Band 6 (GEJ)

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der 7 Auflage.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

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1. Kapitel – Der Herr und die Tempelpriester. (Kap.1-40)

[GEJ.06_001,01] Ich aber zog mit Meinen Jüngern an diesem Tage bis in die Nähe von Jerusalem, allwo wir in einer Mir und den Jüngern wohlbekannten Herberge die Nachtruhe nahmen. Der Wirt hatte eine große Freude an uns und erzählte uns viel von dem nunmaligen argen Treiben in Jerusalem und ließ uns ein recht gutes Abendmahl zurichten.

[GEJ.06_001,02] Ich aber sagte zu ihm: „Komme du morgen nur hinauf zum Tempel, und du wirst da sehen, was Ich mit den Pharisäern für ein Wesen haben werde! Morgen sollen sie es genau und ohne allen Vorbehalt erfahren, mit wem sie es in Mir zu tun haben!"

[GEJ.06_001,03] Dessen war unser Wirt sehr froh und brachte uns noch Brot und Wein zur Genüge. Er hatte zwar schon vieles von Mir gehört, aber auch er wußte noch nicht, wer Ich so ganz eigentlich sei, obwohl ihm Meine Jünger so einige Winke gaben, die er gut aufnahm. – Bald darauf begaben wir uns zur Ruhe.

[GEJ.06_001,04] Am Morgen des Sabbats zogen wir hinauf nach Jerusalem. (Joh.5,1) Warum denn hinauf? Weil die große Stadt und vor allem der Tempel auf einem ziemlich weitgedehnten, klippigen Bergrücken lag und nahe zuhöchst der Tempel mit seinen weiten Hallen, Ringmauern und Hochgärten. Daß uns der Wirt, dessen Haus in einem Tale stand, hinaufbegleitete, versteht sich von selbst.

[GEJ.06_001,05] Als wir in die Nähe des Tempels kamen, da mußten wir zuerst an dem Teiche Bethesda (Vedes da = er gibt Erweckung oder Genesung) vorübergehen, der zunächst bei dem Schafstalle des Tempels sich befand und ringsum fünf Hallen hatte. (Joh.5,2) In diesen Hallen lagen stets viele Kranke, wie Blinde, Lahme, Dürre und noch mit allerlei anderen Krankheiten Behaftete, und warteten, bis sich das Wasser bewegte. (Joh.5,3) Nach einer sehr alten Sage seit Melchisedeks Zeiten und nach dem festen Glauben, besonders des armen Volkes, fuhr ein Engel von Zeit zu Zeit vom Himmel herab und bewegte das Wasser. Die Menschen sahen zwar den Engel nicht und schlossen auf seine Gegenwart nur aus der eigentümlichen Bewegung des Wassers.

[GEJ.06_001,06] Die gelehrten Pharisäer glaubten selbst zwar nicht an die Niederfahrt des Engels, sondern hielten den Teich nur für eine besondere Heilquelle, sowie desgleichen auch die Römer und Griechen; aber sie verstanden es zu ihrem Vorteile dennoch, das Volk bei dem frommen, alten Glauben zu erhalten.

[GEJ.06_001,07] Wenn aber das Wasser sich bewegte – was etwa alle Wochen ein- bis zweimal der Fall war –, so hatte es wahrlich eine so außerordentliche Heilkraft, daß ein jeder mit was immer für einer Seuche Behaftete geheilt war, so er das Glück hatte, als der erste ins Wasser zu kommen. (Joh.5,4) Es versteht sich von selbst, daß da auch nur die reichen und wohlhabenden Kranken den Vorzug hatten, und daß die Armen, weil sie nichts zahlen konnten, oft viele Jahre da vergeblich warteten, bis irgendein etwas barmherzigerer Wärter einen solchen Armen zuerst ins Wasser tauchte, worauf er dann auch gesund wurde.

[GEJ.06_001,08] Der uns begleitende Wirt hielt sich darüber sehr auf und erklärte dieses Treiben für eine höchst schmutzig-ungerechte Sache. Er zeigte Mir auch einen sehr alten, armen Menschen, der bereits achtunddreißig volle Jahre da auf die Heilung warte (Joh.5,5); aber noch nie sei es einem schmutzigen Wärter eingefallen, ihn nach so vielen Jahren doch endlich einmal in das bewegte Teichwasser als ersten steigen zu lassen.

[GEJ.06_001,09] Mich erregte das offenbar sehr, und Ich sagte zum Wirt: „Obwohl heute ein Sabbat ist, so soll diesem Menschen dennoch sogleich geholfen werden!"

[GEJ.06_001,10] Da Ich zuerst Selbst wußte und auch von dem biedern Wirte vernommen hatte, wie es mit dem Menschen stand, da trat Ich sogleich hin zu ihm und sagte: „Willst du gesund werden?" (Joh.5,6)

[GEJ.06_001,11] Da antwortete mit trauriger Miene der Kranke: „Bester Herr! Ich habe keinen Menschen, der mich zuerst in den Teich ließe, wenn das Wasser bewegt wird; und wenn ich selbst komme, so steigt ein anderer, der begünstigt ist, vor mir ins Wasser. (Joh.5,7) Wie möglich kann ich da gesund werden?!"

[GEJ.06_001,12] Darauf sagte Ich: „So stehe auf, nimm dein Bett und gehe hin, von wannen du gekommen bist!" (Joh.5,8)

[GEJ.06_001,13] Und alsbald ward der Kranke gesund, hob sein mageres Bett auf und ging nach der Sitte hin zu einem Priester als Genesener, und das an einem Sabbat, an dem das Wasser nach vielen Erfahrungen nahezu gar nie bewegt ward. (Joh.5,9) Daher war es den Juden gleich auffallend, wie dieser Mensch an einem Sabbat gesund geworden war.

[GEJ.06_001,14] Sie (die Juden) hätten aber eben zu dem Gesundwerden nicht soviel gesagt; aber da er an einem Sabbat sein Bett trug, so war das bei ihnen schon ein großer Fehler, und sie sagten: „Es ist heute Sabbat, und es ziemet sich nicht, das Bett zu tragen!" (Joh.5,10)

[GEJ.06_001,15] Er (der Geheilte) aber entgegnete ihnen: „Höret! Der mich gesund machte, der auch sagte zu mir: Nimm dein Bett, und gehe hin! (Joh.5,11) Der aber solch eine Macht hat und Der mir solch eine Wohltat erwies, dem gehorchte ich auch an diesem Sabbat! Denn volle achtunddreißig Jahre hindurch hat mir niemand solch eine Wohltat erwiesen wie jener Mensch! Warum sollte ich ihm dann nicht gehorchen auch an einem Sabbat?!"

[GEJ.06_001,16] Da fragten die Juden ihn: „Wer ist denn hernach jener Mensch, der zu dir sagte als heute an einem Sabbat: Nimm dein Bett, und gehe hin!?" (Joh.5,12)

[GEJ.06_001,17] Der Gesundgemachte und Gefragte aber wußte nicht, wer Ich war und welchen Namen Ich führte. Er konnte auch nicht mit dem Finger nach Mir hindeuten, da Ich die Stelle schnell verließ des vielen Volkes wegen, das hier versammelt war. (Joh.5,13)

 

2. Kapitel

[GEJ.06_002,01] Ich ging etwa nach einer Stunde Zeit mit den Jüngern in den Tempel, nachdem wir zuvor mit der Familie des Lazarus von Bethanien, mit der Ich schon von Meinem zwölften Jahre an bekannt war, und die Ich alljährlich bei unseren Wallfahrten nach Jerusalem zu besuchen pflegte, zusammentrafen und so manches besprachen über die Führung Meines Lehramtes. Die Familie wie auch unser bekannter Wirt geleiteten uns in den Tempel, und als wir in den Tempel kamen, da fand Ich den Geheilten, und der drängte sich, als er Mich ersah, zu Mir hin und fing von neuem an, zu loben und zu danken.

[GEJ.06_002,02] Ich sagte zu ihm: „Sieh zu, so du nun gesund geworden bist, daß du in der Folge nicht mehr sündigest, auf daß dir nicht noch etwas Ärgeres widerfahre!" (Joh.5,14)

[GEJ.06_002,03] Er beteuerte das und erfuhr bei dieser Gelegenheit Meinen Namen, was eben ein leichtes war, da Mich viele von früheren Zeiten her kannten. Da verließ uns der Mensch und ging zu den scharfen Tempeljuden und verkündigte es ihnen, daß Ich, Jesus, es war, der ihn geheilt hatte. (Joh.5,15)

[GEJ.06_002,04] Da ergrimmten alsbald diese Tempeljuden, fingen an, Mich verfolgend, sich zu Mir hinzudrängen, um Mich sogleich zu ergreifen und zu töten, weil Ich solches – an einem so großen Sabbat noch dazu! – getan habe. (Joh.5,16)

[GEJ.06_002,05] Der Wirt ersah die grimmige Bewegung der ihm über alles verhaßten Juden und riet Mir, so schnell als möglich zu entweichen, ansonst Mir leicht etwas Übles begegnen könnte.

[GEJ.06_002,06] Ich aber vertröstete ihn und sagte: „Fürchte dich nicht; denn bevor Ich Selbst es nicht will, werden sie Mir nichts tun können! Aber Ich werde ihnen, sowie sie Mich zu fragen anfangen werden, eben erst ganz unverhohlen sagen, wer Ich bin, und da wirst du dann erst ihren Grimm sehen, vor dem sich aber nun niemand zu fürchten hat!"

[GEJ.06_002,07] Während Ich solches privatim zum Wirte geredet hatte, waren die Ergrimmten auch schon bei Mir und fuhren Mich an: „Warum tatest du solches an einem hohen Sabbat und hast ihn vor allem Volke geschändet? Hättest du das nicht morgen tun können, und dem Kranken wäre noch früh genug geholfen gewesen, und der hohe Sabbat wäre nicht geschändet worden?!"

[GEJ.06_002,08] Da sah Ich die Ergrimmten sehr ernst an und sagte ganz einfach zu ihnen: „Mein Vater (im Himmel) wirket bisher, und Ich wirke auch!" (Joh.5,17)

[GEJ.06_002,09] Da ergrimmten die Tempeljuden noch mehr und trachteten Mich zu ergreifen und gleich zu töten; denn sie schrien zum Volke: „Nicht genug, daß er den hohen Sabbat geschändet hat, sondern er lästerte auch Gott, indem er Ihn seinen Vater nannte und sich Ihm ganz gleichstellte! Darum ergreifet und erwürget ihn sogleich!" (Joh.5,18)

[GEJ.06_002,10] Da entstand ein förmlicher Tumult im Tempel, und es machten einige Miene, Mich zu ergreifen. Ich aber erregte Mich und gebot Ruhe.

[GEJ.06_002,11] Alsbald ward auch alles ruhig, und Ich sagte zu den ergrimmten Juden: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Ich als der Sohn kann nichts von Mir Selbst aus tun – außer nur das, was Ich sehe den Vater tun! Was demnach Mein Vater tut, dasselbe tue auch Ich! (Joh.5,19) Der Vater aber hat den Sohn lieb und zeigt Ihm alles, was Er Selbst tut, und wird Ihm noch größere Werke zeigen, daß ihr selbst euch darob höchlichst verwundern werdet! (Joh.5,20) Denn gleich wie der Vater die Toten auferweckt und macht sie lebendig, also macht auch der Sohn lebendig, welche Er will. (Joh.5,21) Ich sage es euch, ihr Blinden: Der Vater im Himmel richtet nun niemand; denn alles Gericht hat Er Mir, Seinem Sohne, übergeben (Joh.5,22), auf daß alle Menschen – Juden und Heiden – den Sohn ebenso ehren sollen, wie sie den Vater ehren. Wer aber den Sohn nicht ehrt, der ehrt auch den Vater nicht, der Ihn gesandt hat." (Joh.5,23)

[GEJ.06_002,12] Als Ich also redete, da war die größte Ruhe und die ergrimmten Juden schwiegen; denn Ich wollte es also.

[GEJ.06_002,13] Und Ich redete darum weiter und sagte: „Wahrlich, wahrlich, wer Mein Wort hört und glaubt wahrhaft an Den, der Mich zu euch Menschen auf diese Erde gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt seiner Seele nach nimmer in ein Gericht, das der Tod der Materie ist, sondern er ist durch solchen ernsten und lebendigen Glauben vom Tode zum wahren, ewigen Leben durchgedrungen! (Joh.5,24)

[GEJ.06_002,14] Und wieder sage Ich euch: Wahrlich, wahrlich, es kommt die Stunde und ist schon jetzt da, wo die Toten an Leib und Seele die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und die sie gläubig hören werden, die werden dadurch auch leben ewiglich! (Joh.5,25) Denn wie der Vater das Leben hat in Sich Selbst, ebenalso hat Er auch dem Sohne gegeben von Ewigkeit her, das Leben zu haben in Sich Selbst. (Joh.5,26) Auch hat Er Ihm die Macht gegeben, das Gericht zu halten über alle Menschen, und das darum, weil der ewige Sohn Gottes nun für diese Zeit auch ein Menschensohn ist." (Joh.5,27)

 

3. Kapitel

[GEJ.06_003,01] Hier machten viele große Augen und fingen an, sich über solche Meine Worte sehr zu verwundern. Einige meinten, das sei eine Frevelei, die noch nie dagewesen sei.

[GEJ.06_003,02] Andere wieder sagten: „Nein, wahrlich, da muß etwas daran sein; denn so etwas hat noch nie ein Mensch von sich geredet!"

[GEJ.06_003,03] Ich aber sagte zu ihnen: „Denn es kommt die Stunde, in welcher alle, sogar die in den Gräbern sind (hier wurden die Heiden gemeint, was die Juden nicht verstanden), Meine Stimme hören werden und werden hervorgehen, die danach Gutes getan haben, zur wahren Auferstehung des Lebens, – die aber Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichtes, das da ist der wahre Tod der Seele." (Joh.5,29)

[GEJ.06_003,04] Da fingen wieder einige an zu murren, und andere wieder sagten: „Der Mensch hat sich übernommen und fängt nun ganz ordentlich zu faseln an! Er redet von sich ja gerade also, als so er und Gott ganz eins wären!? Wer hat je so etwas gehört?!"

[GEJ.06_003,05] Ich aber sagte: „Ihr irret euch sehr, so ihr über Mich also urteilet; denn Ich kann als Mensch auch nichts von Mir Selbst tun. Ich höre aber allzeit die Stimme des Vaters in Mir, und wie Ich sie höre, ebenso handle, rede und richte Ich, und Mein Gericht ist sodann recht, weil Ich nicht Meinen Menschenwillen, sondern nur den Meines Vaters erfülle, der Mich in diese Welt gesandt hat. (Joh.5,30) So Ich als Mensch von Mir Selbst zeugen würde, so wäre solch Mein Zeugnis unwahr (Joh.5,31); aber ein Anderer, den ihr nicht kennet und noch nie erkannt habt, ist es, der durch Meine Taten, die schon allbekannt sind, von Mir zeuget, und darum weiß Ich nur zu bestimmt, daß das Zeugnis, das Er Mir allzeit gab und gibt, vollwahr ist. (Joh.5,32)

[GEJ.06_003,06] Ihr schicktet hinaus zu Johannes dem Täufer und sahet, daß er von der Wahrheit zeugte. (Joh.5,33) Ich aber nehme, wie ihr sehet, kein Zeugnis von den Menschen; denn Ich zeuge von Mir Selbst vom Vater aus, und das tue Ich, damit ihr alle wahrhaft selig werden sollet. (Joh.5,34) Warum mag euch solches denn nicht gefallen?"

[GEJ.06_003,07] Da sagten einige: „So Johannes nach deinem Worte von der Wahrheit zeugte, so war sein Zeugnis ja ohnehin gut und genügend; wozu sollte uns nun noch dein sonderliches Zeugnis dienen?! Denn nach dem Zeugnisse des Johannes können wir ja ohnehin selig werden."

[GEJ.06_003,08] Sagte Ich: „Johannes war wohl ein brennendes und hell scheinendes Licht; aber ihr ginget nur darum hinaus, weil ihr euch bei seinem Lichte nur so ein wenig fröhlich machen wolltet. (Joh.5,35) Ich aber habe ein größeres Zeugnis für Mich, als da war das Zeugnis des Johannes; denn die Werke, die Mir Mein Vater zu verrichten gegeben hat, daß nur Ich allein sie vollende, diese Werke also, die Ich allein tue vor aller Welt Augen, zeugen aller Wahrheit gemäß, daß Mich der Vater als Seinen Sohn zu euch gesandt hat. (Joh.5,36)

[GEJ.06_003,09] Und eben dieser Vater, der Mich nun zu euch gesandt hat, hat schon lange durch den Mund der Propheten von Mir gezeugt, obwohl keiner von euch je Seine Stimme gehört und Seine Gestalt gesehen hat. (Joh.5,37) Ihr habt zwar Sein Wort aus der Schrift der Propheten wohl vernommen; aber ihr habt es nicht in euch, weil ihr nun Dem nicht glaubet, den Er zu euch gesandt hat. (Joh.5,38)

[GEJ.06_003,10] Suchet es selbst in der Schrift, von der ihr meinet, daß euer ewiges Leben darin sei! Und sehet, gerade sie ist es, die hundert- und tausendfältig von Mir zeugt! (Joh.5,39)

[GEJ.06_003,11] „Was habt ihr wider Mich? Ist es denn nicht recht also, daß Ich ohne irgendein äußeres Ansehen zu euch komme, um euch nicht kleinmütig und verzagt und sehr furchtsam zu machen?! Hat Elias, als er eine Weissagung von Meiner Ankunft im Geiste, also auch geistig, erhielt, Jehova etwa im Sturmwinde oder im Feuer vorüberziehen sehen, als er in der Höhle verborgen war? Nein, in einem sanften Säuseln zog Jehova vorüber! Und sehet, das ist nun hier vor euren Augen! Warum wollet ihr es denn nicht glauben? Geben Mir denn nicht Meine Werke, die Ich unter tausend und abermals tausend Zeugen schon gewirkt habe, das wahrhafteste Zeugnis dafür? Hat denn je jemand auf der Welt solche Taten verübt?"

 

4. Kapitel

[GEJ.06_004,01] Sagten einige Juden: „Deine Taten sind wohl stark außergewöhnlich, aber du selbst hast doch nicht das entfernteste Ansehen dazu, und zudem wirken die Essäer ebendasselbe, obwohl sie unsere Feinde sind, aber dennoch den Juden angeben, daß der Messias aus ihnen hervorgehen werde."

[GEJ.06_004,02] Sagte Ich: „Oh, Ich kenne euch nur zu gut! Ihr wisset nicht erst jetzt, sondern schon seit lange her, wie die Essäer ihre Wunderwerke wirken, und habt dagegen auch schon mit Recht geeifert und habt dem Volke die essäische Blindfechterei auch schon zu öfteren Malen mit gutem Erfolg gezeigt; denn auf derlei Künste und Kniffe versteht ihr euch ebensogut wie die Essäer, und das Ansehen Meiner Person ist gerade auch nicht das letzte unter euch. Also darin liegt es gar nicht, darum ihr Mich als das, was Ich allerwahrst bin, nicht anerkennen und annehmen wollt, – sondern ihr wollet, ganz einfach gesagt, nicht zu Mir kommen, daß ihr von Mir und aus mir das ewige Leben haben möchtet. (Joh.5,40)

[GEJ.06_004,03] Ich nehme freilich – irgendeines größeren und äußeren Ansehens wegen – nicht Ehre von den Menschen (Joh.5,41), da sie Mir ohnehin ewig nie eine größere geben können, als die in Mir wohnt; aber Ich kenne euch von einer ganz andern Seite! Eures Hochmutes, eurer Welt- und Selbstliebe wegen ist die Liebe Gottes schon lange nicht mehr in euch, – und darum nehmet ihr Mich nicht an!" (Joh.5,42)

[GEJ.06_004,04] Sagten abermals einige Juden: „Das sind wohl recht feine und kluge Worte, aber sie beweisen noch lange nicht, daß nun auf einmal eben du der verheißene Messias bist! Du kannst, was wir allenfalls annehmen können, wenn wir wollen, ein Weissager in Seinem Namen sein, obwohl es geschrieben steht, daß aus Galiläa kein Prophet ersteht; aber von einem Messias wird bei dir wohl noch lange keine Rede sein! Haben wir recht oder nicht?"

[GEJ.06_004,05] Sagte Ich: „Mitnichten; aber Ich will euch allerwahrhaftigst sagen, wie sich die Sache verhält! Und so höret: Ich bin nicht als ein Weissager im Namen des kommenden Messias, sondern als Selbst der verheißene Messias im Namen Meines Vaters, mit dem Ich völlig eins bin, zu euch gekommen, wofür Mir die Werke und Taten, die Ich wirke, das wahrhaftigste Zeugnis geben, und ihr nehmet Mich dennoch nicht an! Wenn aber ein anderer mit großem Pomp kommen wird in seinem eigenen, höchst eigennützigen Namen, den werdet ihr sicher ohne Bedenken annehmen! (Joh.5,43) Aber wie könntet ihr Mir auch glauben, die ihr alle die Ehre voneinander nehmet und euch auch von aller Welt ehren lasset, aber jene bescheidene Ehre, die von Gott ist, nie gesucht habt und nun auch nicht suchet!" (Joh.5,44)

[GEJ.06_004,06] Sagten die Juden: „Nun gut, – du sagst ganz frei heraus, daß der allmächtige Gott dein Vater ist! So wir denn nun unrecht tun, daß wir dir nicht glauben, da verklage uns bei deinem Vater, und es wird sich dann schon zeigen, was uns dafür begegnen wird!"

[GEJ.06_004,07] Sagte Ich: „Oh, meinet ja nicht, daß Ich euch bei Meinem Vater verklagen werde! Es ist ein anderer, der euch verklagen wird, und das ist Moses, auf den ihr hoffet, daß er zuvor noch einmal kommen wird mit Elias. (Joh.5,45) Und er ist auch gekommen, aber von euch ebensowenig erkannt worden wie nun Ich Selbst. (Notabene: Mosis Geist war in Zacharias und Elias' Geist in Johannes.)

[GEJ.06_004,08] Hättet ihr in eurem Weltsinne je an Moses geglaubt, so glaubtet ihr auch Mir; denn Moses hat von Mir gezeugt. (Joh.5,46) Da ihr aber seinen Schriften noch nie geglaubt habt, wie könnet ihr nun Meinen Worten glauben?!" (Joh.5,47)

[GEJ.06_004,09] Sagten die Juden: „Wie kannst du sagen, daß wir, die wir auf seinem Stuhle sitzen, Moses nicht geglaubt hätten?"

[GEJ.06_004,10] Sagte Ich: „Was der Mensch glauben soll, das muß er zuvor wissen, Ich aber sage euch, daß ihr nur ums Geld Priester geworden seid und seit eurer Kindheit es nicht einmal der Mühe wert gefunden habt, Mosis Schriften durchzulesen. Warum auch; denn es ist euch ja ohne solche Mühe immer sehr gut gegangen! Wisset ihr, wer zu allen Zeiten euer Moses und eure Propheten waren? Ich sage es euch: Das war euer Bauch!"

[GEJ.06_004,11] Da machten die Judenpriester etwas verdutzte Gesichter, und einer sagte: „Wird uns denn nicht allwöchentlich die Schrift in der gewissen Tageszeit vorgelesen?! Wir besitzen nur fünf Exemplare und die Urschrift, die als Heiligtum außer dem Hohenpriester niemand anrühren darf, ohne mit dem Tode bestraft zu werden. Wie kannst du da sagen, wir wüßten nicht, was Moses und die Propheten niedergeschrieben haben?! Selbst können wir's freilich wohl nicht lesen, aber wir hören sie allzeit, wenn sie gelesen wird!"

[GEJ.06_004,12] Sagte Ich: „Mit den Ohren höret ihr wohl, so ihr mit euren vollen Bäuchen während des Lesens nicht einschlafet; aber mit dem Herzen habt ihr sie noch niemals angehört, weil dieses stets in aller Welt herum zerstreut ist mit seinen Begierden. Die Gebote beachtet ihr ohnehin nur zum Scheine vor den Augen der Welt, weil ihr in priesterlichen Gewändern einhergehet; für euch aber haltet ihr nichts darauf! Das sage Ich euch, dieweil Ich euch um vieles besser kenne als je jemand in der Welt."

[GEJ.06_004,13] Hier fingen viele aus dem Volke, die das mit angehört hatten, ganz gewaltig an zu schmähen und über diese Judenpriester zu murren, und diese zogen sich alsbald in ihre Gemächer zurück. Ich aber ging mit den Meinen ebenfalls aus dem Tempel und begab Mich mit den Jüngern und dem Wirte zufolge der Einladung mit Lazarus nach Bethanien hin, das ein Flecken war, ungefähr fünfzehn Feldweges (nach jetzigem Maße nahezu an sieben viertel Stunden gemächlichen Schrittes) von Jerusalem entfernt. Daß wir dort überaus gut aufgenommen waren, versteht sich von selbst.

 

5. Kapitel

[GEJ.06_005,01] Ich aber konnte Mich allda diesmal nicht lange aufhalten, da aus Jerusalem stets zu viele angesehene Juden hinkamen, und darunter auch solche, die an Mich nicht glaubten. Ich nahm hier bloß auf drei Tage die freundliche Pflege an, lehrte aber nichts und tat auch nichts der ungläubigen Juden wegen.

[GEJ.06_005,02] Es sind wohl etliche zu Mir getreten und wollten Mich über so manches ausfragen, aber Ich sagte ganz einfach zu ihnen: „Hier ist kein Ort und keine Zeit! Was ihr aber da zu wissen nötig habt, das habe Ich allen im Tempel gesagt, und eines mehreren bedürfet ihr vorderhand nicht!"

[GEJ.06_005,03] Darauf kehrte Ich ihnen den Rücken und ging mit Lazarus und mit dem Wirte ins Freie, allwo wir viel über den Unfug der Templer und über ihr Gebaren mit dem Volke sprachen, und der sehr gläubig gewordene Wirt konnte Mich darob nicht genug loben, daß Ich diesen Tempelheuchlern so ganz unverhohlen die reinste Wahrheit ins Gesicht gesagt habe. Auch Lazarus, der schon lange wußte, wer hinter Mir steckt, war dessen auch überaus froh.

[GEJ.06_005,04] Als wir so unter verschiedenen Besprechungen unter uns im Freien umherwandelten, da kam zu uns der Jünger Johannes, Mein Liebling, und sagte: „Herr, was sollen wir nun machen? Die Juden, die Du früher im Hause so ganz kurz abgefertigt hast, und denen Du dann schnell den Rücken kehrtest, sind nun darob sehr aufgebracht, brüten Rache und sagen: ,O warte, wir werden dir deinen stolzen Messias bald austreiben!‘ Wir versuchten sie zu beschwichtigen, allein da ward es noch ärger, und sie drohten, sogleich um Wache nach Jerusalem zu schicken!"

[GEJ.06_005,05] Sagte Ich: „Gehe hin und sage es ihnen, daß Meine Zeit, von der Ich euch in Galiläa schon zu öfteren Malen geweissagt habe, noch nicht da sei; daher mögen sie immer die Wache holen lassen und bei solcher Gelegenheit noch mehr die Macht und Ehre des Sohnes Gottes kennenlernen! Gehe und richte ihnen das aus!"

[GEJ.06_005,06] Voll Freude lief Johannes zu den stolzen und übermütigen Juden hin und richtete das auch ganz wortgetreu aus. Diese aber entbrannten darauf vor Wut und schrien (die Juden): „Wir werden sehen, wie weit dieses Nazaräers Macht reicht!"

[GEJ.06_005,07] Darauf eilten bei zwanzig zur Tür hinaus, um die Wache von Jerusalem zu holen.

[GEJ.06_005,08] Ich aber wollte nicht, daß solches dem freundlichen Hause des Lazarus widerfahren möchte; daher ließ Ich die Wüteriche nur genau hundert Schritte vom Hause eilen und dann auf der Stelle ihrer Füße Glieder erstarren. Sie gaben sich nun alle Mühe, vom Flecke zu kommen; aber es war solches gegen Meinen Willen wohl sicher die reinste Unmöglichkeit. Da fingen sie an zu schreien und zu heulen und um Hilfe zu rufen. Da merkten das die Besseren, die schon im Tempel sich auf Meine Seite geneigt hatten, gingen hin und fragten sie, warum sie denn da nun stehenblieben und gar so jämmerlich um Hilfe schrieen.

[GEJ.06_005,09] Da riefen die Gebannten, mit den Zähnen knirschend: „Höret, wir sind an den Boden, da wir stehen, festgebannt, und unsere Beine sind plötzlich also fest geworden wie Erz! Welcher böse Geist hat uns das angetan? O helfet uns aus dieser allererbärmlichsten Not!"

[GEJ.06_005,10] Die Guten aber sagten: „Ihr habt den, der heute am Sabbat den Kranken heilte, einen Sabbatschänder und Gotteslästerer gescholten, was er nicht verdient hat! Wäret ihr nun aber nicht zu tausendmal größeren Sabbatschändern geworden, so ihr eures bösen Hochmutes wegen als Priester sogar selbst die Wache geholt hättet, auf daß sie Hand an diesen Unschuldigen legete und dadurch das allerehrbarste Haus des Lazarus in einen mißlichen Ruf brächte?! Wir Bürger und nicht Priester Jerusalems aber sagen es nun euch schlechten Priestern: Dafür hat euch hier wahrhaft Gottes Strafe sichtbar ereilt! Jetzt erst glauben wir fest, daß der erhabene Galiläer eben das ist, was er heute nur zu wahr im Tempel von sich ausgesagt hat! Der allein kann euch helfen als der Sohn Dessen, der euch hier gestraft hat, und sonst aber niemand in der ganzen Welt mehr! Den bittet, und bekehret euch einmal zum Guten und Wahren, ansonst ihr bis zum Jüngsten Tage gleich dem Weibe Lots hier stehenbleiben könnet!"

[GEJ.06_005,11] Diese Anrede wirkte, und die Gebannten schrien: „So bringet ihn her, und wir wollen ja tun, was er von uns verlangt!"

[GEJ.06_005,12] Da gingen die Bürger wieder zurück in des Lazarus Haus und trafen Mich noch daselbst und erzählten Mir schnell die ganze Begebenheit.

[GEJ.06_005,13] Ich aber sagte zu ihnen: „Diese, die Meinetwegen die Wache aus der Stadt holen wollten, sollen nun nur eine Weile selbst Wache stehen, und es wird ihnen für fernerhin der Sinn schon vergehen, ein künftiges Mal ihrem starren Hochmute auf eine ähnliche Weise zu frönen! Wir werden nun noch vor dem Untergange der Sonne ein stärkendes Mahl einnehmen und dann erst sehen, was mit den von Gott aus Gebannten geschehen kann. Denn der Mensch soll auch am Sabbat essen, wenn es ihn hungert, und nicht erst nach dem Untergange der Sonne; denn was hat wohl die Sonne mit dem Sabbat zu tun und was der Juden dummer Sabbat mit der Sonne?! Ist denn die Sonne an einem Sabbat besser und ehrbarer denn an irgendeinem andern Tage, da doch ein jeder Tag ein Tag des Herrn ist, nicht nur der Sabbat allein?! Gehen wir daher zu den Tischen und lassen wir uns dabei recht gut geschehen!"

[GEJ.06_005,14] Lazarus und seine beiden Schwestern waren darob völlig außer sich vor Freude, und es wurde auch sogleich reichlich aufgetragen, und wir fingen an zu essen und zu trinken und waren dabei voll guter Dinge.

[GEJ.06_005,15] Erst nach ein paar Stunden, als wir alle vollends gespeist waren, sagte Ich zum Lazarus: „Bruder, jetzt erst gehen wir zu den Gebannten hin und wollen sehen, was mit ihnen zu machen sein wird! Wahrlich, bei nur einiger Widerspenstigkeit sollen sie Mir bis morgen zum Aufgange hin dort stehenbleiben und dabei einsehen lernen, daß der Gottessohn nicht nötig hat, von den Menschen Zeugnis und Ehre zu nehmen! Und so wollen wir uns denn hin zu ihnen begeben!"

[GEJ.06_005,16] Wir standen auf von den Tischen und gingen hin zu ihnen.

 

6. Kapitel

[GEJ.06_006,01] Als sie Mich kommen sahen, da fingen sie alsbald zu schreien an (die Gebannten): „Herr, hilf uns aus unserer wunderbaren Not, und wir wollen an deinen Namen, wie an deine göttliche Sendung vollauf glauben! Wir haben uns versündigt an Gott, indem wir an Seinen Geheiligten die Hände legen wollten. Wir bekennen offen, daß wir in unserer großen Blindheit gesündigt haben; darum erlöse uns, o Herr, von diesem Übel!"

[GEJ.06_006,02] Sagte Ich: „Eure Worte klingen wohl gut; aber in euren Herzen klingt es anders!"

[GEJ.06_006,03] Da fragten die Gebannten: „Wie klingt es denn in unseren Herzen?"

[GEJ.06_006,04] Sagte Ich: „So ihr der Wahrheit nach bekennet, so soll euch geholfen sein, und zwar sogleich nach dem offenen und wahrhaftigen Bekenntnisse; so ihr aber leugnet, da sollet ihr harren bis morgen!"

[GEJ.06_006,05] Sagte einer: „Aber wie können wir wissen, was ein jeder von uns für sich denkt?"

[GEJ.06_006,06] Sagte Ich: „Da ist in euren Gedanken gar kein Unterschied! Redet darum, so ihr wollet!"

[GEJ.06_006,07] Hier fing einer an zu reden und sagte: „Herr, du weißt es, daß man in dieser Welt aus Klugheit gar oft anders reden muß, als man denkt! Denn reden kann man so und so, und die Gedanken sind dennoch verdeckt und, wie man sagt, zollfrei; aber so du auch in unseren Herzen die Gedanken liesest, da bleibt uns freilich wohl nichts übrig, als genau nach unseren Gedanken zu reden. Du wirst uns schon vergeben, daß wir dich in unseren Gedanken nur so für einen außerordentlichen Zauberer hielten und gegen dich auch die gröbsten Verwünschungen ausgestoßen haben, dieweil wir darauf hielten, daß du uns solches angetan habest; denn wir haben einmal vor zehn Jahren in der Tat in Damaskus einen indischen Zauberer gesehen, der nicht nur Menschen, sondern sogar Tiere an den Boden gebannt hat. Nun, bei so vielen Erfahrungen, die wir in unserem Leben schon durchgemacht haben, ist es wahrlich schwer, ein rechtes Wunder von einem falschen zu unterscheiden, und du mußt es uns darum schon ein wenig zugute halten, so wir aus so manchen Rücksichten dich nicht sogleich als das anerkennen, als was du dich bei uns im Tempel vorführtest.

[GEJ.06_006,08] Dazu steht es auch in der Schrift, daß man nur allein an einen Gott glauben und nicht irgend mehrere fremde Götter neben Ihm haben soll. Du stelltest dich uns aber als ein rechter und gleicher Gott mit dem alten Gotte dar, da du offen sagtest, daß du Sein Sohn seiest und ganz die gleiche Macht habest wie Er, und das Gericht noch darüber. Wer kann dir – als dem Anscheine nach nur ein Mensch, aus Galiläa auch noch, wo ohnehin mehr Heiden als Juden wohnen – auf ein noch so feines Wort gleich glauben, daß du wirklich der bist, als den du dich vorgeführt hast?! Wir vermochten das auch nicht trotz deines tüchtigen Zeichens, welches du dazu noch heute als an einem Festsabbat ausgeübt hast, das uns deine vorgegebene Göttlichkeit noch mehr in einen Verdacht ziehen mußte. Jetzt geht uns freilich ein anderes Licht auf, und es wird uns noch mehr aufgehen, so du uns nun hoffentlich von dieser großen Plage erlösen wirst. Wir bitten dich darum!"

[GEJ.06_006,09] Hier sagte Ich: „So seid denn frei!"

[GEJ.06_006,10] In dem Augenblicke wurden sie frei und konnten wieder gehen, und dankten Mir.

[GEJ.06_006,11] Ich aber sagte zu ihnen: „Ihr seid nun frei; aber das sage Ich euch und allen: daß von dem, was sich hier zugetragen hat, gegen niemand anders auch nur ein Wort verraten wird! Denn Ich wirke Zeichen, die jedermann sehen und wissen darf, aber auch solche, die nur für wenige Menschen taugen, und diese müssen vorderhand vor der Allgemeinheit verschwiegen bleiben. Das wichtige Warum kenne Ich. Dann aber dürft ihr heute nicht nach Jerusalem zurück; denn Ich will eben heute noch so manches verhandeln mit euch.

[GEJ.06_006,12] Denn Der einst auf Sinai dem Moses die Gesetze unter Blitz und Donner gab, und dessen Geist vor Adam über den Wassern schwebte, Der steht in dieser schlichten Person vor euch. Möget ihr es nun glauben oder nicht, die Folge wird das Licht geben! Gehen wir nun nach Hause, und ihr zwanzig, die ihr noch nüchtern seid, werdet zuvor ein stärkendes Mahl einnehmen!"

[GEJ.06_006,13] Hier wurden alle stumm und getrauten sich nicht, ein Wort miteinander zu tauschen.

[GEJ.06_006,14] Als wir aber ins Haus des Lazarus kamen, da sagte Petrus zu Mir: „Herr, das hast Du uns, Deinen beständigen Jüngern, noch nicht gesagt!"

[GEJ.06_006,15] Sagte Ich: „Mit Händen zu greifen schon oft genug; aber euer Verstand war bis jetzt noch stets zu kurz und wird noch eine Zeitlang sicher also verbleiben! – Aber nun beschäftiget euch mit etwas anderem; Ich habe mit den Juden noch so manches abzumachen!"

[GEJ.06_006,16] Damit waren die Jünger zufrieden und gingen ins Freie.

[GEJ.06_006,17] Die Speisen für die zwanzig aber standen schon auf dem Tische, nur war die Sonne noch nicht untergegangen; darum getrauten sie sich nichts anzurühren und blickten öfters nach der Sonne, ob sie noch nicht bald untergehen werde.

[GEJ.06_006,18] Ich aber sagte zu ihnen: „Höret! Wer ist denn mehr: die Sonne, der Sabbat oder Ich, der Ich in Meinem Geiste der Herr beider bin und schon von Ewigkeit her war?"

[GEJ.06_006,19] Da sagten sie: „Ja, so du im Ernste das bist, als was du dich uns vorführtest, so bist du sicherlich allerhöchst mehr als die Sonne und der Sabbat!"

[GEJ.06_006,20] Sagte Ich: „Setzet euch, und esset und trinket wohlgemut! – Einst hieß es: ,Gott kann niemand sehen und behalten das Leben; denn Gott ist ein alles verzehrend Feuer.‘ Nun aber könnet ihr Gott schauen und essen und trinken und dabei noch sogar das ewige Leben ernten!"

[GEJ.06_006,21] Da sagten sie: „Es wäre schon alles recht, wenn nur das Gesetz Mosis nicht wäre!"

[GEJ.06_006,22] Sagte Ich: „Wo Ich bin, da ist auch Moses und alle die andern Propheten; darum tut das, was der Herr will!"

[GEJ.06_006,23] Da saßen endlich alle zu Tische und aßen und tranken noch vor dem Untergange der Sonne. Und als sie gegessen und getrunken hatten, führte Ich sie alle auf einen kleinen Hügel hinter dem Hause des Lazarus, allwo wir so manches verhandelten, wovon die nächste Folge einiges dartun wird.

 

7. Kapitel

[GEJ.06_007,01] Als wir alle auf dem Hügel versammelt waren, der, wie bekanntgegeben, hinter dem Hause des Lazarus sich befand und auf seiner Höhe eine schöne Ebene hatte und mit vielen Ruhebänken wohl versehen war, da ließen wir uns bei der vollmondhellen Nacht nieder; und, obwohl wir unser aller zwar bei fünfundfünfzig Köpfe stark an der Zahl waren und doch völlig Raum zur Genüge hatten, so fingen dennoch einige Juden darüber zu wörteln an, daß man die Sitze nicht völlig der Rangordnung gemäß eingeteilt habe.

[GEJ.06_007,02] Lazarus aber bemerkte dagegen und sagte: „Meine Freunde! Nach dem, was wir gehört, gesehen und erfahren haben, gebührete der allererste Vorrang nur dem Einen unter uns, und Der hat Sich gerade den schlechtesten Platz ausgesucht! Wie mögen wir denn gar so vorrangsüchtig sein, da wir im Grunde als pur sterbliche Menschen vor Ihm doch gar nichts sind?!"

[GEJ.06_007,03] Diese Anrede des Lazarus als des allgemein geachteten Hausherrn machte eine gute Wirkung und beseitigte die lästige und völlig nichtige Wörtlerei.

[GEJ.06_007,04] Als sogestaltig alles zur Ruhe und zur Ordnung gebracht war, da sagte Ich: „Vor allem gebiete Ich euch hier, daß ihr das, was ihr nun hören und sehen werdet, strenge für immerdar bei euch behaltet, auf daß da niemand dadurch mit einem Willens- und Gewissenszwang genötigt werden soll, an Mich und Meine Sendung zu glauben, denn allein durch die dafür bestimmte neue Lehre und durch die durch Meine Weisheit dazu gewählten Zeichen.

[GEJ.06_007,05] Jeder innere, moralische Zwang ist schon an und für sich ein Gericht; denn was ein Mensch nicht annimmt und tut mit seinem freiesten Willen und aus seiner völlig selbstischen Erkenntnis und Überzeugung, das gereicht ihm nicht zum Leben, sondern nur zum Gerichte. Soll der Mensch ganz gut und voll des wahren, geistigen Lebens werden, so darf er dazu durch gar kein anderes Zwangsmittel genötigt werden als allein durch seinen eigenen, ganz freien und festen Willen.

[GEJ.06_007,06] Weder Gesetz noch Lohn oder Strafe dürfen ihn irgend dazu bestimmen, sondern allein sein freier Glaube, seine innere Überzeugung, sein reines Erkennen, dann seines Außenmenschen Gehorsam und sein freier Wille, der aus der reinen Liebe zu Gott und zu allem Guten und Wahren hervorgehen muß.

[GEJ.06_007,07] Ich sage es euch als eine allerlichteste Wahrheit darstellend: Ebenso leicht und eigentlich noch leichter hätte Ich in Menschengestalt, und zwar in der riesenhaftesten Größe, begleitet von zahllosen Engelscharen und unter Feuer, Blitz und Donner und Sturm, zur Erde Mich herablassen und mit Berge zertrümmernder Donnerstimme euch verkünden können das neue Wort der Gnade. Da wäre sicher keiner unter euch gewesen, der in sich nur den allergeringsten Zweifel hätte können emporkommen lassen. Denn der höchste Schreck und die höchste Angst hätten ihn augenblicklich derart geknebelt, daß er dabei nicht einmal eines allerbeschränktesten Gedankens fähig gewesen wäre. Würde aber jemandem das zu seiner innern, wahren Freiwerdung etwas genützt haben? Oh, mitnichten! Das wäre ein Gericht für jedes Menschen Seele gewesen und eine Gefangennehmung aller Gemüter, derart, daß sie ordentlich zu den härtesten Steinen geworden wären!

[GEJ.06_007,08] Sehet, darum bin Ich in dieser Niedrigkeit ganz unvermerkt in diese Welt gekommen, wie Ich Mich auch durch den Mund der Propheten also angekündigt habe, auf daß keines Menschen Herz gefangen würde und sie allein durch die segensreiche Macht der Wahrheit Meiner Worte und Lehren Mich liebend erkennen und dann ganz frei ihren Lebenswandel einrichten!

[GEJ.06_007,09] Meine Zeichen sollen nur zur Bekräftigung dessen dienen, daß Ich wirklich Der bin, als der Ich Mich den Menschen darstelle. Darum verwarne Ich euch noch einmal, von dem, was ihr in dieser Nacht alles hören und sehen werdet, ja niemandem etwas zu sagen, damit in seinem Gemüte ja keines Menschen Herz gefangen werde! Ihr selbst aber sollet euch davon auch nicht gefangennehmen lassen in euren Herzen, sondern euch allein leiten lassen durch Mein Wort und dessen Wahrheit.

[GEJ.06_007,10] Denn so ihr frei aus euch heraus allen Meinen Zeichen widersprechet und euch frei füget nach der Wahrheit Meiner Worte, so habet ihr dennoch das ewige Leben in euch und dessen vollste Freiheit; lasset ihr euch aber nur von den Zeichen bestimmen und achtet auf die Wahrheit Meiner Worte nicht, so seid ihr gefangen, stehet im Gerichte, seid nichts als pure Maschinenmenschen ohne inneres, wahres Geistesleben und somit tot, so wie ein Stein tot ist.

[GEJ.06_007,11] Damit ihr euch auch nun danach benehmen könnet in eurem Gemüte, habe Ich als der alleinige Herr und Meister alles Lebens und Seins euch allen solches zum voraus gesagt. Richtet euch danach, so werdet ihr leben!"

[GEJ.06_007,12] Diese Meine Rede hatte alle tief erschüttert, und es fing viele darob zu bangen an, was da nun alles kommen werde.

[GEJ.06_007,13] Ich aber sagte zu ihnen: „Ja, Meine lieben Kinder, wenn es euch darob schon jetzt bange wird und euch allerlei Furcht zu übermannen anfängt, da werde Ich vor euren Augen eben nicht gar zu viel tun können!"

[GEJ.06_007,14] Sagte Lazarus: „O Herr, mich banget es nicht und Deine Jünger auch nicht! Wem es aber nun bangen wird, nun, dem soll es nur bange werden, – es wird ihm das auch nicht schaden!"

[GEJ.06_007,15] Sagte Ich: „Nun wohl denn, so wollen wir denn hören und sehen!"

 

8. Kapitel

[GEJ.06_008,01] Hierauf wandte Ich Mich zu den Juden und sagte: „Ihr wolltet nicht glauben, daß Moses und Elias schon jüngst vor Mir da waren; darum sollen sie selbst wohlkenntlich hierher treten und euch selbst sagen, wessen Geistes Kinder ihr seid!"

[GEJ.06_008,02] Sogleich standen die beiden Propheten mitten unter uns und beugten sich zuerst tief vor Mir.

[GEJ.06_008,03] Und Elias sagte laut: „Vor Dir und Deinem Namen müssen sich beugen alle Knie und Herzen im Himmel, auf Erden und unter der Erde!"

[GEJ.06_008,04] Hierauf sprach Moses zu den Juden: „Ihr Frevler im Tempel Salomos, ihr Kinder der Schlange, welcher Teufel hat denn euch gezeugt, daß ihr sagen möget: Abraham sei euer Vater, und ihr säßet auf meinem und Aarons Stuhle?! So ihr aber schon euch im höchsten Grade unberufen darauf gesetzt habt, um darauf das von Gott mir gegebene Gesetz den Völkern zu verkünden, wie möget ihr denn nun den Allererhabensten nicht erkennen, der mir eben auf Sinai das Gesetz auf zwei steinernen Tafeln gegeben hat?!

[GEJ.06_008,05] Ihr saget, daß ich und dieser Bruder Elias hätten zuvor kommen sollen, – und sehet, wir beide waren da! Wer von euch aber hat uns erkannt und wer an uns geglaubt?! Und habt ihr uns nicht ganz dasselbe angetan, was ihr beinahe allen Propheten und Heiligen des Herrn angetan habt?! Was ist denn das hernach, so ihr argen Heuchler euch vor meinem Namen bis zur Erde niederbeuget und mich selbst aber verfolget und zuletzt zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten erwürget? Redet und gebet Antwort!"

[GEJ.06_008,06] Da sagte einer mit bebender Stimme: „O – großer Prophet –, der, – der – da – erwürget worden ist –, der hieß ja nur Zacharias!"

[GEJ.06_008,07] Sprach Moses: „Du nun leibesalter Bösewicht warst aber Augen- und Ohrenzeuge, was ich da zu der Priesterversammlung, als Ich aus dem Allerheiligsten zurückkam, gesagt habe! Siehe, die Worte lauteten also: ,Höret, Brüder, Gott der Herr hat in Seiner großen Gnade und Erbarmung mir mein Inneres aufgetan, und Mosis Geist trat in mich, und nun ist meine Seele und Mosis Geist ein Mensch, der nun vor euch steht, wie er einst vor Pharao und auf Sinai vor Gott stand! Ich war der erste, der diesen Stuhl gestellt und auf Gottes Geheiß sich darauf gesetzt hat, – und nun sitze ich als von Gott also beschieden als der Letzte darauf; denn in Zukunft wird der Herr allein, der schon in dieser Welt wunderbarsterweise das Fleisch der Menschen angenommen hat, mit diesem Stuhle machen, was Er wird wollen nach Seinem nie erforschlichen Rate!‘ Da ergrimmtet ihr ob solcher meiner wahrsten Weissagung, risset mich vom Stuhle und erwürgtet meinen Leib. Ist es nicht also geschehen?"

[GEJ.06_008,08] Sagte ein anderer, ebenfalls schon alter Jude noch kleinlauter: „Ja – also war es – fürwahr –; aber – wer hätte da so etwas glauben können?!"

[GEJ.06_008,09] Sagte Moses: „Warum haben es denn etliche Fromme geglaubt, die ihr darum aus dem Tempel in ferne Lande unter die Heiden vertrieben habt, deren etliche noch am Leben des Fleisches sind und wider euch zeugen können?"

[GEJ.06_008,10] Sagte wieder ein anderer alter Jude: „Ja, das mag schon sein, – diese müssen dafür ein Gesicht gehabt haben; aber wir haben kein Gesicht jemals gehabt!"

[GEJ.06_008,11] Sagte Moses: „Oh, du redest falsch und belügst dich selbst! Denn solches ist im Geiste allen bis zum allergeringsten Tempelknechte sieben Male nacheinander klar und verständlich in hellen Träumen angezeigt worden, und ihr alle habt sie euch untereinander noch wochenlang in der Zeit, als ich stumm war, ausgelegt. Wie kannst du nun sagen, daß ihr kein Gesicht dafür gehabt habt?"

[GEJ.06_008,12] Sagte abermals derselbe Jude: „Ja – war denn der Traum auch ein Gesicht? Da seht nun, da seht nun! Ja, – wer hätte damals so etwas ahnen können!?"

[GEJ.06_008,13] Sagte Moses: „O ihr weltschlauen Weltfüchse, ihr wußtet recht wohl aus vielen Exempeln aus der Schrift, was die lichten Träume zu bedeuten haben! Zum Beispiel Jakobs Traum, Josephs Träume, des Pharao Traum und dergleichen noch gar viele, diese haben euch gar wohl ins Ohr geraunt, was eure siebenmaligen Visionen zu bedeuten haben; aber euer Weltsinn, euer priesterlicher Hochmut, eure Lust zum unbeschreiblichen Wohlleben und zum stinkendsten Müßiggange und zur Hurerei aller Art und Gattung haben euch geblendet und betäubt, und so habt ihr euch sehr gefürchtet, laut solcher meiner Weissagung alle eure gar so angenehmen irdischen Lebensvorteile zu verlieren, habt, anstatt euch in den Willen Gottes zu fügen, lieber alles gegen ihn aufgeboten und habt bis zur Stunde, bis zu diesem Augenblicke, völlige Meuterer gegen Gott gemacht. Wie gefällt euch, ihr Würmer des Staubes, diese allerhöchst wahre Geschichte?!

[GEJ.06_008,14] Sehet, der Herrliche und der Allerhöchste, dessen Antlitz ich, Moses, nie würdig sein kann anzuschauen, hat es euch Selbst im Tempel gesagt: ,Nicht Ich, sondern Moses, auf den ihr hoffet, wird euch beim Vater anklagen!‘ Und seht, es ist seit der Zeit noch lange kein Tag vergangen, und des allerhöchsten Herrn Voraussage gehet bereits in Erfüllung, und ich, Moses, im Namen des Herrn euer aller Hauptprophet, klage euch nun vor Seinem heiligsten Angesichte alles dessen an, dessen ihr euch in der allerhimmelschreiendsten Weise schuldig gemacht habt! Was könnt ihr nun zu eurer Rechtfertigung sagen?"

[GEJ.06_008,15] Hier fangen die total in die engste Enge getriebenen Juden vor lauter Furcht und Entsetzen ganz wie sprachlos bloß nur bebend zu stammeln an, ohne ein verständliches Wort mehr über ihre armseligen Lippen zu bringen.

[GEJ.06_008,16] Nur ein Jüngerer unter ihnen sagte mit sehr bebender Stimme: „Mein Gott und Herr, fängt denn heute schon das erschrecklichste Jüngste Gericht an?"

[GEJ.06_008,17] Sagte Moses: „Meine Anklage stehet jeden Augenblick in meiner Hand; der Zorn und die Rache aber liegt in der Hand des allmächtigsten Herrn! Euer jüngster Tag aber ist dem Endziele nun schon um ein bedeutendes näher gerückt; aber nun hängt alles von dem Herrn ganz allein ab. Redet nun, wie ihr das alles versteht!"

[GEJ.06_008,18] Sagte ein alter Jude, vor Angst mit den Zähnen klappernd: „O du großer Prophet Moses, sage es uns doch, ob wir etwa gar unrettbar in die Hölle kommen werden, und ob denn ein jeder Mensch seinen eigenen Jüngsten Tag hat!"

[GEJ.06_008,19] Sagte Moses: „Was die Hölle anbelangt, so brauchet ihr in eurer gegenwärtigen Lebensweise gar nicht zu fragen, ob ihr hineinkommen werdet; denn eure Denk- und Handlungsweise war ja schon seit lange her eine derartige, daß ihr bis jetzt in der Hölle waret, und ihr habt auch alles getan, was ihr (der Hölle) tauget. Ihr könnt daher nicht mehr in die Hölle kommen, weil ihr eigentlich schon darinnen seid.

[GEJ.06_008,20] Was aber den Jüngsten Tag betrifft, so werdet ihr nach der Ablegung eures Leibes in der andern Welt ebensogut einen jüngsten Tag haben, als ihr in dieser Welt auch einen letzten und ältesten haben werdet. Allein, solange ihr noch in dieser Welt lebet, könnet ihr, so ihr wollet, noch leicht aus der Hölle einen Ausweg finden; denn hier sitzet unter euch der große Führer und Erlöser, den höret, und handelt danach! – Ich habe geredet vor Dir, o Herr, und nun mag Elias an meine Stelle treten!"

 

9. Kapitel

[GEJ.06_009,01] Sagte Ich: „Elia, du Vorbereiter und Ebner Meiner Wege! Was weißt du vorzubringen gegen diese Diener des Tempels?"

[GEJ.06_009,02] Sagte Elias: „Herr, Moses hat alles gesagt! Mit ihm hat der Tempel aufgehört, ein Gotteshaus zu sein; er ist nun nichts denn eine Räuber- und Mördergrube geworden. Ich habe diesen das am Jordan haarklein und sonnenhell gezeigt und mit richtiger Rechnung bewiesen. Als sie aber sahen, daß sie mir nichts von nur irgendeiner Haltbarkeit entgegenzustellen imstande waren, und als sie wohl merkten, daß sie auf die unwiderlegbarste Weise vor dem Volke verraten und waren angeklagt jeder möglichen Ungerechtigkeit gegen Dich, o Herr, und gegen das Volk, da lachten sie offen, erklärten mich für einen frommen Narren, den man wohl, um sich zu erheitern, ein paar Stunden lang anhören kann, bedrohten aber dennoch das Volk geheim, meine Lehre für etwas mehr als nur für eine lächerliche Raserei zu halten.

[GEJ.06_009,03] Heimlich aber wurden sie voll Grimmes, da sie wahrnahmen, daß das Volk mich denn doch für einen Propheten hielt und ehrte, Buße tat und sich taufen ließ. Diese argen Frevler im Heiligtume Gottes merkten nur zu bald, daß ihnen durch mich die Axt an die Wurzel gelegt war und dadurch ihrer schnöden Herrschaft Ende vor der Türe stehe. Da umringten sie den Herodes und bewiesen mit allerlei grundfalschen Gründen und schlechtesten Winkelzügen, wie seiner Herrschaft durch mich die größte Gefahr drohe. Herodes konnte das zwar nicht einsehen, da er in festen Kontrakten mit Rom stand, denen er stets pünktlich nachkam, und daher bei was immer für widrigen Vorkommnissen unbedingt sogar so als bedingt auf den römischen Schutz rechnen konnte. Allein, das half aber alles nichts; sie bestürmten den Herodes so lange, bis er mich gefangennahm.

[GEJ.06_009,04] Als ich einmal gefangen war, aber meine Jünger dennoch den freien Zutritt zu mir hatten, da konnten sie den Herodes nicht mehr belästigen; doch aber merkten sie, daß meine Lehre durch meine Jünger gewaltig fortwuchere. Da stieg ihr Groll und Grimm von Stunde zu Stunde, und sie steckten sich hinter die arge Mutter der schönen Herodias, daß diese, so ihr Herodes sich eine Gnade von ihm zu erbitten bei seinem gewöhnlichen Eide das Fürstenwort geben werde, nichts als mein Haupt begehren solle. Dafür aber werde die Mutter geheim zehntausend Pfunde Goldes aus dem Schatze des Tempels erhalten. Der schönen Herodias aber dünkte diese Forderung zu arg, weil sie wohl wußte, daß Herodes geheim mich liebte; aber es fuhr ein böser Geist in die Alte und enthüllte ihr, daß ich dem Herodes das unlautere Verhältnis nicht billige und ihn davon abbringen wolle. Das machte denn auch die Herodias arg gegen mich also, daß sie dann am Feste auf ein nochmaliges Zureden ihrer geheim bestochenen Mutter mein Haupt verlangte, was zwar den Herodes sehr betrübte, – aber dieweil er einmal den Eid geschworen hatte, so mußte er ihn auch halten, und ich ward denn auch im Gefängnisse enthauptet.

[GEJ.06_009,05] Als die Templer das erfuhren, da brach bei ihnen ein großer Jubel aus, und sie fingen gleich an, das Volk, das an mich glaubte, nach Möglichkeit zu verfolgen. – Das, o Herr, ist, mit Hinweglassung aller Dir ohnehin nur zu bekannten Nebenumstände, der ganz einfache Grundzug ihrer gänzlichen Verworfenheit, und ich klage sie dessen nun vor Dir an! Du allein aber bist der Herr von Ewigkeit; Du richte sie nach Deiner unendlichen Macht, Weisheit und Gerechtigkeit! Dein allein heiliger Wille geschehe!"

[GEJ.06_009,06] Hierauf sagte Ich: „Ja, also ist es! Es gab dabei zwar noch so manche anderen Umstände, deren Ich Selbst bei Gelegenheit erwähnt habe, wie davon auch andere Augen- und Ohrenzeugen gesprochen haben vor Meinem Angesichte; aber das ist der eigentliche, innerste Kern ihrer überhöllischen Bosheit! Aber nun sage Ich zu euch, ihr Meine getreuesten Propheten und nun Engel Meiner Himmel, und frage euch, ob ihr diesen großen Frevlern in Meinem Heiligtume vergeben könnet die große Unbill, die sie an euch begangen haben."

[GEJ.06_009,07] Sagten beide: „Ja, Herr; denn Du allein bist ja unser aller Versöhnung! Nur wolle Du nach Deiner großen Barmherzigkeit sie erleuchten, auf daß sie einsehen mögen, wie groß ihr Arges ist!"

[GEJ.06_009,08] Hierauf verschwanden die beiden auf Meinen geheimen Wink, und wir waren wieder allein.

 

10. Kapitel

[GEJ.06_010,01] Es dauerte eine geraume Zeit, ehe sich jemand getraute, auch nur ein Wörtlein zu sprechen; denn die Erscheinung der beiden Propheten hatte alle tief ergriffen und die anwesenden Juden besonders tief erschüttert.

[GEJ.06_010,02] Nur der Wirt, der neben Mir auch ganz durch und durch ergriffen saß, sagte so halblaut zu Mir: „Herr, Herr, das zeigt mehr denn alles, daß Du in der höchsten Wahrheit das bist, als was Du Dich im Tempel vor dem ganzen Volke dargestellt hast!

[GEJ.06_010,03] Jetzt liegt es klar am Tage, daß die verheißene große Zeit der Zeiten herbeigekommen ist mit allen Gnaden, aber auch mit allen Gerichten aus den Himmeln. Oh, wenn ich doch nur würdig wäre, an den Gnaden einen kleinsten Teil zu nehmen!"

[GEJ.06_010,04] Sagte Ich: „Nicht nur einen kleinsten, sondern einen allergrößten Teil kannst du dir nehmen! Das kommt nur allein auf deinen Willen an, mit Freude und Lust zu wandeln nach Meiner Lehre, mit der du in Kürze vollauf vertraut werden wirst. – Aber nun wollen wir die Juden fragen, wie ihnen diese wahre Erscheinung gefallen hat!"

[GEJ.06_010,05] Hierauf wandte Ich Mich an die zwanzig Judenpriester und fragte sie, was sie zu dieser Erscheinung nun sagen.

[GEJ.06_010,06] Da erhob sich einer vom Sitze und fing an, also zu reden: „Daß die Erscheinung kein irgend hergezaubertes Blendwerk war, davon sind wir alle vollkommen überzeugt; denn eine pure Blenderscheinung, wie ich etliche einmal in Damaskus gesehen habe, hat keine Sprache und weiß nicht um die geheimsten Daten von Begebenheiten, die sich irgend vor kurz oder lang zugetragen haben. Aber weil die Erscheinung eben kein Blendwerk war, so hat sie auf uns alle sicher einen höchst unheilvollen Eindruck machen müssen, und das darum, weil wir daraus nur zu klar ersehen haben, daß wir ob unserer bösen Taten von Gott unmöglich je mehr eine Vergebung unserer zu großen Sünden zu erwarten haben.

[GEJ.06_010,07] Es ist wahrlich eine höchst schwere Sache, auf der Welt ein Mensch zu sein! Man ist allen Verlockungen der Welt und der Teufel ausgesetzt, zweier Feinde des menschlichen Lebens, von denen man den minder schädlichen wohl sieht, aber den zweiten, der den Menschen in die Welt hinein verlockt und mit aller Gewalt zieht, sieht niemand, und es kann sich daher auch sehr schwer jemand ihm zur Gegenwehr stellen.

[GEJ.06_010,08] Daß wir zu großen Sündern geworden sind, das sehen wir nun klar ein; aber wie wir so nach und nach dazu gekommen sind, das ist uns völlig unbegreiflich. Wir können nun nichts anderes sagen als: Herr, wenn es für uns in Dir noch eine Barmherzigkeit gibt, so erbarme Dich unser und richte uns wenigstens nicht zu hart!

[GEJ.06_010,09] Hätten wir damals das so eingesehen wie jetzt, so wäre Zacharias und nun später Johannes nicht also behandelt worden. Aber wir waren ja alle stockblind, von der Welt und vom Teufel geblendet, und so handelten wir denn auch rein nach unserer wahrlich echt teuflischen Blindheit und nach dessen ärgstem Willen.

[GEJ.06_010,10] Wie uns aber nun Moses und Elias ganz gerecht vor Dir, o Herr, angeklagt haben, so klagen wir denn nun vor Dir auch den Teufel, diesen ärgsten Feind der Menschen an, und Du wolle auch ihn vor Deinen Richterstuhl ziehen!"

[GEJ.06_010,11] Sagte Ich: „Was an euch des Teufels Anteil ist, das steht schon lange an seiner Rechnungstafel; aber Ich sage euch, daß es nun etliche im Tempel gibt, die schon lange den Teufel übertreffen und also mit der Menschheit handeln, daß sie darin von keinem Teufel übertroffen werden können.

[GEJ.06_010,12] Noch sage Ich euch, daß eben an den Verlockungen von seiten der Teufel lange nicht so viel liegt, als ihr in eurem törichten Glauben meinet! Der eigentliche Teufel ist der Mensch mit seinen Weltgelüsten selbst! Aus denen geht hervor die Selbstliebe – das ist ein Teufel –, die Sucht zum Wohlleben – ein zweiter Teufel –, die Ehrsucht, der Hochmut, die Herrschsucht, der Zorn, die Rache, der Neid, der Geiz, die Hoffart, die Hurerei und die Geringschätzung seines Nebenmenschen – das sind lauter Teufel, auf eigenem Grunde und Boden erzeugt! Darum sollet eben ihr keine so große Furcht vor dem Teufel haben und ihn auch nicht anklagen; aber euch selbst klaget in eurem Gewissen an, und bereuet es recht, und fasset den festen Entschluß, ganz andere Menschen zu werden, und werdet es dann auch!

[GEJ.06_010,13] Liebet Gott wahrhaft über alles und den armen Nächsten wie euch selbst, so werden euch auch eure vielen und großen Sünden vergeben werden! Denn so ein Mensch die Sünde nicht völlig verläßt, so kann sie ihm auch nicht erlassen werden. Denn die Sünde ist ja des Menschen eigenstes Werk, weil sie hervorgeht aus seinem Fleische und aus dem Willen seiner Seele.

[GEJ.06_010,14] Die guten Werke nach dem Willen und nach dem Worte Gottes sind und bleiben eigentlich, wenn der Mensch sie auch tut aus freier Selbstbestimmung, eine Gnade von oben, ein Verdienst des Geistes Gottes im Menschenherzen, und der Mensch wird dessen teilhaftig eben durch die Gnade Gottes. – Nun wisset ihr, wie die Sachen stehen. Ihr seid frei und könnet tun, was ihr wollet!"

 

11. Kapitel

[GEJ.06_011,01] Sagte der Jude: „O Herr, verlasse nur Du uns in dieser Welt nimmer, – dann sind wir alle geborgen! Freilich, wohl zählt der Tempel noch bei siebenhundert, die uns gleichen; aber die sind noch um vieles verhärteter denn wir, – die mögen für sich sorgen, wie es ihnen ergehen wird! Wir werden aber schon morgen unsere Sachen nehmen und unseren Überfluß an die Armen verteilen. Dann ziehen wir ein anderes Gewand an und werden Dir nachfolgen, – und solltest Du uns auch mit Blitz und Donner zurücktreiben! Haben wir erst Deinen Willen vollends erkannt, dann werden wir auch als alte Juden zeigen, daß sich auch alte Bäume noch ganz gut biegen lassen. Wir haben nun gesehen, daß es außer Dir, o Herr, kein Heil und kein Leben geben kann; darum soll uns von Dir, o Herr, auch ewig nichts mehr abwendig machen!

[GEJ.06_011,02] Siehe, o Herr, wir waren im Grunde uranfänglich so grundböse nicht; denn wir suchten im Tempel nur die Urwahrheit, als wir uns demselben einverleiben ließen! Aber was gab es da? Nichts als tiefe Geheimnisse über Geheimnisse! Fragten wir jemand um ein Licht, so hieß es: ,Ihr braucht nichts denn allein den Glauben! Was euch der Tempel zum Glauben vorstellt, das glaubet ungezweifelt, und käme es euch noch so widersinnig, unvernünftig und unnatürlich vor; denn der Hohepriester hat allein den Schlüssel zu den Geheimnissen Gottes, und das genüge euch! Er allein opfert für euch und für das ganze Volk!‘ Nun, das waren so recht anziehende Worte, die aber leider durch die traurige Geschichte mit dem Hohenpriester Zacharias für unser Gemüt einen gar sehr bedeutenden Stoß erlitten haben; denn darauf sahen wir es bei uns erst so recht fest ein, daß an Moses, an allen Propheten und an der ganzen Schrift aber schon gar nichts sein könne. Denn wäre da irgend etwas daran, so könnten unsere Vorgesetzten unmöglich gar so gewissenlos handeln!

[GEJ.06_011,03] Da wir uns denn doch also überzeugt hatten, daß an der Schrift auf solche Weise nicht ein sterbenswahres Wörtlein hängt, da erst entzügelten denn auch wir alle unsere argen Leidenschaften und wurden im Grunde dann ärger denn eine ganze Legion der ärgsten Teufel. Denn diese weichen vor dem Namen des Allerhöchsten; wir aber wichen nicht, sondern wurden darauf noch erboster und boshafter. Siehe, Du allweisester, allgütigster und gerechtester Herr und Meister, da wir eigentlich denn doch nur zuallermeist durch unsere Vorgesetzten in diesen Zustand, in welchem wir uns nun befinden, versetzt worden sind durch ihre bösen Beispiele, so erhoffen wir von Dir um so mehr die Vergebung unserer Sünden, als wir alle nun den festesten Vorsatz gefaßt haben, alle Sünde zu verabscheuen und rein nach Deiner Lehre zu leben, – und sollte es selbst dies unser irdisches Leben kosten!"

[GEJ.06_011,04] Sagte Ich: „Gut denn; es sollen euch denn nun alle eure Sünden erlassen sein, – aber nur auf so lange, als keiner von euch je wieder eine Sünde begeht! So ihr aber im Ernste Mir als Jünger nachfolgen wollet, da machet es im Tempel klug, auf daß es die schlauen Füchse nicht merken, was ihr im Sinne habt! Denn Meine Zeit ist noch nicht da, in der Ich Mich der Sünden der Welt wegen will von den argen Füchsen verfolgen lassen; denn es muß auch noch das geschehen, auf daß ihr Maß voll werde. – Jetzt aber habet acht darauf, was da nun kommen wird, und nehmet es euch alle wohl zu Herzen!"

 

12. Kapitel

[GEJ.06_012,01] Hierauf erhob sich ein großer und starker Wind, und im Osten stiegen schwere und wie glühend aussehende Wolken auf. Diese Erscheinung fiel allen um so mehr auf, als sie hier zu den großen Seltenheiten gehörte. Man sah nun auch schon eine Menge Blitze in dem schweren Gewölke hin und her und auf und ab fahren und vernahm auch ein fernes, aber gewaltiges Rollen des Donners.

[GEJ.06_012,02] Da wurde allen ein wenig ängstlich zumute, und Lazarus sagte zu Mir: „Herr, siehe das starke Gewitter! Es scheint die Richtung gerade gegen uns her nehmen zu wollen! Wie wäre es denn, so wir etwa doch lieber ins Haus gingen; denn solche Nachtgewitter sind oft sehr böse!"

[GEJ.06_012,03] Sagte Ich: „Sei ruhig, Lazarus; denn dies Gewitter käme ohne Meinen Willen nicht! Warum Ich es aber kommen lasse, das wirst du nachher schon erfahren."

[GEJ.06_012,04] Auf das ward Lazarus ruhig; aber die Juden, als das Gewitter stets näher und näher kam, fingen an, zaghaft zu werden und heimlich die Jünger zu fragen, ob Ich Mich denn vor dem starken, schnell herannahenden Gewitter wohl nicht scheuete.

[GEJ.06_012,05] Die Jünger aber sagten: „Er ist auch ein Herr über die Stürme und Gewitter, und alle Elemente müssen gehorchen Seinem Willen; darum brauchen wir uns in Seiner Gegenwart vor keinem Gewitter zu fürchten."

[GEJ.06_012,06] Die Juden nahmen diesen Trost gut auf und wurden ruhiger. Aber die zwanzig Judenpriester wurden ganz entsetzlich unruhig und voll Furcht, besonders als ein Blitz mit großem Gekrache dem andern in jedem Augenblicke folgte. Sie erhoben sich von ihren Sitzen, traten zu Mir hin und sagten: „Herr, dem alle Dinge möglich sind, gebiete doch dem argen Gewitter, sonst gehen wir alle übel zugrunde; denn das ist ein böses Gewitter! Wir haben in unserem ganzen Leben nur drei solche erlebt, und da sind an einem gleichen Spätabende viele Menschen und Tiere dabei ums Leben gekommen. Es hat damals, so wie jetzt, Blitze und Donnerkeile geregnet, und wer getroffen ward, der war auch schon ein Kind des Todes. Nur die, die sich in die gut gebauten Häuser flüchteten, blieben am Leben. Besonders heftig war das große Gewitter vor zwanzig Jahren in Damaskus. Wer da im Freien war, der kam schwerlich mit dem Leben davon. Darum wäre es auch vielleicht hier besser, so wir uns dennoch ins Haus begäben; denn hier kann es uns allen gar sehr übel ergehen, so das böse Gewitter über uns zu stehen kommen wird. Auch der Wind wird nun schon so heftig, daß man ihn wohl kaum mehr ertragen kann!"

[GEJ.06_012,07] Sagte Ich: „Lasset das, denn auch in diesem Gewitter sollet ihr die Kraft und Macht Gottes im Menschensohne kennenlernen!"

[GEJ.06_012,08] Als Ich solches kaum ausgesprochen hatte, da stand das Gewitter, weithin nach allen Seiten ausgedehnt, gerade über uns, und tausend Blitze entfuhren in jedem Augenblick dem schweren Gewölk. Mehrere schlugen ringsherum mit großem Gekrache in den Hügel.

[GEJ.06_012,09] Da fingen die Juden ganz gewaltig zu schreien an: „O Herr, hilf uns, sonst sind wir alle verloren!"

[GEJ.06_012,10] Ich aber sagte: „Hat denn jemanden schon ein Blitz getroffen, daß ihr gar so schreiet?! Die bei Mir sind, denen droht keine Gefahr. Lernet aber nun die Macht des Vaters im Sohne kennen; denn dieses Gewitter ist auch ein Gericht und stehet in Meiner Macht! Ich habe es hervorgerufen und kann es auch wieder vergehen lassen, wann und wie Ich es will. Für euch, ihr zwanzig Priester, aber ist es ein Symbol eures Gemütes; denn geradeso hat es vor kaum noch drei Stunden in euren Herzen ausgesehen und ärger noch, als es jetzt da über uns aussieht.

[GEJ.06_012,11] Doch – glaubet es Mir – ist es Mir ein leichteres, diesem Gewitter zu gebieten, daß es verstumme samt dem starken Sturmwinde, als zu gebieten eurem Herzen mit seinen bösen Leidenschaften! Da hat es viel Redens und großer Zeichen benötigt, um eures innern Ungewitters Meister zu werden; bei diesem losen und heftigsten Gewitter bedarf es bloß eines Wortes, und es wird nicht mehr da sein!

[GEJ.06_012,12] Aber wie nach der Vertreibung eures innern bösesten Ungewitters euch Meine Gnade zu leuchten begann, so soll auch hier nach der Vertreibung dieses bösen Ungewitters dasselbe symbolisch am Firmamente ersichtlich werden. Sehet, es ist bereits eine große Anzahl Blitze dem schweren und weithin ausgebreiteten Gewölk entfahren, aber es hat solche Anzahl noch lange nicht die Zahl eurer Sünden erreicht! Hieraus könnet ihr nun wieder ersehen, wie ihr beschaffen waret! Ich müßte das Gewitter noch eine volle Stunde währen lassen, um die Anzahl der Blitze mit der Zahl eurer Sünden auszufüllen; aber es hätte solches für euer Inneres weiter keinen Wert, und so lassen wir denn dies euch alle nun schon sehr beängstigende Gewitter vergehen! Und so gebiete Ich dir, du Ungetüm, daß du dich auflösest und vergehest! Amen."

[GEJ.06_012,13] Im Augenblick verstummte das Gewitter samt dem Sturmwind, das Gewölk verrann, die Sterne erglänzten in ihrer alten Pracht und Majestät, und gerade über uns leuchtete ein großer Stern, der allen fremd war.

 

13. Kapitel

[GEJ.06_013,01] Da fragte Lazarus: „Herr, es ist das ein fremder Stern, den ich zuvor noch niemals gesehen habe! Was ist das für ein Stern, und was hat er zu bedeuten?"

[GEJ.06_013,02] Sagte Ich: „Sei du nur ruhig; denn ihr alle werdet diesen Stern bald näher kennenlernen!"

[GEJ.06_013,03] Hierauf öffnete Ich allen Anwesenden auf einige Augenblicke die innere Sehe, und der Stern ward zu einer Welt voll Lichtes, und in seiner Mitte stand ein neues Jerusalem, das zwölf Tore hatte, und die Ringmauern im Viereck waren aus ebenso vielen Gattungen von Edelsteinen erbaut, als wie viele Tore die Stadt hatte. Durch alle Tore gingen Engel aus und ein; auch zeigten sich abermals Moses und Elias und viele andere Propheten. Da staunten die Juden darob über alle Maßen und fingen an, Mich zu loben und zu preisen, dieweil Ich ihnen so große Gnaden erwiesen und gezeigt habe. Ich aber rief sie wieder in ihren natürlichen Zustand zurück, und sie sahen wieder nur den hellen Stern, der sich nach und nach, stets kleiner werdend, gänzlich verlor.

[GEJ.06_013,04] Als sonach die ganze Szene zu Ende war, da fragten Mich beinahe alle auf einmal, was wohl das gewesen wäre.

[GEJ.06_013,05] Sagte Ich: „Da war zu sehen diese Meine neue Lehre, die Ich euch aus den Himmeln gebe! Sie ist das wahre, neue Jerusalem aus den Himmeln; denn das alte, irdische ist nichts nütze mehr. Die zwölf Tore bezeichnen die wahren zwölf Stämme Israels, und die zwölf Edelsteingattungen der Ringmauern bezeichnen die zehn Gesetze Mosis, und die obersten zwei Reihen als Diamant und Rubin bezeichnen Meine zwei Gebote der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Die Engel, die bei den Toren aus und ein gingen, bezeichneten die vielen Wahrheiten, die den Menschen offenbar werden durch die getreue Beachtung Meiner Lehre. Die aus der Stadt Wandelnden zeigten an die große Weisheit dieser Meiner Lehre, und die vielen in die Stadt Wandelnden bezeichneten, wie die Menschen diese Meine Lehre als pur Liebe auch in ihre Herzen sollen eingehen lassen und danach handeln, so werden sie dadurch zur wahren Wiedergeburt im Geiste gelangen und dadurch in alle Wahrheit und Weisheit geleitet werden.

[GEJ.06_013,06] Das ist die Bedeutung dieser Erscheinung, und das ist denn auch die wahre Gnadensonne für jeden, der Mein Wort hört und danach lebt, und in dieser werden auch alle, die an Mich glauben und glauben werden, für ewig bei Mir sein und wohnen und mit Mir leiten und führen alles, was da geschaffen ist im ewigen Raume.

[GEJ.06_013,07] Dieses verstehet ihr jetzt zwar noch nicht und könnet es auch nicht verstehen; aber so ihr bleibet im Glauben an Mich und tut nach dieser Meiner Lehre, so werdet ihr in eurer Glaubens- und Liebereife getauft werden vom Heiligen Geiste, den Ich allen senden werde, die lebendig an Mich glauben und an Den, der Mich aus Sich im Fleische als einen Menschensohn in diese Welt gesandt hat; denn das ist das eigentliche wahre, ewige Leben, daß ihr an Mich als an den wahrhaftigen Sohn des Vaters im Himmel glaubet und lebet nach Seiner Lehre.

[GEJ.06_013,08] So aber der Geist, von dem Ich nun zu euch geredet habe, zu euch kommen und euch durchdringen wird, dann werdet ihr aus euch selbst alles begreifen, was ihr nun alles sehet und höret, aber nun in eurer puren Naturmäßigkeit nicht begreifen könnet; denn das Fleisch kann den Geist nicht fassen und ist in sich ohnehin tot und hat kein anderes Leben als allein nur das zeitweilige Mitleben aus der Lebenskraft der Seele, die mit dem Geiste verwandt ist und ihm ganz ähnlich und eins mit ihm werden kann, so sie sich von der Welt ganz abwendet und ihre Sinne allein dem Innersten, Geistigen zuwendet nach der Ordnung und Weise, wie es euch zeigt Meine Lehre und Mein höchsteigenes Beispiel.

[GEJ.06_013,09] Darum suche ein jeder von euch, seine Seele durch ihre eigene Kraft zu retten; denn so sie ins Gericht kommt, wird sie sich dann wohl retten können ohne Mittel dazu, so sie hier mit so vielen Mitteln, die ihr zu Gebote stehen, sich nicht retten kann, ohne zu bedenken, daß sie sich selbst ein unschätzbares Gut sein sollte, das, so es verlorengeht, aus sich mit nichts wieder erkauft oder erworben werden kann?!

[GEJ.06_013,10] Jeder suche daher vor allem zu retten seine Seele! Denn Ich sage es allen, daß es jenseits also sein wird: Wer da hat die Liebe, die Wahrheit und also die rechte Ordnung Gottes in sich, dem wird dort alsogleich noch gar vieles hinzugegeben werden; wer aber das nicht hat oder viel zuwenig hat, dem wird auch noch das, was er allenfalls noch hat, genommen werden, auf daß er dann gar nichts habe und nackt, mittellos und somit ohne Hilfe dastehe. Wer wird sich da seiner erbarmen und für ihn geben eine Löse?! Wahrlich, sage Ich euch: Hier zählt eine Stunde mehr denn dort tausend Jahre! – Diese Worte schreibet euch tief ins Herz; aber vorderhand behalte sie ein jeder bei sich!"

 

14. Kapitel

[GEJ.06_014,01] Sagte ein Jude aus dem Priesterstande: „O Herr, Du bist allzeit wunderbar, voll Liebe, Erbarmung, Gerechtigkeit und Weisheit, und was Du sagst oder auch nur bloß denkst, das ist schon unwiderruflich für ewig eine vollbrachte Tat, und es kann darum ein Mensch schwer mit Dir reden! Aber dessenungeachtet will ich denn doch der Brüder wegen ein Wort mit Dir reden; wolle mich also gnädigst anhören! Siehe, o Herr, wer den Weg genau kennt, der zu einem erwiesen sicheren Ziele führt, das dem Wanderer auch erwiesen den größten Lebensvorteil geben kann und muß, so er nur das Ziel erreicht, der wird auch ganz sicher nichts anderes tun, als auf dem wohlbekannten Wege das Ziel verfolgen und auch sicher erreichen; nur ein ganz blinder Narr könnte daneben aus purster Dummheit und gänzlicher Unkunde einen andern Weg einschlagen.

[GEJ.06_014,02] Nun, wir kennen jetzt den Weg und das Ziel und können darum denn auch leicht aller Welt und ihren Lockungen den Rücken zukehren und als wahre Helden über Dornen und Schlangen sogar auf diesem Wege das wahre und sichere Lebensziel verfolgen; selbst gegen ein Heer von Teufeln würden wir nun kämpfen und unaufhaltsam dem Ziele nachstreben! Ja, wir alle haben es nun leicht; denn wir haben es nicht nur gehört, sondern auch gesehen und mit allen unseren Sinnen empfunden, daß es also ist und ewiglich nicht anders sein kann. Aber wie viele sind unser hier, denen von Dir diese unbegreifliche Gnade zuteil ward?!

[GEJ.06_014,03] Was ist aber mit den zahllos vielen anderen Menschen, die seit Adam überall zerstreut auf dieser Erde ungemessen weitem Boden in aller Geistesfinsternis gelebt haben, jetzt leben und noch leben werden? Wer wird denen die Augen öffnen, und wer ihre Seelen jenseits erlösen? Selbst wir Juden und – sage – Priester als Lehrer und Führer des Volkes haben wohl Moses und die Propheten; aber was nützten sie uns? Wo lagen die Beweise, daß sie wirklich einmal da waren? Bloß nur im blinden Glauben! Denn die gewissenhaftest Frommen starben vor unseren Augen nicht selten eines gar bittern und schmählichen Todes, und nie kam jemandes noch so fromm Verstorbenen Seele zurück und gab uns über das Jenseits irgendeinen Aufschluß. Alles, was wir davon wußten, war nur eine dunkle, unverständige und mit den besseren Grundsätzen der Vernunft ganz entsetzlich kontrastierende Mythe, mit der man halbwegs nur den ungebildetsten Pöbel noch im Zaume halten konnte.

[GEJ.06_014,04] Was Wunder, daß wir und gar viele mit den griechischen Weisen Bekanntschaft machten und dann zwar das Judentum predigten, selbst aber als Epikureer lebten! Denn der Mensch hat einmal einen unverlöschbaren Trieb nach einer Seligkeit und wenigstens halbwegigen Zufriedenheit; von einer ewigen, jenseitigen konnten wir uns auf keine Art und Weise nur irgendeine noch so geringe Wahrscheinlichkeit verschaffen und noch weniger irgendeinen sichern und haltbaren Beweis. Wir waren gesunde und rüstige Leute, die Welt lag evident mit allen ihren Freuden und Üppigkeiten vor uns; es ist da ja augenscheinlich, daß wir da nicht Säumens machten, danach zu gieren und zu greifen! Denn warum sollten wir uns für unsere Mühe, das Volk mit allen Mitteln in den blinden Glauben an Gott und Unsterblichkeit ordentlich hineinzulügen und -zubetrügen, nicht auch eine Seligkeit bereiten, da wir für die jenseitige doch, wie schon gesagt, nirgends einen Beweis ausfindig machen konnten?!

[GEJ.06_014,05] Siehe, o Herr, das war unsere Geheimlehre für uns, nahe ganz ähnlich der der Essäer, obwohl wir aus bekannten Gründen keine Gemeinschaft mit ihnen unterhielten! Wir verfolgten auch die Sadduzäer wegen ihres Zynismus, aber nicht um unser selbst willen, sondern des gläubigen Volkes wegen; denn wäre das Volk zur Sekte der Sadduzäer übergegangen, so hätte dann unsere irdische Glückseligkeit bald ihr Ende erreicht. Jetzt aber, da wir endlich einmal die überzeugendsten Beweise über das Jenseits durch Deine pure Gnade erhalten haben, da ist uns freilich alles Irdische nun zu einem wahren Ekel geworden! Aber was geschieht mit den andern, die diese Gnade nicht hatten und auch schwerlich je haben werden?"

[GEJ.06_014,06] Sagte Ich: „Darum habt ihr euch nicht zu kümmern! Sorget ihr vorderhand nur für euch, für alle andern wird noch hinreichend gesorgt werden! Wer dann, euch gleich, will, der wird so wie ihr gerettet sein; wer aber dann nicht wollen wird, der wird es sich selbst zuschreiben müssen, so er verlorengeht.

[GEJ.06_014,07] Denn eine jede Seele wird auch jenseits fortleben ganz aus ihrer Liebe und aus ihrem Glauben und daraus nach der vollen Freiheit ihres Willens. Ist die Liebe rein und gut, so wird auch ihr jenseitiges Leben ein reines, gutes und seliges sein; ist aber ihre Liebe schlecht und unrein und für keinen Nebenmenschen eine Seligkeit bereitend, so wird auch ihr jenseitiges Leben ein unreines, schlechtes und seligkeitsloses sein.

[GEJ.06_014,08] Einer Seele aber ihre Liebe nehmen und ihr eine andere geben, hieße sie vernichten und an ihrer Stelle eine ganz andere Seele schaffen. Das aber wäre wider die ewige, göttliche Ordnung; denn was Gott einmal ins Dasein gerufen hat, das kann nicht mehr vergehen, sondern nur stets in ein Edleres und Besseres übergehen. Es wird demnach auch jenseits für solche verlorenen Seelen gesorgt werden; aber das sage Ich, wie Ich schon früher gesagt habe: Hier ist eine Stunde besser denn dort tausend Jahre!

[GEJ.06_014,09] Allein darum geschieht keiner Seele ein Unrecht; denn so man einer Seele ihre Liebe und ihren Willen unbeschadet beläßt und sie nur insoweit von den andern abscheidet, daß sie den Guten nicht schaden kann, übrigens aber in ihrer ihr ganz entsprechenden Geisterweltsphäre tun kann, was sie will ihrer Lebensliebe und Intelligenz zufolge, so tut man da sicher keiner Seele ein auch nur scheinbares Unrecht.

[GEJ.06_014,10] So wie ihr nun bisher gelebt habt, so leben auch alle bösen Teufelsseelen in der Hölle, deren arges Feuer eben ihre böse, nie zu sättigende Selbstliebe und Herrschsucht ist, und ihr saget es selbst, daß es euch dabei ganz gut ergangen ist. Aber dennoch nagte an jedem Tage mehr und mehr der Wurm des Todes in euch und verbitterte euch unsäglich das Dasein! Was hattet ihr dann von eurem Wohlleben?!

[GEJ.06_014,11] Und so wird es jenseits vielen gar lange gehen, woran aber nur sie allein schuld sind. Denn sie werden dort nicht einmal, sondern gar oftmals die Schrecken des Todes zu erdulden haben, was aber auch sein muß; denn ohne diesen wäre jede solche Seele wahrlich für ewig ganz verloren.

[GEJ.06_014,12] Für heute wisset ihr genug, und da es nun bald um die Mitternacht ist, so wollen wir denn nun ins Haus gehen und dort Ruhe nehmen. Was der morgige Tag alles bringen wird, das werden wir sehen, und so gehen wir!"

[GEJ.06_014,13] Hier verließen wir alle den Hügel und begaben uns ins Haus, wo schon für unsere Ruhe bestens gesorgt war. Die Juden aber hatten ein eigenes, großes Gemach. Da saßen sie um die Tische und besprachen sich beinahe die ganze Nacht, was sie tun wollten, um vom Tempel los zu werden. Das sicherste Mittel fanden sie im Sich-Auskaufen. Dann ward Ruhe auch bei ihnen.

 

15. Kapitel

[GEJ.06_015,01] Am Morgen noch vor dem Aufgange waren wir, das heißt Ich, die Jünger, unser Wirt und Lazarus mit dem ganzen Hause schon auf den Füßen. Des Lazarus Schwester Martha war mit ihren Helferinnen schon auf das emsigste beschäftigt, um uns ein reichliches und gutes Morgenmahl zu bereiten; Maria aber ging mit uns ins Freie und war nur Aug und Ohr wie immer, um von Mir etwas für ihr Herz und ihre Seele zu erbeuten.

[GEJ.06_015,02] Als wir schon bei einer Stunde lang im Freien umhergewandelt waren, da wurden erst die Juden wach, wuschen sich nach ihrer Sitte und fragten dann eiligst, ob Ich noch schliefe.

[GEJ.06_015,03] Martha aber sagte: „Oh, der Herr ist schon vor einer Stunde mit Seinen Jüngern, mit meinem Bruder, meiner Schwester und dem Wirte hinaus ins Freie gegangen und wird wahrscheinlich bald wieder zurückkehren, weil das Morgenmahl auch bald bereitet sein wird!"

[GEJ.06_015,04] Sagte ein Priester: „Wohin hat Er Sich gewendet, auf daß wir Ihm nacheileten und Ihm die Nachricht brächten von dem bereiteten Morgenmahle?"

[GEJ.06_015,05] Sagte Martha: „Oh, dessen hat's beim Herrn wohl nicht vonnöten; denn Er weiß es um den Augenblick, in welchem das Morgenmahl bereitet sein wird!"

[GEJ.06_015,06] Als die Juden solches vernahmen, fragte einer von ihnen die Martha, sagend: „Also mußt du Ihn wohl schon länger kennen, weil du mit Seinen unverkennbar göttlichen Eigenschaften schon so sehr vertraut bist?"

[GEJ.06_015,07] Sagte Martha: „Ich kenne Ihn wohl seit einer geraumen Zeit; aber es ist eben nicht sehr löblich von euch, daß ihr Ihn bis jetzt noch nicht erkannt habt!"

[GEJ.06_015,08] Sagten die Juden: „Jawohl, jawohl, dieser dein Vorwurf trifft uns ganz gerecht, und wir bedauern es nun selbst, daß wir in unserem Weltgetümmel uns noch nie näher nach Ihm erkundigt haben, obwohl wir schon so manches von Seinem Treiben aus Galiläa erfahren haben. Auch kommt es uns vor, daß Er auch am Osterfeste hier in Jerusalem war und merkwürdigermaßen alle Käufer und Verkäufer aus dem Tempel trieb und den Wechslern und Krämern ihre Buden umstieß!"

[GEJ.06_015,09] Sagte Martha: „Ja, ja, Er ist Derselbe, aber damals waren eure Augen noch sehr geblendet und eure Ohren und Herzen verstopft; darum habt ihr Ihn nicht erkannt!"

[GEJ.06_015,10] Sagten die Juden: „Jawohl, jawohl, du hast recht; aber da wir Ihn nun erkannt haben, so werden wenigstens wir zwanzig gar nicht mehr von Seiner Seite weichen, und wir haben uns fest vorgenommen, in anderen Kleidern als Jünger mit Ihm zu ziehen, auf daß uns die Templer und andere überall zerstreute Judenpriester, Pharisäer und Schriftgelehrte nicht vorwerfen können, als hätten auch wir Tempelpriester uns von Ihm als einem Neusektenstifter und Volksverführer verleiten lassen. Wir wollen hernach gleich nach Jerusalem ziehen und uns auskaufen zu einer vorgeschützten Reise nach Persien und Indien, was uns gerne und nur zu gerne gewährt werden wird. Haben wir das in wenigen Stunden abgemacht, dann kommen wir noch heute wieder und werden Ihm als Seine Schüler auf unsere Unkosten überallhin nachfolgen."

[GEJ.06_015,11] Sagte Martha: „Das ist von euch ein ganz löblicher Entschluß und wird euch Seine Segnungen bringen! Aber sehet nur hinaus; Er kommt schon, dieweil ich völlig fertig bin mit der Bereitung des Mahles, und wir wollen Ihn mit der Ihm allein gebührenden höchsten Achtung und Liebe empfangen, Ihm noch einmal aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen danken für die gestrigen großen Tröstungen, die Er uns bereitet hat, und wollen Ihn dann bitten, daß Er gnädigst dieses Morgenmahl segnen und mit uns verzehren möchte!"

[GEJ.06_015,12] Während Martha noch also mit den Juden sprach, die sie ganz andächtig anhörten, trat Ich schon ins Zimmer ein und sagte: „Meine liebe Martha, dessen hat es mit dem Munde nicht vonnöten; wer es in seinem Herzen tut, der tut wohl und gut daran. Der Lippengruß kann dann da schon ganz füglich unterbleiben; denn Ich sehe nur allein auf das Herz und seine inneren Gedanken. Aber es haben bei dir schon auch deine Worte einen rechten Wert vor Mir, weil sie ganz genau aus deinem Herzen kommen."

[GEJ.06_015,13] Darüber war die Martha sehr beruhigt und wurde voll Fröhlichkeit.

[GEJ.06_015,14] Ich aber wandte Mich zu den Juden und sagte zu ihnen: „Ihr wollt also im Ernste Meine Jünger werden?"

[GEJ.06_015,15] Sagten nun gar alle, auch die Nichtpriester, die da nur ganz wohlhabende Bürger Jerusalems waren: „Ja, Herr, so Du uns nur für würdig hältst, Deine Jünger sein zu dürfen! Wir wollen sogar alles aufbieten, um desto ruhiger und sicherer auf allen Deinen Wegen und Stegen Dir, o Herr, folgen zu können!"

[GEJ.06_015,16] Sagte Ich: „Da tut ihr wohl daran; aber eines muß Ich euch bemerken, und das besteht darin: Seht, die Vögel der Luft haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher, aber Ich, als purer Menschensohn Meinem Leibe nach, besitze nicht einmal einen Stein, den Ich mir als Mein irdisches Eigentum unter Mein Haupt legen könnte!"

[GEJ.06_015,17] Sagten die Juden: „Darum ist dennoch der Himmel und die ganze Erde Dein Eigentum! Für diese Welt aber haben schon wir für Dich, für Deine Jünger und für uns genug auf zehn und noch mehrere Jahre! Laß uns nur mit Dir ziehen und vernehmen Deine Worte des Lebens, um alles andere werden wir uns nach Deinem Willen überall sorgen und kümmern!"

[GEJ.06_015,18] Sagte Ich: „Nun wohl denn, so gehet nach dem Mahle nach Hause, und bestellet eure Sachen gut! Dann kommet wieder, und Ich werde euch dann sagen, was wir dann tun und unternehmen werden! Nun aber zum Mahle!"

[GEJ.06_015,19] Darauf setzten sich alle zu den Tischen, sprachen ihre Danksagung und aßen und tranken dann gleich Mir.

 

16. Kapitel

[GEJ.06_016,01] Als das Mahl verzehrt war, dankten alle wieder, und die Juden begaben sich dann nach Jerusalem. Die Templer samt dem Hohenpriester machten anfangs freilich große Augen, als die zwanzig schon sehr bejahrten Priester vorgaben, nun eine weite Reise machen zu wollen; aber weil diese ihnen dafür viel Goldes und Silbers hinterließen, so willigten sie endlich doch ein und wünschten ihnen viel Glück auf die Reise. Die zwanzig empfahlen sich schnell und verliefen sich in der großen Stadt, daß man ihnen nicht so leicht nachspionieren konnte, welchen Weg sie eigentlich einschlugen. Sie kannten aber außerhalb der Stadt einen Griechen, der griechische Kleider stets in großem Vorrate hielt und damit Handel trieb. Zu dem gingen sie hin, kauften ihm griechische Kleider ab und ließen die ihrigen dort, was den Griechen sehr wundernahm, darum er sie aus Neugier denn doch ganz bedächtig zu fragen anfing, was denn diese Verkleidung etwa wohl zu bedeuten hätte.

[GEJ.06_016,02] Sie aber sagten (die Priester): „Freund, in diesen Kleidern läßt sich besser allerlei Handel treiben, und da dem Tempel nun von Jahr zu Jahr die früheren Einkünfte ausbleiben, so muß nun ein kluger Handel mit den auswärtigen Heidenvölkern das ersetzen."

[GEJ.06_016,03] Mit dieser Erklärung war unser Grieche ganz zufrieden, bekam sein Geld und dazu noch die ganz guten und teuren Priesterkleider, war damit ganz vollkommen zufrieden und sagte darauf kein Wort mehr. Nur haben ihm die zwanzig streng aufgetragen, davon gegen niemand je eine Erwähnung zu machen, da er dadurch in große Unannehmlichkeiten geraten könnte. Und der Grieche schwieg dann auch wie eine Mauer.

[GEJ.06_016,04] Die zwanzig aber begaben sich auf einem bedeutenden Umwege als Griechen wieder zu uns hin und kamen nachmittags bei uns an, etwa zwei Stunden nach dem Mittage. Als sie bei uns ankamen, als wir noch am Tische saßen und noch kaum unser Mittagsmahl verzehrt hatten, da wunderten sich Lazarus, der Wirt und auch Meine Jünger darüber, wie diese ihr Geschäft doch so bald abgemacht hatten.

[GEJ.06_016,05] Da sagte einer aus ihrer Mitte: „Ja, hochliebe Freunde, ums Geld geht bei uns alles sehr schnell; aber ohne Geld oder um zuwenig Geld heißt es warten, und das auf einer sehr langen Bank, und nachher geschieht dann auch blutwenig! Aber wir ließen hübsch viel Gold und Silber zurück, und unser Geschäft war darum auch leicht und bald abgemacht. Der Tempel trägt jetzt bei weitem nicht mehr das, was er einstens getragen hat, als die Samariter, die Sadduzäer und nun auch schon ein großer Teil der Essäer, die man im Anfange gar nicht beachtet hatte, von uns noch nicht getrennt waren, und so sind die Haupttempler nun schon recht froh, wenn sich von Zeit zu Zeit ihre inneren Kostgeher vermindern.

[GEJ.06_016,06] Wir kamen darum so ganz leicht durch; aber wir dachten wohl auch sehr daran, der Herr, der uns gestern unsere Bande wieder löste, werde uns nach Seinem heiligen Willen wohl behilflich sein, daß wir unser Vorhaben so anstandslos als möglich durchführen könnten. Und sehet, es ging gerade also, wie wir uns dachten, und daher auch unseren innersten Dank Dir, o Herr! Aber wo harren denn noch unsere Bürger? Es waren ihrer doch auch bei zwölf oder dreizehn! Können die bei ihren Familien denn nicht wenigstens so leicht abkommen, wie wir mit den Templern abgekommen sind?"

[GEJ.06_016,07] Sagte Ich: „So leicht nicht, dieweil sie Familienväter sind! Aber sie werden nicht lange auf sich warten lassen; denn es sind das wahre Ehrenmänner von Jerusalem, wie es deren wenige gibt. Aber nun setzet euch zu uns, und esset und trinket nun als Griechen, und seid heitern und fröhlichen Mutes!"

[GEJ.06_016,08] Da dankten die zwanzig Pseudogriechen, saßen zum Tische, allda wir saßen, und fingen mit aller Lust zu essen und zu trinken an und erzählten uns viele heitere Dinge aus dem gegenwärtigen Zustande des Tempels, von der neuen und falschen Bundeslade, weil die alte merkwürdigermaßen seit dem grausamen Tode des damaligen Hohen- und Oberpriesters Zacharias ihre ganz wunderbare Kraft gänzlich verloren habe. Die neue aber sei darum nun schon beinahe dreißig Jahre alt, und es sei mit ihr in diesem Zeitraume gar kein Wunder mehr verrichtet worden, und dennoch bete das dumme Volk die neue für die alte an.

[GEJ.06_016,09] Es ward auch viel über offenbare Aufhebung der Mosaischen Satzungen und An-ihre-Stelle-Setzung von neuen, allerwidersinnigsten Gesetzen, Strafen und Bußen geredet, und wie sich statt der früheren, wahren Wunder Gottes nun die indischen, persischen und ägyptischen breitmachten, aber mit wenig Glück, weil überall verkappte Essäer sie dem Volke dann bei Gelegenheit wieder auf eine ganz natürliche Art so erklärten, daß es selbst der dümmste Mensch am Ende ordentlich mit Händen greifen müsse, daß das ganze Wunder nichts als ein sogar plump und ungeschickt ausgeführter Betrug sei. Die Folge davon sei, daß der Tempel in seinem Ansehen von Tag zu Tag tiefer heruntersinke, was sie selbst nur zu gut gemerkt hätten. Denn was komme da heraus? Heute werde von einem Oberpriester ein einverstandener, gut bezahlter Blinder, der aber sonst so gut sieht wie unsereiner, vor dem Volke sehend gemacht, – in ein paar Tagen wirkten die Buben auf den Gassen und Straßen zu Dutzenden solche Wunder.

[GEJ.06_016,10] Sie hätten darum im Hohen Rate des Tempels das Petitum (Antrag) gestellt, daß man wegen der steten Profanation solcher Verrichtungen mit eben solchen Verrichtungen einen längeren Einhalt tun solle; denn dafür ließe sich ja doch irgendein vernünftiger und glaubbarer Grund ermitteln. Aber das sei alles zu tauben Ohren gesprochen worden. Wunder gewirkt müsse sein, wenigstens des gemeinen Volkes wegen, – dann aber schon oft im Tempel ausgelacht werden auch dazu! Was nütze da ein priesterliches Ansehen, eine ernste Miene und der falsche Aaronsstab, wenn das Wunderwerk an und für sich so dumm sei, daß das schon die gemeinsten Gassenbuben zu belachen anfangen?!

[GEJ.06_016,11] Und so in dieser Weise erzählten unsere Griechen noch so manches, worüber sich Lazarus, seine beiden Schwestern und mitunter sogar unser Wirt, der auf den Tempel schon lange nichts mehr hielt, zu wundern anfingen, und Lazarus, der noch so manche Stücke auf den Tempel hielt, sagte: „Nein, das hätte ich vom Tempel nicht geglaubt! Denn ich muß es offen gestehen, ich habe den Tempel noch stets als ein echter Jude besucht, und so eben nicht selten mich die Tempelherren besuchten, so konnte ich ihren guten Reden und Lehren gerade nichts anhaben und gestand mir selbst gegenüber oft, daß es sehr wünschenswert wäre, so die Menschen nach solchen Lehren lebten.

[GEJ.06_016,12] Aber nun bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Was nützen da Wort und Lehre, wenn sie eine pure Heuchelei sind und der fromm scheinende Lehrer bei sich selbst ein verächtlicher Halunke ist?! Solche Lehrer kommen mir gerade so vor wie nach einer guten, alten Fabel die Wölfe in Schafspelzen, die, weil sie die schnellbeinigen Schafe als offene Wölfe nur mühsam erhaschen konnten, sich dann mit Schafspelzen bekleideten, um mit weniger Mühe sie zu erhaschen und zu zerreißen. Na, das werde ich mir wenigstens geheim sehr zum guten Merkzeichen machen! – Was sagst denn Du, o Herr, dazu?"

 

17. Kapitel

[GEJ.06_017,01] Sagte Ich: „Meinst denn du, diese haben uns etwas Neues gesagt?! Oh, mitnichten! Das ist Mir schon sogar als einem Menschensohne sehr lange bekannt! Erinnerst du dich noch an Mein zwölftes Jahr, wo Ich als Knabe drei Tage hindurch mit den Pharisäern und Schriftgelehrten und Ältesten verkehrte?! Siehe, schon damals sah es im Tempel geradeso aus wie jetzt, und schon früher auch; aber es waren doch wenigstens einige würdige und wahrhaftige Nachfolger Mosis und Aarons wirklich aus dem Stamme Levi auf dem Stuhle Mosis und seines Bruders Aaron. Zacharias aber war der letzte, und jetzt sind im Tempel gleich schon alle Stämme vertreten, da sich ein jeder darin ein Amt nach Belieben ums Geld erkaufen kann.

[GEJ.06_017,02] Kurz und gut, Mein Haus – wie der Prophet sagt – haben sie zu einer Mördergrube gemacht, und daher ist darin kein Heil mehr zu suchen! Aber dennoch sage Ich euch allen: Die Lehren derer, die auf dem Stuhle Mosis und Aarons sitzen, wenn sie Gottes Wort predigen, möget ihr noch immer anhören; aber auf ihre argen Werke sehet nicht, und machet sie ihnen noch weniger nach, denn diese sind ein allerabscheulichster Betrug!

[GEJ.06_017,03] Daß sie aber nun so sind, wie sie sind, das ist das Gericht Gottes über sie, dieweil sie von Ihm abgewichen sind und sich gewendet haben zum Mammon, der nun ihr Gott ist. Wer weiß es nicht, daß früher die Erstlinge aus jeder Ehe im Tempel als Opfer Gott dem Herrn bis zu ihrem vierzehnten Jahre frei und bestens erzogen worden sind, und daß solche Erstlinge gar oft sichtbar von den Engeln des Himmels bedient und belehrt worden sind?"

[GEJ.06_017,04] Sagen alle: „Ja, das ist eine buchstäbliche Wahrheit!"

[GEJ.06_017,05] Rede Ich weiter: „Wo geschieht so etwas jetzt?"

[GEJ.06_017,06] Sagte ein Jude: „O ja, das geschieht jetzt auch noch, aber freilich auf eine ganz andere Art! Anstatt der Erstlinge als Opfer für Gott den Herrn nimmt der Tempel lieber das Geld; wer aber kein Geld hat, der kann den Erstling entweder selbst behalten ohne allen Anstand, und es werden um ein paar Groschen zum künftigen Wohle desselben etliche Gebete in den Gotteskasten hineingemurmelt, oder, wenn die Eltern des Erstlings sich als noch echtgläubige Juden auf die alte Satzung versteifen, so wird der Erstling wohl angenommen mit der vorgeschriebenen Zeremonie, aber sodann gleich irgendeiner Hebamme um ein geringes Geld übergeben. Wenn das Kind am Leben bleibt, so wird es dann als ein Dienstbote an irgendeinen Landmann ordentlich veräußert, wo es dann aufwächst ohne Lehre und Unterricht wie ein Tier, und verlangen es die Eltern dann nach dem zurückgelegten vierzehnten Jahre zurück, so wundern sie sich dann freilich nicht wenig, daß ihr Erstling im Tempel so wenig Gnade gefunden hat, und haben dann erst ihre rechte Not mit ihm.

[GEJ.06_017,07] Darum geben die Armen nun ihre Erstlinge auch gar nicht mehr in den Tempel, sondern halten sich lieber an die neue Satzung, von der wir früher geredet haben. Bei den Reichen ist es freilich anders; die werden wohl im Tempel, natürlich ums Geld, ganz ordentlich gepflegt und mit der Zeit auch zuweilen von Pseudoengeln besucht, bedient und auch mit einigen auswendig gelernten Schrifttexten unterwiesen, die aber die Engel ebensowenig verstehen wie ihre frommen Zöglinge."

[GEJ.06_017,08] Sagte Ich: „Nun ist's aber auch schon ganz gut mit diesen leider nur zu wahren Kundgaben; denn es kommen nun unsere Bürgerjuden, und wir wollen sie nicht über die Maßen ärgern. Sie wissen zwar auch manches, aber das alles natürlich nicht, und so wollen wir sie zum voraus nicht zu tief in die inneren, bösen Geheimnisse einweihen. Auch ihr alle redet nicht viel davon; denn sonst könntet ihr euch in große diesirdische Verlegenheiten stürzen, die dann auch eurer Seele Schaden bringen könnten! Denket vielmehr: ,Wir sind in unseren Herzen frei und haben das rechte Licht und den rechten Weg zum Leben gefunden!‘ Solange aber Ich sie noch dulde, damit ihr böses Maß voll werde, so lange duldet auch ihr sie, und haltet euch an ihre guten Lehren; von den schlechten aber wendet Augen und Ohren ab! Und nun genug von diesem Kapitel; denn unsere Bürger stehen schon an der Flur und haben auch noch nichts gegessen; darum sollen sie auch hier etwas zu essen und zu trinken bekommen."

 

18. Kapitel

[GEJ.06_018,01] Darauf eilten Martha und auch Maria sogleich in die Speisekammer, brachten Brot und Wein und gebratenes Hammelfleisch und setzten alles auf einen Nebentisch, weil an dem unsrigen kein Platz mehr war.

[GEJ.06_018,02] Als die Bürger mit großer Ehrfurcht zu uns ins Zimmer traten, da sagte Ich gleich ganz freundlich zu ihnen: „Lasset nun eure zu große Ehrfurcht fahren! Ihr seid hungrig und durstig, darum esset und trinket frohen Mutes! Sind doch die Kinder der Nacht, des Gerichtes und des Todes fröhlich bei ihren Schmäusen, – warum sollen da die Kinder des Lichtes und des Lebens in Gegenwart ihres himmlischen Vaters es nicht sein?! Denn Ich sage es euch: Wo Ich bin, da ist auch der Vater. Also seid alle fröhlich und heiter, und esset und trinket!"

[GEJ.06_018,03] Da dankten die Bürger, setzten sich und fingen an, recht wacker zu essen und zu trinken, und erzählten uns, wie sie sich auf eine Zeit von etlichen Monden von ihren Angehörigen ganz gut davongemacht hätten. Ich belobte sie darum und empfahl ihnen den rechten Mut und die rechte Ausharrung, ohnedem sie Mir mit wenig Erfolg nachfolgen würden. Sie versprachen das und hielten auch ihr Versprechen, wie es sich später einmal schon noch zeigen wird.

[GEJ.06_018,04] Während dieser Besprechung mit den Bürgern Jerusalems aber bemerkte heimlich die Martha dem Lazarus, sagend: „Du, Bruder, stelle dir vor: schon wieder ein Wunder! Wir haben gestern und heute für so viele Menschen doch hübsch was verbraucht, und siehe, es fehlt in unserer großen Speisekammer nicht nur nichts, sondern es ist nun von allem zehnmal mehr da, und in unserem großen und kleineren Weinkeller sind alle Schläuche voll Weines! Das kann niemand anders als nur allein der Herr in Seiner zu großen Güte und Liebe uns getan haben, und so hat Er nicht von uns Speise und Trank genommen, sondern wir alle speisten nur an Seinem Tische!"

[GEJ.06_018,05] Da ward Lazarus ordentlich verlegen und wußte nicht, was er darauf hätte erwidern sollen.

[GEJ.06_018,06] Ich aber merkte seine Verlegenheit und sagte auch ganz leise zu ihm: „Mache dir nur nichts daraus; denn siehe, wir wollen uns nahe den halben Winter so hübsch im stillen in dieser Gegend aufhalten, und da werden wir noch oft deine Gäste sein und bald wieder Gäste dieses Meines Wirtes! Es wird in dieser Winterszeit gar viele Kranke in diesen Gegenden um Jerusalem geben, und die werde Ich bei dieser Gelegenheit heilen, auf daß sie erfahren sollen, daß nun der gekommene Messias ihnen geholfen hat, und sie werden an Seinen Namen glauben.

[GEJ.06_018,07] Nach dem halben Winter werde Ich auf eine kurze Zeit den biedern Galiläer Kisjonah besuchen, darauf einige Tage vor dem Osterfeste wieder hierherkommen, aber noch vor dem Feste wieder nach Galiläa abgehen. Siehe, wir werden uns sonach recht lange bei dir aufhalten und auch recht viel brauchen; und darum segnete Ich also sehr deine Speisekammern und Weinkeller! Seid aber stille und saget niemandem etwas davon!"

[GEJ.06_018,08] Lazarus dankte Mir im stillen und beruhigte darauf seine Schwestern; und diese, als sie das vernahmen, wurden so sehr voll Freude, daß sie beinahe zu weinen anfingen und auf eine kurze Zeit ins Freie zu gehen genötigt waren, um sich da so recht ihrer Freudentränen entledigen zu können, ohne von jemandem bemerkt zu werden. Darauf kamen sie wieder zu uns und freuten sich mit uns. Als die Bürger sich denn auch gesättigt hatten, da dankten sie und erhoben sich von ihren Plätzen.

[GEJ.06_018,09] Ich aber sagte zu ihnen: „So ihr sonst nichts zu tun habt, da bleibet sitzen, und wir wollen miteinander fröhlich sein; zum zeitweiligen Traurigsein wird die Zeit noch früh genug kommen!

[GEJ.06_018,10] Meine Jünger dürfen keine Kopfhänger sein und nicht mit gleisnerischen und Frömmigkeit heuchelnden Gesichtern einhergehen, auf daß die Menschen glauben sollen, sie beträten nur noch mit den Füßen der Erde Boden, mit dem ganzen andern Leibe aber steckten sie schon ganz in den Himmeln und seien ganz erfüllt von dem Geiste Gottes, – sondern ihr müßt vor jedermann mit offenem und heiterem Gesichte einhergehen, damit ein jeder Mensch ein gutes Vertrauen zu euch fassen kann, und ihr werdet also viel des Segens aus den Himmeln unter den Menschen verbreiten.

[GEJ.06_018,11] Sehet, in Mir wohnt alle Fülle des wahrhaftigsten Geistes Gottes, und ihr habt Mich noch nie mit hängendem Kopfe und frömmelnden Augen einhergehen sehen, sondern Ich gehe offenen und ganz natürlichen Gesichtes einher, und Mein Weg ist stets ein gerader, und Ich bin mit Ehrlichen und Heiteren freundlich und heiter, und die Trauernden und Ängstlichen mache Ich fröhlich und mutig, und ihr müsset als Meine Jünger nach eurem höchst freien Willen ganz dasselbe sein!

[GEJ.06_018,12] Darum sage Ich euch allen noch einmal, daß ihr ganz freien Geistes sein und fröhlich und heiter durch die Welt gehen sollet, ohne an ihr zu hängen. Denn wie Ich Selbst nur darum in die Welt gekommen bin, um allen Menschen eine fröhliche und höchst beseligende Kunde aus den höchsten Himmeln zu überbringen, die jedermann den höchsten Trost derart geben muß, daß sogar ein größter Martertod ihn nicht unheiter stimmen wird – weil er es sieht und sehen muß, daß es für ihn keinen Tod mehr gibt und geben kann, und daß für ihn in Meinem ewigen Reiche weder diese Erde noch der ganze sichtbare Himmel je mehr verloren gehen kann, sondern daß er noch dazu eine große Herrschaft über gar vieles überkommen wird –, also werde auch Ich euch, wenn ihr tüchtig werdet im Geiste und in der Kraft Meiner Lehre, hinaussenden in Meinem Namen, allen Völkern der Erde zu überbringen diese frohe Kunde aus den Himmeln.

[GEJ.06_018,13] Wer wird aber eine so überfrohe Kunde mit einem traurigen, zaghaften, furchtsamen, ängstlichen und kopfhängerischen Gesichte überbringen wollen oder können? Daher weg für immer mit allem dem, und weg mit der übertriebenen Ehrfurcht selbst vor Mir; denn mit all dem würdet ihr nie fähig sein, zu etwas Großem berufen und erwählt zu werden, und noch weniger, etwas Wichtigstes und Größtes zu vollführen!

[GEJ.06_018,14] So ihr Mich liebet aus dem Grunde eurer Herzen, so genügt Mir das vollkommen; alles, was darüber ist, ist dumm, ist zu nichts nütze und macht aus dem Menschen, der Mein Ebenmaß ist, eine feige und zu nichts Großem brauchbare und taugliche Kreatur."

 

19. Kapitel

[GEJ.06_019,01] Sagte ein Bürger: „O Herr, das wäre also wohl schon alles recht, wenn wir nur in unserem ganzen Leben nie gesündigt hätten! Die Sünden brennen uns nun in unseren Herzen vor Dir, der Du unsere Herzen und Nieren durchschauest und heilig bist durch und durch, und wir sind aber gerade das Gegenteil! Daher ist es für uns schwer, nun so ganz heiter und fröhlich zu sein!"

[GEJ.06_019,02] Sage Ich: „Glaubt ihr denn, daß Ich das früher nicht gewußt habe, als Ich euch angenommen habe?! Ich aber habe euch eure Sünden vollkommen erlassen, dieweil ihr euch selbst von aller Sünde abgewendet habt und hinfort nimmer sündigen wollet und auch sicher nicht werdet, und so seid ihr keine Sünder mehr, sondern nun vollkommen frei von aller Sünde, und so meine Ich, daß ihr desto mehr Grund haben solltet, aus ganzem Herzen fröhlich zu sein!"

[GEJ.06_019,03] Sagte einer von den Bürgern: „Herr, was ist denn mit den Sündenflecken an der Seele? Denn wir haben gehört, daß, so jemand einmal gesündigt hat und ihm bei seiner Besserung durch Bußwerke die Sünde auch erlassen ward, an seiner Seele noch immer ein schwarzer Fleck haften bleibt, durch den sie gebrandmarkt wird dahin, daß ihr dann ob des Fleckes jede ganz reine Seele im andern Leben ausweicht und keine Gemeinschaft mit ihr pflegt, und daß eine solche befleckte Seele so lange nicht zur Anschauung Gottes gelangen kann, bis sie den Fleck im schlimmen Hadesfeuer (Scheol) ganz verloren hat."

[GEJ.06_019,04] Sagte Ich: „Ja, ja, der Fleck bleibt so lange an der Seele, bis der Mensch der Sünde völlig entsagt hat! Wer aber der Sünde vollernstlich darum entsagt hat, weil sie böse ist und den Menschen verdirbt und von Gott und von allem Guten und Wahren abwendet, der hat auch gar keinen Fleck mehr an seiner Seele und hat Scheols schlimmes Feuer gar nicht mehr zu fürchten. So ihr aber vor euren Seelensündenflecken so einen Respekt habt, wie möglich konntet ihr denn Mich anschauen, da ihr doch nun auch wisset, wer hinter Mir und eigentlich in Mir ist?! Sehet darum, wie schwach und albern ihr noch seid!

[GEJ.06_019,05] Ich sage es euch: So ihr Meine Jünger sein wollet, da müsset ihr euren alten Menschen ganz ausziehen wie ein altes Kleid und einen ganz neuen anziehen; denn Ich und die überaus zerlumpten und verrosteten Tempellehren dieser Zeit taugen durchaus nicht mehr füreinander. Dieses beachtet, und seid vernünftig, edel, heiter und voll guten Mutes!"

[GEJ.06_019,06] Diese Meine für sie sehr tröstliche Belehrung hatte auf unsere Bürger eine gute Wirkung gemacht, und sie griffen nun wacker zum Weine, wurden bald recht heiter und fingen auch bald eine Menge ganz heiterer Geschichten zu erzählen, und die Griechen fingen an, ihnen zu sekundieren, und so verging bis zum Untergange die Zeit.

[GEJ.06_019,07] Lazarus bekam bei dieser Gelegenheit auch so manches zu hören, was ihm einen ordentlichen Stoß versetzte, so daß er alle Achtung vor dem Tempel verlor und zu Mir im stillen sagte: „Herr, nun bin ich ganz vom Grunde aus geheilt, und meine Tempelbesuche werden stets seltener werden!"

[GEJ.06_019,08] Sagte Ich: „Da wirst du sehr recht tun; aber tue das mehr im Herzen denn mit der äußeren Tat, auf daß du dir bei den Füchsen keinen argen Verdacht an den Hals ziehest, dieweil du im Tempel bis jetzt noch in einem großen Ansehen stehst! Ein plötzliches Sichzurückziehen würde weder dir noch Meiner Sache zu irgendeinem Vorteile dienen, und Ich sehe ja nur auf den inneren Menschen; denn der äußere ist nichts nütze."

 

20. Kapitel

[GEJ.06_020,01] (Der Herr:) „Nun aber bringe du Mir einen Stein, so groß und so hart du irgendeinen hast und hereinbringen kannst, und Ich werde euch allen dann etwas zeigen!"

[GEJ.06_020,02] Hierauf erhob sich Lazarus schnell vom Sitze und brachte bald einen bei zehn Pfund schweren und sehr harten Quarzstein herein und legte ihn vor Mich hin auf den Tisch und sagte: „Herr, da ist ein äußerst harter Stein!"

[GEJ.06_020,03] Da sagte Ich: „Der ist ganz recht, weil er ebenso hart ist wie die Herzen der Templer zu Jerusalem und die alten Mauern des Tempels; den kann Ich nun ganz gut gebrauchen!"

[GEJ.06_020,04] Alle waren nun voll der gespanntesten Aufmerksamkeit, was Ich mit dem Steine machen werde.

[GEJ.06_020,05] Ich aber sagte: „Höret! Wir sind heute als am Nachsabbat recht heiter und fröhlich beisammen, und warum sollten wir es auch nicht sein?! Denn ihr habt Mich begriffen und erkannt, wennschon mit mancher Mühe und Opferbringung, und so habe denn auch Ich euch anerkannt! Ihr seid alles Gerichtes dadurch losgeworden, dieweil ihr euch selbst zum allein Wahren und Guten gerichtet habt durch euren schließlich ganz freien Willen. Und so kann Ich euch nun weiter, ganz unbeschadet eurer freien Erkenntnis und eures freien Willens, hier ein Zeichen Meiner inneren Göttlichkeit wohl schon geben, und so habt denn nun auf alles gar wohl acht! Was meinet ihr wohl, was da leichter wäre: entweder diesen Stein bloß durch Meinen Willen in einem Augenblicke zunichte zu machen – oder den Tempel samt allem, tot und lebend, was immer darin ist, auf dieselbe Weise zu vernichten? Prüfet noch zuvor den Stein, auf daß da niemand sage, er sei schon irgend zuvor dafür vorgerichtet worden!"

[GEJ.06_020,06] Da sagten alle: „O Herr, das tut hier nicht not; denn diesen Stein kennen wir schon lange! Er ist aus dem Flusse Jordan von einem Fischer wegen seiner schönen, runden Form hierher gebracht worden."

[GEJ.06_020,07] Sagte Ich: „Nun gut; saget denn, was für Mich da leichter wäre: diesen Stein – oder den Tempel zu vernichten!"

[GEJ.06_020,08] Sagte einer von den – nun Griechen: „Herr, wir meinen, daß Dir das ziemlich einerlei sein dürfte; denn uns kommt eines wie das andere für eine pur menschliche Kraft gleich unmöglich vor! Wir haben zwar zu verschiedenen Malen von ägyptischen Magiern auch Steine verschwinden machen sehen; aber da wurden wir bald inne, wie die Sache vor sich ging, als wir dieselben Steine darauf wieder zu sehen bekamen, und es dauerte auch gar nicht lange, daß wir ganz dasselbe mit vielem Geschicke nachmachten und uns dann, uns selbst gegenseitig auslachend, fragten, wie es nur möglich war, daß wir anfangs selbst daran glaubten, daß das ein wahres Wunder sei.

[GEJ.06_020,09] Aber das hier ist etwas ganz himmelhoch anderes! Das ist ein wirklicher Stein und ein härtester, der nur immer irgend bei uns vorkommt. Die Griechen verstehen zwar die Kunst, diesen Stein im Feuer zu schmelzen und das kostbare Glas daraus zu bereiten, was vor ihnen zu den Zeiten der ersten Pharaonen schon die Phönizier verstanden haben sollen, – aber da wird aus dem Steine nur eine veränderte Materie. Aber solchen Stein bloß durch den puren Willen gänzlich zu vernichten, dazu gehört eine göttliche Kraft, von der wir schwachen Menschen uns nie einen wahren und klaren Begriff werden zu machen imstande sein!"

[GEJ.06_020,10] Sagte Ich: „Also – gut! Gebet nun alle wohl acht, daß Ich den Stein nicht anrühre, sondern bloß zu ihm sage: Werde zunichte, du altes Gericht!"

[GEJ.06_020,11] Als Ich solches ausgesprochen hatte, da war in demselben Augenblick von dem Steine keine Spur mehr vorhanden.

[GEJ.06_020,12] Da schlugen alle die Hände über den Köpfen zusammen und schrien förmlich: „Ja, ja, das kann nur einer rein göttlichen Kraft möglich sein! So etwas ist noch nie erhört worden!"

[GEJ.06_020,13] Sagte Ich: „So, wie nun dieser Stein bloß durch Meinen Willen aufgelöst wurde in seine Urelemente, ebenso könnte Ich es mit dem Tempel, mit allen Bergen, mit der Erde, mit Sonne und Mond und mit allen Sternen tun und sie auflösen in ihr ursprüngliches, förmliches Nichts, das heißt in pure Gedanken Gottes, die so lange auch keine Realität haben, bis sie nicht durch die Liebe und durch den allmächtigen Willen Gottes ihre reelle Form und Feste bekommen. Aber in Gott herrscht nicht das Prinzip des Zerstörens und Vernichtens, sondern in Seiner ewigen Ordnung steht die Erhaltung aller einmal erschaffenen Dinge, aber freilich nicht im beständigen Gerichte der Materie, sondern ungerichtet frei im Geiste und Leben, aus welchem Grunde auch keine Materie in dieser Gerichtswelt eine Beständigkeit hat und haben darf, sondern alles nur eine gewisse Zeit hindurch dauert, dann sich allmählich auflöst und nach der Ordnung ins Geistige, Beständige und Unvergängliche übergeht.

[GEJ.06_020,14] Die Materie ist ein Grab des Gerichtes und des zeitweiligen Todes, und die toten Geister in diesen Gräbern müssen auch Meine Stimme hören und gehorchen Meinem Willen, wie ihr es nun erfahren habt. Und so wie dieser Stein nun plötzlich aufgelöst worden ist, dasselbe wird nach und nach mit der ganzen Erde geschehen, und es wird dann aus ihr hervorgehen eine neue, geistige und unvergängliche Erde voll Leben und Seligkeit für ihre geistigen Bewohner, und kein Gericht und kein Tod wird herrschen auf ihren himmlischen Gefilden; denn sie wird hervorgehen aus dem Leben aller, die aus ihr hervorgegangen und auf ihr geboren worden sind."

[GEJ.06_020,15] Ihr habt nun gesehen die Macht des göttlichen Willens in Mir, und Jerusalem und der Tempel hätten es lange verdient, daß Ich mit ihm das täte, was Ich nun mit dem Steine getan habe. Aber nein, er soll sein und walten bis zu seiner Zeit. Durch sein Walten wird er sich selbst zerstören, aber nicht also, wie Ich nun diesen Stein zerstört habe, der dadurch von seinem alten Gerichte nur in ein freieres, seelengeistig freies spezifikales Sein übergegangen ist, sondern wie sich ein Selbstmörder zerstört, dessen Seele dann dadurch in ein noch härteres Gericht und in einen vielfachen Tod übergeht. Darum lassen wir sie bis zu ihrer Vollmaßzeit, auf daß sie dereinst nicht sagen können: ,Ihr habt uns keine Kunde gegeben und habt uns dennoch zerstört!‘ – Begreifet ihr nun dieses Zeichen, das Ich nun vor euren Augen gewirket habe?"

[GEJ.06_020,16] Sagten die Griechen: „Herr, das ist ein sehr vielsagendes Zeichen, das wir teilweise wohl begreifen, – aber es vom Grunde aus zu durchschauen, das ist nur Dir allein möglich; uns aber wird es vielleicht erst jenseits durch Deine Gnade möglich werden! Wahrlich, das war ein Zeichen höchst ernster Art und enthält in sich eine unendlich große Bedeutung, so klein es im Anfange auch aussah! – Aber da Du, o Herr, heute gerade schon so gut aufgelegt zu sein scheinst, so möchten wir Dich ja nicht etwa versuchsweise, sondern also nur freundlichst bitten, uns zu sagen, wie Du es denn machst, um so gewisserart aus nichts etwas ins Dasein zu rufen."

 

21. Kapitel

[GEJ.06_021,01] Sagte Ich: „Ihr möchtet euch wohl so an Meinen Wunderzeichen ergötzen?! Aber sehet, Ich bin nicht wie irgendein Magier, der seine falschen Zeichen und Wunder zustande bringt, daß sich darüber die blinden und dummen Weltmenschen wundern und sich daran höchlich ergötzen, sondern Ich wirke Meine Zeichen nur dem Willen Dessen gemäß, der Mich als einen Menschen mit Fleisch und Blut in diese Welt gesandt hat und nun auch in Mir wohnt; und so Ich denn ein Zeichen wirke, so muß es zur tiefen inneren, geistigen Belehrung der Seele dienen und daneben aber zu allerlei Gutem dem Menschen frommen! Aber das von euch zwar in keiner unreinen Absicht gewünschte Zeichen hat hier keinen rechten Zweck, keinen Nutzen und kein Frommen, und es ist darum besser, so Ich es nicht wirke; denn das könnet ihr euch nun schon auch so vorstellen, daß bei Gott alle Dinge möglich sind."

[GEJ.06_021,02] Sagte derselbe Judgrieche: „Herr, Du mußt uns schon unsere noch große Blindheit vergeben, derzufolge allein wir es nur wagen konnten, Dich noch um ein Zeichen anzureden! O Herr, vergib uns unsere zu vorlaute Dreistigkeit!"

[GEJ.06_021,03] Sagte Ich: „Nein, nein, Meine Freunde! Euer Verlangen war in der ganz natürlichen Ordnung; denn Der etwas ganz ins materielle Nichts befördern kann, Der muß auch das Gegenteil bewerkstelligen können! Also habt ihr es euch gedacht und genau also auch ausgesprochen, und das war ja gut und recht! Es wäre das nur dann nicht recht gewesen, wenn ihr anders gedacht und anders geredet hättet. Daß aber das verlangte Zeichen schnell auf das bereits gewirkte nicht völlig in der Ordnung gewesen wäre, das konntet ja ihr nicht wissen, sondern nur Ich allein! Und so habt ihr durch euren Wunsch durchaus keinen Fehler begangen, aber auch Ich nicht, daß Ich eurem Wunsche nicht sogleich nachgekommen bin. Aber da ihr nun von eurem Verlangen in euren Herzen völlig abgegangen seid und dennoch auch ohne ein Zeichen glaubet, daß Ich auch ein Gegenzeichen bewirken kann, so will Ich denn nun erst auch ein solches bewerkstelligen! – Sehet nach, ob ihr in euren Krügen noch Wein habet!"

[GEJ.06_021,04] Sie sahen nach, und sieh, die Krüge waren leer.

[GEJ.06_021,05] Da sagte der Sprecher: „Herr, sie sind alle leer!"

[GEJ.06_021,06] Und Ich sagte: „Nun, so sollen sie alsogleich alle voll sein!"

[GEJ.06_021,07] Und sieh, alle Krüge waren bis oben voll des besten Weines!

[GEJ.06_021,08] Da staunten die Judgriechen und sagten: „Da sehet an die Wunderkraft des Herrn! Kaum das Wort ausgesprochen, und schon stehen die Krüge alle voll des köstlichst duftenden Weines! O möchten wir durch Deine Lebensworte doch auch so voll Deines Lichtes und Deiner Gnade werden! O Herr, habe Geduld mit unserer großen Schwäche!"

[GEJ.06_021,09] Sagte Ich: „Das kann und darf Ich mit dem Menschen nicht also wie mit diesen Weinkrügen tun; denn das steht allein bei eurem Eifer und eurem eigenen freien Willen. Aber an Meiner Hilfe sollet ihr keinen Mangel haben. Soviel ihr selbst vermöget nach dem Maße eurer Kraft, soviel müsset ihr auch selbst tun; was darüber ist, das wird dann schon Meine Sache sein. Denn wahrlich, sage Ich euch: Um was ihr den Vater in Meinem Namen und in Meiner euch bekannten Ordnung bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden in dem Maße, wie es euren Seelen frommen kann. Jetzt aber trinket, da es bereits wieder Abend geworden ist!"

[GEJ.06_021,10] Die Judgriechen hoben nun die Krüge auf, dankten und sagten: „Auf ein allgemeines Gedeihen des großen Glückes, das wir gestern gefunden haben, für alle Juden und alle Völker der Erde! Dein Wort, Deine Lehre und Deine Gnade möge sie alle also durchdringen, wie unsere Eingeweide und Glieder dieser köstlichste, geistigste und süßeste, ganz frei und neu geschaffene Wein durchdringen und beleben wird! Herr, Dein Wille geschehe!"

[GEJ.06_021,11] Hierauf sagten alle Amen, und Ich erhob Mich vom Sitze und sagte: „Das war ein wahrer und guter Wunsch; darum trinken wir alle von dieser Gottesgabe auf das sichere Gedeihen dieses Wunsches, und auch Ich sage dazu Mein Amen! Es wird zwar noch sehr viele Mühe und Arbeit geben; denn der Weingarten Gottes ist groß und hat jetzt noch wenig Reben. Darum heißt es graben und neue edle Reben setzen ohne Ruhe und Rast, damit der Weinberg voll edler und fruchtbarer Reben werde, dann wird die große Ernte uns den tausendfachen Lohn für unsere Mühe und Arbeit geben!

[GEJ.06_021,12] Wir werden bei dieser Arbeit wahrlich viel Ungemach aller Art zu bestehen haben, wir werden noch auf das äußerste von groß und klein verfolgt, verachtet und verspottet werden; aber da wir wohl wissen, was wir haben, und was wir geben, so werden wir die blinde Bosheit der Welt auch leicht in aller Geduld, Demut und Sanftmut ertragen. Denn der Vater will es also, daß die Seinen in dieser Welt so recht bis auf das äußerste sollen zuvor gedemütigt werden, ehe sie erhoben werden zu der unvergänglichen Ehre, die ihnen ewig niemand mehr nehmen wird.

[GEJ.06_021,13] Auch dieser Mein Fleischmensch wird davon nicht ausgenommen sein, wie Ich solches Meinen Jüngern schon zum voraus gesagt und gezeigt habe. Aber alles dessen ungeachtet werden wir den großen Zweck doch sicher erreichen und siegen über alles Gericht, Tod und Hölle. Und ist dieser Sieg erfochten, dann werden die lange versperrten Pforten der Himmel den neuen Kindern Gottes für ewig geöffnet werden, und der Sieg wird bleiben für immerdar.

[GEJ.06_021,14] Wohl werden die Widersacher auch noch in allerlei Gestalt und Form fortwuchern, und es wird unter dem Weizen auch das Unkraut gedeihen, und im Weinberge werden sich Wildlinge ansetzen und fortwuchern, aber stets nur bis zu einer gewissen Zeit; dann werden sie aber ausgeschieden und ins Feuer des Gerichtes geworfen werden, wo es dann viel Heulens und Zähneklapperns geben wird."

[GEJ.06_021,15] Da fragten einige: „Herr, was wolltest Du denn damit sagen?"

[GEJ.06_021,16] Ich aber sagte: „Wie Mosis reine Lehre mit der Zeit verunreinigt ward durch die Habsucht der Menschen und durch ihren Weltsinn, also wird es auch mit dieser Meiner reinsten Lehre gehen. Sie, die Weltmenschen, werden wieder Tempel bauen und werden sie zur Gewinnung von Geld und anderen irdischen Gütern benützen und werden dabei die Gewinnung Meines Reiches gar nicht achten. Sie werden einhergehen stolzer denn die größten Fürsten und Könige der Erde, in Gold und Edelsteine gehüllt. – Sehet, das wird sein das Unkraut unter dem Weizen und die Wildlinge in Meinem Weinberge!"

 

22. Kapitel

[GEJ.06_022,01] Fragten die Jünger nun: „Herr, wie wird das möglich sein? Denn wir werden es geben, wie wir es empfangen haben, und die es von uns empfangen werden, die werden es nicht verunreinigen. Dazu wird Deine Gotteshilfe aus den Himmeln ja doch das meiste vermögen!"

[GEJ.06_022,02] Sage Ich: „Das verstehet ihr jetzt noch nicht! Es gibt in der Erde, auf der Erde und in der Luft ungegorene böse Geister, die stets darauf ausgehen, sich des Menschen Fleisches zu bemächtigen. Sie sind notwendige Ausgeburten des alten Gerichtes der Erde, suchen ihresgleichen unter den Kindern dieser Welt und beschleichen ihre Sinne. Das tut den Kindern dieser Welt wohl, und sie folgen den geheimen Lockungen solcher Geister.

[GEJ.06_022,03] Solche Kinder der Welt aber ergreifen dann alles, was irgend in der Welt Aufsehen macht. Da sie aber den wahren Geist nicht haben, weil sie eben Kinder dieser Welt sind, so richten sie sich das, wodurch sie viele irdische Güter zu gewinnen wähnen, nach ihrer geistigen Blindheit und nach ihrer Weltklugheit ein, alles mit äußerem Pomp und äußerer Würde und Majestät und verlocken dann viele, auch bessere Geister, zu sich.

[GEJ.06_022,04] Und siehe, das ist dann schon eine große und grobe Verunreinigung einer noch so reinen Lehre! Und weil die reine Lehre nur höchst geringe irdische Vorteile bietet, sondern nur geistige, die unreine aber nebst den vorgeschützten geistigen Gütern hauptsächlich große irdische Vorteile ihren Bekennern in sichere Aussicht stellt, da könnet ihr es dann schon so halbwegs begreifen, wie da mit der Zeit eine Verunreinigung in die reinste Lehre kommen kann.

[GEJ.06_022,05] Darum seid auf eurer Hut! Denn es werden mit der Zeit noch bei eurer irdischen Gegenwart viele falsche Propheten und Lehrer aufstehen und mit großem und keckem Geschrei sagen: ,Sehet, hier ist Christus (Wahrheit aus Gott) und dort ist Er!‘ und werden sogar nach Art der Essäer große Zeichen tun, mitunter derart, daß sie, so Ich es zuließe, sogar euch auserwählte erste Jünger berücken könnten. Aber höret sie ja nicht an, sondern strafet sie durch Meinen Namen ihrer Lüge wegen, und verweiset sie zur Demut und zur Annahme der Wahrheit aus Gott, so werdet ihr und eure rechten Jünger eines reinen Weges wandeln!

[GEJ.06_022,06] Die Zeichen, an denen ihr sie ganz leicht erkennen werdet, aber sind Großsprecherei, große und grobe Anmaßung von göttlichen Kräften, die sie nie hatten und auf dieser Welt nie haben werden, dann großer Glanz, große Pracht, ein mystischer Pomp wie bei den Heiden und die möglich größte Herrschsucht, wie auch eine nimmer zu sättigende Gier nach den größten Schätzen und Gütern dieser Welt. An diesen doch so hübsch handgreiflichen Merkmalen werden sie hoffentlich eben nicht schwer zu erkennen sein."

[GEJ.06_022,07] Sagten alle samt den Jüngern: „Oh, da werden wir sie wohl erkennen, solange wir auf der Welt sein werden; dann aber mögen sie unsere Nachjünger selbst auf die gleiche Weise beurteilen und wohl erkennen, und Du wirst Deine wahren Jünger nicht verlassen!"

[GEJ.06_022,08] Sagte Ich: „Ich werde im Geiste bleiben bei ihnen bis ans Ende dieser Welt! Für heute aber genügt es an Zeichen und Lehren.

[GEJ.06_022,09] Von jetzt an werde Ich außer den Heilungen der Kranken keine anderen Zeichen wirken den ganzen Winter hindurch und keine Lehren geben; denn jetzt habt ihr an den bereits empfangenen zur Genüge. So ihr für euch irgend etwas nicht verstehet, so bin Ich bei euch. Ihr, Meine Jünger, aber unterweiset in dieser Zeit gelegentlich diese neuen Jünger!

[GEJ.06_022,10] Morgen und die andern Tage bis zum Sabbat hin werden wir uns hier in diesem Hause ausruhen; aber am Sabbat werden wir gen Bethlehem gehen und dort mehrere Kranke heilen. Dann werden wir einige Tage bei unserem Wirte zubringen und dann auch bei Meinem Lazarus, und so wechselweise bis zum halben Winter. Dann besuchen wir den Kisjonah und kommen vor dem Osterfeste wieder hierher. Sodann erst werden wir mit vielen Begleitern und neuen Jüngern wieder nach Galiläa ziehen, allwo Ich wieder neu zu lehren und zu wirken anfangen werde.

[GEJ.06_022,11] Jetzt aber bringet Lichter, und wir wollen bei Brot und Wein fröhlich sein und wollen auch an diesen Tischen sogleich die Nachtruhe nehmen!"

[GEJ.06_022,12] Dieser Antrag war allen recht, niemand aber verspürte irgendeinen Schlaf, und so wurde nahe über die Mitternacht hinaus von allerlei gesprochen, was aber keinen öffentlichen Wert für die allgemeine Menschheit hat und haben kann; denn Ich Selbst habe oft mit Menschen, die Mir lieb waren, so manches besprochen und habe ihnen Rat in allerlei häuslichen Dingen gegeben, die natürlich nicht ins Evangelium gehören, was auch Meine Jünger taten, und was sie bei den Menschen oft sehr angesehen und beliebt machte. Denn auch das ist Nächstenliebe, daß man den bedrängten und unkundigen Menschen in allerlei guten und nützlichen Dingen mit gutem Rate beisteht.

[GEJ.06_022,13] Am Morgen waren wir schon eine halbe Stunde vor dem Aufgange auf den Füßen. Es ward bald ein kleines Morgenmahl eingenommen, und nach demselben ward ins Freie gegangen und da über verschiedenes gesprochen. Und so ging es bis zum Sabbat.

[GEJ.06_022,14] Wir besuchten auch mehrere Nachbarn des Lazarus, die eine große Freude hatten, Mich zu sehen und zu sprechen; aber unter diesen Nachbarn fanden wir auch nicht einen, der da ein Freund des Tempels gewesen wäre.

[GEJ.06_022,15] Die zwanzig Judgriechen wurden aber nicht erkannt, obwohl sie viel von des Tempels Umtrieben sprachen und sich dadurch bei den Nachbarn sehr beliebt machten.

 

23. Kapitel

[GEJ.06_023,01] Am Sabbat frühmorgens aber brachen wir auf und zogen nach Bethlehem. Es war dort ein Fest, und da gab es eine große Menge armer, bresthafter und mit allerlei Übeln behafteter Menschen, die außerhalb der Tore der Stadt umherlagen und um ein Almosen baten.

[GEJ.06_023,02] Da sprach Lazarus, der mit uns gezogen war: „Herr, da sieh hin, diese Menge Armer! Und wie elend diese Menschen doch aussehen!"

[GEJ.06_023,03] Da sagte Ich: „Da sind viele darunter, die von den Pharisäern in dieses Elend und in diese Armut gestürzt wurden; dafür aber dürfen sie nun betteln. Strafen, Traurigkeit, Ärger und heimlicher Zorn und Grimm haben sie endlich auch zu solchen Krüppeln gemacht. Ich aber bin eben darum nun hierher gekommen, um ihnen leiblich zu helfen, damit sie sich in der Folge doch ihr Brot mit ihren Händen verdienen können."

[GEJ.06_023,04] Da baten uns einige um ein Almosen.

[GEJ.06_023,05] Ich aber sagte zu ihnen: „Möchtet ihr euch nicht lieber mit euren Händen euer Brot verdienen, als hier so elend betteln?"

[GEJ.06_023,06] Da sagten alle: „O Herr, wer du auch sein magst, um tausend Male lieber, so wir, wie einst, gesund wären! Aber da sieh unsere Füße und Hände an, und urteile selbst, ob wir möglicherweise einer Arbeit fähig sind!"

[GEJ.06_023,07] Sagte Ich: „Ja, das sehe Ich wohl; Ich wollte aber damit nur fragen, ob ihr nicht lieber vollkommen gesund werden möchtet und dann lieber arbeiten, denn hier so elend betteln!"

[GEJ.06_023,08] Da sagten alle: „O Mensch, wenn das möglich wäre, da stünden wir sogleich auf und zögen von dannen und suchten uns Arbeit und Brot!"

[GEJ.06_023,09] Sagte Ich: „Aber wisset, es ist heute Sabbat, und da wird es etwa wohl nicht so recht geziemend sein, euch von euren vielen alten Übeln zu heilen!"

[GEJ.06_023,10] Sagten die Armen: „Herr, wir sind gut unterrichtete Juden, – aber wir wissen nichts davon, daß Moses noch irgendein Prophet es je verboten hätten, am Sabbat ein gutes Werk zu tun! Wenn man am Sabbat sogar einem kranken Tiere beistehen darf, ohne dadurch den Sabbat entheiligt zu haben, warum sollte man denn da einem Menschen nicht helfen dürfen, so ihm noch zu helfen ist?! Und warum rennen die Pharisäer, wenn sie zugleich Ärzte sind, auch an den Sabbaten zu den reichen Kranken?! Die sollten doch zunächst wissen, ob sie dadurch den Sabbat entheiligen oder nicht!"

[GEJ.06_023,11] Da sagte Ich zu ihnen: „Eure Antwort ist ganz gut, und nun will Ich und sage: Werdet alle völlig gesund!"

[GEJ.06_023,12] Da erblickten sie ihre verkrüppelten Glieder wieder ganz gerade und gesund, und einer darunter, dem seine rechte Hand vom Ellbogen an fehlte, bekam auch diese Hand wieder. Das war den Geheilten denn doch etwas zu wunderbar stark. Es fragte darum einer, wer Ich denn sei, daß Mein Wort solches vermöge, was keines Arztes Kunst mehr vermöchte.

[GEJ.06_023,13] Da sagte Ich: „Das werdet ihr schon noch einmal erfahren, – für jetzt aber erhebet euch, und gehet und suchet Arbeit und Brot!"

[GEJ.06_023,14] Da sagte Lazarus zu ihnen: „Wenn ihr sonst keine Arbeit findet, da ziehet nur nach Bethanien hin; der Herr des großen Gutes hat Arbeit für Hunderte!"

[GEJ.06_023,15] Da erhoben sich alle, dankten und zogen hin.

[GEJ.06_023,16] Dasselbe Zeichen der Heilung wurde noch an den andern sechs Toren der Stadt ausgeübt; denn die alte Stadt Davids hatte sieben Tore, davon drei große und vier kleine. Beim letzten großen Tore aber wurden wir von drei vorüberziehenden Pharisäern angehalten und beanstandet, daß sich solches nicht zu tun gezieme an einem Sabbat.

[GEJ.06_023,17] Aber die Geheilten erhoben sich schnell und sagten zu ihnen mit sehr drohender Miene: „Zehn Jahre hindurch lagerten wir Elenden vor den Toren, und noch nie hat einer von euch uns gefragt, was uns fehle, und noch weniger hat uns je einer von euch ein Almosen gegeben, – und ihr wollt nun diesen wahren Wunderheiland beanstanden darum, daß er uns unsere geraden und sogar teilweise fehlenden Glieder wiedergab?!

[GEJ.06_023,18] Hat denn Moses nicht sogar geboten, auch am Sabbat sogar einem kranken Vieh Hilfe zu leisten?! Um wieviel mehr wird es dann erst geboten sein, am Sabbat einem leidenden Menschen zu helfen?! Jetzt seht, daß ihr weiterkommt – sonst werden wir euch den Moses besser verstehen und begreifen lehren!"

[GEJ.06_023,19] Hier sahen die drei, daß es eben nicht sehr rätlich wäre, mit den Geheilten sich in einen weiteren Wortwechsel einzulassen, und sie machten sich schnell davon. Die Geheilten aber dankten und entfernten sich dann schnell auch nach Bethanien hin, nachdem sie Lazarus zuvor beteilt hatte. Und so bekam Lazarus, dem es bei seinen sehr ausgedehnten Besitzungen schon lange an Arbeitern fehlte, auch bei hundertzwanzig Arbeiter, die er alle gar gut verwenden konnte, und mit denen er nicht in der Gefahr war, daß sie ihm, wie es schon oft der Fall war, von den Templern abgelockt werden möchten.

[GEJ.06_023,20] Wir entfernten uns aber auch schnell und zogen in einen andern Ort, der von Bethlehem bei zwei Stunden entfernt lag und zumeist von Griechen und Römern bewohnt war. Wir suchten uns da eine gute Herberge und traten ein.

 

24. Kapitel

[GEJ.06_024,01] Der Hauswirt, ein biederer Römer, der auch recht gut hebräisch sprach, sagte: „Ja, meine lieben Gäste, euer zahlreicher Besuch freut mich gewiß sehr, aber es ist in dieser, meiner großen und mit allem reichlichst versehenen Herberge ein wahres MALUM OMEN eingetreten. Es liegen nämlich mein braves und in der Küchenwirtschaft sehr bewandertes Weib und auch meine zwei ältesten ebenso brauchbaren Töchter schon acht Tage hindurch an einem bösen Fieber danieder. Weder griechische noch jüdische Ärzte können ihnen helfen, und so sieht es nun in meiner Küche sehr schlimm aus. Brot und Wein habe ich wohl, aber mit anderen Speisen sieht es nun sogar für mich selbst sehr mager aus!"

[GEJ.06_024,02] Sagte Lazarus, der den Wirt seit langem kannte: „Mache dir aus diesem deinem Hausübel nichts daraus; deinem Hause ist nun ein Großheil widerfahren! Siehe, der große Wunderheiland ist hier unter uns, von dem du aus Galiläa durch Reisende vieles wirst erfahren haben! Den bitte, und mit deinen Kranken wird's auf der Stelle besser sein!"

[GEJ.06_024,03] Fragte der Wirt: „Welcher ist es? Ich habe Unaussprechliches von ihm schon mehrere Male vernommen!"

[GEJ.06_024,04] Lazarus sagte: „Dieser da fest an meiner Seite ist es!"

[GEJ.06_024,05] Als der Wirt solches von Lazarus vernahm, da fiel er förmlich vor Mir nieder und bat Mich, seinen drei Kranken zu helfen; denn er glaubte fest, was ihm Lazarus anzeigte.

[GEJ.06_024,06] Ich aber sagte zu ihm: „Stehe auf und gehe hin; denn mit deinen Kranken geht es schon völlig besser, und sie mögen uns nur ein gutes Mahl bereiten!"

[GEJ.06_024,07] Da erhob sich der Wirt eilig und eilte zu den Kranken, und diese sagten zu ihm ganz heiter: „Siehe, wir sind plötzlich so gesund geworden, daß wir eigentlich noch nie gesünder waren! So du willst, so stehen wir auf und besorgen die Küche!"

[GEJ.06_024,08] Sagte der Wirt: „Tut das; denn ich weiß es, daß ihr völlig gesund seid! Das Weitere werdet ihr erfahren!"

[GEJ.06_024,09] Die Weiber aber fragten dennoch den Wirt, daß er ihnen nur kurz sage, wer der große Wohltäter wäre, daß sie zu ihm gingen und ihm zum voraus den schuldigsten Dank abstatteten.

[GEJ.06_024,10] Der Wirt aber sagte, er sei mit etlichen fünfzig Gästen angekommen, und sie alle möchten vor allem ein gutes Mittagsmahl. Es sei nahezu die fünfte Stunde nach dem Mittage, und er könne ihnen nichts geben denn Brot, Wein und Salz. Daher sollten sie ihre Dankbarkeit an den großen Wohltäter vor allem in der Küche ausrichten, für das andere wäre auch nach dem Mahle noch Zeit zur Genüge.

[GEJ.06_024,11] Diese Rede wirkte, und die Köchinnen waren in Windesschnelle in der Küche, und die vielen Dienstleute mußten sich gleich nach allen Ecken hin tummeln und den dreien beim Abkochen nach allen Kräften behilflich sein. Darauf kam der Wirt ganz frohen Mutes in das große Gastzimmer und dankte Mir mit Tränen in den Augen für diese ihm erwiesene große Gnade, wie er sich ausdrückte.

[GEJ.06_024,12] Ich aber sagte zu ihm: „Mache kein Aufhebens davon; dir ist geholfen, und eines Weiteren bedarf es nicht!"

[GEJ.06_024,13] Sagte der Wirt: „O Meister und Freund, da bedarf es noch sehr eines Weiteren! Erstens bin ich dein offenbarster großer Schuldner, und zweitens muß ich nun offen bekennen, daß ich dich für mehr halte denn für einen puren Menschen! Und da wäre es wohl sehr in der guten Ordnung, solch einem wahrsten Gottmenschen ein Opfer zu bringen!"

[GEJ.06_024,14] Sagte Ich: „Lasse das alles gut sein! Ich bin jetzt nur ein Mensch wie ein anderer mit Fleisch und Blut; ein Weiteres wirst du schon noch früh genug erfahren! Jetzt aber sei heiter und fröhlich, so wie wir alle es sind!"

[GEJ.06_024,15] Das freute den Wirt sehr, und er nahm Krüge und brachte uns gleich den allerbesten Wein aus seinem Keller, den er sonst nur den höchsten Römern, wenn sie diese Gegend bereisten – was eben an dieser Hauptheeresstraße nichts Seltenes war –, vorzusetzen pflegte.

[GEJ.06_024,16] Unser Judas griff gleich nach einem Kruge und leerte ihn mit starken Zügen nahe bis auf den Boden. Das bemerkten die andern Jünger und fragten ihn, wem denn unter ihnen der Vorrang gebühre, den ersten Trunk von dem besten Weine des Wirtes zu machen.

[GEJ.06_024,17] Da erwiderte er (Judas Ischariot): „Es hat mich sehr gedürstet, und der Vorwein war mir zu gering; so es aber nicht recht ist, so wird es mir schon Der verweisen, und ihr habt mir nichts darum vorzuwerfen!"

[GEJ.06_024,18] Ich aber sah Mich um und sagte zu den Jüngern: „Lasset ihn; denn den zu bessern, hieße mit aller Gewalt einen Mohren weiß waschen!"

[GEJ.06_024,19] Als Judas solches vernahm, da schämte er sich, ging hinaus und verlief sich irgendwohin, so daß wir ihn dann drei Tage lang nicht zu Gesichte bekamen. Er suchte sich aber eine andere Herberge aus, in der er um sein Geld zehrte; denn er wußte sich auf den Reisen heimlich immer irgend ein Geld zu verdienen.

[GEJ.06_024,20] Es waren aber alle froh, daß er sich entfernt hatte, und wir brachten bei dem Wirte unter guter Bewirtung noch volle acht Tage zu, und Ich heilte in diesem Orte noch mehrere Kranke.

[GEJ.06_024,21] Als aber bald nachher der Zudrang von Menschen zu stark wurde, da machten wir uns frühmorgens auf den Weg und zogen in eine andere Gegend, wo wir desgleichen wieder gut aufgenommen wurden und die Kranken heilten. Da mußten auch, mit Ausnahme des Judas, die Jünger den Kranken die Hände auflegen, und es ward besser mit allen, denen die Jünger die Hände auflegten. Ich Selbst aber tat da wenig Zeichen, sondern unterhielt Mich mit dem noch immer mit uns ziehenden Lazarus und mit dem andern Wirte.

[GEJ.06_024,22] Mittlerweile kamen wir wieder nach Bethanien zu Lazarus und zu unserem Wirte. Und beide, obwohl sie bei vier Wochen lang mit Mir umhergezogen, fanden zu Hause alles in der schönsten Ordnung. Bei dem Wirte brachten wir wieder bei acht Tage zu, und darauf wieder beim Lazarus, der eine große Freude hatte an seinen zu Bethlehem aufgenommenen Arbeitern, denen in seinem Dienste nichts abging.

[GEJ.06_024,23] Als Mich die Geheilten ersahen, fielen sie vor Dank förmlich vor Mir auf die Knie nieder und wollten Mich ordentlich anbeten; denn sie hätten es schon durch Martha und Maria erfahren, wer Ich so ganz eigentlich wäre.

[GEJ.06_024,24] Ich aber sagte zu ihnen: „Schweiget vorderhand! Es wird jüngst schon noch eine Zeit kommen, wo auch ihr werdet reden können!"

[GEJ.06_024,25] Da erhoben sie sich bald, versprachen zu schweigen und gingen sofort an ihre ihnen zugewiesenen Arbeiten.

 

25. Kapitel

[GEJ.06_025,01] Wohl aber hatte uns die Martha erzählt, wie schon unter der Zeit mehrere Templer zu ihr gekommen wären und sich sehr angelegentlich erkundigt hätten, wo denn Lazarus hingereist sei, und woher nun auf einmal die vielen braven Arbeiter gekommen seien. Da habe sie ihnen erwidert, Lazarus, der Bruder, sei wichtiger Geschäfte halber vielleicht gar nach Ägypten verreist und habe bald nach seiner Abreise irgendwo diese notwendigen Arbeiter gedungen und sie nach Bethania gesandt.

[GEJ.06_025,02] Ein Pharisäer aber habe sie gefragt und gesagt: „Kannst du uns nicht zwanzig dieser Arbeiter überlassen?"

[GEJ.06_025,03] Martha aber sagte: „Redet selbst mit ihnen, – denn ich weiß gar nicht, ob sie Juden, Griechen oder Römer sind; denn sie reden untereinander allerlei Zungen!"

[GEJ.06_025,04] Da ging der Pharisäer bald hinaus und fing mit einigen der Arbeiter zu unterhandeln an. Aber diese schienen ihn zu kennen und sagten, daß sie erstens nicht mehr Juden seien, und so sie es wären, da dürfte er versichert sein, daß sie keinem Pharisäer mehr dienen würden.

[GEJ.06_025,05] Da seien die Templer heimgezogen, und es wäre seit der Zeit noch keiner wieder in Bethanien gewesen; sie würden wahrscheinlich des Bruders Rückkunft abwarten.

[GEJ.06_025,06] Da fragte Mich Lazarus, was da in dem Falle zu machen wäre.

[GEJ.06_025,07] Und Ich sagte zu ihm: „Tue, was deine Schwester tat! Sie werden mit den Arbeitern nichts ausrichten, und dir können sie darum keine Schuld geben."

[GEJ.06_025,08] Und so war es auch gut, und Lazarus hatte dann mehr Ruhe in seinem Haushalte.

[GEJ.06_025,09] Wir aber blieben, da es schon ziemlich winterlich geworden war und Ich wenige Kranke mehr zu heilen hatte, wie gesagt, nun so bis Mitte Winter noch wechselweise bald bei Lazarus und bald wieder bei unserem Wirte, in welcher Zeit die neuen Jünger von den alten Jüngern die ganze neue Lehre mit vieler Liebe und festem Glauben annahmen und sogar die neue Taufe verlangten.

[GEJ.06_025,10] Aber Ich sagte zu ihnen: „Es genügt vorderhand, daß ihr die Taufe der Wahrheit angenommen habt; wenn aber, so ihr bei der Lehre verbleibet und nach derselben lebet und handelt, die wahre, lebendige Taufe über euch kommen wird, da werdet ihr auch die Taufe des Johannes nehmen können. Es wird aber jüngst eine Zeit kommen, in der viele eher die wahre Lebensfeuertaufe des Heiligen Geistes erhalten werden denn die Taufe mit dem Wasser."

[GEJ.06_025,11] Damit waren die neuen Jünger ganz zufrieden.

[GEJ.06_025,12] Um die bestimmte Zeit an einem Montage aber verließen wir mit Segen Bethanien und unseren Wirt und zogen ganz wohlgemut hinauf gegen das Galiläische Meer. Allda trafen wir ein gutes Schiff und dingten es nach Kis. Da es aber schon Abend war, so getrauten sich die Schiffer nicht, in der Nacht über das Meer zu fahren, da sie vorgaben, daß um diese Zeit gen Mitternacht hin das Meer sehr stürmisch werde.

[GEJ.06_025,13] Aber die Jünger sagten: „Ihr seid doch aus Genezareth – und kennet die Macht des Herrn Jesus aus Nazareth nicht?"

[GEJ.06_025,14] Sagten die Schiffer: „Was? Jesus aus Nazareth ist hier?"

[GEJ.06_025,15] Und Ich sagte: „Ja, Ich bin es!"

[GEJ.06_025,16] Da sagten die Schiffer: „Ja, wenn Du es bist, dann mögen die Wogen zu den Wolken hinansteigen, so fahren wir noch! Besteiget nur das geräumige Schiff; denn es hat guten und sicheren Raum für zweihundert Menschen!"

[GEJ.06_025,17] Wir bestiegen nun das Schiff und fuhren bei einem guten Wind ab, und obwohl gegen Kis hin die Wogen hochgingen, so achteten ihrer die Schiffer doch nicht, und wir erreichten bei mäßigem Mondlichte dennoch ganz gut die ruhige Bucht von Kis.

[GEJ.06_025,18] Als wir in den Hafen des Kisjonah einliefen, da waren sofort seine Diener und Zöllner bei der Hand und befragten uns emsig und amtlich, was uns hierher gebracht hätte, was wir hier machten und wohin unsere Reise ginge, und ob wir mautbar seien.

[GEJ.06_025,19] Ich aber sagte: „Heißet Mir den Kisjonah her, und dann werdet ihr es gleich erfahren, was wir hier zu machen haben!"

[GEJ.06_025,20] Sogleich wurde Kisjonah geholt.

[GEJ.06_025,21] Er kam alsbald, mit Fackeln beleuchtet, ans Ufer, und als er Meiner ansichtig ward, da schrie er völlig vor Freuden (Kisjonah): „O Herr, wie würdigest du mich sündigen Menschen, noch in so später Nacht zu mir zu kommen?! Oh, so sei mir mit allen, die mit Dir sind, tausendmal willkommen! Kommet alle herein in mein großes Haus, auch ihr Schiffer; denn heute werdet ihr nicht weiterfahren! Ich will euch mit allem und dem Besten bedienen! Oh, diese höchste Freude, die mir nun so unerwartet zuteil ward, ist geradezu unbeschreiblich! O kommet, kommet, kommet!"

[GEJ.06_025,22] Wir stiegen rasch aus dem Schiffe ans Ufer und gingen sogleich in Kisjonahs Haus, in dessen großem Zimmer es recht warm war, da es durch vier gute Kamine, in denen ein reges Feuer loderte, ganz wohl erwärmt war. Das ganze Haus ward gleich in eine volle Tätigkeit versetzt, und ehe eine halbe Stunde verging, waren schon eine Menge bestbereiteter Edelfische auf den Tischen und des Brotes und des Weines bester Sorte in Hülle und Fülle, was uns allen sehr gut zustatten kam; denn wir hatten von Lazarus' Hause an seit frühmorgens nichts gegessen und getrunken.

[GEJ.06_025,23] Ich Selbst fühlte nach einer so langen Reise das Bedürfnis nach einer Leibesstärkung auf einem natürlichen Wege, und um so mehr die Jünger, und diese ward uns hier im reichsten Maße zuteil. Wir aßen und tranken ganz wohlgemut, und nahe die ganze Nacht wurde viel erzählt von unseren Reisen und Begebenheiten, was alles den Kisjonah und seine Familie im höchsten Grade interessierte, und worüber er sein Lob und seine Verwunderung nicht genug aussprechen konnte. Nur bedauerte er, daß Maria, die nahezu den ganzen Sommer bei ihm zugebracht hatte, nun auf einige Tage nach Nazareth verreist sei, aber bald wieder zurückkehren werde. Sie habe aber dennoch vieles gehört von Meinen Reisen und Taten und könne nicht begreifen, wie sie von Gott einer solchen Gnade wert sei. Sie wisse wohl um alle die wunderbaren Vorgänge; aber daß denen das folgen würde, davon konnte sie sich vorher keine so recht klare Vorstellung machen.

[GEJ.06_025,24] Und so erzählte uns Kisjonah noch so manches aus dem Leben und Verhalten Mariens in Meiner Abwesenheit, wie auch von den zwei Söhnen Josephs, nämlich von Joel und Joses, die daheimblieben und das Werk Josephs fortführten. Allein solches alles hier wiederzugeben, wäre nutzlos, und so sei es unterlassen.

[GEJ.06_025,25] Wir gingen auch in dieser Nacht in kein eigentliches Ruhebett, sondern blieben auf den weichen Kanapees sitzen und ruhten uns im warmen Gemache ganz wohl aus, und das um so mehr, da wir unserer Ruhe über die Morgenstunde pflegten. Wir nahmen darum auch kein Morgenmahl zu uns; dafür aber war das Mittagsmahl desto ergiebiger, zu dem auch unser bekannter Philopold aus Kane an der Grenze Samarias geladen ward und noch einige andere Freunde von Mir und von Kisjonah.

[GEJ.06_025,26] Nun, auch das ist alles Nebensache; aber weil dabei eine Haupterörterung über Gottes Geisturwesen im Gegensatze zu aller Kreatur, über Zeit und Raum, Unendlichkeit und Ewigkeit, über Gottes Dasein und Sein und über das Dasein und Sein aller Kreatur in Zeit und Raum, von Philopold angeregt, von Mir ganz klar erfolgte, die bis in die späte Nacht dauerte und sogestaltig das Mittags- und Abendmahl vereinte, so kann diese Erörterung hier wohl angeschlossen werden, weil sie jedem Denker einen vollkommenen Aufschluß über das materielle und geistige Sein des Menschen und über das reinst-geistige Ursein Gottes gibt und geben muß.

 

26. Kapitel

[GEJ.06_026,01] Unser Philopold, der Mich auch mit Kisjonah beim alten Markus besuchte, hatte zwar über diesen Gegenstand gar manches und vieles vernommen und glaubte auch, daß es also sich verhalte; aber er war einmal ein Weltweiser, zwar bester und reinster Art, und begnügte sich darum nicht mit dem puren Glauben allein, sondern er wollte das auch wie einen mathematischen Grundsatz erwiesen haben.

[GEJ.06_026,02] Er legte darum seine Erkenntnismängel an den Tag und sagte gleich nach dem Mittagsmahle (Philopold): „Herr, alles, was ich erfahren, gesehen und gehört habe, glaube ich fest; aber gründlich einzusehen und zu begreifen vermag ich bei aller Schärfe meiner Denkkraft das wenigste, und das beklemmt oft gar sehr meine Seele! Ich habe mir daher fest vorgenommen, mit Dir Selbst bei einer glücklichen Zusammenkunft, die soeben erfolgt ist, darüber näher zu reden, und so es Dir eben nicht unangenehm wäre, da möchte ich mich eben jetzt von Dir näher und begreiflicher belehren lassen."

[GEJ.06_026,03] Sagte Ich: „Ich habe euch wohl allen verheißen, jüngst Meinen Geist zu senden und ihn über euch auszugießen, der euch dann in alle Wahrheit und Weisheit leiten wird, und sagte auch, daß ihr euch bis dahin gedulden sollet; aber einem redlichen Bestreben wie dem deinigen will Ich auch also mit Meinem Munde helfen, und das jetzt in dieser Winterszeit um so eher, da Ich sie der Winterruhe wegen versprochenermaßen ohnehin bis nahe gegen die Osterfeste allhier zubringen will und werde, und so kannst du deine Zweifel schon auftischen, und was sich heute nicht alles erörtern lassen wird, dafür werden wir schon der Zeit in Menge finden. Nach beendetem Mahle, da wir ohnehin wieder am Tische sitzen bleiben, kannst du dein Anliegen schon anbringen.

[GEJ.06_026,04] Morgen, so Meine Jünger es selbst wollen, können sie auf einige Tage zu ihren Familien heimkehren; die aber keine Familie haben, die bleiben hier, vor allem Johannes und Matthäus, denn die haben hier noch manches ins reine zu schreiben."

[GEJ.06_026,05] Hier fragte auch Judas, ob er auch gehen oder bleiben solle.

[GEJ.06_026,06] Sagte Ich: „Du hast ja den größten Besitz unter allen Jüngern, hast Weib und Kinder und mehrere Diener; daher hast du auch am nötigsten, nach Hause zu gehen, und kannst erst gegen Ostern, so du willst, wiederkehren!"

[GEJ.06_026,07] Mit diesem Bescheide war zwar Judas nicht gar absonderlich zufrieden; da ihn aber niemand bleiben hieß, so fügte er sich des andern Tages dennoch Meinem Ausspruche. Die andern Jünger gingen zwar auch, aber sie kamen alle in etlichen Tagen wieder und blieben dann mit wenigen Unterbrechungen bei Mir.

[GEJ.06_026,08] Kisjonah brachte nach der Mahlzeit noch einen Extrawein, den er ,Noahs Liebling‘ nannte, und kredenzte ihn herum. Der begeisterte den Philopold sehr, und er fing mit seinen Skrupeln bald an auszupacken, – aber alles in der besten und bescheidensten Ordnung.

[GEJ.06_026,09] Was sagte er denn eigentlich, und um was fragte er? Hier folgte eine Frage um die andere!

[GEJ.06_026,10] „Herr", sagte er (Philopold), „wenn ich nach Deinen Lehren beim alten Markus so recht nachdenke, so sind Zeit und Raum wie hier auf Erden durch gewisse Perioden und Fakta und in den Formen, die im Raume vorkommen, begrenzt und meßbar; aber an und für sich sind sie ewig und unendlich, was im Grunde ein und dasselbe ist.

[GEJ.06_026,11] So aber Zeit und Raum das sind, so verstehe ich die Schriften der alten Gottesgelehrten und Weisen durchaus nicht, die da fest behaupten und sagen: Gott als das Ursein alles Seins und Daseins befinde sich außer Zeit und außer Raum.

[GEJ.06_026,12] Wie ist das möglich bei einer ewigen Zeitendauer, die ohne Anfang und Ende ist, und bei der Existenz eines unendlichen Raumes, der auch nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat?

[GEJ.06_026,13] Wenn demnach aber Gott für sich gänzlich außer Zeit und Raum besteht, so kann sich selbst die reinste menschliche Vernunft unmöglich von Gott einen anderen Begriff machen als: Entweder gibt es gar keinen Gott, weil es außer der ewigen Zeit und außer dem ewig-unendlichen Raume unmöglich etwas geben kann, oder Gott besteht so wie wir alle in der Zeit und im Raume, und die alten Gottesweisen haben mit ihren Definitionen den größten Wahnsinn niedergeschrieben.

[GEJ.06_026,14] Zu dieser meiner Behauptung dienst mir sogar nun Du; denn, daß in Dir eine Fülle der Gottheit wohnt, das kann niemand leugnen, der Dich reden gehört und wirken gesehen hat. Welcher Gottesweise aber kann nun von Dir behaupten, daß Du nicht mit uns in Zeit und Raum seiest?!

[GEJ.06_026,15] Und behauptet er das, so bist Du Selbst damit vollkommen entgöttlicht! Du bist dann kein Gott mehr, sondern nur ein höchst seltener Mensch, der durch Geburt, Genius, außergewöhnliches Talent, Übung in der Festung des Willens und am Ende auch durch Erlernung von allerlei geheimen Künsten und Wissenschaften es dahin gebracht hat, daß Dich notwendig die Menschen von echtem Schrot und Korn für einen Gott ansehen müssen.

[GEJ.06_026,16] Aber Deine Eigenschaften, besonders in Deinem Wirken, sind dennoch von einer solchen Art, daß man zu ihrem Besitze nahe unmöglich durch obige Voraussetzungen gelangen kann. Und somit möchte ich denn nun aus Deinem Munde vernehmen, was da Rechtens ist."

 

27. Kapitel

[GEJ.06_027,01] Sagte Ich: „Du hast deine Frage gut und die Sache ganz richtig und wahr gestellt, insoweit ein fein denkender Mensch so etwas nur immer stellen kann; aber dennoch sage Ich dir, daß die alten Weisen ebenso und noch mehr recht haben denn du!

[GEJ.06_027,02] Glaubst denn du nicht, daß man in Zeit und Raum und auch zugleich ohne Zeit und Raum sein und ganz vollkommenst bestehen kann?"

[GEJ.06_027,03] Sagt Philopold: „Ja, glauben kann man das schon, besonders so man es aus Deinem Munde vernimmt! Aber ich habe das ja schon gleich beim Eingange meiner Vorfrage und Bitte gesagt, daß alles von Dir Gesagte und auch Gezeigte bei mir gar keinen Anstand findet; es handelt sich hier pur ums Begreifen. Denn ein purer, sogenannter frommer Glaube kommt mir wie eine Verhöhnung aller menschlichen Vernunft, alles Verstandes und alles Denkens vor, die doch auch sicher von Gott dem Menschen gegeben wurden als ein geistiges Licht, durch das allein er sich, alle die Dinge außer sich und endlich sogar Gott erkennen kann.

[GEJ.06_027,04] Und so bin ich der ganz festen Meinung, daß es einem reellen Menschen nicht genügen soll, bloß nur blindhin zu glauben, was ihm irgendein Weiser oder sonstiger außerordentlich befähigter und faktisch in allen Sphären und Dingen wohlkundiger Mensch gesagt hat, sondern er soll dabei auch, und zwar am allermeisten, um ein rechtes Verständnis des in seinen Glauben Aufgenommenen sich emsigst erkundigen."

[GEJ.06_027,05] Sage Ich: „Da hast du wieder ganz vollkommen recht; nur hat es dabei noch so manchen Haken, der da auch sehr in die volle Berücksichtigung zu ziehen ist!

[GEJ.06_027,06] Siehe, zu allem in dieser Welt und sogar auch in der Geisterwelt gehört eine gewisse Reife und zu der Reife eine gewisse Zeit!

[GEJ.06_027,07] Sieh dir einen Apfelbaum oder eine Rebe im Winter an! Wo ist da die reife, süße Frucht?! Aber es kommt dann das Frühjahr, – das Licht und die Wärme der Sonne werden ergiebiger, die Knospen werden voller und saftiger, darauf merkst du bald zarte Triebe und endlich Blätter und Blüten. Nach kurzer Zeit fallen die Blüten als weiterhin zur Erreichung des höheren Zweckes gar nicht mehr nötig ab, und du kannst bald darauf den Ansatz der werdenden Frucht schon bemerken.

[GEJ.06_027,08] ,Was ist denn das für ein Vergleich?!‘, fragst du nun in dir. Siehe, Knospen, ihr Saftigerwerden, ihre ersten Triebe, Blätter, Blüten und die ersten Fruchtansätze entsprechen alle dem kindlichen, frommen Glauben des Menschen; aber von einer Reife kann da noch keine Rede sein. Denn Gott ist die höchste Ordnung Selbst, und was da irgend in aller Welt geschieht, das muß seine Zeit haben, welche da entspricht der göttlichen Ordnung.

[GEJ.06_027,09] Das Kind lallt zuerst; aus dem Lallen kommt nach und nach die Sprache. Ist die Sprache etwas gebildeter, so fängt man an, dem Kinde etwas vorzusagen, und es merkt sich bald die kurzen Sprüche. Und was man ihm ferner sagt, das glaubt es nahezu unbedingt; es fragt noch um kein Wie und Warum. Auf der Basis des frommen Glaubens erlernt es dann bis zum Schlusse des Jünglingsalters eine Menge und fängt in diesem Alter schon oft recht scharf zu denken an und den Grund von so manchem Gelernten und Innegehabten zu suchen; aber es hat noch zuwenig der vollen inneren Lebenswärme in sich und gleicht da völlig dem ersten Fruchtansatze.

[GEJ.06_027,10] Wenn aber dann im vollen Sommer die volle Kraft des Lichtes und der Wärme aus der Sonne kommt, so kommt auch der erste Fruchtansatz zur innerem, allbelebenden Wärme. Diese dehnt dann die junge Frucht stets mehr und mehr aus und verkocht die in die neue Frucht strömenden Säfte. Dadurch wird die Frucht größer und voller der stets reineren Säfte. Da kann dann auch das Licht stets mehr und mehr die Frucht durchdringen, und so erfolgt dann erst die Reife der Frucht.

[GEJ.06_027,11] Und sieh, also geht es auch beim Menschen! Bevor seine innere Liebelebenswärme nicht den möglichst vollsten Grad erreicht hat und das Licht dieser Wärme ihn nicht ordentlich durch und durch durchdringt, da wird er trotz der besten äußeren Erklärung die inneren, geistigen Wahrheiten schwer oder am Ende gar nicht verstehen; wenn er aber durch die innere zunehmende Lebenswärme und von ihrem Lichte wie eine reife Traube recht durchdrungen wird, dann ist er reif und hat die beste Erklärung aller seiner früheren Zweifel schon in sich.

[GEJ.06_027,12] Aber da du dich schon so ziemlich der Reife näherst, so kann man dir schon aus der großen Gnadensonne, von der alle Himmel und ihre Bewohner, wie auch alle materiellen Welten und was in ihnen, auf ihnen und über ihnen ist, lebt und atmet, ihr Leben und Dasein haben, ein wenig mehr Licht und Wärme zukommen lassen. Und so gib denn acht!"

 

28. Kapitel

[GEJ.06_028,01] (Der Herr:) „Sieh, du warst von Mir vor einem halben Jahre deiner Seele nach in einen Zustand versetzt, vermöge dessen du in eine von hier äußerst entfernte Sonnenerdwelt versetzt worden bist, wie Ich solche Zeichen nachher auch bei anderen Gelegenheiten und Orten gewirkt habe, was alle Meine Jünger hier treulichst bezeugen können. Dann warst du beim Markus selbst schon zugegen, als der Engel die kostbare Leuchtkugel aus der sehr fernen Mitte von Afrika holte.

[GEJ.06_028,02] Siehe, so ein Pfeil in seiner größten Schnelle von dieser Erde abginge, so hast du als ein Hauptrechner gar keine so große Ziffer, durch die die Zahl der Erdenjahre bezeichnet werden könnte, die dazu erforderlich wären, damit der Pfeil jene Sonnenerdwelt erreicht, – und dein Übergang war hier und dort eins! Also hast du da mit dem irdischen Raume nichts zu tun gehabt und warst sonach deiner lebendigen Seele nach ganz sicher außer Zeit und Raum!

[GEJ.06_028,03] Von Markus weg nach Afrika hättest du auf einem gut gebahnten Wege sogar über zwei volle Jahre zu gehen nötig bis dahin, von wo der Engel den Leuchtstein geholt hat. Bei ihm war hin und zurück völlig eins. Konnte da für ihn Zeit und Raum etwas sein?!

[GEJ.06_028,04] Und weiter! Denke dir eine noch so schnelle Bewegung eines irdischen Gegenstandes, der zum Beispiel die Entfernung von dieser Erde bis zu der gewissen Sonnenerdwelt in einem Augenblicke zurücklegt, so könnte ein Geist in ein und demselben Augenblick eine tausend Male größere Entfernung für dich zahllose Male durchmachen; Ich sage zahllose Male, weil du für eine große Vielheit des Hinbewegens und Zurückkehrens keine so große Zahl kennst.

[GEJ.06_028,05] Aus dem aber geht hervor, daß selbst die größte diesirdische Bewegungsschnelligkeit mit der geistigen ewig in kein Verhältnis treten kann. Daher ist das Irdisch-Materielle ein Eigenes und alles Geistige wieder ein ganz Eigenes. Beide haben nur entsprechungsweise Beziehungen zueinander, aber der Wesenheit nach sind sie endlos weit voneinander unterschieden.

[GEJ.06_028,06] Wie du aber solchen Unterschied zwischen allem Irdischen und Geistigen nun sicher klar wirst wahrgenommen haben, so besteht derselbe und gleiche Unterschied zwischen allem, was sich dir diesirdisch als begreifbar, fühlbar, hörbar und beschaulich darstellt.

[GEJ.06_028,07] In Hinsicht der den Raum nicht beachtenden geistigen Bewegung kann Ich dir noch die Schnelle des Gedankenfluges deiner Seele als ein gutes Beispiel dartun. Siehe, du denkst dir nun Rom, wo du schon warst, und dessen Entfernung von hier du wohl kennst, wie auch die Gestalt dieser großen Heidenstadt! Mit dem Gedanken bist du auf eins schon in Rom und siehst gewisserart die Stadt, ihre Plätze, Gassen und Straßen und Umgebungen. Also, dein Gedanke hat sonach bis nach Rom hin auch keiner Zeit bedurft, weil der Raum für ihn gleich Null war!

[GEJ.06_028,08] Aus dem kannst du abermals den sicheren Schluß ziehen, daß deine Seele, als ein geistiges Wesen, samt ihrer Tätigkeit sich auch außer Zeit und Raum befindet, und du kannst dich mit deinem Gedanken auch in der gleichen Schnelle in den dir bekannten Stern hin versetzen und wieder hierher zurück, und du wirst auch nicht mehr Zeit zum Durchfluge solch eines ungeheuer weiten Raumes bedürfen.

[GEJ.06_028,09] Da wirst du denn doch einsehen, daß es für den reinen Geist weder eine Zeit noch einen Raum geben kann!

[GEJ.06_028,10] Der Geist Gottes und alle Engel bestehen freilich auch im unendlichen Raume und dauern fort und fort durch alle ewigen Zeitenläufe; denn ohne Solchen gäbe es keine Kreatur, gäbe es auch keinen irdischen Raum, noch eine irdische Zeit. Aber diese rein geistigen Mächte und höchsten Intelligenzen stehen in allem endlos weit über Zeit und Raum."

 

29. Kapitel

[GEJ.06_029,01] (Der Herr:) „Nun nehmen wir noch das Maß einer rein geistigen Kraft gegen das Maß der größten irdischen Kraft in die Betrachtung. Was wird sich wohl da ergeben? Siehe, es gibt im unendlichen Weltenraume so ungeheuer große Sonnenweltkörper, gegen deren Größe im guten Verhältnisse diese ganze, große Erde sich geradeso verhielte wie die Größe eines kleinsten Sandkörnchens gegen die Größe der ganzen Erde! Siehe, wenn hier über die Sandsteppen ein Wind weht, so hebt er solchen Sand schon in die Höhe und führt ihn mit großer Leichtigkeit fort, und ein Orkan desto leichter in großen Massen! Nun denke dir aber einen verhältnismäßig starken Wind auf jenem großen Sonnenweltkörper! Der würde doch offenbar mit solchen Erden, wie diese da ist, ein ganz gleiches Spiel treiben! ,Ja‘, würdest du in deiner Weltweisheit sagen, ,wenn dort so mächtige Winde wehen, da sollte man davon ja bis zur Erde herab etwas verspüren!‘ Und Ich sage es dir, daß dies sogar nicht selten der Fall ist, und auch noch um sehr vieles weiter!

[GEJ.06_029,02] Du wirst schon die fliegenden Sterne gesehen haben. Manche von ihnen sind nicht selten so groß, daß man sie eine kleine Erdenwelt nennen könnte. Das ist mehrfach durch unterirdische Sturmausbrüche von den Sonnenweltkörpern in den weiten Ätherraum hinausgewehter Weltenstaub, der nach und nach infolge der starken Anziehungskraft eines solchen Sonnenweltkörpers wieder dahin zurückfällt, von wo er hinweggeweht worden ist, wenn er nicht etwa einem andern Weltkörper zu nahe gekommen ist und von diesem angezogen wurde, was jedoch seltener der Fall ist.

[GEJ.06_029,03] Du ersiehst da die ungeheure Potenzierung der diesweltlichen, im endlosen Raume waltenden sogenannten Naturkräfte; du kannst aber nun diese und noch andere dir bekannten Naturkräfte ohne Aufhören noch tausend und tausendmal tausend Jahre hindurch potenzieren, so wird die von dir gefundene letzthöchste Kraftpotenz gegen die göttliche Allkraft dennoch stets in einem solchen Verhältnisse stehen wie ein bares Nichts zu etwas Wirklichem oder wie eine Lüge zur Wahrheit.

[GEJ.06_029,04] Wie aber jede noch so allerhöchst potenzierte Naturkraft zu der göttlichen in gar keinem Verhältnisse steht, ebenso steht sie auch zu der Kraft jedes reinen Engelsgeistes.

[GEJ.06_029,05] Da aber sonach im Raume und in der Zeit nimmer eine Kraft besteht, die sich auch nur mit der Kraft eines Engels messen könnte, so muß sie als geistige Kraft auch außer oder über allem Raum und über aller Zeit stehen, obschon als eigentümlich in sich abgeschlossen selbständig im Raume und in der Zeit seiend, aber von den beiden überall frei und unabhängig und mit diesen nur durch eine innere und lebendige Entsprechung alles leitend in Verbindung stehend.

[GEJ.06_029,06] Um das unendlich Überwiegende der göttlich-geistigen Kraft über alle noch so großen Naturkräfte noch klarer zu zeigen, so brauche Ich dir bloß das zu sagen: Wenn alle die größten diesirdischen Kräfte durch die weiten Schöpfungsräume wüteten Myriaden und Äonen von Erdenjahren lang, so würden sie in der ganzen Schöpfung wider die Kraft des Gotteswillens auch nicht ein Atom zu vernichten imstande sein; aber mit der göttlichen Zulassung vermöchte das ein Engelsgeist in einem Augenblicke derart, daß er nur wollen dürfte, so wäre schon der ganze endlose Raum aller materiellen Kreatur völlig bar, und keine Sonne und keine Erde bestünde mehr im selben.

[GEJ.06_029,07] Sage Mir, Philopold, ob du nun schon so ein wenig einzusehen anfängst, wie Gott und alles Himmlische und Reingeistige völlig außer Zeit und Raum enthalten ist und also für sich bestehend da ist und da sein muß, weil ohne das ewig keine materielle Kreatur hätte entstehen können!"

 

30. Kapitel

[GEJ.06_030,01] Sagt Philopold: „Herr, es fängt in mir nun wohl schon so zu dämmern an; aber mir fängt es vor Deiner zu ungeheuren Weisheit auch schon ordentlich zu schwindeln an! Dennoch bitte ich Dich aber, daß Du also fortfahren wollest!"

[GEJ.06_030,02] Sage Ich: „Das werde Ich schon tun; aber nimm dich nur zusammen, daß du es auch fassest und es dir ordentlich in deine Seele einprägst!

[GEJ.06_030,03] Gehen wir nun auf das Licht über! Siehe das Licht dieser helleuchtenden, reinen Naphthalampe an! Es beleuchtet dieses große Zimmer derart zur Genüge, daß wir alle uns recht gut zu sehen und wohl zu erkennen vermögen. Was deucht dich: Würden hundert solche hellbrennende Lampen nicht auch ein hundertfach stärkeres Licht im Zimmer verbreiten? Du sagst: ,Allerdings; denn man kann sich davon bei großen Festbeleuchtungen mehr denn zur Genüge überzeugen!‘ Gut, sage Ich; denke dir aber nun tausendmal tausend solcher Lichter irgendwo auf einem freien Berge! Würden sie gemeinschaftlich nicht eine recht große Gegend recht hell erleuchten? Ganz sicher! Aber obwohl sie eine Gegend weithin erleuchten würden, so wären sie aber dennoch nicht im geringsten zu vergleichen mit dem Lichte des Vollmondes, der, obwohl er dem Auge eben nicht zu groß erscheint, dennoch auf einmal die halbe Erde noch ganz gut erleuchtet. Was ist aber das Licht des Mondes dann gegen das Licht der Sonne?!

[GEJ.06_030,04] Nun denke dir aber das ganze Firmament mit dem Sonnenlichte überzogen! Würde da ein Sterblicher imstande sein, auch nur einen Moment so ein mächtigstes Licht zu ertragen, augenblicklich gleich einem Tropfen Wassers auf glühendem Erze zerstört und aufgelöst zu werden? Ich sage es dir: Die Wirkung des Lichtes und seiner unbeschreibbaren Hitze wäre da schon so groß, daß es selbst dieser ganzen Erde in wenigen Augenblicken nicht besser erginge, und vielen Hunderttausend solcher Erden auch nicht!

[GEJ.06_030,05] Siehst du da den ungeheuer großen Unterschied zwischen diesem Lampenlichte und einem so sehr ausgedehnten Sonnenlichte?!

[GEJ.06_030,06] Aber es gibt im weiten Schöpfungsraume Urzentralsonnen, die Myriaden Male größer sind denn unsere Tagessonne, obwohl unsere Sonne auch gut um tausendmal tausend Male größer ist denn diese ganze Erde. Solche Urzentralsonnen haben im Verhältnis dann auch ein ebenso vielfach größeres und stärkeres Licht, in dessen größerer Nähe dann solche Sonnen, wie da die unsrige ist, auch dem Wassertropfen auf glühendstem Erze gleich in einem Momente aufgelöst würden.

[GEJ.06_030,07] Nun potenziere du diese irdische Lichtstärke, so weit du willst, nahe ins Endlose hin, und du wirst mit all solchem potenzierten Lichte der Raumes- und Zeitsonnen im Vergleiche mit dem Gotteslicht dasselbe Verhältnis finden, welches du gefunden hast bei der Bewegung und Kraft.

[GEJ.06_030,08] Und da das Gotteslicht im Raume und in der Zeit ewig nie erreicht werden kann, so folgt daraus klar, daß das rein geistige Licht Gottes, so wie dessen nie meßbare Liebelebenswärme, aus dem Lichte hervorgehend, nicht in Zeit und Raum, sondern außer diesen zweien allein nur enthalten sein kann.

[GEJ.06_030,09] Daß aber dennoch eine lebenswahre und stets wirkende Entsprechung besteht zwischen dem Urlichte Gottes und dem nur partial geschaffenen Lichte der Sonne, kannst du aus dem leicht ersehen, daß auch das Licht der Sonne die belebende Kraft für die Kreatur auf den Weltkörpern und Erden hat, wovon dich jedes Frühjahr hinreichend überzeugen kann. – Kennst du dich nun schon besser aus, wie und auf welche notwendige Weise alles Reingeistige außer Zeit und Raum enthalten ist und sein muß?"

 

31. Kapitel

[GEJ.06_031,01] Sagte Philopold: „Das Beispiel mit dem Lichte hat mir in dieser Sache sehr viel Licht verschafft; aber es bleibt dennoch so manches im Hintergrunde noch stark umhüllt, und zu dem stark Umhüllten gehört vor allem Deine jetzige allervollendetst göttliche Gegenwart, von der ich augenscheinlichst nun nichts anderes sagen kann als: So Du vor Deiner Menschwerdung irgendwo in einem höchsten, außerzeitlichen und außerräumlichen Himmel mit Deinen reinen Engeln als Jehova gewohnt hast, so muß dieser Himmel nun Deiner gewisserart menschlich-persönlichen Gegenwart ledig sein, indem Du nun ganz in Zeit und Raum unter uns wohnst! Wie kannst Du nun in Zeit und Raum, aber als Gott auch zugleich außer Zeit und Raum bestehen? Herr, das ist für meinen Verstand noch eine ungeheure Kluft, über die ich mich selbst nicht hinüberzuschwingen vermag; darum bitte ich Dich auch darüber um ein rechtes Licht!"

[GEJ.06_031,02] Sagte Ich: „Dieweil du ein echter Weltweiser nach Plato, Sokrates und Aristoteles bist, so muß Ich schon auch zum Teil nach ihrer Weise mit dir reden, damit du Mich leichter verstehst.

[GEJ.06_031,03] Sieh, zwischen ,von Ewigkeit her‘, ,früher‘ und ,jetzt‘ ist eigentlich in Meinem Bestehen, wie in Meinem Sein und Dasein gar kein Unterschied, was Mein rein göttliches Ich betrifft! Und wäre es nicht also, wahrlich, da hätte Ich in diesem Menschenleibe keine Macht und Gewalt über die gesamte materielle Naturschöpfung; denn alle Kreatur samt ihrer Zeit und ihrem Raume verhält sich nur subjektiv zu Mir, ihrem Objekte; da alles aus mir ist und nicht Ich aus dem allem.

[GEJ.06_031,04] Darum bin Ich stets das alleinige Vorangehende und Voranliegende, also das ewige Objekt, und kann nie und nirgend je Mich irgend der Kreatur gegenüber in ein subjektives Verhältnis stellen.

[GEJ.06_031,05] Jedoch, da eben alles aus Mir ist und Ich durch Meinen Willen in allem das Inwendigste bin als das alles erhaltende, führende, leitende, ordnende und belebende Prinzip, so bin Ich der Macht Meines Willens und Meiner Weisheit nach auch ein Subjekt und bin sonach das Alpha und das Omega oder der Anfang und das Ende, wie auch das Erste und Letzte in aller Kreatur, und infolge solcher Meiner zugleich objektiven und in allem auch subjektiven Eigenschaft kann Ich hier unter euch ganz wohl als Mensch nach der Macht Meines Willens und Meiner Weisheit bestehen und dennoch dabei das ewige, allein lebendige und schaffende Objekt aller Kreatur gegenüber sein.

[GEJ.06_031,06] Als nunmaliges, fleischmenschengestaltliches Subjekt aber bin Ich Selbst minder und untertan dem eigenen ewigen Objekte in Mir, obwohl eben durch Meine strenge Untertänigkeit eigentlichst völlig eins mit dem ewigen Objekte; denn ohne solche strengste Subjektivität dieser Meiner nun äußeren Persönlichkeit wäre eine solche innigste Einigung nie möglich.

[GEJ.06_031,07] Und das bewirkt Meine unmeßbare Liebe zum Objekte und Seine gleich unmeßbare Liebe zu Mir, und also bin Ich und der Vater eine Liebe, eine Weisheit, ein Wille, ein Leben und eine Macht, außer der es in der ganzen ewigen Unendlichkeit keine mehr gibt und geben kann.

[GEJ.06_031,08] Ich bin daher hier ebenso in Zeit und Raum, wie auch außer Zeit und Raum gegenwärtig.

[GEJ.06_031,09] Daß Ich nun mit euch in Zeit und Raum bestehe, das sehet ihr; daß Ich aber zugleich Meinem Innern nach auch außer Zeit und Raum bestehe, das lehren euch Meine Werke, die Ich nicht zu wirken vermöchte, so Ich Mich auch mit Meinem Göttlichen nun in Zeit und Raum befände. Denn das Zeitliche und das Räumliche ist und bleibt ewig fort und fort begrenzt, ist somit nicht vollkommen und vollendet; nur das Außerzeitliche und Außerräumliche ist in allem unbegrenzt, somit vollkommen und vollendet. Daß es aber also ist und nie möglich anders sein kann, will Ich dir das Gesagte noch durch mehrere Beispiele erläutern, und so habe denn wohl acht darauf!"

 

32. Kapitel

[GEJ.06_032,01] (Der Herr:) „Siehe, da ist ein Weizenkorn in seiner ganzen Einheit und Einfachheit! Seine Bestimmung ist offenbar eine zweifache. Erstens dient es als Nahrung dem Menschen, und zweitens ist es als Samenkorn sich selbst dienend zu seiner eigenen Fortpflanzung und Vermehrung. Als Nahrung teilt es dem menschlichen Leibe und durch ihn dann auch dem formell substantiellen Leibe der Seele seine vielfachen Spezifika mit und vegetiert sogestaltig in ein höheres und freieres Sein hinüber. Wie dieses ist und geschieht, das werdet ihr erst in eurer Wiedergeburt im Geiste genauest erfahren, wenn hier auch nicht ganz vollkommenst – weil unter dem Einflusse dieser Sonne nichts völlig Vollkommenes existieren kann und jedes Wissen und Erkennen mehr oder weniger ein Stückwerk ist –, aber desto vollkommener dann jenseits, wo auch ihr euch eurem Geiste nach außer dem Einflusse der Zeit und des Raumes befinden werdet und euer Schauen, Erkennen und Wissen kein Stückwerk mehr sein wird.

[GEJ.06_032,02] Aber wir wollen hier dieses Weizenkorn bloß als Samenkorn ein wenig näher in Augenschein nehmen und daraus ersehen, wie das Göttlich-Geistige, wenn gewisserart auch subjektiv scheinend, aber im Grunde dennoch objektiv außer Zeit und Raum seiend sich eben in diesem Korne befindet.

[GEJ.06_032,03] Sieh, das ist ein Weizenkorn, das auf einem Halme gewöhnlich 3 Ähren, jede mit etlichen 30 Körnern, zum Vorscheine bringt! Nun, legst du dieses Korn in ein gutes Erdreich, so wird es dir im nächsten Erntejahre schon sicher 100 Körner der ganz gleichen Art und Gattung als Lohn für deine Mühe bringen. Du nimmst aber nun diese neugeernteten 100 Körner und legst sie wieder in ein gutes Erdreich, und du wirst im nächsten Erntejahre offenbar schon 10000 ganz gleiche Körner ernten. In wieder einem nächsten Jahre wirst du schon 100 mal 10000, also 1000 mal 1000 Körner ernten, was schon eine bedeutende Masse dieses Getreides ausmachen wird.

[GEJ.06_032,04] Um alle diese vielen Körner weiter für ein künftiges Jahr in die Erde zu setzen, wirst du schon ein bedeutendes Stück Feld nötig haben. Zur Ernte wirst du dann offenbar schon hundertmal soviel Körner erhalten, als du erhalten hast in der Vorjahresernte. Um aber noch weiters für ein nächstes Jahr das ganze große Körnerquantum wieder fruchtbringend auszusäen, wirst du erstens schon eines hundertmal größeren Ackers bedürfen und darauf schon zehn volle Milliarden von gleichen Körnern ernten; und setzest du das noch also zehn Jahre fort, so wirst du dadurch schon eine solch ungeheure Masse von Körnern erhalten, daß du für ihre künftige Aussaat schon nahezu einen halberdgroßen Acker vonnöten hättest.

[GEJ.06_032,05] Die weiter ins Endlose gehende, im stets gleichen Verhältnisse sich mehrende Vervielfachung der Körner kannst du dir selbst auf weitere hundert, tausend und noch mehr Jahre ausdehnen, und du wirst durch die Rechnung finden, daß nach nur etlichen hundert Jahren schon mehr denn tausendmal tausend Erden viel zuwenig wären, um der ungeheuerst großen Menge von Weizenkörnern als Acker zu dienen. Und siehe, solch eine Vermehrung kann bis ins Allerunendlichste fortgesetzt werden! Wäre aber das wohl möglich, wenn in diesem einen Korne, und gleichermaßen auch in allen andern Körnern, nicht schon diese endloseste Anzahl durch das innewohnende Göttlich-Geistige, Außerzeitliche und Außerräumliche vorhanden wäre?! Sicher nicht!

[GEJ.06_032,06] Was aber in diesem Weizenkorne vorhanden ist, das ist in allen Samen und Gewächsen, in allen Tieren und ganz besonders gottähnlichst im Menschen vorhanden, darum er denn auch vernünftig und verständig werden kann, eine Sprache hat und Gott als seinen Schöpfer anfangs ahnen und später reiner und reiner erkennen, lieben und seinen eigenen Willen dem erkannten göttlichen völlig unterordnen kann.

[GEJ.06_032,07] Und das ist dann als das Reingeistige im Menschen und als Gottähnliches ebenfalls außer Zeit und Raum; denn wäre es ein Zeitliches und Räumliches, so könnte der Mensch weder sich noch Gott je erkennen, und der Mensch wäre da jeder Bildung gänzlich unfähig, käme nie zu einer Vernunft, zu einem Verstande, er bekäme nie und nimmer eine noch so allerleiseste Ahnung von Gott, könnte Ihn noch weniger je erkennen, Ihn lieben und seinen Willen Ihm unterordnen, und er wäre dann bloß die äußerste, tote Schale des Eies, hätte kein Leben in sich und am allerwenigsten ein außerzeitliches und außerräumliches ewiges Leben.

[GEJ.06_032,08] Ich meine nun, diese Sache, die dich gar so gedrückt hat, insoweit sie für den puren Verstand erklärbar ist, hinreichend klar erläutert zu haben. Es kommt nun auf dein Urteil an, ob du alles das auch so ganz im rechten Lichte aufgefaßt zu haben glaubst, oder ob dir noch etwas Unklares dabei vorkommt. Sollte dir noch etwas dunkel sein, so kannst du reden; hast du aber alles richtig verstanden, da lassen wir die weiteren Erörterungen darüber beiseite, trinken Wein und essen dazu etwas Brot."

 

33. Kapitel

[GEJ.06_033,01] Da sagte Philopold: „Herr, ich und sicher wir alle danken Dir aus dem innersten Grunde unseres Herzens für diese gar so großartige, allerherrlichste und mir nun völlig klar gewordene Aufklärung über die Lehren der alten Weisen! Ja, jetzt ist mir die Sache einleuchtend, klar und verständlich, während sie mir früher offenbar als ein barster Unsinn vorkommen mußte! Freilich werde ich das alles erst dann ganz klar einsehen und begreifen können, wenn ich allen materiellen Elementes bar sein werde.

[GEJ.06_033,02] Es ist aber nun genug, daß ich es einsehe, wie man, zwar mit in Zeit und Raum seiend, dennoch völlig außer Zeit und Raum gar wohl und eigentlich der vollsten Wahrheit nach sich befinden kann. Nur eines möchte ich von Dir noch erfahren mit ganz wenigen Worten, und das bestünde darin, wo sich denn dann örtlich der Himmel und wo ebenso die leidige Hölle, von der ich auch schon vieles gehört und gelesen habe, befinden. Es heißt: Die werden auffahren in die Himmel, und die werden hinabgeworfen werden in die Hölle. Wo und wie ist das ,Hinauf‘, und wo und wie das höchst bedauerliche ,Hinab‘?"

[GEJ.06_033,03] Sagte Ich: Siehe, hier auf dem Stuhle, auf dem du nun sitzest, kann irdisch ganz fest nebeneinander Himmel und Hölle sein; im Reiche des Geistes aber trennt sie dennoch eine unabsehbare Kluft! – Siehe noch mehr:

[GEJ.06_033,04] Hier, wo Ich nun bin mit euch, ist der höchste Himmel, und das heißt ,oben‘, und eben hier auch die tiefste und böseste Hölle, und das heißt ,unten‘.

[GEJ.06_033,05] Die materielle Räumlichkeit macht keinen Unterschied, sondern allein die geistige, die mit der materiellen, wie du gesehen hast, durchaus nichts gemein hat; denn im Reiche der Geister macht nur das Lebenszuständliche eine rechte und wahre Entfernung aus. Das Irdisch-Räumliche kann da nie eine Bedeutung bekommen. Um euch das noch mehr verständlich und anschaulich zu machen, will Ich euch einige Bilder geben.

[GEJ.06_033,06] Seht, hier auf einer und derselben Bank säßen zwei Menschen beisammen! Der eine ist ein frommer Weiser, dessen heller, lichtvoller Geist in gar sehr viele Geheimnisse der Wirkungen der Gotteskräfte in der Naturwelt eingeweiht ist; der andere aber ist ein verstockter Bösewicht und ruht seine Glieder nur darum auf derselben Bank aus und läßt sich wie ein ehrlicher Mensch auch Wein und Brot geben zur Stärkung seiner Kräfte, damit er im Freien dann wieder desto leichter etwas Böses verrichten kann. Wie nahe sind irdisch-räumlich die beiden Menschen da beisammen, und wie unendlich weit sind sie im Geiste voneinander entfernt!

[GEJ.06_033,07] Es sei aber, daß da unser Weiser bei uns hier auf dieser Bank sitze, und gleicherweise aber säße irgend tausend Tagereisen weit von hier ein anderer, so wären diese beiden gleichen Weisen irdisch-räumlich doch sicher sehr weit voneinander entfernt; aber im Reiche des Geistes wären sie dennoch zuallernächst beisammen, wie es auch in Meinem Reiche buchstäblich also der Fall ist.

[GEJ.06_033,08] Aus dem aber geht wieder ganz klar hervor, daß der Himmel für jeden guten Menschen gerade da sein wird, wo er sich eben befindet, und alle Guten und Reinen seinesgleichen werden sich sofort in seiner nächsten Nähe befinden. Denn da heißt es nicht: ,Siehe, hier oder dort, etwa über allen Sternen, ist der Himmel und etwa tiefst irgend unter der Erde ist die Hölle!‘ Solches alles hängt nicht von dieser Zeit und von diesem Raume ab und hat kein irgend äußerliches Schaugepränge gleich einer eitlen Tempelzeremonie, sondern es ist inwendigst im Menschen selbst.

[GEJ.06_033,09] Wie hiernach des Menschen Inneres beschaffen sein wird, so auch wird jenseits beschaffen sein die Welt, die er sich aus sich selbst schaffen und dann in ihr und auf ihr leben wird, gut oder schlecht.

[GEJ.06_033,10] Alle, die in der Wahrheit sind und also im wahren Lichte aus Meinem Worte durch den lebendigen Glauben und durch ihr Tun danach, deren dieser Erde im vollendetsten Maße ähnliche Welt in Meinem Reiche wird dann auch Licht und Wahrheit sein für ewig im zunehmenden Verhältnisse; die aber eigenwillig im Falschen und daraus im Bösen sein werden, deren Welt wird dann auch gleich sein ihrem Innern im zunehmenden Verhältnisse. Denn gleichwie ein recht guter Mensch stets besser wird, ebenso wird ein böser Mensch stets schlechter und dadurch zuständlich entfernter von dem Guten, wie solches schon auf dieser Welt ganz klar zu ersehen ist.

[GEJ.06_033,11] Sehet hin nach jenen Menschen, die ihr Hochmut stets mehr und mehr erfüllt mit der brennenden Herrschsucht! Wenn sie durch ihre tyrannische Macht viele tausendmal tausend Menschen zu den elendsten Sklaven gemacht haben, dann sammeln sie noch größere Kriegshorden zusammen, fallen in die Reiche der anderen Könige ein, besiegen sie und nehmen ihnen Land, Völker und Schätze. Und haben sie sogestaltig eine ganze halbe Welt erobert und unglücklich gemacht, so dünken sie sich dann schon Gott gleich und erheben sich wohl sogar über Denselben, lassen sich anbeten und bedrohen jeden mit den peinlichsten Strafen, der es wagte, einen anderen Gott als nur so einen zcar anzubeten und ihm allein zu opfern, wie wir davon an dem babylonischen Könige Ne bouch kadne zcar (,Es gibt keinen Gott außer mir, dem Könige!‘) ein sprechendes Beispiel haben und nun an den Hohenpriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten, die sich nun auch für die alleinigen Götter halten und Mir nach dem Leben trachten, daß es in einer Zeit sogar zugelassen wird, daß sie diesen Meinen Leib töten werden, – aber freilich nur auf drei Tage lang; dann aber werde Ich aus Meiner höchst eigenen Macht wieder auferstehen, und über sie wird dann erst fallen das Gericht und ihr Ende.

[GEJ.06_033,12] Aus dem könnet ihr alle mit den Händen greifend klar ersehen, daß der Böse auch stets böser wird, gleichwie der Gute stets besser, nur mit dem Unterschiede, daß dem Bösen ein Maß gesetzt ist, wo es heißt: ,Nur bis hierher, und dann um kein Haar weiter!‘ Denn dann muß stets ein großes Strafgericht folgen, durch das die Bösen wieder zu einer Besinnung gebracht werden können, und daß möglicherweise doch einer und der andere eine bessere Richtung einschlagen könne.

[GEJ.06_033,13] Wie es aber also, wie Ich es euch nun gezeigt habe, in dieser Welt zugeht, ebenso geht es in der Hölle zu, nur mit dem Unterschiede, daß dort – im allgemeinen Geisterreiche – die Guten, Demütigen, Geduldigen und auf Gott Vertrauenden ausgeschieden sind für ewig, und somit allein die Bösen in der Hölle durchgängig ihr falsches, arges, wennschon gänzlich nichtiges Getriebe haben; nichtig darum, weil ihr Licht Falschheit, Trug und ein vollkommen nichtiger, leerer Schein ist gleich dem Traume eines besoffenen reichen Schwelgers und Prassers.

[GEJ.06_033,14] Ich meine, daß ihr alle auch in dieser Sache nun im reinen seid, und so wollen wir den noch übrigen Teil dieser Nacht ganz heiter und fröhlich zubringen! Hat jemand noch irgendein Anliegen, so haben wir nun bis gen Ostern Zeit; denn bis dahin will Ich bei Meinem Freunde Kisjonah verbleiben. – Bist du, Philopold, nun im klaren?"

[GEJ.06_033,15] Sagte Philopold: „Jetzt wohl; denn Du hast uns das Unbegreiflichste derart klar und begreiflich gemacht, daß mir nun in dieser Hinsicht gar keine Frage mehr übriggeblieben ist, und ich meine, daß das auch alle hier Anwesenden gar wohl begriffen haben. Ja, das hast aber auch nur Du, o Herr, uns also erklären können; denn alle Weisen würden sich dabei wohl ihre Weisheitszähne stark beschädigt haben. Unseren Dank kannst Du ohnehin in unseren Herzen lesen."

[GEJ.06_033,16] Hier sagten auch unsere Judgriechen: „Wahrlich, das kann nur Der also erklären, der mit Seinem Geiste alles durchdringt und eigentlich alles in allem ist! Das ist für uns noch der größte und stärkste Beweis für Deine rein göttliche Sendung. Die Zeichen wirken zwar vieles, so sie in Deiner Art gewirkt werden, aber nur für schon vielerfahrene Menschen; aber sie nehmen sie dennoch gefangen. Das Wort aber belebt und macht die Seele frei und ist darum mehr wert denn tausend Zeichen, die nicht beleben, sondern nur gefangennehmen das Gemüt, das sie mit Angst erfüllen. Darum Dir auch unsern Dank für diese Deine weiseste Lehre!"

[GEJ.06_033,17] Sagte Ich: „Ganz gut geurteilt! Morgen wird sich noch manches finden lassen; aber jetzt trinket und seid heiter bis zum Aufgange! Des Schlafes werden wir alle in dieser Nacht nicht bedürfen."

 

34. Kapitel

[GEJ.06_034,01] Es wurde darauf zwischen den etlichen zurückgebliebenen Jüngern, den Judgriechen und dem Philopold noch viel geredet; auch Ich und Kisjonah haben über so manches geredet: über das alte Priestertum, über die alten patriarchalischen und darum besten Regierungsweisen im Vergleiche mit der damaligen, als zu Meiner Erdenzeit gegenwärtigen, und es kam so der Morgen, und niemand war in der ganzen Gesellschaft, dem es vorgekommen wäre, als hätte er zuwenig geschlafen. Kurz, am Morgen war alles vollauf heiter, und wir gingen hinaus ans Meer und sahen eine Weile den munteren Fischern Kisjonahs zu, wie sie sich auf dem Wasser in ihren Fischerbooten herumtummelten, aber eben keinen gar zu reichen Fang machten.

[GEJ.06_034,02] Ein paar Fischer kamen ans Ufer und sagten es dem Kisjonah: „Herr, heute sieht es mit unserem Fange etwas mager aus! Seit Mitternacht schon arbeiteten wir sehr fleißig; aber der fatale Ostwind treibt die Fische in den Grund, und es ist da nahezu nichts zu machen!"

[GEJ.06_034,03] Fragte Kisjonah, wieviel sie gefangen hätten.

[GEJ.06_034,04] Sagten die Gefragten: „Ein paar kleine Lägel dürften wohl voll sein; aber was ist das für zwanzig Fischerbarken und noch einmal soviel Boote?!"

[GEJ.06_034,05] Sagte Ich zu den beiden Fischern: „Gehet nur noch einmal hinaus, und werfet eure Netze aus; denn bei aufgehender Sonne ist es am besten zu fischen!"

[GEJ.06_034,06] Sagten die Fischer, da sie Mich nicht kannten: „Freund, das wissen wir wohl; aber beim stark gehenden Ostwind sieht auch da nicht viel heraus! Es ist zwar jeder Wind unserer Arbeit nicht günstig; aber der Ostwind ist der ungünstigste, besonders zur Winterszeit."

[GEJ.06_034,07] Sagte Ich: „Tut nur, was Ich euch sagte, und ihr werdet einen reichen Fang machen!"

[GEJ.06_034,08] Da ruderten sie hinaus und sagten das den andern Fischern. Diese zuckten zwar mit den Achseln; aber da sie vernahmen, daß es Kisjonah also haben wollte, so warfen sie dennoch die Netze aus und fingen eine solche Menge von den besten und edelsten Fischen, daß beinahe die Netze zu reißen anfingen, und sie hatten zu tun, die große Menge der Fische in die großen Fischbehälter zu bringen. Natürlich fingen die Fischer, sich darüber höchlichst zu verwundern an, da sie noch nie einen so reichen Fang gemacht hätten. Späterhin wurde es ihnen vom Kisjonah wohl beigebracht, Wer an diesem reichen Fange die wunderbare Ursache war. Und sie glaubten dann alle an Meinen Namen, obwohl Mich dann mehrere von den Fischern als den Sohn des Zimmermanns Joseph erkannten.

[GEJ.06_034,09] Und so verstrich der halbe Winter unter allerlei nützlichen Belehrungen und kleinen Taten, die besonders anzuführen für niemand von einer erheblichen Wichtigkeit wäre, weil sich das alles mehr um das Wohl des irdisch-bürgerlichen Lebens handelte.

[GEJ.06_034,10] So hat auch die nach einigen Tagen erfolgte Ankunft der Maria als der Mutter Meines Leibes wenig derartiges, das sich für eine Aufzeichnung eignete, außer, daß sie überaus froh war, Mich persönlich wiederzusehen, und daß sie sich von den Jüngern vieles erzählen ließ, was Ich alles getan und gelehrt hatte, was sie alles tief in ihrem Herzen behielt und danach dachte, wollte und auch handelte. Auch die beiden ältesten Brüder, respektive Söhne Josephs, kamen nach Kis und hatten da einen Bau, bei welchem Ich Selbst ihnen natürlich mit Rat und Tat behilflich war.

[GEJ.06_034,11] Und so kamen die Osterfeste in die Nähe, und viele fingen an, die Vorbereitungen zu machen, um zu den Festen nach Jerusalem zu ziehen.

[GEJ.06_034,12] Kisjonah fragte Mich auch, ob Ich Selbst hinauf nach Jerusalem ziehen würde.

[GEJ.06_034,13] Und Ich sagte zu ihm: „Ich werde versprochenermaßen wohl hinaufziehen, aber Mich diesmal beim Feste und im Tempel schon gar nicht sehen lassen und bald wieder nach Galiläa kommen, wo Ich dann Mein Amt von neuem beginnen werde."

[GEJ.06_034,14] Sagten die Judgriechen: „So Du, o Herr, Dich aber dennoch im Tempel sehen ließest und wieder eine ähnliche Rede hieltest, so würden vielleicht von neuem wieder mehrere Templer stutzig werden und an Dich glauben gleich uns?"

[GEJ.06_034,15] Sagte Ich: „Oh, sorget euch darum nicht, denn Ich werde noch oft im Tempel lehren; aber von den nunmehr darin seienden Pharisäern, Ältesten und Schriftgelehrten wird darob keiner stutzig werden und sich danach kehren, auf daß auch er selig werden möchte, sondern sie werden alle nur dahin trachten, Mich zu ergreifen und zu töten! Und dazu ist jetzt Meine Zeit noch nicht da; darum weiß Ich gar wohl, was Ich zu tun habe."

[GEJ.06_034,16] Mit diesem Bescheide waren alle zufrieden und richteten darum keine weitere Frage in solcher Hinsicht an Mich.

[GEJ.06_034,17] Nur eine Episode kann hier noch vor unserer Abreise nach Jerusalem erwähnt werden, und das ist die Wiederankunft des Judas Ischariot.

 

35. Kapitel

[GEJ.06_035,01] Alle waren schon der ganz frohen Meinung, daß dieser Jünger nicht mehr wiederkehren werde, weil er sich den ganzen halben Winter hindurch gar nirgends hatte sehen lassen, das heißt bei jemand Bekanntem. Aber siehe da, auf einmal überraschte er uns gerade während eines recht fröhlichen Mittagsmahles. Er grüßte uns alle sehr freundlich, und Kisjonah lud ihn sogleich zu Tische, was der Jünger mit allem Danke und aller Freundlichkeit auch sogleich annahm.

[GEJ.06_035,02] Kisjonah, ein äußerst freundlicher und aufrichtiger Mann gegen jeden Menschen, fragte denn auch unseren Jünger, was er diese Zeit hindurch zu Hause gemacht habe, und wie es ihm und seiner Familie ergangen sei.

[GEJ.06_035,03] Da fing der Jünger an, ein langes und breites über die Vorteile zu erzählen, die er in der kurzen Zeit für sein Haus durch seinen besonderen Kunstfleiß errungen hätte, wie er für diese und jene großen Herren sehr viel ausgezeichnetes Geschirr für Küche und Tisch hätte zu machen bekommen, und wie er dafür überaus gut bezahlt worden wäre und sein Haus und seine Familie wenigstens auf einige Jahre bestens versorgt habe. Und dergleichen ans Unglaubliche Grenzende erzählte er noch mehreres.

[GEJ.06_035,04] Da brach den andern Jüngern die Geduld, und sogar unser Petrus, der sonst nicht leicht zum Reden kam, sagte endlich zu ihm: „Höre, wenn von all dem nur die Hälfte wahr ist – was ich sehr bezweifle –, so bist du nun ja ohnehin schon nahe so wohlhabend wie hier der Freund Kisjonah, und ich sehe gar nicht ein, wie du dich nun hast entschließen können, wieder zu uns zu kommen und etwa gar noch weiter mit uns zu ziehen! Wäre es denn für dich nicht weit klüger, auch jetzt daheim zu bleiben und dich durch deinen Kunstfleiß noch mehr zu bereichern?"

[GEJ.06_035,05] Sagte Judas Ischariot: „Das verstehst du nicht! Ich bin zwar gerne fleißig bei der Arbeit, so ich einmal dabei bin; aber ich kann nicht umhin, so mich bei allem Fleiße die Erinnerung an all das Gehörte und Gesehene wieder von der Arbeit treibt und zu euch führt, um da noch mehr zu hören und zu sehen. Denn gar so geistlos, als für was und wie ihr Brüder mich haltet, bin ich nicht! Und wäre ich es, so befände ich mich sicher nicht unter euch! Aber mich gelüstete schon sehr nach euch, und natürlich am meisten nach unserem Herrn, und so mußte ich gehen, wie durch eine unsichtbare Macht gezogen, und bin nun da. So ich euch jedoch unangenehm bin und euch irgend im Wege stehe, so dürfet ihr es ja nur sagen und besonders der Herr, und ich gehe wieder dahin, woher ich gekommen bin, und wir werden deshalb auch noch gute Freunde verbleiben!"

[GEJ.06_035,06] Sagte Petrus: „O nein, das werden wir nie tun, und du kannst bei uns sein, wie du warst, und wie du willst; was ich dir verweise, besteht nur in dem, daß du ohne alle Rücksichtnahme auf des Herrn oft erwiesenste Allwissenheit uns allen über deine großen Gewinste so ganz keck und frech ins Gesicht lügen kannst, während du es vom Herrn so gut wie wir wissen solltest, daß über unsere Lippen nie ein unwahres Wort kommen soll. So dir das nicht unbekannt sein kann, warum denn dann solche Lügen aus deinem Munde, da du doch uns gleich vom Herrn zu einem Apostel bist erwählt worden?"

[GEJ.06_035,07] Sagte Judas Ischariot: „Wie kannst du mir denn beweisen, daß ich gelogen habe?"

[GEJ.06_035,08] Sagte Petrus: „Ganz leicht! Denn fürs erste hat der Herr durch Seine Gnade mein Inneres derart erleuchtet, daß ich es genau weiß und wissen kann, ob da jemand lügt oder die Wahrheit spricht; zudem wird, was ich nun soeben durch die Gnade des Herrn innewerde, gar bald ein anderer, noch handgreiflicherer Beweis hier eintreten, von dem alle, die dich nun angehört haben, es nur zu klar erfahren werden, wie sehr du uns alle nun angelogen hast, was von dir wahrlich nicht löblich war! Wir haben zwar durch deine ganz leere Großtuerei weder einen Schaden noch einen Nutzen; aber bedenke du es selbst, ob so etwas sich unter uns geziemt, und ganz besonders in Gegenwart des Herrn, an den du gleich uns allen zu glauben und zu hoffen vorgabst!"

[GEJ.06_035,09] Hier ward unser Jünger sehr verlegen und wußte nicht, was er nun dem Petrus erwidern sollte, da er sich sehr getroffen fühlte.

[GEJ.06_035,10] Es dauerte aber gar nicht lange, da kamen einige ins Haus des Kisjonah und baten um Almosen, und Kisjonah ließ sie nach seiner Art ins Zimmer treten. Als sie ins Zimmer traten, waren es vier schon ziemlich erwachsene Kinder, in ganz dürftigste Lumpen gehüllt. Als Judas Ischariot derer ansichtig ward, da wandte er sein Gesicht ab, um von den vier Eingetretenen nicht erkannt zu werden; denn es waren dies seine älteren vier Kinder, eine Maid und drei Jungen.

[GEJ.06_035,11] Kisjonah aber befragte sie beiseits, wer und woher sie wären, wer ihr Vater wäre, und wie er heiße.

[GEJ.06_035,12] Die Kinder aber sagten alles und gaben ihrem Vater gar kein absonderlich gutes Zeugnis.

[GEJ.06_035,13] Kisjonah aber bemerkte, daß er vernommen habe, daß sich eben ihr Vater in dem halben Winter durch seinen Kunstfleiß gar soviel Geldes erworben hätte.

[GEJ.06_035,14] Aber die Kinder verneinten das und sagten: „Der Vater hatte wohl etwas für einen Markt vorbereitet, – als er aber auf den Markt kam, da entstand eine große Rauferei zwischen jüdischen und griechischen Handelsleuten, und dem Vater wurden alle seine Töpfe und Geschirre zerbrochen, und wir alle sind dann als pure Bettler heimgekehrt, worauf dann der Vater sehr traurig ward und uns mit den Worten verließ: ,Kinder, ich kann für euch nun nichts mehr tun! Geht zu barmherzigen Menschen hin, und ihr werdet schon noch Unterstützung finden! Ich aber werde zu dem wunderbaren Meister, von dem ich vieles erzählt habe, gehen; vielleicht bewege ich Ihn, daß Er wenigstens euch und eurer armen Mutter hilft, so schon mir nicht mehr zu helfen sein sollte!‘ Dann ging er traurig fort, und wir gingen auch, wie wir hier sind, ein Almosen für uns, für die Mutter und für unsere noch jüngeren Geschwister zu suchen, haben aber bis jetzt noch wenig ausgerichtet. Darum bitten wir dich, daß du dich unser erbarmen möchtest!"

[GEJ.06_035,15] Hierauf sagte Kisjonah: „Wie lange ist es denn schon, seit euch euer Vater verließ?"

[GEJ.06_035,16] Da sagten die Kinder, es werde das schon acht Tage her sein, daß sie den Vater nicht mehr gesehen hätten.

[GEJ.06_035,17] Hierauf führte Kisjonah die Kinder in ein anderes Gemach, ließ ihnen andere Kleider geben und sie reinigen und gab ihnen dann zu essen und zu trinken. Als die vier also vorderhand versorgt waren, da gaben sie sichtbarlich zu erkennen, daß es sie jammere des Elends ihres Vaters, dessentwegen auch daheim die arme Mutter sehr traurig wäre, da nun niemand wisse, wohin er gekommen sei.

[GEJ.06_035,18] Da vertröstete sie Kisjonah, daß sie sich darum nicht sorgen sollten, da ihr Vater auch bei ihm vorderhand ganz gut aufgehoben sei und sie ihn bald sehen würden.

[GEJ.06_035,19] Da wurden die Kinder überfroh und blieben ganz ruhig in ihrem Gemache.

[GEJ.06_035,20] Kisjonah aber kam heraus, ging zu Judas Ischariot hin und sagte: „Freund, weit entfernt, als wollte ich dir, einem erwählten Jünger des Herrn, deiner Großrederei wegen irgendeinen Vorwurf machen, – aber da du mich hoffentlich ebensogut kennst, wie mich weit und breit alles, was arm ist, kennt, warum kamst du denn nicht alsbald zu mir, und warum gestandest du mir nicht deine sehr bedauernswerte Lage? Siehe, deine Kinder sind da weit aufrichtiger als du und sind höchst besorgt um dich, und du bogst bei ihrem Eintritte dein Angesicht von ihnen weg, um von ihnen, die dich trauernd suchen, ja nicht erkannt zu werden! Ich wenigstens finde das denn doch ein wenig sonderbar von dir! Was sagst du selbst nun zu dem allem?"

[GEJ.06_035,21] Sagte Judas Ischariot, tief aufseufzend: „Ach, Freund, ich wollte durch meine freilich sehr unzeitigen Großredereien nur mein ganz gebrochenes Herz betäuben! Aber es hat mir das schlechte Früchte getragen; denn die Strafe folgte meiner Bosheit gegen mich selbst alsogleich auf der Ferse wie eine giftige Natter nach, und nun stehe ich da enthüllt zuschanden vor aller Augen. Geh und lasse mich zu meinen Kindern gehen, sie trösten und bei ihnen meinen Schmerz ausweinen!"

[GEJ.06_035,22] Da sagte Ich: „Jetzt noch nicht! Esse und trinke nun, und in der Folge lüge nicht mehr, sonst wird dir noch Ärgeres widerfahren!"

[GEJ.06_035,23] Da blieb Judas Ischariot und fing wieder an zu essen und zu trinken, und alle sprachen mit ihm nun weiter ganz freundlich, und Kisjonah versprach ihm, für die Armen zu sorgen, weil sie an seinem Unglücke ganz unschuldig seien, wohl aber mehr oder weniger er als Vater an dem ihrigen.

[GEJ.06_035,24] So war diese Episode ganz ruhig und gut beigelegt worden, und sie ist hier nur darum wiedergegeben worden, um den Jünger wieder etwas näher zu bezeichnen, wessen Geistes Kind er war.

 

36. Kapitel

[GEJ.06_036,01] Auch Meine Leibesmutter Maria sagte bald darauf zum Judas Ischariot: „Wenn du so fortfährst und nimmer änderst dein Gemüt, dann wird dein Ende ein Grauen sein für viele und wird im Angedenken bleiben bei den Menschen bis ans Ende der Welt. Daher nimm dich in der Zukunft wohl in acht, daß du bestehest vor den Augen des Herrn! Ich habe von dir noch nie einen guten Traum gehabt und sehe nun auch den Grund ein. Darum noch einmal gesagt: Sieh zu, daß du bestehest vor den Augen des Herrn!"

[GEJ.06_036,02] Diese Worte faßten alle Jünger tief in ihr Herz.

[GEJ.06_036,03] Nach dem Mahle besuchten wir noch das Haus der Maria und ihre von Kisjonah ihr eingeräumte Besitzung. Alles war in der schönsten Ordnung. Auch war eine kleine Schule erbaut, in der die Mutter den dürftigen Kindern in allerlei nützlichen Dingen Unterricht erteilte und so die Zeit recht vielfach nützlich zubrachte und darum von allen Menschen des Ortes und der Umgegend sehr geliebt und geachtet ward. Sie heilte dadurch auch viele Kranke, daß sie ihnen in Meinem Namen die Hände auflegte oder über sie betete. Und so war sie denn auch ein Segen für diese Gegend und war dem Kisjonah ein wahres Kleinod.

[GEJ.06_036,04] Am nächsten Tage als an einem Donnerstage, noch gut bei drei Wochen vor Ostern, empfahlen wir uns bei Kisjonah mit dem Versprechen, ihn bald wieder zu besuchen. Er ließ sogleich eines seiner besten Schiffe herrichten, das wir nach dem Morgenmahle alsbald bestiegen und dann bei gutem Winde abfuhren. Kisjonah, Philopold und Maria aber gaben uns das Geleite über das Meer bis an das Ufer des Galiläischen Meeres an der Stelle, wo der Jordan dasselbe verläßt und sich dann links dem Toten Meere zuwendet durch ein langes und stark nach Osten hin gebogenes Tal. Von da geht man dann auch guten und wohlgebahnten Weges hinauf nach Jerusalem, von welchem Wege aber heutzutage freilich wohl nichts mehr zu entdecken ist, wie von all den Orten am Galiläischen Meere, das heutzutage auch schon gut um ein starkes Dritteil kleiner geworden ist.

[GEJ.06_036,05] Am Landungsplatze war bloß ein Mauthaus, bei dem man einen kleinen Zoll zu entrichten hatte, aber nur dann, so man etwas zum Verkaufe mittrug oder -führte. Wir stiegen da ans Land, segneten die uns Begleitenden und setzten unseren Weg schnell fort, ohne irgend eine Rast zu nehmen, und erreichten so ziemlich spät in der Nacht das Haus unseres bekannten Wirtes, der noch auf war, da einige Gäste bei ihm waren.

[GEJ.06_036,06] Als wir da ankamen und der Wirt uns erkannte, da ward er voll Freude und setzte gleich sein ganzes Haus in Bewegung, um uns zu versorgen; denn wir hatten seit frühmorgens nichts mehr genossen. Auch unsere Glieder waren von der weiten Fußreise müde, und das Bedürfnis für Ruhe war ihnen sehr fühlbar geworden. Während der Wirt durch seine Leute für uns ein Nachtmahl bereiten ließ, erzählte er uns gar manches, was sich in Meiner Abwesenheit alles zugetragen hatte, – unter anderem auch, daß der gute Lazarus einen ganz ernsten Auftritt mit den Templern zu bestehen hatte wegen der Arbeiter, die Ich ihm aus Bethlehem verschafft hatte.

[GEJ.06_036,07] (Der Wirt:) „Die Templer kamen gleichfort hin und gaben sich alle Mühe, die Arbeiter des Lazarus auf ihre Seite zu bringen; allein die Arbeiter begegneten den Templern mit Drohungen, so sie keine Ruhe von ihnen zu gewärtigen hätten. Auf das wurden die Templer stutzig und beschuldigten Lazarus, daß er seine Arbeiter heimlich gegen sie aufgewiegelt habe, und machten darum eine förmliche Anklage beim römischen Landpfleger. Dieser berief den Lazarus zu sich und befragte ihn um den wahren Sachverhalt und verhörte hernach auch alle die Arbeiter, und zwar jeden für sich allein. Aber da stellte sich die Sache also heraus, daß Lazarus samt seinen Arbeitern von aller Schuld freigesprochen ward und den Templern geheim bedeutet wurde, dem Lazarus, der nun ein Ehrenbürger Roms sei, seine Diener in Ruhe zu lassen, widrigenfalls er genötigt wäre, dem Lazarus zu seinem Schutze eine gute Anzahl Soldaten zur Verfügung zu stellen. Das wirkte, und Lazarus hat nun schon bei sechs Wochen lang volle Ruhe von seiten der Templer. Ob sie ihm aber gerade innerlich ganz besonders geneigt sind, das bezweifle ich sehr, obwohl sie ihm ins Gesicht recht freundlich sind und ihm versichern, daß sie nur gegen seine Arbeiter und nicht gegen ihn die für sie bedrohliche Sache vor den Landpfleger gebracht hätten. Und so lebt Lazarus wenigstens zum Scheine auf einem guten Fuße mit den Templern."

[GEJ.06_036,08] Sagte Ich: „Ich wußte es wohl, daß es also kommen werde; aber es hätte auch noch anders kommen können, wenn die Sache noch um ein paar Wochen länger angedauert hätte. Denn da wäre es zwischen den Arbeitern und den Templern zu ernsten Tätlichkeiten gekommen, die Ich vorausgesehen habe, und darum Ich auch durch Meinen Willen die Sache eben also geleitet habe, wie sie gekommen ist, und das war gut. Die Templer haben nun freilich einen heimlichen Groll auf den Lazarus; aber der hat nichts zu bedeuten, denn sie haben auch einen Groll auf alle Römer und Griechen und auf die Essäer, Sadduzäer und Samaritaner. Aber all dieser ihr Groll ist dem eines sehr törichten Menschen gleich, der auf einen großen Strom beinahe wütend zornig ward, weil er über ihn keine Brücke fand, über die er das jenseitige, schöne Uferland hätte erreichen können. Der Strom blieb Strom trotz des großen Zornes des törichten Menschen. Und wahrlich, geradeso geht und steht es mit dem Grolle und Zorne der Templer! Es ist ein Sich-Krümmen und -Sträuben eines Wurmes im Staube gegen die Tritte der vorüberziehenden Kamele. Darum lassen wir diese Sache nun ganz gut sein, und du, lieber Freund, sieh nach, ob wir bald zu einem Nachtmahle kommen werden!"

 

37. Kapitel

[GEJ.06_037,01] Da eilte der Wirt in die Küche, und es war bereits schon alles fertig. Es ward sogleich aufgetragen, und wir aßen und tranken ganz wohlgemut.

[GEJ.06_037,02] Es erfuhren aber die anderen Gäste, die als Reisende teils aus Galiläa, Griechenland, Samaria, teils aus verschiedenen Ländern hier die Nachtherberge nahmen, weil der Wirt bekannt war als ein sehr billiger Mann und auch ein großes Unterkommenshaus besaß, daß eben Ich, von dem sie schon so vieles vernommen hatten, nun auch in dieser Herberge Mich befinde. Da befragten sie des Wirtes Dienerschaft, ob sie Mich sehen könnten. Ein Diener aber kam darum zu uns und steckte solches dem Wirte, der sich mit uns über so manches besprach.

[GEJ.06_037,03] Der Wirt aber sagte dem Diener: „Da kann ich weder ja noch nein sagen; denn dieser Herr ist ein Alleinherr, und es darf nur das geschehen, was Er will!"

[GEJ.06_037,04] Ich aber sagte zum Wirte: „Es sind unter den Reisenden auch vier Magier aus Ägypten, geboren aber in Persien nahe an der Grenze von Indien. Drei darunter sind Hauptmagier und schon hohen Alters, der vierte aber ist nur ein Jünger. Sie haben wohl noch ein größeres Gefolge, das aber größtenteils in andern Orten in der Herberge ist; hier haben sie nur die nötige persönliche Dienerschaft. Nun, diese vier Magier, die nun etliche Jahre in Ägypten ihr Wesen trieben, kannst du hereinkommen lassen, und wir wollen ihnen auf den Zahn fühlen, wessen Geistes Kinder sie sind."

[GEJ.06_037,05] Da ging der Wirt hinaus in das Gemach, in dem die Magier sich befanden, und sagte ihnen, daß Ich es gestattet habe, zu Mir zu kommen.

[GEJ.06_037,06] Darüber waren die Magier sehr erfreut, indem sie von Mir schon so vieles sogar bis über die Grenzen Kanaans vernommen hätten. Sogleich erhoben sie sich und eilten zu Mir, vom Wirte geleitet. Als sie bei uns als ehrwürdige Greise ankamen, da verneigten sie sich tief und grüßten höflichst nach ihrer Sitte. Da sie der hebräischen Sprache kundig waren, so konnten sie auch von den Jüngern allen wohl verstanden werden.

[GEJ.06_037,07] Ich sagte gleich zu ihnen: „Der, welchen ihr gerne näher kennen- lernen möchtet, der bin Ich; nun aber setzet euch zu uns, und wir werden uns dann erst ein wenig näher verständigen!"

[GEJ.06_037,08] Die Magier nahmen an unserem Tische Platz, und Ich fragte sie: „Nun saget ihr Mir ganz offen, was ihr so für allerlei Künste und Zaubereien treibet; dann sollet ihr auch von Mir erfahren, was Ich alles treibe! Vielleicht können wir uns dann gegenseitig sehr nützlich sein!"

[GEJ.06_037,09] Hier verneigten sich die Magier, und der eine Magier sagte: „Meister, dieser ist unser Ältester und Weisester, sein Name ist HAHASVAR (Hüter der Gestirne), der wird für uns reden! Er zählt volle dreimal dreißig Jahre. Ich Redner nun zähle erst achtzig und dieser neben mir siebzig volle Jahre, und in den Gestirnen steht es geschrieben, daß ein jeder von uns von jetzt an noch dreißig Jahre leben muß. Mein Name ist MEILIZECHIORI (Habe das Gesicht oder die Wissenschaft, die Zeit zu messen), und der Name dieses meines Nachbars OU LI TESAR (Willensbeschwörer oder -nötiger). Der vierte unter uns ist noch jung, hat noch keinen bestimmten Namen, da er noch ein Jünger ist. Nun mag unser Ältester reden!"

[GEJ.06_037,10] Nun fing also der Älteste an und sagte: „Wir drei waren schon einmal vor dreißig Jahren hier und sind weiten Weges aus dem fernen Morgenlande hierhergereist; denn wir sind durch einen besonderen Stern erweckt worden, und in der Schrift der Sterne stand es geschrieben: ,Im tiefen Westen ist dem entarteten Volke Gottes ein neuer König geboren worden. Seines Leibes Mutter ist eine Jungfrau und nie von einem Manne berührt worden; denn das Kind in ihr ist gezeuget durch des großen Gottes Kraft, und sein Name wird groß sein unter allen Völkern der Erde, und er wird ein Reich gründen und im selben als ein allermächtigster König ewig herrschen. Und wohl allen, die in seinem Reiche leben werden; denn über sie wird der Tod keine Macht mehr haben!‘

[GEJ.06_037,11] Als solches wir lasen, da machten wir uns auf, folgten dem Laufe des Sternes und fanden im Ernste zu Bethlehem, und zwar in einem alten Schafstalle, ein neugeborenes Kind gar wunderbarlich und opferten ihm unsere Gaben. Wir wollten versprochenermaßen wieder über Jerusalem in unser eigenes Land ziehen, wurden aber im Traume gewarnt durch einen lichten Geist, daß wir eines andern Weges nach Hause ziehen sollen und nicht verraten dem bösen Fürsten den neugeborenen König. Das taten wir denn auch. Was hernach mit jenem wunderbaren Kinde geschehen ist, konnten wir trotz unseres Forschens nicht mehr in irgendeine Erfahrung bringen.

[GEJ.06_037,12] Wir vernahmen von alten Leuten, daß von seiten des alten, grausamen Fürsten Herodes zu Bethlehem wegen jenes neugeborenen Königs ein Kindermord angeordnet ward, wobei alle Knaben von 1-12 Jahren mit dem Schwerte umgebracht worden sind; aber die Eltern hätten mit dem Wunderkinde noch zur rechten Zeit die Flucht nach Ägypten ergriffen und seien also der Grausamkeit des tollen Fürsten entronnen. Wir aber forschten nun mehrere Jahre in Ägypten nach demselben Kinde und Könige und konnten nicht das geringste erfahren.

[GEJ.06_037,13] Erst unlängst zu Memphis in Ägypten erfuhren wir, daß in Galiläa ein großer Wundermann aufgetreten sei, der Zeichen und Werke verrichtet habe, die auf dieser Erde nie erhört worden seien, und dabei so überweise Reden halte, gegen die sich alle die größten Weisen der Erde rein in den Staub verkriechen müßten. Gar viele glaubten und hielten daher an ihn, daß er offenbar Gott Selbst sein müsse, weil sonst sein Tun und Treiben ganz unerklärlich wäre.

[GEJ.06_037,14] Auf solche Nachricht sind wir denn eigens wieder hierher nach Kanaan oder nach dem gesamten Judenlande gezogen, um irgendwo mit solch einem außerordentlichen Menschen zusammenzukommen, und zwar aus einem doppelten Grunde: erstens, um uns selbst von allem persönlich zu überzeugen, und zweitens, um zu erforschen, ob etwa dieser Mann nicht aus jenem zu Bethlehem geborenen Kinde hervorgegangen ist.

[GEJ.06_037,15] Freilich sei zwar der berühmte Wundermann noch kein König, – aber das macht gerade gar nichts aus; denn wir sind nur Weise, Sternkundige, durch die Kenntnis der Naturkräfte vor den Augen der blinden Menschheit auch ganz außerordentliche Magier und sind darum auch Könige mit Land und viel Volk hinter Persien in den weiten Hochländern und haben keinen Feind zu fürchten, da ein jeder nachbarliche Fürst uns hochachtet und vor unserer geheimen Macht die größte Ehrfurcht hat. Und doch ist unsere Macht nur eine ganz natürliche, die ein jeder Mensch erlernen kann; um wieviel mehr kann der so berühmte Mann Judenlands ein König sein, der bloß durch seinen Willen Berge und Felsen vernichten, den Toten das Leben wiedergeben und den Elementen gebieten kann!

[GEJ.06_037,16] Wir kamen schon heute morgen hier in dieser Gegend an und erkundigten uns nach dem Manne, und es hieß, daß er erst unlängst hierherum sein Wesen hatte, und daß er in kurzer Zeit wieder hier eintreffen dürfte. Und nun spätabends ging es im Hause von Mund zu Mund, der berühmte Mann sei mit seinen Jüngern angekommen.

[GEJ.06_037,17] Nun kannst du, Meister, es dir wohl denken, von welcher Begierde wir alle zu glühen anfingen, in dir den Mann zu ersehen, von dem wir so Wundergroßes gehört haben, und dich dann auch in tiefster Bescheidenheit zu fragen, ob du doch etwa aus jenem Wunderkinde, das zu Bethlehem geboren ward, hervorgegangen bist."

 

38. Kapitel

[GEJ.06_038,01] Sagte Ich: „Das ist alles sehr schön und löblich von euch; aber es hieß ja einmal, daß jene drei Weisen, die das zu Bethlehem geborene Wunderkind besucht haben, nachher – vor etwa fünfzehn Jahren schon – verstorben seien. Wie kommt es denn, daß ihr als dieselben noch lebet und euer Wesen in aller Welt herum treibet?"

[GEJ.06_038,02] Sagte der Älteste: „Edler Freund, bei uns in unserem Lande kannst du fünf-, auch sieben Male sterben und dann neu belebt wieder fortleben. Das bewirkt dort die Luft, die Erde und ihre Geister, die wunderbaren Kräuter und unsere Kräfte, geschöpft aus den geheimen Kräften der Natur.

[GEJ.06_038,03] Aber als wir damals in Bethlehem waren, da waren in uns noch drei Geister aus der Urzeit der Menschen dieser Erde; diese sind nun nicht mehr in und mit uns im Verbande, sondern wir sind nun ledig und allein.

[GEJ.06_038,04] Als jene Geister uns verließen, da hatte es gleichwohl das äußere Ansehen, als wären wir verstorben; aber es belebten uns wieder unsere Geister, und wir leben nun wieder ganz gut fort für uns selbst und werden noch eine geraume Zeit fortleben. Wenn dieser Leib aber dann ganz unbrauchbar werden wird, dann werden wir aber auch nicht sterben, wie die armen Menschen hierzulande gar elendiglich sterben, sondern wir werden mit vollem Bewußtsein selbst freiwillig aus unseren Leibern treten und dann als Geister fortleben und auch -wirken unter unseresgleichen. Siehe, edler, großer Meister, so verhalten sich bei uns die Sachen, dieweil wir noch ein unverdorbenes Ur- und Naturvolk sind."

[GEJ.06_038,05] Sagte Ich: „Darum weiß Ich wohl und weiß es auch, daß es auf dieser Erde noch einige solche Völker gibt, wogegen Ich durchaus nichts einzuwenden habe, und Ich lasse es denn auch gelten, daß ihr jene drei Weisen aus dem fernen Morgenlande seid, die das zu Bethlehem in einem Schafstalle neugeborene Wunderkind besucht haben, und nun auch wiedergekommen seid, den dem Kinde entwachsenen Wunderkönig aufzusuchen, um ihm wieder eure Achtung zu bezeigen, was von euch unstreitig sehr löblich ist.

[GEJ.06_038,06] Aber Ich fragte euch auch, was ihr denn so auf euren weiten Reisen alles für Künste und Werke verrichtet, und was sie euch denn für einen Nutzen abwerfen. Davon müsset ihr Mir auch etwas sagen, damit wenigstens diese Meine Jünger auch von euch etwas gewinnen können. Dann werde Ich euch schon von Mir Selbst etwas Näheres kundgeben."

[GEJ.06_038,07] Sagte der Älteste: „Ja, großer Meister, wenn du alles das leistest, was wir von dir vernommen haben, werden deine Jünger von uns eben nicht gar besonders viel gewinnen; aber dieweil du solches wünschest, so kann ich dir schon so die Hauptsache mitteilen. Unser Erstes und die eigentliche Hauptsache ist es, den Menschen aus den Sternen so manches für sie Nützliche zu weissagen, was zumeist dann auch eintrifft. Freilich, aufrichtig gesagt, kommt es da mehr auf die künstliche Stellung der Worte als auf die Stellung der Sterne an, die bis auf die der wenigen Planeten ohnehin immer die ganz gleiche bleibt.

[GEJ.06_038,08] Nur bei der Geburt des jüdischen Wunderkindes, allwann wir noch von den gewissen Geistern mehr oder weniger bewohnt waren, da haben wir gegen den Westen wohl ganz sonderbare Stellungen der Sterne gesehen und einen Stern von besonderer Größe, der gegen Westen hin eine lange Rute hatte, und da wir auch wohl merkten, daß er sich eben gegen Westen hin schneller bewegte denn die anderen Sterne, so dachten wir, daß sich im Abendlande etwas Großes müsse zugetragen haben. Und bald lasen wir es aus den Sternen wie eine Schrift: ,Den Juden ist ein neuer König geboren, der ein Reich gründen wird, das nimmer ein Ende nehmen wird in Ewigkeit, und er wird herrschen über alle Völker der Erde!‘

[GEJ.06_038,09] Nun, diese Schrift war völlig wahr, und wir schlugen dann unsere Reise gerade nach der Bewegung des Sternes ein, der uns am rechten Orte und an rechter Stelle stehenzubleiben schien, und wir fanden da wirklich eine Geburt, die von allen möglichen Wundern begleitet war, so daß wir auch nicht einen Augenblick im Zweifel sein konnten, ob wir wohl am rechten Orte wären. Da war demnach unsere Sterndeuterei voll Wahrheit; inwieweit die nachträglichen und späteren auch mehr oder weniger Wahres in sich enthielten, dafür könnten wir, offen gesagt, keine volle Bürgschaft leisten. So steht denn die Sache mit unserer Sternenweisheit.

[GEJ.06_038,10] Was aber unsere Magie betrifft, so zerfällt diese in drei Teile. Der erste Hauptteil geht aus unserer durch viele Proben, Versuche und Erfahrungen hervorgehenden Kenntnis und Vertrautheit mit den geheimen Kräften der Natur hervor, wodurch wir imstande sind, tausenderlei Dinge und Sachen zu bewerkstelligen, die bei der blinden und nichts wissenden Menschheit natürlich das größte Staunen erregen müssen und uns ein großes Ansehen und auch einen großen Gewinn abwerfen.

[GEJ.06_038,11] Wir sind zurzeit im Besitze eines Geheimnisses, eine Art Körner zu erzeugen, die überaus leicht entzündbar sind, bei ihrem schnellen Entzünden in einem geschlossenen Raume aber eine solche Kraft entwickeln, daß dadurch der stärkste und festeste Fels, so man zuvor durch eine gemachte Öffnung in denselben ein paar Pfunde von den erwähnten Körnern bringt und durch einen unsichtbaren Brandfaden entzündet, mit einem großen Knalle in tausend Trümmer zerrissen wird. Zum Scheine fürs Volk tun wir das wohl also, als geböten wir dem Felsen, daß er sich lösen müsse; aber im Grunde bewirken das nur unsere Sprengkörner, die wir schon etliche Tage zuvor ganz unbemerkt an einer geeigneten Stelle unterzubringen verstehen.

[GEJ.06_038,12] Und so in der Art haben wir noch eine Menge Dinge, deren Experimentierung dem unkundigen Volke eine große Verwunderung abnötigen muß. Dazu gehören auch unsere Feuerkünste, bei denen wir auch den Blitz und seine Wirkungen ganz täuschend nachzumachen verstehen. – Darin also besteht der erste Teil unserer Magie.

[GEJ.06_038,13] Der zweite Teil ist ein rein mechanischer, wobei wir durch gewisse bisher noch unbekannte Maschinen auch gewisse Wirkungen hervorbringen, die gleichwohl auch jeden Laien ins größte Staunen setzen müssen, weil die Ursache der Wirkung fremd ist und außer von uns von sonst niemand erklärt werden kann.

[GEJ.06_038,14] Der dritte Teil unserer Magie ist der eigentlich nichtssagende, weil er bloß durch gewisse geheime Einverständnisse bewerkstelligt wird. Der macht bei dem blinden Volke beinahe das meiste Aufsehen, obwohl hinter ihm gar nichts steckt außer einer gewissen eingeübten Geschicklichkeit und Fertigkeit. – Das sind nun unsere drei magischen Teile.

[GEJ.06_038,15] Endlich aber sind wir auch Ärzte und können durch geheime Mittel mit dem besten Gewissen von der Welt gar viele Krankheiten heilen, böses Ungeziefer aller Art vertilgen, und alle Arten der bösen Tiere müssen vor uns die Flucht ergreifen oder sich von uns bändigen lassen, – mit welcher unserer Fähigkeit wir den Menschen auch schon gar manchen guten Dienst erwiesen haben. – Und nun hast du, großer Meister, in Kürze unsere ganze Kunst vor dir aufgedeckt. Aber nun bitten wir denn auch dich, daß du uns über dich eine nähere Auskunft geben möchtest."

 

39. Kapitel

[GEJ.06_039,01] Sagte Ich: „Eure Kunst ist insoweit, als sie sich bei dem Experimentieren der Naturkräfte, der Mechanik und der Heilmittel bedient, in sich ganz gut, und es kann mit der Zeit für die Menschen so mancher irdische Vorteil daraus erwachsen. Aber alles, was dabei im Angesichte der Menschen, die vor Gott einen gleichen Wert haben, mehr als gewinnbringendes Blendwerk erscheint, ist schlecht und Gott, dem alleinigen Herrn aller Welt und Kreatur, nicht wohlgefällig, wie Ich solches auch den Essäern, die Ähnliches tun, bei einer Gelegenheit gesagt und gezeigt habe. Denn so der Zweck im Grunde ein noch so guter wäre, den man aber nur durch ein lügenhaftes und somit an sich schlechtes Mittel erreichen könnte, so wird dieses durch den an und für sich guten Zweck nie geheiligt und auch nie gut.

[GEJ.06_039,02] Zum Exempel: Es wäre ein sehr schmerzlichst kranker Mensch, und die besten Ärzte wüßten kein Mittel mehr, den Menschen von seinen großen Schmerzen zu heilen. Nun aber fiele es einem ein, und er sagete zu den andern Ärzten: ,Da diesem Menschen durch nichts mehr zu helfen ist, so geben wir ihm ein schnell tötendes Gift, und er ist auf einmal alle seine Leiden los!‘ Gesagt, getan, – und der Leidende war im Moment dahin. Ja, diese Ärzte haben den Kranken richtig von allen seinen Schmerzen befreit; aber sie haben ihn getötet, ohne zu bedenken, warum Gott ihm ein solches Leiden zukommen ließ, und wie es dann jenseits mit seiner Seele stehen möchte. Und so war das Mittel schlecht, was darum auch nie einen ganz rein guten Zweck nach sich ziehen kann.

[GEJ.06_039,03] Und sehet, also steht es mit allen solchen falschen Wundern! Und werden sie auch sogar mit guten, moralischen Lehren zu manchem Frommen der Menschen begleitet und als göttliche Wirkungen erklärt, so bezwecken sie aber im Grunde dennoch nichts Gutes; denn sie erwecken in den Gemütern des Volkes den genötigten Leichtglauben, aus dem allerlei bösen Aberglauben und am Ende einen fanatischen Haß gegen jeden Andersglaubenden. Und kommen sie aber endlich durch jemanden hellen Geistes hinter den Betrug, und wie das von ihnen geglaubte, angeblich göttliche Wunder ein ganz plump-natürliches war, so fallen sie denn auch von allen darauf gestützten an und für sich guten Lehren ab, glauben dann gar nichts mehr und werden zu Tigern und Hyänen gegen ihre Lehrer und Wundertäter.

[GEJ.06_039,04] Aus dem aber läßt sich dann leicht entnehmen, wie durch ein schlechtes Mittel eigentlich auch nie ein guter Zweck zu erreichen ist; denn ist die Stütze schlecht und gebrechlich, wie kann darauf ein vollkommen festes Gebäude bestehen?!

[GEJ.06_039,05] Auf einem schlechten und lockeren Grunde läßt sich nie eine feste Burg erbauen, und so läßt sich mit falschen Scheinmitteln auch nie eine wahre und den Menschen durch und durch bessernde und belebende Erziehung erzielen.

[GEJ.06_039,06] Auch die größten Staaten in dieser Welt, vor denen einst der halbe Erdkreis erbebte, zerfielen am Ende wie lockere Spreu, weil das Fundament, auf dem sie erbaut waren, selbst nichts als ein eitles, spreuartiges Blendwerk war.

[GEJ.06_039,07] Daher aber bin Ich denn in diese Welt von oben herabgekommen, um den Menschen die volle Wahrheit in allem zu zeigen und zu geben. Und wer in solcher Wahrheit bleiben und leben wird, der wird wahrhaft frei sein und in sich haben das ewige Leben, das nie durch irgendein Scheinmittel, sondern allein nur durch die reinste und gediegenste Wahrheit zu erreichen ist.

[GEJ.06_039,08] Und eben darin bestehet das Reich, das Ich nun soeben gründe. Es ist ein Reich der Liebe, des Lichtes und daraus der reinsten und gediegensten Wahrheit. Sein König wird wohl nie einen irdischen Thron besteigen, und kein goldenes Zepter in die Hände nehmen und wird keine andere Waffe führen denn allein die Wahrheit; aber diese Waffe wird ihm dennoch den glänzendsten Sieg über alle Völker der Erde und über alle ihre Kreatur für ewig geben, und wohl jedem, der sich von dieser reinsten Himmelswaffe wird besiegen lassen!

[GEJ.06_039,09] Und nun erst sage Ich euch auch, daß Ich eben ganz Derselbe bin, den ihr suchtet, und dem ihr schon als einem neugeborenen Kind die Ehre erwiesen habt.

[GEJ.06_039,10] Aber Ich sage es euch nun auch, daß Ich jetzt und fürder keine Ehre von den Menschen nehme, sondern es ist Einer, der eins ist mit Mir, der allein Mich ehrt, und der heißt: Liebe, Licht, Wahrheit und Leben. Er ist der Urgrund aller Dinge und das ewige Sein und Dasein Selbst, und alles, was da ist und besteht, ist und besteht aus Ihm. – Wisset ihr nun, wie ihr daran seid?"

 

40. Kapitel

[GEJ.06_040,01] Sagte, ganz von der Wahrheit Meiner Rede durchdrungen, der Älteste: „Großer Meister! Aus dieser deiner lichtvollen Rede haben wir mehr denn sonnenklar entnommen, daß du mehr als ein purer Mensch sein mußt; denn also gar so durchdringend wahr haben wir noch nie einen Menschen reden hören, und wahrlich, solche Worte wirken mehr denn tausend der wunderbarsten Zeichen, die zwar die Menschen wohl auf eine Zeitlang berücken, aber ihr Herz noch mehr verhärten und verfinstern! Darum verlangen wir auch gar kein anderes Zeichen von dir; denn dies dein Wort genügt uns vollkommen, und wir wissen nun schon, was wir künftighin zu tun und zu halten haben. Unser Volk daheim soll fürder nicht mehr im Finstern umherwandeln!"

[GEJ.06_040,02] Sagte Ich: „Das wird von euch sehr wohlgetan sein; aber alles Gute und Wahre braucht auch seine Zeit. Daher müsset ihr denn auch bei allem redlichen Tun und Handeln die Klugheit zu Rate ziehen. Denn ein einmal verfinstertes Volk kann ein plötzlich aufgehendes grellstes Licht nicht ohne Schaden seiner Sehe vertragen; es wird dann wie wahnsinnig, lichtscheu und suchet dann Schatten und Nacht. Darum muß das Licht erst ganz sparsam zugelassen werden, daß sich die Menschen nach und nach an dasselbe gewöhnen. Mit der Zeit werden sie dann auch sogar ganz behaglich das stärkste Licht vor ihren Augen vertragen. – So ihr denn wahre Weise aus dem fernen Morgenlande seid, so müßt ihr auch diese Weisheitslehre treu beachten, so ihr euren Völkern ein wahrer Segen werden wollet."

[GEJ.06_040,03] Sagte der Älteste: „Auch dieses werden wir und unsere Jünger getreu beachten; denn wir sehen, daß du in allem recht hast und durch und durch wahrhaftig bist. Aber nun möchten wir denn von dir auch noch erfahren, was es mit den uns leitenden Geistern zur Zeit deiner wunderbaren Geburt für eine Bewandtnis hatte; denn wir nahmen es in uns ganz genau wahr, daß sie nicht wir und wir nicht sie waren. Aber wenn sie in uns herrschten, da konnten wir nicht tun, was wir wollten, sondern nur das, was sie wollten, und es kam uns dabei vor, als ob sie unser eigenes besseres Ich wären. Denn da waren wir auch sehr weise und lernten so erst die inneren Naturkräfte und ihre Benutzung kennen; aber wenn sie wie aus uns wichen, dann waren wir wieder ganz dumm und konnten gar nicht begreifen, wie wir die großen Kraftgeheimnisse in der Natur kennengelernt hatten. Was wir des Besseren nun kennen, das ist uns durch jene Geister kundgegeben worden, die wir in hellen Träumen auch zu sehen bekamen. Nun, was mag nach deiner Weisheit wohl dahinter stecken und sein?"

[GEJ.06_040,04] Sagte Ich: „Das ist bei euch darum nichts Besonderes; denn alle von Natur aus besseren Menschen werden von Geistern auf eine manchmal mehr und weniger fühlbare Weise unterwiesen in allerlei geistiger und natürlicher Wissenschaft, und so war es denn auch bei euch auf eine mehr fühlbare Art der Fall.

[GEJ.06_040,05] Und je naturgemäßer, einfacher und in sich gekehrter die Menschen irgend in der Welt leben, desto mehr und lebhafter stehen sie auch mit den besseren und guten Geistern aus dem Jenseits in Verbindung. Und das war denn auch bei euch und mit euch der Fall.

[GEJ.06_040,06] Als ihr aber dann durch eure vielen Reisen weltläufiger geworden seid, da haben euch auch eure Lehr- und Leitgeister verlassen und euch euren eigenen Erkenntnissen, eurer Vernunft, eurem Verstande und eurem eigenen freien Willen anheimgegeben. Aber dennoch weckten sie die Begierde in euch, daß ihr Mich suchen und nun auch finden mußtet, und das war von den drei Geistern ganz wohl gesorgt für euch und eure Kinder und Völker.

[GEJ.06_040,07] Jene Geister aber waren einst auch Menschen auf dieser Erde, und zwar für alle jetzt lebende Menschheit von der größten Bedeutung für diese Erde; doch jenseits hören alle die irdischen Unterschiede von ,erst‘, ,groß‘ oder ,klein‘ gänzlich auf, und der letzte Mensch der Erde wird ihrem ersten nicht nachstehen, vorausgesetzt, daß er den Willen Gottes erkannt und nach dessen Vorschrift und Ordnung gehandelt hat.

[GEJ.06_040,08] Der Wille Gottes an alle Menschen aber lautet ganz kurz also: Erkenne Gott und liebe Ihn über alles und deinen Nächsten, das heißt deinen Nebenmenschen aber wie dich selbst. Sei wahrhaft und getreu gegen jedermann, und was du vernünftigerweise willst, daß man dir tue, das tue du auch deinem Nebenmenschen, so wird Friede und Einigkeit zwischen euch sein und Gottes Wohlgefallen wird über euren Häuptern strahlen wie ein rechtes Licht des Lebens!

[GEJ.06_040,09] Das genüge euch. Aus dem wird euch dann schon alle andere und weitere Weisheit gegeben werden. Und nun möget ihr euch zur Ruhe begeben, denn es ist bereits um die Mitte der Nacht geworden."

[GEJ.06_040,10] Da dankten die Weisen und baten Mich, am kommenden Tage noch in Meiner Nähe verharren zu dürfen, was Ich ihnen auch gerne gestattete. Darauf begaben wir uns alle zur Ruhe.

[GEJ.06_040,11] Und als wir am nächsten Tage erwachten, da war ein gutes Morgenmahl schon in voller Bereitschaft, und unsere Weisen warteten auch schon mit der größten Sehnsucht von der Welt, Mich wiederzusehen und etwa auch sprechen zu hören; denn Meine Worte haben sie sich sehr zu Herzen genommen.

[GEJ.06_040,12] Als Ich mit all Meinen Jüngern beim Morgenmahle saß, aß und trank und Mich mit dem Wirte über dies und jenes besprach, da horchten die Weisen schon an der Tür. Da sie aber nur über mehr gleichgültige, irdische Dinge Worte wechseln vernahmen, da sagten sie unter sich: „Siehe, heute redet er nicht so weise denn in der Nacht! Er muß sehr vielseitig sein in seinem Wissen! Aber da strahlt nicht viel von göttlicher Weisheit heraus!"

[GEJ.06_040,13] Als sie aber noch also unter sich hin und her urteilten, da kam plötzlich ein Schwerkranker in das Vorzimmer; denn er war ein Nachbar des Wirtes und erfuhr durch dessen Leute, daß Ich beim Wirte angekommen sei und nun daselbst weile. Als er durch die Türe Meiner ansichtig ward, da schrie er: „O Jesus von Nazareth, du wahrer Heiland, erbarme dich meiner und heile auch mich, der du schon so viele geheilet hast!"

[GEJ.06_040,14] Da ging Ich hinaus und sagte: „Wie lange plagt dich denn deine Gicht?"

[GEJ.06_040,15] Und er sagte: „Herr, schon sieben Jahre! Ich aber ertrug die Schmerzen dennoch geduldig, als sie nicht gar so arg wüteten; nun aber werden sie mir unerträglich, und so ließ ich mich zu dir herführen."

[GEJ.06_040,16] Sagte Ich zu den Weisen: „Nun, ihr seid auch Ärzte! Möget ihr diesem Menschen nicht helfen mit eurer Kunst?"

[GEJ.06_040,17] Sagte der Älteste: „Meister, derlei Kranke sind bei uns als unheilbar erklärt, und da hilft auch keine Arznei etwas mehr! Wenn solch einen Gichtbrüchigen die Sonne nicht mehr zu heilen vermag, da hilft ihm auf der Welt nichts mehr."

[GEJ.06_040,18] Sagte Ich: „Nun, so will Ich denn sehen, ob er nicht mehr zu heilen ist!"

[GEJ.06_040,19] Darauf sagte Ich zum Kranken: „Sei geheilt und wandle; aber sündige fortan nicht mehr, auf daß dir dann nicht noch etwas Ärgeres begegne!"

[GEJ.06_040,20] Darauf ward der Kranke urplötzlich völlig gerade und gesund, dankte und verließ voll Freuden das Haus.

[GEJ.06_040,21] Da erschraken die Weisen und wollten Mich förmlich anzubeten anfangen. Ich aber verwies ihnen solches, und Ich und die Jünger zogen darauf gleich nach Bethanien zum Lazarus, und die Weisen zogen auch noch am selben Tage in ihr fernes Land zurück.

 

41. Kapitel – Am Galiläischen Meer. (Kap.41-78)

[GEJ.06_041,01] Daß Lazarus über Meine Ankunft eine übergroße Freude hatte, braucht kaum erwähnt zu werden. Aber Ich war kaum drei Tage allda, so erfuhr durch die Arbeiter die ganze, weite Umgegend Meine Anwesenheit, und es kam da täglich mehr Volk zusammen, und sie brachten allerlei Kranke, die allda alle geheilt wurden. Es machte dies aber ein großes Aufsehen um ganz Jerusalem, und es kam das auch zu den Ohren der Pharisäer, daß sie darum unter sich bald Rat zu halten begannen, wie sie Mich fangen und aus der Welt schaffen könnten.

[GEJ.06_041,02] Aber Ich wußte darum und sagte am zehnten Tage Meines Aufenthaltes in Bethania zu Lazarus und zu den Jüngern: „Wir werden uns von dannen begeben wieder nach Galiläa; denn die Pharisäer halten wider Mich einen bösen Rat. Ich will aber nun kein weiteres Aufsehen machen, damit auch dein Haus um das Fest herum Ruhe habe. Ich werde darum heute noch von hier abziehen."

[GEJ.06_041,03] Da sprach Lazarus ganz betrübt: „Herr, Du bist ja allmächtig und kannst die böse Brut mit einem Gedanken vernichten, was für alle besseren Juden eine große Wohltat wäre."

[GEJ.06_041,04] Sagte Ich: „Das könnte Ich wohl; aber es ist der Wille des Vaters nicht also, sondern sie sollen handeln, bis ihr Maß voll wird. Dann erst wird kommen das große Gericht über sie; denn sie werden sich durch ihre alle Schranken übersteigende Herrschsucht selbst das Schwert in den Leib stoßen. In ihrem Hochmute werden sie sich gegen die Römer empören, und diese werden ihnen den vollen Tod geben. Ich sage es dir: Kein Stein wird auf dem andern verbleiben, und die Nachkommen werden die Stelle nicht mehr finden, wo Jerusalem gestanden, und so sie auch etwas finden werden, da werden sie sich aber dennoch nicht danach richten können und keine Stelle sicher zu bestimmen imstande sein. Das wird geschehen von der Welt der Welt wegen. Aber jetzt ist es noch nicht an der Zeit, und dazu bin Ich nicht gekommen, um etwas zu zerstören, sondern nur um aufzurichten das Gebrochene und zu suchen und zu finden das Verlorene. Und es ist also nun besser, daß Ich auf eine Zeitlang von hier gehe, auf daß Ich und du Ruhe haben; denn sie werden Mich hier bald suchen, aber nicht finden, – und das wird gut sein."

[GEJ.06_041,05] Darauf nahmen wir ein Morgenmahl und machten uns auf die Reise. Lazarus aber begleitete uns nahe bis an das Galiläische Meer hin, und es zog uns eine große Menge Volkes nach. Am Meere aber, dahin wir schon ziemlich spät abends kamen, hielt Ich an und blieb daselbst die Nacht hindurch in einer Herberge. Am Tage darauf empfahl sich Lazarus und ging mit seinen Leuten nach Hause.

[GEJ.06_041,06] Ich aber bestieg mit den Jüngern, deren Zahl nun schon von neuem über siebzig ausmachte, ein großes Schiff und fuhr nahe an der Stadt Tiberias über das Meer. (Joh.6,1) Da das Volk aber sah, daß Ich abfuhr, mietete es gleich auch eine Menge Schiffe und zog Mir also unaufhaltsam nach, weil es die Zeichen sah, die Ich an den vielen Kranken tat. (Joh.6,2) Wir landeten aber, mit den vielen uns begleitenden Schiffen etwa eine Stunde Weges von der Stadt Tiberias entfernt, an einer ganz unbewohnten Stelle, hinter der sich sogleich ein hoher Berg erhob.

[GEJ.06_041,07] Ich aber sagte zu den Jüngern: „Gehen wir auf diesen Berg! In der halben Höhe will Ich eine Rast nehmen, ohne von den aus der Stadt dieses Weges Ziehenden bemerkt zu werden; denn die Menschen dieser Stadt haben wenig guten Sinn und noch weniger Glauben; denn es ist das ein Handelsvolk, und sein Sinn ist Geld und Gewinn."

[GEJ.06_041,08] Da gingen wir sogleich auf den Berg an die bezeichnete Stelle, wo es sehr anmutig war und viel Grases gab, das uns für unsere Ruhe sehr wohl zustatten kam. Allda setzte Ich Mich mit den Jüngern nieder. (Joh.6,3) Aber auch die vielen Menschen, die uns begleitet hatten, zogen uns mit ihren mitgenommenen Brotkörben nach und lagerten sich um uns. Denn es war nun schon nahe an die Ostern, das Hauptfest der Juden (Joh.6,4), und da war es Sitte, in den Körben neues, ungesäuertes Brot mitzunehmen, auch gebratene Fische, desgleichen Eier und Lämmerfleisch.

[GEJ.06_041,09] Ich hielt Mich aber bei fünf Tage hier auf und wir alle hatten vier Tage hindurch genug zu essen und zu trinken, da an unserer Ruhestelle auch eine gute und frische Wasserquelle sich befand. Aber als am fünften Tage der Vorrat aufgezehrt war, da machte Mich Petrus aufmerksam auf die beinahe jeden Tag mehr angewachsene Volksmenge, und daß sie nichts mehr zu essen habe.

[GEJ.06_041,10] Da hob Ich Meine Augen auf und überschaute die große Volksmenge und sah, daß da eine große Volksmenge zu mir gekommen war. Da sagte Ich zu Philippus, der gewöhnlich unser Zechmeister und als ein Jude gewordener Grieche manchmal noch etwas glaubensschwach war: „Ja, wo kaufen wir nun Brot für so viele, daß sie alle etwas zu essen bekommen?" (Joh.6,5) Das sagte Ich aber nur, um den glaubensschwachen Jünger ein wenig zu versuchen, da Ich ohnehin wohl wußte, was Ich tun wollte. (Joh.6,6)

[GEJ.06_041,11] Und unser Jünger saß richtig auf und antwortete Mir (Philippus): „Unsere ganze Barschaft besteht nun in zweihundert Pfennigen, und um diesen Wert Brotes wird zuwenig sein, daß ein jeder von ihnen nur ein wenig für sich nehme." (Joh.6,7)

[GEJ.06_041,12] Spricht ein anderer, eben auch nicht ein allerstärkster Glaubensheld, obwohl ein Bruder des Simon Petrus (Joh.6,8): „Herr, es ist wohl ein Knabe hier, der noch fünf Gerstenbrote und zwei Fische in seinem Korbe hat; aber was ist das für so viele?" (Joh.6,9)

[GEJ.06_041,13] Sagte Ich: „Bringet Mir den Knaben, und schaffet, daß sich das Volk in guter Ordnung lagere!"

[GEJ.06_041,14] Da an dieser Stelle viel Grases war, so lagerten sich auch bald bei fünftausend Mann, die Weiber und Kinder gar nicht gerechnet. (Joh.6,10) Da nahm Ich die Brote, dankte dem Vater und segnete sie. Darauf übergab Ich die Brote und Fische auszuteilen an die, die sich gelagert hatten, und bemerkte allen Jüngern, daß sie sowohl von den Broten als auch von den Fischen jedem so viel geben sollten, als wieviel er zu seiner Sättigung haben wolle. (Joh.6,11) Da aßen alle und wurden satt.

[GEJ.06_041,15] Da sie aber nicht alles aufessen konnten, so sagte Ich abermals zu den Jüngern: „Gehet hin und sammelt die übriggebliebenen Brocken, damit davon nichts verderbe und umkomme!" (Joh.6,12)

[GEJ.06_041,16] Da nahmen die Jünger die größten Körbe, gingen hin und sammelten die übriggebliebenen Brocken von allen, die da gespeist worden waren, und füllten damit zwölf große Körbe voll – sage – von den fünf kleinen Gerstenbroten. (Joh.6,13)

[GEJ.06_041,17] Da sagten die Jünger: „Wahrlich, diese Volksspeisung übertrifft die zwei früheren! Aber was soll nun mit den gefüllten zwölf Körben geschehen?"

[GEJ.06_041,18] Sagte Ich: „Sie gehören dem Volke; das wird schon wissen, was es damit zu machen hat. Wir bedürfen ihrer nicht, da wir fürs erste nun auch gesättigt sind und fürs zweite aber heute ohnehin nach Kapernaum von hier abreisen werden."

[GEJ.06_041,19] Da gaben die Jünger die vollen Körbe dem Volke, und jeder nahm sich einen Teil davon und keiner konnte klagen, als wäre er irgend zu kurz gekommen.

[GEJ.06_041,20] Da aber nun die Menschen das Zeichen sahen, das Ich gewirkt hatte, so sprachen sie: „Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll! (Joh.6,14) Was ist es denn? Wenn er also mächtig ist wie keine Macht der Welt und weiser denn Salomo, da ist es wohl an der Zeit, daß wir ihn mit Gewalt zu unserem Könige machen!"

[GEJ.06_041,21] Da Ich aber das wohl merkte, daß sie Mich mit Gewalt zum Könige zu machen stark im Sinne hatten, so sagte Ich im stillen zu Johannes: „Du hörst, was das Volk im Sinne hat; darum werde Ich nun schnell und unbemerkt höher auf diesen Berg entweichen. (Joh.6,15) Ihr aber bleibet bis gen Abend hier. So sich das Volk verlaufen sollte, da werde Ich wieder zu euch kommen; verläuft es sich aber nicht, so gehet hinab ans Meer. Da wird ein gutes Schiff euer harren; mit dem fahret nach Kapernaum, allwo Ich euch dann schon einholen werde!"

 

42. Kapitel

[GEJ.06_042,01] Solches merkte sich Johannes wohl; aber da er am meisten mit den geistigen Entsprechungen sich abgab und überall die Ursache, Wirkung und den Endzweck sehen wollte, so fragte er Mich noch um den Grund dieses Zeichens.

[GEJ.06_042,02] Und Ich sagte zu ihm: „Du sollst wohl vor allem das Geheimnis des Reiches Gottes recht tief fassen, und so merke denn schnell: Diese Menschen sind die Welt, die allen ihren geistigen Nährvorrat aufgezehrt hatte. Nur bei einem einfältigen Knaben war noch ein reines, unverdorbenes Gemüt, ein wenig kindlichen Glaubens; darum fand sich bei ihm auch ein Vorrat von fünf Gerstenbroten und zwei Fischen.

[GEJ.06_042,03] Die fünf Brote bezeichneten, daß seine fünf Sinne noch rein und unverdorben sind und darum auch sein Gemüt und seine Seele, was sich auch dadurch gleich zeigte, daß er mit der größten Freude in Mein Verlangen willigte. Die zwei Fische aber, sich wie der Liebe Gutes und des Glaubens Wahres verhaltend, oder wie Liebelebenswarmes, wie ein Feuer und Lebensweisheitslicht, zeigten seinen kindlichen Glauben, sein Vertrauen und seine Liebe an. Zugleich aber stellte seine Einheit und persönliche Wenigkeit auch das dar, wie schwach und wie wenig nun in der Welt das Gute und Wahre aus den Himmeln mehr unter den Weltmenschen vertreten ist.

[GEJ.06_042,04] Noch aber bezeichnen die fünf Brote Meine Lehre an die Menschen. Sie scheint viel zuwenig zu sein für alle Menschen der Erde; aber sie wird sich vermehren wie diese Brote, und dennoch wird daraus selbst für die Weisesten, die im Geiste von Mir belehrt und gesättigt werden, für die ganze Ewigkeit stets neue und tiefere Weisheiten zu erforschen und zu erkennen endlos vieles übrigbleiben. Denn die zwölf Körbe entsprechen den zwölf Stämmen Israels und diese der Gesamtheit der göttlichen, nie erreichbaren Vollkommenheit in allem.

[GEJ.06_042,05] Das, Mein lieber Johannes, ist die Entsprechung dieses Zeichens, und dieser Menschen Sinn, Mich zu einem Weltkönige zu machen, ist ihr finsterer und verdorbenster Weltsinn, weil sie ein mächtigstes und gefürchtetstes Weltvolk sein möchten, und aufs Haupt schlagen allen ihren vermeinten Feinden, was der Tendenz Meiner Lehre schnurgerade dawider wäre. Und so denn werde Ich nun auch schnell entweichen. Ihr aber tuet, wie Ich es euch gesagt habe!"

[GEJ.06_042,06] Darauf versteckte Ich Mich hinter der Schar der Jünger in ein Gebüsch und drang durch dasselbe schnell bis zur vollen Höhe des Berges; denn für Mich fand sich bald ein gebahnter Weg vor, – nur für die Mir Nacheilenwollenden nicht. Hierauf machte sich das Volk an die Jünger und wollte sie ordentlich zur Verantwortung ziehen darum, daß sie Mich hätten fortgehen lassen.

[GEJ.06_042,07] Da trat Johannes hervor und sagte: „Ihr seid euer doch mehr, denn wir da unser sind! Warum mochtet denn ihr Ihn nicht aufhalten? Haltet auf den Sturm und den Blitz! Gebietet den Wogen des Meeres, wenn sie empört euch zu verschlingen drohen! Und ich, nur ein Jünger, vermag es euch kundzutun: Leichter und wirksamer möget ihr den empörten Elementen Ruhe gebieten als den Willen des Gottmenschen beugen! Lasset euch darum belehren, und seid nicht so törichten Sinnes! Wie wollet ihr Den zu einem eitlen Weltkönige machen über die Juden, dessen Geist ein ewiger Herr ist über alles im Himmel und auf Erden! Solches habet ihr ja doch aus den vielen Zeichen, die Er vor euren Augen verrichtete, klar entnehmen können. Er braucht nur zu wollen, und es ist und geschieht, was Er will. Aber Seine Allsehe und Sein Wille reicht noch bis her, wie auch endlos weiter; daher seid nicht unsinnig, und begebet euch zur Ruhe, damit euch nicht etwas Unangenehmes begegne!"

[GEJ.06_042,08] Auf diese Rede des Johannes begaben sich viele zur Ruhe; aber einige murrten und wollten Mich um jeden Preis suchen gehen auf den Berg. Aber sie stießen bald auf derartige unübersteigbare Hindernisse, die zu besiegen die reinste Unmöglichkeit war, kamen bald ganz erschöpft von ihrer fruchtlosen Mühe zurück und konnten nun nicht begreifen, wie Ich über die fürchterlichsten Felswände emporgeklettert sei. Abwärts aber könnte Ich nirgends entwichen sein, da die möglichen Abgänge von diesem Rasenplatze alle von ihnen besetzt waren und sie Mich irgend hätten ersehen müssen. Kurz, sie sahen, daß sie nichts auszurichten vermochten, und fingen dann an, Rat zu halten, was da zu machen sein werde. Einige fragten die Jünger, was sie nun ohne den Meister tun werden, oder ob er wieder zurückkommen werde.

[GEJ.06_042,09] Die Jünger aber sagten: „Was werden wir nun sonst wohl machen als ziehen in unsere Heimat gen Kapernaum! Daselbst wird Er wohl wieder zu uns kommen, wie und wann Er will."

[GEJ.06_042,10] Darauf fingen die Ärgsten an, sich davonzumachen; aber viele warteten noch und wollten erst sehen, was die vielen Jünger tun würden. Als es aber schon gegen Abend hin zu werden begann, da erhoben sich die Jünger und gingen eilig hinab ans Meer (Joh.6,16), wo schon ein großes Schiff ihrer harrte – wie Ich es ihnen zuvor gesagt hatte –, das sie schnell bestiegen und noch eher abfuhren, als die vielen Menschen vom Berge herab an das Meer gelangen konnten; denn der Abweg war ziemlich beschwerlich und für die ungeübten Bergsteiger nur mit mancher Mühe und Vorsicht zurückzulegen. Da aber ging es nun nach der Stadt Tiberias, und viele mieteten da auch Schiffe nach Kapernaum. Einige fuhren gleich ab, andere wieder harrten, ob Ich nicht vom Berge käme und dann mit ihnen nach Kapernaum führe. Da Ich jedoch nirgends zum Vorscheine kam, so fuhren sie erst am Morgen dahin.

[GEJ.06_042,11] Die Jünger aber fuhren mit gutem Winde schnell über das Meer in der Richtung gen Kapernaum. (Joh.6,17) Die Jünger aber meinten, daß Ich ihnen mit einem andern Schiffe nachfahren und sie leicht einholen werde; denn die Fahrstrecke war eine ziemlich weite, und so war es schon ganz finster geworden, als sie noch eine ziemlich weite Strecke nach Kapernaum zu segeln und zu rudern hatten, weil sie da einen Gegenwind eine zeitlang zu bekämpfen hatten. Sie schauten immer um sich, ob und von woher Ich etwa zu ihnen käme; aber Ich war noch nirgends zu ersehen und wahrzunehmen und war somit trotz ihrer großen Sehnsucht noch nicht zu ihnen gekommen. Da wurden sie traurig und sagten unter sich, Ich werde sicher erst morgens zu ihnen kommen.

[GEJ.06_042,12] Als sie so dachten, da erhob sich plötzlich ein starker Wind, und das Meer fing an, hohe Wellen zu werfen. (Joh.6,18)

[GEJ.06_042,13] Da sagten die Schiffsleute: „Die Segel schnell ganz einziehen, und alles greife kräftig zu den Rudern, sonst haben wir Unglück, so wir nicht bald in den Hafen kommen!"

[GEJ.06_042,14] Da griff alles zu den Rudern. Und als sie also gerudert hatten bei 25-30 Feldweges weit, da ersahen sie Mich auf dem stark wogenden Meere dahergehen bis an ihr Schiff; aber trotzdem sie das schon einmal bei einem ähnlichen Falle von Mir erlebt hatten, so übermannte sie dennoch eine große Furcht. (Joh.6,19)

[GEJ.06_042,15] Da Ich das wohl sah, redete Ich sie alle an und sagte: „Was fürchtet ihr euch alle denn? Sehet ihr denn nicht, daß Ich es bin?" (Joh.6,20)

[GEJ.06_042,16] Da wollten Mich die Jünger in das Schiff aufnehmen, da noch eine weite Strecke bis ans Land sich zeigte; aber als sie das wollten, siehe, da war das Schiff auch in demselben Augenblicke fest am Lande! (Joh.6,21)

[GEJ.06_042,17] Es machte aber das bei den neuen Jüngern, da sie so etwas noch nicht erlebt und auch nie gesehen hatten, ein übergroßes Aufsehen. Auch die Schiffer kamen ganz außer sich und meinten noch immer, Ich sei irgendwo gestorben und wandle nun als ein Geist sichtbar umher, vielleicht verwunschen von einem Zauberer, oder Ich sei selbst einer und habe den Wassergeistern befohlen, Mich übers Meer zu tragen. Denn die Schiffer waren Griechen und somit auch Heiden, und konnten natürlich nicht anders urteilen, da sie vom wahren, geistigen Judentume wohl nur sehr wenig und wohl auch gar nichts wußten, darum sie denn auch bei ihrer Meinung bis auf ein späteres belassen wurden.

[GEJ.06_042,18] Wir aber begaben uns bald in eine uns wohlbekannte Herberge, allwo Ich schon einen Gichtbrüchigen, der samt dem Bette durch eine Dachöffnung zur Heilung ins Zimmer vor Mich hinabgelassen ward, geheilt hatte. Da wurden wir gut aufgenommen und auch sogleich bestens bewirtet.

 

43. Kapitel

[GEJ.06_043,01] Des andern Tages aber, als wir nach dem Morgenmahle ins Freie hinausgingen, um uns da umzusehen, was es da gäbe, da trafen wir am Ufer eine große Menge Volkes, das uns von Tiberias noch in der Nacht mit großen Beschwerden nachgefahren war. Es war aber das eben dasselbe Volk, das gestern abend jenseits des Meeres am Ufer stand und wohl sah, daß die Jünger ohne Mich allein übers Meer hinwegfuhren. Und diese Menschen sahen nun auch, daß außer ihren wohl kennbaren Schiffen kein anderes Schiff da war als allein das, in welchem sie die Jünger allein wegfahren sahen, wie auch, daß Ich durchaus nicht mit ihnen bei der Abfahrt in das Schiff getreten war, sondern daß ganz allein nur Meine Jünger weggefahren waren. (Joh.6,22)

[GEJ.06_043,02] Als wir aber also da am Ufer umhergingen, da kamen noch andere Schiffe an, die erst frühmorgens von Tiberias abgefahren waren. Sie fuhren aber zuerst noch an die Stelle hin, stiegen aus und besuchten noch die Stätte, wo sie durch Meine Danksagung das Brot gegessen hatten, um sich zu überzeugen, ob Ich etwa doch noch da wäre. (Joh.6,23) Da sie aber weder Mich noch die Jünger allda fanden, so eilten sie schnell zurück zu den Schiffen, die ihrer harrten, und fuhren bei gutem Winde nach Kapernaum; denn sie wußten es, daß die Jünger nach Kapernaum gefahren waren. Als sie gen Mittag hin in Kapernaum ankamen, so suchten sie sogleich die Jünger und vor allem Mich, ob Ich wohl allda wäre. (Joh.6,24)

[GEJ.06_043,03] Und als sie Mich nach längerem Suchen fanden, und zwar in einer Schule zu Kapernaum, wie davon noch später eine Erwähnung gemacht wird, und nun offenbar sahen, daß Ich von Tiberias nach Kapernaum auch offenbar übers Meer habe kommen müssen, da Ich auf dem weiten Umwege zu Lande über die vielen Berge und Gräben wohl gut ein paar Tage dazu benötigt hätte, bis Ich nach Kapernaum käme, da fragten sie (die Nachgereisten) Mich und sagten: „O Rabbi (Meister), wie bist du denn übers Meer gekommen?" (Joh.6,25)

[GEJ.06_043,04] Ich aber gab schnell den Jüngern einen Wink, daß sie dieses niemandem sagten, da Ich es Mir vornahm, diesen Königshelden eine Lehre zu geben, die ganz geeignet sein werde, die Spreu von dem reinen Weizen zu fegen.

[GEJ.06_043,05] Und Ich sagte darum zu den Fragenden: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Ihr suchet Mich nicht darum, weil ihr die vielen Zeichen, die Ich gewirket habe, gesehen habt, sondern nur darum, weil ihr als Hungrige auf dem Berge das Brot gegessen habt und davon recht satt geworden seid! (Joh.6,26) Ihr habt Mich deshalb aus Dank auch einen großen Propheten genannt und wolltet Mich endlich gar zu eurem Könige machen, dieweil ihr bei euch dachtet: ,Siehe da, der hat Macht genug wider unsere Feinde, derentwegen wir zuallermeist arbeiten müssen, und dazu kann er uns stets also Brot verschaffen, und wir haben dann nicht mehr nötig zu arbeiten!‘

[GEJ.06_043,06] Ich aber sage es euch: Die Speise, die wirket nicht zum geistigen Leben der Seele, sondern nur zum vergänglichen Leben des Fleischleibes. Ich – als nun auch des Menschen Sohn aber will und werde euch eine andere Speise zeigen und geben, die da bleibet und wirket für ewig in der Seele. Denn dazu hat der Vater im Himmel Mich gesiegelt und bestimmt. (Joh.6,27) Und diese Speise besteht darin, das ihr wahrhaft Gottes Willen und dadurch auch Gottes Werke verrichtet."

[GEJ.06_043,07] Da sagten die Frager zu Mir: „So sage uns denn, was wir tun sollen, daß wir nach deinem Worte Gottes Werke wirken! (Joh.6,28) Wir sind nur Menschen und keine Propheten und können nur nach dem Gesetze Mosis leben."

[GEJ.06_043,08] Sagte Ich: „Ja, so ihr das Gesetz Mosis hieltet, so hättet ihr Mich schon lange erkannt! Aber ihr haltet aus Furcht vor den weltlichen Strafen mit geheimem Grimm die Satzungen der Welt und erkennet Mich darum nicht, trotz dem, daß Ich solche Zeichen vor euren Augen gewirkt habe, die noch nie ein Mensch vor Mir gewirkt hat.

[GEJ.06_043,09] Ich will euch aber nun sagen, was von jetzt an Gottes Werk ist. Das ist von jetzt an Gottes Werk, das von euch dadurch gewirkt werden kann, daß ihr an Mich als an Den glaubet, den Gott durch die Propheten verheißen und nun zu euch in diese Welt gesandt hat!" (Joh.6,29)

[GEJ.06_043,10] Da machten sie alle große und verblüffte Augen und sagten: „Was wirkest denn hernach du noch für Zeichen über die von uns gesehenen? Sage und zeige sie uns, auf daß wir sie auch sehen und dir dann glauben das, was du von dir aussagest! Also, welche andern Zeichen wirkest du noch? (Joh.6,30) Bis jetzt wissen wir nur, daß du allerlei Kranke geheilt hast, und daß du uns wahrlich wunderbarerweise mit viel Brot aus den wenigen Broten auf dem Berge ganz satt gespeiset hast. Allein, ähnliche und mitunter sogar größere Zeichen haben auch, von Moses an, andere Propheten gewirkt. Haben nicht unsere Väter in der Wüste Manna gegessen, wie es geschrieben steht: ,Er gab ihnen Brot vom Himmel zu essen.‘?!" (Joh.6,31)

[GEJ.06_043,11] Darauf sagte Ich zu ihnen: „Wahrlich, wahrlich! Moses hat euch nicht Brot vom wahren, sondern nur vom sichtbaren, irdischen Himmel aus der Luft gegeben (Joh.6,32); nur Mein Vater im wahren, geistigen Himmel gibt euch nun durch Mich das wahre Brot vom Himmel! Denn dies ist das wahre Brot vom Himmel in Mir, das der Welt das Leben gibt!" (Joh.6,33)

[GEJ.06_043,12] Sie aber verstanden nicht, daß Ich unter dem wahren Brote, das der Seele das ewige Leben gibt, nur Mein Wort und Meine Lehre, die aus der ewig lebendigsten Liebe und Weisheit Gottes hervorgeht und dadurch selbst Leben und Weisheit ist und der Seele das wahre Leben gibt, verstanden und gemeint habe.

[GEJ.06_043,13] Darum sie, weil sie darunter nur ein Brot, das sie am Berge gegessen hatten, verstanden, denn auch sagten: „Herr und Meister, so gib uns allewege solches Brot zu essen, und wir verlangen nichts Weiteres!" (Joh.6,34)

[GEJ.06_043,14] Darauf sagte Ich: „Was redet ihr, und was verlanget ihr? Habt ihr denn nicht verstanden, was Ich sagte? Ich Selbst bin das wahre Brot des Lebens! Wer zu Mir kommt, den wird es nicht hungern, und wer an Mich glaubt, den wird es nimmerdar dürsten!" (Joh.6,35)

[GEJ.06_043,15] Da sagten sie: „Herr, sind wir nun doch bei dir! Und da wir seit heute morgen nichts zu uns genommen haben, so fängt es uns an dennoch zu hungern und auch zu dürsten, obwohl wir glauben, daß du ein großer Prophet bist, vielleicht größer denn Moses, von dem man nicht einmal mehr mit großer Bestimmtheit sagen kann, daß er wahrhaft einmal da war. Moses haben wir nie gesehen; dich haben wir gesehen und sehen dich noch, und so bist du uns auch offenbar mehr denn Moses und alle alten Propheten. Aber dennoch sind wir nun schon recht hungrig und durstig. Wie ist denn hernach dein Wort zu deuten?"

[GEJ.06_043,16] Sagte Ich geheim zu Johannes: „Siehst du, was Ich dir gestern geheim am Berge sagte, war es nicht wahr?! Diese Menschen sind noch ganz auf der Stufe der Tiere, und Ich rede darum also verdeckt, auf daß sie ganz unsinnig werden und sodann sich entfernen von Mir; denn ihre Zeit ist noch lange nicht da."

 

44. Kapitel

[GEJ.06_044,01] Hierauf wandte Ich Mich wieder zu den Menschen und sagte: „Aber was redet ihr?! Habe Ich denn je gesagt, daß ihr Mich nicht gesehen habt?! Ich Selbst weiß, sage und sagte es euch, daß ihr Mich und Meine Zeichen gesehen habt, und dennoch glaubet ihr nicht (Joh.6,36), daß alles und jedes, was Mein Vater im Himmel Mir gibt, zu Mir kommt, und daß Ich den, der zu Mir kommt, sicher nicht hinausstoßen werde. (Joh.6,37)

[GEJ.06_044,02] Merket es denn, was Ich euch sage: Ich bin nicht gleich euch von dieser Welt, sondern Ich bin vom Himmel herab gekommen, – aber nicht darum, daß Ich gleich euch täte Meinen eigenen Willen, sondern nur den Willen Dessen, der Mich hierher in diese Welt gesandt hat." (Joh.6,38)

[GEJ.06_044,03] Da fragten sie und sagten: „Was ist denn hernach der Wille dessen, der dich vom Himmel aus zu uns in diese Welt gesandt hat?"

[GEJ.06_044,04] Sagte Ich: „Für taube Ohren ist schwer predigen und für die Blinden schwer schreiben. Das aber ist der Wille des Vaters, der Mich gesandt hat: daß Ich nichts verliere von allem, was Er Mir gegeben hat, sondern daß Ich alles wiederbringe und zum Leben auferwecke am Jüngsten Tage." (Joh.6,39)

[GEJ.06_044,05] Da sagten etliche: „Der Mensch redet sonderbar; uns deucht es, daß er verwirrt ist."

[GEJ.06_044,06] Andere aber sagten: „Rede klar und erkläre dich deutlich! Was ist da mit dem Jüngsten Tage?"

[GEJ.06_044,07] Sagte Ich: „Wenn ihr Mich erkennen und an Mich glauben werdet, dann wird ein jüngster, wahrer Tag in eurer Seele werden, an dem Ich euch durch die Macht der Wahrheit Meiner Lehre auferwecken werde. So ihr aber an Mich nicht glaubet und Mich nicht erkennet, so wird in eurer Seele wohl schwerlich je ein jüngster Tag werden."

[GEJ.06_044,08] Sagten abermals die Menschen: „So sage uns denn klar, was da ist der Wille des Vaters!"

[GEJ.06_044,09] Sagte Ich: „So höret denn! Das ist der Wille des Vaters, der Mich gesandt hat, daß der, welcher den Sohn sieht, an Ihn glaubt und Ihn erkennt als den wahren Messias der Welt, das ewige Leben habe, – und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage! (Joh.6,40) Was der jüngste Tag aber ist, das habe Ich euch schon gezeigt."

[GEJ.06_044,10] Auf das fingen die Juden an, besonders darob zu murren, daß Ich gesagt hatte: ,Ich bin das Brot des Lebens, das vom Himmel gekommen ist.‘ (Joh.6,41)

[GEJ.06_044,11] Und sie sagten: „Ist dieser etwa nicht der Zimmermann Jesus, des Zimmermanns Joseph Sohn?! Wir kennen doch ihn, den Vater und die Mutter nur zu gut! Wie kann dieser hernach sagen, daß er vom Himmel gekommen sei?! (Joh.6,42) Sein Verstand und seine sonstigen seltenen Eigenschaften können ihm allerdings vom Himmel aus gegeben sein, da ohne einen göttlichen Anhauch kein großer und berühmter Mann noch jemals irgendwo existiert hat; aber er selbst für seine Person kann vor uns doch nicht festweg behaupten, daß er sogar als ein wahrstes Nährbrot zum ewigen Leben vom Himmel herab zu uns gekommen sei!"

[GEJ.06_044,12] Sagte Ich: „O murret nicht untereinander! (Joh.6,43) Ich sage es euch noch einmal: Es kann niemand zu Mir kommen (Mich erkennen), es sei denn, daß ihn ziehe der Vater (die Liebe aus Gott und zu Gott), der Mich gesandt hat, und nur Ich (Mein Wort und Meine Lehre) werde ihn auferwecken am jüngsten Tage! (Joh.6,44)

[GEJ.06_044,13] Es steht aber sogar geschrieben in den Propheten: ,In jener Zeit aber, die da kommen wird – und nun da ist –, werden sie alle von Gott gelehret sein!‘ Und Ich sage es euch nun eben darum: Wer es nun lernet vom Vater (Gottes Liebe), der kommt zu Mir (der auch wird Mich wohl erkennen). (Joh.6,45)

[GEJ.06_044,14] Ich sage euch aber das nun nicht etwa unter der Voraussetzung, als habe von euch jemand je den Vater gesehen, – sondern eben allein Ich, der Ich vom Vater ausgegangen bin, habe den Vater gesehen zu aller Zeit. (Joh.6,46) Darum sage Ich euch trotz eures Murrens: Wahrlich, wahrlich, wer an Mich glaubt, der hat schon in sich das ewige Leben (also Meine volle Erweckung am jüngsten Tage)! (Joh.6,47) Und Ich Selbst bin vollwahr das Brot des Lebens! (Joh.6,48)

[GEJ.06_044,15] Eure Väter haben wohl Manna in der Wüste (sinnliches Fleischleben) gegessen, aber sie sind gestorben, ihrer gar viele auch in ihren Seelen. (Joh.6,49) Dies Brot aber, das Ich in Mir Selbst vorstelle, und das wahrhaft vom Himmel alles Seins und Lebens gekommen ist, wirket, daß jeder, der davon isset (die Lehre gläubig annimmt und danach tut), nimmerdar sterbe. (Joh.6,50)

[GEJ.06_044,16] Wahrlich! Ich bin als das lebendige Brot vom Himmel gekommen! Wer von diesem Brote essen (die Lehre werktätig annehmen) wird, der wird fortan leben in Ewigkeit! Und sehet, das Brot, das Ich geben werde, ist Mein Fleisch, das Ich geben werde für das Menschenleben dieser Welt!" (Joh.6,51) (Darunter ist zu verstehen die äußere, materielle Umhülsung Meines Wortes, innerhalb dessen sich das lebendige, geistige Wort befindet wie der lebendige Keim in seiner toten Umhülsung.)

[GEJ.06_044,17] Das war nun für die von einem geistigen Sinne nicht den geringsten Begriff habenden Juden zu viel, und sie fingen an, förmlich zu zanken unter sich.

[GEJ.06_044,18] Ein Teil sagte: „Lassen wir ihn doch reden, und am Ende werden wir schon sehen, was da noch alles herauskommen wird!"

[GEJ.06_044,19] Die weniger Gemäßigten aber sagten: „Ei was, das sieht und merkt man nun ja auf den ersten Blick, daß der Mensch von Sinnen ist! Früher war er doch noch ein Brot aus den Himmeln, das wir essen sollen, um das ewige Leben zu erlangen; jetzt verlangt er gar, daß man sein Fleisch essen solle! Narrheit! Wie kann dieser uns sein Fleisch zu essen geben? (Joh.6,52) Und wie viele würden sich an seinem Fleische wohl ins ewige Leben hinein sättigen können?! Wenn das die Bedingung zur Erlangung des ewigen Seelenlebens ist, da werden blutwenige dasselbe erlangen!"

[GEJ.06_044,20] Sagte Ich: „Ihr möget streiten und zanken, wie ihr wollet, und es ist dennoch also, wie Ich es euch gesagt habe. Und Ich sage euch nun noch bei weitem mehreres: Werdet ihr nicht essen das Fleisch des Menschensohnes und trinken Sein Blut, so habt ihr kein Leben in euch!" (Joh.6,53) (Was das Fleisch bedeutet, ist bereits gezeigt worden; das Blut als das eigentlich physische Lebensfluidum, das dem Leibe das Leben gibt, ihn erhält, ernährt und ihm den fortpflanzenden Lebenskeim gibt, ist das eigentliche, innere Lebensgeistige im äußeren Buchstabenworte.)

[GEJ.06_044,21] Jetzt war es bei einigen Juden noch mehr aus.

[GEJ.06_044,22] Einige fingen ordentlich an zu lachen, die Gemäßigteren aber sagten: „So lasset ihn doch ausreden! Wer weiß, was da am Ende noch alles herauskommen wird! Wir wissen es ja, daß er sonst oft gar recht weise geredet hat." Und sie wandten sich an Mich und sagten: „Lieber Meister, wir ersuchen dich, daß du vernünftig redest!"

[GEJ.06_044,23] Sagte Ich: „Wie kann Ich das wohl?! Ich rede nun als das, als was ihr Mich erkanntet am Berge; Ich rede denn vor euch als ein großer Prophet! Zeiget Mir aber einen Propheten, der je auf eine andere Weise zum Volke geredet hätte! Und Ich sage euch darum noch einmal: Wer Mein Fleisch isset und trinkt Mein Blut, der hat das ewige Leben, und Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage. (Joh.6,54) Denn Mein Fleisch ist die rechte Speise, und Mein Blut ist der vollrechte, belebende Trank. (Joh.6,55)

[GEJ.06_044,24] Noch sage Ich euch zu dem allem hinzu: Wer da Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm. (Joh.6,56) Wie Mich aber wahrhaft gesandt hat der ewig lebendige Vater und Ich derzeit hier lebe um des Vaters willen, desgleichen wird also auch derjenige, der Mich ißt, leben um Meinetwillen. (Joh.6,57) Und eben dies ist dasjenige Brot, das vom Himmel, wie schon früher gesagt, gekommen ist, das nicht die Eigenschaft hat wie das Manna in der Wüste, das eure Väter gegessen haben und gestorben sind, wie Ich schon früher gezeigt habe, sondern wer dieses Brot essen wird, der wird leben in Ewigkeit." (Joh.6,58)

 

45. Kapitel

[GEJ.06_045,01] Da Ich solches geredet in einer Schule zu Kapernaum (Joh.6,59), so waren natürlich nebst Meinen nun vielen Jüngern und nebst der großen Menge Mir von Jerusalem gefolgten Volkes auch noch eine Menge Juden zugegen, und so machte diese auch von Meinen ersten Jüngern nicht verstandene Lehre vieles und wunderliches Aufsehen und gab zu vielen Disputationen Anlaß.

[GEJ.06_045,02] Einige sagten: „Er kann da seines Leibes Fleisch und Blut nicht gemeint haben."

[GEJ.06_045,03] Andere wieder sagten: „Ja, was anderes sollen wir denn darunter verstehen? Wenn er ein Weiser ist und das Volk belehren will – in einer öffentlichen Schule auch noch dazu –, so rede er zu den Menschen also, daß sie ihn verstehen können; denn wir Menschen sind nun einmal Menschen und keine Geister, und ein rechter Weiser muß das wohl wissen und klar einsehen, mit welchen Zuhörern er zu tun hat. Aber das war ja eine derart unsinnig harte Lehre, die wahrlich kein menschlich vernünftiger Mann anhören kann! (Joh.6,60) Uns hat es nur gewundert, wie ihn viele so lange haben anhören können. Hätte er diese Lehre in der indischen Zunge vorgetragen, so hätten wir den gleichen Nutzen davon gehabt!"

[GEJ.06_045,04] Sagten wieder die Gemäßigteren: „Das ist vorderhand wohl wahr, aber wir sind denn doch der Meinung, daß dahinter ganz etwas anderes steckt, und daß er vielleicht nur geflissentlich also geredet hat, um unsere Seelen in ein regeres und tieferes Denken zu nötigen, – und so wir ihn um eine nähere Aufklärung dessen bäten, vielleicht gäbe er sie uns?!"

[GEJ.06_045,05] Sagten die andern: „Haben wir das etwa nicht getan?! Als er uns näher hätte erklären sollen, wie er denn, als ein wahres Brot vom Himmel herkommend, zu verstehen sei, da kam er dann gar auf sein eigenes Fleisch und Blut, das man essen und trinken solle, um das ewige Leben zu bekommen! Das sind entweder geflissentlich so artig gegebene Rätsellehren, die kein Mensch je verstehen soll, oder der sonst gute Mensch hat sich mit uns auch einmal einen Scherz erlaubt. Sei ihm nun aber, wie ihm wolle, so kann eines wie das andere für uns keinen Wert haben! Wer aber so gesunder Vernunft ist wie wir, der folge uns und gehe seine Wege!"

[GEJ.06_045,06] Darauf gingen viele aus der Schule, und es blieben nur noch die vielen Jünger, wie natürlich auch die zwölf erwählten Apostel; denn diese harrten noch auf eine nähere Erklärung. Aber unter sich murrten auch diese und sagten: „Es ist doch sonderbar mit Ihm! Heute hätte Er mit einer klaren und der Menschenvernunft angemessenen Lehre Tausende zu festen Anhängern Seiner Lehre machen können; so aber hat Er Sich auf langehin geschadet! Denn wer wird Ihn von nun an noch länger anhören und ertragen können?!"

[GEJ.06_045,07] Auch die Judgriechen sagten unter sich: „Das ist ein gewaltiger Sprung und Unterschied zwischen den Lehren in Bethania und nun dieser hier! Die Juden, die nun fortgegangen sind, haben die Sache, wie sie nun steht, ganz richtig beurteilt. Aber vielleicht wird Er Sich später einmal darüber doch noch klarer ausdrücken, – und jetzt sind die alle weg, die Ihn am Berge zu einem Könige haben machen wollen, und so wird Ihn jetzt weniger mehr etwas behindern, mit uns ein offenes Wort zu reden."

[GEJ.06_045,08] Da Ich aber das bei Mir wohl merkte, daß sich darob auch viele Jünger ärgerten und untereinander murrten, so sagte Ich zu ihnen: „Wie mag denn euch das ärgern?! (Joh.6,61) Sagte Ich denn nicht zu einem Meiner Jünger, daß diese Menschen noch lange nicht reif sind zur inneren Aufnahme des Reiches Gottes?! Ich aber habe nun allen einen guten Stoß versetzt, der sie nun viel beschäftigen und sie reifer machen wird für die Folge. Denn Ich muß Mir die Menschen ja erst zurichten, damit sie in der Folge die tieferen Geheimnisse des Reiches Gottes desto leichter sollen zu fassen imstande sein. Ich frage euch nun nur, was ihr denn dann dazu sagen werdet, so ihr Mich als den nun vor euch seienden Menschensohn wieder dahin auffahren sehen werdet, wo Er von Ewigkeit zuvor war?" (Joh.6,62)

[GEJ.06_045,09] Sagten die Jünger: „Ja, ja, das kann alles sein und wird auch sicher sein; denn dafür sprechen Deine zu wunderbaren Zeichen. Aber daß man zur Gewinnung des ewigen Lebens, Herr und Meister, Dein Fleisch essen und Dein Blut trinken soll, das ist doch selbstverständlich ein Etwas, das nach der Art Deines Vortrages rein unausführbar ist! Uns allen liegt sicher sehr viel daran, dem Tode zu entgehen – und wenn es sich nur allein um das sofortige Seelenleben handelt, weil der Leib ohnehin Erde und Staub ist, der schwerlich je wieder belebt wird –; aber wenn solches nur auf Unkosten Deines Leibesfleisches und -blutes möglich ist, das ohnehin nur für sehr wenige hinreichen würde, so verzichten wir auch auf das ewige Leben der Seele und wollen so als ehrliche Menschen unser Leben für ewig auf dieser Erde beschließen. Verstehst Du aber etwas anderes darunter, so würdest Du wahrlich wohl daran tun, so Du uns darüber ein näheres Lichtlein gäbest. Wenn Du jüngst einmal gar wieder dahin auffahren wirst, von wo Du nach Deiner Aussage gekommen bist, wo und wie wird man denn dann Dein Fleisch und Blut haben können? Also, mit dieser heutigen Lehre ist es ohne eine nähere Beleuchtung offenbar vollkommen nichts!"

[GEJ.06_045,10] Sagte Ich: „Habe Ich denn nicht gesagt, daß für die Tauben schwer zu predigen und für die Blinden schwer zu schreiben ist?! Ist es denn nicht nur der Geist, der lebendig macht, während das Fleisch nichts nütze ist?! Die Worte aber, die Ich zu euch geredet habe, sind Geist und Leben und nicht ein irdisch Fleisch und Blut. (Joh.6,63)

[GEJ.06_045,11] Aber Ich sage es euch nun auch ganz offen, daß es mehrere unter euch gibt, die entweder keinen oder nur einen sehr geringen Glauben haben, und es gibt sogar unter Meinen ältesten Jüngern noch welche, die Ich vom Anfange kannte, daß sie wenig Glauben hatten, und einer darunter ist gar ein Geizhals, ein Dieb und ein Verräter!" (Joh.6,64)

 

46. Kapitel

[GEJ.06_046,01] Das wirkte wie ein Donnerschlag, so daß sich darob viele sehr entsetzten, und etliche sagten: „Herr, warum sagtest Du denn das nicht schon lange früher?! Wahrlich, wir hätten solch einen Unwürdigen unter uns schon lange entdeckt und für immer von uns entfernt, so Du in Deiner großen Geduld schon nicht Selbst an ihn Deine Hände legen wolltest!"

[GEJ.06_046,02] Sagte Ich: „Ich habe es euch schon oft gesagt, daß auf dieser Welt alles seine Zeit und sein Maß hat. Zur Zeit der Ernte aber wird kein kluger Hauswirt das Unkraut mit dem reinen Weizen einsammeln, sondern allein die reinen Weizenähren, und er wird alles Unkraut, das auch wucherisch unter dem Weizen aufwuchs, von seinen Knechten in Bündeln zusammensammeln lassen, um es dann zu verbrennen zum Düngen des Ackers.

[GEJ.06_046,03] Ich sagte es euch aber ja eben darum früher schon, daß wahrhaft niemand zu Mir kommen kann, außer es ist ihm solches gegeben vom Vater (Joh.6,65), welcher ist die Liebe und das Leben und die Wahrheit in Sich also, wie Ich es bin vom Vater aus und also im gleichen auch von Mir aus, da Ich im Vater und der Vater in Mir ist.

[GEJ.06_046,04] Glaube ja niemand von euch, daß jemand darum schon wahrhaft bei Mir ist, weil er mit Mir nun umherzieht, Meine Worte hört und Meine Zeichen bewundert, – sondern nur allein der ist wahrhaft bei Mir, den eine innere, ganz reine Liebe zu Mir zieht, und der ohne alles Bedenken das vollauf glaubt, was Ich lehre, und daß Ich als nun zeitweiliger Menschensohn vom Vater ausgegangen bin und im Geiste eins bin mit Ihm."

[GEJ.06_046,05] Da sagten die Jünger, bis auf die Judgriechen inbegriffen und bis auf die Zwölfe: „Ja, wenn so, da nützt uns unser Umherziehen mit Ihm so wie so nichts! Das Harte und Unglaubliche verstehen wir nicht – und können es darum auch nicht glauben. Ihn vollauf ganz rein lieben ist auch so eine Sache, da Er Sich gegen uns nun fürwahr auf eine Art benimmt, die uns wenig Neigung für Ihn einflößen kann. Daher ziehen wir uns nur fein wieder zu unserem Moses zurück; denn der ist uns klarer und verständlicher. Gott lieben aber heißt ohnehin nur, Seine Gebote halten, und so hoffen wir, dereinst auch ohne den Glauben an diese rätselhaften Lehren selig zu werden."

[GEJ.06_046,06] Darauf gingen dann viele hinter sich und wandelten hinfort nicht mehr mit Mir, obwohl sie später viel über solche Meine Worte nachdachten. (Joh.6,66) Da Ich aber zu niemandem der Fortgehenden ein Wort sagte, daß er etwa bleiben und Geduld haben solle, so fingen auch die Gebliebenen an, ganz betrübte Gesichter zu machen, und wußten nicht, wie sie daran waren, – ob auch sie gehen oder bleiben sollten.

[GEJ.06_046,07] Da sagte Ich zu ihnen in einem freundlich-fragenden Tone: „Wollt denn auch ihr nun weggehen? (Joh.6,67) Ihr seid von Mir aus ebenso frei wie ein jeder Mensch auf dieser Erde."

[GEJ.06_046,08] Da sagte zu Mir Simon Petrus: „Herr, wohin sollen wir nun gehen? Du allein nur hast ja Worte des Lebens, wenn wir sie auch nicht sogleich in aller ihrer Tiefe zu fassen imstande sind. (Joh.6,68) Zur rechten Zeit wirst Du sie uns schon wieder näher beleuchten, wenn wir Deines höheren Lichtes würdiger sein werden denn jetzt. Und dazu haben wir ja gleich anfangs geglaubt und erkannt, daß Du Christus und der lebendige Sohn Gottes bist, und da können wir dich, o Herr, ja unmöglich mehr verlassen! (Joh.6,69) Herr, verstoße nur Du uns nicht, und habe Geduld mit unseren noch immer großen Schwächen!"

[GEJ.06_046,09] Sagte Ich: „Also ist es gut und recht, und also bleibe es auch! Aber da wir noch hier in dieser offenen Musterschule zu Kapernaum weilen, so kann Ich nicht umhin, euch noch etwas zu entdecken. Ihr wisset, wie Ich vorigen Jahres in dieser Gegend aus den vielen Jüngern euch Zwölfe erwählt habe, – und sehet, dennoch ist unter euch einer ein Teufel!" (Joh.6,70)

 

47. Kapitel

[GEJ.06_047,01] Ich aber meinte hier offenbar den Judas Ischariot, da Ich schon von Anfang an gar wohl erkannte, wessen Geistes Kind er war. (Joh.6,71) Aber er hatte dennoch vielen Eifer, war vollauf tätig und konnte gut reden und die Lehre vortragen, und so wurde er denn auch der guten und nicht der schlechten Sache wegen von Mir zu einem Vorsendling mit den andern elfen erwählt. Da er aber als solcher durch seinen ernsten Eifer und durch seine Beredsamkeit mehr ausrichtete in derselben Zeit denn die andern elfe zusammen, so fing er denn auch an, sich viel darauf einzubilden.

[GEJ.06_047,02] Als aber dann seinem Hochmute durch manches begegnet wurde, da nagte in ihm immer mehr und mehr ein geheimer Groll, und er wurde darum von Tag zu Tag verschlossener und hatte ein scharfes Auge auf die andern elf Jünger, um bei ihnen einmal etwas zu erspähen, um sie dann vor Mir zur Rede zu stellen. Da aber so etwas nicht vorkam, das ihm zur Kühlung seines Grolles hätte dienen können, so ward er im geheimen stets bitterer und sah sich stets emsiger nach einer Gelegenheit um, seine Brüder irgendeinmal in eine Verlegenheit zu bringen; um ein passendes Mittel nur sann er oftmals bei sich.

[GEJ.06_047,03] Er war ein geiziger und geldsüchtiger Mensch, der selbst oft mit aller Beredsamkeit den Besitz des Geldes für etwas höchst Notwendiges fürs irdische Leben darstellte, weil die Weltbeherrscher es eben zur Erleichterung des sonst mühsamen Tauschverkehrs eingeführt hätten.

[GEJ.06_047,04] Er sagte auch einmal zum weisen Nathanael, mit dem er noch am meisten sich besprach: daß Ich zum irdischen Leben nun offenbar keines Geldes bedürfe, das sei ganz klar und rein einzusehen; denn mit der göttlichen Allmachtspotenz ausgerüstet, könne man allenthalben ohne Geld durchkommen. Aber Menschen ohne diese Potenz und ohne das Glück zu haben, Meine Jünger zu sein, müßten zum irdischen Lebensunterhalte so gut und notwendig Geld haben wie der Kaiser selbst, um damit zu bezahlen seine Soldaten und andere Staatsdiener.

[GEJ.06_047,05] Nathanael bewies ihm zwar immer, daß das Geld dennoch ein großes Übel unter den Menschen sei, obwohl es wie jedes irdische Gut in der Hand eines Gerechten auch zu vielem Guten der Grund sein könne. Aber das Üble werde es stets bei sich behalten, daß es die Gier der Menschen danach sehr erwecken und zumeist die Ursache sein werde von Lastern und Freveln aller Art im Kleinen wie im Großen.

[GEJ.06_047,06] Das ließ zwar unser Judas Ischariot wohl gelten, erklärte aber das Geld dennoch also für ein notwendiges Übel, wie auch der Leib für die Seele ein notwendiges Übel sei. Wenn aber die Seele den Leib weise benütze, so sei der Leib für sie auch ein Tempel des Heils, durch den allein sie zum ewigen Leben gelangen und die wahre Kindschaft Gottes erreichen könne.

[GEJ.06_047,07] So wußte er durch seine Beredsamkeit überall einen sogenannten Rechtshaken zu finden, und es war schwer, mit ihm zu rechten. Aber er brachte es mit seinen Rechtssophismen so weit, daß er gleich den Spartanern und Kretensern sogar den Diebstahl als eine im Notfalle gerechte Sache darstellte und den Moses der Schwachsinnigkeit beschuldigte, daß er jeden Diebstahl als eine bare Sünde darstellte. Er bedachte aber nicht, daß selbst der erlaubte, selbst notfälligste Diebstahl mit der Zeit die Menschen zur größten Trägheit verleitet und niemand mehr etwas gearbeitet und gespart hätte, wenn er gewußt hätte, daß, so er irgendeinen Vorrat hätte, solcher bald verraten und ihm von den Notleidenden alsbald abgenommen werden würde. So aber solche Sitte bei den Menschen als erlaubt eingeführt würde, wie sähe es dann mit der Nächstenliebe aus und wie mit einer Erkenntnis Gottes?!

[GEJ.06_047,08] Nathanael zeigte dem Judas wohl, daß sich seine Diebstahlsrechtfertigung mit seinen höchst ökonomischen Bestrebungen nicht vertrage und der erlaubte Diebstahl jede noch so gerechte Sparsamkeit zunichte mache. Aber da war er schon wieder mit seiner Versteckklugheit da, und so war mit ihm nichts zu machen. Nur wenn Ich ihm einen Verweis gab, da ließ er dann auf eine Zeitlang von seinen Ideen ab und überließ sich geheim besseren Betrachtungen. Darum gab Ich ihm in der Schule auch noch diesen Stoß, den er wohl bei sich verstand, obwohl die andern Jünger nur mutmaßten, aber dennoch nicht bestimmt mit den Fingern auf ihn zeigen mochten, weil Ich das eben auch nicht wollte, obwohl Ich wußte, was er alles noch tun werde; denn zu seinem Falle mußte auch sein Maß voll werden, und er mußte sich am Ende selbst in sich lebendig überzeugen, daß alle seine irdischen Handlungstendenzen zum abschreckenden Beispiele für alle Menschen grundböse waren, ansonst für seine Seele auch jenseits keine Besserung möglich gewesen wäre.

[GEJ.06_047,09] Das ist nun als das Charakteristische dieses Jüngers darum wiedergegeben, um den Grund mehr einzusehen, warum Ich ihn diesmal einen Teufel nannte; denn ihm war es auch am meisten geheim nicht recht, daß Ich in der Schule eine solche Rede hielt, an der sich so viele ärgerten und darum von Mir sich entfernten; denn er hatte mit ihnen schon allerlei Spekulationen geheim bei sich beschlossen und ärgerte sich darum auch geheim am meisten. Ja er machte sogar geheim dem Nathanael die Bemerkung, daß Ich im Hause des Petrus über das Übel der Ärgernisse Mich sehr scharf ausgesprochen hätte, nun Selbst aber Tausende bis zum Grünwerden ärgere, und wie solches hernach mit Meiner Lehre zusammenhinge.

[GEJ.06_047,10] Nathanael sagte freilich, daß Ich damals hauptsächlich nur von dem bösen Ärgernis der kleinen Kinder geredet hätte.

[GEJ.06_047,11] Aber unser Sophist wußte auch da etwas zu entgegnen, und als Ich etwa um die vierte Stunde des Nachmittags mit den Jüngern die Schule verließ und wieder in unsere gute Herberge zog, da ging Judas Ischariot nicht mit, sondern verlief sich in die Stadt zu einigen Bekannten, wo viel über Meine unverstandene Rede geredet wurde. Aber da zeigte er sich wieder als Mein Jünger und als ein guter Redner und machte ihnen durch allerlei rednerische Kniffe Meine Rede erträglicher, wennschon nicht im rechten Lichte. Wir sahen ihn bei sieben Tage lang nicht, welche Zeit wir uns in und um Kapernaum aufhielten. Aber dann kam er wieder zu uns.

 

48. Kapitel

[GEJ.06_048,01] Wir aber, als wir aus der Schule in unserer Herberge ankamen, fanden schon einen bestbestellten Tisch mit Wein, Brot und Fischen, und der Wirt hatte eine große Freude, Mich und Meine nun bedeutend wenigeren Jünger bei sich zu Gästen zu haben.

[GEJ.06_048,02] Erst als wir alle schon vollauf gegessen und getrunken hatten, fragte uns der Wirt, sagend: „Herr, diesmal scheint Deine geheimnisvolle Lehre den vielen einheimischen und fremden Zuhörern in der großen, offenen Schule nicht recht gemundet zu haben; denn sie gingen alle ärgerlich hinaus und davon. Einige schimpften mehr, die andern weniger, und die Fremden und auch viele, die gestern noch als Jünger bei Dir waren, sagten, Du habest allda nur geflissentlich also geredet, um sie auf eine feine Art loszuwerden, was von Dir nicht schön gewesen sei, da sie sich schon selbst mit ihren Geldmitteln verköstigt hätten.

[GEJ.06_048,03] Bei mir waren mehrere, die sich darob sehr aufhielten und auch sagten, daß sie auf Dich die größte Hoffnung gesetzt hätten sie seien aber nun auf eine sehr unangenehme Art enttäuscht worden, und sie sagten auch, daß Du auf diese Art trotz Deiner höchst wunderbaren Zeichen bei den Menschen mit solcher Deiner Lehre sehr wenig Eingang finden würdest. Ich ließ sie reden und sagte gar nichts dazu. Sie bezahlten dann ihre Zeche, bestiegen ihre Schiffe und fuhren ab.

[GEJ.06_048,04] Mir aber war das ganz angenehm zu vernehmen, daß diese großsprechenden Weisen durch Dich, o Herr, einmal mit ihrem Verstande so ganz zu kurz gekommen sind. Denn schon gestern in der Nacht, als Du nach dem eingenommenen Mahle Dich zur Ruhe begeben hattest, wurde über Deine Brotvermehrung und wegen Deiner etwa wunderbaren Hierherkunft übers Meer viel pro und contra gewortwechselt. Der eine machte sich mit seiner Weisheit so und der andere so breit. Aber ich dachte mir: ,Na wartet nur, ihr weisen Juden! Der Herr wird zur rechten Zeit eurer Weisheit sicher eine Schranke setzen, über die euer gar so heller Verstand sicher nicht springen wird!‘ Und heute ist mein geheimer Wunsch schon in die vollste Erfüllung gegangen!

[GEJ.06_048,05] Ich war wohl auch selbst in der Schule und habe den Hauptteil Deiner Rede gar wohl vernommen; aber ich fand gar nichts darin, was mich nur im geringsten hätte befremden können. Denn daß Du, obwohl jetzt in voller Menschenform, der Herr bist über Himmel und Erde und über alle Geister- und Sinnenwelt, das war mir schon längst klar. Wer außer Dir kann schaffen für alle Menschen und Tiere das Nährbrot, und wer außer Dir gibt den Geistern wie nun auch unseren Seelen das ewige Leben, ihre Liebe und ihre Weisheit, was ich für das wahre und lebendige Brot, aus den Himmeln kommend, ansehe?! Ich habe das noch einigen Besseren in der Weise klarer machen wollen; aber ihr dummer und sehr aufgeblähter Verstand begriff es dennoch nicht.

[GEJ.06_048,06] Desgleichen tat ich auch, als Du gar handgreiflich von Deinem Fleische und Blute zu reden begannst, weil sie mich fragten, wie ich denn das verstünde. Nun sagte ich: ,Das ist ja noch klarer als das Frühere und erklärt und bestätigt meine frühere Ansicht! Irdisch genommen, ist die Erde nicht gewisserart ein wahrer Gottesleib und all das befruchtende Gewässer sein Blut?! Wo kommt denn alles irdische Nährbrot sonst etwa noch her? Und ist in geistiger Beziehung Gottes Liebe zu uns unwürdigen Menschen etwa nicht ein wahrster Erdboden für uns, der uns leiblich und geistig trägt, duldet und nährt, und ist die Gabe der Vernunft und des Verstandes und nun Seine Lehre dazu nicht etwa das wahrste und lebendigste Blut Gottes, das unsere nach Weisheit dürstenden Seelen erquicket, stärkt und wahrhaft lebendig macht?!‘

[GEJ.06_048,07] Da sagten etliche: ,Ja, das ist alles recht schön gesagt; aber warum schickt denn er selbst keine solche Erklärung seiner Rede nach?‘

[GEJ.06_048,08] Da sagte ich: ,Er wird schon Seinen guten Grund haben! Wahrscheinlich wird Er also denken: ,Wer an Mich wahrhaft glaubt, der wird Mich auch verstehen; wer aber bei den vielen Zeichen und bei der Weisheit Meiner Lehren noch nicht glaubt, daß Ich der Herr Jehova Zebaoth bin, der soll wieder in seine Welt zurückgehen und soll gleich den dummen Schweinen im Kote der Erde herumwühlen!‘‘

[GEJ.06_048,09] Da wurden sie toll und gingen. – Herr, habe ich dadurch doch etwa nicht unrecht gehandelt?"

[GEJ.06_048,10] Sagte Ich: „Oh, mitnichten! Denn fürs erste hast du Meine Worte ganz vom Grunde aus gut verstanden und hast sie den Blinden auch ganz gut erklärt, und fürs zweite war deine Schlußbemerkung ganz am rechten Flecke! Denn es sind derartige Menschen wahrlich mit den Schweinen zu vergleichen, die, je heller und wärmer die wahre Sonne der Himmel zu scheinen beginnt, desto gieriger und eifriger zu den schmutzigsten Schlammpfützen der Welt rennen und sich ganz vollglücklich fühlen, so sie in ihrem alten Kote herumwühlen können. Sagte Ich ihnen am Ende doch klar heraus, daß das Fleisch und das Blut, das sie meinen, nichts nütze sei, und daß Meine Worte Geist und Leben sind! Aber die Ochsen und Schweine faßten es dennoch nicht, und deshalb war deine Schlußbemerkung ganz am rechten Flecke, und Ich bleibe darum nun mehrere Tage bei dir.

[GEJ.06_048,11] Aber nun bringe noch Wein; denn wir wollen heute und die anderen Tage recht heiter sein! Ich habe nun eine rechte Freude an dir; denn du hast Mich besser verstanden als irgendeiner Meiner Jünger. Gen Abend hin wollen wir fischen gehen, damit dir ein Vorrat werde für dich und für uns. In der Stadt aber machet Mich nicht ruchbar; denn da hätten wir wenig Ruhe. – Und nun bringe uns Wein und Brot!"

 

49. Kapitel

[GEJ.06_049,01] Wir tranken nun den Wein und aßen das Brot dazu; denn wir waren unser bei zweiunddreißig Personen und hatten so noch eine Nachstärkung vonnöten.

[GEJ.06_049,02] Während wir also noch den Nachtisch fröhlich hielten, sagte einer der Judgriechen: „Herr und Meister! Dieser unser äußerst freundlicher Wirt wäre ja sehr tauglich, die Stelle des Dich stets ärgernden Jüngers einzunehmen und dem andern, so er auch wieder käme, das römische CONSILIUM ABEUNDI zu erteilen. Denn soviel wir gemerkt haben, so geht er noch ärger aufs Geld denn jeder Templer, und all sein Sinnen ist Welt- und Wohlleben. Nebstdem besitzt er noch eine sehr üble Leidenschaft, und diese besteht im leeren Großtun und Lügen, und mit solch einem Jünger ist Dir und der Menschheit wenig gedient. Dieser Wirt aber ist wahrlich mit einem eigens hellen Geiste begabt und versteht selbst Deine geheimsten Reden wahrlich besser denn Deine alten Jünger; daher wäre er ja ein ganz vortrefflicher Stellvertreter für den Abwesenden."

[GEJ.06_049,03] Sagte Ich: „Ich werde Mich nun von jetzt an bis zum Laubrüstfeste in Galiläa aufhalten und werde selbst dann Mich noch sehr überlegend verhalten, ob Ich nach Jerusalem zum Feste ziehen werde, und da haben wir Zeit zur Genüge, in der uns unser Wirt Matthias (Mai oder Moi diaz = ,mein Arbeiter‘, auch ,mein Knecht‘ oder ,Diener‘) überallhin geleiten kann und auch wird, bei welcher Gelegenheit er noch gar vieles für Ohr und Aug und für Herz und Seele erfahren wird. Dann aber wird er eben für diesen Ort ein ganz guter und tüchtiger Ausbreiter Meiner Lehre werden; denn auch diese Menschen sind Mir gegeben zur Belebung und nicht zum Tode.

[GEJ.06_049,04] Was aber den Abwesenden betrifft, so mag er kommen, wenn er will, – kann aber auch ausbleiben, so er will; denn ein jeder Mensch, gut oder böse, verhält sich gegen Mich dem Geiste nach wie gegen die Sonne dem Leibe nach. Will er sich von den Strahlen der Sonne beleuchten und erwärmen lassen, so kann er es tun – ob er ein guter oder ein böser Mensch ist, so wird ihm das nicht verwehrt –; will er es nicht, so wird er von Gott aus dazu auch nicht gezwungen werden, darum es denn auch heißt: ,Gott läßt Seine Sonne scheinen über Gute und Böse.‘ Und sehet, also ist es auch bei Mir in der lebendig-geistigen Hinsicht! Wer Mir folgen will, der kann es tun, und Ich werde ihn nicht von Mir weisen, und sollte er ein noch so großer Sünder sein! Denn Ich bin ja nur der Verlorenen und Seelenkranken wegen in diese Welt gekommen; denn die Gesunden bedürfen des Arztes nicht.

[GEJ.06_049,05] Und so mag denn auch der Abwesende mit Mir ziehen, wie er will, gleichwie Ich die Judäer heute nicht von Mir gewiesen habe; weil sie aber von selbst gegangen sind, so habe Ich sie auch nicht aufgehalten und zu bleiben geheißen. Auch habe Ich nicht darum also für sie unverständlich geredet, als hätte Ich sie dadurch von Mir entfernen wollen, sondern Ich redete also, weil Ich, vom Vater aus genötigt, also reden mußte. Sie ärgerten sich aber darob und gingen, und das war ihre und nicht Meine Schuld, – und es war somit auch gut, daß sie gegangen sind. Sie können wiederkommen und bleiben, so sie wollen; wollen sie aber nicht, so wird darum Meine Sendung und Meine Lehre nicht weniger wahr sein, gleichwie auch das Licht und die Wärme der Sonne nicht weniger und schwächer wird irgend aus dem Grunde, so etliche Toren sich nicht von ihr bescheinen und erwärmen lassen wollen. – Verstehet ihr solches?"

[GEJ.06_049,06] Sagten die Judgriechen: „Ja, Herr, das haben wir sehr wohl verstanden! Was Du, o Meister, sprichst und sagst, das hat wahrlich alle Wahrheit, Kraft und Leben! Oh, wenn doch alle Menschen das einsähen!"

[GEJ.06_049,07] Sagte Ich: „Das wird in dieser Welt wohl nie ganz der Fall sein; aber es wird dennoch viele geben, die es einsehen, danach tun und das ewige Leben ernten werden."

 

50. Kapitel

[GEJ.06_050,01] (Der Herr:) „Aber nun wird es an der Zeit sein, daß wir uns zum Fischen fertig und bereit machen; denn nun ist eben die beste Zeit dazu."

[GEJ.06_050,02] Sagte der Wirt: „Weil Du, o Herr, es sagst, darum wird nun wohl die beste Zeit sein; aber sonst nach unserer Fischerregel wäre jetzt eigentlich die ungünstigste Zeit, weil die Fische nun gleich mit der Sonne untergehen und sonach auf der Oberfläche nicht viele Fische mehr vorhanden sind."

[GEJ.06_050,03] Sagte Ich: „Eben darum wollen wir jetzt uns an das Fischen machen, und es soll sich da zeigen, daß wir uns auf das Fischen auch besser verstehen denn die andern Fischer. Am Tage und auf windlosem Meere kann jedermann fischen; aber am Abende und bei sehr unruhigem Meere fischen, kann außer Mir jetzt wohl gar kein Fischer mehr. Und so gehen wir und richten uns unser Fischzeug zu!"

[GEJ.06_050,04] Darauf verließen wir das Zimmer, nahmen das Fischzeug, das in mehreren großen Zugnetzen bestand, machten die Fischerboote los, bestiegen sie und fuhren bei drei Feldweges weit vom Ufer.

[GEJ.06_050,05] Da sagte Ich: „Nun werfet die Netze aus, spannet sie gut aus, und die Ruderer steuern gemach dem Ufer zu, und am Ufer wird sich zeigen, ob die untergehende Sonne uns zu unserer Arbeit ein Hindernis war!"

[GEJ.06_050,06] Solches geschah nach Meiner Anordnung, und als wir ans Ufer kamen, da waren die Netze so voll von den edelsten Fischen, daß sie beinahe zu reißen anfingen. Als die Fischer anfingen, die Fische aus den Netzen in die Fischbehälter zu klauben, da hatten sie nicht Raum genug, um alle aufzunehmen; beinahe ein gutes Dritteil mußte in den Netzen eingebündelt, also im Wasser zwischen den Booten hängend, verbleiben.

[GEJ.06_050,07] „Nein", sagte der Wirt, „so ein Fang um diese Zeit gehört zu den unerhörtesten Dingen! O Meister, wenn Du mit noch zehnmal soviel Jüngern volle zehn Jahre in meinem Hause wohntest und zehrtest, so könnte ich Dir dadurch nicht vergüten diesen Gewinn, den Du mir heute durch diesen Fischzug bereitet hast! Siehe, mein großes und gut gebautes Haus samt den vielen und zweckmäßigen Wirtschaftsgebäuden und samt allem, was darin ist – auch mit allen Äckern, Wiesen, Waldungen, Hutweiden und Weinbergen –, hat lange nicht den Wert wie diese beinahe zahllos vielen und großen Edelfische, die sonst nur zur Winterszeit selten hie und da gefangen werden. Wenn man da nur etwa im glücklichsten Falle zehn fangen kann, so ist man ohnehin schon ein reicher Mann; denn Fische dieser Gattung werden fürs Stück um hundert Silbergroschen von den Römern und Griechen reißend aufgekauft, eingesalzen und an die Höfe der Könige sicher um dreihundert Silbergroschen verkauft. Wenn es Dir, o Meister, genehm wäre, so würde ich meine Knechte mit einigen Stücken in die Stadt zu den Römern und Griechen senden, und ihr werdet euch überzeugen, mit wieviel Geld beladen sie ehest heimkehren werden!"

[GEJ.06_050,08] Sagte Ich: „Tue das immerhin; aber nur das sage allen deinen Leuten, daß sie Mich nicht ruchbar machen; denn da würden wir in kurzer Zeit alle die großen Römer und Griechen am Halse haben! Aber für unser Abendmahl werde auch mit diesen edelsten Fischen gesorgt, und du selbst mußt wacker mitessen; denn bis jetzt hast du von dem Wohlgeschmacke dieser Art Fische nur reden hören, selbst jedoch nie einen verkostet. Wenn du nun erst selbst einen verkosten wirst, dann wirst du auch erst selbst erfahren, warum man diese Fische so teuer bezahlt. Und nun magst du deine Knechte mit den Fischen schon aussenden; aber sie sollen die aus den Netzen nehmen. Auch für uns sollen die aus den Netzen genommen werden; denen in den Behältern werde Ruhe gegeben!"

[GEJ.06_050,09] Da ging der Wirt, machte die Sache mit den vielen Knechten ab, und bei fünfzig an der Zahl nahm ein jeder zwei Fische, da er einen dritten nicht mehr zu tragen imstande gewesen wäre, und trug sie gemeinschaftlich in die Stadt. Die Knechte begaben sich schnell zu den Römern und Griechen, und als diese der bekannten Edelfische ansichtig wurden, da entstand eine förmliche Verkaufsversteigerung derart, daß ein Fisch von nur 40- 50 Pfund Gewicht um zweihundert Silbergroschen aufgekauft wurde.

[GEJ.06_050,10] Es fragten wohl die Römer und Griechen, wie etliche reiche Juden, wie sie denn in dieser für derlei Edelfische ganz ungewöhnlichen Zeit zu ihnen gekommen seien.

[GEJ.06_050,11] Aber die Knechte sagten, sie seien durch einen fremden Fischer auf ein Geheimnis gekommen, derlei Fische auch außer der Winterszeit zu bekommen, und die Fische seien die sichersten Zeugen, daß sich das Geheimnis bewähre. Da wurden sie nicht weiter befragt und brachten dem Wirte bald eine große Menge Geld als Erlös für die Fische, so daß er kaum Behälter zur Genüge fand, um all das Geld unterzubringen und zu verwahren.

[GEJ.06_050,12] Mittlerweile wurde auch unser Nachtmahl fertig, und wir setzten uns zum großen Tische.

[GEJ.06_050,13] Als die Judgriechen der wohl zubereiteten Fische ansichtig wurden, sagten sie: „Von dieser edelsten Gattung haben wir nur einmal einen zu verkosten bekommen, und jetzt liegt eine solche Menge vor uns! Oh, das ist des Guten wahrlich zu viel! O Meister, das ist auch Dein Fleisch und Blut nach der guten Erklärung des Wirtes; denn ohne Dein Wort und ohne Deinen Willen wären wir zu solch einer Mahlzeit wohl nimmer gekommen! Ja, da sieht man es klar, was alles die Liebe, Weisheit und Allmacht Gottes vermag! O wie gar nichts ist doch der Mensch gegen Dich, o Herr und Meister!"

[GEJ.06_050,14] Sagte Ich: „Es ist dem nicht gerade also; denn es ist dies ja eben der Wille des Vaters, daß ein jeder Mensch also vollkommen werden soll, wie Er Selbst im Himmel vollkommen ist. Und die Zeit wird es zeigen, daß Meine wahren Jünger noch Größeres tun werden, als wie Ich nun tue! Aber die Zeit ist jedoch noch nicht da, wird aber nicht gar lange mehr auf sich warten lassen. – Nun aber lassen wir das und essen und trinken nach Lust und Not!

[GEJ.06_050,15] Solange die Hochzeitsleute den Bräutigam unter sich haben, sollen sie keine Not leiden; denn sie werden, so der Bräutigam aufgefahren sein wird dahin, von wo Er gekommen ist, der Not noch genug zu erleiden bekommen. Der wahre Bräutigam aber bin Ich, und die an Mich glauben, sind die wahren Bräute und Hochzeitsleute zugleich. Darum nun nur heiteren und fröhlichen Mutes!"

[GEJ.06_050,16] Darauf griffen alle wacker zu und aßen und tranken mit großer Lust und wurden dabei voll guter und heiterer Dinge.

[GEJ.06_050,17] Ein Judgrieche sagte beim Genusse des Fisches: „Zu Kis beim Kisjonah haben wir auch Edelfische gegessen, die sehr gut waren; aber sie stehen in gar keinem Vergleiche mit diesen Fischen, und es ist doch hier auch dasselbe Meer und Wasser?!"

[GEJ.06_050,18] Sagte Ich: „Das sicher, – aber nicht derselbe Grund! Diese Art Fische sind selten und kommen natürlich nur in dieser Gegend vor. Aber sie sind zumeist nur im tiefen Grunde zu Hause, wo sie denn auch ihre Nahrung finden, die in einer Art unterseeischer Pflanzen besteht. Die Pflanzen aber kommen nur hier vor, und zwar in einer Strecke von tausend Acker Landes; dann ist der Grund des Meeres weithin taub, und diese Fische kommen dort nicht vor. – Aber nun nur gegessen und getrunken!"

 

51. Kapitel

[GEJ.06_051,01] Die Fische schmeckten gut und der Wein nicht minder. Ich Selbst aß und trank ganz wacker, so daß es einigen Judgriechen auffiel, wie Ich denn als ein so ganz vom Geiste Gottes durchdrungener Mensch ebensoviel essen und trinken könnte wie irgendein anderer Mensch.

[GEJ.06_051,02] Als Ich aber solches wohl merkte, da sagte Ich: „Der Leib braucht das seinige – und der Geist das seinige; wir sind nun aber unseren Gliedern eine rechte Stärkung zu geben schuldig, und dann werden wir des Geistes nicht vergessen.

[GEJ.06_051,03] Glaube ja keiner, daß er Gott einen wohlgefälligen Dienst erweist, so er fastet und für seine begangenen Sünden in härenen Kleidern vor aller Welt Augen Buße tut, – sondern nur der ist Gott angenehm, der da dankbar ißt und trinkt, was ihm Gott zukommen ließ, um dadurch seine irdischen Kräfte zur nützlichen Arbeit zu stärken, wodurch er sich und seinem Nächsten viel nützen kann, und so er irgendeine Sünde beging, sie als solche erkennt, bereut, verabscheut, sie nicht mehr begeht und sich also wahrhaft bessert.

[GEJ.06_051,04] Freilich gibt es leider gar viele, die da ihre Lebenszeit mit lauter Essen und Trinken zubringen. Sie sorgen nur für ihren Bauch und für ihre Haut. Die Nächstenliebe ist ihnen fremd, und vor dem armen Menschen spucken sie aus und lassen ihn nicht an ihres Hauses Schwelle kommen. Ihr stets voller Bauch läßt sie nie fühlen den Schmerz des Hungers und des Durstes. Das sind die echten Schwelger, Prasser und Vollsäufer, um dadurch ihren Leib stets bereit zu allerlei Geilheit, Unzucht, Hurerei und Ehebrecherei zu halten. Das ist dann Fraß und Völlerei, mit denen niemand je ins Reich Gottes eingehen wird.

[GEJ.06_051,05] Im gleichen sind aber auch alle jene Gleisner, die da fasten und in härenen Kleidern Buße wirken und für ihre Sünden ansehnliche Opfer dem Tempel darbringen, damit sie von dem Volke als Gerechtfertigte angesehen und gelobt werden, sie selbst aber dann jeden Menschen über die Achsel ansehen, ihn als einen vermeintlichen Sünder verachten und ihm schon von weitem ausweichen, dieweil sie nicht irgend sahen, wie er gefastet, in härenen Kleidern Buße gewirkt und dem Tempel geopfert hat.

[GEJ.06_051,06] Ich aber sage es euch: Derlei Menschen sind ebenfalls ein Greuel vor Gott; denn ihr Herz ist verhärtet, und so ihr Sinn und Verstand. Sie richten ihre Nebenmenschen ohne alle Schonung und Nachsicht, sie kehren vor des Nachbars Tür und bemerken den großen Haufen Unflates vor der eigenen Hausflur nicht. O wahrlich sage Ich euch: Wie diese Tempelheiligen und -gerechten nun ausmessen, geradeso wird ihnen drüben wieder zurückgemessen werden!

[GEJ.06_051,07] Ich sage es euch: Wer hier richtet, der wird auch jenseits gerichtet werden; wer aber da niemanden richtet außer sich allein, der wird auch jenseits nicht gerichtet werden sondern sofort aufgenommen werden in Mein Reich!

[GEJ.06_051,08] Ich aber will euch hier ein Bild geben, wie die menschliche Selbstrechtfertigung in ihrer Reinheit und vor Gott als allein gültig beschaffen sein soll. Und so höret! (Luk.18,9)

[GEJ.06_051,09] Es gingen hinauf in den Tempel zwei Menschen, der eine ein reicher, aber sonst streng nach dem Gesetz lebender Jude, und der andere ein Zöllner. (Luk.18,10) Als der Jude in den Tempel kam, stellte er sich ganz zum Altare hin und sagte laut: ,O Gott, ich danke Dir hier vor Deinem Altare, daß ich nicht also bin wie viele andere! (Luk. 18,11) Denn Du, o Herr Herr, hast mir gegeben den guten und festen Willen und auch alle die anderen irdischen Güter hinzu, durch welche Mittel es mir allein möglich ward, Deine Gebote alle vollkommen zu erfüllen, und wie wohl tut es nun meiner Seele, als vollkommen gerecht an der Neige meiner Tage vor Dir zu stehen!‘ (Luk.18,12) Als er noch eine Menge seiner gerechten und also gesetzlich guten Handlungen Gott also vorgetragen hatte, legte er ein reiches Opfer auf den Altar und ging dann, im höchsten Grade mit sich zufrieden und mit dem besten Gewissen von der Welt, aus dem Tempel und dann nach Hause, wo sich alle seine Hausleute wegen seiner strengen Hauszucht eben nicht sehr auf ihn freuten, da sein reines Gewissen, sein strenger Ordnungssinn und seine gesetzliche Gerechtigkeit an ihnen nichts als lauter Sünden und Fehler entdeckten.

[GEJ.06_051,10] Unser sündiger Zöllner aber ging im Tempel reuig in sich, blieb ganz rückwärts stehen, sich nicht getrauend, seine Augen aufzurichten zum Altare, indem er bei sich selbst sagte: ,O Herr, Du allgerechter, allerheiligster und allmächtiger Gott, ich bin ein zu grober Sünder und also gar nicht würdig, meine Augen zu Deinem Heiligtume empor zu richten; sei Du mir aber dennoch gnädig und barmherzig!‘ (Luk.18,13)

[GEJ.06_051,11] Nun, was meinet ihr, wer von den zwei Menschen gerechtfertigt aus dem Tempel nach Hause zog?"

[GEJ.06_051,12] Die Judgriechen sahen einer den andern an und wußten nicht so ganz recht, was sie Mir nun für eine Antwort geben sollten; denn gerechter konnte in ihren Augen doch wohl niemand sein als der das Gesetz bis aufs letzte Häkchen erfüllende Jude. Der sündige Zöllner konnte nach ihrer Beurteilung doch nicht als ein mehr Gerechtfertigter den Tempel verlassen denn der erwähnte Jude!

[GEJ.06_051,13] Ich aber sagte zu ihnen: „Ihr irret euch in eurem Urteile! Der Jude ging ganz und gar nicht gerechtfertigt aus dem Tempel; denn er belobte sich selbst laut vor allem Volke, zog aller Augen, Ohren, Lob und Bewunderung auf sich und belohnte sich somit selbst. Ist aber solch ein Selbstgefühl nicht auch eine sogar recht böse Art des Hochmutes?! Seine Früchte sind am Ende Haß und Verachtung und eine stete Verfolgung aller, die von ihm nicht als ebenbürtig erkannt und beurteilt werden. Ist so ein Mensch dann wohl ein Gerechtfertigter vor Gott? Oh, mitnichten! Der hat noch sehr weit bis dahin!

[GEJ.06_051,14] Aber der Zöllner ist ein Gerechtfertigter vor Gott; denn er ist voll Demut und hält sich für schlechter um vieles denn die anderen Menschen. Er haßt und verachtet niemanden und ist froh, daß man ihn nur nicht noch mehr verachtet und flieht, als es schon ohnehin der Fall ist. – Nun, was saget ihr? Habe Ich recht geurteilt?" (Luk.18,14)

[GEJ.06_051,15] Sagten nun alle: „O Herr, Du ganz allein hast recht in allen Dingen, und wir alle sind finstere und sündige Menschen! Unsere Urteile sind daher nicht anders, als wie da wir selbst sind. Oh, das war ein vollkommen wahrstes Bild; denn wir hatten oft Gelegenheit, solche Rechtfertiger zu beobachten, die sich so rein wie die Sonne darzustellen wußten, und man konnte auch nicht sagen, daß sie im Tempel geheuchelt hätten, indem sie nur zu gewissenhaft alle die Gesetze beachteten. Aber sie waren eben darum dennoch ganz unverdauliche Menschen; denn sie beachteten das Gesetz nicht etwa, weil sie in selbem den Willen und die Ordnung Gottes erkannt hätten, sondern nur, als wäre das Gesetz ihr Werk, und auf daß sie als streng gesetzliche Menschen auf ihre Diener und Hausleute desto ergiebiger einwirken und erfolgreicher derselben Fehler und Untugenden rügen könnten. Da wir viele solche Beobachtungen haben machen können, so sehen wir nun auch um so mehr die vollste Wahrheit Deines aufgestellten Bildes ein und danken Dir, o Herr, für diese allerwahrheitsvollste Belehrung."

[GEJ.06_051,16] Sagte Ich: „Nun denn, also seid nicht kleinmütig, und esset und trinket, so ihr noch Lust dazu habet! Ich Selbst werde von diesem Fische noch etwas nehmen."

[GEJ.06_051,17] Darauf nahmen alle noch von dem Fische und ließen sich auch den Wein recht wohl schmecken.

 

52. Kapitel

[GEJ.06_052,01] Als wir alle zur Genüge gegessen und getrunken hatten, da fragte Mich der Wirt, ob wir uns etwa zur Ruhe begeben wollten, da es schon ziemlich spät in der Nachtzeit geworden sei.

[GEJ.06_052,02] Ich aber sagte: „Wen es nach Ruhe gemahnt, der gehe ruhen; Mich aber gemahnt es nicht, und somit werde Ich Mich jetzt auch noch zu keiner Ruhe begeben. Zudem ist es dem Leibe auch durchaus nicht zuträglich, gleich nach einem Mahle sich zur Ruhe zu begeben; daher wollen wir uns noch ein paar Stunden wach erhalten. Aber wen es nach Ruhe gemahnt, der mag sich auch zur Ruhe begeben!"

[GEJ.06_052,03] Sagten alle: „Nein, nein, o Herr, wir wollen mit Dir wachen bis an den Morgen, so Du es wünschest! Denn wir wissen es nur zu bestimmt, daß bei Dir alles eine innerste, unerforschliche Bedeutung hat, und so steckt da auch sicher etwas dahinter, und so bleiben wir wach!"

[GEJ.06_052,04] Sagte Ich: „Ihr habt recht; wachet und sorget, daß niemand von euch in eine Versuchung falle!"

[GEJ.06_052,05] Fragten Mich Meine alten Jünger: „Herr, was sollte uns an Deiner Seite wohl in eine Versuchung zu führen imstande sein?! Denn wir haben an Deiner Seite doch schon so manches erlebt, und es hat uns noch sehr weniges in irgendeine augenblickliche Versuchung geführt."

[GEJ.06_052,06] Sagte Ich: „Oh, rühmet euch dessen nicht; denn der Versuchung Geist geht umher wie ein hungriger, brüllender Löwe und sucht die Menschen zu verschlingen! Ihr könnet nicht wach genug sein und nicht genug achten auf jeden Zug eines noch so leisen Anregungswindes! Hat solch eine Anregung den Menschen in seinem Gemüte nur um ein Haarbreit auf ihre Seite gebracht, so wird er sich schon eine recht große Willensgewalt antun müssen, um auf seinen früheren Stand zu gelangen. Merket euch das alle wohl; denn solange der Mensch in dieser Welt lebt, denkt, will und handelt, wiegt sein Fleisch schwerer denn seine Seele."

[GEJ.06_052,07] Sagte Philippus: „Das ist wohl sehr wahr, und ich habe das alles an mir sehr wahrgenommen; aber in diesen meinen vorgerückten Jahren richtet bei mir keine Versuchung mehr etwas aus. Ich habe nur einen Fehler, und der besteht in einer Art von Zeit zu Zeit eintretender Glaubensschwäche, das heißt, ich glaube im Grunde wohl alles, was da kommt aus Deinem Munde, o Herr, – aber wenn dann und wann mein Verstand nicht alles gleich einsieht, so wird da mein Glaube auch schwach, und ich verfalle gleich in allerlei bedenkliche Fragen, auf die von irgendher eine helle Antwort sich in mein Gemüt senkt, und ich fange darauf bald an, in kleine Zweifel zu fallen. Das ist die einzige Versuchung, die mich noch immer dann und wann beschleicht. Du, o Herr, aber könntest mich davon wohl befreien und würdest mich dadurch zum glücklichsten Menschen machen!"

[GEJ.06_052,08] „So Ich dir das täte durch die Mir innewohnende Kraft, da wärest du kein freier Mensch mehr, gerietest in eine große Trägheit und wärest dadurch mit der Übung zur stets höheren Gewinnung der wahren Lebenskraft deiner Seele bald am Ende.

[GEJ.06_052,09] Darum trage ein jeder seine Bürde willig und übe sich gleichfort in allen guten Dingen des innern Lebens! Zur rechten Zeit wird dadurch auch sein Lebensmaß voll werden, und er wird dann erst eben über das Brot, das er sich selbst im Schweiße seines Angesichtes erworben hat, eine rechte und unverwüstbare Freude haben.

[GEJ.06_052,10] Denke dir einen sehr verweichlichten Menschen, der von der Wiege an gar nie zu irgendeiner Tätigkeit angehalten wurde. Er aß und trank die besten Speisen, lernte zur Not nur allein das Reden und trug außer seinen Kleidern nie irgendeine Last. Wenn so ein Mensch dann eine Last von nur einigen Pfunden irgendeine Strecke weit tragen soll, so wird er das kaum imstande sein, weil er dazu seine physischen Kräfte nie nur im geringsten geübt hat. So er aber dann dennoch anfängt, seine Leibeskräfte durch eine nach und nach steigende Tätigkeit zu üben, so wird er es in einigen Jahren auch dahin bringen, größere Lasten mit Leichtigkeit zu heben und weiterzuschaffen. Würde er aber auch dann zu einer höheren derartigen Leibeskraft gelangt sein, so er gleichfort die anderen Menschen für sich hätte Lasten heben und tragen lassen?!

[GEJ.06_052,11] Und siehe, geradeso steht es auch bei dir mit deiner Denkkraft! Du hast sie von deiner Jugend an viel zuwenig geübt, sie auch erst nun in den späteren Jahren ein wenig mehr zu üben angefangen, und es nehme dich darum nicht wunder, wenn du so manches nun nicht so schnell wie mancher andere fassest und begreifest.

[GEJ.06_052,12] Ich aber bin ein rechter Lehrer und Führer und trage Meine Jünger nicht über alle noch so schroffen und holperichten Wege und Fußsteige auf den Händen, sondern Ich lasse sie selbst gehen, auf daß sie stark werden, ohne Anstoß fürderhin zu wandeln auf allen noch so knorrigen Wegen.

[GEJ.06_052,13] Stellt sich aber jemandem auf irgendeinem Wege ein gar zu großes Hindernis in den Weg, so werde Ich ihm dann schon ein Licht und eine Kraft geben zur sicheren Besiegung auch solch eines großen Hindernisses. Aber vor allem muß ein jeder Mensch selbst so viel tun, als in seinen Kräften liegt; was darüber not tut, wird ihm gegeben werden zur rechten Zeit. – Hast du das nun wohl begriffen?"

[GEJ.06_052,14] Sagte Philippus: „Ja, Herr, das habe ich nun wohl begriffen, und ich werde mir alle erdenkliche Mühe geben, um in meinem Denken und Glauben so stark als nur immer möglich zu werden!"

 

53. Kapitel

[GEJ.06_053,01] Hierauf sagte der Wirt: „Ich kenne in mir selbst auch einen solchen Menschen und weiß nun auch, was ich zu tun habe. Ich will nicht reden von all den Propheten und von dem Hohenliede Salomos, – was alles ich bis jetzt noch sehr wenig oder auch gar nicht verstanden habe; aber das habe ich beim Durchlesen solcher Weisen der Vorzeit wohl oft gedacht, daß sie eben durch ihre mystische Sprache den Menschen sehr im Denken üben und ihn dadurch zu einem stets tieferen In-sich-Gehen ordentlich zwingen, und das finde ich für sehr gut. Ist man dann so recht tief in sich gedrungen, so kommt dann ein Lichtlein ums andere, und man kommt dann über so manches ins klare, was einem früher ein unentwirrbares Rätsel schien. Aber wie gesagt, ich rede hier nicht von der Unverständlichkeit der Schriften der alten Weisen und Seher, sondern von ganz natürlichen Dingen.

[GEJ.06_053,02] So zum Beispiel über die wahre Bestimmung irgendeines Geschöpfes auf dieser Erde, und da haben wir gleich unsere Edelfische. Sie sind seltene und sogar sehr lebensmuntere und schöne Tiere des Wassers. Der Mensch erst erfand es, durch seinen Hunger getrieben, sie zu fangen und zu essen. Nun, ist das ihre wahre Bestimmung, von uns Menschen gefangen, getötet und sodann als ordentliche Leckerbissen gegessen zu werden?! Wenn das ihre wahre Bestimmung ist, so weiß ich nicht, was dann damals ihre Bestimmung war, als der Mensch es noch nicht erfunden hatte, die Fische zu fangen, zu töten und dann wohlzubereitet zu essen.

[GEJ.06_053,03] Dergleichen Fragen hätte ich zu tausenden, und je mehr ich darüber nachdenke, desto verwirrter werde ich und entferne mich vom Lichte nur stets mehr, anstatt demselben näher zu kommen, und bei eben solchen Nachforschungen und Grübeleien kann ich über die sicher höchst weise Absicht des Schöpfers mit diesen und zahllos vielen anderen Geschöpfen nie so recht ins reine kommen. Es wäre so etwas eigentlich für uns Menschen auch gar nicht nötig; denn die Geschöpfe sind einmal da, und der gute und höchst weise Schöpfer wird es schon wissen, warum Er sie erschaffen hat.

[GEJ.06_053,04] Aber der Mensch ist und bleibt ein Denker und kann in sich zu keiner Ruhe mehr gelangen, wenn er einmal so recht gedankenwach geworden ist. Und so geht es mir! Wenn ich auch weiß, daß mir all solch eitles Denken zu gar nichts nützt, so denke ich aber dennoch fort und fort, und dafür möchte ich denn auch von Dir ein wahres Heilmittel bekommen; denn mir wird ein solches Denken nun schon ordentlich lästig, und ich gäbe etwas darum, so ich davon für immer befreit werden könnte."

[GEJ.06_053,05] Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, da ist dir freilich wohl ein wenig schwer zu helfen; denn da müßte Ich gar lange mit dir reden, um dir von allen den vielen Geschöpfgattungen den wahren Zweck ihres Daseins zu erhellen. Nur im Allgemeinen kann Ich dir so viel sagen, daß alles für den Menschen sichtbar und fühlbar Erschaffene ein gerichtetes Geistiges ist und die Bestimmung hat, durch eine lange Reihe von allerlei Formen endlich in ein freies und selbständiges Leben überzugehen.

[GEJ.06_053,06] Die Formen aber beginnen schon vom Steine angefangen durch alle Mineralreiche hindurch übergängig zum Pflanzenreich, durch das gesamte Pflanzenreich wieder übergehend ins Tierreich und durch dieses hindurch bis zum Menschen und sind Aufnahmegefäße vom Leben aus Gott.

[GEJ.06_053,07] Jede Form entspricht einer gewissen Intelligenz. Je einfacher jene ist, desto einfacher und geringfügiger ist auch die ihr innewohnende Intelligenz; je ausgebildeter und ausgebreitet zusammengesetzter aber du dann eine Form erschaust, desto mehr Intelligenz wirst du in derselben auch finden.

[GEJ.06_053,08] Nimm zum Beispiel einen nackten Regenwurm an, und du wirst aus seinem Tun leicht erkennen, daß seine höchst geringe Lebensintelligenz mit seiner Form ganz im Einklange steht; betrachte dagegen die schon sehr komplizierte Form einer Biene, und du wirst daraus auch die um sehr vieles höhere Intelligenz in der Lebensform dieses Tierchens finden! Und so steigert sich das bis zum Menschen herauf.

[GEJ.06_053,09] Da diese Formen aber nur zeitweilige Sammler und Träger eines sich stets mehr befestigenden und intelligenter werdenden Lebens sind, und da dieses im steten Aufsteigen begriffene Leben auch nach dem Maße und Verhältnisse der größeren Vereinigung der früheren, einfacheren Lebensintelligenzen die früheren Formen verläßt, so liegt nach dem wohl wenig daran, was mit der lebensleeren Form, die nichts als eine organisch-mechanische und für den Zweck der ihr innewohnenden Lebensintelligenz wohleingerichtete Hülse war, fürder geschieht. Ob also nun diese Fische von uns Menschen oder von anderen Tieren verzehrt werden, so beirrt das die große Absicht des Schöpfers nicht im geringsten, und der Endzweck des Lebens wird dennoch unvermeidbar erreicht.

[GEJ.06_053,10] Daß aber in den lebensleeren Hülsen Nährteile sich befinden, ist bekannt, und es geht durch das wechselseitige Aufzehren der lebensleeren Formen auch das Edlere wieder in ein anderes Leben über, und so siehst du hier auf dieser Erde durch den ganzen, großen Kreis der Geschöpfe einen fortwährenden Kampf und Lebensumtausch bis zum Menschen herauf.

[GEJ.06_053,11] Aber selbst des Menschen äußere Form, die da ist sein Leib, hat nur so lange einen Wert, solange sie von der allein lebendigen Seele bewohnt wird. Ist die Seele einmal reif geworden, dann verläßt sie für ewig den Leib, und dieser wird verzehrt. Da ist es dann ganz gleichgültig, von wem oder durch was. Was an ihm noch Substantielles und der Seele Angehöriges ist, das wird der Seele auch wieder gegeben; alles andere geht wieder als Nährstoff in tausend andere geschöpfliche Lebensformen über. Da hast du in aller Kürze eine gründliche Darstellung alles dessen, worüber du dir so viele Gedanken vergeblich gemacht hast. – Verstehst du dieses nun wohl?"

 

54. Kapitel

[GEJ.06_054,01] Sagte der Wirt: „Ja, ich verstehe es nun wohl so ziemlich, obwohl ich es hier offen gestehen muß, daß mir diese Sache nun etwas ganz Neues und gewisserart Unerhörtes ist. Da ist es dann mit der endlichen Auferstehung des Fleisches nichts, an die doch alle Juden fest glauben und darum die Leichname auf den bestimmten Friedhöfen begraben und des Glaubens sind, daß sie am Jüngsten Tage von den Engeln wieder erweckt und mit ihren Seelen werden vereinigt werden. Das von Dir nun Gelehrte werden die Juden schwer glauben! Ich glaube es wohl, weil Du, o Herr, es uns nun also gesagt und ganz gründlich erklärt hast, – aber wenn mir das jemand anders erklärt hätte, so würde ich ihm schwerlich geglaubt haben; denn das weicht zu gewaltig von dem bestehenden Glauben ab. Und dennoch muß ich nun offen bekennen, daß alles das sich nach den gemachten Erfahrungen nicht anders als nur also verhalten kann. – Was saget denn ihr alten und neuen Jünger dazu?"

[GEJ.06_054,02] Sagte einer der Judgriechen: „Was da uns betrifft, so sind wir ganz deiner Meinung! Wir sehen wohl auch die Wahrheit des Gesagten ein, aber auch die Schwierigkeit, diese ganz neue Lehre den Menschen in dieser Zeit als begreiflich wahr darzustellen."

[GEJ.06_054,03] Sagte Ich: „Darum habe Ich diese Lehre aber auch nicht gegeben, daß ihr sie den Juden wiedergeben sollet! So ihr jemand anders damit belehren wollet, da könnet ihr das immerhin tun; ob er es aber glaubt oder nicht, so ist das vorderhand ganz einerlei. Nach der Zeit aber werden Meine wahren Bekenner schon ohnehin von Meinem über sie ausgegossenen Geiste in alle Wahrheit und Weisheit geleitet werden.

[GEJ.06_054,04] Es ist aber das ja von selbst leicht verständlich, daß der irdische Leib, so er einmal entseelt worden ist, nimmerdar auferstehen und in allen seinen Teilen wieder belebt werden wird; denn wenn solches der Fall wäre, so müßten an dem gewissen Jüngsten Tage auch alle durch das ganze, manchmal recht lange zeitliche Leben von dem Leibe abgelegten Teile, als die Haare, die Nägel, die verlorenen Zähne und alle durch das Waschen weggeschafften groben Hautteile, wie auch die in manchen bitteren Fällen vergossenen Blutstropfen, Schweißtropfen und noch so mancherlei, was der Leib mit der Zeit ablegte, mit erweckt und belebt werden. Nun stellet euch daneben so eine am Jüngsten Tage wiederbelebte Menschengestalt vor, – welch ein lächerlichstes Aussehen müßte sie haben.

[GEJ.06_054,05] Der Mensch aber hat zu verschiedenen Zeiten auch einen verschiedenen Leib; so ist zum Beispiel der Leib eines Kindes ein anderer als der eines herangewachsenen Knaben, ein anderer der eines Jünglings, ein anderer der eines Mannes und ein ganz anderer der eines Greises. Nun, bei vollkommener Wiederbelebung der verstorbenen Menschenleiber an einem Jüngsten Tage müßte da ja notwendig gefragt werden, ob alle die von der Kindheit bis ins hohe Greisenalter innegehabten Leibesformen zugleich oder eine nach der andern oder gar nur eine allein wiederbelebt werden soll.

[GEJ.06_054,06] Dann erhebt sich da noch eine gar gewichtige Frage, und die besteht darin: Bei den Römern und Griechen, Ägyptern und bei noch vielen anderen Völkern dieser Erde werden die Leichen verbrannt bis zur Asche. Anderorts werden sie ins Meer geworfen und von den Meeresungeheuern verzehrt und dadurch zu Leibesteilen der Meeresungeheuer, und verendet einmal solch ein Ungeheuer, so wird es wieder von andern Tieren des Meeres verzehrt. Was soll am Jüngsten Tage von diesen Leibern erweckt werden? Bei dem Verbrennen ist der größte Leibesteil in Rauch und Dampf aufgelöst worden und hat sich mit der Luft vereint, und bei den ins Meer geworfenen Leibern ist das Fleisch und alles zum Mitbestandteil der Meerestiere geworden und also in eine ganz andere Wesenheit übergegangen. Wer sollte da dann die früher menschlichen Leibesbestandteile von zahllos vielen Tierleibern, vom Wasser, von der Luft, von den Mineralien und den Pflanzen und Würmern heraussuchen und dann wieder zusammenfügen?!

[GEJ.06_054,07] Und so sogar das bei Gott nichts Unmögliches wäre, so fragt es sich aber, zu welch einem Nutzen und Frommen so etwas einer freien Seele dienen könnte. Wahrlich, da würde sich jede vom schweren Leibe einmal erlöste Seele sicher im höchsten Grade unglücklich fühlen, wenn sie wieder in einen schweren Leib – und das gleich für ewig – treten müßte!

[GEJ.06_054,08] Dazu wäre das auch noch eine Sache, die sich mit der ewigen Ordnung Gottes nie vertragen könnte, indem Gott Selbst ein reinster Geist ist und am Ende die Menschen auch ausschließlich nur die Bestimmung haben, zu gottähnlichen reinen Geistern für ewig zu werden. Wozu sollen ihnen dann die Leiber dienen?!

[GEJ.06_054,09] Ja, sie werden auch dort mit Leibern angetan sein, aber nicht mit diesen irdischen, grobmateriellen, sondern mit ganz neuen, geistigen, die da hervorgehen werden aus ihren diesirdischen guten Werken nach Meiner euch nun gegebenen Lehre.

[GEJ.06_054,10] Wenn sich diese Sachen also verhalten, wie kann da jemand meinen, daß unter der Auferstehung des Fleisches die einstige Wiederbelebung dieser irdischen Leiber verstanden werde?! Die Auferstehung des Fleisches sind nur die der Seele allein das wahre, ewige Leben gebenden guten Werke, welche die Seele in diesem Fleische den Nebenmenschen hat angedeihen lassen.

[GEJ.06_054,11] Wer demnach Meine Lehre hört, an Mich glaubt und danach tut, den werde Ich Selbst auferwecken an seinem jüngsten Tage, der alsogleich nach dem Austritt der Seele aus diesem Leibe erfolgen wird, und zwar also, daß da die Kürze der Umwandlungszeit niemand merken wird; denn in einem schnellsten Augenblick wird die Umwandlung geschehen.

[GEJ.06_054,12] Und nun meine Ich, daß ihr alle auch in diesem Stücke ganz im klaren seid. Hat aber jemand noch irgendeinen Anstand oder einen Zweifel, so lasse er ihn vernehmen!"

 

55. Kapitel

[GEJ.06_055,01] Sagte ein Judgrieche: „Herr und Meister, das ist uns allen nun ganz klar; aber dennoch ist eines noch, wovon ich mir keinen ganz rechten Grund erklären kann. Warum müssen denn auch so viele Kinder in der zartesten, noch ganz unentwickelten Jugend dahinsterben, und warum muß dem Leibestode nahe allzeit eine böse Krankheit vorangehen, die den Leib schwächt und tötet? So ein Mensch einmal reif ist, so könnte er als Seele dann ja ganz leicht und schmerzlos aus dem Leibe treten, und die Kinder sollten vor einer bestimmten Reife gar nie und niemals sterben. Es geschieht aber das dennoch in einem fort: Kinder sterben in allen Jahren, und die bösen Krankheiten hören nicht auf und sind eine fortwährende Plage der Menschen. O Herr und Meister, warum muß denn das sein auf dieser Erde?"

[GEJ.06_055,02] Sagte Ich: „Das müßte gar nicht sein und war es auch nicht in der Vorzeit; denn liesest du in einer Chronika von schweren Krankheiten unter jenen Menschen, die Gott ergeben waren und nach Seinen Geboten lebten?! Sie erreichten alle ein hohes Alter, und ihr Sterben war ein sanftes, schmerzloses Einschlafen. Da starb auch kein Kind; denn es ward von ganz gesunden Eltern gezeugt und der gesunden, einfachen Natur gemäß genährt und auferzogen.

[GEJ.06_055,03] Als aber später bei den Menschen allerlei Hoffart und mit ihr ein ganzes Heer von tollsten Sünden wider die Gebote Gottes und wider die Gesetze der Natur Eingang fand, da erst kamen aus eigenem Verschulden allerlei böse Krankheiten unter die Menschen. Die also geschwächten Menschen konnten dann auch keine gesunden Kinder mehr erzeugen. Solche schon vom Mutterleibe an verkümmerten Kinder mußten nach und nach auch stets mehr und mehr von allerlei Krankheiten befallen werden und zu sterben anfangen in allen Stadien ihres Alters.

[GEJ.06_055,04] Daß nun solches also geschieht, müßt ihr euch nicht denken, als hätte solches Gott aus irgendeiner unerforschlich-geheimen Absicht unter die Menschen verordnet; aber zugelassen hat Er es, damit die Menschen fürs erste durch die Krankheiten vom zu vielen Sündigen abgehalten werden, und fürs zweite, daß sie durch die bitter-schmerzlichen Krankheiten mehr von der Welt abgezogen werden, in sich gehen, ihre Sünden erkennen, sie verabscheuen und so in Geduld und Ergebung in den göttlichen Willen selig werden können.

[GEJ.06_055,05] Also ist das auch bei den Kindern der Fall. Was soll aus einem körperlich ganz verkümmerten Kinde auf dieser Erde werden, und besonders bei Eltern, die selbst in allen Sünden geboren worden sind?! Wer wird sie erziehen, und wer wird sie heilen von ihren Übeln?! Ist es da nicht besser, daß sie von dieser Welt zurückgenommen werden und sodann dort im eigens für sie bestehenden Kinderreiche von den Engeln großgezogen werden?!

[GEJ.06_055,06] Ich sage es euch: Gott weiß um alles und sorgt auch für alles! Aber da die meisten Menschen in dieser Zeit Gott gar nicht mehr kennen und nichts von Ihm wissen, wie sollen sie dann darum wissen, was Gott tut, und was Er verordnet zu ihrem möglichen Heile?!

[GEJ.06_055,07] Würde Gott auf die Sünden der Menschen nicht die entsprechenden Krankheiten zugelassen haben, so ginge mehr denn die halbe Menschheit gänzlich zugrunde, und die Erde würde ganz zur Hölle werden und müßte zerstört und in toten Trümmern im endlosen Weltenraume umherirren, wie dieser sichtbare Sternen- und Weltenraum auch schon ähnliche Beispiele aufzuweisen hat, wovon euch Meine Jünger schon etwas Näheres sagen können. – Und nun frage Ich euch, wie ihr das begriffen und aufgefaßt habt."

[GEJ.06_055,08] Sagen die Judgriechen: „Ja, Herr und Meister, jetzt ist uns diese Sache auch ganz klar, und wir können uns auch ganz und gar nicht mehr aufhalten, so auch wir schon zu öfteren Malen sehr krank waren und höchstwahrscheinlich am Ende auch durch eine recht arge Krankheit von dieser Welt in die andere befördert werden; denn wir haben unser Leben hindurch auch sehr oft und sehr arg gesündigt! Aber nun möchten wir von Dir nur noch das vernehmen, durch welche Sünden so die meisten und bösesten Krankheiten in diese Welt kommen; denn es muß auch darin Unterschiede geben."

 

56. Kapitel

[GEJ.06_056,01] Sagte Ich: „Von allen Lastern ist das böseste die Hurerei, die Unzucht und Geilerei aller Art und Gattung. Zu diesem Laster aber werden die Menschen verleitet durch Müßiggang, durch die Hoffart und durch den Hochmut. Denn dem Hochmute ist nichts mehr heilig; er sucht nur alle ihm zu Gebote stehenden Mittel auf, um durch sie seine weltsinnlichen Leidenschaften zu befriedigen.

[GEJ.06_056,02] Wenn dann von solch einem Menschen Kinder gezeugt werden, – welch elende und mit wie vielen Krankheiten behaftete Menschen kommen dadurch in diese Welt! – Also, diese Sünde ist eine Hauptquelle, durch die alle die ärgsten Krankheiten in diese Welt kommen.

[GEJ.06_056,03] Dann kommen aber auch Fraß und Völlerei, der Zorn und allerlei Ärger, durch welche genannten Laster sich auch allerlei Krankheiten bei den Menschen entwickeln und sie dann auf eine jämmerliche Weise quälen.

[GEJ.06_056,04] Sagte Ich nicht zu dem Kranken in Jerusalem, der volle achtunddreißig Jahre am Teiche Bethesda harrte, um geheilt zu werden, als Ich ihn geheilt hatte: ,Gehe hin und sündige nicht mehr, auf daß dir nicht noch etwas Ärgeres widerfahre!‘?! Seine böse Gicht war demnach auch eine Folge seiner früheren, vielen Sünden. Und so ist es beinahe bei den meisten von Mir Geheilten der gleiche Fall gewesen. Wären sie durch ihre vielen Sünden nicht krank geworden, so wäre es auch um ihre Seelen geschehen gewesen. Nur eine recht schwere und bittere Krankheit hat sie nüchtern gemacht und zeigte ihnen, wie die Welt ihre Huldiger lohnt. Sie verloren durch die Krankheit ihre Liebe zur Welt und sehnten sich, von ihr bald erlöst zu werden. Dadurch ward ihre Seele freier, und es kam ihnen dann auch zur rechten Zeit die Heilung ihres Leibes.

[GEJ.06_056,05] Neben diesen Hauptursachen, aus denen die meisten Krankheiten bei den ohnehin, von der Geburt her angefangen, geschwächten Menschen entstehen, gibt es wohl noch andere, durch die der schwache Mensch auch sehr arg krank werden kann, – aber Ich sage es eigens noch einmal: Nur dem schon von der Geburt an Geschwächten kann das begegnen! Die Ursachen aber will Ich euch ganz kurz gefaßt zeigen:

[GEJ.06_056,06] Einmal steht da im Vordergrunde das Essen schlechter, unreiner und schlecht und nicht frisch zubereiteter Speisen und auch schlechter Getränke, – dann das Essen von allerlei unreifem Obst. Dann haben viele den argen Brauch, sich in einem erhitzten Zustande schnell abzukühlen. Wieder andere setzen sich, ganz unbewußt ihrer angeborenen Schwäche, allerlei Gefahren aus, in denen sie entweder gar zugrunde gehen, oder sie tragen einen lebenslang dauernden Schaden davon.

[GEJ.06_056,07] Ja, dafür kann Gott nicht, und das um so weniger, da Er dem Menschen den Verstand, den freien Willen und die besten Lebensgesetze gegeben hat!

[GEJ.06_056,08] Gegen die Trägheit des Menschen aber gibt es kein anderes Mittel als eben allerlei zugelassene Übel, die notwendig auf die Nichtbeachtung des göttlichen Willens folgen müssen. Diese wecken des Menschen in ihrem Fleische fest schlafende Seele und zeigen ihr die leidigen Folgen ihrer Trägheit, und sie wird darauf vorsichtiger, klüger, emsiger und gefügiger in den erkannten göttlichen Willen. Und somit haben die verschiedenen Krankheiten, mit denen nun die Menschen behaftet sind, auch ihr entschieden Gutes.

[GEJ.06_056,09] Freilich sind sie auch eine Art Gericht, das die Seele zum Guten nötigt; aber es ist der Seele dadurch dennoch der freie Wille nicht gänzlich benommen, und sie kann sich in und nach einer Krankheit noch ganz ordentlich bessern, obschon sie ihre weitere Vollendung erst jenseits einzuholen haben wird.

[GEJ.06_056,10] Es gibt aber wohl auch kranke Menschen, die wegen der Sünden ihrer Eltern oder auch Voreltern schon vom Mutterleibe aus krank in diese Welt gekommen sind. Solcher Kranken Seelen sind zumeist von oben her und machen nur eine zeitweilige Fleischprobe auf dieser Erde durch; für diese ist aber jenseits im Reiche der Geister schon ohnehin bestens gesorgt, und jeder, der sie pflegt und sie mit Liebe und Geduld behandelt, den werden sie auch jenseits mit der gleichen Liebe und Geduld in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen.

[GEJ.06_056,11] Und damit habe Ich euch nun auch darüber ein volles Licht gegeben; wenn aber der Geist in euch völlig wach werden wird, da wird er euch auch darin in alle Weisheit führen. – Versteht ihr auch dieses nun?"

[GEJ.06_056,12] Sagten alle: „Herr und Meister, wir verstehen das nun vollkommen und danken Dir abermals für dieses große Licht! Denn weil man nun als ein werden sollender Lehrer mit allerlei Kranken zu tun hat, so ist es auch sehr notwendig, ihnen durch solche Vorstellungen Glauben, Mut und alle Geduld einzuflößen, um bei ihnen, so es nötig und möglich wäre, auch eine Linderung ihrer Leiden zu bewirken; denn wer geduldig leidet, der leidet offenbar schon weniger, als wer da mit aller Ungeduld leidet. Und darum nennen wir diese Deine nunmalige Lehre an uns eine gar vortreffliche; denn niemandem ist ein wahrer Trost mehr vonnöten als einem wie immer gestaltig Leidenden, und wir halten das auch für ein ganz besonderes gutes Werk, so man einem leidenden Menschen geistig und leiblich helfend beispringt. – Haben wir recht oder nicht?"

[GEJ.06_056,13] Sagte Ich: „Allerdings; denn nur dem muß die Nächstenliebe unter die Arme greifen, der ihrer bedarf, und diese hat vor Gott einen Wert. Darum sage Ich euch aber noch hinzu: So jemand irgendein Gastmahl gibt und ladet dazu seine reichen Nachbarn und Freunde, so hat er dadurch zwar nicht gesündigt, aber im Himmel wird er darum auch keinen Lohn zu erwarten haben, dieweil ihm solches seine Freunde hier entgelten können. Daher ladet die Armen zu Gaste, und es wird euch das vergolten werden im Himmel; denn die Armen können es euch hier nicht vergelten!

[GEJ.06_056,14] So ist es auch mit denen, die ihr vieles Geld gegen Zinsen ausleihen und nach einer bestimmten Zeit das Kapital auch wieder zurückbekommen. Sie begehen dadurch, so sie keinen Wucher treiben, eben auch keine Sünde; aber im Himmel werden sie darum keine Zinsen zu beheben haben, – wohl aber darum, so sie auch den Armen in ihrer Not Geld ohne Zinsen und auch ohne Rückzahlung des Kapitals leihen. Also, den Armen aller Art auf jede mögliche gute Weise helfen, ist das wahre Werk der Nächstenliebe.

[GEJ.06_056,15] Für diesen Abend aber wollen wir des Guten genug getan haben, und so wollen wir uns nun zur Ruhe begeben. Der morgige Tag wird schon wieder das seinige geben."

[GEJ.06_056,16] Auf diese Meine Worte begab sich alles zur Ruhe, und alle dankten Mir nochmals für die gegebenen Lehren.

 

57. Kapitel

[GEJ.06_057,01] Am Morgen des Nachsabbats aber standen wir früh auf, und Ich ging mit einigen Jüngern ins Freie, wie Ich das gewöhnlich beinahe überall zu tun pflegte. Es war ein heiterer und schöner Frühlingsmorgen, und es war zu verwundern, wie das Meer bei einer nahezu völligen Windstille so hohe Wogen trieb.

[GEJ.06_057,02] Der Wirt, der auch bald zu uns kam, fragte Mich, selbst ganz erstaunt, über die Ursache solch einer mächtigen Bewegung des Wassers, da doch nirgends von einem Winde etwas zu merken sei.

[GEJ.06_057,03] Ich aber sagte zu ihm: „Glaube es, Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden, und so geschieht auch hier nun diese starke Wasserbewegung, weil Ich sie also haben will! Ich aber habe einen Grund dazu, von dem du dich später selbst überzeugen wirst."

[GEJ.06_057,04] Sagte der Wirt, nun noch mehr erstaunt: „Herr, daß Dir alle Kräfte und Mächte der Natur untertan sind, das weiß ich ganz klar und gut; aber daß Du mit dieser Aufregung des Meeres auch einen geheimen Grund verbunden hast, das ist mir neu, zumal in dieser sonst so heiterschönen Morgenstunde. Die Wogen kommen immer mächtiger und höher! Es wird beinahe notwendig werden, daß ich die Schiffe besser verwahre und auch die Fischbehälter, ansonst da wahrlich ein Schaden geschehen kann!"

[GEJ.06_057,05] Sagte Ich: „Laß das nur gut sein; denn es wird weder deinen Schiffen noch deinen Fischen etwas Schadenbringendes begegnen. Aber denen, die in einer argen Absicht nun zu Schiffe auf dem Wasser sind, denen wird es nicht gar behaglich zumute werden. Sie sollen zwar nicht von den Wogen verschlungen werden, aber ihr böser Mut soll sich nach der sehr mühsamen Erreichung eines Ufers sehr abgekühlt gestalten!"

[GEJ.06_057,06] Fragte der Wirt: „Wer wohl sollten die Argen sein, und was haben sie im Sinne?"

[GEJ.06_057,07] Sagte Ich: „Du weißt es, daß Ich voriges Jahr am Laubhüttenfest in Jerusalem war und da im Tempel gelehrt habe von Meiner Sendung das Volk, nachdem Ich zuvor noch den 38 Jahre lang krank gewesenen Menschen am Teiche Bethesda geheilt hatte, und nachher noch eine Menge um Jerusalem und Bethlehem. Viel Volkes ward darum gläubig, was die Templer wohl erfahren haben, wie auch, daß Mir viel Volkes nachgefolgt ist. Deshalb haben sie in ihrem Grimme nun wieder beschlossen, Mir nachzustellen, Mich zu ergreifen und auch sogleich zu töten. Sie stellen alsonach Mir nach dem Leben. Aber Meine Zeit ist noch nicht da, und so bereite Ich ihnen nun ein Hindernis, Mir nachzukommen, Mich zu ergreifen und zu töten. Und darin liegt der Grund dieser nun so großen und starken Wogenbewegung des Meeres. – Kennst du dich nun aus?"

[GEJ.06_057,08] Sagte der Wirt: „O ja, wenn also, da solle das Meer nur noch mehr zu wüten beginnen! Es solle dazu auch ein recht mächtiger Sturmwind sich gesellen, da würden die Argen erst so recht zu verspüren anfangen, wie Gott ihre arge Mühe zu lohnen versteht!"

[GEJ.06_057,09] Sagte Ich: „Oh, ein Sturmwind käme ihnen, da sie ein sturmsicheres Schiff haben, gerade recht gut zustatten; denn der würde sie gar bald an ein sicheres Ufer bringen. Aber diese windlose Springflut bringt sie erst ganz vollkommen zur Verzweiflung; denn sie kommen da sogar mit dem kräftigsten Rudern nicht vom Flecke, weil jede Woge das Schiff wieder auf seinen früheren Standpunkt zurückwirft und es ihnen dabei so ergeht wie einem Wanderer, der über ein Geröll auf die Höhe eines Berges kommen will. Bei jedem Schritte gibt es nach, und der Wanderer gleitet dahin zurück, wo er zuvor gestanden ist. Daher ist diese Art Meeresbewegung für Meine Verfolger schon ohnehin die beste und dienlichste. – Aber lassen wir nun das und gehen nachsehen, was unser Morgenmahl macht!"

[GEJ.06_057,10] Sagte der Wirt: „Herr, es wird schon bereitet sein; aber ich habe den Dienern aufgetragen, uns zu rufen, wenn alles bereitet ist, und sieh, da kommt schon einer vom Hause herab und bringt uns den Ruf, uns zum Morgenmahle zu begeben, und so wollen wir denn auch gehen!"

[GEJ.06_057,11] Sagte Ich: „Du irrst dich, – der bringt uns nur die Nachricht, daß die Jünger sich nach Mir erkundigt hätten und erfahren möchten, wohin Ich gegangen sei. Denn es ist unter ihnen eine kleine Meinungsverschiedenheit ausgebrochen, und da soll Ich sogleich einen Schiedsrichter machen unter ihnen. Aber nun lassen wir sie nur noch ein wenig wortwechseln; es ist hernach noch Zeit zur Genüge, sie alle auf den rechten Weg zu führen."

[GEJ.06_057,12] Sagte der Wirt: „Über was mögen sie denn doch in eine Meinungsverschiedenheit geraten sein?"

[GEJ.06_057,13] Sagte Ich: „Oh, über etwas ganz Kleines! Die etlichen Meiner alten im Hause gebliebenen Jünger wurden von den zwanzig neuen um die Ursache dieser starken Meeresbewegung befragt, und die alten Jünger sagten, daß diese windlose Meeresbewegung sicher wunderbarerweise allein von Mir veranlaßt sein werde irgendeines geheimen Grundes wegen. Allein das wollen ihnen die neuen Jünger nicht so recht gelten lassen und sagen: ,Wir wissen es wohl, daß alles Geschehen und Werden allein von Gott dem Herrn abhängt; aber dessenungeachtet hat Er in der Natur geheime Kräfte bestellt aus Seiner Ordnung, Gerechtigkeit und Weisheit, die da wirken nach Seinem Willen. Er regt die Kräfte durch Seinen Willen freilich zuerst an; aber da wirken die bestellten Kräfte unmittelbar und Gott durch sie nur mittelbar. Daß alles Schwere in die Tiefe falle, das hat ursprünglich Gott also angeordnet; aber nun treibt die also bestellte Kraft die eigene Körperschwere von selbst in die Tiefe. Also hat Gott ursprünglich das Wasser schwer und flüssig gemacht. Diese von Ihm gegebene Eigenschaft ist nun eben auch die geheime Kraft des Wassers, die es von der Höhe gegen die Tiefe unaufhaltsam fortfließen macht, ohne daß Gott dabei stets Hand ans Werk legen und das Wasser in den Bächen, Flüssen und Strömen fortschieben müßte. Und also wird es nun auch bei dieser windlosen Meeresbewegung sein; nur ist sie eben wegen der gänzlichen Windstille auffallender denn eine durch einen starken und mächtigen Orkan erregte.‘ Sie fragten darum eben die schon um vieles erfahreneren Jünger, durch welch eine geheime Kraft Gott nun diese Meeresbewegung hervorgerufen haben möge.

[GEJ.06_057,14] Die alten Jünger aber behaupten steinfest, daß diese Bewegung nicht mittelbar, sondern ganz unmittelbar durch die Macht Meines Willens hervorgerufen sei. Nun aber haben die Neujünger in ihrer Art recht und die Altjünger auch, und dafür brauchen sie Mich als einen entscheidenden Schiedsrichter. Und daher wollen wir uns denn auch zu ihnen begeben und sie einen in Recht und Wahrheit!"

[GEJ.06_057,15] Darauf begaben wir uns sogleich ins Haus, von dem wir ohnehin höchstens bei tausend Schritte entfernt waren.

[GEJ.06_057,16] Als wir ins Haus kamen, da begrüßten Mich alle Jünger und trugen Mir sogleich ihren Streit vor.

[GEJ.06_057,17] Ich aber sah sie alle freundlich an und sagte: „Ihr streitet um den Wert einer Schafwollocke! Ihr Neujünger habt recht, – aber nun die Altjünger auch; denn im allgemeinen habt ihr Neujünger recht, und nun in diesem besonderen die Altjünger. Denn diese euch nun so ganz sonderbar vorkommende Meeresbewegung rührt nicht von einer Mittelskraft her, sondern unmittelbar von Meinem Willen.

[GEJ.06_057,18] Auf daß ihr aber das noch fühlbarer merken möget, so sehet hinaus auf das Meer, das nun in einer durchaus gleich starken Bewegung ist! Ich werde einem kleinen Teile hier in der Ufernähe gebieten, in eine vollkommene Ruhe zu treten, und ihr werdet dann doch einsehen, daß Gottes Wille auch unmittelbar etwas zu bewirken vermag."

[GEJ.06_057,19] Ich stillte bloß durch den Willen einen zweihundert Acker großen Teil des Meeres also, daß es spiegelglatt dalag, während außerhalb dieses Spiegels das Meer noch ärger tobte denn zuvor. Als die Neujünger das ersahen, fielen sie vor Mir nieder und wollten Mich anzubeten anfangen.

[GEJ.06_057,20] Ich aber sagte zu ihnen: „Lasset das nur gleich ganz gut sein! Denn darum bin Ich nicht in diese Welt gekommen, um Mich von den Menschen ehren und anbeten zu lassen, sondern nur, um ihnen zu zeigen die Wege der Wahrheit und des Lebens und zu helfen allen, die da Not leiden und mühselig und mit allerlei argen Bürden beladen sind.

[GEJ.06_057,21] Wollt ihr aber Gott, der in Sich ein reinster Geist ist, wahrhaft anbeten, so müsset ihr Ihn durch die Liebe in euren Herzen auch im Geiste und in der Wahrheit anbeten, und zwar in der Tat durch allerlei gute Werke. Denn wahrlich, was ihr den Armen tut aus der Liebe zu Gott, das tut ihr Gott! Und daß ihr an Mich glaubet, daß Ich aus Gott gesandt zu euch gekommen bin, in diesem allein besteht die wahre Anbetung Gottes. Alles leere Lippengebet aber ist ein Greuel vor Gott und ist völlig wertlos. Wer Gott mit den Lippen ehrt, und sein Herz ist dabei kalt und untätig, der macht aus Gott einen Götzen und treibt dadurch eine wahre geistige Hurerei. Solches stehet in einem Propheten, der da spricht: ,Siehe, dieses Volk ehret Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘

[GEJ.06_057,22] Wahrlich, sage Ich euch: Wo das Herz durch die wahre und reine, uneigennützige Liebe Gott in der Tat nicht anbetet, da ist jedes Gebet ein leerer und nichts werter Schall, der in der Luft verhallt und völlig zunichte wird. Ich bin nun euer Meister, und ihr seid Meine Jünger. Was Ich euch sage, das glaubet, und was Ich euch heiße, das tuet, und folget Mir nach! Eines Weiteren bedarf es unter uns nicht."

[GEJ.06_057,23] Hierauf ließen die Neujünger von ihrer Anbeterei ab, und wir begaben uns zum wohlbereiteten Morgenmahle, das allen ganz wohl schmeckte.

 

58. Kapitel

[GEJ.06_058,01] Unter dem Mahle ward wenig geredet, aber nach dem Mahle desto mehr; denn es kamen bald eine Menge Gäste aus der Stadt, teils um zu besehen das wütende Meer, und teils aber auch, um allda einzunehmen ein gutes Fischfrühstück; denn unser Wirt hatte nämlich in dieser Hinsicht einen guten Ruf in der ganzen Stadt. Es war nicht leicht zu vermeiden, mit diesen Gästen in eine Berührung zu kommen, und so fragten viele, ob Ich nicht auch zugegen wäre; denn sie sahen etliche Meiner ihnen wohlbekannten Jünger und schlossen daraus, daß Ich auch nicht gar zu weit von ihnen entfernt sein würde.

[GEJ.06_058,02] Ein gar vornehmer Kapernaumer, der den Simon Petrus gar wohl kannte, rief ihn zu sich und sagte: „Lieber Freund! Du weißt, daß ich stets von dir Fische nahm und dein Haus nach Kräften unterstützt habe; allein es ist jetzt schon über ein Jahr, daß du und mehrere recht brave und solide Leute mit dem Nazaräer Propheten für nichts und wieder nichts umherziehet und euch dadurch eine Menge Feinde unter den Juden zügelt (ziehet). Zugleich vernachlässiget ihr euer Hauswesen und eure Familien, und das kann nach den Gesetzen Mosis doch Gott nicht angenehm sein! Es ist wohl wahr, daß der Nazaräer zuweilen ganz außergewöhnliche Zeichen wirkt und man beinahe versucht wird, ihn für einen von Gott gesalbten Propheten zu halten; aber hört man ihn hernach reden, so weiß man nicht, ob es ihm im Gehirne mangelt, oder ob er nicht geflissentlich einen Unsinn zusammenredet, den kein gesunder Mensch anhören kann, wie zum Beispiel gestern in der Schule. Man war allgemein gespannt, was er da vorbringen werde, da man sonst von seinen wahrlich außerordentlichen Fähigkeiten doch schon so manches selbst erlebt und mehreres von sehr glaubwürdigen Augenzeugen vernommen hatte; allein seine gestrige Rede war doch so etwas Hirnloses, daß sich alles darob weidlichst ärgern mußte! Wahrlich, wenn ihr von ihm nichts Besseres lernet, so seid ihr um euretwillen und noch mehr eurer braven Familien wegen sehr zu bedauern! – Habe ich recht oder nicht?"

[GEJ.06_058,03] Sagte Petrus etwas erregt: „Freund, wenn du über unsern Meister ein gültiges Urteil fällen willst, so mußt du Ihn gleich mir näher kennen! Ich bin nun über ein Jahr stets um Ihn und weiß darum auch um ein bedeutendes mehr, als du irgend wissen kannst. Ich bin auch nicht aufs Gehirn gefallen, kenne die Schrift und kann daher auch so manches ganz gründlich beurteilen; aber ich habe aus Seinem Munde noch nie ein Wort vernommen, in welchem sich nicht die tiefste, göttliche Weisheit sonnenhellst bekundet hätte. Selbst die gestrige Rede war voll des innersten, göttlichen Lebens und Geistes. Daß sie nur von sehr wenigen verstanden wurde, dafür kann Er wahrlich nicht! Wenn Er Sich klar offenbart und endlich ausspricht, wer Er so ganz eigentlich ist, und niemand glaubet es Ihm, wie möglich könnte da von solchem harten Unglauben Seine gestrige Rede verstanden werden?!

[GEJ.06_058,04] Da sieh hinaus! Das Meer, wie es unerhört tobt und wütet! Und sieh aber auch diese bedeutende Uferstrecke an, wie spiegelruhig sie ist, und keine mit aller Gewalt an sie stoßende Woge vermag sie aus ihrer Ruhe zu rütteln! Und siehe, daß dieses also ist und geschieht, das ist des Nazaräers Wille! Vor kaum einer halben Stunde waren die Wogenstürme auch hier am Ufer ebenso mächtig wie dort in der hohen See; aber Er gebot dieser Strecke Ruhe, und sie ruhte im Augenblicke, wie sie nun noch ruht. Wer aber mag wohl Der sein, dem auch die stummen Elemente augenblicklich gehorchen?!

[GEJ.06_058,05] Er hat es euch aber gestern einmal frei und unumwunden herausgesagt, wer Er ist. Warum habt ihr Ihm denn nicht geglaubt und gebeugt eure Knie und eure Herzen vor Ihm?! War es wohl klüger von euch, Ihn für einen Narren zu erklären, als hinzutreten vor Ihn und zu sagen: ,O Herr, der Du, als das Leben und alle Macht aus Gott Selbst, Worte des Lebens uns verkündest, sei uns armen, blinden Sündern gnädig und barmherzig!‘ Siehe, ich kenne und sehe, wer Er ist, und bleibe darum bei Ihm und werde allein nur von Ihm darum ernten das ewige Leben, dessen ich schon jetzt um vieles gewisser bin, denn daß ich jetzt lebe und rede! Und wäre es nicht also, da, glaube es mir, würde ich schon lange nicht mehr Sein Jünger sein; denn so viel Verstand als so mancher Bürger dieser Stadt habe ich auch!

[GEJ.06_058,06] Aber ich habe übereinstimmend mit allen Propheten der Schrift erkannt, daß nur Er allein der verheißene Messias, der große Gesalbte Gottes von Ewigkeit sein kann und auch ist, und so bleibe ich bei Ihm und halte es für den höchsten Ruhm der Welt, von Ihm Selbst als ein Jünger berufen worden zu sein. Gehe hin zu meiner Familie und frage sie, ob ihr seit meiner Abwesenheit je irgend etwas abgegangen ist! Wer außer Ihm aber sorgt für sie?! Und sie hat Brot und Wein zur Genüge! Er geht nicht hin und bebaut ihre Äcker und fängt für sie die Fische; das alles tut Sein allmächtiger Wille, durch den allein auch der ganze Erdboden bebaut wird! Und du sagst, daß es nicht fein sei, dieses Nazaräers wegen sein Haus und seine Familie zu verlassen! O du blinder Freund du!

[GEJ.06_058,07] Sieh, ich brauche wahrlich von dir und von gar keinem Menschen eine Belehrung; denn ich habe für ewig an der Belehrung des Einen genug! So du aber nicht gar so blöde wärest, wie du in aller Wahrheit bist, so würdest du uns fragen, was dein Nazaräer lehrt und tut, und du würdest um sehr vieles weiser tun denn also mit deinen weltklugen Selbstsuchtsreden! Ich weiß, was ich weiß, und die andern Jünger wissen es auch und sind samt mir Zeugen von der großen Liebe und Wahrheit Gottes des Vaters, die nun in unserem Herrn Jesus, dem von Gott Gesalbten, zu uns in diese Welt gekommen ist zum Heile aller, die an Ihn glauben, und zum Gerichte für die, welche Ihn nicht annehmen wollen und allzeit mit Rat und Tat wider Ihn sind und wider Ihn zu zeugen sich alle Mühe nehmen.

[GEJ.06_058,08] Aber wir maßen es uns doch nicht an, jemanden von euch für dumm und blind und für leichtsinnig zu erklären; aber ihr tut das an uns und haltet uns für arbeitscheue Müßiggänger und luftige Abenteurer, ohne daß wir euch nur den allergeringsten Anlaß dazu geben! Sage mir offen, ob das recht ist vor Gott und vor jedem biedern Menschen!"

[GEJ.06_058,09] Sagte der reiche Bürger: „Na, na, mein lieber Simon Juda, ich habe es ja nicht gar so arg gemeint, daß du darob Ursache hättest, dich gar so zu ereifern über mich! Wenn du den wunderlichen Nazaräer besser kennst denn ich, so ist das ja nicht meine Schuld; denn ich habe nicht die Gelegenheit gehabt, dir gleich beständig bei ihm zu sein, und zu sehen alle seine Werke und zu hören alle seine Worte. Ich beurteilte ihn nur nach dem, was ich wohl selbst gesehen und was ich über ihn von anderen Menschen gehört habe. Als ein purer Mensch kann ich von einem Menschen auch beim besten Willen nicht anders als nur menschlich urteilen; und weil ich als dein alter Freund solches nun dir gegenüber tat, so wäre es dir als einem viel erfahreneren und weisen Menschen etwa doch nicht übel angestanden, so du mit etwas gemäßigteren Worten mir meinen Irrtum vorgetragen hättest! Ich bin dir aber darum nicht gram, weil ich dich allzeit liebgehabt habe.

[GEJ.06_058,10] Das aber muß sogar die göttlichste Weisheit mir offen zu Recht bekennen, daß niemand von einem Menschen mehr verlangen kann, als dieser zu leisten imstande ist. Ich möchte den Gott kennen, der zu mir gebietend und gleich strafdrohend sagen möchte: ,Da, du elender Erdenwurm, diesen Berg hebe auf und trage ihn von hier bis ans Ende der Welt, ansonst verfluche Ich dich ins ewige Elend!‘ Würdest du solch eine irgend göttliche Anforderung für weise halten?! Könnte ein weiser Gott, der meine Kräfte kennen muß, eine solche Tat von mir verlangen?! Ich frage dich, ob es so ganz weise von dir war, von mir über meine geistigen Kräfte ein Erkennen, Verstehen und Glauben zu verlangen, mich aber meines wackeligen Glaubens und Erkennens wegen auch gleich des Gerichtes zu versichern.

[GEJ.06_058,11] Die geistige Kraft steht aber offenbar noch höher denn jede natürliche. Wem sie nicht eigen ist, dem ist sie einmal nicht eigen, und man kann dann ohne die Innehabung der größeren und höheren geistigen Kraft denn auch ebensowenig tiefere und geheimere Wahrheiten verstehen und sie als solche gläubig erkennen, als wie wenig man mit zu wenig Naturkraft einen Berg aufheben und weitertragen kann. Ich meine aber, daß man überall mit Liebe und Geduld mehr ausrichtet bei den Menschen denn mit solch einem Ernste, wie du ihn nun ohne Not mir gegenüber entwickelt hast. – Habe ich recht oder nicht?"

[GEJ.06_058,12] Sagte Petrus etwas verlegen: „Ja, ja, du kannst schon auch in deiner Art recht haben, und ich kann dieser deiner Ansicht gerade nichts entgegenstellen; aber das mußt du auch einsehen, daß es von deiner Seite durchaus nicht fein war, mich gleich gewisserart für einen leichtsinnigen Menschen zu halten, dieweil ich mein Haus, mein Gewerbe und meine Familie verließ und bin nachgefolgt dem Heiligen Gottes aus Nazareth!

[GEJ.06_058,13] Ich weiß es wohl, daß es dir hier, wie nun gar vielen, an der geistigen Kraft mangelt, die tiefen Geheimnisse Gottes auf den ersten Blick zu verstehen; aber es ist da noch ein ganz guter Mittelweg, und dieser lautet von mir aus ungefähr also: Wenn ich von außerordentlichen Dingen höre oder sie sogar selbst sehe, so bleibe ich bescheiden und halte mit meinem Urteile so lange inne, bis ich nicht von irgendeiner Seite her möglicherweise ein helleres Licht darüber erhalte; und bin ich dadurch auch noch nicht so ganz im klaren, so forsche ich noch weiter, und kommt mir darüber kein höheres und stärkeres Licht, so bin ich erst berechtigt zu sagen: ,Das verstehe ich nicht und überlasse es andern, die fähiger sind denn ich, darüber ein Urteil zu fällen!‘ Aber über eine unverstandene Sache gleich den Stab zu brechen, ist doch sicher noch unweiser denn mein Eifer gegen dich!

[GEJ.06_058,14] Du hast sicher das Hohelied Salomos gelesen und auch sicher samt mir keine Silbe davon verstanden! Wäre das klug, es darum zu verwerfen, weil man es nicht versteht?! Wir haben dennoch eine große Hochachtung vor diesem Liede, obwohl wir es nicht verstehen und wahrscheinlich in dieser Welt auch nie völlig verstehen werden. Hätten wir zu den Lebzeiten des mit so hoher Weisheit begabten Königs mit unserem gegenwärtigen sehr beschränkten Verstande gelebt, da hätten wir bei uns über das Hohelied wahrscheinlich kein besseres Urteil geschöpft, als ihr es gestern über die vom Herrn und Meister gehaltene Rede geschöpft habt; aber weil des Königs Lied schon sehr alt ist, so achtet man es des Alters wegen, wenn man es auch gar nicht versteht.

[GEJ.06_058,15] Unser Herr und Meister leistet Taten, von denen einem Salomo nie etwas geträumt hat, und Seine Weisheit und respektive vollste Allwissenheit verhält sich gegen die Salomonische Weisheit gerade also wie die Unendlichkeit zu einem kleinsten Punkte in ihr; weil sie aber nicht nahe tausend Jahre alt ist, und hier vor euren Augen und Ohren ist, wirkt und leuchtet, so ist sie für euch eine Torheit. Denke selbst nur ein wenig reiflich nach, und sage es mir, ob das von Männern von einigem Verstande klug ist!

[GEJ.06_058,16] Ich bin wohl dir gegenüber in einen Eifer gekommen, aber in einen gerechten, da ich dir denn doch zeigen mußte, daß ich wie auch die andern Brüder deshalb keine arbeitscheuen Toren sind, so wir alles verlassen haben und sind Ihm nachgefolgt; aber ihr alle seid es, die ihr das nicht einsehet, erkennet und dasselbe tut, was wir tun. Denn jetzt ist die Zeit vor unseren Augen da, in der ein jeder, der es will, unmittelbar von Gott belehrt und gezogen werden kann; denn wahrlich, ich sage dir als dein alter Freund: In diesem von euch so genannten Propheten aus Nazareth wohnt nicht nur der erweckte Geist eines Propheten, sondern die ganze Fülle der Gottheit körperlich und sonach um so mehr im Geiste! Aber ihr seid alle blind und möget das nimmer erkennen und um so weniger glauben zu eurem eigenen größten Schaden, und es ist darum schwer zu reden mit euch."

[GEJ.06_058,17] Sagte der reiche Bürger: „Aber – lieber, alter Freund, du redest stets ein und dasselbe! Bedenke doch einmal mit nüchternen Sinnen, daß fürs erste noch nie irgend jemand als ein völlig Weiser vom Himmel auf unsere Erde herabgekommen ist – und namentlich als ein Mensch unseresgleichen schon gar nie! Woher hätten wir es denn nehmen sollen, daß wir wüßten, daß hinter dem uns persönlich nur zu wohl bekannten Zimmermannssohne, der bei uns mit seinem Vater Joseph und seinen Brüdern mehrmals gearbeitet hat, nun auf einmal die ganze Fülle der Gottheit sich befinden solle?!

[GEJ.06_058,18] Ja, wäre er etwa aus Ägypten oder aus Persien zu uns mit seinen Wundertaten herübergekommen, da hätte sein ganzes Wesen vor uns kurzsichtigen Menschen offenbar mehr für sich und würde uns auch sicher leichter und stärker anziehen; aber so ist er uns schon von seiner Kindheit an bekannt und hat früher, solange sein Vater lebte, nie etwas nur im geringsten merken lassen, daß er irgend etwas mehr wäre denn ein ganz gewöhnlicher, stiller, fleißiger und höchst gut gesitteter Mensch! Nun auf einmal hat er sich erhoben zu einem Lehrer und außerordentlichen Heilande für Kranke und sogar scheintote Menschen, was um so auffallender ist und sein muß, weil er früher von all dem nie irgend etwas hat merken lassen und wir recht wohl wissen, daß er zuvor niemals eine Schule besucht hat und nie in einer Fremde war, in der er sich so etwas hätte zu eigen machen können.

[GEJ.06_058,19] Auf einmal steht er aber mit so außerordentlichen Fähigkeiten ausgerüstet vor uns, über die ein jeder Mensch mit Recht sein höchstes Staunen ausdrücken muß! Was bleibt uns mit unserem natürlichen Verstande zu urteilen übrig als: er ist einmal in einer Nacht vom Geiste Gottes als ein frommer Mann zu einem Propheten erweckt worden, und wir tun darum nichts Unbilliges, so wir ihn für einen Propheten aus Nazareth erklären, was auch die Nazaräer selbst tun. Von dir erfahre ich erst jetzt ganz andere Dinge, die freilich für mich noch etwas seltsam klingen müssen; aber auch das macht nichts, weil ein jeder Mensch von einer Sache zuvor doch etwas vernehmen muß, bevor er sie beurteilen, prüfen und dann erst als eine volle Wahrheit gläubig annehmen kann.

[GEJ.06_058,20] Ich habe von dir nun zum ersten Male darüber etwas vernommen, was eigentlich hinter unserem Nazaräer stecke, und siehe, so großartigst deine Aussage von ihm auch ist, so finde ich sie dennoch durchaus nicht verdammlich, sondern sogar sehr ernstwürdig, darüber nachzudenken, sie zu prüfen und auch anzunehmen, so man alle dazu erforderlichen Bedingungen in der vollen Ordnung gefunden hat! Ich finde daran nichts Unmögliches, und es spricht nun der Umstand sehr dafür, weil wir alle es nur zu gut wissen, daß der Nazaräer sich solche außerordentlichen Fähigkeiten nie in irgendeiner geheimen Prophetenschule hat zu eigen machen können, weil er nie eine besucht hat. Nach der Behauptung seines Vaters soll er sogar niemals lesen und schreiben derart gelernt haben, daß man sagen könnte, er sei dessen völlig kundig. Und so ist seine plötzlich aufgetauchte Fähigkeit um so auffallender und um so bewunderungswürdiger die unbegreifliche Macht seines Willens, dem sogar, wie ich's vernommen habe, buchstäblich wahr die härtesten Steine weichen sollen. Ich halte das alles für wahr, weil ich im vorigen Jahre selbst Zeuge war von einer solchen Tat, die er offenbar nur durch seinen Willen vollführt hat. Aber du, mein alter Freund, mußt mir darum nicht gram werden, wenn ich als ein einfacher und schlichter Mensch nur menschlich mit dir rede!"

[GEJ.06_058,21] Sagte Petrus: „Vom Gramwerden kann bei mir schon lange keine Rede sein; aber einem alten Freunde die volle Wahrheit zu sagen, dessen werde ich mich auch nicht scheuen. Für jetzt aber vergnüge dich wohl im Namen meines Herrn und rein göttlichen Meisters! Ich muß nun zu Ihm ins anstoßende Zimmer gehen; denn ich habe in mir Seinen Ruf vernommen."

[GEJ.06_058,22] Hier verließ Petrus seinen alten Freund und kam wieder zu uns in unser Gemach.

 

59. Kapitel

[GEJ.06_059,01] Als er zu Mir kam, sagte er (Petrus): „Herr, ich habe in mir Deinen Ruf vernommen! Was ist Dein mir stets über alles heiliger Wille?"

[GEJ.06_059,02] Sagte Ich: „Nichts anderes, als daß du dem alten, reichen Kauze ganz genug gesagt hast! Wenn ihn das nicht zu einem helleren Erkennen bringt, so wird ihn etwas anderes noch weniger dahin bringen. Aber es war nun des Redens auch schon genug. Es ist da in seinem Vaterlande wohl schwer, die Menschen in die reine Wahrheit zu führen! Denn man hat gleich die alte Frage: ,Woher kommt diesem das? Wir kennen ihn von seiner Kindheit an!‘ Und da ist es dann mit einer weiteren Belehrung schon zu Ende. Denn wen die Person des Lehrers beirrt, den beirrt auch mehr oder weniger seine Lehre. Und solche Menschen, die im Grunde doch nicht böse sind, mit Wundern und außerordentlichen Zeichen zu einem Glauben zwingen, hieße ihnen mit einem Schlage alle Freiheit ihrer Seelen und ihres Willens rauben; daher ist es besser, sie so lange gehenzulassen, bis sie am Ende selbst kommen und um eine weitere Aufklärung bitten.

[GEJ.06_059,03] So aber da in den etlichen Tagen unseres Hierverweilens dennoch welche kommen sollten, die da verlangeten eine weitere Auskunft über Mich, so saget ihnen über Meine Zeichen, und besonders von den geheim zu haltenden, nicht vieles, sondern nur Andeutungen; aber vor allem gebet ihnen kund, was sie tun sollen, um zu erreichen das ewige Leben. Sind sie mit dem nicht zufrieden, da lasset sie gehen; denn es ist nicht fein, den Schweinen die edlen Perlen als Futter vorzuwerfen. Wer eine kleine Gabe nicht ehrt, ist wahrlich der großen nicht wert!

[GEJ.06_059,04] Es gibt hier Menschen, die so von Zeit zu Zeit über geistige Dinge und Verhältnisse recht gerne stundenlang plaudern, dabei mitunter auch recht erbaut werden und voll guter Dinge und Vorsätze sind; sowie sie aber dann wieder nach Hause in ihre altgewohnten Weltgeschäfte kommen, da ist alles wie abgeschnitten! Ist nur irgend etwas ihnen in die Quere gekommen, so werden sie bei allem früher empfangenen geistigen Troste voll der drückendsten weltlichen Sorgen und wollen sich gar nicht mehr erinnern an die gehabten rein geistigen Tröstungen. Wozu waren diese dann gut?!

[GEJ.06_059,05] Und so, siehst du, Mein Simon Juda, waren auch deine guten Unterredungen mit deinem alten Freunde! Siehe, er denkt schon jetzt nicht mehr daran, weil ein Handelsmann aus Kana zu ihm getreten ist und die beiden nun einen ganz vorteilhaften Kauf von verschiedenen Handelsartikeln abzumachen haben! Er weiß recht wohl, daß Ich Selbst hier bin, und hätte auch zu Mir hereinkommen können, um sich mit Mir Selbst zu besprechen über Meine von ihm für so außerordentlich erklärten Fähigkeiten. Ich hätte ihn wahrlich nicht zur Türe hinausgewiesen! Aber nein, da steht der Kaufmann aus Kana viel höher, und du darfst nun gar keine Angst haben, daß er noch etwas Weiteres über Mich mit dir besprechen werde!

[GEJ.06_059,06] Daher sind solche Menschen noch gar lange nicht tauglich und geschickt fürs Reich Gottes. Sie gleichen jenen Ackerbauleuten, die beim Pflügen ihre Augen nicht nach vorwärts, sondern nach rückwärts richten und daher nach vornehin nicht sehen können, wie der Ochse zieht den Pflug, und ob dieser wohl die rechten Furchen schneidet und aufwirft. Solche Leute sind darum noch lange nicht tauglich zum Reiche Gottes. Es ist auch besser, solche Leute stehen zu lassen, wo sie auch stehen mögen, weil sie mit allen Zeichen und mit lichtvollsten Worten von ihren Weltsorgen nicht abwendig zu machen sind.

[GEJ.06_059,07] Ich sage euch auch das: So ihr dereinst als vollendete Jünger Meine Lehre den Menschen in Meinem Namen werdet zu predigen anfangen, da habet darauf acht: Wird man euch irgendwo in einem Orte oder in einem Hause wohl aufnehmen, so bleibet daselbst und unterrichtet die Menschen wohl und gut, und taufet sie dann in Meinem Namen mit Wasser, wie es Johannes getan hat, und Ich werde sie dann taufen mit Meinem Geiste von oben her!

[GEJ.06_059,08] Wo man euch aber nicht aufnehmen wird oder nur also, wie dein alter Freund nun deine Worte aufgenommen hat, da schüttelt sogar den Staub von euren Füßen, der an einem solchen Orte oder in einem solchen Hause an ihnen klebend ward, auf daß von ihnen ja nichts Weltliches an euch haften bleibt! Denn ihr wisset, daß Mein Reich nicht von dieser Welt ist, sondern geschaffen werden muß durch die Erkenntnis und durch die Beachtung Meines Wortes im Innern des Menschen. Aber es ist die Erschaffung dieser inneren, geistigen Lebens- und Himmelswelt so lange hin stets eine schwierige Sache, solange an einem Menschen noch irgend etwas Weltsinnliches haftet.

[GEJ.06_059,09] Ich meine unter dem erwähnten Staube an euren Füßen aber nicht etwa den natürlichen Zimmerstaub oder den Staub auf den Straßen, sondern der Staub, den Ich meine, das sind jene weltklugen Reden solcher Menschen, die deinem alten Freunde ganz ähnlich sind. Sie klingen recht artig, freundlich und dem Weltverstande ganz angemessen; aber sie sind dennoch nichts als ein leerer Staub, weil sie nur Welttümliches befürworten und selbst darin von einem Wahrheitsernste keine Spur vorhanden ist. Wie aber der leere, nichtige Staub der Straßen keinem Wanderer zu etwas nütze werden kann, so auch derlei weltstaubige Reden solcher reichen und weltklugen Bürger.

[GEJ.06_059,10] Obschon aber solch ein Staub niemandem zum Nutzen werden kann, so kann er einem Wanderer aber dennoch mehr oder weniger schädlich sich gestalten. So ein Wind kommt und den Staub in die Luft hebt, da heißt es die Augen schließen und den Mund zuhalten, ansonst kann man erblinden und ersticken. Auch muß man so lange stehenbleiben oder sich gar, mit dem Gesichte zur Erde gekehrt, auf den Boden legen, bis der Wind den lästigen Staub weithin getragen hat. Und das hat den Wanderer sicher auch Zeit gekostet, infolgedessen er notwendig später an den Ort seiner Bestimmung gelangt, als er ohne die Staubbescherung gelangt wäre.

[GEJ.06_059,11] Was aber der Straßen- und Gassenstaub dem irdischen Wanderer ist, das ist der eitle, weltkluge Wortstaub dem Lebenspilger auf Meinen euch gezeigten Lebenswegen. Er trübt leicht die innere Sehe und kann sogar sehr erstickend auf das wahre, innere, geistige Seelenleben einwirken. Und mindestens verzögert er bei aller angewandten Vorsicht doch den geistigen Fortschritt! Darum sagte Ich, daß ihr auch sogar den Staub, der an euren Füßen kleben geblieben ist, abschütteln sollet, auf daß gar nichts Welttümliches an euch sei; denn wahrlich sage Ich euch: Solange an einer Seele noch ein welttümliches Atom klebt, kann sie nicht völlig in Mein Reich eingehen; denn alles Welttümliche ist das für die Seele, was das Gift für den Leib ist. Ein kleinster, kaum sichtbarer Tropfen von einem starken Gifte kann dem Leibe den Tod geben, und ebenso kann auch ein Atom Welttümlichkeit eines Menschen Seele ganz verderben oder wenigstens derart zu Schaden bringen, daß sie dann lange zu tun haben wird, um völlig geheilt zum ewigen Leben zu erstehen. Die Erfahrung wird euch darüber die vollste Bestätigung geben."

[GEJ.06_059,12] Sagte Petrus: „Herr, da wird es für uns eben nichts Leichtes sein, Dein Wort den andern Menschen zu verkünden! Denn wie werden wir's erfahren, ob ein Mensch geeignet ist, Dein Evangelium aufzunehmen? Der Alte draußen wäre für mich einmal schon ein ganz geeigneter Mensch gewesen, da er sonst von einer ganz guten Gemütsart ist und sich gerne in seinen Mußestunden über höhere und geistige Dinge bespricht und, soviel mir bekannt ist, auch gerne armen Menschen Gutes erweist. Nun, wenn derlei Menschen auch noch zu den Bedenklichen gehören, mit denen man nicht viel zu tun haben soll, da wüßte ich dann wahrlich nicht, wen man für die Mitteilung Deines Evangeliums für tauglich erachten soll."

[GEJ.06_059,13] Sagte Ich: „Seid ihr denn auch noch blind und merket nichts von dem, was Ich euch sage? Hast du im vorigen Jahre nicht den reichen Jünglingsmann gesehen? Er fragte Mich, was er tun solle, um das ewige Leben zu erreichen. Und Ich sagte zu ihm, daß er die Gebote halten und Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst lieben solle. Da sagte und beteuerte der junge Mann, daß er das schon seit seinen Kinderjahren getan habe. Ich aber sagte darauf: ,Nun gut, – willst du mehr, so verkaufe alle deine Güter, teile den Erlös unter die Armen, und komme dann und folge Mir nach, so wirst du dir dadurch einen großen Schatz im Himmelreiche bereiten!‘ Alsbald ward der junge Mann traurig, kehrte uns den Rücken und zog seines Weges weiter. Ich aber machte euch dann die Bemerkung, dernach ein Kamel leichter durch ein Nadelöhr gehe denn ein Reicher in den Himmel. Damals stauntet ihr darüber und meintet, da dürften äußerst wenige ins Himmelreich gelangen. Und Ich sagte zu euch, daß bei dem Menschen wohl gar vieles als unmöglich erscheine, was aber bei Gott noch immer gar wohl möglich ist.

[GEJ.06_059,14] Damals sahet ihr diese Sache nicht völlig ein; aber nun dürfte sie euch wohl schon um vieles begreiflicher sein. Was hätten wir zum Beispiel gewonnen, so wir damals jenem jungen Manne so recht zuzureden angefangen hätten, daß er dennoch das tun solle, was Ich ihm angeraten habe? Gar nichts! Er hätte uns mehrere Tage hindurch seine weltklugen Gründe vorgetragen, derentwegen er selbst beim besten Willen Meinem Rate vorderhand nicht nachkommen könne, und wir wären nach mehreren Tagen mit ihm auf demselben Flecke gestanden wie im ersten Augenblicke unseres Zusammentreffens. Wir aber zogen lieber recht schnell weiter und fanden bald eine Gelegenheit, wo wir recht viel Gutes haben wirken können. Sehet, da haben wir auch den Staub, den uns der junge Mann offenbar bereitet hatte, schnell abgeschüttelt und zogen ungehindert unseres Weges weiter!

[GEJ.06_059,15] Die da draußen im Vorzimmer sind lauter solche Menschen, die an und für sich ganz rechtliche und sehr weltkluge Menschen sind, welche Eigenschaft sie auch sehr weltreich machte; aber für Mein Evangelium sind sie noch lange nicht reif und werden es in dieser Welt auch schwerlich je ganz werden. Daher sollet ihr in der Folge solchen Menschen auch Mein Wort nicht predigen; denn es wird bei ihnen nicht wurzeln und noch weniger je zu einer guten Frucht reifen.

[GEJ.06_059,16] Du, Petrus, hast dem reichen Bürger wahrlich ganz tüchtige Wahrheiten gesagt, so, als hättest du sie aus Meinem Munde geredet! Welche Wirkung aber haben sie bei ihm gemacht? Sieh, gar keine! Er redet nun so frei und unbeirrt mit seinem Geschäftsfreunde, als ob du nie ein Wort von Mir zu ihm gesprochen hättest! Er weiß, daß Ich hier bin; es sollte ihn wenigstens die Neugierde zu Mir führen, auf daß er sich mit Mir Selbst über das besprechen möchte, was du von Mir ihm kundgetan hast! Allein, das alles ist dem reichen Manne so gleichgültig wie eine auf dem Wege von seinem Fuße zertretene Mücke. Er steht auf uns und unsere für ihn zu geringfügige Hilfe gar nicht an, indem er ja ein sehr reicher und weltkluger Mann ist, – und noch gar viele sind seinesgleichen.

[GEJ.06_059,17] Sehet, das sind so die rechten Weltwühlschweine, denen ihr Meine Perlen nicht vorwerfen sollet; denn diese kümmern sich um nichts anderes als nur um das, ob und was bei einer Sache materiell zu gewinnen ist. Darum hatte der reiche Mann dir denn auch vorgehalten, daß du dein gewinntragendes Gewerbe verlassen habest und Mir gewisserart um nichts und wieder nichts gefolgt seiest.

[GEJ.06_059,18] Diese Menschen sind sonst recht artig und beachten gegen jedermann eine feine Sitte; aber das alles ist gleich der feinen und zierlichen Tünche eines Grabes, das dadurch äußerlich recht erbaulich anzusehen ist, – aber inwendig ist es dennoch voll Totenmoders und pestilenzialischen Ekelgeruches. Solange so ein Mensch ganz ruhig seinen Gewinn einstecken kann und ihn kein Geschäftsunglück ereilt, wird er stets in der besten und mitunter sogar freigebigen Laune sich befinden; lassen wir ihn aber bei irgendeiner Spekulation nur einmal so recht tüchtig eingehen, da schaue dir dann deinen freundlichen Mann an, und fange an, mit ihm über innere, geistige Wahrheiten zu reden, und Ich stehe dir dafür, daß du noch eher hinausgeschafft wirst, als du den Mund so recht aufgemacht hast! Und sieh, darin liegt auch hauptsächlich der Grund, warum Ich dich von deinem sonst sehr löblichen Eifer abberufen habe; denn bei derlei Menschen ist jedes innere, geistige Wort ein beinahe völlig vergebliches!

[GEJ.06_059,19] Du hast ihm doch enthüllt, daß diese große Meeresbewegung allein durch Meinen allmächtigen Willen bewirkt wird, daß Ich überhaupt nur wollen darf, und alle Elemente gehorchen Mir. Das ist sicher doch nichts Geringes! Siehe aber nur hinaus, und du wirst dich gleich selbst überzeugen, welch einen nichtigen Eindruck solche deine Kundgebung auf ihn gemacht hat! Er ist nicht einmal nachsehen gegangen, ob das Meer noch in seiner großen Bewegung steht, und ob irgendein Teil desselben ganz ruhig ist!

[GEJ.06_059,20] Du hast ihm auch zu schmecken gegeben, daß die Ungläubigen Mein Gericht treffen werde. Das kostete ihn höchstens ein kleines Lächeln, und er dachte sich: ,O du armer Hungerleider, siehe nur du zu, daß dich nicht nächstens das Gericht des leeren Magens und der nackten Haut ereilt!‘ – Sage Mir nun, ob solchen Menschen Mein Wort zu predigen ist!"

[GEJ.06_059,21] Sagte ganz ärgerlich Petrus: „Ah, wenn also, da wäre ich ja um vieles lieber eines Griechen Schweinehirt denn solchen Menschen ein Prediger! Jetzt begreife ich erst so ganz recht Deinen vorjährigen Eifer im Tempel! Denen muß man ein anderes Wort mit Stricken und Knütteln predigen, wie Du es im Tempel getan hast! Diese Brut ist am Ende noch schlechter denn der eifersüchtigste Pharisäer im Tempel; denn jener hat doch wenigstens einen geistigen Schein – der zwar auch zu nichts gut ist –, aber diese Brut hat gar nichts als die purste und allermateriellste Welt! Oh, das ist gut, daß Du, o Herr, uns alle darauf sehr aufmerksam gemacht hast! Wahrlich, mit diesem Gassenstaube sollen unsere Füße nimmerdar beklebet werden! Aber was machen wir nun?"

[GEJ.06_059,22] Sagte Ich: „Wir wollen nun ein wenig ins Freie gehen, auf daß ihr euch alle von der Gleichgültigkeit dieser Menschen überzeugen möget; dann wollen wir wieder hierher zurückkehren. Ich werde aber dann einen recht tüchtigen Regen kommen lassen, und wir werden diese lästigen Gäste bald los sein. Und so gehen wir denn hinaus ins Freie, wie Ich gesagt habe! Gebet aber besonders acht auf alle, die uns begegnen werden! Hier werden wir dann noch weiter darüber reden und dann unsere Verfügungen machen."

 

60. Kapitel

[GEJ.06_060,01] Es fehlten noch nahe drei Stunden bis zur Tagesmitte, als wir nach Meiner Beheißung unser Zimmer verließen und durch eine Menge von Gästen ins Freie hinausgingen. Der Wirt, der mit den Gästen viel zu tun und zu reden hatte, bat Mich um Vergebung, daß er Mir wegen der vielen Gäste so wenig Aufmerksamkeit habe widmen können.

[GEJ.06_060,02] Ich aber sagte zu ihm: „Mache du dir nur nichts daraus! Wer mit seinem Herzen bei Mir ist, der kann mit seinen Gliedern unbeirrt sein nötiges Tagewerk verrichten, wie er mag und kann, und wie es sein Gewerbe erfordert, und er widmet Mir dennoch die vollste und wahrste Aufmerksamkeit; jede andere aber hat vor Mir ohnehin keinen Wert.

[GEJ.06_060,03] Wir werden nun bis zum Mittage hin ins Freie gehen und werden längs dem Ufer des Meeres Tätigkeit in Augenschein nehmen. Bevor wir aber selbst zurückkommen werden, wird ein von Mir verordneter, recht tüchtiger Regen kommen, der diese Mir lästigen Kaufleute vor uns nach Hause treiben wird, wie Ich zuvor dessen schon erwähnt habe; denn vor einem Gewitter haben diese Weltmenschen die größte Furcht. Wenn sie ein Gewitter werden herannahen sehen, da werden sie sich auch sogleich und allereiligst in die Stadt zurückbegeben. Siehe nur, daß dir keiner mit der Zeche durchgeht!"

[GEJ.06_060,04] Sagte der Wirt: „O Herr, ich danke Dir für diesen Rat und gar besonders für das verheißene Gewitter; denn diese Gäste sind mir die allerlästigsten!"

[GEJ.06_060,05] Darauf gingen wir, weil der Wirt von einem Gaste gerufen ward, was ihm sehr unlieb war.

[GEJ.06_060,06] Als wir im Freien waren, fragte Ich den Petrus: „Nun, hast du deinen alten Freund bemerkt?! Wie gefiel er dir?"

[GEJ.06_060,07] Sagte Petrus ganz ärgerlich: „Ah, da höret alles auf zu sein! Wenn uns diese Menschen aber auch nur eines Blickes gewürdigt hätten oder wenigstens einer den andern gefragt hätte, wer wir wären! Aber nein, nicht einmal eines Blickes haben sie uns gewürdigt, obwohl sie Dich kennen und schon gar vieles von Dir gehört haben! Wahrlich, derlei ganz stumme und gleichgültigste Menschen sind mir noch gar nie vorgekommen! Wenn wir heute unter eine Schweineherde kommen, so werden diese Tiere uns sicher anschauen und uns anzugrunzen anfangen; aber für diese Menschen sind wir so rein gar nichts, als wären wir im Ernste gar nicht da. O du schlechte, taube und stockblinde Welt! O Herr, laß nur ein recht allerheftigstes Gewitter mit zahllos vielen Blitzen über sie losbrechen, auf daß ihnen ihr überstoischer Gleichmut vergeht! Ja wahrlich, das sind vollwahrst die Schweine, denen man Deine Lebensperlen nicht vorwerfen soll!"

[GEJ.06_060,08] Sagte Ich: „Ich habe es dir zuvor gesagt, daß es sich also mit diesen Kaufleuten verhält! Sie kennen nur ihre Ware und ihr Geld. Wer ihnen gegenüber keine Ware und kein Geld hat, der ist ihnen gegenüber auch so gut wie gar kein Mensch. Was sie über einen Menschen unserer geldlosen Art noch zu denken sich herabwürdigen, besteht bloß in dem, daß sie bei sich rechnen und sagen: ,Siehe, was könnte dieser Tropf als ein Sklave wert sein?‘ Nur als eine schlechte Ware könnten wir alsonach für sie noch irgendeinen Wert haben; denn da gibt es viele darunter, die geheim den Sklavenhandel betreiben, und dein alter Freund ist einer der stärksten unter den andern und hat seine Geschäfte alljährlich in Ägypten, in Rom, in Griechenland und auch in Persien. – Was sagst du dazu, wenn ein Jude solches tut?"

[GEJ.06_060,09] Sagte Petrus: „Der solle gesteinigt werden! Aber ich und eigentlich schon wir alle begreifen das noch immer nicht so ganz recht, wie Du, o Herr, solchen Freveln der garstigen Menschen mit so vieler Geduld und Langmut zusehen kannst; denn das geht ja schon über Sodom und Gomorra hinaus. Wenn das die Heiden tun, so sind sie zu entschuldigen, – aber ein Jude nimmermehr!"

 

61. Kapitel

[GEJ.06_061,01] Sagte Ich: „Werde nur nicht gar zu hitzig; denn du weißt es noch lange nicht klar genug, was alles für Gäste auf dieser Erde einherwandeln, und was dazu nötig ist, um sie nach und nach in die Sphäre der Kinder Gottes zu bringen! Wenn ihr aber durch Meinen Geist, den Ich euch nach Meiner Auffahrt senden werde, vollends gekräftigt sein werdet, dann werdet ihr auch das klar einsehen und Mir die Ehre geben darum, daß Ich eben so geduldig und langmütig bin.

[GEJ.06_061,02] Wer aber von euch etwas zu fassen imstande ist, der wisse, daß auch von anderen Welten Seelen auf dieser Erde ins Fleisch getreten sind und auch die Kinder der Schlange auf dieser Erde. Sie sind wohl einmal gestorben, und manche schon etliche Male, nahmen aber zu ihrer Vollendung wieder Fleisch an sich.

[GEJ.06_061,03] Ihr habt schon oft von einer Wanderung der Seelen gehört. Das ferne Morgenland glaubt noch heutzutage fest daran. Aber es ist solcher Glaube bei ihnen sehr verunreinigt, weil sie die Menschenseelen wieder in ein Tierfleisch zurückkehren lassen. Allein dem ist nicht von ferne also.

[GEJ.06_061,04] Daß sich eines Menschen Seele von dieser Welt wohl aus dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreiche zusammensammelt und sich bis zur Menschenseele emporschwingt, das ist euch schon zum größten Teile gezeigt, und auch, wie das in der gefesteten Ordnung geschieht. Aber rückwärts wandert keine noch so unvollendete Menschenseele mehr, außer im geistigen Mittelreiche der äußeren Erscheinlichkeit nach zum Behufe ihrer Demütigung und der daraus möglich hervorgehenden Besserung. Ist eine solche bis zu einem gewissen Grade erfolgt, über den es dann wegen Mangel an höheren Befähigungen nicht weitergehen kann, so kann solch eine Seele dann in eine bloß geschöpfliche Beseligung auf irgendeinem andern Weltkörper, das heißt in dessen Geistiges, übergehen oder aber auch, so sie es will, noch einmal ins Fleisch der Menschen dieser Erde treten, auf welchem Wege sie sich höhere Befähigungen aneignen und mit ihrer Hilfe sogar die Kindschaft Gottes erreichen kann.

[GEJ.06_061,05] Also wandern auch von anderen Welten Seelen ins Fleisch der Menschen dieser Erde, um im selben sich jene zahllos vielen geistigen Eigenschaften anzueignen, die zur Erreichung der wahren Kindschaft Gottes notwendig sind.

[GEJ.06_061,06] Weil aber diese Erde solch ein Schulhaus ist, darum wird sie auch von Mir mit so vieler Geduld, Nachsicht und Langmut behandelt. Wer von euch das fassen kann, der fasse es; aber er behalte es für sich, da es nicht allen gegeben sein soll, alle die Geheimnisse des Gottesreiches zu fassen. So ihr aber dennoch jemanden findet, der eines ja möglich rechtesten Geistes Kind ist, dem könnet ihr nach und nach ein und das andere Geheimnis offenbaren, aber auch nur für ihn selbst; denn Ich will es, daß ein rechter Mensch sich solches alles durch den eigenen Fleiß nach Meiner Lehre erwerben soll.

[GEJ.06_061,07] Weiß ein Mensch einmal, was er zu tun hat, um zu erreichen das ewige Leben und seine Schätze, so tue und lebe er danach, und er wird dann schon in sich selbst die volle Erfüllung Meiner Verheißung vonstatten gehen sehen, hören und lebendigst fühlen.

[GEJ.06_061,08] Dem Menschen viel von solchen außerordentlichen Geheimnissen kundzugeben durch den Mund, hat entweder gar keinen oder nur einen ganz geringen Nutzen und Wert; denn fürs erste fasset er es nicht, und fürs zweite stört ihm so etwas für ihn zu Unbegreifliches gar leicht den Glauben, den er zur Not doch schon angenommen hat. Denn um das in der wahren, inneren, geistigen Lebenstiefe zu fassen, dazu gehört offenbar mehr als bloß der tote Buchstabe des Gesetzes und der Propheten."

 

62. Kapitel

[GEJ.06_062,01] (Der Herr:) „Aber nun sind wir am Ufer des Meeres so weit gekommen, daß wir von der Stadt kaum mehr irgend etwas wahrnehmen, und die Wogen des Meeres schlagen da mächtig an das steinige Ufer. Da vor uns ist eine Fischerhütte! In diese wollen wir eintreten und darin das verheißene Gewitter abwarten. Sehet hin dort gegen Mittag! Von dorther wird es allgewaltigst kommen, und es wird da an Blitzen keinen Mangel haben. Es erhebe sich und ziehe schnell gegen Kapernaum hin!"

[GEJ.06_062,02] Als Ich solches noch kaum ausgesprochen hatte, da fingen plötzlich ganz furchtbar schwere Gewitterwolken an, sich aus dem Meere und über alle die Berge zu erheben, was die Gäste bei unserem Wirte zu Kapernaum bald merkten. Als das bös aussehende Gewitter sich aber mit großem Getöse und mächtigem Donner gegen die Stadt stets schneller zu bewegen anfing, da zahlten die Gäste schnellstens ihre Zechen, und ein jeder lief davon, was er nur laufen konnte. Alle Handelsreden hatten auch plötzlich ihr Ende erreicht, und unseres Wirtes Haus war auf einmal alle seine lästigen Gäste los. Als aber das Gewitter über uns hinzog, da ward es auch unseren Judgriechen bange, da auch sie als alte Juden eine angeborene Scheu vor solchen Gewittern hatten.

[GEJ.06_062,03] Ich aber ermahnte sie zum Mute und zu aller Furchtlosigkeit und sagte: „Seht ihr denn nicht, daß die Geister dieses Ungewitters auch Meinem Willen untertan sind?! Fürchtet euch nicht, – es wird da niemandem ein Haar gekrümmt werden! Ich habe es nicht so sehr der Kapernaumer wegen berufen, sondern vielmehr jener Sendlinge Jerusalems wegen, damit sie um so mehr verspüren sollen, wie Gott die treuen Diener des Mammon lohnt und beschützt."

[GEJ.06_062,04] Als Ich aber also redete, da schlug gerade vor uns ein Blitz mit gewaltigstem Gekrache in die Erde.

[GEJ.06_062,05] Die Judgriechen prallten vor Angst zurück, und einer sagte zu Mir: „O Herr, treibe dies Ungetüm von hier, sonst kommen wir alle übel um!"

[GEJ.06_062,06] Und Ich bedrohte das Gewitter, und es zog von dannen, und wir standen unter freiem, hellblauem Himmel, worüber die Judgriechen sehr froh waren und Mich darum sehr zu loben anfingen.

[GEJ.06_062,07] Als wir aus der Hütte aber nahe an das Meer traten, da bemerkte einer der Juden, daß sich in einer Entfernung von etwa zweihundert Schritten ein Ungetüm in gewaltigen Krümmungen herumbewegte und eine Menge Seevögel auf dasselbe aus der Luft herabstießen. Er fragte Mich, was das für ein Ungeheuer wäre.

[GEJ.06_062,08] Und Ich sagte: „Das ist eine große Seeschlange, die im Sturme nun wie gewöhnlich auf ihren Raub ausgeht; sonst aber ist sie beständig in der Tiefe des Meeres. Wenn sie sich aber sattgefressen hat, dann sinkt sie wieder auf den Grund und liegt daselbst oft mehrere Wochen lang. Ist sie dann wieder hungrig geworden, so hebt sie sich wieder zur Oberfläche herauf und macht da Jagd auf ihren Fraß. Wenn sie im Wasser zu wenig zu ihrer vollen Sättigung findet, so bekriecht sie auch die Ufergegenden und raubt da Lämmer und Ziegen, auch Schweine, Kälber und Eselsfüllen. Wenn sie den Schiffen in die Nähe kommt, so haben sie ihre Not mit ihr, weil sie in einem hungrigen Zustande auch Menschen verschlingt. Und mit dem wisset ihr nun, was für ein Tier ihr seltenerweise gesehen habt."

[GEJ.06_062,09] Fragte hier Petrus: „Herr, solch ein Ungeheuer habe ich als Fischer einmal gesehen und dachte: ,Sieh, das ist ein Riesenaal; dessen sollte man mittels eines guten Köders habhaft werden!‘ Ich bereitete mit meinen Gehilfen einen Köder und legte ihn; aber das Tier wich demselben aus und verschwand darauf plötzlich und kam mir bis jetzt nicht mehr zur Sicht. Wie möglich könnte man denn solch ein Tier fangen?"

[GEJ.06_062,10] Sagte Ich: „Das wäre für Menschen, wie sie jetzt bestellt sind, nahe eine pure Unmöglichkeit! Denn fürs erste ist solch eine Schlange sehr schlau und weiß alle ihr drohenden Gefahren zu vermeiden, fürs zweite ist sie sehr schnell in ihrer Bewegung, so daß sie auch das beste Segelschiff nicht einholen könnte, und fürs dritte ist sie für euch kaum glaubbar stark. Würde sie irgend in eine für sie gefährliche Enge getrieben, so würde sie sich über den Feind stürzen und ihn in einem Augenblick erdrücken. Es wäre daher eben nicht rätlich, sie im Ernste zu verfolgen. In diesem Meere sind nur zwei solche Tiere, und wenn sie ausgestorben sein werden, wird dieses Gewässer vollends frei sein von solchen Ungetümen. Diese zwei noch bestehenden aber sind schon sehr alt und gehören der vorweltlichen Tierepoche an, obwohl sie erst das Alter Noahs haben, das heißt von dessen Geburt an bis in diese Zeit.

[GEJ.06_062,11] Diese Tiere gehören eigentlich dem großen Meere an; aber zur Zeit der großen Flut Noahs sind sie in dieses Binnenmeer verschlagen worden und bestehen seit derselben Zeit hier und werden noch ein paar Hunderte von Jahren allda fortbestehen.

[GEJ.06_062,12] In solchen Großtieren sammelt sich der allerroheste Weltseelenlebensstoff und wird in ihnen gemildert und gewisserart zu einem besseren Übergange reifer gemacht. Wenn das Tier dann endlich einmal verendet, so geht sein gesammeltes Leben in viele tausendmal tausend höhere Lebensformen über, in denen es schon in einer kürzeren Frist eine höhere Lebensreife erhält, entweder noch im Wasser, in der Luft oder auf dem Erdboden, und das geht dann also alle Lebensformen hindurch bis zum Menschen herauf. Aber die Menschenseelen, die sich auf diesem Wege entwickelt haben, stehen dennoch auf einer sehr niederen Stufe und sind bei den alten Weisen ,Kinder der Schlangen und Drachen‘ benamset worden; denn die alten Weisen wußten in ihrer Einfalt mehr von der Seelengenitur denn die Weisen heutzutage.

[GEJ.06_062,13] Das sind also die Kinder dieser Welt; sie sind in ihrer Art sehr klug und irdisch reich und mächtig, – aber zur Aufnahme des höheren, geistigen Lebens noch lange nicht fähig.

[GEJ.06_062,14] Von einer ganz gleichen seelischen Abkunft sind denn auch unsere Kapernaumer Kaufleute. Sie gehen stets noch auf den Handelsraub aus und haben ihre größte Freude, wenn sie so einen recht riesenhaften Gewinn gemacht haben. Sie haben daher noch sehr vieles von der gefräßigen Natur solch einer Schlange und sammeln fort und fort Schätze auf Schätze, gleichwie da dieses Tier in sich allerlei Lebenssubstanzen sammelt bloß durch seine unersättliche Freßgier.

[GEJ.06_062,15] Aber wie dem Tiere bei seinem Verenden alles genommen und in die höheren Lebensformen verteilt wird, also wird auch nach dem Leibestode solchen reichen und selbstsüchtigen Käuzen alles genommen, und sie werden jenseits durch eine große Armut und durch Hunger und Durst von ihrer alten Schlangennatur geläutert werden müssen. Es ist zwar bitter und schlimm, daß es also ist; aber es kann für derlei allerunterste Lebensformen nicht anders sein."

 

63. Kapitel

[GEJ.06_063,01] (Der Herr:) „Erschaffen ist leicht; aber die aus sich hinausgestellten Geschöpfe zu einem freien, ungerichteten und selbständigen Sein hinleiten, das ist selbst für die göttliche Allmacht keine leichte Sache. Doch mit Geduld und Langmut kann man am Ende dennoch alles erreichen, und ist eine Sache in bestzwecklicher Hinsicht einmal erreicht, da gedenkt man nicht mehr der Zeit, die zur Erreichung vonnöten war.

[GEJ.06_063,02] Es geht uns da wie einem schwangeren Weibe, das auch in seiner Schwangerschaft viel Furcht, Angst und Wehen zu bestehen hat; aber wenn das Kind aus dem Weibe in der gewissen Zeit zur Welt geboren worden ist, dann hat bei dem Weibe alle Furcht und Angst aufgehört, und es gedenkt nicht mehr der Wehen und Schmerzen, denn es sieht vor sich die lebendige Frucht, die aus ihm in ein freies und selbständiges Leben hervorgegangen ist.

[GEJ.06_063,03] Wäre es aber mit der freiesten Selbständigmachung eines Geschöpfes eine leichter zu bewerkstelligende Sache, da hätte Ich als der Schöpfer aller Dinge und alles Seins wahrlich nicht nötig gehabt, nun Selbst als ein Mensch in diese Welt zu kommen, um die möglich vollendetste Freigestaltung des Menschen durch Lehre und Tat zu bewerkstelligen.

[GEJ.06_063,04] Wenn euch das jemand anders gesagt hätte, so würdet ihr zu ihm gesagt haben: ,Mensch, was faselst du, und welch einen Unsinn redest du da durcheinander!‘ Ich Selbst aber sage euch hier solches, und so möget ihr es wohl glauben, daß es also ist; denn um einer Kleinigkeit willen hätte Ich nimmer das Fleisch dieser Welt, und sogar seinen Tod, angezogen und ginge nicht mit euch, Meinen Geschöpfen, wie ein rechter Vater mit seinen Kindern um.

[GEJ.06_063,05] Ihr saget nun wohl bei euch, das sei wohl nun höchst wahr, aber warum geschehe solches denn gerade jetzt, und was sei da mit der ganzen schon verflossenen Zeitenewigkeit, in der Gott ebenso endlos vollkommen bestand wie eben jetzt, – was sei mit jenen Geschöpfen geschehen, die diese gegenwärtige Lebensvollendung nicht haben erreichen können, indem Ich zuvor niemals einen fleischlichen Leib gleich einem geschaffenen Menschen angenommen habe.

[GEJ.06_063,06] Ja, Meine Lieben, das ist eine gar gewichtige Frage! Aber zum Teile habe Ich sie vor euch, Meinen alten Jüngern, beim alten Markus zu Cäsarea Philippi schon erörtert, und ihr wisset davon noch so manches; aber ihr wisset noch nicht völlig, warum aus der unendlichen Zeitendauer gerade diese Periode genommen ward, um den Menschengeschöpfen von nun an die volle Gottähnlichkeit für ewighin zu geben.

[GEJ.06_063,07] Sehet, mit der ganzen, endlos großen Schöpfung beachtet Gott sowohl der Zeit als dem Raume nach stets ein und dieselbe allerweiseste Ordnung! Sollte es Gott denn etwa unmöglich sein, einen Menschen mit aller Weisheit und Kraft ohne eine Zeugung und ohne einen Mutterleib zu erschaffen, gleichwie es Ihm möglich ist, im Augenblicke den Blitz aus der Luft zu rufen?! Ganz sicher nicht, und Ich Selbst habe euch dafür die hinreichendsten Beweise gegeben!

[GEJ.06_063,08] Wenn aber Gott das möglich ist, warum läßt Er es denn zu, daß der Mensch erst in einen weiblichen Leib eingezeugt werden, dann im selben von Periode zu Periode und von Teil zu Teil wachsen und sich ausbilden muß? Ist er im Mutterleibe in der ziemlich geraumen Zeit ausgereift, so kommt er zur mühseligen Ausgeburt, wo ihm noch gar vieles an den Leibesteilen mangelt. Nach und nach ergänzen sich diese stets mehr und mehr; die Zunge wird beugsamer und fängt an, Worte zu lallen, die Organe kommen in eine stets größere Ordnung, und die kräftiger und mündiger werdende Seele kann sich ihrer mehr und mehr bedienen, und so geht das von Stufe zu Stufe auf- und vorwärts so lange hin, bis der Mensch, etwa nach dreißig bis vierzig Jahren, als ein kräftiger und erfahrungsreicher, verstandesvoller Mann dasteht. Alle Kenntnisse und Erfahrungen hat er sich durch eigene Mühe und Tätigkeit aneignen müssen, damit er seinen Nebenmenschen als ein nützlicher Mitbürger wert und achtbar sein kann. Ja, aber warum das alles mit dem Menschen, wenn Gott allmächtig ist und sogleich ohne Geburt und Erziehung völlig weise und kräftige Menschen aus der Luft oder gar aus nichts herstellen kann?

[GEJ.06_063,09] Das kann Gott allerdings; aber was wären solche Menschen? Ich sage es euch: nichts als Maschinen, die nie einen eigenen, freien Willen, nie ein eigenes, selbstisches Bewußtsein und nie eine selbständige, freie Tätigkeit weder im Denken noch im Fühlen und Handeln haben könnten, sondern Gottes allmächtiger Wille müßte sie in jedem Augenblicke aus Sich neu beleben, in ihnen Selbst denken und wollen und ihre Glieder zu irgendeiner Tätigkeit anregen und anziehen. Würde aber Gott das nicht tun, so wäre so ein Mensch dann offenbar völlig tot und müßte auch augenblicklich aus dem Dasein gänzlich verschwinden.

[GEJ.06_063,10] Damit aber der einmal geschaffene Mensch wie aus sich frei fortbestehe, sich selbst ausbilde und festige, dann wie aus eigener Kraft frei werde im Denken, Wollen und Handeln, so ward von Gott schon von Ewigkeit eine Ordnung gestellt, derzufolge die einmal aus Gott hinausgestellten Ideen sich selbst nach und nach stets mehr und mehr von Gott isolieren müssen, endlich sich als ein von Gott getrenntes Sein und Leben gewisserart finden und fühlen müssen und nach ihren eigenen Gedanken frei wollend und frei tätig zu werden haben, auf daß sie dadurch als vollends lebensgefestet dann durch äußere Lehre von Gott als selbst werdende Götter geführt und zur Lebensvollendung wie auf eigenem Grund und Boden gebracht werden können.

[GEJ.06_063,11] Dazu aber bedarf es einer sehr langen Zeit, die von Gott aus wohl berechnet und in gar viele Perioden eingeteilt ist, in denen dies und jenes Fortschreitende vorgenommen werden kann.

[GEJ.06_063,12] Wie aber bei jedem ganz ordentlich sich fortbildenden Menschen einmal der Moment eintreffen muß, in dem er zur Aufnahme für höhere Weisheit befähigt wird, so ist nun dieser Moment für die ganze Schöpfung vor euren Augen, von Gott wohlberechnet, gekommen, durch den nun allen gereiften Geschöpfen die Gelegenheit geboten wird, aus ihren alten Gerichtsgräbern zur vollen Gottähnlichkeit überzugehen, und es heißt darum auch in der Schrift, daß nun alle, die in den Gräbern waren und noch sind, die Stimme des Menschensohnes hören werden und, so sie aus sich reif geworden sind, hervorgehen aus eigener Kraft zum ewigen, wahren und völlig gottähnlichen Leben.

[GEJ.06_063,13] Und weil dieser von Gott schon von Ewigkeit her wohl und klar berechnete Moment eben jetzt gekommen ist, in welchem alle Geschöpfe die gewisse ganz selbständige Reife erlangt haben, die sich wahrlich am meisten dadurch erkennen läßt, daß die meisten von Gott beinahe nichts mehr wissen und von Gott vollends isoliert sind, so bin Ich als Gott denn auch da, um die Menschen nicht mehr durch Meine Allmacht zu führen, sondern allein durch die Lehre, die Ich ihnen nun also gebe, als wäre Ich Selbst nichts mehr und nichts anderes denn sie selbst.

[GEJ.06_063,14] Ich kann nun als eine Person mit ihnen wie ein Fremder mit einem Fremden verkehren, und der alte Grund hat nun völlig aufgehört, demzufolge niemand Gott schauen könne und dabei behalten das Leben. Nun könnet ihr Mich anschauen, wie ihr wollt, und behaltet dennoch unversehrt euer Leben!"

 

64. Kapitel

[GEJ.06_064,01] (Der Herr:) „Ich aber sehe jetzt noch eine gar sonderbare Frage in euch Neujüngern, die darin besteht, daß ihr saget: ,Ja, wenn gerade der beinahe gänzliche Mangel des Glaubens an einen wahren Gott der eigentliche Reifheitsgrund der Menschen Gott gegenüber sein soll, so begreifen wir nicht, warum Gott zu den Zeiten Noahs, allwann der Glaube an einen wahren Gott von den Menschen auch gänzlich entschwunden war, nicht zu ihnen wie jetzt zu uns gekommen ist und ihnen eine Lehre zur freien Gewinnung des ewigen Lebens auf eigenem Grund und Boden gegeben hat! Warum ließ da Gott lieber die böse Sündflut kommen und die gottvergessene Menschheit vertilgen?‘

[GEJ.06_064,02] Ich sage es euch, daß auch diese Frage eine eben nicht geistlose ist, und ihre Beantwortung muß ein großes Licht in das Verhältnis zwischen Gott und Seiner Kreatur bringen. Habet denn wohl acht!

[GEJ.06_064,03] Die Menschheit war zu den Zeiten Noahs nicht so gottlos, als ihr eben meinet; sie war aber gegen den ihr nur zu wohlbekannten Gott stolz und sehr hochmütig geworden und wollte sich ganz ernstlich gegen Ihn auflehnen und Ihn Seiner Macht verlustig machen. Sie tat, was sie wollte; und so ihr sogar vom Himmel aus noch so weise Gesetze gegeben wurden, so trat sie solche mit den Füßen und tat gerade das Gegenteil.

[GEJ.06_064,04] Diese Menschen haßten den ihnen wohlbekannten Gott und feindeten alles an, was nur von Gottes Allmacht und Weisheit herrührte. Sie verfluchten alles, was von Gott herrührte, sogar die ganze sichtbare Schöpfung, am Ende sogar die Erde, und faßten auch im Ernste den Entschluß, die ganze Erde mit ihren Sprengkörnern zu zerstören. Sie wurden von den Menschen der Höhe oft und zu verschiedenen Malen gewarnt und auch gezüchtigt für ihre Frevel.

[GEJ.06_064,05] Es wurden Völker von ihnen getrennt und in ferne Lande geführt, deren Nachfolger noch heutzutage leben und noch die alte Lehre haben, freilich wohl leider nicht mehr rein. Aber es nützte das alles nichts. Sie wurden abermals mächtig, namentlich die Hanochiten, deren Stadt am Ende um vieles größer war denn das ganze, große Gelobte Land. Sie unterjochten am Ende die Kinder der Höhe bis auf die Familie Noahs, die allein noch Gott völlig treu blieb.

[GEJ.06_064,06] In der Zeit Noahs fingen sie aus purem Übermute an, die Berge zu zerstören, obwohl sie von den Weisen der Bergbewohner dahin gewarnt wurden, daß sich unter den Bergen die größten Wasserschleusen befänden, und daß sie, so sie in ihrer Tollkühnheit nur einen großen Berg bis auf seinen Grund abgraben und seine Masse in die Tiefe des Meeres versenken, dadurch mehrere unterirdische Wasserschleusen öffnen würden, durch die in kurzer Zeit so viel Wasser auf der Erde Oberfläche geleitet werde, daß es bis über die hohen Berge steigen werde und sie alle darin ersäuft würden. Allein, alle solche Warnungen halfen nicht nur nichts, sondern eiferten sie nur noch mehr an, an der Zerstörung der Berge mit einer kaum beschreibbaren Energie zu arbeiten.

[GEJ.06_064,07] Noah sah nun, daß alle Ermahnungen und Belehrungen fruchtlos seien, und bat Gott um ein Mittel zur Rettung von wenigstens einigen guten Menschen und Tieren und Lebensmitteln; denn er sah die traurigen Folgen der bös-törichten Arbeit der damaligen Weltmenschen nur zu klar ein. Da erst ward er vom Geiste Gottes dahin belehrt, sich einen Kasten zu erbauen, wozu ihm Plan und Maß von den Himmeln gegeben ward.

[GEJ.06_064,08] Als die bösen Toren mit der unsäglichsten Mühe einen bedeutenden Berg zum größeren Teile nur an seinen Füßen weggeschafft hatten, da zeigte sich auch schon der Lohn für ihre Arbeit. Die große Schwere des eigentlichen Hochberges, dessen Stützen hinweggeschafft wurden, fing an, in die Tiefe zu sinken, und trieb die fürchterlichsten Wassermassen in mächtigen Strömen auf die Oberfläche der Erde. Natürlich mußte dadurch auch die Luft, namentlich durch die vielen Heißwasserströme, ganz dick mit Dünsten und Wolken erfüllt werden, der Regen ordentlich in Strömen herabzufallen beginnen und das Steigen des Wassers bis über die Berge hinaus fördern. Mehr denn ein Dritteil des ganzen Erdteils Asia stand unter der Flut, und sämtliche Hanochiten, die sich schon für die gesamte Menschheit der ganzen Erde hielten, gingen da zugrunde, und ihre Stadt sank ebenfalls in die Tiefe der Erde.

[GEJ.06_064,09] Aus dieser Meiner ganz kurz gefaßten, aber wahrsten Darstellung jener vornoahschen Menschen aber geht hervor, daß sie Gottes nicht unkundig waren, wohl aber wollten sie sich nur über Ihn erheben, und dieser Umstand beweist gerade, daß sie Seiner nicht unkundig waren.

[GEJ.06_064,10] Ihr Haß gegen Gott aber rührte einfach daher, weil sie sterben mußten, und das oft schon nach dreißig bis vierzig Jahren, während sie von den Bewohnern der Berge, die damals ein sehr hohes Alter erreichten, meinten, daß sie gänzlich unsterblich seien. Aus dem Grunde ergrimmten sie gar so sehr über Gott und nahmen sich ganz ernstlichst vor, weil sie sterben müßten, so solle auch alles zugrunde gerichtet werden, Gott zum Trotze.

[GEJ.06_064,11] Wenn aber also und nicht anders, könnet ihr in euch dann behaupten, daß die Menschen damals auch schon also reif waren wie jetzt?! Sehet nun die Menschen der Erde an! Wie viele gibt es selbst unter den Juden, die wahrhaft an einen Gott glauben und lebendig wahrhaft auf Ihn vertrauen? Sie haben beinahe alle nur einen Gewohnheitsglauben, im Herzen aber sind sie gänzlich gottlos, und es kommt ihnen gar nicht vor, daß es wahrhaft irgendeinen Gott geben könne, – und gebe es irgendeinen, so kümmere Er Sich um die sterblichen Menschen, um ihre Gebete und um ihre Opfer gar nicht. Er habe die Menschen nur etwa darum erschaffen, daß sie Seine Erde bebauen und kultivieren. Das ist so der eigentliche Glaube selbst der besseren Juden, – die schlechteren glauben ohnehin gar nichts.

[GEJ.06_064,12] Wieder andere, die noch zu den Altjuden gehören, wie es deren in Samaria welche gibt, sagen: Die Satzungen Mosis sind gut, und man muß sie halten, ob sie von Gott oder ob sie bloß nur von Moses herrühren. Wer die Satzungen hält, der fehlt nicht, ob es einen Gott oder auch keinen geben sollte. Man sollte das Gute allein deswegen tun, weil es gut ist, und das Schlechte des Schlechten wegen meiden.

[GEJ.06_064,13] Aus solcher Weisheit aber geht ja doch auch wieder klar hervor, daß es mit dem lebendigen Glauben an Gott seine sehr geweisten Wege hat. Wie aber der Glaube an einen Gott im Tempel beschaffen ist, das wisset ihr selbst nur zu gut, und es bedarf darüber keines weiteren Wortes mehr. Denn wo man sich kein Gewissen macht, die Gebote Gottes wegzustreichen und an deren Stelle weltliche Satzungen als heilig und wie von Gott gegeben hinzustellen, da ist aller Glaube an einen wahrhaftigen Gott vollends zu Ende. Da habt ihr den Gottesglauben der Juden! Und endlich fraget euch selbst, wie stark euer selbsteigener Glaube an einen wahren Gott war! Ihr suchtet vor Mir wohl noch etwas Göttliches im Tempel und kamet seinen Satzungen nach Möglichkeit nach, – aber an dem wahren Dasein eines Gottes zweifeltet ihr selbst, und euer Glaube war eben nur eine schon von der Wiege her angenommene Gewohnheit, welche abzulegen euch schier recht schwer geworden wäre, weil ihr dafür nichts Besseres zu setzen wußtet und euer alter Gewohnheitsglaube zu einem Teile eurer Lebensnatur geworden war. Demnach aber war denn auch euer Glaube so gut wie gar keiner.

[GEJ.06_064,14] Also bei den Juden als dem erwählten Volke Gottes ist nun gar kein Glaube mehr; wenn aber schon da kein Glaube mehr zu suchen und zu finden ist, wie soll er bei all den Heiden zu suchen und zu finden sein?! In den früheren Zeiten glaubten sie doch noch an ihre Götzen und Orakel; allein jetzt glauben sie auch nichts mehr. Sie machen zwar die äußeren Zeremonien und Gebräuche mit, aber von einem Glauben ist da auch schon lange keine Rede mehr.

[GEJ.06_064,15] Nur in Ägypten gibt es noch einige Schüler des Plato, des Sokrates und des Aristoteles, die noch die Möglichkeit eines höchsten, aber niemand bekannten Gottwesens annehmen; aber sie meinen auch, daß der Mensch durch ein äußerst strenges Leben es dahin bringen könne, den göttlichen Geist in gewissen geheiligten Momenten zu fühlen und in solchem Fühlen dann helle Blicke in die Zukunft zu tun. Weiter aber vermöge es kein Sterblicher zu bringen. Was aber mit dem Menschen nach seinem Leibestode geschähe, das sei ein nie zu entwirrender gordischer Knoten. Es beständen darüber wohl sehr viele Sagen und Meinungen, die im Menschen ein leises Hoffen rege machen, aber von einer Gewißheit sei da nirgends eine Rede.

[GEJ.06_064,16] So denkt nun der beste Teil der Heiden. Wenn aber also, wie ihr nun leicht sehen und begreifen könnet, so ist es ja auch klar, daß eben jetzt jene Reife zwischen Schöpfer und Geschöpfen eingetreten ist, von der aus die Menschen erst vollends in den Zustand gekommen sind, von Gott aus, unbeschadet ihrer Lebensselbständigkeit, belehrt und zu ihrer gottähnlichen Lebensvollendung geführt und gebracht zu werden. – Verstehet ihr nun das wohl?"

 

65. Kapitel

[GEJ.06_065,01] Sagte Petrus: „Herr, das verstehen wir nun sehr wohl; aber es fragt sich nun nur: Was wird mit jenen geschehen, die vor dieser Deiner Herniederkunft gelebt haben, und das von Adam an? Können sie auch noch zu einer wahren Lebensvollendung gelangen, und wie?"

[GEJ.06_065,02] Sagte Ich: „Das ist doch ganz natürlich! Ich habe nun die Tore zum Leben nicht nur für die nun auf der Erde Lebenden eröffnet, sondern auch für alle, die schon lange hinübergegangen sind. Und viele der alten Sünder werden noch einmal irgendeine kurze Fleischlebensprobe von neuem durchzumachen bekommen, wie Ich euch solches schon gezeigt habe.

[GEJ.06_065,03] Jenseits aber gibt es Schulen in einer endlosen Menge, in denen die Seelen auf die allerpraktischste Weise unterwiesen werden können. Aber freilich geht es drüben nicht so leicht wie hier, weil dort eine jede Seele keine andere Welt und Umgebung hat als nur die, die aus ihrem Denken, Fühlen und Wollen entsteht und der Seele alles das bietet, was sie liebt und will.

[GEJ.06_065,04] Nun, da ist es dann offenbar schwerer, günstig auf eine Seele, die voll Irrwahnes ist, einzuwirken denn hier, wo sie auf einem fremden und festen Boden steht und eine große Masse von ebenfalls ganz fremden Umgebungen um sich zählt. Aber dessenungeachtet gibt es auch dort noch immer Mittel genug, durch die fruchtbringend auf eine Seele eingewirkt werden kann. Doch davon soll euch bei einer andern Gelegenheit ein Näheres gezeigt werden.

[GEJ.06_065,05] Das jedoch diene niemandem zu einem besonderen Troste; denn so jenseits eine Seele in sich und also in ihrer Welt statt besser nur immer schlechter und böser wird, so wird natürlich im gleichen Maße auch ihre Scheinwelt und ihre Gesellschaft und Umgebung schlechter. So wie die Seele in sich wahrheitsloser und lichtloser wird, so wird desgleichen auch ihre Welt und ihre Umgebung, was sie sehr zu drücken und zu quälen beginnt. Mit der Steigerung der Qual steigt auch ihr Zorn und ihre Rachgier, und das ist dann schon der Eingang in die Hölle, und diese ist ein wahrer zweiter Tod der Seele, aus dem dann höchst schwer wieder herauszukommen ist.

[GEJ.06_065,06] Es sind das freilich nur pure Mittel, durch die eine Seele mit der großen Länge der Zeiten gerettet werden kann; aber sie sehen wahrlich sehr traurig aus! Denn es kann das so manche erzböse Seele wohl Milliarden von Erdenjahren Zeit kosten, bis sie durch solche qualvollen Mittel zu einiger Besserung aus sich heraus kommen wird. Darum ist hier ein Tag mehr wert denn jenseits hundert Jahre, nach der Erdenzeit gerechnet. – Verstehet ihr das?"

[GEJ.06_065,07] Sagten nun wieder alle: „Ja, Herr, wir verstehen das; aber es drängt sich im Hintergrunde denn doch noch eine Frage auf, und die besteht ungefähr in dem: So eine von hier abgeschiedene Seele, als noch nicht vollendet, nur in einer pur erscheinlichen Welt wohnt, die aus ihrem Denken, Fühlen und Wollen entspringt – was man auch eine Phantasiewelt nennen könnte – woraus besteht denn hernach die Welt der vollendeten Seelen? Wie sieht das Himmelreich aus, und womit läßt es sich in einen guten und wahren Vergleich bringen?"

[GEJ.06_065,08] Sagte Ich: „Es ist zwar nun schon an der Zeit, zum Wirte zurückzukehren, – aber weil das eine eben nicht unwichtige Frage ist, so will Ich sie euch unterwegs beantworten. Gehen wir denn, und ihr höret Mich an!

[GEJ.06_065,09] Sehet, mit dem eigentlichen Himmelreiche, das da ist ein Reich der Wahrheit, des Lichtes und der Liebe, was Ich euch schon bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt habe, hat es folgende wahrste Bewandtnis: Dieses Reich ist nicht ein äußeres Schaugepränge und kommt in den Menschen nicht mit irgend äußeren Zeichen und Attributen, sondern es entwickelt sich ganz innen in euch, ist dann in euch, wächst in euch, durchdringt euch und wird also zu eurer Wohnstätte und eurer allerseligkeitvollsten Welt.

[GEJ.06_065,10] Aber hier gleicht das Himmelreich einem Säemann, der den guten Samen ausstreute. Da fiel einiges auf einen Weg; von dem ward ein Teil von den Vögeln der Luft aufgezehrt und ein Teil von den Wanderern zertreten. Da ging der Same also nicht auf und brachte auch keine Frucht. Ein Teil aber fiel auf steinigen Grund. Es ging zwar anfangs, solange die Steine einige Feuchtigkeit in sich hatten, auf, konnte aber keine Nährwurzeln in den Stein treiben; die Feuchtigkeit langte zur größeren Ernährung des Halmes auch nicht aus, und so vertrocknete es und brachte auch keine Frucht. Ein anderer Teil aber fiel unter Dornen und Gestrüpp. Der ging anfänglich zwar sehr gut auf, aber als er sich völlig hätte entwickeln sollen, da ward er von den Dornen und dem wilden Gestrüppe überwachsen, verkümmerte dann und brachte auch keine Frucht. Nur ein Teil fiel auf ein gutes Erdreich, ging auf und brachte eine reichliche Frucht.

[GEJ.06_065,11] Und sehet, also steht es nun auch mit dem Himmelreiche auf dieser Erde! Ich Selbst bin der Säemann, und Mein Wort ist der gute Same, aus dem für jeden das Himmelreich als Frucht erwachsen soll. Wo es auf gutes Erdreich fallen wird, da wird es auch bringen eine hundertfältige Frucht; aber so es fallen wird auf die Wege dieser Welt oder auf Steine oder zwischen Dornen und wildes Gestrüpp, da wird es keine Frucht bringen. Unter den Menschen aber, die Ich mit dem Wege verglich, sind zu verstehen die eigentlichen Weltmenschen, wie wir heute deren mehrere bei unserem Wirte gesehen haben. Die Wanderer auf dem Wege, die den Samen zertreten, sind ihre Handels- und Gewinnsmühen, und ihre nach allen Richtungen fliegenden Handelsgedanken sind die bezeichneten Vögel, die auch den noch nicht zertretenen Samen auffressen, damit ja keine Frucht zum Vorscheine kommen könne. Diese Art Menschen sind, wie schon gesagt, die eigentlichen Schweine, denen man Meine Perlen nicht zum Fraße vorwerfen soll.

[GEJ.06_065,12] Unter den Steinen aber sind diejenigen Weltweisen zu verstehen, die zwar alles mit einer gewissen Gier aufnehmen, – da sie aber innerlich in allerlei Weltirrtümlichkeiten begründet und sind gewisserart versteinert in ihrem Gemüte, so hat der neue Same in ihnen zuwenig der belebenden Feuchtigkeit und zuwenig weichen und fugbaren Bodens zur Aufnahme der Nährwurzeln. So dann kommt der Wind und eine Dürre, so dorrt der kleine Halm bald ab, und da er keine Wurzeln hat, so wird er vom Winde auch bald vom Platze hinweggeweht. Oder, so da über einen solchen Menschen irgendeine Versuchung kommt, da sagt er alsbald: ,Ich habe es gleich anfangs gewußt, daß an der Sache nichts daran sein kann! Da ist die Verheißung, die in Erfüllung gehen sollte, – und anstatt der Erfüllung muß ich leiden! Darum fort mit allen solchen neuen Lehren!‘ Das ist also der Stein.

[GEJ.06_065,13] Wer sind denn hernach die Dornen und das wilde Gestrüpp? Das sind jene recht gutmütigen Weltbürger, die Mein Wort mit recht vielen Freuden aufnehmen und es eine Zeitlang auch recht emsig pflegen. Aber es kommen mit der Zeit allerlei Sorgen und dazu auch allerlei leere Bekümmernisse und Furcht und Ängste. Diese ersticken das lebendige Wort in ihren Herzen, daß es dann auch keine Frucht bringen kann.

[GEJ.06_065,14] Und so haben wir nur einen kleinen Teil von Menschen, die mit dem wahrhaft guten Erdreiche zu vergleichen sind. Diese nehmen das Wort an und setzen es sogleich gläubig ins Werk. Und da bringt dann der Same die reichliche Frucht, und diese Frucht ist dann das eigentliche Himmelreich im Menschen und hat kein äußeres Schaugepränge. Aber dieses Reich wird sich dann über den Menschen, der es in sich aus Meinem Worte geschaffen hat, ausbreiten und ihm geben alle Seligkeit, Licht, Wahrheit, alle Weisheit und Macht über alle Kreatur.

[GEJ.06_065,15] Ihr sollet daraus aber auch das ersehen, wohin ihr Mein Wort zu säen habt; denn wohin ihr es säet, da soll es auch Früchte tragen! Vor allem muß es fallen in ein gutes Erdreich. Wenn es da reiche Zinsen abwerfen wird, dann werden die Kaufleute, die Weltweisen und die besorgten Weltbürger schon von selbst kommen und sich bei euch für ihren Acker den Samen erkaufen. – Habt ihr das nun auch ganz wohl verstanden?"

[GEJ.06_065,16] Sagten alle: „Herr, auch das haben wir recht wohl verstanden und werden Deinen Rat auch ganz sicher befolgen; denn auf Wege, auf Steine und unter die Dornen werden wir diesen edelsten Lebenssamen wohl nicht streuen. – Aber nun kommt uns unser Wirt auch ganz eilig entgegen! Was muß er wohl haben, daß er also eilet?"

 

66. Kapitel

[GEJ.06_066,01] Sagte Ich: „Nicht gar zu viel von besonderer Bedeutung! Aber er komme und erzähle es euch selbst!"

[GEJ.06_066,02] Da kam der Wirt zu uns und erzählte: „Der Oberste der Synagoge zu Kapernaum hat herausgeschickt um den Zehent der Fische, von denen er vernommen haben will, daß ich deren einen sehr reichen Fang gemacht und ihm davon keine Meldung gemacht habe, und ich soll ihm nun zur wohlverdienten Strafe den dreifachen Zehent von den Edelfischen geben. Es ist nur noch gut, daß er nicht weiß, daß die Fische am Abend eines Sabbats gefangen worden sind; so ihm das verraten worden wäre, da nähme er mir wahrlich alle Fische weg! Schade, daß der frühere Oberste weggekommen ist, – der war ein recht guter Mann; aber der ist für uns eine wahre Plage und behandelt die Menschen nahe also, als wären sie alle pur seine Sklaven! O Herr, wäre denn diesem Übel nicht zu steuern?"

[GEJ.06_066,03] Sagte Ich: „O ja, und das auf eine ganz eigentümliche Art und Weise! Sende du nun einen Boten zum Obersten hin, und der soll zu ihm sagen, daß er zuvor die Fische in deinem Behälter soll abzählen lassen, damit du ihm dann nicht zuviel und nicht zuwenig des diktierten dreifachen Strafzehenten geben magst und kannst. Da wird er mit seinen Amtleuten bald da sein und die Fische zu zählen anfangen, – aber keine darin finden! Denn die Fische habe Ich geschaffen, kann sie wieder abschaffen und sie dann wieder schaffen. Wird er sich darüber aufhalten und dich beschuldigen wollen, als hättest du etwa die Fische alsbald hinweggeschafft, als dir sein Verlangen bekanntgemacht wurde, da verlange von ihm Zeugen dafür, oder du stellest dich unter den römischen Schutz. So er das hören wird, da wird er gehen und dir fürder keinen Strafzehent mehr auferlegen. Tue das, und es wird schon alles gut sein und werden!"

[GEJ.06_066,04] Sagte der Wirt: „Aber nun ist auch das Mittagsmahl schon bereitet! Sollen wir das nicht vorher einnehmen, daß wir darunter nicht gestört werden durch den Obersten?"

[GEJ.06_066,05] Sagte Ich: „Wir nehmen ganz ungestört das Mahl ein, – und wären auch hundert Oberste draußen mit dem Fischzählen beschäftigt! Er kann sich sogar zu uns hereinbegeben, so er will, und er wird ehest gerne sich mit heiler Haut von da nach Hause begeben."

[GEJ.06_066,06] Als der Wirt solches von Mir vernahm, ward er sehr froh, sandte sogleich einen Boten an den Obersten, und wir gingen ans Mahl und waren dabei voll guter Dinge, besonders über die durch das Gewitter erfolgte Flucht der vielen Morgengäste.

[GEJ.06_066,07] Ich aber sagte nach dem Mahle zum Wirte: „Nun kommt er schon; sieh aber du zuvor nach dem Behälter, und du wirst sehen, was für einen Fisch der Oberste darin finden wird!"

[GEJ.06_066,08] Der Wirt ging nun schnell hinaus und entsetzte sich selbst, als er statt der großen Edelfische die früher beim Gewitter gesehene Riesenschlange darin herumschwimmen sah.

[GEJ.06_066,09] Der Oberste aber wollte vom Fischzählen auch nichts mehr hören, als er des Ungetüms ansichtig ward. Daß infolge des angeführten Umstandes unser Wirt mit dem Obersten bald und leicht fertig wurde, ist begreiflich; denn von dem Ungetüm verlangte er weder einen einfachen und noch weniger einen dreifachen Strafzehent.

[GEJ.06_066,10] Als er dessen ansichtig wurde, wich er eiligst zurück und sagte (der Oberste): „Da hat schon statt meiner dieses Ungeheuer den Zehent genommen! Ich hätte wohl sehr gerne ein paar Stücke von diesen Edelfischen auf meinem Tische gesehen, aber weil nichts mehr da ist, so muß es natürlich auch so gut sein. Wo nichts ist, da gibt es auch kein Gesetz und kein Recht, und so sind wir wieder gute Freunde; wenn du aber doch wieder einmal so einen Edelfisch fangen solltest, da laß mir ums Geld etwas zukommen! Denn so du nicht zehn Fische fängst, da gibt es ohnehin keinen Zehent. Aber nun schauen wir nur gleich, so recht weit vom Meere zu kommen; denn das Untier könnte sich aufs Land herauf bewegen und uns alle wie Fliegen wegschnappen! Denn es hat ja einen Rachen zum Häuserverschlingen!"

[GEJ.06_066,11] Darauf eilte er schnell nach Hause und ließ sich dann lange nicht sehen am Meere, da er vor dem Ungeheuer einen zu mächtigen Respekt bekommen hatte.

[GEJ.06_066,12] Sowie aber der Oberste hinweg war, da empfahl sich, noch im Angesichte des Wirtes, auch das Ungetüm von einer Wasserriesenschlange und schwamm in großen Krümmungen schnell in die hohe See hinaus, allwo es infolge des hohen Wellenganges nicht mehr sichtbar ward.

[GEJ.06_066,13] Darauf besah der Wirt allein den großen Fischbehälter, und dieser war, so wie zuvor, voll der schönsten Edelfische. Darauf kam er voll Freude wieder zu uns, aß und trank an unserem Tische und erzählte uns, was er gesehen, und wie er mit dem Obersten ganz gut abgekommen sei. Zugleich aber fragte er auch, in welcher Gegend des Meeres sich solche Ungeheuer vorzüglich aufhalten, damit man sie zu meiden wüßte; denn es wäre etwa doch nicht sehr geheuer, mit ihnen irgendwo zusammenzustoßen.

[GEJ.06_066,14] Da sagte Ich: „Sei darum ohne Sorge! Dieses Untier wohnt in der möglichst größten Tiefe des Meeres und kommt etwa alle hundert Jahre bei höchst großen Stürmen zum Vorschein, die unter dem Wasser ihren Ursprung haben, was auf den Binnenmeeren eine höchst seltene Erscheinung ist. Dann und wann, wenn diese Untiere der Hunger antreibt, so sie in ihrer Tiefe zuwenig zum Fraße bekommen, kommen sie wohl ans Ufer und rauben da Schafe, Lämmer und Kälber, auch Eselsfüllen und Schweine; Menschen und größere Tiere aber greifen sie nur selten oder auch wohl nicht an. Aber von nun an wird es nie wieder zum Vorscheine kommen; denn seine Lebenszeit ist zu Ende; darum brauchst du dich auch nicht zu fürchten vor ihm. Dem Obersten aber übersende erst nach ein paar Tagen einen Edelfisch, und er wird sich damit ganz zufriedenstellen. – Jetzt aber kann wieder ein jeder eine Frage stellen, so er noch über etwas im unklaren ist; denn von morgen an werden wir etliche Tage hier ruhen und wenig reden von den geistigen Dingen!"

[GEJ.06_066,15] Sagten alle: „Herr, es gibt nun beinahe nichts mehr, um was wir Dich noch fragen könnten; denn wir haben von Dir ohnehin schon über alles die allerweisesten Lehren bekommen!"

[GEJ.06_066,16] Sagte Ich: „Nun ruhet, und denket über die empfangenen Lehren nach!"

 

67. Kapitel

[GEJ.06_067,01] Sagte der Wirt: „Ich habe zwar auch schon über vieles aus Deinem göttlichen Munde Belehrungen empfangen, aber dennoch hätte ich noch so manche gewichtige Frage im Hintergrunde. Eine darunter kommt mir aber als für das Leben von der größeren Wichtigkeit vor, und so es Dir genehm wäre, möchte ich die Frage wohl gerne von Dir beantwortet haben!"

[GEJ.06_067,02] Sagte Ich: „Wie klingt denn hernach deine Frage?"

[GEJ.06_067,03] Sagte der Wirt: „Also, Herr und Meister: Siehe, der Mensch weiß es recht gut, das heißt durch Lehre, daß seine Seele, von der man auch keinen so ganz rechten Begriff hat, unsterblich ist; aber bei allem noch so festen Glauben mischt sich darunter dennoch stets das bittere Gefühl des gänzlichen Absterbens und endlichen vollen Vergehens und Verschwindens aus der Reihe der lebendigen und ihrer selbst bewußten Wesen.

[GEJ.06_067,04] Mit dem Gedanken des Seins in und über dem Grabe kann man sich selbst bei dem besten Willen nie derart befreunden, daß das Herz darüber eine Wonne empfände, sondern es erschaudert stets von neuem darüber, weil ihm eben in diesem wichtigsten Punkte trotz aller noch so energischen Mühe von gar keiner Seite her ein Licht werden will.

[GEJ.06_067,05] Weil aber eben der Tod und das Grab des Menschen bitterste Gedanken sind, und weil darüber kein haltbares Licht von irgendwoher zu erhalten ist, so ist es so manchem Menschen wahrlich nicht zu verargen, daß er sich in allen Taumel der Welt hineinstürzt, um diese schwarzen Gedanken in sich zu übertäuben. Also über diesen höchst wichtigen Lebenspunkt wäre so ein rechtes Licht aus Deinem Munde, o Herr, wahrlich etwas höchst Notwendiges! Denn was nützen dem Menschen auch die allerweisesten Lehren, wenn er das Leben der Seele nach dem Tode nicht als völlig klar in seinem inneren Lebensbewußtsein besitzt?! Man befolgt wohl die Gesetze und die Lehren, aber mehr der äußerlichen, bürgerlichen Ordnung denn irgendeiner sicheren Gewinnung des Ewigen Lebens wegen.

[GEJ.06_067,06] Ich bin nach Möglichkeit doch noch einer der treueren Befolger der Satzungen Mosis und habe über geistige Dinge stets am liebsten und am meisten mit den triftigsten Weisen aller Nationen verkehrt, und sie alle wußten am Ende über den fraglichen Punkt nicht mehr zu sagen denn ich selbst. Die Römer sagen, und mit ihnen auch die Griechen: ,Das ist eben der verhängnisvolle Schleier der Isis, den bis jetzt noch kein Sterblicher gelichtet hat!‘ Ja, das ist recht schön gesagt, und es liegt auch sehr viel Wahrheit darin; aber sie nützt uns leider nichts! Denn der Tote fühlt, hört und sieht nichts mehr, und wir, die wir noch an diesem Leben nagen wie die Würmer an einem faulen Stück Holz, sehen, hören und fühlen von dem Verstorbenen auch nichts anderes mehr als seinen toten und stinkenden Leib, der wenige Jahre darauf zu Staub und Asche wird. Also, Herr und Meister, der Du das Leben selbst bist nach Deiner Lehre, gib mir und eigentlich uns allen darüber ein unzweifelhaftes Licht, darum ich Dich sehr bitte! Denn wahrlich, mit dem finsteren Gedanken an den Tod, an das Grab und an die Vernichtung möchte ich kein Jahr mehr gemeinschaftlich leben!"

[GEJ.06_067,07] Sagte Ich: „Ja, Mein lieber Freund, deine Frage ist ganz gut gestellt, und es leuchtet aus ihr ein menschliches Bedürfnis ersten Ranges hervor; aber dir darüber eine derartige Belehrung zu geben, daß du das ewige Leben deiner Seele durch ein entschieden klarstes Bewußtsein in dir fühltest, ist eine ganz überaus schwierige Sache! Denn sieh, Ich bin ja eben darum in diese Welt gekommen, um den Menschen dadurch das volle Innewerden des ewigen Lebens zu verschaffen, wenn er vollkommen nach Meiner Lehre lebt und handelt! Kennt aber ein Mensch Meine Lehre nicht, oder – so er sie auch kennt – lebt er aber dann dennoch nicht danach, so kann er zu diesem inneren Lebensbewußtsein auch nicht gelangen, weil Ich allein der Weg und die Türe dazu bin.

[GEJ.06_067,08] Du siehst an einem Baume die Blüte; aber von der werdenden Frucht ersiehst du während der Blütezeit wenig oder nichts. Erst wenn die Blüte abgefallen ist, wird ein ganz kleiner Fruchtansatz bemerkbar. Aber in der Frucht muß ja auch der Same mit dem Lebenskeime erwachsen; wo aber ist der noch im ersten kleinen Fruchtansatze zu bemerken?! Da scheint noch alles ein und dasselbe zu sein. Die Fähigkeit ist wohl schon darin, aber du vermagst sie noch lange nicht von all den andern leblosen Teilen zu unterscheiden, in denen kein Lebenskeim reift. Wenn aber die Frucht die völlige Reife erlangt, dann wirst du ganz leicht und ohne alle Mühe das Samenkorn entdecken.

[GEJ.06_067,09] Und siehe, nahe also ist es auch mit dem vollen und klaren Seelenlebensbewußtsein im Menschen! Solange der Mensch solches nicht in sich hat, so lange ist die Seele in ihrem Leibe noch nicht unterscheidbar von dem Fleische lebensreif. Sie ist noch zu sehr und zu eng verbunden mit dem Fleische und kann in sich denn nicht viel anderes fühlen und wahrnehmen als eben das Los ihres Leibes, – und selbst die besten Erklärungen können der noch lebensunreifen Seele das innere, völlig reife Lebensbewußtsein nicht geben.

[GEJ.06_067,10] Hat aber einmal durch die eigene Tätigkeit nach Meiner Lehre eine Seele die besagte Lebensreife erreicht, dann ist ihr jeder weitere Beweis dafür ganz unnotwendig. Oder bedarfst du wohl dafür eines Beweises, daß du nun naturmäßig in deinem Leibe lebst? Sicher nicht, und du müßtest jedem ins Gesicht lachen, der sich's vornähme, dir zu beweisen, daß du nun im Leibe lebst, dich bewegst und nach allen Richtungen hin tätig sein kannst. So du aber in einem tiefen Schlafe daniederlägest, könnte dir da ein noch so triftiger Beweis dafür, daß du noch lebst, etwas nützen, da du ihn gar nicht zu vernehmen imstande wärest?!

[GEJ.06_067,11] Siehe, auch ein jedes Tier hat eine Seele, deren Sein eben auch ein geistig- substantielles und somit unzerstörbares sein muß, da es sonst den Tierleibesgliedern keine Bewegung geben könnte! Gehe aber hin und erkläre es einem Tiere, was seine Seele ist, und wie es lebt allein durch die Seele! Würde ein Tier wohl verstehen, was du zu ihm gesagt hättest? Sicher ebensowenig, als wenn du solches zu einem Steine geredet hättest! Warum aber versteht das Tier solches nicht, und warum hat es nicht Worte, um seine Empfindungen einem andern Geschöpfe mitzuteilen?

[GEJ.06_067,12] Siehe, eine Tierseele ist notwendig noch zu tief in ihr Fleisch eingegraben und empfindet außer dem Bedürfnisse ihres Leibes nahezu nichts! Will jemand ein Tier zu einer ganz einfachen Arbeit abrichten, so muß er sich viele Mühe nehmen, um eine Tierseele aus ihrem Fleische insoweit zu wecken, daß es dann versteht, was der Mensch von ihm will.

[GEJ.06_067,13] Glaubst du aber, daß es Menschen gibt, deren Seelen eben nicht gar zu weit über den Tierseelen stehen, ja manchmal von ihnen sogar augenscheinlich übertroffen werden? Nun, solche Seelen durch Worte zu einem inneren Lebensbewußtsein schon diesseits zu bringen, wäre eine völlig vergebliche Arbeit und Mühe! Es genügt hier für solche Menschen schon ein blinder und stummer Glaube, daß ihre Seelen nach dem Tode des Leibes fortleben und dort entweder einen Lohn oder eine Strafe zu erwarten haben, auf daß sie sich dadurch in irgendeine gesetzliche Ordnung, wie der Ochse in sein Joch, fügen. Alles Weitere muß für einen andern Lebenszustand aufbewahrt werden.

[GEJ.06_067,14] Ein Tier kann nur durch allerlei schmerzerregende Zucht in eine brauchbare Tätigkeitsintelligenz gebracht werden, – ebenso ein ganz gemeiner Weltmensch, dessen Seele nur nach der Befriedigung der Leibesbedürfnisse strebt, aber bis auf die Wortbefähigung vor einer Tierseele nahezu nichts Erhebliches aufzuweisen hat."

 

68. Kapitel

[GEJ.06_068,01] (Der Herr:) „Daß aber Menschen wie du es bis jetzt von dem Fortleben der Seele nach des Leibes Tode zu keinem bestimmten Bewußtsein haben bringen können, davon habe Ich dir den Grund bereits gezeigt, und du wirst ihn auch eingesehen haben; aber die Furcht vor des Leibes Tode liegt eigentlich nicht so sehr in dem unbestimmten Bewußtsein des Lebens der Seele nach dem Abfalle des Leibes, als vielmehr in der Liebe zur Welt und in der Selbstliebe. Durch diese beiden Liebearten wird die Seele stets mehr und mehr in ihr Fleisch vermengt, und die Folge davon ist, daß sie eben dadurch das Gefühl des Sterbens, Vergehens und Aufhörens stets mehr und mehr zu ihrem eigenen machen und übergehen muß in allerlei Angst und Furcht.

[GEJ.06_068,02] Siehe, die Urväter der Menschen dieser Erde hatten keine Furcht vor dem Tode des Leibes, sondern oft nur eine Sehnsucht danach, daß sie befreit würden von dem gebrechlich gewordenen Leibe! Sie hatten ob ihres Gott wohlgefälligen Lebenswandels von Zeit zu Zeit helle Blicke und Gesichte ins Jenseits und hatten sich dadurch ein klares und wahres Bewußtsein über das Leben der Seele nach dem Abfalle des Leibes erworben.

[GEJ.06_068,03] Aber in dieser Zeit ist ja beinahe aller Glaube an Gott bei den Menschen erloschen! Wo sollte dann bei den Menschen das helle Bewußtsein des Lebens der Seele nach dem Leibestode noch herrühren?!

[GEJ.06_068,04] Ich sage es dir: Wo man an dem Grunde alles Lebens schon beinahe allgemein zweifelt, da ist es dann gar nichts Wunderbares, wenn man über das Fortleben der eigenen Seele nach des Leibes Tode in starkem Zweifel ist.

[GEJ.06_068,05] Gehe hin zu den Sadduzäern, und du wirst finden, daß sie fürs erste äußerst materielle, die Welt und sich über alles liebende Menschen sind, fürs zweite an gar keinen Gott glauben und darum fürs dritte auch die Unsterblichkeit der menschlichen Seele völlig ableugnen und jeden einen Narren schelten, der irgend an die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die nichts als ein wahnsinniges Phantasiebild eines schwachhirnigen Menschen sei, glaubt, und das gar durch leere Reden beweisen will.

[GEJ.06_068,06] Weiter siehe an die rechten Kyniker, Schüler des weltweisen Griechen Diogenes! Das sind sogar wahre Feinde des Lebens, und sie verwünschen irgendeine Kraft, die sie ohne ihre Einwilligung ins Leben rief. Sie leben zwar höchst gesittet und nüchtern und verachten allen Luxus, ja selbst die geringste Bequemlichkeit des Lebens. Für sie ist die größte Wohltat der Tod, hinter dem sie kein Leben mehr, sondern das ihnen höchst erwünschte gänzliche Nichtsein erwarten.

[GEJ.06_068,07] Aber dafür kannst du wieder in Indien noch heutzutage Menschen finden, die mit den Seelen verstorbener Menschen geradeso umgehen wie mit Lebenden und sich mit ihnen über tausenderlei geheime Dinge besprechen. Diese Menschen haben auch nicht die allerleiseste Spur von einer Furcht vor des Leibes Tode, – im Gegenteil ist der Sterbetag eines Menschen bei ihnen ein wahrer Jubeltag und die Geburt eines Kindes zur Welt ein wahrer Trauertag.

[GEJ.06_068,08] Siehe, so sind in dieser deiner fraglichen Hinsicht die Menschen höchst verschieden! Wovor sich oft ein Volk sehr fürchtet, davor hat ein anderes Volk sogar unter den verschiedenartigsten Lehren und Erwartungen nicht die allerleiseste Furcht und Angst. Am meisten aber fürchten sich vor dem Leibestode die Juden, und der Grund davon ist eben ihre große Weltliebe und sinnliche Lust. Wer diese so sorgfältig pflegt wie die Juden, der muß mit der Zeit um alles höhere Licht kommen; denn nichts schadet dem rechten und lebendigen Glaubenslichte so sehr als eben die Unzucht, allerlei Geilheit und die förmliche fleischliche Hurerei, die schon seit langem bei den Juden um vieles ärger gang und gäbe ist denn sogar bei den allerfinstersten Heiden. Diese Sünde erstickt die Seele förmlich im Schlamme des Fleisches und tötet sogar das Fleisch selbst. Wenn aber also, woher soll dann solch eine Seele das lichte Lebensbewußtsein nehmen?!

[GEJ.06_068,09] Du bist nun zwar ein Mensch, der Mir sehr angenehm ist, und Ich werde dir mit der rechten Zeit schon wieder das Lebensbewußtsein in deine Seele legen; aber in deinen jungen Jahren hast auch du den Fleischeslüsten sehr gehuldigt, und sieh, eben darin liegt denn auch bei dir hauptsächlich der Grund, warum du trotz all deines noch so fragenden Forschens bis jetzt noch immer zu keinem vollwahren und untrüglichen Lichte gekommen bist! Bei deinem gegenwärtigen keuscheren Leben wirst du auch bald zu mehr innerem Lebenslichte gelangen und dann nicht mehr also fragen, wie du jetzt gefragt hast. – Hast du Mich nun wohl verstanden?"

[GEJ.06_068,10] Sagte der Wirt: „O ja, nur zu gut habe ich Dich verstanden und sage nun mit den Römern: HINC ERGO ILLAE LACRIMAE! Ja, ja, Herr, Du Allwissender, meine Jugendsünden haben viel von meiner seelischen Lebenskraft aufgezehrt, und jetzt in meinen älteren Tagen merke ich gar sehr deren Abgang. Es ist hier nur die Frage, wie man das nun nur einigermaßen wieder ersetzen kann und mag."

[GEJ.06_068,11] Sagte Ich: „Solange ein Mensch auf dieser Erde lebt und einen vollkommen lebendig ernsten Willen hat, ist das alles noch gar wohl möglich, wovon dir David ein lebendiges und handgreifliches Beispiel gibt; denn auch er hatte zu einer Zeit, die euch nicht unbekannt ist, viel gesündigt in der Sphäre der Fleischeslust. Aber er hat sich dann auch zu rechter Zeit ermannt, sündigte aus Liebe zu Gott nicht mehr und ward darum ein Mann nach dem Herzen Gottes. Denn wahrlich, Ich sage es dir, daß im Himmel mehr Freude ist über einen Sünder, der seine Sünden als solche erkennt, sie verabscheut, wahrhaft bereut, eine rechte und vernunftgemäße Buße übt und sich vom Grunde aus bessert und nicht mehr sündigt, denn über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben! Oder ist das nicht unter den Menschen also der Fall, daß ein Mensch über eine verlorene und dann wieder glücklich gefundene Sache von einem noch so unbedeutenden Werte mehr Freude hat denn über seine großen Schätze, die da nie verloren waren?! Siehe, ebenso ist es auch bei Gott, und wäre es nicht also, so hättest du Mich nun in dieser deiner Herberge wahrlich nicht als deinen Gast!

[GEJ.06_068,12] Es ist wohl sehr wahr, daß dir deine Jugendsünden so manchen Schaden gebracht haben, sowohl für dein Fleisch, wie dadurch auch für deine Seele; aber da du das erkannt hast und hast dich ganz abgewendet von der Sünde, so bin Ich denn auch zu dir in dein Haus gekommen, um dich vollständig von allen deinen Übeln zu heilen.

[GEJ.06_068,13] Wo aber Ich einmal eingezogen bin, da ist auch die vollste Vergebung aller Sünden und das Licht und das ewige Leben selbst eingezogen. Ich kann dir darum sagen, daß deinem Hause und dir selbst nun ein großes Heil widerfahren ist, und die Folgen werden dich darüber näher belehren denn nun Ich Selbst; denn Ich habe dir nun nur die Belehrung und die Verheißung gegeben, aber erst in der Erfüllung wirst du die Fülle der Wahrheit in dir gewahren."

 

69. Kapitel

[GEJ.06_069,01] (Der Herr:) „Wahrlich, Ich sage dir: Wer Mein Wort hört, es als Wahrheit annimmt und treu danach lebt und handelt, der wird hinfort keinen Tod mehr fühlen noch schmecken! Aber wer Mich nur so als eine wohl gute Beute neben der Welt gleichschrittig einherziehen will, der wird bis zu seinem diesweltlichen Ende wenig des geistigen Lebenstrostes in sich verspüren, und jenseits wird sich dann erst klar zeigen, was bei ihm das Übergewicht hatte. Denn wer mehr Welt in sich hat, der wird sehr zu tun haben, um nur einmal das Gleichgewicht herzustellen, und Ich Selbst werde noch gar lange nicht in seinem Hause zu Gaste sitzen und bei Ihm Meine Ruhe nehmen.

[GEJ.06_069,02] Du aber, der du nun das weißt, sei guten Mutes, und denke dir, daß man mit einem Hiebe keinen voll ausgewachsenen Baum umhaut, und du wirst Ruhe finden in deinem Gemüte! Du brauchst von nun an bloß nach Meinem Worte zu handeln, und dir wird das andere, was du suchest, schon zur rechten Zeit hinzugegeben werden.

[GEJ.06_069,03] Sorge dich auch nicht so sehr um dein Haus, und was die Deinen essen und trinken werden; denn das tun nur die Weltmenschen und die Heiden, die von Gott und respektive von Mir nichts wissen! Suche nach Meinem Worte nur allein das Reich Gottes und seine lichtvollste Gerechtigkeit, die da vor allem besteht in der Liebe zu Gott und zum Nächsten, so wird dir alles andere ganz frei hinzugegeben werden!

[GEJ.06_069,04] Siehe an die Blumen auf dem Felde, die nichts arbeiten und auch nichts ernten, und der Vater im Himmel sorget dennoch also für sie, daß sie ernährt werden und dazu am Ende noch um vieles herrlicher bekleidet sind, als je Salomo in seiner höchsten Königspracht bekleidet war.

[GEJ.06_069,05] Wenn aber Gott schon für das Gras also sorgt, das heute wächst und morgen abgemäht und nach einer alten Sitte in Bündeln getrocknet und in dem Ofen zu Asche verbrannt wird, um wieviel mehr wird Gott erst für jene Menschen sorgen, die Ihn lieben und Seine Gebote halten!

[GEJ.06_069,06] So aber schon die Menschen, die zumeist nun arg und böse sind, ihre Kinder lieben und ihnen möglichst viel Gutes erweisen, um wieviel mehr wird der allgütigste Vater im Himmel das denen tun, die Er als würdig für Seine Kinder befunden hat! Oder hast du je von einem Menschen vernommen, der mit vieler und wahrer Weisheit begabt war, daß er grausam und unerbittlich hart gegen seine Nebenmenschen oder gar gegen seine Kinder gewesen wäre?!

[GEJ.06_069,07] Es ist seit Menschengedenken bekannt, daß ein weiser Mensch auch ein guter Mensch ist und allen Menschen Gutes will. Nur die Weisheit gab den Menschen Gesetze, durch deren leichte Beachtung sie alle vollauf glücklich werden könnten; sie sanktionierte die Gesetze nur der bösen und eigensinnig- ungehorsamen Menschen wegen, damit die guten Menschen ein Mittel in ihren Händen hätten, die bösen Narren zum Guten mit Gewalt anzuhalten, so die sanften Ermahnungen nichts fruchteten. Also ist auch die Sanktion der Ordnungsgesetze ein Akt der Liebe und Erbarmung aus der Weisheit.

[GEJ.06_069,08] Wenn aber schon eine volle Weisheit der Menschen nur Gutes wirkt, und die unweisen Menschen zum wahren Glücke des Lebens lenkt, um wieviel mehr die allerhöchste und tiefste Weisheit Gottes!

[GEJ.06_069,09] Daß sie wider ihre eigene Ordnung, von der das Bestehen aller Kreatur abhängt, nicht wirken kann und auch ewig nie wirken wird, das muß ein jeder nur einigermaßen weise Mensch gar wohl begreifen, weil dadurch die Existenz und das Glück aller guten und seligen Wesen gefährdet würde. Aber die höchste Weisheit will auch die widerspenstigen Geister und Wesen zum Guten und Wahren bringen und hat zu dem Zwecke die tauglichsten Mittel gestellt, die dem verstockten Sünder freilich wohl nicht wie Milch und Honigseim schmecken werden, – aber es wird dennoch stets von seinem Willen abhängen, sie zu ändern, wenn er wollen wird.

[GEJ.06_069,10] Und also steht es denn auch schon hier. Alles hängt von dem ernsten Wollen des Menschen ab; so er sich ernstlich bessert und volltrauig Gott bittet um etwas Rechtes und Gutes immer in Meinem Namen, so wird es ihm gegeben werden nach dem Maße seiner wahren Besserung und seines Glaubens und Vertrauens. Und du kannst nun mit solcher Meiner allerwahrhaftigsten Verheißung denn auch vollends zufrieden sein.

[GEJ.06_069,11] Wer dies alles wohl bedenkt und danach tut, der wird in allem ganz glücklich sein und vor des Leibes Tode keine Angst und Furcht mehr haben, so er auch zuvor ein großer und grober Sünder gewesen ist. Denn Gott, der Vater im Himmel, hat Mich ja nur um der Sünder und nicht um der Gerechten willen in diese Welt gesandt, und wie Mich der Vater gesandt hat, ebenso werde auch Ich euch zu den Sündern senden; denn nur die Kranken bedürfen des Arztes, und nicht die Gesunden. – Bist du nun ganz im klaren?"

[GEJ.06_069,12] Sagte der Wirt: „Oh, wer sollte da nun noch im unklaren sein?! – Aber nun fängt der Tag sich auch schon ein wenig zu neigen an. Was sollen wir nun anfangen?"

[GEJ.06_069,13] Sagte Ich: „Das hängt nun von dir ab; denn für heute, morgen und übermorgen werde Ich gar nichts bestimmen. Hast du aber irgend etwas, so sage es, und Ich werde sehen, was da zu tun sein wird!"

 

70. Kapitel

[GEJ.06_070,01] Sagte der Wirt: „Ich hätte wohl etwas; aber es kommt mir beinahe als zu geringfügig vor, um Dich, o Herr, damit zu belästigen!"

[GEJ.06_070,02] Sagte Ich: „So rede; denn Mir ist nichts zu geringfügig in der Welt!"

[GEJ.06_070,03] Sagte der Wirt: „So wolle mich denn gnädigst anhören! Siehe, ich habe nebst dieser Besitzung noch eine Hube unfern von hier, allwo ich meine besten Rinder und Schafe halte, und habe dort auch mehrere recht getreue Knechte und Mägde! Im großen Tiergarten, der allenthalben mit dem üppigsten Grase bestellt ist, hat sich vor ein paar Monden eine nahe bei ein viertel Morgen großes Stück Land derart eingesenkt, daß nun an der Stelle ein derartiges Loch besteht, daß seine Tiefe gar nicht zu ermessen ist und man auch gar nicht wissen kann, ob sich da nicht bald noch mehr Land nachsenken wird.

[GEJ.06_070,04] Ein alter, in diesen Dingen ziemlich kundiger Mann fragte mich, ob sich die Tiere dem Loche nahen. Und ich sagte ihm, wie es ist, die volle Wahrheit. Ich ließ einige Schafe und Rinder nahe an das Loch bringen; aber je näher sie dem großen Loche kamen, desto mehr sträubten sie sich, und als sie nur mehr etwa zehn gute Schritte vom Loche entfernt waren, da rissen sie aus und liefen jählings von dannen. Selbst die Ziegen sind nicht in die Nähe des Loches zu bringen, obwohl sie sonst auf den höchsten Felsen ganz behaglich und unerschrocken herumzuklettern pflegen. Darauf sagte der kundige Mann, daß dies ein sicheres Zeichen wäre, demnach da noch mehr Land einsinken werde. Und in dieser mir als Grundbesitzer immerhin sehr mißlichen Sache frage ich denn nun auch Dich, was das zu bedeuten hat, was da noch zu erwarten ist, und ob dem Übel doch vielleicht möglich durch irgend etwas abgeholfen werden könnte."

[GEJ.06_070,05] Sagte Ich: „Da gehen wir hinaus und besehen diesen Mutwillen der rohen Erdgeister, die das verübt haben durch Antrieb von anderen Geistern jener verstorbenen Menschen, die darum als deine Feinde hinübergewandelt sind, weil du die Hube infolge einer gerichtlichen Pfändung ob der nicht bezahlten großen Schulden käuflich an dich gebracht hast! Gehen wir also hinaus und nehmen die Sache in Augenschein!"

[GEJ.06_070,06] Wir erhoben uns nun schnell von unseren Sitzen und zogen zu der verhängnisvollen Hube hinaus, die etwa eine kleine halbe Stunde von da entfernt war. Wir kamen sonach bald zu dem wahrlich sehr unheimlichen Loche. Außer Mir und dem Wirte getraute sich niemand, völlig an den Rand des Loches zu treten. Die zwanzig neuen Jünger schauderten schon von weitem zurück; denn es war das Loch wahrlich recht grauenhaft anzusehen. Der Wirt sagte, daß er selbst dem Loche noch nie so nahe gekommen sei und erst jetzt seine unabsehbare Tiefe sehe.

[GEJ.06_070,07] Ich aber sagte zu ihm: „Gehe hin und bringe Mir einen recht tüchtigen Stein, und Ich werde sehen, ob das Loch nicht auszufüllen ist!"

[GEJ.06_070,08] Da ging der Wirt und brachte Mir einen mindestens zehn Pfund schweren Stein. Ich aber nahm den Stein und schleuderte ihn mit großer Gewalt in das Loch. Bald fing aus dem Loche eine gewaltige Rauchsäule sich zu erheben an und verbreitete einen stark schweflichen Gestank.

[GEJ.06_070,09] Ich aber bedrohte die Rauchmasse und sagte: „Ihr argen Geister alle, Ich, der Herr, gebiete euch, dieses Loch alsogleich auszufüllen für jetzt und alle Zeiten!"

[GEJ.06_070,10] Da vernahm man aus der Rauchmasse Stimmen, die da riefen: „Jesus aus Nazareth, Du Sohn des lebendigen Gottes, wir kennen Dich! Warum kamst Du denn, uns zu quälen vor der Zeit? Wir sind hier gedrückt und machten uns Luft. Warum gönnst Du uns diese Freiheit nicht? Hier ist uns ein großes Unrecht geschehen, das unsern Leib tötete. Wir haben alles verloren. Warum soll der Käufer nun nicht auch etwas verlieren? Wir bedürfen dieses Fleckes Landes in unserer entsetzlichen Tiefe. Warum sollen wir es denn nicht besitzen?"

[GEJ.06_070,11] Sagte Ich: „Tut, was Ich euch befohlen habe, oder es wird euch noch Ärgeres widerfahren!"

[GEJ.06_070,12] Da senkte sich der Rauch, und im Innern des Loches fing es ganz gewaltig zu toben und zu brausen an. Es dauerte dieses jedoch nur ganz kurz, und schon bemerkte man, wie das eingesunkene Erdreich allmählich heraufstieg, und nach einer kleinen Stunde war das Loch wieder völlig also unkenntlich ausgefüllt, daß da niemand merken konnte, daß dieser Teil je eingesenkt war.

[GEJ.06_070,13] Ich aber berief nun alle die alten und neuen Jünger und sagte: „O ihr Kleinmütigen! So gehet denn jetzt her und betretet den eingesunkenen Boden als erhoben aus seiner Tiefe, und erkennet, wie der Macht des göttlichen Willens nichts widerstreben kann!"

[GEJ.06_070,14] Da gingen alle Jünger hin und überzeugten sich völlig, wie der Macht Meines Willens nichts einen Trotz bieten kann.

 

71. Kapitel

[GEJ.06_071,01] Der Wirt aber fragte Mich, was denn die Geister in der ersichtlichen Rauchmasse damit hätten sagen wollen, daß Ich sie nicht vor der Zeit quälen solle.

[GEJ.06_071,02] Sagte Ich: „Siehe, alle die abtrünnigen Geister halten das für eine Qual, so sie zum Gehorsam gegen Gott ermahnt werden; denn aller Hochmut kennt für sich keinen Gehorsam, da er allein nur herrschen und gebieten will. Sie aber meinten, daß sie noch zu kurz in der Geisterwelt seien, als daß sie nun Meinem göttlichen Willen sich als gehorsam erweisen sollten. Siehe, ihnen wäre es nun schon am allerliebsten, wenn sie so eine völlige Ewigkeit in ihren bösen und rachsüchtigen Freuden verbleiben dürften, und es ist ein jeder Geist, der sie zu einer Ordnung und zu einem Gehorsam ermahnt oder oft gar mit Gewalt antreibt, ihr Feind und ihr Quäler!

[GEJ.06_071,03] Darum bedrohte Ich sie denn auch sogleich, und sie mußten sich fügen und fügten sich auch, obwohl mit dem größten Unwillen. Allein, das macht nichts für derlei Geister, die im Gerichte und somit auch im Tode stecken, da ihre eigensinnige Freiheit nicht eine Freiheit, sondern nur ein Gefängnis und ein ärgstes Gericht ist, aus dem sie nach und nach nur dadurch mehr und mehr befreit werden können, so ein mächtigerer Wille denn der ihrige sie ergreift und zu einer guten Tat zwingt.

[GEJ.06_071,04] Sie gleichen jenen Schläfern, die sich in allerlei süßen Träumen als Fürsten und Könige herumwiegen, im Traume allerlei dummes Zeug zusammenreden und sich oft sehr abmühen. Nun weiß aber jedermann, daß derlei Träume der menschlichen Naturgesundheit eben nicht sehr zuträglich sind, und daß es gut ist, solche Morgensüßträumer zu wecken. Wenn da solch ein Schläfer geweckt wird von einem Wachen, wie wird er da voll Ärgers und Grimmes! Aber wenn er mit der Zeit völlig wach wird, so ist er dann dennoch sehr froh darob, daß er von seinem betäubenden Schlafe geweckt worden ist. Er ist mit dem Wachwerden freilich um alle seine schönen Fürstentümer gekommen und von einem Könige wieder zu einem ganz gewöhnlichen Menschen herabgesunken; aber als solcher ist er auch eben zu der klaren Erkenntnis gekommen, daß sein Königtum nichts als nur ein eitel krankhafter Fiebertraum gewesen ist.

[GEJ.06_071,05] Und sehet, so geht es auch mit solchen Geistern, nur mit dem Unterschiede, daß sie in solchen Träumen oft eine gar sehr lange Zeit zubringen und sich selbst dann noch äußerst schwer erwecken lassen!

[GEJ.06_071,06] In einem ähnlichen Traume befinden sich aber auch alle die weltlichen und diesirdischen Glücksritter, die in allen Gattungen der menschlichen Seinssphäre auf dieser Erde überaus reichlich vertreten sind. Sie fühlen sich ganz glücklich dabei, und wehe dem, der es wagen würde, sie für den Ernst dieses Lebens zu wecken durch Worte und Taten! Aber so man doch aus den vielen einen oder den andern dann und wann zu erwecken imstande ist, so wird der Erweckte darauf sicher sehr froh werden, weil er in dem geistwachen Zustande erst die Gefahr stets mehr und mehr zu erkennen und einzusehen beginnt, in der er sich in seinem blinden Sinnenschlafe befunden hatte.

[GEJ.06_071,07] Daher möget ihr es denn auch versuchen, ob irgendein solcher sinnenberauschter Mensch noch nüchtern und wach zu machen ist! Ist er es, so erwecket ihn, und es wird euch das von großem Nutzen sein, weil er dann wieder leichter denn Ich auf seine Sinnesverwandten fruchtbringend rückwirken kann; läßt er sich aber nicht erwecken, so lasset den faulen und trägen Esel schlafen! Da müssen dann schon andere Weckmittel kommen, um solche Schläfer zu wecken. Dergleichen Mittel aber heißen Krankheiten aller Art und Gattung, Krieg, Hungersnot und Pestilenz. – Habt ihr das verstanden?"

[GEJ.06_071,08] Sagte der Wirt: „O ja, Herr und Meister, es ist genau also, und es muß auch schon also sein! Aber etwas traurig bleibt die Sache mit solchen Schläfern immer, weil da, wenn Gott einmal die großen Übel über die Menschen ausgießt, gar oft der Unschuldige mit den vielen Schuldigen leiden muß."

[GEJ.06_071,09] Sagte Ich: „Er leidet aber auch so als ein Wacher unter den so vielen Schläfern, und somit verliert er wenig oder nichts. Oder ist es etwa wohl sehr angenehm, sich in einem Gemache als ein Wacher unter lauter Schlafenden zu befinden und lautlos zu sein?!"

[GEJ.06_071,10] Sagte der Wirt: „Ja, ja, das ist wohl sehr wahr, – es müßte eine wahre Pein sein für einen weisen Menschen, sich unter lauter Narren und unter Stummen und Blinden zu befinden, mit denen er nie nur ein vernünftiges Wort tauschen könnte! Und da ist dann wahrlich ein Leiden, das zu einer Besserung führt, besser in sich selbst denn ein Leiden, das offenbar zu keiner Besserung führt. Ah, Herr, ich weiß es gar nicht, wie unaussprechlich glücklich ich nun bin in Deiner vollstgöttlichen Gegenwart! Ich werde Dich nicht aus meinem Hause allein ohne mich fortziehen lassen können; denn ohne Dich würde mir nun schon alles ganz weltfremd und überaus unheimlich vorkommen. Aber nun möchte ich denn doch wissen, wie tief nach irdischem Maße dieses Loch war."

[GEJ.06_071,11] Sagte Ich: „Das war sehr tief; die Tiefe maß bei tausend Ellen."

 

72. Kapitel

[GEJ.06_072,01] Sagte der Wirt weiter: „Aber haben die rohen und argen Geister wohl eine so große Kraft, ein so bedeutendes Stück Land, das noch dazu sehr fest ist, in eine solche Tiefe hinabzudrücken?"

[GEJ.06_072,02] Sagte Ich: „Sie haben eigentlich ebensowenig Kraft wie ein schlafender Held; aber es wird dann und wann zu ihrer eigenen Weckung zugelassen, daß etwas nach dem Willen einer höheren, vollwachen, geistigen Macht in der Wirklichkeit geschieht, was solche argen Geister in ihrer nichtigen Traumphantasie ausführen wollen, und wozu sie stets leere Anstalten machen. Geschieht dann so etwas, so werden sie plötzlich wach und sehen ihr Elend ein. Dadurch werden dann manche aus ihrem bösen Traumleben in ein wacheres durch ihr eigenes Wollen versetzt und hüten sich darauf schon mehr, in solche bösen Phantasien zu geraten, damit nicht wieder über sie etwas einstürze und sie übel zurichte in ihrem vermeinten freien Sein.

[GEJ.06_072,03] Es war aber das nur ein Zusammentreffen von schon seit lange her wohlberechneten Umständen zur Erreichung eines guten Zweckes. Hier unter diesem Stück Land befand sich schon seit für euch undenkbaren Urzeiten der Erde eine große Höhlung und machte eine unterirdische Fortsetzung des Meeres aus. Allein mit der Zeit verlegte und verstopfte sich durch den angehäuften Meeresschlamm die schon anfangs etwas enge Verbindung des Offenmeeres und des mit ihm verbundenen unterirdischen, das von dem offenen seinen Zufluß hatte. Als dieser mit der Länge der Zeiten ganz versiegt war, da versank nach und nach das unterirdische Wasser, und es entstand dadurch ein großer hohler Raum. Durch die öfteren Erdbeben löste sich unter diesem Landstücke ein lockerer Teil um den andern ab und fiel in die Tiefe des hohlen Raumes. Dadurch ist dies eingestürzte Stück Land natürlich stets dünner und schwächer in seiner Haltbarkeit geworden.

[GEJ.06_072,04] Als in der jüngsten Zeit von den rohen Erdgeistern infolge einer stummen Erregung von seiten der argen Seelen, die sich ihrer Materiellheit wegen dem Seinsraume nach zumeist in den unteren Erdhöhlen aufhalten, eine kleine Rüttlung der Erde bewirkt ward, da fiel denn auch seiner Schwäche wegen dieses ganze Stück Land ein und stürzte in die Tiefe hinab. Das war der eigentlich ganz natürliche Grund; aber er ist dennoch nicht pur ganz natürlich, sondern auch geistig, da er schon seit undenklichen Zeiten zum Behufe des Erwachens der argen Schlafgeister von Gott vorgesehen und zugelassen wurde.

[GEJ.06_072,05] Und so geschieht auf der Erde gar nichts so ganz eigentlich pur Naturmäßiges für sich, sondern allzeit in voller Verbindung mit dem Geistigen, eines geistigen Zweckes wegen; denn es ist in aller Welt das Geistige streng mit dem Naturmäßigen im steten Verbande und in einer steten wechselseitigen Aufeinanderwirkung, was ihr aber erst dann völlig klar einsehen werdet, wenn ihr durch die Taten nach Meiner Lehre in eurem Geiste wiedergeboren sein werdet. – Nun aber können wir uns nach dieser getanen Arbeit schon wieder nach Hause begeben; denn wir werden dort auch etwas Neues antreffen."

[GEJ.06_072,06] Sagte der Wirt: „Herr, soll ich nicht zuvor meine Knechte und Mägde hierher rufen, auf daß auch sie es erfahren, was für ein nie erhörtes Wunder hier bewirkt wurde?"

[GEJ.06_072,07] Sagte Ich: „Lasse du das heute nur gut sein; denn dafür ist morgen auch der Zeit zur Genüge! Daß sich deine Dienstleute darüber sehr verwundern werden, das ist etwas ganz Gewisses; aber sie werden aus solcher Verwunderung für ihre noch sehr sinnlichen Seelen sehr wenig Nutzen schöpfen, denn sie sind zumeist Griechen und somit noch recht finstere und sehr abergläubische Menschen und werden diese Wirkung sogleich irgendeinem sogenannten Halbgotte zuschreiben. Sie werden dich über den Grund dieser Erscheinung eher noch zu unterweisen anfangen als du sie; und sagst du ihnen, daß Ich, der Zimmermann aus Nazareth, solches bewirkt habe, so werden sie dich entweder auslachen oder sagen, daß Ich Selbst mit einem Halbgotte in irgendeiner Verbindung stehe und darum solches wohl zu bewirken imstande sei.

[GEJ.06_072,08] Derlei Menschen sind zur Aufnahme des Reiches Gottes noch lange nicht fähig; sie müssen zuvor auf eine geschickte Weise vorbereitet und in den Stand gesetzt werden, heller über alle Erscheinungen in der Naturwelt zu denken und zu urteilen. Aber diese Menschen leiten alles auf den Willen der unsichtbaren Götter zurück, deren Gegenwart sie ordentlich zu riechen wähnen, und da ist mit der vollen Wahrheit aus den Himmeln Gottes noch lange nichts anzufangen; daher lassen wir sie und begeben uns nun wieder nach Hause!"

[GEJ.06_072,09] Darauf verließen wir die Stelle und zogen nach Hause in unsere Herberge.

 

73. Kapitel

[GEJ.06_073,01] Als wir allda gerade mit dem Untergange der Sonne ankamen, da bemerkte der Wirt, daß das Meer nun in einer allerstärksten Aufregung sich befinde und er in einer Entfernung von etwa hundert Feldwegen ein Schiff sehe, das bei diesem gar sehr fürchterlichen Wogengange offenbar zugrunde gehen werde. Ob man denn solch einem bedrängten Schiffe nicht eine Hilfe bringen solle?

[GEJ.06_073,02] Sagte Ich: „Einem andern, ja, – aber diesem nicht! Der vormittägige Wind hat es so weit vorgeschoben; aber ein anderer Wind wird es schon wieder zurücktreiben. Das ist eben das Schiff mit denjenigen Argen aus Jerusalem, die Mich fangen und töten sollen. Aber nun sind sie in Meiner Gefangenschaft und werden noch ein paar Tage und ein paar Nächte darin zu verweilen haben, – dann soll sie ein Wind an die Küste hinter Tiberias treiben und sie erlösen von ihrer Qual. Darauf werden sie ganz nüchtern sich nach Hause begeben und Mir sobald nicht mehr nachstellen und nach Meinem Leben fahnden. Sieh, der Wind ist schon bei ihnen und treibt das Schiff von diesen Gestaden hinweg! Aber lassen wir nun das; im Hause wartet ganz etwas anderes auf uns! Begeben wir uns daher nur in unsere Herberge!"

[GEJ.06_073,03] Der Wirt und alle waren voll Neugier, was es denn darin Neues für uns gäbe, und wir begaben uns darum ganz hurtig ins Haus. Und siehe, eine älteste Tochter des Wirtes lag so gut wie völlig tot auf einem Bette und triefte von Wasser. Sie war allein an den großen Fischbehälter gegangen, um etliche der großen Edelfische für unser Abendmahl zu holen; aber sie konnte die großen und starken Tiere nicht überwältigen und wurde von einem Fische durch einen starken Schneller ins tiefe Wasser geworfen. Es kamen auf ihren Schrei freilich wohl gleich Retter herbei; aber sie konnten sie beim besten Willen nicht schneller, als es möglich war, aus dem Wasser bekommen, und die Folge davon war, daß sie ohne alle Lebenszeichen aus dem Wasser gehoben ward. Daß das eine große Bestürzung im ganzen Hause hervorrief und man sogleich in die Stadt um einen Arzt sandte, der auch sogleich ankam und alles anwandte, um die Ertrunkene wieder ins Leben zu rufen, braucht kaum erwähnt zu werden. Aber trotz alles Weinens der Mutter und der anderen Geschwister und trotz aller Mühe des Arztes gab die Ertrunkene dennoch kein Lebenszeichen mehr von sich.

[GEJ.06_073,04] Da ward auch unserem Wirte bange, und er wandte sich bittend an Mich und sagte (der Wirt): „Herr, ich weiß nun, daß Dir alle Dinge möglich sind!"

[GEJ.06_073,05] Hier unterbrach Ich ihn und sagte: „Sei nun stille von allem; Ich will hier kein Aufsehen erregen! Der Arzt, der auch ein Pharisäer ist, wird bald sehen und sagen: ,Meine Mühe ist bei dieser Ertrunkenen nun eine völlig vergebliche; denn sie ist unrettbar tot.‘ Dann bezahle du ihm schnell seine Mühe, worauf er dann auch schnell von dannen eilen wird; Ich werde dir dann schon das Meinige unter vier Augen tun. Aber so Ich Meine Hände an die Ertrunkene legen werde, da darf außer uns niemand im Zimmer sein, – auch dein Weib und deine andern Kinder nicht."

[GEJ.06_073,06] Bald darauf erklärte der Arzt, daß die Tochter leider völlig tot sei. Aber sie sollten sie dennoch in erwärmte Tücher legen; vielleicht erwache sie doch noch in einigen Stunden. Das sagte er aber nur, um den Eltern einige Fünklein Trostes zu hinterlassen. Der Wirt bezahlte den Arzt, und der entfernte sich auch sogleich mit froher Miene und versprach, daß er alsbald die Klageweiber selbst bestellen werde. Der Wirt aber sagte, daß er damit nur noch bis morgen warten solle; so es notwendig werden solle, so werde er selbst am Morgen schon zu ihm kommen. Darauf ging der Arzt seiner Wege weiter.

[GEJ.06_073,07] Und als das Zimmer von allen überflüssigen Menschen geleert war, da trat Ich zu der Ertrunkenen hin, legte ihr Meine Hand auf und sagte: „Tochter, stehe auf von deinem Schlafe!"

[GEJ.06_073,08] Und in demselben Augenblicke richtete sich die Tochter im Bette auf und fragte sogleich, was denn mit ihr nun vorgegangen sei. Sie wisse wohl, daß sie ins Wasser gefallen sei, aber wie sie da in dies Bett gekommen sei, das wisse sie durchaus nicht.

[GEJ.06_073,09] Ich aber sagte zu ihr: „Siehe, du warst dem Leibe nach völlig tot; aber Ich, der Ich das Leben aus Mir Selbst bin, habe dir nun das Leben wiedergegeben. Aber in der Folge sei klug und verrichte nur solche Arbeiten, für die du die hinreichenden Kräfte besitzest, ansonst dir wieder etwas Ähnliches widerfahren könnte. Der Fleiß eines Menschen ist stets löblich zu nennen; wenn er aber seine Kräfte übersteigt, so ist er nicht mehr löblich, sondern sehr töricht. Merke dir das, und sage es auch deiner Mutter und deinen sonst sehr braven Geschwistern! Nun aber stehe auf und zeige dich deiner Mutter und deinen um dich noch sehr gewaltig trauernden Geschwistern, und sorget nun für unser Abendmahl!"

[GEJ.06_073,10] Hierauf erhob sich die Tochter schnell vom Bette, dankte Mir für solche große Gnade und begab sich dann sogleich hinaus zu der Mutter und zu den Geschwistern, die sich alle darauf vor lauter Freude nicht zu helfen wußten.

[GEJ.06_073,11] Die Tochter aber bekannte laut und sagte: „Der große Meister aus Nazareth hat mir das getan; aber er sagte auch, daß wir ihm darum nun sofort ein gutes Abendmahl bereiten sollten, – und so tun wir denn das auch vor allem!"

[GEJ.06_073,12] Da griff alles zu, und wir hatten bald ein reichliches Mahl vor uns. Der Wirt konnte vor lauter Dankbarkeit beinahe zu keinem Worte kommen.

[GEJ.06_073,13] Die neuen Jünger konnten auch nicht genug erstaunen über dieses Zeichen und sagten: „Das würde sicher den ganzen Tempel bekehren!"

[GEJ.06_073,14] Ich aber sagte: „Ein noch größeres Zeichen ähnlicher Art wird eben die Templer über Mich derart erbittern, daß sie dann alles aufbieten werden, um Mich zu töten. Mehr brauche Ich euch wahrlich nicht zu sagen! – Doch davon nun nichts Weiteres mehr, sondern seien wir nun alle wieder frohen Mutes und essen und trinken, was da vor uns ist!"

[GEJ.06_073,15] Darauf aßen und tranken die Jünger und hatten ihr Wesen mit allerlei Erzählungen aus dem Bereiche ihrer Erlebnisse und Erfahrungen.

 

74. Kapitel

[GEJ.06_074,01] Die neubelebte Tochter, ihre Mutter und ihre Geschwister kamen auch zu uns und behorchten die Reden der Jünger, die diesmal viel von den argen Spukgeistern und Teufeln zu erzählen wußten und auch eine Behauptung aufstellten, der nach sich so manche Menschen vor den Verfolgungen dieser unsichtbaren, argen Wesen gar nicht zu schützen imstande wären. Man könne solche Zulassungen von Gott aus nicht gar wohl einsehen; es wären da die von den Teufeln Besessenen sehr in eine rechte Betrachtung zu ziehen, besonders da, wo das Besessensein schon bei den zarten Kindern vorkomme.

[GEJ.06_074,02] Da sagte auch unser Wirt: „Ja, das ist eben eine sehr sonderbare und durchaus nicht begreifbare Sache! Ich selbst habe Erscheinungen dieser Art schon gar oft bei Kindern in einem Alter von fünf Jahren gesehen, die auf eine erbärmlichste Weise von den sie besessen habenden Geistern zugerichtet wurden. Das Sonderbare dabei ist nur das, daß nahezu niemand mehr solchen Übeln abhelfen kann."

[GEJ.06_074,03] Sagte Ich: „Meine alten Jünger sind da schon eingeweiht und können dir darüber Bescheid geben, namentlich Simon Juda – nun Petrus – und Jakobus und Johannes; sie können solchen Übeln auch sogleich abhelfen gleichwie Ich. Aber Ich Selbst rede nun nichts Weiteres darüber; denn Ich habe ehedem gesagt, daß Ich die etlichen Tage Ruhe nehmen werde im Lehren wie auch im Handeln. Ihr alle aber könnet reden und tun, was ihr wollet; nur machet Mich nicht ruchbar in der Gegend, und noch weniger in der Stadt!"

[GEJ.06_074,04] Die Jünger setzten dann ihre Erzählungen fort, und Johannes erklärte den Neujüngern die Erscheinung des Besessenseins, und als er so gegen die Mitte der Nacht hin damit zu Ende kam, da begaben wir uns alle zur Ruhe.

[GEJ.06_074,05] Am Morgen standen wir dennoch schon recht früh auf, und Ich ging mit den drei vorerwähnten Jüngern vor dem Morgenmahle hinaus ins Freie. Der Wirt kam uns auch bald nach; aber die andern Jünger blieben im Hause und zeichneten sich so manches auf. Wir aber besprachen uns über das Schicksal des Pharisäerschiffes, das sich noch in der Mitte des Meeres mit den mächtigen Wogen herumbalgte. Der Wirt meinte, ob der Wind es noch nicht hinter die Stadt Tiberias geschoben hätte.

[GEJ.06_074,06] Ich aber sagte: „Bis jetzt noch nicht; das wird ihnen erst in ein paar Tagen zuteil werden, das heißt, wenn sie ihre Gesinnung etwas ändern werden, – ansonst lasse Ich sie noch etliche Tage lang nahezu in der Mitte des Meeres stehen und vergeblich rudern!"

[GEJ.06_074,07] Der Wirt verstand nun, daß mit Mir durchaus kein Scherz zu treiben sei, und gab Mir recht, daß Ich die argen Verfolger Meiner Person also plage. Der Wirt aber war eben ein großer Feind der Templer und hatte darum eine große Freude, so über sie irgendeine namhafte Bedrängnis kam.

[GEJ.06_074,08] Wir sprachen nun weiter nichts mehr darüber und betrachteten die starken Wogen des Meeres und die vielen Scharen der Wasservögel, die bei so starkem Wogengange stets gegenwärtig sind und ihren Fraß suchen. Der Wirt fragte, wo diese Vögel denn dann sich aufhielten, so das Meer ruhig sei.

[GEJ.06_074,09] Und Petrus, als ein mit dem Meere sehr vertrauter Fischer, sagte: „Siehe, das sind im Grunde eine Art Wasserraubtiere, die nur dann so häufig und in großer Anzahl zu sehen sind, wenn es für sie etwas zu rauben gibt; sonst sitzen sie an den Gestaden des Meeres, die nicht zugänglich sind, weder von der Land- noch von der Wasserseite. An solchen Stellen gibt es eine Menge Insekten und Würmer, die diesen Tieren zur Nahrung dienen. Bei großen Stürmen aber verkriechen sich derlei Insekten und Würmer, und die Vögel ziehen dann hungrig auf den Raub der kleinen Fische aus, und so der Sturm sich gelegt hat, da kehren sie wiederum heim, wo sie ihre gut verwahrten Nester haben. Da hast du nun, was du noch nicht hattest; es liegt zwar nicht viel daran, aber es ist dennoch gut, auch derlei ganz gut zu wissen."

[GEJ.06_074,10] Damit war unser Wirt ganz zufrieden und meinte, daß wir nun zum Morgenmahle zurückkehren könnten.

 

75. Kapitel

[GEJ.06_075,01] Ich aber sagte: „Dazu haben wir noch eine Stunde Zeit, und es ist hier auf diesem Hügel ganz gut sein und zu betrachten, wie sich Gottes Gedanken vor unseren Augen verkörpern."

[GEJ.06_075,02] Sagte der Wirt: „Herr, wie ist das wohl zu sehen?"

[GEJ.06_075,03] Sagte Ich: „Da hierherum, was du mit deinen Augen erschauest, mit den Ohren vernimmst und mit irgendeinem andern Sinn wahrnimmst, das sind lauter verkörperte Gedanken Gottes. Du siehst den mächtigen Wogengang. Wer treibt da das Gewässer so hoch und läßt es zu keiner Ruhe gelangen? Siehe, das ist Gottes Gedanke, belebt durch Seinen Willen! Sieh an die vielen Vögel, die mit den Wogen ihr Wesen treiben! Was anders wohl sind sie als pur verkörperte Gedanken Gottes?! Das ganze Meer, alle die Berge, alles Getier, alle Gräser, Kräuter und Bäume, alle Menschen, die Sonne, der Mond und alle die zahllos vielen Sterne sind nichts anderes. Ihr Dasein hängt ganz allein von der für dich jetzt noch völlig unbegreiflichen Beständigkeit des Willens Gottes ab.

[GEJ.06_075,04] Ich setze den möglichen Fall, der aus der endlosesten Freiheit des göttlichen Willens wohl erklärlich ist, daß Gott von einem dieser vor uns seienden verkörperten Gedanken abzöge Seinen Willen, so wäre es mit der Verkörperung auch schon im selben Momente gar. Der geistige Gedanke in Gott bliebe wohl, aber der Körper lösete sich gewisserart in ein pures Nichts auf. Wir aber haben hier vor uns dieses für den wahren Gottesfreund so hochwichtige Bestehen, Sein, Werden und auch Vergehen der Gedanken Gottes! Ist es nicht eine wahre Lust, diese zu betrachten und an ihnen von Tag zu Tag näher kennenzulernen die Liebe, Weisheit und Allmacht Jehovas?!

[GEJ.06_075,05] Seht dort im Osten die Wölkchen, wie sie sich bald vergrößern, bald wieder verkleinern und bald wieder gänzlich vergehen! Das sind ebenfalls Gottes Gedanken, die, von dem Willen nur ganz leise aus der Luft zusammengezogen und in eine flüchtige Körperlichkeit übergehend, uns in stets veränderlichen Formen zu Gesichte kommen. Diese Formen sind dem ursprünglichen geistigen Elemente offenbar näher denn die gefesteten Berge und alle die andern Gebilde, die uns allda nach allen Seiten hin umgeben; aber es ist ihr Sein dennoch ein unvollkommeneres, und sie müssen erst durch ein öfteres Auftauchen in eine andere Form, als zum Beispiel in den Tropfen des Regens, übergehen und dann als Nährstoff in einer oder der andern Pflanze eine bestimmtere und beständigere Form annehmen, und so bis zum Menschen herauf, von wo aus sie dann als völlig freie und selbständige und selbst frei denkende und frei wollende Wesen für ewig unveränderbar und bestandbar ins rein Geistige und Gottähnliche übergehen können und auch werden.

[GEJ.06_075,06] Sieh, wer also die Geschöpfe Gottes betrachtet, der findet eine große Lust und Freude daran! Und Ich sage es dir, daß solch eine Betrachtung dem Menschen mehr Kraft verleiht denn ein zu früh eingenommenes Morgenmahl. – Findest du das nun nicht auch also?"

[GEJ.06_075,07] Sagte der Wirt: „O ja, Herr und Meister! Aber zu solcher belebenden Betrachtung gehört auch Deine Weisheit; ich könnte da schauen ein Jahrhundert lang und würde das von Dir uns nun Geoffenbarte dennoch nicht herausgefunden haben! Von nun an wird es sich bei mir auch schon besser machen; denn ich bin ein Freund der Natur und ergötze mich gerne an ihren Gebilden und Formen. Nur wenn sie manchmal hie und da ausartet, dann bleibe ich ihr auch sehr gerne fern. Wenn große Stürme kommen und die Wolken uns mit Blitz und Donner zu vernichten drohen, da hat dann meine Naturfreundlichkeit auch ein Ende; aber so in ihrem stillen Wirken und Sein liebe ich sie außerordentlich. Zwar ist nun dieser Meereswogensturm auch kein stilles Wirken der Natur, aber er ist uns Festlandbewohnern eben nicht gefährlich und ist somit schon noch mit einem behaglichen Gemüte anzuschauen; würde aber ein gewaltiger Orkan das Meer zu einer solchen Bewegung nötigen, so wäre es hier eben nicht sehr behaglich, die Natur in ihrem Tun und Treiben zu beobachten und daraus den großen Gottesgedanken, belebt von Seinem Willen, zu erkennen."

[GEJ.06_075,08] Sagte Ich: „Das ist schon ganz sicher also; aber es ist dieses von Mir dir nun Gesagte auch kein Gebot, sondern nur ein guter Rat, – denn sonst müßten die Menschen auch in die Tiefen des Meeres hinabsteigen und dort nach allen Richtungen die Verkörperungen der großen Gedanken Gottes beobachten. Wo es aber der Mensch ohne Gefahr und ohne Schaden an seinem Leben tun kann, da tue er es von Zeit zu Zeit, und er wird daraus so manchen Nutzen für Seele und Leib ziehen und auch mehr und mehr in sich den Geist der wahren Liebe zu Gott und also auch zum Nächsten erwecken.

[GEJ.06_075,09] Denn um Gott wahrhaft lieben zu können, muß man Gott stets mehr und mehr zu erkennen trachten. Wem daran nicht am meisten gelegen ist, der muß es sich am Ende selbst zuschreiben, wenn bei ihm das innere Gefühl und Bewußtsein über das ewige Fortleben der Seele nach des Leibes Tode nur ein höchst schwaches ist und bleibt; denn dieses wahre Lebensgefühl ist eben ja nur die Folge der wahren, lebendigen Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten.

[GEJ.06_075,10] Gott in Sich als Vater ist ja eben in Seinem Urgrundwesen die Liebe und dadurch das Leben selbst, weil Liebe und Leben ein und dasselbe sind. Wer sonach die Liebe zu Gott in sich hat, welche allein das Lebenselement ist, der hat auch das wahre, göttliche, ewige Leben in sich. Wer aber solche Liebe nicht hat, der ist in sich tot; sein Leben ist nur ein Scheinleben und somit so lange ein Gericht, bis es nicht freiwillig die Liebe zu Gott in sich erweckt und selbsttätig belebt hat. Und siehe nun, eben darum ist es gut für den wahren Menschen, so er von Zeit zu Zeit tiefere Betrachtungen über das anstellt, was sich seinen Sinnen zur Wahrnehmung darstellt! – Verstehst du jetzt, was Ich dir gesagt habe?"

[GEJ.06_075,11] Sagte der Wirt: „Ja, Herr und Meister, jetzt ist mir auch das klar; nur ist das nun in der Welt sehr zu beklagen, daß die meisten Menschen von solchen allergewichtigsten Lebenslehren gar keine Ahnung haben! Aber ich werde es nicht an einem rechten Eifer ermangeln lassen, wenigstens das, was ich nun weiß, den empfänglichen Menschen bei guten Gelegenheiten beizubringen. Was aber mag da doch die Hauptursache sein, daß die Menschen in dieser Zeit gar so entsetzlich sinnlos geworden sind?"

 

76. Kapitel

[GEJ.06_076,01] Sagte Ich: „Denke nach, was Ich darüber schon gesagt habe; vor allem aber sind der Hochmut, die Trägheit, die Selbstliebe und die daraus erwachsene Herrschsucht die Ursachen solch eines Verfalles der Menschen.

[GEJ.06_076,02] Schon zu den Zeiten Samuels sind die Menschen träger und arbeitsscheuer geworden. Sie fingen an, sich vor gewissen Arbeiten zu schämen und ließen solche nur von gewissen gedungenen Knechten und Mägden verrichten. Die reichen Besitzer legten ihre Hände in den Schoß und ließen die anderen für sich arbeiten. Wer für sie am meisten gearbeitet hatte, der bekam auch den bessern Lohn, was denn auch recht war; aber bei dieser Gelegenheit haben sich nach und nach aus den Besitzern eine Art kleiner Herrscher gebildet, die durchaus keine noch so kleine knechtliche Arbeit in ihre Hände nehmen wollten, sondern sie befahlen nur den Knechten und Dienstmägden eine Arbeit, selbst rührten sie diese aber auch nicht mit einem Finger an.

[GEJ.06_076,03] Wie die Eltern waren, so wurden auch ihre Kinder, nämlich träge, selbst- und herrschsüchtig. Sie lernten befehlen über die Dienenden, aber ihre zarten Hände wollten sie nimmerdar besudeln mit einer knechtlichen, gemeinen Arbeit. Diese Unart wuchs bei den Menschen von Jahr zu Jahr und erreichte nur zu bald jene Stufe, auf der der ohnehin schon so wohlgenährte Hochmut keine hinreichende Sättigung mehr fand. Er, der Jude, blickte wehmütig auf den Glanz und auf die großen und hohen Würdenträger der heidnischen Völker, und unter einem Könige sah er eine der allerhöchsten Menschenehren und höchsten Würden. Kurz er wollte auch einen weltlichen König haben und war nicht mehr zufrieden mit der reinsten Herrschaft Gottes durch Seher und Richter!

[GEJ.06_076,04] Als das Volk, gegen alle guten Ermahnungen der Seher sich sträubend, von Samuel dennoch einen König verlangte, da trug der fromme Diener Gott das Begehren des törichten Volkes vor, da er aus sich nicht wußte, was er tun sollte.

[GEJ.06_076,05] Da sprach Jehova zu ihm: ,Sieh, zu allen Sünden, die dieses Volk schon vor Meinem Angesichte begangen hat, begeht es nun auch diese größte: daß es einen König verlangt! Gehe hin und salbe den größten Mann aus dem Volke! Dieser wird es züchtigen für seinen an Mir begangenen Frevel.‘

[GEJ.06_076,06] Siehe, das sind, ganz kurz zusammengedrängt, die Worte Jehovas auf das arge Begehren des Volkes! Die Folgen des dadurch stets mehr und mehr genährten Hochmuts des Volkes kannst du zum Teile lesen in dem Buche der Könige und in der Chronik, allwo in Kürze die schönen Geschichten aufgezeichnet sind, – zum größten Teile aber hast du sie nun eben vor deinen Augen.

[GEJ.06_076,07] Freund, nur in der wahren Demut liegt der Weg zum inneren Leben der Seele! Wer aber besitzt nun diese? Siehe, nicht einmal ein Diener seines Herrn; denn er bemißt sich den Dienern der andern Herren gegenüber nach der Ehre und nach dem Ansehen seines Herrn! Ist diese irgend um einen Grad höher denn die eines andern Dieners Herrn, so wird des geringern Herrn Diener schon gleich mit Verachtung angesehen, und es werden zwischen beiden wenig Worte gewechselt.

[GEJ.06_076,08] Ich sage es dir: „Solange nicht die wahre, reine Liebe und die ihr entsprechende Demut die Völker ordnen und leiten wird, so lange auch wird es im allgemeinen finster sein auf der Erde. Daß es immer einzelne geben wird, die im Lichte sein werden, das ist sicher und gewiß, aber deren wird es stets nur wenige geben. Denn solange es weltgroße und über alle Maßen stolze und ruhmsüchtige Herrscher in der Welt geben wird, so lange auch wird in allen Schichten der Menschheit der Same des Hochmuts und der Mitherrschgier fortwuchern, und es werden Nacht, Finsternis, Selbstsucht, Neid, Geiz, Verfolgung und Verrat als die wahren Elemente der Hölle vom Boden der Erde nicht weichen bis zu einer Zeit des großen Gerichtes, in der Ich die Erde von neuem durchs Feuer reinigen werde. Nach solcher Zeit wird kein König mehr herrschen über ein Volk der Erde, sondern allein das Licht Gottes. Im Fleische werdet ihr jene Zeit nicht erleben, wohl aber hell und überklar im Geiste in Meinem Reiche."

[GEJ.06_076,09] Sagte der Wirt: „Herr, wann nach der Anzahl der Jahre wird jene glückliche Zeit kommen?"

[GEJ.06_076,10] Sagte Ich: „Darum weiß allein der Vater, und nach Ihm weiß es nur der, dem es der Vater wird offenbaren wollen. Mir hat es bis jetzt Mein Vater noch nicht geoffenbart, außer das, daß solches geschehen wird. Das aber könnet ihr alle als völlig wahr annehmen, daß nämlich nahe alle zweitausend Jahre auf der Erde eine große Veränderung vor sich geht. Und so wird es auch, von jetzt an gerechnet, werden. – Doch nun von dem nichts mehr weiter!"

[GEJ.06_076,11] Sagte der Wirt: „Herr, wenn es Dir genehm wäre, so dürfte nun das Morgenmahl wohl schon ganz bereitet sein!"

[GEJ.06_076,12] Sagte Ich: „Nun, so gehen wir denn hin und nehmen es ein!"

[GEJ.06_076,13] Darauf gingen wir heim, allwo das Morgenmahl schon unser harrte. Die zurückgebliebenen Jünger fragten uns, wo wir denn gewesen wären, daß sie uns nicht hätten finden können.

[GEJ.06_076,14] Ich aber sagte: „Wir waren gerade dort, wo wir waren, und ihr suchtet uns aber dort, wo wir nicht waren, und darin liegt der ganz einfache Grund, demzufolge ihr uns nicht gefunden habt. Nun aber essen und trinken wir!"

[GEJ.06_076,15] Es ward darauf das Morgenmahl eingenommen, und während des Essens bemerkte ein Judgrieche, daß Meine Antwort auf ihre Frage denn doch etwas sonderbar geklungen hätte, und sie wüßten nicht, wie sie dieselbe deuten sollten.

[GEJ.06_076,16] Da sagte Ich zu ihnen: „Gerade also, wie Ich sie euch gegeben habe! Wenn ihr tiefer darüber nachdenken wollet, so werdet ihr auch eine große geistige Wahrheit darin finden."

[GEJ.06_076,17] Sagten die Jünger: „Das wird etwas schwer sein; denn das scheint nichts als eine ganz gute Wortstrafe für unser vorwitziges Fragen zu sein!"

[GEJ.06_076,18] Sagte Ich: „Oh, mitnichten! Ich will es euch aber sagen, was darin liegt, und was Ich damit habe sagen wollen. Und so höret Mich denn an!

[GEJ.06_076,19] Wahrlich, die Mich nicht dort suchen, wo Ich bin, die finden Mich nicht und werden Mich auch nicht finden. Es werden Mich mit der Zeit noch gar viele suchen und nicht finden! Es werden Zeiten kommen, in denen gar viele falsche Propheten und Messiasse aufstehen und zu euch sagen werden: ,Siehe, hier ist der Gesalbte!‘ oder ,Dort ist er!‘ Aber all denen glaubet es nicht, denn wo sie angeben werden, daß Ich zu finden sei, da werde Ich gerade am allerwenigsten schon eigentlich gar nicht und nimmer zu finden sein. Wer Mich suchen wird in irgend etwas, das nur im geringsten nach einer Welttümlichkeit riecht, der wird Mich nicht finden, sondern nur der, welcher Mich in der wahren Liebe, Demut und Selbstverleugnung suchen wird, der wird Mich auch sicher allzeit und allenthalben finden.

[GEJ.06_076,20] Ihr aber seid darum ein wenig ärgerlichen Gemütes hinausgegangen, Mich zu suchen, dieweil Ich euch zuvor nicht angezeigt habe, wohin Ich Mich heute morgen vor dem Mahle begeben werde. Und sehet, das war fürs erste nicht der rechte Ort, geistig in eurem Gemüte Mich zu suchen daselbst, und es konnte darum fürs zweite auch der rechte Ort äußerlich nicht gefunden werden, allwo Ich Mich befand!

[GEJ.06_076,21] Es hat aber das nun keinen Bezug auf euch gegen Mich, sondern Ich zeigte euch das nur in einem Bilde, wie die Sache dereinst werden wird. Daher soll, Mir gleich, denn auch ein jeder rechte Lehrer bei jeder Gelegenheit seine Worte also stellen, auch bei den geringfügigsten Sachen, daß sie als eine Grundlage zu einer neuen, wichtigen Lehre dienen mögen. Denn wahrlich sage Ich euch: Im Reiche der Geister, die da rein sind vor Gott, werdet ihr auch für jedes eitel leere Wort Rechnung legen müssen und vor dem reinen Lichte der Wahrheit aus Gott zuschanden werden!"

[GEJ.06_076,22] Diese Worte mundeten den Jüngern gerade nicht sehr angenehm; aber sie zeichneten solche dennoch ganz tief in ihr Gemüt.

 

77. Kapitel

[GEJ.06_077,01] Nach dem bald eingenommenen Morgenmahle aber begaben wir uns alle auf einen ziemlich hohen Berg nahe bei Kapernaum. Auch der Wirt und die vom Tode erweckte Tochter gingen mit, und der Wirt befahl einem Knechte, daß er etwas Brot und Wein mittragen solle, da Ich zuvor zu ihm im stillen sagte, daß wir bis zum Abend hin auf dem Berge verweilen werden. Einem andern Knechte aber befahl er, zwei der größten Edelfische als ein Regale (Geschenk) dem Obersten zu übermitteln. Das geschah denn auch, und wir machten uns sofort auf den Weg und bestiegen in ein paar Stunden ganz leicht den Berg. Von der sehr günstig gelegenen Höhe des Berges übersah man einen großen Teil des Galiläischen Meeres, und man konnte sogar das Schiff ersehen, das noch seine große Not mit den Wogen des Meeres hatte.

[GEJ.06_077,02] Da sagte der Wirt: „Die tollen Menschen auf jenem Schiffe werden wahrscheinlich auch gar keinen Mundvorrat mehr besitzen und werden somit vom Hunger stark geplagt sein!"

[GEJ.06_077,03] Sagte Ich: „Etwas durchnäßtes Brot haben sie wohl noch, und das genügt für ihre Bosheit! Sie haben aber bereits ihren argen Plan aufgegeben und werden sich nun anschicken, eine Rückfahrt zu versuchen, und dazu soll ihnen ein Wind zu Hilfe kommen. Aber sie werden noch der Angst zur Genüge zu bestehen bekommen, bis sie ein Ufer erreichen werden; denn gar zu leichten Kaufes sollen sie noch nicht vom Wasser ans trockene und feste Land kommen!"

[GEJ.06_077,04] Sagte der Wirt: „Weißt Du, Herr, die argen Templer erbarmen mich gar nicht, – aber die armen Schiffer, die werden für ihre große Mühe und Angst nicht nur gar keinen Lohn, sondern noch eine Strafe bekommen, weil die Pharisäer ihnen alle Schuld geben werden, daß sie auf diesem Binnenmeere das Schiff nicht haben vom Flecke zu bringen vermocht!"

[GEJ.06_077,05] Sagte Ich: „Oh, sorge du dich nur darum nicht! Das sind handfeste Griechen aus der Gegend Tiberias; die werden nicht zu kurz kommen! Sie haben auch noch einen hinreichenden Mundvorrat bei sich, als geräucherte Fische, geräuchertes Schweinefleisch und doppelgebackenes Weizenbrot. Auch ein paar Schläuche Wein haben sie im Hinterteile des Schiffes, und da die Templer ihr durchnäßtes, ungesäuertes Brot nicht wohl essen können, so kaufen sie den Schiffern um ein teures Geld die Kost ab, und sonach leiden diese außer der Angst des möglichen Schiffuntersinkens gar keine anderweitige Not. Darum kümmern wir uns um sie auch gar nicht mehr; gegen den Abend hin sollen sie mit vieler Mühe und Anstrengung das Ufer erreichen! Also sei es!"

[GEJ.06_077,06] Damit waren alle zufrieden, und niemand wollte nun mehr des Schiffes gedenken.

[GEJ.06_077,07] Der Wirt aber kam wieder mit einer neuen Frage und sprach: „Herr, da Du gar um alles weißt, was da irgend ist und geschieht, so wirst Du auch wohl wissen, was etwa nun der vorgestern Dich verlassende Jünger Judas Ischariot macht, und wo er sich herumtreibt!"

[GEJ.06_077,08] Sagte Ich: „Auch den lassen wir gehen! Übermorgen wird er ganz sicher wieder zu uns kommen; denn Ich werde ihn daran nicht hindern. Nun aber genießen wir hier die sicher sehr schöne Aussicht, und ihr beachtet dabei die Lehre, die Ich euch heute morgen gegeben habe, und einer unterweise dabei den Unkundigen, und ihr werdet eine eitle und auch wahre Lust daran haben!"

[GEJ.06_077,09] Das wurde denn auch ins Werk gesetzt, und alle unterhielten sich dann bis gen Abend wohl damit, so zwar, daß sie dabei des mitgenommenen Brotes und Weines vergessen hätten, so sie daran nicht die Tochter des Wirtes erinnert hätte, weil sie selbst durch den eigenen kleinen Hunger und Durst daran erinnert ward.

 

78. Kapitel

[GEJ.06_078,01] Am Abend begaben wir uns wieder zurück, und als wir ins Haus traten, da war denn auch ein reichliches Abendmahl für uns bereitet, und vom Obersten, der die zwei Edelfische zum Geschenke erhielt, wartete ein Bote auf den Wirt, ihm zu überbringen des Obersten Dank und einen Korb voll frischer Eier, von den großen Hühnern des Obersten gelegt.

[GEJ.06_078,02] Der Wirt bedankte sich dafür und sagte: „So ich wieder einen solchen Fisch fangen werde, da werde ich auch wieder des Obersten gedenken."

[GEJ.06_078,03] Da sagte aber der Bote: „Es wird das dem Obersten sicher eine große Freude machen; aber er erfuhr, daß sich hier der berüchtigte Prophet aus Nazareth zeitweilig aufhalten soll. Der Oberste möchte mit dir darüber selbst reden, und so würdest du ihn auch sehr erfreuen, so du zu ihm kämest und ihm darüber einen rechten Aufschluß gäbest. Wann kannst du zu ihm kommen? Bestimme selbst die Zeit!"

[GEJ.06_078,04] Sagte der Wirt: „Mein lieber Freund, gedulde dich nur ein paar Augenblicke! Ich werde mich zuvor noch mit einem Freunde beraten, weil ich von morgen an etliche Tage hindurch ein Geschäft mit ihm vorhabe, bis wann wir fertig werden, – dann werde ich schon kommen und dem Obersten den rechten Aufschluß geben über den seltenen, wunderbaren Menschen aus Nazareth, den ich wenigstens recht wohl zu kennen glaube."

[GEJ.06_078,05] Hierauf kam der Wirt zu Mir in unser Speisezimmer und fragte Mich, was er da tun solle.

[GEJ.06_078,06] Ich aber sagte: „Gehe hin zu ihm heute noch, obwohl es schon abendlich geworden ist, und sage: Ich sei hier und werde hier verweilen, solange es Mir belieben werde. Wer aber wider Mich etwas hätte, der solle kommen und für sich mit Mir Selbst seine Sache abmachen. Denn Ich gebe für Mich Selbst Rechenschaft und sonst niemand in der ganzen Welt. Gehe hin und sage ihm das, und er wird mit dieser Auskunft ganz zufrieden sein! Sonst aber rede nicht viel von Mir zu ihm!"

[GEJ.06_078,07] Mit dem Bescheide ging der Wirt schnell zum Boten hinaus und mit ihm auch schnell zum Obersten, der eben nicht gar weit vom Wirte sein Wohnhaus hatte, freilich wohl innerhalb der Stadtmauer.

[GEJ.06_078,08] Als unser Wirt zum Obersten kam, da war dieser froh, weil ihn die Gier schon sehr plagte zu erfahren, was an der Sache mit Mir sei. Nach einer gegenseitigen freundlichen Begrüßung fragte der Oberste sogleich, was da daran sei, daß man sage, der berüchtigte Prophet halte sich bei ihm, dem Wirte nämlich, auf und treibe da sein unheimliches Wesen.

[GEJ.06_078,09] Darauf sagte der Wirt, was zu sagen Ich ihm zuvor in den Mund gab.

[GEJ.06_078,10] Darüber aber machte der Oberste eine finstere Miene und sagte: „Aber wie kannst du als ein bekannter Mann und Wirt einen solchen nun schon allgemein verfolgten Menschen in deinem Hause beherbergen?"

[GEJ.06_078,11] Sagte der Wirt: „Das ist als Gastwirt und Herbergsgeber meine Pflicht; denn ich darf vor niemand meines Hauses Türen schließen, sei er, wer er sei, und komme er, woher er kommen wolle. Ich habe nicht einmal das Recht, einen Dieb und Räuber hinauszuschaffen und ihn zu fragen, was er da wolle, weil eine rechte Herberge auch von ihm respektiert wird. Dazu ist meine Herberge eine ganz freie, in der volle sieben Tage hindurch sogar kein Verbrecher ergriffen und vor ein Gericht gestellt werden darf nach den Gesetzen Roms. Wenn aber das alles sich also verhält, warum sollte ich den berühmtesten Mann, den je die Welt hatte, nicht beherbergen, da er fürs erste nie jemandem etwas schuldig geblieben ist und fürs zweite der allerfreundlichste und beste Mensch ist, der mir je irgendwo und -wann vorgekommen ist?!

[GEJ.06_078,12] Er hat aber ja ohnehin am Sabbat in der Schule gepredigt. So du etwas wider ihn hast, so wäre da ja gerade der rechte Ort gewesen, ihn zu ergreifen und zur Rechenschaft zu ziehen! Ich als Wirt habe dazu kein Recht. Er ist aber nun noch bei mir; wenn du wider ihn etwas hast, so steht es dir so wie jedem andern Menschen ganz frei, selbst hinzugehen und dich mit ihm zu verständigen. Denn er sagte es mir ausdrücklich, daß da für ihn niemand in der ganzen Welt Rechenschaft zu geben habe; denn er stehe ganz allein für sich da, und soviel ich aus der Erfahrung weiß, scheut er niemanden und hat vor gar keinem Menschen irgendeine Furcht. Wohl aber dürfen die Menschen alle ihn fürchten, denn die Macht seines Willens geht ins Endloseste. Was er nur will, das geschieht und ist da.

[GEJ.06_078,13] Oder hat er nicht im vorigen Jahre deines Vorgängers Jairus Tochter vom Tode wieder zum Leben erweckt, was du sicher wissen wirst?! Und also ist er ein wahrster, wenn an und für sich auch unerforschbarer Wohltäter der Menschen. Was sollte ich da einen solchen Menschen nicht beherbergen, solange er bei mir die Herberge nehmen will?!"

[GEJ.06_078,14] Sagte der Oberste: „Du bist in deinem Rechte, das weiß ich sehr wohl, und niemand kann dir da etwas in den Weg legen. Nur laß du dich etwa nicht berücken, an ihn zu glauben, daß er der verheißene Messias der Juden sei! Denn er streut solche gotteslästerliche Lehre im Volke aus, und ich weiß es nur zu gut, daß nun schon gar viel Volkes an ihn glaubt, weil er seine Lehre mit allerlei Zaubereiwerken bekräftigt, die er zum größten Teile sicher mit Hilfe des Beelzebub bewerkstelligt. Nur das wollte ich dir eigentlich gesagt haben, und es war mir darum sehr angenehm, daß du noch heute zu mir gekommen bist."

[GEJ.06_078,15] Sagte der Wirt: „Wahrlich, deshalb wäre es nicht nötig gewesen, mich zu dir rufen zu lassen! Denn da bin ich selbst ein in aller Welt zu erfahrener Mensch und besitze so viel Urteilskraft, um etwas Falsches vom Echten zu unterscheiden! Wir alle kennen den wunderbaren Menschen beinahe von seiner Geburt an und kennen seine Eltern, die da Menschen waren, die allzeit streng nach den Gesetzen lebten und handelten und somit wahre Muster des Gehorsams gegen Gott und gegen alle Seine Anstalten waren. Wenn sie aber das waren, wie sollte dann dieser eine, und zwar nach dem Zeugnisse Josephs, des frommen Zimmermanns, frömmste, wohlerzogenste und gehorsamste Sohn mit dem Beelzebub in Verbindung stehen und seine wahrhaft göttlichen Wunderwerke mit dessen nichtigster Hilfe verrichten?!

[GEJ.06_078,16] Wer über ihn ein vollgültiges Urteil schöpfen will, muß ihn nach allen seinen Seiten und Verhältnissen zu erkennen sich die Mühe geben; dann erst kann er mit Recht sagen und behaupten: ,So und so steht es mit dem Menschen!‘ Das ist so meine Ansicht. Aber einen Menschen gleich zu verdammen, ohne ihn selbst näher kennengelernt zu haben, finde ich gar keiner richterlichen, und am wenigsten einer priesterlichen Klugheit angemessen. Es wundert mich von dir, gleich den alten, bösen Weibern vom bloßen Hörensagen also zu urteilen über jemanden, den du nie gesehen und nie gesprochen hast. Gehe hin, und rede selbst mit ihm, – dann erst urteile über ihn!"

[GEJ.06_078,17] Hierauf wußte der Oberste nichts zu sagen und dachte bei sich nach, was er tun solle.

[GEJ.06_078,18] Nach einer Weile erst sagte er (der Oberste): „Du hast zwar recht, und wäre ich kein Oberster, so würde ich wahrscheinlich ebenso denken wie du; aber ich bin der Oberste von hier und muß tun nach meiner Pflicht. So ich aber jemanden vor mir habe, wie du da einer bist, so denke und handle ich dann auch nicht als ein Oberster, sondern als ein Mensch. Wäre ich aber mehr Templer als ich bin, so hätte ich laut Auftrag des Tempels den Menschen aufgreifen und ihn nach Jerusalem ausliefern müssen. Weil ich aber mehr Mensch als ein Oberster bin, so ließ ich ihn sogar in der Schule predigen und ging selbst nicht dahin, auf daß es den Schein habe, als hätte ich davon keine Kunde. Aber der sonst sehr klug und weise sein sollende Nazaräer habe da eine höchst mystische und für niemand verständliche Rede gehalten und soll am Ende beinahe allein in der Schule gewesen sein. Na, wenn ich abkommen kann, so komme ich morgen oder übermorgen einmal hinaus; denn wenigstens möchte ich ihn denn doch!"

[GEJ.06_078,19] Hierauf sagte der Wirt: „Tue das; ich stehe dafür, daß dich dessen niemals gereuen wird!"

[GEJ.06_078,20] Darauf empfahl sich der Wirt und kam bald zu uns und erzählte Mir, wie er mit dem Obersten geredet habe.

[GEJ.06_078,21] Ich aber sagte zu ihm: „Du hast ganz gut geredet, da Ich dir doch Selbst die Worte in den Mund gelegt habe; aber dessenungeachtet bleibt der Oberste dennoch Templer, und so er einen neuen Antrieb, Mich zu verfolgen, von Jerusalem bekäme, so würde er das mit allem Eifer tun. Aber also ohne Antrieb ist er ein zu großer Freund der lieben Bequemlichkeit und läßt uns gehen und tun, was wir gewisserart wollen. Ob er aber Meinetwegen hierher kommen wird, das ist eine Frage, auf die schwerlich eine Antwort erfolgen wird; denn so der Oberste morgen erwachen wird, da wird er sich dessen, was du mit ihm geredet hast, kaum mehr erinnern. – Nun aber lasset uns zur Ruhe gehen; denn der Berg hat des Leibes Glieder müde gemacht!"

[GEJ.06_078,22] Darauf erhoben sich alle von ihren Sitzen und begaben sich in die bestimmten Schlafkammern, die bei unserem Wirte ganz gut eingerichtet waren.

[GEJ.06_078,23] Von nun an blieb Ich noch zwei volle Tage allda, in welcher Zeit sich aber nichts von irgendeiner Bedeutung ereignete. Nur am dritten Tage morgens ging Ich mit den Jüngern und mit dem Wirte hinaus und gebot dem Meere Ruhe. Und alsbald legten sich die Wogen, und die Fischer eilten bald darauf an ihr Geschäft, da sie ohnehin schon bei fünf Tage lang hatten ruhen müssen, was ihnen eben auch nicht geschadet hatte.

 

79. Kapitel – Der Herr im Norden von Galiläa. (79-171)

[GEJ.06_079,01] An diesem Morgen kam auch Judas Ischariot wieder zu uns und wollte zu erzählen anfangen, was er alles in Meinem Namen getan und geredet habe.

[GEJ.06_079,02] Ich aber sagte zu ihm: „Lasse das, denn Mir ist nichts unbekannt! Siehe zu, daß du nicht lügest! Damit aber das unterbleibt, so rede nicht; denn so du redest, so ist davon gut die Hälfte unwahr!"

[GEJ.06_079,03] Darauf ward er still und sah sich um, daß er etwas zu essen bekäme.

[GEJ.06_079,04] Ich aber sagte nun zum Wirte: „Höre, Freund, es ist hier nun nichts Weiteres mehr zu machen, und Ich werde Mich nach dem Mittagsmahle von hier begeben! Denn es werden heute gen Abend eine Menge Fremde hier ankommen, darunter viele aus Jerusalem, und mit denen will Ich aus sehr weisen Gründen die Zusammenkunft vermeiden. Lasse denn ein gutes Mittagsmahl richten; dann aber steht es dir frei, uns eine Rechnung zu machen, wennschon nicht für Mich und Meine alten Jünger, so doch für die zwanzig Neujünger, die da des Goldes und Silbers reichlich mit sich haben!"

[GEJ.06_079,05] Sagte der Wirt: „Nein, Herr und Meister, und wären Deine Jünger noch so viele zehn Jahre hindurch hier in dieser meiner Herberge, so dürfte mir keiner auch nur einen schlechten Stater bezahlen! Denn ich bin ja Dir, o Herr, ein so großer Schuldner geworden, daß ich Dir mit ganzen berggroßen Goldklumpen nimmer abzahlen könnte, was ich Dir schulde. Bedenke einmal den Fischfang, dann die wunderbare Zustopfung des großen Loches und endlich gar die Wiederbelebung meines liebsten Kindes! Mit welchen Schätzen der Welt könnte so etwas wohl nach Gebühr bezahlt werden?!"

[GEJ.06_079,06] Sagte Ich: „Nun so gehe, und lasse uns ein gutes Mittagsmahl bereiten!"

[GEJ.06_079,07] Und der Wirt ging und ordnete alles an.

[GEJ.06_079,08] Es traten aber nun die Jünger zu Mir und sagten: „Herr, wohin wirst Du nun wohl ziehen? Galiläa haben wir bereits von Ort zu Ort und von Haus zu Haus durchgemacht. Nur Judäa, Samaria und Kleinmesopotamia, wie auch Syria und die Gegend nach Damaskus hin, sind von uns noch wenig oder gar nicht betreten worden. Wie wäre es denn, so wir dahin zögen?"

[GEJ.06_079,09] Sagte Ich: „Daß die von euch benannten Lande des Lichtes bedürfen, und vor allem das am meisten entartete Judäa, das weiß Ich; aber Ich ziehe nun dennoch nicht dahin, weil man Mir da am meisten nach dem Leben strebt. (Joh.7,1) Wohl kann Mich vor Meiner bestimmten Zeit niemand ergreifen, wovon Ich euch schon eine Menge Beweise geliefert habe, – aber Ich will das Judäavolk auch nicht noch ärger machen durch Meine Gegenwart, als es ohnehin schon ist. Die anderen Lande aber sind für Mich noch zu wenig reif, und wir werden darum dennoch in Galiläa verbleiben und hier das Licht noch mehr anfachen."

[GEJ.06_079,10] Es war das den Jüngern denn auch recht; denn auch sie wollten eben mit den eigentlichen Juden nicht besonders viel zu tun haben. Denn die Juden verachteten beinahe alles, was aus Galiläa herrührte. Die Neujünger meinten, daß Kleinmesopotamien, Syrien und Zölesyrien etwa wohl noch die tauglichsten Landschaften wären, in denen man das Licht der Himmel ausbreiten könnte mit vielem Nutzen.

[GEJ.06_079,11] Sagte Ich: „Lehret Mich nicht erkennen jene Lande! Da kommen auf einen – sage – schlechten Juden mindestens zehn Griechen und Römer, die da pur Heiden vom echten, gar finsteren Aberglauben sind! Wie würden diese das wahre, geistige Lebenslicht fassen?! In Samaria haben wir das Licht bereits ausgegossen, und es wächst dort ganz ansehnlich. Damaskus ist eine große Handelsstadt. Die Menschen dort denken nur, wie sie ihre Erzeugnisse irgend am besten absetzen könnten, und da ist mit dem Lichte vorderhand nur sehr wenig zu machen; später aber wird das Licht schon auch dahin kommen, und so bleiben wir nun in Galiläa, besuchen unsere Lichtfreunde und richten sie noch mehr auf!

[GEJ.06_079,12] Wenn ein Herrscher ein Volk beherrschen will, so gehört dazu, daß er sich zuvor eine feste Burg erbaue, die von seinen Feinden nicht besiegt werden kann. Und sieht da sein Volk, daß der Herrscher nicht besiegbar ist, so unterwirft es sich ihm und achtet seine Gebote. Und so soll uns auch Galiläa zu einer festen Burg werden, die der Feind des Lichtes nicht leichtlich zu Falle bringen wird. Ich bin als Selbst Galiläer der Grundstein, und euer Glaube ist der Fels, auf dem Ich die Burg Gottes erbaue. – Nun aber kommt auch schon der Wirt, uns zum Mahle zu beheißen. Und so gehen wir!"

[GEJ.06_079,13] Der Wirt kam und lud uns zum Mahle, obwohl es noch nicht um die Mitte des Tages war, und wir gingen und nahmen das wohlbereitete Mahl ein, bei dem noch so manches über unsere bevorstehende Reise gesprochen ward.

[GEJ.06_079,14] Nach dem Mahle aber erhoben wir uns schnell und machten uns auf die Füße. Der Wirt fragte Mich, ob er uns nicht bis zu einem nächsten Orte hin begleiten dürfe.

[GEJ.06_079,15] Ich aber sagte zu ihm: „Du bist nun auch einer Meiner Jünger geworden; denn du hast Mich wohl erkannt. Bleibe du für jetzt daheim, und du wirst Mir allda mehr zum Nutzen sein, als so du nun mitzögest! Es werden noch heute viele in deiner Herberge verbleiben, und du wirst Gelegenheit bekommen, Mich zu vertreten, und es wird sich das nun in dieser Zeit gar oft wiederholen. In einigen Wochen aber werde Ich wieder zu dir kommen und abermals einige Tage bei dir zubringen; da wirst du dann schon wieder Gelegenheit haben, von Meiner neuen Lehre noch ein mehreres zu überkommen. So du aber von nun an in Meinem Namen reden wirst, da brauchst du nicht zu denken, was du reden wirst, sondern Ich werde dir die Worte in den Mund legen, die du zu reden haben wirst!"

[GEJ.06_079,16] Sagte der Wirt: „Herr, wie soll, wie werde ich das fühlen und wahrnehmen?"

[GEJ.06_079,17] Sagte Ich: „Gedanken, so klar wie rein ausgesprochene Worte, wirst du in deinem Herzen empfinden und wirst sie dann ganz leicht aussprechen mit dem Munde. Darin liegt das Geheimnis Gottes im Menschenherzen. – Endlich aber sage Ich dir noch etwas:

[GEJ.06_079,18] So du irgend einen Kranken finden wirst, dem lege in Meinem Namen die Hände auf, und es wird besser werden mit ihm! Hast du aber jemanden geheilt auf diese Art, so lasse dir die Heilung nicht bezahlen, sondern sage zum Geheilten: ,Danke du Gott, dem Allmächtigen, in Seinem Sohne Jesus! Gehe hin und sündige nicht mehr! Halte die Gebote und tue Gutes!‘ Dadurch wirst du Mir viele Gläubige erwecken."

[GEJ.06_079,19] Hierauf legte ich ihm die Hände auf und gab ihm dadurch Kraft, zu handeln in Meinem Namen.

 

80. Kapitel

[GEJ.06_080,01] Darauf zogen wir schnell von da (diesem Ort) weg und kamen gen Abend nach Kana in Galiläa, allwo Ich das Wasser zu Wein gemacht hatte. Wir kehrten in demselben Hause ein, da es auch eine bedeutende Herberge war. Daß wir allda auch mit der größten Freundlichkeit aufgenommen wurden, braucht kaum näher erwähnt zu werden.

[GEJ.06_080,02] Das junge Ehepaar hatte schon ein Kind, und zwar einen Knaben; aber das kaum etliche Wochen alte Kind litt an bösen Fraisen (Krämpfen) und zwar infolge eines Schrecks, den die junge Mutter noch im Wochenbette dadurch erlitt, weil in einem nachbarlichen Hause ein Feuer entstand, das aber bald gelöscht wurde. Die jungen Eltern, wie auch ihre noch lebenden Alten, versuchten alles, das Kind von diesem Übel zu heilen; aber da war alles vergebens.

[GEJ.06_080,03] Als Ich aber ins Haus trat und sie Mich wohl erkannten, da fielen sie vor Mir auf die Knie nieder und sagten (die jungen Eltern): „O Meister, Dich hat wahrlich Gott zu uns geführt, auf daß Du heilest unser einziges Kind! Oh, wir bitten Dich inbrünstigst darum! Daß Dir alles möglich ist, das wissen wir schon lange."

[GEJ.06_080,04] Sagte Ich: „Stehet auf; denn es ziemet sich nicht, daß Menschen vor Menschen sich auf die Knie werfen!"

[GEJ.06_080,05] Sagte das junge Ehepaar: „O Meister, wir wissen es aber, daß Du mehr bist als nur ein Mensch, und so geziemt es sich wohl, daß man sich vor Dir auf die Knie wirft! O hilf unserm Kinde!"

[GEJ.06_080,06] Sagte Ich: „Nun, nun, so stehet auf, und bringet Mir her das kranke Kind!"

[GEJ.06_080,07] Da erhoben sich die Eltern schnell vom Boden und brachten Mir das Kind. Ich aber legte ihm die Hände auf und segnete es, und im Augenblicke ward das Kind also heiter und gesund, als so ihm nie etwas gefehlt hätte.

[GEJ.06_080,08] Darauf sagte Ich zur jungen Mutter: „Du aber sei vorsichtig in der Folge! So irgend etwas dein Gemüt stark erregt hat, und du hast noch ein Kind an der Brust, da lasse das Kind so lange nicht saugen, bis dein Gemüt wieder in eine völlige Ruhe zurückgekehrt ist! Denn mit der Muttermilch können allerlei Übel im Leibe und sogar in der Seele der Kinder entstehen. Dies merket euch! – Nun aber sorget, daß wir alle ein Abendmahl bekommen!"

[GEJ.06_080,09] Die Eltern dankten Mir über alle Maßen für diese Wohltat und gingen, um für uns ein Nachtmahl zu bereiten.

[GEJ.06_080,10] In einer Stunde war schon alles fertig, und wir wurden in einen großen und ganz neu erbauten Speisesaal geführt, allwo wir das sehr wohlbereitete Nachtmahl einnahmen. Nach dem Mahle aber fragte Ich den jungen Hauswirt, wann und wie, und von wem dieser sehr schöne und sehr geräumige Speisesaal erbaut wurde.

[GEJ.06_080,11] Da sagte der Wirt: „Ja, Herr, da ging es wahrlich auch nicht so ganz mit natürlichen Dingen zu! Die Baumeister waren Joses und Joel, respektive Söhne des Joseph und Deine Stiefbrüder. Aber es ging das sehr sonderbar zu. Sie hatten nur zwei Gehilfen, und als sie die Zedern zu behauen anfingen, da dauerte diese Arbeit, die sonst wenigstens zehn Tage vonnöten gehabt hätte, kaum einen Tag, und das Zusammenfügen der Bäume, das Aufstellen des Daches und das Legen der Böden, wie das Verfertigen alles dessen, was da im Saale sich vorfindet, kostete geradesoviel Zeit, als wie viele Tage nach Moses Gott der Herr zur Erschaffung des Weltteils benötigte.

[GEJ.06_080,12] Kurz und gut, nach der Meinung eines jeden Sachverständigen würde die Herstellung eines solchen Saales beinahe ein gutes halbes Jahr benötigen, und das mit mehr und sehr fleißigen Bauleuten, – und dieser Saal ward von nur vier Bauleuten in sechs Tagen also hergestellt, wie er nun dasteht, und das wird etwa doch auch ein offenbares Wunder sein!

[GEJ.06_080,13] Die beiden Brüder sagten es selbst: ,Da hilft uns unsichtbar der Geist unseres göttlichen Bruders!‘ Und es war sicher auch also, da mir das sogar Deine liebe Mutter Maria, die uns oft besucht, auch als etwas sicher Wahres anzeigte. – Ist es nicht also, Herr und Meister alles Lebens und Seins?"

[GEJ.06_080,14] Sagte Ich: „Nun ja, so soll es also auch sein! Aber nun sorget auch für Nachtlager; denn wir sind alle gliedermüde geworden! Morgen werden wir ein Weiteres darüber zu reden Zeit gewinnen."

[GEJ.06_080,15] Das wurde denn auch schnell bewerkstelligt, und wir begaben uns zur Ruhe.

 

81. Kapitel

[GEJ.06_081,01] Ich blieb zu Kana in Galiläa bei sieben Tage lang, und Meine Jünger predigten das Evangelium dem Volke. Nach sieben Tagen aber zogen wir weiter, nachdem wir zuvor viel Gutes gewirkt hatten. Von Kana aus begleitete uns viel Volkes eine weite Strecke und kehrte voll Trostes wieder heim.

[GEJ.06_081,02] Wir zogen aber von da ganz an die nördlichsten Grenzen Galiläas, wohin wir zuvor noch nicht gekommen waren. Allda trafen aber wir eine Menge Heiden an, die sehr abergläubisch waren und auf allerlei Amulette große Dinge hielten. Sie betrachteten uns auch mit sehr verwunderlichen Augen und begriffen gar nicht, wie wir uns ohne solche Schutzmittel zu reisen getraueten. Als wir ihnen andere Beweise von unseren inneren Kräften zu geben anfingen, da fielen sie auf ihre Angesichter; denn sie hielten uns für Götter aus dem Olymp und getrauten sich nicht, uns anzusehen. Erst nach längerem Reden und Beweisen fingen sie wieder an, uns für Menschen zu halten, und es war von da an erst möglich, sich ihnen näher zu offenbaren.

[GEJ.06_081,03] Daselbst blieben wir wohl bei drei Wochen lang und bekehrten da eine große Anzahl Heiden zum reinen Judentume. Es waren aber das sonst ganz gute Menschen, und sie bedienten uns sorglichst mit allem, was sie nur immer besaßen. Als wir sie verließen, da ward viel um uns geweint; aber Ich stärkte sie, und dann ließen sie uns ruhig ziehen.

[GEJ.06_081,04] Auf daß aber der Leser dieser Schrift sich leichter orientiere, wo sich eigentlich diese Amulettheiden befanden, so sehe er auf einer alten Landkarte nach, und er wird in Kleinasien eine Landschaft finden, die da heißt Cappadocia (Cai pa dou ceio? = Was wollen diese hier?). Da, an der Grenze gen Süden, war eine Stadt unter dem Namen Melite (Mei liete! = Habe oder zähle die Jahre!) Diesen Namen bekam die Stadt von einem jungen Könige, der zwar recht weise und tapfer war, – als aber der alte König starb, so wollte sogleich der junge den Thron besteigen. Dabei aber stellte sich im Rate der Ältesten des Volkes heraus, daß der Sohn noch nicht das erforderliche Alter hatte, und man sagte zu ihm: „Mei liete!" = „Habe die Jahre!" Da ward der Sohn zornig, zog mit einigen tapferen Streitern gen Osten, eroberte eben die obbenannte Landschaft Cappadocia zur schon früher innegehabten Landschaft Cilicia (Ci lei cia = So sie nur will), und erbaute daselbst eine Stadt und gab ihr den triumphierenden Namen Mei liete nei (griechisch: Melitene = Habe die Jahre nicht), womit er dem Rate der Ältesten sagen wollte: „Da sehet her, ob ich nicht die Jahre habe!"

[GEJ.06_081,05] Nun, das gehört freilich wohl nicht so ganz in unser Evangelium; aber es schadet niemandem, auch so etwas zu wissen, weil er sich hernach in vielem leichter orientieren kann. –

[GEJ.06_081,06] Also von dieser alten Stadt westlich lag ein bedeutendes Gebirge an der Grenze von Syrien, und daselbst wohnten unsere Amulettgriechen. Wie Ich die Sache mit ihnen ab- und durchgemacht habe, ist in Kürze schon bekanntgegeben worden, und eines weiteren bedarf es da nicht.

[GEJ.06_081,07] Von diesen gemütlichen Menschen zogen wir südwestwärts und gelangten in ein Städtchen namens Chotinodora (Choti no dora = Im Winkel ackert oder pflügt man nicht). In diesem Städtchen wohnten viele Juden aus Bethlehem und trieben da Handel mit allerlei, betrieben auch mit besonderem Eifer das Wechselgeschäft. Zugleich aber waren da auch Griechen aus Armenien und trieben Holzhandel am Strome Euphrat bis nach Indien, da dies Städtchen, so wie ein gleich großes Nachbarstädtchen namens Samosata, eben an dem vorbenannten Strome lag.

[GEJ.06_081,08] „Nun, lauter Handelsleute! Da werden wir für unsere Sache wenig Geschäfte machen!", so meinten die Jünger unter sich, und ein ältester Neujünger sagte zu Mir, als wir am Ufer des Stromes dem regen Tun und Treiben der Menschen zusahen: „Herr, diese Orte aber gehören doch nicht mehr nach Galiläa, und doch hast Du sie bereist, obwohl Du nur in Galiläa allein umherziehen wolltest! Wie kam das, und wie sollen wir das verstehen?"

[GEJ.06_081,09] Sagte Ich: „Das kam ganz natürlich, und das darum, weil nun nach der Ländereinteilung der Römer das alles bis an die Grenze von Kleinasien zu Galiläa gehört, und so sind wir nun noch in Galiläa und sehen uns nicht mehr nach den alten Namen um, sondern nur nach denen, wie sie nun bestehen! Dies Land, das in den Zeiten Jakobs und später unter den Richtern das Land der Trauer, ein Land für Verbannte war, ist nun ein Land der Freude geworden, und ob es schon früher klein war, so ist es nun aber dennoch größer geworden denn alle Länder vom ganzen großen Gelobten Lande. Wir sind nun zwar im alten Syrien, aber dennoch sind wir im neuen Galiläa (G = wie Sch ausgesprochen, lautet es ,Schalilia‘ = ein Ort der Trauer), das nicht ein Land der Trauer, sondern ein Land der Freude und der geistigen Auferstehung geworden ist. – Verstehet ihr das?"

[GEJ.06_081,10] Sagten alle: „Herr, das verstehen wir nun ganz gut, weil es in aller Wahrheit also ist! Aber es fragt sich jetzt nur, was wir hier machen werden. Es ist schon zu Ende mit dem heutigen Tage, und wir haben noch keine Herberge. Auch unser Mundvorrat ist ganz ausgegangen. Darum bitten wir Dich, o Herr, daß Du uns da Rat schaffen möchtest! Oder sollen wir hier im Freien übernachten oder uns umsehen in der Stadt, irgend etwas Brot zum Kaufen zu bekommen?"

[GEJ.06_081,11] Sagte Ich: „O ihr Kleinmütigen! Gehet und tut das letztere! Aber um eine Herberge brauchet ihr euch nicht umzusehen; denn sie wird noch von selbst kommen, wenn sie kommen will. Kommt sie nicht, so bleiben wir hier, und es wird niemandem irgend etwas zuleide geschehen. Morgen erst werden wir sehen, was da zu machen sein wird."

 

82. Kapitel

[GEJ.06_082,01] Darauf erhoben sich einige der Altjünger, gingen in die Stadt und fanden bald einen Bäckerladen und kauften um zehn Pfennige Brot und um vier Pfennige gebratene Fische. Als sie mit diesem Einkaufe aus der Stadt gingen, begegnete ihnen ein Zöllner, der sie anhielt und fragte, wer da so viel Brotes und der Fische bedürfe.

[GEJ.06_082,02] Sie aber sagten (Die Altjünger): „Unser Herr und Meister will es also, und so tun wir es auch also!"

[GEJ.06_082,03] Fragte der Zöllner weiter: „Nun, wer ist denn euer Herr und Meister, und was treibt er für ein Gewerbe?"

[GEJ.06_082,04] Sagten die Jünger: „Gehe hin, und erkundige dich bei Ihm Selbst, – Er wird es dir schon sagen, wenn Er wollen wird! Aber er steht nicht gleich jedermann Rede! Dort, einige hundert Schritte am Ufer des Stromes, aber rastet Er samt den andern Jüngern. Gehe hin, und rede mit Ihm Selbst!"

[GEJ.06_082,05] Sagte der Zöllner: „Warum nehmet ihr denn hier nicht eine Herberge? Es gibt ja deren mehrere in unserer nicht gar kleinen Stadt!"

[GEJ.06_082,06] Sagten abermals die Jünger: „Gehe hin zu Ihm, und Er wird es dir sagen; denn wir wissen es selbst nicht, was Er hier alles machen will!"

[GEJ.06_082,07] Hier sagte der Zöllner: „Ja, da muß ich wohl selbst hingehen und mich bei ihm erkundigen, was da mit euch ist! Denn bei uns wird eine strenge Ordnung gehandhabt, und wir müssen wissen, wer irgendein Fremder ist, der sich unserer Stadt genähert hat."

[GEJ.06_082,08] Hierauf zog der Zöllner mit den Jüngern zu Mir hin, und als er bei uns ankam, da fragte er gleich ganz richterlich strenge und ernst: „Welcher von euch ist wohl der Meister und der Herr?"

[GEJ.06_082,09] Sagte Ich: „Ich bin es! Was willst du von Mir und von Meinen Jüngern?"

[GEJ.06_082,10] Sagte der Zöllner: „Ihr seid Fremde, und solche können wir in der Nähe unserer reichen Stadt nicht dulden, so sie sich nicht näher äußern, wer und woher sie sind!"

[GEJ.06_082,11] Sagte Ich: „Ich kenne eure Gesetze und Rechte besser denn du, der du als ein purer Zöllner gar nicht das Recht hast, uns zu fragen, wer und woher wir seien! Siehe, wir sind von dem Tore der Stadt noch über siebenhundert Schritte entfernt, und dieser Platz, den wir nun einnehmen, ist nach euren Gemeindegesetzen von alters her schon bestimmt für Fremde, und so sind wir nach euren eigenen Gesetzen hier auf diesem Platze frei und sind sonach auch niemand irgendeine Rede und Antwort schuldig! Du selbst aber eile nun lieber in dein Haus zurück, sonst stirbt dein ältester Sohn, der schon sieben Jahre lang krank ist, eher, als du nach Hause kommst!"

[GEJ.06_082,12] Das machte nun den Zöllner äußerst stutzig. Er machte große Augen und fragte Mich, woher Ich das wüßte. Und so Ich das so genau wüßte, so wüßte Ich etwa vielleicht auch, ob denn seinem Sohne nicht mehr zu helfen wäre.

[GEJ.06_082,13] Sagte Ich: „O ja, das wüßte Ich auch und könnte ihm sogar helfen, – auch dann noch, so er sc