Band 3 (GEJ)
Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der Siebten Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte vorbehalten.
Copyright © 2000 by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Jesus in der Gegend von Cäsarea Philippi. (Kap.1-246)
[GEJ.03_001,01] (Julius:) „Es hat bei den Griechen und Römern noch allzeit Männer gegeben, die, wenn sie auch keine Juden waren und auch nicht in deren Prophetenschulen gebildet worden sind, dennoch eine göttliche Inspiration gehabt und sie als solche auch anerkannt haben.
[GEJ.03_001,02] Als einst Krösus, König der Lydier, gegen die Perser einen Krieg führen wollte, so war es ihm sicher sehr daran gelegen, im voraus zu erfahren, ob der Krieg für ihn günstig oder ungünstig ausfallen werde. Wer aber sollte ihm darüber ein Licht geben? Er dachte darum bei sich und sprach: ‚Es gibt ja der Orakel in Menge; eines davon wird etwa wohl die Wahrheit sagen können! Aber wer wird es mir hernach bestimmen können, welches Orakel mir die Wahrheit gesagt hat? Ha!‘ dachte er bei sich weiter und sagte: ,Ich werde zuvor den Orakeln auf den Zahn fühlen, und es wird sich dann schon zeigen, welches Orakel da zu gebrauchen sein wird!‘
[GEJ.03_001,03] Er nahm darauf ein Lamm und eine Schildkröte, zerschnitt beide in kleine Stücke, tat sie zusammen in einen ehernen Topf, bedeckte solchen auch mit einem ehernen Sturz und setzte dann solch Gemenge zum Feuer, daß es kochte. Zuvor aber sandte er Forscher nach Delphi, nach Abä in der Phoker Land, nach dem alten Dodona, also auch zu Amphiaraos und Trophonios, am hundertsten Tage nach der Abreise von Sardis die Orakel zu befragen, womit er sich im Augenblick beschäftige; denn in dieser Zeit kochte er eben sein Lamm und seine Schildkröte auf die vorerwähnte Art und Weise.
[GEJ.03_001,04] Die meisten Orakel gaben so verworrene Antworten, daß daraus wohl niemand hatte klug werden können; aber das Orakel zu Delphi sprach, wie gewöhnlich, in Hexametern:
[GEJ.03_001,05] ‚Sieh', ich zähle den Sand, die Entfernungen kenn' ich des Meeres, / Höre den Stummen sogar, und den Schweigenden selber vernehm' ich! / Jetzo dringt ein Geruch in die Sinne mir, wie wenn eben / Mit Lammfleisch gemenget in Erz Schildkröte gekocht wird; / Erz ist untergesetzt, Erz oben darüber gedecket.‘
[GEJ.03_001,06] Nach dieser Probe befragte er das Orakel zu Delphi, ob er gegen die Perser ziehen solle, bekam aber die bekannte Antwort, daß, wenn er über den Halys ginge, ein großes Reich zerstört würde! Er fragte das Orakel zum dritten Male, ob seine Herrschaft lange bestehen werde. Und die Pythia antwortete:
[GEJ.03_001,07] ‚Wird dem Meder dereinst als König gebieten ein Maultier, / Dann, zartfüßiger Lyder, entfleuch zu dem steinigen Hermos! / Zögere nicht, noch fürchte die Schmach feigherziger Eile!‘
[GEJ.03_001,08] Nach des Orakels eigener Auslegung, die es nach der Gefangennehmung des Krösus gab, war unter dem Maultiere Cyrus, sein Sieger, zu verstehen, weil er von einer vornehmen Mederin, einer Tochter des Astyages, und von einem persischen Vater, der jener untertan war, gezeugt war.
[GEJ.03_001,09] Eben dieser Krösus befragte einst auch das Orakel, ob sein Sohn, der stumm war, nicht genesen könne, und erhielt zur Antwort:
[GEJ.03_001,10] ‚Lyder, wiewohl ein mächtiger Fürst, doch törichten Herzens, / Sehne dich nicht zu vernehmen in deinem Palast die erflehte / Stimme des sprechenden Sohnes! Das wird traun besser dir frommen! / Wiss', er redet zuerst an dem unglückseligsten Tage!‘
[GEJ.03_001,11] Und sehet! Am Tage, als Sardis erobert ward, ging ein wütender Perser auf Krösus los, um ihn niederzustoßen. Da lösten Furcht und Angst des Sohnes Zunge, und der Sohn sprach: ,Mensch, töte Krösus nicht!‘ Das war des stummen Sohnes erstes Wort, und er konnte fürder immer reden sein Leben lang.
[GEJ.03_001,12] Seht, dies Orakel war, wie schon früher bemerkt, kein Weisheitstempel aus der jüdischen Schule der Propheten! Wer aber könnte ihm nach den angeführten wahrhaftigen Exempeln irgendeine göttliche Inspiration streitig machen?!"
2. Kapitel
[GEJ.03_002,01] (Julius:) „Ebenso sind uns Römern genug geschichtliche Überlieferungen bekannt, daß zum Beispiel ein Sokrates, ein Plato, ein Aristides und noch eine Menge anderer Weisen einen Genius stets bei sich hatten, der sie belehrte und ihnen stets nach der Fähigkeit ihres Herzens weise Lehren und in Notfällen einen sichern Rat erteilte; und wer aus ihnen den Rat nicht befolgte, hatte auch sicher die üble Folge davon zu gewärtigen.
[GEJ.03_002,02] Nun, so man aber solches weiß, zum Teil aus der Geschichte und zum Teil aus höchst eigener Erfahrung, da kann einem solch eine Erscheinung, wie ihr sie hier angetroffen habt, denn ja doch nicht gar so unstatthaft vorkommen. Kurz, wir wissen es aus den vielfachen Überlieferungen und aus Erfahrungen der Gegenwart, daß sich höhere Wesen gar nicht so selten, als es manche meinen, zu uns Menschen begeben, sich uns auf eine mannigfache Art kundgeben und uns bald über dies und bald über jenes irgendeinen Aufschluß erteilen; wenn aber das, so ist unser Engel nun sicher keine gar so ungewöhnliche Erscheinung, als man sie auf den ersten Augenblick zu halten pflegt!
[GEJ.03_002,03] Daß aber ein solch vollendeter Geist für unsern Verstand unbegreifliche Kräfte besitzt und daher für uns auch gar seltene Wunderwerke ausführen kann, darin finde ich nichts Außerordentliches.
[GEJ.03_002,04] Ich hatte einmal Gelegenheit, Menschen aus Hinterägypten zu sehen und mit ihnen durch einen Dolmetsch zu reden. Sie waren ganz nackt und bedeckten nicht einmal ihre Scham. Sie hielten uns Römer für höhere, himmlische Wesen und verwunderten sich im höchsten Grade über die großen und prachtvollsten Gebäude Roms, über die schönen Kleider und unsere glänzende Pracht; sie hielten alles, was sie von Menschenhänden gemacht sahen, für Werke der Götter, für die sie uns hielten, und fragten mich, ob wir auch stets die Sonne und die Sterne, wie den Mond regierten und alles das lenkten nach unserem Belieben, oder ob es zu dem Geschäfte noch irgend andere Götter gäbe.
[GEJ.03_002,05] Natürlich belehrten wir sie, und ehe ein Jahr um war, wußten sie schon recht gut, daß auch wir nur Menschen waren, und lernten recht viele Dinge von uns, bekleideten sich am Ende und hatten eine große Freude daran, als sie Kleiderstoffe selbst zu machen gelernt hatten und daraus zu verfertigen allerlei Kleider, männliche und weibliche. Nach wenigen Jahren kehrten sie wieder mit allen möglichen Kenntnissen ausgerüstet in ihr Vaterland zurück und haben dort sicher Schulen errichtet und sogestaltig einiges Licht in ihre Naturwildnis gebracht.
[GEJ.03_002,06] Nun, so wir da in unserer noch sehr großen geistigen Ungebildetheit einen vollendeten Geist wirken sehen, so muß es uns freilich wohl im hohen Grade wundernehmen, wie so etwas denn doch möglich sei; wenn aber unser Geist ebenso vollendet sein wird, da werden sicher auch wir Höheres zu leisten imstande sein und werden uns dann sicher nicht so wie jetzt verwundern, so ein Geist einen Stein in seine Urelemente zersetzen wird mit der uns bekannten Kraft.
[GEJ.03_002,07] Daß wir aber in unserem geistigen Teile einer ins Unbegrenzte gehenden Vollendung fähig sind, das beweisen uns tausend Beispiele; und an diesem Tische sitzen Menschen, die dem Engel schon so ziemlich nahe sein dürften, und einer aber dürfte dem Engel schon sehr bedeutend überlegen sein, wie ihr solches auch zuvor von dem Arzte aus Nazareth vernommen habt.
[GEJ.03_002,08] Werfet euch demnach von nun an auch hauptsächlich auf die möglich größte Ausbildung eures Geistes, und ihr werdet dann auch nicht nur so einen Stein, sondern einen ganzen Berg in seine Urelemente auflösen können!"
[GEJ.03_002,09] Hierauf wandte sich Julius an den Engel und sagte: „Und du, Raphael, sage, ob ich da nun in meiner etwas gedehnten Rede auch nur ein falsches oder unwahres Wort geredet habe?!"
3. Kapitel
[GEJ.03_003,01] Sagt der Engel: „Durchaus nicht, es verhält sich alles also, wie du es nun recht herrlich beleuchtet hast. Daher sollen die dreißig Brüder nur emsig nach dem leben, was sie ehestens von diesen unsern Brüdern hören werden, so werden sie auch bald in allem unsere Brüder werden.
[GEJ.03_003,02] Gott gibt keinem Engel und keinem Menschen, der im Grunde auch ein angehender Engel ist, mehr als ein vollkommenes Selbstleben und in diesem Leben die Fähigkeiten, es aus sich selbst heraus zur möglich größten Gottähnlichkeit zu bilden in allem. Wenn einem neugeschaffenen Engel wie einem Menschen aber die sicheren Wege bekannt sind, auf denen er allzeit zur vollen Gottähnlichkeit gelangen kann, er aber will nicht darauf wandeln, nun, so muß er sich's denn am Ende doch selbst zuschreiben, wenn er gleichfort in der todschwachen Gottunähnlichkeit verbleibt.
[GEJ.03_003,03] Freilich, wohl kann ein noch so vollendeter Geist Gott in alle Ewigkeit nie erreichen in der endlosesten Fülle; aber das tut ihm auch nichts; denn man kann darum doch alles ins Werk setzen – freilich stets in der von Gott gestellten Ordnung –, was man nur immer will. Man kann auch aus sich gleich Gott am Ende selbständige Wesen hervorrufen und ihnen ein ewiges, freies Sein geben und kann dann mit solchen Wesen seine hohe Freude und Seligkeit haben, gleichwie schon irdisch ein Vater mit seinen geratenen Kindern, – und das ist Gottähnlichkeit zur Übergenüge!
[GEJ.03_003,04] Ich selbst habe bereits mehrere Welten mit kleinen Sonnen geschaffen und sie alle aus mir heraus vollkommen bevölkert. Und alle diese Welten sind mit allem oft besser denn diese eure Erde ausgestattet. Alles pflanzt sich dort also fort wie hier, und die Geister sind dort so wie hier einer hohen Vollendung fähig. Und warum sollten sie es auch nicht sein? Denn es ist am Ende doch ein jeder Geist aus Gott, gleichwie die Keime der künftigen Gewächse nun schon mehrere Milliarden Male aus den Vorsamenkeimen reproduziert worden sind.
[GEJ.03_003,05] Und da ihr als Abkömmlinge des Satans noch den Geist Gottes in euch traget, um wieviel mehr dann erst die Abkömmlinge unserer gottähnlichen Schöpferkraft!
[GEJ.03_003,06] Und seht, das alles könnet auch ihr erreichen, so ihr auf den Wegen wandeln werdet, die euch gezeigt werden! Wer aber aus euch darauf nicht wird wandeln wollen, der wird sich's denn am Ende ja auch selbst zuzuschreiben haben, so er in seiner todschwachen Gottunähnlichkeit verbleiben wird durch undenklich lange Zeitenfolgen hindurch.
[GEJ.03_003,07] Darum liebe aus euch ja niemand die Welt und sein Fleisch mehr denn seinen Geist! Jeder bekümmere sich vor allem nur um das, was da ist des Geistes, so wird er auch ehestens das erhalten, was da ist des Geistes, nämlich die volle Gottähnlichkeit!
[GEJ.03_003,08] Wer sich aber stets mehr kümmert um das, was da ist der Welt und des Fleisches, ja der muß sich's ja auch ganz allein zuschreiben, daß er auf dem gleichen Nachtgebiete des Todes verbleibt.
[GEJ.03_003,09] Alles Leben kann in einem fort in ein immerwährend vollendeteres Leben übergehen, wenn es sich die Mühe nimmt, auf der Bahn der gestellten göttlichen Ordnung fortzuschreiten. Bleibt aber das Leben stehen auf einem Punkte, besonders im Beginn der großen Lebensbahn, nun, so kommt es auch ganz natürlich nicht weiter, sondern bleibt stehen und verkümmert am Ende gleich einem Halme im Winter, wenn er seiner Lebensfrucht nach der Ordnung Gottes einmal ledig geworden ist.
[GEJ.03_003,10] Darum seid tätig und übertätig für den Geist! Kein Schritt vorwärts gereue euch! Denn da ist eine jede Tat und ein jeder Schritt stets vom höchsten Segen Gottes begleitet.
[GEJ.03_003,11] Glaubet ja nicht, daß ich als ein Engel schon so vollendet bin, daß ich mich nun in die volle Untätigkeit begeben könnte! Ich gewinne nun durch dieses Hiersein endlos vieles und werde fürder für meine höchst eigenen Schöpfungen wieder vollendeter wirken können. So aber ich hier als ein reiner und vollendeter Geist noch so unschätzbar vieles gewinnen kann, um wieviel mehr ihr, die ihr hinter mir in der Vollendung noch so weit zurückstehet!
[GEJ.03_003,12] Danket es daher Gott dem Herrn, daß Er euch in diese heilig großgnadenreichste Gelegenheit geführt hat, in der ihr in einer Stunde für euern Geist weiter kommen könnet, als sonst nach Art eurer Weltlehren in zehntausend Jahren!
[GEJ.03_003,13] Seht, solch große Gnadengelegenheiten werden von Gott aus einer Welt nur höchst selten geboten; darum soll sie da ein jeder, der das große Glück hat, Genosse einer solchen Gelegenheit zu sein, nach allen seinen Kräften benutzen für seinen Geist.
[GEJ.03_003,14] Sendet oder erweckt Gott irgendwo einen Propheten, so sollen sich alle um ihn her drängen und von ihm vernehmen zu ihrem höchsten Wohle das heilige Wort Gottes; denn Gott erweckt dergleichen Männer nur von hundert zu hundert Jahren einmal in großer Tiefe der rechten Weisheit der Himmel.
[GEJ.03_003,15] Gar große Propheten aber, durch die Gott den Menschen der Erde sehr viele und große Dinge kundtut, werden höchstens alle tausend bis zweitausend Jahre zu den Menschen dieser Erde gesandt, um ihnen im großen und gedehntesten Maße die weiteren neuen Wege Gottes zur noch höheren Vollendung zu zeigen einesteils, und andernteils sie von den vielen Irrwegen, die sie sich selbst gemacht haben, abwendig und auf den einen rechten Weg hinwendig zu machen.
[GEJ.03_003,16] Denn seht, in der großen Schöpfung Gottes bewegt sich alles in einem fort vorwärts, gleich der Zeit der Erde, die auch nie stehenbleibt! Die Geister machen offenbar stets große Fortschritte. Weil aber im Reiche der reinen Geister so große Fortschritte in einem fort geschehen, so dürfen die unsterblichen Geschöpfe auf den Weltkörpern nicht zurückbleiben, auf daß sie nicht zu ferne zu stehen kommen vom Reiche der Geister.
[GEJ.03_003,17] Nach dem Erscheinen solcher großen Propheten geht es dann wieder auch bei den Menschen aus eigener Tätigkeit gut, wennschon nicht im Allgemeinen, aber dennoch im Sonderheitlichen. Aber wie dann wieder in der Geisterwelt ein großer Vorsprung gemacht wird, dann tut es sich mit dem stets etwas umhüllten Lichte eines vormaligen großen Propheten nicht mehr; es wird ein neuer erweckt und gesandt, und die Menschheit rückt dann auch wieder, wenn anfangs auch sonderheitlich nur, dem großen Vorsprunge der Geisterwelt nach.
[GEJ.03_003,18] Die Menschheit aber wird darauf in ein paar Jahrhunderten dennoch findiger und bringt endlich Sachen zum Vorscheine, von denen den älteren Generationen nie etwas geträumt hatte.
[GEJ.03_003,19] Wenn aber die Menschheit also nach etwa zwölf bis fünfzehn Jahrhunderten irgendeinen Kulminationspunkt erreicht hat, so würde sie dann aus sich heraus träge und bliebe stehen, wie es auf dieser Erde auch von Gott also zugelassen ist, daß sich auf ihr stets alle erdenklichen Bildungszustände sollen vorfinden lassen, auf daß die geweckteren Menschen daraus lernen sollen, daß die Menschheit ohne von Zeit zu Zeit erscheinende Offenbarungen aus sich heraus Jahrtausende auf demselben Flecke stehenbleibt und nicht um ein Haar vorwärts schreitet, wie solches ihr alle bei den heutigen Indiern und Hinterindiern in die Erfahrung bringen könnet.
[GEJ.03_003,20] Der Herr läßt solches zu, damit sich die Menschen, die irgendeinmal dahin kommen, selbst überzeugen können, daß es auf ein Haar also ist, wie ich es euch vorhergesagt habe. Aber jene Menschen werdet endlich ihr selbst in euren Nachkommen zum Nachziehen bekommen; denn für Völker, die auf einer unteren Stufe der Bildung ihres Geistes stehen, erweckt der Herr nie eigens irgendeinen großen Propheten, sondern läßt sie, das heißt die ungebildeten Völker, durch die eigentlich nur durch die Offenbarungen erstgebildeten Hauptvölker dieser Erde gewisserart nachziehen, wofür der Herr Seine endlos weisesten Gründe hat.
[GEJ.03_003,21] Aber die Menschen auf der ersten Stufe vor Gott auf einem Weltkörper sollen solch einen höchsten Beruf wohl auch allzeit tiefst und dankbarst erkennen und emsigst danach handeln; sonst ist es dann ihre eigene Schuld, wenn sie zuletzt in ihren Nachkommen tief unter die Hinterindier, die wir Sinesen nennen wollen, herabsinken und am Ende den Tieren gleich vollkommen dumm werden! – Saget, ihr dreißig Brüder, mir nun, ob ihr das alles so ganz klar begriffen habt!"
4. Kapitel
[GEJ.03_004,01] Sagt der eine junge Pharisäer: „Hoher, erhabener, mächtiger Geist! Vieles ja, aber alles noch lange nicht! Aber wir alle danken dir inbrünstigst dafür; denn du hast wahrlich mit dem großen Himmelsschlüssel Geheimnisse eröffnet, von denen wir früher auch nicht eine allerleiseste Spur hatten. Wir werden uns auch von nun an alle erdenkliche Mühe geben, auf der rechten Lebensbahn fortzuschreiten; nur möchten wir sie noch näher kennenlernen. Für heute aber haben wir schon zur Übergenüge; denn bis das unser Geistmagen verdauen wird, brauchen wir einige Zeit. Am morgigen Tage werden wir schon für Höheres und Tieferes empfänglicher sein, als das heute der Fall sein konnte.
[GEJ.03_004,02] Jetzt aber möchten wir bloß noch den höchst weise scheinenden Mann, der an der Seite des hohen Statthalters ruht und sich ganz geheim mit ihm bespricht, irgend einige Worte der Weisheit aussprechen hören; denn der, wenn auch kein Engel, scheint euch alle weit zu übertreffen,- denn seine Mienen und sein gewisserart stoischer Gleichmut während deiner Engelsrede verrät Tiefstes und Größtes!"
[GEJ.03_004,03] Sagt Julius: „Da habt ihr wohl recht; aber es ist der Mann eben nicht so leicht, als ihr es meinet, zum Reden zu bringen. Wann Er gerade will, da spricht Er oft viel, und es ist da ein jedes Wort wie eine ganze Schöpfung voll Weisheit; aber wenn Er geradewegs nicht reden will, so kann Ihn nicht leichtlich jemand dazu bewegen. Versuchet ihr es aber selbst, redet Ihn an, und Er wird euch schon irgendeine Antwort geben!"
[GEJ.03_004,04] Sagt der junge Pharisäer: „Nein, dazu gebricht es mir am Mute; denn der könnte unsereinem eine Antwort geben, daß man daran sein Leben lang genug hätte! Darum lassen wir heute auch recht gerne ab von unserem sicher sehr unzeitigen Vorwitze!"
[GEJ.03_004,05] Sagt Julius: „Da tut ihr wahrlich sehr wohl daran! Morgen wird auch noch ein Tag sein; da wird sich vielleicht eher und leichter eine Gelegenheit ergeben, mit Ihm zum Worte zu gelangen, als heute. Vielleicht ordnet Er aber heute noch irgend etwas an, und ihr könnet Ihn da am leichtesten und ungeniertesten vernehmen."
[GEJ.03_004,06] Damit beruhigen sich unsere jungen Pharisäer und warten auf eine Gelegenheit, Mich zu vernehmen.
[GEJ.03_004,07] Bald darauf aber kommt ein Wachtmeister vom Meere herüber, wo die bekannten Verbrecher gefangengehalten wurden, und sagt zum Julius: „Herr und Gebieter! Mit den fünf Raubmördern ist es nicht mehr zum Aushalten; denn sie führen eine so erschreckliche Sprache und machen dabei so entsetzliche Gebärden, daß sich darob alle Soldaten entsetzen und einige davon ob der erschrecklichsten und allerfrechsten Lästerungen kaum mehr dahin im Zaume zu halten sind, um sich an den Verbrechern nicht jählings zu vergreifen. Denn sie sagen: ,Wir wollen lieber sterben, als noch länger solche gar zu bösartigst frechste Lästerungen geduldig anhören!‘"
[GEJ.03_004,08] Fragt Julius Mich, sagend: „Herr, was fangen wir da an?"
[GEJ.03_004,09] Sage Ich: „Es sind bis zum Morgen hin noch fünf Stunden, und diese Zeit müssen die fünf Hauptverbrecher aushalten! Da kann und darf ihnen kein Augenblick lang nachgelassen werden! So aber die Wächter die Lästerungen nicht vertragen können, so sollen sie sich zurückziehen, auf daß sie solche nicht hören; denn es wird darum auch nicht einer der Verbrecher durchkommen und lösen seine festen Bande. Dafür stehe Ich da! Die etlich sieben politischen aber leiden ohnehin keine bedeutende Not und sind ruhig; diese können mit den Wächtern weiter hereingezogen werden, und es wird sich morgen mit ihnen leichtmachen. Aber die Raubmörder werden uns allen noch genug zu schaffen machen. Also geschehe es; denn nur durch die große Qual kann die Seele der bösen Raubmörder von ihrem Satansfleische und dessen sehr bösen Geistern freier und freier gemacht werden, ohne welche Freimachung an irgendeine Heilung gar nicht zu denken ist."
[GEJ.03_004,10] Auf diese Meine Worte entfernt sich der Wachtmeister und setzt alsogleich Meinen Rat in Vollzug.
5. Kapitel
[GEJ.03_005,01] Aber der junge Pharisäer hatte bei dieser Gelegenheit etwas von der Heilung der fünf Raubmörder gehört, was ihm sehr auffiel, und er fragte darum sogleich den Hauptmann, ganz verlegen sagend: „Hoher Gebieter! Ist das am Ende etwa gar der berühmte Heiland aus Nazareth, oder sonst ein erster Abgesandter von ihm? Denn wir haben es gehört, daß er Jünger aufnehme und darauf, das heißt, wenn sie etwas verstehen, Gesandte an alle Orte hinsende, daß sie ihm Teilnehmer für seine neue Lehre erwecketen, was ihnen auch zuallermeist gelingen soll. Wenn das der Heiland aus Nazareth wäre, so säßen wir in einer schönen Patsche!"
[GEJ.03_005,02] Sagt Julius, etwas ernst sich haltend und dem jungen Pharisäer scharf ins Auge sehend: „Wieso denn? Warum soll euch das in eine Patsche setzen, so etwa möglicherweise jener Mann der berühmte Heiland aus Nazareth Selbst wäre? Wahrlich, diese Frage kommt mir von eurer Seite etwas verdächtig vor! Gebet mir nun einen rechten Aufschluß über solch eure Verlegenheit, sonst dürfte es euch eben nicht am besten ergehen!"
[GEJ.03_005,03] Diese etwas scharfe Gegenfrage des Julius erfüllte die jungen Leute mit einer starken Portion Furcht, und der sonst wortführende junge Pharisäer ward nun auch sehr verlegen und wußte nicht sogleich, was er dem etwas scharf gewordenen Julius zur Antwort geben solle.
[GEJ.03_005,04] Julius aber sagte: „Kannst und willst du mir die Wahrheit gestehen, da brauchst du gar nicht darüber nachzudenken, wie und was du reden sollst. Willst du mich aber mit bloß wahrscheinenden Phrasen beschwichtigen, so irrst du dich sehr an mir; denn ich kenne nur zu gut eine fuchsschwänzische Dichtung von der reinen Wahrheit. Ich werde euch aber nun etwas sagen: Sehet zu, daß ich euch nicht durchschaue! Mir kommt es heimlich noch immer also vor, als sollte man euch noch lange nicht voll trauen; denn ihr selbst, scheint es mir, seid schon ein für alle Male mit allen Satanssalben geschmiert. Wer euren Worten traut, macht leichtlich einen derben Verräter an sich selbst. Alles, was ihr hier geredet habt, kann in bezug auf euer schlechtestes Herz nichts als eine pure Maske sein. Aber dann wehe euch; denn vom Durchgehen wird da wohl keine Rede mehr sein, wo ich selbst die schärfste Wache halte! Rede darum die vollste Wahrheit nun, oder euch geht es schlechter denn jenen fünf Raubmördern, die draußen am Ufer des Meeres an starke Pfähle gebunden sind! Darum ohne alles Zögern mit der vollsten Wahrheit heraus!"
[GEJ.03_005,05] Auf diese Antwortforderung des Julius werden die sämtlichen dreißig blaß und zitternd vor Furcht; denn obgleich sie im Grunde wohl den ganz ernsten Sinn hatten, vom Tempel loszuwerden, so waren sie aber dabei doch auch darauf bedacht, sich nötigenfalls auch im Tempel weißwaschen zu können. Denn das verstanden die jungen Pharisäer aus der Kunst, sich im Notfalle überall weiß zu machen. Ging es ihnen irgendwo enge darum, daß sie dem Tempel angehörten, so waren sie die größten Lästerer des Tempels. Kamen sie aber wieder in den Tempel zurück, und man hielt es ihnen vor, daß sie über und wider den Tempel losgezogen hätten, da hatten sie dann eine Menge der trefflichsten Gründe in der vollsten Bereitschaft, aus denen sie zum Scheine nur wider den Tempel losgezogen hätten.
[GEJ.03_005,06] Aus diesem Grunde sagte Ich denn auch gleich anfangs, daß man ihnen nicht zu sehr trauen solle; denn derlei Menschenseelen gleichen stets den zahm gemachten wilden Tieren, denen man auch nie völlig trauen darf, weil die Wildheit, so sich eine Gelegenheit bietet, gerne wieder zurückkehrt.
[GEJ.03_005,07] Als nach einer kleinen Weile des ängstlichen Schweigens Julius in seiner Forderung intensiver zu werden begann, sagte Ich zu ihm: „Freund, laß es ihnen, daß sie sich fassen und dann reden! Denn mit Lügen können sie uns doch unmöglich abfertigen, wenn sie dazu vielleicht auch den Willen hätten. Denn fürs erste bin Ich da, den man nicht belügen kann, und fürs zweite ist auch der Raphael da, den man auch nicht belügen kann. Was würde sonach den dreißig Geängsteten irgendeine Lüge nützen uns gegenüber, die fürs erste nicht belogen werden können, und die fürs zweite alle Macht und Gewalt in ihren Händen tragen?!"
[GEJ.03_005,08] Sagt Julius: „Ich sehe es schon, daß Du, o Herr, wie allzeit auch diesmal wieder vollkommenst recht hast, und so will ich denn von diesen dreißig auch mit aller Geduld die Antwort abwarten. Nur den Beisatz mache ich, daß ich, so da zu lange keine Antwort zum Vorschein käme, am Ende doch erfahren würde, was mir zu tun übrigbliebe!"
[GEJ.03_005,09] Gleich darauf öffnet der junge Pharisäer mit einigem Mute wieder seinen Mund und sagt: „Hartnäckig bis zur Verzweiflung hast du von uns die Antwort auf deine Frage verlangt. Wir aber fragten dich zuvor freundlichst, wennschon etwas erregt, über den erhabenen Mann dort, wer er sei, ob er nicht etwa gar der Heiland aus Nazareth wäre, und wir sagten, daß, so er es wäre, uns das in eine schöne Patsche setzen würde. Dies fiel dir auf; du faßtest sogleich Mißtrauen zu uns und wolltest sogleich mit dem drohlichsten Ernste von der Welt den Grund von uns erfahren. Daß wir darauf ängstlich wurden, ist leicht begreiflich, da wir deine Strenge schon verkostet haben.
[GEJ.03_005,10] Aber nun, da wir an jenem herrlichen Manne, den wir eigentlich geheim am meisten fürchteten, weil in uns stets der Gedanke aufstieg, ob er nicht der Heiland aus Nazareth sei, einen Verteidiger unserer Verlegenheit gefunden haben, haben wir auch gut reden; denn nun haben wir keine Furcht mehr und können nun frei und ganz offen reden.
[GEJ.03_005,11] Daß wir vor dem Heilande aus Nazareth eine begründete Furcht haben mußten, liegt ja doch ganz einfach darin, daß wir im Grunde des Grundes denn doch vom Tempel aus als seine offenbaren Verfolger dastehen, wenn wir es in unseren Herzen eigentlich auch nie waren; wir haben vor der Welt auch schon so manche Scheinverfügungen gegen ihn treffen müssen, die ihm keineswegs angenehm sein konnten, wenn sie ihm geradewegs bisher auch keinen weiteren Schaden zu bringen imstande waren.
[GEJ.03_005,12] Wir aber haben hier nun schon so manches Pröbchen erlebt und gemerkt, daß es da einem Verfolger des Heilandes eben nicht am besten ergehen dürfte. Und so fragten wir dich denn auch, als wir von der morgigen Heilung der fünf Raubmörder etwas vernommen hatten, ob er nicht etwa am Ende gar selbst der berühmte Heiland aus Nazareth wäre.
[GEJ.03_005,13] Wäre er es für ganz bestimmt, so bliebe uns denn am Ende doch sicher nichts übrig, als sich vor ihm in den Staub zu werfen und ihn zu bitten um Vergebung alles dessen, was wir vom Tempel aus genötigt etwa schon alles gegen ihn haben unternehmen müssen. Und sieh, das ist eben die Patsche, in der wir uns befänden, so er im Ernste der Heiland aus Nazareth wäre! Aber da wir nun dieses Mannes edelstes Herz gesehen haben, so kann er nun auch der Heiland aus Nazareth sein, und wir werden von ihm aus doch sicher in keine Patsche mehr kommen! – Da hast du nun die treustwahre Antwort, die du von uns so drohlich verlangt hast; aber darum gib du uns nun auch die rechte Antwort auf unsere Frage!"
[GEJ.03_005,14] Sagt Julius: „Nun denn, so wisset es denn, daß Er es ist, dem alle Natur und alle Mächte der Himmel untertan sind, – Er ist der berühmte Heiland aus Nazareth! Von Ihm zeugete zuvor das Mägdlein, und Seinem Winke gehorchte der Engel, als er euch das Pröbchen seiner Macht zeigte; aber da ihr nun das wisset, so saget mir es, was ihr nun tun wollet und werdet!"
6. Kapitel
[GEJ.03_006,01] Sagt der junge Pharisäer und auch alle andern mit ihm: „Darum sei Gott gelobt in der Höhe, daß Er dem Menschen solche Macht gegeben hat, die dem schwachen Sterblichen nur zum Heile gereichen kann! Es steht zwar in den Propheten, daß Gott dem Volke Israel einst einen Messias senden werde. Nun, was ist es, so wir ihn als solchen annähmen? Ein Messias nach den Verheißungen dürfe zwar nicht aus Galiläa geboren und herkömmlich sein; aber das ist auch eine Prophetensprache, die man im Grunde, was den Geist betrifft, denn doch nicht völlig versteht! Wir haben es zwar nie so recht eingesehen, warum aus Galiläa kein Prophet oder sonst ein großer Mann auferstehen solle, indem die Galiläer doch nicht darum können, daß sie Galiläer sind. Aber geschrieben ist es einmal! Wer es glauben will, der glaubt es; wer es aber nicht glauben will, der läßt es bleiben, – und zu den letzteren dürften wir alle so ziemlich gehören, daß es uns demnach auch gar nicht beirrt, diesen Heiland aus Nazareth als einen Messias in bester Gestalt und Form anzunehmen.
[GEJ.03_006,02] Aber es ist denn gewisserart doch etwas höchst außerordentlich Sonderbares und eine große Frage, wie dieser Mensch zu solchen außergewöhnlich höchsten, gottähnlichen Eigenschaften gekommen ist! Denn soviel wir aus unseren Nachforschungen über ihn und seine Herkunft herausgebracht haben, so sei er eines Zimmermanns Sohn, der stets, bis etwa in sein dreißigstes Jahr, daheim geblieben sei und mit seinem Vater und etwaigen andern Brüdern gezimmert habe, bald dort, bald da, und es habe da niemals jemand etwas Außerordentliches an ihm entdeckt; man habe ihn auch nie lesen und schreiben und rechnen sehen, auch soll sein Umgang mit Menschen ein sehr wortkarger und nichts weniger als irgendein geistreicher gewesen sein!
[GEJ.03_006,03] Ja, man erzählte es uns in Nazareth selbst, daß ihn sein Vater und seine Mutter gar oft darum ausgezankt haben, weil er fürs erste nicht leicht in die Synagoge zu bringen war, sich fürs zweite nie die Schrift vorlesen lassen wollte und wenig oder nichts auf den Sabbat hielt. Sein Liebstes wäre ihm die Natur gewesen und eine stumme Betrachtung der Dinge der Erde.
[GEJ.03_006,04] Also soll auch das Fischen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen gehört haben, und er fischte stets mit gutem Erfolge, darum ihn die Fischer auch gerne bei sich hatten.
[GEJ.03_006,05] Kurz, was wir über ihn nur immer irgend in die Erfahrung haben bringen können, das deutete sicher darauf hin, daß er fürs erste einmal nirgends eine Schule besucht habe und fürs zweite ganz wohlbekannt stets ein Mensch gewesen sei, bei dem nur ein sehr geringer Grad von irgendeiner Bildung hervorgeleuchtet habe.
[GEJ.03_006,06] Aber auf einmal sei er erwacht und in eine solche Weisheit getreten, daß man mit der besten Überzeugung sagen könne, die Welt habe noch nie einen weiseren Menschen getragen!
[GEJ.03_006,07] Nun, das und natürlich noch eine Menge haben wir über ihn in die sicher treuwahrste Erfahrung gebracht, finden ihn nun hier und überzeugen uns, daß er ein ganz ungewöhnlich außerordentlicher Mann ist; und es kann uns daher durchaus nicht verargt werden, so wir fragen: Wie kam er zu solchen nie erhörten Eigenschaften, die vor ihm nie ein Mensch besaß und sicher fürder keiner mehr besitzen wird?"
[GEJ.03_006,08] Sagt Julius: „Wer kennt aber auch das Ziel und das Maß des Geistes Gottes, inwieweit solcher sich in den wirksamen Verband mit dem Geiste eines Menschen setzen will?! Kann es nicht geschehen, daß der allmächtige Gottesgeist sich in aller seiner Machtfülle mit einem Menschengeiste verbindet und dann also handelt und wirkt, wie ganz natürlich nie ein purer Mensch handeln und wirken kann, weil er kein Gott ist?!
[GEJ.03_006,09] Wo aber Gott Selbst durch den endlos gestärkten Geist eines dazu sicher seltenst tauglichen Menschen redet, handelt und wirkt, da muß für uns schwache Sterbliche natürlich nichts als Wunder über Wunder zum Vorschein kommen. Wort und Tat sind eins, – wir können weder das eine noch das andere nachahmen; denn wir sind dem Leibe und dem beschränkten Geiste nach nur Menschen. Er aber ist nur dem Leibe nach ein Mensch gleich uns; aber dem Geiste nach ist Er ein Gott im höchsten Grade und beherrscht die ganze Unendlichkeit!"
[GEJ.03_006,10] Da aber – das heißt nach unseren römisch-theosophischen Begriffen – das erkannte rein Göttliche, wie und wo es sich auch immer äußert, höchst zu verehren und anzubeten ist, so ist es auch hier klar, daß wir mit einem Menschen, durch den sichtlich und handgreiflich die ganze Fülle des allmächtigen Gottesgeistes wirkt, aber auch ganz anders handeln müssen, als wie wir unter uns gegenseitig handeln; das wird euch wohl sicher sehr einleuchtend sein!?
[GEJ.03_006,11] Und ihr könnet aus dem dann entnehmen, warum wir hochgestellten Römer Ihm aus aller Tiefe unseres Herzens die höchstmögliche Verehrung, Liebe und Achtung erweisen und Ihn vollkommen als den Herrn aller Welt anerkennen und hochpreisen. – Saget mir, ob euch das nicht als notwendig und im hohen Grade einleuchtend vorkommt!"
[GEJ.03_006,12] Sagt der junge Pharisäer: „O ja, allerdings; denn in vielen Stücken gefällt uns eure Theosophie überaus gut und ist unter den Umständen auch hier vollkommen auf ihrem rechten Platze. Nur, natürlich, nach der eigentlichen Lehre Mosis würde das freilich wohl nicht ganz gut und geheuer anzunehmen sein; denn dort heißt es allerschärfst und ausdrücklich: ,Ich allein bin der Herr, und du sollst keine fremden Götter neben Mir haben!‘"
[GEJ.03_006,13] Sagt Julius: „Ganz richtig; aber man muß auch Moses verstehen nicht nur dem Wortlaute, sondern vielmehr dem wahren Geiste nach, und man wird dann auch bald und leicht finden, daß Moses mit seiner scharfen Lehre hier eigentlich gar keine Widersacherei finden kann, so ich den Grundsatz aufstelle, daß der Mensch eine oder eine andere Äußerung – aber stets eines und desselben Gottesgeistes, der mit Moses geredet hatte – auch stets als solche erkennen und höchst verehren solle, aus welchem Grunde die Ägypter, Griechen und wir Römer, wenn auch am Ende durch eine Art blinden Aberglaubens etwas zu weitgehend, allen Menschen und Geschöpfen, bei denen sie irgendeine besondere ungewöhnliche Kraft und Wirkung entdeckten, die göttliche Verehrung erwiesen.
[GEJ.03_006,14] Nun, aber da dachten wir: Dem Reinen ist am Ende doch alles rein! Wenn die etwas abergläubische Menschheit bei ihrer Verehrung des Göttlichen unter allerlei Gebilden nur nicht irgend in etwas Arges ausartet – wozu sie leider fast allzeit durch den Hunger und durch die stets wachsende Herrsch- und Habsucht der Priester verleitet wird –, die erzürnten Götter zu besänftigen durch grausame Menschenopfer, so kann man ihr einen gewisserart frommen Aberglauben nicht einmal zu einem zu groben geistigen Gebrechen anrechnen; denn nach meiner Ansicht ist es am Ende dennoch allzeit besser, der Mensch glaubt etwas, das denn doch einen guten Grund hat, als er glaubt am Ende gar nichts und stempelt sich sogestaltig selbst zum Tiere herab, das auch weder einen rechten noch irgendeinen Aberglauben haben kann.
[GEJ.03_006,15] Ein Mensch, der gar keinen Glauben annehmen will und kann, kann auch nie zu irgendeiner wahren Ausbildung seines Verstandes gelangen. Denn wer da ein Haus bauen will, muß sich zuvor um das dazu nötige Baumaterial umsehen. Wie aber wird jemand auch nur eine allereinfachste Fischerhütte errichten ohne alles Material? Ist in dem rohen Material aber auch anfänglich keine Ordnung, so läßt sich aber dennoch bald eine schaffen, wenn nur irgendein Material da ist; aber wo alles Material total mangelt, da hebt sich alles Ordnen desselben ganz sicher von selbst auf.
[GEJ.03_006,16] Darum sage ich, daß dem Menschen selbst ein Aberglaube am Ende noch immer mehr nützt als gar kein Glaube; denn es ist am Ende Stroh ja auch noch besser als gar nichts! Aus Stroh kann man schon etwas machen; hingegen aus nichts kann ewig nichts anderes als wieder nichts gemacht werden. Aus dem Grunde dulden die Römer auch eures Volkes oft allerfinstersten Aberglauben, weil wir noch immer irgendeinen Nutzen für die Menschheit darin ersehen.
[GEJ.03_006,17] Aber die Templer selbst sind uns ein Greuel, weil wir ganz bestimmt wissen, daß sie gar nichts glauben und darum dem Volke statt der Wahrheit die allerabsurdesten Dinge als höchst göttlich glauben machen und jene Menschen sogar mit den unerträglichsten Strafen belegen, die zufolge ihrer natürlichen Gewecktheit am Ende bei allem moralischen Zwange denn doch nicht glauben können, daß die Schönheit eine Häßlichkeit sei, die Sonne schwarz statt weiß leuchte und im Bache Kidron Blut fließe! Das halte ich für eine allerschändlichste Bosheit, aber irgendeinen Aberglauben eines Menschen für sich durchaus nicht!
[GEJ.03_006,18] Ja, wenn man dann irgendein Vermögen und eine gute Gelegenheit hat, den blinden Menschen ein rechtes Licht zu geben, so ist das freilich von einem unschätzbaren Werte; aber solange man das nicht imstande ist, lasse man dem Volke seine fromme Meinung! Denn kann man dem Volke dafür nichts Besseres geben, so lasse man ihm wenigstens das, was es hat!"
7. Kapitel
[GEJ.03_007,01] Sagt der Pharisäer: „Alles, was du, hoher Gebieter, redest, ist aber auch so handgreiflich gut und wahr, daß wir nichts anderes sagen können, als daß ein jeder Mensch von nur etwas Geist durch eine Stunde Umgang mit dir offenbar mehr für seinen Kopf und für sein Herz gewinnt, als wenn er hundert volle Jahre die Dummheiten des Tempels anhören könnte, an denen nichts als ein leerer Wortschall haftet.
[GEJ.03_007,02] Es wird wohl darin viel geplaudert und noch mehr geplärrt; aber das ist alles soviel, als so man zu jemand sagte: ‚Freund, wasche mir meine Hände und Füße; aber nur gib dabei fein acht, daß du sie mir ja nicht im geringsten irgend naß machst!‘ – Und bei unseren Lehren, die im Tempel gehalten werden, wird ausdrücklich verlangt, daß man sie wohl mit aller Andacht anhöre und tue, was da verlangt wird. Aber warum, und welch Verständnis in der vorgetragenen Lehre liegt, darum darf sich niemand kümmern, – denn das seien Geheimnisse Gottes, um die niemand denn allein nur der Hohepriester etwas Näheres wissen dürfe, aber unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit.
[GEJ.03_007,03] Was nützt dem Menschen eine Lehre, deren Wortlaut er allenfalls wohl anhören kann, ja sogar muß, aber davon auch nie eine Sterbenssilbe verstehen darf?! Da wäre es denn doch offenbar ebensogut, von solch einer Lehre nie ein Wort zu vernehmen!
[GEJ.03_007,04] Bei Gott, wenn man die Sache der Gotteslehre unter den Menschen so recht beim Lichte betrachtet, so kommt man dabei oft auf Dinge, über die sich jeder Straußenmagen umkehren könnte! Denn sind oft die Menschen in ihrem andern Tun und Lassen auch eben nicht gar so dumm und finster wie eine mondlose, tief umwölkte Herbstnacht, so sind sie es aber sicher hundertfach in ihren Gotteslehren! Entweder glauben sie oft einen Bundschuh um den andern, daß es davor schon einem Hunde zu ekeln anfangen muß – geschweige einem ehrlichen Menschen –, oder sie glauben gar nichts.
[GEJ.03_007,05] O Herr und Gebieter, du kannst es nicht glauben, wie es mir oft zumute war, wenn ich so den Menschen etwas als gut und wahr vorpredigen mußte, wovon ich als einer totalsten Lüge im voraus mehr als durch und durch überzeugt war. Ich hätte mich oft selbst gerade vor lauter Ärger erwürgen können. Aber was half es? Wenn der Ochse einmal im Joche steckt, muß er ziehen – ob es leicht oder schwer geht –, sonst gibt es Hiebe in Überfülle! Ich habe mir unter dem Predigen oft gedacht und mich selbst befragt: ‚Wer wohl ist ein bedauerlicherer Ochse, ich, der Prediger, oder der, dem ich predigte?‘ Und ich mochte mich des Gedankens nie erwehren, demnach dennoch ich selbst stets der größere und im Grunde notgedrungen dümmere Ochse war! Denn mein Zuhörer konnte, wenn er ein gescheiter Mensch war, mich hinterdrein nach Herzenslust auslachen und sich bei seinen Freunden lustig machen über mich; das durfte ich aber, wenigstens im Tempel, bei Strafe des verfluchten Wassers nicht tun.
[GEJ.03_007,06] Darum, hoher Gebieter, sage ich: Weg nun von uns allen, was da im vollsten Ernste rein des Teufels ist! Wir werden von nun an recht gescheite Menschen und ewig keiner menschlichen Dummheit mehr zu Dienern werden; denn es ist etwas Entsetzliches, ein Diener der Dummheit der Menschen zu sein! Von nun an Waffen und die reine Vernunft! Alles andere gehört zwischen die Geweihe des alten Sündenbockes, den man umbringen und verbrennen muß mit dem Feuer eines gerechten Ärgers. – Aber nun von etwas anderem!
[GEJ.03_007,07] Weißt du, hoher Gebieter, nicht, was dieser gute Gottmensch etwa begehren würde, wenn er uns nur auf eine ganz kurze Zeit von etlichen Tagen zu seinen Jüngern annähme? Denn es müßte sich von ihm in kürzester Zeit äußerst viel gewinnen lassen! Meinst du wohl, daß wir ihn darum etwa ganz harmlos fragen könnten?"
[GEJ.03_007,08] Sagt Julius: „Allerdings; aber das weiß ich auch ganz bestimmt, daß Er nirgends irgendeinen materiellen Lohn annimmt, sondern stets nur einen rein geistigen! Oh, Er hat nie auch nur ein Naulum Geldes bei Sich und bleibt dennoch nie jemandem irgend etwas schuldig! Der Ihm irgend etwas zuliebe tut, dem vergilt Er es auf einem andern Wege tausendfältig; denn Sein Wort und Sein Wille sind mehr wert als die ganze Welt. Mehr brauchet ihr nicht zu wissen und könnet nun tun, was ihr wollt!"
[GEJ.03_007,09] Sagt der junge Pharisäer: „Ganz gut und wohl, und vielen Dank dir, du hoher Gebieter, für diese Aufhellung unseres Gemütes; denn nun weiß ich es schon recht wohl, was wir alle tun werden und gewisserart tun müssen! Jetzt erst werden wir uns alle an ihn ganz ernstlich wenden; und was er sagen wird, das werden wir auch tun!"
8. Kapitel
[GEJ.03_008,01] Nach solchen Worten erhebt sich der junge Pharisäer, geht zu Mir hinüber und sagt: „Herr, Meister und Heiland ohnegleichen! Wer ich und meine 29 Brüder sind, das weißt du ganz sicher und gewiß, und wer du so ganz eigentlich bist, haben wir auch durch den hohen Gebieter Julius vernommen; da wird es sonach nicht viel des Hin- und Herfragens bedürfen. Aber da wir vernommen haben, daß du zuzeiten auch Jünger annimmst, so möchten auch wir – auf eine kurze Zeit nur, wenn es etwa nicht auf eine längere sein könnte – deine Jünger sein!"
[GEJ.03_008,02] Sage Ich: „Wäre alles gut; aber seht: Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber Ich habe nicht, dahin Ich Mein Haupt legete!
[GEJ.03_008,03] Der Mein Jünger sein oder werden will, der muß eine starke Bürde auf seinen Rücken nehmen und Mir also nachfolgen! Irdische Vorteile schauen bei Meinen Jüngern gar keine heraus, im Gegenteil müssen sie sogar um Meines Namens und um Meiner Liebe willen die schon gehabten irdischen Vorteile und Besitztümer nicht nur für eine Zeitlang, sondern für immer verlassen; sogar Weiber und Kinder dürfen sie daran nicht hindern, so sie vollends wahre Jünger des Reiches Gottes werden wollen.
[GEJ.03_008,04] Geld oder sonstige Weltschätze dürfen sie nicht haben, auch nicht zwei Röcke, ohne Not Schuhe, Säcke zum Einstecken und irgendeinen Stock oder Wanderstab, um sich gegen einen allfälligen Feind zu verteidigen.
[GEJ.03_008,05] Sie dürfen auf der Erde nichts haben als allein das verborgene Geheimnis des Reiches Gottes. Könnet ihr euch dazu bequemen, dann könnet ihr Meine Jünger sein!
[GEJ.03_008,06] Auch muß ein jeder Meiner Jünger gleich Mir voll Liebe, Sanftmut und Geduld gegen jedermann sein. Er muß seinen ärgsten Feind ebenso segnen wie seinen besten Freund und muß, wenn sich Gelegenheit bietet, dem Gutes tun, der ihm zuvor geschadet hat, und beten für den, der ihn verfolgt.
[GEJ.03_008,07] Zorn und Rache müssen ferne sein dem Herzen eines jeden, der Mein Jünger sein will; über die bitteren Vorkommnisse auf dieser Erde darf er nicht klagen oder darüber gar ärgerlich zu murren anfangen.
[GEJ.03_008,08] Er muß alles ergötzliche Sinnenleben fliehen wie die Pest, aber dafür alles aufbieten, um vollauf durch Mein lebendiges Wort im eigenen Herzen sich förmlich einen neuen Geist zu schaffen und endlich für ewig vollkommen in diesem Geiste fortzuleben in der Fülle aller geistigen Kraft.
[GEJ.03_008,09] Überdenket darum diese Bedingungen, und saget es Mir, ob ihr damit einverstanden seid, und ob ihr euch alldem völlig unterziehen wollet!"
[GEJ.03_008,10] Über diese Meine Vorstellung fangen die jungen Pharisäer gewisserart an, sich sehr hinter den Ohren zu kratzen, und es weiß keiner, was er so als ganz Geeignetes darauf sagen solle. Der gewöhnlich mit dem Julius verkehrende, aber nun noch bei Mir stehende junge Pharisäer sagt aber dennoch nach einer Weile, so zur Hälfte scherzweise: „Lieber, guter und unübertrefflichster Meister! Die uns gestellten Bedingungen mögen an und für sich ganz gut sein in Anbetracht der Erreichung auch nur einiger deiner außerordentlichen, gottähnlichen Eigenschaften; aber es werden sich ganz wenige nur dazu bekennen und bequemen! Und fürs Allgemeine aber kann solch ein Verlangen ja ohnehin nie einen Wert erhalten; denn wollten am Ende alle Menschen in deine Jüngerschaftsbedingungen eingehen, so würde die Erde bald also aussehen, wie sie nach Moses am zweiten oder dritten Schöpfungstage ausgesehen hatte, nämlich öde, wüste und leer! Weißt du, Proselyten (Neubekehrte) wirst du auf diesem Wege sehr wenige zustande bringen! Einige wenige ja, die sich dem sogenannten beschaulichen Leben unterziehen und schon gewisserart auf dieser Erde das erreichen wollen, was sie erst jenseits zu erreichen haben, werden sich wohl dazu bequemen; aber alle Menschen!? O Gott, wohin mit der Welt!?
[GEJ.03_008,11] Da ist und bleibt die alte Lehre Mosis für die physische und moralische Sphäre eines jeden Menschen denn doch immer das Erschöpfendste und in jeder Hinsicht aller Kreatur Dienlichste! Da kann man vor Gott und vor der Welt gleich einem David ein angesehener Mensch sein, was im höchsten Grade zur Erhaltung der Ordnung auf der Erde nötig ist. Stelle du nur alle Menschen gleich, und du wirst dich bald überzeugen, wohin die Menschheit da kommen wird schon in einer jüngsten Zeit! Einige wenige ja sollten im Besitze der Geheimnisse des Reiches Gottes auf Erden sein; aber für alle Menschen taugte das gerade also, als wenn bei einem Heere entweder lauter gleichrangige Feldherren sich vorfänden oder aber auch lauter gemeine, rohe Krieger ohne alle Kenntnis von der Führung eines Krieges, also ohne einen Feldherrn. Wahrlich, mit so einem Kriegsheere könnten es am Ende auch einige nur einigermaßen gut geleitete Altweiberscharen aufnehmen!
[GEJ.03_008,12] Ich für mich allein will allerdings recht gerne dein Jünger werden, und hättest du mir noch schwerere Bedingungen gestellt; aber ob sich alle meine Gefährten dazu bequemen werden, das ist eine sehr bedeutend andere Frage! Denn siehe, der Tempel verlangt wohl wahrlich sehr vieles; aber du verlangst gleich alles, – und dazu, Freund, dazu werden sich sehr wenige verstehen!"
9. Kapitel
[GEJ.03_009,01] Sage Ich: „Das macht ja aber auch nichts; Ich zwinge ja niemanden! Wer Mir folgen will, der folge; wer aber nicht will und nicht kann, der bleibe daheim!
[GEJ.03_009,02] Aber in diesen Tagen leidet das Reich Gottes Gewalt; und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, die werden es nicht besitzen.
[GEJ.03_009,03] Ich aber meine in Hinsicht Meiner euch gestellten, allerdings etwas schweren Bedingungen: So du einen alten und schon sehr zerlumpten Rock hast, mit dem es eine barste Schande ist, mehr unter die Menschen zu treten, und es kommt ein Mensch zu dir mit einem neuen, guten Rocke und spricht zu dir: ,Freund, ziehe aus deinen alten Rock und vertilge ihn ganz, weil er für eine weitere Zukunft durchaus nicht mehr zu gebrauchen ist, und ich gebe dir hier darum einen neuen, der für alle Zeiten taugen wird, weil er aus einem Stoffe gewebt ist, dem keiner Zeit Stürme etwas anhaben können!‘ – wirst du bei solch einem Antrage wohl noch der Narr sein und behalten den alten, morschen Lumpenrock?
[GEJ.03_009,04] Weiter weißt du, so wie deine Gefährten, daß dies irdische Schul- und Probeleben nur eine äußerst kurze Zeit dauert und hinter demselben gleich die endloseste Ewigkeit beginnt. Weißt du wohl, wie und ob du nach des Leibes Tode noch irgendein Fortleben haben wirst? – Ich aber bin nun allein in der Lage, dir wie jedermann für dieses kurze und armselige Leben mit der höchsten Bestimmtheit das ewige, vollkommenste Leben eines Engels zu geben.
[GEJ.03_009,05] Wirst du da auch irgend noch ein Bedenken tragen, Meinen Antrag anzunehmen, zumal Ich der einzige bin, der dir das ewige Leben bereiten und ganz zu eigen geben kann? Wahrlich, Ich verlange nur sehr Geringes – und gebe aber darum überaus vieles!
[GEJ.03_009,06] Meinst du denn, die Erde würde wüste und leer werden, so da mit der Zeit, was auch einstens geschehen wird, alle Menschen den Anforderungen Meiner Lehre nachkämen? Oh, du kurzsichtiger Pharisäer!
[GEJ.03_009,07] Da siehe diesen Meinen Engel! Er allein hat so viel Macht und Kraft aus Mir, daß er, so Ich es wollte, diese ganze Erde, die große Sonne, den Mond und alle die andern dir sichtbaren Sterne, gegen deren Weltgröße diese ganze Erde kaum ein kleinstes Sandkörnchen zu nennen ist, in einem Augenblick ebensoschnell zunichte machen könnte, als wie er zuvor den Stein zunichte gemacht hat. Wenn du aber glaubst, daß die Kultur des Erdbodens nur von den Menschen abhängt, so irrst du dich gewaltig!
[GEJ.03_009,08] Ich will dir ein Stück Feldes geben, aber es zuvor belegen mit Meinem Fluche, und du magst dann darauf arbeiten, wie du willst, und es wird dir auch nicht einmal Dornen und Disteln zum Fraße deiner Würmer tragen! Wohl legt der Sämann das Korn in die gefurchte Erde; aber es müssen bei der Aussaat auch Meine Engel mitarbeiten und also segnen den Acker, ansonst er dir ewig keine Früchte tragen wird! – Verstehst du das?
[GEJ.03_009,09] Wenn aber die Hauptbearbeiter des Erdbodens zur Tragung irgendeiner Nährfrucht gleichfort Meine Engel sind, so könnten sie im günstigen Notfalle schon auch das Aussäen auf sich nehmen, so wie sie solches auch an Stellen dieser Erde tun, die noch keines Menschen Fuß betreten hat.
[GEJ.03_009,10] Aber weil die Menschen im alten Fluche leiden und selbst für ihren Leib mit aller Gewalt arbeiten wollen, – nun, so haben Meine Engel dabei stets gut den gleichen alten Feiertag halten!"
10. Kapitel
[GEJ.03_010,01] (Der Herr:) „Habt ihr nicht gelesen vom einstigen Eden der Erde, allwo der erste Mensch erschaffen wurde? Dieses Eden war ein großer Garten und bestens bestellt mit den besten Früchten der ganzen Erde; und doch hatte ihn zuvor unmöglich irgendeines Menschen Hand bearbeiten können! Also hatten die ersten Menschen keine Häuser und Städte; sie hatten nur äußerst wenig Bedürfnisse, die leicht zu befriedigen waren, blieben aber dabei gesund, erreichten stets ein sehr hohes Alter und hatten darum sehr viel Zeit, sich mit ihrer inneren Seelenbildung abzugeben und standen fast gleichfort im sichtbaren Verbande mit den Mächten der Himmel.
[GEJ.03_010,02] Ein Kain aber erbaute durch Eingebung des Satans seinem Sohne Hanoch schon eine Stadt gleichen Namens; und er hat dadurch den Grundstein zu allen Übeln der Erde gelegt.
[GEJ.03_010,03] Ich sage es euch: Der Mensch bedarf zum Leben auf dieser Erde gar nicht viel; aber des Menschen Hoffart, seine Trägheit, sein Hochmut, seine Selbstsucht und Herrschlust brauchen unbeschreibbar vieles und sind dennoch nie zu befriedigen!
[GEJ.03_010,04] Dafür ist zumeist der Menschen Sorge genährt, und die Menschen haben dann ganz natürlich keine Zeit mehr, sich mit dem abzugeben, womit sie sich eigentlich abgeben sollten, weil sie von Gott nur darum auf diese Welt gesetzt worden sind.
[GEJ.03_010,05] Von Adam bis Noah führten die Kinder der Berge nie einen Krieg, weil sie nur sehr geringe Bedürfnisse hatten und keiner mehr sein wollte, als was da war sein Bruder, und die Eltern aber ihr Ansehen gegenüber ihren Kindern dadurch stets auf die ansehnlichste Weise behaupteten, weil sie gleichfort die weisen Führer und Lehrer und Ratgeber ihrer Kinder verblieben.
[GEJ.03_010,06] In der Tiefe aber, wo die am Herzen und Verstande blinden Menschen sich ihre Lehrer und Führer und Ratgeber gar prächtig zu schmücken begannen, ihre Häupter salbten und mit Kronen zierten und ihnen des größeren Ansehens wegen auch allerlei Macht und Gewalt einräumten, da war es dann auch aus mit dem Leben unter leichten und kleinen Bedürfnissen!
[GEJ.03_010,07] Die Pracht hat einen großen Magen, der nimmer zu sättigen ist. Die Erde konnte auf einem engen Flächenraume kein genügend Futter mehr aus dem Boden treiben, und die schwer zu sättigenden Prachtmenschen fingen an, sich weiter und weiter auszudehnen, nannten den okkupierten Boden gleich ihr volles Eigentum, sorgten darauf gleich für die Pracht und erweckten dadurch den Neid und die Eifersucht und dadurch auch bald Mißgunst, Zank, Hader und Krieg, und der Stärkere bekam am Ende das Recht und ward Herrscher über die Schwächeren und zwang sie, für ihn zu arbeiten und ihm in allem untertan zu sein. Die Widerspenstigen aber wurden gezüchtigt und gar mit dem Tode zum unbedingtesten Gehorsam getrieben!
[GEJ.03_010,08] Und seht, das war alles die Folge der äußeren Kultur der Erde, der Prachtliebe und des daraus hervorgehenden Hochmutes!
[GEJ.03_010,09] Wenn Ich nun aber in Meinem Geiste aus den Himmeln kommend euch wieder auf den glücklichen Urzustand der ersten Menschen zurückführen will und euch die lange gänzlich verlorenen Wege ins Gottesreich zeige, wie könnet ihr da sagen, daß die von Mir gestellten Bedingungen, um Meine Jünger zu werden, zu hart und fürs Allgemeine nahezu unausführbar seien!
[GEJ.03_010,10] Ich sage es euch: Das Joch, das Ich auf eure Nacken lege, ist sanft, und die Bürde, die Ich euch zu tragen biete, ist federleicht gegen das, was ihr nun Tag für Tag traget.
[GEJ.03_010,11] Wie weit hinaus in alle Welt sind eure Sorgen gerichtet! Tag und Nacht habt ihr keine Ruhe und keine Rast; und das allein nur der Welt wegen, und daß ihr nicht etwa wo verkürzt würdet in eurer eingebildeten Pracht und in eurem Wohlleben, auf Kosten des oft blutigen Schweißes eurer schwachen Brüder und Schwestern!
[GEJ.03_010,12] Wie soll bei solch einem Sorgen die Seele noch irgendeine Zeit finden, für die Erweckung des Geistes Gottes in ihr auch noch etwas zu tun!?
[GEJ.03_010,13] Ja, eure Seelen und die Seelen von Millionen wissen nicht einmal mehr, daß sie Träger des Geistes Gottes sind, geschweige, daß sie bei ihren ins Endlose gehenden Weltsorgen zur Frei- und Selbständigwerdung desselben irgend etwas Ersprießliches tun könnten und möchten. Die arme und schwache Menschheit wird aber von euch zu sehr für eure Pracht- und Wohllebensliebe zu blutig- rastloser Knechtsarbeit angetrieben und kann darum auch nicht für die Frei- und Selbständigwerdung ihres Geistes irgend etwas tun, und so seid ihr samt euren Untertanen tot und seid wahrhaft Kinder des Satans und möget nicht vernehmen Mein Wort, das euch ernstlich und wahr führet zum Leben, sondern ihr verteidiget euer Wort, aus dem für euch und für alle eure Untergebenen der ewige Tod notwendig erfolgen muß!"
11. Kapitel
[GEJ.03_011,01] (Der Herr:) „Man klagt noch Gott an und sagt: ‚Wie konnte Gott eine alles Leben erstickende Sündflut über den Erdboden kommen lassen und wie vernichten die Sodomiter und Gomorrhiten!?‘ O nichts leichter als das! Denn wozu belebte und gezierte Fleischklumpen auf dem Boden einer Erde noch länger herumwühlen lassen, deren Seelen sich so weit von der alten Ordnung Gottes entfernt haben, daß in ihnen aber auch die letzte Spur sogar des Bewußtseins ihrer selbst vor lauter Sorge ums Fleisch entflohen ist!?
[GEJ.03_011,02] Kann es noch eine dickere Inkarnation (Verstofflichung) der Menschenseele geben als eine, in der die Seele nicht nur von dem göttlichen Geiste in ihr jeder Ahnung bar geworden ist, sondern sich am Ende selbst auch derart verliert, daß sie ihr eigenes Dasein im vollsten Ernste zu leugnen anfängt und nicht mehr zu der Überzeugung zu bringen ist, daß sie ist!?
[GEJ.03_011,03] Ja, wenn bei der Menschheit der Welt einmal der Zustand eintritt, da hat dann auch der Mensch vollends aufgehört, ein Mensch zu sein; er ist dann nur mehr ein instinktartig vernünftiges Tier und ist vorderhand für jede weitere Bildung der Seele und des Geistes total unfähig. Darum muß solch ein Fleisch getötet werden und verfaulen samt der zu intensiv inkarnierten (sehr verstofflichten) Seele, auf daß vielleicht nach vielen Jahrtausenden eine aller Inkarnation ledig gewordene Seele wieder den Weg ihrer Selbstbildung und Selbständigwerdung, entweder noch auf dieser Erde oder auf einer andern, betreten kann.
[GEJ.03_011,04] Daß es aber nun schon wieder gar häufig Menschen gibt, die von ihrer eigenen Seele vor lauter großen Sorgen um der Welt und ihres Fleisches willen nichts mehr wissen, das könnet ihr zum Teil an euch selbst, zum Teil an den Sadduzäern und zum größten Teile an allen Menschen ersehen; denn da weiß keiner mehr Bescheid zu geben, wer und was die Seele ist! Man spricht sie wohl aus und sagt: ‚Bei meiner Seele‘, und ‚in meiner Seele‘; fragt man aber dann jemanden und sagt: ‚Freund, wer und was ist denn etwa doch die Seele?‘, da steht dann der Befragte sofort gleich einem Ochsen am Berge und weiß nicht, wo aus und wo ein!
[GEJ.03_011,05] Wenn aber einmal eine Seele sich selbst nicht mehr kennt und am Ende sogar ganz vergißt, daß, was und wie sie ist, dann hört sich alles auf! Und Gott bleibt da nichts übrig, als das alte Menschenleiber-Vertilgungsmanöver von neuem über den Erdboden ergehen zu lassen, bald in größerem und bald in kleinerem Maße, je nach dem Sachverhalte der Menschen, inwieweit diese von ihrem Geiste und ihrer Seele noch etwas oder gar nichts mehr wissen.
[GEJ.03_011,06] Solch reine Welt- und Fleischmenschen werden zwar der Außenform nach oft sehr schön und üppig, besonders das weibliche Geschlecht; der leichtfaßliche Grund liegt in der stets größeren Einigung der Seele mit ihrem Fleische. Aber solche Menschen werden dadurch auch schwach und für alle argen physischen Eindrücke sehr empfänglich. Solche Leiber werden leicht krank, und ein leisester pesthaltiger Hauch bringt ihnen den unvermeidlichen Tod, während Menschen, die eine freie Seele und in ihr einen freien Geist haben, alle Gifte der Erde über sich kommen lassen können, und es wird ihnen aber alles nicht im geringsten zu schaden imstande sein; denn eine freie Seele und der freieste Geist in ihr haben Kraft und Mittel in Überfülle, jedem ohnmächtigen Feinde auf das wirksamste zu begegnen, während eine von ihrem verfluchten Fleische an allen Lebensorten und Enden dickst geknebelte Seele einem klein (eng) gefesselten Riesen gleicht, der sich am Ende nicht einmal gegen eine ihn belästigende Fliege zur Wehr stellen kann und sich gefallen lassen muß, so ihm ein ohnmächtiger Zwerg mit einem Messer schön langsam, aber dafür desto schmerzlicher den Kopf vom Rumpfe trennt."
12. Kapitel
[GEJ.03_012,01] (Der Herr:) „Merket euch das! So ihr kommet in einen Ort, allwo es sehr schön gestaltete und geputzte Menschen beiderlei Geschlechtes gibt, da ziehet ehestens weiter; denn da ist fürs Gottesreich kein Geschäft zu machen, weil da zum wenigsten das halbe Sodom und Gomorrha fertig ist! Von solch einem Orte ist auch das Strafgericht Gottes nimmer ferne; denn solche verfleischte Seelen, die zum größten Teile von ihrem höchst eigenen Dasein nahezu alles Bewußtsein in das Grab ihres Fleisches gelegt haben, sind zu sehr durch und durch geknebelt. Und wird ihr schönes Fleisch von den bösen, rohen und noch höchst ungebildeten Naturgeistern der Luft nur ganz leise beschlichen, so können sich solche geknebelte Seelen zu keiner Wehr stellen und erliegen dann ehestens samt ihrem Fleische, das, weil zu sehr seeldurchmengt, viel empfänglicher und empfindlicher ist als das Fleisch des Leibes einer freien Seele.
[GEJ.03_012,02] Gehet hin und ergreifet eine so recht zarte Stadtdirne recht fest am Arme oder an einem sonstigen Leibesteile, und sie wird schreien vor Schmerz; gehet aber hin aufs Land zu einem arbeitenden Landmanne, der nebst seiner Arbeit aber auch noch für seine und seiner Kinder Seelen eine gerechte Sorge trägt, da könnet ihr die Hände des Landmannes und seiner Kinder so fest als ihr wollt ergreifen und schütteln, und sie werden kein zu großes Schmerz- und Angstgeschrei erheben!
[GEJ.03_012,03] Ihr meinet wohl, daß solche Unempfindlichkeit von der schweren Arbeit und von der dadurch bewirkten Abhärtung herrühre?! O nein, sage Ich euch; sondern die größere Unempfindlichkeit ist nur eine Folge der aus ihrem Fleische durch allerlei Selbstverleugnung freier gewordenen Seele, wodurch dann auch die rechte Abhärtung des Fleisches zustande gebracht wird.
[GEJ.03_012,04] Wo aber alle Sorge für die Zärtung des Fleisches getragen wird und sogar eigene Schulen bestehen, in denen der Leib durch allerlei Gymnastik möglichst ebenmäßig und am Ende durch allerlei Salben und Öle so zart als möglich gemacht wird, da gibt es keine freie und starke Seele mehr; und kommt dann nur ein leiser Gifthauch über solche ekelhaft schwachen Leiber, so hält dann leicht der Tod sein reichstes Erntefest.
[GEJ.03_012,05] Da wird dann wieder gejammert und geklagt, und ein halbgläubiger Mensch um den andern macht seinen Mund auf und sagt: ‚Aber was kann Gott da doch für ein Vergnügen haben, so Er die Menschen in einem fort mit allerlei Plagen heimsucht?!‘ Da schaue entweder gar kein Gott heraus, oder Gott sei zu erhaben und kümmere Sich ums Gewürm einer Erde nimmer, oder Gott sei opferhungrig und weihrauchlüstern geworden, man müsse Ihn wieder besänftigen durch reiche Opfer, magische Sprüche und durch Weihrauch! Oder Gott sei erzürnt worden und räche Sich nun an der harmlosen schwachen Menschheit; man müsse in Sack und Asche Buße tun und zum wenigsten zwölf Sündenböcke in den Jordan schmeißen!
[GEJ.03_012,06] Aber daran denkt niemand, daß all das Leiden, alle Krankheiten, alle Kriege, alle Teuerung, Hunger und Pest lediglich daher rühren, weil die Menschen anstatt für ihre Seele und ihren Geist nach der Ordnung Gottes alles zu tun, nur alles für ihren Leib tun!
[GEJ.03_012,07] Man predigt wohl toten Seelen die Furcht vor Gott, an den aber der seelentote Prediger selbst schon lange nicht mehr glaubt, sondern nur an das, was er fürs Predigen bekommt, und zu welcher Ehre und zu welchem Ansehen ihn ein gut studiertes Predigertalent bringen könnte. Und so führt ein Blinder den andern, und so will ein Toter den andern Toten lebendig machen. Der erste predigt für seinen Leib, und der andere horcht auf die Predigt seines Leibes wegen. Was für ein Vorteil aber läßt sich da wohl für irgendeine im höchsten Grade kranke Seele denken und bewirken?
[GEJ.03_012,08] Ich bin ein Heiland; wie, fragen sich die toten und daher stockblinden Menschen, kann Mir doch solches möglich sein? Und Ich sage es euch, daß Ich keines Menschen Fleisch heile, sondern wo irgendeine Seele noch nicht zu mächtig mit ihrem Fleische vermengt ist, mache Ich nur die Seele frei und erwecke, insoweit es sich tun läßt, den in der Seele begrabenen Geist. Dieser stärkt dann sogleich die Seele, die frei wird, und es ist ihr dann ein leichtes, alle Gebrechen des Fleisches in einem Moment in die normale Ordnung zu setzen.
[GEJ.03_012,09] Das nennt man dann eine Wunderheilung, während das doch die allerordentlichste und natürlichste Heilung des Fleisches von der Welt ist! Was jemand hat, das kann er auch geben; was er aber nicht hat, das kann er auch nicht geben!
[GEJ.03_012,10] Wer eine lebendige Seele nach der Ordnung Gottes hat und einen freien Geist in ihr, der kann auch seines Bruders Seele frei machen, wenn sie noch nicht zu sehr inkarniert (verfleischlicht) ist, und diese hilft dann gar leicht ihrem kranken Fleischleibe. So aber der Seelenarzt selbst eine überaus kranke Seele hat, die viel mehr tot denn lebendig ist, wie sollte der hernach einer zweiten Seele geben, was ihm selbst gänzlich mangelt?! Darum überdenket es euch!
[GEJ.03_012,11] Die Bedingungen zur Werdung Meiner Jünger habe Ich euch nun gezeigt, und die Übel der Welt bis auf ihren wahrsten und tiefsten Grund. Tut nun, was ihr wollt! Ich nehme euch weder zu Meinen Jüngern auf, noch verwehre Ich euch, solche zu werden. Wollt ihr aber schon Meine Jünger werden, so müsset ihr auch vor allem eure Seelen frei und stark machen, ansonst euch die Jüngerschaft Meiner Lehre nichts nützen würde!"
13. Kapitel
[GEJ.03_013,01] Nach dieser Rede macht alles große Augen und sagt im stillen: ,Meine Schuld!‘ Und der junge Pharisäer weiß darauf nicht, was er Mir erwidern soll. Auch Cyrenius und Julius machen hier etwas bedenkliche Mienen, und der Ebahl und die Jarah selbst, der ihre weibliche Schönheit bedenklich zu werden beginnt!
[GEJ.03_013,02] Und Cyrenius sagt nach einer Weile tiefen Nachdenkens: „Herr und Meister, ich habe mit Dir schon hie und da einige Tage und Nächte zugebracht und habe von Dir viel Wunderbares wirken sehen und Dich auch sehr scharf reden hören, aber so wie diese Deine Rede hat mich noch nie etwas so sehr aus aller Meiner Lebensfassung gebracht! Denn nach dieser Deiner nunmaligen Äußerung sind wir durchaus nicht um vieles besser gestellt als zu den Zeiten Abrahams Sodom und Gomorrha. Und all unser Sorgen, Tun und Handeln ist ganz in optima forma des Satans. Freund, das ist eine sehr harte Lehre! Leider kann man sich's um keinen Preis der Welt verhehlen, daß Du uns hier die allernackteste Wahrheit aufgetischt hast; aber wie nun sich auf einen Standpunkt stellen, von dem aus man sicher bereitwilligst aller Welt den Rücken zeigen und dann alle Zeit auf die Kultur der Seele und des Geistes verwenden könnte?"
[GEJ.03_013,03] Sage Ich: „Freund, nichts leichter als das! Du bleibst, was und wer du bist, und stehst dem vor, dem du vorgestellt bist; aber nicht zu deinem Ansehen, sondern zum vielseitigen Nutzen der Menschen!
[GEJ.03_013,04] Denn sieh, als zu Noahs Zeit die Flut kam über den Boden der Erde, den die im Grunde des Grundes lebensverdorbenste Menschheit bewohnte, so tötete die Flut bis auf Noah und dessen kleine Familie und die Tiere, die Noah in den Kasten aufnehmen konnte, in der weiten Weltgegend alles, nur die Fische im Wasser natürlich nicht.
[GEJ.03_013,05] Wie aber erhielt Noah sich und seiner Familie das Leben hoch über all den todbringenden Wogen der großen Flut? Sieh, er befand sich in seinem festen Kasten, den die tolle Flut ganz gehorsamst auf ihrem Rücken tragen mußte und konnte nirgends eindringen ins Innere des Kastens, allwo sie auch dem Leben Noahs hätte gefährlich werden können!
[GEJ.03_013,06] Diese tödliche Flut Noahs erhält sich aber geistig noch gleichfort über dem Boden dieser Erde; und Ich sage es dir, daß diese geistige und beständige Sündflut Noahs dem Leben der Weltmenschen nicht im geringsten irgend minder gefährlich ist als die einstige naturmäßige zu den Zeiten Noahs.
[GEJ.03_013,07] Wie aber kann man sich vor dem Zu-Tode-Ersäufen in der geistigen Sündflut schützen? Ich sage es dir: Was Noah körperlich tat, das tue man nun geistig, und man ist für immer geschützt vor dem Zu-Tode-Ersäufen in der großen und beständigen geistigen Sündflut!
[GEJ.03_013,08] Mit andern Worten gesagt: Man gebe nach der Ordnung Gottes auch der Welt, was der Welt ist, – aber vor allem Gott, was Gottes ist!
[GEJ.03_013,09] Die ‚Arche Noahs‘ ist eines Menschen rechte Demut, Nächsten- und Gottesliebe.
[GEJ.03_013,10] Wer recht demütig ist und voll der reinen, uneigennützigen Liebe zu Gott dem Vater und zu allen Menschen und hat stets das rege Bestreben, allen Menschen, so möglich, zu dienen in der Ordnung Gottes, der schwimmt ganz wohlbehalten und bestverwahrt über die sonst gar so leicht todbringenden Fluten aller Weltsünden hinweg; und am Ende dieser seiner irdischen Lebenslaufbahn, wenn für ihn die Flut sinken wird und sich verlaufen in ihre finsteren Tiefen, da wird seine Arche am großen Ararat des lebendigsten Reiches Gottes eine wohlgestellte Ruhe nehmen und wird dem, den sie getragen, zu einem ewigen Wohnhause werden."
14. Kapitel
[GEJ.03_014,01] (Der Herr:) „Sieh Mich an! Muß Ich nun nicht verkehren mit der Welt? Ich esse und trinke, und die Welt dient Mir, wie einst die Flut dem Kasten Noahs gedient hat! Wohl tobt sie gar gewaltig unter den festen Wänden Meines Kastens, – aber verschlingen kann sie ihn ewig nimmer!
[GEJ.03_014,02] Du kannst nicht darum, daß da ein römisches Reich dereinst entstanden ist. Nun ist es einmal da, und du kannst es nicht zunichte machen! Das Reich aber hat dennoch gute Gesetze, die zur Aufrechterhaltung einer Ordnung und zur Demütigung der Menschen recht wohl taugen. Dünkst du dich ein Herr zu sein, der über dem Gesetze steht und darum eine Krone tragen kann, so bist du auf dem falschen Wege für dich, wennschon nicht gegenüber den Menschen, die das Gesetz, das einmal sanktioniert ist, sowieso tragen müssen mit allen seinen Vor- und Nachteilen. Stellst du dich aber auch unter das Gesetz und betrachtest dich bloß als den vom Staate und von der Notwendigkeit aufgestellten Leiter und Ausfolger desselben, so stehest du am rechten Standpunkte und zimmerst dir aus dem geistigen Material des Gesetzes eine Arche, die dich über alle noch so stürmende Flut der Weltsünden hinwegtragen muß!
[GEJ.03_014,03] Wenn du dazu aber noch in aller Tat die leichten Grundsätze Meiner Lehre beachtest, die mit euren Gesetzen ganz gut zu vereinbaren ist, so tust du auch nach Möglichkeit für deine Seele und für deinen Geist zur Genüge. Wenn aber Ich dir das als genügend darstelle, so nenne Mir noch jemanden, der dir das als ungenügend bezeichnen könnte!"
[GEJ.03_014,04] Sagt Cyrenius: „Aber bedenke, o Herr, die Pracht und den Luxus, in dem ich des Staates wegen leben muß, und bedenke, was Du eben vorher von der Pracht und vom Luxus der Welt geredet hast!"
[GEJ.03_014,05] Sage Ich: „Liebst du denn in deinem Herzen die Pracht und den Luxus der Welt?"
[GEJ.03_014,06] Antwortet Cyrenius: „Oh, nicht im geringsten; mir ist all das wie eine rechte Qual!"
[GEJ.03_014,07] Sage Ich: „Nun, was beirrt dich dann die Mußpracht und der Mußluxus? Kein Glanz und keine Verzierung kann ohne Liebe deines Herzens dafür zu einem Nachteile für Seele und Geist werden! Aber wenn dein Herz an etwas Materiellem hängt und wäre dasselbe an und für sich noch so nichtig, so kann es der Seele und dem Geiste ebenso schädlich sein wie eine schwerste Krone aus reinstem Golde und aus den kostbarsten Edelsteinen.
[GEJ.03_014,08] Es kommt da darum alles nur auf die Verfassung des Herzens an; denn sonst müßten allerlächerlichsterweise auch Sonne, Mond und all die Sterne den Menschen dieser Erde als Sünden angerechnet sein, weil sie sehr prachtvoll leuchten und glänzen, und weil der Mensch denn doch sicher eine rechte Freude daran hat. Also kannst auch du, Mein lieber Cyrenius, eine rechte Freude an deinem Glanze vor den Menschen haben, aber nur keine eitle und darum dumme, denn durch sie wird die Seele verdorben und am Ende getötet!
[GEJ.03_014,09] Ist doch dem Salomo gestattet und sogar anbefohlen gewesen, sich mit einer solchen Pracht zu umkleiden, wie sie vor ihm kein König getragen hatte und nach ihm auch kein König je mehr tragen wird. Solange er daran keine dumme, eitle Freude knüpfte, sondern eine rechte, in der Weisheit begründete hatte, war die Freude erhebend für seine Seele und seinen Geist. Als er aber in der Folge des großen Glanzes wegen eitel ward und die Hoffart sich seiner bemächtigt hatte, da auch sank er gleich in allem vor Gott und allen besseren Menschen und verfiel in alle Sünden der üppigen Welt, und seine Werke und Taten wurden zu Narrenstreichen vor den besseren Menschen und zu wahren Greueln vor dem Angesichte Gottes.
[GEJ.03_014,10] Ich sage es dir und auch allen andern, daß es dem Menschen sogar gut und nützlich ist, wenn er als ein an Seele und Geist vollreif Gewordener schon auf dieser Erde die Pracht der Himmel nachahmt und sein Gemüt daran auf eine gerechte Art erheitert; denn es ist löblicher, zu bauen, als zu zerstören. Aber nur vollreife Menschen an der Seele und am Geiste sollten so etwas tun, auf daß die Unreifen ersähen, was alles ein Reifer zu schaffen vermag.
[GEJ.03_014,11] Aber wer sich einen Palast erbaut seiner Ehre und seines Ruhmes wegen und liebt sich am Ende selbst in seiner Pracht, der begeht eine mächtige Sünde gegen seine eigene Seele und gegen den göttlichen Geist in ihm und verdirbt sich und alle seine Nachkommen, die sich dann schon von der Geburt an für viel besser halten als die andern Menschen.
[GEJ.03_014,12] Werden aber durch die Pracht der Paläste die Herzen der Bewohner der Paläste verdorben und werden dabei voll Hochmutes und voll Verachtung gegen solche Menschen, die keine Paläste bewohnen können, dann ist es wieder besser, die Paläste sogleich in Schutthaufen zu verwandeln.
[GEJ.03_014,13] Also ist es auch gar nicht wider die göttliche Ordnung, sich eine Stadt zu erbauen, in der die Menschen in Frieden und Eintracht beisammen, wie eine Familie in einem Hause, leben, wirken und handeln und sich in allen Dingen gegenseitig leichter unterstützen können, als wohneten sie stundenweit auseinander. Reißt aber in einer Stadt dann Hochmut, Luxus, Prachtsucht, Neid, Haß, Verfolgung und sogar Totschlägerei ein, und Schwelgerei, Unzucht und Trägheit, dann sei eine solche Stadt nur gleich wieder in Schutt- und Moderhaufen zu verwandeln, sonst wird sie eine Pflanzstätte für allerlei Erzübel, die mit der Zeit die ganze Erde durch und durch verpesten würden gleich dem vorsündflutlichen Hanoch und dem nachsündflutlichen Babylon und der großen Stadt Ninive! Wie groß waren dereinst diese Städte, und nun stehen wenige ganz elende Hütten an ihrer Stelle! Wo aber einst Hanoch stand, da ist jetzt ein Meer, so wie an der Stelle des alten Sodom und Gomorrha und der zehn kleineren Städte im Umkreise der zwei großen, von denen jede größer war dem das heutige Jerusalem, das auch nicht mehr völlig so groß ist, als wie groß es war unter Davids Zeiten.
[GEJ.03_014,14] Was aber mit jenen Städten geschehen, das wird auch mit Jerusalem geschehen, und es sind etwelche hier, die den Greuel der Verwüstung mit ansehen und mit genießen werden! Denn wie gesagt, es ist besser, keine solchen Städte und dafür desto mehr vollends lebendige Seelen, als eine Stadt, in der die Menschenseelen vollauf zugrunde gerichtet werden für die Zeit und für die Ewigkeit!
[GEJ.03_014,15] Also magst du, lieber Cyrenius, alles haben, was nur die Erde Köstliches und wundersam Schönes auf ihrem weiten Boden trägt, und kannst dich daran, Gott lobend und preisend, ergötzen. Aber hänge dein Herz nie daran; denn alle diese Erdenpracht muß dereinst vergehen für sich und für dich, wenn du das Zeitliche mit dem Ewigen vertauschen wirst! Denn alle Materie ist ja im Grunde nichts als das allein, was Ich dir in einer früheren Rede klar und deutlich genug auseinandergesetzt habe. – Sage, bist du damit zufrieden, und hast du das wohl also verstanden, wie es vor Gott und aller Welt verstanden werden muß?"
15. Kapitel
[GEJ.03_015,01] Sagt Cyrenius: „Ja, nun bin ich schon wieder ganz im reinen; es nützt ein für alle Male rein nichts. Wie es für jeden Grashalm ein bestimmtes Gesetz gibt, unter und nach dem er sich entwickeln kann, also gibt es auch nur ein der ganzen Wesenheit des Menschen akkommodiertes psychomoralisches Gesetz, unter dem der Mensch aus sich selbst heraus sich seine volle ungebunden freieste Selbständigkeit erringen kann, oder es gibt nur immer einen und unwandelbar stets denselben Weg, auf dem man seine wahre und ewige Bestimmung erreichen kann; auf jedem andern der zahllos vielen Freiheitswege, auf denen moralisch die Menschen wohl auch einhergehen können, ist das große, allein wahre und von Gott aus bestimmte Ziel unmöglich je zu erreichen!
[GEJ.03_015,02] Daß aber übrigens der von Dir, o Herr, uns gezeigte Weg der ganz allein rechte und wahre ist, das sehe ich nun aber auch so klar und rein ein, als wie klar am hellsten Mittage die Sonne leuchtet. Auch sehe ich es ein, daß ein jeder Mensch, hoch oder nieder, ganz unbeirrt den rechten Weg fortwandeln kann, wenn er nur einen ernstlichen Willen dazu hat; aber wohl sehe ich es auch ein, daß da kein Mensch von sich selbst heraus je diesen Weg hätte finden können in der Fülle der Wahrheit und allen Lebensverhältnissen so vollkommen entsprechend. So etwas muß unmittelbar vom Geiste Gottes den Menschen, die ein rechtes Verständnis haben, geoffenbart werden!
[GEJ.03_015,03] Aber obschon der Weg nun sehr klar bezeichnet ist, so wird er aber meiner Ansicht nach dennoch selten vollkommen betreten werden; denn, das verhindernd, haben eben die zu materiellen Einrichtungen der Welt eine zu starke Schranke über diesen allein wahren und rechten Weg gelegt, und viele, die diesen Weg betreten, werden sich daran stoßen und auf dem halben Wege umkehren, besonders, wenn sie nicht binnen einer kurzen Zeit irgendeinen wunderbaren Erfolg ihrer Mühe an sich bemerken werden, was eben bei Menschen, die vorher schon stark mit der Außenwelt verknüpft waren, nicht so geschwinde gehen wird, als man sich's im ersten Augenblick denkt.
[GEJ.03_015,04] Ich hoffe, durch Deine besondere Gnade das heilige, große Ziel wohl zu erreichen; aber ich bin nur einer, und der große römische Staat zählt nun viele Millionen. Wie und wann aber werden diese alle, die doch auch so gut wie wir Menschen sind, auf diesen Weg gelangen?!"
[GEJ.03_015,05] Sagt dazu der junge Pharisäer: „Höchster Gebieter! Das war soeben auch mein Gedanke! Wir können nun schon den Weg alles Heils ganz ruhig und froh betreten; aber wie die vielen Millionen, die nicht die Gelegenheit haben, an der Quelle zu schöpfen und sich über jeden Zweifel mit dem großen Meister des Lebens selbst zu besprechen?"
[GEJ.03_015,06] Sage Ich: „Auch darum ist fürgesorgt! Denn nach Mir bleibt die Himmelspforte gleichfort offen, und es wird das, was wir nun hier verhandeln, nach mehr denn tausend Jahren ebenso von Wort zu Wort können vernommen und aufgezeichnet werden, als ginge alles das vor den Augen derer vor sich, die nahe zweitausend Jahre nach uns die Erde betreten werden; und worin ein jeder künftighin irgendeinen Zweifel haben wird, darüber wird er sich auch können aus den Himmeln des klarsten Rates holen. Denn in der Folge wird jedermann sogar müssen von Gott aus belehrt werden, und der nicht von Gott aus belehrt wird, wird nicht eingehen ins lichtvollste Reich der Wahrheit."
16. Kapitel
[GEJ.03_016,01] (Der Herr:) „Ich aber sage es euch, daß es dennoch stets schwer sein wird, allein bei der reinsten nackten Wahrheit zu verbleiben; denn der Weltverstand, der verschiedenorts auch zu einer großen Schärfe kommen wird, wird nicht einsehen, wie Ich eben Der sein kann dem Geiste nach, der einst auf Sinai dem Moses unter Blitz und Donner die Gesetze gab und ihm die fünf Bücher diktierte, und der mit Seiner Weisheit, Macht und Stärke die ganze Unendlichkeit erhält und regiert! Das geht sogar mehreren aus euch nun noch nicht ganz ein, die ihr doch volle Zeugen von all dem seid, was hier vorgeht und was auch anderorts vorgegangen ist, daß Ich vollends eins mit dem Vater im Himmel bin. Was werden erst die großen Weltweisen dazu sagen, wenn solches Zeugnis aus dem tausendsten Munde zu ihren Ohren gelangen wird?!
[GEJ.03_016,02] Darum wird es auch nur der Einfalt verkündet, und nicht den Weisen der Welt; denn was vor der Welt groß, ist vor Gott ein Greuel!
[GEJ.03_016,03] Der einfache, schlichte Mensch, der da noch eines möglich reinen Herzens ist, hat offenbar auch eine freiere Seele und in der Seele einen freieren Geist und faßt darum bald und leicht das, was des Geistes ist; aber ein Weltweiser, dessen Seele mit lauter materiellen Verhältnissen vernagelt ist und von einem göttlichen Geiste in ihr gar keine Ahnung mehr hat, wird das freilich nicht fassen und begreifen, was ihr zum größten Teil nun schon leicht begreifet und so ziemlich in der rechten Tiefe fasset. Aber dennoch fasset auch ihr jetzt noch vieles nicht; aber nach Meiner Erhöhung werdet ihr es vollkommen fassen!"
[GEJ.03_016,04] Hier fragt sogleich Cyrenius: „Was für eine Erhöhung denn meinst Du? Wirst Du etwa auf Erden zu einem Könige aller Könige erhöhet und gekrönt werden?"
[GEJ.03_016,05] Sage Ich: „Jawohl, aber zu keinem Könige der Welt, und auch mit keiner Goldkrone! Hätte Ich denn nicht Macht, Mir ein Königtum der Erde zu nehmen, das noch weit über alle Enden dieser Erde hinausreichete? Wer könnte Mich wohl hindern daran?
[GEJ.03_016,06] Ist nicht das Sein aller Dinge in der Hand Meines Vaters, der in Mir ist, wie Ich in Ihm bin, und ebenso das Leben aller Menschen? Wie viele Atemzüge könntest du ohne den Willen Meines Geistes tun, der allein alles belebt und erhält?!
[GEJ.03_016,07] Was nützte den Menschen zur Zeit Noahs alle ihre Macht und feine Kriegskunst?! Siehe, Mein Geist ließ die Wasserflut über alle Könige und ihre Völker kommen, und sie wurden alle begraben!
[GEJ.03_016,08] Was nützte dem mächtigen Pharao all sein großes Kriegsheer? Mein Geist ließ die Israeliten trocken durchs Rote Meer ziehen und das sie verfolgende Heer des Pharao ersäufen!
[GEJ.03_016,09] Wenn Ich also wollte ein König dieser Erde sein, welche Macht könnte Mich wohl daran hindern?
[GEJ.03_016,10] Aber solches sei ferne von Mir und von allen denen, die wahrhaft Meine Nachfolger sein wollen; Mich erwartet eine ganz andere Erhöhung und Krönung, von der du erst dann das Nähere erfahren wirst, wann sie wird begangen sein. Einige Winke aber habe Ich dir ohnehin schon gleich anfangs dieser unserer Sitzung gegeben; so du dich daran erinnerst, wirst du dir das Weitere wohl von selbst denken können!"
[GEJ.03_016,11] Sagt Cyrenius: „Aber Herr, ich weiß es nun ganz gewiß, wer und was Du bist, und was alles Du vermagst, – begreife deshalb aber noch immer nicht so recht aus dem Fundamente, warum Du bekanntermaßen bei aller Deiner Allmacht dennoch vor den Nachstellungen des Herodes sowohl wie vor denen des Tempels Dich auf dem flüchtigen Fuße hältst!?"
[GEJ.03_016,12] Sage Ich: „Freund, diese Frage hättest du dir nun ganz füglich ersparen können! Fürs erste, weil Ich sie dir schon in Nazareth mehr als hinreichend erläutert habe, und fürs zweite solltest du denn endlich doch schon aus allen Meinen Reden abgenommen haben, daß Ich nicht darum in diese Welt gekommen bin, die Toten noch mehr tot zu machen, als sie es ohnehin schon sind, sondern überall sie nur von neuem wieder zu beleben; darum soll nun an niemanden von Mir aus ein Gericht gehalten werden. Denn nun bin Ich da, all das Gericht, das über diese Erde beschlossen war, auf Mich zu nehmen, und alle Menschen sollen durch das auf Mich genommene Gericht die volle Erlösung vom ewigen Tode finden.
[GEJ.03_016,13] Also bin Ich nun nicht da zum Dreinschlagen, sondern nur um alle möglichen Wunden an der mit tausenderlei Übeln behafteten Menschheit zu heilen, aber nicht um ihr noch tiefere und ärgere zu schlagen.
[GEJ.03_016,14] Meinst du denn, daß Ich aus Furcht vor Meinen Verfolgern Mich gewisserart flüchtig halte? Oh, so das dein Glaube wäre, da wärest du in einer großen und groben Irre! Siehe an die etlichen schwersten Verbrecher! Wahrlich, nach Moses und nach eurem Gesetze haben sie den hundertfachen Tod verdient; und dennoch lasse Ich nun das nicht geschehen, daß sie getötet würden, sondern es soll auch ihnen die Gnade der Himmel zuteil werden. Werden sie sich die Gnade zunutze machen, so sollen sie auch teil an Meinem Reiche haben; fallen sie aber nach der Zeit wieder, so werden sie es sich selbst zuzuschreiben haben, so sie des Gesetzes Fluch und Strenge töten wird! Denn siehe, das Gesetz währet immer, die Gnade aber kommt nur von Zeit zu Zeit den Bedrängten zu Hilfe; wenn aber die Gnade nicht respektiert wird, so muß man sich dann wieder das Gesetz gefallen lassen."
17. Kapitel
[GEJ.03_017,01] (Der Herr:) „Siehe, du bist der Träger alles Gesetzes, aller Macht und aller Gewalt Roms für ganz Asia und einen Teil Afrikas, und dennoch kommt es hier auf Meinen Willen an, die Verbrecher zu richten oder freizulassen, und du kannst nichts gegen Meinen Willen unternehmen.
[GEJ.03_017,02] Also könnte Ich auch alle Menschen der Welt mit Meinem Willen zu guten Handlungen nötigen; aber das würde auch ein Gericht sein, das den freien Menschen zu einer Maschine machen würde.
[GEJ.03_017,03] Aber du bist dennoch keine Maschine, weil du das, was du auf Mein Wort tust, einsiehst, daß es also allein vollkommen der Ordnung Gottes gemäß recht ist; und verstehst du irgend etwas noch nicht, so fragst du und handelst dann aus deiner Erkenntnis, und solches ist dann keine Nötigung von außen herein, sondern von innen heraus, was da vollkommen in der Ordnung des freien Lebens steht.
[GEJ.03_017,04] Denn wenn dich Mein Wille nötigt, so bist du ein geknebelter Sklave, nötigt dich aber dein eigener Wille, so bist du ein Freier; denn dein Wille will nunmehr das, was dein Verstand, als das Augenlicht deiner Seele, als allein wahr und gut erkennt! Aber mit der Welt wäre es anders, so sie genötigt wäre, zu handeln nach Meinem Willen; sie würde nicht erkennen zuvor, was da allein gut und wahr ist, und ihr Handeln wäre dann gleich dem der Tiere, und eigentlich schlechter noch. Denn das Tier steht auf solcher Stufe, daß eine Nötigung, die seiner Natur eingepflanzt ist, seiner Seele keinen weiteren moralischen Schaden zufügen kann, weil eine Tierseele noch lange nicht mit einem freien Moralgesetz etwas zu tun haben kann; aber die Seele des freien Menschen würde durch einen inneren mechanischen Zwang den größten Schaden an ihrem Wesen erleiden, weil das gerichtete Tierische ganz wider ihre freie moralische Natur liefe.
[GEJ.03_017,05] Aus dem aber kannst du, Mein lieber Cyrenius, nun wohl hoffentlich mehr denn klar ersehen, warum Ich Mich vor denen, die Mich verfolgen, stets wie flüchtig halte, und ihnen wo und wie nur immer möglich aus dem Wege gehe, nicht um Mich etwa vor ihrer ohnmächtigen Wut zu schützen, sondern um sie als ebenfalls Meine blinden und törichten Kinder vor dem ewigen Verderben zu bewahren.
[GEJ.03_017,06] Sehe Ich aber, daß irgend Menschen, die Mich verfolgen, aber in sich dennoch besserer Natur sind und bei einem rechten Geisteslicht die Wahrheit und das rein Gute erkennen können, so fliehe Ich nicht vor ihnen, sondern lasse sie zu Mir kommen, wo sie dann belehrt werden, ihre Nacht und ihr Gericht erkennen und endlich zu Menschen nach der Ordnung Gottes werden. Ein lebendiges Beispiel davon hast du soeben an den dreißig jungen, aber leiblich kräftigen Verfolgern Meiner gefürchteten Person. Sicher hätte Ich sie nicht hierherbringen lassen, so Ich nicht ihre Herzen für Mich tauglich gefunden hätte, als sie noch weit von hier entfernt waren.
[GEJ.03_017,07] Die Kräfte der Natur wohl wurden von Meinem Willen dahin genötigt, sie hierherzubringen; aber dadurch ist ihrer Seele kein Zwang angetan worden. Nun sie aber hier sind, werden sie belehrt, ihr Verstand wird lichtreicher, und sie werden dann sicher frei das erwählen, was da frommt ihrer Seele.
[GEJ.03_017,08] Sieh, es ist nun schon der Zeit nach nahe daran, daß die Sonne bald ihre Strahlen über den Horizont hereinzusenden beginnen wird, und noch ist keinem von euch eingefallen, irgendein Bedürfnis zur Nachtruhe des Leibes laut werden zu lassen! Warum denn das nicht? Siehe, weil Ich es heute also haben will! Aber es ist das abermals keine Seelennötigung, sondern nur eine der Materie, die sich nun länger als gewöhnlich der Seele dienlich erweisen muß. Solchen Zwang aber habe Ich eben auch hauptsächlich dieser dreißig willen euch und Mir Selbst angetan, und es wird niemand aus euch von sich sagen können, daß er schläfrig und müde sei. Für unser Wachen aber haben wir dreißig Brüder gerettet, doppelt: leiblich und geistig. Es ist darum unsere Mühe und unser Wachen vielfach belohnt und wird in der Folge noch mehr belohnt werden; da ist demnach ein äußerer Zwang sicher von keinem Schaden für irgendeine Seele. Würde Ich aber gewaltsam die Seelen in das rechte Licht gedrängt haben, so stünden sie nun als pure Maschinen da, und es hätte keine ihrer Handlungen für sie irgend mehr Wert, als da ist der innere, eigendienliche Wert einer Maschine oder eines Werkzeuges.
[GEJ.03_017,09] Was nützt zum Beispiel einer Hacke, daß sie gut schneidet, und einer Säge, daß sie gut trennt? Alles das nützt nur dem Menschen, der ein freies und kenntnisreiches Bewußtsein hat und zu unterscheiden weiß, was da dienlich, gut und nützlich ist. – Oder was nützt einem Blinden das Licht, und was einem Lahmen eine Rennbahn? Nur dem nützt irgend etwas, der im rechten Bewußtsein einmal seiner selbst, dann des Bedarfs, Gebrauchs, der Anwendung und der daraus hervorgehenden Nutzung sich befindet.
[GEJ.03_017,10] So ist es denn auch mit dem geistigen Licht. Es kann und darf ob der heiligen Freiheit des Willens der Menschen niemand irgend geheim gewaltsam eingegossen werden, sondern man stellt das Licht frei auf einen Platz hin, da es von jedermann bemerkt werden kann. Wer es benutzen will, der kann es ohne Hindernisse benutzen; wer es aber nicht benutzen will, der kann es ganz unbeirrt in seinem freien Willen auch stehenlassen, gleichwie solches auch schon mit dem Licht der Sonne, das den Tag zeihet, der Fall ist. Wer es benutzen will, der benutzt es zu irgendeiner Arbeit; wer aber bei all dem hellen Tageslicht der Sonne müßig sein will, der sei es, und es tut solches nichts der Welt zum besonderen Schaden. Denn das Licht nötigt keine mit freiem Willen begabte Seele zu irgendeiner Tat.
[GEJ.03_017,11] Ich habe Macht genug, eure Erkenntnisse umzustimmen und aus eurem freien Willen ein nach allen Seiten hin gefesseltes Lasttier zu machen, und das Lasttier wird ganz demütig herumgehen nach der Lenkung Meines Allmachtsleitseiles; aber in sich selbst wird es tot sein. Wenn Ich aber euch unterrichte und zeige und gebe euch das rechte Licht, so seid ihr dabei frei und könnet das Licht annehmen oder bleibenlassen. – Verstehst du das, Mein lieber Cyrenius?"
[GEJ.03_017,12] Sagt dieser (Cyrenius): „Ja, nun verstehe ich auch das und glaube nun den Grund ganz einzusehen, aus dem Du, o Herr, den Stand der Niedrigkeit erwählt hast, um zu belehren alle Menschen von ihrer allein wahren Bestimmung, und wie sie diese erreichen können. Damit man aber daneben und eigentlich für diese Sachen einen desto intensiveren Glauben und eine hellere Einsicht und Überzeugung überkommt, verrichtest Du dazu noch Dir allein mögliche Taten, die Deinen Worten noch mehr Gewicht und ein intensiveres Licht verschaffen. Und so geschieht von Dir aus zur wahren Lebensheiligung der Menschen alles in der größten Ordnung, und es kommt mir Dein Benehmen und Verhalten gerade also vor, als wäre es von Dir schon von Ewigkeit also vorgesehen gewesen. Ich kann mich in dieser Hinsicht vielleicht auch irren, was ich aber schwer glauben könnte."
[GEJ.03_017,13] Sage Ich: „Nein, nein, da irrst du dich nicht im geringsten; denn eine Gottesordnung muß ewig sein! Wäre sie nicht ewig, so wäre sie auch keine Ordnung und keine Wahrheit; denn eine Wahrheit muß ewig Wahrheit sein und bleiben und muß daher auch von Ewigkeit her vorgesehen sein. – Aber nun von etwas ganz anderem!"
18. Kapitel
[GEJ.03_018,01] (Der Herr:) „Siehe du, Markus, nun, da die Morgenröte schon die Spitzen der Berge zu färben beginnt, daß wir etwa irgendein Morgenmahl bekommen; denn mit nüchternem Magen wollen wir uns den fünf Verbrechern nicht nahen! Diese werden uns ein arges Wetter machen, bis sie geheilt werden! Wenn sie aber geheilt werden, muß Salz, Brot und Wein in der Bereitschaft sein zu ihrer Stärkung; denn sie werden nach der Heilung sehr schwach sein. Aber Salz, Brot und Wein werden ihnen bald eine rechte Kraft geben!"
[GEJ.03_018,02] Sagt Markus: „Herr, es wird alles gleich besorgt werden!" – Darauf befiehlt er sogleich seinem Weibe und seinen Kindern, sich nun emsigst in der Küche umzusehen, auf daß zur rechten Zeit alles in der vollsten Bereitschaft sei. Sogleich eilen das Weib, die zwei Söhne und die vier Töchter in die Küche und entwickeln eine große Tätigkeit; auch einige Meiner Jünger bieten ihnen ihren Dienst an, helfen Fische reinigen, was sie als Fischer gut verstehen.
[GEJ.03_018,03] Matthäus und Johannes aber lesen nun nach, was sie alles von Meinen diesnächtlichen Reden aufgezeichnet haben, machen aber dabei die leidige Erfahrung, daß sie in ihren sonst sehr fleißigen Aufzeichnungen dennoch starke Lücken gelassen haben.
[GEJ.03_018,04] Johannes bittet Mich darob, daß Ich ihnen ansagen möchte das Ausgelassene. Aber es erbietet sich dazu auf Meinen Wink der Raphael und ergänzt in einem Nu all das Ausgelassene. Und als die beiden hernach ihre Aufzeichnungen noch einmal durchgehen, finden sie keine Lücken mehr, und es ist alles in der schönsten Ordnung.
[GEJ.03_018,05] Auch Simon Juda schaut die Schriften durch und findet, daß da nach seiner Erinnerung nichts abgehe von allen Reden und Lehren, die in dieser Nacht so reichlich wie sonst kaum je wechselseitig geführt worden waren. Auch die Rettung der dreißig ist umständlich angemerkt, und es haben darob die Jünger eine große Freude.
[GEJ.03_018,06] Cyrenius aber äußert auch den Wunsch, daß er davon eine Abschrift bekäme gegen ein gutes Honorar dem, der es für ihn abschriebe!
[GEJ.03_018,07] Da ist gleich Judas Ischariot bei der Hand und trägt dem Cyrenius seine Dienste an.
[GEJ.03_018,08] Ich aber verweise dem Judas solche selbstsüchtige Schmutzerei und sage zum Cyrenius: „Siehe dort den Raphael; laß ihm nur etwas Schreibmaterial geben, und er wird damit am ehesten fertig sein!"
[GEJ.03_018,09] Cyrenius ruft sogleich nach seiner Dienerschaft, läßt von ihr sogleich eine rechte Menge unbeschriebener Pergamentrollen bringen und übergibt solche des obigen Zweckes wegen dem Raphael, und dieser rührt die Rollen kaum ordentlich an und sagt darauf zum Cyrenius, ihm die Rollen zurückgebend: „Dein Wunsch ist bereits erfüllt; du kannst nun die Rollen vergleichen lassen mit denen der beiden Jüngerschriften, ob etwas daran mangle!"
[GEJ.03_018,10] Cyrenius besichtigt die Rollen und findet sie vollernstlich ganz voll angeschrieben, und verwundert sich natürlich, indem er solch eine Schnelligkeit denn doch nicht fassen kann bei aller seiner sonstigen Weisheit.
[GEJ.03_018,11] Es beschauen die Rollen aber nun auch die dreißig Pharisäer und Leviten, und der gewisse Redner, der Hebram hieß, sagt: „Ja, es ist, was ich nun mit gesehen und mit gelesen habe, von Wort zu Wort getreu, was und wie es hier gesprochen wurde; das aber, wie es dem Engel möglich ist, in einem Augenblick mehrere Rollen sehr korrekt und gut leserlich voll anzuschreiben, das geht uns ganz und gar nichts an, und ich möchte darüber auch nicht einen vergeblichen Gedanken verlieren, weil ich im voraus schon zu überzeugt bin, daß da nie etwas herauskommen kann. Denn wir Sterbliche werden die Unsterblichkeit erst dann ganz fassen, wenn wir einmal vollends unsterblich sein werden, und also werden wir die Verrichtungen der Geister auch erst dann völlig begreifen, wenn wir einst selbst ganz reine Geister sein werden; in unserem Fleische aber werden wir das nie völlig imstande sein.
[GEJ.03_018,12] Darum ist es besser, über solch eine Erscheinung gar nicht weiter nachzudenken! Gibt es doch Dinge und Erscheinungen in der Naturwelt, die kein Sterblicher je vollends begreifen wird. Und so er, der törichte Mensch, darüber nachzudenken anfinge, so müßte er in kurzer Zeit ein Narr werden! Den Geistern der Himmel wird das sicher sehr klar sein, und uns kann es mit der Zeit auch klarer werden als jetzt, wollten wir es aber nun gleich zu einer klaren Einsicht bringen, da müßten wir ja offenbar sinnenverwirrt werden! Darum sehe ich ein Wunderwerk recht gerne an; aber es ficht mich gar nicht an, weiter darüber nachzudenken. Und würde man davon auch im Ernste etwas verstehen, so könnte man es dennoch nicht nachmachen; und kann man das nicht, so nützt einem eine halbe Einsicht soviel wie nichts!"
[GEJ.03_018,13] Sagt Cyrenius: „Du hast in einer gewissen materiellen Hinsicht wohl recht; aber ums Nachmachen liegt wenigstens mir nichts Besonderes daran, wohl aber, daß ich, da in mir doch auch ein unsterblicher Geist wohnt, auch die geistigen Dinge mit etwas mehr als mit den dickst verbundenen Augen eben in bezug auf meinen Geist beschauen möchte, und es juckt mich nun an allen Enden und Orten meines Seins, so ein wenig nur zu erfahren aus dem Munde eines Weisen unter uns, was es mit dieser engelischen Schnellschreiberei für eine Bewandtnis hat! Ich werde darum sehen, den Mund eines Weisen in die Bewegung zu setzen; denn unser Reden darüber ist nichts denn ein Dreschen leeren Strohes. Wir bringen da sicher nichts Gescheites heraus, während eines Weisen Mund uns darüber gleich stutzen machen wird."
[GEJ.03_018,14] Sagt Hebram, etwas launig: „Das sicher, aber unser Stutzen wird etwa am Ende hauptsächlich darauf hinausgehen, daß wir des Weisen Rede darüber ebensowenig fassen werden wie dieses Wunder für sich ohne eines beleuchtenden weisen Mundes Rede! Denn um die Weisheit zu fassen, muß man selbst ein mehr oder weniger Weiser sein. Mit dem puren noch so gesunden Verstande faßt man die Weisheit noch lange nicht in ihrer Tiefe; man bekommt wohl so ein bißchen von einem Dunste, aber viel Weiteres nicht. Das Hohelied Salomos, der ein Weiser war, ist sozusagen dem gesunden Menschenverstande noch am nächsten. Wenn man es liest, glaubt man es auch zu verstehen; fängt man aber nachher an, darüber ordentlich nachzudenken, so kommt man bald zu der leidigen Überzeugung, daß man im Grunde dennoch nichts verstanden hat! Ein Pröbchen davon soll meine Überzeugung rechtfertigen!"
19. Kapitel
[GEJ.03_019,01] (Hebram:) „Im vierten Kapitel sagt Salomo: ‚Sieh, meine Freundin, du bist schön, siehe, schön bist du! Deine Augen sind wie Taubenaugen zwischen deinen Zöpfen. Dein Haar ist wie die Ziegenherden, die geschoren sind auf dem Berge Gilead. Deine Zähne sind wie die Herde mit beschnittener Wolle, die aus der Schwemme kommen, die allzumal Zwillinge tragen, und ist keine unter ihnen unfruchtbar. Deine Lippen sind wie eine rosinfarbene Schnur und deine Rede lieblich. Deine Wangen sind wie der Ritz am Granatapfel zwischen deinen Zöpfen. Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilde hangen mit allerlei Waffen der Starken. Deine zwei Brüste sind wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden, bis der Tag kühl werde und der Schatten weiche. Ich will zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel. Du bist allerdings schön, und kein Flecken ist an dir. Komm, meine Braut, vom Libanon, komm vom Libanon! Gehe herein, tritt von der Höhe Amana, von der Höhe Senir und Hermon, von den Wohnungen der Löwen, von den Bergen der Leoparden! Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und mit deiner Halsketten einer. Wie schön sind deine Brüste, meine Schwester, liebe Braut! Deine Brüste sind lieblicher denn Wein, und der Geruch deiner Salben übertrifft alle Würze. Deine Lippen, meine Braut, sind wie triefender Honigseim, Honig und Milch ist unter deiner Zunge, und deiner Kleider Geruch ist wie der Geruch Libanons. Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born. Dein Gewächs ist wie ein Lustgarten von Granatäpfeln mit edlen Früchten, Zypern mit Narden, Narden mit Safran, Kalmus und Zinnamen mit allerlei Bäumen des Weihrauchs, Myrrhen, Aloes mit allen besten Würzen; wie ein Gartenbrunnen, wie ein Born lebendiger Wasser, die vom Libanon fließen. Stehe auf, Nordwind, und komm, Südwind, wehe durch meine Gärten, daß sie die Würze triefen!‘
[GEJ.03_019,02] Siehe, hoher Cyrenius, also lautet ungefähr von Wort zu Wort das noch am leichtesten faßlich scheinende vierte Kapitel des Hohenliedes Salomos, der ein Weiser war; und ich gebe dir alle Schätze der Welt, wenn du mit deinem noch so gesunden Menschenverstande davon auch nur einen Satz zu enträtseln imstande bist!
[GEJ.03_019,03] Wer ist die immer vorkommende Schwester, die liebe Braut, die, wenn sie so aussieht, wie sie Salomo löblichst beschreibt, ein Schreckensbild für alle Menschen wäre, gegen die eine heidnische Medusa noch eine Venus sein müßte?! Kurz, für den Verstand der Menschen ist das doch ein Unsinn alles Unsinns; was aber darin etwa für ein entsprechender Sinn liegt, das bringt kein Menschenverstand heraus, sondern nur wieder die Weisheit! Wer dann die Weisheit besitzt, der wird solches auch fassen, wer aber diese nicht besitzt, der lese so etwas ja nicht, und hat er es gelesen, so denke er darüber ja nicht weiter nach; denn je mehr er darüber nachdenkt, desto weniger wird er davon verstehen. Ich habe das ganze Hohelied Salomos sogar total auswendig gelernt, um es etwa dadurch meinem Verständnis näherzubringen, – aber umsonst; nach und nach habe ich es erst immer klarer eingesehen, daß ich ein Ochse am Berge war.
[GEJ.03_019,04] Appelliere du daher lieber an den klaren Verstand unserer Genossen als an ihre sicher große Weisheit! Denn erklären sie dir die Schnellschreiberei unseres Engels aus ihrer Weisheit, so wirst du davon ebensoviel verstehen, als du von dem vierten Kapitel des Hohenliedes Salomos verstehst; erklärt dir aber das jemand aus dem gesunden Verstande heraus, vorausgesetzt, daß so etwas möglich ist, nun, so wirst du davon geradesoviel verstehen, als sich etwas rein Geistiges überhaupt materiell verstehen läßt. Meiner Meinung nach wird man damit etwa wohl auch keine gar besonders weiten Sprünge machen!"
[GEJ.03_019,05] Sagt Cyrenius: „Das sehe ich schon, daß du durchaus kein dummer Mensch bist; denn es will viel gesagt haben, sich so einen salomonischen, – materiell genommen – dicksten Unsinn alles Unsinns also von Wort zu Wort zu merken. Denn das hätte etwa doch des zertragensten Unsinnes so viel, wie mir noch nie etwas Ähnliches zu meinen Ohren gekommen ist! Aber dessenungeachtet fängt mich nun dieser barste Unsinn an, mehr zu beunruhigen denn die frühere Schnellschreiberei des Engels. Was wollte dieser bekannte Krösus der Juden etwa doch damit sagen? War das im Ernste etwa eine Liebeserklärung an irgendeine schöne jüdische Maid, die nach seinen Vergleichen wahrlich ganz sonderbar muß ausgesehen haben? Oder wird darunter ganz etwas anderes verstanden? Was aber, – das ist eine andere Frage! Gibt es dazu einen Schlüssel? Wenn es einen gibt, so wird unser Herr und Meister sicher am ehesten darum wissen! Darum also gleich lieber zum Schmiede als zum Schmiedlein!"
[GEJ.03_019,06] Sagt Hebram: „Der Meinung bin ich auch, und so tue das! Ich wäre darauf selbst wißbegieriger als auf mein künftiges Leben über dem Grabe."
[GEJ.03_019,07] Hierauf wendet sich Cyrenius an Mich und sagt: „Herr, hast Du vernommen das gewisse vierte Kapitel des Hohenliedes Salomos? Sage mir, liegt darin wohl etwas von einem gesunden Sinne, oder ist es das, was es scheint, nämlich ein dickster Unsinn?!"
[GEJ.03_019,08] Sage Ich: „Mein Freund, darin liegt ein sehr guter, wenn schon ein sehr tiefer Sinn! Salomo schrieb ihn nieder, wie er ihm vom Geiste diktiert war; aber er für sich verstand ihn im Grunde auch nicht um vieles besser denn du nun. Denn das Wort der Weisheit war ihm wohl gegeben, aber nicht auch zugleich das volle Verständnis. Auch ihm kam vieles skythisch vor; denn was er schrieb, das war gesagt für diese Zeit in entsprechenden Bildern.
[GEJ.03_019,09] Die Löse und der Schlüssel dazu aber ist Der, der nun mit dir spricht; das Wort aber, ein Wort der ewigen Liebe von Ewigkeit, also die reinste Liebe Gottes zu euch Menschen, ist die schöne Braut, die wahre Schwester des Menschen und seine liebe Freundin! Lies mit diesem Schlüssel das Hohelied, und du wirst es verstehen und darin finden den reinsten Sinn! Fassest, begreifest du nun etwas von der Salomonischen Weisheit?"
[GEJ.03_019,10] Sagt Cyrenius, den Hebram ansehend: „Verspürst du, junger Salomonist, von wannen der Wind zu wehen beginnt? Das sind ganz andere Klänge, als welche im Tempel zu Jerusalem gesungen werden! Kurz, da ich nun den Schlüssel habe, wird daheim Salomo studiert werden von Wort zu Wort!"
[GEJ.03_019,11] Sagt Hebram: „Der Schlüssel scheint wahr und vollkommen richtig zu sein; aber alles wird sich damit noch nicht aufmachen lassen! Wir sehen die Sterne auch, und es hat uns zuvor der Meister auch so manches Schlüsselartige in seinen Reden gelegenheitlich hingeworfen, – auch der Engel tat davon eine sehr bedeutende Erwähnung; was aber wissen wir nun Weiteres davon? Erkläre mir nun, was der schöne Morgenstern, der heute am Morgen so hell leuchtete, an und für sich wohl etwa ist! Und siehe, so wenig du imstande bist, mir den Morgenstern aus dem Schlüssel vom Engel genügend zu erklären, ebensowenig wirst du mit dem Schlüssel des geheimnisvollsten Meisters hinter die gesamte Weisheit Salomos kommen! Dort gibt es auch gar viele und gar manche Bilder, zu denen nur der Geist in sich den rechten Schlüssel trägt; daß aber der Schlüssel, den dir der Meister gab, im allgemeinen schon der rechte sein wird, daran zweifle ich von diesem Augenblicke an nicht im geringsten, und ich werde damit selbst mir einiges zu enträtseln versuchen."
[GEJ.03_019,12] Darauf fragt Cyrenius wieder Mich, sagend: „Herr, was soll ich von der Rede Hebrams halten?"
[GEJ.03_019,13] Sage Ich: „Er spricht gut und wahr; und wenn so, da weißt du hernach schon, was davon zu halten ist. Aber nun lassen wir das; denn sieh, das Morgenmahl ist fertig! Unsere Glieder brauchen Stärkung, und somit wollen wir sie nun zuvor stärken und uns dann hinaus zu den Verbrechern begeben; denn nun werden sie bald reif sein zur Heilung!" – Darauf wurde schon eine Menge Fische und Brot und Wein auf die Tische gebracht.
20. Kapitel
[GEJ.03_020,01] Als die jungen Pharisäer und Leviten die Tische so recht reich mit den bestbereiteten Fischen, mit Brot und Wein besetzt sehen, da sagt Hebram: „Nun, gar so armselig leben die Jünger des Meisters aus Nazareth mitnichten! Es ist nun gar kein Grund vorhanden, der uns noch ferner abhalten sollte, zuerst römische Soldaten und dann zugleich seine Jünger mit Leib und Seele zu sein! Wie oft haben wir im Tempel fasten müssen zur größeren Ehre Jehovas, und hier wird nicht gefastet, obschon heute als am Vorsabbat bei den Juden strenge Fasten geboten sind! Und dennoch wird Gott dadurch sicher keine Unehre angetan, ansonst der Mund nun auch unseres Herrn und Meisters aus seinem Gottesgeiste heraus solches nicht angeordnet hätte! Kurz, was nun er sagt und will, das werden wir auch allzeit tun, ob es uns süß oder sauer vorkomme! Denn derjenige Geist, der am Sabbat ebensogut seine Sonne aufgehen läßt wie an einem Werktage und mit seinen Winden keinen Feiertag hält, steht sicher höher als der dumme Geist unseres Tempels, der einmal zur rechten Heiligung des Sabbats drei Vor- und drei Nachfeiertage befohlen hatte. Da nun die Woche aber nur sieben Tage samt dem Sabbat zählt, so hatte sich dann eine Frage erhoben, wann denn bei solchen Umständen gearbeitet werden solle! Der blinde Gesetzgeber hatte seinen Unsinn eingesehen und nachher mit sich bedeutend handeln lassen! Friede seiner Asche!
[GEJ.03_020,02] Kurz, aus unserem neuen Meister und Herrn sieht auf allen Seiten der rechte Geist Gottes heraus, und darum wollen und werden wir auch seine Jünger sein auf Tod und Leben und auf Mord und Brand; aber dem Tempel sei auf ewige Zeiten unser Rücken zugewendet! Amen. Also sei es, und also wird es geschehen! Gefastet haben wir schon oft genug und haben dadurch nichts erreicht; auf unseren Reisen aber ließen wir das dumme, übertriebene Fasten einen guten Mann sein, aßen und tranken auch an den Vorsabbaten und an den Neumondstagen, und wir haben auf diese neue, menschlich vernünftige Weise nun das Höchste erreicht, was je ein Mensch erreichen kann. Darum also heiter und vollauf guten Mutes! Wir haben den verheißenen Messias schon, und der Tempel wird Ihn bei der gegenwärtigen Verfassung etwa wohl noch hübsch lange nicht zu Gesichte bekommen; und bekommt er Ihn auch zu Gesichte, so wird er Ihn doch sicher nicht erkennen. Wir aber haben Ihn und erkennen Ihn; und darum frohlocken wir hoch und sagen: Hosianna nun Dem, den wir gefunden haben! Ihm allein alle unsere Achtung und Liebe!"
[GEJ.03_020,03] Sagt Julius: „So ist es recht, da stimme auch ich bei und setze noch dazu: Heil und Segen allen Menschen, die eines guten Willens sind!"
[GEJ.03_020,04] Sagt Cyrenius: „Jawohl, Heil aller Welt und Gnade von oben, und hoch gepriesen sei der Name unseres Heilandes, der da heißet Jesus! Vor diesem Namen sollen in der Zukunft alle Völker der Erde, alle Engel der Himmel und alle, alle Geister unter und über der Erde beugen ihre Knie!"
[GEJ.03_020,05] Sagen der Engel, die Jarah, der Josoe, Ebahl und alle Jünger ein lautes „Amen!".
[GEJ.03_020,06] Nach diesem Amen aber sage Ich: „Und nun, Meine Freunde und Brüder, wollen wir essen und trinken; denn die Zeit zur Heilung der fünf Schweren rückt heran!" – Darauf griffen alle wacker zu den Fischen, zum Brote und am Ende zum Weine.
[GEJ.03_020,07] Und so wurde das Morgenmahl in kurzer Zeit eingenommen, und das sichtlich mit dem größten Appetit von der Welt; denn die Fische waren so geschmackvoll zubereitet, daß der gute Geschmack einen mehr als gewöhnlich zum Essen reizte. Auch Meine Jarah griff wacker zu und ihr Raphael nicht minder, was mehreren der jungen Leviten und Pharisäer so sehr auffiel, daß sie sich untereinander zu fragen anfingen, wie der Engel, der doch ein reinster Geist sein müsse, da die Fische und das Brot und den Wein mit einer Art Heißhunger verzehre und auch seine liebliche Jüngerin förmlich zum Essen anhalte, die sich auch gar nicht geniere, ihrem himmlischen Meister ganz gehörig die Stange zu halten.
[GEJ.03_020,08] Hebram aber sagt zu seinen Genossen: „Wie kann euch so etwas doch wundern? Der gute Engel, der ehedem mit einer so enormen Leichtigkeit mit dem bei dreißig Pfund schweren Steine fertig geworden ist, und das zwischen seinen zartesten Fingern, der wird wohl auch mit den weichen Fischen, mit dem Brote und Weine um so leichter fertig werden! Daß aber seine liebe Jüngerin ihm im Recht-viel-Essen auch so ziemlich nahekommt, das liegt in ihrem starken Wachstume; denn das Mädchen scheint dem Aussehen nach noch keine fünfzehn Frühlinge zu haben und ist dabei aber schon so stark wie sonst eine Maid von zwanzig Sommern, und das kommt vom guten Genährtsein her. Des Cyrenius (Pflege-)Sohn, der zwischen der Vielesserin und dem noch mehr essenden Engel sitzt, hat zwar auch viel Eßlust; aber das Mädchen und der Engel beschämen ihn gewaltig! Aber für das Mädchen ist es ein Schade, daß es eine so starke Esserin ist! Sie ist sonst sehr schön von Gestalt und spricht mit sehr viel Begeisterung; aber das Vielessen benimmt ihr sehr vieles von ihren Reizen. – Auch unser Meister ißt und trinkt mit einer sehr bedeutenden Fertigkeit. Dies ist aber übrigens keine ungewöhnliche Erscheinung bei großen Geistern; alle, die ich noch habe kennengelernt, waren stets mehr als weniger starke Esser und auch Trinker! Übrigens ist das gerade nicht zu viel, wie es hier gegessen und getrunken wird, bis auf den Engel, der wahrlich schon so viel unter sein Dach gebracht hat wie wir alle zusammengenommen! Merkwürdig ist dabei, daß ein reinster Geist auch so die materiellen Speisen verschlingt wie unsereins sie verschlingt! Möchte eigentlich denn doch wissen, ob er darauf das Genossene auch auf eine natürliche Weise durch den sogenannten Stuhlgang von sich schafft, oder nimmt er all das Genossene in seine Wesenheit auf?"
[GEJ.03_020,09] Sagt der in des Hebrams Nähe sitzende Julius, dem diese Unterredungen nicht entgangen sind: „Aber was ihr nun wieder für tolles Zeug unter euch zusammenschwätzet, weil ihr die Natur der Dinge nicht kennet! Sehet, der Raphael ist ein Geist, den ihr in seinem Urzustande unmöglich sehen und sprechen könntet; auf daß er aber nach der außerordentlichen Zulassung des Herrn unter uns Menschen sich als ein Mitmensch manifestieren (zeigen) kann, muß er sein rein geistiges Wesen mit einer Art leichten materiellen Hülle umgeben und braucht dazu als einer der mächtigsten Erzgeister stets viel der leichteren Materie, die er sofort in sein Wesen verkehrt, um unter uns sichtbar bestehen zu können. Von einer Absonderung der genossenen Speise in seinen allfälligen Eingeweiden ist keine Rede, da er alles das Genossene lediglich nur in sein Wesen verkehrt, und das schon in seinem Munde. Und seht, so verhält sich die Sache! Darum redet nicht solch dummes Zeug unter euch!
[GEJ.03_020,10] Daß aber die lieblichste Jarah, eine gar weise Tochter des Gastwirtes Ebahl in Genezareth, der gerade knapp oberhalb des Engels sitzt, heute morgen etwas mehr ißt als sonst irgendwann, rührt daher, weil ihr solches der Herr sicher ganz geheim angeraten hat wegen der Heilung der fünf Hauptverbrecher, die sicher sehr denkwürdig werden wird, weil Er, der doch schon Tote erweckt hat, Sich darauf ganz ordentlich, was Er meines Wissens sonst noch nie getan, Selbst vorbereitet und uns schon gestern darauf aufmerksam gemacht hat, daß das eine schwere Heilung werden wird und muß des Gelingens wegen ganz tüchtig und zweckmäßig vorbereitet werden! Aus dem Grunde höchst wahrscheinlich ißt auch Er heute morgen mehr als sonst irgendwann an einem Tage. – Seid ihr nun wieder im klaren?"
[GEJ.03_020,11] Sagt Hebram: „Gottlob, ja, lieber hoher Freund und Gönner! Nur Licht in und über eine Erscheinung, und das Wunderbare an ihr wird am Ende zu etwas ganz Natürlichem! Darum, so wir uns künftighin noch über eine wunderbare Begebenheit etwa abermals zu sehr verwundern sollten, so werde solch eine Verwunderung unserer leidigen Dummheit zugute geschrieben! Denn nur die Dummheit kann sich verwundern über etwas, das sie unmöglich versteht; der wahren Weisheit aber kann irgendeine Verwunderung gar nicht einmal in einem Traume einfallen, weil ihr der ganze Hergang der Sache vollauf bekannt ist. Wir dreißig aber sind noch stark in aller Dummheit, und es dürfte darum noch viel zum Verwundern geben an der Seite unseres großen Meisters, Heilandes und mit allem Rechte unseres verheißenen Messias! – Aber nun macht Er Miene zum Aufstehen und Gehen, und wir werden darum uns auch dazu anzuschicken anfangen!"
[GEJ.03_020,12] Sage Ich: „Ja, nun ist es an der Zeit hinauszugehen; darum erheben wir uns und begeben uns alle hinaus an das Gestade, allwo die fünf für uns aufbehalten sind!"
[GEJ.03_020,13] Als Ich dieses ausspreche, so erhebt sich alles von den lange belegten Sitzen und eilt mit Mir hinaus ans Gestade.
21. Kapitel
[GEJ.03_021,01] Als wir bei den fünf ankommen, so erheben diese ein gräßliches Geschrei und Gebrülle und fangen an, alles zu verfluchen, das sich ihnen naht.
[GEJ.03_021,02] Ich aber lasse endlich die Soldaten, den Julius und den Cyrenius etwas mehr zurücktreten und sage zu den einigen Soldaten: „Bindet sie nun los; denn in solchem Zustande läßt sich mit ihnen nichts anfangen!"
[GEJ.03_021,03] Die Soldaten aber bemerken, daß das hier nicht geheuer sein dürfte, da die fünf zu stark und zu wütend wären; es wäre Ärgeres mit ihrer Freilassung zu befürchten, als so man irgend zwanzig Tiger unter die Menschen freiließe!
[GEJ.03_021,04] Sage Ich nun gebietend: „Ich gebiete es euch, das schnell zu tun, was Ich euch anbefehle; durch die Nichterfüllung Meines Verlangens könntet ihr ehestens in ein großes Unglück gestürzt werden!"
[GEJ.03_021,05] Nach solcher Meiner Androhung tun die Soldaten endlich doch, aber mit großer Vorsicht, was Ich ihnen geboten habe für den Augenblick.
[GEJ.03_021,06] Als die fünf nun frei sind, stürzen sie vor Mich hin, fallen auf ihre Angesichter und rufen: „O Du allmächtiger Sohn Davids, da Du uns schon so weit errettet hast, o so errette uns ganz vom ewigen Verderben! Des Leibes Tod fürchten wir nicht, aber wohl das ewige Verderben! Denn in dieser Nacht hatten wir bei aller unserer schrecklichen Leibesqual auch noch die Gesichte der Qual der verdammten Geister in der Hölle! Und wir bitten Dich darum, daß Du für unsere Verbrechen uns mit allen denkbaren Übeln quälest hundert Jahre lang auf dieser Erde in unsern argen Leibern, – nur verschone uns mit den zu erschrecklichen ewigen Qualen und Peinen der Hölle, die zu unbeschreiblich erschrecklich sind!"
[GEJ.03_021,07] Das war die Sprache der wirklichen Seelen dieser fünf im Ruhemomente ihrer ihre Leiber besitzenden Teufel, die ihnen auch ihre Hölle also in ihrer gräßlichsten Nacktheit zeigen mußten; aber gleich darauf tun sich die Argen in den Leibern der fünf hervor und reden wie tausendstimmig aus dem Munde der fünf: „Was willst du elender Mückenbändiger hier? Willst du dich etwa gar in einen Kampf mit uns allmächtigen Göttern einlassen? Versuche es nur, und du sollst wohl zum letzten Male gekämpft haben! Tritt zurück, du Elender, sonst zerreißen wir dich in die kleinsten Staubteile und geben dich dann allen Winden preis!"
[GEJ.03_021,08] Sage darauf Ich: „Mit welchem Rechte plaget ihr diese fünf Menschen schon seit etlichen Jahren? Wer gab euch dazu eine Befugnis? Wisset, daß nun eure letzte Stunde verronnen ist! Der Mückenbändiger aber gebietet euch nun, im Augenblick diese fünf Menschen für immer zu verlassen und euch sofort zu begeben in die allertiefste eurer Höllen!"
[GEJ.03_021,09] Die Teufel aber brüllen und sagen unter gräßlichstem Geheule: „Wenn deine Macht uns zwingen kann, so laß uns lieber fahren unter die weißen Ameisen in Afrika; denn es ist besser, unter ihnen zu sein denn in unserer Hölle!"
[GEJ.03_021,10] „Nein", sage Ich, „für euch und euresgleichen habe Ich kein Erbarmen in Meinem Herzen, weil ihr keines gehabt habt mit jenen, die ihr trotz ihrer heißesten Bitten auf das martervollste ums Leben gebracht habt; deshalb nun ohne alle Gnade und Erbarmen hinaus mit euch!"
[GEJ.03_021,11] Auf dies Mein mächtiges Gebot fahren die bösen Geister hinaus und reißen die fünf furchtbar zur Erde.
[GEJ.03_021,12] Ich aber sage: „Weichet, ihr Elenden! Hinab zur Hölle mit euch, und euch geschehe dort der vergeltende Riß!"
[GEJ.03_021,13] Die Geister aber verweilen noch und bitten um Gnade und Erbarmen; denn es läge in ihnen, daß sie so böse wären.
[GEJ.03_021,14] Ich sage: „Aber es liegt auch in euch, gut zu sein, denn ihr habt Erkenntnis des Guten und des Bösen; aber euer hochmütiger Wille ist böse und unbändig, und es kann euch darum keine Gnade und keine Erbarmung zuteil werden! Ihr selbst wollt leiden und wollet gepeinigt sein, darum leidet und werdet gepeinigt nach eurem Willen ewig! Denn Meine Ordnung währet ewig und ist unabänderlich, was ihr wohl wißt. Ihr wißt aber auch, was ihr zu tun habt, um euch die ewige Ordnung zunutze zu machen; weil ihr sie aber zu eurem Schaden verkehrt, also genießet auch den Schaden, und somit fort mit euch von Meinem Angesichte!"
[GEJ.03_021,15] Hier geschieht ein mächtiger Knall, Rauch und Feuer fährt aus der Erde, und eine schnell entstandene Kluft verschlingt das elende Gewürm. Denn die ausgetriebenen Geister zeigten sich den Anwesenden als kohlschwarze Schlangen, die nun sämtlich von der flammenden Kluft der Erde verschlungen wurden, worüber sich alle Anwesenden derart entsetzten, daß sie zu fiebern anfingen.
[GEJ.03_021,16] Ich aber wandte Mich nun an den Markus, der schon mit Brot, Wein und Salz in Bereitschaft stand, und sagte zu ihm: „Reiche nun den fünfen schnell etwas Wein, dann etwas Brot mit Salz!"
[GEJ.03_021,17] Nun hoben die Söhne des Markus die fünf auf der Erde Liegenden auf und gossen ihnen etwas Wein in den offenstehenden Mund. Darauf kamen sie schnell zur Besinnung und wußten nicht, was da mit ihnen vorgegangen sei.
[GEJ.03_021,18] Ich aber sagte zu ihnen: „Nehmet nun etwas Brot mit Salz und dann abermals etwas Wein, und ihr werdet dadurch zur Kraft und zur vollen Besinnung wieder gelangen!"
[GEJ.03_021,19] Darauf nehmen sie Brot und Salz und, wie befohlen, nach einer kurzen Weile abermals etwas Wein, und sie erheben sich darauf in wenigen Augenblicken völlig, nur sehen sie natürlich noch sehr schlecht, bleich und mager aus.
[GEJ.03_021,20] Und Cyrenius fragt Mich ganz schüchtern, was nun mit den fünfen wird weiter zu unternehmen sein, ob sie ganz freigelassen, oder ob sie in irgendeinem öffentlichen Pflegehause untergebracht werden sollen.
[GEJ.03_021,21] Sage Ich: „Laß diese Sorge für heute; morgen aber wird sich dann schon zeigen, was mit ihnen für die Zukunft zu tun sein wird! Wenn sie heute bei uns ordentlich gepflegt sein werden, so werden sie auch ehest besser aussehen. Aber nun müssen wir sie hier eine kurze Zeit ruhen lassen, und du Markus laß noch etwas Öl herbeibringen! Die fest gebundenen Ketten und Stricke haben ihre Haut mit Wunden und Beulen bedeckt, diese sollen mit Öl und Wein eingerieben werden, auf daß sie heilen in Kürze!"
[GEJ.03_021,22] Markus schafft nun auch sogleich Öl herbei, und seine Söhne reiben ihnen solche Salbe ein, was den fünfen sehr wohl bekommt; denn sie gestehen auf diese Behandlung, daß sie ihnen sehr gut zustatten käme, und es versucht darauf einer um den andern, sich auf die Füße zu machen, was im Anfange mit noch mancher Anstrengung verbunden ist, aber sich nach und nach immer besser macht.
[GEJ.03_021,23] Als sich die fünf Geretteten nach einer kleinen Stunde schon so ziemlich besser befinden, fangen sie erst an zu fragen, wo sie seien, und was da mit ihnen vorgegangen sei.
[GEJ.03_021,24] Und der Markus, der sich nun mit seinen Söhnen natürlich in der fünf Gesundgemachten nächster Nähe befindet, sagt zu ihnen: „Ihr waret sehr krank und seid als solche gestern nachmittag hierhergebracht worden; hier aber befindet sich soeben der berühmte Heiland aus Nazareth, der allen Menschen, mit was für Krankheiten sie auch behaftet sind, die sicherste Hilfe bringt und gibt, und dieser Heiland hat euch auch nun hier geholfen. Ihr werdet Ihn später schon noch näher kennenlernen."
22. Kapitel
[GEJ.03_022,01] Sagt einer aus den fünfen: „Ja, ja, mir fängt nun an, ein Licht aufzugehen! Es kommt mir vor, als hätte ich einen bösen Traum gehabt, und aus diesem Traume kommt mir etwas in meine Erinnerung, als wäre ich einst von einer Räuberbande gefangen worden und noch vier mit mir. Wir wurden in eine finstere Höhle gebracht und alldort den Teufeln übergeben. Diese bearbeiteten uns zuerst äußerlich, um aus uns auch Raubmörder, ihnen gleich, zu machen. Da wir uns aber dagegen sehr sträubten, so bemächtigten sich die Teufel unserer Leiber. Da verloren wir die eigene Besinnung fast ganz, und ein teuflisches Sehnen und Drängen bemächtigte sich unserer Herzen, und wir waren für uns selbst so gut wie vollkommen verloren. Was wir dann in solch einem schrecklichen Zustande alles etwa gemacht und getan haben mochten, ist uns völlig fremd; aber nur dessen kann wenigstens ich mich in etwas erinnern, daß wir erst vor kurzem von römischen Kriegern gefangen worden sind. Was sich aber wieder nachher mit uns alles mag zugetragen haben, ist wenigstens mir völlig fremd, und ich weiß es durchaus nicht, wie wir hierhergekommen sind und warum so ganz eigentlich noch dazu! Wir müssen stark mißhandelt worden sein, da wir noch so voll Wunden und Beulen sind, die uns aber nach meinem Gefühle wenigstens gerade nicht mehr schmerzen. Ach Gott, uns muß es wohl sehr schlecht gegangen sein!?"
[GEJ.03_022,02] Sagt ein zweiter: „Weißt du, was wir ursprünglich so ganz eigentlich waren? Siehe, wir gehörten eigentlich dem Tempel an und wurden als Apostel zu den Samariten gesandt, um diese wieder für Jerusalem zu bekehren. Wir aber wurden bei den Samariten eines Bessern belehrt und kehrten dann zurück und wollten in Judäa Proselyten für Gorazim machen; da erst wurden wir auf der Grenze von den gewissen Teufeln gefangengenommen, die uns dann verhext haben, so daß wir dann nicht mehr wußten, was und wer wir waren, und was so ganz eigentlich aus uns geworden ist. Aber wie wir so mir und dir nichts hierhergekommen sind, davon weiß ich keine Silbe! Ja, ja, was da aus uns geworden ist, haben wir alles dem Tempel zu verdanken! Der versteht es, die Menschen so unglücklich als möglich zu machen; aber man weiß kein Beispiel, daß der Tempel unseres Wissens jemanden glücklich gemacht hätte! Die Obersten allein und die hohen Pharisäer und die Ältesten der Schriftgelehrten sind die Glücklichen im Tempel, alle andern aber armseligste Knechte und hungrige Handlanger des Tempels!"
[GEJ.03_022,03] Sagt ein dritter: „Ja, jetzt kann auch ich mich erinnern, wie wir im Tempel mit Fasten und allerlei andern Bußwerken geplagt worden sind! O Gott, unsern Eltern haben wir wohl all unser Unglück zu verdanken! Es steht im Gesetze Mosis: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir wohl gehe auf Erden!‘ Wir hatten doch unsere Eltern allzeit geehrt durch die genaue Befolgung alles dessen, was sie von uns verlangten; wir wurden nach ihrem Willen Templer, obschon wir der Geburt nach nie dem Stamme Levi angehört haben. Aber das hat nichts gemacht, denn ums Geld kann man nun ja alles werden, was man nur will; aber viel Geld gehört dazu! Durch das aber, daß wir Templer geworden sind, sind wir auch von Tag zu Tag unglücklicher geworden durch allerlei Exerzitien und Proben, bis wir als Apostel nach Samaria beordert und allda alle von bösen Zauberern verhext worden sind! Was mit uns aber von da angefangen bis nun vor sich gegangen ist, und was wir getan und gemacht haben, wie wir hierher in diese ganz fremde Gegend über dieses Meer gekommen sind, und wer uns so übel zugerichtet hat, davon weiß wenigstens ich für mich nicht eine Silbe. Nur ganz dunkel kann ich mich erinnern, daß wir von den bösen Zauberern, als wir keine Raubmörder werden wollten, einer gar argen und finstern Gesellschaft übergeben worden sind, durch deren Behandlung wir in kurzer Zeit alle unsere Besinnung verloren und bis zur Stunde nicht wieder erhielten! Aber nun ist, gottlob, diese wieder zurückgekehrt! Wir wissen nun wieder, daß und wer wir sind! Aber was nun mit uns? Sollen wir wieder in den Tempel zurück, oder sollen wir etwas anderes anfangen? Mir wäre das Sterben nun am liebsten; denn diese böse Welt hat für mich alles verloren, was mir auf ihrem Boden das weitere Leben irgend wert machen könnte! Wer kann dafür stehen, daß wir leicht wieder irgend einmal in die Hände von solchen Teufeln geraten wie jüngst?! Wer wird uns dann erretten aus ihren Klauen?"
[GEJ.03_022,04] Sagen der vierte und der fünfte: „Da sind wir mit dir ganz einverstanden! Nur einen guten, schnellen Tod, und dann ewig kein Leben mehr! O wie gut ist das Nichtsein gegen ein Sein, wie wir es genossen haben! Kurz, nur aufhören zu sein! Aber wohl ganz aufhören! Denn unsere Erfahrung hat uns das Dasein auf ewig unerträglich gemacht! Warum müssen wir denn überhaupt sein? Haben wir in unserem vorgeburtlichen Nichtsein ja doch nie einen Wunsch zum Sein äußern können! Oder kann irgendein weiser Schöpfer je eine Lust daran haben, gar so entsetzlich unglückliche Wesen unter seiner sicher allerseligsten Allmacht umherwandeln zu sehen? Aber was können wir ohnmächtige Würmer?
[GEJ.03_022,05] Jedes Tier ist besser daran als der Mensch, der sich hochdünkende Herr der Schöpfung! Wohl könnet ihr Römer mit euren scharfen Schwertern bekämpfen des Löwen Grimm, und Tiger, Leoparden und Hyänen müssen fliehen vor dem lauten Geklirre eurer Schilde und Lanzen; aber wenn ihr irgend von argen Dämonen überfallen werdet, was habt ihr diesen unsichtbaren Feinden für Waffen entgegenzustellen? Ihr wisset wohl davon vielleicht wenig zu erzählen, obschon ein delphischer Spruch oft mehr Gewalt hatte, denn ein ganzes Kriegsheer! Aber wir haben solch eine geheime Kraft und Macht genossen und hatten keine Waffen ihr entgegenzustellen! Wir hätten Teufel werden sollen, und da wir solches nicht wollten, nahmen uns die argen Dämonen alle unsere Besinnung, erhielten dem Leibe wohl ein Maschinenleben und benutzten diese Maschine dann Gott weiß zu was! Daß sie sicher zu nichts Gutem benutzt worden ist, dafür zeugt das elendste Aussehen unserer Haut! Darum nur den Tod her; aber den vollkommenen Tod! Kein wie immer geartetes Leben nach dem Grabe mehr!"
[GEJ.03_022,06] Sagt wieder der erste: „Ja, wenn das möglich wäre, so würde uns derjenige, der uns mit aller Bestimmtheit einen solchen Tod geben könnte und würde, wohl die unendlich größte Wohltat erweisen! Denn was sollen wir uns auf dieser elendsten Welt noch mehr martern lassen! Teufel zu noch größerer Plage der Menschen wollen wir durchaus nicht sein! Wer aber das nun nicht sein will auf die eine oder die andere Art, der hat stets das verfluchtest elende Sein auf dieser wahren Dreckwelt! Nichts ist darum auf dieser Welt zu machen! Man verberge sich vor den Menschen, die nun zumeist pure Knechte des Satans sind! Was nutzt einem aber das?! Die Teufel finden den Versteckten bald, und diesen kann er sich nicht widersetzen. Folgt er ihrem Begehren, so ist er ohnehin des Teufels; folgt er den Teufeln aber nicht selbstwillig, so tun sie ihm der Gewalttätigkeiten fürchterlichste an, und er ist darauf noch mehr des Teufels!
[GEJ.03_022,07] Geht und fahrt uns ab mit solch einer verfluchten Welt und mit solch einem verfluchten elendesten Dasein! Das ist ja selbst für die ärgsten Teufel zu schlecht, geschweige für eine harmlose, unschuldige Menschenseele! Ein Gott über allen Sternen kann wohl lachen; aber der arme, ohnmächtig geschaffene Mensch muß leiden, weinen, fluchen und verzweifeln! Wo ist denn der Heiland, der uns dieses elende Bewußtsein, daß wir freie Menschen sind, wieder gab? Wahrlich, auf unsern Dank dafür soll er nie sich eine Rechnung machen; denn er hat uns dadurch nur einem neuen Elende preisgegeben! Und für solch eine Wohltat werden wir ihm ewig nie dankbar sein, vorausgesetzt, daß wir solch ein verfluchtes Leben ewig genießen sollen! Kann er uns aber mit Bestimmtheit den ewigen, vollkommenen Tod geben, so wollen wir ihm zum voraus im höchst möglichen Grade dankbar sein!
[GEJ.03_022,08] Wer seid ihr, glänzende Römer, wohl? Euch dürfte es auf dieser Welt wohl besser gehen denn uns! Ihr seht sehr gut aus! Ja, ja, wer so recht dem Satan im Glanze und aller andern Pracht zu dienen versteht, dem geht es gut auf der Welt! Wer nicht von Teufeln geplagt sein will, der werde selbst ein Teufel, und er hat dann Ruhe vor den Teufeln! Gottes Diener sein, oh, absurdeste aller Lächerlichkeiten! Gottes Hilfe soll man begehren und Gott lieben aus allen seinen Kräften! O schöne Worte, und doch kein Funke Wahrheit darin! Wir waren ja Gottes Diener mit Leib und Seele und schrieen schon gleich den Vögeln von Kindheit an: ‚Herr Gott Zebaoth, hilf uns und allen Menschen, die eines guten Willens sind!‘ Und seht uns an, wie uns der liebe Herr Gott Zebaoth geholfen hat! Ihr habt zwar auch eine Macht, und zwar die der Teufel, in euren Händen, und könnt nun mit uns machen, was ihr wollt; aber soviel bitten wir euch, gehet doch ein wenig menschlicher mit uns um als die vorigen Teufel, die uns in einem fort geplagt haben! Wollt auch ihr uns abermals zu Teufeln machen, da machet nur gleich lieber ganze statt halbe Teufel aus uns! Wir werden dann sehen, ob wir als ganze Teufel besser bestehen werden denn als gezwungene halbe!"
23. Kapitel
[GEJ.03_023,01] Sagt Cyrenius: „Herr, das ist eine Sprache, wie ich eine ähnliche noch nie gehört habe! Sie ist böse und leider doch in vielen Stücken wahr. Was wird mit diesen Menschen nun wohl zu machen sein? Wahrlich, es macht alles große Augen; sogar die Jarah scheint nun nicht mehr so recht zu wissen, was sie davon so ganz eigentlich machen solle, und den Engel habe ich ein paar Male weinen sehen! Das kommt mir wahrlich nun höchst sonderbar vor! Sage darum, was ich nun mit ihnen anfangen soll!"
[GEJ.03_023,02] Sage Ich: „Sieh, Ich habe es dir ja zuvor gesagt, daß sie uns ein böses Wetter machen werden. Aber das macht nun nichts, es ist noch etwas von den ausgetriebenen argen Dämonen in ihren Herzen wie eine Abenddämmerung zurückgeblieben, und sie müssen sich alles dessen ganz entäußern; dann erst kann ihnen völlig geholfen werden, aber eher um keinen Augenblick. Auch müssen wir sie hier noch eine Zeit ruhen lassen, und es wird mit der Weile der heitere Tag ihre Seelen ein wenig harmonisch stimmen. Du wirst noch manches vernehmen, und es schadet das im Grunde weder dir noch jemand anderm. Denn ihre Seelen sind keine gemeinen Seelen und gehören den besseren Welten an; darum müssen wir ihnen auch viel Geduld erweisen! Wenn sie so mehr zu sich kommen werden; dann erst freue dich auf ein ordentliches Wetter! Aber gebt ihnen nun mehr Brot und Wein; denn nun erst werden sie ordentlich hungrig und durstig!"
[GEJ.03_023,03] Markus reicht ihnen mit aller Freundlichkeit Brot und Wein und sagt: „Trinket, Brüder, und esset dies gute Brot nach Herzenslust! Denn von nun an soll es euch nimmer schlecht ergehen auf dieser Erde, obgleich sie wahrlich kein Paradies ist!"
[GEJ.03_023,04] Sagen die fünf: „Du scheinst ein guter Teufel zu sein; denn sonst würdest du uns, die wir vom Grunde aus dennoch nicht deiner Natur sind, sicher nicht so einen ausgezeichnet besten Wein und ein überaus wohlschmeckendes Brot in solcher Menge verabfolgen! Ersetzen können wir dir es nicht, aber Undank sollst du dafür auch nicht haben! Siehe, du guter Teufel, mit dir, scheint es uns, läßt sich ein gutes Wörtlein reden! Wenn auf dieser Erde lauter Menschen hauseten, da wäre auf diesem Boden zu leben gar so übel nicht; aber es kommen immer auf fünf Menschen tausend Teufel, und da muß mit der Zeit doch alles rein des Teufels werden! Die wenigen Menschen werden von den Teufeln zu sehr und zu mächtig beherrscht und können darum nie einen freien Atemzug machen!
[GEJ.03_023,05] Siehe, alle Herrschaft geht bis jetzt vom Teufel der Teufel aus, und seine Wohnung ist vergossenes Menschenblut, gemengt mit dem Blute von armen und guten Teufeln, wie du einer bist, – und das heißt hier Gottes Herrschaft?! Jawohl, auch eine Gottesherrschaft; aber nicht die seiner Liebe, sondern seines Zornes! Warum aber ein Gott zornig ist, – das weiß kein Geschöpf! Manche Tiere sind die einzig glücklichen Geschöpfe dieser Erde, aber der eigentlich seltene Mensch ist das Lasttier alles Übels auf dieser Dreckwelt! Er kann nicht schnell genug laufen, um vor allen Übeln gleich einer Gazelle die Flucht ergreifen zu können! Seine Hände sind gebrechlich wie Wachs, er ist nackt und hat von Natur aus nicht einmal so viel Waffen, als eine Biene oder Ameise, um sich da mit ihnen gegen einen Feind zur Wehr zu stellen. Wenn du eine Herde Tiger siehst, so ist darunter alles vollkommen Tiger, und siehst du eine Herde Löwen, so ist darunter alles Löwe, also von ganz gleicher Natur, und diese Bestien leben ganz gut untereinander; aber siehst du eine Herde Menschen, so ist da nicht alles Mensch, was dem Menschen ähnlich sieht, sondern zum größten Teile Teufel! Und darum ist stets Zank, Hader und Krieg unter ihnen! In den Teufeln liegt alles Arge, und in den Menschen nur die Anlage zum Guten, die sehr verdorben werden kann unter so vielen Teufeln, und aus dem Menschen wird dann zum wenigsten ein Halbteufel, oder er muß ertragen, was wir ertragen haben! Aber es gibt verschiedene Teufel unter den Teufeln dieser schändlichen Welt, große und kleine; aber alle sind daran leicht zu erkennen, daß sie gleichfort ohne Arbeit und Anstrengung ihrer Kräfte so gut und bequem wie möglich leben wollen. Sie wollen auch allenthalben die ersten und sehr geehrt und angesehen sein; sie wissen sich überall in den Besitz der Erdengüter zu setzen, kleiden sich so prächtig und verfolgen den bis auf den Tod, der sie nicht allzeit demütigst grüßte!
[GEJ.03_023,06] Kurz, sage du, guter Teufel, was du willst, nur deinesgleichen führt die Herrschaft über die Welt, und die wenigen Menschen stecken in der tiefsten Sklaverei und können sich nimmer helfen; und das sollen nach der Schrift die eigentlichen ‚Kinder Gottes‘ sein?! Wahrlich, wenn ein Gott so für seine Kinder sorgt, wie er zum Beispiel für uns fünf Menschen gesorgt hat, und das Los der armen Gotteskinder nur gleichfort darin bestehen soll, den Teufeln in der tiefsten Niedrigkeit zu dienen, dann bedanken wir uns für solch eine Kindschaft Gottes!"
[GEJ.03_023,07] Sagt Markus, dem der Titel ‚guter Teufel‘ denn doch nicht so recht munden will: „Es ist wohl wahr, daß die Gotteskinder auf dieser Welt oft viel auszustehen haben; aber was erwartet sie dereinst über dem Grabe? Welch eine unberechenbare Fülle von stets wachsenden und sich in einem fort mehrenden Seligkeiten! Wenn ein Gotteskind das recht bedenkt, so kann es sich denn ja durch dies kurze Leben eine kleine Probedemütigung gefallen lassen."
[GEJ.03_023,08] Sagt wieder der Sprecher aus den fünfen: „Wer gibt dir denn dafür eine Bürgschaft? Meinst du, etwa die Schrift? Geh und fahre ab mit dieser Bürgschaft! Sieh an und sage, wer die sind, die den Menschen die schöne Schrift verkünden und sich als Gottesdiener allerhöchst ehren lassen! Siehe, das eben sind erst die allerärgsten Teufel!
[GEJ.03_023,09] Es solle Gott selbst herabkommen in Menschengestalt und ihnen vorhalten alle ihre namenlosen Schändlichkeiten und soll sie ermahnen zur Buße. Wahrlich, so er sich nicht mit seiner ganzen Allmacht ihnen entgegenstellt, da ergeht es ihm noch viel ärger, als es zu Sodom den zwei Engeln ergangen ist, die dem Lot die Aufforderung brachten, sich mit seiner Familie aus diesen Orten weithin zu entfernen, weil sie gerichtet werden!
[GEJ.03_023,10] Wenn aber die Ausspender der Verheißungen Gottes nur gar zu leicht erkenntlich die allerärgsten Teufel sind und das unbestreitbar, sage uns dann, du guter, alter, aber etwas blinder Teufel, was ein Mensch oder respektive ein sein sollendes Gotteskind von solchen Verheißungen am Ende zu erwarten hat! Ich sage es dir, kraft unserer vielseitigen Erfahrungen, die wir schon traurig genug haben durchmachen müssen: nichts, gar nichts!
[GEJ.03_023,11] Es gibt entweder keinen Gott, und alles, was da ist, ist ein Werk der rohen, blinden Naturkraft, die Ewigkeiten hindurch alles das, was da ist, hervorgebracht hat, oder es gibt irgendein allerhöchstes Gottwesen, das da wohl ordnet die große Erde, die Sonne, den Mond und die Sterne, aber in sich zu groß und zu erhaben ist, sich mit uns Schimmel- und Moderläusen dieser Erde abzugeben. Die ganze Schrift rührt also nur von Menschen her, und ist eigentlich auch mehr Schlechtes als Gutes darin. Und was darin noch Gutes ist, das beobachtet kein Teufel und kein Mensch; das Schlechte nur wird daraus von den Teufeln auf den breiten Nacken der Menschen geschoben!
[GEJ.03_023,12] ‚Du sollst nicht töten!‘ habe Gott zu Moses gesagt; aber dem David gebot derselbe Gott, wider die Philister und Ammoniter zu ziehen und sie alle zu vertilgen samt Maus, Weib und Kind! Schönes Leben das, und eine Konsequenz sondergleichen! Hatte ein allmächtiger Gott denn nicht Mittel genug, die ihm verhaßten Völker von dem Erdboden zu vertilgen? Warum mußte denn wider das dem Moses für alle Menschen gegebene Gebot ein Mensch mit vielen Tausenden seiner Kriegsknechte aufgeboten werden, hinzuziehen und nicht nur einen, sondern viele Hunderttausende bloß darum zu töten, weil sie nach der Aussage eines Sehers Gott nicht anständig wären; was es da für eine Bewandtnis hat mit solchen Sehern und mit solchen Königen, die Gott berief, ganze Völkerschaften von der Erde rein zu vertilgen, das wird wohl er am besten wissen und bei sich geheim etwa wohl auch die Seher und die Könige!
[GEJ.03_023,13] Ich bin freilich der Meinung, daß ein Gott der Liebe nie Menschen, die er zur Liebe erzogen haben will, wider Menschen gleich den bösesten Hunden hetzen sollte, indem er doch selbst Mittel genug in seiner Macht hat, die ihm lästigen und abtrünnigen Teufel in Menschengestalt zu Paaren zu treiben! Ein wahrlich sonderbarer Gott das! Auf der einen Seite Liebe und Geduld und Demut gebieten, auf der andern Seite aber Haß, Verfolgung, Krieg und Vernichtung! Wahrlich, wer sich bei solch einer Wirtschaft auskennt, der muß mehr Sinne als ein gewöhnlicher Mensch haben!"
24. Kapitel
[GEJ.03_024,01] Sagt abermals unser Markus, dem schon die Geduld etwas zu enge werden will: „Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich aus euch machen soll. Ich kann euch zwar eben nicht viel einwenden, aber recht geben kann ich euch auch nicht völlig. Es ist wohl etwas an eurer Klagerede, aber dabei scheint ihr denn doch die Sache nun mehr in eurer unglücklichen Aufregung schwärzer zu sehen, als sie an sich wirklich ist. So du aber sogar mich für einen Teufel hältst, so sage es mir, ob denn am Ende diese ganze Gesellschaft etwa aus lauter Teufeln besteht!"
[GEJ.03_024,02] Sagt der Redner aus den fünfen: „O mitnichten! Da siehe den Mann (auf Mich zeigend) neben dir; das ist ein sehr vollkommener Mensch, ein wahrer Gottessohn! Es wird aber gar nicht lange währen, und die Teufel werden ihn aufreiben! Weiter rückwärts stehen noch zwei Jünglinge und ein Mägdlein, die sind auch von oben her, werden aber auch noch zur Genüge verfolgt werden, so sie keine Teufel werden wollen. Dann sehe ich aber noch einige arme Menschen, die scheinen Fischer zu sein; alles andere, samt dir und deinem ganzen Hause, aber sind so ziemlich gute Teufel, auf dem Wege Menschen zu werden, was ihnen aber noch gar manche Mühe und Sorge machen wird! Weißt du nun, wie du daran bist?"
[GEJ.03_024,03] Sagt Markus: „Aber sage du mir, weil du schon einmal in der Rede stehst, woher du das alles so genau wissen kannst; denn sieh, ich sehe um mich nur Menschen von minderer, höherer und höchster Vollendung; aber Teufel sehe ich nicht unter ihnen. Worauf gründest du demnach deine Behauptung, an der irgend etwas zu sein scheint?"
[GEJ.03_024,04] Sagt der Redner aus den fünfen: „Auf das, was ich schaue; die Leiber sind wohl gleich, aber die Seelen unterscheiden sich gewaltig! Die Unterscheidung aber besteht in der Farbe und in der Gestalt; die Seelen der von mir dir Bezeichneten sind weiß wie frisch gefallener Schnee auf den hohen Bergen und haben eine wunderliebliche Gestalt, die um vieles noch rein menschlicher aussieht denn ihre äußere Leibesgestalt; eure Seelen aber haben noch eine dunklere Farbe als euer Leib und sehen bei weitem nicht einmal so menschlich aus wie euer Leib, sondern es sind an euren Seelen noch ganz deutliche Spuren von irgendeiner Tiergestalt wahrzunehmen!
[GEJ.03_024,05] Aber ich entdecke in euren Tierseelen noch eine sehr kleine Lichtgestalt, die auch eine vollkommene Menschengestalt hat; vielleicht, so diese in euch wächst, wird sie eure Tierseele auch in eine rein menschliche Gestalt über sich gleich einer Haut ausdehnen! Das jedoch weiß ich dir nicht näher zu beschreiben, und du kannst dir darüber bei den vollendeten Menschen eines rechten Rates erholen."
[GEJ.03_024,06] Sagt Markus weiter: „Aber sage du mir noch, wie das kommt, daß du das alles also sehen kannst, und ich nicht!"
[GEJ.03_024,07] Sagt der Befragte: „In meinen großen Leiden, bei denen dem Leibe gar oft das Hören und Sehen verging, öffnete sich die Sehe meiner Seele, und mittels dieser kann ich nun denn auch die Seelen der andern Menschen sehen und wahrnehmen auf das handgreiflichste den großen Unterschied zwischen Menschen und Menschen, zwischen Gotteskindern und den Kindern der Welt, oder, was dasselbe ist, zwischen Engeln und Teufeln!
[GEJ.03_024,08] Aber aus den Weltteufeln können auch Engel werden, – doch kostet sie das viele Mühe und Selbstverleugnung; aber auch: aus den Engeln können Teufel werden. Das kostet aber eine noch größere Mühe und ist nahezu unmöglich, weil in den Engelseelen eine zu mächtige Selbständigkeitskraft vorhanden ist. An uns fünfen hat sich die Hölle versucht, ob wir nicht zu gewinnen wären. Bis jetzt sind alle ihre ärgsten Versuche an uns gescheitert; aber wie es uns noch fürder ergehen wird, das wissen wir nicht, sondern ein Gott nur, der uns werden und sein hieß, sich aber nun fürder wenig oder gar nicht mehr um uns kümmert, so daß wir darum schon sämtlich auf den Gedanken gekommen sind, daß es entweder gar keinen Gott mehr gibt, oder der zu erhabene Gott kann und will sich um uns nicht kümmern!"
25. Kapitel
[GEJ.03_025,01] (Der Seher:) „Es ist auf der Erde wohl eine Ordnung und irgendein Gleichmaß, aus dem man am ehesten eine Überzeugung nehmen kann, daß es einen höchst weisen Gott geben müsse, der die Dinge alle einmal also erschaffen hat, wie sie nun noch stets gleichfort zu sehen und zu begreifen sind; anderseits aber bemerkt man wieder eine oft grenzenlose Unordnung und gar nie zu ermessende Willkür unter den Dingen, daß man zu sich selbst am Ende sagen muß: Ja, da schaut denn doch wieder kein Herrgott heraus!
[GEJ.03_025,02] Man nehme nur die Unbeständigkeit der Witterung! Wo ist da irgendeine Ordnung oder irgendein Ebenmaß zu entdecken? Man betrachte die durcheinanderstehenden, verschiedenartigen Bäume in einem Walde, oder desgleichen das Gras auf dem Felde; weiter das höchst ungleiche Maß der Berge, der Seen, der Ströme, der Flüsse, der Bäche und der Quellen! Da ist doch ewig kein Ebenmaß und keine Ordnung zu entdecken, wenigstens für unser Verständnis nicht. Das Meer macht sich seine unebenen Ufer je nach dem Zufalle des mehr oder weniger mächtigen Wellenschlages, ebenalso die Seen, die Ströme, Flüsse, Bäche und Quellen. Nur der Mensch kann ihnen hie und da einen Damm setzen; vom höchst weisen Gotte aus geschieht da nie etwas.
[GEJ.03_025,03] Also legt auch der Mensch nur irgend geordnete Gärten an und bestellt die Weinberge und die Äcker; und er nur erkennt die edlen Früchte, sondert sie von den unedlen ab, pflegt sie und macht sie sich möglichst nutzbar. Wo aber steht ein Garten von nur irgendeiner Ordnung auf der ganzen Erde, den Gott selbst angelegt hätte, wo ein geregelter Strom? Die Erdschichten liegen auch derart chaotisch durcheinander, daß man dabei nie etwas anderes als die blindeste Macht des lieben Zufalls entdecken kann; da sieht demnach ganz entsetzlich wenig von irgendeiner obwaltenden göttlichen Weisheit heraus, und man kann da tun, was man will, und denken auch, was man nur immer kann und will, und es kommt dabei doch nirgends etwas zum Vorscheine, das zu unsereinem allenfalls sagte: ,Siehe, da schauet denn doch wieder eine ganz tüchtige Gottesordnung heraus!‘
[GEJ.03_025,04] Ja, jedes Ding einzeln für sich genommen hätte wohl offenbar sehr bedeutende Spuren von irgendeiner urgöttlichen Macht und ordnungsvollsten Weisheit; aber betrachtet man dann das zufällige Durcheinandergeworfensein der geschaffenen Dinge, so kommt es mir vor: Gott ist entweder des Ordnens müde geworden und kümmert sich entweder um alle die einmal geschaffenen Dinge wenig oder gar nicht mehr, wie es bei einigen auffallend also zu sein scheint, oder er besteht gar nicht, sondern die nach Ewigkeiten im Endlosen des Raumes aus sich selbst entstandenen zufälligen Etwas gestalteten sich nach und nach – nach dem durch ihr zufälliges Sein entstandenen Naturgesetze – zu Dingen von schon irgendeinem Gewichte, vergrößerten sich nach und nach, wurden mit den Zeiten zu Welten, zu Sonnen und Monden; die Welten entwickelten in sich je nach ihrer Größe und ihrem Gewichte wieder notwendig neue Gesetze, die dann von selbst als Grundlagen zu neuen Bildungen wurden.
[GEJ.03_025,05] Je vielfältiger aber notwendig die Dinge auf einem nach und nach und mehr und mehr ausgebildeten Weltkörper wurden, desto verschiedenartigere, wenn schon kleinere Dinge mußten ihnen dann auch notwendig folgen. Die am Ende sehr vervielfältigten Dinge auf den Welten und die ungeheure Vervielfachung der Welten bewirkten aus sich Gesetze und Wirkungen, aus denen die ersten Spuren eines sich fühlenden Lebens hervorzugehen anfingen; war einmal nur ein Lebensfunke aus den vorhergehenden Notwendigkeiten gebildet, dann mußte diesem auch ein zweiter folgen, und nach und nach Milliarden, die untereinander abermals neue Gesetze erzeugten, die zur Ursache für die Entwicklung eines vollkommeneren Lebens wurden. Und es mag sich das Leben so fort hinauf bis zu einer höchsten Lebenspotenz durch die in sich gefundenen Lebensgesetze ausgebildet haben, so, daß nun erst die tiefst intelligente, sich und alle ihre Umgebung wohl erkennende Lebenskraft rückwirkend die vorangegangene stumme Natur zu ordnen und sich ergeben und untertänig zu machen beginnt!
[GEJ.03_025,06] Ist aber alles auf diesem ganz natürlichen Wege entstanden, dann freilich gibt es nur Lebenspotenzen unter höchst verschiedenen Lebensgraden von der kleinsten Blattmücke bis zu jener Lebensvollendung, die der vollkommenere Mensch die göttliche nennt. Es mag sich auf diesem Wege auch wohl schon seit undenkbaren langen Weltenzeiten her eine gute, aber gegenüber auch eine böse Gottheit entwickelt haben. Haben sich die beiden Gottheiten einmal entwickelt, so müssen sie sich als Gegenkräfte auch so lange schroffst entgegenstehen, bis höchstwahrscheinlich die böse Kraft nach unseren moralischen Begriffen von der mächtigeren guten in sich aufgenommen wird zu einem geordneten Gegensatze, aus welcher Ehe dann nach undenkbar langen Weltenzeiten alles, was nun noch stumm, bewußtlos und tot ist, in ein volles Leben mit freiem Willen und freier Erkenntnis übergehen wird!
[GEJ.03_025,07] Daß aber in diesen Zeiten sich noch alles so unordentlich wie in einem wahren Durcheinanderkampfe befindet, scheint darin zu liegen: Die nun gute und höchste Lebenspotenz, die wir Gott nennen, ist mit der argen Lebenskraft, die wir Satan heißen, noch lange nicht in der gewünschten Ordnung, sondern noch in einem fortwährenden Unterjochungskampfe, aus welchem Kampfe sie endlich als Siegerin hervorgehen muß; denn die nach unseren Begriffen böse Kraft würde die gute nicht in einem fort ankämpfen, so sie diese nicht in ihren Bereich zu ziehen einen Grund hätte.
[GEJ.03_025,08] Satan muß sonach dennoch ein stummes Wohlgefallen an dem Guten haben und will darum die ganze gute Lebenskraft sich unterordnen; aber eben aus diesem fortwährenden Bestreben nimmt er stets mehr des Guten in sich auf und macht dadurch, ohne es zu wollen, sein Arges stets besser. Dadurch aber kommt in sein Lebenswesen auch stets mehr Ordnung, mehr Erkenntnis und rechte Einsicht, und er wird zuletzt nimmer umhin können, sich endlich ganz zu ergeben, weil er es durch seine Natur und durch seinen Trieb unmöglich verhindern kann, daß er nicht in einem fort teilweise besiegt würde.
[GEJ.03_025,09] Er wird zwar auch nach seinem völligen Besiegtsein noch immer ein Gegensatz zum reinen Guten verbleiben, aber ein geordneter, gleich wie das Salz auch ein Gegensatz vom reinen, süßen Öle ist; aber hätte der Ölbaum nicht Salz in der gerechten Ordnung in seinen Wurzeln, im Stamme, in Ästen, Zweigen und Blättern, nimmer würde ein süßes Öl seine Frucht geben!
[GEJ.03_025,10] Ich verliere mich zwar nun in Erörterungen, die von dir sicher nicht in der Art verstanden werden, wie sie verstanden zu werden verdienen. Aber es macht das gerade nicht viel aus; denn es sei sehr ferne von mir, daß ich dir solches als eine Wahrheitslehre auftischen wollte, sondern lediglich als eine Hypothese nur, zu der eine Seele durch viele und unerträgliche Leiden, in denen sie durch alles Flehen zu Gott durchaus keine Linderung erhält, geführt wird.
[GEJ.03_025,11] Die Seele oder die eigentliche primitive intelligente Lebenskraft wird durch große Leiden und Schmerzen ihres Leibes viel heller; sie sieht und hört alles, was vor den Augen und Ohren der Naturmenschen oft noch so entfernt liegt, und du darfst dich wohl gar nicht wundern, so ich dir zuvor von mehreren Weltkörpern die Erwähnung machte. Denn meine Seele hat sie geschaut besser und heller, als du je diese Erde geschaut hast und sie auch je in diesem deinem Leben schauen wirst, und ich kann darum mit gutem Grunde Meldung geben von allem, was sie gesehen hat im endlosen Raume! Aber nun ein Ende von allem dem, und du sage es uns, was wir nun anfangen sollen! Denn hier können wir doch unmöglich bleiben!"
[GEJ.03_025,12] Sagt Markus: „Nur noch eine kleine Weile, bis der Heiland, der euch hier vor unsern Augen von euren fürchterlichen Leiden geheilt hat, es anordnen wird!"
26. Kapitel
[GEJ.03_026,01] Sagt der Redner: „Welcher aus den vielen uns umgebenden Zusehern ist es denn, daß wir Ihm unsern Dank darbrächten? Denn sonst etwas können wir Ihm wohl in dieser unserer Lage nicht bieten!"
[GEJ.03_026,02] Spricht Markus: „Er hat es uns eures Heiles willen untersagt, daß wir Ihn euch nicht vor der Zeit bekanntgeben sollen, und so verschweigen wir Ihn jetzt auch noch vor euch; aber es wird schon noch heute die gute Zeit kommen, in der ihr Ihn und durch Ihn so manche eurer Irrtümer werdet frohen Herzens kennenlernen!"
[GEJ.03_026,03] Sagt der Redner: „Freund, mit der Fröhlichkeit unserer Herzen wird's auf dieser Erde wohl ewig seine geweisten Wege haben! Denn Seelen, wie die unsrigen, können ob der zu großen überstandenen Leiden auf dieser dummen Welt wohl nimmer fröhlich werden! Vielleicht dereinst in einem andern vollendeteren Lebensgrade; aber in diesen klein zerknitterten Leibern nimmer!"
[GEJ.03_026,04] Sagt nun der ganz in der Nähe stehende Cyrenius: „Seht, ich bin der Oberstatthalter Roms von ganz Asien und einem Teile Afrikas, wie auch vom Griechenlande! Ich habe euch nun kennengelernt und gefunden, daß ihr keine gemeinen Leute seid. Ich nehme euch auf in meine Pflege, und es soll euch nimmer etwas abgehen, und eine für eure Geisteskräfte angemessene Beschäftigung wird sich auch finden lassen.
[GEJ.03_026,05] Aber darin müßt ihr am Ende mit euch denn doch ein bißchen handeln lassen, daß ihr uns Römer nicht so mir und euch nichts für Teufel, wenn schon etwas besserer Art, ansehet und gleich, wie meinen alten, biedern Markus, als gute Teufel rufet! Wir sind ja doch ebensogut Menschen wie ihr. Daß ihr, aus uns freilich noch unbekannten Gründen des göttlichen Ratschlusses in große Versuchungen geführt worden seid und dadurch auch in sicher unerhört schmerzliche Leiden, wodurch aber eure Seelen, wie es mir scheint, sehr geläutert worden sind, dafür können wohl wir für euch vermeintliche Teufel wenig oder nichts; aber uns habt ihr nun eure Heilung zu verdanken, und das besonders einem aus uns, der ein sozusagen allmächtiger Heiland ist, und sehet ihr wohl, daß wir uns durchaus nicht teuflisch gegen euch benommen haben!?
[GEJ.03_026,06] Darum müßt ihr, wie gesagt, darin mit eurer im Grunde des Grundes freilich nicht ganz unrichtigen Ansicht schon ein wenig handeln lassen, und es wird in aller Kürze sicher nicht fehlen, daß ihr noch ganz frohen Herzens werdet."
[GEJ.03_026,07] Sagt der Redner, sich nun schon recht gestärkt vom Boden erhebend: „Freund, siehe an dieser Erde Boden; du siehst nichts als Gutes und dein Gemüt Erhebendes. Die Kräutlein und das Gras erquicken deine Augen, und der sanfte Wellengang des Meeres erheitert deine Brust; denn du siehst es nicht, wie unter all diesen Herrlichkeiten zahllose werdende Teufelchen ihre argen Tod und alles Verderben bringenden Häupter erheben und hervorschieben!
[GEJ.03_026,08] Du siehst wohl den schönen Wellengang des Meeres, aber die todbringenden Ungeheuer unter den schön spielenden Wellen siehst du nicht! Du siehst allenthalben ein hehres Leben walten, wir nichts als den Tod und ein unausgesetztes Verfolgen alles guten und edleren Lebens. Du siehst lauter Freundschaft, und gegen deine wenigen Feinde, die du siehst, hast du auch Macht genug, sie dir gegenüber als völlig unschädlich zu halten; wir hingegen sehen nichts als nahe pure, zum größten Teile unbesiegbare Feinde!
[GEJ.03_026,09] O Freund, bei solch einem alleruntrüglichsten Sehvermögen ist es wohl schwer, je heiteren Herzens zu werden! Nimm uns dieses traurige Vermögen, oder gib uns eine rechte Erklärung von allem dem, was wir sehen, und wir wollen dir gleich fröhlich und heiter werden!
[GEJ.03_026,10] Es kann nach undenklich langen Weltenzeiten vielleicht für eine Seele, die von Lebensgrad zu Lebensgrad sich durchgekämpft hat, wohl einmal ein besseres Los geben; aber wo steht die eherne Gewißheit davon? Welche unerhörten Kämpfe und Stürme aber wird die arme Seele noch bis dahin zu bestehen haben?! Wird sie wohl aus allem siegreich hervorgehen, oder wird sie untergehen für ewig? Welche Gewißheit hast du für alles das?
[GEJ.03_026,11] Siehe, wir sehen gewiß Dinge und Verhältnisse, von denen du keine Ahnung je gehabt hast; aber von irgendeiner Gewißheit über den einmal kommenden bestimmt seligen Zustand nach dem Tode des Leibes sehen wir nirgends etwas, – wohl aber ein beständiges Wachen, Sorgen und Kämpfen! Wir sagen es dir, wie wir es sehen.
[GEJ.03_026,12] Jedes Leben ist gleichfort ein Kampf mit dem Tode, gleichwie jede Bewegung ein fortdauernder Kampf mit der sie stets zu stören suchenden Ruhe ist. Die Ruhe selbst aber bekämpft gleichfort darum die Bewegung, weil in ihr der stete Hang zur Bewegung als kampffertig dasteht.
[GEJ.03_026,13] Wer wird am Ende siegen? Die Ruhe, die stets die Bewegung sucht, oder die Bewegung, die aber ebenso stets die Ruhe sucht?
[GEJ.03_026,14] Seit deinem uranfänglichen Lebenskeime hast du nichts als in einem fort gekämpft bis auf diesen Augenblick und wirst fürder ewig stets von neuem wieder kämpfen; und solange du kämpfen wirst, wirst du auch ein Leben haben, aber kein anderes als ein stets kämpfendes, das wohl nur mit sehr spärlichen Seligkeitsmomenten ausgerüstet sein wird! Wann aber wird in diesen ewigen Kämpfen endlich einmal eine wahre kampffreie und sonach vollsiegreiche Seligkeit zum Vorscheine kommen?
[GEJ.03_026,15] Es ist daher bald gesagt, heiteren Gemütes und frohen Herzens sein; aber das Seelengemüt fragt da gleich euch Römern: CUR, QUOMODO, QUANDO ET QUIBUS AUXILIIS? Hast du uns wohl verstanden, so ein wenig nur?"
27. Kapitel
[GEJ.03_027,01] Hier macht der Cyrenius, den Redner bei der Hand drückend, ganz große Augen und sagt zu Mir: „Herr, der hat eine ganz sonderliche Lebensanschauung! Man kann ihm im Grunde denn doch nichts entgegenstellen; es ist wahrlich eine leider nackte Wahrheit im ganzen, wie im sonderheitlichen! Was sagst aber Du dazu?"
[GEJ.03_027,02] Sage Ich: „Was wundert dich nun dessen? Habe Ich es euch doch zum voraus gesagt, daß diese fünf euch allen ein Hauptwetter machen werden! O höret sie nur an, und ihr werdet Mich darauf sicher um vieles leichter und tiefer verstehen!"
[GEJ.03_027,03] Sagt Cyrenius weiter zum Redner der fünf, der Mathael hieß: „Aber könntest du auch also beweisend reden, daß denn doch der größeren Wahrscheinlichkeit zufolge Gott eher war als deine Weltkörper, von denen ich mir noch keine genügende Vorstellung machen kann? Sieh, mir ist wenigstens kein Volk auf der Erde bekannt, das da nicht einen Gott voll Einsicht und Macht vor dem Sein aller Dinge annähme, verehrete und anbetete; und du bewiesest nun gerade das Gegenteil. Sieh, das erfüllt mein Herz mit großer Bangigkeit, darum führe du denn nun auch ebensogut den Gegenbeweis, ich, der Oberstatthalter, bitte dich sogar darum!"
[GEJ.03_027,04] Sagt Mathael: „Schwacher Säugling der Erde, du dauerst mich! Hast aber, wie ich es nun in meiner Seele finde, doch schon so manches weise Wort voll Kraft, voll Lebens und voll Wahrheit vernommen und hast mit deinen Augen geschaut, was Gottes Wort vermag, und kannst in deinem Herzen noch immer die Tiefen so mancher Gedanken nicht fassen!
[GEJ.03_027,05] Ja, ja, Freund, siehe, du liebst noch zu mächtig dein Leben und steckst in dessen Mitte; von dem Standpunkte aus aber läßt sich das Leben eben am allerschlechtesten erkennen.
[GEJ.03_027,06] Freund, man muß das Leben völlig verloren haben, das heißt dieses Erdenleben, dann erst erkennt man das Leben!
[GEJ.03_027,07] Nimm einen Topf und fülle ihn mit Wasser; das Wasser wird ruhig stehen im Topfe, und du wirst nicht erkennen die Dampfgeister im ruhigen Wasser; rührest du das Wasser auch noch so emsig und setzest es in Bewegung, auch dabei werden sich dir die mächtigen Dampfgeister nicht zeigen; setzest du aber das Wasser ans Feuer, da wird es bald zu sieden beginnen, und es werden beim Sieden sich sogleich die mächtigen Dampfgeister über des Wassers heißperlende Fläche zu erheben anfangen, und die noch im siedenden Wasser rastenden Geister werden nun erst erkennen die mächtigen Dampfgeister, die im zuvor kalten Wasser ganz ruhig und ohne eine Daseinsspur rasteten, zuerst sich selbst und dann unter ihnen das heißbewegte Wasser mit vielen tausend Augen schauend, das sie getragen, und daß die Dampfgeister vorher kein anderes Innewerden hatten, als daß sie völlig eins seien mit dem kalten Wasser.
[GEJ.03_027,08] Also erkennt aber während des Siedens auch das Wasser, daß es in ihm absonderliche Geister gab und bis auf den letzten Tropfen gibt; ja, ja, das siedende Wasser erkennt, daß es selbst durchgängig Geist und Macht ist, aber in seiner kalten Ruhe konnte es sich nicht erkennen und fassen!
[GEJ.03_027,09] Siehst du hier ein treffendes Bild? Dein Leben ist nun auch noch ein zwar reines, aber sonst ganz ruhiges kaltes Wasser im Topfe deines Leibes. Dein Topf kann wohl recht nach allen Richtungen hin- und herbewegt werden, so wirst du daraus dennoch nicht erkennen deine Lebenskraft; im Gegenteile, je mehr das Wasser in seinem kaltruhigen Zustande bewegt wird, wie das bei allen großen Weltmenschen der Fall ist, desto weniger erkennt das Wasser des Lebens im starkbewegten Menschentopfe sich selbst und seine Umgebung; denn eine bewegte Spiegelfläche des Wassers zeigt kein Bild mehr rein, sondern sehr zerrissen.
[GEJ.03_027,10] Wird aber dein Lebenswassertopf zum wahren Feuer der Liebe, der größten Demütigung und aller Leiden und Schmerzen gesetzt, oh, da fängt es dann im Topfe bald gewaltig zu sieden an, und es werden dadurch gar ehest die frei gewordenen Lebensdampfgeister sich selbst, ihren früheren kalten, trägen Zustand, die sinnliche Seele nämlich und den gebrechlichen Topf erkennen, und das noch im Topfe heißperlende Lebenswasser wird mit tausend hellen Äuglein über sich die aufsteigenden Lebensgeister erschauen und erkennen, daß es nicht nur ein fauler Träger derselben war, sondern daß es mit ihnen völlig eines und dasselbe ist! Aber den Topf, verstehe Freund, den Topf werden die aufsteigenden freien Lebensgeister nicht als eins mit ihnen erkennen, sondern nur als ein leidig notwendig äußerstes Gefäß, das hernach in Scherben zerbrochen und auf die Straße geworfen wird. – Hast du nun einen Dunst davon, was ich dir eigentlich habe sagen wollen?"
[GEJ.03_027,11] Sagt Cyrenius: „Es ist mir wohl, als verstände ich dein Bild so ziemlich, das heißt, in der vergleichenden Anwendung auf unser inneres Seelenleben; aber was du damit etwa noch Tieferes hast aufdecken wollen, davon dürfte ich wohl lange noch keinen Dunst haben! Sollte da etwa auch schon darin erörtert sein, daß denn doch ein Gott vor allen Dingen hat sein müssen?"
[GEJ.03_027,12] Sagt Mathael: „Allerdings, aber davon kannst du noch keinen Dunst haben, weil du selbst noch lange nicht zu dunsten angefangen hast!"
28. Kapitel
[GEJ.03_028,01] (Mathael:) „Siehe, das, was du Gott nennst, nenne ich das lebendige Wasser; aber das Wasser in sich erkennt sein eigenes Leben nicht. Wenn es aber aus sich heraus durch die mächtige Liebeglut, welche gleich ist dem Schwerdrucke gegen das Zentrum des Seins, zum Sieden gebracht wird, da erhebt sich der Lebensgeist in seiner Freiheit über das ihn eher gefangenhaltende Wasser, und du siehst hier den Geist Gottes schweben über den Wassern, wie auch Moses davon Meldung macht. Und der Geist erkennt sich und das Wasser und erkennt, daß er mit dem Wasser von Ewigkeit her einer und derselbe ist; und diese ewige Erkenntnis ist eben auch zu verstehen unter dem ,Es werde Licht!‘
[GEJ.03_028,02] So aber dein Geist, Freund, auch über deinem siedenden Lebenswasser schweben wird, dann auch wirst du dein Leben und das Leben Gottes in dir erst wahrhaft zu erkennen anfangen.
[GEJ.03_028,03] Siehe, alles Sein muß einmal zu sein beginnen, es muß irgendeinen Anfang nehmen, ansonst es auch unmöglich je dasein kann! Hätte ein sich selbst und alles andere erkennendes Leben und dessen seiner selbst bewußte Kraft nie einen speziellen Anfang genommen, so wäre sie auch noch lange nicht da; weil sie aber einmal einen Anfang genommen hat, so ist sie auch schon lange ebensogut da, als wir speziell auch da sind darum, weil wir einmal haben als das, was wir nun sind, zu sein angefangen.
[GEJ.03_028,04] Aber wir waren vor diesem Sein auch schon, aber also, wie die noch unentwickelten kalten Lebensdämpfe im kalten, ruhigen Wasser; und also hat auch die höchste Lebenspotenz in Gott ein doppeltes Sein, erstens ein stummes, bloß nur seines Seins bewußtes, und darauf ein als von einem innern Tätigkeitsbeginn entstammendes, frei sich durch und durch erkennendes und kleinst durchschauendes Dasein!
[GEJ.03_028,05] Darum heißt es auch im Moses: ,Im Anfange schuf Gott den Himmel und die Erde, und die Erde war wüst und leer und finster in ihrer Tiefe.‘ Wer oder was ist denn so ganz eigentlich der Himmel, und was oder wer ist die Erde? Meinst du darunter etwa diese Erde, die dich nun trägt, oder den Himmel, der dir Luft und Licht gibt? O wie weit wärest du da von der Wahrheit! Wo war damals noch diese Erde und wo dieser Himmel?
[GEJ.03_028,06] Siehe, damit ist nur dunkel angedeutet, wie die ewige Lebenskraft Gottes in ihrem Sein unterscheidlich hat zu erforschen und zu erkennen angefangen! Und da stellt der ,Himmel‘ die sich selbst erkennende Weisheit seines Ichs dar; in dem liebeglühenden Schwerpunkt seines Zentrums aber, im liebeheißen Zentrum, das unter dem Ausdrucke ,Erde‘ gemeint ist, war es noch finster und wüste und leer, also noch ohne eine tiefere Erkenntnis des eigenen Selbst.
[GEJ.03_028,07] Aber das Zentrum ward heißer und heißer, je mehr des äußern Selbstbewußtseins Massen auf dasselbe zu drücken begannen. Und das Zentrum geriet in die höchste Glut, und aus dem siedenden Lebenswasser entstieg der Dampf (Geist), schwebte nun frei auf und über den Wassern des stummen und ruhigen ewigen Vorseins und erkannte sich durch und durch; und dieses Erkennen eben ist dann das Licht, das Moses Gott zur Vertilgung der Finsternis gleich nach der Erschaffung des Himmels und der Erde werden läßt.
[GEJ.03_028,08] Von da an erst wird Gott als ein wie ausgesprochenes Wort Selbst zum ,Worte‘, und dieses Wort ,Es werde!‘ ist ein in sich sich selbst durch und durch erkennender freier Wille, ein Sein im Sein, ein Wort im Worte, ein Alles nun in Allem!
[GEJ.03_028,09] Und von da an erst beginnt aus dem freiesten Willen die sich nun durch und durch erkannte Urlebensquelle alles anderen Lebens hervorzugehen. – Hast du nun schon einen Dunst?"
29. Kapitel
[GEJ.03_029,01] Sagt Cyrenius: „O ja, nun habe ich einen recht tüchtigen Dunst, und das um so leichter, da ich erst in dieser Nacht eine dieser ganz ähnliche Erläuterung der mosaischen Urschöpfungsgeschichte vernommen habe. Es wird sich die Sache schon also verhalten; aber es geht mir das schon ins zu unendlich Weise hinüber, und ich kann und will mich nicht zu sehr anstrengen, um etwas in der tiefsten Tiefe zu erfassen. Es muß bei mir die Sache leicht gehen, wenn sie mir nützen soll; geht sie aber etwas zu tief und zu weise, dann ist es mit meinem Begreifen oft auf einmal aus!
[GEJ.03_029,02] Kurz und gut, es bleibt bei dem, was ich gesagt habe; ihr seid von mir aus versorgt, und es soll euch keine Gelegenheit benommen sein, in eurer Weisheit so tief als nur immer möglich zu dringen und die arme Menschheit, wo nur immer tunlich, auf den rechten Weg zu bringen, – obschon ich euch offen gestehe, daß ein zu tiefes Eindringen in das Wesen des Lebens fürs allgemeine eher nachteilig als vorteilbringend wäre.
[GEJ.03_029,03] Seht euch selbst nur, und fragt euch, ob alle eure wahrlich außerordentliche Wissenschaft und Weisheit euch glücklich macht! Ja, der menschliche Geist kann in unendliche Weisheitstiefen dringen und am Ende wundervollste Dinge hervorbringen; aber glücklich ist bei mir doch nur der Mensch, der ganz einfach ist und Gott, seinem Schöpfer, in aller Liebe ergeben, und Seine Gebote hält. Will ihm dann Gott wie einem Salomo die Weisheit geben, so soll er sie dankbarst annehmen und sie mit heiterem Gemüte weise benutzen. Wenn aber die einem Menschen verliehene Weisheit eben den Menschen nur unglücklich machen soll, so ist mir am Ende aber schon jede Dummheit lieber, durch die des Menschen Herz erheitert wird.
[GEJ.03_029,04] Ich lebe einmal und weiß nun, daß ich ewig fortleben werde, und die Wege zur Erreichung eines glückseligen ewigen Lebens sind mir bekannt; was sollte ich dabei denn noch mehreres wollen?!
[GEJ.03_029,05] Begebet auch ihr euch in diese meine Ansicht, und ihr werdet auch gleich mir noch auf dieser Erde recht glücklich sein; aber mit eurer allertiefsten Weisheitsbrüterei werdet ihr kaum je den Wert und das Glück, ein Mensch zu sein, fühlen!
[GEJ.03_029,06] Darum folget auch meinem Rate, wenn er auch nicht aus der Kammer der tiefsten Weisheit stammt; aber er kommt von einem freundlichen und sicher nicht liebelosen Herzen, und das hat sogar vor Gott einen hohen Wert! Warum soll es bei euch keinen Wert haben?
[GEJ.03_029,07] Die Weisheit ist es nicht, die uns das Leben gibt, sondern die Liebe; bleiben wir daher bei der Liebe, und uns wird es nicht am Leben gebrechen und an dessen glückseliger Empfindung! Seht, das ist aber meine Weisheit, und ich möchte fast behaupten, daß sie dem Leben der Menschen um vieles dienlicher ist als alle eure noch so tief gefaßte Weisheit!"
[GEJ.03_029,08] Sagt Mathael: „O ja, o ja, du hast ganz recht! Siehe, solange das Wasser im Topfe nicht ans Feuer kommt, hat es auch ein gutes und ruhiges Sein; aber kommt es hernach zum Feuer, da sieht es dann aber auch gar bald ganz anders aus. Einmal muß es gebrochen sein!
[GEJ.03_029,09] Was du werden willst, dazu darf es dir an den nötigen Kenntnissen sicher nicht fehlen. Willst du ein Feldherr sein, so mußt du mit allen Kenntnissen für solch ein Amt ausgerüstet sein, ansonst du eine schlechte Figur als Feldherr spielen wirst; willst du ein Apotheker und Heiland sein, so mußt du mit all den dazu nötigen Kenntnissen versehen sein!
[GEJ.03_029,10] Nun, du willst aber das ewige Leben erhalten, willst aber das Leben selbst durchaus nicht näher erforschen und erkennen; wie wohl wird das möglich sein?
[GEJ.03_029,11] Siehe, wollte ich mir ein Weib nehmen, flöhe aber jede Gelegenheit, nur von ferne hin je mit einer Maid zusammenzukommen; da weiß ich dann wahrlich nicht, wie ich und ein Weib zusammenkommen werden!
[GEJ.03_029,12] Du willst aber am Ende sogar ein ewiges Leben und scheuest aber nun schon die kleine Mühe, nur dies irdisch zeitliche Leben ein wenig tiefer zu erforschen und dich zu erkundigen nach seinen Grundwurzeln!
[GEJ.03_029,13] Ja, du lieber Freund, hinge das ewige Leben nur davon ab, daß es mir ein Gott, wie du mir ein Stück Brot, geben könnte, dann wäre deine Lebensmaxime der unsrigen offenbarst weit vorzuziehen; aber es ist die Bereitung und Erreichung des einstigen ewigen Lebens ganz uns allein anheimgestellt!
[GEJ.03_029,14] Wir müssen tun und handeln und müssen wahrlich durchs Wasser mit unserem Lebenswasser und durchs Feuer mit unserem Liebelebensfeuer; da erst fängt unser Lebenswasser am Feuer der innersten Liebe zu Gott, zum Nächsten und am Ende zu uns selbst zu kochen und zu sieden an, und wir werden erst dadurch gewahr, daß es in uns eine unverwüstbare Lebenskraft gibt, die sich von dem Augenblick an erst als solche zu erkennen beginnt und die rechten Mittel ergreift und anwendet, sich als solche für ewig hin zu erhalten!
[GEJ.03_029,15] Da ist es sonach vorderhand nichts mit dem sogenannten gemütlichen Leben, das vollends einem süßen Schlafe ganz ähnlich ist, sondern da heißt es arbeiten und kämpfen und forschen ohne Rast und Ruhe!
[GEJ.03_029,16] Erst wenn man über das stets einschlafen- und sterbenlüsterne Leben einen vollends lebenswachen Sieg gewonnen hat, dann erst läßt sich von irgendeiner Seligkeit ein Wörtlein reden!
[GEJ.03_029,17] Du kommst uns vor wie ein noch am Morgen recht süßschlafender Mensch, den seine schon lange wachen Freunde zu wecken beginnen, worüber er sich im Anfange äußerst ärgerlich gebärdet; erst wenn er mit einiger Mühe vollends wach wird, ersieht er die Wohltat des vollen Wachseins und freut sich endlich seines hellen und freien Lebens.
[GEJ.03_029,18] Wir sind vollen Rechtes mit unserer Weisheit; aber du noch lange nicht! Erst wenn du wach geworden sein wirst, wirst du auch einsehen, wie sehr wir hier im vollsten Rechte sind."
30. Kapitel
[GEJ.03_030,01] Sagt Cyrenius zu Mir: „Herr und Meister, was sagst denn Du dazu? Was ist davon zu halten? Spricht Mathael die volle Wahrheit? Du kannst so etwas ja doch am ehesten vom Grunde aus beurteilen; rede nun doch auch ein paar Wörtlein dazu!"
[GEJ.03_030,02] Sage Ich: „Habe Ich dir denn nicht eher schon gesagt, daß ihr sie hören sollt? Sähe Ich, daß sie Falsches sprächen, sicher würde Ich sie euch nicht anzuhören empfohlen haben. Darum höret den Mathael nur noch weiter an! Er hat zwar einen scharfen, aber guten Wind; mit solchem Winde, wenn auch über ein stark wogendes Meer, kommt man viel geschwinder weiter als mit der allerbesten Ruderei!
[GEJ.03_030,03] Höret ihn nur noch weiter an, denn bis jetzt hat er euch noch durch die Finger geredet; wenn er aber so noch ein wenig mehr warm wird, wird er euch auch noch mit ganz andern Beweisen kommen!"
[GEJ.03_030,04] Sagt Cyrenius: „Dafür danke ich im voraus! Als Teufel stehen wir ohnehin schon da! Zu was Ärgerem sollte er uns wohl noch zu machen imstande sein? Ist es nicht löblich von mir, daß ich diese fünf armen Teufel versorgen will in alle ihre irdische Zukunft, und dafür machen sie uns ein Wetter, wie Du selbst uns noch nie eines gemacht hast!
[GEJ.03_030,05] Ah, diesen Mathael höre ich eigentlich gar nicht mehr an; seine Ansicht über das Leben mag in sich noch so richtig sein; aber sie taugt nicht zu den irdischen Lebensverhältnissen, und kein Mensch kann dabei für seinen Leib etwas tun!
[GEJ.03_030,06] Ja, Menschen wie die Propheten und die alten Priester haben freilich gut sorgen gehabt fürs ewige Leben allein; denn für ihre Leibesbedürfnisse sorgten sich andere, denen es am Ende gleich sein mußte, ob es ein ewiges Leben der Seele gibt oder auch nicht gibt! Sie erhielten bloß Gesetze, die sie zu beobachten hatten, ohne je den eigentlichen Grund zu erfahren, warum und was sie dadurch so ganz eigentlich erreichen sollten.
[GEJ.03_030,07] Für Millionen mußte das genügen mit oder ohne Aussicht auf irgendein ewiges Leben, und für uns aber soll es nicht mehr genügen?!
[GEJ.03_030,08] So es aber für uns nicht mehr genügt, da fragt es sich dann für jeden Menschen, der einen Funken von wahrer Nächstenliebe in seinem Herzen trägt: Wer entschädigt am Ende die vielen Millionen von armen Teufeln, daß sie alle trotz der Haltung irgend äußerer Gesetze dennoch dem ewigen Tode verfallen sind? Sind sie ein Werk des Zufalls, dann mag die Lehre einen guten Grund haben; sind aber die Menschen alle, was aus ihrer höchst weisen Einrichtung wohl zu erkennen ist, ein Werk eines höchst weisen und guten Gottes, so muß es einen andern und für alle Menschen praktischeren Weg zur Erreichung des ewigen Lebens geben; und gibt es keinen andern, dann ist alles Leben das Verächtlichste, was des Menschen Vernunft nur immer als verächtlich und verabscheuungswürdig erkennen kann!
[GEJ.03_030,09] Denn, wenn ein ewiges Leben nur dem beschieden ist, der es gewisserart auf Kosten von tausend andern Menschen, die für so einen ewigen Lebenshelden arbeiten müssen, auf daß er bloß das ewige Leben in sich auskochen kann, erreicht, – dann verlange ich selbst ewig vom ewigen Leben auch nicht einmal ein kleinstes Fünklein, und ein voller ewiger Tod ist mir lieber! Das ist nun so meine Ansicht.
[GEJ.03_030,10] Deine Lehre, Herr und Meister, ist mir angenehm, lieb und wert; denn da steht mir ein allmächtiger Helfer an der Seite, wenn ich irgend schwach werde; nach der Lehre Mathaels aber habe ich niemand denn mich selbst. Ich allein nur kann mir das ewige Leben geben oder nehmen, und irgendein Gott hätte dabei gar nichts zu tun, als bloß mit ärgerlichen oder wohlgefälligen Augen zuzusehen, wie sich irgendein armer Teufel aus allen Klauen des Todes durcharbeitet und sogestaltig auf den unwirtlichsten Wegen, die voll Dornen, Klippen und giftigen Geschmeißes sind, zum ewigen Leben emporklimmt!
[GEJ.03_030,11] Nein, nein, das kann nicht sein; ihr seid Narren mit all eurer ewigen Lebenslehre! Ja, wenn ich mir einen Geber des ewigen Lebens denken kann, der, wie Du, o Herr, einem auch schon irdisch das Leben wiedergeben kann, so er will, dann tue ich alles, auf daß er mir auch dereinst gebe das ewige Leben. Aber so ich es mir selbst aus allen den Prophetenweisheitswinkeln erst irgend zusammensuchen soll, dann brauche ich von einem ewigen Leben, wie gesagt, auch ewig nichts! – Also spricht und sprach ein Cyrenius, Roms Oberstatthalter über Cölesyrien und über alle Lande Asiens, Afrikas und eines großen Teils vom Griechenlande!"
[GEJ.03_030,12] Sage Ich: „Freund, diesmal hast du dich wahrlich für nichts und abermals nichts überboten an allerlei leeren Redereien. Was die fünf waren, weißt du; warum, das weißt du hoffentlich nun auch!
[GEJ.03_030,13] Ich habe sie aber nun vollkommen gereinigt und habe in ihnen angezündet das allein wahre, untrügliche Licht des Lebens und habe dadurch verrammet den Pfad, auf dem möglicherweise die ausgetriebenen argen Gäste ihnen noch einmal einen schädlichen Besuch abstatten könnten.
[GEJ.03_030,14] Diese fünf sind demnach nun vorderhand völlig rein und durchschauen in sich die feinsten Fäden alles Lebens, wie es eigentlich von Urbeginn an beschaffen war, und geben nun solches jedermann offen kund, was in den alten Zeiten nur wenigen für wenige gegeben war; wie möglich kannst du ihnen darum gram werden?!
[GEJ.03_030,15] Denn siehe, was sie sagen, ist ganz dasselbe, was Ich Selbst euch gesagt habe, nur mit etwas nackteren Wahrheitsreden geben sie es von sich.
[GEJ.03_030,16] Erkenne erst den wahren Wert dessen, was sie sagen, und werde darauf grämlich, so es dir möglich ist; aber nun, da dir das, was sie sagen, ein wenig zu unbequem vorkommt, hast du mit deinem Grämlichwerden offenbar unrecht. Laß den Mathael weiterreden, und es wird sich wohl zeigen, ob das, was er sagt, praktisch ist oder nicht, oder ob es Meiner Lehre zuwiderläuft!"
31. Kapitel
[GEJ.03_031,01] Sage Cyrenius: „Nun gut; ich will das sehen, obschon ich einen scharfen Richter machen werde!
[GEJ.03_031,02] Sage mir daher, du weiser Mathael, wenn denn die Sache des Lebens sich durchgängig also verhält, wie du sie ehedem ganz scharf gegründet erörtert hast, was haben nachdem Millionen zu gewärtigen, die von alldem keine Silbe wissen, und die vielen Millionen, die künftig nach uns irgend auf der weiten Erde geboren und davon auch keine Silbe in die Erfahrung bringen werden; wie sieht es mit all deren ewigem Leben aus?"
[GEJ.03_031,03] Sagt Mathael: „Ganz gut! Auch allen diesen war eine Lehre eigen und genügte, die Phantasie der Seele rege zu erhalten. In solcher Phantasie begründet sich mit der Zeit die Seele und lebt endlich darin, wie in einem Traume, und kann in solchem Traume Tausende von Jahren leben.
[GEJ.03_031,04] Aber das ist noch lange kein wahres ewiges Leben; solche Seelen haben endlich, so sie zu einem wahren ewigen Leben eingehen wollen, in der sogenannten Geisterwelt bei weitem größere Kämpfe und Proben durchzumachen, als der Kampf in sich da ist, dessen ich vorhin nur so im Vorbeigehen erwähnte.
[GEJ.03_031,05] Wer aber hier diesen Weg geht, der erreicht mit freilich so mancher nicht geringen Mühe und mit einem wahren weisen Lebensernste das ewige Leben in aller Wahrheit, Klarheit und vollster Gediegenheit schon hier in wenigen Jahren, was er sonst nach dem schläfrigen Sinne der Seele erst nach mehreren Hunderten, oder gar nach vielen Tausenden von Jahren erreichen kann, wenn es gut geht. Geht es dabei aber nur ein wenig schief, so kann eine hier oder sonstwo ganz verdorbene Seele wohl auch ein Weltenalter ums andere ein höchst elendes Traumleben genießen, in welchem sie außer sich und außer ihren höchst elenden Phantasiegebilden durchwegs zu keiner Anschauung und Wahrnehmung von irgend etwas Wahrem, Reellem und außer ihr Seiendem gelangt; dessenungeachtet aber lehren sie dennoch gleichfort die bittersten Erfahrungen, daß sie von lauter Feinden umlagert ist, gegen die sie sich nicht zur Wehr stellen kann, weil sie dieselben ebensowenig irgend erschauen kann, als auf dieser Welt irgendein Stockblinder ersehen kann, von woher sich ihm irgendein Feind naht, oder wo sonst irgendeine Gefahr seiner harret!
[GEJ.03_031,06] Sieh, ein so recht stockblinder Mensch ist bei all seiner Blindheit aber am Ende dennoch nicht völlig lichtlos; denn die Phantasie seiner Seele ist in sich dennoch gleichfort ein Licht, und der Blinde erschaut Dinge, die irgend erleuchtet sich wie die Dinge der Naturwelt darstellen, aber sie haben keine Beständigkeit und ihr Licht auch nicht. Bald wird es hell, bald wieder ganz matt und vergeht oft wohl ganz und gar, so daß ein solcher Blinder dann im Ernste eine Zeitlang vollkommen licht- und wesenleer ist.
[GEJ.03_031,07] Und siehe, nahe also geht es einer Seele in ihrer völligen Abgeschiedenheit; sie hat bald Licht, bald wieder Nacht. Aber weder Licht noch Nacht ist in der Seele irgendeine Wahrheit, sondern bloß nur ein zeitweiliger Abschimmer von dem, was die Seele ohne ihr Wissen und Wollen aus den Außensphären in sich ungefähr aufnimmt, wie ein am Grase hängender Tautropfen in sich aufnimmt das Bild der Sonne. Der Tropfen ist nun wohl erleuchtet, aber er hat dazu kein insoweit gehendes Bewußtsein, daß er das einsichtlich erkennete, von wannen das Licht in seine Masse gekommen ist.
[GEJ.03_031,08] Was ich im Namen meiner vier Brüder dir hier sagte, ist Sache unserer mit großen Leiden verbundenen Erfahrung und sondert alles Scheinleben von dem wirklichen, wahrhaft freien, selbständigen Leben.
[GEJ.03_031,09] Du hast hier ein leidendes und unfreies und ein selbsttätiges und darum freiestes Gottleben vor dir; willst du das eine oder das andere, das hängt nun von deinem Willen ab; aber die Sache verhält sich einmal also, und kein Gott kann dir ein anderes Lebensverhältnis als gültig aufstellen.
[GEJ.03_031,10] Siehe, nun sage ich dir noch etwas: Meine Seele, die jetzt in ein stets helleres Schauen übergeht, sieht und erkennt nun schon aus sich recht wohl den Heiland, der sie vor kurzem erst von einer Menge unsichtbarer Feinde des höheren freien Lebens losgemacht hat durch die Macht Seines freiesten Gottlebens; sieh, in Ihm ist mehr denn in dem ganzen sichtbaren All der Schöpfung.
[GEJ.03_031,11] Er, als der schon von Ewigkeit her Sich erkannte Zentralpunkt alles Seins und Lebens will aber nun Sein Leben, und dadurch das Leben aller Menschen, durch Sein Leben noch mehr konfirmieren; aber solches wird Er nur erreichen durch eine unerhörte Selbstverleugnung. Er wird dies Sein gegenwärtiges Leben lassen, um dadurch in die ewige Herrlichkeit alles Lebens für Sich und dadurch auch für alle Menschen einzugehen. Dann erst wird alle Kreatur gewisserart ein anderes Gesicht und eine andere innere Ordnung überkommen; aber dennoch wird der Satz stehenbleiben: Ein jeder nehme die Bürde des äußern Elends auf die eigenen Schultern und folge Mir nach! – Verstehest du solches nun?"
[GEJ.03_031,12] Sagt Cyrenius, zwar noch wie ein wenig mißmutig: „Jawohl, ich verstehe dich wohl und kann nicht umhin, einzubekennen, daß du die Wahrheit geredet hast; aber dessenungeachtet lassen sich solche Lebensbedingungen sehr schwer anhören!"
32. Kapitel
[GEJ.03_032,01] Sagt Mathael: „Allerdings lassen sich diese Lebensbedingungen nicht so behaglich anhören wie die Fabeln einer Frühlingslebensphantasie, in denen das Leben gleich den Vögeln in der Luft oder den Schmetterlingen und goldenen Eintagsfliegen herumflattert, die von Blume zu Blume taumeln und aus ihren Kelchen den süßen Tau schlürfen; aber darum ist so ein Wollustleben auch nur ein vergängliches Tagsleben zu nennen, das sich erstens seiner selbst kaum bewußt und darum zweitens auch eigentlich gar kein Leben ist. Was nützete dem Menschen am Ende auch solch ein Schmetterlingsleben? Denke dir die Dauer dieses Lebens! Siebzig, achtzig bis neunzig Jahre sind schon ein hohes Alter, der Leib wird da schon sehr schwach und unbehilflich; nur ein etwas böser Lufthauch und gar ist es!
[GEJ.03_032,02] Frage aber: Was nachher? Wer kann dir darüber eine sichere Antwort erteilen, wenn du zuvor dein irdisches Leben hindurch nicht alles aufgeboten hast, damit dadurch dein ganzes Sein schon vor jenem bösen Lufthauche in dir zur vollebendigen Antwort geworden ist?! Hast du aber diese heilige Antwort in dir gefunden, dann auch wirst du sicher niemanden mehr ängstlich fragen und sagen: Was nachher, wenn dies kurze Leben ein Ende genommen hat?
[GEJ.03_032,03] Darum heißt es, sein Lebenswasser nicht gleichfort in der für den Leib behaglichen Kühle stehenlassen, sondern ans Feuer damit, auf daß es siede und in mächtigen Dämpfen aufsteige und sich zu einem neuen Leben gestalte, sonst ist alles gefehlt; und mag dir meine Rede noch so unangenehm vorkommen, die Wahrheit bleibt aber darum doch ewig Wahrheit, – und nur durch sie kann man zur wahren und vollen Lebensfreiheit gelangen, ohne die kein wahres ewiges Leben denkbar ist!"
[GEJ.03_032,04] Spricht nun Cyrenius in einem viel sanfteren Tone: „Ja, ja, mein lieber Freund Mathael, ich sehe nun schon, daß du im Besitze der vollsten Wahrheit in allen Lebensbeziehungen bist, und es läßt sich dir mit irgendeinem Grunde eben nichts einwenden! Du bist in deiner Sphäre nun schon vollends auf des Lebens Heimatboden, aber unsereiner ist noch weit davon entfernt!
[GEJ.03_032,05] Es läßt sich hierbei nichts anderes wünschen, als daß du deine Lebenslehre in ein gewisses System zusammengefaßt hättest, nach dem man dann die Kinder dahin leiten könnte, daß sie auf diesem Wege desto leichter das erreichen könnten, was zu erreichen dem vollen Manne am Ende denn doch etwas zu schwerfallen muß!"
[GEJ.03_032,06] Sagt Mathael: „Was du wünschest, ist zum Teile schon geschehen und wird noch viel mehr geschehen! Siehe, der große und mächtige Heiland, der uns geheilt hat, hat zu dem Behufe schon alle möglichen Vorkehrungen getroffen. Wir fünf wissen nun zwar auch den Weg, aber es wäre dennoch eine schwere Sache, das alles in irgendein geordnetes System zum allgemeinen Unterrichte zu bringen; aber für Menschen wie du könnten wir im Notfalle auch noch das zustande bringen! Denn es ist einem Menschen, der sich einmal auf dem Wege der Wahrheit in allen Dingen befindet, gerade nichts völlig unmöglich; denn das eigentliche freie Leben ist eins, ob in Gott, in einem Engel oder in einem Menschen.
[GEJ.03_032,07] Aber natürlich gibt es selbst im schon vollendeten freien Leben noch gar gewaltige Unterschiede; denn ein Leben, das sich erst jüngst zu erkennen angefangen hat, kann offenbar nicht so mächtig sein wie ein Leben, das sich schon vor Ewigkeiten in aller Fülle und Tiefe der hellsten Wahrheit nach erkannt und ergriffen hat. Solch ein Leben ist nun ein Herr der Unendlichkeit geworden, und alle Weltkörper mit allem dem, was sie tragen, stehen in der Gewalt dieses Lebens.
[GEJ.03_032,08] Dahin, Freund, werden wir es wohl auch ewig nicht bringen für uns selbst; aber in der Einigung mit diesem Leben werden wir am Ende auch das vermögen wie aus uns, was das große ewige Leben Gottes für sich vermag. Auch gibt es gewisse vollendete Lebenskräfte, die offenbar nach der ewigen Lebenskraft Gottes die ersten sind.
[GEJ.03_032,09] Diese Kräfte stehen bei weitem über unsern noch so frei und selbständig sich erkannten Lebenskräften; wir heißen sie ,Engel‘ (Boten). Sie sind sonderheitliche Repräsentanten der allgemeinsten Gotteslebenskraft; aber wir können ihnen dennoch gleichkommen, wenn wir eins mit der allgemeinen Gotteslebenskraft werden.
[GEJ.03_032,10] Doch so viel, wie wir ausgestanden haben, um das zu besitzen, was wir nun besitzen, wirst du nicht ausstehen, und wirst auch das besitzen, was wir besitzen; denn die Seelen aus dieser Erde haben, als schon auf dem heimatlichen Boden seiend, alles um vieles leichter als jene, die aus einer vollkommeneren Welt hierhergesetzt worden sind.
[GEJ.03_032,11] Aber es ist einmal so im Grundleben Gottes für Ewigkeiten beschlossen, daß eben diese winzige Erde der Schauplatz Seiner Erbarmungen werden soll und gewisserart nun schon gleich die ganze Unendlichkeit sich wird in diese neue Ordnung begeben und in sie fügen müssen, so sie wird einen gemeinschaftlichen Teil an der endlosesten Seligkeit des einigen Gotteslebens haben wollen; so muß man sich denn auch fügen, koste es, was es wolle!
[GEJ.03_032,12] Wahrlich, hätten wir hier nicht ein Ende unserer Leiden gefunden, was wir aber erst nach und nach in uns innezuwerden begannen, da wäre ein vollkommener Tod uns auch ums endlosfache erwünschter gewesen, als ein nur noch einige Tage länger währendes, über alle Beschreibung qualvollstes Leben, und hätten wir darauf auch gleich in alle Gottseligkeit eingehen können!
[GEJ.03_032,13] Aber es hat, wie wir nun stets klarer innewerden, der große Lebensheiland unserem Leiden noch vor der bestimmten Zeit ein Ende gemacht, und wir fangen darüber nun erst an, froher und froher zu werden, und sehen nun ein, daß der große Geist Gottes nun in allem Ernste diese Erde zu einem Schauplatze Seiner Erbarmungen machen will und auch machen wird – aber leider auch zu einem Schauplatze der größten Verfolgungen, des Hochmutes, der Prachtsucht und der größtmöglichen Anfeindung alles dessen, was da geistig rein, allein gut und wahr ist!"
33. Kapitel
[GEJ.03_033,01] (Mathael:) „O Freund, es wird auf dieser Erde noch so arg kommen und einhergehen, daß selbst der Satan sich nimmer getrauen wird, in was immer für einer Gestalt die Gesellschaften der Menschen zu besuchen; aber darunter wird es wieder Menschen geben, die als Blinde mehr sehen und als Taube mehr hören werden als wir nun mit den offensten Augen und Ohren.
[GEJ.03_033,02] Es wird dereinst eine Zeit kommen, in der die Menschen die Lebenskraft der Dämpfe im Wasser nach Graden bestimmen werden und werden sie aufzäumen, wie die Araber ihre Rosse, und werden sie verwenden zu aller, unglaublich schwerster Arbeit; auch vor die schwersten Wagen werden sie die im Wasser verborgene Lebenskraft spannen und damit so schnell hinwegfahren, als wie schnell dahinfliegt ein abgeschossener Pfeil.
[GEJ.03_033,03] Auch vor die großen Schiffe werden sie die Lebenskraft des Wassers spannen, und sie wird die Schiffe schneller denn ein Sturmwind über des Wassers Wogen hintreiben, ja am Ende sogar jedem Sturme Trotz bieten und ihm durch sein ergrimmtes Gesicht fahren, ohne einen Schaden von Bedeutung zu erleiden; nur Felsen und Sandbänke werden solchen Schnellfahrern noch gleichfort gefahr- und schadenbringend sein.
[GEJ.03_033,04] Aber bald nach jener Zeit wird es auf der Erde für das Leben der Menschen sehr übel auszusehen anfangen; denn die Erde wird unfruchtbarer werden, große Teuerungen, Kriege und Hungersnot werden entstehen, und das Licht des Glaubens an die ewige Wahrheit wird vielfach erlöschen, und das Feuer der Liebe wird verglimmen und erkalten, und es wird dann kommen das letzte Feuergericht über die Erde!
[GEJ.03_033,05] Wohl denen dann, die noch das Lebenswasser in sich nicht also ganz bloß für irdischen Gewinn werden verdampft haben; denn so das große Gerichtsfeuer aus den Himmeln kommen wird, wird es ihnen nichts anhaben können, weil ihr eigenes Lebenswasser sie davor schützen wird.
[GEJ.03_033,06] Darauf werden dann erst der wahre Lebensfriede und desselben Gottesordnung einander für immer die Hände reichen, und Zwietracht und Hader wird nicht mehr sein unter denen, die die gereinigte Erde bewohnen werden in Gesellschaft der Engel Gottes. Wenn schon nicht unsere morschen und gebrechlichen Leiber, aber desto mehr werden unsere schauenden und alles ergreifen könnenden Seelen Zeugen von alldem werden, was ich dir nun verkündigt habe.
[GEJ.03_033,07] Siehe, ich hätte dir das nicht gesagt; aber ich fühlte einen Drang dazu im Herzen meiner Seele, oder besser meines Ichs. Und dieser Drang rührt wohl von daher, von woher uns fünfen die Heilung geworden ist! – Begreifst du mich nun schon besser?"
[GEJ.03_033,08] Sagt Cyrenius: „Oh, nun sind wir schon ganz in der besten Ordnung wieder mit- und untereinander; jetzt erst hoffe ich recht vieles von euch zu erfahren, und ich habe an euch einen gewinnvollsten Fang gemacht! Es bleibt bei meinem Ausspruche; für euer irdisches Bedürfnis soll von mir aus gesorgt sein, ihr aber werdet für meine und meines ganzen großen Hauses seelische Bedürfnisse Sorge tragen.
[GEJ.03_033,09] Freilich ist das wohl ein schlechter Ersatz für das Große, das ihr mir und meinem Hause dafür tun werdet; aber wer kann dafür, daß man auf dieser Welt für eine höchste und ewig dauernde Lebensgabe dem Geber mit nichts Besserem vorderhand entgegenkommen kann?! Seid ihr damit zufrieden?"
[GEJ.03_033,10] Sagt Mathael: „Oh, wie magst du darum noch fragen? Wo wir jemandem dienen und nützen können, da sind wir auch mehr noch denn vollauf zufrieden! Denn man darf auch eine irdische Gabe, wenn sie aus einem wahrhaft guten Herzen um des Guten und des Wahren wegen kommt, niemals unterschätzen; denn durch den Geber und durch den Grund des Gebens bekommt sie auch einen vollends geistigen Wert und kommt sonach einer rein geistigen Gabe völlig gleich.
[GEJ.03_033,11] Denn wo das Materielle das Geistige, wie das Geistige das Materielle unterstützt, da wird am Ende alles geistig und hat dann eines in dem andern in der Fülle den reichlichsten Segen von Gott aus zu gewärtigen.
[GEJ.03_033,12] Wo aber irgend sein sollend Geistiges wie im Tempel zu Jerusalem bloß des Materiellen wegen gegeben wird und das Materielle um etwas Geistiges aber auch nur des anzuhoffenden Materiellen wegen, da wird am Ende alles materiell und hat keinen noch so geringen geistigen Wert mehr und kann von Gott aus nie irgend segensreiche Folgen haben!
[GEJ.03_033,13] Daher sei du darum ganz unbekümmert darüber, ob deine materielle Gabe für unser dir dargebrachtes Geistiges als zu gering wäre; denn sie wird durch den Geber und durch den wahren Grund des Gebens ja eben auch geistig, und der Segen von oben wird ihr reichlichst folgen geistig und auch materiell; denn der Geist ist auch ein Herr ewig über alle Materie, die im Grunde auch nichts als ein gerichteter, höchst unfreier Geist ist, und muß allzeit blind dem freiesten Lebensgeiste Gottes gehorchen, von dessen endlosester Kraft eigentlich das Gericht aller Materie ausgeht, und Er allein sie wieder beleben kann, wie und wann Er das nur immer will!"
[GEJ.03_033,14] Sagt Cyrenius: „Oh, köstlich und vortrefflich! Jetzt erst möchte ich euch auch um kein Reich der Erde mehr aus meinen freundlichen Händen lassen! Wir werden uns hoffentlich stets besser verstehen und uns gegenseitig auch stets unentbehrlicher werden! Nun aber dem einen Herrn allein alles Lob und alle unsere Liebe, daß Er Sich euer erbarmt und euch dadurch mir zugeführt hat; denn ohne Ihn wären wir alle so gut wie für ewig verloren!"
[GEJ.03_033,15] Sagen darauf alle die fünf: „Amen, Er ganz allein ist wert aller Ehre, alles Lobes und aller Liebe nicht nur von dieser Erde, sondern von der ganzen Unendlichkeit! Denn Er allein ist es, der nun die ganze Unendlichkeit neu umstaltet! Endlos großheilig ist Sein Name!"
34. Kapitel
[GEJ.03_034,01] Darauf sagt Mathael wieder allein: „Er ist unter uns, aber es sind zwei, die sich sehr ähnlich sehen, so daß es für die äußeren Sinne sehr schwer würde, zu entscheiden, welcher darunter der Eigentliche ist. Ich meine, daß es der sei, der zu öfteren Malen nun mit Cyrenius geredet hat. Aber auch der andere kann es sein; denn aus den Gesichtern beider strahlt gewisserart ein hoher Grad von Weisheit! Diesen haben wir schon vernommen, und sein Wort war groß, klug und ernst-weise, aber es könnte auch wohl ein weiser Mensch also reden; aber der andere hat noch nichts gesprochen, vielleicht, weil er nicht vor der Zeit erkannt sein will. Wer aus uns hat den Mut, den noch immer Schweigenden anzureden?"
[GEJ.03_034,02] Dieser Schweigende war Jakobus major (der Größere), der Mir bekanntermaßen leiblich höchst ähnlich sah und auch die gleiche Kleidung trug, wie Ich sie zu tragen pflegte.
[GEJ.03_034,03] Auf die Aufforderung des Mathael erhoben sich endlich auch die vier andern vom Boden und besprachen sich, wer aus ihnen den Schweigenden, und wie er ihn anreden solle. Es gebrach aber am Ende dennoch allen fünfen am Mute, und Mathael wendete sich an den freundlichen Cyrenius wieder und fragte ihn so hübsch geheim, ob nicht etwa jener schweigende Mann der erhabenste mächtige Heiland sei, oder ob etwa doch Ich es wäre; denn sie möchten das denn doch auch für ihre Außensinne mit Bestimmtheit wissen, auf daß sie ihrem Herzensdrange zufolge nicht einem Unrechten auch äußerlich die Ehre geben!
[GEJ.03_034,04] Sagt Cyrenius: „Noch habe ich keine bestimmte Weisung von Ihm erhalten, Ihn euch näher zu bezeichnen; allein darin liegt eben nicht viel vorderhand, denn Er sieht vor allem allein nur auf das Herz des Menschen. Eure Herzen aber sind nun sicher in der allerbesten Ordnung von der Welt, und es bedarf da keines weiteren mehr vorderhand; wenn es aber Sein Wille sein wird und wenn es für euer Heil taugen wird, da auch wird Er Sich euch schon näher bekannt geben. Ich meine aber, daß es dem Scharfblick eurer eminenten (hervorragenden) Weisheit ohnehin nicht entgehen wird, so ihr uns im Verlaufe dieses Tages näher beobachten werdet, wer darunter der Wahrhaftige und allein Mächtige ist."
[GEJ.03_034,05] Damit waren die fünf vorderhand auch zufriedengestellt und fingen nun erst an, sich die Gegend ein wenig näher zu besehen, und fragten sich untereinander, wo sie nun etwa doch wären. Soviel aber kannten sie sich nun schon aus, daß sie am Galiläischen Meere sich befanden; nur konnten sie nicht herausbringen, in welcher Gegend desselben.
[GEJ.03_034,06] Da sagte Cyrenius zu ihnen, weil er sie am meisten behorcht hatte: „Ihr befindet euch nun in der Nähe der Stadt Cäsarea Philippi und seid auf dem Grunde und Boden desjenigen alten römischen Soldaten Markus, der euch aus seinem Vorrate Wein, Brot und Salz gereicht hat. Er ist in diesem Augenblick zwar nicht hier, weil er in seinem Hause etwas zu besorgen hat für heute mittag; wenn er aber wiederkommt, werdet ihr ihn schon näher kennenlernen in eurem gegenwärtigen helleren Zustande; denn als er euch Brot, Wein und Salz dargereicht hatte, waret ihr noch mehr jenseits als diesseits, und habt sicher wenig beachtet seine sonst recht ehrbare Persönlichkeit."
[GEJ.03_034,07] Sagt Mathael: „Jawohl, jawohl, da hast du ganz recht! Wohl ist uns der innere helle Zustand geblieben, den wir gleich anfangs unseres Erwachens hatten; nur sah da alles ganz entsetzlich und ganz sonderbar düster aus. Aber da nun alles so nach und nach ein freundlicheres Aussehen angenommen hat und die ganze Gegend um vieles heller und freundlicher geworden ist, so sind wir denn nun auch freundlicher, heller und gewisserart heiterer geworden, obschon wir demnach von unseren inneren wahren Anschauungen nichts hintanzugeben vermögen.
[GEJ.03_034,08] Die Wahrheit, Freund, bleibt ewig Wahrheit! Aber diese Welt ist sehr veränderlich und so auch ihre Kinder, alles von heute bis morgen. Man kann sich ganz fest auf niemanden verlassen; denn heute ist einer noch unser Freund, und morgen ist er es entweder nicht mehr, oder es hat ihm ein böser Leumund irgendeinen Verdacht über dich ins Ohr gesetzt, und er hat darauf schon aufgehört, dein Freund zu sein, und wird dafür im geheimen schon ein arger Richter über dich!
[GEJ.03_034,09] Und so gibt es auf dieser Welt keine Beständigkeit, weder in den Dingen noch unter den Menschen! Doch der Herr wird dennoch alles zum Besten der Menschen lenken!"
35. Kapitel
[GEJ.03_035,01] Sagt ein zweiter aus den fünfen: „Ja, Brüder, darauf allein sei nun alle unsere Hoffnung gegründet! Er Selbst zwar wird mit der Macht des Todes einen mächtigen Kampf zu bestehen haben; aber es ist nunmehr an einem sicheren Siege nicht mehr zu zweifeln! Denn Er kennt des Todes Ohnmacht und weiß um alle seine Grenzen und weiß es auch, daß die einzige Macht, die der Tod noch in sich birgt, nichts als nur ein, wennschon gefesselter, Drang zum Leben ist; und diese einzige Macht kann nicht wider Ihn, sondern nur für Ihn und mit Ihm in den Kampf wider sich gehen, um sich selbst nicht völlig ohnmächtig und somit ganz tot zu machen!
[GEJ.03_035,02] Das kämpfende Leben, das Er Selbst ist, muß im ewigen Vorteile gegen alle Macht des Todes bleiben, weil der eigentliche vollkommene Tod jeder Macht in sich bar ist, und ist wie ein stummer Wurfstein in der lebenskräftigen Hand eines Schleuderers, der mit demselben tun kann, was er will.
[GEJ.03_035,03] Ist aber im Tode wie im physisch belebten Fleische des Menschen irgendeine Macht, so ist es auch ein Leben, wennschon auf einer sehr niederen Stufe stehend; dieses Leben aber wird mit dem wahren Leben sicher nicht der Vernichtung seiner selbst wegen in einen Kampf treten, sondern es wird sich an das Leben klammern und mit demselben ringen gegen die vermeinte Macht des Todes, gleichwie da ein sterbenskrankes Fleisch mit großer Gier den Gesundheitsbecher ergreift und zum Munde führt, um daraus noch für länger hin mit dem eigentlichen Leben zu leben und am Ende vom selben ganz aufgenommen zu werden.
[GEJ.03_035,04] Hat das Leben sich selbst einmal so gefunden, wie in unserem bis jetzt persönlich noch nicht sicher erkannten Heilande, da ist es schon ein vollkommen Göttliches, und es kann dann außer ihm keine Macht mehr geben, die es besiegen könnte, weil es außer dieser Macht keine andere mehr geben kann!
[GEJ.03_035,05] Wir kennen, was diese Erde ist, was Sonne, Mond und alle die zahllosen Sterne sind; – sie sind zumeist ungeheuer große Weltkörper, manche sogar unaussprechbar größer denn diese unsere Erde. In sich sind sie wohl tot, das heißt ihrem großen Leibe nach; aber des Gotteslebens Macht drängt dennoch alle die Zahllosen in eine notwendige Bewegung, und das in keine einfache, sondern in eine sehr vielfache.
[GEJ.03_035,06] Was können alle diese zahllosen Weltenriesen gegen die sie gleichfort drängende Macht des freiesten Gotteslebens? Nichts! Wie ein Staub vom Sturme werden sie von der Gotteslebenskraft in unmeßbar große Bahnen getrieben, und alle endlos vielen können sich der freiesten Lebenskraft ewig nimmer widersetzen, sowenig wie die Myriaden Staubkörnchen dem Sturme, der sie auf einer wüsten Heide aufhebt und in den Lüften in weite Fernen hintreibt!
[GEJ.03_035,07] Darum wird Er siegen und hat eigentlich schon lange gesiegt! Aber der Menschen willen, daß sie Teil an dem Siege des Lebens wider den Tod in sich haben sollen, wird nun ein neuer und letzter Kampf geführt werden!
[GEJ.03_035,08] Und so sehe ich denn über die ganze Unendlichkeit hin mit ewig strahlender Schrift geschrieben, und die Schrift lautet: (hört!) ,Er, das Leben Selbst von Ewigkeit, hat den Tod völlig überwunden für ewig mit den Waffen des Todes selbst; und es mußte der Tod sich selbst vernichten, auf daß alles Leben frei werde durch Ihn allein, den Kämpfer von Ewigkeit! Darum alles Heil Dir allein, Du ewig großer Einer!‘"
[GEJ.03_035,09] Diese Worte erschütterten alle Anwesenden so, daß sie sich alle vor Mir auf die Erde warfen und aus allen Kräften riefen: „Ja, ja, ja, Dir allein, Du ewig großer Einer, alles Heil!"
[GEJ.03_035,10] Durch diesen Akt erst erkannten Mich die fünf; und Mathael, sich in Tränen des Dankes völlig badend, sprach endlich mit der tiefsten Rührung: „Also Du – Du – bist der ewig große Eine! Oh, welch ein Anblick für uns Tote, den allein Lebendigen zu schauen!" – Darauf schwieg er, so wie alle Anwesenden, in tiefe Betrachtung versunken.
36. Kapitel
[GEJ.03_036,01] Ich aber sagte zu allen noch am Boden vor Mir Liegenden: „Erhebet euch, Freunde und Brüder! Eure Mir nun dargebrachte Verehrung ist wohl gerecht, denn sie gilt ja Dem, der in Mir ist, dem heiligen Vater von Ewigkeit! Aber Der ist ja immer in Mir, wie Ich, und auch ihr alle, in Ihm, und ihr müßtet denn gleichfort von höchster Ehrfurcht vor Mir im Staube liegen. Das wäre für euch und für Mich aber doch sicher nichts Angenehmes, und weder ihr noch Ich hätten am Ende etwas davon.
[GEJ.03_036,02] Seht, es ist für immer genug, daß ihr an Mich glaubet, Mich liebet wie einen eurer besten Brüder und Freunde, und nach Meinem Worte handelt; was darüber ist, taugt für nichts, da Ich durchaus nicht in die Welt gekommen bin, um Mir eine abgöttisch göttliche Verehrung von den Menschen erweisen zu lassen, etwa gleich einem Merkur oder Apollo, – sondern um gesund zu machen alle die Kranken an Seele und Leib, und den Menschen dieser Welt zu zeigen den rechten Weg zum ewigen Leben! Das allein verlange Ich von euch; alles, was darüber ist, ist eitel, dumm, abgöttisch und führet zu nichts.
[GEJ.03_036,03] Es ist wohl wahr, daß der Mensch Gott, seinen Schöpfer, ohne Unterlaß anbeten solle, da Gott in Sich heilig und darum aller Anbetung würdig ist; aber Gott in Sich ist ein Geist und kann daher nur im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden.
[GEJ.03_036,04] Was aber heißt das, Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten? – Seht, das heißt soviel als: allzeit an den einen wahren Gott glauben, Ihn aus allen Kräften über alles lieben und Seine leichten Gebote halten!
[GEJ.03_036,05] Wer das tut, der betet fürs erste ohne Unterlaß, und fürs zweite betet er also zu Gott im Geiste und in aller Wahrheit; denn ohne Tat ist jedes Lippengebet eine barste Lüge, mit der Gott als die ewige Wahrheit nicht verehrt, sondern nur verunehrt wird!
[GEJ.03_036,06] Stehet also auf als freie Menschen, als Meine Brüder, als Meine Freunde, treibet fürder keine Abgötterei mit Mir und verratet Mich vor der Welt nicht vor der Zeit; denn das würde der Welt um sehr vieles mehr schaden als nützen!"
[GEJ.03_036,07] Nach diesen Meinen Worten erheben sich alle wieder vom Boden, und Mathael sagt: „Ja wahrlich, nur so kann ein Gott voll der höchsten Weisheit und Liebe sprechen! Oh, wie ganz anders denke und fühle ich nun, als ich ehedem gedacht und gefühlt habe! – O Herr, nur diese Bitte laß mir nicht unerhört: Laß es nimmer zu, daß unsere Seele nochmals in eine solche Prüfung gerate wie die, aus der uns Deine Liebe, Erbarmung und Macht soeben erlöst hat!"
[GEJ.03_036,08] Sage Ich: „Bleibet in Mir durch das, daß ihr Mein Wort höret, es behaltet und danach lebet, so wird dadurch Meine Kraft und Meine Liebe in euch sein und wird euch schirmen vor jeglicher harten weiteren Versuchung!
[GEJ.03_036,09] Meine Jünger aber haben schon das Allernotwendigste aufgezeichnet, was dem Menschen vor allem not tut; das leset, fasset es und tut danach, und eines mehreren benötigt ihr nicht vor der Zeit Meiner Erhöhung!" – Mit dem begnügen sich die fünf.
[GEJ.03_036,10] Ich aber wende Mich darauf zu Cyrenius und sage: „Freund, hier sind wir am Ende, und so wollen wir nun noch zu den andern hingehen und sehen, wie schwer sie sich gegen die Gesetze Roms versündigt haben. Habe aber acht, – es wird sich mit ihnen eben nicht gar zu leicht reden lassen; denn sie haben viel Welthaare auf ihren Zähnen! – Gehen wir aber nun hin!"
37. Kapitel
[GEJ.03_037,01] Darauf fragt Cyrenius, sagend: „Herr, was soll aber nun geschehen mit den fünfen? Sieh, sie sind ja mehr denn halbnackt! Soll ich sie bekleiden? Ich habe wohl Kleider bei mir; aber es sind Staatskleider, die sonst niemand tragen darf als nur Roms Staatsleute. Das tut sich demnach nicht. Römische Dienerschaftsröcke habe ich auch; aber für derlei Röcke sind mir diese fünf doch offenbar zu erhaben, vermöge ihrer zu ergreifend hohen Weisheit; was wird sonach hier zu machen sein?"
[GEJ.03_037,02] Sage Ich: „Ein Rock hat keine andere Bedeutung, als daß er bedeckt des Leibes Blöße, ob er da ist ein Staatsrock oder ein Dienerschaftsrock; vorderhand ist es demnach einerlei, ob du die fünf bedeckest mit einem Staatsrocke oder mit einem Dienerschaftsrocke. Bei mir steht der Dienerschaftsrock doch weit über dem Staatsrock, darum gib ihnen Dienerschaftsröcke; denn in einem Staatsrocke würden sie des Rockes wegen zum Gespötte der Welt werden, und dafür sind sie zu gut, obschon auf der Welt eigentlich niemand gut ist! Sie werden mit der Zeit noch genug Verspottung um Meines Namens willen zu bestehen haben, und Ich will darum nicht, daß sie vor der Zeit auch der Welt wegen von der Welt sollen bespottet werden."
[GEJ.03_037,03] Als Cyrenius solches vernimmt, entsendet er sogleich mehrere Diener, die besten Dienerschaftsröcke zu holen. In wenigen Augenblicken sind die Röcke herbeigeschafft, und Cyrenius läßt sie sogleich an die fünf verteilen.
[GEJ.03_037,04] Die fünf aber sagen zu ihm dankfreundlichst: „Der große Eine unter uns wird es dir vergelten! Denn mit unseren ganz zerrissenen Lumpen waren wir ja doch kaum mehr imstande, unsere Scham vor den Augen der Welt zu verbergen; darum dir noch einmal unseren liebfreundlichsten Dank dafür!"
[GEJ.03_037,05] Danach ziehen die fünf hinter einem Gebüsch in der Nähe ihre alten Fetzen aus und kommen darauf als sich recht gut ausnehmende römische Hofdiener zum Vorschein. Als sie darauf ganz zufrieden zu uns stoßen, begeben wir uns sogleich zu den andern politischen Verbrechern, die unser schon mit einer großen Sehnsucht harren.
[GEJ.03_037,06] Als wir bei ihnen anlangen, so fallen sie gleich mit ihren Angesichtern auf die Erde und bitten um Gnade. An der Hauptzahl sind es eigentlich ihrer acht; aber es sind mit ihnen noch einige, die nur mitgezogen und daher auch mit ergriffen worden waren.
[GEJ.03_037,07] Hier sage Ich zu Julius: „Freund, das ist dein Geschäft, diese zu vernehmen und sie auf eine rechte Art und Weise zur Verantwortung zu ziehen!"
[GEJ.03_037,08] Als Julius solches vernimmt, so sagt er: „Herr, obschon mir sonst so ein Geschäft gerade keine Kopfschmerzen verursacht hätte, so fängt es mir hier aber dennoch an, ein wenig schwindlig zumute zu werden. Du hier, ein Engel hier, Cyrenius hier, Deine nun schon über alle Maßen weisen Jünger hier, die dreißig jungen Pharisäer und Leviten auch hier, – und nun die fünf hier; von der weisen Jarah will ich ohnehin nichts sagen! Und, Herr, die fünf, oh, die fünf! Und vor all denen soll ich die vor uns stehenden politischen Verbrecher befragen und abhören? Oh, das wird kein leichtes Stück Arbeit werden! Das Schönste bei der ganzen Geschichte ist nur das, daß ich so ganz eigentlich selbst nicht recht ex fundamento (aus dem Grunde) weiß, warum sie ergriffen und in Ketten hierhergebracht wurden! Das Ganze besteht eigentlich darin, daß sie Sendlinge des Tempels sind und im Auftrage des Tempels böse Gerüchte über Rom haben ausstreuen müssen. Aber es ist dafür kein gültiger Zeuge da! Wie aber wird man sie zu einem Geständnisse bringen?"
[GEJ.03_037,09] Sagt der hinter dem Julius stehende Mathael: „Darum sei doch nur dir nicht bange! Was da die Zeugen betrifft, so stehen schon wir fünf da, aber sicher nicht zu ihrem Nachteile, sondern nur zu ihrem Vorteile. Sieh, wir selbst waren ja Augen- und Ohrenzeugen, wie diese bei Vermeidung des Trinkens des verfluchten Wassers diesen Auftrag haben übernehmen müssen; denn wir kennen sie um so genauer, bloß nur äußerlich genommen, da wir mit ihnen fast in der gleichen Zeit zur Bekehrung der Samariten ausgesandt worden sind. So unschuldig aber wir fünf an allem dem, was mit uns mag vorgegangen sein, sind, ebenso unschuldig dürften auch diese sein. Nun weißt du vorderhand zur Genüge, und du kannst nun dein Examen mit ihnen ganz in aller Ruhe beginnen, und hast dich nicht im geringsten zu genieren vor unserer inneren Weisheit."
38. Kapitel
[GEJ.03_038,01] Als Julius solches von Mathael vernahm, ward es ihm etwas leichter ums Herz, und er wandte sich sonach auch sogleich an die noch auf der Erde liegenden politischen Verbrecher, sagend: „Stehet auf ohne Furcht und Zagen; denn Männer wie ihr müssen auch dem nackten Tode ohne Furcht und Beben kalt ins Angesicht schauen können! Denn wir Römer sind keine Tiger und keine Leoparden, sondern Menschen, die eher suchen das Unglück der Menschen zu lindern als irgend zu vermehren! Aber das sei euch auch gesagt: daß wir kein Verbrechen so hart zu strafen pflegen wie das der Lüge! Auf ein falsches Zeugnis und auf eine unverschämt lügenhafte Aussage ist bei uns der Tod gesetzt! Darum gebt Wahrheit mir auf jede meiner Fragen zur Antwort, und ich als euer von Gott bestellter Richter werde euch, so ihr mir wohl erweislich mit aller Wahrheit entgegenkommen werdet, eher von allen Übeln zu retten bemüht sein, als euch in irgendeinen Schaden zu bringen! Darum erhebet euch nun und stehet mir offen Rede!"
[GEJ.03_038,02] Auf die Worte des Julius erheben sich die politischen Verbrecher vom Boden ganz trübseligen Aussehens, und Ich sage heimlich in der römischen Zunge: „Befreie sie zuerst von ihren Fesseln; denn der Gefesselte an Händen und Füßen hat auch eine arg gefesselte Zunge!"
[GEJ.03_038,03] Auf diese Meine Worte befahl Julius den Soldaten, den Gefesselten die Fesseln abzunehmen.
[GEJ.03_038,04] Dieses geschah alsogleich, und als die in der Totalsumme etlichen zwölf ganz frei ohne alle Fesseln dastanden, fragte sie Julius, sagend: „Wer seid ihr, wo geboren?"
[GEJ.03_038,05] Sagte einer im Namen der andern: „Herr, Schrift haben wir keinerlei bei uns! Willst du aber meinen Worten Glauben geben, so sind wir durch den Tempel so gut wie durch den scheußlich frommen Sinn unserer dummen Eltern verwünschte Templer und sind samt und sämtlich Kinder Jerusalems. Das Gesetz Mosis in bezug auf das Verhältnis der Kinder zu ihren Eltern dürfte der reinen Menschenvernunft zufolge wohl auch einmal dahin eine Abänderung erleiden, daß durch Zufall und durch zeitweiligen Umgang mit wahrhaft weisen Menschen vernünftig gewordene Kinder nicht gleichfort ihren Eltern untertan bleiben sollen; denn gar vieler Kinder geistiges und leibliches Unglück sind ihre oft unbeschreibbar dummen, stolzen und mit allen schlechten Salben gesalbten Eltern!
[GEJ.03_038,06] Wahrlich, dieses Gebot kann kein höchst weiser Gott dem Moses für die arme Menschheit gegeben haben! Wahrlich, dieses Gebot, ohne daß dabei irgendeine Ausnahme gemacht werden darf, ist fürs Tierreich zu schlecht, geschweige für das Reich des Menschen! Durch die strenge Beobachtung dieses dümmsten Gebotes, von dessen Gebung Gott vielleicht kaum der Urheber war, sondern Moses allein oder irgendein Nachmoses, stehen wir nun als Verbrecher vor dir, id est (d.i.) vor dem Richter über Leben und Tod! Eine sehr angenehme Bescherung für unsern stets treuen Gehorsam gegen unsere mehr als blitzdummen Alten! Auf diese höchst angenehme Bescherung wird wahrscheinlich entweder das ehrenhafte Kreuz oder der unterste Schiffsdienst in ewigen Ketten folgen! Denn so wir mit der vollen Wahrheit über unser freilich dreifach genötigtes Tun zum Vorschein kommen müssen, so rettet uns vor der unerbittlichsten Strenge eurer Gesetze kein Gott! Und doch heißt es in diesem schönen Gebote Mosis: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohlergehe und du lange lebest auf Erden!‘ Schön! Da stehen wir nun! Wie gut es uns armen Teufeln geht, das sieht ein jeder, und wie lange wir noch leben werden, das hängt nun allein von dir ab! Die göttliche Verheißung auf die Haltung des vierten Gebotes Gottes geht uns ja so herrlich in die Erfüllung, daß uns darüber wahrlich alle Teufel ins Gesicht lachen und am Ende noch anpissen müssen!"
[GEJ.03_038,07] Sagt Julius: „Aber meine Lieben, das gehört ja nicht zur Sache, sondern ihr habt bloß auf das allein nur zu antworten, um das ihr gefragt werdet!"
[GEJ.03_038,08] Erwidert darauf Suetal (also hieß der Redner) im Namen der zwölf: „Herr, wenn einem schon der sichere Tod am Genicke sitzt, da gehört alles zur Sache! Daß wir offenbare Verbrecher gegen Rom sind, das können wir unmöglich leugnen, und was darauf folgt, das wirst hoffentlich du nicht in Abrede stellen können; denn dafür trägst du dein scharfes Schwert und hast das Gesetz und die Macht, – Dinge, gegen die der arme Wurm im Staube nichts ausrichten wird!
[GEJ.03_038,09] Weil aber zuweilen die Herren Römer bei aller Strenge ihrer Gesetze doch noch mehr Menschen sind als die schwarzen Herren im Tempel, nach deren Pfeife jetzt schon sogar der liebe Herrgott tanzen muß, so denken wir euch gestrengen, aber dabei doch noch etwas menschlichen Herren nicht nur unser Vergehen ANTI ROMAM (gegen Rom), sondern auch die Hebel dazu vor die Augen zu stellen; vielleicht wirst du dadurch etwas menschlicher mit uns armen Teufeln verfahren, denn Menschen sind wir schon lange nicht mehr; seit der Zeit nicht mehr, als wir das Teufelswasser mit dem Aufwiegelungsauftrage gegen euch Römer vertauscht haben."
[GEJ.03_038,10] Fragt nun Julius: „Warum hättet ihr damals eigentlich das verfluchte Wasser trinken sollen? Womit habt ihr euch denn dem Tempel und seinen Gesetzen gegenüber also strafbar gemacht?"
[GEJ.03_038,11] Sagt Suetal: „Gerade umgekehrt dadurch, als wir uns nun gegen euch strafbar gemacht haben! Wir sind verraten worden, geheime Freunde von euch Römern zu sein, und das Teufelswasser war fertig! Um als junge Leute aber dem Teufelswasser zu entrinnen, mußten wir gerade eure Feinde werden, und unsere dummen Alten haben danebst noch müssen eine starke Sühne von mehreren hundert Pfund Silbers an den Tempel bezahlen und tausend fette Sündenböcke liefern, von denen wahrscheinlich keiner im Jordan zu schwimmen versucht hat, sondern sie sind, gleich dem Joseph, um viele Silbergroschen sicher und unter guter Bedeckung nach Ägypten gewandert, allwo sie verspeist worden sind.
[GEJ.03_038,12] Da hast du sonach den Grund, der uns im Tempel das Teufelswasser bereitet hatte und im templischen Gnadenwege eure Feindschaft! Der Unterschied besteht rein nur darin: Hätten wir das Teufelswasser genommen, so wären wir auch schon lange hingewandert in den Schoß des Vaters Abraham; da wir aber im Tempel Gnade gefunden haben, so werden wir wahrscheinlich erst jetzt genötigt, dem lieben Vater Abraham für ewig einen Besuch abzustatten. Bald werden wir aus deinem feinen Munde das bekannte I LICTOR (geh, Scharfrichter!) vernehmen, und die verheißene Frucht für die genaue Beobachtung des vierten Gebotes Gottes werden wir eingeerntet haben unter dem Titel: ,Gutes und langes Leben auf Erden!‘ Sollten wir wirklich ans Kreuz kommen, so bitten wir dich, uns solchen Titel über unsere Kreuze anheften zu lassen."
[GEJ.03_038,13] Sagt Julius, innerlich ganz heiter, aber äußerlich den strengen Richter spielend: „Ihr schiebet, wie es mir vorkommt, alle Schuld nun lediglich aufs vierte Gebot Mosis; aber ich merke, daß ihr dieses Gebot entweder wirklich oder möglich auch geflissentlich nicht verstehet oder nicht verstehen wollet. Denn es steht im Gesetz nur, daß man seine Eltern ehren, nicht aber, daß man ihnen in allem, wie einem Herrscher, gehorchen solle; denn bin ich als Kind und schon Mann ein vielerfahrener und weiser Mensch geworden, so werde ich doch einsehen, daß eine rechte Liebe zu meinen noch lebenden Eltern die eigentlich rechte Verehrung ist, die Gott durch Moses geboten hat.
[GEJ.03_038,14] Wenn daher irgend schwache Eltern von ihren Kindern etwas verlangen, wodurch sie samt den Kindern in einen großen Nachteil gelangen können, so ist es Pflicht der Kinder, den Eltern das Schädliche ihres Begehrens mit aller Liebe und Geduld so klar als möglich vorzustellen, und die Eltern werden sicher davon abstehen; beharren sie aber, so ist ein Ungehorsam aus wahrer Liebe zu den Eltern wahrlich keine Sünde, weder vor dem höchst weisen Gott, noch vor allen billig denkenden Menschen.
[GEJ.03_038,15] Zudem aber hat ja selbst Moses eine Erklärung bezüglich des Gehorsams der Kinder gegen ihre Eltern dahin beigefügt in seinen theokratischen (gottesherrschaftlichen) Verfassungsschriften, welcher ganz klar gehaltener Erklärung zufolge die Kinder ihren Eltern in allem zu gehorchen haben, was nicht wider das Gesetz geht.
[GEJ.03_038,16] Damit aber ist das Gesetz Mosis mehr denn hinreichend gerechtfertigt, und die Schuld liegt demnach, wenn es so ist, wie ihr es mir gesagt habt, entweder wirklich in der Dummheit eurer Alten und in dem Unverstande (deren Nichtverstehen) des Gesetzes eben derselben, wie auch an eurem nun am Tage liegenden Mißverständnisse des göttlichen Gebotes durch Moses!
[GEJ.03_038,17] Oder die Schuld kann auch in eurer dicksten Verschmitztheit liegen, die aber hier ganz sicher ans Tageslicht kommen wird. Denn seht, ihr habt eure Pfiffigkeit unvorsichtigermaßen durch euer das Gebot Gottes humoristisch äffendes Entschuldigen gezeigt und scheinet viel bösen Witzes zu besitzen; und solcher Proteusse Entschuldigungen nehmen wir Römer nie so ganz leichten Kaufes als bare Münze an! Daher werdet ihr mir schon ernstere und der Wahrheit ähnlicher sehende Entschuldigungen zum Vorscheine bringen müssen, ansonst ihr von mir kein gutes Urteil zu erwarten haben dürftet!"
39. Kapitel
[GEJ.03_039,01] Diese sehr triftige Gegenbeleuchtung von seiten des machte die Verhörten stutzen, und Suetal wußte nun nicht, was er als etwas so recht Schlagendes darauf erwidern sollte. Nach einer Weile aber sagte er dennoch ganz ernstlich: „Du hast vollkommen recht, aber wir sind darum nicht minder in unserem vollsten Rechte! Siehe, wenn du einem Kinde schon von der Wiege an stets vorsagen wirst, daß zwei und abermals zwei Nüsse zusammen fünf Nüsse sind, so wird dir dies das Kind glauben und es dir nachsagen, und es wird am Ende schwer werden, den schon reif gewordenen Jüngling von solchem Wahne frei zu machen. Wer hatte uns bis zur Stunde das Gesetz Mosis also erklärt wie du nun? Was blieb demnach übrig, als das Gesetz also zu nehmen, wie es uns von der Wiege an erklärt worden ist?! Unsere Alten verstanden es selbst nie besser, und der ganze Tempel versteht es wahrscheinlich entweder auch nicht, oder er will es nicht verstehen. Woher hätten dann wir ein so richtiges Verständnis nehmen sollen? Zudem haben wir als angehende Templer den ganzen Moses auch nie zu Gesicht bekommen, weil solches nur den Ältesten und den Schriftgelehrten gestattet ist! Und nun sage du uns, von wo wir des Gesetzes richtige Erkenntnis hätten hernehmen sollen! Wer hätte es uns, dir gleich, richtig erklären sollen?"
[GEJ.03_039,02] Sagt darauf Julius: „Man sollte es aber mit allem Fug und Recht annehmen können, daß Menschen, die einmal Diener des Tempels im Priesterkleide sind, ihre Gotteslehre doch wenigstens so gut verstehen sollten wie ein Heide (Altgläubiger)! Mir ist jedes Volkes Gotteslehre stets von größter Wichtigkeit gewesen, weil man durch sie ein Volk in all seinem Tun und Lassen am ehesten vom Grunde aus kennenlernt; und so glaube ich denn mit einigem Rechte, daß jedem einzelnen Menschen eines Volkes vor allem daran gelegen sein müßte, die Gotteslehre seiner Väter so genau als nur immer möglich kennenzulernen, weil eben solch eine Gotteslehre denn doch einzig und allein die Richtschnur des gesellschaftlichen Untereinanderlebens sein kann! Zudem seid ihr keine Jünglinge mehr, sondern Männer, von denen es wohl zu erwarten wäre, daß sie – sage als Priester auch noch – ihre Gottlehre wenigstens so gut wie ich, der ich ein Fremder bin, verstehen sollten! Was wird denn hernach in euren Schulen gelehrt?"
[GEJ.03_039,03] Sagt Suetal: „Man lernt darin lesen, schreiben und rechnen, endlich lernt man auch allerlei fremde Zungen und nun (dann) einen gewissen Auszug aus der großen Schrift, in dem vor allem stets auf das dringendste verlangt wird, alles das für vollkommen als von Gott kommend wahr anzunehmen, was der Tempel will und lehrt. Wenn aber also, so fragt es sich daneben sehr, woher wir dann eine tiefere Erkenntnis in unserer Gotteslehre nehmen sollten! Du hast es leicht; denn du bist ein Herr voll Macht und Gewalt von allen Seiten. Du kannst in eine Hauptsynagoge treten und nur begehren; jeder Oberste derselben wird dir in alles die vollste Einsicht zu nehmen ganz sicher gestatten, – und wehe ihm, so er dir etwas vorenthalten möchte! Er weiß es schon, daß du darauf alles werdest durchsuchen lassen, und wenn sich da etwas Verheimlichtes vorfände, was er darauf zu gewärtigen hätte! O sieh, das weiß so ein Synagogenoberster recht gut und wird dir deshalb alles zeigen und enthüllen, gleichwie sogar der Hohepriester zu Jerusalem das sogenannte Allerheiligste, in das er im Angesichte und nach dem Glauben des Volkes selbst nur zweimal treten darf, jeden Tag den hohen und mächtigen Fremden zeigen muß und sogar ums Geld auch andern Fremden zeigt; es soll aber unsereins versuchen, ein solches Begehren zu stellen, und das Teufelswasser ist darauf sicher bei der Hand!
[GEJ.03_039,04] Manche Tempeldiener, die sogenannten Geheimsten, wissen freilich darum, wie es im Allerheiligsten aussieht; aber sie sind erstens sehr gut bedienstet und zweitens für den geringsten Verrat mit hundert Todesstrafen bedroht, daher sie denn auch den Mund zu halten verstehen. Jetzt fragt es sich aber noch intensiver, von woher wir dann das wahre Licht in unserer höchst mystischen Gotteslehre nehmen sollten!
[GEJ.03_039,05] Wenn sich aber alles sicher also verhält, wie wir es dir nun zu unserer nötigen Entschuldigung kundgetan haben, so wirst du als Richter und Mensch über uns doch hoffentlich kein anderes als nur ein vollkommen gerechtes Urteil fällen können!
[GEJ.03_039,06] Worin unsere Gebrechen bestehen, weißt du sicher schon lange; welche Schuld wir aber daran tragen, kannst du aus dem wohl hoffentlich ganz klar entnehmen, was wir dir über uns ohne Furcht und Vorenthalt kundgetan haben! Ist dir aber etwas Weiteres und anderes über uns bekannt, so beschuldige uns, und wir werden dir ganz ohne alle Furcht Rede stehen; denn wer mutig zu sterben versteht, der versteht auch mutig zu reden!"
[GEJ.03_039,07] Sagt Julius ganz gelassen: „Ich bin weit entfernt, in eure Rede irgendein noch weitergehendes Mißtrauen zu setzen, da ich wohl nur zu sehr überzeugt bin, daß es also zugeht im Tempel, wie ihr es nun ausgesagt habt, und spreche euch darum von jeder weiteren Schuld los; denn der da vom Dache fällt und durch seinen Fall ein unter dem Dache spielendes Kind schwer verletzt, kann nicht die entfernteste Schuld daran tragen, und ist in dieser Hinsicht unser Verhör zu Ende, und ihr seid in dieser Beziehung als ganz schuld- und straflos erklärt.
[GEJ.03_039,08] Aber es hat nun noch einen andern Haken! Darüber werde ich euch noch eine Frage stellen; von der Beantwortung dieser Frage wird es sehr abhängen, ob ich euch Freund oder Feind sein werde, – und so gebet denn acht!
[GEJ.03_039,09] Ihr werdet in dieser Zeit sicher irgend vernommen haben, daß sich bei Nazareth ein gewisser Jesus, eines dortigen Zimmermanns Sohn, als Heiland herumtreiben soll, und soll große, unerhörte Dinge als Taten vor jedermanns Augen vollführen und eine neue Gotteslehre unter das Volk ausstreuen! Habt ihr davon irgendeine Wissenschaft, so gebet sie mir offen kund, denn mir muß es sehr daran gelegen sein!"
[GEJ.03_039,10] Sagt Suetal: „Wir haben davon wohl auch so von weitem her etwas wispern hören, werden aber kaum den hundertsten Teil von dem wissen, was du allenfalls schon lange wissen dürftest. Fürs erste waren wir stets mehr in den Mittagsgegenden zur Erfüllung unseres schönen Auftrags beschäftigt und sind erst vor wenigen Tagen in diese galiläischen Gefilde gekommen und allda aber auch bald aufgegriffen worden, und können darum von deinem gewissen Heilande ganz entsetzlich wenig wissen. Aber daß sein Ruf sich sogar bis gen Damaskus und Babylon schon ausgebreitet hat, das ist ganz gewiß; was er aber sonst für ein Mensch ist, was er tut und wie er die Kranken heilt, von dem wissen wir noch keine Silbe und wären darum selbst im höchsten Grade begierig, davon etwas Näheres zu vernehmen! Ja, wenn es noch einen Gott irgendwo gibt, so kann er dem argen Treiben des Tempels ja doch länger nicht mehr zusehen und muß dem Volke einen Erlöser senden!
[GEJ.03_039,11] Wir sagen es dir, was der Mensch in seiner größten Verworfenheit, in seiner übersatanischen Phantasie sich nur immer ausdenken kann, das wird innerhalb der weiten Mauern des Tempels alles in tatsächliche Erfüllung gesetzt. Laster ohne Maß und Zahl werden da an der Menschheit begangen und das mit einer so gleichgültigen Frechheit, daß du dir davon gar keinen Begriff machen kannst! Die hohen Tempelherren scheinen die Menschen so hoch zu schätzen, wie man sonst einen müßigen Sperling schätzt. Ich will kein Wort sprechen von der allerleichtfertigsten Übertretung aller Gebote Gottes; aber es werden da neue Greuel erfunden und begangen, von denen einem guten Moses offenbar nie etwas träumen konnte, denn sonst hätte er auf derartige Greuel sicher einen hundertfachen Tod und eine zehnfache Hölle als Strafe gesetzt! Es ist aber des Heiles der Menschen wegen besser, daß wir davon kein Wort mehr verlieren!
[GEJ.03_039,12] Man würde der Menschheit sicher einen großen Dienst erweisen, so einmal in der Nacht der Tempel samt seinen Einwohnern auf einen Hieb könnte zerstört werden. Es ist der Menschheit darum ein Erlöser schon lange vonnöten; aber dieser solle die Menschheit, nicht etwa uns Juden von euch Römern – denn ihr gehöret ja auch zu unsern Erlösern –, sondern von der rein höllischen Drakoarchie (Drachenherrschaft) des Tempels befreien! Dann, Herr, wird die arme Menschheit hell aufjauchzen vor Freude, daß sie von ihrem ärgsten Feinde erlöst worden ist!
[GEJ.03_039,13] Freund, kann es wohl noch einen frecheren Gedanken geben als den, daß Gott der Allmächtige einem bösesten Wurme des Staubes alle Seine Macht über alle Menschen und über alle sonstige Kreatur also gegeben hätte, daß nun dieser Wurm nach seiner allerbösesten Willkür mit Gott Selbst, und mit allen Menschen und mit aller Kreatur seinen übersatanischen Mutwillen ungestraft treiben kann?! Nein, nein, Herr! Da gibt es entweder keinen Gott, oder Gott läßt solchen Teufeln wieder wie zu den Zeiten Noahs und Lots ihr Höllenmaß voll machen! O großer, heiliger Gott, wo bist Du, wo säumest Du? Wahrlich, was der Tempel nun treibt, das übersteigt alle menschlichen Begriffe! Äußerlich zeigt er freilich wohl noch dasselbe trost- und hilfehauchende Gesicht wie allenfalls zu Salomos Zeiten; aber inwendig ist er eine Hölle der Höllen geworden! Aber es ist besser, davon keine Silbe mehr weiter zu reden und wir wollen darum schweigen und erwarten, von dir Näheres über den Heiland aus Nazareth zu vernehmen!"
40. Kapitel
[GEJ.03_040,01] Sagt darauf Julius: „Was da die Argheit des Tempels betrifft, so sind wir Römer davon schon so unterrichtet, daß ihr uns nichts Neues und Überraschendes mehr kundgeben könnet; und es wird darum die Zeit der Strafe nicht lange mehr auf sich warten lassen, dessen könnet ihr ganz versichert sein.
[GEJ.03_040,02] Daß wir aber den Tempel noch nicht zur Rechenschaft gezogen haben, geschieht des dummen und noch sehr einfältigen Volkes wegen, das noch immer den Tempel für ein Heiligtum hält und sein Heil darin sucht. Würden wir nun den Tempel angreifen, so hätten wir jetzt noch mit geringer Ausnahme alles Volk wider uns; wenn aber sicher bald wenigstens die Mehrzahl des Volkes zur Kenntnis gelangt sein wird, wie eigentlich der Tempel beschaffen ist, dann werden wir eine ganz leichte Arbeit bekommen, dem Tempel einen vollsten Garaus zu machen. Zu dem Behufe wird eben die neue, reinste Wahrheitslehre des großen Heilandes aus Nazareth ihr Entschiedenstes beitragen, so sie nur ein wenig unters Volk ausgestreut sein wird; denn diese Lehre ist so rein wie die Sonne am hellsten Mittage und wird da von jedermann leicht begriffen werden, wo ein guter Wille das Herz leitet. Natürlich, wo aber der Menschen Herzen schon in Grund und Boden verdorben sind, da wird diese Lehre auch nicht angenommen werden, so göttlich-rein sie auch ist! Aber da wird dann der Römer Schwert ein Gericht verkünden, wie die Welt noch keines in so ausgedehntem Maße erfahren hat; denn da wird Gottes Arm mit dem der Römer sein. – Das somit zu eurer Beruhigung!
[GEJ.03_040,03] Aber nun noch von etwas anderem! Ihr habt ehedem erwähnt, daß ihr euer Unwesen gegen Rom mehr im Mittage des Judenlandes getrieben habt und erst in jüngster Zeit hierher ins galiläische Gebiet gekommen seid. Ich frage euch demnach, welche Erfolge ihr mit euren Aufwiegelungen gegen Rom erreicht habt, und was euch bewogen hat, nach Galiläa herüberzugehen?"
[GEJ.03_040,04] Sagt Suetal: „Herr, in den Mittagslanden haben wir bloß gegessen und getrunken und getrauten uns kein Wort wider Rom loszulassen, da wir das meiste Volk sehr gut römisch gesinnt fanden! Wohl aber haben wir es nicht gespart, sehr bedeutende Funken über das lose Treiben des Tempels, wo es nur möglich war, auszustreuen; bei solch unserem vielmehr antitemplischen denn antirömischen Treiben aber haben wir uns erst vor kurzem in einem erztemplischen Flecken ziemlich stark verbrannt. Man fing leise nach uns zu fahnden an, und es blieb uns nichts übrig, als schnelle Beine zu machen.
[GEJ.03_040,05] Bei Nacht und Nebel zogen wir über Samaria und kamen nach etlichen Tagen übers Gebirge hierher in dies Land. Da kamen wir bald mit Leuten zusammen, die entweder aus einem wahren Grunde sich über den Druck der Römer eben nicht am besten äußerten, oder sie taten solches bloß, um uns kurzsichtige Tölpel aufs Eis zu führen; kurz, das zu unterscheiden ging etwas zu weit über unseren Erkenntnishorizont. Wir stimmten sonach leichtfertig in ihr Liedlein ein und ließen auch so manches PROPTER FORMAM fallen. Aber es währte die Geschichte keine drei Tage; wir wurden auf einmal von römischen Soldaten angehalten und festgenommen, und noch vier oder fünf von denen, in deren Lied wir eingestimmt hatten, mit uns. Und wie wir dort zusammengepackt wurden, also sind wir hierhergebracht worden. Und nun hast du alles, was du von uns nur immer haben kannst, und kannst nunmehr dein volles Urteil über uns fällen."
[GEJ.03_040,06] Sagt Julius: „Es bleibt schon bei meinem Ersturteile, demzufolge ihr von mir als vollkommen straflos erklärt seid; aber es handelt sich nun um etwas ganz anderes, und das läßt sich ganz kurz in der Frage dartun: Was werdet ihr nun tun? In den Tempel könnet ihr unmöglich mehr zurück, nach Jerusalem zu euren Alten füglichermaßen wohl auch kaum mehr; dort dürfte es euch eben nicht am besten ergehen! – Was also habt ihr nun im Sinne zu tun?"
[GEJ.03_040,07] Sagt Suetal: „Herr, das ist ein sehr heißer Punkt! Gönne uns etwas Zeit, darüber reiflich nachzudenken!"
[GEJ.03_040,08] Mathael aber, der in ihrer Nähe steht, sagt zu Suetal: „Höre du mich, ich will dir da einen Rat geben, und so du ihn befolgst, wirst du nicht schlecht fahren!"
[GEJ.03_040,09] Spricht Suetal: „Bist du nicht einer von den fünfen, die mit uns hierhergebracht worden sind? (Mathael bejaht dies).
[GEJ.03_040,10] Wenn das, wie kannst du, als ein sicher nur zeitweilig böser Narr, uns in dieser äußerst schwierigen Angelegenheit einen vernünftigen Rat erteilen?! Denn ihr fünfe seid ja als böse und gefährliche Narren, respektive als Besessene hierhergebracht worden in schwersten Ketten! Wer hat euch geheilt? Denn du redest nun ganz klar und mußt geheilt worden sein! Auf dem Schiffe hast du nur gebrüllt, bald wie ein Stier, bald wie ein Löwe und bald wieder geheult wie ein Wolf; und wenn du mit der kreischendsten Stimme von der Welt Worte aussprachst, so bestanden sie in Lästerung, Fluch und Verwünschung! Kurz, du bist ganz derselbe, ob du nun auch einen Römerrock trägst, und mich kann es nicht genug wundernehmen, wie du nun zu solcher Klarheit gekommen bist; dich muß jemand aus dieser großen Gesellschaft geheilt haben samt deinen Gefährten! Aber wer? Wo ist solch ein Wunderheiland?
[GEJ.03_040,11] Aber halt! Nun fährt mir etwas durch die Seele! Der Herr, der uns verhörte, fragte uns über einen Heiland aus Nazareth; er wollte von uns erfahren, ob und was wir von diesem Manne irgend schon alles in Erfahrung gebracht hätten. Wir sagten so viel, als uns bekannt war vom Hörensagen.
[GEJ.03_040,12] Wir fragten darauf um Näheres über solch einen seltensten Menschen, aber es kam uns keine Antwort entgegen, wie wir sie gewünscht hätten; du selbst führst uns nun auf die Spur! Daß du samt deinen Gefährten geheilt worden bist, das unterliegt keinem Zweifel mehr; aber auch ebenso scheint es keinem Zweifel mehr zu unterliegen, daß eben der vom hohen Römerherrn so zufällig erwähnte Heiland aus Nazareth hier ist! Er muß hier sein; denn euch hätte sonst kein sterblicher Mensch auf dieser Erde geheilt! Sage es uns, ob unsere Frage einen Grund hat; dann erst wollen wir deinen Rat in bezug auf unser künftiges Sein vernehmen!"
41. Kapitel
[GEJ.03_041,01] Sagt Mathael: „Sieh, Bruder, wir waren Tempelgefährten und mußten dasselbe Los teilen, nur zoget ihr gen Mittag, und wir mußten gen Morgen ziehen. Wir aber fielen einer Horde verkörperter Teufel in die Hände, und es wurden dadurch unsere Leiber zu Wohnungen von vielen Teufeln; aber hier fand sich ein Heiland vor, wohl der größte, den je die Erde getragen, und dieser hat uns ohne alles Entgelt geheilt bloß durch sein über alles Leben herrschendes, mächtiges Wort.
[GEJ.03_041,02] Er ist hier! Derselbe, dessen der römische Hauptmann Julius zu euch in seiner Frage Erwähnung tat; aber es ist für euch nun noch nicht an der Zeit, mit ihm in eine nähere Bekanntschaft zu treten. Er selbst wird es bestimmen, wann ihr ihn näher kennenlernen sollet! Fraget darum nicht weiter und vernehmet, was ich nun zu euch sagen werde!
[GEJ.03_041,03] Ihr seid zwar Kinder dieser Welt noch, könnet aber, so ihr wollet, auch in die wahre, freie und lebensvolle Kindschaft Gottes übergehen. Diese Herren Roms werden euch gerne die Mittel dazu verschaffen. Der Herr, der euch verhört hat, wird sicher nicht einen Augenblick säumen, euch auf den rechten Weg zu setzen, und nun um so leichter, da auch der oberste Statthalter Cyrenius aus Sidon hier anwesend ist.
[GEJ.03_041,04] Sehet, dort hinter euch stehen auch dreißig Templer! Sie gehören schon der Fremdenlegion an und sind nun durch und durch Römer. Werdet ihr dasselbe, und euch ist für alle Zeiten und für alle Ewigkeit geholfen! Aber in Jerusalem blüht für uns ewig kein Glück mehr; denn die Beschaffenheit des Tempels kennet ihr, die von nahe ganz Jerusalem hoffentlich auch, sowie das verfluchte Wasser! Welcher Mensch kann da noch nur je einen Wunsch haben, das Hauptnest aller Teufel und Sünden je wieder zu besuchen? Wollt ihr sterben, dann ziehet nach Jerusalem; wollt ihr aber leben und auch finden das ewige Leben, dann werdet Römer dem Leibe nach und wahrhafte Juden nach Moses der Seele nach! – Fasset ihr solches?"
[GEJ.03_041,05] Sagt Suetal: „Ja, ja, ja, wir fassen das; aber nur unaussprechlich merkwürdig ist es, daß du nun zu solch einer enormen Klarheit gekommen bist! Jetzt erkenne ich dich auch als meinen Tempelkollegen und weiß, daß du ein tüchtiger Redner warst und mehrere Male so recht derb den Hohen die Wahrheit ins Gesicht sagtest, was denn auch zur Folge hatte, daß du – ich glaube mit noch vieren von deiner Art – nach Samaria ziehen mußtest! Ja, ja, du bist es schon, und es freut uns alle, dich hier ganz gesund und rein wiederzusehen! Dein Rat, Freund, ist wohl an und für sich ganz gut; aber die Vielgötterei der Römer –"
[GEJ.03_041,06] Mathael fällt dem Suetal ins Wort: „– ist noch immer um tausend Male besser als die allerfinsterste Ein- und eigentlich völlige Abgötterei des Tempels! Sage es mir, welcher Priester im Tempel glaubt denn noch an einen Gott? Ich sage es euch: Ihr Bauch und ihr Wollustsinn ist nun der wahre Gott des Tempels! Dem Tode, der Sünde und allen Teufeln dienen sie! Die Gebote Mosis kannst du um wenige Silberlinge haben, wie du sie willst, aber von ihren Freß- und Wollustsatzungen lassen sie nicht ein Häkchen nach! Sie haben kein Leben mehr und geben sich doch als Herren des Lebens aus und wollen als solche höchst verehrt werden!
[GEJ.03_041,07] Sie haben keinen Dunst mehr von dem, was Leben ist; sie verstehen samt und sämtlich kein Jota mehr von der Schrift, und die Propheten begreifen sie – wie du das Ende der Welt. Sie haben alle schon lange alles Leben der Seele verloren und pflegen deshalb so emsig das Leben ihres Mottensackes. Wie hätten sie dann aus ihrem vollsten Tode heraus das ewige Leben der Seele zeigen und geben können?
[GEJ.03_041,08] Das Leben muß aus dem Kampfe des Lebens mit dem Leben und mit dem Tode tiefst erkannt werden und muß in solcher Erkenntnis eine stets mehr und mehr tätige Festigung erhalten, wenn es als ein wahres Leben bestehen soll; wie aber kann der Tote dir zeigen, was das von ihm noch nie erkannte Leben in und außer sich ist?! Ich sage es euch: Im Tempel haust schon lange der ewige Tod; aber dahier haust wahrhaft das ewige Leben! Und siehe, die Römer fassen es und werden voll Lebens, während der Tempel es nie fassen wird, weil er tot ist schon für ewig. Was ist demnach besser: der Römer Vielgöttertum oder des Tempels Eingöttertum?!"
[GEJ.03_041,09] Nach diesen Worten Mathaels können sich die zwölf nicht genug verwundern über Mathaels höchst richtige Ansichten und über seine entschiedene Weisheit.
[GEJ.03_041,10] Suetal sagt darauf, sich entschuldigend, zu Julius: „Hoher Herr, vergib es uns, daß wir dich so lange auf eine Antwort warten lassen; aber du vernahmst ja selbst die weisen Worte Mathaels, und wir wurden davon zu durchdrungen und konnten dir die erwünschte Antwort noch nicht geben. Aber so du mit uns noch eine kleine Geduld haben willst, so werden wir dir schon sicher eine ganz gediegenste Antwort geben!"
[GEJ.03_041,11] Sagt Julius „Laßt nur den Mathael nicht aus, denn er versteht mehr als ich und noch viele tausend solcher, wie ich einer bin! Wenn er redet, will ich gerne tausend Jahre lang schweigen und ihn anhören! Darum besprechet euch nur mit ihm, er wird euch beinahe den besten Rat zu geben imstande sein!"
[GEJ.03_041,12] Sagt Suetal: „Ja, er hat uns schon einen Rat gegeben, und es käme nun nur auf dich an, uns in die Legion der Fremden aufzunehmen!"
[GEJ.03_041,13] Sagt Julius: „Ganz gut! Das ist auch schon so gut wie geschehen; aber dessenungeachtet wird euch der weise Mathael noch so manche großweise Lehre zu dem Behufe zu geben in dem allerbesten Stande sein!"
[GEJ.03_041,14] Sagt Suetal: „Ja, das verspüren wir, obschon uns solche seine Eigenschaft nun noch unbegreiflicher vorkommt als die Luft! Wie er zu solch einer Weisheit gekommen ist, ist rein unerklärlich! Die wunderbare Heilung von seiner Tollheit ist begreiflich; aber woher er nun die Weisheit genommen hat, das begreife, wer es begreifen kann!"
42. Kapitel
[GEJ.03_042,01] Sagt Mathael, der diese Worte wohl vernommen hatte: „Mach deine Seele möglichst frei von allen Weltbanden, und du wirst dann bald und sehr leicht begreifen, von woher eine Seele in aller Kürze zur größten Weisheit gelangen kann! Aber solange die Seele noch zu fest im alten Moderhaufen des Todes begraben liegt, welcher Moderhaufen da ist ihr Leib, kann von irgendeiner besonderen göttlichen Weisheit noch lange keine Rede und kein Wahrnehmen sein!
[GEJ.03_042,02] Dort, einige Schritte vor uns, ersiehst du einen Stock (Baumstumpf), der fest in der Erde zu stecken scheint. Gehe hin und setze dich darauf, und ich stehe dir dafür, daß du damit nicht vom Fleck kommen wirst, auch in vielen Jahren nicht; erst wenn er faul und ganz morsch werden wird, wirst du samt ihm zur Erde fallen. Wirst du dich aber dann auch nicht von deinem Lieblingssitze trennen können, so wirst du denn auch sicher am Ende ganz verwesen mit ihm; denn alles, was tot ist, muß zuvor völlig wie vernichtet werden, wenn es wieder in irgendeine Lebenssphäre übergehen soll. Gehe du aber hin ans Wasser, besteige ein Schiff, mache es frei, spanne das Segel und ergreife das Steuerruder, und du wirst sogestaltig nicht am Flecke bleiben, sondern gar bald erreichen ein neues Land, in dem du viel Neues wirst kennenlernen und bereichern die Schatzkammer der Erfahrungen. Siehe, solange du dich aber sorgest um dein Fleisch und um dessen süßes und bequemes Leben, so lange auch sitzest du auf jenem Stocke und kannst nicht weiterkommen; wenn du aber die überwiegende Sorge um dein Fleisch ganz aufgibst und sorgst dich nur um das, was da betrifft das Leben der Seele und ihres Geistes, da besteigst du das Schiff des Lebens und wirst damit bald vom Flecke kommen. – Verstehst du dies Bild?"
[GEJ.03_042,03] Sagt Suetal: „Was hast denn du nun von einem Geiste in der Seele gesagt? Ist doch die Seele ja das, was man Geist nennt!"
[GEJ.03_042,04] Sagt Mathael: „Ja, Freund, wenn du das noch nicht weißt, daß in jeglicher Seele ein Geist alles Lebens wohnt, dann kannst du freilich wohl noch lange nicht begreifen, von wannen mir mein bißchen Weisheit kommt! Weißt, da ist es mit dir auch noch schwer zu reden; denn da vernimmst du mit offenen Ohren nichts und siehst ebenso mit offenen Augen nichts!
[GEJ.03_042,05] Die Seele ist ja nur ein Gefäß des Lebens aus Gott, aber noch lange nicht das Leben selbst; denn wäre sie das Leben selbst, welcher Ochse von einem Propheten hätte ihr je von der Erreichung des ewigen Lebens, wie umgekehrt von einem möglichen ewigen Tode etwas vorschwätzen können? Da aber die Seele erst auf dem Wege der wahren göttlichen Tugend zum ewigen Leben gelangen kann, wie solches durch gar viele Beispiele erwiesen werden kann, so kann sie ja doch unmöglich selbst das Leben, sondern nur ein Aufnahmegefäß für selbiges sein.
[GEJ.03_042,06] Nur ein Fünklein im Zentrum der Seele ist das, was man Geist Gottes und das eigentliche Leben nennt. Dieses Fünklein muß genährt werden mit geistiger Kost, die da ist das reine Wort Gottes. Durch diese Kost wird das Fünklein größer und mächtiger in der Seele, zieht endlich selbst die Menschengestalt der Seele an, durchdringt die Seele endlich ganz und gar und umwandelt am Ende die ganze Seele in sein Wesen; dann freilich wird die Seele selbst ganz Leben, das sich als solches in aller Tiefe der Tiefen erkennt.
[GEJ.03_042,07] Wenn sich das Leben alsogestaltig erst völlig erkennt und seiner selbst ganz klar bewußt wird, dann erkennt es die Weisheit aus dem Fundamente; aber solange das nicht der erwünschte Fall ist, kann von einer Weisheit keine Rede sein!
[GEJ.03_042,08] Die wahre Weisheit ist das Augenlicht des Geistes im Auge der Seele; wenn aber eine Seele noch fragt, was der Geist in ihr ist – woher soll ihr da das Licht des Geistes und alles Lebens in ihre ansonst stockblinde Sehe kommen?"
[GEJ.03_042,09] Sagt Suetal: „Ich bitte dich, Freund, höre auf also zu reden und halte damit so lange inne, bis ich dafür empfänglicher werde; denn das sehe ich nun schon ein, daß ich dafür noch viel zu dumm und blind bin! Aber wir alle wollen von deiner nunmaligen Belehrung eine möglichst tatkräftige Notiz nehmen! Denn das sehe ich nun ein, daß du vollkommen recht hast; aber deine tiefste Weisheit nun ganz gründlich zu fassen, dazu gehört eine große Vorbereitung, die bei uns bis jetzt rein unmöglich war! Aber, wie gesagt, wir wollen dir ganz kräftige Jünger werden!"
43. Kapitel
[GEJ.03_043,01] Sagt Mathael: „Ein redlich-guter Wille ist schon soviel wie das halbe Werk; aber der Mensch darf es nicht zu lange bloß beim guten Willen lassen, sondern muß solchen ehestmöglich ins Werk setzen, ansonst der Wille mit der Zeit sich abkühlt, seine Spannkraft verliert und am Ende zur Vollbringung eines guten Werkes zu schwach und ohnmächtig wird.
[GEJ.03_043,02] Siehe, solange das Wasser im Topfe siedet, kann man verschiedene Früchte weich sieden und sie in leicht verdauliche Speisen umgestalten; aber wenn das Wasser im Topfe lau und am Ende gar kalt geworden ist, da geht es mit dem Weichkochen der Früchte nicht mehr!
[GEJ.03_043,03] Darum ist der Wille eines Menschen gleich einem siedenden Wasser im Topfe. Die Liebe zu Gott und zu allem Guten des Lebens aus Gott ist das rechte Feuer, das das Lebenswasser im Topfe zum tätigen Sieden bringt; die weich zu kochenden Früchte aber sind jene Werke und Taten, die wir als gut und wahr anerkannt, aber noch nicht ins Werk gesetzt haben, daher wir sie eben, solange das Wasser im mächtigen Sieden ist, in das Wasser tun müssen, ansonst sie roh und unverdaulich bleiben und daher fürs Leben von keinem Nutzen sind.
[GEJ.03_043,04] Was man sonach will, das muß man auch tun, ansonst bleibt der Wille stets eine Lüge gegenüber dem Leben, und aus der Lüge wird in Ewigkeit keine Wahrheit!
[GEJ.03_043,05] Wahrheit aber ist das Leben, und die Lüge der Tod; darum suche in allem die Wahrheit, sie ist das Leben, und fliehe die Lüge in und außer dir, denn sie ist der wirkliche Tod!
[GEJ.03_043,06] Oder was hast du, wenn du dir einbildest, als hättest du etwas? Siehe, nichts als das Nichtige deiner Einbildung! Und was ist das? Siehe, es ist nichts, und dieses Nichts ist der wahre Tod!
[GEJ.03_043,07] Wenn du aber bauen willst und hast kein Material und keine Bauleute, wie wird dein Haus, das du bauen willst, aussehen? Sieh, es wird nimmer eine Gestaltung bekommen! Das Material aber sind die Taten und Werke eines lebendigen Willens, der tatkräftige Wille aber sind die Bauleute; diese führen dann aus deinen guten Werken ein rechtes Haus auf, und dieses Haus ist dein wahres Leben in Gott, das da ewig unverwüstbar stehen wird. Aber mit einer geringen Mühe wird kein Haus erbaut, und am allerwenigsten das Lebenshaus; darum heißt es da tätig sein in aller Fülle der uns zu eigen verliehenen Kraft, ansonst dürfte es mit dem Baue schlecht vorwärtsgehen.
[GEJ.03_043,08] Als Noah die Arche baute, soll er im Anfange sehr saumselig sein ihm anbefohlenes Werk begonnen haben. Als seine Widersacher das merkten, zerstörten sie ihm zur Nachtzeit stets, was er am Tage zustande gebracht hatte. Erst nach vielen Jahren begann er Tag und Nacht an der Arche zu arbeiten und stellte Wächter auf; da erst ging der Bau seiner Vollendung mit raschen Schritten entgegen und bot also zur Zeit der großen Flut, wie bekannt, denen, die darin waren, den Schutz und bewahrte sie vor dem sonst sicheren Untergange.
[GEJ.03_043,09] Ich sage es dir, daß wir im Grunde nun lauter Noahe sind. Die Welt mit ihren Lügen und Trügereien und all den daraus hervorgehenden Lockungen ist die immerwährende Flut. Auf daß wir von der nicht verschlungen werden, müssen wir die anbefohlene Arche emsigst erbauen; diese Arche ist die Lebensfestigung unserer Seele zur Erhaltung und endlichen Vollausbildung des Gottesgeisteslebens in der Seele.
[GEJ.03_043,10] Wenn dann endlich die Flut der lockenden Weltversuchungen hinabsinken wird in die Tiefe ihrer Leerheit, so wird das Gottesleben in und über die Seele hinaustreten in aller Kraft und wird in der reinen und neuen Lebenssphäre in der allerungebundensten Freiheit ohne alle feindlichen Wegelagerer ein neues Werk beginnen und damit segnen in und mit Gott die ganze Unendlichkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit! – Verstehst du dies Bild?"
44. Kapitel
[GEJ.03_044,01] Suetal ist ganz stumm vor Verwunderung und fragt den Julius, sagend: „Herr, es ist unbegreiflich, von wannen diesem Menschen die Weisheit gekommen ist! Ich kenne ihn doch recht gut vom Tempel aus, allwo er nichts weniger als von irgendeiner Weisheit etwas hat merken lassen! Als wir mit ihm von Genezareth auf einem Schiffe hierhergebracht worden sind, war er von der bösesten Raserei ergriffen und hatte durchgängig kein menschliches Aussehen. Nun sind noch kaum vierundzwanzig Stunden seit der Tollheitszeit vergangen, und der Mensch steht in einer Weisheitssphäre, von der wohl keinem Salomo bei aller seiner Weisheitstiefe etwas geträumt hat! Sage es uns doch, was da mit ihm vorgegangen ist! Wie kam er zu solch einem Lichte?"
[GEJ.03_044,02] Sagt Julius: „Wisset ihr denn nicht, daß bei Gott alle Dinge möglich sind? Beachtet nur das werktätig, was er zu euch gesagt hat, dann werdet ihr es schon in euch selbst erfahren, wie ein Mensch in Kürze zu solcher Weisheit gelangen kann! EX TRUNCO NON FIT MERCURIUS lautet schon ein römisches Sprichwort; ein Stock ist unbeweglich, und es ist an ihm keine Tätigkeit bemerkbar, während in der bildlichen Götterlehre der Römer keine Gottheit so viel zu tun hat wie eben der Merkur. Unter Merkur wird somit eine rechte Tätigkeit über Hals und Kopf verstanden und unter einem Stocke die größtmögliche Untätigkeit, und es kann daher aus einem Stocke kein Merkur werden. Darum heißt es nach dem Worte der Weisheit, über Hals und Kopf tätig sein, um zur wahren Weisheit zu gelangen, ansonst gibt es wohl keinen bekannten Weg zu ihr. Sie läßt sich nicht erlernen wie irgendeine andere Wissenschaft, sondern nur gewinnen in und aus sich selbst durch die wahre Tätigkeit nach der Lehre der Weisheit.
[GEJ.03_044,03] Wollt ihr demnach gründlich erfahren, wie Mathael zu solcher Weisheit gelangt ist, die euch nun so sehr in Staunen setzt, so müsset ihr in euch zuvor selbst auf dem gleichen Tätigkeitswege zur Weisheit gelangen, ansonst ist all euer Fragen vergeblich und vergeblich jede Antwort auf eure Frage."
[GEJ.03_044,04] Sagt Suetal: „Das ist alles ganz gut und richtig; aber wo ist der rechte Weg wohl erkenntlich gezeichnet angegeben?"
[GEJ.03_044,05] Sagt Julius: „Es ist noch nicht Mittag, und bis zum Abende hin ist noch eine geraume Zeit; in der werdet ihr noch gar manches hören und erfahren, und der Weg wird euch ganz klargemacht werden. Nun aber überdenket das, was ihr vernommen habt, und es wird euch darauf alles Folgende ganz hell und klar werden. Mit dem aber seid ihr nun auch als frei und vollkommen straflos erklärt, nur lasset euch nie wieder gelüsten, euch je wider uns zu kehren, da würde es euch schlechter ergehen denn jetzt!"
[GEJ.03_044,06] Nach diesen Worten geht Julius einige Schritte zu uns zurück, nämlich zu Mir und zu Cyrenius, und fragt Mich, ob die Verhandlung und das Urteil ganz in der Ordnung sei.
[GEJ.03_044,07] Und Ich sage: „Ist dein Herz damit zufrieden, das heißt, deines Herzens innerste Liebestimme? Was sagt diese?"
[GEJ.03_044,08] Sagt Julius: „Da herrscht darüber die größte Zufriedenheit und zugleich eine rechte Sorge, diese Menschen auf den rechten Weg des Lebens zu setzen!"
[GEJ.03_044,09] Sage Ich: „Nun, wenn also, dann ist schon alles recht und in der besten Ordnung, und es wird sich mit diesen Menschen schon noch der beste Zweck erreichen lassen; aber natürlich wird da noch so manche kleine Probe über sie kommen müssen. Daß ihr sie in die Fremdenlegion aufnehmet, ist gut; aber ihr müßt ihnen eine hinreichende Gelegenheit zukommen lassen, daß sie auf dem erkannten Wege des Heils fortwandeln können. Die fünf, mit Mathael an der Spitze, aber wollet ihr unter der Legion gehörig verteilen, und sie werden euch allen gute Dienste in Meinem Namen leisten und in kurzer Zeit gute Wirkungen ihrer innersten Weisheit zustande bringen. Aber in Galiläa dürfen sie vorderhand nicht verbleiben; denn es wird gar nicht lange hergehen, so wird der Tempel irgend Wind bekommen von dem, daß ihm bei siebenundvierzig Glieder abhold geworden sind, und wird eine Jagd auf sie durch Herodes machen; werden sie aber in Galiläa nicht und nirgends gefunden, dann werden die Fahnder unverrichteterdinge halber wieder zurückkehren, und man wird die siebenundvierzig für irgend verunglückt und verloren ansehen und sich fürder nicht mehr um sie kümmern. Und so bleibet ihr Römer im trocknen und die siebenundvierzig durch euch, und es ist allen ohne irgendeine Notlüge geholfen!"
[GEJ.03_044,10] Fragt Cyrenius: „In Tyrus und Sidon aber werden sie doch wohl sicher sein? Denn da gibt es nur sehr wenig Juden."
[GEJ.03_044,11] Sage Ich: „O ja, dort sind sie sicherer denn irgend in Galiläa, aber sicherer wären sie noch irgend entweder in Afrika oder in einer Stadt am Pontus Euxinus."
[GEJ.03_044,12] Sagt Cyrenius: „Ganz gut, ich werde für sie schon irgendeinen tauglichen Ort ausfindig machen, wo sie von den Juden sicher unangefochten bleiben werden, und sollten diese Feinfühler auch dahin gelangen, nun, so haben wir schon noch Mittel, ihre Nasen ganz stumpf für alle Gerüche zu machen!"
[GEJ.03_044,13] Sagt Julius: „Tut mir recht sehr leid, besonders um die fünf; denn das ist wahrlich staunenswürdig, in welch einer Weisheitstiefe diese stecken, und man könnte durch sie um vieles schneller zum wahren Lebensziele gelangen, als so man sich selbst überlassen ist."
[GEJ.03_044,14] Sage Ich: „Freund, der einzige Wegweiser, Weg und Ziel bin nur Ich! Wer gab denn den fünfen das, was sie haben? Sieh, Ich allein! Kann Ich aber aus fünf arg besessenen Rasenden in aller Kürze Weise der Weisen zeihen, so werde Ich solches wohl auch imstande sein an dir, der du kein arg besessener Rasender bist!
[GEJ.03_044,15] Ich allein bin ja nur die Wahrheit, der Weg und das Leben! Hast du Mich, wozu sollen dir hernach die fünf noch dienlich sein?! Ja, sie sollen und werden der Menschheit auch viele und gute Dienste erweisen durch Mich und nur in Meinem Namen; aber du bedarfst ihrer nicht, zudem es in dem Städtchen Genezareth einen Ebahl, eine Jarah und sogar einen Raphael gibt! Wo auf der Erde gibt es nun wohl noch einen Ort, der in geistiger Hinsicht noch besser versorgt wäre?
[GEJ.03_044,16] Hast du nicht vernommen die Frage Suetals, der es erfahren möchte, wie und durch wen oder was die fünf so schnell in die tiefste Weisheit geraten sind? Siehe, du weißt es wohl, aber für sie, die zwölf nämlich, ist das noch ein Rätsel, und für dich sicher nicht! Nun du aber weißt, was die zwölf noch nicht wissen, wie möchtest du hernach die fünf schon für nahe so weise halten wie Mich?"
[GEJ.03_044,17] Sagt Julius etwas betroffen: „Herr, weil ich etwas dumm war, darin liegt der Grund; aber nun ist schon wieder alles in der schönsten Ordnung, und ich habe nun erst die größte Freude an Deiner Anordnung wegen der siebenundvierzig Menschen, und es wird alles pünktlichst befolgt werden! Aber nur mußt Du, o Herr, mir mein bißchen Dummheit schon gottgnädigst nachsehen!"
[GEJ.03_044,18] Sage Ich: „Ich kann dir nichts nachsehen; wenn du aber mit und in dir selbst wieder in der Ordnung bist, dann ist bei Mir auch alles in der Ordnung, und es sind dir also alle Sünden nachgelassen.
[GEJ.03_044,19] Aber nun gehe und lasse den zwölfen Brot, Wein und Salz darreichen, denn auch diese haben schon bei zwei Tage lang kaum mehr gegessen als eine Mücke! Bisher hat sie allein Mein Wille gestärkt erhalten; aber da nun die Gelegenheit da ist, so sollen sie nun auch natürlich mit Speise und Trank gestärkt werden, und also geschehe es!"
45. Kapitel
[GEJ.03_045,01] Als Julius solches von Mir vernimmt, begibt er sich schnell zuerst zu unserem Wirte Markus, der mit den Seinen mit der Bereitung eines guten Mittagsmahles sehr beschäftigt ist, und trägt ihm Meine Anordnung vor. Und Markus geht darauf sogleich eiligst nach der Speisekammer, die nun nimmer leerer werden wollte, und nimmt einen ganzen großen Brotlaib, einen Becher Salzes und läßt durch seine beiden Söhne zwei große Krüge Weines holen; und es wird das alles schnellstens zu den zwölfen gebracht.
[GEJ.03_045,02] Als diese erst das Brot und den Wein ersehen, da meldet sich auch gleich ein mächtiger Hunger, und Julius sagt zu ihnen, als er ihren Heißhunger merkt: „Daß ihr sehr hungrig seid, das weiß ich; aber wollt ihr gesund bleiben, so esset nun nicht zu jäh, sondern lasset euch Zeit, und es wird euch sodann alles wohl bekommen!"
[GEJ.03_045,03] Die zwölf sagen: „Ja, ja, guter Herr, wir werden uns schon mäßigen in Maß und Ziel!" Aber dessenungeachtet sind sie mit einem großen Laibe Brotes in wenigen Augenblicken fertig, ebenso mit dem Weine und Salze, und möchten nun noch etwas Weiteres essen.
[GEJ.03_045,04] Aber Julius sagt: „Freunde, das genügt für ein Vormahl; in Kürze kommt ohnehin das große Mittagsmahl, bei dem ihr auch nicht leer ausgehen werdet."
[GEJ.03_045,05] Sagt Suetal: „Ja, ja, ganz gut, für die Not genügt das; sättigen werden wir uns erst am Mittagsmahle! Aber Herr und edelster Menschenfreund, wir haben nichts, womit wir den Gastwirt entschädigen könnten!"
[GEJ.03_045,06] Sagt Julius: „Ihr seid nun schon Roms Bürger und habt euch nicht mehr zu kümmern, wer da für euch die Zeche zahlen wird! Denn ein Römer ist noch nie jemand eine Zeche schuldig geblieben, und der Wirt ist von uns schon zum voraus entschädigt auf viele Jahre; wir können hier noch ein volles Jahr Zeche machen, und er wird noch im großen Vorteile sein. Darum kümmert euch nun nicht darum, wer da am Ende die Zeche bezahlen wird!"
[GEJ.03_045,07] Sagen die zwölf: „Brüder, das ist eine andere Sprache als in unserem Tempel, wo man fast nichts zu essen bekommt, aber desto mehr fasten und beten muß; aber die Hohen fasten und beten wenig und verzehren alle Tage eine Menge Almosen und Opfer zur größeren Ehre Jehovas, während die jungen Templer PRO POPULO fasten können, daß ihnen gerade die Knochen in den Gliedern zu knurren anfangen! Oh, warum sind wir denn nicht schon lange Römer geworden?! Da ist alles zu Hause: Weisheit, Güte, Recht, Strenge, wo sie nötig ist, und am Brote und Weine scheint es keinen Mangel zu haben! Mit Haut und allen Haaren und mit Seele und Leib wollen wir Römer sein! Hoch lebe Rom und alle seine Gewaltträger!"
[GEJ.03_045,08] Sagt Julius: „Ganz gut, meine nunmaligen Freunde! Euer Sinn ist gut, obschon da noch begreiflich viel Eigenliebe dabei waltet; allein das wird sich hoffentlich mit der Zeit verlieren. Aber heute werdet ihr noch gar seltene Dinge sehen und vernehmen; die werden euch zu einer Leuchte werden! – Doch fraget da nicht viel, sondern Hören und Schauen sei eure Sache, die Erklärung wird euch von selbst werden!"
[GEJ.03_045,09] Die zwölf sind dadurch gespannt gemacht, und es fragt nun einer den andern, was denn etwa doch der hohe Römer gemeint habe unter dem, daß sie an diesem Tage noch gar vieles und außerordentliches hören und sehen würden, aus dem sie viel würden lernen können, und alles das werde sich gewisserart von selbst erklären! Was solle das sein?
[GEJ.03_045,10] Sagt der redelustige Suetal: „Na, was wird's denn sein? Habt ihr nie etwas von den Olympischen Spielen der Römer gehört? Sie werden hier wahrscheinlich so etwas veranstalten; wir aber werden als nun selbst Römer daran teilnehmen dürfen, und werden da vielleicht so manches sehen und hören, was uns gut zustatten kommen wird. Das wird es sein und sonst sicher nichts."
[GEJ.03_045,11] Sagt ein anderer aus den zwölfen: „Das glaube ich kaum. Ihr acht wisset das noch lange nicht, was ich weiß; denn ihr seid vom Mittage her und wisset wenig, was sich bei den Galiläern alles ereignet hat in kurzer Zeit. Ihr wißt, daß ich und noch drei aus der Gebirgsgegend Genezareth wegen Teilnahme an euren Aufwiegelungsversuchen mit euch ergriffen und hierhergebracht worden sind. Kaum drei Tage vor eurer Ankunft auf unseren Bergen haben sich in Genezareth unerhörte Dinge zugetragen; es kam dahin der vom römischen Hauptmann ehedem erwähnte Wunderheiland aus Nazareth und heilte bloß durch sein göttlich-allmächtiges Wort alle Kranken, mit was für Übeln behaftet sie auch dahin gebracht worden waren!
[GEJ.03_045,12] Ich selbst habe einen Bruder, der nun zu Hause ist und das Erbe überkommen hat. Der war durch die Gicht zu einem förmlichen Knollen zusammengezogen, er konnte weder liegen noch sitzen, und natürlich vom Stehen konnte da schon gar nie eine Rede sein. Wir hielten ihn in einem hängenden Korbe, der mit weichem Stroh gefüllt war. Oft heulte er tagelang, von den grimmigsten Schmerzen gequält, worauf er dann gewöhnlich in eine derart totale Ohnmacht verfiel, daß er vollends einem Toten glich. Alles Erdenkliche ward zu seiner Besserung versucht, sogar das Wasser des Siloahteiches, – aber alles vergeblich.
[GEJ.03_045,13] Als wir auch auf unsern Bergen die Nachricht erhielten, daß der berühmte Heiland aus Nazareth sich in Genezareth aufhalte und alle Kranken heile, da brachte auch ich mit meinen Knechten und Maultieren den total gichtbrüchigen Bruder mit der unsäglichsten Mühe nach Genezareth. Dort nach so vielen Beschwerden angelangt aber hieß es, daß der Heiland eine Reise auf einen Berg unternommen habe, und man nicht wisse, wann und ob er noch einmal wiederkehren werde. Da stand ich nun wie eine Bildsäule neben meinem wehklagenden Bruder, fing vor Traurigkeit selbst an zu weinen und bat inbrünstigst Gott, daß Er den bittersten Leiden meines armen Bruders ein Ende machen möchte, weil ich nicht das Glück haben durfte, den Wunderheiland mehr anzutreffen. Ich machte ein Gelübde, als der Erstgeborene ihm alle meine Besitzrechte abzutreten und ihm als letzter mein Leben lang zu dienen, so er geheilt werden könnte.
[GEJ.03_045,14] Sehet, bald darauf kamen Knechte aus dem großen Gasthause zu mir auf die Gasse und sagten, daß der betreffende Heiland alle und viele solche Krüppel augenblicklich derart geheilt habe, daß sie dann aussahen, als hätte ihnen nie etwas gefehlt! Dieser Heiland aber sei mit seinen Jüngern, mit dem Hausherrn und mit noch mehreren vom Hause und Orte auf den hohen Berg, den zuvor noch nie ein Sterblicher bestiegen hatte wegen seiner zu großen Steilheit. Er werde wohl wiederkehren, wann aber, wüßten sie nicht, aber es hätte das nun nicht viel zur Sache; dieser Heiland habe eine Wiese gesegnet, und ich dürfte gläubig meinen Bruder nur auf diese gesegnete Wiese legen, und es werde besser mit ihm werden.
[GEJ.03_045,15] Ich fragte sogleich nach der gesegneten Wiese. Die Knechte zeigten sie mir, und sogleich trug ich meinen armen Bruder auf die besagte Wiese und legte ihn aufs Gras dieser Wiese. Und seht, im Augenblick, als der kranke Bruder den Boden der Wiese berührt hatte, fing er an, sich ordentlich wohlig zu strecken. Aller Schmerz war wie vom Winde weggeweht, und in wenigen Augenblicken war mein Bruder so gesund wie ich! Nur Haut und Knochen sah man früher an ihm, und ich versichere euch, er stand so vollkommen gut genährt neben mir, daß ich mich über solch eine unerhörte Umwandlung noch heute nicht genug erstaunen kann!
[GEJ.03_045,16] Ich hielt aber dann auch mein gemachtes Gelübde und übergab meinem nun sehr glücklichen und gottergebenen Bruder alles und verrichtete ihm gerne alle Arbeit auch des letzten meiner früheren Knechte, obschon mich der gute und dankbarste Bruder stets davon abhielt.
[GEJ.03_045,17] Aber ich war noch kaum etliche Tage also meinem Bruder, den ihr gesehen und gesprochen habt, ein Knecht, als ihr zu uns kamet und die eigentliche Ursache waret, daß ich und noch drei Knechte meines Bruders uns nun hier, glücklicherweise als Unschuldige, befinden.
[GEJ.03_045,18] Damit aber wollte ich euch so ganz eigentlich nur auf den allerwunderbarst berühmten Heiland aus Nazareth aufmerksam machen, von dem ihr nach eurem eigenen Geständnisse denn doch auch schon hie und da etwas vernommen habt!
[GEJ.03_045,19] Nun seht, nach der Frage des Hauptmanns aus Genezareth, den ich recht wohl kenne, zu urteilen, scheint es mir – was auch aus der Heilung der fünf Rasenden deutlich hervorgeht –, daß jener Wunderheiland aus Nazareth sich nun hier befindet und sein Wesen treibt.
[GEJ.03_045,20] Der Hauptmann hat uns sonach sicher mit dem, was wir sehen und hören sollen, auf irgend zu erwartende Taten und Reden von seiten des wunderbarsten Heilandes aufmerksam machen wollen und keineswegs auf die für uns sicher sehr zottig aussehenden Olympspiele Roms, aus denen sich sicher keine besondere Weisheit möchte holen lassen, und wovon der Hauptmann selbst kein zu großer Freund zu sein scheint! – Was meinet ihr in dieser Hinsicht?"
46. Kapitel
[GEJ.03_046,01] Sagt Suetal: „Da möchtest du wohl sehr recht haben! Es wird sich die Sache sicher also verhalten, und ich fange nun an, vor Neugierde völlig zu brennen, diesen berühmtesten aller Heilande persönlich kennenzulernen. Ich wollte zwar dem guten Hauptmanne ehedem nicht zuviel sagen, als er uns fragte über diesen sonderbaren Mann; aber ihr könnet es mir glauben: ganz Samaria sogar und ganz Sichar ist voll von ihm! In Sichar hält man ihn unmittelbar für einen Menschen, durch den die ganze Fülle des göttlichen Geistes wirkt! Und das, erlaubet mir, wird hoffentlich doch auch nichts Kleines sein!
[GEJ.03_046,02] Und im Tempel erst! Die Großen studieren etwa Tag und Nacht, wie sie solch einen Heiland aus der Welt schaffen könnten. Aber so ihm solche Gewalten zu Gebote stehen und die sichtliche Freundschaft der ersten römischen Machthaber, da können sich alle Templer in zahllose Blutstropfen zerschwitzen, und sie werden am Ende gegen ihn noch weniger etwas ausrichten als eine Mücke gegen einen Elefanten!
[GEJ.03_046,03] Er sei – etwa im Frühjahre – schon einmal im Tempel gewesen und habe ihn mit Stricken und Knuten gesäubert von all den Wechslern und Taubenkrämern. Und es hatte sich das alles so erst kaum seit einem Vierteljahre her gemacht, wo dieser Heiland anfängt, ruchbar zu werden!
[GEJ.03_046,04] Oh, in ganz Judäa erzählt man sich schon die seltsamsten Dinge von ihm! Das gemeine Volk, das stark in des Tempels Finsternis steckt, meint, er wirke solches durch den Beelzebub, den man als der Teufel Obersten benamset; die Besseren halten ihn für einen großen Propheten; Griechen und Römer halten ihn für einen Magier.
[GEJ.03_046,05] Die Sichariten verehren ihn gar schon als einen Gott, was auch schon bei so manchen Griechen und Römern der Fall ist! Und ich wollte nicht viel darum geben, ob ihn nicht auch diese Römer hier dafür halten; denn bei ihnen gilt das alte NON EXSISTIT VIR MAGNUS SINE AFFLATU DIVINO noch gleichfort sehr viel, wenigstens ist dabei das Gute, daß sie sicher keine Feinde von sowieso großen, geistreichen Menschen zu sein scheinen und das Geistreiche stets mit Rat und Tat unterstützen, was auch hier der unleugbare Fall zu sein scheint.
[GEJ.03_046,06] Aber nach Jerusalem sollte er eben nicht zu oft kommen und eine Purifikation des Tempels vornehmen, so er etwa doch mit nicht mehr denn nur außerordentlichen Menschenkräften ausgerüstet wäre! Denn dort könnte er einmal doch zu kurz kommen; er mag ein noch so großer Prophet oder Zauberer sein, so kann er sich für lange gegen all die höllischen Ränke und unausgesetzten Verfolgungspläne denn doch nicht mehr schützen und verfällt ihnen am Ende stets als ein schnödes Opfer.
[GEJ.03_046,07] Kurz, der gegen den Tempel nicht geradenweges mit Blitz, Donner und Schwefelregen vom Himmel kommt, der richtet wenig oder nichts gegen den Tempel aus!"
[GEJ.03_046,08] Sagt der frühere Redner aus den Bergen bei Genezareth: „Gegen den wird der Tempel nicht viel ausrichten! Denn wenn dessen Hohe ihm die Tempelausfegung nicht anrechneten und ihn nicht ergriffen haben, so dürfte es ihnen ein zweites Mal auch schwer werden; denn da muß schon sein Wille von einer wahrhaft göttlichen Kraft vollauf erfüllt sein! Wo aber das der Fall ist, da hört dann jede menschliche Kraft so gut wie rein auf!"
[GEJ.03_046,09] Sagt Suetal: „Freund, das verstehst du nicht völlig! Sieh, als er so zu Ostern herum den Tempel von den Benannten reinigte, da gewann der Tempel bei solcher Gelegenheit mehrere hundert Pfund reinen Silbers und Goldes; oh, da und so kann er alle Tage moralisch den Tempel ausputzen, und es werden ihm die Großen des Tempels keine irgend Namen habenden Hindernisse in den Weg legen! Aber er greife nur einmal den Tempel und dessen unaussprechliche Betrügereien selbst an, und wir werden es sehen, wie es ihm da ergehen wird! Wahrlich, ich möchte da nicht in seiner Haut stecken!
[GEJ.03_046,10] Wie lange ist es denn jetzt, daß man dem berühmten Propheten Johannes, der eine Zeitlang am Jordan sein Tauf- und Bußpredigtwesen trieb, nur zu geschwind den Garaus machte, wo ihn doch sogar des Herodes Macht in seinen Schutz nahm! Der Tempel schlich sich unvermerkt hinter die arge Mutter der schönen Herodias, und Herodes ward am Ende selbst der Mörder seines berühmten Schützlings. Der Tempel hat die zehnmal hunderttausend Mittel zur Verfolgung eines ihm gefährlich dünkenden Menschen, und es hat dem Tempel noch selten etwas total fehlgeschlagen.
[GEJ.03_046,11] Des Tempels geheime Machinationen gehen so weit, daß sogar die Römer einen gewissen Respekt davor haben; es ist zwar schon vieles verraten, aber was nützt alles das, wenn man diesen Kerlen nirgends ganz sicher erweislich auf den Leib kommen kann?!"
47. Kapitel
[GEJ.03_047,01] Hier tritt Mathael, der dieses Gespräch von einiger Ferne belauscht hatte, zu den zwölfen und sagt: „Ihr seid wohl noch stark Erdenmenschen, namentlich aber du, Suetal, mit deinen sieben Kollegen; ihr habt noch keine Ahnung von dem, was hier ist!
[GEJ.03_047,02] Der Heiland aus Nazareth ist hier, ja hier ist Er, – aber wer Er ist, von dem habt ihr gar keinen Dunst, und darum redet ihr ärgerlich Dümmstes über Ihn und Sein Wirken!
[GEJ.03_047,03] Der rechte Mensch nach der rechten Ordnung aber soll nicht reden, außer die Wahrheit nur; kennt er diese nicht, so soll er schweigen, suchen und forschen. Und hat er die Wahrheit gefunden, dann soll er auch reden! Denn wer da redet und hat die Wahrheit noch nicht erkannt, lügt, wenn er auch zufällig die Wahrheit spricht!
[GEJ.03_047,04] Über die Zunge eines wahren Menschen aber soll nie eine Lüge kommen; denn durch die Lüge gibt die Seele von sich selbst ein Zeugnis, daß sie noch im Tode und nicht im Leben wandelt!
[GEJ.03_047,05] Wen darum eine Lüge ergötzt, der kennt noch lange den Wert des Lebens nicht; denn Leben und Wahrheit sind eins! Die Wahrheit erst macht deine Seele frei und schließt ihr die Unendlichkeit Gottes auf im Wesen, Sein und Wirken.
[GEJ.03_047,06] Wenn du aber denkst und redest, wie ich's nun vernahm, so gibst du ja ein offenes Zeugnis von dir, daß deine Seele statt im großen Tempel alles Lichtes und aller Wahrheit nur in einem Schweinestalle wohnt!
[GEJ.03_047,07] Wozu Reflexionen (Erwägungen) machen, wenn man allen Grundes bar ist? Sagte euch doch recht weise der Hauptmann Julius aus Genezareth, was ihr heute alles noch sehen und hören werdet, und daß ihr darüber sogar nicht viel fragen sollet, sondern es aufnehmen in die Liebe eures Herzens und danach handeln, so werde die Erklärung schon von selbst kommen! Und seht, der Hauptmann hat recht und wahr geredet!
[GEJ.03_047,08] Lasset darum das überflüssige Reden hin und her ohne allen Wahrheitsgrund, merket auf alles wohl auf, und fasset es in euer Herz, so werdet ihr damit in Kürze mehr gewinnen, als so ihr euch viele Jahre lang gegenseitig anlüget in der Meinung, Wahrheit geredet zu haben!
[GEJ.03_047,09] Fragen ist zwar wohl besser als irgend etwas erklären, von dem man selbst keinen Grund hat; aber so man fragt, da muß man wissen, wen man fragt und um was man fragt, ansonst ist jede Frage ebensogut ein Unsinn als eine lügenhafte Antwort aus der Luft.
[GEJ.03_047,10] Denn ich muß in mir, durch die Erfahrung, die volle Überzeugung haben, daß mir der Gefragte die Wahrheit zur Antwort geben kann; und endlich muß ich zuvor mit mir wohl eine genaue Rechnung geführt haben, ob das, um was ich jemanden frage, kein Unsinn ist, sonst verrate ich durch die Frage entweder meine große Dummheit oder aber auch meine versteckte Bosheit! Diese Lebensregel merket euch wohl, so werdet ihr wenigstens als bescheidene Menschen auf dem Boden der Erde stehen!"
[GEJ.03_047,11] Sagt etwas ungehalten Suetal: „Aber lieber Freund Mathael, du gibst uns hier gewisserart einen Verweis, und wir haben es nicht gesehen, daß dir jemand dazu einen Auftrag erteilt hätte! Dein Rat ist wohl gut und sehr wahr, aber es mangelt ihm eine gewisse Freundlichkeit, und er macht deshalb auf uns durchaus nicht den Eindruck, den er sicher gemacht haben würde, wenn er mit mehr Freundlichkeit erteilt worden wäre. Wir werden das wohl befolgen, weil wir darin die volle Wahrheit ersehen; aber wir sind dessenungeachtet dennoch der Meinung, daß die Wahrheit darum nicht minder Wahrheit bleibt, wenn sie uns auch im freundlichen Kleide entgegentritt!
[GEJ.03_047,12] Sieh, zwei und noch einmal zwei machen zusammen vier aus! Das ist eine Wahrheit und bleibt als solche doch sicher auch, wenn sie mit einer freundlichen Miene ausgesprochen wird!? Oder ist es einerlei, so ich einen Blinden führe, ob ich ihn schmerzerregend festhalte, oder ob ich den Armen mit sanfter Haltung auf dem guten Wege fortführe? Ich halte das sanfte Halten beim Führen eines Blinden für vorzüglicher; denn halte ich ihn zu schmerzerregend fest, so wird er sich meinen Händen zu entwinden suchen, und wer weiß es, ob er nicht gerade in dem Augenblick fällt und sich recht beschädigt, in dem er sich meinen ihn zu stark drückenden Händen entwindet!? Habe ich ihn aber sanft gehalten und geführt, so werden wir ganz heiter und fröhlich das Ziel erreichen. – Habe ich da recht oder nicht?"
[GEJ.03_047,13] Sagt Mathael: „O ja, wenn es die Umstände gestatten; aber so du einen Blinden am Rande irgendeines Abgrundes erblickst und ersiehst aber auch, daß du ihn mit einem kräftigen Griff und Riß retten kannst, wirst du da auch mit dir zuvor Rat halten, wie stark oder wie zart und sanft du ihn anfassen werdest?"
[GEJ.03_047,14] Sagt Suetal: „Ja, waren wir geistig hier denn schon solch einem verderblichen Abgrunde so nahe?"
[GEJ.03_047,15] Sagt Mathael: „Ganz sicher, ansonst ich euch nicht so fest angegriffen hätte! Denn seht, alles was in eine Lüge hineinleitet und somit schon selbst eine Lüge ist, wenn auch für den Außenmenschen noch so unscheinbar, ist für die Seele schon ein Abgrund zum Tode!
[GEJ.03_047,16] Eine zarte, ganz unscheinbare Lüge ist der Seele um vieles gefährlicher als eine so recht faustdicke und mit Händen zu greifende! Denn eine faustdicke Lüge wird dich sicher zu keiner Handlung bewegen; aber eine so recht zarte und unscheinbare wird wie eine Wahrheit zum Handeln nötigen und dich ganz leicht bis an den Rand alles Verderbens bringen. Das aber sieht nur der, dem sich die innere Sehe des Geistes erschlossen hat! Darum brauchst du nicht ungehalten zu sein, so ich dich etwas fester angepackt habe; denn unter euch schlich so eine zarte Lüge wie eine giftige Natter umher, was ich und meine vier Brüder wohl sehr hell bemerkt haben, und den Grund meines etwas unsanften Risses magst du nun darin suchen. – Verstehst du das wohl?"
[GEJ.03_047,17] Sagt Suetal: „Ja, wenn also, da hat dein etwas unsanftes Auftreten gegen uns freilich ein ganz anderes Gesicht, und ich kann dir da nichts weiteres mehr entgegenstellen. Natürlich, geistige Umstände sehen wir zwar nicht und müssen es dir glauben, daß es also ist; aber wir erkennen, daß du auf sehr festem Grunde stehst, und glauben darum deinem Worte. Was aber sollen wir zwölf dann miteinander reden? Ganz stille sein ist denn doch ganz verzweifelt langweilig, und mit der Wahrheit hat es noch einen bedeutenden Haken."
[GEJ.03_047,18] Sagt Mathael: „Freund, so du durch einen dichten Gebirgswald zu sehr finsterer Nachtzeit zu gehen hättest, und es wäre dir bekannt, daß dieser Wald reich an steilen, weitgähnenden Abhängen und Abgründen ist, wird es dir da nicht heilsamer sein, unterdessen stehenzubleiben und das Licht des Tages abzuwarten, als etwa einem Irrlichte zu folgen und mit demselben hinabzustürzen in einen Abgrund? Es ist eben auch nichts Ergötzliches, in einem dichten Gebirgswalde zu übernachten, aber sicher doch noch ums unvergleichliche heilsamer, als fortzuwandeln auf einem Boden, auf dem dir ein nächster Schritt den Tod geben kann! – Was meinst du da?"
[GEJ.03_047,19] Sagt Suetal: „Weißt du, mit dir ist da eigentlich gar nicht weiter zu reden, denn du hast allzeit recht, und man kann dir da nichts einwenden; und so wollen wir uns denn lieber nach deinem Rate verhalten, und du wirst uns dann sicher nichts mehr entgegenzustellen haben."
48. Kapitel
[GEJ.03_048,01] Sagt Mathael: „Oh, noch etwas, und dieses Etwas ist von ziemlicher Bedeutung!
[GEJ.03_048,02] Kostet es euch einen Zwang und tut ihr es gewisserart nicht absonderlich aus Liebe, dann lasset es fein bleiben und tut unterdessen, was ihr aus Liebe wollet; denn was ein Mensch nicht ganz aus Liebe tut, das hat für sein Leben wenig Wert, denn die Liebe ist ja Wahrheit das eigentliche Element des Lebens, sie ist das Urgrundleben selbst.
[GEJ.03_048,03] Was demnach die Liebe ergreift, das ist vom Leben ergriffen und geht ins Leben über; was aber von der Liebe unberührt bleibt, und was der Mensch bloß darum tut, weil er entweder eine üble Folge befürchtet, oder weil sein bißchen Hochmut es haben will, um bei den andern Menschen als Weiser zu gelten, das geht nicht ins Leben über, sondern in den Tod nur, weil es statt vom Lebenselemente nur von dem Element des Todes ergriffen worden war!
[GEJ.03_048,04] Ich sage es dir: Jedes noch so weise Gesetz gebiert nicht das Leben, sondern den Tod, wenn der Mensch es nicht aus seiner Liebe heraus beachtet; und der weiseste Rat gleicht einem Samenkorn, das statt in das gute Erdreich auf einen Felsen fiel, wo es verdorrt und am Ende unmöglich eine Frucht bringt.
[GEJ.03_048,05] Ich sage es euch, weil ich es sehe, daß es also ist: Alles im Menschen ist tot bis auf die Liebe! Darum lasset eure Liebe walten in der Fülle über euer ganzes Wesen und fühlet Liebe in jeder Fiber eures Wesens, so habt ihr den Sieg über den Tod in euch, und was in euch tot war, ist durch eure Liebe in derselben ins unverwüstliche Leben übergegangen; denn die Liebe, die sich selbst fühlt und aus solchem Gefühle heraus auch erkennt, ist das Leben selbst, und was in sie übergeht, das geht auch ins Leben über!
[GEJ.03_048,06] Die noch so genaue Befolgung meines Rates würde euch wenig nützen, so ihr ihn nur des Gewichtes seiner Wahrheit wegen beachten würdet, und weil ihr aus der Nichtbeachtung irgendeine schlimme Folge befürchten müßtet; aber solch eine Beachtung würde für eure Seelen dennoch von gar keinem Nutzen sein. Ah, ganz etwas anderes ist es, so sich Liebe und Wahrheit ergreifen und dann zusammenwirken; da schafft die Liebe aus dem Lichte und im Lichte der Wahrheit stets ein neueres und vollkommeneres Leben in und aus sich bis zur vollen Gottähnlichkeit hinüber!
[GEJ.03_048,07] Die Liebe oder der Geist Gottes im Menschen ist wohl schon vom Anfange her ein Ebenmaß Gottes; aber zur vollen tätig-lebendigen Ähnlichkeit Gottes muß sie sich erst erheben auf dem Wege, den ich euch nun gezeigt habe. – Versteht ihr solches?"
[GEJ.03_048,08] Sagt Suetal, nun ganz heiteren Aussehens: „Bei Gott, dem Allmächtigen! Du bist wahrlich einer der größten Propheten; denn so wahr, so verständig und so weise hat noch kein Prophet zu seinem Volke geredet! Das Leben hast du wahrlich im kleinsten Finger um vieles vollkommener denn wir alle zusammen im ganzen Leibe oder eigentlich in unseren Seelen zusammengenommen. Ja, ja, es ist also, Brüder! Aus Mathael spricht wahrhaft ein göttlicher Odem, und wir können Gott nie zur Genüge danken, daß Er uns so wunderbar, könnte man sagen, zusammengeführt hat! Oh, wenn aber schon deine Weisheit gar so entschieden größer ist denn die unsrige, wie groß muß erst jene des uns noch unbekannten Heilandes aus Nazareth sein?!"
[GEJ.03_048,09] Sagt Mathael: „Was leuchtet wohl so wunderhell aus einem an einer Grasspitze hängenden Tautropfen?
[GEJ.03_048,10] Seht, es ist das Bild der Sonne, das aus dem klaren Tropfen so wundersam hell schimmert! Aber das Bild der Sonne schimmert nicht nur, sondern es wirkt auch! Im Zentrum des Tropfens verdichtet sich das Licht des Sonnenbildes, der Tropfen geht in seinem Zentrum in eine große Lebenswärme über, löst sich in dieser Lebenswärme selbst am Ende ganz in das Element des Lebens auf und belebt also das mit dem Tode ringende Pflänzchen; aber darum ist das Bild im Tropfen noch lange nicht die Sonne selbst, sondern nur ein Ebenbild derselben, versehen mit einem Teilchen derselben Kraft und Wirkung, welche in der wirklichen, großen Sonne selbst zu Hause ist!
[GEJ.03_048,11] Und siehe, solch ein Unterschied ist denn auch zwischen mir und dem Heiland aus Nazareth! Er ist die Lebenssonne selbst, und in mir als einem Tautröpfchen waltet nur wundersam hell das kleine Abbildchen jener ewig- wahren, großen Sonne, aus der zahllose Myriaden solcher Tröpfchen, wie wir, ihre heilige Lebensnahrung saugen. – Verstehst du solches?"
[GEJ.03_048,12] Spricht Suetal: „O Gott, ist das eine heilig-große Sprache! Freund, du bist schon mehr denn ein Tropfen, du bist ein ganzes Meer! Oh, so weit werden wir alle es nie bringen; es ist zu ergreifend groß, heilig und erhaben! Aber bei solchen Umständen und zu sehr göttlichen Verhältnissen getrauen wir als noch gar zu grobe Sünder uns nicht, hier zu verweilen; denn dieser Ort fängt an, stets heiliger und heiliger zu werden!"
[GEJ.03_048,13] Auch die andern elf fangen darauf an, eine sehr demütige Sprache zu führen, und wollen sich auch irgend weiter von da wegziehen; aber Julius läßt solches nicht geschehen.
[GEJ.03_048,14] Suetal aber sagt: „Herr, als einst Moses auf dem Berge zum flammenden Dornbusche ging, um zu erfahren, was das sei, da sprach eine helle Stimme aus der Flamme: ,Moses, ziehe aus deine Schuhe; denn der Ort, da du stehest, ist heilig!‘ Hier ist nach der handgreiflich klaren Aussage das, was Moses auf dem Berge antraf; also ist auch dieser Ort heilig, und wir Sünder sind nicht wert, ihn zu betreten!"
49. Kapitel
[GEJ.03_049,01] Sagt der nebenstehende Mathael auf Verlangen des Julius, der dem Suetal nichts Besonderes zu entgegnen wußte: „Wer sagt es euch denn, ob ihr wert seid, diesen Ort zu betreten, oder ob ihr das nicht wert seid? In welchem Buche irgendeiner Weisheit steht es denn geschrieben, daß je irgendein Kranker seines Arztes nicht wert sein soll? Wißt, solch eure Annahme kommt von der Lämmelweisheit des Tempels, die auch dem die Hände am Feuer braten läßt, der sich mit ungeweihter Hand irgend vergriffe an der Türschwelle, die ins Allerheiligste führt! Wenn aber die hohen Pharisäer gegen gute Bezahlung die Fremden alle Tage heimlich dahin führen und ihnen alles zeigen und geschichtlich erklären, so werden darauf den Fremden die Hände sicher nicht am Feuer gebraten werden!
[GEJ.03_049,02] Was wollte denn Gott eigentlich dem Moses dadurch sagen, daß Er ihn die Schuhe ausziehen hieß?
[GEJ.03_049,03] Seht, Gott sagte dadurch zu Moses: ,Ziehe aus dein Materiell-Sinnliches, schaffe von dir durch deinen Willen den alten Fleischadam und stehe als ein rein geistiger Mensch vor Mir, ansonst kannst du Meine Stimme nicht verstehen, und Ich kann dich nicht zum Führer Meines Volkes machen!‘
[GEJ.03_049,04] Was besagte aber die Besteigung des Berges?
[GEJ.03_049,05] Seht, Moses flüchtete sich vor der Verfolgung des Pharao wegen Ermordung eines hohen Beamten des Königs, welcher Beamte auch so gut wie ein Sohn des Königs war.
[GEJ.03_049,06] Moses galt zwar sehr viel beim Pharao, so daß es noch sehr zweifelhaft war, ob er nicht einmal gleich einem Joseph die Herrschaft Ägyptens auf sich bekäme und so sein Volk erhöbe.
[GEJ.03_049,07] Solches Emporstreben zeigte ihm Gott in der Wüste durch die Besteigung des Berges, dessen Spitze er aber dennoch nicht erreichen durfte; denn daran war er durch den flammenden Dornbusch verhindert.
[GEJ.03_049,08] Und es hieß da ferner nach unserem Sprachverständnisse: ,Du sollst wohl der Retter Meines Volkes werden, aber nicht auf die Art, wie du es glaubst, sondern wie Ich, dein Gott und dein Herr, es dir vorzeichnen werde!
[GEJ.03_049,09] Du sollst nicht König von Ägypten werden und Mein Volk, das Ich bisher in der Demut Mir erzogen habe, sinnlich, eigenliebig und hoffärtig machen, sondern das Volk muß dies Land verlassen und mit dir in diese Wüste ziehen! Da werde Ich dem Volke Gesetze geben, und Ich Selbst werde dieses Volkes Herr und Führer sein; und so es sich Mir treu erweisen wird, werde Ich ihm geben das Land Salems, in dessen Bächen Milch und Honig fließt!‘
[GEJ.03_049,10] Seht, mit solchem Sinne in der Bildsprache damaliger Zeit wollte Gott dem Moses durchaus nicht sagen, daß er wirklich seine Fußbekleidung ausziehen solle, sondern den alten Adam nur oder die Begierlichkeit des äußeren sinnlichen Menschen, die sich zum eigentlichen Lebensmenschen gerade also verhält, wie die Schuhe an den Füßen eines Menschen, die auch das unterste, äußerste, letzte und am ehesten entbehrliche Kleid sind.
[GEJ.03_049,11] Der Ort aber, den Gott heilig nennt, ist nur ein demütigster Zustand der Seele, ohne den sie im Angesichte der ewigen Liebe, die ein wahrstes Lebenselementfeuer ist, nicht bestehen kann.
[GEJ.03_049,12] Der Dornstrauch aber, der da brennt, ist ein Zeichen, daß die Bahn des Propheten eine eben sehr dornige sein wird; aber seine große Liebe zu Gott und zu seinen Brüdern, die sich als Flamme über und durch den ganzen Dornstrauch zeigt, wird den Dornen des Strauches die Stacheln versengen und am Ende alles Dorngestrüppe verzehren und eine dornlose Bahn machen.
[GEJ.03_049,13] Sieh, das ist der Sinn dessen, was du ehedem angeführt hast! Wenn aber unfehlbar also, wie kannst du demnach irgendeinen irdischen Ort für mehr oder weniger heilig halten?
[GEJ.03_049,14] Ziehet auch ihr vollends eure Weltschuhe aus und demütiget euch in allen Stücken des Lebens, so werdet ihr auch uns allen gleich würdig hier stehen; denn wir alle sind als Menschen hier vor Gott und dem Einen, der hier ist, ganz gleich, und es hat keiner einen Vorzug vor dem andern!"
[GEJ.03_049,15] Als Suetal von Mathael solche Rede vernimmt, sagt er: „Ja, wenn man einmal mit einem solchen Übermaße von aller Weisheit erfüllt ist, dann kann man freilich leicht ohne Furcht sein; denn ein Sehender hat leicht vorwärts schreiten, aber ein Blinder muß stets vorher forschen, ob sein nächster Schritt wohl ein sicherer sein wird, und bei aller Vorsicht und treu forschenden Behutsamkeit stößt man sich dennoch immer irgendwo an. Aber wenn man einen Wegweiser hat, wie du, lieber Bruder Mathael, einer bist, so kann man auch als Stockblinder noch vorwärts kommen! Oh, nun bleiben wir schon und freuen uns über alle Maßen, ehest den näher kennenzulernen, dem du aus handgreiflich, klaren Gründen ein so großes Zeugnis gegeben hast!"
[GEJ.03_049,16] Sagt Julius, den Mathael freundlichst bei der Hand drückend: „Ewig Dank dem Herrn, der dich und deine vier Brüder also mächtig geheilt hat! Was habe ich nun schon alles von dir gelernt, und nur so klar und leicht faßlich, und ich merke es bei mir, daß es nun in meiner Seele ganz bedeutend zu tagen beginnt; und geht das so fort, hoffe ich in kurzer Zeit auch in deine Fußtapfen zu treten!"
[GEJ.03_049,17] Sagt Mathael: „Kann ja auch gar nicht anders sein! Denn es gibt ja nur einen Gott, ein Leben, ein Licht, eine Liebe und nur eine ewige Wahrheit; unser diesseitiges Erdenleben ist der Weg dazu. Aus der Liebe und aus dem Lichte sind wir durch den Willen der ewigen Liebe in Gott hervorgegangen, um eine selbständige Liebe und ein selbständiges Licht zu werden; das können wir, das müssen wir!
[GEJ.03_049,18] Wie aber? Sieh, hoher Bruder: allein durch die Liebe zu Gott und durch ihre nimmer rasten könnende Tätigkeit! Denn unsere Liebe zu Gott ist ja die Liebe Gottes Selbst in uns und leitet unsere Seele in die stets erhöhte Tätigkeit des wahren, ewigen Lebens, das da in sich ist die vollste Wahrheit und das hellste Licht. Wenn es demnach in einer Menschenseele zu tagen beginnt, dann ist sie dem ewigen Lebensziele schon sehr nahe und kann nicht möglich mehr anders, als erreichen das Ziel des ewigen Lebens, das da in sich ist alles in allem, was das vollendete Leben in aller Freiheit und in der vollsten Selbständigkeit ewig je erreichen kann!
[GEJ.03_049,19] Darum sei froh und heiter, hoher Bruder, bald wird auch deine Seele zu schauen bekommen, was nun die meine in stets klarerem Lichte schaut! Am vollen Tage deiner Seele erst wirst du die Größe Dessen begreifen, den du noch mit einiger Scheu den ,Heiland von Nazareth‘ nennst.
[GEJ.03_049,20] Als Mensch wohl ist Er dir und mir gleich – aber Sein Geist! Der durchdringt mit Seiner Kraft und mit Seinem Licht die ewige Unendlichkeit! – Hast du, hoher Bruder, mich wohl verstanden?"
[GEJ.03_049,21] Sagt Julius, ganz zu Tränen gerührt: „Ja, lieber und eigentlich viel höher als ich stehender Bruder; wahrlich, vor Liebe könnte ich dich gerade erdrücken, und den Heiland Jesus aus Nazareth kann ich nun ohne Liebetränen gar nicht mehr ansehen und begreife nun erst die große Liebe jenes Mägdleins, das eigentlich gar nicht mehr von Seiner Seite zu bringen ist!"
[GEJ.03_049,22] Sagt Suetal: „Gottlob, nun wird er für uns nicht mehr schwer zu erkennen sein! Wir dürfen nun nur darauf sehen, an wessen Seite das gewisse Mägdlein wandelt; der wird es auch sein!" – Darauf gaben sie acht.
50. Kapitel
[GEJ.03_050,01] Aber Jarah wandelte auf Mein Geheiß nun mit dem Raphael und mit dem Josoe und besprach sich mit beiden über die so plötzlich aufgetauchte Weisheit Mathaels, und es waren somit die zwölf doppelt in der Ungewißheit, welcher aus den das Mägdlein umgebenden beiden Ich sei. Zugleich aber dachten sie sich ihn doch als einen Mann, und mit der Jarah waren dem Ansehen nach nur zwei Knaben von etwa 12-14 Jahren beschäftigt, und so ging den zwölfen die Geschichte gar nicht zusammen. Und einer aus den zwölfen sagt darum zu Suetal: „Freund, du hast in unserem Namen diesmal ein wenig zu früh gejubelt! Das Mägdlein, das wahrscheinlich ein Töchterlein des großen Gastwirtes Ebahl aus Genezareth ist, weil wir Bergler aus dem Bezirke sie schon öfter in dem Gasthause gesehen haben, so wir im Orte etwas zu tun hatten, wandelt zwischen zwei Knaben, wahrscheinlich Söhnen des Oberstatthalters. Dieser Knaben einer oder der andere wird der Heiland aus Nazareth nicht sein. Es fragt sich nun aber: Welcher ist es dann? Ich sage dir, Bruder, mit unserer Weisheit kommen wir hier schon in keinem Falle auf; daher ist vorderhand für uns das Schweigen schon unstreitig das beste Mittel!"
[GEJ.03_050,02] Sagt Suetal: „Bin nun schon auch ganz deiner Meinung; aber hier hat uns eigentlich der hohe Herr Julius so ein wenig anrennen lassen, was uns übrigens auch vollkommen recht geschehen ist; warum haben wir unsern Mund überall dabei! Schweigen, Hören und Sehen ist wahrlich das beste und gewisserart der Anfang aller Weisheit!" Nach diesen Worten werden die zwölf still, und ihre Seelen sind voll von allerlei Gedanken.
[GEJ.03_050,03] Nun gehe Ich zu ihnen und frage den Suetal, sagend: „Von euren früheren Gesprächen habe Ich alles vernommen, weil Ich sehr scharf hörende Ohren habe; aber da ihr denn doch so manches von dem gewissen Heilande aus Nazareth untereinander mit dem weisen Mathael und dem Hauptmann Julius geredet habt, dabei aber jedoch eure ganz eigene Ansicht stets verdeckt worden ist, so möchte Ich von euch nun so ganz offen erfahren, für wen ihr so ganz eigentlich in euch den Bewußten haltet. Redet aber ohne Scheu ganz offen; denn dafür bürge Ich euch, daß euch darum nichts Arges widerfahren wird! Denn Ich kenne den Heiland zu gut, daß er euch darum nichts zuleide tun wird, so ihr Mir als einem seiner nächsten und besten Freunde so ganz unverhohlen eure innerste Ansicht kundgebet!"
[GEJ.03_050,04] Sagt Suetal, sich ein wenig hinter den Ohren kratzend: „Du scheinst deiner Tracht nach zwar ein Grieche zu sein, aber deinen Haaren und deinem Barte nach zu urteilen, bist du ein Jude. Die Römer sagen zwar von den Griechen eben nicht gar zu löblich: GRAECA FIDES, NULLA FIDES; aber dafür scheint mir dein Angesicht doch viel zu ehrlich zu sein, und als ein Mann von sicher einiger Weisheit wirst du es wohl einsehen, daß Menschen wie wir uns bei solch einer außerordentlichen Erscheinung denn doch nicht ganz gedankenlos verhalten können!
[GEJ.03_050,05] Alles das, was uns selbst die Weisheit Mathaels von dem Heilande zu verstehen gab, gleichwegs als schon vollkommen bare Münze anzunehmen, ist für Menschen unseresgleichen denn doch immer keine Kleinigkeit, und unsere Urteile über ihn werden ebenfalls sehr mangelhaft sein; denn bis jetzt haben wir von ihm nur immer noch reden hören, und die vier Bergler aus dem Bezirk Genezareth haben auch eine von ihnen erzählte außerordentliche Kraft und Macht empfunden, aber gesehen und gesprochen haben sie ihn auch nicht.
[GEJ.03_050,06] Wir selbst haben hier von ihm die außerordentliche Heilung der fünf arg Rasenden wahrgenommen, und man hat uns hier davon erzählt; aber auch da waren wir nicht selbst Augen- und Ohrenzeugen, sondern haben uns davon nur durch die Geheilten und durch die Erzählung von seiten des Hauptmanns und von seiten der Geheilten selbst die sicher handgreiflich klare und wahre Kunde verschafft.
[GEJ.03_050,07] Die außerordentlichen Tatsachen einerseits und die klaren Beurteilungen und Erörterungen besonders von seiten des grundweisen Mathael, haben nicht verfehlen können, in uns eine Vorstellung von dem bewußten Heilande zu erwecken, die wenigstens für unsere, aller höheren Weisheit baren irdischen Begriffe offenbar ins rein Göttliche übergeht!
[GEJ.03_050,08] Ob wir aber als wissenschafts- und noch mehr weisheitslose Menschen mit solcher unserer Vorstellung am Ende doch noch auf dem Holzwege sind, darüber kreuzen sich nun so ganz eigentlich unsere Gedanken und Vorstellungen! Wer aber kann und mag das wenigstens für uns Wissenschafts- und Weisheitsblinde so darstellen, daß uns dadurch entweder das eine oder das andere so klar wird wie die Sonne am hellen Mittage?
[GEJ.03_050,09] Siehe, die Wissenschaft der Menschen ist in unsern Zeiten schon sehr weit gediehen, und der Weisheit der Menschen hatte noch nie jemand Grenzen zu setzen vermocht, und so kann ganz gut, durch besondere geistige Fähigkeiten unterstützt, ein Mensch in Nazareth irgendeinen Stein der Weisheit gefunden haben, von dem der Welt bis jetzt noch nie etwas in den Sinn gekommen ist! Er kann daher ungeheure Dinge leisten, vor denen wir dastehen müssen wie die Ochsen am Berge; er kann Berge versetzen und im höchsten Sommer das Meer gefrieren machen, ja, er kann Tote erwecken und Tausende bloß durch seinen Willen vergehen machen, so sind alles das Dinge, die schon lange vor ihm von Menschen sind zustande gebracht worden!
[GEJ.03_050,10] In Ägypten gehört so etwas durchaus nicht zu den unerhörten Dingen; hier bei uns freilich dürfte so etwas seltener sein, weil besonders bei uns Juden alle Zauberei streng verboten ist, und so wird am Ende jede außergewöhnliche Erscheinung, durch einen Menschen selbst durch vielleicht ganz natürliche Mittel zustande gebracht, als Zauberei verdammt, und der Zauberer, so er ein Jude ist, gesteinigt oder gar lebendig verbrannt, als Fremder aber weit über die Grenze verbannt; er müßte nur ein bedeutendes Lösegeld an den Tempel zahlen, so wird es ihm gestattet, seine Künste und Zaubereien allein den Griechen und Römern ganz geheim vorzumachen. Unsereins bekommt davon in Jerusalem nichts zu Gesichte; aber als ein Apostel des Tempels in ein fremdes Land reisend ob der Bekehrung der Fremden zum Judentume, bekam man denn doch auch schon so manches zu sehen, das unsereinem unerklärlich bleiben mußte.
[GEJ.03_050,11] Also wirket nun der bewußte Heiland aus Nazareth auch in bezug der Heilung von allerlei Kranken ebenfalls Unerhörtes, ja, er soll auch sogar Tote erwecken können! Aber ich sage eines wie das andere, daß all das noch lange keinen gültigen Beweis von irgendeiner besonderen göttlichen Natur in ihm und kein unwiderlegbares Zeugnis gibt.
[GEJ.03_050,12] Für Menschen, wie wir da sind, Wundersames leisten in Wort und Tat, ist für den Befähigten keine zu große Kunst; denn den Blinden ist leicht von den Farben zu predigen, der Sehende aber braucht ohnehin nicht viel von irgendeiner Predigt, da er die Farben auch ohne Predigt unterscheiden kann.
[GEJ.03_050,13] Übrigens aber kann der Nazaräer-Heiland auch ein ganz gut und im vollsten Ernste vom Geiste Gottes – gleich einem Moses, Josua, Samuel und Elias – gesalbter außerordentlicher Prophet sein und seine Werke durch die rein göttliche Kraft in sich verrichten, was wir auch für das Wahrscheinlichere halten, indem er doch ein Jude ist und als solcher nie eine Gelegenheit hat haben können, weder bei den Essäern noch bei den Ägyptern in die geheimste Schule zu kommen.
[GEJ.03_050,14] Wäre so etwas an ihm erweisbar, so wäre es dann freilich eben nicht gar zu schwer zu erraten, von woher er alle seine geheimen Wissenschaften hat; denn die Essäer erwecken die toten Kinder zumeist gleich dutzendweise, wovon ich mich selbst vollends überzeugt habe! Und Gott weiß es, was alles für Krankheiten sie zu heilen imstande sind!
[GEJ.03_050,15] Aus dem wirst du als ein recht verständig aussehender Grieche wohl zu beurteilen imstande sein, aus welchem Grunde wir trotz all des Außerordentlichen, das wir hier vernommen haben, in unserem Innersten notgedrungen von allerlei Gedanken für und gegen durchkreuzt werden.
[GEJ.03_050,16] Alles gleich als barste Münze anzunehmen, wäre doch ebenso toll, als alles gleich von vornherein zu verwerfen; abwarten, hören, sehen und scharf prüfen ist alles, was man da tun kann, und es wird sich dann schon herausstellen, ob man sich dem PRO oder dem CONTRA anschmiegen soll; denn im Sacke kaufen wir die Tauben nie, da es denn doch auch sein könnte, daß man uns Geier für Tauben verkaufte! – Sage du uns nun, ob wir recht haben oder nicht!"
51. Kapitel
[GEJ.03_051,01] Sage Ich: „In einer Hinsicht ja, aber in einer andern Hinsicht mitnichten! Ja, wenn die Essäer also die Toten erwecken wie der Nazaräer, dann habt ihr in jeder Hinsicht recht. Es ist aber ein wirklicher Essäer hier unter den Jüngern des Nazaräers. Er ist ausgesandt worden, um entweder den Nazaräer für deren große Truganstalt völlig zu gewinnen oder von ihm wenigstens das Geheimnis herauszulocken, wie er seine Kranken heilt und seine Toten erweckt.
[GEJ.03_051,02] Als er sich aber bald überzeugte, daß bei dem Nazaräer alles offen vor jedermanns Augen und ohne alle künstlichen Betrugsvorrichtungen vollbracht wird, bloß durch das alte Wort ,Es werde‘, da verließ er sein betrugvollstes Essäertum, verriet alle die Betrügereien und ward selbst ein wirklicher Jünger des Nazaräers. Dort steht er unter einem Baume ganz allein; gehet hin und besprechet euch mit ihm!"
[GEJ.03_051,03] Antwortet ein anderer aus den achten: „Freund, es hat das für uns keine Not; denn das Essäertum kenne ich aus dem Fundamente. Es ist ein zwar großartigster, aber im Grunde ein lobenswerter Betrug, und der Nazaräer ist da nie in die traurige Schule gegangen! Aber für Ägypten will ich eher sein; denn der Nazaräer muß große Freunde unter den Römern haben, und durch diese kann man schon nach Ägypten kommen!"
[GEJ.03_051,04] Sage Ich zum zweiten Redner, der da Ribar hieß: „Wie kamst denn du hinter die Geheimnisse der Essäer? Denn wie Ich es vernommen habe, so soll solches ohne Lebensgefahr wohl kaum möglich sein!"
[GEJ.03_051,05] Ribar erwidert: „Freund, mit viel Geld und mit einem gehörigen Maße von allerlei Pfiffigkeit versehen, kommt man überall durch. Natürlich muß man so von Haus aus nicht auf den Kopf gefallen sein, damit man hinter dem, was einem gezeigt wird, auch das andere sieht, was einem nicht gezeigt wird! Dazu gehört aber offenbar ein bedeutender Grad von einer besonders feinschlauen Pfiffigkeit; und so möchte ich denn auch einmal dem guten Heilande aus Nazareth auf den Zahn fühlen, und ich stehe dafür, daß er mich nicht blenden wird.
[GEJ.03_051,06] Ist aber an ihm wirklich das, was man von ihm redet und der wirklich hochweise Mathael von ihm dargetan hat, nun, so wird man ihn auch gleich dem Mathael zu würdigen verstehen! Mich beirrt nur eine Sache, und die ist, daß er Jünger annimmt. Ich sage: Ist seine Sache eine rein göttliche, so wird sie ihm kein Jünger je nachzuahmen imstande sein, und würde er auch eine volle Ewigkeit zu ihm in die Schule gehen. Ist die Sache aber eine menschliche, da sind die Jünger ganz begreiflich; denn was ein Mensch macht, das kann auch ein anderer Mensch machen, wenn er dafür die Kenntnisse und die genügenden Mittel besitzt. Ist aber die Sache eine, wie gesagt, rein göttliche, da wird es mit dem Nachmachen wohl ewig nicht gehen! Denn dazu gehörte die ganze Allmacht und Weisheit Gottes!"
[GEJ.03_051,07] Sage Ich: „Mein Freund Ribar, du redest zwar durchaus nicht übel, hast aber im Grunde doch unrecht; denn ein Gott kann ja doch auch aus der Zahl der Menschen einige besonders ziehen und ausbilden, wie Er einen Henoch, einen Moses und noch eine Menge Propheten ausgebildet hat, auf daß sie dann zu Lehrern der Menschheit wurden und zu Verkündern des göttlichen Willens an die Menschen dieser Erde. Mit dieser Annahme scheinst du demnach sehr auf dem Holzwege zu sein und wirst damit dem Heilande von Nazareth schlecht beikommen können!
[GEJ.03_051,08] Mit der Pfiffigkeit wirst du an dem Nazaräer einen sehr mächtigen und unbesiegbaren Gegner überkommen! Ich kenne ihn und weiß, daß ihm von menschlicher Seite schon gar nicht beizukommen ist; denn auf tausend ist es sehr schwer, ihm eins zu entgegnen!"
[GEJ.03_051,09] Sagt Ribar: „Es kommt alles auf eine Probe an! Ich habe schon oft solche Antiphonen und Präludien gehört, aber am Ende kam es fast auf den Spruch der Römer hinaus: SI TACUISSES, PHILOSOPHUS MANSISSES. Daher gilt bei mir ANTE nichts, sondern stets nur das POST FESTUM etwas. Ich anticipiere niemals und schöpfe über nichts ein Urteil, was ich nicht selbst erprobt habe; habe ich aber einmal etwas erprobt, so habe ich noch selten ein schiefes Urteil gefällt, sondern noch so ziemlich allzeit den Nagel auf den Kopf getroffen. – Bist du etwa auch so ein Jünger von ihm?"
[GEJ.03_051,10] Sage Ich: „Das gerade nicht, aber sonst einer seiner ersten Freunde, und ich kenne ihn schier am besten!" – Bei diesem Zwiegespräch können sich mehrere eines versteckten Lächelns kaum erwehren, und es entgeht niemand auch nur ein Wörtlein.
52. Kapitel
[GEJ.03_052,01] Nach einer kleinen Weile sagt Ribar wieder: „Möchte doch so wenigstens von einem Jünger erfahren, was er schon alles gelernt hat an der Seite des Wunderheilandes!"
[GEJ.03_052,02] Sage Ich: „Oh, das kann ja sehr leicht geschehen! Es ist zwar schon Zeit zum Mittagsmahle, und der Wirt wird damit bald in der Ordnung sein; aber für ein kleinstes Jüngerpröbchen wird sich's gerade noch tun, und es soll gerade ein jüngster daran und soll dir als einem strengen Examinator zeigen, was er schon alles kann! – Willst du so etwas?"
[GEJ.03_052,03] Sagt Ribar: „Allerdings, denn ohne Probe kann über niemand ein Urteil gefällt werden!"
[GEJ.03_052,04] Hier berufe Ich den Raphael, der im Grunde und streng genommen doch auch ein Jünger von Mir ist, wenn schon ein Geist, nun mit leichter Materie angetan. Raphael, kaum berufen, steht in Blitzesschnelle vor Ribar und sagt: „Was für eine Probe verlangst du von einem Jünger des Herrn?" – Ribar denkt bei dieser Frage nach und forscht, ob er so etwas einem Menschen recht Unmögliches erfinden könnte, das keinem Menschen zu machen möglich wäre.
[GEJ.03_052,05] Sage dazu Ich: „Nun, Ich meine, die Geschichte hat deine Pfiffigkeit schon so ein bißchen beim Kragen!?"
[GEJ.03_052,06] Sagt Ribar: „Oh, laß du das nur gut sein! ,FESTINA LENTE‘ sagen die Römer! HOSTIS CUM PATIENTIA NOSTRA VICTUS! Ich werde dem Jungen eine Nuß aufzuknacken geben, an der seine Zähne auf eine starke Probe gesetzt werden!
[GEJ.03_052,07] Hier beugt sich Ribar zur Erde, hebt einen mehrere Pfund schweren Stein vom Boden und sagt lächelnd zu Raphael: „Lieber Jünger des göttlichen Meisters, der Dinge vollbringen soll, die nur Gott allein möglich sein können! So du von ihm schon so etwas Allmächtiges erlernt hast, so mache da aus diesem Stein ein gutes, süßes Brot!"
[GEJ.03_052,08] Sagt Raphael: „Versuche, ob der Stein noch Stein ist!"
[GEJ.03_052,09] Ribar versucht das und sagt: „Na und ob!"
[GEJ.03_052,10] Spricht Raphael: „Versuche das nun noch einmal!"
[GEJ.03_052,11] Ribar versucht das noch einmal, bricht den Stein auseinander und erkennt, daß der Stein wirklich zu Brot geworden ist. Solches Wunder in seinen Händen macht ihn ganz gewaltig stutzen, ja, er ward sichtlich von einer bedeutenden Angst ergriffen und wußte nun nicht, was er darauf sagen sollte.
[GEJ.03_052,12] Raphael aber sagt zu ihm: „Verkoste es auch; denn das Auge ist leichter zu betrügen denn der Gaumen! Gib es auch deinen Freunden zum Verkosten, auf daß wir Zeugen für diese Umwandlung haben darum, daß sie eine wahrhaftige sei!"
[GEJ.03_052,13] Ribar verkostet das Wunderbrot, anfangs etwas vorsichtig; da es ihm aber gar zu wohl schmeckt, so beißt er in die eine Hälfte darauf ganz ordentlich drein und gibt die andere Hälfte seinen Genossen zu verkosten. Alle finden das Brot ungemein schmackhaft, süß und voll des einladendsten Geruches.
[GEJ.03_052,14] Ich aber frage darauf den Ribar, sagend: „Nun, lieber Freund, laß Mich vernehmen dein Urteil; was sagst du zu dieser Tat, vollführt von einem Jünger?"
[GEJ.03_052,15] Sagt Ribar zu Suetal: „Bruder, rede du nun, du bist etwas gescheiter denn ich! Das geht zu hoch über meinen Erkenntnishorizont!"
[GEJ.03_052,16] Sagt Suetal: „Derart Menschen, wie du einer bist, gibt es nun sehr viele in der Welt, die sich anfangs mit ihrem bißchen Verstande gerne patzig machen; kommt aber dann eine Erscheinung, weit über ihren Verstand hinausreichend, da stehen sie dann da wie ein auf einem Ehebruche ertapptes Weib! Was läßt sich da nun anderes sagen als: Mathael hat recht mit jeder Silbe, mit der er dem großen Meister sicher das wahrste Zeugnis gab!
[GEJ.03_052,17] Wenn solche Dinge schon seine Jünger zu bewirken imstande sind, was wird nun erst der göttliche Meister alles zu tun imstande sein?!"
[GEJ.03_052,18] Sagt Ribar: „Das ist alles wahr, und keiner von uns kann es ja in Abrede stellen; aber man sagt und lehrt im Tempel auch als eine entschiedene Wahrheit, daß gewisse besondere Magier überaus seltene Dinge durch die ihnen zu Gebote stehende Macht des Beelzebub zu vollbringen imstande sein sollen. Sogar die Römer sagen: IN DOCTRINA ALIENA CAUTI, FELICES und SAPIENTIA NON INCIPIT CUM ODIO DEORUM!
[GEJ.03_052,19] Sagt Suetal: „Höre mir auf mit deinen dummen lateinischen Sprüchen, und mit deinem eselhaften Beelzebub kannst du mir für ewig vom Leibe bleiben! Hast du denn ehedem nicht den göttlich weisen Mathael reden hören und daraus leicht entnehmen können, daß die Lehre des großen Meisters jeden Menschen zu Gott hinleitet durch die Wahrheit, Liebe und Tat? Nun, dazu sollte sich der große Meister des Vorstehers aller Lüge und alles Betrugs bedienen? Blinder Esel, der du allzeit noch warst; war das Brot eine Lüge, oder war es ein wahrhaftiges Brot?
[GEJ.03_052,20] Hätte es dir der Beelzebub bereitet, was ihm wohl nie möglich wäre, so hättest du nun statt des besten Brotes einen Stein im Magen; weil es aber ein wahrhaftiges Brot wie aus dem Himmel kommend war, so fühlst du, so wie ich es fühle, nun noch den wahrhaft göttlichen Wohlgeschmack von bester Wirkung in deinem ganzen Leibe, wie ich in dem meinen!
[GEJ.03_052,21] Wo hast du je in der ganzen Schrift gelesen, daß es dem Satan je gelungen sei, ein Wunder gleich diesem zu vollbringen? Siehe an die Wunder Beelzebubs im Tempel! Was sind sie? Nichts als ein schnödester und wohlbekannter Betrug, um dadurch bei der dir gleich blinden Menschheit das Gold und das Silber flottzumachen und es dann zu anderweitigen, schändlichen Zwecken zu benutzen!
[GEJ.03_052,22] Siehe, das sind Wunderwerke des Satans und sind als solche mit Händen greifbar leicht zu erkennen!
[GEJ.03_052,23] Hier aber waltet kein irgend möglicher Betrug, sondern der leicht zu erkennende allmächtige Wille Jehovas allein! Wie kannst du da noch fragen, ob so etwas nicht auch durch Satans Macht möglich wäre?! Wo hat denn Satan noch je beweisen können, daß ihm irgendeine wahrhaftige Macht innewohnt?"
[GEJ.03_052,24] Sagt Ribar sehr betroffen: „Na, hat er nicht gesiegt am Sinai, als er drei Tage mit Michael um den Leib Mosis gekämpft hat?"
[GEJ.03_052,25] Sagt Suetal: „Ja, da hat er sich den Dreck Mosis errungen! Schöner Sieg! Was weißt du weiter?"
[GEJ.03_052,26] Sagt Ribar: „Nun, ist die Verführung Evas und Adams nichts?"
[GEJ.03_052,27] Sagt Suetal: „Kann man das ein Wunder, diesem gleich, nennen?! Wenn dir eine üppigste Dirne alle ihre fleischlichen Reize zeigt und dich mit sehr lüsternen Augen einladet, wird es da wohl etwas Wunderbares sein, so du aus lauter fleischlicher Wollustgier ihr in ihre schönen, weichen Arme sinkst? Solche Adams- und Evaswunder geschehen leider heutzutage nur zu viele, gehören aber stets der untersten und gröbsten Natürlichkeit an, und von einem Wunder ist da wahrlich keine Spur, außer es ist alles ein Wunder vom Urbeginn der Schöpfung angefangen! – Weißt du etwa noch um irgend so ein Satanswunderwerk?"
[GEJ.03_052,28] Sagt Ribar: „Mit dir ist da hart reden! Was aber sind die uns bekannten Wundertaten der Götzenbilder von Babel und Ninive? Sind diese etwa nicht vom Satan bewirkt worden?"
[GEJ.03_052,29] Sagt Suetal: „Für blinde Esel, dir gleich, ja, – aber für sehende Menschen nicht, denn die wußten, daß in dem in der Nacht durch Feuer weißglühend gemachten Bauche des bekannten Götzen zu Babel die durch seinen weiten Rachen in seinen Bauch geworfenen Opfer gar leicht von dessen ganz natürlicher Glut haben verzehrt werden können. Solche Wunder kannst du alle Tage mittels eines tüchtigen Feuers zustande bringen und benötigst dazu nicht im geringsten irgendeines Satans! Ich selbst will dir mittels Einverständnisses einiger feiler Knechte eine Menge von allerlei Satanswundern zuwege bringen, ohne dazu eines Satans Hilfe vonnöten zu haben; denn dazu ist eines jeden schlechten Menschen böser und gewinnsüchtiger Wille Satan mehr als zur vollsten Übergenüge.
[GEJ.03_052,30] Ein Satan kann und vermag ewig nichts – außer zu verderben irgendein ohnehin keinen Wert habendes Fleisch, und er kann sich dann nehmen seinen überaus stinkenden Lohn; aber für Seele und Geist kann er ewig kein Wunder wirken, weil sein Wesen selbst die allerdickst gerichtete Materie ist! Ja, durch den Satan kannst du noch materieller werden als du schon lange bist; aber geistig wirst du durch ihn nie auch nur einen Augenblick lang! – Und nun rede weiter, so dir noch einige Satanswunder einfallen!"
[GEJ.03_052,31] Sagt Ribar, so ganz zusammengemacht: „Wenn alles also, da weiß ich freilich um kein weiteres Satanswunder mehr, und ich will dieses reinste Wunder anerkennen, das der junge und sehr liebliche Jünger des großen Meisters zustande gebracht hat. Übrigens aber hättest du schon etwas artiger mit mir reden können, und ich hätte dich auch verstanden!"
[GEJ.03_052,32] Sagt Suetal: „Da hast du wohl recht, aber du weißt es schon lange, daß ich allzeit aufgebracht werde, wenn mir ein Mensch, besonders von doch irgend einiger Bildung, mit dem alten Märchen von einem Beelzebub kommt, als wären die Weltmenschen nicht schon Beelzebubs zur Übergenüge! Besonders aber bei einer solchen rein göttlichen Gelegenheit! Wahrlich, da könnte ich vor Ärger schon allzeit aus meiner höchst eigenen Haut springen!"
[GEJ.03_052,33] Sagt Ribar: „Na, na, es ist ja schon alles wieder gut! IN MEDIO BEATI sagen die Römer; ,nie zu hitzig und nie zu lau‘ ist der Weisheit und aller Lebensklugheit Kern. Die Wahrheit begreift sich am Ende, verstehst Bruder, auch ohne Esel und Dreck!"
[GEJ.03_052,34] Sagt Suetal: „Jawohl, jawohl; aber in gerechtem Eifer wägt man schwer die Worte ab, mit denen man jemand zurechtweist, wenn er gar zu dumme Bedenklichkeiten zur Schau zu tragen beginnt! Aber da du nun die Wahrheit etwas näher einzusehen beginnst, so wirst du von mir ähnliche Ausdrücke auch nicht leicht wieder zu hören bekommen!"
[GEJ.03_052,35] Darauf sage Ich: „Nun, seid ihr in der Ordnung?"
[GEJ.03_052,36] Sagen beide: „Ganz vollkommen!"
53. Kapitel
[GEJ.03_053,01] Sage Ich zu Ribar: „Wie sieht es aber nun mit deinem Urteile aus über das, was du nun gesehen hast?"
[GEJ.03_053,02] Sagt Ribar: „Habe mich zu Suetal schon ausgesprochen und bekenne nun, daß der weiseste Mathael ganz recht hat in allen Dingen. Die Probe ist gemacht, und es braucht nun nichts Weiteres mehr! Ich glaube nun nicht mehr, sondern ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen und möchte nun den großen Meister selbst kennenlernen!"
[GEJ.03_053,03] Sagt Suetal: „Ja, das möchte auch ich, wenn es so leicht sein könnte, obschon ich nun gerade nicht mehr gar so sehr darauf anstehe; denn was ich nun gesehen habe, genügt mir für mein ganzes Leben! Mehr als Gott kann er nicht sein, aber nach dem Gesehenen viel weniger auch nicht! Und das genügt mir; nur von seiner neuen Lehre möchte ich noch etwas vernehmen!"
[GEJ.03_053,04] Sage Ich: „Auch davon hat euch Mathael schon mehrere Grundzüge gegeben; im übrigen läßt seine Lehre sich ganz kurz in dem zusammenfassen, daß man Gott über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben soll.
[GEJ.03_053,05] Gott über alles lieben aber heißt natürlich: Gott und Seinen geoffenbarten Willen erkennen und dann aus wahrer innerer Liebe zu dem erkannten Gott danach handeln und sich daneben gegen jeden Nebenmenschen wegen Gott also verhalten, wie sich ein jeder vernünftige Mensch gegen sich selbst verhält; natürlich ist hier von der reinen und in möglichst höchstem Grade uneigennützigen Liebe, sowohl gegen Gott als eben auch gegen jeden Nächsten, die Rede.
[GEJ.03_053,06] Wie alles Gute einzig darum geliebt werden will, weil es gut ist und darum wahr, so will auch Gott geliebt sein, weil Er allein höchst gut und höchst wahr ist!
[GEJ.03_053,07] Dein Nächster aber muß darum ebenalso geliebt werden, weil er gleich dir das Ebenmaß Gottes ist und gleich wie du einen göttlichen Geist in sich trägt.
[GEJ.03_053,08] Siehe, das ist der eigentliche Grundkern seiner Lehre, und er ist leicht zu beachten, ja um sehr vieles leichter als die tausend Gesetze des Tempels, die zumeist vom Eigennutz der Diener desselben angefüllt sind.
[GEJ.03_053,09] Durch die möglichst genaue Beachtung dieser neuen Lehre wird der im Menschen anfänglich sehr gefesselte Geist freier und freier, wächst und durchdringt endlich den ganzen Menschen und zieht sogestaltig alles in sein Leben, das ein Leben Gottes ist und daher ewig dauern muß, und zwar in der möglichst höchsten Seligkeit!
[GEJ.03_053,10] Ein jeder Mensch aber, der also gewisserart in seinem Geiste wiedergeboren wird, wird nimmer einen Tod sehen, noch fühlen oder schmecken, und die Loswerdung von seinem Fleische wird ihm die höchste Wonne sein.
[GEJ.03_053,11] Denn der Geist des Menschen, also völlig eins mit seiner Seele, wird da gleichen einem Menschen im harten Gefängnisse, durch dessen enges Lichtloch er wohl in die schönen Gefilde der Erde hinausschauen kann und sehen, wie sich ganz freie Menschen auf denselben mit allerlei nützlichen Beschäftigungen erheitern, während er noch im Gefängnisse schmachten muß. Wie froh aber wird er sein, so der Kerkermeister kommt, die Tür öffnet, ihn von allen Fesseln losmacht und zu ihm sagt: ,Freund, ihr seid frei von jeder weiteren Strafe, gehet und genießet nun die volle Freiheit!‘
[GEJ.03_053,12] Also gleicht des Menschen Geist der Lebensfrucht eines Embryovögleins im Ei; wenn es durch die Brutwärme reif geworden ist innerhalb der harten, sein freies Leben fesselnden Hülle, dann bricht es die Hülle durch und freut sich seines freien Lebens.
[GEJ.03_053,13] Aber solches kann der Mensch nur erreichen durch die genaue und aufrichtige Haltung der Lehre, die der Heiland aus Nazareth nun den Menschen verkündet.
[GEJ.03_053,14] Nun aber empfängt der Mensch, wenn er im Geiste schon mehr und mehr wiedergeboren ist, auch andere Vollkommenheiten, von denen der bloß natürliche Fleischmensch sich keine Vorstellung machen kann.
[GEJ.03_053,15] Der Geist ist dann eine Macht in sich, der göttlichen gleich; was ein solcher vollendeter Geist im Menschen dann will, das geschieht und muß geschehen, weil es außer der Lebenskraft des Geistes in der ganzen Unendlichkeit Gottes keine andere Kraft und Macht geben kann!
[GEJ.03_053,16] Denn das wahre Leben ist allein Herr und Schöpfer, Erhalter, Gesetzgeber und Lenker aller Kreatur, und es muß sich darum alles der Macht des ewig allein lebendigen Geistes fügen.
[GEJ.03_053,17] Du hast davon an dem Jünger nun ein Pröbchen gesehen, und so kannst du Mir vorderhand glauben, daß es also ist. Die Einsicht aber von dem Wie, Wodurch und Warum wird dir erst werden, wenn du zur Freiheit deines innersten Geistlebens gelangt sein wirst.
[GEJ.03_053,18] Mathael hat dir aber schon zur Genüge gezeigt, zu welcher Einsicht ein nur zur Hälfte wiedergeborener Geist gelangen kann, und so hast du nun für alles die handgreiflichen Beweise in den Händen und kannst darum mit großer Zuversicht dein Leben danach einrichten. – Bist du zufrieden mit dieser Erklärung?"
[GEJ.03_053,19] Sagt Suetal: „Freund, viel zufriedener als mit der des ganz entsetzlich weisen Mathael! Es ist zwar das, was du mir nun gesagt hast, ebenso tief weise, als was ich alles schon aus dem Munde Mathaels vernommen habe, und in einer gewissen Hinsicht noch weiser; aber beim Mathael wird einem förmlich ängstlich und bange, weil man da keinen rechten Eingang und Ausgang erkennt. Du hast aber nun mit ganz schlichten Worten wenigstens mir die ganze Sache so klargemacht, daß ich mir nun nichts Klareres mehr denken kann; ich weiß nun genau, was ich zu tun habe, und was ich notwendig dadurch erreichen muß, und so bin ich denn auch vollends zurfrieden, da mir keine weitere Frage mehr übrigbleibt."
54. Kapitel
[GEJ.03_054,01] Sage Ich: „Gut denn; aber nun sage du mir noch so ganz unverhohlen, ob du denn nun nicht auch mit dem großen Meister aus Nazareth persönlich bekannt werden möchtest! Wenn du willst, so kann Ich dir ihn aufführen."
[GEJ.03_054,02] Sagt Suetal: „Aufrichtig gesagt, dieser die Fülle des göttlichen Geistes in sich bergende Mann steht für unsereinen zu endlos hoch in allem und jedem, und ich habe eine förmliche Furcht, ihn nur von ferne zu sehen, geschweige mit ihm in die nächste Berührung zu kommen! Daher ist es mir nun schon lieber, ihn persönlich gar nicht kennenzulernen. Siehe, mich geniert nun schon die Nähe dieses jungen Jüngers von ihm, und aufrichtig gesagt, es wäre mir gar nicht unlieb, wenn er wieder zu seiner Gesellschaft zurückkehrte. Die Probe hat er uns abgelegt, und sie genügt! Zu einer zweiten würde er sich ohnehin nicht gerne mehr herbeilassen, und es wäre auch unnötig; denn wem die eine nicht die genügendste Überzeugung verschafft, den werden auch tausend Wunderwerke nicht überzeugen. Und so wäre es mir schon lieber, so er sich wieder zu seiner Gesellschaft begäbe; belohnen können wir ihn nicht dafür, weil wir außer uns selbst nichts besitzen. Sage ihm daher, du liebster Freund, daß er sich nun wieder zu seiner ihm ebenbürtigen Gesellschaft zurückbegeben möchte!"
[GEJ.03_054,03] Sage Ich: „Ah, zu was denn das?! Er ist ja frei und kann gehen, wann er will; und wird auch schon gehen, wenn er hier nichts mehr zu tun haben wird! Du bist nun freilich vollends befriedigt, aber nicht also alle deine Gefährten, selbst Ribar nicht, der doch nun in allem mit dir einverstanden ist. Er kaut noch immer am ersten Wunder und findet sich noch lange nicht vollends zurecht. Daher, weil es noch Zeit ist, werden wir allenfalls noch ein Zeichen von ihm uns bedingen!"
[GEJ.03_054,04] Sagt Suetal: „Wäre schon alles recht, und ich möchte selbst noch etwas sehen von ihm; aber es fragt sich da nur, ob das auch seinem heilig großen Meister genehm sein wird; denn immer sehen es die Meister nicht gerne, so sich ihre Jungen zu viel produzieren."
[GEJ.03_054,05] Sage Ich: „Sei du darob ganz unbesorgt; denn das nehme ja alles Ich auf Mich und werde es seinerzeit wohl zu verantworten verstehen, so Ich darum hergenommen werden könnte. Aber den Ribar und die andern müssen wir dennoch fragen, in welcher Art sie ein Zeichen wünschen, ansonst bald einer aus ihnen sagen könnte, man habe das Zeichen schon lange vorher vorbereitet und ganz genau sich dazu verabredet; bestimmen sie aber das Zeichen selbst, so kann da von einer früheren Verabredung keine Spur vorhanden sein. – Bist du damit einverstanden oder nicht?"
[GEJ.03_054,06] Sagt Suetal: „Das ist salomonisch weise gedacht und gesprochen, und man muß damit dann ja doch einverstanden sein!"
[GEJ.03_054,07] Sage Ich: „Nun denn, so wollen wir den Ribar fragen! – Sage uns du, Ribar, worin das noch folgende Zeichen, vom Jünger gewirkt, bestehen soll!"
[GEJ.03_054,08] Sagt Ribar: „Freund, wenn er noch eines wirken will, so soll er aus dem Steine, den ich nun in meinen Händen halte, einen der edelsten Fische, die in diesem Meere zu Hause sind, machen!"
[GEJ.03_054,09] Sage Ich PRO FORMA zu Raphael: „Wirst du diese Aufgabe wohl zu lösen imstande sein?"
[GEJ.03_054,10] Spricht Raphael: „Wir werden es versuchen; aber der Petent (Bittsteller) soll sich zuvor fest stellen, sonst wird ihn der Fisch zu Boden werfen. Die edelsten Fische in diesem Wasser sind groß und stark, so, daß sie ein Mensch nicht überwältigen kann; wenn sich daher Ribar sehr fest stellt, so wird auch sogleich ein achtzigpfündiger Fisch die Stelle seines nun kaum zehn Pfund schweren Steines einnehmen."
[GEJ.03_054,11] Sagt Ribar: „Oh, sorge du dich nur darum nicht! Ich bin so ein bißchen von einem Simson und habe schon hundertpfündige Fische gemeistert! Übrigens stehe ich nun schon ganz gehörig fest."
[GEJ.03_054,12] Sagt darauf Raphael: „Es sei, was du verlangt hast!" – Raphael hatte diese Worte noch kaum ausgesprochen, so machte schon ein gut achtzigpfündiger Edelfisch in den Händen Ribars, zum Schrecken und übermäßigen Staunen aller Anwesenden, einen derart heftigen Schneller, daß darob Ribar weidlich auf den Rücken fiel, und da der Fisch ganz gewaltig herumhüpfte und sich mit seinem Schweife heftig hin- und herwarf, so flohen die Zuschauer nach allen Seiten hin, und auch der Ribar, der sich bald wieder vom Boden erhoben hatte, zeigte keine Lust mehr, den großen Fisch anzupacken. Es war aber ein Sohn des Markus auch in der Nähe; der kam schnell mit einem starken kleinern Handnetze herbei, warf dasselbe auf den noch stark herumarbeitenden Fisch, umwickelte ihn und trug ihn in eine Wanne, die voll Wasser war.
[GEJ.03_054,13] Als sich der Fisch in seinem Elemente befand, ward er natürlich ruhig, und alle gingen nun zu der Wanne hin und betrachteten voll Verwunderung den großen Fisch, und Ribar sagte: „Nun bin ich mit aller meiner nichtigen Weisheit geschlagen und glaube nun fest an alles, was ich von dem großen Meister vernommen habe! Da hört jede Weisheit der Menschen auf, und die Herrlichkeit Gottes offenbart sich auf eine nur zu buchstäblich wahrhaft handgreifliche Weise! Mathael hat recht in jedem seiner Worte, und der Freund auch, dessen Güte wir die zwei nie dagewesenen Wundertaten zu verdanken haben. Groß darum, darum Gott, und ewig gepriesen sei darum Sein herrlicher Name, daß Er auch den Menschen auf dieser Welt solche Macht gegeben hat! Wir sind zwar höchst unwürdig, solche reinen Gotteswunder zu schauen mit unseren sündhaften Augen, aber da Gott uns dessen Selbst gewürdigt hat, so sei darum ewig gepriesen Sein herrlicher Name!"
55. Kapitel
[GEJ.03_055,01] Sagt Suetal: „Amen! Das ist auch mein Wort! Denn so etwas hat noch nie eines Sterblichen Auge gesehen! Die Magier zu den Zeiten Pharaos haben wohl auch Stöcke geworfen, aus denen Schlangen wurden; aber wir waren damals nicht dabei! Und wären wir auch dabeigewesen, so hätten wir wahrscheinlich ganz dasselbe Kunststücklein gesehen, wie wir einmal etwas ganz Ähnliches in Damaskus gesehen haben, wo ein persischer Zauberer auf eine vor ihm hin weit ausgebreitete Flugsandfläche Knittel schleuderte, und als der Knittel, eigens geschickt geworfen, sich in dem Flugsande vergrub, daß man von selbem nichts mehr sah – was natürlich in einem Augenblick geschah –, da erhob sich darauf aus dem Sande bald eine Ratte oder eine Maus und floh jählings davon! Dieser Zauberer gab auch an, daß er aus den in den Sand geworfenen Knitteln Ratten und Mäuse zeihen werde. Aber ich untersuchte hernach den Sand und fand die geworfenen Knittel ganz unversehrt; aber ich fand auch nur zu deutlich Spuren, wie der Zauberer, etwa ohne Zeugen, zuvor eine gewisse Anzahl Ratten und Mäuse dadurch in dem Sande gebannt hielt, daß er ihnen an mehreren Stellen gewisse Lieblingsköder in von ihm gemachte Sandgrübchen legte, mit denen sich die dahin gesetzten Ratten und Mäuse ganz ruhig und behaglich so lange unterhielten, bis sie der geschickt geworfene Knittel aus dem Grübchen zu springen und davonzulaufen zwang.
[GEJ.03_055,02] Das dumme Volk erwies dem persischen Magier eine nahezu göttliche Verehrung und steckte ihm seine Säcke mit allerlei kostbaren Sachen voll; und als ich einige mir etwas weiser Dünkende davon überzeugen wollte, hießen sie mich einen Frevler, und ich hatte sehr gemessene Zeit, mich aus dem Staube zu machen. Ich gewann dabei die Überzeugung, daß fürs erste derlei Magier ganz feine Käuze sind, die sich durch ihre etwaigen Kenntnisse und gemachten Erfahrungen auf dem weiten Gebiete der Natur die Dummheit der vielen andern Menschen, die so wie das Vieh dahinleben, zunutze zu machen verstehen, und fürs zweite, daß so recht eingefleischt dumme Menschen auch bei dem besten Willen eines weisen Menschenfreundes nimmer vollends zurechtzubringen sind.
[GEJ.03_055,03] Und sogestaltig werden etwa wohl alle die gepriesenen Wunderwerke der Priester und Magier in ganz Ägypten und Persien aussehen, und die Wundertaten der Essäer werden kein anderes Gesicht haben.
[GEJ.03_055,04] Aber diese beiden Wunder hier, die der Jünger des großen Meisters vollbrachte, und die wundervollsten Heilungen, von denen wir gehört haben, wie sie von dem großen Heilande vollführt worden sind, sind so rein über alle die magischen Betrügereien erhaben, wie eine Sonne mit ihrem hellsten und reinsten Licht erhaben ist vor jedem nichtigen und trügerischen Sumpflichte. Bei diesen zwei Wundertaten nimmt, wie gesagt, jede menschliche Weisheit ihr entschiedenes Ende; da nützt kein Denken und Prüfen mehr, da wirkt die Allmacht Gottes, der natürlich nichts unmöglich sein kann.
[GEJ.03_055,05] Für uns aber bleibt die Lehre, daß wir eben darum das, was der große Heiland lehrt, um so lebendiger befolgen sollen, weil durch ihn, wie es mir nun vorzukommen anfängt, vielleicht eben in dieser unserer Zeit eine alte Verheißung Jehovas in Erfüllung gehen dürfte."
[GEJ.03_055,06] Sage Ich, von den zwölfen noch immer persönlich nicht erkannt, zu Suetal: „Bist du wohl mit einiger Überzeugung solcher Meinung?"
[GEJ.03_055,07] Sagt Suetal: „Freund, meine nun gefaßte Meinung wird zur Gewißheit, wenigstens in mir! Denn sieh, ich habe einen ganz einfachen, aber sicher stichhaltigen Grund, das anzunehmen! Gott ist zu endlos gut und weise, als daß Er einen Menschen also mächtig erwecken und ihn erfüllen würde mit Seinem allmächtigen Geiste bloß deshalb, daß er dann mehrere Kranke dem Fleische nach heilen und aus Steinen Brot und Fische zeihen (machen) solle. Mit solch einem Menschen, der bei weitem über Moses und allen andern Propheten wie eine Sonne ganz allein dasteht, hat Gott sicher auch noch einen höheren, uns noch ganz unbekannten großen Zweck verbunden! Denn für die sehr untergeordneten Zwecke, allein vor den Augen der gafflustigen und wundersüchtigen, blinddummen Menschenmenge allerlei Wunder zu wirken, hat Gott, wie gesagt, einen solchen Gottmenschen nicht auf diese Erde gesetzt! Ich möchte in ihm fast den durch alle Patriarchen und Propheten verkündeten großen Messias der Juden entdecken und bin, lieber Freund, davon fast völlig überzeugt!
[GEJ.03_055,08] Sollte er es dennoch nicht sein, so wüßte ich wahrlich nicht, auf wen wir dann noch warten sollen, der noch Größeres und Gotteswürdigeres zu leisten imstande wäre! – Welcher Meinung bist denn da du, lieber Freund, vorausgesetzt, daß du als ein Grieche mit den Schriften der Juden irgend vertraut bist?!"
[GEJ.03_055,09] Sage Ich: „Ja, da bin Ich völlig deiner Meinung; denn mit den Schriften der Juden bin Ich sehr wohl vertraut. Aber nun möchte Ich denn doch noch von deinen Gefährten erfahren, was sie zu dieser unserer ganz wohlbegründeten Meinung sagen! Der Ribar ist so ziemlich ein Votant (Wortführer) für alle die zehn andern Gefährten. Wir wollen ihn darüber befragen und sehen, was er eben darüber für eine Meinung von sich geben wird. Frage du ihn!"
[GEJ.03_055,10] Sagt Suetal: „Er soll darum gleich angegangen werden; denn jetzt wird er sich hoffentlich an seinem Fisch doch schon satt gesehen haben!"
56. Kapitel
[GEJ.03_056,01] Hierauf wendet sich Suetal zu Ribar, ihn am Rocke zupfend und sagend: „Du, Ribar, es handelt sich hier um eine äußerst wichtige Frage und Sache, namentlich für uns Juden; vielleicht kannst du uns darüber auch einen eben nicht unwichtigen Aufschluß geben, indem du meines Wissens doch etwas besser als ein ganz laier Jude (Laienjude) in der Schrift bewandert bist. Sieh, es sind uns bekannt alle die großen Verheißungen von – sage – Adam angefangen bis auf nahe unsere Zeiten herab; laut diesen durchaus nicht aus purer Luft gegriffenen Verheißungen erwarten wir einen Messias, der namentlich die Juden als das alte Volk Gottes von allen wie immer gearteten leiblichen und geistigen Übeln befreien soll! Nun, die Werke des berühmten Heilandes haben wir mit eigenen Augen gesehen und noch mehr aus der jüngsten Gegenwart von Augen- und Ohrenzeugen mit unsern höchst eigenen Ohren vernommen, was er alles tut und getan hat. Ich frage, ob Gott Selbst, aus Seinen höchsten Himmeln auf die Erde herabsteigend, mehr tun würde, und Wunderbarstes, als da eben der Heiland aus Nazareth tut! Die Antwort auf diese Frage kann nur ,Nein!‘ lauten.
[GEJ.03_056,02] Vor ungefähr drei Wochen wurde uns das ganz wie vom Grunde aus neu gestellte Haus, das nun dort eben auch einem Heilande – glaube mit dem Namen Joab oder auch anderslautend – gehört, dahin als etwas Außerordentliches gezeigt, das der Nazaräer in wenigen Augenblicken also aus einem förmlichen Steinhaufen von einer Ruine bloß durch seinen Willen hergestellt habe.
[GEJ.03_056,03] Man erzählte uns auch von einem Kaufmanne in der Nähe von Sichar, dessen Haus auch auf eine ähnliche Weise vergrößert und sehr geschmückt worden ist.
[GEJ.03_056,04] Die Heilungsgeschichten von Genezareth sind uns auch bekannt. Wir alle haben den geheilten Bruder unseres Gefährten aus den Bergen im Bezirke Genezareth selbst gesehen und gesprochen; nun haben wir die außerordentliche Heilung der gestern uns begleitenden fünf Rasenden so gut wie mit angesehen. Die unbegreifliche Weisheit Mathaels, der sich mit seinen Gefährten nun mit dem Hauptmann Julius und mit noch einem hohen Römer bespricht, ist uns davon mehr als ein sicherster Bürge!
[GEJ.03_056,05] Nun kommen noch die zwei Wunder, von einem – sage – Jünger ausgeführt, hinzu. Frage: Berechtigt uns dies alles nicht zu der Annahme, daß der große Heiland aus Nazareth eben der verheißene Messias ist? – Was meinst du da?"
[GEJ.03_056,06] Sagt Ribar: „Ja, ja, du möchtest schier recht haben! Weißt du, so ganz heimlich bin ich auch schon mit diesem Gedanken umgegangen, wie ein schwangeres Weib mit ihrer Frucht. Aber das ist ein doppelt heikler Punkt, sowohl gegenüber dem Tempel als auch gegenüber den Römern, denen so ein echter Messias der Juden, wie er verheißen ist, gewiß sehr ungelegen käme. Der Tempel aber setzt des Messias Ankunft nach seiner kabbalistischen (auf die Geheimlehre bezüglichen) Rechnung aus wohlweisen Gründen noch wenigstens gleich auf ein paar Jahrtausende hinaus; der würde jetzt, wo es ihm gar so gut geht, einen Messias gar nicht brauchen können. Den Römern aber dürfte es offenbar lieber sein, so er an ihrer Seite wäre, als an der Seite der Juden!
[GEJ.03_056,07] Daher bin ich hier offenbar dieser Meinung: Man glaube bei sich schön im stillen, was man will in Hinsicht des Verheißenen; aber man spreche seinen Glauben nicht eher offen aus, als bis die Sache noch evidenter (augenscheinlicher) am hellen Tage liegen wird! Jetzt dürfte man mit diesem Glauben so gut von der einen wie von der andern Seite her sehr bedeutende Anstände bekommen. Im übrigen bist du mit deiner Meinung wie mit deinen Gründen dafür durchaus nicht auf irgendeinem falschen Wege, sondern ganz nach meinem Sinne und nach meinen innersten Gedanken auf der rechten Spur; aber liebwerteste Freunde, unseres Heiles willen bleibe das vorderhand noch streng unter uns!
[GEJ.03_056,08] Aber du, Bruder Suetal! – betrachte du mit einiger Aufmerksamkeit nur den jungen, wundertätigen Jünger! Was er etwa doch wieder im Sinne haben mag? Fürs erste geht er nimmer zu seiner Gesellschaft zurück, und fürs zweite sieht er uns stets so gewisserart etwas fein spitzbübisch lächelnd an, als wenn wir so ein paar recht dumme Tölpel wären. Was er etwa doch haben mag? Sieh nur, nun kehrt er sich gar um und lacht förmlich in die Faust hinein! Wenn der Junge nur nicht gar so entsetzlich allmächtig wäre, so würde ich ihn zur Rede stellen; aber es ist mit so einem Menschen rein nichts mehr zu machen; denn dem wäre es nur so ein Scherz, unsereinen so in einen ganz gemütlichen Esel zu verwandeln, und wie stünde man nachher da?"
[GEJ.03_056,09] Spricht Raphael, sich umkehrend und noch mehr lachend, und zugleich mit Meiner Zulassung einen ganz gesunden Esel neben den Ribar hinstellend: „Siehe, gerade also, wie nun ein wirklicher neben dir steht!"
[GEJ.03_056,10] Ribar sieht sich um, erschrickt ganz gewaltig und sagt nach einer Weile seines sich immer mehr entsetzenden Staunens: „Oh, oh, oh, was ist denn das?! Von woher kam denn nun auf einmal dieser ganz wohlgenährte Esel?"
[GEJ.03_056,11] Sagt Raphael: „Von daher, von woher der Fisch gekommen ist! Aber jetzt frage ich dich, aus welchem Grunde geniere ich euch denn? Habe ich euch denn schon irgend etwas zuleide getan?"
[GEJ.03_056,12] Sagt Ribar: „Liebster und zugleich allerschönster junger Freund! Sieh, du bist uns zu allmächtig und siehst dabei so ein wenig spitzbübisch aus; daher haben wir einen eigenen Respekt vor dir, und es wird uns ganz entsetzlich angst und bange in deiner Nähe! Weil du aber schon einmal da bist und nicht zu deiner Gesellschaft zurückkehren willst, so tritt näher und beschreibe uns wenigstens, wie da aussieht der große göttliche Meister aus Nazareth; denn von den unbegreiflichen Wundertaten, die du vor uns ausgeübt hast, werden unsere Seelen nicht gesättigter! Wenn du, was durchaus nicht zu bezweifeln ist, irgend auch so zu reden verstehst, als wie fertig dir die rein göttlichen Wundertaten gelingen, da öffne du deinen schönen Mund und rede, beschreibend die äußere Gestalt!"
[GEJ.03_056,13] Sagt Raphael: „Wenn ich dürfte, so würde ich das auch recht gerne tun; aber ich darf bei aller meiner allmächtigen Kraft, die ich von dem ewigen Meister aller Dinge habe, nicht vor der Zeit aus der Schule schwätzen.
[GEJ.03_056,14] Es hat euch, und namentlich dich, geärgert, weil ich zuvor notgedrungen über euch habe lächeln müssen. Ich versichere euch, daß dahinter durchaus keine sogenannte Knabenspitzbüberei steckt; denn es gibt denn doch oft Gelegenheiten unter den sterblichen Menschen, besonders bei denen, die noch so in einem Zwielichte wandeln, daß ein durch und durch erleuchteter Geist, wie ungefähr ich einer bin, darob sich denn doch nicht so ganz des Lächelns enthalten kann. Für mich zum Beispiel ist das immer etwas, worüber ich noch allzeit zum Lächeln genötigt wurde, wenn irgend schon so recht weise und verständig sich Dünkende in einem Walde beisammenstehen und am Ende den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und ihn als solchen erkennen! Ja, Freunde, wenn mir so etwas unterkommt, da muß ich lachen, und es hilft nichts dagegen!"
[GEJ.03_056,15] Sagt Ribar, etwas große Augen machend: „Stehen denn wir nun etwa auch in einem Walde und erkennen den Wald vor lauter Bäumen nicht?"
[GEJ.03_056,16] Sagt Raphael: „Materiell nicht, aber geistig ja, und deshalb mußte ich lachen. Sagt mir, weshalb fürchtet ihr denn gar so die Bekanntschaft mit dem großen Meister aus Nazareth?"
[GEJ.03_056,17] Sagt diesmal Suetal: „Siehe, lieber, weiser Jünger des großen Meisters, wir haben uns schon gegen diesen Freund hier, der dich hierher berufen hat, ganz unverhohlen ausgesprochen, aus was für einem Grunde es uns lieber ist, die persönliche Bekanntschaft mit ihm nicht zu machen, und es soll wohl bei diesem unserem sicher durchaus nicht schlechten Wunsche verbleiben!
[GEJ.03_056,18] Du stehst für uns arme Sünder schon viel zu hoch, und es wird uns darum ganz entsetzlich unheimlich in deiner Gesellschaft; denn von deiner Weisheit und Wissenschaft können wir doch unmöglich auch nur einen allerleisesten Dunst von einer Ahnung haben, und es wird uns darum ganz sonderbar in deiner Gesellschaft. Was ist aber ein Jünger gegen seinen Meister? Kannst du aber schon als ein jüngster Jünger des großen Meisters solch unerhörte Wundertaten verrichten, was wird erst deinem Meister alles möglich sein?! Uns aber ist es schon in deiner Nähe darum ganz entsetzlich unheimlich; wie unheimlich würde es uns dann erst in der Nähe des großen Meisters werden?! Das würden wir gar nicht aushalten! Darum bleibt es vorderhand dabei, die persönliche Bekanntschaft mit dem großen Meister nicht zu machen.
[GEJ.03_056,19] Nützen kann uns nur seine Lehre, deren Grundzüge wir bereits von diesem Freunde hier vernommen haben; damit sind wir vorderhand auch ganz zufrieden. Werden wir einmal durch die möglichst genaue Beachtung dieser göttlich reinen Lehre vollkommener als wir jetzt sind, so wird es uns dann sicher zur größten Seligkeit gereichen, mit dem großen Meister irgend auch die persönliche Bekanntschaft zu machen. Den hierher gezauberten Esel aber schenke dem hiesigen Gastwirte für uns; denn wir haben ohnehin nichts, womit wir ihn für das uns Dargereichte bezahlen könnten!"
[GEJ.03_056,20] Sagt Raphael: „Nun, so schenkt ihr ihm das ganz gesunde Lasttier und den Fisch; denn die beiden Tiere sind ja für euch geschaffen worden!"
57. Kapitel
[GEJ.03_057,01] Es kommt aber nun Markus, anzuzeigen, daß das Mittagsmahl fertig ist, und daß man zu Tische gehen wolle.
[GEJ.03_057,02] Sagt Suetal zu Markus: „Höre, du alter, guter Freund! Sieh, wir zwölf sind total arm und haben nichts, womit wir unsere Zeche bezahlen könnten; aber da sieh, dieser junge Jünger des großen Meisters aus Nazareth, der sich irgend hier in deinem Hause aufhält, hat durch seine Wunderkraft uns einen alleredelsten Fisch von sicher nahe hundert Pfund und nachher diesen Esel hervorgezaubert! Nimm du diese zwei Tiere in dein Eigentum anstatt unserer dir schuldigen Bezahlung; denn was sollen wir mit dem Esel und was mit dem Fische? Was sie uns aber als Sinnbilder sagen zu unserer Zurechtweisung, das haben wir schon heraus! Denn ein Fisch und ein Esel sind unseres Wissens noch nie als Symbole der Weisheit, sondern noch allzeit als Symbole der Dummheit gebraucht worden! Sei demnach so gut und nimm die beiden Tiere, die doch auch etwas wert sind, anstatt unserer dir schuldigen Bezahlung in deinen vollen Besitz!"
[GEJ.03_057,03] Sagt Markus: „Das will ich recht gerne tun, obschon ihr mir nichts schuldig seid; denn alles, was ihr hier schon verzehrt habt, und was ihr allenfalls noch verzehren werdet, ist ohnehin schon mehr denn hundertfach bezahlt! Jetzt aber seht ihr euch nur um einen Tisch um; denn es werden sogleich die Mittagsspeisen aufgetragen werden!"
[GEJ.03_057,04] Sagt Suetal: „Freund, sage uns, wer für uns denn schon also großmütigst die Zeche im voraus bezahlt hat, auf daß wir ihm unseren schuldigsten Dank abstatten können!"
[GEJ.03_057,05] Sagt Markus: „Das zu sagen ist mir nicht gestattet; darum begnüget ihr euch nur mit dem, was ich euch nun gesagt habe!" – Mit diesen Worten entfernt sich Markus auf Meinen geheimen Wink, nimmt zugleich den Esel mit und übergibt ihn einem seiner Söhne zur einstweiligen Versorgung.
[GEJ.03_057,06] Nachdem Markus fort ist, sagt Suetal zu Mir: „Freund, ist der Alte nicht ein köstlicher Mensch?! Sieh, so ehrliche Menschen dürften wohl wenige auf dieser Welt zu treffen sein! Aber was meinst denn du, wer etwa für uns gar so übermenschlich großmütig mag die Zeche bezahlt haben?"
[GEJ.03_057,07] Sage Ich: „Wer sonst, als der große Meister aus Nazareth!? Denn der verlangt nichts umsonst. Wer ihm eins tut, dem zahlt er dafür zehn, und wer ihm zehn tut, dem bezahlt er dafür hundert!"
[GEJ.03_057,08] Sagt Suetal: „Ja, aber wir haben ihm weder eins noch zehn getan, und er hat für uns dennoch schon tausend bezahlt!"
[GEJ.03_057,09] Sage Ich: „Dieser Meister aber ist auch allwissend und weiß darum, daß ihr noch etwas für ihn tun werdet, und bezahlt euch darum schon zum voraus!"
[GEJ.03_057,10] Sagt Suetal: „Das lassen wir uns gefallen und werden solche seine Güte auch mit unserem Fleiße und großem Eifer abzudienen bereit sein, wenn wir nur einmal erfahren werden, welchen Dienst er von uns will!"
[GEJ.03_057,11] Sage Ich: „Ja seht, da wird es denn am Ende doch noch nötig werden, daß ihr mit ihm in eine nähere Bekanntschaft tretet! Am Ende nimmt er euch gar zu seinen Jüngern an?!"
[GEJ.03_057,12] Sagt Suetal zu Ribar: „Du, das wäre was! Am Ende könnten wir auch bald so etwas zustande bringen wie dieser schönste junge Mensch hier!? Wahrlich, unter solcher Aussicht möchte ich nun doch, wenn es leicht möglich wäre, seine persönliche Bekanntschaft machen!"
[GEJ.03_057,13] Sagt Ribar: „Ich auch, und wir alle so ganz eigentlich! Aber der erste Zusammenstoß wird wahrscheinlich ein noch ärgerer sein als mein ehemaliger mit dem verzweifelten Fische."
[GEJ.03_057,14] Sagt Suetal: „Wer weiß? Der Schmiedl hämmert oft viel ärger auf seinem Amboß als der Schmied, um zu zeigen, daß er auch den Hammer zu führen versteht. Wenn sich so eine gute Gelegenheit etwa während des Mittagsmahles ergäbe, so könnte allenfalls dieser unser guter griechischer Freund uns durch einen Wink auf ihn aufmerksam machen!?"
[GEJ.03_057,15] Sage Ich: „O ja, diesen Gefallen kann Ich euch ganz leicht erweisen; aber wenn ihr ihn werdet erkannt haben, müßt ihr euch alle ganz ruhig verhalten und kein Aufsehen machen, denn das liebt er nicht! Er sieht da nur in das Herz und begnügt sich da vollkommen, wenn ihm darin ganz still eine rechte, lebendige Huldigung dargebracht wird!"
[GEJ.03_057,16] Sagt Suetal: „Oh, das können wir schon, und es ist auch so etwas um vieles gescheiter und weiser; darum sei du, liebster Freund, nur so gut und mache uns bei einer günstigen Gelegenheit während des Mittagsmahles aufmerksam auf ihn!"
[GEJ.03_057,17] Sage Ich: „Ganz gut, ganz gut; das wird schon geschehen! Aber nun sind die Speisen bereits auf die Tische gestellt; daher gehen wir hin und nehmen gleich den nächsten besten in Beschlag! Seht, dort unter der großen Linde stehen zwei Tische! Bei dem langen muß Ich schon der hohen Römer wegen Platz nehmen; ihr aber setzet euch gleich an den Tisch daneben, und wir werden also recht leicht miteinander korrespondieren können!"
[GEJ.03_057,18] „Jaja", sagt Suetal, „so wird es sich am besten machen! Bin nun aber wahrlich über die Maßen begierig, den großen Mann, den wahren Messias der Juden zum ersten Mal persönlich kennenzulernen."
[GEJ.03_057,19] Sage Ich: „Ganz gut, aber nun gehen wir an die Tische!" – Ich gehe nun voran und die zwölf folgen Mir, und Raphael geht neben dem Suetal, was diesem nicht recht behagt, so daß er ihn darum fragt, ob er etwa gar willens sei, an ihrem Tische Platz zu nehmen.
[GEJ.03_057,20] Und Raphael bejaht solches mit der größten Freundlichkeit von der Welt, was aber dem Suetal eben nicht zu sehr mundet, weil er vor des Engels Allmacht noch immer einen ungeheuer großen Respekt hat. Aber weil der Raphael gar so freundlich mit ihm spricht, so fängt er an, ihn nach und nach etwas mehr liebzugewinnen, und macht sich aus dessen Gegenwart nicht mehr gar so viel.
58. Kapitel
[GEJ.03_058,01] Es wird nun allseitig sich an die Tische gemacht, die sich durch den Fleiß des alten Markus und seiner beiden, auch im Zimmern bewanderten Söhne um vier vermehrt hatten; denn Markus hatte einen ziemlichen Brettervorrat von Eichenholz wegen des Baues seiner Fischerboote, und der Raphael vermehrte ihm solchen durch Meine Zulassung in einem unmerkbaren Augenblick um ein bedeutendes, und so war es Markus ein leichtes, gleich eine Menge Speisetische samt Sitzbänken herzustellen in seinem Baumgarten.
[GEJ.03_058,02] Raphael setzte sich mitten zwischen Suetal und Ribar. An Meinem Tische aber, an dem wir uns in der Ordnung wie tags zuvor gesetzt hatten, ward auch Mathael mit seinen vier Gefährten hinzugelassen und mußte zwischen Julius und Cyrenius Platz nehmen. Zu Meiner Rechten saß wieder die Jarah, neben ihr Josoe, dann der Ebahl und nach dem Ebahl Meine Jünger, respektive die Apostel.
[GEJ.03_058,03] An den andern Tischen befanden sich natürlich die, die im Gefolge des Cyrenius und Julius waren; und die dreißig jungen Pharisäer unter dem Vorsitze ihres Redners Hebram hatten hinter Meinem Rücken einen langen Tisch, also, daß sie sämtlich auf Meinen Tisch und auf den kleinen Tisch der zwölf sehen konnten.
[GEJ.03_058,04] Eine gehörige Menge von bestbereiteten Fischen ward überall aufgetragen, und am besten Brote und Weine hatte es keinen Mangel. Wir fingen an zu essen, und die zwölf konnten die Fische nicht genug loben und griffen wacker zu; aber am meisten verzehrte der Raphael. Er verschluckte sozusagen einen Fisch um den andern, was dem Suetal sehr aufzufallen anfing, und er wußte nicht, was er daraus machen sollte.
[GEJ.03_058,05] Als Raphael aber den letzten Fisch aus der Schüssel hob und auf sein Speisebrettlein legte, ihn in Stücke zu teilen anfing und darauf ein Stück ums andere mit einer gewissen Hast in seinen Mund zu schieben begann, da ward das dem Suetal und dem Ribar zu bunt, und Suetal sagte zwar ganz artig zum Raphael: „O du lieber, schönster junger Freund, was für einen ungeheuren Magen mußt du denn doch haben, daß im selben solch eine Menge Fische und so viel Brot Platz haben?! In unserer großen Schüssel befanden sich sicher bei zwanzig Fische; wir haben nur zwölf verzehrt, und die acht größten hast du allein unters Dach gebracht! So ein junger Mensch und so viel essen?! Das kann doch unmöglich gesund sein! Na, mir ist es recht, und Gott der Herr segne es dir! – Gehört denn das nach der Lehre des großen Meisters etwa auch zur Erreichung der Weisheit und Allmacht, daß man so viel essen muß?"
[GEJ.03_058,06] Sagt Raphael lächelnd: „Das wohl nicht! Aber so es mir schmeckt und es ist da, warum sollte ich nicht so viel essen, als es mir schmeckt?! Siehe hin nach dem Tempel zu Jerusalem, wieviel der im Namen Gottes an allerlei Opfern täglich verzehrt! Könnte man da nicht füglicher noch fragen und sagen: Aber Jehova ist doch ein wahrer Nimmersatt; alle Tage verschlingt Er eine Menge Ochsen, Kühe, Kälber, Schafe, Lämmer, Hühner und Tauben und Fische und Ziegen und viele große Laibe Brotes und viele Schläuche Weines und hat nach all solchem gewaltigen Fraße noch eine große Gier auf Gold, Silber, Perlen und allerlei kostbarste Edelsteine!?
[GEJ.03_058,07] Hast du je gefragt, ob Gott wirklich solch ein Vielfraß ist?! Nein, das hast du nicht; denn du wußtest, daß da nur die Gottesdiener die Vielfresser sind! Was sind meine acht Fische gegen die hundert Ochsen, Kühe, Kälber und dergleichen?! Wenn die Diener Gottes im Tempel sich das Recht ungestraft nehmen dürfen, gar so ungeheuer vieles auf den Namen Gottes zu verzehren, warum sollte denn ich fasten, der ich doch sicher mehr ein Gottesdiener bin als die Vielfresser im Tempel?!"
[GEJ.03_058,08] Suetal sagt: „Ja, ja, du hast wohl recht; mich hat es nur sehr wundergenommen, wie du, als ein überaus zarter Jüngling, uns alle im Essen bei weitem überboten hast und gar keine Rücksicht nahmst auf uns, ob wir vielleicht auch noch etwas von den guten Fischen gemocht hätten!"
[GEJ.03_058,09] Sagt Raphael: „Hast du schon erlebt, daß die Diener Gottes im Tempel je irgendeine Rücksicht darauf genommen hätten, ob die Opfernden daheim noch etwas zu essen haben? Sie nehmen ihnen ohne alle Rücksicht die Opfer und den Zehent ab, ob die Opfernden auch in der nächsten Stunde Hungers sterben! Und siehe, die wollen Gottes Diener sein und sind es auch in den Augen des blinden Volkes! Du aber hast darum diese Gottesdiener noch nie auch nur ganz geheim bei dir selbst zur Rede gestellt; was sorgst du dich denn nun gar so um meine Gesundheit, da ich dir doch faktisch (in der Tat) bewiesen habe, daß ich ein echter Gottesdiener bin?!"
[GEJ.03_058,10] Sagt Ribar: „Freund Suetal, mit dem scheint nicht gut wortwechseln zu sein! Der Junge riecht stark nach Mathael und könnte uns etwa so mir und dir nichts unsere ganze Lebensbeschreibung ins Gesicht hersagen!"
[GEJ.03_058,11] Sagt Raphael: „Mußt nicht gar so still (leise) reden, sonst verstehe ich dich ja schwer und offenbar noch schwerer der Suetal!"
[GEJ.03_058,12] Sagt Ribar: „Ja, ja, ich habe nur zu laut gesprochen!"
[GEJ.03_058,13] Raphael: „Und wolltest von mir gewisserart doch nicht verstanden sein! Sieh, ich höre und sehe deine Gedanken; wie sollte ich deine Worte etwa nicht hören?! Sieh, das Tier, das ich dir zuvor an die Seite gestellt habe, hat denn doch noch so manche Ähnlichkeit mit dir! Aber ich sage es dir, wenn du zuvor nicht ebenso demütig werden wirst wie das graue Tier, wirst du das enge Pförtlein zur wahren Weisheit nicht finden!"
[GEJ.03_058,14] Sagt Ribar: „Aber sage mir, Freund, warum du mir denn so ganz eigentlich die Schande vor so vielen Menschen angetan hast!?"
[GEJ.03_058,15] Sagt Raphael: „Habe ich dir's doch dort deutlich gesagt, daß ihr noch so blind an eurer Seele seid, daß ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen könnet. Und so blind ihr dort waret, so blind seid ihr auch jetzt noch, trotzdem ihr zuwenig Fische verzehrt habt! Wollt ihr aber noch Fische, da saget es, und es werden wohl noch welche im Meere vorrätig sein!"
59. Kapitel
[GEJ.03_059,01] Sagt ein dritter aus der Gesellschaft der zwölf, der Bael heißt: „Freunde, laßt auch mich einmal ein Wort reden! Ich rede zwar für gewöhnlich wenig und höre etwas Weises lieber ganz wortlos an; aber bei aller eurer beider Rede hat bis jetzt noch sehr wenig Weisheit herausgeschaut. Der junge Jünger hat im Ernste recht, so er euch recht tüchtig auslacht; denn ich sage es euch auch, daß ihr den Wald vor lauter Bäumen nicht seht. Bedenket, wer wir sind und wer die große Gesellschaft ist; dann danket Gott, daß wir noch leben! Wir sind elende, schwache und gänzlich wertlose Erdwürmer, und diese Gesellschaft besteht aus Machthabern, vor denen die ganze Erde bebt; und wir Würmer getrauen uns noch, mit ihnen Worte der dümmsten Art zu wechseln!? Was hat es dich, Freund Suetal, denn geniert, daß dieser hohe, wundertätige und wahrhaft allmächtige Jüngling nun vor uns acht Fische verzehrte?! Sind wir hier denn nicht Gratisgäste, und sind wir nicht satt geworden? Ich meine: So wir nun mehr denn hinreichend gesättigt sind, was wollen wir da noch weiteres? Ist dieses Jünglings Natur also beschaffen, daß er, um sie zu befriedigen, mehr essen muß als wir ausgehungerten Tempellumpen, so haben wir darob ja doch kein kritisches Auge zu machen! Denn fürs erste hat er nicht aus unserem Beutel gespeist, und fürs zweite war es von eurer Seite im höchsten Grade unschicksam, ihn darum gewisserart zur Rede zu stellen! Ich bitte euch, werdet doch einmal klüger! Diesem Jünger gehorchen gewisserart alle Elemente, und ihr redet mit ihm, als wäre er so ganz schon euresgleichen. O ihr wahrhaft dummen Esel ihr! Er verdient mehr denn die Propheten der Vorzeit alle unsere Verehrung, des Geistes Gottes wegen, der durch ihn waltet, und ihr behandelt ihn wie einen euch ganz Ebenbürtigen! Wenn ihr im Tempel vor den Hohenpriester treten mußtet, da bebtet ihr vor lauter Ehrfurcht; hier ist millionenfach mehr als tausend Hohepriester auf einem Fleck, und ihr benehmet euch wie ein paar allerwahrhaftigste Trottel! Pfui, schämet euch! Seid stille, höret und lernet etwas; dann erst redet mit Menschen, die minder weise sind denn ihr! Aber den göttlichen Jüngling lasset mir in Ruhe, sonst müßte ich grob werden mit euch im Namen aller der andern Brüder, die hier an diesem Tische sitzen!"
[GEJ.03_059,02] Sagt Raphael: „Hast zwar gut gesprochen, lieber Bael; aber es sind so derbe Zurechtweisungen nie ganz in der Ordnung, weil sie im Hintergrunde nicht die Liebe, sondern einen versteckten Hochmut haben. Denn wenn du in solcher Derbheit deine Brüder zurechtweisest, so erbrennst du aus deinem Ärger, wirst erbost, und überredest dich selbst bis zum Zorn und richtest dann nichts Gutes aus; denn auf Dornen und Disteln wachsen keine Trauben und Feigen, und aus einer Brandstätte kommt lange kein Gras zum Vorschein.
[GEJ.03_059,03] Wenn du deinen Bruder führen willst, so mußt du ihn nicht so fest am Arme packen wie ein Löwe seine Beute, sondern wie eine Henne ihre Küchlein führt, also auch du deine Brüder; dann wirst du von Gott angesehen werden, dieweil du gehandelt hast nach der Ordnung der Himmel.
[GEJ.03_059,04] Versuche du zuvor stets die Kraft und die Macht der Liebe, was diese vermag, und wie weit sie reicht! Sollte es sich zeigen, daß in ihrer Sanftheit wenig oder nichts ausgerichtet wird, dann erst umhülle du die Liebe mit dem Gewande des vollen Ernstes und führe also aus tiefster Liebe deinen Bruder ernst festhaltend, bis du ihn gebracht hast auf den rechten Weg! Steht er einmal darauf, dann enthülle deine Liebe, und der Bruder wird dir dann ewig ein himmlischer Freund voll Dankbarkeit bleiben! Und das ist besser, weil es ist in der Ordnung Gottes von Ewigkeit."
[GEJ.03_059,05] Bael macht hier große Augen auf diese Zurechtweisung, und Suetal und Ribar drücken vor lauter Freude darüber dem Raphael die Hände; denn es gefiel ihnen wohl, an dem vermeinten jungen Jünger einen Vertreter ihres Menschenrechtes gefunden zu haben.
[GEJ.03_059,06] Aber der junge Jünger sagt zu ihnen: „Freunde, die Dankbarkeit für einen guten Dienst ist gut, wenn sie einen guten Grund hat; wenn aber der Grund nicht völlig gut ist, ja, eigentlich mehr schlecht als gut, dann ist auch die ganze und noch so reichliche Dankbarkeit nicht um ein Haar besser als der Grund selbst!"
[GEJ.03_059,07] Bei dieser Bemerkung des Raphael machen Suetal und Ribar große Augen, und Suetal fragt den Raphael, sagend: „Aber, liebster junger Freund, sage es uns doch, wie du solches meinst!? Es scheint uns, daß du mit unserer Dankbarkeit durchaus nicht zufrieden bist!"
[GEJ.03_059,08] Sagt Raphael: „Seht, bei einem Menschen nach der Ordnung Gottes muß am Ende auch alles in der vollen Ordnung Gottes sein. Die reine Liebe als das Fundament alles Lebens wie in Gott also auch im Menschen muß aus jeder Handlung hervorleuchten. Ihr seid mir nun dankbar, daß ich den Bael zurechtgewiesen habe, weil seine an euch gerichtete Zurechtweisung nicht auf dem Grunde der Liebe, sondern auf dem des Ärgers basierte, der ein Abkömmling des Zornes und der Rache ist. Bael hatte euer Gemüt offenbar verletzt, und ihr erbranntet darob geheim in eurem Herzen vor Ärger und hegtet zugleich den Wunsch, daß dem Bael dafür möchte eine so recht derbe Zurechtweisung zuteil werden. Und seht, solch ein Wunsch ist so ein jüngstes Kind des Rachedurstes, der nur in der Hölle daheim ist! Nun aber bin ich eurem Wunsche zuvorgekommen und habe ihm das Arge seiner Zurechtweisung klar gezeigt, und darüber habt ihr beide dann eine Freude in euch empfunden und waret mir darob dankbar.
[GEJ.03_059,09] Aber eure Freude war nicht darum in euch entstanden, weil ich den Bruder Bael auf den rechten Weg der Ordnung Gottes gebracht, sondern weil ich ihm an eurer Statt und nach eurer Meinung so einen recht festen Hieb versetzt habe, wodurch euer Rachedürstlein ein wenig abgekühlt wurde und ihr noch einen Grund habt, ihm zur noch öfteren Nachabkühlung eures Rachedürstleins solches vorzuhalten. Und seht, weil eure Dankbarkeit auf solch einem Grunde basiert war, der schlecht ist, weil keine Liebe darin war, so kann auch die Dankbarkeit selbst nicht gut sein!
[GEJ.03_059,10] Ah, wenn eure Dankbarkeit aber eine Frucht jener echt himmlischen Freude ist, daß ein etwas verirrter Bruder wieder auf den rechten Weg gesetzt worden ist, dann ist sie auch eine Frucht der Ordnung der Himmel, die Liebe heißt, und ist aus solchem Grunde heraus gut.
[GEJ.03_059,11] Wollt ihr, wie ihr berufen seid, wahrhaftige Kinder Gottes sein, so darf euch nie irgendein Grund zu einer Handlung bewegen, der da nicht in allen seinen Teilen auf der reinen Liebe basiert wäre; von einem Ärger, von einem Rachedürstlein und von einer noch so geringen Schadenfreude darf in eurem Herzen keine Spur vorhanden sein, denn das gehört der Hölle und nicht dem Himmel an.
[GEJ.03_059,12] Seht, wenn da in eurem Hause ein Bruder schwer krank am Leibe darniederläge und stünde in großer Gefahr, von der Krankheit getötet zu werden, wodurch ihr unter großer Traurigkeit einen lieben Bruder verlieren könntet, so werdet ihr sicher alles aufbieten, um dem Bruder zu helfen von seinem Leiden und ihn zu retten vor der Todesgefahr! Welch eine Freude werdet ihr haben, wenn durch eure Mühe eurem Bruder von Stunde zu Stunde besser und besser wird!
[GEJ.03_059,13] Wenn ihr aber schon eine solche Freude über die leibliche Besserung eures Bruders in euch empfindet, – um wieviel mehr habt ihr, als sämtlich Kinder eines und desselben guten Vaters im Himmel, euch zu freuen, wenn ein seelenkranker Bruder, der auf dem Wege des möglichen ewigen Verderbens stand, wieder geheilt wird zum ewigen Leben!? – Sehet ihr das ein oder nicht?"
60. Kapitel
[GEJ.03_060,01] Sagt Suetal: „Freund, so wie du redet kein Mensch dieser Welt! Du mußt ein höheres Wesen aus den Himmeln Gottes sein! Am Ende bist gar du selbst der große Heiland aus Nazareth?"
[GEJ.03_060,02] Sagt Raphael: „Oh, mitnichten! Dem auch nur die Schuhriemen zu lösen, bin ich ewig unwürdig! Ich bin dem Geiste nach wohl von oben her, aber nun diesem ebenfalls irdischen Leibe nach bin ich nur das und der, als den ihr mich habt kennengelernt!"
[GEJ.03_060,03] Sagt Suetal: „Aber nun, da wir, wie die vielen andere Gäste, schon abgespeist haben, möchte ich denn doch den himmlischen Meister kennenlernen, um ihm meine tiefste Verehrung zu bezeigen!"
[GEJ.03_060,04] Sagt Raphael: „Bin noch nicht ermächtigt dazu; wenn es an der rechten Zeit sein wird, wirst du und deine Brüder Ihn schon erkennen! Aber sieh, es ist nun noch so manches Unreine in eurem Herzen! Das müsset ihr erkennen und es als solches verabscheuen und aus euch schaffen dadurch, daß ihr in der Folge und von dem Augenblicke an, als ihr das Unlautere erkennet, es nimmer bei irgendeiner Gelegenheit verüben wollet; dann werdet ihr tauglich sein, den großen Meister vollauf zu erkennen!
[GEJ.03_060,05] Nun aber gebet alle wohl acht! Der Freund, der früher mit euch geredet hat, wird nun, nach seiner Miene zu urteilen, irgendeinen Vortrag halten; denn ich habe es bemerkt, daß der neben ihm sitzende Oberstatthalter Cyrenius ihn um etwas gefragt hat, – und siehe, wenn die Großen reden, müssen die Kleinen schweigen und zuhören, wo ihnen solches irgend gestattet ist! Darum wollen wir nun schweigen und einmal sie, unsere hohen Nachbarn, reden lassen!"
[GEJ.03_060,06] Fragt noch einmal Suetal den Raphael, sagend: „Könntest du, liebster junger Freund, mir denn nicht sagen, wer der nun reden wollende gute Freund eigentlich ist?"
[GEJ.03_060,07] Sagt Raphael: „Nein, jetzt nicht, denn nun heißt es schweigen und hören! – denn wenn der so recht über was immer zu reden beginnt, ist es stets vom höchsten Interesse, ihn anzuhören! Darum von nun an, bis er wird ausgeredet haben, kein lautes Wort mehr an unserem Tische!"
[GEJ.03_060,08] Mit dem begnügt sich Suetal und auch alle die andern und warten mit Ungeduld auf den Anfang Meiner Rede. Ich aber konnte mit Meiner Rede nicht eher beginnen, als bis der Cyrenius mit seiner durchaus sehr gewichtigen Frage über die Ehe, über den Ehebruch, über die Ehescheidung und über den Beischlaf mit einer Jungfrau noch ledigen Standes zu Ende war.
[GEJ.03_060,09] Suetal fragt nach ein paar Minuten schweigenden Harrens: „Na, wann wird er denn doch einmal anfangen?"
[GEJ.03_060,10] Sagt Raphael: „Aber du blinder und tauber Mensch, siehst du denn nicht, daß Cyrenius mit der Frage noch nicht zu Ende ist!? Oder kann man wohl eher zu reden und eine Frage zu beantworten anfangen als dann erst, wenn die Frage völlig zu Ende ist?! Gedulde dich, die Antwort wird nicht ausbleiben!"
[GEJ.03_060,11] Mit diesem Bescheide ist Suetal vorderhand zufrieden; aber Cyrenius dehnt seine Frage durch allerlei Nebenbemerkungen sehr aus, und Ich komme darum noch immer nicht zur Antwortgebung. Cyrenius spricht der nebensitzenden Jarah wegen etwas schwach, so daß natürlich unsere Nachbarn von seiner Frage nicht viel verstehen und sich darum sehr zu langweilen anfangen, weil sie nun von keiner Seite her ein lautes Wort vernehmen; denn bei den Römern war das eine Hauptlebenssitte, daß da Tausende schweigen mußten, so ein Hoher nur eine Miene machte, die allen andeutete, daß er reden werde.
[GEJ.03_060,12] Es vergehen nun abermals einige Minuten, und Ich rede noch nicht; da sagt Suetal zum Raphael: „Freundchen, die beiden Herren reden ja ganz stille miteinander! Von dieser vielleicht sehr weisen Unterredung werden wir nicht gar zuviel gewinnen, und wir könnten darum ganz bequem unter uns über etwas zu reden anfangen, was unsern Nachbarn vielleicht sogar sehr erwünscht wäre! Denn wenn solche hohen Herren still etwas untereinander reden, geben sie den sie umgebenden kleinen Menschen zu verstehen, daß sie nicht gehört werden wollen! Wir tun daher sehr unrecht, wenn wir nun also gänzlich schweigen und dadurch zu deutlich unsere Unartigkeit vor ihnen an den Tag legen; daher sollen wir auch über etwas reden!"
[GEJ.03_060,13] Sagt Raphael: „Schau, schau, was du doch für ein pfiffiger Kopf bist! – Dort siehe hin, es kommt noch eine zweite Ladung von wohl zubereiteten Fischen und von Broten und von mehreren Bechern voll des besten Weines auf diesen Tisch, weil ihr alle wegen meines bedeutenden Appetites etwas zu kurz gekommen seid!"
[GEJ.03_060,14] Sagt Suetal: „Gott Lob darum; denn ich wenigstens gewahre noch so einige Leerheiten in meinem Magen! Der Fisch, den ich vorhin verzehrte, war keiner von den größeren, und des Brotes war eigentlich auch kein zu bedeutender Überfluß an unserem Tische, und so kann uns ein solcher Nachtrag nur sehr erwünscht kommen."
[GEJ.03_060,15] Nun war Markus auch mit dem erwünschten Nachtrage an dem Tische und sagte: „Verzeiht, liebe Freunde! Dieser Tisch ist vorhin etwas schwächer als die andern bedacht worden, und so habe ich aus meinem großen Vorrate noch einen Nachtrag bereiten lassen; Gott der Herr segne ihn für euch alle!"
[GEJ.03_060,16] Darauf greifen nun bis auf den Engel alle wacker in die Schüssel und verzehren mit Hast die sehr gut zubereiteten Fische, sparen dabei das Brot nicht und verstehen sich auch auf den Wein. Es währt nicht lange, und der Tisch ist seiner neuen Last völlig ledig.
[GEJ.03_060,17] Als sie also den Tisch ohne Beihilfe des Engels gelüftet haben, sagt Suetal: „Gott dem Herrn und dem allein guten Vater der Engel und Menschen allein alles Lob! Nun wäre ich wieder einmal also gesättigt, wie ich es seit einem halben Jahre nicht mehr war! Jetzt läßt sich's schon schweigen und mit aller Geduld harren auf die versprochene Rede des weisen Griechen, der wahrscheinlich so ein geheimer Ratgeber des Hohen Statthalters von Cölesyrien und respektive Oberstatthalters von ganz Asien ist. Aber die von unserem jungen Freunde vorgesagte Rede läßt hübsch lange auf sich warten!
[GEJ.03_060,18] Der Oberstatthalter wird mit seiner sicher sehr umständlichen Frage nicht fertig, und der andere kann ihm nicht eher Antwort bringen, als bis der Oberstatthalter mit seiner sicher sehr gewichtigen Frage zu Ende sein wird! Das wird noch so eine hübsche Zeit hergehen! Auch die dreißig jungen Pharisäerchen und Levitchen spitzen schon sehr ihre Ohren! Aber es kommt noch lange keine Rede zum Vorschein!
[GEJ.03_060,19] Das junge Mädchen gefällt mir aber im Ernste gar nicht schlecht; aber in den Griechen scheint es bis über die Ohren verliebt zu sein! Es wendet ja kein Auge von ihm ab und scheint aus seinen Augen allerlei zu lesen; auf den jungen Sohn des Statthalters scheint es kein Auge zu haben, obschon er gar stattlich gekleidet neben ihr sitzt und sich, wie es scheint, so ein wenig zu langweilen anfängt! Oho, nun kommen ja noch vier recht artige Maide aus dem Hause! Das werden wahrscheinlich die Töchter des Wirtes sein! Was sie etwa nun machen werden?!"
[GEJ.03_060,20] Sagt Raphael: „Ich meine, daß du, Freund, ein Schwätzer bist und gar nicht stille sein kannst! Siehst du denn nicht, daß die Hausmaide die leeren Schüsseln abzuholen kommen, um sie für den Abend zu reinigen?! Bist du denn eines gar so beschränkten Geistes, daß du so etwas nicht auf den ersten Blick einsiehst? Wahrlich, du wirst noch lange kein Mathael!
[GEJ.03_060,21] Versuche dich doch einmal, ob du schweigen und im stillen bloß nur denken kannst; denn eine gewisse äußere Ruhe ist notwendig zur Erweckung des Geistes, ohne welche dieser allergewichtigste Lebensakt nie in die erfüllende Wirklichkeit übergehen kann!"
61. Kapitel
[GEJ.03_061,01] Raphael: „Siehe, in eines Hauses Innerem ist seit langem schon alles in der höchsten Unordnung; voll Schmutzes und allerlei Unflates sind dessen Gemächer. Aber der Hausherr hat stets auswärts etwas zu tun und nimmt sich daher nie eine rechte Zeit dazu, um das Innerste seines Hauses rein zu machen; da er aber zur Nachtzeit dennoch darin die Ruhe nehmen muß und die unreine Luft einatmet, so wird er krank und schwach, und es wird ihm fürder schwer werden, sein Haus zu reinigen und in der schlechten Luft zu genesen.
[GEJ.03_061,02] Und siehe, so ist dein Herz auch ein Haus der Seele und vorzüglich des Geistes! Wenn du aber immer nach außen hinaus tätig bist, wann wirst du da dein Lebenshaus reinigen, auf daß dein Geist gedeihe in der guten Luft deiner Seele?
[GEJ.03_061,03] Also ist fürs Gedeihen der Seele und des Geistes in ihr vor allem, was du tust, die äußere Ruhe notwendig!"
[GEJ.03_061,04] Sagt Suetal: „Aber Mathael sagte, daß das Leben ein Kampf sei und man es in der behaglichen Ruhe des Fleisches nicht erreichen kann; Mathael spricht sonach anders denn du, und du nun wieder anders denn er! Wer aus euch beiden hat nun recht?!"
[GEJ.03_061,05] Sagt Raphael: „Ich und der Mathael! Das Leben ist freilich ein Kampf, aber nicht ein ausschließlich äußerer, sondern ein ganz gewaltiger innerer gegen den äußeren! Der äußere Mensch muß am Ende von dem inneren total überwunden werden, ansonst stirbt der innere Mensch mit dem äußeren! Laß darum nun deiner Fleischzunge vom inneren Menschen einen Zaum anlegen, auf daß sie ruhe, damit die innere Gedankenzunge der Seele tätig werde und erkenne, wie sehr mistig und unlauter es noch aussieht in ihrem Lebenshause!
[GEJ.03_061,06] Bekümmere dich nicht um all die äußeren, nichtigen Erscheinungen; denn es liegt wenig daran, ob man ihren Grund kennt oder nicht! Aber in der wahren Sabbatfeier erkenne den wahren Grund des inneren Lebens der Seele und des Geistes; daran soll dir und jedem Menschen alles gelegen sein!
[GEJ.03_061,07] Was nützt es denn dir, so du wohl weißt und empfindest, daß du bist und lebst, aber dabei nicht weißt, ob du im nächsten Augenblick auch sein wirst und fühlen, daß du es bist?! Was nützen dir alle Kenntnisse und noch so hohe Wissenschaften, so du dein Leben nicht kennst und keine Wissenschaft von dessen Grunde in dir fühlst?!
[GEJ.03_061,08] Willst du aber dein Innerstes erkennen, so mußt du deine Sinne ja vor allem nach innen richten, gleichwie du deine Augen dahin wenden mußt, wo du etwas erschauen willst; wie willst du aber den Aufgang sehen, so deine Augen dem Abende zugewandt sind?! Siehst du, der du doch selbst schon ein Rabbi warst, nicht ein, daß du in Hinsicht deiner höchst eigenen Lebenssphäre noch so blind bist wie ein Embryo im Mutterleibe?!"
[GEJ.03_061,09] Sagt Suetal: „Ja, ja, ja, das sehe ich jetzt sehr gut ein, und wir alle werden nun schweigen wie eine Statue aus Stein!"
62. Kapitel
[GEJ.03_062,01] Darauf wird es still an dem Tische, dafür aber geraten die dreißig jungen Pharisäer und Leviten in einen Zank untereinander, weil ihnen ihr Redner Hebram auch das Schweigen gewisserart befohlen hat. Besonders ist unter ihnen ein gewisser Risa, dessen Eltern viele Güter besitzen, die nach ihrem Tode ihm als dem einzigen Erben zufallen müßten. Dieser hält sich sehr auf, als ihn Hebram daran erinnert, daß er nun lieber der weisen Worte Mathaels und besonders jener des Heilandes aus Nazareth in der Ruhe seiner Zunge gedenken solle, als in einem fort seinen Mund um sein nichtiges Erbe zu wetzen.
[GEJ.03_062,02] Risa aber macht dem Hebram die schmutzige Gegenbemerkung, sagend: „Die armen Teufel werden am Ende stets fromm und rutschen in allerlei Weisheit, weil sie wissen, daß sie von der Welt nicht viel zu erwarten haben; und die Großen und Reichen werden manchmal auch fromm und weise, auf daß sie die rabiat gewordenen armen Teufel leichter wieder zur Sanftmut und Geduld zurückführen können und diese sich künftighin ihre sie sehr drückende Armut wieder gefallen lassen!
[GEJ.03_062,03] Der Reiche geht in die Synagoge und betet vor dem Angesichte des Armen, um diesem glauben zu machen, wie fromm man sein müsse, um von Gott also gesegnet zu sein; und der Arme betet ebenfalls viel, erstens, um auch von Gott gesegnet zu werden, und zweitens, daß ihn der Reiche sieht und ihm darob etwa doch ein Almosen reicht. Was Unterschiedes ist dann zwischen beiden? Gar keinen Unterschied gibt es da! Denn da blendet der Reiche den Armen und der Arme so viel als möglich den Reichen, um von ihm etwas zu bekommen. Aber mich führt niemand hinters Licht, auch kein Wundertäter; denn die Wundertäter wissen es gar gut, für wen und warum sie ihre Scheinwunder verrichten! Wenn sie sehr große Meister ihrer geheimen Künste sind, da schlagen sie oft freilich groß und klein breit, werden förmlich als höhere Wesen verehrt und dadurch reich und mächtig!
[GEJ.03_062,04] Kurz, für die Blinden ist es leicht, ein Maler zu sein; man malt ihnen einen Bären vor und sagt: ,Seht, das ist eine reizende Jungfrau!‘, und sie glauben es. Sollte aber vor mir jemand ein Wunder machen, so wird er dadurch den scharfsehenden Risa dennoch nicht blenden und sich auch kein Almosen verdienen und bekommen!
[GEJ.03_062,05] Alles in der Welt ist Betrug; der am feinsten betrügen kann, ist stets am höchsten oben! Der es aber in seinen Betrügereien etwas ungeschickter macht, der wird auch auf der holprichten Bahn des Glückes keine zu großen Sprünge tun!
[GEJ.03_062,06] Glücklich aber ist nur der, welcher schon vom Anbeginn her ein reicher Besitzer ist von allerlei Gütern und dazu vom möglich größten Scharfblick, auf daß ihm nicht ein Bär für eine zarte Jungfrau vorgemalt werden kann! Das ist meine gesunde, von keinem armen pfiffigen Teufel umnebelte Anschauung der Welt und aller ihrer Verhältnisse! So war es allzeit und wird auch allzeit so verbleiben!
[GEJ.03_062,07] Mit dem ewigen Leben nach dem Tode aber lasse mich nur ein jeder in der Ruhe! Denn was daran ist, zeigt uns jedes Grab sowie jeder vor Alter umgefallene Baum in einem Walde. Was aus der Erde kommt, wird wieder zu Erde, und sonst gibt es nichts – außer die fromme Einbildung von seiten der armen Teufel, die von den Reichen natürlich gerne unterstützt wird!"
[GEJ.03_062,08] Hebram ist, wie schon ehedem bemerkt, über derlei Äußerungen sehr entrüstet und sagt zu Risa: „Bei dir sind demnach Moses und alle die großen und kleinen Propheten nichts als entweder wirkliche oder erdichtete Betrüger der blinden Menschheit, und der gegenwärtige Heiland aus Nazareth wird bei dir um kein Haar besser stehen?!"
[GEJ.03_062,09] Sagt Risa: „Wenn auch gerade für keine böswilligen Betrüger, aber für Betrüger besserer Art immerhin; denn alle verstanden sich gar gut darauf, den blinden Menschen, wennschon gerade keine Bären, so aber doch Affen statt der Menschen hinzumalen und das X für ein U hinzustellen!
[GEJ.03_062,10] Was aber den Heiland aus Nazareth betrifft, so ist er sicher auch mit den heimlichen Kräften durch Unterricht sehr vertraut geworden; er kann sie nun benutzen; und wir, als in das Uneingeweihte schauen darein wie ein Ochse in ein neues Tor, und wissen es nicht, wo aus und wo ein die Sache gehet!
[GEJ.03_062,11] Aber seine Lehre ist gut; denn so alle Menschen solch eine Lehre hätten und sie befolgten, da müßte es am Ende allen Menschen auch möglichst gut gehen! Aber wer wird solche Lehre jetzt allen Menschen auf der weiten Erde verkünden? Und wäre das auch irgend ermöglicht, Frage: Auf welche unüberwindlichen Anstände und Hindernisse würde solch eine Arbeit stoßen?!
[GEJ.03_062,12] Denn in allen Dingen sind die Menschen zugänglicher als eben in der Sache ihrer verschiedenen Religionen und Gotteslehren!
[GEJ.03_062,13] Der gemeine Mensch ist überall bei weitem mehr Tier als Mensch. Es fehlt ihm jede höhere Intelligenz, und er wird sich darum von seiner tausendjährigen Begründung trotz aller ihrer mit Händen zu greifenden Falschheit und süßen Torheit nicht herausheben lassen; der mehr intelligente Mensch aber wird sich denken: ,Bei der alten Dummheit ist gut leben; wozu etwas Neues, von dem man keine Erfahrung hat, wie es aufgenommen würde, und wie sich's dann dabei leben ließe?‘ Daher gelten solche Aufhellungen für einzelne Orte und sind soviel als möglich geheim zu halten, so sie ihren wenigstens einige Menschen beglückenden Wert vor der großen Weltmenge erhalten sollen; geht so etwas einmal in die Allgemeinheit über, so verliert es seinen Wert, wird bald lächerlich, und es krähet dann kein Hahn mehr danach. Was ein – sage – Mensch bewirken kann, das machen ihm dann bald Tausende nach, wenn sie in die Sache nur einigermaßen eingeweiht werden!
[GEJ.03_062,14] Und so, meine ich, wird dieser sonst gute Meister aus Nazareth auch bald eingehen, besonders, wenn er seine geheimen Wissenschaften auch den andern Menschen einlernen wird, wie wir solches gerade ehedem bei dem jungen, schönen Menschen gesehen haben, der im Wunderwirken schon eine meisterliche Fertigkeit erlangt hat!
[GEJ.03_062,15] Wenn aber ein Jünger schon solche unerhörten Dinge zuwege bringt, was bleibt dann noch für den Meister übrig?! Können die Jünger gehörig schweigen, dann kann daraus wenigstens eine einträgliche Anstalt kreiert (geschaffen) werden, wenn sie sich's mit den Machthabern der Welt nicht verdirbt; denn diese unterstützen gerne solche Institute, die ihrer außerordentlichen Effektuierung (Wirkung) wegen ganz geeignet sind, das Volk mit im Zaume zu halten durch großartige Verheißungen im einstigen Jenseits, bestehend gewöhnlich im Lohn oder in einer unendlichen Strafe.
[GEJ.03_062,16] Sowie aber dann dergleichen geheime Wissenschaften ins Volk kommen und demselben reiner Wein eingeschenkt wird, dann ist es aus! Da wird endlich alles bekrittelt und verlacht, kein Mensch hält irgend mehr etwas darauf und aller früher so erhaben begeisternde Wert ist unwiederbringlich verloren, und die Menschen sinnen dann auf etwas noch Außerordentlicheres, finden aber gewöhnlich nichts mehr, solange sie helle bleiben. Nur nach Jahrhunderten, wenn irgendeine alte, süße Dummheit wieder Platz gegriffen hat, kann irgendein abenteuerlicher Pfiffikus schon wieder sich irgendein Völklein auf etliche Jahrhunderte zinspflichtig machen, wenn er es recht gescheit anstellt; stellt er es aber nur so ein wenig dumm an, so kann er dann bald sehen, wie er mit heiler Haut das Freie gewinnen wird.
[GEJ.03_062,17] Seht, ich bin wahrlich kein Prophet, wie es einen eigentlichen wahrscheinlich auch nie und niemals gegeben hat! Aber ich getraue es mir nun fest zu behaupten, daß sich der Tempel mit seinen großartigsten Prellereien kaum mehr ein Jahrhundert halten wird, trotz aller seiner vermeinten Vorsicht! Denn wenn solch eine Anstalt einmal zu gewinnsüchtig wird, dann verrät sie sich bald, verliert den erhabenen Nimbus, und aus ist's mit ihr! Zweitausend Jahre scheint aber schon der längste Termin zu sein, den eine Lehre behaupten kann; dann fällt sie in ihre Nichtigkeit zurück, und man kann nur in irgendeiner Chronik noch einzelne Bruchstücke von ihr zu Gesichte bekommen.
[GEJ.03_062,18] Nur die Kunst zu rechnen, die schon die alten Phönizier sollen erfunden haben, und die von den Ägyptern und Griechen sehr erweitert worden ist, kann nie vergehen, weil sie Wahrheiten enthält, die für jedermann einleuchtend, höchst nützlich und daher unverwüstbar sind.
[GEJ.03_062,19] Jede andere Lehre aber, die von den Menschen allerlei Opfer verlangt und, so man sie sich angeeignet hat, keinen andern Vorteil bietet, als daß man etliche Kranke wieder gesund machen und im Notfalle auch noch ein anderes Wunderchen hinzu wirken kann, kann sich nicht halten! Denn fürs erste beruht sie nicht auf einer mathematisch erweisbaren Basis, und fürs zweite bleibt sie, selbst bei der besten Versicherung von seiten ihres Stifters, für die Folge nie so einfach und rein, wie sie vom Stifter ausgegangen ist.
[GEJ.03_062,20] Gewöhnlich fängt man mit allerlei Erklärungen an, weil ein jeder Stifter einer Lehre stets mehr oder weniger ein Huldiger des alten Mystizismus ist und seine sonst oft sehr gesunde Lehre mit allerlei unverständlichen mystischen Brocken ausfüllt, die er zuerst wahrscheinlich selbst nicht verstanden hat und seine Nachfolger um so weniger verstehen können. Nach und nach wird so eine Lehre dann immer breiter und breiter, das alte Mystische in ihr wird immer mystischer, man erbaut große Hallen und treibt allerlei Zeremonie mit einem furchtbar ernsten Gesichte, um dem Volke die alte Heiligkeit einer einst ganz einfachen Lehre desto ersichtlicher und eindringlicher zu machen. Aber es nützt das alles nichts, denn mit der Zeit werden den Menschen durch allerlei Erscheinungen aus dem Gebiete der Natur und der gesunden Vernunft die Augen geöffnet, und mit der ganzen alten Lehre ist es dann so gut wie aus; denn die hie und da noch erhaltenen Bruchstücke können dennoch nie wieder in ein rundes Ganzes zusammengesetzt werden. – Seht, das ist so meine gesunde Meinung, die ich jedoch niemandem aufdringen will und werde."
63. Kapitel
[GEJ.03_063,01] Sagt Hebram: „Freund, so wie du nun die Sache ganz vernünftig dargestellt hast, habe ich sie schon öfters darstellen gehört; aber hierher taugt dieses nicht, denn da sitzt mehr als ein gewöhnlicher, mit allen persischen und ägyptischen Zauberkünsten unterspickter Magier!
[GEJ.03_063,02] Denke du nur an die Reden Mathaels und an die Taten, Lehren und Reden des großen Meisters selbst, und es muß dir einleuchtend werden, daß du mit aller deiner noch so gesund scheinenden Vernunft dennoch auf dem Holzwege bist!
[GEJ.03_063,03] Ich kenne mich in der Magie auch ein wenig aus und kenne die verschiedenen Arten der persischen und ägyptischen Magie; aber das zu bewerkstelligen, was hier schon alles bewerkstelligt worden ist, und die Lehren alle, die wir hier schon vernommen haben, deuten offenbar auf einen höheren Ursprung hin, als wir ihn uns nun vorzustellen imstande sind.
[GEJ.03_063,04] Jener Jüngling dort bei den zwölfen hat einen Stein vor unsern Augen auf dem Tische in Staub verwandelt, setzte den Staub wieder zu dem vorigen Steine zusammen und machte ihn endlich ganz verschwinden. Und wie er ehedem eben aus einem Steine Brot machte, darauf einen Fisch, der noch zu sehen ist, und am Ende noch einen kompletten Esel in OPTIMA FORMA hervorbrachte, Freund, das sind Erscheinungen ganz anderer Art, als wir einige schale und nichtssagende Wunderchen von einigen persischen Magiern in Damaskus gesehen haben! Wer dort nur ein wenig übers ,Eins und Eins‘ hinaus zählen konnte, war gar leicht imstande, den Betrug mit Händen zu greifen und sich eine Erklärung in OPTIMA FORMA zu schaffen; wer aber kann sich eine andere Erklärung schaffen, als welche uns Mathael gegeben hat von der alleinigen Macht und Kraft des Grundlebens in und aus Gott?!
[GEJ.03_063,05] Du tust demnach hier sehr unrecht, wenn du das, was hier ist, in die bekannte Kategorie des leidigen Betruges schiebst, wie du eben auch sehr unrecht tust, so du Moses und alle andern Propheten in die gleiche Kategorie steckst; denn Mathael hat uns doch hinreichend gezeigt, was da steckt hinter dem großen Befreier unseres Volkes aus dem harten Joche der Ägypter.
[GEJ.03_063,06] Moses war eine so außerordentliche geistige Größe vor Gott und den Menschen, daß die Erde bis auf diese Zeiten nichts Größeres aufzuweisen hat. Hier aber, Freund, sitzt in menschlicher Gestalt eben Der, vor dessen heiligstem Angesichte sich der große Moses sein Angesicht verhüllte; daher ist es im höchsten Grade unklug von dir, hier von Ihm zu reden wie von einem natürlichen Menschen!
[GEJ.03_063,07] Zähle die Gäste, die hier gespeist werden dreimal des Tages mit den besten und edelsten Fischen, die keine Gräten haben, mit Brot, Wein und allerlei Obst, mit Honig, Milch, Käse und Butter! Bedenke aber auch zugleich, daß unser Gastwirt im Grunde ein mehr armer als wohlhabender Mensch ist! Bei drei Joch ist sein Grund groß, hat nur wenig Äcker, und diese sind, wie zu sehen, sehr steinig. Die Fischerei ist noch das beste; aber was kann sie bezwecken für so viele Gäste? Wir werden unser nun in allem bei vierhundert Mann sein, und alles ist vollauf gesättigt, dazu noch die vielen Lasttiere der Römer und Griechen, und keines leidet irgendeine Not. Gehe aber in die Speisekammer unseres Gastwirtes, und du wirst sie vollgestopft finden mit allerlei Früchten und mit einer Masse des allerbesten Brotes, und der tiefe Felskeller ist voll Weines, so daß wir mit demselben in einem Jahre nicht fertig würden, so wir ihm auch noch so zusetzten! Frage aber dann den treubiedern und wahrheitsliebenden Gastwirt, wie er zu all dem gekommen ist, und er wird dir nichts antworten als: ,Allein durch Wunder über Wunder von seiten des großen Heilandes aus Nazareth!‘
[GEJ.03_063,08] Wenn aber also, wem kann es da noch einfallen zu behaupten, daß dies alles ein Betrug sei, den die Mächtigen der Erde irgend ausgeheckt haben, um dadurch die blinde und dumme Volksmenge zu täuschen und sie sich ergebener und zinspflichtiger zu machen?! Ich sage es dir: Hier ist mehr, als was der Verstand aller Weisen der Erde je fassen wird; hier waltet Gottes Kraft, wie sie schon dann und wann auf der Erde gewaltet hat und noch fürder walten wird! Wenn solches auch deine gesund sein wollende Vernunft nicht begreift, so ist es aber dennoch also, wie ich es dir nun gesagt habe; gehe aber hin und überzeuge dich von allem selbst, und rede dann, ob es da mit natürlichen Dingen zugeht!"
[GEJ.03_063,09] Sagt Risa: „Ja, ja, wenn also, dann freilich bin ich wohl genötigt, von meinen Behauptungen gar vieles zurückzunehmen, und will sonach auch dem Moses und den andern Propheten ihren göttlichen Wert durchaus nicht streitig machen; aber dies eine bleibt dennoch wahr, daß sich am Ende keine Lehre, und wäre sie auch noch so göttlichen Ursprungs, in ihrer Reinheit auch nur ein paar Jahrhunderte hält!
[GEJ.03_063,10] Moses war noch am Berge und vernahm dort die Anordnungen Jehovas, und das Volk im Tale tanzte um ein goldenes Kalb; welch ein ganz anderes Gesicht aber bekam Mosis Lehre schon, als an die Stelle der Richter ein König Saul trat, und wie anders wieder fing das alles schon unter David an auszusehen, und wie verändert erst unter Salomo und dessen Nachfolgern?!
[GEJ.03_063,11] Es fiel stets etwas Reines und Göttliches hinweg und ward durch weltliche Menschensatzungen ersetzt, so daß effektiv bis auf uns herab nunmehr bloß die Namen gekommen sind, sonst aber ist der ganze Moses nahe verschwunden; nur das ist noch beibehalten worden, was den Tempeldienern noch einen gewissen göttlichen Nimbus gibt. Das Pönitentiale (Strafrichterliche) haben sie beibehalten, um dadurch die arme Menschheit aus einer gewissen göttlich autorisierten Rechthaberei so recht teuflisch quälen zu können; aber das eigentlich Göttliche ist schon lange völlig ausgemerzt worden; wegen der zehn Gebote Gottes läßt man sich kein graues und härenes Bußkleid mehr machen. Der Ehebruch bei angesehenen Leuten, die sehr reich sind, wird noch als etwas angesehen, weil sich dergleichen Menschen durch vieles Geld von der Steinigung loskaufen müssen. Sie bekommen dann nur ein sogenanntes verfluchtes Wasser zu trinken, das ihnen keine Bäuche zerbersten macht; denn derlei Sünder sind ja für die vielen Bedürfnisse des Tempels noch zu öftern Malen gut zu gebrauchen! Wenn aber die hohen Diener des Tempels Ehebruch begehen, so kräht danach ohnehin nie irgendein Hahn; nur wenn ein armer Teufel irgendwann einen Ehebruch beginge, der wird dann freilich noch ganz gehörig gesteinigt.
[GEJ.03_063,12] Nun aber lesen wir, mit welch einem unerhörten Aufwande der göttlichen Macht und Kraft die zehn Gebote den Menschen von Gott unter alle Enden der Erde erbeben machenden Blitzen und Donnern gegeben wurden, und wie solch ein göttlicher Schreckensernst sich darauf mehrere Jahrhunderte hindurch noch zu öftern Malen in allerlei Orten wiederholt hat. Wie oft ist dies Volk von Gott laut den Schriften der großen und kleinen Propheten gewarnt worden! Was nützte jedoch alles das für diese Zeit? Wie wir nun stehen, das wissen wir, und mehr brauche ich dir nicht zu sagen! Wahrlich, so es irgendeine Hölle gibt, so kann es darin unmöglich noch schlechter aussehen!
[GEJ.03_063,13] Wenn aber sein sollende rein göttliche Offenbarungen nur solche Früchte zum traurigsten Vorschein bringen, wie wir sie nun unter den Pharisäern sehen; da frage ich denn doch jeden im Gehirne Gesunden, ob es da am Ende schwer wird, allen Glauben an eine wie immer geartete göttliche Offenbarung und Vorsehung an den Nagel zu hängen!?
[GEJ.03_063,14] Was du hier von dem großen Heilande gesagt hast, ist alles richtig und wahr, und es mag seine Lehre auch mit einem besseren Erfolge gekrönt werden als alle Gotteslehren bis auf uns herab; aber ich möchte nach nur einem halben Jahrtausende mit meinem jetzigen Bewußtsein Zeuge sein und sehen, welch ein Gesicht dann diese neue Lehre im allgemeinen machen wird, vorausgesetzt, daß ihre tatsächliche Beachtung auch also wie alle die früheren dem freien Willen der Menschen anheimgestellt wird!
[GEJ.03_063,15] Nur einen Vorsteher an die Spitze im Anfange, und in tausend Jahren wird es wimmeln von solchen Vorständen, die bei dem Vortrage dieser reinen Lehre ihren Bauch nicht vergessen werden! – Sage mir, ob ich mit meiner Ansicht so ganz auf dem Holzwege bin, wie du ehedem gemeint hast!"
64. Kapitel
[GEJ.03_064,01] Sagt Hebram: „Ja und nein! In rein diesirdisch menschlicher Weise hast du nach meiner Ansicht freilich wohl recht, aber nach der rein göttlichen hast du sehr unrecht und bist darum dennoch auf dem Holzwege; denn Gottes Pläne sehen sicher ganz anders aus denn die unsrigen. Sieh, hätten wir die Sterne ans Firmament gesetzt, so würden wir sie sicher mehr gleichmäßig gestellt haben; so aber hat sie Gott, der allein Allmächtige, wie einen Lichtleinspuk hinausgestellt! Warum denn also?
[GEJ.03_064,02] Sieh an das Gras auf dem Felde, wie da die Kräuter durcheinander gemengt sind! Warum da keine Ordnung, an der unser symmetrischer Sinn irgendein mathematisches Vergnügen haben könnte?! Überall, wohin du deine Sinne auch wenden magst und willst, wirst du viel mehr Chaotisches als irgend symmetrisch Geordnetes in aller Kreatur antreffen! Und dennoch muß Sich der Schöpfer auf die Symmetrie auch recht verstehen; denn davon liegen zunächst in unserer menschlichen Form die handgreiflich überzeugendsten Beweise. Wenn der gute Schöpfer aber in einer Hinsicht die höchste Symmetrie zu beobachten sicher imstande ist, anderseits auf sie aber auch nicht die geringste Rücksicht zu nehmen scheint, so muß dahinter irgendein uns Würmern des Staubes freilich noch sehr unbekannter Grund stecken, aus dem der Schöpfer einerseits die höchste Symmetrie und anderseits das schnurgeradeste Gegenteil beachtet! Warum ist denn nicht ein Jahr wie das andere, warum nicht ein Tag wie der andere?
[GEJ.03_064,03] Sieh, wenn man die Sachen also betrachtet, so muß da die sogenannte symmetrisch gesunde Menschenvernunft ja so manches finden, das sie mit der gehörigen Schärfe ihres Witzlichtes bemängeln könnte; aber da kommt der große Meister Selbst und sagt: ,Schuster, nur soweit dein Leisten geht, kannst du urteilen, – aber weiter hinauf nicht!‘
[GEJ.03_064,04] Wie wir es aber erschauen, daß da in der großen Schöpfung Gottes allenthalben eine scheinbar höchste, rein chaotische Unordnung mit der höchsten Ordnung verbunden ist, ebenso kommt es mir auch mit den verschiedenen Offenbarungen Gottes an die Menschen dieser Erde vor. Er als der alleinige Schöpfer wußte es am besten, was in den verschiedenen Zeiträumen und für die verschiedenen Völker zu ihrer geistigen Entwicklung am besten taugte.
[GEJ.03_064,05] Er aber läßt mit der Zeit auch aus sicher höchst weisen Gründen eine einmal gegebene Lehre ebenalso verwelken, wie da auf dem Erdboden verwelken zahllose Kräuter und Blumen; aber der Same, der sich aus der Blume entwickelt gleich der reinen, lebendigen Wahrheit, verwelkt nicht, sondern bleibt lebendig fort und fort.
[GEJ.03_064,06] So wir aber sehen, daß der Schöpfer mit der Zeit all das für eine Zeit notwendige noch so schöne Äußere zugrunde gehen läßt und am Ende alle Sorge auf die Entwicklung des inneren Lebens verwendet bei allen uns bekannten irgendein Leben tragenden Dingen, können wir uns da verwundern, wenn wir solches auch mit den Offenbarungen geschehen sehen?
[GEJ.03_064,07] Ohne ein irdisches Zungenwort kann keine noch so reine Lehre zu uns gelangen; das äußere Wort aber ist da schon materiell und muß am Ende, wenn sich der innerste, reine Geist entwickelt hat, hinwegfallen. Und so geht mit den äußeren Gotteslehren mit den Zeiten wohl der Außenprunk notwendig in stets etwas Mißlicheres über; aber dafür entwickelt sich im Hintergrunde stets mehr und mehr die reinste, geistige Kraft und Wahrheit einer früheren Offenbarung Gottes an die Menschen. – Ist es also oder nicht, Freund Risa?"
[GEJ.03_064,08] Sagt Risa: „Bruder Hebram, ich bewundere dich! Bei Gott, du hast nun mit deiner wahrhaft weisen Rede meine ganze Denkweise umgestaltet, wofür ich dir wahrlich sehr zum Danke verpflichtet bin! Es ist wahrlich also, wie du es mir nun dargestellt hast; ich mag denken, wie ich will, so finde ich die Sache nun stets klarer! Kurz, du hast über meine Vernunft in jeder Hinsicht gesiegt! Ich bin dir dafür sehr vielen Dank schuldig."
65. Kapitel
[GEJ.03_065,01] Hier wende Ich Mich um und sage zu Hebram: „Nun, nun, du hast ja schon große Fortschritte in der Weisheit gemacht, so wie ihr alle; wahrlich, an solchen Jüngern kann man eine rechte Freude haben, und sie werden bald zu guten Arbeitern im Weinberge Gottes zu verwenden sein! Aber auf eines mache Ich euch alle dennoch aufmerksam, und dieses eine besteht darin:
[GEJ.03_065,02] Ihr gleicht nun den Frühblümchen, die im Frühjahre schnell ihre Häupter über den toten Erdboden gar herrlich erheben. Kommen hinfort keine Fröste, dann sind solche emsigen Blümchen ganz wohl daran; kommen aber, wie das die Frühjahre zumeist bezeugen, auf warme Tage wieder einige mit schaurigem Froste, da lassen solche Frühblümchen dann gerne ihre herrlich geschmückten Häupter hängen und verdorren darauf oft ganz und gar.
[GEJ.03_065,03] Ich sage es euch: Ein Mensch sieht oft eine Wahrheit noch so klar ein; wenn sich aber oft trübe Wolken, mit allerlei versuchenden Ungewittern schwanger, über das Gemüt des Menschen zu erheben anfangen, da wird es trüber und trüber im Menschenherzen, und er ersieht dann gar manches nicht mehr, was noch kurz vorher doch so klar erleuchtet vor seiner Seele stand.
[GEJ.03_065,04] Bewahret daher wohl in euch, was ihr nun erfahren habt und erhebet eure schön geschmückten Häupter erst dann über den Boden der Erde eurer äußeren Menschheit, wenn die Prüfungsfröste vorüber sein werden; wahrlich, dann wird euer Wissen von keinem bösen Reife mehr zerstört werden können!
[GEJ.03_065,05] Es braucht aber alles seine Zeit, bis es gediegen und haltbar wird; also auch des Menschen Wissenschaft. Es ist bei guter Gelegenheit so manches oft schnell erlernt und auch begriffen, – aber über andern Erscheinungen auch ebensobald vergessen! Darum erfasset alles, was ihr vernehmet, mehr mit eurem Gemüte denn mit eurem Gehirne, so wird es euch auch bleiben!
[GEJ.03_065,06] Wenn ihr eine Blume ansehet, so habt ihr sicher eine rechte Freude ob ihrer schönen Gestalt; aber was nützet euch solche Freude, die doch notwendig ebenso vergänglich ist wie die Blume, die in euch solche Freude erweckte?! Die Kraft der Blume muß sich aber ablagern in die Tiefe jenes Gefäßes, in welchem der lebendige Same gehegt und gepflegt wird, und so muß auch eure äußere Freude verwelken, und ihre Kraft muß hinabsteigen in den tiefen Grund, allwo das ewige Leben des Geistes gehegt und gepflegt wird; dann wird daraus eine mit dem Geiste ewig dauernde Freude über dessen wahrhaftige innere Schönheit erstehen, der kein Reif mehr irgend etwas wird anhaben können.
[GEJ.03_065,07] Nun aber gebet recht wohl acht; denn Ich werde nun jene Stücke ein wenig näher beleuchten, über die der Cyrenius eine nähere Aufhellung wünscht!"
[GEJ.03_065,08] Darauf aber wandte Ich Mich zur Jarah und zum Josoe und sagte zu ihnen: „Und ihr, Meine allerliebsten Kinderchen, könnet nun ein wenig in die Küche zu den Töchtern unseres Markus gehen, die werden euch so manches zu erzählen wissen, was sie nun seit etlichen Tagen bei ihrer Kocherei alles erlebt haben, was zu vernehmen euch beiden sehr nützlich sein wird; denn das Ich noch den Gästen vortragen werde, ist wie ein steinig hartes Brot, und es gehören da schon sehr kräftige und gut ausgebildete Zähne dazu, um solch ein hartes Stück Brot ganz gehörig zermalmen zu können, auf daß es darauf den sehr empfindlichen Magen der Seele nicht belästige und ihm Schmerzen und Schaden verursache. Später, wenn die Zähne eures Gemütes kräftiger werden, wird euch auch solches mitgeteilt werden!"
[GEJ.03_065,09] Jarah verläßt zwar nicht gar zu gern ihren Platz, aber Josoe sagt zu ihr: „Komm, liebe Jarah, nur ganz freudig mit mir! Denn was der Herr will, das muß man stets mit freudigem Herzen sogleich befolgen; verstehst du solches ja doch besser denn ich, darum erhebe dich nun nur behende von deinem Sitz und komme mit mir nach dem Willen des Herrn!"
[GEJ.03_065,10] Darauf erhebt sich die Jarah und geht mit dem Josoe in das Haus des Markus, wo sie von dessen Töchtern nach des Hauses Brauch sehr freundlich empfangen wird, und es gibt da bald ein Wort das andere, und die Kinder unterhalten sich bis nahe an den Abend hin ganz gemütlich und sich gegenseitig belehrend.
[GEJ.03_065,11] Ich aber wende Mich nun an den Cyrenius und sage: „Nun, liebster Freund, kannst du aufmerken, was Ich dir über deine ziemlich gedehnte Frage für eine aufklärende Antwort geben werde; bei der bleibe du dann und ein jeder, der sie vernehmen wird!"
[GEJ.03_065,12] Hier wollte Suetal dem Raphael noch eine frohe Bemerkung zuflüstern darüber, daß Ich nun endlich werde zu reden beginnen; aber Raphael bedeutete ihm ernstlich zu schweigen, und er schwieg denn auch, und Ich begann also weiterzureden:
66. Kapitel
[GEJ.03_066,01] (Der Herr:) „Sieh, es ist eine eigene Sache um die Zeugung eines Menschen! Um eine rechte und gesunde Frucht zu zeugen, müssen zwei reife Menschen, nämlich ein Mann und ein Weib, eine rechte Seelenverwandtschaft untereinander haben, ohne die sie schwerlich oder oft wohl auch gar nicht durch den bekannten Akt der Zeugung zu einer Frucht gelangen werden.
[GEJ.03_066,02] Sind nun ein Mann und ein Weib in ihren Herzen und Seelen verwandter Natur, so sollen sie sich denn auch ehelichen und sich nach der Ordnung, wie sie in der Natur leicht zu finden ist, des Zeugungsaktes lediglich zu dem Behufe bedienen, um zu einer lebendigen Frucht nach ihrem Ebenmaße zu gelangen; ein mehreres, als eben dazu vonnöten ist, ist wider die Ordnung Gottes und der Natur und somit ein Übel und eine Sünde, die nicht um vieles besser ist als die stumme zu Sodom und Gomorrha!
[GEJ.03_066,03] Hat ein Mann viel des Samens, nun, so tue er ihn legen in einen andern Acker, nach der guten Art der alten Väter und Patriarchen, und er wird nicht sündigen. Wenn er aber bloß heimlich ausgeht, um mit feilen Dirnen zu befriedigen seinen Trieb und sich dadurch zu erlustigen ohne Zeugung einer Frucht, so begeht er dadurch ganz sicher eine grobe sodomitische Sünde wider die göttliche Ordnung und wider die Ordnung der Natur!
[GEJ.03_066,04] Nur ein junger, zeugungsfeuriger Mann, so er von den Reizen eines Mädchens zu sehr ergriffen wird derart, daß er kaum seiner Sinne mächtig ist, der kann eine Jungfrau beschlafen, ob mit oder ohne Zeugung; aber nach dem Akte hat er ihr das gewissenhaft zu entrichten, was durch Moses verordnet ward. Und ist aus solcher Notzeugung eine Frucht zustande gekommen, so muß er der Jungfrau das Zehn- bis Hundertfache von dem geben, was er ihr nach Moses nur einfach schuldig wäre, wenn keine Frucht aus dem Akte entstanden wäre; denn eine Jungfrau bringt einem solchen Menschen ein großes Opfer auf Leben und Tod! Kann ein Mann darauf eine solche Jungfrau ehelichen, so soll er das nicht unterlassen; denn, wie gesagt, sie hat ihm ein großes Opfer gebracht und ihn einer betäubenden Bürde entledigt.
[GEJ.03_066,05] Aber für die Folge soll solch ein zeugungsfeuriger Mann sich alsogleich ein ordentliches Weib nehmen und im Notfall im billigen Einverständnisse mit dem rechtmäßigen Weibe auch ein Kebsweib, auf daß daraus kein Zank und Hader entsteht; kann sich aber ein solcher Mann selbst verleugnen, so wird er dafür in Kürze leichter denn ein anderer einer höheren geistigen Gnade des inneren Lebens teilhaftig werden.
[GEJ.03_066,06] Wie man sich aber ein rechtmäßiges Weib zu nehmen hat, so ist solches nach der Ordnung aus den Himmeln schon durch Moses verordnet worden und hat fürder bis ans Weltende dabei zu verbleiben.
[GEJ.03_066,07] Aus dem bereits Gesagten aber wirst du gar leicht ersehen, was da ist die Unzucht, und warum sie von Moses als eine schwere Sünde verboten ist; denn es ist von Gott aus dem Menschen alles nach der göttlichen Ordnung verordnet. Wer in solcher Ordnung verbleibt, der wird auch die Früchte des Segens von oben ernten; wer aber wider solche Ordnung handelt, der wird die Früchte des Fluches ernten.
[GEJ.03_066,08] Kann aber irgendein Zeugungsfeuriger bei aller seiner Not dennoch zu keiner natürlichen Löschung seines ihn quälenden Feuers gelangen, dem rate Ich ein fleißiges Baden im kalten Wasser und ein recht brünstiges Gebet um die Linderung dieser Plage, so wird ihm solche Plage ehestens abgenommen werden; jede andere Löschungsart aber ist vom Übel und erzeugt abermals Übel, das Übel aber ist Sünde und zeuget wieder Sünde.
[GEJ.03_066,09] Zugleich aber soll das allen Eltern ans Herz gelegt sein, daß sie ihre erwachsenen Kinder nicht den Reizungsgefahren aussetzen sollen! Denn ein brennbares Material kann leicht in den Brand geraten; wenn aber einmal die Flammen von allen Seiten lichterloh aufschlagen, dann geht es mit dem schnellen Löschen oft gar nicht mehr, und ohne Opfer schlägt keine Flamme auf! Wenn sie gelöscht ist, zeigt sich dann auch bald der Schaden, den sie verursacht hat.
[GEJ.03_066,10] Darum sollen besonders die Jungfrauen wohl gekleidet, aber nie reizend bekleidet einhergeben, und die Jünglinge sollen nicht dem Müßiggange preisgegeben werden; denn der Müßiggang ist stets der Zeuger aller Laster und Sünden.
[GEJ.03_066,11] Wer aber sich einmal ein ordentliches Weib genommen hat, der ist an dasselbe gebunden bis zum Tode, und der Scheidebrief Mosis hebt den Ehebruch vor Gottes Ordnung nicht auf, so ein solcher Mann dann eine andere ehelichen würde; ehelicht aber das geschiedene Weib, so bricht sie auch die Ehe. Kurz, wer da nach der erfolgten Ehescheidung heiratet, ist ein Ehebrecher; wer aber nicht ehelicht, der ist denn auch kein Ehebrecher.
[GEJ.03_066,12] Geistig aber bricht auch der die Ehe, der ein Weib, das schon verehelicht ist, ansieht und in seinem Herzen den Sinn faßt, es durch allerlei Blendungen zum Ehebruch zu verleiten, wenn das vollbrachte Werk auch unterblieb.
[GEJ.03_066,13] Siehst du aber deines Nächsten Weibes Reize und lässest dich davon berücken, so hast du auch einen Ehebruch begangen; denn dadurch hast du deines Nächsten Weib zu einer Hure gemacht und mit selbem die Hurerei getrieben. Und es ist dies eine große und grobe Sünde vor Gott und vor den Menschen, auch dann, wenn du mit dem fremden Weib eine Frucht gezeuget hast. Aber natürlich ist das Übel dann noch größer, wenn du mit deines Nächsten Weib lediglich des blinden und stummen Wollustkitzels halber gehuret hast. Solche Sünder werden schwer des Himmelreiches teilhaftig werden."
67. Kapitel
[GEJ.03_067,01] (Der Herr:) „Hat aber eines Nächsten Weib zum Beispiel keine Frucht von ihrem rechten Mann empfangen können und hat aber eine große Sehnsucht nach der Erweckung einer Frucht in sich und begehret dich, so zeige solches ihrem Manne an! Willigt er ein, so kannst du solch einem Begehren ohne Sünde nachkommen. Wird das Weib befruchtet und es hat nach der abgelaufenen Zeit abermals ein Begehren danach und ihr Mann willigt ein, so magst du dem Weibe gleichwohl wieder die Freundlichkeit erweisen, so du ein Lediger bist. Bist du aber selbst eines fruchtbaren Weibes Mann, so sollst du deinem Weibe deine Kraft nicht entziehen; denn dafür ist euch von Moses aus gestattet, neben dem einen rechtmäßigen Weibe, besonders, so das Weib unfruchtbar wäre, ein oder nach Bedarf auch mehrere Kebsweiber zu halten, aber stets mit Einwilligung des rechtmäßigen Weibes. Würde aber dieses darüber sehr traurig, da wäre es dann Zeit, die Beiweiber zu entlassen, gleichwie auch Abraham die Hagar entließ, die er sich wegen der langen Unfruchtbarkeit seines Weibes Sarah nahm.
[GEJ.03_067,02] So aber käme ein seinem rechten Manne in ein fremdes Land entlaufenes Weib zu jemandem als eine Ledige und verschwiege, daß sie schon eines Mannes Weib sei, so hat der, der sie also zum Weibe nahm, keine Sünde, auch dann nicht, so er nachderhand erführe, daß sie schon eines Mannes Weib sei, ihn aber seiner Härte und Unfruchtbarkeit wegen geheim verließ; denn als er die Fremde zum Weibe nahm, da wußte er ja nicht, daß sie schon eines Mannes Weib sei, und als er solches erst nachderhand in Erfahrung gebracht hatte, war sie schon sein Weib, von dem er nun, ohne Begehung der Ehebruchssünde nicht mehr, außer durch den Tod, geschieden werden kann.
[GEJ.03_067,03] Aber es hat bei solchen Gelegenheiten oft schon sehr grausame Handlungen dadurch gegeben. Der neue Gemahl, so er unter dem Gesetze Mosis stand, suchte sich dann, so ihm das fremde Weib lästig ward, dadurch von demselben loszumachen, daß er heimlich hinging zu ihrem ersten Gemahl und ihm das untreue und ehebrecherische Weib verriet. Die Folge war, daß solch ein Weib dann gesteinigt ward und die beiden Männer wieder von neuem gesetzlich freien konnten. Das jedoch soll hinfort nicht mehr also sein!
[GEJ.03_067,04] Und Ich sage euch: Für diesen Fall soll ein lediger Mann eine Fremde nicht ehelichen, bevor er sich nicht nach allen ihren früheren Umständen genau erkundigt hat! Hat er da nichts herausgebracht, und er fühlt sich zu dem fremden Weibe sehr hingezogen, da soll er es dennoch zum Weibe nehmen; und erfährt er hernach erst zufällig des Weibes früheren Stand, so soll er kein Verräter seines Weibes sein, sondern es behalten in der guten Art, als er es genommen hatte. Das Weib aber kann durch die große Treue gegen ihren neuen Gemahl ihre frühere Sünde sühnen; denn Gott ist kein unbilliger Richter und weiß die Schwächen des menschlichen Fleisches genauest abzuwägen und zu berücksichtigen. Ein Totschläger seines Weibes aber ist ärger denn ein ehebrecherisches Weib!
[GEJ.03_067,05] Es wären aber irgend zwei Nachbarn, von denen einer in seinem Weibe keine Frucht erwecken kann, dieweil er in seiner Jugend unter schlechter Aufsicht sein Zeugungsvermögen zu sehr geschwächt hat, während der andere Nachbar, nach seinen vielen gesunden Kindern zu schließen, ein sehr kräftiges Zeugungsvermögen besitzt, indem er überall und allzeit in der guten Ordnung gelebt hat und in seiner Jugend in guter Zucht gestanden ist. Was wäre das, so da der unfruchtbare Nachbar ginge zum fruchtbaren und bäte ihn, mit seinem vielen Vermögen an seiner Statt in seinem Weibe eine Frucht zu erwecken, und der fruchtbare Nachbar täte solches aus wirklicher Liebe zu seinem sonst guten und treuherzigen Nachbarn, ohne dabei nur den entferntesten Gedanken zu haben, als wolle er auch sonst mit des Nachbars Weibe Geilerei treiben, was sehr sündhaft wäre? Seht, das wäre weder eine Sünde und noch weniger ein Ehebruch, sondern es wäre solch ein Akt unter einem allseitigen stillen Einverständnisse sogar ein löblicher geheimer Liebesdienst; geheim deshalb, weil davon außer den angeführten Personen niemand etwas erfahren solle wegen der Ehre des unfruchtbaren Nachbars, und daß sich daran niemand ärgere."
68. Kapitel
[GEJ.03_068,01] (Der Herr:) „So aber ein lediger oder ein schon verheirateter Mann mit einem üppigen Weibe seines Nachbarn ohne Wissen desselben geilet, so ist dies eine schändliche Hurerei. Ein solches Weib ist dann eine eigentliche Hure, und die mit ihr geilenden Männer sind dann die eigentlichen Hurer, die als solche ins Gottesreich nie eingehen werden, weil solch eine schändliche Hurerei allen guten Sinn in ihrer Seele verzehrt und alles Geistige tötet.
[GEJ.03_068,02] Eine solche Hurerei ist aber darum auch um gar nichts besser als der eigentliche Ehebruch, ja oftmals sogar um vieles schlechter als der Ehebruch. Denn bei einem Ehebruch können solche Umstände im Hintergrunde stecken, die das Verbrechen dieser Sünde sehr mildern und verdienen, daß sie ein Richter sehr berücksichtige; aber bei der Hurerei können nie irgendwelche mildernde Umstände in die Berücksichtigung gezogen werden; denn dabei handelt ganz rücksichtslos die stinkende Geilsucht und verdient beim Gerichte auch keine wie immer geartete Rücksicht.
[GEJ.03_068,03] Ein Weib, das sich dazu leicht verleiten läßt ohne irgendeine erweisbare Not, ist schlecht und verdient nicht die geringste Rücksicht; denn die Schwäche entschuldigt hier nichts, da ein jedes Weib durchs rechte Vertrauen zu Gott eine hinreichende Stärkung erreichen kann. Aber noch schlechter ist ein Weib, das die Männer selbst verlockt in ihr buhlerisches Garn, um mit ihnen in Abwesenheit ihres Gatten zu geilen!
[GEJ.03_068,04] Aber ebenso verbrecherisch schändlich handelt ein Mann ledigen Standes, und noch ärger, wenn er verheiratet ist, so er Weiber an sich zieht, mit ihnen geilt im Verborgenen und sie bezahlt am Ende der Geilerei; denn ein solcher Mann verleitet fürs erste die Weiber zur schändlichen Untreue und macht sie fürs zweite nahe völlig unfruchtbar, und verwüstet also gleich einem bösen Sturme die Äcker, daß darein nie mehr ein Same mit Nutzen gelegt werden kann.
[GEJ.03_068,05] In eine ganz gleiche Kategorie ist auch ein Lediger wie ein Verheirateter zu stellen, so er ledige Maide (Mädchen) zu sich kommen läßt, auf daß er mit ihnen gegen irgendeine Bezahlung Geilerei treibe; und jegliche feile Dirne ist eben auch so gut eine Hure wie irgendein verheiratetes Weib, das sich hergibt ums Geld oder sonstige Geschenke.
[GEJ.03_068,06] Die Dirnen sollen nur fleißig und arbeitsam sein, so werden sie nie zu sagen nötig haben, die Not habe sie dazu genötigt; denn eine fleißige und arbeitsame Maid hat jeder biedere Mann lieb und wird sie nicht Not leiden lassen. Ist aber irgendein Dienstgeber ein geiziger und harter Mensch, nun, da lasse man ihn und seinen Dienst und suche sich einen andern; es wird gar nicht schwer sein für eine fleißige und arbeitsame Maid, einen guten Dienst zu finden, wo sie sicher keine Not leiden wird!
[GEJ.03_068,07] Am schlechtesten aber werden einst jene daran sein, die solche fleißigen Dirnen oder gar Mädchen ohne Reife durch allerlei Geschenke zur Geilerei zu verleiten eifrigst bemüht sind. Wahrlich, solche Männer, ob ledig oder verheiratet, gleichen reißenden Wölfen in Schafspelzen und werden deren Lohn ernten!
[GEJ.03_068,08] Wer aber eine Maid oder ein Mägdlein oder ein Weib mit Gewalt an sich reißt, der soll schon hier gerichtet werden! Die Gewalt mag bestehen in was sie wolle, ob in der Hände Kraft oder in der Lockung durch sehr kostbare Geschenke, so macht das im Verbrechen keinen Unterschied. Auch die Macht der Rede oder die Anwendung magisch betäubender Mittel, durch die der weibliche Teil sich scheinbar freiwillig dem geilen Willen des Mannes zu Diensten stellte, mildert diese Sünde nicht um ein Haar, auch dann nicht, wenn in der Geilerei wirklich eine Frucht wäre gezeugt worden; denn solche Zeugung ist wider den Willen beider Teile zustande gebracht worden und trägt daher zur Milderung des Verbrechens gar nichts bei.
[GEJ.03_068,09] Die allerschändlichste Geilerei aber besteht in der Schändung der Knaben und in der Befleckung anderer Glieder und Teile des weiblichen Leibes, als welche von Gott dazu verordnet sind, oder gar in der Schändung der Tiere; solche Schänder sind aus aller menschlichen Gesellschaft für immer vollends auszumerzen.
[GEJ.03_068,10] Es ist aber bei dem Gericht über dergleichen Verbrechen dennoch allzeit darauf zu sehen, auf welcher Bildungsstufe irgendein solcher Geiler oder eine solche Geilerin stand; ebenso ist auch darauf zu sehen, ob etwa der also geilende Mensch nicht etwa von irgendeinem solchen argen Geiste also besessen ist, der ihn zu solcher Geilerei antreibt. Im ersten Falle soll die Gemeinde dafür sorgen, daß so ein schwach vernünftiger Mensch in eine gute Korrektion gebracht werde, in der er auch ganz wie ein verdorbenes Kind diszipliniert werden soll so lange, als bis er ein anderer Mensch geworden ist; denn hat einmal ein Mensch seines Fleisches Tiernatur besiegt, und ist sein Verstand geklärt worden, so wird er auch ein reineres Leben zu führen anfangen und wird nicht leichtlich mehr in seine alte Tiernatur zurücksinken. Im zweiten Falle, als in dem der Besessenheit, ist ein solcher Geiler ebenfalls unter Schloß und Riegel zu bringen; denn solche Menschen sind wegen des großen Ärgernisses aus der freien Menschengesellschaft sogleich zu entfernen.
[GEJ.03_068,11] Sind sie einmal in gutem Gewahrsam, so sollen sie durch Fasten und durch über sie in Meinem Namen gehaltene Gebete geheilt werden. Sind sie aber einmal geheilt, und zeigt es sich, daß sie ihrer unreinen Besessenheit ledig geworden sind, so sind sie dann auch wieder vollends freizugeben."
69. Kapitel
[GEJ.03_069,01] Sagt Cyrenius: „Herr, wären denn für den zweiten Fall, wo es noch nicht irgendeinen also geiststarken Menschen gäbe, vor dessen Wortes- und Willensmacht solche argen, das Fleisch eines Menschen besitzenden Geister sich beugeten, nicht möglicherweise auch natürliche Mittel anwendbar, wenigstens nur insoweit, daß so ein Mensch dann durch die Wort- und Willensmacht eines geistig noch nicht so starken Menschen von seinem Übel befreit werden könnte?"
[GEJ.03_069,02] Sage Ich: „Das erste Naturmittel aus dem Gebiete der Natur ist das Fasten. Man gebe so einem Menschen des Tages nur einmal ein nahe ein halbes Pfund wiegendes Stück Roggenbrot und dazu nur einen Krug Wassers, inzwischen kann man ihm aber allenfalls an jedem zweiten Tage ein wenig Aloesaftes, nach Beschaffenheit der Natur des Besessenen gemengt mit ein bis zwei Tropfen Bilsensaft, geben, so wird solche Naturbeihilfe von guter Wirkung sein; aber es wird ihm solches allein dennoch nicht vollends helfen ohne Gebet und ohne Auflegung der Hände in Meinem Namen.
[GEJ.03_069,03] Überhaupt muß der Richter in solchen Fällen stets darauf in seinem Herzen bedacht sein, daß er in dem Verbrecher nur einen stark verirrten Menschen und keinen völligen Teufel vor sich hat.
[GEJ.03_069,04] Ist aber ein Mensch hartnäckig in seiner Ausschweifung, ist dabei aber weder bildungslos noch besessen, so kann mit ihm schon scharf züchtigend vorgegangen werden.
[GEJ.03_069,05] Bessert sich ein solcher Mensch und fängt an, mit guter Einsicht zu verabscheuen seine Sünde, dann ist er auch mit mehr Liebe zu behandeln; bessert sich aber ein solcher Mensch gar nicht und hängt sichtlich gleichweg mit Behagen an seiner Ausschweifung – die ein solch geiler Bock nie ganz verbergen kann –, so kann er, wenn er sonst irgendein Mensch von einiger Bildung ist, entweder aus der Gemeinde ganz in irgendein weites, wüstes Land hinaus gestoßen werden, allwo ihn die große Not zur Besinnung bringen wird; und wird er sich bessern, so soll es ihm auch besser ergehen – wo nicht, so wird ihn das wüste Land aufzehren.
[GEJ.03_069,06] Ist aber ein Mensch von geringerer Bildung und fruchten bei ihm weder Züchtigung noch Fasten, so kann er kastriert (entmannt) werden von einem kundigen Arzt, und es kann dadurch seine Seele gerettet werden. Es gibt ja welche, die sich selbst verstümmelt haben des Reiches Gottes wegen. Also kann es – aber nur in dem erwähnten Fall – solche geben, die eben darum von dem Gemeindegericht ausgehend verstümmelt werden; denn in diesem Falle ist es besser, verstümmelt ins Gottesreich zu kommen als unverstümmelt in die Hölle! Nun wirst du wohl wissen, wie alles das, was aus des Fleisches Lust hervorgeht, richterlich zu behandeln ist! Nur solches setze Ich noch bei, daß sich in der Zukunft nur danach, wie ihr's nun von Mir vernommen habt, für alle Zeiten in ähnlichen Gerichten (Fällen) zu richten ist.
[GEJ.03_069,07] Moses hat für dergleichen Verbrechen die Steinigung und den Feuertod verordnet; aber es soll solches nur bei außerordentlichen Gelegenheiten, des abschreckenden Beispiels wegen, an höchst verstockten Sündern geschehen. Ich hebe aber Moses nicht auf, sondern Ich rate euch nur, so lange in der Milde in allem vorzugehen, bis nicht eine zu große Verworfenheit die äußerste Strenge fordert.
[GEJ.03_069,08] Seid als Richter sanft und gerecht durch die wahre Nächstenliebe, so werdet ihr dereinst auch ein zartes und sanft gerechtes Gericht finden; denn mit welchem Maße ihr einmesset, mit demselben Maße wird euch rückgemessen werden.
[GEJ.03_069,09] Seid ihr barmherzig, so werdet ihr auch Barmherzigkeit finden; seid ihr aber strenge und unerbittlich in euren Gerichten und Urteilen, so werdet auch ihr dereinst strenge und unerbittliche Richter finden.
[GEJ.03_069,10] Bedenket bei solchen Gerichten, daß des Menschen Seele und Geist sehr willig und fügig sind; aber das Fleisch ist und bleibt schwach, und es gibt da keinen, der sich der Stärke seines Fleisches rühmen könnte.
[GEJ.03_069,11] Wiedergeborene im Geiste aber kann es nun im eigentlichen Sinne noch keine geben; denn zur wahren und vollen Wiedergeburt des Geistes werden die Menschen erst dann gelangen können, wenn des Menschen Sohn das Ihm Übertragene in aller Fülle wird vollendet haben.
[GEJ.03_069,12] Dies also behaltet und handelt danach!"
70. Kapitel
[GEJ.03_070,01] Sagt Cyrenius: „Allen meinen Dank Dir darum; denn nun bin ich in einer Sache, die mir stets viel zu schaffen machte, um in derlei Fällen ein rechtes Gericht zu halten, ganz erleuchtet und glaube, daß es nun kaum einen Fall geben dürfte, der mich in einen Zweifel brächte, ob ich so oder so urteilen solle. Nur das einzige wirft sich mir noch als eine sehr bedenkliche Frage auf, und diese lautet also: Gibt es denn gar keinen Fall, in dem man eine einmal geschlossene Ehe also vollkommen auflösen könnte, daß die getrennten Teile, ohne sich der fatalen Sünde des offenbaren Ehebruchs schuldig zu machen, wieder einen andern Teil ehelichen könnten?"
[GEJ.03_070,02] Sage Ich: „O ja, solche Fälle kann es allerdings geben, zum Beispiel: Ein Mann hätte ein Weib, das sonst mit allen weiblichen Reizen ganz gut ausgestattet wäre; aber bei der Enthüllung zeigte es sich, daß das Weib ein Zwitter sei. In diesem Falle wäre alsogleiche Auflösung der geschlossenen Ehe ins Werk zu setzen, wenn sie verlangt würde; natürlich aber: Gibt es keinen Kläger, so gibt es auch keinen Richter auf der Erde. Es wäre aber für den Fall ein Gesetz zu geben, demzufolge solch eine Ehe gar nicht zu schließen ist, und der Teil, der als bei sich wohl wissend, daß er für ein eheliches Bündnis nicht taugt, wäre als ein Betrüger zur Verantwortung und zum Schadenersatze zu verhalten (anzuhalten). Was aber hier gesagt ist vom weiblichen Teile, das gilt auch, so der männliche Teil kein vollkommener Mann wäre. So ihn das Weib verläßt und ehelicht einen andern, so begeht sie keinen Ehebruch.
[GEJ.03_070,03] Es kann aber auch unter den Männern solche geben, die sich entweder selbst verschnitten haben wegen des Reiches Gottes, oder solche, die schon in ihrer Jugend aus irgendeinem Weltgrunde verschnitten worden sind, wie es auch schon Verschnittene im Mutterleibe gibt; alle die Genannten sind für die Ehe völlig untauglich, und ihre völlige Untauglichkeit bedingt die volle Lösung der Ehe von vornherein.
[GEJ.03_070,04] Oder es könnte ein oder der andere eheliche Teil ein derartiges Leibesgebrechen haben, neben dem der andere Teil unmöglich bestehen kann, so wäre auch da die Ehe gänzlich aufzulösen – aber nur in dem Falle, wenn der eine Teil vor der Ehelichung nichts von dem Gebrechen in Erfahrung hatte bringen können; wußte er aber von dem Gebrechen und ist dennoch die Ehe eingegangen, so ist die Ehe gültig und kann nicht aufgelöst werden! Dergleichen Gebrechen aber, die eine volle Lösung einer schon geschlossenen Ehe zulassen, wären: Verborgene Besessenheit des einen oder des andern Teiles, ebenso ein periodischer Irrsinn, ein heimlicher Aussatz böser Art, Krebsbeulen, Läusesucht, eine unheilbare Lungenschwindsucht, Epilepsie, volle Stumpfheit von mindestens zwei Sinnen, Gichtbrüchigkeit und ein pestilenzialischer Leibes- oder Odemgestank.
[GEJ.03_070,05] Wenn der gesunde Teil vor der Ehebindung keine Kunde hatte, daß sein anderer Teil von einem der nun benannten Gebrechen behaftet sei, so kann er sogleich nach eingegangener Ehe wieder die vollgültige Lösung derselben verlangen, und sie muß ihm gewährt werden! Denn in diesen Fällen ist der gesunde Teil ein Betrogener, und der Betrug löset jeden Vertrag auf und somit auch den der Ehe.
[GEJ.03_070,06] Wollen aber solche Gatten sich nicht scheiden lassen nach dem Willen auch des gesunden Teiles, so ist die Ehe als gültig zu betrachten und kann späterhin außer von Tisch und Bett nicht mehr geschieden werden; denn da gilt euer Satz: VOLENTI NON FIT INIURIA!
[GEJ.03_070,07] Außer diesen Fällen aber gibt es nahe wohl keinen mehr, der als Grund einer vollgültigen Ehescheidung könnte angenommen werden.
[GEJ.03_070,08] In allen andern mißlichen Ehefällen müssen die Eheleute Geduld miteinander haben bis in den Tod; denn hatte den jungen Eheleuten der Ehe Honig gemundet, so müssen sie dann schon auch mit der Galle der Ehe sich zufriedenstellen.
[GEJ.03_070,09] Der Ehe Honig aber ist ohnehin der schlechteste Teil derselben; erst mit dem gallichten Teile der Ehe nimmt des Lebens goldner Ernst seinen Anfang. Dieser aber muß überall sich einstellen; denn käme dieser nicht, da ginge es mit der Saat für die Himmel schlecht.
[GEJ.03_070,10] Im oft bittersten Lebensernst beginnt erst der geistige Same sich zu beleben und zu entfalten, der im beständigen Honigleben also erstickt wäre wie eine Fliege, die sich mit aller Gier in den Honigtopf stürzt und vor der zu großen Süßigkeit des Honigs ihr Leben einbüßet. – Bist du nun völlig im klaren?"
71. Kapitel
[GEJ.03_071,01] Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und Meister von oben! Etwas gäbe es aber wohl noch, und darüber ein Wörtlein noch, und alles, was die Ehe in sich faßt, ist dann erschöpft.
[GEJ.03_071,02] Sieh, es hätte irgendein Mann, der sonst in allem eine gute Ordnung hält, ein Weib, das da einer sehr fleischlich sinnlichen Natur wäre – wie es in der Tat solcher nimmer satt werden wollender Weiber nur leider viele gibt. Ein solch geiles Weib verlangt vom Manne am Tage sogar zu öfteren Malen die Zufriedenstellung und Beruhigung ihres Fleisches. Der Mann sagt zum Weibe freilich: ,Du hast empfangen und bedarfst nun für die Zeit, die von Gott dazu bestimmt ist, Ruhe, auf daß du in deinem gesegneten Stande keinen Schaden und kein unnötiges Leiden dir zuziehest durch die nutzlose Befriedigung deines Fleisches.‘
[GEJ.03_071,03] Das sinnliche Weib aber will von solch einer guten Lehre nichts hören und wissen und verlangt vom Manne mit Ungestüm, ihrem Verlangen nachzukommen. Erfüllt der Mann des Weibes Willen, so treibt er mit demselben doch offenbar Unzucht und begeht sogestaltig nach deinem Worte eine Sünde wider die göttliche Ordnung; hält er sie aber zurück, so sündigt er wider seines Weibes Willen und nötigt dasselbe zu allerlei unnatürlichen Befriedigungen oder zum Ehebruche und zur Hurerei mit andern Männern.
[GEJ.03_071,04] Desgleichen aber gibt es anderseits auch derart geile Böcke von Männern, die ihrem armen sittsamen Weibe oft noch wenige Stunden vor der Entbindung keine Ruhe gönnen wollen. Darüber kommen oft laute Klagen vor; was aber soll da ein weiser Richter für einen rechtskräftigen und vor Gott und vor aller besseren Welt gültigen Ausspruch tun?
[GEJ.03_071,05] Wenn der ordentliche Mann oder das sittliche Weib der Ordnung und des Reiches Gottes wegen eine Ehescheidung verlangt, soll sie gegeben werden oder nicht?"
[GEJ.03_071,06] Sage Ich: „Ja, da kann nach Verlangen des einen oder des andern Teiles eine Ehescheidung gegeben werden, jedoch keine gänzlich, aber immerhin mehr als allein von Tisch und Bett, sondern auch von der gegenseitigen Versorgungsverpflichtung und vom Erbrecht, welche zwei Dinge in einem minderen Scheidungsgrund erst dann erlöschen, wenn der eine Teil sich über drei Jahre hinaus völlig von dem nur von Tisch und Bett geschiedenen andern Teil ohne einen haltbaren Grund entfernt und sich nicht mehr gekümmert hat um den hinterlassenen Teil, sondern da seinem Vergnügen nachgegangen ist.
[GEJ.03_071,07] Bei der Scheidung aber, die da bei deinem vorgebrachten Fall auf Verlangen des guten Teiles zu erfolgen hätte, erlischt auch in einem (zugleich) jeder weitere wie immer geartete Anspruch auf Recht.
[GEJ.03_071,08] Aber es ist sehr darauf zu sehen, daß die Scheidung erst dann zu geben ist, wenn sie vom guten Teile verlangt wird und der schlechtere Teil darein einwilligt; willigt dieser nicht ein und verspricht dafür Besserung, so ist da auch dem guten Teile die Scheidung nicht zu geben, sondern ihm bloß eine Vormerkung zu machen, und er werde darauf zur Geduld ermahnet.
[GEJ.03_071,09] Wollen aber in diesem Falle geschiedene Gatten in guter Eintracht wieder zusammengehen, so bedürfen sie keines neuen Ehebündnisses, sondern es tritt da nach dem Willen beider Teile das alte Bündnis in seine volle Kraft, und eine allfällig zum zweitenmal verlangte Scheidung kann sie nicht mehr trennen, außer im Notfalle von Bett und Tisch.
[GEJ.03_071,10] So aber ein Mann ein sehr begehrendes Weib hat und gewähret mit Nüchternheit seines Herzens dem Weibe ihr Verlangen, so ihm solches seine Kraft gestattet, so begeht er dadurch gerade keine zu grobe Sünde wider die Ordnung Gottes; denn eines solchen Weibes Natur gleicht einem trockenen Boden, den der Gärtner in der heißen Sommerzeit zu öfteren Malen begießen muß, so er seine Pflanzen erhalten will. Wenn aber dann kommt der feuchte Herbst, so wird ein jeder Boden der Feuchtigkeit in Genüge haben. Aber dabei soll der nüchterne Mann sein Weib auch fleißig geistig bearbeiten und bilden, und es wird ihm das gute Früchte tragen.
[GEJ.03_071,11] Geduld ist aber stets besser als das allerbeste Recht.
[GEJ.03_071,12] Mehr Recht jedoch, die Scheidung zu begehren, hat ein sittsames Weib wegen der zu großen Geilheit ihres Mannes, als ein Mann wegen der großen Geilheit seines Weibes; denn das einmal gesegnete Weib bedarf der Ruhe für die Zeit, die Gott in der Natur des Weibes verordnet hat. Dem Manne aber ist keine Zeit verordnet worden, und er bedarf darum weniger der Ruhe seiner Natur denn das gesegnete Weib; darum ist bei einem Gerichte ein gesegnetes Weib auch eher anzuhören denn ein nüchterner Mann.
[GEJ.03_071,13] Bei einem Manne ist noch sehr darauf zu sehen, welch ein Leben er vor der Verehelichung geführt hat, ob ihn nicht etwa eine ausschweifende Jugendzeit durch vieles Sündigen nüchtern und untüchtig gemacht habe. Bei einem sehr begehrenden Weibe aber fällt diese Frage nahe von selbst weg. Denn hatte es schon als Maid sich einem unzüchtigen Leben des Gewinnes wegen in die Arme geworfen, so ist dadurch ihre Natur schon sehr abgestumpft worden, und soll sie später noch irgendeines Mannes ordentliches Weib werden, so wird es in seinem Begehren ganz eisig aussehen; ist aber ein Weib als noch seiende Jungfrau sehr züchtig bei einem heißen Blute gehalten worden, so ist da auch nicht der allenfalls strafbare Grund in dem ledigen Jungfrauenstande, sondern lediglich in des Weibes Natur zu suchen, auf welchen Grund in diesem Falle das Gericht kaum zu merken hat.
[GEJ.03_071,14] Gegen die Gewalt der Natur aber ist jeder noch so weise richterliche Spruch eine hohle Nuß, und so wären bei einem heißblütigen Weibe auch entsprechende Mittel aus dem Bereich der Natur anzuwenden und mit denselben eine entsprechende Belehrung an das Herz des Weibes, und es möchte dann wohl besser mit demselben werden. – Siehe, also ist sich in diesem Falle zu verhalten. Hast du aber etwa noch ein Bedenken, so laß es hören!"
72. Kapitel
[GEJ.03_072,01] Sagt Cyrenius: „Du hast soeben von einem natürlichen Mittel etwas erwähnt; worin könnte das wohl bestehen?"
[GEJ.03_072,02] Sage Ich: „In der natürlichen Lebensmäßigkeit! Ein heißes Blut ist stets mehr verzehrender Natur denn ein kühles; daher sind heißblütige Menschen auch gefräßiger denn die kühlblütigen und haben eine stets wachsende Lust zu vielen und wohlschmeckenden Speisen und Getränken.
[GEJ.03_072,03] Wenn sich solche Menschen aber in die Mäßigkeit begeben oder zur Mäßigkeit angehalten werden, indem man ihnen mit freundlichem Herzen das auch erläutert, warum man so etwas für sie tut und ihnen die Mäßigkeit und größere Magerkeit im Essen anempfiehlt, so wird das Blut bald kühler zu pulsen und der sinnliche Trieb sehr an seiner Kraft zu verlieren anfangen, ohne den geringsten Nachteil für die sonstige Gesundheit des Leibes und der Seele.
[GEJ.03_072,04] Sollte aber bei einem sehr begehrenden Weibe auch durch längere Beachtung der goldenen Mäßigkeit die Natur noch keinen fühlbaren Umschwung erhalten haben, so soll es bei abnehmendem Monde abends das Wasser von gekochten Sennesblättern mit etwas Aloesaft zu sich nehmen, etwa vier Eßlöffel voll, aber nicht alle Tage, sondern nur jeden dritten oder vierten Tag, und es wird dadurch sicher besser mit der hitzigen Natur des Weibes auszusehen anfangen.
[GEJ.03_072,05] Sollte aber dies alles samt daneben erhaltenen guten Lehren wenig oder nichts fruchten, so kann dann erst auf Verlangen des Mannes die früher für diesen Fall besprochene Ehescheidung von Tisch und Bett eingeleitet werden.
[GEJ.03_072,06] Jedenfalls aber ist da das nüchterne und vom geilen Manne geplagte Weib zehnmal eher anzuhören – besonders, so es schon in gesegneten Umständen sich befände – als ein von seinem geilen Weibe geplagter Mann; denn ein nüchterner Mann hat außer den Moralmitteln noch eine Menge natürlicher Disziplinarmittel, mit denen er des Weibes Glut sehr heilsam kühlen kann, und es wird dem zu heißblütigen Weibe nicht zum Schaden gereichen, so der Mann aus seinem geheimgehaltenen guten Willen demselben so manches Mal ein wenig von einem guten Ernste etwas zeigt. Nur muß solcher nie aus einem hintergründigen Gram oder Zorn, sondern stets aus der hintergründigen wahren Nächstenliebe abstammen, ansonst er nicht nur nichts nützen, sondern nur schaden würde.
[GEJ.03_072,07] Darin aber besteht nun alles in allem, was da betrifft die Ehe und der Sünden nach allen Richtungen hin, und es solle sich in der Welt danach gerichtet werden an allen Orten.
[GEJ.03_072,08] Es soll aber darüber sogar vom Staate aus eine gesetzliche Vorschrift dahin getroffen sein, daß die einmal geschlossenen Ehen moralisch so gut als möglich gehalten werden sollen, und daß Menschen, die irgend mit leiblichen und seelischen Gebrechen behaftet sind, zur Ehe nicht zugelassen werden sollen; denn aus solchen Ehen kann nie eine völlig gesegnete Zucht hervorgehen.
[GEJ.03_072,09] Es soll aber auch mit den sonst Gebrechenlosen eine Prüfung vorgenommen werden, bei der es sich zeigen soll, ob der junge Bräutigam und die junge Braut füreinander taugen.
[GEJ.03_072,10] Findet da ein bevollmächtigter, weiser Prüfer irgend leidige Knoten, so soll er mit der Bewilligung zum vollen Ehebündnisse zurückhalten und den sich verehelichen Wollenden die argen Folgen recht lebendig ans Herz legen, und ihnen bedeuten, daß die gültige Bewilligung zum vollen Ehebündnisse so lange nicht erteilt werden könne, als die verderblichen Knoten fortbestehen.
[GEJ.03_072,11] Auch soll so ein vom Staate aus bevollmächtigter Eheschließer den Heiratslustigen den Lebensernst der geschlossenen Ehe und den himmlischen hohen Zweck derselben recht helle machen.
[GEJ.03_072,12] Zeigt es sich, daß dadurch die Ehelustigen sich nüchterner und nüchterner zu zeigen anfangen, ihre Weltknoten beiseite schaffen, so daß sie sich nur des gegenseitigen Menschenwertes wegen ehelich verbinden wollen, dann erst soll so ein Bevollmächtigter die Bewilligung zum vollgültigen Ehebündnisse erteilen. Er soll das Treugelöbnis in ein Buch zum Zeichen des unauflösbaren Ehebündnisses aufzeichnen mit Untersetzung des Jahres und Tages des begangenen Ehebündnisses und soll stets in der Kenntnis der nachfolgenden Eheverhältnisse – wie sich diese etwa gestalten, ob gut oder schlecht – bleiben.
[GEJ.03_072,13] Es sollen darum solche weise Bevollmächtigte zur Schließung der Ehen keine fremden, in eine Gemeinde eingeschobenen Menschen, sondern allenthalben nur Einheimische sein, die die Menschen, jung und alt, nahe so gut wie sich selbst kennen; so werden dadurch sicher die vielen Mißehen verhindert, und es wird dann viel Segens geben in einer solchen gereinigten Gemeinde.
[GEJ.03_072,14] Es wäre darum gut, in jeder größeren Gemeinde eine Matrimonialgerichtsbarkeit (Ehegericht) zu stellen, die stets über alle die Ehesachen zu wachen hätte. Freilich müßte solch eine Gerichtsbarkeit von einem höchst unbescholtenen Charakter sein, und es sollte an deren Spitze allenthalben ein Mann gleich einem Mathael stehen.
[GEJ.03_072,15] Dieser Mann sollte auch vor allem bei Ehebündnissen darauf sehen, daß ein junger Mann nie unter vierundzwanzig Jahren und eine Maid nie unter zwanzig Jahren ein gültiges Ehebündnis schließen solle. Denn diese Zeit ist mindestens bedungen zur nötigen Reife für ein gutes und auch im Geiste haltbares Ehebündnis. Denn zu junge Eheleute verderben sich durch gegenseitigen sinnlichen Genuß, werden sich gegenseitig bald zum Ekel, und die Ehenot ist fertig.
[GEJ.03_072,16] Darum soll künftighin alles wahre Glück der Ehen von dem besprochenen Eheoberrichter abhängen; in welcher Gemeinde da ein weisester Oberrichter sein wichtiges Amt führen wird, in der wird es auch bald am gesegnetsten aussehen.
[GEJ.03_072,17] Ein solcher Oberrichter wird dann auch die Erziehung und die gute Zucht der Kinder der ihm anvertrauten Gemeinde im Auge und Herzen festhalten und wird allen Ärgernissen mit den entsprechenden Mitteln vorzubeugen verstehen; die Widerspenstigen wird er züchtigen und die Eifrigen für alles Gute und Wahre zu beloben und dadurch zu belohnen verstehen, daß er sie auf den Segen ihrer Haushaltung einleuchtend aufmerksam machen wird.
[GEJ.03_072,18] Aber er solle da nicht, wie es hie und da schon der Fall war, gewisse Prämien aussetzen, denn solche äußeren Motive taugen für die geistige Bildung einer Gemeinde durchaus nicht; denn da werden die Glieder derselben dann nur der materiellen Prämie wegen sich wetteifernd des Guten bestreben, aber nicht des Guten wegen allein, das da den Menschen allein bestimmen soll.
[GEJ.03_072,19] Es braucht kaum nebenher noch erwähnt zu werden, daß endlich daraus – abgesehen davon, daß solche Ehen dann reiner in der Ordnung Gottes gehalten werden und ihre Früchte des Segens von oben sich allzeit werden erfreuen können – auch für einen noch so großen Gesamtstaat und dessen gesalbtes Oberhaupt die größten sittlichen und natürlichen Vorteile hervorgehen müssen; denn will ein Staat gute Untertanen haben, so muß er sich solche schon in der Wiege zu bilden anfangen. Wollen Eltern gute Kinder haben, so müssen sie dieselben auch schon in der Wiege zu bilden anfangen, sonst werden aus ihnen Wildlinge und werden ihren Eltern zur Qual, anstatt zum Trost und zur Stütze in den alten Tagen.
[GEJ.03_072,20] Werden aber die Ehen in guter Ordnung gehalten, so werden aus solchen Ehen auch Kinder in guter Ordnung hervorgehen, und aus ordentlichen Kindern werden dann auch ordentliche Staatsbürger, und solche werden dann auch ganz Bürger des Gottesreiches in ihrem Herzen werden; und damit ist dann alles erfüllt, was die göttliche Ordnung nur immer von den Menschen dieser Erde verlangen kann! – Ist dir nun dieses alles klar und einleuchtend?"
73. Kapitel
[GEJ.03_073,01] Sagt Cyrenius: „Ja, Herr und Meister in Deinem Geiste von Ewigkeit! Nun habe ich keine weitere Frage in dieser Hinsicht zu machen. Nur wäre es sehr wünschenswert, daß das alles von Wort zu Wort wäre aufgezeichnet worden; denn darin liegt eine ganze und beste Staatsverfassung zugrunde."
[GEJ.03_073,02] Sage Ich: „Siehe, der Raphael wird dir solches tun; laß ihm darum Schreibmaterial bringen!"
[GEJ.03_073,03] Cyrenius befiehlt darauf sogleich seinen Dienern, Schreibmaterial herbeizuschaffen, und diese gehen und bringen gleich eine rechte Menge leerer Pergamentrollen, wie auch einige Kupfertafeln zum Gravieren. Als solches alles herbeigeschafft ist, berufe Ich den Raphael, und dieser verfügt sich schnell an unsern Tisch und fragt den Cyrenius, wie er es lieber geschrieben hätte, ob auf Pergament oder auf die Kupfertafeln.
[GEJ.03_073,04] Sagt Cyrenius: „Auf Pergament wäre die Sache wohl besser zum Gebrauch, aber auf den Kupfertafeln wäre sie für die späten Nachkommen besser und haltbarer aufzubewahren; aber habe ich die Sache nur einmal auf dem Pergamente, so werde dann schon ich eine Abschrift auf die Kupfertafeln besorgen."
[GEJ.03_073,05] Sagt Raphael: „Weißt du was, da es mich weder mehr noch minder Mühe und Arbeit kostet, ob ich die Sache nun einfach oder doppelt niederschreibe, so werde ich zugleich die Rollen und die Tafeln anschreiben!"
[GEJ.03_073,06] Die zwölf am anstoßenden Tische machen große Augen und sind nun sehr begierig zu schauen und zu sehen, wie der junge Jünger nun mit beiden Händen zugleich schreiben werde.
[GEJ.03_073,07] Suetal sagt noch eigens zu Ribar: „Na, auf diese Doppelschreiberei bin ich sehr neugierig! Der große Meister aus Nazareth muß also auch ein tüchtiger Schulmeister sein; denn so eine Schreiberei ist mir noch nicht vorgekommen. Aber bis er das, was der wahrhaft sehr weise Grieche – der sicher auch ein älterer Jünger des Nazaräers ist – nun geredet hat, alles wird niedergeschrieben haben, wird etwa wohl die Sonne sich eher empfehlen!"
[GEJ.03_073,08] Sagt Ribar: „Das kommt erst sehr darauf an, wie geläufig er zu schreiben imstande ist! Vielleicht hat er auch im Schreiben irgendeinen magischen Vorteil, von dem wir ebensowenig wissen, wie wir von dem irgend etwas wissen, wie er die früheren Wunderfakta zustande gebracht hat. Gesehen haben wir sie und auch empfunden, aber wie und durch was sie zustande gebracht worden sind, davon haben wir sicher keinen Dunst! Darum sollen wir ein vorgenommenes Faktum auch nie zum voraus in irgendeinen Zweifel ziehen bei diesen Menschen, die vor unsern Augen schon so Großes geleistet haben, als bis wir durch irgendein Mißlingen irgendeines vorgenommenen Werkes eines andern belehrt werden!"
[GEJ.03_073,09] Sagt Suetal: „Ja, ja, dieser Meinung bin ich wohl auch, aber es ist hier nur, daß man irgend auch etwas redet!"
[GEJ.03_073,10] Sagt Ribar: „Bruder, es ist hier im Ernste besser, gleichfort zu schweigen, und dafür allein zu schauen und zu horchen! Sieh, der Junge richtet sich die Rollen und die Tafeln zurecht! Darum nur fein aufgepaßt; denn er wird nun sicher sogleich zu schreiben beginnen!"
[GEJ.03_073,11] Suetal steht nun auf und beobachtet genau, wie der vermeintliche junge Jünger schreiben werde; als er aber schärfer zu schauen beginnt, so entdeckt er, daß bereits alle Rollen sowie die Tafeln alle vollgeschrieben sind. Darüber im höchsten Grade erstaunt, ruft er laut: „Nein, über dieses Wunder steht kein zweites mehr auf! Wir warteten, wann der Jünger seine Doppelschreiberei beginnen werde, und seht, er ist schon mit allem fertig! Ah, das geht einmal vollkommen über alle die menschlichen Begriffe himmelweit hinaus, und ist nie etwas Ähnliches erhöret worden!"
[GEJ.03_073,12] Auf diese Exklamation (Ausruf) des Suetal stehen nun alle die zwölf auf, sehen hin nach den offenen Rollen und nach den klein beschriebenen Tafeln, und alle überzeugen sich, daß sowohl die Rollen als auch die Tafeln voll angeschrieben sind mit guter, reiner und wohlleserlicher Schrift, und fragen sich ganz stumm: „Wie kann solches möglich sein?"
[GEJ.03_073,13] Raphael aber bemerkt wohl solches Staunen seiner Tischgenossen und sagt zu Suetal: „Sieh, das machen die acht von mir verzehrten Fische, um die du mir etwas neidig warst; man muß ja eine Kraft sich sammeln, wenn man eine solche Arbeit gut vollenden will! – Oder meinst du hier etwas anderes?"
[GEJ.03_073,14] Sagt Suetal: „Liebster, wunderbarster Freund, dir beliebt es, mich so ein wenig zu hänseln; aber es macht das ja nichts mehr, denn ich sehe, daß du eine ungeheure Dosis der göttlichen Allmacht innehast, und es ist mit dir nicht zu rechten! Aber die acht Fische haben dir solche Allmächtigkeit sicher nicht gegeben, sondern allein der große göttliche Meister aus Nazareth hat dir das gegeben! Darum mache du, daß wir diesen bald irgend zu sehen bekommen! Denn nun gibt uns unser Herz keine Ruhe mehr; wir müssen ihn sehen und sprechen! – Denn nun möchten auch wir ihn einmal sehen und sprechen!"
[GEJ.03_073,15] Sagt Raphael: „Geduldet euch nur noch eine Zeit, bis ich die Schriften hier ganz geordnet habe, dann werden wir erst nachsehen gehen, wo etwa für die Blinden und Tauben der große Meister steckt!" Mit diesen Worten stellen sich die zwölfe zufrieden und verlangen nun vorderhand nichts Weiteres.
[GEJ.03_073,16] Raphael aber macht nun die Rollen in eine gute Ordnung zusammen und übergibt sie samt den Tafeln dem ebenfalls nicht wenig erstaunten Cyrenius, der sie gleich durchzuschauen beginnt und sich über die Korrektheit gar nicht genug erstaunen kann.
74. Kapitel
[GEJ.03_074,01] Während Cyrenius aber mit der größten Freude seine Rollen nur so flüchtig als möglich durchschauet und dabei auch stets eine ehrerbietigere Miene um die andere macht, sage Ich zum Raphael, daß er nun wieder die Jarah und den Josoe ihrer einstweiligen, kurzen Verbannung ledig machen und sie nun zum Tische bringen solle. Solches bewirkt nun ganz schnell der fertige Diener aus den Himmeln, und als die Jarah ankommt, so sagt sie etwas betrübt: „Aber, o Herr, Du Meine ewig alleinige Liebe, war aber das doch eine ganz entsetzlich lange Unterredung, von der ich nichts hören durfte! Ich meinte schon, daß sie vor der Nacht nimmer enden werde! Aber Dir allein alles Lob, es ist nun alles vorüber, und ich habe Dich wieder!"
[GEJ.03_074,02] Der Engel aber begab sich unter (während) der Zeit wieder zu den zwölfen, von denen Suetal der erste ist, der sich über die Jarah hoch verwundert und sagt: „Aber höre du, mein junger schönster Jünger, was hat denn das etwa kaum vierzehn Frühlinge zählende Mädchen mit dem weisen Griechen? Das scheint ja in den guten Mann bis über die Ohren verliebt zu sein!? Als du dich hineinbegabst, dachte ich, du werdest da schon den Meister der Meister in die Sicht stellen; dabei brachtest du dies verliebte Mägdlein! Das heißt sich etwa doch in seiner Hoffnung täuschen! Ist das etwa auch schon so eine wundertätige Jüngerin des großen Meisters, und hat sie im Hause nun etwa in einer verborgenen Kammer irgendeinen Unterricht empfangen? Wahrlich, es tauchen bei euch immerwährend Erscheinungen auf, aus denen man statt klüger nur stets dümmer wird, je mehr man bei sich so recht reiflich nachdenkt. Auf der einen Seite Wundertaten der allerunerhörtesten Art, auf der andern Seite gleich wieder Erscheinungen ganz gewöhnlich menschlicher Art; da sage du mir, wie ein ehrlicher Mensch unserer Art diese Sache aufnehmen solle, so wie ich auch nun im Ernste nicht verstehe, warum wir den großen Meister, der sich früher durch den weisen Griechen uns förmlich aufdrängen wollte, wo wir ihn eigentlich, wie es wahr ist, gar nicht zu sehen wünschten, sich nun gar nicht will sehen lassen! Was haben wir denn getan, daß wir seiner Anschauung so lange entbehren müssen, oder werden wir ihn am Ende gar nicht zu sehen bekommen?"
[GEJ.03_074,03] Sagt Raphael: „Ja, meine Freunde, wenn ihr so blind seid, daß ihr am hellsten Mittage nicht einmal die Sonne wahrnehmet, dann ist euch nicht zu helfen! So jemand einmal zu dumm ist, so nützt es nichts, so man zu ihm auch sagte: ,Sieh, dieser oder jener ist es!‘ Er wird es dennoch nicht glauben; denn zum Glauben gehört ein geweckter Verstand, der sich im Notfalle auch von sich selbst heraus zurechtfindet. Wo aber irgendeines Menschen Verstand noch zu stark mit der dicksten Materie vernagelt ist, da nützt dann auch kein Hinweisen auf eine Sache irgend etwas, sondern da muß so einer sich erst zehnmal die Nase blutig stoßen, dann erst wird er darüber nachzudenken anfangen, warum er sich die Nase wund gestoßen hat! Und gerade also wird es auch euch ergehen müssen! Bis ihr nicht aus dem eigenen Schaden klug werdet, wird euch kein Gott klug machen!
[GEJ.03_074,04] Was wollt ihr denn nun mit (oder von) dem großen Meister aus Nazareth? Fehlt euch irgend etwas, daß Er euch helfe, oder wollet ihr nur aus purer Neugier sehen, gleichwie die dummen Menschen sich hindrängen, einen tanzenden Bären anzugaffen? Wahrlich, darum ist der große Heiland nicht da, um Sich von dummen und eingebildeten Leuten aus purer Neugier angaffen zu lassen! Wahrlich, so euer Herz Ihn nicht findet aus der Menge hier, so wird Ihn euer eingebildet hoher Verstand noch um vieles weniger finden, – dafür stehe ich euch!
[GEJ.03_074,05] Demütiget euch zuvor in eurem Herzen, ansonst ihr den heilig großen Meister nicht zu sehen bekommen werdet; denn Sein Wesen ist erfüllt mit der Fülle des Geistes Gottes sogar körperlich!
[GEJ.03_074,06] Er ist ein Herr über Himmel und Erde, und vor Seinem Namen sollen sich beugen alle Knie im Himmel, auf Erden und unter der Erden; denn Sein Name heißet heilig über heilig!"
[GEJ.03_074,07] Auf diese ziemlich scharfen Worte erhebt sich der Engel, verläßt der zwölfe Tisch und nimmt wieder an unserem Tische Platz, wo ihm Cyrenius noch einmal in Meinem Namen freundlichst dankt für die außerordentliche Gefälligkeit; denn es war in den Schriften alles enthalten von Wort zu Wort, wie er Mich gefragt und wie Ich ihm seine Fragen beantwortet habe.
75. Kapitel
[GEJ.03_075,01] Den zwölfen aber will die Rede des Raphael nicht wohl munden, und sie fangen darum an, auf Mittel zu sinnen, wie sie sich etwa so ganz heimlich empfehlen könnten, um doch wieder nach Jerusalem, wennschon unverrichteterdinge, zurückzukehren; „denn", sagt Suetal, „wir haben bis jetzt noch nichts Strafbares wider den Tempel unternommen. Was die Gewalt mit uns verfügte, dafür können wir nicht; unser innerster Sinn aber kann von allen Templern ewig nicht erforscht werden, und so müssen wir im Tempel ganz gut wieder aufgenommen werden, und wir werden in dessen Gunst sicher steigen, so wir ihm so manches mitteilen werden, was uns auf unseren gefahrvollsten Wanderungen alles für Außerordentliches begegnet ist! Die Hohen werden uns mit den geneigtesten Ohren von der Welt zuhören und werden uns wohlwollend werden, und unser Glück ist gemacht. Wir werden dann vielleicht wieder hinausgesandt werden in die Fremde; aber es wird uns solches nimmer genieren, denn wir sind feine Käuze und wissen nun genau, was wir zu tun und für wen wir das Volk zu bearbeiten haben!
[GEJ.03_075,02] Hier in dieser sonderbaren Gesellschaft von Zauberern oder Göttern aber ist es fürwahr nicht mehr zum Bestehen! Es wird immer von der Liebe gesprochen, wie solches aus der wahrlich weisen Rede des Griechen zu entnehmen war; fragt man aber so einen Wundertäter um etwas, so gibt er einem stets nur eine ausweichende Antwort und wird dabei grob wie ein Stoppelfeld! Na, der soll mir noch einmal von der Demut, Sanftmut und Liebe etwas vorzusagen anfangen, so wird er von mir eins aufs Dachel bekommen, daß er mir dagegen sicher nicht vieles zu erwidern imstande sein wird!
[GEJ.03_075,03] Wer seinen Bruder zur Demut ermahnt, muß zuerst selbst demütig sein, ansonst soll er sich zuvor eine ellenlange Predigt von der Demut machen, ehe er einen seiner Brüder zur Demut ermahnt! Da schaue der Mensch einmal so einen jungen Wunderschliffel an, wie schön grob er am Ende mit uns allen geworden ist! Was geht uns seine Wundertatskunst an, und was solle sie uns nützen, so wir sie ihm nicht nachmachen können?! Braucht er darum mit uns denn grob zu werden?
[GEJ.03_075,04] Daß ich wegen des Mägdleins meine ganz natürliche und durchaus nicht anzügliche Bemerkung gemacht habe nach dem, was doch ein jeder Mensch hier mit offenen Augen selbst sehen kann, das kann doch keinen nur einigermaßen weisen Menschen beleidigen; denn was ich bemerkte, ist wenigstens für unsereins eine ganz gewöhnliche menschliche Erscheinung und entbehrt jedes prophetischen Anstrichs. Ich berührte nur den sicher jedem von uns auffallenden Kontrast, daß es hier einerseits, was die Taten betrifft, offenbar göttlich wunderbar zugeht; was aber die sittliche Sphäre des Lebens betrifft, da ersieht doch kein gewöhnliches Menschenauge was anderes als etwas ganz Gewöhnliches und Natürliches, – und solche meine ganz unschuldige Bemerkung brachte das Muster von Demut und Sanftmut derart auf, daß er uns fürs erste so recht armdick beschimpfte und fürs zweite den Rücken kehrte, damit er ja einer Erwiderung von unserer Seite entging! Wahrlich, ein solches Benehmen gehört offenbar in ein Tollhaus, aber nicht unter Menschen von einiger Bildung, und am allerwenigsten in die Gesellschaft von lauter Liebe-, Demuts- und Sanftmutspredigern! Darum möchte ich wahrlich nicht für lange bei dieser Gesellschaft sein; denn es gibt kein fataleres Sein als eines unter solchen Menschen, bei denen man nie bis auf den Grund sehen und auch nie wissen kann, wie man mit ihnen daran ist, und inwieweit man ihnen trauen soll! Wahrlich, diesen Meistern möchte ich um alles in der Welt keinen noch so dummen Jünger abgeben! – Habe ich recht oder nicht? Was meinst den du da in dieser Hinsicht, Bruder Ribar? Was glaubst du, – sollen wir gehen oder noch bleiben, da wir nun frei sind und können von nun an in die Legion der Fremden eintreten oder aber auch heimkehren?!"
[GEJ.03_075,05] Da antwortet Ribar, sagend: „Ich meine, daß wir dennoch bleiben sollen; denn wir sind ja doch im Grunde von keinem bärtigen Manne, sondern von dem noch stark unbärtigen Wunderjungen – wahrscheinlich wegen deiner Zudringlichkeit von wegen des großen Meisters, daß wir ihn einmal sähen, – so ein bißchen zurechtgewiesen worden!
[GEJ.03_075,06] Meine Meinung darin ist die: Der Junge hat von seinem Meister sicher noch ein Verbot auf dem Rücken, demzufolge er aus was immer für Gründen uns den Meister nicht vor der Zeit verraten darf; nun bist du ihn aber scharf angegangen darum, und er hat sich dadurch aus deiner Schlinge gezogen, daß er uns allen, weil du ihm ein wenig zugesetzt hast, den Rücken kehrte. Meine Meinung ist darum denn doch diese, daß wir bleiben sollen und doch sehen, ob wir mit dem großen Meister nicht eine Bekanntschaft machen können!
[GEJ.03_075,07] Es wird einem hier freilich wohl ganz sonderbar zumute, wo man sich einesteils fast wirklich wie unter lauter Göttern befindet, andernteils es aber doch wieder ganz natürlich-menschlich zuzugehen scheint! Von einem Fasten vor dem Sabbat ist da natürlich keine Rede; denn es sind ja fast die meisten Anwesenden lauter Römer und Griechen. Also sieht man auch wenig beten; aber was da gesprochen wird, strotzt nicht selten von übersalomonischer Weisheit. Kurz, es waltet hier alles sonderbar durcheinander; wir stehen unter Menschen, die wie von Gott berufen zu sein scheinen, Himmel und Welt enger aneinanderzuziehen, um mit der Zeit den Menschen dieser Erde ein weiteres Feld zur Ausbildung ihrer geistigen und der dazu nötigen materiellen Kräfte zu bereiten! Ich kann darum dem Jünglinge trotz aller seiner Grobheit dennoch nicht gram werden; denn es ist oft ein solcher Rüttler gar nicht schlecht, weil man durch ihn oft schneller zu einer Einsicht gelangt als durch hundert bescheidene Belehrungen."
[GEJ.03_075,08] Fragt Suetal etwas nachdenkend: „Wie meinst und verstehst du das?"
[GEJ.03_075,09] Sagt Ribar: „Das sollst du von mir nun gleich so ganz unverhohlen vernehmen!"
76. Kapitel
[GEJ.03_076,01] (Ribar:) „Siehe, der Junge hat uns meines Erachtens nicht ganz – ohne Grund taub, blind und dumm genannt; auch der Esel, den er früher an unsere Seite gestellt hatte, sagte uns durch die Tat im Grunde dasselbe!
[GEJ.03_076,02] Siehe, mir kommt es immer mehr vor, und jetzt ganz besonders, daß eben jener überaus gemütlich aussehende Grieche der große Nazaräer ist! Ich habe ihn stets im Auge behalten, und es ist mir an ihm nun schon so viel aufgefallen, daß ich fast keinen Augenblick mehr zweifeln möchte, daß er es ist! Alles wendet ihm allein Auge, Ohr und Herz zu; der mächtige und sonst so unerbittlich stolze Oberstatthalter betet ihn förmlich an; der Junge tut alles nur auf seinen Wink und sein Geheiß, und seine Rede ist klar und voll Weisheit! Danebst merkte ich, wie er dem Oberstatthalter gegen die zu große Brunst der jungen Weiber auch natürliche Arzneimittel angab; siehe, das kann ja nur ein Heiland tun! Zudem mußte dann erst seine Lehre, die er vorgetragen hatte, schnellst niedergeschrieben werden, und das auf die wunderbarste Art von der Welt! Halte du das alles so hübsch fein gegeneinander, und du wirst es selbst finden, daß ich nicht ganz unrecht haben dürfte, und der Junge auch nicht, darum er uns taub, blind und dumm nannte! – Was meinst du da, und was meinet in dieser Hinsicht ihr alle?"
[GEJ.03_076,03] Sagt Suetal: „Weißt, ganz unrecht dürftest du aber auch fürwahr nicht haben; denn mir fängt darüber nun selbst an, ein Lichtlein aufzugehen! Wenn das aber der Fall ist, dann hat uns der Junge wahrlich nicht unrecht getan; denn da wären wir im Ernste so blind, daß wir den Wald vor lauter Bäumen nicht entdeckt hätten! Aber nun warte du, ich werde auf den Griechen von nun an ein schärferes Auge legen, und es soll sich sogleich zeigen, inwieweit du etwa doch in allem Ernste recht haben dürftest!"
[GEJ.03_076,04] Von da an beobachtet Mich Suetal mit großer Aufmerksamkeit und daneben aber auch das Verhalten aller der andern Gäste und sagt nach einer Weile zum Ribar: „Bruder, du möchtest wohl sehr recht haben: er wird es unfehlbar sein! Denn aus allen Gesichtern geht es ja ganz klar hervor, daß sie ihn sicher als den Vorstand der ganzen, großen Gesellschaft verehren und sich ohne seine Zustimmung nicht einmal der Oberstatthalter etwas zu tun getraut! Es müßte dieser scheinbare Grieche im Ernste bloß nur ein innigster und weisester Freund des großen Meisters sein, als was er sich eigentlich bei uns aufgeführt hat, und da würde man ihm darum auch sicher die größte Aufmerksamkeit schenken!? Hätte er sich bei uns ehedem nicht bloß nur als ein intimster Freund des großen Meisters aufgeführt, so hätte ich ihn schon lange als den großen Meister begrüßt! Aber es wäre denn doch auch sonderbar von uns gewesen, so wir den biedern Mann für etwas anderes gehalten hätten, als für das nur, als was er sich uns selbst aufgeführt hatte; denn das kann man Rechtens von dem so von Gottes Geiste durchdrungenen Manne doch nicht füglichermaßen annehmen, daß er vor uns ganz harmlosen Juden das Verstecken spielen solle oder werde!?"
[GEJ.03_076,05] Sagt Ribar: „Das finde ich wieder ganz anders, denn dadurch, daß er sich uns als des großen Meisters innigsten Freund aufgeführt hat, hat er uns durchaus keine Unwahrheit gesagt, so er auch der eigentliche Meister selbst es war; denn siehe, ein jeder kennt sich selbst stets sicher am besten und ist daher auch sein allernächster und sicher bester Freund! Wenn nun jemand in einer gewissen guten Laune so etwas von sich selbst aussagt, so ist von einer Unwahrheit sicher keine Spur; zudem kann so ein weisester Mann wohl auch noch einen irgend verborgenen Grund haben, warum er sich oft manchen Menschen nicht gleich aufs Gesicht hin enthüllt, und wir werden später sicher darauf kommen. Siehe du nur den weisen Mathael an, wie er fast allzeit zu Tränen gerührt wird, sooft er den Griechen nur anschaut! Bruder, das hat sicher seinen guten und sehr bedeutungsvollen Grund!
[GEJ.03_076,06] So scheint mir auch die große Liebe, die das sonst überaus geistreich aussehende Mägdlein zu diesem Griechen zeigt, mehr für als wider meine Behauptung zu sprechen. Denn sieh du einmal die wahrhaft überhimmlische Schönheit unseres jungen Wundertäters an! Ich meine, daß sich in den doch auf einem Flecke tausendmal tausend Weiber und Mädchen bis zur Verzweiflung verlieben müßten!? Und doch achtet das Mägdlein seiner kaum, obschon er als Jüngling wohl um tausend Male schöner ist denn das Mägdlein; aber dem Griechen möchte sie ja gerade ins Herz hineinsteigen! Ich sage es, Bruder, das ist auch nicht – ohne! Dies Mägdlein muß also einen ganz andern Grund haben, aus dem sie in den scheinbaren Griechen gar so verliebt ist; mir kommt es bei genauerem Beobachten also vor, als wäre das Mägdlein in das Göttliche in ihm nur verliebt und nähme da nahe gar keine Rücksicht auf seinen Leib! Betrachte du nur einmal ihr mehr von einer gewissen Ehrfurcht als von irgendeiner sinnlichen Liebe durchstrahltes Auge, und du wirst es leicht merken, daß in dem Mägdlein keine Spur von irgendeiner sinnlichen Liebe waltet!"
[GEJ.03_076,07] Sagt Suetal: „Bruder, du trägst deinen Namen wahrlich nicht umsonst; denn ein Fischer muß ein scharfes Auge haben! Mir fallen jetzt selbst schon hundert Dinge auf, die ich früher gar nicht beachtet habe; sie deuten alle auf deine Behauptung hin. Mir fällt aber nun auch an unserem Jünglinge etwas auf! Er ist nun ein paar Male von dem nun es nahe sicher seienden großen Meister ins Haus gesandt worden; ich sah ihn aber nicht, wie er ging, sondern – er war dir dort und da! Sein Gehen ist wie sein Schreiben: wo er sein will, dort ist er auch schon! Bruder, das kommt mir auch nicht ganz richtig vor! Würde er nicht stets nur das tun, was ihm der scheinbare Grieche gewisserart befiehlt, so möchte ich nahe ihn selbst für den Meister halten; aber indem er nur stets das tut, zu was er von dem scheinbaren Griechen beheißen wird, so kann man ihn dennoch nur für einen Diener und für keinen Herrn halten! Aber es ist wohl im höchsten Grade merkwürdig, wie weit es dieser junge Mensch in der gewissen rein göttlichen Magie gebracht hat!"
[GEJ.03_076,08] Sagt Ribar: „Was du nun an dem Jünglinge bemerkt hast, das ist mir an ihm schon früher stark aufgefallen; aber ich habe, weißt du, so ganz bei mir auch ehedem beim Verzehren seiner acht Fische das sehr Sonderbare bemerkt, daß er eigentlich keinen Fisch uns gleich mit dem Munde verzehrt hat; er brachte den Fisch nur bis zum Munde, – und gar war es! Der Fisch verschwand samt Haut und Knochen, ebenso verzehrte er das Brot und also den Wein; alles verschwand in dem Augenblicke als er es bis zu den Lippen gebracht hatte! Mir ist es ordentlich unheimlich an seiner Seite geworden! Fürwahr, ich habe so ganz unbemerkt ein paar Male mich unter dem Tische nach seinen Füßen umgesehen; aber diese waren stets so rein und himmlisch schön, wie ich so schöne und reine Füße noch in meinem Leben nie bei einer Jungfrau, geschweige bei einem Jünglinge gesehen habe! Das beruhigte mich wieder, und ich hätte, so ich mich nicht geniert hätte, seine wunderreizend schönsten Füße mit der seligsten Lust eine Ewigkeit in einem fort ansehen und bewundern können! Fürwahr, wenn jetzt ein Engel aus den Himmeln käme, so könnte er unmöglich auf noch schöneren Füßen stehen!"
[GEJ.03_076,09] Sagt Suetal: „Sieh, das ist wieder etwas, was ich nicht bemerkt habe; aber nach seiner sonstigen Wunderschönheit zu urteilen, müßte man gerade schon nahe zu urteilen anfangen, daß er irgendein höheres geistiges Wesen wäre, – denn seine Gestalt und seine sonderbaren Wundertaten scheinen nahezu laut schreiende Zeugen dafür zu sein! Aber hier tritt uns wieder der Umstand entgegen, daß er uns nur als ein jüngster Jünger des großen Meisters aufgeführt wurde, der es in der göttlichen Magie schon so weit gebracht habe, welche Aussage natürlich so viel sagt als: Wenn dieser jüngste schon so viel leistet, was werden dann erst die älteren Jünger alles zu leisten imstande sein!? Bei solcher ganz natürlichen Annahme aber fällt der Gedanke an ein höheres Wesen in dem Jungen von selbst weg; denn wäre er dennoch das, so hätte der seiende große Meister uns zuvor ja offenbar angelogen, und das läßt sich von solch einem Manne denn doch wohl füglich nicht annehmen! – Was meinst du da?"
[GEJ.03_076,10] Sagt Ribar: „Ja, also scheint die Sache wohl; aber es scheint da in dieser Sphäre, daß vor unsern Augen der alte Isisschleier noch nicht gelüftet ist! Wenn aber der große Meister etwa doch das wäre, was früher Mathael von ihm ausgesagt hat, dann könnte ja auch ein Engel der Himmel sein Jünger sein! – Habe ich recht oder nicht?"
77. Kapitel
[GEJ.03_077,01] Sagt Suetal: „Ja, ja, da ginge die Sache schon ganz gut überorts zusammen! Nur mit dem Ausdrucke ,jüngster‘ hätte es noch einen starken Haken; denn so ein halbe Ewigkeiten durchlebt habender Engel könnte doch gegenüber den Menschen dieser Erde unmöglich ein jüngster Jünger sein!? So ein Engel war sicher schon lange eher mit der himmlischen Magie vertraut, bevor noch eine Sonne am Firmamente leuchtete?! – Was meinst du in dieser Hinsicht?"
[GEJ.03_077,02] Sagt Ribar: „Das ist freilich ein bedeutender Haken, an dem auch ich hängenbleiben kann; aber dennoch fällt mir nun etwas ein: Sieh, das kann der Meister bloß dahin gedeutet haben, daß er uns den Jungen, bloß für diese Zeit Bezug habend, als den jüngsten seiner Jünger vorgeführt hat aus dem Grunde, weil dieser Junge vielleicht erst etliche Tage, mit irdischer Hülle bekleidet, sich in der Gesellschaft der Menschen befindet!"
[GEJ.03_077,03] Sagt Suetal: „Ja, wenn das möglich wäre, dann hättest du freilich wieder recht; aber weißt, so etwas anzunehmen ist denn doch ein wenig gewagt! Entweder das oder Moses; denn beide können bei solchen Umständen nicht nebeneinander bestehen!"
[GEJ.03_077,04] Sagt Ribar: „Das sehe ich nicht ein! Konnte doch ein Engel, wie man sich noch heute von Mund zu Mund erzählt, sieben Jahre lang ein Führer des Tobias sein; warum sollte dieser nicht etliche Tage auf der Erde aushalten können?! Diese Erde ist ja doch ebensogut ein Werk Gottes, als er selbst es ist!"
[GEJ.03_077,05] Sagt Suetal: „Ja ja, wenn du da in der Wahrheit stehst und Mathael auch unbestreitbar recht hat, dann kann, irdisch genommen, dieser Junge wohl allerdings des ewig großen Meisters jüngster Jünger sein! Die Gestalt und seine Taten bekunden offenbar ein höheres Wesen aus den Himmeln; so aber dieses Wesen selbst von sich aussagt, daß es ein jüngster Jünger des großen Meisters aus Nazareth sei, so muß dieser Meister seinem Geiste nach doch offenbar ein Herr über alle Himmel sein. Ist aber das, dann entsteht für uns die große Frage, was wir dergestalt im Angesichte des leibhaftig Allerhöchsten und Allmächtigsten tun können und tun werden! Denn das wäre wahrlich keine Kleinigkeit!"
[GEJ.03_077,06] Sagt Ribar: „Allerdings; aber könnten wir es anders machen, wenn es, wie es mir nun stets mehr zweifelsohne zu sein scheint, also wäre? Siehe, die Gottheit ist frei und tut, was Sie will, und die Sterblichen können Ihr keine Schranken setzen! Wäre Sie als ein Richter zu uns gekommen, da wären wir sicher sehr arg daran; aber Sie kam als ein sanftester Wohltäter zu uns Sterblichen, um uns sicher aus der alten schon vom Vater Henoch gepredigten Liebe näher an Sich zu ziehen, und unter solchem Umstande ist Sie nicht fürchterlich. Aber wie es mir so vorkommt, so gibt Sie Sich nur der Liebe allein in Ihrer Echtheit zu erkennen, weil die Liebe sicher das einzige Motiv Ihrer Hierherkunft war. Aber mit dem Verstande und mit aller unserer hochgepriesenen Vernunft läßt Sie Sich durchaus nicht erkennen.
[GEJ.03_077,07] Und sieh, es wird mir jetzt so manches heller! Der vermeintliche Grieche kam ehedem gar so liebfreundlich zu uns und fragte uns noch obendrauf, ob wir mit dem großen Meister aus Nazareth nicht Bekanntschaft machen wollten; wir aber sprachen uns aus einer Art Furcht entschieden dagegen aus und kamen ihm mit allerlei nichtigen Vernunftgründen entgegen. Wir fürchteten den Meister, weil der Jünger es uns schon gezeigt hatte, wie verdammt seicht unsere Vernunftgründe waren.
[GEJ.03_077,08] Bis jetzt kalkulierten wir noch immer mit der Vernunft und haben noch sehr wenig herausgebracht; und die ziemlich starke Mutmaßung, die nun in unserem Gemüte lauter und lauter zu werden beginnt, haben wir rein dem Rippler zu verdanken, den uns der weise Junge, da ihm offenbar die Geduld etwas zu kurz werden mochte, versetzt hat. Denn, wie ich es nun so ziemlich klar zu merken beginne, hatte er uns vor der langen Rede des Meisters doch so ziemlich dick auf den Mund gestrichen, daß eben jener Grieche der Meister sein müsse und kein anderer! Aber unsere echte Schweinevernunft hatte da stets noch eine Dreidecke vor die Augen unserer Seele gezogen, und wir sahen somit stets den Wald vor lauter Bäumen nicht.
[GEJ.03_077,09] Jetzt, wo wir wegen des starken Ripplers einige Vorliebe zu dem Griechen faßten, scheinen uns ein paar Decken von den Augen unserer Seele genommen worden zu sein, und wir fangen jetzt darum auch an, lichte Mutmaßungen zu schöpfen. Und ich bin nun der Meinung, daß wir unsere Vernunft rein über Bord ins Meer werfen und dafür rein dem Gefühle unserer Herzen folgen sollen, so werden wir dadurch sicher eher an einem Ziele sein als durch unsere Vernunft, die dem Menschen nur darum verliehen ward, als man zum Kochen einer Speise einen Kochlöffel dem Speisekochtopfe verleihet, nämlich zum Herumrühren der Speisen. Sind die Speisen im Topfe aber einmal gekocht, so ist der Rührlöffel für weiterhin entbehrlich! – Was ist darüber nun deine und euer aller Meinung?"
[GEJ.03_077,10] Sagt, große Augen machend, Suetal: „Freund, ich sehe schon, daß du für den Griechen stets mehr und mehr eingenommen bist. Solches ist zwar auch bei mir der Fall, und ich teile darin ganz deine Meinung; aber mit der Verwerfung der Vernunft bin ich vorderhand noch nicht einverstanden. Denn legen wir diese eines in uns aufsprudelnden Gefühles wegen beiseite, was haben wir dann noch vor den Tieren des Waldes, die ohne Vernunft sind und darum ihrem Gefühlsinstinkt folgen müssen, voraus?
[GEJ.03_077,11] Siehe, der Mensch wird gar oft von allerlei Gefühlen übermannt; würde er da, ohne seine reinere Vernunft zu Rate zu ziehen, gleich unbedingt seinen Gefühlen folgen, wohin käme er dabei! Darum ist es meiner Einsicht nach nur vor allem nötig, die Vernunft soviel als möglich zu reinigen. Denn nur durch die geläuterte Vernunft geleitet, können uns unsere besseren Gefühle zum wahrhaftigen Segen werden.
[GEJ.03_077,12] Die Gefühle im Menschen sind gleich einem vielarmigen Polypen im Meere, der seine vielen Arme stets nach dem Fraße ausstreckt; aber es ist in diesem Tiere sonst durchaus keine andere Intelligenz wahrzunehmen.
[GEJ.03_077,13] Wenn nun der Mensch seine Vernunft beiseitegelegt, so gliche er offenbar einem solchen Tiere; denn der bloße rohe Gefühlsmensch ist fraß- und genußsüchtiger denn jedes andere Tier. Nur die gebildete und gereinigte Vernunft regelt und ordnet des Menschen Gefühle, scheidet die schlechten aus, behält dann nur die guten und reinen und macht sogestaltig aus dem Scheinmenschen einen wahren Menschen.
[GEJ.03_077,14] Darum mußt du die göttliche Vernunft ja nicht über Bord werfen wollen; denn ohne die Vernunft beherrscht uns ein jeder Esel und ein jeder Ochse!"
[GEJ.03_077,15] Die zehn andern geben hier dem Suetal vollkommen recht und sind alle seiner Ansicht; aber Ribar zuckt da bedenklich mit seinen Achseln, und der Suetal sagt: „Na, da kannst du doch fürwahr nichts zum Gegensatze haben?! Denn da steht mein Ausspruch vor Gott und aller Welt so fest wie der Berg Sinai, auf dem Moses die Gesetze für ein mit Vernunft mächtig begabtes Volk erhielt!"
78. Kapitel
[GEJ.03_078,01] Sagt nach einer Weile Ribar: „Freund, da ließe sich noch gar mancher Gegensatz zu dem finden, was du nun ausgesprochen hast! Aber weil du noch ein sehr starker Vernunftheld bist, so würdest du mir dennoch gleich wieder mit etwas entgegenzukommen wissen. Ich will dir in der diesweltlichen Hinsicht in keinem Falle unrecht geben, und es muß in der Weltmenschenbildung also vor sich gehen, wie du dich nun ausgesprochen hast. Diese Bildung muß stets ein notwendiger Vorläufer zu der späteren höheren Bildung des Geistes sein; aber sie soll nicht schon ein Ultimum der Bildung sein und kann es auch bei aller noch so raffinierten Verfeinerung nie werden.
[GEJ.03_078,02] Denn so die Vernunft uns als ein ursprünglicher Regulator unserer Gefühle gegeben wurde zur möglichsten Veredlung derselben, so muß dann ja in den dadurch reif gewordenen Gefühlen irgend etwas entsprechend Ähnliches liegen wie in einer reif gewordenen Frucht am Baume. Damit die Frucht aber hat zu einer Reife gelangen können, war freilich das Licht der Sonne samt der Wärme nötig und ebenso dann und wann ein befruchtender Regen. Wenn aber die Frucht einmal reif geworden ist, so wird man sie vom Baume nehmen und sie in der guten Speisekammer bestens aufbewahren, damit sie aus sich heraus noch reifer und lebensschmackhafter werde; wirst du aber die reife Frucht gleichfort am Baume hängen lassen, so wird sie dadurch nicht nur nichts mehr gewinnen, sondern nur gänzlich verderben!
[GEJ.03_078,03] Und also ist es sicher auch mit den Gefühlen des Menschen der Fall. Haben sie einmal die gewisse Reife erlangt, so müssen sie dann der äußeren Vernunftpflege enthoben und zu einer höheren Lebensreife aus sich selbst heraus gebracht werden, ansonst die ganze vorangehende Reifmachung der Gefühle eine rein vergebliche war. Aus diesem Grunde sagte ich denn auch, daß wir, da wir mit der Vernunft nichts Weiteres mehr erreichen können, eben diese äußere Vernunft über Bord werfen und uns nunmehr unsern reif gewordenen Gefühlen zur weiteren Lebensleitung überlassen sollen!"
[GEJ.03_078,04] Sagt Suetal: „Bruder, in dich muß von irgendwoher ein göttlicher Hauch dringen! Denn ich kenne dich; das ist nicht deine Sprache! Du gehst ja schon ganz in die Mathaelische Weisheit über! Ja, sieh, da kann ich dir durchaus nichts mehr einwenden; denn ich fühle es durch und durch, daß du im Ernste vollkommen recht hast und in der Wahrheit stehst! Ich bin zwar noch nicht soweit, aber ich fühle es, daß es nun auch bei mir vorwärtsgeht."
[GEJ.03_078,05] Es sagen aber nun auch die andern zehn, daß sie dasselbe bei sich zu empfinden anfangen.
[GEJ.03_078,06] Nach diesen Gesprächen kehrt Raphael wieder zu den zwölfen zurück, klopft mit seiner Hand beiden beifällig auf ihre Achseln und sagt: „So, so ist es recht, Freunde; so gefallet ihr mir besser denn ehedem mit eurer räudigen Vernunft, und ich darf euch nun sagen, daß ihr euch vollkommen auf dem rechten Wege befindet!"
[GEJ.03_078,07] Nach diesen Worten Raphaels steht Ribar auf, umfaßt Raphael mit aller Kraft seiner Liebe drückt ihn an sein Herz, und sagt mit großer Bewegung: „O du Himmel und du, mein Himmlischer! Warum konnte ich dich denn nicht schon früher mit aller Glut meines Lebens lieben!?" – Denn seit Ribar den Fuß und die Hand und die Augen des Engels näher besehen hatte, ward er sogleich doppelt bis zum Sterben verliebt in ihn.
[GEJ.03_078,08] Raphael aber sagt: „Freund, die Liebe ist wohl besser als gar keine Liebe; aber sie taugt dennoch nicht in den Bereich der Seele und ihres innersten Lebens. Du liebst an mir nur die Form, die nun mein natürlich Alleräußerstes ist; die Liebe ist aber das eigentlich Innerste des Menschen und solle sich nie an etwas Äußerstes hängen; denn dadurch wird bald das Innerste zum Äußersten und somit zum Abbilde der Hölle. Dadurch wird die göttliche Lebensordnung verkehrt, der Geist der Seele, welcher die Liebe ist, wird nach außen gekehrt, und es geschieht dadurch, daß er also verkümmern muß, als wie da eine Frühgeburt verkümmert, die durch einen gewaltsamen Stoß von außen viel vor der Zeit aus dem Mutterleibe abgetrieben ward.
[GEJ.03_078,09] Meine Außengestalt darf dich sonach nicht fesseln, sondern nur die Wahrheit, die du aus meinem Munde vernimmst. Diese wird dir bleiben und dich allenthalben frei und in deiner Seele wahrhaft glücklich machen; meine einstweilige Außengestalt aber diene dir bloß zu einem Beweise dafür, daß du siehst, wie schön die volle Wahrheit gepaart mit der Liebe in ihrer Reinheit ist! – Verstehest du solches?"
[GEJ.03_078,10] Sagt Ribar, von seiner gewaltigen Umarmung abstehend: „Ich verstehe es wohl; aber bei deinem Anblicke wird unsereinem der Verstand wahrhaft zu einer Bergeslast!"
[GEJ.03_078,11] Sagt darauf Suetal zu Raphael: „Das ist schon ein altes Übel bei meinem Freunde Ribar. Eine schöne Gestalt, ob männlich oder weiblich, kann er, ohne leidenschaftlich zu werden, nicht vertragen; mir wieder ist das ganz einerlei. Mir gefällt wohl auch eine schöne Gestalt offenbar besser denn eine häßliche, aber leidenschaftlich werde ich darum nie! Darum haben auch bis zur Stunde alle noch so schönen Weiber und Mägde vollkommen vor mir Ruhe gehabt!"
[GEJ.03_078,12] Sagt Raphael: „Solches gehört aber nicht dir zu irgendeinem Verdienste, sondern deiner Naturbeschaffenheit! Denn ein Blinder kann kein Verdienst haben, daß er von irgendeiner Schönheit der Welt nicht verlockt wird, und dem Tauben gereicht es nicht zur Tugend, so er sein Ohr nicht an den Mund der Ohrenbläser legt. Aber Menschen deinesgleichen sind denn auch in ihrer Seele um vieles schwerer zu wecken als solche, deren Gemüt im Anfange der geistigen Entwicklung offener ist als irgendein anderes am Ende derselben.
[GEJ.03_078,13] Siehe, beim Ribar steht Geistiges, wenn auch noch ungeläutert, schon durch sein Fleisch ausgegossen, daher ihn denn auch sogleich irgend etwas Schönes und in seiner Art Vollkommenes anzieht, da alles äußerlich Schöne offenbar irgendeinen geistig vollendeteren Grund in sich haben muß; und so ist das gewisse äußerliche Verliebtwerden in einen schönen Gegenstand ein zwar stummes, aber dennoch gegenseitig geistiges Erkennen und Erwärmen. Nur muß es frühestens schon einer guten Leitung anvertraut werden, durch die es auf den eigentlichen Lebensgrund gewisserart zurückgeleitet wird, was eben keine zu schwere Arbeit ist, da der eigentliche Lebensgeist, der sich durch die Liebe kundgibt, das eigentlich intelligente Wesen im Menschen ist und somit das seiner Natur und Ordnung Entsprechende leicht faßt und werktätig begreift."
79. Kapitel
[GEJ.03_079,01] (Raphael:) „Das sogenannte äußere Verliebtwerden in einen schönen Gegenstand ist darum an und für sich durchaus keine Sünde, kann aber zur Sünde werden – das heißt zu einem Fehler in der Ordnung des Lebens –, wenn es ungeleitet stets mehr und mehr an den äußeren Formen hängenbleibt, wo es dann natürlich schwerer wird, solch einen Geist von der schönen Äußerlichkeit zu trennen und ihn auf den Ort seiner Ordnung zurückzuführen.
[GEJ.03_079,02] Es werden vom Herrn aus in solchen Fällen dann allerlei schmerzliche Mahnungen und sogar Geißelungen zugelassen, durch die ein also verirrter Geist mit der Zeit doch wieder in die alte Ordnung zurückkehrt und alles Äußere verläßt, das Edlere davon in seine Ordnung verkehrt und somit wahrhaft belebt.
[GEJ.03_079,03] Es ist darum ein großer Unterschied zwischen Menschen deiner Art und Menschen in der Art des Ribar. Was du jahrelang suchen magst, um es zu erhalten, das kann ein Mensch, dem Ribar gleich, in wenigen Tagen, ja oft in wenigen Stunden erreichen, wenn er dazu nur eine rechte Leitung bekommt und selbst recht ernstlich will. – Verstehst du solches?"
[GEJ.03_079,04] Sagt Suetal, etwas mürrisch scheinend: „Ja, wohl begreife ich es, sehe aber auf einer andern Seite den Grund nicht ein, warum der Schöpfer einen Menschen so reif und geistig empfänglich und einen andern wieder so stumpf wie ein Stück Holz in die Welt setzt!"
[GEJ.03_079,05] Sagt der Engel: „Ja, mein Lieber, wenn du so zu fragen beginnst, da werden wir gar lange nicht fertig; denn dein Geist steckt noch zu tief unter der Haut deines Fleisches, während der Geist des Ribar schon weit über seine Haut hinausgedrungen und mit ihm sonach leicht reden ist. Du könntest ebensogut fragen, warum Gott auf der Erde so viele Steine erschaffen hat und warum nicht lauter sanftes, fruchtbares Erdreich, warum soviel Wassers, über dessen weite Flächen sich keine Äcker und Weingärten anlegen lassen, warum so viel Dorngestrüpp und so viele Distelarten, auf denen wahrlich keine Trauben und keine Feigen wachsen. Aber ich sage es dir, daß da alles im höchsten Grade notwendig ist und das eine ohne das andere nicht bestehen könnte; aber dir davon die weisen Gründe alle zu zeigen, würde nur so ganz kurz und oberflächlich hin einen Zeitraum von vielen Jahrtausenden benötigen, während alles das unendlich Viele ein geweckter und reifer Geist in wenigen Augenblicken vollkommen innehaben kann, so er sich dafür interessiert. Da aber ein vollkommener Geist ganz höhere und bessere Dinge des Lebens vor sich hat, als den Grund der Steine, des Wassers, der Dornen und Disteln zu erforschen, so überläßt er solches gar gerne der weisesten Fürsorge des Herrn der Unendlichkeit."
[GEJ.03_079,06] Sagt Suetal: „Wenn so, da ist es aber dann doch auch nicht meine Schuld, wenn ich begriffsstutziger bin denn so ein Ribar, der meines Wissens trotz seines offener liegenden Geistes die himmlische Weisheit noch lange nicht mit dem Löffel in sich gebracht hat!"
[GEJ.03_079,07] Sagt Raphael: „Menschen, wie du, müssen ja einen scharfen Verstand besitzen, auf daß daran ihre viel stumpfere Seele einen Weg zu ihrem Geiste habe, der freilich ein viel längerer und holperichterer ist als der, welchen die Geister der Liebe zu durchwandeln haben; denn ein Geist der Liebe hat das ja schon als offenes Lebenselement in und vor sich, was die stumpfere Seele erst PER LONGUM ET LATUM mittels richtigen Gebrauches ihrer scharfen Außensinne erreichen kann.
[GEJ.03_079,08] Siehe, welche Mühe wird es dich noch kosten, bis du zur Liebe gelangen wirst! Ribar aber ist schon ganz Liebe. Diese braucht nur ein wenig geregelt und geordnet zu werden, und er steht dann fertig da; du mußt aber erst durch deinen langweiligen Verstand zur Liebe kommen, um sie dann zu besitzen, ohnedem sie unmöglich zu regeln und zu ordnen ist! – Verstehst du das?"
[GEJ.03_079,09] Sagt Suetal: „Wenn so, da ist Gott ja ungerecht und sehr parteiisch!"
[GEJ.03_079,10] Sagt der Engel: „In einer gewissen Hinsicht allerdings, aber natürlich nur aus dem Gesichtskreis des kurzsichtigsten Menschenverstandes betrachtet; aber wenn du ein Haus bauest, warum gräbst denn du ein Fundament und legst dann die größten, schwersten und härtesten Steine hinein?
[GEJ.03_079,11] Was haben dir denn diese Steine zuvor getan, darum du sie zuerst in den finstern Baugraben schobst und dazu noch alle Last auf ihren Rücken legtest? Hattest du denn da kein Erbarmen mit den armen Steinen? Welchen Druck müssen die Steine unter der ungeheuren Last eines Berges aushalten?
[GEJ.03_079,12] Oder erbarmen dich die Wurzeln eines Baumes nicht, darum sie stets in dem finstern Modergrunde der Erde stecken müssen, während des Baumes Äste gar stolz im Luftäther und im alles erquickenden Lichte prangen?
[GEJ.03_079,13] Siehe, sind das nicht lauter ,Ungerechtigkeiten‘ schon in den untersten Schichten des geschaffenen Naturlebens?! Wie konnte ein so weiser Gott als Schöpfer da wider allen gesunden Verstandessinn gar gleichgültig und gefühllos darüber hinausgehen?
[GEJ.03_079,14] Ebenso könnten sich ja auch deine Füße gegenüber deinen Händen tiefst beklagen und sagen: ,Warum sind denn gerade wir, so gut Fleisch und Blut als ihr, euch herumzutragen verdammt, während ihr euch ohne Mühe in der freien Luft gar lustig herumbewegen könnet?‘
[GEJ.03_079,15] Und so könnten noch eine Menge anderer Glieder des Leibes gegen das Haupt eine ganz gerecht scheinende Klage erheben; aber wer würde da die Dummheit einer solchen Beschwerde nicht augenblicklich einsehen?
[GEJ.03_079,16] Sieh, in gleicher Weise hat der Herr denn auch die Menschen dieser Erde mit verschiedenen Fähigkeiten begabt, einige mit größeren und einige mit minderen; aber keinem ist das Tor in den großen Tempel der Vollendung verschlossen, sondern einem jeden der Weg gegeben, und es kann sich demnach niemand beschweren und sagen: ,Herr, warum gabst Du denn nicht auch mir die Talente, deren sich mein Bruder im Vollmaße zu erfreuen allen Grund hat?!‘ Denn da würde der Herr zu ihm sagen: ,Fühlst du einen Mangel, so gehe zu deinem Bruder, und er wird dir aushelfen! Hätte Ich allen Menschen ein Vollgleiches gegeben, da hätte keiner gegenüber dem andern einen Mangel, der Bruder würde des Bruders nimmer benötigen! Womit sollte dann die alles belebende Nächstenliebe im Menschen erweckt und gestärkt werden?‘
[GEJ.03_079,17] Was wäre aber ein Mensch ohne die Nächstenliebe, und wie würde er ohne diese dann erst die reine Liebe zu Gott finden, ohne die an ein ewiges Leben der Seele gar nicht zu denken ist?!
[GEJ.03_079,18] Siehe, damit ein Mensch aber dem andern dienen und sich dadurch dessen Liebe erringen könne, muß er ja doch irgend etwas zu leisten imstande sein, was ein anderer nicht so leicht kann, weil ihm dazu die erforderlichen Talente mangeln; dadurch aber wird dann ein Mensch dem andern zu einem Bedürfnisse, und durch den gegenseitigen nötigen Dienst wird die Liebe zunächst erweckt und durch das Gute solcher gegenseitigen Dienstleistung stets mehr und mehr gestärkt.
[GEJ.03_079,19] In der Stärke der Nächstenliebe aber liegt allezeit die innerste Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe und in dieser das ewige Leben.
[GEJ.03_079,20] Wenn du nun aber von dir selbst behaupten kannst, daß dich gewisserart nichts zu irgendeiner Liebe reizen kann, weder eine schöne Gestalt noch irgendeine ausgezeichnet gute Handlung, da möchte ich selbst von dir dann erfahren, durch welch ein drittes mir ganz unbekanntes Mittel der Mensch die Liebe in seinem Herzen erwecken kann und durch was sie stärken bis zur Kraft der Offenbarung der göttlichen, reinsten Liebe im Herzen!?
[GEJ.03_079,21] Wo aber diese sich nicht offenbart in Wort oder Tat, da sieht es mit dem ewigen Leben der Seele nach des Leibes Tode doch sicher auch noch sehr düster und trübe aus!
[GEJ.03_079,22] Kurz, so in deinem Herzen noch irgend Zweifel über das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode obwalten, da ist die Lebensoffenbarung noch nicht erfolgt; was der Mensch aber nicht hat, daran zweifelt er stets, daß er es je haben werde, wenn er es auch haben möchte. Hast du aber einmal das ewige Leben der Seele durch die Offenbarung der reinen, göttlichen Liebe in deinem Herzen also gefunden wie einen verlorenen Groschen, dann wirst du darob auch keinen Zweifel mehr haben über den vollen Besitz dessen, was du aller Wahrheit und Wirklichkeit nach besitzest!
[GEJ.03_079,23] Aber solches kann nur durch die Nächstenliebe erreicht werden; und es ist deshalb der Ribar dem wahren Lebensziel um sehr vieles näher als du, der du wohl deinen Gehirnkasten mit dem Naturlichte dieser Welt erhellt hast, aber dafür dein Herz ohne Feuer und Licht gleich einem Wild im finstern Dickicht der Sumpfwälder Europas umherirren lässest!
[GEJ.03_079,24] Ich rate darum dir, dies dir von mir nun Gesagte wohl zu beachten, sonst gehst du hohl mit allem deinem Verstande, und die goldene Frucht an deinem Lebensbaume wird lange vor der Reife von den Würmern zernagt werden; und die Würmer heißen Zweifel, die am Ende deinen gesamten Gehirnkasten durchfressen werden und aus deiner Lebensfrucht wird ein stinkendes Aas werden, das den Raubvögeln zu einem schnöden Fraße dienen wird! – Hast du mich verstanden?!"
80. Kapitel
[GEJ.03_080,01] Sagt Suetal: „Verstanden wohl, aber es wäre mir beinahe lieber, so ich dich nicht verstanden hätte! Wie kann ich mich denn zur Liebe nötigen, wenn ich derer von Natur aus nahe gänzlich unfähig bin? Ich kenne nur einen Beifall meines Verstandes bei Erscheinungen und Handlungen; aber eine Liebe im Herzen ist mir fremd! Sage mir denn doch, wie es einem Menschen wird, – oder woran erkennt er, daß Liebe in seinem Herzen wach geworden ist? Es muß da ja doch irgendein Zeichen der Wahrnehmung im Leben des Menschen geben, sonst ist ihm die ganze Liebe umsonst; denn er kann sie vielleicht in aller Fülle besitzen, weiß aber nicht, daß ein solcher Zug seines Lebens ,Liebe‘ heißt. Was ist ihm da mit der ganzen Liebe geholfen und gedient!?"
[GEJ.03_080,02] Sagt Raphael: „Erinnerst du dich denn gar nicht mehr so weit zurück, als du noch ein Kind warst? Was fühltest du damals zu deinen Eltern, die dich sehr liebten und dich als ihren Liebling mit allerlei Wohltaten überhäuften?"
[GEJ.03_080,03] Sagt Suetal: „Ist wohl schon lange her; aber ich kann mich noch so mancher Begebenheit erinnern, wo ich so recht gerührt war, daß mir darob Tränen in die Augen kamen. Sollte etwa ein solch kindliches Gefühl Liebe sein?"
[GEJ.03_080,04] Sagt Raphael: „Ja, ja, das ist Liebe; wem diese mangelt, dem mangelt am Ende alles, was zum Leben gehört, und so ein Mensch ist dann nur eine Maschine seines naturerleuchteten Gehirns und weiß kaum von dem Wesen seiner höchst eigenen Seele etwas!
[GEJ.03_080,05] Die Liebe der Kinder muß daher wieder wach werden im Herzen bei jedem, der dir gleicht, ansonst es unmöglich ist, einen bloßen Verstandesmenschen einzuführen in das innere Reich des Lebens.
[GEJ.03_080,06] Was nützt es dir, so du auch alles begreifst mit deinem Verstande und magst aber doch dein eigenes Leben nicht fassen und sehen, wie es ist, und wie es sich gestaltet und ausbildet?!
[GEJ.03_080,07] Was nützt es einem Gärtner, in fremden Gärten das üppige Wachstum von allerlei edlen Pflanzen zu bewundern, dabei aber seinen eigenen Garten brachliegen und nur das Unkraut darin nach Belieben wuchern zu lassen?! Man bestelle die Beetlein des eigenen Gartens, reinige sie vom Unkraute, dünge sie mit dem rechten Dünger und besäe sie mit Samen von edlen Pflanzen, auf daß man dann zur rechten Zeit auch eine rechte Freude wird haben können an dem üppigen Pflanzenadel des eigenen Gartens! – Aber nun nichts mehr weiter von dem; denn es wird nun von seiten des großen Meisters etwas Neues unternommen werden, und da heißt es Herz und Kopf am rechten Flecke haben!"
[GEJ.03_080,08] Sagt Ribar: „Aber sage uns, du Himmlischer, ob wir nicht eher (vorher) uns zum Meister hinbegeben sollen und Ihm danken für all das Gute, was wir hier sicher nur durch Seine große Güte und Gnade leiblich und geistig zum Genusse bekommen haben!"
[GEJ.03_080,09] Sagt Raphael: „Er sieht nur aufs Herz; ist das in der Ordnung, so ist dann alles in der Ordnung. Wenn Er euch aber reif finden wird, dann wird Er euch schon berufen und euch die gemessene Weisung geben, was ihr in der Zukunft zu tun haben werdet.
[GEJ.03_080,10] Aber jetzt heißt es, sich im Herzen, sich im ganzen Wesen bereit halten; denn so Er etwas tut, da gilt das nicht nur für uns hier auf diesem Flecke, ebenso auch nicht für dieses Land oder für diese ganze weite Erde, sondern das gilt gleich unter einem für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit! Daher heißt es da alles wohl fassen in seiner tiefsten Tiefe! Solches verstehet und beherziget es wohl! Denn jedes Wort aus dem Munde, der vom ewigen Geiste Gottes in die Bewegung gesetzt wird, und jede darauf erfolgte Handlung hat stets die unendlichste Tragweite! – Jetzt aber muß ich eure Gesellschaft wieder auf eine Zeitlang verlassen und muß mich fügen dem Willen des großen Meisters."
[GEJ.03_080,11] Darauf verließ der Engel die Gesellschaft der zwölf und begab sich wieder zu seinem Josoe, der nun schon so manches mit ihm zu verhandeln hatte; denn die vielen Reden von allen Seiten haben den Josoe etwas verwirrt gemacht, und Raphael hatte nun zu tun, um seinen Jünger in allem zurechtzubringen.
81. Kapitel
[GEJ.03_081,01] Ich aber sagte nun: „Freunde, unser leibliches und geistiges Mittagsmahl hat diesmal gut bei vier Stunden angedauert, und es ist darum Zeit, daß wir uns vom Tische erheben! Wir wollen hinaus aufs Meer schauen, ob sich da nicht irgend etwas zuträgt, das da unserer allseitigen Aufmerksamkeit wert ist!
[GEJ.03_081,02] Zugleich mache Ich euch alle darauf aufmerksam, daß wir von jetzt an in einer halben Stunde eine gänzliche Verfinsterung der Sonne erleben werden. Allein, niemand aus euch mache sich da etwas daraus; denn es geht solch eine Verfinsterung ganz natürlich vor sich!
[GEJ.03_081,03] Der Mond, vom Abende (Westen) her schwebend in einer Höhe über der Erde 98000 Stunden Weges, wird als ein massiver, undurchsichtiger Körper geradlinig über die Sonne ziehen und dadurch verhindern, daß das Sonnenlicht auf einen Teil dieser Erde einfalle; die gänzliche Verfinsterung wird nur einige Augenblicke währen; darauf wird sich über dem Rande des Mondes gleich wieder die Sonne zeigen, und es wird dann lichter und lichter auf der Erde werden. Während der vollen Verfinsterung aber werdet ihr die schönen Sternbilder des Winters zu sehen bekommen, die man sonst im Sommer nie sehen kann.
[GEJ.03_081,04] Ich sage euch das, um euch bei solchen Erscheinungen alle törichte Furcht zu benehmen, und um euch die volle Natürlichkeit solcher Erscheinungen zu zeigen; darum keine Furcht sonach, wenn die Erscheinung eintreten wird!
[GEJ.03_081,05] Aber zu gleicher Zeit werden wir drei Handelsschiffe auf der Höhe des Meeres entdecken; diese müssen vor dem Eintritt der Erscheinung ans Land gebracht werden, weil der böse Aberglaube sonst die Schiffsknechte nötigen würde, eine gar selten schöne und tugendsame Tochter eines biederen Griechen samt ihrem sie begleitenden Vater ins Meer zu werfen.
[GEJ.03_081,06] Denn beide reisen nach Jerusalem, um den Tempel zu sehen und sich mit der Lehre der Juden an der Quelle vertraut zu machen, und führen zu dem Behufe auf den drei Schiffen eine Menge großer Schätze mit, die nachher als eine gute Prise (Beute) in die räuberischen Hände der argen griechischen Schiffsknechte fallen würden.
[GEJ.03_081,07] Es ist darum keine Zeit zu verlieren; denn die Weltkörper gehen nach ihrem Gesetze den gezeichneten Weg unaufhaltbar fort. Würde man sie in ihrem Gange hemmen, so würde dadurch der Erde ein größter Schaden zugefügt werden, den ein Jahrtausend nicht verwischen würde; werden aber die drei Schiffe etwas wunderlich schnell ans Ufer gebracht, so erleidet dadurch niemand irgendeinen Schaden, sondern es kann für viele Arme dieser Gegend ein recht großer natürlicher und geistiger Gewinn herausschauen. Darum nun schnell ans Werk!"
[GEJ.03_081,08] Alles eilt nun ans Ufer und stellt sich am selben in einer weitlaufenden Linie auf. Aber Ich habe dabei auch Meine Not; denn Cyrenius mit seinem Gefolge, Meine zwölf Jünger und einige, die uns schon lange begleiteten – bei sechzig an der Zahl –, die dreißig jungen Pharisäer und Leviten unter ihren Rednern Hebram und Risa, die fünf unter dem weisen Mathael und die zwölf unter ihren Suetal, Ribar und Bael drängen sich alle an Mich und möchten alle, so gut es nur gehen kann, ganz in Meiner Nähe sein, während Ebahl mit der Jarah und Raphael mit dem Josoe ohnehin ganz fest bei Mir sind und die Jarah sogar Meinen Rock gar nicht mehr ausläßt. Der alte Markus mit seinem Weibe und Kindern möchte nun auch in Meiner nächsten Nähe sein, und so ist die kleine Platznot erklärlich, in der Ich Mich befinde. Aber der Raphael bringt bald alles in die beste Ordnung, da er in einem Augenblicke alle die Ufergäste auf bequeme Plätze verteilt, Ich aber mit dem Cyrenius und dem alten Markus ein Schiff besteige und im Angesichte der vielen Gäste knapp am Ufer auf- und abfahre, womit die Gäste und auch Meine Jünger ganz einverstanden sind.
[GEJ.03_081,09] Aber nun naht der Mond sich schon stark der Sonne, und Ich berufe den Raphael, sagend: „Du weißt, was nun not tut, daher kein Säumen mehr!"
[GEJ.03_081,10] Und der Raphael sagt, eigentlich der Gäste wegen: „Herr, auf Eins oder mit einiger Weile?"
[GEJ.03_081,11] Sage Ich: „Nach zwölf Augenblicken auf Eins!"
[GEJ.03_081,12] Die drei Schiffe aber standen so weit, daß man sie kaum bemerken konnte; in der Linie mochten es wohl bei vier Stunden Weges sein.
82. Kapitel
[GEJ.03_082,01] Cyrenius strengte vergebens seine Augen an; er konnte von keinem Schiffe etwas wahrnehmen. Ebensoschlecht ging es dem Markus; aber andere sehr scharf sehende Augen bemerkten die Schiffe wie drei Mücklein groß im Meere dahinziehen und sagten: „Herr! Die haben bei günstigem Wind gute zwei Stunden bis an dieses Ufer!"
[GEJ.03_082,02] Sage Ich „Sorget euch nur nicht darum; Mein Schiffsmann wird die Sache zur rechten Zeit am Ufer haben!"
[GEJ.03_082,03] Fragen die dreißig jungen Pharisäer: „Wo und wer ist der, dem solches möglich ist?"
[GEJ.03_082,04] Sage Ich: „Ihr kennet ja den jungen Mentor (Erzieher) des Cyrenius' Ziehsohnes; der ist es!"
[GEJ.03_082,05] Fragen ängstlich die dreißig: „Wo ist denn ein Schifflein für ihn bereit?"
[GEJ.03_082,06] Sagt nun Raphael: „Ich brauche deren keines!" und verschwindet in diesem Augenblick. Alle erschrecken in der Meinung, der Jüngling sei ins Wasser gesprungen und werde nun den Fischen gleich schnell nach den Schiffen im Wasser hinschießen. Denn es wußten das noch viele nicht, daß Raphael eigentlich ein Engel und somit ein ganz reiner Geist sei; viele hielten ihn für den Mentor des Josoe, während er nur ein Mentor der Jarah war. Aber da er sich hier mehr mit dem Josoe denn mit der Jarah abgab, so galt er hier bei vielen als ein junger Mentor des Josoe.
[GEJ.03_082,07] Ehe sich aber die Frager noch recht umsahen, war Raphael auch schon am Ufer mit den drei ziemlich großen Schiffen und stand an Bord desjenigen Schiffes, darin der fromme Grieche mit seiner noch frömmeren Tochter sich voll Staunens und Entsetzens befand; denn fürs erste kam ihm die unbegreiflich schnelle Landung an einer ihm ganz unbekannten Küste wie ein Traum vor, und fürs zweite wußte er nicht, was er aus dem jungen Schiffsmanne machen sollte und konnte sich über diese wunderbare Erscheinung auch keine Rechenschaft geben; denn die Veränderung ist zu schnell erfolgt und hat ihn zu wunderlich überrascht.
[GEJ.03_082,08] Auch die Schiffsknechte standen bei ihren Rudern voll Staunens wie Bildsäulen und getrauten sich ihre Ruder nicht mehr ins Wasser zu stoßen. Nach einer kleinen Weile des tiefsten Staunens und Wunderns erst fragte in tiefster Ehrfurcht der Grieche den Jüngling, sagend: „Wer bist du, mächtiges Wesen? Wer hieß dich uns so schnell an ein gutes Ufer bringen und aus welchem Grunde?"
[GEJ.03_082,09] Spricht Raphael: „Frage nicht, sondern sieh nach der Sonne, die nun bald auf einige Augenblicke ihren Lichtglanz verlieren wird! Wärest du auf des Wassers Höhe, so hätte der Schiffsknechte böser Aberglaube dich samt deiner Tochter über Bord ins Meer geworfen und dann deine mitgenommenen Schätze unter sich geteilt; solches sah aber unser großer, göttlicher Meister zum voraus und sandte mich darum dir zu deiner schleunigsten Rettung. Du bist nun schon in vollster Sicherheit, aber dennoch werden dir noch unangenehme Sachen vorkommen, und ich muß darum während der finsteren Katastrophe bei dir im Schiffe verbleiben, ansonst du noch immer mit den rohen Schiffsknechten viel Ungemach zu bestehen hättest."
[GEJ.03_082,10] Der Grieche sieht sich nun nach der Sonne um und bemerkt zu seinem und seiner Tochter Entsetzen, daß von der Sonne nur noch ein ganz schmaler Rand übrig ist, erhebt sich von seinem Sitze und donnert einen Fluch dem bösen Drachen empor, der die Sonne nun total zu verschlingen drohe.
[GEJ.03_082,11] Es war das einiger Heiden von Kleinasien fromme Sitte, bei Gelegenheit einer Sonnenfinsternis dem argen Drachen eine Menge der härtesten Flüche emporzusenden, auf daß er sich davor erschrecke und die verschlungene Sonne wieder ausspeie und sie dann wieder weiterhin fortleuchte. Aber der Alte war mit seinen frommen Flüchen noch nicht zu Ende, als die Sonne ganz vom Monde verdeckt wurde.
[GEJ.03_082,12] Da entstand ein plötzliches, wildes Geheul unter den Schiffsknechten, aber auch am Ufer unter den römischen Soldaten, und die nahe vor Angst wütenden Schiffsknechte fielen über den Griechen her und wollten ihn samt der Tochter und samt dem Raphael ins Meer werfen; denn sie gaben den dreien die Schuld dieser schrecklichsten Geißel der Götter und wollten diese dadurch versöhnen. Aber Raphael hob alle Schiffsknechte aus den Schiffen und setzte sie ans Land; den Ärgsten aber warf er ins Meer, und dieser hatte zu tun als ein guter Schwimmer, um ziemlich weit unter den Schiffen ganz ermattet das Land zu erreichen.
83. Kapitel
[GEJ.03_083,01] Während dieser Katastrophe brach die Sonne wieder hinter dem Monde auf dessen anderer Seite hervor, und es trat wieder die alte Heiterkeit in die Gemüter aller Anwesenden; einzig der Cyrenius und auch Julius blieben während der totalen Verfinsterung vollkommen ruhig neben Mir.
[GEJ.03_083,02] Selbst Meine Jünger wurden etwas unruhig, und die Jarah und der Josoe sprangen hastig in Mein ans Ufer stoßendes Schiff und zitterten vor Furcht; aber ihre Furcht war dennoch mehr eine Folge des wilden Geheules der Schiffsknechte denn der Finsternis. Denn die Jarah und der Josoe wußten recht gut den Grund der Verfinsterung der Sonne, aber auf das wildeste Geheul waren sie nicht vorbereitet und sprangen darum in großer Angst in Mein Schiff und drängten sich da zu Mir so knapp als möglich hin. Cyrenius und Julius aber haben sich unterdessen an den schönen Sternbildern des Winters ergötzt, die sie im Sommer noch nie geschaut hatten.
[GEJ.03_083,03] Nach und nach ward es immer heller, und der alte frohe Mut kehrte wieder in die erschütterten Gemüter der Menschen, und die Schiffsknechte kehrten wieder zu ihren drei Schiffen und baten den Jüngling um Vergebung, darum sie ihn ehedem so hart angegangen.
[GEJ.03_083,04] Auch den Griechen baten sie um Vergebung, und dieser (der Grieche) sagte: „Was jemandem sein Glaube gebietet, solle er tun, so er in sich keinen weiseren Gegengrund findet; aber es soll sich in der Folge euer Glaube heller gestalten, und ihr werdet dann einsehen, daß die hohen Götter aus unseren Händen durchaus keine Menschenopfer verlangen, indem sie selbst zahllose Mittel in den Händen haben, sich Menschen zu Hunderttausenden nach Belieben von dieser Erde zu nehmen."
[GEJ.03_083,05] Mit dieser Belehrung von seiten unseres Griechen sind die Schiffsleute zufrieden und geloben, daß sie in der Zukunft bei einer ähnlichen Erscheinung seiner weisen Belehrung vollends eingedenk sein und bleiben werden. Darauf fragen die Schiffsknechte den Griechen, ob er nun seine Reise weiter fortsetzen werde, oder ob er hier zu verweilen gedenke.
[GEJ.03_083,06] Der Grieche aber sagt: „Seht ihr nicht diesen mächtigen Jüngling unter uns?! Er hat mir Gutes erwiesen und mich gerettet aus eurer blinden Glaubenswut; ihm schulde ich mein und meiner einzigen, allerliebsten Tochter Leben. Er allein ist nun mein Gebieter, und was er sagen wird, das werde ich auch tun; ohne sein Wort und seinen Willen aber wird von hier auch in zehn Jahren nicht um ein Haar breit weiter gereist!
[GEJ.03_083,07] Dazu sagt mir eine gute innere Stimme, daß ich auf diesem unansehnlichsten Flecke mehr denn in ganz Jerusalem schon jetzt gefunden habe. Ich werde darum hier verbleiben. Ich werde nun nur mit dem Wirte dieses Ortes reden, ob ich hier verweilen kann. Ist solches hier tunlich, so lasse ich dann gleich meine Lasttiere ans Ufer setzen und dann alle meine mitgenommenen Schätze, und ihr könnet dann wieder eure Schiffe flottmachen."
[GEJ.03_083,08] Während dieser Unterredung kommen aber auch schon Ich, Cyrenius, Julius, Markus, der alte Wirt und die Jarah und der Josoe in das Schiff, in welchem sich der Grieche befand, und Markus spricht ihn sogleich an und sagt: „Freund! Du siehst, daß ein ehrlicher Hauswirt nie einen Mangel an Gästen hat. Sieh, ich bin der Wirt dieses Ortes und beherberge in meiner kleinen Hütte und unter meinen Zelten alle die lieben Gäste, die du hier siehst; aber für dich ist auch noch Raum, so du hier verbleiben willst!"
[GEJ.03_083,09] Sagt gar freundlich der Grieche: „Freund, ich brauche nur einen Geviertfleck von dreißig Schritten in die Länge und zehn in die Breite, da laß ich sogleich meine drei guten und kostbaren Zelte durch meine mitgenommenen Diener aufrichten, und ich bin dann schon versorgt; denn Speisen und Getränke führe ich in großer Menge mit mir und besitze viel Goldes und Silbers, um mir welche zu erkaufen, so mir die mitgenommenen ausgehen sollten. Also besitze ich auch Futter für meine Lasttiere und bin so und so mit allem möglichen bestens versorgt; nur einen Platz, um alles das unterzubringen, habe ich nicht und werde ihn sonach von dir auf eine Zeit mieten. Was verlangst du für den ausgesprochenen Flächenraum von Tag zu Tag?"
[GEJ.03_083,10] Sagt ganz freundlich Markus: „Wohl weiß ich, daß bei euch Griechen stets genaue Rechnung geführt wird; aber bei uns Römern und besseren Juden ist das nicht üblich. Du bleibst hier, solange es dir beliebt, und es wird von dir nichts verlangt werden als deine wahre und aufrichtige Freundschaft; willst du aber danebst irgendeinem armen, sich hierher verirrten Menschen etwas tun, so wird das deinem Ermessen ohne alle Rechnung anheimgestellt sein. Laß du demnach nur auspacken und mache dir es bequem wie im Hause deiner Stadt; denn solange du hier verweilen willst, steht dir nicht nur der von dir verlangte Fleck Landes, sondern mein ganzer eben nicht ganz kleiner Grund zu Gebote, und auf meinen Tischen wird auch für dich gedeckt sein! – Sage, ob du damit zufrieden bist!"
[GEJ.03_083,11] Sagt der Grieche: „Ja, Freund, wenn du so redest, dann beschämst du mich ja, und ich bin in einer großen Verlegenheit, so ich dir deine große, höchst uneigennützige Freundschaft gewisserart mit nichts vergelten kann, und ich getraue mir kaum, einen Gebrauch von deiner wahrsten Großmut zu machen!"
[GEJ.03_083,12] Sagt Markus: „Freund, deine Freundschaft wird doch mehr wert sein als alle die großen Erdschätze, die du mit dir führest, deren ich nicht benötige, da ich nun vielleicht noch größere denn du besitze; aber freilich nicht so sehr materiell als vielmehr geistig!"
[GEJ.03_083,13] Sagt der Grieche: „Da hast du demnach also schon lange das, was ich und diese meine Tochter schon lange vergeblich suchen in allen Winkeln der Erde?"
[GEJ.03_083,14] Sagt Markus: „Was dir nun die ganze Erde und alle Sterne und die Sonne und der Mond nicht, kein Tempel und kein Orakel geben können, das findest du hier auf diesem Flecke. Darum lasse nur gleich auspacken, denn du bist nun schon am rechten Flecke!"
[GEJ.03_083,15] Der Grieche befiehlt nun sogleich seinen vierzehn Dienern, die Hände ans Werk zu legen.
84. Kapitel
[GEJ.03_084,01] Ich aber sage zum Griechen: „Höre du, Mein Freund! Wohl mögen auch deine vierzehn Diener recht fleißige und geschickte Leute sein; aber da du viele Sachen mit dir hast, so dürfte es deinen vierzehn Leuten doch eine ziemliche Zeit kosten, bis sie alles in eine gute Ordnung brächten.
[GEJ.03_084,02] Sieh, dieser anscheinende Jüngling aber ist einer Meiner vielen Dien