DAS GROSSE EVANGELIUM JOHANNES
Band 1 (GEJ)
Lehren und Taten Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der Siebten Auflage.
Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
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1. Kapitel – Geistige Auslegung der Eingangsworte des Johannesevangeliums. (Kap.1-5) –
2. August 1851
Ev.Joh.1,1. Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
[GEJ.01_001,01] Dieser Vers hat schon eine große Menge von allerleigestaltigen Irrdeutungen und Auslegungen zur Folge gehabt; ja, es bedienten sich sogar barste Gottesleugner eben dieses Textes, um mit dessen Hilfe Meine Gottheit um so sicherer zu bestreiten, da sie die Gottheit im allgemeinen verwarfen. Wir wollen aber nun solche Finten nicht wieder vorführen, wodurch die Verwirrung nur noch größer statt kleiner würde, sondern sogleich mit der möglich kürzesten Erklärung ans Tageslicht treten; diese, als selbst Licht im Lichte des Lichtes, wird von selbst die Irrtümer bekämpfen und besiegen.
[GEJ.01_001,02] Ein Hauptgrund des Unverständnisses solcher Texte liegt freilich wohl leider in der sehr mangelhaften und unrichtigen Übersetzung der Schrift aus der Urzunge in die Zungen der gegenwärtigen Zeit; allein es ist gut also. Denn wäre der Geist solcher Texte nicht so wohl verborgen, als er es ist, so wäre das Heiligste darin schon lange allertiefst entheiligt worden, was da von größtem Übel wäre für die gesamte Erde; so aber hat man nur an der Rinde genagt und konnte zum lebendigen Heiligtume nicht gelangen.
[GEJ.01_001,03] Nun aber ist es an der Zeit, den wahren innern Sinn solcher Texte zu zeigen allen, die da würdig sind, daran teilzunehmen; dem Unwürdigen aber soll es teuer zu stehen kommen, denn Ich lasse bei solcher Gelegenheit mit Mir durchaus keinen Scherz treiben und werde nie einen Handel annehmen.
[GEJ.01_001,04] Nach dieser nötigen Vorerinnerung aber folge nun die Erläuterung; nur bemerke Ich noch das hinzu und sage, daß hier nur der innere, seelisch- geistige Sinn zu verstehen ist, nicht aber auch der allerinnerste, reinste Himmelssinn. Dieser ist zu heilig und kann für die Welt unschädlich nur solchen erteilt werden, die ihn suchen durch ihren Lebenswandel nach dem Worte des Evangeliums. Der bloß innere, seelisch-geistige Sinn aber läßt sich leicht finden, manchmal schon durch die richtige, zeitgemäß entsprechende Übersetzung, was nun sogleich bei der Erläuterung des ersten Verses sich zeigen soll.
[GEJ.01_001,05] Sehr unrichtig und den innern Sinn sehr verhüllend ist der Ausdruck „Im Anfange"; denn dadurch könnte sogar der Gottheit ewiges Dasein bestritten und in Zweifel gezogen werden, was auch von einigen älteren Weltweisen geschehen ist, aus deren Schule die Gottesleugner dieser Zeit auch so ganz eigentlich hervorgegangen sind. So wir aber nun diesen Text recht geben werden, da wird die Hülle nur sehr dünn erscheinen, und es wird nicht schwer sein, den inneren Sinn durch solche leichte Hülle recht wohl und manchmal sehr genau zu erspähen.
[GEJ.01_001,06] Also aber laute die richtige Übersetzung: Im Urgrunde, oder auch in der Grundursache (alles Seins), war das Licht (der große heilige Schöpfungsgedanke, die wesenhafte Idee). Dieses Licht war nicht nur in, sondern auch bei Gott, das heißt, das Licht trat als wesenhaft beschaulich aus Gott und war somit nicht nur in, sondern auch bei Gott und umfloß gewisserart das urgöttliche Sein, wodurch schon der Grund zu der einstigen Menschwerdung Gottes gelegt erscheint, was im nächstfolgenden Texte auch schon von selbst ganz hell ersichtlich wird.
[GEJ.01_001,07] Wer oder was war denn so ganz eigentlich dieses Licht, dieser große Gedanke, diese heiligste Grundidee alles künftigen, wesenhaften, freiesten Seins? – Es war unmöglich etwas anderes als eben Gott Selbst, weil in Gott, durch Gott und aus Gott unmöglich etwas anderes als Gott Selbst nur Sich in Seinem ewig vollkommensten Sein darstellte; und so mag dieser Text auch also lauten:
[GEJ.01_001,08] In Gott war das Licht, das Licht durchfloß und umfloß Gott, und Gott Selbst war das Licht.
Ev.Joh.1,2. Dasselbe war im Anfange bei Gott.
[GEJ.01_001,09] So nun der erste Vers zur Genüge erleuchtet, von jedermann einigen Lichtes leicht begriffen werden kann, so erklärt sich der zweite Vers von selbst und besagt nur zeugnisweise, daß das obbeschriebene Wort oder Licht oder der große Schöpfungsgedanke nicht ein in der Folge des Urgottseins entstandener, sondern ein mit Gott als Selbst Gott gleich ewiger ist und somit nimmer irgend einen einstigen Entstehungsprozeß in sich birgt, darum es denn auch gewisserart zeugnisweise erklärend heißt: Dasselbe war im Anfange oder im Urgrunde alles Seins und alles späteren Werdens als Urgrund selbst bei, in und aus Gott, also Selbst durch und durch Gott.
Ev.Joh.1,3. Alle Dinge sind durch Dasselbe gemacht, und ohne Dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
[GEJ.01_001,10] In diesem Verse bezeugt sich das nur gewisserart als betätigt und handgreiflich, was da schon im ersten Verse sich als das „Wort" oder „Licht" im Urgrunde alles Seins und Werdens völlig gegenwärtig, aber noch nicht als schon ausgegangen bewerkstelligt, klar dargestellt hatte.
[GEJ.01_001,11] Es soll demnach dieser dritte Vers rein gegeben auch also lauten: Alles Sein ward aus diesem Ursein, welches in Sich Selbst ist der ewige Urgrund Seines Seins durch und durch. Dieses Seins Licht, Wort und Wille stellte Sein höchst eigen Licht, Seine urewige Schöpfungsidee aus Sich Selbst ins feste beschauliche Dasein, und nichts gibt es in der ganzen ewigen Unendlichkeit, was nicht aus demselben Urgrunde und auf demselben Wege ins erscheinliche und beschauliche Dasein getreten wäre.
[GEJ.01_001,12] Wer nun diese drei ganz klar erläuterten Verse vollends aufgefaßt hat, dem ist der Vers 4 schon von selbst notwendig einleuchtend klar.
Ev.Joh.1,4. In Ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
[GEJ.01_001,13] Es versteht sich ja schon bei weitem von selbst, daß ein Urgrundsein alles Seins, das Licht alles Lichtes, der Urgedanke aller Gedanken und Ideen, die Urform als der ewige Urgrund aller Formen fürs erste nicht formlos und fürs zweite nicht Tod sein konnte, da dieser den vollsten Gegensatz alles wie immer gearteten Seins im Grunde des Grundes bezeichnet. In diesem Worte oder Lichte oder in diesem großen Gedanken Gottes in Gott, und im Grunde des Grundes Gott Selbst, war sonach ein vollkommenstes Leben. Gott war also das urewigste, vollkommenste Grundleben in und aus Sich Selbst durch und durch, und dieses Licht oder Leben rief aus Sich die Wesen, und dieses Licht oder dieses Leben war das Licht und also auch das Leben in den Wesen, in den aus Ihm hervorgegangenen Menschen; und diese Wesen und Menschen waren sonach völlig ein Ebenmaß des Urlichtes, das in ihnen das Sein, Licht und also auch ein dem ewigen Ursein völlig ähnliches Leben bedingte.
[GEJ.01_001,14] Da aber das Urleben Gottes ein ganz vollkommen freies ist und sein muß, da es sonst so gut wie gar kein Leben wäre, dieses gleiche Leben aber in den geschaffenen Wesen ein und dasselbe Leben sein muß, ansonst es auch kein Leben und als sonach Nichtleben auch kein Sein wäre, so ist es ja nur zu handgreiflich klar, daß den geschaffenen Wesen, Menschen, nur ein vollkommen allerfreiestes Leben gegeben werden konnte, das sich selbst als ein vollständiges fühlen, aber aus eben diesem Gefühle auch ersehen mußte, daß es kein aus sich selbst hervorgehendes, sondern nur als ein völlig ebenmäßiges aus Gott nach Dessen ewig allmächtigem Willen hervorgegangen ist.
[GEJ.01_001,15] Diese Wahrnehmung mußte in allen geschaffenen Wesen vorhanden sein gleich der, daß ihr Leben und Sein ein völlig Gott ebenmäßiges sein muß, ansonst sie wieder weder ein Leben noch irgend ein Sein hätten.
[GEJ.01_001,16] So wir aber diesen Umstand näher betrachten, so ergibt es sich, daß sich in den geschaffenen Wesen notwendig zwei Gefühle begegnen müssen, und zwar erstens und zunächst das Gefühl der göttlichen Ebenmäßigkeit oder des Urlichtes Gottes in ihnen und zweitens aus eben diesem Lichte aber dann auch notwendig das Gefühl des zeitgemäßen Werdens durch den Urwillen des Schöpfers.
[GEJ.01_001,17] Das erste Gefühl stellt das Geschöpf unbedingt dem Schöpfer gleich und wie aus sich hervorgehend völlig unabhängig von dem ewigen Urgrunde, als gleichsam solchen in sich selbst fassend und bergend; das zweite aus diesem ersten notwendig hervorgehende Lebensgefühl aber muß sich dennoch als ein vom eigentlichen Urgrunde aus sich hervorgerufenes und erst in der Zeitenfolge als in sich selbst als frei manifestiertes und somit vom Haupturgrunde sehr abhängiges ansehen und betrachten.
[GEJ.01_001,18] Dieses demütigende Gefühl aber macht das erste Hoheitsgefühl ebenfalls zu einem Demutsgefühle, was fürs Hoheitsgefühl freilich wohl eine höchst und unumgänglich nötige Sache ist, wie es in der Folge ganz klar gezeigt wird.
[GEJ.01_001,19] Das Hoheitsgefühl streitet ganz gewaltig gegen solch eine Erniedrigung und will das zweite Gefühl erdrücken.
[GEJ.01_001,20] Durch solchen Kampf aber entsteht dann Groll und am Ende Haß gegen den Urgrund alles Seins und aus dem gegen das niedere Demuts- oder Abhängigkeitsgefühl; dadurch erlahmt und verfinstert sich aber dann das Hoheitsgefühl, und es wird aus dem Urlicht im geschaffenen Wesen Nacht und Finsternis. Diese Nacht und diese Finsternis erkennt dann kaum mehr das Urlicht in sich und entfernt sich also, als blind und dabei dennoch selbständig, vom Urgrunde seines Seins und Werdens und erkennt solchen nicht in seiner Verblendung.
Ev.Joh.1,5. Und das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis begreift es nicht.
[GEJ.01_001,21] Daher mag dann dieses Urlicht leuchten in solcher Nacht, wie es auch leuchten mag; da aber die Nacht, die wohl auch aus dem Lichte entstanden ist, keine ordentliche Sehe mehr hat, so erkennt sie das Licht nicht, das da kommt in solche Nacht, um selbige wieder ins rechte Urlicht umzugestalten.
[GEJ.01_001,22] Sogestaltig kam denn auch Ich als das ewige Ursein alles Seins und als das Urlicht alles Lichtes und Lebens in die Welt der Finsternis zu denen, die aus Mir waren; aber sie erkannten Mich nicht in der Nacht ihres ermatteten Hoheitsgefühls!
[GEJ.01_001,23] Denn dieser 5. Vers deutet eben darauf hin, wie nach und in den ursprünglichen Maßen und Verhältnissen Ich als ganz Derselbe, Der Ich von Ewigkeit war, in diese von Mir und aus Mir geschaffene Welt komme und diese Mich nicht erkennt als ihr eigenstes Grundsein.
[GEJ.01_001,24] Aber Ich als der Urgrund alles Seins mußte ja aus Meinem urewigen Allichte sehen, wie das Hoheitsgefühl als Urlicht in den Menschen durch den fortwährenden Kampf stets matter und schwächer und sonach als Lebenslicht auch dunkler und am Ende gar finster ward, und daß demnach die Menschen, so Ich zu ihnen in dem ihnen aus Mir gegebenen Ebenmaße käme, Mich nicht erkennen würden, wenigstens gar sehr viele nicht, besonders so Ich als ein reiner Deus ex machina ganz unerwartet und unvorbereitet in beschränkter Menschenform zu ihnen käme, und Ich es Mir dann Selbst zuzuschreiben hätte, daß Mich die Menschen als unvorbereitet auf solch Meine Ankunft unmöglich erkennen könnten.
[GEJ.01_001,25] Ja, wohl sah Ich das von Ewigkeit ein und ließ daher den Menschen schon von ihrem ersten aus Mir geschiedenen Entstehen angefangen bis zu Meiner wirklichen Ankunft durch viele tausend Seher, die im Kampfe das Licht nicht verloren, eben solche Meine Ankunft vorhersagen und die Art und Weise und sogar den Ort und die Zeit Meiner Ankunft treulich bezeichnen, und bei Meiner wirklich erfolgten Ankunft ließ Ich große Zeichen geschehen und erweckte einen Mann, in dem ein hoher Urgeist Wohnung nahm, daß er den Blinden verkünde Meine Ankunft und volle Gegenwart auf der Erde.
2. Kapitel
Ev.Joh.1,6. Es ward aber ein Mann von Gott gesandt, der hieß Johannes.
[GEJ.01_002,01] Dieser Mann hieß Johannes, der am Jordan die Buße predigte und die Bekehrten mit dem Wasser taufte. In diesem Manne wohnte der Geist des Propheten Elias, und dieser war ebenderselbe Engelsgeist, der den Luzifer im Urbeginn besiegte und später auf dem bekannten Berge um den Leichnam Mosis mit ebendem Luzifer rang (also Michael).
Ev.Joh.1,7. Dieser kam als ein Zeuge (von oben), auf daß er vom Lichte ein Zeugnis gäbe, damit sie alle (die lichtlosen Menschen) durch ihn glaubeten (d.h. durch sein Licht das zu ihnen gekommene Urlicht erkenneten).
[GEJ.01_002,02] Dieser kam als ein alter und neuer Zeuge von oben, das heißt vom Urlichte als Licht, auf daß er zeugete vom Urlichte, vom Ursein Gottes, Das nun Selbst das Fleisch annahm und in vollgleicher Menschenform als Selbst Mensch zu Seinen Menschen, die aus Ihm sind, kam, um sie in ihrer Nacht neu zu erleuchten und sie sogestaltig Seinem Urlichte wieder zurückzugeben.
Ev.Joh.1,8. Er war nicht das Licht (aus sich), sondern er war ein Zeugnis des Lichtes (d.h. er zeugete dem verfinsterten Hoheitsgefühle der Menschen gegenüber, daß nun das Urlicht Selbst von Seiner ewigen Höhe herabkam als ein Lamm in der Demut zu den Menschen und nähme freiwillig alle ihre Schwächen (Sünden) auf Sich, um dadurch den Menschen das Urlicht wiederzugeben und sie Ihm gleichzumachen und –zustellen).
[GEJ.01_002,03] Dieser Mann war freilich wohl das eigentliche Urlicht nicht Selbst, sondern gleich allen Wesen nur ein Teillicht aus dem Urlichte. Aber ihm ward es also gegeben, im Verbande mit dem Urlichte zu verbleiben durch seine überwiegende Demut.
[GEJ.01_002,04] Da er aber also im steten Verbande mit dem Urlichte sich befand und Dieses wohl unterschied von seinem Lichte – da er wohl auch aus dem Urlichte hervorgegangen ist, aber dennoch nicht das Urlicht, sondern nur ein Ablicht Desselben war, auf daß er Dasselbe erkennete und Demselben ein rechtes Zeugnis gäbe –, so gab er denn auch ein vollgültiges Zeugnis dem Urlichte und erweckte dadurch so viel des rechten Lichtes in den Herzen der Menschen, daß diese dann, wenn schon anfangs nur sehr schwach, aber mit der Zeit doch stets stärker und heller erkennen konnten, daß das Urlicht, Das nun im Fleische eingehüllt, dennoch Dasselbe ist, Dem alle Wesen und Menschen ihr selbständiges Dasein verdanken und es als selbständig für ewig behalten können, so sie es wollen.
Ev.Joh.1,9. Das war das wahrhafte Licht, Das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen.
[GEJ.01_002,05] Nicht der Zeuge, sondern sein Zeugnis und Der, von Dem er zeugete, waren das rechte Urlicht, Das vom Urbeginn an alle Menschen, die in diese Welt kommen, erleuchtet und belebt hat und nun noch stets mehr belebt und erleuchtet; darum heißt es denn auch im 9. Verse, daß eben Das das wahre und rechte Licht ist und war, Das alle Menschen in ihrem Urbeginne zum freien Dasein gestaltete und nun kam, um dasselbe in aller Fülle zu erleuchten und es Ihm Selbst wieder ähnlich zu machen.
Ev.Joh.1,10. Es war in der Welt, und diese ist durch Dasselbe gemacht, aber sie erkannte Es nicht.
[GEJ.01_002,06] Wiegestaltig Ich oder das Urlicht von dieser Welt, das heißt von den verfinsterten Menschen, die in allem ihrem Sein aus Mir oder, was Eines ist, aus dem Urlichte (Worte) hervorgegangen sind, habe verkannt werden können trotz all den Vorboten und Verkündern Meiner Ankunft, ist bereits schon im 5. Verse klar erörtert worden; nur ist noch ganz besonders zu erwähnen, daß hier unter „Welt" nicht die Erde als die Trägerin gerichteter Seelen, die eigentlich die Materie ausmachen, sondern bloß nur die Menschen, die zwar wohl zu einem Teile aus dieser Materie genommen sind, aber als einmal freigestellte Wesen nicht mehr dieser urgerichteten Seelenmaterie angehören oder angehören dürfen, zu verstehen sind; denn welch eine Zumutung wäre das auch, so Ich von dem noch im tiefsten Gerichte liegenden Steine verlangte, daß er Mich erkennete!? Solches kann nur von einer freigewordenen Seele, die Meinen Geist in sich hat, voll rechtlich verlangt werden.
Ev.Joh.1,11. Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.
[GEJ.01_002,07] Also nicht die Erde, wie vorerwähnt, sondern lediglich nur die Menschen ihrem seelisch-geistigen Wesen nach sind hier als das eigentliche Eigentum des Herrn anzusehen und zu betrachten, und darum Eigentum, weil sie sogestaltig selbst Urlicht aus Meinem ewigen Urlichte sind und somit mit Meinem Urgrundwesen in Eins zusammenfallen.
[GEJ.01_002,08] Aber da sie in ebendiesem Wesen, das sich in ihnen als das Hoheitsgefühl ausspricht, geschwächt sind, welcher Schwäche halber Ich auch zu ihnen als in Mein Ureigentum kam und noch immer gleichwegs komme, so erkannten sie Mich nicht und somit auch nicht sich selbst und ihr höchsteigenes Urgrundsein, das da nimmer vernichtet werden kann, weil es im Grunde des Grundes Mein Wesen ist.
Ev.Joh.1,12. Wieviele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Kinder Gottes zu werden, da sie an Seinen Namen glauben.
[GEJ.01_002,09] Es versteht sich aber so gut wie von selbst, daß bei allen jenen, die Mich nicht aufnahmen oder nicht erkannten, die Urordnung gestört blieb und mit dieser Störung ein leidender Zustand, das sogenannte „Übel" oder die „Sünde" blieb; wogegen bei vielen andern aber, die Mich aufnahmen, das heißt, die Mich in ihren Herzen erkannten, sich dieses Übel notwendig verlieren mußte, da sie wieder mit Mir als mit der Urordnung und Urmacht alles Seins vereint wurden, sich darinnen selbst und Mein Urlicht als das gestellte ihrige in ihnen und in diesem das ewige, unvertilgbare Leben fanden.
[GEJ.01_002,10] In solchem Leben aber fanden sie auch, daß sie dadurch notwendig nicht nur Meine Geschöpfe, was sich aus ihrem niederen Lebensgefühle nur herausstellt, sondern, weil sie Mein Selbst in sich bergen, was nur durch Meine Willensmacht aus Mir frei hinausgestellt ward, unfehlbar Meine höchsteigenen Kinder sind, da ihr Licht (ihr Glaube) gleich ist Meinem höchsteigenen Urlichte und daher in sich selbst die volle Macht und Kraft hat, die in Mir Selbst ist, und aus solcher Macht heraus auch das vollste Recht, Mein Kind nicht nur zu heißen, sondern auch in aller Fülle zu sein!
[GEJ.01_002,11] Denn der Glaube ist eben ein solches Licht, und Mein Name, an den die mächtigen Strahlen dieses Lichtes gerichtet sind, ist die Kraft und die Macht und das eigentliche Wesen Meines Urseins, durch die jeder in sich selbst die vollrechtliche und vollgültige Kindschaft Gottes bewerkstelligt. Darum heißt es denn auch im 12. Verse, daß alle, die Mich aufnehmen und an Meinen Namen glauben werden, sage – die Macht in sich haben sollen, vollrechtlich „Kinder Gottes" zu heißen!
Ev.Joh.1,13. Welche nicht von dem Geblüte, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
[GEJ.01_002,12] Dieser Vers ist nichts als eine nähere Bestimmung und Erläuterung des früheren Verses, und es könnten in einer mehr verbundenen Sprache die beiden Verse nebeneinander auch also lauten: Die Ihn aber aufnahmen und an Seinen Namen glaubten, denen gab Er die Macht, „Kinder Gottes" zu heißen, die nicht von dem Geblüte, noch vom Willen des Fleisches (Begierde des Fleisches), noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.
[GEJ.01_002,13] Es versteht sich aber schon von selbst, daß hier nicht von einer ersten Geburt als Fleisch aus dem Fleische, sondern lediglich nur von einer zweiten Geburt aus dem Geiste der Liebe zu Gott und aus der Wahrheit des lebendigen Glaubens an den lebendigen Namen Gottes, der da heißet Jesus-Jehova-Zebaoth, die Rede sein kann, welch zweite Geburt auch gut definiert „die Wiedergeburt des Geistes durch die Taufe aus den Himmeln" heißet.
[GEJ.01_002,14] Die „Taufe aus den Himmeln" aber ist der volle Übergang des Geistes und der Seele samt allen ihren Begierden in den lebendigen Geist der Liebe zu Gott und der Liebe in Gott Selbst.
[GEJ.01_002,15] Ist solcher Übergang einmal aus des Menschen freiestem Willen geschehen und befindet sich nun alle Liebe des Menschen in Gott, so befindet sich durch solche heilige Liebe auch der ganze Mensch in Gott und wird allda zu einem neuen Wesen ausgezeitigt, gekräftet und gestärkt und also nach Erlangung der gerechten Vollreife von Gott wiedergeboren; nach solcher zweiten Geburt, der weder des Fleisches Begierde noch des Mannes Zeugungswille vorangeht, ist dann der Mensch erst ein wahres Gotteskind, das er geworden ist durch die Gnade, die da ist eine freie Macht der Gottesliebe im Herzen des Menschen.
[GEJ.01_002,16] Diese Gnade aber ist auch eben der mächtige Zug Gottes im Geiste des Menschen, durch den er, als vom Vater gezogen zum Sohne, das heißt zum göttlichen Urlichte, oder, was eines ist, zu der rechten und lebendig mächtigen Weisheit Gottes gelangt.
3. Kapitel
Ev.Joh.1,14. Und das Wort ward Fleisch und wohnete unter uns, und wir sahen Seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater voll Gnade und Wahrheit.
[GEJ.01_003,01] Wenn der Mensch alsogestaltig durch die Wiedergeburt zur wahren Kindschaft Gottes gelangt, in die er von Gott, dem Vater, oder von der Liebe in Gott förmlich eingeboren wird, so gelangt er zur Herrlichkeit des Urlichtes in Gott, das da eigentlich das göttliche Urgrundsein Selbst ist; dieses Sein ist der eigentliche, eingeborene Sohn des Vaters also, wie das Licht in der Wärme der Liebe inwendig verborgen ruht, solange die Liebe es nicht erregt und aus sich hinausstrahlen läßt. Dieses heilige Licht ist sonach aber auch die eigentliche Herrlichkeit des Sohnes vom Vater, zu der jeder Wiedergeborene gelangt und allda selbst gleich wird dieser Herrlichkeit, die da ist ewig voll Gnade (Gottes- Lichtes) und voll Wahrheit, die da ist die wahre Wirklichkeit oder das Fleisch gewordene Wort. – –
Ev.Joh.1,15. Johannes zeuget von Ihm, ruft und spricht: „Dieser war es, von Dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, Der vor mir gewesen ist, denn Er war eher denn ich."
[GEJ.01_003,02] Davon gibt wieder Johannes ein rechtes Zeugnis und macht die Menschen gleich nach der Taufe im Flusse Jordan darauf aufmerksam, daß eben der Mensch, den er nun getauft hatte, Derjenige ist, von Dem er schon die ganze Zeit seiner Predigt zur Buße, um Ihn würdig aufzunehmen, zu dem Volke geredet hatte, daß Er, Der nach ihm (Johannes) kommen werde, vor ihm gewesen, also eher war denn er. Was im tieferen Sinne wieder soviel heißt als: Dies ist das Urgrundlicht und Urgrundsein alles Lichtes und Seins, Das allem Sein voran war, und alles Sein aus diesem Sein hervorging.
Ev.Joh.1,16. Von Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade.
[GEJ.01_003,03] Dieses Urlicht aber ist auch die ewig große Herrlichkeit in Gott, und Gott Selbst ist diese Herrlichkeit; diese Herrlichkeit war von Ewigkeit Gott Selbst in Gott, und von der Fülle dieser Herrlichkeit haben alle Wesen ihr Sein und ihr Licht und freies Leben genommen.
[GEJ.01_003,04] Alles Leben ist daher eine Gnade aus Gott und erfüllt die lebentragende Form durch und durch. Das Urleben in jedem Menschen ist daher, weil es in sich die gleiche Herrlichkeit Gottes ist, eine erste Gnade Gottes; diese aber hatte Schaden gelitten durch die bekannte Schwächung des Hoheitsgefühles mit dem niederen Gefühle des Werdens und der dadurch erfolgten notwendigen Abhängigkeit von dem Urlichte und Urgrunde alles Seins.
[GEJ.01_003,05] Da sonach diese erste Gnade im Menschen nahe völlig untergehen wollte, so kam das Urlicht Selbst in die Welt und lehrte die Menschen dahin, daß sie diese erste Gnade dem Urlichte wieder anheimstellen oder eigentlich in dies Ursein völlig zurücktreten sollen und allda nehmen für das alte Licht ein neues Leben; und dieser Umtausch ist das Nehmen der Gnade um Gnade, oder gleichsam das Hingeben des alten, geschwächten, für nichts mehr tauglichen Lebens um ein neues, unvertilgbares Leben in und aus Gott in der Fülle.
[GEJ.01_003,06] Die erste Gnade ist eine Notwendigkeit gewesen, in der keine Freiheit, daher auch keine Beständigkeit waltet; die zweite Gnade aber ist eine volle Freiheit, jeder Nötigung ledig, und daher – weil durch nichts gedrängt und gezwängt – auch für ewig unverwüstbar. Denn wo es keinen Feind gibt, da gibt es auch keine Zerstörung; unter Feind aber wird alles verstanden, was auf ein freies Sein, wie immer gestaltig, hemmend einwirkt.
4. Kapitel
Ev.Joh.1,17. Denn das Gesetz ist durch Moses gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Christum geworden.
[GEJ.01_004,01] So ist das Gesetz, das dem ersten Leben gegeben werden mußte, und zwar im Anfange schon dem ersten Menschen und im Verfolge der Dinge durch Moses, der hier in diesem Verse auch als ein Repräsentant des Gesetzes angeführt wird. Aus dem Gesetze aber konnte wohl niemand je die wahre Lebensfreiheit erlangen, da das Gesetz eine Hemmung, nicht aber eine Förderung des Lebens ist.
[GEJ.01_004,02] Durch ein positives Muß aus der Urmacht unwandelbarem Wollen wurden die ersten Schöpfungsideen in ein isoliertes, wie selbständiges Sein hinausgestellt; was sonach die Trennung und das Formen des durch Raum und Zeit beschränkten Seins betrifft, so war dieses durch ein unwandelbares Muß bewerkstelligt.
[GEJ.01_004,03] Nun war das Wesen, der Mensch, da, in sich gewisserart die Gottheit Selbst, oder was eines und dasselbe ist: das Ursein Gottes Selbst, nur getrennt von seinem Urgrunde, sich aber dennoch Dessen bewußt, nebst dem aber dennoch gebunden in begrenzter Form und gehalten durch ein unwandelbares Muß. Dieser Zustand wollte dem also gestellten Wesen nicht munden, und sein Hoheitsgefühl kam in einen gewaltigen Kampf mit seiner notwendigen Beschränkung und Hinausstellung.
[GEJ.01_004,04] Da in der urersten Wesenreihe der Kampf immer heftiger ward, so mußte das große Grundgesetz verschärft werden und die Wesen in ein zeitweiliges, festes Gericht fassen; darin bestand die Darstellung der materiellen, festen Weltkörper und die dadurch bewirkte größere Teilung der Urwesen.
[GEJ.01_004,05] In der zweiten Reihe der Wesen erscheint dann der Mensch ins Fleisch gehüllt, stehend auf dem Boden seines ersten Gerichtes. Trotz der nun dreifachen Trennung von seinem Urgrunde erkannte er in sich doch bald Denselben wieder und ward trotzig, hochmütig und ungehorsam einem leichten und nicht mehr mit „Muß", sondern nur mit „Du sollst" gegebenen Gesetze.
[GEJ.01_004,06] Weil er aber dies leichte Sollst sich nicht wollte gefallen lassen, so ward ihm dafür ein schwereres und gewaltig sanktioniertes gegeben und die Sanktion bei Nichtachtung dieses zweiten Sollst pünktlich ausgeführt (siehe die Sündflut und Weiteres der Art!).
[GEJ.01_004,07] Nach dieser Zucht begab sich das Gottwesen in Melchisedek zur Erde und führte die Menschen; aber die fingen bald wieder zu kämpfen an und mußten durch neue Gesetze gebunden und zur Ordnung geführt werden, so, daß ihnen nur eine maschinenartige Bewegung, nahe gegen alle ihre Neigungen stehend, übrigblieb.
[GEJ.01_004,08] Durch das Gesetz war demnach eine weite Kluft gestellt, über die kein Geist und kein Wesen mehr einen Sprung machen konnte, wodurch denn auch die Aussicht und das innere Bewußtsein von einer ewigen Fortdauer des inneren, sogestaltig sehr eingeschränkten Lebens in eine sehr zweifelhafte Frage gestellt wurde.
[GEJ.01_004,09] Auf solch eine Einschränkung erscheint dann das göttliche Ursein in Seiner eigenen Urfülle, und zwar in der Person Christi.
[GEJ.01_004,10] Hier kommt also die Urgnade wieder, nimmt auf Sich alle Schwächen des Lebens der Menschen und gibt ihnen dafür eine neue Gnade, ein neues Leben, voll des wahren Lichtes und zeigt ihnen in diesem und durch Sich Selbst den rechten Weg und den rechten Zweck ihres Seins.
Ev.Joh.1,18. Niemand hat Gott je gesehen; der eingeborene Sohn, Der in des Vaters Schoß ist, Der hat es uns verkündiget.
[GEJ.01_004,11] Jetzt erst bekamen, die Ihn erkannten, eine wahre Kenntnis von Gott und konnten nun zum ersten Male Gott, Den vorher nie ein Wesen in Seiner Fülle schauen konnte, neben sich und außer sich beschauen und erkennen und durch Ihn auch sich selbst und die eigene allerfreieste Lebensbestimmung.
[GEJ.01_004,12] Und nun ist auch die unübersteigbare Kluft, die durch das Gesetz gestellt wurde, wieder aufgehoben worden, und jeder Mensch konnte und kann nun immer aus dem Joche des Gesetzes treten, so er seinen alten Menschen gegen den neuen aus Christo umtauscht, darum es denn auch heißt, daß man den alten Menschen ausziehen und den neuen anlegen solle, oder: wer das alte Leben lieb hat, der wird es verlieren; wer es aber fliehet, der wird es, als nämlich ein neues, erhalten. Das ist denn die Verkündigung aus dem Schoße des Vaters und das lebendige Evangelium Gottes.
[GEJ.01_004,13] Der Ausdruck aber, wo es heißt: „Der in des Vaters Schoße ist", besagt soviel als: Die Urweisheit Gottes oder das eigentliche innerste Gottwesen ist in der Liebe, gleichwie das Licht in der Wärme zu Hause ist, ursprünglich aus der Liebe mächtigen Wärme entsteht und entspringt und endlich durch sein Dasein abermals Wärme erzeugt, und diese allzeit wieder Licht. Ebenalso entsteht aus der Liebe, die gleich ist dem Vater und im Grunde des Grundes der Vater Selbst, das Licht der göttlichen Weisheit, das da gleich ist dem Sohne oder der eigentliche Sohn Selbst, der aber nicht Zwei, sondern völlig Eins ist mit Dem, das da „Vater" heißt, gleichwie da Licht und Wärme oder Wärme und Licht eines sind, indem die Wärme fortwährend das Licht und das Licht fortwährend die Wärme erzeugt.
5. Kapitel
Ev.Joh.1,19. Und dies ist das Zeugnis Johannis an die Juden, als diese von Jerusalem an ihn sandten Priester und Leviten, daß sie Ihn fragten: „Wer bist du?"
[GEJ.01_005,01] Dieser Vers stellt eine pure äußere Tatsache dar und hat daher keinen inneren Sinn; nur das läßt sich aus dieser Mission leicht entnehmen, daß das Hoheitsgefühl der Juden in dieser Zeit schon zu ahnen begann, daß das Urlicht oder das Urleben Gottes sich den Erdenmenschen zu nahen beginne und schon auf der Erde sein müsse, und es mutmaßte, daß dieses Urleben alles Lebens sich in dem Johannes befinde und er etwa der verheißene Messias sei.
[GEJ.01_005,02] Darum sandten sie denn auch, aus obbesprochener Ahnung mehr als durch den Predigerruf Johannis genötigt, Auskundschafter zu ihm, auf daß sie ihn fragten, wer er sei, ob Christus, ob Elias, oder ob ein anderer Prophet.
Ev.Joh.1,20. Und er bekannte und leugnete es nicht, sagend: „Ich bin nicht Christus, der verheißene Messias."
Ev.Joh.1,21. Sie aber fragten ihn weiter: „Was bist du denn? Bist du Elias?" – Und er sprach: „Ich bin es nicht!" – Und weiter fragten sie: „Bist du ein Prophet?" – Er antwortete: „Nein!"
[GEJ.01_005,03] Der Grund aber, warum sie den Johannes auch fragten, ob er entweder Elias oder ein anderer neuer Prophet sei, lag darin, weil es in ihren prophetischen Schriften hieß, Elias werde vor dem verheißenen Messias kommen und ganz Israel auf die große Ankunft des Messias vorbereiten! – Also sollten in solcher Zeit auch noch andere Propheten erstehen, die gleichfalls auch als Herolde dem Messias vorangehen werden. Solches also wußten die der Schrift kundigen Abgesandten aus Jerusalem und fragten den Johannes also; dieser aber bekannte, daß er das alles nicht sei.
Ev.Joh.1,22. Und sie sprachen weiter zu ihm: „Was bist du denn, daß wir eine Antwort bringen denen, die uns gesandt haben?!" – „Was sagst du denn von dir selbst?"
[GEJ.01_005,04] Und so mußten sie ihn denn natürlich weiter fragen, wer er alsonach denn wäre.
Ev.Joh.1,23. Johannes aber sprach: „Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste und bereite dem Herrn den Weg, wie es der Prophet Jesajas geweissagt hat."
[GEJ.01_005,05] Worauf Johannes dann erst bekannte, daß er bloß nur ein Rufer in der Wüste sei und bereite – nach Jesajas' Vorhersage – dem Herrn den Weg!
[GEJ.01_005,06] Man kann hier ganz füglich fragen, warum Johannes solches tue in der Wüste, von der man doch voraussetzen kann, daß in ihr sicher sehr wenig Menschen wohnen werden; daß es demnach wohl angezeigter wäre, an solchen Orten einen derartigen Vorläufer zu machen, die reichlich von Menschen bewohnt sind. Was kann in der toten Wüste ein solches, wenn auch noch so kräftiges Rufen nützen, wo des Rufes Schall lange eher verhallt, als bis er an irgend ein Ohr gelangt? Und gelangt er auch zufälligerweise an irgend ein Menschenohr, so genügt das ja doch lange nicht bei einer Sache, die für alle Menschen doch von der allerwichtigsten Art ist!
[GEJ.01_005,07] Auf diese vorleitende Frage sei das gesagt, daß da unter dem Ausdruck „Wüste" nicht so sehr die kleine Wüste von Bethabara, jenseits des Jordans gelegen, zu verstehen sei, als vielmehr die geistige Wüste in den Herzen der Menschen. Die Wüste von Bethabara, allwo Johannes wirklich lebte, predigte und taufte, war daher nur darum gewählt worden, auf daß sie ein Vorbild dem Menschen wäre, wie es aussähe in seinem Herzen, nämlich ebenso öde, leer, ohne edle Früchte, nur voll Dornen und Disteln, allerlei Unkrautes und voll Nattern und anderen schmeißlichen Gewürms; und in solch einer Wüste der Menschen tritt Johannes wie ein erwachtes Gewissen, das er in rein geistiger Beziehung auch vorstellt, auf und predigt Buße zur Vergebung der Sünden und bereitet also dem Herrn den Weg zu den Herzen ganz wüste gewordener Menschen.
[GEJ.01_005,08] Es bleibt hier nur noch die Frage übrig, warum sich Johannes nicht als Elias oder als ein Prophet bekannte, da er sowohl das eine wie sicher auch das andere nach Meinem höchst eigenen Zeugnisse war, denn Ich Selbst habe es ja bei einer wohl schicklichen Gelegenheit den Aposteln wie auch anderen Anhörern Meiner Lehre geradeheraus gesagt: Johannes war der Elias, der vor Mir kommen sollte, so ihr es annehmen wollt.
[GEJ.01_005,09] Der Grund solch einer Negation liegt darin, daß Johannes sich hier nur nach der tätigen neuen Bestimmung und nicht nach der alten, so seinem Geiste im Elias gegeben ward zu seiner Erdzeit, benennet. Elias mußte strafen und zerstören den Moloch; Johannes aber rufen zur rechten Buße, erteilen der Sünde Vergebung durch die Wassertaufe und also Mir den Weg bereiten. Und nach solcher Tätigkeit gab er sich denn auch nur als das aus, was er nun der Tat nach war.
Ev.Joh.1,24. Und die gesandt waren, waren von den Pharisäern.
Ev.Joh.1,25. Und diese fragten ihn weiter noch und sprachen zu ihm: „Warum taufest du denn, so du nicht Christus, auch nicht Elias und sonst auch kein Prophet bist?"
[GEJ.01_005,10] Da er aber dennoch taufte, was sonst nur den Priestern und den erwiesen dazu berufenen Propheten gestattet war, so fragten ihn die von den eifersüchtigen Pharisäern abgesandten Priester und Leviten, warum er denn hernach die Menschen taufe, da er weder das eine noch das andere sei.
Ev.Joh.1,26. Johannes aber antwortete ihnen und sprach: „Ich taufe nur mit Wasser; Er (der Christus, nach Dem ihr fraget) ist mitten unter euch getreten; aber ihr kennet Ihn nicht."
[GEJ.01_005,11] Johannes aber sagt: „Ich taufe nur mit Wasser, das heißt, ich wasche nur und bin ein Wäscher unrein gewordener Herzen zum würdigen Empfange des Einen, Der gewisserart schon lange in eurer Mitte sich aufhält, Den ihr aber eurer Blindheit wegen nicht erkennet!"
[GEJ.01_005,12] Hier werden auch alle jene Mich, den Herrn, äußerlich wo Suchenden durch diese Forscher dargestellt, die Länder und Meere durchziehen und da alle Weisen fragen: „Wo ist Christus, wann und wo kommt Er?" – Den wahren, Der inmitten ihrer Herzen eine Wohnstätte für Sich erbaute, und Der nur da zu finden ist, (O – solcher Irrsucher!) Den suchen sie nicht, wenigstens dort nicht, wo Er einzig und allein zu suchen und zu finden ist!
Ev.Joh.1,27. „Der ist es, Der nach mir kommen wird, Der vor mir war, Des ich nicht wert bin, daß ich Seine Schuhriemen auflösete."
Ev.Joh.1,28. Dies geschah zu Bethabara, jenseits des Jordans, allwo Johannes taufte.
[GEJ.01_005,13] Wie sehr doch gibt Johannes ein allerdemutsvollstes Zeugnis vor den Priestern und Leviten, da er es wohl weiß, Wer in Christo die Erde betreten hat; aber was kümmert dies das hochweltweise Priestertum! Das allerwahrste Zeugnis des Johannes ließ sie unangefochten; denn sie wollten keinen demutsvollen, armen und glanzlosen Messias, sondern einen solchen, vor dem sogleich alles vor Furcht und Schreck hätte zusammenfahren sollen!
[GEJ.01_005,14] Der Messias hätte gleich beim ersten Erscheinen – natürlich nirgends anders als in Jerusalem – und linea recta sichtbarlich mit mehr denn Sonnenglanz feurig strahlend, von Myriaden Engeln begleitet vom Himmel herabkommend und nur im Tempel Wohnung nehmend, alle damaligen Potentaten aufheben und vernichten sollen, – und hätte darauf die Juden auch sogleich völlig unsterblich machen, ihnen alles Geld der Erde verschaffen, wenigstens etliche Hunderte von überflüssig scheinenden Bergen mit starkem Gekrache ins Meer schleudern und dabei aber auch das arme schmutzige Gesindel sogleich hinrichten sollen! Dann hätten sie an Ihn geglaubt und auch gesagt: „Herr, Du bist gar entsetzlich stark und mächtig, alles muß sich vor Dir tiefst beugen und in den Staub werfen, und der Hohepriester ist nicht würdig, Dir die Schuhriemen zu lösen."
[GEJ.01_005,15] Aber Christus kam ganz arm und klein und anscheinend schwach zur Erde, gab nahe volle dreißig Jahre (außer bis zu seinem zwölften) kein Zeichen vor den Augen der Großen von Sich, sondern arbeitete schwere Arbeiten, war samt Josef ein Zimmermann und gab Sich nachher auch noch mit dem gemeinen Proletariat ab; wie konnte in den Augen der stolzen und hochweisen Juden das der so lange erwartete Messias sein? „Weg mit solch einem Gotteslästerer, mit solch einem Magier, der seine Taten nur mit der Hilfe des Obersten der Teufel ausführt! Solch ein allergemeinster, übers Eichenholz grober und roher Zimmermannsgeselle, der irgendwo mit der Satanshilfe zaubern gelernt hat, barfuß einhergeht und des allerhundsgemeinsten Gesindels Freund ist, mit ihm herumgeht, Huren annimmt und mit öffentlich zu bekannten Sündern ißt und trinkt und somit durch sein Tun und Lassen dem Gesetze offenbarlichst widerstrebt, der soll Christus, der verheißene Messias sein?! – Nein, nimmermehr sei eine solch gotteslästerliche Idee in uns!"
[GEJ.01_005,16] Das war das Urteil der hohen und weisen Juden über Mich bei Meiner fleischlichen Vollgegenwart auf der Erde; und das haargleiche Urteil besteht noch zur Stunde über Mich unter Millionen, die durchaus von einem sanftmütigen, herablassenden und Sein Wort haltenden Gott nichts hören wollen!
[GEJ.01_005,17] Ihr Gott muß erstens sehr hoch über allen Sternen wohnen und vor lauter endlosester Erhabenheit nahe gar nicht existieren; geringere Dinge als Sonnen darf Er gar nicht erschaffen, so Er ein würdiger Gott sein will! Zweitens darf Er Sich nicht unterstehen, irgend eine und schon am allerwenigsten die menschliche Gestalt zu haben, sondern muß bloß so irgend ein unbegreifliches Unding sein!
[GEJ.01_005,18] Drittens darf, so doch Christus Gott sein könnte, Er Sich nur Menschen vom Fache, nur gewissen Sozietäten, Konzilien, außerordentlichen Pietisten, mit einem sogenannten Heiligenschein umgebenen Zeloten und vollendeten Tugendhelden durchs innere lebendige Wort mitteilen, und einem also Beglückten aber auch alsogleich die Macht, Berge zu versetzen, erteilen; sonst ist es rein nichts mit der göttlichen Mitteilung und Offenbarung Christi!
[GEJ.01_005,19] Einem Laien oder etwa gar einem Sünder darf Sich der Herr Jesus nimmer mitteilen; denn in solchem Falle ist dann die Offenbarung schon verdächtig und wird nicht angenommen gleicherweise, wie auch Ich Selbst von den hohen Juden nicht angenommen ward, weil Ich vor ihren stolzen und ruhmsüchtigen Augen viel zu wenig göttlich nobel aufgetreten bin; aber – das tut nichts! Nur das Zeugnis Johannis ist gültig!
[GEJ.01_005,20] Die Welt bleibt sich stets gleich und ist fort und fort die Wüste zu Bethabara, allwo Johannes sein Zeugnis gab. – Aber auch Ich bleibe Mir stets gleich und erscheine allzeit bei den Menschen zur Unterdrückung ihres Hochmuts und zur Belebung der wahren Demut und Liebe stets so, wie Ich den Juden erschienen bin. Wohl allen, die Mich also erkennen und aufnehmen, wie Mich der Johannes erkannt und aufgenommen hat laut seines Zeugnisses, das er Mir vor den Augen und Ohren der stolzen Priester und Leviten aus Jerusalem gab zu ihrem großen Ärger!
Ev.Joh.1,29. Des anderen Tages sieht Johannes Jesum zu sich kommen und spricht: „Siehe, Das ist Gottes Lamm, Das der Welt Sünden trägt!"
[GEJ.01_005,21] Er zeuget ihnen des nächsten Tages darauf, als diese Forscher noch zu Bethabara sich aufhielten und allda Erkundigungen machten, was alles dieser Johannes tue und worin hauptsächlich seine Predigten beständen, noch einmal von Mir, und zwar gerade bei der bekannten Gelegenheit, als Ich aus der Wüste zu ihm komme und von ihm verlange, daß er Mich taufe mit dem Wasser des Stromes.
[GEJ.01_005,22] Schon als Ich Mich ihm nähere, macht er den Führer dieser Forscher, der über die Nacht das, was er von Johannes tags vorher vernommen hatte, in eine beachtenswerte Erwägung zog, auf Mich aufmerksam und sagt: „Sieh', Der dorther Kommende ist das Gottes-Lamm, Das alle Schwäche der Menschen auf Seine Schultern gelegt hat, auf daß die Menschen, die Ihn aufnehmen werden, ein neues Leben aus Ihm nehmen und in sich die Macht haben werden, aus solchem neuen Leben Gottes Kinder zu heißen; denn weder im Sturme noch im Feuer kommt Jehova, sondern im sanftesten Wehen nur kommt er."
Ev.Joh.1,30. „Dieser ist es, von Dem ich (gestern) gesagt habe: Nach mir kommt ein Mann, Der vor mir gewesen ist; denn Er war eher denn ich."
[GEJ.01_005,23] Johannes wiederholt hier noch einmal das, was er schon tags vorher zu den Forschern über Mich ausgesagt hatte, und zeugt einerseits von Mir, daß Ich gleichsam als ein Spiegel wahrer und notwendiger Demut des Menschen zu den Menschen komme und in solcher Demut zeuge, daß Ich den Menschen in ihrer Schwäche zu Hilfe komme, nicht aber in ihrer vermeintlichen Stärke, die sie freilich wohl nimmer besitzen; andererseits aber zeuget Johannes auch, daß das von ihm also benannte Gotteslamm dennoch Der ist, Der vor allem Sein war; denn der Ausdruck „Er war eher denn ich" besagt soviel als: Johannes – seinen hohen Geist auf einen Moment in sich selbst erkennend – gibt dies den Forschern also zu verstehen, daß, obschon auch in ihm der gleiche Urgeist wohne einer und derselben Art und Beschaffenheit, er aber dennoch nur aus dem Grundurgeiste, Der allein in diesem Lamme wohne, nicht aus eigener Macht, sondern aus der alleinigen Macht dieses Urgrundgeistes in ein freies und völlig selbständiges Dasein hinausgestellt wurde; mit solcher Hinausstellung, da sie eine wirkliche Werktat des Urgrundgeistes ist, beginne dann auch eine erste Zeitperiode, vor welcher nichts war in der ganzen Unendlichkeit denn allein der Urgrundgeist Jehova, und zwar ganz also und Derselbe, als Der Er nun in diesem Gotteslamme vor ihnen sichtbar Sich befinde und von ihm (Johannes) getauft zu werden wünsche.
6. Kapitel – Taufe. In der Wüste. Erste Jüngeraufnahme. (Kap.6-9)
Ev.Joh.1,31. „Ich aber kannte Ihn auch früher nicht; sondern um Ihn zu offenbaren in Israel bin ich gekommen, mit Wasser zu taufen (die Seiner Harrenden)."
[GEJ.01_006,01] Natürlich fragten die Forscher darauf Johannes: „Seit wann kennst denn du diesen merkwürdigen Mann schon, und wie überkamst du das, was du nun von Ihm aussagst?" – Hier antwortete Johannes ganz naturgemäß, daß auch er als Mensch Ihn früher nicht gekannt habe, sondern Sein Geist habe ihm solches geoffenbart und ihn auch getrieben, die Menschen auf Diesen vorzubereiten und sie zu waschen von ihren groben Sündenflecken mit dem Wasser des Jordans.
Ev.Joh.1,32. Und Johannes zeugete und sprach (nach der Taufe) weiter: „(Als ich Ihn nun taufte,) sah ich, daß der Geist Gottes (zum Zeugnisse für mich) herabfuhr vom Himmel, gleichwie eine Taube sanft sich herabläßt, und dieser Geist blieb über Ihm."
[GEJ.01_006,02] Johannes gibt hier kund, daß auch er Mich zum ersten Male sieht leibhaftig vor ihm, und daß Mein Geist in ihm – ihm solches geoffenbart hat. Die Forscher sahen sich natürlich diesen Mann wohl an und beobachteten Ihn während der kurz dauernden Handlung der Wassertaufe, die an Mir zu begehen sich Johannes anfangs weigerte, und zwar mit dem wichtigen Bemerken: Ich solle wohl füglicher ihn taufen, denn er Mich; – aber auf Mein ausdrückliches Begehren, daß es also geschehen müsse, gab er nach und taufte Mich dennoch, sah aber, was Ich Selbst ihm durch Meinen Geist in seinem Geiste geoffenbart hatte, da Ich ihn nach Bethabara trieb, wie Gottes, das heißt Mein ewig ureigenster Geist Sich in der Erscheinlichkeit eines lichten Wölkchens, und zwar in der Art, wie eine Taube sich herabläßt, aus den lichtvollen Himmeln über Mich herabließ und also blieb über Meinem Haupte. Und dazu vernahm er zugleich die bekannten Worte:
[GEJ.01_006,03] „Dies ist Mein geliebter Sohn, oder dies ist Mein Licht, Mein eigenes Urgrundsein, an Dem Ich als die urewige wesenhafte Liebe Mein Wohlgefallen habe, Diesen sollet ihr hören!"
Ev.Joh.1,33. „Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt; aber – Der mich sandte, zu taufen mit dem Wasser, sprach zu mir: Über Den du sehen wirst den Geist Gottes herabfahren und auf Ihm bleiben, Der ist er , Der mit dem heiligen Geist taufen wird."
[GEJ.01_006,04] Darum sagt Johannes: „Ich hätte Ihn sonst auch nicht erkannt!"
Ev.Joh.1,34. „Ich sah es und zeuge nun, daß dieser ist wahrhaft Gottes Sohn."
[GEJ.01_006,05] Nach dieser Taufhandlung erzählte erst Johannes den Forschern, was er gesehen und gehört hatte, und behauptete auf Tod und Leben, daß der Getaufte, Den er schon bei Dessen Annäherung als das ihm geoffenbarte Gottes-Lamm angekündigt hatte, wahrhaftigst der von ganz Israel erwartete Messias ist; Dieser ist wahrhaft Gottes Sohn, das heißt, das urewige eigentliche Grundsein Gottes in Gott!
[GEJ.01_006,06] Er, Johannes, habe selbst mit eigenen Augen Dessen Geist über Ihn Sich herablassen und über Ihm bleiben sehen, nicht als ob dieser Mann dadurch solchen Geist erst empfangen hätte, sondern die Erscheinung geschah nur ihm selbst zu einem Zeugnisse, da auch er Ihn eher nicht gekannt hatte.
[GEJ.01_006,07] Es wirft sich hier aber von selbst die Frage auf, ob denn diese Boten aus Jerusalem von all dem mit ihren Augen und Ohren nichts bemerkt haben. Darauf diene zur stets und ewig gleichen Antwort: Nur den Unmündigen und Einfältigen wird es geoffenbart; den Weisen der Welt aber bleibt es verborgen und verhüllt.
[GEJ.01_006,08] Also sahen hier die Boten aus Jerusalem auch nichts als nur die Wassertaufe allein und ärgerten sich nicht wenig, als ihnen Johannes kundgab, was er gesehen und vernommen hatte, sie aber von all dem nichts wahrnehmen konnten und daher den Johannes auch schmähten, daß er sie anlüge; aber da traten mehrere anwesende Jünger des Johannes hinzu und bezeugten, daß Johannes völlig die Wahrheit geredet hatte.
[GEJ.01_006,09] Aber die Boten schüttelten die Köpfe und sprachen: „Johannes ist euer Meister, und ihr seid seine Jünger; darum bezeuget auch ihr seine Aussage. Wir aber sind gelehrt und weise in allen Dingen aus der Schrift, die von Gott ist durch Moses und durch die Propheten, und erkennen aus eurem Reden und Handeln, daß ihr samt eurem Meister Narren seid, nichts sehet und nichts wisset und mit eurer Narrheit viele Menschen verrückt machet, also, daß die Sache höchst mißfällig schon eine Zeitlang in den Ohren der Höchsten des Tempels liegt. Das Beste wird sein, euch mit Gewalt das Handwerk zu legen."
[GEJ.01_006,10] Johannes aber erregte sich und sprach: „Ihr Otterngezüchte, ihr Natternbrut! Meinet ihr dadurch dem Gerichte zu entgehen!? – Sehet, die Axt, mit der ihr uns vernichten möchtet, ist bereits an eure Wurzel gelegt; sehet zu, wie ihr dem Verderben entrinnen werdet! So ihr nicht in Sack und Asche Buße tut und euch nicht werdet taufen lassen, so werdet ihr zugrunde gerichtet werden!
[GEJ.01_006,11] Denn wahrlich! Dieser war es, von Dem ich zu euch geredet habe: Nach mir wird kommen, Der vor mir gewesen; denn Er war eher denn ich. – Von Seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade." (Dieses wird zum voraus schon im 15. und 16. Verse dieses Kapitels angeführt, aber noch nicht näher historisch beleuchtet.)
[GEJ.01_006,12] Auf diese energischen Worte Johannis verbleiben einige und lassen sich von ihm taufen; der größte Teil aber zieht ganz ergrimmt von dannen.
[GEJ.01_006,13] Diese Verse berichten ganz rein nur etwas Historisches und haben wenig inneren Sinn, der sich aber schon aus den vorhergehenden Erläuterungen gar leicht erkennen läßt. Nur muß hier erwähnt werden, daß solche Verse um so leichter gefaßt werden, wenn sie mit den damals von selbst sich verstehenden Umständen gegeben werden; denn in der Zeit, als der Evangelist das Evangelium niederschrieb, war es die Art und Weise, daß man alle möglichen Umstände, die sich irgend von selbst verstehen und annehmen ließen, als unnötige Sätze ausließ und bloß nur die Hauptsätze aufzeichnete und alle Nebenumstände, wie man heutzutage sagt, „zwischen den Zeilen lesen" ließ. Um diese für diese Zeit sehr zu beachtende Sache näher zu beleuchten, wollen wir eben die hiernach angesetzten drei Verse in dieser Art etwas näher betrachten, und es wird sich die damalige Schreibart (Syntax) ganz genau ersehen und wohl erkennen lassen.
7. Kapitel
Ev.Joh.1,35. Des folgenden Tages stand abermals Johannes (am Flusse des Jordan) und zwei seiner Jünger mit ihm.
[GEJ.01_007,01] Ganz urtextlich lautet zum Beispiel der 35. Vers also: „Des andern Tages stand abermals Johannes und zween seiner Jünger." Hier fragt es sich: Wo stand er, und waren die zwei Jünger bei ihm, oder standen sie irgendwo auf einem andern Platze, nur zu gleicher Zeit? – Es muß hier jedem sogleich in die Augen fallen, daß hier weder der Standpunkt und noch weniger die Handlung der beiden Jünger bezeichnet ist.
[GEJ.01_007,02] Ja warum hat denn der Evangelist solches Umstandes nicht erwähnt?
[GEJ.01_007,03] Der Grund ist schon oben angedeutet worden; denn es versteht sich ja von selbst und hat sich besonders für jene Zeit, in der also zu schreiben Regel war, ganz bestimmt von selbst verstehen lassen müssen, daß Johannes am Flusse Jordan und daselbst unter einer Weide stand und allda harrete, ob jemand käme und sich von ihm taufen ließe. Und da er mehrere Jünger hatte, die seine Lehre hörten und sie auch aufzeichneten, so waren gewöhnlich zwei, manchmal, so es viel zu tun gab, auch mehrere ihm zur Seite und waren ihm bei seinen vielen Taufhandlungen behilflich und tauften wohl auch in seinem Namen und in seiner Art.
[GEJ.01_007,04] Da also für die damalige Zeit alle solche Umstände bei denen, die um Johannes waren, zu bekannt waren, so wurden sie auch nicht aufgezeichnet; es war in dieser Zeit Regel, also zu schreiben, und einesteils auch Notwendigkeit ob Mangels des Schreibmaterials, und man zeichnete daher nur die Hauptsache auf und gab durch das einem Satze vorgesetzte Bindewort „und" zu verstehen, ob die wie vereinzelt dastehenden Sätze zueinander in einer Beziehung stehen oder nicht. Aus dem Grunde hat man solche Bindewörter auch selten in Buchstaben, sondern in gewissen bekannten Zeichen den aufeinander Bezug habenden Hauptsätzen vorgesetzt.
[GEJ.01_007,05] Diese hier gegebene Erklärung ist zwar keine an sich evangelische Erklärung; aber sie ist dennoch sehr notwendig, indem ohne sie sowohl die Evangelien in ihrem äußeren historischen Sinne in dieser Zeit kaum zu verstehen sind und somit noch weniger in ihrem inneren geistigen Sinne, am allerwenigsten aber die prophetischen Bücher des alten Testamentes, in denen statt ausgeführter Sätze bloß nur entsprechende Bilder vorkommen und natürlich von wie immer gearteten Umständeangaben keine Rede sein kann. Da wir nun aber solche Regeln des Altertums kennen, so wird es uns für die Folge auch nicht schwerfallen können, alle nachfolgenden Verse und Texte leichter zu verbinden, richtiger zu lesen und wenigstens den natürlichen, historischen Teil in ein helleres Licht zu stellen. Wir wollen solch eine kurze Analyse noch mit dem 36. und 37. Verse vornehmen und die gegebene Regel wird dadurch klarwerden.
Ev.Joh.1,36. Und da er wieder Jesum (am Ufer des Jordan) wandeln sah, sprach er: „Siehe, Das ist Gottes Lamm!"
[GEJ.01_007,06] Der 36. Vers heißt urtextlich: „Und als er sah Jesum wandeln, sprach er: Siehe, Das ist Gottes Lamm!" Das „Und" zeigt hier an, daß dieser Text mit dem vorhergehenden in irgendeiner Beziehung steht und historisch angibt, daß Jesus nach der erlangten Wassertaufe Sich noch einige Zeit in der Nähe des Johannes aufgehalten hat und daher sowohl von seinen zwei Jüngern wie von ihm selbst am Ufer des Jordans wandelnd gesehen ward.
[GEJ.01_007,07] Als Johannes Seiner ansichtig wird, so faßt er sogleich alle seine Gedanken in eins zusammen und spricht in einer Art hoher Begeisterung wie für sich hin: „Siehe, Das ist Gottes Lamm!" In dieser Zeit würde er ungefähr sich also ausgedrückt haben: „Da sehet hin! Am Ufer des Flusses wandelt noch heute der allerhöchste Gottmensch so anspruchslos und so demütig wie ein Lamm." Johannes aber übergeht alle diese näheren Bezeichnungen und sagt bloß, wie es im Verse steht.
Ev.Joh.1,37. Und als die zwei Jünger Johannes also reden hörten, (verließen sie alsbald Johannes) und folgten Jesu nach.
[GEJ.01_007,08] Der 37. Vers, der eigentlich die Folge der beiden vorhergehenden darstellt, fängt aus oben gezeigter Ursache wieder mit „Und" an und zeigt nur ganz einfach das Geschehene an, nur höchst kurz den Grund berührend.
[GEJ.01_007,09] Der Urtext heißt allereinfachst also: „Und zween seiner Jünger höreten ihn reden und folgten Jesu nach." In dieser Zeit könnte der Vers unbeschadet seines Verständnisses und Sinnes also lauten: Als aber die beiden Jünger, die bei ihm (Johannes) waren, ihren Meister also reden hörten, verließen sie ihn sogleich und begaben sich zu Jesu hin, und da Jesus sich nun von diesem Ort zu entfernen begann, so folgten sie Ihm nach.
[GEJ.01_007,10] Alles das in dieser Texterweiterung Angeführte muß bei dieser Begebenheit mitgeschehen sein, da sonst das Faktum nicht ausführbar wäre. Aber, wie gesagt, nach der damaligen Schreibart werden bloß die zwei Begriffe „Hören" und darauf das sogleiche „Nachfolgen" berührt, alle Übergangs- und Bindesätze aber als von selbst sich verstehend ausgelassen. Wer diese gegebene Regel wohl auffaßt, der wird wenigstens den historischen Teil der Urschrift in einen verständlicheren Sinn zusammenfassen und dadurch auch den inneren Sinn sich leichter vorstellen können.
8. Kapitel
Ev.Joh.1,38. Jesus aber wandte Sich um, sah die beiden nachfolgen und sprach zu ihnen: „Was suchet ihr?" Sie aber sprachen zu Ihm: „Rabbi (d. i. verdolmetscht: Meister), wo bist Du zur Herberge?"
[GEJ.01_008,01] Auch dieser Text erscheint als eine Folge der vorhergehenden und ist mehr historisch als geistig; denn damit beginnt vorderhand die bekannte, in ihrer Art noch ganz materielle Aufnahme der Apostel, und zwar in derselben Gegend, wo Johannes sein Wesen hatte, und zwar zu Bethabara, einem allerarmseligsten Flecken, den arme Fischer bewohnten, aus welchem Grunde sich die beiden Jünger auch alsobald nach der Herberge erkundigen und gewisserart fragen, welche Hütte Ich bewohne.
[GEJ.01_008,02] Denn da Ich Mich Selbst vor der Taufe bei vierzig Tage in dieser Gegend aufgehalten hatte und Mein menschliches Wesen durch Fasten und sonstige Übungen für das beginnende Lehramt vorbereitete, so ist es historisch auch klar und gewiß, daß Ich zu dem Behufe in diesem Flecken irgend eine Herberge haben mußte, die in ebenderselben wüsten und höchst unwirtlichen Gegend lag, die Ich für Mein Vorhaben als die tauglichste erkannte.
[GEJ.01_008,03] Die beiden Jünger wußten das wohl, daß Ich schon einige Zeit in dieser Gegend zu Hause war; denn sie mochten Mich wohl schon etliche Male allda gesehen haben, ohne jedoch eine Ahnung zu haben, wer Ich sei; daher erkundigten sie sich auch alsbald nicht nach Meiner eigentlichen Geburtsheimat, sondern nur nach der Herberge im Orte zu Bethabara, der zumeist aus den allerdürftigsten Fischerhütten bestand, die aus Lehm und Schilf erbaut waren und oft kaum die Höhe hatten, daß ein Mann darin aufrecht stehen konnte.
[GEJ.01_008,04] Und eine ähnliche Hütte, ziemlich tief in der Wüste, bewohnte denn auch Ich, die ein Werk Meiner Hände war. Von daher datieren sich noch heutzutage die fast in allen christlichen Landen vorkommenden Eremitagen.
Ev.Joh.1,39. Er sprach zu ihnen: „Kommet und sehet es!" Sie gingen mit Ihm und sahen es und blieben denselben Tag bei Ihm. Es war um die zehnte Stunde.
[GEJ.01_008,05] Es war solche Herberge sonach nicht ferne von dem Orte, wo Johannes sein Wesen trieb; daher sagte Ich denn auch zu den beiden Jüngern: „Kommet und sehet!", worauf die beiden Mir auch unbedingt folgten, mit Mir bald Meine Herberge erreichten und sich allda nicht wenig wunderten, daß der Gesalbte Gottes beinahe die allerunansehnlichste Hütte bewohne, die dazu noch in einer allerunwirtlichsten Gegend dieser Wüste sich befinde!
[GEJ.01_008,06] Es geschah aber dies nicht etwa in der Zeit, innerhalb der in der Gegenwart die christlichen Gemeinden gewöhnlich die 40tägigen Fasten halten, sondern um zwei Monde später, und nach des Tages Zeit, als wir die Herberge erreichten, war es um die zehnte Stunde, also nach gegenwärtiger Zeitrechnung ungefähr um die dritte Stunde nachmittags; denn damals bestimmte der Aufgang der Sonne die erste Stunde des Tages. Da aber dieser nicht stets um die gleiche Zeit erfolgt, so können die damals angegebenen Tagzeiten, Stunden genannt, mit der gegenwärtigen Tageszeiteneinteilung in keine genaue, sondern nur in eine ungefähre Übereinstimmung gebracht werden; darum Ich denn auch oben sagte: Es war ungefähr um die dritte Stunde nachmittags, als Ich mit den beiden Jüngern die Herberge erreichte. – Da diese beiden Jünger diesen Tag bis zum Sonnenuntergang bei Mir zubrachten, so wird gewiß in eines jeden forschenden Lesers Gemüte die Frage entstehen, was wir drei in und bei Meiner Herberge in der Zeit von drei bis gegen acht Uhr gemacht haben. Denn geschrieben steht davon nirgends etwas. Diese Sache läßt sich ganz einfach sozusagen schon von selbst verstehen: daß Ich diese beiden von ihrer künftigen Bestimmung unterwies und ihnen auch zeigte, wie und wo Ich Mein Lehramt zuerst beginnen und wie Ich in dieser Gegend noch mehrere ihres Geistes und Willens zu Meinen Jüngern auf- und annehmen werde. Zugleich erteilte Ich ihnen auch den Auftrag, daß sie sich unter ihren Kollegen, die zumeist auch Fischer waren, erkundigen und beraten sollten, ob nicht welche geneigt wären, sich Mir anzuschließen. Das war diese Zeit hindurch unsere Unterhaltung. Als aber der Abend kam, entließ Ich die beiden, und sie begaben sich, zum Teil sehr heiter, zum Teil aber auch sehr nachdenkend, zu den Ihrigen zurück; denn sie hatten Weiber und Kinder und wußten nicht, was sie mit denselben machen sollten.
Ev.Joh.1,40. Einer aus den zweien, die von Johannes (über Jesum) also reden hörten und darauf Jesus nachfolgten, war Andreas, ein Bruder Simon Petri.
[GEJ.01_008,07] Einer aus den zweien mit Namen Andreas ist mit seinem Entschlusse bald fertig und will Mir um jeden Preis folgen; er sucht daher auch sogleich seinen Bruder Simon, der irgendwo noch mit seinen Fischnetzen zu tun hatte.
Ev.Joh.1,41. Derselbe findet am ersten eben diesen Bruder Simon und sagt zu ihm: „Wir haben den Messias gefunden!" (Messias heißt soviel als: der Gesalbte.)
[GEJ.01_008,08] Als er ihn nach einigem Suchen findet, so hat er nichts Wichtigeres zu tun, als dem Simon über Hals und Kopf zu erzählen anzufangen, daß er den verheißenen Messias gefunden habe mit noch einem Jünger, dessen Entschluß kein so fester war, Mir zu folgen.
Ev.Joh.1,42. (Simon wünscht Jesum zu sehen,) und Andreas führt in zu Jesus. Da ihn Jesus sah, sprach Er: „Du bist Simon, des Jonas Sohn; von nun an aber sollst du Kephas heißen (d.h. verdolmetscht: ein Fels)!"
[GEJ.01_008,09] Als Simon von Mir also reden hört, äußert er lebhaft den Wunsch, Mich sobald als möglich zu sehen; denn er war bei der Taufe nicht zugegen gewesen. Andreas spricht: „Heute kann es nicht füglich mehr geschehen, aber morgen sollst du bei Tagesanbruch bei Ihm sein!"
[GEJ.01_008,10] Spricht darauf Simon, der stets bei allem Tun vom Messias phantasierte und der Meinung war, daß der Messias der Armut helfen und die hartherzigen Reichen völlig vertilgen werde: „Bruder, da ist kein Augenblick zu verlieren; ich verlasse augenblicklich alles und folge Ihm bis ans Ende der Welt, so Er es verlangt. Führe mich daher nur sogleich zu Ihm hin; denn mich drängt es gewaltig, und ich muß Ihn heute noch sehen und sprechen. Die Nacht ist hell, und weit ist es bis zu Dessen Hütte nicht; daher machen wir uns nur sogleich auf den Weg zu Ihm hin! – Wer weiß es denn, ob wir Ihn morgen noch träfen?!"
[GEJ.01_008,11] Auf solches Drängen führt ihn Andreas zu Mir hin. Als sich aber beide schon ziemlich spät in der Nacht Meiner Herberge nahen, bleibt Petrus vor süßer Entzückung bei dreißig Schritt vor derselben stehen und sagt zum Andreas: „Es wird mir sonderbar zumute! Mich ergreift ein erhaben süßes Bangen; kaum getraue ich mir noch einen Schritt fürbaß zu tun, und doch ist in mir, Ihn zu sehen, ein so heißes Verlangen!"
[GEJ.01_008,12] Hier komme Ich aus Meiner Hütte den beiden Brüdern entgegen, was damit gesagt und gezeigt ist, daß Ich ihn sah; – es versteht sich von selbst, daß unter dem Von-Mir-Gesehen-Werden Mein Entgegenkommen bezeichnet ist, so jemand wie Simon vorzüglich im Herzen zu Mir kommt. Er wird deshalb von Mir auch sogleich erkannt, das heißt, angenommen, und ein neuer Name ist der erste Anteil für ihn an Meinem Reiche. Simon bekommt hier auch sogleich den Namen Kephas oder ein Fels im Glauben an Mich; denn Ich sah es schon lange, von welch einem Geiste Petrus belebt ist und war.
[GEJ.01_008,13] Dem Petrus oder Simon war diese Meine Anrede ein hinreichender Beweis, daß Ich unfehlbar der verheißene Messias sei; er gab hinfort auch keinem Zweifel über Mich in seinem Herzen mehr Raum und fragte Mich auch mit keiner Silbe je, ob Ich wohl der Rechte wäre, denn sein Herz war ihm der allein sichere und gültige Bürge. – Beide blieben nun bis zum Morgen bei Mir und verließen Mich nachher nicht mehr.
9. Kapitel
Ev.Joh.1,43. Des anderen Tages wollte Jesus wieder nach Galiläa ziehen, und findet Philippus und sagt zu ihm: „Folge Mir nach!"
[GEJ.01_009,01] Am Morgen sage Ich zu den beiden: „Meine Zeit in dieser Wüste ist zu Ende; Ich werde nach Galiläa ziehen, von wo Ich hierher kam. Wollet ihr mitziehen? Ich stelle es euch frei; denn Ich weiß es, daß ihr Weib und Kind habt und diese nicht leicht verlasset. Doch niemand, der Meinetwegen etwas verläßt, wird das Verlassene verlieren, sondern es nur vielfach wieder gewinnen."
[GEJ.01_009,02] Spricht darauf Petrus: „Herr! Dir zuliebe verlasse ich mein Leben, geschweige denn mein Weib und Kind! – Die werden leben auch ohne mich; denn ich bin ein Bettler und kann ihnen wenig Brotes schaffen; unsere Fischerei trägt kaum für den halben Mund eines Menschen, geschweige für eine Familie eine ersprießliche Nahrung! Mein Bruder Andreas ist mir ein guter Zeuge. Zu Bethsaida sind wir wohl geboren; aber die Nahrung mußten wir hier an diesen wüsten, aber dennoch ziemlich fischreichen Ufern des Jordans suchen, allwo wir nun auch vom Johannes getauft wurden. Unser Vater Jonas aber ist wohl bei Kräften und unsere Weiber und Schwestern auch; dazu den Segen von oben, und sie werden sich schon durchbringen!" – Ich belobe darum beide, und wir machen uns auf den Weg.
Ev.Joh.1,44. Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus.
[GEJ.01_009,03] Auf dem Wege, der sich eine Zeitlang noch an den Ufern des Jordans hinzog, treffen wir Philippus, der, ebenfalls aus Bethsaida gebürtig, sich mit einem schlechten Netze schon in aller Frühe in den Wellen des Jordans ein Frühstück suchte. – Petrus machte Mich auf ihn aufmerksam und sprach: „O Herr! Dieser Mann leidet viel und ist sehr arm, aber dabei der ehrlichste und redlichste Mensch, voll wahrer Gottesfurcht in seinem Herzen! Wie wäre es denn, so Du ihn auch mitziehen ließest?"
[GEJ.01_009,04] Auf solch lieblichen Antrag Petri aber sage Ich nichts als: „Philippus, folge Mir nach!" Dieser läßt sich die Sache nicht zweimal sagen, wirft sein Netzwerk vor sich hin und folgt Mir, ohne zu fragen wohin. Am Wege erst sagt zu ihm Petrus: „Dem wir folgen, ist – der Messias!" Philippus aber sagt: „Das hat mir schon mein Herz gesagt in dem Augenblick, als Er mich allerliebreichst berufen hat."
[GEJ.01_009,05] Philippus aber war ledig und bei den armen Fischern ein Lehrer, da er sich auf die Schrift so ziemlich verstand, und war mit Joseph von Nazareth persönlich bekannt, kannte somit auch Mich und wußte so manches, das sich bei Meiner Geburt und in Meiner Jugend zugetragen hatte. Er war auch einer von den wenigen, die in Meiner Person heimlich den Messias erhofften; aber da Ich von Meinem zwölften Jahre an nichts Wunderbares mehr verrichtete, sondern also lebte und arbeitete wie ein jeder andere ganz gewöhnliche Mensch, so verlor sich auch bei gar vielen Menschen der erste wunderbare Eindruck, den Meine Geburt bewirkte, ganz und gar; selbst die damals am meisten Erregten sagten, Meine Geburt sei bloß durch ein an sich selbst merkwürdiges Zusammentreffen aller möglichen Umstände und Erscheinungen also wunderlich berühmt geworden, mit denen aber Meine Geburt sicher in keinem Verbande stehe; auch habe sich das geniale Wesen Meiner Jugend derart gänzlich verloren, daß von selbem in Meinen männlicheren Jahren keine Spur irgend mehr anzutreffen sei! – Aber Philippus und noch einige wenige hielten bei sich eine gewisse Hoffnung auf Mich fest; denn sie wußten um die Weissagung Simeons und der Anna, die bei Meiner Beschneidung im Tempel geschah, und hielten darauf große Stücke.
Ev.Joh.1,45. Philippus findet Nathanael und spricht zu ihm: „Wir haben Den gefunden, von Welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben; es ist Jesus, Josephs Sohn von Nazareth."
[GEJ.01_009,06] Als nun Philippus, der Mir folgte, auf dem Wege eigens suchend den Nathanael antrifft, als dieser unter einem Feigenbaume sitzend sein Fischergerät ausbessert, sagt er voll Inbrunst zu ihm: „Bruder, ich habe dich mit meinen Augen längs des schon ziemlich gestreckten Weges gesucht und bin nun von ganzem Herzen froh, dich gefunden zu haben; denn sieh', wir haben Den gefunden, von welchem Moses im Gesetze und die Propheten geschrieben haben; es ist dennoch Jesus, Josephs Sohn von Nazareth!"
Ev.Joh.1,46. Und Nathanael sprach zu ihm: „Was kann von Nazareth Gutes kommen?!" Spricht darauf Philippus: „Komm und schau es selbst!"
[GEJ.01_009,07] Nathanael wird darauf fast ein wenig unwillig und sagt: „Wer kennt das schlechte Nest Nazareth nicht?! – Was Gutes kann wohl von diesem Neste kommen?! – Und (gewisserart von selbst verständlich) der Messias schon am allerwenigsten!" Philippus aber sagt: „Ich weiß wohl, daß du in dieser Hinsicht stets mein Gegner warst, obschon ich dir meine Gründe dafür hundertmal vorgestellt habe. Aber komme nun und überzeuge dich selbst, und du wirst es selbst sagen, daß ich vollends recht gehabt habe!"
[GEJ.01_009,08] Nathanael erhebt sich nachdenkend und sagt: „Bruder, das wäre ein Wunder der Wunder! Denn das Gesindel von Nazareth ist doch sicher das schlechteste von der ganzen Welt! Kann man mit einem Stücke römischen Blechs aus einem Nazaräer nicht alles machen, was man nur will?! In diesem Neste ist ja lange schon kein Glaube mehr, weder an Moses noch an die Propheten! Kurz, aus einem Nazaräer kannst du machen, was du willst, und es ist ja schon zu einem alten Sprichwort geworden, daß man sagt: Dieser oder jener ist noch schlechter als ein Nazaräer! Und du sagst, von dort ist der Messias, zu Dem du mich führen willst, daß ich Ihn sähe?! – Nun, nun, bei Gott ist wohl kein Ding unmöglich! Wir wollen es sehen!"
Ev.Joh.1,47. Als Jesus den Nathanael zu Ihm kommen sieht, spricht Er laut zu ihm: „Sieh', ein rechter Israelite, in welchem kein Falsch ist!"
[GEJ.01_009,09] Mit diesen Worten begibt sich Nathanael mit Philippus zu Jesus hin, Der unterdessen bei hundert Schritte dem Orte entlang ein wenig Ruhe genommen hatte. Als aber beide sich schon in der Nähe Jesu befinden, sagt Dieser laut: „Sehet, ein rechter Israelite, in welchem kein Falsch ist!"
Ev.Joh.1,48. Nathanael spricht zu Ihm: „Woher kennst du mich denn?" – Jesus antwortet und spricht zu ihm: „Ehe dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaume warst sah Ich dich."
[GEJ.01_009,10] Nathanael verwundert sich höchlichst über diese höchst wahre Zumutung, die ihm aus Meinem Munde laut entgegenkommt, und fragt sogleich: „Woher kennst du mich denn, daß du solches von mir aussagen kannst? Denn mein Inneres kann nur Gott und ich allein kennen; ich aber war niemals ein Prahler und ein offener Lobredner meiner Tugenden. Woher alsonach weißt du denn, wie ich beschaffen bin?" – Ich aber sehe ihn an und sage: „Eher, als dich Philippus rief, da du unter dem Feigenbaume warst, sah Ich dich!"
Ev.Joh.1,49. Nathanael antwortet und spricht zu Jesus: „Rabbi! – Du bist wahrhaft Gottes Sohn! Du bist der König von Israel!"
[GEJ.01_009,11] Diese Meine Aussage über ihn setzt den Nathanael ins höchste Erstaunen, und alsogleich sagt er, durch und durch erregt in seinem Herzen: „Meister! Ganz abgesehen von dem, daß Du ein Nazaräer bist, bist Du dennoch wahrhaftig Gottes Sohn! Ja, Du bist unfehlbar der lange sehnsüchtigst erwartete König Israels, Der Sein Volk aus den Klauen der Feinde befreien wird! O Nazareth, o Nazareth, wie klein warst du, und wie groß wirst du nun! Die Letzte wird zur Ersten erhoben werden! O Herr! Wie schnell gabst Du mir den Glauben! – Wie ist das nun, daß aus mir jeder Zweifel wich und ich nun glaube in der Fülle, daß Du der verheißene Messias bist!"
Ev.Joh.1,50. Jesus antwortet und spricht zu Nathanael: „Du glaubst, weil Ich dir gesagt habe: unter dem Feigenbaume (eher als dich Philippus rief) sah Ich dich. (Ich aber sage dir), du wirst noch Größeres denn das sehen!"
[GEJ.01_009,12] Auf diese Frage Nathanaels antworte Ich erst also, wie es der vorliegende 50. Vers angibt, und zeige dadurch dem Nathanael, daß er zwar nun wohl glaubt, daß Ich der verheißene Messias bin; aber zu solchem Glauben ist er nun genötigt durch die in Mir entdeckte Allwissenheit, die nur in Gott sein kann, bemerke aber zu dem noch hinzu, wie er in der Folge noch Größeres sehen werde, womit Ich ihm aber soviel sagen will als: Du glaubst nun durch ein Wunder, in der Folge aber wirst du frei glauben!
Ev.Joh.1,51. Und Jesus spricht weiter zu ihm: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch, – von nun an werdet ihr die Himmel offen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren sehen auf des Menschen Sohn!"
[GEJ.01_009,13] Und wahrlich, wahrlich, Ich sage es euch: Von nun an werdet ihr alle die Himmel offen sehen und die Engel Gottes hinauf- und herabfahren auf des Menschen Sohn, – was alles soviel sagen will als: In der Folge, so ihr aus Mir die Wiedergeburt eures Geistes werdet erlangen, dann werden die Pforten des Lebens aufgetan werden, und ihr werdet dann, als selbst Engel, eben die durch Mich in der Wiedergeburt zu Engeln und somit auch in diesen Engeln zu „Kindern Gottes" gemachten Menschen vom Tode zum ewigen Leben (hinauf-)wandeln sehen, im Gegensatze auch viele urgeschaffene Engelsgeister aus allen Himmeln herab zu Mir, dem Herrn alles Lebens, fahren sehen und allda treten in Meine, in des Menschensohnes Fußstapfen, – folgend Meinem Beispiel und Zeugnis.
[GEJ.01_009,14] Das ist demnach nun ein rechtes Verständnis des ersten Kapitels; aber darnach glaube ja niemand, als sei das Verständnis, das hier gegeben ist, ein schon alles erschöpfendes! Oh, das ist es nicht; wohl aber ist diese Gabe ein praktischer Wegweiser, nach dem ein jeder, der eines guten Willens ist, in allerlei Tiefen der göttlichen Weisheit eingeführt werden und allda ersehen und erkennen kann allerlei Lebenssinn in jedem einzelnen Verse. Zu allem dem aber ist, wie gesagt, diese Gabe eine wahre Hauptrichtschnur, nach der alles bemessen und gerichtet werden kann.
10. Kapitel – Im Elternhaus zu Nazareth. Die Hochzeit zu Kana. Reise nach Jerusalem zum Osterfest. (Kap.10-12)
Ev.Joh.2,1. Und am dritten Tage ward eine Hochzeit zu Kana in Galiläa gehalten, und die Mutter Jesu war dabei.
[GEJ.01_010,01] Durch das hier gleich im Anfange des ersten Verses vom zweiten Kapitel vorkommende „Und" wird beurkundet, daß die beiden Kapitel ganz untereinander verbunden sind; denn es erhellt dies schon aus dem Umstand, daß diese Hochzeit in einer dem Hause Josephs sehr befreundeten Familie schon am erwähnten dritten Tage stattfindet, und zwar vom Tage an gerechnet, als Ich mit Meinen – bis zu dieser Begebenheit nur vier Jüngern Bethabara verließ und darauf einen vollen Tag in Gesellschaft dieser Meiner vier Jünger im Hause Josephs, der aber nicht mehr lebte, bei der Mutter Meines Leibes zubrachte, die sich mit Meinen andern Brüdern natürlich die größte Mühe und Sorgfalt nahm, uns nach Möglichkeit bestens zu bewirten.
[GEJ.01_010,02] Denn Maria wußte es wohl in ihrem Herzen, daß nun Meine Zeit gekommen sei, als der verheißene Messias aufzutreten und zu wirken anzufangen; aber sie wußte die Art und Weise auch nicht, worin Mein Wirken bestehen werde. Auch sie glaubte vorderhand noch immer an die volle Vertreibung der Römer und an die Herstellung des mächtigen Thrones Davids und dessen darauf ruhenden, unverrückbaren und unbesiegbaren, göttlich herrlichen Ansehens, das von da an nimmer ein Ende nehmen werde.
[GEJ.01_010,03] Die gute Maria und Meine ganze irdische Verwandtschaft stellte sich unter dem Messias auch noch gleichfort einen Besieger der Römer und anderer Feinde des gelobten Landes vor; ja, die Besten hatten von dem verheißenen Messias nahe dieselbe Vorstellung, wie in dieser Zeit viele aus der Zahl sonst ehrenhafter Menschen sich eine ganz verkehrte Vorstellung vom Tausendjährigen Reiche machen. Aber es war noch nicht an der Zeit, ihnen eine andere Vorstellung zu geben.
[GEJ.01_010,04] Da alsonach Mein eigenes Haus, von der Maria angefangen, von solch einer Vorstellung vom künftigen Messias beseelt war, so ist es auch vollrechtlich anzunehmen, daß dann andere befreundete Familien keine bessere haben konnten.
[GEJ.01_010,05] Aus eben dem Grunde aber ward Mir denn auch in vielen Familien die größte Aufmerksamkeit geschenkt, wie natürlich auch allen denen, die Ich als Meine Jünger bezeichnete, und es entschlossen sich daher auch Jakobus und Johannes, Meine Jünger zu werden, um dann mit Mir die Völker der Erde zu beherrschen! Denn sie hatten auch schon so manches vergessen, was Ich ihnen in Meiner Kindheit oft und so ziemlich deutlich vorausgesagt hatte.
Ev.Joh.2,2. Jesus aber und seine Jünger wurden auch auf die Hochzeit geladen.
[GEJ.01_010,06] Da Ich alsonach als ein bald auftretender Befreier vom römischen Joche in nahe allen besseren Häusern der ganzen Umgebung von Nazareth, ja in nahe ganz Galiläa, in solchem Rufe stand – obschon erst seit etlichen Monden, in denen Ich wieder einige dahin deutende Vorkehrungen zu treffen angefangen hatte, wodurch, wie so manches seit achtzehn Jahren Eingeschlafene und Vergessene, auch an Meiner Person hängende Verheißungen in den befreundeten Häusern wieder ein Leben zu gewinnen begannen, – so wurde Ich auch mit Meinen Jüngern, Meiner Mutter Maria und einer Menge von andern Verwandten und Bekannten sogar nach Kana, einem alten Städtchen in Galiläa, das eben nicht sehr ferne von Nazareth lag, zu einer sehr ansehnlichen Hochzeit geladen, bei der es recht heiter und fröhlich zuging, so daß die vier Jünger aus Bethabara zu Mir die Bemerkung machten:
[GEJ.01_010,07] „Herr! Hier lebt es sich bedeutend besser als in Bethabara! Der arme Johannes wäre vielleicht auch sehr froh, wenn er an Stelle seiner ganz verzweifelt schlechten Kost, die zumeist in etwas überbrühten Heuschrecken und dem Honig wilder Bienen besteht, so ein Mahl einmal in seinem Leben einnehmen könnte?!" (Es besteht in dieser Gegend wie auch in Arabien eine taubengroße Gattung von Heuschrecken, die so wie hierzulande die Krebse zubereitet und gegessen werden.)
[GEJ.01_010,08] Worauf Ich ihnen antwortete: „Warum Johannes also leben muß, könnet ihr jetzt noch nicht fassen; denn er muß also leben, sonst würde die Schrift nicht erfüllt. Er wird aber bald in ein besseres Leben kommen. Jerusalem wird ihn nicht mehr lange in der Wüste sein Wesen treiben lassen; er wird von nun an abnehmen, damit dafür ein Anderer wachse!
[GEJ.01_010,09] Was aber ist mit dem Jünger, der mit dir, Andreas, zuerst bei Mir war? Wird er nachkommen, oder wird er bleiben zu Bethabara?" Spricht Andreas: „Siehe, er kommt schon, er hatte noch manches zu ordnen." – Sage Ich: „Also ist es gut! Denn wo es einen Kephas gibt, da muß es auch einen Thomas geben." Spricht Andreas: „Ja, das ist sein Name! Eine ehrliche Seele, aber dabei stets voll Skrupel und Zweifel; was er aber einmal erfaßt, das läßt er auch nimmer fahren, obschon er von einem allerfreigebigsten Herzen ist. Wegen solcher seiner Freigebigkeit hat er auch diesen Beinamen bekommen. – Er kommt, Herr, soll ich ihn hereinrufen, diesen Zwieling?" Sage Ich: „Ja, tue das! – Denn wer in Meinem Namen kommt, soll bei der Hochzeit zu Gaste geladen sein!"
Ev.Joh.2,3. Und da es am Weine gebrach, spricht die Maria zu Jesus: „Sie haben keinen Wein!"
[GEJ.01_010,10] Nach der damaligen Sitte sollte ein ankommender neuer Gast mit einem Becher Weines bewillkommnet werden. Maria aber hatte schon einige Zeit bemerkt, daß der Weinvorrat bereits aufgezehrt war, und also auch sah sie, daß man den neuangekommenen Gast nach ordentlicher Sitte gar nicht werde bewillkommnen können; deshalb sagt sie insgeheim zu Mir: „Aber mein lieber Sohn, das wird gewisserart eine schöne Geschichte werden! Sie haben keinen Wein mehr! Du könntest wohl einen schaffen (wenigstens für diesen Neuangekommenen)?"
Ev.Joh.2,4. Jesus spricht zu ihr: „Weib, was hast du mit Mir zu schaffen? Meine Stunde ist noch nicht gekommen."
[GEJ.01_010,11] Worauf Ich der Maria eine sehr doppelsinnige Antwort vor allen Gästen, aber freilich in einer sehr sanften Sprache, gebe und ihr der damaligen, besonders um Nazareth üblichen Sitte wegen sage: „Weib (Mutter), was kümmert Mich und dich das?! – Ich als geladener Gast bin noch nicht an der Reihe, für den Wein Sorge zu tragen, Meine Zeit ist noch nicht gekommen!" – (In dieser Zeit und Gegend mußte nämlich ein jeder geladene männliche Gast der Hochzeit eine freiwillige Gabe von Wein zur Steuer bringen. Es war aber eine gewisse Ordnung darin zu beachten, dernach der ersten Anverwandten Gaben zuerst verzehrt wurden, und waren diese zu Ende, so wurden nach dem Range erst die Gaben der nicht blutsverwandten Geladenen hergenommen.) Maria aber wußte, daß bereits aller Weinvorrat aufgezehrt war; so wandte sie sich denn an Mich, besonders, da nun ein neuer Gast ankäme und zu dessen Bewillkommnung nun kein Tropfen Weines mehr vorrätig sei, und forderte Mich gleichsam auf, diesmal die übliche Ordnung zu überspringen! Denn die Mutter hielt bei solchen Gelegenheiten viel auf die alte übliche gute Sitte. Obschon Ich Mich aber dazu nicht besonders geneigt zeigte, so kannte sie Mich aber dennoch, daß Ich ihr nie etwas unerfüllt gelassen habe, was sie einmal gewünscht hatte.
Ev.Joh.2,5. Seine Mutter spricht zu den Dienern: „Was Er euch sagen wird, das tuet!"
[GEJ.01_010,12] Und so wandte sie sich denn auch an die Tafeldiener in gutem Vertrauen auf Mich und sagte zu ihnen: „Was mein Sohn euch sagen wird, das tuet!" –
[GEJ.01_010,13] Soweit geht das eigentlich Historische dieser Verse des zweiten Kapitels; innerhalb dieser historischen Begebenheit oder – wie man sagt – über solche Historie hinaus aber erwahrt sich schon ein geistiger und deshalb prophetischer Sinn, der aber bei innerem Denkvermögen sich überaus leicht finden läßt.
[GEJ.01_010,14] Wem kann es entgehen, daß zwischen dieser Hochzeit, die am dritten Tage nach Meiner Rückkunft aus der Wüste Bethabara geschah, und zwischen Meiner Auferstehung, die eben auch am dritten Tage nach Meiner Kreuzigung geschah, eine der auffallendsten Entsprechungen obwaltet?
[GEJ.01_010,15] Es ward alsonach durch diese Hochzeit im prophetischen Geiste angezeigt, was nach drei Jahren sich mit Mir ereignen werde, und eben also auch, im etwas weiteren Sinne, daß Ich nach drei Jahren mit allen Meinen Bekennern und wahren Liebhabern als ein ewiger Bräutigam eine wahre Hochzeit in ihrer Wiedergeburt zum ewigen Leben gewiß und sicher halten werde!
[GEJ.01_010,16] Im allgemeinen praktischen Sinn aber bezeugt diese Hochzeitsgeschichte, die – wohlverstanden – drei Tage nach Meiner Rückkunft aus der Wüste erfolgte, auch die drei Stadien, die ein jeder Mensch durchzumachen hat, um zur Wiedergeburt des Geistes oder zu der ewigen Lebenshochzeit im großen Kana des himmlischen Galiläa zu gelangen.
[GEJ.01_010,17] Die drei Stadien aber sind: zuerst die Bezähmung des Fleisches, dann die Reinigung der Seele durch den lebendigen Glauben, der sich natürlich durch die Werke der Liebe als lebendig erweisen muß, ansonst er tot ist, und endlich die Erweckung des Geistes aus dem Grabe des Gerichtes, wozu in der Erweckung des Lazarus sicher das vollsinnigst entsprechende Bild gegeben ist. Wer über diese Beleuchtung ein wenig nachdenkt, der wird sich in allem folgenden leicht zurechtfinden.
[GEJ.01_010,18] Da wir hier sonach den geistigen Sinn entwickelt haben, und zwar in dem, was diese Hochzeitsgeschichte im allgemeinen besagt, so wollen wir wieder zum weiteren Verlaufe dieser Hochzeit zurückkehren und am Ende dieser Geschichte die sonderheitlichen Entsprechungen durchgehen.
11. Kapitel
Ev.Joh.2,6. Es waren allda sechs steinerne Wasserkrüge, gesetzt nach der Weise der jüdischen Reinigung; es faßte aber ein jeder dieser Krüge 2 bis 3 Maß.
[GEJ.01_011,01] Nachdem die Maria zu den Dienern gesagt hatte: „Was Er euch sagen wird, das tuet!", so sagte Ich denn auch zu den Dienern, daß sie die sechs steinernen Wasserkrüge, die da zur Reinigung der Juden bestimmt waren, auf die aber eben die Nazaräer und Kanaiter nicht mehr viel hielten, darum diese Krüge hier auch mehr zur Parade als zum bestimmten Gebrauch aufgestellt waren und je 2 bis 3 Maß hielten, mit Wasser voll anfüllen sollten.
Ev.Joh.2,7. Jesus spricht: „Füllet die Krüge mit Wasser!" – Und sie fülleten sie bis oben an.
[GEJ.01_011,02] Die Diener taten das sogleich, aber mehr in der Meinung, daß sich der neuangekommene Gast nach altem Brauche waschen und reinigen könnte. – Der Gast trat ein und ward zur Tafel gesetzt, ohne sich vorher die Hände gereinigt zu haben. Solches fällt nun den Dienern auf, daß sie sich untereinander fragten: „Warum haben wir denn diese schweren Krüge mit Wasser füllen müssen? Dieser Gast macht keinen Gebrauch davon, und uns hat es eine unnötige Arbeit gemacht!" – Sage darauf Ich zu ihnen: „Warum fragtet ihr denn früher nicht, daß ihr nun murret ob solcher Arbeit?! Habt ihr denn nicht zuvor gehört, was Maria zu Mir geredet hatte, nämlich, daß die Gäste keinen Wein mehr haben? Obschon aber Meine Zeit, weder nach der Gebrauchsordnung noch geistig völlig da ist, so habe Ich aber doch, um die Herrlichkeit Dessen, von Dem sie sagen, daß Er ihr Gott sei, Ihn aber noch nie erkannt haben, zu offenbaren, das Wasser in den Krügen, nicht etwa durch eine Art Zauberei, sondern lediglich durch die Kraft Gottes, die in Mir ist, in Wein umgestaltet."
Ev.Joh.2,8. Und Jesus spricht weiter zu den Dienern: „Schöpfet nun und bringet es dem Speisemeister!" Und die Diener taten dies sogleich.
[GEJ.01_011,03] „Nehmet nun einen Becher voll und traget ihn zuvor zum Speisemeister (Koch) zum Verkosten; er solle darüber sein Urteil abgeben!" – Die Diener, ganz verblüfft über solche Umwandlung des Wassers, bringen diesen Wein sogleich dem Koche zum Verkosten.
Ev.Joh.2,9. Als der Speisemeister kostete den Wein, der Wasser gewesen war, und also nicht, wie die Diener, es wußte, von wannen er kam, rufet er den Bräutigam.
[GEJ.01_011,04] Der Koch macht große Augen und läßt sogleich den Bräutigam zu sich kommen und sagt zu ihm: „Aber du weißt von der Ordnung wohl noch nichts!?"
Ev.Joh.,10. Und sagt zu ihm: „Jedermann gibt zuerst den guten Wein, und so die Gäste trunken geworden sind, alsdann erst den geringeren; du aber hast den guten bisher behalten!"
[GEJ.01_011,05] „Setzet denn nicht jedermann zuerst den guten Wein den Gästen vor und erst, wann sie etwas trunken geworden sind und ihr Gaumen schon mehr abgestumpft ist, einen geringen? – Du aber machst es gerade umgekehrt!"
[GEJ.01_011,06] Der Bräutigam aber erwiderte: „Du redest hier wie ein Blinder von der Farbe! Sieh, dieser Wein ist nie irgendwo auf der Erde gekeltert worden, sondern kam, wie einst das Manna, aus den Himmeln auf unsern Tisch; und deshalb muß er freilich wohl besser sein als jeder irgendwo auf der Erde vorkommende Wein!"
[GEJ.01_011,07] Sagt der Koch: „Hältst du mich für einen Narren, oder bist du selber einer?! Wie kann denn ein Wein aus den Himmeln auf deinen Tisch kommen?! Es müßte Jehova Selbst oder doch Sein Knecht Moses zu Tische sitzen!"
[GEJ.01_011,08] Der Bräutigam aber sprach: „Komm und überzeuge dich von allem selbst!"
[GEJ.01_011,09] Der Koch geht sogleich mit dem Bräutigam in den Speisesaal und beschaut die sechs Krüge, daß sie voll Weines bester Art waren. Als er sich also von dem Wunder überzeugt, spricht er: „Herr, vergib mir meine Sünden! So etwas kann nur Gott tun, und Gott muß hier unter uns sein! Denn so etwas ist keinem Menschen möglich."
[GEJ.01_011,10] Es wurde aber nun der Wein den Gästen vorgesetzt, und als diese ihn verkosteten, sprachen sie alle: „Solcher Wein wird in unseren Landen nicht gekeltert! – Das ist wahrhaft ein Himmelswein! Ehre dem, welchem Gott solche Macht gegeben hat!"
[GEJ.01_011,11] Darauf tranken sie Mir und dem neuangekommenen Gaste Thomas Glück und Willkommen zu.
[GEJ.01_011,12] Alle aber, die da waren bei dieser Hochzeit, glaubten nun vollends, daß Ich unfehlbar der verheißene Messias bin.
[GEJ.01_011,13] Petrus aber sagte zu Mir insgeheim: „Herr, laß mich wieder von dannen ziehen! – Denn Du bist Jehova Selbst, wie Dein Knecht David von Dir geweissagt hat in seinen Psalmen; ich aber bin ein armer Sünder und Deiner durch und durch unwert!"
[GEJ.01_011,14] Sage Ich zu ihm: „So du dich für unwürdig hältst, an Meiner Seite zu wandeln, wen hältst du dann für würdig? Sieh, Ich bin nicht gekommen zu den Starken, so sie irgendwo seien, sondern nur zu den Schwachen und Kranken kam Ich. So jemand gesund ist, bedarf er des Arztes wohl nicht; nur der Kranke und Schwache bedarf des Arztes. Bleibe du daher nur ganz guten Mutes bei Mir, denn Ich habe dir deine Sünden schon lange vergeben, und so du auch an Meiner Seite sündigen wirst, werde Ich dir es auch vergeben; denn nicht in deiner Stärke, sondern in deiner Schwäche, darum du Mich erkannt hast und nun schon ein Fels im Glauben bist, sollst du vollendet werden durch die alleinige Gnade von oben!"
[GEJ.01_011,15] Auf solche Meine Belehrung kommen Petrus die Tränen, und er sagt mit großer Begeisterung: „Herr, – so Dich alle verlassen sollten, da werde ich Dich dennoch nicht verlassen; denn Deine heiligen Worte sind Wahrheit und Leben!"
[GEJ.01_011,16] Nach diesen Worten erhebt sich Petrus, nimmt den Becher und spricht: „Heil dir, Israel, und dreimal Heil uns! Denn wir sind Zeugen der erfüllten Verheißung. Gott hat Sein Volk heimgesucht. Was schwer zu glauben war, ist nun vor unseren Sinnen erfüllt! Nun dürfen wir nicht mehr schreien aus der Tiefe zur Höhe; denn die Höhe der Höhe ist zu uns in die Tiefe der Tiefe unseres Elends gekommen! – Darum alle Ehre Dem, Der unter uns ist und uns aus Seiner Macht und Gnade diesen Wein gegeben hat, auf daß wir an Ihn glauben und von nun an in Ihm Gott die Ehre geben sollen!" – Darauf trinkt Petrus, und alle trinken ihm zu und sagen: „Dies ist ein rechter Mann!"
[GEJ.01_011,17] Ich aber sage mehr insgeheim zu Petrus: „Dein Fleisch hat dir das nicht gegeben; sondern der Vater, Der in Mir ist, hat es deinem Geiste geoffenbart. Aber von nun an halte mit deiner Stimme noch zurück; es wird aber eine Zeit kommen, in der du also schreien sollst, daß dich alle Welt vernehmen möge!" – Darauf trat wieder Ruhe unter die Gäste, und durch diese Tat glaubten nun alle an Mich und sahen in Mir den wahren Messias, Der gekommen sei, um sie von allen Feinden loszumachen.
Ev.Joh.2,11. Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat, und es also geschehen ist zu Kana in Galiläa, und Er Seine Herrlichkeit offenbarte. Und Seine Jünger glaubten nun fest an Ihn.
[GEJ.01_011,18] Es war dies auch das erste außerordentliche Zeichen, das Ich beim Antritt des großen Erlösungswerkes vor den Augen vieler verrichtet hatte und zeigte in diesem Zeichen, wenn auch verhüllt, das folgende große Werk; aber das begriff von der ganzen Gesellschaft auch nicht einer. – Denn wie Mein Fasten in der Wüste die Verfolgung, die Mir in Jerusalem vom Tempel aus zuteil ward, und die Taufe Johannis Meinen Kreuzestod vorandeutete, also deutete diese Hochzeit Meine Auferstehung an, und das Zeichen ward ein Vorbild der Wiedergeburt des Geistes zum ewigen Leben.
[GEJ.01_011,19] Denn also wie Ich das Wasser in den Wein verkehrte, wird auch des Menschen naturmäßig Sinnliches in den Geist verwandelt werden durch das Wort aus Meinem Munde, so er danach lebet!
[GEJ.01_011,20] Aber es solle auch ein jeder den Rat in seinem Herzen genau befolgen, den Maria den Dienern gab, indem sie sagte: „Was Er sagen wird zu euch, das tuet!", dann werde Ich auch an einem jeden das tun, was Ich zu Kana in Galiläa getan habe, nämlich ein rechtes Zeichen, an und aus dem nun ein jeder, der nach Meinem Worte lebt, die Wiedergeburt des Geistes in sich selbst leichter erkennen wird.
12. Kapitel
Ev.Joh.2,12. Danach zog Er hinab gen Kapernaum, und Seine Mutter, Seine Brüder und Seine Jünger zogen mit Ihm, blieben aber nicht lange daselbst.
[GEJ.01_012,01] In sieben Tagen nach dieser Hochzeit verließ Ich Nazareth und zog mit Maria, Meinen fünf Brüdern, von denen zwei zu Meinen Jüngern gehörten, und mit den bis dahin aufgenommenen Jüngern hinab gen Kapernaum, einer damals ziemlich bedeutenden Handelsstadt, die an der Grenze von Zebulon und Naphthalim und also inmitten dieser zwei Provinzen am Galiläischen Meere liegt, und das nicht ferne von dem Orte, wo Johannes am jenseitigen Ufer des Jordans in der Gegend Bethabara taufte, solange dieser oft ganz wasserleere Fluß eine rechte Menge Wassers hatte.
[GEJ.01_012,02] Man würde hier fragen, was Ich denn so ganz eigentlich in dieser schon nahe ganz heidnisch gewordenen Stadt suchte. – Man lese nur den Propheten Jesajas 9,1 usw.; allda wird man finden, wie es also geschrieben stehet: „Das Land Zebulon und das Land Naphthalim am Wege des Meeres, jenseits des Jordans, und das heidnische Galiläa, dies Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und allen, die da saßen am Orte und im Schatten des Todes, ist ein mächtig Licht aufgegangen."
[GEJ.01_012,03] Und so man das im Jesajas gefunden hat und weiß, daß Ich die Schrift von A bis Z erfüllen mußte, so wird man auch ganz leicht einsehen, warum Ich Mich von Nazareth gen Kapernaum begeben habe. Zudem waren in dieser Gegend auch noch zwei Jünger, ein Jakobus und ein Johannes, Söhne Zebedäi, aufzunehmen; diese waren auch Fischer und fischten im Galiläischen Meer, nicht ferne von der Mündung des Jordans und auch nicht ferne vom Fischerplatze Petri und Andreä, welche beide auch im Meere zu fischen berechtigt waren.
[GEJ.01_012,04] Als diese Jünger auch aufgenommen waren und Mich erkannt hatten aus Meinen Worten und aus dem gewaltigen Zeugnisse derer, die mit Mir waren, so begann Ich denn auch alsobald ordentlich die Menschen zu lehren und ermahnte sie zur Buße, dieweil das Gottesreich nahe herbeigekommen sei. Ich ging in ihre Synagogen und lehrte darinnen. Mehrere glaubten, aber viele ärgerten sich und wollten ihre Hände an Mich legen und Mich von einem Berge ins Meer stürzen. Ich aber entging ihnen mit allen, die mit Mir waren, und besuchte einige kleine Orte am Galiläischen Meer, verkündigte das Gottesreich und machte viele Kranke gesund, und die Armen und Gemeinen glaubten und nahmen Mich wohlgefällig auf; und mehrere aus ihnen schlossen sich an Mich an und folgten Mir, wie die Lämmer ihrem Hirten, allerorts nach.
[GEJ.01_012,05] In Kapernaum hielt Ich Mich daher nur kurze Zeit auf, indem allda nahe kein Glaube und noch weniger Liebe daheim war; denn diese Stadt war ein Ort des Handels und des Krämertums. Wo aber Handel und Krämerei getrieben wird, da haben Glaube und Liebe den Abschied im Vollmaße erhalten. Wo aber diese beiden verabschiedet sind, da gibt es für Mich wenig oder nichts zu tun.
Ev.Joh.2,13. Und der Juden Ostern war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem.
[GEJ.01_012,06] Es war aber ohnehin das Osterfest der Juden herangekommen, und Ich zog dann mit allen, die bei Mir waren, hinauf nach Jerusalem. Aber man stelle sich das Osterfest der eigentlichen Juden nicht in der Zeit vor, wie sie nun in dieser Zeit in den verschiedenen christlichen Gemeinden für dies ähnliche Fest bestimmt wird, manchmal schon sogar im Monat März, sondern um nahe ein ganzes Vierteljahr später hinaus! Denn bei dem Osterfeste ward für des Jahres erste Fechsung (Ernte), die in Gerste, Korn und Weizen bestand, dem Jehova gedankt, und man aß da schon das neue Brot, das aber nach dem Gesetze ungesäuert war, und niemand in dem Lande durfte in dieser Zeit ein gesäuertes Brot essen.
[GEJ.01_012,07] Es konnte daher dieses Fest der ungesäuerten Brote erst dann stattfinden, wenn das neugeerntete Getreide schon zu Mehl gemacht werden konnte, nicht aber in einer Zeit, in der das Getreide sozusagen erst gesät wird. Es wird zwar das Getreide in Judäa wohl, wenn das Jahr gut dienet, um 14-20 Tage eher reif als hier; aber vor Ende des Monats Mai wird das Korn und der Weizen sogar in Ägypten selten ganz hereingebracht, geschweige in Judäa, allda es schon bedeutend kühler ist als in Ägypten.
[GEJ.01_012,08] Es war aber die Zeit der ungesäuerten Brote alsonach da, und wie oben gezeigt, zog Ich denn mit allen, die bei Mir waren, hinauf nach der Hauptstadt der Juden, die auch „die Stadt Gottes" hieß; denn Jerusalem heißt eben verdolmetscht soviel als „die Stadt Gottes".
[GEJ.01_012,09] Da aber in der Zeit stets viel Volkes nach Jerusalem kam, auch viele Heiden, die da kauften und verkauften allerlei Waren, als Gerätschaften, Webereien, Vieh und Früchte aller Art, so hatte dieses Fest in der Zeit das geheiligte Ansehen ganz verloren, und die Gewinnsucht nötigte sogar das Priestertum, die Höfe und Vorhallen des Tempels für diese Zeit an die Kaufleute, ob Juden oder Heiden, um einen ganz bedeutenden Betrag zu vermieten, so daß solch eine Tempelmiete für die Festdauer über tausend Silberlinge ausmachte, was in der Zeit eine ungeheuer große und gewichtige Summe war und gegenüber den Sachen mehr galt, als in der gegenwärtigen Zeit hunderttausend Gulden.
[GEJ.01_012,10] In der letzteren Zeit, unter dem Hohenpriester Kaiphas, zog Ich hinauf nach Jerusalem. – Der verstand es, diese Würde, die natürlich sehr einträglich war, auf mehr als ein Jahr an sich zu bringen; denn die Beachtung des Mosaischen Gesetzes war in der Zeit zu einer allerleersten Zeremonie herabgesunken, und kein Priester hielt in der Wahrheit mehr darauf als auf einen vor hundert Jahren gefallenen Schnee; aber was dafür die eitel leerste Zeremonie betrifft, so war diese, um das arme Volk so recht bergdick breitzuschlagen, auf den höchsten Punkt gediehen.
[GEJ.01_012,11] Er vermietete sogar im innern Teile des Tempels gewisse Plätze an die Taubenkrämer und einige kleine Wechsler. Denn diese kleinen Wechsler hatten kleine Münzen, als Groschen und Stater, und gaben denen, die kleinerer Münzen bedurften, gegen ein gewisses Agio diese für die Silberlinge, für römische Goldstücke und fürs römische Viehgeld (pecunia); denn die Römer hatten, um das Vieh zu kaufen, ein eigenes Geld. Je nachdem ein oder das andere Tier auf einer solchen Münze geprägt war, mußte man dasselbe Tier auch um eine solche Münze zum Kaufe bekommen, vorausgesetzt, daß dem Inhaber das Vieh verkäuflich war. Für solches Viehgeld konnte man bei den großen und kleinen Wechslern aber auch ein anderes Kursgeld bekommen; nur war das Agio stärker als bei anderen Geldsorten.
13. Kapitel – Die Tempelreinigung. (Kap.13-16)
Ev.Joh.2,14. Und er fand im Tempel sitzen, die da Ochsen Schafe und Tauben feil hatten, und die Wechsler.
[GEJ.01_013,01] Als Ich sonach bei dieser Meiner Ankunft in Jerusalem die Sache also fand, daß die Menschen sich vor lauter Vieh und deren Verkäufern kaum mehr in den Tempel getrauten, da manchmal ein oder der andere Ochs wild wurde und dabei Menschen und gottgeweihte Sachen beschädigte, und weil fast jeder Mensch, der den Tempel besuchte, oft vor Gestank und Lärm es nicht aushalten konnte, dabei nicht selten um alle seine nötige Habe kam, so mußte solche Schändlichkeit Mich endlich denn doch nahe ordentlich zu verzehren beginnen, und Petrus und Nathanael sagten zu Mir: „Herr, hast Du denn keine Blitze und keine Donner mehr?! Da sieh hin! Die armen Menschen weinen vor dem Tempel; sie kommen weither, um Gott die Ehre zu geben, und können vor lauter Ochsen und Schafen, mit denen der Tempel angestopft ist, gar nicht hineinkommen, und viele klagen, die mit Mühe und Gefahr in den Tempel und wieder aus demselben kamen, daß sie darin völlig ausgeraubt worden und vor Gestank nahe erstickt wären! – Ah, das ist denn doch zu stark arg und schlecht! – Solch einem gar zu argen Unfuge muß um jeden Preis Einhalt gemacht werden; denn das ist ja bei weitem über Sodom und Gomorrha!"
[GEJ.01_013,02] Solche Rede behorcht ein fremder alter Jude, tritt hinzu und spricht: „Liebe Freunde, ihr wißt nicht alles; ich aber war vor drei Jahren selbst ein gemeiner Knecht im Tempel und habe da Dinge erfahren, vor denen mir Haut und Bein erschauderte!"
[GEJ.01_013,03] Sage Ich: „Freund, behalte es bei dir, denn Ich weiß um alles, was da vorgegangen ist. Aber sei versichert, das Maß ist voll geworden, und heute noch sollet ihr Gottes Macht und Zorn durch den Tempel walten sehen. Entfernet euch aber auf eine Weile von den Toren des Tempels, auf daß ihr nicht beschädigt werdet, wenn nun bald Gottes Macht die Frevler aus dem Tempel treiben wird; sie werden nachher solchen Frevel nicht mehr wagen."
[GEJ.01_013,04] Hierauf entfernte sich dieser Jude und lobte Gott; denn er hielt Mich nach solcher Rede für einen Propheten, ging zu seiner Schar und erzählte ihr das, was er von Mir vernommen hatte; und die Schar, aus etlichen hundert Menschen, jung und alt, bestehend, frohlockte und fing an, laut Gott zu preisen, daß Er wieder einen mächtigen Propheten erweckt habe.
Ev.Joh.2,15. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle aus dem Tempel hinaus, samt den Schafen und Ochsen und verschüttete den Wechslern ihr Geld und stieß ihre Tische um.
[GEJ.01_013,05] Ich aber sagte zum Petrus: „Gehe hin dort zu dem Seiler, kaufe ihm drei starke Stricke ab und bringe sie hierher!" – Petrus tat das sogleich und brachte Mir drei starke Stricke, die Ich schnell zusammenflocht und Mir sonach eine starke Geißel anfertigte. Mit dieser Geißel in Meiner Rechten sagte Ich zu allen, die mit Mir waren, und zu Meinen Jüngern: „Kommt nun mit Mir in den Tempel und seid Zeugen; denn es soll sich nun Gottes Macht und Herrlichkeit an Mir abermals vor euren Augen bewähren!"
[GEJ.01_013,06] Nach diesen Worten ging Ich natürlich voran in den Tempel, und wie Ich ging, wich alles zurück, und die Mir folgten, hatten nach Mir einen guten Weg; freilich war der Boden voll Geflades und Unrats.
[GEJ.01_013,07] In der letzten Vorhalle des Tempels angelangt, in der die vorzüglichsten Ochsen- und Schafhändler ihr Vieh zum Verkauf aufgestellt hatten, und zwar auf der linken Seite, während die rechte Seite durch alle drei Hallen die Wechsler im Beschlage hatten, stellte Ich Mich auf die Torstufen und sagte mit einer donnerähnlich starken Stimme: „Es stehet geschrieben: Mein Haus ist ein Bethaus; ihr aber machet es zu einer Mördergrube! – Wer hat euch dazu ein Recht erteilt, den Gottestempel also zu entheiligen!?"
[GEJ.01_013,08] Sie aber schrieen: „Wir haben unser Recht vom Hohenpriester teuer erkauft und stehen unter seinem Schutze und unter dem Schutze Roms."
[GEJ.01_013,09] Sage Ich: „Unter solchem Schutze stehet ihr wohl; aber Gottes Arm ist wider euch und eure Schutzmeister. Wer wird euch vor Diesem in Schutz nehmen, so Er über euch und eure Schutzmeister ausgestreckt wird?!"
[GEJ.01_013,10] Sagen die Verkäufer und Wechsler: „Im Tempel wohnet Gott, und die Priester sind Gottes; können diese wider Seinen Rat etwas tun? – Wen sie schützen, den schützt auch Gott!"
[GEJ.01_013,11] Sage Ich mit einer sehr lauten Stimme: „Was redet ihr unsinnigen Frevler? Die Priester sitzen wohl noch auf den Stühlen Mosis und Aarons; aber sie dienen nicht mehr Gott, sondern dem Mammon, dem Teufel dienen sie, und ihr Recht und euer Recht ist ein Recht der Teufel und ewig nie ein Gottesrecht! Darum erhebet euch nun augenblicklich und räumet die Hallen, sonst soll es euch übel ergehen!"
[GEJ.01_013,12] Da fingen sie an zu lachen und sagten: „Da seht einmal die Keckheit dieses gemeinsten Nazaräers an! – Werfet ihn doch geschwinde zum Tempel hinaus!" Darauf erhoben sie sich und wollten Hand an Mich legen.
[GEJ.01_013,13] Hier erhob Ich Meine Rechte mit der Strickgeißel und fing an, sie über ihre Köpfe mit göttlicher Gewalt zu schwingen; wen die Geißel traf, der wurde augenblicklich von heftigsten, nahe unaushaltbaren Schmerzen befallen, und eben also auch das Vieh. Es entstand im Augenblick ein fürchterliches Menschen- und Viehgeheul, und das Vieh floh gewaltig und stieß, was ihm in den Weg trat, nieder, und ebenalso flohen auch die Verkäufer und Käufer unter furchtbarem Schmerzgeschrei; Ich aber stieß alle Wechselbuden um und verschüttete alles Geld, das auf denselben lag, bei welcher Arbeit Mir auch die Jünger behilflich waren.
Ev.Joh.2,16. Und sprach zu denen, die Tauben feil hatten: „Traget das von dannen und machet nicht Meines Vaters Haus zu einem Kaufhaus!"
[GEJ.01_013,14] Ich trat darauf in den Tempel, allwo noch eine Menge Taubenkrämer mit ihren Taubenkäfigen voll Tauben aller Art und Gattung auf die Käufer harrten. Weil diese Krämer gewöhnlich Arme waren und gerade auf keinen Gewinn ausgingen und der Taubenverkauf im Tempel schon eine alte Sache war, freilich in alter Zeit nur im ersten Vorhofe des Tempels üblich, so ermahnte Ich diese Armen bloß und sagte: „Traget das hinaus und machet Meines Vaters Haus nicht zu einem Kaufhause; im äußersten Vorhofe ist der Ort für dergleichen!" – Diese Armen entfernten sich darauf auch ohne Widerrede und nahmen im äußersten Vorhofe ihren alten Platz ein. – Auf diese Weise war nun der Tempel gereinigt.
Ev.Joh.2,17. Seine Jünger aber gedachten danach daran, daß es geschrieben stehet: „Der Eifer um Dein Haus hat Mich gefressen."
[GEJ.01_013,15] Aber die Reinigung machte ein großes Aufsehen, und die Jünger befürchteten heimlich, daß nun bald die Priesterschaft uns als Aufwiegler werde durch die römische Wache gefangennehmen lassen und wir der schmählichsten Verantwortung und Züchtigung kaum entgehen dürften; denn es stehe geschrieben: „Der Eifer um Dein Haus hat Mich gefressen."
[GEJ.01_013,16] Ich aber sagte zu ihnen: „Sorget euch nicht! Sehet hinaus in die Vorhallen, und ihr werdet es erschauen, wie die Diener und Priester allertätigst bemüht sind, das verschüttete viele Geld der Wechsler aufzulesen und in ihre Säckel zu schieben! Sie werden uns der Beschädigten wegen wohl befragen, aus welcher Macht wir das getan haben, aber heimlich wird es ihnen ganz recht sein; denn die Tat trägt ihnen bei 1000 Säckel Goldes und Silbers und eine große Menge anderen Geldes, das sie nimmer den Eigentümern zurückerstatten werden. Sie sind nun auch zu beschäftigt und haben keine Zeit, uns zur Verantwortung zu ziehen; auch werden sie in dieser Sache nicht leichtlich eine Klage anhören, so wie die Beschädigten, durch diese Lektion zu mächtig gewitzigt, auch nicht leichtlich so bald eine Klage wider Mich erheben werden. Seid daher nun nur ganz ruhig.
[GEJ.01_013,17] Der Eifer um Mein Haus wird Mich vor diesen wohl fressen, aber jetzt noch lange nicht! Es werden Mich höchstens einige hier anwesende Juden befragen, wer Ich sei und aus welcher Macht Ich so etwas tat, und werden sich von Mir ein Beglaubigungszeichen erbitten. Ich aber weiß schon, daß es also geschehen muß, und das wird von keiner Gefahr für uns sein. Da sehet nur hin gegen den Vorhang, dort stehen schon einige, die sich den Anwand nehmen, in ihrem höchsteigenen Interesse Mich darüber zu befragen; es soll ihnen aber auch sogleich eine rechte Antwort zuteil werden!"
14. Kapitel
Ev.Joh.2,18. Da sprachen die Juden: „Was zeigest du uns für ein Zeichen, daß du solches tun mögest?"
[GEJ.01_014,01] Als Ich noch also mit den furchtsamen Jüngern solches redete, da traten schon etliche Juden zu Mir hin und sprachen: „Du hast nun eine mächtige Tat verübt, Menschen und Vieh flohen vor deiner Hand wie Spreu im Sturme, und es kam keiner zurück, um sein verstreutes Geld zu holen! Wer bist du, und welch ein Zeichen (vom Kaiser meinten sie) kannst du uns vorzeigen, weshalb du solches tun magst?! – Kennst du denn nicht die eiserne Strenge der Gesetze, die dich darum verderben können?!"
Ev.Joh.2,19. Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Brechet diesen Tempel ab, und am dritten Tage will Ich ihn aufrichten!"
[GEJ.01_014,02] Sage Ich: „So Ich sie nicht kennete und Mich vor ihnen fürchtete, würde Ich das nicht getan haben. – Ihr aber verlanget von Mir ein amtliches Zeichen, und Ich sage es euch, daß Ich ein solches nicht habe; aber brechet ab diesen Tempel, und am dritten Tage soll er wieder vollendet dastehen!"
Ev.Joh.2,20. Da sprachen die Juden: „Zur Erbauung dieses Tempels waren 46 Jahre vonnöten, und du willst das allein in drei Tagen tun!?"
Ev.Joh.2,21. Denn sie wußten nicht, daß Er vom Tempel Seines Leibes redete.
[GEJ.01_014,03] Bei dieser Meiner entschiedenen Aussage machten die Juden ganz sonderbar große Augen und wußten sich nicht gleich zu fassen. Nach einer Weile erst fiel es einem von ihnen ein, daß zum Bau des Tempels volle 46 Jahre nötig waren und er vielen tausend Händen eine unausgesetzte Arbeit gab; daher wendet sich dieser historisch erfahrene Jude zu Mir und sagt: „Junger Mann! Bedachtest du wohl auch, was Dummes du nun geredet hast? Siehe, 46 volle Jahre waren zum Aufbau dieses Tempels erforderlich und gaben vielen tausend Händen vollste Arbeit, und du willst das ganz allein tun ohne Beihilfe anderer Hände in drei Tagen!? Oh, oh, oh, was hast du, und das dazu noch im Tempel, da man doch am meisten vernünftig reden sollte, von dir für ein Zeugnis ausgesprochen?!
[GEJ.01_014,04] Deine frühere Tat hatte uns sehr überrascht, und schon fingen wir an, unter uns als Älteste von Jerusalem zu beraten, aus welcher Macht du diese an sich wirklich sehr lobenswerte Tat verübt hast, ob aus einer weltlichen oder ob aus einer prophetischen. Und wir befragten dich denn auch deshalb. Und hättest du zu uns gesagt in weiser Rede, die wir wohl verstehen, daß du ein von Gott erweckter Prophet seiest und solches durch die Macht Gottes verübest, wir hätten es dir geglaubt; aber so gabst du uns statt einer weisen Rede wider alles Erwarten eine kaum beschreiblich frevelhaft prahlerische dumme Antwort, in der nicht eine wahre Silbe steckt, und wir sehen in dir nun einen Menschen, der allenfalls in irgend einer heidnischen Schule ein wenig das Zaubern erlernt hat und sich damit nun hier in der Stadt Davids ein wenig batzig machen will, entweder im Solde Roms oder geheim im Solde der Pharisäer, Priester und Leviten stehend; denn diese möchten heute die beste Tempelernte zufolge deiner Zaubertat gemacht haben! Es tut uns allen wahrhaft leid, daß wir uns an dir nun gar so verkannt haben."
[GEJ.01_014,05] Sagte Ich darauf: „Es tut auch Mir von ganzem Herzen leid, daß Ich euch gar so entsetzlich blind und taub antreffen mußte! Denn wer blind ist, der sieht nichts, und wer taub und stumm ist, der vernimmt nichts! Ich tue vor euren Augen ein Zeichen, das vor Mir keiner getan hat, und rede die vollste Wahrheit, und ihr saget, Ich sei entweder ein dummer, in der heidnischen Zauberei bewanderter Prahler und wolle Mich hier vor euch batzig machen, oder Ich sei als Zauberer im Solde Roms oder im schnöden Solde der Tempelpfaffen. O welch ein schmählich Ansinnen! – Da sehet hin, dort steht eine ganz bedeutende Schar, die Mir aus Galiläa hierher gefolgt ist! Sie hat Mich erkannt, obschon ihr saget, daß die Galiläer das glaubensloseste und schlechteste Judenvolk seien. Diese aber erkannten Mich dennoch und folgen Mir; wie ist es denn, daß ihr Mich nicht erkennen möget?"
[GEJ.01_014,06] Sagen die Juden: „Wir wollten dich ja auch erkennen und forschten dich darum aus; denn wir sind weder blind noch taub, wie du meinst. Du aber gabst uns eine Antwort, aus der man natürlichen Verstandes denn doch nichts anderes machen kann, als was wir offen dir ins Gesicht bekannt haben! Wir haben einen guten Willen; warum, so du allenfalls ein Prophet bist, verkennst du diesen? Wir sind Ehrenmänner von Jerusalem und haben viele Güter. So du ein rechter Prophet wärest, da hättest du gut sein in unserer Mitte; du aber erkennst solches nicht und bist daher auch kein Prophet, sondern ein purer Magier, der den Tempel mehr entheiligt als jene, die von dir früher hinausgetrieben worden sind!"
[GEJ.01_014,07] Sage Ich: „Gehet hin und beratet euch mit denen, die mit Mir gekommen sind; diese werden es euch sagen, Wer Ich bin!"
[GEJ.01_014,08] Die Juden gehen nun zu den Jüngern und befragen sie; diese aber sagen, was sie von Mir am Jordan gehört, das Zeugnis Johannis, und was sie an Meiner Seite gesehen und erlebt haben, gestehen aber dabei auch, daß sie das nicht fassen, was Ich zu den Juden gesagt habe.
Ev.Joh.2,22. Da Er auferstanden war von den Toten, gedachten Seine Jünger daran, daß Er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und der Rede, die Er gesprochen hatte.
[GEJ.01_014,09] Denn sie selbst begriffen das erst nach Meiner, nach drei Jahren, erfolgten allerwunderbarsten Auferstehung und also auch die Schrift, die solches von Mir geweissagt hatte.
[GEJ.01_014,10] Als die Juden alles das erfuhren von den Jüngern, kamen sie abermals zu Mir und sagten: „Nach allem dem, was wir nun von Deiner sehr treuherzigen Schar über Dich in Erfahrung gebracht haben, so wärest Du offenbar der Verheißene! – Das Zeugnis Johannis, den wir kennen, spricht gewaltig für Dich, und Deine Taten nicht minder; aber Deine Rede ist gerade das Gegenteil von all dem andern. – Wie kann der Messias in den Taten ein Gott und in der Rede ein Narr sein! – Erkläre uns das, und wir alle nehmen Dich an und wollen Dich mit allem Möglichen unterstützen!"
[GEJ.01_014,11] Sage Ich: „Was möget ihr Mir geben, das ihr nicht zuvor empfangen hättet von Meinem Vater, Der im Himmel ist? So ihr es aber empfangen habt, wie möget ihr nun also reden, als ob ihr es nicht empfangen hättet?! Was wollt ihr Mir geben, das da nicht Mein wäre?! Denn was des Vaters ist, das ist auch Mein; denn Ich und der Vater sind nicht Zwei, sondern Eins! Ich sage euch: Nichts als der Wille allein ist euer, alles andere aber ist Mein. Gebet ihr Mir euren Willen in der rechten Liebe eures Herzens und glaubet ihr, daß Ich und der Vater vollkommen Eins sind, dann habt ihr Mir alles gegeben, was Ich von euch verlangen kann!"
[GEJ.01_014,12] Sagen die Juden: „So verrichte ein Zeichen, und wir glauben, daß Du der Verheißene bist!"
[GEJ.01_014,13] Sage Ich: „Warum wollt ihr denn Zeichen? O du verkehrte Art! Wisset ihr denn nicht, daß die Zeichen niemanden erwecken, sondern nur richten?! Ich aber kam nicht euch zum Gerichte, sondern auf daß ihr das ewige Leben empfangen sollet, so ihr an Mich glaubet in euren Herzen! Es werden zwar noch viele Zeichen geschehen, und ihr werdet deren etliche sehen; aber diese werden euch nicht beleben, sondern töten auf eine lange Zeit."
15. Kapitel
Ev.Joh.2,23. Als er aber zu Jerusalem war in den Ostern auf dem Feste, glaubten viele an Seinen Namen, da sie die Zeichen sahen, die Er tat.
[GEJ.01_015,01] Ich sage es euch: „Es ist nun Ostern, und Ich werde Mich diese Zeit durch hier in Jerusalem aufhalten; gehet dahin, wo Ich sein werde, und ihr werdet der rechten Zeichen sehen in großer Menge! Aber sehet selbst zu, ob euch die Zeichen nicht töten werden!"
[GEJ.01_015,02] Auf diese Rede machten die Juden große Augen; Ich aber verließ sie und ging mit Meinen Jüngern aus dem Tempel ins Freie. Die Juden aber folgten Mir ganz heimlich nach, denn gar zu offenbar getrauten sie sich nicht, Mir nachzufolgen, da Ich vom Töten durch Meine Zeichen geredet hatte. Sie aber verstanden darunter nicht das Töten des geistigen Elements, sondern das Töten des Leibes, und sie waren, wie alle Reichen der Erde, große Freunde des irdischen Lebens.
[GEJ.01_015,03] Einer jedoch ging außerhalb des Tempels zu Mir hin und sagte: „Meister, ich habe Dich erkannt und möchte um Dich sein; wo bist Du zur Herberge?"
Ev.Joh.2,24. Aber Jesus vertraute sich ihnen nicht; denn Er kannte sie alle.
Ev.Joh.2,25. Und bedurfte nicht, daß da jemand Zeugnis gäbe von einem Menschen; denn Er wußte es wohl, was im Menschen war.
[GEJ.01_015,04] Ich aber sah, daß in ihm kein Ernst und seine Absicht, Meine Herberge auszukundschaften, keine redliche war, darum sagte Ich zu ihm, wie hernach noch zu manchen ähnlichen unlauteren Forschern den bekannten Aphorismus: „Die Vögel haben ihre Nester und die Füchse ihre Löcher; aber des Menschen Sohn hat nicht einen Stein, daß er darauf hinlege Sein Haupt, und hier in dieser Stadt schon am allerwenigsten. Gehe aber hin und mache zuvor rein dein Herz; dann komme mit einer redlichen, aber mit keiner verräterischen Absicht und magst dann zusehen, wie du an Meiner Seite bestehen wirst!"
[GEJ.01_015,05] Dieser aber sagte: „Meister, Du irrest Dich an mir und Meinen Freunden; so Du keine Herberge hast, da komme zu uns, und wir wollen Dir und Deinen Jüngern und sonstigen Freunden Herberge schaffen und euch verpflegen, so lange ihr wollt!"
[GEJ.01_015,06] Ich aber sah am besten, daß dieser keines redlichen Sinnes war, und sagte: „Euch können wir uns wohl nicht anvertrauen; denn ihr seid Herodis Freunde und seid samt ihm spektakelsüchtige Menschen, besonders so ihr Spektakel umsonst schauen könnt. Deshalb aber bin Ich nicht nach dieser Stadt gekommen, um die Herodianer durch Komödien zu unterhalten, sondern hier zu verkünden, daß das Gottesreich nahe herbeigekommen ist, und daß ihr deshalb eine wahre Buße tun sollet, auf daß ihr dieses Reiches teilhaftig werden möget! Sieh, das ist der Zweck Meines Hierseins in dieser Zeit, und dazu bedarf es eurer Herberge nicht! Denn wer in einem Hause wohnt, kann nicht aus demselben kommen denn durch die Türe, die mit Schloß und Riegel versehen ist, durch die man einen Gast auch zu einem Gefangenen machen kann. Wer aber in der Freie seine Herberge nimmt, der ist auch frei und kann ziehen, wohin er will!"
[GEJ.01_015,07] Spricht der Jude: „Wie kannst Du uns also beschimpfen! Meinst denn Du, daß wir von der Heiligkeit des Gastrechtes keine Kenntnis mehr haben? So wir Dich zu Gaste laden und Du als Gast in unser Haus einziehest, so bist Du das Heiligste im Hause, und wehe dem, der sich vergriffe an Dir! Und also wird bei uns vor allem das Gastrecht gehalten und geehrt. Wie magst Du dann solche Einrichtung in unseren Häusern verdächtigen?!"
[GEJ.01_015,08] Sage Ich: „Diese Einrichtung eures Hauswesens kenne Ich wohl; aber darum ist Mir die andere nicht fremd: Solange ein Gast in eurem Hause ist, genießt er wohl das Gastrecht; so er aber dann aus dem Hause ziehen will, da harren vor der Türe bestellte Schergen und Lanzenknechte, nehmen den Gast in Empfang und legen ihm Ketten und Fesseln an! Sage, gehört das auch in den Bereich der alten Gastfreundschaft?!"
[GEJ.01_015,09] Spricht der Jude etwas verlegen: „Wer kann das unseren Häusern mit gutem Gewissen nachsagen?"
[GEJ.01_015,10] Sage Ich: „Der, Der es weiß! Ist nicht vor etlichen Tagen also ein Mensch in die Hände des Gerichtes überliefert worden?"
[GEJ.01_015,11] Spricht der Jude noch verlegener: „Meister, wer sagte Dir das? So es geschehen, sage, hat es jener Verbrecher nicht also verdient?"
[GEJ.01_015,12] Sage Ich: „Bei euch aber ist vieles ein Verbrechen, was bei Gott und Mir kein Verbrechen ist; denn vor der Härte eurer Herzen gibt es viele Verbrechen, gegen die Moses kein Gesetz gegeben hat. Das sind eure Satzungen, und die machen vor Mir keinen Menschen zu einem Verbrecher! Denn eure Satzungen sind eine Sünde gegen die Gesetze Mosis; wie ist demnach der ein Verbrecher, so er sich an euren Satzungen versündigt, wenn er Mosis Gesetze hält?! O Ich sage es euch: Ihr alle seid voll Tücke und voll schmählicher Arglist!"
[GEJ.01_015,13] Spricht der Jude: „Wie kann das sein? Moses hat uns ein Recht gegeben, für besondere Fälle Gesetze zu schaffen, und sonach sind unsere wohlberatenen Satzungen so gut wie Mosis Gesetze selbst! Wer sie sonach nicht beachtet, ist der nicht so gut ein Verbrecher als einer, der sich am unmittelbaren Gesetze Mosis versündigt?"
[GEJ.01_015,14] Sage Ich: „Bei euch ja, aber bei Mir nicht! – Moses befahl, daß ihr eure Eltern lieben und ehren sollet; ihr aber saget, und die Priester gebieten es sogar: Wer dafür opfert im Tempel, dem ist es besser, da er sich dafür von diesem Gesetze loskauft. So aber nun ein Mensch zu euch tritt und sagt: Ihr seid Gottesleugner und elende Betrüger, da ihr das Gesetz Mosis infolge eurer Habsucht aufhebt und dafür ein anderes Gesetz gebt und damit die arme Menschheit quälet! – sieh', darin hatte sich auch jener Mensch gegen euch verbrochen, und ihr habt ihn an der Türschwelle dem Gericht überliefert –, sage, hat es dieser würdige Mensch also verdient, oder seid ihr gegen Moses nicht die bei weitem größeren Verbrecher?"
[GEJ.01_015,15] Hier ward der Jude unwillig und ging von dannen zu seinen anderen Genossen, denen er alles erzählte, was er von Mir vernommen hatte. Diese aber schüttelten die Köpfe und sagten: „Sonderbar! Wie kann dieser Mensch das wissen?" – Ich aber verließ diese Stelle und begab Mich mit den Meinen in eine kleine Herberge außerhalb der Stadt und blieb daselbst etliche Tage.
16. Kapitel
[GEJ.01_016,01] Wie es hier erzählt ist, ist dies der freilich nicht sehr umständlich dargestellte historisch natürliche Verlauf der beiden im zweiten Kapitel vorkommenden Begebenheiten; denn es hatte sich noch hie und da so manches zugetragen und ereignet, was hier der Geringfügigkeit wegen nicht erzählt zu werden braucht, da es fürs erste eine ganz unnötige Verlängerung der Arbeit verursachen und fürs zweite der Wichtigkeit der Sache keinen höheren Wert und keine tiefere Erkenntnis geben würde. Es bleibt nur noch übrig, von der zweiten Begebenheit den geistigen Sinn ganz kurz darzutun, und dies zweite Kapitel ist insoweit als beendet anzusehen, als inwieweit es in sich abgeschlossen nur zwei Hauptbegebenheiten vor die Augen des Lesers und Hörers stellt.
[GEJ.01_016,02] Von der ersten Begebenheit zu Kana in Galiläa ist der geistige Sinn bereits gegeben worden; somit haben wir nur noch den geistigen Sinn der zweiten Begebenheit darzutun, und dieser ist folgend also gestaltig:
[GEJ.01_016,03] Der Tempel stellt den Menschen dar in seiner naturmäßig-weltlichen Sphäre. In dem Tempel aber wie im Menschen befindet sich ein Allerheiligstes; deshalb soll aber auch das Äußere des Tempels geheiligt und lauter gehalten werden, auf daß das Innerste als Allerheiligstes des Tempels wie des Menschen nicht entheiligt werde!
[GEJ.01_016,04] Es ist das Allerheiligste des Tempels zwar wohl durch einen starken Vorhang bedeckt, und es darf nur zu gewissen Zeiten der oberste Priester allein in das Allerheiligste treten. Aber der Vorhang und ebensowenig der nur selten gestattete Besuch des Allerheiligsten ist ein Schutz vor der Entheiligung des Allerheiligsten; denn so da jemand mit seinem Leibe sündigt, da verunreinigt er nicht nur den Leib, sondern auch seine Seele und durch sie auch seinen Geist, der in jedem Menschen das Innerste und Allerheiligste darstellt und es auch wirklich ist. Es ist im Menschen dieses Allerheiligste, so wie ebendasselbe entsprechend im Tempel, tiefst hinter einen starken Vorhang gestellt, und nur der alleinigen Liebe zu Gott, die ein echtester Oberpriester Gottes in jeglichem Menschen ist, ist es gestattet, straflos in dies Allerheiligste zu dringen und zu lüften den Vorhang; so aber dieser einzige Oberpriester im Menschen selbst unrein wird, indem er sich an unreine weltliche Dinge hängt und mit ihnen eine gemeine Sache macht, wie soll da das Allerheiligste unentheiligt bleiben, so es von einem unreinen Oberpriester besucht wird?!
[GEJ.01_016,05] Wenn sonach im Tempel wie im Menschen alles unrein geworden ist, dann kann es vom Menschen aus auch nicht mehr gereinigt werden; denn so der Besen voll Kot und Unflates ist, wie soll es taugen zur Reinigung eines Gemachs?! Da muß dann leider Ich Selbst die Hand ans Werk legen und mit Gewalt den Tempel reinigen, und zwar durch allerlei schmerzliche Dinge, als da sind Krankheiten aller Art und andere scheinbare Unglücksfälle, auf daß der Tempel rein werde.
[GEJ.01_016,06] „Verkäufer" und „Käufer" sind die niederen, unreinen Leidenschaften im Menschen; das zum Verkauf gebotene Vieh stellt die unterste Stufe tierischer Sinnlichkeit dar und zugleich auch die dadurch erzeugte große Dummheit und Blindheit der Seele, deren Liebe gleich der eines Ochsen ist, dem sogar die sinnliche Zeugungs- und Geschlechtsliebe mangelt, und den allein noch die allergröbste polypenartige Freßliebe belebt, und dessen Erkenntnis gleich ist dem bekannten Erkenntnisvermögen der Schafe!
[GEJ.01_016,07] Was besagen denn hernach die Wechsler und ihre Geldgeschäfte? – Diese besagen und bezeigen im Menschen alles das, was da hervorgeht aus der schon ganz tierisch gewordenen Eigenliebe des Menschen; denn das Tier liebt nur sich, und ein Wolf frißt den andern auf, so er Hunger hat. Diese „Wechsler" oder solche tierische Eigenliebe muß sonach auch mit aller schmerzlichen Gewalt hinausgeschafft werden aus dem Menschen, und alles das, was diese Liebe belebt, muß umgeworfen und verschüttet werden!
[GEJ.01_016,08] Ja, warum denn nicht ganz vernichtet? – Weil auch solcher Liebe nicht die Freiheit benommen werden darf; denn der edle Same oder das Weizenkorn wird in einem mit tierischem Unrat wohlgedüngten Acker am besten fortkommen und eine reiche Ernte geben. Würde man aber dem Acker den Dünger ganz nehmen, um ihn gleichsam von allem Unrat vollends rein zu machen, so würde dadurch das edle Weizenkorn nur schlecht fortkommen und sicher eine sehr mißliche Ernte abgeben.
[GEJ.01_016,09] Der Unrat, der anfangs haufenweise auf den Acker gebracht wird, muß auseinandergeworfen und verschüttet werden, so wird er dann dem Acker dienen; würde man ihn aber im großen Haufen beisammen lassen, da würde er, wo er liegt, alles ersticken und den anderen Ackerteilen nichts nützen.
[GEJ.01_016,10] Darinnen liegt daher der entsprechende Grund in der evangelischen Tempelreinigungsgeschichte, dem zufolge Ich der Wechsler Geld nur verschüttet und nicht völlig vernichtet habe, was Mir wohl auch sehr leicht möglich gewesen wäre.
[GEJ.01_016,11] Was stellen aber dann die im Innern des Tempels befindlichen Taubenkrämer vor, die auch hinaus und auf ihre alten angewiesenen Plätze weichen müssen?
[GEJ.01_016,12] Darunter wird begriffen die äußere Tugend, die da besteht in allerlei Zeremonie, Anstand, Höflichkeit, Artigkeit u. a. m. in rein weltlicher Beziehung, die aber die Blindheit der Menschen zu einem innern Lebenswert erheben und darin das wahre Leben des Menschen wurzeln machen will.
[GEJ.01_016,13] Die Taube ist ein Lufttier, und da sie im Orient häufig als Briefbote, besonders in Sachen der Liebe, benutzt ward und daher auch entsprechend schon bei den alten Ägyptern als Hieroglyphe die zärtliche und zierliche Konversation bedeutete, so diente sie als Zeichen solcher Konversation im Tempel und war auch ein gewöhnliches und entsprechend sinnbildliches Opfertier, das gewöhnlich junge Eheleute bei der Erstgeburt im Tempel als ein Zeichen zum Opfer brachten, daß sie nun solcher äußerer Botschaften, Artigkeiten und zeremoniellen Zierereien ledig geworden und nun in die wahre, innere, lebengebende Liebe eingegangen sind.
[GEJ.01_016,14] Nun aber gehört – der Ordnung aller Dinge nach – das Äußerste ins Äußerste; die Rinde darf nie im Mark des Baumes sich befinden, da sie an und für sich etwas ganz Totes ist, sondern alles, was zur Rinde gehört, muß sich auch in der Rinde lagern. Die Rinde aber ist dem Baume von großem Nutzen, so sie auf ihrem Platze in gerechtem Maße vorkommt. So aber jemand wollte die Rinde ins Mark des Baumes schieben, indem er zuvor dem Baume das Mark nähme, da müßte dann der Baum ja auch sobald verdorren und sterben.
[GEJ.01_016,15] Und also werden zum Zeichen, daß die Menschen alle die äußerlichen Tugenden nicht zur Sache des inneren Lebens machen sollen, wodurch der edle Mensch bloß zu einer Konversationspuppe (Kaufhaus) wird, diese Taubenkrämer als im weiten Sinne alle Äußerlichkeiten, und im engeren Sinne alle die Meister dieser Äußerlichkeiten, die ihre Ware zur inneren Lebensware zu erheben bemüht sind, von Mir ebenfalls, nur etwas artiger, aus dem Tempel geschafft und auf ihren ordentlichen Platz verwiesen.
[GEJ.01_016,16] Das ist demnach der geistige Sinn der vorliegenden Tempelreinigung; und aus der richtigen und unwandelbaren Entsprechung zwischen dem Menschen und Tempel läßt sich auch erkennen, daß derart nie ein Mensch, sondern nur Gott allein als die ewige Weisheit, die alles sieht und kennt, also handeln und reden kann.
[GEJ.01_016,17] Warum aber bleibt nach solcher Fegung der Herr noch nicht im Tempel?
[GEJ.01_016,18] Weil Er allein weiß, wie das Innere des Menschen bestellt sein muß, damit Er im Menschen eine bleibende Wohnstätte nehmen kann. Zugleich darf dem Menschen nach einer solchen Fegung die Freiheit nicht genommen werden, da er sonst zu einer Puppe würde.
[GEJ.01_016,19] Der Herr darf Sich sonach dem gewaltsam gefegten inneren Menschen noch nicht anvertrauen; denn Er allein weiß es, was zur vollen Herstellung des inneren Menschen nötig ist. Daher geht der Feger wieder aus dem Tempel und fließt wie zufällig von außen herein in das Innere des Menschen ein und fügt sich nicht den Anforderungen des Menschen, daß Er bei und in ihm bliebe und ihn unterstützete in der Trägheit, sondern da muß der Mensch wieder zur vollen Selbsttätigkeit erwachen und durch sie erst ein vollkommener Mensch werden, wie solches im nächsten Kapitel auch näher dargestellt wird.
17. Kapitel – Das Nachtgespräch mit Nikodemus. (Kap.17-22)
Ev.Joh.3,1. Es war aber ein Mensch unter den Pharisäern mit Namen Nikodemus, der war ein Oberster unter den Juden.
[GEJ.01_017,01] Daß Ich Mich nach der Tempelreinigung mit allen denen, die Mir gefolgt sind, außerhalb der Stadt in einer kleinen Herberge aufhielt, ist schon im vorigen Kapitel gezeigt worden; aber jeder dürfte denn doch sicher mit der Frage kommen und sagen:
[GEJ.01_017,02] „Was hast Du, Herr, denn allda getan? Denn Du hast diese Zeit von doch wenigstens acht Tagen sicher nicht müßig zugebracht?"
[GEJ.01_017,03] Da sage Ich: Ganz gewiß nicht! Denn es kamen sozusagen bei Tag und Nacht in Masse Menschen aller Klassen aus der Stadt zu Mir. Die Armen kamen gewöhnlich am Tage, die Großen, Vornehmen und Reichen aber gewöhnlich in der Nacht, denn sie wollten sich vor ihresgleichen nicht schwach und verfänglich zeigen.
[GEJ.01_017,04] Da sie aber doch zum Teil ihre Neugierde und zum Teil eine Art gläubiger Ahnung für die Möglichkeit, daß Ich etwa doch der Messias sein könnte, antrieb, mit Mir eine nähere Bekanntschaft zu machen, so gingen sie in der Nacht hinaus und machten Mir Besuche, die gewöhnlich mit starkem Schmollen endigten; denn es rauchte diesen Vornehmen, Großen und Reichen ganz gewaltig in die Nase, daß Ich mit ihnen nicht wenigstens nur so gut und artig umging wie mit den vielen Armen, die Meine Güte und Freundlichkeit nicht genug rühmen konnten.
[GEJ.01_017,05] Auch wirkte Ich als Arzt bei den Armen viele Wunder, befreite die Besessenen von ihren Plagegeistern, machte die Lahmen gehend, die Gichtbrüchigen gerade, die Aussätzigen rein, die Stummen hörend und redend, die Blinden sehend, und das alles zumeist durchs Wort.
[GEJ.01_017,06] Das wußten die wohl, so in der Nacht zu Mir kamen, und verlangten von Mir auch ähnliche Zeichen, wogegen Ich ihnen stets bemerkte: „Der Tag hat zwölf Stunden und die Nacht ebenfalls zwölf. Der Tag ist bestimmt zur Arbeit, die Nacht aber zur Ruhe. Wer am Tage arbeitet, der stößt sich nirgends an, wer aber in der Nacht arbeitet, der stößt sich leicht an; denn er sieht es nicht, wohin er seinen Fuß setzt."
[GEJ.01_017,07] Es fragten Mich etliche, aus welcher Macht und Kraft Ich solche Wunder verrichte. Die Antwort war ganz kurz diese: „Aus Meiner höchst eigenen, und Ich benötige hierzu keines Menschen Hilfe!"
[GEJ.01_017,08] Wieder fragten sie Mich, warum Ich nicht lieber in der Stadt eine Herberge nähme; denn zu so großen Taten gehöre ein großer Ort, nicht aber ein letztes Dörflein, das wohl in der Nähe der großen Weltstadt läge, aber von dieser ganz unbeachtet sei.
[GEJ.01_017,09] Ich sagte darauf wieder: „In einem Orte, wo vor den Toren der sich großdünkenden Bewohner Lanzenknechte Wache halten und nur den Glänzenden Einlaß geben, die Armen aber ohne Gnade abweisen, und wo man in jeder Gasse, so man ein fremdes Gesicht hat und nicht genug prächtig gekleidet ist, wenigstens siebenmal angehalten und befragt wird, wer und woher man sei, und was man hier tue, bleibe Ich nicht. Zudem liebe Ich nur, was vor der Welt klein und von ihr verachtet ist, denn es steht geschrieben: Was vor der Welt groß ist, ist vor Gott ein Greuel!"
[GEJ.01_017,10] Und sie fragten und sagten: „Ist der Tempel nicht groß und herrlich, in dem Jehova wohnt?" – Sage Ich: „Er sollte drinnen wohnen; aber da ihr den Tempel entheiligt habt, verließ Er diesen und wohnt nicht mehr darin, und die Lade Mosis ist leer und tot!"
[GEJ.01_017,11] Sagen die Nachtwandler: „Was redest Du hier für frevelhaftes Zeug zusammen? Weißt Du denn nicht, was Gott zu David und Salomon geredet hat? Kann das, was Gott geredet, je unwahr werden? Wer bist Du denn, daß Du Dich getrauest, solches vor uns zu reden?!"
[GEJ.01_017,12] Sage Ich: „So gut Ich in und aus Mir Selbst die Macht und Kraft habe, bloß durch Meinen Willen und durch Mein Wort alle Kranken zu heilen, die zu Mir kommen, ebenso habe Ich auch die Macht und die Kraft und das vollste Recht, solches vom Tempel vor euch zu reden, und sage euch nochmals, daß nun auch euer Tempel vor Gott ein Greuel ist!"
[GEJ.01_017,13] Hier fingen einige an zu murren, andere aber sagten: „Das ist offenbar ein Prophet, und diese haben sich über den Tempel noch allezeit ungünstig geäußert! Lassen wir ihn gehen!" Und so zogen diese Nachtwandler wieder ab.
18. Kapitel
[GEJ.01_018,01] Es kam aber in der vorletzten Nacht Meines Aufenthaltes in der Nähe von Jerusalem ein gewisser Nikodemus ebenfalls in der Nacht zu Mir, weil er auch ein Vornehmer Jerusalems war; denn er war fürs erste ein Pharisäer, also ungefähr in Amt, Würde und Ansehen das, was gegenwärtig in Rom ein Kardinal ist, und fürs zweite war er als ein reichster Großbürger Jerusalems auch der Oberste der Juden in dieser Stadt; er war der oberste Bürgermeister über die ganze Stadt, von Rom aus dazu bestimmt.
Ev.Joh.3,2. Der kam zu Jesus in der Nacht und sagte zu Ihm: „Meister, wir wissen, daß Du als ein Lehrer (Prophet) von Gott gekommen bist, denn niemand kann die Zeichen tun, die Du tust, es sei denn Gott mit ihm."
[GEJ.01_018,02] Dieser, als der Chef Jerusalems in bürgerlicher Hinsicht, kam also selbst in der Nacht zu Mir hinaus und sprach sogleich zu Mir: „Meister! Vergib es mir, daß ich so spät in der Nacht zu Dir komme und Dich störe in Deiner Ruhe; da ich aber vernahm, daß Du diese Gegend verlassen wirst schon des morgigen Tages, so konnte ich nicht umhin, Dir meine gebührende Achtung zu bezeugen. Denn siehe, ich und mehrere meines Amtes wissen es nun, nachdem wir Deine Taten beobachtet haben, daß Du als ein ganz echter Prophet, von Gott gesandt, zu uns gekommen bist! Denn die Zeichen, die Du tust, kann niemand verrichten, außer es ist Jehova mit ihm! Da Du sonach ein offenbarer Prophet bist und sehen mußt, wie sehr wir im argen liegen, uns aber dennoch durch Deine Vorgänger das Gottesreich verheißen ist, so sage mir gefälligst, wann dieses kommen wird, und so es kommt, wie man beschaffen sein muß, um in dasselbe zu gelangen?"
Ev.Joh.3,3. Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes nicht sehen."
[GEJ.01_018,03] Auf diese Frage des Nikodemus antwortete Ich ebenso kurz, wie es der Vers angibt, nämlich: „Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, sonst kann er das Reich Gottes weder sehen und noch weniger in dasselbe kommen!", was soviel sagen will als: „So du deinen Geist nicht durch Wege, die Ich dir mit Meiner Lehre und Tat zeige, erweckest, kannst du das göttlich Lebendige Meines Wortes nicht einmal erkennen, geschweige in dessen lebengebende Tiefen eindringen!"
[GEJ.01_018,04] Daß der sonst biedere Nikodemus solche Meine Rede, wie der Verfolg es zeigen wird, nicht begriffen hat und sich an ihm alsogleich bewahrheitete, daß man nämlich das göttlich Lebendige Meines Wortes nicht von ferne hin fassen kann, so man nicht geweckten Geistes ist, zeigt klar und deutlich der nächste Vers, laut dem Mich Nikodemus, ganz verblüfft ob solcher Meiner Rede, fragt und sagt:
Ev.Joh.3,4. Nikodemus spricht zu Ihm: „Wie kann ein Mensch denn noch einmal geboren werden, so er alt geworden ist? Kann er wieder in seiner Mutter Leib gehen und daraus zum anderen Male geboren werden?"
[GEJ.01_018,05] „Aber, lieber Meister, was Sonderbares doch sprachst Du vor meinen Ohren? Wie möglich wohl kann ein Mensch noch einmal geboren werden? Kann denn ein Mensch, der groß, alt und steif geworden ist, durch das enge Pförtchen in seiner Mutter Leib steigen und sodann daraus zum zweiten Male geboren werden?! Sieh, sieh, lieber Meister, das ist eine völlig unmögliche Sache! Entweder weißt Du vom kommenden Gottesreiche nichts oder wenigstens nicht das Rechte, oder Du weißt darum und willst es aber mir nicht sagen aus Furcht, daß ich Dich aufgreifen und ins Gefängnis werfen ließe. Oh, des sei du völlig unbesorgt; denn ich habe noch nie jemanden seiner Freiheit beraubt, außer er war ein Mörder oder ein großer Dieb. – Du aber bist ein großer Wohltäter der armen Menschheit und hast nahe alle Kranken von Jerusalem geheilt, wunderbar durch die Kraft Gottes in Dir; wie sollte ich dann mich an Dir vergreifen können?!
[GEJ.01_018,06] Aber glaub es mir, lieber Meister, mir ist es ernst um das kommen sollende Gottesreich! Darum, so Du davon etwas Näheres kennst, sage es mir auf eine Weise, daß ich's fassen kann! Gib Himmlisches mit himmlischen und Irdisches mit irdischen Worten, aber in wohlverständlichen Bildern, sonst nützt mir Deine Belehrung noch weniger als die altägyptische Vögelschrift (Hieroglyphen), die ich weder lesen und sonach noch weniger verstehen kann. Ich weiß es nur zu bestimmt aus meinen Berechnungen, daß das Reich Gottes schon da sein muß, nur weiß ich noch nicht, wo und wie man in dasselbe kommt und in dasselbe aufgenommen wird. Diese Frage möchte ich von Dir ganz verständlich und klar beantwortet haben."
Ev.Joh.3,5. Jesus antwortet: „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es dir: Es sei denn, daß jemand geboren werde aus dem Wasser und aus dem Geiste, sonst kann er nicht in das Reich Gottes kommen!"
[GEJ.01_018,07] Auf diese abermalige Frage gab Ich dem Nikodemus genau wieder die Antwort, wie sie in vorstehendem 5. Verse vorkommt; sie ist von der ersten nur dadurch unterschieden, daß es hier näher bestimmt wird, woraus man eigentlich wiedergeboren werden muß, um ins Gottesreich zu kommen, nämlich aus dem Wasser und aus dem Geiste, was soviel sagen will als:
[GEJ.01_018,08] Die Seele muß mit dem Wasser der Demut und Selbstverleugnung gereinigt werden (denn das Wasser ist das urälteste Symbol der Demut; es läßt alles aus sich machen, ist zu allem dienstfertig und sucht sich stets die niedersten Stellen der Erde aus und fliehet die Höhen) und dann erst aus dem Geiste der Wahrheit, die eine unreine Seele nie fassen kann, da eine unreine Seele gleich ist der Nacht, während die Wahrheit eine Sonne voll Lichtes ist, die allenthalben Tag um sich verbreitet.
[GEJ.01_018,09] Wer demnach in seine durch die Demut gereinigte Seele die Wahrheit aufnimmt und diese tatsächlich als solche erkennt, den macht dann ebensolche Wahrheit im Geiste frei, und diese Freiheit des Geistes oder das Eingehen des Geistes in solche Freiheit ist dann auch das eigentliche Eingehen in das Reich Gottes.
[GEJ.01_018,10] Aber eine solche Erklärung gab Ich freilich dem Nikodemus nicht, und das darum nicht, weil er sie in seiner Erkenntnissphäre noch weniger begriffen hätte als den kurzen verhüllten Grundsatz selbst. Er fragte Mich daher auch wieder, wie solches zu verstehen wäre.
19. Kapitel
Ev.Joh.3,6. „Was vom Fleische geboren wird, das ist Fleisch, und was vom Geiste geboren wird, das ist Geist."
[GEJ.01_019,01] Ich aber gab ihm zur Antwort, wie es im vorstehenden 6. Verse geschrieben steht, nämlich: „Es nehme dich nicht wunder, daß Ich also zu dir rede! Denn sieh, was aus dem Fleische kommt, das ist wieder Fleisch, also tote Materie oder äußerste Umhüllung des Lebens; was aber aus dem Geiste kommt, das ist auch Geist oder das ewige Leben und die Wahrheit in sich selbst!"
[GEJ.01_019,02] Aber dem Nikodemus geht die Sache noch immer nicht ein. Er zuckt mit den Achseln und wundert sich immer mehr, weniger über die Sache, als vielmehr, daß er als ein weisester Pharisäer, der doch in aller Schrift bewandert ist, solcher Rede Sinn nicht zu fassen imstande sei; denn er hielt große Stücke auf seine Weisheit und war auch seiner großen Weisheit wegen zum Obersten der Juden erhoben worden.
[GEJ.01_019,03] Darum wunderte es ihn um so gewaltiger, daß er nun in Mir ganz unerwartet einen Meister gefunden hatte, der ihm ganz sonderbare Weisheitsnüsse zum Aufknacken biete! Da er sich durchaus nicht zurechtfinden konnte, so fragte er Mich abermals: „Ja – wie ist das wieder zu nehmen? Kann denn auch ein Geist schwanger werden und dann gebären seinesgleichen?!"
Ev.Joh.3,7. „Laß dich's nicht wundern, daß Ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden!"
[GEJ.01_019,04] Sage Ich zu ihm: „Ich habe zu dir schon gesagt, daß du dich dessen nicht gar so wundern sollst, so Ich zu dir gesagt habe: Ihr müsset alle von neuem geboren werden!"
Ev.Joh.3,8. „Der Wind wehet, wo er will, und du hörest sein Sausen wohl; aber du weißt es nicht, von wannen er kommt und wohin er fährt. Also ist ein jeglicher, der aus dem Geiste geboren ist."
[GEJ.01_019,05] „Denn sieh, der Wind wehet, wo er will, du hörest sein Sausen, aber du weißt es dennoch nicht, von wo er ursprünglich herkommt; also steht es auch mit einem jeden, der aus dem Geiste kommt und spricht dir gegenüber. Du siehst und hörest ihn wohl; aber da er in seiner geistigen Weise zu dir spricht, so fassest und verstehest du solches nicht, woher er's hat und was er damit sagt und bezeichnet. Da du aber ein redlicher Weiser bist, so wird es dir zur rechten Zeit schon auch gegeben werden, daß du solche Dinge fassen und verstehen wirst."
Ev.Joh.3,09. Nikodemus antwortete und sprach zu Ihm: „Meister, wie mag solches zugehen?"
[GEJ.01_019,06] Hier schüttelt Nikodemus bedenklich den Kopf und sagt nach einer Weile: „Da möchte ich es von Dir wohl erfahren, wie so etwas zugehen würde! Denn was ich weiß und verstehe, das weiß und verstehe ich in meinem Fleische; wird das Fleisch mir genommen, da werde ich wohl kaum mehr etwas fassen und verstehen! – – Wie, wie – werde ich als Fleisch zu einem Geist, und wie wird meinen Geist dann ein anderer Geist in sich aufnehmen und dann von neuem gebären?! – Wie, wie möglich wird das zugehen?!"
Ev.Joh.3,10. Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Bist du doch ein Meister in Israel und weißt das nicht?!"
[GEJ.01_019,07] Sage Ich zu ihm: „Aber – ein weisester Meister in Israel bist du und kannst solches nicht fassen und begreifen?! – Wenn aber du das nicht fassen kannst als ein Meister der Schrift, was soll dann erst mit vielen anderen werden, die von der Schrift kaum so viel wissen, daß es einst einen Abraham, Isaak und Jakob gegeben habe?"
Ev.Joh.3,11. „Wahrlich, wahrlich, Ich sage es Dir: Wir (Geistigen) reden (ganz natürlich), das wir wissen, und zeugen (von dem), was wir gesehen haben, und ihr möget unser Zeugnis nicht (verstehen) und annehmen!"
[GEJ.01_019,08] „Wahrlich, wahrlich glaube es Mir! Wir, d.i. Ich und Meine Jünger, die wir vom Geiste hergekommen sind, reden hier mit dir nicht etwa rein geistig, sondern ganz naturgemäß und geben dir in Naturbildern der Erde das kund, was wir wissen und gesehen haben im Geiste, und ihr könnet das nicht fassen und annehmen!
Ev.Joh.3,12. „So ihr aber schon nicht glauben (annehmen) könnet, so Ich von irdischen Dingen mit euch rede, wie würdet ihr dann glauben, so Ich mit euch von rein himmlischen Dingen reden möchte?!"
[GEJ.01_019,09] „So ihr aber schon so etwas Leichtes in faßlicher Rede nicht fassen und begreifen möget, da Ich doch in ganz irdischer Weise mit euch rede von geistigen Dingen, die dadurch ordentlich zu irdischen Dingen werden, nun so möchte Ich wissen, wie euer Glaube sich gebärden würde, so Ich von himmlischen Dingen rein himmlisch zu euch reden möchte!
[GEJ.01_019,10] Ich sage dir: Der Geist, der in und aus sich selbst Geist ist, weiß es allein, was im Geiste ist und was sein Leben! Das Fleisch aber ist nur eine äußerste Rinde und weiß nichts vom Geiste, außer der Geist offenbart es der Hülle, der Rinde; dein Geist aber ist noch zu sehr von deinem Fleische beherrscht und verdeckt, und es weiß daher nichts von ihm. Es wird aber die Zeit kommen, in der dein Geist, wie Ich dir schon gesagt habe, frei wird; dann wirst du unser Zeugnis begreifen und annehmen!"
[GEJ.01_019,11] Spricht Nikodemus: „Lieber Meister, Du Weiser der Weisesten! O sage es mir verständlich, wann, wann diese so sehnlichst erwünschte Zeit kommen wird!"
[GEJ.01_019,12] Darauf antwortete Ich und sprach: „Mein Freund, daß Ich dir Zeit, Tag und Stunde geben soll, dazu bist du noch zu wenig reif! Sieh, solange der neue Wein nicht gehörig ausgegoren hat, bleibt er trübe, und so du ihn tust in einen kristallenen Becher und hältst dann den Becher auch gegen die Sonne, so wird ihr mächtigstes Licht aber dennoch nicht durch die Trübe des Neuweines zu dringen vermögen, und gerade also geht es auch mit dem Menschen. Bevor er nicht gehörig durchgegoren ist und durch den Gärungsprozeß alles Unreine aus sich geschafft hat, kann das Licht der Himmel sein Wesen nicht durchdringen. Ich werde dir aber nun etwas sagen; wirst du es verstehen, so wirst du über die Zeit im klaren sein! Und so höre Mich."
20. Kapitel
Ev.Joh.3,13. „Und niemand fährt gen Himmel, außer Der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, Der gleichfort im Himmel ist.
Ev.Joh.3,14. Und wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöht hatte, also muß auch des Menschen Sohn erhöht werden,
Ev.Joh.3,15. auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben!"
[GEJ.01_020,01] (Der Herr:) „Sieh, niemand fährt gen Himmel als allein Der, Der vom Himmel herniedergekommen ist, nämlich des Menschen Sohn, Der gleichfort im Himmel ist. Und wie Moses in der Wüste eine Schlange erhöhet hat, also muß auch des Menschen Sohn erhöhet werden, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben! Sage Mir, fassest du das?"
[GEJ.01_020,02] Sagt Nikodemus: „Lieber Meister! Wie sollte, wie könnte ich das?! In Dir ist eine eigene Art Weisheit; wie ich Dir schon einmal bemerkt habe, so könnte ich leichter die alte ägyptische Vögelschrift lesen als verstehen Deine Weisheit! Ich muß es Dir nun offen bekennen, daß ich, so mich nicht Deine gewaltigen Taten an Dich fesselten, Dich für einen Narren oder Streichmacher halten müßte; denn in Deiner Weise hat doch nie ein vernünftiger Mensch geredet! Aber Deine Taten zeigen, daß Du als ein Lehrer von Gott zu uns gekommen bist und in Dir eine Fülle göttlicher Macht und Weisheit vorhanden sein muß, ohne die es niemand möglich ist, solche Taten zu vollführen.
[GEJ.01_020,03] Wo aber das Eins rein göttlich ist, da muß auch das Zwei göttlich sein. Deine Taten, lieber Meister, sind göttlich, und so muß auch Deine Lehre vom Gottesreich auf Erden göttlich sein, ob ich sie fasse oder nicht! Betrachte ich aber nur ein wenig weltlich die Thesis Niemand fährt gen Himmel, außer Der vom Himmel herniedergekommen ist! – das sei nämlich des Menschen Sohn, der gleichfort im Himmel ist –, so bin ich rein verloren! Lieber Meister, seit Henoch und Elias ist wohl noch keinem Menschen der Erde das Glück widerfahren, sichtbar aufzufahren in die Himmel; Du kannst vielleicht der dritte werden!? Und so Du vielleicht der dritte würdest, möchte das wohl etwas nützen allen anderen Menschen, die, weil sie nicht aus den Himmeln herabgekommen sind, somit auch nicht in die Himmel je gelangen können?!
[GEJ.01_020,04] Zudem sagtest Du noch, daß Der, so vom Himmel herabgekommen, eigentlich nur zum Schein auf der Erde sich befindet, in der Wahrheit aber dennoch gleichfort in den Himmeln ist! Demnach hätten also an dem kommensollenden Gottesreiche vorderhand nur Henoch und Elias und nachderhand vielleicht auch Du teil, alle anderen millionenmal Millionen aber können sich ins feuchte finstere Grab für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten legen und aus Gottes Gnade und Barmherzigkeit wieder zu Erde und endlich zu nichts werden!?
[GEJ.01_020,05] Lieber Meister, für solch ein Gottesreich auf Erden bedanken sich die armen Erdenwürmer, die in jeder Hinsicht lächerlich genug Menschen heißen! Wer weiß es nicht, daß es also ist und allzeit also war? Eine oder auch drei Schwalben machen den Sommer nicht aus! Was hatte Henoch und was Elias getan, daß sie von der Erde in den Himmel aufgenommen worden sind? Im Grunde nichts, als was ihrer himmlischen Natur eigen war! Sie hatten somit kein Verdienst und sind nach Deiner nunmaligen Erklärung rein nur deshalb in die Himmel von der Erde weg aufgenommen worden, weil sie gleich Dir von den Himmeln zur Erde herniedergekommen sind!
[GEJ.01_020,06] Siehe, darin liegt ganz entsetzlich wenig Hoffnung und nahe gar kein Trost für die arme Menschheit dieser harten Erde! Aber wie ich Dir schon früher gesagt habe, es bleibt dabei, daß ich Deine Lehre dennoch für göttlich und überweise halte, obgleich sie, wie ich in einer Deiner Thesen bewies, mit dem natürlichen Verstande betrachtet, eine barste Narrheit ist und sein muß, was Du ebensogut als ich einsehen wirst.
[GEJ.01_020,07] Was Du aber mit der Erhöhung des Menschensohnes, die gleich jener der ehernen Schlange Mosis in der Wüste sein soll, meinst, und wie und warum alle das ewige Leben haben sollen, die an diesen schlangenartig erhöhten Menschensohn glauben, das geht schon ins Parabolische über, das heißt, in ein Etwas, das in sich der barste Unsinn ist! Wer ist dieser Menschensohn? – Wo ist Er nun? – Was macht Er? – Kommt auch Er gleich Henoch und Elias aus den Himmeln? – Wird Er erst geboren werden? – Was sollen die Menschen, die Ihn sicher ebensowenig als ich je gesehen haben, von diesem Menschensohne glauben? – Wie kann Er auf diese Erde kommen, so Er gleichfort im Himmel ist? – Wo wird Er erhöht werden und wann? – Wird Er dadurch zu einem unüberwindlich mächtigsten Könige der Juden?
[GEJ.01_020,08] Siehe, lieber Meister, das klingt doch sicher sehr seltsam aus dem Munde eines Mannes, Der es durch Seine Taten zeigt, daß Er voll göttlicher Kraft und Macht sein müsse! Aber, wie gesagt, ich will mich von all dem nicht irreleiten lassen und halte Dich gleichfort für einen von Gott erweckten großen Propheten.
[GEJ.01_020,09] Du siehst aus dem, daß ich keiner von denen bin, die eine Lehre alsobald verwerfen, so sie dieselbe nicht fassen; aber darum möchte ich Dich dennoch bitten, daß Du mir nur ein wenig Erklärung hinzutätest; denn sogestaltig kann ich Dich unmöglich fassen und verstehen. – Siehe, an mir liegt im Judenlande sehr viel, und ganz besonders in der Stadt Salems, allda ich der Oberste bin aller Juden! Führe ich Dich und Deine Lehre ein, so wird sie angenommen und eingeführt sein; wo ich sie aber fallen lasse, dann wird sie auch fallen und wird keine Annahme finden. Sei daher so gut und gib mir nur ein wenig mehr Licht!"
[GEJ.01_020,10] Sage Ich: „Du hast nun viele Worte gemacht und hast geredet wie ein Mensch, der von himmlischen Dingen keine Ahnung hat; aber es kann auch nicht anders sein, denn du bist in der Nacht der Welt und magst nicht erschauen das Licht, das aus den Himmeln gekommen ist, um zu erleuchten die Finsternis der Nacht dieser Welt. Einen Dämmerschein hast du wohl, aber dennoch erschauest du das nicht, was dir sozusagen auf der Nase sitzt!"
21. Kapitel
Ev.Joh.3,16. „Also hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben sollen!"
[GEJ.01_021,01] (Der Herr:) „Ich sage es dir: Gott ist die Liebe und der Sohn ist Dessen Weisheit. Also aber liebte Gott die Welt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn, d.h. Seine aus Ihm Selbst von Ewigkeit hervorgehende Weisheit, in diese Welt gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben sollen! – Sage Mir, verstehst du auch dieses nicht?!"
[GEJ.01_021,02] Sagt Nikodemus: „Es kommt mir wohl vor, als sollte ich es verstehen, aber im Grunde verstehe ich es doch nicht. Wenn ich nur wüßte, was ich aus dem Menschensohn machen sollte, da wäre ich dann schon so ziemlich in der Ordnung! Du sprachst nun auch vom eingeborenen Sohne Gottes, Den die Liebe Gottes in die Welt gab. Ist der Menschensohn und der eingeborene Gottessohn eine und dieselbe Individualität?"
[GEJ.01_021,03] Sage Ich: „Sieh her! Ich habe einen Kopf, einen Leib und Hände und Füße. Der Kopf, der Leib, die Hände und Füße sind Fleisch, und dieses Fleisch ist ein Sohn des Menschen; denn was da ist Fleisch, das kommt vom Fleische. Aber in diesem Menschensohne, Der Fleisch ist, wohnet Gottes Weisheit, und das ist der eingeborene Sohn Gottes. Aber nicht der eingeborene Sohn Gottes, sondern nur des Menschen Sohn wird gleich der ehernen Mosis-Schlange in der Wüste erhöhet werden, daran sich viele stoßen werden; die sich aber nicht stoßen, sondern glauben und sich halten werden an Seinen Namen, denen wird Er die Macht geben, Kinder Gottes zu heißen, und ihres Lebens und Reiches wird kein Ende sein fürder ewig."
Ev.Joh.3,17. „Denn Gott hat Seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß Er diese richte, sondern daß sie durch Ihn selig werde."
[GEJ.01_021,04] „Du mußt aber nun nicht irgend ein Gericht dieser Welt erwarten, als etwa Kriege, Wasserflut oder gar ein alle Heiden verzehrendes Feuer aus den Himmeln; denn sieh, Gott hat Seinen eingeborenen Sohn (die göttliche Weisheit) nicht in die Welt (in dieses Menschenfleisch) gesandt, daß Er diese Welt richte (verderbe), sondern daß sie durch Ihn vollauf selig werde, das heißt, daß auch alles Fleisch nicht verderbe, sondern mit dem Geiste auferstehe zum ewigen Leben. (Unter Fleisch wird hier nicht so sehr das eigentliche Leibfleisch als vielmehr die fleischlichen Gelüste der Seele verstanden.) Aber um das zu erreichen, muß der Glaube in dem Fleische die materiellen Hoheitsgefühle zunichte machen, und zwar der Glaube an den Menschensohn, daß dieser aus Gott von Ewigkeit her geboren in diese Welt gekommen ist, auf daß alle das ewige Leben haben sollen, die an Seinen Namen glauben und halten werden!"
Ev.Joh.3,18. „Wer an Ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet; denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes."
[GEJ.01_021,05] „Wer immer, ob Jude oder Heide, an Ihn glauben wird, der wird ewig nimmer gerichtet und dadurch verdorben werden; wer sich aber an dem Menschensohne stoßen wird und wird nicht glauben an Ihn, der ist dann aber auch schon gerichtet. Denn eben das, daß er nicht glauben will und glauben kann, weil er sich zufolge seines Hoheitsgefühls an dem Namen und Wesen des Menschensohnes stößt, ist schon das Gericht eines solchen Menschen. Verstehst du nun das? Ich habe es dir nun überklar vor die Augen gestellt!"
[GEJ.01_021,06] Sagt Nikodemus: „Ja, ja, ich verstehe so halbwegs den Sinn Deiner höchst mystisch gehaltenen Rede; aber sie erscheint für so lange wie in die Luft gesprochen, solange der von Dir so hoch gestellte Menschensohn, in Dem die Fülle der göttlichen Weisheit wohnt, nicht da ist, und Du auch die Zeit und den Ort entweder nicht näher bestimmen kannst oder willst, wann Er kommen wird und wo des Ortes.
[GEJ.01_021,07] Also klingt auch Dein Gericht, das Du eigentlich lediglich in den Unglauben setzest, sehr rätselhaft! So das Gericht weder eine Flut, noch Krieg oder Pest und ebensowenig ein verzehrendes Feuer ist, sondern bloß nur der Unglaube an und in sich selbst, so muß ich Dir's, lieber Meister, offen gestehen, daß ich den Sinn Deiner Rede noch immer nicht fassen kann! Denn wer von einer Rede einen oder auch zwei Begriffe nicht faßt, der faßt im Grunde des Grundes die ganze Rede nicht. Was ist denn so ganz eigentlich Dein Gericht? Was für einen neuen Sinn verbindest Du mit diesem Begriff?"
[GEJ.01_021,08] Sage Ich: „Mein Freund, bald könnte auch Ich zu dir sagen: Ich begreife es kaum mehr, worin es liegen mag, daß du den völlig klaren Sinn Meiner Rede nicht zu fassen imstande bist! Den Begriff Gericht magst du nicht verstehen, und Ich habe ihn dir doch überklar und vollauf erörtert."
Ev.Joh.3,19. „Das aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt gekommen ist; und die Menschen liebten die Finsternis mehr denn das Licht. Denn ihre Werke waren und sind böse."
[GEJ.01_021,09] „Siehe, das ist das Gericht, daß nun das Gottes-Licht aus den Himmeln in die Welt gekommen ist; die Menschen aber, da sie aus der Finsternis herausgenommen sind und gesetzt ins Licht, lieben aber dennoch die Finsternis bei weitem mehr als das nun volle Gotteslicht vor ihren Augen! Daß aber die Menschen das Licht nicht wollen, das beweisen ihre Werke, die durch und durch böse sind.
[GEJ.01_021,10] Wo findest du den ersten Vollglauben, wo die gerechte Gottesfurcht? Wo liebt einer den andern, außer er weiß von ihm für sich etwas zu gewinnen? Wo sind die, die ihr Weib liebten der lebendigen Fruchtbarkeit wegen? Sie lieben die jungen Dirnen der Wollust wegen und treiben mit ihnen Unzucht und eine förmliche Hurerei! Denn wer mit dem andern Geschlecht eine förmliche Abgötterei der Wollust und Unzucht wegen treibt, der treibt eine wahre Hurerei, und diese ist ein Übel der Übel! – Wo ist ein Dieb, der sich ein Licht nähme und stehle offenbar?!"
Ev.Joh.3,20. „Wer Arges tut, der hasset das Licht und kommt darum auch nicht an das Licht, auf daß seine argen Werke nicht gestraft werden möchten."
[GEJ.01_021,11] „Sieh, alle aber, die also gesinnt sind und also handeln, was da arg ist und böse, die sind es, deren Werke böse sind; wer immer solche Werke liebt und tut, der ist ein Feind des Lichtes und hasset dasselbe und wird darum sicher alles aufbieten, daß es mit ihm nicht ans Licht kommen möchte, damit seine argen Werke, von denen er es dennoch weiß, daß sie vom Lichte verpönt und gerichtet sind, nicht im Lichte in ihrer Häßlichkeit erkannt und bestraft werden möchten!
[GEJ.01_021,12] Und sieh, darin besteht das eigentliche Gericht; was du aber unter dem Gerichte verstehst, ist nicht das Gericht, sondern nur eine Strafe, die dem Gerichte folgt.
[GEJ.01_021,13] So du ein Liebhaber bist, in der Nacht zu wandeln, so ist schon das ein Gericht deiner Seele, daß du die Nacht mehr liebst als den Tag; so du darum aber leicht dich anstößt und dir gewaltig wehe tust oder gar in eine Grube oder in einen tiefen Graben fällst, so ist dann ein solcher Anstoß oder ein solcher Fall nicht das Gericht, sondern nur eine Folge des Gerichtes in dir, der du die Nacht liebst und den Tag hassest!"
Ev.Joh.3,21. „Wer aber die Wahrheit tut, der kommt an das Licht, daß seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan!"
[GEJ.01_021,14] „Bist du aber ein Freund des Lichtes, des Tages, der Wahrheit aus Gott, so wirst du auch der göttlichen Wahrheit gemäß handeln und wirst sicher sehnlichst wünschen, daß deine Werke ans Licht vor aller Augen kommen möchten und offenbar werden vor jedermann; denn du weißt es, daß deine Werke, weil im Lichte der Wahrheit aus Gott getan, gut und gerecht sind und sonach Anerkennung und offenbare Belohnung verdienen!
[GEJ.01_021,15] Wer aber sonach ein Freund des Lichtes ist, der wird nicht in der Nacht, sondern am Tage wandeln und wird das Licht sogleich erkennen, weil er aus dem Lichte ist, und dieses Licht heißt – der Glaube des Herzens.
[GEJ.01_021,16] Wer demnach glaubet an den Menschensohn, daß Dieser ist ein Licht aus Gott, der hat schon das Leben in sich; wer aber nicht glaubt, der hat das Gericht schon in sich, und das Gericht ist eben der Unglaube selbst.
[GEJ.01_021,17] Ich meine, daß du Mich nun wohl begriffen haben wirst."
22. Kapitel
[GEJ.01_022,01] Sagt Nikodemus: „Nun ist mir bis auf eines alles klar; aber das Eine fehlt noch immer, und dieses Eine ist eben der außerordentliche Menschensohn Selbst, ohne Den natürlich all Dein weisestes Gespräch mit allen den herrlichen Erörterungen ins bodenlose Nichts fällt! Was nützt mir der Glaube oder der beste und festeste Wille, an den Menschensohn zu glauben, so der Menschensohn Selbst nicht da ist? Aus der Luft oder aus einer puren Idee kann man sich keinen Menschensohn schaffen. Sage mir daher, wo ich diesen ewigen Gottessohn treffe, und sei versichert, daß ich Ihm mit dem vollsten Glauben entgegenkommen werde!"
[GEJ.01_022,02] Sage Ich: „So Ich solches nicht gesehen hätte in dir, so hättest du von Mir nun eine solche Lehre nicht bekommen! Aber du kamst in der Nacht und nicht am Tage zu Mir, obschon du viel von Meinen Taten gehört und gesehen hast! Weil du aber in der natürlichen Zeitnacht wie auch in der dieser entsprechenden Nacht deiner Seele zu Mir kamst, so ist es auch sehr begreiflich, daß du über den Menschensohn noch nicht im klaren bist!
[GEJ.01_022,03] Ich sage es dir: So jemand sucht den Menschensohn in der Zeitnacht, da er am Tage vor allen Menschen so etwas zu tun sich scheut, auf daß er bei ihnen nicht käme in einen Verruf, der wird das, was er sucht, nicht wohl finden. Denn das wirst du als Weisester der Juden wohl wissen, daß die Nacht, was immer für eine es auch sei, zum Suchen und Finden am wenigsten taugt. – Wer sonach den Menschensohn sucht, der muß Ihn am Tage und nicht in der Nacht suchen; dann wird sich Dieser schon finden lassen.
[GEJ.01_022,04] Nur das sage Ich dir: Gehe hin zu Johannes, der nun doch des Wassers wegen zu Enon nahe bei Salim tauft, der wird es dir sagen, ob der eingeborene Sohn Gottes schon da ist oder nicht! Dort sollst du Ihn kennenlernen!"
[GEJ.01_022,05] Sagt Nikodemus: „Ach, ach, lieber Meister, das wird schwerhalten! Denn ich habe tagtäglich Geschäfte über Hals und Kopf und kann davon nicht leichtlich abkommen! Bedenke, in der Stadt und in der nächsten Umgebung der Stadt leben samt den Fremden über achthunderttausend Menschen, für die ich als ihr Oberster viel und viel zu sorgen habe; dann harren nebst dem noch tägliche Tempelgeschäfte meiner, die ich nimmer zur Seite schieben kann. Wenn mir demnach die Gnade nicht zuteil wird hier in Jerusalem, so werde ich darauf schon leider Verzicht leisten müssen! Sieh, ich benötigte zu dieser Unternehmung allerwenigstens drei volle Tage, und das wäre für mein Geschäft soviel als für jemand anderen drei Jahre.
[GEJ.01_022,06] Du mußt mich darum schon für entschuldigt halten, daß ich Deinem Rate nicht Folge leisten kann. Sooft Du aber mit Deinen Jüngern nach Jerusalem kommen solltest, da komme zu mir, und ich werde euch eine gute Herberge geben! An mir sollst Du samt allen, die mit Dir sind, stets einen aufrichtigen Freund und Gönner finden. Mein Haus, groß genug, um zehntausend Menschen zu beherbergen, steht am Davidsplatze, innerhalb des Salomon-Tores, auch das Goldene Tor genannt; wann immer Du kommen willst, da soll es ganz zu Deiner Schaltung und Waltung bereitstehen! Was nur immer in meiner Gewalt steht, das soll stets Dir zu dienen bereit sein! So Du was immer benötigst, begehre es, und ich werde es Dir stellen!
[GEJ.01_022,07] Denn siehe, in mir ist eine große Veränderung vorgegangen! Ich liebe Dich, Du lieber Meister, mehr denn alles, was mir je teuer war, und diese Liebe sagt mir gewisserart: Du Selbst seiest eben Derselbe, dessentwegen Du mich ehedem nach Enon zu Johannes beschieden hast!? Es mag auch nicht also sein, wie ich's in mir fühle; aber es sei da, wie ihm wolle, ich liebe Dich einmal aus meinem ganzen Herzen, indem ich in Dir einen großen Meister der echt göttlichen Weisheit erkenne. Haben auch Deine Taten, die vor Dir wohl niemand verrichtet hat, mich mit der tiefsten Verwunderung erfüllt, so hat mich aber Deine große Weisheit in meinem Herzen noch mehr gefangengenommen für Dich, Du lieber Meister! Ich liebe Dich! Sage es mir doch, spricht mein Herz ein rechtes Zeugnis über Dich aus?!"
[GEJ.01_022,08] Sage Ich: „Gedulde dich noch eine kleine Zeit, und es soll dir alles klar werden! In Kürze werde Ich wieder zu dir kommen und werde dein Gast sein; dann sollst du alles erfahren!
[GEJ.01_022,09] Folge aber dem Zuge deines Herzens, das wird dir in einem Augenblick mehr sagen als alle fünf Bücher Mosis und alle Propheten! Denn siehe, nichts ist wahr im Menschen als allein die Liebe! Halte dich daher an sie, und du wirst am Tage wandeln! – Nun aber von etwas anderem!
[GEJ.01_022,10] Ich werde nun ins jüdische Land Mich begeben und allda verkünden das Reich Gottes. Du aber bist gesetzt über dieses Land. Nicht Meinetwegen, sondern Meiner Jünger wegen gib Mir einen Sicherheitsschein, wie er nach dem Gesetze der Römer unter den Juden gang und gäbe ist, auf daß sie bei den Zöllen und Mauten keinen Anstand haben! Die Kinder sind zwar frei, aber sie müssen als solche beglaubigt sein. – Es wäre mir wohl ein leichtes, überall mit Legionen frei und unbeanstandet durchzukommen; aber Ich will niemandem ein Ärgernis geben und füge Mich daher dem Gesetze Roms. Sei deshalb so gefällig und verschaffe Mir einen Sicherheitsschein."
[GEJ.01_022,11] Sagt Nikodemus: „Sogleich, lieber Meister, sollst Du ihn haben! Ich selbst werde ihn schreiben und ihn Dir überbringen in einer Stunde; denn es ist von hier gar nicht ferne in mein Haus."
[GEJ.01_022,12] Nikodemus eilt nun nach Hause und überbringt schon in einer halben Stunde den verlangten Sicherheitsschein. Nachdem wir das Zeugnis auf einem Stück Pergament in unseren Händen hatten, segnete Ich im Herzen den biederen Nikodemus. Er empfahl sich mit Tränen in den Augen und bat Mich noch einmal, bei Meiner Wiederkunft nach Jerusalem Mich seines Hauses bedienen zu wollen, was Ich ihm auch zusagte. Ich aber empfahl ihm die Reinhaltung des Tempels, was er Mir denn auch gelobte. Und so schieden wir am Morgen.
23. Kapitel – Im jüdischen Land rings um Jerusalem und unterwegs nach Samaria. (Kap.23-25)
Ev.Joh.3,22. Danach kam Jesus und Seine Jünger in das jüdische Land, hatte daselbst Sein Wesen mit ihnen und taufte.
[GEJ.01_023,01] Als es vollends Tag war, brachen wir auf und zogen in das Judenland, das, gewisserart zu Jerusalem gehörend, um Jerusalem ungefähr also lag, wie in dieser Zeit ein Kreis um seine Kreisstadt. In etlichen Tagen konnte man ganz leicht das ganze Land abgehen.
[GEJ.01_023,02] Nun, was tat Ich denn in diesem Lande? Der Vers sagt, daß Ich mit ihnen Mein Wesen hatte und dann taufte; es fragt sich hier, wer so ganz eigentlich unter den „ihnen" verstanden werden solle, und worin das Wesen bestehe, das Ich mit ihnen hatte. Unter „ihnen" werden zuerst die Jünger, die zu Jerusalem abermals um einige Köpfe sich vermehrt hatten, verstanden, und dann aber auch alle jene, die an Meiner Lehre einen gläubigen Anteil nahmen.
[GEJ.01_023,03] Alle aber, die vollgläubig Meine Lehre annahmen, wurden von Mir offen mit Wasser, insgeheim aber mit dem Geiste Meiner ewigen Liebe und Weisheit getauft und erlangten dadurch die Macht, „Gottes Kinder" zu heißen. Darin bestand also das Wesen, das Ich mit ihnen hatte. Die Lehre und was Ich getan hatte, ist teilweise von den anderen drei Evangeliums- Schreibern aufgezeichnet worden und braucht hier nicht wieder angegeben zu werden; sie bestand auch in nichts anderem als hauptsächlich in der Darstellung aller der groben Gebrechen, mit denen die Juden und Pharisäer behaftet waren, und in der Anpreisung der Liebe zu Gott und dem Nächsten.
[GEJ.01_023,04] Ich stellte einmal alle die Gebrechen dar, ermahnte die Sünder ernstlich zur Buße, warnte alle, die Meine Lehre annahmen, vor dem Rückfalle zum alten Sauerteige der Pharisäer, und wirkte zur für diese allermateriellste Zeit nötigen Bekräftigung Meiner sanftesten Lehre wunderbare Taten, heilte viele Kranke, reinigte die Besessenen von den unreinen Geistern und nahm stets mehr Jünger an.
Ev.Joh.3,23. Johannes aber taufte auch noch zu Enon, nahe bei Salim; denn es war viel Wassers daselbst, und sie kamen dahin und ließen sich taufen.
Ev.Joh.3,24. Denn Johannes war noch nicht ins Gefängnis gelegt.
[GEJ.01_023,05] Auf diesem Meinem Zuge durch das jüdische Land kam Ich denn auch in die Nähe, allwo Johannes in der kleinen Wüste zu Enon in der Nähe von Salim taufte, weil er da Wasser hatte, während in der Gegend Bethabara der Jordan sehr wenig Wasser hatte, und was noch des Wassers da war, war trübe, unrein und voll übelriechenden Gewürms. Deshalb also hatte Johannes seinen Platz gewechselt, hielt zu Enon seine scharfen Bußpredigten und taufte auch daselbst die Menschen, die seine Lehre angenommen und eine rechte Buße getan hatten.
[GEJ.01_023,06] Es waren aber auch unter denen viele, die schon Meine Lehre angenommen hatten, aber vom Johannes zuvor noch nicht getauft waren. Diese fragten Mich, ob es nötig sei, sich zuvor vom Johannes taufen zu lassen. Und Ich sagte zu ihnen: „Eines nur tut not, und das ist die tatsächliche Befolgung Meiner Lehre! Wer sich aber will vom Johannes zuvor reinigen lassen, solange dieser noch frei seine Werke verrichtet, dem wird solche Reinigung gut zustatten kommen." Auf solche Meine Rede gingen dann viele hin und ließen sich taufen vom Johannes.
Ev.Joh.3,25. Da erhob sich eine Frage unter den Jüngern Johannis mit den Juden (die hingekommen waren) über die Reinigung (d.h. über Meine Wassertaufe im Vergleich zum Zeugnisse Johannis).
[GEJ.01_023,07] Da entstand bald eine Streitfrage über die Reinigung Johannis und über Meine Taufe; denn die Jünger Johannis begriffen nicht, wie auch Ich mit Wasser taufte, da sie von ihm gehört hatten das Zeugnis, demnach Ich nicht mit Wasser, sondern mit dem heiligen Geiste taufen werde. Viele Juden, die nun schon Meine Jünger waren, behaupteten und sagten: Meine Taufe sei eine wahre Taufe; denn obschon Ich mit Wasser taufe wie Johannes, so sei aber Meine Taufe die allein gültige, indem Ich nicht nur mit dem Wasser der Natur, sondern auch zugleich mit dem Wasser des Geistes Gottes taufe und den Getauften die wohlersichtliche Macht gäbe, Gottes Kinder zu heißen!
Ev.Joh.3,26. Und sie kamen zu Johannes und sprachen: „Meister! Der bei dir war jenseits des Jordans, von Dem du gezeugt hast (daß Er mit dem heiligen Geiste taufen werde), sieh, Der tauft nun auch (mit Wasser), und alles läuft Ihm zu!"
[GEJ.01_023,08] Auf solche Erörterungen gingen dann des Johannes Jünger mit den Juden zu Johannes hin und sprachen: „Höre uns an, Meister! – Sieh, derselbe Mann, Der bei dir war jenseits des Jordans, von Dem du das Zeugnis gabst, daß Er mit dem heiligen Geiste taufen werde, tauft nun auch in der Nähe hier gleich wie du mit Wasser! Wie sollen wir das nehmen und verstehen? Ist dieser Täufer wohl Der, Dem du das große Zeugnis gabst?"
[GEJ.01_023,09] Johannes aber sagte zu seinen Jüngern: „Gehet hin und fraget Ihn: Bist Du Der, Der da kommen soll, oder sollen wir auf einen andern warten? Was Er euch darauf sagen wird, das merket euch und saget es dann mir! Darauf erst werde ich euch vollen Bescheid erteilen."
[GEJ.01_023,10] Darauf begeben sich dann mehrere Jünger Johannis zu Mir hin und fragen Mich also, wie es ihnen Johannes geraten hatte. Ich aber gebe ihnen die bekannte Antwort, daß sie nämlich dem Johannes sagen sollen, was sie sahen, wie nämlich die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Tauben hören, und wie den Armen das Evangelium vom Reiche Gottes gepredigt werde! Und wohl dem, der sich nicht ärgert an Mir! – Mit dem kehren die Jünger wieder zu Johannes zurück und erzählen ihm sogleich, was sie gesehen und gehört haben.
24. Kapitel
Ev.Joh.3,27. Johannes aber antwortete und sprach: „Ein Mensch kann nichts nehmen, es werde ihm denn gegeben vom Himmel."
[GEJ.01_024,01] Johannes aber fasset sich und spricht zu seinen Schülern: „Höret, mich bedünkt es also: Ein Mensch kann nichts nehmen, besonders in Dingen des Geistes, so es ihm zuvor nicht gegeben wird aus den Himmeln! Der seltene Mensch, Der Sich von mir taufen ließ jenseits am Jordan, über Den ich den Geist Gottes so sanft wie eine Taube, wann sie sich auf ihr Nest niederläßt, aus den Himmeln in der Gestalt eines Lichtwölkchens Sich niederlassen sah, und Dem ich das Zeugnis gab, hätte Sich als ein purer Mensch nicht nehmen können, was Er hat; aber Er ist mehr als ein purer Mensch und scheint wohl die Macht zu haben, Sich Selbst nehmen zu können aus den Himmeln und das Genommene zu behalten oder zu geben, wem Er es will! Und ich meine, daß wir alle, was wir haben, von Seiner Gnade empfangen haben, und es ist dann ja unmöglich, daß wir Ihm vorschreiben sollen, was und wie Er tun soll! Er gibt, – wir aber sind, die es von Ihm nehmen. Er hat Seine Wurfschaufel in Seiner Hand; Er wird fegen Seine Tenne, wie Er will, und wird sammeln den Weizen in Seine Scheune, die Spreu aber verbrennen mit dem ewigen Feuer und aus der Asche machen, was Er will!"
Ev.Joh.3,28. „Ihr selbst seid meine Zeugen, daß ich gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern nur vor Ihm hergesandt."
[GEJ.01_024,02] „Ihr selbst seid mir Zeugen, daß ich vor den Priestern und Leviten, die aus Jerusalem zu mir gekommen sind, gesagt habe, ich sei nicht Christus, sondern vor Ihm hergesandt! Wie könnte ich mich dann über das aufhalten, was Der tut, Der die eigene Wurfschaufel in Seiner Hand hat? Feget Er Seine Tenne, wie Er will, wir mögen Ihm kein Gesetz geben! Denn der Acker (die Welt) ist Sein, also auch der Weizen (die Kinder Gottes) und die Spreu (Kinder der Welt oder des Teufels), und Sein ist die Scheune (der Himmel) und Sein das Feuer (die Hölle), das nimmer erlischt!"
Ev.Joh.3,29. „Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam (Herr); der Freund des Bräutigams aber steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt."
[GEJ.01_024,03] „Wer die Braut (Weisheit der Himmel) hat, der ist ein rechter Bräutigam; der Freund des Bräutigams aber steht und hört ihm zu und freut sich hoch über des Bräutigams Stimme! Und sehet, diese Freude ist nun an mir erfüllt! Wenn aber der Herr Selbst kommt, dann ist des Boten Amt zu Ende! Denn der Bote hat nichts zu tun, als allein zu verkünden die Ankunft des Herrn; ist der Herr da, so ist der Bote nichts mehr nütze!"
Ev.Joh.3,30. „Er muß wachsen, ich aber muß abnehmen."
[GEJ.01_024,04] „Deshalb muß ich nun abnehmen; Er als der Herr aber muß wachsen bei den Menschen dieser Erde! Ihr waret allzeitig meine Jünger, seit ich zu euch kam als ein gesandter Bote; wer aus euch hat je aus meinem Munde gehört, daß ich mich darum gerühmt hätte?! Allzeit behielt ich den gerechten Ruhm für Den, Dem er gebührt. So ich zeugte, daß ich nicht wert sei, Ihm die Riemen Seiner Schuhe zu lösen, so erhob ich mich doch sicher nicht, sondern gab Ihm allein alle Ehre, die der Menschen Blindheit mir erweisen wollte; und deshalb sage ich noch einmal: Nun ist mein Amt zu Ende! So der Herr Selbst kommt, da ist der Vorläufer nichts nütze mehr; darum muß der Bote (das Fleisch) nun abnehmen, und Er als der Herr (der Geist) muß wachsen über alles Fleisch hinaus! Es ist ein großer Unterschied zwischen dem Boten und Dem, Der den Boten aus höchst eigener Macht sendet, wohin Er will."
Ev.Joh.3,31. „Der von ober her kommt, ist über alle. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde. Der aber vom Himmel kommt, Der ist über alle."
[GEJ.01_024,05] „Der, Der die Macht hat, Gesetze zu geben, ist oben; und der, welcher gehorchen muß, ist unten. – Es kann aber füglichermaßen wohl niemand oben sein, so er nicht von oben her gekommen ist. Wer aber wahrhaft von oben kommt, ist über alle. Wer von der Erde ist, der kann nie von oben sein, sondern stets nur von der Erde und mag von nichts reden denn von der Erde. Der aber vom Himmel kommt, ist über alle; denn Er ist der Herr und kann sonach tun, was Er will, und kann taufen mit Wasser, Feuer und Geist, denn Sein ist alles!
[GEJ.01_024,06] Ich aber meine, daß Er Selbst dennoch nicht mit dem Wasser tauft, sondern mit dem Feuer des Geistes nur; Seine Jünger aber werden die Menschen zuvor nach meiner Art taufen, das heißt, alle jene, die von mir die Wassertaufe nicht genommen haben. – Die Wassertaufe aber ist nichts nütze dem Menschen, so er darauf nicht getauft würde mit dem Geiste Gottes."
Ev.Joh.3,32. „Und zeugt, was er gesehen und gehört hat; und dennoch will sein Zeugnis nahe niemand annehmen."
[GEJ.01_024,07] „Das Wasser zeugt von nichts als vom Wasser und macht rein die Haut vom Schmutz der Erde. Der Geist Gottes aber, mit dem der Herr allein nur taufen kann, da der Gottesgeist Sein Geist ist, zeugt von Gott und von dem, das Er allein allzeit in Gott schaut und vernimmt.
[GEJ.01_024,08] Aber leider nimmt nun noch nahe niemand dies heilige Zeugnis an! Denn was Kot ist, das ist Kot und mag den Geist nicht annehmen, es müsse denn der Kot zuvor durchs Feuer gehen und allda selbst zum Geiste werden; denn ein rechtes Feuer verzehrt alles bis auf den Geist, der selbst ein gewaltiges Feuer ist. Darum wird die Geistestaufe des Herrn auch viele zerstören, und es werden sich darob viele scheuen, sie anzunehmen."
Ev.Joh.3,33. „Wer es aber auch annimmt, der versiegelt es (in sich), daß Gott wahrhaft sei (natürlich in Dem, Der Ihm das Zeugnis gab durch die Taufe mit dem Geiste Gottes)."
[GEJ.01_024,09] „Wer aber diese Taufe und in ihr das heilige Zeugnis annehmen wird, der wird es in sich versiegeln vor der Welt, daß Derjenige, Der ihn getauft hat mit dem Geiste, Selbst allerwahrhaftigst Gott sei und allein geben kann das ewige Leben. Ihr sagt nun gleichwohl in euch: ,Warum denn in sich versiegeln das Zeugnis der Himmel von Gott durch Gott?!‘ Ich habe es euch gesagt: Der Kot ist und bleibt Kot, und der Geist ist und bleibt Geist; so aber der Erdmensch, der vom Grunde aus Kot ist, in seinen Kot den Geist überkommt, wird ihm der Geist bleiben, so er ihn in sich, das heißt in seinem Herzen, nicht wohl verwahren wird?
[GEJ.01_024,10] Oder gibt es irgend ein bestimmtes Maß, nach dem der Geist verteilt würde, auf daß ein jeder wüßte, wieviel des Geistes er überkommen hat? So aber ein solches Maß nicht bestimmt ist, so muß der irdische Kotmensch dem empfangenen Geiste in seinem Herzen ein Maß eröffnen; und so der Geist in diesem Maße sich zur bleibenden Ruhe begeben und in solcher Ruhe erfüllt hat das neue Maß, dann auch erst wird der Kotmensch in ihm selbst gewahr, wieviel des Geistes er überkommen hat.
[GEJ.01_024,11] Was würde es euch aber nützen, so ihr am Meere das Wasser schöpfet in ein durchlöchertes Faß? Könnt ihr je sagen und erkennen, soundso viel Wassers habt ihr aus dem für euch maßlosen Meere geschöpft? Wenn aber das Faß wohl gebunden ist, so werdet ihr es dann auch ermessen, wieviel des Meerwassers ihr im Fasse habt! Das Wasser des Meeres aber ist durch und durch gleich; ob viel oder wenig, das ist einerlei. Das Meer selbst ist also durchgehends Meer, und wer wo immer aus dem Meere schöpft, ob viel oder wenig, der schöpft ein vollrechtes Meerwasser und wird nachher erst des Maßes gewahr."
Ev.Joh.3,34. „Denn Welchen Gott gesandt hat, Der redet Gottes Wort. Gott gibt aber Seinen Geist (Dem, Der von Ihm gesandt ist) nicht nach dem Maße (wie einem Menschen, sondern in aller Seiner Fülle)."
[GEJ.01_024,12] „Ebenalso aber ist es auch mit Dem, Der von Gott gekommen ist, zu zeugen von Gott und zu reden das reine Gotteswort. Er Selbst ist das maßlose Meer (Gottesgeist). So er jemandem sonach Seinen Geist gibt, so gibt Er ihn nicht nach dem endlosen Maße, das nur in Gott allein in aller endlosen Fülle dasein kann, sondern nach dem Maße, das im Menschen ist. So aber der Mensch den Geist erhalten will, darf sein eigen Maß nicht schadhaft sein und offen stehen bleiben; sondern es muß dies Maß wohl gebunden und gut versiegelt sein!
[GEJ.01_024,13] Der aber, bei Dem ihr waret und gefragt habt, ob Er Christus sei, hat, als äußerlich wohl auch ein Menschensohn, den Geist Gottes nicht nach dem Maße eines Menschen, sondern nach dem endlosen Maße Gottes Selbst empfangen schon von Ewigkeit her; denn Er Selbst ist das maßlose Meer des Geistes Gottes in Sich! Seine Liebe ist Sein Vater von Ewigkeit, und diese ist nicht außer dem sichtbaren Menschensohne, sondern in Ihm Selbst, Der da ist das Feuer, die Flamme und das Licht von Ewigkeit in und aus dem Vater."
Ev.Joh.3,35. „Der Vater hat den Sohn lieb und hat Ihm alles in die Hand gegeben."
[GEJ.01_024,14] „Dieser liebe Vater aber hat überlieb Seinen ewigen Sohn, und alle Macht und Gewalt liegt in den Händen des Sohnes, und alles, das wir haben nach dem gerechten Maße, haben wir geschöpft aus Seiner maßlosen Fülle. Er Selbst ist aus Seinem eignen Worte nun ein Fleischmensch unter uns, und Sein Wort ist Gott, Geist und Fleisch, das wir den Sohn nennen. Der Sohn aber ist demnach auch in Sich das Leben alles Lebens ewig."
Ev.Joh.3,36. „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohne nicht glaubt, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!"
[GEJ.01_024,15] „Wer sonach den Sohn annimmt und an Ihn glaubt, der hat das ewige Leben schon in sich; denn so wie Gott Selbst in jedem Worte Sein eigenes vollkommenstes ewiges Leben ist, also ist Er es auch in jedem Menschen, der Sein lebensvollstes Wort in sich aufnimmt und dasselbe behält. Wer aber dann im Gegenfalle das Gotteswort aus dem Munde des Sohnes nicht annimmt, also dem Sohne nicht glaubt, der wird und kann auch das Leben nicht überkommen, noch sehen und fühlen in sich, und der Zorn Gottes, welcher ist das Gericht der Dinge, die kein Leben haben außer das des ewig unwandelbaren Mußgesetzes, wird bleiben über ihm so lange, als er an den Sohn nicht glauben wird.
[GEJ.01_024,16] Ich, Johannes, habe nun solches zu euch geredet und gab euch allen ein vollgültig Zeugnis. Ich habe euch gereinigt vom Schmutze der Erde durch meine eigenen Hände. Gehet nun hin, nehmet Sein Wort an, auf daß euch die Taufe Seines Geistes zuteil werde; denn ohne sie ist alle meine Mühe mit euch ohne Nutz und Wert! Ich möchte aber wohl auch selbst hinziehen zu Ihm! Aber Er will es nicht und offenbart es mir durch meinen Geist, daß ich bleiben soll, da ich das schon im Geiste empfangen habe, das euch noch mangelt."
[GEJ.01_024,17] Dies ist das letzte und größte Zeugnis des Johannes über Mich und bedarf keiner weiteren Erklärung, da es sich in und aus sich selbst erklärt.
[GEJ.01_024,18] Der Grund aber, warum es im Evangelium nicht so vollständig gegeben ist, bleibt stets der gleiche: weil fürs erste damals also die notwendige Art zu schreiben war, dernach nur die Hauptpunkte aufgezeichnet wurden, alles andere aber, was ein geweckter Geist ohnehin von selbst leicht finden kann, weggelassen ward; fürs zweite aber, daß das lebendig Heilige im Worte nicht verunreinigt und entheiligt werden möchte. Und es ist demnach ein jeder solcher Vers ein tüchtig festbeschaltes Samenkorn, in dem der Keim zu einem endlosen Leben und seiner nie ermeßbaren Weisheitsfülle verborgen ruht.
25. Kapitel
Ev.Joh.4,1. Da nun der Herr inneward, daß er vor die Pharisäer gekommen war, wie Jesus mehr Jünger machte und taufte denn Johannes –,
Ev.Joh.4,2. Wiewohl Jesus Selber nicht taufte, sondern nur Seine Jünger –,
Ev.Joh.4,3. Verließ Er das Land Judäa und zog wieder nach Galiläa.
[GEJ.01_025,01] Nach solcher Rede Johannis gingen seine Jünger alsbald zu Mir, und es mehrte sich die Zahl Meiner Jünger von Tag zu Tag, ja, oft von Stunde zu Stunde. Denn ein jeder, der an Mich zu glauben begann, und dem Ich nach dem Maße seines Glaubens und nach der Taufe mit dem Wasser, die von Meinen ersteren Jüngern ausgeübt wurde, Meine Hände aufgelegt hatte, der ward voll Geistes der Kraft und des Mutes und aller Furcht vor dem Leibestode bar.
[GEJ.01_025,02] Da das viele erfuhren, so machten sie es trotz Meines Verbotes dennoch allenthalben, wohin sie nur kamen, ruchbar; dazu wurden noch alle Meine Taten, nicht selten sogar mit manchen Zusätzen und Übertreibungen, in ganz Judäa herum verbreitet, was bei den wundersüchtigen Juden die ganz natürliche Folge hatte, daß sie sich von Tag zu Tag bei Mir mehr und immer mehr einfanden und vielfach auch sogleich bei Mir verblieben.
[GEJ.01_025,03] Aber es hatte auch die unvermeidbar leidige Folge, daß alles das zu den weiten Ohren der Pharisäer kam, und, wie schon bemerkt, mit vielen Zusätzen und Übertreibungen, darunter einige so seltsam klangen, daß darob sogar einige Römer zu meinen begannen, Ich müßte entweder der Zeus selbst oder doch ein Sohn von ihm sein.
[GEJ.01_025,04] Es wurden auch von römischer Seite Auskundschafter an Mich abgesandt, die jedoch das nicht fanden, weshalb sie zu Mir beschieden wurden. Ich tat da auch gewöhnlich keine Zeichen, damit dies abergläubische Volk nicht noch vernagelter würde, als es ohnehin schon war.
[GEJ.01_025,05] Aus solchen Übertreibungen aber entstanden dann in der Folge eine Menge falscher Evangelien und entstellten dann das wahre.
[GEJ.01_025,06] Die Pharisäer, diese argen und über alle Maßen eifersüchtigen Vorsteher des Tempels und der Schrift, fingen sogleich unter sich an, Beschlüsse zu fassen, Mir und dem Johannes das Handwerk zu legen und uns entweder auf eine ganz unschuldige Art aus der Welt zu befördern oder uns wenigstens in irgend einer lebenslänglichen Versorgungsanstalt – so hübsch unterirdisch gelegen – unterzubringen, wie sie es beim Herodes für den Johannes (den Täufer) später doch durchgesetzt haben.
[GEJ.01_025,07] Daß Mir solche edlen Gesinnungen nicht fremd blieben, das bedarf wohl keiner weiteren Erläuterung; aber es blieb Mir auch nichts übrig, um Raufereien und lästige arge Spektakel zu vermeiden, als das ultramontan- finstere Judäa zu verlassen, um Mich in das mehr freisinnige Galiläa zu begeben.
Ev.Joh.4,4. Er mußte aber durch Samaria reisen.
[GEJ.01_025,08] Es war sogar nicht ratsam, geraden Weges sich nach Galiläa zu begeben, sondern durch Samaria, das sich auch schon lange von den Pfaffen des Tempels mit Hilfe der Römer losgemacht hatte (eine leichte und wünschenswerte Arbeit für die Römer, deren Grundsatz es ohnehin war, alle Lande zu zerspalten, um sie dann leichter beherrschen zu können), den Weg nach Galiläa einzuschlagen.
[GEJ.01_025,09] Die Samariter waren darum auch das verachtetste und allergotteslästerlichste Volk der Erde in den Augen der Pfaffen Jerusalems; dagegen die Pfaffen Jerusalems aber auch bei den Samaritern in einem solchen Ansehen standen, daß sie mit dem Namen eines Tempelpfaffen gewöhnlich das Allerschlechteste zu bezeichnen pflegten. Wenn zum Beispiel ein Samariter zu jemandem in irgend einer Aufregung, zu der er keinen hinreichenden Grund hatte, sagte: „Du Pharisäer!", so ging der also Bescholtene vors Gericht, verklagte den Beleidiger, und dieser mußte dann seine Unbesonnenheit oft mit einer starken Geldbuße und einem jahrelangen Gefängnisse büßen. Daß es natürlich keinem Pharisäer oder sonstigen Pfaffen geraten war, nach Samaria den Fuß zu setzen, versteht sich von selbst. Mir und allen denen, die Mir folgten, kam diese Sache gut zu statten, denn in Samaria waren wir vor der bösen Verfolgung der Tempeljuden sicher.
Ev.Joh.4,5. Da kam Er in eine Stadt in Samaria, die heißet Sichar, nahe bei dem Dörfchen, das Jakob seinem Sohne Joseph gab.
[GEJ.01_025,10] Der Weg führte durch Sichar, eine Stadt nahe dem uralten Dörfchen, das Jakob seinem Sohne Joseph gab als ein Wiegengeschenk, samt den Bewohnern dieses Dörfchens, die gemeinhin aus lauter Hirten bestanden, die er mit der Rahel als Mitgift bekam. Es war aber die Stadt Sichar gerade keine Hauptstadt dieses Landes; aber dennoch hielten sich darin sehr viele und sehr wohlbemittelte Samariter auf und so manche reichen Römer, da diese Stadt eine sehr schöne Lage hatte und die Gegend sehr gesund war.
Ev.Joh.4,6. Es war aber daselbst der Brunnen Jakobs. Da nun Jesus müde war von der Reise, so setzte Er Sich auf das steinerne Geländer des Brunnens; und es war gerade um die sechste Stunde.
[GEJ.01_025,11] Wir sind in Judäa nach der jetzigen Zeitrechnung schon gegen 4 Uhr morgens aufgebrochen, gingen stark vorwärts ohne Rast und erreichten Punkt 12 Uhr mittags, was damals die sechste Stunde war, den alten Jakobsbrunnen, der gerade vor dem Dörfchen, kaum etliche vierzig Schritte von eben dem Dörfchen entfernt, gegen Sichar hin lag. Dieser Brunnen hatte eine sehr gute Quelle, war mit einem nach alter Art zierlich gemeißelten Steingeländer umfaßt und war nebst dem mit schattigen Bäumen umwachsen.
[GEJ.01_025,12] Der Tag, weil im hohen Sommer, war heiß, und Ich Selbst war dem Leibe nach von der starken Reise schon sehr müde geworden, und alle, die Mir aus Judäa und früher schon aus Galiläa gefolgt waren, suchten teils im Dörfchen, teils unter den schattenreichen Bäumen Unterkunft und vor großer Müde eine höchst erwünschte Rast.
[GEJ.01_025,13] Selbst die ersten Jünger, als Petrus, Mein Johannes d. Ev., Andreas und Thomas, Philippus und Nathanael fielen wie nahe halbtot aufs reiche Gras unter den Bäumen nieder; nur Ich allein, obschon auch sehr müde, setzte Mich auf das steinerne Geländer des Brunnens, denn Ich wußte es ja voraus, daß sich an dem Brunnen bald eine gute Gelegenheit darbieten werde, mit den zwar halsstarrigen, aber sonst mehr vorurteilsfreien Samaritern in ein sehr nützlichen Konflikt (Gespräch) zu geraten. Zugleich war Ich auch schon sehr durstig und harrte auf ein Gefäß zum Wasserschöpfen, das ein Jünger im Dörfchen holen ging, aber damit nicht zu einem erwünschten Vorschein kommen wollte.
26. Kapitel – Bei Sichar am Jakobsbrunnen. (Kap.26-33)
Ev.Joh.4,7. Da kommt ein Weib aus Samaria (eigentlich aus der Stadt Sichar; sie war nur aus der Hauptstadt dieses Landes Samaria gebürtig), aus dem Brunnen Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: „Weib! Gib Mir zu trinken!"
Ev.Joh.4,8. Denn Seine Jünger waren in die Stadt gegangen, daß sie Speise kauften.
[GEJ.01_026,01] Als Ich noch immer vergeblich auf ein Gefäß aus dem Dörfchen harre, da kommt wie gerufen eine Samariterin aus Sichar mit einem Kruge, sich für den heißen Tag aus dem Jakobsbrunnen, dessen Wasser sehr frisch war, einen köstlichen Labetrunk zu holen. Als sie, auf Mich anfangs gar nicht achtend, ihren Krug voll Wassers aus dem Brunnen an einer Schnur gezogen hatte, da erst rede Ich sie an und sage: „Weib! Mich dürstet es sehr, gib Mir zu trinken aus deinem Kruge!"
Ev.Joh.4,9. Spricht nun das samaritische Weib zu Jesus: „Wie verlangst du von mir Wasser zu trinken, so du doch augensichtlich ein Jude bist – und ich ein samaritisches Weib? Denn die (stolzen) Juden haben keine Gemeinschaft mit uns (armen) Samaritern!"
[GEJ.01_026,02] Das Weib macht große Augen, da es an Mir einen Juden erschaut, und sagt nach einer Weile: „Du bist doch auch einer von denen, die mir zur Stadt hinein begegneten und fragten, wo man darinnen Speise zu kaufen bekäme? Das waren stolze Juden; du bist sicher auch ein Jude, wie dich deine Tracht verrät, und ich bin ein samaritisches Weib! Wie verlangst du von mir, daß ich dir Wasser zu trinken gebe?! Gelt, ihr stolzen Juden, in der Not wäre ein armes samaritisches Weib euch auch gut genug, aber sonst habt ihr keine Augen und Ohren mehr für uns! Ja, so ich es vermöchte, mit diesem Kruge Wassers ganz Judäa zu ersäufen, so gäbe ich dir mit großem Vergnügen aus diesem Kruge das verlangte Wasser zu trinken; sonst aber möchte ich dich lieber sterben sehen vor Durst, als dir darreichen auch nur einen Tropfen Wassers aus diesem Kruge!"
Ev.Joh.4,10. Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes, und Wer Der ist, Der zu dir sagt: ‚Gib Mir zu trinken!‘, – du würdest Ihn bitten, und Er gäbe dir lebendiges Wasser zu trinken!"
[GEJ.01_026,03] Sage Ich: „Weil du blind bist in deiner Erkenntnis, darum redest du also; wärest du offensehender Erkenntnis und erkenntest die Gabe Gottes und Den, der zu dir spricht und gesagt hat: ,Weib, gib Mir zu trinken!‘, da würdest du niederfallen vor Ihm und Ihn bitten um ein rechtes Wasser, und Er gäbe dir zu trinken lebendiges Wasser! Ich sage es dir, wer Mir aber glaubt, das Ich zu ihm sage, aus dessen Leibe werden Ströme des gleichen lebendigen Wassers fließen, wie solches geschrieben steht im Jesajas 44,3 und im Joel 3,1."
Ev.Joh.4,11. Spricht das Weib: „Herr! Hast du doch nichts, womit du schöpfest, und der Brunnen ist tief! Woher sonst nähmest Du ein lebendiges Wasser?"
[GEJ.01_026,04] Spricht das Weib: „Du scheinst in der Schrift wohl bewandert zu sein! Aber, wie ich es erkenne aus deiner Bitte um einen Trunk Wassers aus meinem Kruge, und wie du ganz sicher kein Gefäß hast, mit dem du dir ein Wasser aus diesem Brunnen schöpfen könntest, und mit der Hand das Wasser nicht erreichen kannst, da der Brunnen tief ist und niemand mit der Hand bis zum Wasser langen kann, so möchte ich wohl deine Kunst wissen, mit der du von irgendwoher es dir verschaffen könntest!? (Oder willst du etwa gar verdeckt mir zu verstehen geben, daß es dich gelüste, eine Sache mit mir zu haben? Jung wohl bin ich noch genug und reizend auch, denn ich zähle noch nicht dreißig Jahre! Solch ein Begehren aber würde von der Seite eines Juden an eine allerverachtetste Samariterin doch ein zu großes Wunder sein, indem euch die Tiere lieber sind als wir samaritische Menschen! Wahrlich, zu dem würdest du mich wohl nie bereden!)"
Ev.Joh.4,12. „Bist du denn mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen köstlichen Brunnen gegeben hat, aus dem er, seine Kinder und sein Vieh getrunken haben?"
[GEJ.01_026,05] „Wer und was bist du denn, daß du also mit mir zu reden dir getraust? – Bist du etwa gar mehr als unser Vater Jakob, der uns diesen Brunnen gegeben hat, aus dem er, seine Kinder und sein Vieh getrunken haben?! Was machst du aus dir? – Sieh, ich bin ein armes Weib; denn wäre ich reich, so käme ich in dieser Hitze nicht selbst, mir einen Labetrunk zu holen. Möchtest du als Jude mich wohl noch elender machen, als ich es ohnehin schon bin?! Siehe an meine Kleider, die kaum hinreichen, meine Scham zu bedecken, und dir wird es doch klar sein, daß ich sehr arm bin! Wie magst du von mir verlangen, daß ich als ein armes, elendes Weib dich sogar noch bitten solle, um dir, einem stolzen Juden, in der Lust dienen zu dürfen?! Pfui, wenn dahin dein Sinn gerichtet wäre! Aber du siehst mir dennoch nicht darnach aus; darum will ich das auch nicht im vollsten Ernste zu dir gesagt haben! Aber da du schon mit mir zu reden begannst, so erkläre dich deutlich, was du mit deinem lebendigen Wasser meinst!"
Ev.Joh.4,13. Jesus antwortete und sprach zu ihr: „Wer immer dieses Brunnens Wasser trinkt, den dürstet es mit der Zeit wieder."
[GEJ.01_026,06] Sage Ich: „Ich sagte dir es ja, daß du in deiner Erkenntnis blind bist, und so ist es denn auch wohl begreiflich, daß du Mich nicht verstehen kannst und magst. Sieh, Ich sagte dir auch: Wer Meinem Worte glaubt, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen! Siehe, Ich bin schon dreißig Jahre in dieser Welt und habe noch nie ein Weib berührt; wie sollte Ich nun auf einmal dich begehren wollen?! O du blinde Törin! Und so Ich mit dir eine Sache machen würde, so würdest du doch sicher wieder durstig werden und trinken müssen, um dir zu löschen den Durst; so Ich dir aber ein lebendiges Wasser anbot, so ist es ja klar, daß Ich dir damit den Durst des Lebens für ewig stillen wollte! Denn sieh, Mein Wort, Meine Lehre ist solch ein Wasser!"
Ev.Joh.4,14. „Wer aber das Wasser trinken wird, das Ich ihm gebe, den wird es ewig nimmer dürsten; denn das Wasser, das Ich ihm geben werde, wird in ihm ein Wasserbrunnen werden, dessen Wasser ins ewige Leben hinüberquellen wird!"
[GEJ.01_026,07] „Denn wer das natürliche Wasser dieses, wie auch eines andern Brunnens trinkt, den dürstet es in kurzer Zeit wieder. Wer aber das geistige Wasser (Meine Lehre) trinkt (gläubig in sein Herz aufnimmt), das nur Ich allein geben kann, den dürstet es ewig nimmer wieder; denn das Wasser, das Ich jemandem gebe, wird in ihm zu einem Wasserbrunnen, dessen Wasser ins ewige Leben hinüberquillt.
[GEJ.01_026,08] Sieh, du hältst Mich für einen stolzen, hochmütigen Juden, und sieh, Ich bin von ganzer Seele sanftmütig und durch und durch voll der tiefsten Demut. Mein lebendig Wasser aber ist eben diese Demut selbst; wer demnach nicht also demütig wird, wie Ich Selbst es bin, wird am Reiche Gottes, das nun zur Erde herabgekommen ist, keinen Teil haben.
[GEJ.01_026,09] Zugleich aber ist das dir angebotene Lebenswasser auch die einzig wahre Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens aus Gott, quillt also aus Gott, dem Leben alles Lebens, in den Menschen als das ewige Leben, wird da zu einem unversiegbar ewig bleibenden Leben, das da in das Leben Gottes zurückquillt und in Gott ein und dasselbe freitätigste Leben bewirkt. Siehe, ein solches Wasser biete Ich dir; wie magst du Mich gar so falsch verstehen?!"
Ev.Joh.4,15. Spricht das Weib zu Ihm: „Herr! So gib mir solch ein Wasser, auf daß mich nimmer dürste und ich nicht mehr nötig hätte, hierher Wasser schöpfen zu kommen (was mir beschwerlich ist)!"
[GEJ.01_026,10] Spricht das Weib: „So gib mir denn ein solches Wasser, auf daß es mich nimmer dürsten solle und ich nicht mehr nötig hätte, hierher zu kommen den beschwerlichen Weg, um mir ein Wasser aus diesem Brunnen zu schöpfen! Denn sieh, ich wohne am andern Ende der Stadt und habe sonach einen recht weiten Weg bis hierher!"
Ev.Joh.4,16. Jesus spricht zu ihr: „Gehe hin und rufe deinen Mann und komme (mit ihm) her!"
[GEJ.01_026,11] Sage Ich: „O Weib, du bist überaus dumm, mit dir ist nichts zu reden, da du von geistigen Dingen keine Ahnung hast! – Gehe aber hin in die Stadt und rufe deinen Mann und komme mit ihm wieder hierher; mit ihm will Ich reden, der wird Mich sicher besser verstehen als du! Oder ist dein Mann auch also beschaffen wie du, daß er sich auch stillen möchte mit dem geistigen Wasser der Demut seines Leibes natürlichen Durst?"
27. Kapitel
Ev.Joh.4,17. Das Weib antwortete und sprach zu Ihm: „Ich habe keinen Mann." Spricht Jesus zu ihr: „Du hast recht gesagt: Ich habe keinen Mann."
[GEJ.01_027,01] Das Weib erwidert darauf ganz schnippisch: „Ich habe keinen Mann!", worauf Ich dann mit einer etwas lächelnden Miene zu ihr sage: „Kurz, gut und richtig, also völlig recht hast du nun geredet."
Ev.Joh.4,18. „Fünf Männer hast du gehabt, und den du nun hast, der ist nicht dein Mann! Da hast du freilich recht ausgesagt (wie es mit dir steht)!"
[GEJ.01_027,02] „Denn sieh, Meine Liebe, fünf Männer hast du bereits gehabt, und da deine Natur ihrer Natur nicht entsprach, so wurden sie bald krank und starben; denn über ein Jahr hielt es keiner aus mit dir. In deinem Leibe ist ein arges Gewürm, und wer mit dir zu tun bekommt, der wird von deinem Gewürm bald getötet. Der Mann aber, den du nun hast, ist nicht dein Mann, sondern nur dein Buhlknecht – zu seinem und deinem Verderben! Ja, ja, also hast du vor Mir nun freilich wohl recht geredet."
Ev.Joh.4,19. Das Weib spricht zu Ihm: „Herr, ich sehe nun, daß du ein Prophet bist!"
[GEJ.01_027,03] Hier erschrickt das Weib in ihrem Gemüte, will sich jedoch nicht verraten, sagt aber nach einer Weile dennoch: „Herr, ich sehe, daß du ein Prophet bist! Da du so viel weißt, so weißt du vielleicht auch, was mir hülfe!?"
Ev.Joh.4,20. „Unsere Väter haben auf diesem Berge (Garizim) Gott angebetet; und ihr sagt, zu Jerusalem sei die Stätte, da man Gott anbeten solle! (Was davon ist gültig vor Gott?)"
[GEJ.01_027,04] „Wohl weiß ich's, daß in derlei nur Gott allein helfen kann; aber wie und wo soll man Ihn darum anbeten? Unsere Väter sagen, auf dem Berge Garizim, allwo schon die ersten Erzväter Gott angebetet haben, müsse man Gott anbeten. Ihr aber saget, zu Jerusalem sei die rechte Stätte, da man Gott anbeten solle! So aber du sichtlich ein Prophet Gottes bist, da sage mir, wo man eigentlich wirksam Gott anbeten soll! Denn sieh, ich bin noch jung, und die Menschen sagen, ich sei ein wunderschönes Weib; es wäre ja doch etwas Entsetzliches, so mich meine Würmer bei lebendigem Leibe auffressen sollten! O ich armes, elendes Weib!"
Ev.Joh.4,21. Jesus spricht zu ihr: „Weib, glaube es Mir, es kommt die Zeit (und ist schon da), daß ihr weder auf dem Berge noch zu Jerusalem Gott den Vater anbeten werdet!"
[GEJ.01_027,05] Sage Ich: „Weib, Ich kenne wohl deine Armut, deine Not und deinen schlechten Leib; aber Ich kenne auch dein Herz, das gerade nicht das beste, aber auch nicht schlecht zu nennen ist, und sieh, das ist der Grund, daß Ich nun mit dir rede. Wo aber das Herz nur einigermaßen gut ist, da ist auch noch jegliche Hilfe möglich! – Aber da bist du ganz irrig daran, so du zweifelst, wo man Gott würdig und wirksam anbeten solle!
[GEJ.01_027,06] Sieh, Ich sage es dir, glaube es Mir: es kommt die Zeit, und sie ist schon da, daß ihr weder auf dem Berge noch zu Jerusalem den Vater anbeten werdet!"
[GEJ.01_027,07] Hier erschrickt das Weib und sagt: „Weh mir, wehe dem ganzen Volke! Was wird dann aus uns werden?! Also müssen wir so wie die Juden gräßlich gesündigt haben?! Aber warum sandte uns denn Jehova diesmal keinen Propheten, der uns ermahnt hätte? Du bist nun freilich zu uns gekommen als ein wahrer Prophet; aber was nützt uns nun das, so du mir sagst: Gott werde man in der Zukunft weder auf dem Berge noch zu Jerusalem anbeten? Will das nicht soviel heißen – was ich aus deinem auf einmal sehr bedenklich ernst gewordenen Gesichte las – als: Gott werde Sein altes Volk ganz verlassen und Seine Wohnstätte bei einem andern Volke nehmen? Wo des Orts auf der Erde wird das doch sein? O sage es mir, auf daß ich dann hinziehe und dort als eine rechte Büßerin Gott den Vater anbete, daß Er helfe mir Elenden und nicht ganz verlasse mein Volk!"
[GEJ.01_027,08] Sage darauf Ich: „Höre Mich recht und verstehe, was Ich dir sage! – Was zweifelst und bebst du denn? Meinst du denn, Gott ist auch so ungetreu in der Haltung Seiner Verheißungen wie die Menschen gegeneinander?!"
Ev.Joh.4,22. „Ihr wisset es nicht, was ihr anbetet; wir wissen es aber, was wir anbeten, denn das Heil kommt dennoch von den Juden!"
[GEJ.01_027,09] „Ihr besteiget wohl den Berg und betet daselbst, aber ihr wisset es nicht, was ihr da betet, und wen ihr anbetet. Desgleichen ist es auch bei denen, die zu Jerusalem anbeten; sie laufen wohl in den Tempel und machen da ein gräßliches Geplärre, aber sie wissen es auch nicht, was sie tun und was sie anbeten!
[GEJ.01_027,10] Aber dennoch, wie Gott durch den Mund der Propheten geredet hat, kommt das Heil nicht von euch, sondern von den Juden! Lies nur den dritten Vers im zweiten Kapitel des Propheten Jesajas, und du wirst es finden!"
[GEJ.01_027,11] Sagt das Weib: „Jawohl, ich weiß es wohl, daß es dort steht also, daß das Gesetz von Zion ausgeht, dieweil es auch dort verwahrt ist in der Lade; aber wie sagst du dann: ,Weder auf dem Berge noch zu Jerusalem‘?!"
Ev.Joh.4,23. „Aber es kommt die Zeit und ist schon jetzt da (vor deinen Augen), in der die wahren Anbeter Gott den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden; denn der Vater Selbst will es, daß die Menschen Ihn also anbeten sollen."
[GEJ.01_027,12] Sage Ich: „Du hast Mich noch immer nicht verstanden. Sieh, Gott der Vater von Ewigkeit ist ja weder ein Berg, noch ein Tempel, noch die Lade, und ebenalso weder auf dem Berge, noch im Tempel und ebensowenig in der Lade zu Hause! Darum sagte Ich dir: Es kommt die Zeit und sie ist nun schon da vor deinen Augen, in der die rechten Anbeter (wie du sie hier unter den Bäumen in großer Anzahl ruhen siehst und dir schon einige in der Stadt begegneten, Speise zu kaufen) Gott den Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten werden; denn also will es von nun an der Vater Selbst, daß Ihn die Menschen also anbeten sollen!"
Ev.Joh.4,24. „Denn Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!"
[GEJ.01_027,13] „Denn siehe, Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!
[GEJ.01_027,14] Und sieh, dazu braucht es weder einen Berg noch irgend einen Tempel, sondern lediglich ein möglichst reines, liebevolles, demütiges Herz! Ist das Herz das, was es sein soll, nämlich ein Gefäß der Liebe zu Gott, ein Gefäß voll Sanftmut und Demut, dann ist volle Wahrheit in solch einem Herzen; wo aber Wahrheit ist, da ist Licht und Freiheit, denn das Licht der Wahrheit macht jegliches Herz frei. Ist aber das Herz frei, so ist auch frei der ganze Mensch.
[GEJ.01_027,15] Wer demnach mit solch einem Herzen Gott liebt, der ist ein rechter Anbeter Gottes des Vaters, und der Vater wird sein Gebet stets erhören und wird nicht sehen auf den Ort, an dem nichts gelegen ist, ob Berg oder Jerusalem, da die Erde überall gleich Gottes ist, sondern allein auf das Herz jegliches Menschen! Ich meine, daß du Mich nun wohl verstanden hast."
28. Kapitel
[GEJ.01_028,01] Sagt das Weib: „Ja, Herr, nun hast du klarer geredet! Aber sage mir: Hast du nun keinen Durst mehr und magst nicht trinken aus dem Kruge einer Sünderin?" Sage Ich: „Liebes Weib, laß das nur gut sein, denn sieh, du bist mir lieber als dein Krug und dein Wasser! Als Ich ehedem von dir zu trinken begehrte, meinte Ich nicht deinen Krug, sondern dein Herz, darin ein viel köstlicheres Wasser ist als in diesem Brunnen und in deinem Kruge. Mit dem Wasser deines Herzens kannst du auch heilen deinen ganzen Leib; denn was an dir Mir wohltut, das wird dich heilen, so du glauben kannst!"
[GEJ.01_028,02] Sagt das Weib: „O Herr, wie soll ich das anstellen, wie meines Herzens Wasser bringen in meine Scham? Herr, vergib es mir, daß ich so frei rede mit dir; aber ich bin ein elendes Weib, und siehe, das Elend kennt die Scham nicht als Scham, sondern allenthalben sich selbst nur und löst die Zunge nach der Größe der Not. Wäre ich nicht so elend als ich bin, fürwahr, mein Herz würde ich dir bieten! Aber – o Gott, Du heiliger Vater, Der mir helfen möge! – so bin ich elend krank und darf zu meinen vielen Sünden keine neuen mehr hinzufügen; denn einem Reinen, wie du einer sein mußt, ein so unreines Herz zu bieten, wäre doch sicher der Sünden größte!"
[GEJ.01_028,03] Sage Ich: „Mein liebes Weib, nicht daß du mir dein Herz bötest, sondern Ich Selbst habe es genommen, als Ich dich bat ums Wasser! Darum magst du dein Herz Mir immerhin bieten, denn Ich nehme auch die Herzen der Samariter an! Wenn du Mich liebst, so tust du wohl daran; denn Ich habe dich schon lange eher geliebt, als du noch Meiner gedenken mochtest!"
[GEJ.01_028,04] Hier errötet das schöne Weib und sagt etwas verlegen: „Seit wann kennst du mich denn? Warst denn du schon je in dieser Stadt oder in Samaria? Wahrlich, ich habe dich nie irgendwo mit einem Auge gesehen! O ich bitte dich, wo und wann hast du mich gesehen? Sage es mir doch!"
[GEJ.01_028,05] Sage Ich: „Weder hier noch in Samaria oder an irgend einem andern Orte, und dennoch kenne Ich dich schon seit deiner Geburt, auch sogar noch von viel früher her, und habe dich allzeit geliebt wie Mein Leben! Wie gefällt dir das, bist du zufrieden mit Meiner Liebe? Sieh, als du in deinem zwölften Jahre zu Samaria in eine Zisterne fielst, da war Ich es, Der dich herauszog; aber du konntest nicht sehen die Hand, die dich aus der Zisterne hob! Erinnerst du dich noch dessen?"
[GEJ.01_028,06] Hier wird das Weib ganz verwirrt und weiß nicht, was sie darauf sagen soll; denn ihr Herz hat nun schon viel Feuers in sich, und ihre Liebe wuchs sichtlich.
[GEJ.01_028,07] Nach einer Weile ihrer Herzensarbeit fragte Ich sie, ob sie vom Messias, Der da kommen solle, nicht etwas wisse.
Ev.Joh.4,25. Spricht das Weib: „Ich weiß, daß der Messias kommt, Der da Christus heißen soll! So Er kommen wird, da wird Er uns (doch auch) das alles verkündigen (was du nun zu mir geredet hast)?"
[GEJ.01_028,08] Spricht das Weib darauf mit noch sehr geröteten Wangen und hoch wallender Brust: „Herr, du weisester Prophet Gottes, ich weiß es wohl, daß der verheißene Messias kommen soll und Christus Sein Name sein wird! Wenn Er aber kommen wird, da wird Er doch nur das uns verkündigen können, was du zu mir nun geredet hast?! Aber wer wird es uns sagen, wann und von woher der Messias kommen wird? Vielleicht weißt du, der du gar so grundweise bist, mir auch über des Messias Ankunft etwas Näheres kundzumachen? Denn sieh, wir warten schon lange, und es ist vom Messias nirgendwo eine Rede zu vernehmen! Du würdest mir daher einen überaus großen Wohlgefallen erweisen, so du mir kundtun möchtest, wann und wo der Messias bestimmt kommen wird, zu erlösen Sein Volk von allen seinen vielen Feinden! O sage es mir, so du es weißt! Vielleicht würde der Messias Sich auch meiner erbarmen und mir helfen, so ich Ihn darum anflehen würde?!"
Ev.Joh.4,26. Spricht Jesus zu ihr: „Ich bin es, Der nun mit dir redet."
[GEJ.01_028,09] Sage Ich zum Weibe ganz kurz, aber sehr liebeernst: „Ich bin es, Der nun mit dir redet!"
29. Kapitel
Ev.Joh.4,27. Und überdem kamen Seine Jünger (aus der Stadt mit den eingekauften Speisen), und es nahm sie wunder, daß Er mit dem Weibe redete. Doch sprach niemand: „Was fragst Du (sie), oder was redest Du mit ihr?"
[GEJ.01_029,01] Bei dieser Erklärung erschrak das Weib sehr, und zwar darum um so mehr, da gerade in diesem Moment die speisebringenden Jünger aus der Stadt zurückkamen und ganz verwundert große Augen machten, als sie Mich mit diesem Weibe redend trafen, sich aber dennoch nicht getrauten, weder Mich noch das Weib zu fragen, was wir gemacht oder miteinander geredet hätten. Die anderen Mitreisenden aber schliefen samt Meiner Mutter, die hier auch noch zugegen war, derart fest, daß sie kaum zu erwecken waren; denn der weite Marsch hatte sie alle sehr müde gemacht. Es kam endlich auch der eine Jünger aus dem Dörflein zurück, der ein Gefäß zum Wasserschöpfen suchen gegangen war, aber keines gefunden hatte. Er entschuldigte sich und sagte: „Herr, das Dörfchen zählt doch bei etliche zwanzig Häuser, und sieh, es ist Dir aber auch nicht ein Mensch daheim, und alle Türen sind fest verschlossen!"
[GEJ.01_029,02] Worauf Ich ihm erwidere: „Mache dir nichts daraus! Denn sieh, das wird uns naturmäßig, und ganz besonders geistig, noch sehr oft und vielfach begegnen, daß wir vom Durste unserer Liebe getrieben an die Türen (Herzen) der Menschen pochen werden, zu suchen ein Gefäß zum Schöpfen des lebendigen Wassers; aber wir werden die Herzen verschlossen und leer finden! Verstehst du dies Bild?"
[GEJ.01_029,03] Spricht der Jünger ganz gerührt und betroffen: „Herr, Du lieber Meister, leider habe ich Dich wohl verstanden! Aber wenn so, da werden wir keine großen Geschäfte machen!"
[GEJ.01_029,04] Sage Ich: „Und doch, Mein Bruder! Sieh dies Weib an! – Ich sage dir: einen Verlorenen zu finden, ist mehr wert denn neunundneunzig Gerechte, die nach ihrem Gewissen der Buße nicht bedürfen, weil sie an jedem Sabbat auf Garizim Gott zu dienen wähnen, hier aber sogar am Vorsabbat alle Schöpfgefäße wegnehmen, auf daß sich am Sabbat ja niemand einen Trunk Wassers aus dem Brunnen schöpfe und lösche seinen Durst, wodurch nach der Meinung der Gerechten der Sabbat entheiligt würde. O der großen, blindesten Torheit solcher Gerechten! Hier aber steht eine Sünderin mit einem guten Kruge und dienet uns! Saget, was ist besser: diese oder die neunundneunzig Sabbatheiliger auf Garizim?!"
[GEJ.01_029,05] Das Weib aber sagt ganz zerknirscht: „Herr! Du Sohn des Ewigen! Hier ist mein Krug, bedienet euch desselben; zu eurem Dienste lasse ich ihn hier stehen! Mich aber lasset schnell in die Stadt eilen, denn in einem eurer zu unwürdigen Kleide stehe ich vor euch!" – Sage Ich: „Weib, sei gesund und tue, wie es dir gut dünkt!"
Ev.Joh.4,28. Da ließ das Weib ihren Krug stehen und eilte in die Stadt und spricht zu den Leuten:
[GEJ.01_029,06] Weinend vor Freude verläßt das Weib den Krug und Brunnen und eilt in die Stadt, sieht sich aber während des Gehens vielmals mich grüßend um, denn sie liebt Mich mächtig. Das Weib kommt nahe außer Atem in die Stadt, und es begegnen ihr mehrere Männer in einer Schar, wie sie sabbats gewöhnlich in einer schattigen Gasse auf und ab zu lustwandeln pflegten. Die Männer, die das Weib wohl kannten, fragten sie scherzweise: „Nun, nun, wohin denn doch gar so eilig? Wo brennt es denn?" Das Weib sieht sie liebernst an und sagt: „O scherzet nicht, ihr lieben Herren, denn unsere Zeit ist ernster geworden als ihr es ahnen möget!"
Ev.Joh.4,29. „Kommet und sehet einen Menschen, Der mir (draußen am Brunnen Jakobs sitzend) alles gesagt hat, was ich je getan habe, ob Er nicht Christus (der verheißene Messias) sei?!"
[GEJ.01_029,07] Hier unterbrechen sie die Männer und fragen sie voll banger Neugierde: „Nun, nun, was ist es denn, ziehen Feinde in unser Land, oder naht sich ein Heuschreckenschwarm unserer Gegend?"
[GEJ.01_029,08] Das Weib spricht ganz erschöpft: „Nichts von all dem! Die Sache ist viel größer und viel außerordentlicher! Höret mich ruhig an!
[GEJ.01_029,09] Schon vor einer Stunde ging ich hinaus zum Jakobsbrunnen, mir ein Mittagswasser zu holen, und seht, da fand ich einen Menschen, den ich anfangs fest für einen Juden hielt, am Geländer des Brunnens sitzen! Als ich mir, seiner kaum achtend, mein Wasser aus dem Brunnen geschöpft hatte, redete mich der Mensch an und verlangte, daß ich ihn aus meinem Krug solle trinken lassen. Ich verweigerte ihm solches, da ich vermeinte, daß er ein Jude sei.
[GEJ.01_029,10] Er aber redete wieder, wie ein Elias weise, und tat mir alles kund, was ich je getan hatte. Am Ende leitete er selbst das Gespräch auf den Messias, und als ich ihn weiter fragte, wo, wie und wann der Messias kommen werde, da sah er mich liebeernst an und sagte mit einer Stimme, die mir durch Mark und Bein ging: ,Ich bin es, Der Ich nun mit dir rede!‘
[GEJ.01_029,11] Ich aber hatte Ihn schon früher gebeten, da Er mir sagte, wie krank ich sei, ob ich nicht wieder gesund werden könnte. Und nun zuletzt sagte Er zu mir ,Werde gesund!‘, und sehet, mein Übel fuhr aus mir wie ein Wind, und ich bin nun vollauf gesund!
[GEJ.01_029,12] Gehet denn hinaus und sehet selbst, ob das nicht wahrhaft Christus, der verheißene Messias, sei. Ich halte Ihn fest dafür, denn größere Zeichen, als dieser Mensch tut, wird Christus, so Dieser es nicht wäre, nimmer zu tun vermögen! Gehet also hinaus und überzeuget euch selbst! Ich aber eile nun nach Hause, um bessere Kleider anzulegen, denn also könnte ich vor Seiner Herrlichkeit nimmer bestehen! Mehr ist Er sicher als ein Prophet oder ein König des Volkes, so Er nicht Christus sein sollte!"
[GEJ.01_029,13] Sagen die Männer: „Ja, wenn das, da wäre freilich diese Zeit vom höchsten Ernste und von der höchsten Bedeutung! Da müssen wir aber schon in größerer Anzahl hinausgehen und müssen auch darunter sein etliche, die der Schrift wohl kundig sind; es ist nur schade, daß heute unsere Rabbiner sich alle auf dem Berge befinden! Aber vielleicht läßt Er Sich bereden, einige Tage in unserer Mitte zu verweilen, und da könnten Ihn schon auch diese prüfen."
Ev.Joh.4,30. Da gingen sie aus der Stadt und kamen zu Ihm.
[GEJ.01_029,14] Sie laden darauf noch mehrere, mit ihnen hinauszuziehen zum Jakobsbrunnen, und es geht nun ein Zug von nahe hundert Menschen beiderlei Geschlechts hinaus, um zu sehen den Messias.
30. Kapitel
Ev.Joh.4,31. Indes aber ermahnten Ihn die Jünger und sprachen: „Meister, iß nun!"
[GEJ.01_030,01] Während sich aber die starke Schar aus der Stadt gegen den Brunnen hin bewegte, ermahnten Mich Meine Jünger, daß Ich nun zuvor essen solle! Denn sie wußten es schon, daß Ich, sobald irgend Menschen zu Mir kamen, keine Speise nahm; sie aber hatten mich lieb und fürchteten, daß Ich schwach und krank werden könnte. Denn ob sie schon wußten, daß Ich Christus bin, so hielten sie aber Meinen Leib dennoch für schwach und gebrechlich und ermahnten Mich deshalb, daß Ich essen solle!
Ev.Joh.4,32. Er aber spricht zu ihnen: „Ich habe eine Speise zu essen, von der ihr nichts wisset."
[GEJ.01_030,02] Ich aber sehe sie liebernst an und sage: „Meine lieben Freunde, Ich habe nun eine Speise zu essen, von der ihr nichts wisset!"
Ev.Joh.4,33. Da sprachen die Jünger untereinander (sich befragend): „Hat Ihm denn jemand schon etwas zu essen gebracht?"
[GEJ.01_030,03] Da sahen die Jünger einander an, befragten sich untereinander und sagten: „Hat Ihm denn schon jemand von irgendwoher etwas zu essen gebracht? Was wohl muß Er für Speise haben? Hat Er sie denn schon verzehrt? Es ist nirgends etwas zu sehen – außer der Krug noch ganz voll mit Wasser. Am Ende hat Er das Wasser in Wein verwandelt?"
Ev.Joh.4,34. Spricht Jesus zu ihnen: „(O ratet nicht so unsinnig!) Meine Speise ist, daß Ich den Willen Dessen tue, Der Mich gesandt hat, und vollende Sein Werk!"
[GEJ.01_030,04] Sage Ich zu ihnen: „O ratet doch nicht gar so unsinnig, was Ich gegessen oder nicht gegessen habe! Ihr habt es ja schon zu öfteren Malen doch gesehen, daß Ich Mich an eurer Seite nie extra habe bedienen lassen. Ich rede zu euch aber nun von keiner Leibesspeise, sondern von einer viel höheren und würdigeren Speise des Geistes rede Ich zu euch, und diese besteht darin, daß Ich den Willen Dessen tue, Der Mich gesandt hat, und Sein großes Werk vollende! Der aber, so Mich gesandt hat, ist der Vater, von Dem ihr saget, daß Er euer Gott sei, ihr Ihn aber dennoch nie erkannt habt. Ich aber kenne Ihn und tue darum Sein Wort, und das ist Meine rechte Speise, die ihr nicht kennet. Ich sage es euch: Nicht nur das Brot, sondern jede gute Tat oder Arbeit ist auch eine Speise, wennschon nicht für den Leib, so aber desto mehr für den Geist!"
Ev.Joh.4,35. „Saget ihr nicht selbst: ‚Es sind noch vier Monate, dann kommt die Ernte‘? Siehe, Ich aber sage euch: Hebet eure Augen auf und sehet in das Feld; jetzt schon ist es weiß zur Ernte!"
[GEJ.01_030,05] „Viele aus euch haben Äcker daheim, und ihr selbst saget es: Noch vier Monate, und die Zeit der Vollernte ist da, und wir werden müssen nach Hause ziehen und Ernte halten! Ich aber sage euch: Hebet eure Augen besser auf! Jetzt schon sind alle Felder weiß zur Ernte. Aber nicht diese Naturfelder meine Ich, sondern das große Feld, das da ist die ganze Welt, auf der die Menschen als reif gewordener Weizen stehen, die in die Scheuern Gottes sollen eingeerntet werden!"
Ev.Joh.4,36. „Und wer da schneidet, der empfängt den Lohn und sammelt die Frucht zum ewigen Leben, auf daß dann eine gemeinschaftliche Freude werde dem, der da säet, und dem, der da schneidet!"
[GEJ.01_030,06] „Und sehet, diese Ernte ist eine rechte Arbeit und diese Arbeit eine rechte Speise, die Ich, wie auch ihr, werde vollauf zu essen bekommen. Wer auf diesem Felde ein rechter Schnitter ist, der sammelt die wahre Frucht zum ewigen Leben, auf daß am Ende der Ernte eine gemeinschaftliche Freude werde Dem, Der da gesät hat, und gleich auch dem, der da geschnitten hat!"
Ev.Joh.4,37. „Denn hier ist der Spruch wahr: Dieser säet, und ein anderer schneidet."
[GEJ.01_030,07] „Denn es wird nach der Ernte essen der Sämann wie der Schnitter von einer und derselben Frucht und ein und dasselbe Brot des Lebens; und es wird dann der alte Spruch zur vollen Wahrheit: Der eine säet und ein anderer erntet; aber beide werden leben von ihrer Arbeit gleich und essen eine und dieselbe Speise!
[GEJ.01_030,08] Sehet euch an die große Menge derer, die aus der Stadt zu uns gekommen sind, um zu sehen an Mir den Verheißenen, und wie ihr sehet, daß noch immer mehrere nachkommen! Sehet, das sind lauter schon vollreife Weizenähren, die da schon lange geschnitten hätten werden sollen! Ich sage es euch mit viel Freude: Die Ernte ist groß, aber der Schnitter gibt es noch viel zu wenig; bittet darob den Herrn der Ernte, daß Er mehr Schnitter in Seine Ernte sende!"
Ev.Joh.4,38. „Ich habe euch gesandt, zu schneiden, das ihr nicht gesäet habt; andere haben gesäet, und ihr seid nun in ihre Arbeit gekommen."
[GEJ.01_030,09] „Ich habe euch aufgenommen, und mit der Aufnahme habe Ich euch auch schon ausgesandt im Geiste, zu schneiden, das ihr nicht gesäet habt; denn andere haben gesäet, und ihr seid nun in ihre Arbeit gekommen, und darob möget ihr euch wohl über die Maßen glücklich preisen! – Denn der da säet, der ist noch fern von der Ernte; wer aber da schneidet, der erntet zugleich und hat schon vor ihm das neue Brot des Lebens! Darum seid nun eifrige Schnitter; denn eure Mühe ist seliger denn die des Sämanns!"
[GEJ.01_030,10] Die meisten Jünger verstanden diese Lehre wohl und fingen sogleich an, Mein Wort von der Liebe zu Gott und von der Liebe zum Nächsten den Samaritern zu verkünden, und daß Ich wahrhaft Christus sei.
[GEJ.01_030,11] Aber einige wenige noch so ziemlich Blöde im Verständnisse des Herzens traten zu Mir hin und fragten Mich so ganz geheim im Vertrauen: „Herr, woher werden wir Sicheln nehmen, und dazu ist heute Sabbat?!"
[GEJ.01_030,12] Worauf Ich ihnen erwiderte: „Sagte Ich denn, daß ihr diese vor uns liegenden natürlichen Gerstenfelder schneiden sollet? O ihr Blöden, wie lange werde Ich euch denn noch also ertragen müssen?! – Verstehet ihr denn noch nichts?! – So höret denn und fasset es:
[GEJ.01_030,13] Mein Wort vom Reiche Gottes, zuerst in euren eigenen Herzen, und von da heraus über eure Zungen zu den Ohren und in die Herzen eurer Mitmenschen und Brüder gehend, ist die geistige Schnittersichel, die Ich euch gebe, einzuernten die Menschen, eure Brüder, in das Reich Gottes, in das Reich der wahren Erkenntnis Gottes und des ewigen Lebens in Gott.
[GEJ.01_030,14] Es ist heute freilich wohl Sabbat; aber der Sabbat ist dumm und unsinnig wie euer Herz, und ihr schauet darob auf den Sabbat, weil es in euren Herzen noch sehr stark sabbatmäßig aussieht. Ich aber sage es euch, da Ich ein Herr auch über den Sabbat bin:
[GEJ.01_030,15] Verbannet den Sabbat ehestens aus euren Herzen, so ihr Meine wahrhaftigen Jünger sein und bleiben wollt! Wir sind an jeglichem Tage gleich da zur Arbeit; wo der Herr des Sabbats arbeitet, da sollen Seine Knechte die Hände nicht in die Taschen stecken!
[GEJ.01_030,16] Muß nicht die Sonne am Sabbat so gut auf- und untergehen wie an einem Werktage? So aber der Herr der Sonne wie des Sabbats am Sabbate feierte, wäret ihr wohl zufrieden mit einem stockfinsteren Sabbat? Sehet, sehet, wie blöde ihr noch seid! Darum tuet euch auf und tuet, was Ich nun tue und was eure Brüder tun, so werdet ihr eine Mir wohlgefällige, wahrhaftig lebendige Sabbatfeier begehen!"
[GEJ.01_030,17] Nach diesen Worten begaben sich auch die schwächeren Jünger zu den Samaritern, die da nun schon in einer großen Anzahl aus der Stadt zu Mir gekommen waren, und lehrten sie, was sie von Mir wußten.
31. Kapitel
Ev.Joh.4,39. Es glaubten aber an Ihn viele der Samariter aus selbiger Stadt, (anfangs) um des Weibes willen, das da zeugte: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe."
[GEJ.01_031,01] Und so ging es bis an den Abend, und sehr viele von denen, die aus der Stadt zu Mir gekommen waren, glaubten nun an Mich, anfangs um des Zeugnisses des Weibes willen, das da dem Stadtvolke mit glühenden Worten zu erzählen wußte, wie Ich ihr alles gesagt habe, was sie je getan hatte; dann aber glaubten viele aus dem, was die Jünger von Mir ausgesagt haben. Am festesten aber glaubten jene Samariter, die so nahe bei Mir waren, daß sie Meine eigenen Worte vernehmen konnten.
[GEJ.01_031,02] Denn es waren einige darunter, die in der Schrift wohl bewandert waren; diese sagten: „Dieser redet wie David, der da sagt: ,Die Befehle des Herrn sind richtig und erfreuen das Herz; die Gebote des Herrn sind pur und erleuchten die Augen! Die Furcht des Herrn ist rein und bleibet ewiglich, und die Rechte des Herrn sind wahrhaft und allesamt gerecht. Sie sind köstlicher denn Gold und viel feines Gold; sie sind süßer denn Honig und Honigseim. Deinen Willen, Herr, tue ich gerne, und Dein Gesetz habe ich in meinem Herzen; ich will predigen Deine Gerechtigkeit in der großen Gemeinde. Siehe, ich will mir meinen Mund nicht stopfen lassen, Herr, das weißt Du. Deine Gerechtigkeit verberge ich nicht in meinem Herzen; von Deiner Wahrheit und von Deinem Heile rede ich. Ich verhehle Deine Güte und Deine Treue nicht vor der großen Gemeinde.‘ – Wir aber wissen, und das ist unser Zeugnis voll Wahrheit und Kraft, daß Der, Der also spricht und handelt, wie David vor Ihm und zwar in Seinem Namen geredet und gehandelt hat, wahrhaft der verheißene Messias ist. Bis auf Diesen aber hat nach David keiner mehr geredet und gehandelt wie David; sonach ist Dieser unfehlbar Christus, der von Ewigkeit Gesalbte Gottes! Diesen wollen wir darum vollends annehmen!"
Ev.Joh.4,40. Als nun die Samariter (vollends) zu Ihm hinkamen, baten sie Ihn, daß Er bei ihnen bleibe! Und Er blieb darauf zwei volle Tage allda.
[GEJ.01_031,03] Nachdem diese Samariter also untereinander sich ein Zeugnis gaben über Mich, traten sie ganz zu Mir hin in aller Ehrfurcht und baten Mich, daß Ich bei ihnen bleiben möchte. Denn sie sagten: „Herr, Der Du wahrhaftig Christus bist, wie wir Dich nun wohl erkannt haben, bleibe bei uns; denn in Jerusalem wirst Du wenig Aufnahme, wohl aber dafür desto mehr Unglauben und Verfolgung aller Art finden! Denn etwas Schlechteres denn einen Pharisäer trägt die weite Erde nicht, weder zu Lande noch zu Wasser. Hier aber sollst Du gehalten werden, wie es Dir als Dem gebührt, Den uns Moses, David und die Propheten verheißen haben!"
[GEJ.01_031,04] Ich aber sagte zu ihnen: „Liebe Männer aus Sichar! Mir macht es eine rechte Freude, daß Ich auf eurem Acker eine so gute Ernte gemacht habe; aber es wäre nicht fein von Mir, so Ich da, wo Ich die Kranken geheilt habe und sie nun gesund sind, verbliebe und achtete nimmer der vielen anderwärtigen Kranken! Ich werde aber dennoch zwei Tage bei euch verbleiben, und am dritten Tage erst weiter nach Galiläa hinabziehen."
Ev.Joh.4,41. Und viel mehrere noch glaubten an Ihn Seines Wortes wegen.
[GEJ.01_031,05] Es traten aber darauf noch viele hinzu, die ehedem noch nicht gar fest glaubten, und bekannten ihren nun unerschütterlich festen Glauben. Es war aber auch das Weib da in gutem Anzuge und sagte zu denen, die nun glaubten: „Liebe Freunde, ihr werdet mich doch nun in eure Ehre aufnehmen? Denn ich habe euch zuerst den Weg hierher gezeigt, als ihr mich scherzweise fragtet, wo es brenne!"
Ev.Joh.4,42. Und sprachen zum Weibe: „Wir glauben fortan nicht mehr deiner Rede willen; wir haben Ihn selbst gehört und erkannt, daß Dieser ist wahrlich Christus, der Welt Heiland!"
[GEJ.01_031,06] Da sprachen die Samariter: „So dich der Herr angenommen hat zuvor denn uns, da bist du auch bei uns aufgenommen in Ehren, wie es in Sichar der Brauch ist. Aber wir glauben von nun und fort an nicht mehr deiner Worte wegen; denn wir haben Ihn nun selbst gehört und erkannt, daß Dieser wahrlich ist Christus, der Welt Heiland! Und du wirst uns nun nimmer gläubiger machen als wir nun sind! Aber von nun an sollst du auch bei uns eine rechte Ehre haben, so du hinfort nicht mehr sündigen wirst!"
[GEJ.01_031,07] Sagt das Weib: „Ich aber habe von jeher nicht alsoviel gesündigt, als ihr es leider noch immer meinet. Vor dem, als ich eines Mannes ordentliches Weib wurde, ist mein Leib nie von dem eines Mannes berührt worden; als ich aber nachher eines Mannes Weib ward, da lebte ich ganz ordnungsgemäß, wie es sich für ein Weib gebührt. Daß ich nicht fruchtbar werden konnte, und daß jeder meiner fünf rechten Männer, so er mit mir seine Sache verrichtet hatte, bald darauf sterben mußte, dafür konnte ja doch ich nicht, wohl aber höchstens die, von denen ich ein solches Fleisch erhielt, das da nicht geheuer war einem Manne. Nachdem mir fünf Männer starben und mir ein kaum erträgliches Herzleiden verursachten, da beschloß ich, mich nimmer mit einem Manne zu verbinden; aber nach einem Jahre, wie ihr es wißt, kam ein Arzt nach Sichar mit Kräutern, Ölen und Salben und machte viele Leute gesund; da ging auch ich hin zu ihm, getrieben von meiner sehr fühlbaren Not, ob er mir hülfe.
[GEJ.01_031,08] Er aber besah mich und sprach: ,Weib, eine Welt gäbe ich darum, so ich dir helfen könnte; denn wohl nie noch sah mein Auge ein schöneres Weib denn du bist! Kann ich dir aber schon nicht helfen vollends, so kann ich dein Übel aber dennoch lindern!‘ Er aber zog sich dann in meine ärmliche Behausung, gab mir darauf alle Tage lindernde Mittel und sorgte für mich; aber er hat meinen kranken Leib noch nie in einer schlechten Absicht, wie ihr es fälschlich zu meinen scheinet, berührt!
[GEJ.01_031,09] Und so bin ich wohl vor Gott, wie sicher auch ihr, allezeit eine Sünderin; aber vor euren Augen glaube ich eben keine so große und grobe Sünderin zu sein, als für wie groß ihr mich zu halten beliebet. Der aber hier sitzt am Brunnen Jakobs, Der mir zuvor alles gesagt hat, was ich getan habe, Den fraget, und Er wird es euch Selbst sagen, inwieweit ich den Namen einer öffentlichen Sünderin verdiene oder nicht."
[GEJ.01_031,10] Hier schauen sich die Samariter groß an und sagen zum Weibe: „Nun, nun, sei nur wieder gut, wir haben es geradewegs ja so arg nicht gemeint; dafür sollst du nun eine Ehrenbürgerin in Sichar werden. Sage, bist du nun zufrieden mit uns?"
[GEJ.01_031,11] Spricht das Weib: „O sorget euch nicht um die Ehre eines armen Weibes! Ich habe mir bereits den größten Teil der Ehre genommen!"
[GEJ.01_031,12] Sagen die Samariter: „Wie wohl hast du das angefangen? Wir wissen nichts von einem Ehrenzeichen, das dir die Stadt erteilt hätte! Woher nahmst du dann solches?"
[GEJ.01_031,13] Sagt das Weib, mit Tränen wahrer Liebe und des rechten Dankes auf Mich hinweisend: „Hier ruht Er noch! Er allein ist nun meine höchste Ehre, eine Ehre, die weder ihr noch die ganze Welt mir also geben und ebensowenig nehmen könnet! Denn Er Selbst hat sie mir gegeben, und von Ihm habe ich sie genommen! Ich weiß es wohl, daß ich nicht im geringsten wie in all meinem Sein irgend wert bin, von Ihm, dem Herrn der Herrlichkeit, eine Ehre zu nehmen; aber Er gab sie mir vor euch, und ich habe sie genommen vor euch und gab euch Kunde von Ihm, da ihr nichts wußtet von Ihm ehedem. Sehet, das habe ich vor euch allen, das ihr mir nicht gegeben habt, und, da ich es einmal habe, mir es nicht nehmen könnet, und das ist ein Ehrenzeichen rechter Art und Weise und hat seine Geltung in Ewigkeit; euer Ehrenzeichen aber gilt nur zeitlich und das für Sichar allein, und dessen kann ich entraten, so man das ewige hat. Ich hoffe, daß ihr nun einsehen möchtet, wie und woher ich meinen größten Teil der rechten Ehre genommen habe."
[GEJ.01_031,14] Sagen die Samariter: „Ist denn das irgend ein Vorzug, daß du zufällig zuerst herauskamst und trafst hier Christum? Wir haben Ihn nun auch gefunden und loben und preisen Ihn nun in unseren Herzen gleich dir, und Er verhieß uns auch wie dir, zwei Tage zu verweilen in unserer Stadt. Wenn aber also, wie sprichst du denn von einer Vorehre, die dir zuteil ward vor uns?"
[GEJ.01_031,15] Sagt das Weib: „Ihr lieben Männer von Sichar, so ich mit euch rechten wollte, da würden wir nie zu einem Ende kommen. Ich habe es euch aber nun gesagt, wie es ist der vollen Wahrheit gemäß; zum zweiten Male aber sage ich's euch nicht mehr! Mehrere aus euch aber haben das römische Gesetz studiert und sind nun Richter nach diesem Gesetze und sagen, das sei ein weises Gesetz! Nun steht aber in diesem Gesetze, das auch ich gelesen habe, da ich römisch verstehe: Primo occupanti jus! Ich aber war hier die Erste, und ihr könnt mir daher mein gutes Recht nicht nehmen."
[GEJ.01_031,16] Hier schwiegen die Samariter und wußten nichts dem Weibe zu entgegnen; denn sie hatte nun ihre schwache Seite getroffen, und sie konnten ihr darauf nichts erwidern. Denn sie waren wegen der Juden große Freunde der Römer und schätzten hoch die Weisheit und Ordnung des römischen Gesetzes; darum schwiegen sie nun, da das Weib sie aufs Gesetz der Römer verwies.
[GEJ.01_031,17] Daß aber das Weib in der römischen Sprache wohl bewandert war, ist nicht zu verwundern; denn die Samariter redeten nahe durchgängig römisch und teilweise auch griechisch, um auch durch die Sprache jede Gemeinschaft mit den Juden zu vermeiden.
32. Kapitel
[GEJ.01_032,01] Es war aber nun Abend geworden, und alle, die aus Judäa mit Mir kamen und den ganzen Nachmittag hindurch geschlafen hatten, da sie sehr müde waren, wurden einer nach dem andern wach und erstaunten, wie da so geschwinde der Abend gekommen sei! Und sie fragten Mich, was nun geschehen solle, ob sie eine Herberge suchen sollten, oder ob Ich nun in der kühleren Zeit der Nacht weiterzöge.
[GEJ.01_032,02] Ich aber sagte: „So die Menschen schlafen, da wachet dennoch der Herr, und der Herr sorget für alles, und die mit Ihm sind, haben nicht zu sorgen, außer daß sie bei Ihm verbleiben. Darum machet euch nun auf, auf daß wir ziehen in diese Stadt der Samariter! Dort wird sich für uns alle eine gute Herberge finden. Dies Weib hier, das Mir heute mittag das Wasser verweigerte, hat ein geräumiges Haus, und Ich meine, sie wird uns die Herberge auf zwei Tage nicht verweigern."
[GEJ.01_032,03] Da fällt das Weib schluchzend vor Mir nieder aus Liebe und Freude und spricht: „O Herr, Du mein Heiland, wie komme ich arme Sünderin zu dieser Gnade?"
[GEJ.01_032,04] Sage Ich: „Du nahmst Mich auf in dein Herz, das viel köstlicher ist denn dein Haus; also wirst du Mich wohl auch aufnehmen in dein Haus, das Jakob gleichwie diesen Brunnen seinem Sohne Joseph erbaute. Aber wir sind unser viele. Du wirst sonach für zwei Tage viel zu tun und zu sorgen bekommen; aber es soll dir darob ein tüchtiger Gewinn werden!"
[GEJ.01_032,05] Spricht das Weib: „Herr, und so ihr euer noch zehnmal so viel wäret, so sollet ihr bei mir, insoweit meine Mittel reichen, alle bestens beherberget werden! Denn mein freilich hier und da schon sehr baufälliges Haus hat viele und reine Gemächer und ist nach meiner Möglichkeit auch so ziemlich wohl eingerichtet und ist nur von mir, meinem Arzte und einiger Dienerschaft desselben bewohnt. Ich aber sage Dir, o Herr, das Haus ist Dein, Du allein bist der rechtmäßige Besitzer meines Hauses; denn Du hast das älteste Recht darauf. Daher komm, o Herr, und ziehe ein in Dein Haus! Denn von nun an ist es vollends Dein, und soll es Dein verbleiben fürder und alles, was darinnen ist!"
[GEJ.01_032,06] Sage Ich: „O Weib, dein Glaube ist groß und lieblich dein Herz; darum sollst auch du Meine Jüngerin sein und bleiben. Und wo immer dies Evangelium verkündet wird, soll deiner erwähnt werden in Ewigkeit!"
[GEJ.01_032,07] Das nahm die Samariter etwas ärgerlich wunder, und es traten mehrere hin zu Mir und sprachen: „Herr, wir haben ja auch Häuser, und es hätte sich besser geschickt, daß Du bei uns Herberge genommen! Denn siehe, dieses Weibes Haus ist bei uns sehr verrufen und ist mehr eine Ruine denn ein Haus!"
[GEJ.01_032,08] Sage Ich: „Ihr seid bereits drei Stunden bei Mir, habt Mich wohl erkannt, und es ist bereits Abend geworden; aber keiner aus euch hat Mir und Meinen Jüngern eine Herberge angeboten, obschon Ich eurer Bitte Gehör gab und euch zwei Tage in eurer Stadt zu verbleiben verhieß!
[GEJ.01_032,09] Ich aber besah das Herz dieses Weibes, und es dürstete gewaltig darnach, ob Ich gewillt wäre, bei ihm Herberge zu nehmen! Nicht Ich also verlangte Herberge in ihrem Hause, sondern ihr Herz verlangte es. Da es sich aber vor euch nicht laut zu äußern getraute, so kam Ich diesem Herzen entgegen und verlangte das von ihm, das es Mir so heißliebend voll lebendiger Sehnsucht und Bereitwilligkeit zu geben wünschte!
[GEJ.01_032,10] Aus diesem höchst triftigen Grunde nehme Ich denn nun auch auf zwei volle Tage Herberge in dieses Weibes Hause. Wohl dem, der sich darob an Mir nicht ärgert!
[GEJ.01_032,11] Ich aber sage es euch: Wie jemand säet, also wird er auch ernten; wer da sparsam säet, der wird auch also spärlich ernten, wer aber reichlich säet, der wird auch reichlich ernten. Von euch allen hat noch niemand weder Mir noch Meinen Jüngern etwas geboten; diese aber gibt Mir sogleich alle ihre Habe zu Meinem Eigentume! Wer aus euch hat Mir das getan? Ist es dann unbillig, daß Ich ihr vor euch allen eine gerechte Ehre gebe? Ich sage euch aber: Wer darob mit diesem Weibe rechten wird, dem soll es übel ergehen zeitlich!"
[GEJ.01_032,12] Hier sehen sich die Samariter groß an, da ihnen die Sache sichtlich in die Nase raucht, ermannen sich aber dennoch und bitten Mich, daß Ich ihnen erlauben möchte, Mich des nächsten Tages besuchen zu dürfen.
[GEJ.01_032,13] Ich aber antworte ihnen: „Ich lade euch nicht und lege euch keine Not an; wer aus euch aber frei zu Mir kommen will, soll keine Tür verschlossen finden, sondern einen ganz freien Eintritt zu Mir haben. Wer also kommen will, der komme, wer aber daheim verbleiben will, der verbleibe, denn Ich zwinge und richte niemanden!"
[GEJ.01_032,14] Hierauf erhoben sich die Samariter und gingen in die Stadt. Ich aber verweilte noch eine kleine Weile an dem Brunnen, und das Weib tränkte mit ihrem Kruge alle die Durstigen, die mit Mir waren.
33. Kapitel
[GEJ.01_033,01] Ihr Arzt aber, der auch vorher mit ihr herausgekommen war, eilte voraus, um mit seiner Dienerschaft für Mich eine beste Herberge und ein möglichst reichliches Abendmahl zu bereiten. Als er aber ins Haus trat, konnte er sich nicht genug verwundern, daß seine Leute schon nahe mit allem fertig waren, was er erst anordnen wollte. Er aber fragte sie ganz mit dem besten Mute, wer denn wohl sie das zu tun geheißen habe. Sie aber sagten: „Ein Jüngling herrlichster Gestalt kam und sprach mit sanfternster Stimme: ,Tuet das, denn der Herr, Der bald in dieses Haus kommen wird, bedarf alles dessen!‘ Da wir solches wunderbar vernommen hatten, ließen wir alles liegen und stehen, und taten und tun es noch, was uns der seltene Jüngling gebot."
[GEJ.01_033,02] Der Arzt erstaunte und fragte: „Wo ist denn dieser seltene Jüngling?" Die Diener aber antworteten: „Wir wissen es nicht; denn als er uns solches zu tun hieß, verließ er schnell dies Haus, und wir wissen es nicht, wohin er gekommen ist." Der Arzt aber sprach: „Also seid denn unverdrossen; denn diesem Hause widerfährt ein großes Heil, und ihr alle werdet desselben teilhaft werden!"
[GEJ.01_033,03] Darauf eilte der Arzt schnell wieder zur Stadt hinaus, um Mir zu berichten, wie nun alles schon vorbereitet sei.
[GEJ.01_033,04] Da begegneten ihm aber einige Ultramosaisten, hielten ihn auf und sagten: „Freund, es geziemt sich nicht, an einem Sabbat also zu rennen; weißt du denn nicht, wodurch allerlei man den Tag Jehovas entheiligen kann?"
[GEJ.01_033,05] Sagt der Arzt: „Ihr Buchstabenreiter Mosis! Hurtig gehen an einem Sabbat, der nunmehr, da die Sonne schon untergegangen ist, nur noch ein Nachsabbat ist, haltet ihr für Sünde; aber so ihr am Sabbat eure Weiber und Mägde schändet und mit ihnen die barste Unzucht, Hurerei und Ehebruch treibet, wofür haltet ihr denn das? Hat das Moses geboten zu tun an einem Feiertage Jehovas?" Sagen die Samariter: „So es heute nicht Sabbat wäre, da würden wir dich solcher Rede wegen steinigen, aber für diesmal sei's dir nachgesehen!" Sagt der Arzt: „Nun, nun, eure Rede und euer Sinn macht sich, besonders zu einer Zeit, in der der lange verheißene Messias gerade vor den Toren Sichars weilet und ich Ihm nun entgegeneile, Ihm zu sagen, daß in Seinem Hause schon alles zu Seinem Empfange bereitet sei! Habt ihr denn noch nicht vernommen, was sich heute vor dem Tore unserer Stadt ereignet hat?"
[GEJ.01_033,06] Sagen die Samariter: „Wir haben es wohl vernommen, daß draußen am Brunnen eine Judenkarawane Lager gemacht hat, und daß ein Jude, wahrscheinlich der Anführer dieser Karawane, vorgäbe, er sei Christus. Du bist ein Arzt doch und begreifst nicht, daß uns die Juden einen Streich zu spielen in dieser Weise ausgesonnen haben und nun diesen Streich an uns vermeintlichen Trotteln soeben ausführen wollen?! Das wäre uns ein sauberer Messias! Meinest du, daß wir ihn nicht kennen?! Sind wir nicht auch aus Galiläa und sind nun eure Glaubensgenossen, strenge nach Mosis Satzungen?! Da wir aber aus Galiläa sind, so kennen wir diesen Nazaräer, der eines Zmmermanns Sohn ist. Dieser, da ihm das Arbeiten nicht mehr schmeckt, läßt sich nun als ein schnödes Werkzeug der Pharisäer gebrauchen, macht einige erlernte Zauberkünste und gibt sich auf deren Unkosten für den Messias aus! Und Esel und Ochsen deiner Art sitzen ihm auf und glauben seinen verlockenden Worten! Aufgreifen sollte man sie alle, dann mit Ruten tüchtig durchstäupen und sie also über die Grenze schmeißen wie Kot und Unflat!"
[GEJ.01_033,07] „O ihr Blinden! In meinem Wohnhause harren Engel Gottes Seiner und brachten Speise, Trank und Lager aus den Himmeln für Ihn, und ihr führet eine solche Rede! Der Herr züchtige euch darum!"
[GEJ.01_033,08] Als der Arzt solches ausspricht, werden zehn augenblicklich stumm, und keiner kann mehr ein Wort reden, und sie bleiben stumm durch die zwei Tage Meines Aufenthaltes in Sichar. Der Arzt aber verläßt sie und eilt zu Mir.
[GEJ.01_033,09] Als er zu Mir kommt, sagt er: „Herr! Dein Haus ist wohlbestellt! Es geht daselbst wunderbar zu; aber am Wege heraus zu Dir, o Herr, geriet ich unter eine Anzahl Frevler, die Dir vor mir ein übles Zeugnis zu geben sich bemühten. Aber es währte ihr Geschrei nicht lange! Dein Engel schlug sie auf den Mund, und sie wurden bis auf zwei völlig stumm; die zwei aber erschraken gewaltig und flohen. Das, o Herr, ist alles nun in einer halben Stunde geschehen!" – Sage Ich: „Sei ruhig, das mußte also kommen, auf daß nicht die, so schon glauben an Meinen Namen, abgewendet würden von uns! Nun aber gehen wir, und du, Mein liebes Weib aus Samaria, vergiß deinen Krug nicht!" Sogleich schöpft das Weib ein frisches Wasser und nimmt es mit nach Hause. – Also ward ein Halbtag vor Sichar am Jakobsbrunnen zugebracht und in dieser Stadt eine ziemlich reichliche Ernte gehalten.
34. Kapitel – Im Hause des Weibes zu Sichar. (Kap.34-36)
[GEJ.01_034,01] Mein Jünger Johannes aber fragte Mich und sagte: „Herr! Wie Du es willst, so möchte ich wohl alles aufzeichnen noch in dieser Nacht, was sich hier zutrug!"
[GEJ.01_034,02] Sage Ich: „Nicht alles, Mein Bruder, sondern das nur, was Ich dir sagte, daß du es dir notieren sollst! Denn solltest du alles zeichnen, was da geschah und was hier die zwei Tage hindurch noch geschehen wird, so würdest du viele Häute voll zeichnen müssen; wer aber würde das Viele dann lesen und fassen? So du aber nur die Hauptmomente richtig in rechter Entsprechung, wie sie dir gegeben ist, zeichnest, so werden die rechtschaffenen Weisen in Meinem Namen schon ohnehin alles herausfinden, was hier alles geschah und weshalb, und du ersparst dir eine große und unnötige Mühe. So denn, Mein geliebtester Bruder, mache dir deine Arbeit bequem, und du wirst dennoch der erste Zeichner Meiner Lehren und Taten verbleiben immerdar."
[GEJ.01_034,03] Johannes küßt Mich auf die Brust, und wir begeben uns an der Seite des Weibes und des Arztes in die Stadt und da in das Haus Josephs, da es schon recht dunkel ist.
[GEJ.01_034,04] Als wir in das wirklich große Haus kommen, findet das Weib in ihrem Hause eine Zubereitung für Meine Beherbergung, wie sie von einer ähnlichen noch nie eine Ahnung hatte! Denn es stehen eine rechte Menge wohlbesetzter Tische und um die Tische eine rechte Anzahl Stühle; auf jedem Tische stehen wohlleuchtende Lampen aus edlen Metallen; die Fußböden sind durchaus mit den schönsten Teppichen überzogen, die Wände selbst symmetrisch mit Blumenteppichen behangen, und aus den schönsten Kristallbechern blinket ein köstlicher Wein den Gästen entgegen!
[GEJ.01_034,05] Das Weib kann sich gar nicht fassen und sagt erst nach einer Weile ihres nimmer enden wollenden Staunens: „Aber Herr, was hast Du getan?! Hast Du das durch Deine Jünger, die Du vielleicht heimlich hierher sandtest, herichten lassen? Woher nahmen sie denn das alles? Ich weiß ja, was ich habe, von Gold und Silber sicher nichts, und hier strotzt alles von diesen Metallen! Einen kristallenen Becher wie diesen hier habe ich noch nie gesehen, und hier stehen hunderte, von denen jeder 30 Silberlinge wert ist. Dieser Wein, diese Speisen und Früchte, das schöne Brot und die vielen teuersten Teppiche, von denen einer sicher 100 schwere Silbergroschen kostet! O Herr! sage es mir Armen doch, ob Du solches alles mitgebracht hast oder ob es hier in der Stadt irgendwo ausgeborgt wurde?"
[GEJ.01_034,06] Sage Ich: „Siehe, liebes Weib! Du sagtest draußen am Brunnen ja, daß dies Haus Mir gehöre. Ich nahm solch eine Schenkung von dir an, und da nun dies Haus Mein ist, so wäre es ja doch von Mir nicht fein gewesen, so Ich dich als Schenkerin in ein unzierliches Gemach geführt hätte! Sieh, wie da eine Hand die andere wäscht, also ist es denn auch hier; eine Ehre erfordert die andere! Du schenktest es Mir vollends aus deinem ganzen Herzen, wie es ehedem war; Ich aber gebe es dir nun wieder also, wie es jetzt eingerichtet ist. Ich meine, daß du mit diesem Umtausche der Sache ganz zufrieden wirst sein können?! Denn sieh, Ich verstehe Mich auch so ein wenig auf rechte Zierde und feinen Geschmack!
[GEJ.01_034,07] Und Ich sage es dir: Solches alles habe Ich, so wie alles, auch von Meinem Vater gelernt! Denn die endlos vielen Wohnungen im Hause Meines Vaters sind eben auch voll des höchstbesten Geschmacks und voll der höchsten Zierden, was du aus dem schon recht wohl entnehmen kannst, so du aufmerksam betrachtest die Blumen der Felder, deren einfachste herrlicher geschmückt ist als Salomo in aller seiner Königspracht!
[GEJ.01_034,08] Wenn der Vater aber schon die Blumen, die nur kurz dauern, also zieret und schmückt, um wie viel mehr wird Er erst Sein Wohnhaus, das im Himmel ist, zieren und schmücken?! Was aber der Vater tut, das tue auch Ich; denn Ich und der Vater sind im Grunde des Grundes völlig Eins! Wer Mich annimmt, der nimmt auch den Vater an; denn der Vater ist in Mir, wie Ich im Vater! Wer Mir was tut, der tut es also auch dem Vater; und du kannst Mir darum nichts geben, das du nicht sobald hundertfältig wieder zurückbekämst! Jetzt weißt du alles Nötige.
[GEJ.01_034,09] Jetzt aber setzen wir uns und nehmen das Abendmahl zu uns, denn es gibt viele Hungrige und Durstige unter uns. Haben wir unsere Glieder gestärkt, dann erst wollen wir weiter sprechen über diesen Punkt!"
[GEJ.01_034,10] Alle setzen sich nun zu Tische, danken und stärken sich dann mit Speise und Trank.
35. Kapitel
[GEJ.01_035,01] Nach dem Mahle nähert sich Mir wieder das Weib, getrauet sich aber kaum zu reden; denn sie besprach sich während des Mahles mit der Dienerschaft des Arztes, wie solches alles herbeigeschafft worden sei. Und die Dienerschaft sagte: „Liebe Frau, das weiß Gott, wie das hergegangen ist! Wir haben dabei das wenigste getan; der Arzt tat gar nichts; denn als er kam, da war schon alles getan. Wir waren vordem, und lange bevor der Arzt kam, mit seinen Sachen beschäftigt, da kam auf einmal ein Jüngling von blendender Schönheit und sagte uns, daß wir dies und jenes tun sollen, da der Herr dessen bedürfe, und wir taten alles sogleich, was uns der seltene Jüngling geboten hatte. Aber siehe, es ging das sonderbar zu! Wie wir etwas tun wollten, da war es schon getan, und wir können dir daher nichts anderes sagen als: hier waltete offenbar Gottes Allkraft, und der weiße Jüngling muß ein Engel Gottes gewesen sein! Sonst läßt sich die Sache gar nicht erklären! Der Mensch, der ehedem an deiner Seite zuerst in den großen Speisesaal trat, muß ein großer Prophet sein, daß ihm die Mächte der Himmel dienen!"
[GEJ.01_035,02] Da aber also das Weib solches von den Dienern vernahm, war sie um desto mutloser und getraute sich kaum zu reden. Nach einer ziemlich geraumen Weile erst sagte sie mit einer ganz schwachen Stimme: „Herr! Du bist mehr denn allein der verheißene Messias! Du warst es sicher, Der den Pharao züchtigte, die Israeliten aus Ägypten führte und ihnen vom hohen Sinai die Gesetze donnerte!"
[GEJ.01_035,03] Ich aber sage zu ihr: „Weib! Die Stunde ist noch nicht da, daß solches des Menschen kundgetan würde; darum behalte es vorderhand in deinem Herzen! Mache aber nun, daß die große Schar, die aus Judäa mit Mir kam, in die Schlafgemächer verteilt werde; du, der Arzt und Meine Jünger, nun zehn an der Zahl, aber bleibet hier! Dem Weibe aber, das an Meiner Seite saß und Meines Leibes Mutter ist, weise das reinste Bett an, daß es wohl ruhe; denn sieh, die schon ältliche Mutter hat heute einen starken Weg gemacht und bedarf zu ihrer Stärkung einer guten Ruhe!"
[GEJ.01_035,04] Das Weib erfreut sich über die Maßen, in diesem ganz unansehnlichen Weibe Meine Mutter zu erkennen, und versorgt sie bestens. Und die Maria belobt sie solcher Zärtlichkeit wegen, empfiehlt ihr aber zugleich, ja alles zu tun, was Ich sagen würde.
[GEJ.01_035,05] Als nun alles zur Ruhe gebracht ist und das Weib und der Arzt nebst den zehn Jüngern allein bei Mir im Großen Speisesaale sich befinden, sage Ich zu den Jüngern: „Ihr wisset es, wie Ich zu Bethabara in Galiläa, da Ich euch aufnahm, zu euch sagte: Von nun an werdet ihr die Himmel offen sehen und die Engel Gottes herniedersteigen zur Erde; und sehet, das geht nun vor euren Augen buchstäblich in Erfüllung! Das alles, was ihr hier sehet und was ihr gegessen und getrunken habt, ist nicht von dieser Erde, sondern durch die Engel Gottes aus den Himmeln hierher geschafft. Nun aber machet auf eure Augen und sehet, wie viele Engel allda bereit stehen, um Mir zu dienen!"
[GEJ.01_035,06] Da gingen allen die Augen auf, und sie sahen die Massen der Engel, zu Meinen Diensten bereit, aus den Himmeln niederschweben. – Denn als ihnen die Augen aufgetan wurden, verschwanden des Hauses Wände, und alle sahen die Himmel offenstehen!
[GEJ.01_035,07] Spricht darauf Nathanael: „Ja, Herr, Du bist wahrhaft und getreu! Was Du geredet hast, das geht nun wunderbar in Erfüllung! Wahrlich, wahrlich, Du bist der Sohn des lebendigen Gottes! Mit Abraham sprach Gott durch Seine Engel; Jakob sah im Traume eine Leiter, über der die Engel auf- und niederstiegen, aber Jehova sah er nicht, außer einen Engel, der Jehovas Namen hatte gezeichnet in seine Rechte. Und da Jakob mit ihm stritt, ob er Jehova sei, ward er hinkend durch einen starken Rippenstoß. Moses sprach mit Jehova; aber er sah nichts denn Feuer und Rauch, und da er sich verbergen mußte in einer Höhle, weil daselbst Jehova vorüberzöge, durfte er nicht schauen, als bis Jehova vorübergezogen war. Und als er da nachsah, da ersah er nur noch den Rücken Jehovas; aber darauf mußte er sein Gesicht bedecken mit dreifacher Decke, da es leuchtete mehr denn die Sonne und es niemand ansehen konnte, ohne zu sterben! Dann war nur noch Elias, der Jehova gewahrte im sanften Säuseln! Und hier bist Du Selbst nun!"
[GEJ.01_035,08] Hier falle Ich dem Nathanael in die Rede und sage: „Genug, Mein Bruder, die Stunde ist noch nicht da! Nur einer so reinen Seele, wie da ist die deine, ganz ohne Falsch und Hinterhalt, ist solches zu erschauen möglich. Denn siehe, nicht ein jeder, der Mir folgt, ist wie du.
[GEJ.01_035,09] Dies Weib aber war nicht wie du, nun aber ist sie auch wie du, darum ahnte sie auch, was du nun sagen wolltest. Aber die Stunde ist noch nicht da. Erst, wann im Tempel der Vorhang wird entzweigerissen werden, dann erst ziehet dem Moses seine Decke vollends von seinem strahlenden Angesichte!"
36. Kapitel
[GEJ.01_036,01] Fragt mich darauf Johannes: „Herr, aber dieses muß ich mir doch aufzeichnen! Das ist mehr als das Zeichen zu Kana! Das ist einmal ein rechtes Zeichen, von wannen Du gekommen bist!"
[GEJ.01_036,02] Sage Ich: „Auch das laß du; denn was du zeichnest, ist ein Zeugnis für die Welt; diese aber hat das Verständnis nicht, daß sie es fassete! Wozu wäre dann solche deine Mühe? Meinst du, die Welt werde so etwas glauben? Sieh, die hier sind, die glauben es, weil sie es schauen; die Welt aber, die im Finstern wandelt, würde es nimmer glauben, daß hier solches geschehen; denn die Nacht kann sich unmöglich vorstellen die Werke des Lichtes. Möchtest du ihr aber erzählen von den Werken des Lichtes, so wird sie dich belachen und dich am Ende zu verspotten anfangen. Also sei es also, daß du in der Zukunft nur das aufzeichnest, was Ich offen vor aller Welt tue; was Ich aber im geheimen tue, und sei es noch so groß, das zeichne du bloß in dein Herz, aber nicht auf die glatte Tierhaut!
[GEJ.01_036,03] Es wird aber schon einmal eine Zeit kommen, in der alle diese geheimen Dinge sollen der Welt geoffenbart werden, aber es werden vorher noch gar viele Bäume ihr unreifes Obst von ihren Zweigen müssen fallen lassen! Denn siehe, die Bäume haben viel angesetzt, und es wird von dem wohl kaum ein Drittel zur Reife gelangen! Aber die zwei abgefallenen Drittel werden eher zertreten werden müssen und verfaulen und verdorren, daß ein Regen sie dann auflöse und in den Stamm treibe ein mächtiger Wind zur zweiten Geburt!"
[GEJ.01_036,04] Sagt Johannes: „Herr, das ist zu tief, wer kann es fassen?"
[GEJ.01_036,05] Sage Ich: „Es ist dies auch gar nicht nötig, es ist genug, daß du glaubst und Mich liebst, das tiefere Verständnis alles dessen wird schon kommen, so der Geist der Wahrheit über euch wird ausgegossen werden. Bevor aber das geschehen wird, werden aus euch trotz aller dieser Zeichen sich noch manche stoßen an Mir und an Meinem Namen!
[GEJ.01_036,06] Denn ihr habt alle noch einen ganz unrichtigen Begriff vom Messias und Seinem Reiche, und es wird viel brauchen, bis ihr da ins klare kommen werdet.
[GEJ.01_036,07] Denn des Messias Reich wird nicht sein ein Reich dieser Welt, sondern ein Reich des Geistes und der Wahrheit im Reiche Meines Vaters ewig, und es wird dessen nimmer ein Ende sein fürder und fürder! Wer in dieses Reich aufgenommen wird, der wird haben das ewige Leben und dieses Leben wird sein eine Seligkeit, von der noch nie jemand etwas gesehen, gehört und in seinem Herzen empfunden hat!"
[GEJ.01_036,08] Sagt Petrus, der lange geschwiegen hatte: „Herr, wer wohl wird dann solch einer Seligkeit fähig werden?"
[GEJ.01_036,09] Sage Ich: „Lieber Freund, siehe, heute ist es schon spät, und unsere Leiber bedürfen der Ruhe, auf daß sie morgen stark seien zur Arbeit! Deshalb wollen wir den heutigen Tag beschließen und morgen im guten Lichte wandeln. Suche sich daher ein jeder seinen Ruheplatz und ruhe sich darauf vollends aus; denn morgen werden wir viel zu tun bekommen!"
[GEJ.01_036,10] Auf das kommt ein jeder wieder in seinen Naturzustand und sieht wieder des Saales Wände, neben denen sehr gute Ruhelager, eine Art Diwane, zierlich gestellt sind. Die Jünger, von denen einige sehr müde sind, danken und legen sich sogleich nieder.
[GEJ.01_036,11] Nur Ich, der Arzt und das Weib bleiben noch wach. Als die Jünger bald fest schlafen, da fallen beide vor Mir auf ihre Knie nieder und danken Mir inbrünstigst für solche unaussprechlich große Gnaden, die Ich ihnen und ihrem ganzen Hause erwiesen habe. Zugleich aber bitten sie Mich, ob Ich es nicht gestattete, daß sie sich Mir anschlössen und Mir folgen dürften.
[GEJ.01_036,12] Ich aber sage zu ihnen: „Es ist dies nicht nötig um eurer Seligkeit willen. So ihr Mir aber schon folgen wollt, da ist es genug, daß ihr Mir folget in euren Herzen! Ihr sollet aber hier in diesem Lande als Meine Zeugen verbleiben! Denn es werden da in kurzer Zeit gar viele Zweifler aufstehen und zu euch kommen; diesen sollet ihr dann ein gutes Zeugnis geben von Mir.
[GEJ.01_036,13] Und du, Mein lieber Joram, sollst von nun an ein vollkommener Arzt sein! Dem du deine Hände auflegen wirst in Meinem Namen, mit dem soll es sogleich besser werden, wie krank er auch immer sei. Zugleich aber müßt ihr miteinander in eine vollkommene und unauflösliche Ehe treten; denn also wäre euer Beisammenleben ein Ärgernis den Blinden, die nur aufs Äußere sehen und vom Inneren keine Ahnung haben.
[GEJ.01_036,14] Du, Joram, brauchst dich nun nicht mehr zu fürchten vor Irhael; denn sie ist nun vollkommen gesund an Leib und Seele. Und du, Irhael, hast an Joram einen Mann aus den Himmeln und sollst mit ihm vollends glücklich sein; denn er ist nicht ein Geist aus der Erde, sondern ein Geist von oben herab."
[GEJ.01_036,15] Sagt das Weib: „O Jehova, wie gut bist Du! Wann aber wäre es Dein Wille, daß wir uns öffentlich verbänden vor den Augen der Welt?"
[GEJ.01_036,16] Sage Ich: „Ich habe euch schon verbunden, und dies Bündnis ist allein gültig im Himmel wie auf Erden, und Ich sage es euch: Seit Adam gab es auf dieser Erde kein vollkommeneres Ehebündnis denn da nun ist das eurige; denn Ich Selbst habe euer Bündnis gesegnet.
[GEJ.01_036,17] Morgen früh aber werden hierher kommen eine Menge Priester und andere Leute und Bürger dieser Stadt; denen zeiget das an, auf daß sie es wissen, daß ihr nun vollends rechte Eheleute seid vor Gott und aller Welt! So euch aber Kinder werden, da erziehet sie in Meiner Lehre und taufet sie dann also in Meinem Namen, wie ihr morgen von Meinen Jüngern viele werdet taufen sehen in der Weise, wie da taufet ein Johannes im Jordan, von dem ihr werdet gehöret haben; also werde Ich dir, du Mein Joram, morgen die Macht geben, nachderhand jedermann zu taufen, der an Meinen Namen glauben wird."
[GEJ.01_036,18] Nun aber begebet ihr euch auch zur Ruhe! Doch solange Ich in diesem Hause verweilen werde, sollet ihr euch nicht berühren, der Zucht wegen! Sorget euch aber nicht diese Zeit hindurch für den Tisch und Keller; denn solange Ich in diesem Hause verweilen werde, wird Tisch und Keller so wie heute von oben versorgt werden. Saget es aber vor der Zeit niemand, daß solches also geschehe; denn die Menschen würden dies nicht fassen. So Ich aber fort sein werde, da könnet ihr es immerhin den Helleren kundgeben. Und so denn begebet euch zur Ruhe, Ich aber werde nun hier allein wachen! Denn der Herr darf nicht schlafen noch ruhen; denn der Schlaf und die volle Ruhe wäre der Wesen Tod und Verderben! Denn so auch alle Welt schliefe, da wachet dennoch der Herr und erhält alle Wesen."
[GEJ.01_036,19] Auf diese Worte danken die beiden und begeben sich, jedes in ein anderes Gemach, zur nötigen Ruhe. Ich aber bleibe auf Meinem Stuhle sitzen bis zum Morgen.
37. Kapitel – Erster Tag in Sichar. (Kap.37-51)
[GEJ.01_037,01] Am frühen Morgen, als die Sonne noch kaum eine halbe Spanne über dem Horizonte stand, kamen schon eine Menge Priester, die in Sichar wegen der Nähe des heiligen Berges (Garizim) wohnten, vor das Haus der Irhael und fingen sogleich ein großes Geplärr an und schrieen: „Hosianna über Hosianna und Heil Dem, der da kam im Namen der Herrlichkeit Gottes! Weile, Sonne, und stehe still, du Mond, bis der Herr aller Herrlichkeit mit Seiner gewaltigen Rechten schlage und vernichte alle Seine Feinde, die auch unsere Feinde sind! Nur die Römer verschone, o Herr, denn sie sind unsere Freunde, da sie uns schützten vor den Juden, die schon nicht mehr Kinder Gottes, sondern Kinder Beelzebubs sind und opfern diesem ihrem Vater im Tempel, den Salomo Dir, o Herr, erbaut hatte. Du hast wohlgetan, o Herr, daß Du kamst zu Deinen rechten Kindern, die Deinen Verheißungen glaubten und Dich bis zur Stunde sehnsüchtigst erwarteten. Wohl kommst Du von den Juden – denn es heißt ja, daß das Heil komme von den Juden –, aber wir haben es vernommen, wie Du nun warst zu Jerusalem und im Tempel und schlugst die Juden mit Stricken und warfst ihre Stühle um! O Herr, daran hast Du sehr wohlgetan, und alle Himmel sollen Dich darob loben mit Psalmen, Harfen und Posaunen! Wir sagten es ja immer, so Du kommst, da wirst Du nicht vorübergehen an der heiligen Stätte, auf der Daniel, Dein Prophet, den Greuel der Verwüstung Jerusalems verkündete! Und von dieser Stätte wirst Du, o Herr, verkünden das Heil Deinen Völkern! Gepriesen sei Dein Name, Hosianna Dir in der Höhe, und Heil allen Kindern, die eines guten Willens sind!"
[GEJ.01_037,02] Dies zum Teil sinnige, zum Teil aber auch sehr unsinnige Geplärre zog natürlich eine Menge Menschen herbei und ganz sicher alle, die tags vorher am Brunnen bei Mir waren und Mich nun abermals sehen und hören wollten. Der Lärm und die Menge mehrte sich von Sekunde zu Sekunde, und alles im Hause mußte sich erheben und nachsehen, was es da gäbe. Die Jünger erhoben sich zuerst und fragten Mich, was denn das für ein Tumult wäre, und ob es ratsam sei, zu bleiben, oder vielleicht doch besser, dem zu entfliehen.
[GEJ.01_037,03] Ich aber sagte: „O ihr Kleinmütigen! So höret es doch, wie sie Hosianna rufen! Wo man aber Hosianna ruft, da ist es gar so gefährlich nicht, zu verbleiben."
[GEJ.01_037,04] Mit dem waren die Jünger beruhigt, und Ich sagte weiter zu ihnen: „Gehet aber nun hinab und saget ihnen, sie sollen nun schweigen und sollen sich hinaus auf den Berg begeben; denn Ich werde nach der sechsten Stunde (d.i. nach zwölf Uhr mittags) mit euch allen hinauskommen und werde euch und ihnen das Heil verkünden vom Berge herab. Sie sollen aber auch Schreiber mitnehmen, damit diese aufzeichnen, was Ich allda vom Berge lehren werde.
[GEJ.01_037,05] Du, Johannes, aber brauchst es nicht zu schreiben, da solche Meine Lehre ohnehin mehrfach wird gezeichnet werden. Es befindet sich aber hier ein Schreiber, auch ein Galiläer, mit Namen Matthäus; dieser hat sich schon so manches aus Meiner Jugend aufgezeichnet, und da er schnellen Griffels ist, so wird er sich sicher alles aufzeichnen, was er hören und sehen wird. Diesen bringet herauf, rufet ihn beim Namen, und er wird euch sogleich folgen! Saget aber auch den ersten Priestern, daß sie heraufkommen mögen, wie auch einigen ersteren, die ihr gestern am Brunnen werdet gesehen haben. Aber zuerst rufet Mir den Matthäus; denn von diesem will Ich, daß er uns auch folge!"
[GEJ.01_037,06] Die Jünger begaben sich nun schnell herab und taten, wie Ich ihnen geboten hatte.
[GEJ.01_037,07] Während aber die Jünger unten auf der Gasse ihr Wesen hatten, kamen alle andern Gäste samt der Maria zu Mir in den Speisesaal und begrüßten Mich allerfreundlichst, dankten und erzählten Mir ganz kurz wunderbare Träume, die sie in dieser Nacht gehabt hätten, und fragten Mich, ob man auf solche Träume etwas halten solle.
[GEJ.01_037,08] Ich aber sagte: „Was die Seele im Traume schauet, das ist alles ihrer Art. Ist die Seele im Wahren und Guten aus dem, was Ich euch lehre zu glauben und zu tun, so sieht sie auch im Traume Wahres und kann sich daraus Gutes fürs Leben schaffen; ist aber die Seele im Falschen und daraus im Bösen, so wird sie im Traume Falsches sehen und daraus Böses bilden.
[GEJ.01_037,09] Da ihr aber nun nach Meiner Lehre im Wahren seid, darob ihr Mir auch folgtet, so kann eure Seele auch im Traume nur Wahres geschaut haben, daraus sie viel Gutes zeugen kann.
[GEJ.01_037,10] Ob aber die Seele das auch fasset, was sie schauet im Traume, das ist freilich eine ganz andere Sache. Denn gleich wie ihr das nicht fasset und begreifet, was alles ihr schauet in der Außenwelt, in der ihr am Tage lebet, also fasset die Seele auch nicht, was sie schauet in ihrer Welt.
[GEJ.01_037,11] Wann aber in euch der Geist wiedergeboren wird, wie Ich solches zu Jerusalem dem Nikodemus verkündet habe, als er zu Mir kam in der Nacht, dann werdet ihr alles fassen und begreifen und vollends einsehen." Damit geben sich alle zufrieden und treten zurück.
38. Kapitel
[GEJ.01_038,01] Es kommt aber nun die Wirtin mit ihrem neuen Gemahl, grüßt Mich auf das allergefühlvollste und fragt Mich und auch alle die andern Gäste, ob wir geneigt wären, das Morgenmahl zu nehmen, da es schon vollends bereitet sei.
[GEJ.01_038,02] Ich aber sage: „Liebe Irhael, warte noch ein wenig; die Jünger werden sogleich noch mehrere Gäste heraufbringen, diese sollen auch teil am Frühmahle nehmen und zugleich erfahren aus Meinem Munde, daß ihr beide, du und Joram, nun ein rechtes Ehepaar geworden seid; und sie sollen es auch sehen, daß euer Haus nicht ein letztes, sondern nun in allem, äußerlich und innerlich, ein vollends erstes Haus dieser Stadt sei, und Ich darum in diesem Hause eine Herberge nahm."
[GEJ.01_038,03] Als Ich solches sage dem Ehepaare, da öffnen auch schon Petrus und Mein Johannes die Tür, und zwischen ihnen tritt Matthäus herein, verneigt sich tief und sagt: „Herr, ich bin hier vollends bereit, Dir allein zu dienen! Ich habe hier wohl ein Schreiberamt und kann dabei leben und erhalten meine kleine Familie; aber so Du, o Herr, meiner bedarfst, da laß ich augenblicklich mein Amt fahren, und Du, o Herr, wirst meine kleine Familie nicht zugrunde gehen lassen!"
[GEJ.01_038,04] Sage Ich: „Wer Mir nachfolget, der sorge sich um nichts, als daß er bei Mir bleibe zeitlich und ewig. Hier aber siehe dies Haus an; diese beiden Besitzer, diese werden deine Familie in Meinem Namen aufnehmen und bestens versorgen, so wie dich, wann du hierher kämest bei Tage oder bei der Nacht."
[GEJ.01_038,05] Matthäus, der dies Haus von früher schon kannte, wie es mehr eine Ruine denn ein Haus war, aber konnte sich nicht genug verwundern und sprach: „Herr, da muß ein großes Wunder vor sich gegangen sein! Denn das Haus war eine Ruine, und nun ist es ein Palast, wie es in Jerusalem wenige seinesgleichen geben dürfte! Und diese echt königliche Einrichtung! Das muß ja unendlich viel gekostet haben!"
[GEJ.01_038,06] Sage Ich: „Denke du das nur so recht fest und klar, daß bei Gott gar viele Dinge möglich sind, die bei den Menschen unmöglich scheinen, dann wirst du leicht begreifen, wie diese frühere Ruine nun in einen Palast hat umgewandelt werden können! – Hast du aber ein hinreichendes Schreibmaterial?"
[GEJ.01_038,07] Sagt Matthäus: „Für zwei Tage bin ich versehen; soll ich mehr haben, so will ich's mir sogleich beschaffen."
[GEJ.01_038,08] Sage Ich: „Es genügt für zehn Tage; danach werden wir des Materials schon anderwärtig habhaft werden. Bleibe nur hier und halte mit uns das Morgenmahl; nach 6 Uhr aber werden wir uns auf den Berg begeben. Dort werde Ich diesen Völkern das Heil verkünden; du aber schreibe Mir nach dem Munde all das Gesagte in drei Kapiteln und unterteile diese in kleine Verse nach der Art Davids. Sehe dich aber noch um ein paar andere Schreiber um, die es dir nachschreiben sollen, damit auch diesem Orte ein geschriebenes Zeugnis verbleibe!"
[GEJ.01_038,09] Spricht Matthäus: „Herr, Dein Wille soll genauest befolgt werden!"
[GEJ.01_038,10] Nach dieser nötigen Unterredung mit Matthäus treten die andern Jünger ein, und ihnen folgen die Priester und die andern Notabilitäten dieser Stadt und begrüßen Mich auf das zerknirschteste. Und der erste Priester tritt etwas hervor und sagt: „Herr, wohl zubereitet hast Du Dir dies Haus, auf daß es würdig sei, Dich zu beherbergen. Salomo baute den Tempel mit viel Pracht, auf daß er würdig wäre, dem Jehova zu einer Wohnstätte unter den Menschen zu dienen; aber die Menschen haben diese Wohnstätte durch ihre vielen himmelschreienden Laster entheiligt, und Jehova verließ den Tempel und die Lade und kam zu uns auf den Berg, wie auch Du, o Herr, zuerst in Jerusalem warst, wenig Aufnahme fandest und darob zu uns, Deinen altechten Verehrern, kamst. Und so wird es nun geschehen, wie es geschrieben steht:
[GEJ.01_038,11] ,Es wird in der letzten Zeit der Berg, da des Herrn Haus ist, gewiß höher sein denn alle Berge und wird über alle Hügel erhaben werden, und es werden hinzulaufen alle Heiden. Und es werden auch hingehen viele Völker und sagen: Kommt, lasset uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, daß Er uns lehre Seine Wege und wir wandeln auf Seinen Steigen! Aber dennoch wird von Zion ausgehen Sein Gesetz und des Herrn Wort von Jerusalem.‘ (Jesajas 2,2 u. 3)
[GEJ.01_038,12] Wir alle aber sind über die Maßen froh wie eine Braut, so ihr Bräutigam kommt und ihr zum ersten Male bietet sein Herz, seine Hand und seinen Gruß! Denn wahrlich, Herr, Jerusalem, die erwählte Stadt des großen Königs, ist schlecht geworden zum Anpissen und Anpfeifen und ist Deiner nicht wert! Wir halten uns wohl auch nicht gerade für wert – denn was gehört dazu, um vor Gott als wert befunden zu werden?! –, aber das ist dennoch gewiß, daß, so der Herr nunmehr nur zwischen zwei Übeln zu wählen hat, Er uns, als offenbar das kleinere, erwählen werde! Und das geht nun wunderbar in Erfüllung vor unsern Augen! Du bist es, den wir so lange schon erwarteten; darum Hosianna Dir, der Du zu uns kommst im Namen des Herrn!"
[GEJ.01_038,13] Sage Ich zum Redner: „Ja, du hast nun vollends recht geredet; aber Ich sage euch auch: So ihr Meine Lehre vernehmen werdet, da nehmet sie auf und bleibet tätig in ihr, sodann erst werdet ihr des Heiles wahrhaft teilhaftig werden, das Ich euch heute verkünden werde von des Berges Höhe. Denn kommt auch die Gnade frei von oben her zu euch, so genügt das aber dennoch nicht; denn sie bleibt nicht, wenn sie nicht tätigst ergriffen wird, – gleich also, als so du stündest hungrig unter einem obstreichen Baume: so ihn der Wind schüttelt und reife Feigen herabfallen, du sie aber nicht aufklaubest und issest, werden sie dich wohl sättigen?!
[GEJ.01_038,14] Also nicht das Hören allein, sondern das Tun nach Meiner Lehre wird euch erst des Heils, das aus Jerusalem zu euch gekommen ist, teilhaftig machen! Hast du das verstanden?"
[GEJ.01_038,15] Spricht der Redner: „Ja, Herr, denn so wie Du kann nur Gott reden!"
[GEJ.01_038,16] „Nun denn", sage Ich darauf, „da du solches gefaßt hast, so lasset uns das Morgenmahl zu uns nehmen! Nach dem Mahle aber zeichne dir's auf, daß Ich gestern in der Nacht die Irhael mit dem Arzte Joram ehelich verbunden und gesegnet habe und soll hinfort niemand mehr an ihnen ein Ärgernis nehmen! Nun aber setzet euch zum Morgenmahle! Es sei!"
[GEJ.01_038,17] Alle setzen sich nun, und ihrer sind viele, zu nehmen das Morgenmahl, das in bester Milch und Honigbrot bestand.
39. Kapitel
[GEJ.01_039,01] Hierzulande wäre diese Art Frühstück eben nicht sehr köstlich zu nennen; aber in dem Lande, das da sprichwörtlich von Milch und Honig überfloß, war das wohl das köstlichste Frühmahl, besonders da der Honig des Gelobten Landes wohl in der Welt der beste war und noch jetzt ist, und ebenso auch die Milch von keiner auf der Erde übertroffen ward.
[GEJ.01_039,02] Nach dem Mahle wurde köstliches Obst aufgestellt, und viele ergötzten sich daran und lobten Gott, Der den Früchten einen so köstlichen Geschmack und den Bienen die Fähigkeit verlieh, aus den Blumen der Felder den so überaus süßen Honig zu saugen und ihn zu tragen in ihre kunstvoll erbauten Zellen!
[GEJ.01_039,03] Einer aus der Gesellschaft der Samariter, der ein Weiser war, sagte: „Gottes Weisheit, Allmacht und Güte kann nie genug gerühmt werden! Der Regen fällt zur Erde, tausendmal tausend Gattungen und Arten der Pflanzen, Bäume und Gesträuche saugen den gleichen Regen ein und stecken in gleicher Erde, und doch hat jede Art einen andern Geschmack, Geruch und eine andere Form! Jede Form ist schön und gefällig anzusehen, und ohne Nutzen wächst nichts, und ohne Zweck wächst sogar die dürrste Moospflanze auf einem Steine nicht!
[GEJ.01_039,04] Und dann erst alle die Tiere des Erdbodens, des Wassers und der Luft! Welch eine Vielheit und welch eine Verschiedenheit von der Mücke bis zum Elefanten, von der Blattmilbe bis zum allerunbändigsten Leviathan, der Berge auf seinem Rücken tragen könnte und spielen mit den Zedern des Libanon! O Herr, welche Macht, welche Kraft, und welch eine endlose Tiefe der Weisheit muß in Gott sein, Der dort die Sonne, den Mond und die zahllos vielen Sterne führt und leitet, das Meer in seinen Tiefen hält, die Berge gebaut hat auf der Erde und die Erde selbst gegründet hat durch Sein allmächtiges Wort!"
[GEJ.01_039,05] Sage Ich: „Ja, ja, du hast recht geredet nun, also ist es: Gott ist höchst gut, höchst weise, höchst gerecht und braucht niemands Rat und Lehre, so Er etwas tun will; aber Ich sage es euch: Der Mensch dieser Erde ist nicht minder berufen, vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist!
[GEJ.01_039,06] Bis auf diese Zeit war das zwar unmöglich, da auf dieser Erde der Tod das Zepter führte; aber von nun an soll es jedermann möglich sein, der es sich ernstlich angelegen wird sein lassen, zu leben nach Meiner Lehre!
[GEJ.01_039,07] Ich meine aber, daß, so dies von Gott aus dem Menschen geboten wird für etwas Geringes, fürs leichte Handeln nämlich nach Meiner Lehre, so soll der Mensch aber dann wohl auch keine Mühe und Arbeit scheuen, sich dieses Höchste zu erringen!"
[GEJ.01_039,08] Sagt der Oberpriester: „Ja, Herr, für das Höchste soll der Mensch auch das Höchste wagen! Wer die Aussicht von einem hohen Berge genießen will, der muß sich zuvor das mühevolle und beschwerliche Steigen gefallen lassen. Wer ernten will, muß pflügen und säen zuvor, und wer irgend weiß, daß er etwas gewinnen kann, der muß zuvor etwas daran wagen; wer aber nichts wagt, in der Furcht, daß der Gewinn nicht kommen möchte, der wird auch unmöglich je etwas gewinnen! Daher, so uns einmal die Wege von Dir, o Herr, bekannt gegeben werden, wird es für uns auch gar nicht schwer sein, das zu erreichen, was Du uns ehedem verkündet hast, nämlich – also vollkommen zu werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist!"
[GEJ.01_039,09] Sage Ich: „Allerdings, und Ich setze noch hinzu: Mein Joch ist sanft und Meine Bürde ist leicht! Aber die Menschen haben bisher starke Lasten zu tragen gehabt und haben nichts damit erreichen können; es fragt sich nun, wie ihr Glaube sich gestalten wird, so sie das angewohnte schwerfällige Alte für ein ungewohntes leichtes Neues umtauschen sollen. Werden sie am Ende nicht sagen: Haben wir auf dem Wege schwerer Mühe und Arbeit nichts erreicht, was werden wir dann erreichen mit der Mühe der Kinder, die sie mit ihren Spielereien haben?
[GEJ.01_039,10] Ich sage euch: Ihr werdet den alten Menschen wie einen alten Rock ausziehen müssen und dafür anziehen einen ganz neuen! Dieser wird anfangs freilich unbequem sein; aber wer sich von einer solchen Kleinigkeit nicht wird zum angewohnten Alten zurücktreiben lassen, sondern wird sich gefallen lassen eine kleine Unbehaglichkeit, der wird zu solcher Vollkommenheit gelangen, von der Ich ehedem geredet habe.
[GEJ.01_039,11] Nun aber machet euch alle bereit, Ich werde nun sogleich die kleine Reise auf den Berg antreten. Wer mit Mir ziehen will, der mache sich auf die Beine; und du, Matthäus, gehe und hole dein Schreibzeug! Komme aber bald, denn du siehst, daß Ich schon zum Gehen bereit bin!"
[GEJ.01_039,12] Sagt Matthäus: „Herr, Du weißt es, wie sehr bereit ich nun bin, Dir zu folgen! Gehe ich aber nun nach Hause, und zwar dahin, wo ich als ein Zöllner und Schreiber im römischen Sold und Amte stehe und mein Geschäft habe an den Hauptschranken vor der Stadt, so werde ich sicher wie allzeit viele Arbeit finden, und die römischen Wachen werden mich nicht eher fortlassen, als bis ich die Arbeit werde verrichtet haben. Darum wäre es mir lieber, so ich für heute hier ein genügend Schreibzeug bekäme und holte mir dann am Abende das meine, mit dem ich dann, wie schon ehedem bemerkt, volle zwei Tage auslangen könnte; denn für mehr als drei Tage bekomme ich von den Römern kein Schreibmaterial im voraus, das ich auch fast immer verbrauche."
[GEJ.01_039,13] Sage Ich: „Mein Freund, tue du nur stets, was Ich dir sage, und du wirst stets wohl daraus kommen! Gehe nun nur, wie Ich zu dir gesagt habe, und du wirst heute keine Arbeit finden und niemanden wartend an der Schranke! Nimm aber auch noch deine anderen Schreiber mit, auf daß hier Mein Wort mehrfach geschrieben werde!" – Sagt Matthäus: „Ja wenn so, da mag ich wohl gehen!"
[GEJ.01_039,14] Auf das geht Matthäus, der Zöllner, und findet es daheim aber auch also, wie Ich es ihm vorhergesagt habe. In aller Bälde kommt er mit noch drei Schreibern zurück, und wir machen uns mit allen, die im Hause sind, auf den Weg nach dem Berge Garizim. Und als wir nach einer Stunde Weges bei dem Berge anlangen, fragt Mich der Oberpriester, ob er hinaufgehen solle und öffnen das alte Gotteshaus.
[GEJ.01_039,15] Ich aber zeige ihm die Gegend und die vielen Menschen, die uns gefolgt sind, und sage zu ihm: „Siehe Freund, das ist das älteste und allerrechteste Haus Gottes; aber es ist sehr verwahrlost, darum will Ich es nun wieder aufrichten, wie Ich das der Irhael aufgerichtet habe! Dazu aber bedarf es des alten Hauses nicht, und es genügt diese Gegend am Fuße des Berges. Zugleich sind hier mehrere Bänke und Tische, die den Schreibern gut dienen werden. Öffnet sonach eure Ohren, Augen und Herzen und bereitet euch; denn nun geschieht das vor euren Augen, wovon der Prophet Jesajas geweissagt hat!"
[GEJ.01_039,16] Sagt Matthäus: „Herr, wir sind bereit, Dich zu vernehmen!"
[GEJ.01_039,17] Nun beginnt die bekannte Bergpredigt, die im Matthäus Kap. 5,6 und 7 ganz wohl zu lesen ist. – Es dauerte aber diese Predigt bei drei Stunden; denn Ich redete diesmal langsam der Schreiber wegen.
40. Kapitel
[GEJ.01_040,01] Als aber die Predigt zu Ende war, da entsetzten sich viele, und vorzüglich die Priester, und einige aus ihnen sagten: „Wer kann da selig werden?! Wir Schriftgelehrten predigen doch auch recht und gerecht, so wie einst Moses vom Berge herab die Gesetze dem Volke verkündete! Aber alles das ist Tau und ein sanfter Abendhauch gegen diese strenge Lehre und allergewaltigste Predigt! Man kann da freilich wohl kaum etwas Haltbares erwidern auf solch eine Lehre; aber sie ist einmal zu scharf, und es wird sie schwer je ein Mensch bei sich in die Ausübung zu bringen imstande sein.
[GEJ.01_040,02] Wer kann seinen Feind lieben, wer dem Gutes tun, der einem Böses tut, und wer kann jene segnen, die einen hassen und nichts als nur Übles über ihn reden?! Und so jemand von mir etwas borgen will, so soll ich mich nicht abwenden von ihm und mein Ohr und Herz nicht verschließen vor seiner Rede, wenn ich auch klar sehe, daß der Borger mir das Geborgte nie wieder wird erstatten können?! Ah, das ist ja eine alberne Sache! So das die Trägen und Arbeitsscheuen erfahren werden, werden sie nicht alsbald zu den Wohlhabenden kommen und von ihnen so lange borgen, als diese etwas haben werden?! Haben diese auf die Art, und zwar nichts leichter denn das, alles an die Armen, die das Geborgte nie wieder erstatten können, verborgt und haben am Ende selbst nichts mehr, so fragt sich's, wer in der Zukunft denn etwas arbeiten wird, und von wem dann die Armen etwas zur Leihe erhalten werden!
[GEJ.01_040,03] Es ist nur zu klar, daß mit der Beachtung solch einer Lehre, die wider alle Natur der menschlichen Einrichtungen gestellt ist, die Welt in kurzer Zeit zu einer barsten Wüste werden müßte. Ist aber die Welt eine Wüste, woher werden dann die Menschen irgend eine Bildung nehmen, so alle Bildungsanstalten notwendig werden eingehen müssen, wenn niemand ein Vermögen hat, diese zu gründen und zu unterhalten?!
[GEJ.01_040,04] Mit dieser Lehre tut es sich daher auf keinen Fall! Die schlechten Menschen und Feinde der guten Menschen und ihrer guten Sache müssen gezüchtigt werden, und wer mir eine Ohrfeige gibt, der muß wenigstens zwei wohlgemessen wieder zurückerhalten, auf daß ihm in der Folge die Lust vergehe, mich abermals mit einer Ohrfeige zu bedienen! Der liederliche Borger werde in einen Arbeitsturm gesperrt, auf daß er arbeiten lerne und fürder als ein arbeitsamer Mensch sich mit dem Fleiße seiner Hände sein Brot erwerbe, und der ganz Arme aber flehe um ein Almosen, und es wird ihm nicht vorenthalten werden! Das ist ein altes, aber gutes Gesetz, unter dem eine Menschengesellschaft bestehen kann. Aber diese Gesetze, die dieser sein sollende Christus nun gegeben hat, sind fürs menschliche Leben zu unpraktisch und können daher unmöglich angenommen werden.
[GEJ.01_040,05] Ich wollte aber noch von allem andern nichts sagen, so unsinnig es auch klang, aber die gebotene Selbstverstümmelung bei möglichen Ärgernissen durch höchst eigene Glieder, und dazu aber auch der augenscheinlich anbefohlene Müßiggang, laut dem sich niemand um etwas sorgen, sondern allein fort und fort suchen solle das Gottesreich, alles andere werde gegeben von oben!? – Lassen wir die Sache nur auf eine kleine Probe von ein paar Monaten ankommen, die Menschen sollen solche Zeit hindurch nichts anrühren und arbeiten, und es soll sich zeigen, ob ihnen gebratene Fische in den Mund hineinschwimmen werden!
[GEJ.01_040,06] Und wie blöde ist endlich die anbefohlene Selbstverstümmelung bei Ärgerungen der Glieder! Lassen wir jemanden mit einer scharfen Axt in seiner rechten Hand sich seine Linke abhauen und wegwerfen; was wird er aber tun, so ihn nachher seine Rechte ärgern würde, – wie wird er sich diese dann abhauen, und wie die Augen ausreißen und am Ende ohne Hände die ihn möglich noch ärgernden Füße abhauen?! – Ah, geht mir heim mit solch einer Lehre! Die wäre für ein Krokodil zu schlecht, geschweige für den Menschen! – Nur ein wenig die Folgen kombiniert, und ihr müßt es mit Händen greifen, daß solch eine Lehre nichts als eine Folge eines altjüdischen Fanatismus sein kann!
[GEJ.01_040,07] Und kämen alle Engel aus den Himmeln und lehrten die Menschen solche Wege zur Erreichung des ewigen Lebens und den Gebrauch solcher Mittel zur Gewinnung des Himmels, so sollen solch dumme Lehrer aus der Welt hinausgeprügelt werden und ihren dummen Himmel selbst fressen! – Nur die Inkonsequenz! – ,Zahn um Zahn‘ und ,Aug' um Aug'‘ findet Er ungerecht und grausam, predigt die größte Sanftmut und Duldsamkeit, öffnet sogar allen Dieben das Tor, indem Er sagt: ,Wer von dir einen Rock verlangt, dem gib auch noch den Mantel hinzu!‘ Schöne Lehre! – Aber dafür sollen die Menschen sich selbst die Augen ausreißen und Hände und Füße abhauen! – Wer aus euch hat je schon einen größeren Unsinn vernommen?!"
[GEJ.01_040,08] Hier tritt der Priester näher zu Mir hin und sagt: „Meister! Deine Taten bezeugen, daß Du mehr vermagst als ein gewöhnlicher Mensch. Aber wenn Du irgend richtig zu denken vermagst, woran ich nicht zweifle, da ich Dich im Hause der Irhael ganz weise reden gehört habe, so widerrufe gewisse höchst unpraktische Lehrsätze dieser Deiner Predigt! Sonst sind wir, trotz aller Deiner sonst ganz eines Messias würdigen Taten, genötigt, Dich offenbar für einen in irgend einer altägyptischen Schule fanatisch gebildeten Magier anzusehen und Dich als einen barsten Messiasfrevler von uns hinauszuweisen!
[GEJ.01_040,09] Betrachte Deine gewaltige Lehre nur Selbst ein wenig genauer, und Du mußt es einsehen, daß Deine Lehre zur Gewinnung des ewigen Lebens völlig unbrauchbar ist und von niemandem je befolgt werden kann! Denn so jemand den Himmel sich also verdienen soll, da wird er wohl den Himmel stehen lassen! Denn da wäre es ja besser, nie geboren zu werden denn sich also zu verdienen einen Himmel, in den er nur als ein Verstümmelter eingehen kann! Sage mir aber vollends aufrichtig, ob Du das einsiehst, oder ob Deine Lehre Dir wirklich ernst ist!"
[GEJ.01_040,10] Sage Ich: „Du bist doch ein Oberpriester und bist blinder denn ein Maulwurf unter der Erde; was läßt sich von den anderen denken und erwarten?! Ich gab euch hier Bilder, und ihr verschlinget bloß nur ihre Materie, die euch zu ersticken droht; aber von dem Geiste, den Ich in diese Bilder gelegt habe, scheinet ihr keine Ahnung zu haben.
[GEJ.01_040,11] Glaube es Mir: So weise ihr euch dünkt, so weise sind auch wir und wissen es sehr wohl, ob sich ein Mensch verstümmeln könne und solle, um das ewige Leben zu erhalten! Aber wir wissen es auch, daß ihr den Geist dieser Lehre nicht fasset und noch lange nicht fassen werdet! Wir aber werden darum unsere Worte nicht zurücknehmen. Du hast wohl auch Ohren, aber diese hören das Rechte nicht; also hast du auch Augen, die aber gleichfort geistig blind sind, und du hörst und siehst dennoch mit offenen Ohren und Augen nichts!"
41. Kapitel
[GEJ.01_041,01] Sagt der Oberpriester: „Ja, ja, Du sollst auch darin recht haben, und ich will und kann es vorderhand auch nicht bekämpfen, ob, wie und was für Geistiges sich innerhalb Deiner aufgestellten Lehrbilder birgt; aber das mußt Du mir denn doch gelten lassen, daß, so zum Beispiel ich jemandem eine Lehre gebe, von der ich wünsche, daß sie von ihm als meinem Jünger verstanden und ausgeübt werden solle, ich die Lehre doch notwendig also stellen muß, daß sie von meinem Jünger ihrem wahren Geiste nach verstanden werde. Weiß ich nun, daß mein Jünger meine Lehre dem Geiste der inneren Wahrheit nach vollends aufgefaßt hat, so kann ich dann an meinen Jünger auch vollrechtlich die Forderung stellen, daß er ein Täter meiner Lehre werde.
[GEJ.01_041,02] So ich aber jemandem eine Lehre gebe in solchen Bildern, die an und für sich unmöglich zu beachten sind, und so mich dann der Jünger fragte und sagte: ,Was soll das? Wie soll ich mir das Leben nehmen, um das Leben zu gewinnen? Wie soll ich mich töten und dann als ein Toter aus dem Tode ein neues, ja ein ewiges Leben nehmen?‘, – da werde ich zu ihm sagen: ,Sieh, Freund, dieses mußt du so und so verstehen und nehmen! Denn sieh, zwischen dem dir gegebenen Lehrbild und der in ihm enthaltenen Wahrheit besteht diese und diese geistige Entsprechung; und dieser Entsprechung, aber nicht dem äußern Bilde zufolge mußt du dein Leben einrichten!‘
[GEJ.01_041,03] Siehe, Meister, dann wird es der Jünger verstehen, und ich kann, wie schon früher bemerkt, dann vollrechtlich von ihm verlangen, daß er nach dem Geiste der Wahrheit meiner Lehre tätig werde! Kann ich aber das auch verlangen, ohne ein Narr zu sein, daß er mein hartes Lehrbild zur Tat erhebe? Und forderte ich das im Ernste von meinem Jünger, da müßte ich doch vor allen denkenden Menschen mich also ausnehmen als wie einer, der in einem wohlverschlossenen Kruge Wasser trüge; ein Durstiger aber käme zu ihm und bäte ihn, daß er ihm gäbe zu trinken, der Wasserträger aber reichete ihm wohl sogleich den verschlossenen Krug und spräche: ,Da hast du den Krug, – trinke!‘; der versuchte aber nun zu trinken, fände aber keine Öffnung und fragte den Träger: Wie kann ich daraus trinken? Ist doch der Krug von allen Seiten verschlossen!; der Träger aber zu ihm sagte: ,So du blind bist und die Öffnung nicht finden magst, da verschlinge den ganzen Krug, und du wirst also schon auch das Wasser mitverschlingen!‘
[GEJ.01_041,04] Sage mir, Du sonst lieber und weiser Meister, was wohl müßte der Durstige solch einem Wasserträger sagen?! Ich meine, daß der Durstige hier wohl das vollste Recht hätte, solch einen Wasserträger einen Narren zu schelten.
[GEJ.01_041,05] Ich will Dich darob aber geradewegs keinen Narren schelten; aber so Du sagst, daß wir den Geist Deiner Lehre ob unserer geistigen Blind- und Taubheit nicht sehen und fassen können, so ist Deine Lehre dennoch gleich dem Wasser im verschlossenen Kruge, den der Durstige im Ernste samt dem Wasser verschlingen solle, ein Verlangen, das nur ein einem Tollhause entlaufener Prophet aufstellen könnte! – Nimm Du nun die Sache wie Du willst! Solange Du Deiner Lehre, die in manchen Einzelsätzen viel Gutes und Wahres enthält, keine genügende Erklärung beifügest, bleibe ich und viele heller Denkende bei diesem gemachten Ausspruche! Denn das wirst Du nie erleben, daß wir nun sogleich Deiner Lehre wegen werden anfangen, uns Hände und Füße abzuhauen und die Augen auszureißen! – Auch werden wir arbeiten wie zuvor und verdienen im Schweiße unseres Angesichtes unser Brot, und der sich arglistigerweise an uns vergreifen wird, der wird der gerechten Züchtigung nicht entgehen!
[GEJ.01_041,06] Also werden wir auch dem Diebe, der uns einen Rock stiehlt, den Mantel nicht gratis hinzugeben, sondern den Dieb ergreifen und ins Gefängnis werfen, allwo ihm eine hinreichende Zeit belassen werden soll, seine schlechte Tat zu bereuen und sein Leben zu bessern! Wenn Du ein wahrhaft aus Gott hervorgegangener Weiser bist, so mußt Du auch von der heiligen Notwendigkeit der Aufrechterhaltung des Mosaischen Gesetzes, das Gott Selbst unter Blitz und Donner den Israeliten in der Wüste verkündet hat, durchdrungen sein! Willst Du aber mit Deiner Lehre das Gesetz brechen, dann magst Du zusehen, wie Du dabei mit Jehova auskommen wirst!"
[GEJ.01_041,07] Sage Ich: „Ich aber bin der Meinung, daß es dem Gesetzgeber freistehe, das Gesetz zu belassen und es selbst dem Geiste und der Wahrheit nach zu erfüllen, oder es aber auch ganz aufzuheben unter gewissen Bedingungen!"
[GEJ.01_041,08] Sagt der Oberpriester: „Das klingt sehr sonderbar aus Deinem Munde nun! Heute morgen hätte ich solch ein Wort aus Deinem Munde geehrt, denn da kam es mir wahrlich stark vor, daß Du im Ernste der Verheißene wärest! Aber nach dieser Deiner nun an uns ergangenen Lehre bist Du in meinen Augen zu einem Tollhäusler geworden, dem es beliebt, uns seine fixen Ideen als eine Weisheit des verheißenen Messias aufzutischen. Darum rede nun lieber erklärend über Deine harte Lehre, die ohne genügende Erklärung wohl kein Mensch je fassen und danach tätig werden kann!"
[GEJ.01_041,09] Sage Ich: „So rede denn, was dich so sehr beirret in Meiner Lehre, und Ich will es dir lösen!"
[GEJ.01_041,10] Spricht der Oberpriester: „Ich habe es Dir zwar wohl schon etliche Male gesagt; aber damit Du siehst, daß ich gewiß sehr billig und mäßig bin, so sage ich Dir nun, daß ich alle anderen Punkte Deiner Lehre als gute und weise Stücke zum Darnachhandeln annehme, aber das Augenausreißen und Hand- und Fußabhauen kann ich doch unmöglich annehmen! Bedenke doch nur Selbst, ob es wohl in der Möglichkeit liege, sich ein Auge auszureißen! Wird derjenige, der sich selbst eine Hand oder einen Fuß abhaut, nicht alsbald sich verbluten und sterben?! Und so er tot ist, welche Früchte der Besserung wird er dann bringen können?!
[GEJ.01_041,11] Sieh, das ist der unpraktischste Punkt Deiner Lehre, der unmöglich je vernünftigerweise befolgt werden kann! Und sollten sich wirklich je irgend Narren vorfinden, die solche Lehre an sich ausübten, so werden sie darob sicher nicht besser werden; denn so dabei jemand mit dem Leben davonkommt, so wird er Gott nicht loben des Elends wegen, in das ihn solche Gottes sein sollende Lehre gestürzt hat. Stirbt er aber, was am sichersten anzunehmen ist, so frage ich mit David: ,Herr, wer wird Dich im Tode loben und wer Dich preisen im Grabe?!‘ Also diesen Punkt wenigstens erkläre uns deutlicher, alles andere wollen wir als eine – freilich wohl auch auf die höchste Spitze getriebene – Humanitätslehre annehmen!"
[GEJ.01_041,12] Sage Ich: „Nun gut; dein Begehren ist billig, und Ich sage es dir: Unter allen Priestern nach Samuel bist du der weiseste, da du eines guten Herzens bist, Meine Lehre im Grunde nicht verwirfst, sondern sie nur beleuchtet haben willst; und Ich will dir darum auch ein Licht geben! Aber nicht aus Meinem Munde, sondern aus dem Munde eines Meiner Jünger soll dir Licht werden! Wende dich daher an einen Meiner Jünger, auf daß dir daraus klar wird, daß Meine Lehre schon jetzt ohne Meine Erklärung den Menschen klar geworden!"
42. Kapitel
[GEJ.01_042,01] Hier wendet sich der Oberpriester an den Nathanael und sagt zu ihm: „Nach der Weisung eures Meisters wende ich mich zufällig an dich; erkläre mir daher wenigstens nur den härtesten Punkt der Lehre eures Meisters! Aber ich bitte dich, nur klare, reine Worte! Denn mit Dunst über Dunst wird kein Gemach erleuchtet! Und so wolle denn reden!"
[GEJ.01_042,02] Spricht Nathanael: „Seid ihr denn wohl gar so verschlagenen Gemütes, daß ihr eine so klar gegebene Lehre nicht in ihrem wahren Sinne fassen möget? Haben denn nicht die Propheten nahe samt und sämtlich von Christus vorhergesagt, daß Er nur in Gleichnissen Seinen Mund auftun und nicht ohne Gleichnisse reden werde mit den Menschen?"
[GEJ.01_042,03] Sagt der Oberpriester: „Jawohl, da hast du recht; denn also steht es geschrieben."
[GEJ.01_042,04] Spricht weiter Nathanael: „Nun gut, so du das als ein Schriftkundiger weißt, warum schiltst du dann den Herrn einen Narren, so Er nach der Schrift Seinen Mund auftut in Gleichnissen, zu deren Verständnis du den Herrn wohl um ein Licht anflehen kannst, aber deshalb nicht den Herrn einen Narren schelten sollst, so dir Seine gleichnisweise Rede unverständlich ist, indem du selbst voll Unverstandes bist in solchen Dingen Gottes?!
[GEJ.01_042,05] Siehe, die Dinge der Natur haben ihre Ordnung und können nur in dieser ihrer eigentümlichen Ordnung bestehen; und so haben auch die Dinge des Geistes ihre höchst eigentümliche Ordnung und können außer solcher Ordnung nicht bestehen, nicht gedacht und nicht ausgesprochen werden. Aber zwischen den Naturdingen und den geistigen Dingen, weil jene aus diesen hervorgegangen sind, ist und besteht eine genaue Entsprechung, die freilich wohl nur der Herr allein am allerbesten kennt.
[GEJ.01_042,06] Wenn nun der Herr uns rein Geistiges verkündet, die wir noch sämtlich in der starren Ordnung der Naturmäßigkeit uns befinden, so kann Er solches ja nur auf dem Wege der gleichnisweisen Entsprechungsbilder geschehen lassen. Um diese aber recht zu verstehen, müssen wir trachten, unsern Geist durch die Beachtung der Gottesgebote zu wecken. Erst in solcher Gewecktheit werden wir darüber ins klare kommen, was der Herr unter einem solchen entsprechenden Gleichnisbilde alles gesagt und geoffenbart hat, und eben darin wird sich Sein göttlich Wort ewig von unserem menschlichen unterscheiden.
[GEJ.01_042,07] Nun aber habe wohl acht! Was bei dem Naturmenschen das Auge ist, das ist beim Geiste das Schauvermögen in göttlichen und himmlischen Dingen, die allein dem Wesen des Geistes für seine glückseligste ewige Existenz zusagen.
[GEJ.01_042,08] Da aber der Geist zufolge notwendigster göttlicher Ordnung eine bestimmte Zeit in die Materie des Fleisches dieser Welt versenkt werden muß, auf daß er fest werde in seiner Freiheit und nahe völligen Unabhängigkeit von Gott, ohne die er Gott nie schauen könnte und noch weniger bestehen in, neben und bei Gott – (So der Geist aber eben in der Materie reift und sich festet in der Freiheit und Unabhängigkeit von Gott, steht er aber in der unmöglich vermeidbaren Gefahr, von der Materie selbst verschlungen und mit getötet zu werden, aus welchem Tode eine Erweckung zum Leben in Gott eine höchst schwere und leidende ist und sein muß) –, so sagte der Herr, wohl verstanden nicht zum Fleischmenschen, sondern zum Geistmenschen: ,So dich das Auge ärgert, da reiße es aus und wirf es von dir; denn es ist besser, mit einem Auge in die Himmel zu gehen – als mit beiden in die Hölle!‘, was soviel sagen will als: Wenn dich das Licht der Welt zu sehr verlockt, so tue dir Gewalt an und kehre dich ab von solchem Lichte, das dich in den Tod der Materie zöge! Benimm also dir selbst als Geist den leeren Genuß der Weltanschauung und wende dich mit deiner Sehe den rein himmlischen Dingen zu! Denn es ist dir besser, ohne alle Weltkunde in das Reich des ewigen Lebens einzugehen, als wie zu weltkundig einerseits und zu wenig geistkundig anderseits von dem Tode der Materie verschlungen zu werden!
[GEJ.01_042,09] So der Herr hier von zwei Augen, Händen und Füßen sprach, da bezeichnete Er damit ja nicht die zwei Augen und die zwei Hände und Füße des Leibes, sondern nur das offenbar doppelte Seh-, Tätigkeits- und Fortschrittsvermögen des Geistes und warnt nicht das Fleisch, das kein Leben hat, sondern den Geist, sich mit der Welt lieber nicht zu befassen, so er merke, daß ihn diese zu sehr anzöge, da es in dem Falle besser sei, ohne alle Weltkundigkeit in das ewige Leben einzugehen, als durch zu viel Weltkenntnis am Ende von dem notwendigen Gerichte der Welt verschlungen zu werden.
[GEJ.01_042,10] Der Geist aber soll ja wohl die Welt auch schauen und weltkundig werden, aber er soll an ihr kein Wohlgefallen finden! Fängt er aber an, zu verspüren, daß ihn die Welt anreizet, so soll er sich sogleich von ihr abwenden, weil ihm da schon Gefahr droht! Und siehe, dieses nötige Abwenden drückt das entsprechende Bild des Augausreißens aus; und Der uns ein so treffend Bild geben kann, Der muß sicher wohlbewandert sein in allen geistigen und materiellen Verhältnissen des Menschen, was nach meiner Überzeugung nur Dem möglich sein kann, durch Dessen Kraft, Liebe und Weisheit alle Dinge geistig und materiell geschaffen worden sind! Ich meine nun, du wirst mich denn doch verstanden haben und nun einsehen, wie grob du dich an Dem versündigt hast, Der dein wie unser aller Leben in Seiner allmächtigen Hand trägt!?"
43. Kapitel
[GEJ.01_043,01] Hier stutzt der Oberpriester und auch viele andere ganz gewaltig und sagt nach einer Weile: „Ja, ja, nun verstehe ich es freilich wohl! – Aber warum redete der Herr denn nicht sogleich also verständlich, wie du nun geredet hast, so hätte ich mich an Ihm sicher nicht versündigt!?"
[GEJ.01_043,02] Sagt Nathanael: „So mich also ein siebenjähriger Knabe fragen würde, da nähme mich's nicht wunder, daß ein siebenjähriger Knabe also fragt; aber bei dir nimmt es mich hoch wunder, da du doch einer der ersten Weisen dieses Ortes bist!
[GEJ.01_043,03] Möchtest du dem Herrn nicht auch die weise Preisfrage stellen, warum Er in die Samenkörner, die doch gar nichts gleichsehen, die Gestaltungs- und Entwicklungsfähigkeit des daraus hervorgehenden Baumes bis ins Endloseste hineingelegt hat? Hätte er nicht lieber sollen alsogleich alle Früchte reif aus der Luft in den Schoß der Menschen regnen lassen?! Wozu die langweilige Entwicklung eines Baumes aus dem Samenkorne und hernach noch ein langes Warten auf die reife Frucht?! Sieh, sieh, wie blöde du noch bist!
[GEJ.01_043,04] Des Herrn Wort und Lehre ist gleich wie alle Seine Werke. Er gibt uns Seine Lehre in Samenkapseln; diese müssen wir erst säen ins Erdreich unseres Geistes, welches Erdreich da heißet Liebe, da wird der Same dann aufgehen und zu einem Baume der wahren Erkenntnis Gottes und unserer selbst werden, und wir werden von diesem Baume dann zur rechten Zeit vollreife Früchte zum ewigen Leben sammeln können.
[GEJ.01_043,05] Liebe aber ist das Erste; ohne diese gedeiht keine Frucht des Geistes! Säe in die Luft den Weizen; siehe, ob er wachsen und dir eine Frucht bringen wird! So du aber das Weizenkorn legest in ein gutes Erdreich, da wird es wachsen und dir vielfache Frucht bringen. Die rechte Liebe aber ist ein rechtes Erdreich für das geistige Weizenkorn, das uns aus des Herrn Munde erteilt wird.
[GEJ.01_043,06] Deshalb aber hob der Herr vor euch allen nunmehr das harte Mosaische Gesetz der Strafe auf, auf daß ihr in aller Bälde reicher werden sollet an gutem Erdreich in euren Herzen. Denn der da strafet nach dem Gesetz, hat wenig oder oft wohl auch gar keine Liebe; bei ihm wird der göttliche Wortsame sonach ganz schlecht gedeihen! Der aber gestraft wird, der befindet sich ohnehin im Gerichte, in dem keine Liebe ist, da das Gericht der Tod der Liebe ist.
[GEJ.01_043,07] Daher sollet ihr lieber an euren Nächsten die Fehler gar nicht sogleich ersehen, sondern mit ihnen nachsichtig und geduldig sein! Und so sie in ihrer Schwäche etwas von euch verlangen, so sollet ihr ihnen nichts vorenthalten, auf daß sich die Liebe in euch selbst und gleicherweise in euren schwachen Brüdern mehre! Wird diese einmal reichlich in euch wie in euren Brüdern vorhanden sein, so wird der göttliche Same wohl gedeihen in euch, und der Schwache wird dann in seiner Stärke euch wohl ansehen und euch vielfach vergelten, was ihr ihm in seiner Schwäche erwiesen habt.
[GEJ.01_043,08] So ihr aber karg seid und hart gegen eure schwachen Brüder, so werdet ihr selbst nie zu einer Gottesfrucht in euch gelangen, und das Gericht der Schwachen wird am Ende auch euch ins Verderben ziehen.
[GEJ.01_043,09] So der Herr sagte: ,Wer von dir verlangt den Rock, dem gib auch den Mantel hinzu!‘, da wollte Er bloß andeuten, daß ihr, die ihr reich seid und viel besitzet, den Armen, so sie zu euch kommen, auch reichlich und viel geben sollet! Denn dadurch werdet ihr dann auch sobald zu vielem Erdreich in euren Herzen kommen und sonach selig sein im Besitze solch wahren Erdreiches, und die Armen werden euch wahrhaft segnen; denn aus euren Herzen werden sie die tatkräftigste Predigt des wahren Evangeliums Gottes vernehmen und aus ihr selbst stark werden euch zur ewigen Stütze! Wann ihr aber karg gebet und rechnet, wann und wieviel ihr gebet, da nützet ihr damit weder euch noch den armen Brüdern, und diese werden euch darum nie zur Stütze werden."
44. Kapitel
[GEJ.01_044,01] Sagt der Oberpriester, der diese Rede mit großer Aufmerksamkeit anhörte: „Es ist nun schon alles wohl und gut, und ich verstehe nun nach meinem Dafürhalten alles so ziemlich; nur eines muß ich dir noch bemerken, und das besteht darin, daß der Meister eigentlich nur vom Ausreißen des rechten Auges und vom Abhauen der rechten Hand geredet hat. Ich habe dann in meinem forschenden Eifer so per Bausch und Bogen gleich auch die Füße dazugenommen, und sieh, du aber hast mir das Abhauen der Füße nun ebenso erklärt wie von Auge und Hand, von denen allein meines Wissens der Herr geredet hat. Du aber sagtest, es bestehe Entsprechung nur im Worte des Herrn, der zum Geiste des Menschen spricht; wie kommt es denn, daß du auch in meinem Zusatz Entsprechung fandest?"
[GEJ.01_044,02] Sagt Nathanael: „Du irrst dich! Der Herr sprach auch vom rechten Fuße; nur den Schreibern gab er einen Wink, das vom Fuße auszulassen, weil bei denen, die einmal ihre innere Sehe dem Himmel zugewandt haben und ihren Liebewillen, der entsprechend unter dem linken Arm als der Hand des Herzens verstanden wird, nach dem Willen Gottes tätig machten, nachdem sie den rechten Arm oder die rechte Hand, unter der der rein weltliche Handlungstrieb verstanden wird, von sich geschafft haben, es nicht mehr nötig ist, auch den rechten Fuß eigens von sich zu schaffen. Denn so einmal das Auge im rechten Lichte und die Hand, oder besser der Wille, im rechten Handeln sich befinden, so ist der Fortschritt in die Regionen des ewigen Lebens schon von selbst da, oder der rechte Fuß, der da bezeichnet den Fortschritt in der Welt, schon von selbst abgelöst, und es bedarf da keiner besonderen Mühe mehr.
[GEJ.01_044,03] Ihr Samariter aber könntet füglich beim Fuße anfangen; denn obschon eure Sehe nun dem Göttlichen zugewandt ist und eure Hände eine rechte Tat verrichten, so ist aber dennoch euer Fuß, oder eure Fortschrittsgier, rein in die Welt hinausgerichtet! Denn ihr erwartet vom Messias ganz etwas anderes, als was ihr nach der Voraussage aller Propheten von Ihm erwarten sollt! Und das ist, geistig genommen, euer rechter Fuß, den ihr abhauen sollt, um den rechten Weg zum Reiche Gottes einschlagen zu können. Und darum hatte der Herr bloß nur euretwegen auch vom rechten Fuße gesprochen, aber solches nicht niederschreiben lassen, weil die späteren Anhänger der Lehre des Herrn wohl wissen werden, wo und worin das Reich des Messias besteht, und was man tun muß, um in dasselbe zu gelangen. Hast du nun noch irgend einen Anstand?"
[GEJ.01_044,04] Sagt der Oberpriester: „Nun ist mir wohl alles klar bis insoweit, als es mir überhaupt klar sein kann. Nur muß ich trotz allem meinem nunmaligen Verständnis hinzufügen, daß eure Lehre in der Art, wie sie gegeben wird, eine harte und schwer verständliche Lehre ist, und ihr werdet es erleben, daß sich an ihr gar viele stoßen werden!
[GEJ.01_044,05] Ich will euch zwar keinen schlechten Propheten machen; aber das sage ich euch dennoch, daß ihr damit bei den hochtrabenden Juden nicht das bewirken werdet, was ihr bei uns trotz unserer mannigfachen Dummheit bewirkt habt. Wir glauben nun, wenn auch noch wie in einem Traume; die großen Juden aber werden euch nicht also glauben! Sie werden Zeichen verlangen und werden euch am Ende noch der Zeichen wegen verfolgen; wir aber verlangten keine Zeichen von euch; ihr wirktet sie aber dennoch freiwillig.
[GEJ.01_044,06] Wir aber glauben euch nun nicht der Zeichen wegen, die auch die Menschen teilweise verrichten können, sondern rein der Lehre wegen, da ihr sie uns erläutert habt! Ihr sollt daher auch bei uns verbleiben, denn bei den hohen Juden und Griechen werdet ihr schlechte Geschäfte machen!"
45. Kapitel
[GEJ.01_045,01] Sagt Nathanael: „Bis hierher habe ich zu reden gehabt mit dir; von da weiter liegt alles in der Hand des Herrn. Was Er will, das werden auch wir wollen und tun. Denn wir alle sind geistig noch sehr arm; darum müssen wir bei Ihm verweilen, auf daß das Himmelreich unser werde. Wir wollen mit dem Herrn auch jedes Leid und jede Verfolgung tragen, auf daß wir an und in Ihm den rechten Trost haben. In Seinem Namen wollen wir sanftmütig sein in allen unseren Gedanken, Urteilen, Wünschen und Begierden und in allem unserm Tun und Lassen, auf daß wir rechte Besitzer des wahren Erdreichs werden, das da ist die reine Gottesliebe in unseren Herzen.
[GEJ.01_045,02] Wir wollen auch das Land nicht scheuen, wo es hart und ungerecht zugeht, es soll uns hungern und dürsten nach der rechten Gerechtigkeit; haben wir ja Den bei uns, Der darin wahrhaft für ewig sättigen kann!
[GEJ.01_045,03] Wir selbst aber wollen gegen jedermann, ob er gerecht oder ungerecht an uns handle, voll Barmherzigkeit sein, auf daß wir der großen Erbarmung Gottes vor den Augen des Herrn als würdiger erachtet werden mögen!
[GEJ.01_045,04] Also auch wollen wir, soviel es nur möglich ist, allerorts, so wie hier vor euch, unsere Herzen vor jeglicher Unlauterkeit verwahren, auf daß der Herr nicht von uns ziehe, so wir Ihn anschauen; denn mit einem unreinen Herzen kann man sich Gott nicht nahen und anschauen im Geiste und in aller Wahrheit Sein Angesicht und die Fülle der Wunder Seiner Werke!
[GEJ.01_045,05] Sind wir aber reinen Herzens, so müssen wir friedsam, geduldig und sanft gegen jedermann sein, da ein zornig Herz nie rein sein kann, weil der Zorn stets dem Boden des Hochmutes entstammt. Sind wir aber eines friedsamen Herzens, so können wir dann auch ganz getrost uns Dem als Kinder nahen, Der uns die Kindschaft Gottes brachte und uns zu Gott als unserem Vater Selbst beten lehrte.
[GEJ.01_045,06] Wenn wir nach eurer Meinung auch in andern Landen und Orten verfolgt werden unserer sicher allergerechtesten Sache wegen, so macht das, mein Freund, nichts; denn wir haben dafür ja Ihn und durch Ihn den Himmel der Himmel! Und so sind wir schon hier selig, überselig, ob uns die Menschen lieben oder verachten und verfolgen Seinetwegen, denn Er ist ein Herr über alle und über alles! Denn Dem alle Himmel gehorchen und zu Seinem Dienste stets bereit sind, wie wir uns gestern und schon frühere Male überzeugt haben, Dem zuallernächst dienen auch wir, und dies allein schon ist uns der höchste Lohn und die höchste Ehre! Darum sorge du dich nicht um uns, denn wir wissen und erkennen es, woran wir sind!"
[GEJ.01_045,07] Über diese Rede voll Entschlossenheit erstaunte der Oberpriester sehr und sagte: „Wahrlich, so ich nicht hier notwendig wäre und ich nicht hätte Weib und Kinder und manches andere, ich zöge selbst mit euch!"
[GEJ.01_045,08] Sagt Nathanael: „Wir aber haben Weiber, Kinder und Sachen verlassen und sind Ihm gefolgt, und unsere Weiber und Kinder leben dennoch! Ich sage dir nach meinem Dafürhalten: Wer in dieser Welt aus Liebe zu Ihm nicht verlassen kann, sei es was es wolle, der ist Seiner Gnade nicht wert! Ob dich das beleidigt oder nicht, es ist einmal also! Denn mein Herz sagt es mir, und im Herzen ist alles Wahrheit, so in selbem einmal der Geist zum lebendigen Denken in Gott erwacht ist. Er bedarf unser nicht; aber wir bedürfen Seiner.
[GEJ.01_045,09] Hast du Ihm schon je geholfen die große Sonne über den weiten Horizont emporheben und ausbreiten ihr Himmelslicht über die weite Erde? Oder hast du die Fesseln je gesehen, und noch weniger geschmiedet, die der Herr den Winden anlegt, wie Er die Blitze hält und den gewaltigen Donner und das Meer in seinen Tiefen?! Wer kann sagen, daß er dem Herrn je in irgend etwas geholfen habe?! Wenn aber also, wer, zu dem der Herr spricht, daß er Ihm folge, kann da noch gedenken seines Weibes, seiner Kinder, seiner Sachen und nicht ganz unbedingt folgen Ihm, dem Herrn alles Lebens, aller Himmel und aller Welten, auf Den wir so lange gehofft haben, daß Er kommen werde und nun gekommen ist, genau in der Art und Weise, wie da alle Propheten und Erzväter von Ihm geweissagt haben?!"
[GEJ.01_045,10] Spricht nun der Oberpriester: „Wenn ich nur nicht Oberpriester wäre, wahrlich, ich täte, was ihr alle getan habt! Aber ich bin Oberpriester; und nachdem ihr nunmehr, wie ich es vernommen habe, nur noch einen Tag bei uns verweilen werdet, so bin ich hier diesen noch Schwachgläubigen so notwendig wie das Auge zum Sehen. Daher wirst du wohl einsehen, daß ich nicht so sehr meines Weibes, meiner Kinder und meiner Sachen wegen hier verbleiben muß, als vielmehr dieser Schwachgläubigen wegen, die sich von der alteingepflanzten Idee über die Beschaffenheit des Messias und über den Zweck Dessen Auftretens noch lange nicht völlig zu trennen werden imstande sein. Es wird mir die Mühe sauer werden; aber was kann ich tun?!
[GEJ.01_045,11] Ich glaube nun einmal fest, daß euer Meister der verheißene Messias ist; aber meine Gemeinde?! Du hast es gesehen, wie sich schon während der Predigt eine Menge davonmachten! Diese sind voll ärgerlichen Unglaubens, und werden solchen nun fleißig ausbreiten, und viele, die noch hier geblieben und gestern voll Glaubens waren, sind nun auch voller Zweifel und wissen nicht, was sie glauben sollen!
[GEJ.01_045,12] Denke dir aber nun mich, der ich allen diesen ein Orakel bin, – was ich nun für eine Arbeit haben werde! Bekehre ich sie aber nicht, so bleiben sie alles, was du willst, nur das nicht, was sie sein sollen, bis ans Ende der Welt! Und siehe, darin liegt der Hauptgrund, warum ich hauptsächlich hier verbleiben muß! Und ich glaube, der Herr wird mir darum nicht ungnädig sein! Denn bin ich auch nicht in Seiner Gesellschaft leiblich, so werde ich es doch geistig verbleiben immerdar und werde Ihm als ein getreuer Knecht und Hirte Seiner Herde allergetreuest zu dienen mich bemühen, vollkommen nach Seiner hier vernommenen Lehre, und ich meine, daß es Ihm also auch recht sein werde!"
[GEJ.01_045,13] Sage Ich: „Ja, also ist es mir vollends recht und lieb! Denn du sollst Mir in dieser Gemeinde ein tüchtiges Rüstzeug sein, und dein Lohn im Himmel soll dereinst groß heißen! Nun aber ist es Abend geworden; daher lasset uns wieder nach Hause ziehen! Es sei!"
[GEJ.01_045,14] Nach diesen Worten machten wir uns vom Berge herab auf den Weg nach Hause. Es war aber noch viel Volkes da, obgleich sich viele früher, als ich die Predigt beendigte, voll Unglaubens und Ärgers davonmachten.
46. Kapitel
[GEJ.01_046,01] Wie schon früher einmal berührt ward, befanden wir uns gerade nicht auf des Berges höchster Höhe, sondern mehr unten auf den ersten Ansteigungen des größeren und bequemeren Raumes wegen, weil Mir aus der Stadt viel Volkes folgte, und auch darum, weil es darunter viele alte und schon sehr schwache Menschen gab, die bei der bedeutenden Hitze des Tages die Spitze des Berges kaum erreicht haben würden. Aber dennoch waren wir so ziemlich hoch oben, und es bewegte sich der Zug darob etwas langsam, indem die Dämmerung für manche schwachsehende Menschen den Pfad nicht sehr wohl erkennen ließ.
[GEJ.01_046,02] Als wir aber also behutsamen Schrittes vom Berge vollends in die Ebene kamen, da lag am Wege ein Mensch voll bösen Aussatzes. Dieser Mensch richtete sich alsbald auf, ging zu Mir hin und sprach mit einer klagenden Stimme: „O Herr, so Du wolltest, könntest Du mich wohl rein machen!" Ich aber streckte sogleich Meine Hand über ihn aus und sprach: „Also will Ich es, daß du rein seiest!" Und der Kranke war im Augenblick rein von seinem Aussatz; alle Wülste, Rauden und Schuppen verschwanden plötzlich. Es war aber das ein gar böser Aussatz, den kein Arzt heilen konnte; daher nahm es denn auch alles Volk überhoch wunder, da es sah, wie dieser Mensch so plötzlich von seinem Aussatz rein ward.
[GEJ.01_046,03] Der Gereinigte aber wollte Mich nun überlaut zu rühmen anfangen; Ich aber bedrohte ihn und sprach: „Ich sage es dir, daß du es vorderhand niemandem sagest, außer allein dem Oberpriester! Zu dem gehe hin; er geht hinter uns mit Meinen Jüngern einher! So er dich als gereinigt erkannt haben wird, dann geh in dein Haus, nimm daselbst und opfere auf dem Altar die Gabe, die Moses angeordnet hat!"
[GEJ.01_046,04] Der Gereinigte tat sogleich, was Ich ihm anbefohlen hatte. Der Oberpriester verwunderte sich auch über die Maßen und sprach: „So mir ein Arzt gesagt hätte: ,Sieh, diesen Menschen werde ich gesund machen!‘, da hätte ich weidlichst gelacht und gesagt: ,Ei du Narr, gehe hin an den Euphrat und versuche, ihn auszuschöpfen! Wann du einen Eimer davon schöpfen wirst, da wird er dir hunderttausende an die Stelle schicken; aber es soll dir dennoch leichter sein, den Euphrat trockenzulegen, als gesundzumachen diesen Menschen, dessen Fleisch schon nahe ganz in Verwesung übergegangen ist!‘ Und diesem Menschen, Den wir nun als den Messias anerkannt haben, gelang es durch ein einziges Wort! – Wahrlich, das genügt uns! – Er ist vollauf Christus! – Wir bedürfen nun keiner weiteren Zeugnisse mehr.
[GEJ.01_046,05] Wahrlich, wer mich heute um einen Rock anredet, dem gebe ich sogleich nicht nur den Mantel, sondern meinen ganzen Kleidervorrat hinzu! Wahrlich, um den Preis gebe ich nun bis aufs Hemd alles her und sehe nun ein, daß Seine Lehre eine rein göttliche ist! Ja, Er Selbst ist als Jehova nun leibhaftig bei uns! Was wollen wir nun noch mehr?! Die ganze Nacht will ich einen Herold machen und Seine Gegenwart verkünden in allen Straßen und Gassen!"
[GEJ.01_046,06] Nach solchen Worten läuft er zu Mir hin, und zwar in der Nähe des Brunnens, fällt vor Mir nieder und sagt: „Herr, halte nur ein wenig still, daß ich Dich anbeten kann; denn Du bist nicht nur Christus, ein Sohn Gottes, sondern Du bist Gott Selbst, im Fleische verhüllt, bei uns!"
[GEJ.01_046,07] Sage Ich: „Freund, laß all das gut sein! Ich habe euch ja gezeigt, wie ihr beten sollet; bete also im stillen, und es genügt! Tue heute nicht zu viel und morgen darob leicht zu wenig! Ein rechtes Maß in allem ist stets zu beachten! So du zum Rocke noch den Mantel hinzutust, so genügt das, dir den Armen zum vollen Freunde für immer zu machen; wo du ihm aber, da er nur einen Rock von dir verlangte, deinen ganzen Kleidervorrat hinzutätest, da wird er verlegen werden und wird bei sich meinen, du wollest ihn dadurch entweder beschämen, oder du seiest selbst von Sinnen. Und sieh, da geschähe damit dann nicht Gutes!
[GEJ.01_046,08] Aber so dich jemand um einen Silberling bittet, du aber gibst ihm dann zwei, auch drei, so wirst du des Borgers Herz freudig machen und dein eigenes selig; so du aber dem, der zu dir kam, sich einen Silberling zu erborgen, gleich tausend gäbest, da wird er erschrecken und meinen bei sich: ,Was soll das bedeuten? Ich bat ihn um einen Silberling nur und er will mir geben all seine Habe!? Hält er mich denn für einen Nimmersatt, will er mich beschämen, oder ist er gar ein Narr geworden?‘ Und sieh, solch ein Mensch wird dadurch kein Gewinn für dein Herz und solch dein Gebahren auch ebensowenig ein Gewinn für sein Herz sein! Also nur ein rechtes volles Maß in allem, und es genügt vollauf!"
[GEJ.01_046,09] Mit dieser Belehrung ist der Oberpriester auch vollauf zufrieden und sagt zu sich selbst: „Ja, ja, Er hat recht in allen Dingen! Gerade also tun, wie Er es gesagt hat, ist vollauf recht; was darunter oder darüber ist, ist entweder schlecht oder dumm. Denn so ich heute alles hergäbe und morgen ein vielleicht noch Dürftigerer käme vor meine Türe, was möchte ich dann diesem geben? Wie hart und schwer wäre es mir dann ums Herz; denn ich könnte ja also dem noch Ärmeren keine Hilfe mehr leisten.
[GEJ.01_046,10] Der Herr hat vollauf recht in allen Dingen und weiß überall das beste Maß anzuordnen; Ihm allein daher alle Ehre, aller Preis und Ruhm und die vollste Anbetung aus allen Herzen!"
47. Kapitel
[GEJ.01_047,01] Währenddem aber langen wir auch beim Hause der Irhael und des Joram an, allwo schon alles auf dieselbe Weise wie tags vorher, nur um sehr vieles reichlicher, fürs Abendmahl vorbereitet ist. An dem Flur des Hauses wollen sich nun die vielen Sicharier, die am Berge waren, empfehlen; aber es treten sogleich eine Menge weißgekleideter Jünglinge unter sie und nötigen sie alle zum Abendmahle.
[GEJ.01_047,02] Der Oberpriester, ganz erstaunt über die große Menge der herrlichsten Jünglinge und ganz besonders über ihre große Leutseligkeit, Freundlichkeit und Humanität, tritt sogleich zu Mir hin und fragt nun voll Demut: „Herr, aber ich bitte Dich, wer sind diese herrlichen Jünglinge? Es kann keiner mehr als sechzehn Jahre haben, und doch verraten sie mit jedem Wort und mit jeder Bewegung, daß sie außerordentlich gebildet sind! O sage es mir, woher sie wohl gekommen sind, und welcher Schule sie angehören! Wie schön von Gestalt und wie gut genährt sie nur sind! Wie höchst angenehm und dem Herzen gar so überaus wohltuend nur ihre Stimme klingt! Also Herr, sage, sage es mir, wer und woher diese Jünglinge sind!"
[GEJ.01_047,03] Sage Ich: „Hast du denn niemals gehört, da es doch schon von alters her heißt: ,Ein jeglicher, der ein Herr ist, hat seine Diener und Knechte!‘ Du heißest Mich nun Herr, und es ist also ja füglich, daß auch Ich habe Meine Diener und Knechte! Daß sie sehr gebildet sind, zeugt, daß ihr Herr ein sehr weiser und liebevoller Herr sein muß. Die Herren der Welt aber sind harte und lieblose Menschen, und also sind es auch ihre Diener; der Herr aber, Der ein Herr ist im Himmel und nun kam zur Erde in die harte Welt der Menschen, der hat denn auch Seine Diener von daher, von wannen Er gekommen ist, und die Diener gleichen Ihm, da sie nicht nur Seine Diener, sondern auch Kinder Seiner Weisheit und Liebe sind. Hast du Mich wohl verstanden?"
[GEJ.01_047,04] Sagt der Oberpriester: „Ja, Herr, insoweit man überhaupt Deine denkwürdigste Bilderrede verstehen kann. Es gäbe da freilich noch eine Menge zu fragen, um in dieser Sache so recht ins klare zu kommen, aber ich lasse das für jetzt und hoffe, daß sich für heute darum noch viel Gelegenheit finden lassen wird."
[GEJ.01_047,05] Sage Ich: „O allerdings! Gehen wir aber nun zum Abendmahle; denn es ist alles in der Bereitschaft!"
[GEJ.01_047,06] Alles Volk, das gläubig war, ging zum Mahle; nur ein noch ungläubiger Teil ging nach Hause, denn er hielt das alles für ein Fangnetz. Die Ursache dessen aber war, da das zumeist ausgewanderte Galiläer waren, darunter viele aus Nazareth, die Mich und auch Meine Jünger, die sie oft am Fischmarkte gesehen hatten, kannten. Diese sagten auch zu den eigentlichen Samaritern: „Wir kennen ihn und seine Jünger; er ist ein Zimmermann von Profession, und seine Jünger sind Fischer. Er war bei den Essäern in der Schule, die da wohlbewandert sind in allerlei Künsten, in der Heilkunde und in seltener Zauberei. Solches hat er allda gelernt und übt nun seine wohlerlernte Kunst aus, um den Essäern einen großen Anhang und viel Einkommen zu verschaffen. Diese Jünglinge aber sind verkleidete und von denselben Essäern vom Kaukasus her angekaufte und wohlerzogene Mädchen; diese dürften am meisten ziehen! Wir aber lassen uns nicht so leicht betören; denn wir wissen es, daß da mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs durchaus nicht zu scherzen ist. Den Essäern aber, die etwa der Meinung seien, daß ihre Vorfahren die Welt erschaffen haben, ist das ein leichtes, sich mit dem einen Scherz zu machen, was für sie nicht da ist. Solange wir an einen Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben, bedürfen wir solcher essäischen Blendwerke nicht; und sollten wir solchen unsern Glauben je verlieren, so werden uns die Essäer und ihre pfiffigen Boten sicher keinen Ersatz zu bieten imstande sein, sondern uns am Ende zu lauter Sadduzäern machen, die an keine Auferstehung und an kein ewiges Leben glauben. Davor aber möge uns Jehova schützen!" Mit solchen Äußerungen kehren sie heim.
[GEJ.01_047,07] Ich und ein großer Teil, zu allermeist aus Samaritern bestehend, setzen uns zum Mahle und lassen uns nach getaner Arbeit wohl geschehen und lassen uns bedienen von den Engeln; denn auch da arbeitete Ich in einer Wüste, und es heißt: „Als der Satan zu weichen genötigt war, traten Engel zu Ihm und dienten Ihm."
48. Kapitel
[GEJ.01_048,01] Es wußten aber nur wenige, die da zu Tische saßen, daß sie von Engeln mit der Kost aus den Himmeln bedient wurden. Sie meinten, daß Ich im Ernste solche Dienerschaft in Meinem Gefolge habe und Mir solche aus Kleinasien ums Geld angekauft habe. Nur begriffen sie die große Munterkeit, Freundlichkeit und die feine Bildung nicht; denn derart Leibeigene machten gewöhnlich saure Gesichter und verrichteten ihre Dienste rein sklavisch wie Maschinen, und von irgend einer Bildung und Humanität war da keine Rede. Kurz, die Gäste vergnügten sich sehr und der Oberpriester, der nun stets mehr und mehr einzusehen begann, daß diese vielen Diener überirdische Wesen seien, fing immer mehr an, wie man sagt, auf Dornen zu sitzen, da es ihn genierte, daß das Volk, obschon sittsam, aber nach seiner Meinung dennoch zu ungebunden, sich mit diesen herrlichen Dienern unterhielt.
[GEJ.01_048,02] Am meisten genierte ihn aber derjenige Teil, der trotz aller Zeichen aus den weit geöffneten Himmeln ungläubig nach Hause lief. Mit beklommenem Herzen sprach er: „Mein Herr und mein Gott! Was soll solche Menschen denn doch noch zum Glauben zu bewegen imstande sein, wenn solche Zeichen fruchtlos bleiben! Du Selbst, o Herr, und die vielen Engel aus den offenen Himmeln waren außerstande, diese Brut zu bekehren; was soll nun ich armer Tropf mit ihnen machen? Werden sie mir nicht ins Angesicht zu spucken beginnen, so ich es wagte, sie von Dir zu belehren anzufangen?"
[GEJ.01_048,03] Sage Ich: „Hast du doch auch der Gläubigen in großer Menge um dich; mache sie zu deinen Helfern, und dir wird die Mühe leicht werden. Denn so irgend ein Mensch eine große Last heben soll, hat aber nicht hinreichende Kraft dazu, da nimmt er sich einen Gehilfen. Tut es sich mit dem einen noch nicht, so nimmt er noch einen zweiten und dritten hinzu und wird sodann Meister der Last. Wo einmal eine gleichgroße Anzahl Gläubiger sich vorfindet, ja hier leicht größer denn die der Ungläubigen, da ist die Arbeit leicht.
[GEJ.01_048,04] Ganz anders verhält es sich mit solchen Ortschaften, wo gar keine Gläubigen zu Hause sind! Da mache man zwar einen Versuch, auf daß sich dereinst niemand entschuldigen und sagen könne: ,Ich habe davon nie ein Wort vernommen.‘
[GEJ.01_048,05] Findet sich ein Gläubiger vor, so bleibe man bei ihm und offenbare ihm das Reich der Gnade Gottes! Nimmt aber auch nicht einer das Wort an, so gehe man weiter und schüttle auch den Staub von seinen Füßen über eine solche Ortschaft; denn solch eine Ortschaft ist dann fürder auch keiner Gnade wert, außer derjenigen, die den Tieren des Feldes und der Wälder erteilt wird. Da hast du nun die Instruktion, wie du dich fürder zu benehmen hast mit all den Ungläubigen!
[GEJ.01_048,06] Ich sage dir aber, daß du selbst festbleibest in deinem Glauben, sonst wirst du wenig Ersprießliches zu wirken vermögen für Mein Reich! Laß dich nicht irreleiten durch verschiedene Kunden, die du über Mich aus Jerusalem bekommen wirst in ein paar Jahren! Denn Ich werde dort den Gerichten überliefert werden, und sie werden diesen Meinen Leib töten, aber am dritten Tage werde Ich ihn wieder beleben und sodann bleiben bei und unter euch allen bis ans Ende der Welt! Denn jene Brut zu Jerusalem wird erst glauben in der Überzeugung, daß Ich durchaus nicht zu töten sei!
[GEJ.01_048,07] Und es wird dann auch in den verschiedenen Orten der Erde also sein, daß die halsstarrigen Menschen die Überbringer des Evangeliums dem Leibe nach töten werden. Aber eben solch ein Tod wird sie dann erst gläubig machen, da sie daraus ersehen werden, daß alle jene, die aus Meinen Worten leben ein geistiges Leben, nimmer zu töten sind! Denn die Getöteten werden zu ihren Schülern unterschiedlich wiederkommen und werden sie lehren Meine Wege!
[GEJ.01_048,08] Aber zu den harten Weltmenschen, die entweder keinen Glauben haben oder, ob sie schon Glauben haben, dennoch nicht handeln darnach, wie sie der Glaube lehrt, werden weder Ich noch Meine Jünger kommen und ihnen nehmen völlig der Zweifel Nacht aus ihren Herzen. Wann aber über ihr Fleisch das Ende kommen wird, so sollen sie das Übel ihres Unglaubens und die Folgen der Nichtbeachtung Meiner Lehre in der Tat fühlen, während jene, die an Mich tatkräftig glauben werden, des Fleisches Tod weder fühlen noch schmecken sollen!
[GEJ.01_048,09] Denn wann Ich diesen die Türe ihres Fleisches öffnen werde, werden sie aus ihrem Fleische wie die Gefangenen aus ihren Kerkern heraustreten, so sie ihnen die Milde ihres Herrn geöffnet hat.
[GEJ.01_048,10] Laß dich also nimmer beirren, wenn du dies und jenes über Mich vernehmen wirst! Denn wer bis ans Ende treu und unerschüttert verharret im Glauben und in der Liebe, wie Ich es lehre und gelehrt habe und fort und fort lehren werde, der wird selig werden in Meinem ewigen Reiche in den Himmeln, die du nun offen siehst über dir, und Meine Engel steigen auf und ab!"
49. Kapitel
[GEJ.01_049,01] Sagt der Oberpriester: „Ich bin nun ganz in der Ordnung und hoffe, daß es in kurzer Zeit auch diese ganze Ortschaft werden wird. Aber eine Frage noch erlaube mir, und diese eine Frage bestehe darin: Sollen wir nun noch den Berg und Dein altes Haus ehren und dort Deinen Sabbat heiligen, oder sollen wir von nun an uns hier ein Haus erbauen, in dem wir uns versammeln möchten in Deinem Namen? Wenn letzteres Dein Wille wäre, so möchtest Du uns etwa morgen wohl eine passende, Dir am meisten wohlgefällige Stätte anweisen, und wir würden dann alles aufbieten, Deinem Wunsche auch darin zu genügen!"
[GEJ.01_049,02] Sage Ich: „Freund, was euch und allen Menschen not tut, das habe Ich euch heute am Berge kundgetan.
[GEJ.01_049,03] Zur Beachtung dessen aber bedarf es weder des alten Hauses auf dem Berge und noch weniger eines neuen in der Stadt, sondern allein eures gläubigen Herzens und eures festen guten Willens.
[GEJ.01_049,04] Als Ich gestern hierher kam und eine Rast nahm am Jakobsbrunnen, und zusammentraf mit der Irhael, da auch fragte sie Mich, als sie Mich näher erkannte, wo man Gott anbeten solle, ob auf Garizim oder zu Jerusalem im Tempel. Sie soll es dir sagen, was Ich darauf ihr zur Antwort gab!"
[GEJ.01_049,05] Hier wendet sich der Oberpriester an die Irhael, und die sagt: „Also aber redete dann mit mir der Herr:
[GEJ.01_049,06] ,Es kommt die Stunde, und ist schon da, daß die wahren Anbeter Gott weder auf Garizim noch in dem Tempel zu Jerusalem anbeten werden! Denn Gott ist ein Geist, und die Ihn anbeten, müssen Ihn im Geiste und in der Wahrheit anbeten!‘ Das sprach der Herr; du bist ein Oberpriester und wirst nun wohl wissen, was nun zu tun sein dürfte!
[GEJ.01_049,07] Ich bin der Meinung: So der Herr schon einmal uns allen die übergroße Gnade erwies und Herberge nahm in diesem Hause, das nicht mein, sondern Sein Haus ist und bleiben soll, so soll dieses Haus für immer ein denkwürdigstes bleiben, und wir wollen darin uns allzeit versammeln in Seinem Namen und Ihm zu Ehren heiligen den Sabbat!"
[GEJ.01_049,08] Sagt der Oberpriester: „Ja, ja, du hast wohl recht, so wir schon lauter Gläubige wären; aber man muß dennoch auch für die Schwachen irgend eine Rücksicht nehmen! Diese würden sich daran noch mehr stoßen."
[GEJ.01_049,09] Sage Ich: „Irhael hat recht! Wer sich stößt, nun, der soll sich stoßen und soll seinen Berg besteigen! Wann er dort nichts mehr finden wird, da wird er sich dann schon von selbst eines Bessern zu bedenken anfangen.
[GEJ.01_049,10] Nicht Bethäuser sollet ihr Mir fürder erbauen, sondern Gasthäuser und Herbergen für Arme, die euch nichts zu entgelten haben!
[GEJ.01_049,11] In der Liebe zu den armen Brüdern und Schwestern werdet ihr Meine rechten Anbeter sein, und Ich werde in solchen Bethäusern häufig unter euch sein, ohne daß ihr es sogleich merken werdet; aber in eigens zu Meiner Anbetung mit den Lippen, wie es bis jetzt der Fall war, erbauten Tempeln werde Ich ebensowenig von nun an wohnen, als des Menschen Verstand in seiner kleinen Zehe.
[GEJ.01_049,12] Wollt ihr aber schon in einem erhabenen Tempel eure Herzen zu Mir erwecken und vor Mir in eine rechte Demut eingehen, da gehet hinaus in den weiten Tempel Meiner Schöpfungen, und Sonne, Mond und die Sterne alle und das Meer, die Berge, die Bäume und die Vögel in der Luft, wie die Fische im Wasser und die zahllos vielen Blumen auf den Feldern werden euch Meine Ehre verkünden!
[GEJ.01_049,13] Saget, ist der Baum nicht herrlicher denn alle Pracht des Tempels zu Jerusalem?! Der Baum ist ein reines Gotteswerk, hat sein Leben und bringt nährende Frucht. Was aber ist und bringet der Tempel? Ich sage es euch allen: nichts als Hochmut, Zorn, Neid, die bellendste Eifer- und Herrschsucht; denn er ist nicht Gottes, sondern nur ein eitles Menschenwerk!
[GEJ.01_049,14] Wahrlich, wahrlich sage Ich es euch allen: Wer Mich ehren, lieben und dadurch anbeten wird, daß er in Meinem Namen Gutes tut seinen Brüdern und Schwestern, der soll seinen ewigen Lohn haben im Himmel; wer Mich aber fürder durch allerlei Zeremonie verehren wird in einem eigens dazu erbauten Tempel, der soll auch seinen Lohn zeitlich aus dem Tempel haben! So er aber nach des Fleisches Tode zu Mir kommen und sagen wird: ,Herr, Herr, sei mir, Deinem Diener, gnädig!‘, da werde Ich dann zu ihm sagen: ,Ich kenne dich nicht; daher weiche von Mir und suche dir den Lohn bei dem, bei welchem du gedient hast!‘ Aus diesem Grunde sollet denn auch ihr fürder mit keinem Tempel etwas mehr zu tun haben!
[GEJ.01_049,15] Aber in diesem Hause möget ihr zu Meinem Gedächtnisse immer zusammenkommen, ob an einem Sabbate oder an einem andern Tage; denn ein jeder Tag ist des Herrn, nicht allein der Sabbat, an dem ihr in der Folge ebenso Gutes tun möget wie an einem andern Tage."
50. Kapitel
[GEJ.01_050,01] (Der Herr:) „Das aber ist des Sabbats vorzüglichste Heiligung, daß ihr an selbem mehr in allem Guten tätig sein sollet denn an einem andern Tage!
[GEJ.01_050,02] Nur der Knechte Arbeit, die da ist eine Arbeit um Sold und Lohn der Welt, sollet ihr fortan weder an einem gewöhnlichen Wochentage und ebensowenig an einem Sabbate verrichten! Denn von nun an soll euch ein jeder Tag ein Sabbat und ein jeder Sabbat ein voller Werktag sein! In dem habe du, Mein Freund, nun die vollständige Regel, wie ihr Gott in der Zukunft zu dienen haben sollet! – Und bei dem bleibe es!"
[GEJ.01_050,03] Sagt der Oberpriester: „Ich erkenne nun klarst die heilige Wahrheit in dieser Regel, die ich gern für ein Gesetz annehme; aber es wird bei den begründeten Juden viel brauchen, bis ihnen diese Regel, aus dem rein göttlichen Willen hervorgehend, klar und der vollsten Wahrheit nach verständlich wird! Ich bin der Meinung, daß gar viele diese Regel bis ans Ende der Welt nicht annehmen werden. Denn die Menschen sind schon seit den Urzeiten an den Sabbat zu sehr gewöhnt und werden sich solchen nicht nehmen lassen. O das, das erst wird so eine recht große Mühe und Arbeit geben!"
[GEJ.01_050,04] Sage Ich: „Es ist aber ja auch gar nicht nötig, daß der Sabbat gänzlich aufgehoben werden soll, sondern nur das Törichte des Sabbats! Gott der Herr bedarf eures Dienstes und eurer Ehre nicht; denn Er hat die Welt und den Menschen ohne alle fremde Hilfe erschaffen und verlangt von den Menschen nichts als das nur, daß sie Ihn erkennen und aus allen ihren Kräften lieben möchten, und das nicht nur am Sabbate allein, sondern an jedem Tage gleich ohne Unterlaß!
[GEJ.01_050,05] Was aber ist das dann für ein Gottesdienst, so ihr nur des Sabbats Gottes gedenkt, unter der Woche aber nie?! Ist denn Gott nicht an jedem Tage der gleiche unveränderliche Gott? Läßt Er nicht an jedem Tage, ob er ein Sabbat oder Werktag sei, Seine Sonne aufgehen und ihr Licht spenden über Gerechte und Ungerechte, deren es stets bei weitem mehr gibt als der Gerechten?
[GEJ.01_050,06] Arbeitet Gott nicht Selbst an jedem Tage gleich? Wenn aber der Herr Sich keinen Feiertag nimmt, warum sollen dann die Menschen sich Feiertage bloß des Müßigganges wegen stellen? Denn etwas anderes beachten sie auch nicht so pünktlich an einem Sabbate als den Müßiggang! Mit dem aber erweisen sie Gott gewiß den schlechtesten Dienst!
[GEJ.01_050,07] Denn Gott will, daß sich die Menschen gleichfort und stets mehr und mehr die Liebetätigkeit angewöhnen sollen, um dereinst im andern Leben aller Arbeit und Mühe fähig zu sein und in solcher Tätigkeit auch allein die wahre und höchste Seligkeit zu suchen und zu finden! Sollten die Menschen aber in sich das zu bewirken wohl je durch den Müßiggang imstande sein?! Ich sage es dir: Nimmermehr!
[GEJ.01_050,08] Am Werktage übt sich der Mensch, ob er gleich arbeitet, nur in der Selbstsucht; denn da arbeitet er für sein Fleisch und nennt das sein, was er sich erarbeitet hat. Wer das Erarbeitete von ihm haben will, muß es ihm entweder durch Arbeit oder Geld abkaufen, ansonst er von niemandem etwas von irgend einer Bedeutung bekommen dürfte. So nun die Menschen an den Werktagen nur ihre Selbstsucht pflegen und am Sabbat aber, als dem einzigen Tage, an dem sie sich in der Liebetätigkeit üben sollen, nur dem starrsten Müßiggang obliegen, so fragt es sich großernstlich, wann sich dann die Menschen in dem allein wahren Gottesdienste üben sollen oder üben mögen, welcher Dienst lediglich in der liebevollen Bedienung des Nächsten besteht!
[GEJ.01_050,09] Gott Selbst aber feiert keinen Augenblick, sondern ist gleichfort tätig für die Menschen und nie für Sich; denn Er bedarf für Sich weder einer Erde, noch einer Sonne, des Mondes und all der Sterne und alles dessen, was darinnen ist und daraus hervorgeht. Gott bedarf alles dessen nicht; aber alle die erschaffenen Geister und Menschen bedürfen alles dessen, und der Herr ist also allein ihretwegen fort und fort unausgesetzt tätig.
[GEJ.01_050,10] So aber der Herr, Dessen Werk ein Tag wie der andere ist, für die Menschen fort und fort tätig ist und will, daß die Menschen Ihm als Seine Kinder in allem gleichen sollen, wie möglich wohl kann Er je gewollt haben, daß die Menschen nach sechs Selbstsuchtstagen Gott an dem siebenten durch den starren Müßiggang etwa gar wohlgefällig dienen sollen und Ihn, Der ewig tätig ist, ehren durch die Trägheit?!
[GEJ.01_050,11] Ich sage dir als dem Oberpriester solches in handgreiflicher Klarheit nun, auf daß du in der Folge – wohlwissend, wer Der ist, Der nun solches zu dir geredet hat – deiner Gemeinde den Sabbat in einem bessern Lichte zeigen sollst, als es seit Moses bis zu dieser Stunde der Fall war! Denn gerade also, wie Ich dir nun den Sabbat enthüllte, ist er auch dem Moses gegeben worden; aber das Volk hat ihn nur zu bald verkehrt in einen heidnischen Müßiggangstag und meinte, Gott einen angenehmen Dienst zu erweisen durchs Nichtstun und durch die Bestrafung derer, die es doch zuzeiten gewagt haben, auch am Sabbat eine kleine Arbeit zu verrichten oder einem Kranken eine heilsame Hilfe zu leisten. O der großen Blindheit, o der gröbsten Torheit!"
[GEJ.01_050,12] Sagt der Oberpriester, ganz zerknirscht von dieser Wahrheit: „O der heiligen reinsten Wahrheit Deines Mundes! Ja, nun ist mir alles klar! Nun erst hast Du, o Herr, mir die dreifache Decke Mosis von meinen Augen vollkommen abgenommen! Nun, o Herr, bedarf es wohl keiner Zeichen mehr; denn hier genügt Dein heilig wahres Wort allein! Und ich behaupte es nun fest mit vollster Überzeugung, daß in der Folge wie jetzt alle jene, die an Dich, o Herr, der Zeichen und nicht des überwahren Wortes wegen glauben werden, keinen wahren, lebendigen Glauben haben und nur träge und maschinenartige Befolger Deiner Lehre und Deines heiligen Willens sein werden; bei uns aber soll es anders sein! Nicht die Zeichen, die Deine Gegenwart uns gab, sondern allein Dein heilig wahrstes Wort soll in unseren Herzen den wahren lebendigen Glauben bedingen und erwecken die vollste Liebe zu Dir, und aus Dir und allein Deinetwegen auch zu allen Menschen im rechten Maße. Und alsofort geschehe allein Dein heiliger Wille, den Du, o Herr, uns nun so überklar und für ewig wahr kundgetan hast!"
[GEJ.01_050,13] Sage Ich: „Amen! Ja, lieber Freund und Bruder, also ist es recht und gut! Denn nur also möget ihr vollkommen werden, wie der Vater im Himmel vollkommen ist. Seid ihr aber also vollkommen, dann seid ihr auch wahrhaftige Kinder Gottes und könnt zu Ihm stets rufen: „Abba, lieber Vater!" Und um was ihr Ihn bitten werdet als Seine wahren Kinder, das wird Er euch geben; denn der Vater ist übergut und gibt Seinen Kindern alles, was Er hat! Nun aber esset und trinket; denn die Kost hier ist nicht von dieser Erde, sondern der Vater sendet sie euch aus den Himmeln und ist Selbst unter euch nun!"
51. Kapitel
[GEJ.01_051,01] Sagt der Oberpriester: „Herr, sollen wir denn nun abermals zu essen beginnen? Haben wir ja doch anfangs des Abendmahles uns sogleich gestärkt mit Speise und Trank, obschon wir während des Essens fort und fort uns über so manches besprochen haben! Ich bin ein für allemal vollauf gestärkt und kann nicht mehr essen noch trinken."
[GEJ.01_051,02] Sage Ich: „Du hast recht geantwortet, denn du bist voll Speise und köstlichen Weines aus den Himmeln. Aber es gibt noch viele hier, die sich weder zu essen noch zu trinken getraut haben; denn sie hielten noch nichts auf Meinen Namen und auf Mein Wort und hatten Furcht als vor einer Hexerei. Da sie aber nun unsere Reden angehört hatten und begriffen haben deren helle Wahrheit, verging ihnen die törichte Furcht, und Hunger und Durst traten an deren Stelle. Nun möchten sie essen und trinken, aber getrauen sich nun wieder vor lauter Ehrfurcht nicht. Meinst du, daß man sie nun also solle gehen lassen? O das sei ferne! Sie sollen nun recht nach Herzenslust essen und trinken! Denn fortan werden sie von dieser Küche nicht essen und trinken, außer dereinst in Meinem Reiche in den Himmeln!"
[GEJ.01_051,03] Nach dieser Berichtigung behieß Ich abermals die Menge, daß sie essen und trinken solle, und sagte auch zu den Jünglingen: „Lasset ihnen nichts abgehen!" – Und die Jünglinge brachten von neuem eine rechte Menge Brotes und Weines und allerlei köstliche Früchte.
[GEJ.01_051,04] Es trugen aber einige Bedenken, ob sie die Früchte, die sie nicht kannten, essen sollten. Da sprachen die Jünglinge: „Liebe Brüder! Esset nur ganz ohne Furcht alle diese Früchte; denn sie sind rein und voll köstlichen Geschmacks! Auf dieser Erde wohl gibt es manche Früchte und manches Gras und manche Tiere, an deren Gestaltung unreine Geister arbeiten, weil es also in der Ordnung des Herrn geschrieben steht; denn auch die Teufel müssen da dem Herrn dienen, ob sie es auch frei nimmer wollen oder mögen! Denn gleichwie ein Sklave in Ketten seinem Herrn dienen muß, also müssen auch die Teufel dienen; aber in der Arbeit ruht der Segen nicht!
[GEJ.01_051,05] Und so gibt es auf der Erde, auf welcher Menschen, Tiere und Teufel nicht selten unter einem Dache wohnen und nach ihrer Arbeit tätig sind, nicht selten allerlei Taten, Werke und Früchte schlechter und unreiner Art und Gattung, deren sich die Menschen, so sie von all den möglichen Übeln dieser Erde verschont bleiben wollen, nicht bedienen sollen; und der Herr hat darob durch Seinen Knecht Moses alle die Dinge bestimmen lassen, die da rein sind und gut, und hat den Gebrauch der unreinen Dinge, an denen auch böse Geister arbeiten, den Menschen widerraten, – und das ist eine herrliche Ordnung. Aber alles das, was euch hier zum Genusse geboten wird, ist höchst rein, weil es aus den Himmeln hierher gebracht wurde für euch wunderbar; daher möget ihr alles ohne Scheu genießen! Denn was der Vater gibt aus den Himmeln, das ist höchst rein und gut und fördert das Leben der Seele und des Geistes für ewig."
[GEJ.01_051,06] Diese Belehrung von seiten der weisen Jünglinge erfreute alle Gemüter, und alle lobten Gott ob solch freundlicher Weisheit in diesen Jünglingen. Diese Lehre war auch von einigen nachderhand aus dem Gedächtnisse aufgezeichnet worden und erhielt sich in dieser Stadt und Gegend viele Jahre.
[GEJ.01_051,07] Als aber nachher allerlei Feinde auch diese Stadt und Gegend stark mitnahmen, ging vieles zugrunde und somit auch diese Belehrung, davon einmal mit etwas mystisch gestellten Worten Paulus in seinen Briefen eine Erwähnung macht und zwar, da er von allerlei Geistern redet.
[GEJ.01_051,08] Die ganze große Gesellschaft war nun voll guter Dinge und besprach sich unter sich bald über Mich, über Meine Lehre und über dieses Mahl aus den Himmeln, und die Jünglinge besprachen sich auch über vieles mit den Gästen.
[GEJ.01_051,09] Nathanael aber erhob sich und sagte zu den Gästen: „Liebe Freunde und Brüder! Vor wenig Monden noch war ich ein Fischer in der Gegend von Bethabara am Flusse Jordan, unweit von dessen Einmündung ins Meer; da kam ein ganz anspruchsloser Mann zum Johannes und ließ sich taufen von ihm, und Johannes zeugte sogleich von Ihm, ohne Ihn jemals auf der Erde gesehen zu haben körperlich, und sprach: ,Sehet das Gotteslamm, das da hinwegnimmt die Sünden der Welt!‘ Und weiter zeugte Johannes und sprach: Dieser ist es, von Dem ich gezeugt habe: ,Der vor mir war und nach mir kommt, Dem ich nicht wert bin aufzulösen die Schuhriemen.‘
[GEJ.01_051,10] Ich vernahm solches Zeugnis von dem Prediger in der Wüste und ward tiefsinnig, begab mich von dannen und erzählte es daheim meinem Weibe und meinen Kindern, und diese verwunderten sich gar sehr ob dem, daß der strenge Prediger solches Zeugnis einem Menschen gab!
[GEJ.01_051,11] Denn es war schwer, den Prediger zu sprechen, und wann er sprach, so waren rauh seine Worte, und er schonte niemanden, ob Pharisäer, Priester oder Levite; alles mußte bei ihm auf Leben oder Tod über das scharfe Schwert seiner Zunge springen!
[GEJ.01_051,12] Als aber Der kam, Der nun ist ein Herr unter uns, da sank Johannes zu einem Lamm der Lämmer herab und redete also zart, wie da singt eine Lerche ihr Frühlingsliedchen! Kurz, meine Familie glaubte meiner Erzählung kaum; denn sie kannte nur zu gut die Art, wie Johannes sonst zu reden pflegte.
[GEJ.01_051,13] Nach zwei Tagen aber, recht früh, ging ich an mein Tagewerk, saß unter einem Baume und besserte mein Fischergeräte aus. Da kam Derselbe, Dem Johannes das sanfte Zeugnis gab, zu mir in Gesellschaft schon einiger, die Ihm folgten, rief mich beim Namen und hieß mich Ihm folgen. Und als ich mich ob dem wunderte, wie Er mich also kenne, da ich Ihn vorher doch nie gesehen habe, da sprach Er: ,Wundere dich dessen nicht so sehr, denn du wirst noch Größeres sehen! Von nun an wirst du die Himmel offen und die Engel auf- und absteigen sehen über dem Sohne des Menschen!‘
[GEJ.01_051,14] Und sehet, was der Herr damals zu mir geredet hat, geht nun hier in die herrlichste Erfüllung! Alle Himmel stehen offen, und die Engel steigen herab und dienen Ihm und uns allen. Welch eines größeren Beweises bedürfen wir noch über Ihn, daß Er allein Derjenige ist, Der da kommen soll nach der Verheißung, die von Adam angefangen bis zu uns herab allen Kindern Israels bekannt gemacht worden ist?! Ich halte Ihn aber darum auch für mehr noch als für den Messias allein! Er ist –"
[GEJ.01_051,15] Hier falle Ich ihm in die Rede und sage: „Mein lieber Freund und Bruder, nur bis daher vorderhand, und nicht weiter! Erst wenn dies Fleisch wird von den Juden erhöhet werden, dann rede du alles ganz ohne Hinterhalt, was du von Mir weißt, aber eher ja nicht; denn die Menschen sind dazu noch nicht fähig!"
[GEJ.01_051,16] Nathanael begnügte sich mit dem, verstand aber dennoch nicht klar, was Ich unter der Erhöhung Meines Fleisches verstand, und viele meinten, daß Ich in Jerusalem den Thron Davids besteigen werde. Aber der Oberpriester verstand es wohl, was Ich unter der Erhöhung Meines Fleisches sagen wollte; aber er schwieg und ward traurigen Antlitzes! Ich aber vertröstete ihn darob und machte ihn aufmerksam darauf, was Ich in dieser Hinsicht mit ihm schon früher geredet hatte, und er ward wieder heiter und lobte Mich in seinem Herzen.
[GEJ.01_051,17] Es ward aber bei dieser Gelegenheit auch der Morgen des nächsten Tages ersichtlich. Aber niemand verspürte irgend eine Müdigkeit oder einen Schlaf; denn alle waren so gestärkt, als sie es irgend vorher nie, auch nach einem besten Schlafe, waren. Es baten Mich daher auch alle, ob sie diesen Tag nicht völlig bei Mir zubringen dürften. Und Ich gestattete ihnen solch ihren frommen Wunsch.
Herr! ich armer Sünder danke Dir für diesen ersten Tag in Sichar, die da war eine Stadt gleichend meinem Innern. Jakob Lorber.
52. Kapitel – Zweiter Tag in Sichar. (Kap.52-83)
[GEJ.01_052,01] der Oberpriester aber erhob sich und bat Mich, sagend: „Herr, da Du uns noch die hohe Gnade erweisest, bei uns zu bleiben auch diesen Tag hindurch, wie wäre es denn, so Du mit Deinen Jüngern, wie auch mit allen andern, die an Dich glauben, an meiner Seite die nahen Ortschaften, deren wir nur drei zählen, besuchen möchtest? Vielleicht fänden sich darinnen doch auch einige Leute, die an Dich glauben würden, so sie Dich sähen und hörten."
[GEJ.01_052,02] Sage Ich: „Dererwegen nicht, aber deinetwegen ja! Dir macht es eine Freude, und Ich will dir solche Freude gerne machen. Aber du hast auch Weib und Kinder; willst du Mir diese nicht auch vorstellen? Wo sind sie, und wieviel sind ihrer?"
[GEJ.01_052,03] Sagt der Oberpriester etwas verlegen: „Herr, ich habe ein liebes Weib, das samt mir schon etwas bei Jahren ist, und habe auch sieben Kinder, aber leider lauter Mägdlein von 12-21 Jahren. Du weißt es aber, daß es einem Israeliten eben nicht zur Ehre gereicht, keine männlichen Nachkömmlinge zu haben, und so – habe, o Herr, Geduld mit meiner Schwäche! – habe ich mich nicht getraut, mit meiner puren Weiberschaft zum Vorscheine zu kommen!
[GEJ.01_052,04] Wenn es Dir, o Herr, aber dennoch genehm wäre, so möchte ich Dich wohl bitten, bei der Gelegenheit auch an meinem Hause vorüberzuziehen, allwo ich Dir dann meine Weiberschaft vorführen würde. Hierher aber schickte es sich kaum; denn sieh, ich habe zwar wohl von allem etwas und kann mäßig hier leben mit meiner Familie, aber mit der Bekleidung sieht es etwas ärmlich aus. Fürs Haus und desselben Geschäfte sind sie hinlänglich bekleidet; aber um in einer Gesellschaft, wie diese hier, zu erscheinen, wären sie denn doch als Familie eines Oberpriesters viel zu ärmlich! Und also meine ich, ist es dennoch besser in jeder Hinsicht, daß sie fein zu Hause verbleiben, allwo sie der Welt nicht zum Bespötteln und der Nahrung ihrer angebornen Eitelkeit ausgesetzt sind. Und es ist für sie auch gut, mit der Welt so wenig als möglich in Berührung zu kommen; denn die Welt ist und bleibt allzeit schlecht!"
[GEJ.01_052,05] Sage Ich: „Ich will es tun, wie du es wünschest; aber dann laß sie nur alle mit uns ziehen! Für eine etwas bessere Bekleidung ihres Leibes aber wird schon gesorgt sein also, daß sie sich in unserem Kreise gut genug ausnehmen werden! Daß du sie aber von der Welt soviel als möglich abziehest, ist sehr gut und weise von dir, aber für unsere doch sicher nicht weltliche Gesellschaft hätten sie also auch völlig getaugt.
[GEJ.01_052,06] Sieh an die Maria, die Mutter Meines Fleisches! Sie ist rein mit weißer Wäsche angetan und trägt darüber eine ganz ordinäre blaue Schürze, und sie ist gut genug bekleidet! Am Haupte trägt sie gewöhnlich einen viereckigen Sonnenschirm, so wie alle andern Weiber, die Mir aus Galiläa und Judäa gefolgt sind, und sie taugen also gerade am besten für unsere Gesellschaft. Aber das macht nun nichts; dein Weib und deine sieben Töchter sollen heute auch in unserer Gesellschaft sich befinden!"
[GEJ.01_052,07] Sagt einer aus den Samaritern: „Es wäre alles wohl und gut! Ich für mich wohl habe kein Zeugnis; aber was ich so von verschiedenen Menschen dieser Gegend gehört habe, das sage ich nun, – ihr aber könnt dennoch tun, was ihr wollt. Die Sage aber lautet, daß die älteren vier Töchter, sooft der Oberpriester nicht daheim wäre, nächtlicherweile auf der Gasse gesehen würden, und da sie sehr schön seien, so nähmen sie Geld von geilen Knechten und ließen sich beschlafen! Also geht im geheimen das Gerede. Ich für meinen Teil aber habe kein Zeugnis dafür! Aber nur so viel meine ich: Wenn diese neue Lehre hierorts einen allgemeinen Eingang finden solle bei den noch sehr vielen Ungläubigen, so würde es des unsinnigen Pöbels wegen geratener sein, wenigstens die vier älteren nicht in die Gesellschaft aufzunehmen! Denn du, Bruder Jonael, weißt es, wie spießredig und arg unsinnig und hartgläubig unser Volk ist. Kommt nun so etwas ihm zu Gesicht und zu Ohren, dann richtet Jehova Selbst nichts mehr aus mit solch einem Volke! Es sei das aber bloß nur mein unmaßgeblicher Rat der nur zu evidenten Bosheit unseres Volkes willen, damit die gute Sache zu keinem Schaden kommen solle!"
[GEJ.01_052,08] Der Oberpriester wird darauf ganz traurig und sagt: „Herr! So ich in der Erziehung meiner Töchter nur ein wenig lauer und nachlässiger gewesen wäre, da würde es mich kaum traurig machen, so was anhören zu müssen; aber so weiß ich, daß bei meinen Töchtern nichts verabsäumt ward, was zur Bildung ihres Verstandes und Herzens nötig ist, und ich getraue es mir, den heiligsten Eid abzulegen, daß jede meiner Töchter noch sicher so rein ist wie eine Blume am Berge Jehovas! Woher dann solch eine schändlichste Verunglimpfung?!"
[GEJ.01_052,09] Sage Ich: „Mein lieber Bruder Jonael, mache dir da gar nichts daraus! So deine Töchter vor Mir rein sind, so genüge dir das vollkommen! Denn die Welt ist einmal vollends des Teufels, und somit durch und durch schlecht! Hast du je gehört, daß man von Dornen Trauben und von den Disteln Feigen geerntet hat?! Ich wußte das schon seit lange her und habe darum solches auch am Berge bei dem Bilde vom Splitter im Auge des Nächsten sehr bemerkbar gemacht! Und siehe, es trieb dies Bild viele vom Berge; denn sie gewahrten es, daß Ich sie im Auge hatte.
[GEJ.01_052,10] Ich aber sage dir: Nun erst gehen deine Töchter ganz bestimmt mit uns, und Ich werde gehen in ihrer Mitte! Denn was da einmal des Teufels ist, das soll auch des Teufels bleiben, so es sich nimmer bekehren lassen will! Nun aber machen wir uns alsogleich auf! Ich habe deinem Weibe und deinen Töchtern schon alles kundgemacht; sie werden uns schon erwarten."
53. Kapitel
[GEJ.01_053,01] Auf dem Wege sagt einmal Simon Petrus: „Jetzt fängt's bei mir vor lauter Wunder über Wunder an ordentlich schwindlig zu werden! Nein, wer jetzt es noch nicht einsieht, daß dieser Jesus aus Nazareth der leibhaftige wahre Sohn Jehovas ist, der muß entweder mit einer zehnfachen pharaonischen Blindheit geschlagen sein, oder er ist völlig tot! Kranke werden bloß durchs Wort plötzlich geheilt, die Blinden sehend, die Taubstummen hörend und die Lahmen gehend gemacht, und die voll des unheilbarsten Aussatzes sind, werden also rein, als hätten sie nie gesündigt!
[GEJ.01_053,02] Zu all dem öffnen sich noch die Himmel, und Scharen von den allerherrlichsten Engeln schweben eiligst hernieder, dienen uns und tun mit uns, als ob sie schon seit der Entstehung des ersten Menschen die Erde nie verlassen hätten; und schön sind sie, daß man bei ihrem Anblicke gerade vor lauter Wonne vergehen könnte! Und wenn Er spricht in früher nie gehörter Weisheit, wie sind diese schönsten Diener Jehovas dann voll der süßest zerknirschtesten Aufmerksamkeit und heiliger Andacht und dabei dennoch so munter als wie die Schwalben an den schönsten Sommertagen! Wahrlich, wer da noch sagen kann: Dieser Jesus ist ein purer Magier und sonst nichts!, der sollte gleich wie ein Ochse geschlachtet werden! Denn so ein Mensch kann kein Mensch sein, sondern nur ein des Redens fähiges Tier, und sollte darum auch nicht sterben wie ein Mensch, sondern wie ein Haustier!"
[GEJ.01_053,03] Während Simon Petrus also vor sich hin phantasiert und nicht merkt, was um ihn vorgeht, klopft ihm ein ungläubiger Bürger dieser Stadt hübsch stark auf die Achsel und sagt: „Wenn so, da möchte ich dir pflichtgemäß als ein redlicher Mensch prophezeien, daß du als ein barster Ochse sterben wirst! Denn so du es in deinem Leben noch nicht so weit gebracht hast, einzusehen, was ein rechter Magier alles zu leisten imstande ist, da solltest du dein Maul auch gar nicht öffnen auf einem Platze, wo erfahrungs- und kenntnisreiche Menschen wohnen!"
[GEJ.01_053,04] Sagt Petrus: „Sage mir, du grober, finsterer Geist! Können deine Magier auch alle Kranken durchs Wort plötzlich heilen und öffnen die hohen Himmel, dahin keines Magiers Hand und Verstand reicht?!"
[GEJ.01_053,05] Sagt der Bürger: „O du dummer, blinder Galiläer! Weißt du denn nicht, daß ein rechter Magier aus jedem Holzstocke einen Fisch oder eine Schlange machen kann?! Erst unlängst war einer aus Ägypten da, warf Stöcke ins Wasser, und es wurden sogleich Fische daraus; warf er die Stöcke aber aufs Land hin, so wurden Schlangen und Nattern daraus; dann hauchte er in die Luft, und diese ward voll Heuschrecken und andern fliegenden Geschmeißes; darauf nahm er weiße Steine und warf sie in die Luft, und es wurden Tauben daraus, die davonflogen; sodann nahm er von der Straße eine Handvoll Staub und schleuderte ihn gegen den Wind, und siehe, im Augenblick war die Luft voll Mücken, so daß man kaum die Sonne hindurch sehen konnte; als er aber darauf in diese Mücken blies, entstand ein starker Wind und trieb die Mücken gleich einer Wolke von dannen! Er führte uns darauf zu einem Teiche nach dem Bache, wo er zuvor Fische aus Stöcken zog; da berührte er mit dem Stabe das Wasser, und sieh, es ward sogleich zu Blut, und er berührte es darauf abermals, und es ward wieder zu Wasser! Am Abend aber rief er zu den Sternen, und sie flohen wie zahme Tauben in seine Hände! Und er gebot ihnen, und sie flohen wieder an das hohe Firmament zurück! Du aber sagst: ,Wo ist ein Mensch, dessen Hände an die Himmel reicheten?‘ Daß dieses alles hier geschehen, kann ich dir mit hundert Zeugen bestätigen lassen. – Was sagst du aber nun zu deinem Gottes- Sohn aus Nazareth, den ich wohl kenne, wessen Sohn er ist, und wo er das alles erlernt hat?"
[GEJ.01_053,06] Sagt Petrus: „So du nun nicht gelogen hast wie ein Krokodil mit seinem Kindergewimmer und hast dir für deine Lüge hundert Zeugen für etliche Groschen erkauft, so müssen diese vielen, die in Jesus von Nazareth Christum nun wohl erkannt haben, von diesem Magier, dessen Wundertaten du mir nun kundgemacht hast, auch etwas wissen! Ich werde sofort den Jonael fragen! Wehe aber dir, so du mich angelogen hast!"
[GEJ.01_053,07] Sagt der Bürger: „Diese werden dir darüber keinen Aufschluß zu erteilen imstande sein, weil sie solchen Vorstellungen nicht beigewohnt haben aus eitler Furcht, daß der Magier solches alles mit der Hilfe des Teufels zuwege bringe und der Teufel ihnen Übles zufügen könnte! Nur wir wenigen Herzhaften gingen hinaus, die wir an keinen Teufel glauben, da wir die Kräfte der Natur etwas näher kennen, und überzeugten uns hochverwundert darüber, was alles einem Menschen möglich sei!"
[GEJ.01_053,08] Sagt Petrus: „Du bist mir eine feine Kundschaft zwar; aber ich sage es dir: du wirst mir fürder nimmer auskommen und nicht entgehen deiner Züchtigung! Komme nun nur mit zum Oberpriester dieser Stadt; vor ihm werden wir unsere Sachen aus- und gleichmachen!"
[GEJ.01_053,09] Sagt der Bürger: „Was geht mich dieser Oberpriester an? Ich bin ein Galiläer, und zwar mehr Grieche als Jude; dieser Oberpriester aber ist ein dummer Eiferer, während seine vier älteren Töchter nächtlicherweile mit Einverständnis der Mutter, wie man sagt, schändliche Geschäfte machen und sich der Unzucht ergeben. Was soll ich mit solch einem Dummkopfe machen? Kunst und Wissenschaft gehen bei mir über alles, und ich ehre alle echten Gelehrten und Künstler über alles; aber nur dürfen sie nicht mehr aus sich machen als sie sind!
[GEJ.01_053,10] So euer wirklich sehr geschickter und gelehrter Meister in allerlei Kunst und Wissenschaft bei dem bliebe, was er ist, so wäre er einer der angesehensten Menschen unter den Juden, Griechen und Römern! Aber er macht einen Gott aus sich, und das ist sehr dumm und gehört in die alten finsteren Zeiten zurück!
[GEJ.01_053,11] Ihr aber seid Leute, zwar in eurer Art ehrliche und biedere Seelen; aber übers Fischefangen hinaus scheint ihr keine großen Kenntnisse und Erfahrungen zu haben. Darum lassen wir unsern weitern Streit beiseite! Ihr möget glauben, was ihr wollt, aber uns werdet ihr schwerlich etwas weismachen; denn wir besitzen Kenntnisse und allerlei Wissenschaften, sind in der Magie nicht ganz unbewandert und wissen somit, was wir von eurem Meister zu halten haben!"
[GEJ.01_053,12] Sagt Petrus: „Freund, du bemühst dich umsonst, deinen Mohren in dir weiß zu waschen! Es handelt sich hier durchaus nicht darum, ob du meinen Meister als dies oder jenes ansiehst und nun durch eine vernünftig scheinende Rede mich dessen vergessen machen willst, daß du mich vorhin weidlichst angelogen hast! Mag für dich der Oberpriester ein Eiferer sein, wie er will; aber das muß er als eine öffentliche Person dieser kleinen Stadt doch wissen, ob sich vor kurzem ein solcher Magier hier produziert hat, wie du ihn mir beschrieben hast! Denn daran liegt mir alles, da ich daraus entnehmen will, was ich demnach von meinem Meister zu halten habe!
[GEJ.01_053,13] „Sieh, ich und wir viele haben alles, ja sogar Weib und Kinder verlassen und sind Ihm unbedingt gefolgt, weil wir von Ihm Taten verrichten sahen, die wohl keinem Menschen je möglich sein dürften, und Ihn dabei aber auch also weise reden hörten, wie vor Ihm noch nie ein Mensch geredet hat und nach Ihm auch schwerlich je einer reden wird!
[GEJ.01_053,14] Du führtest mir aber meinem Meister gegenüber einen andern in deiner Rede vor, der, obwohl meinen Meister auch gerade nicht übertreffend, aber demselben doch gleichkommend, Taten verrichtete, vor denen jeder Mensch den tiefsten Respekt haben muß! Es handelt sich nun ganz einfach darum, ob es vor mir gültig und ersichtlich erwiesen werden kann, daß ein solcher Magier im vollen Ernste die von dir mir kundgemachten Taten verrichtet hat!
[GEJ.01_053,15] Ist deine Aussage Wahrheit, so gebe ich dir mein heiliges Wort, daß ich meinen Meister, Dem ich vollends die rein göttliche Kraft beilege, augenblicklich verlasse und ziehe zu meiner Familie nach Hause! Denn einem vagen Magier folge ich keinen Schritt weiter, indem ich noch ein echter Jude bin und Moses mehr glaube als Hunderttausenden der allerbewährtesten Magier. Hast du aber – wie ich's ganz ungezweifelt vermute – gelogen, um mir meinen erhabensten Meister aus einem rein bösen Willen zu verdächtigen, dann – wie ich es dir schon früher angedroht habe – wehe dir! Du sollst es erfahren, daß auch ich, der Gnade meines göttlichen Meisters zufolge, schon so manches zu bewirken imstande bin, ohne mich deshalb je irgend einem Menschen als Wundertäter vorzuführen!
[GEJ.01_053,16] Komme daher nur ganz gutwillig mit mir zum Oberpriester, der nun soeben mit eurem Zöllner Matthäus etwas verhandelt, der von deinem Magier wohl auch etwas wissen wird; denn auch er war beständig hier in der Stadt und muß etwas davon wissen. Komm also nur ganz gutwillig, sonst werde ich dir Gewalt antun!"
[GEJ.01_053,17] Sagt der Bürger: „Warum denn, so ich's nicht will, Gewalt? Da sieh hin, hinter mir stehen etliche Hunderte! Wie du es wagst, Hand an mich zu legen, so soll es dir wahrlich übel bekommen!"
[GEJ.01_053,18] Sagt Petrus: „Ich werde meine Hand an deinen Leib nicht legen, wie du die deine ehedem ziemlich unsanft an den meinigen legtest; aber du wirst dennoch hingezogen werden! Es gehen Scharen der Engel Gottes mit uns, die du nicht zu sehen scheinst! Es bedarf bloß eines Winkes, und sie werden dich gleich dort haben, wo ich dich haben will und muß!"
[GEJ.01_053,19] Sagt der Bürger: „Sollen etwa gar diese euch begleitenden weißgekleideten Buben eure Engel sein? Ha, ha, ha! Nun, wenn diese eure Schutztruppe sind, da brauchen wir höchstens ein paar Dutzend Nasenstüber auszuteilen, und ihr liegt vor den Mauern der Stadt mitsamt euren weißen Schutzbuben!"
[GEJ.01_053,20] Diese Äußerung bringt den Petrus ganz in Harnisch, und er beruft sogleich einen Jüngling, daß er den Bürger züchtige! Der Jüngling aber sagt: „Ich möchte es wohl, so es des Herrn Wille wäre; aber der Herr hat mir noch keinen Wink gegeben, und so kann ich deinem Begehren noch nicht nachkommen. Gehe aber zuvor zum Herrn hin und sage Ihm das! So Er es will, werde ich handeln."
[GEJ.01_053,21] Petrus ging sogleich etwas vorwärts zu Mir hin und erzählte Mir seine Not. Ich aber sagte, indem Ich gerade vor dem Hause des Jonael stehenblieb: „Gehe hin und bringe Mir den Menschen her!"
[GEJ.01_053,22] Dem Petrus fiel sogleich ein Stein vom Herzen, und er eilte zurück und sagte zum Jünglinge: „Es ist Sein Wille!"
[GEJ.01_053,23] Hier sah der Jüngling den Bürger an, und dieser fing an zu beben und folgte ohne Widerrede dem Petrus, vom Jünglinge getrieben, zu Mir hin. Ich aber sah ihn an, und der Bürger bekannte, daß er gelogen habe, und daß nie ein solcher Magier von ihm gesehen ward, sondern er hätte nur von einem solchen Magier reden gehört und habe diesen Jünger nur versuchen wollen, ob er wohl fest in seinem Glauben sei, habe aber übrigens durchaus keine böse Absicht gehabt.
[GEJ.01_053,24] Sage Ich: „Du bist einer, der sich mit einer zweiten Lüge der ersten wegen helfen will, und bist somit des Teufels! Gehe hin, und er soll dir den Lohn geben, da du ihm ein so getreuer Knecht bist!"
[GEJ.01_053,25] Sogleich trat ein arger Geist zum Bürger und fing an, ihn jämmerlich zu quälen. Der Bürger aber schrie überlaut: „Herr, hilf mir! Ich bekenne es ja laut, daß ich gesündigt habe!"
[GEJ.01_053,26] Ich aber sage: „Von wem hast du gehört, daß des Jonaels vier älteste Töchter Huren wären? Bekenne es laut, sonst lasse Ich dich quälen bis ans Ende der Welt!"
[GEJ.01_053,27] Sagt der Bürger: „O Herr, ich habe es von niemandem je vernommen, sondern ich selbst begegnete einmal in der Nacht den vier Töchtern, wie sie Wasser trugen vom Jakobsbrunnen, und redete sie an, um eine schlechte Sache mit ihnen zu haben. Die Töchter aber verwiesen mir mein Vorhaben auf eine Art, daß ich sie gerne stehen ließ; aber ich schwur ihnen darob meine Rache, dichtete solche Schändlichkeit ihnen aus meinem bösen Herzen an und streute selbst ein solches Gerücht allerorts über sie aus! Die Töchter sind ganz völlig Jungfrauen! O Herr, ich allein bin schlecht; alle andern sind gut und rein!"
[GEJ.01_053,28] Hier gebiete Ich dem argen Geiste, daß er vom Bürger weiche; aber dafür muß dieser dem Jonael genugtun! Er aber ist ein Kaufmann, geht zurück und bringt den Töchtern zehnmal soviel, als Ich ihm vorschrieb, und bittet den Jonael und die Töchter um Vergebung.
[GEJ.01_053,29] Ich aber sage ihm: „Die Gabe allein genügt nicht zur Sühne solcher Unbill! Gehe hin und widerrufe alles, was du irgendwo Arges über sie geredet hast, alsonach erst sollen dir deine Sünden vergeben sein! Also sei und geschehe es!"
[GEJ.01_053,30] Der Bürger verspricht, das alles sogleich zu tun; nur meint er, so solches irgend ein Fremder erfahren hätte, den er nicht kennte, und von dem er auch nicht wüßte, wo er wohnte, da möchte ich es ihm nachsehen, so er an solch einen Menschen keinen Widerruf erlassen könnte!
[GEJ.01_053,31] Ich aber sage: „Was dir möglich ist, das tue; alles andere werde Ich tun, und dir bleibt keine Sünde weiterhin!"
[GEJ.01_053,32] Damit ist der Bürger zufrieden und geht gutzumachen alles, was er Übles angerichtet hatte.
54. Kapitel
[GEJ.01_054,01] Als der Bürger fort ist, berufe Ich Jonaels Weib und Töchter, die, als sie den Bürger bei Mir ersahen, aus Furcht wieder von des Hauses Flur ins Haus zurückgewichen sind.
[GEJ.01_054,02] Auf Meinen Ruf kommen sie alle eiligst hervor, gehen behende auf Mich zu mit den freundlichst heiter-frommen Mienen und danken Mir mit Tränen in den Augen, daß Ich ihnen ihre durch den schlimmen Menschen verunglimpfte Unschuld wiedergegeben habe!
[GEJ.01_054,03] Ich aber lege Meine Hände auf ihre Häupter, segne sie und sage, daß sie den ganzen Tag über an Meiner Seite wandeln sollen! Sie aber entschuldigen sich und sagen: „O Herr, solcher zu großen Gnade sind wir nimmer wert! Wir sind schon überselig, Dir als die letzten dieser großen Schar folgen zu dürfen!"
[GEJ.01_054,04] Ich aber sage: „Ich kenne eure rechte Demut wohl und berufe euch eben deshalb, in Meiner nächsten Nähe zu wandeln den Weg, dahin an diesem Tage Ich in dieser Gegend wandeln werde!"
[GEJ.01_054,05] Die Töchter danken Mir für solche für sie kaum begreiflich höchste Auszeichnung. Jonael aber fragt die Töchter, sagend: „Meine lieben Töchter! Wo habt ihr denn diese herrlichen Kleider, die euch wahrhaft himmlisch schön stehen, bekommen?"
[GEJ.01_054,06] Nun erst bemerken die Töchter, daß sie Kleider vom feinsten, gediegensten Byssus anhaben, und daß ihre Häupter mit den kostbarsten Diademen geschmückt sind, daß sie aussehen, als wären sie die Töchter eines Königs.
[GEJ.01_054,07] Als die sieben solcher Pracht an sich gewahr werden, da ist es vollends aus bei ihnen! Ihre Herzen fangen an, zu flammen vor Liebe und Bewunderung, und in süßester Verwirrung wissen sie gar nicht, was da mit ihnen vorgefallen ist. Nach einer Weile des Staunens erst fragen sie den Jonael, wie denn das zugegangen sei, denn sie wüßten nichts von dem, ob ihnen jemand solche königlich herrlichsten Kleider und Diademe überbracht hätte.
[GEJ.01_054,08] Jonael aber sagt, selbst ganz entzückt über die große Anmut seiner Töchter: „Bei Dem, Der euch gesegnet hat, bedanket euch! Er hat es euch gegeben wunderbar!"
[GEJ.01_054,09] Hier fallen die Kinder auf Mich hin, weinen vor Liebe und Freude und sind nicht imstande zu reden. Die Jünger aber sagen hinter Mir: „Wenn so was nur in einem Hause geschähe! Aber hier auf offener Straße im Angesichte von etlichen tausend Zuschauern macht die Sache denn doch zu viel Aufsehen!"
[GEJ.01_054,10] Ich aber vernahm es wohl, daß sie also redeten, wendete Mich um und sagte zu ihnen: „Ich bin schon lange bei euch, aber ihr habt Meinem Herzen noch nie solch eine Freude bereitet als wie diese sieben Töchter hier! Ich sage euch, diese sind schon am rechten Wege und haben den besten Teil sich erkoren; so ihr nicht solchen Weges wandeln werdet, da werdet ihr kaum Eingang finden in Mein Reich! Denn die Kinder, die also zu Mir kommen, werden auch bei Mir bleiben; die aber nur kommen mit purem Lob und Preise, die werden nur Meinen Abglanz, aber nicht Mich Selbst haben in ihrer Mitte!
[GEJ.01_054,11] Mein wahres Reich aber ist nur dort, wo Ich selbst bin in aller Wirklichkeit unmittelbar! Solches fasset auch! Der Herr aber ist auch ein Herr vollkommen über alle Welt und hat nicht zu bedenken, was sich vor der dummen Welt schicke oder nicht! Habt ihr das verstanden?"
[GEJ.01_054,12] Sagt Petrus: „Herr, habe Geduld mit unserer großen Torheit! Du weißt es ja, daß wir nicht aus dem Himmel, sondern von dieser Welt unsere Bildung haben. Es wird schon alles wieder gut werden; denn wir lieben Dich ja auch über alles, ansonst wir Dir nicht gefolgt wären!"
[GEJ.01_054,13] Sage Ich: „Also bleibet denn in der Liebe und nehmet nicht Kenntnis von dieser Welt, sondern von Mir aus den Himmeln!" Damit sind die Jünger zufrieden und preisen Mich in ihren Herzen.
55. Kapitel
[GEJ.01_055,01] Wir aber beginnen nun unsern Weg weiter fortzusetzen und kommen nach einer Stunde in einen reinen, schattigen Hain, der einem reichen Kaufmanne von Sichar gehörte. In diesem Haine sind allerlei Verzierungen angebracht, kleine Gärtchen, Bäche, Teiche mit allerlei Fischen und Vögeln; und am Ende des sehr gedehnten Hains befindet sich ein altes Schloß von großer Ausdehnung und hat starke Schutzmauern. Dieses Schloß hatte Esau erbaut, und er lebte daselbst, als Jakob in der Fremde war. In den Stürmen der Zeit hatte es natürlich viel gelitten; aber dieser Kaufmann hatte große Summen darauf verwendet und es wieder ganz bewohnbar hergestellt, und er wohnte mit all den Seinen auch häufig in diesem Schlosse und war auch diesmal allda wohnend. Er war zwar ein wohltätiger Mensch und hatte noch viele andere Güter, aber auf diese Besitzung hielt er viel und sah es ungern, so sein großer Hain von zu vielen Menschen betreten ward; denn er verwendete viel auf die Kultur desselben.
[GEJ.01_055,02] Als er nun aus seinem Schlosse ersah, daß eine große Volksmenge durch den Hain gegen die Schloßmauern sich bewegte, sandte er schnell seine vielen Diener und Knechte, daß sie uns aus dem Haine schaffen sollten, und ließ uns auch fragen, was wir da wollten.
[GEJ.01_055,03] Ich aber sagte zu den Knechten: „Gehet hin zu eurem Herrn und saget ihm: sein und euer Herr lasse ihm sagen, daß Er mit allen, die mit Ihm sind, bei ihm einkehren und Mittag halten werde!"
[GEJ.01_055,04] Da kehren die Knechte und die Diener sogleich um und hinterbringen das ihrem Herrn. Dieser aber fragt sie, ob sie nicht wüßten, wer Ich, Der solches von ihm verlange, wäre. Die Knechte und Diener aber antworten und sagen: „Wir haben es dir ja ohnehin gesagt, wie er also zu uns geredet hat, daß er dein und unser Herr ist; was fragst du uns abermals?! Sieben königlich geschmückte Töchter begleiten ihn zunächst, und hinter diesen begleitet ihn eine unübersehbar große Schar! Am Ende ist er ein Fürst aus Rom, und es wird daher sehr geraten sein, ihm entgegenzueilen und ihn am großen Mauertore mit allen Ehren zu empfangen!"
[GEJ.01_055,05] Als der Kaufmann solches vernimmt, sagt er: „So bringet sogleich meine teuersten Festkleider, und das ganze Haus schmücke sich auf das festlichste! Denn ein solcher Fürst muß auf das glänzendste empfangen werden!"
[GEJ.01_055,06] Nun rennt alles sogleich durcheinander im ganzen Schloß, die Köche und Köchinnen rennen in die Speisekammern und bringen sogleich Massen von allerlei Speisen in die Küchen, und die Gärtner laufen in die großen Gärten, zu sammeln allerlei köstliches Obst.
[GEJ.01_055,07] Nach einer Weile kommt des Schlosses Herr, umgeben von hundert seiner vorzüglichsten Diener im glänzendsten Anzuge, verneigt sich, als er zu Mir kommt, nahe bis zur Erde dreimal und heißt Mich mit allen, die Mich begleiten, willkommen und dankt für die ihm erwiesene allerhöchste Gnade; denn er ist der Meinung, daß Ich im Ernste ein Fürst aus Rom sei.
[GEJ.01_055,08] Ich aber sehe ihn an und frage ihn: „Freund, was hältst du fürs Höchste, das ein Mensch auf der Erde bekleiden kann?"
[GEJ.01_055,09] Sagt der reiche Kaufmann: „Herr, vergib mir, deinem gehorsamsten Sklaven, ich war so dumm, nicht zu verstehen deine allererhabenst weiseste Frage; darum steige herab von der unermeßlichen Weisheitshöhe und wolle die Frage allergnädigst also stellen, daß sie meiner unbegrenzten Dummheit verständlich werde!" (Er hatte jedoch die Frage gar wohl verstanden; aber es war damals eine läppische Höflichkeitssitte, auch die leichteste Frage nicht sogleich zu verstehen, so man von einer hohen Person um etwas gefragt worden ist, um dadurch die Weisheit der hohen Person zu erhöhen.)
[GEJ.01_055,10] Ich aber sage zu ihm: „Freund, du hast Mich recht wohl verstanden und tuest also, als hättest du Mich nicht verstanden, nur der alten, jetzt aber schon gänzlich aus dem Kurs gekommenen Höflichkeit wegen. Laß sonach diese alte Läpperei beiseite und gib Mir Antwort auf Meine Frage!"
[GEJ.01_055,11] Sagt der Kaufmann: „Ja, so ich es wagen darf, auf deine hohe Frage, hoher Herr, sogleich zu antworten, so glaube ich mit deiner hohen Erlaubnis die hohe Frage wohl verstanden zu haben, und meine Antwort wäre demnach diese: daß ich als das Höchste ganz natürlich den Kaiser und dessen Amt als das allerhöchste ansehe und halte, das ein Mensch auf dieser Erde bekleidet."
[GEJ.01_055,12] Sage Ich: „Aber Freund, warum widersprichst du dir denn gar so sehr in deinem Herzen gegen deinen eigenen Wahlspruch, der da sagt: ,Die Wahrheit ist das Höchste und Heiligste auf dieser Erde, und ein Beamter, der getreu das Amt der Wahrheit und des Rechtes versieht, bekleidet das höchste und erhabenste Amt auf Erden!‘ Siehe, das ist dein Wahlspruch! Wie magst du das Amt eines Kaisers, der nur das Amt der rohen Gewalt als höchster Befehlshaber versieht, das sich sicher nicht allzeit auf Wahrheit und Recht stützt, deiner inneren Überzeugung widersprechend, als das Höchste bekennen?!"
[GEJ.01_055,13] Hier macht der reiche Kaufmann große Augen und sagt nach einer Weile: „Herr, du Hoher! Wer verriet dir meinen Wahlspruch? Ich habe ihn noch nie ganz laut ausgesprochen, gedacht freilich tausend und abermals tausend Male! Denn wir wissen es nur zu gut, daß man mit der nackten Wahrheit nicht immer am besten darauskommt, und man muß mit derselben aus allerlei politischen Gründen schön fein zu Hause bleiben, so man unter Menschen mit heiler Haut herumgehen will!
[GEJ.01_055,14] Aber wie ich's nun merke, so scheinst du, hoher Fürstensohn, selbst ein großer Wahrheits- und Rechtsfreund zu sein, und so dürfte es vor dir doch geheuer sein, dir mit der lieben Wahrheit entgegenzutreten; denn recht große Herren wollen die Wahrheit niemals hören, halten darum die Schmeichelei in Ehren, die allein sie nur begehren, und alles Menschenrecht ist bei ihnen schlecht. Was sie wollen, sie sich's holen – mit Gewalt nur zu bald. Ob die Armen übers Unrecht klagen, jetzt wie einst in alten Tagen, das ist eins den großen Herren, die da stehn in hohen Ehren. Darum muß man wohl politisch sein und muß mit ihnen reden fein, sonsten gibt es Kerker und Galeeren, die der Menschen Qual und Pein vermehren."
[GEJ.01_055,15] Sage Ich: „Hast gut und wahr geredet! Ich bin darin ganz deiner Ansicht; aber nun sage es Mir, für wen du Mich so ganz eigentlich hältst!"
[GEJ.01_055,16] Sagt der Kaufmann: „Herr! Das ist eine sehr kitzlige Frage. Sage ich zuviel, so werde ich offenbar ausgelacht; sage ich aber zuwenig, dann komme ich ins Loch! Daher wird es besser sein, schön fein hier die Antwort schuldig zu bleiben, als sich für die Antwort nachher im Kerker mit Qual und Pein die Zeit zu vertreiben!"
[GEJ.01_055,17] Sage Ich: „So Ich dir aber die Versicherung gebe, daß du weder das eine noch das andere zu befürchten haben sollst, so wirst du Mir wohl antworten können?! Sage es daher gerade heraus, für wen du Mich hältst!"
[GEJ.01_055,18] Sagt der Kaufmann: „Für einen Fürsten aus Rom, – so ich schon reden muß!"
[GEJ.01_055,19] Sagt hinter Mir der Jonael: „Das dürfte wohl viel zu wenig sein! Wirst schon einmal etwas höher raten müssen; mit dem Fürsten wird es sich nicht tun!"
[GEJ.01_055,20] Der Kaufmann erschrickt und sagt: „Am Ende ist es der Kaiser selbst?!"
[GEJ.01_055,21] Sagt Jonael: „Noch immer viel zu wenig; daher rate höher!"
[GEJ.01_055,22] Sagt der Kaufmann: „Das werde ich wohl bleibenlassen; denn über einem Kaiser von Rom gibt es nichts Höheres mehr!"
[GEJ.01_055,23] Sagt Jonael: „Und doch! Noch gar viel Höheres gibt es; denke nach und sage es nur rund heraus! Denn ich sehe dir ja ins Herz, das bei dir dem Kaiser von Rom den niedersten Platz anweist; warum sprichst du denn anders, als wie du denkst und fühlst in deinem Herzen? Rede also die Wahrheit!"
56. Kapitel
[GEJ.01_056,01] Sagt der reiche Kaufmann nach einer kleinen Weile: „Liebe hohe Gäste! Da ist nichts besser, als nur schön fleißig dem Munde die Sperre anzulegen und so wenig zu reden als nur immer möglich! Denn niemals darf man, und vor hohen Personen schon am allerwenigsten, das ganz offen kundgeben, was man im Herzen denkt und fühlt; denn die hohen Menschen haben eine sehr feine Haut, die den scharfen Hieb der Wahrheit nicht verträgt. Daher ist es also auch besonders in Gegenwart solcher höchsten Herrschaften gefährlich, mit der Wahrheit zum Vorschein zu kommen. Denn solche Herrschaften haben etwas, das Versuchung heißt, und vor solcher muß man sich mehr in acht nehmen, als vor Schlangen, Nattern und Basilisken; denn man hat Exempel, – ja, man hat ganz kuriose Exempel! Jeder denke, was er will; im Handeln aber sei er ein guter Patriot, so wird er mit allen Menschen gut auskommen! Aber nur so wenig als möglich reden; sonst könnte man sehr leicht mit den entsetzlichen Bütteln in eine höchst unangenehme Berührung kommen!
[GEJ.01_056,02] Ich habe eigentlich so schon viel zu viel der Wahrheit geredet! Darum bleibe ich nun fest beim Kaiser stehen und sage noch einmal: Auf der Erde gibt es außer dem Kaiser Roms nichts Höheres mehr; Caesarem cum Jove unam esse personam. Was ein Cäsar will, übt die Gottheit still!
[GEJ.01_056,03] Darum hinweg von der Erde mit der Wahrheit, so es irgend eine Wahrheit gibt; sie taugt nichts fürs Menschengeschlecht! Wie viel Unheil hat die Wahrheit schon angerichtet, und ihre Lehrer haben entweder am Kreuzpflocke oder unter dem Schwerte ihren Wahrheitsgeist ausgehaucht! Wer sich aber recht aufs Lügen verlegt hat, der ist noch stets mit der heilen Haut davongekommen, – höchstens, daß sie hie und da, wenn sie zu dumm gelogen haben, zu den Füßen haben ihre Augen richten müssen; aber geschehen ist ihnen weiter nicht viel, während aber, mit geringer Ausnahme, noch fast alle großen Freunde der Wahrheit eines gewaltsamen Todes von der Erde abgefahren sind.
[GEJ.01_056,04] So aber der Wahrheit ein solcher ,Lohn‘ folgt, welcher Esel oder Ochse wird noch fürder wollen ihr Freund sein?! Man behalte sie wie einen Arrestanten lieber in der eigenen Brust verriegelt und wandle frei unter den Menschen, statt daß man durch ihre Freilassung selbst zum Arrestanten an Leib und Seele wird; denn so der Leib im Kerker schmachtet, kann die Seele für sich in keinen Lusthain wandeln gehen.
[GEJ.01_056,05] Ich habe auch noch nie gehört, daß die Wahrheit irgend etwas Gutes gestiftet hätte. Einige Beispiele sollen euch die Sache ins hellere Licht stellen:
[GEJ.01_056,06] Ein Dieb ist wegen starken Verdachtes verhaftet worden und steht vor den strengen Richtern. Versteht er sich aufs Lügen, so wird er entlassen aus Mangel an hinreichenden Beweisen; spricht der Esel aber die Wahrheit, so wird er mit aller Schärfe gezüchtigt. Da hole der Beelzebub die Wahrheit!
[GEJ.01_056,07] So ist jemand, wie es nur zu oft geschieht, von einem Pfiffikus bei irgend einem Handel um ein bedeutendes hinters Licht geführt worden. Der Betrogene, der ohnehin viele Geschäfte und Vermögen besitzt, merkt diesen Betrug nicht und ist dabei ganz guter Dinge. Nun kommt aber ein Wahrheitsfreund, der den Betrug gemerkt hat, und entdeckt dem Betrogenen, wie er von seinem Geschäftsmanne um soundso viel ist betrogen worden! Von dem Augenblick an wird der Betrogene erst unglücklich, geht zum Richter und läßt sich's viel kosten, um den Betrüger zu züchtigen. Hat ihm diese Wahrheit etwas Gutes gebracht?! Nein, Zorn und Rache nur hat sie in ihm erweckt und ihn zu noch größeren Auslagen seines Vermögens verleitet! Dem Betrüger aber, der zu lügen verstand, schadete die Wahrheit des Verräters nicht nur nicht, da ihm die Lüge half, aber gerade den verräterischen Wahrheitsfreund brachte sie als einen böswilligen Verleumder ins Gefängnis! Frage: Welchen Lohn zollte hier abermals die Wahrheit ihrem Freunde?!
[GEJ.01_056,08] Darum hinweg von der Erde mit der Wahrheit! Sie allein ist an allem Unglück der Menschen schuld, wie auch Moses spricht im ersten Buche: ,Sobald du vom Baume der Erkenntnis, als vom Baume der mannigfachen Wahrheit, essen wirst, da auch wirst du sterben!‘ Und also ist es und bleibt es noch bis zur Stunde! Mit der Lüge kommt man auf den Thron und mit der Wahrheit ins Gefängnis! Schöne Bescherung den Freunden der Wahrheit!
[GEJ.01_056,09] Suchet daher die Wahrheit, wo ihr wollt; nur mich lasset ungeschoren! Was meine Speisekammern fassen, und was in meinen Gärten wächst, stehet euch zu Gebote; das Heiligtum meines Herzens aber gehört mir allein, als eine Gabe Jehovas! Euch und aller Welt aber gebe ich, was ich von der Welt habe, und das ist der Welt Heil! Gottes Heil aber behalte ich allein für mich!"
[GEJ.01_056,10] Sagt der Oberpriester: „Ich bekenne es dir offen, daß du nun, wie es eigentlich weltlich in der Welt ist, ganz richtig geurteilt hast. Aber, weil du schon von Moses geredet hast, so wirst du es ja auch wissen, daß da Moses ein Gesetz von Gott erhielt für sein Volk, in welchem Gesetze die Lüge oder das falsche Zeugnis verboten ist und allen Menschen nur die Wahrheit zur Pflicht gemacht wird!? Wenn dieses Gesetz alle Menschen beachten würden, sage selbst, wäre es da nicht herrlich zu leben auf der Erde?!
[GEJ.01_056,11] Ich sage es dir, und du mußt es einsehen: Nicht die Wahrheit, sondern allein die Lüge ist es, von der alles Unheil auf der Erde unter die Menschen kommt, und das darum, weil die Menschen mit seltener Ausnahme herrschsüchtig und hochmütig sich gegenseitig begegnen. Ein jeder will mehr sein als sein Nebenmensch, und so greift der blinde Mensch nach allen Mitteln, die ihn befähigen können, sich seinen Nebenmenschen in einem wie nur immer möglich größeren Vorrange zu zeigen und dem Schwächeren glauben zu machen, er sei bei weitem mehr und viel vorzüglicher als irgend ein anderer Mensch.
[GEJ.01_056,12] Diese Ranggier verleitet dann mit der Weile die Menschen zu allerlei Lastern, zum Mord und Totschlag sogar, so es ihnen auf anderen Wegen der Lüge und des Betrugs nicht gelingen will, zu großem Rang und Ansehen vor anderen Menschen zu gelangen.
[GEJ.01_056,13] Weil demnach die Menschen nahe allesamt besser und vorzüglicher sein wollen als sie sind, so bleibt ihnen freilich nichts anderes übrig, als sich kreuz und quer in einem fort so viel nur immer möglich anzulügen, und die Wahrheit hat in der Mitte solcher Menschen einen überaus schweren Stand.
[GEJ.01_056,14] Möchten aber die Menschen den endlosen Vorzug der Wahrheit vor der Lüge erkennen, was sehr leicht möglich wäre, so sie Gott und dessen heilige Gesetze in der wahrhaftigen Tat respektierten, dann würden sie die Lüge fliehen ärger denn die Pest, und die wahre Gerechtigkeit Gottes würde dann einen Lügner strafen mit dem Tod. Aber weil die Menschen hochmütig und herrschsüchtig sind allzumal, so lieben sie die Lüge und reden ihr das Wort.
[GEJ.01_056,15] Aber die Menschen, wie es die etlich tausendjährige Erfahrung zeigt, leben nicht ewig auf dieser Erde, sondern sie müssen alle in kurzer Zeit sterben dem Leibe nach, der am Ende den Würmern zur Speise gegeben wird; die Seele aber wird dann treten müssen vor Gottes Gericht! Da frage ich, wie sie mit ihrer hochgepriesenen Lüge vor Gott bestehen wird!
[GEJ.01_056,16] Ich aber meine und halte es lebendig dafür, daß es in dieser Welt besser sei, um der Wahrheit willen ans Kreuz zu kommen, als dereinst vor Gott zuschanden zu werden und von Ihm den Ruf: Weiche von Mir! für ewig zu vernehmen!
[GEJ.01_056,17] So du mich ordentlich verstanden und daraus entnommen hast, daß wir wahre Freunde der Wahrheit sind, da rede also die Wahrheit und fürchte dich nicht töricht, daß wir dich der Wahrheit wegen strafen werden, und sage uns offen und wahr, was du von uns und Dem hältst, Der nun mit meinen Töchtern spricht!"
57. Kapitel
[GEJ.01_057,01] Sagt der Kaufmann: „Freund, du hast nun in voller und rechter Weisheit mit mir geredet und mir das gesagt, was ich in mir nur zu oft schon empfunden habe; aber ich begreife es nicht, warum du nun gar so darauf dringst, daß ich euch kundtun solle, für was ich euch und besonders ihn hielte. Für was ich ihn gleich anfangs hielt, da sagtest du, daß er das nicht sei, sondern viel mehr! Wie man aber, ohne ein Gott zu sein, mehr sein kann als ein Gott der Menschheit irdisch, das heißt, als ein Kaiser, das begreife ich nicht! Jehova allein nur ist irdisch und geistig mehr denn der irdische Gott Kaiser! Das wird er aber doch nicht sein?"
[GEJ.01_057,02] Sagt der Jonael: „Ich sage es dir: Betrachte unsere Gesellschaft ein wenig schärfer; vielleicht wird dir doch an ihr etwas auffallen! Was hältst du von den vielen herrlichen Jünglingen, die du in unserer Gesellschaft ersiehst? Betrachte sie und rede dann!"
[GEJ.01_057,03] Der Kaufmann sagt: „Ich habe sie bis jetzt für Edelknaben des Kaisers und für Söhne der Patrizier Roms gehalten, obschon sie ihrer feinen und weißen Haut und Farbe halber eher verkleidete Mädchen aus Hinterkleinasien sein könnten. Denn wahrlich, obwohl ich viel Schönes derart gesehen habe, da ich in früherer Zeit mit derlei Ware Handel trieb nach Ägypten und nach Europa, und zwar zumeist nach Sizilien für die großen und aller Lebensüppigkeit sehr ergebenen Römer; aber Gestalten von so unaussprechbar herrlicher Art sind mir noch niemals untergekommen! Sage mir doch, woher und wer sie sind! Es sind wohl deine Töchter auch sehr herrliche Gestalten; aber im Vergleiche mit diesen – man könnte füglich sagen – strahlenden Gestalten stehen sie dennoch bei weitem zurück. So du sie sicher näher kennst denn ich, da sage du es mir, wer und woher sie sind!"
[GEJ.01_057,04] Sagt Jonael: „Das dir zu sagen kommt mir nicht zu, sondern allein Dem, Der hier steht in der Mitte meiner Töchter. Wende dich daher an Ihn! Er wird dir den rechten Aufschluß geben!"
[GEJ.01_057,05] Hier wendet sich der Kaufmann vollends an mich und sagt: „Herr dieser Scharen, die dir nach meiner Ansicht wie die Lämmer ihrem Hirten folgen, sage mir doch, mit wem ich in deiner Person zu reden die hohe Ehre habe! Denn ich ward gefragt und riet auf den irdisch höchsten Stand; aber es ward mir bedeutet, daß ich mich geirrt habe. Nun weiß ich nichts mehr zu reden; daher halte du mich für würdig, etwas Näheres über deinen Stand mir kundzutun!"
[GEJ.01_057,06] Sage Ich: „Du bist auch einer von denen, die nicht glauben, so sie keine Zeichen sehen. Sehen sie aber solche, dann sagen sie: Siehe, das ist entweder ein Jünger der Essäer, oder er ist ein Magier aus Ägypten oder gar aus dem Lande, das der Strom Ganges bewässert, oder er ist ein Knecht des Beelzebub! Was kann man aber dann tun? Sage Ich dir aber geradeheraus, Wer Ich bin, so wirst du es Mir nicht glauben!
[GEJ.01_057,07] Du hast deine Meinung ausgesprochen, und sie war falsch. Als Jonael dir sagte, Ich sei aber mehr denn dein irdischer Gott, da sagtest du: Nur Jehova allein ist größer denn ein Kaiser! und verwahrest dich stillschweigend vor einer Annahme, daß Ich mehr sein könnte, als da ist ein Kaiser Roms, den du im Grunde bloß aus Furcht vor dessen irdischer Macht als das Höchste auf Erden bekennst, in deinem Herzen ihn aber verachtest mehr denn eine Pest und seine Macht mehr denn Heuschreckenzüge.
[GEJ.01_057,08] Es ist aber heute bereits der dritte Tag, daß Ich Mich in Sichar aufhalte, und es ist von da in die Stadt nur ein Lustwandelweg von einigen Feldwegen; es sollte Mich sehr wundernehmen, daß du von deinen Kollegen in der Stadt keine Kunde von Mir solltest erhalten haben!"
[GEJ.01_057,09] Sagt der Kaufmann: „Ah, du bist also derjenige, von dem man mir erzählt hat schon gestern und heute, daß er der Messias sei und solches bezeuge durch wundervolle Taten! Das alte Haus der schönen Irhael habest du neu umgestaltet und wunderbar königlich eingerichtet?! Und man erzählte mir auch von einer scharfen Predigt am Berge, die du gehalten habest, an der sich aber viele stießen, da sie ganz antimosaisch gewesen sein solle! – Nun, nun, also der bist du!?
[GEJ.01_057,10] Nun, mich freut es, daß du mich besucht hast, und ich hoffe, dich noch näher kennenzulernen! Weißt du, ich bin dieser Idee nicht abhold und glaube fest, daß der Messias kommen werde und müsse! Die Zeit wäre so ungefähr, nach meiner Rechnung gerade zu reden, eine ganz geeignete, denn der Druck der Römer ist nahe nicht mehr zu ertragen! Und warum solltest du nicht der erwartete Messias sein können?! O das nehme ich bald und leicht an!
[GEJ.01_057,11] Wenn du deiner Kraft dir bewußt bist und es gehörig verstehst, dich als solcher allenthalben zu präsentieren, so stehe ich dir sogleich mit meinem ganzen großen Vermögen zu Diensten. Es sollen diese Schweine aus den heidnischen Abendlanden bald das Land unserer Väter räumen! Denn sieh, ich habe alle meine Kräfte von meiner Jugend an lediglich darauf verwendet, mir möglichst große Reichtümer zu sammeln des zu erwartenden Messias wegen, auf daß sich damit eine Großmacht von den tapfersten und verwegensten schlauen Kriegern durch guten Sold erkaufen lassen solle! Ich habe schon mit so manchen tapfersten Völkern von Hinterasien mich in die Korrespondenz gesetzt, und es bedürfte da nur einiger Boten, und in einer Zeit von etlichen Monden steht in diesen Gauen eine furchtbare Macht! Aber nun nichts mehr weiter davon; in meinem sehr geräumigen Hause werden wir darüber das Weitere verhandeln!
[GEJ.01_057,12] Nun aber wird das Mittagsmahl für euch alle auch schon bereitet sein; kommet daher alle und esset und trinket nach Herzenslust!"
[GEJ.01_057,13] Sage Ich: „Nun denn, sei bis dahin auch alles ganz wohl und gut; alles andere werden wir dann vollends besprechen und ausmachen! Und so denn führe uns alle in den großen Saal. Aber jene Männer dort ganz rückwärts lasse hier; diese gehören nicht zu den Meinen, sondern rein nur der Welt an!"
58. Kapitel
[GEJ.01_058,01] Sagt der Kaufmann: „Ich kenne sie, es sind harte Sichariten, die mit ihrem Glauben und Denken mehr Heiden denn Kinder Israels sind. Aber die Miserabelsten darunter sind dennoch die aus der Gegend des Galiläischen Meeres; das sind pure Materiediener und haben von etwas Höherem und Göttlichem gar keinen Wind mehr! Pure Spektakelhelden! Ein Magier aus Persien ist ihnen lieber als Moses und alle Propheten, und eine üppige Hure aus Oberasien lieber als Gold und Edelsteine! Ich kenne sie nur zu gut; aber um ihnen ihr loses Maul zu stopfen, will ich sie in meinem großen Gartensaale bewirten lassen. Denn so sie nichts bekämen, da wäre es aus!"
[GEJ.01_058,02] Sage Ich: „Tue, was du magst und kannst; denn Geben ist seliger als Nehmen! Aber in der Folge gib du nur den Dürftigen und Armen, und so jemand von dir ein Geld würde borgen wollen, ist aber reich, und du es sehen kannst, daß er es dir reichlichst zurückzahlen wird, dem borge nicht! Denn so du ihm wirst geborgt haben, wird er dir alsbald im geheimen zum Feinde werden, und du wirst deine Not haben, dein Geld samt den Zinsen wieder zurückzuerhalten.
[GEJ.01_058,03] Kommt aber einer zu dir, der arm ist, und du es sehen kannst, daß er nicht vermögen wird, dir je dein Geld zurückzuzahlen, so borge ihm, und der Vater im Himmel wird es dir ersetzen hundertfältig auf anderen Wegen schon auf Erden und wird dir dein dem Armen geborgtes Geld im Himmel selbst zu einem großen Schatze machen, der dich nach diesem Erdenleben jenseits hoch über dem Grabe erwarten wird.
[GEJ.01_058,04] Ich sage es dir: Was die Liebe tut auf Erden, das ist auch im Himmel getan und bleibet ewig; was aber die pure Weltklugheit tut, das verschlingt der Boden der Erde, und für den ewigen Himmel bleibt nichts übrig. Was kann aber auch all das irdische Schatzwerk nützen dem Menschen, so dabei seine Seele Schaden leidet?!
[GEJ.01_058,05] Wer für die Erde und fürs Fleisch sorget, ist ein Tor; denn so wie des Menschen Fleisch sein Ende hat, also wird es auch die Erde haben! Wann aber dereinst sicher das Ende der Erde herbeikommen wird, auf welchem Boden wird dann die arme Seele sich eine Wohnung nehmen?!
[GEJ.01_058,06] Ich sage dir aber, daß da jeder Mensch, so ihm der Leib genommen wird, auch gleichzeitig die Erde für ewig verliert. Und hat er sich in seinem Herzen durch die Liebe nicht eine neue Erde geschaffen, so wird seine Seele sich selbst den Winden und Wolken und Nebeln preisgeben müssen und wird in der ewigen Unendlichkeit herumgetrieben und nimmer irgend eine Rast und Ruhe finden, außer im falschen und nichtigen Gebilde der eigenen Phantasie, die, je länger sie andauern wird, auch stets schwächer, finsterer und am Ende zur dicksten Nacht und Finsternis wird, aus der die Seele aus sich selbst schwerlich je einen Ausweg finden wird! Daher magst du auch in der Zukunft also tun, wie Ich dir es nun gezeigt habe; aber für jetzt tue du, wie du es magst und kannst!"
[GEJ.01_058,07] Sagt der Kaufmann: „Du bist überaus weise und magst recht haben in allen Dingen, aber mit dem Geldborgen bin ich nicht so ganz einverstanden. Denn so man sich schon vieles Geld erworben und es doch nicht gerne tot liegen hat, so leiht man es doch besser auf mäßige Zinsen aus, als man vergrübe es, auf daß es einem die Diebe nicht nehmen könnten, so sie kämen zur Nacht und erbrächen Schränke und Kästen. Man kann ja daneben von dem Überflusse noch immer den Armen geben, was recht ist; denn gebe ich auf einmal alles her und wirtschafte nicht gut mit dem Vermögen, so werde ich bald nichts mehr haben und den vielen Armen werde ich nichts mehr zu geben imstande sein."
[GEJ.01_058,08] Sage Ich: „Laß du die rechte Wirtschaft Gott dem Herrn über und gib dem, den dir der Herr zuführen wird, und du wirst an deinem Vermögen keine Einbuße erleiden! Hast du denn nicht viele und große Äcker und Wiesen und Gärten voll Obst und Trauben, und sind deine gedehnten Stallungen nicht voll Ochsen, Kühen, Kälbern und Schafen? Siehe, ein Handel damit wird dir unter dem Segen Gottes stets das wieder ersetzen im Vollmaße, was du im Jahre hindurch an die wahrhaft Armen verteilt hast; aber was du in die Zinskassen der Reichen gibst, das wird dir von oben her nimmer ersetzt werden, und du wirst viele Sorgen haben und dich stets fragen, ob die Zinskassen dein Geld wohl ordentlich verwalten. Tue daher, wie Ich dir's ehedem gesagt habe, so wirst du ein gutes und sorgloses Leben haben, und alle Armen werden dich lieben und dir wo nur möglich, dich segnend, dienen und der Vater im Himmel wird stets segnen dein Tun und Lassen; und siehe, das wird besser sein denn die stets größeren Zinskassensorgen!"
59. Kapitel
[GEJ.01_059,01] Sagt der Kaufmann im Gehen in das Schloß: „Mein Herr und mein Freund, ich sehe es, daß aus dir eine rein göttlich-fromme Weisheit spricht, und zwar in einer so sanften Weise, wie ich sie noch nie aus einem menschlichen Munde vernommen habe; aber es gehört zur Beachtung solcher deiner Lehre ein starkes Vertrauen auf Jehova, was mir trotz meines sichern Glaubens mangelt. Ich weiß, daß Er es ist, Der alles erschaffen hat und nun alles leitet, regiert und erhält, aber ich kann es mir nicht lebendig genug vorstellen, daß Er als der allerhöchste Geist Sich in die Privatverhältnisse einlassen könnte, möchte und wollte! Denn Er ist für mich zu allerhöchstheilig, so, daß ich mir kaum getraue, auszusprechen Seinen allerheiligsten Namen, geschweige daß ich dann erst von Ihm erwarten sollte, Er werde mir in meinen schmutzigen Geldgeschäften Seine allmächtig heilige Hand zur Hilfe bieten!
[GEJ.01_059,02] Ich aber gebe auch den Armen, die zu mir kommen, und halte keinen Hund, daß er anbelle einen Bettler, und dieser sich fürchte, meine Türschwellen zu betreten. Nur diesen Hain, der mein Liebling ist, sehe ich ungern betreten werden von Fremden und Armen, weil sie die Anlagen und neuen Pflanzungen oft mutwillig verderben und darin als Hungrige und Durstige auch nichts finden, womit sie sich sättigen und ihren Durst stillen könnten. Ich habe aber dafür bei zwanzig Feldweges von hier einen großen Feigen- und Pflaumenwald gezogen; der steht allen Fremden und Armen zu Diensten, nur dürfen sie die Bäume nicht beschädigen, weshalb ich auch mehrere Aufseher dahin aufgestellt habe.
[GEJ.01_059,03] Du siehst aus dem, daß ich der Armen wohl gedenke; aber daß ich deshalb dem erhabensten Geiste mit einer Bitte kommen sollte, daß Er mir entweder irdisch oder nur pur himmlisch meine Geldsummen verwalten möchte, das sei ferne von mir! So Er etwas tun will und auch wirklich schon etwas getan hat, woran ich nicht zweifle, so steht das in Seinem freien heiligsten Willen! Ich aber habe vor Ihm eine also unbegrenzte Ehrfurcht, daß ich es mir kaum getraue, Ihm dafür zu danken; denn mir kommt es vor, daß ich durch solch einen rein materiellen Dank, durch den ich Ihm gewisserart zeigte, daß ich glaube, Er könnte mir als ein Handlanger gedient haben, Ihm eine übergroße Unehre antun würde. Ich lebe und handle daher als ein möglichst rechtlicher Mensch aus meinen mir von Gott verliehenen Kräften nach dem Gesetze und verbinde dem Ochsen und Esel das Maul nicht, so sie mein Getreide austreten; doch den großen Geist ehre ich nur an Seinem Tage! Denn es steht geschrieben: ,Den Namen deines Gottes sollst du nimmerdar eitel aussprechen!‘"
[GEJ.01_059,04] Sage Ich: „Wüßte Ich nicht schon lange, daß du ein rechtlicher und über die Maßen gottesfürchtiger Mann bist, Ich wäre nicht zu dir gekommen. Aber siehe, daß du Den fürchtest, Den du eigentlich über alles lieben solltest, das ist nicht völlig recht von dir, und Ich kam darum zu dir, um dir zu zeigen, wie du Gott mehr lieben als fürchten sollst in der Zukunft. So wird Sich Gott dann schon herabwürdigen zu dir und wird dir in allem ein sicherster, kräftigster und verläßlichster Handlanger sein!"
60. Kapitel
[GEJ.01_060,01] Nach dieser Meiner Anmerkung aber haben wir auch weilenden Schrittes den großen Hofraum des Schlosses erreicht, und es kommt alle Dienerschaft dem Kaufmann über alle Maßen erstaunt und verlegen entgegen, und der Oberdiener, der Vogt der Dienerschaft, führt das Wort und spricht: „Herr, Herr, das ist nun eine saubere Wirtschaft! Unsere Köche und Köchinnen bringen gar keine Speise zurecht; alles mißlingt! Wir wollten die Tische doch wenigstens mit Obst und Wein besetzen und mit einer rechten Menge Brotes; aber die Zimmer sind alle derart versperrt, daß wir aber auch nicht eine Tür mit aller Gewalt zu öffnen imstande waren! Was werden wir nun tun?"
[GEJ.01_060,02] Der Kaufmann, zum Teil selbst über die Maßen erstaunt und zum Teil ganz ärgerlich, sagt: „So ist es, wenn ich nur den Fuß über die Schwelle setze; nichts als Unordnung über Unordnung! Was treiben denn die Köche und Köchinnen? Sind bei mir nicht schon oft zehntausend Gäste bewirtet worden, und es ging alles ordentlich vor sich; nun sind ihrer in allem kaum tausend, und allenthalben sieht die größte Unordnung heraus! Aber, was sehe ich?! Bei allen Fenstern schauen Jünglinge heraus; mein Schloß ist also voll Menschen, und du und deine dir untergebenen Knechte sagen, daß da alle Türen in meinem Schlosse verschlossen seien?! Wie geht das zu? Lüget ihr und wollt vor mir eure Trägheit beschönigen, oder, so die Zimmer verschlossen sind, wer hat sie verschlossen?"
[GEJ.01_060,03] Der Vogt weiß nicht, was er seinem Herrn darauf erwidern soll, und die ganze große Dienerschaft des Herrn dieses Schlosses ist ob dessen sichtbaren Ärgers in großer Verlegenheit und Bestürzung; keiner weiß sich zu raten und zu helfen.
[GEJ.01_060,04] Ich aber sage zu diesem Kaufmann: „Lieber Freund, laß es also gut sein, wie es nun ist und steht! Siehe, als deine Diener und Wächter ehedem zu Mir in den Hain kamen, von dir abgesandt, um Mich zu fragen, wer Ich sei, und was Ich mit solch großer Gesellschaft hier suche, da begehrte Ich als ein Herr von dir, daß du uns allen ein gutes Mittagsmahl geben solltest! Da warst du schnell dazu entschlossen, obschon du nicht wußtest, wer Derjenige ist, Der von dir ein Mittagsmahl für so viele Gäste zu verlangen sich ein Recht nimmt.
[GEJ.01_060,05] Deine Diener wie auch du hielten Mich anfangs für einen Fürsten Roms und warst deshalb um so tätiger, Meinem Begehren nachzukommen; als du aber in der Folge unseres vielseitig belehrenden Gespräches dahin gebracht wurdest in deiner Erkenntnis, daß Ich der Messias sei, so warst du in deinem Herzen glücklich und dachtest bei dir um so mehr daran, Mich und die ganze Gesellschaft bestens zu bewirten, auf daß es Mir gefallen solle, bei dir zu verbleiben, bis du deine vermeinte Streitmacht gegen die Römer aus Ober- und Hinterasien zusammengebracht haben würdest, um unter Meiner Leitung aus dem Lande Gottes zu vertreiben alle Feinde, die da pur Heiden sind und nicht glauben an den lebendigen wahren Gott!
[GEJ.01_060,06] Als du solches in deinem Gemüte beschlossen hattest, da habe auch Ich im geheimen etwas beschlossen, und zwar, daß du nun Mein Gast, wennschon in deinem Hause, und nicht Ich der deine sein solle! Ich gebot daher Meinen trefflichen Dienern, und siehe, es ist nun schon alles in bester Bereitschaft, und du sollst heute an Meiner Seite mit der echtesten Himmelskost gespeist werden!
[GEJ.01_060,07] Deiner Gärten Frucht und was deine Küche geliefert hat aber setze du jenen schmählüsternen Weitmäulern aus Sichar vor, die sich noch dort im Haine herumtreiben und sich vor Ärger gar nicht zu helfen wissen, daß sie nicht auch zu den Geladenen gehören! Ich meine, es wird dir das keinen Kummer machen; denn sieh, so Ich bei jemandem einen rechten Willen sehe, so nehme Ich solch einen Willen auch schon sogleich fürs volle Werk an! Bei dir aber habe Ich einen rechten Willen gemerkt und befreite dich daher von dem für dich kostspieligen Werke. Denn Ich bin reicher denn du und will Mich daher nicht von dir sättigen, sondern Ich will, daß du von Mir sollst gesättigt werden!"
[GEJ.01_060,08] Hier macht der Kaufmann große Augen und sagt nach einer Weile tiefen Nachdenkens: „Herr, das ist für einen armen sündigen Menschen zu viel auf einmal! Ich vermag das Wunder nicht zu fassen in all seiner Größe und Tiefe! So du nur ein Mensch wärest, gleich wie ich ein Mensch nur bin, wäre dir das unmöglich; denn ich sah keine Kostträger (Lastträger) in deiner Gesellschaft. Woher allersonderbarst aber solltest du dann nun Speisen genommen haben auf einem natürlichen Wege?! Ich habe ehedem wohl auch einige solche schönsten Diener – oder vielleicht auch Dienerinnen darunter? – in deiner Gesellschaft bemerkt und bemerke sie, und zwar dieselben, noch; woher aber sind dann diese gekommen? Meines Schlosses Gemächer sind viele, und die meistens überaus geräumig; zehntausend Menschen haben darin ganz leicht Raum genug. Ich sehe aber nun diese schönsten Diener aus allen Fenstern nach uns herabblicken! Ich frage sonach abermals: Woher und von wannen sind diese gekommen?"
[GEJ.01_060,09] Sage Ich: „Freund, so du ausziehest aus deinem Hause in irgend ein anderes Land, um dort zu kaufen oder zu verkaufen, da nimmst auch du dir nach deinem Bedarfe Diener mit und lässest dir dienen; und siehe, also tue es auch Ich! Ich habe deren überaus viele; ihre Zahl könntest du schwerlich je fassen. Wenn Ich nun ausziehe, warum sollen Meine Diener und Knechte bei solcher Gelegenheit daheim verbleiben?!"
[GEJ.01_060,10] Sagt der Kaufmann: „Herr, das ist alles ganz vollkommen in aller Ordnung; ich aber möchte nur wissen, von wannen du und alle diese deine herrlichsten Diener gekommen seid. Das, das drängt mich's zu erfahren."
[GEJ.01_060,11] Sage Ich: „Laß uns zuvor das Mittagsmahl nehmen, und es wird sich dann schon noch eine Zeit finden, in der du darüber nähere Belehrung erhalten wirst. Für jetzt aber haben wir schon zur Genüge geredet, und es ist nun vollends an der Zeit, Ruhe und Stärkung zu nehmen. Gehen wir alsonach in den großen Saal, der in diesem Schlosse gegen Morgen liegt und von uns jetzt nicht gesehen werden kann, indem wir uns gerade an der abendlichen Seite des Schlosses befinden, da man den großen Flügel dieses Schlosses nicht sehen kann!"
[GEJ.01_060,12] Hier fällt der Kaufmann vor lauter Bewunderung nahe in eine Ohnmacht und sagt nach einer Weile voll des höchsten Staunens: „Herr, jetzt wird mir die Sache wahrlich nahe schon zu dick wunderbar! Es gab einst wohl einen Morgenflügel dieses Esau-Schlosses, aber es dürften bereits zwei Jahrhunderte in die unwiederbringliche Vergangenheit hinabgerollt sein, seit dieser Morgenflügel bestanden hatte; ich und meine Vorfahren wissen aber kaum mehr was davon. Wie sprichst du hernach vom großen Saale im Morgenflügel dieses Schlosses?"
[GEJ.01_060,13] Sage Ich: „Erst wenn du in diesem deinem Schlosse keinen Morgenflügel finden wirst, magst du reden; wirst du aber einen finden, dann denke und fasse es in dir, daß bei Gott alle Dinge möglich sind! Sei aber darob stille und rede zu Meiner Gesellschaft nichts davon; denn für derlei Taten ist Meine Umgebung noch nicht reif!"
[GEJ.01_060,14] Sagt der Kaufmann: „Wahrlich, nun brenne ich im Ernste vor Begierde, diesen Morgenflügel meines Schlosses zu sehen, von dem meine Urvorfahren kaum etwas reden gehört haben! Die Grundmauern sind wohl noch hie und da ersichtlich, das aber ist auch alles, was auf mich von dem einst so prachtvoll gewesen sein sollenden Flügel dieses Schlosses überkommen ist." – Nun erst geht der Kaufmann behende voran, und wir folgen ihm.
61. Kapitel
[GEJ.01_061,01] Als er in das erste Stockwerk gelangt, so ersieht er sogleich diesen vorbesagten Flügel, läuft voll Entzückung in die offene große Türe, beschaut den großen Saal und fällt vor Verwunderung zusammen. Es treten aber sogleich mehrere der weißen Jünglinge zu ihm, helfen ihm auf und stärken ihn. Als er sich ein wenig erholt, geht er wieder auf Mich zu und fragt Mich mit einer vor höchster Verwunderung bebenden Stimme: „O Herr, ich bitte dich, sage mir doch für ganz bestimmt, ob ich wohl wach bin, oder ob ich etwa schlafe und nun ganz festweg träume!"
[GEJ.01_061,02] Sage Ich: „Also wie du nun fragtest, scheinst du zwar wohl mehr zu träumen denn wach zu sein; aber du bist dennoch wach, und was du da schauest, ist feste Wirklichkeit! Du selbst sagtest Mir draußen im Haine, wie du vernommen habest, daß Ich das alte Haus Josephs, das in dieser Zeit von der Irhael bewohnt und als eigentümlich besessen ist, in aller Kürze vollends neu wiederhergestellt habe. Nun, konnte Ich das Haus Josephs wieder aufrichten, so werde Ich doch auch die alte Feste Esaus zu erneuern imstande sein?!"
[GEJ.01_061,03] Sagt der Kaufmann: „Ja, ja, das ist nun sichtbar und wahr; aber es ist dennoch unglaublich, daß ein Mensch solche Dinge verrichten kann! Höre, Herr! So du nicht ein Prophet wie ein Elias bist, so mußt du entweder ein Erzengel in menschlicher Gestalt oder am Ende etwa gar Jehova Selbst sein! Denn solche Dinge sind nur Gott allein möglich!"
[GEJ.01_061,04] Sage Ich: „Ja, ja, wenn du kein Zeichen gesehen hättest, so hättest du Mir auch nicht geglaubt! Nun glaubst du freilich, aber in solchem Glauben bist du nicht freien Geistes! Auf daß du aber dennoch freier werdest in deinem Herzen, so sage Ich zu dir: Nicht Ich, sondern diese vielen Jünglinge haben das gemacht; sie haben solche Macht von Gott dem Vater. Diese magst du fragen, wie sie solches angestellt haben!"
[GEJ.01_061,05] Sagt der Kaufmann: „Richtig! Ich habe schon draußen den Jonael gefragt, wer und woher diese wunderherrlich schönsten jungen Wesen seien, bekam aber keine Antwort, sondern ward ganz einfach an dich gewiesen. Als ich zu dir kam, vergaß ich es sonderbarerweise ganz; meine Frage beschäftigte sich da bloß mit dir, und unser Diskurs nahm eine ganz andere Wendung. Nun erst erinnere ich mich wieder dessen und möchte nun von dir eine rechte Auskunft überkommen, wer, was und woher so ganz eigentlich diese allerholdesten Jünglinge sind."
[GEJ.01_061,06] Sage Ich: „Um dich nicht lange hinzuhalten, so sind das Gottes Engel, so du es annehmen willst. Willst du aber das nicht annehmen, so halte sie für was du willst, nur für Teufel oder dessen Diener nicht!"
[GEJ.01_061,07] Sagt der Kaufmann: „O Herr, o Herr, wohin, wohin ist es denn mit mir gekommen?! Ehedem fragte ich dich, ob ich wohl wach sei, oder ob ich schlafe und träume; nun aber frage ich dich, ob ich noch lebe. Denn solche Dinge können sich ja doch auf der wirklichen Erde nicht zutragen!"
[GEJ.01_061,08] Sage Ich: „Oh, – und ob du auf der Erde lebest! Ich habe dir deine innere Sehe erschlossen, und so magst du nun auch die Geister der Himmel schauen! Aber nun frage nicht weiter, denn es ist Zeit zum Mittagsmahle! Bereitet ist alles, und somit begeben wir uns zu den Tischen!"
[GEJ.01_061,09] Sagt der Kaufmann: „Ja, ja, recht also! Aber ich werde vor Staunen über Staunen nicht viel zu essen imstande sein, denn es ist hier alles Wunder über Wunder! Nein, heute morgen hätte ich so was gar nicht zu ahnen vermocht! Diese Sache kam mir viel zu schnell und viel zu unerwartet. Es sind noch kaum drei Stunden, seit ihr von Sichar her in meinen großen Hain eingedrungen seid, und was ist alles in diesen drei Stunden geschehen?! – Das Unglaublichste! – Und doch ist es da! Aber wer anders als die Zeugen des Geschehenen wird es glauben, und wenn tausend Zeugnisse dafür sprächen?! Herr, Herr, du großer Meister, von Gott Selbst gelehrt und geleitet, ich glaube es, weil ich's nun mit meinen Augen schaue. Aber so ihr es Tausenden erzählet, so werden sie es euch nicht nur nicht glauben, sondern sich ärgern und den Erzähler einen unverschämten Lügner schelten! Daher erzählet es ja nirgends weiter, denn diese Sache ist zu wunderbar groß! Wer hat so eine Herrlichkeit, wie die da ist dieses Saales, je geschaut?! Die Wände wie aus puren Edelsteinen, die Decke Gold, der Fußboden Silber, die vielen Tische aus Jaspis, Hyazinth und Smaragd, die Gestelle aus Gold und Silber, die Trinkgefäße wie aus reinstem Diamant und die Speiseschüsseln wie aus feinstem und feurigstem Rubin; die Bänke um die Tische abermals aus edlen Metallen und die Polsterung aus hochroter Seide, und der Geruch der Speisen und Getränke wie aus den Himmeln! Und das alles in – sage – drei Stunden! Nein, das ist unglaublich über unglaublich!
[GEJ.01_061,10] Herr! Du mußt Gott entweder Selbst sein oder Du bist allerunfehlbarst doch wenigstens Gottes Sohn!"
[GEJ.01_061,11] Sage Ich: „Ganz wohl, ganz wohl! Aber jetzt zum Mahle! Nach dem Mahle sollst du noch so manches erfahren; aber jetzt rede Ich vor dem Mahle nichts mehr. Sieh nur an die vielen, die es bereits hungert und dürstet, da es eben heute sehr warm ist! Daher sollen sie nun erst erquickt werden und vollauf gestärkt sein, dann wird sich schon alles andere geistig auch wieder geben!"
62. Kapitel
[GEJ.01_062,01] Nun redet der Kaufmann nichts mehr, dankt mit Mir dem Vater und setzt sich dann an einen großen Tisch, der in der Mitte des Saales steht. Ich und alle Meine Jünger, Jonael mit dessen Weibe und Töchtern, die Irhael mit ihrem Gemahle Joram und in deren Mitte Meines Leibes Mutter Maria aber setzen uns dann auch zum selben Tische.
[GEJ.01_062,02] Den Kaufmann freut das über die Maßen, so daß er sagt: „Herr, weil Du mich gewürdigt hast, Dich an diesen Tisch zu setzen, an den ich mich gesetzt habe, so will ich von nun an einen zehnten Teil von allem, was meine Güter tragen, den Armen geben und alle die Steuern, die sie an die Römer zu entrichten haben, volle zehn Jahre hindurch im voraus entrichten! Nach dieser Zeit aber hoffe ich zu Gott, Deinem und unserem Vater, daß Er uns von dieser Plage durch Dich, o Herr, freimachen wird, zu welch tätigster Mithilfe ich mich durch und durch mit allem, was ich habe, schon draußen Dir treu und wahr angeboten habe.
[GEJ.01_062,03] O Herr, nur von dieser Plage mache uns frei, und daß die Juden von Jerusalem mit uns wieder in eine Gemeinschaft treten möchten; denn sie haben sich von der alten Wahrheit himmelweit entfernt! Bei ihnen herrscht nichts als Selbstsucht, Herrschgier und Glanz; Gottes gedenken sie nimmer, und von der Nächstenliebe ist keine Spur mehr! Garizim verachten sie; aber den Tempel Jehovas zu Jerusalem haben sie in eine Wechsler- und Krämerbude verwandelt! Und sagt man zu ihnen, daß sie Frevler sind im Heiligtume Gottes, dann verfluchen und verwünschen sie den, der sie beim rechten Namen zu nennen wagt! Herr, das muß anders werden; also kann es nicht mehr verbleiben! Und verbleibt es, dann ist bald eine erneuerte Sündflut zu befürchten! Rings herum in der ganzen Welt Heiden über Heiden, und zu Jerusalem und in Judäa leben Juden, Priester, Leviten, Schriftgelehrte, Pharisäer und Wechsler und Krämer, die allesamt zehnmal ärger sind als alle Heiden! Kurz, die Welt ist nun ärger um vieles denn zu Zeiten Noahs! Wenn da nicht Abhilfe kommt und der Messias nicht zur Hand nimmt ein flammendes Schwert, so kommen wir offenbarst wieder zum Baue einer neuen Arche! Herr, tue also, was nur immer in Deiner Macht steht! Ich will Dir allzeit Hilfe leisten!"
[GEJ.01_062,04] Sage darauf Ich: „Lieber Jairuth! Sieh an Meine Jünglinge! Ich sage dir: Ich habe deren so viele, daß sie auf tausendmal tausend Erden nicht Platz hätten, und einer genügte vollkommen, das ganze römische Reich in drei Augenblicken zu vernichten. Aber obschon ihr besser seid im Glauben als die Juden, so habt ihr aber dennoch mit den Juden gleich einen völlig falschen Begriff vom Messias und Seinem Reiche.
[GEJ.01_062,05] Wohl wird der Messias ein neues Reich gründen auf dieser Erde, aber – merke es wohl! – kein materielles unter Krone und Zepter, sondern ein Reich des Geistes, der Wahrheit, der rechten Freiheit aus der Wahrheit, unter der alleinigen Herrschaft der Liebe!
[GEJ.01_062,06] Die Welt aber wird berufen werden, in dies Reich einzugehen. Wird sie dem Rufe folgen, so wird das ewige Leben ihr Lohn sein; wo sie aber dem Rufe nicht folgen wird, so wird sie zwar bleiben, wie sie ist, aber am Ende wird sie überkommen den ewigen Tod!
[GEJ.01_062,07] Der Messias als nun ein Menschensohn ist nicht gekommen zu richten diese Welt, sondern nur, um zu berufen alle, die nun wandeln in der Finsternis des Todes, zum Reiche der Liebe, des Lichtes und der Wahrheit!
[GEJ.01_062,08] Er kam nicht in diese Welt, um euch das wiederzugewinnen, was eure Väter und Könige an die Heiden verloren haben, sondern nur, um euch das wiederzubringen, was Adam verloren hatte für alle Menschen, die je auf dieser Erde gelebt haben und noch je leben werden!
[GEJ.01_062,09] Bis jetzt ist noch keine Seele, die den Leib verließ, der Erde entrückt worden; zahllos viele, von Adam angefangen bis zur Stunde, schmachten sie noch alle in der Nacht der Erde. Aber von nun an erst werden sie frei! Und wann Ich in die Höhe fahren werde, werde Ich allen den Weg von der Erde in die Himmel öffnen, und sie werden alle eingehen auf diesem Wege zum ewigen Leben!
[GEJ.01_062,10] Siehe, das ist das zu vollbringende Werk des Messias, und nicht irgend etwas anderes! Und du brauchst deine Hinterasiaten-Streiter nicht zu rufen, indem Ich ihrer nie bedürfen werde. Aber geistige Arbeiter werde Ich viele brauchen für Mein Reich, und die werde Ich Mir Selbst zubereiten. Hier an diesem Tische sitzen schon einige; aber es werden ihrer schon noch mehrere dafür zubereitet werden in aller Liebe und Wahrheit.
[GEJ.01_062,11] Siehe nun, das zu bewerkstelligen, ist Meine Aufgabe! Du aber urteile nun und sage es Mir dann, wie dir solch ein Messias behagt!"
[GEJ.01_062,12] Sagt der Kaufmann Jairuth: „Herr, darüber muß ich wohl sehr nachdenken! Denn von der Art eines Messias hat noch nie ein Mensch etwas vernommen! Ich aber meine, also wird der Messias der Welt wenig nützen! Denn solange die Welt belassen wird, wie sie ist, wird sie stets ein ärgerlichster Feind alles dessen sein, was da ist des Geistes! Ich aber will nun weiterdenken."
63. Kapitel
[GEJ.01_063,01] Alles ißt und trinkt nun; selbst der Jairuth fängt ganz in Gedanken an, zu essen und daneben auch recht wacker zu zechen. Als er von dem glühendsten Liebeweine aus den Himmeln selbst ganz zu Liebe umgewandelt wird, sagt er zu Mir: „Herr, mir kam jetzt ein herrlicher Gedanke! So es möglich ist, da möchte ich Reben haben von der Art, daß ich aus ihren Trauben einen derartigen Wein keltern könnte! Denn so ich einen solchen Wein habe in meinen Kellern, da mache ich die ganze Welt voll von nichts anderem als von Liebe über Liebe! Ich habe es nun an mir erfahren. Ich bin zwar wohl sonst auch ein Mensch, der irgend eine Vorliebe zu allem, was gut, recht und schön ist, hat; aber daß ich je irgend eine besondere Liebe zu den Menschen in mir verspürt hätte, wüßte ich wahrlich nicht zu sagen.
[GEJ.01_063,02] Ich tat bis jetzt alles, das ich tat, aus einem gewissen Rechtszwange, den ich mir nach der Kenntnis der Gesetze selbst vorschrieb. Mir lag wenig daran, ob ein Gesetz gut oder schlecht war; in solch ein Grübeln habe ich mich eigentlich nie eingelassen. Mein Wahlspruch war: Gesetz ist Gesetz, ob von Gott oder vom Cäsar! So es hinter dem Rücken Strafe nach sich zieht, so muß man es beachten aus Eigenliebe, auf daß man sich durch die Nichtbeachtung des Gesetzes keine bösen Folgen zuziehe! Hat ein Gesetz aber keine Sanktion, dann ist es auch kein Gesetz, sondern bloß ein guter Rat, den man tun kann, aber dazu dennoch keine sanktionierte Verpflichtung hat.
[GEJ.01_063,03] Es kann zwar auch ein Schaden aus der Nichtbefolgung eines guten Rates hervorgehen, der nahe ganz das traurige Gesicht von einer gesetzlichen Strafe hat, aber die Nichtbefolgung eines guten Rates ist dennoch keine Sünde derart, daß dabei mehrere beteiligt werden könnten, als hauptsächlich derjenige nur, der den guten Rat nicht befolgte. Ist aber ein Rat schlecht, so begehe ich offenbar eine grobe Sünde, wenn ich ihn befolge.
[GEJ.01_063,04] Beim Gesetze aber ist es anders. Ob dasselbe gut oder total schlecht ist, so muß ich es befolgen, weil es ein Gesetz ist. Befolge ich es nicht, etwa deshalb, weil ich es als schlecht erkenne, so sündige ich entweder gegen Gott oder gegen den Landesherrn, und ich werde darob von beiden gezüchtigt werden! Aus dem aber geht hell und klar hervor, daß ich das gewisse gesetzliche Gute nie aus Liebe, sondern nur aus dem mir innerlich stets widerwärtigen gesetzlichen Muß beachte. Nun aber, da ich diesen herrlichsten Rebensaft aus den Himmeln getrunken habe, sehe ich nichts als Liebe um Liebe, und ich möchte nun schon die ganze Erde umarmen und küssen!
[GEJ.01_063,05] Zudem sehe ich auch den gleichen Effekt bei allen, die von diesem ganz echt himmlischen Weine getrunken haben. Daher möchte ich mir einen großen Garten voll solcher Reben ziehen und dann von dem Weine allen Menschen zu trinken geben, und sie würden dann, so wie ich nun, sicher in kürzester Zeit ganz zu Liebe werden! Wenn es also möglich wäre, mir solche Reben zu verschaffen, da wäre ich der glücklichste Mensch auf der lieben und schönen Erde Gottes!"
[GEJ.01_063,06] Sage Ich: „Reben, die dir einen gleichen Saft geben werden, kann Ich dir wohl verschaffen; aber du wirst damit dennoch nicht die vermeinte Wirkung bei den Menschen zuwege bringen. Denn dieser Wein belebt wohl die Liebe, wenn sie ohnedies schon im Menschen ist; hat aber der Mensch die Liebe nicht, sondern nur Böses in seinem Herzen, so wird sein Böses ebenso belebt in ihm wie in dir nun die Liebe, und er wird dann erst zu einem vollendeten Teufel umgewandelt werden und wird mit einem großen Enthusiasmus das Böse ebenso ins Werk setzen, als wie du nun alles Gute ins Werk setzen möchtest.
[GEJ.01_063,07] Daher ist es bei diesem Safte sehr wohl zu berücksichtigen, wem man ihn zum Genusse vorsetzt! Aber Ich will dir dennoch einen Weinberg voll solcher Reben zukommen lassen; aber habe dabei wohl acht, wem du solch einen Saft zu trinken geben wirst! Die belebte Liebe mag wohl viel Gutes stiften; aber besser ist es, so sie durch Gottes Wort belebt wird, weil sie dableibt, während sie beim Genusse dieses Saftes nur eine Zeitlang anhält, dann aber wieder verraucht wie dieser Saft selbst. Das beachte du demnach auch wohl, sonst wirst du Übles statt Gutes stiften!"
[GEJ.01_063,08] Sagt darauf der Kaufmann Jairuth: „Herr, da wäre es sonach nicht gut, solch einen Wein zu bauen! Denn man kann es ja doch nicht wissen, ob ein Mensch, dem man so einen Saft zu trinken gäbe, Liebe oder Böses in seinem Herzen berge. Und wenn man dann mit dem besten Willen, nur dessen Liebe zu beleben, sein Böses belebte, da wäre man dadurch in eine schöne Verlegenheit und Gefahr obendrauf versetzt! Nein, nein, da ließe ich das Bauen solch eines Weines denn doch eher stehen!"
[GEJ.01_063,09] Sage Ich: „Mir ist es ganz gleich; Ich tue dir, was du willst! Aber Ich sage dir: Mehr oder weniger liegt wohl in jeder Weingattung, die auf der Erde gebaut wird, die gleiche Eigenschaft. Laß du von deinen Eigenbauweinen verschiedene Menschen ungefähr nur soviel trinken, als wie du nun schon von Meinem rein himmlischen Weine getrunken hast, und du wirst sehen, wie einige ganz in die Liebe übergehen werden; andere dagegen werden zu wüten und zu toben anfangen, daß du sie wirst müssen mit Stricken binden lassen! So aber schon die irdischen Weine solche Wirkungen hervorbringen, um wieviel mehr himmlische!"
64. Kapitel
[GEJ.01_064,01] Sagt Jairuth: „Herr, wenn so, wie ich mich schon einige Male in allem Ernste selbst überzeugt habe, da werde ich im Grunde des Grundes am Ende noch allen Weinbau aufgeben und dessen Genuß in meinem Hause ganz abschaffen. Denn die rechte Liebe kann auch durch rechte Worte nach Deiner Behauptung, die ich sehr wahr und gut finde, und zwar für bleibend, belebt werden, und das Böse muß daneben im tiefen Hintergrunde verbleiben. Wenn so, da laß ich sogleich allen Weinbau beiseite und verpflichte mich selbst, nach diesem Himmelsweine nie mehr einen irdischen zu trinken! Was sagst Du zu diesem meinem Vorsatze?"
[GEJ.01_064,02] Sage Ich: „Ich kann ihn weder loben noch tadeln. Tue du, was dir bestens dünkt! Wenn es deiner Seele gut dient, so tue alles nach deiner bessern Ansicht! Im übrigen kannst du alles Gute von Mir haben, so es dir darum zu tun ist, weil du ein im Guten sehr strenger und rechtlicher Mann bist, und weil Ich es dir zugesagt habe."
[GEJ.01_064,03] Sagt Jairuth: „Herr, so bleibe Du bei mir samt Deinem Anhange, oder laß mir wenigstens einen oder zwei solcher Deiner Jünglinge, auf daß sie mich unterweisen möchten in der rechten Liebe und Weisheit!"
[GEJ.01_064,04] Sage Ich: „Ich kann vorderhand mit Meinem Anhange wohl deinem guten Begehren nicht nachkommen, da Ich nun in dieser Welt noch sehr viel zu tun habe; aber zwei solcher Jünglinge, die du dir auswählen kannst, will Ich dir wohl belassen! Habe aber ja acht, daß du nicht in irgend eine Sünde verfällst, noch jemand deiner Familie; denn da würden sie dir zu fürchterlichen Zuchtmeistern werden und dein Haus verlassen in der Bälde! Denn wisse, diese Jünglinge sind Engel Gottes und können allzeit Dessen Antlitz schauen!"
[GEJ.01_064,05] Sagt Jairuth: „O Herr, das ist schon wieder etwas Bitteres! Denn wer kann gutstehen dafür, daß er nicht sündige einmal im Jahre durch Gedanken, Worte und Taten?! Daneben so ein paar Zuchtmeister, vor denen nichts verborgen bleiben kann, das wäre eine eben nicht sehr erfreuliche Bescherung! Deshalb möchte ich auch wieder von dieser Bitte abstehen, und es soll bleiben wie es ist, und wie es war."
[GEJ.01_064,06] Sage Ich: „Alles gut; wie du es willst, also soll es dir werden! Du bist frei, und es soll dir nirgends ein Zwang angetan werden; dessen sei du versichert!"
[GEJ.01_064,07] Sagt Jairuth: „Nein, die Jünglinge, also diese echten Gottesengel, sehen doch gar zu hold und lieb aus! In ihrer Gegenwart eine Sünde zu begehen deucht mich eine Unmöglichkeit zu sein. Darum gehe es nun schon, wie es wolle; zwei behalte ich in jedem Falle!"
[GEJ.01_064,08] Sage Ich: „Nun – gut, – also sollen dir auch zwei verbleiben und in deinem Hause sichtbar verweilen, solange sie sich wohl befinden werden! Mein Freund Jonael wird dich Meine Wege nachderhand allergetreuest kennen lehren. Solange du auf diesen Wegen wandeln wirst mit deinem Hause, werden sie bei dir verbleiben und dir dienen in allem und schützen dein Haus vor jeglichem Übel; so du aber Meine Wege verlassen wirst, dann auch werden sie dich und dein Haus verlassen."
[GEJ.01_064,09] Sagt Jairuth: „Wohl denn, es bleibe dabei! Wein wird in meinem Hause keiner mehr genossen werden, und mit dem Vorrate will ich den Römern den ausgesprochenen zehnjährigen Zins für die Armen dieser Umgegend bezahlen; die Trauben aber, die in meinen Gärten wachsen, werde ich trocknen und sie als eine liebliche süße Frucht also verzehren und den Überfluß verkaufen! Ist es recht also?"
[GEJ.01_064,10] Sage Ich: „Vollkommen! Was du immer aus Liebe zu Mir und deinen Nebenmenschen, die deine Brüder sind, tun wirst, das wird wohl und recht getan sein!"
[GEJ.01_064,11] Nach dem berufe Ich sogleich zwei der Jünglinge, stelle sie dem Jairuth vor und sage: „Taugen dir diese beiden?" Jairuth, über deren Anblick bis in alle Himmel entzückt, sagt: „Herr, wenn Du mich der Gnade wert hältst, so bin ich damit bis in die tiefste Tiefe meines Herzens über alle Maßen zufrieden; aber nur zu sehr fühle ich meinen Unwert für den Besitz solch einer Gnade aus den Himmeln. Aber ich werde mich von nun an schon über alle Maßen befleißen, solcher Gnade nach und nach würdiger zu werden; und so denn geschehe Dein mir stets heiliger werdender Wille!"
[GEJ.01_064,12] Die beiden Jünglinge aber sagen: „Des Herrn Wille ist unser Sein und Leben. So dieser tätig in allem gehandhabt wird, da sind wir die tätigsten Mitarbeiter und haben dazu Kraft und Stärke in Überfülle; denn unsere Macht reicht über alle sichtbare Schöpfung hinaus, die Erde ist uns ein Sandkörnchen und die Sonne wie eine Erbse in der Hand eines Riesen, und all das Gewässer der Erde reicht nicht hin, um ein Haar unseres Hauptes feucht zu machen, und vor dem Hauche unseres Mundes bebet das Heer der Sterne! Aber wir haben die Kraft nicht, um uns damit zu brüsten vor der großen Schwäche der Menschen, sondern um ihnen zu dienen nach dem Willen des Herrn. Daher können und wollen wir dir auch dienen recht nach dem Willen des Herrn, solange du solchen erkennen, annehmen und respektieren wirst in aller Tat. Hast du aber solchen verlassen, dann hast du auch uns verlassen, indem wir nichts sind als der personifizierte Wille Gottes des Herrn. Der aber uns verläßt, den verlassen dann auch wir. Das sagen wir dir hier in der vollen Gegenwart des Herrn, Dessen Antlitz wir allzeit schauen und horchen auf Seine leisen Winke, die uns zu einer neuen Tat rufen und kräftigst ziehen."
[GEJ.01_064,13] Sagt darauf Jairuth: „Ihr holdesten Jünglinge! Daß euch eine für uns Sterbliche unberechenbare Kraft eigen ist, das begreife und fasse ich recht wohl und klar; aber ich vermag auch vieles, das vielleicht ihr selbst nicht vermöget, und das ist, daß ich mich vor euch rühme meiner Schwäche, in der weder Macht noch irgend eine Kraft zu Hause ist. Aber in dieser meiner großen Schwäche vor euch liegt dennoch auch eine Kraft, vermöge welcher ich des Herrn Willen erkennen, annehmen und erfüllen kann!
[GEJ.01_064,14] Freilich nicht in dem Maße als ihr, aber der Herr wird mir auch sicher nicht mehr aufbürden, als was ich zu ertragen imstande bin! Und in dieser Hinsicht ist mir meine Schwäche sehr ehrenwert; denn es ist sicher einer vorzüglichen Berücksichtigung wert, daß die Schwäche des Menschen am Ende dennoch denselben Willen des Herrn tut als eure ungemessene Kraft und Macht.
[GEJ.01_064,15] Und so ich nun bisher den Herrn recht verstanden habe, da dürfte es sich am Ende noch also dartun, daß dem Herrn die Tat der Schwäche der Kinder lieber sein wird, und die Kraft und Taten der großen und mächtigen Geister der Himmel sich am Ende selbst werden von der Schwäche der kleinen Kindlein dieser Erde müssen leiten lassen, um zum Tische der Kindlein zu gelangen! Denn so der Herr Selbst zu den Schwachen kommt, so scheint es wenigstens mir, daß Er da die Schwachen stark machen werde!"
[GEJ.01_064,16] Sagen die Jünglinge: „Ja, ja, also ist es wohl sicher und richtig! Erkenne also des Herrn Willen und tue danach, so hast du schon unsere Kraft und Macht in dir, die nichts ist als der pure Wille Gottes des Herrn! Wir selbst haben weder eine Kraft noch irgend eine Macht, sondern alle unsere Kraft und Macht ist nichts als der erfüllte Wille Gottes in und durch uns!"
[GEJ.01_064,17] Sage Ich: „Nun gut von jeder Seite! Gestärkt haben wir uns, und somit, ihr Lieben alle, wollen wir uns wieder erheben von den Tischen und uns auf einen weiterführenden Weg machen!" Auf dies Wort erhebt sich alles, dankt und begibt sich mit Mir ins Freie.
65. Kapitel
[GEJ.01_065,01] Jairuth wünscht zwar, daß Ich den ganzen Tag über bei ihm zubringen möchte; Ich aber zeige ihm, wie es noch mehrere Kranke in dieser Gegend gibt, die Ich am Wege besuchen will. Dafür aber bittet Mich dann Jairuth, ob er Mich nicht wenigstens bis zur Stadt zurückgeleiten dürfe, und Ich gestatte ihm solches. Da macht er sich sogleich auf den Weg, bittet aber die beiden Jünglinge auch zugleich, daß sie ihn begleiten möchten!
[GEJ.01_065,02] Die Jünglinge aber sagen: „Es ist dir besser, daß wir hier verbleiben; denn die Gäste im Gartensaale haben dich als einen Meuterer bei den Römern angezeigt, und es ginge deinem Hause ohne uns schlecht! Verstehst du solches?"
[GEJ.01_065,03] Jairuth wird über solch eine Nachricht nahe unsinnig und fragt über alle Maßen aufgeregt: „Welcher Satan von einem Menschen hat solches den Römern hinterbracht, und was mag ihn dazu bewogen haben?"
[GEJ.01_065,04] Spricht ein Jüngling: „Sieh, in Sichar leben Kaufleute, die nicht so glücklich sind als du; sie können sich keine Schlösser erbauen und noch weniger ein ganzes großes Land käuflich an sich bringen, wie du dir in Arabien es angekauft hast, ein tüchtig Land am Roten Meer. Solche Kaufleute werden dir alsonach neidisch um dein irdisch Glück und haben die größte Sehnsucht, dich zu verderben. Es würde ihnen diesmal auch gelingen, so wir nicht bei dir wären; aber da wir dich schützen im Namen des Herrn, so wird dir bei dieser Gelegenheit kein Haar gekrümmt werden. Sieh aber, daß du wenigstens drei Tage lang vom Hause abwesend bleibst!"
[GEJ.01_065,05] Dies beruhigt den Jairuth, und er begibt sich schnell mit Mir weiter zu ziehen aus dem Schlosse.
[GEJ.01_065,06] Als wir eben über den Hofraum des Schlosses ziehen, kommt uns eine gemessene Schar römischer Söldlinge und Schergen entgegen, macht halt vor uns und bedroht uns, nicht weiterzuziehen! Ich Selbst aber trete vor und zeige ihnen das Zeugnis des Nikodemus. Der Anführer aber sagt: „Das nützt nichts, wo ein begründeter Verdacht von Meuterei gegen Rom vorhanden ist!"
[GEJ.01_065,07] Sage Ich: „Was willst du denn von uns? Dich hat eine freche und unverschämte Lüge eines Haufens von Neidern zu diesem Schritte genötigt; Ich aber sage es dir, daß daran kein wahres Wort haftet! Mochtest du aber der Lüge dein Ohr so willfährig leihen, so leihe es nun um so willfähriger der offensten Wahrheit auch, für die du hier mehr Zeugen findest als in der Stadt für die unverschämteste Lüge von etlichen argen Neidern!"
[GEJ.01_065,08] Sagt der Anführer: „Das sind leere Ausflüchte und gelten bei mir nichts. Vor dem Gerichte konfrontaliter (dem Ankläger gegenübergestellt) erst läßt sich die Wahrheit ermitteln; daher begebet euch nun nur sogleich ganz willig mit uns vors Gericht, sonst gebrauchen wir Gewalt!"
[GEJ.01_065,09] Sage Ich: „Dort ist das Schloß; der Herr allein ist euch als Meuterer angezeigt, dort gehet hin und untersuchet, ob ihr was von einer Meuterei entdecken möget! – Wollt ihr uns aber mit Gewalt zwingen, euch zu folgen vor euer ungerechtestes Gericht, so werden wir euch auch eine rechte Gewalt entgegenzusetzen imstande sein, und es wird sich zeigen, wer dabei den kürzeren ziehen wird! Tuet alsonach was ihr wollt! Meine Zeit ist noch nicht da; Ich habe es euch gesagt, daß hier keine Schuld waltet! Wer aber im Rechte ist, der soll das Recht auch schützen durch allerlei Kampf mit Wort und Tat!"
[GEJ.01_065,10] Der Anführer überschaut Meine zahlreiche Gesellschaft und befiehlt, uns alle sogleich zu fangen und zu binden. Zuerst fallen seine Söldlinge und Schergen über die Jünglinge her und versuchen sie zu fangen; die Jünglinge aber entwischen ihnen stets so geschickt, daß sie auch nicht einen zu fangen vermögen. Als die Söldlinge und Schergen sich also mit dem Fangen der Jünglinge abmühen und sehr zerstreuen, weil die Jünglinge zum Scheine nach allen Seiten hin flüchtig werden, so sage Ich zum Anführer: „Mich deucht es, daß es dir schwer wird, uns zu fangen." Der Anführer will mit seinem Schwerte nach Mir hauen; aber in dem Augenblick entreißt ihm ein Jüngling das Schwert und schleudert es unsichtbar weit in die Höhe und vernichtet es also.
[GEJ.01_065,11] Sage Ich zum Anführer: „Nun, womit wirst du nun nach Mir hauen oder stechen?" Der Anführer, ganz wütend vor Zorn, spricht: „So also wird hier Roms Macht respektiert?! Gut, ich werde solches nach Rom zu berichten wissen, und nach kurzer Zeit seht euch diese Gegend wieder an und sagt dann, ob sie noch dieselbe sein wird! Kein Stein soll auf dem andern gelassen werden!"
[GEJ.01_065,12] Ich aber zeige ihm, wie soeben die Jünglinge alle die Söldlinge und Schergen vor sich hertreiben, mit Stricken gebunden! Als der Anführer solches ersieht, fängt er an, den Zeus und Mars und sogar die Furien anzurufen, daß sie ihn vor solcher Schmach in den Schutz nehmen möchten!
[GEJ.01_065,13] Ich aber sage den Jünglingen, daß sie die Söldlinge und Schergen wieder freigeben sollen; diese tun das sogleich. Darauf sage Ich zum Anführer: „Nun, hast du noch Lust, weiter deine Gewalt an uns zu versuchen?" Sagt der Anführer, diese Jünglinge müßten Götter sein, ansonst es nicht möglich wäre, diese seine ausgezeichnetsten Krieger also gänzlich mit nackten Händen zu besiegen.
[GEJ.01_065,14] Sage Ich: „Ja, ja, sie werden für dich und deinesgleichen wohl Götter sein; daher laß uns nun weiterziehen und führe deine Untersuchung im Schlosse, sonst wird dir Ärgeres widerfahren!"
[GEJ.01_065,15] Sagt der Anführer: „Ich erkenne euch alsonach für unschuldig und gestatte euch, eures Weges weiterzuziehen. Ihr, meine Truppen, aber begebet euch ins Schloß, untersuchet alles und lasset niemand eher aus dem Schlosse entweichen, als bis ihr alles werdet untersucht haben; ich aber werde euch hier erwarten!" Sagt ein Unteranführer: „Warum willst du denn nicht selbst im Schlosse die Untersuchung leiten?" Sagt der Anführer: „Du siehst doch, daß ich um mein Schwert gekommen bin; ohne Schwert aber ist so eine Untersuchung ungültig!" Sagt der Unteranführer: „Uns geht es um kein Haar besser; wie wird es hernach mit der Gültigkeit unserer schwertlosen Untersuchung aussehen?!" Sagt der Oberanführer: „So, – also auch ihr waffenlos?! Das ist schlimm! – Ohne Waffen können wir nichts tun. – Hm, was tun wir aber jetzt?"
[GEJ.01_065,16] Sage Ich: „Dort gen Mittag unter der hohen Zeder liegen eure Waffen; gehet hin und holet sie, denn wir fürchten euch mit Waffen ebensowenig als ohne dieselben!" Nach diesen Worten ziehen sie hin, wo ihre Waffen ruhen.
66. Kapitel
[GEJ.01_066,01] Wir aber ziehen auch weiter gen Morgen und kommen bald zu einem kleinen Dörfchen, ungefähr zwanzig Feldweges vom Schlosse entfernt. Die ganze Einwohnerschaft eilt uns freudig entgegen und befragt uns sanft, womit sie uns dienen könnte. Ich aber sage zu ihnen: „Habt ihr niemand, der krank wäre in eurer Mitte?" Sie bejahen es und sagen: „Ja, wir haben einen, der völlig gichtbrüchig ist!"
[GEJ.01_066,02] Sage Ich: „Also bringet ihn her, auf daß ihm die Gesundheit wieder werde!" Sagt einer: „Herr, das wird schwer gehen! Dieser Gichtbrüchige ist derart kontrakt, daß er nun bei volle drei Jahre das Bett nicht mehr verlassen kann, und das Bett, darin er liegt, ist schwer zum Weitertragen, da es mit dem Boden befestigt ist. Möchtest du dich denn nicht zum Kranken bemühen?" Sage Ich: „So das Bett schwer zu übertragen ist, so hüllet den Kranken denn in eine Matte ein und bringet ihn hierher!" Auf diese Beheißung eilen etliche schnell in das Haus, in dem der Gichtbrüchige liegt, wickeln ihn in eine Matte ein und bringen ihn zu Mir hinaus auf die Straße und sagen: „Herr, hier ist der arme Kranke!"
[GEJ.01_066,03] Ich aber frage den Kranken, ob er es glaube, daß Ich ihn heilen könne. Da besieht Mich der Kranke und sagt: „Lieber Freund, du siehst wohl danach aus; du scheinst schon ein rechter Heiland zu sein! Ja, ja, ich glaube es!"
[GEJ.01_066,04] Sage darauf Ich: „Nun denn, – so stehe auf und wandle! Dein Glaube kam dir zu Hilfe; aber vor deinen gewissen Sünden hüte dich in der Folge, auf daß du nicht wieder in die Gicht verfällst, die ein zweites Mal ärger wäre denn nun!"
[GEJ.01_066,05] Und alsbald erhebt sich der Kranke, hebt die Matte auf und fängt an zu gehen. Als er dadurch erst merkt, daß er vollkommen geheilt ist, so fällt er vor Mir nieder, dankt und sagt am Ende: „Herr, in Dir ist mehr denn Menschenkraft; gelobt sei die Kraft Gottes in Dir! O selig der Leib, der Dich getragen, und überselig die Brust, die Du gesogen!"
[GEJ.01_066,06] Ich aber sage zu ihm: „Und selig alle, die Meine Worte hören, sie in ihrem Herzen behalten und darnach leben!" Sagt der Kranke: „Herr, wo kann man Dich reden hören?"
[GEJ.01_066,07] Sage Ich: „Kennst du doch den Oberpriester Jonael von Sichar, der auf Garizim opferte! Siehe, der hat Mein Wort; gehe hin und lerne es von ihm!" Sagt der Geheilte: „Herr, wann ist er zu treffen daheim?" Sage Ich: „Hier neben Mir steht er; frage ihn selbst, er wird es dir sagen!"
[GEJ.01_066,08] Hier wendet sich der Geheilte an den Jonael und sagt: „Würdiger Oberpriester des Jehova auf Garizim, in welcher Zeit dürfte ich in dein Haus treten?"
[GEJ.01_066,09] Sagt Jonael: „Bis jetzt bestand deine Arbeit im Liegen und im geduldigen Ertragen deines Leidens; du hast demnach daheim nicht viel zu versäumen. Gehe mit uns den heutigen Tag über und höre; es wird noch so manches vorkommen, und morgen sollst du alles andere erfahren!"
[GEJ.01_066,10] Sagt der Geheilte: „So ich als würdig erachtet werden mag, zu wandeln in solch einer Gesellschaft, da folge ich euch mit allen Freuden! Denn, lieber Freund, wenn man durch drei volle Jahre unter oft unsäglichen Schmerzen im harten Bette hat dahinschmachten müssen und nun durch ein reines Gotteswunder auf einmal von dem bösen Übel geheilt wird, da fühlt man erst so recht den Wert der Gesundheit! Und welch eine Freude ist es, mit geraden Beinen wandeln zu können! Deshalb möchte ich nun, gleich einem David, tanzend und springend vor euch einhergehen und mit großem Jauchzen loben die große Güte des Herrn!"
[GEJ.01_066,11] Sagt Jonael: „Gehe und tue desgleichen, auf daß vor unsern Augen erfüllet werde, wie es vom Herrn geschrieben steht: ,Und der Lahme wird springen wie ein Hirsch!‘"
[GEJ.01_066,12] Da wirft der Geheilte die Matte von sich, begibt sich schnell vor die Gesellschaft, fängt an zu springen und zu jauchzen und läßt sich in seiner Freude nicht stören. Denn es kommen ihm nach zwei bis drei Feldweges die vom Schlosse des Jairuth durch die zwei Jünglinge auf einen Seitenweg versprengten römischen Söldlinge und Schergen samt ihren Führern entgegen und fragen, ihn in seiner Freude störend, was er da tue. Er aber läßt sich dadurch nicht beirren und sagt, während er noch hüpft und springt, als achtete er der Frage des Oberanführers nicht: „Wenn die Menschen lustig werden, da wird das Vieh traurig; denn der Menschen Freude bringt Tod dem Viehe! Darum nur Jurahel! Jurahel! – Die Menschen voll Freude, das Vieh traurig auf der Heide! – Jurahel, Jurahel!" Der Geheilte fährt so fort. Das ärgert den Oberanführer, und er verbietet ihm solchen Lärm.
[GEJ.01_066,13] Der Genesene aber sagt: „Was verbietest du mir meine Freude!? Ich lag drei volle Jahre als Gichtbrüchiger im Bett! Wärest du zu mir gekommen und hättest zu mir gesagt: ,Stehe auf und wandle!‘, und ich wäre auf solch eine Sentenz also gesund geworden, als wie ich's nun bin, da hätte ich dich und jeglich Wort aus deinem Munde göttlich hoch verehrt; aber da du kein solcher bist und deine Macht gegen die meines neuen Herrn ein barstes Nichts ist, da gehorche ich dem mächtigen Herrn, – und darum nur wieder Jurahel, Jurahel, Jurahel!"
[GEJ.01_066,14] Der Oberanführer verbietet ihm nun ganz ernstlich das Spektakelmachen und bedroht ihn mit Strafe; aber in dem Augenblick kommen zwei der Jünglinge zum Lustigen und sagen ihm: „Laß dich nicht stören in deiner Freude!"
[GEJ.01_066,15] Als der Anführer die ihm schon bekannten Jünglinge ersieht, so schreit er im Augenblick zu seiner gänzlich waffenlosen Truppe: „Zur Flucht! Seht, schon wieder zwei Diener Plutos!"
[GEJ.01_066,16] Als der Oberanführer solchen Kommandoruf tut, so nimmt diese ganze römische Fanglegion aber ein derartiges Fersengeld, wie man zuvor noch nichts Ähnliches gesehen hatte. Der Genesene aber springt und jauchzt nun noch mehr und schreit den Flüchtigen nach: „Jurahel, Jurahel! Wenn die Menschen fröhlich sind, ist das Vieh traurig!" – Darauf wird er ruhiger, kehrt zum Jonael zurück und sagt zu ihm: „Freund, so dir im Gehen das Reden nicht zuwider ist, da könntest du mir wohl etwas von dem kundtun, was du als ein neues Wort von diesem Herrn hast, der mir die Gesundheit gegeben hat!? Denn so ich solch ein Wort mir zum Gesetze machen soll, da muß ich's zuvor kennen!"
[GEJ.01_066,17] Sagt Jonael: „Sieh, wir nähern uns abermals einem Dorfe, das nun nach der neuen römischen Verfassung ein Flecken ist; da wird der Herr sicher wieder etwas unternehmen! Du aber folgst uns ohnehin in die Stadt; in meinem Hause oder in dem der Irhael findest du Herberge auf so lange, als es dich freut. Daselbst sollst du mit allem bekannt gemacht werden! Wir haben nun auch gar nicht mehr weit in die Stadt. Diese Ortschaft, zu der wir nun kommen, gehört nach einer neuen Ordnung der Römer eigentlich schon zur Stadt; aber da sie vorzüglich den Römern als eine Feste dient, so haben sie sie von Sichar getrennt, sie mit einem Walle umfaßt und sie zu einem Flecken eigenen Namens erhoben. Diese Ortschaft ist nicht groß; mit tausend Schritten haben wir sie hinter dem Rücken. Darauf wenden wir uns links und haben dann kaum sieben Feldwegs bis zu den ersten Häusern von Sichar; daher gedulde dich nur ein wenig noch, und es wird dir dann schon sogleich dein Wunsch erfüllt werden!"
[GEJ.01_066,18] Sagt der Genesene: „O bei Abraham, Isaak und Jakob! Wenn dieser Flecken ein römischer Besatzungsposten ist, da wird es uns bitter ergehen! Denn der römische Feldherr wird uns übel aufnehmen, indem er erst vor wenigen Augenblicken vor uns das allerschimpflichste Fersengeld genommen hat."
[GEJ.01_066,19] Sagt Jonael: „Das überlassen wir alles dem Herrn, Der nun mit uns ist; Er wird alles wohl und recht machen! Ich sehe aber nun schon eine Schar Krieger mit einer weißen Fahne aus dem Flecken uns entgegenziehen; das scheint mir ein gutes Vorzeichen zu sein!"
[GEJ.01_066,20] Sagt der Genesene: „O ja, wenn es kein gewöhnlicher Kriegskniff der Römer ist!? Denn in derlei sind der Römer und Griechen Kriegsscharen überaus ausgezeichnet!"
67. Kapitel
[GEJ.01_067,01] Sagt Jonael: „Gegen die Macht der Menschen mögen derlei Kniffe von Erfolg sein; aber gegen die Macht Gottes nützt kein solcher Kniff etwas. Mit der Gottesmacht richtet nur die reine und wahre Liebe etwas aus; alles andere ist Spreu gegen des starken Windes Sturmmacht! Daher besorge du nichts; denn mit uns ist Gott! Wer sollte da wider uns sein können?!"
[GEJ.01_067,02] Sagt der Genesene: „Jawohl, jawohl, du hast recht! Aber mit Adam war auch ohne allen Zweifel Gott, und dennoch hatte Satan durch die schlaueste List es verstanden, den Adam zu kapern! Und Michael hatte nach einem dreitägigen Kampfe Mosis Leib dennoch dem Satan überlassen müssen! Gott ist allmächtig wohl, daran ist kein Zweifel; aber der Satan ist voll der ärgsten List, und diese hat dem Volke Gottes schon manchen Schaden bereitet. Daher ist Vorsicht im Angesicht eines Tigers so lange gleichfort nötig, als dieser lebt; nur so er einmal tot ist, dann erst kann man ohne Vorsicht und Sorge ganz frei atmen!"
[GEJ.01_067,03] Sagt Jonael: „Auch du hast recht in deiner Art, aber du mußt nun das wohl bedenken, daß der Herr in der früheren Zeit es dem Satan zuließ, so oder so zu wirken; denn dem erstgeschaffenen Geiste mußte eine große Zeit zur Probung seiner Freiheit belassen werden, da er nicht nur der erste, sondern auch der größte der geschaffenen Geister war.
[GEJ.01_067,04] Aber diese Zeit ist nun zu Ende, und dem Fürsten der Nacht werden nun sehr enge Fesseln angelegt werden, in denen er sich nimmer so frei als wie bisher wird zu bewegen imstande sein.
[GEJ.01_067,05] Aus dem Grunde denn, so in uns die rechte Liebe zu Gott waltet, wir wohl sorgenfreier auf der Erde wandeln können, als wie dies früher unter des Gesetzes hartem Joche der Fall war.
[GEJ.01_067,06] Von Adam bis auf uns herrschte das Gesetz der Weisheit, und es gehörte viel Weisheit und der kräftigste und unbedingteste Wille dazu, um solch ein Gesetz in sich zu erfüllen.
[GEJ.01_067,07] Gott aber sah, daß die Menschen das Gesetz der Weisheit nimmer erfüllen mochten, und kam nun Selbst in die Welt, um ihnen ein neues Gesetz der Liebe zu geben, das sie leicht werden erfüllen können. Denn in dem Gesetze der Weisheit ließ Jehova unter die Menschen nur Sein Licht strahlen; das Licht aber war nicht Er Selbst, sondern es ging nur aus Ihm unter die Menschen, gleichwie auch die Menschen aus Ihm hervorgegangen sind, aber dennoch nicht Jehova Selbst sind. Aber durch und in der Liebe kommt Jehova Selbst zum Menschen und nimmt geistig in aller Fülle der Wahrheit Wohnung im Menschen und macht dadurch den geschaffenen Menschen Sich völlig ähnlich in allem. Und da ist es dann dem Satan nicht mehr möglich, den also gewaffneten Menschen anzutasten mit seiner Schlauheit; denn Jehovas Geist im Menschen durchschaut allzeit des Satans noch so verborgen gehaltene Tücke und hat stets Macht in Übergenüge, des Satans völlige Ohnmacht zu zerstäuben.
[GEJ.01_067,08] Der Prophet Elias bezeichnete diesen nunmaligen Zustand der Menschen, wo Jehova unmittelbar in der Liebe zu den Menschen kommt, mit dem sanften Gesäusel, das vor der Grotte vorüberzog; aber im großen Sturm und im Feuer war Jehova nicht!
[GEJ.01_067,09] Das sanfte Gesäusel ist alsonach die Liebe der Menschen zu Gott und ihren Brüdern, in der Jehova Selbst ist, während Er im Sturme der Weisheit und im flammenden Schwerte des Gesetzes nicht ist!"
[GEJ.01_067,10] Und da nun Jehova Selbst also bei uns, mit uns und unter uns ist, so haben wir des Satans Kniffe durchaus nicht mehr alsosehr zu fürchten, als wie dies in der Urzeit und Vorzeit leider traurig genug der Fall war, und du darfst darob dem blutdürstigen Tiger Roms nun schon mutiger und sorgloser in sein tückevolles Antlitz schauen! Sahst du vorhin nicht, wie die ganze Legion vor den zwei Jünglingen das allerschmählichste Fersengeld nahm?! Uns begleiten aber solche Jünglinge in einer großen Anzahl, und wir sollen Furcht vor den uns mit einer weißen Fahne entgegenkommenden Römern haben?! Ich sage dir: nicht einmal in einem Traume, geschweige in der Wirklichkeit!"
[GEJ.01_067,11] Auf diese Rede macht der Genesene große Augen und sagt nach einer kurzen Weile: „Was sagst du? Jehova wäre nun unter uns? Ich meinte, daß dieser Mann, der mir half, bloß nur der erwartete Messias sei!? Wie, ist denn bei dir Jehova und der Messias Eins?
[GEJ.01_067,12] Daß im Messias Jehovas Kraft in viel größerer Fülle walten wird, als sie in allen Propheten zusammengenommen gewaltet hat, das mag ich recht wohl begreifen; aber daß der Messias und Jehova vollends Eins sein würden, das hätte ich mir nicht einmal zu denken, geschweige auszusprechen getraut! Es steht dazu auch geschrieben, daß man sich Jehova unter gar keinem Bilde vorstellen solle, und nun soll dieser Mensch, der für den Messias wahrlich alle Eigenschaften besitzt, Je-ho-va Selbst sein?! Ja, mir ist es vollkommen recht, wenn es dir als unserm Oberpriester nichts macht!
[GEJ.01_067,13] Daß der Messias ein besonderer Gott sein dürfte, das habe ich mir wohl gleich nach meiner Heilung gedacht; denn Götter sind wir nach der Schrift alle mehr oder weniger, je nach der Haltung des Gesetzes Jehovas. Aber daß Er Jehova Selbst wäre!? – Ja – wenn so, da heißt es nun anders sich verhalten! Ich bin von Ihm Selbst geheilt worden, – und da heißt es nun zu einem ganz andern Danke schreiten!"
[GEJ.01_067,14] Hier will er sogleich zu Mir gehen. Aber Jonael hindert ihn daran und bescheidet ihn, das zu tun, so sie in Sichar sein werden, und der Genesene stellt sich damit vollkommen zufrieden.
68. Kapitel
[GEJ.01_068,01] Es kam aber nun auch die römisch-militärische Deputation bei uns an, und deren Anführer überreichte Mir ein Bittschreiben von seiten des Oberanführers und Kommandanten dieses Forts, worin dieser Mich um alles Menschenheiles willen bittet, von dem Vorgefallenen keine Notiz zu nehmen und die Gesellschaft dahin zu stimmen, daß sie es niemandem erzähle, was da vor sich gegangen sei, da ihm solches Schaden und daneben aber dennoch niemandem einen Nutzen brächte! Es werde aber allen mehr von Nutzen sein als zum Schaden, so sie sich ihn als den Oberbefehlshaber Roms lieber zum Freunde als zum Feinde machen! Auch Jairuth soll schweigen, und er soll die Versicherung haben, daß er künftighin Ruhe in seinem Hause haben wird. Im übrigen aber bitte er Mich, daß Ich ihn in seiner Residenz besuchen möchte; denn er hätte mit Mir gar heimliche und wichtige Dinge zu besprechen!
[GEJ.01_068,02] Ich erwidere darauf dem Überbringer des Schreibens: „Sage du deinem Gebieter, daß es ihm werden solle, um was er gebeten hat. Aber in seine Residenz werde Ich dennoch nicht kommen; wolle er aber mit Mir reden über geheime wichtige Dinge, so solle er Mich am Eingangstore dieses Fleckens erwarten, und Ich werde es ihm kundtun, um was es sich handelt, darüber er mit Mir sprechen möchte."
[GEJ.01_068,03] Auf solche Worte entfernt sich der Deputierte mit dessen Begleitung und hinterbringt seinem Gebieter alles, was er von Mir vernommen hat, und dieser begibt sich sogleich mit seinen auserlesensten Unterbefehlshabern an das Tor des Fleckens und erwartet Mich.
[GEJ.01_068,04] Jairuth aber fragt Mich, ob der Einladung wohl zu trauen wäre; denn er kenne die große Schlauheit dieses Oberbefehlshabers, der ein Oberster sei. Dieser habe schon viele auf diese Art und Weise in die andere Welt befördert!
[GEJ.01_068,05] Sage Ich: „Lieber Freund, Ich kenne ihn auch, wie er war und wie er nun ist. Die Jünglinge haben ihm einen unvertilgbaren Respekt eingeflößt, er hält sie für Genien und Mich für einen Sohn seines Gottes Jupiter und möchte nun von Mir erfahren, was da an der Sache ist. Ich aber weiß es schon, was Ich ihm sagen werde!"
[GEJ.01_068,06] Damit begnügt sich Jairuth, und wir kommen an das Tor, an dem uns der Oberste mit seinen Offizieren schon erwartet. Er tritt sogleich hervor, grüßt Mich freundlich und will Mich sogleich befragen über sein Anliegen.
[GEJ.01_068,07] Ich aber komme ihm zuvor und sage zu ihm: „Freund! Meine Diener sind keine Genien und Ich durchaus kein Sohn deines Zeus! Und nun weißt du alles, was zu wissen und von Mir zu erfragen du dir vorgenommen hast."
[GEJ.01_068,08] Der Oberste erstaunt darüber gewaltigst, daß Ich ihm das sogleich offen zu erzählen wußte, was er in sich bloß gedacht, doch davon niemanden in Kenntnis gesetzt hatte.
[GEJ.01_068,09] Als er also sich eine Weile wundert, da fragt er Mich noch einmal und sagt: „So du das nicht bist, so sage mir denn, wer und was du und deine Diener denn so ganz eigentlich sind! Denn mehr als bloß gewöhnliche Alltagsmenschen seid ihr in jedem Falle, und es wäre mir angenehm, euch die gebührende Ehre erweisen zu können."
[GEJ.01_068,10] Sage Ich: „Ein jeder Mensch, der redlich und ehrlich fragt, ist auch einer gleichen Antwort wert. Du hast Mich nun ehrlich und redlich gefragt und sollst darob auch eine gleiche Antwort erhalten, und so höre denn: Ich bin fürs erste das und der, Der Ich nun vor dir stehe, nämlich ein Mensch! Es gibt nun zwar viele auf der Erde, die also aussehen wie Ich; aber Menschen sind sie darum doch nicht, sondern bloß nur Menschenlarven. Je vollendeter aber ein wahrer Mensch ist, desto mehr Macht und Kraft liegt in seinem Erkennen und wirkungsreichen Wollen!"
[GEJ.01_068,11] Sagt der Oberste: „Kann ein jeder Mensch also vollkommen werden wie du?"
[GEJ.01_068,12] Sage Ich: „O ja, so er das tut zu seiner Vollendung, was Ich lehre!"
[GEJ.01_068,13] Fragt der Oberste: „So laß hören deine Lehre, und ich will danach tun und leben!"
[GEJ.01_068,14] Sage Ich: „Die Lehre wohl könnte Ich dir geben; aber sie würde dir wenig nützen, weil du nicht danach leben würdest. Denn solange du das bist, als was du hier von Rom aus bestellt bist, kann dir Meine Lehre nichts nützen, – du müßtest denn alles verlassen und Mir nachfolgen, ansonst es dir unmöglich wäre, Meiner Lehre nachzuleben!"
[GEJ.01_068,15] Sagt der Oberste: „Ja, das ginge wohl sehr schwer! Aber dessenungeachtet könntest du mir ja doch einige Hauptgrundsätze deiner Lehre kundtun!? Denn ich besitze schon mancherlei Kenntnisse in verschiedenen Dingen und bin darin wohl verständig; warum sollte ich nicht auch von deiner Lehre irgend eine Kenntnis erhalten? Vielleicht kann ich sie doch in irgend eine Ausübung bringen!?"
[GEJ.01_068,16] Sage Ich: „Mein Freund, wenn aber Meine Lehre eben darin besteht, daß Mir jemand folge, ansonst er in das Reich Meiner Vollendung nicht eingehen kann, wie wirst du sie dann bei dir in Anwendung bringen?!"
[GEJ.01_068,17] Sagt der Oberste: „Das klingt zwar sehr seltsam; aber doch mag daran etwas gelegen sein! Laß mich darum ein wenig darüber nachdenken!"
[GEJ.01_068,18] Der Oberste denkt eine Weile nach und sagt dann: „Meinst du da eine persönliche oder im Grunde des Grundes nur eine moralische Nachfolge?"
[GEJ.01_068,19] Sage Ich: „Die persönliche Nachfolge, wo sie möglich ist, im steten Verbande mit der moralischen ist ganz natürlich die um vieles vorzüglichere; so aber die persönliche Nachfolge vermöge einer Amtsstellung, die auch sein muß, unmöglich ist, dann genügt auch eine gewissenhaft moralische. Aber das Gewissen muß Mich in der Liebe zu Mir und allen Menschen und daraus die reinste Wahrheit zum Grunde des Grundes haben, ansonst die allein moralische Nachfolge geistig tot wäre. – Verstehst du das?"
[GEJ.01_068,20] Sagt der Oberste: „Das ist dunkel! Wenn aber also, was soll ich dann mit allen meinen schönen Göttern machen? Meine Urahnen haben an sie geglaubt; ist es recht, daß ich dem Glauben solch meiner Ahnen treu bleibe, oder soll ich an den Gott der Juden zu glauben anfangen?"
69. Kapitel
[GEJ.01_069,01] Sage Ich: „Lieber Freund, es liegt an allen deinen Ahnen nichts und noch weniger an ihren Göttern, die sie verehrten; denn deine Ahnen sind lange schon tot, und ihre Götter haben außer in der Phantasie poetischer Menschen niemals eine Existenz gehabt. Hinter ihren Namen und Abbildern barg sich nie eine reelle Wirklichkeit. Wenn du demnach den leersten Glauben an deine Götter fahren läßt, so liegt wahrlich nichts daran; denn sie können deine Seele ebensowenig stärken, als gemalte Speisen deinen Leib sättigen! An all dem, wie gesagt, liegt sonach durchaus nichts; aber alles liegt an der einen reinen Wahrheit und an dem Leben in, aus und durch diese eine reine Wahrheit!
[GEJ.01_069,02] Denn so du lebst aus der Lüge, dann ist dein Leben in sich selbst nichts als Lüge und kann ewig zu keiner Realität gelangen; ist aber dein Leben, aus der Wahrheit hervorgehend, in sich selbst Wahrheit, dann ist auch alles Realität und Wirklichkeit, was immer dein Leben aus sich ziehet! Niemand aber kann aus der Lüge die Wahrheit ersehen und erkennen, denn der Lüge ist alles eine Lüge. Nur wer aus dem Geiste der Wahrheit neu geboren wird und selbst in sich zur Wahrheit, ja zur vollen Wahrheit wird, für den wird sogar die Lüge zur Wahrheit!
[GEJ.01_069,03] Denn wer die Lüge als Lüge erkennen kann, der ist in allem selbst Wahrheit, weil er die Lüge alsogleich als das erkennt, was sie ist; und das ist auch Wahrheit! Fassest du solches?"
[GEJ.01_069,04] Sagt der Oberste: „Freund! Du redest recht und in dir ist eine tiefe Weisheit! Aber die große herrliche Wahrheit, wo ist sie, und was ist sie? Sind die Dinge also wahr, wie wir sie sehen, oder sieht sie etwa das Auge des Negers nicht anders als wir? Dem einen schmeckt eine Frucht süß und angenehm, einem andern dieselbe Frucht bitter und ekelerregend! Also sprechen verschiedene Menschenstämme verschiedene Sprachen; welche darunter ist wahr und gut?! Im speziellen, auf jedes einzelne Individuum für sich gerechnet, mag vieles wahr sein; aber eine allgemeine, alles umfassende Wahrheit kann es nach meiner Einsicht nimmer geben, – und gibt es eine, so zeige mir, wo und was diese ist, und worin sie besteht!"
[GEJ.01_069,05] Sage Ich: „Mein Freund, siehe, darin liegt der alte, dir bekannte gordische Knoten, den bis auf den dir bekannten Helden von Mazedonien niemand lösen konnte!
[GEJ.01_069,06] Was du mit den Mitteln des Fleisches schauest und empfindest, ist dem Fleische und dessen Mitteln gleich; es ist wie dieses unbeständig und vergänglich. Was aber unbeständig und vergänglich ist, wie möglich könnte es dir Stoff für die ewig gleichfort beständige und unvergängliche Wahrheit bieten?!
[GEJ.01_069,07] Nur Eines ist im Menschen, und dieses große und heilige Eine ist die Liebe, die da ist ein rechtes Feuer aus Gott und im Herzen wohnet; und nirgends denn allein in dieser Liebe ist Wahrheit, weil die Liebe selbst der Urgrund aller Wahrheit in Gott und aus Gott in jedem Menschen ist!
[GEJ.01_069,08] Willst du die Dinge wie dich selbst in der vollen Wahrheit erschauen und erkennen, so mußt du sie auch aus diesem allein wahren Urgrunde deines Seins erschauen und erkennen; alles andere ist Täuschung, und der Kopf jedes Menschen, und was im Kopfe ist, gehört in das Gebiet des dir bekannten gordischen Knotens, den mit Bedachtsamkeit niemand lösen kann.
[GEJ.01_069,09] Mit schneidender Gewalt nur kann der Mensch mit dem Geiste der Liebe im eigenen Herzen diesen Knoten zerhauen und sodann im Herzen zu denken, zu schauen und zu erkennen beginnen, und wird auf solcher neuen Bahn dann erst zur Wahrheit seines, wie jedes andern Seins und Lebens gelangen!
[GEJ.01_069,10] Dein Kopf kann dir zahllose Götter schaffen; aber was sind sie? Ich sage dir, nichts als eitle, leblose Gebilde, im Gehirne erzeugt durch dessen lockeren Mechanismus; im Herzen aber wirst du nur einen Gott finden, und dieser ist wahr, weil die Liebe, in der du einen allein wahren Gott gefunden hast, selbst Wahrheit ist.
[GEJ.01_069,11] Die Wahrheit läßt sich alsonach nur in der Wahrheit suchen und finden; der Kopf aber hat genug getan, so er dir den Schlüssel zur Wahrheit geliefert hat. Alles aber kann ein Schlüssel zur Wahrheit sein, was dich zur Liebe mahnt und zieht; folge darnach solchem Zuge und solcher Mahnung und gehe ein in die Liebe deines Herzens, und du wirst die Wahrheit finden, die dich von jedem Truge frei machen wird!
70. Kapitel
[GEJ.01_070,01] (Der Herr): „Ein Beispiel soll dir diese Sache noch heller machen.
[GEJ.01_070,02] Siehe, du hast unter deinen Untergebenen einige, die sich gegen deine Gesetze versündigt haben, und sie sollen darum gezüchtigt werden. Du hältst wohl die vorgeschriebenen Untersuchungen mit ihnen und möchtest also durch allerlei pfiffige Fragen ihr eigenes Geständnis aus ihnen holen; aber sie leugnen aus ihrem Kopfe ebenso pfiffig dir alles vom Munde weg, als wie pfiffig und klug du sie aus deinem Kopfe befragst. Es macht auf diese Weise stets eine Lüge der andern Luft, und du kommst mit ihnen zu keinem andern Ziele, als daß du sie am Ende ohne ihr Geständnis, bloß nach der Aussage oft feindlich gesinnter Zeugen, in denen auch keine Wahrheit ist, zur Strafe verurteilen mußt und dabei stets annehmen kannst, daß aus zehn kaum einer ein rechtliches Urteil erhielt und der Schuldlose mit dem Schuldigen ein gleiches Los überkommt!
[GEJ.01_070,03] Stelle dich aber einmal nicht als Richter, sondern als ein Mensch voll Liebe deinen armen Brüdern gegenüber, die sich an dir versündigt haben, und erwecke in ihren Herzen Gegenliebe, und diese Sünder werden dir mit Reue und vielen Tränen treu und wahr bekennen, wie, wann und was sie gegen dich gesündigt haben! Aber dann falle auch die Strafe hinweg! Denn jegliche Strafe selbst ist keine Wahrheit, sondern das Gegenteil, weil sie nicht aus der Liebe, sondern aus dem Zorne des Gesetzes und dessen Gebers kommt. Der Zorn aber ist selbst ein Gericht; im Gerichte aber ist die Liebe nicht. Wo aber die Liebe fehlt, da ist auch die Wahrheit nicht.
[GEJ.01_070,04] Halte dich daher an die reine Liebe und handle in ihrer Wahrheit und Kraft, und du wirst dann auch allenthalben die Wahrheit finden und wirst gar sehr ersichtlich gewahr werden, daß es gar wohl eine allgemeine Wahrheit gibt, die nicht nur diese Erde, sondern die ganze Undendlichkeit durchdringt!
[GEJ.01_070,05] Wenn du unter den Menschen also handeln möchtest, da würdest du Mir moralisch ganz gültig nachfolgen und dir durch solche Nachfolge das ewige Leben erkämpfen. So du aber bleibst, wie du nun bist, da wird dir über dem Grabe nichts als Nacht und ein leeres, lügenvolles Sein, das da ist des Geistes der Liebe und Wahrheit Tod, übrigbleiben!
[GEJ.01_070,06] Denn sieh, nur sehr kurz dauert dieses Erdenleben; dann kommt die endlose Ewigkeit! Wie du fallen wirst, so wirst du auch liegenbleiben, so in dir die echte Wahrheit nicht lebendig geworden ist!
[GEJ.01_070,07] Nun weißt du alles, was dir vorderhand zu wissen nötig ist. Willst du aber mehr, da gehe gelegentlich zum Oberpriester Jonael nach Sichar hin; der wird dir alles kundtun, was er von Mir gelernt, gesehen und erfahren hat! Handle darnach, so wirst du selig werden!"
[GEJ.01_070,08] Sagt der Oberste, ganz durchdrungen von der Wahrheit Meiner Rede: „Freund, ich habe aus deiner Rede nun entnommen, daß du ein Weisester der Weisen dieser Erde bist, und ich werde daher auch alles tun, was du mir angeraten hast; aber nur möchte ich jetzt das von dir selbst erfahren, wer du so ganz eigentlich bist! Denn sieh, abgesehen von dem, daß mir von deinen dich begleitenden Jünglingen eine volle, allerschmählichste Niederlage bereitet worden ist, die ich mir nicht auf eine andere Art erklären kann, als daß ich notwendig annehme, daß diese Jünglinge Götter oder Genien aus den Himmeln sind und mich daher wunderbar in die Flucht zu schlagen vermocht haben, erkenne ich nun dennoch bloß aus deiner übergroßen Weisheit allein, daß du offenbar mehr sein mußt denn allein ein ganz einfacher Mensch! Du hast es sicher schon vielen deiner Jünger gesagt und gezeigt, wer du seiest; du aber siehst, daß es mir nun selbst ganz vollkommen ernst ist, wenigstens im Geiste ein Jünger von dir zu werden! Sage es also auch mir, was ich von dir selbst halten soll! Wer und was und von woher bist du im Grunde des Grundes?"
[GEJ.01_070,09] Sage Ich: „Fürs erste habe Ich es dir im Grunde des Grundes schon gesagt und zwar also, daß du es leicht fassen könntest, so du darüber recht nachdächtest, und fürs zweite habe Ich dich soeben darum an den Jonael gewiesen. So du zu ihm kommen wirst, da wirst du dann schon alles erfahren, was dir nun noch abgeht. Nun aber halte uns nicht länger auf; denn der Tag fängt an, seinem Ende sich zu nahen, und Ich muß heute noch so manches verrichten!"
[GEJ.01_070,10] Sagt der Oberste: „So erlaube mir denn, daß ich dich geleite bis zur Stadt!"
[GEJ.01_070,11] Sage Ich: „Der Weg ist frei, und so du Mich in guter Absicht begleiten willst, da tue es! Ist aber in dir noch so geheim irgend ein höllischer Grund vorhanden, so bleibe daheim; denn es würde dir solch eine Begleitung durchaus zu keinem Segen gereichen! Meine Macht hast du bereits erprobt."
[GEJ.01_070,12] Sagt der Oberste: „Das sei ferne von mir, obschon ich in diesen kritischen Zeiten Grund dazu hätte, in denen die Mythenzeit stets näher und näher rückt, in der die Juden von ihrem Gotte aus einen gewaltigen Retter aus der Herrschaft Roms erwarten, und man nun hin und wieder sich von jüdischer Seite in die Ohren zu raunen vernimmt, daß solch ein Retter bereits auf der Erde sich befinden solle! Ich könnte es mir also wohl sehr leicht denken, daß eben du dieser Retter seiest, – ja, ich habe es mir heimlich auch schon also gedacht. Aber es sei ihm nun, wie ihm wolle, – ich erkenne dich als einen Weisesten der Weisen und liebe dich darum als einen wahren Freund der Menschen; und so sollen solche meine Gedanken mich auch durchaus nimmer hindern, dir der Wahrheit willen zu folgen, persönlich nun bis nach Sichar und geistig durch mein ganzes Leben, obschon ich wohl weiß, daß ich als Römer mir dadurch keinen Triumphbogen errichten werde! Nun habe ich mich dir ganz enthüllt und frage dich daher noch einmal, ob ich dich begleiten darf. Sagst du ja, so werde ich dich begleiten; sagst du aber nein, so werde ich hier verbleiben!"
[GEJ.01_070,13] Sage Ich: „Nun denn, so begleite Mich mit all denen, die hier an deiner Seite stehen, auf daß dir gültige Zeugen zur Seite stehen!"
71. Kapitel
[GEJ.01_071,01] Nach diesem Bescheide frage Ich den Obersten, ob in diesem Orte es keine Kranken gäbe. Und der Oberste spricht: „Freund, so du dich auch etwa auf die Heilkunde verstehst, so heile mein Weib! Denn sie leidet bereits ein volles Jahr an einem geheimen Leiden, das kein Arzt erkennt. Vielleicht wäre es der Tiefe deiner Weisheit möglich, das Übel zu erkennen und dem Weibe davon zu helfen!?"
[GEJ.01_071,02] Sage Ich: „Ich sage es dir: Dein Weib ist gesund! Sende nach ihr!"
[GEJ.01_071,03] Der Oberste sendet sogleich einen Diener dahin, und diesem kommt des Obersten Weib schon an der Schwelle ganz heiter und gesund entgegen und begibt sich mit ihm sogleich zum Obersten hin. Dieser aber erstaunt sich darob über alle Maßen und sagt zu Mir: „Freund! Du bist ein Gott!"
[GEJ.01_071,04] Sage Ich: „So seid denn ihr Menschen doch alle gleich! Wenn ihr nicht Zeichen seht, da glaubt ihr nicht. Aber ihr seid nun dennoch selig, so ihr doch noch glaubt der Zeichen wegen; so aber jemand auch der Zeichen wegen, die Ich verrichte, nicht glauben sollte, der ist dem Tode verfallen.
[GEJ.01_071,05] Aber in der Folge werden nur jene Menschen selig werden, die ohne Zeichen bloß der Wahrheit Meines Wortes glauben werden und werden leben danach! Diese werden dann in sich erst das wahre lebendige Zeichen finden, welches da heißt das ewige Leben, und das wird ihnen dann niemand mehr nehmen können.
[GEJ.01_071,06] Du hast nun eine Freude, daß Ich dein Weib gesund gemacht habe bloß durch den Willen Meines Herzens, und fragst dich in einem fort: ,Wie ist das möglich?‘ Ich aber sage dir: So ein Mensch lebte nach der inneren reinen Wahrheit und käme dann selbst in solche Wahrheit und hätte keinen Zweifel mehr in seiner Wahrheit, so könnte er zu einem dieser die Gegend umlagernden Berge sagen: ,Hebe dich und falle ins Meer!‘ – und der Berg würde sich heben und fallen ins Meer!
[GEJ.01_071,07] Aber da in dir wie in gar vielen solche Wahrheit nicht wohnt, so könnt ihr nicht nur keine solchen Taten verrichten, sondern ihr müßt euch obendrauf noch über Hals und Kopf verwundern, so Ich, Der Ich solche Wahrheit in aller Fülle in Mir habe, vor euren Augen Taten verrichte, die allein durch die Macht der innersten lebendigen Wahrheit verrichtet werden können!
[GEJ.01_071,08] In solcher Wahrheit wird erst der Glaube, welcher da ist im Menschen des Geistes rechte Hand, lebendig und tatkräftig; und des Geistes Arm reicht weit und verrichtet große Dinge!
[GEJ.01_071,09] Werdet ihr durch solche Wahrheit in euch eures Geistes Arme hinreichend gestärkt haben, so werdet ihr das tun, was Ich nun vor euch getan habe, und werdet nebst dem ganz klar einsehen, wie solches noch um vieles leichter möglich ist, als mit den Leibeshänden vom Boden heben einen Stein und ihn schleudern mehrere Schritte vor sich hin!
[GEJ.01_071,10] Lebet daher nach solcher Meiner Lehre! Seid Täter und nicht bloß eitle Hörer und Bewunderer Meiner Worte, Lehren und Taten, so werdet auch ihr das in euch selbst überkommen, was ihr nun an Mir so hoch bewundert!
[GEJ.01_071,11] Ich aber zeige euch das nicht von Mir Selbst, sondern aus Dem, Der solches Mich gelehrt hat vor der Welt. Und Dieser ist es, von Dem ihr saget, daß Er euer Vater sei, – ihr Ihn aber nicht kennet und noch nie erkannt habt! Der aber, von Dem ihr saget, daß Er euer Vater sei, ist es, von Dem alle Dinge sind, als: Engel, Sonne, Mond und Sterne und diese Erde mit allem, was in ihr und was auf ihr ist!
[GEJ.01_071,12] Wie dieser Vater aber Mich gelehrt hat vor aller Welt, so lehre nun auch Ich euch, auf daß der Vater, Der nun in Mir lebet, auch in euch Wohnung nehmen und in euch, so wie in Mir, zeugen möchte die urewige reine Wahrheit aus dem ewigen Urfundamente, das da heißt und ist die Liebe in Gott, die aber da wieder ist das eigentliche Wesen Gottes Selbst!
[GEJ.01_071,13] Lasset euch sonach nicht so sehr hinreißen von den Zeichen, die Ich vor euren Augen verrichte, auf daß ihr nicht in einen toten, gerichteten Glauben kommt, der nichts nütze ist, sondern lebet und handelt nach dem, was Ich euch lehre, so werdet ihr es in euch selbst überkommen, darob ihr euch nun über die Maßen verwundert über Mich; denn ihr seid alle berufen, ebenso vollkommen zu sein, wie der Vater im Himmel Selbst vollkommen ist! Nun wisset ihr alles; tut danach, und ihr werdet es in euch gewahr werden, ob Ich euch die Wahrheit gesagt habe oder nicht! Prüfet sonach durch die Tat Meine Lehre, aber mit allem Eifer, weit entfernt von jeglicher Lauheit, und ihr werdet erst dadurch erfahren, ob diese Lehre von einem Menschen oder ob sie von Gott ist!"
[GEJ.01_071,14] Nach dieser wichtigen Belehrung sagt der Oberste: „Nun fängt es an zu dämmern in mir! Es liegt zwar in allem dem eine unberechenbar tiefe Weisheit, die für uns ganz gewöhnliche Menschen im ersten Moment schwer zu fassen ist; aber es liegt daran eben nicht gar viel. Denn so man erst durchs Handeln darnach zur rechten Einsicht gelangen kann, so lasse ich nun alles weitere Grübeln und werde, nachdem ich durch Jonael in die ganze Lehre werde eingeweiht sein, mich sogleich aufs volle, ganz ernste Tun verlegen. Und bei diesem Vorsatze verbleibe es!"
[GEJ.01_071,15] Sage Ich: „Gut so, Mein Freund; so du aber auf diese Weise zum Lichte gelangen wirst, da laß dies dein Licht auch deinen Brüdern leuchten, so wirst du dir damit einen Lohn im Himmel bereiten! – Nun aber begeben wir uns nach Sichar; denn Ich habe dort auch noch einiges zu verrichten. Und so gehen wir weiter!"
72. Kapitel
[GEJ.01_072,01] Es wird nun der Weg angetreten, und der Oberste samt dessen geheiltem Weibe und zweien seiner ersten Unterkommandanten begleiten Mich. Der Oberste und dessen Weib aber nehmen den Jonael in ihre Mitte, besprechen sich mit ihm und befragen ihn über verschiedenes der jüdischen Religion, und was darin auf Mich Bezug hätte; und der im ersten Dörflein geheilte Gichtbrüchige nimmt einen alleraufmerksamsten Teil an solcher Unterredung. Ich aber gehe unter den sieben Töchtern Jonaels und dessen Weibe. Diese befragen Mich auch um so manches, was da etwa in Kürze über die Welt, über Jerusalem und über Rom kommen werde. Und ich gebe ihnen gütige Antworten und zeige ihnen, wie in Kürze der geheime Fürst der Welt gerichtet werde und kurz darauf alles, was seines Anhanges ist. Zugleich zeige Ich ihnen auch das Ende der Welt und ein allgemeines Gericht gleich dem zu den Zeiten Noahs, und sie fragen Mich voll tiefen Staunens, wann und wie solches geschehen werde.
[GEJ.01_072,02] Ich aber sage zu ihnen: „Meine lieben Töchter! So wie es zu Noahs Zeiten war, so wird es auch dann sein; die Liebe wird abnehmen und völlig erkalten, der Glaube an eine aus den Himmeln an die Menschen geoffenbarte reine Lebenslehre und Gotteserkenntnis wird in einen finstersten toten Aberglauben voll Lug und Trug verwandelt werden, und die Machthaber werden sich der Menschen abermals wie der Tiere bedienen und werden sie ganz kaltblütig und gewissenlosest hinschlachten lassen, so sie sich nicht ohne alle Widerrede dem Willen der glänzenden Macht fügen werden! Die Mächtigen werden die Armen plagen mit allerlei Druck und werden jeden freieren Geist mit allen Mitteln verfolgen und unterdrücken, und dadurch wird eine Trübsal unter die Menschen kommen, wie auf der Erde noch nie eine war! Aber dann werden die Tage verkürzt werden der vielen Auserwählten wegen, die unter den Armen sich vorfinden werden; denn wo dies nicht geschähe, könnten sogar die Auserwählten zugrunde gehen!
[GEJ.01_072,03] Es werden aber bis dahin von nun an noch tausend und nicht noch einmal wieder tausend Jahre vergehen! Alsdann aber werde Ich dieselben Engel, so wie ihr sie nun hier sehet, mit großen Aufrufsposaunen unter die armen Menschen senden! Diese werden die im Geiste totgemachten Menschen der Erde gleichsam aus den Gräbern ihrer Nacht erwecken; und wie eine Feuersäule sich wälzt von einem Ende der Welt zum andern hin, werden diese vielen Millionen Geweckten sich hinstürzen über alle die Weltmächte, und nicht wird ihnen jemand mehr einen Widerstand zu leisten vermögen!
[GEJ.01_072,04] Von da an wird die Erde wieder zum Paradiese werden, und Ich werde leiten Meine Kinder rechten Weges immerdar.
[GEJ.01_072,05] Aber von da an nach einem Verlaufe von tausend Jahren wird der Fürst der Nacht einmal auf eine nur sehr kurze Zeit von sieben Jahren und etlichen Monden und Tagen der Zeit nach frei seiner selbst willen, entweder zum gänzlichen Falle oder zur möglichen Wiederkehr.
[GEJ.01_072,06] Im ersten Falle wird dann die Erde zu einem ewigen Kerker ihrem innersten Teile nach umgewandelt werden; aber die Außenerde wird ein Paradies verbleiben. Im zweiten Falle aber würde die Erde zum Himmel umgestaltet werden, und der Tod des Fleisches und der Seele würde für ewig verschwinden! – Wie aber das, und ob?! – Das darf voraushin auch nicht einmal der erste Engel der Himmel wissen; das weiß allein der Vater. Was Ich euch aber nun veroffenbart habe, das saget vorher niemandem, als bis ihr nach ein paar Erdjahren werdet vernommen haben, daß Ich von der Erde erhöhet worden sei!"
[GEJ.01_072,07] Da fragten aber die Töchter, worin solche Erhöhung bestehen werde.
[GEJ.01_072,08] Ich aber sage zu ihnen: „So ihr davon hören werdet, werden eure Herzen wohl sehr traurig werden! Aber dann tröstet euch mit dem, daß Ich darauf nach drei Tagen wieder in eurer Mitte Mich befinden und euch Selbst überbringen werde die große Bestätigung des neuen Testaments und die Schlüssel zu Meinem ewigen Reiche! Sehet aber zu, daß Ich euch dann so rein, wie ihr jetzt seid, antreffe, ansonst ihr nicht Meine Bräute für ewig werden könnet!" – Auf das geloben Mir die Töchter samt ihrer Mutter, alles auf das genaueste zu beachten, was Ich ihnen geboten und geraten habe.
73. Kapitel
[GEJ.01_073,01] Bei dieser Gelegenheit aber erreichen wir auch die Stadt, und zwar gerade das Haus der Irhael und nun auch des Arztes Joram. Jairuth und der Oberste sowie dessen Weib und die beiden Unterkommandanten können sich nicht genug erstaunen über dessen neue Schönheit, und der genesene Gichtbrüchige verwundert sich auch über alle Maßen und sagt am Ende ganz laut: „So was ist nur Gott allein möglich! Ich habe als Knabe oft in dem zumeist verfallenen Gemäuer dieses Schlosses oder Hauses, das Jakob seinem Sohne Josef erbauen ließ, mutwilligerweise Eidechsen gefangen; und nun steht es also vollendet da, wie es sicher vom Jakob nicht vollendeter erbaut ward! Oh, das bringt keine menschliche Macht über die Nacht zuwege! Ich weiß es nun schon, wie ich daran bin, und weiß es auch, was ich tun werde! Mein Name ist Johannes; merket euch diesen Namen!" –
[GEJ.01_073,02] (Es ist dies derselbe Johannes, den später einmal Meine Apostel, als Ich sie im zweiten Jahre das Volk zu lehren aussandte, bedrohten, weil auch er, ohne ein ausdrückliches Gebot von Mir, in Meinem Namen die Menschen heilte und die bösen Geister austrieb.) (Mark.9,38-40)
[GEJ.01_073,03] Sagt Jonael: „Freund, dein Wille, dein Sinn und deine Worte sind gut; aber es fehlt dir noch eins, und das ist eine reine Erkenntnis des göttlichen Willens! Daher komme nächster Tage zu mir, oder bleibe nun sogleich hier, und ich werde dich mit dem Willen Gottes des Herrn näher bekannt machen! Dann erst kannst du das alles in guter Ordnung ins Werk zu setzen beginnen, was du im guten Sinne hast."
[GEJ.01_073,04] Sagt der Geheilte: „Gott der Herr erleuchte dich darum! Ich werde tun, wie du es mir raten wirst; denn ich sehe, daß du ein rechter Freund dieses großen Propheten bist und wirst daher auch ein rechtes Licht von Ihm haben. Dieser Prophet aber ist über alle, und ich meine, daß gerade Er es ist, von Dem David also sang und weissagte:
[GEJ.01_073,05] ,Die Erde ist des Herrn und was darinnen, und der Erdboden und was darauf wohnt; denn Er hat ihn an die Meere gegründet und bereitet an den Wassern. Wer mag auf des Herrn Berg gehen, und wer wird stehen an Seiner heiligen Stätte? Der unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, und nicht Lust hat zu loser Lehre und nicht fälschlich schwört, der wird Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils. Das aber ist das Geschlecht, das nach Ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Jakob!
[GEJ.01_073,06] Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr stark und mächtig, der Herr mächtig im Streit. Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr Zebaoth; Er ist der König der Ehren!‘ (Psalm 24)
[GEJ.01_073,07] Und ich, Johannes, der ich geheilt ward von Ihm, bezeuge hier offen, daß Dieser leibhaftig derselbe König der Ehren ist, von dem David also gesungen und geweissagt hat! Ihm daher alle Ehre in Ewigkeit!"
[GEJ.01_073,08] Sagt Jonael: „Freund, du stehst nun schon auf rechtem Boden! Aber, vorderhand unter uns gesprochen, jetzt ist es noch nicht an der Zeit, unsern Mund also aufzutun. Aber wann Er, wie Er es Selbst bestimmt hat, von hier abgehen wird, etwa nach Galiläa, da erst wollen wir das Volk von Ihm zu lehren anfangen, und so Er dann in Kürze wieder zu uns kommen wird, da soll Er unsere Tore gehörig weit und die Türen der Welt gehörig hoch zu Seinem Einzuge finden, das heißt, unsere Herzen sollen zu Seiner Aufnahme so weit als möglich und unsere Liebe zu Ihm über die Sterne hinaus erhöht sein; denn unsere Herzen sind das Tor, das weit zu machen ist, und die reine Liebe zu Ihm ist die Tür, die über alles erhöht werden soll!"
[GEJ.01_073,09] Hier trete Ich unter die beiden, lege ihnen Meine Hände auf ihre Schultern und sage: „So ist es recht, Meine lieben Freunde! Wo immer ihr also in Meinem Namen versammelt sein werdet, da werde Ich, wenn schon nicht sichtbar, aber dennoch allkräftig euch stärkend, unter euch sein! – Nun aber vernehme Ich einen Rumor in den Gassen der Stadt; daher verhaltet euch alle ruhig! Wir wollen sehen, von welch einem Geiste die Gemüter behaftet und geleitet sind!"
[GEJ.01_073,10] Jairuth tritt sogleich zu Mir hin und sagt: „Herr, es ist dies ein böser Lärm und deutet auf nichts Gutes! So Du willst, lasse ich sogleich zwei Legionen hierher beordern, und die Ruhe wird sogleich hergestellt sein!"
[GEJ.01_073,11] Sage Ich: „Laß das gut sein! Sollte es not tun, da habe Ich schon die rechte Wache hier bei der Hand; nur du selbst magst dich ein wenig verbergen ins Haus, auf daß dich niemand sehe und erkenne. Denn in dieser Stadt wohnt nun kein guter Geist unter den Weltmenschen, und sie könnten dir später in deinen Besitzungen großen Schaden anrichten!"
[GEJ.01_073,12] Sagt Jairuth: „Ich habe ja noch die zwei Jünglinge; die werden meine Besitzungen schon schützen!"
[GEJ.01_073,13] Sage Ich: „Wenn auch, so laß nun aber die Sache dennoch gut sein; denn so Ich der menschlichen Hilfe bedürfte, so erbäte Ich Mir solche vom Obersten, der auch hier ist! Aber Ich bedarf solcher Hilfe nicht, darum sei ruhig und laß die Sache gut sein!" Mit dem gibt sich Jairuth zufrieden und begibt sich ins Haus der Irhael.
74. Kapitel
[GEJ.01_074,01] Gleich darauf kommt ein ziemlich großer Haufe mit Knitteln versehen zu uns hin und in seiner Mitte zehn Stumme, die durch den Arzt am ersten Abende wegen ihres Schmähens stumm gemacht worden sind; und der Haufe begehrt drohend, daß diesen Stummen die Zunge wieder gelöst werde!
[GEJ.01_074,02] Joram, der Arzt, aber tritt sogleich vor und sagt mit einer festen männlichen Stimme: „O ihr Kinder des Bösen! Ist das die neue Art, zu Gott zu kommen und Ihn um eine Gnade anzuflehen?!"
[GEJ.01_074,03] Da tritt der Haufe ein wenig zurück und schreit: „Wer ist hier Gott, und wo ist Er?! Hältst du am Ende etwa gar dich für Gott, oder jenen Zauberer aus Galiläa, du breitschultriger Gotteslästerer?!"
[GEJ.01_074,04] Sagt Joram noch heftiger: „Wer ist euer ,Zauberer aus Galiläa‘, ihr elenden Wichte?!" Schreit der Haufe: „Jener Zimmermann aus Nazareth namens Jesus ist es, den wir gar wohl kennen, sowie seine Mutter, die auch hier nun ist, und seine Brüder und Schwestern, die auch hier sind! Wir kannten auch seinen Vater, der vor einem Jahre gestorben sein soll, und wie wir hörten, aus Gram, weil ihm sein Weib und seine Kinder nicht folgen wollten und ihn betrogen haben sollen nach allen Seiten!"
[GEJ.01_074,05] Hier wird Joram ganz toll vor Zorn über solch eine schmählichste Verunglimpfung. Er tritt sogleich hastig vor Mich hin, auch Jakobus und Johannes treten hinzu und sagen mit Joram: „Herr, Herr, Herr! So laß doch nun schnell Feuer vom Himmel unter diese Kerle fallen, daß sie verzehrt werden! Das ist ja doch himmelschreiend, was für allerfrechste Lügen sich diese getrauen vor uns auszusprechen!"
[GEJ.01_074,06] Sage Ich: „Ei denn, ihr Kinder des Donners, lasset sie lügen! Gibt es ein Feuer, das ärger brennete denn das der Lüge?! Tut ihnen dafür noch Gutes hinzu, und sie werden mit glühenden Kohlen auf ihren Häuptern davonrennen! – Merkt euch das! Nie vergeltet Schlechtes mit Schlechtem und Böses mit Bösem!" Darauf ermahnen sich die drei, und Joram fragt, was er diesen Frevlern denn nun tun solle.
[GEJ.01_074,07] Ich sage: „Tue ihnen, was sie verlangen, in Meinem Namen und heiße sie dann abziehen!" Und Joram spricht darauf zu dem Haufen: „Im Namen des Herrn! So rede denn nun ein jeder, der unter euch stumm ist und gehe dann seines Weges nach Hause und gebe Gott die Ehre!"
[GEJ.01_074,08] Auf dies Wort Jorams wird allen die Zunge gelöst, die stumm waren; aber sie gaben Gott die Ehre nicht bis auf einen, der die andern wenigstens ermahnte. Als aber diese darauf sagten: „Du Tor, hat uns denn Jehova stumm gemacht?! Ein Zauberkundiger hat uns diesen Schaden zugefügt, und wir sollen darob etwa dem heidnischen Zaubergotte Ehre antun?! So wir das täten, was hätten wir dann von dem allmächtigen wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu gewärtigen?!" Da ging auch der eine, etwas Bessere mit den andern neun davon und getraute sich nicht, Mir zu geben die gebührende Ehre.
[GEJ.01_074,09] Joram und alle die Meinen ärgerten sich darob, und Simon Petrus trat zu Mir eben auch voll Ärgers und sprach: „Herr, es ist wohl gut also, wie es Dir wohlgefällig ist; aber so ich nur einen Funken Deiner geistigen Kraft und Macht hätte, da wüßte ich, was ich diesen dummen und bösen Lästerern Deines mir so überheiligen Namens zugefügt hätte!"
[GEJ.01_074,10] Sage Ich: „Simon, hast du denn Meine Lehre, die Ich am Berge gab, schon vergessen? Was wohl kannst du damit Gutes bewirken, so du Böses mit Bösem vergeltest?! Wenn du eine Speise kochst, die in sich selbst unschmackhaft ist, wirst du wohl weise handeln, so du darob, weil die gekochte Speise an und für sich unschmackhaft ist, statt sie mit gutem Salze, Milch und Honig wohlschmeckend zu machen, dieselbe Speise mit Galle und Aloesaft begießen wirst?! Wenn du zu einer schon ohnehin guten Speise noch etwas Besseres hinzutust, so wird dich darob sicher niemand einer Torheit zeihen; aber so du die schlechte Speise durch noch schlechtere Zugaben schlechter machen willst, als sie ohnehin vom Grunde aus ist, sage, wo ist da ein Mensch von einiger Einsicht, der nicht alsbald zu dir sagen wird: ,Siehe da, was tut da dieser Tor?!‘
[GEJ.01_074,11] Siehe, also ist es um so mehr unter den Menschen! So du ihr Böses mit noch mehr Bösem vergeltest, frage dich selbst, ob dadurch je ihr Böses besser wird! Vergiltst du aber das dir angetane Böse mit Gutem, so wirst du dadurch das Böse in deinem Bruder sänften und aus ihm am Ende einen guten Bruder ziehen!
[GEJ.01_074,12] Wenn ein Herr einen Knecht hat, dem er vieles anvertraut, der Knecht aber, da er die Güte seines Herrn kennt, sich an seinem Herrn versündigt und sonach eine Züchtigung verdient, – so der Herr den Knecht ruft und ihm vorhält seine Untreue und der Knecht wird dagegen erbost und begegnet seinem Herrn mit schmählicher Gegenrede, wird dadurch der Herr besser und sanfter gegen seinen Knecht werden? Nein, sage Ich; da wird des Knechtes Herr erst recht zornig über den treulosen Knecht, wird ihn lassen binden und werfen ins Gefängnis!
[GEJ.01_074,13] So aber der Knecht, da er sieht, daß ihm sein Herr für die Untreue Übles tun will, vor seinem Herrn niederfällt, demselben sein Vergehen reumütig bekennt und ihn voll Sanftmut und Liebe um Vergebung seiner Schuld bittet, wird darauf der Herr dem Knechte auch tun wie zuvor?! Nein, sage Ich! Durch die reuige Sanftmut des Knechtes wird der Herr selbst sanft und nachgiebig und wird dem Knechte nicht nur alles vergeben, sondern ihm noch obendrauf Gutes tun.
[GEJ.01_074,14] Darum also vergeltet nie Böses mit Bösem, so ihr alle gut werden wollet! So ihr aber die richten und strafen werdet, die sich an euch versündigten, da werdet ihr am Ende alle böse, und wird in keinem mehr sein eine rechte Liebe und irgend etwas Gutes!
[GEJ.01_074,15] Der Mächtige wird sich ein Recht nehmen, die zu strafen, die sich gegen seine Gesetze versündigen; die Sünder aber werden dagegen in Rache erglühen und werden suchen, den Mächtigen zu verderben. Frage: Was für Gutes wohl wird am Ende daraus hervorgehen?!
[GEJ.01_074,16] Darum richtet und verdammet niemanden, auf daß ihr nicht wieder gerichtet und verdammt werdet! Habt ihr alle diese allerwichtigste Lehre begriffen, ohne die Mein Reich nie in euch Platz fassen kann?"
75. Kapitel
[GEJ.01_075,01] Sagt Simon Petrus: „Ja, Herr, wohl haben wir es verstanden aus dem Grunde; aber es hat diese Sache dennoch eine Schattenseite, und die besteht meines Dafürhaltens darin, daß, so wir nach Deiner Lehre die Strafen auf Übeltaten ganz aufheben, so werden sich in Kürze die Übeltäter mehren wie das Gras auf der Erde und der Sand im Meere. Wo irgend ein Gesetz gegeben ist, da muß es mit einer angemessenen Strafe sanktioniert sein, ansonst es so gut als gar kein Gesetz ist. – Oder kann ein Gesetz auch ohne eine Sanktion bestehen?"
[GEJ.01_075,02] Sage Ich: „Mein Lieber, du urteilst hier wie ein Blinder von der Farbe des Lichtes! Gehe hin und beschaue dir die Tiergärten der Großen; allda wirst du sehen allerlei wildes Getier, als: Tiger, Löwen, Panther, Hyänen, Wölfe und Bären. Wenn solche Bestien nicht in starken Zwingern sich befänden, wer wäre in ihrer Nähe seines Leiblebens sicher?! Welch eine Torheit aber wäre es, auch die zarten Lämmer und Tauben in Zwingern zu halten!
[GEJ.01_075,03] Die Hölle bedarf freilich wohl der strengsten Gesetze, versehen mit der peinlichsten Sanktion; aber Mein Reich, das der Himmel ist, bedarf weder eines Gesetzes und noch weniger irgend einer Sanktion!
[GEJ.01_075,04] Ich aber bin nicht gekommen, euch durch die sanktionierte Schärfe der Gesetze für die Hölle, sondern durch Liebe, Sanftmut und Wahrheit für den Himmel nur zu erziehen. So Ich nun euch von dem Gesetz durch Meine neue Lehre aus dem Himmel frei mache und euch zeige den neuen Weg durchs Herz zum wahren, ewigen, freiesten Leben, warum wollt ihr dann stets gerichtet und verdammt unter dem Gesetze leben und bedenket nicht, daß es besser ist, in der freien Liebe dem Leibe nach tausend Male zu sterben als einen Tag im Tode des Gesetzes zu wandeln?!
[GEJ.01_075,05] Es versteht sich von selbst, daß man die Diebe, Räuber und Mörder einfangen und in die Zwinger tun muß; denn diese sind gleich den wilden, reißenden Bestien, die als Ebenbilder der Hölle in Löchern der Erde hausen und Tag und Nacht auf den Raub lauern. Auf solche eine gerechte Jagd zu machen ist sogar eine Pflicht der Engel im Himmel; aber vernichten soll sie niemand, sondern sie in die Zwinger tun und sie allda sänften und zähmen! Nur bei einer gewaltsamen Gegenwehr sollen sie verstümmelt und beim hartnäckigen Widerstande auch getötet werden dem Leibe nach! Denn da ist eine tote Hölle besser als eine mit einem Leben versehene.
[GEJ.01_075,06] Aber wer immer einen Dieb, Räuber und Mörder im Zwinger noch weiter richtet und tötet, der wird von Mir einst mit zornigen Augen angesehen werden. Denn je schärfer die Menschen ihre Übeltäter richten und strafen, desto grausamer, vorsichtiger, heimlicher und hartnäckiger werden die noch in der Freiheit befindlichen Übeltäter sich gestalten; und wenn sie dann in ein Haus bei der Nacht einbrechen, so werden sie nicht nur alles nehmen, was sie finden, sondern sie werden auch alles ermorden und alles vertilgen, was sie irgend verraten könnte.
[GEJ.01_075,07] Nimm du aber hinweg das scharfe Gericht und gib allen Menschen den weisen Rat, daß sie dem, der von jemandem einen Rock verlangt, auch den Mantel hinzugeben sollen, so werden zwar die Diebe noch kommen und von euch verlangen dieses und jenes, aber rauben und morden werden sie nicht!
[GEJ.01_075,08] So aber die Menschen aus wahrer Liebe zu ihren Brüdern und Schwestern aus der Liebe zu Mir nicht mehr die vergänglichen Güter dieser Erde zusammenhäufen werden und werden einhergehen wie Ich, dann wird es auch alsbald weder Diebe und noch weniger Räuber und Mörder geben!
[GEJ.01_075,09] Wer da meint, durch strenge Gesetze und stets verschärfte Gerichte werden am Ende die Übeltäter ausgerottet werden, der irrt sich gewaltig! Die Hölle hat daran noch nie einen Mangel gehabt. Was nützt es dir, zu töten einen Teufel, so darauf die Hölle an die Stelle des getöteten einen zehn schickt, von denen einer ärger ist, als es zehn der ersten Art gewesen wären?! Wenn der Böse, so er kommt, sich gegenüber wieder Böses findet, so ergrimmt er und wird zum Satan im Vollmaße; so er aber kommt und findet nichts denn Liebe, Sanftmut und Geduld, da steht er von seiner Bosheit ab und zieht weiter.
[GEJ.01_075,10] Ein Löwe, so er sieht einen Tiger sich ihm nahen oder einen andern Feind, da wird er bald voll Grimm, springt hin mit aller Gewalt und vernichtet seinen Gegner; aber ein schwaches Hündchen läßt er mit sich spielen und wird sanft. Kommt ihm aber gar eine Fliege entgegen und setzt sich sogar auf seine starken Pfoten, so würdigt er sie kaum eines Blickes und läßt sie ungehindert von dannen fliegen; denn der Löwe gibt sich mit dem Mücken- und Fliegenfange nicht ab. Also aber wird sich jeder mächtige Feind gegen euch benehmen, so ihr ihm nicht mit einer Gewalt entgegentretet.
[GEJ.01_075,11] Segnet daher lieber eure Feinde, als daß ihr sie fanget, richtet und in die Zwinger sperret, so werdet ihr glühende Kohlen über ihren Häuptern sammeln und sie unschädlich machen für euch!
[GEJ.01_075,12] Mit der Liebe, Sanftmut und Geduld kommet ihr überall fort; so ihr aber die Menschen, die trotz ihrer Blindheit am Ende dennoch eure Brüder sind, richtet und verurteilt, so werdet ihr statt des Segens des Evangeliums nur Fluch und Zwietracht streuen unter die Menschen auf dem Erdboden!
[GEJ.01_075,13] Ihr müßt daher in allem ganz Meine Jünger sein in Wort, Lehre und Tat, so ihr Mir Diener zur Ausbreitung Meines Reiches auf Erden werden und sein wollt! Wollt ihr aber das nicht, oder kommt euch das zu beschwerlich und zu unrichtig vor, so tut ihr alle besser, heimzukehren; Ich aber kann Mir auch aus Steinen Jünger ziehen!"
76. Kapitel
[GEJ.01_076,01] Sagt Simon Petrus: „Herr! Wer wird Dich verlassen, wer Dir nicht dienen wollen?! Denn Du allein hast ja Worte des Lebens, wie sie vor Dir nie aus dem Munde eines Menschen gekommen sind! Verlange von uns alles, und wir werden es tun; aber nur verlange Du nimmer, daß wir Dich verlassen sollen! Habe aber Geduld mit unserer großen Schwäche und stärke uns mit der Gnade des Vaters im Himmel, die auch Dich also wundersam gestärkt hat, daß Du nun als vollends Eins mit Deinem Vater im Himmel dastehst, lehrst und wirkst!
[GEJ.01_076,02] Also aber, wie Du uns gelehrt hast auf dem Berge, wollen wir in Deinem Namen den Vater auch allzeit bitten und sagen: Vater im Himmel! Dein Reich komme, und Dein allein heiliger Wille geschehe! Und wie wir vergeben denen, die Übles an uns getan haben, also vergib auch Du uns unsere Schwächen und Sünden!"
[GEJ.01_076,03] Sage Ich: „Simon! Siehe, diese Sprache gefällt Mir besser denn deine frühere Verteidigung des Gesetzes und dessen Sanktion! Was nützt einem Lande oder Reiche eine Ruhe und Ordnung durch den schärfsten Zwang erzielt?! Eine Zeitlang wird es sich wohl tun; aber wenn es dann den zu sehr gedrückten Teufeln zu stark wird, so werden sie aufspringen und werden mit gräßlichem Hohne Gesetze und Gesetzgeber zertreten. Denn wer noch mit Gewalt gehalten und geleitet werden muß, ist noch ein Teufel; nur wer sich von der Liebe, Sanftmut und Geduld leiten läßt, ist gleich einem Engel Gottes und ist wert, ein Kind des Allerhöchsten zu sein!
[GEJ.01_076,04] Mit Liebe erreichet ihr alles, mit Gewalt aber wird der Teufel nur aus seinem Schlafe geweckt! Was für Gutes kann dann wohl vom Wachsein der Teufel über die Erde kommen?!
[GEJ.01_076,05] Es ist also besser um endlos vieles, daß da unter den Menschen wachse die Liebe und Sanftmut und wachbleibe zu aller Zeit und dadurch die Teufel zum Schlafe und zur Ruhe nötige, daß sie der Erde nicht schaden, als daß man mit dem dröhnenden Gepolter der Gewalt die Teufel wecke und sie dann verderben die Erde und alles, was darauf ist! Sage Mir, was du darüber einwenden kannst und magst!"
[GEJ.01_076,06] Sagt Simon Petrus: „Herr, hier ist nichts mehr einzuwenden; denn das ist alles klar und wohl verständlich! Aber wie viele der Menschen, die auf Erden leben, wissen etwas von dieser heiligen Wahrheit?! Herr, siehe, da gibt es Legionen Engel aus den Himmeln; sende sie zu allen Menschen über die ganze Erde hin und laß allen verkünden solch eine Wahrheit! Wenn solches geschähe, da meine ich, wird es einmal lichter und besser werden auf dem sündigen Boden der Erde!"
[GEJ.01_076,07] Sage Ich: „Du meinst da also, wie du es verstehst; aber Ich muß da einer andern Meinung sein! Sieh, tausendmal soviel der Engel, als du sie hier erschaust, sind stets bei den Menschen und wirken auf die inneren Gefühle und Sinne der Menschen ein, so, daß der Mensch dadurch in keine Nötigung wissentlich gerät und daher unbeschadet seiner Freiheit solche Gedanken, Wünsche und Triebe ganz als die seinigen annehmen und befolgen könnte! Was geschieht aber?!
[GEJ.01_076,08] Die Menschen denken heimlich wohl gut, haben gute Wünsche und machen sich lobenswerte Vorsätze; aber so es zum Handeln danach kommen soll, da blicken sie auf die Welt, ihre Güter und auf die trügerischen Bedürfnisse ihres Fleisches und tun und handeln danach arg und voll Selbstsucht!
[GEJ.01_076,09] Ich will dir viele Tausende herführen, die pur Übeltäter sind, und will sie fragen, ob sie nicht wüßten, daß sie Übles tun, – und sie werden es dir alle sagen, daß sie das wissen! Fragst du sie aber, warum sie denn Böses täten, da werden viele sagen: ,Weil es uns ein Vergnügen macht!‘, und andere werden sagen: ,Wir möchten wohl Gutes tun; aber da andere Böses tun, so tun auch wir desgleichen!‘ Und noch andere werden sagen: ,Wir kennen wohl das Gute, aber wir sind nicht vermögend, es auszuüben; denn unsere Natur sträubt sich dawider, und wir müssen den hassen, der uns beleidigt hat!‘
[GEJ.01_076,10] Siehe, solche Antworten mehr noch werden dir entgegenkommen, und du wirst daraus sicher nur zu bald ersehen, daß selbst die allerärgst ausgezeichnetsten Übeltäter nicht ohne Kenntnis des Guten und Wahren sind, dabei aber dennoch das Böse tun!
[GEJ.01_076,11] So aber die Menschen wider ihre innerste Erkenntnis Böses tun, was läßt sich von einer von außen her in sie gekommenen Erkenntnis erwarten?! Ja, es werden von nun an auch von außen her Erkenntnisse des Guten und Wahren aus den Himmeln den Menschen gegeben werden, und sie werden Mich und euch darum töten und viele, die sie lehren werden, das Gute zu tun und das Böse zu lassen und zu meiden!"
[GEJ.01_076,12] Sagt Simon: „Herr, wenn das, da solle lieber die ganze Welt rein des Teufels werden! Was liegt auch an einer solchen Menschenwelt, die das Gute nimmer erkennen und annehmen will?!"
[GEJ.01_076,13] Sage Ich: „Wer wie du in einem großen Affekte (Aufregung) redet, der ist noch ferne von Meinem Reiche! Wann Ich aber werde aufgefahren sein, dann wirst du anders reden! – Nun aber ist es Abend geworden, und so lasset uns ins Haus treten und allda eine Stärkung unseren ermüdeten Gliedern reichen!"
77. Kapitel
[GEJ.01_077,01] wach diesen Worten aber drängen sich viele, die während der Besprechung mit Simon Petrus sich auf diesen Platz begeben haben, zu Mir hin und verlangen Zeichen von Mir. Sie sagen: „Kannst du vor den Blinden, die keine Kenntnisse und keinen Verstand haben und darum nichts beurteilen können, Zeichen tun, so tue sie auch vor uns! Sind die Zeichen echt, so wollen auch wir an dich glauben; sind sie aber blind und schlecht, so werden wir auch wissen, was uns darum zu tun übrig bleiben wird! Denn wir sind in allen Dingen bewandert!"
[GEJ.01_077,02] Sage Ich: „Gut, so ihr in allen Dingen bewandert seid, wozu bedürfet ihr dann der Zeichen? Wenn ihr also weise seid, daß ihr Gott gleich in allen Dingen bewandert zu sein vorgebt, da werdet ihr es ja ohnehin erkennen, ob Ich die Wahrheit lehre oder nicht! Wozu dann die Zeichen?! Es sind aber hier nun schon in einem Verlaufe von nahe dritthalb Tagen ohnehin eine Menge Zeichen der außerordentlichsten Art geschehen, für deren Echtheit hier Hunderte der vollgültigsten Zeugen stehen; genügen euch diese nicht, so werden euren boshaften Herzen auch die neuen nicht genügen! Daher entfernet euch von hier von selbst, wollt ihr nicht mit Gewalt entfernt werden!"
[GEJ.01_077,03] Schreien die also Beschiedenen: „Wer wird, wer kann und darf uns hier mit Gewalt entfernen?! Sind nicht wir die Herren dieses Ortes, indem wir als Bürger Roms hier wohnen, handeln und schaffen und walten?! Wir können wohl dich hinausschaffen und -treiben im Augenblick; aber nicht, daß du einfältiger Galiläer uns von hier schafftest, wie es dir beliebig wäre! Und wir gebieten dir auch nun sogleich kraft unserer Machtvollkommenheit, daß du noch vor Mitternacht diese Stadt verlassest; denn wir sind deines Umgeilens (Herumtreiben) unter uns satt geworden!"
[GEJ.01_077,04] Sage Ich: „O ihr blinden Toren! Wie lange wollt ihr noch leben in eurer Machtvollkommenheit? Es kostete Mich nur eines Gedankens, und ihr wäret samt eurer Machtvollkommenheit in einem Augenblicke Staub! Daher kehret euch nach euren Wohnungen, sonst wird euch der Platz, auf dem ihr stehet, verschlingen!"
[GEJ.01_077,05] In diesem Augenblick spaltet sich die Erde knapp vor ihren Füßen, und Rauch und Feuer schlagen aus der Spalte empor. Als die Schmäher solches erblicken, heulen sie: „Weh uns! Wir sind verloren! Denn wir haben uns am Elias versündigt!" Mit solchem Geheul eilen sie von dannen, und die Spalte schließt sich. Wir aber begeben uns ruhig in das Haus Jorams.
[GEJ.01_077,06] Als wir alle nun in die Gemächer des Hauses der Irhael und des Joram kommen, so ist allda alles zum Abendmahle bereitet. Ich segne es, und alle setzen sich an die Tische, in allem nun bei tausend an der Zahl. Alle essen und trinken und loben den großen Wohlgeschmack der Speisen und des Weines und sind fröhlichen und heiteren Mutes. Nur der Oberste, der uns mit seinem genesenen Weibe und einigen Unterkommandanten aus dem vorerwähnten Orte hierher begleitet hatte, war düster und aß und trank wenig. Jonael setzte sich neben ihn und fragte ihn um den Grund seiner düsteren Stimmung.
[GEJ.01_077,07] Der Oberste seufzte tief auf und sagte: „Edler, weiser Freund! Wie kann man da wohl heitern Mutes sein, wo man nahe alle Menschheit sogar für den untersten Tartarus, so es irgend einen gäbe, für tausendmal zu schlecht findet?! Wenn zwei heißhungrige Wölfe einen Knochen finden und dabei des hungerstillenden Besitzes wegen miteinander in einen wütenden Kampf geraten, so ist das begreiflich! Denn fürs erste sind das Wölfe, Tiere ohne Vernunft, naturbelebte Maschinen, die von dem sie drückenden Bedürfnisse ihrer Natur getrieben werden, sich zu sättigen, und fürs zweite darum an und für sich gänzlich unzurechnungsfähig sind gleichwie ein angeschwollener Bach, der durch seine große und schwere Wassermasse alles verheert, was sich in seiner Nähe befindet. Aber hier sind es Menschen, die von sich selbst aussagen, daß ihnen gewisserart jeder Grad von Bildung und Weisheit eigen sei, sind aber dabei ärger in ihrem Herzen als alle Wölfe, Tiger, Hyänen, Löwen und Bären! Sie verlangen für sich jede erdenkliche Rücksichtnahme, während sie gegen ihre Nebenmenschen nicht die kleinste beachten wollen! – Sage, Freund, sind das auch Menschen?! Verdienen sie nur irgend eine Erbarmung?! Nein, sage ich, und noch tausend Male nein! O warte, du ungeschlachtes Volk! Ich werde dir ein Licht anzünden, daß dir darob das Hören und Sehen für immer vergehen soll!"
[GEJ.01_077,08] Sagt Jonael: „Was willst du aber tun? Lässest du sie samt und sämtlich über die Klinge springen, so wirst du dir anderorts Feinde sammeln; diese werden dich verraten in Rom, und du kannst dort in ein schlechtes Gerücht kommen, und das Ende davon wird sein, daß du darob irgendwohin nach der Skythen Lande verwiesen wirst! Überlaß du daher die Rache dem Herrn allein und sei versichert, daß Er für dieses Volk das haargenauest rechte Maß nehmen wird!
[GEJ.01_077,09] Lies die Geschichte meines Volkes, und sie wird es dir haarklein zeigen, wie der Herr zu allen Zeiten dem Volke jede Sünde, die es beging, auf das strengste und oft nahe unerbittlichste geahndet hat, und ich sage dir: Der Herr Himmels und der Erde ist noch gleichfort und unverändert Derselbe, wie Er war von Ewigkeit her! Er ist langmütig, voll der größten Geduld und läßt das Volk nie ganz ohne Lehrer und Zeichen von oben; aber wehe dem Volke, so dem Herrn einmal die Geduld zu kurz wird! Wenn Er einmal die große Zuchtrute schwingt, dann gibt Er aber auch nicht eher nach, als bis alle Glieder des Volkes zerhauen sind und dessen Knochen so mürbe werden wie ein leichter und dünner Brei!
[GEJ.01_077,10] Was du hier mit vieler und gefährlicher Mühe tun würdest, das vermag der Herr mit dem schwächsten Gedanken. Solange aber der Herr Selbst solche Menschen ertragen will, so lange wollen auch wir unsere Hände nicht an sie legen.
[GEJ.01_077,11] Du hast doch gesehen, ein wie leichtes es dem Herrn war, die Erde vor den Frevlern bersten und dann Rauch und Feuer aus der gähnenden Kluft emporgehen zu machen?! Ihm wäre es ja ein ebenso leichtes gewesen, diese Schmäher in Staub und Asche zu verwandeln! Aber es genügte Ihm, sie bloß nur zu schrecken und in die Flucht zu treiben.
[GEJ.01_077,12] Genügt so was dem Herrn, so genüge das auch uns; denn Er allein weiß allzeit ein rechtes Maß zu treffen! Ist aber der Herr unter uns sichtlich guter Dinge und zeigt, daß Er doch einige Freude über uns wenige hat, warum sollen wir da düster und traurig sein?! Sei fröhlich und heiter und freue dich der Gnade Gottes; alles andere überlasse ganz Ihm!"
78. Kapitel
[GEJ.01_078,01] Sagt der Oberste: „Lieber weiser Freund! Du hast wohl richtig und gut gesprochen; aber was soll ich als ein Fremdling zu dieser Sache sagen?! Ich glaube nun und bin bis in mein Innerstes überzeugt, daß dieser Jesus aus Nazareth niemand anders ist als der allerwahrhaftigste Gott in menschlicher Gestalt. Und das sagen mir nicht so sehr die großen Zeichen, die Er verrichtete, sondern vielmehr Seine unbegrenzte Weisheit! Denn wer eine Welt erschaffen will, muß so weise sein, wie Er es ist in jedem Seiner Worte!
[GEJ.01_078,02] Aber diese Schurken hier nennen sich frevelhaftigst Gottes Kinder, zu denen Gott in allen Zeiten entweder mittelbar oder unmittelbar geredet hat, und nun kommt Er Selbst leibhaftig zu ihnen, und sie verschmähen Ihn gleich einem Gassengauner und wollen Ihn dazu noch aus der Stadt schaffen! Freund, ich bin ein Römer, meiner Religion nach ein verkrüppelter Pantheist, also ein blinder Heide, und ich glaube und stehe für solchen meinen neuen Glauben mit meinem Leben ein!
[GEJ.01_078,03] Wenn dahier Heiden wären, so hätte ich Nachsicht mit ihnen; weil sie sich aber Gottes Kinder nennen und Gott, Der ihr ewiger Vater sei, also schmähen, da kann ich als ein Fremdling keine Nachsicht mit ihnen haben!
[GEJ.01_078,04] Sie wollten Gott den Herrn ausweisen; nun sollen sie ausgewiesen werden! Das Geschmeiß und Unkraut muß hinaus, auf daß hier auf diesem Acker, den nun der Herr Selbst bestellt hat, eine reine Frucht gedeihe! Denn bleibt das Unkraut hier, so verdirbt es in kurzer Frist alles, was der Herr Selbst hier so herrlich gesäet hat! Sage mir, aber vollends aufrichtig, – habe ich recht oder nicht? Was muß mir mehr sein, – der Herr oder dies elende Gassengesindel?!"
[GEJ.01_078,05] Sagt Jonael: „Daß du unter solchen Ansichten völlig recht hast, kann und wird dir wohl niemand in Abrede stellen; aber ob so was nun alsogleich notwendig ist, das ist wieder eine ganz andere Frage. Es kann ja sein, daß diese Frevler nun, so ganz über alle Maßen erschreckt, in sich gehen werden und werden ihren Frevel bereuen und sich völlig bessern; und da wäre es denn doch nicht in der Ordnung, sie alle auszuweisen! Denn eine