gegebenes Wort auch halten, und das rein aus Liebe und Dankbarkeit zu eurem wahren Gott und ja nicht etwa wegen irgendeiner besonderen Liebe und Neigung zu dir, dieweil du eine sehr schöne Jüdin bist. Denn meine Liebe zu Gott ist um sehr vieles größer, als ich sie je zu allen mir vorgekommenen Schönheiten und Herrlichkeiten der Welt empfunden habe. Also wegen deiner Versorgtheit darfst du von nun an in gar keine Bangigkeit mehr geraten; daß dir aber eine nähere Bekanntschaft mit jenem Herrlichen noch eine Weile vorenthalten wird, das hat einen ganz weisen Grund, und wir sind darum nicht irgend hart gegen dich, so wir dir nicht gleich alles sagen, was wir alle als ganz sicher und vollkommenst wahr von Ihm wissen.

[GEJ.07_022,11] Daß hinter Ihm etwas ganz Außerordentliches steckt, das kannst du dir schon vorstellen; doch worin das Außerordentliche besteht, das wirst du bald und leicht zum größten Teil von selbst herausfinden, wenn du nur, wie ich dir geraten habe, recht aufmerksam bist, und zwar auf alles, was Er reden und tun wird. Ich habe dich aber ja schon gleich anfangs da auf diese Gefäße auf diesem unserm Tische aufmerksam gemacht, wie Er sie bloß durch Seinen Willen gleichsam erschaffen hat. Dann warst Du nun auch Zeugin, wie Er während der Erklärung Seiner Wundertaten jene beiden Goldbecher aus der Luft heraus ins Dasein rief, die nun noch vor Ihm stehen und jenen beiden völlig ähnlich sind, die der Hauswirt Lazarus hereinbrachte, indem er erzählte, wie sie jener Jüngling, der nun an jenem kleinen Tische mit dem Lazarus ißt und trinkt, auf die gleiche Weise wunderbar aus der Luft ins Dasein rief also, wie hierinnen jener herrliche Mann dasselbe tat. Wenn du solches alles gehört und gesehen hast, so sollte dir, wie auch deinen Eltern und deinem Bruder, schon so ein wenig mehr Licht über jenen herrlichen Mann kommen, der so überweise reden und so außerordentliche Taten zustande bringen kann."

[GEJ.07_022,12] Sagte die Jüdin: „Ja, ja, da hast du schon ganz recht und wahr geredet; aber eben darin liegt für uns vier ja der eigentliche Haken, über den wir nicht gar so leichten Fußes und Sinnes hinwegzuspringen imstande sind; denn für einen noch so großen Propheten spricht er zu klar und weise und tut zu unerhört Außerordentliches. Ihr Römer habt es da leicht, weil ihr solch einen außerordentlichen Menschen gleich für einen Gott ansehen, annehmen und ihn als solchen verehren und anbeten könnt; aber das geht bei uns Juden nicht, weil wir nur an einen alleinigen Gott glauben, den niemand sehen und leben kann. Die Weisheit dieses herrlichen Mannes übersteigt freilich wohl alle bisherigen Begriffe der Menschen und ebenso auch seine Taten, und er muß darum sehr viel des reingöttlichen Geistes in sich haben; aber darum können wir Juden ihn doch nicht als einen Gott annehmen! – Was sagst denn nun du dazu?"

 

23. Kapitel

[GEJ.07_023,01] Sagte Agrikola: „Ja, du meine liebe Tochter Jerusalems, auf solch eine Äußerung von dir läßt sich vorderhand freilich wohl nicht gar zu vieles einwenden; aber es wird schon noch eine Stunde kommen, in der du von jenem herrlichen Manne ganz anders urteilen und reden wirst.

[GEJ.07_023,02] Hast du denn als Jüdin noch nie von einem Messias der Juden reden hören, der da kommen solle und werde, um zu erlösen Sein Volk aus den ehernen Händen der Tyrannei der Sünde, die nun alle Welt mit der ewigen Vernichtung überhart bedroht? Könnte denn nicht so zufälligerweise eben jener herrliche Mann der verheißene Messias der Juden und zugleich aller Menschen auf der ganzen Erde sein? – Was meinst denn du dazu?"

[GEJ.07_023,03] Sagte die Jüdin: „O Freund, solch eine Weissagung klingt wohl gar sehr tröstlich, doch alle unsere Weissagungen sind so gestellt, daß sie erstens von den Priestern nicht verstanden werden und zweitens von uns Laien noch um sehr vieles weniger! Dazu ist das alles in den Weissagungen der Propheten so unbestimmt gestellt, daß kein Mensch unseresgleichen daraus klug werden kann, wann ein solcher Messias kommen wird, wie Er aussehen, was für Eigenschaften Er besitzen und woran man Ihn am ehesten und leichtesten erkennen wird.

[GEJ.07_023,04] Einmal ist Er ein Kind, das andere Mal ein Lamm, der Löwe von Juda, und wieder ein Hoherpriester in Ewigkeit – und das nach der Weise Melchisedeks –, Nachkomme Davids, ein König der Juden ohne Ende, und so ist Er noch unter verschiedenen anderen Namen und Bedeutungen verheißen, so daß man sich am Ende gar nicht mehr auskennen kann, als was und in welcher menschlichen Form, Art und Würde Er in diese Welt zu uns Juden kommen wird.

[GEJ.07_023,05] Übrigens aber hätte ich auch wahrlich schon ganz und gar nichts dawider, so eben jener herrliche Mann dort der wahre Messias wäre; nur verstehe ich das nicht, daß eben unsere Priester, die doch zuallernächst – des Volkes wegen, das ihnen zuerst glaubt – davon in der vollsten Kenntnis sein sollten, sich um diesen schier wahren Messias ganz und gar nicht zu kümmern scheinen! Denn er war ja mit dir unten am großen Stadttor, als du Hoher mit dem Tempelobersten wegen meines Bruders gerechtet hast, und siehe, jener schien ihn gar nicht zu kennen! Wie kommt denn das?"

[GEJ.07_023,06] Sagte Agrikola: „Das kommt daher, weil die Templer zu sehr herrsch- und habgierig sind und für nichts anderes irgendeinen Sinn haben als nur fürs irdische Wohlleben aller Art und Gattung, wie du solches selbst erfahren hast. Um das zu erreichen, nehmen die Templer ihre Zuflucht zu allen möglichen Lügen und Betrügereien und sind, wie ich mich selbst überzeugte, Feinde jeder Wahrheit und somit auch jedes Wahrhaftigen. Sie führen den Namen Mosis und der andern Propheten wohl im Munde, aber deren Lehren und Gesetze verachten sie und geben ihre schlechten und selbstsüchtigen Satzungen für die des Moses und der andern Propheten dem Volke, das sie dadurch quälen, daß sie ihm allerlei unnötige Lasten aufbürden und es geistig und physisch bedrücken.

[GEJ.07_023,07] Dieser unser herrlicher Mann aber ist die Liebe, die Wahrheit und die höchste Weisheit selbst und zeugt von der großen Schlechtigkeit solcher Pharisäer, die sich da als Priester und Schriftgelehrte dem Volke vorstellen und sich als seiende Diener Gottes, an den sie nicht glauben, und den sie auch gar nicht kennen und auch nicht erkennen wollen, über alles Maß hoch verehren und schon förmlich anbeten lassen, und so sind sie Ihm feind und wollen von Ihm nichts hören und wissen, was nur zu offen am Tage liegt.

[GEJ.07_023,08] Ich selbst habe mich vor ein paar Tagen alsbald nach meiner Ankunft überzeugt, wie sie Ihn, als Er im Tempel lehrte, steinigen wollten, weil Er ihnen die volle Wahrheit gepredigt hat. Wenn du nun das weißt, so wirst du schon auch den Grund einsehen, warum eure Tempelpriester diesen herrlichen Mann nicht als den verheißenen Messias und Heiland der Welt annehmen wollen, – was aber für die Hauptsache nichts ausmacht; denn ob diese eure Templer das annehmen oder nicht, so bleibt Er dennoch Der, der Er der vollsten Wahrheit nach ist. – Begreifst du, meine holde Tochter, nun das wohl?"

[GEJ.07_023,09] Sagte die Jüdin: „O ja, das begreife ich nun schon ganz gut; du wirst schon ganz recht haben! Für die da unten könnten nun schon Moses und Elias sichtbar aus den lichten Himmeln herabkommen und ihnen ihre großen Schändlichkeiten zeigen und sie zur wahren Buße ermahnen und sie dann hierher führen und ihnen zeigen in jenem herrlichen Manne den verheißenen und gekommenen Messias, so würden sie selbst diesen zwei größten Propheten nicht glauben, sondern sie nur verfolgen und lästern! Oh, das ist uns eine nur zu bekannte Sache! Aber nun lassen wir ab von unserem Gespräch; denn ich merke es, daß auch jemand anders etwas reden möchte, und der herrliche Mann scheint etwas im Sinne zu haben, und auf das müssen wir wohl sehr achthaben!"

 

24. Kapitel

[GEJ.07_024,01] Hier winkte Ich dem Raphael und beschied ihn dahin, daß er der Jüdin, ihrem Bruder und auch ihren Eltern entsprechende Kleider verschaffen solle.

[GEJ.07_024,02] Darauf ging Raphael schnell an den Tisch zu den vieren und sagte zu ihnen: „Was für Kleider habt ihr daheim in eurer Wohnstube?"

[GEJ.07_024,03] Sagte die Jüdin: „O du liebster und gar überaus himmlisch schöner und ebenso mächtiger Diener jenes gar herrlichen Mannes! Du weißt ohnehin, wie gar schlecht wir schon seit langem mit unserer Bekleidung bestellt sind, und das wahrlich ohne unsere Schuld. Und so meine ich, daß wir dir für diese deine immerhin gütige Frage eine Antwort ganz schuldig bleiben können, und das um so mehr, weil ich dir schon ohnehin angezeigt habe, wie es mit unserer Bekleidung steht. Gehe hin und überzeuge dich!"

[GEJ.07_024,04] Sagte Raphael: „Darum habe ich dich auch nicht gefragt; denn euer Kleiderbesitztum in eurer Wohnstube kenne ich ganz genau; aber ich kenne noch etwas, das du wegen deines etwas unzeitigen Ehrgefühls gerne verschweigen möchtest. Doch siehe, bei uns ist kein Verschweigen möglich, da wir um gar alles nur zu genau wissen. Du hast aus Liebe zu deinen Alten und zu deinem Bruder deine guten und sogar sehr kostbaren Kleider einem griechischen Pfandleiher gegen hundert Groschen auf ein Jahr lang versetzt und hast den Pfandschein daheim, und siehe, davon hast du mir eben nicht gar besonders vieles gesagt! So du nun jene Kleider besäßest, – wärest du damit nicht zufrieden? Für deine Alten und für deinen Bruder könnte dann schon hier gesorgt werden!"

[GEJ.07_024,05] Hier ward die junge Jüdin etwas verlegen, sagte aber nach einer kleinen Weile dennoch: „Ja, ja, du hast wohl die volle Wahrheit geredet; aber was soll das mir nun noch nützen? Jene guten Kleider waren ja auch nur ein Geschenk von einem reichen Anverwandten, der leider gestorben ist und uns nachher keine weitere Unterstützung hat angedeihen lassen können. Die mir noch bei seinen Lebzeiten geschenkten Kleider aber waren auch das ganze Erbe, das uns allen zugute kam; alles andere erbten seine drei Söhne, die aber sehr harte Menschen sind und Arme nicht mehr ansehen wollen.

[GEJ.07_024,06] Ich selbst aber habe jene kostbaren Kleider nie an meinem Leibe getragen, da sie sich erstens für ein armes Mädchen nicht geschickt hätten und mir fürs zweite auch zu groß gewesen wären. Unsere große Not aber zeigte mir damit einen andern Ausweg. Weil ich sie des Andenkens wegen schon auch nicht verkaufen wollte, so versetzte ich sie mit dem Gedanken, daß es etwa in einem Jahre doch möglicherweise irgend also sich fügen werde, daß ich sie zurücklösen könnte. Aber bei unserem stets wachsenden Elende wäre trotz des Pfandscheins in meinen Händen von einem Zurücklösen wohl ohnehin nie mehr die Rede gewesen, und so habe ich denn auch lieber nichts davon gesagt; und es zwang mich auch noch der Umstand, daß das Versetzen bei uns zu keiner besonders preiswürdigen Tugend gehört, davon eben keine Erwähnung zu machen. Und jetzt weißt du, allerschätzbarster, jugendlicher Freund, aber auch schon alles; es fragt sich jetzt nur, was da zu machen ist!"

[GEJ.07_024,07] Sagte der Engel mit freundlicher Miene: „Was anderes als auslösen! Doch es würde das dir, du meine liebe Schwester in Gott dem Herrn, viele Gänge und Unbequemlichkeiten machen, und so will ich das an deiner Stelle tun. Ist dir das recht also?"

[GEJ.07_024,08] Sagte die Jüdin: „Ja, recht wäre es mir gar sehr; aber fürs erste habe ich den Pfandschein nicht hier bei mir, und fürs zweite wohnt der Grieche gar weit von hier und kommt nur alle Monde einmal nach Jerusalem, macht da seine Geschäfte ab und zieht dann wieder dahin, wo er zu Hause ist, ich glaube gar in Tyrus oder Sidon. Er kann jetzt wohl auch hier in Jerusalem sein, was ich nicht wissen kann, da er ganz gewiß nur zu den Osterfesten nach Jerusalem kommt und da seine Hauptgeschäfte abmacht."

[GEJ.07_024,09] Sagte Raphael: „Das macht alles nichts! Weil es dir also recht ist, so werde ich mit deinem Pfandscheine deinen Griechen schon bald irgendwo finden, deine Kleider auslösen und sie dir selbst hierherbringen. Wie bald möchtest du sie wohl haben?"

[GEJ.07_024,10] Sagte die Jüdin: „O holdseligster Freund, wenn du das auf ganz natürlichem Wege verrichten willst, so wirst du wohl mehrere Tage zu tun haben, bis du dieses Geschäft mit dem Griechen wirst abmachen können; aber da dir auch Wunderbares möglich ist, so könntest du so etwas vielleicht auch in einer viel kürzeren Zeit zustande bringen!"

[GEJ.07_024,11] Sagte darauf Raphael: „Nun, so zähle denn die Augenblicke, die ich dazu benötigen werde, um dir zuerst deinen Pfandschein zu holen! Nun, hast du die Augenblicke schon zu zählen angefangen?"

[GEJ.07_024,12] Sagte die Jüdin: „Wie kann ich das, solange du noch hier weilst?"

[GEJ.07_024,13] Sagte Raphael lächelnd: „Ich war aber nun schon fort und habe hier deinen Pfandschein auch schon in meinen Händen. Sieh ihn an, ob er wohl der rechte ist!"

[GEJ.07_024,14] Hier fingen alle im höchsten Grade zu staunen an über solch eine nie erhörte Schnelligkeit, und Agrikola und noch andere Römer sagten: „Aber Freund, du warst ja keinen Augenblick abwesend! Wie war dir das möglich? Du hast den Pfandschein wahrscheinlich schon früher, als du diese Familie in ihrer Wohnung abgeholt hast, gleich deshalb mitgenommen, um nun damit einen nützlichen Gebrauch zu machen? Denn das ist doch wohl nicht zu glauben, daß du in einem nicht denkbar schnellsten Augenblick hin und zurück hättest kommen können!?"

[GEJ.07_024,15] Sagte Raphael: „In dieser materiellen Welt und bei den Menschen ist gar vieles nicht möglich, was Gott und Seiner Macht doch möglich ist! Du weißt aber nun aus dem Munde dieser Jüdin, daß jener Grieche, der ihre Kleider als Pfand für die ihr dargeliehenen hundert Groschen besitzt, nun in Tyrus sich befindet, obschon sein Geschäftsdiener wohl hier ist und seine Geschäfte besorgt. Seine Geschäftsbude ist aber doch gut bei zwei Stunden Weges außerhalb der Stadt in der Richtung gen Bethlehem hin, und ich werde dieser Armen Kleider ebenso schnell herbeischaffen, wie ich ihr nun diesen Pfandschein herbeigeschafft habe, und du wirst dann nicht sagen können, daß ich etwa auch schon früher ihre Kleider abgeholt habe. Zähle du nun die Augenblicke, die ich zu dieser Arbeit brauchen werde! Hast du sie schon gezählt?"

[GEJ.07_024,16] Sagte Agrikola: „Wie soll ich sie wohl gezählt haben, da du dich von hier noch nicht entfernt hast?"

[GEJ.07_024,17] Sagte Raphael: „So sieh hin! Dort auf der Bank neben der Tür, in ein Tuch gut eingebunden, befinden sich schon die völlig ausgelösten Kleider dieser armen Jüdin; sie soll sie in Augenschein nehmen und euch sagen, ob dies nicht vollkommen ihre ihr wohlbekannten Kleider sind!"

[GEJ.07_024,18] Hier erhob sich alsbald die Jüdin, nahm unter der größten Verwunderung die Kleider in Augenschein und erkannte sie auch sogleich als vollkommen die ihrigen.

[GEJ.07_024,19] Da aber ihre Mutter noch schlechter bekleidet war als sie selbst, so sagte sie zu Raphael (die Jüdin): „Höre, du mein überwunderbarer, junger Freund, ich frage dich gar nicht, wie es dir möglich war, mir gar so urplötzlich diese Kleider herbeizuschaffen, die ein Weib zur Übergenüge bekleiden können, doch für mich und diese meine Mutter nicht ausreichen würden! Daher gebe ich sie ihr, auf daß sie sich völlig bekleide; ich selbst aber will diese ihre Kleider nehmen, die sie nun am Leibe hat, und sie werden genügen, um meines Leibes Blößen zu bedecken auf so lange hin, bis ich durch die Güte dieses weltmächtigen Römers zu einem besseren Kleide kommen werde. Lasset mich aber mit der Mutter in ein einsames Zimmer treten, in welchem wir uns umkleiden können!

[GEJ.07_024,20] Zuvor aber frage ich dich, du wahrhaft unbegreifbar wundermächtiger Jüngling, ob diese sonst kostbaren Kleidungsstücke nun wohl als rein anzusehen sind; denn sie befanden sich zuvor in den Händen eines Heiden, die vor uns Juden unrein sind. Ich wollte aber lieber gar kein besseres Kleid an den Leib dieser meiner Mutter tun, so sie durch dasselbe nur auf einen Tag lang unrein werden könnte."

[GEJ.07_024,21] Sagte Raphael: „Mein Kind, was du mit dem Kleide nun tun willst, das ist wohlgeraten und wohlgetan! Tue also nach deinem Herzen, und es wird dir das gute Früchte tragen! Wegen der Reinheit der Kleidungsstücke aber habe keine Sorge; denn was sich in meinen Händen befand, das ist auch völlig rein. Lazarus aber wird dir und deiner Mutter schon ein Zimmer anweisen, in welchem ihr euch umkleiden könnet."

[GEJ.07_024,22] Darauf dankten beide, nahmen die Kleider, und Lazarus führte sie sogleich in ein kleines Gemach, allwo sie sich umkleiden konnten.

[GEJ.07_024,23] Als nun die Mutter ganz köstlich bekleidet war, nahm die Tochter der Mutter abgelegte, schon stark schadhafte Kleider und bekleidete sich damit und hatte eine große Freude an der Freude ihrer nun wohlbekleideten Mutter und achtete nicht darauf, daß sie selbst gar armselig bekleidet war.

[GEJ.07_024,24] Als die beiden bald wieder zu uns in den Speisesaal kamen, siehe, da war die Tochter ebenso köstlich bekleidet wie ihre Mutter, und sie fing an, sich sehr zu wundern, daß sie nun auch also gar köstlich bekleidet war gleichwie ihre Mutter. Aber noch höher stieg ihre nimmer aufhören wollende Verwunderung, als sie am Tische der Römer auch den Vater und den Bruder gar festlich bekleidet antraf.

 

25. Kapitel

[GEJ.07_025,01] Hier erst fing der Tochter innerlich ein helleres Licht über Mich aufzugehen an, so daß sie mit der Mutter darob zu Mir hintrat und sagte (die junge Jüdin): „O Herr und Meister, mein Herz sagt es mir, daß nur Du allein hier solches tust, was keinem Menschen, keinem Propheten und ohne Deinen Willen auch keinem Engel, sondern nur einem Gott allein möglich ist, und somit bist Du auch ein Gott! Darum sei auch Dir allein alle unsere Verehrung und Liebe unser ganzes Leben hindurch! Alle Ehre und alles Lob Dir ganz allein!"

[GEJ.07_025,02] Sagte Ich: „Wer da glaubt und tut nach Meinem Worte, der wird selig werden! Aber ihr glaubet nun, dieweil ihr Zeichen gesehen habt, und saget, daß Ich ein Gott sei; hättet ihr aber keine Zeichen gesehen, so hättet ihr auch nicht geglaubt und nicht gesagt, daß Ich ein Gott sei. Nun, wie kommt denn das?

[GEJ.07_025,03] Sehet, das kommt daher, weil in euch bis jetzt noch keine Wahrheit ist und auch nicht sein kann, weil ihr eben bis jetzt noch nie eine Wahrheit vernommen habt! Ich aber sage es euch nun: Befleißet euch alle der reinen Wahrheit; denn nur sie allein kann euch vollkommen frei machen am Leibe und an der Seele, – am Leibe, weil euch die Wahrheit sagen wird, warum euch ein Leib zu tragen gegeben worden ist, und an der Seele, weil euch eben die Seele aus der Wahrheit in ihr selbst sagen wird, daß sie für die vollste Freiheit und ewige Selbständigkeit da ist!

[GEJ.07_025,04] Nun, Meine arme und holde Tochter, Ich hätte dir das nun wahrlich nicht gesagt, so Ich es nicht wüßte, daß du ein in allem möglichen ganz besonders wohlerzogenes Kind bist. Aber Ich sage es dir, daß Ich Menschen, die manchmal in ihrem besseren Erkennen so ein wenig hartnäckig sind, lieber habe als jene, die oft nach wenigen Zeichen und Beweisen schnell wie ein Schilfrohr im Sturme umwenden und sich nach des Richters (Sturmes) Zuge kehren, was dann für sie offenbar beweist, daß sie eben keine irgend besondere Selbstkraft besitzen. Wenn aber jemand die Selbstkraft nicht besitzt und kein gutes Urteil fällen kann in seinem Verstande, ist er zum Reiche Gottes ebensowenig geschickt wie derjenige, der einen Acker pflügt und sich dabei fortwährend nach rückwärts umsieht.

[GEJ.07_025,05] Und siehe, du holde Gestalt, also steht es nun noch mit dir! Du hast Mich ehedem wohl für einen Gott erklärt, wozu dich die Zeichen und Meine Weisheit nötigten; aber du verwarfst im selben Augenblick den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Denn du dachtest dir: ,Wer also weise reden und solche unbegreiflichen Wunderzeichen wirken kann, der ist dann bei dir schon ein Gott!‘ Aber nun reut es dich schon geheim im Herzen, daß du solches ausgesprochen hast, weil du dir gleich darauf wieder die Gesetze Mosis ins Gedächtnis gerufen hast, und du hast nun eine Furcht in dir, daß du in einer Gemütsübersprudelung des alten Jehova vergessen und Mir die nur dem wahren Gott gebührende Ehre geben konntest. Und siehe, das heißt die Hand an den Pflug legen und dabei nach rückwärts schauen!

[GEJ.07_025,06] Wenn du Mich aber schon für einen Gott ansiehst, so mußt du Mich ganz für einen Gott wohlerkenntlich ansehen und dir keinen andern Gott neben Mir denken; denn so du Mich nun für einen Gott erklärst, dabei aber auch an den alten Gott denkst und dich vor Ihm darob fürchtest, weil du dich dadurch am Gesetze Mosis versündigt zu haben wähnst, so ist solch ein Bekenntnis von dir an Mich ein eitles, und du bist dadurch um nicht vieles besser als eine Heidin, die wohl auch an den Gott Mosis glaubt, aber dabei auch an den Jupiter, Apollo, Merkur und noch viele andere Götter mehr.

[GEJ.07_025,07] Siehe, als du zu Mir hertratst, da dachtest du, daß Ich einer der erwähnten Götter der Heiden wäre, und gabst Mir jener hohen Römer wegen die Ehre! Aber sogleich gedachtest du des Gottes Mosis, der da sagt: ,Du sollst nur an einen Gott glauben und keine fremden Götter neben Mir haben!‘ Es übermannte dich die Reue, das laut ausgesprochen zu haben, und siehe, das war sonach offenbar nicht recht von dir! Denn so du an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glaubst, so kannst du Mich nicht als einen Gott begrüßen. Glaubst du aber ernstlich, daß nun Ich ein Gott bin, so mußt du den alten Gott fahren lassen, da es nur einen Gott geben kann, und nicht zwei oder noch mehrere Götter, gleichwie es auch nur einen unendlichen Raum und nur einen ewigen Zeitenlauf gibt, in dem alles ist und geschieht.

[GEJ.07_025,08] Nur wenn du glauben könntest, daß Ich und der alte Gott etwa ein und dasselbe sind – obwohl es geschrieben steht, daß niemand Gott schauen und leben kann –, dann bliebe doch wenigstens dein Gewissen ruhiger, und deine Furcht vor dem alten Gott wäre dadurch offenbar eine mindere! – Sage Mir aber nun, was du tun wirst!"

 

26. Kapitel

[GEJ.07_026,01] Hier dachte die Junge eine Weile nach, was sie denn jetzt darauf sagen solle; denn sie fühlte sich ganz getroffen.

[GEJ.07_026,02] Da wollte ihr aber gleich ihre gefaßtere Mutter aus der Verlegenheit helfen und sagte zur Tochter (die Mutter): „Ei, was denkst du nun gar so ängstlich und verlegen nach, was du reden sollst? Hat denn je jemand den alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs gesehen? Niemand weiß etwas anderes von Ihm, als was er aus den von lauter Menschen geschriebenen Schriften von Ihm gelesen oder von den Priestern reden gehört hat. Die Priester aber, die den alten Gott am meisten kennen und Seine Gebote am eifrigsten in allem und jedem befolgen sollten, tun gerade das Gegenteil und legen durch solches ihr Tun und Lassen vor jedem denkenden Menschen den Beweis ab, daß der alte Gott der Juden ein ebenso erdichteter ist wie alle Götter der Heiden, die auch nie von einem Menschen dieser Zeit gesehen worden sind. Diesen Gott aber sehen wir, hören Seine weisen Reden und bewundern Seine außerordentlichen, nur einem allmachtsvollen Gotte möglichen Taten. Was soll uns da weiter abhalten, Ihn als einen allein wahren Gott anzuerkennen und Ihm allein die Ehre zu geben?!"

[GEJ.07_026,03] Sagte darauf die Tochter: „Ja, ja, Mutter, es wäre das also wohl schon alles ganz recht, wenn wir mit der größten Bestimmtheit behaupten könnten, daß es nie einen Moses und nie einen Propheten gegeben habe und alle Schrift von Moses an nichts als eine Dichtung der stets gleichen Pharisäer sei. Doch weil sich das denn doch nicht so ganz vollkommen erweisen läßt, und weil es bekanntlich im Moses und in den andern Propheten dennoch gar viele Dinge gibt, die außerordentlich gut und wahr sind, und die meines Wissens den Pharisäern stets eine gar zuwidere und von ihnen nur zu bekanntermaßen nie beachtete Sache waren, so können wir denn doch nicht so ganz eigentlich annehmen, daß eben die aufeinanderfolgenden Pharisäer die ganze sogenannte Heilige Schrift unter allerlei fingierten Namen zusammengestellt haben, sondern es haben dieselbe offenbar von Gott begeisterte Menschen geschrieben, und das ist denn auch Gottes Wort, wenn auch jene gottbegeisterten Männer Gott niemals geschaut haben! Und es ist da immer eine wahrlich sehr gewagte Sache, einen Menschen ob seiner Reden und sicher höchst wunderbaren Taten sogleich als einen Gott anzuerkennen und anzupreisen.

[GEJ.07_026,04] Ich habe solches in meiner ersten Überraschung auch getan und habe in meinem Wahne die große Blindheit meines Herzens auch nicht in die allergeringste Berücksichtigung gezogen, der nach ich bald zwei Götter angebetet hätte. Der herrliche Mann hat mich jedoch gleich auf den rechten Weg gebracht, indem er mir ganz klar und sehr verständlich zu erkennen gegeben hat, daß er eben kein Gott, sondern nur ein großer, von Gott begeisterter Prophet sei, – und eines Weiteren bedürfen wir nicht.

[GEJ.07_026,05] Wissen wir denn nicht, daß der Prophet Elias noch früher kommen wird, als da kommen wird der große Messias?! Und ich irre mich eben – wie du, Mutter, es weißt – einmal nicht gar zu leicht, und so sage ich, daß dieser gar überaus herrliche Mann der Rücksendling Elias und jener überholde Junge sein Jünger Eliseus (Elisa) ist. Aber von nun an dürften wir wahrlich nicht lange mehr auf den großen Messias zu warten vonnöten haben!

[GEJ.07_026,06] Das ist nun so meine Ansicht, und weil eben dieser sonst gar so herrliche, weise und wundertätige Mann meint, daß ich im Glauben ein Schilfrohr bin, so will ich ihm aber nun von seiner Meinung auch das hartnäckigste Gegenteil zeigen. Wie in der Welt nicht alles Gold ist, was also aussieht und glänzt, als wäre es Gold, so will ich aber hier auch zeigen, daß eben auch nicht gar alles schwach ist, wenn es auch dafür ein Aussehen hat.

[GEJ.07_026,07] Gott gibt es nur einen; doch der Propheten kann es eine große Anzahl geben, zu denen ich diesen herrlichen Mann nun auch ganz offenbar zähle. Und so glaube ich nun, dir und diesem sonst herrlichen Manne auf seine Frage an mich doch gewiß ganz sicher die beste Antwort gegeben zu haben. Es war seine Bemerkung an mich wegen des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs ganz gut, und ich habe mich durch sie eben sehr ermahnt gefühlt und bin ihm für solch eine Ermahnung und für alle andern uns allen erwiesenen Wohltaten im höchsten Grade allen Dank schuldig; aber ob er der verheißene Messias ist, das lassen wir noch hübsch lange auf sich warten! Oh, ich bin alles eher als ein schwaches Schilfrohr!"

[GEJ.07_026,08] Hier ermahnte die Mutter die Tochter, daß sie nicht so eitel und stützig (widerspenstig) sein solle.

[GEJ.07_026,09] Sagte die Tochter: „Ich bin nicht stützig und noch um vieles weniger eitel; aber ich kehre mich an die Belehrung dieses herrlichen Mannes und großen Meisters und bin ihm von ganzem Herzen dankbar für die übergroßen Wohltaten, die er uns erwiesen hat. Was kann ich und was können wir alle wohl noch mehr tun? Ich will aber auch in dem nicht stützig sein, diesen herrlichen Meister als einen wahren Messias und Heiland der Menschen anzusehen; denn das war ja in einer gewissen Hinsicht ein jeder große und auch nach Umständen, jeder kleine Prophet, weil er den in alle Nacht des Lebens versunkenen Menschen wieder das Licht der Lebenswahrheiten brachte und sie aus dem Schlamme der Sinnlichkeit wieder in ein reineres geistiges und wahrheitsvolles Leben erhob. Und das tut, wie ich es nun gar wohl merke, auch dieser Mensch voll Herrlichkeit und voll wahrhaft göttlicher Kraft und Macht und ist darum denn auch sicher ein wahrer Messias der Menschen, die sich von ihm belehren lassen.

[GEJ.07_026,10] Mit solchem meinem Urteil über ihn kann ich mich unmöglich in einer großen Irre befinden; denn ich urteile nun nur nach dem, was ich von ihm selbst gehört und gesehen habe. Es kann sich die Sache vielleicht auch noch ganz anders verhalten – was wir nicht wissen können –, doch wir können da unmöglich fehlen, wenn wir jetzt nur das annehmen, was wir nach dem Gehörten und Gesehenen annehmen können. Gottes Geist, Kraft und Gnade leite ihn zum Wohle aller Menschen fort und fort!"

[GEJ.07_026,11] Sagte die Mutter: „Meine liebe Tochter, ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht gar so entsetzlich gescheit wärst! Der alte Rabbi hat dir die zwei Jahre hindurch den Kopf mit allem möglichen, was ein Mensch auf dieser Welt nur immer wissen kann, voll angestopft, und du hast hernach schon gleich alles besser gewußt als wir, deine Eltern, und dadurch bist du manchmal wohl ganz unausstehlich geworden, und ich merke es nun, daß du auch diesem großen Meister nahe auch schon widerlich geworden bist! Daher halte ich es nun für geraten, daß wir ihn um Vergebung bitten und uns dann auf unsere Plätze zurückziehen!"

[GEJ.07_026,12] Sagte nun Ich: „Oh, da hat es noch lange keine Not; denn Ich habe ja mit der Tochter Helias noch nichts reden können, weil nur du als ihre Mutter mit ihr verkehrt bist! Lasse nun auch Mich mit der schönen Helias verkehren (sprechen), auf daß sie als eine geweckte Jungfrau für sich und dann auch für viele andere, mit denen sie in Verkehr kommen wird, der vollsten Wahrheit nach erfahre, mit wem sie es in Meiner Person zu tun hat; denn bis jetzt weiß sie noch nichts, und du als ihre Mutter noch weniger! Darum rede du, Mutter, erst dann, wenn Ich dich zum Reden auffordern werde!"

[GEJ.07_026,13] Hier sagte die Mutter nichts mehr, bat Mich aber, dennoch in Meiner Nähe bleiben zu dürfen, was Ich ihr denn auch gestattete.

 

27. Kapitel

[GEJ.07_027,01] Darauf erst wandte Ich Mich wieder zur Helias und sagte zu ihr: „Höre nun, du schöne Helias! Du hast ehedem gesagt, daß Ich als ein großer Prophet ebensogut ein Messias sein könne und auch sei, wie ein jeder andere große und auch kleine Prophet; denn nach deinem eben ganz beachtenswerten Urteil ist gewisserart ein jeder Mensch ein Messias und Heiland der Menschen, der sie durch das Licht der vollen Wahrheit aus dem finstern Schlamme der Lüge, des Betruges und des lichtlosen Aberglaubens befreit. Und weil Ich eben das nun tue, so bin Ich denn auch wahrhaft ein Messias der Menschen, die Mich hören und sich nach Meiner Lehre kehren. Das ist ein ganz gutes Urteil von dir, einer jungen und von einem alten und ehrlichen Rabbi wohlunterrichteten Jüdin. Nur was deinen Glauben an Einen Gott betrifft, so bleibst du – und das mit allem Rechte – beim alten Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

[GEJ.07_027,02] Doch muß Ich dich auf mehrere Stellen der Propheten aufmerksam machen, die eben Mich Selbst im Schilde tragen. Daraus wirst du dich dann schon leichter und reiner zurechtfinden, als wie das bis jetzt der Fall sein konnte. Sieh, da heißt es unter anderem im Jesajas:

[GEJ.07_027,03] ,Eine Jungfrau wird empfangen / und einen Sohn gebären, / welcher genannt wird: / „Gott mit uns" (Jes.7,14).

[GEJ.07_027,04] Ein Knabe ist uns geboren, / und ein Sohn ist uns gegeben, / auf dessen Schultern die Herrschaft ist, / und Seinen Namen wird man nennen / Wunderbar, Gott, Held, / Vater der Ewigkeit, / Fürst des Friedens. (Jes.9,5)

[GEJ.07_027,05] Sagen wird man an jenem Tage: / ,Siehe, Der ist unser Gott, / den wir erwarteten, / daß Er uns befreie! / Dieser ist Jehova, / den wir erwarteten. / Frohlocken lasset uns und uns / freuen in Seinem Heile!‘ (Jes.25,9)

[GEJ.07_027,06] Die Stimme eines Rufenden in der Wüste: / ,Bereitet den Weg Jehovas, / und ebnet in der Wüste / einen Fußsteig unserem Gott, / und sehen wird das / alles Fleisch zumal.‘ (Jes.40,3.5)

[GEJ.07_027,07] Siehe, Jehova kommt im Starken, / und Sein Arm wird Ihm walten! / Sieh, Sein Lohn mit Ihm! / Wie ein Hirte wird Er / Seine Herde weiden. (Jes.40,10.11)

[GEJ.07_027,08] Und Jehova sprach: / ,Juble, und freue dich, / Tochter Zion! / Sieh, Ich komme, / daß Ich in deiner Mitte wohne; / denn dann werden viele Völker / Jehova anhangen / an Seinem Tage.‘ (Sach.2,14.15)

[GEJ.07_027,09] Ich, Jehova, / rief dich in Gerechtigkeit / und werde dich zum Bunde des Volkes geben; / Ich, Jehova – / denn dies ist Mein Name –, / werde Meine Herrlichkeit keinem andern geben. (Jes.42,6.8)

[GEJ.07_027,10] Siehe die kommenden Tage, / da Ich dem David / einen gerechten Sproß erwecken werde, / welcher als König herrschen / und Gericht und Gerechtigkeit / machen wird auf Erden! / Und dies ist Sein Name: / Jehova, unsere Gerechtigkeit.‘ (Jer.23,5.6)"

[GEJ.07_027,11] Siehe, du Meine Helias, also verkündeten Mich die Propheten in alter und sogar in dieser jüngsten Zeit! Und der Täufer und Prediger Johannes war eben die Stimme des Rufers in der Wüste, die Mir die Wege ein wenig ebnete und von Mir sagte: ,Siehe, da kommt das Gotteslamm, welches hinwegnimmt die Sünden dieser Welt!‘

[GEJ.07_027,12] Wenn du auch meinst, daß vor dem Messias noch Elias kommen müsse und alles Fleisch vorbereiten auf die große Ankunft des Messias, der Jehova genannt wird, so sage Ich dir: Elias war eben in jenem Johannes schon da, und Ich Selbst bin nun auch da. Ich kam in Mein Eigentum, und siehe, die Meinen erkennen Mich nicht! – Wie gefällt dir denn diese Sache?"

 

28. Kapitel

[GEJ.07_028,01] Sagte die Helias: „Herr und Meister, mir fängt es an zu schwindeln vor dem, was Du mir nun gesagt hast! So Du also schon ganz sicher Der bist, von dem die Propheten also geweissagt haben, – was sollen wir armen Sünder dann nun vor Dir, o Herr, anfangen?"

[GEJ.07_028,02] Sagte Ich: „Nichts als Meine Lehren anhören, sie behalten und danach leben, Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst, und ihr habt dadurch alle die sieben Geister Gottes in euch erweckt und dadurch erlangt das ewige Leben, wie Ich solches ehedem erklärt habe. – Bist du damit zufrieden?"

[GEJ.07_028,03] Sagte die Helias: „O Herr, o Jehova, wer sollte damit nicht zufrieden sein und wer nicht befolgen Deine Lehre und Deine allerliebevollsten Gebote?! Nur fragt sich hier dennoch, ob Du, o Herr, nun durch diese zwei Gebote der Liebe nicht die zehn Gesetze und die Propheten aufhebst, weil Du gesagt hast, daß in diesen zwei Geboten das ganze Gesetz Mosis und alle Propheten enthalten seien."

[GEJ.07_028,04] Sagte Ich: „Du Meine liebe Helias, wie magst du um so etwas fragen? Wenn das Gesetz Mosis und alle Propheten in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, wie könnten sie da wohl je aufgehoben sein? Siehe, gerade wie der siebente euch wohl erklärte Geist Gottes im Menschen die sechs vorhergehenden Geister durchdringt und erfüllt und somit alle in sich aufnimmt, ebenso erfüllt die wahre Liebe zu Gott und zum Nächsten alle die vorhergehenden Gesetze Mosis und alle die Vorschriften und Ermahnungen der Propheten!

[GEJ.07_028,05] Wenn Moses sagt: ,Du sollst allein an einen Gott glauben und keine fremden und nichtigen Götter der Heiden neben dem rechten Gott haben!‘, da erfüllst du dieses erste Gebot Mosis ja dadurch mehr als vollkommen, so du Gott über alles liebst. Denn könntest du Einen Gott recht über alles lieben, wenn du zuvor nicht ungezweifelt von Ihm glaubtest, daß Er wahrhaft da ist?! So du aber durch deine Liebe zu Ihm mehr als tageshell und lebendig dartust, daß du an einen Gott glaubst, – wirst du aus deiner großen Liebe zu Ihm wohl imstande sein, Seinen Namen je irgend zu verunglimpfen, zu verunehren und zu entheiligen? Sicher ewig nicht! Denn was ein Mensch im höchsten Grade liebhat, das ehrt er auch stets am meisten, und er wird sogar gegen jeden bitter und sehr ernst auftreten, der es ihm gegenüber wagen würde, sein Allerliebstes irgend zu verunehren. Oder würde es dich nicht in hohem Grade empören in deinem Gemüte, wenn jemand deinen Vater, den du sehr liebhast, verunehren würde? So du aber nun Gott über alles liebst, wirst du da wohl je imstande sein, Seinen Namen irgend zu entheiligen?

[GEJ.07_028,06] Wenn du das nun so recht in dir betrachtest, so mußt du schon auf den ersten Blick darüber ganz im klaren sein, wie sowohl das erste als auch das zweite Gesetz Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott ganz enthalten sind.

[GEJ.07_028,07] So du, Meine liebe Helias, nun Gott ganz sicher über alles liebst und eben darum auch über alles ehrst, – wirst du dich da nicht gerne, und das sehr oft, von dem weltlichen Tagesgeschäft zurückziehen und dich mit dem Gegenstand deiner heißesten Liebe beschäftigen? Ja, ganz ungezweifelt wahr und sicher! Und siehe, darin besteht ja auch die wahrste und rechteste und vor Gott allein gültige Feier des Sabbats, die Moses befohlen hat! Denn an dem Tage selbst liegt wenig oder auch gar nichts, sondern allein daran, daß du am Tage oder in der Nacht in der Liebe und Ruhe deines Herzens gern an Gott denkst und dich mit Ihm unterhältst. Und siehe, wie auch das dritte Gebot Mosis in dem einen Gebote der Liebe zu Gott enthalten ist!

[GEJ.07_028,08] Wer sonach Gott wahrhaft über alles liebhat, der hat Ihn auch sicher erkannt und hat einen lebendigen Glauben, gibt Gott auch alle Ehre und wird Seiner sicher stets am meisten gedenken. Und wer das tut, der kann keine Sünde gegen Gott begehen. Oder kann wohl eine Braut gegen ihren Bräutigam, den sie über die Maßen liebhat und von dem sie wohlwissentlich noch mehr geliebt wird, irgendeine Sünde begehen? Nein, das sicher nicht, weil beide in ihrem Herzen völlig eins geworden sind eben durch die Liebe! Wer aber Gott wahrhaft über alles liebt und also durch die Liebe eins geworden ist mit Ihm, der wird auch seine Nebenmenschen als ihm ebenbürtige Kinder Gottes ebenso lieben, wie er sich selbst liebt, und wird ihnen das tun, was er mit klarer Vernunft will, daß die Menschen ihm tun möchten."

 

29. Kapitel

[GEJ.07_029,01] (Der Herr:) „Siehe, im vierten Gebote ist den Kindern die Liebe gegen ihre Eltern geboten! Die Eltern sind auf der Erde wohl die ersten Nächsten ihrer Kinder und lieben sie überaus. Sie sind ihre Ernährer, Beschützer und Erzieher und verdienen darum auch sicher alle Liebe und Ehre von den Kindern.

[GEJ.07_029,02] Wenn denn ein gut erzogenes Kind seine Eltern liebt und ehrt, so wird es auch bemüht sein, alles das zu tun, was den Eltern eine rechte Freude macht. Und so ein Kind wird sich darum auch ein langes und gesundes Leben und ein bestes Wohlergehen auf Erden bereiten; ein Kind, das seine Eltern liebt und ehrt, das wird auch seine Geschwister lieben und ehren und stets bereit sein, ihnen alles Gute zu tun.

[GEJ.07_029,03] Ein Kind oder ein Mensch aber, der seine Eltern und seine Geschwister wahrhaft liebt und ehrt, der wird auch die anderen Menschen darum lieben, weil er weiß und erkennt, daß sie alle Kinder ein und desselben Vaters im Himmel sind. Aus der ursprünglichen wahren Liebe zu den Eltern wird der Mensch zur Erkenntnis Gottes, seiner selbst und zur rechten Erkenntnis auch seiner Nebenmenschen geleitet und sieht dann bald und leicht ein, warum Gott die Menschen erschaffen hat, und was sie alle werden sollen. Dadurch gelangt er dann stets mehr und mehr zur Liebe zu Gott und durch diese zur Vollendung seines inneren, wahren, geistigen Lebens.

[GEJ.07_029,04] Wer aber also seine Eltern, Geschwister und auch die anderen Nebenmenschen liebt und ehrt und darum auch Gott über alles liebt und ehrt, – wird der wohl je gegen jemanden eine Sünde begehen können? Ich sage es dir: Nein, denn er wird niemanden beneiden, niemanden hassen und fluchen, niemanden töten, weder leiblich, noch durch ein Ärgernis seelisch. Er wird sich keusch und wohlgesittet gegen jedermann benehmen, wird jedem gerne das Seinige lassen, wird niemand belügen und betrügen, und ist er auf dem ordentlichen Wege der Mann eines Weibes geworden, oder die züchtige Jungfrau das Weib eines Mannes, so wird er kein Verlangen tragen nach dem Weibe seines Nächsten und sein Weib nicht nach dem Manne ihrer Nachbarin, und du kannst nun daraus für deinen Verstand schon ganz gut entnehmen, wie und auf welche Weise das Gesetz und alle die Propheten in den zwei Geboten der Liebe enthalten sind, und wie diese dir von Mir nun kundgegebenen zwei Gebote keine Aufhebung des Gesetzes Mosis und der anderen Propheten zulassen, sondern nur die volle Erfüllung derselben sind. – Verstehst du das nun?"

[GEJ.07_029,05] Sagte die Helias: „O Herr, Du überweiser und überguter Schöpfer und Vater aller Menschen, jetzt verstehe ich erst die Gesetze Mosis! Denn ich muß es hier selbst vor Dir ganz offen bekennen, daß ich zuvor das Gesetz Mosis und noch weniger die Sprüche und Belehrungen der andern Propheten niemals irgend recht verstanden habe. Und je öfter ich mich mit meinen Eltern, alles wohl erwägend, darüber besprach, desto mehr Lücken und wahre Unvollkommenheiten entdeckte ich darin, was mich denn auch gar nicht selten auf den Gedanken brachte, daß das sehr unvollkommen aussehende Gesetz Mosis entweder gar nicht von einem höchst weisen Gott ausgehe, oder daß die spätere Priesterkaste das Mosaische Gesetz ganz aufgegeben und dafür zu ihrem materiellen Besten ein lückenhaftes, menschliches Machwerk aufgestellt habe. Mein guter, alter Rabbi hat darum gar oft seine rechte Not mit mir gehabt, weil ich ihm die sichtbaren Mängel des Mosaischen Gesetzes ordentlich an den Fingern nachwies. Aber jetzt nach Deiner Erklärung, o Herr, hat das Gesetz Mosis freilich gleich ein ganz anderes Aussehen bekommen und kann auch von jedermann sicher freudig und leicht beachtet werden!"

[GEJ.07_029,06] Sagte Ich mit sehr freundlicher Miene: „Nun, du Hauptkritikerin des Mosaischen Gesetzes, was fandest du denn gar so Unvollkommenes und Lückenhaftes am Mosaischen Gesetze? Lasse auch uns deine Kritik hören!"

[GEJ.07_029,07] Sagte die Helias unter der allgemeinen Aufmerksamkeit aller Anwesenden: „O Herr, was soll ich wohl reden vor Dir, der Du meine Gedanken sicher schon lange eher gekannt hast, als ich sie noch gedacht habe? Auch jener allmächtige und allwissende Jüngling dort wird das schon alles bis auf ein Haar genau wissen, und so meine ich, daß daher solch eine laute Kundgabe meiner Kritik über das Mosaische Gesetz ganz unterbleiben könnte."

[GEJ.07_029,08] Sagte Ich: „O nein, Meine gar sehr liebe Helias, die Sache verhält sich hier ganz anders! Ich und jener Jüngling wissen freilich gar wohl darum, worin deine Kritik übers Mosaische Gesetz und auch über die Propheten besteht; aber die andern, mit Ausnahme deiner Eltern und deines Bruders, wissen das nicht, möchten es aber nun, da du selbst die Wißbegierde in ihnen erweckt hast, wohl wissen, und darum habe Ich dich denn auch aufgefordert, daß du auch uns laut hören läßt deine Kritik über das Gesetz Mosis und über so manche Propheten. Und also öffne du nur deinen Mund und sprich ohne allen Hinterhalt alles aus, was dir am Gesetz und an den Propheten mangelhaft vorkommt, und zeige uns ganz beherzt des Gesetzes und der Propheten Lücken!"

 

30. Kapitel

[GEJ.07_030,01] Sagte die Helias: „Herr, so ich das tue, was Du von mir verlangst, da sündige ich sicher nicht, und so will ich denn auch ganz offen meine am Gesetze und an den Propheten gefundenen Lücken und Mängel kundtun!

[GEJ.07_030,02] Siehe, den ersten und mir ganz bedeutend vorkommenden Mangel und eine große Lücke am Gesetze merkte ich, und zwar als ein früh reif und ziemlich klar denkendes Kind, gleich am vierten Gebote Mosis darin, daß der Mann Gottes wohl den oft noch sehr begriffsmageren und schwachen Kindern die Liebe, den Gehorsam und die Ehrfurcht zu und vor den Eltern einschärft, aber dagegen den Eltern gegen ihre Kinder im Gesetze nahe gar keine Verpflichtung auferlegt! Und solch sieht denn so ein Gesetz doch ein wenig sonderbar aus, zumal es denn im allgemeinen doch nur zu oft Eltern gibt, deren Kinder oft schon in der Wiege vernünftiger und besser waren als ihre gar dummen und mit allen Schlechtigkeiten vollgefüllten Eltern.

[GEJ.07_030,03] Ein Kind hat oft einen von Natur aus guten und edlen Sinn und könnte, wenn es im selben fortgebildet würde, eben auch zu einem guten und edlen Menschen werden. Aber da muß das Kind nach dem Gesetze Mosis nun ein für alle Male seinen dummen und bösen Eltern strengweg und ohne jede vernünftige Ausnahme gehorchen und am Ende ebenso dumm und böse werden, als wie dumm und böse da des Kindes Eltern sind. Da hätte der Mann Gottes wohl schon auch von einer rechten Pflicht der Eltern gegen ihre Kinder etwas einfließen lassen können, nach deren gewissenhafter Erfüllung erst die Kinder auch ihren Eltern als gegenverpflichtet zu bezeichnen gewesen wären.

[GEJ.07_030,04] Oder sind nach Moses auch Kinder der Räuber aus schuldigem Gehorsam gegen ihre Eltern verpflichtet, sie zu lieben, zu ehren und in die Fußstapfen ihrer Alten zu treten? Wenn – was sich schon gar oft ereignet hat – vernünftige Kinder böser und arger Eltern, deren schwarzes Tun und Treiben den noch mehr unschuldigen Kindern auffallen und mißfallen mußte, darum eben solchen argen Eltern Liebe und Gehorsam versagten, sie verließen und Gelegenheit suchten, sich anderorts unter besseren Menschen selbst zu besseren Menschen umzugestalten, – haben solche Kinder sich dadurch auch versündigt am Mosaischen Gesetze, weil sie nicht auch aus Liebe und Gehorsam zu ihren Eltern selbst Diebe, Räuber, Mörder, Heuchler, Betrüger und Lügner werden wollten?

[GEJ.07_030,05] Wenn Moses und die Propheten auch da solchen besseren Kindern eine Strafe bestimmen und ihnen ihre Unliebe und ihren gerechten Ungehorsam gegen ihre bösen Eltern zur Sünde rechnen, so sind Moses und alle die Propheten noch um tausend Male dümmere und blindere Menschen gewesen denn ich und haben mit ihren Schriften und Weissagungen der göttlichen Weisheit wahrlich keine absonderlich große Ehre gemacht! – Herr, bin ich darum schlecht, weil ich das Gesetz Mosis und der Propheten also beurteilt habe?"

[GEJ.07_030,06] Sagte Ich: „Oh, durchaus nicht, weil du da ganz recht und richtig geurteilt hast! Aber dennoch ist deine Kritik darum nicht völlig in der Ordnung, weil Moses durch Meinen Geist nur zu klar einsah, daß es eben nicht nötig ist, den Eltern noch eigens die Liebe zu ihren Kindern zu gebieten, weil solche den Eltern ohnehin im Vollmaße schon von Mir aus gewisserart instinktmäßig eingepflanzt worden ist, was aber eben bei den Kindern, die erst in die Schule dieses irdischen Lebens gekommen sind, nicht so sehr der Fall sein kann, weil diese erst für die rechte und wahre Liebe erzogen werden müssen.

[GEJ.07_030,07] Darum kommt ja eben auf dieser Erde ein jeder Mensch so schwach und ganz ohne Erkenntnis und Liebe ins Weltleben, daß er sich dann in aller wie immer gearteten Zwanglosigkeit, als wäre er von Gott ganz verlassen, durch äußere Lehre, durch Gesetze und durch seinen freiwilligen Gehorsam zu einem freien und ganz selbständigen Menschen bilde.

[GEJ.07_030,08] Und sieh, darum müssen denn auch nur besonders den Kindern zumeist Lehren und Gesetze gegeben werden und nicht so sehr den Eltern, die einst auch Kinder waren und durch die Lehren und Gesetze, für Kinder gegeben, erst zu freien und selbständigen Menschen geworden sind!

[GEJ.07_030,09] Was aber insbesondere die Pflichten der Eltern gegen ihre Kinder betrifft, so haben Moses und die Propheten schon in den staatlichen Gesetzen dafür gesorgt, die du freilich noch nicht gelesen hast. Aber es ist da rechtzeitig schon für alles gesorgt, und es können sich zwei nicht wohl ehelichen, wenn sie dem Priester nicht zuvor dartun, daß sie in den zur Ehe nötigen staatlichen Gesetzen wohlbewandert sind.

[GEJ.07_030,10] Und so siehe, du Meine liebe Helias, daß deine Kritik in bezug auf das vierte Gebot Mosis eben nicht zu sehr in der rechten Ordnung war, und Ich habe nun die Lücken und Mängel beseitigt. Aber du fahre nun mit deiner Kritik nur auch über die anderen Gesetze fort, und Ich werde dir dann schon wieder sagen, inwieweit du recht oder auch nicht recht hast!"

[GEJ.07_030,11] Sagte Helias: „O Herr, warum soll ich da meine dumme Kritik noch weiter fortsetzen? Denn ich sehe es nun ja schon im vorhinein nur zu klar ein, daß Du mir abermals haarklein zeigen wirst, wie ganz unrichtig und geistlos ich geurteilt habe."

[GEJ.07_030,12] Sagte Ich: „Nun, was kann dir oder jemand anderem das wohl schaden? Denn darum bin Ich ja in diese Welt gekommen, auf daß Ich euch von allen den vielen Irrtümern frei mache durch das lebendige Licht der Wahrheit. Kommst du mit deinen scheinbar recht wohl begründeten Bemängelungen des Gesetzes und der Propheten nicht an das Tageslicht, so bleiben sie in dir und können noch gar wohl verkümmern das Leben deiner Seele; entäußerst du dich aber ihrer, so bist du auch von ihnen los, und das Licht der ewigen Wahrheit wird dafür Wohnung nehmen in deinem Herzen. Daher rede und kritisiere du nur fort, und das ohne irgendeinen Rückhalt, und Ich werde dir dann schon wieder ein rechtes Licht geben! Denn sieh, es ist das sogar eben jetzt recht notwendig, weil viele hier sind, die schon lange gleich wie du Moses und die Propheten bemängelt haben! Daher öffne du nur wieder deinen schönen Mund und rede mit deiner gewandten Zunge!"

 

31. Kapitel

[GEJ.07_031,01] Sagte die Helias: „O Herr, wie früher, so sage ich jetzt: Wer das tut, was Du willst, der sündigt wahrlich nicht! Und so nehme ich denn das fünfte Gebot Mosis her und sage: Da steht geschrieben: ,Du sollst nicht töten!‘ Ich nehme aber hier nur auf das einfache Gesetz meine kritische Rücksicht und kümmere mich vorderhand gar nicht darum, was Moses oder auch später ein anderer Prophet Erklärendes darüber gesagt und geschrieben hat; denn es muß ja ein wahrhaft göttliches Gebot doch selbst in seiner möglichsten Einfachheit das in sich fassen, was vernünftigermaßen einem jeden Menschen frommen kann. Aber dieses Gebot enthält das ganz und gar nicht, und so kann ein denkender Mensch von ihm unmöglich etwas anderes sagen und behaupten, als daß es entweder ein menschliches Werk ist, oder daß – auch erst später, etwa des Kriegführens wegen – von den Menschen etwas davon weggelassen worden ist.

[GEJ.07_031,02] Du sollst nicht töten! Wer ist denn erstens eigentlich der ,Du‘, der nicht töten soll? Gilt das für jeden Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes, Alters und Standes oder nur für das männliche Geschlecht und für ein gewisses Alter und für einen gewissen Stand? Und zweitens: Wen oder was soll man denn so ganz eigentlich nicht töten? Bloß die Menschen nicht, oder auch die Tiere nicht? Nach meinem Urteil will weder das eine noch das andere darunter verstanden sein.

[GEJ.07_031,03] Das Menschentöten nicht, weil schon Josua die Stadt Jericho zerstört und ihr Volk getötet hat, und das auf Jehovas Geheiß. Die Schlachtung der Götzenpriester durch die Hand des großen Propheten Elias ist bekannt. Sehen wir dann auf den König David, den Mann nach dem Herzen Gottes, der andern gar nicht zu gedenken! Wie viele Tausende und Hunderttausende sind durch ihn getötet worden, und wie viele werden in jedem Jahre jetzt noch getötet! Die Mächtigen der Erde haben trotz des ganz kategorisch ausgesprochenen göttlichen Gesetzes dennoch das vollste Recht von Gott aus, ihre Nebenmenschen zu töten. Und so geht dieses Gesetz nur die bedrückten, armen Teufel von Menschen an. Inwieweit dieses Gesetz auch das Weib angeht, ist da gar nicht zu ermessen, obwohl die Chronika auch nachweist, daß auch die Weiber mit dem Schwerte gewirtschaftet haben, und das wie!

[GEJ.07_031,04] Ob wir armen Menschen auch die Tiere nicht schlachten und töten sollen, das, meine ich, ist nicht einmal einer Besprechung wert; denn das lehrt die Menschen die Natur, daß sie sich ohne Unterschied des Standes, Geschlechtes und Alters gegen die vielen bösen Tiere auf Leben und Tod zur Wehr setzen müssen, so sie nicht allerwegs von den zu überhandgenommen habenden bösen und reißenden Bestien angefallen, zerrissen und gefressen werden wollen.

[GEJ.07_031,05] Du sollst nicht töten! So ich aber von einem wilden Straßenräuber angefallen werde, der mich berauben und dabei ganz sicher töten will und wird, – ich aber, als die Angefallene oder der Angefallene, habe Kraft, Mut und eine Waffe, um ihn eher zu töten, als er mir den Todesstreich versetzen kann, – was soll ich da wohl tun? Diese Notwehr sollte im Gesetze doch insoweit ausgedrückt sein, daß es hieße: ,Du sollst nicht töten, außer im Falle der äußersten Notwehr!‘ Aber nein, von dem steht im Gesetze wahrlich keine Silbe! Es heißt nur ganz einfach: ,Du sollst nicht töten!‘ Wenn aber das einfache Gesetz also lautet, wo steckt da im selben die göttliche Liebe und Weisheit, die denn doch wissen mußte, unter welchen wahrlich höchst bedauerlichen Verhältnissen die Menschen auf dieser Erde ihr Leben durchzumachen haben?

[GEJ.07_031,06] Warum gab denn Gott ein solches Gesetz und befahl dann Selbst einem David, die Philister und Moabiter gänzlich zu vernichten? Warum durfte die Judith den Holofernes töten, und warum darf nicht auch ich sündefrei jemandem das Leben nehmen? Wer gab denn den Ägyptern, den Griechen und den Römern das Recht, jeden zu töten, der sich gröblich an ihrem Gesetze versündiget?"

[GEJ.07_031,07] Hierauf sah sie um sich, um zu sehen, was alle die andern zu ihrer Kritik für Gesichter machten.

[GEJ.07_031,08] Beinahe alle gaben ihr recht, und einer der Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, sagte: „Ja, ja, man kann in dieser Sache, mit unseren menschlichen Begriffen betrachtet, dem schönen Kinde nicht völlig unrecht geben; denn das Hauptgesetz lautet einmal buchstäblich also, obschon nachträglich in den Büchern Mosis alles gezeigt ist, wie dieses Gebot zu nehmen und zu halten ist. Aber ein primitives Haupt- und Grundgesetz sollte wahrlich das Wesentliche, das es verlangt und will, wenigstens mit den höchst nötigsten Nebenumständen schon ausgedrückt in sich fassen; denn jede spätere und nachträgliche Beleuchtung und größere Vervollständigung eines einmal gegebenen Gesetzes scheint zu sagen, daß der Gesetzgeber beim Geben der Grundgebote noch nicht an alles gedacht hat, was er durch das gegebene Gebot eigentlich gebieten und verbieten wollte.

[GEJ.07_031,09] Nun, bei Menschen, wenn sie Gebote geben, ist das begreiflich, weil in ihrem Denken und Wollen keine göttlich helle Vollendung sein kann, und es ist auch ganz natürlich, daß bei menschlichen Gesetzen dann nachträglich allerlei Zusätze und Erläuterungen zum Vorschein kommen müssen; aber bei einem wahrhaft göttlichen Gesetze sollte wahrlich keine Lücke alsogestaltig vorkommen, daß sie erst hinterdrein mit allerlei Zusätzen und Erläuterungen ausgefüllt werden soll! Ja, die Sache also betrachtet, könnte man wahrlich beim Mosaischen Gesetze auf die Idee gebracht werden, daß es entweder gar kein rein göttliches ist, oder daß es als solches durch den selbstsüchtig bösen Willen der Menschen also entstellt worden ist. Doch ich will damit kein Urteil über das Gesetz gefällt, sondern nur meine bisher noch sicher sehr blinde Meinung ausgesprochen haben."

[GEJ.07_031,10] Sagte Ich: „Ja, das sicher; denn wenn ihr Meine Gesetze mit menschlichen Sinnen beurteilt, dann müsset ihr freilich wohl Lücken und Mängel darin entdecken. Wenn du deinen Nächsten liebst wie dich selbst, so wirst du ihn nicht hassen, nicht anfeinden und ihm keinen Schaden zufügen; tust du das aber, so wirst du ihn um so weniger je irgendwann weder leiblich und noch weniger seelisch durch allerlei Ärgernisse töten wollen.

[GEJ.07_031,11] Du sollst nicht töten! Das ist ganz richtig und wahr also gegeben im Gesetze. Aber warum? Weil unter ,töten‘ schon von uralters her Neid, Scheelsucht, Zorn, Haß und Rache verstanden ward.

[GEJ.07_031,12] ,Du sollst nicht töten!‘ heißt demnach soviel wie: Du sollst niemanden beneiden, sollst den Glücklicheren nicht mit scheelen Augen ansehen und sollst nicht im Zorn erbrennen wider deinen Nebenmenschen; denn aus dem Zorn entsteht der Haß, und aus dem Haß geht die böse, alles verheerende Rache hervor!

[GEJ.07_031,13] Es steht ja auch geschrieben: ,Mein ist der Zorn, und Mein ist die Rache, spricht der Herr.‘

[GEJ.07_031,14] Ihr Menschen aber sollet euch in aller Liebe achten, und es soll einer dem andern gute Dienste erweisen; denn ihr alle habt an Mir einen Vater und seid somit gleich vor Mir! Ihr sollet euch untereinander nicht ärgern und lästern und einer soll dem andern durch bösen Leumund nicht die Ehre abschneiden; denn wer das tut, der tötet die Seele seines Nebenmenschen!

[GEJ.07_031,15] Und seht, alles das ist kurz in dem Bilde ,Du sollst nicht töten!‘ ausgedrückt! Und die ersten Juden, auch noch die zu den Zeiten Salomos, verstanden dieses Gesetz nicht anders, und die Samariter als die Altjuden verstehen es heutzutage noch also. Wenn aber dieses Gesetz vom Fundamente aus nur also zu verstehen ist, – wie kann jemand da annehmen, daß durch dieses Gesetz dem Menschen die Notwehr gegen böse Menschen und sogar gegen reißende Tiere untersagt sei?"

[GEJ.07_031,16] Sagte die Helias: „Ja, Herr, das sehen wir nun sicher alle recht gut ein, weil Du uns das nun in der vollkommen rechtesten und wahrsten Weise erklärt hast; doch ohne diese Deine gnädigste Erklärung hätten wir das eben nicht zu leicht ins reine gebracht. Warum hat denn Moses mit dem Gesetze nicht auch sogleich eine solche Erläuterung gegeben? Denn er als ein Prophet mußte das ja doch auch schon zum voraus eingesehen haben, daß die späteren Juden das einfache Gesetzesbild nicht also verstehen würden, wie es die Juden zu seiner Zeit sicher verstanden haben."

[GEJ.07_031,17] Sagte Ich: „Ja, du Meine liebe Kritikerin, das hat Moses wohl eingesehen, und er hat darum auch eine große Menge Erklärungen für die Zukunft niedergeschrieben; aber dafür, daß du sie bis jetzt noch nicht gelesen hast, kann weder Moses noch Ich.

[GEJ.07_031,18] Es war aber deine Kritik dennoch ganz gut, weil du eben die Mängel und Lücken aufgestellt hast, die zwar nicht am Gesetze, aber desto mehr in eurer Erkenntnis haften, und um diese auszufüllen, lasse Ich ja eben von dir das alte Mosaische Gesetz kritisieren.

[GEJ.07_031,19] Und da wir nun sogestaltig auch das fünfte Gebot ins reine gestellt haben, so kannst du dich nun schon über das sechste Gebot machen und auch an diesem die gewissen Mängel und Lücken zeigen, so du deren auch irgendwelche entdeckt hast. Und so rede denn!"

 

32. Kapitel

[GEJ.07_032,01] Sagte die Helias: „O Herr und Meister, sieh, ich bin eine Maid und habe noch nie einen Mann erkannt; daher würde es sich etwa wohl nicht ganz besonders schicken, so ich über das sechste Gebot meine Bemerkungen machen würde! Ich möchte Dich darum bitten, daß Du, o Herr, mir erlassen möchtest, über dies sechste Gebot zu reden."

[GEJ.07_032,02] Sagte Ich: „O du Meine liebe Tochter, so du geheim bei dir von diesem Gebote durchaus keine Kenntnis besäßest, so ließe Ich dich auch wahrlich nicht davon reden; aber weil du dieses Gebot wohl kennst, obwohl du mit einem Manne noch nie etwas zu tun gehabt hast, so kannst du geziemend schon auch von diesem Gebote reden. Und so rede du nur zu nach deiner Weise!"

[GEJ.07_032,03] Sagte die Helias wieder ihren Spruch: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der begeht keine Sünde! Und so will ich denn auch reden in wohlgeziemender Weise. ,Du sollst nicht ehebrechen!‘, also lautet buchstäblich das sechste Gebot. Nach dem aber, wie es mir mein Rabbi lehrte, hieß es auch: ,Du sollst dich keusch und rein verhalten vor Gott und vor den Menschen; denn wer da unkeusch und unrein lebt und handelt, der ist ein Sünder so gut wie ein Ehebrecher, ein Unzüchtler und ein Hurer!‘ Das waren die Lehrworte meines Rabbi.

[GEJ.07_032,04] Ich habe da nichts anderes zu bemängeln, als daß erstens Moses in der Aufstellung der Grundgebote in seinem zweiten Buche, 20. Kapitel, nur den Ehebruch verbietet, obwohl er dann im dritten Buche, etwa vom 18. Kapitel an, sehr ausführlich davon redet, – was ich aber auch noch nicht gelesen habe, weil mein Rabbi solches für mich nicht gut fand. Und zweitens gab Gott durch Moses dies Gebot wie mehrere andere dem (hebräischen) Wortlaute nach immer nur dem männlichen Geschlecht und gedachte nur selten des Weibes.

[GEJ.07_032,05] Wer ist der ,Du‘, der nicht ehebrechen soll? Es ist im Gesetze das einzelne Gebot nur auf einen Menschen oder nur auf ein Geschlecht gerichtet, und das offenbar auf das männliche, und es ist des Weibes nicht gedacht. Man kann da freilich wohl sagen: Wenn der Mann nicht ehebrechen darf, so kann das auch kein Weib, weil es ohne einen Mann nicht sündigen kann. Aber meines Erachtens ist eben das Weib durch seine Reize das den Mann am meisten zum Ehebruch verlockende Element, und so sollte denn auch besonders zum Weibe gesagt werden, daß es keinen Mann zum Ehebruch verleiten und auch selbst die Ehe nicht brechen soll. Denn wo das Weib dem Manne völlig treu ist, da wird sicher bald allenthalben von einem Ehebruch keine Rede mehr sein. Aber im Grundgesetze bildet das Weib förmlich eine Ausnahme, und es wird seiner auch nur erst in den späteren Verordnungen Mosis gedacht.

[GEJ.07_032,06] Ich möchte aber denn nun wissen, warum das also geschah! Und warum gedachte Moses im Gesetz um vieles seltener des Weibes als des Mannes? Gehört denn das Weib weniger zum Menschengeschlecht als der Mann?"

[GEJ.07_032,07] Sagte Ich: „Nun, diese deine Bemängelung läßt sich noch hören, obwohl auch sie nur so neben der Wahrheit einherschreitet. Sieh, auch hier steckt schon wieder die wahre und reine Nächstenliebe im Vordergrunde, und diese betrifft das Weib ebenso wie den Mann!

[GEJ.07_032,08] So zum Beispiel du das Weib eines ordentlichen Mannes wärst, – würde es dir wohl eine Freude machen, so das Weib deines Nachbarn deinen Mann begehrte und mit ihm triebe, was nicht recht wäre? Wenn du aber in deinem Herzen das sicher nicht wünschen könntest, daß dir so etwas geschehen solle, so mußt du auch gegen deine Nachbarin dich ebenso verhalten, wie du wünschest, daß diese sich gegen dich verhalten soll. Und was also da im Gesetze gesagt ist dem Manne, das gilt auch im gleichen Maße für das Weib.

[GEJ.07_032,09] Gott gab nur darum dem (hebräischen) Wortlaute nach das Grundgesetz wie allein dem Manne, wie er dem Haupte des Menschen die Hauptsinne gab und durch sie den Verstand im Gehirn. Wie aber Gott vorerst nur zum Verstande des Menschen redet, so redet Er auch zum Manne, der fortan das Haupt des Weibes ist wie das Weib gewisserart des Mannes Leib. Wenn nun eines Menschen Haupt erleuchtet und sehr verständig ist, – wird da nicht auch im gleichen Maße mit verständig sein der ganze Leib?

[GEJ.07_032,10] Wenn des Menschen Verstand wohl erleuchtet ist, so wird auch bald wohl erleuchtet werden des Menschen Herz, das sich der Ordnung des Verstandes gerne fügen wird. Das Weib aber entspricht auch dem Herzen des Mannes; und wenn also der Mann als das Haupt wohl erleuchtet ist, so wird auch das Weib als sein Herz ebenso wohl erleuchtet werden und sein.

[GEJ.07_032,11] Es steht aber ja schon von alters her geschrieben, daß Mann und Weib seien ein Leib. Was sonach zum Manne gesagt ist, das ist auch gesagt zum Weibe.

[GEJ.07_032,12] Und siehe, damit habe Ich dir nun auch die Nichtigkeit dieses deines Zweifels erwiesen und habe dir gezeigt das rechte Licht des Gesetzes, das du sicher gar wohl verstanden hast. Und da du solches wohl verstanden hast, so kannst du nun schon mit deiner Kritik weitergehen."

 

33. Kapitel

[GEJ.07_033,01] (Der Herr:) „Was findest du etwa im siebenten Gebote Mangelhaftes oder dir wenigstens Unverständliches? Rede du nur mutvoll darauflos; denn deine Bemängelungen und deine Zweifel sind auch noch Mängel und Zweifel in dem Gemüte vieler hier Anwesenden. Wie lautet wohl das siebente Grundgebot Mosis?"

[GEJ.07_033,02] Sagte Helias: „O Herr, bei diesem Gebote finde ich nun, nachdem ich von Dir das richtige Licht erhalten habe, gar keine Mängel und Lücken mehr! Es heißt: ,Du sollst nicht stehlen!‘ Da ist ja schon wieder die wahre Nächstenliebe von oben an in die volle Betrachtung zu ziehen! Denn was ich vernünftigermaßen durchaus nicht wünschen kann, daß es mir geschehe, das darf ich auch meinem Nächsten nicht tun; und so sehe ich nun von neuem, wie das ganze Gesetz Mosis und sicher auch alle Propheten in Deinen zwei Geboten der Liebe enthalten sind. Ich merke nun auch, daß das Gebot der Nächstenliebe rein aus der Barmherzigkeit als aus dem mächtigsten siebenten Geiste Gottes im Menschenherzen hervorgeht und alle die früheren sechs Geister durchdringt und belebt und den ganzen Menschen erst gut und wahrhaft weise macht. Wer aber gut und weise ist, der wird sich sicher nimmer irgend an dem vergreifen, was seines Nächsten ist. Und so ist auch das siebente Gebot schon ganz in der Ordnung, und ich finde nichts, was daran mangelhaft wäre."

[GEJ.07_033,03] Sagte Ich: „Gut, Meine Mir nun schon viel liebere Helias, diese deine nun angestellte Kritik über das mosaische, rein göttliche, und somit auch makellos weiseste Gesetz zum wahren Wohle der Menschen ist Mir um gar unglaubbar vieles werter als alle deine früheren Kritiken. Aber es soll uns das durchaus nicht abhalten, die noch übrigen drei Gebote einer recht scharfen Kritik zu unterwerfen, und so gehen wir denn auch gleich zum achten Gebote über! Wie lautet wohl dieses? Rede du nun nur ganz keck weg, wie dir die Zunge gewachsen ist, und du wirst Mir dadurch eine rechte Freude machen!"

 

34. Kapitel

[GEJ.07_034,01] Hier faßte das Mädchen mehr Mut und sagte zu Mir ganz zutraulichen Blickes: „Ja, Du mein allerliebenswürdigster Herr, wenn ich Dich, der Du mir so unendlich tief ins Herz hineingewachsen bist, nur etwa nicht beleidigen würde, so möchte ich Dir schon noch etwas sagen übers achte Gebot; aber vor Dir, o Herr, – Jehova nun leibhaftig vor uns – muß man sich sehr zusammennehmen, daß man Deiner inneren, göttlichen Heiligkeit ja nicht zu nahe tritt! Und da ist es etwas hart und schwer, so ganz von der Leber weg zu reden!"

[GEJ.07_034,02] Sagte Ich: „O du herzliche, liebe Seele, das hast du von Mir aus wahrlich ewig nie zu fürchten; darum rede du nun nur ganz keck von der Leber weg!"

[GEJ.07_034,03] Sagte Helias mit einem äußerst liebfreundlichen Gesicht: „O Herr, wer Deinen Willen tut, der sündigt nicht, und so will ich denn reden! Das achte Gebot lautet ganz einfach: ,Du sollst kein falsches Zeugnis geben!‘ Und weil in der Schrift nicht näher bezeichnet ist, über wen alles man kein falsches Zeugnis geben soll, so versteht sich das ja auch schon von selbst, daß man auch über sich selbst kein falsches Zeugnis geben soll. Denn das hat mir mein alter Rabbi gar sehr oft gesagt, daß die Lüge eine allerabscheulichste Sünde ist; denn von ihr stammt alle böse List, aller Betrug, aller Zwist, Zank, Hader, Krieg und Mord. Man soll allzeit die Wahrheit im Munde führen und reden, was man ganz bestimmt weiß und fühlt, und sollte das auch irgendwann zu unserem irdischen Nachteile gereichen! Denn ein wahres Wort hat vor Gott einen viel größeren Wert als eine ganze Welt voll Gold und Edelsteine. Es ist somit auch ein jedes unwahre Wort über sich selbst ein von Gott verbotenes falsches Zeugnis.

[GEJ.07_034,04] Und ich nehme somit auch hier gar keinen Anstand, Dir, o Herr, gerade ins Angesicht zu sagen, daß ich Dich wirklich über gar alles liebe! Oh, dürfte ich Dich so an mein Herz drücken, wie ich möchte, oh, so könnte ich sterben vor süßester Wonne! Sieh, o Herr, hier habe ich über mich selbst sicher kein falsches Zeugnis gegeben! Und wie ich über mich kein falsches Zeugnis ablege, so lege ich auch über meinen Nächsten nie ein falsches Zeugnis ab! Und es muß dahinter ebenso der siebente Geist Gottes tätig sein wie bei den anderen Gesetzen. – O Herr, habe ich Dich jetzt etwa doch nicht irgend beleidigt?"

[GEJ.07_034,05] Sagte Ich: „O mitnichten, du Meine liebe Tochter; denn wie sehr du Mich auch immer liebst, so liebe Ich dich dennoch um ein dir Unbegreifliches mehr! Mit unserer gegenseitigen Liebe wären wir beide denn nun schon ganz im reinen, aber mit dem achten Gebote noch nicht so völlig! Und so höre denn, Ich will dich auf etwas noch aufmerksam machen!

[GEJ.07_034,06] Du würdest zum Beispiel von irgendeinem Richter befragt werden, ob du ein geheimes, großes Verbrechen, das etwa ein dir sehr teurer und liebster Anverwandter begangen hätte und von dem du wohl eine Kenntnis haben könntest, nicht näher kennest, und ob du nicht angeben könntest, wo sich der Verbrecher aufhalte, weil man seiner noch nicht habe habhaft werden können. Nun setze Ich bei dir aber den Fall, daß du sowohl über das Verbrechen deines sehr nahen Anverwandten, wie auch über seinen verborgenen Aufenthalt in ganz genauer Kenntnis wärst! Was würdest du dem Richter sagen, der dich darum befragt hat?"

[GEJ.07_034,07] Sagte ganz beherzt die Helias: „Herr, so auch dieses achte Gebot auf der reinen Nächstenliebe fußt, da man nur darum über niemand ein falsches Zeugnis geben soll, um ihm dadurch nicht zu schaden, so kann doch umgekehrt dieses achte Gebot nicht eine Bedingung aufstellen, daß man dann durch eine rücksichtsloseste Wahrheit seinem Nächsten schaden soll! In einem solchen Falle würde ich mit der Wahrheit ewig nicht zum Vorschein kommen! Denn wem kann ich dadurch nützen? Dem strafsüchtigen Richter sicher nicht, weil er dabei nichts gewinnen kann, ob er den armen Verbrecher in seine Hände bekommt oder nicht, und dem armen Verbrecher, der sein Verbrechen irgend bereut und sich ernstlich bessert, noch weniger! Denn so ich ihn in die Hände des Richters liefere, dann ist er verloren vielleicht für ewig, was ich sogar dem nicht wünschen würde, der an mir selbst ein Verbrechen begangen hätte. Also in dem Falle würde ich der Wahrheit offenbar den Rücken zuwenden und an dem armen Verbrecher selbst um den Preis meines Lebens keine Verräterin machen!

[GEJ.07_034,08] Wenn nach Deiner Erklärung, o Herr, die Nächstenliebe darin besteht, daß man seinem Nächsten alles das tun soll, was man wünschen kann, daß er es auch unsereinem tun möchte, so kann mir selbst der allergerechteste Gott nicht verargen, wenn ich sogar meinem größten Feinde das nicht antun möchte, was ich in seiner Lage sicher auch nicht wünschen könnte, daß ein anderer Nächster an mir einen Verräter machte. Zudem bedarf Gott, um irgendeinen groben Sünder zu züchtigen, weder eines weltlichen Richters und noch weniger eines verräterischen Leumundes. Er, der Allwissende, der Allergerechteste und Allmächtige, wird den Verbrecher schon auch ohne einen Weltrichter und ohne meinen Mund zu züchtigen verstehen! Es ist Ihm bis jetzt noch keiner durchgegangen, und so wird Ihm auch in der Folge keiner durchgehen!

[GEJ.07_034,09] Nun aber frage ich Dich, o Herr, ob Isaaks Weib dadurch vor Gott gesündigt hat, daß sie den alten blinden Isaak dadurch offenbar belog und betrog, daß sie ihm zur Erteilung und Gewinnung des Vatersegens den zweitgeborenen Sohn Jakob für den erstgeborenen rauhen Sohn Esau hinstellte! Ich halte das für einen offenbaren Betrug, und doch sagt die Schrift, daß solches nach dem Willen Jehovas geschah. War aber das recht und gerecht vor Gott, so wird es auch recht und gerecht vor Dir, o Herr, sein, so ich da mit der Wahrheit innehalte, wenn ich durch sie meinem Nächsten, der mir sogar niemals ein Leid angetan hat, nichts nützen, sondern nur ungeheuer schaden muß!

[GEJ.07_034,10] Ich bin nun der Meinung, daß, wenn Gott und Moses in dem achten Gebot keine Ausnahme gestellt haben, eben in diesem Gebote eine große Lücke offengeblieben ist, die allein durch Dein Gebot der Nächstenliebe ausgefüllt werden kann und auch ausgefüllt werden muß. – Habe ich recht oder nicht?"

[GEJ.07_034,11] Sagte Ich: „Einesteils wohl, aber andernteils auch wieder nicht! Denn siehe, der Verbrecher wäre nach seiner Flucht kein besserer Mensch geworden, sondern würde, dir etwa nicht unbekannt, noch mehrere und größere Verbrechen zum Schaden vieler Menschen verüben! So du aber dann dem Gerichte kundtätest, wo sich der Verbrecher aufhält, damit dann das Gericht sicher nach ihm fahnden kann, so würdest du dadurch ja viele Menschen vor großem Unglücke retten und ihnen dadurch einen großen Liebesdienst erweisen. Was meinst du zu diesem sehr leicht möglichen Falle?"

[GEJ.07_034,12] Hier stutzte die Helias und wußte nicht so ganz recht, was sie darauf erwidern sollte. Erst nach einer Weile tieferen Nachdenkens sagte sie: „Nun, wo eines schlechten und unverbesserlichen Menschen wegen viele Unschuldige leiden müßten, da sagt die Vernunft, daß es besser sei, so dieser eine wohlverdientermaßen leidet. Da ist es dann eben wieder infolge der wahren Nächstenliebe angezeigt, die Wahrheit, wenn sie verlangt wird, zu reden. Ob man aber bei solch einer Angelegenheit einen freiwilligen Verräter machen soll, das hast Du, o Herr, allein zu bestimmen!"

[GEJ.07_034,13] Sagte Ich: „Dazu sei von Mir aus niemand verhalten, sondern das steht euch frei! Und so gehen wir zum neunten Gebote über! Wie lautet es?"

 

35. Kapitel

[GEJ.07_035,01] Sagte die Helias: „O Herr und Meister, bei dem neunten und zehnten Gebote finde ich gleich von vornherein einen wahrlich nicht unbedeutenden Anstand, und der besteht darin, daß wir Neujuden nun ein neuntes und zehntes Gebot haben, während Moses doch nur ein neuntes Gebot zum Schlusse seiner Grundgesetzgebung gab. Das gesamte neunte Gebot aber lautet: ,Laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Hauses, laß dich nicht gelüsten deines Nächsten Weibes, noch seines Knechtes noch seiner Magd, noch seines Ochsen noch seines Esels, noch alles dessen, was der Nächste hat!‘

[GEJ.07_035,02] Mit dem hat die Grundgesetzgebung ihr Ende; denn gleich darauf floh nach der Erzählung Mosis das Volk aus Furcht vor den Blitzen, Donnern, vor dem Posaunenschall und vor dem gewaltigen Rauchen des Berges und bat Moses, daß er allein mit Gott reden solle – denn so es noch länger Gottes alles erschütternde Stimme anhören solle, dann würde alles Volk sterben vor zu großer Angst und Furcht –, worauf dann Moses das Volk beruhigte und vertröstete. Von einem weiteren zehnten Gebote ist dann weiter keine besondere Rede mehr.

[GEJ.07_035,03] Doch bei uns ist das ,Laß dich nicht gelüsten nach deines Nächsten Weibe!‘ im neunten Gebot ausgelassen, und es ist daraus ein zehntes Gebot gemacht worden, und noch andere benennen das das neunte und alles andere das zehnte Gebot. Es fragt sich nun zuerst: Hat Moses von Gott doch zehn Gebote oder nur neun erhalten?"

[GEJ.07_035,04] Sagte Ich: „Anfangs, Meine liebe Helias, wahrlich nur neun; später dann, als er gezwungen war, die zerbrochenen ersten steinernen Gesetzestafeln wieder durch neue zu ersetzen, hat er selbst das letzte Gebot in zwei abgeteilt, um das ehebrecherische Begehren nach eines Nächsten Weibe – was die Juden in Ägypten sich sehr zu eigen gemacht hatten und dadurch in beständigem Hader und fortwährender Zwietracht lebten und sich gegenseitig zu Todfeinden wurden – recht anschaulich zu machen, und am Ende setzte er auf den Ehebruch sogar die leibliche Todesstrafe, weil das noch so weise Wort bei den in alle Sinnlichkeiten versunkenen Juden nichts fruchtete.

[GEJ.07_035,05] Und so weißt du nun, wann, wie und warum aus dem letzten, neunten Gebot ein für sich bestehendes zehntes entstand. An der Zahl aber liegt hier ja ohnehin nichts, sondern nur allein an der Sache, und so kannst du hier deine Kritik entweder bloß über das gesamte neunte Gebot oder auch über das gesonderte zehnte Gebot für sich aufstellen. Das hängt nun bloß von dir ab, wie es dir lieber ist. Und du kannst nun schon zu reden anfangen!"

[GEJ.07_035,06] Sagte die Helias: „O Herr und Meister über alles! Das Reden wäre für meine schon von Geburt aus sehr geläufige Zunge schon gerade recht; aber ich sehe es da auch schon zum voraus ein, daß ich wieder völlig umsonst werde geredet haben. Denn wer kann aus seiner großen Dummheit heraus Dir irgend etwas vorbringen, das Du ihm nicht sogleich tausendfältig widerlegen könntest! Wenn aber das, warum da noch reden?"

[GEJ.07_035,07] Sagte Ich: „Ja siehe, du Meine sonst überaus liebe Tochter, du möchtest wohl auch gern einmal recht haben, wie das schon nahe bei den meisten Weibern der Fall ist; aber es handelt sich hier durchaus nicht um eine eitle Rechthaberei, sondern um den größten Lebensernst, und da müsset ihr mit euren alten Irrtümern von selbst ans Tageslicht treten, damit ihr sie an Meinem wahrsten und lebendigsten Lichte desto vollkommener erkennen möget! Und darum lasse Ich nun dich für alle reden, da Ich nur zu gut weiß, daß du ein sehr gutes und scharfes Gedächtnis besitzest, dazu auch eine sehr beugsame Zunge, und daß eben du durch deinen Rabbi am meisten die Lücken und Mängel am Gesetz und an den Propheten gar wohl kennengelernt hast. Und so rede du nun nur wie zuvor ganz geradeheraus, was dir etwa auch an diesem Gesetze als nicht so ganz in der vollsten und besten Ordnung vorkommen sollte!"

[GEJ.07_035,08] Sagte die Helias: „Herr, so man das tut, was Du willst, begeht man doch sicher keine Sünde, und auf das gestützt, muß ich hier schon ganz offen bekennen, daß ich mit – sage – diesem ganzen neunten Gebote am allerwenigsten und schon eigentlich ganz und gar nicht einverstanden bin, weil all das darin Verbotene jeder klaren Vernunft den reinen Hohn spricht, – erstens, weil alles darin Enthaltene schon ohnehin hinreichend im sechsten und siebenten Gebote enthalten ist, und zweitens, weil dem Menschen darin ganz ordentlich das Denken, Fühlen und Wünschen untersagt ist!

[GEJ.07_035,09] Was liegt denn daran, so irgendein armer Mensch, der sein ganzes Leben hindurch zum Dienen und zur schweren Arbeit um magere Kost und um einen schlechten Lohn von Geburt aus verurteilt war, sich auch dann und wann denkt und sogar eine Sehnsucht bekommt, auch einmal ein Haus oder ein liebes Weib oder einen Ochsen oder Esel als Eigentum zu besitzen?! Denn es wird sein für ihn frommer Wunsch ja ohnehin nie erfüllt werden! Wenn es ihn nach so etwas auch gar nie gelüsten soll, so muß ihm zuvor ja doch das Denken, Fühlen und Empfinden ganz genommen werden.

[GEJ.07_035,10] Wahrlich, es kommt mir dieses alberne Gebot geradeso vor, als so Moses den Menschen den Gebrauch ihrer Sinne und dazu auch ihrer Hände und Füße untersagt hätte, was sich aber noch um vieles bescheidener ausgenommen hätte, als wenn er ihnen die innersten Lebensfunktionen verboten hätte, für die doch wahrlich kein Mensch etwas kann, wenn sie in ihm, durch allerlei Umstände und Verhältnisse geweckt und erregt, vor sich gehen.

[GEJ.07_035,11] Ich will das hier gar nicht mehr in irgendeine Anregung bringen, daß dieses Gebot ganz besonders wahrnehmbar nur für den Mann gegeben ist; allein dieser Grund ist bereits erörtert worden, und man kann da nun schon mit der größten Bestimmtheit annehmen, daß ein jedes Gesetz das Weib ebensogut angeht wie den Mann und es da denn auch für das Weib also gesagt ist: ,Du sollst nicht begehren deiner Nächsten Mann!‘ Das ist im Gesetze sonach alles in der Ordnung; aber daß ein Mensch nicht denken, nicht fühlen, nichts wünschen und auch nichts empfinden soll, – da hört sich aber auch schon alles auf!

[GEJ.07_035,12] Es ist schon wahr, daß in uns allerlei Gedanken, auch allerlei Wünsche, Begehrungen und endlich auch Bestrebungen und Taten guter und böser Art entstehen; aber ohne die vorhergehenden Gedanken, aus denen freilich gar oft schlechte Handlungen entstehen, können auch keine guten Entschließungen und Taten zum Vorschein kommen. Das muß jedem Engel und jedem nur einigermaßen vernünftigen Menschen klar und sehr begreiflich sein. Und so sage ich, daß dieses letzte Gesetz, insoweit es den Menschen schlechte Handlungen verbietet, schon ganz in der Ordnung ist, obschon meines Erachtens überflüssig, weil das, wie schon früher bemerkt, ohnehin durch das sechste und siebente Gebot geschehen ist. Aber es ist ganz und gar nicht in der Ordnung, so es dem Menschen das Denken, Fühlen, Empfinden und ein daraus sicher hervorgehendes leises Wünschen, Gelüsten und Begehren verbietet.

[GEJ.07_035,13] Zum Beispiel ich, meine Eltern und mein Bruder haben unser Vermögen und Besitztum ganz ohne unser Verschulden verloren und haben nun nichts als unser nacktes Leben und durch Deine Gnade, o Herr, die guten Freunde. So wir denn in unserer großen Armut die Reichen und Großen im Überflusse schwelgen sahen, – haben wir da gesündigt, so wir das Begehren in uns fühlten, nur einen ganz kleinen Teil von ihrem Überflusse unser nennen zu dürfen?! So es uns in unserem Hunger auch nicht einmal gelüsten soll, uns von den überfüllten Schüsseln nur dem Gedanken nach einmal zu sättigen, dann hört sich aber schon alles auf!

[GEJ.07_035,14] Zu dem kommt da noch eine große Frage: ob an dem, was die Erde trägt, die eigentlich Gottes Grund und Boden ist, nicht alle in diese Welt ohne ihr Verschulden gesetzten Menschen wenigstens so viel natürliches Recht besitzen sollen, daß sie nur zur Notdurft ihren Leib versorgen können. Warum müssen oder sollen manche Menschen gar so viel ihr eigen nennen, und das unter allem möglichen gesetzlichen Schutze, die allergrößte Zahl dafür aber nichts und muß sich am Ende auch noch das göttliche Gesetz dahin gefallen lassen, daß sie kein Verlangen nach dem haben sollen, was als Überfluß die Großen und Reichen ihr Eigentum nennen? Man nimmt ihnen dadurch ja ohnehin nichts weg; aber wenn man kein notwendiges Verlangen nach dem Überflusse des Reichen haben darf, so darf man ihn als ein Bettler ja auch nicht darum bitten! Denn das Bitten setzt ja notwendig eine durch die Not gezwungene Lüsternheit nach einem Teile des Besitzes des reichen Nächsten voraus.

[GEJ.07_035,15] Wir Armen dürfen demnach nur zu den Besitzern kommen und sie um eine Arbeit bitten und uns dafür mit dem noch so schmalen Liedlohne (Gesindelohn) völlig zufrieden geben, da jedes weitere Verlangen eine gesetzwidrige Lüsternheit nach dem wäre, was des reichen Nächsten ist und er sein nennt. O Herr und Meister, das kann ein höchst liebevoller Schöpfer nie und niemals also gewollt und also angeordnet haben! Das können nur schon von alters her habsüchtige Menschen unter dem Titel der Vorsehung Gottes also gewollt und gemacht haben, auf daß wir Armen sie auch nicht einmal mit unseren Gedanken in ihrem Besitze stören sollen.

[GEJ.07_035,16] O Herr und Meister, der Du so überweise und allmächtig bist, – was sagst Du nun dazu? Denn ich habe geredet nun und habe dargestellt, was ich an diesem letzten Grundgesetz als nach meinem menschlichen Verstande überaus mangelhaft gefunden habe, freilich infolge von dem, was ich von meinem Rabbi bekommen habe. Oh, gib Du uns allen darüber nun ein rechtes Licht; denn ich denke mir, daß eben dieses gar nicht möglich zu haltende Gesetz die Menschen am meisten zu allerlei Sünden und anderen Verbrechen verleitet hat, weil ich nur zu gut weiß, daß eben dieses letzte Gesetz beinahe von allen verständigeren Juden als ein nicht göttliches erkannt wird! Oh, öffne Deinen heiligen Mund und gib uns Deinen Willen kund!"

 

36. Kapitel

[GEJ.07_036,01] Sagte Ich: „Du bist ja ein ganz entsetzlich scharf verständiges Wesen und hast das letzte Mosaische Gesetz gar scharf angegriffen! Ja, ja, manchmal sind die Kinder der Welt klüger als die Kinder des Lichtes; sie sehen oft eher das Eckige einer Lehre denn die Kinder des Lichtes. Doch auch bei diesem letzten Gebote hast du dich, ungeachtet der großen Schärfe deines Verstandes, geradeso verhauen wie bei den früheren.

[GEJ.07_036,02] Du kannst denken, was du willst, so kannst du dadurch nicht sündigen, so dein Herz an einem unordentlichen Gedanken kein Wohlgefallen findet. Findest du aber an einem schlechten Gedanken ein Wohlgefallen, so verbindest du auch schon deinen Willen mit dem schlechten, aller Nächstenliebe baren Gedanken und bist nicht ferne davon, solchen Gedanken, der einmal schon von deinem Wohlgefallen und von deinem Willen belebt worden ist, in die Tat übergehen zu lassen, wenn dir die Umstände günstig erscheinen und die Tat ohne äußere Gefahr zulassen. Daher ist die weise Überwachung der im Menschenherzen vorkommenden Gedanken durch das geläuterte Licht des Verstandes und der reinen Vernunft ja doch von der höchsten Wichtigkeit, weil der Gedanke der Same zur Tat ist, und es könnte die notwendige und weise Überwachung der Gedanken wahrlich nicht trefflicher ausgedrückt sein als eben dadurch, daß da Moses sagt: ,Laß dich nicht gelüsten nach diesem und jenem!‘ Denn so es dich einmal stark zu gelüsten anfängt, so ist dein Gedanke schon belebt durch dein Wohlgefallen und durch deinen Willen, und du wirst dann deine Not haben, solch einen belebten Gedanken in dir völlig zu ersticken. Der Gedanke, und die Idee, ist ja, wie früher gesagt, der Same zur Tat, die da die Frucht des Samens ist. Wie aber der Same, so dann auch die Frucht!

[GEJ.07_036,03] Du kannst daher denken, was du willst; aber belebe keinen Gedanken und keine Idee eher zur Frucht, als bis du ihn vor dem Richterstuhle deines Verstandes und deiner Vernunft gehörig durchgeprüft hast! Hat der Gedanke da die Licht- und Feuerprobe bestanden, dann erst kannst du ihn zur Frucht oder Tat beleben, und es kann dich da dann schon gelüsten nach etwas Gutem und Wahrem; aber nach etwas Unordentlichem, das offenbar wider die Nächstenliebe geht, soll es dich nicht gelüsten! Und darin liegt das, was Moses in seinem letzten Gesetze ausgedrückt hat, und es liegt darin wahrlich wohl nie und nirgends der Widerspruch mit den inneren Lebensfunktionen, den du mit Hilfe deines scharfsinnigen Rabbi willst gefunden haben. Was soll, ja was kann aus einem Menschen werden, wenn er nicht schon frühzeitig lernt, seine Gedanken zu prüfen, zu ordnen und alles Unreine, Böse und Falsche aus ihnen zu scheiden? Ich sage es dir, solch ein Mensch würde schlechter und böser werden denn ein allerreißendstes und bösestes Tier!

[GEJ.07_036,04] In der guten und weisen Ordnung der Gedanken liegt ja der ganze Lebenswert eines Menschen. Wenn nun Moses zur Regelung der Gedanken, Wünsche und Begierden auch ein Gebot gab, – kann da ein ganz weise sein wollender oder sein sollender Rabbi ihn dahin verdächtigen, als hätte er ein solches am allermeisten zu berücksichtigende Gebot nicht vom wahren Geiste Gottes empfangen? Siehe, siehe, du Meine liebe Tochter, wieweit sich da dein Rabbi verstiegen hat!"

 

37. Kapitel

[GEJ.07_037,01] (Der Herr:) „Daß die Güter dieser Erde sehr ungleich verteilt sind, und daß es Reiche und Arme gibt, das ist schon also der weise Wille Gottes, und Er läßt darum auch solch ein Verhältnis unter den Menschen bestehen, weil ohnedem auch die Menschen schwer oder auch gar nicht bestehen könnten.

[GEJ.07_037,02] Denn stelle dir einmal die Sache also vor, daß da ein jeder Mensch auf der ganzen Erde schon von Geburt an mit allem also versorgt wäre, daß er von keinem andern nur ein Geringstes mehr benötigen würde, so würde er nur zu bald den Tieren des Waldes und den Vögeln der Luft gleich leben. Diese bauen sich keine Häuser, bebauen keine Felder und Weinberge und haben nicht not, für ihre Bekleidung zu sorgen. Und hätten sie auch in ihren Höhlen und Nestern hinreichend Nahrung, so würden sie diese auch nie verlassen, sondern sie würden gleich den Polypen im Meeresgrunde ruhen und fressen, wenn sie einen Hunger verspürten. Aber weil die Tiere ihren Fraß erst suchen müssen, so sind sie voll Bewegung und ruhen erst dann, wenn sie ihren Hunger gestillt haben.

[GEJ.07_037,03] Und siehe, also hat es Gott besonders unter den Menschen gar sehr weise eingerichtet, daß Er die irdischen Güter unter sie sehr ungleich verteilt und sie auch mit sehr verschiedenen Talenten und Fähigkeiten ausgestattet hat! Dadurch ist ein Mensch dem andern ein unerläßliches Bedürfnis. Der Reiche ist gewöhnlich für eine schwerere und doch höchst notwendige Arbeit nicht sehr dahin eingenommen, daß er selbst seine Hände daran legte; aber er hat eine Freude daran, daß er alles nach seinem Wissen und nach seinen gemachten Erfahrungen anordnet und seinen Knechten und Mägden anzeigt, was sie zu tun und zu arbeiten haben. Diese legen dann ihre Hände ans Werk und arbeiten nun und dienen willig dem Reichen um den bedungenen Lohn. Und damit sie sich etwa aus Liebe zum Selbstreichsein und zum Wohlleben nicht am reichen Dienstgeber vergreifen können, so schützen diesen die weltlichen, wie auch die göttlichen Gesetze, freilich nur bis zu einem gewissen Maße, über das auch für die Reichen gar scharfe und weise Gesetze gegeben sind.

[GEJ.07_037,04] Also braucht der reiche Besitzer auch allerlei Professionisten. Er muß zum Schmied kommen, zum Zimmermann, zum Maurer, zum Schreiner, zum Töpfer, zum Weber, zum Schneider und zu noch gar vielen anderen, und so lebt einer von dem andern, weil einer dem andern dient. Und nur auf diese Art kann das Menschengeschlecht auf der Erde erhalten werden und könnte sehr gut bestehen, wenn sich so manche nicht auf eine gar zu übermäßige Habsucht und Herrschgier geworfen hätten. Doch diese werden von Gott stets scharf heimgesucht und schon auf dieser Welt gezüchtigt, und ihr ungerecht zusammengeraffter Reichtum geht höchstens bis auf die dritte Nachkommenschaft über.

[GEJ.07_037,05] Du siehst daraus, daß es in der Welt Arme und Reiche geben muß, und so kannst du auch schon einsehen, daß Moses das letzte Gesetz nicht lückenhaft, sondern so vollständig wie nur immer denkbar den Juden und durch sie allen Menschen gegeben hat, und daß eben in diesem Gesetze erst die wahre, innere Vollendung der reinen Nächstenliebe und des Geistes der Barmherzigkeit im Menschenherzen zugrunde liegt.

[GEJ.07_037,06] Wenn aber das unleugbar der Fall ist, so ist darin auch die Bedingung enthalten, daß ein jeder zur wahren Reinigung seiner Seele eben dieses letzte Gesetz sehr beherzigen und auch gar sehr und vollkommen beachten soll. Denn solange ein Mensch nicht völlig Herr seiner Gedanken wird, so lange wird er auch nicht Herr seiner Leidenschaften und der daraus hervorgehenden Tätlichkeiten. Wer aber da nicht Herr und Meister in sich und über sich ist, der ist noch ferne vom Reiche Gottes und ist und bleibt ein Knecht der Sünde, die aus seinen unordentlichen Gedanken und daraus hervorgehenden Begierden geboren wird und den ganzen Menschen verunreinigt. – Hast du das nun wohl verstanden? Nun ist wieder an dir die Reihe, zu reden."

 

38. Kapitel

[GEJ.07_038,01] Sagte die Helias: „O Herr und Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Was soll ich arme Magd noch mehr reden? Denn mit Dir über göttliche Dinge reden kommt mir nun geradeso vor, als so ein recht allereinfältigster Narr sich vornähme, das ganze, unmeßbar große Meer mit einem Eßlöffel in einen Wassereimer auszuschöpfen. Alles, was Du, o Herr, sagst, ist Wahrheit; wir Menschen alle zusammen aber wissen ganz und gar nichts. Diese meine Bemängelung des letzten Gebotes kam mir doch so grundrichtig vor wie nur etwas unumstößlich Wahres in der ganzen lieben Welt, und was ist eben diese meine Gesetzesbemängelung jetzt? Nicht nur gar nichts, sondern ein ausgesprochenes Etwas, über das man sich gleich eine ganze Ewigkeit lang schämen könnte, daß man es eben dümmsterweise ausgesprochen und dadurch auch so erst ganz ordentlichst seine eigene Dummheit zur offensten Schau getragen hat. Herr und Meister, wahrlich wahr, ich bin nun mit mir selbst im höchsten Grade unzufrieden, und es reut mich tiefst, daß ich je nur zu wagen mich getraut habe, mich mit Dir in einen Wortwechsel einzulassen! Was werden nun alle die hier versammelten weisen Männer von einer solchen naseweisen und eingebildeten Dirne denken? O Herr und Meister, ich fange nun an, mich ganz entsetzlich zu schämen!"

[GEJ.07_038,02] Sagte Ich: „Nun, warum denn so ganz eigentlich? Ich habe dich ja doch Selbst dazu aufgefordert, und du selbst hast es allzeit ausgesprochen: Wer das tut, was Ich will, der sündigt nicht! Du hast aber eben das getan, was Ich gewollt habe, und somit hast du denn auch nicht gesündigt; und hast du nicht gesündigt, so hast du dich wegen irgendeiner Sünde vor Mir auch nicht zu schämen. Denn was du geredet hast, das war nicht nur deiner selbst wegen von großer Wichtigkeit, sondern auch der gar vielen andern wegen; denn sie alle trugen ganz dieselben Zweifel in ihren Eingeweiden und sind dadurch nun von Grund aus geheilt. Und siehe, das war mehr oder minder auch ein Werk deiner wahrlich sehr gewandten Zunge, und siehe, das war etwas ganz Gutes und gar nichts Schlechtes, und so darfst du dich dessen gar nicht schämen, was du geredet hast. Du hast für dein geringes Alter einen ganz geläuterten Verstand, und der ist das anfängliche Licht des Herzens; und wer ein rechtes Licht des Herzens hat, der kann auch bald und leicht das rechte Licht des Lebens finden. – Verstehest du, was Ich dir damit gesagt und gezeigt habe?"

[GEJ.07_038,03] Sagte die Helias: „O Herr und Meister, das verstehe ich wohl; aber dessenungeachtet habe ich dennoch in mir das vollste Bewußtsein, daß ich das vollkommenste Nichts im Nichts bin und Du das vollendetste Alles in Allem bist! Aber von nun an bitte ich Dich, o Herr, mich nicht mehr zum Reden aufzufordern; denn ich bin sehr blind!"

[GEJ.07_038,04] Sagte Ich: „Du solltest wohl noch reden, weil du auch die Propheten verdächtigt hast; doch weil du nun einsiehst und begreifst, daß das Gesetz Mosis ein rein göttliches ist und keine Mängel und Lücken in sich faßt, als wäre es ein menschliches, so kannst du dir nun das weitere Reden ersparen. Doch so dich irgend etwas noch mit einem Zweifel erfüllt, so kannst du fragen, und es wird dir Licht gegeben werden.

[GEJ.07_038,05] Doch hier um Mich sitzen Meine alten Jünger, und jener scheinbare Jüngling ist Mein Diener, wie Ich deren noch gar viele habe; auch ihn kannst du fragen, und er wird dir, gleich wie Ich Selbst und gleich wie diese Meine Jünger, über alles den rechten Aufschluß geben. Ich Selbst aber werde nun zu Meinen Jungen gehen, die dort auf der entgegengesetzten Seite dieser Herberge sich in einem Gemache befinden, und werde sie in die Freie führen. Begleiten aber darf Mich nun nur Lazarus, der Römer Agrikola und der Sklavenhändler Hibram.

[GEJ.07_038,06] Nun weißt du, Meine Helias, schon, was du zu tun hast, wenn du noch ein weiteres Licht haben willst; denn Ich muß nun etwas anderes tun, da die Sonne nur noch etwas über eine halbe Stunde am Himmel verweilen wird. Sodann kommen nach dem Untergange die vielen fremden Gäste, die draußen unter den Zelten ihr Abendmahl zu sich nehmen werden, und da ist für Mich keine Zeit, draußen unter den Weltmenschen umherzuwandeln, sondern Ich will dann wieder hier in eurer Mitte sein. Aber wenn dann die Fremden nach dem Abendmahle wieder in ihre Wohnhütten abziehen werden, dann werden wir gemeinschaftlich uns ins Freie begeben, und ihr alle sollet da viel Wunderbares erleben. Und so verharret nun hier und erbauet euch geistig, bis Ich wieder zu euch zurückkehren werde!"

[GEJ.07_038,07] Sagte nun die Helias mit einer etwas trüben Stimme: „O Herr und Meister, warum darf denn ich nun nicht mit hinaus ins Freie? Und ich möchte doch gar so sehnlichst gerne immer in Deiner nächsten Nähe sein!"

[GEJ.07_038,08] Sagte Ich: „Das ist wahrlich gar sehr löblich von dir; aber du kannst auch ohne Meine Persönlichkeit stets in Meiner nächsten Nähe sein, wenn du Mir nur im Herzen nahe bist! Siehe, in Genezareth befindet sich auch ein gar liebliches Mägdlein, dessen Namen Jarah ist; die hat Meine Person schon beinahe ein ganzes Jahr lang nicht mehr gesehen, und dennoch ist sie Mir in ihrem Herzen noch um ein bedeutendes näher als du nun! Ich kann Mich in jedem Augenblick mit ihr besprechen, und sie vernimmt jedes Meiner Worte genaust in ihrem Herzen und richtet sich strenge danach. Tue du desgleichen, so wirst auch du gleich jener Jarah dich stets in Meiner nächsten Nähe befinden, und das auch dann, wenn Ich nicht mehr in diesem Leib und Fleisch auf dieser Erde umherwandeln werde! Verstehe solches und richte dein Leben danach ein, so wirst du das ewige Leben haben in dir!"

 

39. Kapitel

[GEJ.07_039,01] Darauf erhob Ich Mich schnell und die drei Berufenen mit Mir, und wir gingen zu unseren Jungen, die wir ganz ruhig und mit heiteren Gemütern antrafen; denn da hatte eines dem andern stets vieles zu erzählen, was ein jedes auf der weiten Reise Absonderliches gesehen und bemerkt hatte, und wie solches auf ihre gegenwärtige Erlösung Bezug genommen habe. Einige hatten Träume, andere wollten andere Erscheinungen bald auf der Erde und bald wieder am Himmel gesehen haben. Und also unterhielten sich diese Jungen die etlichen Stunden untereinander ganz gut und merkten es kaum, daß es schon nahe zum Ende des Tages gekommen war.

[GEJ.07_039,02] Als wir zu ihnen in ihr ganz geräumiges Gemach traten, da war es völlig aus vor lauter Freude, und alle schrien: „Gegrüßet seist du, unser allein rechter und ganz allein wahrer Vater; denn du hast uns ein gutes Brot und einen guten Trank gegeben, hast uns frei gemacht von unseren harten Banden und hast wohl bekleidet unsern nackten Leib, und darum bist du nun ganz allein unser rechter und wahrer Vater, und wir alle lieben dich nun über alles! Aber unsere harten Eltern können wir nun nicht mehr allzusehr lieben; denn sie haben uns nie etwas Gutes getan, außer daß sie uns eine Zeitlang gemästet haben, um uns dann teurer verkaufen zu können. Wir wünschen ihnen darum dennoch nichts Arges, sondern nur das wünschen wir ihnen, daß sie bald zu der Einsicht kommen sollen, daß es höchst unrecht ist, so Menschen wieder Menschen und sogar die Eltern ihre Kinder gleich wie andere Haustiere an gewinnsüchtige Kaufleute verkaufen. Doch da wir nun alle einen so überguten Vater gefunden haben, so sei auch der alte Frevel, den unsere Alten an uns, ihren unschuldigen Kindern, begangen haben, ihnen vergeben, was du, harter Kaufmann Hibram, ihnen daheim wohl vermelden kannst, wenn noch irgendein ehrlicher Blutstropfen in deinen Adern fließt!"

[GEJ.07_039,03] Lazarus und auch Agrikola erstaunten über die große Entschiedenheit dieser Ansprache an Mich und teilweise an den Sklavenhändler Hibram; denn Ich gab den zweien die Gabe, die Sprache dieser nordischen Jungen zu verstehen, wie auch mit ihnen zu reden, da solches höchst notwendig war, auf daß sich besonders der Römer mit ihnen besser verständigen konnte. Ich hätte solch eine Fähigkeit auch allen diesen Jungen geben können; aber es wäre das für sie nicht so gut gewesen, weil sie durch eine vollkommenere Sprache auch eher und vollkommener zur Kenntnis aller möglichen Unarten, Untugenden, Sünden und Laster gelangt wären. Wenn sie aber die ihnen noch fremde Sprache der Römer erst nach und nach erlernen mußten, so wurden sie vorerst in ihrer Sprache von dem Römer, der am Ende doch alle die Jungen mit nach Rom führte und dem Lazarus keinen zurückließ, in Meiner Lehre unterwiesen, die ihnen dann einen immerwährenden Schutz gegen die Torheiten Roms gab; und es war somit alles gut, wie Ich diese Sache angeordnet hatte.

[GEJ.07_039,04] Als sich diese Jungen mit uns ordentlich unterredet hatten und auch Hibram ihnen die teuerste Versicherung gab, daß er daheim für ihre zurückgebliebenen Gefährten schon bestens sorgen werde, und daß er fortan auch keinen Menschenhandel mehr führen wolle, für welches Versprechen sich ihm alle Jungen beiderlei Geschlechts sehr dankbar bezeigten, da sagte Ich, daß sie nun alle mit uns hinaus in die Freie gehen sollten, was ihnen eine große Freude verursachte.

[GEJ.07_039,05] Als wir aber im Freien waren, sahen wir die schöne Landschaft gegen den Sonnenuntergang, und die Jungen sagten ganz wonnetrunken, daß sie noch nie eine so schöne Landschaft gesehen hätten.

[GEJ.07_039,06] Und ein Junge, der eine besonders hervorragende Denk- und Redefähigkeit besaß, sagte: „Wahrlich, in diesem Lande, das gar so schön und warm ist, müssen die Menschen dem guten Gott um vieles näher sein als dort, wo wir geboren sind; denn dort ist es nur eine ganz kurze Zeit warm und darauf eine lange Zeit sehr kalt, so daß vor lauter Kälte das Wasser zu Stein wird, und das ganze Land sieht sehr traurig aus! Daher sind dort die Menschen auch dem bösen Gott näher und sind daher auch böse und schlecht. Denn dort lieben sich die Menschen untereinander nicht, und jeder trachtet nur, wie er seinen Nebenmenschen etwas Arges zufügen könne. Der am meisten Starke ist dort ein fürchterlicher Herr der anderen schwachen Menschen, zwingt sie, ihm die schwersten Dienste zu tun, und gibt dafür keinen Lohn, – Das muß dort wahrlich der böse Gott bewirken! Und du, Hibram, bist dort auch ein solcher starker Herr; darum laß du dich in Zukunft daheim ja nicht mehr von dem bösen Gott gefangennehmen in deinem Gemüte und in deinem Verstande und bringe ihm kein Opfer mehr dar, sondern opfere dem guten Gott dieses Landes, dann wird auch unser Land so schön und warm werden, wie nun dieses da ist.

[GEJ.07_039,07] Denn ich meine, daß der gute Gott um vieles mächtiger ist als der böse, der das Wasser wohl töten und zum Steine machen, aber selbst nicht wieder auflösen und lebendig machen kann. Hier hast du den guten und mächtigsten Gott gefunden; nimm Ihn mit in deinem Herzen und opfere Ihm allein, und Er wird dann schon auch segnen unser großes Land! Wirst du aber daheim wieder dem bösen Gott opfern, so wird unser Land nimmer diesem schönen und warmen Lande gleich werden."

[GEJ.07_039,08] Diese kindlich weisen Worte des Jungen rührten Hibram zu Tränen, und er versprach dem Jungen auf das feierlichste, daß er seinen Rat und Wunsch auf das pünktlichste befolgen und dem vermeinten bösen Gott nie mehr ein Opfer darbringen werde; wohl aber werde er dort allen seinen Untergebenen den guten Gott, den er hier gar wohl kennenlernte, verkünden und zeigen, wie man Ihm allein opfern kann und soll.

[GEJ.07_039,09] Aber bei der Gelegenheit machte er auch alle Jungen darauf sehr aufmerksam, wie auch sie sich nun vor allem emsigst bestreben sollen, den guten und allein wahren Gott stets näher und näher zu erkennen und Ihn über alles zu verehren und zu lieben, und, wenn sie es in der Erkenntnis des guten und allein wahren Gottes zu einer Vollendung gebracht haben würden, sie dann ihres Heimatlandes nicht vergessen sollen.

[GEJ.07_039,10] Auch dieses gelobten die Jungen, und der Redner sagte: „So wir einmal des guten, allein wahren und über alles mächtigen Gottes Segen und Kraft also innehaben werden wie diese Menschen hier – wovon wir uns alle auf das hocherstaunlichste überzeugt haben –, dann werden wir auch gar leicht wieder heimfinden und auch heimkehren; denn da wird uns Sein Geist schon den rechten und den nächsten Weg zeigen und auch führen. Aber ohne solch einen Führer und über alles mächtigen Führer und Beschützer, würden wir unser von hier so überweit entferntes Land wohl nimmer finden können, und das darum um so schwerer, da wir vier Tage lang mit verbundenen Augen und mit Lehm überklebten Ohren auf den Wagen und Karren vom Heimatlande weg geschafft worden sind. Darum lasset auch von dieser bösen Gewohnheit ab; denn es ist etwas gar sehr Entsetzliches, blind und taub als ein Sklave sein Heimatland, wenn es auch ein noch so unfreundliches Aussehen hat, für immer verlassen zu müssen. Also auch dieses merke dir, du daheim starker und die armen Menschen weit und breit beherrschender Hibram!"

[GEJ.07_039,11] Hierauf wandte sich der Junge gar sehr liebfreundlichen Angesichtes an Mich und sagte: „O du, unser guter Vater und weisester und sehr mächtiger und von dem guten Gott sehr erfüllter Mann voll Macht und jeglicher Kraft, sage auch du dem Hibram, daß er das tun soll, was wir Armen ihm durch meinen Mund treuoffenherzig geraten haben, und er wird das dann um so gewisser tun, da auch er auf dich schon viel zu halten scheint! Wenn er daheim das tun wird, so wird dann auch unser Land so schön und warm werden, wie dieses da ist, und der böse Gott wird dann sicher nicht mehr imstande sein, das Wasser zu töten und das ganze große Land mit dem sehr kalten Schnee zu überstreuen, – was für die dortigen Menschen ein gar böses Leben zeiht (verursacht).

[GEJ.07_039,12] O du guter Vater von uns allen, habe doch die Barmherzigkeit nicht nur mit uns, sondern auch mit allen denen, die in unserem schlimmen Lande zu Hause sind und gar oft nichts zu essen haben als das getrocknete Fleisch von wilden Tieren und Fischen! Wenn ich im Namen aller dieser, die dich hier als den guten Vater preisen, eine Fehlbitte getan habe, so magst du mich wohl darum strafen; denn an Macht und Kraft dazu fehlt es dir, du lieber, guter Vater, sicher nicht, wie wir uns alle schon überzeugt haben!"

[GEJ.07_039,13] Sagte Ich: „Warum nicht gar! Ich habe von Ewigkeit her noch kein Wesen gestraft, außer es hat sich selbst gestraft, – um so weniger werde Ich dich je strafen für dein gar gutes und edles Herz. Im Gegenteil, Ich sage dir: Du wirst in sieben Jahren in dein Land zurückkehren, und Ich werde aus deinen Lenden ein Geschlecht erwecken, das des Nordens weite Länder über tausend Jahre hindurch in Meinem Namen beherrschen und leiten wird. Aber deine späteren Nachkommen werden die Herrschaft nicht erhalten, weil sie roh und höchst herrschsüchtig werden. Allein, daraus brauchst du dir nichts zu machen; denn Ich werde Mir da allzeit Lenker wählen, wie Ich sie eben werde brauchen können. Doch das Reich wird stets ein und dasselbe mit wenigen Veränderungen verbleiben; doch in den späteren Zeiten werden die Lenker nicht in Asien, sondern in Europa ihren bleibenden Wohnsitz aufschlagen. Darum aber seid alle besonders fleißig und lernet alles Gute und Wahre und verpflanzet Mein Licht auch nach dem sehr finsteren Norden!

[GEJ.07_039,14] Es wird zwar dort so wie bis jetzt der Winter der Weltnatur die Erde beherrschen; allein das macht nichts. Wenn nur eure Herzen warm sind durch die Liebe zu Gott und zu euren Nächsten, dann werden eure toten Ströme schon auftauen und euch vielen Segen ins Land schaffen. Aber ihr müsset euch nun denn so recht emsig in allem Guten und Wahren von denen unterweisen lassen, die euch nach Rom mitnehmen werden, und ihr werdet dann nach sieben Jahren voll Segens in euer Land zurückkehren. Und so ihr euch wieder in eurer alten Heimat befinden werdet, da tut denen Gutes, die euch Böses getan haben, und ihr werdet dadurch viel Segen in euer Land bringen! – Habt ihr das wohl verstanden?"

[GEJ.07_039,15] Alle bejahten das und versprachen, es zu halten.

[GEJ.07_039,16] Und Ich sagte: „So haben wir einen guten Zweck erreicht und wollen uns denn wieder ins Haus zurückbegeben!"

[GEJ.07_039,17] Damit waren auch alle völlig zufrieden, und wir zogen uns wegen der ankommenden Fremden wieder ins Haus zurück, wo wir die Helias in glühendem Gespräche mit dem Engel antrafen.

 

40. Kapitel

[GEJ.07_040,01] Als Ich Mich wieder an den Tisch gesetzt hatte, da berief Ich den Raphael und den Lazarus und zeigte beiden an, daß die Fremden aus der Stadt bereits im Anzuge seien und sie darum Sorge tragen sollten, daß diese in ihren Zelten untergebracht und versorgt würden und nicht in die Gemächer des Hauses kämen.

[GEJ.07_040,02] Da fragte Lazarus, sagend: „Herr, es wird schon dunkel, weil die Sonne untergegangen ist. Wie werden wir da mit der Beleuchtung auskommen? Im Hause haben wir der Lichter schon in gerechter Anzahl; aber in den Zelten haben wir bis jetzt noch keine Lampen, und da möchte ich Dich, o Herr, wohl bitten, mir da zu helfen. Denn wenn die Zelte finster sind, so gehen uns die Fremden ins Haus, wo sie ein Licht sehen werden."

[GEJ.07_040,03] Sagte Ich: „Darum gebe Ich dir Raphael mit; der wird dir schon tun, was da nötig ist, wie er dir solches um die Mittagszeit getan hat. Und also kannst du schon ganz getrost hinausgehen. Gehet aber nun, da die Fremden schon ankommen!"

[GEJ.07_040,04] Da ging Lazarus mit Raphael und mit seinem Wirte hinaus und fand zu seinem großen Staunen die Zelte alle hell erleuchtet und die Tische alle mit Wein und allerlei Speisen bestens besetzt. Da kamen aber auch des Hauses Diener und Mägde und fragten den Lazarus und den Wirt, woher sie die Speisen und den Wein genommen hätten, da sie als Diener des Hauses nichts davon wüßten.

[GEJ.07_040,05] Da sagte Lazarus: „Seid ihr ja doch auch Menschen! Warum bekümmert ihr euch also so wenig um das, was nun in meinem Hause ist und geschieht?! Wir wissen das schon gar wohl, woher diese Zelte, die Tische, das Tischgerät, der Wein und die Speisen sind. Hättet ihr selbst euch mehr darum bekümmert, so wüßtet ihr das auch. Aber euch kümmert das wenig, und so wisset ihr denn auch wenig oder gar nichts! Wer ist denn Derjenige, der mit Seinen Jüngern nun schon bei vier Tage lang hier in meinem Hause wohnt?"

[GEJ.07_040,06] Sagten die Köche und einige Diener: „Ah, nun wissen wir es schon! Das ist der große Prophet aus Galiläa! Es ist uns aber nun sehr zu verzeihen, so wir bis jetzt davon wenig wußten und noch weniger verstanden, was es da mit dem Propheten für eine Bewandtnis hat; denn wir waren stets vollauf mit unserer Arbeit beschäftigt und hatten bis heute nachmittag wahrlich wenig Zeit, uns um derlei Dinge umzusehen, und es hätte sich für uns auch gar nicht geschickt, um eines oder anderes zu fragen, wenn uns auch hie und da so manches aufgefallen ist. Doch von nun an werden wir uns schon um alles mehr bekümmern, da wir ja auch Menschen sind – wie du selbst es gesagt hast –, denen es auch nicht schaden kann, so sie etwas mehr wissen, als sie bis jetzt gewußt und erfahren haben. Nicht wahr, Herr des Hauses und deiner vielen anderen Güter, wir dürfen das?"

[GEJ.07_040,07] Sagte Lazarus: „O allerdings, doch jetzt gehe ein jeder an seine Arbeit, damit für die vielen Gäste im Hause ein gutes und hinreichendes Abendmahl bereitet wird! Und ihr Diener gehet zu den Zelten, weiset den Fremden die Plätze an, und nehmet von ihnen wie am Mittage, wenn sie gegessen und getrunken haben werden, das Geld! Gehet nun; denn die Gäste kommen schon!"

[GEJ.07_040,08] Da ging ein jeder an seine Arbeit; Lazarus mit dem Wirte aber bewillkommnete die nun auf einmal massenhaft ankommenden Gäste.

[GEJ.07_040,09] Einer der Fremden aber fragte den Lazarus doch, wie er denn so genau wissen konnte, daß der fremden Gäste eben so viele ankommen würden, als er Zelte, Bänke, Tische und Speisen und Weine vorbereitet habe. Denn es falle ihm das sehr auf, daß er als ein Wirt das so ganz genau zu erraten vermocht habe. In andern Herbergen sei das beinahe gar nie der Fall; denn da treffe es sich meistens, daß die Herbergswirte entweder zuviel oder zuwenig für die ankommenden Gäste vorbereitet hielten.

[GEJ.07_040,10] Auf diese Frage sagte Lazarus vorderhand, weil sie ihn ein wenig überrascht hatte, nichts als das nur, daß sich der geehrte Gast nun nur in das nächste Zelt begeben und essen und trinken solle, und er werde ihm dann schon, so er noch darauf bestehe, den nötigen Aufschluß geben.

[GEJ.07_040,11] Damit stellte sich der Gast denn auch zufrieden, ging in sein Gezelt, setzte sich zu Tische, aß und trank ganz wacker darauflos und konnte den Wohlgeschmack der Speisen und Getränke nicht genug loben.

[GEJ.07_040,12] Ein anderer Gast im selben Zelte sagte: „Wahrlich, diese Speisen müssen von Göttern zubereitet worden sein, da sie gar so fabelhaft wohlschmeckend sind! Und der Wein ist ein echter Nektar, der für die Götter taugte!"

[GEJ.07_040,13] Und es wurden noch eine Menge solcher Bemerkungen von diesen griechischen Kaufleuten gemacht. Einer wollte viel Geldes hergeben, so er das Geheimnis solch eines ausgezeichneten Kochens erfahren könnte.

[GEJ.07_040,14] Da Lazarus derlei Bemerkungen wohl vernommen hatte und nicht so recht wußte, was er darauf sagen sollte, so besprach er sich mit dem Engel, was er sagen solle, so er etwa um derlei Dinge befragt werden würde.

[GEJ.07_040,15] Sagte Raphael: „Laß du diese Sache nur ganz gut sein, das werde schon ich mit diesen Menschen abmachen; denn du könntest da ein wenig irre werden und diesen Menschen entweder zuviel oder zuwenig sagen, und beides wäre da eben nicht am rechten Platze! Und so, wie gesagt, lasse du die Sache nur ganz gut sein; denn alles das werde schon ich machen!"

[GEJ.07_040,16] Damit war denn Lazarus auch ganz vollkommen zufrieden und ließ die Gäste ganz wohlgemut ihre Bemerkungen machen.

[GEJ.07_040,17] Doch es kam nun die Zeit, daß die Gäste vollauf gesättigt waren, ihre Zeche zahlten und anfingen, sich auf den Weg in die Stadt zu machen, wo sie gewöhnlich in ihren Verkaufshütten die Nacht zubrachten.

[GEJ.07_040,18] Doch die Kaufleute von der bewußten ersten und nächsten Zelthütte, die unseren Lazarus schon gleich anfangs in Verlegenheit gebracht hatten, fingen von vorne an, ihn mit ihrer Neugier zu plagen.

[GEJ.07_040,19] Aber er wies sie nun ganz keckweg an Raphael und sagte (Lazarus): „Wisset ihr was? Daß ihr sicher nicht leicht irgend besser bewirtet werdet als eben hier bei mir, das scheint aus euren Fragen ganz klar hervorzuleuchten; doch es hat ein jeder ehrliche Wirt seine eigenen Geheimnisse, die er um gar keinen Preis dahin veröffentlicht wissen möchte, daß auch andere Kenntnis davon besitzen sollen. Aber dieser herrliche junge Mensch kann euch ganz gut das sagen, was euch davon zu wissen allenfalls nötig sein kann, und so wendet euch an ihn, – er wird euch den rechten Bescheid dann schon geben!"

 

41. Kapitel

[GEJ.07_041,01] Auf diese Rede des Lazarus wandte sich der Grieche an den Jungen (Raphael) und sagte: „Du lieber Junge, der Wirt hat uns mit unserem Anliegen an dich beschieden, du würdest uns etwa schon das Rechte kundgeben! Um was es sich handelt, das hast du ohnehin erfahren, und so kannst du schon gleich zu reden anfangen!"

[GEJ.07_041,02] Sagte der Engel: „Ja, meine Lieben, das geht nicht sogleich, wie ihr euch das so vorstellet! Denn es steht in unseren auch euch nicht mehr ganz unbekannten Büchern geschrieben: ,Das Land Kanaan ist gegeben den Kindern Jehovas, und Götter werden darin wohnen.‘ Und so seid ihr nun im Lande der Götter, und ihr habt es da mit Göttern zu tun und nicht mit puren Weltmenschen, gleich wie ihr es seid. So ihr aber von Göttern etwas erreichen wollet, so müsset ihr sie zuvor sehr ernstlich bitten können, ansonst verschließen die Götter ihren Mund und geben euch keine Lehre und keinen Rat. – Verstehet ihr mich?"

[GEJ.07_041,03] Da machte der Grieche große Augen und sagte zum Jungen: „Na, na, du mein lieber, junger Jude, mit eurer Götterschaft scheint es eben nicht gar zu weit her zu sein; denn wäret ihr Götter, so hätten euch die Römer nicht unterjocht! Aber es macht das eben nichts, wenn du als ein junger, wahrscheinlich noch nicht sehr erfahrungsreicher Jude dir auf eure alten, mystischen Schriften etwas zugute tust und dir einbildest, irgendein Gott zu sein. Ich kann dich ja auch bitten, mir einiges von eurem Kochgeheimnis mitzuteilen, und so sei denn darum auch ganz ernstlich gebeten!"

[GEJ.07_041,04] Sagte der Engel: „Jetzt sage ich dir und jedem von euch noch weniger von unserem Kochgeheimnis denn zuvor; denn jetzt bist du sogar etwas grob geworden, und mit der Grobheit ist bei uns Göttern schon gar nichts auszurichten! Denn ihr Menschen habt euch nach uns, nicht aber wir uns nach euch zu richten, da wir ohne euch ganz gut leben und ewig bestehen können, ihr aber ohne uns nimmer. – Habt ihr dieses auch wieder verstanden?"

[GEJ.07_041,05] Sagte der Grieche: „O ja, nur zu gut, und wir haben daraus ersehen, daß eben du als ein noch unbärtiger Jüngling ein sehr sonderbarer Kauz bist! Aber so du dir auf deine Götterschaft denn schon gar soviel zugute tust, so gib uns eine Probe davon, und wir werden dann schon auch sicher wissen, was wir dir gegenüber zu tun haben werden! Denn mit Worten allein kann sich ein scheinbarer Mensch uns Menschen gegenüber nie und niemals als ein Gott manifestieren, sondern nur durch eine Tat, die nach dem Zeugnisse aller in allerlei Künsten und Wissenschaften Kundigen notwendigerweise als eine nur einem Gott mögliche angesehen werden kann. – Hast du als ein als Gott verehrt sein wollender Junge auch das verstanden?"

[GEJ.07_041,06] Sagte Raphael: „O ja, doch mit derlei griechischen Weisheitsfloskeln richtet ihr bei mir nichts aus; denn ich besitze göttliche Macht und Kraft und habe darum auch keine Furcht vor irgendeinem Menschen und auch vor allen Menschen auf der ganzen Erde nicht. Wer von mir etwas erhalten will, der muß mich zuvor vollernstlich darum bitten mit reinem und demutsvollem Herzen; aber mittels eurer Weisheitskniffe erhaltet ihr nichts und allzeit nichts von mir. – Verstehet ihr das?"

[GEJ.07_041,07] Sagte der Grieche: „Höre, du bist ein ganz unbändiger Junge, und es ist mit dir, wenn du im Ernste etwelche Geheimnisse besitzest, mit aller menschlichen Vernunft nichts zu machen, was wir nun schon ganz klar heraushaben! Du hast dich darauf gut einstudiert, vor den Menschen einen Gott zu spielen; fahre du nur fort! Wenn du also fortfährst, so wirst du noch einmal ein großer und sehr berühmter Mann werden. Doch wenn du im Ernste so eine göttliche Allmachtsnatur besitzest und dabei offenbar ein Jude bist, so kannst du kein Freund der Römer sein. Es wäre dir ja doch ein leichtes, alle Römer über Nacht aus diesem deinem Götterlande hinauszutreiben. Warum lasset ihr euch denn ihre harten Gesetze gefallen?"

[GEJ.07_041,08] Sagte der Engel: „Der Römer Gesetze sind zwar hart, aber dabei gerecht und dienen nun den besseren Juden selbst zum Schutze gegen jene bösen Juden, die sich zwar Juden nennen, aber in ihrem Herzen weder Juden und noch weniger Kinder Gottes sind. Und so sind die Römer nun unsere Freunde und schon lange keine Feinde mehr und halten eine gute Zucht unter den verworfenen Menschen dieses Landes wie vieler anderer Länder, und wir sind darum eher ihre Beschützer als solche, die sie aus diesem Lande vertreiben möchten. Daß wir aber, so es nötig wäre, auch die sehr mächtigen Römer wie der Sturmwind die Spreu aus diesem Lande treiben könnten, davon will ich euch ein kleines Pröbchen geben, und so habt denn alle sehr wohl acht darauf!"

[GEJ.07_041,09] Sagte der Grieche: „Junge, was willst du uns denn zeigen oder so aus deiner allfälligen Zauberei vormachen?"

[GEJ.07_041,10] Sagte Raphael: „Lasset eure Vorbemerkungen gut sein und urteilet erst nach der Tat!"

[GEJ.07_041,11] Sagte der Grieche: „Ganz gut; so wollen wir erst nach der Tat urteilen!"

[GEJ.07_041,12] Sagte Raphael: „Gut denn; also urteilet nach der Tat! Wie ich es euch ganz klar gesagt habe, so urteilet nach eurer hochweisen griechischen Vernunft, und saget es mir dann, was eure hochweise Vernunft dazu spricht!"

[GEJ.07_041,13] Sagte der Grieche: „Gut denn, so gib uns ein Pröbchen, und wir werden dann schon recht wohl einsehen, was daran ist! Denn bei uns in Athen hat es schon gar sehr verschiedene Weise gegeben, und wir Griechen wissen darum gar sehr wohl zu beurteilen, was da Zauberei und was da eine wahrhaftige Götterwundersache ist. Und darum nur heraus mit deinem götterhaften Allmachtspröbchen!"

[GEJ.07_041,14] Sagte der Engel: „Aber gebet darauf wohl sehr acht, daß euch dabei der ganz natürliche Odem nicht zu kurz wird!"

 

42. Kapitel

[GEJ.07_042,01] Hier hob Raphael einen zehn Pfund schweren Stein vom Boden auf und sagte: „Ich meine, dieser Stein wird groß und schwer genug sein, um euch mit ihm ein ganz tüchtiges Pröbchen geben zu können!"

[GEJ.07_042,02] Sagte der Grieche: „Allerdings; aber was soll daraus werden?"

[GEJ.07_042,03] Sagte Raphael: „Auf daß ihr mich nicht etwa für einen absurden Magier ansehen sollet, so magst du diesen Stein selbst in deine Hand nehmen und ihn auch deine Gefährten in ihre Hände nehmen lassen, auf daß auch sie sich wohl überzeugen mögen, daß das ein wirklicher, allerfestester Stein ist, wie er nur in dieser Gegend vorkommt! Und so nehmet den Stein in eure Hände und untersuchet ihn!"

[GEJ.07_042,04] Hier nahm der Grieche den Stein in seine Hände und prüfte ihn, und seine Gefährten taten desgleichen.

[GEJ.07_042,05] Als sich alsbald alle hinreichend überzeugt hatten, daß der Stein ein ganz natürlicher Stein war, so übergaben sie ihn wieder dem Engel, und der Grieche sagte: „Der Stein ist ganz Stein, darüber erhebt niemand von uns einen Zweifel; doch was willst du nun aus dem Steine machen?"

[GEJ.07_042,06] Sagte Raphael: „Nehmet diesen Stein noch einmal in eure Hände, und hebet noch mehrere gleiche Steine auf, dann erst sollet ihr unsere Götterkraft kennenlernen! Doch sollet ihr darob auch keine Furcht haben, da euch dabei auch nicht ein Haar gekrümmt werden wird!"

[GEJ.07_042,07] Darauf suchten sie eine Menge solcher Steine zusammen und hielten sie in ihren Händen, als wollten sie den Jungen steinigen.

[GEJ.07_042,08] Hier sagte der Engel zu ihnen: „Ihr sehet, daß ich keinen der Steine in euren Händen auch nur mit einem Finger anrühre. Sowie ich aber mit meinem Willen sagen werde: ,Löset euch auf in euern ätherischen Urstoff!‘, so soll kein Stäubchen von diesen Steinen in euern Händen übrigbleiben!"

[GEJ.07_042,09] Sagte der Grieche: „Junger Freund, das wird wohl nur so ein Wortspiel von dir sein! Ein Stäubchen wird von diesen Steinen freilich nicht in unseren Händen verbleiben, aber wohl die ganzen Steine, und aufgelöst werden sie ganz natürlich sein, weil wir sie selbst vom Boden ,auflösten‘, und auch in den Äther werden sie übergehen, weil wir sie schon mit unseren Händen in den Luftäther emporhalten. Habe ich recht oder nicht? Erlaubst du, junger Judengott, daß wir diese Steine, wenn du sie mit deinem Willen völlig aufgelöst und somit vernichtet haben wirst, nach dir werfen dürfen?"

[GEJ.07_042,10] Sagte der Engel: „O allerdings, nur zugeworfen dann! Aber nun gebet fein acht, daß euch die Steine nicht durchgehen, da ihr dann nichts nach mir zu werfen hättet! Ich will nun, daß die Steine zunichte werden! – Und nun werfet eure schweren Steine nur nach mir, so ihr noch welche in euren Händen habt!"

[GEJ.07_042,11] Hier sahen sich die etlichen dreißig Griechen alle groß und höchst verwundert an, und der erste sagte: „Hörst du, mein holder Junge, du verstehst mehr, als was wir vielerfahrenen und vieles gesehen habenden Griechen zu fassen imstande sind! Dazu gehört wahrlich eine agathodämonische innere Kraft; denn da kann es nicht mit natürlichen Dingen zugehen. In einem kaum bemerkbaren Nu waren alle Steine völlig zunichte. Wie war dir das möglich?"

[GEJ.07_042,12] Sagte der Engel: „Das Wie werdet ihr noch lange nicht fassen; aber ich habe es euch ja zuvor gesagt, daß ihr es hier mit uns als noch wahren und unverdorbenen Juden und somit mit Gottes Kindern zu tun habt, und diese besitzen eine götterhafte Kraft in sich und sind somit Herren der ganzen Naturwelt und sind unsterblich. Darum sagte ich dir ja, daß wir als Götter keinen Feind fürchten und Herren der ganzen Welt sind. Und wer von uns etwas haben will, der muß sich auch aufs vollernstliche Bitten verstehen, sonst erhält er nichts von uns. – Verstehst du das nun schon besser?"

[GEJ.07_042,13] Sagte der Grieche: „Wie aber seid denn ihr also zu ordentlichen Göttern geworden und seid doch ebensogut Menschen wie wir?"

[GEJ.07_042,14] Sagte Raphael: „Weil wir uns vor allem nur der reinen und wahren Erkenntnis des einen, ganz allein wahren Gottes bestrebt haben und nicht trachteten nach den eitlen und toten Schätzen dieser Welt! Und so haben wir von dem einen, allein wahren Gott denn auch die wahren und lebendigen Schätze des Geistes und seiner Kraft und nicht die toten Schätze der Materie dieser Welt, in der samt ihr alles vergänglich ist, erhalten, die wir in Ewigkeit nie wieder verlieren, sondern stets größere noch hinzuerhalten werden.

[GEJ.07_042,15] Um aber die lebendigen Schätze des Geistes zu erhalten, muß man von dem einen, allein wahren Gott die Mittel und Wege erhalten haben, was bei uns Juden schon durch die ersten Patriarchen und darauf hauptsächlich durch den großen Propheten Moses, sowie nach ihm durch noch viele andere Propheten und Lehrer geschehen ist. Wer von den Juden dann die angeratenen Mittel bei sich völlig angewendet hat und auf den gebotenen Wegen gewandelt hat, der hat sich dadurch auch der Kindschaft Gottes würdig gemacht und mit ihr erreicht die innere Kraft des Geistes. Da aber das bei euch noch nie der Fall war, so wisset ihr von dem einen, allein wahren Gott nichts, nichts von den Kindern Gottes auf dieser Erde und auch nichts davon, was sie zu leisten imstande sind. – Verstehet ihr das?"

[GEJ.07_042,16] Sagte der Grieche: „Ja, ja, es mag das bei euch schon also sein; aber so der gewisse eine, wahre Gott euch Juden solche Mittel gegeben und solche Wege gezeigt hat, – warum hat er denn das uns nicht getan, da wir doch ebensogut Menschen sind, wie ihr Juden es seid? Wir Griechen haben ja auch Vernunft und Verstand und wurden zu allen uns bekannten Zeiten sogar als eines der geistreichsten und gebildetsten Völker der Erde anerkannt. Daß wir euch nun an der inneren Geisteskraft nachstehen, daran sind wir ja doch wahrlich nicht selbst schuld! Hat sich der gewisse eine, allein wahre Gott euch Juden als solcher offenbaren können, – warum denn uns Griechen nicht?"

[GEJ.07_042,17] Sagte Raphael: „Mein Freund, das steht bei weitem nicht also, wie du es dir nun vorstellst, sondern sehr bedeutend anders! Auch die Griechen, wie die Römer und die alten Ägypter haben sich einst auf demselben Punkte befunden, auf dem sich nun noch einige wenige Juden befinden. Aber sie verließen den allein wahren Gott, so wie Ihn nun auch wieder gar viele Juden gänzlich verlassen und sich freiwillig von Ihm abwenden; die aber also den allein wahren Gott verließen, die verließ dann auch Er und überließ sie ihrem eitlen Welttaumel.

[GEJ.07_042,18] Wenn sie aber einstens in ihrem Herzen wieder zu Ihm werden zurückkehren wollen, so wird Er sie auch annehmen und wird ihnen wieder die alten Mittel und Wege zeigen, durch die sie auch wieder vollwahre Juden und Kinder Gottes werden können. Es werden zur rechten Zeit schon auch wieder Boten und Lehrer zu euch und zu allen andern Völkern der Erde gesandt werden und werden ihnen die alten Mittel und Wege kundgeben. Wohl denen, die sich danach kehren werden!"

[GEJ.07_042,19] Sagte der Grieche: „Warum aber geschieht das nicht eben jetzt schon?"

[GEJ.07_042,20] Sagte der Engel: „Weil ihr eben jetzt noch zu voll von allen Dingen der Welt seid! Wenn ihr diese mehr und mehr ablegen werdet und dadurch für etwas reiner Geistiges reif werdet, dann wird das, wovon ich sprach, schon auch zu euch kommen. Doch nun habe ich euch genug gesagt und genug gezeigt; vielleicht reden wir morgen ein Weiteres darüber!"

[GEJ.07_042,21] Sagte der Grieche: „Ja, morgen wollten ich und diese alle wieder abreisen, weil wir alles Mitgebrachte schon ganz gut verkauft haben; doch dir zuliebe will ich den morgigen Tag noch bis zum Nachmittag hier verweilen und mir von dir noch einige geistige Schätze zur Mitnahme nach Griechenland ausbitten. Vielleicht erfahre ich morgen von dir etwas über die Zubereitung eurer wahrlich götterhaft wohlschmeckenden Speisen!"

[GEJ.07_042,22] Sagte der Engel: „Nun, nun, das werden wir schon sehen! Aber ich meine, daß du vorderhand unsere Art, die Speisen zuzubereiten, ebensowenig fassen wirst wie meine frühere Vernichtung der harten Steine. Allein auch daran liegt nun nicht viel; es gibt aber hier noch ganz andere Dinge, mit denen du bekannt werden kannst, und diese werden dir nützlicher sein als zu wissen, wie wir unsere Speisen bereiten. Bist du damit zufrieden, so kannst du morgen wiederkommen; doch wegen der Bereitung der Speisen brauchst du nicht wiederzukommen, weil ich dir nun schon gesagt habe, was es damit für eine Bewandtnis hat."

[GEJ.07_042,23] Sagte der Grieche: „Wegen der Bereitung der Speisen will ich auch kein Wort mehr verlieren, wenn ich etwas erfahren kann, was uns allen nützlicher sein kann denn die Bereitung der Speisen. Und so werden wir heute gehen und morgen gen Mittag hin wiederkommen, da alle die andern Gäste schon hinabgegangen sind. Denn später dürfte es noch dunkler werden denn jetzt, und der Berg ist ziemlich steil."

[GEJ.07_042,24] Sagte der Engel: „Der Berg wird schon so viel erleuchtet sein, daß ihr leicht und ohne Gefahr hinabkommen werdet, und so möget ihr schon gehen im Namen des einen, wahren Gottes!"

[GEJ.07_042,25] Auf diese Worte des Engels zogen nun die Griechen ab und kamen gar bald und leicht zu ihren Verkaufshütten, darin sie wie gewöhnlich übernachteten. Aber sie schliefen in ihren Hütten sehr wenig; denn sie dachten die ganze Nacht über die Vernichtung der Steine nach, rieten hin und her, und keiner vermochte dem andern einen Aufschluß zu geben. Denn die Erscheinung hatte sie so aufgeregt, daß sie in ihrem Gemüte keine Ruhe fanden und kaum den Tag erwarten konnten, an dem ihnen ein Licht über die erlebte Erscheinung werden könnte.

[GEJ.07_042,26] Am Morgen packten sie ihre Sachen zusammen und stellten sie für die Abreise ganz fertig. Aber sie alle verschoben die Abreise bis auf den nächstkommenden Tag; denn sie beschlossen alle, dieser wunderbaren Sache um jeden Preis näherzukommen. Sie beschlossen denn, auf jeden Fall diesen kommenden Tag ganz dieser Sache zu widmen. Und so konnten sie kaum den Mittag erwarten.

[GEJ.07_042,27] Doch nun lassen wir diese etlichen dreißig Griechen stehen, denken und urteilen und begeben uns mit Raphael, Lazarus und mit dem Wirte in unsern großen Speisesaal, in dem wir alle schon an unseren Tischen ganz wohlgemut aßen und tranken.

 

43. Kapitel

[GEJ.07_043,01] Als die drei in den Speisesaal traten, wollte unser Lazarus uns gleich nach aller Länge und Breite zu erzählen anfangen, was sich draußen, namentlich mit den Griechen, alles zugetragen hatte.

[GEJ.07_043,02] Aber Ich Selbst sagte zu ihm: „Bruder, erspare dir diese Mühe; denn siehe, wir wissen ganz bestimmt um gar alles! Die etlichen dreißig Griechen sind offenbar ein guter Fund für unsere Sache; aber sie müssen erst vollends zurechtgebracht werden. Die harten heidnischen Zweifelssteine müssen erst also aufgelöst werden, wie Mein Raphael die harten Steine in ihren Händen völlig zunichte gemacht hat; dann wird es sich schon auch mit ihnen machen, und sie werden in ihrem Lande für Meine rechten Jünger ganz brauchbare Vorläufer werden. – Doch nun setzet euch an die Tische und esset und trinket!

[GEJ.07_043,03] Wenn ihr gestärkt sein werdet, dann wollen wir hinausgehen, und ihr sollet bis gen Mitternacht hin so manches aus dem Bereiche der Herrlichkeit Gottes zu Gesichte bekommen; denn nun seid ihr schon bis auf sehr wenige dahin reif geworden, um höhere, göttliche Offenbarungen ertragen zu können, und diese Nacht soll uns so günstig sein, wie nicht bald wieder eine zweite."

[GEJ.07_043,04] Auf diese Meine Worte beeilten sich alle mit der Zusichnahme des Abendmahls; denn es waren auf diese Meine Rede denn doch alle Anwesenden schon zu sehr gespannt, was am Ende da noch alles zum Vorschein kommen werde.

[GEJ.07_043,05] Es trat aber nun Agrikola zu Mir und fragte Mich, sagend: „Herr und Gott, sage mir nun doch einmal, wer denn so ganz eigentlich dieser wunderbare Jüngling ist! Ich fragte Dich schon einmal darum, und Du beschiedest mich darauf, daß ich ihn von selbst mit der Weile erkennen werde. Aber bis jetzt habe ich aus mir selbst noch nicht klug werden können, was ich eigentlich aus ihm machen soll. Er ißt und trinkt wie wir, und eigentlich in einem bedeutend größeren Maße, bei welcher Gelegenheit er denn auch ein völlig menschliches Aussehen bekommt. Aber ganz anders sieht es dann mit ihm aus, wenn er redet, wirkt und handelt; denn da versteht er durchaus keinen Scherz und leistet dabei Wunderdinge, vor denen man als ein nur ein wenig schwacher Mensch und doch dem Priesterstande so halbwegs angehörend – das heißt, was unser römisches, besseres Priestertum betrifft – rein zunichte werden muß.

[GEJ.07_043,06] Denn ich habe eben in meiner hochstaatsamtlichen Wirkungssphäre hauptsächlich alles Priestertum im ganzen großen römischen Kaiserreich zu überwachen und habe mir bei solcher Gelegenheit auch die genaue Kenntnis aller Gotteslehren, die im ganzen Reiche gang und gäbe sind, verschafft, was schon aus dem erhellt, daß ich mich auch in der Judenlehre ganz genau habe unterrichten lassen. Als ein solcher Mensch aber, wie ich einer bin, vor dem alle Geheimnisse aufgeschlossen werden müssen, habe ich denn auch schon so manches auf dieser Erde kennengelernt und habe hie und da alte und auch junge Menschen von gar besonderen Talenten und Fähigkeiten gesehen und kennengelernt, wobei mir denn auch mein eben nicht geringer Verstand tagelang stehenblieb.

[GEJ.07_043,07] Doch es war das alles rein nichts gegen diesen Jüngling, dessen äußeres höchst mädchenhaftes Aussehen nach unserer Römerkritik im Grunde eben gar selten das Zeichen eines großen Geistes ist. Die sogenannten Adonisse und die Venusse sind bei uns stets für die geistlosesten Menschen angesehen worden, und Ausnahmen gab es nur sehr wenige darunter. Und dieser junge Mensch ist bei weitem der allerschönste, der mir je unter die Augen gekommen ist. Wenn er weibliche Kleidung anhätte, so wäre er bei weitem die schönste Jungfrau auf dem ganzen Erdenrund. Und dennoch besitzt der Mensch einen so göttlich großen Geist, daß ihm so wie Dir Selbst, o Herr und Meister, rein alles möglich ist. Du siehst es, o Herr, daß ich nun meine Wißbegierde über diesen sonderbaren jungen Menschen nicht mehr unterdrücken kann, und so magst Du es mir ja wohl endlich sagen, was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis hat!"

[GEJ.07_043,08] Sagte Ich: „Freund, wenn Ich so wie ihr Menschen mit irgendwelchen Schwächen behaftet wäre, so würde Ich dir ganz geradeheraus sagen, was es mit diesem Jünglinge für eine Bewandtnis hat; aber da Ich durchaus keine menschlichen Schwächen besitze und in Meinem Geiste von Ewigkeit her wohl einsehe, was jedem Menschen in seiner Seelenbildungssphäre am heilsamsten ist, so sage Ich nie zu jemandem ein Wort, das Ich ein paar Tage darauf nicht mehr halten möchte, und so bleibt es bei dem, daß du den jungen Menschen aus dir selbst noch ganz gut und klar erkennen wirst.

[GEJ.07_043,09] Du hast ja auch gehört, wie die Geduld auch ein Urgeist Gottes im Menschen ist und gleich allen andern sechs Geistern gestärkt und ausgebildet werden muß, so ein Mensch zur wahren, inneren Lebensvollendung gelangen soll. Und so will Ich es hier auch bei dir haben, daß deine Geduld deinen oft zu isoliert übertriebenen Ernst und Eifer etwas mäßigen soll. Und siehe, aus diesem sehr triftigen Grunde sage Ich dir denn das auch nicht, was du nun gar so dringend gerne wissen möchtest; denn die Geduld ist dem Menschen das, was ein sanfter Regen der Erde ist. Sie sänftigt die brennenden Begierden im Menschenherzen, auf daß sie nicht in wilde, stürmische und oft alles verheerende Leidenschaften ausarten. Wenn du das so recht verstehst, so finde dich nur in der Geduld zurecht, und es wird dir dann schon alles werden, wonach du einen edlen Durst in deiner Seele fühlst."

[GEJ.07_043,10] Sagte der Römer: „Ja Herr, Meister und Gott, Dir kann auch der weiseste aller Menschen der ganzen Erde nichts einwenden, weil Du die ewige Liebe, Weisheit und Wahrheit Selbst bist, und also hast Du auch hier recht; denn ein Gott, der mit Sich handeln ließe wie ein griechischer Früchtekrämer, wäre kein Gott, sondern auch nur ein schwacher und wetterwendischer Mensch, – und wer könnte sich da wohl verlassen auf eines schwachen Gottes Verheißung?!"

[GEJ.07_043,11] Sagte Ich: „Siehe, da hast du wieder völlig wahr gesprochen! Bleibe in dem und übe dich in der gerechten Geduld, so wirst du am ehesten zum Lichte des inneren Lebens gelangen! Habt ihr Römer doch auch von alters her ein gutes Sprichwort ersonnen, nach dem man mit Weile eilen soll, und das ist soviel wie ,sich in der Geduld üben‘. – Doch nun gehen wir allesamt ins Freie, allwo ihr vieles erfahren sollet!"

 

44. Kapitel

[GEJ.07_044,01] Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da erhob sich alles und zog Mir nach ins Freie. Als wir nun alle im Freien standen, da bewunderten viele die schönen Zelte mit ihrer sehr zweckmäßigen Einrichtung und staunten über deren so schnelle Herstellung, weil sie am Morgen noch nichts davon wahrgenommen hatten. Allein es hatte dieses Staunen bald ein Ende, weil Ich die Aufmerksamkeit aller Anwesenden gleich auf etwas anderes hinzulenken verstand. Was war es aber, worauf Ich alle die Anwesenden aufmerksam machte?

[GEJ.07_044,02] Es ging nämlich im Osten eine ganz glühende Wolkensäule auf und stieg höher und höher, so daß es allen, die sie sahen, vorkam, sie reiche schon gleich bis zu den Sternen. Die Säule ward heller und heller, bis sie des Mondes Glanz erreichte und die ganze Gegend nahe in eine Tageshelle umstaltete. Hier fragten Mich alle, was das wäre, und was es bedeute.

[GEJ.07_044,03] Ich aber sagte: „Nur Geduld, Meine lieben Freunde, es kommt schon noch mehreres nach! Wenn ihr alles werdet gesehen haben, dann erst wollen wir sehen, woher das etwa kommt, und was es zu bedeuten hat. Darum habt nun nur gleichfort auf alles acht, was sich da noch alles zeigen wird; denn es steht ja in den Propheten geschrieben, daß in dieser Zeit Zeichen geschehen werden auch am Himmel und nicht allein auf der Erde. Und da nun solche Zeichen geschehen, so sehet ihr auch sogar mit euren fleischlichen Augen, daß nun die Worte der alten Weissagungen erfüllt werden. Aber nun gebet weiter acht, was noch alles zum Vorschein kommen wird!"

[GEJ.07_044,04] Nun sahen wieder alle gen Osten hin, und siehe, eine zweite, gleiche Säule stieg empor und erreichte wieder den Glanz des Mondes, und es ward um so heller die Gegend! Und es währte kaum einige Augenblicke, so stieg eine dritte Wolkensäule empor und erleuchtete die Gegend nun stärker. Es sahen das aber nicht nur die, die bei uns auf dem Berge standen, sondern auch viele in Jerusalem und viele im ganzen Judenlande, und es entstand dadurch ein großer Rumor in allen Gassen und Straßen der Stadt, so daß man es bis auf den Berg gar gut hören konnte.

[GEJ.07_044,05] Da sagte Lazarus zu Mir: „Herr, wenn das noch lange dauert, so werden wir diesen Berg bald voll Menschen haben! Es wäre darum nun schon sehr an der Zeit, unten das Tor zu sperren."

[GEJ.07_044,06] Sagte Ich: „Sorge du, Bruder, dich um gar nichts, solange Ich bei dir bin; denn ohne Meinen Willen kommt nicht einmal eine Fliege in diesen Garten, geschweige irgendein Mensch! Gib aber nun wohl acht; denn es werden noch sieben solche Säulen emporsteigen!"

[GEJ.07_044,07] Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da stieg auch schon die vierte, gleich darauf die fünfte, sechste, siebente, achte, neunte und zehnte Säule, in angemessenen Entfernungen voneinander abstehend, auf, und diese zehn Säulen, deren Licht dem Lichte des Vollmondes gleichkam und stark wurde, verbreiteten endlich eine so große Helle über die ganze Gegend, daß man das Licht auch bis nach den Ufern des Mittelmeeres noch gar sehr wahrnahm und hinauf bis nach Kleinasien und weiter rückwärts nach Osten bis in die fernen Gegenden des Euphratstromes.

[GEJ.07_044,08] Aber nun war es mit der Stadt denn auch völlig aus. Die Heiden betrachteten das als ein MALUM OMEN, die Juden sprachen schon vom Jüngsten Gericht. Wieder andere sogenannte Zeichendeuter verkündeten zehn sehr fruchtbare Jahre, andere wieder zehn sehr heiße und somit unfruchtbare Jahre.

[GEJ.07_044,09] Einer aber, ein alter Rabbi, schrie laut durch alle Gassen: „Das bedeutet die Ankunft des Messias, und die zehn Säulen sind die Symbole Seiner Kraft, und da diese Säulen im Osten stehen, so zeigt das an, daß der Messias von daher gen Jerusalem kommen wird!"

[GEJ.07_044,10] Aber dieser Rabbiner fand keinen Glauben und wurde von vielen, die ihn gehört hatten, verlacht, und die Weltmenschen sagten zu ihm: „Geh und hör auf mit deinem alten Messiasgeplärre; denn du siehst schon lange in einer jeden vom Monde hell erleuchteten Wolke den Messias kommen! Vor einigen Tagen, als wir eine Mondfinsternis hatten, die auch viel Verwirrung hervorgebracht hat, hast du auch die Ankunft des Messias ausgerufen, und die pfiffigen Essäer, die gerade in jener Gegend ihre große Zauberniederlassung haben, haben die vergangene Mondverfinsterung schon vor einem Jahre ganz genau berechnet, und du hast gleich deinen kommenden Messias mit Haut und Haaren darin entdeckt! Der Messias wird dir gleich etwas aufwarten! Diese zehn Säulen sind sehr schön anzusehen und sind nichts anderes als ein Produkt der essäischen Zauberkunst! Gehe zu den Essäern, – die werden dir deinen Messias bald ausgetrieben haben!"

[GEJ.07_044,11] Diese radikal natur- und weltmäßige Erklärung aber machte auf den alten Rabbiner jedoch keinen Eindruck, und er schrie dennoch fort und sagte laut (der alte Rabbiner): „Und redet ihr, was ihr wollt, und es soll sich in Bälde zeigen, ob ich nicht recht geurteilt habe! Gott richtet Sich nicht nach dem Weltgespräche solcher Welttümlinge, wie ihr seid, sondern nach dem Worte Seiner eigenen Weissagung, die Er den Menschen kundgetan hat durch den Mund Seiner Propheten. Sehet nur zu, ihr bösen und frevelhaften Jungen, daß nicht ein Teufel kommt und euch allesamt holt! Oh, frevelt nicht über einen alten Rabbi!"

[GEJ.07_044,12] Ich erzählte auch auf dem Berge den Meinen, was diese Erscheinung da unten in der Stadt für Meinungen und Urteile hervorgerufen hatte, und alle wurden darob recht heiteren Mutes.

[GEJ.07_044,13] Lazarus und auch Meine Jünger meinten, daß der Rabbi im Grunde denn doch recht habe, und daß es sehr schnöde sei von den jungen Gecken Jerusalems, den Alten also zu verhöhnen.

[GEJ.07_044,14] Sagte Ich: „Da habt ihr einesteils wohl recht; aber der Alte ist auch ein Fuchs des Tempels und benutzt solche Gelegenheiten, bei denen er stets fleißig die Ankunft des Messias verkündet, um sich dabei einige Opfer zu erschleichen. Ihm selbst aber ist es hinterdrein sehr lieb, wenn seine Gassenweissagung vor seinen Augen am Ende doch noch ausbleibt und noch weiter auf sich warten läßt; denn es kann in diesem an Naturwundern reichen Lande ja bald und leicht wieder eine Erscheinung auftauchen, die er dann schon wieder recht fein benutzen kann. Nun kennt ihn aber die freilich sehr ausgelassene Jugend von Jerusalem als solch einen Gassenpropheten, und tritt ihm dann, wenn er etwas zu laut wird, in die Quere und verhöhnt ihn, und so ist da der Prophet eben nun nicht viel besser als jene, die ihn verhöhnen. Und Ich sage es euch, daß Mir die schlüpfrigen Jungen dennoch um vieles eher anhangen werden als jener alte Rabbi, der allzeit nur sehr bemüht ist, in seinen Sack hinein zu weissagen, bei und für sich aber im Grunde doch an nichts glaubt. Aber lasset die Sache jetzt nur gut sein; es wird der weitere Verlauf der Erscheinung schon noch eine größere Hetze bewirken! – Höret ihr nicht von den hohen Zinnen des Tempels die Posaunen erschallen?"

[GEJ.07_044,15] Sagten alle: „Ja ja, wir vernehmen sie gar gut!"

[GEJ.07_044,16] Sagte Ich: „Das zeigt an, daß die Templer auch schon wach geworden sind und selbst nicht wissen, was sie aus der Erscheinung machen sollen. Daher posaunen sie alle die außerhalb des Tempels wohnenden Pharisäer und Schriftgelehrten zusammen, um in aller Schnelligkeit zu beraten, was da zu machen sei, und wie man etwa diese Erscheinung dem Volke, natürlich gegen ganz bedeutende Opfer, erklären solle. Aber lassen wir sie nun einen kurzen Rat halten, und wenn sie dem Volke, das sich schon dicht um den Tempel schart, die Erklärung ganz nagelfest gemacht haben werden, dann werde Ich diese Erscheinung gleich bedeutend verändern, und die Templer werden wieder Rat halten und das Volk anlügen. Die Bedeutung der ganzen Erscheinung aber werde Ich euch dann erst zum Schlusse in aller Kürze treu und wahr kundgeben. Aber nun schauet nur hinab, wie das dumme und stockblinde Volk von allen Seiten zum Tempel hinwallet! In einer Viertelstunde wird die Erscheinung ein ganz anderes Gesicht bekommen; nachher sehet euch erst die noch größere Hetze an! Nun aber ruhen wir diese Viertelstunde Zeit!"

 

45. Kapitel

[GEJ.07_045,01] Sagte der ebenfalls ganz nahe bei Mir stehende Römer: „Aber der unbegreiflichen Blindheit dieser so vielen Menschen! Da rennen die Narren hin, und das sollen die erleuchteten Juden – sage – Gottes Volk sein, und wir blinden Heiden stehen an der Urquelle des Lebens, des Lichtes und an der Quelle der ewigen Urwahrheit! Es ist wahrlich im hohen Grade sonderbar! Wir, offenbar die Letzten, sind – und sage, wer da immer etwas wolle – nun offenbar die Ersten, und diese, Abrahams Kinder, wälzen sich da unten gleich den Schweinen im schmutzigsten Schlamme herum! Das, o Herr, ist für uns Heiden eine ewig unbegreifliche Gnade, die wir wahrlich nie aber auch nur im geringsten verdient haben! Na, ich bin hier denn doch nun auf den weiteren Verlauf dieser höchst sonderbaren Sache und Begebenheit wahrlich auch schon aufs höchste gespannt! Was da am Ende noch alles herauskommen wird, das wirst Du, o Herr, ganz allein am allerbesten wissen!"

[GEJ.07_045,02] Sagte Ich: „Die Sache wird durchaus nicht übel ausfallen! Es ist an der Zeit, diese argen Weltmäkler endlich auf eine ganz eigentümliche Art und Weise in eine große Verlegenheit zu setzen, wodurch sie wieder gar vieles beim besseren Volke verlieren werden.

[GEJ.07_045,03] Aber nun haben sie ihren Rat da unten in der eiligsten Kürze abgehalten, und der lautet nun dahin, daß die zehn Säulen die dem Tempel noch treu gebliebenen zehn Stämme aus dem Stamme Israels bedeuten und die zwei Stämme verworfen worden sind, aus denen die Samariter und auch die Galiläer hervorgegangen sind, und es verunreinige sich ein jeder Jude auf ein ganzes Jahr, der die zwei verworfenen Stämme auch nur laut beim Namen nenne.

[GEJ.07_045,04] Das Volk schlägt sich mit Fäusten an die Brust und schwört, diese verruchten Stämme nimmerdar beim Namen zu nennen.

[GEJ.07_045,05] Aber nun gebet acht, und es werden sogleich zu den zehn Säulen noch zwei dazuwachsen, und dann schauet euch nachher die Hetze an! Die Zeit ist um, und es soll sogleich die besagte Veränderung vor sich gehen."

[GEJ.07_045,06] Nun gaben alle acht, und es stiegen zu gleicher Zeit noch die zwei Säulen im Osten in größter Pracht in die Höhe; aber diese beiden Säulen glänzten für sich ums zehnfache stärker als die früheren zehn Säulen zusammen, und es stand die eine zur Rechten und die andere zur Linken der früheren zehn Säulen, und ihr starkes Licht ward bis nun gen Europa hin und nach rückwärts bis vierhundert Meilen weit wahrgenommen.

[GEJ.07_045,07] Jetzt war es aber aus beim Volke und noch mehr mißlich aus bei den Templern. Von des Tempels Zinnen fingen nun die Posaunen gar gewaltig zu schmettern an, um noch mehr Räte aufzuwecken, obwohl ohnehin schon beim ersten Posaunenrufe alle in Jerusalem wohnenden Priester beim ersten Rate anwesend waren. Es kam nun zwar niemand mehr, aber dennoch wurde zu einer abermaligen Beratung geschritten. Aber der ganze Hohe Rat wußte nun aus den zwei zuletzt aufgegangenen, überlichten Säulen nichts mehr zu machen, weil er sich bei der Erklärung der ersten zehn gar jämmerlich verhauen hatte.

[GEJ.07_045,08] Das Volk aber schrie laut: „Das sind die zwei Stämme, von denen ihr gesagt habt, daß sie verworfen seien! Und wenn es nicht also ist, so erkläret es uns, sonst fordern wir unsere euch dargebrachten Opfer zurück, oder wir bestürmen euch!"

[GEJ.07_045,09] Da fingen den Templern alle Ängste aufzusteigen an. Es dauerte die Geschichte eine ganz kurze Zeit, und es kam dann einer mit einer ganz überaus dummen Ausrede, über die im Volke eine große Lache entstand.

[GEJ.07_045,10] Und ein stämmiger Jude sagte laut zu den Pharisäern: „Wenn ihr uns in unserer großen Angst, Not und Bestürzung keine befriedigende Auskunft zu geben imstande seid, so brauchen wir euch auch dann nicht, wenn keine solchen jedes Menschenherz im höchsten Grade beunruhigenden und ängstigenden Zeichen am Himmel sich zeigen! Wenn ihr uns jetzt keinen Trost geben könnet, – wozu seid ihr dann? Ihr könnet nichts als Zehent und große Opfer fordern und sie dann verschlingen und vergeuden und könnet weise Menschen aus dem Tempel mit Steinen treiben, die euch die Wahrheit ins Gesicht sagen und Kranke wunderbar heilen! Aber nun, wo das offenbare Gericht Gottes mit dem erschrecklichsten Lichte über uns alle hereinleuchtet, seid ihr stumm wie eine Mauer und getrauet euch kein Wort zu reden! Oh, da ziehet hinaus zu den erschrecklichen zwölf Säulen, die ein wahres Jüngstes-Gerichtstages-Licht allerdrohendst über die Erde hin verbreiten und sicher bald mit dem allererschrecklichsten Feuersturm alles, was auf der Erde lebt und webt, zerstören werden, und bewerfet sie mit euren verfluchten Steinen, und begießet sie mit eurem verfluchten Wasser, und wir wollen sehen, ob die zwölf allererschrecklichsten Feuersäulen sich vor eures Priestertums Macht beugen werden! O ihr elenden und sonst so hochmütig grausamen Heuchler und Volksbetrüger! Jetzt, jetzt zeiget uns, daß ihr die allein wahren Freunde und Diener Gottes seid, sonst werden wir Volk uns an euch rächen für jede Unbill, die wir von euch zu erdulden bekamen!"

[GEJ.07_045,11] Hier trat ein Oberster auf und sagte: „Du Volksredner, habe doch Geduld! Der Hohepriester betet ja ohnehin schon im Allerheiligsten mit zerrissenem Oberkleide, und wir werden uns auch noch, wenn es nötig werden sollte, dazugesellen, und es wird dann schon wieder besser werden. Ihr müsset nur nicht gar so schnell verzweifeln, wenn Jehova uns mit irgendeiner Plage heimsucht, die wir alle zusammen sicher verdient haben werden. Anstatt daß ihr nun uns Priester mit allerlei Schmähungen und Drohungen überhäufet, betet vielmehr zu Gott, daß Er bei uns Gnade für Recht ergehen lasse! Das wird besser sein als euer gegenwärtiges Benehmen gegen uns; denn in der Not kann jeder Mensch ganz wirksam zu Gott beten."

[GEJ.07_045,12] Diese Rede beschwichtigte das Volk ein wenig, und es fing an zu beten, und die Priester zogen sich wohlweisermaßen zurück und hielten unter sich Rat, was diese so sonderbare Erscheinung sei. Aber sie kamen zu keinem haltbaren Bescheide, und so wuchs auch in ihnen die Angst. Und es war das ein merkwürdiger Kontrast zwischen denen, die sich bei Mir auf dem Berge befanden, und den Templern und dem zu ihnen Zuflucht genommen habenden Volke. Die Meinen waren alle voll der freudigsten Entzückung über den herrlichen Anblick dieser Lichtsäulen, und im Tempel herrschte darob die größte Bestürzung.

[GEJ.07_045,13] Es befand sich aber im Tempel auch der schon bekannte Nikodemus im Rate und ward auch um seine Meinung befragt.

[GEJ.07_045,14] Aber er sagte (Nikodemus): „Ihr habt auf meinen Rat nie etwas gehalten, weil ihr mich schon zu öfteren Malen beschuldigt habt, daß ich's heimlich mit den Galiläern hielte, und ich erachte auch bei dieser unerhörten Gelegenheit meinen Rat für sehr erläßlich. Denn hat Jehova uns wohlverdientermaßen eine große Strafe oder gar den völligen Untergang bestimmt, so wird dagegen keines Menschen Rat mehr etwas vermögen, und mit unserem wenig sagenden Amte hat es dann für alle Zeiten ein Ende. Hat Jehova aber die zwölf schrecklichen Feuersäulen uns nur als ein letztes Mahnzeichen zur wahren Buße hingestellt, so werden wir wohl durch einen Propheten noch zur rechten Zeit erfahren, welche Buße und Opfer Gott von uns verlangt. Doch bedenket es alle wohl: den Zacharias habt ihr ermordet, und er war sichtlich ein Prophet! Also mußte auch der Prediger und Täufer am Jordan durch eure Vermittlung im Gefängnisse des Herodes enthauptet werden. Und wieder kam ein großer Weiser aus Galiläa, lehrte vor drei Tagen im Tempel, und seine Lehre war gut und wahr vor dem Volke, und ihr wolltet ihn darum auch steinigen. Ja, wenn ihr mit allen vom Geiste Jehovas erfüllten Menschen gleichfort also verfahren wollet, da ist zur Verhütung unseres allseitigen, sichern Unterganges euch selbst von Gott aus kein Rat mehr zu erteilen und von mir aus um so weniger, obschon ich ein Ältester im Tempel bin!"

[GEJ.07_045,15] Sagte der Hohepriester, der im Rate präsidierte: „Ja, wer kann uns denn beweisen, daß die von dir erwähnten Männer wahrhaft von Gott erweckte Propheten waren?"

[GEJ.07_045,16] Sagte Nikodemus: „Gleichwie du nun fragten in den Zeiten der wahren Propheten auch die Hohenpriester im Hohen Rate, und der traurige Beschluß war allzeit leider dahin lautend, daß die nachher erkannten wahren Propheten allzeit zum größten Teile gesteinigt oder erwürgt worden sind. Und wie es damals war, also und noch um vieles schlechter ist es jetzt, was ich mit großem Leidwesen offen bekennen muß. Und weil es leider also ist, ist auch des Herrn Geduld mit uns höchstwahrscheinlich zu Ende gekommen, was uns jene zwölf erschrecklichen Feuersäulen nun nur zu augenscheinlich zeigen, und dagegen wird wahrscheinlich kein menschlicher Rat irgend etwas mehr vermögen. Sehet nur hin, wie sie stets größer und dichter werden, – was sicher daher rührt, daß sie uns näher und näher rücken!

[GEJ.07_045,17] O welch ein schrecklicher Tag in der Nacht! Es ist nun noch kaum die fünfte Stunde der Nacht, und in der Welt ist es so hell wie am hellsten Mittage! Darum werde ich euch nun verlassen, und mich in mein Haus zu den Meinen zurückbegeben und sie nach Möglichkeit trösten."

[GEJ.07_045,18] Der Hohe Rat aber wollte ihn zurückhalten; Nikodemus sagte jedoch: „Wenn ich euch in etwas nützen könnte, so würde ich auch bleiben; aber da ich euch hier ebensowenig nützen kann wie ihr mir, so gehe ich und will lieber zu Hause sterben als hier in diesen schon so oft entweihten Mauern."

 

46. Kapitel

[GEJ.07_046,01] Hierauf ging Nikodemus aus dem Rate und suchte des Volkes wegen, das schon sehr ungestüm geworden war, auf einem geheimen Wege zu seinem Hause zu gelangen. Als er aber daselbst in die Nähe seines Hauses gekommen war, so fand er um dasselbe auch viel Volkes versammelt, das von ihm in solch einer Bedrängnis einen Rat haben wollte.

[GEJ.07_046,02] Da dachte er bei sich: ,Gehe ich nun nach Hause, so wird mich das Volk bestürmen, und ich könnte ihm doch beim besten Willen über diese Erscheinung keine nur im geringsten befriedigende Auskunft geben. Ich weiß aber, was ich tun werde: Ich werde mich auf den ziemlich hohen Ölberg zu Lazarus begeben und mich mit ihm über diese Erscheinung besprechen. Er war stets so ein Mann noch nach dem Herzen Gottes, wenn er auch mit dem Tempel in manchem Hader stand, und er wird sicher nun mehr wissen denn ich und der ganze Tempel!‘ Gedacht und getan!

[GEJ.07_046,03] Und als er an das offenstehende große Gartentor kam, fragte ihn eine aufgestellte Wache, was er da suche.

[GEJ.07_046,04] Und Nikodemus sagte: „Ich habe Wichtiges mit dem Lazarus zu besprechen, und so laß du mich nur frei gehen!"

[GEJ.07_046,05] Und die Wache fragte ihn nach dem Namen, den sie auch sogleich erfuhr, worauf sie dann den Nikodemus auf den Berg gehen ließ; denn er hatte vor jedermann einen guten und gerechten Ruf. Nur fragte ihn der Wachmann, ob er ihm nicht sagen könne, was die noch nie dagewesene wunderliche Erscheinung etwa doch bedeute.

[GEJ.07_046,06] Und Nikodemus sagte freundlich zum Wachmann: „Ja, du mein Freund, derentwegen will und muß ich eben zum Lazarus auf den Berg gehen, weil ich weiß, daß er um diese Zeit, des Festes und des Marktes wegen, stets auf diesem Berge in seiner großen Herberge zu wohnen pflegt! Er ist in diesen Dingen sehr kundig und wird mir darüber sicher den möglichst besten Aufschluß geben können. Doch so viel kann ich als ein Ältester Jerusalems dir schon für ganz gewiß sagen, daß diese außerordentliche Erscheinung für die Guten etwas Gutes und für die Bösen etwas Böses anzeigt; denn das ist kein gewöhnliches Spiel der Natur mehr. Darum sei du, wenn du gut bist, samt mir ganz unbesorgt; denn uns beiden wird nichts Arges begegnen!"

[GEJ.07_046,07] Dafür bedankte sich der auch schon sehr ängstlich gewordene Wachmann, und unser Nikodemus ging eilends auf den Berg und staunte, oben ankommend, nicht wenig, eine so große und ganz heiter gestimmte Menschenmenge anzutreffen, die hier die sich gar großartig ausnehmende Erscheinung anstaunten und ihre Herrlichkeit mit froher Miene betrachteten.

[GEJ.07_046,08] Ich aber sagte zu Lazarus: „Du, Bruder Lazarus, der Älteste Nikodemus, von starker Furcht getrieben, ist heraufgekommen, um mit dir darüber zu reden, was etwa doch diese Erscheinung zu bedeuten habe! Gehe denn hin, empfange ihn, und Ich werde es dir schon in den Mund legen, was du vorderhand zu ihm zu sagen haben sollst! Und so wolle denn hingehen, doch sage ihm nicht zu bald, daß Ich hier bin!"

[GEJ.07_046,09] Lazarus war darob recht von Herzen froh; denn er liebte den Nikodemus als seinen einzigen Freund gar sehr. Und so ging er denn auch schnell hin und tat, was Ich ihm angeraten hatte.

[GEJ.07_046,10] Als unser Nikodemus bei der ungewöhnlichsten Tageshelle in der Nacht schon auf mehrere Schritte des Lazarus ansichtig ward, grüßte er ihn schon von weitem und sagte: „Bruder, vergib es mir, daß ich dich so spät in der Nacht besuche! Aber du darfst ja nur dort im Osten die zwölf Feuersäulen ansehen, und du wirst es sehr leicht erraten, was mich so ganz eigentlich zu dir heraufgeführt hat. Ich sage es dir: In der ganzen großen Stadt wie im Tempel ist es aber ganz rein aus! Es ist dir das ein Etwas, das unseres Wissens eigentlich denn doch noch nie dagewesen ist! In der Stadt laufen die Juden und die Heiden wie verrückt durcheinander. Die muntere Jugend macht Scherze und schiebt diese ganze Erscheinung den Essäern in die Schuhe; aber da schreit wieder ein alter, des Geldes barer Rabbi durch alle Gassen und Straßen: ,Der Messias kommt an!‘, was aber doch die Menschen auch zu keiner Ruhe kommen läßt. Die Heiden glauben an einen Götterkrieg, und engherzige Juden sehen entweder die Ankunft des verheißenen Messias oder andere haben Daniels Jüngstes Gericht vor Augen. Die Priester sind ratlos und wissen dem Volke auf seine Fragen keine haltbare und nur halbwegs wahre Silbe zu sagen. Das Volk wird im Tempel unwillig und verhöhnt das Priestertum auf eine ganz unerhörte Weise. Und so ist das in der großen Stadt nun ein solches Durcheinander, wie ich noch nie eines erlebt habe!

[GEJ.07_046,11] Ich bin selbst im Hohen Rate nahe eine Stunde lang gesessen und ward befragt von allen priesterlichen Seiten; aber wer kann bei solchen unerhörten Erscheinungen jemandem einen weisen Rat erteilen?! Ich habe ihnen allen einen so ziemlich reinen Wein eingeschenkt; aber es hat das alles rein gar nichts gefruchtet.

[GEJ.07_046,12] Ja, was soll man denn da wohl noch Weiteres beginnen? Die Tiere leben nach ihrem harmlosesten Instinkte, doch die Priester im Tempel – ich sage es dir – haben weder Instinkt und noch viel weniger eine Vernunft oder irgend einen Verstand! Und so ist mit diesen wahren Halbmenschen, oder eigentlich schon gar keinen Menschen mehr, gar nichts anzufangen und gar nichts zu machen. Und siehe, so bin ich denn bei dieser außerordentlichen Gelegenheit zu dir herauf geflohen; denn unten in der Stadt wie im Tempel ist für unsereinen gar nicht mehr zu bestehen!

[GEJ.07_046,13] Aber wenn du nun gerade Muße hättest, so könntest du mir wohl von deinen Lebensgeschichten etwas ganz Besonderes kundtun, was bei mir um so wünschenswerter wäre, da ich nun selbst in meinem Gemüte sehr bedrängt bin. Sage mir ganz offen: Hast du bei deinen Reisen in Persien und Arabien je eine ähnliche Erscheinung gesehen? Und so du je etwas Ähnliches gesehen hast, – von was für Folgen war sie hinterdrein oder auch schon gleichzeitig begleitet?"

[GEJ.07_046,14] Sagte Lazarus: „Laß dir wegen dieser wahrlich allergroßartigst herrlichen Lichterscheinung kein schweres Herz machen; denn sie trägt durchaus kein Anzeichen von irgend bösen Folgen für uns wenigstens insoweit bessere Menschen, da wir noch den alten und festen Glauben an Gott und unsere Treue zu Ihm in unserem Gemüte bewahrt und nach Möglichkeit Seine Gesetze beachtet haben! Für die Abtrünnigen aber ist sie eine gute Mahnung und sagt ihnen, daß der ewig-alte Jehova noch gleichfort lebt und die Macht hat, die Sünder zu züchtigen, wie und wann Er will. Wenn du diese Erscheinung von dem Standpunkte aus besiehst, so kann es dir nicht bange werden. Sieh dort die etlichen Hunderte von Menschen! Sie betrachten diese Erscheinung allesamt von diesem Standpunkte aus und sind voll Ruhe und voll guten Mutes, und du mit deiner alterprobten Rechtlichkeit vor Gott und den Menschen wirst doch wohl auch keinen Grund haben, dich vor dieser Erscheinung zu fürchten! – Habe ich recht oder nicht?"

[GEJ.07_046,15] Sagte Nikodemus: „Jawohl, jawohl, du hast recht und gut geantwortet und mein Herz mit deinen freundlichen Worten sehr erquickt, wofür ich dir von ganzem Herzen dankbar bin; doch hast du mir nun davon noch nichts erwähnt, ob du bei deinen weiten Reisen in Persien und Arabien noch nie etwas Ähnliches gesehen hast!"

[GEJ.07_046,16] Sagte Lazarus: „Noch nie, weder in Persien noch in Arabien, habe ich derartige Erscheinungen gesehen! Andere oft auch sehr sonderbare Erscheinungen in großer Menge bei Tag und bei Nacht habe ich wohl gesehen, die den Menschen, der sie ein erstes Mal sieht, sicher auch sehr stutzen machen; aber weil sie sich zu gewissen Zeiten immer gleichartig wiederholen, so machen sie auf die Einheimischen keinen besonderen Eindruck. Aber diese Erscheinung würde sicher die mutigsten Araber ins Bockshorn treiben; denn da hat auf dieser Erde Boden noch nie ein Mensch etwas Ähnliches gesehen, außer in einer prophetischen Verzückung irgendein Prophet, wie man sich solches noch erzählt von dem alten Vater Kenan und Henoch, und noch von Moses, auch von Elias und von Daniel. Aber mit den fleischlichen Augen dürfte solch eine Erscheinung noch nie gesehen worden sein. Es wird diese Erscheinung jedoch nicht gleichfort also stehenbleiben, sondern sich so nach meinem Gefühle bald und zwar noch mehrere Male verändern."

[GEJ.07_046,17] Sagte Nikodemus: „Meinst du das im Ernste?"

[GEJ.07_046,18] Sagte Lazarus: „Allerdings, so wie die zwölf Lichtsäulen nun stehen und sich auch stets um etwas vergrößern, werden sie nicht bis zum Ende verbleiben!"

[GEJ.07_046,19] Sagte Nikodemus: „Oh, da wird es noch schlimmer werden in der Stadt und in der ganzen Umgegend! Was werden deine beiden Schwestern daheim machen? Die werden ja vor Angst verschmachten, so wie auch meine Familie in meinem Hause!"

[GEJ.07_046,20] Sagte Lazarus: „Oh, sorge du dich um etwas anderes! Dafür ist schon vom Herrn aus gesorgt; denn Er läßt die Seinen nicht verschmachten, und mögen Dinge über die Erde kommen, welche nur immer wollen. Denn der Herr wacht auch über derlei Erscheinungen, läßt sie werden, sich verändern und vergehen, und das stets zum Besten und zum Heile der Menschen dieser Erde. Und also magst du auch wegen deiner Familie ganz unbesorgt sein; denn der Wille Gottes wacht über uns alle!"

 

47. Kapitel

[GEJ.07_047,01] Sagte Nikodemus: „Da hast du, mein Bruder, wohl ganz recht! Wer fest auf Gott vertraut, dem kann nichts Arges begegnen, obwohl von Gott aus den Menschen oft so manches begegnet, worin man eine besonders gute Obsorge als von Gott ausgehend mit unserem Verstande nicht so ganz recht wohl merken kann. Mir selbst ist es schon einige Male also ergangen, und ich bin darum bei derlei großen Erscheinungen dieser Erde gleich einem Kinde, das darum stets eine Furcht vor dem Feuer hat, weil es sich schon einmal am Feuer einen Finger verbrannt hat. Und so erging es mir auch, und das schon einige Male, und das eine Mal durch einen Blitz, der mich betäubte und mir nachher eine Zeitlang sehr empfindliche Schmerzen in meinen Gliedern hinterließ. Ein anderes Mal wurde ich von einem Wirbelwind erfaßt, über zwei Mannshöhen in die Luft gehoben und darauf sehr unsanft auf den Boden wieder zurückgesetzt. So hat mich gut bei zwei Mal ein böses Wetter am Galiläischen Meere über fünf Stunden lang zwischen Leben und Tod umhergetrieben, und wieder ein anderes Mal ward mir mein sonst ganz sanftes und gut abgerichtetes Maultier wild, fing gar jämmerlich zu rennen an, und das so lange, bis es vor Müdigkeit niedersank und mir einen Fuß stark quetschte. Daran war denn auch ein starker Blitz und ein schnell darauf folgender Donner schuld.

[GEJ.07_047,02] Und siehe, diese und mehrere Unfälle sind mir durch pure Naturerscheinungen zuteil geworden, und so habe ich gleichfort eine kleine Angst, wenn ich so etwas ganz Besonderes von einer Erscheinung wieder erlebe. Ich habe bei allen meinen Unfällen wohl mein irdisches Leben nicht verloren, was bei ähnlichen unverschuldeten Gelegenheiten gar vielen Menschen schon begegnet ist; aber ich bin dennoch stets voll Angst, wenn in der Natur der Erde durch Zulassung Gottes solche Erscheinungen zum Vorscheine kommen, mit denen sich unsere menschlichen Kräfte nimmer messen können. Und das ist eben jetzt ganz besonders der Fall, wo dort im Osten die zwölf ungeheuren Feuer- und Lichtsäulen alles auf dem Erdenrund zu vernichten drohen. Ich glaube an Gott und vertraue fest darauf, daß Er uns vor allem großen Unglück beschützen wird; aber gerade dort, wo die sehr drohend aussehenden Säulen den Boden der Erde berühren, möchte ich mich gerade nicht befinden, – denn dort wird es sicher sehr feuerstürmisch aussehen."

[GEJ.07_047,03] Sagte unser Lazarus aus Mir: „Auch dort in der Gegend des Euphrat wird keinem Wesen durch diese Säulen etwas geschehen, – dessen du völlig versichert sein kannst und dich darum durchaus nicht zu ängstigen brauchst. Doch sieh nun, die mittleren zehn Säulen rücken nun näher und näher aneinander; nur die beiden äußeren bleiben noch unbeweglich! Sieh, das ist schon eine Veränderung! Und nun stoßen je zwei und zwei gar zusammen und einen sich so, daß wir jetzt gar nur fünf große Mittelsäulen sehen, ohne daß dadurch das Licht stärker oder gar schwächer wird. Siehe, wiederum eine Veränderung! Die beiden äußeren Säulen rühren sich noch nicht!"

[GEJ.07_047,04] Sagte Nikodemus: „Diese merkwürdige Veränderung scheint mir nun von einem denkenden Wesen geleitet zu sein, da sonst derlei Erscheinungen mehr plump und ganz planlos untereinander sich begegnen, sich manchmal einen, manchmal auch zersplittern oder gar zerstören. Man nehme nur die höchst ungeschickten und planlosen Wolkenzüge bei Stürmen an und die Planlosigkeit der dahinzuckenden Blitze! Aber hinter dieser großartigsten Erscheinung scheint auf jeden Fall ein höchst klug denkendes Wesen verborgen zu sein, und man könnte beinahe den Gedanken fassen, daß das irgendeine neue Zauberei der Essäer sei, die in jener Gegend sicher auch neue Besitzungen haben. Denn diese Leute ziehen alle Zaubereien der ganzen Welt auf einen Punkt zusammen und sind selbst sehr erfinderisch in derlei ungewöhnlichen Dingen. Da sieh nur hin! Nun fangen die fünf Säulen sich auch zu einen an! Ihre Bewegung geht rasch vor sich, und siehe, sie sind schon eins! Ah, das wird die Templer und das Volk denken und ordentlich verzweifeln machen und wird manchem Schwachen zum Wahnsinn helfen!"

[GEJ.07_047,05] Sagte Lazarus: „Jetzt minder denn ehedem; denn nun fangen schon viele an, diese Sache den etwa in jüngster Zeit ankommenden indischen Magiern in die Schuhe zu schieben, weil ihnen die Sache der Erscheinung zu plan- und regelmäßig vorkommt."

[GEJ.07_047,06] Sagte Nikodemus: „Aber für was hältst nun du diese wirklich höchst merkwürdige Erscheinung? Denn ob sie schon auch von Magiern hervorgebracht werden könnte, so könnte sie, vermöge ihrer ungeheuren Großartigkeit auch noch eher von Jehovas Willen herrührend, etwa darum dasein oder wenigstens zugelassen sein, um besonders uns Juden irgend etwa ein kommendes Gericht oder sonst einen noch verborgenen Plan, was Gott mit uns Menschen vorhat, damit anzuzeigen. Weißt du, wer hinter dieser Erscheinung allenfalls noch stecken könnte?"

[GEJ.07_047,07] Fragte ihn Lazarus: „Wer kann da von dir gemeint sein?"

[GEJ.07_047,08] Sagte Nikodemus: „Der gewisse wunderbare Heiland aus Nazareth! Er war nun auf dem Feste und – glaube – zweimal im Tempel, wo er den Pharisäern die tüchtigsten Wahrheiten ins Gesicht gesagt hat, so daß sie Ihn am Ende gar steinigen wollten. Er zog darauf sicher weiter, und Er dürfte nun von dem Orte, wo unsere Erscheinung aufsteigt, eben nicht gar zu weit entfernt sein. Ich habe diesmal leider keine Gelegenheit finden können, daß ich Ihn geheim wieder besucht hätte; denn du weißt schon, welche Tendenzen nun der Tempel verfolgt. Aber es macht das nun nichts, da ich – unter uns gesagt – an Ihn und Seine Sendung glaube; denn so Er der Messias nicht ist, so kommt fürder auch schon ewig kein zweiter mehr in diese Welt. Doch das kann ich dir – verstehe mich – nur so unter vier Augen sagen, weil ich wohl weiß, daß auch du meiner Ansicht sein wirst, so wie viele aus dem Volke; aber man darf nun das noch nicht gar zu laut in Jerusalem aussprechen. Also, Freund, der erwähnte Heiland dürfte um diese Erscheinung wohl auch wissen; und was sie allenfalls anzeigen soll oder könnte, darum wird auch Er schier am besten wissen. – Was sagst nun du zu dieser meiner Ansicht?"

[GEJ.07_047,09] Sagte Lazarus: „Ja, ja, da könntest du wohl schon recht haben; nur begreife ich das noch nicht so ganz wohl von dir, wenn du sagst, daß du glaubst, daß der Heiland aus Nazareth im Ernste der verheißene Messias sei, dabei aber dennoch eine Furcht hast, Ihn als das, was Er unzweifelhaft ist, ohne alle Furcht laut vor aller Welt zu bekennen. Ist Er der Messias, so ist Er laut gar vielen dir wohlbekannten Stellen des Moses, Elias, Jesajas, Jeremias und noch vieler anderer Propheten und Seher Jehova Zebaoth Selbst. Ist Er aber das, – was ist dann alle Welt gegen Ihn?! Kann Er sie nicht verwehen mit einem Hauch, wenn sie Ihm am Ende doch zu mißliebig würde und der Menschen zu große Bosheit Seine Geduld auf eine zu große Probe stellte?! Wenn aber sonach Er eben der allmächtige Herr der ganzen Schöpfung unzweifelhaft ist und du das auch glaubst, – wie kannst du da noch eine Furcht vor der dummen und blinden Welt haben?! Siehe, das ist mir an dir wahrlich nicht sehr einleuchtend! Daß du ein erstes Mal nur in der Nacht Ihn besuchtest, das war wohl begreiflich; aber Er war seitdem schon ein paar Male hier, und du hast Ihn weder in der Nacht und noch weniger am Tage wieder besucht, und das war offenbar nicht recht von dir. Nur wenn du nicht völlig glaubst, daß Er der wahrhafte Messias ist, so entschuldigt das ein wenig deine Furcht und Lauheit, und du kannst das Versäumte wohl noch einholen! – Hast du mich wohl verstanden, was ich dir damit gesagt habe?"

[GEJ.07_047,10] Sagte Nikodemus: „Bruder, du hast vollkommen recht; aber was kann man tun, wenn man leider ein Mitglied des Tempels ist und bloß dahin alle Hände voll Arbeit hat, um den Tempel nur so zu stimmen, daß er sich nicht zu grelle Übergriffe in die Rechte der Menschen erlaubt? Um aber das zu bewirken, muß man leider oft mit den Wölfen zu heulen anfangen und sie heimlich klugermaßen von guten Herden ablenken, damit diese von ihnen nicht ganz zerrissen und gefressen werden! Und so war es mir wahrlich nicht so leicht möglich, abzukommen und mich mit dem Heilande nach Gebühr zu beschäftigen, so wie ich auch mit dir als meinem bewährtesten Freunde außer im Tempel schon beinahe zwei Jahre lang nicht habe zusammenkommen können. Denn es machte eben der Prophet Johannes und nun der Heiland aus Nazareth dem Tempel große Sorgen, und es ward über Seine Bewegungen und Lehren beinahe allwöchentlich großer Rat gehalten und es wurde Mittel ergriffen, Ihn verstummen zu machen; aber es fruchtete bis jetzt alles zusammen nichts, weil das Volk Ihn teils für einen großen Propheten, teils aber auch schon im Ernste für einen groß werdenden neuen König und größtenteils aber auch schon für den vollwahren Messias hält, was auch – aufrichtig gesagt – bei mir selbst der Fall ist.

[GEJ.07_047,11] Das Merkwürdige dabei aber ist nur das, daß Er bei den Römern einen großen Anhang hat, und Ihm bei der Ausbreitung Seiner Lehre von ihnen gar kein Hindernis in den Weg gelegt wird! Das halte ich für ein großes Wahrzeichen für die Echtheit Seiner Messiaswürde. Weißt du aber nun nicht, wo Er etwa von Jerusalem hingezogen ist? Bei dieser Gelegenheit hätte ich selbst gute Lust, Ihn aufzusuchen und mich mit Ihm zu besprechen."

[GEJ.07_047,12] Sagte Lazarus: „Freund, sieh nun nur wieder die drei Licht- und Feuersäulen an; denn nun fangen die beiden äußeren Säulen auch an, sich zu bewegen, und nähern sich der einen Mittelsäule. Wir wollen nun sehen, was daraus werden wird! Sieh, die eine von der mittäglichen Seite her hat sich nun schon mit der Mittelsäule vereinigt; aber die von der Nordseite her blieb stehen, und wir sehen nun nur noch zwei, und diese zwei leuchten nun ebenso stark wie die früheren zwölf, denn ihr Licht ist nun greller und gediegener geworden. Ja, ich kann es mir nicht denken und vorstellen, daß es am Tage heller sein könnte! Nur das Firmament ist dunkler, und hie und da in der Abendgegend ist noch ein oder der andere große Stern ersichtlich.

[GEJ.07_047,13] Und da sieh in die Stadt hinab, wie die Menschen durcheinanderrennen! Selbst auf den Giebeln der Häuser stehen Menschen und starren nach der Erscheinung hin! Aber nun bewegt sich auch die Nordsäule zur Mittelsäule und vereint sich mit ihr! Jetzt haben wir es nur noch mit einer Säule zu tun!"

[GEJ.07_047,14] Sagte Nikodemus: „Das ist wahrlich im höchsten Grade denkwürdig! Was nun etwa doch noch weiter geschehen wird?"

 

48. Kapitel

[GEJ.07_048,01] Als Nikodemus noch kaum die Frage ausgesprochen hatte, da erhob sich diese nun eine Säule und stieg höher und höher, und das so lange und auch äußerst schnell, daß man bald gar nichts mehr von ihr ersah, und es ward wieder sehr finster auf der Erde.

[GEJ.07_048,02] Und Nikodemus sagte: „Da haben wir's nun! Was war nun diese so drohende Erscheinung, und was hat sie bedeutet? Daß sie von Gott aus zugelassen war, das ist nun wohl ganz klar; denn keine menschliche Macht hätte sie in des Firmamentes tiefste Tiefen emporziehen können. O du menschliche Weisheit, wie stehst du nun einmal wieder da: so nackt, so unbehilflich und ratlos wie ein neugeborenes Kind! Freund Lazarus, was denkst du nun über diese Erscheinung, die nun bei zwei Stunden lang aller Menschen Gemüter mit Furcht und Angst erfüllte? Ist sie eine göttliche Zulassung gewesen, so stehen uns große Dinge bevor, und war sie irgendein Spiel der Erd- und Luftgeister, so haben wir armen und schwachen Erdenmenschen auch nichts Gutes zu erwarten; denn nach den großen, feurigen Erscheinungen kommen gerne große Erdstürme, große Ungewitter, Erdbeben und auch Krieg, Hungersnot und Pest. Und das sind auch wahrlich keine tröstlichen Aussichten für uns arme Menschen! – Was aber ist da deine Ansicht?"

[GEJ.07_048,03] Sagte Lazarus: „Ich weiß da für mich ebensoviel wie du; aber lassen wir das nun gut sein! Sieh dort hinter den Zelten nur die große Menschenmenge an! Die alle sind nun meine Gäste, und über zweihundert sind noch im Hause untergebracht, die von dieser Erscheinung wenig gesehen haben werden. Aber unter diesen vielen Menschen, die sich jenseits der Zelte befinden, werden schon ein paar sein, die diese Erscheinung sicher besser verstehen werden als wir beide."

[GEJ.07_048,04] Sagte Nikodemus: „Ja, das wird wohl schon also sein; aber wie komme ich zu ihnen?"

[GEJ.07_048,05] Sagte auf Mein inneres Geheiß Lazarus: „Komme du nun mit mir, und ich werde dich schon dem Rechten vorstellen!"

[GEJ.07_048,06] Sagte Nikodemus: „Das wäre auch alles recht, wenn ich unerkannt bleiben könnte, damit ich im Tempel nicht verraten werde."

[GEJ.07_048,07] Sagte Lazarus: „Ah, sorge dich da um etwas anderes! Die Menschen, die du hier bei mir findest, sind selbst Feinde des Tempels, weil sie einen besseren Tempel gefunden haben; daher hast du von allen jenen Menschen nicht das Allergeringste zu besorgen (befürchten), – gehe nur ganz unbesorgt und mutig mit mir!"

[GEJ.07_048,08] Da erst entschloß sich Nikodemus, mit Lazarus zu uns zu gehen.

[GEJ.07_048,09] Als er aber in Meine Nähe kam, da erschrak er ordentlich, da er gar keine Ahnung hatte, Mich allda zu treffen.

[GEJ.07_048,10] Ich aber trat zu ihm hin, reichte ihm die Hand und sagte: „Was erschrickst du vor Mir, als wäre Ich irgendein Gespenst? Du wolltest Mir doch nachziehen, so du von Lazarus erführest, wohin Ich gezogen wäre, und nun hast du Mich hier! Ist dir denn das nicht um so lieber nun?"

[GEJ.07_048,11] Sagte nun Nikodemus: „O Herr, das wohl sicher; aber Du bist der Heilige Gottes und ich ein alter Tempelsünder! Das drückt und beengt sehr mein Herz, und ich habe nun wenig Mut, mit Dir zu reden."

[GEJ.07_048,12] Sagte Ich: „Wenn Ich dir eine Sünde vorhalten werde, so kannst du sagen: ,Herr, vergib mir die Sünde!‘ Doch da Ich dir das zu sagen keinen Grund habe, so bist du frei und kannst reden, wie es dich freut. Was sagst denn du zu der Erscheinung, über die sich die Templer nun noch in den Ohren und Haaren liegen?"

[GEJ.07_048,13] Sagte Nikodemus: „O Herr, die Erscheinung war etwas Unerhörtes, noch nie dagewesen seit Anbeginn der Welt! Aber was sie zu bedeuten hat, das wirst Du sicher wohl besser wissen als wir alle hier, und darum möchte ich nur Dich fragen. Denn ich war ehedem sogar der Meinung, daß sie etwa gar von Dir herrühre, da Du Dich ja auch ganz leicht in jener Gegend hättest befinden können. Denn vor etwa einem Jahre soll sich, wie ich's später vernommen habe, ja auch bei Cäsarea Philippi während Deiner Anwesenheit etwas Ähnliches gezeigt haben und soll die eigentliche Ursache vom Brande jener Stadt gewesen sein. Und so meinte ich denn nun auch, daß hier nun eine Wiederholung jener Erscheinung zu Cäsarea Philippi statthaben könnte, so Du Dich in jener Gegend befändest. Doch Du bist noch hier bei uns in Jerusalem, und so haben wir wahrlich keine Ursache, uns nun noch weiter mit der Erscheinung zu ängstigen. Aber was war denn die Erscheinung in sich? Du, o Herr, wirst das wohl am allerbesten wissen, wie ich das schon bemerkt habe! Wenn es Dir genehm wäre, so könntest Du uns schon etwas darüber sagen!"

[GEJ.07_048,14] Sagte Ich: „Die Erscheinung war Mein Wille und somit auch Mein Werk; doch wir haben dann später noch Zeit, ein mehreres darüber zu sprechen. Für jetzt aber bleibe du noch in der Ruhe, denn es war diese von dir gesehene Erscheinung das letzte noch nicht, was diese Nacht bieten wird; dann erst wird die Erklärung im Hause folgen! Hebet aber nun alle eure Augen empor, und sehet, was sich nun in einem Bilde zeigen wird!"

 

49. Kapitel

[GEJ.07_049,01] Als nun alle ihre Augen nach oben richteten, da wurde der Himmel glühend und blutrot gefärbt, und man ersah die Stadt Jerusalem auf dem glühenden Grunde, belagert von römischen Kriegern, und aus den Toren der Stadt floß Blut. Bald darauf aber stand die Stadt in hellen Flammen, und ein dicker Qualm umzog den ganzen weiten Horizont. Bald darauf ersah man keine Stadt mehr, sondern nur noch einen dampfenden Schuttberg. Zuletzt verschwand auch dieser, und man ersah eine unfruchtbare Wüste, auf der sich wilde Horden eine Stätte zur Wohnung erbauten. Nach dem verschwand diese Erscheinung, und man vernahm aus der Stadt ein großes Angstgeschrei, und Nikodemus meinte, daß nun in der Stadt offenbar eine Emeute (Aufstand) losgehe.

[GEJ.07_049,02] Ich aber beruhigte ihn und sagte: „Das ist noch ferne; aber von jetzt an zwischen vierzig und fünfzig Jahren wird es in diesem Lande also geschehen und dieser Stadt, weil sie die Zeit ihrer großgnädigen Heimsuchung nicht hat erkennen wollen, ein voller Garaus gemacht. – Nun aber wartet noch auf die letzte Sache! Darauf erst wollen wir ins Haus gehen und uns darüber besprechen. Doch jetzt gebet noch weiter acht darauf, was ihr sehen werdet!"

[GEJ.07_049,03] Auf diese Meine Beheißung sahen alle wieder nach dem Firmamente, und es senkte sich die Lichtsäule abermals aus den Höhen zur Erde nieder, doch nicht mehr an jener Stelle, wo sie ehedem aus zwölf einzelnen Säulen entstand, sondern am ganz entgegengesetzten Orte gen Westen hin, und leuchtete nun aber um vieles stärker denn ehedem. Bald darauf zerteilte sie sich, doch nicht mehr in zwölf Säulen, sondern aus ihren zahllos vielen Teilen bildete sich eine übergroße Stadt, deren Mauern aus den zwölf Hauptedelsteingattungen bestanden und einen höchst mannigfaltigen Lichtglanz nach allen Seiten hin verbreiteten. Und also hatte diese Stadt auch sichtlich zwölf Tore, durch welche zahllos viele Menschen aus allen Teilen der Erde höchst wonniglich aus und ein wandelten.

[GEJ.07_049,04] Über der Stadt hoch in den Lüften aber stand, wie von Rubinen und Smaragden gebildet, eine Schrift nach der alten hebräischen Art, und deren Worte lauteten: ,Dies ist die neue Stadt Gottes, das neue Jerusalem, das dereinst aus den Himmeln niedersteigen wird zu den Menschen, die reinen Herzens und eines guten Willens sein werden; darin werden sie mit Gott wohnen ewig und lobpreisen Seinen Namen.‘ Diese Schrift, wie auch diese ganze Erscheinung, aber sahen nur alle die, so bei Mir auf dem Berge waren, und sonst niemand im ganzen Lande.

[GEJ.07_049,05] Nachdem aber alle Anwesenden in einen Wonnejubel ausgebrochen waren und anfangen wollten, Mich förmlich laut anzubeten, da verschwand die Erscheinung, und Ich ermahnte alle, daß sie Gott anbeten sollen in der Stille ihres Herzens und nicht mit lauten, lärmenden Worten gleich den Pharisäern, was vor Gott keinen Wert hat. Da ließen sie ab und machten in der Stille ihres Herzens ihre Betrachtungen.

[GEJ.07_049,06] Nach einer kleinen Weile erst sagte Ich: „Nun ist es um die Mitte der Nacht geworden, und wir wollen uns in das Haus begeben und dort etwas Brot und Wein zu uns nehmen. Darauf werde Ich euch eine kurze Beleuchtung über die stattgehabten Erscheinungen geben."

[GEJ.07_049,07] Auf diese Meine Worte begab sich alles wieder ins Haus, dessen großer Speisesaal noch ganz wohl beleuchtet war.

[GEJ.07_049,08] Als wir uns bald wieder im Saale in guter Ordnung bei unseren Tischen befanden und Lazarus und Nikodemus neben Mir Platz nahmen, da ward Wein und Brot an alle Tische in hinreichendster Menge gebracht, und Ich behieß alle, nun eine kleine Stärkung zu sich zu nehmen. Und alle nahmen Brot und Wein und aßen und tranken ganz wohlgemut.

[GEJ.07_049,09] Nachdem wir uns wohl gestärkt hatten, sah sich unser Nikodemus die verschiedenen Gäste an den Tischen näher an, bemerkte die sieben Templer, die mit den Sklavenhändlern an einem kleineren Tische saßen, und sagte ein wenig verlegen zu Mir: „Herr, dort sehe ich mir nur zu wohl bekannte Priester des Tempels! Wie kommen denn diese daher? Werden die an uns keine Verräter machen? Kann man ihnen wohl trauen?"

[GEJ.07_049,10] Sagte Ich: „Freund, die einmal bei Mir sind, die haben mit dem Tempel da unten gar keine Gemeinschaft mehr! Sie wurden wohl in einer Verkleidung vom Tempel aus hierher beordert, um Mich und Mein Tun zu beobachten; aber sie erkannten die Wahrheit und verließen den Tempel für immer. In etlichen Tagen aber werden sie nebst noch mehreren andern mit jenen hohen Römern dort nach Rom abreisen und dort versorgt werden, und so hast du dich vor gar niemandem irgend zu fürchten, daß er dich etwa verraten könnte, weil du hier bist; darum kannst du nun schon ganz ruhig sein."

[GEJ.07_049,11] Nikodemus dankte Mir für diese Aufklärung, griff noch nach einem Stück Brot, verzehrte es dann ganz sorglos und nahm darauf den Becher mit Wein und trank ihn ganz aus.

[GEJ.07_049,12] Nachdem denn nun auch Nikodemus sich ganz gestärkt hatte, sagte er zu Mir: „Herr und Meister, da nun alles sich in einer Ruhe befindet und Du versprochen hast, uns in Kürze ein Licht über die Erscheinungen zu geben, die sich heute so wunderbarerweise zugetragen haben, so möchte ich Dich wohl darum bitten, daß Du uns nun Dein Versprechen erfüllen möchtest!"

[GEJ.07_049,13] Sagte Ich: „Das werde Ich nun auch tun; doch so da Ich werde ausgeredet haben, dann fraget Mich darüber um nichts Weiteres mehr, sondern da denke dann ein jeder bei sich über das Vernommene nach, und es wird das seiner Seele von mehr Nutzen sein denn ein langes Fragen! Und so höret denn!"

 

50. Kapitel

[GEJ.07_050,01] (Der Herr:) „Die zwölf Feuersäulen im Osten stellten richtig die zwölf Stämme Israels vor, und der starke Mittelstamm war Juda, und die beiden äußersten waren Benjamin und Levi. Durch die verschiedenen Ereignisse verschmolzen die zwölf Stämme in den letzten einen Judastamm, und der bin Ich, der Ich gekommen bin, alle die andern Stämme in Mir als dem einzig wahren Stamme Juda zu vereinen, daß sie alle in Mir also Eins werden sollen, wie Ich und der Vater im Himmel völlig Eins sind von Ewigkeit zu Ewigkeit.

[GEJ.07_050,02] Als ihr sahet die sieben Säulen, da sahet ihr gewisserart die euch schon bekannten sieben Geister Gottes, und als es nachher drei wurden, da sahet ihr in Benjamin den Sohn, in Levi den Geist und inmitten Juda als den Vater. Und seht: Vater, Sohn und Geist wurden Eins, waren von Ewigkeit her Eins und werden auch ewig Eins verbleiben! Und dieses Eins bin eben auch Ich Selbst, und wer Mein Wort hört und danach handelt, tut und lebt, der wird auch Eins sein mit Mir und in Mir. Er wird Mir gleich auffahren in die Himmel Gottes und wird in Mir das ewige Leben haben. – Das ist ganz kurz die vollwahre Bedeutung der ersten Erscheinung.

[GEJ.07_050,03] Was aber da betrifft die zweite Erscheinung, so zeigte sie das Vollmaß der Sündengreuel dieses Volkes an, das nun am hellsten Tage, der über ihm aufgegangen ist, dennoch in aller Finsternis wandelt und auch fortan wandeln will. Und darum wird es nach seinen Taten die Früchte ernten, und das in der Zeit, die Ich dir, Freund, schon draußen im Freien kundgegeben habe, nämlich zwischen vierzig und fünfzig Jahren, und Ich setze noch einen außerordentlichen Geduldstermin von höchstens noch zehn und sieben Jahren hinzu; dann wird es aber auch gänzlich aus sein mit diesem Volke für alle Zeiten der Zeiten. Und das sage Ich euch: Diese Erde und dieser sichtbare Himmel werden vergehen und morsch und brüchig werden wie ein altes Kleid; aber diese Meine Worte werden erfüllt werden und ewig nimmerdar vergehen!

[GEJ.07_050,04] Denn Ich bin der Herr. Wer will mit Mir rechten und will mit Lanzen und Schwertern gegen Mich ziehen?! Ja, sie werden auch noch das tun, und dieses Mein Fleisch wird wohl am Kreuze den Tod finden; aber eben das wird ihr Maß voll machen und ihren Untergang unwiderruflich besiegeln. Denn die Blindheit will herrschen und töten ihren Gott. Und das wird sie tun in wahrlich nicht gar langer Zeit, und es wird ihr auch diese Greueltat zugelassen werden, damit ihr Untergang für alle Zeiten der Zeiten ein vollkommen sicherer und unausbleiblicher werde. Doch was diesem Volke zum Untergange dienen wird, das wird euch dienen zum größten Heile und zur vollendetsten Erlangung des ewigen Lebens.

[GEJ.07_050,05] Machet euch aber nun alle nichts daraus, da Ich euch das zum voraus gesagt habe; denn diese arge Brut da unten kann wohl diesen Meinen Leib töten, aber nicht Den, der in Mir lebt und ewig wirkt und schafft und ordnet. Ich werde aber auch den Leib wahrlich nicht im Grabe lassen; denn schon am dritten Tage werde Ich auch diesen Leib wieder erwecken und werde dann wieder bis ans Ende der Zeiten mit denen umgehen, die an Mich glauben, Mich lieben und Mein Wort halten werden. Und ihr, Meine Brüder, werdet Mich sehen und Mich sprechen können so wie jetzt, da Ich noch im unverklärten Fleische unter euch wandle.

[GEJ.07_050,06] Wenn ihr nun das alles wohl überdenket, so werdet ihr es alle wohl einsehen, daß die zweite traurige Erscheinung ihren vollen und lebendigen Grund hat. Sage von euch aber ja keiner: ,Herr, das könntest Du mit Deiner Allmacht wohl abändern!‘ oder: ,Das könntest Du anders machen!‘ Denn wahrlich sage Ich es euch, daß Ich nun ohnehin das Alleräußerste tue, was Meine ewige und höchste göttliche Weisheit Mir zeigt, und es hilft diesem Volke da unten dennoch nichts mehr; denn es ist durch die eigene, unnennbare Bosheit so verstockt, daß ihm auch keine Gottesmacht mehr helfen kann.

[GEJ.07_050,07] ,Ja‘, denket ihr und saget es in euch, ,ja, wie sollte denn so etwas möglich sein? Gott muß ja alles machen können, was Er nur immer will!‘ Ja, das kann Gott fürwahr. Aber bei der vollendetsten Freiheit des menschlichen Willens kann und darf Gott nie und nimmer tun, was Er will; denn würde Gott da nur im geringsten dem menschlichen Willen in die Quere treten, so würde der Mensch eine Kinderpuppe, an der Schnur des fixen göttlichen Willens geführt, und könnte dabei ewig nie zu einer Lebensselbständigkeit gelangen. Kann er aber zu dieser aus sich nicht gelangen, so ist es mit dem ewigen Leben seiner Seele notwendigerweise auch für ewig gar.

[GEJ.07_050,08] Der Mensch muß also seine vollkommenste Willensfreiheit haben, die nur durch äußere Gesetze und durch den selbstischen (freiwilligen) Gehorsam zu seinem wahren Vorteile gelangen kann, und dabei darf die göttliche Allmacht wenig oder eigentlich schon gar nichts zu tun haben und muß darum dem Menschen des selbständigen Lebens wegen alles zulassen, wonach es ihn gelüstet, und also auch nun die Tötung sogar Meines allerunschuldigsten Fleisches.

[GEJ.07_050,09] Und weil diese Menschheit hier in Jerusalem das Gottesgesetz nahe ganz verworfen hat und dafür ihr mehr zusagende und ihren Weltinteressen sehr dienende Satzungen aufgestellt hat, die Meinen Satzungen, durch Moses und durch die Propheten den Menschen gegeben, schnurstracks zuwiderlaufen und sie ganz verdrängen wollen, Ich aber nun wider sie und ihre große Ungerechtigkeit gegen Gott und gegen die Menschen zeuge, so hassen sie Mich und wollen Mich töten um jeden Preis der Welt. Ja, es wird ihnen auch das zugelassen werden; aber dann wird ihr Maß der verübten Greueltaten auch voll sein, und es wird dann an diesem Volke geschehen in der Fülle, was ihr als zweite Erscheinung ehedem gesehen habt."

[GEJ.07_050,10] Sagte nun Nikodemus: „Herr und Meister, ich bin nun der Meinung, daß die zwei Erscheinungen die Templer sehr nüchtern gemacht haben dürften, und sie werden sich in der Folge wohl hüten, die Hände an jemand zu legen; denn ich habe es im Tempel gar deutlich vernommen, wie das Volk den höchst verlegenen Priestern vorhielt, wie Gott sie nun alle richten werde, weil eben sie als Priester die meisten Propheten bis auf Zacharias und Johannes herab getötet haben! Und sogar der Hohepriester schwieg und getraute sich nicht, dem Volke etwas zu erwidern, obwohl es seine dargebrachten Opfer ganz keck vom Tempel zurückforderte, was sonst für ein übergroßes Verbrechen angesehen wird. Und weil ich das selbst noch beobachtet habe, so bin ich der Meinung, daß sie Dir, o Herr und Meister, nicht mehr gar so besonders gehässig und aufsässig sein werden. Sie werden sich sehr Zeit lassen, Dir feindlich zu begegnen! Zugleich ist dem Tempel durch einen Obersten von seiten des hohen römischen Gerichts in bezug auf das JUS GLADII eine äußerst scharfe Verwarnung zugekommen, und diese möchte ihnen wohl für alle Zeiten die Lust und den Eifer benehmen, je mehr jemanden ohne ein römisches Gerichtsurteil zum Tode zu verurteilen."

[GEJ.07_050,11] Sagte Ich: „Das werden sie auch nicht tun; aber sie werden in ihrer Wut und Mordlust so lange dem römischen Richter in den Ohren liegen und bezahlte Zeugen in solcher Menge über ihr Opferlamm vorbringen, daß am Ende der Richter das wird tun müssen, was sie werden haben wollen. Es glaubt zwar schon viel Volkes an Mich und an Meine Lehre, aber der Tempel hat dennoch einen großen, wennschon gänzlich blinden Anhang, und mit dem kann er noch alles bewirken. Daß aber der Tempel noch einen starken Anhang hat, das beweist die beinahe unzählige Menschenmenge, welche an den Festen zum Tempel wallfahrtet. Diese großen und menschenreichen Wallfahrten aber bezeugen ja mehr denn zur Übergenüge, wie viele noch am Tempel hängen, und wie viele Blinde es noch im ganzen Judenlande gibt, die dadurch Gott einen wohlgefälligen Dienst zu erweisen wähnen, sie ganz gewissenhaft das tun, was ihnen vom Tempel aus geboten wird. Wenn du dir das so recht vor Augen stellst, so wirst du für das Leben Meines Leibes nun noch sehr wenig Bürgschaft unter den Juden finden."

 

51. Kapitel

[GEJ.07_051,01] Dieses Gespräch vernahmen auch die Römer, und Agrikola stand ganz entrüstet auf und sagte: „Herr aller Himmel und Welten, wenn gegen Dich von dieser Brut da unten je etwas von dem im Zuge sein sollte, so wird Deine Allmacht es uns wohl zuvor wissen machen können, und wir werden dann nicht säumen, dieser Betrügerbrut ein völliges Ende zu machen, und ich werde den Pilatus noch morgen sehr darauf aufmerksam machen!"

[GEJ.07_051,02] Sagte Ich: „Mein sehr lieber Freund, du hast gleich am ersten Tage deiner Ankunft Mein Heer und Meine Macht gesehen, und es kostete Mich nur einen Wink, und zahllose Scharen der allermächtigsten Engel stünden Mir zu Gebote, von denen einer hinreichen würde, die ganze Erde und den ganzen sichtbaren Himmel in einem Moment zu vernichten! Aber darum bin Ich ja nicht in diese Welt gekommen, daß Ich sie richte und verderbe, sondern darum nur, daß sie durch Mich vom Untergange gerettet werde. Und so muß Ich den Menschen, wie sie auch sind, ihren freien Willenslauf lassen, selbst dann, wenn sie sich an Meinem Leibe vergreifen wollen; denn wirke Ich da mit Meiner göttlichen, Mir vom Vater gegebenen Willensmacht entgegen, so tötet das jedes Menschen Seele, und niemand kann an ein ewiges Leben nach dem Abfalle des Fleisches denken und noch weniger glauben und darauf hoffen.

[GEJ.07_051,03] O ja, die Menschen brauchten sich auch gar nicht an Meinem Fleische zu vergreifen und würden darum doch das ewige Leben ihrer Seelen überkommen können, gleichwie es auch ihr überkommen werdet, so ihr bis ans Ende eures Erdenlebens in Meiner Lehre verharret, ohne daß sich jemand an Mir vergreifen soll, und der eine, der sich an Mir vergreifen würde, der würde das Leben nicht haben und auch nicht überkommen.

[GEJ.07_051,04] Doch da unten bei diesen Weltmenschen stehen die Dinge anders. Sie alle sind offenbar Diener der Hölle und ihres Lügenfürsten geworden und stehen nun in seinem Weltsolde. Sie häufen Sünden auf Sünden und Greuel auf Greuel, treiben allerlei Hurerei, Ehebruch und Blutschande und trachten gleichfort, wie sie jemanden zum Judengenossen machen könnten, indem sie ihm den Himmel und das ewige Leben verheißen. Ist aber jemand ihr Genosse geworden, so ziehen sie ihn beinahe ganz aus, damit er sich den Himmel und das ewige Leben erkaufe.

[GEJ.07_051,05] Haben sie aber so einen blinden Heiden einmal ganz von seinem Vermögen losgemacht, so sagen sie mit gleisnerischer Miene: ,So, so, Freund, siehe, nun bist du schon auf dem halben Wege zum Himmel und zum ewigen Leben! Bisher haben wir für dich gewirkt; aber von da an mußt du selbst wirken nach dem Gesetze, das wir dir gezeigt haben, ansonst hätten unser Vorwirken und deine Gott dargebrachten Opfer keinen Wert!‘

[GEJ.07_051,06] Und so rauben sie einen um den andern aus und tun dann weiter ganz und gar nichts für ihn; und kommt er zu ihnen, um sich irgendeinen Rat zu holen, dann verweisen sie ihn auf ihre Predigten, so er den Rat nicht bezahlen kann. Kann aber jemand einen Rat gut bezahlen, so bekommt er dann auch außer der Predigt einen Rat, der gewöhnlich eine fein zusammengefügte Lüge ist.

[GEJ.07_051,07] Und so wie diese Himmel-und-Ewiges-Leben-Verkäufer selbst nicht in den Himmel kommen, weil sie bei sich an keinen glauben und nie geglaubt haben, so lassen sie aber auch niemand anders hinein, weil sie durch ihre allerfinstersten Lügen den Weg dahin verrammen.

[GEJ.07_051,08] Wer das noch mit einem helleren Verstande erkennt und nach der Wahrheit zu forschen anfängt, den verdammen sie alsbald als einen Ketzer und Gotteslästerer und verfolgen ihn mit aller Wut bis zum letzten Tropfen Blut, wie sie auch aus demselben Grunde die von Gottes Geist erfüllten Propheten zum größten Teil getötet haben, deren Gräber sie nun zum Scheine ehren und an den gewissen Gedächtnistagen weiß übertünchen. Aber sie selbst sind eben gleich den übertünchten Gräbern, die auch nach außen hin ganz erbaulich aussehen, aber inwendig voll Aases und Ekelgeruchs sind.

[GEJ.07_051,09] Ihr meinet nun freilich und saget es in euch: ,Ja, wenn diese arge Brut schon seit lange her also beschaffen war, da hätte ihr Gott ja aber auch schon lange einen völligen Garaus machen können!‘ Ja, das hätte Gott auch wohl tun können und hat es teilweise auch getan durch mancherlei Gerichte, die einst so weit gingen, daß das ganze Judenvolk vierzig Jahre lang in die harte Gefangenschaft Babylons geriet und der Tempel Salomos und zum größten Teil auch die Stadt Jerusalem zerstört wurden. Darauf tat das Volk wieder Buße und kehrte sich zu Gott zurück. Und es ward wieder frei und kam wieder in dies Gelobte Land, baute Stadt und Tempel wie von neuem auf und lebte dann eine Zeitlang in ganz guter Ordnung. Aber als es dann wieder zu äußerem Glanz und Ansehen kam, da fing es nach und nach auch an, von den rechten Wegen abzuweichen, und machte sich selbst Satzungen, – das heißt hauptsächlich der Tempel, er stellte sie an die Stelle der göttlichen Gesetze und hielt das Volk dazu an, diese Menschensatzungen streng zu befolgen, während die Priester offen sagten und lehrten: ,Es ist euch nützlicher, diese neuen Gesetze zu beachten denn die alten!‘ Und auf diese Weise ging es also fort und fort, und es ward schlechter und gottloser als unter den Richtern und Königen.

[GEJ.07_051,10] Es fehlte aber nie an Mahnungen und teilweise ernsten Heimsuchungen, die leider keinen fruchtbaren Boden mehr fanden. Als das Volk samt den Königen und Priestern des lebendigen Gottes kaum mehr gedachte und alles in den Welttaumel hineinlebte, da sandte Gott wieder Propheten und bedrohte es scharf, daß ein mächtiger Feind ins Land gelassen werde, der alle Juden unterjochen und ihre Könige gefangennehmen werde und der als Geiseln hinwegführen werde der Juden Weiber, Töchter, Ochsen, Kühe, Kälber und Schafe und ihnen auch viel Gold, Silber, viele Edelsteine und Perlen nehmen werde, und daß das Volk geknechtet werde für immer. Kurz, es wurde den Juden alles in wohlverständlicher Rede dargestellt, wie es ihnen ergehen werde, wenn sie von ihren Weltsatzungen und von ihrem Welttume nicht abgingen. Aber es war da alles umsonst, und die Weissagung ging in Erfüllung; denn die Römer drangen ins Land eroberten es und taten nach der Weissagung.

[GEJ.07_051,11] Nun bekamen die Juden der weltlichen Gesetze genug ins Land und mußten sie auf Leben und Tod beachten. Der Tempel kehrte dann unter manchen frommen Priestern zeitweilig zu Gott wieder zurück, hielt aber nicht an und ist seit – sage – dreißig Jahren zu einer wahrsten Räuberhöhle und Mördergrube herabgesunken und ist nun in sich schlechter bestellt als irgendein Götzentempel der Vor- und Jetztzeit.

[GEJ.07_051,12] Und obwohl Ich nun, als der Herr, mit Fleisch angetan, Selbst unter den offenbarsten Zeichen im Tempel lehre und alles Volk samt den Tempeljuden die Wahrheit lehre, so nützt das aber dennoch nichts, sondern die Pharisäer treiben nun ihr Trug- und Lugwesen noch ärger denn je und halten beständig Rat, wie sie Mich aus dieser Welt schaffen könnten. Und es wird ihnen sogar das auch noch zugelassen werden, damit ihr Greuelmaß voll werde. Aber dann kommt auch das euch allen in der zweiten Erscheinung gezeigte große Gericht über dieses Volk und damit auch ihr, der Juden, Ende, worauf sie dann wie Spreu in alle Enden der Welt zerstreut werden. Und ihr Name, der bis jetzt vor aller Welt ein so hochrühmlicher war, wird ein verachteter sein.

[GEJ.07_051,13] Hätten sie diese Zeit der großen Gnadenheimsuchung erkannt, so wären sie wohl für ewig das erste Volk in der ganzen Unendlichkeit geworden und auch geblieben; weil sie aber eben diese große Zeit der Zeiten nicht erkennen wollten, so werden sie denn auch, vom großen Gerichte über sie alle angefangen, zum letzten Volke der Erde werden. Zerstreut unter alle Völkerschaften der Erde, werden sie sich unter allerlei Verfolgungen ihre Kost gleich den Vögeln der Luft suchen müssen, und sie werden allenthalben untertänig sein.

[GEJ.07_051,14] Und wenn es auch in den späteren Zeiten welche geben wird, die sich Berge groß des Mammons zusammensammeln werden, so werden sie sich aber dennoch kein Land, kein Reich und keine Regentschaft irgend auf der Erde erkaufen können; und also sollen sie zum Zeugnisse für diese Meine Weissagung verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde."

 

52. Kapitel

[GEJ.07_052,01] (Der Herr:) „Denket euch aber nicht, daß das etwas Derartiges sei, das die gewissen blinden Weltweisen ,Bestimmung‘ nennen, als habe Gott schon für jeden Menschen bestimmt, was er in seinem kurzen oder längeren Leben zu gewärtigen hat! Etwas Derartiges zu denken und zu glauben kann der Seele den Tod bringen, weil das eine Lehre ist, die eine heimliche Ausgeburt der Hölle ist und zu den wahren Lebensprinzipien aus Gott für die Menschen gerade das schroffste Gegenteil darstellt. Die Bestimmung machen sich die Menschen selbst durch die Verkehrtheit ihres freien Willens und dadurch, daß sie nicht erwecken wollen alle die sieben Lebensgeister in sich, wodurch sie auch nicht zu der wahren Anschauung ihres innern, wahren und unvergänglichen Lebensschatzes kommen. Dadurch kommen sie auf Abwege und wollen dann auch im Lichte der Welt das wahre, innere Licht des Lebens aufsuchen und frohen Mutes nach demselben wandeln und handeln.

[GEJ.07_052,02] Wenn eine Menschenseele aber einmal so recht in der dicksten Nacht ihres selbstgeschaffenen Weltdünkels steckt, so können ihr bei Belassung ihrer inneren Willensfreiheit auch alle Engel der Himmel keine andere Richtung geben, und es kann da dann niemand sagen: ,Siehe, das war schon also die Bestimmung für diesen Menschen!‘ Ja, es war wohl allerdings eine Bestimmung, aber nicht etwa von Gott ausgehend, sondern vom Menschen selbst.

[GEJ.07_052,03] Von Gott aus war es nur eine Zulassung, und das eben infolge des vollkommen freien Willens des Menschen. Und was Ich nun sagte von einem Menschen, das gilt denn auch von einem ganzen Volke. Es ist und bleibt der Selbstschöpfer seiner zeitlichen und seiner ewigen Schicksale.

[GEJ.07_052,04] Und so wäre es großirrig anzunehmen, Gott habe schon gar von Ewigkeit her bestimmt, daß dies alles, was Ich euch nun durch die Erscheinungen gezeigt und mit dem Munde vorausgesagt habe, also geschehen müsse. O nein, das durchaus ganz und gar nicht! Aber es wird dennoch alles also geschehen, weil es die Menschen also wollen, weil der allergrößte und mächtigste Teil von ihnen in aller Nacht der Hölle sich gar wohlbehaglich und allerhartnäckigst freiwillig befindet und nun selbst auf Meinen allergewaltigsten Ruf diese Nacht des Todes nicht verlassen will.

[GEJ.07_052,05] Denn mehr, als was Ich Selbst nun tue, getan habe und noch tun werde, kann bei der vollen Belassung der Freiheit des menschlichen Willens unmöglich getan werden, und wem da nicht die Augen aufgehen, und wer sich danach noch nicht kehrt, dessen Blindheit und eherne Verstocktheit des Herzens heilt kein Mittel mehr, von dem jeder sagen kann, daß es ein wahres, gutes und sanftes ist. Da muß dann das Gericht kommen und als letztes Mittel wirken. Damit aber das Gericht losbreche, muß das dasselbe bewirkende Maß voll werden, was bei diesem Volke bald – wie Ich's gesagt habe – der Fall sein wird. Und so denket nun nicht ängstlich viel darüber nach; denn nicht Ich, sondern die unbekehrbaren Menschen wollen es also!"

[GEJ.07_052,06] Sagte nun Nikodemus: „Aber Herr und Meister, da sieht es um die Menschheit ja ganz entsetzlich böse aus! Wenn Gott Selbst solchen Menschen niemals sogar wider ihren dummen Willen und Eigensinn helfen kann, ja, wer soll ihnen dann noch helfen können?"

[GEJ.07_052,07] Sagte Ich: „Ja, Freund, du verstehst gar viele irdische Dinge nicht, die du doch siehst und begreifst, – wie willst du dann rein geistige Dinge fassen und begreifen, die du nicht siehst und irgend fühlst?! Ich habe es ja gesagt, daß Gott beim Menschen in bezug auf seine innere, geistige Entwicklung mit Seiner Allmacht nicht leitend und lenkend einwirken darf, und das aus Seiner ewigen Ordnung heraus. Denn täte Gott das, so würde der Mensch in sich zur toten Maschine und könnte nie zu einer freiesten Lebensselbständigkeit gelangen.

[GEJ.07_052,08] Bringe Mir den ärgsten Raubmörder her, und Ich werde ihn plötzlich umgestalten zu einem Engel des Lichtes; aber da wird unterdessen sein Selbstisches so gut wie völlig tot sein! Sowie Ich Mich aber mit dem Geiste Meines allmächtigen Willens wieder zurückziehen werde, so wird sein Selbstisches wieder tätig, und vor dir wird der alte Raubmörder stehen. Denn seine Liebe ist Raub- und Mordlust und ist somit sein Leben; nimmt man ihm dieses, so ist er dann vollkommen tot und hat gänzlich zu sein aufgehört.

[GEJ.07_052,09] Ein solcher Mensch aber kann dennoch gebessert werden, und das durch den höchst schlimmen Zustand, in den er sich selbst durch seine böse Liebe versetzt hat. Denn des Menschen Seele fängt erst dann an, über den Grund ihres argen und unglückseligen Zustandes nachzudenken, wenn sie sich schon im schweren Gerichte aus sich selbst befindet; und fängt die Seele einmal an, den Grund zu erkennen, dann wird sie auch bald den Wunsch in sich wahrnehmen, ihres argen Zustandes loszuwerden, und wird auf Mittel und Wege nachzusinnen anfangen, wie sie sich von dem argen Gerichte irgend losmachen könnte.

[GEJ.07_052,10] Und hat die Seele einmal solchen Wunsch und Willen in sich, so ist sie auch schon fähig, ein Licht in sich aufzunehmen, das ihr von oben her durch allerlei geeignete Mittel geboten wird.

[GEJ.07_052,11] Ergreift die Seele die ihr gebotenen Mittel, so fängt ihre ehedem böse Liebe an, sich in eine gute und bessere aus und in sich selbst umzugestalten. Es wird lichter und lichter in ihr, und sie geht wie von Stufe zu Stufe zu einer höheren Lebensvollendung über, und das ist nur durch die Zulassung eines schärfsten Gerichtes möglich. Und es wird sonach denn auch über die Juden, wenn ihr Greuelmaß voll sein wird, ein schärfstes Gericht zugelassen werden, und das hier und jenseits, und das wird sie sehr demütigen für alle Zeiten der Zeiten, da sie nimmer zu einer Volksbeherrschung gelangen werden."

 

53. Kapitel

[GEJ.07_053,01] Sagte Nikodemus: „Herr und Meister, warum aber muß erst dann ein solch böses Gericht über ein Volk kommen, so es sein gewisses Maß mit Sünden aller Art und Gattung vollgemacht hat? Und was ist das für ein Maß, und worin besteht es?"

[GEJ.07_053,02] Sagte Ich: „Das ist aber doch etwas sonderbar, daß du als ein Ältester des Tempels und der ganzen Stadt das nicht verstehst, und hast doch die weisen Sprüche Salomos oft und oft für dich und für die andern gelesen! Wenn ein Kind im Mutterleibe einmal vollreif geworden ist, so hat es sein Maß als Fötus voll, und es wird in die Außenwelt geboren. Eine Frucht am Baume hat ihr Maß erreicht, so sie vollreif wird, worauf sie dann vom Baume fällt. Ein Mensch, der des Gesetzes wohl kundig ist, dasselbe vollständig hält und es aus Liebe zu Gott und seinem Nächsten nicht mehr übertritt, hat dadurch das lichtvolle Maß der eigenen Lebensvollendung vollgemacht und ist dadurch schon diesseits ein Bürger der Himmel geworden, da er den geistigen Tod in sich vollkommen besiegt hat und voll des ewigen Lebens aus Gott geworden ist.

[GEJ.07_053,03] Aber ein Mensch, der sich fürs erste schon nie eine rechte Mühe gibt, die Lebensgesetze Gottes näher und heller kennenzulernen – da ihn die Lustbarkeiten der Welt zu sehr abziehen –, und der sich von einem Sinnentaumel in den andern stürzt, der fängt an, Gott zu vergessen, und sein Glaube an Ihn schwindet dadurch mehr und mehr. Wie er aber des Glaubens an einen Gott bar wird, so werden ihm auch seine Eltern lästig. Er gehorcht ihnen nicht nur nicht mehr, sondern ärgert sie nur durch allen möglichen Ungehorsam, schlägt sie am Ende wohl gar, bestiehlt sie und verläßt sie. Wie er aber seine Eltern nicht achtet, so achtet er seine Nebenmenschen noch weniger. Er treibt Hurerei aller Art und Gattung, wird ein Dieb, ein Räuber und ein Mörder, um sich Mittel zu verschaffen, seinen Sinnen und argen Leidenschaften mehr frönen zu können. Und so hat sich dieser Mensch endlich aller Lebensgesetze ledig gemacht und handelt dann nach den Gesetzen seiner argen und bösen Natur und versündigt sich sogestaltig vollkommen am ganzen Gesetze. Dadurch aber hat er auch das Maß des Bösen erfüllt, ist ein Teufel geworden und hat dadurch denn auch in sich und aus sich das Gericht über sich selbst zum Losbruche gebracht und muß es sich in seiner großen Qual und Pein nun selbst zuschreiben, daß daran niemand als nur er selbst schuld war.

[GEJ.07_053,04] Daß aber auf ein Sündenvollmaß ganz sicher das Gericht – was der eigentliche geistige Tod ist – folgt, das ist von Gott aus schon von Ewigkeit her also verordnet und unabänderlich für alle zukünftige Ewigkeit festgestellt; denn wäre das nicht also, so gäbe es kein Feuer, kein Wasser, keine Erde, keine Sonne und keinen Mond und auch kein Geschöpf auf ihnen.

[GEJ.07_053,05] Das Feuer ist wohl ein böses Element, und so es dich ergriffe, da würde dir das den Tod geben. Soll aber darum kein Feuer sein, weil es auf die Menschen leicht eine tödliche Wirkung ausübt? Siehe, die Erde hat eine gewisse Anziehung, derzufolge jeder Körper schwer wird und unablässig nach ihrem Mittelpunkte strebt! Vermöge dieser Eigenschaft der Erde aber kannst du von einer Höhe herabfallen und dich töten. Ja, soll die Erde diese Eigenschaft nicht besitzen, weil sie dem Menschen den Tod geben kann? Oh, da sähe es bald gar übel mit der Erde aus; denn sie ginge auseinander und löste sich noch völliger auf als ein Stück Eis an der Sonne, und mit allen Geschöpfen auf ihr hätte es ein Ende! Denn wo wohl sollten sie bestehen, so sie keine feste Unterlage hätten? Und siehe, diese notwendige Eigenschaft der Erde und aller ihrer Materie ist auch ein Gericht von Gott aus für alle Materie, ohne das es keine Materie gäbe!

[GEJ.07_053,06] Und so ist alles ein Gericht, von Gott verordnet, was du in dieser Welt nur immer ansehen magst, und wer sich vom Geistigen und somit auch von Gott abwendet und sich in seiner Seele zur Materie der Welt kehrt, der kann doch unmöglich anderswohin als ins alte Gericht und seinen Tod gelangen; denn die Freiheit und die vollste Gerichtslosigkeit ist nur im reinen Geiste aus Gott, den jeder überkommen kann und wird, der nach Meiner Lehre lebt und glaubt, daß Ich in diese Welt von Gott aus als Selbst Gott gekommen bin, um allen Menschen das wahre Lebenslicht und das ewige Leben zu geben. Denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Licht, der Weg und das Leben. – Verstehest du das nun?

 

54. Kapitel

[GEJ.07_054,01] Sagte Nikodemus: „Herr und Meister, das verstehe ich nun und danke Dir inbrünstigst für diese Deine so hochwichtige Belehrung! Aber da Du uns nun die zwei Erscheinungen erklärt hast, so möchte ich Dich wohl bitten, uns noch die dritte Erscheinung zu beleuchten; denn hinter der muß etwas gar Großes verborgen sein."

[GEJ.07_054,02] Sagte Ich: „Ja ja, Ich werde euch die dritte Erscheinung wohl beleuchten; doch ihr werdet sie nicht wohl verstehen; denn was die noch ferne Zukunft bringen wird, das werdet ihr erst dann klarer einsehen, so ihr im Geiste wiedergeboren sein werdet. Aber Ich will euch dennoch darüber etwas sagen, und so höret denn!

[GEJ.07_054,03] Die aus den Himmeln auf die Erde zurückgekehrte Lichtsäule bin Ich im Geiste Meines lebendigen Wortes, das Ich in der Zukunft in die Herzen jener Menschen legen werde, die Mich lieben und Meine Gebote halten werden; zu denen werde Ich Selbst kommen und werde Mich ihnen offenbaren. Und also werden sie alle von neuem von Gott belehrt sein.

[GEJ.07_054,04] Die Zerteilung der Säule in zahllos viele Teile bedeutet die Enthüllung des innern, geistigen Sinnes aller Meiner Worte und Lehren, die Ich seit Beginn des Menschengeschlechts den Menschen durch den Mund der Urväter, der Propheten und Seher und nun Selbst gegeben habe.

[GEJ.07_054,05] Aus solchen vielen Teilenthüllungen des innern, geistigen Sinnes des Wortes Gottes wird sich dann erst eine wahre und große Licht- und Lebenslehre zusammenformen, und diese Lehre wird dann sein das große und neue Jerusalem, das aus den Himmeln zu den Menschen herniederkommen wird. Und die in der neuen Lehre sein und leben werden, die werden wandeln im neuen Jerusalem und werden darin wohnen ewig, und ihrer Seligkeiten über Seligkeiten wird ohne Maß und Ziel nimmer ein Ende sein. Denn Ich Selbst werde bei ihnen sein, und sie werden schauen alle die zahllosen Herrlichkeiten Meiner Liebe, Weisheit und Allmacht.

[GEJ.07_054,06] Es wird aber vom Untergange dieser alten Stadt Jerusalem an bis in die Zeit der neuen Stadt Gottes auf Erden wenig Licht unter den Menschen auf Erden geben; denn es werden sich nur zu bald eine Menge falscher Propheten und Priester in Meinem Namen erheben und werden falsche Wunder wirken und die Menschen betören und blind machen, ja der Antichrist wird solche Dinge mit Hilfe der Könige der Erde tun, daß sogar Meine Auserwählten, so Ich es zuließe, verlockt werden könnten, ihre Knie vor dem neuen Baal zu beugen. Aber Ich werde dann wieder eine große Drangsal unter die Menschen kommen lassen, wie sie noch nicht war unter der Sonne. Da wird der Baal gleich der großen Hure Babels gestürzt werden, und das Licht des lebendigen Wortes in den Herzen vieler Menschen wird dann kommen und aufrichten und erlösen die Bedrängten und Gebeugten, und sie werden sich alle freuen in dem neuen Lichte und lobpreisen Meinen Namen lobpreisen.

[GEJ.07_054,07] In jener Zeit werden die Menschen vielfach Umgang haben mit den reinen Geistern Meines Himmels, und diese werden ihre Lehrer sein und sie unterweisen in allen Geheimnissen des ewigen Lebens in Gott, wie euch solches in der dritten Erscheinung auch dadurch gezeigt wurde, daß ihr durch die zwölf Tore Menschen aus- und eingehen sahet.

[GEJ.07_054,08] Die zwölf Tore bezeugten nun aber nicht mehr, daß die neue Stadt erbaut sei aus den zwölf Stämmen Israels, sondern aus den zwölf Hauptgrundsätzen Meiner Lehre, und diese sind enthalten in den zehn Geboten Mosis und in Meinen neuen zwei Geboten der Liebe; denn diese sind die Tore, durch die künftig die Menschen in die neue, licht- und lebenvolle Stadt Gottes eingehen werden.

[GEJ.07_054,09] Nur wer diese Meine Gebote halten wird, der wird auch in diese Stadt eingehen, und es wird ihm Licht und Leben gegeben werden; wer aber die Gebote nicht halten wird, der wird in diese neue Stadt auch nicht gelangen. Also bezeichneten auch die zwölf Edelsteingattungen wieder dieselben zwölf Gebote, aus denen die Mauer um die große Stadt erbaut war.

[GEJ.07_054,10] Diese zwölf Gebote sind für den Menschen sonach nicht nur die Eingangstore zum Licht und zum Leben, sondern sie sind auch dessen unzerstörbarer Schutz und Schirm, den die Pforten und Mächte der Hölle oder das materielle Welttum nimmer zerstören und besiegen können.

[GEJ.07_054,11] Zugleich aber habt ihr bei der Erscheinung auch bemerkt, wie die Steine der Mauer auch ein starkes Licht in allen ihren Farben von sich gaben. Das zeigte euch an, daß in den euch gegebenen zwölf Geboten auch alle Grade der göttlichen Weisheit enthalten sind, und es kann sonach der Mensch nur durch die Haltung der zwölf Gebote zur vollkommenen Weisheit gelangen. Denn in den Geboten ist alle Weisheit aus Gott enthalten, und weil darin alle Weisheit Gottes enthalten ist, so ist darin auch alle göttliche Macht und Kraft enthalten, und das darum, weil in diesen Geboten der allweiseste und allmächtige Wille und durch diesen die höchste Freiheit enthalten ist.

[GEJ.07_054,12] Wer sich sonach den Willen Gottes durch die Haltung der Gebote zu eigen gemacht hat, der hat sich auch zu eigen gemacht die göttliche Macht und die göttliche Freiheit und hat den Zustand der wahren Wiedergeburt des Geistes erreicht und ist als ein wahres Kind Gottes so vollkommen wie der Vater im Himmel Selbst.

[GEJ.07_054,13] Und Ich sage euch denn nun allen, daß ihr euch eben durch genaue Haltung der Gebote vor allem bestreben sollet, schon hier auf Erden also vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist, so werdet ihr auch das und noch Größeres zu tun imstande sein als Ich Selbst nun. Und werdet ihr euch in diesem Zustande befinden, dann werdet auch ihr schon zum voraus Bürger des neuen Jerusalem sein. Das ist demnach der Sinn der dritten Erscheinung. – Habt ihr das alles wohl aufgefaßt und begriffen?"

[GEJ.07_054,14] Auf diese Meine Erklärung der dritten Erscheinung machten alle große Augen und dachten eine Weile sehr nach, wußten aber doch nicht recht, inwieweit sie diese letzte Erklärung recht und wieder etwa doch nicht ganz recht verstanden hatten.

 

55. Kapitel

[GEJ.07_055,01] Nikodemus sagte nach einer Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister, übergroß und tief ist das, was Du uns nun ganz lichtvoll gezeigt hast, und ich werde Dir wohl ewig dafür nicht zur Genüge danken können; aber weil das von Dir nun Gesagte und Gezeigte so übergroß und übertief ist, so habe ich, wie vielleicht auch mancher andere, diese Sache nicht so ganz aus dem Fundamente lichtvoll begreifen können. Ich sehe es aber wohl ein, daß mir diese Sache auch eine weitere Erklärung nicht klarer machen würde, und so sage ich denn auch nicht: Herr, mache mir das noch klarer und begreiflicher!"

[GEJ.07_055,02] Sagte Ich: „Da hast du auch ganz vollkommen recht. Diese Sache läßt sich für dich und auch für manchen andern nicht klarer darstellen; das alles und noch zahllos mehr aber wirst du erst dann fassen, wenn du im Geiste wiedergeboren sein wirst.

[GEJ.07_055,03] Mein Wort und Meine Predigt an euch kann nicht in der gewissen weltvernünftigen Redeweise der Menschen und ihrer Weltweisheit gegeben werden, sondern sie besteht in der Beweisung des euch völlig unbekannten Geistes und seiner Kraft, damit euer Glaube und euer zukünftiges Wissen nicht auf der Weisheit der geistig blinden Menschen, sondern auf der wunderbaren Kraft des Geistes aus Gott beruhe.

[GEJ.07_055,04] Nun, diese Meine Lehr- und Redeweise erscheint vor den Augen der Weltweisen als eine Torheit, weil sie vom Geiste und seiner Kraft nichts wissen und nichts wahrnehmen mit ihren groben Sinnen; aber Meine Lehre ist dennoch eine Weisheit tiefster und höchster Art, nur vor den Augen, Ohren und Herzen der vollkommenen Menschen, die eines guten Willens sind und die Gebote Gottes allzeit beachtet haben. Aber für die Weisen und Obersten dieser Welt, die vergehen wie ihre Weisheit, ist Meine Lehre freilich wohl das nicht.

[GEJ.07_055,05] Ich rede zu euch von der verborgenen Weisheit Gottes, die Er schon vor der Erschaffung dieser materiellen Welt verordnet hat zu eurer ewigen Lebensherrlichkeit, welche verborgene Weisheit noch kein Pharisäer, kein Ältester und Schriftgelehrter und Tempeloberster nach seiner Weltvernunft aus der Schrift erkannt hat; denn würden sie diese verborgene Weisheit jemals erkannt haben, so würden sie nicht in einem fort Rat halten, wie sie Mich, den Herrn von Ewigkeit, töten und verderben könnten. Doch lassen wir sie nur trachten und Rat halten; denn wie ihr Tun, so wird auch ihr Lohn sein!

[GEJ.07_055,06] Euch aber sage Ich, wie es geschrieben steht: ,Kein Menschenauge hat es je gesehen, kein Ohr gehört, und in keines Menschen Herz ist es gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben und Seine Gebote halten!‘

[GEJ.07_055,07] Was Ich euch nun offenbare, das offenbart der Geist Gottes eurem Geiste, auf daß auch euer Geist erforsche und erkenne die Tiefen in Gott. Denn nur der Geist durchschaut und durchforscht alle Dinge und, dadurch geläutert, auch die Tiefen in Gott. Und also bekommet ihr von Mir nun nicht den Geist der Welt, dessen ihr nimmerdar bedürfet, sondern den Geist aus Gott, auf daß ihr durch diesen Geist erst völlig fassen und begreifen könnet, was euch von Mir als von Gott gegeben ist.

[GEJ.07_055,08] Ich kann denn darum mit euch davon nicht nach Art der Menschenweisheit reden, sondern nur mit Worten, die der Geist Gottes lehrt, und alle Dinge geistig richtet, und ihr vermöget Mich darum auch nicht völlig zu verstehen, weil euer Geist noch nicht ganz durchdrungen hat eure Seele. Wenn aber eure Seele ganz sich mit aller Liebe und freiem gutem Willen im Geiste aus Gott, den ihr nun bekommet, befinden wird, dann werdet auch ihr aus euch heraus alle Dinge geistig richten und wohl erkennen und verstehen alles, was euch nun noch dunkel und unverständlich erscheint.

[GEJ.07_055,09] Ihr vernehmet aber nun doch schon etwas vom ewig wahren Geiste Gottes und könnet auch schon gar manches geistig richten. Doch der ganz natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geiste Gottes in sich, und wenn man davon zu ihm redet, so ist ihm das eine Torheit, weil er das nicht in sich hat, was seine Seele geistig richten könnte. Denn so ein Mensch Geistiges fassen und begreifen will, so muß zuvor seine Seele und alles völlig geistig gerichtet sein; denn alles Leben und alles wahre Licht und alle wahre Kraft ist nur im Geiste, der allein alles richtet und von niemandem etwa entgegen gerichtet werden kann.

[GEJ.07_055,10] Der natürliche, noch geistlose Mensch aber ist Materie in ihrem Gerichte, und sein Naturleben ist ihm vom Geiste Gottes aus nur als ein Mittel gegeben, daß er sich durch dasselbe das wahre, geistige Leben in sich erwecken kann, so er will. Und so kann er mit seinem Naturverstande die Gebote Gottes schon als solche wohl erkennen und dann den Willen fassen, sie auch zu beachten und nach ihnen zu leben und zu handeln. Und tut er das, so dringt der Geist Gottes schon auch insoweit in seine Seele, inwieweit diese in der Beachtung der Gebote Gottes und im Glauben an den einen Gott und in der Liebe zu Ihm und zum Nächsten vorwärtsgedrungen ist.

[GEJ.07_055,11] Wenn die Seele es aber darin zu einer nimmer möglich rückfälligen Stärke gebracht hat, so ist das dann schon ein sicherer Beweis, daß der Geist aus Gott sie ganz durchdrungen hat und in ihr all ihr Erkennen und Wissen geistig richtet, und solch eine Seele hat dadurch ihre früher tote Materie völlig überwunden und ist mit dem Geiste Gottes, der sie durchdrungen hat, ein Geist, eine Kraft, ein Licht und ein wahres, nimmer verwüstbares Leben geworden, das von niemand mehr gerichtet werden kann.

[GEJ.07_055,12] Darum suchet ihr alle vor allem das wahre Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, alles andere wird euch dann von selbst hinzugegeben werden; denn das wird dann der Geist Gottes in euch tun. Sorget euch gar nicht um irdische Dinge, nicht einmal darum, was ihr am kommenden Tage essen und trinken und womit ihr euren Leib bekleiden werdet; denn um das alles sorgen sich die Heiden und andere Weltmenschen, die den wahren Gott noch nie erkannt haben. Wenn der wahre Geist in euch seine volle Wiedergeburt erreicht haben wird, so werdet damit auch ihr alles erreicht haben, was euch not tut.

[GEJ.07_055,13] So ihr auf Meinen Wegen wandeln und bleiben werdet, wie Ich euch das lehre und gelehrt habe, so werdet ihr auch in Mir sein und Mein Geist in euch, und mit dem werdet ihr alles tun und bewirken können, was seine Weisheit euch sagen und sein Wille in euch wollen wird. Und damit ist euch jede nötige weltliche Versorgung für die Zeit eures Erdenlebens auch im allerreichlichsten Maße gegeben.

[GEJ.07_055,14] Ihr habt nun bei Mir erfahren, was dem Geiste alles möglich ist; was aber Meinem Geiste möglich ist, das wird auch eurem Geiste möglich sein, wenn er eins wird mit Mir. Wie er aber mit Mir eins werden kann, das habe Ich euch schon zu vielen Malen gezeigt, und so tut denn danach, und ihr werdet diese Meine Verheißung in euch in die volle Erfüllung gehen sehen!

[GEJ.07_055,15] Nun aber, da wir heute vieles getan und gewirkt haben, wollen wir, da es schon ein paar Stunden über die Mitternacht hinaus ist, eine kleine Ruhe nehmen und morgen ein neues Tagewerk beginnen!"

[GEJ.07_055,16] Sagte Lazarus: „Herr, mit den Schlaflagern wird es mir hier für so viele Menschen auch etwas knapp gehen!"

[GEJ.07_055,17] Sagte Ich: „Warum denn? Ein jeder bleibe auf seinem Flecke sitzen, stütze sich auf seine Arme und ruhe, und es wird ihm das sehr wohl zustatten kommen!"

[GEJ.07_055,18] Damit war Lazarus ganz zufrieden und tat auch für seine Person dasselbe.

[GEJ.07_055,19] Nikodemus aber wollte nun nach Hause ziehen, um am Tage nicht auf dem Berge gesehen zu werden; denn er hatte Furcht vor den Pharisäern.

[GEJ.07_055,20] Ich aber sagte zu ihm: „Habe du keine Furcht vor denen, die dir nichts anhaben können! So Ich es will und du es glaubst, da kannst du auch am hellsten Tage ungesehen diesen Berg verlassen und dich in dein Amt begeben."

[GEJ.07_055,21] Sagte Nikodemus: „Dann bleibe ich, da meine Familie mich ohnehin im Tempel und arbeiten wähnen wird."

[GEJ.07_055,22] Sagte Ich: „Allerdings, und so bleibe, und ruhe auch ein wenig."

[GEJ.07_055,23] Auf diese Meine Worte hin ward es still im Saale, und alles gab sich einer kurzen und den Leib sehr stärkenden Ruhe hin.

[GEJ.07_055,24] Unser Raphael aber begab sich auf Mein inneres Geheiß zu den Sklaven, die noch nicht ruhten, und brachte sie auch auf die gleiche Weise zur Ruhe, blieb dann bis zum Aufgang der Sonne bei ihnen und bewirkte, daß sie alle gar seltsam schöne Träume hatten; denn es war das diesen nordischen Kindern sehr eigen, allerlei weissagende Träume zu haben. Und hatten sie im Traume schöne und wunderbare Dinge gesehen, so waren sie am Tage sehr erbaut, fromm, geduldig und munter.

[GEJ.07_055,25] Und so ward hier jedem das Seinige.

 

56. Kapitel

[GEJ.07_056,01] Wir ruhten und schliefen noch gar gut, als die Sonne schon über den fernen Horizont stieg. Da ward Lazarus und sein Wirt munter, und letzterer erhob sich alsbald vom Stuhle und ging hinaus, die Dienerschaft zu wecken, auf daß sie sich an die Zubereitung eines guten und reichlichen Morgenmahles mache. Es ward daher bald alles im ganzen Hause lebendig, und so erwachten denn auch wir, erhoben uns von unseren Plätzen und gingen hinaus ins Freie.

[GEJ.07_056,02] Es war aber vor dem Hause ein Brunnen, der ein gutes und reines Wasser hatte, und Ich sagte zu Lazarus: „Bruder, auf daß wir dem Nikodemus kein Ärgernis geben, so lasse Krüge bringen und sie mit Wasser füllen, auf daß wir uns die Hände waschen können und es nicht heiße, wir äßen das Brot mit ungewaschenen Händen!"

[GEJ.07_056,03] Dies geschah, und alle wuschen sich die Hände, das Gesicht und auch die Füße, worauf reine Tücher zum Abtrocknen der Haut gereicht wurden.

[GEJ.07_056,04] Als diese Waschung vorüber war, da kam auch unser Raphael wieder zu uns und berichtete dem Lazarus, daß die Jugend noch ganz wohl ruhe, schlafe und träume und daher vor ein paar Stunden noch nicht geweckt werden solle. Solches geschah denn auch, weil das für die durch die weite und schlechte Reise müde gewordene Jugend sehr notwendig war.

[GEJ.07_056,05] Jetzt aber bei Tage bemerkte Nikodemus erst so recht die blendende Schönheit Raphaels und konnte sich nicht satt sehen an ihm. Nach einer Weile des innern, tiefen Staunens sagte er zu Mir: „Aber Herr und Meister, wo ist denn dieser überirdisch schöne Jüngling her? Wie heißt er denn? Nein, ich habe noch nie eine ähnliche männliche Schönheit gesehen! Unweit von ihm steht zwar auch, wenn man es recht betrachtet, ein gar sehr liebliches Mädchen; aber wie irdisch ist es doch gegen diesen schon überhimmlisch schönen Jüngling! Seine Goldlocken, wie sie so schön geordnet über seinen ganz ätherisch weichen Nacken, der beinahe schneeweiß ist, herunterwallen! Welch eine unbeschreibliche Anmut in seinem Angesicht! Wie weich, voll und zart und sanft seine Arme und Füße! Es ist an ihm alles so geordnet und gewählt, wennschon ganz einfach, daß ich als ein Ältester der Stadt und des Tempels noch nie auch nur in einem Traume etwas Ähnliches gesehen habe. Wahrlich, dieser Jüngling kann kein Kind dieser Erde sein! Wenn er nach dem Muster der Cherube, die im Allerheiligsten des Tempels die Lade bewachen, Flügel hätte, so wäre er ein vollkommener Engel Gottes!"

[GEJ.07_056,06] Sagte Ich: „Meinst du denn wohl, daß die Engel Gottes Flügel haben müssen, um Engel zu sein? Da bist du noch in einer sehr großen Irre! Hatten die drei Männer, die zu Abraham kamen, Flügel? Oder hatten das die Jünglinge, die den Lot retteten, oder der Engel, der den jungen Tobias führte? Mir ist es nicht bekannt, daß in der Schrift von ihren Flügeln irgend eine Erwähnung geschieht. Auch der Engel, der dem Abraham erschien, als er seinen einzigen Sohn Isaak opfern sollte, und ihn davon abhielt, hatte nach der Schrift keine Flügel.

[GEJ.07_056,07] Nur die beiden ehernen Cherube mußte Moses als vorbildlich dahin entsprechend mit Flügeln darstellen, um für die damals noch sehr sinnlichen Juden anzudeuten, daß die reinen Geister aus den Himmeln Gottes sich in allem höchst schnell bewegen – im Denken, Beschließen, Handeln und Vollbringen. Nun kennt der natürliche Mensch der der Erde keine schnellere Bewegung als den Flug der Vögel in der Luft mittels ihres Flügelpaares, und so hat denn auch Moses, um den Menschen die Schnelligkeit des Geistigen zu versinnlichen, den Cheruben die Flügel machen müssen nach der Anordnung Gottes. Sonst aber in der Wirklichkeit hat kein Engel Gottes je ein Paar Flügel gehabt.

[GEJ.07_056,08] Der Flügel bedeutet also nur den hohen Grad der Weisheit und Kraft alles rein Geistigen, aber nicht, als müßte ein reiner Geist sich auch gleich einem Vogel auf ein Geheiß Gottes vom Himmel auf die Erde herab- und von da wieder zurückbewegen. Übrigens gab es im wahren Himmel niemals irgendeinen Engel, der nicht zuvor ein Mensch auf irgendeiner Erde gewesen wäre. Das aber, was ihr euch unter den als reine Geister geschaffenen Engeln sehr irrig vorstellet, ist nichts als die auswirkenden Kräfte und Mächte Gottes, durch die Gottes Allgegenwart, in aller Unendlichkeit wirkend, bekundet wird, die sich aber kein Mensch unter einem Bilde vorstellen soll, weil das Unendliche aus Gott für jedes begrenzte Wesen der Wahrheit nach unvorstellbar ist, was hoffentlich doch nicht schwer zu begreifen ist.

[GEJ.07_056,09] Weil aber ein jeder Mensch seiner Seele nach berufen ist, ein wahrer Engel der Himmel Gottes zu werden, so kann dieser schöne und keuscheste Jüngling ja auch ebensogut ohne Flügel auf dieser Erde sein, wie Ich Selbst nun im Fleische als der alleinige Herr Himmels und der Erde bei euch bin und euch Selbst lehre und dabei dennoch die ganze Unendlichkeit erhalte. Übrigens steht es aber ja geschrieben: ,Zu derselben Zeit werdet ihr die Engel Gottes auf und nieder steigen sehen, die dem Herrn dienen werden!‘ Und also kann dieser Jüngling auch ganz gut ein Engel sein. – Was ist da deine Meinung?"

[GEJ.07_056,10] Sagte Nikodemus: „Ja, ja, schön ist er offenbar mehr denn zur Übergenüge dazu; aber er steigt nicht auf und nieder zwischen Erde und Himmel!"

[GEJ.07_056,11] Sagte Ich: „O du große Blindheit der Menschen! Wie kannst du als ein vielerfahrener Mensch doch annehmen, daß Engel aus dem materiellen Himmel auf diese gleich materielle Erde und von da wieder zurück steigen werden und die Menschen das also sehen werden und auch, wie Mir solche Engel dienen möchten?! Das Auf- und Niedersteigen der Engel bedeutet ja nur: von der Liebe zur wahren Weisheit aufsteigen und mit der Weisheit wieder zur Liebe, welche der wahre, lebendige Geist aus Gott in euch ist, zurückkehren.

[GEJ.07_056,12] Wenn ein Mensch in seinem Herzen die Liebe zu Gott und zum Nächsten recht erweckt und fasset, so steigt er dadurch auf zur Weisheit oder zur rechten und tiefen Erkenntnis in allen Dingen. So ein Mensch aber solch eine Erkenntnis erlangt hat und Gottes unbegrenzte Liebe, Weisheit und Macht tiefer und tiefer erkannt und begriffen hat, so wird er voll Demut und voll der lebendigsten Liebe zu Gott. In diesem Falle steigt er dann wieder ins Herz, erleuchtet dasselbe noch heller und macht es glühender in der Liebe zu Gott.

[GEJ.07_056,13] ,Aber‘, sagst du bei dir, ,stellt denn diese Erde die Liebe und der Himmel die Weisheit dar, da es doch auf der Erde gar so lieblos zugeht und vom Himmel nur Gutes kommt, – höchst selten irgend etwas minder Gutes?‘

[GEJ.07_056,14] Ja, im Menschenherzen als dem Sitze der Liebe geht es zumeist auch sehr lieblos zu, und dennoch ist das Herz der Sitz der Liebe. Aber die pure Liebe im Herzen, als ganz allein für sich daseiend, würde ebensowenig Früchte des Lebens zustande bringen wie die Erde ohne das Licht der Sonne. Die Sonne des Himmels für das Herz im Menschen aber ist einmal sein natürlicher Verstand. Dieser steigt in geordneten, guten Gedanken, Ideen und Begriffen ins Herz oder auf die Erde im Menschen herab, erleuchtet sie und belebt die Keime zu guten und edlen Taten. Ist das Licht des Verstandes noch schwach gleich dem Lichte der Sonne im Winter, so wird dabei das Herz wohl verständiger und klüger; aber da es noch sehr in der Selbstliebe verharrt, so werden die edlen Keime in ihm nicht aufgehen, wachsen und lebensvolle Tatenfrüchte zur Reife bringen. Wenn aber ein Mensch durch Fleiß und rechte Verwendung seiner Talente und Fähigkeiten in seinem Verstande heller und heller wird, so wird des Verstandes Licht auch mächtiger erwecken die Lebenswärme im Herzen, und die in ihm ruhenden Samenkörner zu guten Taten werden zu keimen, zu wachsen, zu blühen anfangen und bald edle Tatenfrüchte zur reichen Lebensernte bringen und vollreif werden lassen.

[GEJ.07_056,15] Und so sind hier unter ,Engeln‘ einmal die Gedanken, Ideen und Begriffe des lichten Verstandes, der der Weisheitshimmel des Menschen ist – freilich im kleinsten Maßstabe –, zu verstehen. Diese steigen auf und nieder und dienen dem noch verborgenen Geiste Gottes im Menschenherzen, und dieser Geist heißt Liebe zu Gott und Liebe zum Nächsten. Wie aber dieser lebendige Geist aus Gott im Menschenherzen von nur gar zu vielen Menschen nicht erkannt und beachtet wird – während doch das ganze Heil des Menschen in Hinsicht seines zeitlichen und ewigen Lebens von eben diesem Geiste abhängt –, also werde auch Ich Selbst als der Herr und der Urgrund alles Seins und Daseins von der Menschenwelt nicht erkannt, obwohl sie sehen, welche großen Gedanken, Ideen und Begriffe aus den Himmeln Gottes durch Mich auf diese Erde nieder- und wieder aufsteigen und das Herz hellst erleuchten und zur Tragung der lebendigen Tatenfrüchte erwärmen und beleben. Darum aber gibt es viele, die berufen sind, aber der Auserwählten gibt es wenige, die Meine Worte fassen, beherzigen und zur reichen und lebensvollen Tatenernte bringen.

[GEJ.07_056,16] Kennst du dich nun schon ein wenig heller aus, wer so ganz eigentlich in der ersten Instanz die Engel sind, die vom Himmel zur Erde nieder und wieder auf in den Himmel steigen und Mir als Gott von Ewigkeit und hier auf Erden, zeitlich für euch Menschen, die ihr als berufene Kinder Gottes eben Sein Herz und also Seine Erde seid, dienen?"

 

57. Kapitel

[GEJ.07_057,01] Sagte Nikodemus: „Herr und Meister von Ewigkeit, nun sehe ich erst wahrhaft in der Fülle ein, daß Du allein wahrhaft Christus, der Gesalbte Gottes bist, dessen Fülle in Dir wohnt! Denn so hat noch nie ein Prophet auf dieser Erde gelehrt. Da Du uns aber nun schon eine so große Enthüllung gemacht hast, so könntest Du, so es Dein heiliger Wille wäre, uns auch noch über die Himmelsleiter des Vaters Jakob ein Licht geben, auf der eben Engel zwischen Himmel und Erde auf und nieder stiegen. Aus diesem Gesichte konnte ich nie so recht klar werden, was Jehova, der zuallerhöchst dieser Leiter gesehen ward, dem Jakob hat anzeigen wollen. Denn dieses Traumgesicht hat Jakob sicher um vieles besser begriffen als ich, da wir bis jetzt keine nähere Deutung solch eines Gesichtes von ihm überkommen haben. – Herr, bei meiner großen Liebe zu Dir bitte ich Dich darum!"

[GEJ.07_057,02] Sagte Ich: „Was Jakob in seinem Traume sah, war ganz das, was Ich euch allen nun hell zur Übergenüge gezeigt habe. Die Leiter ist das Band zwischen dem Herzen und dem erleuchteten Haupte des Menschen. Das Herz ist hier ebenfalls die gesehene Erde, die damals auch in Jakob, als er sich in großer Not und Verlegenheit befand, zu wüst, öde und wenig erleuchtet war. Aber eben in diesem Zustande fing er an, sehr an Gott zu denken, und dachte nach, was er irgend getan habe, daß Er ihn in eine solch große Verlegenheit habe kommen lassen. Da schlief er auf offenem Felde ein und ersah in sich die Verbindung zwischen seiner Herzerde und seinen Lichthimmel in seinem Haupte. Da ersah er, wie seine Gedanken, Ideen und Begriffe von seinem Haupte wie über eine Leiter hinab in sein Herz stiegen, dasselbe erleuchteten und trösteten und so, durch die erhöhte Liebe des Herzens selbst mehr belebt und gestärkt, wieder empor zu Gott stiegen, um dort wieder mehr und tiefer erleuchtet zu werden. Und siehe nun den ganzen Lebensverlauf Jakobs, und du wirst es sehen, wie er von da an stets mehr und mehr an Gott dachte und auch strenger und strenger nach dem Willen Gottes lebte.

[GEJ.07_057,03] Zugleich aber wurde durch den denkwürdigen Traum auch dargestellt, wie sich aus ihm eine Geschlechtsstufenleiter als ein rechter Bund zwischen seinen Nachkommen und Gott erheben werd, auf der die Kinder Gottes in der bald steigenden und bald wieder sinkenden Erkenntnis Gottes zu- und abnehmen werden, und daß am höchsten Ende seiner gesehenen Geschlechtsstufenleiter sich in Meiner Persönlichkeit Jehova Selbst als ein Mensch offenbaren wird und den alten Bund erneuen und durch und durch zur lebendigsten Wahrheit erheben wird.

[GEJ.07_057,04] Und so hast du und habt ihr alle nun denn auch die Jakobsleiter doppelt und dreifach erklärt und wisset nun, was ihr wahrhaft geistig unter dem Begriffe ,Engel Gottes‘ alles zu verstehen habt. Aber dennoch frage Ich euch um euer selbst willen, ob ihr das wohl alles verstanden habt."

[GEJ.07_057,05] Sagte Nikodemus: „Mir ist auch in dem ein großes Licht aufgegangen, und es ist also und kann nie anders sein; doch was diesen sichtbaren Engel betrifft, so fragt sich da, ob er eine schon wirkliche, für sich dastehende Realität, – oder ist er nur so ein von Dir festgehaltener Gedanke, hervorgehend aus Deiner Liebe, Weisheit und Allmacht!"

[GEJ.07_057,06] Sagte Ich: „Das ist wahrlich eine so recht kindische Frage von dir! Ich sage es dir, der Engel ist – gleich wie du und alle Menschen und die ganze endlose Schöpfung – beides zugleich, weil es in der ganzen Unendlichkeit keine andere Realität außer Mir gibt als eben nur Meine Gedanken, Ideen und Begriffe. Diese werden durch Meine Liebe belebt und durch Meinen Willen für ewig fest erhalten und gehalten. Was Ich aber als Gott tun kann und von Ewigkeit her getan habe und auch hinfort ewig tun werde, das werdet auch ihr dereinst in Meinem Reiche tun können.

[GEJ.07_057,07] Daß aber in euch Menschen solche Fähigkeiten vorhanden sind, das könnet ihr ganz leicht und richtig euren helleren Traumgesichten entnehmen; denn in denen werden eure inneren Gedanken, Ideen und Begriffe zu Realitäten und werden lebendig und gar wohl geformt, und ihr könnet euch mit ihnen wie mit wahren Objekten unterhalten. Nun, ihr wisset freilich nicht, wie das in euch vor sich geht, daß ihr euch in euren Träumen in einer ganz ordentlichen Welt unter Menschen befindet, die mit euch oft sogar sehr weise reden und dies und jenes tun und verrichten; allein das macht vorderhand nichts. Wenn ihr nach der Art, wie Ich es euch erklärt habe, im Geiste aus Mir wiedergeboren sein werdet, dann werden euch alle Geheimnisse eures Lebens und ihr Grund klar werden; vorderhand aber könnet ihr das als eine lichtvolle Wahrheit annehmen, daß da jedwede Lebenserscheinung im Menschen einen höchst weisen und wahrsten Grund hat, ansonst sie im Menschen nicht und nie zum Vorscheine kommen würde.

[GEJ.07_057,08] Wenn der Mensch dem Leibe nach einmal stirbt, so lebt die Seele dann zwar dem Wesen nach auch im Raume, hat aber dann keine andere Welt zu ihrer Unterlage und zur Wohnung als die, die sie sich selbst geschaffen hat, und hat mit dieser äußeren Welt keine wesentliche Verbindung mehr, weil sie in sich nur zu klar einsieht, daß die gesamte materielle Welt nichts als ein notwendiges und schwer zu ertragendes Gericht ist, und daß ein freiestes und ungebundenstes Leben ein endlos vorzüglicheres ist als ein nach allen Seiten hin gebundenes."

[GEJ.07_057,09] Sagte hier Nikodemus: „Herr, wenn ich also einmal gestorben sein werde, so wird meine fortlebende Seele von dieser Erde ewig nichts mehr zu Gesichte bekommen, sondern in ihrer selbstgeschaffenen Welt fortleben, – und doch gibt es auf und in dieser Erde noch gar sehr vieles, was sich eine nach höherer Erkenntnis dürstende Seele gerne zu einer näheren Anschauung gebracht hätte! So sehen wir auch oft mit großer Sehnsucht den gestirnten Himmel an und möchten näher wissen, was der Mond, die Sonne, die Planeten und was alle die andern Sterne sind, und möchten auch die Tiefen der Meere ergründen. Aber wenn die Seele nach dem Tode nur so in einer hellen, aus ihrer Phantasie entsprungenen Traumwelt leben und handeln und nur mit solchen scheinbaren Menschengestalten verkehren wird, die auch nur Produkte ihrer höchsteigenen Phantasie sind, so wird das nach meiner schwachen Ansicht der ewig fortlebenden Seele unter dem Gesichtspunkte, daß ihr eine volle Rückerinnerung bleibt, eben keine gar zu große Freude machen können. Natürlich, so der Seele aber mit dem Leibe die Rückerinnerung nur höchstens insoweit belassen wird wie in einem hellen Traum, in dem man gewöhnlich sein Ich erkennt, sich aber dabei an nichts oder nur an sehr wenig wahrhaft Diesirdisches mehr erinnert, da kann so eine Seele dann freilich schon ganz heiter fortbestehen; denn was ihr mit dem Leibe völlig benommen wird, nach dem wird sie auch ewig keine Sehnsucht mehr haben. Ich rede hier, wie ich diese Sache verstehe, bitte Dich aber auch in dieser Hinsicht um eine tiefere Belehrung."

[GEJ.07_057,10] Sagte Ich: „Daß du da noch sehr schwach bist, das sehe Ich nur zu klar ein; aber deine Begriffe über das Leben der Seelen nach dem Abfalle ihres Fleisches sind noch öder, finsterer und schwächer als deine Gefühle und inneren Wahrnehmungen. Sage Mir bloß das: Wo und wann sieht ein Mensch schon mit seinen natürlichen Augen mehr: in einem finsteren Kerker zur Nachtzeit oder auf einem nach allen Seiten hin freien und hohen Berge am reinen, hellen Tage? Und ein Mensch, der nun in vollster Freiheit, mit allem versorgt, sich mit seinen besten Freunden auf dem Berge befindet, – wird der sich wohl zurücksehnen in den alten, finsteren Kerker und Lust haben, dessen finstere Winkel und Löcher zu untersuchen und zu erforschen? Denke über diese Meine Fragen nach – frage dein offenes Gefühl – und beantworte sie Mir dann, und Ich will dir erst auf das ein helleres Licht über deine Zweifel geben!"

 

58. Kapitel

[GEJ.07_058,01] Sagte Nikodemus: „O Herr, diese Deine gnädige Frage beantwortet sich ja nach eines jeden Menschen Gefühl von selbst; denn da liegt die klarste Antwort ja doch schon in der Frage selbst, und es wäre da wohl sehr unnötig, nur irgendeine Antwort darauf zu geben. Aber ich entnehme daraus, daß Du damit nur das allergnädigst hast andeuten wollen, daß eine vollendete Seele nach dem Abfalle des Leibes Deine ganze Schöpfung in einem endlos klareren Lichte schauen wird, als ihr das im Leibesleben je möglich gewesen wäre, und daß eine solche Seele alles Erlebte und auf der Erde Mit- und Durchgemachte um vieles heller in ihrer Erinnerung behalten wird, als das im Leibe je hat stattfinden können. – O Herr, habe ich da recht geantwortet?"

[GEJ.07_058,02] Sagte Ich: „Vollkommen, und Ich will euch dafür auch den Grund zeigen, damit da mit der Zeit niemand sagen soll: ,Ja, Er als der Wahrhaftigste hat uns das wohl zu glauben befohlen, und es wird das alles schon sicher also sein, wie Er uns das Selbst gelehrt hat, ohne uns den Grund und das Wie näher gezeigt zu haben!‘ Nein, also will Ich euch nicht lehren! Denn euch eben will Ich es ja geben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen. Und so höret Mich denn!

[GEJ.07_058,03] Der Leib, wie er ist, könnte für sich als eine tote Materie weder etwas sehen noch hören, fühlen, riechen und schmecken ohne eine lebendige Seele in sich. Er ist also nur ein notdürftiges Werkzeug der Seele, also gebaut und wohl eingerichtet, daß sich die Seele seiner für die Außenwelt bedienen kann. Sie kann also mittels des Leibes nach außen hinaus schauen, hören und empfinden Widriges und Angenehmes. Sie kann sich von einem Ort zum andern bewegen und kann mit den Händen mannigfache Arbeiten verrichten.

[GEJ.07_058,04] Der Lenker der Leibesglieder ist der Verstand des Herzens und sein Wille; denn der Leib für sich hat weder einen Verstand noch einen Willen, außer die Seele geht durch ihre weltlichen und sinnlichen Gelüste selbst ins Fleischliche über und verliert sich also sehr in ihrem Fleische, daß sie darin das Bewußtsein ihres geistigen Ichs verliert. Dann freilich ist auch ihr ganzer Verstand samt dem Willen ein völlig fleischlicher geworden. In diesem Falle aber ist dann die Seele nahe so gut wie völlig tot, und es kommt ihr wie ein Wahnwitz vor, so sie von einer pur geistigen Selbständigkeit und von einem geistigen Leben nach dem Tode des Leibes etwas vernimmt.

[GEJ.07_058,05] Aber selbst solch eine Fleischseele stirbt eigentlich nach dem schmerzvollen Abfalle des Leibes nicht, sondern lebt fort in der Geisterwelt; aber ihr Fortleben ist dann ein ebenso mageres wie ihr Erkennen und Selbstbewußtsein in einer rein geistigen Sphäre. Nun, solch eine Seele lebt dann jenseits freilich nur so wie in einem etwas helleren Traume fort und weiß oft nicht, daß sie je in einer anderen Welt schon einmal gelebt hat, sondern sie lebt und handelt ihrer gewohnten Sinnlichkeit gemäß. Und wird sie von helleren, sich ihr offenbarenden Geistern dahin ermahnt und belehrt, daß sie sich nun in einer anderen und geistigen Welt befindet, so glaubt sie das doch nicht und verhöhnt und verspottet die, die ihr die Wahrheit anzeigen.

[GEJ.07_058,06] Es braucht eine sehr lange Zeit jenseits, bis eine solche verweltlichte und verfleischlichte Seele zu einem helleren Erkennen kommt. Wenn sie aber heller und heller wird, so kehrt ihre Erinnerung auch nach dem Grade ihres Hellerwerdens zurück, und sie kann dann auch alles sehen, hören und fühlen, was da auf und über und in der Erde geschieht.

[GEJ.07_058,07] Ist aber eine Seele schon hier auf dieser Welt durch die geistige Wiedergeburt ganz vollendet geworden und dadurch schon hier zur Anschauung und klaren Wahrnehmung der rein geistigen und himmlischen Dinge gelangt, so gelangt sie auch zur richtigen und vollwahren Anschauung der gesamten materiellen Schöpfung in sich und weiß um alles, was sogar im Monde, auf und in der Sonne geschieht, was die Sterne sind und wozu sie erschaffen worden, und was da alles auf und in ihnen ist.

[GEJ.07_058,08] Wenn aber solch eine vollendete Seele erst von ihrem schweren Leibe erlöst worden ist, so ist ihr Schauen dann völlig ein gottähnliches, und sie wird dann – so sie es will – allsehend, allhörend, allwissend und allfühlend sein. Wenn aber das, wie soll sie deshalb, weil sie gottähnlich selbst Schöpferin ihrer Wohnwelt sein kann und auch sein wird, alle ihre Rückerinnerung verlieren können?

[GEJ.07_058,09] Damit du aber siehst und noch tiefer erkennst, daß das von Mir dir nun Gesagte seine vollste Realität hat, so will Ich nun auf einige Augenblicke deine und noch einiger Anwesenden Seelen frei machen, und du kannst in solch einem Zustande dann sagen, was du gesehen und was du gehört und wahrgenommen hast. – Und also sei es!"

[GEJ.07_058,10] Hier wurden mehrere in einen hellen magnetischen Zustand versetzt, und sie befanden sich zuerst in einer ihnen unbekannten Gegend, die allen ungemein wohl gefiel, so daß sie Mich baten, daß Ich sie nun nur gleichfort in dieser himmlisch schönen Gegend belassen solle; denn sie wünschten gar nicht mehr, in diese irdische Welt zurückzukehren.

[GEJ.07_058,11] Ich fragte sie aber, ob sie nicht auch diese Welt sähen.

[GEJ.07_058,12] Da antworteten alle: „Ja, Herr; aber wir sehen sie wie hinter uns, und wir sehen sie auch wie durch und durch!"

[GEJ.07_058,13] Ich fragte sie, ob sie die große Stadt Rom sähen.

[GEJ.07_058,14] Alle bejahten das und beschrieben alles darin, was sie sahen.

[GEJ.07_058,15] Als die anwesenden Römer das hörten, da konnten sie sich nicht genug verwundern, wie getreu und genau die Verzückten die Gestalt Roms schilderten, obschon keiner von ihnen je in Rom war, noch jemals ein Bild von dieser Stadt gesehen hatte.

[GEJ.07_058,16] Und Ich fragte sie, ob sie auch den äußersten Osten von Asien sähen.

[GEJ.07_058,17] Und sie alle gaben die Antwort: „Ja, Herr, wir sehen auch das förmliche Ende dieses großen Weltteils; denn weiter nach Osten sehen wir nichts als pur Wasser und Wasser mit Ausnahme einiger Inseln! Aber das ist ein großes Reich, und wir sehen auch eine ungeheuer große Stadt, die von einer Tagereise langen Mauer eingeschlossen ist, und darin unzählig viele Menschen!"

[GEJ.07_058,18] Sagte Ich: „Wie sind sie bekleidet?"

[GEJ.07_058,19] Hier beschrieben sie schnell die Tracht dieser Menschen auf ein Haar, und einer von den alten Pharisäern, nachher Judgriechen, verwunderte sich hoch darüber, weil er Gelegenheit gehabt hatte, mehrere Chinesen im äußersten Osten von Hochindien zu sehen.

[GEJ.07_058,20] Darauf ließ Ich sie einen Blick in den Mond tun, und sie beschrieben kurz diese traurig aussehende kahle Welt, in der sie außer einigen Gruppen von traurig aussehenden und graufarbigen Kobolden nichts ersähen. Es sei da kein Baum und kein Gras und so auch kein Tier ersichtlich.

[GEJ.07_058,21] Hierauf weckte Ich sie wieder zurück mit der Belassung der vollen Rückerinnerung an all das Gesehene.

[GEJ.07_058,22] Als sie sich also wieder völlig im natürlichen Zustande befanden, da sagte Nikodemus: „O Herr, das ist ja doch wunderbar über wunderbar! Wir waren hier, sahen Dich und alle andern genau, und doch sahen wir auch alles höchst genau und klar, was wir beschrieben, und ich habe nun wahrhaftest selbst erfahren, wie unbeschreibbar heller das Schauen der freien Seele ist als das im Verbande mit dem Leibe. Aber wir sahen nicht nur alles heller in der Nähe wie auch in der größten Ferne, sondern wir hörten auch alles. Und so wir einen Baum oder ein Haus oder ein Schiff auf dem Meere oder auch einen Menschen oder ein Tier sahen, so sahen wir es ganz nach der natürlichen Außenform; aber wir sahen das alles auch durch und durch, obschon der Gegenstand nicht durchsichtig war.

[GEJ.07_058,23] Ja, bei den Menschen sahen wir sogar ihre Gedanken, die anfangs als kleine Bildlein in ihren Herzen ersichtlich wurden. Als solche in das Haupt gleich einem Mückenschwarm aufstiegen, da wurden sie heller und ausgeprägter, stiegen wieder zum Herzen zurück, wurden da größer und entschiedener und traten darauf bald außer die Sphäre des Menschen, wurden größer und größer und bildeten eine ordentliche Welt um den Menschen. Doch bei den Tieren war davon nichts zu entdecken.

[GEJ.07_058,24] Aber was ist denn mit dem armseligen Monde? Daß er eine materielle Welt ist, das ist klar, – aber so kahl, wüst und öde wie die höchste Spitze des Berges Ararat! Wer sind denn jene armselig kleinen, grauen Kobolde? Sie haben wohl so ziemlich die Gestalt eines Menschen; aber dabei scheinen sie doch nur mehr einer Tierart jenes Weltkörpers anzugehören, obwohl sie so gewisserart denn doch mehr Geister als irgend materielle Wesen sein mögen. Denn ich bemerkte, wie sich ein solcher Kobold bald sehr vergrößerte und sich bald wieder ganz puppenklein machte. Wäre so ein Kobold rein materiell, so meine ich, daß ihm solch eine Vergrößerung und Verkleinerung seines Leibes wohl nicht so leicht möglich wäre. – Also, Herr und Meister, was ist es mit dem Monde?"

[GEJ.07_058,25] Sagte Ich: „Das, Mein Freund, wirst du noch früh genug erfahren und kannst dich darüber mit Meinen Jüngern besprechen, die von allem dem schon eine ganz genaue Kunde haben. Ich aber habe euch noch viel Wichtigeres zu zeigen und zu sagen, – aber das erst nach dem Morgenmahle. Jetzt aber werden ohnehin sogleich die dreißig Griechen heraufkommen, ein Morgenmahl nehmen und sich über so manches mit dem Jünglinge dort besprechen. Sie kommen früher, weil die nächtlichen Erscheinungen sie auch erregt haben."

[GEJ.07_058,26] Sagte Nikodemus: „Ganz gut, ganz gut, Herr und Meister, nur allein Dein Wille geschehe! Bloß das möchte ich zuvor noch erfahren, wer dieser gar so wunderherrliche Jüngling ist, woher er ist, und wie er heißt."

[GEJ.07_058,27] Sagte Ich: „Das wirst du schon bei dieser Gelegenheit erfahren! Sein Name ist Raphael."

[GEJ.07_058,28] Sagte Nikodemus: „Also lautet ja nach der alten Schrift der Name eines Erzengels! Am Ende ist das gar der Erzengel selbst? Wenn das, so könnte mich da eine große Furcht ergreifen! Ja, ja, ich habe das ja schon gleich anfangs gesagt!"

[GEJ.07_058,29] Sagte Ich: „Und Ich habe dir nicht widersprochen, sondern dir und euch allen bis jetzt gezeigt, was und wer ein Engel Gottes ist. Wenn aber also, warum sollst du nun vor diesem Engel Furcht bekommen, da du doch auch berufen bist, selbst ein Erzengel zu werden? Damit du aber über diesen Engel nicht in einem Zweifel stehst, so wisse, daß er Henochs Geist ist! Sein Leib ist nun Mein Wille. Darum sagte Ich dir ja, daß es in den Himmeln keine andern Erzengel gibt und je geben wird als die nur, welche zuvor schon im Fleische auf einer Welt gelebt haben. – Aber nun nichts Weiteres mehr davon; denn die Griechen kommen bereits! Mache Mich aber niemand ruchbar vor ihnen; denn ihre Zeit ist noch nicht da, Mich Selbst jetzt schon kennenzulernen!"

[GEJ.07_058,30] Darauf begab Ich Mich ein wenig fürbaß, und die ankommenden Griechen lagerten sich im nächsten Zelte. Daß das Morgenmahl für die dreißig Griechen schon bereitet auf dem Tische im Zelte stand, braucht kaum erwähnt zu werden. Es wurde von ihnen auch bald verzehrt.

 

59. Kapitel

[GEJ.07_059,01] Als aber das Morgenmahl verzehrt war, da trat eben jener Grieche, der am vergangenen Abend das Wort am meisten führte, heraus zu Lazarus und Raphael und wollte gleich zu reden anfangen; aber er wurde von der Schönheit des Engels so sehr überrascht, daß er wie stumm und versteinert dastand und kein Wort über seine Lippen brachte.

[GEJ.07_059,02] Nach einer Weile des größten Staunens sagte er (der Grieche) so wie in sich hinein: „Ja ja, das ist wahrlich ein Olymp, auf dem die Götter wohnen! Hättet ihr mich gestern nicht dahin belehrt, daß es nur einen einzigen wahren Gott gibt, so würde ich dich, du wunderholdester Jüngling, unfehlbar für unseren Gott Apollo halten; aber da es nach eurer sicher ganz wahren Aussage nur einen wahren Gott gibt, dessen Kinder ihr offenbar seid, so bist du, allerholdester Jüngling, sicher ein sehr lieber Sohn von Ihm. Und weil ihr denn schon unfehlbar Kinder Gottes und unsterblich seid, wie wir das von den Göttern glauben, so lasset euch von uns sterblichen Menschen anbeten, und nehmet gnädig ein Opfer von uns an!"

[GEJ.07_059,03] Hier griffen die Griechen in ihre mitgebrachten Beutel, zogen römische Goldstücke heraus und wollten sie dem Engel als Opfer zu Füßen legen.

[GEJ.07_059,04] Aber der Engel sagte: „Stecket, ihr lieben Freunde, euer Gold nur alsbald wieder dorthinein, wo ihr es herausgenommen habt! Denn seht und hört, was ich euch nun sagen werde! Die wahren Götter lassen sich von den Menschen weder anbeten, noch nehmen sie von ihnen irgendein materielles Opfer. Der Götter weisester und liebvollster Wille an euch Weltmenschen aber besteht darin, daß ihr nur an einen, allein wahren, ewigen und allmächtigen Gott glauben und Ihn über alles aus allen euren Lebenskräften lieben sollet, eure Nächsten aber wie ein jeder von euch sich selbst, was soviel heißt wie: Was du vernünftig wünschest, das dir dein Nächster tun soll, dasselbe tue du auch ihm!

[GEJ.07_059,05] Wenn ihr das beherziget, glaubet und danach tuet, so betet ihr dadurch den einen wahren Gott würdigst und geziemendst an und bringet Ihm also das Ihm allein wahrhaft wohlgefällige Opfer. Und so ihr Weltmenschen das tun werdet, so wird der eine, wahre Gott euch uns gleich zu Seinen unsterblichen Kindern annehmen, und die Macht und Gewalt des Todes wird weichen von euren Seelen.

[GEJ.07_059,06] Anbetung mit den Lippen und Opfer aller Art und Gattung haben nur die argen und herrschsüchtigen Priester und Könige erfunden. Sie lassen sich überhoch ehren und verlangen übergroße Opfer von den Menschen, denen sie in einem fort in die Ohren schreien, daß sie stets große Sünder seien und darum den Göttern große Opfer bringen sollen, ansonst diese sie mit großen und schweren Plagen heimsuchen würden. Aber das tun die argen Priester ja nicht der Götter wegen, sondern nur um ihrer selbst willen, auf daß sie reich und mächtig werden, um die armen, blinden Menschen desto mehr knechten zu können.

[GEJ.07_059,07] Der wahre Gott aber will nur, daß alle Menschen sich untereinander als Brüder lieben und frei und ungeknechtet auf der Erde wandeln sollen und durch die Gnade des einen und allein wahren Gottes in allen Dingen stets weiser und weiser werden. Da ihr nun aus meinem Munde es offen, treu und wahr vernommen habt, was der allein wahre Gott von den Menschen will, so nehmet euer Gold zurück; denn dieses Erdkotes bedürfen die wahren Menschen und der wahre Gott ewig nicht!"

[GEJ.07_059,08] Hier hoben die Griechen ihr Gold wieder auf und steckten es in ihre Beutel.

[GEJ.07_059,09] Aber der Wortführer sagte mit einer sehr freundlichen Miene: „O du mein der höchsten Liebe würdigster Gottmensch, deine Worte waren wahr, sanft, mild und süß wie Honigseim, und wir werden sie auch befolgen! Aber da du denn schon gar kein Opfer von uns annehmen willst, so begreife ich aber doch nicht, warum ihr von uns Menschen für eure freilich wohl überguten Speisen und Getränke denn doch ein Geld annehmet! Wozu benötiget ihr des Geldes?"

[GEJ.07_059,10] Sagte der Engel lächelnd: „Euch Menschen recht zu tun, ist selbst einem Gott schwer. Wußtet ihr denn gestern schon, daß wir hier Kinder Gottes sind? Nein, das wußtet ihr nicht und hieltet uns für ganz gewöhnliche Menschen, die sich für ihre Speisen und Getränke und für die Bedienung zahlen lassen. Da wir aber das wohl wußten, so taten wir denn auch, was die Menschen tun, und es hat gestern am Abend viel des Redens und Beweisens gebraucht, bis ihr von uns eine andere Meinung bekommen habt.

[GEJ.07_059,11] Da ihr aber nun wisset, mit wem ihr es hier zu tun habt, so habt ihr nun denn auch gegessen und getrunken, und es hat darum auch noch niemand von euch ein Geld verlangt und wird nun auch niemand eins von euch verlangen.

[GEJ.07_059,12] Sehet, so verhält es sich hier mit dieser Sache! Bei uns zahlen nur die Fremden den Zoll, die Einheimischen sind nach unserem alten Gesetze frei. Fremd aber ist ein jeder, der unseren Gott und Seine Gesetze nicht kennt und ein Götzendiener ist. Wer aber an unseren einen und allein wahren Gott glaubt, Seine Gesetze kennt und an dieselben glaubt und danach lebt, tut und handelt, der ist ein Einheimischer und ist bei uns wahren Juden zoll- und zechfrei.

[GEJ.07_059,13] Freilich gibt es nun bei uns schon gar viele, die zwar auch Juden sind, aber dabei doch an keinen Gott mehr glauben und Seine Gesetze nicht halten, sondern nur nach ihren Gelüsten leben und handeln. Diese verlangen auch Zoll und Zeche von den Einheimischen wie von den Fremden; aber sie werden von uns aus auch nicht mehr als Einheimische, sondern als Fremde angesehen und behandelt. – Bist du darüber nun im klaren?"

 

60. Kapitel

[GEJ.07_060,01] Sagte der Grieche: „Ah, jetzt schon, – und ich muß offen bekennen, daß das eine wahrhaft göttlich herrliche Einrichtung ist! Aber da wir nun denn schon reden, so möchten wir uns von euch wahren Gottesmenschen darüber nun einen Aufschluß erbitten, was denn doch die nächtlichen Lichterscheinungen für eine Bedeutung haben dürften. Es ist darüber noch heute die ganze Stadt in einer großen Aufregung, und es haben die meisten fremden Kaufleute schon zur Nachtzeit mit ihrem Warenvorrate die Stadt verlassen, da sie nicht wissen konnten, was diese Erscheinung etwa schon in jüngster Zeit für Folgen haben könnte. Zudem kauft auch niemand etwas, und alles ist voll Furcht in der Erwartung der schrecklichen Dinge, die – besonders infolge der zweiten Erscheinung – über diese Stadt und über das ganze Judenland hereinbrechen können. Ja, selbst wir, so wir nicht gestern euch näher kennengelernt hätten, wären schon lange über Berg und Tal. Aber wir gedachten euer und trösteten uns damit, daß wir heute sicher von euch darüber irgend einen genügenden Aufschluß erhalten würden. Und so denn bitten wir euch darum!"

[GEJ.07_060,02] Sagte der Engel: „Sehet uns an und alle die andern Leute, die hier sind, und ihr werdet nirgends irgend eine Furcht oder Gemütsaufregung ersehen! Warum aber das? Weil wir es nur zu wohl wissen und kennen, was diese Erscheinung bedeutet. Und wir wissen und kennen das leicht, weil wir im Lichte Gottes hellsehend sind; die da unten aber sind blind und sehen und verstehen darum nichts, und ihre große Furcht ist aber eben deshalb auch schon eine ganz gerechte Züchtigung für ihre eigenwillige Blind- und Bosheit.

[GEJ.07_060,03] Die Erscheinungen aber bedeuten für die Guten nur Gutes, aber für die Bösen auch Böses, und so haben nach den Erscheinungen die Guten Gutes zu erwarten und können dabei leicht guten Mutes und heiteren Sinnes sein. Werdet nur auch ihr nach meiner euch heute gegebenen Lehre gute Menschen, so werdet auch ihr nur Gutes zu erwarten haben hier und jenseits! Habt ihr aber das wohl aufgefaßt, so könnet ihr auch jetzt schon frohen Mutes und Sinnes sein, und eines Weiteren bedürfet ihr vorderhand nicht; denn was ich euch hier sagte, ist eine vollste Wahrheit."

[GEJ.07_060,04] Sagte der Redeführer: „Holdester und zugleich weisester junger Freund! Wir danken dir alle unter meinem Worte; denn du und der freundliche Wirt, der wahrscheinlich dein Vater oder sonst ein dir sehr naher Anverwandter ist, habt uns gestern abend treu versprochen, uns heute mit dem allein wahren Gott näher bekannt zu machen, und ihr habt das nun auch redlich getan, und wir sind darob denn nun auch gar heiter und fröhlich und danken euch nochmals von ganzem Herzen dafür, und wir versprechen euch auch auf das teuerste, daß wir diese Lehre auch befolgen werden, und das auf das möglich genaueste.

[GEJ.07_060,05] Doch nun hätten wir noch eine Frage, und wir wollen dann ganz ruhig von hier ziehen. Da unten habt ihr ja einen Tempel, in welchem auch, wie wir's vernommen haben, der eine, allein wahre Gott der Juden verehrt wird. Was ist mit diesem Gott? Ist da wohl auch etwas daran? Ist das derselbe Gott, den du uns nun näher kennen lehrtest, oder ist das auch nur so ein toter Götze, wie wir deren eine übergroße Menge haben?"

[GEJ.07_060,06] Sagte Raphael: „Einst ward in diesem Tempel wohl der allein wahre Gott verehrt, und den Menschen wurden Seine Gebote vorgepredigt, und den Dawiderhandelnden wurde von den Gotteslehrern bedeutet, daß sie sich bessern und Buße wirken sollen und sich wieder zu Gott kehren, von dem sie sich durch ihre Sünden abgewendet hatten. Darauf taten die Sünder das, und Gottes Gnade und Liebe kehrte wieder bei ihnen ein, und die das nicht taten, die wurden von Gott aus gezüchtigt dadurch, daß sie Seine Gnade entbehren mußten, – oft ihr Leben lang. Sie hatten viele Leiden zu bestehen, und wenn am Ende der Tod über sie kam, da hatten sie keinen Trost und starben in großem Schmerz, in großer Angst und unter großen Schrecken. Die aber, Gottes Gebote hielten, verloren die Gnade Gottes nie, hatten ein stets gesundes und in Gott heiteres Leben, und des Leibes Tod hatte für sie nichts Schmerzhaftes; keine Angst und keine Schrecken begleiteten ihn.

[GEJ.07_060,07] Aber wie es damals war, also ist es jetzt nicht mehr. Die Gotteslehrer sind zu puren Weltmenschen geworden. Sie führen den Namen des einen, wahren Gottes wohl noch im Munde, aber im Herzen haben sie dennoch keinen Funken Glauben an Ihn und ebenso keinen Funken Liebe zu Ihm und sind darum nun samt ihrem Tempel voll der finsteren Gottlosigkeit. Darum ward ihnen in dieser Nacht von Gott aus auch angezeigt, was sie für ihre gänzliche Gottlosigkeit zu erwarten haben. Und ich habe es euch darum zuvor gesagt, daß aus diesen Erscheinungen die Guten nur Gutes und nur die bösen und gottlosen Menschen Böses zu erwarten haben.

[GEJ.07_060,08] Da unten, wie im ganzen Lande, leben zwar der Geburt nach auch Juden; aber in ihrem Glauben und Wandel sind sie ärger denn die allerfinstersten Heiden, und es wird ihnen darum alle Gnade und alles Lebenslicht Gottes genommen und den Heiden gegeben werden. Darum sagte ich euch nun schon so einiges von dem allein wahren Gott, und ihr möget das auch daheim euren Anverwandten und Freunden sagen, was ihr gehört und gesehen habt. In wenigen Jahren aber werden von uns aus schon Boten zu euch gesandt werden, die euch im größten Umfange die licht- und machtvollsten Wahrheiten aus Gott werden kennen lehren.

[GEJ.07_060,09] Und da ihr nun solches von mir als auch einem Boten Gottes vernommen habt, so möget ihr nun denn im Namen des einen, allein wahren Gottes in Frieden ziehen in euer Land, und solltet ihr auf dem Meere einen Sturm haben, so rufet den einen, allein wahren Gott um Hilfe an, und es wird sich der Sturm alsbald legen, und ihr werdet darauf auf der ganzen weiten Reise kein Ungemach mehr zu bestehen haben! Und das soll euch auch zu einem Zeugnisse dienen, daß der allein wahre, eine Gott mit der Macht und Kraft Seines Geistes überall als Herr über alle Natur und über alle Elemente gegenwärtig ist und alle Kräfte der Natur in Seiner allmächtigen Willensmacht zu Hause sind."

[GEJ.07_060,10] Hier dankten die Griechen dem Engel sehr für diese Belehrung und Verheißung.

[GEJ.07_060,11] Doch bevor sie sich noch zur Weiterreise anschickten, fragte der Redner, sagend: „Liebster und der Kraft Gottes vollster junger Freund! Wird aber der eine, allein wahre Gott, der Sich irgend hier unter euch sicher in der Person eines Menschen, dir gleich, befindet, wohl irgend darauf merken (achten), wenn wir uns weit von aller Länder Ufern mitten auf dem großen Meere in der Bedrängnis der bösen Stürme befinden werden?"

[GEJ.07_060,12] Sagte der Engel: „Wenn schon ich darum wissen werde, um wieviel mehr der allhöchste Geist Gottes! Siehe, ich als nun ein vor dir stehender Jude war in dieser meiner Persönlichkeit wohl noch niemals in Athen, wo ihr zu Hause seid, und dennoch weiß ich in meinem Geiste um gar alles, was sich in eurer ganzen großen Stadt befindet, und um alles, was sich namentlich in deinem Hause vorfindet und zu jeder Zeit in selbem geschieht! – Glaubst du mir das?"

[GEJ.07_060,13] Sagte der Grieche etwas verlegen: „O ja, ich will dir das schon glauben, daß du vermöge deiner inneren, wunderbarsten Kraft wohl um alles das wissen kannst; aber unter meinem großen Hause befindet sich –"

[GEJ.07_060,14] Sagte der Engel das Weitere: „– eine Katakombe, und in der hast du viel Gold, Silber und Edelsteine aufbewahrt, was deine mutigen und sehr pfiffigen Kaperer vor sieben Jahren einem römischen Handelsschiffe abgenommen haben. Nach unserem Gesetze wäre solch eine Tat eine übergroße Sünde vor Gott; denn du sollst dem Nebenmenschen nicht tun, was du sicher nie wollen wirst, daß dir dasselbe dein Nebenmensch tun möchte! Aber da kanntest du unser Gottesgesetz noch nicht und brachtest für den glücklich gelungenen Raub deinem Gott Merkur ein Opfer dar und konntest dich gegen unser Gottesgesetz darum nicht versündigen, weil es dir völlig unbekannt war.

[GEJ.07_060,15] Aber in der Zukunft sollst du, wie auch ihr alle, solch ein Gewerbe nicht mehr betreiben; denn so ihr das nun wieder betreiben würdet, so würde die Gnade des allein wahren Gottes nimmerdar euer Anteil werden. Zugleich aber steht ihr ja auch unter den recht weisen Staatsgesetzen Roms, die Raub und Diebstahl strengstens verbieten. So ihr euch halten werdet nach den römischen Staatsgesetzen, so werdet ihr euch auch gegen die Gebote Gottes nicht leichtlich versündigen. – Verstehst du das?"

[GEJ.07_060,16] Sagte der Grieche: „Ich sehe nun schon, daß euch wahren Kindern des einen, wahren Gottes nichts unbekannt ist; und wäre ich damals, so wie jetzt, mit euren rein göttlichen Gesetzen so bekannt gewesen wie nun, so wäre solch ein Raub auch nie begangen worden, wie er auch nie wieder begangen wird. Aber da kein Mensch auf dieser Erde das einmal Geschehene ungeschehen machen kann, so frage ich dich nun, was ich mit den geraubten Schätzen machen soll."

[GEJ.07_060,17] Sagte der Engel: „Der, dem du die Schätze geraubt hast, ist ohnedies um vieles reicher denn du, er bedarf sonach dieser Schätze nicht; aber ihr habt der Armen eine übergroße Anzahl in eurem Lande, denen ihr Gutes tun könnet. Denn es spricht Gott der Herr also: ,Was ihr den Armen tut, das habt ihr Mir getan, und Ich werde es euch vergelten schon hier und hundertfältig in Meinem Reiche!‘ Verwertet sonach eure überflüssigen Schätze und beteilet die euch bekannten Armen, und ihr werdet dadurch sühnen eure Sünden vor Gott und den Menschen! – Und nun möget ihr im Frieden von hier abziehen!"

[GEJ.07_060,18] Hierauf dankten die Griechen noch einmal und fingen an abzugehen.

 

61. Kapitel

[GEJ.07_061,01] Es war aber nun auch schon das Morgenmahl bereitet, und Lazarus kam zu Mir hin und lud uns alle zum Morgenmahle. Wir gingen denn auch alsogleich und nahmen das Mahl auch bald zu uns.

[GEJ.07_061,02] Hierbei wunderte sich unser Nikodemus, als er auch den Engel ganz wacker essen und trinken sah, und fragte Mich, ob denn die Geister des Himmels auch essen und trinken gleich den materiellen Menschen auf dieser Erde.

[GEJ.07_061,03] Sagte Ich: „Erstens siehst du wohl, daß dieser Geist ebensogut ißt und trinkt wie Ich Selbst, der Ich in Meinem Wesen doch der allerhöchste Geist bin. Da aber nun dieser Geist für die Zeit seines Hierseins doch auch einen Leib haben muß, um sich euch sichtbar zu machen, so muß er solchen Leib, wenn er auch noch so ätherisch-zarter Art ist, auch mit der Kost dieser Erde ernähren, auf daß er für euch sichtbar bleibt, solange es nötig ist; wenn es aber nicht mehr nötig sein wird, dann wird er auch selbst im schnellsten Momente seinen Leib auflösen und euch als ein reiner Geist nicht mehr sichtbar sein.

[GEJ.07_061,04] Im Himmel der reinen Geister aber wird auch gegessen und getrunken, aber geistig und nicht materiell. Die geistige Speise aber besteht in der reinen Liebe und in der Weisheit aus Gott. Diese durchdringt die ganze Unendlichkeit und nährt alle die zahllosen Wesen, und zwar zuerst die Geister und dann durch diese alle materielle Schöpfung, und von dieser vorerst den unermeßlichen Ätherraum, in dem die zahllosen Myriaden Sonnen und Planeten oder Erden wie Fische im Meere und wie die Vögel in der Luft umherschwimmen. Aus dem Äther bekommen dann erst die Weltkörper ihre notwendige Nahrung und aus den Weltkörpern dann auch alle Geschöpfe auf und in ihnen. Bei den Weltkörpern aber wird zuerst die Luft aus dem sie allenthalben umgebenden Äther und durch sie erst der Weltkörper ernährt. – Hast du das nun aber auch wohl verstanden?"

[GEJ.07_061,05] Sagte Nikodemus: „Ja, Herr und Meister, so gut ein schwacher Mensch eine solche Sache Deiner unbegrenzten Weisheit nur immer verstehen kann! Wenn ich einmal geistiger sein werde, dann werde ich derlei Geistiges auch sicher klarer verstehen; doch jetzt geht mir noch gar vieles ab, da ich nicht weiß, was eigentlich ein reiner Geist ist, und wie er als solcher aussieht, und auch nicht weiß, welch ein Unterschied zwischen Äther und Luft besteht, und ebenso gar keinen Begriff habe, was da so ganz eigentlich eine Sonne ist, wie groß sie in ihrem Körperinhalte ist, und wie weit sie von der Erde absteht. So sprachst Du von mehreren Sonnen, um die Deine Weisheit wohl wissen wird. Doch woher sollte ich das wissen?! Aber so ich das, was da diesweltlich ist, noch so gut und klar wüßte, so kann ich doch von dem, was das Reingeistige ist, unmöglich etwas wissen, weil das für unsere materiellen Sinne nicht zugänglich und somit für unseren Verstand auch unfaßbar ist und bleibt.

[GEJ.07_061,06] Was ist ein Geist? Welche Gestalt hat er, und wo und wie lebt er? Das sind Fragen, die keinem Sterblichen je zur Genüge werden beantwortet werden können. – Habe ich recht oder nicht?"

[GEJ.07_061,07] Sagte Ich: „O ja, da hast du ganz recht gesprochen; denn solange der Mensch ein Sterblicher bleibt, wird er auf deine vier Fragen freilich wohl keine noch so klare Antwort zu begreifen imstande sein. Aber wenn er durch die Beachtung Meiner Lehre zur Wiedergeburt des Geistes und dadurch zur Unsterblichkeit gelangt ist, dann wird er die sonnenhelle Antwort auf deine etwas sonderbaren Fragen schon in sich finden; denn nur der Geist durchdringt sich und also auch die geistigen Tiefen in Gott, wie Ich euch solches gestern in der Nacht doch klar genug gezeigt habe. Da aber dein Gedächtnis nicht zu den stärksten gehört, so fragst du nun wieder um Dinge, die Ich ohnehin schon hellst beleuchtet habe. So du aber schon die diesirdischen Dinge nicht fassen und verstehen kannst, so kann es dich ja nicht wundernehmen, wenn du die geistigen und himmlischen Dinge und Verhältnisse noch weniger fassest und begreifest.

[GEJ.07_061,08] Warum habt ihr denn das sechste und siebente Buch Mosis und den prophetischen Anhang verworfen, beiseitegelegt und niemals gelesen? Darin steht gar vieles, das euch über den gestirnten Himmel und über die Welt der Geister und ihr Sein ein gar klares Licht gegeben hätte. Suche du jene Bücher hervor und lies sie, so wird es dir dann schon heller werden in deinem Herzen! Würde es je eine Materie geben, wenn nicht der Geister Kraft und Wille sie schaffte, richtete und erhielte?!"

 

62. Kapitel

[GEJ.07_062,01] Sagte Nikodemus: „Ja, ja, Du hast ewig allein recht, und wir Menschen können kein Recht haben, weil in uns keine Wahrheit, Weisheit und keine wahre Lebenskraft waltet! Aber es ist und bleibt für den mit aller Welt umgebenen Menschen doch stets etwas sehr Schweres, sich von der Welt ganz loszureißen und sodann ganz ins Geistige überzugehen. Das pure Anhören selbst der weisesten Lehren genügt dem einmal blind gewordenen Menschen wenig oder nichts, wenn er nicht durch eigene Anschauungen und Erfahrungen zur Wahrheit der geistigen Sache gelangen kann.

[GEJ.07_062,02] Wenn aber nur ein Mensch für sich wohl Erfahrungen macht und Tausende um ihn aber nicht, so nützt das der Menschheit auch wenig, weil sie somit nur einem Erfahrenen glauben muß, ohne in sich je eine anschauliche Bestätigung dessen zu finden, was sie zu glauben genötigt ist. Ah, ein ganz anderes aber wäre es, wenn alle Menschen Anschauungen und Erfahrungen machten; dann müßte es ja mit der rein geistigen Bildung der Menschen vorwärtsgehen!"

[GEJ.07_062,03] Sagte Ich: „Wie ein Blinder über die Farben, so urteilest du nun über die Geistesdinge! Ich aber meine, daß eben Der, welcher die Menschen erschaffen hat, es wohl am allerbesten einsehen wird, wie Er die Menschen zu stellen und zu behandeln hat, damit sie über kurz oder lang das Ziel erreichen mögen, das Er ihnen gestellt hat. Ich habe euch nun Zeichen gewirkt, die euch genötigt haben zu glauben, daß eben Ich und ewig kein anderer der verheißene Messias bin. Aber diese Nötigung dient nicht wahrhaftig zu eurem Seelenheile, sondern ihr werdet erst selig, so ihr lebet nach Meinem Worte.

[GEJ.07_062,04] Glaube du es Mir: So Ich euch Menschen zu Maschinen machen wollte, so kostete Mich das nur einen mit Meinem Willen verbundenen Gedanken, und der ganze Tempel, ganz Jerusalem und das ganze große Land, in dem die Juden wohnen, würden Mich unmöglich für etwas anderes erkennen als für den Messias – Jehova Zebaoth! Aber wäre allen Juden und auch allen Heiden damit geholfen? Ich sage es dir: Wahrlich, nicht um ein Haar mehr als dieser hölzernen Speiseschüssel, die – wie du das sogleich sehen sollst – sich nach Meinem Willen nach allen Richtungen hin zu bewegen anfangen wird!

[GEJ.07_062,05] Sieh, nun lebt die Schüssel schon und schwebt in der Luft gleich einem Vogel umher! Möchtest du nun dein Dasein wohl mit ihr tauschen? Siehe, sie ist ganz lebendig und kann sich nach allen Richtungen hin bewegen; aber sie hat kein Selbstbewußtsein, sondern Mein höchsteigenes Bewußtsein durchdringt sie und macht sie lebendig. Du kannst an die Schüssel sogar Fragen stellen, und sie wird dir ohne Mund und Zunge antworten. Aber wirst du wohl je glauben können, daß die Schüssel für sich lebt, weise denkt und ohne Mund und Zunge spricht?!

[GEJ.07_062,06] Ich sage dir aber noch mehr: Ich kann dieser Schüssel vermöge Meiner Allmacht dieses Scheinleben für ewig erhalten. Wird sie aber darum je ein eigenes, selbständiges und freies Leben Mir gleich haben? Ewig nicht; denn solange Ich sie lebendig erhalte mit Meiner puren Macht, ist sie für sich so gut wie völlig tot. Denn ihr Scheinleben ist nur Meine Willensmacht in ihr und somit Mein höchst eigenes Leben. So Ich dieses zurückziehe, so ist auch der alte Tod und das alte, notwendige Gericht aller Materie da, und du wirst an ihr kein Leben mehr entdecken, – wie munter sie sich nun auch nach allen Richtungen hin und her bewegt.

[GEJ.07_062,07] Und siehe, eben ein solches Leben hätten die Menschen, so Ich sie mit Meiner Allmacht oder auch mit solchen Zeichen zwänge, die dem Menschen keinen freien Gedanken übrigließen. Und es ist sonach für den Menschen ein freier Unglaube um endlos vieles besser als ein durch Wundermittel erzwungener Glaube; denn die vollste und selbständigste Freiheit des Willens im Menschen ist der große Plan Gottes im Menschen. Der Mensch kann wohl ganz unschädlichermaßen von Gott belehrt werden, was er zu tun hat, um in sich des Lebens Vollendung zu erlangen; aber von Gott wie auch von einem andern Geiste darf er dazu nie mit einer Macht genötigt werden. Denn wird er das, so ist er gerichtet und somit für sich völlig tot und besteht als ein freies und selbständiges Wesen gar nicht mehr.

[GEJ.07_062,08] Und siehe nun, aus eben diesem Grunde werden von Mir aus gewisse von dir gewünschte Anschauungen und Erfahrungen im Reiche der reinen Geister so selten wie möglich zugelassen, und so solche schon dann und wann für einzelne Menschen, die dazu gleich den Propheten ausersehen sind, zugelassen werden, so müssen eben nur diese ausersehenen Menschen – die von oben her sind und schon auf einer anderen Welt die Leibeslebensprobe durchgemacht haben – solche Anschauungen und Erfahrungen über das Jenseits machen, weil ihnen solches nimmer schaden kann, aber auch den Nebenmenschen darum nicht, weil diese den Propheten nur glauben können, so sie wollen. Wollen sie aber nicht – was leider am allerhäufigsten der Fall ist –, so bleiben sie dennoch völlig frei in ihrem Denken und in der Selbstbestimmung ihres Handelns, und das frommt ihnen offenbar noch immer mehr als irgendeine äußere oder gar innere Nötigung zu einem Glauben.

[GEJ.07_062,09] Der Mensch wird zwar nur durch Gott und in Gott selig, aber nur insoweit, als er durch sein eigenes Wollen den Willen Gottes zu dem seinigen gemacht hat und in seinem Selbstbewußtsein gewisserart eins mit Gott geworden ist. Wenn aber Gott dem Menschen seinen freien Willen hinwegnähme und dafür durch Seine Allmacht Seinen eigenen Willen in des Menschen Herz setzte, so wäre der Mensch, wie schon gesagt, so gut wie für und in sich völlig tot, da nur der aufgedrungene allmächtige Wille Gottes den Menschen ebenso belebte, wie der Meinige diese Schüssel belebt hat. Gott aber hat den Menschen erschaffen und hat ihn belebt und also eingerichtet, daß er sich nach und nach selbst entfalten kann und muß, und das ist so weise, daß der Mensch sich mit aller seiner Vernunft und allem seinem Verstande nichts noch Weiseres vorstellen kann. – Und Ich meine nun, dir diese Sache genügend erklärt zu haben. Wenn du das nun verstehst, so erheben wir uns von den Tischen, gehen abermals hinaus ins Freie und sehen, was sich draußen alles zuträgt!"

 

63. Kapitel

[GEJ.07_063,01] Auf diese Meine Anrede erhoben sich alle von den Tischen und folgten Mir ins Freie hinaus, und zwar auf die Stelle, auf der wir uns schon vor dem Morgenmahle befanden. Von da aus sah man gen Emmaus hin, einem Flecken in der Nähe von Jerusalem. Von Jerusalem führten mehrere Wege dahin, aber nur für Fußgänger. Eine Fahrtstraße aber führte nicht hin, außer auf einem großen Umwege, so daß ein Mensch um vieles eher zu Fuße nach dem Flecken kommen konnte als ein Fuhrmann. Die Menschen zogen am heutigen Tage als an einem Donnerstag ordentlich in Massen hinaus nach diesem Flecken; denn es war in diesem Orte und an diesem Tage ein Brotmarkt, und die Menschen zogen darum hinaus, um sich dort gewöhnlich für eine Woche mit Brot zu versehen. Es war nun in diesem Flecken wegen der in der vergangenen Nacht stattgehabten Erscheinungen beinahe gar kein Brot gebacken worden, die vielen Menschen waren aber eben des Brotes wegen da hinausgezogen.

[GEJ.07_063,02] Als unser Nikodemus das von Mir in Erfahrung gebracht hatte, da sagte er: „O Herr und Meister, da wird es übel aussehen; denn in diesem Orte befinden sich ja eben des Tempels Bäckereien und tragen ihm wöchentlich gut tausend Silbergroschen römischen Geldes ein. Und heute kein Brot, und das Volk wird mit Ungestüm das Brot verlangen! Oh, da wird es zu Meutereien kommen, die nun kaum zu verhüten sein werden! Was wird da zu machen sein? Es ist nur der einzige böse Umstand dabei, daß über diese Tempelbäckereien zu Emmaus gerade ich die Oberaufsicht zu führen habe und dem Tempel für die richtige und rechtzeitige Bereithaltung einer hinlänglichen Menge Brotes verantwortlich bin. O weh, o weh, diese Geschichte sieht wahrlich gar nicht gut aus! O Herr und Meister! Was wird nun da zu machen sein? Woher nun das Brot schaffen für so viele Menschen? Du, o Herr, könntest mir da wohl helfen, wenn es Dein heiliger Wille wäre!"

[GEJ.07_063,03] Sagte Ich: „Dir soll auch geholfen werden; doch sage Ich dir und euch allen: So ihr nicht in einem fort Zeichen und Wunder sehet, so glaubet ihr nicht, und wenn die euch vorgesagte Wahrheit auch als solche schon ordentlich mit den Händen zu greifen ist! Es wird aber das Volk wegen des Brotmangels keine zu großen Geschichten machen, da es in der Nacht auch die Erscheinungen gesehen hat. Es gibt beinahe niemanden in der Stadt, noch in ihrer weiteren Umgebung, den die gesehenen Erscheinungen nicht heute und noch mehrere Tage lang ängstigen werden, und so wird auch deine gefürchtete Meuterei in Emmaus sicher nicht stattfinden, wenn das Volk auch gar kein Brot bekäme. Es wird aber schon des Brotes einen rechten Vorrat finden.

[GEJ.07_063,04] Aber Ich werde euch nun auf etwas anderes aufmerksam machen, aus dem heute und auch morgen für den Tempel eine größere Verlegenheit erwachsen wird als aus dem etwaigen Brotmangel in Emmaus. Seht, wie auf allen Straßen, die nach Jerusalem führen, eine Menge Volk herbeiströmt! Das Volk kommt vom Lande und will sich im Tempel Rates erholen und aus dem Munde der Priester erfahren, was es mit den Erscheinungen für eine Bewandtnis habe. Und da wird es den Templern schlecht ergehen! Diese werden dem Volke wohl Bußpredigten über Bußpredigten halten und werden reden vom Zorne Gottes, und wie Gott nunmehr nur durch starke Bußübungen und große Opfer wieder versöhnt werden könne.

[GEJ.07_063,05] Aber das Volk wird sagen: ,Warum sagt ihr uns das erst jetzt, da ihr es von Gott doch schon lange hättet erfahren können und sollen, wie es mit uns vor Seinem Angesichte steht? Denn wir wissen es von alter Zeit her, daß Gott Sein Volk, wenn es irgend leichtsinnig Seiner vergaß, stets durch Propheten und Seher jahrelang vorher erinnern ließ, was über dasselbe kommen werde, so es sich nicht zu Gott wieder zurückwende. Aber diesmal kamen keine Propheten, die uns zuvor verkündigt hätten, wie wir etwa vor Gott stehen! Und so nun auch schon in der jüngsten Zeit irgend Propheten aufgestanden sind, die uns zur Buße und wahren Besserung ermahnten, so erklärtet ihr sie für falsch und verfolgtet sie und auch die, welche sie anhörten und sich danach kehren wollten. Und da ihr nun mit uns die schrecklichen Zeichen gesehen habt, aus denen es sich mit Händen greifen läßt, daß Gottes Zorn im höchsten Maße über uns gekommen ist, so wollet ihr die Schuld nun ganz auf uns legen; wir aber werden das nicht annehmen, und uns ohne euer Gebet selbst an Gott wenden und Ihn bitten, daß Er uns vergebe unsere Sünden, – und das werden wir darum tun, weil ihr uns nicht schon lange vorher gesagt habt, wie wir vor dem Angesichte Jehovas stehen.‘

[GEJ.07_063,06] Solche Rede des Volkes wird die Priester in eine große Verlegenheit setzen, und es werden etliche zum Volke sagen: ,Gott ist aber sicher wohl nur darum also über euch erzürnt, weil ihr uns nicht hören und glauben wollt, sondern euch zu den gewissen falschen Propheten wendet, die wider uns sind und sich alle Mühe geben, euch von uns abwendig zu machen.‘

[GEJ.07_063,07] Da wird das Volk aber sagen: ,Ihr irret euch da; denn wir haben noch keines falschen Propheten Stimme und Wahrsagers Wort vernommen. Die wir aber hörten, die waren keine falschen Propheten; denn sie lehrten offen und erklärten laut vor aller Welt, daß das Reich Gottes nahe herbeigekommen ist. Ihr aber verfolgtet sie, wie ihr es mit solchen Menschen zu allen Zeiten getan habt, und das wird auch wohl der Grund sein, warum Gott uns Seinen großen Zorn angezeigt hat, und wie Er uns zur harten Zucht in die Hände unserer Feinde geben wird. Daß ihr Priester aber keine Propheten seid, sehen wir klar daraus, daß ihr nicht wußtet bis zur Stunde, wie wir vor dem Angesichte Gottes stehen.‘

[GEJ.07_063,08] Da wird abermals ein Priester sagen: ,So ihr uns aber dafür haltet, daß wir nichts wüßten und fürs Volk gar nichts mehr wären, – warum kamet ihr denn hierher in den Tempel? Da hättet ihr ja sonach daheim bleiben können!‘

[GEJ.07_063,09] Da wird das Volk sagen: ,Euretwegen sind wir auch wahrlich nicht gekommen, sondern des Tempels und Gottes wegen, den wir allerinbrünstigst bitten wollen, daß Er uns vergebe unsere Sünden. Ihr aber könnet mit uns beten, so ihr wollet; aber wir werden euch darum kein Opfer darreichen, sondern was wir opfern werden, das werden wir opfern den Armen und Bedrängten.‘

[GEJ.07_063,10] Darauf werden sich die Priester zurückziehen, und das Volk wird im Tempel und in seinen Vorhallen einen großen Lärm machen. Du, Freund Nikodemus, aber kannst nun, so du es willst, hinabgehen in den Tempel und dich von allem dem, was Ich nun zu dir und zu allen geredet habe, selbst überzeugen und kannst bei dieser Gelegenheit dem Volke auch einige wahre Trostworte sagen; doch von Meinem hiesigen Aufenthalt sage dem Volke ja nichts!"

[GEJ.07_063,11] Als Ich solches zu Nikodemus gesagt hatte, da dankte er Mir dafür und sagte auch noch hinzu: „Das werde ich alles genauest befolgen und auch suchen, nach Möglichkeit das Volk zur Ruhe zu bringen. Aber was werde ich dem Hohenpriester, den Pharisäern und den Ältesten für eine Antwort geben, so sie mich fragen werden, wo ich diese Schreckensnacht zugebracht habe, da ich – was sie alle nun schon gar sicher wissen werden – weder im Tempel noch daheim in meinem Hause zu erfragen war? Wenn ich da die Wahrheit reden muß, so verrate ich mich und Dich!"

[GEJ.07_063,12] Sagte Ich: „Gehe du nur ganz ruhig hinab und habe keine Furcht, es wird dich kein Mensch darum fragen, und was du zu reden haben wirst, das wird dir in den Mund gelegt werden! Am Abend aber kannst du, so du willst, schon wieder heraufkommen; denn heute werde Ich noch ganz hier verbleiben."

[GEJ.07_063,13] Hierauf ging Nikodemus hinab, sah sich aber während des Gehens öfter um, ob ihn nicht etwa ein echter Jude erschaue. Aber Ich sandte ihm Raphael nach und ließ ihn bis zum Stadttore geleiten, so daß niemand Nikodemus zu ersehen vermochte. Am Tore aber verschwand der Engel plötzlich und befand sich im selben Moment wieder in unserer Mitte.

[GEJ.07_063,14] Darauf sagte Ich zu ein paar Jüngern, daß auch sie, so sie wollten, sich bis zum Mittage hin in den Tempel verfügen könnten, um Zeugen von dem zu sein, was sich im Tempel zutragen werde. Da gingen auch die Jünger hinab und blieben im Tempel bis über den Mittag, worauf sie wieder zu uns kamen und erzählten, was sie erlebt hatten.

 

64. Kapitel

[GEJ.07_064,01] Hierauf sagte Lazarus zu Mir: „Herr, da wäre ich selbst auch so ein wenig neugierig, wie diese Geschichte im Tempel heute enden wird; denn ich sehe noch viel Volk auf allen Straßen einherziehen. Wenn das den Tempel füllen wird, so wird es ein Drängen und ein Schreien abgeben, wie man etwas Ähnliches sicher schon seit langem nicht erlebt hat. Da wird der Nikodemus mit seiner schwachen Stimme nicht wohl auslangen! Es kann da wahrlich ganz leicht zu einem großen Tumulte kommen!"

[GEJ.07_064,02] Sagte Ich: „Sorge du dich um etwas anderes! Ich habe schon noch der Mittel genug in Meinen Händen, um einen zu großen Tumult zu verhindern; aber es wird die Sache wahrscheinlich nicht soweit kommen.

[GEJ.07_064,03] Jetzt aber sind unsere Jungen auch schon wach geworden und haben Hunger. Darum gehe du, Mein Raphael, zu ihnen und mache, daß sie zu essen und etwas Wein, aber mit zwei Drittel Wasser vermischt, bekommen!"

[GEJ.07_064,04] Raphael besorgte solches schnell, was den Jungen eine große Freude machte, so daß sie kaum erwarten konnten, Mir ihren kindlich herzlichen Dank abzustatten.

[GEJ.07_064,05] In kurzer Zeit waren sie alle wohlgestärkt außer dem Hause, und Raphael führte sie zu Mir hin. Hier stellten sie sich in einer langen Reihe auf, dankten Mir laut für eine so gute Verpflegung und baten Mich, daß Ich zu ihnen kommen möchte, auf daß Mir ein jeder einzeln seine Liebe bezeigen könnte; denn da ihrer so viele seien, könnten sie nicht alle auf einmal zu Mir kommen und Mir ihre große Liebe bezeigen.

[GEJ.07_064,06] Da sagte Ich zu ihnen: „Meine lieben Kinder, es hat dies nun nicht not! Wenn ihr aber das schon tun wollet, so kommet lieber einzeln zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe; denn so Ich zu euch ginge, da könnte unter euch leicht eine Eifersucht entstehen, da ihr dann unter euch beraten und sagen würdet: ,Aber warum wandte sich denn der gute Vater nicht zu mir oder zu diesem oder jenem? Den einen oder den andern hat er gewiß lieber als mich oder meinen Nachbar!‘ Damit aber eine solche Meinung unter euch nicht Platz greife, so kommet selbst einzeln oder auch paarweise zu Mir und bezeiget Mir eure Liebe, und ihr werdet dann nicht sagen können: ,Siehe, diesen oder jenen hat der gute Vater mehr ausgezeichnet!‘ Denn es hängt das rein von euch ab, welcher von euch am ersten zu Mir kommen will."

[GEJ.07_064,07] Sagten die Jungen: „Ja, guter Vater, wir möchten aber alle am ersten bei dir sein, und das gäbe dann ein für dich sehr lästiges Gedränge! Darum möchtest doch du bestimmen, an welchem Orte oder Ende unserer Reihe wir anfangen sollen; denn eine Ordnung muß ja auch in der Liebe sein, weil eine Unordnung auch in der Liebe nicht schön wäre. Denn der gute Gott in diesem schönen Lande hat alles so schön geordnet, und so müssen wir aus Hochachtung zu Ihm auch alles in einer gewissen Ordnung verrichten!"

[GEJ.07_064,08] Sagte Ich: „Nun wohl denn, wenn ihr es schon durchaus so haben wollet, so fanget beim rechten Ende eurer Reihe an und kommet!"

[GEJ.07_064,09] Diese Anordnung gefiel den Jungen, und so eilten sie nun vom rechten Ende, ein Paar nach dem andern, und zwar zuerst die Jünglinge und darauf erst ebenso die Mägdlein, zu Mir. Vor Mir verneigten sie sich tief, dann ergriffen sie Meine Hände und drückten dieselben an ihre Brust, verneigten sich darauf wieder und zogen in guter Ordnung in ihre vorige Reihe.

[GEJ.07_064,10] Als Mir also alle ihre Liebe bezeigt hatten und sie sich wieder in ihrer alten Ordnung befanden, da verbeugten sich abermals alle tief gegen Mich und fragten, was sie nun tun dürften.

[GEJ.07_064,11] Und Ich sagte zu ihnen: „Erheitert euch mit allerlei nützlichen Betrachtungen! Sehet euch diese schöne Gegend an, betrachtet die Blumen und verschiedenes anderes und gedenket dabei, wie das alles ein guter Gott mittels Seiner Weisheit und Allmacht aus Sich heraus erschaffen hat, und seid Ihm darob recht sehr dankbar in euren Herzen, so werdet ihr die Zeit am allernützlichsten zubringen und dabei eine große Freude haben in euren Herzen! Aber ihr brauchet dabei nicht stets also in einer Linie zu stehen und zu gehen, sondern stehet und gehet frei, und das also, wie ihr das hier an Mir und an allen andern Menschen sehet, so werdet ihr euch um vieles besser vergnügen, als so ihr gleichfort eure steife Linienordnung beachtet. – Gehet nun und tuet nach Meinem Rate!"

[GEJ.07_064,12] Hier dankten die Jungen für solch einen guten Rat, lösten alsbald ihre Linie auf und zerstreuten sich nach allen Richtungen des Berges und unterhielten sich so ganz gut in der frischen und freien Natur.

 

65. Kapitel

[GEJ.07_065,01] Wir aber gingen auch noch mehr fürbaß, und zwar auf dieses Berges höchsten Punkt. Da befand sich ein ordentliches Wäldchen von Ölbäumen, unter denen sich eine Menge Bänke und Sitze befanden, und alle ließen sich da nieder und lobten den Lazarus für solch eine zweckmäßige Herstellung von so vielen und so niedlichen Ruhebänken und Sitzen. Lazarus dankte allen für die gute Meinung und hatte eine rechte Freude darob. Von dieser nach allen Richtungen hin ganz freien Höhe genoß man die schönste Aussicht. Von da aus sah man den Jordan und sein Tal und – freilich in weiter Ferne – auch einen Teil des Toten Meeres.

[GEJ.07_065,02] Alle betrachteten mit großem Entzücken die schönen Gegenden, die umliegenden Städte, Flecken und Dörfer eine gute Weile lang, ohne ein Wort zu reden, und Agrikola sagte, als er sich alles sehr gut angesehen hatte: „Meine Lieben alle, wie ihr hier seid, und vor allem Du, o Herr und Meister, ich muß hier ganz offen gestehen, daß ich in unserem weiten Reiche noch niemals eine gar so wunderherrliche Gegend und Landschaft gesehen habe wie eben diese hier! Wahrlich, in solch einer herrlichen Gegend muß einem Menschen das Sterben noch bitterer und schwerer vorkommen, als in einer mehr wüsten und minder schönen Gegend! Denn da möchte man schon gleich so ewig fort leben und sich weiden an so einem Anblick! – Was sagst Du, o Herr und Meister, zu dieser meiner Meinung?"

[GEJ.07_065,03] Sagte Ich: „Freund, du hättest da mit deiner Meinung wohl recht, wenn die Seele nach des Leibes Tode im Verbande mit dem Geiste aus Gott nicht das Vermögen überkäme, endlos herrlichere Gegenden auch in anderen Welten zu schauen und zu genießen, – wenn das Anschauen von wunderschönen Gegenden und Landschaften für eine Seele schon ein höchster Seligkeitsgenuß sein sollte. Aber Ich meine, daß es nach dem Abfalle des Leibes für eine lebensvollendete Seele wohl noch höhere Seligkeitsgenüsse geben wird als bloß das Anschauen von sehr schönen Landschaften.

[GEJ.07_065,04] Ich setze dir den Fall, daß du hier – sage – nur hundert Jahre hindurch diese Landschaft in einem fort betrachten müßtest und wärest dabei aber auch mit allen anderen Leibesbedürfnissen auf das reichlichste versorgt, so stehe Ich dir dafür, daß dich diese schöne Landschaft bald derart zu langweilen anfangen würde, daß du sie dann in deinem ganzen Leben nimmer ansehen möchtest. Ja, unter guten Freunden dann und wann macht der Anblick einer schönen Gegend auf das menschliche Gemüt immer einen erhebenden Eindruck; aber dann sehnt sich die Seele bald nach Veränderungen, damit sie größere und gedehntere Erfahrungen mache und aus ihnen auch stets etwas Neues erlerne.

[GEJ.07_065,05] So gut aber eine vollkommene Seele jetzt durch die Augen des Leibes das schauen kann, was sie umgibt, so wird sie das Vermögen des Schauens, Hörens und Fühlens in ihrem reinen Geisteszustande wohl auch noch in einem höheren Grade und Maße besitzen, als sie das jetzt in dem schweren und mühseligen Leibe besitzt! Ich habe es euch ja schon ehedem unten vor dem Hause gezeigt, wie das innere Schauen der Seele beschaffen ist – worüber du dich selbst im hohen Grade verwundert hast –, als dir die von Mir auf eine kurze Zeit im Geiste entzückten und zuvor nie in Rom gewesenen Menschen deine große Vaterstadt so genau beschrieben haben, wie du sie selbst nie genauer mit deinen Augen hattest schauen können.

[GEJ.07_065,06] Da wirst du denn doch wohl einsehen, daß die Seele in ihrem freien und rein geistigen Zustande ein viel höheres Sehvermögen besitzt als in dem beschränkten Leibe! Wenn aber erwiesen das der Fall ist, so kannst du, wenn du Meinen Worten und Zeichen und auch deinen im Fache des Seelisch-Geistigen gemachten Erfahrungen den vollen und lebendigen Glauben schenkst, doch wahrlich nicht sagen, daß man in einer solchen Gegend dem Leibe nach schwerer sterben würde als in einer öden und düsteren Landschaft! Daß eine jede Seele nach dem Tode des Leibes aber fortlebt und sich ihres Lebens klarst bewußt ist, das wirst du etwa doch nicht mehr bezweifeln?"

[GEJ.07_065,07] Sagte Agrikola: „Herr und Meister, das sicher nicht, da ich doch schon zuvor in Spanien, in Sizilien und in Ägypten Erfahrungen über das Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes gemacht habe, und das sicher auf eine alleruntrüglichste Weise. Aber es handelt sich hier um etwas ganz anderes, und das ist es eben, weshalb ich mir ehedem eine Bemerkung zu machen erlaubte!"

[GEJ.07_065,08] Sagte Ich: „Und worin besteht denn dieses dein anderes? Rede nun nur zu; denn wir haben noch viel Zeit bis gen Mittag hin, um noch so manches zu verhandeln!"

[GEJ.07_065,09] Es traten aber nun auch die vielen anwesenden Zöllner vor Mich und fragten Mich, ob Ich ihnen wohl darum nicht gram werden würde, so sie bis an den Abend hin sich nach Hause begäben, um alldort nachzusehen, ob alles wohl in der Ordnung sei, und ob sich ihre Diener bei dieser Gelegenheit gegen das noch immer auf allen Straßen hereinziehende Volk etwa nicht irgendwelche Bedrückungen erlaubten.

[GEJ.07_065,10] Sagte Ich: „Tuet das und tuet Gutes nun für so manches Üble, das ihr durch viele Jahre an den Menschen begangen habt, so werden euch eure Sünden vergeben sein! Wie ihr aber nun frei abziehet, so könnet ihr auch frei wiederkommen."

[GEJ.07_065,11] Mit dem verneigten sich die vielen Zöllner, dankten für alles Empfangene und Genossene und zogen dann schnell ab.

 

66. Kapitel

[GEJ.07_066,01] Ich aber sagte abermals zu Agrikola: „Nun kannst du deine Sache vorbringen, – und so rede nun!"

[GEJ.07_066,02] Sagte Agrikola: „Herr und Meister, daß des Menschen Seele auch nach dem Tode des Leibes fortlebt, das ist nun eine völlig abgemachte Sache der klarsten Wahrheit. Aber wo kommt sie hin, und was ist eigentlich ihr Wesen und was das des ganz reinen Geistes? Da Raum nach Deiner Belehrung der unendlich ist, so müssen ja auch die Seelen und selbst die reinsten Geister sich innerhalb des endlos ewig großen Raumes befinden; denn ein Außerhalb desselben kann es ja unmöglich irgend geben.

[GEJ.07_066,03] Dann noch eine Frage: Welche Gestalt hat für sich eine Seele oder gar ein reiner Geist, und warum kann ein natürlicher Mensch nicht immer die Seelen und Geister sehen? Herr, nur auf diese meine Fragen gib mir noch eine lichtvolle Antwort, und ich will Dich dann um nichts mehr fragen; denn unsere volle Unwissenheit in dieser Sache ist eigentlich dasjenige, was uns das Sterben gar bitter und angstvoll macht. Haben wir Menschen aber auch darin ein genügend helles Licht, so werden wir leicht sterben und nicht ängstlich am tollen Leben des Fleisches hängen."

[GEJ.07_066,04] Sagte Ich: „Ja, das wäre Mir etwas sehr Leichtes, dir das zu erklären, wenn du nur das freie Verständnis dafür besäßest; aber das besitzest du eben noch nicht, obwohl du seit deinem Hiersein schon gar vieles in eben dieser Hinsicht von Mir wohlbeleuchtet vernommen und auch in wohlgeordneten Wunderzeichen selbst gesehen und erfahren hast. Und so ist das eine schwere Sache, dir diese Sache noch näher zu beleuchten, als sie dir schon beleuchtet worden ist.

[GEJ.07_066,05] Die Seele des Menschen ist eine rein ätherische Substanz, also – wenn du das fassen kannst – aus sehr vielen Lichtatomen oder möglich kleinsten Teilchen zu einer vollkommenen Menschenform zusammengesetzt durch die Weisheit und durch den allmächtigen Willen Gottes, und der reine Geist ist eben der von Gott ausgehende Wille, der da ist das Feuer der reinsten Liebe in Gott.

[GEJ.07_066,06] Der reine Geist ist ein Gedanke Gottes, hervorgehend aus Seiner Liebe und Weisheit, und wird zum wahren Sein durch den Willen Gottes. Da ber Gott in Sich ist ein Feuer aus Seiner Liebe und Weisheit, so ist das gleiche auch der in ein eigenes Sein realisierte und gewisserart aus Gott getretene Gedanke. Wie aber das Feuer eine Kraft ist, so ist dann solch ein Gedanke aus Gott auch eine Kraft in sich, ist seiner selbst bewußt und kann für sich wirken in eben jener Klarheit, aus der er hervorgegangen ist. Als eine Reinkraft durchdringt er alles, was du Materie nennst, kann aber von der Materie nicht durchdrungen werden, weil die Materie im weiteren Verlaufe nichts ist als eine Außenäußerung des Geistes aus Gott.

[GEJ.07_066,07] Die Seele ist gewisserart durch die Kraft des Geistes wieder aufgelöste Materie, die in des Geistes eigene Urform, durch seine Kraft genötigt, übergeht und sodann, mit ihrem Geiste vereint, gleichsam seinen lichtätherisch- substantiellen Leib ausmacht, so wie die Seele aus der sie umgebenden Fleischmaterie, wenn diese völlig verwest und aufgelöst worden ist, sich durch ihren rein geistkräftigen Willen ihr einstiges Kleid formt und bildet.

[GEJ.07_066,08] Da hast du nun eine ganz kurze und vollwahre Darstellung dessen, was die Seele für sich ist, und was der reine Geist für sich ist.

[GEJ.07_066,09] Wohin aber eine Seele beim Austritt aus ihrem Leibe kommt, das dem Ort im Raume nach zu bestimmen, wird für dich wohl noch schwerer zu fassen sein; aber Ich will dir dessenungeachtet einen Wink geben, aus dem du für dich einiges Licht ziehen kannst. Denn das Eigentliche wirst du erst dann in dir selbst erfahren, wenn du eben auch in dir selbst zur vollen Wiedergeburt oder vollen Einigung des Geistes mit deiner Seele gelangt sein wirst, weil solches die Seele so lange nie völlig fassen kann, solange sie sich nicht durch die Kraft des Geistes in ihr also gestaltet, daß sie fähig ist, sich mit dem Geiste völlig zu einen.

[GEJ.07_066,10] Raumörtlich hält sich eine Seele nach dem Abfalle ihres Leibes – besonders in ihrer ersten Seinsperiode – gewöhnlich dort auf, wo sie sich im Leibe auf der Erde aufgehalten hat, das heißt, wenn sie als noch nicht völlig vollendet ins fleischlose jenseitige Reich übertritt.

[GEJ.07_066,11] In solchem Falle sieht und hört sie aber von der Naturwelt, die sie im Leibe bewohnt hat, dennoch nichts, wenn sie sich auch räumlich auf eben derselben Welt befindet. Ihr Sein ist mehr oder weniger wie ein heller Traum, in welchem die Seele auch in einer gleichsam aus ihr hervorgegangenen Gegend oder Landschaft lebt und ganz so tut und handelt, als befände sie sich in einer ganz natürlichen Welt, und es geht ihr die verlassene Naturwelt nicht im geringsten ab.

[GEJ.07_066,12] Aber durch Zulassungen von Gott aus wird die von ihr bewohnte Gegend oft vernichtet, und die Seele befindet sich in einer andern, die ihrem inneren Zustande ganz angemessen ist. Bei einer solchen Seele dauert es dann oft wohl lange, bis sie durch manche Belehrung dahin kommt, daß das alles, was sie dort zu besitzen wähnt, eitel und nichtig ist. Kommt sie einmal aus manchen Erfahrungen und Erscheinungen zu dieser Einsicht, so fängt sie dann erst an, ernstlicher über ihren Zustand und ihr Sein Betrachtungen zu machen und daraus auch eben mehr und mehr innezuwerden, daß sie die frühere, irdische Welt verlassen hat, und die Sehnsucht wird in ihr wacher, eine bleibendere und unwandelbarere Lebensstätte zu bekommen.

[GEJ.07_066,13] In solch einem Zustande wird sie von schon vollendeteren Geistern belehrt, was sie zu tun hat; und tut sie das, so wird es denn auch heller und heller in ihr, weil ihr innerer Geist sie mehr und mehr durchdringt. Je mehr sie aber der innere Geist durchdringt und gleichsam in ihr wächst wie ein Kind im Mutterleibe, desto mehr Bestand fängt um sie herum alles anzunehmen an.

[GEJ.07_066,14] Wenn aber eine Seele einmal dahin kommt, daß ihr innerer Geist sie ganz durchdringt, dann kommt sie auch zum vollen Hellsehen und klaren Erkennen, zum vollsten Bewußtsein und zur klaren Erinnerung an alles: was sie war, wie sie geworden ist, was sie gemacht hat und wie die Welt, in der sie im Leibe gelebt, ausgesehen hat, und wie sie bestellt war.

[GEJ.07_066,15] Solch eine Seele kann dann sowohl diese Erde als auch den Mond, die Sonne, alle die andern um diese Sonne kreisenden Planeten oder Erden – was bisher freilich noch kein Sternkundiger, weder ein Grieche, noch einer der alten ägyptischen PDOLOMEUZE (Feldmesser) erkannt hat – und auch die anderen Sonnen in einer oder mehreren Hülsengloben, die Ich euch schon gestern hinreichend erklärt habe, auf das allergenaueste durchschauen und sich an ihrer wunderbaren Gestaltung und Einrichtung wahrhaft im höchsten Grade ergötzen und die wahre und höchste Freude haben an der Liebe, Weisheit und Macht des einen Gottes."

 

67. Kapitel

[GEJ.07_067,01] (Der Herr:) „Das steht also solch einer vollendeten Seele sicher und sogar notwendig bevor, und doch ist diese Eigenschaft einer lebensvollendeten Seele als ein mindester Grad der eigentlichen großen Seligkeit anzusehen, weil das allein eine vollendete Seele mit der Weile ebenso anzuwidern anfangen würde, wie es dich hier anwidern würde, wenn du diese noch so schöne Landschaft nur hundert Jahre nacheinander fort betrachten und bewundern müßtest.

[GEJ.07_067,02] Die größere Seligkeit einer Seele besteht doch offenbar nur darin, daß die vollendete Seele auch mit der wahrhaften göttlichen Schöpferkraft ausgerüstet und versehen ist und aus gottähnlicher Weisheit alles bewirken kann, was Gott Selbst auf ganz dieselbe Art und Weise bewirkt und hervorbringt.

[GEJ.07_067,03] Ein noch höherer und eigentlich schon beinahe allerhöchster Seligkeitsgrad einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie Gott, den alleinigen Herrn und Schöpfer der Unendlichkeit, als ihren höchsten Lebensfreund fort und fort um sich haben und Ihn ohne alles Maß und ohne alle Grenzen lieben kann und mit Ihm in einem Augenblick die ganze geistige und materielle Schöpfung übersehen kann.

[GEJ.07_067,04] Das gar Allerhöchste der Seligkeit einer vollendeten Seele aber besteht darin, daß sie sich, als mit Gott durch die Liebe völlig vereint, auch in der vollsten göttlichen Freiheit befindet.

[GEJ.07_067,05] Wie aber das dir nun Gesagte völlig wahr ist, das kannst du allein an diesem Meinem jungen Diener schon mit deinen leiblichen Augen gar wohl entdecken. Du fragtest Mich schon ein paarmal, was es mit diesem Jungen für eine Bewandtnis habe, woher und wer er sei. Und nun will Ich es dir kundtun:

[GEJ.07_067,06] Siehe, dieser Jüngling ist schon lange ein reiner Geist, hat aber schon einmal auf dieser Erde als ein Mensch im Fleische gelebt! Sein Name war Henoch, und er war ein erster Prophet und Gotteslehrer der ersten Nachkommen Adams.

[GEJ.07_067,07] Da seine Seele in jener Urzeit der Menschen dieser Erde in der höchsten und reinsten Liebe zu Gott entbrannte, so löste eben solche Liebe seinen Leib in eine ätherische Substanz auf, mit der die freie Seele bekleidet ward und sofort für immer ein Erzengel der höchsten Himmel Gottes, das heißt der höchsten göttlichen Freiheit, wurde, was du wohl daraus ersehen kannst, daß sie hier zu nächst um Mich ist."

[GEJ.07_067,08] Hier machte Agrikola große Augen und sagte: „Wie? Das wäre ein Geist, und das ein reiner und vollendeter auch noch dazu?! Er hat ja doch sichtbar Haut, Fleisch und Blut und ißt und trinkt wie unsereins!

[GEJ.07_067,09] Daß er Wunderbares gleich Dir bewirken kann, das habe ich mir also erklärt, daß er schon lange Dein Jünger sein werde und als solcher von Dir dazu die gehörige Weisheit und Macht erhalten habe; denn als einen ganz reinen Geist könnten wir Menschen ihn ja nicht sehen. So man ihn angreift, so fühlt man alles wie bei einem ganz natürlichen Menschen. Aber Du hast es nun gesagt, und ich muß es Dir glauben, obschon das all mein Denken noch mehr verwirrt. Wie hat denn dieser reine Geist nun einen Leib?"

[GEJ.07_067,10] Sagte Ich: „Ich habe es dir ja ehedem gesagt, daß wir nun so manches verhandeln können, weil wir dazu Muße haben, und so werden wir mit dem schon auch noch ins reine kommen. Siehe, da steht schon Mein Raphael Henoch vor uns, und Ich sage dir nun, daß du das Weitere, was du wissen willst, mit ihm selbst verhandeln kannst; denn er wird dir ganz dieselbe Auskunft geben, die Ich dir geben würde, und was er dir sagen und zeigen wird, das wird er dir sagen und zeigen aus seiner selbständigsten Freiheit, Macht, Weisheit und Kraft, weil er sich solche aus Gott völligst zu eigen gemacht hat. – Und so magst du nun mit ihm deine Erforschungen beginnen!"

 

68. Kapitel

[GEJ.07_068,01] Sagte hierauf Agrikola zu Raphael: „Hochliebster Diener unseres Gottes, Herrn und Meisters! Was hast du denn als ein reiner Geist hier für einen Leib? Ist das auch, wie bei mir, Fleisch und Blut?"

[GEJ.07_068,02] Sagte Raphael: „Fühle mich an und überzeuge dich selbst!"

[GEJ.07_068,03] Hier befühlte der Römer des Engels Hände und Füße und fand, daß sie ganz so aus Fleisch und Blut bestanden wie die eines andern Menschen, und er sagte darauf: „Ja, da ist wahrlich nichts Geistiges zu fühlen, – und dennoch sollst du ein reiner Geist sein, und das schon beinahe so alt wie das Menschengeschlecht auf dieser Erde?"

[GEJ.07_068,04] Sagte nun der Engel: „Befühle mich noch einmal, und wir wollen hören, wie du nachher urteilen wirst!"

[GEJ.07_068,05] Hier fing der Römer den Engel neuerdings zu befühlen an; aber nun fühlte er keinen Körper mehr, und wo er den Engel anfaßte, da gingen seine Finger ebenso leicht hindurch wie durch die Luft.

[GEJ.07_068,06] Als er diese zweite Erfahrung gemacht hatte, da sagte er hochverwundert (der Römer): „Ah, da könnte aber doch selbst der allergescheiteste Mensch zu einem Narren werden! Ehedem war alles gediegen, und jetzt ist alles Luft und somit so gut wie völlig nichts! Ja, aber sage mir nun – wenn du als ein gar so luftiges Phänomen noch reden kannst –, wo du deinen früheren, wohlfühlbaren Leib nun hingetan hast!"

[GEJ.07_068,07] Sagte der Engel: „Gar nirgends hin, sondern ich habe ihn noch genau also, wie ich ihn früher gehabt habe! Daß du ihn früher als festen Leib fühltest, das war mein freier Wille; und daß du ihn nun zum zweiten Male gar nicht fühltest, das war auch also mein Wille. Denn was wir vollendeten Geister wollen, das geschieht, wie wir es aus unserer Freiheit und Weisheit wollen, entweder augenblicklich oder nach und nach in einer bestimmten weisen Ordnung.

[GEJ.07_068,08] Denn wir sind durch unsere Liebe zu Gott auch völlig in Seiner uns ertragbaren und wohl erkennbaren Weisheit und Macht, und so ist Gottes Liebe auch unsere Liebe, Seine Weisheit unsere Weisheit, Sein Wille unser Wille und Seine Macht auch unsere Macht. Aber dennoch gibt es in Gott noch unergründliche Tiefen, die kein geschaffener Geist je ergründen wird; und könnte er das, so wäre er nicht selig, weil er dann aus Gott keine steigende Seligkeit mehr zu erwarten hätte. – Verstehet ihr Römer das wohl?"

[GEJ.07_068,09] Sagten nun mehrere Römer: „Ja, du unser Freund – wenn du auch ein Geist bist –, um das so recht zu verstehen und zu fassen, dazu gehört mehr als unser römischer Verstand! Es wird schon alles also sein; doch das eigentliche Wie müssen wir erst bis dahin abwarten, wenn wir selbst in unseren Seelen vollendeter sein werden."

[GEJ.07_068,10] Sagte der Engel: „Höret, ich rede nun nur mit dem Agrikola und nicht mit euch allen zugleich; denn ich weiß das schon ohnehin, daß ihr andern nicht gleich verständig seid. Darum mögen nun alle hören und auf alles aufmerksam sein, was ich mit dem Verständigsten von euch rede, und was ich ihm zeige! Und so rede du, Agrikola, nun allein!"

[GEJ.07_068,11] Sagte nun Agrikola: „Ja, ja, du mein rein geistiger Freund, ich habe es im Grunde wohl so halbwegs verstanden, was du mir so ganz eigentlich hast sagen wollen; doch ganz habe ich das wohl auch so, wie die andern, nicht verstanden, – doch auch ich warte da nach der Verheißung des Herrn auf bessere Zeiten! Aber das möchte ich von dir nun erfahren – und zwar unter der Bedingung, auf manches andere vollen Verzicht zu leisten –, wie du dich durch deinen Willen so entleiben kannst und doch noch also da bist wie ehedem mit dem höchst fühlbaren Leibe? Denn das ist für mich das Allerunbegreiflichste! Einmal bist du ein wirkliches Etwas, gleich darauf bist du dem Gefühle nach ein vollendetes Nichts, und das Nichts ist dennoch wieder das vollendete ganz gleiche Etwas. Ja, wie ist denn das doch wohl möglich?"

[GEJ.07_068,12] Sagte der Engel: „Das ist ja etwas ganz Einleuchtendes! Wir Geister in unserer für euch imponderablen (unwägbaren) rein geistigen Sphäre sind ja das eigentliche, allein wirkliche und allerursprünglichste Etwas. Alles andere in aller materiellen Welt ist nur eine durch unseren Willen bewirkte Erscheinlichkeit, damit für eure materiellen Seelen ein beharrliches Medium da ist, mittels dessen ihr euch gleich uns die vollste und wahrste Lebensfreiheit verschaffen könnet.

[GEJ.07_068,13] Um dir das aber noch handgreiflicher zu zeigen, so nimm du, Agrikola, nun selbst einen Stein vom Boden auf in deine Hand! – Gut, du hast nun einen ganz harten Naturstein in deiner Hand! Du wirst nun sagen: ,Siehe, dieser Stein ist nun, wie er ist, eine barste Wirklichkeit!‘ Denn du fühlst nun in deiner Hand seine Schwere und seine für dich unzerstörbare Härte und sagst bei dir: ,Das ist ein wirkliches Etwas!‘ Aber ich sage es dir, daß es sich hier mit deinem wirklichen Etwas geradealso verhält wie ehedem mit meinem Fleischleibe und darauf mit diesem meinem noch immerfort gleich geistigen Leibe. Denn die Härte und diese Schwere des Steines, den du noch in deiner Hand festhältst, hängt auch nur ganz allein von der Beharrlichkeit unseres Willens ab. Solange wir ihn als einen harten und schweren Stein erhalten wollen, so lange wird er auch das bleiben, was er ist.

[GEJ.07_068,14] Will zum Beispiel aber auch nur ich, daß dein Stein mir nun ganz – was den Körper betrifft – gleich werden soll, so wirst du den Stein ebenso durchgreifen können, wie du ehedem mich durch und durch gegriffen hast. Und wird das der Fall sein, so hat die durch unseren Geisterwillen produzierte Materie des Steines erst ihre Urrealität erreicht, ohne die sie nun durch die Beharrlichkeit meines selbstischen (eigenen) Willens dir als ein harter und schwerer Stein erscheint. Damit du das aber noch leichter fassest, so prüfe deinen Stein noch einmal fest durch, ob er noch derselbe Stein ist!"

[GEJ.07_068,15] Sagte Agrikola: „Der ist noch, wie er war!"

[GEJ.07_068,16] Sagte der Engel: „Wie ist er denn jetzt?"

[GEJ.07_068,17] Sagte Agrikola: „Ah, ich sehe ihn wohl noch wie ein Wölkchen in meiner Hand, doch seine Härte und Schwere ist gleich nichts! Nein, das ist aber doch im höchsten Grade sonderbar! Hätte ich mir doch alles eher einbilden können, als daß so etwas möglich sein sollte! Ja, wie ist dir das zu bewirken möglich?"

 

69. Kapitel

[GEJ.07_069,01] Sagte der Engel: „Ich habe es dir ja ohnehin schon gesagt, daß das nur durch die Beharrlichkeit unseres Willens geschieht, und daß alle Materie nichts ist als die Beharrlichkeit des Willens des Geistes Gottes, so verschiedenartig sie dir auch erscheinen mag; denn die verschiedenen Stoffe der Materie samt den Elementen, aus denen sie vor deinen Augen zu entstehen und zu bestehen scheint, sind unsere Gedanken. Ihre Formen und Farben sind unsere aus unseren Gedanken gestalteten Ideen. Ihre Zweckdienlichkeit sind unsere aus den Ideen entwickelten Begriffe, und die Erreichung eines höheren geistigen Zieles für alles, was nun Materie ist, sind unsere Absichten, aus denen aller Materie glückliches Endziel hervorgehen wird.

[GEJ.07_069,02] Darum ist ein wahres und reales Sein nur bei uns ewig unsterblichen Geistern, und das Sein der Materie ist nur ein pur von uns bewirktes und in jedem Momente von uns abhängiges, wie du das nun mit dem Steine ganz klar hast sehen müssen. Du hast das Wölkchen aber noch auf deiner Hand, und sieh, ich werde es wieder mit der vollen Beharrlichkeit meines Willens erfüllen, und du wirst den früheren Stein wieder in deiner Hand haben!"

[GEJ.07_069,03] Der Engel tat das, und in der Hand des Römers befand sich wieder ganz der frühere, alte, harte und schwere Stein.

[GEJ.07_069,04] Das machte auf den Römer einen noch mächtigeren Eindrucke und er sagte zum Engel (der Römer): „Dieser Stein bleibt mir ein Schatzstein zum Gedächtnis an das, was hier so wunderbar vorgefallen ist! Aber nun noch eine Frage! Sieh, in mir wohnt doch auch eine Seele und in ihr nach eurer Lehre ein dir ganz ebenbürtiger Geist! Warum kann denn ich nicht durch solchen meinen Geist auch das bewirken, was du als ein Geist zu bewirken imstande bist?"

[GEJ.07_069,05] Sagte der Engel: „Weil deine Seele dazu noch nicht reif und dein innerer Geist noch nicht in deine Seele übergegangen ist! Aber etwas bewirkt dein Geist dennoch durch die Beharrlichkeit seines deiner Seele noch ganz unbekannten Willens, und das ist der Bau und die zeitweilige Erhaltung deines Leibes. Solches aber kann deine Seele nicht merken, wie sie auch nicht merkt, wie ihr Leib gebaut ist, weil ihr solches ihr innerer, rein jenseitiger Baumeister nicht offenbaren und zeigen kann, da sie, wie gesagt, noch nicht reif ist.

[GEJ.07_069,06] Der innere Geist arbeitet zwar unablässig dahin, die Seele ehest möglich reif und völlig frei zu machen, doch kann und darf er ihr nicht den geringsten Zwang antun, weil sogestaltig eine Seele dann noch materieller und unfreier werden würde, als sie durch alle Einflüsse der Außenwelt je werden könnte. Darum ward der Seele in ihrem Leibe ein eigener Wille und ein eigener Verstand gegeben, durch den Unterricht von außen her dahin sich selbst bestimmend gebracht zu werden, sich von aller Weltlichkeit durch ihren eigenen Willen stets mehr und mehr zu entäußern und in sich gehend die reiner und reiner werdenden geistigen Wege zu betreten.

[GEJ.07_069,07] In dem Maße aber die Seele die stets reineren geistigen Wege tätig begeht, in demselben Maße eint sich dann auch ihr innerer, reiner und jenseitiger Geist mit ihr. Und hat sie sich durch ihren in sich stets lauterer gewordenen Verstand und durch ihren dadurch auch stets freier gewordenen Willen aller Welt vollends entäußert, so ist sie ihrem Geiste gleich und eins mit ihm geworden, welche Einswerdung wir die geistige Wiedergeburt nennen wollen, und so wird sie als eins mit ihrem Geiste, auch noch im Leibe seiend, eben das vermögen, was ich nun vor deinen Augen als eben ein solcher mit meiner Seele vereinter Geist vermag."

 

70. Kapitel

[GEJ.07_070,01] (Raphael:) „Als ich als Mensch viele Jahre einen Leib bewohnte, da ward ich durch die Gnade des Herrn dieses inneren Lebensweges inne und beging ihn mit stets größerer Beharrlichkeit. Dadurch geschah es in meiner letzten Zeit, daß mein Geist und meine Seele eins wurden, und es ward mir die volle Macht auch über meinen irdischen Leib, so daß ich ihn dann ebenso plötzlich auflösen konnte, wie ich nun den Stein und vorher meinen dir fühlbaren Leib aufgelöst habe und von ihm nur so viel behielt, daß du mich mit deinen fleischlichen Augen noch sehen konntest.

[GEJ.07_070,02] So ich nun aber wieder einen Leib dir gleich haben will, so darf ich nur wollen, und der Leib wird auch wieder dasein. Sieh, ich will das, und du fühle mich jetzt wieder an, und du wirst mich wieder also fest finden, wie ich ehedem war!"

[GEJ.07_070,03] Der Römer tat solches und fand, daß Raphael wieder ganz Mensch war wie zuvor.

[GEJ.07_070,04] Da fragte er (Agrikola) den Engel und sagte: „Als du, als ein vollendeter Mensch auf Erden seiend, deinen Leib aufgelöst hattest, konntest du dir ihn auch wieder zurückerschaffen?"

[GEJ.07_070,05] Sagte Raphael: „Das sicher so wie jetzt; aber ich wollte das nicht, weil ein rein geistiges, körperfreies Sein ein endlos vollendeteres ist als ein mit irgendeinem Körper – wenn auch durch den eigenen Willen – gebundenes. Siehe, in diesem Leibe kann ich weniger wirken als ohne ihn! So du mich aber wirken siehst Wunderbares, dann ist der Leib schon fort und wird erst nach der Tat wieder geschaffen. Ich vermag zwar auch im Leibe alles, doch nicht so vollkommen wie außer dem Leibe. – Hast du noch Fragen, so gib sie von dir, und ich will sie dir beantworten!"

[GEJ.07_070,06] Sagte Agrikola: „Oh, Fragen hätte ich noch in großer Menge vorrätig! Könntest du denn durch die Beharrlichkeit deines Willens auch einen Teil der freien Luft in irgendeine Materie verwandeln?"

[GEJ.07_070,07] Sagte der Engel: „Allerdings; denn fürs erste ist die Luft schon Materie und enthält alle erdenklichen Stoffe in sich und kann darum um so eher in jede beliebige Materie verwandelt werden, und fürs zweite steht es meinem Geiste wahrlich frei – und das im höchsten Grade –, meinen Willen da im vollsten Maße wirkend auftreten zu lassen und somit die Luft, die du mir anzeigst, augenblicklich in irgendeine Materie zu verwandeln. Sage mir nun nur an, in was ich die Luft verwandeln soll!"

[GEJ.07_070,08] Sagte Agrikola: „Freund, das überlasse ich deinem besten und weisesten Ermessen! Tue, was du willst, und mir wird nun schon alles recht sein!"

[GEJ.07_070,09] Sagte der Engel: „Nun gut denn! So soll nun die Luft, die vor uns weht, in der Ferne von zwölf Schritten vor uns im Augenblick in eine fünf Mannshöhen hohe und bei einer Mannslänge im Durchmesser starke und vollkommen runde Säule sich gestalten! Es sei! Und nun gehe hin und untersuche die schon stehende Säule, ob sie noch Luft oder ob sie wohl eine festeste Granitsäule ist!"

[GEJ.07_070,10] Hier gingen alle Römer hin und untersuchten die Säule.

[GEJ.07_070,11] Und alle sagten: „O Wunder der Wunder! Es ist erstaunlich über erstaunlich! Es ist wahrlich die allerfesteste Granitsäule, wie wir selbst in Rom keine ähnliche nachzuweisen haben! Ja, ja, im reinen Geiste ist das Wesen, und alle Materie ist nur eine Folge der Beharrlichkeit des freien Willens eines reinen Geistes!"

[GEJ.07_070,12] Hierauf sagte der Engel: „Für wie schwer haltet ihr wohl diese Säule?"

[GEJ.07_070,13] Sagte Agrikola: „Ja, Freund, das wäre für uns wohl sehr schwer zu bestimmen! Aber beiläufig kann man das schon annehmen, daß diese Säule ganz sicher hunderttausend Pfunde schwer sein dürfte, und tausend Männer würden sie kaum bewältigen."

[GEJ.07_070,14] Sagte der Engel: „Da hast du ein ziemlich richtiges Urteil gefällt! Und dennoch sage ich dir, daß es mir als einem reinen Geiste ein gar leichtes ist, diese schwere Säule so hoch, wie du es nur immer haben willst, bloß durch meinen Willen in die Höhe zu heben. Bestimme die Höhe oder bestimme mir die Entfernung, wohin ich sie bloß durch meinen Willen von dannen heben soll, und es wird auch das alsogleich bewerkstelligt werden!"

[GEJ.07_070,15] Sagte Agrikola: „Nun, so du das schon gerade also haben willst, da sage ich: Hebe die Säule hundert Mannshöhen gerade in die Luft empor, und stelle sie dann dorthin auf das Feld, das sich gerade in der halben Ferne gen Emmaus befindet!"

[GEJ.07_070,16] Sagte der Engel: „Ganz gut, es geschehe das alles alsogleich!"

[GEJ.07_070,17] Als der Engel solches kaum noch ausgesprochen hatte, da befand sich die Säule schon in der verlangten Höhe in der Luft, und bald darauf sah man sie im Felde gen Emmaus stehen.

[GEJ.07_070,18] Nun aber war es auch schon völlig aus bei allen und natürlich schon ganz besonders bei den Römern; denn sie konnten sich darüber alle nicht genug verwundern.

[GEJ.07_070,19] „Aber", sagte der Engel, „wie könnet ihr euch denn darüber gar so sehr verwundern? Ist denn einem reinen Geiste irgend etwas unmöglich? Es beruht alles ja auf dem festen Willen eines reinen Geistes! Wenn wir reinen Geister Erden, Sonnen und aller Art Zentralsonnen im Raume umherzutragen imstande sind und am Ende sogar ganze Hülsengloben, wie sollte es mir und allen reinen Geistern dann nicht noch ein leichteres sein, solch eine Säule im Moment dahin zu schaffen, wohin man sie will? Wer mit Löwen wie mit Fliegen spielen kann, dem werden die Mücken sicher auch kein Bangen verursachen!"

 

71. Kapitel

[GEJ.07_071,01] (Raphael:) „Aber da wir noch Zeit haben, so will ich euch auch noch etwas zeigen; denn sonst könntet ihr noch auf den Gedanken kommen, daß ich mich nur mit den Steinen abgebe. Seht, die Säule ist einmal da und versorgt, und sie soll Jahrhunderte auf jenem Punkte stehenbleiben und tausend Jahre erhalten werden durch die Beharrlichkeit meines freien Willens! Aber auf daß besonders ihr Römer es sehen könnet, daß einem Geiste durchaus nichts unmöglich ist, so sollen an eben jener Stelle, an der ehedem aus der Luft eine mächtige Granitsäule entstand, ein großer und mit reifen Früchten vollreich beladener Dattelbaum stehen und ihm zur Seite zwei Feigenbäume, die an reifen Früchten auch keinen Mangel haben sollen.

[GEJ.07_071,02] Seht, ich sagte und wollte das, und die besagten Bäume, mit ihren Früchten reichlichst beladen, stehen schon an Ort und Stelle! Und nun gehet alle hin und prüfet die besagten Früchte mit eurem Gaumen, und ich meine, daß sie euch allen sehr wohl schmecken werden!"

[GEJ.07_071,03] Hier erhob sich alles und ging hin, das Wunder zu prüfen. Alle sagten, daß sie von Früchten dieser Art noch nie etwas Edleres und Vollendeteres genossen hätten.

[GEJ.07_071,04] Sagte der Engel: „Und nun noch ein Dutzend Schafe auf jene grüne Weide vor dem Hause unseres alten und liebevollen Freundes und Bruders Lazarus aus der Luft hingeschaffen! – Seht, sie sind alle auch schon ganz munter an Ort und Stelle und sind ein Eigentum des liebevollen Lazarus!

[GEJ.07_071,05] Dabei aber meine ich auch, daß ihr durch diese Zeichen nun doch einsehen werdet, was da ein reiner und vollkommen willensfreier Geist alles vermag. Denket nun ein wenig nach, und saget mir dann, wie ihr diese Sachen verstanden und begriffen habt, und es soll euch dann schon noch ein größeres Licht vom Herrn aus gegeben werden! Und so denket nun über das alles reiflich nach!"

[GEJ.07_071,06] Sagte Agrikola: „Oh, du mein Freund aus den Himmeln Gottes, es wäre da schon ganz leicht nachzudenken, wenn wir uns schon in deiner erhabenen Sphäre befänden; aber unser Lebensweg bis dahin dürfte noch ein so hübsch langer sein! Doch das, was du, himmlischer Freund, durch die allergnädigste Zulassung des Herrn uns geoffenbart hast, verstände wenigstens ich zur menschlichen Genüge; allein wie des Geistes beharrlicher Wille so ganz der allerverschiedenartigste Stoff der Materie der ganzen Erde und sogar der anderen Welten im endlosen Raume ist und sein kann, das können wir unmöglich so verstehen, wie du, o himmlischer Freund, es hellst verstehen wirst.

[GEJ.07_071,07] Die Materie ist also nichts und die Seele, als gewisserart ein Produkt der Materie, für sich auch nichts; nur allein der reine Geist für sich ist ein reales Etwas. Was ist also ein reiner Geist in und für sich für ein Stoff, oder was für ein Etwas ist er? Das ist eine Frage, die ein sterblicher Mensch, der nur aus seiner wenigstens noch halbmateriellen Seele und aus seinem Stoffleibe heraus denkt und will, so lange niemals völlig beantworten wird, als er nicht selbst nahe ganz geistig geworden ist. Und so mußt du, himmlischer Freund, mit uns wohl eine kleine Geduld haben, wenn uns deine Erklärungen in diesem höchst zarten Lebenspunkte trotz deiner zu dem Behufe gewirkten Wunderzeichen noch immer nicht jenes Licht verschaffen, mit dessen Hilfe wir denn dahin ins völlig klare zu kommen vermöchten, was der lebendige reine Geist in und für sich für ein Stoff und für ein Etwas ist.

[GEJ.07_071,08] Ja, es ist das Wort ,Geist‘ bald und leicht ausgesprochen; aber wo bleibt da der Verstand? Es ist da demnach für uns ein kurzes oder längeres Nachdenken gleich nutzlos und völlig unfruchtbar, und du, unser lieber, himmlischer Freund, kannst uns über die eigentliche Wesenheit des reinen Geistes sogleich von neuem hellere Erklärungen zu geben anfangen, das heißt, so dir unser Unverstand nicht schon zu überlästig wird."

[GEJ.07_071,09] Sagte Raphael: „Gott über alles lieben und euch Menschen dienen, die ihr berufen seid, Seine Kinder, uns reinen Geistern gleich, zu werden, ist ja eben unsere höchste Wonne und Seligkeit! Wie soll mir dann etwas lästig werden, das euch ein noch größeres Licht geben kann? So gebet denn weiter wohl acht darauf, was ich euch über das Wesen eines reinen Geistes noch Weiteres eröffnen werde!

[GEJ.07_071,10] Im Grunde des Grundes ist Gott allein der allerpurste und reinste Grundgeist aller Geister, und Er ist als solcher denn auch der Grundstoff und das ewige Urelement aller Urelemente.

[GEJ.07_071,11] Der reine Geist in sich als Stoff und Element ist ein Feuer und ein Licht oder in sich die Liebe und die Weisheit selbst. Doch müßt ihr euch darunter kein Materiefeuer und keine sinnliche Liebe vorstellen und also auch kein Licht wie etwa das der irdischen Sonne oder einer brennenden Lampe – obschon zwischen beiden eine Entsprechung besteht –; denn das Feuer des Geistes ist pur Leben und dessen Licht seine Weisheit."

 

72. Kapitel

[GEJ.07_072,01] (Raphael:) „Ihr sehet hier die höchst durchsichtige Luft und wähnet, daß sie darum so gut wie beinahe schon gar nichts sei. Wenn aber diese Luft in eine starke Bewegung gesetzt wird, daß sie durch ihre sturmwindige Gewalt die mächtigsten Zedern entwurzelt und das Meer in eine solche Unruhe versetzt, daß es sich zu bergehohen, schäumenden Wogen erhebt, so müsset ihr dann doch bekennen, daß die Luft wohl ein ganz bedeutend mächtiges Etwas ist. Ja, die Luft ist somit schon ein Körper und enthält auch alle erdenklichen Stoffe und Körper in einem noch mehr und mehr ungebundenen Urzustande in sich.

[GEJ.07_072,02] Das Wasser, besonders das Regen- und Quellwasser, ist dasselbe, was die Luft ist, aber nur in einem mehr gebundenen Zustande. Das Salzwasser der Meere ist natürlich noch dichter, gebundener.

[GEJ.07_072,03] Aber steigen wir nun höher, so ungefähr zehn Stunden hoch über die Erde hinaus, so werden wir gar keine Luft, wie sie uns hier umgibt, mehr antreffen, sondern den reinsten Äther, der für eure Augen wie ein so gänzliches Nichts wäre, daß ihr euch etwas so Nichtiges nicht leicht vorstellen könnet. Denn sehet ihr über die Erde in eine Ferne von mehreren Stunden Weges hin, so wird die noch so reine Luft, die den Raum zwischen euch und den fernen Bergen erfüllt, eben vor den Bergen als blauer Dunst erscheinen; aber wenn diesen Raum nur der reine Äther erfüllte, so würdet ihr die Berge nicht blau, sondern in ihrer ganz ungetrübten Färbung ersehen. Ja seht, zwischen der Erde und der Sonne ist eine so große Entfernung, daß ich nun wahrlich nicht imstande bin, euch auf dieser Erde dafür ein begreifliches und richtiges Maß anzugeben, – wie euch solches auch der Herr Selbst schon erklärt hat! Und dieser für eure Begriffe ganz entsetzlich weite Raum ist mit solchem für eure Sinne völlig nichtigen Äther erfüllt.

[GEJ.07_072,04] Aber dieser Äther ist trotz seiner scheinbar völligen Nichtigkeit durchaus nicht so nichtig, wie seine Erscheinlichkeit euch das zeigt; denn in ihm sind alle die zahllosen Stoffe und Elemente in einem noch ungebundeneren Zustande als in der allerreinsten atmosphärischen Luft dieser Erde. Aber sie sind da noch mehr freie Kräfte und sind dem Urfeuer und Urlichte um vieles näher und verwandter und nähren die Luft der Erde, diese dann das Wasser und das Wasser die Erde und alles, was auf ihr lebt, webt und strebt. Wenn aber solches alles schon im Äther sich vorfindet, so ist er ein ganz tüchtiges Etwas und kein Nichts, wenn er auch euren Sinnen also vorkommt.

[GEJ.07_072,05] Aber der Äther ist noch lange kein Reingeistiges, sondern er hat mehr innere Ähnlichkeit mit der Substanz der Seele, aber nur insoweit, als er ein räumliches Medium ist, durch das zahllose Urkräfte aus Gott sich begegnen, sich verbinden und endlich wie ganz gemeinsam wirken.

[GEJ.07_072,06] Du wirst mich nun freilich wieder fragen und sagen: ,Ja, wie ist denn bei so verschiedenen Kräften irgendein homogenes Wirken möglich?‘ Und ich sage es dir: Nichts natürlicher und leichter als das!

[GEJ.07_072,07] Siehe, wir haben auf der Erde des Herrn, unter ihren Meeren und anderen Gewässern doch eine solche für euch auch ganz unbegreiflich große Anzahl von Arten der Pflanzen, Gesträuche, Bäume und ebenso der Tiere und also auch von Mineralien, daß dieselben selbst der berühmteste Gelehrte dieser Zeit nicht aufzuzeichnen und auszusprechen imstande wäre! Sie machen mit der ganzen Erde ein vereintes Ganzes aus und wirken alle zu dem einen Hauptzwecke, und doch sind sie hier auf der Erde und in der Erde so verschieden geartet und geordnet, daß du sie auf der Stelle beim ersten Anblick unmöglich also wirst verwechseln können, daß du am Ende einen Feigenbaum nicht von einem Distelstrauch, einen Ochsen nicht von einem Löwen, eine Schwalbe nicht von einer Henne, einen Fisch nicht von einer Schildkröte und das Blei nicht vom Golde unterscheiden könntest.

[GEJ.07_072,08] Auf der Erde aber merkst du derlei Unterschiede leicht; doch im Äther, in der Luft und im Wasser kannst du sie nicht merken, und das weder durch dein Gesicht noch durch dein Gehör, noch durch deinen Geruch und Geschmack, noch durch dein gesamtes Nervengefühl, obschon all die zahllosen verschiedenen Arten der Kräfte und der von ihnen produzierten Urstoffe und Elemente im Äther, im Wasser und in dieser Luft noch entschiedener voneinander abgesondert sind, als dir solche Unterschiede die Dinge auf der materiellen Erde kundtun.

[GEJ.07_072,09] Also hinter der Substanz des Äthers ist das deinen Sinnen nicht sichtbare Geistfeuer eine ewig waltende Kraft, die, von Gott ausgehend, ewig den unendlichen Raum erfüllt und in einem fort wirkt und schafft. Gott Selbst aber ist der ewige Urgeist und der ewige Urmensch in Seinem Zentrum und erfüllt die ewig aus Ihm hervorgehende Unendlichkeit mit Seinen großen Gedanken und Ideen, die, durch Seine Liebe erfüllt zu einem Ihm gleichen Lebensfeuer, durch Seine Weisheit zu geordneten Formen und durch Seinen Willen zu voneinander abgesonderten und wie für sich bestehenden Wesen werden, in welche die Fähigkeit gelegt wird, sich selbst als solche ewig fortzupflanzen, fortzubilden und auf der Stufenleiter der ewigen Ordnung Gottes sich mit der Zeit zu einen und zur Gottähnlichkeit emporzusteigen."

 

73. Kapitel

[GEJ.07_073,01] (Raphael:) „Damit du, Agrikola, aber das noch leichter verstehst, so will ich dir noch so manche Beispiele zeigen, die ich, zwar schon dem Freund und Bruder Lazarus gezeigt habe, und der Herr auch; aber da du das vom Herrn Gezeigte zu wenig aufgefaßt hast, so muß ich dir nun nach dem Willen des Herrn die Sache noch heller machen. Und so habe denn wohl sehr genau auf alles acht, was ich dir nun sagen werde!

[GEJ.07_073,02] Siehe, du bist auch ein Gärtner, hast in Rom große Gärten, an denen du eine große Freude hast! Tausenderlei Pflanzen, Blumen und Früchte werden in ihnen gezogen. Darin hat es auch keinen Mangel an allerlei Gattungen von Trauben, Feigen, Äpfeln, Birnen, Pflaumen, Kirschen, Pomeranzen, Zitronen, Limonen, Kastanien und Melonen aller Art und Gattung. Damit dein Garten, der wahrlich sehr groß ist, stets von neuem mit allem bepflanzt werden kann, mußt du auch immer einen rechten Vorrat von allerlei Samen zusammensammeln, den du zur geeigneten Zeit in die gute Erde deines Gartens legst.

[GEJ.07_073,03] Nun, der Same ist in der Erde und fängt zu deiner Freude an, ganz reichlich und gesund emporzukeimen. Ja, das ist nun alles recht schön, gut und freudig anzusehen; aber hast du wohl auch für jede Gattung deiner in das Gartenerdreich gelegten tausenderlei verschiedenen Sämereien ebenso verschiedene Erdarten, für jeden Samen eine eigene, gegeben? Du sagst: ,Der ganze große Garten unweit der Mündung der Tiber ins große Mittelländische Meer hat nur ein und dieselbe gute und fruchtbare Gattung des Erdreiches, und es gedeiht im selben jede Frucht vortrefflich.‘

[GEJ.07_073,04] Gut, sagte ich dir, wenn es aber im Sommer nicht regnet – wie das in Rom eben beinahe immer der Fall ist –, so müssen deine Diener mit der Gießkanne den Garten befeuchten. Hast du da etwa für jede Fruchtgattung auch eine eigene Gattung Wasser? Du sagst abermals: ,Nein, auch das nicht; ich lasse alle Pflanzen, Gesträuche und Bäume nur mit ein und derselben Gattung Wasser begießen, die die Wasserleitungen in den Garten bringen!‘ Wieder gut, sage ich! Also auch nur ein und dieselbe Gattung des Süßwassers, weil das Meerwasser zur allgemeinen Belebung der Trockenerdpflanzen nicht wohl taugt.

[GEJ.07_073,05] Nun wissen wir, daß dein großer Garten nur aus einer Erdgattung besteht und mit ein und demselben Wasser begossen wird. Die Luft in deinem Garten ist und bleibt auch dieselbe, und das Licht und die Wärme aus der Sonne bleiben auch unverändert stets ein und dieselben und können – wenigstens über die ganze Fläche deines Gartens – in Hinsicht der niederen oder größeren Stärke und Kraft von gar keinem Unterschiede sein, außer dem, den die Jahreszeiten – aber auch stets in gleicher Verteilung – über den ganzen Garten ausbreiten.

[GEJ.07_073,06] Nun, so denn alle Vorbedingungen zum Wachstum der verschiedensten Pflanzen, Gesträuche und Bäume die ganz gleichen sind, so müßten sie als die gleichen Ursachen ja auch bei allen Pflanzen, Gesträuchen und Bäumen die ganz gleichen Wirkungen sowohl in Hinsicht der Form als auch der Gestalt und des Geschmacks und Geruchs hervorbringen. Und doch, welch ein gewaltiger Unterschied!

[GEJ.07_073,07] Wenn du den Kern einer Zitrone zerkaust, so schmeckt er bitter. Woher nimmt denn die Frucht die angenehme Säure? Und so geht die Geschichte der ganzen Reihe der Wesen nach. Alles ist in seiner Art himmelhoch verschieden von dem andern. Ja, wie geht denn das mit ein und derselben Nahrung zusammen? Die Rebe sieht anders aus als ein Feigenbaum, und welch ein Unterschied ist in allem zwischen der Frucht einer Rebe und der eines Feigenbaumes! Wieder stecktest du den Samen eines gemeinen Kürbisses und den einer Melone in die Erde. Der erste brachte dir die Frucht eines gewöhnlichen geruch- und geschmacklosen Kürbisses zum Vorschein, und der Melonensame bezahlte dir deine gar ehrenhafte Mühe mit einer mehr denn honigsüßen Frucht, und doch war überall dieselbe Erde, dasselbe Wasser, dieselbe Luft und dasselbe Licht und ganz dieselbe Wärme aus der Sonne.

[GEJ.07_073,08] Wenn du nun darüber etwas weiter nachdenkst, so wirst du dich selbst offenbar fragen müssen und sagen: ,Ja, wie können denn eben die gleichen Kräfte die stets verschiedenartigsten Wirkungen hervorbringen?‘ Ich sagte dir freilich, daß all die endlos vielen seelischen Substanzen zuerst im Äther, dann in der Luft und im Wasser vorhanden sind; aber das schärfste Menschenauge und der allerempfindlichste Geschmacks- und Geruchssinn findet weder in den einen, noch in den andern Urallgemeinelementen irgend etwas nur von dem Geschmack und von dem Geruch irgendeiner Pflanze und ihrer süßen, sauern oder bittern Frucht heraus, – über ihre Gestalt und Farbe wollen wir ohnehin kein Wort verlieren. Nun, wie kommt es denn hernach, daß ein jeder verschiedene Same aus der gleichen Erde, aus dem gleichen Wasser, aus der gleichen Luft, aus demselben Lichte und aus derselben Wärme nur diejenigen Urstoffsubstanzen an sich zieht und sie in sich in seiner Art verkörpert, die er als stets der gleiche und unveränderte Same schon vor mehreren tausendmal tausend Jahren an sich gezogen und verkörpert hat?

[GEJ.07_073,09] Siehe, da taucht Reingeistiges sogar in der organischen Materie auf und zeigt dem geweckten und scharfsinnigen Beobachter, daß es eben nur als Reingeistiges ein wahres Etwas ist, und daß das, was des Außenmenschen Sinne als ein Etwas ansehen und betrachten, eigentlich gar nichts ist, sondern daß nur das, was im Samenkorne verborgen ruht, ein wirkliches Etwas ist, weil es ein Reingeistiges ist. Dieses ruht im deinem Auge kaum sichtbaren kleinsten Hülschen, das in dem vom ganzen Samenkorne umschlossenen Keimbützchen vorhanden ist. Dieses in dem angezeigten Hülschen eingeschlossene Reingeistige ist ein mit Liebe, Licht und Willenskraft erfüllter Gedanke oder eine Idee in ihrer vollen Isoliertheit von den zahllos vielen anderen in sich und für sich ebenso abgemarkten und abgesondert abgeschlossenen Gedanken und Ideen."

 

74. Kapitel

[GEJ.07_074,01] (Raphael:) „Dieser also für sich abgesonderte Geist im Keimhülschen, im Besitze seiner klaren Intelligenz und im Bewußtsein seiner Kraft, die er eigentlich selbst ist, wird leicht inne, wenn der Same als sein von ihm erbautes materielles Wohnhaus in jener Lage und Stellung sich befindet, in der der reine Geist seine Tätigkeit beginnen kann.

[GEJ.07_074,02] Wenn der Same in die feuchte Erde gelegt wird und die äußere substantiell- materielle Umkleidung sich erweicht, weil ihre seelisch-substantiellen Teile mit den äußeren sie umgebenden ähnlichen Teilen in der Feuchte des Erdreichs zu korrespondieren anfangen, so fängt der reine Geist gleich an, von seiner Intelligenz und seiner Willensmacht den rechten Gebrauch zu machen. Er erkennt genauest die ihm entsprechenden Teilchen in der Erde, im Wasser, in der Luft und im Lichte und in der Wärme aus der Sonne, zieht sie an sich und schafft aus ihnen in seiner Ordnung das, was seinem Wesen entspricht, und so siehst du dann eine Pflanze aus dem Boden der Erde emporwachsen mit der ihr stets gleichen Eigentümlichkeit. Das Kraut oder gewisserart das Außenfleisch der Pflanze von der Wurzel bis zur höchsten Stammspitze ist nur darum vom Geiste erzeugt, auf daß der reine Geist sich in den neuen Samenkörnern schöpferisch vervielfachen kann und so sein Ich verunendlichfältigt, obschon der einmal also gewirkt habende Geist sich selbst erhebt und im Verbande mit den an sich gezogenen Seelenteilen zur Bildung höherer und vollkommenerer Formen und Wesen übergeht.

[GEJ.07_074,03] Und was ich dir jetzt von den Pflanzen gesagt habe, das gilt in geringerem Maße auch von allen Mineralien und in einem höheren Maße von allen Tieren und endlich auch vorzüglich vom Menschen. Uranfänglich aber gilt dasselbe von der Bildung aller Weltkörper, aller Hülsengloben und des gesamten Großen Weltenmenschen, den euch der Herr Selbst hinreichend klar beschrieben und gezeigt hat.

[GEJ.07_074,04] Aus dem allem aber kannst du nun doch erkennen, daß alle Wahrheit, Wirklichkeit und Realität nur im Reingeistigen daheim ist, und daß alles Materielle nichts anderes ist als der beharrliche Wille des Geistes, den er nach und nach sänftigen, mehr und mehr auflösen und endlich in einen ihm ähnlichen substantiell-seelischen Leib umgestalten kann in kürzerer oder längerer Zeit, je nachdem eine Seelensubstanz infolge des auch in ihr erwachten freien Willens sich mehr oder weniger fügbar für die innere, lebendige Ordnung des Geistes erweist.

[GEJ.07_074,05] Betrachte du von nun an nur aufmerksam die gesamte Natur, und du wirst das in ihr finden, was ich dir nun erklärt habe! Denn du kannst das von mir für die kurze Zeit unseres Beisammenseins nicht verlangen, daß ich nun speziell alle Mineralien, alle Pflanzen und alle Tiere sonderheitlich erörtern soll, inwieweit sie rein Geistiges und inwieweit sie pur Substantiell-Seelisches in sich enthalten. Es ist genug, daß ich dir nun ganz klar dargetan habe, wie sich alles Reingeistige, Seelisch-Substantielle und am Ende alles Materielle gegenseitig verhält. Denn die nun von mir dir gegebene Regel gilt für die ganze Ewigkeit und für die ganze Unendlichkeit; verstehst du das alpha, so verstehst du auch das OMEGA. Was dazwischen liegt, ist den beiden auf ein Haar gleich, – abgesehen von den zahllos verschiedenen Formen.

[GEJ.07_074,06] Und nun, – da ich dir nun denn doch so manches auf eine ganz außerordentliche Art und Weise enthüllt habe, so kannst du dich denn auch ganz offen äußern, wie du alles das mit deinem Verstande begriffen hast. Wir haben noch Zeit und können noch so manches darüber miteinander verkehren. Und so magst du nun wieder reden und uns allen kundtun, wie du die Sache in dir aufgefaßt hast!"

 

75. Kapitel

[GEJ.07_075,01] Sagte Agrikola: „Himmlischer Freund, diese Sache jemandem noch klarer und einleuchtender zu machen, als du sie mir und uns allen gemacht hast, ist wahrlich unmöglich! Daß wir aber alles das noch nicht in der vollen Tiefe also einsehen und begreifen können, wie du diese Sache einsiehst und begreifst, das wird dir sicher auch noch um sehr vieles klarer sein, als es uns selbst klar sein kann; denn wofür der irdische Mensch noch lange keinen rechten Begriffssinn hat, das kann er auch bei seinem allerbesten Willen niemals völlig im rechten Lichte begreifen. Doch das ist mir nun dennoch völlig klar geworden, daß alle wesenhafte Realität eigentlich nur im Reingeistigen zu suchen und somit auch ungezweifelt zu finden ist. Ich möchte dich, du liebster, rein himmlischer Freund, wegen des noch möglich klareren Begreifens deiner Lehre übers Reingeistige nur noch um einige noch handgreiflichere Beispiele bitten. Denn sieh, wir Römer haben da einen alten Spruch, und der lautet: LONGUM ITER PER PRAECEPTA, BREVIS ET EFFICAX PER EXEMPLA! Und das ist sicher eine alte und ganz wahre Lehre. Ein ganz kleines und kurzes Beispiel sagt einem forschenden Menschen oft und nahezu immer mehr, als was ihm alle theoretischen Lehren und Grundsätze zu sagen imstande sind, und aus eben dem Grunde bitte ich dich denn auch um einige kleine und gute Beispiele."

[GEJ.07_075,02] Sagte Raphael: „Ja, du mein Freund, es wären dir schon noch eine Menge und das sehr handgreiflich klare Beispiele zu geben; aber du wirst darum das Reingeistige dennoch nicht völlig mit deinen Natursinnen fassen können. Der Geist als überall die innerste Kraft durchdringt alles, sieht alles und bezwingt alles – was auch dein Geist tun wird, aber noch nicht heute und auch nicht morgen, sondern dann, wenn in dir alles in der vollen Wahrheit geordnet sein wird.

[GEJ.07_075,03] Siehe an dort die Jünger des Herrn, von denen zwei sich nun noch unten im Tempel aufhalten; einer von den zweien aber ist ein Weltsüchtler! Siehe, diese Jünger – mit Ausnahme des einen – sind schon nahe auf dem Punkte, auf dem ich als ein reiner Geist mich nun befinde; aber das zu erreichen war für sie auch durchaus nicht etwas derart Leichtes, wie du dir das irgend vorstellen möchtest. Sie waren zumeist Fischer am Galiläischen Meere in der Nähe von Kapernaum und waren dabei Haus- und Grundbesitzer und haben Weiber und Kinder, und siehe, sie verließen alles und folgten willig und mit großer Freude dem Herrn nach, der Erreichung des Gottesreiches wegen und zur Erreichung Seiner Kraft und Macht! Und weil sie pur des Reiches Gottes wegen aller Welt den Rücken zugewendet haben, so haben sie auch dasselbe in sich erreicht in kurzer Zeit, was du als ein großer Weltmensch erst so nach und nach wirst erreichen können.

[GEJ.07_075,04] Du wirst das aber erreichen nach dem Maße deiner Liebe zu Gott dem Herrn und nach dem Maße deiner Liebe zu deinen Nebenmenschen; denn die Stärke deiner Liebe zu Gott und zum Nächsten wird dir anzeigen, wieviel des Reiches Gottes in dir wach und reif geworden ist.

[GEJ.07_075,05] Das Reich Gottes in dir aber ist die besagte Liebe in dir, und diese Liebe ist auch dein Geist als die einzige Wahrheit, Realität und das ewige, unverwüstbare Leben. Nun, wie aber das also ist, wie ich es dir nun gezeigt habe, das kann dir kein noch so gewähltes Beispiel zeigen, sondern das mußt du in dir selbst erfahren. Bis zu der eigenen Erfahrung aber heißt es: glauben und hoffen auf die sichere Erfüllung alles dessen, was der Herr als die urewige Wahrheit dir und euch allen treulichst verheißen hat!

[GEJ.07_075,06] Ich will dir aber dessenungeachtet dennoch einige Beispielszeichen wirken, aus denen du noch etwas heller ersehen wirst, daß allein im Geiste aller Urstoff und alle Realität zu Hause ist. Ihr Römer habt auch einen Spruch, den wir hier recht gut brauchbar voranstellen können. Siehe, euer Spruch lautet folgendermaßen: QUOD A PRINCIPIO NON VALET, AUT VALERE NEQUIT, ETIAM IN SUCCESSU NON ALIQUID VALERE POTEST; EX NIHILO NIHIL ERIT. Aus dem aber geht schon der menschlichen Vernunft zufolge klar hervor, daß das Reingeistige ein wahrstes Etwas sein muß; denn wäre es nach den materiellen Begriffen der Menschen ein gewisses, seiner selbst unmöglich bewußtes Nichts, wie könnte es ewig je zu einem seiner selbst bewußten Etwas werden?!

[GEJ.07_075,07] Damit aber aus dem Reingeistigen alles, was da ist, werden, entstehen und bestehen kann, so muß ja dieses Reingeistige vor allem ein wahrstes Etwas sein, damit aus ihm jedes andere Etwas als Folge hervorgehen kann. In dem Samenkorn ist demnach der im Keimhülschen ruhende Geist allein ein wahres Etwas, während der ganze andere Samenleib für sich gar nichts ist, sondern das, was er ist, nur durch den ihm innewohnenden Geist ist. Dieser Geist arbeitet nach seiner ihm innewohnenden Intelligenz durch die Kraft seines Willens, und es wird daraus eine Pflanze, ein Strauch, ein Baum, ein Tier, ja eine ganze Welt.

[GEJ.07_075,08] Was aber der Geist in sich ist, das habe ich dir bereits schon zum öfteren Male erklärt. Doch du kannst das nun darum noch nicht bis auf den Grund des Grundes einsehen, weil dein eigener Geist dich selbst noch nicht durchdrungen hat, aber so viel kannst du es dir in deiner Seele doch versinnlichen, daß das Uretwas des Geistes ein lebendiges und seiner selbst überklar bewußtes Feuer und Licht und somit die höchste Liebe und die höchste Weisheit selbst ist. Mehr kann dir darüber auch der Herr Selbst nicht sagen!"

 

76. Kapitel

[GEJ.07_076,01] Sagte Agrikola: „Siehe, nun bin ich schon wieder um ein bedeutendes heller, und ich erinnere mich nun so einiger Sätze des alten weisen Plato. Der forschte lange dem Geistwesen Gottes nach und bekam endlich einmal ein Gesicht wie in einem hellen Traume. Da ward es ihm angedeutet, daß er Gottes Geistwesen schauen werde. Da kam es ihm vor, daß alles um ihn zu Feuer und Licht ward. Er selbst wurde ganz wie förmlich aufgelöst, ohne jedoch sein vollstes Bewußtsein dabei einzubüßen. In diesem Feuer aber empfand er kein Brennen, sondern nur eine mächtige, höchst entzückend wohltuende Liebe- und Lebenswärme, und eine Stimme gleich der reinsten Harmonie einer wohlklingenden Äolsleier sprach aus dem Feuer- und Lichtmeere zu ihm: ,Sieh und fühle das Geistwesen Gottes und fühle und schaue dich selbst in Ihm und durch Ihn!‘ Und Plato sah nun seine Form als Mensch und sah um sich aber noch zahllose Formen seinesgleichen. In diesen Formen aber entdeckte er noch in kleinsten Bildern, die alle lebten, eine Unzahl anderer Formen, die aber alle zusammen nur eine Menschenform ausmachten. Und siehe, deine Erklärung hat eine große Ähnlichkeit mit dem Gesichte des großen Weltweisen, der in aller gebildeten Welt gar sehr bekannt ist!

[GEJ.07_076,02] Nun, das von Plato gesehene Feuer und Licht haben auch sicher nicht seine fleischlichen Augen gesehen, sondern nur die Augen seines Geistes, und so denke ich mir nun: Wenn ich einst selbst werde geistiger geworden sein, so werde auch ich im Geiste gleich Plato dasselbe Feuer und Licht erschauen, was er erschaut und gefühlt hat. – Habe ich da recht oder unrecht geurteilt?"

[GEJ.07_076,03] Sagte Raphael: „Oh, ganz recht und ganz richtig hast du da geurteilt, und ich kann dir dazu nichts anderes sagen als: Die Sache verhält sich so ziemlich also! Doch Plato war ein Heide und konnte nicht zu jener ganz klaren Anschauung und Wahrnehmung gelangen, zu der ein Mensch nach der Lehre Gottes des Herrn gelangen kann. Doch um dir hier noch so manchen sehr anschaulichen Beweis über das allein wahre und allerrealste Etwas des reinen Geistes zu geben, will ich dir noch einige Experimente des reinen Geistigen zum besten geben, und so gebe denn nun abermals sehr wohl acht auf alles, was ich dir mit der allergnädigsten Zulassung des Herrn noch zeigen werde!

[GEJ.07_076,04] Sieh, was uns da nun umgibt, ist pure, ganz wohl durchsichtige Luft, und du kannst nun deine Sinne anstrengen, wie du willst, und du wirst darin nichts entdecken als höchstens eine Menge Mücken und allerlei Fliegen durcheinander schwärmend, hier und da einen größeren Käfer oder gar einen Vogel! Aber ich will dir nur auf eine kurze Zeit die innere Sehe deiner Seele eröffnen, und du wirst staunen, was du in dieser unserer atmosphärischen Luft alles zu Gesichte bekommen wirst."

[GEJ.07_076,05] Sagte Agrikola: „Himmlischer Freund, tue du das, und was mir da frommt, das soll in kurzer Zeit vielen Tausenden frommen!"

[GEJ.07_076,06] Sagte Raphael: „Ganz gut, ich darf es ja nur wollen, und du stehst nun schon auf dem Punkte, auf dem ich dich habe haben wollen. – Was siehst du nun alles in der Luft?"

[GEJ.07_076,07] Sagte Agrikola: „Ah, höre, das ist unbeschreiblich! Diese endlose Menge von Wesen, Pflanzen, Tieren, Gegenden und sogar Menschengestalten! Und ich sehe auch eine zahllose Menge von sehr kleinen leuchtenden Würmchen durcheinanderzucken und -schweben, und bald da und bald dort ergreift sich ein Bündel, und im Augenblick wird irgendeine volle Form daraus; aber sie bleibt nicht lange und geht gleich wieder in eine andere Form über. Licht ist überall, nur haben die Dinge wenig Bestand und verändern sich bald wieder; nur einige Gestalten halten nun in der angenommenen Form länger an. Nein, bei dieser Anschauung könnte ein noch so kräftiger Kopf voll Schwindels werden!

[GEJ.07_076,08] Ja, was sind denn diese myriadenmal Myriaden Leuchtwürmchen, und was sind diese zahllosen sich stets neu bildenden Formen und Gestalten aller Art und Gattung? Und greife ich unter sie hinein und will mir eine solche Form oder Gestalt festhalten, so habe ich durchaus nichts in der Hand! Ah, das ist denn eine wahre Lebensfopperei!"

[GEJ.07_076,09] Sagte nun Raphael: „Nun, so warte also nur noch ein wenig, und du sollst gleich etwas Beständigeres davon haben!"

[GEJ.07_076,10] Hier kamen allerlei Vögel und sogar auch Fische, wie in der Luft fliegend und schwimmend, in die Nähe des Römers, und dieser fing sich einen Vogel und einen gar seltsamen Fisch und hielt sie in seinen Händen.

[GEJ.07_076,11] Als er diesen Fang gemacht hatte, da sagte er (Agrikola) zum Engel: „Höre, du mein himmlischer Freund, ich habe nun meinen Fang schon gemacht! Mache nun, daß ich die Luft wieder in der Natürlichkeit sehe, und ich will mich überzeugen, ob ich den Vogel und den Fisch noch in meinen Händen habe!"

[GEJ.07_076,12] Sagte der Engel: „Oh, das kann dir gleich gewährt werden! Siehe, nun bist du schon wieder ganz in der natürlichen Luft und kannst deinen Fang nach Muße betrachten!"

[GEJ.07_076,13] Agrikola war nun wieder in seiner ganz natürlichen Ordnung und wollte gleich seinen Vogel und seinen Fisch näher in Augenschein nehmen; aber es befand sich weder ein Vogel noch ein Fisch mehr in seiner Hand.

[GEJ.07_076,14] Dadurch überrascht, fragte er (Agrikola) den Engel, sagend: „Ja, was ist denn nun mit dem Vogel und mit dem Fische? Wo sind diese nun? Mein ganzes Schauen war denn doch nur mehr ein Traum als irgend etwas in der vollen Wirklichkeit!"

[GEJ.07_076,15] Sagte der Engel: „Oder gerade umgekehrt! Geradewegs warst du früher der wahren Wirklichkeit näher, als du ihr nun bist! Deinen Vogel und deinen Fisch hast du noch, aber nicht in deiner Fleischhand, sondern in deiner Seelenhand, und ich sage dir, daß du diese dir sehr entsprechenden Tiere noch nicht so bald verlassen wirst und sie dich auch nicht; denn siehe, du hast daheim in Rom als ein altstämmiger Patrizier ein Schild, auf dessen Außenseite ein gleicher Vogel mit einer Ähre im Schnabel und ein gleicher Fisch mit einem Wurm in seinem Rachen in Gold abgebildet sind, und weil du noch große Stücke auf solch ein Weltehrenzeichen hältst, so wirst du sie noch nicht zu bald loswerden.

[GEJ.07_076,16] Du hast zwar in der eigentlichen Luft mit den Augen deiner Seele viele Gestalten und Formen geschaut – diese waren Erscheinungen, entsprechend deinen neuen Erfahrungen –; aber du konntest sie noch nicht festhalten. Und wie deine eigenen Gedanken darin stets wechselten und in allerlei Formen übergingen und ausarteten, also stellten sich selbige auch deiner Seele beschaulich dar; aber dein Ehrenschildvogel und -fisch, an denen du noch ein festes und großes Wohlgefallen hast, blieben dir noch fest und unverändert in deiner Seelenhand – welche gleich ist der Lust und der Begierde der Seele nach außenhin –, und so du sie auch in ihrer Natürlichkeit sehen willst, so kann ich dir auch noch das bewirken."

[GEJ.07_076,17] Sagte Agrikola: „Wenn dir solches sicher auch möglich ist, so tue das! Ich möchte denn doch sehen, ob das mein Vogel und mein Fisch ist! Vielleicht könnte ich dann solch eine barste Weltdummheit leichter loswerden."

[GEJ.07_076,18] Sagte der Engel: „Sieh nach deinen beiden Händen, und du wirst deine Weltehrenzeichen erschauen!"

[GEJ.07_076,19] Hier sah Agrikola nach seinen Händen und bemerkte in seiner Rechten den Vogel, eine Art Phönix, und in seiner Linken eine Art kleinen Delphin. Da staunte er gewaltig über diese Erscheinung, fragte den Engel aber gleich, wie er diese beiden ihm lästigen Tiere wohl am ehesten loswerden könnte.

[GEJ.07_076,20] Sagte der Engel: „Diese beiden dir ganz unnützen Tiere kannst du dadurch ganz leicht loswerden, daß du dein Herz von ihnen ganz abkehrst und es ganz zum Herrn hinwendest. Wenn du das kannst, so werden dich die beiden Tiere in deiner Seele bald verlassen; in deinen fleischlichen Händen aber können sie nur so lange Bestand haben, als ich sie dir erhalten will. Und siehe, ich will, daß sie weg seien! Und sieh, deine Hände sind nun schon wieder frei! Ich habe dir jetzt alles gezeigt, was dir die innere Wahrheit mehr und mehr erhellen kann; ein Weiteres mußt du von nun an in dir selbst suchen und finden."

 

77. Kapitel

[GEJ.07_077,01] Hierauf trat der Engel auf Meinen Wink auf die Seite zu Lazarus hin, und beide gingen ins Haus, um nachzusehen, wie für die Jungen, die sich nun zumeist in den Zelten belustigten, und für uns nun von den Schafen, die Raphael hervorgerufen hatte, ein gehöriges und genügendes Mittagsmahl bereitet wurde.

[GEJ.07_077,02] Agrikola aber wandte sich nun an Mich und sagte: „Nein, Herr und Meister, mir ist auf dieses Geistes Erklärungen hin nun ganz sonderbar zumute, und ich komme mir wahrlich wie ganz ausgewechselt vor! Ich habe doch von Dir vieles und Übergroßes gehört und gesehen, – aber ich habe mich doch dabei stets heimischer gefühlt; aber bei dem Engel habe ich mich ordentlich mir selbst entfremdet! Wie kam denn das, und was bedeutet das?"

[GEJ.07_077,03] Sagte Ich: „Mein Freund, das alles geschah in der allergrößten Ordnung! Denn solange du dir selbst nicht gewisserart fremd wirst, bist du dem Reiche Gottes eben noch nicht gar zu besonders nahe; aber wenn du dir einmal selbst so etwas fremd vorzukommen anfängst, so ist das ein Zeichen, daß dein Geist in dir ein wenig aufgerüttelt worden ist und ein wenig in deiner Seele einen Schritt vorwärts getan hat. Und weil du das in deinem Leben gewissermaßen das erstemal verspürst, so ist das eben ein Zeichen, daß sich dein Geist in dir so ein wenig mehr zu regen angefangen hat. Und das kannst du immer für ein ganz gutes Zeichen halten. Es wird dir das noch mehrere Male, und das stets in einem entschiedeneren Grade, widerfahren.

[GEJ.07_077,04] Wenn du aber solch eine Erfahrung machst, da sei darob nur sehr froh und heiter; denn darin liegt eben ein Hauptzeichen, daß sich dein innerer Geist gar stark mit deiner Seele zu einen angefangen hat! Denn solange du in deinem alltäglichen und heimatduftenden Gefühle dich befindest, so lange bist du noch dieser Welt angehörig und hast keine Fähigkeit in dir, dich dem Reiche Gottes wahrhaft nähern zu können; denn wenn der reine Geist einmal im Menschen erwacht und mit seinem Leben und Lichte den ganzen Menschen zu durchdringen beginnt, so beginnt im Menschen auch ein ganz anderes und – sage – ein ganz neues Leben, das er früher nicht geahnt hat. Und darin liegt der höchste Beweis, daß der Mensch nach dem Abfalle des Fleisches von seiner Seele ein ganz neues und in seinem Leibesleben nie geahntes und noch weniger gekanntes Leben beginnt.

[GEJ.07_077,05] Was aber den Abfall des Fleisches von der Seele des Menschen betrifft, so will Ich damit nicht schon den vollen und wirklichen Leibestod bezeichnet haben, sondern jenen Zustand des Menschen, in dem er seine sinnlichen und weltlichen Begierden nahe ganz von sich verbannt und ganz im Geiste zu leben angefangen hat.

[GEJ.07_077,06] Der Geist fängt da mächtig sich mit der Seele zu einen an, und diese tritt dann immer mehr und mehr in den Verband mit der allein wahren Geisterlebenswelt. Diese aber, früher ungeahnt und ungekannt, liegt vorerst tief im Menschenherzen gleichwie das reine Geistflämmchen im Keimhülschen eines Samenkornes.

[GEJ.07_077,07] Solange aber das Samenkorn in der Erde nicht stirbt und zerfällt und sich also auflöst, daß seine früher festen Teile in die Ähnlichkeit des Geistes überzugehen anfangen, so lange auch bleibt der Geist untätig und verborgen. Wenn aber das Fleisch des Samenkornes sich in der Erde zu erweichen und aufzulösen beginnt und in seinen stets ätherischer werdenden Teilchen dem im Keime wohnenden Geiste ähnlicher wird, dann fängt der Geist die ihm ähnlichen Teile zu ordnen an und durchdringt sie stets mehr und mehr, und es tritt da – wie du das bei jeder emporkeimenden und fortwachsenden Pflanze gar wohl merken kannst – ein sicher ganz neuer Seinszustand ein. Und was du im kleinsten Maßstabe bei einer oder der andern Pflanze merkest, das geschieht denn auch in einem großen und allumfassenden Maße beim Menschen, wenn er alle seine seelischen und auch leiblichen Gelüste und Begierden für die Außenwelt durch seinen ernsten Willen in sich zerstört, auflöst und in allem dem inwendigsten Geiste ähnlicher und ähnlicher zu machen anfängt.

[GEJ.07_077,08] Nun, da kann es einem lange an alle Welt gewohnten Menschen eben nicht sehr heimatlich zumute werden; wenn er sich aber mit der Zeit in seiner neuen, inneren und allein wahren Lebenswelt mehr und mehr wird heimlich (heimisch) zu fühlen anfangen, so wird ihm dann die Außenwelt in gleicher Weise stets unheimlicher zu werden anfangen. Daher mache du dir nichts daraus, so dich Mein Raphael ein wenig mehr als gewöhnlich aufgerüttelt hat; denn es ist dir solches von einem großen Nutzen.

[GEJ.07_077,09] Er ist in seinem Wesen schon ein reiner Geist und konnte darum auch direkter auf deinen Geist einwirken, als es ein anderer noch so geweckter Mensch zu tun imstande wäre, solange er die volle geistige Wiedergeburt noch nicht erreicht hat. Aber das ist nicht zum Nachteile deiner Seele, sondern nur zu ihrem großen Vorteil von Mir also zugelassen worden. Darum mache dir, wie Ich schon gesagt habe, nichts daraus, wenn es in dir etwas befremdlich und unheimatlich auszusehen angefangen hat! Wenn dich dieses Gefühl noch öfter heimsuchen wird, da frohlocke du in deinem Herzen; denn das zeigt dir die stets größere Annäherung des Reiches Gottes im Herzen deiner Seele an. – Hast du das nun wohl verstanden?"

[GEJ.07_077,10] Sagte Agrikola: „Ich danke Dir, o Herr, für diese Deine allergnädigste Erklärung! Mir ist das Gefühl wohl noch geblieben, – aber es befremdet mich nicht mehr so, wie es mich ehedem befremdet hat. Aber nun möchte ich nur das noch wissen, wie der Engel denn gar so genau wissen konnte, welche Tiere mein altes Ehrenschild zieren; denn das Schild befindet sich wohlverwahrt in Rom, und wir sind hier. Wie kann er so weithin schauen?"

[GEJ.07_077,11] Sagte Ich: „Das hatte er diesmal auch gar nicht vonnöten, weil er als ein reiner Geist dasselbe in deiner Seele bis in die allerkleinsten Teile hatte schauen können. Übrigens hätte er als ein reiner Geist dir auch dein Ehrenschild in einem Augenblick von Rom hierher stellen können!"

[GEJ.07_077,12] Sagte Agrikola: „Das dürfte denn doch ein wenig schwer sein; denn wenn auch ein Geist alle Materie durchdringen und auflösen kann, so kann aber doch die Materie die Materie nicht durchdringen. Mein Schild befindet sich in einem steinernen Schrank, der mit einem ehernen Deckel wohlverschlossen ist. Er müßte den ganzen Schrank gänzlich zerstören, um das Schild herauszubekommen; und würde er dann mit dem Schilde die unendlich schnelle Bewegung durch die Luft machen, so müßte das Schild ja in der Luft zerstört werden!"

[GEJ.07_077,13] Sagte Ich: „Du urteilst, wie du die Sache verstehst; aber die reinen Geister verstehen das schon alles ganz anders. Siehe, der Engel hätte ja nicht einmal nötig,