Band 2 (GEJ)
Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre
Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der Siebten Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
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1. Kapitel – Aufenthalt Jesu und der Seinen in Kis und Nazareth, Fortsetzung (Kis – Landungsstelle Sibarah – Nazareth). (Kap.1-94)
[GEJ.02_001,01] Spät am Abend kommen die Schätze aus der Höhle des Kisjonah an, bestehend in Gold, Silber und in einer schweren Masse geschliffener und ungeschliffener Edelsteine von großem Werte; denn es sind bei drei Pfund geschliffener und bei sieben Pfunde ungeschliffener Diamanten, ebensoviel gleich zuständige Rubinen, noch einmal soviel Smaragde, Hyazinthe, Saphire, Topase und Amethyste, und bei vier Pfunde wie starke Erbsen große Perlen. Des Goldes aber waren über zwanzigtausend Pfunde und des Silbers fünfmal soviel.
[GEJ.02_001,02] Als Faustus diesen horriblen Reichtum in Augenschein nimmt, schlägt er die Hände über dem Haupte zusammen und spricht: „O Herr! Ich habe als der Sohn eines der reichsten Patrizier von ganz Rom doch auch Gelegenheit gehabt, große Schätze dieser Erde zu Gesichte zu bekommen; aber so was hat mein Auge noch nicht geschaut! Das geht über alle Pharaonen und über die Fabel vom Krösus, der sich am Ende vor lauter Reichtum nimmer zu helfen wußte und sich im Ernste einen Palast aus Gold erbaut hätte, wenn sein Sieger ihm das zu viele Gold nicht abgenommen hätte.
[GEJ.02_001,03] Jetzt sage Du, o Herr, dem alle Dinge bekannt sind, mir armem Sünder, wie möglich diese zwölf Knechte des Satans zu solchen Schätzen gekommen sind! Auf eine nur einigermaßen ehrliche Weise kann das doch nimmer möglich sein, und in einer kurzen Zeit auch nicht! – Wie sonach war solches möglich?"
[GEJ.02_001,04] Sage Ich: „Freund, kümmere dich nun nicht mehr darum! Es lohnt sich auch wahrlich nicht weiter mehr der Mühe, dieses Satansdrecks wegen noch mehrere Worte zu verlieren. Daß dabei aber kein ehrlicher Stater weilt, des kannst du vollends versichert sein. Durch was für tausenderlei schändlichste Lumpereien diese Natternbrut, dieses Schlangengezüchte, aber das alles zusammengerafft und -geraubt hat, wäre eine zu weitläufige Sache, so man das Punkt für Punkt dartun sollte.
[GEJ.02_001,05] Daß sie Spitzbuben von der allerdurchtriebensten Art sind, darüber wirst du hoffentlich keinen weiteren Zweifel haben; wie sie aber gewisserart noch mehr als Spitzbuben sind, das braucht kein Mensch mehr zu wissen. Sie haben nach den Gesetzen Roms schon lange den zehnfachen Tod verdient, bloß wegen des Verbrechens der Beraubung der kaiserlichen Steuerkarawane; und dieser Raub, den wir jetzt in den unermeßlichen Schätzen vor uns haben, ist um kein Haar besser, wennschon gerade nicht so offen die kaiserlichen Steuergelder betreffend.
[GEJ.02_001,06] Wenn du sonach auch alles wüßtest, so kannst du sie dafür doch unmöglich öfter denn einmal töten. Du kannst wohl die Marter verschärfen, aber wozu? Ist die Marter schärfster Art – um in eurer Gerichtsweise zu sprechen –, so ist sie auch alsbald tödlich, und ist sie gelinderer Art, aber dafür andauernder, nun, so verspürt der Sträfling eben nicht viel mehr davon als du von einer dich belästigenden Fliege; denn die vor dem sicheren Tode ihres Leibes sich über alle Maßen fürchtende, wenn auch noch so materielle Seele zieht sich alsbald zurück in ihre innersten Gemächer und fängt freiwillig an, sich von ihrem Leibe, in dem kein Bleiben mehr ist, loszulösen, und der Leib wird bei solchen Gelegenheiten völlig unempfindlich. Du kannst dann solch einen Leib quälen wie du willst, so empfindet er wenig oder auch gar nichts mehr davon. Versetzest du den Leib der Seele aber augenblicklich in einen großen Schmerz, so wird solches die Seele nicht lange aushalten, sondern sogleich einen gewaltigen Riß tun, und du kannst dann einen völlig toten Leib sieden und braten, und er wird nichts mehr fühlen von der Strafe.
[GEJ.02_001,07] Ich bin deshalb nicht für die Strafe mit dem Tode, weil diese weder für den Getöteten von irgendeinem Belange ist, und noch weniger irgendeiner Gerechtigkeit zum Schild und Nutzen dient; denn einen hast du getötet, – und Tausende haben dir darum Rache geschworen! Aber einen Verbrecher unter eine allerschärfste Zuchtrute stellen und diese nicht ruhen lassen, bevor nicht eine gänzliche Besserung eingetreten ist, für das bin Ich aus der notwendigen göttlichen Ordnung ganz und gar sehr! Eine rechte Zuchtrute zu rechter Zeit völlig gerecht angewendet, ist besser als Geld und reinstes Gold; denn durch die Zuchtrute wird die Seele von ihrer Materie mehr und mehr losgestäupt und wendet sich endlich zu ihrem Geiste. Und hat solches die Zuchtrute bewirkt, so hat sie eine Seele vor dem Untergange und sonach den ganzen Menschen vor dem ewigen Tode gerettet.
[GEJ.02_001,08] Darum soll ein jeglicher Richter nach der Ordnung Gottes auch den größten Verbrecher nicht mit dem Tode des Leibes, der zu nichts taugt, sondern allzeit mit der Rute strafen nach dem Maße des Verbrechens. Tut er das, so ist er ein Richter der Menschen zum Himmel, tut er aber das nicht, – ein Richter zur Hölle, wofür er von Gott wahrlich ewig nie einen Lohn haben wird; sondern: für das Reich er gerichtet hat die Menschen, von demselbigen Reiche soll er auch den Lohn empfangen! – Nun weißt du genug, und laß nun die Schätze verwahren! Morgen werden auch die von Chorazin anlangen, und es soll dann sogleich die Verteilung und die Absendung all dieses Teufelsdrecks geschehen. – Nun aber begeben wir uns in den Speisesaal; denn das Abendmahl harret schon unser! Wahrlich, diese ganze Geschichte ist Mir schon überlästig, und Meine Zeit drängt Mich schon nach Nazareth!"
[GEJ.02_001,09] Sagt Faustus: „Herr, daß Dir diese scheußliche Geschichte über alle Maßen zuwider sein muß, sehe ich nur zu gut ein; aber was kann man tun, wenn die Sache sich einmal so gestaltet hat? Übrigens bitte ich Dich, mein Herr und mein größter und bester Freund, daß Du nicht eher von hier ziehest denn ich; denn ohne Dich vermag ich fürs erste nichts, und fürs zweite würde mich ohne Dich die schrecklichste Langeweile trotz meines liebsten Weibchens hier töten! Darum bitte ich Dich, daß Du nicht eher diesen Ort verlassen wollest, als bis ich mit dieser allerlästigsten Geschichte zu Ende sein werde! Mit Deiner Hilfe hoffe ich, morgen bis Mittag mit allem in der Ordnung zu sein!"
[GEJ.02_001,10] Sage Ich: „Ganz gut! Aber Ich will von all den Schätzen und den elf Pharisäern nichts mehr sehen; denn es ekelt Mich davor mehr denn vor einem Aase."
[GEJ.02_001,11] Sagt Faustus: „Dafür soll gesorgt sein!"
2. Kapitel
[GEJ.02_002,01] Wir treten nun ins Zimmer, respektive in den Speisesaal, allwo ein reichliches Abendmahl unser harret. Wir aber verzehren noch kaum das Mahl, als zwei Knechte den Judas Ischariot in den Saal hereinbringen und dem Oberrichter melden, daß dieser Jünger, oder was er sonst sei, ein paar Pfunde Goldes habe entwenden wollen, sie ihn aber bei der Tat ergriffen, das Gold ihm wieder abgenommen und ihn hierher zur Verantwortung gebracht haben.
[GEJ.02_002,02] Judas steht hier ganz entsetzlich beschämt da und sagt: „Ich habe nicht im entferntesten im Sinne gehabt, das Gold mir zueignen zu wollen, sondern habe ein paar Stänglein bloß versucht, ob sie wohl wirklich so schwer sind, als man sie angibt; diese Narren aber ergriffen mich sogleich und schleppten mich als einen gemeinen Dieb herein! – Ich bitte dich, Faustus, darum, daß mir dieser Fleck abgenommen werde!"
[GEJ.02_002,03] Sagt Faustus (zu den Knechten): „Laßt ihn gehen! Er ist ein Jünger des Herrn, und ich will seiner darum schonen; (zu Judas:) du aber greife in Zukunft, besonders zur Nachtzeit – außer du werdest ein kaiserlicher Taxator (Abschätzer) – ja keine Goldbarren mehr an, sonst wirst du wegen versuchten Diebstahls zur unvermeidlichen gesetzlichen Strafe gezogen werden! Hast du den Oberrichter Faustus wohl verstanden?"
[GEJ.02_002,04] Sagt Judas ganz entsetzlich beschämt: „Herr, es war im vollsten Ernste auch nicht die leiseste Spur von einem versuchten Diebstahl, sondern wirklich nur eine – freilich etwas unzeitige – Probe über die Pfundschwere eines Goldbarrens."
[GEJ.02_002,05] Sage Ich: „Gehe, und suche dir ein Lager! Denn an diesem Übel, an dem alle Diebe sterben durch die Hand des Satans, wirst auch du in jüngster Zeit sterben; denn du warst, bist und bleibst ein Dieb! Solange dich des Gesetzes Schärfe schreckt, bleibst du wohl, der offenen Tat nach, kein Dieb noch; aber in deinem Herzen bist du es lange schon! Nehme Ich heute alle Gesetze weg, so wirst du als erster deine Hände an die Schätze draußen legen; denn deinem Herzen sind alle Rechts- und Billigkeitsgesetze fremd. Schade für deinen Kopf, daß unter ihm kein besseres Herz schlägt! – Gehe nun schlafen, und werde morgen nüchterner denn heute!"
[GEJ.02_002,06] Mit diesem Verweise geht Judas groß beschämt aus dem Speisesaale in sein Schlafgemach und legt sich nieder, denkt aber bei zwei Stunden nach, wie er dem entgehen könnte, was Ich ihm geweissagt habe; aber er findet in seinem Herzen keinen Ausweg, da dieses gleichfort seine golddurstige Stimme von neuem erhebt, und schläft also ein. – Wir aber begeben uns auch zur Ruhe, da uns zwei vorhergehende Nächte sehr in Anspruch genommen haben. Der Morgen aber ließ nicht lange auf sich warten.
[GEJ.02_002,07] Als sich Faustus noch einmal umwenden wollte, um noch ein Morgenschläfchen zu machen, da kommen auch die Schätzeführer von Chorazin an, wecken ihn, und er muß von Amts wegen hinaus, die Schätze besichtigen, sie taxieren und in Empfang nehmen. Als er mit dieser Arbeit fertig ist, sind auch wir alle auf den Füßen, und das Morgenmahl, bestehend in frischen, wohlzubereiteten Fischen, ist auch schon auf den vielen Tischen im großen Speisesaale. Faustus kommt schon nahe ganz arbeitsmüde in den Speisesaal am Arme seiner jungen Gattin und setzt sich zu Mir hin.
[GEJ.02_002,08] Nach dem genossenen Morgenmahle erst, bei dem ein guter Wein nicht gemangelt hatte, erzählt Mir Faustus, daß sein Morgengeschäft, das ihm sonst bei allem Fleiße eine Arbeit von ein paar Wochen gemacht hätte, nun bereits beendet und alles an den Ort seiner Bestimmung abgegangen sei. Es seien alle Dokumente in aller Ordnung schon fertig auf dem Tische in der großen Amtsstube und die gerichtlichen Geleitbriefe in der besten Ordnung. Der Schatz aus Kisjonahs Höhle sei richtig verteilt und mit Bestimmungsdokumenten bestens versehen, desgleichen auch die Steuergelder nebst dem großen Tempelschatz aus Chorazin, und so sei nun alles expediert; nur finde sich in der großen Amtsstube noch ein bedeutendes Zimmermannszeug vorrätig, zu dem sich noch kein Eigentümer vorgefunden habe.
[GEJ.02_002,09] Sage Ich: „Dort unten am Ende des Tisches, neben der Mutter Maria sitzend, sind zwei Söhne des Josef, namens Joses und Joel; diesen beiden gehört es! Es ist ihnen als Pfand genommen worden mit der kleinen Behausung in Nazareth, und soll ihnen auch wieder zurückgestellt werden!"
[GEJ.02_002,10] Sagt Faustus: „Herr, samt der Behausung! Dafür stehe ich! O Herr und Freund! Was haben diese Schwarzen mir schon alles für Verdrießlichkeiten bereitet; das dumme Gesetz aber hielt ihnen die Stange, und man konnte ihnen mit dem besten Willen nirgends hinters Genick kommen. Vor meinen Augen begingen sie die gräßlichsten Ungerechtigkeiten, und man konnte ihnen bei aller Macht, die einem zu Gebote steht, nichts machen; aber hier hat sie denn der Satan doch einmal sitzen lassen, und ich habe nun ein Heft in meinen Händen, vor dem diese Kerle beben sollen wie ein lockeres Laubblättchen im die Wälder durchsausenden Sturm! Der Bericht an den Oberstatthalter Cyrenius ist ein Meisterstück, den er vidimiert (beglaubigt) samt den Steuern augenblicklich nach Rom wird abgehen lassen. Von Tyrus, Sidon und Cäsarea ist das Kaiserschiff mit vierundzwanzig Rudern und bei gutem Wind sogar mit einem starken Segel und Steuerruder versehen in zwölf Tagen an der römischen Küste und so gut als in des Kaisers Händen! Freuet euch in noch einmal zwölf Tagen darauf, ihr Schwarzen! Eurem Hochmute sollen ganz sonderbare Schranken gesetzt werden!"
[GEJ.02_002,11] Sage Ich: „Freund! – Ich sage dir: Juble nur nicht zu früh! Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus! Es wird den elfen innerhalb der Mauern durchaus nicht wünschenswert ergehen! Sie werden zwar nicht getötet, aber dafür lebenslang in die ewige Bußkammer gesperrt werden! Aber in der öffentlichen Entschuldigung gen Rom werden sie wie Wolle weiß gewaschen werden, und man wird dann erst von dir die weiteren Berichte verlangen, und du wirst eine große Not haben, allen Fragen aus Rom zu genügen. Es wird dir zwar wohl kein Haar gekrümmt werden; aber einer gewissen Not wirst du kaum entgehen, wenn du nicht mit den gehörigen Zeugen und andern Wahrzeichen zurechtkommst. Ich überlasse dir darum den Pilah; der wird dir in allem gute Dienste leisten. Stecke ihn aber nur geschwinde in die Tracht der Römer, daß er von den in Kapernaum stationierten Kollegen nicht erkannt wird! Denn Ich kann dir sagen: Satan hat sein Regiment bei weitem nicht so verschmitzt eingerichtet wie diese Schlangenbrut. Darum sei denn auch du nebst deiner taubenartigen Sanftmut schlau wie eine Schlange, sonst kommst du mit diesem Geschlechte nicht zurecht!"
[GEJ.02_002,12] Sagt Faustus: „Ewig Dank Dir für diesen Rat! Doch jetzt sollten wir, da dies Geschäft so gut als möglich abgelaufen ist, denn doch etwas mehr Erheiterndes unternehmen!"
[GEJ.02_002,13] Sage Ich: „Ganz wohl! Ich bin schon dabei; nur warten wir noch auf den Kisjonah, der mit seinen Kassen bald in der Ordnung sein wird!"
3. Kapitel
[GEJ.02_003,01] Nach einer kurzen Weile kommt Kisjonah, grüßt uns alle auf das zarteste und liebfreundlichste und sagt darauf: „Mein endlos geliebtester Freund Jesus! – Also nenne ich Dich aber nur äußerlich; denn Du weißt, was und wer Du mir im Herzen bist. – Dir allein habe ich alles das zu danken! Nur eine kleine Summe von fünftausend Pfunden im ganzen habe ich bereitwilligst gestrichen aus dem Schuldbuche der armen Bürger Kanas, und Du hast mir dafür fünfzigtausend Pfunde ohne den unschätzbaren Wert der andern Schätze, die vielleicht noch einmal soviel wert sind, zukommen lassen! Ich gelobe Dir aber auch bei all meiner unermeßlichen Liebe zu Dir, daß ich all dieses zum Besten der Armen und Bedrückten verwenden werde, und es soll also aus dem Teufelsunflate am Ende doch noch Gold für die Himmel Gottes werden!
[GEJ.02_003,02] Ich werde zwar das Gold und Silber den Menschen nicht in die Hand geben, denn da ist es wahrlich ein Gift für die schwachen irdischen Herzen der Menschen; aber ich werde den Dach- und Besitzlosen Dach und Besitz verschaffen mit steuerfreien Gründen und werde ihnen geben Vieh und Brot und Kleidung. Jedem aber, den ich beglücken werde, wird Dein Wort gepredigt und ihm Dein Name kundgemacht, auf daß er lebendig wisse, wem er alles zu danken habe, und daß ich nichts als nur ein schlechter und träger Diener bin! – Du, o Herr, aber stärke mich allzeit, so ich dienen werde in Deinem Namen! Sollte es mich aber je gelüsten, nur einen Sinn der Welt zuzuwenden, dann laß schwach werden alle meine Kräfte, auf daß ich gewahr werde, daß ich ein schwacher Mensch bin und aus meiner Kraft nichts zu vollbringen imstande bin!"
[GEJ.02_003,03] Ich aber lege darauf Meine Hand auf sein Herz und sage zu ihm: „Freund und Bruder! Da innen behalte Mich, und es wird dir nie an Kraft zur Ausführung edler Werke mangeln! Ja, im lebendigen Glauben und in voller und reiner Liebe zu Mir und im Sinne, Gutes zu erweisen den Menschen in Meinem Namen, wirst du den Elementen gebieten, und sie werden dir gehorchen! Den Winden wird nicht unverständlich sein dein Ruf, und das Meer wird erkennen deinen Sinn. Und zu dem einen oder dem andern Berge wirst du sagen können: ,Hebe dich und stürze dich ins Meer!‘, und es wird geschehen, wie du es geboten hast.
[GEJ.02_003,04] So aber jemand des Glaubens wegen Zeichen verlangt von dir, so laß es nicht geschehen, daß dem Verlanger ein Zeichen werde; denn wer die Wahrheit der Wahrheit wegen nicht erkennen will, und diese ihm nicht ein hinreichendes Zeichen ist, für den ist es besser, daß er bleibt in seiner Blindheit; denn wird er durch ein Zeichen zur Annahme der Wahrheit gezwungen und tut aber dann doch nicht nach der Lehre, so ist das Zeichen ein doppeltes Gericht für ihn. Fürs erste ist er durch das Zeichen gezwungen, die Wahrheit als Wahrheit anzunehmen – ob er sie in seiner Blindheit als solche erkennt oder nicht erkennt –, und fürs zweite muß er offenbar in ein tieferes Strafgericht in sich selbst zufolge der göttlichen Ordnung verfallen, wenn er nach der durch das Zeichen ihm aufgedrungenen Wahrheit nicht handelt, gleichviel ob er die Wahrheit als Wahrheit völlig erkennt oder nicht; denn das Gelingen des Zeichens hat ihm den bindenden Beweis geliefert. Und das ist schon genug; die Einsicht oder Nichteinsicht rechtfertigt da niemanden.
[GEJ.02_003,05] Denn so jemand zur Bestätigung der vernommenen Wahrheit ein Zeichen begehrt und sagt: ,Ich sehe zwar den Grund der Wahrheit aus deiner Rede nicht ein, wenn mir aber nach der Diktion, durch die mir solche und solche Lehre unterbreitet ist, ein Zeichen als tatsächlicher Beweis geliefert wird, so will ich solche Lehre als volle Wahrheit annehmen!‘ Nun, es wird dann dem Verlanger das Zeichen gegeben, und er kann nun nicht umhin, die Wahrheit der Lehre anzunehmen, ob er sie als solche bis auf den Grund erkennt oder nicht; denn nun steht das Zeichen als ein unbestreitbarer Bürge da.
[GEJ.02_003,06] Weil es aber seiner Blindheit nicht möglich ist, auf den Grund der Wahrheit zu kommen, und er nach seinen Begriffen durch die Befolgung der Wahrheitslehre in zu bedeutende, nie gewohnte Lebensunbequemlichkeiten gelangen könnte, so denkt er dann bei sich: ,Es mag wohl was daran sein, denn sonst wäre das Zeichen nicht möglich gewesen; aber ich sehe den Grund dennoch nicht ein, und tue ich danach, so kostet mich das eine entsetzliche Selbstverleugnung. Darum tue ich es lieber nicht und bleibe bei meiner angewohnten Lebensweise, die zwar ohne außerordentliche Zeichen dasteht, aber dessenungeachtet ganz wohl schmeckt!‘
[GEJ.02_003,07] Sieh, eben darin aber liegt dann auch schon das Strafgericht, das der Zeichenverlanger sich selbst bereitet hat durch das auf sein Verlangen geleistete Zeichen, das ihm den unumstößlichen Beweis geliefert hat, gegen den er keinen Gegenbeweis aufstellen kann; er aber in seiner verkehrten Lebensweise dann doch als ein Bekämpfer der ewigen Wahrheit auftritt und sie tatsächlich weidlichst verwirft, obschon er das unvertilgbare Zeichen, das ihm zur Steuer der Wahrheit geleistet ward, ewig nie als den Erfolg auf die ihm geoffenbarte Wahrheit als nie bestanden seiend aus dem Wege schaffen kann. Darum ist es sonach ums unvergleichbare besser, nie ein Zeichen zur Steuer der Wahrheit zu leisten!
[GEJ.02_003,08] Aber zum Nutzen und sonstigen Frommen der Menschen ohne irgendeine Aufforderung magst du im stillen Zeichen wirken, soviel du willst, und es wird das niemandem zur Sünde und noch weniger zu einem Gerichte gereichen. Hast du aber Zeichen zum Frommen der Menschen zum voraus geleistet, so magst du hintendrein den betreffenden Menschen wohl auch eine Lehre geben, so sie ein Verlangen danach tragen; tragen sie aber kein Verlangen, so gib ihnen bloß eine ernste Vermahnung vor der Sünde. Aber in eine weitere Belehrung laß dich nicht ein; denn da sehen dich die, denen geholfen ward, als einen magischen Arzt an, und das Zeichen hat für sie kein weiteres Zwangsgericht.
[GEJ.02_003,09] Alle aber, denen die Macht gegeben ward, im Notfalle Zeichen zu wirken, sollen diesen Meinen Rat treu befolgen, so sie wahrhaft Gutes wirken wollen.
[GEJ.02_003,10] Vor allem aber hüte sich ein jeder, in einer Art Aufwallung und Ärger ein Zeichen zu wirken! Denn ein jedes Zeichen kann und soll nur auf Grund der reinsten und wahrsten Liebe und Sanftmut gewirkt werden; wird es aber im Zorn und Ärger gewirkt, was wohl auch möglich ist, dann hat schon die Hölle ihren Anteil dabei, und ein solches Zeichen bringt dann nicht nur keinen Segen, sondern einen Fluch.
[GEJ.02_003,11] So Ich euch allen aber schon zu mehreren Malen die Lehre gegeben habe, daß ihr sogar die noch segnen sollet, die euch fluchen würden, um wieviel weniger soll von euch den Blinden im Geiste ein Fluch bereitet werden, die euch mit keinem Fluche entgegenkommen, sondern mit eitler Blindheit ihres Herzens nur!
[GEJ.02_003,12] Bedenket also solches wohl und handelt auch also, so werdet ihr allenthalben Segen verbreiten, wennschon nicht durchgängig geistig, so doch leiblich, wie auch Ich Selbst es getan habe und noch allzeit tue; denn oft wirket eine pur leibliche Wohltat bei einem Elenden mehr auf sein Herz und seinen Geist als hundert der besten Tugendlehren, und es ist daher auch ordnungsgemäß, bei der Ausbreitung des Evangeliums durch leibliche Wohltaten den Weg ins Herz der Elenden zu bahnen und dann erst den gesunden Gemütern das Evangelium zu predigen, als die Predigt vorangehen zu lassen und hinterher die elenden Anhörer durch ein Zeichen in ein offenbarstes Gericht, also – in ein noch größeres Elend zu stürzen, als da war ihr erstes, pur den Leib betreffend.
[GEJ.02_003,13] Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so lege ihm vor der Predigt die Hände auf, daß es mit ihm besser werde; so er dich dann fragt und sagt: „Freund, wie war dir solches möglich?", so erst sage: „Durch den lebendigen Glauben an den Namen Dessen, der von Gott gesandt ward vom Himmel zur wahrhaften Beseligung aller Menschen!" – Wird er dich dann weiter um den Namen fragen, so gib ihm dann auf Grund der Fähigkeit seiner Fassungskraft so viel einleitender Belehrung, daß er die Möglichkeit solch einer Erscheinung einzusehen beginnt.
[GEJ.02_003,14] Ist er soweit gekommen, dann gib ihm im gerechten Maße stets mehr und mehr kund. Findest du nach solchen Gesprächen, daß das Herz des Hörers stets reger und reger wird, so sage ihm endlich alles, und er wird es sicher annehmen und wird glauben jedem deiner Worte. Wenn du ihm aber auf einmal zu viel gibst, so wird es ihn erdrücken und verwirren seine Sinne, und du wirst dann mit ihm ein schweres Stück Arbeit haben.
[GEJ.02_003,15] Wie man aber den neugeborenen Kindern nicht sogleich gibt eines reifen Mannes Kost, die sie töten würde, also darf man um so weniger gleich anfänglich dem Geistkinde eine geistig männliche, sondern nur eine solchen Kindlein höchst angemessene geistige Kost geben, sonst werden sie getötet, und es ist dann überaus schwer, sie wieder zu beleben im Geiste. – Habt ihr alle solches nun wohl begriffen und verstanden?"
[GEJ.02_003,16] Sagen alle mit gerührtem Herzen: „Ja, Herr, solches ist uns nun so klar wie die Sonne am hellsten Mittage, und wir werden es getreuest beachten!"
[GEJ.02_003,17] Sage Ich: „Gut, so gehen wir nun zu der Höhle hin, in der die Pharisäer ihre Schätze verborgen hatten; denn es ist in der Höhle noch eine Höhle, und wir wollen sie durchsuchen. Nehmt aber Fackeln mit in rechter Menge und desgleichen Wein und Brot; wir werden dort Wesen antreffen, die sehr hungrig sein werden."
4. Kapitel
[GEJ.02_004,01] nun läßt Kisjonah alles hervorholen. Baram, der sich von uns noch immer nicht trennen konnte, läßt auch seine noch erübrigten Wein- und Brotvorräte holen von seinen Leuten. Jairuth und Jonael, die sich von Mir auch nicht trennen können, bitten Mich auch, ob sie diese Expedition mitmachen dürfen.
[GEJ.02_004,02] Und Ich sage: „Allerdings; denn ihr seid sogar notwendig dabei, und Archiel wird uns gute Dienste leisten eigener Art! – Ich sage euch aber noch etwas, und das ist: Es verläßt soeben eine Deputation von euren Erzfeinden Sichar und begibt sich hierher, um euch zur baldigsten Rückkehr zu bewegen; denn das Volk hat sich wider sie erhoben und hat vorgestern schon den neu eingesetzten Priester vertrieben. Dieser wird auch bei der Deputation sein. Sie werden noch heute abend hier eintreffen, allwann wir sie ein wenig bearbeiten werden. Jetzt aber machen wir uns auf den Weg!" – Es wollten aber auch die Weiber und Mägde bei dieser Expedition zugegen sein und fragten Mich darum.
[GEJ.02_004,03] Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Töchter! Das ist kein Gang für euch; darum bleibet ihr nur fein zu Hause und sorget, daß wir am Abend ein Mahl im gerechten Maße antreffen!" – Die Weiber gaben sich zufrieden, auch die Maria, und sorgten fürs Haus. Die Lydia aber wäre zwar sehr gerne mit uns gewandelt; aber da sie sah, daß es Mein Wille nicht war, so blieb auch sie daheim und tat, was die andern taten.
[GEJ.02_004,04] Wir aber begaben uns auf den Weg, erreichten in ein paar Stunden die Grotte oder Höhle und betraten sie mit angezündeten Fackeln sogleich. Da staunte Kisjonah über die große Räumlichkeit und über die äußerst interessante Tropfsteinformation, die in dieser Höhle wohl die sehenswürdigste von ganz Vorderasien ist, das eine große Menge solcher Höhlen zählt. Gigantische Gestalten aller Art traten da den schüchternen Beschauern entgegen.
[GEJ.02_004,05] Faustus selbst, dem es sonst am römischen Heldenmute nicht gebrach, ward hier ganz kleinlaut und sagte: „Man könnte hier unwillkürlich zu der Meinung geführt werden, daß unterirdisch dennoch eine Art Götter hausen müssen, die durch ihre ungeheure Kraft solche Riesenwerke zustande bringen. Es sind da Abbilder von Menschen, Tieren und Bäumen; aber in welcher Größe! Was wären da die Riesentempel und Statuen Roms dagegen?! – Da, – dieser ganz gut geformte Araber! Wahrlich, so man ihn bis auf sein Haupt besteigen möchte und könnte, eine volle Stunde hätte man auf Stufen aufwärts zu steigen. Er hat dazu noch eine sitzende Stellung, und es schwindelt mir hinaufzuschauen zu seinem Haupte! Ah, das ist wirklich im vollsten Ernste über alle Maßen sehens- und denkwürdig! Der Zufall kann das doch unmöglich bewirkt haben!? – Da ist wieder eine Gruppe von Kriegern mit Schwert und Lanze! Dort aus dem tieferen Hintergrunde grinst uns ein allerriesigster Elefant an; die Zeichnung läßt nichts zu wünschen übrig! – Herr, Herr! Wie, wie ist doch dies alles so wunderbar entstanden?!"
[GEJ.02_004,06] Sage Ich: „Freund, betrachte nun alles, was sich deinen Blicken vorstellen wird, und frage nicht viel; die ganz natürliche Erklärung wird nachfolgen. Es wird hier noch so manches vorkommen, das dich noch in ein bei weitem größeres Staunen versetzen wird; aber auch da frage nicht! Wenn wir aus der Grotte wieder im Freien sein werden, werde Ich euch allen alle diese Dinge klarmachen."
[GEJ.02_004,07] Wir gehen nun weiter und gelangen in eine übergroße und hohe Halle, die aber nicht finster, sondern ganz erträglich beleuchtet ist; denn in dieser Halle gibt es mehrere Erdölquellen, die schon vor gar vielen Jahren von Menschen, denen diese Grotte zur Wohnung diente, angezündet worden waren und seit der Zeit in einem fort lichterloh mit unterschiedlich mächtigen Flammen brannten und diese große Halle teilweise erleuchteten, während in diese Halle auch von einem Punkte der hohen Kuppe durch eine ziemlich weite Ausmündung ins Freie ein ziemlich starkes Tageslicht fiel, – und es war somit diese Grotte, wie gesagt, ganz erträglich beleuchtet.
[GEJ.02_004,08] Der Boden dieser Grotte oder Grottenhalle aber ließ allerlei Gestalten sehen. Da lagen Schlangen, riesige Kröten und allerlei andere zum Teil gut und zum Teil schlecht und nur halb gebildete Tierbildungen aller Art, sowie auch eine große Masse von kleinen und riesig großen Kristallbildungen in allen Farben, was einen ungemein überraschend schönen Anblick gewährte.
[GEJ.02_004,09] Da sagte Faustus: „Herr, da gäbe es des kaiserlichen Schmuckes in einer Fülle, wie von einer ähnlichen wahrlich nie einem Kaiser etwas geträumt hat! Das aber wird etwa doch wohl eine Art Tartarus sein, wie ihn der Griechen Mythe beschreibt!? Es geht nur noch der Styx, der alte Charon, die drei bekannten unerbittlichen Seelenrichter Minos, Äakus und Rhadamanthys, endlich der dreiköpfige Hund Zerberus, darauf einige Furien und am Ende gar noch Pluto mit der schönen Proserpina ab, und der Qualentartarus wäre fertig! Diese vielen Brände aus dem Boden und aus den Wänden, die tausenderlei scheußlichsten Tiergestalten am Boden – wennschon tot und versteinert – und noch eine Menge tartarusartiges Zeug mehr bekunden nur zu laut, daß wir nun entweder schon im Tartarus selbst oder doch wenigstens auf dem besten Wege dazu sind; oder, was mich nun am wahrscheinlichsten dünkt: diese oder irgendeine andere dieser ähnlichen Grotte ist der sichere Grund zur griechischen Tartarusmythe!"
[GEJ.02_004,10] Sage Ich: „Das letzte hat viel Wahres an sich, wennschon nicht durchgängig alles; denn die stets am meisten pfiffige Priesterschaft aller Völker hat es zu allen Zeiten und allenthalben stets am besten verstanden, derlei Naturbestände zu ihrem eigenen Vorteile auszubeuten und bestens zu benutzen. Dergleichen benutzte sie auch in Griechenland und in Rom und gab dazu dann noch ihrer argen Phantasie den freiesten Spielraum, wodurch dann natürlich Völker und Völker breit- und blindgeschlagen worden sind bis auf diese Zeit und noch fortan bis ans Ende der Welt breit- und blindgeschlagen werden – bald mehr, bald weniger.
[GEJ.02_004,11] Solange die Erde in ihrem notwendigen, sehr verschiedenartigen Gefüge irgend beschauliche Gestaltungen aufzuweisen haben wird, so lange werden auch ihre Menschen, die aus verschiedenen Ursachen blind und lichtscheu sind im Geiste, in ihrer Verstandesphantasie allerlei Zerrbilder formen und ihnen außerordentliche, göttliche Kräfte und Wirkungen beilegen, weil sie als Blinde den wahren Grund nicht ersehen mögen.
[GEJ.02_004,12] Da siehe aber nun auch deinen Styx, den Schiffer Charon und über dem bei zwölf Klafter breiten und allenfalls eine Elle tiefen Flusse drüben, der eigentlich nur eine Art Teich ist und an der seichten Stelle sehr leicht durchwatet werden kann, erblickst du im matten Scheine auch deine drei Richter, einige Furien, den Zerberus und den Pluto mit der Proserpina, – Figuren, die sich nur in einer gewissen Entfernung also ausnehmen, in der Nähe und in stärkerem Lichte aber allem andern eher gleichsehen als dem, was die menschliche Phantasie aus ihnen gemacht hat. – Aber nun gehen wir, ohne dem Charon das Naulum (Fährgeld) zu bieten, zu Fuß über den Styx, und wir werden jenseits ein wenig den Tartarus in Augenschein nehmen."
[GEJ.02_004,13] Wir waten an einer sehr seichten Stelle über den sogenannten Styx und dringen durch eine ziemlich enge Spalte in den Tartarus, der durch unsere Fackeln beleuchtet nur zu bald einen, noch von allen Pharisäern nicht verratenen, großen Schatz vorzuweisen beginnt, und es kommt also durch Mich alles, was noch so verborgen war, ans Tageslicht.
5. Kapitel
[GEJ.02_005,01] Faustus schlägt die Hände über dem Haupte zusammen und ruft sogleich den Pilah zu sich, zu ihm sagend: „Hast du keine Kenntnis gehabt, weil du mir davon nichts verraten hast? – Rede, – sonst sieht es übel mit dir aus!"
[GEJ.02_005,02] Sagt Pilah: „Herr! Davon hatte ich keine Kenntnis und bin in diese Höhle noch nie so weit gedrungen wie jetzt! Die Alten werden wohl davon gewußt haben; aber sie verschwiegen solches alles, damit ihnen am Ende aus was immer für einem Gefängnisse ein Lösegeld übrigbleibe. Nimm aber alles in Empfang; es ist gottlob von nun an dein!"
[GEJ.02_005,03] Faustus fragt auch Mich, ob Pilah die Wahrheit gesprochen habe, und Ich bestätige solche Aussage des Pilah und sage zum Faustus: „Freund, so jemand die Tochter eines angesehenen Hauses zum Weibe nahm, so hat er mit Fug und Recht eine Mitgift zu erwarten. Du hast nun viel zu tun gehabt, und es ist dafür bei der Verteilung der früheren Güter kein Teil auf dich gefallen, – und so nimm du diesen ganzen Schatz in deinen rechtmäßigen Besitz; er ist irdischer Schätzung zufolge tausend mal tausend Pfunde wert.
[GEJ.02_005,04] Den größten Wert aber machen die großen Perlen aus, von denen jede die Größe eines Hühnereies hat. Eine ganze eherne Kiste, bei tausend Drachmen maßhältig, ist voll von den großen Perlen, von denen jede eigentlich einen unschätzbaren Wert hat. Solche Perlen kommen jetzt auf der ganzen Erde als neugebildet nicht mehr vor, da derlei Schaltiere nebst vielen anderen Urwelttieren nicht mehr bestehen. Diese Perlen aber wurden auch nicht aus dem Meere gefischt, sondern der König Ninias, auch Ninus genannt, fand sie in der Erde, als er die Stadt Ninive bauen ließ, bei Grabungen des Grundes. Durch die mannigfachen Schicksale kamen sie zum Teil schon zu Davids, zum größten Teile aber zu Salomos Zeiten nach Jerusalem; in diese Höhle aber kamen sie, als die Römer als Eroberer Palästina, eigentlich aber nahezu das halbe Asien, in Besitz nahmen.
[GEJ.02_005,05] Die Hohenpriester, denen die Höhle schon gar lange her bekannt war, haben, als sie von dem Einfalle der Römer Nachricht erhielten, sogleich alle die größten und beweglichen Schätze des Tempels zusammengerafft und sie glücklich in die Höhle gebracht. Die goldenen Löwen, die den Thron Salomos trugen und zum Teil dessen Stufen bewachten, sind zur Zeit der Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier in den Schutt gekommen, aber bei der nachherigen Wiedererbauung wiedergefunden und von den Priestern für den Tempel in Empfang genommen worden. Diese befinden sich auch zum größeren Teile hier; denn man brachte alles Wertvollste, das man in der Eile zusammenraffen konnte, zur Einfallszeit der Römer hierher, so wie zur Einfallszeit der damals mächtigen Babylonier auch eine bedeutende Masse Tempelschätze in die bekannte Höhle bei Chorazin gebracht worden ist, obgleich hernach die Babylonier im Tempel dennoch genug noch, namentlich die dem Tempeldienste für immer geweihten Gefäße und Schätze, zum Mitnehmen fanden und sie nach Babylon brachten. Beordere nun deine Leute, daß sie alles das aus der Höhle schaffen; nachher soll Archiel dieser Grotte Eingang so verrammen, daß fürder nimmer ein Mensch sie betreten solle."
[GEJ.02_005,06] Faustus gebietet nun sogleich den Dienern, all diese Schätze hinauszuschaffen; als sie diese aber zu heben anfangen, so haben sie nicht Kraft genug, die vielen und schweren ehernen Kisten zu heben. Sie bitten Mich aber, daß Ich ihnen die erforderliche Kraft verleihen möchte!
[GEJ.02_005,07] Ich aber berufe den Archiel und sage: „So schaffe du all diesen Unflat hinaus, und zwar sogleich nach Kis ins große Magazin!" – Im Augenblick verschwanden all die vielen schweren Kisten, und Archiel war aber auch im Augenblick wieder da, so daß niemand merken konnte, wann denn Archiel abwesend war.
[GEJ.02_005,08] Sagt darauf Faustus: „Das geht noch in das Allerfabelhafteste! Meine Diener hätten damit wohl drei Tage zu tun gehabt – das aber war ein unmerklicher Augenblick, und es ist von all den vielen Kisten aber auch nicht eine mehr zu entdecken! Da frage ich auch gar nicht mehr um die Möglichkeit solch einer Tat; denn dazu gehört ein göttlicher Sinn, um solche Erscheinungen zu begreifen und nach Recht zu schätzen!"
[GEJ.02_005,09] Sage Ich: „Ja, ja, du hast recht! Es wäre auch für den Menschen vorderhand gar nicht gut, so er alles so bald verstände, was sich ihm als Erscheinung beschaulich darstellt. Denn es steht geschrieben: ,Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du auch sterben!‘ Es ist daher auch besser, jede Wundertat als das zu nehmen, was sie der Erscheinlichkeit nach ist, und sich dabei lebendig zu denken, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist, als sie aus dem Wirkungsgrunde erklären zu wollen, wo man nach der Erklärung ebensowenig begreift als vor derselben.
[GEJ.02_005,10] Genug, daß du siehst, daß die Erde da ist, tauglich zu tragen und zu ernähren die Menschen! Würdest du den Grund wissen, wie sie gemacht wurde, so verlöre sie für dich den Reiz, und du würdest an ihr kein Wohlgefallen haben, wohl aber eine Gier, irgendeine andere Erde auf den Grund zu erforschen. Und würdest du bei derselben den gleichen Entstehungs- und Bestandesgrund ersehen und desgleichen auch bei einer dritten, vierten und fünften, so würde dich dann weiter auch gar nicht mehr gelüsten, noch eine sechste und siebente zu erforschen; und also würdest du dann träge, lustlos, lebensverächtlich und ärgerlich das Leben zu verwünschen anfangen und verfluchen die Stunde, die dich mit solcher Erkenntnis zu bereichern begann, – und ein solcher Zustand wäre dann ein barster Tod für deine Seele!
[GEJ.02_005,11] Da aber nach der göttlichen Ordnung alles so eingerichtet ist, daß sowohl der Mensch wie auch jeder Engelsgeist alles nur nach und nach, und selbst da nur bis zu einem gewissen Grade, von der göttlichen Natur in sich wie in all den geschaffenen Dingen, einsehen kann, so bleibt ihm die stets wachsende Lebenslust und die Liebe zu Gott und zum Nächsten, durch die allein er ewig selig werden kann und wird. – Fassest du solche Wahrheit?"
[GEJ.02_005,12] Sagt Faustus: „Ja, Herr und Freund, ich fasse es genau! Und so will ich Dich nicht mehr fragen um den Entstehungsgrund der Gebilde in dieser Grotte."
6. Kapitel
[GEJ.02_006,01] Sage Ich: „Daran liegt auch wirklich nicht viel. Ob du es weißt oder auch nicht weißt, wird dich nicht lebensärmer oder lebensreicher machen. Aber das kannst du dennoch wissen, daß daran nie eine Menschenhand etwas zu tun gehabt hat, sondern die Natur der Elemente allein bildete solches wie zufällig. Die Berge saugen stets eine auflösende Feuchtigkeit aus der Luft; dazu kommt der öftere Regen, der Schnee und die Nebel, die gar oft die obersten Kuppen der Berge einhüllen. Alle die auf den Bergen abgelagerten Feuchtigkeiten sickern zum großen Teile durch Erd und Stein der Berge, und wo sie über einen inneren hohlen Raum gelangen, sammeln sie sich in Tropfen, die nahe zur Hälfte aus aufgelöstem Kalk bestehen. Solche Tropfen fallen herab. Ihr reines Wasser sickert dann entweder noch tiefer, oder es verdunstet in solch einem Raume. Aber die schleimige Kalkmasse wird fester und fester, und es bilden sich durch die stete Vermehrung endlich allerlei Formen, die bald dem einen, bald dem andern Gebilde auf der Erde – bald mehr, bald weniger – ähnlich sehen. Und auf dieselbe Weise entstand denn auch all das Gebilde in dieser Höhle auf einem ganz natürlichen Wege, obschon auch nebenbei anzunehmen ist, daß zur Verblendung der schwachen Menschen Satans Diener zur besseren Ausbildung von allerlei menschenähnlichen Gestalten ein bedeutendes beigetragen haben.
[GEJ.02_006,02] Es ist daher besser, daß solch eine den finstern Aberglauben sehr begünstigende Grotte für alle künftigen Zeiten unzugänglich gemacht werde. Und so begeben wir uns nun wieder hinaus ins Freie, auf daß der Archiel seinen Auftrag erfülle mit dieser Höhle!"
[GEJ.02_006,03] Faustus dankt Mir innigst für diese Erklärung und sagt: „Mir ist diese Erklärung um so klarer begreiflich, weil ich solches – wenn auch mehr als eine Hypothese – schon von den römischen Naturkundigen aussprechen gehört habe. Aber auch der Beisatz von der Mitwirkung Satans ist viel wert; denn der Feind des Lebens wird dergleichen Dinge sicher nicht unbenutzt lassen, und die bösen Folgen liegen in drei Weltteilen vor unseren Augen! Das ist mir nun alles sonnenklar; aber nur ein Ding kann ich nicht so recht unters Dach bringen, – und das ist die Seligkeit Gottes!
[GEJ.02_006,04] Sage mir, welche Lust kann denn Gott, dem der innerste Grund alles Seins ewig fort gleich und durchdringendst bekannt sein muß, an Seinem eigenen unverwüstbaren Leben haben?! Kann denn Ihm solch eine notwendig allergleichste Klarheit, ohne Sich je irgend aus Sich Selbst verändern zu können, zu einer Lust gereichen, die doch jeden Menschen vor Langweile töten müßte?"
[GEJ.02_006,05] Sage Ich: „Siehe hier die Menschen! Diese sind die Lust Gottes, wenn sie in Seiner Ordnung das werden, was zu werden sie bestimmt sind. In ihnen findet Gott Seinesgleichen wieder, und ihr stetes Wachsen an Erkenntnissen aller Art und dadurch in aller Liebe, Weisheit und Schönheit, ist Gottes unverwüstbare Lust und Seligkeit! Denn alles, was die Unendlichkeit fasset, ist allein des kleinen Menschen wegen da, und es gibt ewig nichts, das nicht da wäre allein des kleinen Menschen wegen. – Nun weißt du auch das! Aber nun gehen wir aus dieser Höhle, auf daß Archiel seinem Auftrage ehest möglich nachkommen kann!"
[GEJ.02_006,06] Wir eilen nun aus der Grotte und erreichen bald das Ende derselben. Als wir alle außerhalb der Grotte uns befinden, gebe Ich dem Archiel einen Wink, und in dem Augenblick geschieht ein heftiger Knall, und der äußerst geräumige Eingang zeigt sich nun als eine hohe Granitwand, durch die mit leichter Mühe wohl kein Sterblicher durchbrechen würde, so er es sich noch so ernstlich vornähme. Um aber den Eingang sozusagen gänzlich unmöglich zu machen, wurde, nachdem wir uns von der Stelle des Eingangs bei dreitausend Schritte entfernt hatten, eine Absitzung des Erdreichs bewerkstelligt, so, daß die ehemalige Eingangsstelle über hundert Manneshöhen dem zugänglichen Erdboden, der in die Tiefe geschoben ward, entrückt wurde, und man hätte nun eine über hundert Manneshöhen hohe Leiter haben müssen, um über die senkrecht steile Wand hinauf zur gewesenen Eingangsstelle zu gelangen, – was aber dann dennoch fruchtlos gewesen wäre, weil der Eingang selbst zur festesten und steilsten Felswand geworden war.
[GEJ.02_006,07] Als Faustus und auch alle die Anwesenden solche Veränderung mit dieser Bergesstelle ersehen, sagt Faustus zu Mir: „Herr und Freund! Wahrlich, ich kann mich jetzt nimmer fassen! Die Erscheinungen werden zu schöpferisch groß; sie liegen bereits eine Ewigkeit von meinem Erkenntnishorizonte entfernt! Ich weiß nun wahrlich nicht, ob ich noch lebe, oder ob ich träume! Es geschehen da so seltsam rätselhaft wunderbarste Dinge, daß man selbst bei der größten Nüchternheit als ein total Betrunkener dasteht und kaum mehr im eigenen Bewußtsein zu unterscheiden imstande ist, ob man dem männlichen oder dem weiblichen Geschlechte angehört. – Da sehe man nun diese furchtbare Felsenwand an! Wo war diese vorher, als wir ganz bequem in die Grotte auf einem recht gut zu besteigenden Fußsteige den Weg machten?
[GEJ.02_006,08] Und was aber eigentlich noch das Sonderbarste bei der ganzen Sache ist, besteht in dem, daß bei der ganzen Veränderung von mehreren tausend Morgen Grundes keine Spur von irgendeiner gewaltsamen Zerstörung zu entdecken ist. Das Ding sieht doch gerade so aus, als ob hier seit dem Urbestande der Erde nie etwas verändert worden wäre!? Wahrlich, wenn hier tausend Menschen hundert Jahre lang gearbeitet hätten, so steht es dahin, ob sie solche Masse nur von der Stelle geschafft hätten also, daß eine solche Felswand, die im ganzen gut hundertfünfzig Manneslängen Höhe und eine Breite von mehr denn einer Stunde hat, also frei gestellt worden wäre, wie sie nun, von der noch vor wenig Augenblicken keine Spur zu entdecken war, frei dasteht, geschweige in solcher von keiner Zerstörung nur eine leiseste Spur tragenden Weise! Das ist im vollsten Ernste unerhört! Ich bin nun nur neugierig, was dazu die vielen Seefahrer für ein Gesicht machen werden, so sie an der Stelle der früheren üppigen Waldgegend nun diese Riesenwand entdecken werden! – Viele werden sich gar nicht auskennen, wo sie sich befinden; und viele werden dareinschauen, wie das Rind in ein neues Tor, dessen es noch ungewohnt ist!"
[GEJ.02_006,09] Sage Ich: „Darum sage Ich euch allen, daß ihr davon schweigt und nicht einmal den Weibern etwas davon meldet; denn Ich habe sie darum diesmal auch nicht mitgehen lassen, weil sie bei gar außerordentlichen Begebnissen trotz alles Verbotes ihren Zungen nie den schweigsamen Gehorsam abgewinnen können. Deshalb wollet auch ihr euren Weibern nichts von den außerordentlichen Begebnissen erzählen, die hier vor sich gegangen sind! Ihr könnet ihnen wohl die Gestaltung der Grotte beschreiben und auch Meldung tun von den neu aufgefundenen Schätzen; aber weiter ja keine Silbe mehr!" – Alle geloben solches aufs feierlichste, und wir setzen darauf unsern Weg nach Kis ganz ruhig fort und kommen da gerade mit dem Untergange der Sonne an. Da kommen uns freilich die daheimgelassenen Weiber und Mägde haufenweise entgegen und können nicht schnell genug fragen, was wir alles natürlich Wunderbares erlebt hätten. Aber sie bekommen den Bescheid, daß es noch zu früh sei, zu fragen, und an der ganzen Sache nichts anderes gelegen sei als die Hebung eines noch von seiten der Pharisäer verschwiegenen Schatzes. Mit dem Bescheide geben sich die neugierigen Weiber zufrieden und fragen um nicht vieles mehr weiter.
[GEJ.02_006,10] Wir aber begeben uns darauf sogleich zum Abendmahle, da alle, die mit waren, kein Mittagsmahl hatten und schon bedeutend hungrig geworden waren und sich daher nach einem gut bestellten Abendmahle schon sehr sehnten.
7. Kapitel
[GEJ.02_007,01] Nach dem bald eingenommenen Abendmahle erst ging Faustus auf Mein Geheiß ins große Magazin, um nachzusehen, ob die durch Archiel aus der Grotte nach Kis geschafften Schätze in der Ordnung da wären. Alles war da in bester Ordnung nebst einem großen Verzeichnisse aller der verschiedenen Schätze samt der Angabe des Wertes, wie sie in der Grotte vorgefunden worden sind. Faustus fragt die Wächter, wer da dieses Verzeichnis gemacht habe.
[GEJ.02_007,02] Die Wächter aber antworten: „Herr, dies haben wir schon angetroffen, als wir zur Wache hierhergestellt worden sind. Wer es gemacht hat, wissen wir dir darum nicht anzugeben."
[GEJ.02_007,03] Fragt Faustus weiter: „Sagt mir, wie denn diese Schätze hierhergekommen sind, und wer sie gebracht hat!"
[GEJ.02_007,04] Sagen die Wächter: „Auch das wissen wir nicht; es kam bloß ein junger Mensch, den wir schon etliche Tage hier in der Gesellschaft des Wunderarztes aus Nazareth sahen, und befahl, daß die Schätze bewacht werden. Wir wurden darauf vom römischen Unterrichter daherbeordert und halten nun schon bei zwei vollen Stunden die Wache. Das ist alles, was wir von dem Schatze und dessen Hierherstellung wissen, und keine Silbe darunter und darüber!"
[GEJ.02_007,05] Faustus begibt sich darauf mit dem zu sich genommenen Verzeichnisse zum Unterrichter und fragt ihn so wie die Wache; aber der Unterrichter weiß von der ganzen Sache ebensowenig wie die vorher befragte Wache. Faustus aber, da er sieht, daß da niemand in Kis etwas von der Herschaffung der Schätze weiß, sagt bei sich: ,Weil sie alle nichts wissen, so will ich sie auch auf nichts weiteres mehr aufmerksam machen, damit die Sache dadurch nicht unnötigerweise im Volke ruchbar werde!‘
[GEJ.02_007,06] Mit solcher Selbstbesprechung begibt sich Faustus wieder in seine Wohnung, allwo ihn sein junges Weibchen schon mit offenen Armen erwartet. Aber bevor er noch zur Nachtruhe sich begibt, kommt er noch zu Mir, um wichtige Dinge zu besprechen. Aber Ich bescheide ihn auf morgen zu Mir und beheiße ihn nun zur Ruhe für Körper und Seele, die ihm nun not tue vor allem. Und Faustus begibt sich dann auch sogleich zur Ruhe, die ihm so wie allen andern not tat.
[GEJ.02_007,07] Im guten Schlafe hat es mit der Nacht ein baldiges Ende, und so war es denn auch hier der Fall; man glaubte, erst vor ein paar Minuten eingeschlafen zu sein, und schon rief alle der helle Morgen, die süßschmeckenden Lager zu verlassen und wieder des Tages Geschäft zu beginnen. Das schon früh bereitete Morgenmahl rief alle von den verschiedenen Schlafgemächern in den großen Speisesaal, in dem alle wie an den vergangenen Tagen das Morgenmahl einnahmen und nach dem Mahle samt und sämtlich Mir zum ersten Male im Namen Jehovas den Dank und das Lob darbrachten nach der Weise Davids, der da sprach (Psalm 33):
[GEJ.02_007,08] „Freuet euch des Herrn, ihr Gerechten; die Frommen sollen Ihn schön preisen. Dankte dem Herrn mit Harfen, und singet Ihm auf dem Psalter von zehn Saiten. Singet Ihm ein neues Lied, und machet es gut auf dem Saitenspiele mit reinem Schalle; denn des Herrn Wort ist wahrhaftig, und was Er zusagt, das hält Er gewiß. Er liebt Gerechtigkeit und ein rechtes Gericht; die Erde ist voll der Güte des Herrn. – Die Himmel sind durch das Wort des Herrn gemacht und all Sein Heer durch den Geist Seines Mundes. Er hält das Wasser im Meere zusammen wie in einem Schlauche und legt die Tiefe in das Verborgene. Alle Welt fürchte den Herrn, und vor Ihm scheue sich alles, was auf dem Erdboden wohnet; denn so Er spricht, so geschieht es, und so Er gebietet, so steht es da. Der Herr vernichtet der Ungläubigen und Bösen Rat und wendet die Gedanken der Völker von ihnen ab. Aber Sein Rat bleibt ewig und Seines Herzens Gedanken für und für. Wohl dem Volke, des der Herr sein Gott ist; denn es ist das Volk, das Er zu Seinem Erbe erwählet hat! – Der Herr schauet vom Himmel und sieht aller Menschen Kinder. Von Seinem festen Throne sieht Er auf alle, die auf Erden wohnen. Er lenket ihr Herz und merket auf ihre Werke. Einem Könige hilft nicht seine große Macht, und ein Riese wird nicht gerettet durch seine große Kraft! Rosse helfen auch nicht, und ihre große Stärke errettet nicht! Denn des Herrn Auge siehet nur auf die, so Ihn fürchten und auf Seine Güte hoffen, daß Er ihre Seele errette vom Tode und sie ernähre in der Teuerung. Unser Herz freue sich des Herrn, und wir alle vertrauen auf Seinen heiligen Namen! – Deine Güte, o Herr, sei über uns, wie wir auf Dich hoffen!"
8. Kapitel
[GEJ.02_008,01] Nachdem nun alle Mir dieses Morgenlob dargebracht haben, fragt Mich schnell Faustus, der natürlich auch beim Mahle wie beim Lobe zugegen war: „Aber woher nahmen denn Deine Jünger alle diese Deiner würdige, gar so herrliche und völlig wahre Exklamation? So etwas Erhabenes habe ich noch nie vernommen!"
[GEJ.02_008,02] Sage Ich: „Verschaffe dir von den Pharisäern die Schrift Gottes, und lies darin die Psalmen des Königs David; darin wirst du alles das finden! Der Oberste Jairus, mit dem wir noch heute zu tun bekommen werden, wird dir solche Schrift schon verschaffen. Denn vor zwei Tagen haben sie seine Tochter ins Grab gelegt; sie ist ihm gestorben! Er hat seine Sünde gegen Mich tiefst bereut; darum soll ihm denn auch geholfen werden, und er soll nicht verloren sein für das Himmelreich Gottes!"
[GEJ.02_008,03] Fragt Faustus: „Herr, was ist das für ein Reich, und wo ist es?"
[GEJ.02_008,04] Sage Ich: „Ja, mein lieber Freund, das eigentliche wahre Himmelreich Gottes ist für die wahren Freunde Gottes überall, für die Feinde Gottes aber nirgends; denn für die ist wieder alles Hölle, wohin du nur immer deine Augen und andern Sinne wenden kannst und magst. Unten und oben ist da gleich. Blicke weder zu den Sternen empor – denn sie sind Erden wie diese, die du betrittst – noch senke deine Augen zur Erde hinab, denn sie ist gerichtet wie dein Fleisch, das einmal sterben und verwesen muß! Forsche und suche aber dafür fleißig in deinem Herzen; dort wirst du finden, was du suchst. Denn in eines jeden Menschen Herz ist der lebendige Same gelegt, aus dem dir des ewigen Lebens ewiges Morgenrot erblühen wird.
[GEJ.02_008,05] Siehe, der Raum, in dem diese Erde schwebt so wie die große Sonne, der Mond und all die zahllosen Sterne, die für sich nichts als wieder Sonnen und Erden sind, ist unendlich! Mit der Gedanken Schnelligkeit könntest du diese Erde verlassen und in der geradesten Linie in solcher Schnelligkeit forteilen, – und so du Ewigkeiten auf Ewigkeiten also forteiltest, so würdest du nach vielen Ewigkeiten des gedankenschnellen Fortfluges dennoch nimmer irgendeinem Ende nahekommen! Überall jedoch würdest du Schöpfungen von der seltensten und wunderbarsten Art und Weise treffen, die allenthalben den endlosen Raum erfüllen und beleben.
[GEJ.02_008,06] Durch dein Herz wirst du nach dem Tode deines Leibes hinaustreten in den endlosen Gottesraum, und nach der Art deines Herzens wirst du ihn entweder als Himmel oder als Hölle antreffen!
[GEJ.02_008,07] Denn es gibt nirgends einen eigens geschaffenen Himmel, noch irgendeine eigens geschaffene Hölle, sondern alles das kommt aus dem Herzen des Menschen; und so bereitet sich ein jeder Mensch im Herzen, je nachdem er Gutes tut oder Böses, entweder den Himmel oder die Hölle, und wie er glaubt, will und handelt, also wird er auch seines Glaubens leben, aus dem heraus sein Wille genährt ward und ins Handeln überging.
[GEJ.02_008,08] Jeder aber prüfe die Neigungen seines Herzens, und er wird leicht erfahren, wessen Geistes sein Herz voll ist. Ziehen seine Neigungen das Herz und dessen Liebe zur Welt hinaus, und fühlt er in sich eine Sehnsucht, in der Welt etwas Großes und Angesehenes zu werden, – hat das hochmütig werden wollende Herz ein Mißbehagen an der armen Menschheit, und fühlt es den Trieb in sich, daß es herrschen möchte über die andern, ohne zum Herrschen von Gott erwählt und gesalbt zu sein, so liegt im Herzen schon der Same der Hölle, der, so er nicht bekämpft und erstickt wird, dem Menschen nach dem Tode des Leibes offenbarst nichts denn die Hölle bereitet.
[GEJ.02_008,09] Ist aber das Herz des Menschen voll Demut, und fühlt er sich glücklich, der Geringste unter den Menschen zu sein, allen zu dienen, seiner selbst der Liebe zu den Brüdern und Schwestern wegen gar nicht zu achten, dem Vorgesetzten willig zu gehorchen in allen guten, den Brüdern so wie so nützenden Dingen, und liebt er also Gott über alles, dann erwächst im Herzen der himmlische Same zu einem wahren, ewig lebendigen Himmel, und der Mensch, der also schon den gesamten Himmel in der Fülle in seinem Herzen birgt voll des wahren Glaubens, der reinsten Hoffnung und Liebe, der kann nach dem Tode des Leibes denn auch unmöglich irgendwo anders hinkommen als ins Himmelreich Gottes, das er in aller Fülle schon lange im Herzen trug! – Wenn du solches recht erwägst, so wirst du leicht begreifen, was es so ganz eigentlich mit dem Himmelreich sowie mit der Hölle für eine Bewandtnis hat."
[GEJ.02_008,10] Sagt Faustus: „Liebster, höchst weiser Herr, Meister und Freund! Wahrlich, Deine Worte klangen höchst weise wohl; aber ich konnte sie diesmal nicht in aller Tiefe erfassen! Wie da gewisserart Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammensein können, so daß eins das andere offenbarst durchdringen müßte, das ist für mich noch sehr materiell denkenden Menschen eine Sache der Unmöglichkeit! Wie aber am Ende aus meinem Herzen eine unendliche glückliche oder unglückliche Unendlichkeit erblühen solle, ist mir noch unbegreiflicher als alles andere! Daher muß ich Dich schon bitten, daß Du mir darüber noch eine faßlichere Erläuterung geben wollest; denn sonst gehe ich bei allem Lichte am hellsten Mittage des Geistes blind von hier nach Hause!"
9. Kapitel
[GEJ.02_009,01] Sage Ich: „So habe denn wohl acht; denn es liegt Mir daran, daß du sehend nach Hause ziehest!
[GEJ.02_009,02] Siehe, in einem Hause wohnen zwei Menschen. Der eine ist mit allem zufrieden, was er im Schweiße seines Angesichtes unter dem Segen Gottes dem Erdboden entlockt. Zufrieden und heiter genießt er den spärlichen Ertrag seines Fleißes, und seine größte Freude ist es, mit den noch ärmeren Brüdern seinen mühsam erworbenen Vorrat zu teilen. So ein Hungriger zu ihm kommt, da hat er eine Freude, ihn sättigen zu können, und fragt ihn nie mit ärgerlichem Gemüte um den Grund seiner Armut und verbietet ihm nicht, daß er wiederkommen dürfe, so es ihn etwa wieder hungern sollte.
[GEJ.02_009,03] Er murret nicht über irdische Staatseinrichtungen und sagt, so ihm irgendeine Steuer abgenommen wird, allzeit mit Hiob: ,Herr! Du hast es mir gegeben; Dein ist alles! Was Du gabst, kannst Du allzeit wieder nehmen; Dein allzeit allein heiliger Wille geschehe!‘
[GEJ.02_009,04] Kurz, diesen Menschen kann nichts in seiner Heiterkeit sowohl als auch in seiner Liebe und in seinem Vertrauen zu Gott, sowie daraus in der Liebe zu seinen irdischen Brüdern, stören; Zorn, Neid, Hader, Haß und Hochmut sind für ihn fremde Begriffe.
[GEJ.02_009,05] Aber sein Bruder ist dafür der unzufriedenste Mensch. Er glaubt an keinen Gott und sagt: ,Gott ist ein leerer Begriff, durch den die Menschen den höchsten Grad der diesirdischen Helden bezeichnen. In der Dürftigkeit kann nur ein dümmster Mensch glücklich sein, gleichwie auch die vernunft- und verstandlosen Tiere glücklich sind, wenn sie nur das spärlich erhalten, was ihr stummer und stumpfer Naturtrieb verlangt. Ein Mensch aber, der sich mit seinem Verstande weit übers Tierische emporgehoben hat, der muß sich nicht mehr mit der gemeinen Schweinskost begnügen, muß nicht mit den eigenen, zu etwas Besserem bestimmten Händen in der Erde herumwühlen – was sich nur für Tiere und Sklaven geziemt –, sondern man muß das Schwert ergreifen, sich zum mächtigen Feldherrn emporschwingen und durch Triumphpforten in die großen Weltstädte einziehen, die man erobert hat. Die Erde muß erbeben unter den Huftritten des Rosses, das von Gold und Edelsteinen strotzend stolz den Herrn der mächtigen Heerscharen trägt.‘
[GEJ.02_009,06] Mit solchen Gesinnungen verwünscht dann ein solcher Mensch sein ärmliches Sein, verflucht die Armut in seinem Herzen und sinnt auf Mittel, wie er sich große Schätze und Reichtümer verschafft, um mit ihrer Hilfe seine herrschsüchtigen Ideen zu realisieren.
[GEJ.02_009,07] Seinen zufriedenen Bruder verachtet er, und jeder noch Ärmere ist ihm ein Greuel. Von der Barmherzigkeit ist bei ihm gar keine Spur; bei ihm gilt sie als lächerliche Eigenschaft feiger Sklaven und der Gesellschaftsaffen. Dem Menschen gezieme nur Großmut, – aber diese so selten wie möglich! Kommt ein Armer zu ihm, so fährt er ihn an mit allerlei Scheltworten und sagt: ,Weiche von mir, du faule Bestie, du gefräßiges Ungeheuer mit der zerlumpten Larve eines Menschen! Arbeite, Tier, so du einen Fraß haben willst! Gehe zum ungeratenen Bruder meines Leibes, aber nimmer meines erhabenen Geistes; dieser, als selbst ein gemeines Lasttier, arbeitet für seinesgleichen und ist barmherzig wie ein Gesellschaftsaffe! Ich bin nur großmütig – und schenke dir diesmal noch dein gemeinstes Erdwurmleben.‘
[GEJ.02_009,08] Siehe nun, diese beiden Brüder, Kinder eines Vaters und einer Mutter, leben in einem Hause beisammen. Der erste ist ein Engel, der zweite nahe ein vollendeter Teufel. Dem ersten ist die ärmliche Hütte ein Himmel, dem zweiten dieselbe Hütte ohne irgendeine Veränderung eine allerbarste Hölle voll der bittersten Qual. Siehst du nun, wie Himmel und Hölle auf einem Flecke beisammen sein können?!
[GEJ.02_009,09] Freilich wirst du dir denken: ,Nun, was ist es denn? Man lasse den Herrschsüchtigen einen Thron erreichen, und er wird ganz tauglich sein, Völker zu schützen und zu schlagen die Feinde!‘ O ja, das könnte wohl möglich sein! Aber wo liegt der Maßstab, der ihm vorschriebe, wieweit er seine herrschsüchtigen Pläne verfolgen solle? Was wird er mit den Menschen machen, die sich nicht in aller Tiefe werden beugen wollen vor ihm? – Siehe, die wird er martern lassen auf die möglichst qualvollste Weise, und es wird ihm an einem Menschenleben ebensowenig gelegen sein wie an einem zertretenen Grashalm! – Was ist aber dann ein solcher Mensch? – Siehe, das ist ein Satan!
[GEJ.02_009,10] Es müssen wohl Herrscher und auch Feldherren sein; aber verstehe, diese müssen von Gott dazu erwählt und berufen sein und für die Folge Abstämmlinge von altgesalbten Königen sein. Diese sind dann berufen; aber wehe jedem andern, der seine arme Hütte verläßt und hineilet, sich durch allerlei Mittel den Herrscherstab zu erringen! Wahrlich, es wäre für ihn besser, nie geboren worden zu sein!
[GEJ.02_009,11] Ich will dir aber noch ein Bild vom Himmelreiche Gottes geben: Es gleichet völlig einem guten Erdreich, auf dem ebensogut die edelsten Trauben fest neben den Dorngesträuchen und Disteln wachsen und reif werden, – und doch haben sie ein und dasselbe gute Erdreich! Der Unterschied liegt nur in der Verwendung desselben: die Rebe verkehrt es in Gutes, der Dornstrauch und die Distelstaude aber in Arges, Nutzloses und für keinen Menschen Genießbares.
[GEJ.02_009,12] Also fließet auch der Himmel ein in den Teufel wie in die Engel Gottes; aber jeder von den beiden verwendet ihn anders! –
[GEJ.02_009,13] Also ist der Himmel auch noch gleich einem Fruchtbaume, der ein gutes, süßes Obst trägt. Als aber unter seine reichgesegneten Äste Leute kommen, die solche Frucht genießen wollen, da sind etliche nüchtern; diese genießen mit Dank nur soviel, als es ihr Bedürfnis verlangt. Andere aber, da ihnen die Frucht wohlschmeckt, wollen nichts am Baume zurücklassen, sondern verzehren es aus Neid, daß nicht die Genügsamen noch einmal etwas fänden, und essen so lange, bis der letzte Apfel verzehrt ist. Diese aber werden darauf krank und müssen sterben, während sich die Genügsamen vom mäßigen Genusse der Früchte des Baumes sehr wohl und gestärkt fühlen! Und doch haben beide Parteien vom selben Baume gegessen!
[GEJ.02_009,14] Also ist der Himmel auch gleich einem guten Weine, der den Mäßigen stärkt, den Unmäßigen aber zugrunde richtet und tötet; und so wird ein und derselbe Wein für den einen ein Himmel und für den andern die barste Hölle, – und doch wird er von einem und demselben Schlauche genommen! –
[GEJ.02_009,15] Sage Mir, Freund, ob du nun verstehest, was da ist der Himmel und was die Hölle!"
10. Kapitel
[GEJ.02_010,01] Sagt Faustus: „Herr, nun fängt es bei mir an hell zu werden! – Es ist in aller Unendlichkeit nur ein Gott, eine Kraft und ein Gesetz der ewigen Ordnung. Wer aus den Menschen sich dieses Gesetz zum eigenen macht, für den ist alles und überall Himmel; wer aber aus seiner eigenen Freiheit heraus diesem Gesetze widerstreben will, für den ist überall Hölle, Qual und Marter!"
[GEJ.02_010,02] Sage Ich: „Ja, also ist es! – Das Feuer ist ein überaus nützliches Element; wer es ordentlich, weise und zweckmäßig benutzt, dem verschafft es einen unberechenbaren Nutzen. Es wäre zu weitläufig, alle die Vorteile herzuzählen, die den Menschen durch die rechte, weise und zweckmäßige Benutzung des Feuers entstehen. Wenn aber jemand das Feuer höchst unweise und allenfalls zum bloßen Vergnügen so leichtsinnig gebrauchen möchte, daß er es anzündete auf den Dächern der Häuser oder in dichten Waldungen, da wird ein und dasselbe Feuer alles zerstören und verderben!
[GEJ.02_010,03] Wenn es im Winter frostig ist, so geht jedermann gerne an den Kamin und wärmt sich mit großer Lust beim heiter knisternden Feuer, das den festen Kamin mit wärmenden Flammen füllt; aber wer ins Feuer fiele, den würde es töten und verzehren.
[GEJ.02_010,04] Aber Ich sage dir noch etwas: Die Menschen dieser Welt müssen, um wahrhaft Gottes Kinder zu werden, durch Wasser und Feuer geführt werden. Der Himmel im Urwesen ist Wasser und Feuer; was nicht dem Wasser verwandt ist, wird vom Wasser getötet, und was nicht selbst Feuer ist, kann im Feuer nicht bestehen."
[GEJ.02_010,05] Sagt Faustus: „Herr, das verstehe ich schon wieder nicht! Wie ist das zu nehmen? Wie kann man zugleich zu Wasser und zu Feuer werden? Denn bekanntlich sind Wasser und Feuer die gegenseitig feindlichsten Elemente; eines zerstört und vernichtet das andere. Ist das Feuer mächtig, und man gießt Wasser hinein, so wird das Wasser schnell in Dampf und Luft verwandelt; ist aber das Wasser mächtiger als das Feuer, so erlischt dieses im Wasser, sobald es vom selben überflutet wird. Wenn man nun aber, um dem Himmel zu gleichen, zugleich Wasser und Feuer sein soll, da müßte man sich am Ende ja sowieso auflösen!? Wie sähe es dann mit dem ewigen Lebensbestande aus?"
[GEJ.02_010,06] Sage Ich: „Oh, recht gut! Beides im rechten Verhältnisse, – und es erzeugt und erhält dann fortwährend eines das andere! Denn siehe, gäbe es in und um die Erde kein Feuer, so gäbe es auch kein Wasser; gäbe es aber in und um die Erde kein Wasser, so gäbe es auch kein Feuer, – denn da erzeugt fortwährend eines das andere."
[GEJ.02_010,07] Fragt Faustus: „Wieso? Wie das?"
[GEJ.02_010,08] Sage Ich: „Nimm alles Feuer, aus dem alle Wärme stammt, von der Erde, und die ganze Erde wird zu einem diamantstarren Eisklumpen, auf dem kein Leben fortkommen könnte; nimm aber darauf alles Wasser von der Erde, und sie wird nur zu bald zu nichtigem Staube werden! Denn ohne Wasser wird sich auch kein Feuer halten, das zu Neubildungen auf der Erde so überaus notwendig ist; wo aber keine Nach- oder Neubildung mehr stattfindet, da ist der Tod und die Verwesung eingekehrt.
[GEJ.02_010,09] Siehe an einen Baum, der seine Säfte verlor, und du wirst gewahr werden, daß der Baum in kurzer Zeit verfaulen und dadurch zunichte wird. Verstehst du nun solches?"
[GEJ.02_010,10] Sagt Faustus: „Ja, Herr, nun verstehen wir alle auch dieses und erkennen, daß Du voll des göttlichen Geistes und der Schöpfer aller Dinge Selbst bist. Denn welcher Mensch kann das aus sich ergründen, wie die ganze Schöpfung bestellt ist, und unter was für Gesetzen sie besteht? Solches kann nur dem klar und in allen Tiefen bekannt sein, der den Geist in sich trägt, durch den alle Dinge gemacht worden sind und nun gleichfort als dieselben bestehen. – Ich kann Dir für alle die mir hier erwiesenen großen Wohltaten geistiger und auch materieller Art nur aus dem für Dich mit höchster Liebe erfüllten Herzen danken! Denn was anderes sollte ich armer, schwacher, sündiger Mensch Dir, dem Herrn der Unendlichkeit, tun können?"
[GEJ.02_010,11] Sage Ich: „Du hast recht; aber behalte vorderhand alles, was du weißt und hier gesehen und erfahren hast, bei dir, mache Mich nicht ruchbar vor der Zeit, und vergiß nun in deinem irdischen Glücke der Armen nicht! Denn was du immer den Armen in Meinem Namen tun wirst, das hast du Mir getan, und es wird dir im Himmel vergolten werden. – Jetzt aber, da wir hier in Kis alles beendet haben, was da zu machen und zu schlichten war, wollen wir uns zur Reise nach Nazareth anschicken."
11. Kapitel
[GEJ.02_011,01] Sagt Faustus: „Da muß ich gebieten, meine Sachen auf die Schiffe zu bringen?!"
[GEJ.02_011,02] Sage Ich: „Ist schon alles geschehen! Weil deine Schiffe nicht ausgereicht hätten, so haben Baram und Kisjonah ihre zwei großen Schiffe dazu hergeliehen, und es ist also bis auf die Abfahrt alles in der besten Ordnung."
[GEJ.02_011,03] Sagt Faustus: „Daß es sicherst also ist, nimmt mich nun gar nicht mehr wunder; denn was sollte dem Allmächtigen noch unmöglich sein?!"
[GEJ.02_011,04] Es treten aber nun Jonael und Jairuth mit Archiel zu Mir und danken für alles, und als sie sich von Mir unter vielen Danksagungen trennen und den Weg nach Sichar antreten, so kommt ihnen auch die von Mir ihnen vorausverkündete Deputation entgegen, nimmt sie in allen Ehren auf und legt dem Jonael die besondere Bitte zu Füßen, daß er das Oberpriesteramt wieder annehmen möchte; und beide, Jonael und Jairuth, erinnern sich dessen, was Ich ihnen vorher verkündigt hatte.
[GEJ.02_011,05] Wir aber – als Ich die abermaligen Bilder vom Himmelreiche vollendet hatte (Matth.13,53) und die Sichariten entließ und auch beim Kisjonah, der diesmal auf Meinen Rat daheim verblieb und auch nicht den Faustus begleitete, Mich empfahl mit dem Versprechen, bald wieder bei ihm einzusprechen – begaben uns dann auch bei zwei Stunden vor dem Mittage auf ein großes Schiff und fuhren mit Faustus, der in Meinem Schiffe mit seinem jungen Weibe Platz nahm, in die Nähe von Kapernaum hin, wo der gewöhnliche Landungsplatz für diese Stadt sowohl, wie auch für Nazareth war, das bekanntlich gar nicht weit von Kapernaum gelegen war.
[GEJ.02_011,06] Als wir gelandet und aus den Schiffen ans Land gestiegen waren, da sprach Faustus: „Herr, ich werde mit Dir nach Nazareth ziehen und werde Deiner Mutter und Deiner irdischen Brüder und Schwestern Behausung ihnen wieder zu eigen stellen!"
[GEJ.02_011,07] Sage Ich: „Auch dieses ist schon geschehen, und du wirst auch zu Hause und draußen in deinem großen Gerichtsbezirke alles in der schönsten und besten Ordnung antreffen; denn bisher hat Mein Archiel alle Geschäfte für dich geschlichtet. Gehe du aber nach Kapernaum, und wenn dir der Oberste Jairus unterkommt – was sich sicher ereignen wird – und wird dir klagen seinen Schmerz, so sage ihm, daß Ich nun in Nazareth auf eine Zeitlang Mich aufhalten werde! Wenn er etwas will, so möge er zu Mir kommen, – aber auch nur er ganz allein!"
[GEJ.02_011,08] Sagt Faustus: „Dürfte auch ich ihn nicht begleiten?"
[GEJ.02_011,09] Sage Ich: „O ja, aber auch nur du allein!" – Mit diesen Worten schieden wir.
[GEJ.02_011,10] Ich begebe Mich mit Meinen vielen Jüngern nun gen Nazareth in Mein irdisches Vaterland, und Faustus läßt sogleich eine Menge Träger, Packer und Lastwagen kommen, mittels derer er die mitgenommenen Schätze in sein Haus nach Kapernaum schafft. Daß es in Kapernaum ein großes Aufsehen machte, als man den Oberrichter so reich beladen an der Seite einer wunderschönen Gemahlin einziehen sah, braucht kaum erwähnt zu werden; aber daß dem Oberrichter in vieler Hinsicht auch der Oberste der dortigen Pharisäer, namens Jairus, entgegenkam, läßt sich noch leichter denken, – denn er wußte ja auch einiges von dem Zuge der zwölf Pharisäer nach Jerusalem und auch, daß Faustus ihretwegen nach Kis berufen worden war.
[GEJ.02_011,11] Faustus empfing ihn mit aller Achtung und sagte zu ihm: „Ein Ehrlicher ward gerettet, und die Pfänder, die ungerecht von diesen Pharisäern im geheimen von den armen Juden erpreßt worden sind, sind ihnen bis auf einen Stater zurückgestellt worden, und elf genießen nun für ihre allseitigen unerhörten Betrügereien und Räubereien zu Jerusalem im Tempel die wohlverdiente Strafe. Es wäre zu weitläufig, dir alles zu erzählen, was die elf alles verübt haben; wenn du aber einmal Muße hast, da komme und lies selbst in den vielen Akten, und dir werden die Haare zu Berge steigen! – Nun aber von etwas anderem! Wie sieht es denn mit deiner lieben Tochter aus? Lebt sie noch, oder ist sie gestorben?"
[GEJ.02_011,12] Sagt Jairus übertraurig und sogleich zu weinen beginnend: „O Freund, warum erinnertest du mich daran? – Sie ist mir leider, leider gestorben; denn kein Arzt konnte ihr helfen! Der einzige Arzt Borus aus Nazareth sagte, daß er ihr wohl helfen könnte, aber darum nicht helfen wollte, weil ich mich an seinem Freunde Jesus, der sein Meister war, zu sehr und zu hart versündigt habe. Und so starb meine über alles geliebteste Tochter. Es war zu herzzerreißend, wie die Sterbende Jesum rief, daß Er ihr hülfe, und wie sie mir noch sterbend ein hartes Wort gab darüber, daß ich mich an Jesu, dem größten Wohltäter der armen leidenden Menschheit, dermaßen hart versündigt habe, daß sie nun darum unwiderruflich sterben müsse. Ich wandte ohnehin alles auf, um Jesus zu finden, daß Er ihr hülfe! Aber Jesus wollte meinen Boten kein Gehör mehr geben, obschon ich tausend Male nun bitter bereuet habe, daß ich mich an Ihm versündigte! Jetzt aber ist alles vorbei! Bei vier Tage schon liegt sie im Grabe und riecht wie die Pest! Jehova sei nun nur ihrer schönen Seele gnädig und barmherzig!"
[GEJ.02_011,13] Sagt Faustus: „Freund! Ich bedaure dich zwar wohl von ganzem Herzen; aber ich sage dir auch, daß der allmächtige Herr Jesus Sich nun in Nazareth befindet. Ihm ist meiner nun vielfachen Erfahrung nach kein Ding unmöglich! Wie wäre es denn, so du zu Ihm selbst hingingest? Ich sage dir, Er hat Macht genug, deine Tochter aus dem Grabe ins Leben zu rufen und sie dir wieder zu geben!"
[GEJ.02_011,14] Sagt Jairus: „Wenn auch letztes nicht mehr möglich sein sollte, so will ich aber dennoch hingehen und Ihn tausend Male um Vergebung bitten, darum, daß ich Ihn, freilich nur genötigt und nicht freiwillig, beleidigt und betrübt habe!"
[GEJ.02_011,15] Sagt Faustus: „Gut, so gehe mit mir hin; wir werden Ihn in Nazareth und zwar im Hause Seiner Mutter treffen. Aber es darf uns nach Seinem Ausspruche niemand begleiten!" – Jairus willigt, von einer beseligenden Hoffnung ergriffen, sogleich in den Vorschlag des Faustus ein. Beide lassen sogleich gut laufende Maultiere satteln und reiten so schnell als möglich nach Nazareth hin. Noch ein paar Stunden vor dem Untergange treffen sie in Nazareth ein, lassen die Maultiere in einer Herberge und begeben sich dann zu Fuß ins Haus Meiner Mutter und treffen Mich da mit Borus, der einer der ersten aus Nazareth war, der Mir mit offenen Armen entgegenkam; denn er bekam Nachricht, daß Ich an diesem Tage in Nazareth anlangen werde.
[GEJ.02_011,16] Als nun Faustus mit dem Jairus ins Zimmer trat, da fing letzterer an zu weinen, fiel vor Mir nieder und bat Mich laut, daß Ich ihm vergäbe seine große Sünde des Undanks, die er an Mir begangen habe.
[GEJ.02_011,17] Ich aber sage zu ihm: „Stehe auf! Dein Vergehen ist dir verziehen, aber sündige zum zweiten Male nicht wieder! – Wo liegt deine Tochter begraben?"
[GEJ.02_011,18] Spricht Jairus: „Herr, Du weißt, daß ich unfern von hier eine Schule für die Kinder des Landes habe errichten lassen, versehen mit einem kleinen Bethause. In diesem Bethause habe ich eine Gruft erbauen lassen für mich; da aber die Tochter vor mir starb, so ließ ich sie dahin bringen und legen in die neue Gruft, darin früher noch nie jemand als Toter gelegen. Diese Gruft ist von hier nur kaum zweitausend Schritte entfernt. So Du, o Herr, sie besehen möchtest, würde mich das über die Maßen selig stimmen; denn ich bin sonst betrübt bis in den Tod!"
[GEJ.02_011,19] Sage Ich: „Nun, da führe Mich hin, – aber es darf Mir außer dir und dem Faustus niemand folgen!"
[GEJ.02_011,20] Es fragten aber die Apostel, ob denn auch sie nicht dabei sein dürften.
[GEJ.02_011,21] Sage Ich: „Diesmal niemand außer den zwei Betreffenden!"
[GEJ.02_011,22] Sagt Borus: „Herr, Du kennest mich, daß ich stumm sein kann wie ein Fisch; was täte es denn, so ich als ein Arzt euch geleitete?"
[GEJ.02_011,23] Sage Ich: „Es bleibt bei Meinem ersten Ausspruche; wir drei allein, und sonst niemand!"
12. Kapitel
[GEJ.02_012,01] Darauf getraute sich keiner mehr zu fragen und zu bitten, und wir gingen zur Gruft hin, und Ich besah die schon sehr stark stinkende Leiche und fragte den Jairus, ob er nun wohl meine oder gar glaube, daß seine Tochter scheintot sei?
[GEJ.02_012,02] Sagt Jairus: „Herr, ich habe auch in meinem Herzen so etwas das erste Mal nicht geglaubt und wußte nur zu bestimmt, daß meine liebste Tochter Sarah vollkommen tot war. Ich war zu dem falschen Zeugnisse wider Dich bei den Haaren gezogen worden, und hätte ich nicht das arge Zeugnis unterzeichnet, so wärest Du noch um vieles ärger verfolgt worden, was ich im vollsten Ernste nie wollte! Da ich aber das falsche Zeugnis unterzeichnet hatte, so sah man in Dir nur mehr einen arbeitsscheuen Landstreicher, der hie und da wohl Leute gesund mache und sich einen Namen in Israel machen wolle als irgendein von Gott erweckter Prophet – oder gar den verheißenen Messias Selbst, den alle nunmalige, über alle Maßen gut und reich stehende Priesterschaft am meisten fürchtet, weil es geschrieben steht, daß, wenn der Hohepriester in der Ordnung Melchisedeks von Ewigkeit auf die Erde kommen werde, es dann mit allen andern Priestern ein volles Ende nehmen werde und der neue Melchisedek dann herrschen wird mit seinen Engeln über alle Geschlechter der Erde in Ewigkeit.
[GEJ.02_012,03] Ich sage es Dir: Die sämtlichen Oberpriester und alle Unterpriester fürchten weder das Feuer noch den großen Sturm, der vor der Höhle, darin der große Prophet Elias verborgen war, vorüberzog; aber das sanfte Wehen über der Höhle des großen Propheten fürchten sie, weil sie stets sagen, der Messias in der Ordnung Melchisedeks werde ganz stille kommen in der Nacht wie ein Dieb und werde ihnen nehmen alles, was sie sich bis jetzt erworben haben! – Darum will kein Priester die Ankunft des Gesalbten Gottes von Ewigkeit erleben, sondern so weit als möglich in die fernste Zukunft verschoben haben.
[GEJ.02_012,04] Weil aber die sämtliche, besonders alte Priesterschaft an Dir wegen Deiner außerordentlichen Taten und Lehren ungezweifelt so etwas erschaut, so bietet sie auch alles auf, Dich – so möglich – zu verderben! Sollte es nicht möglich sein, so Du vollwahr das wärest, für was sie Dich hält, so wird sie denn hernach für ihre böse Mühe in Sack und Asche Buße tun und mit großem Beben den allmächtigen Schlag erwarten, durch den sie von jeher alles zu verlieren fürchtet und allzeit gefürchtet hat, ansonst sie nicht beinahe alle Propheten gesteinigt hätte. Siehe, das ist der Grund, aus dem ich Dich lieber für einen Landstreicher erklärte als für Den, der Du sicher bist! Denn Menschen können ihre Toten nimmer ins Leben rufen; solches vermag nur der Geist Gottes, der nach meiner Ansicht in aller Fülle leibhaftig in Dir wohnet und wirket."
[GEJ.02_012,05] Sage Ich: „Weil Ich geheim von dir das wohl wußte, aus welchem Grunde du so ganz eigentlich Mich verleugnet hast, so kam Ich denn auch in deiner großen Not wieder zu dir, um dir für eine lange Dauer zu helfen. Das ist aber auch der eigentliche Grund, warum Ich außer euch beiden niemand sonst mitnahm. Wann es aber an der Zeit sein wird, dann auch sollen sie den Grund erfahren. – Nun aber sollst du Gottes Macht und Herrlichkeit sehen!"
[GEJ.02_012,06] Hier neigte Ich Mich in die Gruft, in der die junge Sarah in Leinen gewickelt lag, und sprach zu Jairus: „Siehe, es ist Nacht geworden, und das Lämpchen in der Gruft gibt einen höchst matten Schein! Gehe zum Wächter dieses Schul- und Bethauses und laß dir ein stärkeres Licht geben; denn wenn ihr das Leben wiedergegeben wird, muß sie natürlich sehen, um der Gruft zu entsteigen."
[GEJ.02_012,07] Sagt Jairus: „O Herr, sollte das wohl möglich sein? Die Verwesung ist bei ihr schon stark eingetreten! Aber ich glaube, daß bei Gott alles möglich ist, und so werde ich sogleich mit einem stärkeren Lichte da sein!"
[GEJ.02_012,08] Jairus eilt nun um ein stärkeres Licht, das er aber nicht so bald bekommen kann, da dem Hauswächter das Feuer ausgegangen ist und er durch das starke Reiben der zum Feuermachen geeigneten zwei Hölzer eine geraume Zeit zu tun hatte, bis solche zu brennen begannen.
[GEJ.02_012,09] Ich aber erwecke sogleich, als Jairus zur Tür hinaus war, die Sarah und hebe sie aus der Gruft.
[GEJ.02_012,10] Die Erweckte fragt Mich, noch wie ein wenig schlaftrunken: „Um Jehovas willen! Wo bin ich denn nun? Was geschah mit mir? Ich befand mich erst in einem schönen Garten mit vielen Gespielinnen, und nun bin ich plötzlich in dieser finstern Kammer engen Raum versetzt worden!"
[GEJ.02_012,11] Sage Ich: „Sei heiter und ruhig, Sarah! Denn siehe, Ich, dein Jesus, der Ich dich noch vor etlichen Wochen kaum das erste Mal vom Tode zum Leben erweckte, habe dich nun auch wieder vom Tode erweckt und gab dir nun ein festes Leben! Es soll dich von nun an keine Krankheit mehr plagen, und wenn nach vielen Jahren deine Zeit kommen wird, werde Ich Selbst dich, aus den Himmeln kommend, abholen und Selbst dich führen in Mein Reich, das ewig kein Ende nehmen wird."
[GEJ.02_012,12] Als Sarah Meine Stimme vernimmt, da erst lebt sie vollends auf und sagt mit der liebevollst freundlichsten Stimme von der Welt: „O Du einziger Geliebter meines jungen Lebens und Herzens! Ich wußte es ja, daß der den Tod nicht zu fürchten hat, der Dich allein über alles liebt! Aus übermächtiger Liebe zu Dir, meinem ersten Lebensbringer, ward ich krank, weil ich von Dir nichts mehr erfahren konnte, wohin Du gekommen seiest; und so ich fragte mit dem heißest liebenden Herzen, wo Du seiest, da sagte man mir, um mich zu beruhigen durch die offenbarste Tötung meines Gemütes, Du seiest gefangengenommen und als ein Staatsverbrecher den scharfen Gerichten überantwortet worden! Das machte mein Herz in meiner Brust brechen; ich ward bald sehr krank und starb zum zweiten Male! – O wie endlos glücklich aber bin ich nun wieder, daß ich Dich, Du meine einzige und höchste Liebe, wieder habe!
[GEJ.02_012,13] Ich sagte ja auf dem Sterbebette: ,So mein einziger Jesus noch lebt, so wird Er mich nicht verwesen lassen in der kalten Gruft!‘ – Und siehe da, es ist geschehen, was mein Herz mir gesagt hat. Ich lebe vollauf wieder, und das in den Armen meines geliebtesten Jesus! Aber von nun an soll auch nichts mehr mich von Deiner göttlichen Seite zu trennen imstande sein! Als die geringste Deiner Mägde will ich Dir folgen, wohin Du ziehen magst."
[GEJ.02_012,14] Während die Sarah noch also Mir ihr Herz entdecket, nähert sich endlich Jairus mit einem Harzlichte der Gruftkammer. Ich aber sage zu ihr: „Siehe, dein Vater Jairus kommt! Verbirg dich daher hinter dem Rücken des Faustus, damit er deiner nicht sogleich ansichtig wird, was seiner Gesundheit schaden würde! Wann Ich dich aber rufen werde, dann tritt schnell hervor mit heiterem und fröhlichem Antlitze, und es wird ihm dann solcher Anblick nicht schaden!" – Sarah befolgt solchen Rat sogleich, und Jairus tritt im Momente in die Kammer, als Sarah sich hinter dem Rücken des Faustus recht wohl versteckt hatte.
[GEJ.02_012,15] Jairus entschuldigte sich, mit dem verlangten Lichte so lange ausgeblieben zu sein.
[GEJ.02_012,16] Ich aber sage: „Hat nichts zur Sache! Denn übers Mögliche hinaus kann niemand sündigen, und wer einmal tot ist, wird in einer schwachen Viertelstunde nicht toter, sondern eher lebendiger, wenn die Bedingungen zum Leben noch irgend vorhanden sind!"
[GEJ.02_012,17] Sagt Jairus: „Nun, Herr, wenn ein armer Sünder es auch wagen darf, Dich zu bitten, so wolle nun Deine Gnade nicht mir Unwürdigem, sondern der Dich sicher über alles liebenden Sarah erweisen!"
[GEJ.02_012,18] Sage Ich: „Aber eine Bedingung und einen Grund sage Ich dir darin, daß Ich sie nimmer erweckte für dich, sondern rein nur für Mich! Sie wird von nun an Mir – und nicht dir folgen; willst aber auch du Mir folgen von Zeit zu Zeit, da sollst du in der Nähe deiner Tochter sein!"
[GEJ.02_012,19] Sagt Jairus: „Es geschehe alles, was Du willst, wenn mein einziges Kind nur wieder ins Leben zurückgerufen werden könnte!"
[GEJ.02_012,20] Sage Ich: „Nun denn, so leuchte hinein in die offene Gruft!"
[GEJ.02_012,21] Jairus tritt seufzend hin zum Rande der Gruft und schauet und schauet – und sieht sonst nichts als die Leinen und die Kopftücher und Bindebänder auf einen Haufen zusammengedrückt. Als er die tote Tochter nimmer erschaut, wird er traurig und fragt Mich, sagend: „Herr, was ist denn da vor sich gegangen? Der Geruch ist wohl noch da, aber sonst nichts! Hat denn jemand die Leiche gestohlen? Warum nahm er denn nicht auch die Tücher und Bänder?"
[GEJ.02_012,22] Sage Ich: „Weil die nunmehr Lebendige dergleichen nicht mehr bedarf!"
[GEJ.02_012,23] Jairus schreit vor Entzückung, die plötzlich seinen Schmerz besiegt hatte: „Wie?! – Was?! – Wo ist denn die wieder lebende Sarah?"
[GEJ.02_012,24] Rufe Ich: „Sarah! – Tritt hervor!"
[GEJ.02_012,25] Plötzlich trat nun die wunderschöne Sarah hinter dem Rücken des Faustus hervor und sagte mit ganz gesunder und lauter Stimme: „Hier bin ich, vollauf lebendig und gesund! Aber nun nicht mehr dir, sondern allein Jesu, dem Herrn, angehörend! Denn die Liebe meines Herzens zu Jesu, dem Herrn über Leben und Tod, die man mir zur gröbsten Sünde zu machen sich alle Mühe gab, hat meinen schwachen Leib zum zweiten Male getötet! Aber eben diese mächtige Liebe hat ihm nun wieder das Leben gegeben! Und siehe, Vater Jairus, du heißest mich deine Tochter, da du mir doch nur einmal das Leben gegeben hast! Was ist nun Der zu mir, und ich zu Ihm, der mir volle zwei Male das Leben gegeben hat? Wer von euch beiden ist nun mehr mein rechter Vater?"
[GEJ.02_012,26] Sagt Jairus: „Du hast recht! Offenbar Der, der dir zwei Male das volle Leben wiedergegeben hat, und ich kann da nimmer deiner Liebe entgegentreten! Folge du von nun an vollkommen deinem Herzen, und ich werde dir samt deiner Liebe auch folgen von Zeit zu Zeit! Bist du damit zufrieden, die du mir alles warst auf dieser Erde und nun wieder nächst Jesu, dem Herrn, alles bist?"
[GEJ.02_012,27] Sagt Sarah: „Ja, Vater Jairus, damit bin ich vollauf zufrieden!"
[GEJ.02_012,28] Sage Ich: „Und Ich auch! Aber nun begeben wir uns in Mein Haus! Allda wartet ein gutes Abendmahl unser, und Meine Tochter Sarah muß nun vor allem eine gute Stärkung zu sich nehmen; denn ihr neubelebter Leib braucht nun recht wohl eine recht gute Nahrung. Daher gehen wir nun behende von hier!"
13. Kapitel
[GEJ.02_013,01] Jairus deckt nun die Gruft zu und verschließt hinter uns wohl die Tür, durch die man zur Gruftkammer und endlich in die Gruft selbst gelangen konnte, und geht dann mit uns. Aber etwa bei siebzig Schritte außerhalb dieses Schul- und Bethauses befindet sich die kleine Wohnung des Aufsehers und Wächters, bei dem Jairus ehedem das Licht geholt hatte.
[GEJ.02_013,02] Da der zunehmende Mond den Abend etwas erleuchtete, so bemerkte der Wächter nur zu bald das Töchterchen des Jairus, das im weißen Schleppgewande an Meiner Seite ganz munter einherging. Voll Entsetzen fragte er den Jairus: „Was ist denn das?! Was seh' ich?! Ist das nicht Sarah, euer verstorbenes Töchterchen?! – War sie denn auch diesmal scheintot?"
[GEJ.02_013,03] Sagt Jairus: „Sei es nun wie es wolle! Du hast hier nicht zu fragen, sondern über alles, was du hier siehst, völlig zu schweigen, ansonst du des Dienstes verlustig würdest! Das aber präge dir tief ein in dein Gemüt und denke, fasse und begreife, daß bei Gott alle Dinge gar leicht möglich sind! Aber es gehört dazu ein voller Glaube und ein lebendiges Vertrauen! – Hast du es verstanden?"
[GEJ.02_013,04] Sagt der Wächter: „Ja, höchstwürdiger Herr!"
[GEJ.02_013,05] Sagt darauf Jairus: „In Zukunft bleibe mir vor allem mit derlei ehrbezeigenden Ausdrücken vom Halse und rede mit mir wie mit deinem Bruder! Jetzt aber, da du keine Leiche mehr zu bewachen hast, eile nach Kapernaum und erzähle, was du nun gesehen, dort niemandem, auch meinem Weibe nicht! Sage aber, daß sie sich mit dir, so es möglich ist, alsogleich nach Nazareth und daselbst ins Haus Josephs begeben möchte; denn ich hätte gar wichtige Dinge mit ihr zu besprechen! Nehmet ein paar gute Maultiere, auf daß ihr schneller nach Nazareth ins Haus des Zimmermanns kommet!"
[GEJ.02_013,06] Der Wächter, der selbst im Besitze eines schnelltrabenden Esels ist, zäumt und sattelt eiligst das Tier, eilt damit nach Kapernaum und entrichtet dort dem Weibe des Jairus die aufgegebene Botschaft. Das traurige Weib erhebt sich schnell und folgt dem Boten. Die Esel laufen gut, und in knapp einer Stunde sind beide in Nazareth im Hause Meiner Leibesmutter Maria, die nun wieder ganz heiter ist, daß sie das alte Häuschen Josephs ihr eigen nennen darf. Als des Jairus Weib ins Zimmer tritt, in dem wir uns soeben bei einem recht guten Abendmahle befinden, das diesmal der Freund Borus bestellt hatte, ersieht sie alsbald ihre Sarah, die gar fröhlich und munter und dabei besten Aussehens an Meiner Seite einen guten, grätenlosen Fisch mit Salz, Öl und etwas Weinessig mit größtem Appetit verzehrt.
[GEJ.02_013,07] Das Weib traut seinen Augen kaum und sagt nach einer Weile, dem Jairus auf die Achsel klopfend: „Jairus, mein Gemahl, hier steht dein trauriges Weib, um das du gesandt hast deinen Boten mit dem Auftrage, als hättest du wichtige Dinge mit mir zu besprechen! Aber ich erschaue bereits die Wichtigkeit aller Wichtigkeiten! Sage mir, Mann! Träume ich nun, oder ist es Wirklichkeit? Ist das Mädchen, das bei Jesus sitzt und gar so gut aussieht, nicht das lebendigste Ebenbild unserer verstorbenen, allerliebsten Sarah? – O Jehova, warum denn hast du mir die Sarah genommen!?"
[GEJ.02_013,08] Sagt Jairus, selbst ganz ergriffen, zu seinem Weibe: „Sei getrost, du mein stets gleich geliebtes Weib! Dies Mädchen sieht nicht nur unserer allerliebsten Sarah auf ein Haar gleich, sondern sie ist es vollernstlich selbst! Der göttlichen Geistes vollste Herr Jesus hat sie nun zum zweiten Male erweckt, wie Er sie erst vor wenigen Wochen vom Tode erwecket hatte. Daß sie nun gar so gut aussieht, das macht Seine unbegreifliche, offenbarste Gotteskraft. Störe sie aber nun in ihrer Eßlust nicht; denn sie hat nun wohl schon lange gefastet!"
[GEJ.02_013,09] Sagt das Weib, sich vor Verwunderung und Freude kaum fassen könnend: „Sage mir nun, du weiser Meister in Israel, was du nun von diesem Jesus hältst! Mir kommt es immer mehr und mehr vor, daß Er denn doch, trotz Seiner niederen Geburt, dennoch der verheißene Messias ist!? Denn solche Taten hat noch nie irgendein Prophet, geschweige irgendein anderer Mensch, verrichtet!"
[GEJ.02_013,10] Sagt Jairus: „Ja, ja, es ist also! Aber es heißt die tiefste Verschwiegenheit beachten, indem Er es Selbst also haben will; denn wenn das zu sehr ruchbar würde, hätten wir alsbald ganz Jerusalem und Rom am Halse, und so Er nicht mit Seiner göttlichen Macht sich entgegensetzte, so sähe es für uns alle übel aus! Darum, Weib, sei verschwiegen wie eine Festungsmauer! Sarah wird aus dem Grunde, um den göttlichen Meister mit ihrer Erscheinung nicht zu verraten und in ihrer Gesundheit für bleibend fest zu werden, wenigstens ein volles Jahr unter der Aufsicht und Leitung entweder Seiner Selbst oder zum wenigsten Seiner lieben, überaus weisen Mutter Maria verbleiben, und wir werden sie nur abwechselnd von Zeit zu Zeit besuchen. Im Grunde des Grundes haben wir beide auch eben kein zu besonderes Recht mehr auf sie; denn nur ein miserables, krankheitsvolles Leben haben wir ihr durch unsere stumme Lust gegeben und wußten, als wir uns beschliefen, nicht, was aus unserem Akte wird. Es ward uns diese himmlische Sarah gegeben, die von Gott aus wohl mit der gesundesten Seele begabt ward, von uns aus aber mit einem schwachen, kranken Leibe! Zwei Male ist sie uns gestorben und wäre für uns auf dieser Erde für ewig verloren gewesen! Er aber gab ihr beide Male ein neues, gesundes Leben! – Es fragt sich hernach, wer nun mehr ihr Vater und ihre Mutter ist, – Er, oder wir beiden armen Sünder!"
[GEJ.02_013,11] Sagt Sarahs Mutter: „Ja, du bist weise, kennst das Gesetz und alle die Propheten; daher hast du in allen Dingen allzeit recht, mir aber ist es schon eine überhimmlische Seligkeit, daß sie wieder lebt und wir das Glück haben, sie nur dann und wann zu sehen und zu sprechen."
[GEJ.02_013,12] Sagt Jairus: „Nun seien wir ruhig; denn das Mahl ist zu Ende, und vielleicht wird Er etwas sprechen!"
[GEJ.02_013,13] Ich aber berufe den Faustus und sage zu ihm: „Freund und Bruder, sehr leid ist es Mir, daß du heute nicht bei Mir übernachten kannst; aber dich erwarten große Geschäfte zu Hause, und so muß Ich dich für ein paar Tage entlassen. Aber nach ein paar Tagen komme wieder hierher! Sollte von Mir irgend die Rede sein, da weißt du, was du zu reden haben wirst!"
[GEJ.02_013,14] Sagt Faustus: „Herr, Du kennst mich besser denn ich mich selbst! Darum magst Du Dich wohl auf mich verlassen; denn ein schwaches Rohr ist ein geborener Römer nicht, daß die Winde mit ihm ihr loses Spiel trieben! Wenn ich Ja sage, da bringt auch der Tod kein Nein aus mir heraus! Nun aber gehe ich; mein Maultier ist noch gesattelt und gezäumt, und in einer kleinen Stunde bin ich schon an Ort und Stelle. In Deinem Namen, o mein größter Freund Jesus, wird mein mich erwartendes Geschäft wohl sein gutes Ende finden. Deiner alleinigen Liebe, Weisheit und göttlichen Macht empfehle ich mich ganz!" Mit diesen Worten empfiehlt sich Faustus, schnell zur Türe hinausstürzend.
[GEJ.02_013,15] Darauf tritt Sarahs Mutter zu Mir und dankt Mir, mit tief zerknirschtem Herzen bekennend, wie sehr sie solch einer unerhörten Gnade unwürdig sei.
[GEJ.02_013,16] Ich aber vertröste sie und sage zur Sarah: „Mein Töchterchen, siehe hier deine Mutter!"
[GEJ.02_013,17] Hier erst erhebt sich Sarah behende und begrüßt die Mutter überaus freundlich, bemerkt aber sogleich hinzu, daß sie nun bei Mir bleiben werde; denn sie liebe Mich zu sehr, um sich von Mir trennen zu können! Die Mutter wie auch der Oberste Jairus beloben darum das liebe Töchterchen sehr und ersuchen sie aber doch auch zugleich, daß sie ihrer nicht ganz und gar vergessen möchte! Und Sarah gibt beiden die treuherzigste Versicherung, daß sie sie nun mehr liebe als je früher. Damit waren denn auch beide über die Maßen zufrieden, wurden ruhig und liebkosten ihre Tochter.
14. Kapitel
[GEJ.02_014,01] Es trat aber nun der Grieche Philopold aus Kana in Samaria zu Mir und sagte: „Herr, über drei Tage bin ich nun schon bei Dir und konnte noch keinen Augenblick gewinnen, um mit Dir über das zu sprechen, wie ich auf Dein Geheiß alles nach Deinem Willen in die Ordnung gebracht habe, und wie nun durch meine Predigt, die ich ihnen nach Deinem Abgange von Kana gehalten habe, alle zum Glauben an Dich übergegangen sind. Jetzt scheinst Du Muße zu haben; so wolle denn doch auch mich ein wenig anhören!"
[GEJ.02_014,02] Sage Ich: „Mein sehr schätzbarer Freund Philopold! Kannst du wohl annehmen, daß Ich dich nicht schon lange um dies oder jenes, Kana betreffend, gefragt hätte, so Ich nicht genau wüßte, wie die Sachen stehen? – Da siehe an Meine Brüder alle! Wieviel rede Ich denn mit ihnen? Viele Tage kein Wort äußerlich, aber desto öfter innerlich geistig durch ihr Herz; und sieh, es steht keiner auf, daß er Mich fragte: ,Herr, warum redest Du mit mir denn nicht?‘ Ich sage dir, wie Ich schon lange zu allen gesagt habe: Ich nehme nicht Jünger an deshalb, daß Ich mit ihnen plaudern solle für nichts und wieder nichts, sondern daß sie hören Meine Lehre und Zeugen seien von Meinen Taten! Denn was sie wissen, das alles weiß Ich schon lange vorher, und was sie besonders wissen wollen, verkündige Ich ihnen im Augenblicke der Notwendigkeit durch ihr Herz. Und wenn so, da frage dich selbst, wozu es da für Meine eingeweihten Jünger noch einer täglichen äußeren Beredung bedürfen sollte! Du aber bist nun auch Mein Jünger und mußt dir darum solche Einrichtung in Meiner Schule schon gefallen lassen.
[GEJ.02_014,03] Mit andern Menschen aber, die nicht Meine nächsten Jünger sind, muß Ich freilich äußerlich Worte wechseln; denn diese würden Mich in ihrem sehr weltlichen Herzen nicht vernehmen und noch weniger verstehen. Ich rede aber dennoch auch mit Meinen Jüngern, wenn es Zeit und Umstände verlangen, äußerlich; aber da geschieht solches nicht der Jünger wegen, sondern derer wegen, die keine Jünger sind! – Sage Mir, ob du solches begriffen hast!"
[GEJ.02_014,04] Sagt Philopold: „Ja, Herr, nun ist mir Deine Gnade so klar wie die Sonne eines hellsten Mittags, und ich danke Dir für solche Deine allerliebfreundlichste Aufklärung! Aber, Herr, wenn ich nun diese überherrliche, schönste Sarah betrachte, die sich mit ihrer außerordentlichen Schönheit mit jedem Engel im Himmel messen könnte, so kommt es mir beinahe unmöglich vor, daß sie im Grabe je eine Sekunde soll gelegen sein! Denn solch eine Lebensfrische ist mir noch nie untergekommen! Und doch ist es wahr, daß Du sie zweimal vom Tode erweckt hast! Nun drängt es mich gar gewaltig im Herzen, von Dir zu erfahren, wie Dir solches zu bewirken möglich sein kann!"
[GEJ.02_014,05] Sage Ich halblaut zu ihm: „Ich meine, du hast es doch zu Kana hinreichend erfahren, wer Ich bin!? Weißt du aber das, da fragt es sich doch sehr gewaltig, wie du darum fragen kannst, wie Ich einen toten Menschen wieder beleben könnte! Sind denn nicht Sonne, Mond und alle Sterne, so wie diese Erde, aus Mir hervorgegangen, und habe nicht Ich diese Erde bevölkert mit zahllosen lebendigen Geschöpfen? So Ich ihnen aber im Anfange Dasein und ein selbständiges Leben geben konnte, wie sollte Mir das nun mit einem Mägdlein unmöglich sein, was Mir mit zahllosen Wesen von Ewigkeit zu Ewigkeit möglich ist? Wenn du aber solches weißt und bist darüber sogar von einem Engel belehret worden, wie magst du dann noch fragen?
[GEJ.02_014,06] Siehe, ein jeder Stein sogar, an dem du dich mit deinem Fuße gar gewaltig stoßen kannst, wird nur durch Meinen Willen erhalten; ließe Ich ihn einen Augenblick aus Meinem alles schaffenden und erhaltenden Willen, so träte er auch im selben Augenblick völlig aus dem Dasein.
[GEJ.02_014,07] Du kannst zwar den Stein zerstoßen, kannst ihn mit starkem Feuer sogar gänzlich in eine Luftart auflösen, wie solches lehrt die geheime Apothekerkunst; aber das alles kann mit dem Steine und mit jeder andern Materie nur geschehen, weil Ich solches zum Nutzen und Frommen der Menschen zulasse. Ließe Ich es nicht zu, so könntest du auch den kleinsten Stein ebensowenig von der Stelle heben wie einen Berg. Du kannst einen Stein auch in die Höhe werfen, und er wird je nach dem Maße deiner Kraft und Wurfgeschicklichkeit eine ganz ansehnliche Höhe hinauffliegen; aber wenn er eine gewisse, der Wurfkraft angemessene Höhe erreicht hat, so wird er dann alsbald wieder zur Erde herabfallen. Und siehe, das ist alles Mein Wille und Meine Zulassung bis auf einen gewissen Grad, wo es heißt: ,Bis hierher nur und nicht weiter!‘
[GEJ.02_014,08] Ein Steinwurf zeigt dir ganz handgreiflich, wie weit des Menschen Kraft und Wille reicht. Einige Augenblicke Zeit, – und der schwache Wille des Menschen wird von dem Meinen ergriffen und zurückgetrieben zu der von Mir von Ewigkeit her bestimmten Ordnung, die bis auf ein Sonnenstäubchen Gewicht abgewogen ist durch die ganze ewige Unendlichkeit! Wenn aber solches alles rein nur von Meinem Willen und von Meiner Zulassung abhängt, wie sollte es Mir dann etwa nicht möglich sein, ein verstorbenes Mägdlein wieder beleben zu können?
[GEJ.02_014,09] Gehe aber hinaus und bringe Mir ein Stück Holz und einen Stein, und Ich will dir zeigen, wie Mir alle Dinge möglich sind durch die Kraft des Vaters in Mir!"
[GEJ.02_014,10] Philopold bringt sogleich einen Stein und ein ganz morsches Stück Holz. Und Ich sage zu ihm, immer halblaut redend: „Siehe, Ich hebe den Stein und stelle ihn in die freie Luft, und sieh, er fällt nicht! Versuche du ihn aber aus dieser Lage zu schieben!" – Philopold versucht es; aber der Stein läßt sich nicht um ein Haar verrücken.
[GEJ.02_014,11] Ich aber sage: „Nun aber werde Ich es zulassen, daß du den Stein nach Belieben wirst verrücken können; aber so du ihn freilassen wirst, da wird er alsbald wieder diese Stelle einnehmen und wird sich nach einigen Schwingungen oder plötzlich an dieser gegebenen Stelle festhalten!"
[GEJ.02_014,12] Sagt Philopold: „Herr, diese Probe unterlasse; denn mir genügt Dein heilig Wort!"
[GEJ.02_014,13] Sage Ich: „Nun gut; Ich will aber nun, daß dieser Stein zunichte werde und dies Holz grüne und zum Vorscheine bringe Blätter, Blüte und Frucht nach seiner Art!" – Der Stein wird darauf unsichtbar, und das alte Holz wird frisch, grünt, treibt alsbald Blätter, Blüte und am Ende die reife Frucht, und zwar etliche Feigen, da das Holz einst einem Feigenbaume angehört hatte.
[GEJ.02_014,14] Alles wird nun auf Mich und den Philopold aufmerksam; denn die meisten Jünger haben schon geschlummert. Jairus und dessen Weib aber konnten sich an ihrer Tochter nicht satt kosen. Ich und Philopold aber haben unsere Experimente auf einem abseitigen kleinen Tische unter einer schon etwas schwachen Lampenbeleuchtung vorgenommen und wurden daher von Hunderten nicht bemerkt; aber als sich Philopold etwas stark zu verwundern begann, da wurde freilich bald eine Menge darauf aufmerksam. Aber Ich empfahl ihnen Ruhe, und alles ward wieder ruhig.
[GEJ.02_014,15] Ich aber befahl wieder dem Steine, daß er sei, und er lag wieder auf dem Tische und ließ aber den Feigenast mit den Früchten, die am Morgen Meine Sarah mit großer Lust verzehrte."
[GEJ.02_014,16] Ich fragte aber dann den Philopold, ob er nun im klaren sei. Und er verneigte sich tiefst und sagte: „Herr, nun bin ich ganz zu Hause!"
[GEJ.02_014,17] Und Ich sagte: „Gut, und so begeben wir uns zur Ruhe!"
15. Kapitel
[GEJ.02_015,01] Es begab sich denn auch Philopold zu der von Mir gebotenen Ruhe. Aber natürlich hatte er eben nicht einen besonderen Schlaf, da die Ereignisse des Tages sein Gemüt zu sehr in Anspruch nahmen; zudem waren die Lager auch eben nicht bestens bestellt, da die Pfandnehmer bis auf etwas weniges Stroh nahezu alles in Empfang genommen hatten und wir daher nur das buchstäblich leere Haus antrafen. Es waren während der Zeit der Wiedererweckung der Sarah Borus, Meine Brüder und viele andere Jünger wohl sehr beschäftigt, Lager, Tische, Bänke, Küchen- und Tischgeräte in entsprechender Anzahl ins Haus zu schaffen; aber für etliche hundert Menschen, von denen freilich viele teils im Freien und teils in andern Häusern Herberge nahmen, war es dennoch für die Kürze auf natürlichen Wegen nicht möglich, auch nur das Nötigste zu besorgen.
[GEJ.02_015,02] Und so brachte Ich Selbst diese Nacht auf einer Bank mit ein wenig Stroh unter dem Haupte zu – und Philopold gar am Fußboden ohne Stroh. Er war darum morgens auch einer der ersten auf den Füßen; und als ihn Jairus, der mit seinem Weibe und der Tochter Sarah ein ziemlich gutes Strohlager hatte, fragte, wie er am harten Boden doch geruht habe, so sagte
[GEJ.02_015,03] Philopold: „Wie des Bodens Eigenschaft es zuläßt! Aber es kommt alles auf die Angewöhnung an; in einem Jahre würde sich der Leib sicher mehr damit befreunden als in einer Nacht!"
[GEJ.02_015,04] Sagt Jairus: „Hättest du mir doch etwas gesagt! Wir hatten Stroh in Menge!"
[GEJ.02_015,05] Sagt Philopold: „Da sieh den Herrn an! Dem alle Himmel und alle Welten gehorchen, und alle Engel auf Seinen Willen sehen! Sein Lager ist nicht um ein Haar besser, als da war das meinige!"
[GEJ.02_015,06] Sagt Jairus, in dem noch eine starke Portion Pharisäismus steckt: „Freund, sagst du da denn doch nicht vielleicht ein bißchen zu viel? Es ist wohl nicht zu leugnen, daß dieser Jesus voll des göttlichen Geistes ist, mehr als je ein Prophet vom selben Geiste erfüllt war – denn Seine Taten überrragen himmelhoch all die Taten Mosis, des Elias und aller andern großen und kleinen Propheten; aber daß in Ihm gerade alle Fülle der Gottheit vorhanden sein soll, scheint mir dennoch eine zu gewagte Annahme! Die Propheten haben auch Tote erweckt durch den göttlichen Geist, dessen sie voll waren; nur haben sie es nie gewagt, sich selbst, sondern allzeit nur Gott das Gelingen zuzuschreiben. Denn hätten sie das Gelingen sich zugeschrieben, da wären sie zu groben Sündern wider Gott geworden, und Gott hätte ihnen den Geist genommen. Aber Jesus tut alles wie aus Sich und wie ein Herr, – und das ist wohl, was für deine gewagte Annahme spricht, und ich bin in gewisser Hinsicht vollends deiner Meinung; aber wie gesagt: mit aller Vorsicht! Denn es könnte solches auch eine uns prüfende Zulassung von oben sein, in der wir uns bewähren müßten, ob wir wohl allein an einen Gott glauben! Aber wenn in Jesus im Ernste alle Fülle der Gottheit wohnte, da freilich müßten wir unter jeder Bedingung Sein Zeugnis als für ewig wahr annehmen! – Welcher Meinung bist du nun?"
[GEJ.02_015,07] Sagt Philopold: „Ich bin vollkommen der letzteren Meinung und glaube, daß Sein Zeugnis über die Fülle der Gottheit in Ihm völlig wahr ist! Er ist es – und kein anderer außer Ihm!
[GEJ.02_015,08] Es läßt sich die Sache besonders in dieser unserer wundertätigen Zeit schwer erklären, da man immer sagen kann: ,Ich habe dort und dort Magier gesehen, die wahrlich außerordentliche Taten verübten, und die alten Propheten haben auch Tote erweckt, – ja einer hatte sogar einen Haufen Totengebeine mit Fleisch umgeben und belebt, und so sind Wundertaten noch lange kein Beweis, laut dessen man einen Wundertäter für einen Gott anpreisen soll!‘
[GEJ.02_015,09] Aber hier mit Jesus, dem Herrn, ist es ein ganz anderes! Bei allen Propheten mußten anhaltende Gebete und Fasten einer Wundertat vorangehen, bis Gott sie für würdig hielt, eine Wundertat durch sie verrichten zu lassen; die Magier müssen einen Zauberstab haben und eine Menge anderer Zeichen und Formeln, und dazu haben sie noch eine Menge Salben, Öle, Wässer, Metalle, Steine, Kräuter und Wurzeln bei sich, deren verborgene Kräfte sie wohl kennen und solche bei ihren Produktionen in Anwendung bringen; – aber wo hat je jemand bei Jesus, dem Herrn, so etwas gesehen!? Vom Beten und Fasten keine Spur, wenigstens die kurze Zeit hindurch, da ich die Gnade habe, Ihn zu kennen; von einem Zauberstab und all den andern magischen Mitteln ist noch weniger etwas anzutreffen!
[GEJ.02_015,10] Dabei haben alle Propheten, einer wie der andere, in einer stets gleichen geheimen Bildersprache geredet und geschrieben, und wer nicht aus ihrer Schule war, konnte sie unmöglich verstehen! Ich bin zwar ein Grieche; aber mir ist deshalb eure Schrift nicht unbekannt, und ich kenne Moses und alle eure Propheten! Wer die durchgehends versteht, der muß wahrlich von besonderen Eltern herstammen!
[GEJ.02_015,11] Jesus aber spricht die verborgensten Dinge in einer solchen Klarheit aus, daß sie nicht selten ein Kind fassen muß! Er erklärte die Schöpfung, und ich glaubte beinahe schon, selbst eine Welt erschaffen zu können! Wo ist denn der Prophet und wo der Meister aller Zauberer, daß er führe eine Sprache wie Jesus?!
[GEJ.02_015,12] Wer hat noch je eine Silbe von dem verstanden, was der Magier bei seinen Produktionen spricht? In ihren Reden herrscht die dickste Nacht, und in den Reden der Propheten dämmert es wohl hie und da; aber es kennt bei ihrem schwachen Dämmerlichte sich noch niemand aus, was es sei, das er dreißig Schritte vor sich stehen sieht. Hier aber ist alles Sonnenlicht am hellsten Mittage! Was Er spricht, ist alles tiefste göttliche Weisheit, – aber hell und klar vor nahe jedes Menschen Verstand; und was Er will, das geschieht in einem Augenblick!
[GEJ.02_015,13] Wenn es denn aber sich mit Jesus wahr auf ein Haar so verhält, da weiß ich dann wahrlich nicht, aus was für einem Grunde ich noch irgendein Bedenken tragen sollte, Ihn als den unleugbarsten Herrn Himmels und der Erde anzuerkennen, Ihn zu lieben über alle Maßen und Ihm allein zu geben alle Ehre!?
[GEJ.02_015,14] Da sieh her auf den Tisch! Dieser sehr frische Feigenast mit einer Menge vollreifer Früchte ist eine lebendige Erklärung, die Er mir gestern gab, als ich Ihn, während ihr schon schliefet, fragte, wie es Ihm denn doch möglich sei, völlig Tote zu erwecken. Er verlangte einen schon ganz morschen, also vollends toten Zweig. Ich brachte, was mir in der Nacht zunächst in die Hände fiel. Er rührte das morsche Holz gar nicht an, sondern gebot es bloß, und das morsche Holz fing an zu grünen, zu blühen – und hier hast du die reifen Früchte! Nimm und gib sie der allerliebsten Sarah; sie wird sich wohl erlaben daran!"
16. Kapitel
[GEJ.02_016,01] Jairus weckt die Sarah, die ohnehin schon wach zu werden begann, und überreicht ihr den reichen Zweig, die daran eine große Freude hat und aber auch sogleich in die vollreifen und honigsüßen Früchte beißt und sie verzehrt. Als sie alle verzehrt hat, werde Ich wach auf Meiner Bank.
[GEJ.02_016,02] Sarah ist wohl die erste, die Mir einen allerherzlichsten Morgengruß bietet, und Ich frage sie, wie ihr die Feigen geschmeckt haben. Und sie sagte voll Freude: „Herr, die waren himmlisch gut und süß wie Honig! Philopold, Dein Freund, gab sie mir in Deinem Namen, und ich verzehrte sie alle; denn sie waren gar zu gut! Du hast sie sicher für mich hergeschafft!?"
[GEJ.02_016,03] Sage Ich: „Meine allerliebste Sarah! Jawohl, für dich; denn du warst die Ursache, der zufolge Ich gestern in der Nacht, um dem Freunde Philopold zu zeigen, wie Ich die Toten erwecke, einen ganz faulen Feigenast belebte, auf daß er für dich, Meine geliebte Sarah, noch einmal trüge süße Früchte, und du hast darum sehr wohl getan, daß du sie verzehrtest; denn sie werden dir eine dauernde Gesundheit vermehren! – Jetzt aber begeben wir uns sogleich ins Freie, bis die Zimmer geräumt und gereinigt sind, dann werden wir ein Morgenmahl nehmen und uns dann zum Geschäfte des Tages wenden!"
[GEJ.02_016,04] Auf diese Worte begibt sich alles mit Mir ins Freie und genießt da den heiteren und kristallklaren Morgen; und alle waren erbaut von dem schönsten Morgen.
[GEJ.02_016,05] Es trat aber Jairus zu Mir und sagte: „Herr, meines Dankes soll nimmerdar ein Ende sein! Ehe ich mich je wider Dich sollte verleiten lassen, werde ich meine Stelle niederlegen und ein eifrigster Nachfolger Deiner heiligen Lehre sein; und Philopold soll mein Freund bleiben mein Leben lang; denn erst ihm habe ich das wahre Licht über Dich zu verdanken. Ein Grieche zwar ist er; aber er ist in unserer Schrift tüchtiger denn ich und all die Schriftgelehrten von ganz Judäa, Galiläa, Samaria und Palästina! Kurz, ich bin nun über Dich ganz im klaren, und es ist in der Tat also, wie ich es mir oft schon ganz heimlich gedacht habe. Ich aber muß nun von hier nach Kapernaum, allwo Geschäfte meiner harren. Dir aber empfehle ich denn auf eine Dir genehme Zeit Mein Weib und die Tochter Sarah! Denn besser als bei Dir wären sie auch im Himmel nicht aufgehoben! Wenn ich aber abends abkommen kann, so werde ich wohl mit Faustus und Kornelius, vielleicht auch mit dem alten Cyrenius, der etwa heute nach Kapernaum kommen soll, hierher kommen! Und so denn empfehle ich mich Deiner Liebe, Geduld und Gnade." – Darauf empfiehlt er sich bei seinem Weibe und der lieben Sarah, läßt sich darauf seine scharftrabenden Maulesel vorführen, besteigt das stärkste Tier und eilt mit großer Schnelligkeit davon.
[GEJ.02_016,06] Ich aber berufe nun alle wieder zum Morgenmahle, und wir begeben uns in die geräumten und gereinigten Zimmer, allwo ein von Borus bereitetes gutes Mahl unser wartete.
[GEJ.02_016,07] Nach dem Mahle ruft Mich Borus auf die Seite und sagt: „Mein allerinnigst geliebter Freund! Ich weiß, daß Du schon lange wissen kannst, was ich mit Dir insgeheim besprechen möchte; aber es gibt unter Deinen Jüngern einige, die es nicht zu wissen brauchen meiner Ansicht nach, was wir da miteinander zu reden haben, und ich habe Dich bloß darum auf die Seite gebeten!"
[GEJ.02_016,08] Sage Ich: „Wäre eigentlich gar nicht nötig; denn das, was du Mir hier erzählen willst, habe Ich in Kis den Jüngern umständlich erzählt und darüber Mein Lob offen ausgesprochen. Sie wissen alles, und wir brauchen daher vor ihnen kein Geheimnis zu machen."
[GEJ.02_016,09] Sagt Borus: „Ah, wenn so, da rede ich ganz offen!"
[GEJ.02_016,10] Wir kehren darum wieder zu der Gesellschaft zurück, und Ich sage zum Borus: „Mein allerliebster Freund! Was du Mir sagen willst, weiß Ich, und alle die Jünger wissen es auch, und wir betrachten daher die Sache als abgetan. – Du hast aber als ein Grieche, der du das Judentum nur frei bekennst, aber nicht unterm Gesetze der Juden stehst, auch mit all den Pharisäern leicht reden; wärest du aber ein wirklicher Jude durch die Beschneidung und das Gesetz, da hättest du deiner Zunge einen starken Zaum anlegen müssen. Aber es war also recht, wie du geredet hast, und so lassen wir die Sache nun in den Sand geschrieben sein. – Nun aber führe Mich in die Schule von Nazareth! Ich werde das Volk lehren, auf daß es erkenne, um welche Zeit es nun sei!" (Matth.13,54).
[GEJ.02_016,11] Fragt die Mutter Maria, ob Ich mittags nach Hause kommen werde.
[GEJ.02_016,12] Sage Ich: „Sorge dich nicht, ob ich komme; es ist genug, daß Ich alle Sorge auf Mich nehme! Am Abend aber werde Ich kommen."
[GEJ.02_016,13] Fragt die Sarah, ob sie mit Mir gehen dürfe in die Schule.
[GEJ.02_016,14] Sage Ich: „Allerdings, gehe du nur, obschon nach dem Gesetze das Weib die Schule nicht betreten soll in männlicher Gesellschaft. Es soll aber nun alles anders werden; denn es hat das Weib gleichwie ein Mann das volle Recht auf Meine Liebe und Gnade, die von Gott dem Vater ausgeht durch Mich. Und so gehe du nur ganz heiter, fröhlich und voll Zuversicht mit, und lerne in der Schule mit erkennen, um welche Zeit es nun sei, – und so gehen wir! Du, Sarah, aber bleibst an Meiner Seite und wirst Mir dienen als ein kräftiger Zeuge! Darum behalte auch dies Grabkleid an deinem Leibe; denn auch das Kleid wird Mir ein Zeuge sein! – Nun aber gehen wir!"
[GEJ.02_016,15] Auf diese Meine Worte begeben wir uns sogleich in die Schule.
17. Kapitel
[GEJ.02_017,01] Als Ich in die Schule trete, saßen bei zehn Älteste von Nazareth mit mehreren Pharisäern und Schriftgelehrten an einem großen Tische und berieten gerade aus Jesajas die Verse, die also lauteten: ,Waschet und reiniget euch; tut hinweg euer böses Wesen von Meinen Augen, und lasset ab von der Sünde! Lernet Gutes tun, trachtet nach Recht; helfet den Unterdrückten, schaffet den Waisen Recht und helfet der Witwen Sache! – So kommt dann und laßt uns miteinander rechten, spricht der Herr. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und so sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden. Wollt ihr Mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen. Weigert ihr euch aber und seid Mir ungehorsam, so soll euch das Schwert fressen; denn also spricht der Mund des Herrn! – Wie aber geht das zu, daß die fromme Stadt zur Hure geworden ist? Sie war voll Rechts und Gerechtigkeit wohnte darinnen, und nun wohnen da Mörder! Dein Silber ist zu Schaum geworden und dein Getränk mit Wasser vermischt. Deine Fürsten sind Abtrünnige und Diebsgesellen; sie nehmen gerne Geschenke und trachten nach Gaben; den Waisen aber schaffen sie nicht Recht, und der Witwen Sache kommt nicht vor sie! Darum spricht Jehova, der Herr Zebaoth, der Mächtige in Israel: O wehe, Ich werde Mich trösten durch Meine Feinde, und rächen durch Meine Feinde!‘ (Jes.1,16-24). Solcher Verse Sinn berieten sie und kamen nicht ins klare.
[GEJ.02_017,02] Da trat Ich vor und sagte zu ihnen: „Was sinnet ihr darüber, was doch so klar als die Sonne des Mittags vor euch in aller Tat enthüllt steht? Beschauet eure Waisen, eure Witwen! Wie sind sie bestellt? Statt für sie zu sorgen, nehmt ihr ihnen noch das weg, was sie haben; und die armen Waisen verkauft ihr als Sklaven an die Heiden, wie ihr solches erst vor etlichen Tagen auf einem geheimen Wege ins Werk setzen wolltet und auch ins Werk gesetzt hättet, wenn euch nicht der Zöllner Kisjonah daran ganz gewaltig gehindert hätte.
[GEJ.02_017,03] Wohl spricht der Herr: ,Kommt und lasset uns miteinander rechten! Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, soll sie doch schneeweiß werden, und so sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie wie weiße Wolle werden!‘ – aber Ich frage: wann und unter welcher Bedingung? Wie sieht es aus mit euch und mit der frommen Stadt, die auch ,die Stadt Gottes‘ heißt? Wie viele Sünden der allergröbsten und himmelschreiendsten Art sind darin schon begangen worden, und wie viele werden jetzt begangen!?
[GEJ.02_017,04] ,Waschet und reiniget euch und tuet weg von Meinen Augen euer böses Wesen!‘, sprach Jehova durch des Propheten Mund. Wohl waschet ihr euren Leib des Tages siebenmal und reiniget eure Kleider und übertünchet jährlich zwei- bis dreimal eurer Verstorbenen Gräber; aber eure Herzen bleiben verstockt und sind voll Unflates, und daher kommt es, daß ihr euren übertünchten Gräbern gleichet, die von außen geziert und gereinigt aussehen, inwendig aber voll Ekelgeruchs, voll Totengebeine und voll stinkenden Moders sind!
[GEJ.02_017,05] Der Prophet sprach von der Reinigung eurer Herzen und ermahnte euch, hinwegzutun eure Sünde vor dem allsehenden Auge Gottes; aber ihr habt diesen Sinn noch nie in euer Herz aufgenommen und reinigtet daher bloß eure Haut und ließet euer Herz versinken in allen Unflat der Hölle! O du Unart der Hölle, wer hat dich je solches gelehrt?!
[GEJ.02_017,06] Wohl saget ihr: ,Der Bock, den Moses und Aaron anbefohlen haben, wird bis zur Stunde alljährlich mit den Sünden von ganz Israel belegt, dann geschlachtet und in den Jordan geworfen!‘ (3. Mose 16). O ihr Blinden! Was kann denn der Bock dafür, daß ihr sündiget fort und fort und euch nicht bessert in euren Herzen?
[GEJ.02_017,07] Diese Handlung war nur ein Bild, aus dem ihr schon lange hättet lernen sollen, daß der Bock nur eure argen, weltlichen Gelüste anzeigt, dergleichen da sind euer Hochmut, der gleich dem Bocke stößig und über die Maßen stinkend ist, eure Hurerei und eure Unflätigkeit in allen Dingen, euer Geiz und Neid und eure Scheelsucht! Mit der Vernichtung des Sündenbocks hättet ihr für immer euren Herzensbock vernichten sollen, so hättet ihr Mosis und Aarons Gebot lebendig erfüllt und dadurch dessen Segen unfehlbar geerntet! So aber habt ihr wohl die Böcke getötet, das euch nichts nützen konnte, aber eure sündevollsten Herzen sind euch geblieben; darum hat Jehova Seine Drohung ausgeführt und wird sie fürder noch mehr ausführen, wann euer böses Maß voll sein wird.
[GEJ.02_017,08] Schön ist es ja, daß nun die Heiden dem Volke Recht schaffen müssen und sorgen für dessen Witwen und Waisen! Aber es ist darum auch wahr, wie der Prophet spricht: ,Ich werde Mich trösten durch die Feinde, das die Heiden sind, und werde Mich rächen durch sie!‘ Wohin ist eure Macht gekommen und verlaufen eure Stärke? Ein kleiner Haufe Heiden beherrscht das einst so mächtige Gottesvolk! Pfui der ewigen Schmach und Schande! Die Kinder der Schlange sind weiser und biederer denn ihr Kinder des Lichtes.
[GEJ.02_017,09] Darum aber wird es auch in Kürze kommen, daß dieser heilige Boden den Heiden wird überantwortet werden, und ihr sollt fürder nimmer haben weder ein Land und noch weniger einen König; sondern fremden Tyrannen sollet ihr als Sklaven dienen, und eure edlen Töchter sollen von den Heiden und Knechten der Heiden beschlafen werden, und ihre Frucht soll gehasset sein wie das Gezüchte der Schlangen und Ottern!
[GEJ.02_017,10] Da beratet ihr aus dem Propheten, der für euer Herz geschrieben hat, wie ihr die Zeremonie glänzender machen möchtet bei der Handlung der nichtigen Waschung und Reinigung eurer Leiber, Kleider und Gräber, auf daß euch die Zeremonie desto reichere Opfer abwerfe; aber des möget ihr nicht innewerden, was Gott allein wohlgefällig wäre! O ihr argen Knechte des Teufels! Dem dienet ihr mit eurer Zeremonie – und werdet darum von ihm einst auch den Lohn im Pfuhle ernten, wie ihr ihn auch allzeit verdient habt.
[GEJ.02_017,11] Man reinigt den Leib, wann es nötig ist, ein-, zwei-, auch dreimal des Tages und reinigt die Kleider, so sie schmutzig sind; denn solches hat Moses verordnet zur Gesundheit des Leibes. Also überdeckt man auch die Gräber gut eine Handspanne dick mit Ziegellehm und übertüncht solche Lehmdecke, wann sie trocken geworden ist, etliche Male mit gutem Kalk, auf daß die Decke nicht Sprünge bekomme, durch die besonders in den ersten Jahren der Verwesung die schädlichen Dünste leicht durchkommen könnten und anrichten allerlei schädliche Krankheiten bei Menschen, Tieren und Pflanzen.
[GEJ.02_017,12] Seht, darum ist das Übertünchen der Gräber anbefohlen, was doch mit Händen zu greifen ist! Wie mochtet ihr denn daraus eine gottesdienstliche Handlung machen?! O ihr Unsinnigen, ihr Narren! Was sollte denn das der Seele des Verstorbenen nützen?!"
18. Kapitel
[GEJ.02_018,01] (Der Herr:) „So der Mensch stirbt, wird die Seele aus dem Leibe genommen und, allein als ein Geistmensch für sich dastehend, an einen Ort hinkommen, der ihrem ganzen Lebenswesen vollkommen entspricht; und es wird ihr da nichts helfen als ihr freier Wille und ihre Liebe. Ist der Wille und die Liebe gut, so wird auch der Ort gut sein, den sich die Seele selbst also zurichten wird durch die von Gott ihr eingepflanzte Kraft und Macht; ist aber Wille und Liebe schlecht, so wird auch deren Werk schlecht sein – also, wie auf der Erde ein schlechter Baum keine guten und ein guter Baum keine schlechten Früchte trägt. Gehet hin und schmücket mit Gold und Edelgestein einen Dornstrauch, und sehet, ob er euch darum Trauben bringen wird! Ob ihr aber die Rebe mit Gold zieret oder nicht, so wird sie dennoch süße Trauben voll Wohlgeschmack als Frucht bringen.
[GEJ.02_018,02] Wenn aber also und unmöglich anders, da fraget euch selbst, was das Übertünchen der Gräber, darin nichts als Modergebein und ekeliger Unflat rastet, den Seelen der Verstorbenen nützen solle oder könne!
[GEJ.02_018,03] Glaubt ihr denn im Ernste, Gott sei so schwachsinnig und eitel töricht, daß Er Sich dienen lasse durch eitelstes und nichtigstes Gepränge der Materie durch Materie?!
[GEJ.02_018,04] Ich sage euch: Gott ist ein Geist, und die Ihm dienen wollen, müssen Ihm im Geiste und in vollster, lebendiger Wahrheit ihres Herzens dienen, nicht aber in der Materie mit der Materie, die nichts ist als ein auf eine gewisse Zeit gefesteter Wille des allmächtigen Vaters!
[GEJ.02_018,05] Was würdet ihr aber zu einem Menschen sagen, der zu euch käme und verlangte noch einen Lohn darum, daß er euch die Saat verwüstet hat, aber dazu noch behauptete, daß er euch einen guten Dienst geleistet habe?! – Sehet, was ihr zu solch einem kecken Narren sagen würdet, das wird euch auch dereinst der Vater im Jenseits sagen, und ihr werdet von Ihm weichen müssen und dazu noch in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, allwo Heulen und Zähneknirschen euer Lohn sein wird!
[GEJ.02_018,06] Wie ihr aber für der Witwen Sache sorget, dafür dient als Beweis vorerst Meine Mutter Maria, der ihr alles genommen habt, und danach tausend andere, mit denen ihr es nicht besser getrieben habt und noch treibt!
[GEJ.02_018,07] Ist es denn nicht himmelschreiend, daß Jüdinnen bei den Heiden ihr Recht suchen müssen und es auch erhalten? Muß es nicht recht lustig für den Satan sein, daß seine Kinder nun die Kinder Gottes an Recht und Gerechtigkeit himmelweit übertreffen? Ja, es sollen denn fürder auch die Weltkinder zu Gotteskindern werden; ihr aber sollet darum Kinder dessen sein, dem ihr noch allzeit treu gedient habt!
[GEJ.02_018,08] Habt ihr denn, da ihr schon den Jesajas leset, nicht gefunden, allwo er spricht:
[GEJ.02_018,09] ,Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Brandopfer!‘ und wieder: ,Dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber ihr Herz ist ferne von Mir!‘
[GEJ.02_018,10] So ihr saget: ,Dies hat Gott geredet durch den Mund der Propheten!‘, welche Achtung müßt ihr wohl vor Ihm haben, daß ihr allzeit eure schnödesten Satzungen den Geboten Gottes vorziehet, nur die eurigen zu eurem Weltnutzen beachtet, die göttlichen aber mit Füßen tretet?! – O ihr Argen, ihr allzeitigen Knechte des Teufels! Wie wollt ihr einst vor dem Gerichte Gottes bestehen?! Wahrlich, den Sodomitern wird es besser ergehen denn euch! Denn wären dort und damals solche Zeichen geschehen, wie sie bei euch schon geschehen sind, sie hätten in Sack und Asche Buße getan, und Gott hätte sie nicht mit Feuer und Schwefel vom Himmel gerichtet! – Wehe euch, die Zeit ist nahe gekommen, und es wird mit euch werden, wie Ich es euch vorhergesagt habe!"
19. Kapitel
[GEJ.02_019,01] Hier erheben sich ärgerlichst die Ältesten, die Pharisäer und Schriftgelehrten und sagen: „Was unterfängst du Milchbart dich, mit uns zu rechten? – Welche Zeichen sind denn hier geschehen?"
[GEJ.02_019,02] Sage Ich, ihnen die all diesen Schul- und Schriftrittern überaus wohlbekannte Sarah vors Angesicht stellend: „Kennet ihr dies Mägdlein, und wisset ihr, was zum zweiten Male vor sich gegangen ist mit ihr?"
[GEJ.02_019,03] Hier machen sie alle große und sehr verdutzte Augen und sagen still unter sich: „Beim Himmel, das ist des Obersten Tochter, wie sie geleibt und gelebt hat! Hat er sie denn wieder erweckt? Wie ist das zugegangen? Wenn er sie aber erweckt hat, diesmal als wirklich tot zum zweiten Male, – was tun wir da? Jairus scheint mit ihm zu sein, sonst hätte er ihm seine allergeliebteste Tochter sicher nicht anvertraut! Oder weiß er etwa nichts davon?! Hat sie etwa der Sohn Josephs heimlich erweckt und will sie dem Jairus bei irgendeiner Gelegenheit wieder zuführen? Sollten wir etwa davon dem Jairus eine Nachricht geben? Diese Sache ist zu auffallend! – Sie ist es, ohne allen Zweifel ist sie es! Und doch waren wir alle bei ihrem Begräbnisse zugegen, sowie auch zuvor in Kapernaum, als sie gestorben ist! Was ist da zu tun? Was wird daraus werden, wenn dieser Mensch- Gott durch was immer für eine Kunst oder Macht solch unerhörte Dinge vollbringt?" – Hier verstummen sie.
[GEJ.02_019,04] Ich aber sage, sie alle scharf ansehend: „Nun, was sagt euer böses Herz dazu? Ist dies Zeichen genügend oder nicht, euch die Wahrheit dessen zu bestätigen, was Ich zu euch geredet habe?"
[GEJ.02_019,05] Sagen die Ältesten: „Wir sind weder Ärzte noch Apotheker, die die Kräfte der Natur erforschen und sie in ihrer Kunst zu benutzen verstehen; ebensowenig sind wir mit der Zauberei, die man vom Teufel erlernen kann, vertraut, weil so etwas die größte Sünde vor Gott wäre, und können daher nicht wissen, durch was für Kunst oder Macht du sie erweckt hast! Es ist daher ausgemacht, daß wir uns durch derlei Zeichen nicht können irremachen lassen in unserem Glauben an Moses und die Propheten, sowie in der Auslegung der Schrift, die vom Tempel aus als beim Himmel geschworen autorisiert ist! Zeichen wirken jetzt verschiedene Magier, die teils von den Morgenlanden zu uns kommen, und viele aus Ägypten; alle leisten Wunderdinge, die kein Jude begreift, auch nicht begreifen will und darf, weil alle derlei zauberische Dinge vom Teufel herrühren! Und somit ist hier unter einem soviel gesagt als: Deine Zeichen, weil sie auch der Zauberei angehören können, haben für uns keinen Wert und beweisen uns nur so viel, daß du sie glücklich auszuführen verstehst und daher darin ein vollkommener Meister bist; aber daß wir deiner Zeichen wegen deine Lehre, vor der es uns ekelt, annehmen sollen, das sei ferne von uns! Denn ein Arzt ist uns noch lange kein Priester, und noch weniger ein Prophet – und du schon am wenigsten, da wir dich schon seit nahe dreißig Jahren kennen, so wie wir deinen Vater gekannt haben! Siehe daher, daß du mit deinen Müßiggängern bald aus der Schule kommst, ansonst wir Gewalt brauchen müßten!"
[GEJ.02_019,06] Spricht die Sarah: „Herr, ich bitte Dich, verlaß diese Elenden! Denn sie sind verstockter als Steine, finsterer als jede Nacht und liebloser als ein Abgrund! Zweimal hast Du mir das Leben wiedergegeben, und für diese Elenden ist das nichts! Sie halten das noch dazu für eine gotteslästerliche Zauberei und wagen es in ihrer allergröbsten Blindheit, Dich sogar aus der Schule zu weisen! Herr, das ist zu arg! Gehen wir, gehen wir! Es ist mir in dieser Elenden Nähe, als stünde der Satan vor uns!"
[GEJ.02_019,07] Sage Ich: „Meine allerliebste Sarah! Sei du nur ruhig! Solange Ich es will, werden wir hier verweilen; denn Ich bin ein Herr! Nennen sich doch die Mächtigen der Erde ,Herren‘ – und haben oft sehr wenig Macht; Ich aber habe alle Macht über Himmel, Hölle und über die ganze Erde! Ich bin darum auch ganz gut ein Herr und lasse Mir ewig nichts gebieten! Was Ich tue, das tue Ich frei; denn Ich bin vollkommen ein Herr!"
[GEJ.02_019,08] Als die Ältesten das hören, reißen sie ihre Gewänder auseinander und schreien: „Hinweg mit dir! Denn nun haben wir es klarst vernommen, daß du ein Gotteslästerer bist! Deine Werke verrichtest du durch Beelzebubs Hilfe und willst dadurch und dafür mit deiner Lehre die Völker von Moses und von Gott abwendig machen; es bleibt uns daher nichts übrig, als dich mit Steinen aus der Welt zu schaffen!"
20. Kapitel
[GEJ.02_020,01] Es waren aber in allen Schulen wie auch im Tempel für den Zweck der Steinigung Steine vorhanden, und so denn auch in dieser Schule in Nazareth. Da die Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrten dieser Stadt zu blind erbittert waren, so griffen sie nach den Steinen, um sie nach Mir zu werfen. Aber da erhoben sich die Jünger alle und bedrohten die Tollen; diese aber fingen an zu schreien und machten noch ärgere Mienen, die aufgehobenen Steine nach Mir zu werfen. In diesem Augenblick traten Faustus, Kornelius, Jairus und der alte Cyrenius in den großen Schulsaal.
[GEJ.02_020,02] Als die Wütenden diese für sie ganz erschrecklich großen Herren bemerkten, die ihnen wohlbekannt waren, so legten sie sogleich ihre Mordwerkzeuge nieder und fingen an, sich ganz entsetzlich tief zu verneigen.
[GEJ.02_020,03] Jairus eilt sogleich zu Mir und zur Sarah hin, umarmt Mich und sagt sogleich laut zum Cyrenius: „Hier steht Er, der große Mensch der Menschen, und hier meine geliebte Tochter Sarah, die Er zweimal vom vollkommensten Tode erweckte!"
[GEJ.02_020,04] Da tritt der alte Cyrenius zu Mir hin, bekommt Tränen in die Augen und spricht: „O mein Gott und mein Herr! Mit welchen Worten soll ich als ein armer, schwacher Mensch Dir danken für alle die endlos großen Gnaden, die Du mir hast angedeihen lassen?! O wie glücklich bin ich, daß meine Augen noch einmal das unschätzbare Glück haben, Dich, Du mein heiliger Freund, zu sehen! Seit mehr als zwanzig Jahren hörte ich nichts mehr von Dir, trotzdem daß ich an jedem Tage viele Male an Dich dachte und mich auch zu öfteren Malen nach Dir angelegentlichst erkundigte!
[GEJ.02_020,05] Ach, wie sehr doch war ich vor wenigen Tagen noch betrübt, als der Kaiser vollernstlichst von mir die unglückseligsten Steuergelder aus Pontus und Kleinasien zu fordern begann und ich nicht wußte, wohin sie gekommen sind! Aber wie glücklich, ja wie unaussprechlich glücklich war ich, als vor etwa drei Tagen nicht nur die in Verlust geratenen Steuern, sondern noch eine bei weitem größere Menge von unschätzbaren Schätzen in Gold, Silber, Perlen und Edelsteinen mir durch meine biederen Freunde Faustus und Kornelius eingesandt worden sind, und das alles durch Deine heilige Vermittlung!
[GEJ.02_020,06] Mein Herr, mein heilig größter Freund Jesus! O sage mir doch, was ich denn nun tun soll, um Dir die zu ungeheuer große Schuld nur ein wenig abtragen zu können! Möchtest Du meine Oberlandpflegerkrone auf Dein Haupt setzen, o mit welch unnennbarer Freude und Würde möchte ich sie Dir zu Deinen heiligen Füßen legen!
[GEJ.02_020,07] Wahrlich wahr, Herr, Du mein Leben, es liegt mir, wie es Dir sicher nur zu bekannt ist, ganz entsetzlich wenig an den eitlen Schätzen dieser Erde; wäre das mein, was ich schon nach Rom abgesandt habe, so wäre damit schon lange vielen Tausenden armer Leute geholfen worden! Aber es war des Kaisers, und es mußte mir alles daran gelegen sein, ihm das Verlangte aufzubringen! Wie aber wäre solches je möglich gewesen ohne Dich und hernach ohne meinen lieben Faustus und Bruder Kornelius!? – Oh, eine Weltlast habt ihr von meiner Brust abgewälzt! Nun heißt es lohnen und vergelten, was da nur immer in meiner Macht steht! – O rede, rede, Du heiligst großer Freund der Menschen, was ich nun tun soll!"
[GEJ.02_020,08] Bei dieser glänzenden Ansprache des Cyrenius an Mich werden die, die Mich ehedem steinigen wollten, leichenblaß und fangen an zu beben, als ob sie ein überaus starkes Fieber ergriffen hätte, da sie meinten, Ich werde nun vollste Rache nehmen an ihnen und sie verklagen beim Cyrenius, den sie alle mehr fürchteten als den Tod; denn er verstand allzeit keinen Scherz! Bekanntlich waren die römischen Richter über alle Maßen streng in der Ausführung ihrer gefällten richterlichen Aussprüche und Urteile; darum hatten die Juden denn auch eine unbeschreibliche Furcht vor ihnen, – besonders aber diese nazaräischen Ältesten, Pharisäer und Schriftgelehrten, von denen einige Mitwisser waren von dem römischen Steuerraube.
[GEJ.02_020,09] Ich aber sagte in großer Freundlichkeit zum Cyrenius: „Meinst du denn, der Mann hätte vergessen, was du dem Kinde getan hast, als es vor Herodes fliehen mußte aus Bethlehem nach Ägypten? Oh, der Mann erinnert sich gar wohl alles dessen! Du hast Mir alles ohne Interesse getan, weil du Mich liebtest, – und Ich sollte von dir nun irgendeinen Lohn begehren? Nein, das sei ewig ferne von Mir! Aber da du schon als ein Stellvertreter des Kaisers über Asien zu gebieten hast, so gebiete diesen widerspenstigen, nicht Gottes-, sondern Satansdienern, daß sie von allem, was Ich hier gewirkt habe, schweigen sollen wie eine Mauer, widrigenfalls sie aufs schärfste gezüchtiget werden sollen! Denn ein jeder, der wider seinen Nächsten einen Stein aufhebt, soll gezüchtigt werden auf das schärfste!"
[GEJ.02_020,10] Sagt Cyrenius: „Haben diese Elenden etwa gar gewagt, wider Dich Steine aufzuheben?"
[GEJ.02_020,11] Sagt die Sarah: „Ja, ja, hoher Cyrenius! Den Herrn haben die Elenden steinigen wollen, weil Er ihnen die Wahrheit gesagt hat! Sie nennen sich ,Gottesdiener‘ und sind dabei die größten Gottesleugner; denn nur ihre höchst selbst- und herrschsüchtigen Satzungen halten sie und geben ihnen durch schändlichste Gewalttaten den göttlichen Schein!
[GEJ.02_020,12] Wer sich von ihnen nicht durch den Trugschein blenden läßt, der wird mit schändlichster Gewalt blind gehalten und hat keine Freiheit mehr auf der lieben Gotteserde! Man lese nur Moses und die Propheten und lese dagegen ihre Satzungen, und man wird mit gar leichter Mühe finden, was ich als ein Mädchen von noch nicht sechzehn Jahren schon lange gefunden habe! Wahrlich, wer an Moses und die Propheten hält, der ist ihr größter Feind! Er wird gleich den Samaritern, die noch reine Mosaisten und Jünger der Propheten sind, täglich von neuem für verflucht angesehen und von den Templern also gehaßt werden, daß sein wie ihr Name im Munde eines Juden den größten Fluch zu bedeuten hat!
[GEJ.02_020,13] Ich aber frage nun als ein junges Mädchen: Ist das Gottes Wort, ist das ein Gottesdienst? Jesus hat es ihnen klar bewiesen, daß das nur ein Wort der Hölle sein kann und ein Dienst, wie ihn nur der Satan wünschen kann; und darum wollten sie Ihn denn auch steinigen, weil Er ihnen zu sehr die Wahrheit gesagt hat vor dem Volke, das ihnen am Ende denn doch ihr reiches Einkommen schmälern könnte!
[GEJ.02_020,14] Hoher Herr! Ich war schon zwei Male völlig jenseits, und ich weiß es, was meine Seele gesehen hat. Ich sah Moses und all die guten Propheten! Diese hatten Frieden, und ihre Freude ist diese Zeit, die sie den ,großen Tag des Herrn‘ nennen. Aber auch nicht einen Pharisäer und Schriftgelehrten sah ich unter den Heiligen Israels! Ich fragte daher, wo diese wären.
[GEJ.02_020,15] Da kam ein lichter Engel und hieß mich, ihm zu folgen. Und ich folgte ihm. Bald standen wir an einem höchst düsteren Ort; es war kaum so hell wie in einer umwölkten Nacht. In tiefer Ferne sah es sehr glühend aus, und der Engel sprach zu mir: ,Dort siehe hin! Das ist der Pfuhl, allwo die wohnen, nach denen du fragtest!‘ Und ich sah hin, erblickte nichts als Teufel und sagte zum Engel: ,Bote des Herrn! Ich sehe pur Teufel und sonst niemand! Wo sind denn hernach die, um die ich gefragt habe?‘ Da antwortete der Engel: ,Die du siehst, die sind es!‘
[GEJ.02_020,16] Da erschrak ich gewaltig und gedachte meines Vaters, der gar ein Oberster der Pharisäer ist; aber der Engel merkte, was mich beben machte, und sprach: ,Sei unbesorgt! Dein Vater kommt auf den rechten Weg, und du wirst ihm noch einmal zu einem Führer werden auf Erden!‘
[GEJ.02_020,17] Solches habe ich gesehen und gehört und weiß darum, was ich weiß, nicht vom Hörensagen, sondern aus der Erfahrung! Ich brauche daher von diesen Dummköpfen und argen Knechten des Satans nichts zu lernen; denn ich habe es gesehen und gelernt die Wahrheit lebendig und kann daher als eine, die von drüben zurückgekommen ist, zur Steuer der ewigen Wahrheit dessen, was Jesus, der Herr von Ewigkeit, lehrt, bezeugen, daß alles, was diese schwarzen Lehrer sagen und lehren, die vollkommenste Lüge ist, und ist nicht ein wahres Häkchen daran! – Ich habe geredet."
21. Kapitel
[GEJ.02_021,01] Sagt Cyrenius: „Habt ihr von einer vom Tode Wiedererstandenen vernommen ein Zeugnis wider euch, was euch schwerer inkriminiert (beschuldigt) denn aller Raub und Mord? Was soll ich denn auf diese höchst wahre Anschuldigung mit euch machen? Ans Kreuz hängen wäre viel zu wenig! Euch bis zu den Knochen einen vollen Tag hindurch geißeln und euch dann erst die Köpfe abschlagen lassen, wäre auch noch viel zu gelinde! Aber ich weiß schon, was ich tun werde, und ihr werdet mit mir ganz zufrieden sein können!" – Auf diese Anrede des Cyrenius werden alle leichenblaß und fangen ganz entsetzlich an zu heulen und zu bitten.
[GEJ.02_021,02] Cyrenius aber fragt Mich heimlich, ob er über die Argen im Ernste eine Strafe verhängen solle, nebst dem Verdikte (Wahrspruch), laut dessen ihnen über all das Vorgefallene ein ewiges Stillschweigen aufgetragen werde.
[GEJ.02_021,03] Sage Ich: „Erlaß bloß das Verdikt mit einer ernsten Bedrohung, die sie bei der ersten Übertretung ohne alle weitere Gnade zu gewärtigen bekommen sollen! Darauf entlasse sie!"
[GEJ.02_021,04] Cyrenius tritt vor, gebietet zu schweigen und sagt hernach: „Höret mich nun an, ihr argen Wichte! Diesem hier, den ihr steinigen wolltet der heiligen Wahrheit wegen, die aus Seinem Munde an euch erging, habt ihr es allein zu danken, daß ich euch nicht samt und sämtlich in die Wüste treiben und daselbst auf Felsen, die ringsum mit Abgründen umgeben sind, setzen und die Augen ausstechen ließ! Aber so es einer wagen sollte, von all dem, was sich zugetragen hat, auch nur eine Silbe aus der Schule zu schwätzen, entweder mündlich oder schriftlich oder durch Gebärden, Mienen oder Handzeichen, an dem wird unerbittlichst die schärfste Strafe in Vollzug gesetzt werden!
[GEJ.02_021,05] So werde ich es auch nicht ungeahndet lassen, so ich erfahre, daß ihr durch ungesetzliche Erpressungen das Volk quälen solltet und verfolgen möchtet die göttliche Wahrheit eurer schändlichen, selbstsüchtigen Satzungen halber! Lehret das Volk Gott und dessen Gesetze kennen und danach handeln, so werdet ihr ebenso angesehen sein, wie dieser göttliche Mann Jesus es ist, der durchaus keine neue, sondern nur die uralte Lehre von Gott den von euch in die tiefste Nacht versenkten Völkern verkündet, was Er um so leichter und wahrer tun kann, da Er – was ihr nicht begreifet, aber ich als ein von euch deklarierter Heide ganz wohl begreife – im Geiste Selbst Der ist, der nach eurer Lehre auf Sinai vor etwa tausend Jahren dem Moses für euch die Gesetze gab! Hütet euch daher, diesen Heiligen zu verfolgen; denn solch eine Verfolgung würde euch das doppelte Leben kosten, hier leiblich und jenseits geistig! – Habt ihr mich verstanden?"
[GEJ.02_021,06] Sagen alle die Betreffenden: „Ja, hoher Herr, und wir wollen alles tun, was du von uns verlangst! Aber du weißt es ja, daß wir Menschen keine Götter sind und allerlei Schwachheit an uns haben; wenn sich jemand denn doch möglicherweise in irgendwas und -wo ein wenig verginge, so wolle du, als selbst Mensch, uns auch nur menschlich zur Rechenschaft ziehen und strafen!"
[GEJ.02_021,07] Sagt Cyrenius: „Griechische Kaufleute und Krämer pflegen wohl mit sich handeln zu lassen, – aber die Römer nie! Dies bedenket wohl und handelt danach, so werdet ihr keiner Nachsicht benötigen; denn nur durch scharfe und unerbittliche Gesetze werden die Menschen stark und werden Helden der Ordnung und werden eines Sinnes und voll Eifer in allen gesetzlichen Bestrebungen!
[GEJ.02_021,08] Hätte der Soldat nicht die unerbittlich schärfsten Gesetze, so wäre er ein Feigling, und so es hieße, den Feind verfolgen, bekämpfen und besiegen, da hätte der Feind eine gute Zeit – und mit dem notwendigen Schutze des Vaterlandes hätte es seine geweisten Wege! Aber so das eherne Gesetz dem Soldaten auf Tod und Leben jeden Schritt und Tritt vorschreibt, was er vor dem Feinde zu tun hat, so tut er es sicher! Denn täte er es nicht, so wäre der Tod sein Los; tut er aber, was ihm geboten ist, so ist ihm der Tod durch den Feind ungewiß, und er kann als Sieger und gekrönter Held aus der Schlacht hervorgehen!
[GEJ.02_021,09] Das ist denn in Rom strengste Regel: ,Ein strenges Gesetz macht auch strenge und ordentliche Menschen.‘ Daher lassen wir denn auch kein Häkchen groß mit uns handeln, und jeder Mensch steht ohne Rangesrücksicht vor dem Gesetze! Ihr wißt nun meine gesetzliche Gesinnung. Tut danach, so seid ihr frei im Gesetze; tut ihr es aber nicht, so wird das Gesetz euch richten ohne alle Gnade darum, weil es ein Gesetz ist.
[GEJ.02_021,10] Die ganze Erde und alles, was in und auf ihr ist, besteht nur durch die ewige Unbeugsamkeit des göttlichen Willens. Ließe Gott nur im geringsten mit Sich handeln, wie sähe es im nächsten Augenblick mit der Erde und mit uns allen aus? Da ginge alles aus den Fugen!
[GEJ.02_021,11] Ebenso erginge es einer staatlichen Völkergesellschaft; würde da nur ein Gesetz gelockert, so würden auch die andern ihre Kraft und Festigkeit verlieren, und das große Staatsgebäude würde nur zu bald zu einer Ruine! Also bleibt es unabänderlich bei meiner euch gemachten Androhung!"
[GEJ.02_021,12] Auf solch entschiedene Erwiderung des Oberstatthalters machten die Ältesten und die Pharisäer ganz entsetzlich bittere Gesichter, und einer aus ihnen sprach in einer Art schmerzlicher Begeisterung: „O Rom, o Rom! Du bist ganz entsetzlich hart und schwer! – Jehova! Aus der babylonischen Gefangenschaft hast Du Deine Kinder befreit, als sie Buße taten und darum baten; wirst Du uns aus dieser tausendmal härteren Gefangenschaft nimmer erlösen?" –
[GEJ.02_021,13] Sage Ich: „So ihr bleibet wie ihr seid und euch nicht vom Grunde aus bessert, so sollt ihr nicht nur ewige Untertanen Roms verbleiben, sondern vom selben ganz gefressen werden wie ein Aas von den Adlern! Nur noch eine kurze Zeit wird Gott gedulden, dann aber wird über euch das scharfe Los ausgeworfen werden, und es wird dann mit euch werden, was Ich euch zuvor geweissagt habe, und man wird euch verfolgen bis ans Ende der Welt. – Jetzt aber gehet, und ärgert euch nicht mehr!"
[GEJ.02_021,14] Auf dieses Mein Wort entfernten sich alle in ihre Nebengemächer; wir aber verblieben in der Schule, in die bald eine Menge Nazaräer kamen, um die hohen römischen Herrschaften zu sehen. Wir mußten uns am Ende auf Tische und Bänke stellen, um nicht erdrückt und um vom gafflustigen Volke gesehen zu werden.
22. Kapitel
[GEJ.02_022,01] Es brachte aber Borus selbst einen gichtbrüchigen Menschen, dessen Hände und Füße schon ganz verdorrt und derart verdreht und zusammengezogen waren, daß es wohl keinem sterblichen Arzte mit allen Mitteln in der Welt möglich gewesen wäre, ihn zu heilen.
[GEJ.02_022,02] Borus aber, als er durch zwei Träger den Gichtbrüchigen in einem Korbe durch das starke Gedränge zu Mir hatte hinbringen lassen, sagte laut vor dem Volke: „Diesem Kranken kann nur Gott allein helfen! Ich bin doch einer der ersten Ärzte in ganz Galiläa, und es kommen Kranke von Jerusalem und Bethlehem zum Arzte Borus, und er hilft ihnen; aber diesem kann er nicht helfen! Ich bitte Dich aber, Du mein heiliger Freund Jesus, da Dir meines Wissens und Glaubens kein Ding unmöglich ist, daß Du diesem Menschen die geraden Glieder wiedergeben möchtest, so es Dein Wille ist!"
[GEJ.02_022,03] Sage Ich: „Freund, hier gibt es viel zuviel Ungläubige, und da ist so eine Heilung immer eine schwere Sache! Ich aber werde ihn schon bei dir unter vier Augen heilen."
[GEJ.02_022,04] Darauf fingen einige im Volke an zu murmeln und sagten: „Oh, des Zimmermanns Sohn ist pfiffig! Dieser Kranke ist ihm zu stark, darum möchte er ihn lieber im geheimen heilen, auf daß wir ja nicht merken sollen, ob es mit ihm besser geworden ist oder nicht."
[GEJ.02_022,05] Ich aber vernahm solche Reden und sagte zu den Schimpfern: „O ihr Tollen und Irrsinnigen! Kennet ihr dies Mädchen an der Seite des Jairus? Ist sie nicht dessen Tochter, und war sie nicht tot zwei Male? Wer gab ihr das Leben wieder? – Ihr Toren! So des Menschen Sohn Macht hat, die Toten wieder ins Leben zu rufen, wird Er nicht auch Macht haben, zu diesem Kranken zu sagen: ,Stehe auf und wandle!‘? Auf daß ihr aber sehet, daß Ich gar wohl diese Macht habe, so gebiete Ich dir, du gichtbrüchiger Mensch, daß du aufstehest und wandelst mit vollkommen gesunden Gliedern!"
[GEJ.02_022,06] In diesem Augenblick fuhr ein Feuer in die Glieder dieses Kranken, und er fühlte sich völlig kräftig, stand auf und wandelte, und seine Glieder waren völlig frisch; er hatte Fleisch und volle Muskeln und wandelte heiter und voll dankbaren Herzens und sagte nach einer Weile seines höchst eigenen Staunens: „So etwas kann nur Gott möglich sein! Ohne Arzneien, ohne Händeauflegung, sondern allein durchs Wort eine solche Heilung in einem Augenblick hervorzurufen, das ist noch nie gehört worden! Herr Jesus, ich bekenne und glaube nun vollauf, daß Du entweder Gottes Sohn oder gar der menschliche Form angenommen habende Gott Selbst bist! Es kommt mir gerade vor, als ob ich Dich anbeten sollte!"
[GEJ.02_022,07] Sage Ich: „Laß das und mache darob keinen Lärm! Was du aber im Herzen fühlst, das bewahre getreu; es wird eine Zeit kommen, in der du dessen benötigen wirst, und dann magst du beten zum Vater im Himmel, der allein Seinem Sohne gegeben hat solche Macht!" Mit diesen Worten verstummt der Geheilte.
[GEJ.02_022,08] Aber das Volk entsetzte sich und sprach: „Woher kommt dem denn solch eine Weisheit und solche Taten und solche Macht dazu? Ist er nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria? Und seine Brüder: Jakob und Joses und Simon und Judas? (Matth.13,55) Und seine Schwestern, sind sie nicht alle bei uns? Woher um des Himmels willen kommt ihm denn das alles?" (Matth.13,56)
[GEJ.02_022,09] Und da sie also miteinander redeten und einander fragten, ärgerten sich viele und sagten: „Das ist gerade zum Wahnsinnigwerden! Unsere Söhne haben studiert zu Jerusalem und sich Kenntnisse in allerlei Künsten und Wissenschaften gesammelt; auch haben sie die noch bestehende Schule der Propheten durchgemacht und die ägyptische Weisheit in der Deutung der Zeichen vollkommen erlernt! Und dieser Zimmermann, der erweislich nie eine Schule besucht hat, den wir nur stets mit Hacke und Säge arbeiten sahen, beschämt nun uns und unsere Kinder auf eine Art, vor der sogar die allerhöchsten Regierungspersonen erstaunen und den sonst mehr tölpelhaften Zimmermann schon nahe für einen Gott halten! Das ist wahrlich ärgerlich! Er ist alles in allem, spricht alle Zungen, als wäre er darin geboren, er ist ein Prophet ersten Ranges und wirket Zeichen und Dinge, die gewirkt zu haben sich kein Gott schämen dürfte; unsere Söhne aber stehen samt uns, die wir doch unserer Zeit auch etwas gelernt haben, da, als könnten sie nicht einmal ihrer Hände Finger abzählen! Weiß denn niemand von uns irgend etwas, wie dieser Zimmermann das alles sich zu eigen gemacht hat?"
[GEJ.02_022,10] Sagen andere: „Wo sollte er sich etwas zu eigen gemacht haben? Er war ja bis auf nunmalige etliche Monde immer zu Hause und baute Häuser bei uns und auch anderswo mit seinem Vater und seinen Brüdern; wir merkten nie eine Spur von etwas Besonderem bei ihm! Er war dazu noch sehr wortkarg, und so man ihn um etwas fragte, da gab er entweder gar keine oder eine allzeit nur sehr einsilbige Antwort, so daß man ihn für eine Art Tölpel hielt, – und jetzt steht er auf einmal als ein Mann da, auf den alle Welt die Augen richten muß! Das ist ja doch allerärgerlichst mehr, als was nur irgendein gesunder Menschensinn fassen kann!
[GEJ.02_022,11] Was ist denn mit diesem Menschen vor sich gegangen? Wir wissen es wohl aus seiner frühesten Jugendzeit her, daß er damals als ein noch nahezu unzüngiger Knabe einige zauberische Fähigkeiten gezeigt haben soll! Vater und Mutter glaubten, daß aus diesem Knaben einst etwas Großes werden würde; aber es hätten sich alle die vielversprechenden Fähigkeiten mit den Jahren so ganz und gar verloren, daß davon aber auch nicht eine leiseste Spur bei irgendeiner Gelegenheit zu entdecken war! Eine Schule hat er schon als Knabe nie besuchen wollen und war somit ohne alle wissenschaftliche Bildung ein höchst einfacher Zimmermann. Ich fragte oft den alten Joseph, wie es mit dem Jesus stehe, ob er denn auch zu Hause so einsilbig wäre. Und die Antwort war: ,Noch einsilbiger als irgendwo außer dem Hause!‘ Und seine Brüder sagten dasselbe! – Wenn aber also, woher denn nun solche Fähigkeiten?"
23. Kapitel
[GEJ.02_023,01] Da Ich ihnen aber dennoch vermöge dessen, was sie gesehen hatten, als ein Prophet vorkam, so sagte ein alter Nazaräer: „Ich habe einmal von einem durchreisenden Babylonier, wie solche Menschen gewöhnlich als außerordentliche Bettler öfter unsere Gegenden und Orte zu besuchen pflegen und sich um einige Stater in allerlei Zaubereien und Wahrsagereien produzieren, gehört, wie er bei meinem Nachbar eine Weissagung machte, und zwar mit diesen Worten:
[GEJ.02_023,02] ,Nazareth, in deinen Mauern lebt ein Mensch, den du nicht kennst! Er ist still und ist karg an Worten; wann aber Seine Zeit kommen wird, da werden sich vor Ihm und Seiner Rede beugen die Berge; die Winde und das Meer werden Ihm gehorchen, und der Tod wird vor Ihm beben und keine Macht über Ihn haben! Da wird alles Volk dieser Stadt in ein ärgerliches Staunen versetzt werden; aber es wird niemand Seiner Macht trotzen können, und der Tod wird fliehen vor Ihm wie eine furchtsame Gazelle vor einem sie verfolgenden Löwen! Wann Er aber von dieser Welt in die Himmel wird übergehen wollen, so wird Er auf drei Tage Sich töten lassen von Seinen Feinden; aber am dritten Tage wird Er aus höchst eigener Macht den Tod von Sich weisen und wird auferstehen in aller Kraft und Herrlichkeit und wird auffahren mit Fleisch und Blut in die Himmel! Aber darauf wehe allen, die Ihn verfolgt haben; ihr Los wird sein ein allerschrecklichstes Feuergericht, desgleichen noch nie eines auf dem Erdboden stattgefunden hat! Wehe allen hochmütigen Juden! Sie werden fürder bis ans Ende der Welt kein eigenes Land mehr haben, sondern auf dem ganzen Erdboden zerstreut umherirren wie ein verfluchtes Wild in der Wüste, und von Stoppeln, Dornen und Disteln werden sie ein ungenießbares Brot bereiten, um zu stillen ihren Hunger, und werden sterben an solcher Kost!‘ –
[GEJ.02_023,03] Solches hat besagter Babylonier geredet vor etwa drei Jahren; und es ist im Ernste ungeheuer merkwürdig, daß in diesem Jesus ein solcher Mann in unsern Mauern nun aufgetreten ist, dessen Reden und Taten alles das vom besagten Babylonier prophezeite nahe auf ein Haar bestätigen! Was aber ist da zu machen? Ist das eine eingetroffen, so dürfte auch das andere, nämlich das Gericht eintreffen! Darum bin ich der maßgeblichen Meinung, daß wir Ihn wirken lassen sollten, wie Er will, mag und kann; denn es dürfte schwer werden, uns mit Ihm in einen Kampf einzulassen! Denn wer einmal Tote erweckt, der muß auch noch mehr vermögen! Vor dem sich die Berge neigen und Winde und Meere lautlos verstummen, mit dem werden wir einen schlechten Kampf bestehen! Darum lassen wir Ihn gehen, zumal da bereits, wie ihr selbst sehet, mehrere Hunderte Seiner Lehre mit Leib und Seele anhängen und Ihn für den verheißenen Messias halten!"
[GEJ.02_023,04] Auf diese Rede des alten Nazaräers ärgern sich viele noch mehr; aber es getraut sich niemand mehr ein Wort zu reden.
[GEJ.02_023,05] Ich aber sah wohl, daß mit diesem Volke nichts zu machen war, da es keinen Glauben und kein Vertrauen hatte, und sagte daher auch ganz kurz, aber so laut, daß es alle wohl vernehmen konnten: „Warum ärgert ihr euch denn? Habt ihr nie gehört, daß man schon von alters her gesagt hat: ,Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande und in seinem Hause!‘? (Matth.13,57) Wenn aber also, wie es noch allzeit die alte Erfahrung gelehrt hat, was ärgert ihr euch denn? Ihr wollt klug sein, und Ich sage es euch, daß ihr blind, taub und voll Blödsinnes seid! So Ich Der bin, Der Ich bin, und Meine Worte und Meine Taten dafür zeugen, warum glaubet ihr denn nicht? Muß denn ein Prophet allzeit weither sein, damit er Glauben finde? Muß denn sein Geburtsort unbekannt und seine Zunge eine fremde sein?
[GEJ.02_023,06] Wenn Ich aus Persien oder gar aus Indien gekommen wäre und täte die Zeichen, die Ich nun tue, und wie sie vor Mir keiner je getan hat, so würdet ihr auf euren Angesichtern vor Mir liegen und schreien: ,Gott hat uns heimgesucht, und wir sind voll Sünden und Gebrechen! Wer wird uns verbergen und schützen vor Seinem Zorn?‘ Weil Ich aber der euch bekannte Josephssohn bin, so fraget ihr: ,Woher kommt ihm solches?‘ O ihr blinden Toren! Ist hier dieser Boden nicht ebensogut Gottes Erde wie in Persien und Indien? Scheint hier nicht dieselbe Sonne, und werden hier nicht, so gut wie in Persien und Indien, durch Gottes gleichfort waltende Kraft und Macht allerart Früchte zum Wachstum und zur Reife fördert? Ist der Mond und sind die Sterne samt der Sonne und dieser Erde hier denn weniger göttlich als in den besagten Ländern?
[GEJ.02_023,07] So aber ohne allen Zweifel hier doch alles ebensogut göttlich und Gottes ist wie in andern fernen Landen, warum sollte es dann der Mensch nicht sein? Wenn Ich aber vor euren Augen nun Taten verrichte, die keinem Perser und Indier je möglich waren, wie sollte Ich dann nicht wenigstens ebensogut wie ein dummer Perser oder Indier Mir eure Achtung und euren Glauben erwerben können? Wahrlich, ginge Ich heute zu den Griechen und Römern hin, sie würden Mir Tempel und Altäre errichten!
[GEJ.02_023,08] Ihr aber hingegen, da Ich in eurer Mitte aufgewachsen bin und ihr Mich von Kind auf kennet, fragt ganz ärgerlich erstaunt: ,Woher kommt denn auf einmal diesem Zimmermanne das alles, den wir stets als einen wahrhaftigen Tölpel gekannt haben?‘ O wartet nur, der Tölpel hat aufgehört, ein Tölpel zu sein und hat euch viel Gutes getan – früher als Tölpel und nun als Meister und Heiland noch mehr; aber fürderhin wird Er es bleiben lassen!"
[GEJ.02_023,09] Auf diese Worte ärgerten sich die Nazaräer noch mehr und verließen die Schule.
24. Kapitel
[GEJ.02_024,01] Da sagte Cyrenius: „Herr und Meister, wie es mir vorkommt, so ist hier wirklich mehr Dummheit als Bosheit vorhanden! Denn die Nazaräer bis auf wenige sind als Dümmlinge bekannt, und ein Dümmling ist allzeit am schwersten hell zu machen! Wenig Schule, keine Erfahrung, meistens arm, wenig Handel und Wandel! Sie leben meistens vom mäßigen Ackerbau und von einiger Viehzucht und kommen bekanntlich nie – außer im Jahre etwa einmal – nach Jerusalem, wo sie nicht nur nichts in der geistigen Bildung gewinnen, sondern allzeit nur verlieren. Woher sollen sie dann einen bessern Verstand nehmen, um Deine göttliche Lehre und Deine göttlichen Taten zu beurteilen? Dazu sind die dummen Menschen auch gewöhnlich neidisch, und wie ich's gemerkt habe, so ärgerte sie auch das am meisten, daß ihre Söhne, die sie in alle möglichen Schulen haben gehen lassen, Dir in aller Weisheit, Kenntnis und vollendetster Tatkraft gar so endlos weit nachstehen! Ich will ihnen gerade keine Bosheit, sondern die barste Dummheit beimessen, die wohl auch manchmal in Bosheit ausarten kann, aber natürlich in eine sicher nicht gar zu schädliche, da der dumme Mensch es auch notwendig dumm angreift, um jemand wahrhaft zu schaden. Lassen wir sie darum gehen!
[GEJ.02_024,02] Sollte Dir aber jemand an den Leib gehen wollen, nun, so ist es mir um Dich am wenigsten bange! Fürs erste besitzest Du in einem hinreichendsten Maße soviel der unleugbarst göttlichen Kraft, um ein ganzes wohlausgerüstetes Kriegsheer weidlichst in die Flucht zu schlagen – und um so leichter diese barsten Dümmlinge; und fürs zweite hast Du uns als höchste römische Gewaltträger über ganz Asien vollauf für Dich, und es kann Dir darum an gerechtem Schutze nie fehlen! Solltest Du hier verfolgt werden, nun, Du weißt doch, wo Sidon und Tyrus liegt! Komme dahin, und Du bist sicher vor jeder wie immer gearteten Verfolgung!
[GEJ.02_024,03] Daß aber diese Nazaräer-Bürger Leute nahe ohne alle Bildung sind, hat sich auch aus dem erwiesen, daß sie nahe alle mehr als Maulaffen denn als Menschen in die Schule bloß aus rein tierischer Neugierde gelaufen sind, zum Beweise dessen sie weder mich noch irgend jemand andern hochgestellten Herrn und Gebieter nur im geringsten mit irgendeiner Gebärde begrüßt haben! Gleich Eseln, Ochsen und dummen Schafen fielen sie herein und taten, als wenn sie allein die Herren der Welt wären! Ich kann es diesen Menschen gar nicht zu einer Sünde rechnen, weil sie zu roh, dumm und ungebildet sind, und ich meine, Du, o Herr und Meister, der Du sie noch um tausendmal besser kennst, wirst ihnen das auch zu keiner Sünde anrechnen!"
[GEJ.02_024,04] Sage Ich: „Das kannst du wohl sicher annehmen, Ich sicher am wenigsten! Aber es liegt alles daran, daß sie Mich in ihrem Herzen als das erkennen, was Ich bin; denn ihr ewiges Leben hängt ja allein von dem ab! Erkennen sie Mich nicht, so können sie auch unmöglich Den erkennen, der Mich in die Welt gesandt hat – und noch weniger, daß Ich und Der, der Mich gesandt hat, ein und dasselbe Wesen sind! Solange aber ihre Herzen das nicht erkennen, haben sie Mich nicht in sich und somit auch das ewige Leben nicht und sind im Geiste tot! Denn Ich Selbst bin ja eben das ewige Leben Selbst und durch Meine Lehre der Weg zum selben.
[GEJ.02_024,05] Wer demnach Mich und Meine Lehre nicht annimmt, der nimmt auch das ewige Leben nicht an, und der ewige Tod muß darum notwendig sein Anteil sein.
[GEJ.02_024,06] Ich darf aber dennoch niemanden zum Glauben zwingen, weil jeder Zwang ein Gericht des Geistes wäre, das ihm so gut den Tod gäbe wie der Unglaube, – und es ist darum hier selbst für Gott schwer also zu wirken, daß der Mensch keinen Schaden leide an seiner Seele! Wird er gezwungen durch irgendeine noch so verborgene Macht, so bewegt er sich im Gerichte; wird er aber durch gar nichts gezwungen, so bleibt er ungläubig und zweifelt an allem und beweist eben dadurch, daß er völlig toten Geistes ist. Wer oder was soll dann lebendig machen seinen Geist?
[GEJ.02_024,07] Mein lebendig machendes Wort nimmt er nicht an – und somit auch Mich nicht als die in der ganzen Unendlichkeit alleinige Quelle alles Lebens; nun frage dich selbst, woher er dann sonst noch das Leben, das Ich allen Menschen brachte und geben will, nehmen solle!"
[GEJ.02_024,08] Sagt Cyrenius: „Ja, ja, das sehe ich nun ganz klar ein und muß es einsehen, weil ich Dich schon seit dreißig Jahren kenne, wer Du bist; aber lassen wir das nun, ich werde diese Menschen schon noch gläubig machen! Jetzt aber gehen wir weiter und sehen, wo wir ein Mittagsmahl bekommen werden! Es ist schon ziemlich spät nachmittags." – Wir verließen darauf die Schule und die Stadt und begaben uns in Mein Haus, allwo schon ein gutes Mahl unser harrte. Wir aßen und tranken ganz wohlgemut und waren diesen ganzen Tag über guter Dinge.
25. Kapitel
[GEJ.02_025,01] Es ward viel geredet von den Begebnissen zu Ostrazine in Ägypten, allwo Ich Meine Kindheit zugebracht hatte, und die Mutter war dabei auch sehr gesprächig und hatte eine große Freude an den Gesprächen des Vizekönigs von Asien, wie man also auch den Cyrenius begrüßte.
[GEJ.02_025,02] Jakobus, Josephs Sohn, der des Schreibens wohl kundig war, holte eine ziemlich dicke Rolle aus seinem Schrank und überreichte sie dem Cyrenius mit den Worten: „Hoher Herr, hier habe ich von Seiner Geburt an alles aufgezeichnet bis zu Seinem fünfzehnten Jahre, tatenreich aber eigentlich nur bis in Sein zwölftes Jahr; denn nach dem zwölften Jahre verlor sich Seine göttliche Gabe so ganz und gar, daß davon aber auch nicht die leiseste Spur mehr zu entdecken war. Darum stehen die drei Jahre 13, 14 und 15 auch völlig leer; denn bis auf einige ziemlich weise Worte hat sich da nichts Erhebliches mehr ereignet, und so habe ich es denn auch über Sein fünfzehntes Jahr hinaus nicht mehr für nötig gefunden, die ganz gewöhnlichen menschlichen Begebnisse, die ich an Ihm bemerkte, aufzuzeichnen, und so ist diese Beschreibung über Seine Jugendzeit als vollkommen für abgeschlossen zu betrachten. (Vgl. „Jugend Jesu".)
[GEJ.02_025,03] Es bestehen aber neben dieser meiner Aufzeichnung noch eine Menge falscher Sagen, die wahrscheinlich ein Werk alter, müßiger Fischerweiber sind; ich bitte daher jedermann, nur diese meine Beschreibung als die allein richtige, durchaus wahre und alles umfassende anzusehen. Wenn ich dir, hoher Herr, damit ein Vergnügen verschaffen kann, so bitte ich dich, diese meine kleine Mühe als eine kleine Erkenntlichkeit von meiner Seite für die vielen Wohltaten, die du uns erwiesen, gnädigst anzunehmen!"
[GEJ.02_025,04] Cyrenius nimmt die Rolle mit vieler Freude in die Hände, blättert eine Weile darin und liest manches laut vor, und alles hat eine große Freude daran. Eine ganz besonders große Freude aber hatte daran die lieblichste Sarah, wie auch ihre Mutter.
[GEJ.02_025,05] Die Sarah wurde alle Augenblicke zu Tränen gerührt und sagte am Ende in einer Art Erregtheit: „Was braucht man da denn noch, um das mit Händen zu greifen, was ich schon seit meiner ersten Heilung eingesehen habe?! Gott! Solche Taten, solche Zeichen – und noch kein Glaube, keine Einsicht, keine Erkenntnis des nur zu wahrhaft Göttlichen?! Herr, ich als eine arme, schwache Sünderin vor Dir, bitte Dich: tue hier keine Zeichen mehr! Denn dieses Volk von Nazareth mit höchst geringer Ausnahme ist nicht des Anspuckens wert, geschweige Deiner zu heiligen Worte und Taten! Ich bekenne es offen, dieses Volk, so mir eine Macht gegeben wäre, ließe ich so lange fasten, hungern und stäupen, bis es zur Einsicht käme und erkennete, wie sehr es dadurch gesündiget hat, daß es diese heilige Zeit seiner Heimsuchung und der großen Gnade nicht erkannt hat!"
[GEJ.02_025,06] Sagte Ich zur Sarah: „Ärgere dich, du Mein einziges Herz, der Dummen und Blinden wegen nicht! Ich kenne sie und ihren Unglauben, und wie du es wünschest, also werde Ich auch des Unglaubens willen wenig oder gar keine Zeichen mehr tun (Matth.13,58). Und du, Mein Schreiber Matthäus, merke das an, daß Ich des Unglaubens wegen hier in Meiner leiblichen Heimat wenig Zeichen mehr wirkte, auf daß es sogar in den spätesten Zeiten alle Welt wissen solle, was für harte und ungläubige Knöpfe diese Bürger Nazareths zu Meiner Zeit waren! Wir aber werden uns dennoch einige Tage hier aufhalten und uns als von den Bürgern deklarierte Müßiggänger recht wohl geschehen lassen! Denn weil sie sich ärgern, so sollen sie sich also recht ärgern, auf daß sie desto eher reif werden für den Satan und sein verfluchtes Reich!"
[GEJ.02_025,07] Sagt Cyrenius: „Mir ist es endlos leid, daß ich mich vermöge meiner starken Regierungsgeschäfte nicht länger als höchstens einen Tag hier aufhalten kann; aber wenn ich Dir, o Herr, in dem einen oder andern etwas tun kann bei diesem schmählichst ungläubigen Volke, so äußere Dich nur und begehre es, und ich lege sogleich die Hand ans Werk! So Du es willst, lasse ich sogleich die ganze Stadt mit Ruten durchstäupen!"
[GEJ.02_025,08] Sage Ich: „Lassen wir das alles! Diese sind schon mit dem durchgestäupt zur Übergenüge und voll gestraft dadurch, daß sie an Mich nicht glauben; denn ihr Unglaube wird dereinst ihr unerbittlichster Richter sein, dem sie auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein werden! Wahrlich, sage Ich dir, eher und leichter werden alle Hurer, Ehebrecher und Diebe ins Gottesreich eingehen denn diese ungläubigen Böcke und Klötze! Oh, Ich sage dir, wie Ich es nur zu gut weiß: Diese Böcke und Klötze sind nicht so ungläubig, wie sie sich zeigen; sie wollen nur nicht glauben, auf daß sie desto freier sündigen können! Denn nähmen sie, durch die Zeichen genötigt, Meine Lehre an, da bekämen sie ja notwendig ein Gewissen, das sie hindern würde in ihrem argen Tun und Treiben; darum glauben sie denn lieber nichts und disputieren sich gegenseitig jede noch so handgreifliche Wahrheit aus ihrem Gemüte, damit sie nur frei tun können, was ihnen ihre argen Gelüste vorschreiben. Freund, da wäre sehr viel zu reden; aber es ist hier besser, zu schweigen! Darum lassen wir sie, wie sie sind; denn was einmal des Teufels ist, das ist auf ordentlichem Wege schwer göttlich zu machen!"
26. Kapitel
[GEJ.02_026,01] Sagt Cyrenius: „Es ist gut, daß ich das weiß; das andere wird sich schon finden lassen! Weil sie Deine Lehre nicht annehmen, da werde ich für eine andere sorgen. Ich werde ihnen kaiserliche Verordnungen, die mir schon vor einem halben Jahre zur Begutachtung von Rom als schon sanktioniert eingesandt worden sind, durch Faustus und seine Knechte bekanntmachen lassen! Vielleicht wird ihnen das Evangelium aus Rom mehr Respekt einflößen als das Deine aus den Himmeln! Die Verordnung enthält hundert Punkte als Gesetze, hinter deren jedem das Kreuz und die Geißel aufgerichtet sind: Die Mehrweiberei wird aufgehoben, Unzucht und Hurerei mit der Geißel auf das schärfste bestraft, der Ehebruch mit dem Kreuze, Dieberei und Betrug mit dem Kreuze, der Schmuggel mit der Geißel und mit hundert Pfund Silbers, und dazu eine Menge Mein- und Dein-Gesetze, deren Übertretung die Geißel und hundert Pfund Silbers zur Folge haben wird! So wird ihnen auch das Reisen ohne einen Reiseschein auf das strengste untersagt sein; der Reiseschein aber wird gegen Erlegung von hundert Pfund zu bekommen sein! – Ja, das werde ich tun und werde diese neuen Gesetze besonders für diese Städte in Galiläa allerstrengstens handhaben und sehen, ob bei diesem Volke kein Gewissen mehr zu entdecken und zu erwecken ist!"
[GEJ.02_026,02] Sage Ich: „Das gehört in Deinen Regierungsbereich, und Ich kann dir dagegen weder mit Nein noch mit Ja antworten. Tue da, was du willst; aber erschwere damit Mir und den Meinen das notwendige Umherreisen nicht!"
[GEJ.02_026,03] Sagt Cyrenius: „Durchaus nicht; denn Künstler, Ärzte, Weise und Propheten sind ausgenommen! Ihre Zeugnisse, ihre Taten und Reden dienen ihnen als vollgültigster Reiseschein, und es darf sie bei Todesstrafe niemand daran hindern. Dir aber stelle ich sogleich ein Zeugnis aus, und es wird Dich niemand anhalten, so Du ihm das Zeugnis vorweisest!"
[GEJ.02_026,04] Sage Ich: „Mich freuet dein allzeit guter Wille; aber erspare dir dessenungeachtet diese Mühe! Denn solange Ich werde umherreisen wollen, wird es Mir keine Macht in der Welt verwehren können! Werde Ich Mich aber einmal für die gesamte Menschheit opfern wollen, so wird Mir auch keine Macht in der Welt einen Schutz bieten können; und böte sie Mir solchen auch, so würde Ich ihn dennoch nicht annehmen! Denn, Freund: Der, dem Himmel und Erde gehorchen, wird doch mächtiger sein als alle Menschen auf dieser Erde, die Mir kaum zu einem Fußschemel dienen kann!? Darum tue du zwar, was du willst; aber es wird da wenig fruchten! Denn du magst ein Gesetz noch so vollständig geben, so wirst du nur zu bald gewahr werden, mit welcher Geschicklichkeit die Menschen das Gesetz umgehen werden, und du wirst dagegen nichts tun können.
[GEJ.02_026,05] Gottes Gebote, die durch Moses dem Volke sind gegeben worden, sind gewiß so erschöpfend als nur etwas Vollendetes erschöpfend sein kann; aber Menschen, wie diese Zeiten zeigen, haben Gottes Gebote ganz geschickt in ihre höchst eigenen bösen Satzungen also umzugestalten verstanden, daß die jetzigen Menschen nun gar kein Gewissen mehr haben, die Gebote Gottes zu übertreten, so sie nur ihre Weltsatzungen erfüllen!
[GEJ.02_026,06] Wenn aber die Menschen solches am grünen Holze tun, was alles werden sie tun mit einem dürren Klotze aus Rom!? – Daher tue du zwar, was du willst, und Mir wird es recht sein; aber Ich sage dir auch:
[GEJ.02_026,07] Je mehr Gesetze, desto mehr Verbrecher, für die mit der Zeit eure Kreuze und Geißeln lange nicht ausreichen dürften!"
[GEJ.02_026,08] Sagt Cyrenius: „Das alles, was Du mir nun sagtest, ist unwidersprechlich wahr, aber ich frage Dich doch noch weiter zu meiner höchst eigenen Belehrung: Was kann man aber anwenden gegen die Widerspenstigkeit der Menschen, die vor allem gleich diesen Nazaräern an keinen Gott und an keine höhere Offenbarung mehr glauben und den Geboten Gottes mit jeder ihrer Handlungen den offenbarsten Hohn sprechen?! Soll man sie denn dann auch noch ohne schärfst sanktionierte weltliche Gesetze lassen, damit sie ohne alle Furcht ihren losen Gelüsten frönen könnten, wie es ihnen beliebig wäre, wenn sie schon seit lange her jedes göttlichen Gesetzes bar sind und es unter sich, wie mit ihren Nachbarn, weit ärger zu treiben anfangen als das reißende Wild der Wüste und Wälder?! Da, meine ich, sind scharfe, weltliche Gesetze ganz an ihrem Platze, um solche ganz wildgewordene Menschen wieder zu einer Ordnung und aus dieser zur Erkenntnis Gottes zurückzuführen!"
[GEJ.02_026,09] Sage Ich: „Allerdings; denn da ist kein anderer Weg möglich und denkbar als der durch den Zwang der weltlichen Gesetze! Aber es kommt nun wohl überaus sehr darauf an, was für Gesetze den Menschen zu geben sind!
[GEJ.02_026,10] Dazu gehört eine überaus tiefe Kenntnis der menschlichen Natur; und den wahren Grund, durch den die Menschheit zur Entartung geführt ward, darf der Gesetzgeber nie aus den Augen fallen lassen, – sonst gleicht er einem Arzte, der mit ein und derselben Medizin alle bei den Menschen vorkommenden Krankheiten heilen will, aber gar nicht bedenkt, daß die höchst verschiedenen Krankheiten, die den menschlichen Leib befallen können, auch höchst verschiedener Natur sind und jede einen andern Grund hat. Ein solcher Arzt wird dann und wann wohl hie und da einen Kranken finden, für dessen Übel seine Arznei gerade taugt, und der Kranke wird darauf gesund; aber hundert andere Kranke, deren Übel einer anderen Art und Beschaffenheit sind, werden auf solch eine Arznei nicht nur nicht besser, sondern um vieles schlechter und sterben wohl gar darauf!
[GEJ.02_026,11] Wenn es aber schon für den kranken Leib, den doch jeder Arzt sehen und greifen kann, schwer ist, eine rechte Arznei zu bestimmen, um wieviel schwerer ist es dann, für eine kranke Menschenseele eine rechte Arznei zu finden und zu bestimmen!
[GEJ.02_026,12] Das Gesetz ist wohl die Arznei, so mit dem Gesetze die rechte Lehre, wie und warum das Gesetz zu halten ist, im Verbande ist; aber denke nun selbst nach:
[GEJ.02_026,13] Da hast du eine zornmütige Seele, da eine furchtsame, da wieder eine ränkesüchtige, dort eine neidische, geizige und betrugslustige Seele; wieder wirst du eine forschende Seele antreffen, und der gegenüber eine träge und schläfrige; in einem Hause sitzen vier gehorsame, demütige Seelen, in einem andern fünf widerspenstige – und so fort unter zahllos vielen Eigentümlichkeiten, Schwächen und Leidenschaften.
[GEJ.02_026,14] Nun gibst du für all diese zahllos vielen Charaktere der Seelen ein gleiches Gesetz; wie aber wird es ihnen frommen? Der Furchtsame wird verzweifeln, der Zornige auf Rache und Umsturz zu sinnen beginnen, der Laue wird lau bleiben, und der Forscher wird allen Mut verlieren und innehalten mit seiner guten Arbeit; der Geizige wird noch geiziger werden, und der Hochmütige wird mit dem Zornigen eine Sache machen, und der Schlaue wird beiden seine Hände bieten!
[GEJ.02_026,15] Bedenke nun diese und tausend andere der traurigsten Folgen, die aus einem unweisen, plumpen Gesetze hervorgehen müssen, so wirst du neben der Notwendigkeit eines Gesetzes auch die andere Notwendigkeit einsehen, der zufolge ein Gesetz überaus scharf und genau dahin geprüft werden muß, ob es allen möglichen Charakteren heilsam entsprechen könne oder nicht!
[GEJ.02_026,16] Ist ein zu gebendes Gesetz nicht zuvor also geprüft, so soll es nicht den Menschen zur Beachtung vorgestellt werden, weil im allgemeinen es offenbar mehr Schaden als Nutzen verursachen müßte."
[GEJ.02_026,17] Siehe, Gott, der allweiseste Schöpfer, hat aus Seiner endlosesten Weisheitstiefe nur zehn Gesetze gewisserart gefunden, die für alle Seelencharaktere wohltauglich sind, und jeder Mensch kann sie auch überaus leicht beachten, wenn er nur will; wenn aber Gott Selbst nur zehn Gesetze findet, die mit der Natur und Eigenschaft jeder Menschenseele in voller nutzwirkender Entsprechung stehen, wie möglich kann ein heidnischer Kaiser in Rom gleich hundert Gesetze finden, aus deren Beachtung die Menschenseelen ihr Heil schöpfen sollen?"
27. Kapitel
[GEJ.02_027,01] (Der Herr:) „Ich sage dir: Solange das jüdische Volk unter den Richtern stand, die allein die Gesetze Gottes aufrechterhielten, da war es auch eine lange Zeit im Leben, Handel und Wandel bis auf wenige Eigenheiten völlig der Ordnung Gottes gemäß; als es aber späterhin Gelegenheit bekam, den Glanz der Könige der Heiden zu erschauen, wie diese in großen, prunkvollen Palästen wohnten, und wie sich ihre Völker vor ihnen bis in den Staub beugten, so gefiel das den blinden Narren aus dem jüdischen Volke wohl, und sie verlangten, da sie sich für das mächtigste Volk der Erde hielten, von Gott auch einen König. Gott wollte dem dummen Verlangen des Volkes aber nicht sogleich nachkommen, sondern warnte es und zeigte ihm all die bösen Folgen, die sie unter dem Könige würden zu gewärtigen haben! Aber Gott ließ da durch die Propheten tauben Ohren predigen; es half nichts, das Volk wollte um jeden Preis einen König!
[GEJ.02_027,02] Und Gott gab dem Volke in Saul den ersten König und ließ ihn salben durch den alten, treuen Knecht Samuel. Als das Volk nun einen König hatte, der ihm sofort schwer zu erfüllende Gesetze gab, da erst fing es an zu sinken immer mehr und mehr – bis auf den gegenwärtigen Punkt der äußersten Verworfenheit.
[GEJ.02_027,03] Wer aber schuldet hauptsächlich daran? – Siehe, – die ungeschickten Gesetze, die von Menschen herrühren, die weder ihre eigenen und sicher noch weniger ihrer Nebenmenschen Naturen gekannt haben und mit ihren plumpen und nur auf den speziellen Eigennutz berechneten Gesetzen alles innere Seelenleben gänzlich zugrunde richteten!
[GEJ.02_027,04] Sage dir es selber und denke wohl darüber nach: Wenn da irgendwo bestünde ein mechanisches Kunstwerk, das lange Zeit gut ging und dem Willen des Meisters entsprach, aber endlich doch stehenblieb, weil daran irgendein Teil schadhaft geworden war, und es käme dann ein Mensch voll Aufgeblasenheit und Eigendünkel und spräche zum Besitzer der Maschine: ,Übergib mir das Werk, ich werde es herstellen!‘, und der Besitzer täte dies in der Meinung, daß der Großsprecher ein Verständiger sei, – was wird, wenn der Maulreißer seine höchst ungeschickten Hände ans Werk legt, nur zu bald und zu sicher aus der Maschine werden? Wird dieser, aller mechanischen Kenntnis im Grunde des Grundes völlig bare Maulreißer, der vom ebenfalls blinden Maschinenbesitzer nur einige Goldstücke herauspressen will, der Maschine nicht mehr schaden als nützen? Oder wird er sie am Ende nicht also gänzlich verderben, daß darauf sogar der wirkliche Meister, der die Maschine gebaut hatte, sie kaum mehr wird zurechtbringen können?
[GEJ.02_027,05] Wenn aber das schon bei einer höchst einfachen, plumpen Maschine, deren Teile offen liegen, leicht zu zählen, zu übersehen und allenthalben mit Händen zu greifen sind, notwendig der Fall ist und sein muß, so ein unverständiger Maulreißer sie herstellen will, um wie viel mehr muß der Mensch, der in allen seinen Teilen die allerweisest kunstvollste Lebensmaschine ist, von deren totaler Zusammenfügung nur Gott allein die vollste Kenntnis und Einsicht hat, notwendig verdorben werden, so ein unwissender und höchst unweiser, selbstsüchtiger Gesetzgeber ihn durch allerplumpste und zweckwidrigste Gesetze bessern will, wo er doch nicht die leiseste Spur von einer Kenntnis besitzt, durch die er wenigstens nur zum tausendsten Teile einsähe, was alles dazu gehört, um nur ein Haar auf dem Haupte eines Menschen wachsen zu machen!
[GEJ.02_027,06] Darum, Mein liebster Freund Cyrenius, laß du deine vermeinten hundert Gesetze fein zu Hause; denn du würdest damit niemanden wahrhaft bessern! Laß aber dafür die Gesetze Gottes walten und sanktioniere sie; durch die Beachtung derselben wirst du aus den Menschenmaschinen wirkliche Menschen machen.
[GEJ.02_027,07] Sind sie erst Menschen geworden, dann kannst du ihnen des Staates Bedürfnisse vortragen, und sie werden dann als wahre Menschen freiwillig mehr tun, als sie je als geknebelte Sklaven harter, plumper Gesetze tun könnten.
[GEJ.02_027,08] Ich sage dir: Nur das, was ein Mensch aus freiem Willen nach seiner frei und somit wohlgebildeten Einsicht tut, ist wahrhaft getan und bringt Nutzen auf eine oder die andere Art; jede erzwungene Arbeit und Tat aber ist nicht eines Staters wert. Denn bei jeder gezwungenen Arbeit und Tat arbeitet allzeit Zorn und Rache gegen den Zwinger (Zwingherrn) mit, und das kann ewig kein Segen für was immer für ein Werk sein.
[GEJ.02_027,09] Wenn du, liebster Cyrenius, diese Meine Worte recht durchdenken wirst, so wird es dir vollends klar sein, daß Ich dir nun die vollste Wahrheit gesagt habe!"
[GEJ.02_027,10] Sagt Cyrenius: „Edelster, göttlichster Freund, da brauche ich wahrlich nicht viel nachzudenken; denn Deine Worte sind ja so klar und wahr wie die Sonne am hellsten Mittage, und ich werde das tun, was Du mir geraten hast. Das Mosaische Gesetz werde ich neu sanktionieren und das Volk zu nötigen verstehen, danach zu handeln! Edelster Freund, so es Dir genehm wäre, würde ich mit Deiner geheimen geistigen Hilfe auch den Griechen das mir wohlbekannte Mosaische Gesetz zu strenger Beachtung verkündigen lassen! Mir kann es dazu sogar an einem politischen Grunde nicht fehlen; denn bekanntlich gibt es zwischen den Juden und Griechen gleichfort Reibungen, die stets und zumeist auf Grund des verschiedenen Glaubens an Gott und der ebenso verschiedenen Erkenntnis desselben entstehen. Die Juden behaupten auf Mord und Brand das ihrige, und die Griechen dagegen, die den Juden in der Dialektik bei weitem vor sind, verhauen mit ihren geläufigen Zungen die schwerfälligen Juden auf eine solche Weise, daß sie den Griechen nicht eins auf tausend zu erwidern imstande sind, und es kommt daher nicht selten zwischen beiden Parteien zu blutigen Tätlichkeiten, was doch sicher keine wünschenswerte Folge von den bestehenden Glaubens- und Gottesgesetzesdifferenzen ist.
[GEJ.02_027,11] So ich aber auch den Griechen das jüdische Gottesgesetz zur strengen Beachtung gebe und es, wie gesagt, auch aus politischen Gründen vom Staate sanktioniere, so werden derlei mir stets äußerst unangenehmen Reibungen sicher unterbleiben. Herr und Meister, habe ich recht, wenn ich das tue? Und so ich es tue, da sage es mir aus Deiner unergründlichen Weisheitstiefe, wie ich das anstellen soll, um den vorgestellten guten Zweck zu erreichen!"
28. Kapitel
[GEJ.02_028,01] Sage Ich: „Freund, dein Wille ist gut, aber das Fleisch ist schwach! Dein gutes Vorhaben wird wohl im Verlaufe eines Säkulums (Jahrhunderts) zur vollen Wirkung kommen, und du wirst dazu noch manches Gute als Vorbereitung zustande bringen, – aber hüte dich in geistigen Lebensdingen vor nichts mehr als vor dem römischen ,Muß‘; denn solches schadet dem Menschen allzeit mehr, als es ihm je nützen kann! Denn jedes Muß ist ein Gericht und läßt keine Freiheit zu, die in den rein göttlichen Lebensdingen doch das einzige wohlgedüngte Feld ist, auf dem der Same des Lebens keimen, treiben und endlich zur segensreichen und reifen Lebensfrucht gedeihen kann!
[GEJ.02_028,02] So du einen jungen Vogel, der erst dem Ei entkrochen ist, nimmst und fütterst, auf daß er eher flugstark werde, ihm aber neben der sonst guten Fütterung gleichfort die Flügel stutzest, sage, wird da dem Vogel selbst die beste Fütterung zu etwas nütze sein? Der Vogel wird wohl vegetieren, aber mit dem freien Fliegen wird es so lange einen ganz mächtigen Haken haben, als wie lange du ihm die Flügel stutzen wirst!
[GEJ.02_028,03] Wie aber der Vogel ohne Flügelfedern nicht fliegen kann, so kann auch der Geist des Menschen nie zur freien Lebenstätigkeit gelangen, wenn ihm durch das sanktionierte Muß die Flügel der freien Erkenntnis gestutzt werden. Ein Geist ohne freie Tätigkeit aber ist schon darum tot, weil er das nicht hat, was im Grunde des Grundes sein Leben bedingt und ausmacht.
[GEJ.02_028,04] Du kannst dem Menschen tausend Gesetze geben für seine bloß irdische Lebenssphäre und sie alle unter Muß sanktionieren, so wirst du damit dem Geiste des Menschen viel weniger schaden, als so du ihm ein einziges Gottesgebot weltlich sanktionierest.
[GEJ.02_028,05] Das Geistige muß frei bleiben und muß die Sanktion in sich selbst frei bestimmen, sowie das damit verbundene Gericht; und so erst kann es in und aus sich des Lebens Vollendung erreichen.
[GEJ.02_028,06] Die freien Erkenntnisse des Guten und Wahren sind des Geistes Lebenslicht; aus diesen bestimmt er für sich dann selbst die ihm zusagenden Gesetze. Diese Gesetze sind dann freie Gesetze und sind allein mit des Lebens Freiheit für ewig verträglich. Des Geistes Wille nach den Erkenntnissen ist das freie Gesetz im Geiste, und die ewige Notwendigkeit, nach dem freien Willen zu handeln, ist die ewige Sanktion, nach der auch sicher kein Geist anders handeln kann, als er eben frei handeln will.
[GEJ.02_028,07] Und siehe, das ist denn auch die sich ewig selbst bestimmende Ordnung in Gott, der doch sicher keinen Gesetzgeber über Sich hat.
[GEJ.02_028,08] Gottes freiester Wille bestimmt nach den ewig vollkommensten Erkenntnissen und weisesten Einsichten in Ihm Selbst das Gesetz und sanktioniert dieses durch die höchst eigene, obschon noch immerhin freie Notwendigkeit; und diese ist dann der Grund aller geschaffenen, irdischen Dinge und ihres Bestandes insoweit, als dieser zur inneren Ausbildung, Konsistierung (Festigung) und endlichen freien Isolierung (Verselbständigung) des Geistes notwendig ist.
[GEJ.02_028,09] Der menschliche Geist aber soll ebenso vollkommen werden in sich und durch sich, wie der Urgeist Gottes in Sich und durch Sich vollkommen ist, ansonst der Geist kein Geist, sondern ein gerichteter Tod ist.
[GEJ.02_028,10] Damit aber der Menschengeist das werden kann, muß ihm die Gelegenheit geboten werden, sich ebenso entwickeln zu können in der Zeit, wie sich der göttliche Geist in Gott Selbst von Ewigkeit her in, aus und durch Sich Selbst gebildet hat!
[GEJ.02_028,11] Siehe, Ich hätte doch sicher von Ewigkeit her Macht genug, alle Menschen mit unwiderstehlicher innerer Gewalt zu zwingen, nach irgendeinem gegebenen Gesetz also genau zu handeln, daß sie davon nicht um ein Haarbreit abweichen könnten; aber dann würde der Mensch aufhören ein Mensch zu sein, und er wäre ebensogut ein Tier wie irgendeines aus dem großen Reiche desselben. Er würde dann seine Arbeit freilich höchst genau verrichten, aber an der Arbeit selbst würdest du ebensowenig irgendeinen Unterschied entdecken wie bei der zellenbauenden Arbeit der Bienen und zahllos vieler andern großen und kleinen Tiere.
[GEJ.02_028,12] Wolltest du aber dann mit deiner freien Erkenntnis solche Tiermenschen zu etwas Höherem bilden, so würdest du dann mit ihnen ebensowenig auszurichten imstande sein, als wenn es dir einfiele, die Bienen in eine Schule zu geben, in der sie endlich einmal ihre Zellen auf eine bessere und zweckmäßigere Weise zu bauen anfangen sollten.
[GEJ.02_028,13] Deshalb mußt du die Fähigkeit der Menschen, daß sie sündigen können, nicht so niedrig und nicht als zu sehr verbrecherisch anschlagen; denn ohne die Fähigkeit, den gegebenen Gesetzen zuwiderzuhandeln, wäre der Mensch ein Tier und kein Mensch!
[GEJ.02_028,14] Und Ich sage es dir: Die Sünde gibt dem Menschen erst das Zeugnis, daß er ein Mensch ist; ohne diese wäre er ein Tier!"
29. Kapitel
[GEJ.02_029,01] (Der Herr:) „Es ist daher zwar wohl gut und recht, die Sünder zu strafen, wenn sie zu sehr von der Ordnung abweichen, die Gott Selbst zur sicheren und in kürzester Zeit möglichen Vollendung gesetzt hat; aber mit einem eisernen Muß soll niemand von der Möglichkeit zu sündigen abgehalten werden. Denn wahrlich sage Ich dir: Mir ist ein Sünder, der frei aus sich Buße tut, lieber als neunundneunzig Gerechte nach dem Maße des Gesetzes, die der Buße nie bedurft haben; der ist ganz Mensch, die andern nur zur Hälfte!
[GEJ.02_029,02] Ich will aber damit freilich nicht sagen, daß Mir darum ein Sünder lieber wäre denn ein Gerechter, weil er etwa allzeit ein Sünder ist – denn in der Sünde verharren heißt: ebenfalls ein Tier werden, das nur mehr aus der falschen instinktartigen Begründung ein schmutziges Leben fristet –; sondern es ist hier nur von einem Sünder die Rede, der das Unrecht, dem Gesetze zuwidergehandelt zu haben, in sich frei erkennt, sich nach der erkannten Ordnung Gottes neu zu bestimmen anfängt und zu einem Menschen wird, dem keine Schule des Lebens fremd geblieben ist.
[GEJ.02_029,03] Solch ein Geist wird in Meinem Reiche dereinst endlos Größeres zu leisten imstande sein als einer, der stets aus einer sklavischen Furcht nie um ein Haar vom Gesetze abgewichen ist und sich in solcher, durch die Furcht gezwungenen Beachtung des Gesetzes zu einer keinen eigenen Willen habenden Maschine herab begründet und sich leiblich und geistig in dieselbe hineingelebt hat.
[GEJ.02_029,04] Nimm einen Stein und wirf ihn in die Höhe! Es wird nicht lange währen, so wird er, nach dem in ihn wie in die ganze Erde gelegten Mußgesetz, nur zu bald in sicher kürzester Zeit zur Erde herabfallen. Ist der Stein darum zu loben, daß er das Gesetz gar so genau beachtet? Du kannst zwar mit dem Steine da, wo es sich um eine feste Unterlage handelt, alles mögliche tun; schaffe aber dem Steine irgendeine freie Tätigkeit, und er wird seine tote Ruhe nie verlassen!
[GEJ.02_029,05] Darum sollst du aus Menschen nicht Steine machen durch Mußgesetze, sondern sie nur bilden in ihrer Freiheit, – dann hast du völlig der Gottesordnung gemäß gehandelt.
[GEJ.02_029,06] Siehe, wären die Menschen, die hoch obenan stehen auf der Erde, nicht so träge, wie sie mit seltener Ausnahme sind, so würden sie bei nur einigem Beobachtungsgeiste gar leicht wahrgenommen haben, daß der Mensch, wenn er nur einen gewissen Grad von irgendeiner Bildung erreicht hat, sich ewig nimmer mit der tierischen Einförmigkeit begnügt. Er baut sich zu seiner Wohnung keine Hütte mehr aus Reisern, Stroh und geknetetem Lehm, sondern er behaut Steine und macht aus Lehm Backsteine, baut sich daraus ein stattliches Haus mit Ringmauern und baut dazu feste Türme, von deren Zinnen er weit umhersehen kann, ob sich seinem Hause kein Feind nahe!
[GEJ.02_029,07] Und so bauen tausend gebildete Menschen sich sicher auch tausend Häuser, von denen keines dem andern gleicht – weder in der Form, noch in der inneren Einrichtung; betrachte aber dagegen die Nester der Vögel und die Lager der Tiere, und du wirst nie irgendeine Veränderung daran entdecken! Betrachte das Nest der Schwalbe, des Sperlings, siehe an das Gewebe der Spinne, die Zelle der Biene und tausend andere von den Tieren herrührende Produkte und Machwerke, und du wirst nie eine Verbesserung und auch so nie eine Verschlechterung daran entdecken; betrachte aber dagegen das Machwerk des Menschen: welch eine nahe ans Unendliche streifende Mannigfaltigkeit wirst du daran entdecken! Und doch sind es immer die einen und dieselben Menschen, die das alles mit oft großen Mühen zustande bringen!
[GEJ.02_029,08] Daraus aber läßt sich ja schon mit den Händen greifen, daß Gott, der dem Menschen einen Ihm ähnlichen Geist gab, eben den Menschen nicht zum Tierwerden, sondern zum völlig freiesten Gottähnlichwerden erschaffen hat."
30. Kapitel
[GEJ.02_030,01] Der Herr: „Wenn aber der Mensch, ohne Unterschied des Geschlechtes, der Hautfarbe und des irdischen Standes, für solch allerhöchsten Beruf von Gott erschaffen worden ist – was du nun sicher mit den Händen greifen kannst –, so kann seinem geistigen Teile ewig kein Mußgesetz gegeben werden, so aus ihm endlich das werden solle, wozu ihn Gott bestimmt hat; sondern da solle ein jedes Gesetz mit ,Soll‘ gegeben sein, und nur für offenbar böswillige Gegner des freien Gesetzes solle eine taugliche, stets auf die freie Besserung des Menschen berechnete Züchtigung gesetzt sein, die aber allzeit so gestellt sein solle, daß sie nicht als eine willkürliche, sondern nur als eine notwendige Folge des unterlassenen Ordnungsgesetzes erscheint. So wird der menschliche Geist dadurch zuerst zum selbständigen Denken gelangen und wird das gegebene Gesetz ehest zu dem seinigen machen und danach handeln, während eine ganz willkürlich bemessene Strafe auf ein Vergehen das menschliche Gemüt allzeit verhärtet und erbittert und aus dem Menschen einen Teufel zieht, dessen Rachgier nicht eher erlöschen wird, als bis er sich, entweder noch in dieser, ganz sicher aber in der andern Welt, auf das unerhörteste rächen wird, – was ihm zugelassen werden muß, weil er sonst in der Hölle seines eigenen Herzens ewig nie zu bessern wäre!
[GEJ.02_030,02] Der Gesetzgeber und Züchtiger soll nie vergessen, daß der Geist des Menschen, ob gut oder böse, nicht getötet werden kann, sondern fortlebt! Solange er noch sichtbar auf der Erde umherwandelt, kannst du dich ihm zur Wehr stellen und ihn vertreiben, wenn er dich verfolgt; ist er aber einmal aus dem Leibe und kann sich dir nahen auf tausendfache Art, um dir zu schaden bei jedem Schritte und Tritte, ohne von dir gesehen und wahrgenommen zu werden, – sage, mit welchen Waffen kannst du ihm dann entgegentreten?
[GEJ.02_030,03] Siehe, nun sage Ich dir: Dein großes Unglück, das dich ohne Mich gänzlich zermalmt hätte, hast du rein jenen Geistern zu verdanken, die du dir durch deine oft zu straffe Handhabung der römischen Staatsgesetze zu unversöhnlichen Feinden gemacht hast! Laß dir daher diese Meine umfassende Belehrung fruchtbringend zu Gemüte führen, so wirst du dadurch selbst ein guter Arbeiter im Weinberge Gottes werden, denn dir fehlt es weder an Macht, noch an Mitteln und an einem stets gleich guten Willen; was dir aber gefehlt hat, das hast du nun von Mir empfangen. Wende es treulich an, und der segensreichsten Früchte Krone wird für dich sicher nicht unterm Wege verbleiben!"
[GEJ.02_030,04] Sagt Cyrenius ganz gerührt von der praktischen Weisheit dieser Meiner an ihn ergangenen Lehre: „O Du mein heiligster, erster und größter Freund, Meister und Gott meines Herzens! Nun erst bin ich vollends klar, und tausend und aber tausend Begebnisse aus meinem Leben tauchen nun auf, und ich sehe nun erst, daß eben ich selbst bei meinem sonst ehrlichen und guten Willen an jenen gegen die Ordnung Gottes bei weitem mehr und stärker gesündigt habe als alle, die ich deshalb, leider nach der ganzen Strenge der Gesetze, habe richten lassen. Wer aber wird nun solche meine gröbsten Sünden vor Dir, o Herr, je gutmachen können?"
[GEJ.02_030,05] Sage Ich: „Freund, sei darum ruhig! Bei Gott ist kein Ding unmöglich, und Ich habe für dich schon lange alles gutgemacht, – ansonst du nicht bei Mir wärest!"
31. Kapitel
[GEJ.02_031,01] Sagt darauf auch Jairus: „Ja, ja, du mächtiger Cyrenius, du hast völlig recht, daß du von dir selbst aussagst, daß du nun vollends im reinen bist in deinen nunmaligen Einsichten; denn auch ich und sicher ein jeder aus uns ist es und kann die ewige Notwendigkeit auf Grund der allerunbestreitbarsten Wahrheit einsehen, wie da alles beschaffen ist, und wie der Mensch beschaffen sein soll. Aber was kann man da tun? Die Menschheit ist zu tief herabgekommen; sie versteht eine sanfte freie Lehre nicht, und es wäre – gerade herausgeredet – schade um die Zeit, die man dazu verwenden möchte, weil man sich damit nichts als eine fruchtlose Mühe gäbe, aus der kaum Disteln und Dornen als Frucht zum leersten Vorscheine kämen! Also auf die sanfte Art ist keine Wirkung möglich, wenigstens nicht bei den mir nur zu bekannten Juden!
[GEJ.02_031,02] Das Volk aber durch Wunder lehren, ist zwiefältig schlecht: einmal schlecht, weil der Mensch, durch ein Wunder zur Wahrheitsannahme bewogen, ein gerichteter, unfreier Mensch ist und dem durch ein Wunder bekräftigten Worte nicht der kaum erkannten Wahrheit, sondern nur des mächtigen Wunders wegen glaubt und nicht aus innerer Überzeugung und daraus hervorgehender Selbstbestimmung, sondern aus purer knechtischer Furcht vor irgendeiner plötzlichen Strafe nach dem vernommenen Worte tätig wird. Versteht aber einer, ihm das Wunder recht geschickt auszureden, so wird er auch sicher der erste sein, der dem Worte und dem Glauben darauf ein ganz fröhliches Lebewohl nachrufen wird! Und zum andern Male ist die durch ein Wunder bekräftigte Lehre schlecht, weil das Wunder, das als solches kein Bleibens haben kann, nicht auf die späteren Generationen übergeht, ein erzähltes und nicht erlebtes Wunder aber ohnehin keinen andern Wert als ein erzähltes Kindermärchen hat und haben kann.
[GEJ.02_031,03] Könnte man aber ein Wunder auch bleibend machen, oder würde man allen Lehrern dieser hier vernommenen Wahrheiten die Fähigkeit geben, allzeit Wunder zu wirken, so würde fürs erste ein bleibendes Wunder von dem Menschenverstande nur zu bald in die Reihe der täglich natürlichen Erscheinungen gestellt werden und den kräftigen Beweisgrund verlieren. Ein Wunder aber, das von allen Wahrheitslehrern zu allen Zeiten gewirkt werden würde, würde fürs zweite eben auch alltäglich werden wie sonst irgendeine alltägliche Zauberei der Gassengaukler, die ich zwar auch nicht nachzuahmen imstande bin, und bei der ich nicht einsehe, wie und mit welchen Mitteln sie zustande gebracht wird; aber weil man derlei nur zu oft sieht, so verliert es den Wert des eigentlich Wunderbaren und sinkt zum Alltäglichen und ganz Gewöhnlichen herab.
[GEJ.02_031,04] Ist nicht alles Wunder über Wunder, was uns täglich umgibt? Was wir hören, sehen, fühlen, riechen, schmecken – ist nichts als Wunder über Wunder! Aber weil alles das bleibend ist und in einer stets gleichen Ordnung fortschreitend geschieht, so verliert es den Charakter des Wunderbaren und nimmt auch keines Menschen Gemüt mehr wie ein Gericht für den Glauben gefangen; nur einige Naturkundige beschäftigt es wissenschaftlich. Diese legen ihr Ohr auf die Erde und geben sich alle Mühe, um etwa doch das Gras wachsen zu hören; aber da sie mit aller ihrer Mühe dabei wenig oder nichts herausbringen und nicht erfahren können, wie da das Gras wächst, so tun sie am Ende doch mit weise tuender Miene, als verstünden sie es. Weil sie aber das Gras nicht wachsen machen können, so lernen andere alte, schon sehr abgenutzte Zauberstücklein, schlagen damit die Blinden breit und machen dabei aber die Sehenden darüber lachen, wie die Blinden sich von ihnen auf die harmloseste Weise breitschlagen lassen.
[GEJ.02_031,05] Es ist demnach gewiß, daß die Wunder im Grunde des Grundes entweder wenig oder, was meistens der Fall ist, zur Besserung der Menschen gar keinen Wert haben, weil das, was ich von den Wundern nun gesagt habe, leider nur zu wahr ist; sie erwecken wohl zumeist die neugierdevolle Gafflust der Zuseher, aber die finsteren Bande des Herzens lösen sie bei aller Ängstigung der Seele dennoch nicht, und die Wundergaffer bleiben unverändert dieselben, die sie ehedem waren, und fragen sich höchstens untereinander, zumeist so dumm als möglich: ,Aber wie er, der Wundermann, doch das zustande gebracht hat!?‘ Der noch dümmere Teil aber sieht um den Wundermann ohnehin lauter Teufel und deren Spukwerk.
[GEJ.02_031,06] Wenn aber sogestaltig auf dem Felde der Wundertäterei so wenig erwünschte Früchte zum Vorschein kommen und nach Deiner klarsten Darstellung, o Herr und Meister, durch die äußere Zwangsgewalt der Gesetze noch wenigere und schlechtere, für die freie Belehrung aber nun unter tausend Menschen kaum fünf aufnahmefähig sind, so glaube ich nun nicht mit Unrecht noch einmal die wichtige Frage zu stellen: Was soll man als Lehrer endlich tun? Das Wunder verdirbt, das strenge Gesetz verdirbt auch, – und für die freie Belehrung aus der göttlichen Weisheitstiefe ist nur überaus selten ein Mensch völlig aufnahmefähig! Wie kann man sich aus diesem Dilemma (Zwangslage) wirkend frei machen? Wie kann man denn mit einem Schiffe durch die weltbekannte Szylla und Charybdis also kommen, daß man weder von der einen noch von der andern verschlungen wird?"
32. Kapitel
[GEJ.02_032,01] Sage Ich: „Mein Freund, du hast ganz richtig geurteilt; aber eines hast du dennoch vergessen, und das besteht darin, daß bei Gott gar viele Dinge möglich sind, die die Menschen als unmöglich erachten. Siehe und zähle Meine Jünger! Es sind wenig Schulgebildete darunter; Ich aber habe sie zuerst durchs Wort geweckt und an Mich gezogen und habe sie darauf erst die vorgesagte Macht des göttlichen Wortes tatsächlich erfahren lassen. Eine Wundertat aber nach dem vorangegangenen reinen Worte ist kein Gericht mehr, sondern nur eine Bekräftigung des Wortes.
[GEJ.02_032,02] Aber Ich setze die Beweise dennoch nicht in die Wundertaten, die Ich verrichte, sondern in das Licht des Wortes selbst und sage: Wer völlig nach Meinem Worte leben wird, der wird es erst in sich zur lebendigen Überzeugung bringen, daß Meine Worte keine leeren Menschen-, sondern Gottesworte sind!
[GEJ.02_032,03] Wahrlich, wer in seinem Herzen nicht diesen nun ausgesprochenen Beweis überkommen wird, dem werden alle andern Beweise wenig oder nichts nützen! Denn Meine Worte sind selbst Licht, Wahrheit und Leben.
[GEJ.02_032,04] Wer daher Mein Wort hört, es annimmt und danach lebt, der hat Mich Selbst in sich aufgenommen; wer aber Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich in die Welt gesandt hat, aber dennoch vollkommen eins ist mit Mir. Denn was Ich will, das will auch Er! Und Er ist kein anderer denn Ich und Ich kein anderer denn Er bis auf die Haut, die uns beide umgibt. In wem aber, wie in Mir, Liebe und Weisheit in einem Herzen wohnen, der ist wie Ich und Der, der Mich in diese Welt gesandt hat zur Heilung und Beseligung aller, die an den Sohn des Menschen glauben werden! – Verstehet ihr das?"
[GEJ.02_032,05] Sagen viele: „Ja, Herr!"; aber einige sagen: „Herr, dies ist zum ersten Male eine etwas harte Lehre, und wir fassen ihren Sinn kaum. Wie kannst Du und Dein Wort ein und dasselbe sein?"
[GEJ.02_032,06] Sage Ich: „Wenn ihr das nicht zu fassen vermöget, was so klar wie die Sonne des Mittags vor euch leuchtet, wie werdet ihr dann Größeres fassen? Wenn ihr das Irdische nicht begreift, wie werdet ihr dann Himmlisches fassen? – Was und wer ist denn der Vater? Sehet und vernehmet: Die ewige Liebe in Gott ist der Vater! – Was und wer ist denn der Sohn? Was aus dem Feuer der Liebe hervorgeht, das Licht, welches da ist die Weisheit in Gott! Wie aber Liebe und Weisheit eines ist, so sind auch Vater und Sohn eins!
[GEJ.02_032,07] Wo ist denn jemand unter euch, der in sich nicht hätte irgendeine Liebe und nicht irgendeinen entsprechenden Grad Verstandes? Ist er aber darum zweifach in seinem Wesen? Oder so da brennt eine Lampe mit einer hellen Flamme, die doch sicher Feuer ist, muß er denn überall eine Flamme anzünden, wo er in der Nacht in einem und demselben Zimmer etwas sehen will? Oder beleuchtet nicht eine helle Flamme dasselbe eine Zimmer so gut, daß man im ganzen Zimmer hell genug hat? Geht denn nicht das Licht von der Flamme, die ein Feuer ist, aus? Und weil es von der Flamme ausgeht, ist es darum etwas anderes als die leuchtende Flamme selbst? – O ihr Blinden! So ganz natürliche Dinge vermöget ihr nicht zusammenzubringen, – wie wollt ihr hernach Himmlisches begreifen?
[GEJ.02_032,08] Darum, wer aus euch an Mir sich irgend ärgert, der ziehe heim und tue und glaube, was ihn gut und recht dünkt! Denn dereinst wird jeder seines Glaubens leben, und die Taten, die er nach dem Glauben aus seiner Liebe verrichtet hat, werden seine Richter sein!
[GEJ.02_032,09] Denn Ich werde niemanden richten, sondern jedes Menschen Richter wird seine eigene Liebe sein – nach diesem Meinem Worte, das Ich nun zu euch geredet habe!"
[GEJ.02_032,10] Nach dieser Erklärung treten die, welche früher Meine Rede nicht verstanden haben, zu Mir und bitten Mich, daß sie bleiben dürfen; denn es finge nun bei ihnen an, schon heller zu werden, und sie würden sich alle Mühe geben, Mein Wort klarer zu verstehen, als es bisher der Fall gewesen sei!
[GEJ.02_032,11] Und Ich sage: „Habe Ich euch doch nie fortgeschafft, sondern nur den Rat erteilt allen, die sich an Mir ärgern möchten, daß sie um ihres Heiles willen lieber gehen sollten, als sich etwa noch fürderhin zu ärgern! Da Ich euch sonach nicht fortgeschafft habe, warum solltet ihr nicht bleiben dürfen? Bleibet, so ihr ärgerlosen Herzens seid!" – Nach solchem Bescheide treten sie zurück und sind damit ganz zufrieden.
33. Kapitel
[GEJ.02_033,01] Aber da kommt auf einmal ein alter Jude aus der Gegend von Nazareth ins Zimmer und fragt gar ängstlich nach Mir. Die Jünger zeigen Mich ihm, und er tritt zu Mir hin, fällt auf seine Knie nieder und spricht mit einer weinerlichen Stimme:
[GEJ.02_033,02] „Lieber Meister, Sohn meines alten Freundes Joseph! Ich habe von deiner wunderbaren Art, die Kranken zu heilen, vernommen und begab mich daher in meiner größten Not zu dir, da ich gehört habe, daß du dich nun wieder in Nazareth aufhieltest.
[GEJ.02_033,03] Siehe, ich zähle bereits neunzig Jahre und bin schon sehr mühselig; ich habe aber Kinder und Kindeskinder, die mich allzeit mit aller Liebe und Aufmerksamkeit gepflegt haben. Nun aber kam eine unbekannte, böse Krankheit unter sie, so daß sie nun alle daniederliegen, und ich als ein kraftloser, alter Greis bin der einzige Verschonte im Hause und weiß mir nicht zu helfen. Kein Nachbar getraut sich zu mir ins Haus aus Furcht, von der bösen Krankheit selbst ergriffen zu werden, und so stehe ich hilflos allein und weiß mir nicht mehr zu raten und zu helfen! Ich habe zu Gott dem Herrn gebetet, daß Er mir helfe – auch durch den Tod, so es Sein Wille sei!
[GEJ.02_033,04] Als ich aber also betete, siehe, da kam ein Mensch ans Fenster meines Gemaches und sagte: ,Was zweifelst du denn, da die Hilfe dir so nahe ist?! Gehe hin ins Haus Josephs! Der Heiland Jesus ist daselbst; Der allein kann und wird dir helfen!‘ – Darauf raffte ich alle meine Kräfte zusammen, übergab alle meine Kranken, denen ich ohnehin nicht helfen kann, Gott dem Herrn und machte mich auf den eben nicht weiten Weg hierher zu dir. Und da ich denn so glücklich war, dich, du guter, lieber Heiland, anzutreffen, so bitte ich dich denn nun auch aus allen meinen Lebenskräften, daß du hingingest und Hilfe gäbest meinen siebzehn Kranken, die gar entsetzlich von der unbekannten Krankheit geplagt werden!"
[GEJ.02_033,05] Sage Ich: „Ich habe es Mir für diese Gegend zwar vorgenommen, wegen des zu großen Glaubensmangels kein Zeichen mehr zu wirken; aber wenn du glauben kannst, daß Ich dir zu helfen vermag, so ziehe getrost heim, und dir geschehe, wie du geglaubt hast!"
[GEJ.02_033,06] Auf diese Worte dankte der Greis voll tiefster Rührung und begab sich nach Hause. Und als er, selbst ganz gestärkt, sich dem Hause nahte, da kamen ihm alle siebzehn so gesund, als wären sie nie krank gewesen, entgegen, begrüßten ihn wie stets aufs freundlichste und gaben ihm die vollste Versicherung, daß sie vor einer halben Stunde urplötzlich gesund geworden wären, versucht hätten aufzustehen und sich beim Aufstehen viel stärker fühlten denn je früher im gesunden Zustande. Sie hätten ihn schon überall gesucht und sich schon sehr gesorgt um ihn.
[GEJ.02_033,07] Als der Alte solches vernahm, da merkte er, daß die böse Krankheit die Seinen um dieselbe Zeit verließ, als Ich in Meinem Hause zu ihm gesagt hatte: ,Dir geschehe, wie du geglaubt hast!‘
[GEJ.02_033,08] Im Hause erst, als ihn die Seinen baten, daß er ihnen kundgeben möchte, wo er war, sagte er: „Ich hatte vernommen, daß der nun weltberühmte Heiland Jesus sich wieder in Nazareth aufhalte, und ich machte mich auf und ging hin, – und seht, er erhörte mich und sagte bloß: ,Dir geschehe, wie du geglaubt hast!‘ Und ihr seid auf dieses sein Wort im Augenblick gesund geworden! Saget nun selbst, ob so etwas je in ganz Israel ist erlebt worden!"
[GEJ.02_033,09] Sagen die Gesundgewordenen: „Höre du, Vater, wenn so, da muß er mehr sein denn ein Wunderheiland allein! Vater, dies ist am Ende gar einmal wieder ein großer Prophet, größer denn Jesaja, Jeremia, Hesekiel und Daniel, ja vielleicht so groß wie Moses, Aaron und Elias! Nur denen war es möglich, mit der Hilfe Jehovas solche Wunder zu tun, da ihnen alle Geister sowohl unter der Erde als auf der Erde, im Wasser und in der Luft völlig untertänig sein mußten! Wenn sie aber einem so übergroßen Propheten untertänig sind, dann muß er freilich wohl alles im Augenblick zu bewirken imstande sein, was er nur will!
[GEJ.02_033,10] Aber wie kam der Zimmermannssohn zu solch einer unermeßlichen Gnade von Gott? Wir kennen ihn ja alle recht wohl; es werden kaum drei Jahre her sein, daß er mit seinen Brüdern bei uns gezimmert hat! Da war nichts Ähnliches an ihm zu entdecken! Er müßte solch eine Gabe erst vor kurzem erhalten haben!? Ein sehr frommer Mensch war er wohl immer; sein Benehmen war immer höchst anständig; er war ein stiller Arbeiter und redete nur das Nötigste; lachen sah man ihn nahezu nie, aber auch nie trauern; und so kann Jehova seine Tugenden wohl angesehen haben und hat ihm nun gegeben solche Gnade! Denn Jehova sieht ja auf das weltliche Ansehen der Person eines Menschen nie, sondern bloß auf dessen reines, unbescholtenes Herz!"
[GEJ.02_033,11] Spricht der Alte: „Ja, ja, da möget ihr wohl recht haben, – es wird schon also sein; aber wenn es unfehlbar also ist, da müssen wir morgen in aller Frühe hingehen und ihm unser Lob und unsern Dank darbringen! Denn vor einem von Gott sichtbar berufenen und mit Seinem Geiste gesalbten Propheten soll jeder Mensch seine Knie beugen! Denn nicht der Prophet, sondern Gott Selbst ist es, der da redet und wirket durch das Herz und durch den Mund desselben!"
[GEJ.02_033,12] Sagen alle: „Amen, dies sei unsre erste und höchste Pflicht!" – Diese Menschen begaben sich nun ins Haus, und die Jungen bereiteten ein Abendmahl; denn sie waren alle hungrig.
34. Kapitel
[GEJ.02_034,01] Es hatten aber die Pharisäer von Nazareth erfahren, daß dieses Hauses Bewohner also gefährlich krank seien, daß sie nimmer gesund zu werden vermöchten. Sie gingen hin, um über das Erbzehntel und über die Begräbnisse zum voraus alles abzumachen; denn nach dem Tode hatten sie kein Recht mehr auf die Hinterlassenschaft, weil der Kranke ohne ihren Beistand verstorben ist, – in welchem Falle dann der Staat als Erbe eintrat. Als also aus diesem Grunde die Pharisäer hinkamen schon spät in der Nacht, als dieses Hauses Leute sich nach dem Abendessen schon zur Ruhe zu begeben anfingen, da machten die schon sehr habgierigen Beförderer der Seelen ins andere Leben ganz verzweifelt große Gesichter, als sie dieses Hauses, wenigstens zur Hälfte tot vermeinten Leute bei der besten Gesundheit antrafen.
[GEJ.02_034,02] Der erste, ganz behutsam mit verhaltenem Atem eintretende Pharisäer sagte: „Ja, was ist denn das? Lebet ihr denn noch? Wir vermeinten, daß ihr schon wenigstens zur Hälfte dahingeschieden wäret, und sind daher gekommen, eure Seelen einzusegnen und eure Leiber zu beerdigen nach der Sitte unserer Väter! Wer hat euch denn gesund gemacht? Borus sicher nicht! Wir wissen, daß er nicht zu euch ging, als er gerufen ward; denn er hatte sicher gleich uns eine starke Furcht vor eurer äußerst bösen Krankheit. Wer also war euer Arzt?"
[GEJ.02_034,03] Sagt der Schwiegersohn des Alten, der ein kräftiger Mann war im Arbeiten und Reden: „Was fraget ihr darum? Ihr habt uns nicht geholfen, und somit sind wir einander gegenseitig nichts schuldig! Ihr seid nicht unseres Heils willen zu uns gekommen, sondern des Erbzehntes wegen; und ich sage es euch: da könnet ihr euch ewig von unserem Hause fernhalten! Denn könnet, wollet und getrauet ihr euch einem in aller Gefahr stehenden Hause keine Hilfe zu schaffen, dann brauche euch, wer euch will! Dieses Haus wenigstens wird nimmer ein Begehren nach euch haben! Wahrlich, ihr seid mit all eurem Tun schlechter denn das böse Gewürm der Erde, das allein da ist zu fressen, nichts Gutes zu tun, wohl aber allerlei gute Frucht der Erde elend zu machen und zu verderben! Gehet uns daher bald aus den Augen, sonst vergreifen wir uns an euch!"
[GEJ.02_034,04] Sagt ein Ältester: „Nun ja, wir werden schon gehen; aber den Gefallen könnt ihr uns ja tun, daß ihr uns saget, wer euch geholfen hat! Wir haben täglich sieben Stunden lang für euch gebetet und möchten daher erfahren, ob ihr doch etwa wunderbar durch unser Gebet geheilt worden seid! Denn mit natürlichen Mitteln wäre euch wohl in keinem Falle mehr zu helfen gewesen! Saget es uns daher; es kostet euch so etwas ja ohnehin nichts!"
[GEJ.02_034,05] Sagt der Schwiegersohn: „Hebet euch von hinnen, ihr Lügner! Ihr möget des Erbzehntes wegen wohl täglich sieben Stunden um unsern Tod gefleht haben, aber für unser Leben sicher nicht; denn ihr seid nun nicht darum hergekommen, um uns als Wiedergenesene zu begrüßen, sondern um von uns, den vermeintlich Verstorbenen, den Erbzehnt zu beschreiben und nach aller Tode in den gierigen Besitz zu nehmen! O ihr losen Wichte, ich kenne euch nur zu gut und eure Gebete auch! Darum hebet euch von hinnen, sonst werde ich genötigt sein, von meinem Hausrechte Gebrauch zu machen! Ihr seid ja ewig nicht wert, den Namen dessen auszusprechen, der uns geholfen hat!"
[GEJ.02_034,06] Sagt der Älteste noch einmal: „Nun, es sei denn, daß wir also sind, wie du meinst; wir aber können ja doch noch anders sein oder werden! Denn da ist ein Wunder geschehen, und das kann uns ja sehr leicht anders gestalten in allem unserem Denken und Handeln! Darum saget es uns!"
[GEJ.02_034,07] Sagt der Schwiegersohn ganz erregt: „Euch ändert auf dieser Welt nichts mehr, auch Gott nicht! Wäret ihr zu ändern, so hättet ihr euch schon lange geändert; denn ihr habt Moses und alle die Propheten, die wider euch zeugen! Aber euer Gott ist der Mammon und besteht im Golde und Silber! Diesem Gotte dienet ihr in eurem Herzen und umhüllet euch bloß äußerlich zum Scheine mit dem Kleide Mosis und Aarons, auf daß ihr als reißende Wölfe im Schafspelze desto leichter mit euren todbringenden Zähnen in die Herden der Lämmer einfallen und sie zerreißen und verschlingen könnet!
[GEJ.02_034,08] Jehova aber kennt euch und wird euch auch sicher ehestens den schon seit gar lange her wohlverdienten Lohn geben! Gott hat nun Jesus, den Sohn des Zimmermanns Joseph, erweckt wie dereinst Moses, und dieser Jesus, der uns alle bloß durch sein mächtiges Wort aus der Ferne her augenblicklich gesund gemacht hat, wird euch sicher auch sagen, wieviel eure Verdienste vor Gott wert sind; denn er ist vom Geiste Gottes erfüllt, ihr hingegen aber vom Geiste Beelzebubs! Daher lasset euch's nun zum letzten Male gesagt sein, daß ihr gehet und nimmer betretet dies Haus, – sonst soll euch Arges widerfahren!"
[GEJ.02_034,09] Nach diesen Worten verlassen die Pharisäer das Haus und denken ganz sonderbare Dinge über Jesus, der ihnen hier schon wieder in die Quere gekommen ist, und beraten, wie sie seiner loswerden könnten, ansonst es weidlichst zu befürchten wäre, daß er in kurzer Zeit alle Juden also wie dies Haus wider sie aufwiegeln werde.
[GEJ.02_034,10] Als sie aber solche argen Gedanken in sich recht lebhaft aufkommen lassen, geschieht hinter ihnen ein donnerartiger, mächtig starker Knall, daß sie darob alle über die Maßen erschrecken und darauf gar stille und sehr behende in die Stadt zu laufen beginnen.
35. Kapitel
[GEJ.02_035,01] Als sie in ihre Wohnung kommen, da greifen sie sogleich nach Davids Psalter und schlagen gerade auf den ersten Wurf den 37. Psalm auf, und der Älteste fängt an, ihn zu lesen also:
[GEJ.02_035,02] „,Erzürne dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch über die Übeltäter; denn wie das Gras werden sie bald abgehauen, und wie das grüne Kraut werden sie verwelken. Hoffe auf den Herrn und tue Gutes; bleibe im Lande und nähre dich redlich! Habe deine Lust am Herrn; Er wird dir geben, was dein Herz wünschet: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf Ihn! Er wird alles wohl machen und wird deine Gerechtigkeit hervorbringen wie ein Licht, und dein Recht wie den Mittag.
[GEJ.02_035,03] Sei stille vor dem Herrn und warte auf Ihn; erzürne nicht über den, dem sein Mutwille glücklich vor sich geht! Stehe ab vom Zorn, und laß den Grimm; ja erzürne dich nicht, daß du dann auch übel tuest! Denn die Bösen werden ausgerottet; die aber des Herrn harren, werden das Land erben.
[GEJ.02_035,04] Es ist noch um ein kleines, so ist der Gottlose nimmer; und wenn du nach seiner Stätte sehen wirst, wird er weg sein. Aber die Elenden werden das Land erben und Lust haben in großem Frieden. Der Gottlose droht dem Gerechten und beißt seine Zähne zusammen über ihn. Aber der Herr lacht über den Gottlosen; denn Er sieht es, daß sein Tag kommt. Die Gottlosen ziehen das Schwert aus und spannen ihren Bogen, daß sie fällen den Elenden und Armen und schlachten die Frommen; aber ihr Schwert wird in ihr eigenes Herz dringen, und ihr Bogen wird zerbrechen.
[GEJ.02_035,05] Das wenige, das ein Gerechter hat, ist besser denn das große Gut vieler Gottlosen. Denn der Gottlosen Arm wird zerbrechen; aber der Herr wird erhalten den Gerechten. Der Herr kennt die Tage der Gerechten und Frommen, und ihr Gut wird ewiglich bleiben; sie werden nicht zuschanden in der bösen Zeit, und in der Teuerung werden sie genug haben. Denn die Gottlosen werden umkommen, und die Feinde des Herrn, wenn sie gleich sind wie eine köstlich grünende Aue, werden sie doch vergehen, wie da vergehet der Rauch. Der Gottlose borgt und bezahlt nicht; der Gerechte aber ist barmherzig und milde.‘"
[GEJ.02_035,06] Nach diesem Verse erhebt sich ein Pharisäer und sagt zum lesenden Ältesten: „Was liesest du da für ein dummes Zeug?! Merkst du es denn nicht, daß dies alles auf der schlechten Seite uns angeht und auf der guten Seite niemand andern als den Sohn des Zimmermanns? Das ist ein ganz verdammtes Zeugnis wider uns, und du liesest die Sache so leicht und heiter fort wie irgendeine Lobschrift des Hohenpriesters aus Jerusalem an uns!"
[GEJ.02_035,07] Sagt der Älteste: „Freund, es schadet uns gar nicht, wenn wir dadurch vor uns selbst ein wenig heller beleuchtet werden, als wir beleuchtet sind! Es ist besser, wir erkennen uns vorher unter uns, als daß wir um eine kurze Zeit später vor der ganzen Welt als Volksbetrüger nackt dastehen sollen, verachtet und verlassen von jedermann! Denn es hängt denn doch am Ende nur allein von Gott ab, wie lange wir in unserer gegenwärtigen Art und Weise als unentdeckt bestehen sollen, und ich lese darum den sehr merkwürdigen Psalm weiter!"
[GEJ.02_035,08] Sagen mehrere: „Hast recht, tue das!"
[GEJ.02_035,09] Und der Älteste liest also weiter:
[GEJ.02_035,10] „,Denn Seine Gesegneten erben das Land; aber Seine Verfluchten werden ausgerottet werden!‘"
[GEJ.02_035,11] Hier fragt der Pharisäer ganz hastig wieder: „Wer sind die Gesegneten und wer die Verfluchten?"
[GEJ.02_035,12] Sagt der Älteste: „Daß wir die Gesegneten nicht sind, das ist nun bei der stets zunehmenden Verfolgung der Römer wider uns wohl schon mit den Händen zu greifen! Denn wären wir die Gesegneten, so würde uns Gott nicht solch eine nie erhörte Plage in unser gesegnetstes Land gesetzt haben! Alles andere kannst du dir leicht selbst enträtseln. – Ich aber lese nun weiter:
[GEJ.02_035,13] ,Von dem Herrn wird solches Mannes Gang gefördert, und Er hat Lust an seinem Wege. Fällt er, so wird er nicht weggeworfen; denn der Herr hält ihn bei der Hand. Ich bin jung gewesen und bin alt geworden; aber ich habe noch nie den Gerechten verlassen oder seinen Samen nach Brot gehen gesehen. Denn der Gerechte ist allzeit barmherzig und leihet gern dem Armen; darum wird sein Same gesegnet sein.
[GEJ.02_035,14] Laß ab vom Bösen und tue Gutes! Bleibe gerecht immerdar; denn der Herr hat das Recht lieb und verläßt Seine Heiligen nie. Ewiglich werden sie bewahrt; aber der Gottlosen Same wird ausgerottet werden. Allein die Gerechten erben das Land und bleiben ewiglich darinnen.
[GEJ.02_035,15] Der Mund des Gerechten redet die Weisheit, und seine Zunge lehret das Recht; das Gesetz Gottes ist in seinem Herzen, und seine Füße gleiten nicht. Der Gottlose aber lauert stets auf den Gerechten und sucht ihn zu töten. Aber der Herr läßt ihn nicht in des Gottlosen Händen, und verdammt ihn nicht, wenn er vom Gottlosen verurteilt wird.
[GEJ.02_035,16] Harre auf den Herrn und halte Seinen Weg, so wird Er dich erhöhen, daß du das Land erbest; und du wirst es dann sehen, daß die Gottlosen ausgerottet werden!
[GEJ.02_035,17] Ich habe einen Gottlosen gesehen, der war sehr trotzig, breitete sich aus und grünte wie ein Lorbeerbaum. Als man aber vorüberging, siehe, da war er schon dahin; und als ich nach ihm fragte, war er nirgends zu finden!
[GEJ.02_035,18] Darum bleibe fromm und halte dich recht; denn solch einem wird es zuletzt gut gehen! Die Übertreter des Gesetzes Gottes aber werden vertilgt werden miteinander, und die Gottlosen werden zuletzt ausgerottet! Der Herr allein aber hilft den Gerechten in jeglicher Not und ist ihre alleinige Kraft und Stärke. Der Herr wird ihnen beistehen und wird sie erretten. Er Selbst wird sie von den Gottlosen erretten und wird ihnen helfen; denn sie trauen auf Ihn.‘"
[GEJ.02_035,19] Als der Älteste nun mit dem Psalm zu Ende war, fällt ihn der Pharisäer ganz zornig an und schreit: „Du alter Esel, merkst du es denn nicht, daß wir durch diesen Psalm als die Gottlosen bezeichnet werden, und die, die es mit Jesus halten, als die Gerechten? Merkst du nicht, daß wir ausgerottet werden, und sie bleiben im Lande? Trachten nicht eben wir, ihn als den Gerechten zu töten, während Gott ihn erhält? Das ist ein schöner Psalter für uns!"
[GEJ.02_035,20] Sagt der Älteste: „Ich habe ihn nicht geschrieben! Er steht im Buche; und so wir bleiben, wie wir sind, so werden wir ihn uns auch tatsächlich gefallen lassen müssen! Verstehst du solches und die Macht Gottes?!"
[GEJ.02_035,21] Sagt ein anderer: „Diese Sache verstehe ich besser als ihr alle! Unser Freund Roban hat müssen diesen Psalm lesen; das hat des Zimmermanns Sohn mit seiner, uns allen freilich höchst unbegreiflichen Zaubermacht bewirkt! Denn so er die ganze Familie, bei der wir soeben vergebens unser goldenes und silbernes Heil suchten, mit einem Worte zu heilen imstande ist, so ist er ebensogut auch imstande, uns zu nötigen, nur solche Psalmen zu lesen, die alleroffenbarst ebensogut wider uns, als dereinst wider die Feinde Davids, Zeugnis geben.
[GEJ.02_035,22] Zudem soll der alte Joseph wirklich von David in guter Linie ein Abkömmling sein, und man nennt nun Jesus, weil auch Josephs zweites Weib, Maria, aus demselben Stamme sei, einen ,Sohn Davids‘, aus welchem Grunde der alte Joseph, der stets ein schlauer Fuchs war, auch höchstwahrscheinlich ganz geheim alle möglichen Künste mag seinen Sohn haben lernen lassen, auf daß dieser mit seinen Zaubereien die abergläubischen Römer und Griechen breitschlüge, sich dann als ein Sohn Jupiters oder Apollos vorstelle und die Römer ihn sonach unfehlbar zu ihrem Kaiser ausrufen und erheben müßten! Und wenn die in Rom residierenden Herren so blind sind wie diese, die hier über Asien zu befehlen haben, die Jesus schon sozusagen in seinem Sacke hat, so kann es ihm auch gar nicht fehlen, daß er in jüngster Zeit den Römern Gesetze vorschreiben wird, – und wir sind dann alle versorgt!"
[GEJ.02_035,23] Sagt ein anderer: „Solch einem Unternehmen wird sich etwa durch ein Geheimschreiben an den Kaiser wohl ein Riegel vorschieben lassen!"
[GEJ.02_035,24] Sagt der erste: „Du wirst dem schwer einen Riegel vorschieben, der mit seinem zauberischen Sehvermögen alles erschaut, was du noch so verborgen denkst! Wer sonst als er hat uns auf dem Heimwege mit dem Donnerknall erschreckt, weil er sicher vernommen hatte, was wir untereinander geredet haben wider ihn?! Und wer sonst als er hat uns den scharf wider uns zeugenden Psalm lesen lassen? Und warum? Weil er sicher gewußt hat, was wir wider ihn beschließen wollten! Gehe hin, setze dich an den Schreibtisch und versuche es mit einem Geheimschreiben an den Kaiser – und ich stehe dir dafür, daß du entweder nicht imstande sein wirst, auch nur ein Wort niederzuschreiben, oder du wirst wider dich ein gräßliches Zeugnis zu zeichnen genötigt werden durch seine unbegreifliche, geheime Zaubermacht!
[GEJ.02_035,25] Zudem ist selbst unser Oberster Jairus für ihn nun mit Leib und Seele eingenommen, da er ihm zwei Male die Tochter erweckt hat vom Tode, und unterstützt ihn mit allem, was dieser nur wünscht – und wir vermögen darum auch nichts in Jerusalem wider ihn auszurichten. Kurz und gut, wir sind nun von allen Seiten vernagelt und gebunden und können uns gegen ihn nicht rühren. Am besten dünkt es mich noch, zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen oder uns vollends zu seinen Jüngern zu bekennen – sonst können wir nichts für uns Ersprießliches wider ihn tun, da wir nicht einmal also etwas zu denken vermögen, daß er es nicht auf der Stelle in die durchdringendste Erfahrung brächte."
[GEJ.02_035,26] Sagt der alte Roban: „Der Meinung bin ich auch! Es steht uns wirklich nur der einzige Weg offen: daß wir uns entweder ganz indifferent verhalten, oder wir alle schlagen uns zu seiner Lehre und tun, was er uns ratet oder gebietet; denn wider diesen Stachel läßt sich vorderhand gar nicht löcken!"
[GEJ.02_035,27] Sagen alle: „Wir wollen uns ganz indifferent halten, das wird das beste sein; denn da verfeinden wir uns weder mit Rom noch mit Jerusalem, und darin besteht nun alle Klugheit, nach der wir unser Leben einzurichten haben."
[GEJ.02_035,28] Nachdem begeben sich alle zur Ruhe, und ein jeder denkt sich seinen Teil heimlich, was er für sich tun solle.
36. Kapitel
[GEJ.02_036,01] Am Morgen aber kommt der Roban dennoch zu Mir ins Haus und bittet, ob er mit Mir reden dürfe.
[GEJ.02_036,02] Ich aber sage zu ihm: „Was du Mir sagen willst, das weiß Ich; aber was Ich dir zu sagen habe, das weißt du nicht, und so magst du Mich hören."
[GEJ.02_036,03] Sagt Roban: „So du reden willst, so rede, und ich will dich hören!"
[GEJ.02_036,04] Sage Ich: „Du hast gestern den Psalm vorgelesen; es war gerade der 37. Dieser Psalm hat dich, wie deine Kollegen, stark getroffen, und ihr seid dadurch ein wenig in euch gegangen und habet dann beraten, ob ihr euch Mir gegenüber ganz indifferent verhalten, oder ob ihr Meine Jünger werden sollet. Ihr habt euch fürs Indifferentsein erklärt! Du aber dachtest in der Nacht nach, ob du nicht Mein Jünger würdest, und bist nun gekommen, Mich darum zu fragen.
[GEJ.02_036,05] Ich aber sage zu dir weder ja noch nein, sondern: willst du bleiben, so bleibe; willst du gehen, so gehe! Denn sieh, Ich habe der Jünger zur Genüge! Es sind hier in Meinem Hause etliche Gemächer, und sie sind alle voll von Jüngern. Draußen im Freien siehst du Zelte aufgerichtet; sie werden von Meinen Jüngern bewohnt. Da, neben diesem Meinem kleinsten Gemache, ist das große Arbeits- und zugleich Speisezimmer; darin ruhen nun noch, da es frühe ist, die großen Weltherren Roms, und die sind ebenfalls Meine Jünger. In einem kleinen Gemache daneben wohnt der Oberste Jairus mit Weib und Tochter, die Ich erweckt habe zweimal vom Tode; und sieh, auch er ist Mein Jünger. Wenn Ich aber solche Menschen zu Meinen Jüngern habe, so kannst du ja auch ebensogut Mein Jünger werden; aber wie du auch siehst, so stehe Ich nicht an auf dich! Willst du, so bleibe; und willst du nicht, so gehe! Denn es stehen dir die beiden Wege offen."
[GEJ.02_036,06] Sagt Roban: „Herr, ich bleibe, – und es ist sehr leicht möglich, daß von meinen Kollegen noch mehrere kommen und bleiben werden gleich mir! Denn ich fange nun an zu begreifen, daß hinter dir mehr sein muß als bloß die geheime Zauberkunst eines morgenländischen Zauberers! Du bist ein von Gott gesalbter Prophet eigener Art, wie vor dir nie einer da war, und ich bleibe darum!
[GEJ.02_036,07] Es steht zwar wohl geschrieben, daß aus Galiläa nie ein Prophet aufstehen solle; aber ich halte mich nun nicht mehr daran, – denn bei mir gilt die offene Tat mehr als das rätselhafte Wort der Schrift, das niemand in der rechten Wahrheitstiefe verstehen kann. Zudem bist du meines Wissens nicht einmal ein Gebürtiger Galiläas, sondern Bethlehems, und da kannst du vermöge der Geburt auch ganz gut ein Prophet sein! Ich fühle mich von dir sehr angezogen, und es tut mir wohl deine Nähe, und so bleibe ich. Ich habe zwar kein großes Vermögen; aber was ich habe, reicht für uns alle hin, davon volle dreißig Jahre zu leben! So du ein Lehrgeld verlangst, steht dir mein halbes Vermögen zu Gebote!"
[GEJ.02_036,08] Sage Ich: „Gehe hin und frage Meine Jünger, wieviel sie Mir zahlen für Lehre und Kost; das zahle dann auch du!"
[GEJ.02_036,09] Roban fragte sogleich mehrere der anwesenden Jünger darüber. Diese aber sprachen: „Unser heiliger Meister hat noch nie auch nur einen Stater von uns verlangt, obschon wir alle stets mit allem von Ihm versorgt werden. Sicher wird Er von dir nicht mehr verlangen, als Er von uns verlangt! Glaube und Liebe ist alles, was Er von uns verlangt."
[GEJ.02_036,10] Fragt Roban weiter: „Könnet ihr denn auch schon einige besondere, für den menschlichen Verstand unbegreifliche Taten ausüben? Und so ihr das könnet, verstehet ihr es auch, wie so etwas möglich sein kann?"
[GEJ.02_036,11] Sagt Petrus: „So es not tut, da können auch wir durch des Meisters Kraft in uns solche Taten verrichten und verstehen auch ganz durchgreifend gut, wie sie gar wohl und überaus leicht möglich sind. So du Sein wahrhaftiger Jünger sein willst, da wirst auch du solche Taten ausüben können und dann wohl verstehen, was du tust! Denn hier gibt die Liebe das Gesetz, und die Weisheit übt es aus!"
[GEJ.02_036,12] Fragt Roban noch weiter, sagend: „Aber davon hast du doch nie etwas bemerkt, daß etwa bei solch außerordentlichen Taten manchmal, so ganz unvermerkt, der Satan einen Anteil hätte!?"
[GEJ.02_036,13] Sagt Petrus: „Was Arges fragst du armer, blinder Mensch doch! Wie kann da Satan einen Anteil nehmen, wo alle Himmel den allerhöchsten und allmächtigsten Einfluß haben!? Ich und wir alle haben die Himmel offen gesehen und die Engel Gottes in zahllosen Scharen danieder zur Erde kommen; und wir sahen, wie sie Ihm und uns allen dienten – wenn aber also, wie möglich dann ein Anteil des Satans!?
[GEJ.02_036,14] Kannst du mir aber solches nicht glauben, so ziehe hin nach Sichar und erkundige dich dort beim Oberpriester Jonael und bei dem Großkaufmanne Jairuth, der nun außerhalb Sichar das bekannte Schloß Esaus bewohnt! Diese unsere Freunde werden es dir treu kundgeben, wer Der ist, dessen Jünger zu sein wir die nie verdiente, allerhöchste Gnade haben! Beim Jonael sowohl als beim Jairuth wirst du noch dienende Engel in scheinbar leiblicher Gestalt antreffen."
[GEJ.02_036,15] Als Roban solches vernimmt, da tritt er voll Ehrfurcht zu Mir hin und fragt Mich, ob Ich nichts dawider hätte, so er eine Reise nach Sichar unternähme.
[GEJ.02_036,16] Sage Ich: „Nicht im geringsten irgendwas! Gehe hin und erkundige dich um alles; und so du wieder hierhergekommen sein wirst, da unterrichte deine Brüder und Kollegen von allem, was du gehört und gesehen hast! Wenn du solchen Auftrag mit guter Wirkung wirst vollzogen haben, da komme wieder und folge Mir nach! Denn du wirst es schon erfahren, wohin Ich Mich in der Zeit werde gewendet haben! So du aber durch Sibarah, den ersten Mautort von hier, dann durch Kis und Kana in Samaria ziehest und man dich fragen wird, wohin und in wessen Namen du diese Reise machest, so nenne Meinen Namen, und man wird dich allenthalben frei ziehen lassen. Aber mit dem Kleide eines Ältesten der Pharisäer ziehe nicht! Denn damit möchtest du nicht weit kommen; sondern ziehe du eine ganz einfache Bürgerkleidung an, und man wird dich dann auch in Samaria nirgends beanstanden."
[GEJ.02_036,17] Als Roban solches vernommen hatte, machte er sich sogleich auf den Weg und ging in die Fremde, das zu suchen und zu erkennen, was er nun daheim gar so nahe hatte.
[GEJ.02_036,18] Aber es gibt immer Menschen und Geister, die stets der Meinung sind, daß man in der Fremde mehr sehen, erfahren und lernen kann als daheim; und doch scheint überall ein und dieselbe Sonne. Ja, man kann in der Fremde wohl andere Gegenden, andere Menschen und andere Sitten und Sprachen kennenlernen; ob aber dabei das Herz etwas gewonnen hat, das ist eine andere Sache!
[GEJ.02_036,19] Wer nur aus purer Neugierde in die Fremde zieht, um sich dort besser zu vergnügen und zu zerstreuen, der wird für seines Herzens Bildung wenig gewinnen; wer aber in die Fremde zieht, um den dortigen Menschen zu nützen und ihnen zu bringen ein neues Licht, der wandere und wirke, und die Reise wird ihm viel Gewinnes abwerfen!
[GEJ.02_036,20] Jeder Prophet macht in der Fremde mehr Geschäfte denn daheim in seinem Hause.
37. Kapitel
[GEJ.02_037,01] Als der Roban fort war, da kam der Alte, der Josa hieß, mit seinen in dieser Nacht geheilten Kindern und Kindeskindern und brachte Mir Dank, Lob und Ehre und bat Mich, ob er mit den Seinen nicht den Tag über in Meiner Gesellschaft sich aufhalten dürfe.
[GEJ.02_037,02] Und Ich sprach zu ihm: „Was du willst, das tue! Du hast gestern in der Nacht Meinetwegen noch einen Kampf mit den Pharisäern zu bestehen gehabt, und ihr alle habt euch in Meinem Namen gut benommen. Darum aber sollet ihr in Zukunft von aller solcher Plage befreit sein, und es soll fürder kein habgieriger Zelot (Glaubenseiferer) mehr die Schwelle eures Hauses betreten! Gehet aber nun zu Meinen Jüngern hin; diese werden euch unterweisen, was ihr alle für künftighin zu glauben und zu tun haben sollet!"
[GEJ.02_037,03] Bei diesen Worten tritt Petrus vor und führt die ganze Gesellschaft zum Matthäus dem Schreiber hin, und dieser gibt ihnen zu lesen, was alles sich bei Meinen Jüngern zugetragen hat, und was Ich gelehrt habe.
[GEJ.02_037,04] Als diese also für ihren Geist versorgt sind, da erst treten Cyrenius, Kornelius, Faustus und der Oberste Jairus mit Weib und Tochter aus ihren Schlafkammern, begrüßen Mich auf das allerfreundlichste und bedanken sich bei Mir für den guten und überaus stärkenden Schlaf und für die überaus schönen Träume, die sie diese Nacht hindurch gehabt haben; Ich aber begrüße sie auch und zeige ihnen die soeben Angekommenen, die geheilt worden waren.
[GEJ.02_037,05] Und Cyrenius tritt zu ihnen hin und fragt sie um alles klein aus. Als er aber von den nächtlichen Umtrieben der Pharisäer gehört hatte, da ward er völlig zornig und sprach: „Nein, Herr, bei Deinem mir nun über alles heiligen Namen, das kann ich diesen Satansjüngern nimmer nachsehen! Ich muß sie züchtigen lassen, und sollte ich darob auch mein Leben verlieren! Sind aber das doch Wölfe, Hyänen und Füchse, wie es keine zweiten in ganz Palästina, ja in ganz Asien gibt! Welcher Unterschied ist denn zwischen ihnen und den ärgsten Dieben und Straßenräubern? O ihr Argen, ihr Bestien erster und reißendster Klasse! Gottesdiener nennen sie sich und lassen sich dafür auch allenthalben überhoch ehren und preisen am Tage; bei der Nacht aber ziehen sie dann auf offenbarsten Raub aus! Nun, wartet, wartet, ich werde euch das nächtliche Auf-den-Raub- Ausgehen schon auf eine Art vertreiben, daß euch darob das Hören und Sehen vergehen soll!"
[GEJ.02_037,06] Sage Ich zum ganz erbosten Oberstatthalter: „Freund, laß du das; denn was du nun tun möchtest, habe Ich geistig schon in dieser Nacht auf eine viel empfindlichere Art getan, und die Folge davon wird sein, daß sie alle bald Meine Lehre annehmen werden. Ihr Ältester, namens Roban, war heute schon hier und hat Meine Lehre angenommen; und Ich habe ihn darum denn auch schon als bereits Meinen Jünger nach Sichar gesandt, allwo er vieles sehen und lernen wird. In zwei Tagen kommt er wieder zurück und wird seine Kollegen ganz sicher unter Mein Dach bringen! Und siehe, das ist besser denn Rute, Kreuz und Beil!"
[GEJ.02_037,07] Sagt Cyrenius etwas weniger erregt: „Wenn so, da nehme ich mein Wort zwar wohl zurück und werde über sie kein scharfes und peinliches Gericht ergehen lassen; aber Rede stehen müssen sie mir!"
[GEJ.02_037,08] Sage Ich: „Aber nur nicht vormittags, sondern nachmittags! Denn diese schöne Zeit wollen wir mit etwas Besserem zubringen. Nun aber gehen wir vor allem zum Morgenmahl!"
[GEJ.02_037,09] Es hatte nämlich Borus im Freien eine Menge Tische aufrichten lassen, bei welcher Arbeit ihm Meine Brüder als Zimmerleute natürlich Hilfe leisteten, und so war heute als an einem Vorsabbat, respektive an einem Freitage, das Morgenmahl im Freien einzunehmen. Es waren bei fünfzig große Tische mit Bänken versehen, voll mit Speisen und Wein besetzt, und es war wahrlich recht ergötzlich, zu sehen, wie da Hunderte von Gästen aller Art schon an den Tischen saßen, Lobpsalmen sangen und das reichliche Morgenmahl verzehrten. In der Mitte der vielen Tische war eine Art Tribüne errichtet, auf der ein großer, zierlich geschmückter Tisch mit Speisen unser harrete und wir – Ich, Cyrenius, Kornelius, Faustus, Jairus mit Weib und Tochter, Meine Mutter und die zwölf Apostel – Platz nahmen und daselbst unter allerlei erbaulich heiteren Gesprächen das Morgenmahl einnahmen, welches Faustus und Borus also bestellt hatten.
[GEJ.02_037,10] Es fehlte aber die Lydia, des Faustus junges Weib, das er in Kapernaum daheim ließ wegen seiner vielen häuslichen Geschäfte, obschon es überaus gerne auch mit nach Nazareth gezogen wäre. Meine Mutter machte ihm darum, natürlich ganz sanfte, Vorwürfe; und er bereute es, sein liebstes Weib daheim gelassen zu haben und beschloß, es sogleich selbst zu holen.
[GEJ.02_037,11] Ich aber sagte zu ihm: „Laß das; so Ich will, wird sie bis gen Mittag ganz wohlbehalten hier sein!" Faustus bat Mich darum, und Ich versprach ihm, solches zu tun.
[GEJ.02_037,12] Es waren aber an Meiner Seite sogleich zwei überaus holde Jünglinge in lichtblauen Faltenkleidern zu sehen. Diese verneigten sich vor Mir bis zur Erde und sprachen: „Herr, Deine Diener harren in tiefster Ehrfurcht Deiner heiligsten Befehle!"
[GEJ.02_037,13] Und Ich sage zu ihnen: „Gehet, holet die Lydia, auf daß sie bei uns sei!"
[GEJ.02_037,14] Die beiden verschwinden, und Cyrenius fragt Mich ganz erstaunt: „Freund, wer waren diese beiden gar so ungemein schönen und holdesten Jünglinge? Beim Himmel, solch herrliche Gestalten hat mein Auge noch nie gesehen!"
[GEJ.02_037,15] Sage Ich: „Sieh, ein jeder Herr hat seine Diener, und so er sie ruft, müssen sie da sein und ihm dienen. Da Ich auch ein Herr bin, so habe auch Ich Meine Diener, die Meine Befehle der ganzen Unendlichkeit zu verkünden haben. Sie sind dir freilich nicht sichtbar, aber wohl Mir; und wo du nichts ahnest, da harren dennoch gleichfort zahllose Legionen Meiner Winke! Und solche Meine Diener sind dazu – ob sie auch noch so zart aussehen – dennoch stark genug, diese Erde, so Ich es ihnen gebieten würde, in einem Augenblick zunichte zu machen! – Nun aber sehet, dort kommen die beiden schon zurück mit der Lydia!"
[GEJ.02_037,16] Nun ergreift fast alle bei Meinem Tische ein Entsetzen, und Cyrenius sagt: „Wie ist das möglich? Die beiden können kaum noch fünfhundert Schritte von hier entfernt gewesen sein – nach Kapernaum sind von hier nahe zwei Stunden Weges –, und nun sind die beiden schon wieder da! Ach, das ist doch über alles, was ein armer Mensch auf dieser Erde je erleben kann!"
[GEJ.02_037,17] Als die Lydia, vom erstaunten Faustus überzart empfangen, an unsern Tisch gebracht ward, so fragte Cyrenius sie sogleich: „Aber holdeste Lydia, wie kamst denn du so schnell von Kapernaum hierher?! Bist du etwa schon auf dem Wege gewesen?"
[GEJ.02_037,18] Sagt Lydia: „Siehst du denn nicht die beiden Engel Gottes? Diese trugen mich mehr denn in Pfeiles Schnelle hierher. Ich sah am Wege weder Erde noch Luft, sondern dort und hier war nur ein Moment, und ich bin nun hier. Frage aber die beiden Engel; diese werden davon mehr denn ich kundzugeben verstehen."
38. Kapitel
[GEJ.02_038,01] Cyrenius wendet sich nun sogleich an die beiden Engel und fragt sie, wie da doch solches möglich wäre. Diese aber weisen allerehrfurchtsvollst mit ihren himmlisch schönsten Händen auf Mich hin und sagen mit einer höchst reinen und wohlklingenden Stimme: „Sein Wille ist unser Sein, unsere Kraft und unsere Schnelligkeit! Aus uns selbst vermögen wir nichts; so Er aber will, da nehmen wir Seinen Willen in uns auf und vermögen dann alles durch denselben. Unsere Schönheit aber, die nun dein Auge blendet, ist unsere Liebe zu Ihm, und diese Liebe ist wieder nichts als Sein Wille in uns! Wollt ihr uns aber gleich werden, so nehmet Sein lebendiges Wort auf in euer Herz und tut freiwillig danach, so werdet ihr dadurch auch gleich uns solches Seines Wortes allmächtige Kraft und Stärke in euch haben; und so Er euch dann berufen wird, zu handeln in Seinem Willen, da werden euch alle Dinge möglich sein, und ihr werdet mehr tun können denn wir, da ihr pur aus Seiner Liebe seid, während wir nur mehr Seiner Weisheit entstammen. – Nun weißt du, wie uns das, was dich in Erstaunen setzte, gar leicht möglich ist. Handle in der Zukunft vollends nach Seinem Worte, so werden dir auch gar wunderbare Dinge möglich sein!"
[GEJ.02_038,02] Cyrenius macht hier große Augen und sagt: „Also habe ich denn doch recht, so ich Jesus für den alleinigen Gott und Schöpfer der ganzen Welt halte!?"
[GEJ.02_038,03] Sagen die Engel: „Da hast du wohl recht; aber nur rede davon nicht zu laut! Und so du an Ihm Menschliches erschauest, da ärgere dich nicht; denn alles Menschliche wäre kein Menschliches, wenn es nicht von Ewigkeit zuvor Göttliches gewesen wäre. So Er Sich daher zuweilen in dir bekannten und angewöhnten Formen bewegt, so bewegt Er Sich aber dennoch in keinen Seiner unwürdigen Formen; denn jede Form, jeder Gedanke war zuvor in Ihm, ehe sie durch Seinen Willen einen außer Ihm bestehenden, freien Willen auszumachen und zu bestimmen anfingen. In der Unendlichkeit gibt es kein Ding und kein Wesen, das nicht aus Ihm hervorgegangen wäre. Diese Erde und alles, was in ihr und auf ihr lebt, ist nichts als Sein ewig gleich festgehaltener Gedanke, der durch Sein Wort zur Wahrheit ward. So Er nun, was Ihm ganz überleicht möglich wäre, diesen wesenhaften Gedanken in Seinem Gemüte und Willen fallen ließe, so wäre auch in demselben Augenblick keine Erde mehr, und alles, was sie enthält und trägt, würde ihr vernichtendes Los teilen.
[GEJ.02_038,04] Aber des Herrn Wille ist nicht wie der eines Menschen, der schlecht genug heute so und morgen anders will. Des Herrn Wille ist ewig ein und derselbe, und nichts kann diesen beugen in der von Ewigkeit her festgestellten Ordnung; aber innerhalb dieser Ordnung herrscht dennoch die größte Freiheit, und der Herr kann tun, was Er will, gleichwie auch jeder Engel und Mensch. Daß aber das also ist, kannst du an deinem höchst eigenen Wesen und an tausend andern Erscheinungen ersehen.
[GEJ.02_038,05] Du kannst in deiner persönlich wesenhaften Form tun, was du willst; daran kann dich nichts als allein dein Wille hindern. Aber die persönlich wesenhafte Form läßt durchaus keine Veränderung zu, weil sie sich unter der festen göttlichen Ordnung befindet.
[GEJ.02_038,06] Also kannst du das Äußere der Erde wohl sehr bedeutend verändern; du kannst Berge abgraben lassen, kannst den Strömen einen neuen Weg vorzeichnen; du kannst Seen austrocknen und für neue Seen Bette graben lassen; kannst über Meere Brücken bauen und die Wüste in ein gesegnetes und fruchtbares Land durch Fleiß und Mühe umgestalten, kurz, du kannst auf der Erde eine Unzahl Veränderungen zuwege bringen; – aber du kannst den Tag nicht um ein Haar länger und die Nacht nicht um ein Haar kürzer machen und kannst den Winden und Stürmen nicht gebieten.
[GEJ.02_038,07] Den Winter mußt du ertragen und dulden des Sommers Hitze, und aller Kreatur kannst du bei all deinem Wollen keine andere Gestalt und Beschaffenheit geben. Aus dem Lamme wirst du ewig keinen Löwen und aus dem Löwen ewig kein Lamm ziehen; und siehe, das ist wieder Gottes feste Ordnung, innerhalb welcher dir zwar eine große Freiheit zu handeln gegeben ist, während du die eigentliche Gottesordnung nicht um ein Haarbreit zu verrücken imstande bist.
[GEJ.02_038,08] Hier vor dir aber ist Der, der solche Ordnung von Ewigkeit her gegründet hat und sie allein wieder auflösen kann, wenn Er will. Wie aber du in solcher gefesteten Gottesordnung, die zuerst dein Sein und das Sein alles dessen, was dich umgibt, bedingt, dennoch frei bist im Denken, Wollen und Handeln, also ist der Herr um so mehr frei und kann tun, was Er will.
[GEJ.02_038,09] Wir aber sagen dir darum noch einmal: Ärgere dich deshalb nicht, so der Herr vor euch Sich in menschlicher Form bewegt; denn es ist ja jegliche Form Sein höchst eigenes Werk."
39. Kapitel
[GEJ.02_039,01] Als Cyrenius solche Lehre von den beiden Engeln vernahm, ward ihm das nun zur vollen Gewißheit, und er riet nun bei sich nicht mehr, daß Ich sicher ein höheres Wesen sei, sondern er sprach nun bei sich: „Ja, Er ist es!" Er ging darauf ganz ehrfurchtsvoll zu Mir hin und sagte zu Mir: „Herr, nun ist mir alles klar! Du bist es!
[GEJ.02_039,02] Mein Herz hatte mir das wohl schon lange gesagt; aber da traten immer wieder Deine menschlichen Formen und Bewegungen auf und machten mich bald hier, bald dort in meinem Glauben zweifeln. Aber nun sind alle meine geheimen Bedenklichkeiten aus meinem Gemüt verschwunden, und es kann nun geschehen, was da will, so werde ich in meinem Glauben wie ein Fels fest verbleiben. O wie endlos glücklich bin ich nun, daß sogar mein fleischlich Auge Den schauet, der mich erschaffen hat, und der mich nun erhält und ewig erhalten kann und wird!"
[GEJ.02_039,03] Sage Ich: „Mein liebster Freund, was du nun hast, das soll dir auch bleiben für ewig! Aber nur behalte es vorderhand für dich und für nur sehr wenige deiner eingeweihtesten Freunde; denn sprächest du nun zu offen davon, so würdest du Meiner Sache und dadurch den Menschen mehr schaden denn nützen! Zudem aber behalte auch das, daß du dich nicht ärgerst, so du hie und da Menschliches an Mir gewahrst; denn bevor alle Engel und Menschen waren, war Ich von Ewigkeit her wohl der erste Mensch und habe daher auch sicher das Recht, unter Meinen geschaffenen Menschen auch noch fortan Mensch zu sein!"
[GEJ.02_039,04] Sagt Cyrenius: „Tue, was Du willst, und Du bleibst mir dennoch ewig gleichfort Das, was Du mir nun ohne allen Zweifel bist! Aber diese beiden Engel möchte ich bis an mein irdisches Lebensende bei mir haben! Sie sind gar so schön, lieb und weise!"
[GEJ.02_039,05] Sage Ich: „Das kann nicht sein; denn du würdest ihre persönlich sichtbare Gegenwart nicht ertragen, und sie würde deiner Seele zu nichts nütze sein. Aber unsichtbar für deine irdischen Sinne sollen sie fortan deine Beschützer bleiben, wie sie es schon von deiner Geburt an waren. Für jetzt aber, da sie den heutigen Tag über hier sichtbar zu verweilen haben, kannst du noch viel mit ihnen verkehren.
[GEJ.02_039,06] Du kannst aber, wenn du sie auch nicht siehst, mit ihnen reden und kannst sie fragen um allerlei, und sie werden dir die Antwort in dein Herz legen, die du allzeit als einen klar ausgeprägten Gedanken im Herzen vernehmen wirst. Und das ist besser denn die äußere Rede! Ich sage es dir: Ein Wort, das dir ein Engel in dein eigenes Herz gelegt hat, ist für deine Seele heilsamer als tausende Worte, durch das Ohr von außen her vernommen! Denn was du im Herzen vernimmst, das ist schon dein Eigentum; was du aber von außen her vernimmst, das mußt du dir erst zu eigen machen durch die Tat nach dem vernommenen Worte.
[GEJ.02_039,07] Denn hast du das Wort im Herzen und sündigest deinem Außenwesen nach dennoch von Zeit zu Zeit, so ist dein Herz dabei nicht einstimmig und zwingt dich sobald zur Erkenntnis der Sünde und der Reue über dieselbe, und du bist schon dadurch kein Sünder mehr; hast du aber das Wort im Herzen nicht, sondern nur im Gehirne, durchs Ohr dahin gebracht, und sündigest, so sündiget das leere Herz mit und zwingt dich weder zur Erkenntnis noch zur Reue der Sünde, und die Sünde bleibt in dir, und du machst dich schuldig vor Gott und den Menschen!
[GEJ.02_039,08] Und so, Freund, ist es dir heilsamer, deine geistigen Beschützer nicht zu sehen, solange du im Leibe zu verweilen hast; wenn du aber dereinst den Leib zu verlassen haben wirst, dann wirst du sie, als selbst Geist, ohnehin für ewig zu sehen und zu greifen haben – nicht nur diese zwei, sondern zahllos viele andere."
[GEJ.02_039,09] Sagt Cyrenius: „Ich bin schon wieder zufrieden, aber heute will ich mich vollauf mit ihnen allergeistigst unterhalten!"
[GEJ.02_039,10] Sage Ich: „Aber wie wird es denn sein? Du hast ja den harten und diebischen Pharisäern verheißen bei Meinem Namen, daß du ihnen einen starken Verweis geben wirst; da wird der Nachmittag dir ja die Gesellschaft der beiden Engel entziehen!?"
[GEJ.02_039,11] Sagt Cyrenius: „Ja fürwahr, das hätte ich nahezu ganz vergessen! Ei, ei, das ist mir nun wohl sehr ungelegen! Was soll ich da tun?"
[GEJ.02_039,12] Sage Ich: „Wie wäre es denn, so Ich dich des Eides entbinde, wenn du den Pharisäern den beabsichtigten Verweis ganz erließest, da sie ohnehin an deiner gestrigen Androhung genug zu kauen haben?"
[GEJ.02_039,13] Sagt Cyrenius: „Herr, wenn es Dir genehm ist, so erlasse ich ihnen nun überaus gerne den beabsichtigten Verweis und überlasse alles Dir und dem alten Roban, der sie nach ein paar Tagen schon zurechtbringen wird."
[GEJ.02_039,14] Sage Ich: „Oh, da habe Ich sicher am allerwenigsten etwas dawider! Denn Ich habe darum schon dein Vorhaben mit den Pharisäern auf den Nachmittag verschoben, weil Ich nur zu gut wußte, daß du bald anderen Sinnes werden würdest. – Jetzt aber, da der heutige Tag sich so schön gemacht hat, wollen wir alle ans Meer hinausgehen und uns für den Mittag und Abend einige Fische holen. Wer mit will, der mache sich auf die Füße!"
40. Kapitel
[GEJ.02_040,01] Fragen Petrus und Nathanael: „Aber Herr, wir haben kein Fischzeug bei uns; wie wird das gehen? Sollen wir etwa vorauseilen und bei den Fischern am Meere ein Fischerzeug ausborgen?"
[GEJ.02_040,02] Sage Ich: „Daran hat es keine Not; aber eine andere Not hat es, und das ist euer Gedächtnis, das alle Augenblicke zu vergessen scheint, daß Ich der Herr bin, dem kein Ding unmöglich ist! Bleibet daher in der Gesellschaft, und erkläret beim Fischen dem alten Josa und dessen Familie die Kraft und Macht Gottes auch im Menschen!" – Auf diese Meine Worte ziehen sich beide zurück und denken darüber nach, wie sie so blind sein mochten, Mir mit solch einer höchst weltlichen Frage zu kommen. Selbst Josa bemerkt ihnen, daß er kaum begreife, wie sie Mich darum haben fragen können!
[GEJ.02_040,03] Sagt Nathanael: „Freund, wir beide sind gleich dir noch Menschen und als solche zu sehr an die weltlichen Verhältnisse gewöhnt, als daß aus uns nicht noch dann und wann etwas so recht Dummes zum Vorschein käme; aber für die Zukunft werden wir uns schon ganz besonders zusammennehmen! Wir waren ja von unserer Jugend auf Fischer, und so wir vom Fischen etwas vernehmen, so fallen wir leicht wieder ein wenig, des Geistigen vergessend, in unsere alten Besorgnisse zurück. Aber jetzt ist es schon wieder gut."
[GEJ.02_040,04] Es kommt aber auch die Sarah zu Mir und bittet Mich, ob sie mitgehen dürfe.
[GEJ.02_040,05] Sage Ich: „Ganz natürlich; dir zuliebe veranstalte Ich ja diese Arbeit! Du bist ja gleichfort Meine Geliebte! Warum setztest du dich denn heute beim Morgenmahle nicht an Meine Seite?"
[GEJ.02_040,06] Sagt Sarah, vor Liebe ordentlich zitternd: „Herr, ich habe mich ja nicht getraut; denke, – die drei höchsten Gebieter Roms an Deiner Seite, und ich eine arme Magd! Wo hätte ich den Mut hernehmen sollen?"
[GEJ.02_040,07] Sage Ich: „Nun, nun, Mein Liebchen, Ich habe es dir nur zu gut angemerkt, daß du viel lieber bei Mir als überall anders gewesen wärest! Oh, Mir entgeht nichts, was da vorgehet in jemandes Herzen, und Ich habe dich darum aber auch gar so überaus lieb!
[GEJ.02_040,08] Aber sage Mir nun, du Meine allerliebste Sarah, wie dir die beiden Jünglinge gefallen? Möchtest du etwa den einen oder den andern nicht lieber haben denn Mich? Denn sieh, Ich bin denn der Gestalt nach doch nicht so schön wie die beiden!"
[GEJ.02_040,09] Sagt die Sarah: „Aber Herr, Du meine ewig alleinige Liebe, wie kannst denn Du mir so etwas ansinnen? Einen ganzen Himmel voll noch tausendmal schönerer Engel nähme ich nicht um ein Haar Deines Hauptes, geschweige einen der beiden für Dich als Ganzen, voll Liebe in meinem Herzen. Wenn sie auch schön sind, so frage ich: Wer gab ihnen denn solch ihre Schönheit? Das warst ja Du! Wie aber hättest Du ihnen solch eine Schönheit geben können, wenn sie zuvor nicht in Dir gewesen wäre!?
[GEJ.02_040,10] Ich sage es Dir: Du bist für mich alles in allem, und ich lasse nimmer von Dir, und wenn Du mir darum auch alle Himmel voll der herrlichsten Engel gäbest!"
[GEJ.02_040,11] Sage Ich: „So ist es recht, so habe Ich es am liebsten! Wer Mich liebt, der muß Mich ganz und über alles lieben, so er von Mir auch über alles geliebt werden will. Siehe, die beiden Engel sind sicher überaus schön; aber du bist Mir nun auch lieber als zahllose Scharen der reinsten Engel, und darum bleibe nun nur fest bei Mir! Ich sage es dir: Du bist aus vielen eine rechte Braut von Mir! – Verstehst du das?"
[GEJ.02_040,12] Sagt die Sarah: „Herr, das verstehe ich wohl nicht! Wie sollte ich Deine Braut sein? Kann ich Dir denn das werden, was meine Mutter meinem Vater ist? Du bist der Herr Himmels und der Erde, und ich bin nur ein Geschöpf von Dir; wie sollte das zugehen, daß das Niederste sich mit dem Allerhöchsten verbinden könnte?"
[GEJ.02_040,13] Sage Ich: „Siehe, das geht ganz leicht, und zwar aus dem ganz einfachen Grunde, weil das von dir vermeinte Niederste auch aus dem Allerhöchsten hervorgegangen ist – und sonach mit Allerhöchstes ist.
[GEJ.02_040,14] Ich bin ein Baum des Lebens, und du bist seine Frucht. Die Frucht ist dem Anscheine nach freilich kleiner und unbeständiger als der Baum; aber in ihrer Mitte ruht ein aus der Frucht genährter und gereifter Same, in dem Samen aber liegen wieder Bäume derselben Art, fähig, selbst dieselben Früchte zu tragen mit wieder lebendigem Samen, aus welch einem einzelnen sie hervorgegangen sind.
[GEJ.02_040,15] Aus dem aber kannst du denn auch ganz leicht entnehmen, daß der Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf in einer gewissen Hinsicht kein gar so großer ist, als du es dir vorstellst; denn das Geschöpf selbst ist in und für sich der Wille des Schöpfers, der sicher durchaus gut und würdevoll ist. Erkennt dieser vom Schöpfer ausgegangene und unter der Form des Schöpfers Selbst frei gestellte Wille sich in seinem frei gestellten Alleinsein als das, was er im Grunde des Grundes ist, und handelt danach, so ist er seinem Schöpfer gleich und ist in seinem kleinen Maße vollkommen das, was der Schöpfer in Seinem unendlichen Maße ist; erkennt aber der vom Schöpfer frei gestellte Teilwille sich nicht als das, was er ist, so hört er darum zwar dennoch nicht auf, das zu sein, was er ist, aber er kann so lange die höchste Bestimmung nicht erreichen, bis er sich nicht als das erkannt hat, was er im Grunde des Grundes ist.
[GEJ.02_040,16] Um aber solchen frei gestellten Willensteilen, die da Menschen heißen, die Mühe der Sichselbsterkennung leichter zu machen, hat der Schöpfer zu allen Zeiten Offenbarungen, Gesetze und Lehren aus den Himmeln herab den Menschen gegeben und ist nun sogar im Fleische Selbst zur Erde gekommen, um den Menschen bei der Arbeit der Sichselbsterkennung zu helfen und ihnen für die Folge mehr Licht zu geben, auf daß ihre Mühe eine leichtere würde, als sie bis jetzt war.
[GEJ.02_040,17] Nun wirst du wohl verstehen, wie sich Schöpfer und Geschöpf zueinander verhalten, und somit auch leicht einsehen, wie du, als Mir völlig ebenbürtig, gar leicht Meine Braut und Mein Weib sein kannst, für ewig gebunden durch deine große Liebe zu Mir! – Verstehst du nun das, was Ich dir nun enthüllt habe?"
41. Kapitel
[GEJ.02_041,01] Sagt die überaus schöne und liebenswerteste Sarah: „Ja, jetzt bin ich schon mehr im klaren; aber da haben dann ja alle Töchter Evas dasselbe Recht auf Dich wie ich!?"
[GEJ.02_041,02] Sage Ich: „Allerdings, wenn sie sind, wie du nun bist; sind sie aber nicht so, da können sie wohl Meine Mägde, auch Bräute, aber dennoch nicht völlig Meine Weiber werden. Hatte aber Meines Leibes Urvater David doch auch viele Weiber gehabt und war ein Mann nach dem Herzen Gottes; warum sollte Mir das nicht freistehen, viele Weiber zu haben, da Ich doch mehr bin denn David? Und Ich sage dir noch dazu, daß Ich das Vermögen habe, so viele Weiber allerseligst zu erhalten, als es da gibt des Sandes im Meer und des Grases auf der Erde, und daß eine jede also versorgt sein wird, daß sie ewig nie einen Wunsch wird haben können, der ihr nicht aufs zuvorkommendste befriedigt würde. Wenn aber so, kann dich das dann etwa genieren, wenn Ich vielen das Glück geben will, das Ich dir in Überfülle gebe?"
[GEJ.02_041,03] Sagt die Sarah: „Du bist ja allein der Herr und bist die unbegrenzteste Liebe und Weisheit Selbst, und was Du tust, ist weise getan; aber ich kann dennoch nicht dafür, daß ich Dich gar so sterbensmächtig liebe und Dich darum wie allein besitzen möchte! Du mußt aber das meinem kindlichen Herzen schon nachsehen, das in der Liebe noch so blöde ist!"
[GEJ.02_041,04] Sage Ich: „Das ist gerade recht, sage Ich dir. Wer Mich nicht wie du völlig eifersüchtig liebt und Mich in seinem Herzen wie nahe ausschließend allein besitzen will, der hat noch keine wahre, lebendige Liebe zu Mir! Hat er aber diese nicht, so hat er auch die Fülle des Lebens nicht in sich; denn Ich bin ja das eigentlichste Leben im Menschen durch die Liebe in seiner Seele zu Mir, und diese Liebe ist Mein Geist in jedem Menschen.
[GEJ.02_041,05] Wer also die Liebe zu Mir erweckt, der erweckt seinen von Mir ihm gegebenen Geist, und da dieser Geist Ich Selbst bin und sein muß, weil es außer Mir ewig keinen andern Lebensgeist gibt, so erweckt er dadurch eben Mich Selbst in sich und ist dadurch ins ewige Leben vollauf eingeboren und kann dann hinfort ewig nimmer sterben und ewig nimmer vernichtet werden – auch durch Meine Allmacht nicht, weil er mit Mir eins ist. Ich aber kann Mich Selbst auch nicht vernichten, weil Mein unendliches Sein sich ewig nie ins Nichtsein umgestalten kann. Darum denke ja nicht, daß deine Liebe zu Mir blöde ist, sondern sie ist gerade so, wie sie sein muß! Beharre darin, so wirst du ewig keinen Tod weder sehen, noch fühlen oder schmecken!"
[GEJ.02_041,06] Diese Meine Erklärung an die Sarah machte sie so ganz glücklich, daß sie Mich mit aller Kraft umarmte und gar überaus zärtlich zu kosen begann.
[GEJ.02_041,07] Die Mutter Sarahs verwies ihr das und sagte: „Aber liebe Sarah, das schickt sich ja nicht! Geh, du bist wohl recht unartig!"
[GEJ.02_041,08] Sagt die Sarah: „Ei was, schicken oder nicht schicken! Es schickt sich auch nicht zu sterben und dann fein tot zu sein; aber wenn dann der Herr kommt und den Toten erweckt und aus dem Grabe zieht, was auch gewiß ganz höchst ungewöhnlich ist, wie schickt sich dann so etwas vor der Welt? O Mutter, den Herrn lieben vor aller Welt über alles, das schickt sich für jeden Menschen sicher am allerbesten! – Nicht wahr, Herr Jesus, ich habe recht geurteilt?!"
[GEJ.02_041,09] Sage Ich: „Ganz rechtens und vollauf wahr! Wer in der Welt sich geniert, Mich offen über alles zu lieben, da geniere dann auch Ich Mich, ihn vor allen Himmeln zu lieben und ihn zu erwecken zum ewigen Leben am jüngsten Tage!"
42. Kapitel
[GEJ.02_042,01] Es fragten aber nun auch mehrere, wann der „jüngste Tag" kommen werde.
[GEJ.02_042,02] Ich aber sagte: „Wann der ältere vergangen ist, so kommt auf den älteren Tag dann stets ein jüngster; und da Ich niemanden an einem schon vergangenen Tage erwecken kann, so muß das ganz natürlich an einem jüngsten Tage geschehen, weil dazu ein vergangener, älterer Tag unmöglich mehr zu gebrauchen ist. Ist denn nicht jeder neue Tag, den ihr erlebt, ein jüngster Tag? Oder kann etwa jemand noch einen jüngeren erleben, als da eben der ist, in dem er lebt? Seht, wir alle leben heute doch sicher in einem möglichst jüngsten Tage! Denn der gestrige kann kein jüngster mehr sein, und der morgige ist noch lange nicht da. Aus dem aber läßt sich hoffentlich doch mit Händen greifen, daß es am Ende ebenso viele jüngste Tage gibt und geben muß für jeden Menschen, als so viele er deren durchlebt hat! Ich sage es euch, daß ihr alle am jüngsten Tage sterben werdet und werdet auch unmöglich anderswann als an einem jüngsten Tage vom Tode zum Leben erweckt werden; und so ein Mensch oder alle Menschen ihm zu bestehen bekommen, so wird solches auch unmöglich an einem alten, vergangenen Tage, sondern an irgendeinem künftigen, also offenbar jüngsten Tage geschehen! Welcher dazu bestimmt wird, das ist weder von Mir noch von irgendeinem Engelsgeist zum voraus bestimmt; denn es ist dazu jeder kommende Tag ganz überaus gut und sehr brauchbar. – Versteht ihr nun das?"
[GEJ.02_042,03] Die Fragenden ziehen sich etwas verdutzt zurück und sagen: „Wahrlich, die Sache ist so klar wie die reinste Luft, und doch mochte unsere Dummheit fragen!? Es ist wahrlich mit Händen zu kneipen und zu greifen! So wir gar oft von den alten Tagen reden, so muß es ja auch junge und jüngste geben! Es ist, ist, ist, ist – das doch sehr dumm von uns gewesen! Es gehört von Seiner unendlich weisen Seite wahrlich unendlich viel Geduld dazu, um uns zu ertragen!"
[GEJ.02_042,04] Sagt die Sarah, ein wenig lächelnd: „Ja, der Herr hat wohl die größte Geduld mit uns allen! Aber was ein jüngster Tag ist, und wann er kommen werde, das habe ich schon in der Wiege gewußt; und hatte mich jemand darum gefragt, so sagte ich allzeit: ,Morgen wird der jüngste Tag kommen!‘ Habt ihr denn das im Ernste nicht gewußt?"
[GEJ.02_042,05] Sagen die, die gefragt haben: „Ja, ja, wir waren richtig so dumm, es nicht zu wissen, und hatten immer eine schreckliche Furcht vor solch einem einst kommen sollenden Tage! Nun sind wir freilich darüber im klaren; aber nun schämen wir uns auch ganz ordentlich, daß uns so etwas hat entgehen können, was doch so klar vor jedermanns Augen und Ohren liegt!"
[GEJ.02_042,06] Sage Ich: „Machet euch nichts daraus; denn es ist dies dennoch ein Stein, über den in der Zukunft noch viele tausendmal Tausende fallen werden und werden darüber viel weissagen und schreiben und predigen dem blinden Volke.
[GEJ.02_042,07] Nun aber sehen wir, wie wir mit den Fischen zurechtkommen werden; denn wie ihr sehet, so stehen wir bereits am Meeresstrande, und Fischerboote sind in Menge zu unserem Gebrauch hier vorrätig. An Netzen und andern zum Fischfange nötigen Geräten fehlt es auch nicht; und so können wir sogleich an die Sache gehen. Die beiden Jünglinge, mit denen sich Cyrenius noch sehr eifrig bespricht, sollen uns auch gute Dienste leisten! Legen wir sonach gleich unsere Hände ans Werk!"
43. Kapitel
[GEJ.02_043,01] Es fingen aber nun alle an, sich zu wundern, da sie nicht wußten, wie sie von Meinem Hause hierher ans Meer gekommen sind.
[GEJ.02_043,02] Ich aber sagte: „Wie möget ihr euch noch wundern?! Habt ihr denn nicht schon einige Male Ähnliches bei Mir erlebt? Daß sich der alte Josa mit seinen Kindern und Kindeskindern wundert, ist begreiflich; aber bei euch, Meinen nun schon vielerfahrenen Jüngern, ist es eigentlich unbegreiflich, wie ihr euch noch verwundern könnet, da ihr doch schon nur zu klar einsehen solltet, daß Mir kein Ding unmöglich ist und sein kann!
[GEJ.02_043,03] Seht, Ich sagte nicht umsonst ,unbegreiflich‘; denn jede Verwunderung über irgendeine von Mir vollführte außerordentliche Tat setzt auch irgendeinen kleinen, noch immer irgendwo in der Seele versteckten Unglauben voraus. Der Mensch bezweifelt im voraus die Möglichkeit irgendeiner besonderen Tat oder Erscheinung; so aber die Tat trotz seines Zweifels dennoch vollführt wird, so steht dann der am Gelingen derselben zweifelnde Zeuge verblüfft da, staunt und fragt: ,Wie war denn das möglich?‘ Was sagt er aber mit solcher Frage? Ich sage es euch, nichts als: ,Ich zweifelte an der Möglichkeit des Gelingens, und doch ist es gelungen! Das ist merkwürdig und sonderbar!‘
[GEJ.02_043,04] So ein Laie sich also verwundert, so ist das wohl begreiflich; aber wenn Tiefeingeweihte sich noch wundern, so zeigen sie dadurch an, daß sie selbst auch noch sehr zu denen gehören, die mit Recht ,Laien‘ genannt werden! Wundert euch daher in der Folge besonders vor den Fremden nicht mehr, wenn Ich irgendeine außerordentliche Tat vollführe, auf daß euch die Fremden nicht auch für Mitfremde ansehen!"
[GEJ.02_043,05] Sagen die Jünger: „Herr, Du weißt es ja, daß wir Dich über alles liebhaben und gar wohl wissen, wer und was Du bist; aber trotz alledem können wir denn doch oft nicht umhin, uns über ein neues Wunder auch wieder von neuem zu verwundern, weil Deine offenbarsten Wundertaten zumeist so ganz unerwartet und unvorbereitet kommen, daß man bei aller Fassung und allem Glauben denn doch ein wenig verblüfft dastehen muß. – Siehe, man hat ja auch oft genug die Sonne auf- und untergehen sehen; aber wo ist oder wo lebt wohl der Mensch von einem nur einigermaßen besseren Gefühle, dem nicht ein jeder neue, herrliche Sonnenaufgang irgendeine Verwunderung abnötigen möchte?! Und siehe, Herr, so ist es auch mit uns! Du bist aber endlos mehr denn zahllos viele Sonnenaufgänge und wollest uns daher schon ein wenig solche Fehler nachsehen, die stets von neuem mit Dich über alles liebenden Herzen zu begehen wir im Grunde des Grundes von Dir genötigt werden."
[GEJ.02_043,06] Sage Ich: „Nun, nun, es ist schon alles wieder gut; aber in Zukunft beachtet solchen Meinen Rat der Fremden wegen, damit diese in euch Meine wahren Jünger erkennen! – Nun aber gehen wir ans Fischen! Es werden dabei auch wieder kleine Wunder geschehen; aber ihr tut dabei, als wären das keine Wunder! Die Fremden sollen sie selbst finden und beurteilen, ob das ganz gewöhnliche, oder ob es außerordentliche Taten sind!"
[GEJ.02_043,07] Nach dieser nötigen Belehrung bestiegen die Jünger eilends die Boote, spannten die Netze aus und warfen sie ins Wasser nach der Kunst der Fischer, und machten einen Zug um den andern; aber der Fang war sehr wenig ergiebig.
[GEJ.02_043,08] Petrus bemerkte, daß da der ziemlich heftige Westwind ungünstig wirke und die Fische zu Boden treibe.
[GEJ.02_043,09] Ein anderer bemerkte wieder, daß man vor dem Abende nicht viel ausrichten werde; die Sonne scheine, durch kein Wölklein getrübt, zu heftig, und die Fische eilten darum der Tiefe zu, weil sie das heftige Licht nicht ertrügen.
[GEJ.02_043,10] Nun bestiegen aber auch die zwei Jünglinge zwei Boote, spannten ein großes Netz und stießen mächtig weit in die See hinaus.
[GEJ.02_043,11] Da sprach Andreas, der auch ein Meister im Fischen war: „Wenn die nicht wunderbarerweise durch ihre geistige Macht Fische in ihr Netz treiben, so können sie draußen auf der hohen See wohl zehn Jahre lang fischen, und sie werden nicht ein Stück ans Ufer bringen!"
[GEJ.02_043,12] Aber die beiden Jünglinge machen einen heftigen Zug, sind bald am Ufer und bringen bei dreißig gute Stücke ans Land.
[GEJ.02_043,13] Da sagt Andreas: „Das ist zwar kein Wunder, aber sonst dennoch recht viel, von der hohen See her dreißig Stück Waller (Welse) zu fangen."
[GEJ.02_043,14] Endlich bestieg auch Ich ein Boot, die mutige Sarah aber auch eines. Wir spannten ein ziemlich großes Netz und ließen es ins Wasser. Als wir einen kleinen Zug unfern des Ufers taten, hatte sich das Netz schon mit fünfhundert Stück Lachsen, Salmen und Wallern gefüllt, so daß die beiden Jünglinge der Sarah zu Hilfe eilen mußten, weil sie das Netz sonst nicht hätte halten können. Die Fische wurden alsbald ans Land und da in die vielen Lägel gebracht, die hier auch in hinreichender Menge vorhanden waren.
[GEJ.02_043,15] Die Jünger aber machten noch einen Zug, und als sie das Netz ans Land zogen, fanden sie wieder nur wenige und das nur kleine Fischlein im Netze.
[GEJ.02_043,16] Petrus sagte: „Nun habe ich für heute wohl den letzten Zug getan! Es zahlt das ja bei weitem die Mühe nicht, die ein solcher Zug verursacht, daß man als ein alter, erfahrener Fischer nur ein Boot besteigt!" – Darauf wollte er diese kleinen Fische wieder ins Meer zurückwerfen lassen.
[GEJ.02_043,17] Aber Ich sagte zu ihm: „Behalte, was du gefangen hast; denn die kleinen Fische sind oft recht gute Fische und sind Mir lieber denn die großen, die nicht selten ein zähes und schwer verdauliches Fleisch haben. Merke dir aber diese entsprechende Erscheinung!
[GEJ.02_043,18] Wenn du als Menschenfischer hinausgehen wirst, so laß es dich nicht verdrießen, so in das Netz des Evangeliums sich kleine Fischlein einfangen lassen werden; denn wahrlich, Mir sind sie lieber denn die großen! Alles aber, was da groß und wertvoll ist vor der Welt, ist in einer gewissen Hinsicht vor Mir ein Greuel! – Lassen wir aber nun die Fischerei, und begeben wir uns wieder nach Hause! Für heute und morgen sind wir versorgt; der Nachsabbat wird sich dann, so es not täte, schon wieder versorgen."
[GEJ.02_043,19] Man zog nun alle Netze ein und brachte noch eine Menge von allerlei Fischen ans Land, gab sie in die Lägel und schaffte sie auf Karren und Tragen in den ziemlich großen Fischbehälter bei Meinem Hause, den seinerzeit Joseph selbst angelegt hatte.
44. Kapitel
[GEJ.02_044,01] Als wir von der Fischerei etwa eine Stunde nach dem Mittage nach Hause kamen, wartete abermals ein gutes Mittagsmahl unser, das nun wieder Borus, der darum nicht mit uns fischen ging, hatte zubereiten lassen; denn es war dies seine größte Freude, für recht viele Menschen Gastmähler zu bereiten, und besonders gern kochte er mit seinen Köchen und Köchinnen im Freien. Er war auch dazu wie ein Kisjonah reich genug, um täglich wenigstens sechs- bis siebentausend Menschen zu speisen und zu tränken mit bestem Weine. Denn fürs erste war er der Sohn eines überaus reichen Griechen aus Athen, der aber auch in Asien große Besitzungen und auch mehrere kleine Inseln in seinem Besitze hatte; fürs zweite war er der einzige Erbe solcher großen und weitausgedehnten Besitzungen; und fürs dritte war er der bei weitem geschickteste Arzt vom ganzen Judenlande und verdiente sich durch seine Kunst, besonders von den großen und reichen Häuptern, große Summen Goldes und Silbers, wogegen er wieder den armen Kranken ganz umsonst alle mögliche Pflege zukommen ließ und daher von diesen als des Landes größter Wohltäter gepriesen war.
[GEJ.02_044,02] Zu alledem war er ledig, hatte weder Weib noch Kinder und hatte aber dennoch eine große Freude, arme junge Männer mit eben wieder jungen und gesunden Mädchen zu verbinden und zu segnen mit Wort und einer genügenden Aussteuer. Und so war er denn auch jetzt in seinem allerglänzendst besten Humor, weil er heimlich der Meinung war, Ich würde die überschöne und überzarte Sarah im Ernste ehelichen.
[GEJ.02_044,03] Als wir alle voll guten Mutes bei Tische saßen, aßen und tranken, da kam er und fragte Mich so ganz heimlich, ob da etwa doch etwas daraus würde!?
[GEJ.02_044,04] Erwiderte Ich ihm: „Liebster Freund und Bruder! Dein übergutes und edelstes Herz ist Mir nun zu bekannt. Ich weiß nur zu gut, daß du nur dann über Hals und Kopf glücklich bist in deiner Seele, so du andere glücklich gemacht hast. An dich hast du noch kaum je gedacht, und weil du zwischen Mir und der schönsten Sarah eine wirklich beachtenswerte große Liebe bemerkt und auch vernommen hast, wie wir heute vormittag von Braut und Weib geredet haben, so bist du bei dir heimlich der fröhlichen Meinung einer zwischen Mir und der schönsten Sarah sehr nahe bevorstehenden ehelichen Verbindung geworden. Aber Ich sage dir: da bist du in einer kleinen Irre! Denn siehe, so viele Weiber da auf der Erde leben, gelebt haben und noch leben werden, sie alle sind, so sie einen reinen Lebenswandel führen, mehr oder weniger Meine Bräute, und auch ebensogut Meine Weiber; aber solch eine noch so innigste Verbindung mit Mir hindert sie niemals, eines ordentlichen Mannes Weib zu werden, – und ein ganz notwendig gleiches Verhältnis findet soeben zwischen Mir und der allerliebsten Sarah statt. Aber sie kann darob ganz gut dein Weib werden, und doch im Geiste jetzt wie für ewig Mein wahrhaftigstes Weib sein!
[GEJ.02_044,05] Ich meine aber nun also: Da du schon so vielen biederen Männern, wenn sie auch noch so arm waren, zu lieben und braven Weibern verholfen hast, was die jungen, noch wie immer bei der Jugend, brennenden Männer wohl für ein größtes Glück hielten, so will denn auch Ich dir zu einem solchen Glück verhelfen! Siehe, gerade diese wahrhaft himmlisch schöne Sarah soll dein Weib werden! Du hast Mich verteidigt nach ihrer ersten Erweckung, als sie zum zweiten Mal auf dem Sterbebette lag, und Ich habe sie für dich erweckt zum andern Male und habe sie schon damals dir zum gebührenden Lohn bestimmt. Wie sie nun aussieht, so wird sie aussehen in ihrem siebzigsten Lebensjahre; dieses Kind wird nicht altern auf dieser Erde! Siehe an die beiden Engel, mit denen Cyrenius nun spricht, ob sie so schön sind wie dieses Mädchen! Sage Mir aufrichtig, ob du diese allerliebste Sarah denn doch nicht schon einige Male sehr bedeutungsvoll angeschaut hast, und ob dabei dein Herz gar nichts empfunden hat!"
[GEJ.02_044,06] Sagt Borus etwas verlegen: „Herr, vor Dir das zu verbergen, wäre eine allerreinste Unmöglichkeit! Daher sage ich es lieber ganz frei heraus: Sarah ist das einzige Wesen auf der Erde, das ich denn doch lieber selbst besäße, als daß ich jemand anderm zu ihrem Besitze verhülfe! Ich bin zwar auch schon stark über die dreißig Jahre hinaus, und sie kann erst sechzehn Frühlinge zählen; aber mein Herz scheint da noch kaum ihr schönstes Alter erreicht zu haben. So sie möglicherweise doch mein Weib würde, so liebte ich sie tausendfach mehr denn mein eigenes Leben!"
[GEJ.02_044,07] Sarah hatte diesem Gespräch heimlich sehr aufmerksam zugehört, und als Ich sie darauf ansah und fragte, wie ihr diese Unterredung zwischen Mir und dem stattlich aussehenden Borus gefallen habe, schlug sie, etwas schamrot, die Augen nieder und sagte nach einer Weile: „Aber so mußt Du denn doch alles bemerken! Ich habe den lieben Borus ja nur ein einziges Mal so ganz flüchtig angeschaut, weil er ein gar so lieber und überaus dienstfertiger Mann ist!"
[GEJ.02_044,08] Sage Ich, so mehr im scherzhaften Tone: „Aber in deinem Herzen hast du ihn, wenn Ich Mich nicht irre, schon etliche Male angeschaut!?"
[GEJ.02_044,09] Sagt Sarah, noch mehr ihr Gesicht verdeckend: „Aber Herr, Du fängst ja ganz ordentlich an, ein wenig schlimm zu werden! Daß aber Du doch um alles wissen mußt!?"
[GEJ.02_044,10] Sage Ich: „Sarah, wenn es also darauf und darum ankäme und er dich darum so recht herzlich um deine schönste Hand bäte, würdest du sie ihm verweigern?"
[GEJ.02_044,11] Sagt Sarah, ganz angenehm verblüfft über solch eine Frage: „Wenn ich das nicht täte, wie könnte ich dann Dein Weib werden? Lieben kann ich ja doch nur Dich, obschon ich vor Dir auch offen bekennen muß, daß ich den guten Borus überaus hochachte und schätze; denn er scheint mir nach Dir wohl der beste Mensch im ganzen Judenlande zu sein, obwohl er von Geburt aus ein Grieche ist und erst bloß der Wissenschaft, aber nicht der Beschneidung nach ein Jude geworden ist, seit kurzem erst."
[GEJ.02_044,12] Sage Ich: „Nun ja, die Sache wird sich schon machen! Denke nur ein wenig nach, und sieh da uns gegenüber die Lydia an, die auch gleichfort Mein Weib ist geistig, aber dem Leibe nach dennoch als Weib dem biederen Faustus angehört! Unser Verhältnis aber stört das nicht im geringsten; denn du bleibst nach wie vor Meine Braut und Mein himmlisches Weib."
[GEJ.02_044,13] Sagt nach einer Weile die Sarah: „Wenn es denn auch mir genehm wäre, dem guten Borus meine Hand zu reichen, so weiß ich ja doch nicht, was meine irdischen Eltern dazu sagen! Diese müßte ich denn doch auch fragen! Ich möchte zwar wohl schon darum den guten Borus, weil Du es gerne sähest; aber den Vater und die Mutter sollte man denn doch auch fragen!"
[GEJ.02_044,14] Sage Ich: „Nun ja, siehe hin, die sind schon gefragt worden und stimmen ganz mit Mir überein; aber Ich nötige dich durchaus nicht dazu. Dir bleibt dein völlig freier Wille!"
[GEJ.02_044,15] Sagt die Sarah, stets mehr verlegen: „Herr, – ja, daß ich es wohl weiß, – aber – ich, – ja, ja, ich – möchte aber – aber – doch nicht!"
[GEJ.02_044,16] Sage Ich: „Was möchtest du nicht?"
[GEJ.02_044,17] Sagt Sarah: „Ei, ei, Du bringst mich aber nun schon in eine ungeheure Verlegenheit! Ach, wenn ich doch den sonst gar so lieben Borus nur nicht angeschaut hätte!"
[GEJ.02_044,18] Frage Ich: „Ja, jetzt hast du Mir aber noch nicht gesagt, was es eigentlich ist, das du nicht möchtest! Also, geh, liebste Sarah, sage es mutig heraus, was das ist, was du so ganz eigentlich nicht möchtest!"
[GEJ.02_044,19] Sagt Sarah: „Aber Herr, wie magst Du mich noch fragen!? Weißt es ja ohnehin, was es ist, das ich nicht möchte! Laß Du mich raten, und ich werde durch ein leises Kopfnicken Dir schon zu erkennen geben, was das sei, was ich nicht möchte!"
[GEJ.02_044,20] Sage Ich: „Nun denn, weil du es willst, so will Ich dich erraten lassen, was Ich meine, was das sei, das du nicht möchtest. Und so höre denn: Du möchtest gewiß nicht, daß etwa der gute Borus darum aus Gram krank würde, so du ihm deine schöne Hand nicht reichtest!?"
[GEJ.02_044,21] Steht die Sarah auf und klopft Mir mit ihrer Hand auf Meine Schulter und sagt, zum Schein sanft ärgerlich: „Ehhh – heißt denn das raten lassen, wenn man gleich mit – hätte mich bald versprochen!"
[GEJ.02_044,22] Sage Ich: „Nun, – nur heraus mit der Wahrheit!"
[GEJ.02_044,23] Sagt Sarah: „Nun ja, hast so schon gesagt ,Mit der Wahrheit‘; ist aber auch wahr, daß das nicht ,raten‘ heißt, wenn man gleich mit der Wahrheit herauskommt!"
[GEJ.02_044,24] Sage Ich: „Nun sieh, Ich wußte es ja, daß du für Meinen liebsten Freund Borus mehr Sinn hast, als du es uns äußerlich wolltest merken lassen! Aber es ist das schon alles recht also! Das Mädchen soll bis auf den letzten Augenblick nur höchst wenig merken lassen, daß sie zu einem Manne eine besondere Neigung in ihrem Herzen trägt; erst wenn es sich um einen vollen Ernst handelt, soll sie dem Mann, der sie zum Weibe nehmen will, ihr Herz eröffnen, – sonst verlockt sie ihn vor der Zeit, und so dann möglicherweise sich Hindernisse erheben, da macht sie dann traurig sein Herz und unruhig sein Gemüt! Und das alles ist dann von großem Übel."
[GEJ.02_044,25] Sagt die Sarah: „Aber Herr, das alles habe aber ich doch nicht getan!?"
[GEJ.02_044,26] Sage Ich: „Nein, nein liebste Sarah; darum habe Ich dich ja als ein Muster belobt! – Jetzt kannst du dem lieben Borus aber schon nach und nach sagen, wie es dir so ganz eigentlich ums Herz ist!"
[GEJ.02_044,27] Sagt die Sarah: „Ach, – jetzt sage ich's ihm noch nicht; wenn er erst mein Gemahl ist, dann ist es schon noch Zeit!"
[GEJ.02_044,28] Sage Ich: „Wenn er aber von Mir aus zum Beispiel schon dein Gemahl wäre, wie dann?"
[GEJ.02_044,29] Sagt die Sarah, heimlich fröhlich überrascht: „Nun ja, wie dann? – Nun ja, dann – – dann – nun ja, – dann – müßte ich ihm freilich mein Herz vollends enthüllen!"
[GEJ.02_044,30] Sage Ich zum Borus: „Sieh, wie unbeschreiblich lieb sie ist! Nimm sie, liebe recht und pflege sie wie eine zarteste Pflanze; denn Ich gebe sie dir aus den Himmeln als einen wohlverdienten Lohn. Gehet hin zu den Eltern, auf daß sie euch segnen, und kommet dann zu Mir, daß auch Ich euch nochmals segne!"
[GEJ.02_044,31] Borus dankt Mir, vor lauter Freude kaum reden könnend, und die Sarah erhebt sich gar züchtig von ihrem Sitze und sagt mit fröhlich erregter Stimme: „Herr, nur weil Du es also willst, tue ich es gerne; wäre es Dein Wille, so hätte ich dennoch gegen mein Herz gekämpft, – aber so danke auch ich Dir für den besten Mann vom ganzen Judenlande!"
[GEJ.02_044,32] Nach diesen Worten begeben sich beide zu dem Elternpaare hin und bitten es um den Segen, und als dieser ihnen mit allen Freuden zuteil wird, so kehren sie sogleich wieder zu Mir zurück; und Ich segne sie auch sogleich zu einer wahren, auch für alle Himmel gültigen Ehe, wofür Mir dann beide mit dem gerührtesten Herzen vollauf danken.
[GEJ.02_044,33] Es ist also hier eine ganz unvermutete Ehe geschlossen, die als eine der glücklichsten auf der ganzen Erde zu finden sein möchte. Und es geht daraus hervor, daß jemand das, was er Mir völlig zum Opfer bringt, nie verliert, sondern voll des höchsten Segens wiedererhält, und das allemal zu einer Zeit, in der er es sicher am wenigsten vermutet. Borus war in die Sarah überaus verliebt und hätte alle Schätze der Welt um sie gegeben, so man sie von ihm gefordert hätte; denn ihre wunderbare Schönheit, besonders nach der zweiten Erweckung, war für den Borus etwas, das er nicht beschreiben konnte, – und doch opferte er sie Mir ganz und wollte mit allem, was ihm zu Gebote stünde, Meinen vermeinten Hochzeitstag feiern. Ebenso fühlte auch Sarah überaus viel für den Borus, opferte ihn aber auch ganz Mir und wollte entschieden nur Mir allein angehören. Aber da wandte Ich das Blättchen auf einmal um und gab beiden, was sie Mir wahrlich von ganzem Herzen gegeben hatten. – Wer so handelt wie diese beiden, dem werde Ich auch tun wie diesen beiden!
[GEJ.02_044,34] Dies zur Belehrung für jedermann, der dies hören oder selbst lesen wird; denn auf diesem Wege kann man von Mir alles erlangen. Wer Mir alles opfert, dem opfere dann auch Ich alles; wer aber reichlich opfert, aber dabei dennoch vieles für sich zurückbehält, dem wird nur das wiedergegeben, was er geopfert hat. – Und nun wieder zur Sache!
45. Kapitel
[GEJ.02_045,01] Nach dieser recht herrlichen Begebenheit trat abermals Cyrenius zu Mir und sagte: „Herr, ich habe mich über manche Dinge mit beiden Engeln besprochen; aber ich habe aus allem, was sie mir sagten, nichts anderes gelernt, als was ich durch Deine Güte und Gnade schon ohnehin gewußt habe. Da hat also nichts Neues herausgeschaut! Aber was mich wenigstens sehr gewundert hat, ist, daß die beiden unbeschreiblich schönen Jünglinge gewisserart so ganz kalt sind für alles, was da vor sich geht! Sie sprechen voll tiefster Weisheit, und der Klang ihrer Stimme übertrifft die reizendste Harmonie der Äolslyra; aus ihren Mienen lächelt gleichfort ein reinstes Morgenrot; ihr Hauch duftet wie Rosen, Jasmin und Ambra; ihre Haare sind wie reinstes Gold, und ihre alabasterweißen Hände sind so rund und im vollüppigsten Ebenmaße so zart, daß ich auf der Erde dafür wahrlich keinen Vergleich finden kann; ihre Brust ist im vollendetsten Maße gleich der einer aufblühenden Jungfrau, wie ich nur eine einzige einmal in einer Gegend am Pontus gesehen habe; und ebenso schön und strotzend üppig im herrlichsten Ebenmaße sind ihre Füße; kurz, – man könnte vor lauter Liebe zu diesen beiden Wesen ganz rasend werden! Aber bei all diesen glorieartigen, unbeschreiblichen Vorzügen, aus denen nichts als Liebe und wieder tausendfache Liebe duftet, womit sie sogar den härtesten Stein zu Wachs erweichen müßten, sind sie dennoch so kalt und teilnahmslos wie eine marmorne Statue im höchsten Winter! Und das macht mich nahezu auch so kalt, als wie kalt da die beiden sind.
[GEJ.02_045,02] Sie haben zwar durchaus nichts von sich Abstoßendes, weder in der Rede noch in der Gebärde; aber es rührt sie nichts und bringt sie auch nichts aus ihrer überstoischen Gleichgültigkeit gegen alles, was ist und geschieht. Sie äußern sich über Dich Selbst zwar in großer Weisheitstiefe, aber mir kommt ihre Rede vor wie das Herablesen eines Briefes in einer Sprache, die man nicht versteht.
[GEJ.02_045,03] Sage mir doch, wie denn das bei den zwei reinst himmlischen Wesen möglich ist! Ist denn das der reinen Geister Sitte in Deinen Himmeln?"
[GEJ.02_045,04] Sage Ich: „Das wohl mitnichten! Aber diese beiden verhalten sich hier nur darum also, weil sie sich also verhalten müssen; sie aber haben für sich dennoch den vollkommenst freien Willen und ein Herz voll der heftigsten Liebesglut, die dich im Augenblick verzehren würde, so sich die beiden dir gegenüber ihrer Liebe entäußern würden!
[GEJ.02_045,05] Der irdische Mensch kann wohl die höchste Weisheitstiefe der Engel ertragen, aber ihre Liebe nur dann, wenn er in seinem Herzen ihrer Liebe gleichgekommen ist.
[GEJ.02_045,06] Daß die Sache sich aber also verhält, kannst du schon aus den ganz natürlichen Verhältnissen des irdischen Feuers und Lichtes ganz leicht ersehen. Das Licht kannst du ertragen wohl, das der Flamme entströmt; kannst du darum aber auch die Flamme selbst, die das Licht gibt, ertragen?
[GEJ.02_045,07] Die Sonne hat für die Welt doch sicher das stärkste Licht, und du kannst es noch ganz behaglich ertragen! Und wenn sich mit der Zunahme des Lichtes auch die Wärme mehrt, so wirst du das Licht freilich wohl schwerer ertragen; aber könntest du mit deinem Leibe auch gleich einem Engel in der über alle deine Begriffe lichtglühenden Sonnenluft bestehen? Ich sage es dir: Diese Sonnenluft würde die ganze Erde samt allem, was sie trägt, in einem Augenblick also zerstören, als wie da zerstört wird ein Tropfen Wassers, so er auf ein weißglühendes Erz fällt!
[GEJ.02_045,08] Wer in solchem Licht und Feuer bestehen will, der muß zuvor selbst das gleiche Licht und Feuer sein! Und sieh, aus eben diesem Grunde können die beiden Engel sich ihrer Liebe dir gegenüber nicht entäußern, weil dich ihre zu mächtige Liebe verzehren würde! – Verstehst du das?"
[GEJ.02_045,09] Sagt Cyrenius: „Beinahe verstehe ich es, aber so ganz klar dennoch nicht – wie so manches andere! Denn wie mich eine zu große Liebe töten könnte, will mir noch nicht recht einleuchten!"
[GEJ.02_045,10] Sage Ich: „Nun denn, so soll dir auch das soviel nur immer möglich einleuchtend gemacht werden, und so höre denn: Du hast eben auch einen Sohn und eine überaus liebenswürdige Tochter. Diese beiden Kinder liebst du nahe fabelhaft stark; ja, dein Herz kann vor lauter Liebe kaum beurteilen, wie mächtig es die beiden Kinder liebt, weil es von den Kindern wieder überaus mächtig geliebt wird. Aber nun stelle dir so recht lebendig vor, als wären dir die beiden Kinder gestorben, und frage dein Herz, ob es den Schmerz über solch einen Verlust wohl ertragen würde! Siehe, dich ergreift schon jetzt ein förmliches Fieber, wo Ich den möglichen Fall bloß als ein Beispiel aufgestellt habe! Wie würde es dir ergehen im Falle der Wirklichkeit? Ich sage es dir, wie Ich dein Herz kenne, daß du den Schmerz nicht drei Stunden lang ertrügest; er würde dich unfehlbar töten!
[GEJ.02_045,11] Nun, was aber ist die Liebe und die Liebenswürdigkeit deiner Kinder gegen die Liebe und allerfreundlichste Liebenswürdigkeit dieser zwei Himmelsboten!? Wenn diese beiden dich nur ein wenig mit einem liebenden Auge ansähen und gäben dir nur einen Finger zum Kosen, so würde die Liebe in deinem eigenen Herzen sich zu einer solchen Mächtigkeit steigern, daß du solche nicht viele Augenblicke ertragen könntest; und verließen dich dann die Engel auch nur scheinbar, so würde sich dann deines Herzens eine solche Trauer bemächtigen, daß du darob sterben müßtest!
[GEJ.02_045,12] Denn siehe, so schön nun auch diese Meine beiden Lieblingsengel sind, so ist solch ihre Schönheit doch nichts gegen jene von ihnen, wenn ihr Wesen von Meiner Liebe in ihrem Herzen so ganz durchdrungen wird! Ich sage es dir: da verschwindet endlos weit zurück alles, was die Welt Schönes und Liebes aufzuweisen hat! – Nun meine Ich, daß du Mich wohl wirst verstanden haben!?"
46. Kapitel
[GEJ.02_046,01] Sagt Cyrenius: „Ja, Du mein Herr und offenbarst mein Gott, nun verstehe ich auch das wieder; ihre scheinbare Kälte ist dennoch pur Liebe!
[GEJ.02_046,02] Ich entsinne mich da der Mythe von einer Jungfrau, die durch sonderbare Fügungen der Kräfte der Natur wohl unbegreiflich schön und reizend war. Das merkten die Jünglinge, Männer und Greise und gerieten bald in einen großen Kampf, damit es sich entscheide, wessen Weib sie würde. Aber der Kämpfer Schar mehrte sich von Tag zu Tag zum Verderben der vielen Kämpfenden. Da man endlich sah, daß man da mit dem Kampfe auf Leben und Tod nimmer zum Ziele gelangen konnte, so trafen die Kämpfer endlich unter sich dahin das Übereinkommen und sprachen: ,Dies Wesen gehört nicht dieser Erde an, sondern den hohen Himmeln, und ist eine Göttin! Daher müssen hier hohe Opfer entscheiden! Wem aus den vielen Opfernden sie ihre schönste Hand reichen wird, der soll sie dann fürderhin ungestört besitzen!‘ Und man brachte auf diesen Beschluß von allen Seiten her unermeßliche Schätze zum Opfer und gab ihr göttliche Verehrung. Die Adoration (Anbetung) dieser Schönheit ging am Ende so weit, daß man die Verehrung und Anbetung der Götter gänzlich beiseite setzte. Darob erzürnten sich die Götter und gaben der schönen Jungfrau einen noch größeren Reiz, machten aber dafür ihren Odem giftig, daß davon ein jeder, der von ihr nur in die Ferne hin angehaucht wurde, besinnungslos zu Boden fiel und stundenlang in solcher Betäubung liegenblieb; dazu gaben sie in der Jungfrau Zunge einen überaus tödlich giftigen Stachel, mit dem sie nach Willkür jeden töten konnte, der sich, als ihr mißliebig, ihrem Munde nahte.
[GEJ.02_046,03] Als aber einer kam, ein Jüngling von blühend schönster Gestalt, da ward es auf einmal lebendig im Herzen der Jungfrau; aber was sollte sie tun, um ihn zu lieben, da sie darin sicher ist, von dem Jüngling glühend geliebt zu werden? Kehrt sie ihm ihr Antlitz zu, so wird ihr Liebling betäubt zu Boden sinken; küßt sie ihn, so wird er sterben. Sie wandte darum aus Liebe ihr Antlitz vom Jünglinge ab und stellte sich kalt gegen ihn, auf daß er sich ja nicht ihrem Munde nähern möchte. Auf daß ihr sonach ihr Liebling nicht stürbe, mußte sie ihn mit der scheinbar möglichsten Kälte lieben.
[GEJ.02_046,04] Und so, dieser Mythe völlig ähnlich, lieben diese beiden Jünglinge denn auch die Menschen dieser armseligen Erde mit der scheinbar größten Kälte, weil sie nur zu gut wissen, daß die Menschen die Liebesglut ihrer himmlischen Herzen nicht ertrügen!"
[GEJ.02_046,05] Sage Ich: „Ja, ja, also ist es; nur ist natürlich ihr Odem nicht giftig, und ihre Zunge führt keinen tödlichen Stachel; sondern ihr Odem belebt, und ihre Zunge segnet die Erde."
[GEJ.02_046,06] Hier trat wieder Borus mit der Sarah zu Mir und fragte Mich, was er denn doch tun müßte, um sich für diese überschwenglich große Gnade dankbarer zeigen zu können, als solches bis auf diesen, für ihn überglücklichen Augenblick der Fall war!
[GEJ.02_046,07] Sage Ich: „Sage Mir, du Mein Freund und Bruder, wo ist denn der Mensch, der von seiner Kindheit an Mir mehr zugetan gewesen wäre als du!? Du warst als Knabe Mein täglicher Gefährte und tatest Mir, was du nur Meinen Augen ansahest, daß es Mir eine Freude wäre. Wann du alle Jahre mit deinen Eltern auf deren Besitzungen in Griechenland zogst und nach etlichen Wochen wieder heimkehrtest, so war stets Ich der erste, den du besuchtest, und dem du allerlei gute und oft recht kostbar schöne Sachen als Geschenk mitbrachtest, und du bist nicht ärgerlich geworden, als Ich einmal einen Mir geschenkten silbernen Dianatempel mit einem Hammer zerschlug und verbot, Mir je so etwas wieder zum Geschenke zu bringen!
[GEJ.02_046,08] Als Ich ein Jüngling ward und fast niemand auf Mich achtete, warst du der einzige, der sich gleichblieb; und wie du allzeit warst, so bist du noch und wirst auch also bleiben. Darum habe Ich dir hiermit nichts als einen schon seit vielen Jahren schuldigen Gegenfreundschaftsdienst erwiesen. Mache darum nicht viel Aufhebens davon! Du hast das sicher liebenswerteste junge und schöne, wie auch geistig geweckteste Weib bekommen – und die Sarah an dir den besten, treuesten und in jeder Hinsicht den reichsten und angesehensten Mann. An Meinem Segen in jeder guten Hinsicht sollt ihr von Mir aus auch ewig nie einen Mangel haben, und du bleibst zudem der beste Arzt nicht nur in diesem Lande, sondern in der ganzen Welt! Und so meine Ich, werdet ihr wohl recht gut leben können!?
[GEJ.02_046,09] Aber nur vergesset der wahrhaft Armen nie, und laß dir deine, von keinem Menschen der Welt erreichbare Kunst in der Heilung aller Krankheiten von keinem armen Bürger und noch weniger von einem Diener zahlen, sei's mit Geld, mit Abdienen, mit Getreide oder mit Vieh!
[GEJ.02_046,10] Aber den großen Geldbesitzern, Maklern und Wechslern, Kaufleuten und den großen Grundbesitzern rechne deine Kunst nach Recht und Gebühr; denn wer da hat und leben will, der soll dann und wann für sein Leben nur ein Opfer bringen! Es gibt dann schon Arme genug, denen du das zubringen kannst, um was sich ein begüterter Reicher sein Leben erkauft.
[GEJ.02_046,11] Ein Arzt wie du verkauft den Menschen das Leben, das besonders für die Weltmenschen das größte Gut ist. Darum sollen sie sich's auch nur ums teure Geld und Gut allzeit erkaufen und dabei noch überfroh sein, daß es auf der Erde irgendeinen Menschen gibt, bei dem sich das Leben erkaufen läßt.
[GEJ.02_046,12] Denn Ich sage es dir: Das ist wahrhaft eine übergroße und allererste Kunst in der Welt, die kein Weltmensch je erlernen kann: durchs Wort, durch den Willen und nur zuweilen durch die Auflegung der Hände alle Krankheiten, vom ärgsten Besessensein – alle Pestarten mit inbegriffen – bis zum leichten Schnupfen herab, in einem Augenblick zu heilen und alle Aussätzigen zu reinigen, die Blinden sehend, die Tauben hörend, die Lahmen gehend und die Krüppel gerade zu machen – und dazu noch den Armen Kunde zu geben vom Reiche Gottes! Freund, gehe hin in die ganze Welt und suche, ob du einen findest, der dir vollends gliche! Ich sage dir, da gibt es außer dir und Mir keinen!
[GEJ.02_046,13] In Sichar habe Ich wohl auch einen Arzt geweckt, daß er sehr namhafte Heilungen bewerkstelligen kann; aber er kann sich von seinen Kräutersäften nicht völlig trennen und steht daher dir bei weitem nach.
[GEJ.02_046,14] Meine Jünger werden dir in etlichen Jährchen auch nachkommen, aber nicht alle, die du hier siehst.
[GEJ.02_046,15] Meine allerliebste Sarah aber soll auch eine Kunst sich aneignen, und zwar die einer Wehemutter (Hebamme); denn es ist vor Gott ein sehr wertvoller Dienst, den stets mit vielen Schmerzen gebärenden Weibern beizustehen. Und so seid ihr beide sicher also versorgt, wie noch nie ein königlich Paar versorgt war!
[GEJ.02_046,16] Aber diesen Rat gebe Ich dir auch: Wenn ein Kranker zu dir kommt oder du zu einem gerufen wirst, so frage ihn stets ganz ernstlich: ,Glaubst du, daß ich dir im Namen Jesu, des Heilandes aus den Himmeln, helfen kann?‘ Sagt der Kranke darauf vollernstlich: ,Ja, ich glaube!‘, so heile ihn; zweifelt er aber, da heile ihn nicht, bis er glaubt, daß du ihn in Meinem Namen heilen kannst! – Nun aber noch ein Wort zu dir, Jairus!"
47. Kapitel
[GEJ.02_047,01] Sagt Jairus: „Herr, rede, ich will dich hören und danach auch tun nach Deinem Worte!"
[GEJ.02_047,02] Sage Ich: „Ganz gut also; wirst du danach tun, so wirst du zeitlich und ewig glücklich sein. Und so höre denn:
[GEJ.02_047,03] Du bist nun ein Oberster der Pharisäer und ihrer Schulen in dieser ganzen Gegend von Nazareth, Kapernaum und Chorazin, von Kana in Galiläa und vielen andern Flecken, Dörfern und Weilern. Du stehst darum in Galiläa in einem großen Ansehen, das nicht viel geringer ist denn das des Hohenpriesters zu Jerusalem. Aber siehe, all dies dein großes Ansehen konnte deine Tochter nicht vor dem zweimal erfolgten Tode erretten und noch weniger sie vom Tode erwecken, als sie vollwahr gestorben war!
[GEJ.02_047,04] Du siehst, daß solch ein großansehnliches Amt zu gar nicht viel anderem nütze ist, als vor allem den Hochmut des Hochbeamteten noch mehr zu erhöhen, ihm das immer steigende Wohlleben zum Bedürfnisse zu machen, aber in der Nützung und wahren Hilfe den Menschen gegenüber stets schwächer und hilfloser zu werden und sich sonach den Hilfebedürftigen als selbst hilflos oder zu helfen ohnmächtig gegenüberzustellen; denn wer jemandem, der irgendeiner Hilfe bedürftig ist, nicht helfen kann oder will, der ist ebenso hilflos wie der Hilfsbedürftige selbst.
[GEJ.02_047,05] Es ist demnach ein hohes Amt, besonders das deine, von einem höchst geringen Belange. Wie wäre es denn, so du es in die Hände des Hohenpriesters nach Jerusalem zurücklegtest und darauf zu deinem nunmaligen Schwiegersohne zögest, bei dem du sicher besser und ansehnlicher versorgt wärest, als wie du es jetzt vom stockblinden Jerusalem aus bist? Du könntest dem Borus die Schrift, in der du wohlbewandert bist, nach und nach stets heller und heller machen, was für ihn von großem Nutzen wäre; er aber würde dich dafür so manches in der Heilkunde lehren. Ich aber lege dir damit kein Gebot auf, sondern stelle es dir ganz frei! Willst du diesen Meinen Rat befolgen, so wirst du wohl tun; willst du aber das nicht, so wirst du deshalb keine Sünde begehen."
[GEJ.02_047,06] Sagt Jairus: „Herr, da bist du meinem höchst eigenen Wunsche wahrlich zuvorgekommen! Das ist nicht jetzt, sondern schon lange mein Wunsch gewesen, mein lästiges Amt niederzulegen; jetzt aber, da sich alles gar so überaus wundervoll günstig für mein Sein gestaltet hat, werde ich morgen schon einen Boten mit einem Dienstentlassungsgesuche nach Jerusalem senden mit der Bitte, dieses Amt einem andern zu verleihen! Aspiranten um solche Ämter gibt es in Jerusalem stets eine Menge, die für die Verleihung solch eines Amtes dem Tempel zehnfache Taxen bezahlen können, und so wird den Herren im Tempel ein solches Gesuch sicher sehr erwünscht sein, weil sie sogar Anträge denen machen, die irgendein hohes Amt besitzen, daß sie davon abstünden, weil dadurch ein neuer Aspirant in die Gelegenheit versetzt werden könnte, den Tempel um einige hundert Pfunde Silbers und Goldes reicher zu machen, als er vorher war! Mit den Ämtern wird nun in Jerusalem ja ein ganz ergiebiger Handel getrieben!"
[GEJ.02_047,07] Sage Ich: „Oh, das weiß Ich am allerbesten, wie es nun in Jerusalem zugeht! Da wird nur aufs Gewicht des Silbers und Goldes und der Perlen und Edelsteine gesehen, nie aber auf den Geist des Menschen. Wenn du als ein Prophet über Moses und Elias hinaus in den Tempel kämest und fingest an, als solcher zu predigen, so würde man dir nur zu bald die verfluchten Steine zeigen, mit denen die meisten der Propheten gesteinigt worden sind; aber so du kämest mit zehntausend Pfunden Goldes, so würde man dir die größten Ehren erweisen! Laß du nur zwei fette Ochsen in den Tempel treiben, und du kannst versichert sein, daß sie ihnen um vieles lieber sein werden denn Moses und Elias. – Aber lassen wir nun das! Die Zeit ist nicht mehr ferne, die den Templern und ganz Jerusalem den wohlverdienten Lohn geben wird; denn gar lange wird man diesem Greuel nicht mehr zusehen. – Nun von etwas anderem!
[GEJ.02_047,08] Was hört man denn nun vom Johannes? Ist er noch in der Haft des Herodes?"
[GEJ.02_047,09] Sagt Jairus: „Ich habe nichts vernommen, daß er irgend wieder in Freiheit gesetzt worden wäre! Aber ich werde mich durch den morgigen Boten, den ich in der bewußten Sache nach Jerusalem absenden werde, darüber ganz angelegentlich erkundigen, so es Dir, o Herr, genehm ist!"
[GEJ.02_047,10] Sage Ich: „Laß das; denn Herodes ist ein schlauer Fuchs, und dein Bote könnte als Galiläer Anstände bekommen. Ich aber sehe es im Geiste ohnehin, wie es mit Johannes steht. Wir werden übermorgen traurige Nachrichten erhalten, an denen samt Mir niemand eine Freude haben wird."
[GEJ.02_047,11] Nach diesen Worten fragen Mich Cyrenius und Kornelius, ob Ich denn haben möchte, daß auch sie ihre hohen Ämter niederlegen sollen.
[GEJ.02_047,12] Sage Ich: „Oh, mitnichten! Eure Ämter sind ganz anderer Art und überaus nötig und von großer Wichtigkeit! Aber nur verwaltet eure wichtigen und hohen Ämter stets nach Recht und Billigkeit und stellet vor dem Gesetz jedermann gleich! Nur – wie ihr es schon wisset aus Meinem Munde – lasset die Liebe stets vor dem Gesetz einhergehen, und denket, daß der Sünder, der gegen die sehr weitläufigen Staatsgesetze als ein dieser vielen Gesetze völlig Unkundiger nur zu leicht zu handeln imstande ist, auch ein Mensch ist, bestimmt, so wie ihr, fürs ewige Leben im Reiche Gottes! Werdet ihr stets also euer Gesetz handhaben, so werdet ihr gleich den Engeln handeln, die eben auch also Gottes Diener sind, wie ihr Diener des Kaisers seid."
[GEJ.02_047,13] Sagt Cyrenius: „Das wollen und werden wir! Aber nun haben wir noch eine äußerst wichtige Frage, und diese besteht darin: Wir sind, wie Dir nur zu wohl bekannt ist, Römer und sonach, wie ihr sagt, Heiden (Irrgläubige). Sollen wir dem Äußeren nach bleiben was wir sind, nämlich Heiden, oder sollen wir öffentlich dem Heidentume abschwören und uns beschneiden lassen?"
[GEJ.02_047,14] Sage Ich: „Weder das eine noch das andere! Sondern wer, wie ihr, im Herzen beschnitten ist durch den Glauben an und durch die Liebe zu Gott, braucht weiter nichts mehr; denn das genügt vollkommen zur Erreichung des ewigen Lebens. Nach etlichen Jahren aber werden schon ohnehin Meine vom Gottesgeiste erfüllten Jünger zu euch kommen und euch taufen mit dem Geiste Gottes, und ihr werdet dadurch alles erhalten, was euch not tut. – Nun wisset ihr alles. Der Abend ist nicht mehr fern, und wir wollen uns der Juden wegen heute, als am Vorsabbate, etwas früher zur Ruhe begeben als an einem andern Tage. Nach dem Abendmahle werden wir denn für heute nichts weiteres mehr verhandeln."
[GEJ.02_047,15] Hier treten die zwei Engel zu Mir in der tiefsten Ehrfurcht und bitten Mich, ob sie denn nicht noch die paar Tage sichtbar hier in Meiner leiblichen Nähe verweilen dürften; es sei für sie das die höchste Seligkeit, die sie je empfunden haben.
[GEJ.02_047,16] Und Ich sage es laut: „Ihr habt von jeher die vollste Freiheit, und so tut, was euch frommt; aber vergesset darob nicht, welchen Dienst ihr zu leisten habt! Die Mittelsonnen bedürfen einer großen Pflege, und ihr wisset es, wie viele es deren im unendlichen Gottesraume gibt!"
[GEJ.02_047,17] Sagen die beiden Engel: „Herr, dies alles ist besorgt und wird fortan gleich besorgt!"
[GEJ.02_047,18] Sage Ich: „Ja, ja, das weiß Ich, darum auch möget ihr nach eurem Wunsche hier verweilen; denn der Geringste hier aus diesen Menschen, die um Mich sind, ist mehr denn zahllose Mittel-, Neben- und Planetarsonnen! Die Sonnen aber sind der Menschen wegen gemacht und müssen dieser wegen denn auch stets allersorgfältigst besorgt werden!" – Die Engel verneigen sich überseligst und gehen wieder zu Meinen Jüngern, mit denen sie sich gleichfort besprechen und ihnen über gar viele Dinge in der Welt überwichtige Aufschlüsse geben.
[GEJ.02_047,19] Borus aber eilt nun ins Haus und sorgt für ein gutes Abendmahl, das er reichlich bereiten läßt.
48. Kapitel
[GEJ.02_048,01] Nach dem Abendessen, das über eine gute Stunde angedauert hatte, fragte Kornelius den Cyrenius sagend: „Hoher Bruder, was meinst du denn?! Sollen wir heute noch hier verweilen, oder sollen wir uns vielleicht – irgend wichtiger, auf uns wartender Geschäfte halber – von dannen begeben? Ich bin dir tief untergeben und füge mich deinem Worte."
[GEJ.02_048,02] Sagt Cyrenius: „Ich hätte eigentlich schon heute in der Frühe abreisen sollen, da meiner sicher schon irgend dringende Geschäfte harren. Aber sage: Wer, wenn er weiß, was hier ist, kann sich von da trennen? Man könnte schwer einen freundlichen Kaiser verlassen, so er sagete: ,So du bleiben willst, so bleibe!‘ Was ist aber ein Kaiser gegen hier, wo unleugbar der Schöpfer Himmels und der Erde weilt als Mensch unter Seinen Menschen und unter Seinen Engeln?! Zudem haben Seine Engel auch eine längere Frist zum Hierbleiben erhalten, von denen wir noch sehr viel lernen und erfahren können. Ah, jetzt gehe ich schon gar nicht fort! Nicht ums ganze römische Kaiserreich brächte mich jetzt jemand von der Stelle, und sollte da schon kommen, was da wollte! – Bleibe nur du auch! Von mir aus hast du die volle Erlaubnis dazu; und käme da auch etwas aus, so wird wegen ein paar Tagen die Erde noch lange nicht zugrunde gehen! Dazu meine ich, daß wir bei diesem Herrn viel besser versorgt sind denn von Rom aus!? Und sollte auch etwas noch Dringendes ausfallen, so gibt es in der Hand des Allmächtigen Mittel genug, auch das Dringendste im Augenblick zu schlichten."
[GEJ.02_048,03] Sagt Kornelius: „Hoher Bruder! Mit diesem Bescheide bin ich ja ohnehin über alle Maßen zufrieden, und es verlangt mich noch lange nicht, diesen Ort zu verlassen! Ich habe ohnehin nur der politisch-staatlichen Ordnung wegen diese Frage getan. Aber es wäre in einer gewissen Hinsicht denn vielleicht doch gut, eine geheime Spioniererei durch unsere Wachleute, die wir bei uns haben, die heutige Nacht hindurch in der Stadt anzuordnen, um zu erfahren, was denn etwa doch die Leute von unserm Hiersein halten und untereinander reden!?"
[GEJ.02_048,04] Sagt Cyrenius: „Wenn es dem Herrn genehm ist, können wir die Sache anordnen; aber ich bin da dieser Meinung, daß wir am Herrn vor allem, und dann auch an den zwei Engeln, die allerverläßlichste geheime Polizei haben und es nicht nötig sein dürfte, uns, solange als wir hier sind, einer andern zu bedienen. Sind wir fürderhin wieder von dieser heiligen Gesellschaft aus den Himmeln entfernt, dann werden wir uns leider wohl wieder der geheimen Auskundschafter bedienen müssen, um die Gesinnungen der Menschen in der nötigen Evidenz (augenscheinliche Gewißheit) zu erhalten und dort sogleich Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wo sich für den Staat ungünstige Konspirationen zu zeigen beginnen. Aber wie gesagt, wenn es dem Herrn genehm ist und Er es wünscht, da bin ich gleich bereit, das Allertriftigste anzuordnen."
[GEJ.02_048,05] Sage Ich zum Cyrenius: „Laß das; denn fürs erste weiß Ich ohnehin vom Alpha bis zum Omega, was in der Stadt nun alles für und wider uns geredet wird. Im ganzen aber liegt durchaus keine Gefahr darin; denn dies Volk ist auch für gewisse Bosheiten viel zu blind und zu dumm. Darum lasset das alles gehen! Von Nazareth aus wird nie eine Emeute ausgehen, des könnt ihr versichert sein. Übrigens ist Mein Freund Borus stets die allerverläßlichste geheime Polizei; ihm entgeht gar zu leicht nichts, – was in der eben nicht gar großen Stadt sicher nicht schwer ist. Zudem könnte Ich Meinen Engeln sagen, daß sie die Spionage vornehmen, und ihr könntet durch sie in einem Augenblick mehr erfahren, als so ihr zehn Jahre hindurch die allerklügsten Spione hieltet. Aber wie gesagt, hier tut weder das eine noch das andere not, – und wir begeben uns daher ganz ohne Sorge zur Ruhe. Nur Jairus wird noch einen Boten nach Jerusalem bestellen und ihn mit der Amtszurücklegungsanzeige versehen müssen. Denn morgen werden wir ganz andere Dinge zum Verhandeln bekommen."
[GEJ.02_048,06] Sagt Jairus, ganz traurig, daß er jetzt die Gesellschaft verlassen solle: „Herr, wäre es denn nicht möglich, hier die Urkunde auszufertigen und sie nach Jerusalem, mittels eines Boten, von hier aus zu befördern? Das Haus in Kapernaum ist ohnehin mein volles Eigentum und alles, was darin ist, Gründe, wie Äcker und Wiesen, durften wir Priester ja ohnehin nicht besitzen, und so ist mein alles in meinem Hause, das Dir wohlbekannt ist. Ich habe somit vorderhand in Kapernaum nichts zu tun und werde wahrscheinlich auch nachderhand dort nichts mehr zu tun bekommen; mein Haus samt allem, was darin ist, gebe ich nun sogleich meinem lieben Schwiegersohne. Mit einer Schrift von mir in seiner Hand wird er hingehen und alles unter staatsgerichtlicher Assistenz (Hilfe) in den vollen Besitz nehmen – gleich einem rechtmäßigen Erben nach meinem Tode, und ich und mein Weib sind dabei ganz überflüssig. Was aber die Freunde in Kapernaum betrifft, so sind diese hier; die aber noch in Kapernaum sich befinden und sich zu meinen Freunden zählen, sind wahrlich keines Abschiedsbesuches wert; denn es sind das lauter Freunde ins Gesicht, aber im Herzen doch sind s' ohn' Gewicht!"
[GEJ.02_048,07] Sage Ich: „Nun, so bleibe denn auch du, und Ich werde an deiner Stelle einen Meiner zwei hier anwesenden Boten nach Jerusalem senden; der wird mit solcher Botschaft eher fertig werden, als so du einen Boten nach Jerusalem absenden würdest. Aber nicht mehr heute, sondern morgen als an einem Sabbat!"
[GEJ.02_048,08] Sagt Jairus: „Am Sabbat wird sich's wohl im Tempel am wenigsten schicken; denn die Hohenpriester und Oberpriester im Tempel halten auf nichts strenger als auf die Sabbatsfeier!"
[GEJ.02_048,09] Sage Ich: „Laß du das gut sein! Sie halten auf die Feier des Sabbats nur darum so große Stücke, weil notwendigerweise zum öftesten dawidergehandelt wird und werden muß, da ein jeder Mensch denn doch oft an einem Sabbat irgend etwas zu tun genötigt wird, die Pharisäer aber dabei auch am öftesten die Gelegenheit bekommen, den Übertretern der Sabbatfeier recht derbe Strafbußen zu diktieren.
[GEJ.02_048,10] Bringe du ihnen aber an einem Sabbat nur Gold und Silber soviel du willst, so werden sie sogleich im Tempel den Sabbat brechen und sodann ganz vergnügt dein Gold und Silber annehmen. Sei du darum des Sabbats im Tempel wegen ganz unbesorgt; Mein Bote wird das ihm anvertraute Geschäft ganz überaus wohl zustande bringen!
[GEJ.02_048,11] Meinest du denn, daß da es den Pharisäern angenehm wäre, so es niemanden gäbe, der durch irgendein dringendes Geschäft dann und wann schändete den vermeinten Tag des Herrn? Oh, da seien wir ganz ruhig! Je mehr Sabbatschändungen, besonders bei Reichen, vorkommen, desto mehr jubeln im geheimen die Tempelherren!
[GEJ.02_048,12] Darum noch einmal gesagt: Sei du darob ganz ohne Besorgnis! Mein Bote wird morgen, sogar während der Opferung, die an jedem Sabbat geschieht, ganz vortrefflich aufgenommen werden! Denn er wird mit einer schweren goldenen Beilage in den Tempel eintreten und sogestaltig von den Pharisäern mit den freundlichsten Mienen und offensten Armen aufgenommen werden; zudem warten ohnehin schon zehn Aspiranten auf eine Oberstenstelle, für die sie große Summen bieten. Und so wird ihnen, und besonders aber den Templern, deine Abdankung überaus erwünscht kommen.
[GEJ.02_048,13] Es wird darauf sogleich der Sabbat im Tempel unter der bekannten Zeremonie gebrochen und darauf sogleich die Versteigerung der Oberstenstelle von Kapernaum vorgenommen werden; und du wirst durch den zurückkehrenden Boten sogar den Namen deines Nachfolgers erfahren.
[GEJ.02_048,14] Siehe, so stehen die Dinge nun im Gotteshause zu Jerusalem, das da auch heißet ,die Stadt Gottes‘, aber nun ganz eigentlich eine Stadt des Satans ist. Da nun aber alle Dinge gut geordnet sind, so begeben wir uns zur Ruhe; denn morgen soll es für uns früh Tag werden!"
49. Kapitel
[GEJ.02_049,01] Auf diese Meine Worte begibt sich nun alles zur Ruhe; nur Meine Brüder, die Mutter Maria und der Borus sind noch in der Küche beschäftigt, um für den kommenden Sabbat alles Nötige vorzubereiten. Auch die Sarah und die Lydia sind der Maria behilflich und tummeln sich recht emsig in der Küche herum. Als sie alles in der Ordnung haben, begeben auch sie sich zur Ruhe, und wie gewöhnlich ist auch am Morgen die Maria zuerst auf den Beinen und weckt die, die sie braucht, noch lange vor dem Aufgange, auf daß sie alles, was wir den Tag hindurch vonnöten haben, nach jüdischer Sitte noch vor Beginn des Sabbats in der Ordnung und Bereitschaft hat. Borus ist auch sehr geschäftig, und so sind zum Morgenmahle schon alle Tische bestellt, als wir alle uns von den Lagern erheben.
[GEJ.02_049,02] Im Freien werden Morgenpsalmen gesungen, und auf den vielen Tischen im Freien harren schon wohlzugerichtete Fische und Brot und Wein derer, die sie verzehren werden.
[GEJ.02_049,03] Wir begeben uns dann auch zum Morgenmahle, und Ich entsende nach dem Mahle den Boten in der bewußten Angelegenheit nach Jerusalem. Jairus harret mit großer Sorge auf die Rückkunft des abgesandten Boten, der natürlich nur so lange ausbleibt, als er auf rein menschliche Weise mit den Templern zu verhandeln hat. Da aber die Verhandlung dennoch bei zwei Stunden angedauert hatte, so kam der Bote auch nur erst in zwei Stunden, zur großen Freude des Jairus, zurück und hinterbrachte dem Jairus nebst der Nachricht von der freudigen Annahme seiner Abdankungsurkunde auch eine Lob- und Dankadresse für dessen treu verwaltetes Amt, und es wird ihm zugleich auch der Name seines Nachfolgers kundgegeben mit der Bitte, selbem im Falle der Not mit Rat und Tat an die Hand zu gehen, falls er dessen bedürfe.
[GEJ.02_049,04] Jairus ist nun ganz heiter und sagt zu Mir: „Herr, aus aller Tiefe meines Herzens danke ich Dir für diese wunderbare Errettung von einem Amte, in dem ich nach solchen gotteswiderlichen Dienstverhältnissen alleroffenbarst eine Beute des Satans werden müßte!"
[GEJ.02_049,05] Sage Ich: „Nun, habe Ich es dir nicht gesagt: Wenn es sich um glänzende Geschäfte der Templer handelt, da kann nun der Sabbat inmitten der Opferung zu jeder Stunde des Tages gebrochen werden! Aus dem aber kannst du leicht ersehen, wie viel die Templer auf Gott und Seine heiligen Gesetze halten!
[GEJ.02_049,06] Nun aber wollen wir des Volkes wegen dennoch wieder die Synagoge besuchen und dort sehen, was die Pharisäer alles machen und lehren werden; aber wir nehmen ganz rückwärts Platz, auf daß wir von den aufgeblähten Pharisäern und Volksältesten nicht so bald bemerkt werden!"
[GEJ.02_049,07] Sagt Jairus: „Aber ich werde nicht hineingehen, denn mich kennt ein jeder Knabe; wäre ich in der Synagoge, so müßte ich vorne im Presbyterium des Obersten Platz einnehmen, und ihr wäret dadurch verraten!"
[GEJ.02_049,08] Sage Ich: „Laß nur du dir kein Kummerhaar wachsen! Denn so Ich etwas anrate, was da zu geschehen hat, so kannst du ohne alle weiteren Besorgnisse danach handeln, und es wird dir dennoch kein Haar gekrümmt werden! Und so machen wir uns sämtlich auf den Weg!" – Wir setzen uns darauf in Bewegung und erreichen bald die Synagoge.
[GEJ.02_049,09] Als wir in dieselbe treten, so zeigt es sich, daß sie sehr leer ist, und nur allein die diensttuenden Pharisäer erfüllen das Presbyterium. Nach und nach kommen einige alte Juden und nehmen in ihren Bänken Platz, um darin so recht con amore (mit Liebe) ihr Vormittagsschläfchen zu machen.
[GEJ.02_049,10] Nach vollbrachter Opferung und stumpfer Herabmurmelung der Gesetze, einiger professionsmäßiger Psalmen und des Hohenliedes Salomonis besteigt ein Redner den Rednerstuhl und fängt mit einer sehr heiseren Stimme folgendes zu predigen an: „Meine Geliebten in unseren Vätern Abraham, Isaak und Jakob! Wir leben nun in einer sehr bedrängten Zeit – nahe gleich derjenigen, als Noah die Arche baute und endlich, auf Jehovas Geheiß, sich samt seiner Familie in dieselbe einschloß! Wir stehen nun an der heiligen Stätte, von der Daniel geweissagt hat, sehen den von ihm vorhergesagten Greuel der Verwüstung an – wie die gebannten Sklaven der heidnischen Hexe Megära die Qualen ihrer Brüder ansehen und schmerzlich erwarten mußten, bis man auch sie in kochendes Erz legen werde – und können uns weder links noch rechts hin irgend bewegen! Wir stehen so verlassen da wie irgendein schon lange abgestorbener Baumrumpf auf einer Bergspitze zum klaffenden Beweise, daß einst auch in solcher Höhenregion üppige Wälder mögen gestanden haben! Was ist aber da zu machen? Das ist eine große Frage! Eine diamantene Krone dem, der darauf eine taugliche Antwort zu finden imstande ist! Aber er bedenke wohl unsere höchst gebannte und mit allen Ketten der Welt gefesselte Stellung!
[GEJ.02_049,11] Auf der einen Seite sitzen uns die Römer wie der ganze Berg Sinai knapp auf dem Genicke, auf der andern Seite des Zimmermanns Sohn, der auf einmal, wie aus den Wolken gefallen, aus einem barsten Haustölpel zu einem Propheten erstanden ist, wie seit Abraham noch nie einer unter den Juden gelebt hat. Alles läuft ihm nach, groß und klein und jung und alt! Wenn heute Jehova Selbst zur Erde herabkäme, so fragt es sich sehr, ob Er größere Taten vollbringen würde oder könnte! Jede Krankheit heilt er bloß durchs Wort in die Ferne hin, die Toten ruft er aus den Gräbern und gibt ihnen ein vollkommen gesundes Leben wieder! Also gebietet er den Winden und den Meereswogen, und sie gehorchen ihm wie ein Sklave seinem Gebieter! Wenn er redet, so leuchtet allenthalben die allertiefste göttliche Weisheit heraus, und alles ist von der Macht seines Wortes hingerissen und folgt ihm von einer Stadt zur andern. Dazu hat er noch die Großen Roms fest auf seiner Seite, die ihm mit Legionen zu Dienste stehen, wann er deren benötigen würde. Wir aber stehen gerade am Rande des scheußlichsten Abgrundes, um in jedem Augenblick verschlungen zu werden, und haben aber auch nicht ein sterbliches Wesen auf unserer Seite – außer diese alten Schläfer in der Synagoge! Da frage ich noch einmal: Was sollen wir tun?
[GEJ.02_049,12] Was nützen uns nun Moses und alle die Propheten, was selbst Jehova, der mit Moses und den Propheten geredet hat, uns aber nun schon seit mehr denn einem ganzen Säkulum im tiefsten Moraste stecken läßt!? Und ob wir schon schreien, daß man uns bis zu den Sternen vernehmen solle, so meldet sich dennoch kein Jehova mehr und läßt uns ärger in der schmählichsten Patsche, als ein vollendet windbeutliger Bräutigam seine arme, von ihm zehnmal verführte und unglücklich gemachte Braut! Wir aber haben dafür noch den Ehrentitel, ,Gottes Volk‘ zu heißen, während die gottlos sein sollenden Heiden in allem Ansehen und im Besitz aller Macht und aller Reichtümer der Erde stehen also, wie solches Jehova Seinem David nach der Schrift verheißen hat, – was aber nie in Erfüllung ging!
[GEJ.02_049,13] Da heißt es, ganz göttlich groß gesprochen: ,Und deines Reiches wird fürder ewig kein Ende sein!‘ Sehen wir nun das ewige Reich Davids an! O du schöne Lüge eines dem David schmeichelnden Propheten! Wie oft schon ist des Reiches Davids ein Ende gewesen! Er selbst hat schon das Vergnügen gehabt, es an der Seite seines Sohnes zu erleben, und hätte den Sohn nicht eine Eiche gefangengenommen, so hätte der gute David seinem süßen Jehova noch zehntausend Psalmen vorsingen können, und Absalom wäre dennoch auf dem Throne gesessen! – Lassen wir aber das Vergangene beiseite und besehen uns jetzt das verheißene ewige Reich Davids! O du schönes Reich! Vielleicht hat sich die Seele Davids in die Cäsaren Roms begeben, deren Reich wenigstens jetzt ein bei weitem besseres Gesicht hat für einen ewigen Bestand als das Schneckenreich des großen Mannes nach dem Herzen Gottes! Brüder, greifet ihr es noch nicht mit den Händen, daß unsere ganze alte Lehre eine pure Fabel ist, an der sonst nichts ist als erdichtete Namen aus der Vorzeit?! Und wir sind noch die Narren und hängen daran, als wenn da wirklich irgendein Heil zu gewinnen wäre! Welch ein Esel oder Ochse von einem Menschen wird denn noch einen alten, klein zerlumpten Rock am Leibe dulden, so er für den alten zehn neue vom besten Stoffe haben kann?!
[GEJ.02_049,14] Die Geschichte und die höchst eigene Erfahrung zeigen uns sonnenhell, daß an der ganzen Mosaischen Lehre und an allen Propheten nicht mehr von irgendeinem reellen Belange ist, als an einer hohlen, tauben Nuß, – und doch hängen wir schier verhungert daran wie an irgendeiner sicheren Berechnung und weichen vor lauter alteingewurzelter Dummheit dennoch nicht von der Stelle, wenn uns auch schon das Wasser bei allen unsern Leibesöffnungen hineinrinnt wie der Jordan in das Tote Meer!
[GEJ.02_049,15] Auf darum, Brüder, schließen wir uns auch an den Sohn des Zimmermanns an, und wir sind geborgen! Denn er tut vor unsern Augen das, was die Alten nie von Jehova, den sie so wenig als wir je gesehen, gefabelt haben! Ich meine, mit diesem meinem Vortrage nun die von mir aufgestellte schwere Frage unter einem beantwortet zu haben; tut danach, und es soll uns allen sogleich physisch und moralisch besser ergehen!
[GEJ.02_049,16] Roban, unser Ältester, ist uns zuerst mit einem guten Beispiele vorangegangen; folgen wir ihm nach, und es soll für keinen aus uns gefehlt sein! Vielleicht ist gerade dieser vorher wenig beachtete Zimmermann Jesus dazu ganz vollkommen geeignet, das wahrlich unglückliche, ewig sein sollende Reich Davids wenigstens auf eine Zeitlang wieder herzustellen! Denn bei seiner unbegreiflichen magischen Macht, mit der sich keine Macht der Welt messen kann, ist es am ersten möglich, den sehr abergläubischen Römern einen derartigen Respekt einzutreiben, daß davon ihre mächtigen Legionen nur zu bald tausend Füße zum Davonlaufen bekommen könnten."
[GEJ.02_049,17] Hier erheben sich die Ältesten, die Schriftgelehrten, Pharisäer und Leviten und sagen: „Du verstehst die Schrift schlecht, wenn du solch eine ketzerische Rede führen kannst, an der zwar wohl in einer gewissen irdischen Hinsicht was zu sein scheint, die aber in geistiger Hinsicht ein schwarzes Verbrechen gegen die unleugbare Majestät Gottes ist, und wir darum genötigt sind, dich unseres Heiles willen aus unserer Gesellschaft unter die Heiden zu stoßen!"
[GEJ.02_049,18] Sagt der Redner: „Meinet ihr etwa, mich dadurch zu strafen? Oh, da irret ihr gewaltig! Wollt ihr Narren bleiben und als solche verhungern, so tut ihr das immerhin, damit ihr verbleibet in eurer alten Nacht und Finsternis! Ihr alten Dummköpfe, gebet mir ein Beispiel an, wo irgendein Gottesredner einen Toten aus dem Grabe ins Leben zurückgerufen hätte, wie dieser unser Zimmermann!"
[GEJ.02_049,19] Sagen die Ältesten: „Das wird Gott tun am Jüngsten Tage!"
[GEJ.02_049,20] Sagt der Redner: „Euer Gott wird euch am Jüngsten Tage was vorpfeifen! Kein Mensch weiß irgendeine Silbe davon, daß Jehova, wie wir Ihn kennen aus der Schrift, je irgendeinen Menschen vom Tode ins Leben zurückgerufen hätte! Weil solches nie ein Mensch erlebt und am Rande seines kurzen irdischen Lebens nichts als den sichern ewigen Tod vor Augen hatte, so ward es ihm sehr bange, und er fing sehr traurigen Gemütes ängstlich zu fragen an: ,Was bin ich, und wohin komme ich, wenn dieses Leben zu Ende ist?‘ Und da es an sogenannten Gottesknechten, wie wir zu sein die spottschlechte Ehre haben, nie gemangelt hat, so mußten sie zum Troste der vielen Fragenden und zum besten ihrer eigenen möglichst besten Zwecke denn doch etwas erfinden, das die vielen sehr scharf Fragenden in etwas beruhigte, und es kam dadurch die Erweckung am jüngsten Tage, den die weiten Himmel wahrscheinlich nie werden erstehen lassen, zum Vorscheine; und wir denkenden Narren lassen uns damit aber auch noch breitschlagen und sind darob blind für die unerhörtesten wahren Taten und Begebenheiten, die vor unseren Augen, Nasen und Ohren zustande gebracht werden! Ist es denn im Ernste gar so etwas Erhabenes für einen Mann, so er sich als Greis noch immer nicht von dem schon ganz verschimmelten sogenannten Kinderzuzel zu trennen vermag?
[GEJ.02_049,21] Was wollt ihr denn noch fernerhin mit dem alten Kram der Juden, der sich bei der gegenwärtigen Aufhellung der Völker kein halbes Säkulum mehr halten kann? Ich werde der Narr sicher nicht sein und abwarten das Ende dieser blinden Lehre, an der sonst nichts ist als leere geschichtliche Namen oder aber auch Namen und märchenhafte Fabeln, die zuerst die Ammen ihren Säuglingen aus dem Stegreife erzählt haben mögen, und aus denen dann die erwachsenen Säuglinge eine fabelhafte Gotteslehre zusammengestoppelt haben, in der kein System und kein Funke von irgendeiner nach griechischer Art logischen Ordnung zu entdecken ist!
[GEJ.02_049,22] Sollte denn Jehova nicht einmal so logisch zu reden und zu lehren imstande sein wie ein armseliger griechischer Philosoph, da mag Er erst zu den Griechen in die Schule gehen, bevor Er Seine durchaus nicht allgemein auf den Kopf gefallenen Völker Wahrheit, Ordnung und Weisheit lehren will!
[GEJ.02_049,23] Aber das sei von mir ewig ferne, daß ich mir den Jehova nicht weiser vorstellen sollte als einen durch seine Kindsmagd gebildeten Propheten, der bei aller seiner sonstigen Dummheit gerade noch so viel Mutterwitz besitzt, eine so dunkle Lehre von sich zu geben, daß er sie zuerst und als der erste durchaus nicht versteht und verstehen kann, was eigentlich schon in seinem Plane darum gelegen ist, auf daß solch eine Lehre desto weniger von irgendeinem andern Menschen verstanden werden solle! – Höret mir auf mit eurem Jehova! Wahrlich, als ein ehrlicher Mensch muß ich mich nun erst so recht zu schämen anfangen, daß ich je solch einer unmenschlich dummen Lehre habe anhangen können!
[GEJ.02_049,24] Wenn an der Lehre Mosis aber im Beginne etwas gewesen war, so ist dieses ,Was‘ nun sicher so entstellt durch die niedrigsten menschlichen Lumpereien, daß wir davon aber auch nichts mehr als den vielleicht auch schon ganz falsch ausgesprochenen Namen besitzen!
[GEJ.02_049,25] Ich bin daher heute noch ein Jünger des Zimmermanns Jesus! Er ist gut und wird einen ehrlichen Kerl sicher nicht, wie ihr, von sich weisen!"
50. Kapitel
[GEJ.02_050,01] Sagen die Ältesten, ganz grimmig erstaunt über den Redner: „Gottesleugner! Gotteslästerer! Weißt du, daß du genau nach Mosis nun durch diese deine übergotteslästerliche Rede verdient hast, gleich in der Synagoge gesteinigt zu werden? Wie kannst du es wagen, andere Menschen in ihrem festesten Glauben zu erschüttern, an Gott und Moses zweifeln zu machen, weil du keinen Glauben hast?
[GEJ.02_050,02] Hast denn du wirklich so blutwenig Verstand, daß du darob nicht einsehen kannst, daß da keines Menschen Alter hinreicht, daß man in sich, selbst durch mehrtausendjährige Erfahrung, klug würde und nur das glaubte, was man selbst erlebt hat? Gott hat darum aus Seinem Geiste die Menschen Schriftzeichen kennen gelehrt, durch die sie das, was sie erlebt haben, und was ihre Nachkommen kaum je wieder erleben dürften, für eben diese Nachkommen aufzeichnen sollen, auf daß auch diese eine heilsame Kenntnis davon bekämen, was sie selbst in ihrer Zeit kaum erleben können, weil eine jede Zeit etwas anderes hervorbringt. Dies lehrt uns handgreiflich schon die Erfahrung unserer wenigen Tage, die wir auf der Erde zu durchleben haben, da kein Jahr, kein Monat, keine Woche und sogar kein Tag dem andern völlig gleicht in dem, was da geschieht! Forsche nach der Chronik zurück, und wir geben dir alles, was wir haben, so du uns eine Zeit nachzuweisen imstande bist, in der sich gerade das ereignet hätte, was sich vor unsern Augen und Ohren zuträgt!
[GEJ.02_050,03] Wenn aber unleugbar die Sachen auf der Erde sich also und nicht anders verhalten, was willst du sonach mit deinen losen und groben Verdächtigungen der Schrift, die ein heiliges Vermächtnis unserer Urväter an uns, ihre Nachkommen, ist und uns in klaren Zügen lehrt, was sie als fromme, gottergebene Menschen alles erlebt haben, und welche Anstalten getroffen wurden, durch die ihre Nachkommen leichter und geordneter ein Gott wohlgefälliges Leben führen könnten, als es wahrscheinlich bei ihnen der Fall war?!
[GEJ.02_050,04] Glaubst du denn, daß wir gar so dumm sind, daß es uns unmöglich wäre, das zu beurteilen, was nun vor unsern Augen geschieht? Oh, da irrest du dich groß! Aber wir benützen die Weisheit unserer Väter, die alles früher viele Jahre einer gewaltigen Prüfung unterzogen haben, bis sie es als das, als was es sich gezeigt hat, angenommen haben!
[GEJ.02_050,05] Wären unsere Ahnen so leichtgläubig gewesen wie du, so hätten sie die Propheten nicht gesteinigt! Wenn sie aber sahen, daß ein echter Prophet auch unter dem tötenden Steinregen von dem, was er aussagte, auch nicht um ein Haarbreit wich, dann bekam seine Aussage freilich ein anderes Gesicht, und die Väter nahmen sie als von Gott ausgehend an!
[GEJ.02_050,06] Wenn aber unsere Väter also kritisch bei der Annahme einer von einem Propheten aufgestellten neuen Verkündigung des Willens Gottes an die Menschen verfuhren, ist es dann nur einigermaßen vernünftig, anzunehmen, als sei unsere Gotteslehre nichts als ein Pamphlet (Schmähschrift) irgend vorzeitlicher, gutmütig leichtsinniger junger Burschen, denen es ein Vergnügen machte, alle späteren Generationen für einen Narren zu halten?!
[GEJ.02_050,07] Du hast uns als Narren und Dummköpfe deklariert; aber es ist da eine große Frage, ob du unter uns nicht der allergrößte bist!? Denn so lieblos gegen seine Brüder zu urteilen wie du, ziemt einem Manne aus dem Stamme Levi nicht!
[GEJ.02_050,08] Hast du uns aber durch deine schlechte Rede bloß prüfen wollen, ob wir bei den außerordentlichen Begebnissen dieser Zeit wohl noch das seien, was wir als echte Juden sein sollen, so hast du dazu eine schlechte Art gewählt und hast dich vor uns nur so ganz eigentlich selbst enthüllt, wie du in deinem Herzen beschaffen bist.
[GEJ.02_050,09] Denn ein jeder Mensch verrät sich in seinem blinden Eifer am meisten und zeugt über sich, wie er in seinem Gemüte beschaffen ist; denn da läßt er seinen Lieblingsideen, Gesinnungen und Leidenschaften den vollen, freien Lauf.
[GEJ.02_050,10] Aber der nüchterne Zuhörer denkt sich sein Teil und hat dabei den Vorteil, seinen Freund aus dem Fundamente kennenzulernen.
[GEJ.02_050,11] Glaubst du denn, daß wir es nicht wissen, wie sich in unsere Gotteslehre, besonders in ihrem auszuübenden Teil, gar große Mißbräuche eingenistet haben, die leider den Moses und die Propheten nicht selten noch ärger bedecken als die dicksten Gewitterwolken die Sonne? Aber die reine, unverfälschte Schrift kann nicht mit derlei Wolken bedeckt werden, und ein echter Schriftgelehrter wird dennoch stets wissen, wie er mit der reinen Wahrheit daran ist.
[GEJ.02_050,12] Wir alle sehen es so gut wie du, daß diese Mißbräuche am Ende die reine Gotteslehre, wie die bösen Holzwürmer einen frischen Baum, bei den Menschen töten werden, aber auch nur bei dir ähnlichen Menschen; aber die Lehre in sich selbst wird darum dennoch rein verbleiben und wird zu allen Zeiten ihre reinen und festen Bekenner haben.
[GEJ.02_050,13] Hast denn du noch nie einen Baum gesehen, auf dessen Ästen zum Verderben des Baumes für die Menschen eine Menge böser Afterpflanzen sich eingewurzelt haben und ihre Nahrung aus demselben Baume nehmen? Höret aber darum der eigentliche Grundbaum auf, das zu sein, was er im Grunde des Grundes ist?
[GEJ.02_050,14] Wir Menschen mit unsern blöden Sinnen können den Grund von dergleichen Ausartungen freilich wohl nicht einsehen; aber das sehen wir doch ein, daß sie unmöglich entstehen könnten, wenn es der allmächtige und allweiseste Gott nicht wollte. Warum muß es denn Wölfe geben, die bloß da sind, die friedlichen und unschädlichsten Lämmerherden zu zerstören und sich zu sättigen an ihrem Blute und Fleische? Warum müssen der Löwe, der Bär, der Tiger, die Hyäne und andere reißende Raubtiere dasein, warum neben der sanften Taube der mächtige, gefräßige Aar? Siehe, das sind unergründliche Geheimnisse für uns kurzsichtige Menschen, und wir können sie nicht aufhellen!
[GEJ.02_050,15] Ein Landmann bebaut sein Feld; es steht alles im vollsten Segen da; er erweitert schon seine Vorratskammern, auf daß sie aufnähmen den neuen Segen. Aber da kommt an einem Tage auf einmal ganz unerwartet eine Sturmstunde, – und der ganze Segen ist vernichtet! Könnte man da nicht füglich die Frage stellen und sagen: ,Gott, so Du gewollt hast, daß dies Feld dem Landmanne keine Früchte tragen solle, weil er vielleicht ein Sünder ist, so hättest Du ja Macht genug gehabt, des Feldes Segen im Keime zu zerstören, wodurch dem Landmanne Kosten und Mühe erspart worden wären!‘ Aber siehe, solches geschieht gar oft vor unsern Augen, und niemand ist imstande, davon nur irgendeinen vernünftigen Grund anzugeben.
[GEJ.02_050,16] Ebenso sehen wir praktische Abweichungen sowohl in der reinen Lehre Mosis im Tempel als wie bei allen Bekennern desselben, hie und da mehr oder weniger; wir sehen die Wandler auf Irrwegen; wir sehen auf dem alten Baume des Lebens eine große Masse Schmarzotzerpflanzen. Was aber können wir darum und dafür? Wir haben das alles nicht gemacht und gewollt, daß es also ist, sondern wir haben es schon also gefunden und müssen es erdulden, wenn es uns auch noch so bitter im Munde vorkommt!
[GEJ.02_050,17] Aber deshalb ist unserem Geiste dennoch keine Schranke gezogen, daß wir darum die Schmarotzerpflanzen an dem Lebensbaume als ein und dasselbe mit in den Kauf nehmen sollten. Uns bleibt dennoch der Baum in seiner ursprünglichen Echtheit, und seine Aftergewächse werden als das betrachtet, was sie sind; und gegen diese Lebensweisheit kann kein Gott irgendeine Einwendung machen. Da wohl wäre Gott ein alberner Gott, so Er zu jedem einzelnen von uns sagen möchte: ,Gehe hin und breche den Tempel, der voll Unflates geworden ist, ab; denn Ich, Gott, habe ein großes Mißfallen an dessen Greueln!‘ Könnte da der einzelne schwache Mensch seinem Gott nicht erwidern und sagen: ,Herr, siehe, was Unsinniges verlangst Du von mir, Deinem armseligen, schwachen Geschöpf? So Dich mein Dasein geniert, so kostet es Dich bloß einen Gedanken, und ich bin nicht mehr; aber von mir Unmögliches verlangen, heißt einer Mücke gebieten, daß sie mit ihrer unvermehrten natürlichen Kraft einen Elefanten auf ihren Rücken nähme und davontrüge!‘
[GEJ.02_050,18] Wir meinen aber, daß Gott viel zu weise ist, als daß Er nicht einsähe, daß kein Mensch gegen einen reißenden Strom schwimmen kann!
[GEJ.02_050,19] Sage uns nun, ob du die volle Wahrheit unserer Rede eingesehen hast, und wir wollen dir alles nachsehen, was du blinder- und törichterweise uns angeworfen hast!"
51. Kapitel
[GEJ.02_051,01] Sagt der Redner, der unter dieser im Ernste ganz triftigen Belehrung seine wahrhaft stoische Fassung nicht einen Augenblick verloren hatte: „Liebe Freunde und Brüder! Das, was ihr mir nun vorgepredigt habt, weiß ich so gut wie ihr; aber dennoch freut es mich nun zum ersten Male in meinem Leben unter euch, daß mir bei dieser Gelegenheit das große Glück zuteil ward, zu erfahren, daß ihr ebenso wie ich nicht auf den Kopf gefallen seid! Was ihr geredet habt, ist wahr; aber meine Frage ist darum dennoch nicht beantwortet.
[GEJ.02_051,02] Es ist so, wie ihr geredet habt, was ich bei mir recht klar einsehe, obschon ich euch mit scheinbaren Widergründen nur einen Rippenstoß habe versetzen wollen, durch den euer stets verschlossener Mund geöffnet werden sollte. Und seht, es ist mir gelungen, daß ihr das erste Mal während unseres zwanzigjährigen Beisammenseins und Wirkens ganz offen mit mir geredet habt!
[GEJ.02_051,03] Aber weder meine noch eure klare Einsicht vermindert das Übel, in dem wir uns augenscheinlichst befinden. Es ist und bleibt die große, wichtige Frage, was wir nun beginnen sollen.
[GEJ.02_051,04] Ich, der Sohn eines Oberpriesters aus Jerusalem, im Tempel aufgewachsen und erzogen, weiß nur zu genau, wie es mit der Arche des Bundes steht. Holz, Silber und Gold ist noch das alte; aber der immergrüne Aaronsstab ist zum Pulverisieren trocken, die Gesetzestafeln sind zerbrochen, das Manna besteht bloß noch in der Idee! Und die Feuersäule, wo etwa die ist?! Man weiß es aus den Annalen (Jahrbüchern) der Schrift, daß jeder Unberufene das Leben verlor, so er mit ungeweihten Händen die Lade anrührte; nun kann man auf der Lade herumsteigen und sie anrühren, wie man will, und es fährt kein tötend Feuer aus ihr.
[GEJ.02_051,05] Wenn fremde Reisende um vieles Geld und heiligst beschworener Verschwiegenheit das alte Wunder besichtigen wollen, so wird ihnen das ohne allen Anstand bewilligt, aber erst am nächsten Tage nach der erteilten Bewilligung. Da wird dann die Feuersäule wieder künstlich dargestellt, aber wohlgemerkt, nicht über der wirklichen, alten, sondern über einer aus Metall künstlich nachgemachten Lade! Diese Lade hat zuoberst, in der Mitte eingerichtet, einen schwarzen Becher, aber so, daß man dieses Bechers, der im Oberdeckel befestigt und bis auf dessen Fläche in ihn eingesenkt ist, in der für sich ganz dunklen heiligsten Kammer der hervorquellenden hellen und sehr dichten Flamme wegen nicht leichtlich ansichtig werden kann. In diesen Becher wird feinstes, ätherisches Naphthaöl, mit andern wohlriechenden feinsten Ölen vermengt, gegeben und etwa eine Stunde vorher angezündet; also brennt es dann bei sechs Spannen hoch empor und stellt also die Feuersäule vor.
[GEJ.02_051,06] Wenn die Schaulustigen diese recht schöne Feuersäule mit großem Behagen angegafft haben und das Innere der Lade zu sehen wünschen, so wird mit stets formeller Zeremonie und leeren Gebeten der Oberdeckel samt gleichfort hoch auflodernder Feuersäule ganz behutsam auf ein vergoldetes Gestell herabgehoben, und den Beschauern werden natürlich die neuen Mosaischen Tafeln als echte gezeigt, so das Manna, das aber auch ganz frisch, ein grünender Aaronsstab und dergleichen mehr, was die Lade enthält.
[GEJ.02_051,07] Manche Beschauer werden dadurch ganz ergriffen; manche, besonders Griechen, aber gehen wieder heimlich schmunzelnd aus dem Allerheiligsten und sagen am Ende: ,Das ist wirklich eine ganz artige Komposition!‘ Nur bedauern die meisten, daß der übrige Tempel gar so schmutzig gehalten werde. Ich sage euch, ich möchte sogar eine große Wette machen, daß in der Zeit die alte Bundeslade für alle Zeiten aus dem Wege geräumt ist, und daß nunmehr für beständig die neue aus Erz ihre Stelle und ihr Amt vertritt.
[GEJ.02_051,08] Wollt ihr mir aber darin keinen Glauben schenken, so verkleiden wir uns zum Beispiel als Römer, ziehen hin nach Jerusalem, betreten den Tempel und tun wie Fremde darin; sogleich wird sich ein dienstbarer Geist einfinden, der uns haarklein ausfragen wird, woher wir sind, was wir in Jerusalem suchen, wie lange wir in der ,Stadt Gottes‘ verweilen werden, wohin wir uns dann begeben, und ob wir mit großem Gelde reisen, ob wir kein Gold oder Silber zu verkaufen hätten, und ob wir nicht etwa gegen Entrichtung einer ganz unbedeutenden Taxe das Allerheiligste sehen wollten. Dann fragen wir bloß um den Preis, und man wird uns von einhundert Pfunden Silbers was sagen. Wir aber sagen dann, das ist zuviel, und wir stehen überhaupt nicht darauf an, solche Dinge zu sehen; wenn's um zehn Pfunde möglich ist, dann lassen wir uns herbei. Und wir kommen alle um zehn schlechte Pfunde ins Allerheiligste, so wir dem betreffenden Oberhüter zuvor ein feierliches Gelöbnis geben, davon um alles in der Welt ja nie, weder im Judenlande noch in einem weit entlegenen fremden Lande, etwas davon zu verraten, wie auch niemandem zu sagen, im Allerheiligsten gewesen zu sein. Solches geloben wir ganz leicht, und wir kommen so als Pseudo- Römer ins Allerheiligste, und ihr könnt euch dann selbst überzeugen, ob eine Silbe von all dem erlogen ist, was ich euch ehedem über die Lade des Bundes mitgeteilt habe!
[GEJ.02_051,09] Und, liebe Freunde und Brüder, wenn man als Mensch von einem etwas helleren Verstande solche Sachen im Allerheiligsten, wo man selbst bei solchen Gelegenheiten als ein pfiffig brauchbarer Handlanger gedient hat, mit höchst eigenen Augen gesehen hat, da wird es einem ehrlichen Menschen dann wohl für immer eine bittere Sache, einen schmählich bezahlten Betrüger und Lügner des Volkes zu machen! Wie oft dachte ich dann bei mir selbst nach und sagte zu mir: ,Wenn das lebendigst sein sollende Allerheiligste, auf das die ganze Gotteslehre und alle die Gesetze basiert sind, eine pure, geheim gehaltene Lumperei ist, was soll man dann von der ganzen Lehre und von den Gesetzen halten?‘ – Ich habe nun geredet, jetzt redet wieder ihr; ich bin geneigt, euch zu hören."
[GEJ.02_051,10] Sagt ein Ältester: „Ward es dir denn erlaubt, solches Geheimnis zu verraten? Hast du nicht einen Eid der ewigen Verschwiegenheit leisten müssen, bevor man dich als Eingeweihten aus dem Tempel entließ?"
[GEJ.02_051,11] Sagt der Redner: „Allerdings; aber ich bin nun so frei, diesen dummen Eid, der für mich gar keinen Wert hat und haben kann, nicht mehr zu halten, sondern der ganzen Welt laut zu verkünden, wie sie betrogen ist! Und hier in Nazareth nehmen wir es mit derlei Sachen ja ohnehin nicht gar zu genau, und so kann man es ja wagen, einen solchen Betrugseid zu brechen, ohne sich daraus ein Gewissen zu machen."
52. Kapitel
[GEJ.02_052,01] Sagen die Ältesten: „Wir sehen nun wohl ein, daß du in einer gewissen Hinsicht recht hast, – aber durchgehends dennoch nicht; dazu bist du wenigstens um zwanzig Jahre an Erfahrung zu jung. Es sieht nun im Tempel wohl so aus, wie du gesagt hast; aber es war nicht allezeit also. Denn siehe, so du recht gründlich und folgerecht zu denken vermagst, so mußt du ja notwendig den Satz als unumstößlich wahr aufstellen: ,Wenn nie ein Wahres und Wirkliches dagewesen wäre, so würde es auch nie einem Menschen einfallen können, ein Falsches und Unwahres nachzubilden.‘ Warum bekommt man nur zu oft in unserer in allerlei Künsten übergeweckten Zeit falsche Diamanten, falsche Perlen, so auch falsches Gold und Silber?
[GEJ.02_052,02] Wir wissen, daß die Perser die besten und feinsten Schals und andere Kleiderstoffe bereiten und ihnen auch die haltbarste Farbe geben nach ihrer geheimen Kunst, darum ihre Erzeugnisse auch in einem hohen Werte stehen. So du aber heute nach Jerusalem, nach Sichar oder gar nach Damaskus auf den Markt ziehst, so mußt du ein feiner Warenkenner sein, um nicht schier in unseren Landen nachgemachte, also falsche und schlechte Stoffe für echt persische um den hohen Wert zu kaufen, um den man gewöhnlich persische Stoffe kauft! – Was geht aber daraus hervor?
[GEJ.02_052,03] Siehe, so es nie einen echten Diamanten, nie eine echte Perle, nie ein echtes Gold und Silber und nie echte kunstvolle persische Stoffe gegeben hätte, so würde es auch nie einem Menschen einfallen, derlei falsch nachzumachen! Und hätte das Echte nicht einen so hohen Wert, dann würde auch die falsche Nachahmung sicher unterbleiben; denn es wird sicher keinem Menschen einfallen, einen falschen Kalkstein nachzumachen, weil des echten Kalksteins eine unsägliche Menge vorhanden ist. Nun kannst du dir wohl sehr leicht denken, daß man eben sogestaltig nie eine falsche Lade mit der Feuersäule nachgemacht hätte, wenn früher nicht in der Tat eine echte und wundervoll wahre bestanden hätte."
[GEJ.02_052,04] Sagt der Redner, der Chiwar hieß: „Ganz gut! Das ist klar; aber es fragt sich, was denn da vor sich gegangen ist, daß die alte Bundeslade gewisserart gestorben ist! Sie existiert richtig noch und befindet sich noch dann und wann an der Stelle der falschen in der allerheiligsten Halle, – was aber in dieser Zeit fast gar nicht mehr geschieht wegen der häufigen Besuche, die jetzt der allerheiligsten Halle zuteil werden, da man es doch ganz genau weiß, daß noch vor kaum dreißig Jahren außer dem Hohenpriester, der das Recht hatte, auf dem Stuhle Aarons zu sitzen, kein Mensch ins Allerheiligste treten durfte und der Hohepriester selbst nur zweimal im Jahre nach der gewöhnlichen Vorschrift; nur bei außerordentlichen Fällen durfte er auch drei- oder viermal ins Allerheiligste treten.
[GEJ.02_052,05] Wie ging also das zu, daß das Allerheiligste nun bloß nur dem Namen nach ein Allerheiligstes geblieben ist, im Grunde des Grundes aber nun ein ebensowenig Allerheiligstes ist wie diese unsere Synagoge hier?"
[GEJ.02_052,06] Sagt ein erfahrener Ältester: „Was dazu die Veranlassung und die Ursache gewesen sein mochte, weiß weder ich noch irgendein Eingeweihter in ganz Israel; nur das ist faktisch gewiß, daß die Feuersäule nach der argen Ermordung des Priesters Zacharias zwischen dem Opferaltar und dem Allerheiligsten auf einmal erlosch und hinfort mit allem Bitten und Beten nicht mehr zum Vorschein kam.
[GEJ.02_052,07] Daß man aber solchen Vorgang dem Volke nicht offenbaren konnte, wirst du hoffentlich doch einsehen! Denn das hätte eben bei dem Volke eine zu große Bewegung verursacht; dazu die Römer im Lande! Welch ein Blutbad und welch eine Verwüstung hätte das nach sich ziehen müssen!
[GEJ.02_052,08] So aber weiß außer uns Eingeweihten kein Mensch in ganz Israel etwas davon, und diese Galiläer, die hier schlafen und unser leises Geflüster schwer vernehmen dürften, wenn sie auch nicht schliefen, würden auch nichts machen, so sie es auch wüßten, weil sie samt und sämtlich wenig glauben und mehr Griechen als Juden sind und fürs praktische Leben schon lange von dem Grundsatze ausgehen: eine Religion müsse es geben zur Darniederhaltung des gemeinen Volkes, dessen sich der kleine gebildete Teil desto leichter zu seinem Vorteile bedienen kann, und es sei da ganz gleichgültig, was für ein Mysterium einer Religion zugrunde liege.
[GEJ.02_052,09] Was kümmert es da einen echten besseren Galiläer, ob die Lade echt oder unecht ist, wenn sie nur fürs gemeine Volk, das abergläubisch und überleicht zu blenden ist, die nötige Wirkung macht!? Man kann darum hier in Nazareth, in Kapernaum und Chorazin unter guten Bekannten und Freunden schon ziemlich offen sein, ohne dadurch einen Schaden anzurichten; was aber die Griechen und Römer betrifft, nun, da wissen wir, mit wem wir es zu tun haben!
[GEJ.02_052,10] Darum zumeist hat man ja auch den Prediger Johannes, der mehrere Jahre lang zu Bethabara sein Unwesen trieb, ins Gefängnis gebracht, weil man befürchtete, daß er als ein Sohn des Zacharias, der den Priestern zu Jerusalem durchaus kein gutes Zeugnis gab, leicht von der falschen Lade etwas wissen und solches dem Volke offenbaren könnte!
[GEJ.02_052,11] Es wird darum auch der Zimmermann so verfolgt, weil man Ihn bei seiner offenbarst prophetischen Eigenschaft fürchten muß, da er davon dem Volke etwas kundgeben könnte! Darum bleibe das unter uns noch gleichfort ein Geheimnis, und wir dürfen uns gar so leichten Kaufs noch lange nicht wegwerfen!"
[GEJ.02_052,12] Sagt Chiwar: „Das ist freilich wohl eine ganz verzweifelte Geschichte; wenn nur die dort unten beim Haupteingange von unserem Diskurse nichts vernommen haben!"
[GEJ.02_052,13] Sagt der Älteste: „Nun, wir haben eigentlich nur mehr gemurmelt als gesprochen, und die dort unten werden wenig oder nichts davon vernommen haben! Und hätten sie auch etwas vernommen, so sind sie zumeist Griechen und Römer und verstehen nicht, was wir da unter uns verhandelt haben."
[GEJ.02_052,14] Sagt Chiwar: „Aber ich habe des Zimmermanns Sohn Jesus, den Oberstatthalter Cyrenius, den Obersten Jairus, den Obersten Kornelius, den Faustus und andere bekannte Leute unter ihnen bemerkt!"
[GEJ.02_052,15] Sagt der Älteste: „Das sind Menschen, gegen die wir uns ohnehin nicht schützen können; ob die es gehört haben oder nicht, das ist einerlei! Wollen sie das dem Volke kundtun, so bedürfen sie unserer Besprechung lange nicht, da sie sicher auch ohne uns schon lange nur zu klar wissen werden, wie es mit der Lade im Tempel steht; und wollen sie es nicht, so wird diese unsere Besprechung sicher kein Motiv dazu sein – und so können wir schon ganz ohne Sorge sein! Nun aber seien wir darauf bedacht, daß wir als Eingeweihte die fragliche Sache nicht irgendwo ruchbar machen; und wird solches dereinst geschehen müssen, so wird dazu wohl die höchste Vorsicht notwendig sein!"
53. Kapitel
[GEJ.02_053,01] Sagt Chiwar: „Wahrlich, ich muß eure Weisheit loben! Wie lange wir auch schon beisammen leben und wirken, so hat sich dennoch nie eine Gelegenheit ergeben, bei der ich euch, meine Gefährten, so wie heute hätte kennenlernen können, und es freut mich nun ganz besonders, an euch auch Menschen statt dummer Tempelknechte an meiner Seite zu haben; aber alles dessen ungeachtet bleibt die Erscheinung des Zimmermanns das Außerordentlichste, was je, solange die Erde von Menschen bewohnt ist, von Menschensinnen wahrgenommen worden ist. Da geht Adam mit allen seinen tausendjährigen Erlebnissen und Gesichten unter! Ein Henoch gehört zum geistigen Bettelvolke; Abraham, Isaak und Jakob, Moses, Aaron und Elias sind arme Schlucker gegen uns! Ein Tag bringt nun mehr des Wunderbarsten und nie Erhörten zustande, als alle die Ur- und Erzväter je erlebt haben!
[GEJ.02_053,02] Ich selbst habe gestern und auch heute schon so von weitem hin einen geheimen Beobachter alles dessen gemacht, was in und außer dem Hause des alten Joseph vor sich gegangen ist. Ich sage es: nichts als Wunder über Wunder! Zwei sichtbare, vollkommen lebendige Engel dienen ihm! Des Faustus Weib war in Kapernaum, und der Zimmermann wollte sie an der Morgentafel haben; aber es wären dazu nahe vier Stunden Zeitdauer erforderlich gewesen, um sie von Kapernaum nach Nazareth zu bringen. Was geschieht aber? Der Zimmermann winkt den zwei offenbarsten Engeln. Diese verschwinden nur auf ein paar Augenblicke und bringen ganz heiteren Mutes die schöne Lydia, des Faustus Weib, nach Nazareth! – Was sagt ihr dazu? Das wird doch offenbar mehr sein, als was wir zu fassen vermögen?!"
[GEJ.02_053,03] Fragen die Ältesten: „Was hast du denn noch gesehen?"
[GEJ.02_053,04] Sagt Chiwar: „Ihr kennet doch des Jairus Tochter und wisset auch, daß sie zweimal gestorben ist, und daß sie das zweite Mal schon etliche Tage im Grabe gelegen ist, wißt ihr auch; aber ihr wißt es nicht, daß diese Sarah, des Jairus himmlisch schöne Tochter, des Borus Weib geworden ist! Ist das nicht unerhört, daß ein zweimal vollkommen gestorbenes weibliches Wesen eines Mannes Weib wird, und das in einer Art und Weise, wie die Erde noch nie eine Vermählung erlebt hat?! Als des Zimmermanns Sohn sie gesegnet, sah sie den Himmel offen, und zahllose Scharen erfüllten die Luft und lobten Gott, daß Er den Menschen der Erde solche Ehren und Gnaden erweise. Als das Paar aber von Jesus gesegnet war, da verschlossen sich die Himmel auf einen sichtbaren Wink des Zimmermanns, und nur die zwei Engel blieben, wie sie früher waren, und wie ihr sie sehen könnt hier in der Synagoge, dort, nahe an der Türe stehend in der Gestalt zweier himmlisch schöner Jünglinge. Betrachtet sie und saget, ob sie von wo anders her sein können als rein aus den Himmeln nur!
[GEJ.02_053,05] Wenn aber nun das alles sich also wunderbar verhält, was niemand von uns leugnen kann, warum sollen wir den Sohn des Zimmermanns denn nicht für etwas Höheres halten als bloß für einen Schüler der Essäer, die er nie gesehen haben kann, weil er meines Wissens sich nie aus dieser Gegend entfernt hat, außer ein paar Male mit seinem Vater und seinen Brüdern nach Jerusalem und, glaube ich, einmal nach Sidon, um dort ein Haus aufzubauen; sonst aber war er stets zu Hause.
[GEJ.02_053,06] Obschon man weiß, daß er gleichfort ein stiller, eingezogener Arbeiter war, und daß man ihn sogar für ein wenig blöde hielt, so weiß man aber doch auch, daß sich von seiner Geburt an bis in sein etwa zwölftes Jahr ganz sonderbare Dinge mit ihm zugetragen haben; sogar seine Geburt soll eine ganz wunderbare gewesen sein – nach der Erzählung des nun römischen Obersten Kornelius, der mir solches erst unlängst in Kapernaum bei einer festlichen Gelegenheit erzählt hat!
[GEJ.02_053,07] Wenn sich aber die Sachen so verhalten, da frage ich aber doch vollernstlich, ob man noch Bedenken tragen soll, diesen Jesus wenigstens als einen Gottessohn anzusehen; denn dergleichen Dinge, die er verrichtet, und wie er den Engeln gebietet und sie ihm auf einen Wink gehorchen, dies alles läßt doch offenbarst den Schluß zu, daß da hinter diesem Jesus eine Fülle des urgöttlichen Geistes stecken muß!
[GEJ.02_053,08] Wenn aber das – was seine Taten und Lehren zeigen –, so weiß ich wahrlich nicht, aus welchem Grunde wir noch fortan an der toten Lade hängen, während hier die lebendige vor unsern Augen wandelt und handelt! Wir können pro forma (zum Schein) vor dem Volke das sogar bleiben, was wir nun sind, um die Sache nicht zu auffallend zu machen; aber im Herzen sollten wir uns alle fest zu ihm bekennen!"
[GEJ.02_053,09] Sagt der weise Älteste: „Entweder ganz oder gar nicht! Denn, ist Göttliches in ihm, so wird dieses jede Halbheit verabscheuen; ist aber das nicht der Fall, dann ist es dennoch besser, bei der toten Lade mit wenigstens einer lebendigen Erinnerung an ihren früheren Bestand zu verbleiben, als etwas anzunehmen, davon man den Grund nicht kennt!"
[GEJ.02_053,10] Sagt Chiwar: „Darum wollen wir die Sache prüfen euretwegen; denn meinetwegen braucht sie gar nicht geprüft zu werden. Ich bin im klaren und weiß ganz genau, was ich tue, wenn ich ihm nachfolge."
[GEJ.02_053,11] Sagt der Älteste: „Meinst du aber, daß der Tempel keine Schritte mehr tun werde, wenn eine Gemeinde und eine Ortschaft um die andere von ihm abfällt wie eine vollreife Frucht vom Baume? Ich glaube, daß der Tempel gar nicht lange auf sich warten lassen und seine Strafpriester in alle Orte hinaussenden wird! Und dann wehe allen abgefallenen Menschen; die werden mit allerlei bitter geplagt werden! Besser dürfte es dann noch denen ergehen, die der weisen Griechen Lehre angenommen haben, als eben den Jüngern Jesu, die weder völlig Juden und noch weniger Griechen sind und wohlbewußtermaßen wissen, daß diese oder wenigstens einige aus ihnen mit den schlechten und nun vollends leeren Tempelverhältnissen und dessen heiligen Mysterien ganz wohl vertraut sein dürften!
[GEJ.02_053,12] Ich sage es euch: nichts wird die Templer nun in eine größere, natürlich ganz geheimgehaltene, aber für uns desto gefährlichere Unruhe versetzen – als das offenbarste prophetische Wesen Jesu und dessen Jünger! Und solch eine Unruhe wird alle Satanskniffe ergreifen lassen, um eine Lehre zu verderben, durch die dem Tempel der offenbarste Untergang bereitet werden muß.
[GEJ.02_053,13] Oder habt ihr nicht im vorigen Jahre gesehen, was die Templer sogar mit einem Griechen gemacht haben, der es unters Volk brachte, daß diese nun auch römisches Silber- und Goldgeld als Opfer im Tempel annähmen, während dazu allein nur Aarons Münze bestimmt ist und außer diesem kein anderes Geld je angenommen werden dürfte? Seht, man lockte ihn in den Tempel mit Gewinnversprechungen; und als man auf diese feine Weise seiner im Tempel habhaft ward, wurde er sobald auf eine Weise ums Leben gebracht, von der die Chronik kein Beispiel aufzuweisen hat! – Es ist demnach eine große Vorsicht anzuwenden! Wir müssen entweder ganz Griechen werden und als solche dann erst zu den Jüngern Jesu uns gesellen mit Leib und Seele, oder wir müssen ganz das bleiben, was wir sind; denn mit der Halbheit ist uns nirgends etwas geholfen!"
[GEJ.02_053,14] Sagt Chiwar: „Da hast du wieder recht, insoweit es die weltliche Vorsicht erheischt; aber unter uns geradeheraus gesagt: Wenn dieser scheinbare Zimmermann eben der verheißene Messias, also – wie David Ihn nennt in tiefster Ehrfurcht – Jehova Selbst wäre, sollen wir auch dann noch auf schlauen Umwegen Seine Jünger werden, oder sollen wir nicht vielmehr sogleich zu Seiner himmlischen Fahne stoßen und uns von all den Kniffen des Satans schon darum nicht abschrecken lassen, weil wir durch Ihn des ewigen Lebens vollauf versichert sein können, so es uns auch dieses wenigsagende, armselige Erdenleben, das ohnehin nur sehr kurz dauert, kosten sollte?!"
[GEJ.02_053,15] Bei diesem Antrage Chiwars stutzen alle und wissen nun nicht mehr, was sie entschieden tun sollen.
54. Kapitel
[GEJ.02_054,01] Da treten die zwei Engel zu ihnen hin und sagen: „Chiwar hat recht geredet einesteils, und du Ältester hast auch recht in dem, daß man Gottes ganz sein müsse, da Gott jede Halbheit verabscheue! Wir aber sagen euch als Seine Zeugen aus den Himmeln: Fürchtet die nicht, die eurer Seele nichts anhaben können, sondern fürchtet vielmehr Den, der ein Herr ist über alles Leben im Himmel und auf Erden! Ohne Ihn gibt es kein Leben, weder im Himmel noch auf Erden! Darum sei euch von uns, als Seinen wahrhaftigsten Zeugen aus den Himmeln, geraten, das zu tun, was euch der Freund Chiwar geraten hat."
[GEJ.02_054,02] Sagt der Älteste: „Wer seid ihr holdesten Jünglinge denn, daß ihr euch vor uns Zeugen aus den Himmeln nennet?"
[GEJ.02_054,03] Sagen die beiden: „Fraget den Chiwar, der uns gesehen hat aus Kapernaum des Faustus Weib holen, und er wird es euch sagen, wer wir sind!"
[GEJ.02_054,04] Sagt der Älteste: „Wenn so, da gibt es wohl nichts weiteres mehr zu bedenken, und dem Tempel werde der Rücken zugewendet!"
[GEJ.02_054,05] Sagen die beiden: „Nicht so, liebe Freunde; denn der Herr ist billig in allen Dingen! So ihr im Herzen Ihm anhanget, lebendig an Ihn glaubet, und daß durch Ihn allein die Schrift erfüllt wird und zum großen Teile schon erfüllt ist, so tut ihr genug; sonst aber bleibet, wie ihr seid, auf daß die Diener der Welt und des Teufels, von denen der Tempel vollgestopft ist, nicht vor der Zeit geweckt werden! Lehret das Volk Moses und die Propheten und haltet auf die Beachtung der wahren Gebote Gottes; aber auf die Beachtung der weltlichen Satzungen des Tempels haltet wie auf laues Wasser, so werdet ihr dadurch ebensogut Seine Jünger sein wie jene, die Er aus den Fischern berufen und erwählt hat."
[GEJ.02_054,06] Nach zwei Tagen aber werdet ihr aus Jerusalem einen neuen Obersten bekommen, der anfangs sehr templerisch gesinnt sein wird, später aber mit sich wird ganz bedeutend handeln lassen und ums Geld Dispense über Dispense (Ausnahmegenehmigungen) geben wird; denn er selbst glaubt an den Tempel auch nicht ein Sonnenstäubchen groß, und ihr werdet dabei ein leichtes Spiel haben. Jairus aber hat sich in den Ruhestand gesetzt und wird leben im Hause seines Schwiegersohnes. Saget aber dem neuen Obersten nichts von all dem Wunderbaren, das sich hier zugetragen hat!"
[GEJ.02_054,07] Sagt Chiwar in tiefster Ehrfurcht: „Diener Gottes aus dem Reiche des Lichtes und des ewigen Lebens! Es ist so ganz gut zu tun, wie ihr nach der Gnade des Herrn uns geraten habt; aber ich für mich möchte es dennoch ein wenig besser haben! Wie wäre es denn, so ich für meine Person ganz zu den Jüngern, als selbst Jünger, überginge?"
[GEJ.02_054,08] Sagen die beiden: „Ein jeder der Menschen dieser Erde ist frei und kann tun, was er will, und glauben und reden, was er will; aber so jemandem, wie nun euch, aus den Himmeln die Gnade zuteil wird, einen Rat bekommen zu haben, so tut er wohl, so er dessen achtet; denn es werden über die Jünger, die nun stets beim Herrn sind, noch Zeiten starker Versuchung kommen, wo sie sich, im Geiste, auch im Feuer werden bewähren müssen, und da werden viele schwach werden und abfallen! Ihr aber werdet es leichter haben und werdet in aller Ruhe das erreichen können, was die Jünger unter großer Angst und Verfolgung erreichen werden! Du, Chiwar, kannst nun tun, was du willst; aber für dich ist es besser, wenn du bleibst in deiner Stellung."
[GEJ.02_054,09] Sagt Chiwar: „Ja, ich werde bleiben; aber solange Sich der Herr noch hier aufhalten wird, möchte ich denn doch in Seiner Nähe zubringen und so manches von Ihm hören und sehen! Soll ich auch das nicht?"
[GEJ.02_054,10] Sagen die beiden: „Ach, das kannst du schon, obwohl der Herr hier weder viel reden und noch weniger etwas Besonderes tun wird, weil die Menschen hier fast glaubenslos sind und den Herrn für einen Zauberer halten. Ihr aber werdet hinreichend Gelegenheit haben, diese Menschen nach und nach eines Besseren zu belehren, wofür euch der Herr den Lohn nicht vorenthalten wird. Heute gen Abend wird auch Roban wieder zu euch kommen und euch wichtige Zeugnisse für Jesus den Herrn mitbringen, und ihr werdet an ihm einen sehr klugen und weisen Leiter haben; denn Roban ist einer der stärksten Geister unter euch." – Nach diesen Worten entfernen sich die beiden Engel und begeben sich wieder zu unserer Gesellschaft.
55. Kapitel
[GEJ.02_055,01] Nun fragt Cyrenius Mich, ob es wohl rätlich wäre, diese seiner Ansicht nach total bekehrten Pharisäer, Ältesten, Leviten und Schriftgelehrten von seinem über sie verhängten harten Gesetze freizusprechen.
[GEJ.02_055,02] Sage Ich: „Man soll, wenn man das Gesetzgebungsrecht hat, nie zu voreilig ein neues Gesetz geben! Ist aber ein Gesetz gegeben, so soll man noch weniger voreilig sein, das gegebene Gesetz aufzuheben; denn da muß der Rat der Verständigen das Rechte zeigen. Siehe, wenn du ein neues Gesetz gibst, so wirst du dir alle jene zu Feinden machen, denen das Gesetz auferlegt ward; hebst du dann aber das Gesetz auf, so wird dir darum niemand dankbar sein, sondern man wird dich der Schwäche zeihen, wird triumphieren und sagen: ,Da sieht man den Tyrannen! Weil er sieht die Überzahl seiner Feinde, so möchte er sich durch die plötzliche Aufhebung des harten Gesetzes beim Volke wieder in Gunst setzen! Aber er wird der Freunde im Volke wenige finden; denn wer einmal ein Tyrann ist, der ist es zum zweiten Male, so er wieder zur Macht kommt, ein zweifacher!‘
[GEJ.02_055,03] Und es ist daher besser, ein gegebenes Gesetz zu belassen, als dasselbe sobald wieder aufzuheben; aber man kann dafür das Gesetz ganz geheim fallen lassen, und wenn Übertretungen desselben vorkommen, so übe man Nachsicht und sei im Urteil nicht zu streng. Kommt dann ein anderer Regent, so steht es ihm frei, die Gesetze, die sein Vorgänger erlassen hat, ganz aufzuheben und dafür dem Geiste des Volkes gemäß mildere zu geben. Es müßte denn sein, daß sie kämen und dich darum bäten, da wohl kannst du den strengsten Teil des einmal erlassenen Gesetzes wegtun, aber stets mit dem Vorbehalt, das Gesetz sobald wieder mit aller Strenge zu erneuern, wenn sich Spuren zur böswilligen Verfolgung der durch das Gesetz zu bewerkstelligenden guten Sache zeigen sollten!
[GEJ.02_055,04] Siehe, das ist die Klugheit, nach der jeder Regent seine ihm untergebenen Völker leiten sollte, so er glücklich regieren will! Ein lauer und nachlässiger Regent aber wird bald zu der stets traurigen Überzeugung gelangen, daß er sich durch zu große Nachgiebigkeit die Völker nicht hätte über den Kopf wachsen lassen sollen!
[GEJ.02_055,05] Denn die Völker verhalten sich zu ihren Regenten wie die Kinder zu ihren Eltern. Strenge und dabei weise Eltern werden auch gute, gehorsame und dienstfertige Kinder haben, die ihre Eltern lieben und ehren werden, wogegen den zu nachgiebigen Eltern die Kinder nur zu bald über den Kopf wachsen und sie am Ende aus dem Hause treiben und stoßen werden.
[GEJ.02_055,06] Liebe mit Ernst und Weisheit ist ein ewiges Gesetz; wer danach handelt, macht keinen Fehltritt, und die Früchte davon werden gut und köstlich schmecken. Hast du Mich wohl völlig verstanden?"
[GEJ.02_055,07] Sagt Cyrenius: „Ja Herr, ganz vollkommen, und es ist das in der Welt immer der gleiche Fall gewesen. Ein zu guter, nachgiebiger Regent ist mit seiner Regierung bald fertig; aber auch ein zu tyrannisch strenger hat selten eine lange Dauer. Ich meine, so in der Mitte zwischen beiden ruhet die Weisheit, das Glück und dessen dauerhafte Festigkeit!?"
[GEJ.02_055,08] Sage Ich: „Ja, ja, also ist es: in der Mitte, wie Ich es dir gezeigt habe! Nun aber gehen wir wieder nach Hause; denn es ist schon stark Nachmittag geworden!"
[GEJ.02_055,09] Fragt Kornelius: „Aber Herr, bleiben die alten Bürger, nun schon hier schlafend? Diese Menschen könnten ja auch daheim diese löbliche Sabbatfeier verrichten, auf daß sie nicht durch ihr gewaltig starkes Geschnarche die Anwesenden störten! Denn es ist ja zum Davonlaufen, wie diese Leute schnarchen, – eine Erscheinung, die mir im höchsten Grade unangenehm ist! Ich kann viel Ungemach ertragen, aber das Schnarchen eines Schlafenden kann mich zu einer Art Verzweiflung treiben!"
[GEJ.02_055,10] Sage Ich: „Nun, nun, laß das nur gut sein! Solange sie schnarchen, begehen sie keine Sünde! Es ist gut, daß sie nun schnarchen; denn wären sie wach gewesen, so hätten sie manches gehört, was sie sehr geärgert hätte, und das wäre nicht gut! Weil sie aber fest geschlafen haben, so haben sie von all dem Vorgefallenen nichts gehört und gesehen und haben sich darum auch nicht geärgert; und siehe, das ist gut! Aber jetzt gehen wir und lassen diese Leute schlafen!"
[GEJ.02_055,11] Darauf fingen wir an, uns zur Türe zu bewegen; aber die Pharisäer und Ältesten eilten hin zur Türe, die zur Hälfte geöffnet war, und machten schnell die ganze, große Türe auf und sagten: „Herr, es stehet geschrieben: ,Machet die Türen hoch und die Tore weit, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist dieser König? Es ist Jehova Zebaoth! Dem von uns allen sei alles Lob, alle Ehre und aller Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit!‘"
[GEJ.02_055,12] Und der Cyrenius sagt mit freundlicher Miene: „Ja, also ist es und soll es bleiben ewig! Der Herr sei allzeit mit euch!"
[GEJ.02_055,13] Und sie rufen: „Und mit deinem Geiste, auf daß du uns, wie Er, gnädig sein möchtest! Denn deine Gesetze haben uns hart gedrückt bis jetzt, ärger denn der Tod; aber da wir nun selbst vollends Seine Jünger geworden sind und uns deine Gesetze selbst lebendig auferlegen, so sind deine harten Gesetze für uns so gut wie gar nicht mehr da. Aber wir danken dir dennoch für eben diese Gesetze; denn ohne sie hätten wir leicht zu Verrätern dieser allerheiligsten Sache werden können! Wir bitten dich darum nun auch gar nicht mehr um die Aufhebung der gegebenen strengen Gesetze; denn wir selbst, als mit dir gleich Denkende, Glaubende und Handelnde, heben sie eben durch unser höchst eigenes Tun und Lassen bis aufs letzte Häkchen auf, für alle Zeiten der Zeiten!"
[GEJ.02_055,14] Sagt Cyrenius: „In der Hinsicht ist das Gesetz euch auch von mir erlassen, und ich bin der sicheren Hoffnung, euch dies harte Gesetz nie mehr erneuern zu brauchen. Lasset euch daher nimmer irreleiten und befolget strenge, was euch die beiden Engel Gottes geraten haben, so werden wir die besten Freunde in Gott dem Herrn verbleiben, und meine Regierung wird euch nicht drücken! Und sollte es sich unter dem neuen Obersten eurer Schulen zeigen, daß er euch wie immer verfolgen möchte darum, daß ihr Freunde Jesu, des Herrn von Ewigkeit, und zugleich Freunde der euch wohlwollenden Römer seid, so werdet ihr den Weg bis zu mir wohl finden, – und dann werden schon jene Vorkehrungen getroffen werden, durch die eure physischen und ganz besonders geistigen Rechte aufs beste geschützt werden! Und nun abermals sage ich: Der Herr sei mit euch!"
[GEJ.02_055,15] Und sie alle rufen wieder: „Und mit deinem Geiste ewig!"
[GEJ.02_055,16] Darauf machen sie eine tiefste Verbeugung vor uns, und wir gehen durch die weitgeöffnete Tür und begeben uns nach Hause, allda ein gutes Mahl unser harret, bestehend aus Brot, Wein und allerlei süßen und vollreifen Früchten. Wir setzen uns an die Tische, danken und verzehren nach und nach, was die Tische tragen, – bleiben aber zugleich an den Tischen sitzen bis zum Untergang unter allerlei erbaulichen Reden und Gesprächen.
56. Kapitel
[GEJ.02_056,01] Nahe dem Untergange kommt Roban, von Kisjonah aus Kis begleitet, bei Meinem Hause an, grüßt schon von weitem alles, was ihm unterkommt, und Kisjonah eilt eben auch mit offenen Armen zu Mir hin, grüßt vor allem Mich auf das wahrhaft freundlichste mit Tränen in den Augen und grüßt darauf nach einer Weile erst seine Tochter, die ihn schon lange bei der Hand hielt und viele Küsse darauf heftete; also grüßt er auch seinen Schwiegersohn, den Kornelius, und als er es erst erfährt, daß der neben Mir sitzende glänzende Römer der Oberstatthalter Cyrenius ist, so bittet er ihn um Vergebung, ihn übersehen zu haben!
[GEJ.02_056,02] Aber Cyrenius ergreift ganz gerührt des Kisjonah Hand, drückt sie an seine Brust und sagt ganz laut: „Nicht du mich, sondern ich muß dich um Vergebung bitten, daß ich dich nicht zuvor gegrüßt habe; aber als Entschuldigung diene, daß ich dich persönlich nicht gekannt habe! Denn nebst dem Herrn Jesu, dem natürlich allein alles Lob und alle Ehre gebührt, bin ich auch dir, du treuer, biederer Mann, einen nie zu erschöpfenden Dank schuldig; denn unter allen Menschen jener Gegend hast du entschieden das meiste dazu beigetragen, daß ich aus einer Verlegenheit gerettet wurde, die mich sonst wohl sicher das Leben gekostet haben würde! Das ist mir wirklich eine große Freude, dich, du mein überaus schätzenswerter Freund, nun persönlich kennenzulernen."
[GEJ.02_056,03] Kisjonah ist nun wieder einmal ganz glücklich und erzählt uns vieles, was er alles unterdessen erlebt hat, und erzählt uns am Ende auch, daß er mit dem recht biederen alten Roban Sichar besucht und dort mit Jonael, Jairuth und sehr viel mit dem Archiel gesprochen habe, der nun ganz natürlich wie ein Mensch lebe und handle, so daß es einem Fremden aber auch nicht im Traume einfallen könne, als stäke hinter ihm ein rein geistiges Wesen.
[GEJ.02_056,04] Also habe er auch den Arzt Joram und dessen wundervoll herrlichstes Haus, sowie dessen liebes, herrlichstes Weib besucht und von beiden überaus wundervollste Dinge vernommen; und Roban sei allenthalben bloß Ohr und Auge gewesen und hätte sich über alles nicht genug verwundern können; und wenn er so recht mächtig ergriffen gewesen, da habe er immer vor sich hingesagt: Ja, ja, Blut und Leben für den göttlichen Meister aus Nazareth! Denn Er kann kein Mensch, sondern Er muß Gott Selbst sein, ansonst Ihm dergleichen Dinge nicht möglich sein würden!
[GEJ.02_056,05] Als Kisjonah also noch erzählt, tritt Roban zu Mir hin und sagt nichts als: „Herr, ich bin Dein, und keine Macht, außer allein Dein Wille, kann mich von Dir trennen!"
[GEJ.02_056,06] Sage Ich: „Ich habe es wohl zum voraus gewußt, daß du einer der Meinigen werdest; aber du weißt es noch nicht, daß nun auch alle deine Brüder und Amtsgefährten zu den Meinigen gehören, ohne deshalb aufzuhören, das zu sein vor der Welt, was sie ehedem waren, – desgleichen auch du vorderhand das bleiben wirst, was du warst, so lange, bis der neue Schuloberste, der die Stelle des Jairus übermorgen beziehen wird, sich ein wenig abgestoßen haben wird.
[GEJ.02_056,07] Deine Brüder aber werden dich schon in allem unterweisen, was du zu tun, zu reden und wie du dich zu benehmen haben wirst gegen den neuen Obersten, der im Anfange zwar mit einem sehr buschigen Besen zu kehren beginnen wird; aber es wird kein halbes Jahr währen, und ihr werdet mit ihm um einiges Geld alles ausrichten können, da er keinen Glauben hat an den Tempel, sondern vorderhand allein ans Geld; nachderhand aber wird er schon auch an etwas Besseres zu glauben imstande sein. – Nun aber gehe zu deinen Brüdern und benachrichtige sie von allem, was du gesehen und gehört hast!"
[GEJ.02_056,08] Auf diese Meine Worte empfiehlt sich Roban beim Kisjonah, ihm für alles dankend, was er ihm Gutes erwiesen hatte, und sagt am Ende: „Kisjonahs dürften auf der Erde wohl wenige mehr anzutreffen sein! Darum bist du der einzige, der mein Herz getroffen und gefunden hat! Der Herr segne dich für alles, was Gutes du mir und tausend andern erwiesen hast!" – Nach diesen Worten verneigt er sich tief vor uns und eilt zu seinen Brüdern, die heute noch in der Synagoge versammelt sind – jedoch ohne die Schlafenden, die bald nach unserem Abgange aus der Synagoge entfernt wurden. Er wird überraschend freundlich aufgenommen, und sie teilen sich nun gegenseitig fröhlichen und heiteren Geistes unter Staunen und Staunen alles mit, was sie erlebt, gehört und gesehen haben.
[GEJ.02_056,09] Wir aber sind ebenfalls guter Dinge; denn Kisjonah kam nicht allein, sondern mit mehreren vollbeladenen Lasttieren und ihren Führern und brachte Wein, Mehl, Käse, Brot, Honig und eine Menge der edelsten Fische in geräuchertem Zustande, so daß die Mutter Maria kaum Platz hatte, all das Mitgebrachte unterzubringen.
[GEJ.02_056,10] Es ward daher ein Nachbar ersucht, den Überschuß sorgsam in seiner großen Speisekammer aufzubewahren, was er denn auch tat, obschon eben nicht gar zu gerne aus purer Gefälligkeit, da er stets ein habsüchtiger Filz war. Aber da ihm nun Kisjonah ein Paar Goldstücke für seine Mühe und Gefälligkeit anbot und gab, so war er gleich gut gesinnt und über die Maßen dienstfertig und stieß im Tragen der Säcke, da es schon stark dämmerlich geworden war, einmal stark an den Jünger Johannes. Dieser aber sagte zu ihm: „Freund, sei vorsichtiger in deinem bezahlten Eifer, sonst wirst du für dich und die andern einen Schaden anrichten! Glücklich aber wärest du, so du fürs Gottesreich, das gar so nahe zu dir gekommen ist, so eifrig wärest wie für die zwei elenden Goldstücke, und du würdest dabei dich an niemanden stoßen! O der großen Blindheit, die das Allerhöchste nimmer erkennen kann und mag!"
[GEJ.02_056,11] Der Nachbar aber ließ sich nicht irremachen, verrichtete seine bedungene Arbeit und kümmerte sich um nichts weiteres mehr.
[GEJ.02_056,12] Da fragte Johannes: „Herr, ist es denn doch möglich, daß ein Mensch soviel Stumpfsinn in seinem Leibe und in dessen Seele haben kann?"
[GEJ.02_056,13] Sage Ich: „Laß ihn gehen! Es gibt dergleichen nun zu vielen Tausenden im Judenlande, die da stumpfer und eigensinniger sind als ein Esel! Darum gebührt ihnen aber auch nur der Lohn eines Esels!"
[GEJ.02_056,14] Darüber entstand eine kleine Lache durch die Gesellschaft, die Philopold mit seinen sehr treffenden Bemerkungen noch mehr erhöhte und bewies, wie ein Mensch gewöhnlich alles besser zu sehen imstande ist als gerade das, was ihm auf der Nase sitzt! Und alles bewunderte seine ausgezeichnete Dialektik.
[GEJ.02_056,15] Nach dieser Szene aber erhoben wir uns vom Tische und begaben uns bald zur Ruhe.
57. Kapitel
[GEJ.02_057,01] Alles nahm nun sein Lager ein und schlief bis zum hellen Morgen; auch Ich ruhte und schlief ein paar Stunden. Die beiden Engel aber verrichteten ihr Weltenleitungsgeschäft in der Nacht und waren mit dem Aufgange der Sonne auch schon wieder bei uns, traten zu Mir hin, dankten und sprachen: „Herr, es ist alles in der größten Ordnung im ganzen großen Weltenmenschen. Die Hauptmittelsonnen stehen unverrückt in ihren Stellen, und ihre Umdrehungen sind gleich; die Bahnen der zweiten Mittelsonnen sind unverrückt, die Bahnen der dritten Klasse Mittelsonnen um die zweiten sind eben auch in der größten Ordnung, ebenso die Mittelsonnen der vierten Klasse mit ihren zehnmal hunderttausend Planetarsonnen, hie und da mehr und hie und da weniger, – wie Du, o Herr, vom Urbeginn an das Maß gelegt hast! Die zahllos vielen Planetarsonnen aber mit ihren kleinen, zumeist lichtlosen Planeten und Monden hängen ohnehin von der Ordnung der großen Leitsonnen ab, und somit ist in dieser uns beiden zum Überwachen gegebenen Hülsenglobe alles in der größten und besten Ordnung, und wir dürfen darum wieder hier bei Dir, heiliger Vater, und bei Deinen uns gar so teuren Kindern einen hellen Tag zubringen!"
[GEJ.02_057,02] Sage Ich: „Ganz gut, bringet aber jede Minute wohl zu durch allerlei nützliche Belehrungen; denn Meine Kindlein bedürfen derer noch sehr!"
[GEJ.02_057,03] Die beiden Engel treten nun ganz heiter und überselig zurück und begrüßen Maria und darauf die Jünger, den Cyrenius, Kornelius, Faustus, Jairus, den Kisjonah und den Borus. Cyrenius aber, der von den vielen Sonnen etwas gehört hatte, fragt die beiden gleich, von was für Sonnen sie da mit Mir geredet hätten, da er nur eine Sonne kenne.
[GEJ.02_057,04] Die beiden aber sagen überaus liebreich: „Liebster Freund und Bruder im Herrn, wolle nicht wissen das, was du nun unmöglich fassen kannst, und wovon das Heil deiner Seele auch gar nicht abhängt; denn das, was wir mit dem Herrn geredet haben, würde dich töten, so du es in dem Maße verstündest und einsähest, wie wir es verstehen und allzeit einsehen müssen. Denn so viele Sterne du in einer schönen Nacht erschauest und noch viele andere, die dein Auge ob ihrer zu großen Entfernung von hier aus nicht erschauen kann, sind lauter Sonnenwelten von einer für deinen Verstand unmeßbaren Größe. Die eine Sonne, die du siehst, ist eine der kleinsten Planetarsonnen; sie ist aber dennoch schon über tausendmal tausend Male größer denn diese Erde. Nun denke dir dann erst eine Mittelsonne nur der vierten Abstufungsklasse, um die wenigstens zehnmal hunderttausend solcher Planetarsonnen in weitgedehnten Kreisen samt ihren Planeten oder lichtlosen kleinen Erden, wie die von dir bewohnte eine ist, bahnen! Deren Umfang ist für sich allein so groß wie die Summe aller Umfänge aller der Planetarsonnen und ihrer um sie kreisenden Erden und Monde um tausend vervielfacht. – Sage uns, Freund, kannst du dir nun wohl einen Begriff von solch einer Größe machen?"
[GEJ.02_057,05] Sagt Cyrenius: „Lieblichste Diener Gottes, ich bitte euch, mir davon nichts Weiteres mehr kundzutun; denn es fängt an, mich ganz schwindlig zu ergreifen! Wer hätte je sich so etwas im Traume einfallen lassen mögen? Und ihr könnet das alles so gewisserart mit einem Blick übersehen? Welche Macht und welch eine Tiefe der göttlichen Weisheit muß in euch sein! Aber weil ich schon so voll Wißbegierde bin, so saget mir so im höchst allgemeinen noch dazu, was denn eigentlich in den so endlos vielen und endlos großen Sonnen ist!?"
[GEJ.02_057,06] Sagen die beiden: „Was du auf dieser Erde ersiehst, das und ähnliches in freilich viel edlerer und oft auch riesenhaft größerer Art kannst du auch auf einer großen Sonnenwelt antreffen. Menschen, Tiere und Pflanzen aller Art gibt es dort wie hier, dazu übergroße und unbeschreiblich herrliche Wohngebäude, gegen die der Tempel von Jerusalem und der Palast des Kaisers in Rom die allerelendesten Schneckenhäuschen sind, und allenthalben ist dieser Eine ewig allein der Herr und gleichfortige Schöpfer von Ewigkeit!"
58. Kapitel
[GEJ.02_058,01] Als Cyrenius solches vernimmt, da sagt er von einer übergroßen Ehrfurcht ergriffen: „Freunde und Diener des Herrn, jetzt weiß ich erst, wer der Herr ist, und wer ich bin! Ich bin total nichts, und Er ist endlos alles! Nur begreife ich unsere menschliche Keckheit nicht, die da mit Ihm so mir und dir nichts reden kann, als hätte sie ihresgleichen vor sich!"
[GEJ.02_058,02] Sagen die beiden Engel: „Er Selbst will es also; denn die Kinder haben von Ewigkeit her das Recht, mit dem Vater zu reden nach ihrer Herzenslust! Frage daher nicht um alberne Dinge und Verhältnisse; denn an dir liegt es nicht, daß du ein Mensch bist, sondern an Dem allein, der dich also, wie du bist, erschaffen hat aus Sich Selbst heraus und hat Sich dabei an niemandes Rat gebunden denn an Seinen höchst eigenen. Wie aber hätte Er auch jemand anders fragen können als nur Sich Selbst allein, da vor Ihm in der ganzen Unendlichkeit kein Wesen da war?!
[GEJ.02_058,03] Wenn du demnach mit Ihm sprichst wie mit deinesgleichen, so tust du ganz wohl daran; denn Gott hat niemanden außer Sich, mit dem Er reden könnte. Aber Seine Geschöpfe, die aus Ihm sind, sind also frei gestellt, daß sie nun mit Gott und Gott mit ihnen wie ein Mensch mit dem andern reden können, und es ist sonach ganz in der Ordnung, daß du mit Ihm sprichst wie mit deinesgleichen; denn das Geschöpf ist seines Schöpfers wert und der Schöpfer Seines Geschöpfes.
[GEJ.02_058,04] Jedes Geschöpf ist ja ein Zeuge von der Allmacht, Weisheit und Liebe Gottes, und es ist ohne Seine Macht kein noch so mächtiger Geist fähig, aus sich selbst etwas zu erschaffen, sondern das kann nur Gott allein! Da aber jedes Geschöpf ein Zeuge ist der göttlichen Allmacht, Weisheit und Liebe, wie sollte es dann nicht seines Schöpfers wert sein? – Verstehst du dieses?"
[GEJ.02_058,05] Sagt Cyrenius: „O ihr überweisen Diener des allmächtigen Gottes, wie höchst klar und verständig ist doch eure überaus weise Lehre! Ja, also ist es! Der Mensch hat sich wahrlich nicht zu schämen dessen, was er ist; denn er ist ja das wahrste Meisterwerk des Schöpfers, so er lebt nach dem frei erkannten Willen Gottes. Aber wenn ein Mensch dem Willen Gottes zuwiderhandelt, so meine ich, verpfuscht er sich selbst und kann dem nicht mehr entsprechen, was er uranfänglich war und ewig sein und bleiben soll.
[GEJ.02_058,06] Und so denn muß die Sünde eine Handlung wider die ursprüngliche Ordnung Gottes sein, durch welche Handlung sich der Mensch als im sich ausbildenden Teile selbst Schöpfer seiner Gott ähnlich werden sollenden Natur verpfuscht und dadurch sich selbst unwürdig macht, ein Geschöpf des ewigen, allmächtigen Meisters zu sein!"
[GEJ.02_058,07] Sagen die Engel: „Da hast du ganz recht! Insoweit bleibt wohl ein jeder Mensch ein Gottes würdiges Meisterwerk, als er seiner Form, Tauglichkeit, Fähigkeit und lebendigen Freiheit nach gewisserart eine pure Maschine ist, in der sich der Geist frei und lebendig äußern kann.
[GEJ.02_058,08] Aber was die ihm selbst notwendig anheimgestellte moralische Ausbildung seines Herzens und seiner Seele betrifft, so kann er sich selbst zu einem Scheusale der Hölle herabwürdigen und begeht eben dadurch die größte Sünde, weil er in sich selbst durch sich selbst das höchste Meisterwerk Gottes zu einem erbärmlichen, Gottes unwürdigsten Pfuschwerke umgestaltet, worauf es dann Gott Selbst eine große Mühe kostet und eine nie berechenbare Geduld, bis aus dem verpfuschten Werke wieder ein Meisterwerk wird.
[GEJ.02_058,09] Wegen gar unnennbar vieler durch sich selbst verpfuschter Werke ist eben diesmal der Meister Selbst in diese Welt gekommen, um diese vielen Werke, die sich selbst verdorben haben, für alle Zeiten der Zeiten zurechtzubringen! Aber es werden sich auch fortan die Werke verderben; darum aber wird Er auf dieser Welt eine neue Anstalt gründen, in der sich alle verdorbenen Werke von sich selbst aus werden zurechtbringen können. Aber wer von dieser Anstalt frei aus sich selbst keinen Gebrauch wird machen wollen, der wird verdorben bleiben ewig, so sein Wille sich nimmer ändern wird! Verstehst du solches?"
[GEJ.02_058,10] Sagt Cyrenius: „Auch das verstehe ich ganz und bin eben darum der Meinung, daß man die Menschen durch gewählte, aber strenge Gesetze wird anhalten müssen, von der Anstalt vollsten Gebrauch zu machen!"
[GEJ.02_058,11] Sagen die Engel: „Es wird zwar solches wohl geschehen, aber der Menschheit wenig nützen; denn nur allein das nützet dem Menschen, was er frei aus sich selbst tut. Alles andere ist ihm zum größten Schaden.
[GEJ.02_058,12] Denn könnte der Mensch durch irgendeinen Zwang entweder von außen oder von innen vollendet werden, so hätten wir Macht zur Übergenüge, alle Menschen so zu binden und zu zwingen, daß sie unmöglich je wider irgendein Gesetz zu handeln imstande wären! Aber dadurch würden wir aus dem in aller Freiheit Gott völlig ähnlich werden sollenden Menschen nur eine stummbelebte Maschine erzeugen, die sich selbst ebensowenig je zur zweckdienlichen, freien Tätigkeit bestimmen könnte – wie das noch so scharfe Schwert der Gerechtigkeit, ohne von einer geübten Hand geführt zu sein!
[GEJ.02_058,13] Aus dem aber kannst du schon ganz klar ersehen, daß es sich mit was immer für einem Zwange für ewig nicht tut, sondern allein mit der wahren Belehrung und dann darauf mit der freien Selbstbestimmung nach der vernommenen Lehre, durch die jedem der wohlerleuchtete Weg der göttlichen Ordnung nach allen Seiten hin kundgemacht wird, zu handeln und zu wandeln. Verstehst du auch dieses?"
59. Kapitel
[GEJ.02_059,01] Sagt Cyrenius: „Ja, auch das verstehe ich leider; denn ich sehe daraus wenig gute Erfolge! Wo sind die Menschen, und wie viele gibt es von denen, die nur eine Belehrung aufzunehmen und zu begreifen fähig wären? Und wie viele gibt es dann selbst aus der Zahl der Belehrten, die den überwiegend starken Willen in dem Grade besitzen, die an sie ergangene und auch wohl begriffene Belehrung in die volle Tat umzugestalten? Ich stelle tausend Wohlbelehrte her und setzte alles darauf, wenn darunter zehn zu finden sind, die den vollen Willen und auch den erforderlichen Mut besitzen – besonders unter fanatisch abergläubischen Volksmassen –, die vernommene und wohlbegriffene Lehre ins Werk zu setzen! Denn was würde es ihnen nützen, die Lehre der ewigen, klarsten Wahrheit ins Werk zu setzen, wenn sie darob schon am nächsten Tage von den selbstsüchtigen und grausamen Fanatikern auf das qualvollste erwürgt werden?!
[GEJ.02_059,02] Ihr seid zwar endlos weise und mächtige Diener des Allerhöchsten, aber da sage ich als ein alterfahrener Staatsmann: Ganz ohne irgendeinen Zwang wird diese noch so wahrhaft göttliche Lebenslehre nie einen besonderen offenen Eingang finden! Wenigstens muß der gar zu krasse fanatische Aberglaube mit aller Zwangsgewalt verdrängt werden, ansonst es ewig schade wäre, sie auch nur eine Tagereise von hier weiterzutragen!
[GEJ.02_059,03] Wir glauben hier freilich ungezweifelt fest an die reinste ewige Wahrheit, die uns hier gar reichlich geoffenbart wird, aber dennoch nicht so ganz ohne Zwang; denn ihr beide, der Herr und Seine Taten sind denn doch eben auch kein gar zu geringfügiges Zwangsmittel, ohne welches auf diesem Platze nicht nahe über tausend Zuhörer und Lehrbefolger beisammen wären. So aber dieses überaus beachtenswerte Zwangsmittel uns noch immer zu keinen schon ganz toten Maschinen umgestaltet hat, wie euch solches diese meine vielleicht nicht jeden Grundes entbehrende Einrede hinreichend kundtut, so dürfte ein bloß äußeres Zwangsmittel den Menschen, die sich künftig nach dieser neuen Lehre aus den Himmeln zu wahren Kindern Gottes umgestalten sollen, von keinem gar zu großen Schaden sein!"
[GEJ.02_059,04] Sagen die beiden Engel: „Du hast in einer Hinsicht allerdings recht, und es werden auch äußere Zwangsmittel nicht unterm Wege verbleiben; aber du wirst auch daneben zu der Überzeugung kommen, daß ein äußerer Zwang im Grunde noch schlechter ist als ein unsichtbarer innerer! Denn der äußeren Zwangsmittel bedient sich auch der Satan, um den bösen Aberglauben aufrechtzuerhalten; wenn wir aber bei der Ausbreitung der Lehre aus den Himmeln uns am Ende auch der schnöden Mittel des Satans bedienen und sogestaltig in seine Fußstapfen treten, – Frage: Was können wir dabei zum ewig Besten des Menschen gewinnen?
[GEJ.02_059,05] Mit Feuer, Schwert und großem Blutvergießen hat sich noch allzeit der böse Aberglaube den Weg und Eingang in die Welt verschafft; so aber nun das reinste Wort Gottes sich auch auf demselben Wege Eingang verschaffen sollte, könnte es da je ein Mensch von nur einigem Geiste wohl als ein Friedenswort Gottes aus den Himmeln anerkennen? Würde er nicht sagen müssen: ,Gott, genügt es Dir denn nicht, daß die Menschheit vom Satan geplagt wird zum Haarsträuben, daß auch Du, Allmächtiger, auf den Wegen des Satans zu uns armen und schwachen Menschen kommen mußtest?‘
[GEJ.02_059,06] Siehe, du liebster Freund und Bruder, wie gar sehr ungereimt das herauskäme, so Sich Gott der Herr je solcher Mittel zur Ausbreitung Seiner Lehre unter den Menschen zu ihrer ewigen Beseligung bedienen möchte, deren sich die Hölle noch allzeit bedient hat, um ihren harten Früchten und Speisen in der Welt bei den Menschen Eingang zu verschaffen!
[GEJ.02_059,07] Ja, es werden dereinst leider Zeiten kommen, in denen man die verunreinigte Lehre Jesu des Herrn mit Feuer und Schwert den Völkern predigen wird; aber das wird für die Menschen von großem Übel sein! – Verstehst du das?"
[GEJ.02_059,08] Sagt Cyrenius: „Leider verstehe ich auch das und frage immer noch, ob denn solche ganz äußeren Kalamitäten von den allmächtigen Himmeln nicht wollen verhütet werden, und warum überhaupt je einmal dem Bösen vollster Eingang in diese Welt mußte oder wollte gestattet werden!"
[GEJ.02_059,09] Sagen die beiden: „Liebster Freund und Bruder, wenn du irgendeine Weisheit besitzest, so urteile selbst, ob es ohne ein Kontra je ein Pro geben kann! Wo ist noch je ein Mensch ohne Kampf ein Held geworden? Wäre es aber je unter den Menschen zu einem Kampfe gekommen, wenn es unter ihnen lauter fromme Lämmlein gegeben hätte? Oder könntest du je deine Kraft erproben, so es keine Gegenstände gäbe, die deiner Kraft zu widerstreben vermöchten? Könnte es je ein Hinauf geben, so es kein Hinab gäbe? Oder könntest du jemandem etwas Gutes tun, so da nie jemand in die Lage käme, deine Hilfe zu benötigen? Was wäre dann eine gute Tat, so deren niemand bedürfte? Oder könntest du einen Allwissenden je etwas lehren, das er zuvor nicht wüßte?
[GEJ.02_059,10] Siehe, in einer Welt, wo der Mensch aus sich selbst sich zu einem wahren Kinde Gottes gestalten soll, muß ihm auch alle mögliche gute und schlechte Gelegenheit geboten sein, die Lehre Gottes im Vollmaße ausüben zu können!
[GEJ.02_059,11] Es muß kalt und warm sein, damit der Reiche Gelegenheit bekommt, seine armen und nackten Brüder mit Kleidung zu versehen. Also muß es Arme geben, auf daß wieder die Reichen sich in der Barmherzigkeit und die Armen in der Dankbarkeit üben können. Ebenso muß es Starke und Schwache geben, auf daß die Starken Gelegenheit bekommen, den Schwachen unter die Arme zu greifen, die Schwachen aber in der Demut ihres Herzens erkennen, daß sie schwach sind. Also muß es auch gewisserart Dumme und Weise geben, ansonst denn ja den Weisen ihr Licht ein vergebliches wäre!
[GEJ.02_059,12] So es keine Bösen gäbe, an wem würde denn der Gute ein Maß haben, ob und inwieweit er wirklich gut sei?!
[GEJ.02_059,13] Kurz, in dieser Sichselbstbildungsanstalt der Menschen zu den freiesten Kindern Gottes muß es auch möglichst viele Pro- und Kontra-Gelegenheiten geben, durch die sich die Kinder vom Grunde aus in allem üben und völlig ausbilden können, ansonst sie unmöglich zu wahren, allmächtigen Kindern des Allerhöchsten werden könnten!
[GEJ.02_059,14] Wir sagen es dir: Solange ein Mensch nicht in allen möglichen Dingen und Verhältnissen den Satan mit höchst eigener Macht aus dem Kampffelde treiben kann, hat er die volle Kindschaft Gottes noch lange nicht! Wie sollte er aber je dieses Feindes Sieger werden, wenn man ihm alle Gelegenheit nähme, auch nur mit einem Haare des Feindes in Berührung zu kommen? Ja, das wahre Reich Gottes kostet einen großen Kampf der vollsten Freiheit des ewigen Lebens wegen, und so muß euch ja Gelegenheit zum Kampfe gegeben sein zwischen Himmel und Hölle!"
60. Kapitel
[GEJ.02_060,01] (Die Engel:) „Also wirst du finden, daß da verschiedene Leidenschaften die Menschen beherrschen. Der eine fühlt in sich das Bedürfnis, alles zu besitzen, was nur irgendeinen Wert hat; das ist offenbar Geiz, der ein Laster ist. Und siehe, diesem Laster hast du die Schiffahrt zu verdanken; denn nur überaus hab- und gewinnsüchtige Menschen konnte die lebensgefährliche Begierde anwandeln, Mittel zu finden, über das überweit gedehnte Meer zu schwimmen, um zu suchen, ob es über dem Meere auch noch Länder gäbe, die vielleicht von unerhörten Schätzen strotzen. Sie kommen nach vielen ausgestandenen Mühseligkeiten und Lebensgefahren wirklich in ein über dem Meere gelegenes, noch gänzlich unbevölkertes Land. Die ausgestandenen großen Gefahren haben ihre Habsuchtsleidenschaft sehr abgekühlt und haben sie mutlos gemacht für eine Rückfahrt; sie siedelten sich gleich dort an, wohin sie der Wind gebracht hatte, bauten sich Hütten und Häuser und bevölkerten auf diese Weise ein noch ganz menschenleeres Land. – Nun urteile selbst, ob die Menschen ohne die Leidenschaft der Hab- und Gewinnsucht je das fremde Land entdeckt hätten!?
[GEJ.02_060,02] Nehmen wir die Leidenschaft des fleischlichen Sinnlichkeitsgenusses. Denke du dir diese Leidenschaft ganz weg und stelle dir die Menschheit so himmlisch keusch als möglich vor, und du wirst an dem reinsten Jungfern- und keuschesten Junggesellenleben bis ins graue Alter ein lobenswertes Wohlgefallen haben. Denke dir aber nun alle Menschen in solch einem höchst keuschen Zustande und sage dir es selbst: Wie wird es dabei mit der in der Gottesordnung bedungenen Fortpflanzung des Menschengeschlechtes aussehen? Du siehst also hieraus, daß dem Menschen auch diese Leidenschaft innewohnen muß, ansonst die Erde nur zu bald menschenleer werden müßte! Daß ein und der andere Mensch in dieser Leidenschaft nur leider zu oft ausartet, wie es die tägliche Erfahrung lehrt, ist sicher wahr, und es ist solch eine Ausartung allzeit wider die Ordnung Gottes, und somit eine Sünde. Aber es ist die oftmalige Ausartung dieser Leidenschaft wider die göttliche Ordnung dennoch gleichfort um vieles besser als die allergänzlichste Ausrottung derselben.
[GEJ.02_060,03] Alle Kräfte aber, die dem Menschen gegeben sind und sich im Anfange als schwer zu zügelnde Leidenschaften kundgeben, müssen nach oben oder nach unten der höchsten Ausbildung fähig sein, ansonst der Mensch sowieso gleich einem lauen Wasser bleiben und in die stinkendste Trägheit versinken würde.
[GEJ.02_060,04] Wir sagen es dir: Nichts kann dir ein vollwahreres Zeugnis von der göttlichen Bestimmung des Menschen geben als die größten Laster gegenüber den höchsten Tugenden der Menschen; denn daraus erst ist ersichtlich, welch endlose Fähigkeiten den Menschen dieser Erde gegeben sind! Vom allerhöchsten Himmel Gottes, der sogar uns Engeln unzugänglich ist, bis zur tiefsten Hölle ist des Menschen Bahn; und wäre sie nicht, nie könnte er die Kindschaft Gottes erreichen!
[GEJ.02_060,05] Wir haben mit Menschen zahlloser anderer Welten zu tun; aber welch ein Unterschied zwischen hier und dort! Dort sind den Menschen in geistiger wie auch in naturmäßiger Hinsicht Schranken gestellt, über die sie höchst schwer einen Schritt tun können. Ihr Menschen dieser Erde aber habt im Geiste ebensowenig eine Beschränkung als der Herr Selbst und könnet tun, was ihr nur immer wollt. Ihr könnet euch erheben bis in die innerste Wohnung Gottes, aber eben darum auch so tief fallen als der Satan selbst, der einst auch der höchst freieste Geist aus Gott war; und da er fiel, mußte er auch in die tiefste Tiefe alles Verderbens notwendig fallen, aus der er kaum je einen Rückgang finden wird, weil dem Laster von Gott aus eine ebenso endlose Vervollkommnungsfähigkeit gegeben ist wie der Tugend."
61. Kapitel
[GEJ.02_061,01] (Die zwei Engel:) „Es kommt demnach auf dieser Erde bei den Menschen alles allein nur auf den freien Willen an und auf die möglichst zwanglose Belehrung, die schon vom Herrn aus so gestellt ist, daß sie für den ausübenden Teil jedem Verstande der Menschen schon auf einmaliges Sagen hinreichend verständlich ist; es kann sich daher niemand entschuldigen, er habe die Lehre nicht verstanden. Denn das ,Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst!‘ ist so allgemein verständlich wie nur etwas, das jeder Blinde sogar mit Händen greifen kann! Und befolgt jemand tatsächlich diese kurze, leicht faßliche, aber dennoch alles in sich enthaltende Lehre, so wird er dadurch aus seinem Herzen schon ohnehin in alle erdenkliche Weisheit geleitet werden vom Herrn Selbst aus und kann darauf wieder zum Lehrer der Nebenmenschen werden. Und so kann denn einer den andern ziehen so weit, bis ihn der Herr Selbst ergreift und großzieht zu einem wahren Gotteskinde.
[GEJ.02_061,02] Das aber ist dann die rechte Verbreitung der heiligen Lehre in der Ordnung der Himmel; alles, was darunter oder darüber, ist vom Übel und ziehet wenig oder gar keinen Segen bei den Pflanzen der Himmel Gottes. – Hast du das wohl alles verstanden?"
[GEJ.02_061,03] Sagt Cyrenius: „Ja, ich habe alles verstanden! Ich sehe nun vollkommen, zu was Großem diese Erde und ihre Menschen von Gott aus bestimmt sind; nur das einzige Fatale dabei ist, daß neben den Kindern Gottes auch die Kinder der Hölle gewisserart in ein und derselben Schule großgezogen werden, und zwar jegliches für seine Sphäre! Aber ich sehe nun auch wirklich ein, daß es, vom Standpunkte der tiefsten himmlischen Weisheit aus betrachtet, nicht anders sein kann. Der Herr jedoch ist weise, gut und allmächtig zur Übergenüge, einst auch der Hölle eine andere Richtung zu geben! Die Ewigkeit ist ja lang genug dazu, um in ihrer endlosen Dauer allerlei Modalitäten (Arten von Verhältnissen) zu treffen, unter denen sich ihre Kinder am Ende samt ihrem Verlocker und Erzieher ergeben werden!"
[GEJ.02_061,04] Sagen die beiden Engel: „Da geht deine Vermutung wohl schon weit über unsern Weisheitshorizont! Aber du, als ein Kind des Herrn, stehst deinem Vater offenbar näher, als wir Ihm als pure Geschöpfe nahestehen, und kannst daher auch ein rein göttliches Bedürfnis in dem Herzen eher wahrnehmen denn wir; aber soviel wissen wir auch, daß bei Gott kein Ding unmöglich ist. Weiteres darüber aber vermögen wir dir auch nicht eine Silbe mehr zu sagen.
[GEJ.02_061,05] Willst du in dieser Sache tiefere Aufschlüsse haben, so wende dich an den Herrn Selbst; Ihm ist alles übersonnenklar, was die künftigen Ewigkeiten allerdickst verhüllt enthalten. Aber wir meinen, daß Er so etwas wohl kaum einem Sterblichen, wegen der feinen Ohren des Satans, offenbaren wird. Denn der Feind hat tausendmal tausend Ohren, und man muß in der Rede von ihm auf der größten Hut sein, so man ihn nicht noch ärger machen will, als er ohnehin schon ist!"
[GEJ.02_061,06] Sagt Cyrenius: „Ich verstehe! Ich werde darum davon dem Herrn auch nichts vermelden!"
[GEJ.02_061,07] Sage Ich: „Brauchst ja nicht laut zu reden; denn Ich verstehe es ja auch, was du in deinem Herzen ganz geheim redest und fragest."
62. Kapitel
[GEJ.02_062,01] Sagt Cyrenius: „Herr, es geht bei mir mit dem Denken im Herzen durchaus nicht, weil ich schon von meiner Jugend an gewöhnt wurde, im Kopfe zu denken; mir scheint es nahe unmöglich, im Herzen denken zu können! Wie soll man es denn anfangen, um im Herzen denken zu können?"
[GEJ.02_062,02] Sage Ich: „Das ist ja ganz leicht und ganz natürlich! Alles, was du dir nur immer denken kannst und magst nach deinem Gefühle im großen Gehirne, kommt zuvor aus dem Herzen; denn jeder noch so geringe Gedanke muß ja doch zuvor irgendeine Anregung haben, durch die er als notwendig hervorgerufen wird. Wenn der Gedanke erst im Herzen irgendeines Bedürfnisses halber angeregt und erzeugt ward, so steigt er dann erst auf in das Gehirn des Kopfes zur Beschauung der Seele, auf daß diese darauf die Glieder des Körpers in die geeignete Bewegung setze, damit der innere Gedanke sogestaltig zum Worte oder zur Tat werde; aber daß je ein Mensch pur im Kopfe denken könnte, wäre die platteste Unmöglichkeit! Denn ein Gedanke ist eine rein geistige Schöpfung und kann darum nirgends entstehen denn allein im Geiste des Menschen, der im Herzen der Seele wohnt und von da aus den ganzen Menschen belebt. Wie möglich aber könnte sich je eine Schöpfung aus irgendeiner noch so subtilen (feinen) Materie entwickeln, da alle Materie, somit auch das Gehirn des Menschen, nichts als eine purste Materie ist und somit nie Schöpfer, sondern nur Geschaffenes sein kann?! – Verstehst du nun wohl solches und fühlst es vielleicht gar schon, daß kein Mensch etwas im Kopfe zu denken vermag?"
[GEJ.02_062,03] Sagt Cyrenius: „Herr, ja ich fühle das nun ganz lebendig! Aber wie geht das denn zu? Es kommt mir jetzt wahrlich so vor, daß ich von jeher bloß nur im Herzen gedacht habe! Merkwürdig! Wie ist denn das? Ja, ich fühle förmliche Worte im Herzen, und das als ausgesprochene Worte, und es kommt mir nun gar nicht mehr vor, daß es möglich wäre, im Kopfe einen Gedanken zu fassen!"
[GEJ.02_062,04] Sage Ich: „Das ist die ganz natürliche Folge deines stets mehr und mehr geweckt werdenden Geistes im Herzen, der da ist die Liebe zu Mir und durch Mich zu allen Menschen.
[GEJ.02_062,05] Bei Menschen aber, bei denen solche Liebe noch nicht erwacht ist, bilden sich die Gedanken zwar auch im Herzen, werden aber im selben, weil es zu materiell ist, nicht wahrgenommen, sondern erst im Gehirne, wo die Gedanken des Herzens, als schon mehr materiell wegen des Antriebes zur Handlung, sich bildlich gestalten und sich mit den Bildern, die von der Außenwelt durch die äußersten Leibessinne sich in die Gehirntäfelchen eingeprägt haben, amalgamieren (vermischen) und sogestaltig vor den Augen der Seele selbst materiell und schlecht werden und sodann auch als notwendiger Grund der schlechten Handlungen der Menschen angesehen werden müssen.
[GEJ.02_062,06] Darum muß ein jeder Mensch zuvor im Herzen und daselbst im Geiste wiedergeboren werden, ansonst er ins Gottesreich nicht eingehen kann!"
[GEJ.02_062,07] Sagt Cyrenius zum nebenstehenden Petrus: „Verstehst du das wohl von der Wiedergeburt des Geistes im Herzen, und was und wo so ganz eigentlich das Reich Gottes ist, von dem Er und die beiden Engel in einem fort reden und solches als Künftiges für unsern Glauben verheißen?"
[GEJ.02_062,08] Sagt Petrus: „Allerdings verstehe ich solches, und so ich's nicht verstünde, bliebe ich nicht hier, sondern würde daheim für mein Haus sorgen. Forsche du, hoher Herr, aber nur in deinem Eigenherzen, da wirst du in Kürze mehr finden, als was ich dir in hundert Jahren erörtern könnte!
[GEJ.02_062,09] Siehe uns an, die wir Seine ersten Jünger und Zeugen waren, ob wir viel mit Ihm äußerlich reden! Und siehe, dennoch reden wir mehr mit Ihm denn du und viele andere durchs äußere Mundwort; denn wir reden mit Ihm rein nur im Herzen und fragen Ihn um tausenderlei, und Er antwortet uns in klaren, wohlausgeprägten Gedanken, und so gewinnen wir doppelt. Denn eine Antwort des Herrn in des Menschen Herzen ist gewisserart schon sein Lebensanteil, während das äußere Wort erst durch die fortgesetzte Tat wegen der Übung der Seele zum Lebensanteil werden muß.
[GEJ.02_062,10] Und so kannst du, hoher Herr, denn in der bewußten Satanssache ja auch in deinem Herzen fragen, und der Herr wird dir dann schon die rechte Antwort in dein eigenes Herz so ganz still und geheim legen, daß sie der vielohrige Satan unmöglich wird zu vernehmen imstande sein! Und auf die gleiche Weise kannst du den Herrn auch wegen der Wiedergeburt des Geistes im Herzen und wegen des Reiches Gottes fragen, und es wird dir alsbald die klarste Antwort zuteil werden!"
[GEJ.02_062,11] Sagt Cyrenius: „Ja, nun ist es mir klar, warum ihr – was mich schon einige Male sehr gewundert hat – mit dem Herrn fast nie ein Wort redet! Nun, ich werde es versuchen. Wenn der Herr euch also geheim gnädig ist, da wird Er es wohl auch mir sein können! Denn daß ich Ihn über alle Maßen liebe, beweist, daß ich mein großes und schweres Regierungsgeschäft unterdessen gewisserart an den Nagel hänge und mich bei Ihm aufhalte und meine Seele stärke mit jeglichem Worte aus Seinem heiligsten Munde!
[GEJ.02_062,12] Ich glaube auch, daß ich aus purer Liebe zu Ihm mehr tue und mehr getan habe denn ihr alle; denn ich kannte Ihn schon als zartes Kind und habe im fremden Heidenlande gesorgt für Ihn, für Seine Eltern und Brüder! Und während ihr nur eure Fischernetze Ihm geopfert habt, bin ich, so Er es annehmen möchte, sogleich bereit, alle meine Weltwürden niederzulegen und Ihm dann als Geringster unter euch allen getreuest zu folgen und jeden Augenblick mein Leben für Ihn und euch alle in die Schanze zu schlagen, wie ich es schon ein paar Male getan habe, abgesehen von dem, was deshalb gar leicht von Rom aus über mich hätte kommen können!
[GEJ.02_062,13] Wenn ich aber solches alles tue aus purer Liebe zu Ihm, so wird Er mich ja doch wohl auch einer Gnade für wert halten, die Er euch in so reichem Maße zukommen läßt!?"
[GEJ.02_062,14] Sage Ich: „Hast sie ja schon, Mein teuerster Freund und Bruder! Was du aber hast, das brauchst du ja nicht mehr zu suchen und dich nicht mehr zu ereifern, als ob du es noch nicht hättest! Sei daher nun nur ruhig und versuche es einmal in deinem Herzen, Mich um was immer zu fragen, und Ich werde dir die Antwort klar, deutlich, verständig und wohlvernehmlich in dein Mich wahrlich über alles liebendes Herz legen!"
63. Kapitel
[GEJ.02_063,01] Auf dieses Mein Anraten fragt Cyrenius in Hinsicht des Satans, was einst aus ihm wird, und ob von dessen Seite je an eine Umkehr zu denken ist.
[GEJ.02_063,02] Und Ich lege ihm folgende Antwort in sein Herz: „Was da geschieht, geschieht dessentwegen: Der verloren ist, wird gesucht, und dem Überkranken wird Arznei geboten, aber dessen Wille bleibt frei und muß frei bleiben; denn seinen Willen hemmen, hieße die ganze, nahe endlose materielle Schöpfung und alle ihre Elemente in den härtesten Stein verwandeln, darin sich kein Leben regen kann. Die ganze materielle Schöpfung ist der so weit als möglich gerichtete große Geist, und dieser wird getrennt in zahllose Welten, die aber in ihrer endlosen Zahl dennoch sein komplettes Wesen bedingen. Aber aus diesem einen Wesen werden zahllose Myriaden der Myriaden Wesen, wie da sind die meisten Menschen dieser Erde, genommen und werden durch Gottes Kraft, Macht, Liebe und Weisheit zu ganzen, gottähnlichen Wesen umgestaltet, und das ist eine sichere Umkehr des einen großen Geistes!
[GEJ.02_063,03] Wenn aber alle Erden und alle Sonnen in lauter Menschen aufgelöst sein werden, dann wird auch von dem einen nichts mehr übrig sein als sein pures ,Ich‘, das im völligsten Alleinsein sich nach Zeiten der Zeiten zur Umkehr anschicken müssen wird, ehe es sich einem ewigen Verschmachten preisgeben wird. Dann wird keine materielle Sonne und keine materielle Erde mehr kreisen im endlosen ewigen Raume, sondern all und überall wird eine überherrliche neue geistige Schöpfung mit seligen freien Wesen den endlosen ewigen Raum erfüllen, und Ich werde ewig gleichfort aller Wesen Gott und Vater sein von Ewigkeit zu Ewigkeit, und dieses allerseligsten Zustandes wird fürder nimmer ein Ende sein; es wird da sein eine Herde, ein Schafstall und ein Hirte!
[GEJ.02_063,04] Wann aber dieses alles also wird, nach der Anzahl der Erdjahre, kann nimmer bestimmt werden! Und würde Ich dir die Zahl auch kundtun, so würdest du sie unmöglich fassen; und sagete Ich dir auch die Zahl damit, daß tausendmal tausend so viele Zeitläufe von tausend zu tausend Jahren vergehen werden, als wieviel es da gibt des Sandes im Meere und auf der ganzen Erde, und wieviel es da gibt des Grases in allen Landen und auf allen Bergen der Erde, und wieviel es da gibt der Tropfen im Meere, in allen Seen und Strömen, Flüssen, Bächen und Quellen, so könntest du dies alles dennoch nicht zählen, um dadurch die endliche Hauptlösezeit zu bestimmen!
[GEJ.02_063,05] Darum gedulde dich mit dem: Trachte du nur vor allem nach dem Reiche Gottes und nach dessen wahrer Gerechtigkeit, so wirst du nach deines Leibes Tode von Mir sogleich zum ewigen Leben erweckt werden, und im Reiche der reinen Geister werden tausend Erdjahre vergehen wie ein Tag!
[GEJ.02_063,06] Und, Freund, in Meinem geistigen Reiche voll all der höchsten Seligkeiten wird sich das, was dich hier unendlich dünkt, ganz seligst leicht und kurz erwarten lassen! Jetzt kannst du nicht und keiner Meiner Jünger in alle Weisheit der Himmel eingeführt werden –, dann aber, wenn du nach wenig Jahren getauft wirst mit dem heiligen Geiste aus Gott! Dieser Geist wird dich und alle andern leiten in alle Weisheit der Himmel. Dann erst wirst du das alles im hellsten Lichte schauen, was dir nun noch dunkel und verworren sein muß! – Dies dir nun Geoffenbarte aber behalte fest bei dir und laß davon niemanden etwas merken; denn das muß noch lange geheimgehalten werden!"
[GEJ.02_063,07] Als Cyrenius solches in sich vernommen hatte, stutzte er ganz gewaltig und sagte nach einer Weile besonderen Nachdenkens: „Es war ohne weiteres Dein Wort, das ich nun wie einen guten Redefluß in meinem Herzen treu und klar vernommen habe; aber soll die Schlußermahnung wohl so strenge gehalten sein und werden? Gar vertrauten, redlich und ehrlich denkenden und glaubenden Menschen dürfte so etwas ja doch – etwa nur so einiges davon wie teilweise hingeworfen – kundgemacht werden!? Denn so etwas könnte ja doch keinem Menschen schaden!"
[GEJ.02_063,08] Sage Ich laut: „Ja Freund, einem Menschen, wenn er es wie du auf innerem Wege erhält, schadet es freilich nicht, ansonst Ich es dir nicht kundgetan hätte; aber wenn so etwas viele Menschen von außen her empfingen, so würde es ihnen ganz gewaltig schaden. Wie und warum, – das haben dir Meine Engel ganz genügend enthüllt, und so lassen wir diesen Gegenstand ruhen; denn wir haben noch viele andere Sachen von großer Wichtigkeit zu schlichten, die vorderhand um vieles notwendiger sind als diese deine Frage, deren volle Antwort erst in der Ewigkeit zur Reife gelangen muß."
64. Kapitel
[GEJ.02_064,01] Cyrenius gibt sich nun mit diesem Bescheide zufrieden, dafür aber erhebt sich Kisjonah und bittet Mich, ob er auch eine Frage über eine von Mir getroffene Anordnung, die nicht wurde, stellen dürfe.
[GEJ.02_064,02] Sage Ich: „Rede, Freund der Freunde und Feinde!"
[GEJ.02_064,03] Spricht Kisjonah: „Siehe, als wir den letzten Rest aus der Grotte in meinen Bergen holten, da ordnetest Du an, Brot und Wein in rechter Menge mitzunehmen, da wir dort viel Hungrige und Durstige antreffen würden! Ich ließ darauf gleich Brot und Wein in großem Maße mitnehmen und wartete hernach bei und in der Grotte, ob da jemand käme, der des Brotes und Weines bedürfe! Aber siehe, Herr, es fand sich niemand vor, dem man das Mitgenommene hätte verabfolgen können!
[GEJ.02_064,04] Als wir aber aus der Grotte gekommen waren und Du diese durch Deine Macht im Archiel hast für ewige Zeiten verrammen lassen, so waren wir ohne Brot und Wein, und keiner von den Trägern wußte mir zu sagen, wer ihnen das Brot und den Wein abgenommen hätte. Ich habe solches in der Grotte, wie auch außer derselben, im wundervollsten Momente wahrlich nicht bemerkt; aber einen Tag darauf, als Du Kis verließest, sprach natürlich mein ganzes Haus von nichts als von Dir, und – wie die Menschen schon sind, besonders bei so wunderbarsten Begebnissen – es wurden da wenigstens noch einmal soviel Taten erzählt, als Du meines Wissens gewirkt hast! Viele dergleichen erzählte Taten, die die Erzähler wollen von Dir verrichten gesehen haben, verwies ich den Erzählern und erklärte sie als Erfindungen ihrer erhitzten Phantasie, das denn doch am Ende nichts als eine fromme Lüge sei; aber die Erzählung vom Verschwinden des mitgenommenen Brotes und Weines hatte selbst mich im Vollernste stutzen gemacht. Denn ich konnte mich wahrlich nicht entsinnen, was da mit dem mitgenommenen vielen Brot und Wein geschehen war, da wir davon nichts genossen hatten."
[GEJ.02_064,05] Sage Ich: „Ich wußte es wohl, daß dich so etwas Mir nachsenden würde; aber es liegt daran wahrlich nicht gar so besonders viel, als du es dir vorstellst. Da du jedoch schon gekommen bist, auch darüber ins klare zu kommen, so muß Ich dir die Sache gleichwohl aufhellen; und so höre denn:
[GEJ.02_064,06] „Siehe, in den Bergen, so wie in der Luft, wie auch in der Erde, im Wasser und im Feuer, gibt es gewisse Naturgeister, die noch nicht den Weg des Fleisches durchgemacht haben, weil sich dazu noch nicht die Gelegenheit geboten hat, in der sie bei einem menschlichen Zeugungsakte den Eingang ins Fleisch hätten finden können, um durch den Leib eines Weibes im Fleische zur Welt geboren zu werden. Massen solcher noch ungeborener Seelen sind in allen Elementen vorhanden.
[GEJ.02_064,07] Nun, die in den Bergen waltenden Naturgeister aber haben aus der Luft irgend mehr Konsistenz (größere Dichtigkeit) angenommen. Diese haben kein besonderes Bedürfnis, ins Fleisch eingezeugt und darauf im Fleische aus einem Weibe geboren zu werden; ihnen ist es bei einiger, manchmal ziemlich scharfen Intelligenz lieber, solange als möglich im freien, ungebundenen Zustande zu verbleiben. Sie haben sogar ein Rechtsgefühl und fürchten den Geist Gottes, von dem sie manchmal eine ziemlich helle Kenntnis haben, das heißt nur immer einige aus ihnen, die schon alt geworden sind; die jungen in diese Gesellschaft aufgenommenen Geister sind gewöhnlich noch sehr finster und mitunter auch böse und könnten viel Übles anrichten, wenn sie nicht von den älteren im Zaume gehalten würden. Ihr Hauptgeschäft ist, allerlei Metalle in den Bergen zu gestalten, zu ordnen und sie gedeihen zu lassen in den Spalten und Gängen der Berge.
[GEJ.02_064,08] Solche Geister nehmen zuweilen auch Nahrung aus der Natur, und zwar nur aus dem Reiche der Pflanzen. Solches tun sie bei starker Arbeit im Reiche der Berge bei der Umgestaltung der Felsen, bei der Abtreibung großer Bergteile, bei der Ausschöpfung innerer, mit Wasser zu voll gewordener Höhlen und bei dergleichen Arbeiten mehr, mit denen diese Geister oft auf das vollgemessenste beteiligt werden, damit sie, als oft zu mächtig geplagt, die Liebe zu ihren Bergen verlieren sollen und sucheten ins Fleisch eingezeugt zu werden, weil besonders von nun an kein Geist zur voll lebendig freien Seligkeit gelangen kann, der nicht den Weg des Fleisches durchgemacht hat.
[GEJ.02_064,09] Diese Geister, Mein lieber Kisjonah, und namentlich die, die deine Berge bestellen, hatten in der Verrammung der schnöden Grotte eine überstarke Arbeit vor sich und mußten dazu mit Brot und Wein gestärkt werden! Und siehe, diese sind es, die Ich gemeint habe, da Ich sagte: ,Wir werden der Hungrigen und Durstigen in großer Menge antreffen, die solcher Stärkung bedürftig sein werden!‘ Sie ist auch ohne irgendein Überbleibsel verzehrt und darauf auf das Geheiß Meines Engels auch die überschwere Arbeit auf das vollendetste verrichtet worden. Darin besteht nun die voll erhellte Antwort auf deine Frage. – Hast du sie wohl verstanden?"
65. Kapitel
[GEJ.02_065,01] Sagt Kisjonah: „Ja, Herr, ich habe sie ganz verstanden, und das um so mehr, weil mir von meinen Bergleuten, die in meinen Bergschächten allerlei Erz graben, solche Dinge schon gar oft erzählt worden sind, wie ihnen manchmal Brot und Wein weggekommen sei und sie nicht wußten, wer unter ihnen sich etwa solch einen Diebesscherz mochte gemacht haben! Wenn die hungrigen Bergleute dann recht ärgerlich wurden, so vernahmen sie nicht selten ein schallendes Gelächter, und einige von ihnen wollen auch kinderkleine Menschengestalten vor ihnen herhüpfen gesehen haben, und zwar der Farbe nach blaue, rote, grüne, gelbe und auch ganz schwarze.
[GEJ.02_065,02] Also erzählte mir auch erst unlängst mein ältester Bergmann, daß ihm ein blaues Männchen geraten haben soll, künftighin Brot und Wein bei sich in einer umgehängten Ledertasche zu tragen, so würden sich die hungrigen Berggesellen desselben nicht bemächtigen können. Und also solle auch niemand in den Schächten der Berge zu laut reden, durchaus nicht pfeifen oder gar fluchen; denn alles das möchten die Berggesellen nicht vertragen und täten darum allen jenen, die solches Gebot nicht halten möchten, Übles! Auch solle niemand lachen in der Berge Tiefe; denn das Lachen könnten die Gesellen auch nicht vertragen. So meine Bergleute manchmal Brot und Wein den Berggesellen überlassen wollten, so würden ihnen dafür die Berggesellen in reicher Auffindung edler Metalle behilflich sein.
[GEJ.02_065,03] Ich hielt solche Sagen gewöhnlich für Fabeln, da ich selbst nie etwas Ähnliches erfahren konnte, obschon ich recht oft die Schächte meiner Berge betreten habe; aber jetzt, nach dieser Deiner gütigen Erklärung, ist mir alles auf ein Haar klar! Nur dies einzige kann ich wenigstens für den Augenblick noch nicht fassen: wie denn die Berggesellen, die doch eigentlich Geister sind, eine naturmäßige Kost verzehren können! Wie essen und trinken denn diese etwas unheimlichen Wesen?"
[GEJ.02_065,04] Sage Ich: „Ungefähr auf diese Weise, wie das Feuer die Dinge verzehrt, die es ergreift! Gib in selbes einen Tropfen Wein oder vom Brote ein Bröckchen, und du wirst beides schnell verschwinden sehen! Und siehe, auf diese Weise ungefähr verzehren die Geister oder Berggesellen die naturmäßige Kost. Sie lösen das Materielle schnell auf und verkehren das in der Materie vorhandene Geistig- Substantielle in ihr seelisches Wesen, es aufnehmend in ihr Selbstiges, – und das in einem Augenblick! – Nun weißt du auch das und brauchst dich darüber um nichts weiteres mehr zu bekümmern."
[GEJ.02_065,05] Sagt Kisjonah: „Herr, ich danke Dir für diese Mitteilung; denn sie erheitert nun mein ganzes Gemüt, und ich erkenne nun noch klarer, daß da alles nichts als pur Leben ist, was mich von allen Seiten umgibt."
[GEJ.02_065,06] Sage Ich: „Ganz gut, Mein geliebtester Freund! Aber nur um das bitte Ich dich, daß du wie jeder, der davon nun Kenntnis erhielt, die Sache bei sich behalten möchte, denn so etwas ist nicht für jedermann heilsam, wenn er es wüßte; denn all die ägyptischen und persischen Zauberer stehen nicht selten im Verbande mit den Geistern und Kobolden und führen mit ihrer Hilfe allerlei Zaubereien aus. Aber alle solche Zauberei ist ein Greuel vor Gott, und der sie übt, fürwahr, der wird schwerlich je ins Reich Gottes kommen! Denn solche Zauberer versperren obbenannten Geistern den Eintritt ins Fleisch; und wenn sie sterben, werden sie zu Gefangenen solch unreifer Seelen und sind überaus schwer davon zu befreien, weil sie gleichfort Naturmäßiges von den unreifen, nackten Naturseelen in sich aufnehmen. Ich sage es euch: Verflucht sei ein Zauberer! Denn noch nie ist erlebt worden, daß ein wahrer Zauberer mit seiner Zauberei irgendeinen nur halb guten Zweck verbunden hätte! Überall sieht bergedick die bellendste Hab- und Gewinnsucht, daneben aber auch die frechste Herrschgier heraus, und solche Geister sollen in der tiefsten Hölle ihren demütigenden Lohn erhalten!"
[GEJ.02_065,07] Sagt einmal Faustus: „Herr, Herr, da wird es mit den vielen Zauberern und Wahrsagern im weiten römischen Reiche schlecht aussehen! Denn diese Art Menschen stehen eben in Rom in einem götterähnlichen Ansehen und vermögen mit einem Worte den Willen des Kaisers sowie jedes noch so großen und tapferen Helden zu erlahmen, – im Gegenteile freilich auch wieder so zu beleben, daß vor seinem Mute die Berge erbeben müssen!"
[GEJ.02_065,08] Sage Ich: „Ja, Freund, diesen halbgöttisch tuenden Menschen wird es dereinst wohl nicht am besten ergehen; denn sie wissen es, daß sie die in ihre Kunst nicht Eingeweihten auf das schmählichste betrügen und sie durch solche Betrügereien nicht selten zu allerlei Greuel verleiten. Darum aber kann es solchen Wichten auch nimmer gut ergehen; denn das sind die wahren Nichtsverkäufer um vieles Geld und die echten Erzeuger von zahllosen Greueln und Sünden zum Verderben der Menschen!"
[GEJ.02_065,09] Sagen mehrere: „Aber wenn sie sich besserten, könnten sie auch dann nicht selig werden?"
[GEJ.02_065,10] Sage Ich: „Ja, ja, wenn sie sich besserten, dann könnten auch sie selig werden; aber das ist eben das Traurige, daß eben derart Menschen am wenigsten zur Besserung geeignet sind! Mörder, Räuber, Diebe, Hurer und Ehebrecher möget ihr bekehren, und ein Kaiser, ein König kann leicht seine Krone niederlegen; aber ein Zauberer trennt sich nicht von seinem Zauberstabe! Denn seine unsichtbaren Gesellen lassen solches nicht zu und sind allzeit seine Meister, wenn er sich von ihnen trennen wollte.
[GEJ.02_065,11] Darum sage Ich noch einmal: Verflucht sei die böse Zauberei; denn durch sie kamen alle Sünden in die arge Welt!
[GEJ.02_065,12] Wer Wunder wirken will, der muß dazu die innere Kraft von Gott aus haben; und dann wirke er nur dort ein Wunder, wo es die äußerste Notwendigkeit erheischt!
[GEJ.02_065,13] Wer aber falsche Wunder wirkt und durch allerlei Sprüche und Zeichen einen Wahrsager macht, der braucht nicht mehr verdammt zu werden, denn er ist schon vollauf verdammt durch seinen eigenen Willen. Darum hütet euch alle vor der argen Zauberei, sowie vor der Wahrsagerei; denn solches alles ist vom größten Übel für den Geist des Menschen!"
[GEJ.02_065,14] Nach diesen Worten waren alle, die sie vernommen hatten, nahe durch und durch erschreckt und fragten, ob man denn auch nicht auf die aus uralten Erfahrungen verläßlichen Witterungsvorzeichen halten solle.
[GEJ.02_065,15] Sage Ich: „O ja, dann, wenn sie auf einer rein wissenschaftlichen berechenbaren Basis ruhen; ist aber das nicht der Fall, so ist auch solches eine Sünde, weil der Mensch dabei einen zweiten Glauben, der den reinen Glauben an die alleinige göttliche Vorsehung schwächt, annimmt und am Ende mehr an die Zeichen als an den allein wahren, allmächtigen Gott glaubt.
[GEJ.02_065,16] Wer beim reinen Glauben bleibt, der darf bitten, und es wird ihm gegeben werden, um was er gebeten hat, und möchten auch die durch Erfahrung erwahrten (bestätigten) bösesten Zeichen der Erde und der Luft das schroffste Gegenteil anzeigen; wer sich aber auf die Zeichen verläßt, dem solle auch nach den Zeichen werden. Die Pharisäer halten auf die Zeichen und lassen sich ums teure Geld von den Menschen befragen darum; sie werden aber dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen!
[GEJ.02_065,17] Hat denn nicht Gott alles, was da den Menschen zum Zeichen dient, erschaffen? Wenn aber das alles Gott erschaffen hat, so wird Er wohl bleibend Herr darüber sein und wird alles leiten und lenken! So aber Gott allein der Herr und der Lenker aller geschaffenen Dinge und Erscheinungen ist, wie sollen dann diese ohne Ihn etwas anzuzeigen haben? Können sie aber solches unmöglich je, so bitte der Mensch Gott, der allein alles vermag, ob nun die Zeichen so oder so stehen! Ist das nicht tröstlicher denn tausend der allerverläßlichsten Zeichendeutereien?"
[GEJ.02_065,18] Sagen alle Anwesenden an Meinem Tische: „Herr, das ist gewiß und wahr! Wolltest Du doch auch machen, daß die ganze Welt also dächte und täte, dann sähe es in der Welt anders aus, als es nun aussieht! Wir hier um Dich Versammelten aber haben es nun freilich leicht, da wir Dich als den Grund alles Seins und Erscheinens bei der Hand haben; aber nicht also wie uns geht es gar vielen hunderttausendmal Tausenden, die das unschätzbar große Glück nicht haben, in Deiner allerheiligsten Gesellschaft zu sein und aus Deinem Munde zu vernehmen die Worte des Lebens! Diese sehnen sich sicher auch gleich uns nach Dem, von dem die ganze Schöpfung ein nur zu lautes Zeugnis gibt; aber ihre Blicke zu den Sternen entdecken Dich nimmer, und ihre große Sehnsucht wird nicht befriedigt. Was Wunder, daß bei solchen Menschen dann die wundertätigen Zauberer und Zeichen und deren Deuter nur zu leicht Anklang finden, weil sie den nach göttlichen Dingen sehnsüchtigen Menschen etwas bieten, das, wenn auch falsch, aber dennoch immerhin einen gottähnlichen Anstrich hat!?"
66. Kapitel
[GEJ.02_066,01] Von hier an fängt Cyrenius wieder allein zu reden an und sagt mit ziemlich ernster Miene: „Herr, es ist vollkommen wahr, daß Du ganz sicher Der bist, als den wir Dich schon seit lange her erkannt haben, und niemand aus uns kann das in Abrede stellen; aber ich muß Dir dennoch nun ganz offen gestehen, daß ich bei Deiner gegenwärtigen Erklärung über die Zauberer, Zeichendeuter und Wahrsager von Deiner mir sonst nur zu gut bekannten Barmherzigkeit und Liebe nahe gar nichts verspürt habe! Bei solchen Umständen und Verhältnissen ist es dann denn doch allein von Dir abhängig, – denn Du Selbst versetzest dem Menschen gewaltige Hiebe, die sehr schmerzen; aber wehe dem geschlagenen Menschen dann, wenn er bei den mächtigen Hieben wehezuschreien anfängt! Ob das aber auch recht ist, weiß ich kaum!
[GEJ.02_066,02] Sieh, die Menschen der Erde sind sicher zuallermeist blind und dumm, und dadurch auch böse. Aber ich frage, worin da die Schuld liegt, und woher das Übel veranlaßt wird! Und so, wie ich nun, fragen viele Hunderttausende der sicher durchaus nicht unreifen Römer!
[GEJ.02_066,03] Es ist durchaus nicht anzunehmen, daß der Mensch uranfänglich schlecht aus Deiner Hand hervorging, sowenig als ein Kind je einmal schon als ein Teufel zur Welt geboren wird; wenn aber der erste Mensch gut war, wie ist hernach der zweite oder der dritte schlecht geworden? War es Dein Wille also, oder der dessen, der ihn nachderhand gezeuget hat? Es muß also das alles, wie es da ist, doch nach Deinem Willen gekommen sein! Wenn das alles aber Dein Wille also gewollt hatte, warum dann die schwerste Verdammnis über dergleichen Menschen, die im Grunde die arme Menschheit nur vor der sicheren Verzweiflung gerettet haben, weil Du auf ihr Rufen Dich ihnen nicht hattest zeigen wollen?! Ich bitte Dich, darum wohl gerecht, aber nicht hart zu sein; denn das Geschöpf hat gegen seinen Schöpfer keine Waffe, – es kann nur bitten, dulden, leiden und verzweifeln!"
[GEJ.02_066,04] Sage Ich: „Aber Freund Cyrenius! Hast du denn schon alles wieder vergessen, was du sowohl von Mir als auch von den beiden Engeln vernommen hast? Sagte Ich denn, daß Ich Selbst solche Leute richten oder verdammen werde? Hast du doch vor wenigen Tagen noch die Pharisäer gleich züchtigen lassen wollen, weil sie Mich steinigen wollten, und Ich ließ es dich nicht! Und nun scheint es, daß du nahe ihre schlechte Partei nehmen möchtest! Oder verstehst du's etwa besser, den Menschen so zu stellen, daß er in solcher Stellung ein Kind Gottes werden muß, wenn er es will? Sieh, wie schwach du noch bist!
[GEJ.02_066,05] Bist du denn in der allerallgemeinsten Geschichte aller Menschen wohl so meisterlich bewandert, daß du auf deren Grund Mir vorhalten kannst, daß Ich Mich um die Rufenden und Suchenden erst jetzt bekümmere und früher nie?
[GEJ.02_066,06] Haben nicht die ersten Menschen steten Umgang mit Mir gehabt? Wer war seit Noah bis Moses der Hohepriester zu Salem, der Melchisedek hieß, und auch zugleich als ein rechter König der Könige zu Salem wohnte? Wer war hernach der Geist in der Arche des Bundes? Und da der Geist aus der Arche in Mich trat, – Frage: Wer bin nun Ich?
[GEJ.02_066,07] Die Rufenden wollten Mich freilich von den Sternen herab haben, weil Ich ihnen, als Ich unter ihnen war, zu gemein und zu wenig göttlich war, da Ich nicht also glänzen wollte wie die Sterne!"
[GEJ.02_066,08] Siehe, was dich also nun bewegt hat, war grundfalsch, und der Satan, der es ein wenig gemerkt hatte, daß du sein Geheimnis in dir trägst, hat dir nur ein wenig auf den Zahn gefühlt, und schon wolltest du mit Mir zu hadern anfangen! So bedenke doch, ob du ein Recht in deiner Rede haben kannst!?
[GEJ.02_066,09] Kann Ich je hart oder ungerecht sein gegen jemanden? Oder bin Ich ungerecht, so Ich dir fürs falsche, gemachte Gold das echte, allerreinste biete? Oder soll Ich euch denn bei dem alten, bösen und auch nutzlosen Aberglauben lassen? Hätte Ich als der Herr nicht mehr Recht gehabt, die bösen, widerspenstigen Pharisäer zu verderben, denn du?! Habe Ich sie aber gerichtet? Ja, sie wären auch ihrem eigenen inneren Richter als Beute verfallen, wenn Ich sie nicht wunderbar gerettet hätte!
[GEJ.02_066,10] Sieh, sieh, wie kurzsichtig du noch bist! Ich meine, Freund, das alles, was du schon gehört und gesehen hast, hätte dich denn doch schon ein wenig weitsichtiger machen sollen!"
[GEJ.02_066,11] Cyrenius bittet Mich um Vergebung, sowie auch alle andern, und sie sehen ihre falsche Meinung ein; Ich aber vertröste sie alle und sage: „Oh, ihr werdet noch öfter in noch stärkere Proben kommen; aber dann vergesset dieses Begebnis und diese Meine nun an euch erflossene Lehre nicht, sonst könntet ihr trotz dem, daß ihr alle Mich gesehen und gesprochen habt, in noch größere Versuchungen geraten und von Mir ebensogut abfallen und wieder in alle Welt, in ihre Lügen und Betrügereien übergehen und denen ganz gleich werden, von denen ihr meinet, daß sie Mich gesucht und gerufen haben und Ich ihnen dann, um sie desto leichter verdammen zu können, an Meiner Statt Zauberer und Zeichendeuter gegeben habe!" – Alle bitten noch einmal um Vergebung, – und Ich segne sie alle.
67. Kapitel
[GEJ.02_067,01] Gleich darauf aber kommen aus der Stadt eine Menge Bürger und geben kund, daß ein Mensch tobend geworden sei.
[GEJ.02_067,02] Ich aber frage sie, was Ich mit dem Tobenden machen solle.
[GEJ.02_067,03] Und die Bürger sprechen: „Wir wissen, daß du ein Wunderarzt bist, da uns heute die Pharisäer das verkündet haben und erzählten, wie du bloß durch den Willen das Haus des alten Josa völlig gesund gemacht hast, und daß du mehr seist als allein der uns allen wohlbekannte Zimmermann Jesus! Und so bitten wir dich als unsern wohlbekannten Landsmann, daß du diesen tobenden Menschen wieder gesund machen wollest!"
[GEJ.02_067,04] Frage Ich: „Wie ist er denn zu dieser Tobsucht gekommen?"
[GEJ.02_067,05] Sagen die Bürger: „Ja, lieber Meister, das hat er von einem tollen Hunde, der ihn gebissen hatte, geerbt, und das ist ein schrecklich gefährliches Übel, das bis jetzt noch nie von einem Arzt hat geheilt werden können! Wenn er stirbt, muß das ganze Haus mit ihm verbrannt werden; denn wer ihn nur anrührete, würde kurz darauf auch von solcher schrecklichen Tobsucht befallen werden! Darum haben wir ihn in seinem Hause wohl verwahrt, damit er nicht ins Freie kann, allwo er einen großen Schaden anrichten würde. Lieber Meister, befreie uns doch von dieser Plage!"
[GEJ.02_067,06] Sage Ich: „So gehet und bringet ihn heraus, auf daß er gesund werde, und alle, die er schon angesteckt hat, als sie ihn einfingen und ins Haus sperrten!"
[GEJ.02_067,07] Sagen die Bürger: „O Meister, wer wird den herausführen? Wer ihn anrührt, ist ja so gut als schon des schrecklichen Todes!"
[GEJ.02_067,08] Sage Ich: „So ihr nicht glaubet und kein Vertrauen habt, da kann Ich weder ihm noch euch helfen!"
[GEJ.02_067,09] Sagen die Bürger: „Meister, konntest du doch dem Hause Josa helfen, das von einem nahezu ähnlichen Übel behaftet war, und die Kranken wurden nicht zu dir geführt, also könntest du ja auch diesem Tobenden helfen, ohne daß es nötig wäre, ihn zu dir herauszubringen!?"
[GEJ.02_067,10] Sage Ich: „Josa glaubte, ihr aber glaubet nicht und seid vielmehr gekommen, Mich aus eurem Halbglauben heraus zu prüfen, was Ich mit dem unheilbar Tobenden tun würde. Darum sage Ich euch noch einmal: Bringet ihn heraus, so soll ihm und euch geholfen werden! Denn ihr habt schon alle, wie ihr da seid, dasselbe in euch, das in kurzer Zeit ausbrechen kann; so ihr aber glaubet und ihn herausbringet, so soll eben dadurch das Satansgift in euch vertilgt werden!"
[GEJ.02_067,11] Auf diese Meine Worte begeben sie sich von dannen und bringen in kurzer Zeit gebunden den Tobenden heraus, der ganz schrecklich wild aussah und also geifernd brüllte wie ein hungriger Löwe. Als Meine vielen Gäste dieses Tobenden ansichtig wurden, überfiel sie eine große Angst, und die Weiber flüchteten sich samt und sämtlich ins Haus; denn sie hatten nicht Mut, dieses schrecklich verzerrte und gräßlich brüllende Bild anzusehen. Selbst Meine Mutter verbarg sich ins Haus, und Meine Jünger erweiterten ebenfalls ihren Weilkreis, Judas verbarg sich hinter einem Baume; nur Cyrenius, Faustus, Kornelius, Kisjonah und Borus blieben fest bei mir.
[GEJ.02_067,12] Da sprach Ich zu den Bürgern: „Löset ihn los und lasset ihn frei!"
[GEJ.02_067,13] Da entsetzte sich alles und schrie: „Herr, da sind wir verloren!" – Und die Bürger getrauten sich solches auch nicht zu tun, weil das andere Volk samt den Jüngern zu viel schrie!
[GEJ.02_067,14] Da sagte Ich zum Borus: „Gehe hin und löse du ihn los; denn er ist schon geheilt und kann niemandem mehr schaden!"
[GEJ.02_067,15] Da ging Borus ganz beherzt auf den noch Tobenden zu und sprach: „Der Herr Jesus sei mit dir, und du sei geheilt in Seinem Namen!"
[GEJ.02_067,16] In dem Augenblick ward der Tobende ruhig; seine schon nahe ganz mohrenschwarze Gesichtsfarbe ward wieder wie früher natürlich, und er bat den Borus mit dankbarer Miene, daß er ihm die harten Bande abnähme; und Borus löste ihm sogleich die Bande, die ganz rein und unbegeifert waren. Und der Genesene ging zu Mir hin und dankte Mir allerinbrünstigst für diese ihm erwiesene, nie erhörte Wohltat, bat Mich aber auch, daß er künftighin vor solch einem Übel möchte verschont bleiben.
[GEJ.02_067,17] Und Ich sagte zu ihm: „Du und alle, die durch dich unfehlbar in dein Übel verfallen wären, ihr seid nun vollkommen geheilt; aber seid in Zukunft Menschenfreunde und keine Hundefreunde mehr! Wozu müsset ihr Hunde halten im Übermaß? Hunde sollen diejenigen halten, die ihrer nötig haben bei Jagden der wilden, reißenden Tiere, und die Schafhirten großer Herden als Schutz gegen die Wölfe, Bären und Hyänen; außer diesen bedarf niemand eines Hundes. Wer aber schon einen hält, der halte ihn an einer Kette wohl angehängt, auf daß sich die Armen nicht der bösen Hunde wegen fürchten, in eure Häuser zu treten und euch um ein Almosen zu bitten. Wer aus euch künftighin solchen Rat nicht befolgen wird, der soll von seinen Hunden denselben Lohn erhalten, der dir zuteil ward.
[GEJ.02_067,18] Nehmet lieber Kinder armer Eltern in eure reichen Häuser denn nutzlose und leicht große Gefahr bringende Hunde, so werdet ihr nie von der bösesten Tobsucht, die vom Gifte des Satans, den die Hunde in sich tragen, herstammt, befallen werden!"
[GEJ.02_067,19] Nach diesen Worten versprechen Mir alle, daß sie an diesem Tage noch ihre Hunde vertilgen und fürder nimmer derlei Tiere halten werden. Es fragen Mich aber dennoch einige Schwachgläubige, ob sie nun wohl vollkommen von diesem Übel befreit seien und solches sie wohl nimmer befallen werde.
[GEJ.02_067,20] Sage Ich: „O ihr Kleingläubigen! Sehet ihr denn nicht, daß der, den ihr gebracht habt, vollkommen genesen ist? Wenn aber ihm geholfen ward, so wird wohl auch euch geholfen sein, die ihr noch lange nicht von solcher Toberei befallen worden waret! Wenn Ich Tote aus dem Grabe rufen kann, so werden wohl solche Übel nicht größer sein als der wirkliche Tod selbst! Die Zeit aber soll euch den Beweis liefern, daß ihr alle völlig wieder geheilt seid! Nun aber möget ihr wieder ganz ruhig nach Hause ziehen. Gehet aber nun auch zu den Ältesten und Pharisäern hin, zeiget euch, daß ihr völlig geheilt seid, und gebet dann auf dem Altar euer Opfer, das Moses anbefohlen hat den Aussätzigen, wann sie rein geworden sind!"
[GEJ.02_067,21] Nach diesen Worten danken Mir alle auf das inbrünstigste und fragen Mich, was sie denn Mir für diese übergroße Wohltat entgegentun sollen.
[GEJ.02_067,22] Und Ich sage: „Das glauben und tun, was euch die Pharisäer und Schriftgelehrten lehren werden!"
[GEJ.02_067,23] Nach diesen Worten treten sie ihren Rückweg ganz getrost an, begeben sich gleich in die Synagoge und erzählen den Pharisäern alles, was sich hier zugetragen hat, und geben dafür eine reiche Opfergabe.
[GEJ.02_067,24] Die Pharisäer aber, die vorher von diesem Tobenden noch nichts vernommen hatten, fangen an, sich überaus zu verwundern und sagen: „Wahrlich, das ist eine Heilung, die nur Gott allein möglich sein kann! Solches ist in ganz Israel noch nie erhört worden! Wahrlich, dieser Mensch tut Dinge, die noch nie einer der allergrößten Propheten getan hat! Es gibt keine Krankheit, die er nicht zu heilen imstande wäre, und keinen Toten im Grabe, den er nicht wieder ins Leben zurückzurufen vermöchte! Ist das doch ein Mensch, wie die Erde noch nie einen ähnlichen getragen hat! Gehet nun nach Hause und kommet morgen wieder, und wir wollen dann mehreres über ihn mit euch verhandeln!"
68. Kapitel
[GEJ.02_068,01] Die Bürger begeben sich nun nach Hause und geben in dem Geheilten dessen Kindern den Vater und dessen über die Maßen traurigem Weibe den ganz gesunden Mann wieder, das anfangs ihren Sinnen kaum traut, aber darauf bald in einen Strom von Dankes- und Freudentränen ausbricht und mit den Kindern, deren sie zehn hatte, sogleich hinaus zu Mir eilt und samt den Kindern Mir auf den Knien für solch eine ihr und ihren Kindern erwiesene nie erhörte Wohltat dankt. Sie bittet Mich aber auch zugleich, Meinem Hause mit allem möglichen, was nur immer in ihren Kräften stünde, dienen zu dürfen, wie auch jedem andern, den Ich ihr nur immer anempfehlen möchte!
[GEJ.02_068,02] Sage Ich: „Alles, was du den Armen um Meines Namens willen tun wirst, wird also angesehen werden, als ob du es Mir tätest! Mein Haus aber ist nun versorgt zur Genüge für die kurze Zeit, die Ich noch hier zubringen werde; wenn Ich aber wiederkommen werde, dann wirst du es schon erfahren."
[GEJ.02_068,03] Das Weib weint vor Freude und Dankbarkeit und sagt: „Herr, du wahrhaftigster Meister, aus den Himmeln uns gegeben! Ich habe ein großes Vermögen; die Hälfte will ich sogleich den wirklich Armen zukommen lassen, und die andere Hälfte will ich für sie verwalten, auf daß sie bei mir immer etwas finden sollen. Denn ich meine, daß solches gut sei, da mir bekannt ist, daß die Armen mit einem größeren Vermögen nicht haushälterisch umgehen können, gewöhnlich auf einmal zuviel ausgeben und zur Zeit der Not dann wieder nichts haben!"
[GEJ.02_068,04] Sage Ich: „Tue das, liebes Weib! Also sollten es alle Reichen tun, dann würden die Armen nie Not zu leiden haben; denn die Not ist ein übles Ding und verleitet den Menschen oft zu größeren Lastern als der Reichtum. Der Reiche bleibt wenigstens in seiner Ehre öffentlich vor der Welt und gibt selten so viel Ärgernis der Welt wie ein Armer, den die Not nur zu leicht für die schlechtesten Taten fähig macht; aber der unbarmherzige Reiche, der die Armen zur Ausführung seiner Laster benützt, ist dennoch bei aller seiner Weltehre um tausend Male schlechter denn der lasterhafte Arme. Denn der Arme wird lasterhaft durch die Not, und der Reiche ist des Lasters Schöpfer in seinem unverzehrbaren Überflusse.
[GEJ.02_068,05] Aber wie du, Mein liebes Weib, nun deinen Reichtum verwenden willst und auch wirst, da ist der Reichtum ein Segen aus den Himmeln und wird zeitlich und ewig dessen Verwaltern den größten Gewinn abwerfen! Darum, wer da recht tugendhaft sein will, der sei allzeit sparsam und haushälterisch, auf daß er zur Zeit der Not fähig sei, den Armen und Schwachen unter die Arme zu greifen.
[GEJ.02_068,06] Ich sage es euch allen: Eure Liebe zu euren Kindern brenne wie ein Licht; aber die Liebe zu den fremden Kindern armer Eltern sei ein großer Feuerbrand! Denn niemand in der Welt ist ärmer denn ein armes verlassenes Kind, ob ein Knabe oder ein Mägdlein, das ist einerlei. Wer ein solch armes Kind aufnimmt in Meinem Namen und versorget es leiblich und geistig also wie sein eigenes Blut, der nimmt Mich auf, und wer Mich aufnimmt, der nimmt auch Den auf, der Mich in diese Welt gesandt hat und vollkommen Eines ist mit Mir!
[GEJ.02_068,07] Wollt ihr Segen von Gott in euren Häusern ziehen und ihn wie ein wohlbestelltes Feld zur reichen Ernte erheben, so leget in euren Häusern Pflanzschulen für arme Kinder an, und ihr sollet mit allem Segen überschüttet werden also, wie ein hoch angeschwollener Strom die niederen Ebenen, die er überschwemmt, mit Sand und Steingerölle überschüttet; aber so ihr arme, hungrige Kindlein von euch weiset und sie obendrein noch angrollet, als wenn sie euch schon einen Schaden zugefügt hätten, der kaum ersetzlich wäre, da wird der Segen von euren Häusern also weichen wie der sterbende Tag vor der ihn raschen Schrittes verfolgenden Nacht. Wehe dann solchen Häusern, die von solcher Nacht ereilt worden sind! Wahrlich, darin wird es nimmer wieder zu tagen beginnen! Und nun gehe du, Mein liebes Weib, nach Hause und tue, was du dir vorgenommen hast, und gedenke vorzüglich der armen Witwen und Waisen!"
[GEJ.02_068,08] Nach dieser Lehre erhebt sich das Weib mit seinen Kindern, dankt Mir noch einmal samt seinen Kindern und ruft endlich laut aus: „O Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie groß, gut und heilig bist Du und wie endlos mächtig und weise, der Du uns armen Sündern einen Menschen aus Deinem Herzen gegeben hast, der wohl imstande ist, zu heilen alle unsere Gebrechen, leiblich und geistig! Dir, heiliger Vater, sei allein alles Lob, alle Liebe, alle Ehre und aller Preis ewig! O Du lieber Vater Du, wie gut doch bist Du denen, die auf Dich allein vertrauen! Du züchtigest wohl scharf alle, die Deine Gebote nicht achten; aber wenn Dich dann der reumütige Sünder wieder rufet: ,Lieber heiliger Vater, vergib mir Schwachem!‘, o dann erhört ihn der heilige gute Vater gleich wieder und hilft ihm mit Seinem allmächtigen Arm aus jeglicher Not!
[GEJ.02_068,09] O Menschen, nehmt euch alle an mir ein Beispiel! Auch ich war eine Sünderin, und Gott hat mich gewaltig unter Seine allzeit heilige Zuchtrute getan; aber ich wankte in meinem Vertrauen nicht, bereuete meine Sünden und betete inbrünstig zum Vater im Himmel; und seht, Er, Er allein hat mein Flehen erhört und half mir wunderbarst aus der größten und schrecklichsten Not!
[GEJ.02_068,10] Darum vertrauet und bauet alle allein auf Ihn! Denn wo kein Mensch mehr helfen kann, da kommt Er und hilft dem Bedrängten! Darum lobe Ihn alles unaufhörlich! Denn Er allein nur kann jedermann wahrhaft helfen! Dir, du lieber Gesandter aus den Himmeln, aber danke ich auch noch einmal; denn du selbst mußt ein heiliges Werkzeug in der Hand des allmächtigen Gottes sein!"
[GEJ.02_068,11] Diese Exklamation, die Mich, dem Weibe unbewußt, allein anging, kostete Mich etliche Tränen der innigsten Rührung, daß Ich Mich von ihr abwenden mußte.
[GEJ.02_068,12] Es bemerkte aber solches der Cyrenius und sprach: „Herr, was ist Dir, daß Du weinest?"
[GEJ.02_068,13] Und Ich antwortete: „Freund, solcher Kindlein wie dieses gibt es wohl wenige auf der Erde! Sollte Ich als der Vater, den es so herzlich lobte, denn nicht auch vor Freude zu Tränen gerührt werden können? Oh, Ich sage es dir: Mehr als jeder andere Vater! Siehe, das ist eine, die da ist, wie jede sein sollte, und Ich habe eine unbeschreibliche Freude an ihr! Aber sie soll es auch gewahr werden, was das ist, wenn Ich über sie vor großer Freude geweint habe!"
[GEJ.02_068,14] Nach diesen Worten trocknete Ich Mir die Tränen an Meinen Augen und sagte zum noch ganz durch und durch für Gott allein liebeglühenden Weibe und deren Kindern: „Du Mein liebes Weib! Weil deine Liebe und dein Glaube zu Gott so mächtig ist, wie dergleichen noch selten vorkam, so kann Ich dich so, wie du nun bist, denn doch nicht entlassen. Sende den ältesten Sohn nach deinem Manne, daß er herauskommen solle; denn Ich habe mit ihm noch so manches sehr Wichtige zu besprechen!"
[GEJ.02_068,15] Nach diesen Worten läuft der Knabe sogleich in die Stadt und kommt in kurzer Zeit mit dem geheilten Vater wieder.
[GEJ.02_068,16] Als die beiden ankamen, sagte Ich zu ihm: „Freund, auf daß du nicht nur dem Leibe nach, sondern vorzugsweise auch der Seele nach, die ewig leben wird, völlig gesund werdest und wissen sollst, wie du daran bist mit all dem, was sich hier alles ereignet hat, so habe Ich dich nun herausrufen lassen. Fürs erste wirst du diesen Abend hindurch Mein Gast sein samt deinem lieben Weibe und deinen Kindern, und fürs zweite wirst du hier so manches sehen und hören und daraus leicht entnehmen, wer Der ist, der dich geheilt hat. Nachdem du und dein Weib dessen innesein werdet, wird es euch noch ums tausendfache leichter ums Gemüt werden, und du wirst es einsehen, daß du wahrhaft vollkommen geheilt bist.
[GEJ.02_068,17] Bevor aber noch die Zeit des Abendmahles kommt, wollen wir einen kleinen Weg nach der neuen, vom Jairus erbauten Synagoge machen, und Jairus, sein Weib, seine Tochter, ihr Gemahl Borus, der Cyrenius, Kornelius, Faustus, Kisjonah, dein Weib und deine Kinder sollen uns begleiten. Dort soll dir etwas gezeigt werden, was dich in deinem Glauben sehr stärken soll!"
[GEJ.02_068,18] Sagt der Geheilte, der Bab hieß: „Meister, es geschehe, was und wie du es willst! Ich bin bereit, dir bis ans Ende der Welt zu folgen."
[GEJ.02_068,19] Auf dies Wort Babs begaben wir uns sogleich nach der Synagoge, die man bei mäßigem Schritte in einer Viertelstunde, ganz bequem aber in einer halben Stunde, erreichen konnte.
69. Kapitel
[GEJ.02_069,01] Wir kamen also auch bald daselbst an, betraten die Synagoge und begaben uns in die Gruft, in der die Sarah schon über vier Tage gelegen hatte, in der noch die Leichenbänder und Tücher lagen, mit denen Sarah als Leiche umhüllt war, und in welcher Gruft aber auch noch ein Leichnam aus der Freundschaft des Jairus lag. Das war ein Knabe von zwölf Jahren, der an einer bösen Krankheit schon vor ein und einem halben Jahre verstorben ist; dieser lag in einem aus Zedernholz angefertigten Sarge und war schon völlig in die Verwesung übergegangen bis auf die Knochen.
[GEJ.02_069,02] Beim Anblick dieses Sarges kamen dem Jairus die Tränen in die Augen, und er sagte halb weinend: „Was ist doch die Welt für ein arges Ding! Die zartesten Blumen läßt sie auf ihrem Boden entstehen, und was ist ihr Los? Daß sie sterben und vergehen! Der Rose balsamischer Duft wird nur zu bald zum Ekelgeruch, und die zarte, unschuldige Lilie verbreitet widrigen Gestank in ihrer Verwesung; der Hyazinthen Himmelblau wird totengelblich grau, und die Nelke stirbt – gleich Tausenden ihrer lieblich duftenden Schwestern.
[GEJ.02_069,03] Dieser Knabe war, man könnte sagen, ein Engel! Gottesfurcht hatte ihn schon von der Wiege an beseelt, und in seinem zehnten Jahre verstand er schon die Schrift und hielt die Gebote wie ein frommer erwachsener Jude; kurz, sein wahrhaft kindlich frommer Lebenswandel und seine zum Verwundern geweckten Geistesfähigkeiten berechtigten uns zu den schönsten Hoffnungen. Aber da kam eine böse Krankheit über ihn, und kein Arzt konnte derselben Meister werden, und so starb in diesem Knaben alles, was man in Kürze von ihm mit Recht hätte erwarten können.
[GEJ.02_069,04] Da läßt sich denn doch fragen, warum Gott der Herr, der voll Liebe und Barmherzigkeit ist, solches den Menschen tut, die auf Ihn hoffen und vertrauen! Tausend arme Kinder irren ohne Obdach und jegliche Bildung herum, und Gott ruft sie nicht von dieser Erde; aber Kinder solcher Eltern, die jegliches Vermögen besitzen, ihren Kindern jene Erziehung zu geben, die Gott allein nur wohlgefällig sein kann, müssen gewöhnlich ins Gras beißen! Warum denn also?
[GEJ.02_069,05] Wenn es Gott wohlgefällig ist, lauter Wildlinge auf diese Erde zu setzen, die kaum fünf Worte zu reden imstande sind, dann tut Gott wohl daran, jedes Kind, das nur irgendeinen besseren Geist zu verraten beginnt, sogleich von der Erde zu nehmen und allein die Trottel leben zu lassen neben den Affen! Aber wenn es Gott darum zu tun ist, im Geiste geweckte, fromme, Gott erkennende und liebende Menschen auf dieser Erde zu haben, so glaube ich, daß Gott das Leben solcher Kinder mehr beachten sollte, als es bisher der stets traurige Fall war!"
[GEJ.02_069,06] Sage Ich: „Mein lieber Freund Jairus, du redest, wie du es in menschlicher Weise verstehst; aber Gott tut, wie Er es in Seiner göttlichen Weise von Ewigkeit her einsieht und versteht und einsehen und verstehen muß, ansonst du und alles, was da ist, kein Dasein hätte! Danebst aber tust du in deinem Hader Gott dennoch unrecht.
[GEJ.02_069,07] Denn so Gott alle Kinder, die schon in ihrer Kindheit Geist und Talente verraten, von der Welt nähme, so wäret ihr alle, die ihr nun hier bei Mir seid, schon in der Erde verwest! Aber da ihr nun noch hier seid in einem bedeutenden Alter, so ist dein Vorwurf gegen Gott ein ungerechter! Denn gleich also habt auch ihr in eurer Kindheit besonders viel Geist verraten, waret auch Kinder in jeder Hinsicht überaus vermögender Eltern, und Gott hat euch dennoch leben lassen, während Er draußen den Heiden viele Tausende armer Kinder durch Ruhr und durch manche andere böse Krankheiten von dieser Erde genommen hat, wofür die armen Eltern ebensoviel Leid getragen haben wie die Eltern dieses Knaben, die noch leben und für diesen Knaben drei arme Kinder an Kindes Statt aufgenommen haben. Diese drei Kinder sind nun ganz würdige Nachfolger dieses einen Kindes, das mit der Zeit ob seiner bedeutenden Talente von seinen es mehr denn Gott liebenden Eltern zu sehr verzärtelt und verweichlicht worden wäre und am Ende den hochgestellten Hoffnungen seiner Eltern nicht im geringsten entsprochen hätte; denn es wäre am Ende aus ihm nichts als ein eingebildeter, stolzer und eigensinniger Tropf geworden, mit dem kein Hoherpriester etwas ausgerichtet hätte!
[GEJ.02_069,08] Gott aber sah das im voraus, nahm ihn zur rechten Zeit von dieser Welt und gab ihn jenseits den Engeln zur besseren Erziehung, auf daß er desto eher jene Bestimmung erreichen möge, die ihm, wie jedem Menschen, von Gott aus besonders gestellt ist.
[GEJ.02_069,09] Zu all dem aber hatte Gott auch vorgesehen, daß nun eine Zeit kommen werde, in der für euch wenige Gottes Name verherrlicht werden soll. Und siehe, darum auch ließ Gott eben diesen Knaben schon vor anderthalb Jahren sterben, auf daß dieser sich in der rechten Verwesung dann befinden solle, wenn ihn Gott der Herr wieder erwecken werde. Hebet darum den Sarg heraus und öffnet ihn!"
70. Kapitel
[GEJ.02_070,01] Auf diese Worte stiegen sogleich Borus und Kisjonah in die Gruft und versuchten den Sarg zu heben; aber sie vermochten ihn nicht von der Stelle zu rühren, denn er war sehr schwer, indem er aus massivem Zedernholz angefertigt war und obendrauf noch eine Menge schwerer Verzierungen von Erz, Gold und Silber hatte. Nach mehreren Versuchen sprach Borus: „Herr, der Sarg ist zu schwer, wir können seiner durchaus nicht Meister werden! Dieser Sarg ward meines Wissens mit Maschinen hineingelegt und wird auf natürlichem Wege nur wieder durch Maschinen herausgehoben werden können!"
[GEJ.02_070,02] Sage Ich: „So steiget heraus aus der Gruft; die beiden Jünglinge, die hier sind, sollen ihn herausheben!" – Borus und Kisjonah steigen nun schnell aus der Gruft, und die zwei Jünglinge heben den Sarg schnell und mit einer solchen Leichtigkeit heraus, als hätten sie es mit einer Federflaume zu tun.
[GEJ.02_070,03] Bab machte große Augen samt seinem Weibe und seinen Kindern und sagte, ganz erstaunt ob solcher Kraft in den beiden Jünglingen: „Aber heißt das doch eine unglaubliche Kraft und Stärke besitzen! Diese zwei zarten Knaben, von denen keiner über fünfzehn Jahre zählen kann, spielten – wie der Sturmwind mit einer Flaume – mit dieser Last, der doch die Kraft von zwei starken Männern nichts anhaben konnte! Ah, so etwas ist denn doch auch noch nie erhört worden!"
[GEJ.02_070,04] Sage Ich: „Laß es nur gut sein; denn du wirst nun Zeuge von noch größeren Dingen sein! Aber das sei euch allen ganz ernstlich ins Herz geredet: daß ihr davon ja keinem Menschen, nicht einmal Meinen Jüngern, etwas meldet! Denn es ist die Zeit für sie noch lange nicht da; wenn es aber an der Zeit sein wird, dann werden sie schon ohnehin alles in die Erfahrung bekommen. – Nun aber öffnet den Sarg, auf daß wir sehen, inwieweit der Knabe schon verweset ist!"
[GEJ.02_070,05] Der Sarg ward sogleich geöffnet, und der bis auf die stärkeren Knochen gänzlich verweste Knabe war von den Tüchern und Bändern durch des Borus geschickte Hände für alle Anwesenden zur Besichtigung enthüllt. Alle besahen das jämmerlich aussehende Skelett mit sichtlichem Schaudern.
[GEJ.02_070,06] Und Faustus sagte: „Ecce homo! Sieh, das auch ein Mensch! Ein schönes Los des üppigen Fleisches der Menschheit! Ein gräßlich aussehender Knochenschädel, mit einigen zusammenklebenden Haaren noch sparsam versehen; eine zusammengefallene, grünlichbraune Brusthaut, hie und da von halbabgefaulten Rippen durchbrochen, das schwarze Rückgratgebein, über dem doch noch einige Spuren von verwesten Gedärmen hängen, die mit Schimmel bedeckt sind. Endlich die Füße, – wie sehen diese doch gar schrecklich entstellt aus; voll Verwesung und Schimmel! Und unsere Nasen aber verspüren es auch, daß wir uns nun nicht im Verkaufsgewölbe eines Balsamhändlers befinden; denn der Gestank ist stärker, als ich ihn erwartet hätte! Nein, das ist eine Gestalt, die ganz geeignet ist, dem Menschen sein Sein so verächtlich wie möglich zu machen, weil solch ein Los am Ende denn doch ein jeder von uns zu erwarten hat! Aus diesem Grunde ziehe ich das Verbrennen der Leichen den Begräbnissen bei weitem vor."
[GEJ.02_070,07] Sage Ich: „Aber so des Menschen Sohn die Macht hat, auch solche Leiber wie auch alle, die seit Adam in der Erde als völlig verwest ruhen, zu erwecken und ins Leben zurückzurufen, ist auch dann ein solches Bild des Schreckens Gestaltung für die Menschen der Erde? Kann der Tod noch etwas Fürchterliches an sich haben, wenn sich ein Meister über ihn erhoben hat? Auf daß ihr aber alle, die ihr hier seid, sehet, daß Ich, als auf dieser Erde ein Menschensohn, vollkommen die Macht habe, auch solche Leiber ins Leben zurückzurufen und sie neu und unsterblich zu beleben, so soll eben dieser Knabe euch davon ein Zeuge werden!"
[GEJ.02_070,08] Hierauf sage Ich zum Knaben: „Josoe, Ich sage es dir, richte dich auf und lebe, und zeuge, daß Ich Macht habe, auch solche Tote zu erwecken, wie du einer bist!"
[GEJ.02_070,09] In diesem Augenblick entstand ein starker Luftzug; der Verwesung Schimmel verschwand, über den Knochen ergänzte sich schnell die Haut, und innerhalb derselben fing der Leib also zur Vollgestaltung zu schwellen an, wie ein mit Sauerteig vermengter Brotteig in den Brotkörben, und in wenig Augenblicken erhob sich der Knabe als vollkommen lebendig aus dem offenen Sarge, erkannte gleich den Jairus, den Faustus und Kornelius, die er von Nazareth aus gar wohl kannte, und fragte besonders den Jairus, sagend: „Aber lieber Oheim, wie kam denn ich hierher in diesen Sarg? Was ist denn mit mir vorgegangen? Ich war ja erst in einer gar lieben Gesellschaft und weiß wahrlich nicht, wie ich nun auf einmal daher komme!"
[GEJ.02_070,10] Sagt Jairus: „Mein lieber Josoe, Den siehe an, der neben dir steht, das ist ein Herr über Leben und Tod! Du warst dem Leibe nach tot und bist schon anderthalb Jahre hier in diesem Sarge gelegen, und keine Macht, von den Menschen ausgehend, wäre vermögend gewesen, dir für diese Erde das Leben wiederzugeben; aber Dieser, der zwar auch so aussieht wie ein Mensch, aber viel mehr denn ein Mensch ist, hat dich vom Tode wieder ins Leben zurückgerufen! Daher sollst du auch Ihm allein danken für dieses dir nun wieder geschenkte Leben!"
[GEJ.02_070,11] Der Knabe sah Mich groß an und betrachtete Mich vom Kopfe bis zum Fuße und sagte nach einer Weile reiferen und helleren Entsinnens: „Das ist ja eben Der, der mich von der schönen Gesellschaft abrief und zu mir sagte: ,Josoe, komme, denn du mußt Mir auf der Erde ein Zeuge werden, daß Mir alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden!‘
[GEJ.02_070,12] Und ich folgte Ihm willig; denn ich habe es gleich gemerkt, daß Er von Gott ausgegangen ist und in Sich trägt die Fülle der göttlichen Kraft und Macht über alles, im Himmel und auf Erden. Denn also, wie Er hier ist, sah ich Ihn ehedem in der Geistwelt, in der ich sicher war, da ich von Ihm gerufen ward, zurückzukehren in diese Welt.
[GEJ.02_070,13] Es wird mir nun erst alles klar, und ich erkenne nun auch, daß ich schon gelebt habe auf dieser Erde und bin dann gestorben; aber wie das Sterben war, weiß ich nicht! Denn kaum mochte ich diese Welt verlassen haben – was ich nicht weiß, wie und auf welche Weise –, so war ich auch schon in einem schönen Hause unter einer gar lieben Gesellschaft, in der es mir gar wohl erging. Ich sah auch dann und wann meine Eltern und Geschwister und besprach mich mit ihnen über göttliche Dinge, die mir von meinen vielerfahrenen Gesellen gezeigt und gelehrt wurden. Aber diesen Heiligen der Heiligen habe ich eher nie gesehen denn um einige Augenblicke früher, als ich in diese Welt zurückgekehrt war!"
[GEJ.02_070,14] Hier sage Ich zu den zwei Jünglingen: „Schaffet ihm ein Gewand und etwas Brot und Wein, auf daß sein Fleisch stark werde und er mit uns nach Nazareth ziehen kann!" – Als Ich solches den zweien gebot, waren sie auch schon mit dem Verlangten da.
71. Kapitel
[GEJ.02_071,01] Das war für unsern Bab und sein Weib nun zuviel, und sie sagte zu ihrem Manne: „Lieber Bab, merkst du nicht, daß wir beide große Sünder sind, und daß hier in dem Menschen Jesus die Fülle Gottes ist? Ist Er nicht Der, von dem alle Propheten bis auf Zacharias und dessen Sohn Johannes weissagten? Ist Er nicht Der, den David seinen Herrn nannte, indem er sprach: ,Der Herr sprach zu meinem Herrn‘? Ist Er nicht Der, von dem eben der große David spricht, indem er sagt: ,Machet die Tore der Stadt hoch und die Pforten weit, auf daß der König der Ehren einziehe! Wer aber ist der König der Ehren? Es ist der Herr Jehova Zebaoth!‘? Mein Gemahl, hier ist Jehova und niemand anders! Wir aber sind Sünder und sind unwürdig, vor Ihm zu weilen! Komme, daß wir uns reinigen nach dem Gesetze Mosis, dann erst können wir wiederkommen und uns Ihm nahen!"
[GEJ.02_071,02] Sage Ich zu den beiden tiefst Ergriffenen: „Der die Toten erwecken kann, der kann euch auch ohne Moses reinigen! Darum bleibet; denn Moses ist nicht mehr denn Ich und Der, der ihn dazu, was er war, erweckt hatte! Eure Sünden sind euch vergeben, und so seid ihr rein und braucht den Moses nimmermehr; denn Moses ist nichts ohne Mich!"
[GEJ.02_071,03] Sagt Bab: „Wenn also, woran ich nun nicht den allergeringsten Zweifel habe, da bleiben wir; denn reiner als der Allmächtige Selbst wird uns Moses nimmer waschen!"
[GEJ.02_071,04] Sagt das Weib: „Ich bin nur gleichfort eine Magd meines Herrn, und so geschehe, was du willst und einsiehst, daß es also recht sei! Aber mich erdrückt nahezu diese zu überheilige Gegenwart Gottes!"
[GEJ.02_071,05] Sage Ich: „Weib, Ich habe deine Gottesverehrung in Nazareth vernommen und tat nun, was du sahst, vor allem deinetwegen! Darum magst du es bei Mir wohl aushalten! Aber nun sage Ich es euch allen, daß ihr davon ja niemandem eine Silbe meldet, und das zwar nicht Meinetwegen und auch nicht euretwegen, sondern allein der vielen ungläubigen Menschen wegen, auf daß diese nicht gerichtet glauben an den Sohn des Menschen, sondern frei, wenn zu ihnen das Evangelium gepredigt wird!
[GEJ.02_071,06] Denn die gegenwärtigen Menschen würden durch solch ein Zeugnis wie mit ehernen Ketten gezwungen sein, an Mich zu glauben, wodurch ihr freies Leben einen großen Schaden erlitte, die späteren Nachkommen aber würden solche erzählten Zeugnisse als übertrieben ohnehin nicht annehmen, sie als pure Erfindungen der menschlichen Phantasie betrachten und sich dadurch an der reinen Lehre und ewigen Wahrheit stoßen; und also ist es besser, daß dergleichen Taten, als von Mir verübt, gänzlich verschwiegen bleiben, weil sie niemandem etwas nützen würden – besonders in dieser Meiner ersten Lehrzeit.
[GEJ.02_071,07] Du Jairus aber, der du den Knaben Josoe wieder seinen Eltern zuführen sollst nach einer Zeit, die sich dazu günstig gestalten wird, sollst demselben ganz gewissenhaft treu beibringen, wie er die Sache für sich zu nehmen habe. Er soll glauben, aber er soll dabei vor den Menschen kein Aufsehen bewirken wollen! Dieser nun erweckte Knabe aber, da er die Verwesung durchgemacht hat, wird fürder nicht mehr sterben dem Leibe nach; sondern wenn seine Zeit kommen wird, wird er von einem Engel gerufen werden und wird dem Rufe frei folgen, – und darauf wird ihn kein sterbliches Auge mehr wandelnd auf dieser Erde je mehr irgendwo erschauen.
[GEJ.02_071,08] Nun, da der Knabe sein Brot und den Wein vollauf verzehrt hat und die Dämmerung schon sehr bemerkbar wird, wollen wir uns nach Hause begeben!"
[GEJ.02_071,09] Wir begeben uns nun sogleich aus der Synagoge, deren Gruft Jairus und Borus wieder hinter sich zusperren, nachdem sie zuvor die beiden Jünglinge gebeten hatten, den Sarg in die Gruft zu schaffen, was diese auch in einem Augenblick ins Werk setzten.
72. Kapitel
[GEJ.02_072,01] Im Freien sagt zu Mir Cyrenius: „Herr, wenn so etwas zu Rom geschähe, da würden sogar die Steine vor Dir niederfallen und Dich laut anbeten; und wir tun hier, als wenn da so etwas ganz Gewöhnliches vorgefallen wäre! Herr, habe doch Geduld mit – entweder unserer Schwäche oder Dummheit!"
[GEJ.02_072,02] Sage Ich: „So Ich das wollte, da wäre Ich ja wohl in Rom statt in Nazareth zur Welt gekommen! Tut nur das, was Ich von euch verlange! Alles, was darüber ist, gehört dem Heidentum an und ist Sünde. Weißt du denn das noch nicht, daß ,Gott lieben über alles und seinen Nächsten wie sich selbst‘ unaussprechlich mehr ist, denn dem Herrn Himmels und der Erden elende Tempel aus Steinen und Holz zu erbauen?
[GEJ.02_072,03] Wenn, wie Salomo sprach, schon Himmel und Erden zu klein sind, die Majestät Gottes zu fassen, was soll dann ein elendes Steingehäuse aus behauenen oder gebackenen Steinen, da die ganze Erde doch so gut wie die ganze Unendlichkeit von Gott erschaffen ist?!
[GEJ.02_072,04] Sage Mir: Was würde denn ein Vater zu seinen Kindern sagen, so diese dumm genug wären, aus den Exkrementen des Vaters ein fliegengroßes Häuschen zu erbauen, oder auch größer, und möchten dann eben aus des Vaters Kot ein Bild machen, das den Vater vorstellte, und wenn das alles fertig wäre, sich dann vor dem Kottempel auf die Knie niederwerfen und ihren Vater also verehren und anbeten? Was würdest du tun, wenn deine Kinder dir so etwas täten und, so du ihnen so etwas auch als dumm und säuisch und deiner völlig unwürdig verwiesest, sie aber dennoch desto eifriger um den Drecktempel kröchen und dein Bild aus gleichem Stoff verehrten, ja sogar wider deinen Willen ihre mitunter vielleicht doch etwas heller denkenden Brüder mit Strafen auf Leben und Tod dazu zwängen und von ihnen noch eine fromme Steuer verlangten? Sage, was würdest du da tun? Könnte dich solch eine über alle Maßen schweinisch dumme Verehrung von seiten deiner Kinder erfreuen?
[GEJ.02_072,05] Siehe, du verneinest solches ganz gewaltig in deinem Herzen, und Ich sage es dir, daß solch eine Verehrung der dummen Kinder ihrem irdischen Vater gegenüber noch viel besser wäre denn die der Menschen in den Tempeln Gott gegenüber! Denn die Kinder benützten zu ihrem Tempelbau doch noch das, woraus der Vater seine Nahrung erhielt; aber die Menschen bauen aus dem Kote des Satans – Tempel und beten darin ihren Gott und Vater an! Sage, wie gefällt dir denn hernach solch eine Gottesverehrung – und Anbetung?"
[GEJ.02_072,06] Sagt Cyrenius: „Herr, so wollte ich jetzt doch mit tausend Blitzen alle Tempel auf der Erde zerstören lassen! Oder Deine beiden Engel kostete es ja doch nur einen Augenblick, und alle Tempel lägen im Staube!?"
[GEJ.02_072,07] Sage Ich: „Freund, solches geschah, geschieht noch und wird in der Zukunft gar oft noch geschehen, und die Menschen werden dennoch nicht aufhören, Tempel zu bauen! Der zu Jerusalem wird verwüstet sein, und von den Götzentempeln wird man nichts mehr sehen. Aber an Stelle der auch wenigen werden viele Tausende kommen, und solange auf der Erde Menschen wohnen werden, werden sie auch Tempel bauen, große und kleine, und werden in denselben ihr Heil suchen; aber einen lebendigen Tempel im Herzen für Gott zu erbauen, darin Er allein würdig erkannt, verehrt und angebetet werden kann und soll, weil das allein das ewige Leben der Seele bedingt, werden nur wenige unternehmen!
[GEJ.02_072,08] Solange die Menschen in Palästen wohnen werden und sich durch die Paläste und wegen der Paläste werden ehren und hochpreisen lassen von denen, die keine Paläste haben können, wird man auch neben den Palästen einen Tempel für irgendeinen Gott erbauen und wird ihn darin verehren, wenn nicht in der Wahrheit, so doch zur Erhöhung der Ehre des Palast- und Tempelerbauers.
[GEJ.02_072,09] Und also wird es kommen, daß die Menschen die Ehre für sich nehmen werden, die sie Gott geben sollen; ihr Lohn für ihre Werke soll aber dann auch in dem erschöpft bestehen, was sie sich selbst genommen haben! Jenseits aber wird man sie nicht erkennen, und sie werden in die äußerste Finsternis gestoßen werden, allda Heulen und Zähneknirschen ihr Los sein soll, das da ist ein ewiger Hader und Krieg der großen Finsternis wegen! Darum lassen wir vorderhand alles also, wie es ist; denn alle Knoten werden erst jenseits die vollste Lösung finden!"
73. Kapitel
[GEJ.02_073,01] Als Ich solches dem Cyrenius mitgeteilt hatte, hatten wir auch die Heimat erreicht, allwo schon ein ganz tüchtiges Abendmahl unser harrte, bestehend wie gewöhnlich aus Brot, Wein und einer Menge wohlzubereiteter Fische. Der Knabe Josoe war besonders lüstern auf die Fische und zeigte eine große Freude über die wohlbesetzten Tische.
[GEJ.02_073,02] Jairus aber sagte zu ihm: „Mein lieber Neffe, du mußt nun nicht gar so heißhungrig das Abendmahl verzehren, weil dein gewisserart neu erschaffener Magen doch noch nicht fähig sein dürfte, eine zu starke Masse dieser irdischen Speisen zu vertragen!"
[GEJ.02_073,03] Sagte der Knabe: „Sei du, lieber Oheim, deshalb nur ganz unbesorgt! Der mich vom Tode erweckt hat, würde meinem Magen sicher keine so große Eßlust eingepflanzt haben, so es dem Magen im Ernste schädlich sein sollte, nun etwas mehr Nahrung zu sich zu nehmen als sonst in einem schon immer gesättigten Zustande; denn es ist kein Scherz für den Menschen, anderthalb Jahre tot und ohne Nahrung gewesen zu sein! So du das einmal an dir erführest und nun meinen neugeschaffenen Magen in dir hättest, dann würdest du meine Eßlust ganz leicht begreifen. Aber es kann nicht ein jeder Mensch in meine Lage kommen, und darum läßt sich in dieser Sache nun mit mir denn auch kein Streit anfangen. Ich weiß es nun am besten nächst Dem, der mich erweckt hat, wie es mir geht, und du sorge dich darum ja nicht, daß mir nun ein paar Fische, ein Stück Brot und ein Becher Wein nur im geringsten schaden werden!"
[GEJ.02_073,04] Sagt Jairus: „Von mir aus ist dir alles von Herzen vergönnt; ich habe es mit dir nur gut gemeint."
[GEJ.02_073,05] Nach diesem kleinen Gespräche zwischen dem Jairus und dessen Neffen Josoe begaben wir uns zu Tische und verzehrten das Abendmahl recht fröhlich und heiter; und es ward dabei viel geredet über manches, was da geschehen ist, und was etwa zu Jerusalem darüber geredet wird.
[GEJ.02_073,06] Die Jünger aber erkundigten sich um den Knaben und wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten. Bald fragten sie den Knaben, bald den Jairus, bald die beiden Jünglinge, die auch mit uns an der Haupttafel saßen, was es denn da mit diesem Knaben für eine Bewandtnis hätte. Es müßte dahinter gar etwas Außerordentliches stecken; denn es sei ihnen nur zu bekannt, daß Sich der Herr mit gar zu gewöhnlichen Knaben nie über die Gebühr abzugeben pflege. Aber der Jünger Fragen war hier ein vergebliches, da ihnen darüber niemand eine befriedigende Antwort erteilte.
[GEJ.02_073,07] Als aber die Maria merkte der Jünger Ungeduld, da sagte sie zu ihnen: „Was euch not tut, wird euch nicht vorenthalten; das euch aber offenbar nicht not tut, warum forschet ihr danach? Tut, was Er euch sagt, und wollet nie mehr wissen, als was Er euch als für euch notwendig zu wissen offenbart, so werdet ihr Seinem Willen gemäß leben und handeln und eures ewigen Lohnes versichert sein; alles aber, was ihr wollt wider Seinen Willen, ist Sünde wider den Meister, der euer Heiland ist – leiblich und geistig! Merket euch diese Lehre!"
[GEJ.02_073,08] Auf diese recht weise Ermahnung der Mutter Maria stellten die Jünger ihre Forschungen über den Knaben ein und besprachen sich über ihn bloß unter sich, und Petrus wandte sich an Meinen Liebling Johannes und fragte ihn, was er von diesem Knaben halte.
[GEJ.02_073,09] Aber Johannes sagte zu ihm: „Hast denn du nun die lieben Worte der herrlichen Mutter überhört, daß es dich noch gleichfort jucken kann zu erfahren, was vorderhand der Herr sicher aus höchst weisen Gründen nicht gewillt ist uns kundzugeben? Sieh, mich juckt es aber wieder gar nicht; wir wissen, was wir wissen, und das ist genug! So wir aber auch wissen wollten, was der Herr über unser Wissen endlos weit hinaus weiß, so wäre solch ein Verlangen von unserer Seite doch sicher die größte Torheit, und wir alle verdienten eher alles – denn Seine Jünger zu sein!"
[GEJ.02_073,10] Sagt Petrus: „Ja, ja, du hast auch recht; aber es ist die Wißbegierde auch ein großes Gut, vom Herrn Selbst in des Menschen Herz gelegt, und hätte der Mensch diesen höchst edlen Drang nicht, so wäre er gleich wie ein Tier, das meines Dafürhaltens von einem wissensgierigen Drange sicher keine Spur in seiner stumpfen Seele besitzt. Das rein Göttliche des Wissensdranges scheint mir wenigstens schon darin zu liegen, daß dieser einem Durste im Traume gleicht, zu dessen Stillung die träumende Seele nicht selten ungeheure Gefäße voll Wasser oder Wein verzehrt und dabei aber dennoch gleichfort durstig bleibt und nach stets größeren Quantitäten von durstlöschenden Getränken den unversiegbaren Reiz bekommt. Unsere unersättliche Wißbegierde sagt uns auch klar und deutlich, daß in Gott eine unendliche Fülle von Weisheit liegen muß, die kein forschender Geist ewig je ergründen wird! Und so meine ich denn, lieber Bruder, daß auch mein gegenwärtiger Wissensdrang keine Sünde sein wird.
[GEJ.02_073,11] Sieh, mir und mehreren unserer Brüder geht es nun wie so manchen genäschigen Kindern, die nach allerlei Leckerbissen keine Eßgier haben, solange sie von dergleichen Süßigkeiten nichts wissen und nichts zu sehen bekommen; setze sie aber an einen mit allerlei süßen Speisen besetzten Tisch und verbiete ihnen, etwas davon zu genießen, und du wirst bald Tränen in ihren Augen und noch mehr Eßlustwasser in ihrem Munde entdecken. Aber dessenungeachtet hast du dennoch recht; denn wie ein weiser Vater seinen Kindern, um sie in der höchst wichtigen Tugend der Selbstverleugnung zu üben, auch dann und wann Leckerspeisen vorsetzen wird, die zu essen ihnen untersagt sein werden, ebenso scheint unser himmlischer Vater uns auch von Zeit zu Zeit geistige Speisen aufzutischen, die zu genießen uns so lange vorenthalten sein sollen, bis wir in einem gewissen Grade der Selbstverleugnung fest geworden sind. Haben wir nach Seiner Ordnung diesen Grad erreicht, den Er unserer Seele für nötig vorgesteckt hat, so wird Er uns die Speise zum Genusse geben, nach der es uns nun gieret. Und somit wollen wir uns für heute, und für so lange Er es will, vollkommen mit dem zufriedenstellen, was wir wissen und haben, und allzeit geschehe Sein allein heiliger Wille!"
[GEJ.02_073,12] Sage Ich: „Mein lieber Bruder Simon Juda, so ist es recht und wahr! Nicht jedes Wissen und Erfahren taugt zur Erweckung des Geistes und zur Belebung der Seele. Denn siehe, es stehet geschrieben: ,Und Gott sprach zu Adam: Wenn du vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du sterben!‘ Und so ist es!
[GEJ.02_073,13] In der Erkenntnis liegt das Gesetz und das Gericht; denn solange dir ein Gesetz nicht gegeben oder dir nicht verkündet ist, so lange auch gibt es kein Gericht, das hinter dem Gesetze einherschreitet. Daher wolle du nur das wissen, was Ich dir zu wissen offenbare, und du weißt dadurch für deinen Teil für ewig genug. Wenn es an der Zeit sein wird, wird dir alles offenbar werden."
74. Kapitel
[GEJ.02_074,01] Mit diesem Bescheide begnügen sich bis auf den Judas alle Jünger und loben Meine Güte und Weisheit und die Macht Gottes, die durch Mich waltet; Judas aber schmollte und sagte ziemlich laut vor sich hin: „Über Pharisäer, die den Fremden das Allerheiligste geheim ums teure Geld sehen lassen, eifert Er bis auf den Schwefelregen vom Himmel; aber so Er den Fremden Sein Heiligtum zeigt und uns einheimische Kinder ausschließt, das ist dann ganz recht und der göttlichen Ordnung völlig gemäß! Hat jemand aus uns schon so etwas erlebt? Wenn es die zu Jerusalem tun, so ist es gefehlt beim Himmel und bei der Erde; aber wenn Er für sich nahe dasselbe tut, so ist das recht und vollkommen nach der Ordnung Melchisedeks! Man kann dagegen freilich nichts tun und unternehmen; aber ärgern muß man sich denn doch!"
[GEJ.02_074,02] Sagt Thomas, als der noch immer auf Judas Ischariot scharf absehende Jünger: „Nun, ist dir endlich einmal schon wieder etwas nicht recht? Mich wundert es schon sehr, daß du mit dem Herrn darum nicht schon lange einen Hader begonnen hast, daß Er die Sonne so weit von der Erde gestellt hat und du deine Töpfe in ihrer sicher überheißen Nähe nicht billiger hartbrennen kannst als durch das gewöhnliche Holzfeuer!
[GEJ.02_074,03] Schau, wie gut wäre es, gleich Vögeln fliegen zu können! Ja, es hat sogar mich schon mehrere Male an den Achseln gejuckt, und es kam mir vor, als müßte ich mit einer Schar lustig dahinschwebender Kraniche ziehen; ich versuchte zu hüpfen und zu springen, aber der schwere Leib wollte durchaus nicht sich auch nur eine Elle über die Erde erheben!
[GEJ.02_074,04] Ich stellte mich aber damit bald wieder zufrieden und dachte mir: Wenn es Gott gewollt hätte, daß die Menschen gleich den Vögeln sollten fliegen können, so hätte Er ihnen ebensogut wie den Vögeln taugliche Flügel gegeben; aber Gott sah es, daß solch eine Eigenschaft dem Menschen mehr schaden als nützen würde und gab ihm daher lieber ein Paar gute und starke Füße, mit denen er sich ganz gut von einem Orte zum andern tragen kann. Auch gab Er ihm nebst den zwei starken Füßen ein Paar sehr brauchbare Hände und den über alle Sterne hinausreichenden Verstand, mittels dessen er an der Stelle eines tauglichen Flügelpaares tausend andere Bequemlichkeiten sich verschaffen kann, die ihm offenbar mehr Vergnügen bereiten können, als den Vögeln ihre Flügel; denn es steht sehr dahin, ob die Vögel ihre Flügel so zu schätzen verstehen wie der Mensch seine Füße, seine Hände und seinen Verstand!
[GEJ.02_074,05] Sieh, der Mensch kann auch im Wasser nur sehr schlecht fortkommen, – denn er hat keine Flossen und keine Schwimmhaut zwischen seinen Zehen und Fingern; aber sein von Gott ihm verliehener Verstand lehrte ihn Schiffe bauen, mittels welchen er nun weitere Reisen im Wasser machen kann als ein Fisch, dem ein Wassertümpel ein Wohnhaus ist, von dem er sich nie gar zu weit entfernt. Und wir können mit vollster Gewißheit annehmen, daß unsere späten Nachkommen in der Schiffsbaukunst noch äußerst große Fortschritte machen werden. Wer weiß es, ob es nicht noch irgendeinem Weisen abermal gelingen wird, vermittels eines künstlichen Flügelpaares sich, den alten Indiern gleich, in die freie Luft zu erheben!"
[GEJ.02_074,06] Hier unterbricht Judas den Thomas und sagt etwas ärgerlich: „Habe ich dich denn je als meinen Hofmeister gedungen, daß du bei jeder Gelegenheit mir Predigten machst? Behalte du deine Weisheit für dich und deine Kinder und laß mich in der Ruhe, sonst wirst du mich nötigen, dir einmal ganz scharf über deinen Mund zu fahren! Denn darauf verstehe ich mich ganz gut, wenn ich's will. Ich habe dir bei allen deinen, den meinen ganz gleichen freien Reden und Handlungen noch nie ein ungeschaffenes (ungeschliffenes) Wort gegeben und weiß es daher wahrlich nicht, was du an mir immer zu schnitzen und zu hobeln hast! Kehre du nur fleißig vor deiner Hausflur, für die meinige werde schon ich sorgen! Ist mir etwas nicht recht, so ist es für mich allein und braucht's für dich ja nicht auch nicht recht zu sein; ich gehe dich nichts an, und das von jetzt an für immer! – Verstehst du solches?
[GEJ.02_074,07] Denke nur nach Kis zurück, wie der Herr die strittige Sache zwischen mir und dir abgemacht hat; das genüge dir und mir, und Weiteres haben wir beide mit und unter uns nicht mehr zu tun! Wenn ich dich um etwas fragen werde, so kannst du mir auf die Frage eine gute Antwort geben, – vorausgesetzt, daß du einer solchen fähig bist! Aber du wirst es am spätesten erleben, daß ich dir solch eine Ehre antun werde!"
[GEJ.02_074,08] Sagt Thomas: „Aber sage mir, Bruder Judas, was Arges und Beleidigendes habe ich zu dir denn nun gesagt, darum du über mich gar so aufgebracht bist? Ist es denn etwa unwahr, daß du nur zu oft, meines guten Wissens, mit Gott dem Herrn gehadert hast, daß Er die Sonne so weit von der Erde gestellt, und daß Er dir keine Flügel zum Fliegen gemacht hat gleich all den stummen Vögeln unter dem Himmel?"
[GEJ.02_074,09] Sagt Thomas nach einer Weile weiter, weil ihm Judas Ischariot keine Widerrede geben wollte: „Wenn du mir gram sein willst, so sei mir gram ohne Grund und Ursache! Im Angesichte des Herrn zeigt ein solches höchst unbrüderliches Benehmen sich nicht am löblichsten! Ein Gemüt wie das deine gehört auch durchaus nicht unter die Zahl der Jünger des Herrn, und du tätest tausendmal besser, so du heimzögest zu deiner Töpfemacherei, als daß du hier für nichts und wider nichts die Gesellschaft Gottes belästigst und verunreinigst mit deinem höchst gottesordnungswiderlichen Gemüte. Hast du denn schon ganz der Bergrede des Herrn bei Sichar in Samaria vergessen, wo der Herr gebietet, sogar die Feinde zu lieben, die uns Fluchenden zu segnen und Gutes zu erweisen denen, die uns Böses tun?
[GEJ.02_074,10] Willst du aber das Wort Gottes nicht befolgen und dich nicht bei jeder Gelegenheit üben in der Selbstverleugnung, so frage dich in Gottesnamen selbst, wozu du unsere Gesellschaft mit deiner Gegenwart belästigest!
[GEJ.02_074,11] Du redest mit keinem von uns auch nur ein Wort tagelang; und fragt dich jemand um etwas, so gibst du ihm entweder gar keine Antwort, oder du fährst ihn so roh und grob als nur immer möglich an, so daß er dir zum zweiten Male sicher nimmer mit einer Frage kommt. Ist denn das ein Benehmen für einen Jünger des Herrn? Pfui, schäme dich, und werde ein anderer Mensch, – ansonst packe dich zum Plunder!
[GEJ.02_074,12] Wahrlich, es reut mich schon mehr, als wenn ich einen Raubmord begangen hätte, daß eben ich dich zu dieser Gesellschaft brachte! Ich will den Herrn auf den Knien bitten, daß Er dich mit Seiner allmächtigen Gewalt von uns entfernt, wenn du mit Güte nicht flottzumachen sein solltest!"
[GEJ.02_074,13] Sagt endlich Judas mit sichtlich verbissenem Zorn, aber lächelnder Miene: „Weder du noch der Herr könnet mir schaffen (mich heißen), ob ich gehen oder bleiben soll! Denn ich bin so gut wie jeder andere aus euch ein ganz freier Mensch und kann tun, was ich will! Sieh, wüßte ich, daß ich dir weniger ein Dorn im Auge wäre, als ich es dir sicher bin, so hätte ich eure Gesellschaft schon lange verlassen und mir eine andere gesucht; aber um dich so recht nach Herzenslust zu ärgern, bleibe ich und will dir zu einem Probiersteine dienen, an dem du deine Geduld, Langmut und Feindesliebe auf die gleichfort schönste Probe stellen kannst, und will von dir die angewandte Bergpredigt Jesu erlernen und sie dann selbst ausüben! – Hast mich verstanden, du weiser Thomas?"
[GEJ.02_074,14] Sagt Thomas, zu Mir sich wendend: „Herr, ich und wir alle bitten Dich um Entfernung dieses räudigen Schafes! Denn neben ihm ist keine brüderliche Existenz denkbar, und wir können Deine heilige Lehre unmöglich ins Werk setzen; denn er ist und bleibt gleichfortig ein Aufhetzer und Verräter! Warum soll er denn hier unter uns sein, so er von Deiner heiligen Lehre nicht nur nichts ins Werk setzen will, sondern uns nur allzeit belächelt, so wir nach Deinen Worten zu leben und zu handeln uns die Mühe geben?"
75. Kapitel
[GEJ.02_075,01] Sage Ich zu Judas Ischariot: „Der Bruder Thomas führt eine gerechte Klage wider dich! Ich sage es dir: Ermahne dich im Herzen und werde ein Mensch! Als Teufel bist du Mir widerlich und kannst gehen! Denn Meine Gesellschaft ist eine heilige Gesellschaft, weil sie vom Geiste Gottes durchwehet wird, und in solcher Gesellschaft kann und darf kein Teufel bestehen!"
[GEJ.02_075,02] Diese Worte bewirken, daß Judas sogleich vor dem Thomas auf die Knie niederfällt und ihn um Vergebung bittet.
[GEJ.02_075,03] Thomas aber sagt: „Freund, nicht mir gebührt die Abbitte, sondern Dem, wider dessen heilige Lehre du an mir schlecht genug gehandelt hast!"
[GEJ.02_075,04] Da erhebt sich Judas und begibt sich schnell zu Mir hin, fällt vor Mir auf die Knie und fängt an, Mich um Vergebung zu bitten.
[GEJ.02_075,05] Ich aber sage zu ihm: „Ermahne dich selbst im Herzen; denn deine Mundbitte hat ohne die innere, wahrhafte Besserung nicht den allergeringsten Wert vor Mir, da Ich dein Herz durchschaue und finde, daß es durchaus schlecht ist. Die bloß äußerlich freundliche Form gleicht einer Schlange, die durch ihre zierlichen Windungen die Vöglein des Himmels betört, daß sie ihr dann zum Fraße in den Rachen fliegen. Ich sage es dir: Nimm dich in acht, auf daß du dem Satan nicht in Kürze zur Beute wirst! Denn der läßt das, was er einmal sein nennt, nicht gerne fahren."
[GEJ.02_075,06] Auf diese Worte erhob sich Judas wieder und sagte zu Mir: „Herr! Tote rufst Du aus den Gräbern, und sie leben; warum läßt denn Du mein Herz im Grabe des Verderbens zugrunde gehen? Ich will ja ein besserer Mensch werden und kann es dennoch nicht, weil ich mein Herz nicht umändern kann; daher gestalte Du mein Herz um, und ich bin ein anderer Mensch!"
[GEJ.02_075,07] Sage Ich: „Darin eben liegt das große Geheimnis der Selbstgestaltung des Menschen! Alles kann Ich dem Menschen tun, und er bleibt Mensch; aber das Herz ist sein eigen, das er vollkommen selbst bearbeiten muß, so er das ewige Leben sich selbst bereiten will. Denn würde Ich Selbst zuerst die Feile an des Menschen Herz legen, so würde der Mensch zur Maschine und gelangte nie zur freien Selbständigkeit; wenn aber der Mensch die Lehre bekommt, was er zu tun hat, um sein Herz für Gott zu bilden, so muß er diese auch frei befolgen und sein Herz nach ihr bilden!
[GEJ.02_075,08] Hat er sein Herz danach gebildet und es gereinigt und gefegt, sodann erst ziehe Ich im Geiste in dasselbe und nehme Wohnung darin, und der ganze Mensch ist dann im Geiste wiedergeboren und kann fürder ewig nimmer verlorengehen, da er dadurch eins mit Mir geworden ist, wie Ich Selbst eins bin mit dem Vater, von dem Ich ausgegangen bin und gekommen in diese Welt, um allen Menschenkindern den Weg zu zeigen und zu bahnen, den sie zu gehen haben im Geiste, um zu Gott in der Fülle der Wahrheit zu gelangen!
[GEJ.02_075,09] Du mußt daher, so wie jeder von euch, zuerst die Hand an die Bearbeitung deines Herzens legen, sonst bist du verloren, – und hätte Ich dich tausendmal aus den Gräbern ins Leben des Fleisches gerufen!"
[GEJ.02_075,10] Sagt Judas Ischariot: „Herr, da bin ich verloren! Denn ich habe ein unbändiges Herz und kann mir selbst nicht helfen!"
[GEJ.02_075,11] Sage Ich: „So höre die Brüder und zürne ihnen nicht, so sie dich liebfreundlich ermahnen; denn sie helfen dir ja bearbeiten dein Herz!
[GEJ.02_075,12] Siehe an den Thomas, der sich von aller deiner Grobheit nicht abschrecken läßt, dich zu ermahnen, wenn du deinem bösen Herzen einen zu freien Spielraum zu gewähren anfängst; horche darum auf seine um dich besorgten Mahnworte, so wird es nach und nach schon besser werden in deinem Herzen! So du dir aber gleichfort, wie es bis jetzt der Fall war, von niemandem etwas sagen läßt, so wirst du in Kürze zugrunde gehen und, wie gesagt, dem Satan zur Beute werden; denn da werde nicht Ich, sondern der Satan in deinem Herzen Wohnung nehmen.
[GEJ.02_075,13] Hüte dich also vor allem vor dem Zorne und vor der Habsucht, ansonst du ein Kind des ewigen Todes werden wirst! Denn die Reue und Buße über dem Grabe haben einen geringen Wert und können einer unreinen, schwarzen Seele wenig nützen. Gehe nun und überdenke diese Meine Worte wohl!"
[GEJ.02_075,14] Judas tritt nun zurück, nachdenkend, faßt wohl so einen halben Entschluß, sich nach Meinen Worten zu bessern, und sagt zum Thomas: „Nun, Bruder, sollst es sehen, wie Ischariot ein ganz anderer Mensch wird, und am Ende noch euch allen zu einem Vorbilde! Denn Ischariot kann viel, wenn er will; er will es aber nun und wird daher auch vielvermögend werden!"
[GEJ.02_075,15] Sagt Thomas: „Bruder, wenn du dich schon im voraus rühmest, da wird die Tat wahrscheinlich im Hintergrunde verbleiben, und du wirst oder kannst dadurch auch zu einem Vorbilde werden, aber zu keinem aneifernden, sondern zu einem abschreckenden, – und es wird auf dieser Welt schwerlich je besser werden mit dir!
[GEJ.02_075,16] Denn siehe, so du besser werden willst, als da wir alle sind, die wir unsere großen Schwächen auch ohne deine Vorbildschaft kennen und nur zu klar einsehen, wie elend und gar nichts wert wir vor dem Herrn sind, so mußt du dich geringer dünken für alle Zeiten der Zeiten, als da sind deine Brüder vor dem Herrn, und sogar nie daran denken, uns ein nachahmungswürdiges Vorbild werden zu wollen, sondern dich stets als der Letzte und Geringste dünken; dann wirst du, ohne es sein zu wollen, das in der Tat uns sein, was du nun noch stark hochmütigerweise zu werden dir vornimmst. – Lebe also nach dieser Regel, die nicht auf meinem Grund und Boden, sondern auf dem heiligen des Herrn für dich gewachsen ist, dessen Grundlage die wahre Demut und Selbstverleugnung ist, so wirst du nach der Gottesordnung das erreichen, was du erreichen willst! – Gehe aber hin zum Herrn und erkundige dich, ob ich dich unrecht und unwahr belehrt habe!"
76. Kapitel
[GEJ.02_076,01] Ruft Judas nach Mir und fragt: „Herr, ist es also, wie nun Thomas zu Mir geredet hat in einem stark herrschenden Ton?"
[GEJ.02_076,02] Sage Ich: „Ja, also ist es! Wer aus euch sich erniedrigt am meisten vor seinen Brüdern, der ist der Erste im Gottesreiche; jedes Sichbesserdünken setzt ihn aber im Gottesreiche auf eine letzte Stufe zurück.
[GEJ.02_076,03] So jemand von euch noch irgendein Hoheits- und somit Besserseinsgefühl in sich verspürt, da ist er von der alles verzehrenden, gierigsten Hölle noch nicht frei und noch lange nicht geschickt zum Reiche Gottes; denn solch ein Mensch ist nicht freien Geistes.
[GEJ.02_076,04] So aber jemand sich unter alle seine Brüder herabgesetzt hat und also bereit ist, allen zu dienen nach seiner Fähigkeit, so ist er der Erste im Reiche Gottes, und alle andern können sich ganz füglich nach ihm bilden. Wahrhaft göttlich großen Geistes ist nur derjenige, der sich unter alle menschliche Kreatur herabzuwürdigen vermag!"
[GEJ.02_076,05] Sagt Judas: „Da kann dann nur ein Mensch, der sich am meisten zu erniedrigen versteht, der Erste im Reiche Gottes sein!? Denn so er beflissen ist, allen zu dienen nach seinen Fähigkeiten, so müssen die andern ihm doch offenbar erst den Gefallen erweisen, sich von ihm bedienen zu lassen, um ihm dadurch zur himmlischen Priorität (Vorrang) zu verhelfen! – Was aber dann, wenn die andern seine Dienste entweder gar nicht annehmen wollten oder dem Himmelreichsprioritätsbestreben selbst ihre Dienste anbieten? Wer wird dann der Erste im Reiche Gottes werden?"
[GEJ.02_076,06] Sage Ich: „Alle, die aus redlichem Herzen solches zu tun sich bemühen! Aber Menschen, die gewisserart aus Selbstsucht ihres Bruders Dienste darum nicht annähmen, um ihm jede Gelegenheit zu entziehen, ein Erster im Reiche Gottes werden zu können, ohne je nach solcher Priorität (Vorrecht) zu streben, die werden dennoch die Letzten sein, und er der Erste, weil er wahrhaft aus Liebe und wahrer Demut allen Brüdern dienen wollte!
[GEJ.02_076,07] Ah, ganz etwas anderes wäre es, so jemand auf dieser Welt bloß der einstigen himmlischen Priorität (Erstrecht) wegen der Geringste und ein Diener aller werden wollte! Oh, der wird auch einer der Letzten im Reiche Gottes sein! Jenseits wird alles mit der feinsten Waage abgewogen und nach dem genauesten Maße bemessen werden. Wo immer etwas Selbstsüchtiges zum Vorschein kommen wird, wird die Waage den Ausschlag nicht geben und das Maß der Himmel nicht decken! Daher mußt du die volle Wahrheit ohne allen Hinterhalt in dir haben, sonst kannst du ins Reich Gottes nicht eingehen. Nur die reinste Wahrheit ohne Falsch und hinterhältigen Trug kann und wird euch frei machen vor Gott und aller Seiner Kreatur! – Verstehest du das?"
[GEJ.02_076,08] Sagt Judas Ischariot: „Ja, das verstehe ich wohl, sehe aber auch zugleich ein, daß solches unmöglich zu bewerkstelligen ist; denn es ist dem Menschen unmöglich, alle Selbstliebe fahren zu lassen! Er muß doch essen und trinken und sich um eine Wohnung und Kleidung umsehen, – und das geschieht denn auch aus einer geringen Art von Selbstliebe! Man nimmt sich ein liebes Weib und will dieses allein für sich haben, und wehe dem, der es wagte, seines Nächsten Weib zu begehren! Das wird aber etwa doch auch eine Art Selbstliebe sein!?
[GEJ.02_076,09] Wenn ich einen wohlbearbeiteten Grund habe, und es kommt die Zeit der Ernte, werde ich wohl nun aus lauter Selbstverachtung und gänzlichem Mangel an Selbstliebe zu meinen Nachbarn hingehen und sagen: ,Meine Freunde, gehet hin und erntet, was auf meinen Feldern gewachsen ist; denn ich habe als der Geringste unter euch, als euer aller Knecht ohne allen Wert vor euch, nur für euch gearbeitet!‘ Ich meine, da sollte die so hochgestellte Selbstverleugnung und Selbstverachtung doch irgend einige bestimmte Grenzen haben, ohne welche es sogar unmöglich wäre, Deine Lehre den Menschen zu verkünden, weil man dadurch offenbarst anzeigete, daß man seine Brüder für dümmer und blinder hielte als sich selbst! Denn sich im Geiste für vorzüglicher halten als seine Brüder, da wird doch etwa auch ein wenig von einem Hochmut dabei sein! Wenn aber so, da sehen wir uns die Menschheit in hundert Jahren an, und wir werden sie gleich dem Ochsen auf der Weide Gras fressen sehen, und von einer Sprache wird keine Spur mehr zu finden sein und ebensowenig von irgendeinem Wohnhause oder gar von einer Stadt! – Wie weit darf also des Menschen Eigenliebe gehen?"
77. Kapitel
[GEJ.02_077,01] Sage Ich: „Ganz gut, Ich will dir denn ein Maß geben, nach welchem du und ein jeder wissen soll, wie er mit der Eigenliebe stehen soll, wie mit der Liebe zum Nächsten und wie mit der Liebe zu Gott.
[GEJ.02_077,02] Nimm die Zahl 666, die in guten und schlechten Verhältnissen entweder einen vollendeten Menschen oder einen vollendeten Teufel bezeichnet!
[GEJ.02_077,03] Teile du die Liebe im Menschen gerade in 666 Teile; davon gib Gott 600, dem Nächsten 60 und dir selbst 6! Willst du aber ein vollendeter Teufel sein, dann gib Gott sechs, dem Nächsten sechzig und dir selbst sechshundert!
[GEJ.02_077,04] Siehe, die rechtschaffenen Dienstleute und Knechte und Mägde sind es, die die Felder ihrer Herrschaft bearbeiten. Nach deiner Ansicht sollen sie denn nun auch die Ernte nehmen, weil sie durch ihren Fleiß und ihre Mühe geworden ist; aber sie tun diese in die Scheuern und Scheunen ihrer Herrschaft und haben eine große Freude daran, so sie zu ihrer Herrschaft sagen können: ,Herr, alle deine Scheuern und Scheunen sind bereits voll, und noch ist die Hälfte auf dem Felde! Was sollen wir da tun?‘ Und ihre Freude wird größer, so der Herr zu ihnen sagt: ,Ich lobe euren großen und uneigennützigen Fleiß und Eifer; gehet und bringet Bauleute her, auf daß sie mir Vorratskammern in kürzester Zeit erbauen und ich des Feldes Segen aufbewahre für Jahre, die vielleicht weniger gesegnet sein möchten, denn dieses da war, an allen Früchten!‘ Sieh, nichts gehört den Dienstleuten, sie haben keine Scheuer, keine Scheunen und keine Vorratskammern, und doch arbeiten sie um einen geringen Lohn, als gelte es für ihre Scheuer, Scheunen und Vorratskammern; denn sie wissen es, daß sie nicht Not zu leiden brauchen, wenn der Herr alle Vorratskammern voll hat.
[GEJ.02_077,05] Und siehe, im Tun eines rechtschaffenen Dienstboten liegt das ganze Verhältnis jedes wahren Menschen zu sich, zum Nächsten und zu Gott. Der wahre Dienstbote sorgt für sich 6fach, für seine Dienstgefährten, damit sie ihm wohlwollen, 60fach und für seinen Dienstherrn 600fach und sorgt dadurch, ohne es zu wollen, dennoch 666fach für sich; denn die Nebendiener werden ihrem Gefährten, bei dem sie die wenigste Selbstliebe merken, am meisten wohlwollen, und der Dienstherr wird ihn bald über alle setzen. Aber einen Diener, der nur für seinen Sack sorgt, bei der Arbeit gern der letzte ist und da seine Hände nur an die leichteste Arbeit legt, den werden seine Gefährten mit scheelen Augen ansehen, und sein Dienstherr wird es wohl merken, daß der selbstsüchtige Diener ein fauler Knecht ist. Er wird ihn daher nie über seine Dienerschaft setzen, sondern ihm vermindern den Lohn und ihn setzen zuunterst am Speisetische. Und wird sich dieser selbstsüchtige, faule Knecht nicht bessern, so wird er mit schlechten Zeugnissen aus dem Dienste getan werden und also schwerlich je wieder einen Dienst erhalten. So er aber einen einzigen Freund noch hat, dem gegenüber er sich uneigennützig bewiesen hatte, so kann dieser ihn in seine Wohnung aufnehmen, wofür ihn der Herr nicht schmähen wird. – Verstehst du das?
[GEJ.02_077,06] Ein jeder Mensch hat und muß einen gewissen Grad von Eigenliebe haben, ansonst er nicht leben könnte, – aber, wie gezeigt, nur den möglich geringsten Grad; ein Grad darüber hebt schon das rein menschliche Verhältnis auf, und es ist die Sache in der göttlichen Ordnungswaage also auf ein Haar abgewogen! – Nun sind dir die Grenzlinien gezeigt, und wir wollen sehen, wie du diese tatsächlich befolgen wirst!"
[GEJ.02_077,07] Sagt Judas: „Dazu gehört viel tiefste Weisheit, um beurteilen zu können, ob man das genaue Maß mit der Eigenliebe getroffen hat! Wie kann der kurzsichtige Mensch das beurteilen?"
[GEJ.02_077,08] Sage Ich: „Er tue mit redlichem Willen das, was er tun kann; das Abgängige wird schon von Gott aus hinzugetan werden. Für weniger aber als sechs Teile für sich darf man wohl bei keinem Menschen irgendeine Sorge tragen! Am allerwenigsten für Menschen deiner Art!"
[GEJ.02_077,09] Hier verstummt Judas und geht nachdenkend vom Tische, um sich eine Lagerstätte für die schon stark hereingebrochene Nacht zu bereiten.
[GEJ.02_077,10] Nun aber tritt erst der Knabe Josoe auf und sagt: „Aber hat mich dieses Menschen Dummheit doch schon über all die Maßen geärgert! Ein Jünger ist er und noch so dumm wie eine Nachteule am hellen Tage. Ich habe alles gleich verstanden, was Du, o Herr, zu ihm geredet hast; er aber verstand nichts, indem er immer fragte und allerlei Einwürfe machte, und nun am Ende des Endes noch so dumm davonging, als wenn Du, o Herr, ihm kein Silbenswörtlein gesagt hättest! Wenn ein Kind fragt, so ist das verzeihlich; aber wenn so ein alter Mensch, der auf der andern Seite doch wieder weiser sein will denn seine Nebenmenschen, auch noch fragt – und das ersichtlich nicht gut-, sondern böswillig –, so muß man sich ja doch ärgern! Ich will noch dreimal sterben, wenn dieser Mensch sich auf dieser Welt je bessern wird! Er ist allem Anscheine nach ein Geizhals und rechnet, wie er, wenn er das vermöchte, was Du, o Herr, vermagst, sich in kürzester Zeit zu ganzen Bergen von Gold und Silber aufschwingen könnte! Und ich, so wahr ich Josoe heiße, will alles darum geben, was ich habe, und alles erleiden, was nur je ein Mensch erleiden kann, wenn dieser Mensch je eine Besserung ergreifen wird!"
[GEJ.02_077,11] Sage Ich: „Mein lieber Josoe, laß das nur gut sein; denn wir brauchen allerlei Handlanger bei der Erbauung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, und da ist eben Judas auch einer, den wir brauchen können! – Aber nun sage du Mir, was du deinen irdischen Eltern sagen wirst, wenn du wieder mit ihnen zusammenkommen wirst! Wie wirst du reden?"
78. Kapitel
[GEJ.02_078,01] Sagt Josoe, freudig lächelnd: „Herr, ich meine, diese Geschichte wird sich ganz einfach machen lassen! Ich komme vom Oheim Jairus geleitet ins Haus meiner sicher noch immer um mich trauernden Eltern. Diese werden ganz verwundert große Augen machen, daß sie in mir einen Knaben erblicken, der ihrem Josoe so ähnlich sieht wie ein Auge dem andern; dann mag Jairus sagen, daß ich ein Findling sei und sogar den Namen des Verstorbenen führe, und meine Eltern werden mich ohne weiteres an Kindes Statt aufnehmen und mich lieben mehr denn ihren Josoe. Nach und nach können sie dann durch allerlei rare Wendungen in die volle Wahrheit eingeleitet werden, und sie werden am Ende denn doch glauben müssen, daß ich ihr wirklicher Sohn Josoe bin. In einer Zeit aber, die Du, o Herr, bestimmen kannst, können sie dann denn auch in die vollste Wahrheit geführt werden. – Ist es also recht, o Herr?"
[GEJ.02_078,02] Sage Ich: „Die Sache ist gar nicht übel ausgedacht, Mein lieber Josoe; aber nur ein Umstand kommt dabei vor, und zwar der, daß da eine offenbare Lüge vorkommt, und eine jede Lüge ist vom Übel und erzeugt wieder Übel. Siehe, ein Findling bist du denn doch offenbar nicht; wie wirst du den ,Findling‘ hernach vor deinen Eltern und Gott rechtfertigen?"
[GEJ.02_078,03] Sagt der Knabe: „Herr, wenn Du lächelst, so ist das sicher ein gutes Zeichen, und ich bin schon gerechtfertigt vor Dir, so wie einst der Jakob mit seinen in Lammfelle gewickelten Händen vor seinem blinden Vater Isaak! Siehe Herr, das war denn doch mehr Lüge denn bei mir, so ich als ein Findling meinen Eltern vorgeführt werde, und doch war vor Gott Jakobs Erstgeburtssegen als gerecht angenommen! Wenn aber Gott damals einen doch offenbarsten Betrug, der eine tatsächliche Lüge ist, mit gnädigen und segnenden Augen ansehen konnte, so wird Ihn ja doch der nunmalige Findling Josoe nicht anwidern, zudem er doch ein allerwahrster Findling ist wie kein zweiter auf der ganzen weiten Gotteserde! Ich meine, Du mein Gott und mein Herr, es dürfte für diese Erde wohl nichts so sehr verloren sein als einer, der gestorben ist; und so dürfte es auch nichts im vollwahrsten Sinne Gefundeneres geben als einen – –, Herr, Du verstehst mich, wen ich hier meine!"
[GEJ.02_078,04] Sage Ich: „Gut hast du es gemacht! Ich wußte es ja, daß du einen rechten Grund finden wirst; aber nun möchte Ich denn von dir auch noch hören, wie du dich deinen Eltern durch allerlei rare Wendungen am Ende als der wirkliche Sohn Josoe aufführen wirst."
[GEJ.02_078,05] Sagt Josoe: „O Herr, das ist doch eine überaus leichte Sache! Wenn ich einmal im Hause bin, so werde ich, was mir ein leichtes ist, mich gerade so benehmen, wie ich mich früher benommen habe; ich werde nach und nach um dies und jenes fragen, wie ich es früher getan habe, werde auch meine Spielereien hervorsuchen und damit die bekannten Verfügungen treffen, was meinen Eltern offenbar auffallen wird und sie am Ende werden sagen müssen: ,Das ist unser Josoe, der vielleicht vom Borus im Grabe durch seine geheimen Mittel erweckt und mit der Zeit bis her vollends geheilt worden ist!‘ Und ich lasse sie einstweilen bei der Meinung. Kommt dann die rechte Zeit, so sollen sie die Wahrheit schon erfahren, und ich meine, daß die Sache sich also ganz gut machen wird."
[GEJ.02_078,06] Sage Ich: „Aber da kommt schon wieder eine Lüge vor! Siehe, jemanden geflissentlich im Irrtum belassen, heißt ebensoviel wie jemand anlügen! Wie wirst du dich denn da reinwaschen?"
[GEJ.02_078,07] Sagt Josoe: „Herr, solange Du lächelst, wenn Du prüfest, ist es immer und ewig ein gutes Zeichen; ich meine aber so, daß die Lüge auch von einer sehr unterschiedlich zweifachen Art ist. Jemandem geflissentlich aus bösem Willen eine Lüge als eine verbürgte Wahrheit auftischen, ist und bleibt eine satanische Bosheit! Aber eine Scheinlüge, durch die man die nackte Wahrheit nur so lange umhüllt, als eben die nackte Wahrheit für den Menschen, den sie betrifft, noch unerträglich wäre, ja ihm offenbar mehr schaden als nützen würde, kann nicht vom Übel sein, weil sie dem edlen, guten und wohlwollendsten Herzen und Willen entstammt!
[GEJ.02_078,08] Es müßte in dieser Hinsicht dann ja auch jedes Gleichnis, hinter dem doch die erhabenste Wahrheit verborgen sein kann, eine barste Lüge sein. Und doch haben die weisesten Väter und Propheten zumeist in lauter Gleichnissen gesprochen! Und daß hier Borus als der allgemein bekannte, berühmte Arzt eben als Arzt eigenschaftlich Deine Stelle vertritt, ist im Grunde denn doch auch nichts anderes, als wie zu den Zeiten Abrahams die drei zum Erzvater gekommenen Engel die Stelle Jehovas vertreten haben, und gar nichts anderes als die mir immer recht hart vorkommende Lüge des Joseph in Ägypten vor seinen Getreide suchenden Brüdern! Aber Gott hatte es Selbst also gewollt und rechnete dem Joseph solch sein Benehmen gegen seine Brüder sicher nicht zur Sünde. Und so meine ich, daß solch eine Scheinlüge bloß nur eine Klugheit aus den Himmeln ist, während die wirkliche Lüge in die Reiche der ärgsten höllischen Verschmitztheit gehört!"
[GEJ.02_078,09] Sage Ich: „So komme her, du Mein liebster Josoe, und laß dich küssen; denn du bist ja schon als ein noch zarter Knabe weiser denn ein alter Schriftgelehrter!"
[GEJ.02_078,10] Mit diesen Worten eilt Josoe sogleich um den ganzen Tisch, umarmt Mich und küsset Mich klein ab und sagt darauf in völlig ausgelassener, aber dabei dennoch sehr weiser Heiterkeit: „Da sehet her alle ihr alten himmlischen Geister, Mächte und Kräfte, und verhüllet euer Angesicht! Denn das, was hier geschah, habet ihr noch nie erlebt! Der ewige heilige Vater hier vor uns, im Sohne Jesus völlig gegenwärtig, läßt Sich fleischlich liebkosen von einem Seiner Geschöpfe!
[GEJ.02_078,11] So zieht, Der ewig war, das zeitlich Seiende an Sich, koset es und macht es dadurch Ihm gleich ewig! O Du wahrer, alleiniger Vater aller Menschen, wie süß doch schmecket Deine Liebe!"
79. Kapitel
[GEJ.02_079,01] Hier treten die zwei Engel hervor und sagen: „Ja, holdester Knabe, du hast wahr gesprochen! Das war unseren Augen, die schon lange den endlosen Raum Gottes durchstierten, ehe noch eine Sonne ihr Dasein weithin durch den ewigen Raum Gottes mittels ihrer Strahlen verkündete, noch nie ersichtlich geworden! Bleibe du daher aber auch gleichfort in dem Geiste, der dich jetzt so rein göttlich hehr belebt, und wir bleiben ewig Brüder!"
[GEJ.02_079,02] Sagt Josoe: „Wer seid ihr denn, daß ihr gar so erhaben weise Worte auszusprechen vermöget? Seid ihr denn nicht auch Menschen, so gut wie ich einer bin?"
[GEJ.02_079,03] Sagen die beiden: „Liebster Bruder, im Geiste wohl sind wir völlig das, was du bist und noch mehr und mehr werden wirst; aber Fleisch und Blut haben wir nie getragen! Wir sind Engel des Herrn und sind hier, Ihm allein allzeit zu dienen. So uns aber Der einst auch gnädigst will durchs Fleisch, Ihm gleich, gehen lassen, so werden wir dir dann auch in dieser Hinsicht vollends gleichen. Für jetzt aber bist du uns bedeutend voraus; doch die Ewigkeit ist lang und endlos, und in ihr werden sich dereinst alle Unterschiede ausgleichen. Wir aber tragen nun auch dir unsere Dienste an; willst du etwas, so schaffe (befiehl) und wir werden dir dienen!"
[GEJ.02_079,04] Sagt Josoe: „Was sollte ich euch mir zu dienen schaffen? Wir alle haben einen Gott und einen Herrn und Vater von Ewigkeit. Dem allein kommt das Recht zu, zu schaffen mit mir wie mit euch; wir aber, die wir samt und sämtlich von Ihm erschaffen worden sind, sollen einander nicht schaffen, sondern aus Liebe zuvorkommend uns allzeit gegenseitig dienen, so aus uns einer oder der andere Engel oder Mensch, gleichviel irgendeines Dienstes bedarf!
[GEJ.02_079,05] Ich halte aber schon den nicht für vollkommen, der, wenn auch noch so willfährig, seinem hilfsbedürftigen, um irgendeinen Beistand flehenden Bruder beispringt; denn da wird nur dem geholfen, der Gelegenheit, Mut und Kraft besitzt, seinem in was immer für einer Hinsicht vermögensreichen Bruder seine Not darzustellen und ihn um die entsprechende Hilfe anzuflehen. Wer aber hilft dann dem, der die Gelegenheit, den Mut nicht besitzt, seinen vermögensreichen Bruder um Hilfe anzuflehen? Wenn ich aber schon eine erbetene Hilfe durchaus nicht gutheißen kann, um wieviel weniger dann erst eine befohlene!
[GEJ.02_079,06] Darum sage ich euch hier in der Gegenwart Dessen, der ein Herr ist über Leben und Tod: So ihr sehen werdet, daß mir eine Hilfe not tut, so helfet mir, ohne daß ich euch darum bitte oder gar schaffe, als ob ich ein Herr wäre! Und ich werde dasselbe tun, so ich es wüßte, daß auch ich euch wo dienen könnte; sonst brauche ich keine Hilfe und keinen Dienst von euch, am allerwenigsten aber einen befohlenen, der schlechter ist denn gar keiner!
[GEJ.02_079,07] Es solle sich aber ein in was immer für einer Hinsicht Vermögensreicher mit Fleiß umsehen unter seinen hilfsbedürftigen Brüdern, ob nicht einer bald in dieser und bald in einer andern Hinsicht irgendeiner Hilfe bedarf. Und hat er einen gefunden, so solle er ihm die Hilfe antragen! So wird er meines Erachtens dem Herrn und Vater, der ewig gleichfort also handelt, sicher angenehm sein und wird das heilige Ebenmaß Gottes, nach dem er erschaffen ist, rechtfertigen; wer aber seinem Nächsten erst dann hilft, wenn dieser ihn um die Hilfe angefleht hat, – oh, wie weit ist ein solcher Helfer noch vom vollen Ebenmaße entfernt, und wie weit dann erst der, der sich eine Hilfeleistung befehlen läßt!
[GEJ.02_079,08] Seht ihr, meine lieben Freunde, wenn eure Weisheit nicht weiter reichen sollte als dahin nur, den Menschen Anträge zu machen, daß sie euch gebieten sollen, wenn sie eurer Hilfe bedürfen, da gehe ich als ein Knabe mit euch nicht tauschen; habt ihr mich aber bloß nur prüfen wollen, so glaube ich, meine Prüfung vor euch wenigstens nicht schlecht bestanden zu haben. Und solltet ihr vielleicht aus meinem Munde etwas vernommen haben, was euch vielleicht ein wenig hart berührt hätte, so müßt ihr das mir schon zugute halten; denn um euch zu belehren, habe ich meinen Mund nicht aufgetan, sondern der Wahrheit willen, weil ihr euren Antrag mir nicht der Wahrheit gemäß gemacht habt. Als vollkommene Himmelsgeister aber hättet ihr doch mein Inneres insoweit zum voraus durchblicken und erkennen sollen, daß ich euch auf euren Antrag mit solch einer Antwort sicher entgegenkommen werde, und ihr hättet dann eurem Antrage, für den ich euch durchaus nicht danken kann, sicher ein anderes Gesicht gegeben!"
[GEJ.02_079,09] Die beiden Jünglinge treten nun etwas gedemütigt zurück und sagen: „Wahrlich, diese hohe, rein göttliche Weisheit hätte kein Engel in diesem Knaben gesucht!"
[GEJ.02_079,10] Sage Ich: „Ja, Meine Lieben, Gottes Auge sieht gar scharf und entdeckt auch in den vollkommensten Engeln Flecken, – also auch eines Menschen reinstes Herz, das da ist wie ein Augapfel Gottes. Ich ließ aber das nicht euretwegen, sondern der Gäste wegen geschehen, auf daß sie aus dem reinen Munde eines erweckten Knaben erfahren sollten, wieviel es ihnen an der Gottähnlichkeit noch mangelt. Im übrigen aber hat der Knabe schon von Geburt an einen außerordentlich scharfen Geist, und es meine ja niemand, Ich hätte nun bei dieser Gelegenheit ihm die Worte ins Herz und endlich in den Mund gelegt. Sie sind auf seinem höchst eigenen Grund und Boden gewachsen; darum wird er Mir zu einer Zeit ein tüchtiges Rüstzeug sein."
80. Kapitel
[GEJ.02_080,01] Sagt Cyrenius: „Herr, diesen Knaben möchte ich zu mir nehmen, und so er zu mir wollte, möchte ich ihn nicht nur meinen Kindern gleich, sondern in allem über dieselben stellen. Wahrlich, ich würde es mir zum größten Glücke rechnen, so ich diesen lieben Knaben, der ohnehin mehr Engel als Mensch ist, mein nennen könnte! Er wird ohnehin einen etwas schweren Stand bei seinen einstigen Eltern haben, und es ist die Frage, ob diese ihn noch annehmen werden. Ich weiß aber um alles und kann mit der Zeit Einleitungen treffen, daß seine, mir als sehr templerisch gesinnt bekannte Eltern ganz gut ihren Josoe erkennen werden. Wollen sie ihn annehmen, so wird es ihnen auch freigestellt sein, jedoch mit der Bedingung, daß er in meinem Hause zu verbleiben und um mich zu sein hat, wo ich bin, – bald in Asien, bald in Europa und bald in Afrika; denn seine Weisheit geht mir über alles!"
[GEJ.02_080,02] Sage Ich: „Mache du das mit dem Jairus und dem Knaben ab! Mir ist alles recht; denn der Knabe, Mein lieber Josoe, wird Mir ja überall getreu verbleiben!"
[GEJ.02_080,03] Sagt der Knabe: „Vater, daran wirst doch Du nicht zweifeln? Du müßtest mir nur Selbst eine andere Gesinnung ins Herz legen! Das aber wirst Du ewig nicht tun, und so werde ich Dir auch ewig getreu verbleiben. So ich aber über mein künftiges Sein auf dieser Erde zu wählen hätte, da bliebe ich am liebsten geradewegs bei Dir! Denn was Höheres, was Besseres und was Seligeres kann es denn in der ganzen Unendlichkeit und in allen alten und neuen Himmeln noch geben, als bei Dir, dem Urquell der Liebe, der Weisheit und alles Lebens, zu sein? Aber das ist auch nur der eigentliche, innerste Wunsch meines Herzens; im übrigen aber verstehe ich schon auch zu gehorchen und begebe mich überall willig hin, wohin mich Dein heiliger Wille nur immer bestimmen mag! Ich gehe zum Cyrenius, den ich überaus achte und schätze, also gehe ich auch zu meinen irdischen Eltern zurück, die mir auch sehr lieb und wert sind; aber ohne Deinen Willen werde ich nicht leichtlich etwas tun."
[GEJ.02_080,04] Sage Ich: „Daß du bei Mir bleiben möchtest und mit der Zeit auch bei Mir bleiben wirst, davon zeugt dein ganzes Wesen; aber für jetzt bedarfst du noch einiger Ruhe, die dir in der äußeren Abgeschiedenheit von Mir notwendig ist, auf daß zwischen deiner Seele und dem neuen Leibe eine festere Konstistenz gebildet werde. Wenn solches etwa im Verlaufe von einem Jahre geschehen wird, dann kannst du schon wieder zu Mir kommen und wirst dich alsdann in Meiner Nähe ganz gut erhalten können, ohne daß Ich, wie nun, nötig haben sollte, mit der Macht Meines Willens deine Seele in deinem Leibe festzuhalten. Siehe, das ist der Grund, warum Ich zu deinem Wohle nun dich auf eine kurze Zeit von Mir gehen lasse! Frage aber nun deinen Sinn, ob du lieber mit dem römischen Oberstatthalter Cyrenius von hier ziehest, oder ob du lieber zu deinen irdischen Eltern heimkehrst! Mir ist es da ganz einerlei, – nur das ist wahr, daß du beim Cyrenius immer mehr gewinnen kannst denn als ein scheinbarer Fremdling in deiner Eltern Hause; denn diese werden lange nicht wissen, was sie aus dir machen sollen."
[GEJ.02_080,05] Sagt Josoe: „Ganz gut, weil ich nun so viel weiß, so ziehe ich mit dem hohen Statthalter Cyrenius. Sehen aber möchte ich die Eltern doch und erfahren, was sie bei meinem Anblick für fragende Gesichter machen werden."
[GEJ.02_080,06] Sagt Cyrenius: „Das können wir morgen, so wir von hier über Kapernaum nach Sidon und Tyrus ziehen werden, ganz leicht zustande bringen! So wir in Kapernaum bei diesem meinem Bruder, den du hier neben mir siehst und dessen Name Kornelius ist, zu Mittag speisen werden, da sollen nebst einigen Hauptständen der Stadt auch deine Eltern zu Tische gezogen werden, und du wirst dann eine hinreichende Gelegenheit haben, deine Eltern zu sehen, zu hören und sie zu beobachten, was sie alles für Bemerkungen über dich machen werden. Aber du mußt dabei wohl dich sehr in acht nehmen, daß du dich nicht etwa durch ein hingeworfenes Wörtlein zu sehr verrätst! An der Kleidung werden sie dich nicht erkennen, da ich dir morgen sogleich aus meinem Vorrate eine Toga, wie sie die Römer tragen, werde anziehen lassen. Aber, wie gesagt, auf deinen Mund mußt du allein recht wohl achthaben, daß du dich nicht verrätst vor der Zeit!"
[GEJ.02_080,07] Sagt der Knabe: „Darüber sei du ganz ohne Sorge! Der römischen Zunge bin ich ziemlich mächtig, sowie der griechischen, und werde darum in diesen Zungen reden, so ich um etwas gefragt werde. Freilich sind auch meine Eltern dieser Zungen mächtig; aber das macht nichts! Kurz, mit der Hilfe des Herrn, der mich erweck