Band 10 (GEJ)

Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der 7 Auflage.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 2000 by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.

 

1. Kapitel – Der Herr in der Gegend von Cäsarea Philippi, Fortsetzung. (Kap.1-24)

[GEJ.10_001,01] Darauf begaben wir uns abermals ins Freie, und zwar an das Ufer, wo wir uns schon am frühen Morgen befanden.

[GEJ.10_001,02] Als wir allda eine Zeitlang ohne einen Wortwechsel zugebracht hatten, da trat der Römer zu Mir hin und sagte: „Du einzig und allein wahrer Herr und Meister, voll der reinsten Liebe und Weisheit und göttlichen Kraft, mir ist nun ein seltener Gedanke gekommen. Für die Menschen kann es auf dieser Erde doch nichts Beseligenderes, Glücklicheres und somit auch Wünschenswerteres geben, als daß Deine Lehre mit ihrer lebendig wundervollsten Kraft in möglichst kurzer Zeit unter ihnen ausgebreitet würde; und das ginge nach meiner Meinung ja eben nicht allzu schwer.

[GEJ.10_001,03] Siehe, Du bist allmächtig; ein Gedanke von Dir, erfüllt mit der Allmacht Deines Willens, – und auf der ganzen Erde besteht kein Götzentempel und kein Götzenbild mehr. Sind diese Hauptstützen des alten, finstern und bösen Aberglaubens aus dem Wege geräumt, und das blitzschnell zu gleicher Zeit an allen Orten der Erde, so werden die Menschen sicher darüber erschrecken und darauf bald nachzudenken anfangen, wie und warum solches geschehen ist, und was es zu bedeuten hat.

[GEJ.10_001,04] Darauf sollen die vielen von Dir und Deinem Reiche gute und wahre Kunde Habenden vor die zum Teil erschreckten und zum Teil staunenden und nach dem Grunde solcher Erscheinung fragenden Menschen hintreten und sie zu lehren anfangen in Deinem Namen, und so sie irgend Kranke finden, sie auch also heilen, wie Deine schon ausgesandten Jünger in Joppe die hier gewesenen Kranken geheilt haben, – und ich meine, daß auf diese außerordentliche Weise Deine Lehre am ehesten und sichersten bei allen Menschen Eingang finden müßte. Die Menschen können das nicht bewirken, weil sie dazu die Mittel nicht besitzen; Du aber hast dazu die Mittel, durch die ein größtes Werk schnell zustande käme. Wäre das denn nicht tunlich, oder stünde das im Widerspruch mit Deiner Weisheit und Ordnung?"

[GEJ.10_001,05] Sagte Ich: „Ja, Freund, wenn Ich nur so ein purer Mensch wäre und nach deiner Art dächte und urteilte, da ginge solch eine Geschichte schon an; aber Ich sehe und beurteile als ein ewiger Meister alles Seins und Lebens die Sache ganz anders denn du, und so kann Ich in deinen Rat nicht eingehen.

[GEJ.10_001,06] So Ich alle Götzen samt ihren von den Menschen erbauten Tempeln auf einmal vernichtete, da müßte Ich vorerst ihre Priester vom Boden der Erde rein hinwegfegen; die Priester sind aber auch Menschen, begabt mit freiem Willen und bestimmt, sich selbst zu entfalten und in sich zu gründen das geistige Leben, und es gibt unter den Götzenpriestern denn doch auch eine Menge, die bei sich im geheimen schon lange nach der Wahrheit des jenseitigen Seelenlebens forschen, und es wäre darum nicht fein, sie darob zu vernichten, weil sie Götzenpriester sind.

[GEJ.10_001,07] Würden aber all die Götzentempel samt den Götzen auf einmal vernichtet werden und die Priester blieben, so würden sie solch eine Erscheinung dem Volke als den Zorn der Götter verkünden und es nur zu bald zu unerschwingbaren und auch grausamen Opfern mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln nötigen. An vielen Orten tun das die Priester ohnehin, so das Volk opferlau wird, daß sie einen oder den andern Tempel in der Nacht zerstören und dann dem Volk den Zorn und die Rache eines beleidigten Gottes laut verkünden, worauf das Volk dann noch finsterer, abergläubischer und unbekehrbarer wird.

[GEJ.10_001,08] Zudem sind Wunder und allerlei Zeichen kein rechtes und wahres Bekehrungsmittel, besonders für ein im Geiste noch viel zu wenig gewecktes Volk. Sie nehmen den Menschen wohl schnell und leicht gefangen und bestimmen ihn mit unwiderstehlicher Gewalt, das ungezweifelt zu glauben, was ihm zu glauben vorgestellt wird; es gibt aber in dieser Zeit – wie es auch in den Vorzeiten gegeben hat und auch in der Zukunft stets geben wird – besonders unter den Priestern aller Art Magier, die allerlei falsche Wunder und Zeichen wirken. Wo aber hat das Volk die Einsicht und jene helle Beurteilung, die falschen Wunder und Zeichen von den echten und wahren zu unterscheiden?

[GEJ.10_001,09] So Ich dir die Fähigkeit erteilte, unter den Heiden echte und wahre Zeichen zu wirken, die Priester der Heiden aber wirkten gleich den früheren Essäern dir gegenüber ganz ähnliche falsche Zeichen, wie wirst du da dem blinden Volke beweisen, daß nur deine Zeichen die allein echten sind?"

[GEJ.10_001,10] Sagte der Römer: „Ja, ja, Herr und Meister, Du hast in allem recht; die lichte Wahrheit allein ist es, durch welche die Menschen mit der Zeit zur wahren inneren Lebensfreiheit gelangen können!

[GEJ.10_001,11] Von Dir aus vor uns blinden Heiden derartige Zeichen und Wunder zu wirken, die – soviel wir im alten Fache der Magier eine Einsicht haben – von keinem Menschen bewirkt werden können, ist zur vollen Beweisstellung Deiner Göttlichkeit sicher notwendig, und Dir kommt es denn auch zu, neben Deiner Lehre, die an und für sich selbst schon ein größtes Wunder ist, auch andere Zeichen und Wunder zu wirken, auf daß wir desto klarer einsehen, daß Deine Worte nicht Menschen-, sondern Gottesworte sind; aber so Deine heilige Lehre einmal auch von Deinen Jüngern den andern Menschen also gepredigt und gelehrt wird, wie Du sie Deine Jünger gelehrt hast, so wird sie auch als eine reinste und lebensvollste Wahrheit aus den Himmeln angenommen, erkannt und handelnd beachtet werden, und das größte Zeichen und Wunder wird sie selbst dadurch bewirken, so die nach ihr treu handelnden Menschen in sich das erreichen werden, was sie verheißt. Aber freilich wird es lange hergehen, bis diese heilige Lehre unverfälscht zu allen Menschen der Erde gelangen wird. Allein, Du bist der Herr und weißt es am besten, wo, wie und wann ein Volk für Deine Lehre reif sein wird."

[GEJ.10_001,12] Sagte Ich: „Ja, Freund, also ist es, und du hast nun richtiger geurteilt denn zuvor mit deiner sogleichen Vernichtung aller Götzen und ihrer Tempel!"

 

2. Kapitel

[GEJ.10_002,01] (Der Herr:) „Wenn du einen Samen in die Erde legst, so bedarf es ja auch einer Zeit, bevor er zu keimen beginnt und nach und nach zu einer vollreifen Frucht wird. Es ist für den Ackersmann freilich wohl eine Sache der Geduld, so er von der Zeit der Aussaat bis zur Zeit der Ernte doch beinahe ein halbes Jahr lang warten muß; es wäre ihm auch sicher lieber, so er heute säte und morgen schon ernten könnte! Und siehe, wie bei Gott alle Dinge möglich sind, so wäre bei Gott auch das leicht möglich zu bewirken; aber dabei sähe es dann mit der geistigen Bildung des Menschen um vieles schlimmer aus denn so! Da würde der gewinnsüchtige Mensch in einem fort säen und ernten; der träge aber würde in die stets größere Trägheit versinken, was sich von selbst leicht einsehen und begreifen läßt. Darum ist die Ordnung, wie sie in allem auf dieser Erde von Gott aus bestimmt ist, dem Menschen gegenüber schon ohnehin die beste und zum Behufe seiner geistigen Entwicklung die zweckmäßigste.

[GEJ.10_002,02] Was von Zeit zu Zeit schnell entstehen muß, das braucht von der ersten Periode des Entstehungsgrundes bis zu jener des vollen und wirkenden Sachzustandes wahrlich kein halbes Jahr Zeit, zum Beispiel der Wind, der Blitz, der Regen und noch vielerlei derartige Erscheinungen, die, so sie notwendig sind, nach dem Willen Gottes auch sogleich dasein müssen; aber andere Dinge, mit denen sich die Menschen zu beschäftigen haben, haben gleich dem Menschen ihre Zeit, und so auch die Ausbreitung Meiner Lehre, die ausschließlich allein nur für die Menschen von Mir in diese Welt gebracht und gegeben wird in dieser Zeit und ebenso auch in der Zukunft."

[GEJ.10_002,03] Sagte darauf der Römer: „O Herr und Meister, das sehe ich nun alles ganz klar ein, daß es auf dieser Erde der Menschen wegen schon recht und richtig alles also sein und bestehen muß, wie es ist und besteht; aber so ich bedenke, daß man nur durch den Glauben an Dich und durch das Handeln nach Deiner Lehre das wahre, ewige Leben seiner Seele gewinnen kann, und daß darum Milliarden von Menschen, die von Dir und Deiner Lehre noch gar lange hin nichts vernehmen werden, an ihren Seelen sicher Schaden erleiden werden, so wird mir deshalb bange in meinem Gemüte, und ich habe nur in dieser alleinigen Hinsicht eine möglichst beschleunigte Ausbreitung Deiner Lehre gewünscht!"

[GEJ.10_002,04] Sagte Ich: „Solch ein Wunsch an und für sich macht deinem Herzen eine rechte und wahre Ehre und Meinem Herzen eine rechte Freude! Es ist wohl ganz wahr, daß nur Ich allein die Tür zum ewigen Leben der Seele eines jeden Menschen bin; wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt, der überkommt das ewige Leben.

[GEJ.10_002,05] Du hast aber gestern auf dem Berge ja die Seele deines Vaters und die Seelen mehrerer deiner Bekannten geschaut und sogar gesprochen und sahst auch das lose Treiben von gar vielen im Jenseits. Ich sage es dir, daß auch ihnen das Evangelium von Meinen zahllos vielen Engeln verkündet wird. Die es anhören, annehmen und sich danach richten, werden auch zur Seligkeit gelangen, doch so leicht und so bald nicht wie auf dieser Erde, auf der der Mensch viele und oft recht schwere Kämpfe mit der Welt, mit seinem Fleische und mit noch gar vielen anderen Dingen – wenn auch kurz dauernd – in aller möglichen Geduld, Selbstverleugnung, Sanftmut und Demut durchzukämpfen hat.

[GEJ.10_002,06] Darum sei dir um niemand im großen Jenseits allzu bange; denn Gottes Liebe und Weisheit und große Erbarmung waltet überall, auch im großen Jenseits. Die sie ergreifen und sich nach ihr fügen und richten werden, die werden nicht verlorengehen; die aber das hier, wie auch jenseits nicht tun werden, bei denen gilt der Satz, wonach demjenigen kein Unrecht geschieht, der das Böse, ihm Schadende selbst will. – Bist du, Freund, mit dieser Meiner ganz klaren Erklärung zufrieden?"

[GEJ.10_002,07] Sagte der Römer: „Ja, Herr und Meister, mit dieser Erklärung bin ich nun vollkommenst zufrieden; denn sie entspricht allen Anforderungen des vernünftigen Menschengemütes und ist voll rechten Trostes für unsere Seelen; Dir darum alle unsere Liebe, Ehre und Anpreisung jetzt und in alle Ewigkeit!"

[GEJ.10_002,08] Mit dem war unser Römer denn auch völlig zufrieden und stellte darauf wenig Fragen in dieser Art mehr an Mich.

 

3. Kapitel

[GEJ.10_003,01] Es kam aber darauf ein Diener des Markus zu uns hin, und zwar mit einem Auftrag an den Römer von seiten mehrerer seiner Badefreunde, die sich nach ihm angelegentlich in der großen Bade- und Heilanstalt zu erkundigen angefangen hatten, da er ihnen als nach ihrer Meinung noch Ungeheilter zu lange außerhalb der Badeanstalt geblieben war.

[GEJ.10_003,02] Hierauf fragte Mich der Römer, was er nun tun solle; denn er wollte Mich in der Anstalt bei den andern Gästen nicht ruchbar machen.

[GEJ.10_003,03] Ich aber sagte zu ihm: „Was da betrifft deine Freunde und Bekannten, so kannst du mit ihnen wohl im Vertrauen schon von Mir reden und wie du dem Leibe nach gesund geworden bist.

[GEJ.10_003,04] So sie glauben werden, soll es mit ihnen auch besser werden; so sie aber nicht völlig glauben werden, da wird es mit ihnen auch nicht besser werden. So sie aber werden Mich Selbst zu sehen und zu sprechen verlangen, da mache ihnen eine rechte Gegenvorstellung, bei der dich des Markus Diener wohl unterstützen wird. Verlangen sie aber trotz all dem noch nach Mir, so lasset sie herauskommen; doch vor den Juden, Pharisäern und andern Priestern rede nichts von Mir!

[GEJ.10_003,05] Und so kannst du nun mit dem Diener dich schon in die Anstalt begeben, auf daß den Gästen deine längere Abwesenheit nicht zu auffällig werde."

[GEJ.10_003,06] Auf diese Meine Worte erhob sich der Römer und ging, vom Diener begleitet, in die Anstalt.

[GEJ.10_003,07] Als er dort angekommen war, da ersahen ihn alsbald seine Freunde und Bekannten, eilten zu ihm hin und bestürmten ihn mit tausend Fragen.

[GEJ.10_003,08] Er (der geheilte Römer) aber sagte: „So lasset mir doch Zeit, und betrachtet mich zuvor ein wenig aufmerksamer, und saget mir dann, wie ihr mich findet!"

[GEJ.10_003,09] Hierauf besahen ihn alle möglichst aufmerksam, und ein Römer, auch aus Tyrus, sagte: „Aber beim Zeus, du scheinst ja ganz kerngesund zu sein! Wie bist du denn draußen so völlig gesund geworden, während dein gestriger Gesundheitszustand doch keineswegs irgendeine so baldige und vollkommene Heilung erwarten ließ?

[GEJ.10_003,10] Hast du im Hause des Markus etwa irgendeinen besseren Arzt gefunden, als da in der Anstalt die drei Ärzte sind, oder noch irgendeine etwa geheim gehaltene neue Heilquelle? Erzähle uns das umständlich, auf daß auch wir hinausgehen und unser Heil finden mögen gleich dir!"

[GEJ.10_003,11] Hierauf erzählte ihnen der Römer alles, was er gehört, gesehen und erfahren hatte.

[GEJ.10_003,12] Als aber seine Freunde solches alles vernommen hatten, da zuckten sie mit den Achseln. Und der eine sagte: „Freund, das sind Dinge, die sich beinahe noch schwerer glauben lassen als die Sachen unseres fabelhaften Göttertums!

[GEJ.10_003,13] Ich habe von dem sonderbaren Wirken und Handeln deines neuen Gottes, der aber doch uns allen gleich ein aus einem Weibe geborener Mensch mit Fleisch und Blut ist und ebensogut wie wir alle sterben wird, auch schon gar manches aus treuer Zeugen Munde vernommen; aber ich konnte mich nicht erwehren, meine alte Überzeugung, die ich aus den Büchern über all die vielen großen und berühmten Menschen gewonnen habe, auch an diesem deinem Gottmenschen von neuem wieder bestätigt zu finden.

[GEJ.10_003,14] Die Vergöttlichung der großen und in einem oder dem andern Fache berühmten Menschen ist schon eine so uralte Sache, daß man ihren Ursprung gar nicht mehr bestimmen kann, und es ist unter uns das schon seit alters her sprichwörtlich geworden, daß ohne einen göttlichen Anhauch kein großberühmter Mann besteht. Und so ist es nun sicher auch mit deinem neuen Gott, der ein Galiläer sein soll, der ganz gleiche Fall.

[GEJ.10_003,15] Er ist ein Mensch von entschieden seltenen Talenten und Befähigungen, die er in irgendeiner altberühmten Schule ausgebildet hat, und leistet nun Fabelhaftes und für uns Laien offen Wunderbares, wofür ihm auch alle Ehre gebührt; doch daß er darum vor uns Menschen gleich den uralten Weisen sich auch als ein Gott darstellt, das ist eine eitle Sache, die den recht natürlich vernünftig gebildeten Menschen nie völlig gefallen wird. Ich möchte mich von ihm recht gerne heilen lassen und ihn darum auch nach seinem Verlangen belohnen; aber daß ich ihn für die Heilung gleich als den einen, allein wahren Gott annehmen und verehren soll, das, Freund, geht mir nicht ein, trotz seiner im Ernste reinsten Lehre.

[GEJ.10_003,16] Wer das, was du von ihm hier uns erzählt hast, als eine ausgemachte Wahrheit glauben kann, gut, der glaube es und lebe und sterbe in solch seinem Glauben so glücklich als möglich; ich für mich aber werde solch ein Glück schwerlich je mit ihm teilen!"

[GEJ.10_003,17] Sagte der römische Richter: „Ihr seid doch alle gleich mir geweckte Männer von vieler Erfahrung und könntet darum für die Wahrheit aller Wahrheiten schon empfänglicher sein, als ihr eben seid!

[GEJ.10_003,18] Überall glauben die Menschen an ein oder auch mehrere Gottwesen; aber kein Mensch kann der vollsten Wahrheit nach sagen und behaupten, daß er ein solches Gottwesen je wirkend unter den Menschen gesehen und darüber eine untrügliche Selbsterfahrung sich verschafft habe, wie ich sie mir hier verschafft habe.

[GEJ.10_003,19] So ihr aber das nun mir nicht glauben möget, daß ein Mensch, dem alle Kräfte und Elemente gehorchen, und dem Genien aus den Himmeln wunderbar zu Diensten stehen, ein Gott ist und unfehlbar sein muß, dann begreife ich es nun erst recht, wie schwer bei den Menschen dieser Erde Seine rein göttliche Lehre Eingang finden wird.

[GEJ.10_003,20] Habt ihr denn schon je einen noch wahreren Gott gesehen, um nun beurteilen zu können, ob Der, von dem ich euch alles haarklein erzählt habe, was Er Selbst spricht und tut, ein wahrer Gott ist oder nicht? Kurz und gut, ihr könnet nun glauben, was ihr wollt, – ich aber werde bei meinem Glauben verbleiben mein Leben lang und werde dafür das ewige Leben meiner Seele sicher um so wahrer überkommen, da ich es nun in mir lebendigst fühle und es in der Folge noch heller in mir fühlen werde.

[GEJ.10_003,21] Wer soll und kann denn eher ein wahrer Gott sein: ein erdichteter, wie wir deren leider eine Unzahl haben, die alle tot sind, und von deren keinem noch je eine wunderbare Wirkung an uns Menschen übergegangen ist, oder ein lebendigster Mensch, vor dessen allmächtigstem Wort und Willen sich alle Kräfte der Himmel und dieser Erde allergehorsamst beugen?

[GEJ.10_003,22] Ich meine da, daß solch ein Mensch der Gott ist, von dem alle die jüdischen und uns nicht unbekannten Weisen geweissagt haben, daß Er in dieser Zeit als der Herr im Fleische und Blute zu den Menschen dieser Erde kommen werde und ihnen das wiedergeben werde, was sie durch ihre Trägheit, Weltliebe und Herrschsucht verloren haben.

[GEJ.10_003,23] Und dieser Gottmensch ist nun da und lehrt und wirkt den alten Verheißungen völlig gemäß. Wie sollte ich etwa euch zuliebe das zu meinem größten Lebensheile nicht glauben, was ihr aus sehr seichten Gründen nicht glauben könnet? Ich bedaure wahrlich einen jeden, dem nun seine Glaubensaugen nicht zu öffnen sind."

[GEJ.10_003,24] Auf diese Worte des Richters wußten die andern nicht, was sie ihm dagegen einwenden sollten; denn er war von Mir im Herzen erleuchtet und stellte ihnen stets die triftigsten Gegenbeweise dar.

[GEJ.10_003,25] Aber erst am dritten Tage gelang es ihm, sie gläubig zu machen, worauf er sie denn auch nachmittags zu Mir herausbrachte und Ich sie auch geheilt habe. Sie wurden darauf voll Glauben und lobten die Mühe des Richters, daß er auch sie zum größten Lebensheile gebracht hatte. Sie verblieben samt dem Richter noch den ganzen vierten Tag bei Mir und ließen sich in allem unterweisen, wobei unser Raphael wieder recht viel zu tun hatte.

[GEJ.10_003,26] Am fünften Tage morgens nach dem Morgenmahle reisten sie voll Dank und voll Glauben nach Tyrus und einige nach Sidon ganz gesunden Leibes zu den Ihrigen zurück.

 

4. Kapitel

[GEJ.10_004,01] Die fünf Tage hindurch, die Ich zugleich mit den nun bekannten und vollends bekehrten Römern bei Markus zubrachte, geschah nichts von irgendeiner besonderen Erhebung (Bedeutung). Wir machten kleine Bereisungen in der Umgegend, und Ich heilte hie und da einen Kranken, und am zweiten Tage hatte Markus eine große Fischerei auf Mein Wort unternommen und einen überreichen Fang gemacht.

[GEJ.10_004,02] Am sechsten Tage näherte sich frühmorgens ein Schiff dem Bade. Wir waren vor dem Morgenmahle, wie gewöhnlich, am Ufer des Meeres versammelt und betrachteten die mannigfachen Morgenszenen und Erscheinungen, und Raphael erklärte sie den Jüngern und dem noch anwesenden Kisjona und Philopold, worüber bis auf Judas Ischariot alle eine übergroße Freude hatten.

[GEJ.10_004,03] Das sich dem Ufer nahende Schiff hatte Perser und sogar etliche Indier an Bord und hatte mit den ziemlich stark gehenden Wogen seine Not. Die Schiffer waren Gadarener und kannten unser stark klippiges Ufer, darum sie denn auch ein paar hundert Schritte vom Ufer entfernt herumlavierten, wo und wie sie sich dem Ufer gefahrloser nahen könnten. Da aber der ziemlich heftige Morgenwind nicht nachließ, so gaben die Schiffer Zeichen ans Ufer herüber, daß sie Not hätten, und verlangten Hilfe.

[GEJ.10_004,04] Hier fragte Mich Markus, was da zu tun sein werde, so Ich da aus irgendwelchem Grunde kein Wunder wirken wollte.

[GEJ.10_004,05] Sagte Ich: „Bis wir das Morgenmahl werden zu uns genommen haben, können sich die Perser und Indier mit ihren Tieren und Zauberdingen schon von den Wogen ein wenig ängstigen lassen; so wir dann wieder ans Ufer zurückkehren werden, dann wird es sich schon zeigen, wie dem Schiff zu helfen sein wird."

[GEJ.10_004,06] Mit dem war Markus denn auch zufrieden, und wir begaben uns darauf denn auch sogleich ins Haus zum wohlbereiteten Morgenmahle.

[GEJ.10_004,07] Nach einer Stunde Zeit gingen wir alle wieder ans Ufer und fanden das vorbezeichnete Schiff in der gleichen Not und Bedrängnis. Nun erst gab Ich dem Raphael einen Wink, das Schiff ans Ufer zu befördern. Dieser bestieg nun, um den Ankommenden nicht auffällig zu werden, ein Boot und ruderte rasch hinaus zum großen Schiff.

[GEJ.10_004,08] Als er dort ankam, da fragten ihn die Schiffer, ganz erstaunt über seinen Mut: „Was willst denn du schwacher Junge hier? Bist du uns zu Hilfe gekommen? Da wird uns wenig geholfen sein; denn du hast ja nicht einmal ein Seil, noch einen Haken in deinem Boot! Womit wirst du da unser starkes und großes Schiff an deinem leichten Boot befestigen und es uns dann über eine sichere Tiefe ans Ufer bringen helfen?"

[GEJ.10_004,09] Sagte Raphael mit lauter Stimme: „Das wird meine Sache sein! So ihr wollt und euch mir anvertraut, da kann und werde ich euch wohl helfen; so ihr mich aber dazu für zu schwach haltet, dann lasset euch bei diesem starken Wogengang von wem andern helfen!"

[GEJ.10_004,10] Sagte ein Schiffer: „So zeige uns denn deine Kunst und Stärke, und das sogleich, so wir dich darum bitten; denn sonst müssen wir bald zugrunde gehen!"

[GEJ.10_004,11] Hier ergriff Raphael einen vom großen Schiff hervorstehenden Balken und zog dasselbe pfeilschnell ans Ufer; und da er dadurch, wie auch durch seinen Willen eine große Masse Wasser gewisserart dem Ufer zuschob, so berührte des Schiffes Boden auch die Seichten des Bodens nicht und erlitt sohin auch keinen Schaden.

[GEJ.10_004,12] Die Schiffer und die Reisenden konnten nicht zur Genüge erstaunen über die ihnen völlig unbegreifliche Kraft des Jünglings, der mit der Macht der Elemente derart spielend verfuhr, als hätte er es, statt mit dem Meer und dem starken Wind, mit einem an einem Grashalme hängenden Tautropfen und mit einem ganz leisen Morgenhauch zu tun.

[GEJ.10_004,13] Nachdem sich die Schiffer nun am ruhigen und sicheren Ufer befanden, so belobten sie sehr den Mut, den guten Willen des Jünglings und ganz besonders seine seltene Kraft und Geschicklichkeit in der Anwendung derselben, die für sie alle ans rein Wunderbare reiche, und fragten ihn, wieviel Lohn sie ihm dafür zu geben hätten.

[GEJ.10_004,14] Raphael aber sagte: „Ich für meine Person bedarf eures Lohnes nicht. So ihr aber irgendeinen noch ärmeren Menschen findet, als ihr selbst es zum größten Teile seid, so erweiset ihm dafür Liebe und Barmherzigkeit!"

[GEJ.10_004,15] Das machte alle stutzen, und selbst die Fremden sagten: „Wahrlich, das ist ein seltener Jüngling!"

[GEJ.10_004,16] Diese Begebenheit hatte ein großes Aufsehen gemacht, und alle Diener des Markus kamen ans Ufer, um nachzusehen, was sich da wieder Großes und Unerhörtes ereignet habe.

[GEJ.10_004,17] Und als die Sache ihnen näher aufgeklärt wurde, sagten alle: „Ja, ja, so der Himmel und die Erde sich durch den Herrn vereinen, dann werden die Wunder beinahe schon zu ganz natürlichen Erscheinungen; wenn aber der Herr Sich einmal wieder hinter alle Sterne zurückbegeben wird, dann wird es wieder einen großen Mangel an derlei großartigen und seltensten Ereignissen auf der Erde unter den Menschen haben!"

[GEJ.10_004,18] Darauf fingen die Reisenden an, ihre Sachen ans Land zu setzen, und erkundigten sich, wie sie zu Lande ihre Reise weiter bis an das große Meer fortsetzen könnten. Das wurde ihnen denn auch angezeigt, und unser Raphael übernahm auf Meinen Wink die Weiterbeförderung, ohne den Reisenden irgend im geringsten zu verraten, daß er mehr als ein gewöhnlicher Erdenmensch sei. Wohl aber hat er die Reisenden dann in Tyrus darauf aufmerksam gemacht, in wessen Nähe sie sich dort befunden haben, wo er sie auf eine wunderbare Weise gerettet hatte.

[GEJ.10_004,19] Als die Reisenden das vernommen hatten, da wollten sie wieder umkehren, um Mich Selbst persönlich kennenzulernen, und boten dem Raphael große Summen darum. Da aber verschwand Raphael urplötzlich vor ihren Augen und befand sich wieder bei uns.

 

5. Kapitel

[GEJ.10_005,01] Es war aber nun schon der achte Tag, den Ich mit Meinen Jüngern in der Ruhe bei Markus zugebracht hatte; und es fragten Mich Markus und auch die Jünger, warum Ich denn diese etlichen Tage nahezu in einer völligen Ruhe zugebracht habe, was sie bei Mir noch nicht erlebt hätten.

[GEJ.10_005,02] Sagte Ich: „Wir haben nun nahe an dritthalb Jahren Tag für Tag ohne Unterlaß gearbeitet, und Meine Lehre ist schon weit und breit ausgebreitet; und es war darum nun denn auch einmal an der Zeit, daß wir hier eine wahre Sabbatruhe hielten, und ihr habt dabei Zeit gewonnen, vieles aufzuzeichnen.

[GEJ.10_005,03] Aber von jetzt an wird es mit dem Ruhenehmen sein Ende haben. Wir werden nun in die rechte Zeit der großen Stürme kommen, und in kaum einem halben Jahre wird wohl der größte Sturm kommen, der den Hirten schlagen wird, und viele Schafe Seiner Herde werden sich zerstreuen in der Welt und werden um Meines Namens willen verfolgt werden von einem Weltende zum andern! Wenn das aber geschehen wird, dann erst werdet ihr vollends einsehen und erkennen, warum Ich hier nun etliche Tage geruht habe."

[GEJ.10_005,04] Diese Meine Rede hatte alle traurig gestimmt, und auch die Maria sagte: „Herr, Dir ist ja alle Macht gegeben auch über den Satan; lasse die Stürme nicht über Deine Stirne kommen!"

[GEJ.10_005,05] Sagte Ich: „Das sind Dinge, die nur Ich verstehe; darum redet nichts Weiteres mehr darüber! Denn es muß der Tod und das Gericht der Welt und ihrer Materie für ewig überwunden werden!"

[GEJ.10_005,06] Darauf sagte niemand mehr etwas. Und da Ich das nach dem Mittagsmahle am Tische geredet hatte, so wollte Markus, um Mich heiterer zu machen, noch mehr Wein auftragen lassen.

[GEJ.10_005,07] Ich aber sagte: „Freund, laß das nun gut sein; wir haben alle zur Genüge!

[GEJ.10_005,08] Laß aber ein gutes Schiff bereiten, denn in einer Stunde muß Ich nach Genezareth zu Ebal! Wer Mich dahin geleiten will, dem steht es frei. Meine Jünger können mit Kisjona Mich begleiten, der auch mit Maria und Philopold Mich nach Genezareth geleiten soll."

[GEJ.10_005,09] Auf diese Worte machten sich alle auf die Füße, und wir fuhren in einer Stunde schon nach Genezareth. Die Fahrt übers Meer Galiläas dauerte bei drei Stunden Zeit, und wir gelangten in die bedeutende, schon bekannte Bucht von Genezareth, die auch den Namen ,See Genezareth‘ führte.

[GEJ.10_005,10] Also in dieser Bucht angelangt, fanden wir Fischer des Ebal, die gerade mit dem Fischfange für unseren Ebal beschäftigt waren, aber seit frühmorgens wegen des noch immer ziemlich stark wogenden Wassers nur sehr wenige Fische gefangen hatten.

[GEJ.10_005,11] Als unsere Schiffe in ihre Nähe kamen, da hielten wir ein wenig inne, und Ich fragte die Fischer, ob sie wohl schon einen reichlichen Fang gemacht hätten.

[GEJ.10_005,12] Diese aber sagten (die Fischer): „Freund, heute sieht es mit unserer Arbeit sehr böse aus! Der See ist seit einigen Tagen sehr unruhig, und da sieht es mit unserer Arbeit stets schlimm und mager aus. Unseres Herrn Fischbehälter sind bereits leer, und er muß sich nun schon Fische von andern Orten herbringen lassen, um die stets vielen Gäste nur einigermaßen befriedigen zu können. So ihr auch nach Genezareth reiset, werdet ihr mit Fischen sehr spärlich bedient werden."

[GEJ.10_005,13] Sagte Ich: „Werfet nun eure Netze noch einmal ins Wasser, und ihr sollet mit dem Fange zufrieden sein!"

[GEJ.10_005,14] Als Ich solches zu den Fischern gesagt hatte, da erkannten Mich mehrere von ihnen und sagten: „Heil uns, und alles Lob und aller Preis Dir! Vergib uns, o Herr und Meister, unsere Blindheit; denn wir hätten Dich wohl beim ersten Anblick erkennen sollen, da Du doch vor einem Jahre ebenfalls unseren Ort mit Deiner heiligen Gegenwart gesegnet hast! Ja, auf Dein uns bekannt allmächtiges Wort werden wir sicher einen reichen Fang machen, und Ebal und sein ganzes Haus werden alsbald erkennen, wer hier der große Fischmeister war!"

[GEJ.10_005,15] Darauf warfen sie die Netze ins Meer und fingen so viele der besten Fische, daß sie dieselben kaum in ihren Schiffen und Booten unterbringen konnten.

[GEJ.10_005,16] Als sie mit dieser Arbeit fertig waren, da entstand unter ihnen ein großer, Mich lobpreisender Jubel, und sie fuhren vor uns nach Genezareth, wo sie Ebal mit seinen Leuten am Ufer erwartete, weil er einen reichen Fang sehr wünschte, da er viele Gäste hatte; und er hoffte von diesem Morgen um so entschiedener auf einen reichen Fang, da seine Tochter Jahra einen hellen Traum hatte, in dem sie Mich mit Meinen Jüngern und Freunden hatte auf dem Wasser ankommen sehen, und daß die Fischer darum auch einen gesegneten Fang machen würden.

[GEJ.10_005,17] Als die Fischer nach einer halben Stunde Zeit am Ufer von Genezareth ankamen und Ebal ersah, welch reichen Fang sie gemacht hatten, da sagte er sogleich mit aufgehobenen Händen: „O meine Tochter, diese fromme Seele hat ein wahres Gesicht gehabt! Das ist ein Segen meines Herrn, meines Gottes! Ihm sei darum alles Lob und aller Preis!"

[GEJ.10_005,18] Hierauf fragte er die Fischer, ob sie Mich nicht in ihrer Nähe entweder auf einem Schiffe oder an irgendeinem Ufer gesehen hätten.

[GEJ.10_005,19] Die Schiffer aber zeigten ihm sogleich die sich noch in einiger Ferne auf dem See befindenden Schiffe und sagten: „Siehe, dort kommt Er mit Seinen Jüngern und Freunden! Heil uns und dem ganzen Orte, daß Er uns wieder besucht!"

[GEJ.10_005,20] Als Ebal das vernommen hatte, berief er sogleich sein Weib, seine Kinder und seine alten und treuen Diener und trug ihnen auf, für den Tisch zu sorgen, und daß der eine neue Speisesaal für Mich und für die mit Mir Kommenden wohl bereitet werde, und daß in denselben nur die kommen dürften, die Ich erwählen werde.

[GEJ.10_005,21] Auf diese Anordnung Ebals bewegte sich alles in größter Eile, um das in Vollzug zu bringen, was er angeordnet hatte. Er selbst aber bestieg mit der Jahra ein kleineres Schiff und fuhr Mir entgegen; und als er und die Jahra Mich von noch einiger Ferne ersahen und an Meiner Seite die ihnen schon bekannte Mutter Maria, den Raphael, Kisjona, Philopold, Johannes, Petrus, Jakobus und den alten Markus, der Mich auch nach Genezareth geleitete, da hoben sie vor übergroßer Freude die Hände empor und grüßten uns mit den üblichen Zeichen auf das freundlichste. Als sie erst vollends in unsere Nähe kamen, da wollte es mit den liebfreundlichsten Begrüßungen kein Ende nehmen. Beide, Ebal und Jahra, stiegen in unser Schiff und überließen ihr Schiff ihrem Schiffer zur Rückfahrt.

[GEJ.10_005,22] Es ward da um vieles gefragt, und Ich Selbst erzählte dem Ebal in gedrängtester Kürze die Hauptmomente Meines Wirkens nach der Zeit, als Ich das erste Mal von Markus weiterzog, worüber er und Jahra die größte Freude äußerten.

[GEJ.10_005,23] Bei dieser Gelegenheit erreichten wir denn auch das Ufer von Genezareth und fanden die Fischer noch in der vollsten Beschäftigung, ihre Fische in die Fischbehälter zu schaffen.

[GEJ.10_005,24] Hier erst sagte Ebal zu Mir: „O Herr, vergib es mir, daß ich ob meiner wahren Freudetrunkenheit beinahe gänzlich vergessen habe, Dir für das große Geschenk der Fische, an denen ich schon einen großen Mangel litt, alsogleich offen und laut zu danken!"

[GEJ.10_005,25] Sagte Ich: „Lasse du, Freund Ebal, das nur gut sein; denn du weißt es ja, auf was Ich beim Menschen schaue und horche, und eines andern und weitern bedarf es zwischen uns nicht! Darum sei du nur ganz heitern Mutes, und bleibe fortan so, wie du bis jetzt warst, und du wirst dich auch fortan Meiner Liebe, Gnade und Freundschaft zu erfreuen haben. Jetzt aber begeben wir uns in den neuen Saal, allwo wir noch Weiteres miteinander besprechen werden!"

 

6. Kapitel

[GEJ.10_006,01] Darauf verfügten wir uns in den Saal, und alle verwunderten sich über die Größe, Schönheit, Reinlichkeit und Bequemlichkeit dieses Bauwerkes, das von einem griechischen Baumeister ausgeführt ward. Wir nahmen darauf Platz am großen Tische, um den sich ganz bequem bei hundert Gäste lagern konnten, und Ebal ließ sogleich Brot und Wein in rechter Menge herbeischaffen, auf daß wir ein kleines Vormahl halten konnten, bis das eigentliche Hauptmahl bereitet wurde, das aber auch nicht lange auf sich warten ließ. Wir nahmen denn nach dem Wunsche Ebals auch sogleich etwas Brot und Wein zu uns, und es ward bald lebhaft im Saale.

[GEJ.10_006,02] Unsere Jahra, die abermals kaum von Meiner Seite wegzubringen war, aber besprach sich nun mit der Mutter Maria und mit Raphael. Letzteren fragte sie um manches, was sie in ihren Träumen geschaut und auch vernommen hatte, und er erklärte ihr das freundlichst. Und Maria konnte über die Weisheit Jahras nicht genug staunen und koste sie herzlich. Ebal aber, an Meiner rechten Seite sitzend, erkundigte sich nach den Namen einiger ihm fremden Jünger, die Ich ihm denn auch ansagte.

[GEJ.10_006,03] Als wir so in aller Freundlichkeit eine kleine Stunde Zeit zugebracht hatten, da brachten die andern Kindern und Diener auch schon das bestbereitete Mahl, und wir fingen denn auch alsbald an, dasselbe zu uns zu nehmen.

[GEJ.10_006,04] Als die Kinder und Diener Ebals alle Speisen auf den Tisch gebracht hatten, da kamen sie auch zu Mir hin und brachten Mir einen rechten Gruß und Dank darum, daß Ich diesem Orte abermals die Liebe erwies, ihn persönlich zu besuchen. Und Ich legte ihnen die Hände auf und stärkte sie, wofür sie Mir abermals dankten, und wonach sie sich an ihr Geschäft begaben, – denn sie hatten diesmal viele fremde Gäste zu bedienen, die auch hier nun ihrer Gesundheit wegen sich aufhielten; denn seit Meinem ersten Hiersein war das ehedem sehr ungesunde Genezareth umgewandelt worden in einen Heilort, und ganz besonders die von Mir eigens gesegnete Wiese.

[GEJ.10_006,05] Als wir in einer guten Stunde Zeit das gute Mittagsmahl verzehrt hatten, da fragte Mich Ebal, was Ich am Nachmittag etwa unternehmen werde.

[GEJ.10_006,06] Sagte Ich: „Mein Freund, es wird sich bald eine gar tüchtige Arbeit für uns darbieten und wird uns bis in die sinkende Nacht hin vieles zu schaffen machen! Du selbst wirst Mich der beendeten Arbeit wegen nicht genug loben können. Doch für jetzt ruhen wir noch eine kleine Zeit hindurch in diesem Speisesaale; denn wir brauchen diesmal die auf uns wartende Arbeit nicht aufzusuchen, – sie wird uns nur zu bald von selbst finden!"

[GEJ.10_006,07] Nach dem ruhten wir alle am Tische noch so eine halbe Stunde lang, und die Jünger befragten sich untereinander, was es etwa wieder sein werde, das der Herr Selbst eine tüchtige Arbeit bis in die sinkende Nacht hin nenne. Einige meinten, es werde wahrscheinlich wieder eine ärgerliche Pharisäergeschichte zum Vorschein kommen, oder es lauern etwa schon wieder irgend neu ausgesandte Herodianer auf Ihn oder auf die Jünger des Johannes, die dem geilen Fuchs auch ein Dorn im Auge sein sollen.

[GEJ.10_006,08] Als die Jünger noch also fort untereinander berieten über das Wesen und Worin- Bestehen der von Mir angekündigten tüchtigen Arbeit, da trat ein sehr verlegen aussehender Diener eiligst in den Saal.

[GEJ.10_006,09] Und Ebal, dem des ihm nur zu wohlbekannten Dieners verlegenes Gesicht gleich auffiel, stand schnell auf, ging zum Diener hin und sagte: „Benjamin, mein alter treuer Diener, was bringst du für üble Kunde mir? Denn aus deinen unsteten Augen lese ich nichts Gutes!"

[GEJ.10_006,10] Sagte der Diener: „Ebal, du mein Gebieter und Herr, es ist, was mich deucht, zwar eben nicht etwas Arges im Anzuge; aber gerade angenehm wird die Sache weder für dich noch für die anwesenden Gäste sein. Du kennst ja den neuen römischen Hauptmann, der erst vor etlichen Wochen etwa aus der Gegend um Bethlehem hierher versetzt worden ist. Er ist hier sonach ein neuer Besen und will denn auch zur Vergrößerung seines Ansehens auch über alle die Maßen rein kehren. Dieser hat durch seine allsehenden Kundschafter und feinschmeckenden Wachen von der Ankunft dieser hohen Gesellschaft vernommen und ist der Ansicht, es hätte ihm gleich bei der Ankunft dieser Gesellschaft gemeldet werden sollen, wer alles da angekommen sei, woher, warum und wohin man sich dann weiter bewegen werde, und ob sich darüber ein jeder für sich oder einer für alle legitimieren könne.

[GEJ.10_006,11] Nun, diese Meldung ist bei dieser Gelegenheit sicher ob der großen und allgemeinen Freude über die Ankunft des Heilandes, die wir alle schon lange sehnlichst gewünscht haben, unterblieben, und darum sind bei dem stolzen Römer nun schon gleich alle seine Teufel losgeworden. Er wartet draußen auf dich und will mit dir reden."

[GEJ.10_006,12] Als Ebal dieses aus dem Munde des alten Dieners Benjamin vernommen hatte, da ward er ordentlich unwillig und sagte: „Nein, es ist aber in dieser Welt das doch sonderbar, daß es selbst für den ehrlichsten und gottergebensten Menschen nie einen ganz seligen Tag geben kann, an dem nicht so ein recht arger Weltdämon einem sein ohnehin mit allerlei Sorgen behaftetes Leben vergällen möchte!"

[GEJ.10_006,13] Sagte Ich: „Mein Freund, laß darob fahren deinen Ärger! Wäre diese Welt nicht von Gott zu einer Lebensprobestätte bestimmt, in welcher ein jeder Mensch sich gleichfort bis zu seiner vollen geistigen Wiedergeburt in aller Geduld, Sanftmut, Demut und Liebe zu üben hat auf dem Wege der äußersten Selbstverleugnung, so wäre Ich Selbst nicht zu euch gekommen, um euch in allem mit dem besten und lebenswahrsten Beispiel voranzugehen. Wollen die Menschen dieser Erde Kinder Gottes derart werden für ewig, wie du dir hier an Raphael, den du wohl kennst, ein Beispiel nehmen kannst, so müssen sie sich auch die Mittel, die von Gott verordnet sind zur Erreichung des höchsten Lebenszweckes, in dieser nur kurz dauernden Probelebenszeit in aller Geduld und Ergebung in den Willen des allweisesten Vaters gefallen lassen.

[GEJ.10_006,14] Gehe denn nur hinaus und verhandle mit dem römischen Hauptmanne, auf daß du der erste bist, der sich von der tüchtigen Arbeit überzeugt, die uns heute bis in die sinkende Nacht bevorsteht!"

[GEJ.10_006,15] Sagte Ebal: „In Deinem Namen, o Herr und Meister; ich werde es ja gleich erfahren, was da alles herauskommen wird!"

[GEJ.10_006,16] Hierauf begab er sich eiligst hinaus zum Hauptmanne, der schon in der höchsten römischen Ungeduld mit mehreren seiner Untergebenen auf ihn harrte.

 

7. Kapitel

[GEJ.10_007,01] Als Ebal vor dem Hauptmanne stand, da herrschte dieser ihn gleich mit zornglühenden Augen folgendermaßen an (der Hauptmann): „Ist das bei dir die Art und Weise, wie meine Gebote hier beachtet werden, und weißt du noch nicht, welche Folgen den Nichtbeachter der Gesetze Roms zu treffen haben?! Warum hast du es diesmal unterlassen, mir von der Ankunft einer bedeutenden Anzahl Fremder alsogleich Anzeige zu machen, auf daß ich durch diese meine Diener mich hätte überzeugen können, ob die Angekommenen hier auf eine bestimmte Zeit Aufnahme finden können und dürfen oder nicht?"

[GEJ.10_007,02] Sagte hierauf Ebal: „Gestrenger Herr und Gebieter, seit du hier deine Gesetze mit aller von uns Bewohnern dieser Stadt ungewohnten Strenge ausübst, habe ich wegen einer Nichtbeachtung deines Willens von dir noch nie eine Rüge bekommen, und ich habe auch diesmal nicht aus irgendeinem Widerwillen gegen deine stets härter zu ertragenden Anordnungen die von dir verlangte alsogleiche Anzeige der Ankunft nicht irgend von fremden Gästen, sondern von meinen altbekannten und ehrlichst besten Freunden unterlassen, sondern nur infolge meiner höchsten Freude über ihre Ankunft rein vergessen, meiner mir nun wohlbewußten Pflicht nachzukommen, und ich glaube, an dich keine Fehlbitte zu richten, so ich für dies alleinige Mal um eine gnädige Nachsicht dich anflehe."

[GEJ.10_007,03] Sagte der Hauptmann: „Das Gesetz kennt da keine Rück- und Nachsicht! Du hast mein Gesetz, ob infolge einer Vergessenheit oder infolge eines Widerwillens gegen dasselbe – was bei mir eins ist –, übertreten und bist sohin denn auch unnachsichtlich strafbar. Die Strafe nur will ich pur in Berücksichtigung dessen, weil du ein erster und angesehenster Bürger dieser Stadt bist, in keine Körper- aber in eine bedeutende Geldstrafe umwandeln; und solltest du meinem gerechten Verlangen nicht nachkommen, so lasse ich dir deine Kinder als Geiseln gefangennehmen, und du wirst so lange nicht zu ihrem Besitze kommen, bis du mir die verlangte Summe bis auf den letzten Stater wirst bezahlt haben! Die Strafe aber beträgt tausend Pfunde Goldes und zehntausend Pfunde Silbers und ist binnen dreier Stunden an mich zu bezahlen! Du weißt nun, was du für dich zu tun hast, und ich bin mit dir zu Ende. Und jetzt geht meine Amtshandlung an deine angekommenen Freunde über, und so führe mich nun alsogleich in deinen neuen Saal!"

[GEJ.10_007,04] Ebal ward über die rücksichtslose und allerungebührlichste Strafe in Geld, dessen er bei weitem nicht in der geforderten Menge besaß, ganz kleinmütig, vertraute aber dabei gleich lebendigst auf Mich, und daß Ich ihm auch sicher helfen würde, und führte in solchem Vertrauen den Hauptmann und seine finsteren Helfershelfer denn auch sogleich zu uns in den Saal, welchen eben der Hauptmann auch von außen mit seinen Soldaten wohl besetzen ließ.

[GEJ.10_007,05] Wir waren noch voll heitern Mutes am großen Tische, als der Römer mit einer wahrhaft zornglühenden Herrschermiene in den Saal mit großer Barschheit und Arroganz hereintrat und sogleich mit Heftigkeit die Frage an uns stellte: „Ist ein jeder von euch für sich oder einer Herr für alle, wie das oft bei Reisenden vorkommt?"

[GEJ.10_007,06] Sagte Ich: „Ich bin für alle ein wahrer und alleiniger Herr! Was willst du von uns noch ein Weiteres über deine ausgesprochene unmenschliche und in keinem römischen Gesetz begründete Geldstrafe für unseren biedersten Freund Ebal? Willst du etwa auch uns mit derlei Strafen belegen?"

[GEJ.10_007,07] Sagte der Hauptmann: „Die, über die du Herr bist, sind straffrei; du aber, der du vor mir wenig Achtung zu haben scheinst, weil du über meine Strafbemessung ein böses Urteil aussprachst, wirst mir in drei Stunden dieselbe Summe erlegen, die du für deinen Freund Ebal als für zu unmenschlich und in keinem römischen Gesetz begründet gefunden hast! Ich werde euch Juden die Gesetze Roms schon als wohlbegründet zeigen und sehr begreiflich machen! Ich habe geredet, und ihr wisset, was ihr zu tun habt!"

[GEJ.10_007,08] Sagte Ich: „Was aber dann, so wir deinem allerungerechtesten Verlangen erstens nicht nachkommen können und zweitens auch nicht nachkommen werden? Denn wo steht es geschrieben, daß ein römischer Hauptmann das unbedingte Recht habe, in Freundesland also Erpressungen zu machen wie in den Ländern der Feinde?

[GEJ.10_007,09] Zeige Mir deine Vollmacht als vom Kaiser selbst ausgehend oder von seinem Oberstatthalter Cyrenius! Hast du solch eine Vollmacht nicht, dann wirst du es mit Einem zu tun bekommen, der eine allerhöchste Vollmacht in Sich vor deinen Augen birgt; und hätte Ich diese nicht, da würde Ich nicht also mit dir reden!

[GEJ.10_007,10] Du bist zwar hier nun ein stolzer, harter und beinahe nicht mehr erträglicher Gebieter; aber darum sind doch andere über dich, bei denen die von dir zu unmenschlich Bedrückten sicher mehr Gerechtigkeit finden werden denn bei dir. Darum weise Mir deine Instruktionen entweder vom Kaiser selbst oder vom Oberstatthalter vor, sonst werde Ich dir Meine Vollmacht vorweisen!"

[GEJ.10_007,11] Diese Meine ernsten Worte machten den Hauptmann stutzen, und er sagte nach einer kleinen Weile Nachdenkens (der Hauptmann): „Eine geschriebene Vollmacht habe ich nicht, weil sie in meiner Stellung kein römischer Hauptmann vonnöten hat; ein jeder aber steht unter dem Eid der Treue für den Kaiser und für das ausschließliche Wohl Roms. So ich diese zwei Punkte durch mein Handeln im Auge behalte, kann mich niemand wegen meiner Strenge zu irgendeiner Verantwortung ziehen! Wo hast denn hernach du deine allerhöchste Vollmacht?"

[GEJ.10_007,12] Sagte Ich: „Verlange du sie nicht vor der Zeit kennenzulernen!"

[GEJ.10_007,13] Sagte der Hauptmann: „Meinst du denn, ein Römer ist ein furchtsamer Hase, der gleich vor einem schlauen jüdischen Fuchs die Flucht ergreift? O nein, ein Römer ist wie ein Löwe, der auf alle Tiere ohne Scheu und Furcht seine Jagd macht!"

[GEJ.10_007,14] Hierauf gab er einem seiner Diener einen Wink, und dieser öffnete die Tür, durch die alsbald bei dreißig bis an die Zähne bewaffnete Krieger eindrangen.

[GEJ.10_007,15] Als diese unseren Tisch in einer gewissen Ordnung umringten, da sagte der Hauptmann mit einer sehr herrischen Stimme: „Siehe, du höchst bevollmächtigter Jude, das ist meine effektive Vollmacht, die euch so lange gefangenhalten wird, bis ihr meiner Forderung Genüge leisten werdet! Kennst du diese Vollmacht?"

[GEJ.10_007,16] Sagte Ich: „Ja, Mein stolzer und bis jetzt noch sehr blinder Römer samt deinen Helfershelfern und Kriegern, diese deine Vollmacht kenne Ich schon seit gar lange her; aber sie wird dir für diesmal nichts nützen! Denn weil du Mir nun die volle Schärfe deiner Zähne gezeigt hast, so werde auch Ich dir – aber nur so ein Sonnenstäubchen groß von Meiner Allvollmacht zeigen, und es wird dir daraus vollends klar werden, daß nicht du Mein, sondern nur Ich für immerhin dein Herr sein und bleiben werde!

[GEJ.10_007,17] Siehe, dieses Saales Raum ist hoch und weit, sieben Manneslängen erreichen kaum die Decke, bei zwanzig ist er lang und bei zwölf breit! Ich will aber nun, daß ihr von Meiner inneren Allvollmacht samt euren scharfen Waffen über die halbe Höhe des Saales frei in der Luft schweben sollet, und wir wollen dann sehen, was euch eure scharfe und löwenartige Vollmacht nützen wird; und bis du von deiner ungerechtesten Forderung an Ebal und Mich nicht völlig abstehen wirst, wird dein Fuß keinen festen Boden berühren! Es geschehe, da nun Ich geredet habe!"

 

8. Kapitel

[GEJ.10_008,01] Als Ich solches ausgesprochen hatte, da schwebten schon alle in der vorbestimmten Höhe in der Luft des Saales, und da allda jeder allen festen Stützpunkt verlor und mit dem auch das Gleichgewicht, so hingen bald die meisten wegen ihrer heftigen Sträubebewegung kopfüber in der Luft, und ein durch des Saales hohe Fenster durchstreichender Wind in wirbelnder Art trieb sie von einer Wand des Saales zur andern, und keiner konnte dem andern nur die geringste Hilfe leisten. Etliche versuchten, ihre Waffen nach uns herabzuwerfen; aber auch diese blieben in der Luft hängen.

[GEJ.10_008,02] Als sich der Hauptmann beinahe eine halbe Stunde lang samt seinen Helfern in dieser für ihn unerhörten Stellung befunden hatte, da fragte Ich ihn, sagend: „Was hältst du nun von Meiner Allvollmacht? Findest du nicht, daß der Löwe Judas mächtiger ist als deine scharfe römische Vollmacht, die du auch einen Löwen nanntest, der auf alle Tiere Jagd mache und nicht einem Hasen gleich vor einem schlauen Judenfuchs die Flucht ergreife?"

[GEJ.10_008,03] Darauf schrie der Hauptmann auf Mich aus der Luft herab: „Ich bitte dich, du Haupt aller Magier oder du als ein Halb- oder Ganzgott, befreie uns aus dieser höchst unerträglichen Lage, und ich will von der ausgesprochenen Strafe ganz abgehen; denn ich sehe nun nur zu klar ein, daß alle Macht selbst des größten Reiches der Erde keinen Wettkampf mit dir eingehen kann! Befreie mich aus dieser höchst jämmerlichen Lage, und ich werde mich nebst dem vollen Nachlasse meiner euch diktierten Strafe um euch weiter auch nicht im geringsten mehr kümmern, von dieser Sache schweigen wie eine ägyptische Pyramide, und ihr könnet in dieser Stadt verweilen, solange ihr wollt, und ich werde niemanden von euch nötigen, diesen Ort zu verlassen!"

[GEJ.10_008,04] Sagte Ich: „Höre, Ich durchschaue dein Herz und sehe, daß es dir mit deinen Versprechungen noch nicht vollkommen ernst ist; aber da Ich Meine Macht sicher besser kenne als du die deinige, so will Ich denn auch deine Bitte erhören, und es soll dir wieder der Boden der Erde zu einem festen Stützpunkte werden!"

[GEJ.10_008,05] Als Ich solches ausgesprochen hatte, erhielten alle eine aufrechtstehende Stellung in der Luft und sanken dann ganz gemächlich wieder auf den Boden der Erde, der hier auch den Boden des Saales bildete, herab.

[GEJ.10_008,06] Als sie wieder festen Fußes waren, da entließ der Hauptmann sogleich seine Kriegsknechte und gab auch den den Saal von außen umgebenden Wachen den Befehl, sich in ihre Wohnhütten und Schanzlagerstätten zu begeben, was denn auch alsogleich geschah; er aber blieb mit zwei seiner ersten Unterführer bei uns im Saale, setzte sich an einen kleinen Nebentisch und ließ sich Brot und Wein geben, und sagte nun zu Ebal (der Hauptmann): „Das kannst du und jener Allmächtige für den vollen Nachlaß uns schon gewähren! Hättest du mir draußen von der Macht dieses sonderbarsten Menschen etwas gesagt, so hätte ich auch sicher menschlichere Forderungen an dich gestellt! Wer hätte es aber auch nur ahnen können, daß sich unter diesen deinen sein sollenden alten Freunden ein den Göttern ähnlich allmächtiger Magier befindet?

[GEJ.10_008,07] Bei uns Römern gilt das ja für etwas, das inmitten eines heftigsten Kampfes sich als ein Wink der Götter darstellt, und wo der Kampf ein völliges Ende nimmt.

[GEJ.10_008,08] Ich habe in der Luft deines Saales viel Angst ausgestanden, weshalb ich ordentlich schwach geworden bin, und so will ich mich denn nun auch hier wieder stärken; zweitens aber möchte ich mit dem Wundermanne nun im guten und vollen Ernste zu keines Menschen Schaden eine nähere Bekanntschaft machen, deren er mich wohl etwa würdigen wird, da ich ihm nirgends mehr bedrohlich in den Weg treten werde. Und darum lasse du mir und auch meinen beiden Dienern nun einen besten Wein bringen und etwas Brot und Salz!"

[GEJ.10_008,09] Ebal ließ das sogleich geschehen, und die drei wurden sogleich bestens versorgt und aßen und tranken. Als sie sich aber von ihrer Angst und Furcht vor Mir beim Weine ein wenig erholt hatten, da fingen sie denn auch lauter und mutiger an zu reden, und der Hauptmann wollte sich schon mehrere Male von seinem Stuhl erheben und zu Mir gehen, um sich mit Mir in ein Gespräch einzulassen; aber seine beiden Diener widerrieten ihm das, indem es nicht rätlich wäre, sich mit den Hauptmagiern eher in ein Gespräch einzulassen, als bis diese es irgend selbst wünschten. Und so blieb der Hauptmann noch ruhig und ließ sich noch mehr Wein bringen.

 

9. Kapitel

[GEJ.10_009,01] Da es bei dieser Gelegenheit aber schon gegen die Neige des Tages zu gehen anfing und wir schon lange Zeit unter allerlei nützlichen Besprechungen beim Tische zugebracht hatten, so fragten Mich die Jünger, ob es nicht gut wäre, auf eine Zeitlang ins Freie zu gehen.

[GEJ.10_009,02] Sagte Ich: „Für heute ist die Arbeit, die noch in ihrem schwierigsten Teile unser harrt, wichtiger als die Freie, die hier in Genezareth nicht viel Anmutiges bietet. Wer von euch aber ins Freie gehen will, dem steht es frei; Ich aber bleibe hier."

[GEJ.10_009,03] Als Ich Mich so geäußert hatte, da sagten die Jünger: „Herr, wo Du bleibst, da bleiben auch wir! Denn nur bei Dir ist es allzeit gut; ohne Dich ist allenthalben Gericht, Verderben und der starre Tod."

[GEJ.10_009,04] Sagte Ich: „Also bleibet denn, wo das Gottesreich und sein ewiges Geistleben waltet; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, das Gottesreich, die Auferstehung und das ewige Leben. Wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben überkommen, da Ich ihn auferwecken werde am jüngsten Tage. Wer in Mir bleibt im Glauben und in der Liebe, in dem bleibe auch Ich; in wem aber Ich bleibe, der hat schon in sich das ewige Leben und wird den Tod niemals sehen, fühlen und schmecken. Also bleibet denn hier bei und durch eure Liebe in Mir!"

[GEJ.10_009,05] Hier fragte Mich Ebal, sagend: „Herr und Meister, die Juden glauben zum größten Teil an eine Auferstehung auch des Fleisches im Tale Josaphat. Diese Sache kommt mir darum denn doch ein wenig sonderbar vor! Denn erstens wird wohl nur der geringste Teil im Tale Josaphat beerdigt, und zweitens: Was wird denn dann mit jener Menschen Leiber an dem geheimnisvollen Jüngsten Tage geschehen, die von einem Tale Josaphat nie gehört haben und sonach weit woanders verstorben und zum Teil verbrannt und zum Teil vielleicht auch uns Juden gleich in die Erde verscharrt worden sind? Und endlich drittens: Was wird mit jenen am Jüngsten Tage geschehen, die das Meer und andere Gewässer verschlungen haben und oft mehrfach von den wilden Tieren aufgezehrt worden sind? Wann wird der von den Pharisäern oft so überschrecklich beschriebene Jüngste Tag nach unserer Zeitrechnung kommen?

[GEJ.10_009,06] Herr und Meister, Du siehst, daß diese Dinge der noch so reinen Menschenvernunft nicht eingehen können! Nur der finsterste und nie etwas denkende und prüfende Aberglaube der allergemeinsten und -niedrigsten Juden und auch der Heiden in ihrer Art kann auf solche Ungereimtheiten halten; dem Denker aber schaden sie und benehmen ihm den Glauben an eine rein göttliche Offenbarung, an die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode des Leibes und ebenso an eine einstige Auferstehung des Fleisches an dem gewissen Jüngsten Tage. – Was sollen wir nun davon halten?"

[GEJ.10_009,07] Sagte Ich: „So, wie es euch die Pharisäer lehren, gar nichts! Denn der Leib, der auf eine kurze Zeit der Seele zu einem nach außen hin handelnden Werkzeuge dient, wird weder im Tale Josaphat noch irgendwo anders auf dieser Erde als das, als was er der Seele hier auf eine kurze Zeit gedient hat, an einem gewissen Jüngsten Tage auferweckt und mit der Seele wieder vereinigt werden.

[GEJ.10_009,08] Was die Auferstehung des Fleisches der Wahrheit nach betrifft, so sind unter dem Fleische zu verstehen die Werke, welche die Seele mit ihrem Leibe ausgeübt hat.

[GEJ.10_009,09] Das Tal Josaphat bezeichnet den Zustand der inneren Seelenruhe, so ihr Handeln stets ein gerechtes war. In dieser Ruhe, die von keiner Weltliebe und Begierde und deren Leidenschaft gestört wird, und die einem völlig ruhigen Wasserspiegel zu vergleichen ist, in dem du die Abbilder der fernen und nahen Gegenden ungetrübt erschauen kannst, besteht denn auch schon der Anbeginn des wahren Jüngsten Tages der Seele, ihrer Auferweckung durch Meinen Geist in ihr und zugleich auch ihrer Auferstehung zum ewigen Leben.

[GEJ.10_009,10] In diesem Zustande ersieht dann die Seele schon die guten Früchte ihrer Werke und fängt an, sich ihrer stets mehr und mehr zu freuen; in diesem Erschauen besteht die wahre Auferstehung des Fleisches.

[GEJ.10_009,11] Es heißt ja: Ein sterblicher und vergänglicher Leib wird in die Erde gesät, und als ein unsterblicher und unvergänglicher wird er wieder auferstehen. Wenn du das auf deinen materiellen Leib beziehst, da mußt du freilich wohl in eine große Irre geraten; so du das aber auf die guten Werke der Seele, die ihr wahrer Leib sind, beziehst, so gelangst du dadurch zur Wahrheit. Denn siehe, ein jedes gute Werk, das eine Seele mit ihrem Leibe auf dieser Erde ihren Nächsten gegenüber ausgeübt hat, geht auch, wie alles auf dieser Erde, vorüber und stirbt schon nach der Tat; denn wenn du einen Hungrigen gesättigt, einen Durstigen getränkt, einen Nackten bekleidet und einen Gefangenen erlöst hast, da dauert die edle Tat nicht gleichfort, sondern dauert nur die kurze Zeit des Handelns hindurch! Darauf wird sie von dir oftmals vergessen und so auch von dem, dem du sie erwiesen hast, und ist somit zu Grabe getragen und als sterblich und vergänglich in das Erdreich der Vergessenheit gesät; aber an dem dir gezeigten wahren Jüngsten Tage der Seele wird sie als für ewig dauernd von Meinem Geiste in der Seele auferweckt, aber nicht mehr in der Form der vergänglichen irdischen Tat, sondern in der Form der ewig dauernden Frucht.

[GEJ.10_009,12] Wie wird aber diese dann aussehen? Siehe, die wird jenseits zur herrlichsten, mit allem best- und reichst versehenen Wohngegend für ewig der Seele werden, in der sie höchst selig von einer Vollkommenheit zur andern sich emporschwingen wird!

[GEJ.10_009,13] Wie demnach die Werke einer Seele hier beschaffen sein werden, so werden sie ihr dereinst als Wohngegenden dienen. Und siehe, darin besteht die wahre Auferstehung des Fleisches! Das glaube und halte; denn also und nimmerdar anders ist es!"

[GEJ.10_009,14] Sagte Ebal: „Ja, das klingt freilich ganz himmelweit anders, als was die blinden Pharisäer vor dem blinden Volke dahergeschwatzt haben, und damit ist auch die reine Menschenvernunft vollkommem einverstanden, und es geht ihr ein neues, großes Licht auf. Aber von dem Fleische, das der Seele hier gedient hat, wird also auch nicht ein Sonnenstäubchen groß im Jenseits, mit der Seele vereint, zu einem ewigen Leben auferstehen?"

[GEJ.10_009,15] Sagte Ich: „Als ein Bestandteil der durch Meinen Geist ewig lebenden Seele nicht, da sie selbst zu einem puren Geiste wird ihrem Innern nach! Aber was da betrifft den Umriß ihrer äußeren Form und besonders aber ihre Bekleidung, da werden auch die Seelenätherteile ihres diesirdischen Leibes in geistiger Reinheit mit ihr wieder vereinigt werden, doch von dem groben Organleibe auch nicht ein Atom groß; denn für diesen Leib ist das bestimmt, was für alle andere Materie der Erde bestimmt ist, die auch stets und stets also in bessere Naturgeister aufgelöst wird, so wie sie auch ursprünglich aus viel minder reinen und auf einer sehr untersten Gerichtsstufe stehenden Naturgeistern zusammengefügt wird.

[GEJ.10_009,16] Die schon die grobe Materie verlassenden Naturgeister können mit der Zeit auch zu Menschenseelen werden; doch ein Näheres in dieser Sphäre wirst du erst dann einsehen, so sich deine Seele in dem gewissen Tale Josaphat befinden wird. Darum nun nichts Weiteres mehr davon!

[GEJ.10_009,17] Der Hauptmann und seine beiden Diener haben nun wohl deine Fragen und Meine dir gemachten Erklärungen mit großer Aufmerksamkeit angehört, aber nichts von allem verstanden; daher werden sie nun bald mit ihrer Griechenweisheit uns zur Last werden, – und so wollen wir mit aller Geduld ihren Angriff auf uns ein wenig in der Ruhe abwarten!"

 

10. Kapitel

[GEJ.10_010,01] Als Ich solches dem Ebal gesagt hatte, erhob sich auch schon der Hauptmann von seinem Stuhle und bewegte sich mit einem freundlichen Angesicht zu Mir hin. Als er sich bei Mir befand, da sagte er: „Du großer und machtvollster Meister in der geheimnisvollen Sphäre deiner Kunst und Wissenschaft, durch die du dir alle die geheimen Kräfte der Natur vollkommen untertan gemacht hast, ich habe euren Gesprächen mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört und daraus entnommen, daß ihr alle dem jüdischen Gotteskulte angehört, der viel Gutes, aber daneben recht viel Schlechtes enthält, aus dem sich die vielen Mißbräuche eurer Priester in einem noch viel ärgeren Grade nach und nach entwickelt haben als bei uns Heiden, wie wir von euch Rechtgläubigen genannt werden.

[GEJ.10_010,02] Aber sei es nun, wie es da wolle, du machtvollster Meister scheinst in eurer Gotteslehre viel tiefer eingeweiht zu sein als der sonst auch recht weise Ebal?! Nur begreife ich nicht, was du damit hast sagen wollen, wo du also sprachst, als seiest du allein das Grundprinzip alles Seins, Lebens und Fortbestehens! Du seiest die Wahrheit und das ewige Leben; wer an dich glaube und dich liebe, der werde keinen Tod jemals sehen, fühlen und schmecken. Also seiest du auch derjenige, der die Seelen am Jüngsten Tage zum ewigen Leben auferwecken werde, und dergleichen noch mehreres.

[GEJ.10_010,03] Ist das nur so deine weise Redeweise, oder bist du selbst der Gewisse oder dasjenige geheimnisvolle Ich, der sich uns Menschen als der Grund alles Seins, Lebens und Bestehens darstellt? Ich bin in der alten Griechenweisheit kein Laie, und du könntest mit mir schon auch reden in deiner Weisheit, die ich nun näher kennenlernen möchte!"

[GEJ.10_010,04] Sagte Ich: „Setze dich denn an diesen Tisch mit deinen beiden Unterdienern, und wir wollen dann sehen, wie weit ihr zu bringen sein werdet!"

[GEJ.10_010,05] Hierauf berief der Hauptmann sogleich die beiden Unterdiener an unseren Tisch.

[GEJ.10_010,06] Und als diese sich bei uns befanden, da sagte Ich zum Hauptmann: „Nun rede offen, was du von Mir erfahren willst! Doch von dem, was Ich ehedem mit dem Freunde Ebal geredet habe, rede nicht; denn das faßt dein Verstand nicht!"

[GEJ.10_010,07] Als der Hauptmann das vernommen hatte, geriet er in eine Verlegenheit und wußte nicht, um was er Mich so ganz eigentlich hätte fragen sollen. Nach einer Weile Überlegens sagte er: „Vollmächtigster Meister, in welcher mir sicher ganz unbekannten Schule bist denn du gebildet worden?"

[GEJ.10_010,08] Sagte Ich: „In Meiner höchsteigenen, und das schon von Ewigkeit her; denn ehe noch ein Sein im endlosen Raume sich befand, war Ich Meinem innersten Geiste nach da und erfüllte die ewige Unendlichkeit!"

[GEJ.10_010,09] Als der Hauptmann das vernahm, sah er Mich groß an und sagte: „Ist dein Innerstes denn größer als dein Äußerstes? Siehe, du redest verworren! Wie sollen wir das verstehen? Was hast du damit sagen wollen?"

[GEJ.10_010,10] Sagte Ich: „Die volle Wahrheit; aber da in dir bis jetzt noch keine Wahrheit ist, so kannst du diese erste Wahrheit auch nicht verstehen. Höre aber, Ich will dir ein Näheres eröffnen!

[GEJ.10_010,11] Siehe, im Anfange alles Anfangs und vor dem Sein alles Seins war das Wort! Dies Wort war bei Gott, denn Gott Selbst war das Wort, und alles, was da ist und den endlosen Raum, von dem schon eure Weisen geredet haben, erfüllt, ist durch das Wort geschaffen worden und nichts ohne dasselbe.

[GEJ.10_010,12] Das ewige Wort hat nun Fleisch angenommen aus Sich und kam nun als ein Mensch zu Seinen Menschen in diese Welt, und die Seinen erkennen es nicht! Und du bist auch ein Mensch und erkennst das ewige Wort in Mir nicht, dieweil du blinden Herzens bist. – Hast du denn der Juden Propheten nicht gelesen?"

[GEJ.10_010,13] Sagte der Hauptmann: „Wohl habe ich sie, wie vieles andere, gelesen; aber wer kann diese verstehen? Eure Priester verstehen sie nicht; wie sollte ich als ein Römer sie verstehen? Sie schrieben ebenso unverständlich, wie du nun zu mir über dich geredet hast!

[GEJ.10_010,14] Ich sehe es schon, daß ich mit dir zu keiner Klarheit jemals gelangen werde, und wir fangen, so es dir genehm ist, lieber über andere Dinge zu reden an! Sage mir doch, du sonderbar vollmächtigster Meister, in welchem Lande bist du denn geboren, und welchem Volke gehörst du dem Leibe nach an!?"

[GEJ.10_010,15] Sagte Ich: „Siehe, – da, neben Mir sitzt Meines Leibes Gebärerin; darüber besprich dich mit ihr!"

[GEJ.10_010,16] Darauf wandte sich der Hauptmann an die Maria, und diese hat in einer sehr gedehnten Rede ihm alles von ihrer Empfängnis bis zu Meinem zwölften Jahre haarklein erzählt, was es mit Mir für eine stets wunderbare Bewandtnis hatte.

[GEJ.10_010,17] Diese Erzählung machte die drei Römer sehr stutzig, und sie wußten nun nicht, was sie so ganz eigentlich aus Mir machen sollten. Denn an ihre Götter hatten sie schon lange keinen Glauben mehr, und noch weniger an den Gott der Juden; sie lebten nach Epikur, und eine Gottheit war ihnen ein Unding. Nun aber entdeckten sie in Mir göttliche Eigenschaften, wußten aber nicht, wie sich diese mit einem nach ihrer Meinung nur auch zeitlich lebenden und bestehenden Menschen einen können.

[GEJ.10_010,18] Es fragte Mich darum der Hauptmann, sagend: „Großer Herr und Meister! Sage mir nun, ob du dem Leibe nach auch sterben oder gleich ewig fortleben wirst?"

[GEJ.10_010,19] Sagte Ich: „Nur noch eine kurze Zeit, – dann aber werde Ich, wie Ich nun da bin, wieder dorthin zurückkehren, von wannen Ich gekommen bin, und die Meinen werden für ewig bei Mir sein."

[GEJ.10_010,20] Sagte der Hauptmann: „Wer sind denn die, welche du die Deinen nennst, und wo ist der Ort, dahin du schon in kurzer Zeit zurückkehren wirst?"

[GEJ.10_010,21] Sagte Ich: „Die Meinen sind, die an Mich glauben, Mich lieben und Meine Gebote halten; der Ort aber ist nicht einer, wie da sind die Orte auf dieser Erde, sondern er ist das Reich Gottes, das nun von Mir gegründet wird unter den Menschen und in der Menschen Herzen.

[GEJ.10_010,22] In dieses Reich des wahren, ewigen Lebens aber gelangt man nicht auf den breiten Heerstraßen dieser Welt, sondern auf einem ganz schmalen Pfade nur, und dieser heißt Demut, Geduld, Selbstverleugnung in allen Reizungen, die von dieser Welt ausgehen, und eine volle Ergebung in den Willen des einen, allein wahren Gottes."

[GEJ.10_010,23] Sagte der Hauptmann: „Wo kann man denn erfahren, was Gott will, und wie lauten denn deine Gebote, die die Deinen zu halten haben?"

[GEJ.10_010,24] Sagte Ich: „Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine Gebote sind Gottes Gebote. Wer Meinen Willen tut und also Meine Gebote hält, der wandelt auf dem rechten Wege ins Reich Gottes! Tue du desgleichen, so wirst auch du wandeln auf dem rechten Wege ins Reich Gottes!"

[GEJ.10_010,25] Hierauf erhob sich der Hauptmann vom Stuhl und ging zu einem Meiner Jünger und fragte ihn, was er von Mir halte.

[GEJ.10_010,26] Dieser aber sagte: „Wir alle halten das von Ihm, was Er dir Selbst sagte! Er ist der Herr, und wir sind Seine Jünger. In Ihm wohnt die Fülle Gottes; außer Ihm gibt es keinen Gott!"

[GEJ.10_010,27] Bei diesen Worten verließ der Hauptmann den Jünger und begab sich wieder zu Mir.

 

11. Kapitel

[GEJ.10_011,01] Hier setzte sich der Hauptmann wieder auf seinen Stuhl und fragte in römischer Zunge seine beiden Unterdiener, was denn sie nach allem dem, was sie vernommen hätten, über Mich für einer Meinung wären.

[GEJ.10_011,02] Sagte einer: „Da ist für uns schwer, ein Urteil zu fällen! Von der sonderbaren Macht seines Willens haben wir da oben in der Luft die Erfahrung gemacht, und wir bedürfen keines andern Beweises, daß in diesem Manne eine göttliche Kraft wohnen muß, ansonst er uns sicher nicht ohne alle sichtbaren Mittel hätte in die Luft erheben und dann in derselben halten können. Wir sind aber alle schon zu sehr von dem Glauben an ein allmächtiges Gottwesen abgekommen, da es sich mit unsern Göttern als eine nur zu handgreifliche Nullität vor jedes denkenden Menschen Sinnen und Verstand erweist; und nun sind wir auf einmal an einen reellen Gott in der Gestalt eines Menschen gestoßen und wissen nun nicht, was wir von ihm halten sollen. Ich aber meine: Das läßt sich nicht so mit einem Schlag begreifen.

[GEJ.10_011,03] Wir aber haben von diesem Manne schon in Bethlehem und auch um Jerusalem vieles vernommen und haben uns gedacht, daß er entweder selbst ein Gott sein könne oder ein selten großer Magier, wie solche etwa aus der Schule der Essäer hervorgehen. Aber das, was wir hier nun selbst erfahren haben, geht sehr weit über unsere früheren Mutmaßungen. Da hört alle Magie auf, und eine ersichtlich göttliche Kraft und Allmacht tritt da unaufhaltsam an ihre Stelle!

[GEJ.10_011,04] Dazu kommt erstens die treue Erzählung seiner Mutter über seinen leiblichen Eintritt in diese Welt und sein Leben, und daß er nie in irgendeiner Schule etwas zu erlernen nötig hatte, da er schon mit der höchsten Weisheit ausgerüstet in diese Welt gekommen sei, und zweitens, was er nun von sich selbst aussagte, – und ich für mich kann nun wahrlich nicht umhin, ihn im vollen Ernste für das zu halten, als was er sich selbst vor uns, wennschon in einer für uns Römer nicht verständlichen Weise, darstellte, und was auch jener Mann, mit dem du ehedem sprachst, von ihm aussagte. Das ist so meine Meinung, und ich glaube, daß ich mich nicht werde geirrt haben."

[GEJ.10_011,05] Sagte der Hauptmann: „Ich will dir im ganzen nicht völlig unrecht geben; aber einige gewichtige Bedenken habe ich dagegen doch im Hintergrunde; löst der Mann mir diese, dann will ich auch deiner Meinung werden und bleiben."

[GEJ.10_011,06] Hierauf wandte sich der Hauptmann wieder an Mich und sagte: „Großer Herr und Meister, ich bin nun beinahe daran, Dich für das anzunehmen, als was Dich alle diese Deinen angenommen haben; aber es liegen dagegen dennoch einige bedeutende Bedenken in mir. Sind diese gelöst, so bin auch ich gewonnen.

[GEJ.10_011,07] Diese meine Bedenken aber bestehen darin: In Dir wohnt also im Ernste die Fülle eines allein wahren Gottes!? Wenn also, – warum ließest Du denn die zahllos vielen Menschen so lange auf Dich warten?

[GEJ.10_011,08] Du sagst, daß nur die gewissen Deinen, die an Dich glauben, Dich lieben und Deine Gebote halten, das ewige Leben in Deinem Gottesreiche überkommen werden. Wenn also, und wenn durch die Macht Deines ewigen Wortes das alles, was da ist, erschaffen wurde und sicher auch alle Menschen, die jemals leider lebten, ohne Dich zu kennen – was nicht ihre Schuld sein konnte –, was wird dann mit jenen Menschen sein, die Dich nie haben erkennen können? Wie wird es mit ihrem ewigen Seelenleben in Deinem Gottesreiche aussehen? Denn sie konnten an Dich nicht glauben, Dich nicht lieben und auch Deine Gebote nicht halten, weil sie von Dir keine Kunde haben erhalten können.

[GEJ.10_011,09] Siehe, das sind meine wohlbegründeten Bedenken! Wolle sie mir lösen, und ich will dann auch fest an Dich glauben, Dich lieben mehr denn einer der Deinen und Deine Gebote halten; denn ich bin ein echter Römer und kein Grieche, dessen Treue keine Haltbarkeit hat! Aber ich bin auch ein Mensch, der nicht so leicht etwas annimmt und glaubt, das nicht als eine diamantfeste Wahrheit mir durch unumstößliche Beweise erwiesen wird. Löse mir sonach meine Zweifel!"

 

12. Kapitel

[GEJ.10_012,01] Sagte Ich: „Freund, du hast wohl so manches durch das Lesen der griechischen Weltweisen dir zu eigen gemacht, doch hinter die Bücher der alten Ägypter bist du niemals gekommen, und von der Schrift der Juden von Moses an hast du ganz flüchtig nur Bruchstücke gelesen und auch diese nie verstanden!

[GEJ.10_012,02] Siehe, Der nun in Mir mit dir spricht, der sprach auch schon also mit dem ersten Menschenpaare dieser Erde und gab ihm ganz dieselben Gebote, die Ich euch des einen, wahren Gottes und Herrn ganz vergessen habenden Menschen nun wieder gebe; aber die mit einem vollkommen freien Willen begabten Menschen ließen sich nur zu leicht und zu bald von der Welt und ihrem verlockenden Geiste blenden, flohen Gott und taten nach ihren Gelüsten. Dadurch verfinsterten sie ihre Seelen und verstockten ihre Herzen.

[GEJ.10_012,03] Ich sandte allzeit Boten aus den Himmeln, daß sie belehrten die verblendeten Menschen; nur wenige achteten ihrer, die große Menge wollte nichts von ihnen hören und wissen.

[GEJ.10_012,04] Ich erweckte von Zeit zu Zeit mit Meinem Geiste Männer und Jünglinge, die das Volk belehrten und sie zur alten Wahrheit zurückzuführen sich alle Mühe gaben. Nur wenige hörten sie an, und noch wenigere kehrten sich danach; die große Menge aber verfolgte sie, quälte sie und tötete sie sogar.

[GEJ.10_012,05] Ich unterließ es auch nicht, ein zu entartetes Volk mit großen und kleinen Züchtigungen und Gerichten heimzusuchen. Diese besserten aber auch nur wenige auf eine Zeitlang; nur zu bald trat wieder der arge Weltgeist an Meine Stelle.

[GEJ.10_012,06] Als zur Zeit Mosis dem israelitischen Volke auf Sinai in der Wüste von Mir unter Blitz, Donner und Feuer wieder von neuem Gesetze gegeben wurden, da horchte es anfangs wohl unter Furcht und Zittern auf Meine weithin wohlvernehmbaren Worte, – als aber die Verkündigung eine längere Zeit hindurch währte, da wurde das Volk zum Teil daran gewöhnt und machte sich nicht mehr viel daraus. Zu einem andern Teile aber ward es des anhaltenden Belehrens überdrüssig und bat Mich, daß Ich fürs ganze Volk nur Moses allein Meinen Willen offenbaren solle, – es werde ihn dann schon von ihm vernehmen und befolgen; das Volk aber wolle sich unterdessen von dem Berge Sinai, weil es allda zu furchtbar zugehe, entfernen und in einem weit davon gelegenen Tale seine Wohnhütten aufrichten.

[GEJ.10_012,07] Es ward das dem Volke nach längerem Flehen gewährt; aber es währte gar nicht lange, als das Volk Meiner und der großen Szenen am Berge Sinai völlig zu vergessen begann, sich aus dem vielen, aus Ägypten mitgenommenen Golde ein Kalb goß, dann um dasselbe tanzte und ihm göttliche Verehrung erwies.

[GEJ.10_012,08] Ich zeigte solches Moses an, entsandte ihn zum Meiner gar nicht mehr gedenkenden Volke und ließ es gewaltig züchtigen in der Art, wie das Moses darauf genau beschrieben hat.

[GEJ.10_012,09] Dann kehrte das Volk wohl wieder zu Mir zurück; aber es gab unter ihm stets viele, die sich von allerlei argen Weltgelüsten verleiten ließen, ein und das andere Meiner Gebote zu übertreten und also gegen Meine Anordnungen zu sündigen.

[GEJ.10_012,10] Es mußten von Moses zeitliche Strafen auf die Übertretung Meiner Gebote und Anordnungen festgesetzt werden, um das Volk in der Ordnung zu erhalten.

[GEJ.10_012,11] Als das Volk später aus der Wüste in das Gelobte Land geführt wurde und dasselbe wie aus Meiner Hand in Besitz nahm, da ward es durch weise Richter, die mit Mir in stetem Verbande und Verkehr standen, also nahe völlig von Mir Selbst durch eine geraume Zeit hin regiert und ward unter Meiner persönlichen Regierung groß und mächtig, und sein Wohlstand war größer denn der jedes andern Volkes in der Welt.

[GEJ.10_012,12] Da ward es übermütig und sah auf den Glanz der andern Völker, die von einem Weltkönige tyrannisch beherrscht wurden. Der eitle Weltglanz verblendete es, – es wollte auch glänzen, ward mit Meiner Regierung unzufrieden und verlangte durch den mit Meinem Geiste erfüllten Richter Samuel einen Weltkönig, und es beging so die größte und gröbste aller Sünden.

[GEJ.10_012,13] Und so fiel es dann stets tiefer, obschon Ich es nie unterlassen habe, es stets durch erweckte und von Meinem Geiste erfüllte Propheten zur Besserung und zur Buße zu ermahnen und ihm die Folgen zu verkünden, die es durch seine Verstocktheit zu gewärtigen haben werde; und also handelte Ich bis jetzt mit diesem Volke und kam nun Selbst, mit Fleisch angetan.

[GEJ.10_012,14] Sieh aber nun die übergroße Anzahl der Juden an, die, statt Mich anzunehmen und an Mich zu glauben – da Ich doch überall Mich als Den, der Ich sicher bin, durch nie erhörte Wundertaten und Zeichen über jeden Zweifel hinaus bemerkbar mache –, Mich hassen, verfolgen, zu ergreifen und diesen Meinen Leib zu töten trachten!

[GEJ.10_012,15] Wenn aber für die geistige Bildung der Menschen stets ohne Unterlaß von Mir aus zu allen Zeiten und überall also gesorgt wurde, wie Ich es dir nun in aller Kürze gezeigt habe, – wie magst du als ein mit vieler Vernunft wohlversehener Römer Mich fragen, warum Ich erst jetzt zu euch Menschen kam, um das Reich Gottes, welches da ist ein Reich des ewigen Lebens, bei euch nur wenigen zu gründen!?

[GEJ.10_012,16] Wandere hin in alle Länder, die dir bekannt sind und deren Bewohner irgend vermöge ihres Herzens nur einigermaßen fähig sind, Meine Lehre anzunehmen, und erkundige dich, ob sie sogar in dieser Zeit ohne Kunde von Meinem Hiersein und Wirken sind!

[GEJ.10_012,17] In vielen dir noch unbekannten Ländern und Reichen aber haben die besseren Menschen innere Gesichte von dem, was nun hier ist und geschieht. Nur irgend in den verborgensten Winkeln der Erde ganz verwildert lebende, wahre Tiermenschen können keine Kunde von Mir erhalten, weil sie für deren Aufnahme noch lange nicht fähig sind; doch mit der Zeit soll auch für sie gesorgt werden.

[GEJ.10_012,18] Und so siehst du aus dem, daß deine an Mich gestellte Frage eine ganz eitle war. Willst du Mich aber noch weiter fragen, da frage Mich um bessere Dinge, die dir mehr nützen werden denn das, um was du Mich nun gefragt hast!"

 

13. Kapitel

[GEJ.10_013,01] Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da ward er sehr nachdenklich und desgleichen auch seine beiden Unterdiener, und es dauerte nun eine Weile, bis jemand am ganzen Tische auch nur ein Wort mit seinem Nachbar zu verkehren begann. Ich Selbst schwieg auch; doch aller Augen und Ohren waren auf Mich gerichtet.

[GEJ.10_013,02] Endlich unterbrach ein starker Windstoß das Schweigen, und der Hauptmann fragte hastig den Ebal, was das gewesen sei; denn es sei ihm vorgekommen, als hätte es gedonnert. Seine Gefährten wollten auch einen Donner vernommen haben.

[GEJ.10_013,03] Sagte Ebal: „Hier am Meere und besonders in dieser Bucht gehören in dieser Zeit derlei Erscheinungen zu den seltenen nicht; doch dieser plötzlich entstandene, einem Donner ähnliche Windstoß dürfte infolge der allerhöchsten Anwesenheit des Herrn über alle Dinge im Himmel und auf Erden etwas Höheres zu bedeuten haben! Was aber, das wird eben Er wohl am allerbesten wissen; ich kann dir darüber keinen weiteren Aufschluß geben."

[GEJ.10_013,04] Als Ebal solches zu dem Hauptmanne geredet hatte, da wandte sich der Hauptmann gleich wieder, nun ganz voll echt römischen Soldatenmutes, an Mich und sagte: „Höchster Herr und Meister, ich habe Deiner Rede entnommen, daß in Dir wahrlichst der höchste Geist der einzig und allein wahren Gottheit wohnt! Ohne Deinen Willen kann weder im Himmel noch auf dieser Erde etwas geschehen, entstehen, wirken, bestehen und vergehen; und so da etwas geschieht, entsteht, wirkt und besteht, so wird Dir auch in Deinem ewigen Geiste von Ewigkeit der Grund und die Ursache wohlbekannt sein, nach der Du Deine weiseste Absicht realisiert haben willst. Dir wird denn sicher auch dieser Windstoß nichts Fremdes und Unbekanntes sein! Wie ist denn der entstanden, und zu welchem Zweck?"

[GEJ.10_013,05] Sagte Ich: „Ja, Mein Freund, da wird es noch eine geraume Zeit hergehen, bis du einsehen wirst, von wannen der Wind kommt, wie er entsteht und zu welchem Zweck; denn solange deine Vorstellungen von der Gestalt und von dem Wesen der Erde grundirrig sind, wirst du wohl niemals verstehen können, wie der Wind entsteht, von wannen er kommt, wohin er zieht und warum er entstanden ist.

[GEJ.10_013,06] Du mußt sonach zuvor den Grund und Boden, der dich trägt, genau kennen; dann erst kannst du auch fragen nach dem Grund der Erscheinungen auf dieser Erde."

[GEJ.10_013,07] Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister! Wer sollte und könnte mir denn nun außer Dir die wahre Gestalt der Erde enthüllen? Welche Begriffe wir von dieser unserer Erde haben, weißt Du ohnehin; aber ich habe auch mit vielen eurer Schriftgelehrten über das Wesen dieser unserer Erde gesprochen und bekam keine bessere Kunde, im Gegenteil eine noch um vieles unklarere und verworrenere.

[GEJ.10_013,08] Ich habe auch mit den alles wissenden und vermögenden Essäern über das Wesen der Erde, des Mondes, der Sonne und der Sterne gesprochen, bekam aber eine um kein Haar bessere Aufklärung über alles das, als die ich zuvor hatte.

[GEJ.10_013,09] Du kannst mir sicher die beste Aufklärung über diese Erde, über den Mond, über die Sonne und auch über die Sterne geben! Ich und meine beiden Gefährten bitten Dich darum! Denn das habe ich schon lange eingesehen, daß unsere Ansicht und unsere alten, uns eingeprägten Begriffe von der Erde, wie von den Gestirnen am Himmel nicht die richtigen sein können, weil sich die mit ihnen im Zusammenhang stehenden Erscheinungen durchaus nicht oder nur schlecht mit allerlei abergläubischen Einschiebungen erklären lassen, durch die aber dem die Wahrheit in allen Dingen suchenden und denkenden Menschen schlecht gedient ist. Wir bitten Dich, Herr und Meister, nochmals darum!"

[GEJ.10_013,10] Sagte Ich darauf: „Siehe, die Sonne ist bereits im Untergehen, und es wird die Zeit zu kurz sein, um euch nach eurem Verlangen vollends befriedigen zu können!"

[GEJ.10_013,11] Sagte abermals der Hauptmann: „O Herr und Meister, wenn die Sache nur Dir nicht unangenehm ist, – wir wollen Dich mit der größten Aufmerksamkeit und Ruhe die ganze Nacht hindurch anhören!"

[GEJ.10_013,12] Sagte Ich: „Nun gut denn also! Seht hier den scheinbaren Jüngling! Dieser ist schon seit gar langem einer Meiner rechten Diener; er möge euch euren Wunsch erfüllen! Aus seiner Tat und Rede werdet ihr Meine Macht in ihm erkennen."

[GEJ.10_013,13] Hierauf gab Ich dem Raphael einen Wink, und er erhob sich schnell, trat zu den dreien hin und sagte (Raphael): „Für alle die andern, die hier beim Tische sitzen, braucht diese Sache wohl nicht mehr erklärt zu werden, da sie schon in alles vollends eingeweiht sind; doch für euch will ich das nach dem Willen des Herrn tun. Auf daß wir aber die Sache desto schneller beenden mögen, so begeben wir uns hinaus ins Freie!"

[GEJ.10_013,14] Hierauf erhoben sich unser Hauptmann und seine beiden Unterdiener vom Tische und gingen mit Raphael hinaus ins Freie mit der gespanntesten Neugierde.

 

14. Kapitel

[GEJ.10_014,01] Im Freien führte sie Raphael auf einen großen, freien Platz am See, der den Römern als Kriegsübungsstätte diente und in der Abendzeit von keinem Menschen mehr betreten ward.

[GEJ.10_014,02] Auf dieses Platzes Mitte angelangt, sagte Raphael zu den dreien: „Der Weg, durch den jemand zu irgendeiner großen und wichtigen Erkenntnis gelangen will, ist immer ein zweifacher: Der erste ist der lange, langweilige und schwere durch die weitwendigen und nahezu nie enden wollenden und könnenden Erklärungen und Besprechungen; der zweite, kurze und wirksame, ist der durch die Beispiele. Und diesen will und kann ich nun bei euch in Anwendung bringen!"

[GEJ.10_014,03] Sagte der Hauptmann: „Das wird hier wohl etwas schwer werden, uns von dem Beispiele wirksamer Art zu geben, wovon uns jeder wahre Vorbegriff völlig mangelt."

[GEJ.10_014,04] Sagte Raphael: „Das ist meine Sache, weil ich das in meiner vom Herrn mir verliehenen Macht habe, – und so gebet denn wohl acht auf alles, was ihr nun sehen werdet! Ich werde euch vorerst die ganze Erde, das heißt ihre Oberfläche, ganz so, wie sie nun ist, in einer solchen Größe vor eure Augen stellen, daß ihr sie leicht überschauen werdet können."

[GEJ.10_014,05] Als Raphael solches ausgesprochen hatte, da schwebte schon ein kleiner, doch bei dritthalb Mannslängen im Durchmesser habender Erdball vor den Augen der über alles erstaunten Römer und war von einem eigenen Lichte so gut erleuchtet, daß man auf seiner Oberfläche trotz der vorgerückten Abenddämmerung alles wohl ausnehmen und das Bekannte auch sogleich als das, was es darstellte, der Lage nach erkennen konnte.

[GEJ.10_014,06] Der Erdball drehte sich auch um seine Achse, aber wegen des schneller möglichen Überschauens natürlich im Verhältnis bei weitem schneller als die wirkliche Erde. Alle Festlande, nebst einer beinahe zahllosen, verschieden großen Menge Inseln, das gesamte Meer, ebenso auch alle Seen und Ströme und Flüsse und Berge und Täler waren getreu zu ersehen, und das davon den dreien Bekannte ward auch sogleich von ihnen als das erkannt, was es darstellte.

[GEJ.10_014,07] Als sich die Römer diesen Erdball bei einer Stunde lang alleraufmerksamst angesehen hatten, wobei Raphael ihnen alles mit wenigen Worten verständlich erklärte, und sie so von der Erde denn auch einen vollwahren Begriff bekommen hatten, da sagten alle drei: „Oh, wie blind sind doch noch die Menschen, und welch lächerlich dümmste Begriffe haben sie von der Erde, die sie trägt und nährt!"

[GEJ.10_014,08] Hierauf sagte Raphael: „Seht, wie ihr durch dieses Beispiel schneller zur richtigen Erkenntnis der gesamten Erde gelangt seid, als so es euch ein Wohlerdkundiger mit langen Reden noch so klar dargestellt hätte, und so werde ich euch nun auch das Verhältnis der Erde zum Mond, zur Sonne und zu den andern Planeten darstellen! Wir wollen nun den Erdball weiter von uns hinauf in die Luft stellen, und in einer verhältnismäßigen Entfernung soll der Mond als ihr Begleiter hier vor euren Augen dargestellt werden."

[GEJ.10_014,09] Als Raphael solches ausgesprochen hatte, war der Mond auch schon – aber als ein verhältnismäßig kleiner Ball – vor den staunenden Augen der Römer ins wohl sicht- und leicht erkennbare Dasein gerufen.

[GEJ.10_014,10] Zuerst ward die der Erde stets zugekehrte Seite von oben bis unten genau in Augenschein genommen und auch insoweit, als nötig war, erklärt, und dann erst die Kehrseite, bei der es an der rechten Erklärung auch nicht mangelte.

[GEJ.10_014,11] Da sagte der Hauptmann: „Das ist im Verhältnis zu unserer Erde wohl eine traurige Welt! Die nach deiner Erklärung nur auf dieser Seite lebenden Menschen können zu keiner großen Weisheit gelangen, da sie auf einer so kleinen höchst magern Welt nur eine sehr beschränkte Anschauung von dem von Gott Geschaffenen erhalten können, und weil sie durch der Erde völligst ungleiche und unähnliche Tagesordnung auch beinahe keine Zeit gewinnen können, auch nur das Wenige auf dieser kleinen Welt mit Aufmerksamkeit zu betrachten, zu studieren, Vergleiche zu machen und daraus die nötigen Erfahrungen zu ziehen. Sie müssen mit unseren Affen die meiste Ähnlichkeit haben?"

[GEJ.10_014,12] Sagte Raphael: „Da irrst du dich gewaltig, wenn es für deinen Verstand auch also den Anschein hat! Ich möchte dich nicht mit einem Mondbewohner verkehren lassen; denn da würde deine innere Weisheit sehr den kürzeren zu ziehen bekommen!

[GEJ.10_014,13] Ihr Menschen dieser Erde habt wohl viele äußere Erfahrungen und also auch viele äußere Erkenntnisse; aber die inneren Lebenserkenntnisse fehlen euch, die unbeschreibbar wichtiger sind denn all der äußere, marktschreierische, eitle Tand.

[GEJ.10_014,14] Die Mondmenschen aber stehen dafür stark im inneren, beschaulichen Leben, in dem sie auch euch Bewohner dieser Erde gar wohl kennen, aber nur selten ein Wohlgefallen an euch haben, weil ihr durch euer äußeres Sinnen und Trachten euch von der inneren Lebenswahrheit zu weit entfernt habt. Sie sagen von euch, daß ihr tote Seelen seid. Wenn es aber mit den Mondbewohnern also steht, da sind sie sicher auf einer höheren Lebensstufe denn deine Erdaffen."

[GEJ.10_014,15] Sagte der Hauptmann: „Wenn die Sache mit den Bewohnern des Mondes sich also verhält, da nehme ich mein Urteil freilich sogleich zurück und bitte sie durch dich viele Male um Vergebung."

[GEJ.10_014,16] Sagte Raphael: „Lassen wir das nun gut sein, und kehren wir zu unserer Sache wieder zurück! Wir haben nun nach der Erde den Mond wohl kennengelernt. Wie sieht es aber mit diesen beiden Weltkörpern im Verhältnis zur Sonne aus? Bevor ich euch aber das völlig begreiflich machen kann, muß ich euch in Kürze auch noch mit den euch wenigstens dem Namen nach bekannten Planeten bekannt und vertraut machen.

[GEJ.10_014,17] Es gibt zwar noch einige Planeten, die als Erdkörper auch zu dieser Sonne, die der Erde Licht und Wärme spendet, gehören und von ihr, gleich dieser Erde, Licht und Wärme erhalten. Aber ich werde mich nur auf die euch dem Namen nach bekannten beschränken und sie euch in ihrer wahren Gestalt einmal sonderheitlich vor Augen stellen. Da ist einmal der Merkur als der der Sonne nächste Erdkörper!"

[GEJ.10_014,18] Sogleich erblickten die drei Römer diesen Erdkörper und bewunderten seine ziemliche Ähnlichkeit mit so manchem auf unserer Erde, und Raphael ließ es dabei an Erklärungen nicht fehlen.

[GEJ.10_014,19] Als die drei mit dem Merkur so bald im reinen waren, da kam die Venus an die Reihe, nach ihr der Mars, den die drei anfangs mit einer Art Scheu betrachteten. Da sie aber an ihm, statt ihres Kriegsgottes, auch nur einen der Erde ziemlich ähnlichen Erdkörper ersahen, so wurden sie mit ihm denn auch bald vertraut. Auf den Mars kam in entsprechender Größe der Jupiter mit seinen vier Monden an die Reihe, über den sich die drei Römer nicht genug verwundern konnten. Raphael erklärte ihnen in Kürze das Wichtigste davon, worüber sie seine Weisheit und Macht nicht genug rühmen konnten. Darauf ließ er den Saturn zum Vorschein kommen, der den Römern noch mehr Bewunderung entlockte denn alle die früheren Planeten. Und Raphael hielt sich bei diesem seltenen Erdkörper mit seinen Erklärungen auch länger auf als bei einem der früheren, mit Ausnahme unserer Erde.

 

15. Kapitel

[GEJ.10_015,01] Als Raphael alle die genannten Planeten den Römern auf die beschriebene Weise gezeigt hatte, da sagte er weiter zu ihnen: „Es ist nicht genug, daß ihr nun wißt, welch eine ganz andere Bewandtnis es mit diesen Gestirnen hat, als es sich grundirrig bis jetzt in eurer Vorstellung gleichfort aufrechterhielt, sondern ihr müßt auch ganz klar einsehen, in welchem Verhältnis alle die von euch nun geschauten Planeten zur Sonne stehen, und so gebet nun acht!

[GEJ.10_015,02] Ich werde euch die Sonne in einem ganz kleinen Maßstab vor eure Augen stellen. Zuerst seht hier einen ziemlich großen Ball im Durchmesser von einer Mannslänge mit einem starken weißen Schimmer umflossen; denn es darf dieser die Sonne darstellende Ball nicht mit der vollen Lichtstärke der Sonne umflossen sein, da ihr ihn dann nicht näher besehen könntet, – und so genüge euch zu wissen, daß dieser Ball die Sonne darstellt.

[GEJ.10_015,03] Seht, dieser diesen Ball umfließende Lichtschimmer ist dieses Weltkörpers eigentümliche Atmosphäre, die ihn nach allen Richtungen hin umgibt! Bei der wirklichen Sonne, die im ganzen bei tausendmal tausend Male größer ist als diese Erde, ist dieser Lichtschimmer um sehr vieles stärker. Gebet aber nun wohl acht, ich werde diese Lichthülle auf einige Augenblicke lang auseinanderteilen, auf daß ihr ersehen möget, wie der eigentliche feste Sonnenkörper aussieht, und auch merken, daß dieser Weltkörper noch für gar viele andere Zwecke vom Herrn aus erschaffen wurde denn nur für den, die andern Weltkörper zu erleuchten und zu erwärmen!"

[GEJ.10_015,04] Hierauf traten die drei näher zum Ball an die Stelle hin, wo er enthüllt war, betrachteten ihn mit großer Aufmerksamkeit, und Raphael ließ es an leicht begreiflichen Erklärungen nicht fehlen.

[GEJ.10_015,05] Als die drei in der kurzen Zeit von kaum einer Viertelstunde von der Sonne, ihrer Einrichtung, ihrer Bewohnbarkeit und von ihrer Tätigkeit, Wirkung und ihrem Verhältnis zu den andern Planeten, deren entsprechende Einrichtung sie in gewissen Gürteln wiederfanden, eine ganz richtige Übersicht als wohlbegriffen überkommen hatten, da sagte Raphael: „Nun gebet ganz besonders wohl acht; denn nun kommt für euch Römer die eigentliche Hauptsache! So ihr diese einsehen werdet, dann erst werdet ihr auch von dem Wahnglauben völlig befreit werden, demnach ihr meinet, daß die Erde im Zentrum steht und alles, die Sonne, der Mond und alle die Sterne sich um die Erde bewegen und alle Tage durch ihr Meer, das nach eurer Meinung von einem Ende des Himmels bis zum andern reicht, die Reise machen müssen.

[GEJ.10_015,06] Da ist unser Sonnenball, und seht, ich werde nun alle euch nun bekannten Planeten in den richtigen verhältnismäßigen Größen und Entfernungen in einer geraden Linie zuerst außerhalb des Sonnenballs hinstellen!"

[GEJ.10_015,07] Auf das erschauten die Römer zuerst in einer gewissen verhältnismäßigen Entfernung und Größe den Merkur, dann die Venus, so die Erde, und nach und nach die andern Planeten, und sie mußten natürlich eine hübsch weite Strecke längs dem ebenen Seeufer hinwandern, bis sie an den Saturn kamen. Außerdem bemerkten sie noch in einer viel weiteren Entfernung ein paar planetenartige Lichtpunkte, und sie fragten Raphael, was diese zu bedeuten hätten.

[GEJ.10_015,08] Und Raphael sagte: „Ich habe es euch ja schon gleich im Anfange gesagt, daß es außer den euch namentlich bekannten Planeten noch welche gibt. Allein diese gehen euch nun noch nichts an; in den späteren Zeiten werden sie von gewissen weisen Menschen schon auch noch entdeckt und näher beschrieben werden.

[GEJ.10_015,09] Ihr sehet ja zwischen dem Mars und Jupiter auch eine Menge Lichtpunkte planetarischer Art. Auch diese gehen euch jetzt noch nichts an; mit der Zeit werden auch diese und vieles andere von den gewissen weisen Menschen entdeckt und näher beschrieben werden. So ihr späterhin auch darüber schon eine nähere Kunde haben wollt, so besprechet euch mit den Jüngern des Herrn; denn diese sind in alle Geheimnisse des sichtbaren Sternenhimmels eingeweiht. Auch zu Kis beim großen Mautpächter Kisjona, der nun hier anwesend ist, werdet ihr einen Griechen, namens Philopold, der nun auch hier ist, leicht finden, der nebst einigen hochgestellten Römern sogar in Rom in alles das eingeweiht ist; von dem könnet ihr vieles lernen.

[GEJ.10_015,10] Aber nun lassen wir das und kehren zu unserem Sonnenball zurück, auf daß ich euch noch die Bewegungen der verschiedenen Planeten um die Sonne zeige!"

[GEJ.10_015,11] Hier kehrten die drei mit Raphael wieder zum Sonnenball zurück.

[GEJ.10_015,12] Raphael stellte ihn so hoch in die Luft, daß alle Planeten um ihn bahnen konnten; er war nebst allen Planeten noch wohl ersichtlich, und die Planeten kreisten um ihn in entsprechenden Verhältnissen, wennschon in kurzer Zeit. Aber Raphael teilte auch die kurze Zeit von einer Stunde so gut ein, daß zum Beispiel der Saturn nur eben eine Stunde zu seiner vollen Umlaufszeit benötigte, und alle die näheren Planeten bewegten sich in genau mathematisch verhältnismäßig kürzeren Zeiträumen, und so auch die Monde um die sie mit sich führenden größeren Planeten, was für die drei Römer ein über die Maßen staunenerregendes Schauspiel abgab, und das um so mehr, weil Raphael ihnen alle diese Bewegungen gründlich und sehr begreiflich erklärte.

[GEJ.10_015,13] Als der Saturn nach einer Stunde Zeit wieder an die Stelle kam, an der er sich zu bewegen angefangen hatte, da ließ Raphael alles wieder verschwinden und sagte: „Nun bedürfen wir der Beispiele nicht mehr, da sie ihren guten Dienst an euch beendet haben! So ihr diese Sache nun vom wahren Grunde aus wohl versteht und es auch einsehet, daß es nur also und nicht anders sein kann, so wollen wir nun wieder in das Haus des biederen Ebal zurückkehren!"

[GEJ.10_015,14] Die Römer waren damit zufrieden und gingen nun voll Freuden mit Raphael ins Haus des Ebal, allwo sie uns alle ganz frohen Mutes am Tische beim Nachtmahl antrafen.

[GEJ.10_015,15] Ihr erstes war, Mir für alles das, was sie nun in einer so kurzen Zeit durch den wunderbaren Jüngling gelernt hatten, zu danken.

[GEJ.10_015,16] Und Ich sagte zu ihnen: „Nun setzet euch denn auch zu uns, und esset und trinket, und stärket euch, – dann erst wollen wir wieder miteinander reden!"

[GEJ.10_015,17] Das taten die drei denn auch alsbald und stärkten sich nun mit Fischen, Brot und Wein.

 

16. Kapitel

[GEJ.10_016,01] Als wir alle uns leiblich gestärkt hatten, da erkundigte sich der Hauptmann nach Kisjona und Philopold.

[GEJ.10_016,02] Und Ich sagte zu ihm: „Siehe die Männer hier zu Meiner Rechten; der erste ist Kisjona und der zweite ist Philopold! Du wirst noch oft Gelegenheit haben, mit ihnen zu reden; da Ich aber gar wohl weiß, über was alles du nun mit Philopold sprechen möchtest – wozu aber jetzt die rechte Gelegenheit und Zeit nicht vorhanden ist –, so wolle du dein Vorhaben auf eine andere Zeit verlegen! Für heute hast du gar vieles zur Vertilgung des alten heidnischen Aberglaubens gesehen und gelernt; denke nun nur darüber nach, auf daß es bleibe in deinem Gedächtnisse und in deinem Herzen und du es nicht wieder verlierst, so du in deine Weltdinge und -geschäfte bald wieder zurückkehrst!

[GEJ.10_016,03] Was du und deine Gefährten nun kennengelernt habt, das kannten auch die Menschen in den alten Zeiten; aber als ihre Nachkommen sich stets mehr mit den Dingen dieser Welt zu beschäftigen anfingen und stolz und herrschsüchtig wurden, da vergaßen sie auch bald der alten Weisheit, achteten ihrer nicht und meinten, daß derlei zu wissen zur Fristung des Lebens nicht nötig sei. Es genüge, so nur gewisse Weise Kunde davon hätten; das Volk solle dafür nur auf seine Herden und auf seine Äcker, Gärten und Wiesen und Tierjagden sehen und sich nicht mit den Dingen am Himmel beschäftigen. Und siehe, dadurch ward das Volk samt seinen Lenkern nicht nur in diesen, sondern auch in andern Dingen dumm, blind und am Ende voll des finstersten Aberglaubens, wie es jetzt noch ist und sich vor der Wahrheit scheut und vor ihrem Lichte flieht!

[GEJ.10_016,04] Man kann bei aller Weisheit auch Sorge tragen um das, was der Mensch für seinen Leib benötigt; aber um das, was die Seele betrifft und den Geist des Lebens in ihr, soll ein jeder Mensch sich vor allem sorgen und kümmern; denn des Essens, Trinkens und des Hochtuns wegen ist kein Mensch in diese Welt gesetzt worden, sondern daß er lebe nach der in ihm von Gott treu geoffenbarten Ordnung nur für den alleinigen Zweck, den ihm Gott gestellt hat.

[GEJ.10_016,05] Wenn du denn nun hier wieder zur lange verlorenen Wahrheit in den Dingen des Himmels gelangt bist, so verdaue in deiner Seele das Überkommene; bist du in dem stark geworden, dann kannst du dich bei Philopold um etwas Weiteres bekümmern!"

[GEJ.10_016,06] Sagte der Hauptmann: „Ja, Herr und Meister, Du hast in allen Dingen recht; ich sehe es nun schon ein, ein wie vieles und Großes ich durch Deine Gnade von dem wundersamen Jünglinge in den Dingen des sichtbaren Himmels überkommen habe! Habe ich alles das in mir erst völlig geordnet und mir das auch durch Zeichnungen, die ich gut zu machen verstehe, für andere zum Unterricht entworfen, dann erst werde ich mich um ein Weiteres bekümmern."

[GEJ.10_016,07] Sagte Ich: „Da hast du recht; doch das beste ist, vor allem das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit durch das Leben und Handeln nach Meiner Lehre in sich zu suchen. Wer das in sich gefunden hat, dem wird auch alles andere als eine freie Zugabe treulich werden; denn der Geist im Menschen ist aus Gott, und ist der im Menschen Herr geworden, so lehrt er die Seele in einer Stunde ein um gar vieles mehr, als du auf dieser Erde von noch so weisen Lehrern in tausend Jahren erlernen könntest.

[GEJ.10_016,08] Mein Raphael, der ein ganz reiner Geist ist – was du Mir glauben und es dir wohl merken kannst –, hat es euch dreien gezeigt, in einer wie kurzen Zeit er euch über Dinge belehrt hat, welche die Menschen mit all ihrem Scharfsinn und mit allem Eifer ihres Suchens, Forschens und Denkens in mehr denn tausend Jahren in dieser Reinheit und Wahrheit nicht erkennen werden. Also kann eine Seele von einem Geiste in einem Augenblick endlos mehr erlernen, als die Menschen unter sich mit ihrem natürlichen Verstande. Dieses beachte auch, und handle danach!"

[GEJ.10_016,09] Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, die Grundsätze Deiner Lehre sind mir wohlbekannt, daß man erstens an Dich glaube und in Dir auch den einen, allein wahren Gott erkenne, daß man dann auch den erkannten Gott als das beste und vollkommenste ewige Wesen über alles liebe und seinen Nebenmenschen wie sich selbst, und daß man auch die Gebote Mosis beachte und halte.

[GEJ.10_016,10] Nun, was Deine Anforderung betrifft, so wäre ihr leicht nachzukommen; aber Moses hat eine Menge Gesetze, Vorschriften und Verordnungen gegeben, die erstens schwer zu merken, zu verstehen und so denn auch sicher schwer zu beachten und zu halten sind.

[GEJ.10_016,11] Muß ein jeder Mensch, der in sich Deinen Geist zur vollen Herrschaft bringen will und also überkommen in sich Dein Reich und dessen volle Gerechtigkeit, auch alle die Gesetze, Vorschriften und Verordnungen halten und treu beachten?"

[GEJ.10_016,12] Sagte Ich: „So du in Mir den einen, allein wahren Gott erkennst, an Ihn glaubst und Ihn in der Tat über alles liebst und deinen Nebenmenschen wie dich selbst, so erfüllst du damit auch alles, was Moses und alle Propheten gelehrt haben; denn sie sagen mit ihren vielen Worten in bezug auf die Pflichten der Menschen gegen Gott und unter sich nichts anderes, als was Ich dir in den wenigen Worten gesagt habe.

[GEJ.10_016,13] Aber da heißt es dann, als ein römischer Hauptmann bei irgend unschuldigen Vergehen eines Ebal gegen deine blindeifrigen Verordnungen nicht gleich eigenmächtig eine solche Strafsumme Goldes und Silbers fordern, die mit Ausnahme Jerusalems und des Tempels beinahe ganz Palästina, Samaria und Galiläa nicht aufzubringen imstande wären; denn in solch einem Verlangen läge kein Fünklein von einer Nächstenliebe und einer Gerechtigkeit des Reiches Gottes im Menschen, weil in solch einem Verlangen nicht einmal ein Funke eures römischen Rechtes herausschaut und es dir das Zeugnis gab, daß du in seinen Grundsätzen schlecht bewandert bist!

[GEJ.10_016,14] So du nach Meiner Lehre leben und handeln willst, so mußt du deine eigenmächtig scharfen Verordnungen für die Zukunft auch gewaltig ändern; denn bei solchen deinen Verordnungen wärest du noch sehr weit entfernt von der wahren Nächstenliebe und somit vom Reiche Gottes, in das dich die nunmalige Kenntnis der Erde, des Mondes, der Sonne und der andern Planeten allein nicht erheben würde. Denn alles, was der große sichtbare Raum deinen Fleischesaugen zur Beschauung darstellt, hat erst dann auch fürs Reich Gottes im Menschen einen Wert, wenn es von ihm aus betrachtet und geistig beleuchtet wird. An und für sich aber hat es als Materie keinen Wert für den ganzen Menschen, sondern nur einen höchst flüchtigen und vergänglichen für den Leib. – Das, Mein Freund, auch zu deiner Danachachtung!"

[GEJ.10_016,15] Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, ich danke Dir auch für diesen überaus wahren und guten Rat, den ich sicher auch befolgen werde, insoweit es mir nur immer möglich sein wird! Ich werde dem Äußeren nach der Ordnung wegen strenge scheinen müssen, – doch in meinem Herzen wird es anders aussehen, und das wird vor Dir, o Herr und Meister, ja doch nicht gefehlt sein?"

[GEJ.10_016,16] Sagte Ich: „O mitnichten, aber nur nach dem ordentlichen Gesetze Roms, das sehr viele Milderungen bei gewissen kleinen Vergehen aufzuweisen hat! Ein sanfter Richter in dieser Welt wird in der andern auch von Mir sanft gerichtet werden, und der Barmherzige wird auch bei Mir Barmherzigkeit finden. Kurz, mit welchem Maße du ausmessen wirst, mit demselben Maße wird es dir wieder eingemessen werden!"

[GEJ.10_016,17] Der Hauptmann merkte sich das, und Ich sagte nun zu allen Anwesenden: „Mit dem ist nun ein schweres Stück Arbeit, auf die Ich euch ehedem noch unter dem Mittagsmahle aufmerksam gemacht habe, gut beendet, und wir zählen drei neue Jünger. Da es nun aber schon ziemlich spät in die Nacht hinein gekommen ist, so wollen wir unseren Gliedern auch wieder die nötige Ruhe gönnen!"

[GEJ.10_016,18] Hierauf erhob Ich Mich mit etlichen Jüngern und begab Mich in ein anderes Gemach zur Ruhe, und so die Maria mit der Jahra; die andern aber blieben noch und besprachen sich von Mir, Meinen Lehren und Taten.

 

17. Kapitel

[GEJ.10_017,01] Die Gesellschaft, von der sich auch unser Ebal, Kisjona und Philopold nicht getrennt hatten, blieb samt dem auch unter ihr gegenwärtig gebliebenen Raphael nahe bis zum Morgen am Tische, und Mein Jakobus der Größere machte den Hauptredner, da er Mich schon von der Geburt an wohl kannte und am meisten stets um Mich war. Raphael aber erklärte dann wieder, was den andern irgend rätselhaft vorkam.

[GEJ.10_017,02] Gegen Morgen hin fragte der Hauptmann den Raphael, sagend: „Da wir nun schon so viel Herrliches und Größtwunderbares aus deinem Munde vernommen haben, so wolle nur für uns drei Römer gütigst noch ein wenig erklären, was du für ein eigentliches Wesen bist, und was das für ein Stoff war, aus dem du für uns die Dinge des sichtbaren Himmels so überherrlich mit all dem, was unzählbar auf ihnen sich befindet, formuliert (gebildet) hast!

[GEJ.10_017,03] Sagte Raphael: „Fürs erste bin ich allem nach ein Mensch wie du, nur mit dem freilich bedeutenden Unterschied, daß ich nun diesen dir sichtbaren Leib in mein rein geistiges Wesen umwandeln kann, und daß ich als ein Mensch mit Fleisch und Blut schon vor nahe viertausend Jahren, noch vor der Noachischen Sündflut, treu Gott dem Herrn ergeben auf dieser Erde viele Jahre hindurch gelebt und gehandelt habe.

[GEJ.10_017,04] Nun aber bin ich ein Bürger der Himmel Gottes und Sein Diener und Knecht für ewig. Meine Macht ist Gottes Macht; daher vermag ich denn auch alles, was der Geist in mir will. So du nun das weißt, so wirst du auch wissen, aus welchem Stoffe ich die Dinge des sichtbaren Himmels vor euch formuliert (geformt) habe.

[GEJ.10_017,05] Es gibt keinen andern Stoff in der ganzen Unendlichkeit als den Willen Gottes. Alles, was du siehst, vernimmst, fühlst und durch irgendeinen Sinn wahrnimmst, sind Gedanken Gottes, und so Er will, so sind sie auch schon wesenhaft da.

[GEJ.10_017,06] Was aber Gott als dem urewigen Geist als in Ihm und durch Ihn möglich ist, das ist dem Geiste Gottes auch im Menschen möglich. Denn Gott Selbst in Sich ist die reinste Liebe, also in Sich auch das reinste Lebensfeuer, dadurch auch das reinste und hellste Licht und somit in Sich die höchste Weisheit und dadurch auch die höchste allwirkende Macht und Kraft.

[GEJ.10_017,07] Dieser höchsten Macht und Kraft weiseste Ordnung ist das ewige Gesetz, nach dem sich alle Dinge zu richten haben. Dieses Gesetz herrscht auch über den Leib des Menschen; der Seele aber ist ein freier Wille gegeben, und das Gesetz ist ihr geoffenbart, auf daß sie es aufnehme in sich und ihren Willen danach richte, lebe und handle und dadurch zur vollen Gottähnlichkeit gelange, wozu sie bestimmt ist.

[GEJ.10_017,08] Der Seele aber ist in dieser Bildungswelt nur ein kleinster Teil aus dem göttlichen Ordnungsgesetz zur Beachtung anvertraut; wird sie in diesem kleinen Teil treu sein, so wird sie dann auch über Großes gesetzt werden, – aber eher nicht, als bis sie es in der Beachtung des kleinen, ihr geoffenbarten Ordnungsgesetzteiles zu einer wie völlig eigens angeborenen größten Fertigkeit gebracht hat. Denn ohne dem kann sie in sich ja auch nicht zu dem inneren Bewußtsein ihrer freien Selbständigkeit und sonach auch nicht zur lebendigen Wahrnehmung dessen gelangen, was alles der göttliche Wille in ihr und durch sie vermag.

[GEJ.10_017,09] Was ich, als auch nur ein Mensch, durch die volle Macht des göttlichen Willens vermag, davon brauche ich dir wohl keine weiteren Beweise zu geben. Wirst du es in der Befolgung des göttlichen Willens, den du hier vollkommen kennengelernt hast, und auch in allen dich weltlich lustreizenden Dingen zu einer vollkommen selbstverleugnenden, großen Fertigkeit bringen, so wirst du in dir selbst schon auch gewahr werden, zu welch einer Macht deine Seele gelangt ist.

[GEJ.10_017,10] Die Übung in allem aber macht erst den Meister; durch eine zu geringe Übung aber bleibt der Mensch ein ewiger Stümper und kann zu nichts Großem und Außerordentlichem verwendet werden. Oder kannst und wirst du als ein römischer, in der Kriegführungswissenschaft durch und durch bewanderter Hauptmann einem Menschen eher ein wichtiges Amt anvertrauen, als du dich von allen seinen zu dem Amte erforderlichen Kenntnissen überzeugt hast?

[GEJ.10_017,11] Gott braucht Sich beim Menschen nicht durch allerlei Proben und Prüfungen zu überzeugen, ob er eines großen und wichtigen Amtes wohl auch schon fähig ist; denn Er weiß es allzeit am klarsten, wie weit es eine Seele in der inneren Lebensvollendung gebracht hat. Aber die Seele prüfe sich selbst, inwieweit sie in aller Selbstverleugnung, was die Lustreizdinge dieser Welt betrifft, vorgedrungen ist, und inwieweit sie vollends eins mit dem erwählten und tatsächlich befolgten Willen Gottes geworden ist, ob in ihr noch etwas Stümperhaftes oder wohl schon recht Meisterhaftes sich regt, – und Gott der Herr wird nicht säumen, in ihr Seines Willens Macht offenkundig werden zu lassen.

[GEJ.10_017,12] Sieh an mehrere der Jünger des Herrn! So sie aus dem in ihnen schon sehr mächtig gewordenen Willen des Herrn etwas wirken wollten, da würde einer oder der andere auch etwas zu bewirken imstande sein, was dir sicher nicht minder wunderbar vorkäme als das, was ich vor euch gewirkt habe; aber ihre rechte Liebe zum Herrn und ihre wahre Demut vor Ihm sagt ihnen: ,Oh, wie gar nichts sind wir als schwache Jünger noch vor Dir!‘ Und daher warten sie noch, bis ihnen der Herr sagen wird: ,Nun gehet hinaus in alle Welt, und lehret allen Menschen Meinen Willen, und wirket in Meinem Namen!‘ Dann werden sie auch, wo es not tun wird, dieselben Zeichen wirken, die nun der Herr Selbst wirkt und auch ich zeitweilig durch des Herrn Willen in mir.

[GEJ.10_017,13] Die Macht des göttlichen Willens aber wird dem Menschen nicht etwa wie einem Kinde die Milch eingegossen, sondern er muß sie selbst durch seine eigene Willenskraft, die bei jedem Menschen völlig frei ist, wie mit Gewalt an sich ziehen.

[GEJ.10_017,14] Daß die Sache sich aber also und nicht anders verhält, ist ja leicht aus dem ersichtlich, daß der Herr, dem doch alle Dinge möglich sind, Seine Jünger Selbst gleichfort lehrt und zieht und ihnen zeigt, was sie zu tun haben, um sich Seines Willens als dann ihnen für ewig zu eigen angehörig zu machen.

[GEJ.10_017,15] Was aber die eigens vom Herrn erwählten Jünger zu tun haben, um in sich zur vollen Gottähnlichkeit zu gelangen, das hat denn auch ein jeder andere Mensch zu tun, so er zu der Macht des göttlichen Willens in seiner Seele gelangen will.

[GEJ.10_017,16] Ich habe dir nun ganz klar gezeigt, aus welchem Stoff ich euch die Dinge des sichtbaren Himmels geformt habe; ihr aber sehet nun, daß auch ihr mit der Zeit das werdet, was ich nun bin. Das Wie habe ich euch auch gezeigt. – Und nun möget auch ihr euch noch zu einer kurzdauernden Leibesruhe begeben; denn der Morgen wird nicht lange mehr auf sich warten lassen!"

[GEJ.10_017,17] Nach diesen Worten Raphaels erhoben sich die drei Römer, dankten dem Raphael für diese Belehrung und gingen voll guter Vorsätze nach Hause, wo sie auch alles in der gewünschten Ordnung antrafen; doch alle drei ruhten wenig, da sie im Geiste ihres natürlichen Verstandes noch zu beschäftigt waren und nicht wußten, wie sie es anstellen sollten, um ihr weltliches Amt mit dem zu vereinen, was sie von Mir und auch von Raphael als Meinen Willen vernommen hatten.

[GEJ.10_017,18] Unter manchem Hin- und Herreden brach der volle Morgen an, und der Hauptmann mußte den Kriegsknechten für diesen Tag Befehle erteilen. Die Kriegsknechte aber verwunderten sich heimlich, daß der sonst so überstrenge Hauptmann an diesem Tage nur ganz sanfte und menschenfreundliche Befehle erteilte, und sie meinten, daß da etwas ganz Besonderes vorgefallen sein müsse. Aber sie ließen weislich ja nicht merken, als wäre ihnen des Hauptmanns Sanftmut aufgefallen; denn ihnen war ein leichter Dienst ja auch lieber als ein schwerer.

 

18. Kapitel

[GEJ.10_018,01] Am vollen Morgen, noch etwas vor dem Aufgange, war Ich mit einigen Jüngern schon im Freien, und auch Raphael war bei uns. Bald darauf kamen auch alle andern nach; und auch die drei Römer ließen nicht lange auf sich warten.

[GEJ.10_018,02] Wir befanden uns am Ufer des Sees und sahen dem Spiel der Wogen zu, und die Jünger wuschen mit dem reinen Wasser ihre Füße und Hände. Die drei Römer hätten schon gern um eines und das andere gefragt und hatten sich darum auch gleich in Meine und des Raphaels Nähe begeben.

[GEJ.10_018,03] Ich aber sagte zu ihnen: „Der Tag hat nun noch seine vollen zehn Stunden, und in dieser Zeit wird sich noch so manche Frage beantworten lassen; aber nun wollen wir in Ruhe den Morgen genießen!"

[GEJ.10_018,04] Mit dem waren die drei zufrieden und wuschen ihre Angesichter mit dem Wasser des Sees, damit sie ihre Augen, denen der nächtliche Schlaf ein wenig abging, wieder auffrischten und stärkten.

[GEJ.10_018,05] Wir verblieben so in voller Ruhe bei einer Stunde lang knapp am Ufer des Sees und begaben uns dann auf eine kleine Anhöhe, die sich gen Mittag hin über den Wasserspiegel erhob. Von dieser Anhöhe aus hatte man eine schöne Aussicht gen Westen hin, und am Ufer, das hier mit vielem Schilf und Röhricht eine ziemlich weite Strecke hin bewachsen war, ersah man einige Wasservögel, die sich aus dem Wasser ihr Morgenmahl suchten und dasselbe auch gierig verzehrten.

[GEJ.10_018,06] Hier konnte unser Hauptmann nicht mehr schweigen, trat rasch zu Raphael hin und sagte: „Höre, du weiser und mächtiger Bürger einer bessern Welt, als diese Erde es ist! Ich bin sonst mit der oft sehr herrlichen Einrichtung eben dieser unserer Erde in bezug auf ihre gestaltlichen und ihre pflanzlichen Ordnungsverhältnisse sehr zufrieden; allein was da die Tiere betrifft in ihren wechselseitigen Lebens- und Tätigkeitsverhältnissen – durchaus nicht.

[GEJ.10_018,07] Für alle Pflanzen und Gewächse ist gesorgt, daß sie sich ihre Nahrung aus dem Erdreich, aus dem Wasser, aus der Luft und aus der Wärme des Sonnenlichtes nehmen und so ganz vortrefflich gedeihen; nur die Tiere und zum großen Teil auch wir Menschen sind angewiesen, der Ernährung des Leibes wegen Tiere zu fangen, zu töten und ihr Fleisch zu genießen.

[GEJ.10_018,08] Und siehe, das verwildert offenbar stets des Menschen Herz und Gemüt, was ich nur zu oft in Rom bei den oft sehr argen Stiergefechten und andern Kämpfen der wilden, reißenden Tiere in den gewissen eigens dazu erbauten und eingerichteten Zwingern beobachtet habe; denn man unterhält ja solche Tierkämpfe in Rom und auch in vielen andern Orten, um besonders bei den Soldaten und bei den Bürgern den kriegs- und mutvollen Kampfsinn stets von neuem anzufachen und zu erhalten.

[GEJ.10_018,09] Und von wem haben die Menschen das wilde Wesen des Krieges, bei dem von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten keine Spur anzutreffen ist, gelernt?

[GEJ.10_018,10] Da, hier sieh hinab ins Wasser! Was haben die armen Fischlein denn verbrochen, daß sie von diesen gefräßigen Wasservögeln oft zu vielen Tausenden aus dem Wasser gefangen und verzehrt werden? Könnten denn all die zahllos verschiedenen Tiergattungen in der Luft, auf der Erde und im Wasser sich nicht sämtlich gleich den zahmen Haustieren von den ebenso zahllos verschiedenen Pflanzenarten ernähren? Müssen denn allerart fleischfressende Raubtiere sich unter den Herden der sanften Tiere ihre Nahrung suchen und dadurch die Menschen zum wilden Kampf auffordern durch ihre von der Macht Gottes ihnen eingepflanzte Grausamkeit?!

[GEJ.10_018,11] Der Mensch mußte künstliche Waffen erfinden, um gegen die reißenden Bestien kämpfen zu können. Er lernte dabei wohl zu kämpfen, zu töten und zu siegen; hat er aber dabei für die von Gott ihm anbefohlene Veredlung seines Herzens und seines Gemütes wohl etwas gewonnen?

[GEJ.10_018,12] Und siehe, ich habe über diesen Gegenstand sehr oft nachgedacht und habe noch von keinem weisen Menschen eine nur so halbwegs befriedigende Lösung über dieses wahre Sphinxrätsel erhalten können! Überall hieß es: ,Die weisesten Götter werden es schon wissen, warum sie das alles also zugelassen haben!‘

[GEJ.10_018,13] Ja, das ist ganz sicher; aber haben die Menschen dabei für ihr Herz und Gemüt wohl etwas gewonnen? Ja, zu jagen, zu kämpfen und Krieg zu führen haben sie wohl gewonnen, dann Gesetze zu geben, zu herrschen und gleich einer Hyäne oft grausam zu sein durch ihre Gerichte gegen jene Menschen, die sich gegen ihre Gesetze versündigten; aber sonst ist aus der Erlernung zu kämpfen, zuerst mit den wilden Tieren und bald darauf auch unter sich, wahrlich nicht viel Gutes zum Vorschein gekommen.

[GEJ.10_018,14] Du bist weise und mächtig aus dem Geiste Gottes in dir; gib mir denn auch eine rechte Belehrung in dieser mich auch sehr wichtig dünkenden Richtung!"

 

19. Kapitel

[GEJ.10_019,01] Sagte Raphael: „Du hast mir da wohl eine recht wichtige Frage gegeben, und ich könnte sie dir auch sicher bestens beantworten; aber du bist in die Sphäre des rein Geistigen viel zuwenig tief eingedrungen und würdest in dieser Richtung die volle Wahrheit nicht fassen.

[GEJ.10_019,02] Ich gebe dir aber die Versicherung, daß erstens auch in dieser Richtung die Jünger des Herrn schon lange völlig aufgeklärt sind, wie nebst ihnen auch viele andere Menschen, als Juden und Heiden, und daß zweitens auch du noch in dieser Richtung zu einer hellen Anschauung geführt werden wirst. Es werden sich aber heute schon noch Gelegenheiten ergeben, bei denen du auch in dieser Richtung die Liebe und Weisheit des Herrn wirst loben und preisen können.

[GEJ.10_019,03] Glaube es mir, daß der Herr eben darum Sich auf diese kleine Anhöhe begeben hat, auf daß du beim Anblick der die kleinen Fischlein verzehrenden Wasservögel mit deinen alten Bedenken über die Liebe, Güte und Weisheit eines wahren Gottwesens zum Vorschein kommen solltest! Du bist damit zum Vorschein gekommen, wie auch ich das schon lange zum voraus gewußt habe, und es wird dir denn auch schon zur rechten Zeit in dieser Richtung ein rechtes Licht erteilt werden.

[GEJ.10_019,04] Freund, das Leben ist in sich selbst ein Kampf! Wer kann aber als ein guter und frommer Mensch in das höchste und freieste Geistleben übergehen, so er nicht zuvor um dasselbe mit allem Ernste gekämpft hat? Von wem aber soll der Mensch sonst kämpfen lernen – als von den ihn von allen Seiten umgebenden Gefahren? Und diese sind auf dieser Erde vom Herrn eben darum gestellt und zugelassen, auf daß der Mensch sie erkenne und gegen sie den Kampf führe, und das so lange, bis er sie besiege. Doch nun genug von dem; nach dem Morgenmahle ein Weiteres davon!"

[GEJ.10_019,05] Als unser Raphael solches ausgeredet hatte, da kam auch schon ein Bote und kündigte uns das bereitete Morgenmahl an, worauf wir unsere kleine Anhöhe verließen und uns ins Haus Ebals begaben und das Morgenmahl einnahmen.

[GEJ.10_019,06] Nach dem Morgenmahl begaben wir uns gleich wieder ins Freie, doch auf eine andere, größere Anhöhe, von der aus man nicht nur die Bucht von Genezareth, sondern auch einen großen Teil des Galiläischen Meeres übersehen konnte. Auf dieser Anhöhe hatten die Römer eine Art Feste, um von da aus alles übersehen zu können, was sich auf dem Meere und in der nicht unbedeutenden Bucht von Genezareth bewegte und als etwas Fremdes sehen ließ, aus welchem Grunde auf dieser Anhöhe auch immer römische Wachen aufgestellt waren und nicht leichtlich jemanden diesen Punkt besuchen ließen, außer es war der Hauptmann selbst oder ein anderer zu befehlen habender Unterdiener bei der diese Anhöhe besuchen wollenden Gesellschaft als Führer zugegen.

[GEJ.10_019,07] Da nun der Hauptmann selbst nebst seinen zwei Unterbefehlsdienern bei uns war, so hatten wir denn auch nicht den allergeringsten Anstand, von dieser schönen Anhöhe Gebrauch zu machen.

[GEJ.10_019,08] Es waren da mehrere offene Zelte, mit Bänken wohlversehen, angebracht, die uns der Hauptmann sogleich zur Benutzung einräumte und auch noch ein paar neue Zelte für unseren Gebrauch herrichten ließ.

[GEJ.10_019,09] Als wir uns in den Zelten gelagert hatten, da herrschte eine Zeitlang Ruhe, und alle betrachteten die Szenen am Meere und in der Bucht.

[GEJ.10_019,10] Auf einmal ersah der Hauptmann mehrere große Adler vom höheren Gebirge herab den Niederungen der Ufer des Meeres zufliegen und sagte: „Da kommen von der Höhe herab schon wieder beinahe um dieselbe Zeit, wie sonst immer, etliche ungeladene Gäste, um sich an den Gestaden des Meeres ein ihnen wohlschmeckendes Morgenmahl zu holen!

[GEJ.10_019,11] Die Wasservögel sind zwar auch Raubtiere, die sich von Fischen und allerlei andern Wassertieren ernähren; aber sie sind dabei für unser Gemüt doch sanfteren Aussehens, und ihr Rauben und Morden der unschuldigen Wassertiere macht auf unser Herz und dessen Gefühl keinen so störenden Eindruck, als wenn ein so mächtiger Adler auf einen der vielen Wasservögel aus der Höhe gleich einem Pfeil niederschießt, ihn mit seinen Krallen faßt und ihn dann in die Höhe auf irgendeinen Felsen trägt, dort zerreißt und sein Fleisch verzehrt!"

[GEJ.10_019,12] Als der Hauptmann noch also seine humanen Betrachtungen machte, da stürzte schon ein Adler in ein Röhricht am Ufer des Meeres nieder und holte sich eine mit Fischen gesättigte große Kropfgans, die natürlich in der Luft, von den scharfen Krallen des Adlers festgehalten, viel Spektakel machte.

[GEJ.10_019,13] Und es dauerte gar nicht lange, so folgten auch die andern Adler dem Beispiel des ersten nach, was den Römer so in einen ordentlichen Zorn versetzte, daß er zu Mir hintrat und sagte: „O Herr und Meister, hast Du es nicht gesehen oder nicht verhindern wollen, daß die gefräßigen Raubvögel sich an den viel sanfteren Wasservögeln auf eine alles bessere Menschengefühl empörendste Weise vergriffen? Sollen derlei täglich in der Naturwelt zu öfteren Malen vorkommende grauenerregenden Szenen wohl dazu beitragen, das Menschenherz zu sänften und es zur tätigen Nächstenliebe und Barmherzigkeit anzueifern?

[GEJ.10_019,14] Nein, da bleibe ich bei meinem alten Grundsatze, wie ich solchen aus dem Munde eines alten griechischen Weisen vor etlichen Jahren in Alexandria vernommen habe: ,Die ganze Erde ist ein Raubnest und ein Jammertal für den edlen Menschen; denn alles, was er ansieht und was ihm immer vorkommen mag, ist mit dem ewigen Fluche der Götter belastet. Nichts als ein fortwährendes Entstehen und In- ein-elendes-flüchtiges-Dasein-Treten; ein grausamer Tod ist die stete Folge des Werdens! Und doch soll der am meisten durch sein Dasein gequälte Mensch ein völlig gutes, edles, humanes Leben führen und die stets fluchenden Götter ehren? Wie kann er aber das, so er um sich nichts als ein grausamstes Wüten der gesamten Natur erschaut?! Darum werde auch der Mensch gleich einem Löwen, einem Tiger, einem Adler und räche sich an seinen Nebengeschöpfen – ob Menschen oder Tiere ist gleich – für den auch über ihn ausgegossenen Fluch der Götter; er suche ein König zu werden und genieße das ohnehin kurze Leben den Göttern zum Trotze!‘

[GEJ.10_019,15] Herr und Meister, ich sage nun ja nicht, daß der griechische Weise damit einen rechten und wahren Grundsatz zum Wohle der Menschen ausgesprochen hat, indem ich bei Dir einen ganz andern Lebensgrundsatz gefunden habe, demgemäß ich auch fortan leben und handeln werde; aber sage Du nun Selbst, ob der ganz natürliche Mensch von einer selbst besten Gemütsanlage – wie solche oft bei noch unmündigen Kindern leicht zu entdecken ist, besonders in einem Lande, in dem es von allerlei Raubtieren wimmelt-, mit einer gesunden Vernunft begabt, am Ende infolge seiner Beobachtungen und Erfahrungen zu einem andern Grundsatze fürs Menschenleben auf dieser Erde gelangen kann!

[GEJ.10_019,16] Sehen wir hin in die Länder, in denen es von wilden Raubtieren aller Art und Gattung wimmelt und die Menschen, um von ihnen nicht gefressen zu werden, auf sie in einem fort Jagd machen müssen! Wie sind diese Menschen selbst? Wild wie die sie umgebenden Tiere! Sie rauben und morden, und es ist unter ihnen keine Liebe und noch weniger eine gerechte Barmherzigkeit anzutreffen und keine Lust und Neigung zu einer wohlgeordneten, friedlichen Beschäftigung.

[GEJ.10_019,17] Sehen wir uns dagegen ein Volk an, wie ich eines in Armenien angetroffen habe! In dieses Volkes Lande hatte ein früherer, recht weiser König mit allem Fleiße alle wilden Tiere soviel als möglich ausrotten lassen durch viele und geschickte Jäger – auch der Adler und Geier ward nicht geschont; nur sanfte und nützliche Haustiere durften gehalten werden, und der Ackerbau machte die Hauptbeschäftigung jenes Volkes aus, – und ich sage Dir, o Herr und Meister, ich habe nicht leichtlich auf einem Festlande ein sanfteres und friedlicheres Völklein jemals angetroffen!

[GEJ.10_019,18] Bei Tage und in der Nacht kann man in jenem Lande alle Wege und Straßen bereisen ohne Furcht, von einem wilden Tier und noch weniger von einem räuberischen Menschen angefallen zu werden. In welches oft noch so einfache Haus man einkehrt, man wird allerfreundlichst aufgenommen und mit allem, was es zur menschlichen Notdurft besitzt, mit aller Liebe und Freundlichkeit bedient.

[GEJ.10_019,19] Und wem verdankt dieses erwähnten Landes Volk solch eine ausgezeichnete, gute, liebe und sanfte Gemütsbildung? Jenem weisen Könige, der sein Land von all den wilden Raubtieren zu reinigen verstand.

[GEJ.10_019,20] Dir, o Herr und Meister, wäre es um so leichter möglich, die ganze Erde von allen den wilden Raubtieren zu reinigen, – und die Menschen, die mit keinen Löwen, mit keinen Panthern, Tigern, Hyänen, Bären, Wölfen, Füchsen und noch andern wilden Bestien mehr zu kämpfen hätten, würden bei einigem guten Unterricht bald den oberwähnten Armeniern gleichen!"

 

20. Kapitel

[GEJ.10_020,01] Sagte Ich: „Mein Freund, in der natürlichen Weltansicht hast du freilich wohl ganz recht, und es ließe sich dir da wenig einwenden; aber in der rein seelischen und geistigen Beziehung, die dir bis jetzt noch völlig fremd ist, würdest du von Mir etwas verlangen, was ganz wider alle Ordnung auf dieser Erde ginge.

[GEJ.10_020,02] Siehe, auf einem Weltkörper, auf dem die Menschen die Bestimmung haben, vollendete Gotteskinder zu werden ihrer Seele und ihrem Geiste nach, muß alles also eingerichtet sein, wie es eben auf dieser Erde eingerichtet ist!

[GEJ.10_020,03] Dein Auge sieht und dein Verstand erkennt freilich nichts anderes als Gericht, Verfolgung, Raub, Mord, Tod, Verwesung und die Vergänglichkeit; aber dem ist nicht also, sondern ganz anders, als was du dir in dieser Sphäre einbildest.

[GEJ.10_020,04] Erstens ist die Trägheit als ein unvermeidbares Gerichtsanhängsel der Leibesmaterie für die stets wacher und tätiger werden sollende Seele, wodurch sie allein zur vollen Gleichwerdung des Geistes Gottes in ihr und dadurch zur Gottähnlichkeit gelangen kann, ihr größter Feind, und in je wärmeren Ländern die Menschen ihre Wohnungen aufgerichtet haben, desto mehr sind sie von diesem ersten Seelenfeinde bedroht.

[GEJ.10_020,05] Wären in solchen Ländern nicht allerlei dem Menschen lästige Tiere, und brauchte er nicht um die Nahrung seines Leibes zu sorgen, so würde er sich auch nicht um die Ausbildung der Seelenkräfte sorgen. Er würde bald einem Meerespolypen oder der Wurzel eines Baumes gleichen, die sonst nichts zu tun haben, als durch ihre organomechanische Einrichtung den ihnen entsprechenden Nährstoff aus dem Wasser, aus dem Erdreich und aus der Luft an sich zu saugen.

[GEJ.10_020,06] Siehe, das ist der erste Grund, warum dem Menschen auf dieser Welt allerlei Wecker zur verschiedenartigen Tätigkeit, zuerst des Leibes und daraus dann auch der Seele – was die Hauptsache ist – geschaffen worden sind!

[GEJ.10_020,07] Was aber den zweiten Grund betrifft, so kann diesen ein jeder Denker leicht von selbst finden. Stelle dir die Erde als eine ganz einförmige, große Weltkugel vor! Auf ihrem weitgedehnten Boden kämen nur ganz gleiche Bäche, Seen und Meere vor, keine Berge, außer dem Schafe kein anderes Tier, außer der Henne kein Vogel, und außer nur einer überall ganz gleichen Fischgattung kein anderes Wassertier, imgleichen entwachse dem Boden der Erde nur eine Grasart zur Nahrung des Schafes, ebenso nur eine Fruchtgattung zur Nahrung des Menschen und der Henne, dann auch eine Obstbaumart und eine Baumart zum Bau einer dürftigen Wohnhütte, und also bestehe auch nur eine überall gleiche Steinart, und ebenso auch nur eine Metallart, aus der sich die Menschen ein allernotdürftigstes Werkzeug für ihren Haushalt anfertigen könnten.

[GEJ.10_020,08] Sage es dir selbst, wieweit es auf solch einer Welt die Menschen mit der Erweiterung ihrer Begriffe, Ideen und Phantasien bringen würden und könnten!

[GEJ.10_020,09] Wie höchst mager es dabei mit der höheren und reiner werden sollenden Vernunft und dem Verstande aussehen würde, das brauche ich dir nicht näher darzutun. Ich mache dich aber auf den sehr geringen seelisch-geistigen Bildungsstand jener auf dieser Erde lebenden Menschen aufmerksam, die solche Gegenden der Erde bewohnen, wo es weit und breit keine Berge gibt, nur hie und da ein einförmiges Gras aus dem Boden wächst nebst anderen mageren und verkümmerten Gesträuchen an den Ufern einiger unansehnlichen Bäche und pfützenartigen Seen.

[GEJ.10_020,10] Dir sind derlei Gegenden nicht unbekannt. Wie sieht es aber bei deren Bewohnern mit der Kultur des Geistes aus? Siehe, sie sind zum größten Teile ganz verwildert! Warum denn? Weil sie ob Mangels an der zur höheren Bildung der Seele nötigen, möglichst großen Mannigfaltigkeit der sie umgebenden Nebendinge und Geschöpfe zu keiner Erweiterung ihrer Begriffe, Ideen und für die Bildung der Vernunft und des Verstandes fruchtbaren Phantasie gelangen können.

[GEJ.10_020,11] Sieh dir aber dagegen Menschen an, deren Wohnland mit aller denkbaren Mannigfaltigkeit überreich ausgestattet ist, und du wirst sie auch gebildet finden, wennschon nicht in der Sphäre des innersten Seelen- und Geistlebens, so doch in der Sphäre des äußeren Verstandes, der Vernunft und der Phantasie, was bei einem Menschen doch da sein muß, so er zur höheren Bildung des inneren Seelen- und Geistlebens übergehen will! Denn willst du der herrlichen Aussicht wegen einen Berg besteigen, so muß fürs erste einmal ein Berg da sein, und ist er da, so mußt du beim Ersteigen des Berges dich nicht mit der halben Höhe begnügen – obschon sie dir auch schon eine sehr ausgedehnte Aussicht bietet –, sondern dir darüber hinaus die Mühe nehmen, auch die höchste Spitze zu ersteigen, um von ihr aus auch die vollste Aussicht zu genießen.

[GEJ.10_020,12] So sollen auch die Menschen, deren Vernunft, Verstand und Phantasie einmal eine reichliche Bildung innehaben, sich nicht mit dieser halben Lebenshöhe begnügen, sondern derselben volle Höhe zu erreichen sich bemühen.

[GEJ.10_020,13] Was Ich dir damit sagen will, wirst du wohl verstehen. Und da hast du den zweiten Grund, aus dem Gott diese Erde mit einer derartig großen Mannigfaltigkeit an Dingen, Geschöpfen und Erscheinungen ausgestattet hat, von der du bei aller deiner alexandrinischen Bildung bis jetzt kaum die erste Linie des kleinen Alpha kennst.

 

21. Kapitel

[GEJ.10_021,01] (Der Herr:) „Was aber noch einen dritten Grund, den alle Meine Jünger wohl auch schon kennen, anbelangt, so wirst du ihn in der Folge auch noch genauer kennenlernen, als man ihn dir jetzt für deinen inneren Verstand begreiflich darstellen könnte. Nur so viel kann Ich dir jetzt sagen und andeuten, daß da alles und noch mehr, was diese Erde enthält von ihrem Mittelpunkte an bis weit über ihre höchste Luftregion hinaus, Seelensubstanz ist, doch bis zu einer gewissen Lösezeit in einem mannigfach härter oder milder gerichteten Zustande, darum sie dem fleischlichen Auge des Menschen auf dieser Welt, wie auch seinem Gefühle entweder als ganz tote, härtere oder weichere Materie ersichtlich und fühlbar wird. Dahin gehören einmal alle Steinarten, Mineralien, Erdarten, Wasser, Luft und alle noch ungebundenen Stoffe in ihr.

[GEJ.10_021,02] Dann kommt alles Pflanzenreich im Wasser und auf der Erde samt seinem Übergang ins Tierreich. In diesem Reich erscheint das Gericht schon milder, und die Seelensubstanz befindet sich schon in der Periode der vollkommeneren Löse, als sie es im früheren harten Gerichtszustande war, und die Sonderung und Einzelbildung in Hinsicht der Intelligenzwerdung eben der früher wie chaotisch gemengten Seelensubstanz in diesem zweiten Reiche ist denn darum auch in einer großen Mannigfaltigkeit sich befindend.

[GEJ.10_021,03] Aber die Seelensubstanz, so sie wegen der besonderen Intelligenzbildung im zweiten Reich einer großen Sonderung unterworfen sein mußte, muß im dritten Reich der Tiere, das noch um sehr vieles mannigfaltiger ist, wegen der noch vollendeteren Gewinnung der helleren und freieren Einzelintelligenzen zu einer stets größeren Einigung gebracht werden. Und darum vereinen sich da denn auch zahllose Kleintierseelensubstanzteile von verschiedener Art und Gattung in eine größere Tierseele, wie zum Beispiel in die eines größeren Wurmes oder eines Insektes.

[GEJ.10_021,04] Zahllos viele solche Insektenseelen von eben wieder verschiedener Art und Gattung, so sie ihrer sie bindenden materiellen Hüllen ledig geworden sind, vereinen sich dann wieder in eine Tierseele größerer und vollkommenerer Art, und das also fort bis zu den großen und vollkommenen Tieren teils noch wilder und teils dann sanfter Art; und aus der letzten Einung dieser Tierseelen gehen dann erst die mit allen möglichen Intelligenzbefähigungen wohlversehenen Menschenseelen hervor.

[GEJ.10_021,05] So ein Mensch in diese Welt geboren wird und wegen seiner vollen Freiwerdung noch einen Leib zu tragen bekommt, so ist das höchst weise von Gott schon also eingerichtet, daß er als eine vollständige Seele sich aller der notwendigen Vorzustände in ihren übergänglichen, aber noch immer gesonderten Beständen ebensowenig erinnern kann und mag, wie dein Auge die kleinen Einzeltropfen des Meeres, aus denen es besteht, sehen und unterscheiden kann. Denn wäre einer Menschenseele das gegeben, so würde sie diese Einung aus so endlos verschiedenen Seelensubstanz- und Intelligenzteilen nicht ertragen, sondern sich selbst allerhastigst aufzulösen trachten, gleichwie sich da auflöst ein Wassertropfen auf glühendem Eisen.

[GEJ.10_021,06] Um die Seele des Menschen zu erhalten, muß ihr eben durch die Einrichtung ihres sie einschließenden Leibes jede Rückerinnerung völlig benommen werden bis zur Zeit ihrer vollen inneren Einigung mit ihrem Geiste der Liebe aus Gott; denn dieser Geist ist gleichsam der Kitt, durch den alle die endlos verschiedenen Seelenintelligenzteile zu einem ewig unzerstörbaren Ganzwesen gefestet werden, sich in aller Klarheit durchleuchten, erkennen, begreifen und als ein vollendetes, gottähnliches Wesen Gottes Liebe, Weisheit und Macht loben und preisen."

 

22. Kapitel

[GEJ.10_022,01] (Der Herr:) „Daß aber eine Menschenseele und entsprechend sogar ihr anfangs höchst unbehilflicher Leib also zusammengefügt sind, kann der tiefer denkende und fühlende Mensch aus gar manchen Erscheinungen an sich wenigstens nicht in zu unklaren Linien zu ahnen imstande sein.

[GEJ.10_022,02] Nimm die Unzahl der verschiedenartigsten Begriffe und Ideen, die eine Seele von nur einiger Bildung aus sich entwickeln und von denen allen sie sich auch eine Vorstellung – ob mehr oder weniger richtig, ist vorderhand gleich – machen kann, was ihr, wenn sie nicht aus einer Allumfassenheit gewisserart zusammengesetzt wäre, ebensowenig möglich wäre wie einem Ochsen oder Esel, den Plan zum Bau einer königlichen Burg zu zeichnen und sie nach demselben zu erbauen.

[GEJ.10_022,03] So du aber alle die verschiedenen Tiere sowohl in der Luft – wie allerlei Insekten und Vögel –, also auch die Tiere auf dem festen Erdboden und jene im Wasser betrachtest, so wirst du bei den meisten eine Baufähigkeit entdecken. Siehe an die Bienen und andere diesem Insekt mehr oder weniger ähnliche Lufttierchen; siehe und betrachte die höchst verschieden erbauten Nester der Vögel; siehe an die Ameisen und noch andere Erdinsekten, die Spinne und die Raupen, weiter die Mäuse aller Art und Gattung, den Biber, der sich eine förmliche Hütte erbaut, die Füchse, Wölfe, Bären und noch eine Menge anderer Tiere, wie sie sich ihre Wohnungen für ihre Natur ganz zweckmäßig herstellen und einrichten; weiter betrachte die verschiedenen Tiere im Meere, namentlich die Schaltiere, – und du wirst bei ihnen eine oft selbst den besten Baumeister in großes Erstaunen setzende Baufähigkeit antreffen!

[GEJ.10_022,04] Nun, ein jedes Tier, vom kleinsten bis zum größten, hat freilich nur eine seiner einfachen Tierseelenintelligenz eigentümliche Baufähigkeit, kennt dazu das Baumaterial und benutzt es in seiner stets gleichförmigen Art und Weise; aber in der Menschenseele sind alle die tierischen Bauintelligenzfähigkeiten in einer Unzahl vorhanden, aus denen sie, wie durch ein stummes Bewußtwerden, auch eine Unzahl Begriffe und Ideen zusammenstellen und so ganz neue und große Formen schaffen kann.

[GEJ.10_022,05] Und so kann daher der Mensch bei nur einiger Bildung denn auch allerlei Wohnhäuser von höchster Verschiedenheit und zahllos viele andere Dinge aus sich erfinden und sie mit seinem Willen, Verstande und Fleiß auch ins Werk setzen. Könnte er das, so in seiner Seele nicht alle die verschiedenartigsten Fähigkeiten auf dem gezeigten Wege vorhanden wären? Sicher nicht; denn selbst das nach dem Menschen intelligenteste Tier hat keine Phantasie und somit auch keine allumfassende Kompositionsgabe (Gestaltungsgabe).

[GEJ.10_022,06] Du sagst bei dir nun freilich: ,Ja, warum mußte denn eine Menschenseele auf solch einem langen und langwierigen Wege zu solchen Fähigkeiten gelangen?‘

[GEJ.10_022,07] Und Ich sage es dir: Der ewig beste und weiseste Baumeister aller Dinge und Wesen weiß es am allerbesten, warum Er auf dieser Erde eben diesen Weg zur Bildung einer vollkommenen Menschenseele eingerichtet hat, und damit kannst du nach Meinem Worte zufrieden sein. Wenn du selbst in dir vollendeter werden wirst, dann wirst du auch den Grund deines langen und langwierigen Weges einsehen.

[GEJ.10_022,08] Ihr Römer, die Griechen und die Phönizier, wie auch die Ägypter, glaubten an eine Seelenwanderung und glauben an sie noch heutzutage so wie die Perser, Indier, die Sihiniten jenseits der Hochberge im weiten, großen und fernen Osten und noch ein im noch ferneren Osten auf großen Inseln, die vom größten Meere dieser Erde umflossen sind, wohnendes großes Volk, und so noch viele andere Völkerschaften auf der weiten Erde; aber allenthalben ist die den Urvätern der Erde wohlbekannte Wahrheit durch ihre mit der Zeit aufgestandenen habsüchtigen, anfänglichen Volkslehrer und späteren Priester voll Ehrgeiz und voll Herrschgier ganz verunstaltet und völlig verkehrt worden, – denn die wahre Art der Seelenwanderung hätte ihnen keine Opfer und Zinsen getragen, und so ließen sie die Menschenseelen in die Tiere zurückwandern und in den Tieren leiden, von welchen Leiden sie nur Priester um große Opfer befreien konnten.

 

23. Kapitel

[GEJ.10_023,01] (Der Herr:) „,Aber‘, sagst du nun in dir, ,wie konnte das schon einmal in der Wahrheit stehende Volk sich so unsinnig von den schlechten und lügenvollsten Priestern verdummen und verblenden lassen?‘

[GEJ.10_023,02] Ich sage es dir: Nichts leichter als das! Die alten wahren Weisen sind mit der Zeit von dieser Erde abgegangen, und schon bei ihren noch diesirdischen Lebzeiten haben sich gewisse Zauberer und Weissager aufgeworfen, die das, was sie lehrten, mit allerlei durch einen bösen Geist ihnen gezeigten Wundertaten, welche die blinden und in derlei Betrügereien völlig unkundigen Menschen als göttliche Beweise ansahen, bekräftigten; und es war also auf diese Art ein leichtes bei den Menschen, die allenthalben wundersüchtig sind, sie von der alten Wahrheit völlig abwendig zu machen und dahin zu bringen, daß sie alles kernfest glaubten, was die falschen Weisen sie nur immer zu ihrem eigenen Vorteile lehren wollten.

[GEJ.10_023,03] Viele solcher Magier, aus denen nur zu bald Priester und falsche Propheten hervorgingen, verstanden – und verstehen das noch – zum Beispiel ihrer Worte Stimme so zu stellen, daß sie wie von einer Ferne oder aus einem Baume oder aus einem Tiere kommend von den anwesenden Menschen vernommen ward.

[GEJ.10_023,04] Sie ahmten von ihnen bekannten, aber schon verstorbenen Menschen den Ton derer Stimme, wie auch den Sprachdialekt, wie aus einem Baume, Steine, Brunnen und so auch aus einem beliebigen Tiere kommend, so täuschend nach, daß jeder Anwesende sagen mußte: ,Ja, das ist die Seele des uns wohlbekannten Verstorbenen, der sonst ein alter, guter, wahrheitsvoller Mensch war! Was muß denn der gegen Gott verbrochen haben, daß seine Seele nun in einem Kamele schmachten und sicher viel leiden muß?‘

[GEJ.10_023,05] Wer war bei solch einer Frage geschwinder fertig als solch ein seine Stimme verdrehen könnender Magierpriester! Bald vernahmen die geängstigten Zuhörer aus dem Kamele einen Satz, der also lautete: ,Ich wollte starr bei der Lehre der Altväter mit meinem ganzen Hause verharren – und mißachtete darum die neuen von Gott erweckten Weisen und Propheten! Ich habe dadurch gesündigt und bin auf zehn Jahre lang zum unausstehlichen Leiden in dieses Kamel verbannt worden. Glaubet an die neuen Propheten Gottes, und gebet ihnen zur Sühne meiner Sünde aus meinen hinterlassenen Schätzen ein von ihnen verlangtes Opfer; sie werden dann bei Gott für mich Gnade erbitten, und ich werde von meiner großen Qual erlöst und ihr nach eurem Leibestode von ihr befreit sein!‘

[GEJ.10_023,06] Auf solch eine Antwort des Kamels wird etwa wohl begreiflich sein, wie die blinden Menschen nur zu bald die alte Wahrheit verließen und an die Lehren der falschen Propheten fest zu glauben anfingen.

[GEJ.10_023,07] Und wie es war, so wird es nach Mir wieder werden, so bei der Ausbreitung Meiner allein vollkommen wahren Lehre nicht alle Vorsicht angewandt wird.

[GEJ.10_023,08] Und sieh, auf diese Art ist die Vielgötterei und alles Heidentum und der ganz verkehrte Glaube an eure Seelenwanderung und an viele tausend andere gräßliche Dummheiten entstanden!

[GEJ.10_023,09] Sind von Gott aus auch stets wahre Lehrer unter das einmal geblendete Volk gesandt worden, so haben sie wenig ausgerichtet, – denn der freie Wille muß der Menschenseele dieser Erde unangetastet belassen werden, ohne den ein Mensch zu einem Tiere würde; und so heißt es mit der Menschheit Geduld haben und von ihr wohl den größten Teil in einer andern Welt zu einem besseren Lichte gelangen lassen.

[GEJ.10_023,10] Doch wehe dereinst allen falschen Lehrern, Priestern und Propheten, welche die alte und reine Wahrheit wohl für sich noch recht gut kennen, sie aber dem Volke ihrer Hab- und Herrschgier wegen hartnäckig stets vorenthalten; sie werden dereinst Meinem Zorngerichte nicht entgehen!

[GEJ.10_023,11] Auf dieser Erde haben auch sie den freien Willen und können bis zu einer gewissen Zeit auch tun, was sie wollen; aber wenn sie es einmal auch schon auf dieser Erde zu bunt zu treiben anfangen werden, dann werde Ich Selbst wie ein hellster Blitz über die Menschen der Erde Mein ewiges Wahrheitslicht ausgießen in allen Dingen, wie Ich es euch nun Selbst gezeigt und gelehrt habe. Dann werden alle falschen Lehrer, Priester und Propheten zu heulen anfangen und werden suchen, wo sie sich vor Meinen erleuchteten Menschen und vor der Macht Meines Lichtes verbergen könnten. Aber es wird solch ihre Mühe und große Anstrengung eine ganz vergebliche sein; denn sie werden von einem Ende der Erde zum andern von den erleuchteten Völkern gleich wilden und reißenden Tieren mit feurigen Geißeln gehetzt werden und nirgends mehr eine sichere Herberge zu ihrer Aufnahme finden, und ihr Reich und ihre finstere Herrschaft wird für immerdar ein volles Ende finden.

[GEJ.10_023,12] Da, Freund, hast du nun nebst dem dritten dir gezeigten und für deinen Verstand möglichst klar erklärten Grunde noch manches andere, das nicht nur du, sondern auch alle andern wohl zu beherzigen haben!"

 

24. Kapitel

[GEJ.10_024,01] Hierauf dankte Mir über alle Maßen der Hauptmann für solche Meine Geduld und Mühe und sagte: „O Herr und Meister, wenn mir von all dem, was Du mir nun erklärt hast, auch noch nicht alles, wie etwa einem Deiner Jünger, klar ist, – in den Geist der Wahrheit aber bin ich doch also eingedrungen, daß ich nun diese Erde mit ganz andern Augen ansehe denn jemals zuvor in meinem ganzen Leben!

[GEJ.10_024,02] Nur das einzige ist mir bei Deiner Erklärung über den Ursprung dessen, wie die neuen Falschlehrer, Priester und Propheten durch allerlei Trugmittel, von deren wahrer Beschaffenheit die laie (unwissende) Menschheit natürlich keine Ahnung haben kann, eben solch ein Volk von der alten und reinen Wahrheit der irdischen Vorteile wegen leicht und bald abwendig machen, beigefallen und in den Sinn gekommen: Wenn solche lumpigen Menschen aus purstem Eigennutze das Volk also zu bearbeiten anfangen, so wäre ein außerordentliches Gegenzeichen aus den Himmeln ja doch ein sicher wirksamstes Mittel, um den Falschlehrern für immer den Mund zu stopfen, – zum Beispiel: So bei dem Falsches redenden Kamele der jenseits fortlebende Geistmensch mit der ernstesten Miene allen wohlerkennbar erschiene und gegen die Falschlehrer für jedermann wohlbegreiflich zeugte, da sollte es denn doch mit allen Furien hergehen, wenn die falschen Propheten noch fürder etwas zu wirken vermöchten bei einem von neuem aus dem Jenseits aufgehellten Volke! – Was sagst Du dazu?"

[GEJ.10_024,03] Sagte Ich: „Dazu läßt sich einesteils wohl so manches sagen, aber andernteils nur sehr weniges von einer besonderen Bedeutung! Denn siehe, erstens ist auch dein nun Mir vorgeschlagenes Mittel zu allen Zeiten und bei allen Völkern in die mehr oder minder günstige Wirkung gesetzt worden!

[GEJ.10_024,04] Solange sich ein Volk noch zum größten Teil treu in der alten Wahrheit befand, aber hie und da ein Teil des Volkes von den aufgefundenen Schätzen dieser Erde sehr weltlich zu werden anfing und sich selbst von der Wahrheit mehr und mehr zu entfernen begann, da wirkten Deine Mittel oft recht gut auf zwei, oft auch auf drei Generationen hin; bei der vierten Generation aber, die sich mit dem Haschen nach den Weltschätzen noch mehr zu beschäftigen anfing und eigenwillig in die Weltliebe überging, wurden derlei einmal angewandte Mittel zur Fabel, und nur wenige glaubten noch so halbwegs daran.

[GEJ.10_024,05] Wurden nun wieder solche Mittel angewandt, so machten sie fürs allgemeine schon wenig Wirkung mehr und wurden von den Vornehmen nur belächelt und verhöhnt, und die Falschwundertäter, die auch für die Säckel der trägen Großen und Vornehmen zu wirken verstanden, hatten schon den Vorteil und Vorzug für sich. Und so ging es durch viele Jahrhunderte durch eigenes Verschulden bei den verschiedenen Völkern stets mehr und mehr abwärts.

[GEJ.10_024,06] Siehe, nun ist das allerhöchste, von dir Mir vorgeschlagene Mittel zur Vertilgung alles Falschen unter den Menschen in Mir Selbst aus den allerhöchsten Himmeln schon lange wirkend vor den in der alten Wahrheit noch am meisten und reinst bewanderten Juden gegenwärtig und hat mehrere Male zu Jerusalem und in vielen andern Städten und Orten Zeichen gewirkt, die nur Gott allein möglich sind, und gelehrt die allerlichteste Wahrheit aus den Himmeln! Gehe hin und forsche nach, wie viele Menschen sich durch dieses allerhöchste Mittel noch wahrhaft von ihren alten Irrtümern und Sünden bekehrt haben!

[GEJ.10_024,07] So aber das allerhöchste Mittel bei der notwendigen Belassung des freien Willens der Menschen eine so geringe Wirkung zustande bringt, wie vereinzelt und gering wäre dann erst die Wirkung eines andern Geistes aus dem großen Jenseits!

[GEJ.10_024,08] Zudem ist das für einen jeden im großen Jenseits schon überseligen Geist eine harte Aufgabe, wieder auf dieser Welt sichtbar erscheinen zu sollen. Will er das frei, so wird es ihm von Mir auch zugelassen; aber bemüßigt wird dazu kein Geist.

[GEJ.10_024,09] Es ist besonders für einen minder vollendeten Geist nicht minder schwer, aus dem Jenseits in diese Welt – besonders in die Mitte purer Weltmenschen – zurückzukehren, als so du in den Leib deiner Mutter zurückkehren möchtest, der eines jeden Menschen erste und engste Welt war, und wolltest darin etwas ordnen und zurechtbringen. Daraus kannst du so ungefähr das Lebensverhältnis der Geister im großen Jenseits und das der auf dieser engen Erde lebenden Pilgermenschen in einen Vergleich bringen.

[GEJ.10_024,10] Ein kleiner Kreis hat im großen leicht Raum; aber umgekehrt geht es schwer. Das verstehe auch wohl!"

[GEJ.10_024,11] Über das dachten alle lange nach, und Ich ruhte.

[GEJ.10_024,12] Wir blieben auf der gewissen Anhöhe wohl bei zwei Stunden lang über den Mittag. Es ward daselbst noch über gar manches geredet und durch Raphael den Römern auch tatsächlich gezeigt, was nachträglich von dem Hauptmanne und auch von seinen Unterdienern aufgezeichnet worden ist. Wir begaben uns dann wieder ins Haus und nahmen ein Mahl zu uns.

[GEJ.10_024,13] Den Nachmittag brachte Ich in der Ruhe zu; die Jünger aber hatten von dem Hauptmanne noch allerlei Fragen zur Beantwortung bekommen. Johannes und Matthäus aber haben sich an ihr Schreibgeschäft gemacht und haben von dem bisher Gesehenen und Vernommenen kurze Aufzeichnungen gemacht; auch Mein Jakobus der Ältere hat für sich Notizen gemacht, die er aber erst nach einem Verlaufe von etlichen Jahren in eine Ordnung brachte. Der Hauptmann benutzte auch diese Gelegenheit und machte für sich in griechischer Zunge Aufzeichnungen, die er auch erst späterhin in eine größere Ordnung brachte.

[GEJ.10_024,14] Ich blieb mit den Jüngern noch bei acht volle Tage in Genezareth, und es sind da noch viele Fremde aus der Gegend von Damaskus und auch andern Städten hingekommen, haben Mich kennengelernt und den Glauben an Mich angenommen.

[GEJ.10_024,15] Es braucht nicht mehr alles von Wort zu Wort angeführt zu werden, was da sonst noch gelehrt und gewirkt wurde, indem bis nun schon alles erschöpfend gezeigt worden ist, in was und wie die Menschen von Mir und von Raphael, der auch mit Mir die angegebene Zeit lang in Genezareth sichtbar und wirkend verweilte, unterwiesen worden sind. Denn nicht allein in den Dingen des Reiches Gottes auf Erden, sondern auch in allen natürlichen Dingen und ihren Erscheinungen wurden sie ganz hell und der vollen Wahrheit gemäß unterwiesen und ließen dadurch ihren alten Aberglauben fahren, da sie ihre alten Irrtümer wohl einsahen und begriffen.

[GEJ.10_024,16] Auf diese Weise hatte sich denn auch bald eine ganz bedeutende Gemeinde zu Damaskus in Meinem Namen gebildet, wie auch in andern Orten, und Mein Name ward weithin gepriesen.

 

25. Kapitel – Ein Notabene, gegeben am 11. August 1862. (Kap.25-30)

[GEJ.10_025,01] Und – nota bene – nun für diese Zeit etwas Aufklärendes!

[GEJ.10_025,02] Im Verlaufe der Mitteilungen alles dessen, was Ich bei Meinen Leibeszeiten auf dieser Erde im ganzen Reiche der Juden gewirkt und gelehrt habe, ist bis schon nach fünfhundert Jahren Meines Erdenseins – besonders was die Erklärungen der Dinge und Erscheinungen der Naturwelt anbelangt – das meiste teils in Vergessenheit geraten, größtenteils aber mit dem alten Unsinne wieder so vermengt worden, daß da niemand mehr die reine Wahrheit hat herausfinden können.

[GEJ.10_025,03] Es sind wohl viele ziemlich gleichlautende Aufzeichnungen, die zumeist von den Griechen und Römern bewerkstelligt worden sind, teils in den zehn Städten im langen und weiten Jordantale (darunter aber wohl gut bei sechzig Städte, die alle zu Meiner Zeit und auch vor Mir schon und nach Mir noch bis über die Zeit der Zerstörung Jerusalems und seiner Umgebungen größtenteils von Griechen und Römern bewohnt wurden, zu verstehen sind), teils in Essäa (von dem aber schon vor zwölfhundert Jahren keine Spur mehr anzutreffen war, da dieser Orden von den heidnischen Römerchristen zu sehr verfolgt wurde) und zum großen Teil aber in der großen Bibliothek zu Alexandria aufbewahrt worden.

[GEJ.10_025,04] Aber betrachte alle die verheerendsten Kriege und die großen Völkerwanderungen, von denen mehr denn halb Asien, der Norden Afrikas und beinahe ganz Europa heimgesucht worden sind, und zwar aus dem Grunde, weil nur zu bald nach Mir – wie solches schon der Prophet Daniel und bald nach Mir Mein Jünger Johannes auf der Insel Patmos in der von Mir ihm gegebenen Offenbarung gezeigt hat – die Menschen, und besonders die Gemeindevorsteher, Meine Lehre, da sie ihnen als die reinste Wahrheit aus den Himmeln zu kleine Zinsen trug, zu verdrehen und mit dem alten Unsinne zu vermengen anfingen.

[GEJ.10_025,05] Und es hieß da von Mir aus: Gut denn, weil euch der alte, finstere Weltunflat lieber ist als Mein reinstes Gold aus den Himmeln und ihr stets mehr und mehr den Hunden darin gleicht, daß sie zu dem zurückkehren, was sie gespien haben, und auch den Schweinen, die auch wieder mit aller Hast zu der Pfütze zurückrennen, in der sie sich schon oft über alle Maßen beschmutzt haben, so soll euch für lange hin das Gold der Himmel genommen werden, und ihr sollet Mir schmachten in aller Trübsal, Finsternis und Not, und der Tod soll euch wieder ein größter Schreck auf Erden werden!

[GEJ.10_025,06] Und also ward es denn auch bis zu dieser Zeit. Beinahe alle die Städte und Orte, in denen sich Aufzeichnungen von Meinem vielen Wirken und Lehren häufig vorfanden, sind zerstört und verwüstet worden; nur die Kleinevangelien des Johannes und Matthäus sind noch, der Sittenlehre für die Menschen eines guten Willens wegen, mehr oder weniger sprachrichtig bis jetzt als echte Dokumente über Mein Wirken und Lehren erhalten worden, so auch die Schriften des Lukas und des Markus, insoweit er das von Paulus Vernommene in aller Kürze für sich aufgezeichnet hatte, und imgleichen auch mehrere Briefe der Apostel, von denen aber auch viele verlorengegangen sind, und die Offenbarung Johannis, aber freilich auch mit einigen Sprachunrichtigkeiten, was der Hauptsache für den, der von Mir geführt wird, keinen Eintrag macht.

[GEJ.10_025,07] Von den andern Lehren, was die Dinge und Erscheinungen und ihre Beschaffenheit betrifft, ist bis auf diese Zeit hie und da ganz im Verborgenen nur weniges verblieben; und wo noch aus der Zeit der Römer und Griechen etwas vorgefunden ward, wurde es von den Klöstern aufgefangen, aber der im Finstern schmachtenden Menschheit auch nie ein Häkchen groß davon verkündet.

[GEJ.10_025,08] Sonnen- und Mondfinsternisse, Kometen und noch andere ganz natürliche Erscheinungen haben bei ihrer Wahrheitsdarstellung den Priestern nichts eingetragen; man hat sie nur zu bald wieder zu Vorboten und Verkündern der von Mir über die Menschen verhängten Strafen gemacht, damit die dadurch geängstigten Menschen dann zu den Tempeln, die bald wie die Pilze aus der Erde emporgewachsen sind, in großen Scharen wallfahrteten und daselbst reiche und viele Opfer zu den Füßen der Priester niederlegten.

[GEJ.10_025,09] In den Katakomben Roms und in den Pfaffenburgen Spaniens und Italiens und hie und da auch des deutschen Reiches finden sich noch gar manche sehr gewichtigen Aufzeichnungen aus Meiner Zeit vor; aber die noch jetzt bellendste Hab-, Glanz- und Herrschsucht der Hure Babels läßt davon ja nichts unter die Menschen kommen, und das aus der Furcht und großen Sorge, nun sich gewaltig zu verraten und dann von aller Welt dahin zur strengsten Rechenschaft gezogen zu werden, aus welchem Grunde sie den Menschen so viele Jahrhunderte die Wahrheit vorenthalten habe. Da der schnöde Grund wohl jedem Denker von selbst einleuchtend ist, so ist es hier denn auch wahrlich nicht nötig, ihn noch näher zu beleuchten.

[GEJ.10_025,10] Wie lange ist es denn seit der Zeit, als man dem Volke die vier Evangelien und die Apostelgeschichte des Lukas, die Briefe der Apostel und die Offenbarung Johannis auf das strengste vorenthalten hat und in mehreren Ländern ihm das noch immer vorenthält?

[GEJ.10_025,11] Wie sträubte man sich gegen das Licht Meines hellen Wissenschaftsblitzes, der vom Aufgange bis zum Niedergange alles, was auf Erden ist, von neuem hell zu erleuchten anfing, und das schon vor dreihundert Jahren, und dessen Licht nun stets heller und heller leuchtet, und das also, daß in dieser Zeit sogar die geheimsten und verborgensten Gemächer der einst so großen und mächtigen Hure Babels wie am hellsten Tage offen liegen!

[GEJ.10_025,12] Man fragt mit Recht und sagt: Ja, wie lange wird diese Hure Babels ihr Wesen noch treiben?

[GEJ.10_025,13] Und Ich sage: Welch eine kleinliche Frage! Siehe an das in aller Welt von Tag zu Tag stets heller und mächtiger werdende Licht Meines Blitzes! Wie kann sich neben den tausend, jetzt nur zu mathematisch erwiesenen und zum Gebrauch für alle Menschen frei und offen stehenden Wahrheiten aus allen Fächern der Wissenschaften und Künste der alte, babylonisch-heidnische, finstere Wunderquark, dessen Betrug bis in die kleinsten Fugen und Falten erleuchtet ist, noch halten?

[GEJ.10_025,14] Solange noch einige alte und aus der früheren Zeit irgend noch sehr verdummte, abergläubische Weiber und einige gleisnerische, sogenannte Betbrüder noch leben und sich von den Pfaffen einen blauen Dunst vormachen lassen, und solange jene Herrscher noch irgend einige Mittel besitzen, den Thron der Hure Babels zu schirmen, – was aber nur eine ganz kurze Zeit noch andauern kann und wird, da schon dafür gesorgt wird, daß derlei Herrschern die Mittel benommen werden, wie sie schon vielen benommen worden sind, und die nun ohne Land und Volk zusehen müssen, wie ihre alten Arbeiten, Mühen und finsteren Werke in Rauch und Dampf aufgehen!

[GEJ.10_025,15] Sage: Kann irgend die Nacht auf der Erde ihre Herrschaft ausüben, wo die Sonne bereits schon hoch über dem Horizonte steht? Also ist es auch nun schon auf der Erde! Das Licht ist zu mächtig geworden, und die ehedem aller Finsternis – ihrer Throne und ihres unbeschreibbaren Wohllebens wegen – so sehr huldigenden Machthaber fangen an, in der unbesiegbaren Macht dieses Lichtes ihre große Ohnmacht einzusehen, und müssen nun, so sie bestehen wollen, dem ihnen ehemals so verhaßten Lichte ein freundliches Gesicht zu machen beginnen; und wollen sie wieder so ganz unvermerkt in die alte Finsternis einlenken, so erkennt es das Volk und versagt ihnen den Gehorsam und treibt sie bald in große Verlegenheiten und – wie nun schon viele Beispiele zeigen – auch von ihren Herrscherthronen.

[GEJ.10_025,16] Meinem Willen läßt sich kein Trotz bieten! Ich lasse zwar den Menschen gleichfort ihren ganz freien Willen im Besonderen; aber im Allgemeinen bin Ich der Herr und nehme keine Rücksicht vor den Mächtigen dieser Erde! Die Zeit des Lichtes ist einmal da und kann durch keine irdische Menschenmacht mehr aufgehalten werden.

 

26. Kapitel

[GEJ.10_026,01] Es ist nun auch die Zeit des gewissen Ecksteines gekommen, den die Bauleute, die von Babel hauptsächlich, verworfen haben. Wer nun an diesen Baustein stoßen wird, der wird sich zerschellen, und über den der Baustein herfallen wird, der wird zermalmt werden, wie es nun bald und sehr bald allen geschehen wird, die den Eckstein hintansetzen und der Hure Babels huldigen wollen. Oh, wie sehr werden die in Kürze heulen und wehklagen; aber der verworfene Eckstein wird ihnen keine Hilfe bringen!

[GEJ.10_026,02] Ich habe lange mit der größten Geduld dem Spiel der Schweine zugesehen, wie zu Meiner Erdenzeit die Schweinehirten zu Gadara ihren Schweinen; da aber waren zwei Ärgstbesessene in den alten Basaltgräbern, – denn Gadara war eine alte Gräberstadt.

[GEJ.10_026,03] Wem glichen die zwei mit Ketten und Stricken in den großen, alten Gräbern festgehaltenen Besessenen, die bei Meiner Ankunft die Ketten und Stricke zerrissen, zu Mir liefen und zu Mir sagten: „Was haben wir mit Dir vor der Zeit zu tun?" Siehe, diese zwei glichen dem gemeinen, alten Welt-Gewinngeiste, in dem eine Legion anderer arger Geister stecken!

[GEJ.10_026,04] Da aber diese Geister Meinen ernstesten Willen wohl erkannten, so baten sie Mich, ihnen zu gestatten, in die Säue zu fahren, und die zwei wurden frei und lobten Mich, obschon Mich die Gadarener nachher baten, sie zu verlassen, weil sie vor Mir eine große Furcht hatten. Und so werden in der Folge auch der rechte Weltgeist und sein Gewerbefleiß Mich loben, da er durch die Macht Meines Lichtes von der Legion seiner argen Selbstsuchtsgeister befreit worden ist, die wohl in ihre Schweine fuhren, aber mit denselben im Meere auch ihren Untergang fanden.

[GEJ.10_026,05] Unter die Zahl der Schweine aber gehören alle die ultramontanen Diener der Hure Babels durch ihre schmutzigsten und habsüchtigsten und herrschgierigsten Bestrebungen, die sie durch ihre Konkordate und Missionen, Breven und Bannflüche nur zu offen und laut kundgaben. Und das war eben schon seit den Zeiten der Herrschaft der Hure Babels über die Völker und ihre Könige der Zustand des Hineinfahrens der Legionen arger Geister in diese obbezeichneten Schweine, die sich darauf in das Meer zu stürzen anfingen, und in eben dieser Zeit am meisten, daher ihr voller Untergang auch ein sicherer ist.

[GEJ.10_026,06] Das Meer aber ist ihr Starrsinn, in der alten Finsternis zu verharren und das Licht, das Ich in allen Zweigen des Wissens und der Künste nun allen Menschen aus den Himmeln zufließen lasse, nach allen Seiten hin zu verfolgen und zu verfluchen.

[GEJ.10_026,07] Siehe, das ist das Meer, in das die Schweine von den schon lange in sie gefahrenen argen Geistern getrieben werden, und in dem sie ihren sicheren Untergang finden!

[GEJ.10_026,08] Sie haben Meinem Urlichte aus den Himmeln eine Grube gegraben, um es darin vor den Augen der Menschen zu verbergen und sie in der Finsternis zu ihrem Weltnutzen zu erhalten; aber Ich machte das Licht frei, und nun stürzen sie in das von ihnen gegrabene Grab, in dem Mein Urhimmelslicht hätte ersticken und verderben sollen.

[GEJ.10_026,09] So aber das nun vor aller Welt Augen und laut gewordenen Wünschen geschieht, so ist die Frage eitel, wann das geschehen werde.

[GEJ.10_026,10] Es ist leicht einzusehen, daß so etwas nicht in einem Moment geschehen kann, sowenig die Nacht urplötzlich dem vollen Tage weichen kann, sondern es muß in dieser Welt alles seine Zeit haben, und es kann kein Mensch von noch so großen Talenten und Fähigkeiten in einem Tage ein Gelehrter und ein Künstler werden, und keine Frucht eines Baumes wird plötzlich reif und genießbar. Aber so die Bäume im nahenden Frühjahr einmal saftig werden und die Knospen stark anzuschwellen beginnen, so ist das ja doch ein sicheres Zeichen, daß das warme Frühjahr und der segensreiche Sommer nahe herbeigekommen sind; einige dazwischen sich noch einschleichende Kleinfröste geben da keinen bedenklichen Ausschlag mehr.

[GEJ.10_026,11] Was der Prophet Hesekiel im 14. Kapitel von der Bestrafung Israels und Jerusalems weissagt, das gilt jetzt allem falschen Prophetentum: es soll, wird und muß ausgerottet werden.

[GEJ.10_026,12] Worin aber das falsche Prophetentum besteht, und wer die Pharisäer der Jetztzeit sind, das braucht für keinen nur etwas hell denkenden Menschen näher bezeichnet zu werden; denn alle Welt kennt die alten Feinde des Lichtes, der Wahrheit und der Liebe aus Mir.

[GEJ.10_026,13] So Ich Selbst zu den Aposteln also geredet habe, daß sie niemanden richten, verdammen und verfluchen sollen, auf daß ihnen das nicht von Mir ausgehend widerfahre, – wer hat ihnen denn hernach das Recht erteilt, über die, welche, von Meinem Geiste angetrieben, die reine Wahrheit suchten und noch suchen, zu richten, sie zu verdammen und mit den erschrecklich-fürchterlichsten Bannflüchen zu belegen?! Darum werden sie selbst in jene Grube gestürzt werden, die sie für viele Millionen der unschuldigen Menschen gegraben haben, und es werden darin ihre bösen Werke ebenso ohne alle Rücksicht und Erbarmung gerichtet werden und ihren Lohn überkommen.

[GEJ.10_026,14] Sieh hin in alle Weltteile, und du wirst finden, wie verhaßt das falsche Prophetentum der Hure Babels beinahe allen nur etwas besseren Völkern der Erde geworden ist, und wie ihre Sendlinge empfangen und geachtet werden! So sicher nicht, wie du das in den der Hure Babels servilen (dienenden) Sudelblättern liesest, sondern ganz anders. Nur bei ganz rohen und wilden Völkern können sie sich noch eine kurze Zeit halten. Wenn sie daselbst aber oft nur zu bald ihre hab- und herrschsüchtigen Tendenzen oder den Wolf unter ihren Schafspelzen merklich und leicht erkennbar sehen lassen, so ist es mit der Wirkung ihrer Sendung auch schon zu Ende, und sie können dann zusehen, wie sie mit heiler Haut davonkommen können.

[GEJ.10_026,15] Wie oft haben sie schon nach China und Japan, wo es viel Gold, Silber und andere Schätze gibt, ihre kecksten Sendlinge geschickt! Solange diese ihre Schafspelze nicht hintanlegten, waren sie geduldet und hatten recht viele für die vorgebliche Himmelsfriedenslehre an sich gezogen; aber wie sie einmal – wie man zu sagen pflegt – warm wurden und ihnen ihre Schafspelze unleidlich wurden und sie zu meinen anfingen, daß sie nun schon in ihrer wahren, inneren Gestalt könnten zu schalten und zu walten anfangen, da wurden sie denn auch sogleich erkannt in allem, was sie eigentlich möchten, und man ergriff sie und gab ihnen den wohlverdienten Lohn.

[GEJ.10_026,16] Man sprach sie, so man in Babel die Nachricht von ihrem verdienten argen Lose Kunde erhielt, unter großem Pompe heilig, obschon Ich Selbst sagte und lehrte, daß nur Gott allein heilig ist. Aber Ich kann zu solchen Heiligen nur sagen: ,Ich kenne euch nicht und habe euch nie erkannt; darum weichet von Mir, und suchet euer Heil und euern Lohn nur bei denen, in deren Namen ihr gepredigt und gehandelt habt! Denn in Meinem Namen habt ihr niemals gepredigt und noch weniger gehandelt; denn ihr habt seit eurer Kindheit an niemand einen Akt jener wahren Nächstenliebe, die Ich gelehrt habe, ausgeübt, weil ihr an Mich noch nie geglaubt habt, sondern nur zu eurem Weltnutzen Meinen Namen mißbraucht, und so habt ihr von Mir aus auch keinen Lohn und keine Gnade zu erwarten. Gehet also zu jenen nun, denen ihr gedient habt, und verlanget von ihnen den Lohn!‘

 

27. Kapitel

[GEJ.10_027,01] Und also geschieht es nun auch schon in dieser Welt. In der sogenannten heiligen Stadt wimmelt es schon von allerlei heiligen Hungerleidern, und man weiß mit ihnen nicht mehr aus und ein, und wo man ihnen auf dieser Erde noch so ein kleines Paradieschen zuschanzen könnte, da man trotz aller Fluchandrohungen nicht viel über etliche sehr wenige wüste Quadratmeilen hinaus mehr etwas gebieten kann. Denn weder die Könige geweckterer Völker, und noch weniger die Völker selbst lassen sich von der gewissen Seite her etwas gebieten.

[GEJ.10_027,02] Was bleibt solchen müßigen und hungrigen Heiligen denn nun übrig, als ihrer Heiligkeit den Rücken zu kehren und andere für sie ehedem unheilige Dienste zu suchen und zu nehmen, um als Heilige nicht verhungern zu müssen?

[GEJ.10_027,03] Du meinst da, daß auf die gegenwärtigen Verhältnisse sicher große Religionskriege folgen werden? Das würde wohl der Fall sein, so der gewisse Mann in Babel noch die einstige Macht über Könige und Völker besäße und der größte Teil der Menschen noch so dumm und finster wäre, wie er noch vor dreihundert Jahren war; aber der gegenwärtige Anhang des alten, einst so mächtigen Babels ist ein sehr kleiner geworden, und die Menschen sind durch Meinen Blitz schon zu aufgeklärt, und es glaubt selbst der einfachste Landmann mit seinem ganzen Hause nicht mehr, daß der Teufel die Dampfmaschinen auf dem Meere und auf dem Lande wegen einer ihm verschriebenen Seele in Bewegung setze, oder daß auf den Drähten der Telegraphen eben auch der Teufel hin- und herspringe und -hüpfe und den Großen und auch Kleinen von fernen Ländern und Orten die erwünschten Nachrichten bringe.

[GEJ.10_027,04] Wie viele gibt es wohl noch, die ernstlich an die sogenannten Wunderbilder glauben? Wo ist noch ein Land, in dem man noch die sogenannten Taschenkünstler als Zauberer verbrennt und die Leser der Bibel und anderer geistreicher Bücher und Schriften vor ein unerbittliches Inquisitionsgericht zieht und sie bis zum Tode quält? Welcher nur einigermaßen heller gebildete Mensch hält noch etwas auf einen gewissen Sündenablaß, auf alle die leeren und alles Geistes baren sogenannten gottesdienstlichen Zeremonien, aufs Weihwasser, auf den Weihrauch, auf die geweihten Bilder, auf die Glocken und Glöcklein, auf die Wachskerzen, Reliquien, Trauermessen und teuer zu bezahlenden Leichenbegängnisse, auf die Fast- und Normatage und noch auf vieles dergleichen?

[GEJ.10_027,05] Man macht die Sachen des äußeren, aber auch schon sehr schwach gewordenen Gesetzes wegen wohl noch mit; aber daran glauben tun unter tausend kaum zehn mehr, und diese nicht mehr der Wahrheit nach, wie dies unter der vergangenen, finstersten Aberglaubenszeit leider der lange andauernde Fall war.

[GEJ.10_027,06] Wenn die Sachen nun aber vor jedermanns Augen also und nicht anders stehen, wie läßt sich da an einen irgend großen und gar allgemeinen Religionskrieg nur von ferne hin denken?

[GEJ.10_027,07] Der wahren Finsterlinge gibt es zu wenige, um sich wider die vielen Erleuchteten zu erheben, wenn sie das auch gerne möchten; und die Erleuchteten, so sie angegriffen würden, haben schon das sichere Bewußtsein in sich, daß sie stets und allzeit über die wenigen und völlig machtlosen Finsterlinge den Sieg davontragen werden.

[GEJ.10_027,08] Aber es wird dessenungeachtet zu allerlei Kämpfen und Kleinkriegen zur Demütigung aller jener Machthaber kommen, die sich Meinem Lichte irgend in den Weg stellen werden wollen. Denn von nun an werde Ich mit allen solchen Machthabern keine Geduld und Rücksicht mehr haben. Das kannst du wohl glauben, da Ich Selbst dir solches verkünde.

[GEJ.10_027,09] Siehe an das Reich, in dem du lebst! Es ist noch aus gewissen leicht zu erratenden Gründen, besonders von der machthaberischen Seite her, stark babylonisch gesinnt. Es soll nun nur alle seine Macht zusammenraffen und seinem ,Heiligen Vater‘ auf den alten Thron helfen, wenn es kann und mag.

[GEJ.10_027,10] Ja, wenn es noch eine Zeitlang wankt, seinen Völkern das zu gewähren, was von Mir aus Rechtens ist, da doch nach Meinem Worte jeden Menschen die reine Wahrheit, an die er allein zu halten hat, frei machen wird und nun muß, so wird es auch an dem Lose dessen teilnehmen, von dem es bis jetzt sein Heil erwartete! Der zu einer kräftigeren Hilfe allernötigsten Geldkräfte ist es bar; und vertraut es noch auf eine vermeintliche Hilfe von seiten eines sieben Male geweihten Altars und seines wundertätigen Bildes, so wird es auch jeder andern Kraft bald bar werden! Es betrachte nur die Folgen seines finstern Konkordats, und es wird ihm alles Ausland sagen: ,Hast du jenem, uns allen verhaßten Feinde des Lichtes und der Nächstenliebe dich so treu verbunden, so ist mit dir kein Freundschaftsbund mehr zu flechten! Den du so sehr, aller andern deiner alten Freunde vergessend, begünstigt hast, daß du ihm mehr denn deine halbe Macht zum Genusse gabst zu deinem größten Nachteile, der helfe dir nun in deiner Not und Verlassenheit!‘

[GEJ.10_027,11] Denke selbst nach, ob in deinem Lande die sicher höchst herben Folgen von einer solchen unüberlegten Tat nicht von allen Seiten laut also sprechen! Da heißt es, solch einen Fehler eiligst wieder gutmachen, sonst kommt der böse, todbringende, allgemeine Brand dazu.

[GEJ.10_027,12] Wo bei einem Hause alle Mittel stark zu fehlen anfangen, um es aufrechtzuerhalten, und seine Freunde und selbst besseren Hausgenossen ihm den Rücken zuwenden und von einer Aufrechterhaltung eines solchen altverwahrlosten Hauses nichts mehr hören und wissen wollen, – wie wird denn dann ein solches Haus noch fernerhin bestehen oder gar in seiner alten Weise noch weiter als ein irgend kräftiges bestehen können?

[GEJ.10_027,13] Ja, es kann sich kräftigen und von neuem bestandhaft werden; aber dazu gehört erstens ein unbeugsam fester Wille, alles Alte und Morsche hinwegzuschaffen, einen neuen, festen Grund zu legen und mit vielen und guten Bauleuten das ganze Haus schnell mitsamt dem festen Dache herzustellen, auf daß man dann allerorts sehe und sage: Siehe, nun hat dieses ehedem völlig wertlos gewordene Haus wieder einen rechten Wert, und man kann seinen Grundfesten, Gemächern und Dächern trauen!

[GEJ.10_027,14] Wenn die Sache also in Angriff genommen würde, so würde es an allerlei guten Freunden von außen und noch mehr von innen aus keinen Mangel haben; aber wer wird einem Hause je mehr ein Vertrauen schenken, von dem man nicht mehr weiß, von wem alles der Hausherr sich am Ende Gesetze vorschreiben lassen muß, um noch eine Weile als solcher zu scheinen?

 

28. Kapitel

[GEJ.10_028,01] Was nützt es, einen neuen Lappen Tuches auf einen alten, übermorschen Rock aufzuheften, auf daß er auf der gestopften Stelle die nackte Haut bedecke und vor dem Winde eine Zeitlang schütze; kommt dann aber ein kleiner Sturm nur, so reißt er mit aller Leichtigkeit den neuen Lappen vom alten, morschen Rocke und mit demselben auch noch einen Rockteil. Wer wird dann im Sturm die nackte Haut vor der Kälte schützen? Darum schaffe dir sogleich einen völlig neuen und starken Rock, solange dir noch dazu einige Mittel zu Gebote stehen, und verschwende sie nicht mit der Anschaffung neuer Lappen zur Ausstopfung des alten und übermorschen Rockes, das dir kein nütze ist, – und sollten dann auch irgendwelche Stürme kommen, so werden sie deiner Haut keinen Schaden mehr zuzufügen imstande sein!

[GEJ.10_028,02] Welcher echte Weinwirt wird denn einen neuen Wein in alte Schläuche tun wollen? Was wird mit diesen Schläuchen geschehen, so der neue Wein in ihnen zu gären anfängt? Er wird sie zerreißen, und der unkluge Weinwirt wird so um die Schläuche und um den Wein kommen. Und ebenso hat ein unkluger Regent, der eine neue Verfassung in eine alte hineinschieben will, dasselbe zu gewärtigen; die eine ist gegenseitig notwendig der andern Untergang, und der Regent kommt dabei um alles: um die Verfassung, ums Land und ums Volk, wie es nun in Europa schon mehrere solche Exempel gibt und bald noch mehrere geben wird.

[GEJ.10_028,03] Ich sage es dir: Wer mit dem gewissen Manne, der sich fromm nennt, beim steten Dichterwerden Meines Lichtes aus den Himmeln noch fernerhin liebäugeln und schlangenzüngeln wird, der wird bald ganz verlassen und allein dastehen. Denn Ich will einmal ein Ende der lange angedauert habenden Buhlerei Babels. Von nun an soll alles neu und anders werden, und Mein Wort, das Ich zu den Aposteln und gar vielen andern Menschen geredet habe, muß nun in neuer Kraft und Macht erstehen und dann bis ans Ende der Zeiten dieser Erde währen, und alle sollen sich sonnen und wärmen im Lichte Meiner Lehre aus den Himmeln, und es sollen wieder, wie es in der Urzeit war, Meine wahren Bekenner und Liebhaber in einer steten wohlfühlbaren Gemeinschaft mit Meinen Engeln, und also auch mit Mir Selbst stehen von der Wiege an bis zum Grabe.

[GEJ.10_028,04] Du fragst nun auch, wie es in deinem Lande ergehen werde, so die alten Schläuche durch den neuen hineingezwängten Wein zerrissen und der Wein verschüttet wird. Ich sage es dir: Gleich um tausend Male besser denn nun, wo beinahe kein Mensch, aus Furcht davor, was aus der langen und kostspieligen Zauderei noch all für Elend und Not erwachsen werde, seinem noch so ehrlichen Bruder mehr traut und immer sagt: „Man kann nicht wissen, wie sich die Dinge noch gestalten werden!"

[GEJ.10_028,05] Im Augenblick solch einer möglichen Schlauchzerplatzerei hören die Großkonsumenten auf, und der Staat wird dafür sorgen, daß denen nichts entzogen wird, die dem Staat und Volke lange treu gedient haben durch ihren Geist und Verstand; aber die mehr denn im ganzen bei einer Viertelmillion Pflastertreter und verdienstlosen Müßiggänger, zumeist aus der Zahl der Pfaffen, werden ihre großen Gehälter und Pensionen nicht mehr erhalten, im Gegenteil zur Zahlung der Staatsschuld strenge verhalten (angehalten) werden, – denn diese wird unter allen Umständen respektiert werden, auf daß kein Bruder wider den andern eine Klage erheben soll.

[GEJ.10_028,06] Unter allen Umständen stehe nun Ich wieder an der Spitze, und da kann keine Unordnung irgend mehr zum Nachteil derer, die an Mich halten, statthaben. Dieses Jahr aber will Ich mit dem Lande, unter dessen Gesetzen du lebst, noch eine kleine Geduld haben; aber um gar vieles darüber nicht, und so darin auch viele Meiner alten Freunde noch im Leibe und aller ihrer Liebe und Treue wohnten. Die Meinen und die Neuerleuchteten sollen wohl erhalten, all die andern aber gezüchtigt werden.

[GEJ.10_028,07] Du sagst bei dir nun freilich wieder: „Ja, Herr, es ist schon alles recht also; denn so eine Volksleitung einmal faul und untüchtig geworden ist, da soll das Volk eine andere erhalten, die den materiellen und besonders den geistigen Bedürfnissen desselben entspricht. Doch solange dabei die alten Götzentempel, die man Gotteshäuser oder Kirchen nennt, mit ihren Dienern fortbestehen, ihre Dienste verrichten, den noch vielen blinden Menschen von der über alle Maßen vortrefflichen Wirkung ihrer kirchlichen Gottesdienerei besonders in den Wallfahrtsorten und Klöstern vorpredigen dürfen, da wird eine neue Volksleitung – bestehe sie in einer neuen, günstig bearbeiteten Verfassung oder in einem neuen Regenten – immer in der Gefahr stehen, so nach und nach wieder in die alte Finsternis zu verfallen, und das um so eher dann, wenn die Diener der Tempel angewiesen sind, vom Verdienste ihrer kirchlichen Verrichtungen zu leben. So sie schon als Volkslehrer noch irgendeine Zeit fortzubestehen haben, da bezahle man sie wie jeden andern Staatsdiener; aber für ihren Kirchendienst sollten sie von niemand eine Bezahlung verlangen und annehmen dürfen, so würde dadurch den das Volk aussaugenden, betrügerischen und verfinsternden Umtrieben der Templer sicher eine sehr wirksame Schranke gezogen sein, und mit den Wallfahrten, wundertätigen Bildern und Reliquien und noch vielen andern kirchlichen Mißgeburten und Mißbräuchen hätte es dann sicher bald ein Ende!"

[GEJ.10_028,08] Darauf sage Ich dir, daß du einesteils ganz richtig und recht geurteilt hast, und es wäre so auf eine Zeitlang auch gut, weil der sogenannte Geistliche sich offenbar mehr mit dem Volksunterricht, für den er bezahlt würde, als mit der ihm nichts mehr tragenden Kirchenzeremonie abgäbe. Aber so er seine Kirchendienste dann ohne Entgelt verrichtete, so würde das blindere Volk anfangen, ihnen einen noch größeren gottesverdienstlichen Wert beizulegen und so von selbst in den alten Aberglauben noch ärger und tiefer verfallen, als das ehedem der Fall war, und der Geistliche würde das, was ihm beim blinden Volk ein großes und pomphaftes Ansehen verschafft, sicher nicht als etwas bei Mir Wertloses, sondern nur als etwas Mir überaus Wohlgefälliges darstellen und das Volk also in seinem alten Aberglauben bestärken und so für die nun ihrem vollen Ende nahende Hochherrschaft der Hure Babels einen neuen Thron schaffen.

[GEJ.10_028,09] Darum laß die Pfaffen nur treiben das volksaussaugende Spiel; laß das noch blinde Volk nur wallfahrten gehen, teure Messen zahlen; laß es beichten, kirchenlaufen, überteure Kondukte (Geleite) für ihre Verstorbenen machen; laß die Pfaffen erbschleichen und teure Dispensen und Ablässe verkaufen; kurz, laß die Babylonier es noch ärger treiben, dann wird auch der Blindeste bald zur Besinnung kommen und sagen: „Nein, an solch einer Religion muß wahrlich nichts als ein purer Betrug sein, weil eben diejenigen, die am meisten von der reinen Wahrheit der Lehre Christi überzeugt sein und danach handeln sollten, selbst durch ihre Taten zeigen, daß sie selbst auf die ganze Lehre gar nichts halten, an keinen Gott glauben und somit lauter falsche Propheten sind, die für nichts anderes denn nur für ihren Bauch sorgen, die Menschen durch allerlei Trug und, wo der nicht mehr genügt, auch durch eine Art vom Staate ihnen gewährten gesetzlichen Zwang oft um ihr ganzes Hab und Gut bringen und von ihrem wahren Raube keiner durstigen Seele aus Liebe auch nur einen Trunk Wasser darreichen! Darum fort mit allen solchen falschen Propheten; fort mit den reißenden Wölfen in Schafspelzen, und fort mit all dem, womit sie so lange das arme, blinde Volk gequält, betrogen und beraubt haben; fort mit den Tempeln, Altären, Heiligenbildern, Reliquien, Glocken und allen eitlen und keinen geistigen Lebenswert habenden kirchlichen Utensilien! Wir wollen von nun an selbst die ganze Lehre Christi prüfen, sie uns von einem wahren, von Gott erleuchteten Lehrer erklären lassen und dann nach ihr leben und handeln, und der echte Lehrer soll an unserm Tische nicht verhungern und verdursten und soll auch nicht nackt und barfuß einhergehen!"

 

29. Kapitel

[GEJ.10_029,01] Und sieh, so geht es nun in dem vor kurzer Zeit noch finsteren Italien zu! Ebenso ist es vor schon vielen Jahren im deutschen Reiche zugegangen, ebenso einst in England und in Nordamerika, das sich eben in dieser Zeit noch mehr von allen Meiner Urlehre widerstrebenden Tendenzen durch harte Kämpfe reinigt. Da sagt man auch häufig: „Aber Herr, wie kannst Du den Sklaven halten wollenden Konföderierten gegen die ganz menschlich gesinnten Unionisten bedeutende Siege erkämpfen lassen?!"

[GEJ.10_029,02] Ich aber sage: Bei den Konföderierten ist nicht alles Laster, was ein solches zu sein scheint, und bei den Unionisten nicht alles Tugend; und so ziehen nun beide Teile sich die Splitter und Balken aus den Augen, und einer fegt vor der Tür des andern, was nach Meiner Lehre nicht sein soll.

[GEJ.10_029,03] Wenn aber ein wie der andere Teil seine eigenen Augen zuvor selbst von den Splittern und Balken befreien und den Mist von seiner Hausflur hinwegschaffen wird, dann werden sich die beiden Parteien bald und leicht verstehen und sich ausgleichen.

[GEJ.10_029,04] Dergleichen große und auch kleine Zwiste – sowohl zwischen Völkern als auch zwischen einzelnen Menschen – sind allzeit eine Folge der Nichtbeachtung Meiner Lehre, darin bestehend, daß da niemand zu seinem Nachbar sagen soll: „Komme her, daß ich dir deinen Splitter aus dem Auge ziehe!", der Nachbar aber dann sagt: „Was kümmert dich mein Splitter in meinem Auge, da ich in deinem doch einen ganzen Balken entdecke? Reinige zuvor dein Auge, dann erst kannst du mir mein Auge reinigen helfen!"

[GEJ.10_029,05] Solche Kämpfe hat es schon gar viele gegeben und wird es noch mehrere geben, so irgend die Menschen nicht völlig in Meine reinste Lehre tatsächlich eingehen werden.

[GEJ.10_029,06] Doch die Geschichte in Amerika wird nicht gar zu lange mehr dauern. Aber in Südamerika, wo das Babylon noch um gar vieles ärger vertreten ist als nun irgendwo auf der Erde, wird bald ein großes Strafgericht losgelassen werden; denn das Babel muß überall in ein neues Jerusalem umgestaltet werden, und die Schweine der heidnischen Gadarener müssen in dem Grabe ihrer Nacht den Untergang finden.

[GEJ.10_029,07] Ich meine, nun dir als ein großes NOTABENE für diese Zeit mehr denn zur Genüge gesagt zu haben, und ein jeder, der nur ein wenig an den Fingern zu rechnen versteht, wird es leicht erkennen, wie und warum die Sachen nun eben also stehen müssen, wie sie eben stehen und in Kürze notwendig hervorgehen müssen.

[GEJ.10_029,08] Nach dem Jahr, Tag und der Stunde aber sollst du Mich deshalb nicht fragen, weil das alles schon vor aller Welt Augen da ist und ein jeder das sehr nahe Ende der Nacht dann doch sicher und bestimmt voraussehen muß, so er am Horizont die von der Sonne hellerleuchteten Wölkchen erschaut.

[GEJ.10_029,09] Die Menschen, die mit irgendeiner Macht versehen sind, sollen nur versuchen, im Frühjahr dem Grase und all den Kräutern, Sträuchern und Bäumen das Neuaufwachsen, das Treiben, Grünen und Blühen verbieten und verhindern zu wollen, dem Winde gebieten und dem freien Blitz den Weg vorschreiben, und sie werden sich bald überzeugen, wie groß ihre Ohnmacht infolge ihrer Blödheit ist.

[GEJ.10_029,10] Was Ich einmal sage und will, das geschieht so bestimmt und gewiß, als die Sonne an einem jeden Morgen aufgehen und am Abend untergehen muß. Mehr brauche Ich dir wohl nicht zu sagen, obwohl Ich noch eine Frage in bezug auf Frankreich in deinem Gemüte sehe, dahin gerichtet, wie sich dieses nun sehr erdmächtige Reich im Verhältnis der gegenwärtigen, allgemeinen Lichtströmung verhalten wird. Und Ich sage es dir: Meinem Willen entgegen sicher schwer und unmöglich!

 

30. Kapitel

[GEJ.10_030,01] Daß es (Frankreich) aber nun sich noch pro forma zu einem Schutze von Babylon hinstellt, im Grunde bei sich doch ein Feind desselben ist, ist ja auch ganz recht; denn dadurch hält es andere noch sehr babylonisch gesinnte Staaten und ihre Gebieter ab, mit ihrer Gesamtmacht der alten Nacht wieder auf den hohen Thron zu helfen und dann ihre Völker mehr noch denn je zuvor zu knechten. Denn von einem freien, guten Willen gegen die Völker ist bei den alten Machthabern noch sehr verzweifelt wenig vorhanden. Was sie nun zugunsten der Völker tun, dazu drängen die Umstände. Könnten sie diese durch irgendein für sie günstiges Mittel sich vom Halse schaffen, so würden sie ihren Völkern gleich andere, und das sehr traurige Lieder vorzusingen anfangen, und die Menschen müßten von neuem nach den alten spanischen Inquisitionspfeifen zu tanzen anfangen, was sich sicher niemand mehr wünschen wird.

[GEJ.10_030,02] Alle die gegenwärtigen, noch zwischen schlecht und gut schwebenden Verhältnisse aber mit einem Schlag vernichten, hieße Länder und Völker verwüsten. Es muß darum auf dieser Welt alles seine gewisse Zeit haben und durchmachen. Bis der neue Mostwein nicht ganz gehörig ausgegoren und also durch seine eigene Tätigkeit alles Unreine von sich geschafft hat, wird er kein reiner und geistiger Wein.

[GEJ.10_030,03] Wer sich eine neue und gute Wohnung erbauen will, der darf die alte nicht eher auf einmal völlig zerstören, als bis er die neue Wohnung sich erbaut hat; denn zerstört er alsogleich die alte, wo wird er dann wohnen, und wer wird ihn schützen gegen allerlei Ungemach während der Zeit des Baues einer neuen Wohnung? Es ist denn klüger, einen alten, noch so zerlumpten und verflickten Rock so lange zu tragen zur Not, bis ein neuer fertig ist, als nackt umherzugehen. Und so muß nach Meiner besten Ordnung stets eines aus dem Früheren hervorgehen, so es eine Dauer und Festigkeit haben soll.

[GEJ.10_030,04] In der Zeit, als Ich auf der Erde Meine Lehre den Menschen gab, da war das Heidentum nach allen Seiten hin weit über die ganze Erde ausgebreitet unter allerlei Formen und Gestaltungen, und Meine Lehre war nur ein heller Morgenstern in der großen Heidennacht. Der Morgenstern wurde bald und leicht von dem dichtesten Nachtgewölk der Heiden so gänzlich verdeckt, daß die Menschen nur hie und da mit Mühe seinen wahren Stand erraten konnten. Einige sagten: „Siehe da!", und andere: „Siehe dort!" Und es geschah, daß sie andere Sterne für den Morgenstern ansahen und hoch verehrten. Und so hatte das damals so großmächtige Heidentum ein leichtes zu tun, um den Morgenstern mit sich zu verschmelzen und zu vereinen und sich so dem Volke, das nach dem Morgensterne fragte, von dem es häufig reden gehört hatte, als der allein rechte, alte Morgenstern darzustellen.

[GEJ.10_030,05] Der also umwölkte und verunstaltete Morgenstern wirkt vor dem blinden Volke auch Wunderzeichen unter dem nur veränderten Namen des Zeus in den Meinen, und das Volk war zufrieden, und das alte Heidentum blieb mit sehr geringen Abänderungen. Aber Meine Lehre blieb dennoch auch trotz aller Verfolgungen bei wenigen unversehrt und wohl erhalten. Der edle Same, der auf ein gutes Erdreich fiel, schlug gute und feste Wurzeln, trieb und trug gute Früchte, wennschon im Verborgenen, von den Blindaugen der Hure Babels unbemerkt.

[GEJ.10_030,06] Aus dem Morgenstern ward eine Sonne, die nun vollends aufgeht, und das Gewölk des Heidentums wird diese Sonne nimmermehr derart zu verdecken vermögen, daß selbst ein Schwachsichtiger den Tag für die Nacht halten könnte.

[GEJ.10_030,07] Das Licht Meines Blitzes ist mächtig geworden und wird von der Heidennacht nimmerdar verdrängt werden. Wie, das habe Ich in diesem Notabene klar gezeigt.

[GEJ.10_030,08] Und so will Ich denn dieses Heft mit dem auch schließen, daß Ich jeden Meiner Freunde in aller Meiner Liebe ermahne, dieses nicht nur zu lesen, sondern es wohl zu beherzigen und zu glauben, daß Ich es bin, der Ich Meinen Freunden solches aus Meiner freien Gnade eröffnet habe zum Troste des Herzens und zur Erleuchtung des Seelenverstandes, und dafür nichts verlange als allein eure rechte Liebe und also auch den lebendigen Glauben.

[GEJ.10_030,09] Wer Meinem irdisch stets armen und nun schon alten Knechte dafür etwas Besonderes tun kann und will aus Liebe zu Mir, dem werde Ich es in Kürze vielfach vergelten, Amen! Das sage Ich, der Herr, das ewige Leben und die Wahrheit.

[GEJ.10_030,10] Und nun im nächsten Heft wieder zur Sache des Evangeliums zurück! Einen halben Tag halten wir uns noch in Genezareth auf, dann wollen wir die zehn Städte kurz durchwandern.

 

31. Kapitel – Der Herr in der Gegend von Cäsarea Philippi, Fortsetzung. (Kap.31-32)

[GEJ.10_031,01] Wie im früheren Heft angezeigt, blieb Ich noch einen halben Tag von frühmorgens bis über eine Stunde über den Mittag in Genezareth.

[GEJ.10_031,02] In dieser Zeit segnete Ich Meine besonders hier noch anwesenden Freunde, den alten Markus, den Kisjona, den Philopold und also auch die Maria, die mit dem Kisjona und Philopold zuerst nach Kis sich begab, dort eine Zeitlang verblieb und sich auch wieder nach Nazareth begab, wo sie den etlichen Brüdern alles erzählte, was sie über Mein Lehren und Wirken vernommen, selbst gesehen und erlebt hatte, worüber sich die Brüder sehr wunderten, wie auch noch andere alte Bekannte und Freunde Josephs, Mariens und der drei Brüder, die daheim Zimmerleute waren und das Haus versorgten.

[GEJ.10_031,03] Aber bei allem Glauben an Mich zuckten doch mehrere mit den Achseln und sagten: „Er tut wahrlich große Dinge, und Seine Lehre ist vollkommenst wahr, rein und gut; aber so Er Sich mit den Templern zu Jerusalem zu weit gegen sie zeugend einläßt und mit aller Seiner göttlichen Kraft und Macht gegen sie auftritt, so geht Er unter; denn ihre Gesinnungen gegen Ihn und Seinen sicher schon weit ausgebreiteten Anhang sind allseits, wie wir vernahmen, von allerunversöhnlich bösester Art.

[GEJ.10_031,04] Unter den Heiden hat Er wohl schon viele und vollgläubig beste Freunde und Anhänger, doch unter den Juden nur sehr wenige, und selbst diese halten Ihn zumeist für einen großen Propheten und wollen von einem Gottessohn eben nicht viel hören und wissen, obschon bei und mit Ihm noch alles in Erfüllung ging, was die Propheten über Ihn geweissagt haben.

[GEJ.10_031,05] Nun darf es einmal mit Ihm dahin kommen, daß er das arge Los mit Johannes dem Täufer leicht möglich zu teilen bekäme, da werden die bis jetzt wenigen an Ihn haltenden Juden gleich wieder umkehren und sich aus großer Furcht vor dem Tempel wieder zu den Pharisäern wenden und ihnen Seine bisherigen Anhänger verfolgen helfen.

[GEJ.10_031,06] Bis jetzt hat Er Sich wohl noch allenthalben behauptet und hat allen, die Ihn verfolgten, auf das kräftigste zu begegnen verstanden, und wir hoffen und glauben auch fest, daß Er mittels Seiner göttlichen Natur und Wesenheit das begonnene Werk ganz gut nach der Macht der göttlichen Weisheit, mit der Er erfüllt ist, und ohne eine weitere Störung vollenden wird. Aber die Welt ist falsch und arg, und ihre Kinder sind finster und sehr böse und haben bis jetzt noch immer verstanden und verstehen das auch sicher jetzt, alles, was Gott durch die Propheten für die Menschen noch so wahr, gut und weise geoffenbart hat, zu verkehren und in ihr eigenes Böse derart zu verwandeln, daß dann selbst die von Natur aus besseren und helleren Menschen das alte Reingöttlich- Wahre und – Gute aus dem vielen Falschen und Schlechten nicht mehr haben herausfinden können und darum in dem Falschen und Argen der Welt haben verharren müssen.

[GEJ.10_031,07] Nun, unser göttlicher Bruder Jesus hat die schon altarge Finsternis und große Bosheit der Pharisäer und ihrer treuen Anhänger wohl allerkräftigst zu beleuchten angefangen, also, daß auch die Heiden schon zu vielen Hunderten sich an Seinem Lichte sonnen und wärmen; aber darum ist die denkbare Möglichkeit noch immer in dieser Welt vorhanden, die dem gerechten Eifer unseres Bruders ein trauriges Ende setzen kann."

[GEJ.10_031,08] Mit dieser Rede waren viele einverstanden, – Maria und etliche ihrer Freunde und Freundinnen aber nicht.

[GEJ.10_031,09] Und einer sagte: „Höret, so Er Selbst das wollen und zulassen wird, so kann das wohl geschehen, daß die Argen sich an Seinem Leibe werden vergreifen können, aber sicher nicht zu ihrem etwa vermeinten Vorteile, sondern zu ihrem Untergange, wie man derlei von dem Messias in den alten und jüngeren Propheten ganz klar angedeutet findet! Darum sorgen wir uns nun nicht eitel und vergeblich um Ihn; denn Er weiß es am besten und hellsten, was Er zum wahren Wohle aller Menschen zu tun hat. Wir wollen und werden allzeit und unter allen Umständen an Ihn glauben und Ihn als den Sohn Gottes tiefst verehren."

[GEJ.10_031,10] Damit waren alle zufrieden und redeten nachher noch vieles von Meinen Lehren und Taten, wodurch dann in Nazareth viele an Mich wahrer und fester zu glauben anfingen, als das zuvor der Fall war, da ja selbst Meine daheimgebliebenen drei Brüder auf Mich nicht das hielten, was sie wohl hätten halten können, darum Ich denn solchen Unglaubens wegen Nazareth eben nicht so oft besuchte und seinen Bewohnern, als sie fragten, woher Mir, dem ihnen wohlbekannten Sohne des Zimmermanns Joseph, solche Weisheit und Macht käme, auch sagte: Ein Prophet gilt nirgends weniger als in seinem Vaterlande! Darauf zog Ich mit Meinen Jüngern von dannen und kam persönlich auch nicht wieder nach Nazareth.

[GEJ.10_031,11] Aber nach dieser Besprechung mit der Maria über Mich wurde der Glaube an Mich fester, und es fingen viele an, Mich als den verheißenen und in Meiner Person auch in diese Welt gekommenen Messias und Sohn Davids zu loben und zu preisen.

 

32. Kapitel

[GEJ.10_032,01] In Genezareth aber, wie schon bemerkt, blieb Ich, als Ich die anfangs wohl erwähnten Freunde gesegnet entlassen hatte, nicht länger mehr, sondern erhob Mich mit Meinen Jüngern und zog eine Strecke weit, von Ebal, der Jahra und den drei bekannten Römern geleitet, auf der Heerstraße in die zehn oder eigentlich sechzig Städte, die teils im Jordantale selbst und teils auf den dasselbe nahe und weiter umgebenden Bergen und Hügeln zerstreut lagen.

[GEJ.10_032,02] Als Ich außerhalb Genezareth mit allen, die mit Mir waren, eine erste, ziemlich bedeutende und freie Anhöhe erreicht hatte, da wandte Ich Mich an die, welche Mich begleitet hatten, und sagte zu ihnen: „Ihr habt Mich bisher begleitet aus großer Liebe, da ihr wohl wisset und glaubet, wer in Mir bei euch war, und wem ihr das Geleit gegeben habt. Bleibet fortan also in Meiner Liebe, und Ich werde in eben dieser Liebe auch fortan in euch, bei euch und unter euch verbleiben, und um was ihr in dieser Welt den Vater in Mir bitten werdet, das wird euch denn auch gegeben werden. Nur bittet nicht um eitle Dinge dieser Welt, sondern um die ewigen Schätze des Reiches Gottes; denn alles andere, was ihr zum Leben in dieser Welt benötigt, wird euch schon ohnehin gegeben werden!"

[GEJ.10_032,03] Hierauf sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, wie sollen wir bitten, daß wir Dir wohlgefällig und somit auch nicht vergeblich Dich um etwas Rechtes bitten könnten? Denn es kann ein Mensch auf dieser Welt in gar mannigfache Bedrängnisse gelangen und kann sich da mit einer rechten Bitte um Abhilfe nur an Dich wenden. Wie aber soll er da bitten und beten?"

[GEJ.10_032,04] Sagte Ich: „In jeder Not und Drangsal bittet mit natürlicher Sprache im Herzen zu Mir, und ihr werdet nicht vergeblich bitten!

[GEJ.10_032,05] So ihr aber Mich um etwas bittet, da machet nicht viele Worte und durchaus keine Zeremonie, sondern bittet also ganz still im geheimen Liebeskämmerlein eures Herzens:

[GEJ.10_032,06] Unser lieber Vater, der Du im Himmel wohnst, Dein Name werde allzeit und ewig geheiligt! Dein Reich des Lebens, des Lichtes und der Wahrheit komme zu uns und bleibe bei uns! Dein allein heiliger und gerechtester Wille geschehe auf dieser Erde unter uns Menschen also, wie in Deinen Himmeln unter Deinen vollendeten Engeln! Auf dieser Erde aber gib uns das tägliche Brot! Vergib uns unsere Sünden und Schwächen, wie auch wir sie denen allzeit vergeben werden, die gegen uns gesündigt haben! Lasse nicht Versuchungen über uns kommen, denen wir nicht widerstehen könnten, und befreie uns also von allem Übel, in das ein Mensch infolge einer zu mächtigen Versuchung dieser Welt und ihres argen Geistes geraten kann; denn Dein, o Vater im Himmel, ist alle Macht, alle Kraft, alle Stärke und alle Herrlichkeit, und alle Himmel sind voll derselben von Ewigkeit zu Ewigkeit! –

[GEJ.10_032,07] Siehe, du Mein Freund, also soll ein jeder bitten in seinem Herzen, und seine Bitte wird erhört werden, so es ihm mit derselben völlig ernst ist, – doch nicht pur mit dem Munde, sondern wahr und lebendig im Herzen! Denn Gott in Sich ist ein purster Geist und muß denn auch im Geiste und dessen vollster und ernstester Wahrheit angebetet werden.

[GEJ.10_032,08] Wenn du das nun einsiehst und begreifst, da tue denn auch danach und du wirst leben, wie auch ein jeder, der also tun wird!"

[GEJ.10_032,09] Auf diese Meine kurze Rede dankten Mir alle, und Ich segnete sie nochmals, entließ den bisher noch immer sichtbaren Raphael, der wie ein mächtiger Blitz in den ewigen Raum emporzuckte, worüber die noch anwesenden Römer erschraken und lange emporschauten, ob sie seiner Gestalt irgend ansichtig werden könnten, was aber nun nicht mehr möglich war.

[GEJ.10_032,10] Darauf aber entließ Ich auch die Mich auf diese Anhöhe begleitet Habenden und zog mit Meinen Jüngern auf der Anhöhe, von der aus eine fruchtbare Hochebene ihren Anfang nahm, eben die Hochebene entlang weiter, und wir erreichten auf derselben in ein paar Stunden eine kleine, alte Stadt, deren Einwohner zumeist aus Griechen und Römern bestanden; und etliche wenige ganz herabgekommene und verkümmerte Juden lebten auch unter den Heiden und hatten für sich eine kleine Herberge, die ihnen zur Not auch als Synagoge diente.

 

33. Kapitel – Der Herr in der Bergstadt Pella. (Kap.33-54)

[GEJ.10_033,01] Bei dieser Herberge hielten wir an, und es kam der Wirt uns mit der Entschuldigung entgegen, daß er uns nicht aufnehmen könne; denn fürs erste würde seine Herberge uns gar nicht fassen, und fürs zweite sei er nur mit sehr wenigen Mundvorräten versehen, die für uns nicht genügen würden. Aber in der Mitte der Stadt befinde sich eine griechische Herberge, die mit allem versehen sei, und daselbst wir eine gute Aufnahme finden könnten.

[GEJ.10_033,02] Sagte Ich: „Darum habe ich schon lange eher gewußt, als du noch geboren worden bist; Ich aber bin nun nicht der Heiden, sondern nur der Juden wegen hierher gekommen, und so Mich diese durchaus schon nicht aufnehmen wollen, dann werde Ich schon wissen, was Mir zu tun übrigbleiben wird. Laß uns denn sehen den Raum deiner Herberge und deiner Synagoge!"

[GEJ.10_033,03] Da sah Mich der Wirt groß an und sagte: „Freund, mit wem habe ich denn in dir zu tun, daß du mit mir ordentlich gebieterisch sprichst?"

[GEJ.10_033,04] Sagte Ich: „Wüßtest du, wer Ich bin, da würdest du zu Mir sagen: ,Herr, ich habe einen gichtbrüchigen Sohn, an dem schon viele Ärzte ihre Kunst versucht haben, und ich bin dabei arm geworden, und der Sohn leidet täglich größere Schmerzen! Hilf Du meinem Sohn, denn Dir ist alles möglich!‘ Du weißt aber das nicht, und darum habe Ich es dir nun gesagt."

[GEJ.10_033,05] Als der Wirt solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da dachte er bei sich: „Wie weiß dieser Fremde, den unsere Bergstadt Pella noch nie gesehen hat, um meinen gichtbrüchigen Sohn, und daß sein Leiden von Tag zu Tag ärger wird?"

[GEJ.10_033,06] Darauf erst wandte er sich zu Mir und sagte (der Wirt): „Herr, daß du kein gewöhnlicher Mensch bist, das habe ich nun gar wohl wahrgenommen; und ist es dir möglich, meinen Sohn zu heilen, so werde auch ich trotz aller meiner Dürftigkeit alles aufbieten, um mich dir und deinen Gefährten dankbar zu erweisen!"

[GEJ.10_033,07] Sagte Ich: „So führe Mich hinein zu deinem Sohn, und es soll besser mit ihm werden!"

[GEJ.10_033,08] Da führte mich der Wirt in das Gemach des kranken Sohnes, allwo sich um den Jammernden und Klagenden seine Mutter und seine Geschwister trauernd befanden und Gott baten, daß Er den Kranken doch endlich einmal von seinen Leiden befreien möchte.

[GEJ.10_033,09] Da sagte der Wirt zu den Seinen: „Klaget nicht weiter, denn sehet, da ist ein fremder Arzt, der meinem Sohne helfen kann und wird, und ich glaube fest, daß Ihm allein das wohl möglich ist!"

[GEJ.10_033,10] Sagten die Traurigen: „Wenn diesem Arzte das möglich ist, so hat Gott der Herr unsere Gebete erhört!"

[GEJ.10_033,11] Sagte Ich: „Ja, ja, Er hat sie erhört, und Ich sage nun aus Meiner eigenen Macht, die Mir innewohnt: Du Gichtbrüchiger, Ich will es, werde du gesund, und sündige in der Folge nicht mehr; denn durch dein geheimes Sündigen bist du zu deinem Leiden gekommen!"

[GEJ.10_033,12] Auf diese Meine Worte ward der Sohn im Augenblick vollkommen gesund, und Ich sagte, daß er das Lager verlassen und daß ihm die Mutter ein Essen bereiten solle, doch frisch und rein. Das geschah denn auch sogleich, und der Wirt und sein geheilter Sohn wußten nicht, wie sie Mir fürs erste gebührend danken oder gar Mich anbeten sollten.

[GEJ.10_033,13] Ich aber sagte: „Zerbrecht euch über die Art, wie ihr euch gegen Mich dankbar erweisen sollt, nicht den Kopf und das Herz; denn Ich sehe nur aufs Herz allein und weiß nun, was in ihnen vorgeht! Aber nun laß Mich sehen deine Herberge und die kleine Synagoge!"

[GEJ.10_033,14] Hier sträubte sich der Wirt nicht mehr, Meinem Wunsche Gewährung zu leisten, und führte Mich in die Gemächer der Herberge, die für uns am Ende doch Raum genug boten.

 

34. Kapitel

[GEJ.10_034,01] Darauf führte er uns in die Synagoge, in der durch einen alten Rabbi etliche Judenkinder in der Schrift einen matten Unterricht erhielten.

[GEJ.10_034,02] Und Ich sagte zum Rabbi: „Freund, auf diese Art wirst du aus diesen Kleinen eher Heiden denn Juden heranbilden! So du in der Schrift selbst schlecht bewandert bist, was sollen dann die Kinder von dir lernen? Laß das Lehren stehen, und tue etwas anderes, auf daß ein besserer Lehrer deine Stelle einnehme und bekleide!"

[GEJ.10_034,03] Sagte der Rabbi voll Ärger: „Freund, ich bin hier von der Gemeinde zum Rabbi erwählt! Diese ist mit mir zufrieden, und du als ein Fremder hast dich da nicht zu bekümmern, wie ich die Jungen unterweise. Wir leben hier unter Heiden, und ich muß darum nebst unserer Schrift meine Schüler auch der Römer und Griechen Sitten und Gebräuche kennen lehren, an ihnen das Gute auch lobend anerkennen, auf daß sie mich nicht irgend zur Verantwortung ziehen mögen. Wir sind einmal in diese Welt gestellt und müssen nebst Gott, der uns kein Manna aus den Himmeln mehr regnen läßt, auch der Welt dienen, so wir von ihr leben wollen."

[GEJ.10_034,04] Sagte Ich: „Weil die Juden, dir gleich, Gottes stets mehr und mehr vergessen haben und schon damals der Welt zu dienen angefangen haben, als Er noch das Manna vom Himmel regnen ließ, so ließ aber Gott auch sie in die harte Knechtschaft der Welt geraten und sich im Schweiße ihres Angesichtes ein mageres Brot erwerben. Und weil nun eben die Juden Gott gegenüber treuloser geworden sind als die Heiden, so wird ihnen auch das wenige Licht, das sie noch haben, genommen und den Heiden gegeben werden.

[GEJ.10_034,05] Wie kannst du denn ein Gott wohlgefälliger Rabbi sein, der du heute für die Judenkinder jüdisch und morgen für die Heidenkinder in eben dieser Synagoge heidnisch lehrst und dich dafür bezahlen läßt?"

[GEJ.10_034,06] Sagte der Rabbi, der Mich für einen kleinen Propheten zu halten anfing, weil Ich ihm Dinge vorhielt, um die Ich sonst als ein purer und fremder Mensch nach seiner Meinung denn etwa doch nicht sollte wissen können: „Gott gebe mir also zu leben, ohne daß ich hier nötig habe, auch den Heiden ums Brot zu kommen, und ich werde meinen Heidendienst sogleich fahren lassen!"

[GEJ.10_034,07] Sagte Ich: „Freund, du warst vor noch zehn Jahren zu Ephraim ein sehr wohlhabender Mann als Jude und hattest zu essen und zu trinken in aller Fülle. Warum hast du es denn schon damals mit den Heiden mehr denn mit den Juden gehalten?

[GEJ.10_034,08] Siehe, weil du das damals ohne Not getan hast, darum hat dich Gott sinken und als einen Heidenrabbi in diese Heidenstadt kommen lassen! Daß du nun danebst auch seit ein paar Jahren ein Judenrabbi geworden bist, das haben eben deine dir freundlichen Heiden und nicht die armen, hier lebenden Juden bewirkt und haben den früheren rein jüdischen Rabbi aus dieser Stadt geschafft.

[GEJ.10_034,09] Ich aber sage es dir, daß es in der Folge nicht mehr also gehen kann! Werde du ein ganzer Jude, wie du einst einer warst, sonst wirst du in wenigen Tagen aus dieser Stadt geschafft werden, und ein Würdigerer wird deine Stelle einnehmen; denn Ich bin gekommen, um diese Stadt zu fegen, auf daß sie, wenn etwa schon in fünfzig Jahren das finstere Jerusalem von den Römern bis auf den letzten Grundstein wird zerstört werden, für alle, die Ich die Meinen nennen werde, ein sicherer Zufluchtsort werden möge! Bedenke das nun wohl, was Ich dir jetzt gesagt habe; denn Ich habe die Macht von oben dazu, dir solches zu sagen!"

[GEJ.10_034,10] Hierauf wollte der Rabbi noch etwas erwidern; aber der Wirt zog ihn zur Seite und sagte ihm, was Ich an seinem Sohne getan habe. Da sagte der Rabbi kein Wort mehr, ließ die Schüler aus der Synagoge nach Hause gehen und entfernte sich aus der Synagoge, besuchte schnell des Wirtes völlig geheilten Sohn, worüber er in großes Erstaunen geriet, und eilte darauf in alle ihm bekannten Juden- und Heidenhäuser und erzählte, was sich in der Judenherberge ereignet habe, worauf bald viele zu der Herberge kamen, um sich selbst zu überzeugen, was sich da ereignet hatte.

 

35. Kapitel

[GEJ.10_035,01] Als nun viele den ihnen wohlbekannten, ehemals so sehr kranken und nun völlig geheilten Wirtssohn ersahen, da ergriff sogar die Heiden eine Furcht vor Mir also, daß sie sich nicht getrauten, nach Mir zu forschen.

[GEJ.10_035,02] Und sogar ein römischer Hauptmann sagte: „Hinter diesem Arzte und seinen Gefährten müssen höhere Wesen stecken; denn uns Menschen ist so etwas ohne alle Arznei niemals möglich zu bewerkstelligen gewesen!"

[GEJ.10_035,03] Ich befand Mich mit den Jüngern schon in der Herberge, und es hatte Mich denn auch an diesem Tage, der sich ohnehin schon sehr dem Abend zuzuneigen begann, keiner von den vielen zu der Herberge Herbeigekommenen zu Gesichte bekommen.

[GEJ.10_035,04] Als sich die Menschen wieder voll Verwunderung und auch teilweiser Furcht vor Mir in ihre Häuser begeben hatten, da kam der Wirt zu uns und sagte zu Mir: „O du großer Herr und Meister, es wäre nun schon alles herrlich, gut und recht, wenn ich nur für euch alle einen genügenden Mundvorrat besäße! Wein habe ich gar keinen, aber ich werde in die griechische Herberge um einen schicken! Etwas Weizen- und Gerstenbrot habe ich wohl, und ebenso auch etwas geräuchertes Schaffleisch; so ihr damit für heute euch begnügen wollt, so wird es mich hoch erfreuen. Für morgen soll schon nach allen Meinen Kräften besser gesorgt sein."

[GEJ.10_035,05] Sagte Ich: „Freund, des Essens und Trinkens wegen sind wir nicht hierher gekommen; aber was du hast, damit werden wir uns auch begnügen. Des Weines wegen aber mache du dir keine Sorgen und unnötige Unkosten, sondern gehe in deinen Keller, und du sollst deine leeren Schläuche mit Wein gefüllt finden. Denn Der deinen Sohn zu heilen vermochte, der vermag auch deine leeren Schläuche mit Wein voll zu füllen. Gehe denn nun mit deinen Kindern in deinen Keller, und bringe uns mehrere Krüge voll Weines!"

[GEJ.10_035,06] Der Wirt, voll gläubigsten Staunens, ergriff gleich mehrere Krüge, reinigte sie, berief dann alle seine Kinder und auch sein Weib und sagte ihnen, was Ich zu ihm gesagt hatte. Da ging es mit eiligsten Schritten in den Keller, und wie staunten alle, als sie die ehemals leeren Schläuche voll des besten Weines antrafen.

[GEJ.10_035,07] Die Krüge wurden denn auch sogleich gefüllt und zu uns gebracht, und der Wirt samt seinem Weibe und seinen Kindern wußten abermals nicht, wie sie Mir dafür genügend danken könnten. Das Wunder achteten sie nun darum an sich für geringer als Meinen Willen, daß Ich sie also sehr habe beglücken wollen; denn sie zweifelten schon nach der Heilung des Sohnes nicht im geringsten an dem, daß Mir alles möglich sei, was Ich nur wollen möge.

[GEJ.10_035,08] Ich aber sagte zu ihnen, was Ich ihnen nach der Heilung des Sohnes gesagt hatte, daß Ich nur auf die Herzen achte; und sie gingen nun voll Freude hinaus.

[GEJ.10_035,09] Und das Weib sagte zum Manne: „Du, das muß ein großer Prophet sein! Vielleicht ist das gar der Prophet Elias, der einst wiederkommen soll? Darum müssen wir ihn denn auch mit der höchsten Achtung und Ehrerbietigkeit bedienen!"

[GEJ.10_035,10] Sagte der Wirt: „Sorget nun für den Tisch! Ob Elias oder gar noch etwas Höheres, – am Ende gar der verheißene Messias Selbst, das ist nun vorderhand gleich; nun heißt es sehen, diese wunderbaren Gäste zufriedenzustellen!"

[GEJ.10_035,11] Da griff alles zur Bereitung der Speisen, und der Wirt brachte uns Brot und bat uns, dasselbe genießen zu wollen, was wir denn auch taten. Bald darauf wurden die recht wohlbereiteten Speisen auf den Tisch gebracht, und auch mehrere Lampen, durch die das Speisezimmer ganz gut erleuchtet wurde.

[GEJ.10_035,12] Wir nahmen die Speisen zu uns, und die Jünger besprachen sich über die Geschichte der Israeliten in der ersten Zeit ihres Einzuges aus der Wüste in diese Länder und über die Kriege, die sie mit den Moabitern und später mit den Philistern zu bestehen hatten, und der Wirt erzählte auch so manches ihm Bekannte von der Entstehung der alten Stadt Pella und von den Schicksalen, die sie schon zu bestehen gehabt hatte. Ich aber ruhte und sprach wenig.

[GEJ.10_035,13] Also vergingen ein paar Stunden, und Ich sagte dann zum Wirte, der Mir ein gutes Ruhebett antrug: „Laß das, – wir bleiben hier am Tische und werden allda unsere Nachtruhe nehmen!"

[GEJ.10_035,14] Das war dem Wirte eben nicht unlieb, indem er mit Ruhebetten nur ganz schwach versehen war. Er selbst aber wollte uns nicht verlassen und blieb denn auch die ganze Nacht hindurch bei uns am Tische. Die Nacht ging ganz ruhig vorüber, und es ward niemand in der Ruhe gestört.

 

36. Kapitel

[GEJ.10_036,01] Am Morgen früh war der Wirt der erste auf den Füßen und ordnete alles zur Bereitung eines guten Morgenmahles an, worauf sein Weib und seine Kinder und seine andern Diener und Mägde in volle Tätigkeit gesetzt wurden. Wir erhoben uns aber auch gleich darauf von unseren Ruhestühlen und Bänken am Tische und begaben uns ein wenig ins Freie; denn man genoß von dieser Stadt aus eine recht herrliche Aussicht über einen großen Teil des schönen Jordantales und über die weite und breite und noch sehr fruchtbare Hochebene.

[GEJ.10_036,02] Dieser Morgen verlief aber doch nicht so ruhig wie die Nacht; denn als wir wieder ins Haus zum Morgenmahle zurückkehrten, da fanden wir vor dem Hause schon viel Volkes, das zumeist aus Heiden bestand. Der schon erwähnte Hauptmann mit noch einigen seiner Untergebenen fehlte auch nicht und ebenso auch der alte Rabbi.

[GEJ.10_036,03] Alle diese erkundigten sich emsig nach dem Wunder der Heilung des gichtbrüchigen Sohnes, welches die Befragten also erzählten, wie es vor sich gegangen ist, worüber alle über alle die Maßen erstaunten.

[GEJ.10_036,04] Und der Hauptmann sagte darauf mit ganz ernster Miene: „Wisset ihr was?! Ein Mensch, der solche Dinge ohne alle Beihilfe irgend äußerer Mittel zustande zu bringen vermag, ist ein Gott und kein Mensch mehr! Ich habe auch schon zu mehreren Malen von gewissen Zauberern Wunder wirken sehen, – aber da bin ich bald dahintergekommen, wie sie solche Wunder wirkten; wer aber kommt da auf eine Spur, wie dieser Mensch den Kranken geheilt hat?"

[GEJ.10_036,05] Einige meinten wohl, daß ich mit andern Magiern das gemein hätte, daß auch Ich eine recht zahlreiche Begleitung bei Mir habe und man denn doch am Ende nicht wissen könne zu welchem eigentlichen Zweck.

[GEJ.10_036,06] Der Hauptmann aber blieb bei seiner Behauptung, ließ sich nicht irremachen und sagte: „Seine Begleiter werden wohl nie vermögen, Sein Wort und Seinen Willen zu stärken; denn bei der Heilung eines solchen Kranken, wie der Sohn des Judenwirtes es war, kann durch eine gewisse Verabredung oder durch ein geheimes Einverständnis niemals etwas bewirkt werden. Wir könnten alle hier dahin einverstanden sein, unseren Willen fest dahin zu richten, daß meine auch schon über drei volle Jahre an einer unheilbaren Krankheit daniederliegende älteste Tochter gesund werde, und wir werden damit nichts ausrichten; wird aber dieser Mann das ganz allein wollen, so wird meine Tochter sicher alsbald ebenso gesund werden, wie da gesund geworden ist dieses Wirtes Sohn!"

[GEJ.10_036,07] Also besprachen sich vor dem Hause des Wirtes die Menschen über Mich, während Ich Mich mit den Jüngern schon beim Morgenmahle befand; denn wir kehrten von der vom Volke nicht bemerkten Rückseite ins Haus, und die Hausleute und Kinder des Wirtes aber hatten von ihm den Auftrag, Meine Anwesenheit nicht zu verraten, außer es erhielte jemand von Mir Selbst einen Auftrag dazu. Also durften sie auch von der wunderbaren Weinkreirung nichts reden zum Volke.

[GEJ.10_036,08] Als wir mit dem Morgenmahle zu Ende waren, da sagte Ich zum Wirte: „Nun laß du den Hauptmann mit seinen Untergebenen, den alten Rabbi und den griechischen Herbergswirt zu uns hereinkommen, und Ich werde mit ihnen reden!"

[GEJ.10_036,09] Darauf eilte der Wirt schnell hinaus und hinterbrachte das den Genannten.

[GEJ.10_036,10] Diese folgten auch sogleich dem Ruf, und als sie sich bei uns im Zimmer befanden, da fragte der Hauptmann sogleich den Wirt nach Mir.

[GEJ.10_036,11] Und der Wirt führte ihn zu Mir und sagte: „Vor Dem, der auf diesem einzelnen Stuhle sitzet, werde ich allzeit meine Knie beugen!"

[GEJ.10_036,12] Sagte darauf der Hauptmann: „Auch ich, mein Freund!"

[GEJ.10_036,13] Hierauf machte der Hauptmann eine tiefe Verbeugung vor Mir und sagte darauf: „Großer Meister, ein nie erhörtes Wunder hast Du allein in diesem Hause gewirkt und mir dadurch ein Zeugnis gegeben, daß Du kein Mensch unseresgleichen, sondern vollwahr ein Gott sein mußt! So Du aber das unfehlbar bist, da erweise uns die große Gnade und sage uns, wie wir denn mit unseren verschiedenen Glaubenssachen daran sind!

[GEJ.10_036,14] Ich habe alles durchgeprüft: unsere Vielgötterlehre, die Meinungen der altägyptischen, der griechischen und unserer römischen Weltweisen. Dann habe ich auch der Juden Eingottlehre, alle ihre Propheten und Weisen genau durchforscht, die wohl schwer zu verstehen sind und großenteils aber auch gar nicht, weil sie eine zu phantastische, oft ganz unzusammenhängende Sprache führen und Bilder aufstellen, die wohl sie mögen verstanden und begriffen haben, aber außer ihnen wohl sicher sehr wenige. Ebenso habe ich auch mit vielen aus den fernsten Morgenländern in Hinsicht der übersinnlichen Dinge, über ihre Götterbegriffe und über das wie geartete Fortleben der Menschenseele nach dem Tode gesprochen, wie auch mit den Menschen im Süd- und Nordwesten Europas.

[GEJ.10_036,15] Was aber habe ich daraus gefunden? Ich sage es offen: Alles andere, – aber nur das nicht, was ich suchte, nämlich eine mich überzeugende und mir begreifliche Wahrheit.

[GEJ.10_036,16] Der Glaube an ein oder auch mehrere unsichtbare Gottwesen ist wohl allenthalben vorhanden, – aber wie verschieden! Es ist nicht nötig, hier den nahezu endlosen Wust aller der transzendenten Phantasien der Menschen in bezug ihres Gott- und Seelenfortlebens nach dem Leibestode anzuführen, sondern es handelt sich hier nur um die wahre Lebensfrage: In welcher Lehre ist die Wahrheit? Haben alle die verschiedenen Vielgötterglauber recht, oder die Eingottglauber?

[GEJ.10_036,17] Wenn wir unsere römischen Rechtsgesetze betrachten, die sicher nahe durchaus gut und somit für den Fortbestand der Menschen- und sogar Völkergesellschaften wohl die tauglichsten sind, so scheint denn auch unsere freilich schon sehr verunstaltete Vielgötterlehre, die am Ende doch den Grund zu unseren weisen und möglich gerechtesten Staatsgesetzen bildete, noch immer am meisten zu beachten zu sein. Aber die jüdische Eingottlehre, die mit der urägyptischen viel Ähnlichkeit besitzt, scheint dennoch der großen Lebenswahrheit um vieles näher zu stehen, obschon sie nun unter den Juden um vieles verunstalteter ist denn die unsrige; denn man betrachte nur mit einigem Scharfblick das höchst gott- und gewissenlose Tun und Treiben der Judenpriester in Jerusalem, und man wird es um gar vieles dümmer und ärger finden und anerkennen müssen denn das unserer vielgestaltigen und verschiedenartigen Priester.

[GEJ.10_036,18] Du göttlicher Wundertäter wirst mir da sicher mit wenigen Worten das rechte Wahrheitslicht zu geben imstande sein!"

[GEJ.10_036,19] Sagte Ich: „Mein Freund Pellagius und Hauptmann von dieser und drei andern Städten, als von Abila, Golan und Aphek! Ich kam hauptsächlich nur deinetwegen hierher, da Ich wohl wußte, daß du schon seit beinahe dreißig Jahren die Wahrheit eifrig suchtest, sie aber doch nicht zu finden imstande warst.

[GEJ.10_036,20] Weil du aber die Wahrheit also suchtest wie gar wenige deines Volkes und Ranges, so bin Ich als die ewige Urwahrheit Selbst zu dir gekommen, und du hast in Mir auch schon die vollste, hellste und reinste Wahrheit gefunden, und Mein Licht wird dich also durch und durch erleuchten, daß du selbst noch zur Leuchte für viele andere werden wirst.

[GEJ.10_036,21] Aber deine älteste Tochter Veronika ist krank, und es kann ihr kein Arzt helfen; so du glaubest und wünschest, da soll es besser mit ihr werden!"

[GEJ.10_036,22] Sagte der Hauptmann, ganz zerknirscht vor Freude: „Ja, Herr und Meister voll göttlicher Kraft, ich glaube das, wie vielleicht nur wenige im ganzen Judenreiche, und wünschte der Tochter Heilung auch sicher, als ihr Vater, mehr denn aus allen meinen Lebenskräften; aber ich bin ja gar nicht würdig, daß Du Heiligster unter meines Heidenhauses Dach trätest und heiltest daselbst meine dem Tode schon ganz nahe stehende Tochter.

[GEJ.10_036,23] Daß ich aber Deinen Worten sicher den vollsten Glauben leihe, beweist schon das, daß ich mich gar nicht verwundert habe, als du als ein Fremder, der diese Gegend noch nie besucht hat, um Meinen Namen wußtest, den ich ehrenhalber von dieser Stadt erhielt, und um mein Regiment über die drei noch von Dir genannten Städte und nun auch um den Namen meiner kranken Tochter wußtest; denn mein Gemüt sagte es mir ja, daß Du ein Gott bist und Dir alles möglich ist. Ich glaube denn auch, daß meine Tochter sicher gesund wird, so Du über sie nur ein Wort sprichst!"

[GEJ.10_036,24] Sagte Ich: „Wahrlich, solch einen Glauben habe Ich im Volke Israel nicht gefunden! Und so geschehe dir denn auch nach deinem Glauben! Sende nun nach Hause, und laß deine nun schon gesunde Tochter hierher bringen, auf daß sie sich stärke mit diesem Weine und Brote!"

 

37. Kapitel

[GEJ.10_037,01] Als der Hauptmann solches vernommen hatte aus Meinem Munde, da ward er überheiter und froh und entsandte sogleich einen seiner Unterdiener nach seinem Hause. Und dieser fand die Tochter zwar wohl im Krankenbette, aber so vollkommen gesund, daß sie als ganz frisch, munter und kerngesund aussehend und auch seiend das Bett verlassen wollte; nur ihre Mutter hielt sie davon zurück, weil sie der Meinung war, daß dieses plötzliche Gesundwerden ein gewisses letztes Auflodern der Lebenskräfte sei, auf das dann eine ebenso plötzliche volle Abspannung sämtlicher Lebenskräfte erfolge und mit ihr auch der sichere Tod.

[GEJ.10_037,02] Aber der Unterdiener erzählte der Mutter von der ebenso plötzlichen Heilung des Judenwirtssohnes, und wie dieser nun ganz kräftig und gesund sei, und daß derselbe wunderbar mächtige Arzt, der des Wirtes Sohn ohne alle Arznei, sondern allein durch sein Wort geheilt habe, auf die glaubensvolle Bitte des Hauptmanns vor wenigen Augenblicken Zeit denn auch durch sein unbegreiflich allmächtiges Wort die Tochter von allen ihren Leiden geheilt habe.

[GEJ.10_037,03] Die Mutter solle das glauben, die völlig gesunde Tochter das Bett verlassen lassen und sie sogleich zu dem Judenwirte bringen, allwo eben der wunderbare Arzt mit mehreren seiner Gefährten und auch der Hauptmann weilen. Die Tochter solle dort zu ihrer noch größeren Stärkung einen Wein und auch Speise nehmen.

[GEJ.10_037,04] Auf diese Besprechung ließ die Mutter die Veronika das Bett verlassen.

[GEJ.10_037,05] Diese tat das pfeilschnell und kleidete sich so zierlich wie möglich; denn sie wollte vor Mir so rein und geschmückt erscheinen, als so sie zu einem Könige zu kommen hätte.

[GEJ.10_037,06] Als sie nun ganz gekleidet und geschmückt war, nahm sie auch einen schönsten Goldbecher mit sich, um ihn Mir zu verehren.

[GEJ.10_037,07] Also kam sie denn auch, geleitet von der Mutter und von dem Unterdiener, zu uns, und ihre erste Frage war (Veronika): „Wo ist mein Heiland, mein Gott und mein Herr?"

[GEJ.10_037,08] Sagte Ich: „Ich bin es! Hierher komme und stärke dein Herz mit dem Weine und Brote, das Ich aus den Himmeln auf diesen Tisch gesetzt habe!"

[GEJ.10_037,09] Als Veronika solches von Mir vernommen hatte, da fiel sie vor Mir auf die Knie nieder und sagte: „O Du mein guter, lieber und göttlicher Heiland, wie kann ich, eine arme, sündige Heidin, Dir für Deine mir erwiesene übergroße und nieverdiente Gnade danken, daß mein Dank Deinem göttlichen Herzen wohlgefällig werden möchte?"

[GEJ.10_037,10] Sagte Ich: „Erhebe dich nur und setze dich zu Mir, und trink und iß – denn dadurch werden noch kräftiger dein Herz und deine Seele –; dann wollen wir in aller Liebe und Zärtlichkeit der Himmel über die Mir allein wohlgefällige Art des Dankes reden."

[GEJ.10_037,11] Hierauf erhob sich die nun überaus schöne Veronika, stellte vor Mich den Goldbecher und sagte voll Rührung und dabei aber doch mit einem römischen Wahrheitsernst: „O Du Herrlichster aller Herrlichen, Du Herr aller Herren, Du König aller Könige, Du Gott aller Götter, verschmähe dieses mein Kleinod nicht! Ich weiß und fühle es in meiner Seele, daß es Deiner zu unwürdig ist; aber gedenke, daß es Dir ein Dich liebendes und nur von Dir geheiltes Herz reicht, und verschmähe es darum nicht!"

[GEJ.10_037,12] Sagte Ich: „Ja, was Mir von solch einem Herzen dargereicht wird, das wird von Mir auch angenommen, und Ich werde nun aus diesem Kelch den Wein trinken; und da hast du denn Meinen Becher, aus dem Ich getrunken habe, und trinke den Wein daraus!"

[GEJ.10_037,13] Da nahm die Veronika Meinen nur irdenen Becher, trank daraus und sagte darauf: „Oh, um wie viele Königreiche ist dieser Becher mehr wert als der, den ich Dir zu weihen mich unterfangen habe; denn ich fühle es nun, nachdem ich getrunken habe aus diesem Becher, daß ich nicht nur den stärkendsten Wein für den Leib, sondern auch die Kraft des ewigen Lebens meiner Seele mit getrunken habe!

[GEJ.10_037,14] O trinket doch alle mit mir aus diesem Becher, die ihr noch zweifelt am ewigen Leben eurer Seele, und ihr werdet zum ewigen Leben gestärkt werden!"

[GEJ.10_037,15] Hier schenkte sie den Becher voll ein und reichte ihn ihrem Vater, der bisher noch nichts von unserem Weine gekostet hatte, und er leerte ihn ganz, küßte darauf den Becher und stellte ihn, Mir dankend, wieder vor die Tochter.

[GEJ.10_037,16] Der Hauptmann konnte sich nicht genug verwundern über die außerordentliche Güte des Weines und sagte auch, daß er nun wahrzunehmen anfange, daß er eine Seele habe, die in sich eine ewige Lebensfortdauer fühle, und daß er darob im höchsten Grade froh sei. Darauf tranken auch sein Weib, seine Unterdiener und am Ende der griechische Heidenwirt.

[GEJ.10_037,17] Als dieser den Wein verkostet hatte, da fragte er sogleich den Judenwirt, sagend (der Griechenwirt): „Woher hast du diesen Wein bezogen? Denn solange ich lebe und nun selbst Wirt bin, habe ich nie einen solchen Wein gekostet! Ich habe für besondere Gäste, so sie es wünschen, doch auch ganz gute Weine in meinem Keller und habe dir schon zu öfteren Malen damit ausgeholfen, und du kannst es sagen, daß ich dir niemals mit etwas Schlechtem aufgewartet habe. Aber solchen Wein habe ich niemals besessen! Woher hast du ihn bezogen? Sage es mir, damit auch ich mir einen verschaffe!"

[GEJ.10_037,18] Sagte der Judenwirt: „Freund, das wird dir schwer möglich werden; denn derlei Wein wächst auf der ganzen Erde nicht! Hast du denn nicht vernommen, was der große Wunderheiland zu der Tochter unseres gerechten Hauptmannes gesagt hat, woher dieser Wein gekommen ist? Siehe, aus den Himmeln Gottes, aber nicht etwa eures Phantasiegottes Bacchus, sondern aus den Himmeln unseres einen und allein wahren Gottes, dessen Gesandter eben dieser erhabene Wunderheiland höchst sicher und gewiß ist! Also ist es und nicht anders, und es wird dir schwer werden, um dein Geld von dieser Gegend einen solchen Wein dir zu verschaffen!"

[GEJ.10_037,19] Sagte der Griechenwirt: „Wie bist denn dann du dazu gekommen?"

[GEJ.10_037,20] Sagte der Judenwirt: „Da mußt du nicht mich, sondern den großen Meister fragen, dem alle Dinge möglich zu sein scheinen, und von dem ich nun auch das glaube, was der Hauptmann und seine Tochter ausgesprochen haben. Mit dem Meister also rede; denn ich als ein schwacher Mensch noch voll geistiger Blind- und Torheit weiß nichts und verstehe nichts!"

[GEJ.10_037,21] Auf das schwieg der Griechenwirt.

 

38. Kapitel

[GEJ.10_038,01] Aber der alte Rabbi, der es bis jetzt noch nicht gewagt hatte, von dem Wein etwas zu kosten, trat zu Mir hin und bat Mich um die Erlaubnis, von dem Wunderweine auch kosten zu dürfen.

[GEJ.10_038,02] Und Ich sagte: „Du bist zwar mehr Heide als alle andern Heiden, ohne zu bedenken, daß niemand zweien Herren, die sich gegenseitig Feinde sind, wohl dienen kann, da er im geheimen des einen oder des andern Feind sein muß und dabei aber doch jedem das tun muß, was von ihm verlangt wird. Oder kann jemand Gott und dem Mammon der Welt zugleich dienen? Und doch hast du schon seit langem das getan! Darum ändere dein Herz, und trinke von dem Wein der Wahrheit, auf daß es hell in deiner Seele werde!"

[GEJ.10_038,03] Hierauf nahm der Rabbi auch einen Becher voll Weines und leerte ihn bis auf den Boden.

[GEJ.10_038,04] Als er den Wein in sich hatte, da brach auch er in ein großes Loben des Weines und Meiner Macht aus und sagte zum Schlusse seines Lobes, den noch einmal gefüllten Becher hoch schwingend (der Rabbi): „Ja, Du bist schon Der, auf den alle Juden und auch die Heiden so lange vergeblich harrten. Darum Heil Dir, dem Sohne Davids, und Heil auch allen Menschen der Erde durch Dich! Ehre Gott in der Höhe und Dir, Seinem Sohne!"

[GEJ.10_038,05] Sagte Ich: „Deine Rede war nun gut; aber so du noch einmal auch Heil den hohen Göttern Roms schreien wirst, so wird der Tod nicht ferne von dir sein! Aller Menschen, ob sie Juden oder Heiden sind, der Wahrheit nach Freund sein, ist gut und recht, und es ist also auch Mein Wille – denn auch Ich lasse Meine Sonne über Juden und Heiden im gleichen Maße scheinen und leuchten –; aber Menschen, die in der alten Blindheit schmachten, in ihrem Irrwahne noch bestärken, anstatt sie auf den Weg des Urlichtes zu leiten, aus wahrer, reiner und uneigennütziger Nächstenliebe, ist schlechter denn ein Dieb und Straßenräuber sein. Das merke dir, du alter Doppellehrer, der du den Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs oft mit einem glühenden Eifer lehrtest, gleich darauf in die Schule der Heiden gingest und vor ihnen den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs herunter- und lächerlich machtest! Sei entweder ein vollkommener Jude, oder werde ein Heide, so du im Heidentum für deine chamäleonartige Seele eine größere Beruhigung findest!"

[GEJ.10_038,06] Sagte der Rabbi: „Herr, sei mir größtem Sünder vor Dir gnädig und barmherzig, und vergib mir meine vielen und großen Sünden!"

[GEJ.10_038,07] Sagte Ich: „Von Mir aus sind sie dir vergeben; aber siehe auch, daß sie dir auch von den Menschen vergeben werden, denen du des Verdienstes wegen an ihren Seelen viel geschadet hast!"

[GEJ.10_038,08] Hierauf sagte der Hauptmann zu Mir: „Herr, ich werde für ihn die Sache gutmachen, und er selbst wird nun wohl begriffen haben, was er für die Folge zu tun haben wird! Ich aber meine nun, daß wir für die Folge keinen Heidenpriester mehr vonnöten haben werden. Ob aber unsere Kinder von heidnischen oder jüdischen Lehrern im Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet werden, so wird das wohl eines sein, und es kann daher dieser Rabbi auch noch ferner unsere Kinder in diesen drei Stücken unterrichten; was aber die Gotteslehre anlangt, so werde schon ich dafür bestens sorgen, daß sich unser altes Vielgöttertum ehest in ein Eingottum umgestalten wird. Aber nun bitte ich Dich, Du göttlicher Meister und Herr und von nun an unser Gott, daß Du uns, bis jetzt noch Heiden, den rechten Weg zeigen möchtest, den wir in der Folge zu wandeln haben sollen; denn bis jetzt stecken wir noch in der alten Finsternis."

[GEJ.10_038,09] Hierauf begann Ich vom Reiche Gottes auf Erden zu predigen und belehrte diese Heiden in allem also, wie Ich das andernorts getan habe.

[GEJ.10_038,10] Die Belehrung dauerte volle sieben Stunden, also nahe an drei Stunden über den Mittag, und alle glaubten an Mich, auch die, welche außerhalb des Hauses waren, da sie Meine Worte durch die offenen Fenster vernahmen.

[GEJ.10_038,11] Als Ich die Predigt beendet hatte, da ward erst das Mittagsmahl aufgetragen, an dem auch die teilnehmen mußten, die außerhalb des Hauses gläubig geworden waren.

 

39. Kapitel

[GEJ.10_039,01] Nach dem Mahle aber, das über eine Stunde gedauert hatte, ging Ich mit dem Hauptmann in der Stadt umher und machte alle Kranken gesund, und es folgte Mir stets mehr Volkes nach. Meine Jünger aber blieben in der Herberge und lehrten die Juden.

[GEJ.10_039,02] Bis gen Abend kehrte Ich mit dem Hauptmanne wieder in die Herberge zurück, in der die Jünger noch vollauf mit den Juden zu tun hatten, die Mich am Ende doch für den verheißenen Messias zu halten anfingen, aber dabei doch nicht begreifen konnten, warum Ich in einer solchen Unscheinbarkeit in diese Welt gekommen sei, da doch der große König David also von Mir geredet habe: ,Machet die Tore weit und die Türen hoch, damit der König der Ehren einziehe! Wer aber ist dieser König der Ehren? Es ist der Herr Jehova Zebaoth!‘

[GEJ.10_039,03] Sie, die Juden von Pella, aber wüßten nicht, daß bei Meiner Ankunft in diese Welt irgend in einer Stadt ein Tor sei erweitert und eine Tür erhöht worden.

[GEJ.10_039,04] Meine Lehre und Meine Zeichen, die Ich wirkte, stimmten wohl mit dem überein, was besonders der Prophet Jesajas und der Prophet Hesekiel von dem verheißenen Messias geweissagt haben; aber Mein Auftreten unter den Menschen in dieser Welt stimme nicht mit dem völlig zusammen, was die Propheten von dem Messias geweissagt haben. Und so hatten die Jünger ihre Not mit den Juden.

[GEJ.10_039,05] Als Ich mit dem Hauptmanne, seinen Unterdienern, mit seinem Weibe und seiner geheilten Tochter, wie auch mit dem geheilten Sohne des Wirtes in das Zimmer trat, da wurden die Juden still und betrachteten Mich, ob sie in Meiner Person wohl etwas Außerordentliches erblicken könnten.

[GEJ.10_039,06] Ich aber sagte zu ihnen: „Der Friede sei mit euch! Das, was ihr an Mir suchet und finden möchtet, kommt nicht und niemals mit einem äußeren Schaugepränge, sondern es befindet sich inwendig im Menschen.

[GEJ.10_039,07] Ja, es hätten die Juden bei Meiner Ankunft in diese Welt wohl sollen die Tore in ihre Herzen breit und die Türen in ihre Seelen hoch machen; aber sie achteten der Aufforderung Davids schon seit gar langem nicht mehr. Darum kamen sie denn auch in die babylonische Gefangenschaft und sind zu Sklaven der Heiden geworden, aus welcher Sklaverei sie nimmerdar erlöst werden, so sie in ihrem alten Starrsinn verharren.

[GEJ.10_039,08] Da stehen aber die Heiden; diese haben wohl die Tore zu ihren Herzen bei Meinem Erscheinen sogleich sehr erweitert und die Türen in ihre Seelen erhöht bis hoch über alle Sterne hinaus. Darum wird denn auch den Juden das Licht genommen und den Heiden gegeben werden!"

[GEJ.10_039,09] Als Ich solches zu den Juden geredet hatte, da ärgerten sich einige darob; aber die Heiden erhoben ein großes Lob über Mich.

[GEJ.10_039,10] Und der Hauptmann sagte darauf ganz laut zu den Juden: „Was weilet und forschet ihr noch da, so ihr bei all dem, was der Herr hier vor uns gewirkt hat, noch nicht glauben könnet?! Ziehet euch zurück in eure finsteren Kammern, und bleibet in eurer alten Nacht aller Zweifel, und verstellet uns den ohnehin ganz engen Zimmerraum nicht!"

[GEJ.10_039,11] Auf diese sehr gebieterisch klingenden Worte des Hauptmanns zogen sich die mehr ungläubigen Juden hinaus ins Freie; die mehr Gläubigen aber blieben und wollten sich noch über dies und jenes mit den Jüngern besprechen.

[GEJ.10_039,12] Ich aber sagte zu ihnen: „Die volle Wahrheit habt ihr vernommen aus dem Munde Meiner Jünger, und eine noch andere und weitere Wahrheit gibt es nicht; glaubt und tut danach, so werdet auch ihr schon noch breiter und höher erleuchtet werden in euren Herzen und in euren Seelen!

[GEJ.10_039,13] Draußen bei den Heiden aber forschet nach, wie viele von ihnen Ich heute nachmittag gesund gemacht habe und wie viele befreit von allen ihren Leiden, auf daß ihr durch die Heiden erleuchtet werdet, und nicht die Heiden durch euch! Es ging das Licht zwar wohl von den Juden aus, – aber die Heiden ersahen und erkannten es eher denn die Juden; und so wird ihnen das Licht auch bleiben, und die Juden werden es von ihnen nehmen müssen, so sie es werden haben wollen. Gehet denn nun auch ihr hinaus und lasset euch von den Heiden erleuchten!"

[GEJ.10_039,14] Als die mehr gläubigen Juden das aus Meinem Munde vernommen hatten, da gingen sie sogleich ins Freie hinaus zu den jubelnden Heiden und vernahmen, wie diese den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs in Mir hoch lobten und priesen, und erstaunten nicht wenig, als sie das aus dem Munde der Heiden und ihrer geheilten Kranken vernahmen. Da wurden auch die meisten Juden gläubig, gingen nach Hause und besprachen sich über alles, was sie zuvor schon von den Jüngern vernommen hatten, und was Ich zu ihnen gesagt hatte, und die Lobworte der Heiden hatten ihre Herzen sehr erweitert und die Gedanken ihrer Seelen erhöht, und sie fingen an zu begreifen, was David mit seinem Psalm angedeutet hatte.

[GEJ.10_039,15] Wir aber nahmen das wohlbereitete Abendmahl zu uns und besprachen uns auch über gar manches, was an diesem Nachmittag alles geschehen war.

 

40. Kapitel

[GEJ.10_040,01] Nach dem Mahle dankten Mir der Hauptmann, das Weib und die Tochter Veronika für alles, was sie durch Mich erreicht hatten.

[GEJ.10_040,02] Ich aber sagte: „Euer Glaube hat euch geholfen zu einem Teil, und zum andern Teil Ich durch euren Glauben und durch eure schnell entbrannte Liebe zu Mir und dadurch auch zu Dem, der in Mir wohnt und den ihr dann noch heller werdet kennenlernen, so Mein Geist der ewigen Wahrheit und Weisheit in Kürze über euch wird ausgegossen werden. Doch nun gehet auch ihr nach Hause und ruhet bis zum Morgen; dann aber kommet wieder hierher, und wir werden noch so manches unter uns besprechen!"

[GEJ.10_040,03] Darauf erhoben sich der Hauptmann und alle, die bei ihm waren, und begaben sich, Mir alle Ehre gebend, in ihre Wohnungen und besprachen sich auch einige Stunden lang in die Nacht hinein über alles, was am Tage vorgefallen war.

[GEJ.10_040,04] Der alte Rabbi und der griechische Wirt aber blieben noch bis gen Mitternacht bei uns und besprachen sich in einer Ecke des Zimmers über den Unglauben der etlichen Juden, die der Wahrheit doch am allernächsten sein sollten.

[GEJ.10_040,05] Und es sagte zum Schlusse der Rabbi: „Da bestätigt sich auch der Prophetenspruch: ,Den Weltweisen und Verständigen bleibt es verborgen, und den unmündigen Kindern wird es geoffenbart!‘ Die alten Kinder des Lichtes saßen immer bei vollen Schüsseln des Lichtbrotes aus den Himmeln und durften nicht Hunger leiden; aber weil sie eben nie Hunger und Durst leiden durften, so vergaßen sie den hohen Wert der Speisen aus den Himmeln und kehrten sich zu den eklen Speisen der Welt, wie auch ich selbst das leider getan habe.

[GEJ.10_040,06] Aber die lichthungrigen Heiden merkten das, wie die erwählten Kinder des Lichtes ihrer Himmelskost den Rücken stets mehr und mehr zuzukehren begannen, und kamen und bemächtigten sich der vollen Schüsseln; sie lasen mit vielem Eifer unsere Bücher und sättigten sich also schon zum voraus mit unserem Brote aus den Himmeln, und so sind sie nun um vieles kräftiger als wir und erkannten den Herrn denn auch um vieles leichter und bestimmter als wir. Aber Er wird auch von uns Juden erkannt werden."

[GEJ.10_040,07] Der Juden- wie auch der Griechenwirt gaben dem Rabbi recht und begaben sich darauf auch zur Ruhe.

[GEJ.10_040,08] Ich aber ruhte mit den Jüngern auch diese Nacht am Speisetische bis zum Morgen.

[GEJ.10_040,09] Am Morgen erhob Ich Mich vom Tische und ließ die Jünger ruhen. Ich begab Mich schnell ins Freie, und zwar außerhalb des entgegengesetzten Endes dieser Stadt. Im Hause wußte niemand, wohin Ich Mich begeben hatte.

[GEJ.10_040,10] Nur ein Diener des Hauptmanns bemerkte Mich durch die Stadt wandeln und hinterbrachte das schnell dem schon wachen Hauptmanne. Dieser kleidete sich schnellst an und eilte Mir nach in der Richtung, die ihm der Diener angezeigt hatte.

[GEJ.10_040,11] Als er das vorangezeigte Ende der Stadt erreichte, ersah er Mich auf einem Hügel. Schnell stieg er auf den Hügel zu Mir hinan.

[GEJ.10_040,12] Als er bei Mir war, verbeugte er sich tief vor Mir und fragte Mich, was Mich irgend bewogen haben mochte, ohne einen Jünger auf dieses Ostende der Stadt Pella einen Morgengang zu machen.

[GEJ.10_040,13] Sagte Ich: „Habe du nun nur eine kleine Geduld, und du wirst es hernach schon erfahren! Lassen wir nun zuvor die Sonne über den Horizont kommen, dann werde Ich es dir offenbaren, warum Ich diesen Punkt für diesen Morgen erwählt habe!"

[GEJ.10_040,14] Auf das lagerten wir uns auf einem glatten Basaltblock, von dem aus wir in aller Ruhe die Szenen des Morgens beobachten konnten.

[GEJ.10_040,15] Goldumsäumte Wölkchen schwebten über dem Horizont, der, von unserem Platze aus geschaut, sehr wenige Berge von irgendeiner bemerkbaren Höhe aufzuweisen hatte, da sich das Land von unserer Stadt teilweise gegen die fernen Euphrat-Wüsten abzuflachen begann; aber es war da der Aufgang der Sonne eben um so schöner, weil sie wie aus einer Tiefe in blutroter Farbe emporstieg und gen Westen hin die hohen Bergkuppen zu färben begann, was auch der Hauptmann als ein herrliches Schauspiel der Natur sehr lobte.

[GEJ.10_040,16] Nur fragte er Mich, wie denn auch Ich, dem alle die endlos größeren Schönheiten der Himmel in jedem Augenblick zu Gebote stünden, an diesen irdischen Naturschönheiten ein Wohlgefallen haben könne.

[GEJ.10_040,17] Da sagte Ich zu ihm: „Freund, so der Meister Selbst an Seinen Werken kein Wohlgefallen hätte, wer sollte es dann haben? Oder meinst du, daß der Meister alle diese Werke geschaffen hätte, so Er sicher schon gar lange vor ihrer Entstehung sie im Geiste klarst gesehen habend, nicht an ihnen ein überaus großes Wohlgefallen gehabt hätte? So du aber siehst, daß Ich ein Wohlgefallen an dieser Morgenszene habe, so wird dir nun der Grund davon wohl einleuchtend sein?"

[GEJ.10_040,18] Sagte der Hauptmann: „Siehe, o Herr und Meister, so ich nun Deine Antwort erwäge, die doch klarer als ein reinster Wassertropfen ist, da nimmt es mich nun über meine eigene Dummheit wunder, daß so etwas nicht von selbst mir in meinen sonst doch eben nicht zu sehr verschlagenen Sinn hatte kommen können, da ich ja doch nicht nur fest glaube, sondern auch überzeugend weiß, wen ich in Dir vor mir zu haben die unermeßbar höchste Gnade habe!"

[GEJ.10_040,19] Sagte Ich: „Mache dir darum nichts daraus; denn es ist von Mir aus das in dieser Welt schon also eingerichtet, daß alles erst so nach und nach sich ganz entfalten und entwickeln muß! Siehe die Entstehung des Tages, siehe die Entwicklung der Pflanzen, der Tiere und endlich um so mehr des Menschen, und du wirst es auch leicht begreifen, aus welchem Grunde dir beim ersten Eintritt in Mein Reich noch nicht alles so klar sein kann, wie es dir einmal später werden wird, wenn Mein Geist in dir sich mehr und mehr ausbreiten wird und du in einem Augenblick mehr fassen und klarer begreifen wirst, als du das bis jetzt in einem jahrelangen Denken vermochtest! Also darob magst du nun schon ganz ruhig sein, da du dich schon auf dem besten Wege befindest! Und so betrachten wir nun noch weiter die Szenen des schönen Morgens!"

 

41. Kapitel

[GEJ.10_041,01] Wir betrachteten darauf die mannigfachen Erscheinungen des Morgens, und Ich erklärte sie dem Hauptmanne, der darob nicht genug dankbar erstaunen konnte, weil in ihm denn doch noch so manches alte Mythische des phantasiereichen Heidentums aus seiner frühesten Jugend steckte, das er nicht in einem Augenblick völlig loswerden konnte.

[GEJ.10_041,02] Wie ging es aber unterdessen an diesem Morgen in unserer Judenherberge zu?

[GEJ.10_041,03] Als Meine Jünger bei ihrem Wachwerden Mich vermißten, und imgleichen auch der Wirt mit seiner Familie, da wurde allen bange, und sie rieten hin und her, wohin und warum Ich diesen Morgen möge ganz allein gegangen sein.

[GEJ.10_041,04] Petrus sagte: „Ihr wisset es ja ohnehin, daß Er an einem jeden Morgen, solange wir bei Ihm sind, stets vor dem Aufgange ins Freie zu gehen pflegt. Er wird zur rechten Zeit schon wiederkehren; seien wir darum um Ihn nicht ängstlich besorgt!"

[GEJ.10_041,05] Sagte darauf Jakobus: „Da hast du zwar wohl recht; aber das weiß ich auch besser denn ein jeder von euch, da ich ja doch schon von Seiner Kindheit an stets um Ihn war und mich mit Ihm abgab, daß Er Sich oft gerne Selbst vor denen, die Seine Lieblinge sind, auf eine kurze Zeit verbirgt und dann das gern sieht, so sie Ihn recht emsig suchen, Ihn dann auch irgend finden und eine große Freude darob äußern, so sie Ihn wiedergefunden haben! Und so sollten wir Ihn denn auch diesmal suchen gehen, und das mit einem lebendigen Eifer!"

[GEJ.10_041,06] Hier wollte auch Judas Ischariot eine Bemerkung gegenteiligen Sinnes machen; aber da fiel ihm gleich Johannes scharf in die Rede, sagend: „Du warst, bist und bleibst ein Jünger von Ihm, der noch nicht einen Funken des Geistes der Wahrheit in sich aufgenommen hat, bist zumeist ein eingebildeter Weiser und lügst dich dabei selbst und viele andere an; darum tust du am besten, wenn du schweigst und die reden läßt, die in Seinem Geiste reden wollen und durch Seine Gnade auch können!"

[GEJ.10_041,07] Darauf sagte der zurechtgewiesene Jünger nichts mehr und ging für sich ins Freie, wo er einige Juden antraf, die ihn fragten, ob Ich im Hause wäre, und was Ich täte.

[GEJ.10_041,08] Der Jünger aber sagte: „Gehet hin und suchet Ihn selbst; denn mir ist kein Gebot gegeben, jemandem irgend etwas über Ihn zu sagen!"

[GEJ.10_041,09] Mit dem ging der Jünger weiter und besah sich die alte Stadt, deren Häuser zumeist aus schwarzen Basaltstücken erbaut waren, da in dieser Gegend sich wenig Bauholz vorfand.

[GEJ.10_041,10] Die im Hause gebliebenen Jünger aber berieten unter sich noch weiter, was sie tun sollten. Am Ende stimmten alle mit Jakobus überein und wollten Mich suchen gehen.

[GEJ.10_041,11] Da aber kam ein Diener des Hauptmanns, – doch nicht der, welcher Mich am frühen Morgen hatte vor dem Hause des Hauptmanns vorübergehen sehen, sondern einer, der von der Tochter abgesandt war, auf daß er sich nach Mir und nach dem Hauptmanne zu erkundigen habe, ob er bei Mir wäre, da er sich so früh und so eilig aus dem Hause begeben hatte. Aber dieser Diener konnte von den Jüngern auch nichts erfahren.

[GEJ.10_041,12] Da aber sagte Jakobus: „He, mir fuhr es nun wie ein Blitz durch die Seele! Weil der Hauptmann sich so früh aus dem Hause begeben, so hat er irgend den Herrn gehen sehen und ist Ihm nachgefolgt! Irgendein Diener wird es schon wissen, in welcher Richtung er sich von seinem Hause entfernt hat. Gehen wir dahin, und uns wird gute Kunde zuteil werden!"

[GEJ.10_041,13] Auf diese Worte des Jakobus erhoben sich alle und gingen zum Hause des Hauptmanns und trafen da bald den wachehaltenden Diener, der ihnen die Auskunft erteilte, in welcher Richtung er Mich und dann auch den Hauptmann hatte gehen sehen.

[GEJ.10_041,14] Als die Jünger, und mit ihnen auch der Wirt, das erfahren hatten, da eilten sie in der gleichen Richtung vorwärts und kamen denn auch bald an die Stelle außerhalb der Stadt, an der Ich Mich mit dem Hauptmanne befand.

[GEJ.10_041,15] Aber da Ich und der Hauptmann auf einem Basaltblock saßen, dessen hintere Wand uns verbarg, so entdeckten uns die Suchenden nicht so bald.

[GEJ.10_041,16] Aber Jakobus sagte: „Gehen wir nur auf diese steinige Anhöhe hinauf, von der man sicher weithin sehen kann, und wir werden von da sicher den Herrn irgendwo wandeln sehen!"

[GEJ.10_041,17] Da gingen alle auf die Anhöhe und ersahen Mich und den Hauptmann denn auch alsbald, als sie auf die volle Anhöhe kamen.

[GEJ.10_041,18] Alle wurden überfroh, daß sie Mich gefunden hatten; nur Simon Juda trat zu Mir hin und sagte mit freundlicher Miene: „Aber Herr und Meister, siehe, wir waren voll Angst und Traurigkeit, da wir nicht wußten, wohin Du diesen Morgen Dich gewendet hast! Wenn Du uns doch nur davon einen Wink gegeben hättest, so wären wir ja gleich, wie allzeit, mit Dir gegangen und hätten nicht nötig gehabt, uns um Dich zu ängstigen. Wir bitten Dich darum, daß Du uns dies in dieser uns fremden Gegend nicht mehr antun wollest; willst Du aber schon nach Deiner Weisheit allein irgendwohin gehen, da sage es uns, daß wir allein zu bleiben haben, und wir werden Deinem heiligen Willen sicher niemals widerstreben! Denn siehe, wir lieben Dich über alles, und es wird uns darum bange, so wir nur einige Augenblicke lang nicht wissen, wo Du bist, und was Du tust!"

[GEJ.10_041,19] Sagte Ich: „Nun, nun, Ich hätte es euch schon gesagt, so Ich nicht vorausgewußt hätte, daß ihr Mich suchen und auch sicher finden werdet! Zudem aber hat es keinem von euch geschadet, daß Ich eure Liebe zu Mir von neuem wieder gestärkt habe. Ich aber hatte mit diesem neuen Freund allein zu tun und bin darum denn auch allein hierher gewandelt.

[GEJ.10_041,20] Diese Stadt und ihre Umgebung wird zur Zeit der großen Demütigung Jerusalems denen, die an Mich glauben werden, zu einem Zufluchtsort werden, wie Ich euch das schon angedeutet habe, und es muß darum schon jetzt zu einer festen Gemeinde in Meinem Namen hier durch eben diesen Freund, der über viele Heiden zu gebieten hat, ein rechter Grund gelegt werden. Und mit dem wisset ihr nun auch, warum Ich mit dem Hauptmanne ganz allein sein wollte.

[GEJ.10_041,21] So euch aber nun Meine Abwesenheit von nur wenigen Augenblicken so ängstlich gemacht hat, was werdet ihr dann machen, so Ich euch Meinem Leibe nach auf eine längere Zeit verlassen werde?"

[GEJ.10_041,22] Sagte abermals Simon Juda: „Herr und Meister, wir wissen es schon, was Du uns damit sagen willst! So es also nach Deinem Ratschlusse sein muß, da werden wir in der Hoffnung, daß alles andere, was Du uns davon geoffenbart hast, auch in die sichere Erfüllung gehen wird, solche Deine für uns höchst traurige Abwesenheit wohl ertragen müssen. Daß aber auch nicht einer von uns diese Zeit in Bälde wünscht, das liesest Du Selbst in unseren Herzen! Doch immer geschehe nur Dein Wille!"

 

42. Kapitel

[GEJ.10_042,01] Hier sagte der Hauptmann, dem Ich auch ehedem gesagt hatte, was Mir bald in Jerusalem begegnen werde, und daß er sich, so er davon hören werde, daran nicht stoßen solle: „Freunde, auch ich weiß um das, was eure Herzen traurig stimmt! Aber so dies das einzige Mittel ist, die alte Halsstarrigkeit vieler Ungläubiger Jerusalems zu brechen und sie sehend und gläubig zu machen, so kann ich nicht umhin, unsern Herrn und Meister und Gott um so mehr zu loben, zu preisen und zu lieben; denn so etwas kann nur die höchste und reinste Liebe Gottes sich von ihren Geschöpfen gefallen lassen, – unserer menschlichen Liebe wäre das nie möglich.

[GEJ.10_042,02] Zudem wird der Herr nach drei Tagen wieder unter uns sein und uns erfüllen mit Seinem Machtgeiste und also bleiben bei den Seinen bis ans Ende dieser Erde; und so meine ich, daß wir uns über alles zu freuen Ursache haben, was Er zum möglichen Heile aller Menschen verordnet und über Sich kommen läßt. Denn die Narren, die voll Blindheit sind, können sich in ihrer tollen Wut wohl am Leibe des Herrn vergreifen und ihn auch töten, so Er das Selbst, durch Seine Liebe zu uns Menschen genötigt, zur Besserung der Blinden zuläßt; aber wer wird denn die ewige, allmächtige Gottheit in Seinem Leibe zu töten vermögen?! Diese wird ihren erhabensten Leib wieder beleben, und am dritten Tage wird Er also wie jetzt wieder bei uns sein, daß wir alle uns über alle die Maßen zu freuen haben.

[GEJ.10_042,03] Freunde, könnte ich darüber nur den allergeringsten Zweifel in mir aufkommen lassen, so ständen auf meine Veranlassung, da ich als ein Hauptmann ersten und obersten Ranges, mit aller Vollmacht aus Rom wohlversehen dastehe, schon in ein paar Wochen hunderttausend der tapfersten Krieger vor den Mauern Jerusalems, und in wenigen Wochen sollte kein Stein über dem andern befestigt angetroffen werden. Aber weil der Herr zuvor in der gottlosesten Stadt noch das größte Wunderzeichen wirken will, so ist für die Zerstörung der bösen Stadt noch immer Zeit genug; denn so sich die Menschen auf dies größte vom Herrn gewirkte Zeichen in ihrem argen, aber dennoch freien Willen und ihrer Welt- und Selbstliebe zufolge dennoch nicht bekehren sollten – was auch möglich ist –, so werden dann wir Römer kommen und ihnen mit dem Schwert ein ganz anderes Evangelium vom Reiche des Teufels und aller seiner Furien vorpredigen!

[GEJ.10_042,04] Da wird es nicht mehr heißen: ,Der Friede sei mit euch!‘, sondern: ,Der Tod komme über euch, weil ihr die Zeit, in welcher Gott der Herr Selbst euch persönlich heimgesucht hat, nicht habt erkennen wollen!‘

[GEJ.10_042,05] Wir aber seien darum nun heiter und fröhlich; denn alles, was der Herr will, tut oder zuläßt, ist über alle unsere Begriffe endlos weit hinaus gut! Und wir können nun ganz heitern Mutes uns nach Hause begeben und ein sicher bestbereitetes Morgenmahl zu uns nehmen, so es Dir, o Herr, genehm ist?"

[GEJ.10_042,06] Sagte Ich: „Allerdings, denn unseres Wirtes Diener haben alles aufgeboten, um ein bestes Morgenmahl für uns zu bereiten; auch dein Weib und deine Tochter haben sich bald nach dem Abzuge der Jünger zu des Wirtes Weib begeben, um dort von Mir Kunde zu erhalten, und haben sich an der Bereitung des Morgenmahles sehr eifrig beteiligt. Und so können wir nun schon aufbrechen und uns gemach in die Herberge begeben; aber wir wollen uns außerhalb der Stadt auf einem kleinen Umweg dahin begeben, auf daß wir in der Stadt nicht zu viele Menschen auf uns aufmerksam machen und sie uns dann massenhaft folgen!"

[GEJ.10_042,07] Das war dem Hauptmann ganz recht, und wir betraten den vorgeschlagenen Weg.

[GEJ.10_042,08] Auf dem Wege erst verwunderten sich die Jünger über die Weisheit des Hauptmanns, und Simon Juda sagte: „Das hat ihm auch nicht sein Fleisch und Blut gegeben, sondern der Herr, – aber auf einmal mehr als uns, seitdem wir um Ihn sind; der Herr aber wird es schon wissen, warum!"

[GEJ.10_042,09] Sagte Ich: „Weil dieser Mir auf einmal mit mehr entgegengekommen ist denn ihr, seitdem ihr um Mich seid! Aber so nach Meiner Verklärung Mein Geist eure Herzen erfüllen wird, da werdet schon auch ihr in alle Weisheit geleitet werden!"

[GEJ.10_042,10] Mit dem waren denn Meine Jünger auch zufrieden und wurden alle heiteren Gemütes; denn die Rede des Hauptmanns hatte auf sie einen guten Eindruck gemacht, der dann eine längere Zeit bei ihnen anhielt, aber freilich nach und nach an seiner Stärke wieder verlor.

[GEJ.10_042,11] Wir erreichten nun unsere Herberge, vor der sich der Jünger Judas Ischariot mit einigen Juden unterhielt. Als er unser ansichtig wurde, da begab er sich ins Haus und ließ die Juden stehen; denn der Geruch der Speisen hatte ihn schon zu sehr angezogen.

[GEJ.10_042,12] Es wollten aber auch die etlichen Juden ins Haus treten; da aber sagte der Wirt: „Freunde, den beschränkten Raum meiner Herberge kennet ihr; darum bleibet vorderhand hier im Vorhofe, und so ihr etwas haben wollt, so wird es euch schon zugemittelt werden! Haben wir das Morgenmahl verzehrt, so wird es dann schon noch eine Zeit geben, in der ihr euer Anliegen vorbringen könnt; doch während des Mahles laßt uns in Ruhe!"

[GEJ.10_042,13] Auf das blieben die Juden im Vorhofe und ließen sich gegen Bezahlung von sechs Pfennig etwas Brot und Wein geben.

 

43. Kapitel

[GEJ.10_043,01] Wir aber gingen in das Speisezimmer, in welchem Mir des Hauptmanns Tochter mit der größten Freundlichkeit entgegenkam und Mir dankte für die Gnade, daß sie noch einmal würdig sei, Mich zu sehen und Mir die von ihr bereiteten Speisen zum Genusse vorzusetzen.

[GEJ.10_043,02] Ich belobte sie und setzte Mich zum Tische, und die Tochter setzte Mir in einer goldenen Schüssel mehrere bestbereitete Fische vor und ein weißestes Weizenbrot und den Goldbecher voll Weines. Für die andern aber ward ein ganzes Kalb gebraten und in mehreren Schüsseln vor die Jünger gesetzt.

[GEJ.10_043,03] Für den Hauptmann, für die auch anwesenden Unterdiener und für das Weib und die Tochter aber ward nach der Römer Sitte gekochtes Rindfleisch samt der sehr würzig duftenden Brühe aufgetragen. Und allen schmeckte das Morgenmahl überaus gut, und mit dem Wein und Brot wurde nicht gespart.

[GEJ.10_043,04] Mich fragte die Veronika, ob Mir die von ihr bereiteten Fische wohl schmeckten.

[GEJ.10_043,05] Und Ich sagte: „Siehe her, ob Ich etwas in der Schüssel gelassen habe! Eine jede Speise schmeckt Mir wohl, die Mir die Liebe der Menschen bereitet; und du hast für Mich diese Fische edelster Sorte aus dem Galiläischen Meere mit dem Feuer deiner Liebe bereitet, und sie haben Mir darum denn auch überaus wohl geschmeckt!

[GEJ.10_043,06] Ich hätte zwar nicht nötig, bei euch Menschen die Kost für Meinen Leib zu nehmen; aber Ich nehme sie dennoch aus Liebe zu ihnen. Denn sie können Mir ja nichts geben, was Ich ihnen nicht zuvor gegeben habe; aber so sie es Mir mit wahrer Liebe wiedergeben, was Ich ihnen zuvor gegeben habe, so nehme Ich es auch also mit aller Liebe und rechten Herzensfreude an, als hätten sie es Mir wie von ihrem Eigentume dargebracht.

[GEJ.10_043,07] Das gilt aber auch, so du Mir zuliebe einem armen Menschen etwas gibst; denn was jemand aus wahrer Liebe zu Mir und daraus auch zum Nächsten eben einem Bedürftigen tut, das nehme Ich ganz also, als hätte er es Mir Selbst getan, und Ich werde es ihm vergelten hier und jenseits.

[GEJ.10_043,08] Diese Meine Worte merke dir recht wohl und tue danach, so wirst du stets Meiner vollen Liebe gewärtig sein! Aber du hast ja auch einmal derlei Fische sehr gerne gegessen; warum hast denn du heute nicht auch für dich welche bereitet?"

[GEJ.10_043,09] Sagte die Veronika etwas verlegen: „Ja, Herr und Meister, ich hätte das schon getan; aber es fanden sich in unseren Fischbehältern keine mehr vor, und selbst diese Dir dargebrachten vier müssen durch ein Wunder hineingekommen sein! Denn unser Speisediener sagte mir das selbst, als ich ihn um Fische fragte, und er meinte, daß gar keine darin sein würden; da er aber dennoch nachsehen ging und diese Fische darin fand, da auch eben sagte er: ,Wahrlich, das ist ein Wunder; denn ein paar Monde lang sind schon keine Fische mehr darin zu sehen oder wahrzunehmen gewesen!‘ Und ich glaube das dem Diener, da ich ihn noch nie bei einer Lüge ertappt habe; und so sind diese Fische wahrlich auch ein Wunder, und ich habe Dir, o Herr, demnach wahrlich auch nur das gegeben, was Du mir zuvor gegeben hast!"

[GEJ.10_043,10] Sagte Ich: „Meine liebe Veronika, es mag sich mit deinen Fischen schon also verhalten zum Teil, wie du nun glaubst; denn Meine Gabe sind sie in jedem Fall, wenn auch hier eben keine gar so wunderbare, wie du das behauptet hast. Euer Fischbehälter ist schon sehr alt und hat mehrere Winkel, in denen sich derlei Fische ganz wohl auf eine längere Zeit verstecken können und dann zu einer gewissen Zeit wieder zum Vorschein kommen, was denn auch mit deinen Fischen der Fall war; aber daß sie sich eben bis auf diesen Tag verkrochen haben und sie niemand finden konnte, das war so Mein Wille.

[GEJ.10_043,11] So du aber eine Liebhaberin von derlei Fischen bist, da sende einen Diener zu eurem Fischbehälter, und es werden sich sicher noch welche vorfinden! Und haben sich welche vorgefunden, so bereite du sie zum Mittagsmahl für Mich, dich und auch für die andern! Wir werden alle genug haben."

 

44. Kapitel

[GEJ.10_044,01] Als die Veronika, der Hauptmann und sein Weib und seine Unterdiener solches von Mir vernommen hatten, da gingen sie, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schnell zu dem sich in der Nähe neben einer Brunnquelle – die auf dem Grunde des Wirtes sich befand – befindlichen Fischbehälter, den der Hauptmann in Pacht hatte, da der Wirt ohnehin nie mit Fischen versehen war, und fanden den ganzen Fischbehälter voll der edelsten Fische.

[GEJ.10_044,02] Voll Staunens kamen alle bald wieder zurück und sagten: „O Herr und Meister in Deinem Geiste schon von Ewigkeit! Das ist wohl ein ganzes Wunder, und wir alle sehen es jetzt klar ein, daß kein Mensch auf der ganzen Erde Dir etwas geben kann, das er zuvor nicht von Dir erhalten hätte. Dir allen Dank für diese Gabe, wie auch für jede andere; denn Du allein bist wunderbarst der ewige Geber aller Gaben, und wir nur zu oft undankbarsten Menschen sind die Hauptempfänger! Darum Dir allein alle Ehre, alles Lob, aller Preis und alle unsere Liebe!"

[GEJ.10_044,03] Sagte Ich: „Nun, nun, es ist schon ganz gut und recht also; machet davon vor den Menschen aber dennoch keinen Lärm!"

[GEJ.10_044,04] Sagte der Hauptmann: „Herr, wir werden niemals gegen Deinen Willen etwas tun und unternehmen; doch das erlaube mir, daß ich davon an viele meiner Freunde in Rom einen Geheimbrief senden kann, – denn solche Dinge sollen vor den mir bekannten helleren Menschen nicht verborgen bleiben!"

[GEJ.10_044,05] Sagte Ich: „Freund, für Rom ist schon gesorgt, und dein Freund Agrikola, nebst mehreren seiner Gefährten, kennt Mich noch um vieles besser denn du nun; aber für diese dir untergebene Gemeinde magst du wohl in Meinem Namen sorgen, und Mein Lohn für dich wird nicht unterm Wege verbleiben!

[GEJ.10_044,06] Redet aber auch da nicht zuviel von Meinen besonders gewirkten Zeichen, aber dafür desto mehr von Meiner Lehre, durch welche alle Menschen zum ewigen Leben in Meinem Reiche berufen sind! Denn durch Meine Wundertaten allein wird niemand selig, sondern nur, so er an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und tut.

[GEJ.10_044,07] Durch Meine Zeichen kann ein Mensch wohl zum Glauben an Mich genötigt werden – was für seine Seele von keinem großen Nutzen ist –, wer Mich aber aus Meinen Worten erkennt, an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt aus seinem ungezwungenen, völlig freien Willen, der steht in Meinem Reiche um vieles höher als der, welcher durch Meine Zeichen zum Glauben an Mich und Meine Lehre ist gezogen worden. Das merket euch wohl und machet kein zu großes Aufheben von Meinen Zeichen!

[GEJ.10_044,08] In dem der Geist der Wahrheit vorherrschend ist, der wird die Wahrheit Meiner Worte auch ohne irgendwelche äußeren Zeichen erkennen und wird in dieser Wahrheit vollends frei werden und alle Knechtung von sich weisen.

[GEJ.10_044,09] Meine Lehre wird bleiben und ewig nimmerdar vergehen; aber alle Zeichen, die Ich gewirkt habe und noch wirken werde, werden nur mit der Zeit gleich also wie eine andere geschichtliche Erzählung sich zum größten Teil von Mund zu Mund mit manchen Umgestaltungen und Verfälschungen hie und da erhalten und in der späteren Zeit bei den aufgeklärteren Menschen wenig oder auch gar keinen Glauben finden. Doch aus der reinsten Wahrheit Meiner Lehre werden die Menschen auch in den spätesten Zeiten leicht innewerden, wer Der war, der sie den Menschen gegeben hat. Darum machet auch nun schon nicht zu viel Aufhebens von Meinen Taten, außer von jenen Meiner Liebe!"

[GEJ.10_044,10] Das machte eine gute Wirkung bei den Römern, die sonst wohl auf die Zeichen und Wunder die größten Stücke hielten, aber durch diese Meine Belehrung zu einer ganz anderen und besseren Ansicht gekommen sind.

 

45. Kapitel

[GEJ.10_045,01] Ein Unterdiener, auch ein gelehrter Römer, sagte dennoch nach einer Weile tieferen Nachdenkens: „Herr und Meister, Ich sehe die Wahrheit Deines uns hier erteilten, weisesten Rates wohl ein, kann aber doch nicht umhin, hier eine kleine Gegenbemerkung zu machen!

[GEJ.10_045,02] Wenn man bei der Weiterverbreitung Deiner Lehre von Deinen Zeichen und Taten, die zu bewirken nur einem Gott möglich sind, kein Aufheben machen soll, so erscheinst Du dem gewöhnlich nur natürlich denkenden Menschen auch nur als ein wohl recht weiser Volkslehrer, der aus den besten Vernunftgründen schöpfend den Nebenmenschen auch die besten Lehren gibt, ohne darum ein Gott zu sein. Denn es hat ja unter allen uns bekannten Völkern, besonders in den lange schon vergangenen Zeiten, gar sehr weise Lehrer gegeben, welche die Menschen in allerlei nützlichen Dingen unterrichtet und ihnen auch die Begriffe von einem Gott beigebracht haben, die mit der Zeit freilich sehr verunstaltet worden sind.

[GEJ.10_045,03] Diese Lehrer sind sicher auch von Deinem Geiste für ihr Amt unterwiesen worden, aber sie waren darum doch nicht Du unmittelbar Selbst, und so war es denn auch leicht möglich, daß ihre Lehren nicht als ein lebendiges Gotteswort betrachtet worden sind, sondern nur für aus der Erfahrung und aufmerksamen Beobachtung der Natur und ihrer wechselweisen Erscheinungen vieler Menschen durch viele Jahrhunderte als ein weises Menschenwort angesehen und zum Nutzen der Menschen ins praktische Leben so oder so aufgenommen wurden.

[GEJ.10_045,04] Der Bergmann lernte die Metalle kennen und bearbeiten; der Landmann fing an, die Felder mit Getreide anzubauen; der Gärtner veredelte die Obstbäume, die Reben und noch andere Früchte und heilsame Kräuter; der Hirte fing auf eine geordnete Weise an, seine Herden zu pflegen; man fing an, bessere Wohnhäuser und am Ende große Städte zu erbauen, und fing auch an, den Leib stets zweckmäßiger zu bekleiden.

[GEJ.10_045,05] Und alle diese Lebensvorteile und viel anderes hatten die Menschen einzelnen urweisen Lehrern zu verdanken, und wir selbst sind ihnen sicher auch noch vielen Dank schuldig, indem wir ohne sie noch jenen höchst rauhen und ganz überbarbarisch wilden Skythenhorden glichen, die mit ihren wilden Tierherden in den Erdhöhlen und alten, hohlen Bäumen wohnen, keine eigentliche Sprache haben, sondern den Tieren des Waldes gleich heulen und von einer Gottheit keinerlei Begriff haben und ebenso nicht von einer sonstigen Bildung.

[GEJ.10_045,06] Bei diesen Völkern ist sicher noch nie ein weiser Lehrer aufgestanden, weshalb sie sich denn auch noch in einem Zustande befinden, der sich von dem der wilden Tiere des Waldes wenig unterscheidet. Wenn unter ihnen auch einmal ein oder mehrere weise Lehrer aufstehen werden, so werden sie auch nach und nach zu einer höheren Menschenbildungsstufe gelangen; aber wenn so ein Lehrer für sein Volk auch noch so weise Lebensgrundsätze aufstellen und dadurch sein Volk erheben wird, – wird er darum Dir gleich ein allein wahrer Gott sein, und wird er vermögen, bloß durch seinen Willen und durch sein lebendiges Wort Kranke zu heilen, leere Schläuche mit dem besten Weine und die Teiche mit Fischen zu füllen in einem Augenblick?!

[GEJ.10_045,07] Es ist daher nun ein himmelhoch großer Unterschied, ob die Menschen von einem erweckten Menschenlehrer oder – wie es nun hier der augenscheinlichste und handgreiflichste Fall ist – unmittelbar von Gott Selbst über alles belehrt werden!

[GEJ.10_045,08] Darum sollten aber die Menschen nach meiner menschlich vernünftigen Ansicht nicht nur allein Deine allerweiseste und wahrheitsvollste Lehre überkommen, sondern auch erfahren, daß diese Lehre nicht aus dem Munde eines weisen Menschen, wie in den Urzeiten, sondern unmittelbar aus dem Munde Gottes kam, der nach Seinem ewigen Ratschlusse die Menschennatur und -gestalt körperlich annahm, aber dabei durch diese nur Gott allein möglichen Taten, für welche Tausende von Zeugen bürgen können, mehr als handgreiflich klar bewies, daß er kein Mensch, sondern der vollsten und unbezweifeltsten Wahrheit nach der allein eine Gott Selbst war!

[GEJ.10_045,09] Um den blinden Menschen, die von der eigentlichen Lebenswahrheit noch lange nicht einen leisesten Begriff haben, das begreiflich und anschaulich zu machen, kann und darf man Deine Wundertaten nicht verschweigen, sondern muß sie auch treu und wahr, wie, wo und bei welchen Gelegenheiten sie von Dir gewirkt worden sind, den Menschen mit der Heilslehre verkünden.

[GEJ.10_045,10] Ich will gerade auch nicht behaupten, daß man gar alles den Menschen überliefern soll, was Du gewirkt hast an den vielen Orten, die Deine göttlichen Füße betreten und besucht haben; aber der Haupttaten darf nicht vergessen werden!

[GEJ.10_045,11] Ob die gar späteren Menschen sie auch vielleicht nur als pure fromme historische Mythen betrachten werden, so macht das nach meiner Ansicht eben nicht viel der Wahrheit der Lehre Nachteiliges aus. Denn wer in der Lehre die Göttlichkeit Deiner Person herausfinden wird, dem werden Deine Taten auch als wahr und wohlbegreiflich vorkommen; wer aber Deine Lehre Deiner vor uns gewirkten Taten wegen, weil sie ihm etwa zu unglaublich vorkämen, nicht annehmen wird, der wird auch ohne die Wissenschaft (Kenntnis) von Deinen Taten die Lebenswahrheit in Deiner Lehre ebensowenig finden, wie sie bis jetzt die Templer zu Jerusalem und die Pharisäer an andern Orten gefunden haben! – Herr und Meister, habe ich recht oder nicht?"

 

46. Kapitel

[GEJ.10_046,01] Sagte Ich: „Du hättest hier nicht so viele Worte zu machen brauchen, und Ich hätte den guten Willen und den reinen Sinn deiner ganz klaren Vernunft auch verstanden. Aber weil du schon einmal geredet hast, so ist es auch gut der andern wegen, weil du ganz gut geredet hast!

[GEJ.10_046,02] Ich sagte ja auch nicht, daß der, welcher Meine Lehre irgend andern Menschen verkünden wird, Meiner Taten gar keine Erwähnung machen soll, aber nur solle davon nicht ein zu großes Aufheben gemacht werden, und dann sollen nur jene Taten vorzugsweise erwähnt werden, die Ich aus purer Liebe den Menschen erwiesen habe als ein Arzt und Helfer in der größten Not eines oder auch mehrerer Menschen.

[GEJ.10_046,03] Von jenen Taten aber, die Ich – zwar auch aus Liebe zu den Menschen – gewirkt habe, um sie schneller von der Wahrheit Meiner Lehre zu überzeugen –, was nur in dieser Zeit besonders not tut, nicht aber in den künftigen Zeiten, in denen Mein Wort schon für und aus sich Zeichen wirken wird –, soll eben kein Aufheben gemacht werden. Denn das würde die Menschen bald mehr nach allerlei Wundern sehnsüchtig und lüstern machen, als nach der wahren Lebenswirkung Meiner Lehre im Menschen; und wundersüchtige Menschen sind dann auch durch falsche Wunder, die von falschen Lehrern und Propheten verübt werden, sicher um vieles eher und leichter von der eigentlichen und inneren Lebenswahrheit abwendig zu machen denn jene, die alles scharf prüfen und nur das Gute und Wahre für sich behalten.

[GEJ.10_046,04] Ich werde allen, die an der Wahrheit Meiner Lehre ungezweifelt und tatsächlich festhalten, schon ohnehin die Macht geben, in Meinem Namen allerlei Zeichen der reinen Liebe zu wirken, und es wird demnach Mein Wort schon von selbst Wunder wirken, was zur Ausbreitung Meiner Lehre sicher dienlicher sein wird, als so ihr alle die vielen tausend von Mir gewirkten Zeichen den Menschen vorerzählen möchtet.

[GEJ.10_046,05] Aber so euch aus dem lebendigen Geiste Meines Wortes die Gabe, Zeichen zu wirken, zuteil wird, so sollet ihr es auch nicht zu offen und zu bunt damit treiben, denn dadurch würdet ihr der guten Sache der Wahrheit Meiner Lehre bei weitem mehr schaden als nützen. Denn alles Aufgedrungene und Aufgenötigte erweckt Meinen Geist in der Seele nicht oder hie und da nur so teilweise.

[GEJ.10_046,06] Nur die freie, selbst erwählte und unaufgezwungene Wahrheit, die das eigentliche Licht und Leben Meines Liebegeistes in der Menschenseele ist, vermag das. Darum vor den Menschen, die nach der Wahrheit dürsten, nur so wenig Wunder als möglich, wollt ihr nicht halbtote Glaubenspuppen aus ihnen bilden!

[GEJ.10_046,07] Habt ihr aber schon vor den mehr in allerlei Weltwissenschaften erfahrenen Menschen ein oder das andere Zeichen gewirkt, so versäumet es niemals, ihnen auch den Grund des Gelingens zu zeigen, auf daß dadurch auch ihr Glaube an Mich ein lebendiger werde! Der Grund aber bin allzeit nur Ich, ohne den keiner etwas Wahres zu bewirken vermag.

[GEJ.10_046,08] Wie aber den Menschen von einem schon helleren Geiste und kräftigeren Willen das zu erklären ist, darüber braucht keiner von euch sich den Kopf zu zerbrechen; denn wenn jemand von euch dessen benötigen wird, da wird es ihm schon auch von Wort zu Wort in den Mund gelegt werden! Denn die Mich lieben und Meine Gebote halten werden, zu denen werde Ich im Geiste aller Wahrheit Selbst kommen und Mich ihnen offenbaren. Die werden es dann schon von Mir Selbst erfahren, was Ich alles in dieser Zeit gelehrt und gewirkt habe.

[GEJ.10_046,09] Denn wolltet ihr nun das alles in die Bücher schreiben mit allen Umständen und Seitenbegebnissen, so würdet ihr dazu auf hundert Jahre lang mehr denn tausend Schreiber benötigen; und so dann alles in beinahe zahllos viele und große Bücher aufgezeichnet wäre, wer würde sie da alle durchlesen und dabei aber auch gleich nach Meiner Lehre tun können, die er aus den vielen Büchern selbst in mehreren hundert Jahren kaum flüchtig durchlesen könnte? Aus dem werdet ihr nun alle wohl einsehen, warum ihr aus Meinen gewirkten vielen Zeichen kein großes Aufheben machen sollet! Die Wahrheit wird schon für sich wirken.

[GEJ.10_046,10] Habt ihr dieses nun verstanden, so lasset uns ins Freie gehen, und Ich werde euch stärken und dann sagen, was heute noch alles zu geschehen hat!"

[GEJ.10_046,11] Hier lobten alle Meine Weisheit, erhoben sich samt Mir vom Tische und gingen mit Mir ins Freie auf einen Hügel in der Nähe der Stadt Pella.

 

47. Kapitel

[GEJ.10_047,01] Als wir uns allesamt auf dem schon besagten Hügel befanden, von dem aus man einen Teil des Galiläischen Meeres sowie auch die Städte Abila, Golan und Aphek übersehen konnte, da legte Ich allen Anwesenden die Hände auf und erteilte ihnen die Macht, durch das Auflegen der Hände in Meinem Namen allerlei Kranke zu heilen und aus den Besessenen die bösen Geister auszutreiben.

[GEJ.10_047,02] Auf diese Handlung fragte Mich der Hauptmann, sagend: „Herr und Meister, ich habe schon zu mehreren Malen Menschen gesehen und beobachtet, die sich ganz absonderlich benahmen und gebärdeten. Eine Zeitlang waren sie ganz ruhig, und befragte ich sie um dies und jenes, so gaben sie ganz vernünftige Antworten, und man merkte nichts von irgendeiner geistigen Verrücktheit. Aber auf einmal wurden sie von irgendeiner unsichtbaren Macht ergriffen, verzerrten ihr ganzes Wesen, fingen an zu toben und arteten aus in allerlei gräßliche Lästerungen gegen selbst die allbekannt besten Menschen und gegen die Götter oder über den einen Gott der Juden und gegen die Propheten, schlugen sich jämmerlich mit den Fäusten, und wollte man sie mit Gewalt bändigen, so brachen sie in eine schaudererregende Lache aus, und wer auf sie die Hand legte, der kam schlecht zu Teile.

[GEJ.10_047,03] In der von hier eben nicht weit entfernten alten Gräberstadt Gadara kannte ich zwei, mit denen eine ganze römische Legion wenig oder nichts auszurichten vermochte. Sie hielten sich in den alten Gräbern auf und waren den Reisenden und auch den Einheimischen eine große Plage. Fing man sie und band sie mit Ketten und Stricken, so half das nichts; denn so sie von der geheimen Macht ergriffen wurden, da zerrissen sie selbst die stärksten Ketten und Stricke in einem Moment, schlugen sich und auch die andern, die sich ihnen zu nahen wagten, und so sie mit Soldaten umfangen wurden, da wurden diese mit Steinen derart beworfen, daß sie nicht schnell genug die Flucht ergreifen konnten, um nicht auf das furchtbarste verstümmelt zu werden. Und schoß man mit scharfen Pfeilen aus der Ferne nach ihnen, so lachten sie; denn selbst die besten und geübtesten Bogenschützen brachten keinen Pfeil in ihre Nähe.

[GEJ.10_047,04] Das waren doch sicher von sehr bösen Dämonen besessene Menschen? Wer und was sind diese Dämonen, und warum wird es zugelassen, daß die an sich oft allerharmlosesten Menschen, ja mitunter sogar unschuldige Kinder von ihnen gequält werden?"

[GEJ.10_047,05] Sagte Ich: „Von allem dem, danach du fragst, sind Meine Jünger und auch schon mehrere deiner Freunde in Rom und auch andernorts völlig unterwiesen, und du wirst darüber auch noch zur rechten Zeit ins klare kommen. Es genüge dir vorderhand nun, daß von Mir auch dir die Macht erteilt ist, derlei arge Geister aus den Menschen zu treiben durch die Macht und Kraft, die in Meinem Namen waltet; das aber, darum du Mich nun gefragt hast, wirst du von denen zunächst erfahren, die von dir geheilt werden, und vieles kannst du von Meinen Jüngern, die Zeugen waren, als Ich die Besessenen in Gadara geheilt habe, erfahren."

[GEJ.10_047,06] Als der Hauptmann solches von Mir erfahren hatte, da dankte er Mir für die Stärkung, gleichwie auch alle die andern bis auf den Judas Ischariot, der nicht auf diesen Hügel mit uns gezogen war, sondern sich unterdessen in der Stadt herumtrieb, um sich bei allen denen, die Ich geheilt hatte, ein sogenanntes Trinkgeld zu erbetteln, – eine Beschäftigung, die bei ihm nichts Neues oder Seltenes war; denn er war und blieb ein ordentlicher Dieb und Mäkler. Es erkundigte sich auch weiter niemand um ihn, und er ging auch niemandem ab.

 

48. Kapitel

[GEJ.10_048,01] Als Mir alle vielfach ihren Dank für die ihnen erteilte Kraft und Macht abgestattet hatten, da kamen ein paar Bürger aus der Stadt zu uns auf den Hügel. Der eine war der bekannte griechische Wirt, und der andere, sein Nachbar, war ein Römer und seiner Profession nach ein Schmied, der sich auch dann und wann mit der Heilung kranker Tiere und zuweilen auch kranker Menschen, besonders der Halbnarren und der mit der Epilepsie Behafteten, mitunter heilbringend abgab.

[GEJ.10_048,02] Gerade an diesem Morgen hatte man aus der nahen Stadt Abila zwei nach des Schmiedes Meinung mit der dreifachen Epilepsie behaftete, noch junge Menschen zwischen zwanzig und nahe dreißig Jahren Alter in die Herberge des Griechen gebracht, um sie dort von dem Schmied heilen zu lassen. Der Schmied versuchte auch sogleich seine Mittel; aber sie fruchteten nichts, und die beiden fingen darauf erst recht zu toben an und stießen gegen den Schmied und auch gegen den Wirt die schmählichsten Lästerungen aus und drohten, ihnen zu schaden in allem ihrem Handeln und an Leib und Leben.

[GEJ.10_048,03] Da sagte der ganz durch und durch erschrockene Wirt zum Schmied: „Der große Herr und Meister, der mit aller göttlichen Kraft und Macht erfüllt sein muß, ansonst Er gestern nachmittag nicht so viele mit den sonst unheilbarsten Krankheiten behaftete Menschen vollkommen geheilt hätte, wird sicher noch hier sein; gehen wir Ihn aufsuchen! In der Judenherberge werden wir Ihn wohl erfragen."

[GEJ.10_048,04] Darauf eilten sie zur Judenherberge, fragten nach Mir, und es ward ihnen gesagt und gezeigt, wo Ich Mich aufhalte. Von da kamen sie denn auch sehr eiligen Schrittes zu Mir und erzählten Mir alles, was sich an diesem Morgen bei ihnen zugetragen hatte.

[GEJ.10_048,05] Und Ich sagte zu ihnen: „Das sind keine von der Epilepsie Befallene, sondern das sind zwei gar arg besessene Menschen; in dem einen befinden sich fünf arge Geister und in dem andern, welcher der ältere ist, gar siebzehn. Bringet sie hierher, und es soll ihnen hier geholfen werden!"

[GEJ.10_048,06] Sagte der Wirt: „O Herr und Meister, das wird etwas schwer halten; denn die beiden sind ganz entsetzlich unbändig und so stark, daß keinen von ihnen zwanzig starke Menschen festhalten können und sie auch niemanden an sich herankommen lassen!"

[GEJ.10_048,07] Sagte Ich: „Wie sie von Abila zu euch gebracht worden sind von ihren Leuten, ebenso werden sie von denselben Leuten auch hierher gebracht werden können. Darum gehet und bringet sie hierher!"

[GEJ.10_048,08] Auf das gingen der Wirt und der Schmied gleich wieder nach Hause und hinterbrachten das sogleich denen, welche die beiden Besessenen von Abila nach Pella gebracht hatten; und diese versuchten, die beiden Besessenen zu Mir zu bringen.

[GEJ.10_048,09] Aber diese wollten anfangs nicht, und mehrere wohlunterscheidbare Stimmen ließen sich aus dem Munde der beiden also vernehmen: „Was haben wir mit dem Sohn des allerhöchsten Gottes zu tun? Sollen wir uns vor der Zeit von der Macht Seines Willens und Wortes quälen lassen?"

[GEJ.10_048,10] Sagte aber nun der Wirt: „So ihr durchaus nicht gehen wollt, so werdet ihr durch Seine Allmacht wohl dazu genötigt werden, und euer Widerstreben wird euch kein nütze sein!"

[GEJ.10_048,11] Da schrien alle Argen aus den zweien: „Das wissen wir wohl, daß wir der Macht Seines Willens nimmerdar widerstreben können; aber Trotz bieten wollen wir demselben, so lange, als es nur immer möglich sein wird!"

[GEJ.10_048,12] Sagte der Wirt nun: „Höret, ihr argen Geister, die ihr euch erfrecht, dem allmächtigen Willen des Herrn zu trotzen; jetzt will es der Herr und ihr erhebet euch und gehet!"

[GEJ.10_048,13] Als der Wirt diese Worte, mit denen Ich ihm fühlbar als mit Meinem Willen den seinen unterstützt habe, ausgesprochen hatte, da erhoben sich die beiden und ließen sich von ihren Leuten, die dem Wirte und dem Schmied folgten, gleich ohne alles Sträuben zu Mir hinführen.

 

49. Kapitel

[GEJ.10_049,01] Als sie bei Mir ankamen, da sagte der Wirt: „Herr und Meister von Ewigkeit, hier sind die beiden! Es hatte seine Not mit ihnen, sie hierher zu bringen; nur der Macht Deines Willens konnten sie nicht widerstreben."

[GEJ.10_049,02] Sagte Ich: „Es ist gut, daß sie hier sind, auf daß ihr den Unterschied zwischen den sogenannten Narren, den Epileptikern und den wirklich von argen Geistern Besessenen einmal ordentlich kennenlernt.

[GEJ.10_049,03] Diese aber gehören zu den schon sehr arg Besessenen und können von seiten der Menschen nur durch Beten und vieles Fasten von den sie besitzenden wahren Philistergeistern befreit werden; doch hier hat es weder des Betens noch des Fastens vonnöten.

[GEJ.10_049,04] Den Jüngeren, der nur mit fünf Geistern behaftet ist, kann ein jeder von euch, die ihr von Mir gestärkt worden seid, von seinen Geistern befreien; doch den Älteren, der mit siebzehn Geistern besessen ist, würde von euch ohne Meinen besonderen Machtwillen niemand von seiner argen Inwohnerschaft zu befreien vermögen, weil für diesen Zweck euer aller Glaube noch zu wenig der wahr göttlich lebendigen Kraft innehat. Diese wird euch erst dann werden, wenn ihr von Meinem Geiste völlig durchdrungen sein werdet, – was bei euch nun noch nicht der Fall ist.

[GEJ.10_049,05] Ich aber bestimme nun dich, Freund Pellagius, für den Jüngeren. Lege ihm in Meinem Namen deine Hände auf und sage: Im Namen Jesu, des Herrn, gebiete ich euch, aus diesem Menschen uns allen sichtbar zu fahren, und zwar in der Gestalt, die euch eigen ist aus eurer alten hartnäckigen Bosheit!

[GEJ.10_049,06] So du, Freund, das tun wirst, da werden die fünf Dämonen alsogleich aus dem Menschen, ihn für immer verlassend, herausfahren. Gehe denn hin und tue das!"

[GEJ.10_049,07] Da ging der Hauptmann hin zu dem Besessenen und tat das, was und wie Ich es ihm angeraten hatte; und es fuhren die fünf argen Geister in der Gestalt von fünf dampfartigen und mit Fledermausflügeln versehenen Schlangen aus dem Menschen und flogen eine Zeitlang über unseren Häuptern umher.

[GEJ.10_049,08] Und es ward eine Stimme, von den Geistern ausgehend, von uns allen, also lautend, ganz klar vernommen: „Herr, Du Allmächtiger, wann wird denn für uns hart Gefangene eine Erlösung tagen?"

[GEJ.10_049,09] Sagte Ich: „Wenn euer Wille ein anderer wird! So auch ihr Geister die Wahrheit kennt und euch das Licht des Lebens nicht fremd ist, – warum bleibt ihr denn schon seit tausend Jahren nach dieser Erdzeit an der alten Lüge und ihren Werken starren Eigenwillens hängen? Ändert euren Willen und flehet Den, der ein Herr über alles von Ewigkeit her ist und auch fortan ewig sein wird, um Gnade und Erbarmen an, so wird auch für euch die Erlösung tagen!"

[GEJ.10_049,10] Sagten die Geister: „Herr, wir wollen das; aber gib Du uns einen andern und bessern Willen, und erweise uns also Deine Gnade und Erbarmung! Erlöse uns von dem alten Übel der Lüge und ihrer Werke; denn auch wir sind Nachkommen Abrahams, wenngleich von Esau abstammend!"

[GEJ.10_049,11] Sagte Ich: „Wie ihr selbst wollet, also geschehe euch! Nun begebet euch wieder dahin, wohin euch eure Liebe und euer Wille treibt!"

[GEJ.10_049,12] Sagten die Geister: „Herr, wir verspüren in uns nun weder eine Liebe noch irgendeinen Willen! Darum laß Du mit uns geschehen nach Deinem Willen und nach Deiner Gnade; denn wir sind unseres Willens und unserer Liebe satt und müde geworden!"

[GEJ.10_049,13] Sagte Ich: „So erhebet euch in jene Region dieser Erde, in der euch reinere Brüder weiterführen werden!"

[GEJ.10_049,14] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da bekamen die fünf Geister Menschengestalten, wie aus lichteren Wasserdünsten geformt, ergriffen sich und entschwebten darauf in der Gestalt eines stets durchsichtiger werdenden und dann bald ganz verschwindenden und nicht mehr sichtbaren Lämmerwölkchens.

[GEJ.10_049,15] Der von seinen fünf Plagegeistern Befreite aber kam zu Mir hin und sagte: „O Herr und Meister, vor allem danke ich Dir, daß Du mich von meiner großen Qual befreit hast; dann aber bekenne ich als ein Heide, daß ich von nun an an keinen unserer vielen Götter glauben und ihn verehren werde, sondern Du allein bist der Gott aller Götter, Menschen und aller Kreatur dieser Erde, und alle Dämonen müssen ihre Knie beugen vor Deinem Namen! Darum Dir allein ewig alle Ehre, alle Liebe und alles Lob!

[GEJ.10_049,16] Und was ich nun laut ausgesprochen habe, das beschwöre ich auch vor allen Menschen und vor allen Göttern, an denen noch zahllos viele Menschen festhalten und ihnen opfern, die aber nichts sind und keine Macht und keine Gewalt besitzen.

[GEJ.10_049,17] Sollte es aber noch irgendeinen höheren Gott geben, gegen den ich mich nun durch dies mein offenstes Bekenntnis irgend versündigt habe, so schleudere er einen Blitz aus den Himmeln nach mir und töte mich!"

[GEJ.10_049,18] Seine Leute, die noch Heiden waren, erschraken über den Schwur des jungen Menschen und erwarteten, daß der Zeus das sehr übel aufnehmen und den Befreiten sicher mit einem Blitz aus dem Himmel verderben werde.

[GEJ.10_049,19] Aber da kein Blitz kommen wollte, so sagte der junge Mensch zu seinen Leuten: „Warum erwartet ihr eine Strafe von dorther, von woher keine zu erwarten ist, da es keinen Zeus und noch weniger einen Blitz in seiner Macht und Hand gibt und nie gegeben hat?

[GEJ.10_049,20] Sehet, Der hier, vor dem ich dankbar knie, ist der wahre und allmächtige Zeus! So Er sagen würde, daß nun sogleich tausendmal tausend Blitze aus den Wolken oder aus dem reinsten Himmel zur Erde niederfahren sollen, so werden sie auch niederfahren und verderben, was Er zum Verderben bestimmt hat."

[GEJ.10_049,21] Sagte Ich zum Befreiten: „Stehe auf, Mein Sohn, und bleibe bei deinem neuen Glauben, und du wirst nimmerdar zu einem Schaden kommen! Aber lasset uns auch deinen Bruder von seinen siebzehn Plagegeistern befreien!"

 

50. Kapitel

[GEJ.10_050,01] Als Ich das sagte, befiel die anwesenden Heiden eine Furcht und große Angst; denn sie hatten schon vor den fünf Geistern einen großen Respekt bekommen.

[GEJ.10_050,02] Ich aber erhob Mich schnell von Meinem Platze, trat zum Besessenen hin und sagte mit aufgehobener Hand: „Ich will es, und so fahret, allen Anwesenden sichtbar, aus den Eingeweiden dieses Menschen, den zu besitzen und zu plagen ihr kein Recht habt!"

[GEJ.10_050,03] Da rissen sie den Menschen noch ein paar Male, daß er darob zu Boden fiel, sich aber alsbald wieder erhob, als die Arggeister in der Gestalt von kleinen, schwarzen Krokodilen ausfuhren.

[GEJ.10_050,04] Diese sahen viel dichter aus, konnten sich nicht in die Luft erheben, sondern krochen am Boden umher, richteten endlich gegen Mich ihre Rachen und kreischten Mich also grimmig an (die Geister): „Was haben wir mit Dir zu tun? Wir kennen Dich nicht, haben auf der Erde nie wider Deine Gesetze, die nie da waren, handeln können! Nach welchem Recht willst Du uns nun züchtigen? Warum hast Du uns mit Deiner Übermacht aus dieser unserer Wohnung getrieben, die wir schwer erobert haben?"

[GEJ.10_050,05] Sagte Ich: „Waret ihr nicht Zeugen, als Ich auf dem Berge Sinai die Gesetze gab? Wer trieb euch damals an, Mir zu trotzen, Meiner zu spotten, euch aus Gold ein Kalb zu machen und es dann an Meiner Statt anzubeten? Ihr waret eben die Haupträdelsführer und habt viel Volkes beredet und es von Mir abwendig gemacht; wie saget ihr nun, daß Ich euch völlig fremd und unbekannt sei und euch auch niemals Gesetze gegeben hätte, nach denen Ich nun mit Recht euch zu gebieten hätte?!

[GEJ.10_050,06] Was euch damals widerfuhr, als Moses zu euch hinab ins Tal kam und im gerechten Zorneifer die steinernen Gesetzestafeln zerschlug, das widerfahre euch auch jetzt. Darum hebet euch von hier; denn für euch wird noch lange keine Erlösung tagen!"

[GEJ.10_050,07] Darauf fingen sie an, von uns über die Steilen des Hügels jählings hinabzukriechen in einen sumpfigen und mit allerlei Unkraut dichtbewachsenen Graben und machten ein Geheul und wildes Gekrächze.

[GEJ.10_050,08] Da sagte der Hauptmann zu Mir: „O Herr und Meister, dieser Graben wird allen Bewohnern dieses Ortes zu einem Unheil werden, so Du ihn nicht von diesen siebzehn Argdämonen reinigen wirst; denn vor diesen wahren Bestialgeistern habe selbst ich mich zu fürchten angefangen! Darum wolle Du sie nicht in diesem Graben weilen lassen!"

[GEJ.10_050,09] Sagte Ich: „Wartet nur ein wenig, bis Ich mit dem Geheilten fertig bin, dann werden wir schon sehen, wie sich dieser Graben reinigen lassen wird!"

[GEJ.10_050,10] Hierauf fiel auch der zweite Geheilte vor Mir auf seine Knie nieder, dankte Mir für die Heilung von seiner mehrjährigen Plage und machte dann das gleiche Glaubensbekenntnis, das sein Bruder zuvor gemacht hatte, und bat Mich darauf, daß Ich der Bitte des Hauptmanns eingedenk bleiben möchte; denn auch er könne nun nicht ohne Grauen in diesen schmutzigen Graben hinabschauen.

[GEJ.10_050,11] Sagte Ich: „Nur eine kleine Weile der rechten Geduld noch; denn wir wollen zuvor noch sehen, ob da nicht einer der siebzehn Geister in einer andern Gestalt zurückkehrt und mit Mir zu rechten anfängt! Denn auch diese Geister haben einen noch völlig freien Willen."

[GEJ.10_050,12] Sagte der Hauptmann: „Herr und Meister, woher kommt es denn, daß diese Geister in der Gestalt mir bekannter, ganz abscheulicher Tiere uns ersichtlich wurden? Die ersten fünf haben freilich wohl ihre Gestalt am Ende geändert; aber die siebzehn blieben, wie sie uns ersichtlich wurden, in ihrer gar grauenhaft häßlichen Gestalt und entfernten sich von hier auch in derselben Gestalt. Woher kommt es also, daß solche Geister in solcher Gestalt den Menschen ersichtlich werden?"

 

51. Kapitel

[GEJ.10_051,01] Sagte Ich: „Weil diese Gestalt ihrer inneren bösen Gierliebe entspricht! Die geflügelte Schlange entspricht zwar einem gewissen Grade der weltlichen Klugheit und kann mit der feinen Kriegslist eines Feldherrn verglichen werden; aber so du diese Klugheit näher betrachtest, so wirst du in ihr sehr wenig Nächstenliebe, aber an ihrer Statt ungeheuer viel Selbstsucht, Herrschgier und zügellosesten Hochmut entdecken. Und sieh, diese innere Seelenbeschaffenheit erscheint in Meinem allerhöchsten Wahrheitslichte eben in einer solchen Gestalt, die ihr vollkommen entspricht!

[GEJ.10_051,02] Denke du dir eine geflügelte Schlange, wie es deren in Mittel- und Südafrika noch hier und da welche in der Natur gibt und es zur Zeit der Philister in sehr heißen Jahren auch hierzulande gegeben hat! Es ist schon schwer, mit einer ungeflügelten Schlange – ihrer geheimen List wegen – einen Kampf aufzunehmen, und es ist die Flucht vor ihr für den gewöhnlichen Menschen noch immer das beste Mittel, ihrer List zu begegnen.

[GEJ.10_051,03] Bei der geflügelten aber hilft gar oft auch die Flucht nichts, sondern nur ein ehernes Gewand und ein scharfes Schwert in der Hand eines wohlgeübten Kämpfers. Und dieses eherne Gewand ist hier Meine Liebekraft in euch, und das scharfe Schwert ist hier Mein Wort, und die alles zu besiegen vermögende Wahrheit Meines Wortes ist der wohlgeübte Kämpfer und ein wahrer Held aller Helden.

[GEJ.10_051,04] Aus dem kannst du nun schon entnehmen, warum die ersten fünf Geister hier vor Mir in der Gestalt geflügelter Schlangen erscheinen mußten; denn sie waren zur Zeit der Kriege der Juden mit ihnen gar sehr verschmitzte Feldherren und hatten nichts als ihren eigenen Nutzen, Gewinn und Ruhm vor Augen; denn ein jeder trachtete, für sich ein Königreich zu gründen.

[GEJ.10_051,05] Der Mensch, den sie nun einige Jahre lang geplagt haben, ist ein Abkömmling ihres Geschlechtes; sie fanden in ihm ein großes Feldherrntalent noch im tiefen Schlummer, beschlichen darum seine Eingeweide, um dieses besagte Talent, durch das sie ihn mit der Zeit gar auf den Thron Roms zu bringen wähnten, in ihm zu wecken, was ihnen aber nicht gelingen konnte, weil sie durch ihr Gebaren mit seinem Leibe die in der Seele schlummernden Fähigkeiten nur schwächten, aber nicht belebten.

[GEJ.10_051,06] Man ließ ihnen zu, ihren Willen an dem Menschen zu versuchen, um sie selbst zu der Überzeugung zu bringen, daß ihr Vorhaben ein eitel törichtes und nach ihrer finsteren List ein unausführbares ist.

[GEJ.10_051,07] Da sie es darob in dieser letzteren Zeit aber mit dem Menschen in ihrem Grimme zu arg haben zu treiben angefangen, so war es denn auch an der Zeit, ihn von ihnen völlig zu befreien.

[GEJ.10_051,08] Und es war das alles wohl vorgesehen und gut für diesen Menschen und auch für die fünf Geister; denn der Mensch hat auf diesem Wege Mich und mit Mir das ewige Leben seiner Seele gefunden, und die fünf Geister sind bei dieser Gelegenheit von der alten Torheit ihrer nichtigen und nie zu realisierenden Gier geheilt worden und haben den Weg in die Demutschulen der schon besseren Geister betreten. – Da hast du nun in Kürze alles, was die fünf ersten Geister betrifft."

 

52. Kapitel

[GEJ.10_052,01] (Der Herr:) „Was aber da betrifft die Gestaltung der siebzehn Geister, so entspricht diese der nie zu sättigenden Freßgier eben der Tiere, in deren Gestalt sie hier ersichtlich werden mußten.

[GEJ.10_052,02] Als Ich auf dem Berge Sinai dem Moses unter Blitz, Donner, Feuer und Rauch für das israelitische Volk zunächst die Gesetze diktierte, da verlangte Moses auf Mein Geheiß von dem gefräßigen Volk unter Hinweisung auf Meine Gegenwart eine gerechte Nüchternheit, auf daß ihre Seelen aufnahmefähiger für die Wahrheiten wären, die ihnen vom Berge herab verkündet würden.

[GEJ.10_052,03] Das Volk aber bat Moses und durch ihn auch Mich, daß es wegen der großen Furcht und Angst ob des beständigen Blitzens, Donnerns und ob des Feuers und Rauches sich vom Berge in ein fernes Tal hin zurückziehen dürfe; es werde sich allda ganz nüchtern verhalten, und Moses mit seinem Bruder Aaron möchten allein mit Mir die große Sache abmachen.

[GEJ.10_052,04] Auf ein längeres Bitten und Drängen des einen großen Volksteiles ward die Gewährung dessen Verlangens erteilt. Der große Teil des Volkes zog sich denn auch sogleich mit allen seinen Habseligkeiten in ein vom Berge ziemlich weit entlegenes Tal. Einige Wochen hielt er sich wohl so ziemlich dem Verlangen des Moses entsprechend. Da aber Moses verzog, so fing das Volk an, seiner und Meiner zu vergessen, schlachtete Kälber und Schafe und hielt Mahlzeiten über Mahlzeiten.

[GEJ.10_052,05] Da trat einer von diesen siebzehn auf und verlockte das Volk; denn er goß mit Hilfe der andern ein goldenes Kalb, lud das Volk zusammen, und sagte: ,Das ist unsere Hauptkost, und ihr verdanken wir das Leben in dieser mageren Wüste, in der unsere Herden nur mit Mühe kaum ihr hinreichendes Futter finden! Dieses kostbare Symbol lasset uns hoch verehren und anbeten! Bestellet nun Mahlzeiten über Mahlzeiten, und lasset uns um dieses Symbol fröhlich und heiter sein! Dann erwählet uns zu euren Heerführern, und wir werden euch eher in ein fettes Land zu führen imstande sein denn der unser ganz vergessen habende Moses mit seiner Lade! Wir haben es in Ägypten von den schlauen Krokodilen erlernt, wie man zu verfahren hat, um für sich eine gute Beute zu erjagen; darum folget uns, und es wird uns an fetten Mahlzeiten nicht fehlen!‘

[GEJ.10_052,06] Und siehe, viele ließen sich verleiten, daß sie taten, was diese Haupträdelsführer ihnen anrieten!

[GEJ.10_052,07] Ich aber ließ Moses zu ihnen kommen, als eine Menge um das goldene Kalb tanzte. Er geriet, von Mir angetrieben, in einen gerechten Zorneifer, zerbrach die steinernen Gesetzestafeln, und es kamen gleich darauf geflügelte Schlangen also, als wären sie glühend, welches dem gerechten Zorneifer Mosis entsprach, bissen die Abtrünnigen, und wer da gebissen ward, der mußte sterben. Darunter befanden sich denn auch vorzüglich unsere siebzehn Geister, die mit der Schlauheit und Gefräßigkeit der Krokodile sich fette Länder und fette Braten erjagen wollten, – aus welchem Grunde sie denn auch hier noch in dieser ihrem Charakter entsprechenden Gestalt erscheinen mußten.

[GEJ.10_052,08] Dieser Mensch stammt zwar nicht von einem der siebzehn ab; aber er war schon von seiner Kindheit an ans viele Essen gewöhnt und ist dadurch später zu einem wahren Vielfraße geworden, und diese seine arge Beschaffenheit hatte den siebzehn argen Geistern den Eingang in seine Eingeweide verschafft.

[GEJ.10_052,09] Aber er hat dabei gewonnen. Da sie seinen Leib anfangs zu noch mehr Fraß antrieben, so verlor sein Magen bald die Verdauungskraft, und der Mensch konnte darauf beinahe nichts mehr verzehren, so daß man sich zu wundern begann, wie er nahezu ohne alle Speise leben könne. Dadurch aber verlor er denn auch seine Vielfraßgier, und seine Seele ward dadurch geistiger und in sich kräftiger; und da nun sowohl sein Leib und noch mehr seine Seele in eine rechte Ordnung kam, so war es auch an der rechten Zeit, auch ihn von seinen Plagegeistern zu befreien.

[GEJ.10_052,10] Zugleich aber hatte dies Doppelbesessensein noch einen andern großen Nutzen, und das namentlich für die beinahe um allen Glauben gekommenen Abiläer; denn sie waren zumeist der Lehre des Diogenes zugetan, also Stoiker in hohem Grade, und glaubten an kein Fortleben der Menschenseele nach des Leibes Tode.

[GEJ.10_052,11] Nun, dies Doppelbesessensein hat denn bei manchem schon den Glauben an das Fortleben der Seele nach dem Leibestode wenn auch nicht ganz, aber doch so gut zur Hälfte wachgerufen, und es wird nun durch die von beiden Besessenen und von ihren Leuten erlebte und gesehene Erscheinung ein leichtes sein, die Bewohner Abilas von ihrem schon stark verrosteten Stoizismus ganz zu befreien.

[GEJ.10_052,12] Und so geschieht in dieser Welt als von Mir zugelassen nichts, das da nicht zum Heile der Menschen dienen könnte, was du, Mein Freund, und auch die andern hier Anwesenden mit dir gar wohl einsehen werden.

[GEJ.10_052,13] Da du jetzt auch weißt, wie du mit den siebzehn Geistern daran bist, so wollen wir nun warten, ob einer von ihnen zurückkehren wird."

 

53. Kapitel

[GEJ.10_053,01] Als Ich diese ziemlich lange, alles erklärende Rede in bezug auf das Besessensein beendet hatte, wofür Mir alle inbrünstigst dankten, da erhob sich aus dem schon bekannten Graben auf einmal ein schwarzer Nebel – dem ähnlich, der oft dem Kamin eines Töpfers entsteigt – und zog sich zu uns herauf und kam bald völlig in unsere Nähe.

[GEJ.10_053,02] Als er sich uns auf zehn Schritte genaht hatte, da sagte Ich sehr laut: „Bis daher und nicht weiter! Entschleiere dich, und zeige dich in deiner Form!"

[GEJ.10_053,03] Da ward aus dem schwarzen Nebel alsbald eine äußerst rauhe Mannsgestalt, sichtbar allen, die da waren. Die Gestalt aber war auch ganz so braunschwarz wie die eines Mohren und hielt auf dem Arm ein goldenes Kalb, als wollte sie damit anzeigen, daß das noch ihr Gott und ihre Liebe sei.

[GEJ.10_053,04] Ich aber ließ einen gewaltigen Blitz in der Gestalt einer geflügelten Schlange mit starkem Gekrache aus dem Himmel herabfahren; der traf das goldene Kalb und vernichtete es in einem Nu.

[GEJ.10_053,05] Da fing die Gestalt an, sich zu regen und zu krümmen und brachte am Ende die Worte heraus: „Herr, warum läßt Du uns nicht ungestört das genießen, was unsere Liebe will? Haben wir Dich doch niemals ersucht, daß Du uns erschaffen und dann nach Deinem Wohlgefallen Tausende von Jahren und ganze Ewigkeiten lang quälen sollst! Hast Du uns aber ohne unser Wollen einmal erschaffen und uns auch eine Liebe und einen freien Willen eingehaucht, – warum strafst Du uns denn, so wir nach unserer Liebe und nach unserem Willen handeln?"

[GEJ.10_053,06] Sagte Ich abermals mit sehr lauter Stimme: „Wer in der ganzen ewigen Unendlichkeit kann Mir, dem alleinigen Herrn voll aller Macht und Kraft, denn vorschreiben, was Ich tun soll? Nur Meine ewige Liebe schreibt es Mir vor, was da zu geschehen hat, und Meine ewige und endloseste Weisheit ist der Handlanger und Ordner der Allmacht Meines Willens!

[GEJ.10_053,07] Ich habe euch durch Meinen gerechten Knecht Moses aus der harten Knechtschaft Ägyptens erlöst, als ihr eure Erstlinge habt töten müssen; Ich habe euch in der Wüste ernährt, und es hat niemand Hunger und Durst gelitten – außer einigen von euch, die sich im Lande der Greuel zu sehr der für die Menschenseelen höchst verderblichen Völlerei ergeben haben. Diesen riet Ich Nüchternheit an zum Heile ihres Leibes, und besonders zum Heile ihrer Seele.

[GEJ.10_053,08] Warum verlangtet ihr, die Ich zu Meinen Kindern umgestalten wollte am Berge der Erkenntnis, euch von Mir zu entfernen? Weil ihr euch unter Meinem Lichte nicht zu schwelgen getrautet! Ihr habt euch dann entfernt, um zu schwelgen und an Meiner Vaterstatt ein totes, von euren Händen verfertigtes goldenes Kalb anzubeten!

[GEJ.10_053,09] Wer hat euch denn diesen Sinn in eure Liebe gehaucht? Ich wahrlich nicht, sondern ihr selbst durch euren freien Willen, ohne den ihr Tiere wäret und euch nie zu Meinen Kindern heranbilden könntet!

[GEJ.10_053,10] Seid ihr durch euren freien Willen von Mir abgefallen, – warum erhebt ihr euch denn nicht wieder durch euren immer noch freien Willen abermals zu Mir?

[GEJ.10_053,11] Ihr meint, daß Ich euch da quäle? Oh, mitnichten! Ein jeder Teufel quält sich selbst durch seine Verkehrt- und Verstocktheit, so er mit derselben Meiner weisesten Ordnung widerstrebt und sie nach seiner bösen Liebe umzugestalten wähnt.

[GEJ.10_053,12] Ich bleibe ewig ein und derselbe unveränderliche Herr über alle Sinnen- und Geisterwelt. Mit der reinen Liebe zu Mir und aus der zum Nächsten kann ein jeder Mensch und Geist mit Mir alles ausrichten und von Mir auch alles haben, aber mit einer Art Gewalt oder Trotz ewig nichts; denn Ich bin der Gewaltigste aller Gewaltigen und der Mächtigste aller Mächtigen.

[GEJ.10_053,13] Aber Ich bin auch der Sanfteste aller Sanften, der Beste aller Guten und der Barmherzigste aller Barmherzigen. Wer in der wahren, reuigen Liebe zu Mir kommt und Mich um Erbarmung bittet, dem werde Ich sie nicht vorenthalten. Wer sich aber, so er Mich erkannt hat, gegen Mich auflehnt, der wird ewig zu keiner Erlösung gelangen, sondern sich selbst nur in ein stets größeres Elend stürzen.

[GEJ.10_053,14] Das bedenke ein jeder arge Geist, ein jeder Teufel! Der Herr bin Ich, und außer Mir gibt es keinen mehr! Und nun hebe dich von hinnen!"

[GEJ.10_053,15] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da verschwand der Geist alsbald, und bald darauf ersah man aus dem Graben eben siebzehn dunkle Nebelbündel sich erheben, die von einem Winde dem Norden zugetrieben wurden.

[GEJ.10_053,16] Und Ich sagte zum Hauptmanne: „Siehe, nun ist auch euer Wunsch erfüllt; denn die siebzehn dunklen Nebelbündel waren die siebzehn argen Geister. Der aber hier war, hat den andern sechzehn das gesagt, was er hier vernommen, und sie faßten den Entschluß, diese Regionen für immer zu verlassen und in den Wüsten des Nordens sich zu beraten, was sie tun werden. Denn in diesen Regionen würden sie durch ein gewisses entsprechendes Einfließen zu sehr von den Dingen dieser Welt erregt und können nicht in sich eingehen, sich beschauen und in ihrer sündhaftigsten Häßlichkeit erschauen. Es wird also auch bei diesen siebzehn Geistern noch eine Besserung eintreten; aber es wird unterdessen auf dieser Erde der Sommer noch gar oft den Winter zu verdrängen bekommen!"

 

54. Kapitel

[GEJ.10_054,01] Sagte der Hauptmann: „O Herr und Meister, sage es uns doch auch, wo sich derlei Geister auf dieser Erde zumeist aufzuhalten pflegen, auf daß wir solche unheimlichen Orte und Gegenden leichter meiden können! Denn wenn man in solche Gegenden kommt und hat irgend etwas Verwandtes mit solch einem Arggeiste, so kann es leicht geschehen, daß man von ihm beschlichen und am Ende gar in wahrlich nicht wünschenswerten Besitz genommen und geschädigt wird!"

[GEJ.10_054,02] Sagte Ich: „Freund, davor hat sich niemand zu fürchten, der an Mich lebendig glaubt und Mich liebt durch die Werke eben Meiner Liebe in ihm! Aber solche Menschen, die noch tief in allerlei heidnischem Aberglauben stehen, haben sich allerorts und in aller Zeit vor derlei Geistern zu fürchten und sind auch stets mehr oder weniger von ihnen entweder umgeben oder gar besessen; denn alle die unlauteren Leidenschaften der Menschen werden von solchen Geistern erregt und beeinflußt, die einst selbst von gleichen unlauteren Leidenschaften ihr ganzes Leben hindurch beherrscht waren und ihnen mit Lust und Gier frönten.

[GEJ.10_054,03] Solche unlauteren Geister – teils solche, die schon einmal im Fleische in dieser Welt gelebt haben, größtenteils aber solche Naturgeister, die noch niemals in ein Menschenfleisch eingezeugt worden sind – gibt es allenthalben: in der Luft, auf und in der Erde, im Wasser und im Feuer, in den Steinen, Metallen, Pflanzen, Tieren und auch im Blut und Fleisch der Menschen; darum sollen die Menschen auch nicht das Fleisch erstickter und unreiner Tiere essen.

[GEJ.10_054,04] Im Notfall kann zwar auch das Fleisch von unreinen Tieren gegessen werden; aber es muß zuvor wohl gereinigt, mit Salz und guten Kräutern gebeizt, am Feuer getrocknet und darauf mit guten Kräutern geräuchert werden, auf daß es von den unreinen Geistern befreit werde.

[GEJ.10_054,05] Das Fleisch der Raubtiere aber ist für die Menschen auch bei aller der von Mir euch angeratenen Vorsicht schädlich, weil aus demselben die unreinen Geister niemals völlig entfernt werden können.

[GEJ.10_054,06] Ebenso sollen die Menschen auch nicht das Wasser aus unreinen Quellen trinken und sollen ihre Brunnen rein halten, wie das alles auch Moses aus Mir den Israeliten streng anbefohlen hat.

[GEJ.10_054,07] Wer nach der Weisung Mosis dem Leibe nach leben wird, der wird sich vor der Besitzergreifung von seiten der argen und unlauteren Geister allzeit und allenthalben verwahren, und das um so sicherer, so er lebendig an Mich und Meine väterliche Fürsorge glaubt und alles in Meinem Namen anfängt, tut und beendet. Ohne das aber ist er in jedem Augenblick tausend Gefahren aller Art und Gattung leider durch seine eigene Trägheit, Unwissenheit und Dummheit ausgesetzt.

[GEJ.10_054,08] So Ich nicht durch Meine Engel die Menschen, die schon von Natur aus eines besseren Sinnes und Willens sind, beschützen ließe, da würde es wohl wenig unbesessene Menschen auf dieser Erde geben! Aber darauf sollen sich die Menschen nicht allzusehr verlassen, weil Meine Engel dem Willen der Menschen keine Zügel anlegen. – Das demnach auch zu eurer Beachtung!"

[GEJ.10_054,09] Als Ich das beendet hatte, da dankten Mir alle und priesen Meine Weisheit und Macht, und die Abiläer baten Mich, daß Ich auch ihre Stadt besuchen möchte; denn sie würden Mich daselbst ankündigen.

[GEJ.10_054,10] Sagte Ich: „Das könnet ihr immerhin tun – doch die Zeit und die Stunde bestimme Ich nicht, wann Ich zu euch kommen werde; aber Ich werde dennoch auch zu euch kommen! Nun möget ihr euch wieder auf den Heimweg begeben! Nehmet aber zuvor bei eurem Wirte etwas Brot und Wein zu euch; das Fleisch der Schweine aber esset nicht, bevor ihr es nicht nach Meinem Rate werdet zubereitet haben!"

[GEJ.10_054,11] Auf das dankten sie Mir noch einmal und begaben sich darauf mit dem griechischen Wirte und dem Schmied in die Stadt.

[GEJ.10_054,12] Wir aber verweilten noch eine Zeitlang auf dem Hügel, und der Hauptmann und auch die andern Römer befragten Mich noch um mancherlei, und Ich hellte sie über ihre Zweifel auf.

[GEJ.10_054,13] Es kam sogestaltig auch der volle Mittag heran, und es kam ein Bote von unserem Wirt, der bei uns weilte, auf den Hügel und lud uns zum Mittagsmahl. Und wir erhoben uns und folgten dem Boten.

 

55. Kapitel – Der Herr in Abila. (Kap.55-69)

[GEJ.10_055,01] Als wir bei unserem Wirte ankamen, da standen vor des Hauses Flur eine Menge Menschen, die Mich nochmals sehen und sprechen wollten, indem sie von Meinen Taten wohl selbst Zeugen waren und von Meinen Lehren auch schon so manches vernommen hatten.

[GEJ.10_055,02] Ich aber verwies sie an den Hauptmann Pellagius und sagte ihnen, daß sie von ihm Meine Lehre vollständig erhalten würden.

[GEJ.10_055,03] Und der Hauptmann gelobte ihnen, daß er sie in allem unterweisen werde.

[GEJ.10_055,04] Die Menschen waren damit zufrieden, zerstreuten sich nach und nach, und wir gingen ins Haus, wo das Mittagsmahl schon auf dem Tische stand. Wir nahmen das Mahl zu uns und waren dabei voll guter Dinge.

[GEJ.10_055,05] Als wir das Mahl bald beendet hatten und Ich allen Anwesenden ankündigte, daß Ich in einer Stunde Zeit mit Meinen Jüngern nach Abila ziehen würde, da bat Mich der Hauptmann, ihm zu gestatten, Mich in diese Stadt und auch in die andern Orte und Städte, die unter seinem Kommando stünden, mit seinen Unterdienern und mit der Veronika geleiten zu dürfen.

[GEJ.10_055,06] Und Ich gestattete ihm das, worüber er eine große Freude hatte und sogleich Anstalten zur Abreise machte.

[GEJ.10_055,07] Nach einer Stunde Zeit verließen wir das Haus des Wirtes, der Mich mit seinem geheilten Sohne auch noch eine weite Strecke aus der Stadt hinaus begleitete, sowie auch der Griechenwirt und der bekannte Schmied und Tierarzt.

[GEJ.10_055,08] Als Ich außerhalb der Stadt von den vieren Abschied nahm, da erteilte Ich auch dem Schmied die Macht, böse Geister aus den Menschen zu schaffen, wofür er Mich nicht genug loben und preisen konnte.

[GEJ.10_055,09] Darauf zogen wir ziemlich raschen Schrittes auf einer guten Heerstraße nach Abila und erreichten diese nicht unbedeutende Stadt eine Stunde vor dem Untergange der Sonne.

[GEJ.10_055,10] Auch diese Stadt war zumeist von Heiden bewohnt. Nur zehn jüdische Familien hatten in dieser Stadt ein sehr untergeordnetes Unterkommen und mußten den Heiden dienen und von ihnen leben. Alle zehn Familien hatten nur ein uraltes und ruinenartiges Haus zu bewohnen; sie hatten daher in dieser Stadt auch keine eigene Herberge und keine Synagoge.

[GEJ.10_055,11] Als wir uns der Stadt nahten, da sagte Ich zum Hauptmann: „Gehe du mit den Deinen nun voraus in die Stadt, und lasse die zehn Judenfamilien wissen, daß Ich zu ihnen kommen und bei ihnen übernachten werde! Alles andere wird sich dann schon nachher von selbst geben."

[GEJ.10_055,12] Als der Hauptmann das von Mir vernommen hatte, da begab er sich mit den Seinen alsogleich eiligst voraus und ging auch sogleich zu den Juden und sagte ihnen, was sie zu erwarten hätten.

[GEJ.10_055,13] Die bettelarmen Juden aber sagten zum Hauptmann: „O hoher Gebieter im Namen des Kaisers! Es wäre das schon wohl gut und recht; aber wo sollen die über vierzig in diesem zerfallenen Haus ein genügendes Unterkommen finden? Alte, zerfallene Zimmer wären wohl noch zur Genüge da; aber wer mag darin wohnen? Kröten, Nattern, Salamander und Skorpione gibt es zur Übergenüge darin, und da kann man ja doch keinen Menschen hineintun. Was aber unsere Zimmer betrifft, da haben ja wir kaum hinreichenden Raum zur Wohnung, besonders zur Nachtzeit, und es wäre schwer, noch etliche Menschen neben uns anständig zu beherbergen. Von einer Bewirtung aber könnte schon gar keine Rede sein, da wir selbst mehr denn bettelarm sind.

[GEJ.10_055,14] Und so wolle du den großen Herrn und Meister, von dessen wunderbaren Taten wir schon vernommen haben, davon abwendig machen, bei uns ein Nachtlager suchen und nehmen zu wollen, da es ja in dieser Stadt mehrere wohlbestellte Herbergen gibt."

[GEJ.10_055,15] Da sagte der Hauptmann: „Ich werde Ihm eure mir wohlbekannte Not schon schildern; aber ich weiß es auch schon zum voraus, daß ich Ihn von Seinem Vorhaben nicht abwendig machen werde, – denn was Er einmal beschließt und sagt, das geschieht! Er wird auch um euren Notstand und um euer Elend schon lange wissen und kommt sicher nur eben deshalb zu euch, um euch zu helfen und den wahren Trost zu bringen, aber nicht, um euch zu plagen und in große Sorgen zu versetzen. Darum kommet Seinem Willen nur freundlichst entgegen, und ihr werdet bei Ihm Gnade und eine große Liebe und Erbarmung finden!"

[GEJ.10_055,16] Sagte der Älteste dieses Hauses: „Ja, ja, er komme nur, wie es ihm beliebt! So er dasein wird, da wird er sich wohl von allem selbst überzeugen, wie es mit uns steht. Wir sind sicher alle darob höchst erfreut, daß er zu uns kommen will; aber wir sind darum traurig, daß wir ihm für solch eine Gnade kein Gegenopfer darbringen können!"

[GEJ.10_055,17] Während der Hauptmann sich noch mit dem Ältesten besprach, kam Ich mit den Jüngern auch schon vor das Judenhaus, das wie eine zerklüftete alte Burg auf einer Anhöhe außerhalb der Stadtmauer sich befand.

[GEJ.10_055,18] Der Hauptmann bemerkte Mich sogleich, eilte Mir entgegen und wollte Mir zu erzählen anfangen, wie es mit dem Judenhause und mit seinen Einwohnern stehe.

[GEJ.10_055,19] Ich aber sagte zu ihm: „Freund, erspare dir die Rede, da Ich ja schon lange um gar alles weiß! Ich bin aber ja – wie du es zuvor ganz richtig diesen Menschen bemerkt hast – eben darum zu ihnen gekommen, weil Ich gar wohl weiß, wie es mit ihrem Hause und mit ihnen selbst steht. Darum laß uns sogleich zu dem Ältesten gehen!"

 

56. Kapitel

[GEJ.10_056,01] Ich ging denn, vom Hauptmanne geleitet, zu dem Ältesten des Hauses, um den sich noch einige besorgte Familienväter befanden, die uns betrachteten, um zu sehen, was wir tun würden, so wir diese alte Ruine näher kennenlernen.

[GEJ.10_056,02] Als Ich zum Ältesten kam, sagte er (der Älteste): „Willkommen, Herr und Meister, bist du uns allen wohl; aber das, was wir dir für solche deine uns erwiesene große Gnade tun können, das wird dir sicher nicht willkommen sein! Siehe unser Wohnhaus an, und unsere Kleider werden es dir sicher, ohne ein weiteres Wort darüber zu verlieren, schon von selbst zeigen, wie es mit uns in allem steht!"

[GEJ.10_056,03] Sagte Ich: „Der Friede sei mit euch! Wie es mit euch steht, das weiß Ich wohl, – aber ihr seid auch zum großen Teil selbst schuld an eurem Elend; denn durch die Trägheit und durch nahe gar kein Vertrauen auf Gott, den alleinigen Herrn und Geber aller guten Gaben, kommt kein Mensch auf einen grünen Zweig auf dieser Erde.

[GEJ.10_056,04] Solange ihr noch Mittel und Kräfte hattet, da tatet ihr nichts zur Ausbesserung eures alten Hauses, ließet auch Jehova einen guten Herrn sein und machtet euch mit der blinden Lehre der griechischen Weisen vertraut, durch die ihr dann erst ums Vielfache elender geworden seid, als ihr je zuvor einmal waret.

[GEJ.10_056,05] Nun aber seid ihr gar zu Sklaven der Heiden geworden und müsset euch von ihnen für schwere Arbeiten ein karges Brot mehr erbetteln, als daß ihr zu ihnen sagen könntet: ,Wir haben es uns ja im Schweiße unseres Angesichtes verdient!‘ Denn es ist schwer, denen zu dienen, die an keinen Gott und kein Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes und somit auch an keine Wiedervergeltung im großen Jenseits glauben und somit auch keine Nächstenliebe haben und sogar Feinde des eigenen Lebens sind.

[GEJ.10_056,06] Nun, in eurer größten Not habt ihr angefangen, des alten Jehova zu gedenken und bei Ihm Hilfe zu erflehen, und das hat Mich denn auch bewogen, zu euch zu kommen und euch zu helfen im Angesicht der vielen, gar zu stockblinden Heiden, die auch ihres Diogenes wegen den Glauben an ihre Götter haben fahren lassen, auf daß auch sie merken, daß der alte Gott noch lebt und denen hilft, die an Ihn glauben, Seine Gebote halten und von Ihm die rechte Hilfe im wahren und ungezweifelten Vertrauen erwarten.

[GEJ.10_056,07] Lasset Mich sehen euer altes, mehr denn halbverfallenes Haus, und wir wollen sehen, ob sich im selben wird übernachten lassen, und ob das Schadhafte auszubessern sein wird! Dann wollen wir eure Speisekammern prüfen, wieviel Vorrat sich darin noch vorfindet!"

[GEJ.10_056,08] Sagte der Älteste: „O großer Herr und Meister! Dieses Haus hat einmal wohl sicher sehr viele große und kleinere Gemächer gehabt; aber auf uns sind nur kaum sieben gekommen, und selbst diese sind schon sehr schadhaft. Alle andern sind voll Geschmeißes aller Art und Gattung und für Menschen zum größten Teil gar nicht mehr begehbar. Unsere Speisekammern sind fürs erste auch in dem elendsten Zustande. Nur eine ist noch halb brauchbar; aber selbst diese eine ist leer bis auf etliche verschimmelte Brotkrumen. Gehen wir aber nach deinem Willen dennoch nachsehen, auf daß du, o großer Herr und Meister, es auch mit deinen Augen schaust, wie wir Abkömmlinge des Gad und Ruben in ihrem Lande nun bestellt sind!"

[GEJ.10_056,09] Hierauf begingen wir alle Gemächer des großen Hauses, und es sah alles so aus, wie es der Älteste beschrieben hatte.

[GEJ.10_056,10] Als wir uns aber im äußersten und letzten Gemach befanden, da sagte Ich: „Nun sollst du die Macht Gottes in Mir, auch einem Menschensohne dem Fleische nach, kennenlernen! Siehe, über Mauertrümmer, Säulenstücke, Dorngestrüpp und allerlei Geschmeiß sind wir bis zu diesem Gemach vorgedrungen, und durch königlich gezierte, wohlgeschmückte und mit allem versehene Gemächer werden wir unseren Rückzug machen, in denen sich wohl übernachten lassen wird. Ich will es, und also sei es!"

[GEJ.10_056,11] Als Ich dieses also ausgesprochen hatte, war das ganze Haus schon umgewandelt, und als wir darauf alle Zimmer und Gemächer durchzogen, da war auch nicht ein schadhaftes irgend mehr zu entdecken.

[GEJ.10_056,12] Und die Juden dieses Hauses schlugen die Hände über dem Haupte zusammen und schrien vor freudigster Verwunderung: „Das kann nur Dem möglich sein, der Himmel und Erde erschaffen hat; darum Dir, o großer Gott, alles Lob, der Du dem Menschen eine solche Macht gegeben hast!"

[GEJ.10_056,13] Darauf besuchten wir die Speisekammern, die auch mit allem angefüllt waren, was die Menschen zur Stillung ihres Hungers und Durstes vonnöten haben. Da war die Verwunderung noch größer, und sie konnten lange vor lauter Staunen nicht reden.

 

57. Kapitel

[GEJ.10_057,01] Nach einer Weile sprach der Älteste folgende Worte aus: „Nein, nein, nein, – das ist unerhört! Moses und Elias, als die zwei größten Propheten, haben Großes geleistet, ja Größeres, als ein Mensch vom reinsten Verstande je zu fassen und zu begreifen imstande ist und selbst das gläubigste Gemüt kaum mehr glauben kann! Aber was sind alle jene Wundertaten, die von den genannten zwei Propheten gewirkt wurden nach dem Willen Jehovas, von dessen Machtgeiste sie erfüllt waren, gegen dieses Wunderwerk?! Alle Propheten, die großen wie die kleinen, sagten: ,Der Herr will es, und der Herr spricht also!‘, Du, o großer Herr, aber sagtest: ,Ich will es, und es sei!‘ Und es ward im Augenblick, was Du wolltest! Daher bist Du mehr denn Moses und Elias!

[GEJ.10_057,02] Dein Ich ist der Herr Selbst in aller Fülle, und ich als ein Greis habe nun in Dir mein Heil gesehen und möchte nun sagen: O Herr, Herr, lasse Deinen alten Diener im Frieden ins große Jenseits übergehen! Denn Du bist der Verheißene aus Dir Selbst! Dein ewiger Geist sprach aus dem Munde der Propheten und weissagte von Deiner Darniederkunft, und Du als die ewige Wahrheit und Treue Selbst hast Dein Wort gehalten und bist, mit Fleisch und Blut angetan, zu uns sündigen Menschen gekommen, um uns von neuem wieder aufzurichten, die Juden sowohl als auch die Heiden, die auch Kinder Noahs sind und einst mit den Vorabrahamiten ein Volk unter dem großen Großkönige und Höchstpriester Melchisedek von Salem ausmachten. Daher alle Ehre und alles Lob Dir allein, Du Herr, Herr, Herr!"

[GEJ.10_057,03] Sagte Ich: „Nun, nun, es ist schon gut und wahr also! Daß euer gesunkener Glaube durch diese Meine Tat auf einmal wieder aufgerichtet wurde, ist wohl sehr begreiflich, wie auch, daß ihr Mich alsbald erkannt habt; aber ihr müsset in der Folge diesen euren Glauben erst durch die Werke der wahren Nächstenliebe lebendig machen, ansonst er für das Leben eurer Seele keinen Wert hätte vor Mir. Denn Ich bin nur durch Meine übergroße Liebe zu euch Menschen gekommen, und so könnet ihr Menschen auch nur wieder durch die Liebe zu Mir und zum Nächsten zu Mir und also zum ewigen Leben eurer Seelen als Meine rechten Kinder gelangen, was ihr euch wohl zu merken habt!

[GEJ.10_057,04] Der Glaube an Mich ist wohl ein lebendiges Licht aus den Himmeln, aber erst durch die Werke der Liebe. Wie aber ein Licht, das in der Nacht leuchtet, erlischt, so es nicht durch ein stets erneuertes Hinzutun des Öles genährt wird, ebenso erlischt auch der anfangs noch so ungezweifelte Glaube ohne die steten Werke der Liebe.

[GEJ.10_057,05] Ich habe durch dieses Mir leicht mögliche Wunderwerk nicht nur euren völlig gefallenen Glauben in eurer Seele aufgerichtet, sondern auch eure Liebe zu Mir angefacht; aus dem Lichte dieser wahren und ewigen Lebensflamme habt ihr denn auch bald und leicht erkannt, wer in Mir zu euch gekommen ist.

[GEJ.10_057,06] Weil ihr aber das alsbald und ohne viele Mühe und Predigt erkannt habt, so tut nun auch danach, daß ihr und eure Nachkommen durch die Werke der Liebe in Meinem Namen verbleibet im lebendigen Glauben!"

[GEJ.10_057,07] Sagte der Älteste: „O Herr, Herr, dieses Werk wird in dieser Gegend der sechzig Städte ein größtes Aufsehen erregen, sowohl bei den wenigen Juden, wie auch bei den vielen Heiden sowohl dieser Stadt, als mit der Zeit auch in den andern Städten. Wenn die Menschen von allen Seiten hierher kommen und sehen werden, daß unser schon so lange verfallenes Haus auf einmal in eine wahre königliche Burg umgewandelt worden ist, und werden uns fragen, wie das vor sich gegangen ist, – was werden wir ihnen dann zur Antwort geben können?"

[GEJ.10_057,08] Sagte Ich: „Darum sorget euch nicht; denn so ihr vor den Menschen von dieser Tat und von Mir zu reden genötigt seid, dann wird es euch schon in den Mund gelegt werden, was ihr zu reden habt! Die gar zu Zudringlichen aber verweiset an den Hauptmann und an seine Unterdiener, die alle das Werk mit angesehen haben, – da werden sie schon die rechte Aufklärung erhalten; denn diese kennen Mich gar wohl schon und wissen, wie Mir nichts unmöglich ist."

 

58. Kapitel

[GEJ.10_058,01] (Der Herr:) „Auf daß aber auch ihr wisset, warum Ich nun diese alte, verfallene Burg, in der einst Könige wohnten, wieder aufgerichtet und wie ganz neu aufgebaut habe, so achtet nun auf das, was Ich euch noch sagen werde:

[GEJ.10_058,02] Fürs erste entspricht diese Neuherstellung dieser alten Königsburg der nun durch Mich allerorts neuen Herrichtung des alten, ganz verfallenen Glaubens an den einen, allein wahren Gott.

[GEJ.10_058,03] Es sind von der alten Glaubensburg wohl auch noch einige verwitterte, zerklüftete und zerfallene Wahrheitsüberreste vorhanden; aber sie taugen nicht mehr zu einer Lebenswohnung Meiner Liebe und Erbarmung für die Seelen Meiner Kinder, wie sie waren zu den Zeiten des Königs von Salem, sondern nur zur Wohnung solcher, die da in ihrem Gemüte vollends gleichen dem Geschmeiß, das schon lange diese Burg vielfach und vielgestaltig bewohnt hat.

[GEJ.10_058,04] Die Burg war sonach ein treues Abbild von dem, wie es nun mit dem Glauben an Gott und mit der Haltung Seiner Gesetze aussieht, und das namentlich in und um Jerusalem.

[GEJ.10_058,05] Ich aber werde diese Stadt und alles, was zu ihr hält, so da keine Besserung und Umkehr zu Mir ins volle Werk kommen wird, noch ärger heimsuchen, als Ich zu den Zeiten Lots Sodom und Gomorra heimgesucht habe; und da mache Ich euch auf den zweiten Grund, aus dem Ich diese Burg nun aufgerichtet und wie ganz neu aufgebaut und mit allem versehen habe, ganz besonders aufmerksam!

[GEJ.10_058,06] So da Mein Gericht wird kommen über die Gottlosen zu Jerusalem und seiner weiten Umgebung und Meine wenigen Treuen die Flucht ergreifen werden, dann werden sie auch hierher kommen. Da nehmet sie auf, und machet dadurch vollends lebendig den in euch nun neu erweckten Glauben durch die Werke der Liebe in Meinem Namen!

[GEJ.10_058,07] Das Gericht, das über die Stadt Jerusalem wird zugelassen werden, werdet ihr alten Leute dieses Ortes wohl im Fleische nicht erleben, aber die Jüngeren von euch und deren Kinder werden es erleben. Wenn aber dieses geschehen wird, da gedenket dessen, was Ich euch jetzt gesagt habe!"

[GEJ.10_058,08] Hier sagte in tiefster Ehrfurcht der Älteste zu Mir: „O Herr, Herr! Groß und überherrlich ist Dein Name! Wir haben vor etlichen Monden in der Nacht eine höchst sonderbare Lichterscheinung am Firmament geschaut, deren Bilder uns mit großer Furcht und Angst erfüllt haben. Anfangs tauchten große Feuersäulen auf und reichten dem Anscheine nach bis zu den Sternen. Die Säulen einten sich auf eine sonderbare Weise, erhoben sich, und wir dachten, als wir von ihnen nichts mehr sahen, daß das eine zwar seltene Feuererscheinung, dabei aber dennoch natürlicher Art sei. Aber bald darauf ward glühend der ganze Himmel. Wir ersahen die Stadt Salomos und große Kriegsheere, die diese Stadt belagerten und endlich völlig samt dem Tempel verheerten.

[GEJ.10_058,09] Später, schon mehr gen Morgen, war abermals eine Lichterscheinung stark gegen Westen hin ersichtlich. Was diese darstellte, konnte niemand von uns entziffern. Aber die Mittelerscheinung hatte eine starke Ähnlichkeit mit dem, was Du, o Herr, Herr, uns nun über Jerusalem verkündet hast. Hatte sie nicht Bezug auf Deine nunmalige Weissagung?"

[GEJ.10_058,10] Sagte Ich: „Jawohl, Mein Freund, doch nun wollen wir nichts Weiteres davon reden! Dafür aber sorget nun für ein Nachtmahl, für alles andere habe schon Ich gesorgt!"

[GEJ.10_058,11] Sagte der Älteste zu Mir: „Herr, Herr! Unser irdischer Gebieter, der weise Hauptmann möchte uns jemanden, der des Kochens kundig wäre, besorgen; denn wir haben schon seit vielen Jahren nichts mehr gekocht, haben auch kein Feuer und in dieser Gegend auch kein Brennholz für den Herd. Es ist darum für uns in dreifacher Hinsicht beinahe unmöglich, für Dich und für die, welche mit Dir sind, ein gekochtes Nachtmahl herzustellen, obschon alle die großen und kleinen Speisekammern von allerlei Vorräten durch Deine Gnade überfüllt sind. Es wird durch Deine Gnade auch fürs Brennholz und fürs Feuer wohl gesorgt worden sein; aber was nützt das, so wir alle des Kochens und Speisebereitens völlig unkundig sind?"

[GEJ.10_058,12] Sagte Ich: „Alter Mann, deine Ehrlichkeit gefällt Mir, denn du hast in der Hinsicht eurer Kochkunde die volle Wahrheit geredet. Der Hauptmann aber hat schon seine Tochter und ein paar seiner Unterdiener beordert, daß sie mit einigen deiner Leute in der großen Küche, in der sich auch ein Fischbehälter befindet, der nun voller Fische ist, für uns und euch alle ein gutes Nachtmahl bereiten."

 

59. Kapitel

[GEJ.10_059,01] (Der Herr:) „In dieser Burg aber befindet sich ja auch ein großer, aus Basaltsteinen gemauerter Keller! Hast du diesen noch niemals entdeckt und gesehen?"

[GEJ.10_059,02] Sagte der Alte und ein paar seiner nächstalten Vettern: „Ja, es soll wohl einmal ein Keller voll des besten Weines bestanden haben, und es sollen in ihm auch andere Schätze irgend verborgen sein, doch niemand von uns hat es je gewagt, sich in die unterirdischen Höhlen zu begeben und in ihnen zwischen allerlei bösem Tiergeschmeiß und andern bösen Mächten Nachsuchungen zu veranstalten, und so weiß denn auch niemand den wahren und rechten Eingang in den besagten Keller. Wo und wie kann man in denselben gelangen? Er wird durch Deine Macht nun auch, wie alles andere, sich in der besten Zustandsordnung befinden?"

[GEJ.10_059,03] Sagte Ich: „So ihr es glaubet, sicher; aber da von euch niemand den Eingang in denselben kennt, so folget Mir, und Ich werde euch in den Keller führen!"

[GEJ.10_059,04] Darauf folgten Mir der Alte und noch zehn seiner Leute mit einer angezündeten Wachsfackel, die wir in der großen Küche, wo deren viele vorrätig waren, nahmen und sie daselbst auch anzündeten. Von der besagten Großküche führte ein Säulengang zu einem großen Tor, das aus einer Basaltplatte angefertigt war. Ich zeigte, wie dieses Tor ganz leicht zu öffnen sei, und Ich Selbst öffnete das große und schwere Tor. Als das Tor geöffnet war, da ward alsbald eine breite Treppe ersichtlich, über die man ganz gut in den sehr weitläufig großen Keller gelangen konnte.

[GEJ.10_059,05] Als wir uns in diesem Keller befanden, über den diese armen Juden abermals nicht zur Genüge erstaunen konnten, da fanden wir denn auch eine große Menge von großen und kleinen Steingefäßen und auch eine noch größere Menge von steinernen, tönernen, silbernen und auch goldenen Trinkgeschirren, worüber die armen Juden nun freilich große Augen machten und nicht wußten, ob auch diese Dinge von Mir wunderbar erschaffen worden seien, oder ob sie ihrem Ansehen nach aus der Urzeit herrührten.

[GEJ.10_059,06] Ich aber sagte zu ihnen: „Dies alles, was wir da gefunden haben, rührt noch aus den Zeiten des großen Königs und Hohenpriesters von Salem her. Dies war auf dieser Erde Seine Burg, die, so wie die Berge mit ihren oft sehr wunderbaren Grotten und Höhlen, nicht von Menschenhänden, sondern durch dieselbe Macht, durch die sie nun wieder wie neu aufgebaut wurde, hergestellt ward. Denn Ich allein bin der wahre König von Salem und Hohepriester Melchisedek in Ewigkeit!

[GEJ.10_059,07] Aber nun nehmt die Krüge in eure Hände, und füllet sie mit Wein, von dem ihr in den großen Gefäßen einen übergroßen Vorrat habt!"

[GEJ.10_059,08] Nun nahmen die armen Juden wohl voll Freuden die Trinkgeschirre, aber sie wußten nicht, wie sie den Wein aus den großen steinernen Gefäßen, die ganz hermetisch mit schweren und glatten Steinplatten verdeckt waren, herausheben sollten.

[GEJ.10_059,09] Da zeigte Ich ihnen zuunterst der Gefäße eine mit einem Zapfen zugestopfte, etwas hervorspringende Öffnung, zog den Zapfen leicht aus der Öffnung, und es floß alsbald reichlich ein alter und bester Wein heraus in die untergehaltenen Trinkgeschirre; denn sein höchst würzhafter Geruch verkündete es gleich allen Anwesenden, unter denen sich auch der Hauptmann mit einem seiner Unterdiener befand, daß man es hier mit einem alten und besten Weine zu tun hatte.

[GEJ.10_059,10] Als die Trinkgeschirre alle gefüllt und nach und nach in den großen Speisesaal auf die Tische gestellt waren und die Weinaufträger wieder zu uns, die wir noch im Keller weilten, kamen, da sagte Ich zum Alten: „Siehe, dieser Wein ist zwar auch von Trauben, welche in diesem Lande gewachsen sind, gepreßt, – aber er ist beinahe ebenso alt wie diese Burg! Es ist dies ein Zehntwein, den alle die Könige, über die der König von Salem herrschte, Ihm zum Opfer brachten, und mußte bis jetzt erhalten werden, auf daß Ich nun, als ganz derselbe König, vom selben alten Zehntweine trinke mit allen denen, die an Mich glauben und Mir folgen.

[GEJ.10_059,11] Solange diese Burg in Meinem Namen bestehen wird, wird auch der Wein nicht versiegen; aber dennoch wird in dreihundert Jahren nach Meiner Auffahrt durch die Macht unserer Widersacher diese Burg und ein großer Teil dieser Stadt derart zerstört werden, daß man nicht mehr erkennen wird, wo sie nun steht. Es macht das aber nichts; denn Ich erbaue Mir nun eine neue Burg in den Herzen, die da, wie sie einmal gegründet ist, nimmerdar wird zerstört werden können.

[GEJ.10_059,12] Diese alten Denkmale aber sind dann auch gut weg, auf daß die Menschen mit ihnen keine Abgötterei treiben können. Aber nahe an dreihundert Jahre nach Meiner Auffahrt wird die Burg noch halten und dieser Wein nicht versiegen und werden den aus Jerusalem hierher Geflüchteten zur Unterkunft und Stärkung dienen."

 

60. Kapitel

[GEJ.10_060,01] Hier fragte voll der höchsten Ehrfurcht der Alte: „Herr, Herr, wie man liest, so war der geheimnisvolle König von Salem ja bald nach dem schon da, als Noah aus der Arche stieg und das Erdreich zu bebauen anfing. Seine Kinder konnten sich in einer kurzen Zeit ja doch nicht so gewaltig vermehrt haben, daß es zur Zeit des Königs von Salem auf der Erde schon eine so große Menge von andern Kleinkönigen sollte gegeben haben, die Ihm den Zehnt zum Opfer brachten? Diese Sache lautet, wie vieles in unseren Büchern, sehr mystisch und kann mit unserem Verstande wohl nicht begriffen werden.

[GEJ.10_060,02] Dann sprachst Du von Deiner Auffahrt! Was ist das? Wohin wirst Du fahren, und wann? Herr, Herr, erkläre uns das ein wenig näher, auf daß wir es endlich auch unseren Nachkommen erklären können in Deinem Geiste der Wahrheit, der Liebe und des Lebens und sie es uns glauben, daß Du, o Herr, Herr, Selbst es warst, der uns solche seltsamen Dinge geoffenbart hat!"

[GEJ.10_060,03] Sagte Ich: „Was die Zeit des Königs von Salem betrifft, so war Er schon ewig vor aller Kreatur da und somit auch eher als Noah. Was aber die Erdzeit, in der Er Selbst in der Gestalt und Persönlichkeit eines Engels aus den Himmeln die Menschen von Sich Selbst und über ihre Bestimmung unterwies, anbelangt, so war Er zwar schon während der Lebzeit des Noah von Zeit zu Zeit da und redete mit ihm, doch ein eigentliches König- und Hohepriestertum ward erst ein paar Hunderte von Erdjahren nach Noahs Aussteigung aus der Arche errichtet, welche Zeit noch Noah selbst und seine drei Söhne erlebten. Und in dieser Zeit war die Erde schon wieder stark bevölkert, und die vielen Stammväter von kleinen Völkern führten den Namen König, brachten alljährlich ihre Opfer nach Salem und wurden von dem König unterwiesen.

[GEJ.10_060,04] Aber als sich dann die Völker mehr auf der weiten Erde ausgebreitet hatten, vergaßen sie des Königs der Könige und fingen an, sich von Ihm zu trennen; auch die, die in Seiner Nähe wohnten, zogen nicht mehr nach Salem. Da verließ der König auch die Burg und besuchte nur selten noch wenige Ihm treu gebliebene Patriarchen, wie zum Beispiel Abraham, Isaak und Jakob, und später alle die großen und kleinen Propheten und nun im Fleische und Blute auch euch.

[GEJ.10_060,05] Was aber Meine Auffahrt betrifft, so hat diese eine doppelte Bedeutung. Die erste wird von nun an kein Jahr auf sich warten lassen; die zweite aber wird in jedem Menschen, der an Mich lebendig glaubt, dadurch bewerkstelligt werden, daß der Geist Meiner Liebe in seinem Herzen auferstehen und des Menschen Verstand in alle Weisheit der Himmel leiten wird.

[GEJ.10_060,06] Meine persönliche Auffahrt aber wird bald nach dem geschehen, wenn dieser Mein Leib drei Tage nach der Tötung durch die Hände der Feinde Gottes wieder wird aus dem Grabe auferstehen und also in Mein Gottwesen übergehen.

[GEJ.10_060,07] Wie ihr aber gehört habt, daß dereinst Elias sichtbar wie in einem feurigen Wagen sich gen Himmel erhoben hat, also werde auch Ich Mich sichtbar vielen Meiner Freunde vom materiellen Boden dieser Erde zum sichtbaren Himmel empor erheben und werde fortan nicht so wie jetzt persönlich sichtbar unter allen Menschen – guten und bösen – umherwandeln und sie lehren, sondern nur unter denen im Geiste wohl vernehmbar und zu öfteren Malen auch sichtbar wandeln und sie lehren und führen, die an Mich glauben, Mich über alles und den Nächsten wie sich selbst lieben werden. Denn in solcher Menschen Herzen werde Ich Mir die besagte neue Burg erbauen und werde in derselben Meine Wohnung nehmen."

 

61. Kapitel

[GEJ.10_061,01] (Der Herr:) „Bei denen Ich aber wohnen werde, die werden Mich denn auch wohl wahrnehmen, und Ich werde sie Selbst lehren und führen, und so werden Meine rechten Liebhaber allzeit von Mir belehrt und geführt werden und werden in sich haben das ewige Leben. Aber die sich von Mir entfernen werden, wie in der Altzeit sich die Könige aus purer Weltliebe von dem König von Salem entfernt haben und Ihm nicht mehr darbrachten, was sie Ihm hätten darbringen sollen, deren Herzensburgen werden auch von Mir verlassen werden. Und wie dann zu den Zeiten des Königs von Salem, als Er diese Burg mit allen Engeln, die Ihm dienten, verließ und unter den Völkern und ihren Königen nur zu bald allerlei Zwietracht, Neid, Mißgunst und dadurch auch Kriege entstanden, also wird es in der Folge auch unter jenen sein, deren Herzensburgen Ich verlassen werde. Da wird sich erheben ein Volk wider das andere und es zu unterjochen trachten.

[GEJ.10_061,02] Darum, wer in Meiner Lehre und Liebe verbleiben wird, in dem werde auch Ich verbleiben, und wahrlich, aus seinen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen, und wer von solchem Wasser trinken wird, den wird es nimmerdar dürsten in Ewigkeit!

[GEJ.10_061,03] Meine Lehre und die göttliche Weisheit in ihr aber ist das wahre, lebendige Wasser. Wer davon trinken wird, dessen Seele wird bald mit aller Weisheit erfüllt und für ewig gesättigt werden, und es wird sie dann nimmerdar dürsten und hungern nach einer höheren Wahrheit und Weisheit.

[GEJ.10_061,04] Und so habe Ich nun dir, du Mein alter Jude, das erklärt, was dir ehedem dunkel und unerklärbar schien! Aber glaube nun ja nicht, als seist du jetzt schon in alle Wahrheit und Weisheit eingeführt worden; das wird dir erst dann zuteil werden, wenn Ich im Geiste aller Wahrheit und Weisheit auch in deinem Herzen werde auferstanden und dann in deiner Seele Lebenshimmel werde aufgefahren sein.

[GEJ.10_061,05] Und nun wollen wir aus diesem Keller uns entfernen und uns in den Speisesaal begeben; denn das Abendmahl ist schon bereitet, und wir wollen es zu uns nehmen und damit stärken unsere Glieder."

[GEJ.10_061,06] Auf diese Meine Worte begaben wir uns aus dem Keller und kamen bald in den großen Speisesaal, der mit hundert Lampen bestens erleuchtet und vor kurzem noch eine derartige Ruine war, daß es wohl niemand merken konnte, daß da jemals ein großer Speisesaal bestanden hatte.

[GEJ.10_061,07] Zwei große steinerne Tische, auf festen Säulen ruhend, waren im Saale in der besten Ordnung aufgestellt und mit feinstem Byssus zierlich überdeckt, und um jeden der beiden Tische waren eine rechte Anzahl ganz bequemer Stühle gestellt, und beide Tische waren mit den bestbereiteten Fischen, mit Brot und Wein bestbestellt.

[GEJ.10_061,08] Wir setzten uns denn auch an den Tisch, der für uns gedeckt war, und die Inhaber und Bewohner dieser Burg setzten sich an den zweiten Tisch, der für sie bestellt war, und wir alle aßen und tranken mit rechtem Maß und Ziel.

[GEJ.10_061,09] Während des Essens ward über so manches gesprochen, und der Hauptmann fragte Mich, wie er es am nächsten Tage mit den Römern und Griechen anfangen solle, so sie dieses Wunders sicher nur zu bald würden gewahr werden. Denn es werde da ein Fragen werden, wie man ein ähnliches noch kaum jemals erlebt habe.

[GEJ.10_061,10] Sagte Ich: „Wer da kommen wird, dem saget die Wahrheit; aber das saget ihm auch, daß er alles bei sich behalten und nicht in die nächsten Städte und Orte laufen und Mich vor der Zeit ruchbar machen soll!

[GEJ.10_061,11] Auf daß aber dieses Wunder nicht so bald als ein solches auch von außen her erkannt werde, so sieht diese Burg dem Außen nach wenig verändert aus, sondern nur im Innern; und so machet denn auch ihr vor der Zeit nicht viel Aufhebens von dieser Meiner Tat! Ich aber werde morgen schon Selbst noch einige der besseren Heiden besuchen und werde Mich eine Stunde der Zeit nach dem Mittag von hier etwa nach Golan mit den Jüngern begeben, dahin Mich auch du begleiten kannst.

[GEJ.10_061,12] In einer Zeit aber, wenn du wieder hierher kommen wirst, kannst du Mein Wort diesen Heiden bekanntgeben, und dann diene dir zu einem Zeugnisse dies Mein gewirktes Wunderzeichen, auf daß sie erkennen mögen Den, der es gewirkt hat, und dann leben und handeln nach Seinem Willen!"

[GEJ.10_061,13] Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, gelobte er, daß er sich in allem streng nach Meinem Willen verhalten werde.

 

62. Kapitel

[GEJ.10_062,01] Als wir alle noch am Tische saßen, da entstand draußen auf der Straße ein Lärm. Mehrere Arbeiter kehrten von ihrem Tagewerk nach Hause, sahen – was sonst bei diesen armen Juden nahe wohl niemals der Fall war – eben ihr Haus wohl erleuchtet und wollten nachsehen, was es in dieser Ruine gäbe, und riefen darum die ihnen bekannten Juden, daß sie zu ihnen herauskommen sollten und ihnen sagen, was da vorgefallen sei, darum die schlechten Gemächer gar so hell und festlich erleuchtet seien.

[GEJ.10_062,02] Ich aber sagte zum Hauptmann: „Gehe du nun hinaus zu diesen Lärmmachern! Sie werden dich alsbald erkennen und werden daraus auch sogleich innewerden, warum dies Haus nun also erleuchtet ist; und sie werden sich darauf auch gleich ganz ruhig verhalten, sich nach Hause begeben und nicht mehr fragen, warum dies Judenhaus nun so beleuchtet ist."

[GEJ.10_062,03] Der Hauptmann tat das in Begleitung eines seiner Unterdiener.

[GEJ.10_062,04] Als er zu den Lärmern kam, sagte er ganz laut und voll Ernstes zu ihnen (der Hauptmann): „Was wollt ihr von den armen Juden, so ich mit ihnen zu tun habe und noch ein viel größerer Machthaber? Soll ich mir euretwegen in dieser Nachtzeit das Innere dieses Hauses etwa nicht erleuchten lassen?!"

[GEJ.10_062,05] Als die Arbeiter, die den Hauptmann sogleich erkannt hatten, solches vernommen hatten, da entschuldigten sie sich, daß sie das nicht gewußt hätten, baten ihn um Vergebung und gingen darauf ganz ruhig nach Hause. Doch ihren Leuten erzählten sie sogleich, was sie gesehen und erfahren hatten, und es entstand darauf viel Denkens und gegenseitigen Fragens und Vermutens, was etwa doch das zu bedeuten habe, daß der Hauptmann mit noch einem höheren Machthaber in dem elendsten Hause der Juden eingekehrt sei. Aber es getraute sich doch niemand aus der Stadt zum Hause der Juden hinzukommen, um nachzusehen, was es darin gäbe, und wir hatten Ruhe die ganze Nacht hindurch.

[GEJ.10_062,06] Als der Hauptmann mit seinem Unterdiener wieder zu uns kam, da erzählte er, wie er es gemacht hatte, und daß das gut gewirkt habe; nur fürchte er, schon am frühen Morgen von den sehr klagesüchtigen Griechen überlaufen zu werden, und wünsche, daß auch dies soviel als möglich verhütet werden möchte.

[GEJ.10_062,07] Sagte Ich: „Des sei du unbesorgt! Es wird sich auch morgen ein Mittel finden lassen, um die Neugierigen von diesem Hause fernhalten zu können. Da es nun aber schon ziemlich spät in der Nacht geworden ist, so wollen wir uns zur Ruhe begeben! Ich aber bleibe hier am Tische ruhen; wer aber ein Bett wünscht, der gehe in die vielen Ruhegemächer, und er wird dort der Ruhebetten in einer großen Anzahl antreffen!"

[GEJ.10_062,08] Alle aber, die an Meinem Tische sich befanden, zogen es vor, Mir gleich am Tische zu verbleiben bis zum Morgen; nur die Juden blieben nicht an ihrem Tische, sondern begaben sich in ihre alten Zimmer, die aber nun auch ganz umgestaltet waren. Wir ließen die Lampen die ganze Nacht fort brennen und die Gemächer beleuchten, auf daß sich irgendwelche Neugierige zu fürchten anfingen, die es doch ganz leise gewagt hatten, sich in der Nacht dem Hause der Juden zu nähern, um etwa so nur aus einer gewissen Ferne zu erlauschen, was in dem Hause vor sich gehen möge. Aber als sie der Lichter gewahr wurden, da getrauten sie sich nicht dem Hause zu nahen, aus Furcht, entweder vom Hauptmann selbst oder von einem seiner Diener entdeckt und darauf bestraft zu werden.

 

63. Kapitel

[GEJ.10_063,01] Wir alle ruhten sonach ungestört bis zum Morgen eines Sabbats, der aber bei diesen Juden von keinem besonderen Belange war, da sie beinahe schon mehr heidnisch denn jüdisch gesinnt waren. Es kam aber dennoch schon am frühen Morgen der Älteste zu Mir und fragte Mich, ob Ich und Meine Jünger streng auf den Sabbat hielten, da er von Moses aus als streng zu heiligender Tag des Herrn bestimmt ward.

[GEJ.10_063,02] Sagte Ich: „Den Sabbat heiligen nach der Einsetzung Mosis ist für einen jeden Juden recht und gut; aber von nun an ist ein jeder Tag ein Tag des Herrn, und wer an jedem Tage nach Meiner Lehre seinem Nächsten Gutes tut, der heiligt wahrhaft den Sabbat. Und so brauchet ihr heute, als an einem Sabbat, euch nicht anders zu verhalten als an einem jeden andern Tage!

[GEJ.10_063,03] Der Mensch hat am Sabbat für seinen Leib dieselben Bedürfnisse wie an jedem andern Tage und soll sie nach Möglichkeit auch ebenso befriedigen. Nur von einer schweren, knechtlichen Gewinnsarbeit soll er sich enthalten. So er aber dadurch einem oder mehreren seiner Nächsten einen Nutzen erweisen kann, so wird dadurch der Sabbat nicht entheiligt, so er seine Hände auch einer noch so schweren Knechtsarbeit leiht, und Ich werde ihn dafür segnen; aber so da keine solche Gelegenheit sich ergibt, so ist es gut, sich an einem Sabbat auszuruhen und sich in seinem Gemüte mit den Dingen des Geistes zu beschäftigen. Denn bei der schweren Werktagsarbeit ist die Seele nicht sehr geeignet, über Tiefgeistiges in sich Betrachtungen zu machen und sich zu Gott zu erheben; und Moses hat also den Sabbat dazu verordnet.

[GEJ.10_063,04] Aber daß man an einem Sabbat nach dem Aufgange der Sonne und ebenso auch vor dem Untergange derselben nichts essen und trinken und auch niemandem eine leibliche Wohltat erweisen sollte, wie das die Pharisäer in Jerusalem und auch in den andern Orten in den Synagogen lehren, das ist ein Unsinn, der den Lehrern das Zeugnis gibt, daß sie die Lehre Mosis niemals verstanden und für sich beachtet und dadurch die höchste und größte Verkehrtheit des Geistes der Lehre Mosis und der Propheten unter den Juden an den Tag gefördert haben. Darum tuet ihr heute also, wie ihr getan habt, und ihr werdet den Sabbat vor Mir nicht entheiligen!

[GEJ.10_063,05] Nur den Heiden braucht ihr weder heute noch an einem andern Tage um den schnödesten Sold einen gemeinsten Dienst zu erweisen; so sie aber auch Meine Lehre annehmen und auch euch als ihre Nächsten ansehen und behandeln werden, so möget ihr ihnen auch in aller Liebe und brüderlichen Freundschaft allerlei gute Dienste erweisen, auf daß Friede und Einigkeit unter euch herrsche. In dem habt ihr nun alles, was da anbelangt die wahre Heiligung des Sabbats.

[GEJ.10_063,06] Es sagen aber ja sogar die weiseren Heiden, daß es vorzüglicher sei – so Umstände es verlangen –, einem Nebenmenschen zu dienen, als in einen Tempel zu gehen und darin einem Gott zu dienen, der des Menschendienstes nicht bedarf. Und so bedarf der allein wahre Gott des Dienstes der Menschen für sich wohl niemals; aber dessen bedarf Er, daß die Menschen aus Liebe zu Ihm und aus der gleichen Liebe untereinander sich gute Dienste erweisen.

[GEJ.10_063,07] Denn die Liebe ist der wahre Lebensdünger für die Seele zum ewigen Leben, und Gott hat ja darum die Menschen erschaffen, daß sie in das ewige Leben übergehen sollen. Und so ist der wahre, Mir allein wohlgefällige Gottesdienst eben hauptsächlich darin bestehend, daß die Menschen sich untereinander in Meiner Liebe dienen; und so das der Mir wohlgefälligste Gottesdienst ist, so wird durch ihn der Sabbat sicher niemals entheiligt.

[GEJ.10_063,08] Steht es ja doch durch einen Propheten geschrieben in der Zeit, als die Juden zu sehr angefangen haben, alles – so wie nun die Pharisäer – auf die äußere Zeremonie zu halten: ,Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen, aber sein Herz ist ferne von Mir!‘

[GEJ.10_063,09] Dienet Mir also von nun an nur im Herzen, und lasset ab von der toten Zeremonie, und ihr werdet so an jedem Tage Mir wohlgefälligst den Sabbat heiligen! – Hast du das nun wohl verstanden?"

[GEJ.10_063,10] Sagte der Jude: „Ja, o Herr, Herr, und darum werden wir den Sabbat denn auch nach Deinem Sinne heiligen!"

[GEJ.10_063,11] Hierauf begab sich der Alte sogleich zu den Seinigen, erklärte ihnen, wie Ich den Sabbat will geheiligt haben, womit alle vollkommen einverstanden waren und sich dann auch bald an die Bereitung des Morgenmahles machten, wobei ihnen wieder die Veronika gute Dienste leistete.

 

64. Kapitel

[GEJ.10_064,01] Wir aber begaben uns ins Freie auf einen noch höheren Hügel außerhalb dieser Burg, als der da war, auf dem die Burg stand, und hatten da eine sehr herrliche Aussicht nach allen Seiten hin. Man übersah von da auch einen großen Teil des Jordantales – und anderseits gen Osten in den fernen Ebenen des Euphrat –, eine große Menge Gebirge und umliegende Orte. Von hier aus konnte man bis gen Jerusalem sehen; aber diesmal war diese Gegend ganz in dicke Morgennebel gehüllt, und so konnte man von den Orten Judäas nichts ausnehmen.

[GEJ.10_064,02] Und der Hauptmann bemerkte: „Herr und Meister, der dicke Nebel über den Orten und Gefilden Judäas scheint mir sehr jenes Volk zu charakterisieren, dessen Herz und Verstand von einem noch dichteren Nebel umlagert ist als der, der nun ihre Gefilde vor unseren Blicken verbirgt?"

[GEJ.10_064,03] Sagte Ich: „Ja, Freund, also ist es auch; darum werden auch viele in dem dichtesten Nebel ihrer Irrtümer und daraus hervorgehenden Sünden aller Art und Gattung den Tod finden. Doch lassen wir nun derlei Betrachtungen beiseite und wenden unsere Augen dem Aufgange der Sonne zu; denn es wird heute wieder ein herrlicher Aufgang zu sehen sein! Darum wollen wir alle nun ein wenig ruhen und den Aufgang der Sonne genießen!"

[GEJ.10_064,04] Darauf wurden alle ruhig und weideten sich an den schönen, stets wechselnden Szenen des Morgens; denn in dieser Gegend ist der Morgen stets ein um vieles herrlicherer, ob der großen Ferne gen Osten hin, in der besonders viele Meteore seltener Art vor dem Aufgange der Sonne sich zu entwickeln pflegen, wovon der Grund in dem weitgehenden vulkanischen Boden in der natürlichen Hinsicht zu suchen ist. Die abergläubischen Heiden und Völker jener Gegenden hielten derlei Erscheinungen für die halbgöttischen Begleiter der Göttin Aurora, die dem Apoll stets den Weg bahne.

[GEJ.10_064,05] Es war denn nun auch an der Zeit, den Heiden solchen Wahnglauben zu benehmen und ihnen den wahren Grund von derlei Erscheinungen zu zeigen und verständlich zu erklären, was Ich hier dem Hauptmanne und seinen Unterdienern denn auch tat, und sie auch den Grund einzusehen anfingen, warum Ich sie eigentlich auf diesen Hügel frühmorgens geführt habe.

[GEJ.10_064,06] Als sie in allem dem unterrichtet waren und sie Mir dafür auch sehr dankten, bemerkte ein erster Unterdiener des Hauptmanns: „Es dürfte am Ende doch schwerhalten, besonders das gemeine Volk, das nach der Heidenpriesterlehre in jeder Wolke, in jedem Dunstgebilde, beim Aufsteigen des Küchenrauches, beim Verbrennen und Mehr- oder Minderknistern des Holzes nichts als Geister und Gnomen aller Art und Gattung sieht und von ihrem Verhalten und Bewegen Glück oder Unglück erwartet, von seinem Aberglauben abwendig zu machen!

[GEJ.10_064,07] Denn am Ende liegt all den vielen Erscheinungen, die oft ganz seltener Art sind, etwas Geistiges zugrunde, weil ohne einen innersten und somit ersten Entstehungsgrund von was immer für einer Erscheinung nichts in ein äußeres ersichtliches Dasein treten kann. Und diesen ersten Grund haben die alten Weisen, um ihn dem Volke begreiflich und anschaulich zu machen, entsprechend personifiziert, welche Entsprechung nun freilich nur sehr wenige mehr verstehen und dafür die Erscheinung selbst für den innersten und ersten Geistgrund halten. Und es ist also schwer, derlei Menschen dahin überzeugend zu belehren, daß das, was sie sehen, nicht das ist, was sie sehen und für was sie es halten, sondern – so und so – eine notwendige Außenerscheinung von einer innersten, ersten und einem fleischlichen Auge niemals sichtbaren Ursache.

[GEJ.10_064,08] Nun ergibt sich aber noch eine andere Frage, und diese besteht darin, ob es am Ende nicht besser ist, derlei Menschen nicht auf einmal von ihrem Aberglauben abwendig zu machen, weil sie dadurch das Gehabte zwar verlieren, aber das dafür zu Erhaltende nicht so bald in voller überzeugender Klarheit erreichen können und dadurch, wie es schon bei vielen Griechen und Römern der Fall war, nur zu leicht in den allerdicksten und höchst schwer ausrottbaren Materialismus übergehen, an dem die Bewohner eben dieser Stadt ohnehin wahrlich keinen Mangel haben. – Herr und Meister, was sagst denn Du dazu?"

 

65. Kapitel

[GEJ.10_065,01] Sagte Ich: „Ich kann dir nichts anderes sagen, als was Ich euch und Meinen Jüngern gesagt habe: Lehret sie vor allem den einen, allein wahren Gott erkennen und Sein Reich der ewigen Liebe und Wahrheit, und lehret sie durch euer Beispiel handeln nach der Lehre, die ihr von Mir empfangen habt! Sie werden dann schon durch Meinen Geist in ihnen in alle Wahrheit und Weisheit erhoben werden.

[GEJ.10_065,02] Daß es bei allen Erscheinungen sowohl auf der ganzen Erde und also auch beim Menschen einen innersten und geistig- lebendigen Grund gibt, das habe Ich euch in Pella hinreichend klar gezeigt. Aber es ist darum nicht nötig, mit dem gleich anfangs die Menschen bekannt und vertraut zu machen, sondern nur mit der Hauptsache, die ihr wohl kennt; hat diese Wurzeln geschlagen, so wird sich alles andere ganz leicht wie von selbst bewerkstelligen lassen.

[GEJ.10_065,03] Überhaupt sollt ihr euch besonders im Anfange nicht mit den Erklärungen der Erscheinungen in der Naturwelt abgeben – erstens, weil ihr selbst darin noch nicht völlig im klaren seid, und zweitens, weil von der Erkenntnis derselben das eigentlich wahre Lebensheil einer Menschenseele nicht abhängt –, sondern lehret die Menschen nur lebendig an Mich glauben und leben und handeln nach Meinem euch bekannten Willen; alles andere und Weitere werde dann schon Ich Selbst besorgen! Denn wer Meine Gebote hält und Mich wahrhaft in der Tat über alles liebt, zu dem werde Ich Selbst kommen und Mich ihm in allem offenbaren nach dem Maße seiner Aufnahmefähigkeit.

[GEJ.10_065,04] Denn die Talente sind von Mir aus an die Menschen darum verschieden verteilt, auf daß ein jeder seinem Nächsten nach dem ihm eigenen Talent in der von Mir gebotenen Nächstenliebe dienen kann. Darum habt ihr vorderhand für die Entwicklung der Sondertalente bei den Menschen weniger zu sorgen, sondern nur für die Hauptlehre, die ihr von Mir empfangen habt; alles andere – wie schon gesagt – werde schon Ich besorgen."

[GEJ.10_065,05] Als der Unterdiener solches von Mir vernommen hatte, dankte er Mir und fragte Mich über derlei um nichts Weiteres mehr.

[GEJ.10_065,06] Bei dieser belehrenden Gelegenheit aber war die Sonne auch schon vollends über den Horizont gestiegen, und es kam ein Bote aus dem Hause, uns anzuzeigen, daß das Morgenmahl bereitet sei. Da erhoben wir uns und begaben uns hinab in das Haus.

[GEJ.10_065,07] Als wir beim Hause anlangten, da war es von mehreren Bürgern dieser Stadt ordentlich belagert; denn sie hatten vernommen, daß der Hauptmann die Nacht hindurch in dem Hause der Juden zu tun gehabt habe, und hätten von einem Einwohner dieses Hauses gegen einen Lohn gern erfahren, was es da denn eigentlich gegeben habe. Als sie aber den Hauptmann und seine Diener schon von einiger Ferne ersahen und erkannten, da hoben sie ihre förmliche Hausbelagerung sogleich auf, zogen sich etwas zurück, und wir konnten unbeirrt in das Haus gehen.

[GEJ.10_065,08] Im Hause nahmen wir bald das wohlbereitete Morgenmahl zu uns, und es kümmerte sich niemand besonders um die das Haus beobachtenden Bürger dieser Stadt.

[GEJ.10_065,09] Es kam aber bald darauf der Bürgeroberste dieser Stadt, um dem Hauptmanne seine Aufwartung zu machen.

[GEJ.10_065,10] Als er sich durch einen seiner mitgenommenen Diener melden ließ, da fragte Mich der Hauptmann, ob er ihn vorlassen solle oder nicht.

[GEJ.10_065,11] Und Ich sagte: „Diesen lasse du nur zu uns kommen; denn auch er soll Mir zu einem Rüstzeuge werden!"

 

66. Kapitel

[GEJ.10_066,01] Nach dem ließ der Hauptmann den Bürgerobersten vor und fragte ihn gleich beim Eintritt in unseren großen und prachtvoll ausgestatteten Speisesaal, was er wünsche.

[GEJ.10_066,02] Der Bürgeroberste aber, ein Mann von vielem Verstand und vielfacher Erfahrung, dem zuvor dieses Judenhaus nur zu gut bekannt war von außen wie von innen, sagte voll Staunens: „Hoher Gebieter im Namen des großmächtigsten Kaisers zu Rom, der größten und mächtigsten Stadt der ganzen Welt! Da ich vernahm, daß du dich hier sicher sehr dringender Amtsgeschäfte halber befindest, so ist es doch nichts mehr und nichts minder als meine beschworene heilige Pflicht, dir meine Aufwartung zu machen und dich in aller Ergebung zu fragen, ob du nicht irgend meines Dienstes benötigst. Und so bin ich denn nun auch voll Staunens hier vor dir und meine nun schon zum voraus, daß du meines Dienstes kaum benötigen wirst; denn du vermochtest im geheimen den armen Juden ihr völlig zerklüftetes Haus in einen wahren Palast umzugestalten, ohne mich davon nur einmal in Kenntnis gesetzt zu haben und meine Hilfe anzusprechen, – und so werde ich auch diesmal dir ganz überflüssig sein. Kannst du mich aber doch zu etwas brauchen, so stehe ich dir selbst mit meinem Leben zu Diensten!"

[GEJ.10_066,03] Sagte der Hauptmann: „Bleibe du nun nur hier; denn diesmal wirst du mir noch in gar manchem zu dienen haben! Aber setze dich vorerst, und trinke einen Becher des ältesten und besten Weines, der, von uralter Zeit herstammend, in einem ganz verschüttet gewesenen Keller in ganz reinen steinernen Gefäßen wohlerhalten vorgefunden worden ist!"

[GEJ.10_066,04] Der Bürgeroberste setzte sich sogleich zum Hauptmanne hin, ergriff den Becher und kostete zuerst den Wein; als er aber von dessen Güte vollends überzeugt wurde, da trank er den Wein aus dem Becher in kräftigeren Zügen und sagte: „Ich habe doch auch schon so manchen Tropfen der besten mir bekannten Weine gekostet; aber über diesen ist noch nie einer über meine Lippen geflossen! O Hauptmann, du anerkannt großer Mann in allem und auch ein Held ohnegleichen, den viele seiner Taten wegen loben und rühmen, aber hier vergib es mir, eine kleine Bemerkung zu machen: So das pur dein Werk ist, so bist du auch schon mehr ein Gott denn ein Mensch! Denn diese alte, äußerst weitläufige Burg sicher in einer kurzen Zeit ohne mein Wissen so königlich herzustellen, kann nur Göttern, aber nie den noch so tätigen und einsichtsvollen Menschen möglich sein; denn selbst die besten und kundigsten Bauleute hätten mit der Herstellung solch einer Ruine sicher über zehn Jahre vollauf zu tun gehabt!"

[GEJ.10_066,05] Sagte der Hauptmann: „Deine Bemerkung ist ganz richtig, – nur findet sie auf mich keine Anwendung! Auf wen aber, das wirst du bald vernehmen und mir darauf dann erst zu Diensten stehen; aber nun trinke!"

[GEJ.10_066,06] Hierauf ließ sich der Bürgeroberste noch einmal seinen Becher füllen und trank ihn zur Ehre des wunderbaren, mit wahrer Götterkraft begabten Wiederherstellers dieser alten Burg bis auf den letzten Tropfen aus. Darauf sagte er: „Nun aber, hoher Gebieter, möchte ich – so es dir genehm wäre – mich von der ganzen Burg, die einst, nach der sehr weitläufigen Ruine zu schließen, sehr viele Gemächer haben mußte, überzeugen, ob sich alles in dem gleich guten Bauzustande befindet wie dieser große Speisesaal, der ehedem von aller Art Tiergeschmeiß bewohnt war!"

[GEJ.10_066,07] Sagte der Hauptmann: „Das können wir allerdings tun, wenn es dem Einen unter uns, den du bis jetzt noch nicht kennst, genehm ist!"

[GEJ.10_066,08] Sagte Ich: „Dem ist es schon ganz genehm also; denn die Heiden und besonders so starre Stoiker, wie dieser Bürgeroberste einer ist, können nur durch große Zeichen zum Glauben an den einen, allein wahren Gott und Herrn Himmels und der Erde von Ewigkeit, dem alle Dinge möglich sind, und der allein aus Sich durch Sein Wort alles erschaffen und gestaltet hat, wieder bekehrt werden."

 

67. Kapitel

[GEJ.10_067,01] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da erhoben wir uns alle vom Tische, durchzogen alle die großen und kleinen Gemächer, auch den übergroßen Keller, und der Bürgeroberste ward dabei so voll Staunens und Verwunderns, daß er sich vor lauter Ehrfurcht kaum zu reden getraute.

[GEJ.10_067,02] Als wir nach ein paar Stunden Zeit abermals in den großen Speisesaal zurückgekehrt waren und uns um den Tisch gelagert hatten, da erst sagte er (der Bürgeroberste): „Nun erst glaube ich, daß es einen Gott von Ewigkeit her gibt, und zwar nur Den, an den die Juden – aber auch nur ganz schwach – noch glauben und Ihn von Zeit zu Zeit anbeten und Ihm zur Ehre einen Tag in der Woche feiern. Denn derlei zu bewirken kann nur Dem allein möglich sein, der den weiten Himmel und diese Erde, deren Ende auch kein Mensch ergründet hat, aus Sich durch Sein ewiges Machtwort erbaut und mit zahllos vielen und mannigfachen Pflanzen, Tieren und Menschen bebaut, geziert, belebt und bevölkert hat. O Hauptmann, lehre du mich diesen Gott näher kennen!"

[GEJ.10_067,03] Sagte der Hauptmann: „Da sieh den Mann, der zu meiner Rechten sitzt und mit meiner Tochter, die Er in Pella wunderbar von einer bösesten Krankheit geheilt hat, Sich bespricht! Mehr brauche ich dir vorderhand nicht zu sagen; nachderhand aber wirst du schon ein Näheres und Umständlicheres erfahren!"

[GEJ.10_067,04] Hierauf fing der Bürgeroberste Mich scharf zu betrachten an und sagte dann mit leiser Stimme zum Hauptmann: „Er ist dem Ansehen nach auch ein Mensch und der Tracht nach ein Jude aus Galiläa; aber er muß ein äußerst frommer und dem großen Gott der Juden völlig ergebener Mann sein, daß ihn der große Gott zu solch einer nie erhörten Macht erhoben hat, wie das in der früheren Zeit auch andere sehr fromme Juden sollen erfahren haben!"

[GEJ.10_067,05] Sagte der Hauptmann: „Du hast zum Teil wohl recht, aber ganz noch lange nicht. Aber mit der Zeit wird dir noch alles klar werden!"

[GEJ.10_067,06] Hierauf kehrte Ich mich zum Hauptmann und sagte: „Nun kannst du ihn schon näher unterweisen; denn er wird es fassen."

[GEJ.10_067,07] Da fing der Hauptmann zum Staunen sogar Meiner Jünger den Bürgerobersten über Mich zu belehren an, und dieser begriff und faßte alles, und es blieb kein Zweifel mehr in seiner Seele.

[GEJ.10_067,08] Als der Bürgeroberste nun wohl einsah, mit wem er es in Mir zu tun hatte, da stand er auf, ging voll Ehrfurcht zu Mir hin und sagte voll ergebenen Mutes: „Herr, Herr, Du allein bist es, an den ich von nun an ungezweifelt und lebendig mit meinem ganzen Hause glauben werde! Aber sage es auch Du mir, was ich tun soll, auf daß mein Glaube auch in die Herzen der andern Menschen übergehen möchte in kürzester Zeit! Denn es ist mein Gemüt schon einmal also beschaffen, daß ich mit dem, was mich überglücklich und seligst zufrieden macht, auch gleich alle andern Menschen ebenso glücklich und zufrieden machen möchte, was aber mit unseren schwachen Menschenkräften freilich nur zu oft nicht so schnell geht, wie wir es wünschen und haben möchten. Dir, o Herr, Herr, sind ja alle Mittel und Wege schon von Ewigkeit her klarst bekannt, und so kannst auch nur Du sie mir anzeigen!"

 

68. Kapitel

[GEJ.10_068,01] Sagte Ich: „Liebe und Geduld sind die zwei größten Dinge zu allem in dieser Welt, wie auch in der ewigen Unendlichkeit. An der Liebe fehlt es dir wahrlich nicht, darum Ich Mich auch von dir habe finden und bald erkennen lassen; aber an der rechten, mit der Liebe im vollen Einklang stehen sollenden Geduld fehlt es dir noch.

[GEJ.10_068,02] Siehe, tue denn heute in Meinem Namen nur soviel, als dir möglich ist, und es wird dir dann der nächste Tag schon sagen, was du zur Erreichung eines edlen Zweckes ferner zu tun haben wirst! Denn siehe, in dieser Meiner übergroßen, für euch Menschen bestimmten Welt läßt sich nichts übers Knie also brechen wie ein altes, morsches Stück Holz! Denn ginge das also, da hätte Ich wohl niemals Fleisch und Blut angenommen, wäre nie als Mensch zu euch Menschen gekommen und würde euch nicht in den Dingen Meines Reiches gewisserart mit aller Mühe und übergroßer Geduld Selbst unterweisen.

[GEJ.10_068,03] Ein jeder Mensch hat seinen vollkommen freien Willen, und dieser muß vor allem geachtet und berücksichtigt werden. Es wäre daher nicht am besten, besonders die Menschen, die sich mit der Lehre der Stoiker noch nicht absonderlich befaßt haben, gleich auf dieses von Mir gewirkte große Wundertatszeichen hinzuweisen, sondern sie sollen über Mein Dasein, das im Geiste keinen Anfang und kein Ende hat, das heißt über den einen, allein wahren Gott belehrt werden; dann werde ihnen Sein Wille bekanntgemacht, und der Mensch, der ihn erfüllt, hat das rechte Ziel erreicht.

[GEJ.10_068,04] Und nehmen die Menschen das ohne einen äußeren Zwang – ob er ein physischer oder moralischer sei – an und fangen an, nach solcher Lehre ernstlich zu handeln, dann möget ihr mit ihnen auch von Meinen besonderen Zeichen und von Meiner Allgegenwart mit ihnen zu reden anfangen, und das wird sie stärken im Glauben und im Tun nach demselben.

[GEJ.10_068,05] Doch die starren Stoiker könnet ihr schon mit den von Mir gewirkten Zeichen zu bekehren anfangen; denn die Verächter des Lebens und Wünscher des Todes und des Nichtseins halten schon einen heftigeren Stoß aus, ohne dadurch in der Freiheit ihres Willens einen Schaden zu erleiden.

[GEJ.10_068,06] Machet jedoch nicht gleich ein großes Gerede von diesem Zeichen; denn es wohnen ohnehin in dieser Stadt zwei Menschen, die Ich in Pella geheilt habe, wovon der Hauptmann und seine Unterdiener das Nähere gar wohl kennen, und diese beiden Geheilten werden Mir schon ein rechtes Zeugnis geben! Dann erst könnet ihr auch von dem zu reden anfangen, was hier geschehen ist.

[GEJ.10_068,07] Also tuet das, was Ich nun gesagt habe, mit aller Liebe und Geduld, und ihr werdet so in Meinem Namen zu einer reichen Menschenernte für Mein Lebensreich gelangen!

[GEJ.10_068,08] Denn sehet, der Herr eines Weinberges hatte zwei Arbeiter in seinen Weinberg bestellt und versprach einem jeden den ganz gleichen, sehr ansehnlichen Lohn. Da teilten die beiden gedungenen Arbeiter den Weinberg unter sich ab zu gleichen Teilen.

[GEJ.10_068,09] Der eine der Arbeiter wollte sich vor dem Herrn sehr eifrig und tätig erweisen, um von ihm etwa einen guten Nachlohn zu erhalten, und arbeitete ohne Rast und Ruhe. Er war mit seiner Arbeit denn auch bald zu Ende; aber diese fiel ob der großen und geduldlosen Hast denn auch zum größten Teile sehr schluderig aus, und der Weinberg gab dem Herrn eine magere Ernte.

[GEJ.10_068,10] Der zweite Arbeiter aber ließ sich Zeit, überlegte bei jeder Rebe wohl, wie sie zu behandeln sei, auf daß sie dem Herrn eine reiche Frucht brächte. Er hatte mit seinem Teil denn auch länger zu tun als sein Mitarbeiter; aber als es zur Ernte kam, da war sein Teil übervoll mit den schönsten Trauben.

[GEJ.10_068,11] Als der Herr des Weinberges dann die Lese hielt, da belobte er den zweiten Arbeiter sehr und gab ihm den Nachlohn; dem ersten Arbeiter, der mit zu großer Hast arbeitete, gab er keinen Nachlohn, da derselbe in dem Weinberg eher einen Schaden denn irgendeinen Nutzen bewirkte.

[GEJ.10_068,12] Das bedenket auch, so ihr in Meinem Menschenlebensweinberg einen wahren Nutzen bewerkstelligen wollt!

[GEJ.10_068,13] Die Menschen sind die Reben und sind nach ihrer verschiedenen Art und Natur denn auch verschieden zu behandeln; tut denn also, wie Ich es euch nun gezeigt habe, und ihr werdet gute Früchte ernten und einen besten Lohn überkommen in Meinem Reiche!

[GEJ.10_068,14] Lehret die Menschen vor allem nur die Wahrheit, und ihr werdet sie frei machen in allem, das ihre Seelen gefangen hält, und ihr selbst werdet dabei die Wonne der größten Freiheit in euren Herzen empfinden und genießen!"

 

69. Kapitel

[GEJ.10_069,01] Für diese Belehrung dankten Mir alle, und der Bürgeroberste erhob sich darauf vom Tische und wollte hinausgehen, da er sah, daß der Älteste seinen Leuten befahl, die Mittagsspeisen bald auf den Tisch zu bringen. Ich aber behieß ihn zu bleiben und mit uns zu halten das Mittagsmahl; und er blieb und hielt mit uns das Mahl.

[GEJ.10_069,02] Und als er die edlen Fische ersah, da fragte er den Hauptmann, ob und wann er diese Fische etwa aus Genezareth oder Gadara diesen Juden verschaffte.

[GEJ.10_069,03] Der Hauptmann aber sagte: „Freund, nicht ich, sondern auch nur ganz allein der Herr, dem – wie du dich heute schon zur Genüge überzeugt hast – alles zu bewirken möglich ist, – und so sind diese Fische auch ein Zeichen Seiner göttlichen Macht und Herrlichkeit! Iß sie, und stärke dich damit am Leibe und im Herzen der Seele!"

[GEJ.10_069,04] Hierauf nahm der Bürgeroberste einen Fisch und verzehrte ihn bald, da er ihm gar überaus wohl mundete; doch einen zweiten nahm er nicht mehr, da er sich schon mit dem einen Fisch vollkommen gestärkt fühlte.

[GEJ.10_069,05] Es ward aber während des Mahles noch gar manches über die Erscheinungen und Dinge in der Naturwelt besprochen, und der Bürgeroberste hatte darüber eine große Freude.

[GEJ.10_069,06] Es kam auch die Rede auf die Träume, und Ich Selbst erklärte ihnen die innere Welt der Träume und zeigte ihnen dabei die in der Seele noch unentfaltete gottähnliche schöpferische Kraft, die durch das treue Handeln nach Meiner Lehre ihre höchste Ausbildung und Vollendung erreichen kann.

[GEJ.10_069,07] Auch darüber hatte der Grieche, wie auch der Hauptmann, eine große Freude und sagte: „Oh, wie gar nichts wissen doch die Menschen allesamt, und wie gar nichts sind sie gegen Dich, o Herr, Herr!"

[GEJ.10_069,08] Sagte Ich: „Darum bin Ich zu euch in diese Welt gekommen, um euch den Weg zu zeigen, auf dem fortwandelnd ihr eben jene Vollendung in allem erreichen sollet, die Ich von Ewigkeit her besitze unveränderlich und unwandelbar. Ich bin Alles in Allem, und alles ist in Mir und aus Mir! Und also sollet auch ihr als Meine Kinder mit Mir sein!

[GEJ.10_069,09] Ich sage es euch: Kein Auge hat es je gesehen, kein Ohr vernommen, in keines Menschen Sinn ist es je gekommen, welche Seligkeiten für die bereitet sind, die Mich lieben und Meine Gebote treulichst halten! Seid darum nüchtern und in allem Guten und Wahren eifrig und in aller Liebe und Geduld tätig, auf daß Mein Geist in euch erwache und erstehe und euch zeige im klarsten Licht die innere Gotteswelt in eurer Seele Herzen; denn in dem ist eine für den Außenmenschen unentdeckte seligkeitsvollste Unendlichkeit verborgen, und niemand außer Mir kennt den Weg dahin! Ich aber zeigte euch diesen Weg; darum wandelt auf ihm, auf daß ihr in die Gotteswelt in euch selbst gelangen möget!"

[GEJ.10_069,10] Nach diesen Meinen Worten sagte der Grieche: „Das ist wohl eine innere tiefste Weisheit; aber ich habe sie nicht völlig begreifen können, da ich sicher noch in allem ein ganz äußerer Mensch bin. Ich werde daher trachten, diesen äußeren Menschen nach und nach ganz auszuziehen, um dadurch den inneren stets klarer begreifen zu können. O Herr, Herr, Du aber sei und bleibe mir behilflich in dieser schweren Arbeit! Denn nur mit Deiner Hilfe kann der für sich arme und schwache Mensch alles erreichen, ohne sie aber ewig nichts als den Tod, den ein jeder Mensch einmal zu erleiden haben wird, – ein Los, das wahrlich nicht geeignet ist, den tiefer denkenden Menschen heiter und fröhlich zu stimmen, darum uns Diogenianer auch niemals jemand mit einer heiteren Miene hat einhergehen sehen.

[GEJ.10_069,11] Aber von nun an, da ich den Schöpfer und Herrn des Lebens und aller Dinge Selbst gesehen und gesprochen und aus Seinem Munde überzeugend vernommen habe, daß es für den Menschen ewig keinen Tod gibt, so bin ich nun denn auch ganz heiter geworden in meinem Herzen. O Herr, Herr, erhalte mich in dieser Heiterkeit; denn ein trauriger Mensch kann keine Lust zu einer guten Arbeit haben!"

[GEJ.10_069,12] Sagte Ich: „So ihr das Eurige tun werdet, da werde Ich schon auch das Meinige tun! Doch wünschet euch nicht zu viel Lebensheiterkeit, solange ihr noch im Fleische wandelt; denn durch sie verirrt sich die Seele leicht ins Weltliche und Materielle und findet dann den rechten Weg zum Leben sehr schwer mehr in der rechten Vollkommenheit.

[GEJ.10_069,13] Ertraget denn Freud und Leid mit der rechten Geduld und vollen Ergebung in Meinen Willen, so werdet ihr dereinst in Meinem Reiche mit der Krone des Lebens geschmückt werden!

[GEJ.10_069,14] Nun aber ist für diesen Ort Meine Zeit auch herbeigekommen, und Ich werde euch nun verlassen und Mich in einen anderen Ort begeben, in dem es auch viele Tote gibt, die Ich zum Leben erwecken will. Dir, Hauptmann, aber steht es nun frei, Mich nach Golan zu begleiten."

[GEJ.10_069,15] Sagte der Hauptmann: „O Herr und Meister, ich möchte Dich, so es Dir genehm wäre, wohl noch weiter begleiten – denn ich hätte nun in dieser Herbstzeit auch Muße dazu; doch in die Orte, die unter meiner Macht stehen, begleite ich Dich in jedem Falle, da ich sie ja ohnehin in Augenschein zu nehmen habe. Also gehen auch meine Unterdiener mit, wie auch meine Tochter, und wir können uns denn schon auf den Weg machen!"

[GEJ.10_069,16] Hier kamen auch die Juden dieses Hauses und dankten Mir mit dem gerührtesten Gemüte für die Wundergnaden, die Ich ihnen erwiesen hatte, und baten Mich, daß Ich sie auch fernerhin mit Meiner Hilfe in irgendeiner Not nicht verlassen möchte.

[GEJ.10_069,17] Ich versprach ihnen denn auch, im Geiste bei ihnen zu verbleiben, so sie in Meiner Lehre verbleiben würden, und der Hauptmann versprach ihnen auch, daß er sie schützen werde, und ebenso auch der Bürgeroberste.

 

70. Kapitel – Der Herr in Golan. (Kap.70-90)

[GEJ.10_070,01] Als das alles also abgemacht war, erhoben wir uns vom Tische und begaben uns auf den Weg nach Golan. Wir machten aber einen kleinen Umweg außerhalb der Stadt, um in der Stadt nicht ein unnötiges Aufsehen zu erregen, auf welchem Wege uns denn auch der Bürgeroberste begleitete; denn auch er wollte den vielen, auf ihn wartenden Fragern vorderhand ausweichen. Am andern Ende der Stadt, auf dem Wege nach Golan, hatte der Oberste einen alten Freund; diesen besuchte er, trennte sich also von uns, und wir zogen ruhig unseren Weg weiter.

[GEJ.10_070,02] Der Weg von Abila nach Golan ist ziemlich beschwerlich, und wir kamen erst gegen Abend in den benannten Ort. Als wir da vor das Tor der Stadt kamen, da begegneten uns mehrere Juden, die zwar wohl in der Stadt wohnten, aber da sie des Sabbats wegen noch keinen Ausgang gemacht hatten, weil sie nach strenger Satzung erst nach dem Untergange solches tun durften, so benutzten sie diese Zeit dazu.

[GEJ.10_070,03] Als sie uns ankommen sahen und uns als Juden erkannten, da ging sogleich ein Ältester auf uns zu und fragte uns, woher wir gekommen seien, und ob wir nicht wüßten, daß ein wahrer Jude den Sabbat nicht entheiligen solle, auch nicht durch einen nötig zu machenden Weg im Freien, solange die Sonne am Himmel steht und leuchtet.

[GEJ.10_070,04] Hier trat der Hauptmann dem Ältesten entgegen und sagte mit ernster Stimme: „Es sind hier nicht nur Juden, sondern es sind auch wir machthabenden Römer bei und unter ihnen; uns aber gehen eure Gesetze nichts an, und so wir es wollen und für notwendig erachten, da müssen auch die blöden Juden an einem Sabbat das tun, was wir wollen, und ihr habt kein Recht, einen eurer Glaubensgenossen in unserer Gesellschaft anzuhalten und zu fragen, warum er dies oder jenes an einem eurer Sabbate tue oder nicht tue. Denn hier und noch weithin bin ich der Gebieter im Namen des Kaisers und habe das scharfe Schwert der Gerechtigkeit in meiner Hand! Wer wider dasselbe zu handeln sich unterfängt – ob Jude, Grieche oder Römer, ob an einem Sabbat oder an einem andern Tage, das ist eins –, der wird dessen Schärfe zu verkosten bekommen!"

[GEJ.10_070,05] Als die Juden, den Hauptmann wohlerkennend, solch eine Anrede aus seinem Munde vernahmen, da erschraken sie sehr und baten ihn mit der Entschuldigung um Vergebung, daß sie ihn unter den ankommenden Juden und etwelchen Griechen nicht gesehen und so denn auch nicht erkannt hätten; denn hätten sie ihn gesehen und erkannt, so hätten sie die Juden, weil sie am Sabbat eine Reise gemacht haben, sicher nicht angehalten und befragt; denn auch sie seien stets treue Untertanen der Römer und hätten eine hohe Achtung vor ihren weisen Gesetzen.

[GEJ.10_070,06] Sagte nun der Hauptmann: „Diesmal ist es euch vergeben; aber künftighin fraget mir ja auch an einem Sabbat zugereiste Juden nicht mehr, warum sie solchen Tag nicht auf eine gebührende Art und Weise feiern! Denn werdet ihr das noch einmal aus eurem blinden Eifer tun, so werde ich euch darum zu züchtigen verstehen; und nun ziehet weiter, oder kehret wieder in eure schmutzvollen Wohnhäuser zurück!"

[GEJ.10_070,07] Auf das machten die Juden eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmanne und zogen sich ganz behende in die Stadt zurück; denn sie meinten bei sich, daß in kurzer Zeit dem Hauptmanne bei hundert Soldaten folgen dürften, denen sie nicht begegnen wollten, und so fanden sie es für ratsamer, sich wieder in ihre Wohnhäuser zurückzubegeben.

[GEJ.10_070,08] Als diese Juden sich in ihre Wohnhäuser verkrochen, da fragte Mich der Hauptmann, wo Ich in dieser Stadt die Nachtherberge nehmen werde.

[GEJ.10_070,09] Sagte Ich: „Freund, am andern Ende dieser Stadt befindet sich eine Judenherberge; dahin werden wir uns begeben und die Nacht über denn auch verbleiben. Der morgige Tag wird uns schon bringen, was da Weiteres zu tun sein wird. Und so denn begeben wir uns zu der genannten Judenherberge!"

[GEJ.10_070,10] Wir zogen bei schon ziemlicher Dämmerung durch die ganz bedeutende Stadt und erreichten denn auch bald die angezeigte Herberge.

[GEJ.10_070,11] Als wir vor dieser Herberge, die freilich eben nicht sehr ansehnlich war, anlangten und stehenblieben, da kam alsbald der Wirt an die Hausflur und fragte uns, was wir da wünschten.

[GEJ.10_070,12] Da sagte Ich: „So da Reisende vor einer Herberge abends anlangen, so wollen sie für die Nacht eine Unterkunft haben; und das wünschen denn hier auch wir."

[GEJ.10_070,13] Sagte der Wirt: „Freund, ihr seid euer sicher bei vierzig an der Zahl, und für so viele wird sich in meinem Hause wohl schwer ein nur halbwegs genügender Raum finden lassen! Da weiter oben ist eine große Griechenherberge; in der könnet ihr eine ganz gute und bequeme Aufnahme finden. Zudem habe ich leider auch ein krankes Weib, das mit der Küche umzugehen versteht, was meine beiden Töchter, die heute auch etwas unwohl sind, auch im ganz gesunden Zustande noch lange nicht vermögen, weil ihnen dazu die nötige Kraft und Kenntnis mangelt. Ich kann euch daher nur eine sehr magere Unterkunft bieten, während ihr in der oberen Herberge alles haben könnt, dessen ihr bedürfet."

[GEJ.10_070,14] Sagte Ich: „Das weiß Ich auch, und das schon seit lange her; Ich will aber eben darum in deiner Herberge übernachten, auf daß du von uns erhalten und haben sollst, dessen du bedarfst. Laß uns bei dir Herberge nehmen!"

[GEJ.10_070,15] Als der Wirt das vernahm, da sagte er: „Ja, so ihr euch mit meiner in jeder Hinsicht höchst mager bestellten Herberge begnügen wollt, da könnet ihr immerhin eintreten und euch die innere Bestellung dieser meiner Herberge ansehen; gefällt sie euch, so möget ihr denn auch bleiben! Etwas Wein und Brot kann ich euch schon noch bieten, und etliche Tische, mit zum größten Teil Steinbänken umstellt; aber mit Ruhestätten wird es sehr mager aussehen."

[GEJ.10_070,16] Auf das traten wir sogleich in das Herbergshaus, allwo wir ein ziemlich geräumiges Speisezimmer antrafen und ebenso auch viele Tische, Stühle und Bänke, daß wir alle so ziemlich bequem Platz hatten.

[GEJ.10_070,17] Der Wirt ließ alsbald Lichter in den Speisesaal bringen und erstaunte nicht wenig, als er unter uns auch den ihm sehr wohlbekannten Hauptmann Pellagius ersah. Er fing nun an, sich noch mehr mit seiner Armut zu entschuldigen, womit er solchen Gästen nur sehr schlecht würde dienen können, und zugleich sei heute auch der Sabbat zu halten gewesen, an dem es den Juden nicht gestattet sei, sich für den Abend nach Gebühr vorzubereiten.

[GEJ.10_070,18] Der Hauptmann aber beruhigte ihn und sagte: „So ich hier so gut und bequem als möglich eine Herberge hätte haben wollen, so hätte ich die mir stets zur Verfügung stehende Burg benutzen können; aber da mir an dieser Gesellschaft endlos mehr gelegen ist als an all dem eitlen und vergänglichen Weltprunk, so bleibe auch ich mit dieser meiner Tochter und diesen meinen ersten Unterdienern bei dir. Und ich bleibe auch darum bei dir, weil der eine wahre Herr und Meister, der mir alles in allem ist, schon vor der Stadt den Wunsch laut ausgesprochen hat, heute eben in dieser deiner Herberge zu übernachten.

[GEJ.10_070,19] Wer aber solcher Herr und Meister so ganz eigentlich ist, das wirst du schon noch näher erfahren und dadurch auch dein Heil finden und bewahren für dich und für dein ganzes Haus. Aber nun laß uns etwas Brot und Wein auf die Tische bringen!"

[GEJ.10_070,20] Hier berief der Wirt sogleich seine eben nicht zahlreiche Dienerschaft und gebot ihr, Brot, Salz und Wein auf die Tische zu setzen, was denn auch alsogleich bewerkstelligt wurde.

[GEJ.10_070,21] Wir nahmen denn auch gleich etwas Brot und Wein zu uns, und der Wirt selbst, der ein ganz ehrwürdiges Aussehen hatte und auch sonst ein rechtlicher Mann war, beteiligte sich an dem dargereichten Abendmahl.

 

71. Kapitel

[GEJ.10_071,01] Nachdem wir uns so mit Brot und Wein ganz zur Genüge erquickt hatten und unser Wirt redemutiger geworden war, da wandte er sich an Mich und sagte: „Du scheinst mir allem untrüglichen Anscheine nach ebenderselbe Herr und Meister zu sein, bei dem nach den Worten unseres Hauptmannes und Gebieters ich und mein ganzes Haus ein Heil finden und dann auch für immer behalten und bewahren werden. Wie soll das zugehen? Du scheinst deiner Tracht nach ein Galiläer zu sein; wie und worin bist du denn ein Herr und ein Meister?"

[GEJ.10_071,02] Sagte Ich: „Lasse du nun dein krankes Weib hierher bringen und ebenso auch deine beiden kränklichen Töchter, und Ich werde sie heilen also, wie Ich des Hauptmanns Tochter, die du hier an seiner Seite sitzen siehst, geheilt habe. Und so Ich dein Weib und deine Töchter nicht heile, da heilt sie kein Arzt in der ganzen Welt! Darum tue nun nach Meinem Worte, und du wirst die Kraft und Herrlichkeit Gottes im Menschen, der Ich es bin, erschauen!"

[GEJ.10_071,03] Sagte der Wirt: „Ich bin zwar ein fester Jude und halte das Gesetz; aber – aufrichtig gesagt – im eigentlichen Glauben bin ich schon etwas schwach geworden, und das aus zwei Gründen: Erstens haben unsere Propheten zum Vorteil der Juden allerlei Dinge geweissagt, und also auch von einem Messias, der da kommen werde mit großer Macht und Herrlichkeit und aufrichten unser zerfallenes und verwüstetes Reich für alle Zeiten der Zeiten! Aber es ist bis jetzt von all den Weissagungen noch ganz blutwenig eingetroffen, – und so schon etwas eingetroffen ist, da ist sicher nur das Schlimme eingetroffen, und das Gute wird wohl bis ans Ende der Zeiten auf sich warten lassen! Und bei solchen auf der Erfahrung beruhenden mißlichen Umständen ist es wohl schwer, im Glauben fest zu verbleiben.

[GEJ.10_071,04] Und zweitens müssen wir Juden unter den Heiden leben und mit ihnen verkehren, und die haben zumeist gar keinen Glauben und verlachen uns, so wir mit ihnen über unseren allein wahren einen Gott zu reden anfangen; denn diese Heiden sind zum größten Teil Weltweise, glauben an ihre Götter nicht, wie auch nicht an die Unsterblichkeit der Seelen, und beweisen von all den alten Glaubensdingen mit geschickter Rede die volle Nichtigkeit. Bei ihnen gibt es also keinen Gott, sondern nur allerlei Kräfte in der Natur. Diese schaffen nach gewissen, ihnen zugrunde liegenden Gesetzen in einem fort und zerstören wieder über kurz oder lang, was sie geschaffen haben.

[GEJ.10_071,05] Und so siehst du, lieber Herr und Meister, daß es mit unserem alten Glauben sehr am Rande ist; aber diesmal will ich dennoch fest glauben, daß du mein Weib und meine beiden Töchter sicher heilen wirst, und es soll alsogleich das kranke Weib samt den Töchtern hierhergebracht werden!"

[GEJ.10_071,06] Hierauf brachten bald die Diener des Wirtes das Weib im Bette vor Mich in den Speisesaal, und die beiden Töchter kamen von selbst, geleitet vom Wirte, der sie in Meine Nähe stellte und dann zu den dreien sagte (der Wirt): „Seht, das ist der Herr und Meister, der euch heilen wird sicher auf eine wundersame und uns unbegreifliche Weise; glaubet, und bittet ihn darum!"

[GEJ.10_071,07] Das Weib und die beiden Töchter taten das auf eine sehr rührende Art, und Ich sagte darauf: „Euer Glaube helfe euch, und Ich will es! Stehet denn auf und wandelt!"

[GEJ.10_071,08] In dem Augenblick empfand das Weib, wie auch die beiden Töchter, daß sie vollkommen gesund und gestärkt waren, und das Weib verließ das Bett, versuchte zu gehen und fühlte in keinem Gliede irgendeinen Schmerz und ebensowenig irgendeine Schwäche, was auch die beiden Töchter taten und dasselbe wie ihre Mutter empfanden.

[GEJ.10_071,09] Alle drei kamen denn auch sogleich zu Mir, dankten Mir auf das innigste für die Heilung, was auch der Wirt tat, der sich über diese wundervolle Heilart nicht genug verwundern konnte.

 

72. Kapitel

[GEJ.10_072,01] Nach einer Weile aber sagte er zum Weibe und zu den beiden Töchtern (der Wirt): „Da ihr nun von diesem Wunderherrn und Meister geheilt worden seid, so zeiget eure schuldigste Dankbarkeit denn auch auf eine werktätige Art! Gehet in die Küche und bereitet für alle ein besseres Mahl, als das ich ihnen bieten konnte! Das Beste in der Speisekammer nehmt und bereitet es wohl!"

[GEJ.10_072,02] Die drei gingen mit den andern Dienern freudigst ans anbefohlene Werk.

[GEJ.10_072,03] Ich aber sagte zum Wirte: „Freund, diese Mühe hättest du den Geheilten schon ersparen können, denn uns genügt ja das ganz gute Brot und der auch recht gute Wein; aber weil sich die drei mit aller Freude ans Werk des Kochens und Bratens gemacht haben, so sollen sie es auch vollbringen!"

[GEJ.10_072,04] Als Ich das noch kaum ausgesprochen hatte, da kam das Weib voll Freude wieder in den Speisesaal und sagte zum Wirte: „Aber was ist denn während meiner halbjährigen harten Krankheit alles ohne mein Wissen geschehen? Die große und die kleine Speisekammer strotzen von Speisen aller guten Art! Da gibt es in großer Masse Linsen, Bohnen, Mehl, Öl, Früchte der Bäume, große Trauben, des Honigs mehrere der größten Töpfe, getrocknete und geräucherte Fische und die Brotkörbe sind voll der schönsten Brotlaibe; und ebenso strotzt die kleinere Speisekammer von Milch, Butter, Käse und völlig frischen Eiern, wie noch von andern Dingen, von Salz, guten Kräutern und Wurzeln. Wann ist denn das alles in die Speisekammern gekommen? Ich fragte die Kinder und die Diener, und sie konnten mir keinen Aufschluß geben, meinten aber, daß du allein das schon wissen werdest. Wie, wie ist denn das zugegangen?"

[GEJ.10_072,05] Der Wirt geriet darob selbst wieder ins größte Staunen und sagte: „Wenn es in den Speisekammern also bestellt aussieht, so fange ich an, die alten Wunder von neuem wieder zu glauben, und der Mannaregen und der Wachtelfall ist keine Dichtung, sondern Wahrheit! Ich meine, dieser Herr und Meister, der dich geheilt hat, wird wohl am ehesten wissen, wer unsere Speisekammern gefüllt hat; denn der Meister, dem es möglich ist, Kranke bloß durch sein Wort zu heilen, dem dürften wohl auch andere Dinge zu bewirken möglich sein!"

[GEJ.10_072,06] Darauf ging auch der Wirt nachsehen, wie es in seinen Speisekammern aussähe, und fand alles also, wie das ihm zuvor sein Weib berichtet hatte, und sagte: „Dieser Mensch muß von einer seltenen Abkunft sein! Er ist entweder ein großer Prophet, oder er ist irgendein mit den geheimen Naturkräften innigst vertrauter Magier, der entweder in Ägypten oder irgendwo anders seine Wissenschaft sich zu eigen gemacht hat."

[GEJ.10_072,07] Sagte das Weib: „Als er mich heilte, da sah ich aus seinem Haupte ein hellstes Licht ausgehen, und sein ganzes Wesen war mit einem Lichtschimmer umgeben, – und das wird bei einem Magier schwerlich je der Fall sein! Hinter diesem Menschen und vielleicht auch hinter denen, die mit ihm sind, wird etwas außerordentlich Großes und Erhabenes verborgen sein; am Ende ist er – wer kann es wissen – gar der dem Messias vorangehende Prophet Elias, – oder er ist etwa gar schon der Messias Selbst!"

[GEJ.10_072,08] Sagte der Wirt: „Da magst du eben nicht ganz unrecht haben; denn wer das bloß durch die Macht seines Willens bewirken kann, der muß mit dem ewigen Geiste Gottes stark erfüllt sein. Daß das alles auf eine übernatürlich- wunderbare Weise da hereingekommen ist, das ist klar vor unseren Augen, und wir können dem großen Meister nur auf das innigste danken. Doch sehet zu, daß bald ein gutes und reichliches Mahl bereitet werde!"

[GEJ.10_072,09] Darauf ward in der Küche alles tätig, und der Wirt kam voll tiefen Nachdenkens wieder zu uns in den Speisesaal.

 

73. Kapitel

[GEJ.10_073,01] Als er wieder bei uns war, da betrachtete er Mich eine Weile vom Kopfe bis zu den Füßen und sagte dann (der Wirt): „Mein Weib wird wohl recht haben; denn Du, o Herr und Meister, bist entweder der dem verheißenen Messias vorangehen sollende Prophet Elias, wie das in der Schrift geschrieben steht, oder Du bist am Ende schon der große Messias Selbst! Denn so Er kommt, da wird Er auch keine größeren Zeichen zu wirken imstande sein! Wem das zu bewirken möglich ist, was nur Gott allein möglich ist, in dem muß alle Fülle des Geistes Gottes wohnen. Dein Leib, o Herr und Meister, ist zwar eben auch gleich dem eines Menschen, aber Deine Seele ist voll der göttlichen Kraft und Macht; darum sei diese Kraft und Macht in Deiner Seele über alles hoch gelobt und gepriesen!"

[GEJ.10_073,02] Sagte darauf Ich: „Wohl dir und deinem Hause, daß ihr solches an Mir erkannt habt; doch selig werden nur jene werden, die den Willen des Vaters im Himmel, der Mich in diese Welt gesandt hat, tun und erfüllen.

[GEJ.10_073,03] Ich und der Vater aber sind Eins. Wer Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater; ohne Mich aber kann niemand den Vater sehen und hören. Wer denn an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und handelt, der wird von Mir das ewige Leben überkommen!"

[GEJ.10_073,04] Sagte der Wirt, voll der höchsten Achtung und Ehrfurcht vor Mir: „Wie lautet denn Deine Lehre? Was muß man tun, um von Dir das ewige Leben zu überkommen?"

[GEJ.10_073,05] Sagte Ich: „Wer nun an Mich glaubt und an Mir kein Ärgernis nimmt und dazu die Gebote hält, die Moses gegeben hat, der hat schon das ewige Leben in sich; denn Ich gebe euch kein anderes Gesetz, als es Moses eben auch nur von Mir empfangen und den Menschen gegeben hat.

[GEJ.10_073,06] Erkenne und liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst, so erfüllst du das ganze Gesetz und dadurch den Willen Dessen, der nun mit dir spricht! Die Folge davon wird sich in deiner Seele zeigen. – Verstehst du das?"

[GEJ.10_073,07] Sagte der Wirt: „Ja, o Herr und Meister, und ich habe bei aller Schwäche Meines Glaubens das Gesetz Mosis dennoch stets treu beachtet und werde es von nun an noch treuer beachten; aber da es auch geschrieben steht, daß der Messias ein wahres Gottesreich auf dieser Erde gründen werde, das fürder kein Ende nehmen wird, so fragt es sich: Wie, wo und wann? Wird Dein Thron zu Jerusalem oder irgend anderswo aufgestellt werden, und wann wird das geschehen?"

[GEJ.10_073,08] Sagte Ich: „Mein Reich, das Ich nun gründe unter den Menschen auf dieser Erde, ist kein Weltreich, sondern ein Gottesreich ohne alles Weltgepränge, hat nichts Äußeres, sondern ist inwendig im Menschen, und Meine Stadt, Meine feste Stadt und Meine Wohnburg in ihr ist ein reines, Mich über alles liebendes Herz. Siehe, also verhält es sich mit der Gründung Meines Reiches auf dieser Erde!

[GEJ.10_073,09] Alle aber, die auf die Neugründung eines Reiches Gottes auf Erden mit einem äußeren Schaugepränge harren werden, werden sich in ihrer blinden Hoffnung sehr irren und täuschen; denn ein solches wird auf der Erde niemals gegründet in der lebendigen Wahrheit aus und in Mir.

[GEJ.10_073,10] Falsche Propheten werden das wohl tun unter Führung Meines Namens; doch Ich werde in solch einem Reiche niemals wohnen und thronen. Siehe, also steht es der vollsten Wahrheit nach mit der Gründung Meines Reiches auf dieser Erde! – Hast du das verstanden?"

[GEJ.10_073,11] Sagte der Wirt: „Ja, o Herr und Meister, nun habe ich auch das verstanden! Aber das werden gar viele, die an der Welt hängen, nicht verstehen und werden warten auf ein äußeres großes Weltreich; aber da ein solches nach Deinem nun ausgesprochenen Worte niemals der Wahrheit nach auf der Erde statthaben wird, so werden auch viele in der alten gericht- und todvollen Blindheit verbleiben.

[GEJ.10_073,12] Du, o Herr, aber wolle auch den Blinden gnädig und barmherzig sein, und uns aber, die wir die Wahrheit erkannt haben, verlasse nicht, sondern erhalte uns in der lebendigen Wahrheit Deines Reiches auf dieser Erde, auf daß wir stets nach Deinem Willen leben und handeln können!"

[GEJ.10_073,13] Sagte Ich: „Das war eine rechte Bitte, und sie wird nicht unerhört und ungewährt bleiben. – Nun aber kommt das schon bereitete Nachtmahl, und wir wollen es zu uns nehmen!"

 

74. Kapitel

[GEJ.10_074,01] Hier öffneten die Diener die Tür und brachten die wohlbereiteten Speisen auf die Tische, und dazu auch noch mehr Brot und Wein, und wir nahmen denn auch das Mahl zu uns; auch der Wirt erquickte sich an unserem Tische, und sein Weib und seine Kinder, die an einem andern Tische saßen, aßen und tranken auch mit einer großen Freude und wendeten ihre Augen nicht von Mir ab.

[GEJ.10_074,02] Nach dem eingenommenen Mahle aber kamen das Weib und die Kinder zu Mir und dankten Mir für die Gnade, die Ich ihnen erwiesen habe.

[GEJ.10_074,03] Einige Jünger aber wurden bei sich ob des langen Dankens von seiten des Weibes und der Kinder ein wenig unwillig und bedeuteten ihnen, daß sie nun schon zur Genüge gedankt hätten.

[GEJ.10_074,04] Ich aber merkte das wohl und sagte zu den ungeduldigen Jüngern: „Wie oft habe Ich vor euch Zeichen gewirkt, und wie oft habt ihr an Meinem Tische euch gesättigt; aber Ich habe von euch noch wenig offenen Dank bekommen. Also lasset denn diesen Kindern ihre Freude! Wahrlich, Mir ist das dankbare Lallen eines Kindes um gar vieles lieber, als viele weise Worte aus dem Munde eines Gelehrten, an denen sich wohl der Verstand ergötzt, aber das Herz dabei wenig gewinnt. Wahrlich sage Ich euch: Wer Mich nicht bekennt vor der Welt, den werde Ich auch nicht bekennen vor dem Vater im Himmel! Darum lasset diesen Kindern ihre Freude!"

[GEJ.10_074,05] Als die Jünger solche Rüge von Mir vernommen hatten, da ermahnten sie sich und ließen den Kindern ihre Freude, und Ich belobte die Kinder, legte ihnen Meine Hände auf und entließ sie dann. Da ging das Weib mit den Kindern wieder in die Küche, wo sie für den kommenden Tag so manches vorzubereiten hatten.

[GEJ.10_074,06] Ich aber habe den Wirt noch bis in die Mitte der Nacht über verschiedene Dinge unterrichtet, die auch der Hauptmann und seine Unterdiener samt der Veronika mit der größten Aufmerksamkeit anhörten.

[GEJ.10_074,07] Und der Hauptmann sagte: „Herr, ich habe Dich vernommen in Pella und in Abila und behielt alles wohl, was ich von Dir vernommen und gesehen habe; doch muß ich hier offen gestehen, daß Du nun mit dem Wirte höchst klar über Dinge gesprochen hast, die mir ganz fremd und neu sind, und ich kann Dir, o Du lieber Herr und Meister, darum nicht zur Genüge danken; denn nun sehe ich um gar vieles tiefer in die Geheimnisse Deiner endlos großen Schöpfung vom Kleinsten bis zum unergründbar Großen, als ich ehedem gesehen habe."

[GEJ.10_074,08] Sagte Ich: „Ja, du Mein lieber Freund, Ich hätte dir und allen diesen Meinen Jüngern noch gar vieles zu sagen und zu eröffnen, aber ihr würdet das nun noch nicht ertragen und fassen; aber so Ich euch den ewigen Geist der Wahrheit senden werde und er durchdringen wird eure Seelen, so werdet ihr dadurch in alle Weisheit erhoben werden.

[GEJ.10_074,09] Daß Ich nun aber mit unserem Wirte über so manches habe reden können, das dir fremd und neu vorkommen mußte, davon liegt der Grund darin, weil eben dieser Wirt in der Schrift zwar ganz wohlbewandert ist, aber nicht ebenso im reinen Verständnisse derselben. Dir ist aus der Schrift der Juden zwar auch vieles, doch nicht also wie diesem Wirte, bekannt; und so denn habe Ich mit ihm auch über Dinge reden können, die dir fremd und neu sein mußten. So du die gesamte Schrift, bis nahe an diese Tage reichend, wirst mit der rechten Aufmerksamkeit durchgelesen haben, da wirst du noch gar vieles finden, das dir sehr neu und fremd vorkommen wird. Da wirst du forschen mit dem Verstande, aber den Sinn der inneren verborgenen Wahrheit nicht finden und erkennen. Aber mit dem Geiste, den Ich auch dir senden werde, wirst du den inneren Sinn wohl erkennen.

[GEJ.10_074,10] So du aber über die Dinge in der Naturwelt noch einen tieferen Aufschluß haben willst, da besuche deinen Amtsgefährten in Genezareth, so wirst du vieles von ihm vernehmen, das dir bis jetzt auch noch fremd ist; denn Ich unterweise die Menschen stets nach ihrer Aufnahmefähigkeit und nach dem, worüber sie schon ehedem selbst oft nachgedacht haben, aber trotz aller ihrer Mühe zu keiner Wahrheit gelangen konnten. Und so denn kommt es, daß Ich allenthalben mit etwas wie Neuem und Fremdem zum Vorschein komme; aber es ist darum dennoch kein eigentlich völlig Fremdes und Neues, sondern ein schon Daseiendes, aber von den Menschen noch nicht Erkanntes und Begriffenes."

[GEJ.10_074,11] Dieses begriff nun der Hauptmann und auch alle andern, die mit dem Hauptmanne nebst Meinen Jüngern hier anwesend waren. Die Jünger selbst aber verstanden es auch erst jetzt tiefer, warum Ich an den verschiedenen Orten nebst der freilich immer gleichen Hauptlehre auch über verschiedene Dinge die Menschen also belehrt habe, wie sie das haben fassen können, und für was sie ein Bedürfnis mehr oder weniger hatten.

 

75. Kapitel

[GEJ.10_075,01] Als Ich auch mit dem Hauptmanne diese alles wohl erklärende Rede beendet hatte, da sagte der Wirt zu Mir: „Herr und Meister, die halbe Nacht haben wir nun für mein Haus überaus segensvoll durchgewacht; aber so da nun jemand von all den Anwesenden sich zur Ruhe begeben möchte, so bitte ich Dich, o Herr, es mir nur anzudeuten, und ich werde sogleich das Möglichste aufbieten, um Deinem Wunsche nachzukommen."

[GEJ.10_075,02] Sagte Ich: „Freund, laß du das nun nur gut sein; wir bleiben wie gewöhnlich am Tische die Nacht hindurch ruhen. Willst du dich zu einer bequemeren Ruhe begeben, so steht dir das offenbar frei; wir aber bleiben hier.

[GEJ.10_075,03] Es wird aber hier geraten sein, diese Nacht sich nicht zu sehr dem Schlafe zu weihen, sondern sich mehr wach zu halten; denn es wird in einer kleinen Stunde Zeit unser Wachsein sich als notwendig und klug erweisen. Diese Gegend ist in dieser Zeit zumeist bedeutenden Stürmen und Erderbebungen ausgesetzt, und es wird derlei eben bald herbeikommen, und da ist es rätlich, wach zu verbleiben und zu beobachten, welche Richtung der Sturm nehmen wird!"

[GEJ.10_075,04] Sagte der Wirt: „Aber Herr und Meister voll der göttlichen Weisheit und Macht! Du bist ja auch ein Herr über alle die böse Macht, die stets von den argen Teufeln der Hölle ausgeht oder zum wenigsten von ihnen sehr und gar oft sichtbar unterstützt wird. Dich kostet es ja nur ein allmächtiges Wort, und es kann kein Sturm kommen!"

[GEJ.10_075,05] Sagte Ich: „Da hast du in einer Hinsicht recht geredet, aber das nur insoweit, als wieweit da reicht deine Kenntnis in den Dingen der Naturwelt.

[GEJ.10_075,06] Es ist schon wahr, daß derlei Stürme mitunter auch von den Teufeln unterstützt werden; aber das kann die göttliche Liebe und Weisheit nicht behindern, den Natursturm losbrechen zu lassen. Denn in der Erde ruhen noch zahllos viele Naturgeister, die mit der Zeit alle zur Erlösung zu gelangen haben, und da diese Gegend ganz besonders reich an derlei rohen Naturgeistern aller Art und Gattung ist, so ist es auch ganz in der Ordnung, die zur Löse reif gewordenen Naturgeister zur Erstehung in ein etwas freieres Sein losbrechen zu lassen; und es ist offenbar besser, derlei Geister in kleineren Abteilungen zum Ausbruch kommen zu lassen, als sie eine längere Zeit zurückzuhalten, wo dann auf einmal viele Abteilungen zum Durchbruch kommen und übergroße Verheerungen anrichten müssen, wie das auf dieser Erde schon hie und da der Fall war, wo derlei Geister nach längerem Zurückhalten bei ihrem endlichen Durchbruch ganze Länder derart verwüsteten, daß sie noch jetzt als Wüsten da sind, in denen nichts wächst und noch lange nichts wachsen wird.

[GEJ.10_075,07] Aus dem kannst du nun schon entnehmen, warum Ich den ehedem angezeigten Sturm losbrechen lassen muß. Es hat sich hier wohl niemand vor ihm zu fürchten, doch ist es besser, wach zu verbleiben während eines Sturmes, als in einem Bette zu schlafen."

[GEJ.10_075,08] Der Wirt stellte sich mit dieser Erklärung zufrieden.

[GEJ.10_075,09] Aber der Jünger Simon Juda sagte zu Mir: „Herr und Meister, Du sagtest hier, daß es besser sei, während eines Sturmes zu wachen denn zu schlafen in einem Bett, und Du schliefst einmal, als wir uns während eines großen Sturmes auf dem Galiläischen Meere befanden, im sehr gewaltig schwankenden Schiffe, so daß wir Dich zu wecken genötigt waren, auf daß wir nicht zugrunde gingen. Du wurdest denn auch sogleich wach, bedrohtest des Sturmes Ungetüm, und es schwieg alsbald der Orkan, und auf des Meeres Fläche bewegte sich keine Woge, und die Schiffer und etliche andere Menschen, die mit uns im Schiffe waren, verwunderten sich und sagten unter sich, ihre Augen auf Dich gerichtet habend: ,Siehe, wer mag dieser sein, daß ihm Wind und Meer gehorchen?‘

[GEJ.10_075,10] Ich sehe es wohl ein, daß es um vieles geratener ist, während eines Sturmes zu wachen; aber das sehe ich bis jetzt noch nicht völlig ein, warum Du damals gerade während des ärgst wütenden Sturmes geschlafen hast!"

[GEJ.10_075,11] Sagte Ich: „Ich schlief damals, um für euch selbst euren noch etwas schwachen Glauben auf eine kleine Probe zu stellen und ihn dadurch zu stärken. Dazu sagte Ich nun zum Wirte auch nicht, daß es nun eben auch für Mich geratener wäre, während des Sturmes, der nun bald losgehen wird, zu wachen als einzuschlafen; denn Ich bin es nicht, dem Mein Rat zur Richtschnur seines Lebens und Seins gelten soll, sondern nur für euch Menschen gebe Ich allerlei Rat und Lehre, auf daß ihr euch danach richten und in allem vollkommen werden möget. Ich könnte daher auch nun, so Ich's wollte, beim Beginn des Sturmes und bis zum Ende desselben Mich dem Schlafe ergeben, da Ich für Mich den Rat nicht gegeben habe; aber um eurer Kleinmütigkeit wegen werde auch Ich mit euch wachen."

[GEJ.10_075,12] Als Simon Juda solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da fragte er Mich um nichts Weiteres mehr; denn er und auch alle die andern verstanden es nun wohl, was Ich zu ihnen gesagt hatte, und alle harrten nun mit großer Gespanntheit auf den Ausbruch des Sturmes.

[GEJ.10_075,13] Der Wirt, der in sich trotz Meiner Gegenwart denn doch immer ängstlicher wurde, sagte zu Mir: „O Herr und Meister, sollte ich etwa nicht auch die in meinem Hause wecken, die nun sicher schon schlafen werden?"

[GEJ.10_075,14] Sagte Ich: „Laß das; denn es genügt hier, daß wir wach sind! Es wird aber der Sturm schon an und für sich die Bewohner dieser Stadt wachrufen und sie aus ihren Häusern ins Freie treiben, und wir werden bei dieser Gelegenheit noch so manches zu tun bekommen."

 

76. Kapitel

[GEJ.10_076,01] Als Ich diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da kam auch schon ein erster mächtiger Windstoß, worauf sich auch gleich ein leichtes Beben des Erdbodens verspüren ließ.

[GEJ.10_076,02] Darauf erhob sich ein großes Sausen und Brausen, wie aus einer Entfernung von einer halben Stunde Weges vernehmbar, das von Augenblick zu Augenblick an Heftigkeit zunahm. Nur zu bald kam es in die volle Nähe der Stadt und weckte durch sein gewaltiges Geheule, Gerassel, Gepolter und Gekrache gar viele Bewohner dieser Stadt, die sich aus ihren Wohnhäusern auf die Straßen und Plätze der Stadt begaben aus großer Furcht, in ihren Häusern, die zusammenzustürzen drohten, begraben zu werden.

[GEJ.10_076,03] Viele eilten trotz des tobenden Orkans, heulend vor großer Angst und Furcht, auf das offene Feld. Als aber der Wind stets heftiger ward, da kamen mehrere wieder in die Stadt und sagten es ihren Nachbarn, daß auf dem offenen Felde noch um vieles schlechter zu bestehen sei denn in der Stadt irgend hinter festen Mauern.

[GEJ.10_076,04] Viele, die an unserer Herberge vorübereilten, verwunderten sich über unseren Mut und unsere Standhaftigkeit, und ein paar Nachbarn der Herberge kamen zu uns in den Speisesaal und riefen dem Wirte zu, sich auch ins Freie zu begeben, die Erde bebe von Zeit zu Zeit ganz gewaltig, daß es zu befürchten sei, daß bald ein Haus um das andere einstürzen werde. Denn es müßten alle jüdischen Teufel und heidnischen Furien losgeworden sein, ansonst es nicht zu begreifen wäre, wie nach einem so ruhigen Tage eine solche Sturmnacht sich hätte einstellen können.

[GEJ.10_076,05] Sagte der Wirt: „Liebe Nachbarn, mein Haus ist schon sehr alt und hat schon viele solcher Proben durchgemacht, und so wird es auch hoffentlich noch diese ohne Schaden bestehen! Ich vertraue auf meinen Gott und Herrn, der allmächtig und voll Liebe ist, und der wird meinem Hause durch eure losgewordenen Teufel und Furien kein Leid zufügen lassen."

[GEJ.10_076,06] Sagten die beiden Nachbarn: „Ah, höre mir auf mit allen Göttern, ob's nun jüdische oder heidnische sind! Was haben sie denn davon, so sie für nichts und wieder nichts die arme, schwache Menschheit in der Nacht so quälen? Wir Römer haben alle Götter angerufen, und etliche Priester machen ein großes Geplärr, ebenso schreien auch die Juden dieser Stadt in ihrer Synagoge zu ihrem Jehova um Hilfe, Hilfe, Hilfe; aber der Sturm und das starke Beben des Erdbodens hören nicht auf, sondern werden von einem Moment zum andern nur noch stets ärger. Da heißt es: Mensch, hilf dir selbst, so gut, so viel und so weit du das vermagst; denn die Götter hören nicht auf dein Flehen und schauen nicht auf deine Angst und Not!"

[GEJ.10_076,07] Sagte der Wirt: „Freunde, bei solch einer Schwäche eures Glaubens und Vertrauens auf einen Gott bleibt euch freilich wohl nichts übrig, als euch selbst zu helfen, so gut es nur immer gehen mag; mir aber hat mein allein wahrer Gott und Herr treust angezeigt, daß dieser Sturm in dieser Nacht aus wohlweisen Gründen über diese Gegend kommen werde, und daß ich vor ihm keine Angst haben solle, – und seht, wie es mir angezeigt worden ist, also ist es auch gekommen, und ich habe darum denn auch keine Angst!

[GEJ.10_076,08] Ihr führt doch stets euren stolzen Mutspruch: SI TOTUS ILLABATUR ORBIS, IMPAVIDUM FERIENT RUINAE! im Munde! Wo zeigt sich nun in euch die Wahrheit desselben?

[GEJ.10_076,09] Ich aber als ein gläubiger und auf meinen allein wahren und lebendigen Gott vertrauender und bauender Jude habe mich mit solch einem Mute noch niemals gebrüstet, sondern lebe dafür stets nur in der gerechten Gottesfurcht, – und seht, diese gibt mir nun mehr Mut und rechte Fassung als euer hochtrabender Mutspruch. Tätet ihr wie ich, so hättet auch ihr ganz ruhig in euren Häusern verbleiben können!"

[GEJ.10_076,10] Sagten die beiden: „Freund, du hast im Grunde recht, – doch wir können nichts dafür, daß wir nicht deines Glaubens sind; doch was deinen Glauben betrifft, davon wollen wir morgen ein näheres Wort miteinander reden, so wir's Leben erhalten!"

[GEJ.10_076,11] Es merkten die beiden beim schon schwach gewordenen Lampenlicht in unserem Saale auch die andern Gäste und wollten den Wirt fragen, wer die Gäste wären; aber ihre Weiber und Kinder riefen vor der Hausflur nach ihnen ob ihrer Furcht und Angst, und die beiden gingen wieder hinaus auf die Straße und besahen ihre Häuser, ob sie noch keinen Schaden gelitten hätten. Es war derlei beim schwachen Mondlicht zwar nicht zu entdecken, aber sie getrauten sich dennoch nicht in die Häuser, da der Erdboden von Zeit zu Zeit noch immer sehr fühlbar erbebte.

[GEJ.10_076,12] Der Wirt aber fragte Mich, wie lange der Sturm noch andauern werde.

[GEJ.10_076,13] Und Ich sagte zu ihm: „Noch eine Stunde, und es wird durch ihn diesmal niemandem ein Schaden angerichtet werden! Du aber hast zu deinen Nachbarn ein rechtes Wort geredet, und sie werden morgen auch zu uns aufgenommen werden. Nun aber dürfen wir schon bis zum Morgen ruhen, und der Morgen wird uns schon eine rechte Arbeit geben."

[GEJ.10_076,14] Darauf schliefen bald alle ein und ruhten bis zum Morgen, der diesmal trübe war.

 

77. Kapitel

[GEJ.10_077,01] Als wir am Morgen vollkommen gestärkt erwachten und die Jünger sahen, daß wir einmal an einem ganz trüben Morgen erwacht waren, da fragten sie Mich, ob Ich auch diesen Morgen im Freien zubringen werde.

[GEJ.10_077,02] Ich aber sagte: „Wir haben doch schon zu öfteren Malen ebenso trübe Morgen und trübe Tage durchgemacht, und Ich bin dennoch ins Freie gegangen mit euch; also können wir auch diesen Morgen auf eine Stunde im Freien zubringen. Ich will für die allen Glaubens baren Heiden eben durch diesen Trübmorgen ein Zeichen wirken, auf daß sie dadurch leichter zum Glauben an einen, allein wahren Gott bekehrt werden mögen, und so werden wir uns nun denn wohl auch an diesem Morgen ins Freie begeben. Wer von euch aber im Hause verbleiben will, der bleibe!"

[GEJ.10_077,03] Da sagten alle: „Herr, wir lassen nicht ab von Dir; wir gehen, dahin Du gehst, und wollen stets um Dich sein!"

[GEJ.10_077,04] Sagte Ich: „So erhebet euch denn, und wir gehen ins Freie!"

[GEJ.10_077,05] Auf diesen Meinen Ruf erhoben sich alle, auch der Wirt, und wir machten uns bereit, ins Freie zu gehen, und als der Wirt das Morgenmahl angeordnet hatte, traten wir ins Freie auf die breite Straße, die an der Herberge vorüberführte.

[GEJ.10_077,06] Als wir uns im Freien auf der Straße befanden, da sahen wir eine Menge Volkes auf der breiten Straße gelagert; denn es hatten sich die Menschen nicht getraut, die Nacht in den Häusern zuzubringen.

[GEJ.10_077,07] Es hatte der das ziemlich starke Erdbeben begleitende Sturm wohl zu wüten völlig aufgehört; aber alle befürchteten eine Wiederholung desselben und getrauten sich nicht in ihre Wohnhäuser zurückzukehren und brachten darum die Nacht im Freien zu.

[GEJ.10_077,08] Als wir denn auf der Straße uns befanden, da trafen wir auch die beiden Nachbarn des Wirtes, die uns in ihrer großen Angst in der Nacht, als der Sturm am ärgsten wütete, besuchten, aber infolge der ziemlichen Dunkelheit im Speisesaale nicht erkennen konnten.

[GEJ.10_077,09] Als sie den Wirt und an seiner Seite aber auch den ihnen wohlbekannten Hauptmann ersahen, gingen sie auf den Wirt und den Hauptmann zu, grüßten vor allem den Hauptmann und seine Unterdiener und beglückwünschten ihn, daß er diese Nacht, ohne einen Schaden erlitten zu haben, durchgemacht hätte.

[GEJ.10_077,10] Der Hauptmann erwiderte den Morgengruß und fragte die beiden, ob auch sie, gleich den andern Bewohnern dieses Ortes, die Nacht im Freien zugebracht hätten.

[GEJ.10_077,11] Die beiden aber antworteten und sagten: „Hoher Gebieter! Dazu hatten wir anfangs den Mut nicht! Bis zum Ausbruch des Sturmes waren wir freilich wohl in unsern Häusern; aber als der Erdboden zu beben begann, da verließen wir, so wie beinahe alle andern Bürger dieser Stadt, unsere Häuser und suchten im Freien Schutz für unser und unserer Angehörigen Leben.

[GEJ.10_077,12] Wären unsere alten Häuser aus Holz erbaut, so wie die meisten Häuser Galiläas, Judäas und noch anderer Holzreichtumsländer, da hätte uns der Sturm mitsamt dem Erdbeben nicht ins Freie getrieben; aber da unsere Häuser von den hiesigen, leicht zerbrechbaren Steinen erbaut sind und bei einem starken Erdbeben leicht zusammenstürzen können, so ist es selbstverständlich sehr rätlich, bei solchen Erzkalamitäten so schnell als möglich die Häuser zu verlassen und sich ins Freie zu begeben."

[GEJ.10_077,13] Sagte der Hauptmann: „Was ist denn hernach mit dem Schutze der Götter, auf die doch die meisten aus der Zahl der Griechen und Römer so Großes halten?

[GEJ.10_077,14] Seht, ich habe mich unter dem Schutze eines Gottes, im vollsten Glauben und Vertrauen auf Ihn, in dieser Judenherberge ganz wohl ohne alle Furcht und Angst befunden! Hättet ihr einen solchen Glauben und ein solches Vertrauen, so wäret auch ihr sicher ohne alle Furcht und Angst, als könnte euch ein Ungemach begegnen, in euren Häusern geblieben, von denen ihr obendrauf noch wisset, daß sie schon gar vielen und vielleicht noch größeren Stürmen getrotzt haben. Gegen solch eine Angst und Furcht schützen nur ein fester Glaube und ein lebendiges Vertrauen auf den einen wahren, allmächtigen, überweisen, überguten, allwissenden und allsehenden Gott. Wer einen solchen Glauben und ein solches Vertrauen nicht hat, der ist bei allen stürmischen Erscheinungen, die auf dem Erdboden stets vorkommen, aller Qual und Pein ausgesetzt und der größten dann, wenn seine letzte Stunde unvermeidbar vor der Tür ist! – Begreifet ihr das?"

 

78. Kapitel

[GEJ.10_078,01] Sagte der eine der beiden: „Hoher Gebieter, wir sehen, daß du wahrlich mehr als vollkommen recht hast, und glücklich und selig ist ein jeder Mensch zu preisen, der deines festen Glaubens und deines lebendigen Vertrauens fähig ist; denn der erträgt alles Ungemach, das ihm auf dieser Erde irgend begegnen kann, sicher ganz leicht und ist stets voll Trostes in seinem Gemüte!

[GEJ.10_078,02] Aber woher sollen wir solch einen Glauben und solch ein Vertrauen nehmen? Siehe, da oben auf dem breitesten Teil unserer Hauptstraße lagern unsere ersten Zeus- und Apollopriester, und unweit von ihnen ein paar Rabbis der Juden! Unsere Priester zeigen uns durch ihr Benehmen, wie wenig sie zu ihrem eigenen Heil auf die Götter halten, und ebenso zeigen auch die Judenpriester ihres einen und allein wahren Gottes, daß ihr Glaube und ihr Vertrauen auf Ihn nicht um ein Haar besser ist als das unserer Priester.

[GEJ.10_078,03] Oh, sobald alle Gefahr vor einem allfälligen Nachsturm vorüber sein wird, da werden sie gleich auftreten und von den deshalb erzürnten Göttern scharf zu predigen anfangen, weil wir zu schwachen Glaubens an sie sind und ihnen viel zuwenig opfern; und so wir in unserem Unglauben und in der Vorenthaltung reicher Opfer in die Tempel der Götter verharren würden, so würden die Götter noch zorniger werden und dieses ganze Land zur Wüste machen!

[GEJ.10_078,04] Also werden sie vielleicht heute noch in ihren Tempeln zu heulen anfangen und hätten schon angefangen, so ihnen ein heiterer Morgen angedeutet hätte, daß da keine Wiederkehr des Sturmes zu besorgen sei; aber der sehr trübe und noch sehr unheimlich aussehende Morgen hält sie noch davon ab.

[GEJ.10_078,05] Und desgleichen verhalten sich auch die etlichen Judengottespriester. Sie würden auch schon in ihrer Synagoge laut buß- und opferpredigen, wenn der sehr trübe und unheilvolle Morgen sie nicht davon abhielte, in ihre Synagoge zu treten und sicher nur zu ihrem Besten zu heulen anzufangen.

[GEJ.10_078,06] Siehe, hoher Gebieter, wir sehen die schon sehr alt gewordenen Betrügereien unserer, wie der Judenpriester nur zu klar ein und erfahren es auch bei jeder nur ein wenig gefährlichen Gelegenheit, wie eben die Priester die ersten beim Fluchtergreifen sind und dadurch auch an den Tag legen, wie wenig Glauben und Vertrauen sie zu den von ihnen so hoch gepriesenen Göttern besitzen! So aber bei einem Kriegsheere einmal die Heerführer die Flucht vor dem Feinde ergreifen, – woher sollen dann ihre Krieger den Mut nehmen? So aber die Götter, beim Lichte des Verstandes betrachtet, für die Priester so gut wie gar nichts sind, – was sollen und was können sie dann für uns sein?

[GEJ.10_078,07] Und so, hoher Gebieter, ist es für uns wohl sehr schwer, ja geradezu unmöglich, zu einem festen Glauben und Vertrauen an unsere Götter und ebensowenig an den einen Gott der Juden zu gelangen, und es ist uns daher unser alter Wahlspruch nicht zu verargen, laut dem sich ein jeder Mensch selbst helfen soll; und kann er das nicht, so lassen ihn die Götter und ebenso auch seine Nebenmenschen im Stich.

[GEJ.10_078,08] Aber du, hoher Gebieter, hast ein gutes und wahres Wort zu uns geredet, und es muß am Ende denn doch einen solchen Gott geben, wie du Ihn uns bezeichnet hast! Aber wo ist Der? Wie kann man der Wahrheit gemäß den Weg zu Ihm finden?"

[GEJ.10_078,09] Sagte der Hauptmann: „Das ist für einen Weltmenschen freilich nicht so leicht, wie sich das so mancher Weltkluge denken mag und sagt: ,So es einen oder irgend mehrere Götter gibt, so müssen sie sich von uns Menschen auf eine leichte Art finden lassen, so sie von uns erkannt und verehrt werden wollen, wie das alle Priester den Menschen allenthalben zur strengsten Pflicht machen; und lassen sich die Götter von den Menschen nicht bald und leicht finden, so wollen sie entweder gar nicht erkannt und verehrt sein, oder sie bestehen gar nicht, und da ist alles Suchen eine vergebliche Mühe!‘

[GEJ.10_078,10] Ich aber sage es euch, daß dem nicht also ist! Denn erstens gibt es von Ewigkeit her nur einen, allein wahren Gott, und dieser Gott will von uns Menschen gesucht, gefunden, erkannt und durch die strenge Haltung Seiner Gebote, die Er zu unserem Heile gab, verehrt werden; und zweitens, weil es eben einen Gott gibt, den ein nur etwas tiefer forschender Mensch aus Seinen Werken schon ganz wohl wahrnehmen kann, so soll der Mensch voll wahrer Liebgier diesen Gott denn auch eifrigst suchen, aber nicht von heute bis morgen den leichtsinnigen Kindern gleich, sondern von Tag zu Tag mit stets zunehmendem Eifer und Fleiß und mit einer in der Liebe zu Ihm wachsenden Sehnsucht, und Gott wird sich von solch einem Sucher schon ebenso finden lassen, wie Er Sich von mir und schon von gar vielen hat finden lassen.

[GEJ.10_078,11] Und hat Er Sich von einem oder auch mehreren Menschen, die Ihn auf eine rechte Art suchten, finden lassen, dann wird Er solchen treuen Suchern schon kundtun, was sie nach Seinem allerweisesten Willen fürder zu tun und wie sie zu leben haben, um in Seiner Liebe und Gnade zu verbleiben und von Ihm zum ewigen Leben der Seele erweckt zu werden.

[GEJ.10_078,12] Ein solcher Mensch wird dann auch in seinem wahrhaft lebendigen Glauben und Vertrauen bei allen noch so gefahrdrohenden Vorkommnissen auf dieser materiellen Lebensprüfungswelt nicht schwach und wankend werden, sondern er wird alles in aller Geduld und in voller Ergebung in den ihm bekannten göttlichen Willen ohne viel Furcht und Angst ertragen und am Ende Gott für alles danken, weil er einsehen wird, daß Gott alle die Vorkommnisse in dieser Welt nur zum wahren Besten der Menschen verordnet hat. Wer denn Gott also gefunden hat, der hat wohl sicher seines Lebens höchsten und allerwertvollsten Schatz gefunden!

[GEJ.10_078,13] Und weil das wohl der allerhöchste und wertvollste Menschenlebensschatz ist – was ihr nun wohl einsehen werdet –, so lohnt es sich wohl sicher der Mühe, solch einen Schatz auch mit dem höchsten Eifer und Ernst so lange zu suchen, bis man ihn gefunden hat.

[GEJ.10_078,14] Wie mühen sich die Menschen ab im Jagen und Suchen nach irdischen, vergänglichen Schätzen und Gütern! Einer bohrt in die Berge, um Gold, Silber und Edelsteine zu finden; der andere taucht in die Tiefe des Meeres, um etwelche Perlen zu finden; ein dritter befährt auf einem gebrechlichen Schiffe das weite stürmische Meer, um in einem fremden Lande seine heimatliche Ware um einige wenige Pfennige teurer an den Mann zu bringen, – und so treibt der eine dies und der andere jenes, und es ist dabei keinem die Mühe zu sauer, wenn er durch sie nur irgendeinen vergänglichen Lebensvorteil erhaschen kann. Warum will man sich denn nicht auch im Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes diese Mühe nehmen, da man doch weiß, daß ihn zu allen Zeiten die Menschen, die ihn mit einem wahren Eifer suchten, auch treu und wahrhaft gefunden haben?"

 

79. Kapitel

[GEJ.10_079,01] Sagte abermals der eine der beiden Nachbarn: „Ja, hoher Gebieter, du hast ganz vollkommen recht in deiner ganzen, liebevollen Rede, die ein wahrer Leitfaden zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes ist, und wir werden diesen auch danach zu suchen anfangen, indem sich schon jetzt eine gewisse Zuversicht in uns dahin kundgibt, daß wir nicht vergeblich suchen werden.

[GEJ.10_079,02] Aber bis jetzt war das noch nie möglich; denn auf der einen Seite saßen uns unsere Priester im Genick, und auf der andern hatten wir die Gelegenheit, das Judentum zu beobachten und fanden mit höchst wenig Theosophie einen noch größeren Wust des Aberglaubens aller Art und Gattung denn bei uns. Wir haben daher den Mittelweg eingeschlagen, beobachteten die Natur, fanden in ihr Gesetze und lebten für uns nach ihnen, obschon wir das Äußere unseres Götterkults der Staatsgesetze wegen, freilich stets nur mit einem Widerwillen, mitmachten.

[GEJ.10_079,03] Also war es denn für uns, wie für viele andere, die ganz unseres Sinnes sind, wie gesagt, bis jetzt völlig unmöglich, den allerhöchsten und wertvollsten Lebensschatz irgend zu suchen anzufangen. Was man nicht zu suchen anfangen kann, weil einem alle dazu erforderlichen Mittel fehlen, das kann man auch niemals finden.

[GEJ.10_079,04] Jetzt aber haben wir durch deine große Güte und wahre Gnade ein Mittel, das sicher ganz untrüglich ist, erhalten und werden nach desselben Weisung auch den höchsten Lebensschatz zu suchen anfangen und nicht eher rasten, bis wir ihn werden gefunden haben; denn da lohnt es sich der Mühe, solch einen Schatz zu suchen, von dessen Besitz das ewige Fortleben der Seele abhängt."

[GEJ.10_079,05] Sagte nun Ich: „Wisset: Ein vollkommen ernstlicher Wille zu einer Arbeit, durch die ein höchster und wahrhaft allerbester Lebenszweck erzielt werden kann, ist an und für sich schon so gut wie das Werk selbst; denn das vollendete Werk in seiner vollsten Ausdehnung folgt auf den einmal gefaßten Willen um so rascher, je ernster der Wille dessen ist, der ein Werk zu realisieren beginnt. Euer Hauptmann hat euch schon den rechten Weg gezeigt und die rechten Mittel an die Hand gegeben."

[GEJ.10_079,06] Sagte der frühere Redner: „Freund, du scheinst auch schon den allerhöchsten Lebensschatz gefunden zu haben, da du ganz im Sinne unseres hohen Gebieters sprichst! Du bist deiner Kleidung nach ein Galiläer; auch die andern sind mehr Galiläer denn Judäer, und von den Galiläern wissen wir, daß sie keine besonderen Glaubenshelden sind. Allein, es macht das nichts; denn es kann ja auch unter den Galiläern Menschen geben, die den Weg zum Aufsuchen des allerhöchsten Lebensschatzes entdeckt, ihn zu suchen angefangen und auch gefunden haben. Wir haben denn eine große Freude an euch; denn da ihr alle in dieser wahren Schreckensnacht habt mögen in einem leicht zerstörbaren Hause übernachten, so dient uns das als ein Beweis, daß auch ihr, gleich unserm hohen Gebieter, den einen, allein wahren Gott gefunden habt, der euch wohl in allen Gefahren bestens beschützen kann."

[GEJ.10_079,07] Sagte Ich: „Da hast du nun richtig geurteilt; aber hier auf diesem Platze können wir nicht viel Weiteres davon reden, da sich das Volk um uns stets mehr und mehr anzusammeln beginnt, – denn es hat den Hauptmann bemerkt und ist darum voll Neugier, was er hier am frühen Morgen etwa anordnen werde. Darum begeben wir uns außerhalb der Stadt auf einen freien Platz, von dem aus man eine bedeutende Fernsicht hat! Daselbst wird sich über unseren Gegenstand ein mehreres sprechen lassen."

[GEJ.10_079,08] Das war den beiden Nachbarn recht, und sie gingen samt ihren Angehörigen mit uns aus der Stadt hinaus, allwo ein ziemlicher Hügel sich befand, auf dem eine alte Ruine lag, die einst den Philistern als eine Feste diente.

 

80. Kapitel

[GEJ.10_080,01] Als wir auf dem besagten Hügel uns befanden, da sahen wir gen Osten, in der Ferne von etlichen Stunden Weges, an mehreren Stellen Rauch dem Erdboden entsteigen, und hie und da schlug auch eine Flamme empor, aber nur auf Momente, und hielt nicht an also wie der Rauch.

[GEJ.10_080,02] Wir betrachteten diese Naturszene eine Zeitlang.

[GEJ.10_080,03] Als wir uns daran gewisserart satt geschaut hatten, da trat der Hauptmann zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, siehe, die gewissen Naturgeister haben noch keine Ruhe, und nach meiner schon zu öfteren Malen gemachten Erfahrung dauern die Rauch- und Feuerszenen nach einem solchen Sturm, wie wir ihn in dieser Nacht erlebt haben, oft noch mehrere Tage und öfter gar etliche Wochen, und man merkt dabei auch von Zeit zu Zeit recht wohl wahrnehmbare Erdschwebungen, die durchaus nicht geeignet sind, irgendein schwaches Menschengemüt heiter zu stimmen. Warum müssen denn die gewissen Nachwehen eines Hauptsturmes so lange fortdauern?"

[GEJ.10_080,04] Sagte Ich: „Freund, du hast in Pella, wo du eigentlich residierst, einen ziemlich bedeutenden Fischteich, den du mit vielen Kosten hast anlegen lassen! So du in diesem Teiche gute und gesunde Fische ziehen willst, so mußt du ihn von Zeit zu Zeit von seinem Schlamme reinigen lassen. Zu dem Behufe aber mußt du ihn zuvor völlig entwässern lassen. Wenn der Hauptschlauch (Hauptrinne) des Teiches geöffnet wird, so stürzt anfangs auch das Wasser gar gewaltig aus dem Teiche durch den geöffneten Abzugsschlauch; nach und nach aber fließt es gemächlicher, und gegen das Ende siehst du das Wasser nur mehr tropfenweise aus dem Schlauche rinnen, und du kannst dann schon mit der Reinigung deines Teiches anfangen. Ja, warum hast denn du bei deinem Teiche nicht einen derartigen Entwässerungsschlauch angebracht, bei dessen Öffnung des Teiches Gesamtwasser in einem Moment entweichen könnte?

[GEJ.10_080,05] Siehe, Freund, es geschieht denn alles in der Welt in einer gewissen weiligen (zeitlichen) Ordnung, und nichts kann ohne diese geschehen; und geschieht schon hie und da etwas nicht völlig in der guten weiligen Ordnung, so hat das stets eine verhältnismäßige Zerstörung zur Folge.

[GEJ.10_080,06] Beachtet aber schon ihr kurzsichtigen Menschen eine gewisse Ordnung bei euren Handlungen und Arbeiten zur sicheren Erreichung derjenigen Zwecke, die ihr euch vorgesteckt habt, und saget, daß eine schnelle und schluderige Arbeit zu nichts tauge, – sollte Gott als der ewige Werkmeister Seiner großen Werke etwa minder weise und klug sein denn ihr Menschen? Laß daher nur alles also geschehen, wie es eben geschieht, und es ist schon recht also!"

[GEJ.10_080,07] Mit dem begnügte sich der Hauptmann und dankte Mir für diese Belehrung.

[GEJ.10_080,08] Es hatten aber diese Meine Worte auch die beiden Nachbarn unseres Wirtes mit großer Aufmerksamkeit angehört und sagten zum Wirte: „Du, dieser Galiläer scheint noch um vieles weiser zu sein denn unser Hauptmann! Wir verstanden zwar nicht, um was es sich da eigentlich gehandelt hat, aber so viel ist uns da klar geworden, daß dem Hauptmanne, der den einen, allein wahren Gott sicher gar wohl kennt, diese lästige Naturszene etwas zu lange dauert; doch dieser Galiläer hat ihm durch ein gar köstliches Beispiel die Ordnung gezeigt, die Gott bei all Seinem Handeln stets beachtet und warum. Und siehe, der Hauptmann dankte dem weisen Galiläer sehr für diese Belehrung!

[GEJ.10_080,09] Was aber muß dieser Galiläer etwa doch Weiteres noch sein? Denn unser Hauptmann, obschon sonst ein überaus guter und rechtlicher Mann, sagt nicht leichtlich zu jemandem und schon am allerwenigsten zu einem Juden ,Herr und Meister‘! Wie gibt er denn diesem solch eine Ehre?"

[GEJ.10_080,10] sagte der Wirt: „Das sehet ihr nun freilich noch gar nicht ein; aber es wird wahrscheinlich nun ehestens ein Moment kommen, in dem ihr das einsehen werdet."

[GEJ.10_080,11] Diese Worte machten die beiden Nachbarn des Wirtes noch um vieles neugieriger, wer und was Ich denn eigentlich wäre. Aber sie getrauten sich weder den Hauptmann und noch weniger Mich darum zu fragen.

[GEJ.10_080,12] Es begann aber ein ziemlich heftiger Wind von Osten her zu wehen, und es währte nicht lange, so bekamen wir den stark nach Schwefel und Erdpech riechenden Rauch zu verkosten, und der Hauptmann, seine Tochter und seine Unterdiener, wie auch einige Meiner Jünger, denen der Rauch widrig war, baten Mich, daß Ich solchem Winde gebieten möchte, den bösen Schwefel- und Erdpechdampf auf eine andere Seite zu tragen, wo es keine Menschen gäbe, oder wir möchten uns in die Herberge zurückziehen, um hier nicht zu ersticken.

[GEJ.10_080,13] Sagte Ich: „Da sehet nur gegen die Stadt zurück, wie sich eine Masse von Neugierigen herausdrängt, um da zu schauen und zu lauschen, was wir hier täten! Und voran haben sich die Heidenpriester und auch die beiden Rabbis und mit ihnen einige Juden, die uns bei unserer Ankunft anhielten, gestellt; diese sind mir widriger denn dieser von Osten hergetriebene Schwefel- und Erdpechdampf.

[GEJ.10_080,14] Darum eben habe Ich den Wind kommen lassen, auf daß er die lästigen Horcher und Lauscher uns vom Halse schaffe. Sehet, wie sie sich schon umzukehren und wieder in die Stadt zurückzuziehen anfangen, da sie befürchten, daß die Sache noch ärger werden könnte! Sie werden sich auch zum größten Teil in der Stadt in ihre Häuser begeben, und wir haben dann einen freieren Spielraum für unser Tun."

[GEJ.10_080,15] Es umstanden aber den Hügel auch einige Bewohner der Stadt, die gleich mit uns herausgezogen waren, und der Hauptmann wollte ihnen durch einen Unterdiener scharf andeuten lassen, daß auch sie sich in die Stadt zurückziehen sollten.

[GEJ.10_080,16] Ich aber sagte zum Hauptmanne: „Das sind bessere Seelen; die sollen als Zeugen für die andern nur hier verbleiben!"

[GEJ.10_080,17] Das war denn auch dem Hauptmann ganz recht, und die den Hügel unten Umlagernden blieben.

[GEJ.10_080,18] Aber die beiden Nachbarn unseres Wirtes wurden nun immer stutziger und sagten zu ihm: „Höre du, Freund, das ist ja doch ein höchst sonderbarer Mann! Dem Winde hat er gewisserart geboten, den bösriechenden Dampf von Osten hierher zu treiben, auf daß er die lästigen, ordentlich haufenweise zu uns herausströmenden Gäste zurücktreibe; und als nun der Hauptmann auch die um diesen Hügel lagernden uns wohlbekannt zwar armen, aber wirklich ehrlichen Seelen abschaffen wollte, so ließ das dieser Mann nicht angehen, und der sonst niemals nachgiebige Hauptmann gehorchte ihm aufs Wort!

[GEJ.10_080,19] Zugleich kennt er schon von weitem den Charakter der Menschen und behält die Guten und treibt wunderbar von sich die uns auch nur zu gut bekannten argen Menschen, die außer sich selbst noch niemandem je eine Wohltat erwiesen haben.

[GEJ.10_080,20] Wahrlich, ein sonderbarer Mann, dieser Galiläer! Der muß Gott freilich wohl noch um vieles besser und näher kennen denn unser sonst überaus weiser Hauptmann. Na, wir sind doch höchst neugierig, was da noch herauskommen wird!"

[GEJ.10_080,21] Sagte der Wirt: „Denket an das, was euch dieser Mann in der Stadt außerhalb der Herberge gesagt hat, und ihr werdet den Punkt, auf dem ihr euch nun befindet, bald näher und heller kennenlernen!"

 

81. Kapitel

[GEJ.10_081,01] Bei dieser Gelegenheit hatten sich auch alle, welche eine böse Neugierde aus der Stadt zu uns heraustrieb, wieder in die Stadt begeben.

[GEJ.10_081,02] Als so die Gegend gereinigt war, da gebot Ich mit lauter Stimme, so daß es die den Hügel Umgebenden wohl verstehen konnten, dem Winde, daß er die Schwefel- und Erdpechdünste nicht mehr zu uns herüber, sondern von uns hinweg nach den Wüsteneien des Euphrat tragen solle.

[GEJ.10_081,03] Und alsbald schlug der Wind um, und wir waren in wenigen Augenblicken von den Dünsten befreit.

[GEJ.10_081,04] Als die beiden Nachbarn des Wirtes das merkten, da sagten sie zum Wirte: „Nun ist es ja doch klar, daß dieser Mann mit einem wahren Gott in einem intimsten Verbande stehen muß und sich Dessen allerhöchster Macht bedienen kann, wann er will. Das ist nun über auch nur den kleinsten Zweifel hinaus vollkommen wahr; aber wie, wo und wodurch kann ein Mensch zu einem solchen Verbande gelangen?

[GEJ.10_081,05] Ihr Juden habt denn am Ende doch recht, daß ihr nur an einen Gott glaubet; denn dieser eine Gott wird schon der allein wahre sein, der durch die Macht Seines allweisesten Willens alles erschaffen hat, was wir mit unseren Augen sehen und mit den andern Sinnen wahrnehmen können.

[GEJ.10_081,06] Aber wie kommt es denn, daß ihr Juden selbst euch so wenig bestrebt, diesen euren allein wahren Gott näher zu erkennen und eure Handlungen nach Seinem euch bekannt sein sollenden Willen also einzurichten, daß auch ihr mit Ihm in einen solchen Verband kämet, wie dieser höchst zu verehrende Galiläer, als auch ein Jude, gekommen ist?

[GEJ.10_081,07] So ihr die Wege zur Erreichung dieses unschätzbaren Zieles, eines Schatzes aller Schätze, wohl kennet und euch doch nicht bestrebt, ihn euch zu eigen zu machen, sondern oft noch mehr nach den vergänglichen, toten Schätzen dieser Erde jaget denn wir blinden Heiden, da seid ihr sehr zu bedauernde Toren.

[GEJ.10_081,08] Wir wollen dich nicht zu der Reihe der Juden zählen, wie wir sie in unserer Stadt haben und nur zu gut kennen, – aber das wissen wir auch von dir, daß du in dem, was euren allein wahren Eingott betrifft, eben auch nicht ohne alle Zweifel dastandest; das beste an dir war, daß du keinen Gleisner machtest gleich den andern deines Stammes.

[GEJ.10_081,09] Aber sonderbar ist es von den andern Juden, und ganz besonders von ihren Priestern, die da tun und predigen, als hinge es schon pur von ihnen ab, was Gott tun dürfe, – und dennoch vermögen sie ebensowenig wie unsere Priester irgend etwas zu bewirken, was da einer rein göttlichen Macht gleichsähe.

[GEJ.10_081,10] Das, freundlicher Nachbar, ist uns nun um so mehr ein Rätsel, da wir an diesem Galiläer selbst uns überzeugt haben, daß er mit dem einen, allein wahren Gott in einem engsten und innigsten Machtverbande sich befindet, ansonst ihm nicht der Wind also gehorchte wie ein Krieger seinem Feldherrn!"

[GEJ.10_081,11] Sagte nun der Wirt: „Freunde, ihr habt vollkommen recht, in eurem Staunen über die Macht Gottes in einem fort also zu reden und zu fragen über unsere jüdische Tor- und Blindheit; aber so wir nun miteinander reden, da schweigen die andern, die von der wahren Sache mehr zu reden verstehen denn wir, und das ist auch nicht weise gehandelt! Darum wollen wir über alles das ein anderes Mal reden und nun den andern reden und handeln lassen."

[GEJ.10_081,12] Mit dieser Bemerkung des Wirtes waren die beiden Nachbarn auch vollkommen einverstanden und fragten um nichts Weiteres mehr, sondern warteten, bis Ich irgend etwas reden und tun würde.

[GEJ.10_081,13] Es sagte aber der Hauptmann zu Mir: „Herr und Meister, siehe, die Menschen da unten um den Hügel wissen nicht, was sie nun anfangen und was sie von Dir halten sollen! Wäre es nicht an der Zeit, so ich einen meiner Leute hinabsendete und er sie ein wenig aufklärte?"

[GEJ.10_081,14] Sagte Ich: „Laß du das nun nur noch gut sein! Ich werde zuvor noch ein Zeichen wirken, und wir werden uns dann wieder in die Herberge begeben. Diese Menschen werden dann auch zu den Ihrigen in die Stadt zurückkehren und ihnen mit einem großen Eifer erzählen, was sie gehört und gesehen haben, und es wird dadurch unter ihnen ein großes Hin- und -Herdenken, -forschen und -raten entstehen, und dann wird es auch an der Zeit sein, ihnen nach und nach stets mehr und mehr zu zeigen, wer Derjenige war, dem die Elemente gehorchten.

[GEJ.10_081,15] Nun aber will Ich den sehr trüben Morgen völlig heiter machen und die hie und da noch tätigen Naturgeister zur Ruhe weisen; denn bis jetzt sind deren zur rechten Genüge zur Löse gekommen."

[GEJ.10_081,16] Hierauf gebot Ich den Dünsten auf der Erde und den dichten Wolken in der Luft, zu weichen und die Sonne scheinen und leuchten zu lassen.

[GEJ.10_081,17] Und alsbald geschah, wie Ich es geboten hatte. Es ward sogleich der schönste und heiterste Morgen, und man genoß weithin eine ungetrübte Fernsicht.

[GEJ.10_081,18] Aber aus den in der Nacht entstandenen Spalten und Ritzen des Erdbodens schossen hie und da – freilich in einer ziemlichen Entfernung von uns – noch immer Flammen empor, die trotz des plötzlich heiter gewordenen Morgens den unten um den Hügel weilenden und staunenden Heiden eben nicht am besten gefielen.

[GEJ.10_081,19] In einer kleinen halben Stunde Zeit aber gebot Ich auch diesen Feuergeistern, sich vollends zur Ruhe zu begeben; und sie erloschen, und es war, wohin die Menschen auch ihre Augen wendeten, keine Flamme, aus dem Boden der Erde aufschießend, weder in der Nähe noch in der Ferne mehr zu entdecken. Auch der Wind legte sich, und der Erdboden war, so weit das Auge reichte, wie allerreinst ausgefegt.

 

82. Kapitel

[GEJ.10_082,01] Jetzt ging das Verwundern erst vollends an, und die Heiden unten um den Hügel fingen an, sich zu befragen, wer und was Ich wäre, woher Ich gekommen sei, und was der Hauptmann zu Mir wäre, da Ich doch kein Römergewand trüge!

[GEJ.10_082,02] Einige, die mit der Gotteslehre der Juden vertrauter waren denn ihre Nachbarn, hielten Mich für einen Propheten; denn diese Art von Halbgottmenschen hätten auch derlei gewirkt. Andere hielten Mich für einen in jüdischer Tracht verkleideten größten Magier. Wieder andere bestritten das, da sie an Mir keine Magierzeichen und in Meinen Händen keinen Zauberstab entdeckten. Noch andere hielten Mich für einen Halbgott in Menschengestalt, der sich dem allzeit streng gerechten Hauptmanne offenbarte und nun zur Beglaubigung dessen diese keinem Menschen möglichen Zeichen wirkte.

[GEJ.10_082,03] Und so gab es unter diesen Menschen noch eine Menge Meinungen über Mich; aber keiner von ihnen getraute sich, auf den Hügel zu uns zu kommen und allda jemanden zu fragen, wer Ich wäre. Wir aber fingen an, uns von unseren etwas unförmigen Steinsitzen zu erheben und uns zum Rückzuge in die Herberge anzuschicken.

[GEJ.10_082,04] Als die um den Hügel noch weilenden und allerlei ratenden Heiden das merkten, da überfiel sie eine Furcht vor Mir, und sie zogen eiligen Schrittes vor uns in die Stadt und begaben sich denn auch alsogleich in ihre Wohnungen, in denen ihre Angehörigen schon auf sie warteten. Daß es darin des Fragens und Erzählens nahe kein Ende nehmen wollte, das läßt sich leicht von selbst denken.

[GEJ.10_082,05] Als die besagten Heiden sich in der Stadt befanden, da verließen auch wir den Hügel und begaben uns gemächlichen Schrittes in unsere Herberge, in der schon das wohlbereitete Morgenmahl unser harrte.

[GEJ.10_082,06] Als wir in die Stadt kamen, da fanden wir die Heidenpriester schon in der vollsten Tätigkeit, den Menschen zu sagen, wie sie es nur ihnen zu verdanken hätten, daß diese Stadt vor dem Untergang bewahrt wurde und der des frühen Morgens noch so schrecklich und gefahrdrohend aussehende werdende Tag auf einmal durch die durch ihre priesterlichen geheimen Bitten und Gelöbnisse besänftigten Götter in einen herrlichen und jedes Menschen Gemüt erfreuenden urplötzlich verwandelt worden sei, – wogegen sich die Bewohner dieser und auch der andern Städte aber auch ohne Säumens mit allem Eifer bemühen sollten, die Tempel mit den reichlichsten Opfern wohl auszustatten.

[GEJ.10_082,07] Nicht minder bemühten sich auch die beiden Judenpriester, in ihrer Synagoge die Juden zu bearbeiten. Aber weder die Heiden noch die Juden zeigten eine große Willfährigkeit, das zu tun, was die Priester von ihnen verlangten.

[GEJ.10_082,08] Wir harrten noch eine kleine Weile vor der Herberge und sahen dem Treiben der Priester und des Volkes zu, und die beiden Nachbarn unseres Wirtes sagten: „Hatten wir unrecht, so wir schon ehedem zum voraus sagten, was die Priester, die selbst gar keinen Glauben haben, tun werden, wenn der Tag sich derart aufheitern würde, daß man keinen Nachsturm mehr zu befürchten hätte? Der Tag hat sich durch die Wundermacht des mit offenbar göttlicher Macht begabten Galiläers auf ja und nein völlig aufgeheitert, und wir sind kaum in die Stadt hereingekommen und trafen die während des Sturmes in der Nacht so überaus furchtsamen und allen Glaubens und Vertrauens auf eine göttliche Hilfe baren Priester schon in der größten selbstsüchtigen Tätigkeit!

[GEJ.10_082,09] So aber eben die, welche auf dieser Erde die Vertreter der Götter – ob mehrerer oder bloß des einen, allein wahren, was vorderhand eins ist – sein wollen, bei einer Gefahr, in der sie sich am meisten glaubensstark zeigen sollten, die ersten beim Durchgehen und Davonlaufen sind, – wie soll da ein nur ein wenig heller denkender Mensch ihren Worten bei schönem und ruhigem Wetter irgendeinen Glauben schenken?

[GEJ.10_082,10] Wir sehen es nur zu klar ein, daß da niemand anders als eben nur die Priester durch ihre übermäßige Herrsch- und Habsucht das Volk notwendig um allen wahren Glauben und um jedes lebendige Vertrauen auf ein allwaltendes und allmächtiges Gottwesen gebracht haben.

[GEJ.10_082,11] Steht aber das arme Volk einmal völlig glaubens- und vertrauenslos da, – wer soll es dann wieder in den wahren Glauben und in das alte Vertrauen auf eine übersinnliche göttliche Hilfe zu heben vermögen?

[GEJ.10_082,12] Menschen ist das nicht leicht oder schon gar nicht möglich, sondern da müssen die – ob einer oder viele – Götter die Hände ans Werk legen; denn nur durch große Zeichen können ganz blinde Menschen wieder in den Glauben und ins Vertrauen auf eine Hilfe von einer Gottheit gesetzt werden.

[GEJ.10_082,13] Daß ihr euch in dieser Nacht von keiner Angst und keiner Furcht vor einer Gefahr in der Herberge habt aus dem Hause treiben lassen, das begreifen wir auch erst jetzt klar; denn wer solch einen Menschen in seinem Hause beherbergt, dem alle Elemente auf einen Wink gehorchen, weil er voll göttlicher Kraft und Macht ist, da ist es leicht, zu glauben und zu vertrauen. Aber auf wen hätten denn wir glauben und vertrauen sollen? Etwa auf unsere etlichen halbzerbrochenen steinernen Götterstatuen, auf unsere Hauslaren oder auf die aus der höchsten Großangst und Furcht zuerst aus ihren Wohnhäusern und Tempeln entlaufenen Priester, die dann ihren Schutz auf dem Platze suchten und um gar keinen Preis mehr in einen Tempel hineinzubringen gewesen wären?

[GEJ.10_082,14] Wir suchten denn auch im Freien Schutz, weil ihn unsere Göttervorsteller auch lieber da suchten, wo ihn die Natur dem Menschen noch am ehesten gewährt und finden läßt.

[GEJ.10_082,15] Aber es sollte dieser Großmeister in der wahren Gottesmacht und -weisheit diesen großschreienden Priestern auch den Meister zeigen, dann ginge es bei uns bald ganz anders mit dem wahren Glauben und Vertrauen auf den einen, allein wahren, lebendigen Gott; auch die beiden Judenpriester würden sich bald eines andern besinnen und vielleicht wieder zum alten Glauben der ersten Väter zurückkehren."

[GEJ.10_082,16] Sagte Ich nun zu den beiden Nachbarn: „Gehet nun mit eurer Familie in unsere Herberge und haltet mit uns das Morgenmahl! Diese Priester aber lasset nur ihr Geheul forttreiben; denn von den Reichen werden sie wenig der gewünschten Opfer erhalten, und die Armen, die bei uns um den Hügel waren, werden es ihnen schon zu erzählen wissen, wie Der ausgesehen hat, dem die ganze Natur der Erde gehorchte, und es wird sich dann schon noch der Zeit zur Genüge ergeben, in der ihnen ihr Handwerk gelegt wird!"

[GEJ.10_082,17] Damit waren die beiden Nachbarn sehr zufrieden, beriefen ihre Familien, begaben sich mit uns in die Herberge und nahmen auch ganz voll guten und heiteren Mutes mit uns das reichlich und wohlbereitete Morgenmahl ein.

 

83. Kapitel

[GEJ.10_083,01] Als der gute Wein erst ihre Zungen mehr und mehr gelöst hatte, da waren sie auch um so aufgelegter zu reden und brachten Dinge zum Vorschein, über die sich selbst Meine ersten Jünger hoch zu verwundern anfingen.

[GEJ.10_083,02] Während aber die beiden recht viele gute Dinge besprachen, da kam auch einer der beiden Rabbis zu uns in den Speisesaal und machte unseren Wirt darauf eindringlich aufmerksam, daß auch er, als ein Jude, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ein Opfer darbringen solle, weil Er Sich durch das fromme Gebet seiner beiden Diener in dieser alten Stadt Golan habe bewegen lassen, sein Hab und Gut vor der Zerstörung zu bewahren.

[GEJ.10_083,03] Dieser Vortrag des Rabbis machte einen der beiden Nachbarn ordentlich zum Aufspringen ärgerlich, und er erhob sich denn auch schnell von seinem Sitze, ging auf den kecken Rabbi los und sagte (ein Nachbar des Wirtes): „Freund, hat denn keiner von euren alten Weisen und Propheten bei irgendeiner Gelegenheit einmal geweissagt, wann die Zeit kommen wird, in der kein lügenhafter und zur Arbeit träger Priester mehr geduldet werden wird?

[GEJ.10_083,04] Schämst du, als ein Priester, dich denn im Ernste nicht, hier uns der Wahrheit beflissenen Menschen mit einer allerdicksten Lüge ins Gesicht zu kommen?

[GEJ.10_083,05] Wann und wo hast du zu eurem Gott gebetet um die Erhaltung der Habe und des Gutes dieses meines ehrenwertesten Nachbars und Freundes?

[GEJ.10_083,06] Siehe, wir haben dich und deinen dir ganz gleichen Kollegen in der Nacht voll Furcht und Angst auf dem großen Platze heulend und zähneklappernd gesehen, und ihr beide hattet euch einen Punkt ausgesucht, der euch am sichersten zu sein dünkte!

[GEJ.10_083,07] Warum seid ihr denn nicht in eurer Synagoge geblieben, wo ihr doch selbst saget, daß euer Gott alldort euer Gebet erhöre? Habt ihr an der starken Mauer am freien Platze für das Wohl eures Volkes gebetet?

[GEJ.10_083,08] Oh, wir kennen euch ebenso klar und gut wie unsere eigenen Götterdiener und sagen: Nichts da mehr für euch! Sieh, daß du weiterkommst, sonst dürfte dich ein gar Gewaltiger unter uns weiterkommen lassen!"

[GEJ.10_083,09] Hier wurde der Rabbi des Hauptmanns ansichtig, sagte kein Wort mehr und verließ schnell unsere Herberge.

[GEJ.10_083,10] Und der Nachbar sagte darauf: „Dem einen, allein wahren Gott der wahren Juden alles Lob, – einen der allerschmutzigsten Gottesleugner sind wir losgeworden!"

[GEJ.10_083,11] Sagte der Hauptmann: „Ja, ja, der hat sich wie ein Dieb davongemacht, und sein Kollege wird es bleiben lassen, uns zu besuchen; aber unsere Heidenpriester, die es schon schier werden erfahren haben, daß ich mich hier befinde, werden mich schwerlich unbesucht lassen. So diese kommen, – wie werde ich, als ein römischer Hauptmann, mich zu benehmen haben? Denn ich sollte im Namen des Kaisers der Beschützer der Priester sein; wie aber soll ich das nun, wo ich den einen, wahren, lebendigen Gott habe kennengelernt, Ihn über alles liebe und unser irrwähniges und alles schändlichen Betruges übervolles Vielgötter- und deren Priestertum über alles verachte und hasse?"

[GEJ.10_083,12] Sagte Ich: „Nicht also, Mein Freund! Siehe, auch die Priester eurer Götter, die freilich nie irgend in der Wirklichkeit ein Dasein hatten, sondern pur der Phantasie der Menschen, die über ihre Nebenmenschen herrschen wollten, entsprungen sind, sind in dieser Zeit um vieles minder an dem Dasein des finsteren Heidentumes schuldig anzunehmen als die, welche im Anfange, als die Menschen noch an den einen, wahren Gott vollauf glaubten, das Heidentum zu predigen und die Menschen durch falsche Zeichen stets ausgiebiger und zahlreicher zu diesem zu bekehren anfingen!

[GEJ.10_083,13] Sie glauben an ihre Götter selbst nicht, erhalten aber das Volk darum dennoch im alten Aberglauben, erstens, auf daß sie bei ihm ihren Broterwerb finden, zweitens, weil sie die Wahrheit nicht haben, und drittens, weil sie auch durch die Staatsgesetze dazu verhalten (verpflichtet) sind und durch ihren einem Oberpriester geleisteten Eid auf den Namen Pantheon, in dem alle eure Götter begriffen sind.

[GEJ.10_083,14] So aber eure Priester also bestellt sind, da wirst du sicher wohl einsehen, daß sie nicht so sehr zu hassen als zu bedauern sind. Daher versuche du, auch sie auf den Weg der Wahrheit zu bringen, und haben sie diesen betreten, so sorge für sie, daß sie eine andere Beschäftigung erhalten! Dem Kaiser ist Jude oder Heide eines, so er ihm nur gibt, was sein ist, – und so hast du vom Kaiser aus nichts zu besorgen (befürchten), als würde er dich je zu einer Verantwortung ziehen wegen einiger zum wahren und in Gott lebendigen Judentum übergetretenen Priester des Zeus und des Apollo.

[GEJ.10_083,15] Zudem sind die ersten Machthaber in diesem Weltteile in ihrem Herzen schon seit vielen Jahren durch Mich zum lebendigen Judentum übergegangen, so der Oberstatthalter Cyrenius, sein jüngster Bruder Kornelius, in Rom der Staatsmann Agrikola und mehrere an seiner Seite, freilich erst seit einem halben Jahre und etwas darüber.

[GEJ.10_083,16] Da diese dir nun genannten Männer nebst noch gar vielen andern vom Kaiser aus noch keine Unbill zu erdulden bekamen, so wirst auch du um so mehr von solcher nichts zu befürchten haben, da Ich dich, so du Mir treu bleibst, Meines besonderen Schutzes versichere und dir auch die Fähigkeit erteilt habe, in Meinem Namen die Kranken zu heilen und die Besessenen von ihren Plagegeistern zu befreien. Und eines mehreren bedarfst du vorderhand nicht."

[GEJ.10_083,17] Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, ward er überselig vor großer Freude in seinem Herzen und sagte zu Mir: „Herr meines Seins und Lebens! Dir allein alles Lob, alle Ehre und allen Dank für die so große, von mir niemals verdiente Gnade, Dein Wille werde von uns allen also wie von Deinen Engeln im Himmel vollzogen, und Dein heiligster Name werde allzeit hochgelobt und gepriesen!"

 

84. Kapitel

[GEJ.10_084,01] Diese Worte des Hauptmanns setzten die beiden Nachbarn ins höchste Staunen, und sie sagten zum Hauptmann: „Hoher Gebieter an der Stelle des großen Kaisers, auch wir danken nun dir und auch unserem biedern Nachbar, daß ihr in uns das bestätigt habt, was wir uns schon am Hügel draußen heimlich gedacht haben, aber nicht laut auszusprechen getrauten! Dieser Mann, den wir seiner Kleidung wegen einen Galiläer nannten, ist der eine, allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen und aller Kreatur! Ihm allein sind untertan alle Mächte und Kräfte der Erde, und der Mond, die Sonne und alle die Sterne loben und preisen Seine ewige Weisheit und Macht. Er ist in Sich der ewige Urgeist, und Gott hat den blinden Menschen auf dieser Erde zuliebe Sich als ein vollkommenster Mensch gezeigt, um uns zu zeigen, daß nur Er allein der Herr von Ewigkeit ist über alles, was die Erde und alle Himmel fassen, die ebenso wie diese Erde Sein Werk sind.

[GEJ.10_084,02] Oh, wie endlos glücklich sind wir nun, daß wir Ihn nun in unserer Gestalt sehen und erkennen können! Nun sollen unsere Priester nur kommen, und wir werden ihnen den Zeus zeigen!"

[GEJ.10_084,03] Hierauf fielen die beiden Nachbarn vor Mir auf die Knie nieder und wollten Mich anbeten; Ich aber hieß sie aufstehen und hören auf Meine Rede. Sie taten das, und Ich lehrte sie bis zum Mittage Meinen Willen und erklärte ihnen viele andere Dinge. Und sie wurden zu Meinen Dienern.

[GEJ.10_084,04] Als Ich die beiden Nachbarn unseres Wirtes in allem wohl belehrt hatte, was vorderhand zu ihrem Seelenheile notwendig war und sie das auch wohl verstanden hatten, da dankten sie Mir aus dem innersten Grunde ihres Herzens, und der eine, der am besten zu reden verstand, sagte: „Wahrlich, bei solch einer Belehrung über Gott, dessen Fülle in Dir, o Herr und Meister, wohnt, und über die Bestimmung der Menschen auf dieser Erde, deren wahre Form und Beschaffenheit Du uns überklar beschrieben hast, hätte es für uns keiner so großen Zeichen, die Du hier gewirkt hast, bedurft, und wir hätten Dich aus dem puren Worte erkannt; denn wir nahmen es in uns nur zu bald wahr, daß jegliches Deiner Worte lebendig ist und in uns wie ein Feuer aus den Himmeln alles, was tot war, durchströmte und belebte, und das wirkte auf uns bei weitem mehr und heller überzeugend denn die Zeichen, die, wenn auch noch so außerordentlich und selten, am Ende denn doch eine Ähnlichkeit mit jenen haben, welche von so manchen Magiern und Priestern durch sicher ganz natürliche, aber uns unbekannte Mittel und Kräfte gewirkt wurden und dem freien Willen und dem Verstande der Menschen allzeit um vieles mehr geschadet denn je irgendwo und -wann genützt haben.

[GEJ.10_084,05] Aber dennoch danken wir Dir, o Herr und Meister, auch für die hier gewirkten großen Zeichen und auch für den schönen, heiteren Tag, der uns durch Deine göttliche Macht zuteil geworden ist; denn die von Dir hier gewirkten Zeichen werden auf unsere stockblinden entweder Abergläuber oder stoischen Allen-Glauben-Verwerfer erst in der Folge, wenn sie von uns werden bearbeitet werden, eine nachhaltig beste Wirkung machen.

[GEJ.10_084,06] Wir sind nun der Zeugen zur Genüge hier, haben auch Mut, nun mit allen Mächten der Nacht und Finsternis unter den Menschen in den Kampf zu treten und auch zu siegen in Deinem Namen, und Du, o Herr und Meister, dem alle Mächte und Kräfte aller Himmel und dieser Erde untertan sind, wirst uns im Kampfe für die lebendige Wahrheit, die wir aus Deinem heiligen Munde vernommen haben, sicher nicht verlassen!"

[GEJ.10_084,07] Sagte Ich: „Dessen könnet ihr, als nun Meine lieben Freunde, völlig versichert sein, und Ich erteile nun auch euch die Macht, die Kranken durch das Auflegen eurer Hände in Meinem Namen zu heilen, mit welch einer Krankheit sie auch behaftet sein möchten, und die bösen Geister aus den von ihnen Besessenen zu treiben. Und also von Mir ausgerüstet, könnet ihr euch schon – doch stets behutsam und klug – mit der Macht der Lüge und des schwarzen Truges in den Kampf begeben, und die Palme des Sieges wird nicht unterm Wege verbleiben.

[GEJ.10_084,08] Doch alles, was ihr tut und tun werdet in Meinem Namen, das tut aus Liebe, um die Liebe im Herzen derer zu wecken und zu beleben, die ihr für Mein Reich gewonnen habt.

[GEJ.10_084,09] Ist deren Liebe in ihren Herzen kräftig und voll Lebens geworden, und werden sie euch irgend Gegenliebe erweisen wollen, so lasset das mit freudigem Herzen auch angehen; denn nur die mächtige Liebe und Gegenliebe beleben sich und erzeugen ein vollkommenes, neues Leben!

[GEJ.10_084,10] Doch im Anfang müsset ihr, als die zuerst mit der rechten Liebe aus Mir Erfüllten, auch nur mit dieser Liebe zu wirken beginnen! Denn so da jemand, der sich ein rechtes Weib nehmen möchte, sich um die Hand einer Jungfrau bewirbt, zu den Eltern hingeht und seinen Wunsch ausspricht, aber dabei die Jungfrau wie auch ihre Eltern nichts von einer Liebe merken läßt, sondern nur gleich sich um die Größe und um den Wert ihrer Schätze erkundigt, – wird der wohl die Liebe der Jungfrau und ihrer Eltern je für sich gewinnen? Ich meine, daß er dabei schlecht zum erwünschten Ziele gelangen wird. Denn wer die Liebe nicht hat, der wird auch schwer eine Gegenliebe finden. Wer aber mit aller Liebe die Gegenliebe sucht, der wird sie auch finden; und hat er sie gefunden, so wende er sich von ihr nicht ab, so sie ihm mit aller Freude werktätig entgegenkommt.

[GEJ.10_084,11] Seht und nehmt euch alle an Mir ein rechtes Exempel! Ich kam ungerufen aus purer Liebe zu euch hierher und erwies euch sofort auch alle Liebe, ohne irgend von jemand ein Entgelt zu verlangen; da ihr Mich aber erkannt habt und Mir nun mit aller Liebe entgegenkommt, so nehme Ich solche eure Liebe auch mit freudigem Herzen auf und verschmähe es nicht, an eurem Tische mit Meinen Jüngern zu essen und zu trinken. Und würde Ich das nicht tun, möchte das freudig stimmen eure Herzen? Sicher nicht, und so denn erweiset den Menschen zuerst Liebe ohne Entgelt; so euch dann die Menschen mit aller Liebe wieder entgegenkommen, da nehmet – aber allzeit mit Ziel und Maß – von ihnen, was sie euch bieten!

[GEJ.10_084,12] Werdet ihr also handeln, so werdet ihr auch bald Mein Reich auf dieser Erde unter den Menschen in Hülle und Fülle ausgebreitet und keine Not zu erleiden haben.

[GEJ.10_084,13] Wie aber Hochmut, Zorn, Neid, Geiz, Habsucht und dergleichen Laster mehr auch dasselbe bei den andern Menschen hervorrufen, so auch ruft die wahre, uneigennützige Liebe sich selbst bei den andern Menschen hervor; darum tuet alles aus Liebe, und ihr werdet dadurch den Samen der Liebe in die Herzen der andern Menschen säen, der für sie und für euch bald zu einer segensreichsten Ernte wird schon hier, und um so mehr dann erst jenseits im andern und ewigen Leben der Seele durch Meinen Liebegeist in ihr!"

[GEJ.10_084,14] Diese Meine Rede begriffen alle wohl und gelobten sie auch im Geiste der vollen Wahrheit zu erfüllen.

 

85. Kapitel

[GEJ.10_085,01] Als sie sich voll Freude über diese Meine Lehrrede unter sich besprachen, da kamen ein paar der ersten Heidenpriester in unsere Herberge, um den Hauptmann zu begrüßen, dessen Gegenwart sie von jenen Ärmeren erfahren hatten, die am Morgen unseren Hügel umlagert hatten; hauptsächlich aber kamen sie eigentlich darum in unsere Herberge, um den Mann in galiläischer Tracht selbst näher kennenzulernen, von dem sie durch den Mund der bekannten Ärmeren erfahren hatten, daß am trüben Morgen die mächtigen Elemente seinem Worte und Willen gehorcht hatten.

[GEJ.10_085,02] Als sie in den Speisesaal traten, da machten sie sogleich eine tiefe Verbeugung vor dem Hauptmann und sagten (die Priester): „Vergib uns, du hoher Gebieter im Namen des großen und mächtigen Kaisers durch die Allmacht der Götter und ihrer vornehmsten Diener aus der Zahl der Menschen, die sie dazu durch ihren unsichtbar wirkenden Willen erwählt und gemacht haben! Hast du auch für uns irgendein neues Gebot aus der großen Kaiser- und Götterstadt Rom, so wolle es uns gnädigst bekanntmachen, wie und wann es dir am geeignetsten dünkt, auf daß wir uns danach richten können!"

[GEJ.10_085,03] Sagte der Hauptmann: „Diesmal habe ich kein neues Gebot, weder für euch noch irgend fürs Volk; denn unsere Gesetze sind fest gestellt, und es ist bis jetzt kein neues hinzugekommen. Aber es ist mir etwas von euch zu Ohren gekommen, was meinem Gemüte keine Freude macht.

[GEJ.10_085,04] Warum betrügt und belügt ihr denn das Volk und wollet dadurch zu eurem Leibesbesten von ihm Opfer erpressen, weil ihr vorgebt, daß es nur euch zu verdanken habe, daß die erzürnten Götter in dieser Nacht die Stadt und die ganze Umgegend nicht zu einer Wüste gemacht hätten, und daß sich der trübe und noch unheilschwangere Morgen plötzlich in einen heiteren Tag umgewandelt habe? Solches prediget ihr ganz keck vor dem Volke, das euch doch selbst während des Sturmes und Erdbebens zuerst aus euren Tempeln und Wohnungen hat fliehen und im Freien Schutz suchen sehen! Heißt das den Glauben beim Volk aufrichten – oder denselben vernichten?

[GEJ.10_085,05] Wenn das Volk bei solchen Gelegenheiten eben bei den mutigst und gläubigst sein sollenden Priestern, die sich doch stets als treue Diener und Freunde der Götter loben und rühmen lassen, nichts als die höchste Angst, Furcht und eine vollste Vertrauens- und Glaubenslosigkeit entdeckt, – wie soll es dann, wenn die Gefahr vorüber ist, den Worten solcher Priester – wie ihr euch schon etwa zu öfteren Malen erwiesen haben sollet – noch etwas glauben, von denen es nur zu gut aus der Erfahrung weiß, daß sie selbst nicht einen Funken irgendeines Glaubens und Vertrauens an eine höhere Göttermacht besitzen? Und wie können solche Priester dann vors Volk treten und es auf eine derbste und frechste Art zu belügen anfangen?"

[GEJ.10_085,06] Sagte darauf einer der beiden Heidenpriester: „Vergib mir, du hoher Gebieter; in dieser unserer Sphäre hast du nicht völlig richtig geurteilt! Es ist schon wahr, daß ein Priester bei so manchen gefahrvollen Gelegenheiten stets den größten Mut und ein überaus festes Vertrauen auf die mögliche %Hilfe der hohen Götter vor dem zaghaften Volke an den Tag zu legen hat, um ihm Mut einzuflößen und in seinem Gemüte den Glauben und ein festes Vertrauen zu wecken; aber bei außerordentlich gefahrvollen Gelegenheiten soll auch der Priester vor dem Volke zeigen, daß auch er die Götter fürchtet, so sie durch das gewaltige Toben der Elemente den Menschen ihren Zorn offenbaren.

[GEJ.10_085,07] Ein Priester ist wohl ein Vermittler zwischen den Göttern und den Menschen, doch ein Herr gleich den unsterblichen Göttern ist er nicht und wird es niemals sein; denn sterben muß auch der Priester, gleich wie ein jeder Mensch, und so hat auch er die Götter zu fürchten.

[GEJ.10_085,08] Solange die Götter nur durch Blitz, Donner, starke Winde, gewaltige Regen, Hagel, Schnee und große Kälte zur ungewöhnlichen Zeit, in der sie den Früchten der Erde schadet, den Menschen anzeigen, daß sie da und allmächtig sind, da kann der Priester schon noch mit einem größeren Mute vor dem geängsteten Volke auftreten, es trösten und stärken und den Glauben und das Vertrauen beleben und erhalten; aber so die Götter manchmal in die Grundfesten der Erde, dieselben erschütternd, mit ihrer Macht eingreifen und das Unterste nach oben zu kehren drohen, da hat auch der Glaube des Priesters samt dem Boden der Erde zu wanken das Recht.

[GEJ.10_085,09] Er kann bei sich immerhin durch Gebete und durch allerlei taugliche Gelübde die Götter zu besänftigen trachten, aber dabei auch an den Tag legen, daß auch er nur ein schwacher Mensch ist und die Götter allzeit zu fürchten hat.

[GEJ.10_085,10] Siehe, du hoher Gebieter, weil sich die Sache also verhält, so taten wir in dieser wahren Schreckensnacht denn wohl nicht unrecht, daß auch wir in der Tat unsere gerechte Furcht vor der Allmacht der Götter dem Volke zeigten! Da aber die erzürnten Götter sich von uns Priestern wieder haben besänftigen lassen wegen der ihnen gemachten Gelübde, so ist es nun aber an der Zeit, das Volk davon in Kenntnis zu setzen, was es samt uns zu tun hat, um den von uns Priestern den Göttern gemachten treuen Gelöbnissen ohne Rückhalt und irgendwelche strafbare Säumnis vollends nachzukommen, ansonst bei einer künftigen Gelegenheit, in der die Götter noch erzürnter sich zu zeigen anfangen könnten, eine Besänftigung derselben sehr schwer mehr zu erhoffen wäre. Denn nur sieben Male haben die Götter eine Geduld mit den Hauptschwächen der Menschen; doch ein achtes Mal findet man schwerlich mehr eine Nachsicht und Geduld bei ihnen.

[GEJ.10_085,11] Und da wir solches nun dem Volke eindringlich bekanntmachen, so handeln wir sicher ganz gut und gerecht vor den Göttern und vor den Menschen, die noch irgendwelchen Glauben und einen guten Willen besitzen, und es kann nicht gesagt werden, daß wir dadurch das Volk in dem Glauben und Vertrauen an die Götter schwächen.

[GEJ.10_085,12] Und ich meine, daß ich unser Handeln mit dieser meiner kurzen Darstellung vor dir, hoher Gebieter, mehr denn zur vollen Genüge gerechtfertigt habe. Ich habe geredet!"

 

86. Kapitel

[GEJ.10_086,01] Sagte darauf der Hauptmann: „Geredet hast du nun wohl ganz gut, und es hatte deine Rede einen ganz vernünftigen Sinn; aber sie hat vor mir dennoch nur einen höchst geringen Wert, weil ihr Sinn und die Wahrheit in dir sehr weit voneinander entfernt sind. Denn siehe, fürs erste hast du selbst nicht einen Funken Glauben und Vertrauen an die Götter, was ich dir sowie allen deinen Kollegen auf das handgreiflichste aus meinen vielen Erfahrungen wohl beweisen könnte, – und weil du selbst keinen Glauben an irgendeinen Gott hast, so ist fürs zweite deine Rede vor mir nichts als ein eitel leeres Wortgepränge und hat keinen Wert vor mir.

[GEJ.10_086,02] Ich sage dir aber nun das nicht deshalb, um dich und deine Kollegen eures Benehmens wegen irgend strafen zu wollen; aber das sage und bedeute ich dir damit, daß ihr mit allem eurem weise scheinenden Geschrei vor dem Volke, dessen besserer Teil euch schon lange haarklein durchschaut hat, eine schlechte Wirkung erzielen werdet, besonders in dieser Zeit, in der sich unter den Juden die hellste Wahrheit über das Dasein nur eines allein wahren Gottes und über die Art, wie man Ihn verehren soll, und über die Bestimmung des Menschen zur höchsten Evidenz auszubreiten anfängt und bereits gar viele der besseren Heiden sich zu dem neuen Glauben der Juden wenden und in ihm einen wahren Trost und eine best- und festest gegründete Beruhigung finden.

[GEJ.10_086,03] So ihr davon sicher auch schon Kunde erhalten habt, – warum habt ihr euch davon noch keine Überzeugung zu verschaffen gesucht, und warum verharret ihr hartnäckig vor dem Volke bei dem, was ihr selbst noch nie geglaubt habt, es aber dennoch das Volk glauben machen wollt durch euer leeres Geschrei?

[GEJ.10_086,04] So ihr in euch von der Nichtigkeit unseres Göttertums überzeugt seid und an sie keinen Glauben habt, so suchet zuerst für euch selbst die Wahrheit; und habt ihr sie irgend gefunden, so enthaltet sie dem nur nach der vollen Wahrheit dürstenden Volke nicht vor, und ihr werdet euch dadurch dem Volke und dem Staat sicher nützlicher erweisen denn durch euer leeres Geschrei!

[GEJ.10_086,05] Machet aus den Götzentempeln Unterkunftswohnungen für eure Armen und Kranken, und kehret auch den Fremden nicht den Rücken, und ihr werdet dadurch die wahre und lebensvolle Gnade bei dem einen, allein wahren Gott finden, die euch sicher mehr nützen wird denn alle die toten Erdschätze, die ihr durch euer unsinniges Geschrei bei allen solchen Gelegenheiten, wie die diesnächtliche war, vom Volke erpreßt habt!"

[GEJ.10_086,06] Sagte hierauf der Heidenpriester: „Hoher Gebieter, du hast nun vollkommen die Wahrheit gesprochen, und es steht mit uns denn auch gerade also; aber wohin sollen wir uns wenden, um jene lebendige Wahrheit zu finden, die uns und auch dem Volke mehr nützen würde als der Besitz aller Schätze der ganzen Erde? Und was sollen wir, so wir diese Wahrheit gefunden und danach auch das Volk belehrt und bekehrt haben würden, unseren Oberpriestern dann erwidern, so sie uns zur Verantwortung zögen darob, daß wir das Volk von dem, was sie lehren und haben wollen, abwendig machen und es zum reinen Judentum bekehren?"

[GEJ.10_086,07] Sagte der Hauptmann: „Wohin ihr euch zu wenden habt, um die reine und lebendige Wahrheit und den einen, allein wahren Gott kennenzulernen und also auch Seinen Willen, da kann ich euch den allerkürzesten Weg zeigen.

[GEJ.10_086,08] Seht, hier mir zur Rechten sitzend ist der Mann, der euch die reinste Wahrheit in aller Fülle zeigen kann, und Er ist auch in Sich eben Derjenige Selbst, dem alle Kräfte und Mächte der Himmel und dieser Erde gehorchen! Werdet ihr das erkennen und wohl einsehen, da wird es euch schon von selbst klar werden, was ihr denen zu sagen habt, die euch danach fragen würden, warum ihr, samt dem euch anvertrauten Volke, zum wahren Judentum übergetreten seid.

[GEJ.10_086,09] Übrigens sind wir Römer in bezug der verschiedenen Götterlehren ja ohnehin sehr duldsam und verwehren niemand seine Art und Weise, in der er sich irgendeine Gottheit vorstellt und an sie glaubt und auf sie vertraut, was ihr ebensogut wisset wie ich; denn haben die Römer auch viele Völker in Asien, Afrika und Europa besiegt und zu Untertanen Roms gemacht, so haben sie ihnen doch ihre Götterkunde stets unangetastet gelassen und haben den fremden Göttern auch in Rom Tempel errichtet. Es ist also Rom in dieser Hinsicht duldsam, und ihr habt daher nichts zu befürchten, und hier in Asien um so weniger, indem da ja ohnehin das Judentum als Gotteslehre herrschend ist.

[GEJ.10_086,10] Ich habe euch nun den Weg zur reinen und lebendigen Wahrheit gezeigt, und ihr könnet nun tun, wie es euch beliebt."

 

87. Kapitel

[GEJ.10_087,01] Auf diese Rede des Hauptmanns besahen Mich die beiden Priester vom Haupte bis zu den Füßen, und der eine fragte Mich, sagend: „Wer bist du denn, da dir unser Gebieter vor uns ein Zeugnis geben mochte, das man wahrlich nur einem Gott geben kann? Rede du selbst von dir, und wir wollen dir glauben, was du auch reden wirst!

[GEJ.10_087,02] Bist du etwa eben derjenige, von dem uns draußen unsere Armen erzählten, daß er den Winden, den Wolken und dem Feuer gebot vom Hügel Talba, und sie gehorchten ihm?"

[GEJ.10_087,03] Sagte Ich: „Ja, ebenderselbe bin Ich! Das Zeugnis des Hauptmanns ist wahr, haltet euch an dasselbe, – alles andere, was euch und eurem Volke not tut, werdet ihr von diesem Wirte und seinen beiden Nachbarn erfahren.

[GEJ.10_087,04] Werdet ihr vollgläubig danach handeln, so werdet ihr in euch das ewige Leben erwecken und es dann auch für ewig behalten. Denn Ich Selbst – obwohl vor euren Augen seiend ein Menschensohn – bin der Weg, die Wahrheit und das ewige Leben. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre vollkommen tut, der wird leben der Seele nach ewig, so er auch stürbe dem Leibe nach viele Male.

[GEJ.10_087,05] Wie aber Meine Lehre lautet – ganz kurz und für jedermann leicht faßlich –, das werdet ihr schon von denen erfahren, die Ich euch angezeigt habe. Und so denn möget ihr nun schon wieder zu euren Kollegen hinausgehen und ihnen sagen, was ihr vernommen habt! Sie sollen vom Volke zur Versöhnung der nichtigen Götter keine Opfer mehr erpressen; denn so sie das forttun, dann werde Ich den Mächten der Erde noch einmal den freien Lauf lassen, und sie mögen dann zusehen, wie es ihnen ergehen wird!"

[GEJ.10_087,06] Als die beiden Heidenpriester das von Mir vernommen hatten, sagten sie kein Wort mehr, sondern verneigten sich tief vor Mir und auch vor dem Hauptmann und begaben sich schnell hinaus auf die breite Straße zu ihren Kollegen, die dem Volke noch allerlei Wundermärchen über die Götter erzählten und so manchen Pfennig bekamen.

[GEJ.10_087,07] Als die beiden hinauskamen, ersahen sie ihre Gefährten, gingen auf sie zu und fragten sie voll Neugier, was sie beim Hauptmann ausgerichtet hätten, und was es mit Mir für eine Bewandtnis habe.

[GEJ.10_087,08] Die beiden aber sagten: „Ihr, unsere lieben Freunde, hört! Die Sache ist von höchster Wichtigkeit, und wir werden später in unserer Wohnung ausführlich davon reden; doch hier auf der offenen Straße ist kein Ort, über derlei Dinge zu reden.

[GEJ.10_087,09] Der Mann jedoch, von dem uns die Armen erzählten, daß Ihm alle Mächte, Kräfte und Elemente der Erde gehorchen, scheint mehr denn ein purer Mensch zu sein! Und Dieser hat ganz entschieden zu uns gesagt, daß wir von unserem Sühnopfersammeln für die Götter, die nichts seien, sogleich abstehen sollen, ansonst wir von Ihm noch etwas Ärgeres würden zu erleiden bekommen, als was wir in dieser Nacht zu erleiden hatten. Daher stehen wir von unserer Sammlerei denn auch alsogleich ab und begeben uns in unsere Burg; dort werden wir beraten, was da fürder zu tun sein wird! Denn es muß an der Sache des höchst sonderbaren Menschen im vollsten Ernste vieles gelegen sein, ansonst unser Hauptmann, der alles wohl zu prüfen versteht, eben diesem Manne nicht so sehr huldigen und Ihm ein Zeugnis vor uns geben würde, das man nur einem klar und wohl erkannten Gott geben kann. Doch hier nichts Weiteres mehr von dieser Sache!"

[GEJ.10_087,10] Auf diese Worte der beiden Priester wurden alle in hohem Grade betroffen, ließen das Sammeln und begaben sich in ihre Burg, und einige der ersten Bürger dieser Stadt begleiteten sie in großer Spannung.

[GEJ.10_087,11] Als sie in der Burg anlangten, die mit allerlei Götzenstatuen geziert war, da bestieg der eine der beiden, die bei Mir in der Herberge waren, die Rednerbühne und sagte: „Wollet mich denn nun vernehmen! Ich werde euch in der möglichen Kürze das mitteilen, was ich in der Judenherberge von unserem weisen Hauptmanne und dann aber hauptsächlich von dem sonderbaren Mann vernommen habe, das wir uns alle im hohen Grade zu Gemüte zu nehmen haben; denn ein Mensch, dem alle Mächte und Kräfte der Himmel und der Erde gehorchen, ist sicher mehr, größer und beachtenswerter denn alle unsere Götter, von denen niemand von uns mit irgendeiner überzeugenden Bestimmtheit sagen kann, daß sie jemals waren oder jetzt in der Wirklichkeit irgend sind außer in den Tempeln, gemacht von Menschenhänden.

[GEJ.10_087,12] Niemand hat irgend erlebt, daß einer unserer vielen Götter ein wahres Wunder gewirkt hätte. Was da vor dem blinden Volke als ein Wunder gewirkt ward unter der Anrufung eines oder des andern Gottes, das hat nicht der angerufene Gott, sondern – wie wir es wohl wissen – nur der in der Magierkunst wohlbewanderte Priester durch die ihm zu Gebote stehenden Mittel bewirkt; ohne solche Mittel aber hat noch niemals, zum wenigsten unseres guten Wissens, selbst der Pontifex maximus in Rom ein Wunder gewirkt.

[GEJ.10_087,13] So aber dieser Mensch, von dem ich rede, ohne alle irgend begreifbaren Mittel, sondern nur durch Sein Wort und durch Seinen Willen allen Mächten der Himmel und der Erde gebietet und sie Ihm gehorchen, so ist solch ein Mensch ganz allein ein wahrer Gott, und alles, das wir mit dem Worte Gott bezeichnen, ist nichts als eine Ausgeburt der menschlichen Phantasie und ist fürderhin von keinem denkenden und die Wahrheit suchenden Menschen als ein wirklich irgend seiendes Etwas anzunehmen.

[GEJ.10_087,14] Das ist eine notwendige Einleitung zu dem, was ich euch zu sagen und zu erzählen versprochen habe. Bevor ich euch aber das mitteile, was ich vom Hauptmanne und dann von dem Gottmanne vernommen habe, wollet ihr euch äußern, was ihr von eben diesem Gottmanne haltet!"

[GEJ.10_087,15] Sagten alle: „Rede du nur weiter und erzähle uns, was du vom Hauptmann und ganz besonders aber von dem Gottmanne vernommen hast; denn von all dem, wovon du überzeugt bist, daß es eine volle Wahrheit ist, sind auch wir überzeugt, daß es eine volle und vollkommene Wahrheit ist! Daher gehe du nur gleich zu der Hauptsache über; wir werden dich mit der größten Aufmerksamkeit anhören!"

 

88. Kapitel

[GEJ.10_088,01] Hierauf fing der Redner das Versprochene ganz ausführlich zu erzählen an, was er vom Hauptmanne und von Mir vernommen hatte, und alle wurden voll des höchsten Staunens schon während des Erzählens; und als der Redner alles genau wiedergegeben hatte, was er in der Herberge vernommen und was er auch selbst mit dem Hauptmanne und auch mit Mir geredet hatte, da sagten alle: „Wenn also, dann bleibt uns wohl freilich nichts anderes übrig, als völlig zu glauben, daß der Gottmann wahrlich ein lebendiger Gott ist, neben dem kein anderes Wesen als ein Gott anzunehmen und zu verehren ist; und so wir Seine Lehre und durch sie auch Seinen Willen aus dem Munde des Hauptmanns oder aus dem Munde eines andern Kundigen vernehmen werden, so werden wir das zu unserem Lebensgesetze machen und werden danach dann strenge handeln.

[GEJ.10_088,02] Doch unsere Götterlehren und Mythen samt den Statuen und Bildern werden wir für immer hinwegschaffen und auch unsere Kinder in der neuen Lehre unterweisen; ihr Priester aber werdet vor allem dafür sorgen, daß diese neue Lehre von jedermann vernommen, wohl verstanden und in ihrem gesetzlichen Teil strenge beachtet wird.

[GEJ.10_088,03] Aber nun wird es an der Zeit sein, daß wir alle hingehen und dem Gottmanne unsere erste, Ihm allein gebührende, möglich höchste Verehrung darbringen und mit ihr auch den Dank für die von uns nie verdiente Gnade, die Er uns dadurch erwiesen hat, daß Er zu uns kam und Sich uns sichtbar wohl zu erkennen gab."

[GEJ.10_088,04] Mit diesem Antrag waren alle vollkommen einverstanden, verließen die Priesterburg, begaben sich zu unserer Herberge und wollten auch gleich in dieselbe eintreten.

[GEJ.10_088,05] Da aber der Hauptmann das von Mir erfuhr – wie auch alle, die in der Herberge sich befanden –, was in der Priesterburg verhandelt worden war, so fragte er Mich, ob die Kommenden wohl in die Herberge, wo der Raum ein beschränkter sei, eingelassen werden sollten, oder ob man ihnen bedeuten solle, daß sie draußen warten sollen, bis es Mir genehm wäre, zu ihnen hinauszukommen.

[GEJ.10_088,06] Ich aber sagte: „Lasset sie alle zu Mir kommen, die da mühselig und mit allerlei Nacht belastet sind, und Ich will sie alle erquicken! Die zu Mir wollen, denen soll die Tür aufgetan werden, und sie werden in Mir Den finden, den sie lange vergeblich suchten und mit aller ihrer Weltweisheit nicht finden konnten. Wo Ich bin, da gibt es auch Raum für jeden, der Mich liebt und sucht."

[GEJ.10_088,07] Als der Hauptmann solches von Mir vernahm, da ging er selbst zur Tür und öffnete sie, als die Angekommenen schon vor der Türe harrten und unter sich berieten, wer von ihnen zuerst in die Herberge treten solle; denn als die bewußten Angekommenen zu der Herberge kamen mit dem Vorsatz, alsogleich in die Herberge einzutreten, befiel sie eine kleine Angst, und es getraute sich keiner, zuerst die Tür zu öffnen.

[GEJ.10_088,08] Als aber der Hauptmann selbst die Tür geöffnet hatte, da verneigten sich die Angekommenen vor ihm, und die beiden Priester fragten ihn, ob sie in die Herberge gehen dürften, um Mir zu geben die Ehre und den Dank für die Gnade, daß Ich auch zu ihnen in diese alte und sehr abgelegene Stadt gekommen sei und Mich von den blinden Menschen habe als der eine, allein wahre Gott erkennen lassen.

[GEJ.10_088,09] Sagte der Hauptmann: „Der Herr hat ein Wohlgefallen an euch, da Er um euer aller Beschluß, den ihr in der Halle gefaßt habt, gar wohl weiß, und so möget ihr nun wohl in die Herberge eintreten!"

[GEJ.10_088,10] Auf diese Antwort des Hauptmanns traten alle mit der höchsten Ehrfurcht in den Speisesaal, verneigten sich tiefst vor Mir, und die beiden Priester hielten eine wohlgeordnete Anrede an Mich und beendeten sie mit dem Dank, den sie alle Mir, schuldigst sich dünkend, darbringen wollten.

[GEJ.10_088,11] Als sie ihre Rede beendet hatten, da erhob Ich Mich, segnete sie und sagte: „Wohl jedem, der zu Mir kommt und Mich erkennt wie ihr nun! Denn wer Mich erkennt, der hat schon ein Licht dazu überkommen von Mir, daß er Mich erkennen und dann an Mich lebendig glauben kann.

[GEJ.10_088,12] Aber es ist dies Licht nun bei euch nur ein kleines Flämmchen in eurer Seele; so ihr aber erst Meine Lehre und mit ihr auch Meinen Willen werdet überkommen haben und werdet danach handeln und leben, so wird euer nunmaliges kleines Licht zu einer Sonne werden, und ihr werdet dann erst in die volle Wahrheit alles Lebens und Seins gelangen und in euch selbst erwecken das ewige Leben.

[GEJ.10_088,13] Der Wirt hier aber wird euch geben die Lehre, die er von Mir erhalten hat, und seine beiden Nachbarn und seine Leute werden für euch rechte Zeugen sein und euch vieles sagen, das ihr nun noch nicht wisset; so ihr aber solches wissen werdet, dann erst werdet ihr über Mich vollends ins klare kommen.

[GEJ.10_088,14] Nun aber setzet euch an einen Tisch und nehmet zu euch etwas Brot und Wein, und stärket eure Glieder; darauf wollen wir noch einiges miteinander besprechen und anordnen."

[GEJ.10_088,15] Darauf setzten sich die Heidenpriester mit etwelchen ersten Bürgern dieser Stadt an einen noch unbesetzten Tisch, und es ward ihnen alsbald Brot und Wein dargereicht, und sie aßen und tranken ganz wohlgemut; denn sie hatten schon Hunger und Durst.

 

89. Kapitel

[GEJ.10_089,01] Als der Wein ihnen die Zungen regsamer gemacht hatte, da fingen sie untereinander an, über allerlei ihnen bekannte Weise aus der Vorzeit zu reden und zu urteilen, und waren bald dieser und bald wieder einer andern Meinung. Am Ende kamen sie denn auch auf die jüdischen Weisen und Propheten, und der erste Priester wußte vieles von Moses und Jesajas, die er für die zwei größten Weisen der Juden hielt; nur gefiel ihm die oft zu verhüllte Sprache nicht, und er meinte, daß das überhaupt ein Fehler der meisten alten Weisen wäre, daß sie selten ganz klar und offen vor dem Volke geredet und geschrieben hätten, und daß gar viele Irrtümer eben dadurch ins Volk übergegangen seien, was bei einer klaren und unverhüllten Redeweise niemals hätte stattfinden können.

[GEJ.10_089,02] Als sie noch also untereinander redeten, gab Ich dem Jakobus M. einen Wink, daß er den irrig Urteilenden eine rechte Aufhellung geben solle; denn dieser Jünger war in dem Fache schon ganz wohl bewandert und verstand die Entsprechungen zwischen den geistigen und natürlichen Dingen wohl.

[GEJ.10_089,03] Er ging darum zu den Priestern der Heiden hin, grüßte sie und fing an, ihnen die Gründe kundzugeben, warum Moses und also auch die andern Weisen und Propheten nur so wie sie gerade geredet und geschrieben haben und nicht anders haben reden und schreiben können.

[GEJ.10_089,04] Die Priester und auch die Bürger hatten das bald aufgefaßt und recht wohl begriffen und lobten daher sehr den Jünger und gaben Mir die Ehre und einen rechten Dank, daß Ich auch einem Menschen eine so tiefe Einsicht in die rein göttlichen Dinge gegeben habe.

[GEJ.10_089,05] Darauf ging der Jünger wieder an seinen Platz, und die Heidenpriester und die bei ihnen seienden Bürger urteilten nun ganz anders über die Rede- und Schreibweise der alten Weisen und brachten viele gute Dinge zum Vorschein, über die sich auch unser Hauptmann recht sehr verwunderte, sich auch zu ihnen begab und mit ihnen zu reden begann und ihnen auch so manches, was er von Mir wußte, ganz offen kundgab, worüber die Heidenpriester und anwesenden Bürger eine größte Freude an den Tag legten.

[GEJ.10_089,06] Es ward ihnen vom Hauptmanne auch die wahre Gestalt der Erde, die Art ihrer Bewegung und ihre Größe, sowie auch der Mond, die Sonne, die Planeten und die andern Gestirne in Kürze so faßlich als möglich dargestellt, und die Unterrichteten hatten darüber eine große Freude.

[GEJ.10_089,07] Und einer sagte: „Wenn sicher also und nicht anders, in wie vielen Irrtümern sind da eine Unzahl von Menschen noch tiefst begraben, und wann wird es bei ihnen auch darin licht und helle werden?"

[GEJ.10_089,08] Und der Hauptmann sagte: „Freunde, das überlassen wir allein dem Herrn; denn Er allein weiß es am allerbesten, in welcher Zeit Er einem Volke in allen Dingen ein größeres Licht zu geben hat! Von nun an aber wird das rechte und hellste Licht nach Seinem Willen schon in der Eile unter die Menschen, die eines guten Willens sind, verbreitet werden, und wir selbst werden bei diesem Geschäft unsere Hände nicht in den Schoß der Trägheit legen!"

[GEJ.10_089,09] Sagten alle: „Wahrlich, das werden wir nimmer; denn nun wissen wir es in aller Wahrheit, was wir zu tun haben, und für wen und warum!

[GEJ.10_089,10] O der langen Geistesnacht, die schon unsere Urväter und nun auch uns mit ehernen Banden gefangenhielt! Dem Herrn und allein wahren Gott ohne Anfang und Ende, in dem alle Mächte und Kräfte vereint sind, alle Ehre, alles Lob und allen Dank, daß Er Sich so tief herabgewürdigt hat, Selbst Fleisch und Blut anzuziehen, um uns aus der alten Nacht des Todes zu erlösen! Denn ein Mensch, der in allen Dingen und Erscheinungen, die ihn umgeben, in der größten Irre und vollsten Geistesblindheit sich befindet, ist am Ende, beim rechten Lichte betrachtet, ja um vieles ärger daran als jedes Tier und ist so gut wie tot anzusehen.

[GEJ.10_089,11] Aber wenn er im Geiste erweckt wird, dann erst wird er lebendig und steht mit seiner reinen Gotteserkenntnis und -liebe hoch erhaben über aller andern materiellen Kreatur.

[GEJ.10_089,12] Bis jetzt war unser Leben nur ein eitler Traum, in dem der Träumende wohl auch ein verworrenes Dasein fühlt, sich aber von nichts eine wahre Rechenschaft geben kann, daher auch nichts einsieht und der Wahrheit nach begreift.

[GEJ.10_089,13] Aber unser Traumzustand hat nun durch die Gnade des Herrn ein Ende genommen, wir sind wach geworden und leben nun in der Wirklichkeit. Und welch eine Seligkeit ist da das Leben, in dem man zum vollen Bewußtsein gelangt, daß man wirklich und wahrhaft lebt und das Leben auch nicht mehr verlieren kann, so man in Dem verbleibt in der rechten Liebe, der ewig das Urleben alles Lebens Selbst ist ohne Anfang und Ende. Oh, wie glücklich fühlen wir uns schon jetzt in der vollen Gegenwart Gottes, des ewigen Herrn über alle Dinge, obschon uns noch des Leibes Schwere und Gericht drückt; wie endlos glücklich aber werden wir uns erst dann fühlen, so uns der Herr bald auch von dieser Bürde erlösen wird!

[GEJ.10_089,14] Doch zuvor sollen noch möglichst viele unserer armen Mitbrüder durch uns auch zum Leben des Geistes aus ihrem Todesschlaf und eitlen Traum erweckt werden; denn was uns nun gar so selig gemacht hat, das soll in der Folge gar viele tausendmal Tausende von Menschen durch unsere Mühe ebenso selig machen!"

[GEJ.10_089,15] Auf diese gute Rede wurde der Redner selbst ganz gerührt und konnte vor Tränen nicht mehr weiterreden.

 

90. Kapitel

[GEJ.10_090,01] Hier erhob denn auch Ich Mich von Meinem Stuhl, trat mit freundlicher Miene hin zu den Heidenpriestern und etlichen Bürgern dieser Stadt und sagte: „Höret, so ihr in Meinem Namen Mein Licht und Reich mit der rechten und uneigennützigen Nächstenliebe unter euren noch in tiefer Finsternis schmachtenden Brüdern und Schwestern ausbreiten werdet, desto erleuchteter und lebensvollkommener werdet ihr selbst werden, und es werden euch dann erst Dinge eröffnet werden, von denen ihr jetzt noch keine Ahnung habt und auch nicht haben könnt!

[GEJ.10_090,02] Bleibet aber fortan diesem eurem Vorsatz getreu, und lasset ihn nicht verdrängen von den Anreizungen dieser Welt, so werdet ihr bleiben in Mir und Ich in euch!

[GEJ.10_090,03] Suchet die Welt zuerst in euch zu besiegen, und es wird dann für euch auch ein leichtes sein, sie auch in euren Brüdern zu besiegen! Es kann niemand seinem Nächsten etwas geben, das er zuvor nicht selbst besitzt. Wer in seinem Bruder die Liebe erwecken will, der muß mit der Liebe ihm entgegenkommen, und wer in seinem Nebenmenschen die Demut erzeugen will, der muß mit der Demut zu ihm kommen. So erzeugt die Sanftmut wieder Sanftmut, die Geduld die Geduld, die Güte die Güte, die Barmherzigkeit die Barmherzigkeit.

[GEJ.10_090,04] Nehmet euch alle an Mir ein Beispiel! Ich bin der Herr über alles im Himmel und auf Erden, in Mir ist alle Macht, Gewalt und Kraft, und dennoch bin Ich von ganzem Herzen voll Liebe, Demut, Sanftmut, Geduld, Güte und Barmherzigkeit. Seid ihr alle desgleichen, und man wird daraus wohl erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!

[GEJ.10_090,05] Liebet euch untereinander als Brüder, und erweiset euch Gutes! Keiner erhebe sich über den andern und wolle ein Erster sein; denn Ich allein bin der Herr, – ihr alle aber seid pur Brüder. In Meinem Reiche wird nur der ein Erster sein, der ein Geringster und stets bereit ist, in allem Guten und Wahren seinen Brüdern zu dienen.

[GEJ.10_090,06] In der Hölle dies- und jenseits, als im Reiche der Teufel und aller bösen Geister, ist der hochmütigste, stolzeste, selbst- und herrschsüchtigste Geist der Erste zur Qual der Niedereren und Kleineren, und zwar aus dem Grunde, damit die andern mehr oder weniger in einer Art Demut, im Gehorsam und in der Untertänigkeit erhalten werden; aber in Meinem Reiche ist es nicht also, sondern wie Ich es euch nun gesagt habe.

[GEJ.10_090,07] Seht hin auf die Großen dieser Welt, die auf den Thronen sitzen und über die Völker herrschen! Wer darf sich ihnen anders als nur mit der tiefsten Untertänigkeit nahen? Würde es jemand wagen, sich einem Herrscher gebieterisch zu nahen, – was würde wohl sein Los sein?

[GEJ.10_090,08] Seht, ebenso ist die Ordnung auch in der Hölle bestellt; aber unter euch, Meinen Jüngern, soll es nicht also sein, sondern so nur, wie Ich es euch gezeigt habe!

[GEJ.10_090,09] Die Großen der Welt lassen sich lange bitten, bis sie jemand irgendeine Wohltat im Wege der außerordentlichen Gnade erweisen; aber ihr sollet euch zur Erweisung einer Wohltat von einem eurer Nächsten nicht zuvor bitten lassen. Denn nur Gott, den wahren Herrn und Vater von Ewigkeit, möget ihr um all die guten Dinge bitten, und sie werden euch zukommen; aber Brüder sollen sich untereinander nicht bitten lassen.

[GEJ.10_090,10] So aber ein demütiger, armer Bruder seinen reicheren um etwas bittet, da soll der Reichere es ihm ja nicht vorenthalten, ihm das zu tun, um was der Ärmere ihn gebeten hat; denn eine Herzenshärte erzeugt die andere, und Mein Reich ist nicht in ihr.

[GEJ.10_090,11] Was nützte es dem Menschen, in sich zu sagen und zu bekennen: ,Herr, Herr, Gott Himmels und der Erde, ich glaube ungezweifelt, daß Du der einzige und ewig allein wahre, allweiseste und allmächtige Schöpfer aller Sinnen- und Geisterwelten bist, und daß alles, was da lebt, denkt und will, nur aus Dir lebt, denkt und will!‘?

[GEJ.10_090,12] Ich sage es euch, daß das niemandem zum wahren Heile seiner Seele etwas nützen würde, sondern nur dem wird ein solcher Glaube wahrhaft zum Heile seiner Seele nützen, der das mit aller Freude tut, was Ich zu tun ihm anbefohlen habe; denn ein freundlicher und fertiger Täter Meines Willens tut mit dem wenigen, was er tun kann, zehnfach mehr als derjenige, der sich lange bitten läßt und dann mit der Liebestat an seinem Nächsten sich rühmt und brüstet.

[GEJ.10_090,13] Wie ihr es nun aus Meinem Munde vernommen habt, also tuet es auch, und ihr werdet dadurch erst in euch lebendigst innewerden, daß Meine Worte wahrhaft Gottes Worte sind, und ihr werdet dadurch Meinen Geist in euch erwecken, und der wird euch in alle Weisheit der Himmel leiten, euch zum ewigen Leben reinigen und euch zu wahren Gotteskindern machen.

[GEJ.10_090,14] Und nun wisset ihr zur Erreichung des ewigen Lebens eurer Seele vorderhand zur Genüge; ein noch Weiteres werdet ihr – wie es euch schon gesagt worden ist – von diesem Wirte und dessen beiden Nachbarn erfahren, und das Vollkommenste aber dann erst durch Meinen Liebegeist in euch. – Habt ihr alle das wohl auch verstanden?"

 

91. Kapitel – Der Herr in Aphek. (Kap.91-118)

[GEJ.10_091,01] Sagte der Redner: „O Du Herr und Meister von Ewigkeit! Verstanden haben wir das sicher alle wohl und gut, denn Du hast ja in reiner, uns wohlverständlicher Sprache zu uns geredet; aber das sehen wir auch ein, daß wir noch sehr weit vom rechten Lebensziel entfernt sind, und daß wir noch manchen Kampf mit uns selbst und mit den andern Menschen dieser Welt werden zu bestehen bekommen!"

[GEJ.10_091,02] Sagte Ich: „Da hast du ganz richtig und recht geredet; denn um Meines Namens willen werdet ihr von der Welt viele Verfolgungen und Verlästerungen zu erdulden bekommen. Aber da verliert die Geduld und den Mut nicht, und kämpft mit aller Liebe und Sanftmut gegen die Feinde der Wahrheit und des Lichtes aus den Himmeln, und ihr werdet euch die Krone des Sieges erringen!

[GEJ.10_091,03] Stehet nur von der rechten Liebe in eurem Herzen niemals ab; denn sie erduldet alles und siegt am Ende über alles! So ihr in der Liebe mit Mir handeln und wandeln werdet, so werdet ihr auf Schlangen und Salamandern und Skorpionen einhergehen können, und ihre Giftbisse werden euch keinen Schaden verursachen können; und so man euch Gift zu trinken bieten wird, da wird es nicht krank machen eure Eingeweide. Und Ich, der Herr, sage dazu: Amen, also sei es und bleibe es für jeden, der wahrhaft in Meiner Liebe verbleiben wird!

[GEJ.10_091,04] Aber wer neben Meiner Liebe auch mit der Welt von Zeit zu Zeit mecheln (liebäugeln) wird, der auch wird vor all dem Schaden der Weltgifte nicht gesichert sein.

[GEJ.10_091,05] Wer Mich aber wahrhaft lieben und Meine leichten Gebote halten wird, zu dem werde Ich, wenn er es im Herzen nur immer ganz lebendig wünschen und verlangen wird, kommen und werde Mich ihm offenbaren und ihm geben allerlei Kraft und Macht, zu kämpfen wider alle die argen Geister der Welt und der Hölle, und sie werden ihm nicht zu schaden vermögen. Und nun wisset ihr noch näher, wie ihr mit Mir daran seid!

[GEJ.10_091,06] Wer Mich nicht verlassen wird, den werde auch Ich nicht verlassen; und wer mit Mir wider die Welt und die Hölle kämpfen wird, der wird auch des Sieges sicher sein."

[GEJ.10_091,07] Als Ich dieses zu den Heidenpriestern geredet hatte, da dankten sie Mir alle voll Inbrunst in ihren Herzen für solch eine Belehrung und mit ihr engst verbundene Verheißung, erhoben sich von ihren Sitzen und wollten in ihre Burg gehen, um da alles zu veranstalten anzufangen, um Meine Lehre und Mich unter den Heiden würdevoll zu verkünden.

[GEJ.10_091,08] Ich aber sagte zu ihnen: „Freunde, was ihr nun schon tun wollt, dazu hat es morgen der Zeit zur Übergenüge; für jetzt aber bleibet noch hier und haltet mit uns das Mittagsmahl, und stärket euch damit!

[GEJ.10_091,09] Nach dem Mahle aber werde Ich Selbst mit Meinen Jüngern und mit eurem Hauptmann von hier weiterziehen, und ihr könnet euch dann mit dem Wirte und mit seinen beiden Nachbarn über Mich weiter besprechen und Vorkehrungen treffen, wie ihr etwa morgen schon über Mich mit den Bewohnern dieser Stadt und ihrer Umgebung werdet zu verkehren haben."

[GEJ.10_091,10] Als die Heidenpriester und die etlichen ersten Bürger solches von Mir vernommen hatten, da dankten sie abermals für diesen Antrag, setzten sich wieder an ihren Tisch, auf den gleich darauf wohlbereitete Speisen und Brot und Wein in rechter Menge aufgesetzt wurden, sowie auch zugleich auf die andern Tische. Und Ich setzte Mich denn auch an unseren Tisch, und wir alle nahmen frohen Gemütes das Mahl zu uns.

[GEJ.10_091,11] Nach dem Mahle aber erhob Ich Mich mit den Jüngern sogleich, und ebenso auch der Hauptmann mit seiner Tochter, die sich während der Zeit, als wir mit den Heidenpriestern zu tun hatten, in der Küche befand und sich an der Bereitung des Mittagsmahles sehr tätig beteiligte.

[GEJ.10_091,12] Der Wirt führte Mir noch einmal sein Weib, seine Kinder und auch seine Dienerschaft vor und bat Mich um Meinen Segen, und Ich segnete alle, die im Hause sich befanden, auch die Heidenpriester und die etlichen Bürger und selbstverständlich auch die beiden Nachbarn mit ihrer gesamten Familie, wofür Mir alle mit dem gerührtesten Gemüte dankten.

[GEJ.10_091,13] Darauf sagte Ich zum Hauptmanne: „Wir ziehen nun nach Aphek, aber nicht nach der Heeresstraße, sondern einem Fußsteige entlang, auf daß wir kein Aufsehen bei den Bewohnern machen, die sich an der Straße angesiedelt haben."

[GEJ.10_091,14] Das war dem Hauptmanne recht, und wir verließen sogestaltig Golan und erreichten gegen Abend die Bergstadt Aphek.

 

92. Kapitel

[GEJ.10_092,01] Der Weg von Golan nach Aphek war ein ziemlich beschwerlicher, weil wir da einen tiefen Graben, der ins Jordantal einmündete, zu übersteigen hatten, was uns eine Zeit von nahe ein paar Stunden kostete.

[GEJ.10_092,02] Als wir uns aber gegen Abend der Bergstadt Aphek nahten, da fragte Mich der Hauptmann, sagend: „Herr und Meister! Wo werden wir denn in dieser Stadt die Nachtruhe nehmen? Denn in dieser Stadt gibt es meines guten Wissens gar keine Judenherberge und ebenso auch keine sonstigen Judenbürger; einige jüdische Dienstboten dürften zerstreut darin anzutreffen sein, – aber, wie gesagt, keine ansässigen Juden. Ich habe auch in dieser Stadt eine wohleingerichtete Wohnburg; so es Dir wohlgefiele, möchtest Du da nicht in der besagten Burg die Nachtruhe nehmen?"

[GEJ.10_092,03] Sagte Ich: „Eine Burg hast du wohl, und sie ist versehen mit allerlei Ruhebetten, Tischen, Bänken und Stühlen, – aber deine Speisekammern sind leer; also hast du auch keinen Wein und kein Brot und Salz. Wir aber sind müde geworden – und namentlich die schon ziemlich alten Jünger bis auf einige wenige, die in Meinen Jahren stehen – und alle sollten mit etwas Speise und Trank gestärkt werden. Wird das in deiner Wohnburg wohl möglich sein?

[GEJ.10_092,04] Ich weiß aber, daß du dir nun denkst und in dir sagst: „,Herr, Dir ist alles möglich!‘" Da hast du wohl recht; aber wir ziehen nicht in diese Stadt, um nur auszuruhen und mit wundersamer Speise unsere müden Glieder zu stärken, sondern um Mein Lebensreich auch auch hier unter den Heiden auszubereiten.

[GEJ.10_092,05] Wir werden daher deine Wohnburg nicht beziehen, sondern in der Mitte der Stadt in einer Römerherberge Unterkunft suchen und auch nehmen. Dort werden sich alsbald seltsame Gelegenheiten bieten, Mein Reich unter den Heiden auszubreiten."

[GEJ.10_092,06] Als der Hauptmann solches von Mir vernommen hatte, da war er sogleich mit Mir völlig einverstanden; nur machte er die Bemerkung, daß der bezeichnete Herbergswirt ein stockfester Heide sei, und daß es in seinem sonst wohl sehr geräumigen Hause von allen möglichen Götzenbildern derart wimmele, daß man es eher ein förmliches Pantheon denn eine Herberge nennen könnte. Auch seien in dieser Herberge stets mehrere Heidenpriester zugegen und machten sich darin breit.

[GEJ.10_092,07] Sagte Ich: „Sieh, eben darum habe Ich diese Herberge erwählt für unsere Unterkunft, und es wird sich darin vieles bewirken und bewerkstelligen lassen! Darum gehen wir nun nur raschen Schrittes dahin, auf daß wir in derselben Aufnahme finden mögen!"

[GEJ.10_092,08] Darauf gingen wir raschen Schrittes der Stadt zu und erreichten sie noch vor der Torsperre.

[GEJ.10_092,09] Als wir ans Tor kamen, stand da eine römische Wache und hielt uns an.

[GEJ.10_092,10] Da aber trat der Hauptmann vor und verlangte den, der über die Wachen zu befehlen hatte; als dieser kam, da erkannte er alsbald den Hauptmann und befahl der Wache, uns ungehindert in die Stadt einziehen zu lassen, da solches der Hauptmann von ihm verlangt hatte.

[GEJ.10_092,11] Wir kamen bei schon ziemlicher Dunkelheit vor die schon bezeichnete Herberge, und der Hauptmann sandte sogleich einen Unterdiener in die Herberge, der dem Wirte zu sagen hatte, sich alsbald zu uns heraus zu begeben, was denn auch sogleich geschah.

[GEJ.10_092,12] Als der Wirt zu uns kam, da fragte ihn der Hauptmann, ob wir bei ihm eine gute Unterkunft haben könnten.

[GEJ.10_092,13] Sagte der Wirt: „So gut ich's habe, will ich sie euch geben; doch mit der nötigen Bedienung für die Gäste, die mit dir, hoher Gebieter, kommen, wird es für diesmal freilich ganz schwach aussehen, denn mehr denn zwei Dritteile liegen krank danieder. Die große Angst, die sie in der vorigen Nacht während des heftigen Sturmes und Erdbebens zu bestehen hatten, und die Furcht vor einer Wiederkehr von solch einer Kalamität hat besonders meine weibliche Dienerschaft völlig dienstuntauglich gemacht.

[GEJ.10_092,14] Es haben sich wohl unsere Priester alle Mühe gegeben, meine Leute teils durch Reden und teils auch durch andere Mittel zu heilen, aber bis jetzt war alles vergeblich. Die Zeit wird sicher noch der beste Arzt meiner kranken Diener und Dienerinnen werden.

[GEJ.10_092,15] Wir alle haben erst vor einer Stunde es gewagt, ins Haus zu treten; denn die ganze halbe Nacht befanden wir uns im Freien, aus begreiflicher Furcht vor dem sehr leicht möglichen Einsturz unserer Häuser. Denn wenn die aufeinandergelegten Steine einmal ganz gewaltig zu klaffen und zu klappern anfangen, dann ist es auch schon die höchste Zeit, sich aus den Häusern ins Freie zu begeben.

[GEJ.10_092,16] Ich sage es in aller Untertänigkeit dir, du hoher Gebieter, daß jetzt noch mehr als drei Vierteile der Bewohner dieser Stadt sich im Freien befinden, und so auch mehrere meiner bravsten Diener und Dienerinnen; nur wenige haben den Mut gehabt, sich mit mir und meiner Familie erst vor einer Stunde ins Haus zu begeben. Und so sieht es mit schon bereiteten Speisen bei mir für heute sehr schlimm aus; aber mit Brot, Salz und Wein kann ich euch schon aufwarten.

[GEJ.10_092,17] Ja, hoher Gebieter, diese Nacht hat mir einen großen Schaden zugefügt! Aber was vermag der schwache und sterbliche Mensch gegen die Allmacht der unsterblichen Götter und ihrer Elemente!

[GEJ.10_092,18] Die Priester – ich sollte es zwar freilich nicht sagen – haben durch ihre Buß- und Opferreden vor dem ohnehin schon überaus verzagten Volke zu der großen Wirrnis dieses Tages wohl sehr vieles beigetragen. Jetzt, gegen Ende des Tages, haben sie ihre Lyren freilich wohl mit besseren Saiten zu beziehen angefangen; aber es fruchtet das wenig, weil das Volk noch immer die Götter als viel zuwenig versöhnt wähnt und somit eine Wiederkehr der schrecklichen Kalamität befürchtet.

[GEJ.10_092,19] Und daran schulden auch wieder unsere äußerst habgierigen Priester, die dem Volke laut vorpredigten, daß die Götter, so sie einmal derart über die losen Menschen erzürnt sind, daß darob die Grundfesten der Erde sich zu erschüttern anfangen, nicht mit geringen Opfern zu besänftigen seien. Sie gäben auf die Bitten der Priester wohl auf eine kurze Zeit nach; wenn aber das Volk dann auf die Mahnworte der von den Göttern inspirierten Diener irgend zu wenig achtet und nicht alsbald beinahe mit seiner ganzen Habe herbeieilt und sie vor die Füße der Stellvertreter aller Götter niederlegt, und ganz besonders möglichst viel Gold und Silber, so werden die Götter noch zorniger denn ehedem und lassen dem Volke dann ums Hundertfache ärger ihren Zorn fühlen.

[GEJ.10_092,20] Nun, unsere Bergstadt ist zum größten Teil arm, und die Menschen konnten den Anforderungen der Priester bei weitem nicht nachkommen, befürchten darum eine Wiederkehr der großen Kalamität und sind um keinen Preis der Welt in die Stadt hereinzubringen.

[GEJ.10_092,21] Also stehen bei uns die Sachen, und du, hoher Gebieter, wirst es einsehen, aus welchem Grunde ich dich und deine sicher auch hohe Gesellschaft in dieser Nacht nur sehr karg und mager werde zu bewirten imstande sein.

[GEJ.10_092,22] Tretet denn wohlgefällig in dies mein großes Haus, und wir werden schon sehen, was sich im selben noch alles wird tun lassen!"

 

93. Kapitel

[GEJ.10_093,01] Auf diese ganz triftige Entschuldigungsrede des Wirtes gingen wir ins Haus und wurden sogleich in den größten und am zierlichsten eingerichteten Saal geführt, der bis jetzt nur ganz spärlich mit einer Lampe erleuchtet war, aber alsogleich besser und mit mehreren Lampen genügend erleuchtet wurde.

[GEJ.10_093,02] Nun bemerkte der Wirt, daß wir in der Gesellschaft des Hauptmanns bis auf sein Gefolge alle Juden waren. Er fragte darum den Hauptmann, wie es käme, daß er, als sonst bekannt nicht ein besonderer Freund der Juden, nun in ihrer Gesellschaft eine Bereisung, und zu Fuß auch noch dazu, mache. Und wie werde er, als ein Römerwirt, der den Juden ein Greuel ist, nun diese zufriedenzustellen imstande sein?

[GEJ.10_093,03] Sagte der Hauptmann: „Kümmere du dich jetzt um nichts anderes, als daß du uns bringest Brot, Salz und Wein in rechter Menge; dann wird sich dir alles andere schon wie von selbst zu enthüllen anfangen."

[GEJ.10_093,04] Da ward sogleich Brot, Salz und Wein in rechter und genügender Menge herbeigeschafft. Wir setzten uns an einen großen Tisch, der ganz aus Stein angefertigt war, und nahmen etwas Brot mit Salz zu uns und tranken darauf den Wein.

[GEJ.10_093,05] Es fiel aber dem Wirte auf, daß des Hauptmanns Tochter Mir, als Ich zu trinken begehrte, sogleich den Mir in Pella kredenzten goldenen Becher, mit Wein gefüllt, vorsetzte und Ich denselben auch an Meinen Mund führte und daraus trank, während alle andern Anwesenden den Wein aus tönernen Krügen tranken.

[GEJ.10_093,06] Der Wirt und auch ein paar seiner Diener betrachteten Mich aus einer kleinen Ferne vom Kopfe bis zu den Füßen und wußten nicht, was sie aus Mir machen sollten.

[GEJ.10_093,07] Der Wirt sagte bei sich: „Der muß etwas Hohes sein, ansonst ihm unser Hauptmann nicht also huldigen würde!"

[GEJ.10_093,08] Als wir uns alle mit Brot und Wein hinreichend gestärkt hatten, da sagte Ich zum Wirte: „Siehe, du Wirt, deinem Hause ist ein großes Heil widerfahren! Ihr meisten Römer und Griechen seid nicht unbewandert in den Schriften der Juden, und daß ihnen und durch sie auch euch Heiden ein Messias von dem einen, allein wahren Gott, dem Schöpfer Himmels und der Erde und alles dessen, was auf ihr, in ihr und über ihr war, ist und sein wird, schon vom Anbeginn der Menschen durch den Mund der Propheten ist verheißen worden! Und siehe, dieser verheißene Messias bin Ich und bin denn nun auch zu euch Heiden gekommen, um auch unter euch das Reich Gottes zu gründen und auszubreiten!

[GEJ.10_093,09] Ich bin aus den Himmeln von Gott dem Vater gesandt, und der Vater, der Mich gesandt hat, ist die ewige Liebe, und Mein Herz ist ihr Thron; sie ist in Mir und Ich in ihr. In Mir wohnt demnach denn auch alle Macht, Kraft und Gewalt über alles im Himmel und auf Erden; Ich bin das Leben, das Licht, der Weg und die ewige Wahrheit Selbst.

[GEJ.10_093,10] Wer an Mich glaubt, Mich mehr denn alles in der Welt liebt und nach Meiner Lehre lebt und handelt und seinen Nebenmenschen liebt wie sich selbst, der wird von Mir das ewige Leben überkommen, und Ich werde ihn erwecken am Jüngsten Tage.

[GEJ.10_093,11] Du hast Mich ehedem betrachtet vom Kopfe bis zu den Füßen und sagtest bei dir selbst: ,Hinter diesem Menschen muß etwas Hohes verborgen sein, ansonst ihm unser Hauptmann nicht also huldigen würde!‘ Und siehe, du hattest recht geurteilt!

[GEJ.10_093,12] Auf daß du dich aber auch überzeugen magst, daß es sich mit Mir auch also verhält, wie Ich es dir gesagt habe, so lasse nun alle Kranken in deinem Hause zu Mir hierher bringen, und Ich werde sie gesund machen! – Glaubst du das wohl?"

[GEJ.10_093,13] Sagte der Wirt: „Herr, Herr, Deine Worte drangen tief in meine Seele und riefen in ihr ein früher nie gefühltes Leben wach, und es muß demnach alles wahr sein, was Du zu mir gesagt hast! Ich glaube denn auch ungezweifelt, daß Du alle meine Kranken sicher heilen wirst."

[GEJ.10_093,14] Hierauf wurden die vielen Kranken in unseren großen Speisesaal gebracht. Darunter waren etliche von bösen Fiebern geplagt, einige von der Fallsucht, andere von der Gicht, und einer war ein Blinder, und zwei hatten durch die Angst während des Erdbebens Stimme und Sprache verloren.

 

94. Kapitel

[GEJ.10_094,01] Als in der Zeit von einer halben Stunde alle Kranken, bei dreißig an der Zahl, in den Saal geschafft worden waren, da sagte der Wirt: „Siehe, o Herr, Herr, da sind nun die Kranken meines Hauses! So Du sie heilen willst, so tue Du das, und mein ganzes Haus wird an Dich glauben und Dich über alle die Maßen ehren und lieben!"

[GEJ.10_094,02] Sagte Ich: „So geschehe ihnen denn nach deinem Glauben!"

[GEJ.10_094,03] Als Ich dieses ausgesprochen hatte, da wurden plötzlich alle so vollkommen gesund, als hätte ihnen niemals irgend etwas gefehlt.

[GEJ.10_094,04] Es wollte aber darauf das Loben und Preisen Meines Wesens kein Ende nehmen, und die Geheilten hielten Mich für einen Gott nach ihrer Heidenlehre und baten Mich, auf den Knien liegend, es ihnen gnädigst kundtun zu wollen, ob Ich etwa gar der Jupiter selbst oder ein anderer Gott wäre, auf daß sie dann solch einem Gott stets die größte Ehre und Dankbarkeit bezeigen könnten.

[GEJ.10_094,05] Ich aber sagte: „Ich bin weder der Jupiter noch irgendein anderer aus der Reihe eurer Götter, die nie waren, nicht sind und auch nie sein werden!

[GEJ.10_094,06] Gehet aber nun alle in eure Gemächer, und nehmet Speise und etwas Wein zu euch und stärket eure Glieder! Alles Weitere, was ihr von Mir zu glauben und zu halten haben werdet, wird e