Band 2 (GS)

Mitteilungen über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der Siebten Auflage 1988.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

Alle Rechte vorbehalten.

Copyright © 1999 by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.

1. Kapitel – Der Herr auf den wunderbaren Wegen Seiner Liebe.

[GS.02_001,01] Sehet, da vor uns liegt schon wieder jenes wohlbekannte Hügelland mit den kleinen, niedlichen Wohnhäusern. Aber diesmal erscheint es in einem noch helleren Lichte als die vorigen Male. Der Grund davon ist, weil die Liebe dieser drei zum Herrn überaus mächtig und groß ist.

[GS.02_001,02] Sehet, wie der Herr Selbst in Seiner höchsten Schlichtheit diesen dreien alle die Wunderherrlichkeiten des hauptmittäglichen Himmels erklärt und ihnen anzeigt, wer und woher alle die seligen Einwohner in dieser Gegend sind. Auf der Erde hätte solch eine Erklärung auf unseren Prior sicher eine sehr ketzerisch aussehende Wirkung gemacht, da diese überaus herrliche und endlos weitgedehnte himmlische Gegend nahe von lauter Protestanten bewohnt ist. Aber jetzt ist er in einem ganz anderen Lichte und kann über jede Äußerung des Herrn Seine unendliche Güte, Liebe und Erbarmung nicht genug loben und preisen.

[GS.02_001,03] Wir sind bei dieser Gelegenheit auch schon wieder an unseren wohlbekannten Fluß gekommen, und der Herr, allda etwas innehaltend, spricht zum Prior, somit auch zu dessen Weibe und zum Laienbruder: Siehe, hier ist die Grenze zwischen Morgen und Mittag. Du kannst hier an Meiner Seite beide Gegenden schauen. Aber diejenigen, die hier wohnen, vermögen solches noch nicht. Nur die von ihnen bewohnte Gegend mögen sie erschauen, und das in großer Klarheit, aber die Gegend des Morgens mögen sie nicht anders erschauen als eine rötliche Glorie, welche über ein fernes überhohes Gebirge zu ihnen herabstrahlt. Da du aber nun die beiden Gegenden siehst, so sage mir, in welcher Gegend meinst du wohl, daß Ich hierorts wohne?

[GS.02_001,04] Der Prior, sich ein wenig umsehend und am linken Ufer des Stromes eine große Stadt erblickend, spricht: O Du liebevollster Vater! Dort am Strome, sicher voll des lebendigen Wassers, wird wohl Dein himmlisches Jerusalem stehen, von welchem geschrieben steht, daß sie ist die Stadt des lebendigen Gottes. – Demnach wäre es vielleicht nicht zu weit fehlgeworfen, wenn ich sage, Du wohnest in dieser heiligen Stadt; denn etwas so unnennbar Erhabenes wie da ist eben diese heilige Stadt, kann sich ja doch wohl sicher kein geschaffener Engelsgeist in Ewigkeiten mehr denken.

[GS.02_001,05] Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Freund und Bruder! Du hast eben nicht so fälschlich geraten, denn in solchen Städten, deren Zahl längs dieses ewig weit gedehnten Stromes kein Ende hat, pflege Ich nicht selten bei gewissen Gelegenheiten Mich einzufinden. Aber so ganz eigentlich zu Hause bin Ich da mitnichten, außer in der Sonne, die du ersiehst, durch welche Ich wohl in allen Himmeln gleicherweise zu Hause bin. Daher magst Du weiter raten.

[GS.02_001,06] Der Prior spricht: So wirst Du, o Herr und liebevollster Vater, vielleicht wohl in einem oder dem andern jener großen Wunderpaläste zu Hause sein, also sichtbar wie jetzt, denn Du hast ja Selbst von einem großen Hause in den Himmeln gesprochen, darinnen viele Wohnungen seien. Da aber in einem solchen nahe unübersehbar großen Palaste doch auch sicher sehr viele Wohnungen sein werden, so könntest Du wohl etwa in einem allergrößten unter den endlos vielen zu Hause sein?

[GS.02_001,07] Der Herr spricht: Ich sage dir, Mein lieber Sohn, Bruder und Freund! Auch hier hast du die Sache eben nicht gar zu fälschlich beraten, denn fürwahr, wie in den Städten, also pflege Ich Mich auch bei großen Gelegenheiten in diesen großen Wohnhäusern persönlich wesenhaft einzufinden. Aber für beständig und für eigentümlich bin Ich auch in diesen großen Wohnhäusern nicht anders wie in den Städten gegenwärtig; daher magst du dich noch einmal beraten.

[GS.02_001,08] Der Prior spricht: O heiliger, liebevollster Vater! Mir geht jetzt ein Licht auf. Da Du Dich auf der Welt stets nur den Kleinen und Unbedeutenden also liebevollst und zutraulich genähert hast, so wirst Du vielleicht auch hier dort eine Wohnung haben, wo auf jenen Hügeln uns kleine niedliche Wohnhäuser gar so gastfreundlich anlächeln. Da aber diese kleinen Wohnhäuser alle sich völlig gleichen, so dürfte es mir wohl schwerfallen, aus den vielen das eigentlich rechte zu bestimmen; und das nächste beste zu nehmen, das käme mir vor Dir, o Herr, Deiner etwas unachtsam und unwürdig vor.

[GS.02_001,09] Der Herr spricht: Mein Sohn, Bruder und Freund! Hier hat dein „Vielleicht" eingeschlagen; denn siehe, da kannst du wählen, das welche du willst, und es wird schon das rechte sein. – Weißt du aber, daß du Mich auf der Erde vielleicht einmal getragen hast? – Möchtest du Mir nun nicht auch raten, wie, wann und wo?

[GS.02_001,10] Der Prior spricht: O Herr! Ich kann mich an dieses „Vielleicht" erinnern und harre nun mit großer, seligster Sehnsucht der Enthüllung desselben. – Bezüglich der Tragung Deines allerheiligsten Wesens auf der Erde von mir wird wohl sicher nichts anderes verstanden sein können, als daß ich Dich unter den Gestalten des Brotes und Weines in meinen Händen getragen habe. Hier kommt's mir vor, als wären die drei Bedingungen: wie, wann und wo erschaulich sicher. Sonst wüßte ich wahrhaftig nichts bezüglich Deiner Tragung Würdiges hervorzubringen.

[GS.02_001,11] Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund, sieh hin auf die Stadt und auf den Strom! Das stellt vor die Gestalt des Brotes und des Weines; – wie Ich in der Stadt zu Hause bin in Meiner urwesentlichen Eigentümlichkeit, also in deinem Brote und Weine. Siehe, also hat es da mit der Tragung ein Häkchen, und du hast den Sinn der Frage nicht erraten, denn also hast du Mich nicht getragen, und du wirst daher schon müssen das wie, wann und wo auf einen anderen Punkt hinwenden.

[GS.02_001,12] Der Prior spricht: O Herr und liebevollster heiliger Vater! Wenn ich mich da geirrt habe, so weiß ich wahrhaftig nichts anderes, als wenn ich mir denke, Du warst in Deinem Heiligen Geiste, wenn ich in Deinem Namen zum Volke gepredigt und Dein Wort geredet habe, in meinem Munde und auf meiner Zunge. Denn Dein Wort ist ja doch sicher Deine allerreinste Wohnung nach dem Zeugnisse Johannis!

[GS.02_001,13] Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund, sieh hin auf die herrlichen Paläste! Siehe, diese sind voll Klarheit, voll Lichtes und voll Lebens aus Mir! Aber wie Ich eben auch urwesentlich eigentlich in diesen Palästen zu Hause bin, also auch hast du Mich getragen mit deinem Munde und mit deiner Zunge. – Du hast aber gesehen, daß Ich allda nicht urwesentlich eigentümlich zu Hause bin; also wird es auch da mit deiner Tragung ein Häkchen haben. Und es stellt sich heraus, daß du Mich weder über Band noch über Arm getragen hast; über Band als Freund und Nachfolger Meiner ersten Jünger, über Arm als Bruder, als der Kundgeber und Verkünder Meines Wortes. Daher kannst du dich auch hier über das wie, wann und wo noch einmal deutlicher ausdrücken.

[GS.02_001,14] Der Prior spricht: O Herr und liebevollster heiliger Vater! Ich ahne Größeres, und kaum getraue ich mir es auszusprechen. Es wird doch nicht etwa sein, als ich Dich als Knabe noch in meinem Herzen so herzinnig liebte, daß ich darob oft vor Liebe in Tränen zerfloß, oder vielleicht auch in meinem Amte, da ich ebenfalls heimlicherweise eine so mächtige Liebe zu Dir empfand, welche mich nicht selten vor lauter Entzückung förmlich krank machte, oder vielleicht in jenen Momenten, wo ich beim Anblicke meiner armen Brüder zu Tränen gerührt wurde und ihnen auch mit Deiner Gnade, soviel es mir möglich war, helfend beisprang. – Habe ich Dich etwa einmal in einem solchen Zustand getragen, da wüßte ich aber dennoch nicht, welcher aus allen diesen derjenige wäre, wo Du Dich, o heiliger Vater, so tief herabgewürdigt, daß Du Dich hättest tragen lassen von mir.

[GS.02_001,15] Der Herr spricht: Mein lieber Sohn, Bruder und Freund! Sieh hin nach den kleinen Wohnungen des Morgens: wie dort, so hier. Wohin du greifest, da greifst du auf den rechten Ort hin; – und siehe, hier ist das wie, wann und wo in Eins vereint. Wie trugst du Mich? – Siehe, allzeit in deiner Liebe zu Mir! – Wann trugst du Mich? – Siehe, allzeit in deiner Liebe zu Mir! – Wo trugst du Mich? – Siehe, überall und allzeit in deiner Liebe zu Mir; du trugst Mich somit allzeit im Herzen!

[GS.02_001,16] Wer Mich aber im Herzen trägt, der trägt Mich auch über Band und Arm. Wie aber im Arme und im Bande keine tragende Kraft ist, wenn sie nicht zuvor ausgeht vom Herzen, so kann Mich auch niemand über Band und Arm tragen, der Mich nicht trägt zuvor im Herzen. Also ist demnach das „Vielleicht" vor dir enthüllt, denn ungewiß war es dir, wie, wann und wo du Mich trugst.

[GS.02_001,17] Nun aber ist das wie, wann und wo in Eins verschmolzen, und aus dem Freunde und Bruder ist ein Sohn geworden. Darum sage Ich denn nun auch zu dir nicht mehr: Mein Freund, Bruder und Sohn, sondern allein: Mein geliebter und liebeerfüllter Sohn, folge Mir nun weiter auf jene Höhe zu den Wohnungen; allda wollen wir unter einem Dache beisammen wohnen und wirken ewiglich! Amen! –

 

2. Kapitel – Das große Wesen eines Kindes Gottes von der Erde.

[GS.02_002,01] Sehet, unser erhabenster Führer zieht mit den dreien hin auf die Höhe, welche, wie schon zuvor bezeichnet wurde, diesmal von einer noch stärkeren Glorie umflossen ist. Und wie ihr sehet, so geht der erhabene Zug auch hurtig weiter.

[GS.02_002,02] Aber nun sehet auch so ein wenig auf unsere Morgengegend hin, und da namentlich auf die Höhen der Hügel, und betrachtet dort, welch eine zahllose Menge allerseligster Engelsgeister in mehr denn sonnenglänzenden Gewändern, dem Herrn mit ihren Händen freundlichst entgegenwinkend, den neu Ankommenden zu verstehen gibt, wer Der ist, der die drei nach Hause führt! Psalmen ertönen von allen Seiten und seligste Jubelrufe strömen uns entgegen; und das alles, um ganz besonders den Neuangekommenen zu zeigen, was der Herr ist in seinem Hause!

[GS.02_002,03] Ihr saget und fraget hier zwar: Die Sache sieht so aus, als wenn der Herr aus Liebe zu diesen dreien auf eine kurze Dauer den ganzen obersten Himmel verlassen hätte; und wenn Er nun nach Hause kehrt, sich alle diese seligen himmlischen Engelsheere über die Maßen jubelnd freuen, daß der Herr und heilige, liebevollste Vater von einer solchen Ernte-Reise wieder heimkehrt.

[GS.02_002,04] Ich sage euch: Bei so gewissen Gelegenheiten hat solches auch so einen Sinn, denn bei solchen Erlösungen macht es der Herr nicht selten wirklich also, als verreisete Er aus dem Morgen, und nach einer solchen Reise ist Er dann auch – außer in der stets sichtbaren Gnadensonne – persönlich wesenhaft in dem ganzen unendlichen himmlischen Morgenreiche nirgends zu erschauen.

[GS.02_002,05] Dieser Zustand, in welchem während einer solchen Abwesenheit die seligsten Geister den Herrn nicht sehen, wird eine „Wonneruhe" genannt; denn in diesem Zustande werden alle die Seligen durch sich selbst wieder zu einer höheren Seligkeit vorbereitet, und die große Sehnsucht, mit welcher sie den Herrn erwarten, ist dasjenige, was sie vorbereitet.

[GS.02_002,06] Aus diesem Grunde aber sehen wir nun auch die ganze endlos weit gedehnte Morgengegend vor unseren Augen wie in ein Leben übergegangen, denn von allen endlosen Räumen dieses Himmels strömen die Engelsgeister herbei, um den nun anlangenden Vater mit dem allerheißliebendsten Herzen zu empfangen.

[GS.02_002,07] Nun aber richten wir auch einen Blick auf unsere überaus erstaunte Gesellschaft. Der Prior wendet sich zum Herrn und spricht: O Du endlos heiliger und allerliebevollster Vater, was um Deines heiligen Willens wegen ist denn das? – Sind das lauter allerhöchst selige Engelsgeister, oder ist das alles nur eine Erscheinlichkeit? Denn es ist ja doch beinahe kaum anzunehmen, daß bei der außerordentlich großen Bosheit der Menschen auf der Erde Deine allerhöchsten Himmel also bevölkert sein sollten. Denn auf der Erde wußten wir aus dem Munde frommer, in den reinen Geist verzückter Menschen, daß nur ganz entsetzlich wenige in diesen allerhöchsten Himmel gelangen; etwas mehr in die zwei unteren Himmel, sehr viele in den sogenannten Reinigungsort, und gar außerordentlich viele – O Herr, behüte uns davor – in die Hölle!

[GS.02_002,08] Da die Erde nur etwas über fünftausend Jahre das Menschengeschlecht trägt, so ist diese Erscheinung von der Unzahl der hier nun sichtbaren Geister nicht begreiflich. Es sind ihrer hier ja nur nach einem oberflächlichen Augenmaße genommen so viele, daß sie, Mann an Mann gestellt, eine ganze Million von Jahren von Jahr zu Jahr abwechselnd und sich fortwährend neu ersetzend, die Erde also anfüllen möchten, daß zwischen ihnen sicher kein Apfel, der unter sie fiele, auf den Boden käme. O Herr und allerbester und liebevollster Vater! Das ist für mich ein ganz und gar unbegreiflicher Anblick! Es müßten nur auch in Deinem obersten Himmel vollkommene Zeugungen stattfinden; sonst ist mir die Sache rein unbegreiflich.

[GS.02_002,09] Der Herr spricht: Ja, Mein lieber Sohn, du wirst in Meinem Hause auf noch so manche Erscheinungen stoßen, die dir noch viel unbegreiflicher vorkommen werden denn diese. Aber sie sind nichts weniger als etwa pure Erscheinungen, sondern die allervollkommenste und allergediegenste Wahrheit!

[GS.02_002,10] Hier gibt es durchgehends keine Augentäuschungen, wie auch keine Spiegelfechtereien, sondern alles, was du hier siehst, ist vollkommen fest und handgreiflich wahr. Im Reiche der Liebe ist alles vollkommen truglos und in seine möglichst engste Schranke in sich vereint. Daher sind auch diese Geister so gut wie nun du vollkommen wahre Wesen und sind alle samt und sämtlich Meine lieben Kinder!

[GS.02_002,11] Wenn du den Maßstab von all diesen Kindern allein auf deine Erde ausdehnst, da dürftest du mit deiner Rechnung freilich wohl recht haben, denn Meiner Kinder von der Erde sind freilich nicht so viele hier, und welche von da sind, diese sind ausschließlich Bewohner Meiner heiligen Stadt.

[GS.02_002,12] Wenn du aber je auf der Erde bei einer heiteren Nacht den gestirnten Himmel betrachtet hast, wirst du dich von der zahllosen Menge der Gestirne überzeugt haben. Meinst du, diese Gestirne seien bloß glänzende Punkte am unermeßlichen Himmel? Siehe, das sind ebenfalls zahllose Welten, auf denen überall die gleichen Menschen wohnen und Mich überall als den Herrn Himmels und ihrer Welt erkennen.

[GS.02_002,13] Doch die Kinder der Erde sind Mir am nächsten, weil Ich sie dort wesenhaft persönlich im Fleische zu Meinen ersten Kindern gemacht habe. Sie sind demnach hier – nach Mir – diejenigen, welche da richten die zwölf Geschlechter Israels, was in dieser allerhöchst himmlisch weitesten und geistig allerinwendigsten Bedeutung soviel besagt als:

[GS.02_002,14] Diesen Meinen Kindern ist es von Mir aus gegeben, mit Mir zu beherrschen, zu erforschen und zu richten die Unendlichkeit und alle zahllosen Schöpfungen in ihr. Und die Kinder aus den anderen Gestirnen stehen ihnen also zu Diensten, wie die Glieder eines Leibes zum Dienste des Willens im Geiste allzeit bereitstehen. Daher bilden diese Geister mit einem Meiner Kinder in großem Maßstabe der Liebetätigkeit nach genommen wie einen Menschen, versehen mit allen zum Bedarfe seines Willens notwendigen Gliedern.

[GS.02_002,15] Demnach ist ein Kind von der Erde aus Mir gehend ein vollkommener Wille von zahllosen anderen Geistern aus den Gestirnen, die zwar an und für sich auch ein jeder seinen eigenen Willen haben und können tun nach ihrer freien, wonnigen Lust, was sie wollen. Dennoch aber geht in liebewirkenden Fällen der Wille Meiner Hauptkinder in sie alle aus und ein, und dann sind sie zu Milliarden wie ein Mensch, dessen wirkender Willensgeist eines Meiner Kinder ist! – Solches verstehst du nun freilich noch nicht so ganz und gar, aber mache dir vor der Hand nichts daraus; denn in Meiner ewigen Wohnstadt gibt es noch gar viele Hochschulen, in welchen du noch so manches Neue kennenlernen wirst.

[GS.02_002,16] Für jetzt aber begnüge dich auf deine Frage mit dieser Meiner Liebeantwort und gehe nun mit Mir samt deinem Weibe und deinem Bruder in diese Meine Hütte, die wir soeben erreicht haben. Allda sollst du zuerst in Meinem Reiche an Meinem Tische speisen und genießen das ewig wahre Brot und das allerlebendigste Wasser. Und so denn gehet mit Mir in die Wohnung!

[GS.02_002,17] Sehet, alle begeben sich hinein, und der Prior macht große Augen, als er in der Hütte diese goldene Einfachheit antrifft, versehen mit ganz ländlich ordinärem Hausgeräte. Und der Herr fragt ihn: Nun, Mein geliebter Sohn, wie gefällt dir Mein Hauswesen? Der Prior spricht: O Herr, Du liebevollster, heiligster Vater. Da gefällt es mir gar überaus wohl, denn es sieht doch wahrhaftig so aus, als wenn man sich auf der Erde in einer reinlichen, friedlichen Landmannshütte befände. Aber nur kommt es mir wirklich überaus wunderbarlich vor, wie Du, o allerbester heiligster Vater, dem doch alle himmlischen und weltlichen Herrlichkeiten zu eigen sind, Dich mit einer so einfachen Behausung begnügen magst. Fürwahr, das macht Dich ja noch ums Unaussprechliche liebenswerter und heiliger, als sich der allervollkommenste Geist nur im allergeringsten Teile davon vorzustellen vermag.

[GS.02_002,18] Der Herr spricht: Ja sieh, Mein geliebter Sohn, bei Mir heißt es denn doch auch und das sicher mit Recht: Sapienti pauca sufficiunt! – Der Prior beugt sich vor lauter Liebe zur Erde und spricht in gänzlicher Zerflossenheit seines Gemütes: O du allerbester, liebevollster heiliger Vater! Nicht Sapienti, sondern: quam maxime aeterne Sapientissimo! – Und das sind, o Herr und mein allerliebevollster heiliger Vater, sicher nicht pauca, sondern ebenfalls quam maxime immense multa! – Denn diese an und für sich einfachen und wenigen Sachen sind sicher in sich von so außerordentlicher, wunderbarer Bedeutung, daß ich davon wohl ewig kaum den geringsten Teil erfassen werde!

[GS.02_002,19] Der Herr spricht: Mein lieber Sohn! Stelle dich nur wieder gerade, und es wird sich nach dem eingenommenen Mahle an Meinem Tische schon gar bald zeigen, wieviel du von diesem Wenigen auf einmal wirst zu fassen imstande sein. Mache aber mit der Mahlzeit kein großes Wesen, denn hier wirst du finden, wie im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung die kurzen Haare bald gebürstet sind. Von den sogenannten großen himmlischen Freßtafeln ist hier keine Rede, sondern hier speiset man ganz einfach und lebt sozusagen bei Brot und Wasser. Aber du wirst es an Meinen Kindern gar bald entdecken, daß sie bei dieser einfachen Kost überaus gut aussehen. Daher setze dich nur zum Tische, denn dieser ist schon mit Brot und Wasser versehen, und esse und trinke so wie du Mich essen und trinken wirst sehen.

 

3. Kapitel – Stets wachsende Seligkeit bedingt Tätigkeit.

[GS.02_003,01] Sehet nun, unsere erhabene Gesellschaft speiset, und unser Prior wie auch die andern verwundern sich hoch über den unendlichen Wohlgeschmack dieses Brotes und ebenso auch über den des lebendigen Wassers. Und der Prior spricht in der größten Devotion: O Herr und allerliebevollster heiliger Vater! Dieses Brot schmeckt ja gerade also, als wenn es zusammengesetzt wäre aus den allerschmackhaftesten und allernährendsten Speisen der ganzen Erde, und das Wasser, als wäre es ein Auszug aus den allerbesten Weinen, die je irgend auf der Erde wachsen, wenn man hier eine solche Vergleichung machen darf und kann.

[GS.02_003,02] Der Herr spricht: Ja, Mein lieber, geliebter und geliebtester Sohn! Du hast den Geschmack dieser einfachen Mahlzeit nicht schlecht bemessen. Siehe, wie aus der reinen Liebe in Mir alle guten Früchte auf der Erde wie auf allen anderen Weltkörpern zum Vorschein kommen und ihr Geschmack, ihr Wohlgeruch, ihre Tauglichkeit bezüglich der Ernährung und dann ihre schätzbare Wirkung hervorgehen, – also wird auch dieses Brot als der erste Grundbegriff alles dessen, was auf allen Weltkörpern vorkommt, dieses in liebeguter und brauchbarer Art ursächlich in sich enthalten.

[GS.02_003,03] Aus diesem Brote stammt jedes Brot ab, weil dieses Brot ein wahrhaftiges, lebendiges Brot ist, und ist gleich Meiner Liebe, die sich hier allen Meinen Kindern zur ewigen lebendigen Sättigung darbietet. Und das Wasser ist ebenfalls wie das Brot der Grund aller Dinge, denn es ist das Licht der Liebe, und ist somit der Mitgenuß für alle Meine Kinder ewig an Meiner Weisheit, d.h. alle Meine Kinder, die hier bei Mir sind, sind in Meiner Weisheit Tiefe, und somit auch in aller Meiner Macht und Kraft!

[GS.02_003,04] Siehe, das ist das wahre lebendige Wasser, von dem Ich auf der Erde geredet habe zum Weibe am Jakobsbrunnen, daß denjenigen ewig nimmer dürsten wird, der von diesem Wasser trinken wird!

[GS.02_003,05] Der Prior spricht: O Herr und allerliebevollster, heiligster Vater! Dieses sehe ich jetzt ganz klar ein. Fürwahr, nach dem Genusse dieses Wassers fange ich an, in die unbegreiflichen Tiefen Deiner Allmacht und Deiner Weisheit zu schauen, daß es mich wahrhaft erhaben seligst angenehm zu schauern anfängt. Aber dieses möchte ich denn doch noch wissen, ob ich fürderhin nimmermehr so ein Wasser werde zu trinken und so ein gutes Brot daneben zu essen bekommen?

[GS.02_003,06] Der Herr spricht: O Mein geliebter Sohn, darum sei dir ja nicht bange. Diese Speise und dieser Trank wird hier ewig nimmer ausgehen, und du wirst es allzeit in so reichlicher Menge haben können, daß du dich irgend eines Mangels ewig nie wirst zu beklagen haben. Denn in diesem Meinem Reiche gibt es ewig unversiegbare Quellen, Flüsse, Ströme und Meere in endlos großer Menge. Daher ist denn auch durchaus nicht zu befürchten, als sollte davon nicht ein jeder in der hinreichendsten Menge haben.

[GS.02_003,07] Siehe, Ich bin nur auf den materiellen Weltkörpern etwas ökonomisch und halte da Meine wahrhaftigen Bekenner und Nachfolger so kurz als möglich. Denn da der Mensch die Wege des Lebens werktätig studieren muß, um sich auf diesen Wegen das ewige Leben eigen zu machen, da gehört kein voller Magen dazu. Denn ihr habt ja bei euern Studien ein altes Sprichwort: „Ein voller Bauch schlägt alles in Wind und Rauch", – oder: „plenus venter non studet libenter."

[GS.02_003,08] Siehe, eben daher bin Ich auch aus höchst weisen Gründen etwas karg auf den Weltkörpern, dafür aber bin Ich dann hier die unendliche Freigebigkeit selbst; und es muß alles in der allerhöchsten Reichlichkeit und Fülle ewig vorhanden sein. Auf den Weltkörpern sehe Ich nicht gern, so da jemand spricht: Dieser Stein ist mein. Hier aber will Ich euch ganze Sonnengebiete, wie ihr zu sagen pfleget, an den Rücken hängen. Denn Ich habe dergleichen Schätze ja in endloser Menge; die ganze Unendlichkeit ist erfüllt von den größten Wunderwerken Meiner Liebe, Weisheit und Allmacht. Warum sollte Ich da karg sein? Wenn auf der Erde ein tausend Klafter großes Fleckchen tausend Taler kostet, so gebe Ich hier um einen Taler tausend Sonnen mit allen ihren Planeten her. Ich meine, dieser Umtausch wird doch von einiger Bedeutung sein.

[GS.02_003,09] Darum sorge dich denn ja nicht, ob du immer etwas zu essen und zu trinken haben wirst; denn bei so viel Grundstücken wird sich doch mit der leichtesten Mühe von der Welt ein ehrliches Stückchen Brot gewinnen lassen.

[GS.02_003,10] Der Prior spricht: O Du mein herzinnigst allerliebster Jesus! Für diese Deine Verheißung bin ich noch viel zu ungeheuer blöd und dumm. Ich bin ja hier in diesem Häuschen so unendlich zufrieden und unaussprechlich selig, daß ich mir ja nicht ein Sonnenstäubchen mehr hinzuwünschen könnte. Dafür überlaß ich auch diese von Dir erwähnten unendlichen Güter von ganzem Herzen einem andern viel Würdigeren denn ich bin. Wenn ich nur die Versicherung habe, daß Du hier beständig zu Hause bist, da brauche ich für die ganze Ewigkeit nichts mehr. Denn das Bewußtsein des ewigen Lebens in Deiner Gegenwart und die allerwunderbarst selige Anschauung Deiner Allmachts-Werke, dann dieses mir von Dir geschenkte Weibchen und dieser mein Bruder in mein Mitgefühl und in meine Mitliebe aufgenommen und nur so manchmal ein Stückchen Brot und ein kleines Schlückerl von dem Wasser, da bin ich ja schon für die ganze Ewigkeit unaussprechlich seligst versorgt!

[GS.02_003,11] Der Herr spricht: Ja, Mein lieber Sohn, das sehe Ich wohl; aber siehe, dieses dein seliges Gefühl ist nur ein erster Anflug der eigentlichen wahren Seligkeit. Würdest du hier bloß in aller Ruhe und Untätigkeit dieses alles genießen, so würdest du mit der Länge der Dauer bei aller Anmut dennoch übersättiget werden, und es würde dich gar vieles, was dich jetzt erfreut, nicht mehr erfreuen. Darum habe Ich für die stets wachsende Seligkeit dadurch schon von Ewigkeit vorgesorgt, daß ein jedes Meiner Kinder hier fortwährend eine wohlangemessene Tätigkeit und einen guten Wirkungskreis überkommt; daher auch kann nicht von einem beständigen Bleiben in einer solchen Hütte die Rede sein.

[GS.02_003,12] Wir werden daher selbst diese Hütte auf eine Dauer verlassen und uns in Meine Stadt begeben. Allda wirst du erst dein Eigentum kennenlernen, wie mit demselben Deine wahrhaftige ewige Bestimmung. Darum wollen wir uns nun auch wieder erheben und unsere Reise weiter fortsetzen. Die Heere der Geister aber, die du vorhin unsrer harrend erblickt hast, sind keineswegs der vollkommene summarische Inbegriff aller der Einwohner dieses ewigen obersten Morgenhimmels, sondern diese Heere gehören allein deinem künftigen Wirkungskreise an. Doch nicht hier, sondern in Meiner Stadt und in deinem eigenen Wohnhause in derselben sollst du das Nähere erfahren. Sehet, der Prior sinkt fast in den Boden vor dem unendlichen Ausspruche des Herrn. Aber der Herr stärkt ihn und winkt nun allen dreien, Ihm zu folgen. Also folgen denn auch wir diesem erhabenen Zuge weiter.

 

4. Kapitel – Die drei Himmel – ihre Struktur.

[GS.02_004,01] Sehet nun, wie alle die zahllosen Heere von seligen Geistern her an unsere Straßen ziehen und da gleichsam ein lebendiges Spalier bilden, welches, wie ihr in eurem Geiste leicht sehen könnet, sich in einer geraden Linie unabsehbar hin vorwärtszieht. Betrachtet euch die mannigfaltigen himmlisch schönen Gestalten, welche sich zu beiden Seiten im Vorübergehen unserer Anschauung darbieten, denn in dieser Betrachtung könnet ihr Bewohner aller Gestirne besehen, nur müßt ihr euch dabei nicht denken, daß in dieser endlosen Reihe nun etwa viele von einem Gestirne oder Planeten hier gegenwärtig sind, sondern von jedem Gestirne sind nur zwei, nämlich ein männlich und ein weiblich Wesen. Denn würden mehrere nur von jedem einzelnen Gestirne gegenwärtig sein, so wäre dieser wenn schon für euer Auge endlos weitgedehnte Raum, wenn auch geistig genommen, zu klein, um sie alle zu fassen, und ihr möchtet sie dann nicht überschauen.

[GS.02_004,02] Ihr fraget hier: Nachdem eures inneren Wissens zufolge sich auch auf so manchen großen Planeten und besonders Sonnen riesenhaft große Menschen vorfinden, so ist es hier zu verwundern, daß diese seligen Geister hier dennoch von ganz gewöhnlicher Größe sind, nur mit kleinen Unterschieden wie allenfalls auf dem Erdkörper. Ich sage euch: Hier, wo der Herr wohnt, ist nirgends ein Unterschied, wohl aber in anderen Himmelsgebieten, wo der Herr nur in Seiner Gnadensonne gegenwärtig ist.

[GS.02_004,03] Dergleichen Himmelsgebiete sind fürs erste der erste oder unterste Himmel, in dem bloß die Weisheit und die aus dieser hervorgehende Liebachtung zum Herrn wohnt, und fürs zweite der Mittags- oder zweite Himmel, welcher da besteht aus denen, die aus dem Glaubenswahren in der Liebe zum Nächsten und daraus zum Herrn sind.

[GS.02_004,04] Jeder dieser zwei genannten Himmel ist an und für sich unendlich und fasset alle die zahllosen Myriaden Geister, welche irdischermaßen ehedem auf ihren Weltkörpern rechtlich gelebt haben. Und dazu sind diese beiden Himmel noch so eingeteilt, daß in entsprechender Form die Planetargeister gerade an jener Stelle des Himmels ihre freien seligen Wohnungen haben, allwo sich naturmäßigerseits ihr Erdkörper befindet. Ihr müsset euch demnach diesen Himmel also vorstellen, daß sein geistiger Flächenraum ein endlos weitgedehnter und alle Sonnen und Planeten in sich wie einzelne Punkte fassender ist.

[GS.02_004,05] Ihr fraget freilich, wie solches möglich, da es fürs erste drei geschiedene Himmel gibt, die Planeten aber ungeschieden, und zudem auch die Planeten und Sonnen so unter- und übereinander gesteckt sind, daß sie darob unmöglich mit einer Fläche gewisserart planimetrisch übereinstimmen können. Wie sei demnach solches zu verstehen?

[GS.02_004,06] Ich sage euch: Naturmäßig genommen wird das freilich wohl nicht so recht übereinander zu bringen sein; aber entsprechend geistig sicher auf das anschaulichste und klarste. Dessen ungeachtet aber kann euch auch ein naturmäßiges Bild die Sache sehr aufhellen. Wir wollen versuchen, ob wir nicht eines aufzustellen imstande sind, das da für unseren Zweck taugen möchte. Und so höret denn!

[GS.02_004,07] Nehmet z.B. euren Erdkörper. Der feste Boden und dessen bevölkerte Oberfläche bilde den ersten Himmel, die Region der Luft, namentlich die der Wolken, bilde den zweiten Himmel, die über den Wolken weitgedehnte Äther-Region den dritten und obersten. So greifen alle diese drei Himmel ineinander, sind aber dennoch voneinander so abgesondert, daß aus dem unteren Himmel wohl niemand in den zweiten und noch weniger in den dritten, wie auch vom zweiten in den dritten niemand gelangen kann; wohl aber ist es umgekehrt der Fall.

[GS.02_004,08] Auf jedem Erdkörper halten sich in diesen drei Regionen zahllose lebende Wesen auf. Auf dem Boden gröbere materielle, in der Wolkenregion geistigere und leichte, in der dritten Region ganz ätherisch leichte und völlig unsichtbare. Und dennoch stehen diese drei Wesengattungen auf jedem Erdkörper in beständiger wechselseitiger Korrespondenz.

[GS.02_004,09] Nun hätten wir einen Teil des Bildes. Ihr wisset aber auch, daß ein jeder sich frei bewegende Erdkörper von den zahllosen Strahlen anderer entfernter Weltkörper beschienen wird. Sehet, auf diese Weise nimmt er in seine drei Regionen oder seine drei Flächen Teile vom ganzen Universum auf.

[GS.02_004,10] Durch diese wechselseitige Einwirkung steht er denn auch in steter Verbindung mit dem ganzen Universum, und der ganze Einfluß setzt sich dann auf einem und demselben Erdkörper in all seinen drei Regionen wohl entsprechend in die stete Verbindung. Das Ätherische bleibt in dem Äther, das Atmosphärische in der Atmosphäre, und das Tellurische auf dem Erdkörper.

[GS.02_004,11] Dadurch stehen aber die Atmosphären aller Sonnen und Planeten stets also gegeneinander in wechselseitiger Entsprechung, daß sich das Ätherische fremder Planeten nur mit dem Ätherischen eures Planeten, das Atmosphärische mit dem Atmosphärischen und das Tellurische mit dem Tellurischen verbindet.

[GS.02_004,12] Da wir nun solche Verbindungen ersichtlichermaßen dargestellt haben, so können wir zur dritten Betrachtung unseres Bildes übergehen, und diese ist die entsprechend geistige. Vollkommen entsprechend Gleiches entspricht in geistiger Beziehung einer Fläche, die sich allenthalben durchaus gleich ist; demnach ist in der geistigen Erscheinlichkeit das naturmäßig oder tellurisch Gleiche aller Weltkörper wie eine endlos weitgedehnte Fläche, ebenso das Atmosphärische wie das Ätherische anzusehen.

[GS.02_004,13] Die Entsprechungen aber bestehen in der geistigen Welt nur aus dem Gemütsleben der Menschen auf den Erdkörpern. Ihr saget, daß das Tellurische in seiner endlosen Mannigfaltigkeit den vielen naturmäßigen Gestirnen entspricht. Also ist es auch. Auch das naturmäßige Gemütsleben eines Menschen hat Entsprechung mit dem naturmäßigen Gemütsleben der Menschen aller Gestirne; eben also ist es der Fall mit dem weisegeistigen, und eben also auch mit dem liebegeistigen Teile des Menschen auf eurem Erdkörper. – Nun sehet und habet acht!

[GS.02_004,14] Der Mensch auf eurem Erdkörper ist gleichsam in seiner Art das Zentrum aller Menschen anderer Erdkörper, und das darum, weil der Herr auf der Erde Selbst ist ein Mensch dem Fleische nach geworden.

[GS.02_004,15] Der erste oder unterste Himmel, welcher auch der naturmäßig-geistige Himmel genannt wird, faßt selige Menschen eures Erdkörpers, und ein jeder solche selige Mensch bildet eine gleiche Fläche, in welcher alle anderen Gestirnmenschen zu ihm sich also verhalten wie die Linien, welche von einem Mittelpunkte ausgehen oder von einem möglichst weitesten Kreise wieder in den Mittelpunkt zusammenlaufen.

[GS.02_004,16] Aber die naturmäßige Fläche ist und kann nicht sein eine ununterbrochen fortlaufende, sondern ist in sich allzeit wie erscheinlich abgeschlossen. Daher werdet ihr auch den naturmäßigen Himmel allzeit wie in einzelne, wenn schon zahllos viele Vereine getrennt erschauen.

[GS.02_004,17] Der zweite Himmel, welchen wir unter dem mittägigen kennen, ist schon konkreter, hat aber dennoch in seiner endlosen Ausdehnung gewisse Zwischenräume, die sich wie endlos weitgedehnte Meere ausnehmen, über welche die diesem Himmel eigentümlichen Geister nur unter einer höheren Leitung gelangen können.

[GS.02_004,18] Betrachtet aber nun die dritte ätherische Abteilung, in welcher naturmäßig alle zahllosen Weltkörper schwimmen. Diese ist allenthalben vollkommen konkret. Also ist demnach in entsprechender Form auch der höchste Liebehimmel so gestellt, daß er alle anderen umgibt, sie trägt und leitet. Es wird nun gar nicht schwer sein, zu begreifen, daß mit diesem höchsten Himmel sich alles andere am Ende wie konkret verflachen muß, indem alles von ihm werktätig durchdrungen wird.

[GS.02_004,19] Daher haben die seligen Geister der Erde in diesem Himmel denn auch diesen unbegrenzten Wirkungskreis aus der Liebe des Herrn. Sie können sich allenthalben hin verfügen. Überall ist für sie ein ebener Weg. Für sie gibt es nirgends ein „Auf" und ein „Ab" wie ihr in entsprechender Weise auch nicht annehmen könnet, daß ein ätherisch leichter Mensch, auf welchen kein Erdkörper mehr eine Anziehung zu äußern vermag, sich im lichten Äthermeere irgend leichter und schwerer, auf und ab bewegen könnte, indem er sicher nach jeder Richtung sich mit gleicher Leichtigkeit bewegen wird, also wie ein Gedanke, dem das „Auf" und „Ab" doch auch hier sicher einerlei ist.

[GS.02_004,20] Solches aber wird in entsprechend geistiger Weise „eben" genannt und ist erschaulich wie eine unendliche Fläche, darum denn auch aller Welten Geister sich in dieser Fläche notwendig samt ihren entsprechenden Weltkörpern aufhalten und dann auch mit uns Zentralgeistern aus dem Herrn in notwendig dienlicher Verbindung stehen müssen.

[GS.02_004,21] Das sei euch vorläufig eine gute Beantwortung auf eure Frage. Wenn aber mit unserer nächsten Betrachtung der Herr diese Seine Gesellschaft installieren wird in ihre ewige Bestimmung, da werdet ihr aus Seinem Munde alles dieses in einem werktätig noch viel helleren Lichte erschauen.

[GS.02_004,22] Es ist schwer, geistige Verhältnisse und naturmäßige mit der naturmäßigen Sprache in ersichtlich begreifliche Verbindung zu bringen. Aber dessen ungeachtet vermag die große Liebe und Weisheit des Herrn allenthalben Wunder zu wirken. Daher werdet ihr auch hier den besseren Teil erst aus dem Munde des Herrn bekommen. – Nun aber nähern wir uns schon wieder der heiligen Stadt, daher wollen wir unsere Aufmerksamkeit auch dahin wenden.

 

5. Kapitel – Das Wesen der Liebe. Liebe des Nächsten aus Liebe zu Gott und Liebe zu Gott aus Liebe zum Nächsten.

[GS.02_005,01] Sehet, wie diesmal noch größere Scharen im höchsten Glanze uns entgegenziehen! Und wenn ihr ebenfalls eure Ohren öffnen wollet, so werdet ihr auch große Gesangschöre vernehmen, wo das Wort in sich selbst als die höchste, vollkommenste aller Musik zu vernehmen ist.

[GS.02_005,02] Ihr denket hier freilich wohl nach, wie solches möglich sei. Ich aber sage euch: Es ist nichts leichter möglich wie auch nichts geistig ordnungsmäßiger als eben die Musik des Wortes. Warum denn? Wenn ihr euer artikuliertes Wort hier aufstellet, das an und für sich nur die äußerste Rinde des eigentlichen wahren Wortes ist, welches ganz inwendig in dem äußeren Worte ist, so wird es mit der musikalischen Darstellung des Wortes wohl ein wenig schwer gehen. Aber wenn ihr auf den eigentlichen Grund des Wortes zurückgeht, so werdet ihr die Sache ganz natürlich ordnungsmäßig finden.

[GS.02_005,03] Was aber ist der Grund des Wortes? Der erste Grund ist natürlich wie von allem so auch vom Worte – die Liebe. Wie spricht sich aber die Liebe inwendig aus? Die Liebe spricht sich stets mit einem begehrenden Zuge aus, das heißt, sie will alles an sich ziehen! Dieser edle Zug sieht nach allen Seiten um sich her, und was seinem Auge begegnet, das ergreift er in der Art, wie es ist, und bemüht sich, den erschauten Gegenstand sich stets näher zu bringen und endlich gar mit sich zu vereinen.

[GS.02_005,04] Dieser Zug wird bei euch die Begierde genannt. Was liegt denn eigentlich in dieser Begierde? Nichts als das Bedürfnis, sich stets mehr zu erfüllen mit dem, was eben dieser Begierde vollkommen harmonisch zusagt. Diese Begierde ist aber somit auch eine fortwährend lebendige Empfindung, durch welche eben die Begierde in sich das Bedürfnis wahrnimmt, sich stets mehr und mehr zu erfüllen.

[GS.02_005,05] Nun habet acht! Die Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten empfindet demnach das Bedürfnis nach dem Herrn und nach allem dem, was des Herrn ist.

[GS.02_005,06] „Böse Liebe" aber ist, wie ihr wißt, in allem das Gegenteil. Wenn nun die gute, edle Liebe in sich die stets wachsende Erfüllung mit dem empfindet, was ihr ein einziges Bedürfnis ist, so fühlt sie in sich eine Sättigung. Und diese Sättigung ist das sich wonniglich selbstbewußte Gefühl, welches eben durch seine Sättigung und die aus dieser Sättigung bewirkte Lebenstätigkeit das Licht der Liebe in sich hervorbringt. In diesem Lichte wird alles in sich Aufgenommene wie plastisch und geht in harmonische Formen erhabenster Art über.

[GS.02_005,07] Aus dem Bewußtsein der Sättigung und aus der Anschauung der lebendigen Formen in sich geht dann erst jenes wonnige Gefühl hervor, welches ihr unter dem Begriffe: Die Seligkeit des ewigen Lebens kennet.

[GS.02_005,08] Nun gebet ferner acht! Wenn die lebendige Liebe einmal auf diese Weise gesättigt und in ihr Licht übergegangen ist, so findet sie dann ein zweites Bedürfnis, nämlich die Mitteilung. Und diese Mitteilung ist dann gleich der Nächsten- oder Bruderliebe, welche aber nie eher vollkommen dasein kann, als bis der Mensch in seiner Liebe zum Herrn eben vom Herrn diese gerechte Sättigung überkommen hat.

[GS.02_005,09] Daher ist auch die wahre Ordnung der Nächstenliebe nur diejenige, so jemand seinen Bruder aus dem Herrn liebt. Im Gegenteil aber, wenn jemand den Herrn liebt aus seinen Brüdern, ist das dann eine umgekehrte Ordnung, welche mit der ersten Ordnung in keinem harmonischen Zusammenhange steht. Warum denn? Weil es doch hoffentlich natürlicher ist, in dem, in dem alles ist, auch alles zu suchen, als in dem, da noch bei weitem nicht alles ist, das vollkommenste Alles zu suchen. Oder noch deutlicher gesprochen:

[GS.02_005,10] Es ist doch sicher geordneter, in Gott alle seine Brüder zu suchen, als in seinen Brüdern den unendlichen Gott! In Gott wird sogar ein jeder alles finden, aber in seinem Bruder dürfte es wohl manchmal sehr stark im Zwielichte stehen, das allerhöchste Wesen Gottes zu finden. Er findet es wohl auch; aber es ist ein großer Unterschied zwischen dem Finden und Finden.

[GS.02_005,11] Diesen Unterschied könnet ihr irdischermaßen also bemessen, als so ihr da hättet ein gutes Fernrohr. Sehet ihr am rechten Orte durch dasselbe, d.h. daß ihr das große Objektivglas nach außen wendet und die kleinen Okulargläser ans Auge setzet, so werdet ihr damit die Gegenstände, die ihr beschauet auch in der natürlichen Vergrößerung finden; denn hier schauet ihr wie aus dem Zentrum des Objektivglases Strahlenweite hinaus. Wenn ihr aber das Fernrohr umkehrt, so werdet ihr zwar wohl auch die Gegenstände erblicken, welche ihr früher erblickt habt; aber diese Gegenstände werden ums eben so Vielfache verkleinert erscheinen, als sie ehedem vergrößert dastanden, und ihr werdet euch eine ganz entsetzlich große Mühe nehmen müssen, wenn ihr nur einigermaßen entfernte Gegenstände werdet erblicken und dieselben völlig erkennen wollen.

[GS.02_005,12] Ihr fraget, ob das geistig genommen gesündiget ist oder nicht. O nein! Gesündigt ist es durchaus nicht. Denn wenn ihr durch ein umgekehrtes Fernrohr die Gegenden betrachtet, so werden sie euch auch gar schön und wunderlieblich vorkommen, nur wird es euch, wie gesagt, sehr viele Mühe kosten, sie nur einigermaßen zu erkennen als das, was sie sind.

[GS.02_005,13] Also ist es auch mit der Liebe zum Herrn aus dem Nächsten. Der Herr ist wohl in einem jeden Bruder, denn Er ist ja das Leben Selbst in einem jeden, aber im kleinsten Abbilde, also, wie der Mensch selbst des ganzen unendlichen Himmels kleinstes Abbild ist, oder – der Mensch ist ein Himmel in kleinster Gestalt.

[GS.02_005,14] Wer aber aus dem Herrn den Bruder liebt, der schaut aus dem Zentrum des Strahlenbrennpunktes, vom Objektive seines Fernrohres ausgehend, alle seine Brüder liebend an und sieht da in seinen Brüdern viel mehr, als was er ehedem gesehen hat.

[GS.02_005,15] Ehedem sah und gewahrte er eigentlich vielmehr, daß in seinen Brüdern ein göttlicher Funke wohne, und sah somit eine Menge göttlicher Fünklein. Jetzt aber sieht er in seinen Brüdern, daß der Herr in ihnen alles in allem ist, und statt der Fünklein sieht er jetzt große Sonnen in seinen Brüdern flammen, aus deren Lichte sich fortwährend neue herrliche Formen gleich wunderbaren Schöpfungen Gottes entwickeln.

[GS.02_005,16] Ich meine, solches dürfte euch nun klar sein, und wir wollen daher jetzt sehen, wie wir unsere Wortmusik aus dem allem herausbekommen werden. Ich sage euch, nichts leichter als nun das. Nur eine Frage müssen wir noch voransenden und diese ist: Was ist denn eigentlich die Musik – in sich? Die Musik, in irdischer Form nur betrachtet, ist nichts als ein durch Tonmittel für die äußeren gröberen Sinne vernehmbar gemachtes und gewisserart verkörpertes Darstellen des inneren harmonischen Gefühles.

[GS.02_005,17] Wenn aber das also dargestellte innere harmonische Gefühl äußerlich dargestellt Musik ist, so wird doch etwa das Gefühl in sich selbst um so mehr die wahre Musik sein, da es der Grund der äußeren Musik ist.

[GS.02_005,18] Wir Geister fühlen in unserer seligen Liebesättigung und denken durch die aus dem Liebelichte in uns entstandenen Formen aus dem Herrn. Dieses Fühlen und Denken ist unsere allergrößte Seligkeit, weil sich eben darin das Leben des Herrn in uns ausspricht.

[GS.02_005,19] Denket euch nun die Harmonie. Der Herr ist in uns das Grundwort, also der Grundton, unsere Sättigung aus dem Herrn ist das zweite harmonische Intervall, das Licht aus dieser Sättigung ist das dritte harmonische Intervall, die Formen aus dem Lichte sind, was ihr Melodie nennt.

[GS.02_005,20] Ihr habt aber in eurer Musik, damit sie vollendeter und ein wohl zusammengreifendes Ganzes sei, einen Kontrapunkt, da ihr eine Melodie auf eine lebendige Weise begleitet und diese Begleitung in sich selbst ebenfalls als ein reines Thema aufgestellt werden kann.

[GS.02_005,21] Wir wollen sehen, ob sich solches auch in unserer Grundmusik vorfindet. Ganz sicher; denn was ist der gegenseitige Ideen- und Formenaustausch, oder der Austausch unserer inneren, seligsten Gefühle anderes als ein wahrhaft himmlischmusikalischer Kontrapunkt, da ein seliger Bruder die Seligkeit seines Bruders aufnimmt und dieselbe mit der Seligkeit der anderen harmonisch verbindet. Auf diese Weise wird dann das selige ineinander Überströmen und Verbinden und wieder Lösen gleich einem nach eurer Art allerkunstvollst gebauten großen himmlischen Oratorium! – Versteht ihr nun solches?

[GS.02_005,22] Ihr fraget, ob man dergleichen Musik immer hört? Ich aber frage euch: Wann höret denn ihr auf der Erde eine Musik? Ihr saget: Wenn sich Musiker zu einem solchen Zwecke vereinen und dann nach dem vorbeschriebenen Zeichen anfangen, ihren Tonwerkzeugen die Töne zu entlocken. Gut, sage ich euch; also ist es auch mit der Grundmusik in dem Himmel der Fall.

[GS.02_005,23] Bei solchen Gelegenheiten, wo der Herr also wieder einzieht, wie jetzt, wird das selige Gefühl aller himmlischen Geister auf das Höchste getrieben, und diese höchste Stufe des allerseligsten Gefühles spricht sich wie die allerherrlichste Musik aus.

[GS.02_005,24] Im gewöhnlichen Zustande aber spricht sich das Wort also aus wie bei euch. Dessen ungeachtet aber hat dennoch jeder himmlische Geist hier das vollkommene Vermögen in sich, alles, wenn er will, in vollster Harmonie in sich selbst zu vernehmen, wie auch andere vernehmen zu lassen, was er in dieser harmonischen Hinsicht denkt und fühlt.

[GS.02_005,25] So könntest du, A. H. W., ein Tonwerk, das du auf der Erde nur einzeltönig (successio) dichten und erfinden kannst, sogleich in dir selbst wie mit dem größtmöglichsten Orchester aufgeführt vernehmen.

[GS.02_005,26] Ich meine nun, daß euch bereits alles klar sein dürfte. Daher könnet ihr euch nun im Geiste auch mit mir ein wenig vergnügen, wie die herrlichen Harmonien aus den uns stets näher kommenden seligen Scharen an unser Ohr dringen.

[GS.02_005,27] Sehet aber nun auch unseren Prior ein wenig an, wie er sich aus lauter überseliger Wonne nicht mehr zu raten und zu helfen weiß und soeben den Herrn fragt, was solches denn doch alles zu bedeuten habe. Der Herr aber spricht zu ihm: Mein geliebter Sohn, habe nur noch eine kleine Geduld und empfinde der Seligkeit ersten Grad; an Ort und Stelle soll dir alles klarwerden. Wir wollen zuvor die Stadt erreichen und dann erst in der Stadt selbst das Weitere abmachen.

[GS.02_005,28] Sieh aber die erste kleine Schar, die Mir entgegenkommt, und rate, wer diese sind, aus denen die Schar besteht?

[GS.02_005,29] Der Prior spricht: O Herr! Woher sollte ich das aus mir nehmen? Daß es überselige Brüder und Engel sind, das ist gewiß; wer sie aber namentlich sind, das könnte ich wohl nimmer erraten.

[GS.02_005,30] Der Herr spricht: Nun, so will Ich dir es denn kundgeben: das sind Meine Brüder. Die ersten vorderen zwei sind der dir sicher wohlbekannte Petrus und der Paulus, hinter dem Petrus einhergehend siehst du Meinen lieben Johannes, hinter dem Johannes siehst du den Matthäus und Lukas. Der Markus aber folgt uns und war derjenige, der euch zuerst von Mir gesandt aufsuchte. Und die noch mehr rückwärts Folgenden sind die anderen Apostel. – Doch nun nichts mehr weiter, sondern wie gesagt in der Stadt, Mein geliebter Sohn, wird erst die Enthüllung folgen!

 

6. Kapitel – Persönliche Einzelheiten der Apostel durch Insignien dargestellt.

[GS.02_006,01] Sehet, wir sind am euch schon bekannten Stadttore, welches so wie die Mauer um die Stadt und die Häuser in der Stadt gemacht ist aus allen Edelsteinen.

[GS.02_006,02] Sehet in die Gasse, welche da genannt wird die Hauptstraße, die Straße des Herrn und die Straße der Mitte alles Lichtes, wie in dieser Straße gar viele allerseligste Engelsgeister, wie Kinder angetan, uns von allen Seiten entgegenströmen.

[GS.02_006,03] Sehet, alles ist voll des allerhöchsten Liebeweisheitsglanzes. Aber beschauet dagegen den Herrn, der geht noch immer so einfach daher, wie wir Ihn vom Anfange gesehen haben; ein blauer Rock ist alles, was Ihn ziert der äußeren Erscheinlichkeit nach. Aber auch Seine Brüder gehen Ihm gleich einfach einher, und wie ihr auch bemerken könnet, so trägt ein jeder ein kleines Zeichen wie einen Orden am Rocke von dem, was ihn auf der Erde wesentlich unterschied von einem andern seiner Brüder, wie auch, was er auf der Erde als naturmäßiger Mensch zur Fristung seiner natürlichen Bedürfnisse für ein Gewerbe trieb.

[GS.02_006,04] So werdet ihr bei dieser Gelegenheit den Petrus erschauen geziert mit zwei Schlüsseln, die übers Kreuz gelegt sind. Unter den zwei Schlüsseln aber werdet ihr ein Fischernetz in kleinem Maßstabe wie aus kleinen Diamanten gewirkt erschauen. Die Bedeutung dieser beiden Insignien brauche ich euch wohl nicht mehr zu erklären. Manchesmal bei besonderen Gelegenheiten bekommt so ein Apostel noch mehrere Insignien. So erblickt man auch manchmal als eine Bußzierde den Hahn wie auch ein Schwert.

[GS.02_006,05] Sehet den Paulus an, der hat ein zweischneidiges Schwert; unter dem Schwerte aber, mit farbigen Diamanten gewirkt, einen kleinen Teppich. Bei besonderen Gelegenheiten hat er auch noch ein rötliches Pferd und über dem Pferde wie einen Feuerstrahl, unter dem Pferde aber eine Rolle und einen Griffel. Und so wie diese zwei ersten Apostel, so haben auch alle anderen bei solchen Gelegenheiten auf ihren Kleidern auf ihr irdisches Leben und Wirken Bezug habende Insignien.

[GS.02_006,06] Diese Insignien sind von sehr großer Bedeutung und dienen ihren Inhabern im allerhöchst und tiefst geistigen Sinne dazu, wozu einst nur äußerlich vorbildlich in der jüdischen Kirche dem Hohenpriester seine Thumim- und Urim-Täfelchen gedient haben. Denn auch hier sind die allerseligsten Geister nicht in einem stets gleich hohen Grade der innersten Weisheit aus dem Herrn, sondern darin findet auch hier ein Zustandswechsel statt, welcher zu vergleichen ist mit dem Wirkungsstande und dem darauf erfolgten Raststande. Im Wirkungsstande ist ein jeder nach Bedarf mit der tiefsten Weisheit des Herrn ausgerüstet, im Raststande aber bedarf niemand solcher Tiefe, sondern auch hier einer gewissen Sabbatruhe in der stillen himmlischen Liebe zum Herrn.

[GS.02_006,07] Aus dem Grunde sind denn auch im Wirkensstande die Apostel wie auch alle anderen seligen Geister mit ähnlichen Insignien versehen; nicht als ob sie nicht ohne dieselben aus dem Herrn möchten in die Fülle der Weisheit gesetzt werden, sondern weil diese Insignien gewisserart die Wurzel anzeigen wie auch das ursprüngliche Samenkorn, aus welchem alle ihre Weisheit aus dem Herrn hervorgegangen ist. Darum werden sie denn auch grundweise und wahrhaftige „Fürsten des Himmels" geheißen, was sie auch in aller Wahrheit sind.

[GS.02_006,08] Aber nun sehet, wir befinden uns schon vor einem gar mächtig großen, überstark glänzenden Palaste. Der Herr hält vor dem majestätischen Tore desselben, aus welchem schon wieder neue herrliche Lobgesänge entgegenhallen, und spricht zum Prior: Nun, mein geliebtester Sohn, hier sind wir in unserer unveränderlichen ewigen Wohnung zu Hause. Wie gefällt es dir hier? Sage Mir, ob du eine große Lust hättest, hier zu bleiben? – Der Prior spricht, in eine tausendfache Demut versunken: O Herr, Du alleiniger ewiger König aller Majestät und Glorie! Du Gott, heilig, überheilig, Du allmächtiger Schöpfer aller Himmel und aller Welten! Als ich von Dir in den früheren Himmel geleitet ward, da blieb in meinem Herzen aber dennoch so viel Raumes übrig, daß ich noch irgendeines Wunsches fähig war. Aber hier, wo sich Deine unendliche Herrlichkeit in solch einer nie geahnten endlosen Fülle darstellt und ich vor meinen Blicken wie zahllose Schöpfungen auf- und untergehend erschaue und Deine endlos weiten Pläne und Wege voll des allerhöchsten Lichtes, – da, o Herr, ist mein Herz vor Dir nicht mehr fähig zu reden, denn zu groß, zu herrlich und heilig bist Du, und ein unendliches Nichts bin ich vor Dir!

[GS.02_006,09] In der vorigen Himmelsgegend, da hätte ich mich wohl noch zu wünschen getraut, etwa ein allergeringster Hausknecht bei irgendeinem seligen Bruder zu sein. Aber hier, wo mir alles so unendlich heilig vorkommt, wo ich mich kaum zu atmen getraue und meinen allerunwürdigsten Fuß zu setzen auf den Boden dieser allerheiligsten Stadt, der ja einen bei weitem größeren Lichtglanz von sich strömen läßt als das Licht aller Sonnen zusammengenommen, und wo mich die zu unendliche Majestät dieser heiligen Wohnungen und ihrer Einwohner zufolge meiner gänzlichen Nichtigkeit ganz rein verzehrt, – da bleibt mir, o Herr, kein Wunsch mehr übrig! Wenn ich Dich aber schon um etwas bitten dürfte, so wäre das dahin gerichtet, daß Du mich irgendwo hinaus in so eine ganze einfache Hütte möchtest verschieben lassen; denn dieser unendlichen Wonne und Seligkeit bin ich zu unwürdig!

[GS.02_006,10] Der Herr spricht: Aber mein lieber Sohn, dein größter Wunsch war ja doch der, bei Mir zu sein. Wenn Ich aber nun hier wohne, wie magst du dich denn scheuen vor Meiner Wohnung? Du hast dich doch selbst dahin ausgesprochen, sagend: O Herr! Wo Du bist, da ist überall gut sein! Wenn Ich aber hier für ewig beständig vorzugsweise zu Hause bin, soll demnach hier nicht gut sein, zu sein? – Daher bedenke dich und rede!

[GS.02_006,11] Der Prior spricht: O Herr, Du allerbester, allmächtiger, heiliger Vater! Mit diesem meinem Ausspruche wird es wohl ewig seine Richtigkeit haben wie auch damit, daß es hier nur zu unendlich wonnig und selig zu wohnen wäre. Aber nur das einzige, o Herr, bemerke ich hier, daß allhier lauter Fürsten wohnen, und keiner von ihnen hat irgendeinen Knecht und geringen Diener. Wenn es möglich wäre, irgendwo in einem allerletzten Winkel dieser heiligen Stadt so ein Dienstplätzchen zu bekommen von der möglichst allergeringsten Art, vorausgesetzt, daß hier dergleichen Dienstposten existieren, da möchte ich mir freilich hier vor allen anderen Plätzen in der ganzen Unendlichkeit ein solches Plätzchen von Dir erbitten. Aber in so einem Palaste, wie dieser da ist, vor dessen Tor wir nun stehen, da kommt mir schon der möglichst allergeringste Posten zu endlos groß, wichtig und heilig vor, als daß ich mich nur höchst entferntermaßen demselben nähern könnte.

[GS.02_006,12] Der Herr spricht: Hast du denn nicht gehört, daß in Meinem Reiche derjenige der Größte ist, welcher der Kleinste und Letzte sein will? Wenn du demnach gar so klein hinaus willst, da bleibt Mir nichts anderes übrig, als dich zum möglichst Größten hier zu machen.

[GS.02_006,13] Der Prior spricht: O Herr, Du allerbester, heiligster Vater! Wenn ich bestimmt wüßte, daß hier derjenige im Ernste der Geringste und am wenigsten Bedeutende ist, der sich für den Vorzüglichsten und Größten hält, da mache mich nur geschwinde zum größten und glänzendsten Fürsten dieser Stadt, damit ich darob der Unbedeutendste und Allergeringfügigste werde!

[GS.02_006,14] Der Herr spricht: Mein geliebtester Sohn! Wer nach deiner Art groß werden will, der ist bei Mir wahrhaftig groß. Daher sage Ich dir aber nun auch: Nicht ein Diener und nicht ein Knecht in diesem Wohnhause sollst du Mir sein, sondern dieses Haus habe Ich für dich errichtet zum ewig eigentümlichen herrlichen Besitze. Daher ziehe hier mit deinem Weibe und deinem Bruder an Meiner Seite ein. Ich will dich hier installieren und dir die Herrschaft über dieses ganze Haus einräumen. Die Dienerschaft dieses Hauses hast du schon gesehen. Sie besteht aus jenen seligen Geistern, die uns beim ersten Eintritte in dieses Mein Reich in zahllosen Heerscharen entgegengekommen sind. – Und so ziehe mit Mir ein, und Ich werde dir in diesem deinem Hause erst deine volle ewige Bestimmung enthüllen!

 

7. Kapitel – Die Abendmahlstafel mit Lamm, Brot und Wein.

[GS.02_007,01] Nun sehet da gerade vor uns eine breite, glänzende Treppe, welche mit lauter wie von durchsichtigem Golde angefertigten Geländern versehen ist. Diese Treppe führt hinauf in die mittlere Herrnwohnung. Unsere Gesellschaft bewegt sich nun hinauf, begleitet von den Aposteln; also folgen auch wir ihnen nach. – Hier sind wir schon am Eingangstore in den großen Herrnsaal. Der Herr öffnet die Türe, und wir alle ziehen hinein in den Saal. Sehet, welche unendliche Pracht und Herrlichkeit in diesem übergroßen Herrnsaale anzutreffen ist! Der Boden ist ebenfalls wie von durchsichtigem Golde, und wenn ihr deutlich auf denselben sehet, so werdet ihr aus diesem Golde allenthalben eine Schrift schimmern sehen.

[GS.02_007,02] Was etwa wohl diese Schrift besagt? Ich sage euch: Nichts mehr und nichts weniger, als alle die Taten, welche unser Prior aus seiner wahren inneren Liebe verrichtet hat. – Dann sehet zu beiden Seiten des großen Saales fünf rote leuchtende Säulen, welche aussehen wie weißglühendes Erz in einer viertelstundweiten Entfernung auf der Erde betrachtet, allwo es hellrötlich aussieht, und das zwar zufolge der Dichtigkeit der Luft, durch welche so ein Strahl sich durcharbeiten muß. Nur ist natürlicherweise, wie ihr es im Geiste hier erschauen könnet, das Leuchten dieser Säulen ums Unaussprechliche stärker.

[GS.02_007,03] Sehet aber nun auch auf die Fußgestelle dieser großen Säulen, wie sie ebenfalls wieder allenthalben geschmückt sind mit einer mehr denn alle Sonnen stark leuchtenden Schrift. Leset es und ihr werdet finden, daß darauf die zehn Gebote gezeichnet sind. Betrachtet aber die Schrift noch näher, und ihr werdet in einem jeden einzelnen Buchstaben eine kleinere Schrift entdecken, aus welcher Schrift der innere Sinn der Gebote erkannt werden kann.

[GS.02_007,04] Sehet aber auch in die Höhe, und ihr werdet von einer jeden Säule einen weißglänzenden überherrlichen Bogen gegen die Mitte des hohen Plafonds strahlenförmig hin- und zusammenlaufen sehen. Auf dem Punkte, wo die Bögen sich strahlenförmig ergreifen, seht ihr eine mächtig stark leuchtende Sonne, und mitten in der Sonne werdet ihr mit hellrot flammender Schrift das endlos viel bedeutende Wort Liebe gezeichnet finden.

[GS.02_007,05] Sehet aber auch die Wände dieses Saales an, welche aus den allerkostbarsten Edelsteinen erbaut sind. Nähert euch einem Teile der Wand und betrachtet sie genau, und ihr werdet allenthalben eine Schrift entdecken, und zwar in der Mitte der Gesteine gleich kleinen Sternchen schimmernd. Und wenn ihr nur ein wenig wollet zu lesen anfangen, so werdet ihr alsbald finden, daß diese Schrift das Wort Gottes enthält, und zwar im Buchstabensinne zuerst, etwas tiefer im Steine den geistigen und noch tiefer und zumeist in der Höhe den himmlischen Sinn darstellend. Diese vier Wände enthalten nur die vier euch bekannten Evangelien; die beiden langen Seitenwände den Matthäus und Lukas, die schmäleren Wände des Hinter- und Vordergrundes den Markus und Johannes.

[GS.02_007,06] Ihr möchtet wohl auch wissen, ob hier nirgends auch das Alte Testament zu erblicken ist? Hier in diesem Gebäudeteile nicht; aber was ihr gewisserart bei euch „zu ebener Erde" nennt, das ist alles gebaut aus dem Alten Testamente, und was ihr bei euch auf der Erde die unsichtbare Grundfeste des Hauses nennet, das besteht aus der Urkirche der Erde.

[GS.02_007,07] Nun aber sehet auf den Vordergrund hin; da werdet ihr eine herrliche Tafel gedeckt erschauen, ein wie gebratenes Lamm in der Mitte in einer goldenen Schüssel, einen Laib Brotes daneben und einen großen Kelch voll des herrlichsten Weines.

[GS.02_007,08] Sehet, nun spricht der Herr zum Prior: Mein geliebter Sohn, siehe hier eine andere Tafel; wie kommt sie dir vor? Der Prior spricht: O Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Obschon die endlose Herrlichkeit dieses Saales mich zu Boden drückt, so bemerke ich aber dennoch, daß diese Tafel eine überaus starke Ähnlichkeit mit derjenigen hat, welche Du auf Erden vor Deinem bitteren Leiden mit Deinen lieben Aposteln und Jüngern gehalten hast.

[GS.02_007,09] Der Herr spricht: Mein geliebter Sohn, du hast recht gesprochen, denn also sprach Ich ja an der Tafel, daß Ich weder von dem Lamme noch von dem Weine eher etwas mehr genießen werde, als bis es im Reiche Gottes, also in Meinem Reiche, neu bereitet wird. – Siehe, hier ist es neu bereitet! Hier wollen wir demnach dieses Mahl wieder miteinander halten und wollen dabei nicht mehr in die Traurigkeit, sondern in die allerhöchste Freude übergehen. Daher setzet euch alle mit Mir zu dieser Tafel, und zwar in der Ordnung, wie wir auf der Erde gesessen sind.

[GS.02_007,10] Du fragst zwar hier auch nach dem Judas, ob dieser auch bei der Tafel sein wird. Was meinst du wohl, ob sich der Verräter hierher schicken möchte? – Der Prior spricht: O Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Ich weiß wohl, daß Deine Gerechtigkeit so groß ist wie Deine Liebe, Gnade und Erbarmung. Aber dessen ungeachtet, ich muß es Dir offen bekennen, würde es mir dennoch etwas hart geschehen, wenn ich diesen verlornen Apostel im Ernste für ewig missen müßte; denn Du hast ja selbst gesagt, daß dieser eine verloren ging, damit die Schrift erfüllet werde. Dieser Text hat mich denn auch heimlich in Hinsicht dieses unglücklichen Apostels stets mit einem kleinen Trost erfüllt, denn ich sagte zu mir: Der Judas mußte vielleicht, wenn schon nach seiner freien Wahl, auch so ein Dir dienendes Werkzeug sein, also ein Apostel der Toten, damit eben durch seinen Verrat Dein sicher von Ewigkeit vorbestimmter heiliger Plan in die allerheiligst herrlichste Ausführung kam! – Siehe, o Herr, Du allerliebevollster heiliger Vater! Solches flößte mir dann immer eine selige Hoffnung für den armen, unglücklichen Apostel ein. Noch mehr aber ward ich allzeit dadurch beruhigt, wenn ich bedachte, wie Du am Kreuze den Vater in Dir für alle Deine Feinde um Vergebung batest; und da konnte ich denn den armen Judas trotz seines Selbstmordes nicht ausschließen. Dazu war ja auch doch offenbar an dieser seiner letzten Tat nach der Schrift der in ihn fahrende Teufel schuld. Daher also möchte ich wohl auch diesen Apostel, wenn schon nicht hier, so aber doch wenigstens irgendwo nicht im höchsten Grade unglücklich wissen.

[GS.02_007,11] Der Herr spricht: Höre, Mein geliebter Sohn, es gibt nicht einen, sondern zwei Judas Iskariot. Der erste ist der Mensch, der mit Mir auf der Erde gelebt, und der andere ist der Satan, der in seiner damaligen Freiheit sich diesen Menschen zinspflichtig gemacht hatte. Dieser zweite Judas Iskariot ist wohl noch gar vollkommenst der Grund der alleruntersten Hölle, – aber nicht also der Mensch Iskariot, denn diesem ward es vergeben, und in wie weit, brauchst du dich nur umzusehen. Denn derjenige, der soeben mit deinem Bruder spricht und nun auch einen Liebeverrat begeht, indem er deinem Bruder schon im voraus Meine große Liebe zeigt, ist eben derjenige Judas Iskariot, um den du besorgt warst. Bist du nun zufrieden mit Mir?

[GS.02_007,12] Der Prior, vor Liebe zum Herrn beinahe vergehend, spricht: O Herr, Du allerunendlichst liebevollster, allerheiligster Vater! Wahrlich wahr, ich habe Dich mir wohl allzeit allerhöchst liebevoll und endlos gut vorgestellt. Dessen ungeachtet aber hätte ich mir nie zu denken getraut, daß sich Deine unendliche Erbarmung, Gnade und Liebe auch bis zum Judas erstrecken sollten! Denn auf der Erde hätte ich mich mit einem solchen Gedanken sicher für grob versündigt geglaubt. Aber nun sehe ich, wie endlos weit Deine unendliche Güte, Gnade und Erbarmung alle menschlichen Vorstellungen übertreffen. – O Herr, was soll ich denn tun? Wie soll ich Dich denn lieben, daß ich doch nur einigermaßen in meinem Herzen solcher Deiner unendlichen Liebe entsprechen könnte?

[GS.02_007,13] Der Herr umarmt den Prior, drückt ihn an Seine Brust und spricht zu ihm: Siehe, Mein geliebter Sohn, also wie du Mich jetzt liebst, gibst du Mir den größten Ersatz für Meine unendliche Liebe. Daher gehe nun aber auch mit Mir an den Tisch und esse und trinke das wahre lebendige Abendmahl, damit du in diesem Genusse alle die Stärkung überkommst, welche dir, einem großen Fürsten in diesem Meinem Reiche, stets und ewig wachsend vonnöten ist!

[GS.02_007,14] Sehet, nun setzen sie sich alle zur Tafel und an der rechten Seite des Herrn nimmt der Prior mit seinem Weibe und seinem Bruder Platz. Zur linken Seite sehet ihr den Johannes, dann gleich nach ihm den Petrus und dann den Paulus sowie auch die anderen Apostel und Jünger.

[GS.02_007,15] An der rechten Seite des armen Bruders des Priors sitzt der Judas und nach ihm noch einige andere, die ich euch hier noch nicht nennen will. Weiter herüber sehet ihr auch unseren Joseph und neben ihm die Maria; neben der Maria die Magdalena und noch andere euch wohlbekannte weibliche Wesen. Daneben sehet ihr den Lazarus, den Nikodemus und noch einige große Freunde des Herrn.

[GS.02_007,16] Ihr fraget nun, da noch mehrere Stühle unbesetzt sind, ob sich darauf niemand setzen wird? Ja, meine lieben Freunde und Brüder, auch ich muß mich zu Tische setzen und ihr, als noch irdische Geister, dürfet nicht aus meiner Sphäre. Daher wird nichts anderes übrigbleiben, als daß wir nach der geheimen Beheißung des Herrn die drei noch leer gelassenen Stühle in Beschlag nehmen. Daher folget mir nur mutig zur Tafel und esset und trinket dort mir und allen andern gleich.

[GS.02_007,17] Wenn ihr an dieser Tafel – wenn auch für eure Sinne unfühlbar, werdet gespeist haben, so wird euch ein inneres, euren Geist sättigendes Gefühl sagen, daß ihr im Geiste an dieser Tafel gespeist habt. Es wird euch daraus eine große, bedeutende Stärkung werden, welche ihr gar wohl empfinden werdet. – Scheuet euch nicht, sondern in eurer Demut und Liebe genießet das Mahl des ewigen Lebens. Und so denn folget mir ganz beherzt und unbedenklich zur Tafel!

 

8. Kapitel – Die große Bedeutung dieses Mahles, besonders für die Erde. Austritt aus der Sphäre des Markus.

[GS.02_008,01] Da wir uns nun bei der Tafel befinden, so wollen wir auch an dem hohen Schatze der Tafel teilnehmen. Höret aber, was der Herr vor dem Mahle spricht, indem Er sagt: Meine geliebten Kindlein! Als Ich einst auf Erden nach Meiner Auferstehung zu euch kam, da fragte ich euch, indem ihr etwas hungrig waret und eben nicht viel zu essen hattet: „Kindlein, habt ihr nichts zu essen?" – Da zeigtet ihr Mir etwas Brot und etliche Fische. Ich segnete euch die Fische und das Brot und setzte Mich dann mit euch zu Tische und aß mit euch. Nun frage Ich euch nicht mehr, ob ihr zu essen oder nicht zu essen habt, sondern aus Meinem unendlichen Schatze und Vorrate habt ihr in endloser Fülle ewig genug. Aber soll darum dieses von Mir auf Erden ausgesprochene Wort für hier keine Geltung haben?

[GS.02_008,02] Ich sage euch: Diese Frage soll hier noch mehr eine vollkommene Geltung haben denn auf der Erde, und Ich kann aus diesem Meinem Reiche allezeit diese höchst gewichtige Frage tun: Kindlein, habt ihr nichts zu essen? Ihr werdet Mir darauf antworten:

[GS.02_008,03] O liebevollster Vater! Wir haben hier in Deinem großen Hause nur zu unendlich viel zu essen. Ich aber sage euch:

[GS.02_008,04] Diese Frage soll von Mir aus nicht an euch gestellt sein, als beträfe sie euch, sondern diese Frage soll also gestellt sein, daß sie von Mir aus durch euch hinab zu Meinen Kindern auf die Erde dringen solle und durch diese übergehen in die ganze Unendlichkeit. Die Kinder auf der Erde sind nun in dem Zustande, in welchem ihr waret alsbald nach Meiner Auferstehung. Sie sind voll trauriger Gedanken- und wissen noch nicht, was mit dem Herrn geschehen ist. Sie haben ebenfalls nur eine dürftige Nahrung, die da gleicht den Fischen und dem Brote, das ihr hattet.

[GS.02_008,05] „Die Fische" sind das Alte, und „das Brot" das Neue Testament. Wie aber diese Speise ist bei den Kindern auf der Erde zum Teil versalzen, zum Teil verschimmelt, zum Teil ausgetrocknet, so ist es hier unter uns um so mehr an der Zeit, uns nun öfter mit dieser Frage an diese Kindlein zu wenden und sie zu fragen: Kindlein! habt ihr nichts zu essen?

[GS.02_008,06] Sie werden uns ihren Vorrat vorweisen, und wir wollen ihnen diese Speise segnen zum guten, lebendigen Gedeihen, wie Ich euch eure Fischlein und euer Brot gesegnet habe. Wir wollen uns dann mit ihnen zum Tische ihres Glaubens und ihrer Liebe setzen und mit ihnen essen, d.h. wir wollen sie im Geiste und in der Wahrheit aus ihrem schwachen Vorrate die wahren Wege zum ewigen Leben kennen lehren!

[GS.02_008,07] Sehet, hier ist die Mahlzeit, die Tafel gedeckt mit dem wohlbereiteten Lamme, Brote und Weine. „Das Lamm", eine Speise gleich Meinem Herzen, „das Brot", eine Speise gleich Meiner Liebe und Erbarmung, „der Wein" ein Trank aus Meiner unendlichen Weisheit Fülle.

[GS.02_008,08] Ihr genießet es mit Mir, und Ich habe nicht nötig, euch zu fragen: Kindlein, habt ihr etwas zu essen? Aber so ihr es genießet mit Mir, da gedenket der armen Kindlein auf der Erde und fraget sie aus Meiner höchsten Liebe in euch: Kindlein, Brüder und Schwestern, habt ihr etwas zu essen? Und die Kindlein werden euch erwidern: O Brüder! Sehet uns an in unserer großen Armut; ein wenig hartes Brot und etliche stark versalzene Fischlein ist all unsere Habe! Machet sie uns nur einigermaßen genießbar.

[GS.02_008,09] Wenn ihr solches vernehmen werdet, da kehret euch hin zu ihnen und bringet ihnen die lebendigen Überreste von dieser Tafel, d.h. gebet ihnen eine lebendige Erleuchtung; helfet ihnen reinigen ihr Gemach, damit Ich auch bei ihnen einziehen kann und sie dann Selbst frage: Kindlein! Habt ihr nichts zu essen?

[GS.02_008,10] Und wenn sie dann sagen werden: O Herr, Du liebevollster Vater! Siehe, ein wenig Brot und einige Fischlein haben wir, so werde Ich dann zu ihnen sagen: Bringet alles her, was ihr habt, und Ich will es euch segnen mit Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung und will euch geben nun ein lebendiges, inneres, geistiges Brot! So ihr dieses Brot essen werdet und trinken von Meinem Weine, so werden dadurch euer hart gewordenes Brot und eure versalzenen Fische erweicht und gereinigt und euch also zu einer lebendigen Speise werden, an welcher ihr euch hinreichend sättigen werdet zum ewigen Leben.

[GS.02_008,11] Also, Meine lieben Kinder, Brüder und Freunde, ist diese einst von Mir an euch gestellte Frage auch hier von der größten Wichtigkeit und von der allertiefsten Bedeutung!

[GS.02_008,12] Esset also nun mit Mir und trinket und seid dabei in aller Liebe eingedenk derjenigen, die noch in der Tiefe ihres Fleisches wohnen, und nicht erschauen können Mein Reich, Meine Gnade, Meine Liebe und Erbarmung! –

[GS.02_008,13] Sehet, nun zerteilt der Herr das Lamm, wie auch das Brot und teilt es an alle aus. Nun ist es ausgeteilt; wir haben unsere Portionen vor uns, danken wir dafür dem heiligen Geber so guter Gaben und genießen dann in Freude und großer Liebewonne unseres Herzens dies heilige Mahl des ewigen Lebens!

[GS.02_008,14] Sehet, alle greifen nun nach dem dargereichten Mahle und verzehren dasselbe mit großer, freudiger Rührung im Hinblick auf den allerliebevollsten heiligen Geber. Also greifen auch wir darnach und tun, was die andern tun.

[GS.02_008,15] Wir zehren nun an dem heiligen Mahle des Lebens. Wie herrlich, wie wohlschmeckend, wie stärkend und belebend ist es! Mit jedem Schlucke empfinden wir, als würden unsere Blicke in die unendlichen Tiefen der göttlichen Gnade erweitert, und desto heller fängt die Flamme der ewigen Liebe in unsern Herzen zu lodern an. Mit dem Genusse des Fleisches enthüllen sich wunderbare neue große Gedanken Gottes in uns. Mit dem Genusse des Brotes werden diese großen Gedanken zu einer endlos großen neuen Wirklichkeit, und mit dem Genusse des Weines strömt in die neuen Schöpfungen ein neues wunderbarst herrliches Leben über. Wir sehen in dem Gesamtgenusse eine Vollendung, vor deren Größe, Erhabenheit, Herrlichkeit und Heiligkeit aus dem Herrn selbst unsere allergrößten himmlischen Gedanken und Gefühle wonnigst angenehm erschauern und vor dem Herrn wie in ein Nichts herabsinken!

[GS.02_008,16] Was saget ihr, meine lieben Freunde und Brüder, zu dieser Mahlzeit? Ihr seid, wie ich merke, stumm vor der zu großen Enthüllung, welche euch samt mir ward in diesem Mahle.

[GS.02_008,17] Ich aber sage euch: Bei solchen Gelegenheiten geht es niemandem aus uns auch nur um ein Haar besser. Denn niemals ist der Herr größer und unerforschlich wunderbarer als eben in solchen Momenten, da Er sich am allermeisten herabläßt zu Seinen Kindern!

[GS.02_008,18] Er liebt zwar fortwährend alle Seine Kinder gleich mächtig, aber nicht immer läßt Er sie die große Macht Seiner Liebe in aller Fülle empfinden. In solchen Momenten aber läßt Er solches zu. Daher sind dann aber auch Seine Kinder von einer solchen Seligkeitsfülle durchdrungen, daß sie von der größten Liebe zum Herrn ergriffen werden, aber zugleich auch die größte Demut in ihren Herzen zu Ihm empfinden.

[GS.02_008,19] Nun aber ist, wie ihr sehet, die Tafel auch schon zu Ende, und der Herr wendet sich an den Prior und spricht zu ihm: Nun, Mein geliebter Sohn, wie hat dir Meine Mahlzeit geschmeckt?

[GS.02_008,20] Der Prior spricht ganz zerknirscht: O Herr, Du allerbester, allerliebevollster, allerheiligster Vater! Diese Deine Mahlzeit hat mir nicht nur unendlich wohl geschmeckt, sondern ich bin dadurch mit einem neuen Leben erfüllt worden. Nun ist mir alles klar. Ich sehe nun meine Bestimmung, und Deine unendlich wunderbaren Wege, auf welchen Du Deine Kinder zum Leben führest, sind enthüllt vor mir.

[GS.02_008,21] Ich weiß nun, was ich zu tun habe, und meine größte Wonne sehe ich wie einen klar vorgezeichneten Weg vor mir, wie ich zu gehen und zu wirken habe. Endlos groß ist zwar der Wirkungskreis, den Du mir allergnädigst als einem unwürdigsten Diener zugeteilt hast. Aber ich sehe ja auch, wie Du nur allein alles in allem bist, und wie leicht mit Dir die größten Dinge zu vollenden sind!

[GS.02_008,22] Daher bin ich denn nun auch überseligst froh darüber, daß Du mir einen solchen Wirkungskreis erteilt hast, und freue mich endlos darauf, wann es Dir wohlgefallen wird, mich den ersten Dienst tun zu lassen in Deinem Reiche!

[GS.02_008,23] Nur eines, o Herr und allerheiligster, liebevollster Vater, ist mir noch ein wenig unklar, nämlich hinsichtlich der Bewohnung dieses Hauses und hinsichtlich derjenigen Dienerschaft, die Du mir schon außer der Stadt in Deinem Reiche gezeigt hast. Soll wohl ich auch in diesem Deinem Hause wohnen oder wird mir irgendeine andere Wohnung beschieden und werden dann diejenigen seligen dienenden Geister auch in dem Hause wohnen, wo ich wohnen werde in dieser Stadt?

[GS.02_008,24] Der Herr spricht: Mein geliebter Sohn, siehe, diese ganze Stadt ist im Grunde des Grundes Mein großes Wohnhaus; dessen ungeachtet aber ist dennoch eben dieser Teil, in dem wir uns hier befinden, gewisserart Meine Hauptresidenz, und Ich bin hier der vollkommenste Hausherr.

[GS.02_008,25] Viele Geister wohnen in abgesonderten Häusern dieser Stadt, und diese Häuser sind ihnen ein vollkommenes ewiges Eigentum. Gar viele Häuser dieser, Ich sage dir, endlos großen Stadt sind schon bewohnt. Aber noch gar endlos viele stehen leer, darum Ich dir denn auch gar leicht ein eigentümlich Haus geben könnte. Allein Ich will solches nicht, sondern Ich will dich behalten samt deinem Weibe und deinem Bruder in dieser Meiner Hauptresidenz. Alle, die da an der Tafel gespeist haben, sind Bewohner dieser Meiner Residenz und sind darum aus Mir die Hauptgrundfesten Meines Himmels und die Hauptlenker Meiner Schöpfungen. Sonach denn verbleibe auch du hier für ewig bei Mir! Was die Dienerschaft betrifft, so wohnt sie nicht in der Stadt, sondern ihre Wohnungen sind in den endlos weiten Umkreisen dieser Stadt; aber du hast sie alle in dir. Den du willst, den rufe in dir, und er wird da sein.

[GS.02_008,26] Wenn Ich dich absenden werde auf eine oder die andere Welt, da rufe zu dir die Geister eben dieser Welt, und du wirst in der Sphäre dieser Geister ihre Welt und das Bedürfnis dieser Welt erschauen. Hast du solches erschaut, dann rufe in deinem Herzen die Macht Meiner Liebe hervor, und wirke aus dieser dem Bedürfnisse einer oder der andern Welt wohl entsprechend.

[GS.02_008,27] Ich könnte dir auch alle die Sphären mit einem Blicke erschaulich machen, aber du würdest dadurch eines mächtigen Grades der Seligkeit beraubt werden. Daher sollst du – deiner eigenen, größtmöglichsten Seligkeit wegen – eine Welt erst dann erschauen in all ihrer von Mir ausgehenden Wunderfülle und Tiefe, wenn du auf einer oder der anderen Welt wirst aus Meiner Liebe heraus zu tun haben. Siehe, hier aber gleich anstoßend an diesen Saal ist eine große Wohnung; in dieser wirst du deine bleibende Stätte antreffen und wirst nachbarlich wohnen mit allen diesen Meinen Kindern, Brüdern und Freunden. Du möchtest zwar wohl auch wissen, wo denn so ganz eigentlich in diesem Hause Meine Wohngemächer sind?

[GS.02_008,28] Ich sage dir: Ich habe in diesem Hause keine eigentümlichen Wohngemächer, die Ich als ein unmittelbarer Herr bewohnen möchte, sondern Ich wohne stets unter euch, bald bei dem einen, bald bei dem andern. Und dieser Saal ist unser Ratssaal; von da aus geht es allzeit ans Geschäft. So werden auch soeben jetzt mehrere – zufolge Meiner ersten Tafelanrede – zur Erde hinabgehen und dort an die Kinder Meine Frage tun. Du aber sollst erst nach einer nächsten Mahlzeit ein gar wichtiges Geschäft überkommen.

[GS.02_008,29] Wenn du dich aber unterdessen manchmal mit Meinen Kindern aus dem Alten Testamente besprechen willst, so laß dich nur hinabgeleiten zu ebener Erde; da wirst du sie alle antreffen. Und somit segne ich dich wie alle die hier Anwesenden und durch sie die ganze Unendlichkeit und hebe somit die Tafel auf! –

[GS.02_008,30] Sehet, nun erhebt sich alles von der Tafel, und alles dankt und lobt den Herrn. Und der Herr geht hin und umarmt einen jeden und segnet ihn noch sonderheitlich! Alles geht nun auch seiner neuen Bestimmung zu, und der Herr führt unseren Prior, sein Weib und den armen Bruder in die bestimmte Wohnung und spricht zum armen Bruder: Siehe, du hast noch kein Weib, es ist aber eines schon auf dem Erdkörper für dich bestimmt. Wenn dieses hier ankommen wird, da sollst du mit demselben in die Ehe treten. Unterdessen aber sei ein treuer Bruder aller deiner Brüder, wie du dann ein lieber Bruder aller deiner Brüder bist.

[GS.02_008,31] Nun ist die große Installation geschehen. Ihr habt gar Wunderbares bei dieser Führung mit angesehen. Bis hierher mußte ich euch führen; nun aber wird euch ein anderer führen. Daher möget ihr nun wieder aus meiner Sphäre treten. – Ihr seid hinausgetreten und sehet, da harret der Herr eurer am euch schon gar wohlbesetzten Platze!

 

9. Kapitel – Verschiedenheit der Sphäre jedes seligen Geistes. Grund – gegenseitige Unentbehrlichkeit.

[GS.02_009,01] Nun frage Ich, euer Hauptführer, euch wieder: Wie hat es euch behagt in der Sphäre dieses Meines Bruders? Ich sehe in euch die Antwort mit gar vielen Buchstaben geschrieben, und diese Antwort lautet: O Herr, Du allerliebevollster, heiligster Vater! In der Sphäre dieses Geistes haben wir ja doch Dinge geschaut, die von so außerordentlicher und wichtiger Art waren, daß wir uns darüber gar nicht auszusprechen vermögen. Haben wir auch nicht alles gesehen, wie Deine Wege überall beschaffen sind, so haben wir aber dennoch einen so triftigen allgemeinen Überblick bekommen, wie Deine unendliche Liebe und Weisheit die verirrten Schafe sucht und findet, daß wir demnach füglich behaupten möchten, wir sind in der Sphäre dieses Geistes auf den Hauptpunkt einer allgemeinen Übersicht geführt worden, von welchem aus wir alle die Geisterwelt von der unvollkommensten bis zur allervollkommensten Sphäre haben kennengelernt, wofür wir Dir ewig nie genug werden danken können. Ja, es kommt uns nun also vor, als könnte man das Wesen des geistigen Reiches unmöglich mehr triftiger durchgehen in der Kürze der Zeit, bezüglich des umfassenden Anblickes und der Erfahrung, als wir in der Sphäre, dieses Brudergeistes aus Dir es geschaut haben. –

[GS.02_009,02] Ja, Meine lieben Kinder, solches ist sicher, richtig und wahr; ihr habt die Verhältnisse im vollen Lichte der Wahrheit geschaut. Aber dessen ungeachtet mache ich euch auf Mein schon vor eurem Eintritte in die geistigen Sphären bekanntgemachtes Diorama aufmerksam, und demzufolge sage Ich euch, daß sich die Dinge in der Geisterwelt in der Sphäre eines jeden einzelnen seligen Geistes wieder ganz anders gestalten, und sind dann in dieser anderen Gestaltung wieder ebenso gut und wahr wie in der Sphäre eines früheren Geistes. – Solches muß auch im allervollkommensten Reiche der Engel stattfinden; sonst wäre ja ein Geist dem andern entbehrlich, und keiner würde dem andern können eine neue übergroße Seligkeit bereiten. Da aber ein jeder Geist dann etwas Besonderes hat und Ich es einem jeden zulasse, daß sich das Seinige gestalte nach seiner Art, so hat dann auch die selige Freude eines Engels an der Seligkeit eines anderen ewig nimmer ein Ende! Damit ihr aber solches so recht tüchtig einsehen und begreifen möget, so will Ich euch solches noch zuvor durch einige anschauliche Beispiele erhellen, bevor ihr euch wieder in die Sphäre eines zehnten Geistes begebet.

[GS.02_009,03] Nehmet an, es wären in einem großen Saale hundert wirklich tief gelehrte Männer. Diesen Männern würde ein sehr denkwürdiger Stoff, z.B. über die Strahlenberechnung des Lichtes, zur Bearbeitung gegeben. Unter diesen hundert Gelehrten aber sind nicht alle Gelehrte vom gleichen Fache, sondern der eine ist ein berühmter Rechenmeister, der andere ein Philosoph, ein Naturforscher, ein Astronom, ein Botaniker, ein Zoolog, ein Mineralog, und wieder andere ein Geognost, ein tüchtiger Optiker, ein Geograph. Andere wieder wären ein Geschichtsforscher, ein Archäolog, ein Dichter, ein Philolog, ein Psycholog, ein Anthropolog, ein Arzt, ein anderer wieder ein Physiolog, der ein Mystiker, der andere ein Theosoph und so fort durch alle Stufen menschlicher Gelehrtheit. Alle diese hundert Gelehrten haben sicher die schriftstellerische Eigenschaft, ihre Gedanken über das aufgegebene Thema wohlabgesondertermaßen zu Papier zu bringen.

[GS.02_009,04] Wenn aber nun alle diese hundert Gelehrten mit der Arbeit fertig sein werden, da nehmet dann eines jeden Arbeit zur Hand und leset seine aufgezeichneten Gedanken oder das bearbeitete Thema, und ihr könnet vollends versichert sein, es werden nicht zwei darunter sich vorfinden, die dieses Thema auf eine und dieselbe Art bearbeitet hätten. Ganz anders wird sich der Mathematiker, ganz anders der Dichter, ganz anders der Mystiker und ganz anders, wie gesagt, ein jeder gegen den andern ausdrücken, und wenn ihr recht aufmerksam die Ausarbeitungen durchgehet, so wird sich in eines jeden Ausarbeitung sein Steckenpferd gar leicht erkennen lassen.

[GS.02_009,05] Wenn ihr aber dann gefragt würdet um das Urteil, welcher aus all diesen hundert Gelehrten das Thema der Wahrheit am angemessensten bearbeitet habe, so werdet ihr nichts anderes sagen können als: Wir finden, daß da ein jeder für sich den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Da ist keinem in seiner Art etwas einzuwenden, es hat ein jeder recht. In der Hauptsache stimmen sie alle überein, nur die Art der Darstellung ist nach der Liebe des Darstellers verschieden.

[GS.02_009,06] Gut, sage Ich euch. Sehet, wie die Gedanken über einen und denselben Gegenstand von vielen Menschen verschieden sind, also sind auch die Sphären der Engelsgeister verschieden; aber im Grunde des Grundes gehen sie doch alle auf eine und dieselbe Wahrheit hinaus. Um die Sache aber noch anschaulicher zu machen, nehmen wir ein anderes Beispiel:

[GS.02_009,07] Es wäre über einen Psalm Davids eine gute Musik zu setzen. Ein König eines Landes setzt einen großen Preis auf die bestmusikalische Bearbeitung dieser Aufgabe, und sobald machen sich an allen Orten die tüchtigsten Musiker an die Arbeit. Nach abgelaufener Frist werden die Kompositionen eingesandt; es sind vierzig Exemplare da. Der König als ein großer Liebhaber solcher klassischen Musik läßt nacheinander von Tag zu Tag eine Komposition um die andere aufführen. Gehet aber hin in diese Aufführungen und höret sie an. Und wenn ihr sie alle werdet angehört haben, wie wird da euer Urteil lauten, nachdem sie von lauter allertüchtigsten Komponisten bearbeitet sind?

[GS.02_009,08] Ihr werdet sicher sagen: Fürwahr, da ist in seiner Art eine Arbeit so tüchtig und wunderschön wie die andere; aus einer jeden läßt sich der große Meister erkennen. Aber wie verschieden die Auffassung, wie verschieden die angebrachte musikalische Rhythmik, wie verschieden die Grundtonarten, wie verschieden die Instrumentierung und die Verteilung des Gesanges, wie verschieden die Melodien, wie verschieden die Begleitungen derselben! In einer jeden ganz andere Bindungen und ganz andere Lösungen!

[GS.02_009,09] Gut, sage Ich euch; saget Mir aber nun auch, welche Komposition – bei der natürlich bestmöglichsten Aufführung – euch am meisten wohlgefiel. – Da werdet ihr im Grunde des Grundes nichts anderes sagen können als: Eine jede dieser Kompositionen hat uns in ihrer Art überaus wohl gefallen; dennoch aber waren einige darunter, die uns gewisserart mehr befreundend vorkamen denn manche andere.

[GS.02_009,10] Wieder gut, sage Ich euch; was das „mehr befreundend" betrifft, das liegt in der Annäherung der Sphäre des Komponisten an die eure. An und für sich aber ist jede Komposition voll Leben, Geist und Wahrheit.

[GS.02_009,11] Die welche wird aber dann den Vorrangpreis bekommen? Ich sage euch: Wenn der geistreiche König Mir gleich gerecht sein will, so wird er seinen Beutel über die bestimmte Prämie hinaus öffnen müssen und einem jeden die ausgesprochene Prämie zukommen lassen.

[GS.02_009,12] Aus dem aber könnet ihr nun schon sehr bedeutend klar entnehmen, daß die Sphären der Engelsgeister sich ebenso, nur natürlich in hellst beschaulicher Erscheinlichkeit, gestalten müssen, wie uns dieses zweite Beispiel gar klar gezeigt hat. Überall ist Wahrheit; aber weil nach dem verschiedenen Grade der Liebe auch das formende Licht verschieden ist, so sind auch die Formen anders, aber dennoch immer also gestellt, daß sie einer und derselben Grundwahrheit völlig entsprechen.

[GS.02_009,13] Damit ihr aber nicht denket, als ließe sich dergleichen nur in diesen zwei gegebenen Beispielen erschauen, so will Ich euch zufolge Meiner sehr erfinderischen Eigenschaft noch einige andere auftischen. Nehmen wir an: Von zehn großen Malern sollte eine Morgenlandschaft geliefert werden. Die Landschaftsbilder sind fertig und geliefert. Gehet hin und betrachtet sie, es ist eine schöner und wahrer als die andere. Eine jede drückt auffallend eine Morgengegend aus; aber keine sieht der andern auch nur in einem Punkte gleich.

[GS.02_009,14] Sehet, das kommt daher, weil ein jeder Geist seine eigene von Mir aus wunderbarst gestellte Sphäre hat, durch welche er sich selbst und allen seinen Brüdern die größte Wonne und Seligkeit bereiten kann. Dazu ist noch eines jeden Geistes Sphäre unendlich, und in ihrer Art ewig unerschöpflich an den allermannigfaltigsten Wundergestaltungen. Aber so endlos wunderbarst mannigfaltig die Gestaltungen in der Sphäre eines Engelsgeistes auch sind und ihr bei der Betrachtung der einen offenbar sagen müsset: Über diese unendlich wundervolle Mannigfaltigkeit läßt sich kein weiterer Gedanke mehr fassen! da sage Ich euch: geht nur geschwinde in die Sphäre eines andern über und euer Urteil wird gleich anders lauten und ihr werdet da sagen: Ja, was ist denn das? Da sind ja schon wieder ganz unerhört andere Formen! Und Ich sage euch dazu: Also ist es der Fall mit dem geistigen Diorama. Das äußere Fensterchen ist gleich; aber nur hineingeguckt und überall eine andere Welt!

[GS.02_009,15] Ich habe aber noch ein Beispiel vorrätig: Wenn ihr in der Schrift alle die Propheten, dann die Evangelisten wie auch die Briefe des Paulus, die noch anderer Apostel und Jünger und am Ende noch die Offenbarung Johannis durchgehet, da werdet ihr doch offenbar sagen müssen: Da schreibt doch ein jeder eine andere Sprache, bedient sich anderer Bilder und bearbeitet einen ganz anderen Stoff; selbst die vier Evangelisten stimmen sogar bei den geschichtlichen Tatsachen nicht miteinander überein. Der Paulus predigt in seinen Briefen weder ein noch das andere Evangelium; und die Offenbarung Johannis ist an und für sich schon in so wunderliche Bilder eingehüllt, daß man daraus nie völlig klug werden kann.

[GS.02_009,16] Nun frage Ich aber, weil in gewisser Hinsicht ein jeder anders geschrieben hat: Welcher hat denn dann recht geschrieben? Die Antwort kann darauf wohl unmöglich eine andere sein als diese: Ein jeder schreibt eine und dieselbe Wahrheit, ein jeder predigt Mich, ein jeder gebietet die Liebe, die Demut, Sanftmut und Geduld. Von Tatsachen sind von jedem ganz dieselben erzählt; wer sie im gerechten geistigen Lichte auffaßt, der wird darin die wunderbarste Übereinstimmung finden. Wenn ihr die verschiedenen Verse zusammenstellet aus allen Propheten und Evangelisten, so werden sie sein, im wahren Lichte betrachtet, wie Früchte eines und desselben Baumes.

[GS.02_009,17] Nun sehet, eben also auch wieder verhält es sich mit den Sphären der vollkommenen Geister. Ich könnte euch noch eine Menge Beispiele geben; aber vorderhand genügen diese.

[GS.02_009,18] Da an Meiner Seite aber steht schon derjenige Geist, in dessen Sphäre ihr alles dieses tatsächlich erschauen und am Ende sagen werdet: Fürwahr, ganz anders waren die Dinge in dieses Geistes Sphäre gestaltet; aber im Grunde des Grundes laufen sie dennoch auf eines hinaus und zeigen, daß der Herr alles in allem, also überall die ewige und unendliche Liebe und Weisheit Selbst ist.

[GS.02_009,19] Da ihr denn nun solches im voraus wisset, so begebet ihr euch in die Sphäre dieses zehnten Geistes, und habet da auf alles abermals sehr wohl acht. Amen. –

 

10. Kapitel – Unterschied zwischen Glaubenslicht und Liebelicht. – Der Geist des Menschen.

[GS.02_010,01] Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre, und somit will Ich euch auch alsogleich kund tun, daß ihr euch in der Sphäre Meines lieben Johannes befindet. Haltet euch an ihn, er wird euch gar viel Wunderbares und Erhabenes in seiner Art zeigen. – Der Johannes winkt euch, ihm zu folgen; also folget ihm denn auch!

[GS.02_010,02] Johannes spricht: Meine geliebten Brüder in unserem Herrn Jesu Christo, ihr habt mich zwar schon aus der Sphäre eines anderen lieben, seligen Brudergeistes gesehen; aber damals war es noch nicht an der Zeit, euch in meine Sphäre aufzunehmen. – Da ihr aber nun durch meinen lieben Bruder Markus seid in so vielen wichtigen Dingen unterrichtet worden, so ist es nun an der Zeit, daß ihr nach dem Willen unseres Herrn Jesu Christi auch in meiner Sphäre Erfahrungen machet, welche in ihrer Art euch ganz besonders in die geheime Liebe des Herrn mehr und mehr einweihen sollen.

[GS.02_010,03] In all den früheren Sphären habt ihr Erscheinungen geschaut, und aus diesen Erscheinungen mußtet ihr die Wahrheit erst finden. Sehet, das ist die erstere Art, wo der Mensch aus seinem Glaubenslichte zuerst die Formen erschaut, sie aber nirgends bis auf den Grund erschaut und sie erst dann versteht, wenn sie ihm im obersten Lichte der höchsten Liebe enthüllt werden.

[GS.02_010,04] Aus diesem Grunde habt ihr auch in der Sphäre meiner neun vorhergehenden Brüder alle die Erscheinungen anfangs so angeschaut wie ein Blinder die Farben. Ihr sahet mannigfache Formen und Handlungen, habt aber beim ersten Anblicke nichts von allem verstanden, da ihr geschaut habt aus eurem Glaubenslichte. Aber ein zweites, viel tieferes Schauen ist dasjenige, welches aus der Liebe geschieht. Allda sieht man nicht sogleich, was schon da ist, sondern man sieht nur das, was man in seiner Liebe erfaßt, und sieht dann das Erfaßte vom Grunde aus.

[GS.02_010,05] Aus dem Glaubenslichte ist man ein suchender Betrachter des schon Daseienden; aus dem inwendigen Liebelichte, welches da ist das eigentliche lebendige Licht des Herrn im Menschen, wird man aber selbst ein Schöpfer und beschaut dann dasjenige vom Grunde aus, was man geschaffen hat.

[GS.02_010,06] Ihr denket euch wohl, als wäre demnach der frühere Zustand ein günstigerer denn dieser zweite, inwendigste, tiefste. Ich aber sage euch: Solches ist irrig; denn je beständigere Außenformen ein geschaffenes Wesen beschaut, desto unvollkommener ist es in seiner Art.

[GS.02_010,07] Der Mensch in seinem naturmäßigen Leben auf dem Erdkörper ist zuallererst in einem solchen Schauen. Er vergnügt sich zwar an der Begaffung konstanter Formen; aber wie verhält er sich zu ihnen in seinem Geiste? Ich sage euch, wie ein allerverarmtester Bettler vor der Flur des Hauses eines hartherzigen Reichen. Er sieht auch die wunderbare reiche Pracht des großen Hauses des Reichen, aber wenn er in dasselbe eintreten will, so wird er von hundert dienstbaren Wesen dieses Hauses allerhärtest abgewiesen. Was hat der Arme nun beim Anblicke dieses Prachthauses gewonnen? Nichts als ein beklommenes, schmerzendes Herz, welches zu ihm spricht: Für derlei Paläste zu betreten hast du keinen Fuß! –

[GS.02_010,08] Sehet, gerade so verhält es sich mit dem Beschauen konstanter Außenformen. Welche Lust ist es wohl, sich vor einen Baum hinzustellen und zu beschauen seine Formen? Wenn man aber an den Baum klopft und möchte eingelassen werden, um zu schauen sein lebendiges, wunderbares Walten, so wird man allezeit hart abgewiesen und es heißt: Nur bis zu meiner Oberfläche, bis zu meiner Außenform, von da aber um kein Haar mehr weiter! Ihr könnet zwar einen Stein in eure Hand nehmen und ihn werfen, wohin ihr wollt; ihr könnet ihn auch zerstoßen und zermalmen, auflösen und gänzlich verflüchtigen, und dennoch ist der Stein euer Herr und läßt euch nicht schauen in seine Geheimnisse.

[GS.02_010,09] Also steht es mit allen Außenformen, welche sich einem Auge zur Beschauung darstellen. Sie sind fortwährend Herren und Meister des Beschauers, und dieser kann tun, was er will, so kann er nirgends den Einlaß bis auf den Grund bekommen. Daher müssen überall langgedehnte Erklärungen und Erläuterungen hinzugefügt werden, wenn der Beschauer nur irgendein kleines Licht über die geschauten (gefesteten) Dinge bekommen will.

[GS.02_010,10] In der Art sind denn auch die Formen in der Geisterwelt, wenn sie sich schon als daseiend in einer gewissen Bestimmtheit dem Auge des Beschauers darstellen. Der Beschauer sieht sie wohl, aber er versteht sie nicht. Also habt auch ihr gar viele Formen in der Sphäre meines lieben Bruders geschaut; saget mir aber, ob ihr auch nur eine eher verstanden habt, als bis der Führer euch dieselbe erleuchtet hat?

[GS.02_010,11] Hat sie aber der Führer auch also beschaut, wie ihr? Sehet, das ist eine andere Frage. Ich sage euch: Wenn er sie also beschaut hätte, so hätte er euch wohl schwerlich über das eine oder das andere ein gerechtes Licht verschaffen können. Allein er hat sie aus sich beschaut, d.h. er hat sie aus dem Lichte des Herrn in ihm selbst geschaffen, und ihr sahet somit seine Schöpfungen! Sie waren die vollkommenste Wahrheit in allen ihren Teilen; aber ihr verstandet sie nicht ohne seine Erläuterung.

[GS.02_010,12] Nun aber in meiner Sphäre werdet ihr eine ganz umgekehrte Erfahrung machen, welche ihr sogleich von diesem unserem ganz unförmlichen dunstähnlichen Standpunkte aus ersehen könnet. Sehet ihr irgendeine Form, eine Welt, einen Himmel, irgendein Licht außer dem grauen Dunste, welcher uns von allen Seiten umgibt?

[GS.02_010,13] Ihr saget: Liebster Freund und Bruder in der Liebe des Herrn! Außer uns, dir und dem grauen Dunste sehen wir nach allen Richtungen hin nichts. – Gut, sage ich euch, meine geliebten Brüder, ihr brauchet auch durchaus nicht mehr zu sehen; denn gerade dieser Standpunkt ist notwendig, damit ihr in das eigentliche wahre Grundschauen des Geistes könnet eingeweiht werden.

[GS.02_010,14] Ihr wisset, daß der Geist des Menschen ein vollkommenes lebendiges Abbild des Herrn ist und hat in sich den Funken oder Brennpunkt des göttlichen Wesens. So er aber solches unleugbar in sich faßt, so faßt er ja auch das Alles des Herrn in sich. Er trägt somit das Unendliche vom Kleinsten bis zum Größten vollkommen göttlicherweise in sich, oder er hat des Herrn Alles durch seine mächtige Liebe zu Ihm wie auf einen Punkt in sich vereint.

[GS.02_010,15] Nun, wenn also, wozu demnach die Anschauung fremder außengestellter Formen? Heraus mit dem, was jeder von euch mir gleich in sich trägt, und wir werden dann gar bald Dinge wie aus uns geschaffen erschauen.

[GS.02_010,16] Ihr fraget: Wie wird wohl solches möglich sein? Ich aber sage euch: Habt ihr noch nie eure Gedanken näher geprüft und eure Wünsche neben den Gedanken?

[GS.02_010,17] Woher kommen denn die Gedanken? Die Antwort liegt einfach wie endlosfach im Brennpunkte Gottes in euch. Sehet, in diesem mächtigen Brennpunkte ist die Fabrik eurer Gedanken und Wünsche erstellt; von diesem Brennpunkte aus denket ihr ursprünglich, und die Zahl eurer Gedanken ist unendlich, weil in dem göttlichen Brennpunkte in euch ebenfalls Göttliches in all seiner Unendlichkeit vorhanden ist.

[GS.02_010,18] Ihr möchtet sagen: Wenn also, woher kämen denn hernach arge Gedanken? Ich aber sage euch, daß in diesem Brennpunkte durchaus keine argen Gedanken zugrunde liegen wie auch keine argen Wünsche. Alle Gedanken sind da frei und makellos, nur die Wünsche sind unter die Botmäßigkeit des freien Willens eines jeden Menschen gestellt. Denket ihr aus euch heraus, so werden eure Gedanken alle aus der Liebe entspringen, und ihr werdet in euch bald das selige Bedürfnis der fortwährenden Mitteilung gewahren, zufolge dessen ihr alles mit euren Brüdern allerreichlichst teilen möchtet. Dadurch werdet ihr dann aber auch Schöpfer von lauter guten Werken, die euch folgen werden.

[GS.02_010,19] Aber da ein jeder Mensch auch den freien Willen hat und dazu das Vermögen, aus sich heraus auch äußere, also fremde Formen zu beschauen, so kann er mit seinem Willen und mit seiner seinem Willen untertänigen Liebe diese fremden Formen ergreifen und sie sich zu eigen machen. Sehet, diese fremden Formen werden dann als geraubte auch zu begierlichen Gedanken im Menschen und diese, weil sie nun aus der Eigenliebe entspringen, welche ist eine Raub- und Herrschliebe, weil sie sich aller fremden Formen für sich bemächtigen will und herrschen über alles, dessen sie sich bemächtigt hat, das sind dann die eigentlichen bösen Gedanken. – Ihr saget ja selbst: Fremdes Gut tut kein gut! Das ist denn doch in der Hauptlebensfrage sicher die allergewichtigste Bedingung, und ein jeder, der nicht auf seinem Grunde baut, der baut auf Sand. – Wie man aber auf eigenem Grunde baut, das soll euch meine Sphäre lehren. –

 

11. Kapitel – Das ganze Universum und der Himmel ist in euch!

[GS.02_011,01] Johannes: Vermöget ihr hier etwas zu denken? Ihr bejahet solches. So denket euch denn einen Gegenstand, was immer euch beliebt; suchet nicht lange, sondern nehmet das nächste beste. Wenn ihr aber den Gedanken habt, da haltet ihn fest und lasset ihn nicht weiter.

[GS.02_011,02] Ihr habt einen Gedanken gefaßt; was ist sein Bild? Ihr saget: Es ist ein einziger Stern, den wir uns jetzt denken. Gut, sage ich euch; stellet euch den Stern so recht lebendig vor, lasset ihn nicht aus und saget mir dann, wie euch der Stern vorkommt.

[GS.02_011,03] Ihr sprechet: Je fester wir ihn fassen, desto größer und leuchtender kommt er uns vor. Wieder gut, sage ich euch; fasset ihn noch tüchtiger und fixieret ihn mit den Blicken eurer inneren Sehe noch fester. Was sehet ihr jetzt?

[GS.02_011,04] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, es kommt uns vor, als finge der Stern an auseinanderzugehen gleich einer Blütenknospe im Frühjahre, sein Licht wird noch stärker und mächtiger, und es kommt uns vor, als gewönne der Stern an seinem Flächenraume und ist schon meßbar.

[GS.02_011,05] Abermals gut, sage ich euch; vertiefet euch aber nur noch inniger, machet eure Blicke groß und fest und wollet fest in euch den Stern näher entwickelt haben; dann saget mir, wie euch nach dieser Betrachtung der Stern vorkommt.

[GS.02_011,06] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, der Stern hat bereits Mondesgröße bekommen, und sein Licht blendet schon nahe die Sehe unseres Geistes!

[GS.02_011,07] Wieder gut, sage ich euch. Es ist also; denn ich ersehe den Strahlenglanz eures Sternes ja schon aus euren Augen. Ich aber sage euch nun weiter: Lasset ja den Stern nicht aus, sondern betrachtet ihn inniger und inniger und fester und fester und werdet mächtiger in eurem Wollen, so wird sich der Stern alsbald nach der Macht eures Wollens und Schauens richten. Was erschauet ihr nun?

[GS.02_011,08] Ich sehe schon, wie ihr voll Erstaunens werdet, denn ihr sehet euren Stern schon so erweitert und vergrößert vor euch, daß ihr mit leichter Mühe große, erhabene Einzelheiten desselben ausnehmet. Nun bemerket ihr sogar schon Bewegungen auf der Oberfläche dieses groß gewordenen Sternes. Ihr möchtet zwar schon im voraus wissen, was diese Bewegungen sind und was sich da bewegt. Ich aber sage euch nichts; denn nun sollet ihr selbst alles finden.

[GS.02_011,09] Fixieret euren Stern nur noch fester und stärker und mächtiget euer Wollen, und es soll sich sogleich zeigen, was diese Bewegungen sind und was sich da bewegt. Was habt ihr denn für Gedanken bei diesen erschauten Bewegungen?

[GS.02_011,10] Ihr saget: Wir denken dabei an Wolken und an ein wogendes Meer.

[GS.02_011,11] Ich sage euch: Haltet jetzt auf dem Sterne, den ihr nicht mehr verlieren könnet, auch diese Gedanken fest und saget mir dann, was ihr erschauet.

[GS.02_011,12] Ihr fraget nun: Lieber Freund und Bruder im Herrn! Wir erschauen nun im Ernste, wie über uns schon sehr nahe stehenden Weltflächen Wolken hin und her ziehen, und zwischen den großen Landflächen entdecken wir noch größere Flächen wogenden Meeres. Wir sehen auch schon große Unebenheiten der weitgedehnten Ländereien und ersehen leuchtende Inseln inmitten der großen Meeresflächen; aber weiter können wir noch nichts ausnehmen.

[GS.02_011,13] Gut, sage ich euch; ziehet euch nun die großen Ländereien und die großen Meeresflächen dieses eures Sternes nur näher, und ihr werdet gleich mehreres darauf erschauen. Ich merke schon aus euren Augen, daß ihr meinen Rat befolget. Nun, was erschauet ihr denn nun?

[GS.02_011,14] Ihr sprechet: Siehe da, das Land ist uns schon äußerst nahe gekommen. Wir entdecken nun schon weitgedehnte Wälder, auch eine Menge zerstreuter Wohnhäuser von einer sehr seltsamen Form sowie große Flüsse. Und siehe, nun können wir auch schon kleinere Bäche ausnehmen, und an den Ufern des großen Meeres entdecken wir auch hier und da wie Städte errichtet; auch Bewegungen auf der Oberfläche des Gewässers wie von allerlei Schiffen können wir entnehmen.

[GS.02_011,15] Nun gut; was meinet ihr wohl, woher dieses alles kommt? Ihr sprechet: Lieber Freund und Bruder, wir wissen es nicht. Ich aber frage euch: Woher kam denn der Stern? Ihr saget: Diesen dachten wir und hielten ihn dann fest in unseren Gedanken.

[GS.02_011,16] Nun, wenn der Stern aus euch kam, woher sollte denn seine Entwicklung anders kommen als von euch? Denn als der Stern durch euer Festhalten größer und größer ward, da entwickelte er durch seine Größe in euch den mit der Begierde gefüllten Gedanken, an dem Sterne selbst eine Welt zu erschauen. Diesen Gedanken hieltet ihr dann unwillkürlich mit dem Sterne selbst fest und waret dadurch Schöpfer alles dessen, was ihr nun auf der weitgedehnten Oberfläche dieses Sternes erblicket.

[GS.02_011,17] Ihr wisset aber, daß ohne Kraft und Gegenkraft ewig nie an eine Wirkung gedacht werden kann. Also sage ich zu euch und frage euch: Warum konntet ihr denn einen Stern anfangs denken? Ihr sehet mich groß an; ich aber sage euch: Weil nicht nur ein sondern gar viele Sterne in eurem Geiste in kleinster Abbildgestalt zugrunde liegen. Aus diesen vielen Sternen habt ihr ein Exemplar aus euch genommen und es euch stets näher und näher beschaulich vorgestellt.

[GS.02_011,18] Wie war aber die Vergrößerung dieses kleinsten Abbildes möglich in euerem Geiste? Hier kommt es auf die Kraft und Gegenkraft an. Die Kraft liegt in euch, die Gegenkraft ist geschaffen und ewig gefestet von Gott. Wenn ihr die Kraft in euch hervorrufet, was ist da wohl natürlicher, als daß diese in dem Augenblicke des Hervorrufens mit der entsprechenden Gegenkraft aus Gott nach eurem Wollen stets mehr und mehr zusammenstoßen muß? Denn die Kraft liegt in euch; die Gegenkraft ist außer euch; und alles, was ihr demnach in euch hervorrufet, muß dann in Gott seinen ewig vorbildlichen Gegensatz finden. Der Stern als Gegensatz ist erschaffen von Gott, wie er ist in seiner Ordnung, Form und Gestalt; dessen vollkommen ebenmäßiges Abbild aber ist auch als abgeleitete Kraft in euch gelegt, weil euer Geist selbst ein Abbild Gottes ist.

[GS.02_011,19] Nun, wisset ihr aber, auf welche Weise alle Dinge beschaut werden? Ihr saget: Durch das Licht. Gut, sage ich euch; das Licht fällt auch irdischermaßen genommen zum größten Teile hinaus in den unendlich großen freien Raum. Was erblicket ihr aber bei einem heiteren Tage in der wohlerleuchteten blauen Atmosphäre? Ihr saget: Da erblicken wir nichts, außer die blaue Farbe der Luft. Ich aber frage euch: Warum erblicket ihr da nichts? Ihr saget: Weil es da keinen Gegenstand gibt. Was verstehet ihr aber unter einem Gegenstande? Warum saget ihr nicht lieber Vorstand als Gegenstand? Ihr wisset nicht, was ihr da sagen sollet; ich aber sage euch: Wenn ihr ein Ding beschauet nach seiner Form, so ist das Ding doch offenbar etwas, das euch gegenübersteht, also ein Gegen-stand. Wenn aber etwas zwischen das Ding und euch gestellt würde, etwa eine Wand, ein Schleier, eine Wolke, so würdet ihr doch sicher sagen: Dieses steht uns vor dem Gegenstande, den wir beschauen möchten, und ist somit ein offenbarer Vorstand oder ein hindernder Vorgegenstand. Wenn ihr aber nun zufolge eines solchen Vorstandes den eigentlichen Gegenstand nicht erschauen möget, was wird davon wohl der Grund sein? Sehet, nichts anderes, als daß euch die vom Gegenstande zurückgeworfenen Strahlen nicht begegnen können, und somit auch nicht das in euch schon zugrunde liegende Vorbild belebend hervorzurufen vermögen.

[GS.02_011,20] Wisset, so ihr nicht in euch hättet die Sonne, und brenneten deren Millionen am Himmel, so möchtet ihr nicht eine erschauen! Und hättet ihr nicht in euch die Erde und alles, was in ihr und auf ihr ist vom Atome angefangen bis zur größten allgemeinen Form hinüber vollkommen, so könntet ihr nicht eines der Dinge erschauen und keines derselben denken und dasselbe im Worte aussprechen.

[GS.02_011,21] Und hättet ihr ferner nicht das ganze Universum in euch, da wäre sternlos der ganze Himmel für euer Auge. Und hättet ihr also nicht in euch das geistige Reich der Himmel und das ewige Leben aus dem Herrn, wahrlich, ihr könntet dasselbe weder denken noch aussprechen. – Wie sich aber dieses alles verhält, also ist es zu nehmen mit der Kraft und Gegenkraft.

[GS.02_011,22] Auf der naturmäßigen Welt ruft der von außen in euch fallende Strahl das in euch ruhende Ebenmaß hervor, und ihr erschauet durch die Wirkung der Gegenkraft und der Kraft in euch den also beschauten Gegenstand.

[GS.02_011,23] Wie geht denn solches im Geiste vor sich? Wie ist das rechte geistige Schauen bestellt? Gerade umgekehrt. Ihr nehmet ein Abbild aus euch. Dieses Abbild findet aber sobald seinen Gegensatz, wenn es in euch fest hervorgerufen wird. Je mehr ihr nun den in euch gefaßten Gegenstand festhaltet, desto mehr strebt dieser seinen ewig gestellten Gegensatz an, entwickelt ihn mehr und mehr und macht ihn eben also auch stets beschaulicher.

[GS.02_011,24] Wenn ihr wie durch euren vorliegenden Stern es mit der inneren Beschauung so weit gebracht habt, daß er sich euch schon sehr ausgebreitet und enthüllt darstellt, so sollet ihr nicht denken, solches sei etwa ein Werk einer leeren Phantasie. O nein! Das ist es nicht im geringsten, sondern es ist volle Wirklichkeit. Aber nur ist sie noch unbekannt in ihrem Grunde, woher sie ist und wo sie ruht. Kann man denn solches nicht erfahren? O sicher; denn wo die Wirklichkeit ruht, da ruht auch ihr Name, ihre Ordnung, ihr Wirkungskreis und ihr Standort.

[GS.02_011,25] Es heißt aber im Worte des Herrn: „Aus den Früchten möget ihr den Baum erkennen." Wenn wir solches wissen, da wird es wohl nicht schwer sein, auf die Wirklichkeit dessen zu kommen, was sich nun vor euren Blicken schon so nahe entwickelt hat. Daher versuchet euch in der erhöhten Tätigkeit eures Geistes. Beschauet die vorliegende Welt genauer, bringet sie euch näher und näher, bis sie euch so nahe wird, daß ihr eure Füße auf den Boden derselben setzen möget.

[GS.02_011,26] Ist solches geschehen, so habt ihr euch mit diesem Gegenstande in eine lebendige Verbindung gesetzt; er wird euch zur Grundlage, und ihr werdet auf dieser Grundlage tätig werden können. Wenn ihr es in dieser Tätigkeit werdet so weit gebracht haben, daß ihr darin den mächtigen Zug der Liebe des Herrn in euch verspüren werdet, und diese Liebe heißer und heißer wird und wird sich entzünden, in helle Flammen übergehend, so wird dadurch eure Unterlage in allen ihren Teilen, wo ihr nur immer hinblicken werdet, in selbst lebendige Formen sich auflösen nach der Art, wie sie in euch abbildlich vorhanden sind. Diese Formen werden dann rückwirkend die in euch zugrunde liegenden belebend hervorrufen und werden euch selbst kundgeben, wer und wo eure Grundlage ist.

[GS.02_011,27] Sehet, also ist alles Erkennen eine Folge des vorhergehenden Erschauens; das Erschauen aber die Folge des Strahlens und Gegenstrahlens oder die Folge der Kraft in euch und der Gegenkraft außer euch. – Wir haben unsere Welt uns auf diese Weise schon sehr nahe gebracht; also nur noch einen kräftigen Zug im Geiste, und wir werden uns sogleich mit unseren Füßen auf der aus euch hervorgehenden Welt befinden!

 

12. Kapitel – Rechte Erbauung – Entwicklung dessen, was in euch ist.

[GS.02_012,01] Nun sehet, die Welt ist unter unseren Füßen; versuchen wir, auch ein wenig auf ihr herumzugehen. Ihr wundert euch jetzt wohl, daß euch diese Welt so gut trägt, und ihr schauet die herrlichen Ländereien, viele Berge mit Wäldern; die herrlichsten Fluren, Äcker und Gärten mit verschiedenartigen Wohnhäusern sehet ihr allenthalben umher. Ihr saget: Aber solches haben wir doch nicht gedacht!

[GS.02_012,02] Ich aber sage euch: es hat solches streng genommen auch nicht not; denn habt ihr mit der Kraft in euch die Gegenkraft angezogen, welche eigentlich der Grund der Kraft in euch ist, da gibt dann die angezogene Gegenkraft schon ohnehin das, was sie in sich hat. Denn eure Kraft entspricht der Gegenkraft in allen ihren Teilen.

[GS.02_012,03] Durch die Wirkung der Gegenkraft, welche ihr in euch angezogen habt, aber werden die Teile der Kraft in euch entwickelt, und so ist der Akt dieser scheinbaren Schöpfung aus euch nichts anderes als eine Entwicklung dessen, was in euch ist.

[GS.02_012,04] Ihr könnet daher auch nicht so ganz eine Welt nach eurem Belieben erschaffen, sondern nur die hervorrufen, welche in euch zugrunde liegt. Es brauchen auch nicht alle Teile einer solchen Welt von euch gedacht zu werden; ist die Welt gedacht und eure Liebe vollkommen entwickelt, dann kann sie sich unmöglich anders vorstellen, als wie sie bestellt ist urgründlich vom Herrn aus.

[GS.02_012,05] Ihr seid demnach nicht etwa im Ernste Schöpfer dieser Welt, denn das Schöpfungsrecht kann nie ein Geschöpf überkommen. Aber die Fähigkeit, das Geschaffene, welches endlos in euch vorhanden ist, aus euch hervorzurufen auf die euch nun bekannt gegebene Art, solches liegt in der Fähigkeit eines jeden vollkommenen Geistes. Unvollkommene Geister haben zwar auch eine ähnliche Fähigkeit in sich; aber weil sie keine Festigkeit haben, so können sie das in ihnen zugrunde Liegende eben nicht hervorrufen. Ein unvollkommener Geist ist ein unbeständiger Geist. Er ist eine Wetterfahne und ein Rohr, das vom Winde hin und her geweht wird, und ist zugleich ein törichter Baumeister, der sein Haus auf lockerem Grunde baut. Darum denn kann auch ein unvollkommener Geist nichts anderes, als nur Ephemeriden hervorrufen, die da gleich sind den vorüberfliehenden Augenlidbildern, welche ihr erschauen möget, so ihr in der Nacht eure Augen schließet. Allda erschauet ihr ein chaotisches Gewirre und mitten in diesem Gewirre verschiedenartige Zerrbilder, welche sich flüchtig entwickeln und wieder also flüchtig vergehen.

[GS.02_012,06] Aber nicht also ist es mit dem vollkommenen Geiste, der in seinem Zentrum feststeht. Was er hervorruft, ruft er in der Ordnung des Herrn hervor und ruft nicht etwas Ungeschaffenes, also eine leere Phantasie, sondern ein urgeschaffenes Ding hervor.

[GS.02_012,07] Sehet, also stehen die Sachen. Wir aber befinden uns nun auf dieser Welt, die ihr aus euch hervorgerufen habt und wollen sie darum ein wenig überwandern und beschauen.

[GS.02_012,08] Da vor uns ist ein großer Garten mit einem sehr prachtvollen Gebäude, welches in der Mitte des Gartens steht, da wollen wir hinziehen; also folget mir!

[GS.02_012,09] Sehet, da ist schon das Gartentor. Wie ich aber bemerke, so seid ihr ja sehr prachtliebende Bauherren, denn die Gartenmauer besteht aus lauter Edelsteinen und das Tor ist gediegenes Gold. Und da sehet nur einmal hin: die Gartenwege sind alle mit gold- und silberdurchwirktem Sand überzogen, und die Fruchtbeete des Gartens sind ja auf das zierlichste mit kleinen Goldgeländern umfangen und die Spangen der Geländer durchgehends mit unterschiedlichen herrlichen Edelsteinen besetzt. Nein, wahrhaftig, das heißt doch verschwenderisch gebaut! Sogar die in den schönsten Reihen gesetzten herrlichen Fruchtbäume sind mit silbernen Geländern umfangen, und je in der Mitte eines jeden Beetes ist ein kleiner Springbrunnen angebracht, der sein Gewässer in verschiedenartigsten Formen aus sich treibt. Weil die Wege gar so herrlich bestellt sind, müssen wir denn doch eine Promenade tiefer in den Garten hinein machen.

[GS.02_012,10] Die Wege sind, wie ich merke, sogar wie Sofas von unten gepolstert; ja es ist eine stets größere Verschwendung in eurer Baukunst zu erschauen. Wir haben bereits schon eine tüchtige Strecke in dem Garten zurückgelegt; aber das Hauptwohngebäude scheint noch im weiten Hintergrunde zu stehen.

[GS.02_012,11] Doch da vorne sehe ich ja gerade eine weitgedehnte Säulengalerie, die Säulen aus lauter geschliffenen Diamanten, die herrlichen Bögen über den Säulen aus lauter Rubinen, der Gang über den Bögen aus blankem Golde, die Galerie aus reinstem durchsichtigem Golde und die Spangen der Galerie aus allerfeinstem weißem Golde. Das will ich denn doch eine Pracht heißen! Und unter dem Gange zwischen den Säulen, also zu ebener Erde, sehe ich wie einen Wasserkanal, über welchen die herrlichsten Brücken führen. Da sehet nur einmal hin, über dem Kanal ist ein überaus großer, freier Platz. Der Boden dieses Platzes ist eine Fläche aus feinstem, durchsichtigem Golde. Dort, schon nahe an dem herrlichen Gebäude, erschaue ich himmelanragende Säulen aus weißem Gesteine und auf der Spitze einer jeden Säule flackert eine große, dreifarbige Fahne aus Weiß, Rot und Grün.

[GS.02_012,12] Fürwahr, je weiter man euer Bauwerk betrachtet, desto großartiger, kühner und erhabener wird es; und das eigentliche Wohngebäude erst im Hintergrunde, das hat ja eine beinahe meilenweite Front aus drei Stocken bestehend! Jedes Stockwerk hat ein Maß nach dem Auge geschätzt von sechshundert sechs und sechzig Ellen; das ist die Zahl eines Menschen. Die Fenster sind hoch und breit. Das Eingangstor ist überhoch und überbreit und ist verfertigt aus reinstem Golde, und aus den Fenstern, deren Front ebenfalls 666 zählt, strahlt aus der untersten Reihe ein weißes, aus der mittleren ein grünes und aus der obersten Reihe ein rotes Licht. Das Dach dieses übergroßen Gebäudes bildet eine einzige, ungeheure Pyramide. Es fehlt dem ganzen Garten und Gebäude nichts als Einwohner. Wo habt ihr denn diese gelassen, als ihr dieses herrliche Gebäude aufgeführt habt?

[GS.02_012,13] Ihr saget wohl: Lieber Freund und Bruder, du bist zwar ein großer Liebling des Herrn, aber bei dieser deiner Sprache guckt denn doch so eine kleine Fopperei heraus. Denn von so einer unermeßlichen, reichen Pracht ist uns noch nie etwas auch nur im allertiefsten Traume vorgekommen, geschweige erst, daß wir da Baumeister eines solchen endlos herrlichen und allerreichlichst prachtvollsten Werkes sein sollten. Wenn wir so etwas gebaut hätten, da müßten wir doch auch „dabei gewesen" sein. Aber davon haben wir nicht die leiseste Spur auch nur von einer allerleisesten Ahnung. Daher wird es bei uns auch einen sehr starken Haken haben hinsichtlich der Bewohner, welche allenfalls diesen unbeschreiblich prachtvollen Palast bewohnen sollten.

[GS.02_012,14] Meine lieben Freunde und Brüder, ihr denket hier unrecht. Ihr habt dieses Werk freilich nicht erbaut, so wenig als diese ganze Welt. Aber ihr habt dieses prachtvolle Wohngebäude samt dieser Welt aus euch hervorgerufen, und das will ja denn doch auch etwas gesagt haben. Ihr sprechet aber ja nicht selten unter euch: Dieses und jenes hat mich erbaut. Was wollet ihr denn damit sagen? Ich sage euch, nichts anderes als: Dieses und jenes hat aus meinem inneren Lebensgrunde eine Kraft erweckt, die mich belebt hat in dieser oder jener Art. Diese Belebung bildete sich in mir zu einer erhabenen geistigen Form aus, und ich erkannte in dieser Form, daß der Herr überall die allerhöchste Liebe und Weisheit Selbst ist! Mein Herz entbrannte in dieser Erkenntnis, und ich betete Gott darin an im Geist und in der Wahrheit!

[GS.02_012,15] Das also ist eine rechte „Erbauung". Und nun sehet, da haben wir ja eine Form der Erbauung vor uns. In euch selbst habt ihr euch erbaut; die Erbauung ward zur Form, und ihr schauet in dieser Form der göttlichen Liebe und Weisheit unendliche Macht und Kraft, und das ist gleich einer großen Verwunderung, welche allezeit der Liebe vorangeht. Warum denn? Welcher aus euch ist je in ein weibliches Wesen eher verliebt geworden, bevor er es gesehen und bewundert hatte?

[GS.02_012,16] Sehet, also ist es auch hier der Fall. Wer könnte wohl Gott lieben, wenn er Ihn nicht zuvor erkennete? Also das Erkennen geht der Liebe doch notwendig voraus! Wie aber kann der Mensch Gott erkennen?

[GS.02_012,17] Wenn der Mensch das Wort Gottes hört und Seine Werke betrachtet, dadurch wird der Gedanke Gottes im Menschen hervorgerufen. Ist der Gedanke einmal hervorgerufen, so soll ihn der Mensch nicht mehr auslassen, sondern ihn ebenfalls fester und fester fassen. Dieses Fester- und Festerfassen ist der Glaube. Wenn nun der Mensch durch den festen Glauben, also durch das stets größere Fixieren des Gedankens Gottes in sich, Gott Selbst zu einem lebendigen Gefühle gemacht hat, so betritt er mit seinen Füßen die Welt Gottes in sich. Er erschauet in dieser Welt Wunderdinge über Wunderdinge.

[GS.02_012,18] Dieses Erschauen ist die wachsende Erkenntnis Gottes. Aber die Welt, die wundervolle, ist noch wesenleer, das Prachtgebäude hat noch keine Bewohner. Aber sehet, dort in der Mitte des Gebäudes, das nun vor uns steht, ist ein Opferaltar errichtet und auf dem Opferaltare eine Menge frisches Holz gelegt. Wir wollen es anzünden, und es soll sich dann sogleich zeigen, ob diese Welt wesenleer ist. Womit aber werden wir das Holz anzünden?

[GS.02_012,19] Ich sage euch: Das sehr merkwürdige Feuerzeug liegt auch in eurem Herzen; es heißt Liebe! Diese wollen wir an den Altar hintragen, und ihr werdet euch dann sobald überzeugen, daß im Menschen nicht nur die puren Gedanken Gottes, sondern auch die lebendigen Wesen wohnen! Was würde es auch nützen, so jemand sagte: Siehe hier meine Brüder, siehe da meine Schwestern, wenn er sie aber nicht liebete? Liebt er sie aber, so liebt er sie doch sicher nicht draußen, sondern in seinem Herzen! Und so denn sind sie für ihn auch nicht draußen, sondern sie sind in der Liebe seines Herzens. Also zünden wir das Holz nur an, damit dieses Gebäude Einwohner bekomme!

 

13. Kapitel – Jesus, der Name aller Namen und seine Wirkung. Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Christo.

[GS.02_013,01] Ihr fraget: Wie werden wir Feuer unserem Herzen entlocken, damit wir mit demselben dieses Holz entzünden möchten? – O Brüder und Freunde! Welch eine Frage von euch! Ist denn nicht ein einziger Gedanke an Jesum hinreichend, um das Herz für Ihn überhell aufflammen zu machen? – O Brüder und Freunde! Könntet ihr es fassen, was dieser Name aller Namen besagt, was er ist, und welch eine Wirkung in Ihm, ihr müßtet ja augenblicklich in eine so mächtige Liebe zu Jesu übergehen, deren Feuer hinreichend wäre, ein ganzes Heer von Sonnen zu entzünden, daß sie darob noch ums Tausendfache heller flammen möchten in ihren endlos weiten Raumgebieten, als solches bis jetzt der Fall ist.

[GS.02_013,02] Ich sage euch: Jesus ist etwas so ungeheuer Großes, daß, so dieser Name ausgesprochen wird, die ganze Unendlichkeit von zu großer Ehrfurcht erbebt. Saget ihr: Gott, so nennt ihr zwar auch das allerhöchste Wesen; aber ihr nennt Es in seiner Unendlichkeit, da Es ist erfüllend das unendliche All und wirkt mit Seiner unendlichen Kraft von Ewigkeit zu Ewigkeit. Aber in dem Namen Jesus bezeichnet ihr das vollkommene, mächtige, wesenhafte Zentrum Gottes, oder noch deutlicher gesprochen:

[GS.02_013,03] Jesus ist der wahrhaftige, allereigentlichste, wesenhafte Gott als Mensch, aus dem erst alle Gottheit, welche die Unendlichkeit erfüllt, als der Geist Seiner unendlichen Macht, Kraft und Gewalt gleich den Strahlen aus der Sonne hervorgeht. – Jesus ist demnach der Inbegriff der gänzlichen Fülle der Gottheit oder: In Jesu wohnt die Gottheit in Ihrer allerunendlichsten Fülle wahrhaft körperlich wesenhaft; darum denn auch allezeit die ganze göttliche Unendlichkeit angeregt wird, so dieser unendlich heiligst erhabene Name ausgesprochen wird!

[GS.02_013,04] Und dieses ist zugleich auch die unendliche Gnade des Herrn, daß Er sich hatte gefallen lassen, anzunehmen das körperlich Menschliche. Warum aber tat Er dieses? Höret, ich will euch nun ein kleines Geheimnis enthüllen!

[GS.02_013,05] Vor der Darniederkunft des Herrn konnte nimmerdar ein Mensch mit dem eigentlichen Wesen Gottes sprechen. Niemand konnte dasselbe je erschauen, ohne dabei das Leben gänzlich zu verlieren, wie es denn auch bei Moses heißt: „Gott kann niemand sehen und leben zugleich!" Es hat sich zwar der Herr in der Urkirche, wie auch in der Kirche des Melchisedek, zu der sich Abraham bekannte, wohl öfter persönlich gezeigt und hat gesprochen mit Seinen Heiligen und Selbst gelehrt Seine Kinder. Aber dieser persönliche Herr war eigentlich doch nicht unmittelbar der Herr Selbst, sondern allzeit nur ein zu diesem Zwecke mit dem Geiste Gottes erfüllter Engelsgeist.

[GS.02_013,06] Aus solch einem Engelsgeiste redete dann der Geist des Herrn also, als wenn unmittelbar der Herr Selbst redete. Aber in einem solchen Engelsgeiste war dennoch nie die vollkommenste Fülle des Geistes Gottes gegenwärtig, sondern nur insoweit, als es für den bevorstehenden Zweck nötig war.

[GS.02_013,07] Ihr könnet es glauben: in dieser Zeit konnten auch nicht einmal die allerreinsten Engelsgeister die Gottheit je anders sehen als ihr da sehet die Sonne am Firmamente. Und keiner von den Engelsgeistern hätte es je gewagt, sich die Gottheit unter irgendeinem Bilde vorzustellen, wie solches auch noch unter Mosis Zeiten dem israelitischen Volke auf das strengste geboten wurde, daß es sich nämlich von Gott kein geschnitztes Bild, also durchaus keine bildliche Vorstellung machen sollte.

[GS.02_013,08] Aber nun höret: Diesem unendlichen Wesen Gottes hat es einmal wohlgefallen, und zwar zu einer Zeit, in welcher die Menschen am wenigsten daran dachten, Sich in Seiner ganzen unendlichen Fülle zu vereinen und in dieser Vereinigung anzunehmen die vollkommene menschliche Natur!

[GS.02_013,09] Nun denket euch: Gott, den nie ein geschaffenes Auge schaute, kommt als der von der allerunendlichsten Liebe und Weisheit erfüllte Jesus auf die Welt!

[GS.02_013,10] Er, der Unendliche, der Ewige, vor dessen Hauche Ewigkeiten zerstäuben wie lockere Spreu, wandelte und lehrte Seine Geschöpfe, Seine Kinder, nicht wie ein Vater, sondern wie ein Bruder!

[GS.02_013,11] Aber das alles wäre noch zu wenig. Er, der Allmächtige, läßt sich sogar verfolgen, gefangennehmen und dem Leibe nach töten von Seinen nichtigen Geschöpfen! Saget mir: Könntet ihr euch eine unendlich größere Liebe, eine größere Herablassung denken, als diese, die ihr an Jesu kennet?!

[GS.02_013,12] Durch diese unbegreifliche Tat hat Er alle Dinge des Himmels anders gestaltet. Wohnt Er auch in Seiner Gnadensonne, aus welcher das Licht allen Himmeln unversiegbar zuströmt, so ist Er aber dennoch ganz derselbe leibhaftige Jesus, wie Er auf der Erde in all Seiner göttlichen Fülle gewandelt ist als ein wahrer Vater und Bruder, als vollkommener Mensch unter Seinen Kindern gegenwärtig. Er gibt all Seinen Kindern alle Seine Gnade, Liebe und Macht und leitet sie Selbst persönlich wesenhaft, endlos mächtig zu wirken in Seiner Ordnung!

[GS.02_013,13] Ehedem war zwischen Gott und den geschaffenen Menschen eine unendliche Kluft, aber in Jesu ist diese Kluft beinahe völlig aufgehoben worden; denn Er Selbst, wie ihr wisset, hat uns dieses ja doch sichtbar angezeigt, fürs erste durch Seine menschliche Darniederkunft, fürs zweite, daß Er uns nicht einmal, sondern zu öfteren Malen Brüder nannte, fürs dritte, daß Er mit uns aß und trank und alle unsere Beschwerden mit uns trug, zum vierten, daß Er als der Herr der Unendlichkeit sogar der weltlichen Macht Gehorsam leistete, zum fünften, daß Er sich hat von weltlicher Macht sogar gefangennehmen lassen, zum sechsten, daß Er sich sogar durch die weltlich mächtige Intrige hat ans Kreuz heften und töten lassen, und endlich zum siebenten, daß Er Selbst durch Seine Allmacht den Vorhang im Tempel, welcher das Allerheiligste vom Volke trennte, zerrissen hat!

[GS.02_013,14] Daher ist Er auch der alleinige Weg, das Leben, das Licht und die Wahrheit. Er ist die Türe, durch welche wir zu Gott gelangen können, d.h. durch diese Türe überschreiten wir die unendliche Kluft zwischen Gott und uns, und finden da Jesum, den ewigen, unendlich heiligen Bruder!

[GS.02_013,15] Ihn, der es also gewollt hat, daß diese Kluft aufgehoben würde, können wir denn nun doch sicher über alles lieben!

[GS.02_013,16] Daher, wie ich gleich anfangs gesagt habe, genügt zur Erweckung unserer Liebe zu Jesu ja doch sicher schon ein einziger Gedanke – nur Sein Name in unseren Herzen ausgesprochen sollte ewig genug sein, um in aller Liebe für Ihn zu erbrennen! Daher sprechet auch ihr in euren Herzen diesen Namen würdig aus, und ihr werdet es selbst erschauen, in welcher Fülle das Feuer der Liebe aus euren Herzen hervorbrechen wird, zu entzünden das Holz des Lebens, durch welches die Heiden genesen sollten an diesem neuen Opferaltare.

[GS.02_013,17] Solche Heiden, wie sie einst mein Bruder Paulus bekehrte, gibt es in unserer Zeit noch gar viele; ja es gibt Heiden, die sich „Christen" nennen, aber dabei ärger sind in ihren Herzen als diejenigen, die einst Moloch und Baal anbeteten.

[GS.02_013,18] Wenn das Holz auf diesem Altare wird zum Brennen kommen, da erst werdet ihr in dieser aus euch selbst gerufenen Welt so manches erschauen, das ihr bis jetzt noch nicht erschaut habet. Denn ich sage euch: In der Welt der Geister gibt es unergründliche Tiefen. Kein geschaffener Geist könnte dieselben je ermessen; aber wir sind im Geiste des Herrn. Sein Geist lebt, waltet und wirket in uns, und in diesem Geiste ist uns keine Tiefe unergründlich; denn niemand kann wissen, was im Geiste ist, denn allein der Geist. So kann auch niemand wissen, was in Gott ist, denn allein der Geist Gottes. – Jesus, der vereinigte Gott in aller Seiner Fülle, aber hat uns erfüllt mit Seinem Geiste. Und mit diesem Seinem Geiste in uns können wir auch dringen in Seine göttlichen Tiefen. – Also denket euch nun den Namen aller Namen, den Heiligsten aller Heiligkeit, die Liebe aller Liebe, das Feuer des Feuers – und das Holz am Altar wird brennen!

 

14. Kapitel – Liebe, das große Erkenntnismittel.

[GS.02_014,01] Ihr habt es getan und gedacht den Namen, der da heilig, heilig, heilig ist in euch! Und sehet, schon lodert eine herrliche Flamme auf dem Altare, verzehrend das Holz des Lebens als eine Nahrung zur Belebung der Wesen dieser Welt in euch.

[GS.02_014,02] Nun sehet euch aber auch ein wenig um. Blicket hinauf in die überaus herrlichen Galerien dieses Prachtgebäudes und saget mir, was ihr erschauet. – Ihr sprechet: O Freund und Bruder, da sehen wir ja eine übergroße Menge Menschen beiderlei Geschlechtes. Ihre Formen sind herrlich und wunderbar schön, und sie sind gekleidet herrlicher denn die Könige der Erde. Wie ist solches möglich? Sind diese auch in uns?

[GS.02_014,03] Liebe Brüder, ich sage euch: Wo eine ganze Welt ruht, da muß ja doch auch das vorhanden sein, was die Welt trägt. Ihr saget freilich: Gibt es denn wohl eine Welt von solcher Herrlichkeit im unermeßlichen Schöpfungsraume? Jawohl, meine lieben Freunde und Brüder! Ihr müsset andere Weltkörper nicht nach eurer Erde bemessen, denn diese ist ein Bettelstübchen nur gegen die Paläste der Fürsten. Ihr habt bei der naturmäßigen Darstellung der Sonne und einiger Planeten eures Sonnengebietes sicher die Beobachtung gemacht, um wievieles prachtvoller und herrlicher diese eingerichtet sind denn eure Erde. Ich aber sage euch: Dieses alles ist noch eine pure Bettelei gegen so manche Herrlichkeit der größeren Weltkörper im unermeßlichen Schöpfungsraume. Auch selbst diese Welt, die ihr aus euch hervorgerufen habt und auf der wir nun herumgehen, ist noch bei weitem die herrlichste nicht.

[GS.02_014,04] Es gibt in dem Bereiche des Sternbildes Orion, Löwe und im Sternbilde des Großen Hundes Sonnenwelten, vor deren Herrlichkeit und unermeßlicher Pracht ihr beim kürzesten Anblicke schon vergehen würdet.

[GS.02_014,05] Doch ihr möchtet wohl wissen, was das für eine Welt ist. Wie werden wir aber solches herausbringen? Fraget ihr einen Bewohner dieser Welt, so wird er euch höchstens mit einem fremden Namen bereichern; das wird aber dann auch alles sein, was ihr davon erfahren möget. Sage ich es euch, so werdet ihr auch nicht viel mehr gewinnen. Ihr sollet es aber in euch finden. Seid ihr solches imstande, so wird die Erkenntnis dieser Welt für euch in der geistig wissenschaftlichen Sphäre erst nützlich sein.

[GS.02_014,06] Wie aber solches anstellen? Das ist freilich eine andere Frage. Wir wollen es dennoch versuchen. Ein Beispiel soll uns da den Weg zeigen. Und so habet denn acht! – Wenn ihr beispielsweise von irgendeinem Punkte, an dem ihr euch befindet, irgendeinen Gegenstand erschauet, der sich in einer mäßigen Entfernung von euch befindet, so könntet ihr leicht bestimmen, welchen Gegenstand ihr erschaut habt, denn ihr könntet euch in diesem Falle, wie ihr zu sagen pfleget, orientieren.

[GS.02_014,07] Wollt ihr den Gegenstand näher beschauen, so brauchtet ihr nichts als entweder eine tüchtige Augenwaffe oder eine allfällige Hinreise zu dem vorher beobachteten Gegenstande. Das wäre somit der natürliche Weg. Wenn ihr euch aber gleich anfangs bei einem merkwürdigen Gegenstande befindet, so wird es schon ein wenig schwerer zu bestimmen sein, von welchen äußeren Aussichtspunkten dieser Gegenstand wohlerkenntlich am vorteilhaftesten zu erschauen ist. Und habt ihr solche Punkte in der weiten Peripherie des merkwürdigen Gegenstandes in eurer Nähe auch wirklich aufgefunden, so werdet ihr denn doch genötiget sein, diese Punkte alle zu bereisen, um von ihnen aus die Überzeugung einzuholen, wie sich euer naher Gegenstand von ihnen aus beschauen läßt. Habt ihr solches getan, so habt ihr dann schon sicher das Resultat überkommen, daß dieser Gegenstand sich hauptsächlich nur von einem Punkte am vorteilhaftesten ausnehmen und erkennen läßt.

[GS.02_014,08] Das wäre alles klar und verständlich, saget ihr; aber unsere Welt, auf der wir sind, will uns noch nicht bekannt werden. – Macht nichts, meine lieben Freunde und Brüder, wir sind mit unserer Erörterung auch noch nicht am Ende. Es wird schon zu rechter Zeit uns alles noch klar werden. Habet nur acht auf den weiteren Verlauf meiner beispielsweise Verhandlung. –

[GS.02_014,09] Wenn ihr auf der Erde seid und schauet bei einer sternhellen Nacht den gestirnten Himmel an und habt zugleich auch eine gute Sternkarte bei euch, so wird es euch eben nicht zu schwer werden, bald einen und bald den andern Stern beim Namen zu nennen. Habt ihr aber, dadurch etwas gewonnen? Kennt ihr jetzt den Stern? Oder werdet ihr ihn erkennen als einen schon von der Erde aus beobachteten, wenn ihr ihn selbst betreten würdet? Ich sage euch: Solches wird ebensowenig der Fall sein wie jetzt.

[GS.02_014,10] Ich setze aber den umgekehrten Fall, ihr befändet euch auf irgendeinem von der Erde noch gar wohl sichtbaren Sterne, z.B. auf einem Sonnenkörper im Sternbilde der sogenannten Plejaden. Wenn ihr aber dann wieder zurückkommet auf eure Erde, würdet ihr da wohl mit Bestimmtheit angeben können, welcher aus den etlichen neunzig Sternen dieses Sternbildes gerade derjenige ist, auf dem ihr euch befunden habt? Solches, meine ich, wird auch etwas schwer sein, weil die Sterne dieses Sternbildes nur von eurer Erde gesehen eine solche Form bilden, in ihrer eigentlichen Stellung aber sind sie durch unermeßliche Räume voneinander entfernt. Und wenn ihr euch demnach auf einem oder dem anderen Sterne befindet, so werden die anderen, welche von eurer Erde aus gesehen dieses Sternbild ausmachen, sich unter ganz anderen Sterngruppen des gestirnten Himmels befinden, und ihr werdet es in der Wirklichkeit sicher ewig nicht herausbringen, welche Sterne von eurer Erde aus gesehen das Sternbild der Plejaden formten. – Daher werdet ihr denn auch nicht bestimmen können, auf welchem Sterne dieses Sternbildes ihr euch befunden habt.

[GS.02_014,11] Ihr saget: Das ist wieder richtig; aber noch immer befinden wir uns auf einer fremden Welt. Ich sage euch: Auch dieses ist richtig, sage euch aber noch hinzu, daß sich auf diese für euch gewöhnliche Beobachtungs- und Erkenntnisweise diese Welt nicht wird erkennen lassen. Wie werden wir denn hernach solches entziffern? Denn es hilft da weder Beobachtung, noch Mathematik, noch Sternenkarte und die allerbesten mathematischen Sehwerkzeuge.

[GS.02_014,12] Solches ist richtig; aber dessen ungeachtet gibt es ein ganz einfaches Mittel, solch eine Welt mit der leichtesten Mühe von der Welt zu erkennen. Ich werde euch im Verlaufe dieses meines begonnenen Beispiels nur so kleine Stößchen versetzen, und ihr werdet dadurch bald von selbst, wie ihr zu sagen pflegt, den Nagel auf den Kopf treffen. Jetzt will ich euch das erste Stößchen versetzen; und so habet denn acht!

[GS.02_014,13] Wisset ihr, woher eure Kinder sind? Wißt ihr, wo sich ihr geistiges und ihr seelisches Prinzip ehedem aufgehalten hat, bevor sie euch aus den Weibern sind geboren worden? Ihr saget: Solches wissen wir durchaus nicht. Ich frage euch aber wieder und gebe euch dadurch ein neues Stößchen: Wie erkennet ihr demnach die geborenen Kinder als die eurigen und wie die Kinder euch als ihre Eltern? Diese Frage sollte euch schon so einen recht starken Wink geben. Ist es nicht die Liebe, die euch die Kinder gibt? Werden sie nicht in der Liebe empfangen? Sehet, wenn das Kind zur Welt geboren wird, da umfassen es die Mutter und der Vater sogleich mit großer Liebe, und das ist schon die erste Taufe. Hat das Kind auch noch keinen Namen, so hat es aber doch ein Zeichen glühend in die Herzen der Eltern eingegraben, welches unauslöschlich ist. Dieses Zeichen ist nichts anderes als die Liebe. Durch diese Liebe wächst die beiderseitige Erkenntnis und Bekanntschaft immer größer, sie entfaltet sich immer mehr und mehr, wird am Ende so intim, stark und mächtig, daß ihr euer Kind unter jeder Zone sobald erkennen werdet, und das Kind wird dasselbe ganz sicher imstande sein, besonders wenn es nota bene in irgendeiner kleinen Not steckt.

[GS.02_014,14] Sehet, in euren Kindern habt ihr so auf dem Wege der Liebe eine bei weitem wunderbarere Welt für beständig kennengelernt, als diese da ist, welche wir jetzt betreten, und ihr kennet sie dennoch recht gut und werdet das Merkmal nicht leichtlich vergessen und es verlöschen lassen in euren Herzen.

[GS.02_014,15] Wie gefällt euch dieses Stößchen? Könnt ihr den Nagel noch nicht auf den Kopf treffen? Ich sehe, es will euch dieser Hieb noch nicht so ganz und gar gelingen, wir wollen daher noch ein Stößchen versuchen: Ihr kommt nach einem fremden Landgebiete des Erdteiles Amerika, und zwar alldort in eine Stadt. Es ist euch alles weltfremd, und ihr möget schauen, wie ihr wollt, und horchen, wie ihr wollt, so wird euch kein bekannter Strahl außer ein solcher der Sonne, des Mondes und der Sterne in die Augen fallen, und kein bekannter Laut wird euren Ohren begegnen. Ihr werdet euch so fremd vorkommen, daß ihr euch beinahe selbst nicht kennet.

[GS.02_014,16] Aber wie ihr euch so in den Gassen herumtreibet, da begegnet euch auf einmal ein Mensch, der euch so von ganzem Herzen freundlich anblickt. Dieser Blick hat euch diese Gasse schon etwas freundlicher gemacht, und ihr werdet sie euch am meisten merken.

[GS.02_014,17] Dieser Mann aber geht auf euch zu, spricht euch in eurer Muttersprache an, und die noch sehr fremde Gasse wird euch schon nahe ganz heimatlich vorkommen. Der Mann aber nimmt euch auf mit aller Liebe; ihr ziehet mit in sein Haus. Dadurch ist diese ganz fremde Stadt euch auf einmal so heimelig geworden, daß ihr anfanget, sie in eurem Herzen zu umfassen.

[GS.02_014,18] Der Mann führt euch ferner in mehrere Häuser, wo ihr liebevollst und freundlichst aufgenommen werdet; und ihr seid in der fremden Stadt wie zu Hause. In kurzer Zeit lernet ihr auch noch dazu die Landessprache kennen, und ihr seid wie Eingeborne. Die Gegenden dieser fremden Welt oder des fremden Erdteiles werden euch ganz heimatlich ansprechen, und ihr seid sozusagen in diesem Lande ganz zu Hause. Werdet ihr es auch auf eine Zeit verlassen, und dann wieder dahin kommen, so werdet ihr es sicher auf der Stelle erkennen.

[GS.02_014,19] Was ist aber das Kennzeichen, welches Merkmal hat wohl das Land, daß ihr es wieder so schnell erkennt? Fraget die Liebe und das freudige Gefühl eures Herzens und sie werden euch augenblicklich den Grund kundgeben, auf welchem eure Erkenntnis dieses Landes ruht. Auf diese Weise werdet ihr nun auch mit der leichtesten Mühe von der Welt nach kurzem Verlauf unserer Betrachtungen auf dieser Welt diese Welt selbst also erkennen, daß es euch eine Unmöglichkeit wird zu sagen: Wir kennen sie nicht! Ich sage euch: Wie die Liebe alles in allem ist, so ist auch alles aus der Liebe!

[GS.02_014,20] Wonach läßt sich wohl eine Frucht erkennen? Ihr saget: Aus der Form, Farbe und dem Geschmack. Wessen Produkte aber sind Form, Farbe und Geschmack? Sie sind Produkte der Liebe. Ihr erkennet am Geschmacke die Muskatellertraube; warum denn? Weil dieser Geschmack einem bestimmten Teile eurer Liebe entspricht. Also wollen wir denn auch hier sehen, welchem Teile unserer Liebe diese Welt entsprechen wird. Und haben wir das mit der leichtesten Mühe gefunden, so haben wir auch schon alles. Das Wie, Wo und Woher wird sich dann von selbst künden.

 

15. Kapitel – Die drei Weisen aus dem Morgenland, ihre Wesenheit. Die große Bedeutung unserer Erde.

[GS.02_015,01] Ihr saget: Gut wäre es freilich, wenn man nur gleich wüßte, welchem Teile unserer Liebe, oder welcher Himmelsgegend derselben man eben diese Welt unterschieben sollte. Ich aber sage euch, meine lieben Freunde und Brüder: Da ihr die Hauptsache schon durch mein Stößchen zum Dreiviertelteile aus euch gefunden habt, so wird es wohl nicht so schwer sein, auch das vierte Viertel durch allenfalls noch ein paar Stößchen zu finden. Ich will euch zu dem Behufe sogleich eine Frage geben, deren Beantwortung ihr schon zum voraus in euch habt. Die Frage aber sei diese: Habt ihr nie etwas gehört von der sogenannten alten Astrologie? Ihr saget: O sicher, dergleichen Bücher finden sich noch heutigen Tages unter uns vor. Aber auf diese wird man doch etwa nicht zuviel halten dürfen? Ich sage euch: Auf die Art, wie ihr darauf zu halten pfleget, freilich wohl nicht, denn das wäre ein absurder Aberglaube und wäre sündhaft, darauf zu halten. Aber es hat jede Sache zwei Seiten, nämlich eine Licht- und eine Schattenseite. Wir wollen uns daher nicht der Schatten-, sondern der Lichtseite dieses altertümlichen Mysteriums bedienen.

[GS.02_015,02] Wie lautet aber diese? Ihr Name heißt: Kunde der Entsprechungen. Auf dem Wege der Entsprechung aber haben ein jedes Ding, eine jede Form und ein jedes gegenseitige Verhältnis der Formen wie der Dinge einen entsprechend geistigen Sinn. Und so hatten einen solchen Sinn und haben es noch alle die Sterne und ihre Bilder. Wer demnach diese Bilder von dieser Lichtseite lesen und verstehen kann, der ist auch ein Astrolog; aber kein Astrolog mit Hilfe der finsteren Mächte, sondern ein Astrolog aus dem Reiche der Geister des Lichtes, d.h. er ist ein wahrhaftiger Weiser, wie da die drei Astrologen (Sternkundige) aus dem Morgenlande wahrhaftige Weise waren. Sie hatten den Stern des Herrn erkannt, haben sich von ihm führen lassen und haben durch ihn den Herrn der Herrlichkeit gefunden.

[GS.02_015,03] Ich sehe wohl in euch soeben eine Frage betreffend die eben erwähnten drei weisen Sternkundigen aus dem Morgenlande. Ich weiß, daß ihr darüber auch schon eine Erläuterung bekommen habt. Aber solches wißt ihr nicht, daß eben aus den Himmeln keine Kunde völlig enthüllt zu den Menschen auf der Erde gelangen kann, sondern noch allezeit ist eine jede Kunde mit einer Hülse umschlossen. Denn ohne eine solche hülsige Umschließung könnte keine Kunde aus den Himmeln, welche rein geistig ist, zu den Menschen gelangen, so wenig als da jemand von euch imstande wäre, den für den Leib nur tauglichen ätherischen Nahrungsstoff ohne Beigabe gröberer Materie in sich aufzunehmen.

[GS.02_015,04] Das Brot, das ihr esset, besteht aus lauter kleinen Hülschen, welche die Träger des eigentlichen Nährstoffes sind.

[GS.02_015,05] Wenn aber demnach eure schon empfangene Kunde über die drei Weisen aus dem Morgenlande ebenfalls noch ein wenig umhülset ist, so können wir sie hier ebenfalls ein wenig enthülsen. Es kann aus dieser Enthülsung ja etwa auch so ein kleines Stößchen hervorgehen, und unsere Lichtseite der Astrologie, die wir eben brauchen, wird uns stets anschaulicher.

[GS.02_015,06] Ihr habt so viel erfahren über diese drei Weisen, daß sie seien dagewesen – den Adam, den Kain und den Abraham vorstellend. Solches ist richtig; aber würdet ihr es ganz wörtlich nehmen, so würdet ihr dadurch ebensogut noch in einer Irre sein, als wenn ihr an das ominöse Himmelszeichen glauben wolltet, in welchem ihr nach der Kalenderrechnung geboren seid. Ihr saget: Das mag wohl sein; aber wie soll man denn hernach die Sache nehmen, die doch hier und da zumeist kerzengerade ausgesprochen ist? – Ich sage euch: Wie man solche Sachen nehmen soll, wird sich sogleich klärend darstellen.

[GS.02_015,07] Ihr habet doch auch allerlei handgreifliche Gegenstände vor euch als da sind allerart Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen. Saget mir, wenn ihr diese Gegenstände also nehmet und begreifen wollet, wie sie kerzengerade vor euch stehen, versteht ihr sie dann? Ihr könnet z.B. wohl sagen: Siehe, das ist ein hoher Berg, er hat eine sehr romantische Form, sein Gestein besteht aus Urkalk, auf seiner höchsten Spitze muß eine herrliche Aussicht sein, und in seinem Innern werden vielleicht manche Metalle rasten. Wenn ihr solches von dem Berge ausgesagt habt, dann seid ihr aber auch schon fertig.

[GS.02_015,08] Um kein Haar besser wird es euch bei den Pflanzen und Tieren gehen, da ihr nur das beurteilen könnet, und das noch dazu überaus oberflächlich, was euch in die Sinne fällt oder was kerzengerade vor euch ist. Aber was die innere, höhere, geistige Ordnung betrifft, saget, mit welchem Maßstabe wollet ihr diese bemessen?

[GS.02_015,09] Also stehen auch hier Adam, Kain und Abraham unter dem Bilde der „drei Weisen" aus dem Morgenlande kerzengerade vor euch zufolge der euch gewordenen Kunde aus den Himmeln.

[GS.02_015,10] Aber wie ihr das Reich der Mineralien, der Pflanzen und Tiere durchaus noch nicht verstehet aus dem Grunde, also ist es auch der Fall mit den drei Weisen aus dem Morgenlande.

[GS.02_015,11] Ja, Adam, Kain und Abraham waren zugegen. Solches ist euch gegeben worden zur Kunde über die Frage hinsichtlich der Bedeutung der drei Weisen aus dem Morgenlande. – Wie aber waren sie zugegen? Sehet, das ist eine andere Frage. Diese habt ihr nicht gestellt; daher blieb diese Frage auch eine Hülse über die euch gewordene Kunde. Nun aber ist es an der Zeit, diese Hülse zu brechen, da wir zu unserem Zwecke die reinere Wahrheit gebrauchen. Und so wisset denn:

[GS.02_015,12] Diese drei Weisen waren drei ganz gewöhnliche Priester besserer Art aus den Gefilden Assyriens. Ihr wisset, daß zur Zeit Salomonis die euch wohlbekannte große Königin des Assyrischen Reiches nach Jerusalem kam, um Salomons Weisheit zu hören. Also zu dieser Zeit schon war auch diesem heidnischen Volke durch seinen besseren Teil der Priester eine Prophezeiung gemacht worden, daß ihre Söhne einst einen Stern entdecken werden, welcher allen Völkern der Erde aufgehen wird. Seit dieser Prophezeiung blieb denn auch immer ein Teil der besseren Priesterschaft dieses Volkes dabei stehen und beobachtete fortwährend den gestirnten Himmel. Diese Priester reisten zu dem Behufe auch nach allen Landen, wo in derselben Zeit sich irgend große Weise aufhielten, und lernten von solchen so manche tiefere Weisheit, besonders aber die Weisheit in der Kunde der Entsprechungen.

[GS.02_015,13] Zur Zeit der Geburt Christi war das Gremium dieser Priester ziemlich groß geworden; aber bis auf drei ließen sich alle von der Gewinnsucht hinreißen und dienten somit dem Mammon. Nur drei blieben bei der reinen Weisheit, verschmähten die Welt und ihre Schätze und suchten den Lohn ihrer geistigen Tätigkeit allein im Geiste und in der Wahrheit.

[GS.02_015,14] Was geschah denn zur Zeit der Geburt unseres hochgelobten und über alles geliebten Herrn?

[GS.02_015,15] Sie entdeckten einen ungewöhnlich glänzenden Stern aufgehend und beobachteten seinen Gang und die Sternbilder, unter denen er aufging und welche er passierte. Als sie so mit der inneren entsprechenden Bedeutung dieses Sternes beschäftigt waren, und der Stern gegen die Mitte der Nacht gerade über ihren Zenith zu stehen kam, da erschienen ihnen drei Männer mit weißen Kleidern angetan und sprachen zu ihnen: Kennet ihr den Stern? Und die Weisen sprachen: Wir kennen ihn nicht. – Die Männer aber, die da erschienen sind, sprachen zu den Weisen: Lasset euch anrühren von uns an euren Stirnen und an euren Brüsten, und ihr werdet sobald die große Bedeutung dieses Sternes erkennen. Die Weisen aber sagten: Seid ihr etwa Zauberer aus Indien, daß ihr uns solches antun wollet?

[GS.02_015,16] Die drei erschienenen Männer aber erwiderten: Das sind wir mitnichten, denn wir wollen euch nicht die Macht der Hölle enthüllen, sondern die Kraft Gottes wollen wir euch zeigen und euch führen dahin, da sich der ewige Herr Himmels und der Erde niedergelassen hat in aller Seiner göttlichen Fülle. – Einer Jungfrau ward die endlose Gnade zuteil: Sie hat vom Herrn empfangen und hat geboren ein Kind aller Kinder, einen Menschen aller Menschen und einen Gott aller Götter! – Sehet, das wollen wir euch zeigen, und aus diesem Grunde lasset euch anrühren von uns! Und die Weisen sprachen: Es sei denn, wie ihr wollet; aber zuvor saget uns, wer ihr seid?

[GS.02_015,17] Und der eine aus den drei Erschienenen sagte: Habt ihr je etwas gehört, wie es war im Anfange der Welt? Sehet, ein Leib ward mir gegeben von Gott, den trug ich neunhundertunddreißig Jahre und ward also geschaffen der erste Mensch dieser Erde; mein Name war Adam, der Erstling Gottes auf dieser Erde. Nach diesen Worten ließ sich der Älteste von dem Geiste Adams anrühren, und als der Geist den Ältesten anrührte, ward er sobald unsichtbar; aber der Älteste war erfüllt von dem Geiste Adams.

[GS.02_015,18] Und auf dieselbe Weise geschah es mit den beiden anderen, und sie wurden erfüllt, der Ältere mit dem Geiste Kains und der Jüngere mit dem Geiste Abrahams, ohne jedoch dabei von ihrer eigentümlichen Individualität nur im geringsten etwas zu verlieren. Aber im Augenblicke dieser Handlung erkannten sie die große Bedeutung dieses Sternes und die Worte der Prophezeiung, welche geschah, wie schon gesagt wurde, zu der Zeit der großen Königin dieses Landes.

[GS.02_015,19] Daher machten sie sich auch sobald auf den Weg von ihrem Beobachtungsplatze, rüsteten ihre Kamele aus und geboten ihren Knechten, einzukaufen Myrrhen, Gold und Weihrauch. Denn solches war im selben Lande die gebräuchliche Opferung einem neugeborenen Könige; Myrrhen dem Kinde, Gold dem Könige, welcher bei ihnen hieß Mensch der Menschen, wie ein solches königliches Kind ein Kind der Kinder, und Weihrauch opferte man dem Könige ebenfalls, weil der König als gesalbter Machthaber der Gottheit auf Erden angesehen ward. – Als solches alles herbeigeschafft worden war, da wurde auch sogleich die Reise angetreten. Der Stern war der Wegweiser, und die drei Geister waren die inneren Führer unserer bekannten drei Weisen aus dem Morgenlande.

[GS.02_015,20] Sehet, in dieser Darstellung habt ihr euere Kunde enthülset und dennoch auch zugleich die innere Wahrheit mit, daß in eben diesen drei Weisen Adam, Kain und Abraham gegenwärtig waren. Abraham, der sich gar lange schon auf diesen Tag in seinem Geiste gefreut hat, daß er ihn sehen möchte, wie es der Herr Selbst von ihm aussagte, hat ihn auch wirklich gesehen leiblich durch die Weisen, geistig in sich und himmlisch in dem erschauten Kinde der Kinder, Menschen der Menschen und Gott der Götter! –

[GS.02_015,21] Aus dieser Darstellung aber könnet ihr auch zur Genüge ersehen, wie die wahre Astrologie beschaffen sein solle. Wir haben ebenfalls einen Stern erschaut von ganz ungewöhnlicher Art in uns oder am Firmamente unseres Geistes. Sind wir rechte Astrologen, so werden wir auch sicher mit der leichtesten Mühe unser letztes Viertelchen finden und werden gar wohl erkennen, wo hinaus es so ganz eigentlich mit unserem Sterne will.

[GS.02_015,22] Es ist wahr, es liegen noch Milliarden und Milliarden von Sternen und Welten in euch; aber aus diesen Milliarden hat sich einer nur gelöst. Dieser steht vor uns und liegt unter unsern Füßen gleichwie ein herrliches himmlisches Vaterland; aber wir fragen: Wo stehst du, herrliche Welt, in deiner großen Wirklichkeit? Aus welcher Gegend der weiten Himmel traf dein mächtiger Strahl dein Ebenbild in uns und stellte es hinaus, einen herrlichen Abglanz aus dir? Doch wir wissen nicht, woher dein Strahl kam!

[GS.02_015,23] O Freunde und Brüder! Es klingt sonderbar solch ein Fragen, wenn man das Werk unter seinen Füßen hat. Habt ihr nie etwas gelesen von einer großen Burg der Geister wie von einer Burg der Seelen? Sehet, darin liegen kleine Andeutungen von einer großen geheimen Wahrheit, die aber bis jetzt noch unentdeckt geblieben ist. Ich aber sage euch: Was zum Herrn will, muß auch den Weg zum Herrn gehen. Ich sage euch noch gar gewichtig hinzu: Freuet euch hoch, denn der Herr hat aus Milliarden den Staub, die Erde, erkoren; sie ist die Geburtsstätte der Geister, welche zum Herrn wollen, aus allen endlosen Gebieten der Schöpfung geworden! –

[GS.02_015,24] Nun haben wir nicht mehr weit, sehet an diese Welt, die nun unter euren Füßen ist, ein altes Vaterhaus eures Geistes! Große Pracht treffet ihr hier, und solche Prachtliebe habt ihr auf die Erde mitgenommen. Aber der Herr mag die Pracht nicht, darum hat Er die Erde gedemütigt. – Wisset ihr jetzt noch nicht, wo hinaus es mit unserer Welt will? Ja, ich sehe schon, ihr könnet die Astrologie noch nicht recht verdauen. Ich werde euch aber nun auf etwas aufmerksam machen.

[GS.02_015,25] Es war zu allen Zeiten und bei allen Völkern gebräuchlich, daß sie sagten und auch hier und da ganz fest glaubten, dieser oder jener sei „ihr Stern". Buchstäblich genommen hätte es freilich wenig Grund, aber geistig genommen hat es einen desto tüchtigeren; denn woher irgendein Geist ist, von dorther hat er auch seine Liebe. Nun aber sind all die Myriaden Gestirne entweder Vor- oder Nach-Wohnstätten der Geister. Wenn solches der Fall, so ist es auch sicher klar, daß eines jeden Erdmenschen Geist aus einem Sterne als Vorwohnorte her ist; und dieser Stern ist der erste, der bei der inneren Beschauung auch sicher zuerst auftaucht.

[GS.02_015,26] Nun dürfet ihr einmal den gestirnten Himmel mustern und den wohlgefälligsten Stern betrachten; der euch am behaglichsten anstrahlen wird, bei dem bleibet. – Sehet, das wird der entsprechende sein, durch welchen dieser geweckt wurde.

[GS.02_015,27] Darin liegt aber auch der Unterschied zwischen den Kindern der Welt, welche da sind von unten her und sind Kinder der Erde, und zwischen den Kindern des Lichtes, welche sind von oben her und sind Kinder der Sonnen oder Kinder des Lichtes und demnach berufen, als Knechte so oder so gleich dem Herrn zu dienen und zu leuchten den Kindern der Welt, damit auch diese würden gewonnen zu Kindern des Lichtes und wahrhaftigen Erben des ewigen Lebens, welches der Herr bereitet allen Seinen geschaffenen Geistern von Ewigkeit her, indem Er für sie gemacht hat im unendlichen Schöpfungsgebiete zahllose Schulen zur Gewinnung der Freiheit des Lebens und hat ihnen selbst gesetzt auf dieser Erde ein heiliges Ziel in Seinem Kreuze, damit sie alle würden wahrhaftige Kinder Seiner Liebe und allerseligste Erben Seiner Erbarmung und Gnade!

[GS.02_015,28] Ich meine, das vierte Viertel ist uns hoffentlich bekannt. Wenn wir uns aber auf dieser Welt erst ein wenig werden umgeschaut haben, da wird uns schon noch wie von selbst so manches Geheimnis klar werden, davon euch und aller Welt bisher noch eben nicht zuviel geträumt haben möchte.

[GS.02_015,29] Es hat aber der Herr nach Seiner Auferstehung noch gar vieles mit uns, Seinen Erwählten, gesprochen, welches nicht aufgezeichnet ward; und wäre es auch aufgezeichnet worden, so hätte die Welt die Bücher vor der Menge und vor der Größe und Tiefe des Inhaltes nicht fassen können. Hier aber wird euch so manches davon kundgetan; daher möget ihr wohl aufmerksamen Geistes sein, um in euch zu fassen das große Geheimnis des Lebens und die innere große Weisheit des Geistes! – (Joh.20,30.31. und Joh.21,25.)

 

16. Kapitel – Zweierlei Menschen – Geschöpfe und Kinder. Vorbedingungen zur Gotteskindschaft.

[GS.02_016,01] Wir wollen nun einen weiteren Versuch machen und wollen uns auch diese menschlichen Wesen hier ein wenig näher vertraut machen, um daraus zu entnehmen, wessen Geistes Kinder sie sind, und auf welcher Stufe innerer Geistesverwandtschaft wir mit ihnen stehen. – Sehet die Formen dieser Menschen ein wenig näher an, und ihr werdet gar bald daraus ersehen, daß eben diese Menschen ihrer Form nach mit euch eine sehr bedeutende Ähnlichkeit haben. Solche Beobachtung gibt uns einen bedeutenden Wink, daß sie dem geistigen Vermögen nach euch so ziemlich ähnlich sein müssen, weil ihre äußeren Formen solches, wenn schon etwas oberflächlich, kundgeben.

[GS.02_016,02] Wie aber ihre innere geistige Beschaffenheit, als da ist ihre Liebe und ihre Begierde wie auch ihr Verständnis, näher und klarer beschaulich aussieht, das wollen wir aus ihren Gesprächen abnehmen; denn wovon das Herz voll ist, davon geht der Mund über. Und der Herr hat in eines jeden Menschen Herz den Trieb gelegt, demzufolge er nie mit dem so ganz zufrieden ist, was er hat, sondern fortwährend nach etwas Höherem trachtet. Dieser Trieb hat, wie alles, zwei Seiten, eine Licht- und eine Schattenseite. In der Schattenseite ist der Mensch blind, und das Höhere, das er verlangt, ist niedriger, als was er hat. Aber in der Lichtseite dieses Triebes verabscheut der Mensch alles Gegebene und will durchaus nur das Allerhöchste, nämlich nichts mehr und nichts weniger als den Herrn Selbst!

[GS.02_016,03] Und so denn werden wir auch sogleich vernehmen, wie diese Menschen hier durchaus nicht zufrieden sind mit dem, was ihrer ist. Die unbeschreibliche Pracht ihrer Wohnung, dieses Gartens wie auch dieser ganzen Welt, um deren Besitz eure Erdenkönige tausend Jahre Krieg führen würden, sehen diese Menschen mit keinen anderen Augen an, als mit welchen ihr da ansehet auf eurer Erde eine allergemeinste Land-Wohnhütte. Sie haben daher fortwährend größeres Verlangen nach etwas Erhabenerem, Großartigerem und bei weitem Würdigerem. Wir aber wollen sie doch selbst ein wenig behorchen, um daraus zu entnehmen, was für Triebe in ihrem Geiste walten.

[GS.02_016,04] Sehet, da vor uns befindet sich ein ehrwürdiger Greis, der soeben bei der Gelegenheit, da das Opferholz auf dem Altare von selbst ist brennend geworden, eine Rede an die Bewohner dieses Palastes halten wird; denn eine solche Erscheinung gilt den Bewohnern dieser Welt als ein heimliches Wahrzeichen, aus welchem sie entnehmen, daß der Herr ihren Wünschen nachkommen will. – Und so höret denn! Er spricht:

[GS.02_016,05] Ihr alle, die ihr dieses mein Stammhaus bewohnet, seid Zeugen, daß auf unser Rufen eine heilige Flamme über den Altar gekommen ist, um zu verzehren das wohlduftende Opfer. Gar viele, die auf dieser Welt leben, beachten solches nicht und halten es nur für Trug und Täuschung der Sinne. Wir Bewohner unseres Hauses aber sind der alten Offenbarung getreu, in welcher gesagt wird, daß Gott, unser Herr, ein einiger Gott ist, der da gemacht hat diese Welt für uns zur Bewohnung und hat uns den freien Willen gegeben, entweder selig zu verbleiben auf dieser Welt im Geiste fürder und fürder oder sich zu erheben von dieser Welt in irgendeine andere, allda Er ewig zu Hause ist unter Seinen Kindern.

[GS.02_016,06] Wer aus euch, demnach die große Lust und Sehnsucht hat, den Weg dahin anzutreten, der mag sich nun an den Herrn wenden, da Er Sein Ohr zu uns gewendet hat, damit der Herr ihn umwandle und ihn setze auf die Welt, da Er selbst unter Seinen Kindern zu Hause ist.

[GS.02_016,07] Ihr wisset, daß der Herr, unser einiger Gott, zweierlei Wesen gestaltet hat, die sich selbst frei bestimmen können. Die erste Art sind wir Geschöpfe, begabt mit freiem Willen und einem verständigen Gemüte, auf daß wir selbsttätig sein möchten zu unserer Freude und zu unserer großen Wohlfahrt. Aber diesen Seinen Geschöpfen hat der Herr nur diese Welt leiblich wie geistig zur Wohnung eingeräumt für bleibend.

[GS.02_016,08] Dieses angenehme Los zu erreichen ist überaus leicht, denn wer da glaubt, daß der Herr ist ein einiger Gott Himmels und aller Welt, die wir betreten mit unseren Füßen, und gibt aus diesem Gedanken heraus dem Herrn der Herrlichkeit die Ehre durch Opfer und Anbetung auf die Art, wie desgleichen üblich ist auf dieser ganzen Welt, insoweit wir sie kennen, der hat sich, wie ihr alle wißt, dieses angenehmen Loses würdig gemacht. Die Umwandlung wird geschehen, wie uns allen bekannt ist, auf die höchst angenehme und wohltuende Art, auf welche überaus sich zu freuen ein jeder Bewohner dieser Welt das vollste Recht hat.

[GS.02_016,09] Wenn wir aber die zweite Art der Geschöpfe betrachten, deren freilich wohl viel weniger sein dürften, so finden wir an ihnen laut der Offenbarung, daß sie nicht nur Geschöpfe wie wir, sondern wahrhaftige Kinder des einigen Gottes sind. Diese Kinder sind in aller Machtvollkommenheit Gottes, und ihre Seligkeit ist gleich der Seligkeit Gottes; denn sie haben alles, was Gott hat, Sie tun alles, was Gott tut, und Gott tut, was sie tun!

[GS.02_016,10] Ihnen ist Gott nicht mehr ein Gott also, wie Er uns ist – ein ewig unzugänglicher, den nie ein Auge schauen kann, das da ist ein Auge dieser Welt; sondern ihnen ist Er ein wahrhaftiger Vater, der allzeit unter ihnen ist, sie führet und leitet und spricht mit ihnen wie ich mit euch und sorget für sie, bauet für sie und kocht für sie, daß sie ewig keine Sorge haben dürfen, und sie sind in ihrer Vollendung dann vollkommene Herren wie ihr allmächtiger Vater über die ganze Unendlichkeit und freuen sich ihrer unendlichen Machtvollkommenheit, die ihnen ist aus ihrem Vater!

[GS.02_016,11] Solch ein Los ist freilich wohl ganz etwas anderes als das unsrige; ja es ist gegen das unsrige unter gar keinem Verhältnisse mehr aussprechlich.

[GS.02_016,12] Sind wir Geschöpfe dieser Welt aber für ewig ausgeschlossen, dieses unaussprechliche Los auch zu erlangen? Was spricht darüber die Offenbarung, die wir dereinst in der Urzeit der Zeiten von einem mächtigen Geiste bekommen haben für alle Zeiten dieser Welt?

[GS.02_016,13] Also lautet sie mit kurzen Worten: Einen Altar erbauet euch in eurer Wohnung, und dieser Altar sei allzeit belegt mit wohlduftendem Holze übers Kreuz und über die Quere. So jemand den einen Gott erkannt hat in seinem Glauben, der frage sein Herz, ob es entzündbar ist, so wird die Flamme des Herzens das Holz am Altare ergreifen und es verzehren unter hellen Flammen. In diesen Flammen wird der im Herzen Entzündete lesen die großen, heiligen, aber überschweren Bedingungen, durch welche er zu einem Kinde Gottes werden kann.

[GS.02_016,14] Nun sage ich euch: Welcher aus euch, meinen Hausgenossen und Kindern, die Bedingungen in der Flamme lesen mag, der trete herbei und lese! Hat jemand die überschweren Bedingungen genehm gefunden, der lege – nach der Offenbarung – seine Hand an den Altar, und Gott der Allmächtige wird seinen Geist nehmen, ihn führen auf jene Welt, da Er wohnt, und wird den Geist zu einem neuen Menschen gestalten, der zwar nur auf eine kurze Zeit einen sterblichen, schmerzhaften Leib wird herumschleppen müssen und wird sich müssen in diesem Leibe bis zum Tode demütigen. Und wenn er schon wird durch und durch gedemütiget sein, dann noch wird er sich müssen schmerzhaft töten lassen, um aus dem Tode erst dann zu erstehen zu einem wahren Kinde Gottes! –

[GS.02_016,15] Nun sehet, es tritt ein Mann aus der Mitte der ganzen bedeutenden Menge und liest aus der Flamme folgende Bedingung: Unzufriedener mit deinem seligen Lose! Was willst du? Wohin willst du? – Du kennst bis jetzt keine Leiden, und nie hat ein Schmerz dein Wesen berührt. Der Tod ist dir fremd, und noch nie hat eine schwere Bürde deinen Nacken berührt. Bleibst du auf dieser Welt nach der ewigen Ordnung Gottes, so kannst du ewig nie fallen, verdorben werden und zugrunde gehen. Was dein Herz wünscht und fühlt, hast du und wirst es allzeit haben.

[GS.02_016,16] Bist du aber mit dem nicht zufrieden und willst dahin ziehen, da die Kinder Gottes gezeugt werden, so wisse, daß dich Gott, dein Herr, mächtig durch allerlei große Leiden, Schmerzen und Trübsale wird bis auf den letzten Lebenstropfen durchprüfen lassen, bevor du durch den Tod umwandelt wirst zu einem Kinde! Wehe dir aber, wenn du die Prüfung nicht bestanden hast; da wirst du für die Eitelkeit dieser deiner Bestrebung ewig im Zornfeuer der Gottheit büßen müssen, und es wird mit dir nimmer besser, sondern stets ärger und qualvoller dein ewiger Zustand!

[GS.02_016,17] Du wirst aber auf dieser Welt, da die Kinder Gottes gezeugt werden, mit der vollkommensten Blindheit geschlagen sein, und nichts wird dir von allem dem, was du nun hier erfährst, zum Behufe deiner ferneren Führung im Bewußtsein übrigbleiben; denn du wirst da genötigt sein, ein ganz neues, mühevolles und beschwerliches Leben zu beginnen. Nichts wird dir somit bleiben als allein für deine größte Gefahr die Begierde des Lebens dieser Welt.

[GS.02_016,18] Du wirst dich nach allen ähnlichen Vollkommenheiten und Herrlichkeiten sehnen, große Anlagen und Fähigkeiten des Geistes wirst du klar gewahren müssen; aber in deinem schweren, mühseligen Leibe wirst du keine ausführen können. Und wenn du aber dennoch alldort Mittel finden wirst, so manches, wenn schon unvollkommenst, ins weltliche Werk zu setzen, darnach dein Geist seinem übriggebliebenen Triebe nach sich sehnen wird, so wirst du dich dadurch schon versündigen vor Gott; und wirst du davon nicht abstehen, so wird eine ewige Verdammnis ins ewige Zornfeuer Gottes dein Los sein!

[GS.02_016,19] Hier ist dein von Gott aus, was du hast; dort auf jener Welt wirst du dir nicht einen Grashalm zueignen dürfen. Reichtum und große Pracht gehört hier zur Tugend, dort aber wird sie dir zum tödlichen Laster gerechnet werden. Hier darfst du wollen, und der Erdboden gehorcht deinem Winke; dort aber wirst du dir die Nahrung im schmerzlichen Schweiße des Angesichtes mühsamst selbst suchen und bereiten müssen.

[GS.02_016,20] Das sind die Bedingungen, die zu erfüllen deiner harren, so du dich zu einem Kinde Gottes aufschwingen willst. Es ist nicht unmöglich, daß du Gnade und Erbarmung bei Gott finden wirst, so du Ihn wirst lieben über alles und wirst sein wollen der Nichtigste und Geringste und wirst ertragen alle Leiden und Schmerzen mit großer Geduld und völligster Hingebung in den Willen Gottes; aber es ist viel leichter möglich, daß du fällst, als daß du erstehest. – Daher besinne dich und lege dann deine Hand auf den Altar, auf daß dir werde nach deinem Wollen!

[GS.02_016,21] Nun sehet, also verhält es sich mit der Sache. Wir wollen uns aber damit noch nicht begnügen, sondern diese Verhandlung noch ein wenig beobachten. Euch wird daraus gar bald in euch selbst ein gewaltiges Licht aufgehen, und ihr werdet das Wo, Woher und Wohin sehr klar zu begreifen anfangen. – –

 

17. Kapitel – Zentrum der Bedingungen – kannst du Gott lieben?

[GS.02_017,01] Unser Bewerber um die Kindschaft hat nun alles gelesen, was in der Flamme geschrieben stand, und richtet seine Blicke wieder an den Ältesten. Seine Frage ist sehr leicht zu erraten; ihr habt sie schon in euch. Daher braucht ihr sie nur herauszuholen, und wir werden sogleich unseren Bewerber um die Kindschaft also reden hören, wie ihr es in euch zuvor empfunden habt.

[GS.02_017,02] Die Bedingungen sind schwer, und unser Kindschaftsbewerber erschauert vor ihnen; daher fragt er denn auch den Ältesten und spricht: Ich habe gelesen die Forderungen Gottes in der Flamme Seines Eifers. Ich sehe daraus den Vorteil dieses Lebens und den großen Nachteil eines höheren, darum meine ich, es wird klüger sein zu bleiben, was man ist auf dieser unteren Stufe, als sich aufzuschwingen zu dem nahe Unerreichbaren.

[GS.02_017,03] Es mag freilich wohl für unsereinen etwas Undenkliches sein, sich als ein Gott in einem Kinde Gottes zu fühlen; ja etwas unbegreiflich Erhabenes muß es sein, mit einem Blicke in die unendlichen Tiefen der göttlichen Macht und Weisheit zu dringen. Ja etwas ganz unaussprechlich Seliges muß es sein, mit dem ewigen allmächtigen Schöpfer aller Ewigkeit und Unendlichkeit in einem stets sichtbaren allerliebfreundlichsten Verhältnisse zu stehen und in Gott dem Herrn ein Mitherr zu sein aller Unendlichkeit. Aber die Bedingungen, solche Größe zu erreichen, sind zu schauderhaft schwer und sind also gestellt, daß da sicher unter gar vielen Tausenden kaum einer den hohen Zweck seiner Unternehmung erreichen dürfte.

[GS.02_017,04] Daher habe ich mich wohl besonnen und werde vollkommen Verzicht leisten auf diese Unternehmung. Wer aber an meiner Statt solches wagen will, dem werde ich nicht in den Weg treten; aber ich werde ihm kundgeben, was ich gelesen habe in der Flamme.

[GS.02_017,05] Der ehemalige Bewerber um die Kindschaft hat seine Fragrede beendet und der Älteste holt soeben die Antwort aus uns, das heißt, er wird das sprechen, was in uns schon gesprochen ist.

[GS.02_017,06] Ihr könnet solches freilich wohl noch nicht klar vernehmen in euch; aber in der Ordnung des Herrn ist es schon einmal also eingerichtet, daß die Rede eines Menschen ein Produkt alles dessen ist, was da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens. Und wenn ein Mensch spricht, so wird er dazu gewisserart genötigt durch die innere Anregung, welche aus allem dem Entsprechenden hervorgeht, das da verborgen liegt in der Tiefe seines Lebens.

[GS.02_017,07] Da wir solches nun aus uns geholt haben, so wollen wir denn nun auch vernehmen, was der Älteste spricht. Höret, solche Laute entströmen seinem Munde, und solches ist ihr Sinn:

[GS.02_017,08] Mein Sohn! Du hast die große Wahrheit in der Flamme des göttlichen Eifers gelesen. Wahr ist alles bis auf ein Häkchen, und kein Zeichen kam umsonst in der wallenden Flamme zum Vorschein; aber ein Zeichen, das da in der Mitte der Flamme über der inwendigen Glut verborgen lag, hast du nicht gesehen.

[GS.02_017,09] Siehe, wenn du dieses Zeichen zu all dem Gelesenen hinzufügest, so wird dir alles in einem andern Lichte gezeigt werden.

[GS.02_017,10] Siehe, dieses aber war das Zeichen, das du übersehen hattest: In der Mitte der Glut, von allen Seiten mit der lebendigen Flamme umfaßt, stak ein Herz, und das Herz flammte, und dieses Flammen aus diesem Herzen bildete eben diejenigen Zeichen, die du gelesen hast. Liesest du diese Zeichen für sich, da sind sie schauerlich, überschauerlich; liesest du sie aber aus diesem Herzen, so sind sie gefüllt voll der seligsten Hoffnungen. Für sich allein sind sie ein Gericht, aus dem nirgends mehr ein freier Ausweg in ein besseres Leben zu erschauen ist; aus dem Herzen aber sind sie eine Erbarmung Gottes, in welcher niemand ewig je verlorengehen kann, wer sich einmal in dem Herzen befindet.

[GS.02_017,11] Siehe, mein Sohn, es kommt alles darauf an, ob du Gott lieben kannst oder nicht. Kannst du Gott lieben in aller Demut deines Herzens, so bist du in diesem Herzen; kannst du aber Gott nicht lieben, dann bist du nicht im Herzen, sondern im Gerichte. Und da ist es dann wohl besser, du bleibest hier im kleinen Gerichte selig, als daß du dich begeben möchtest zur Erstrebung der Kindschaft Gottes, aber dadurch dann gelangen in das große Gericht, von dem nach den Zeichen in der Flamme schwerlich je ein Ausweg zu finden sein wird.

[GS.02_017,12] Das sind die Verhältnisse in der Fülle der Wahrheit. Fürwahr, wir wissen es aus dem Munde der Engel Gottes, daß eben Gott keiner Welt so viel Gnade, Erbarmung und Liebe erzeiget und bezeuget hat, als eben derjenigen, allda Er für Sich zeugt und erziehet Seine Kinder. Denn Er Selbst hat alldort die Ordnung also eingerichtet, daß Er ihnen gleich ward zu einem Menschen und trug für Seine Kinder alle möglichen Beschwerden und wollte für sie aus unendlich großer Vaterliebe sogar Seinem Menschlich-Leiblichen nach getötet werden auf eine kurze Zeit durch die Hände Seiner eigenen Kinder!

[GS.02_017,13] Siehe, mein Sohn, solches alles ist uns wohlbekannt und ist richtig. Aber richtig ist es auch, daß der Herr unser Gott allda am meisten verlangen wird von Seinen Geschöpfen, zu handeln in Seiner Ordnung, allda Er für sie auch am allermeisten aus Seiner göttlichen Fülle gearbeitet hat. Nun weißt du alles, was da not tut, um einzugehen in das Reich der Kindschaft Gottes.

[GS.02_017,14] Daher magst du nun tun, was dir gut dünkt. Willst du die Bedingungen eingehen, so mußt du sie im Herzen eingehen, und du wirst nicht verloren sein. Denn solches wissen wir auch, daß der Herr eher eine ganze Schöpfung zerstören würde, ehe Er ein Kind als vollkommen verloren gäbe!

[GS.02_017,15] Wenn du demnach im Herzen bist, so wird der Herr sorgen für dich als ein allerwahrhaftigster Vater. Willst du aber ohne das Herz die Bedingungen auf dich nehmen, so wirst du nicht bestehen unter der Last der großen Prüfungen Gottes; denn für die, welche in Seinem Herzen sind, hat Er kein Gesetz gegeben, denn allein das, daß sie Ihn lieben stets mehr und mehr.

[GS.02_017,16] Welche aber außerhalb des Herzens sind, diese sind von Gesetzen über Gesetzen umlagert, welche schwer zu halten sind; und die Übertretung eines einzigen zieht schon im Augenblicke der Übertretung ein tödliches Gericht nach sich, in welchem es dann fortwährend schwerer und schwerer wird, die andere große Masse von Gesetzen zu halten. – Aus diesem kannst du nun mit voller Gewißheit beurteilen, was da erforderlich ist zur Erlangung der Kindschaft Gottes. Darnach handle denn auch; denn du bist frei!

[GS.02_017,17] Nun wollen wir denn wieder unseren Bewerber betrachten. Sehet, er bedenkt sich die Sache ganz ernstlich und spricht abermals zum Ältesten: Höre, du Vater dieses Hauses! Mir ist nun ein Gedanke gekommen, und der Gedanke lautet also: Wenn ich hier den ernstlichen Entschluß fasse, nicht ein Kind des Herrn zu werden, sondern nur ein unterster Diener der geringsten Seiner Kinder, bloß aus dem Grunde, um auf diese Weise ganz geheim liebend dem allmächtigen Herrn einmal in eine Ihn sehende Nähe zu gelangen, so meine ich, solches dürfte denn doch nicht gefehlt sein. Wird aber der Herr in der andern Welt dieses meines Grundsatzes eingedenk sein und mich in solche Verhältnisse stellen, in welchen ich diesen meinen Grundzweck erreichen könnte? Wenn das der Fall ist, so will ich meine Hand auf den Altar legen.

[GS.02_017,18] Der Alte spricht: Des kannst du vollends versichert sein; denn aus welchem Grunde da jemand zur Kindschaft des Herrn gelangen will, aus eben diesem Grunde wird der Herr ihn auch das werden lassen in jener Welt, durch was er erreichen kann, was da liegt im Grunde seines Lebens. Willst du der Geringste sein, da wird dich der Herr tragen auf Seinen Händen. Wer aber der Größte sein will, der wird den Herrn nicht zum Führer haben, sondern der Herr wird hinter ihm einhergehen und wird belauschen seine Schritte und Tritte, und wenn der Großseinwollende gelangen wird zu einem Abgrunde und er wird nicht frei umkehren, so wird ihn der Herr weder rufen, noch ziehen zurück vom Abgrunde, sondern ihm überlassen, entweder frei umzukehren oder sich frei hinabzustürzen in den ewigen Abgrund.

[GS.02_017,19] Du aber hast dir den demütigsten Grund gefaßt; dieser Grund wird dein Leben und die Erbarmung vom Herrn unwiderruflich erwirken, – und so denn kannst du getrost deine Hand auf den Altar legen!

[GS.02_017,20] Sehet nun, der Bewerber spricht: Herr, Du Allmächtiger in Deiner Liebe, Gnade und Erbarmung! Aus keinem andern Grunde, denn aus der reinen Liebe nur will ich zu Dir! daher verlaß mich nicht in der Zeit meiner Schwäche, und sei du allein all meine Kraft und Stärke! In welcher Gestalt immer ich in der neuen Welt auftreten werde, sei Deine Liebe mir das alleinige, ewige, mächtige Vorbild meines Lebens, nach welchem ich trachten will aus all meiner von Dir verliehenen eigenen Lebenskraft. Verhülle mir ganz, was ich hier war und hier hatte, damit ich desto leichter erstrebe alle Niedrigkeit in meiner großen Liebe zu Dir; aber den Grund laß allzeit auftauchen in mir, auf daß ich stets kräftiger werde in der Liebe zu Dir! – Und so denn übergebe ich mich, o Herr, Deiner unendlichen Liebe, Erbarmung und Gnade!

[GS.02_017,21] Sehet, hier legt der Bewerber seine Hand auf den Altar. Die mächtige Flamme ergreift ihn und im Augenblicke ist er nicht mehr unter den Bewohnern dieses Hauses.

[GS.02_017,22] Wo ist er denn nun hin? Sehet, in diesem Augenblicke ist er schon in die Seele einer leiblichen Mutter gelegt, die da empfangen hatte, und wird ausgeboren zu einem männlichen Kinde. Solches nimmt euch wohl ein wenig wunder; ich aber sage euch: Ist es denn weniger wunderbar, daß die Geister eurer Sonne sichtbar vor euren Augen ausgeboren werden von den Pflanzen eures Erdkörpers, wie in den nachfolgenden Tiergattungen mannigfachster Art? Solches seht ihr doch täglich und wundert euch wenig darüber, und doch ist dieser Prozeß viel verwickelter, größer und langwieriger, denn dieser der Übersiedlung eines Geistes. Denn bei der Übertragung der Sonnengeister handelt es sich um die Entwicklung eures Leibes und eurer Seele, welches alles wie ein tausendmal tausendfach Zusammengesetztes erscheint; hier aber, d.h. von dieser Sonnenwelt, die eine Zentralsonnenwelt ist, handelt es sich um die fertige Übersiedlung eines Geistes, welcher in dem neuen Leibe seines Grundes zufolge nichts anderes zu tun hat, als in seiner Liebe eins zu werden mit der lebendigen Seele in der Liebe zum Herrn.

[GS.02_017,23] Und diese Einung ist die erlangte Kindschaft des Herrn, aus welcher hervorgeht ein neues Geschöpf, erstaunlich allen Himmeln; denn es ist ein Geschöpf aus der Ehe der Himmel und ein Geschöpf der Erlösung des Herrn, und dieses Geschöpf ist groß vor dem Herrn, und ist ein Kind des ewigen heiligen Vaters! – Sehet, das ist das nun enthüllte große Geheimnis der Menschwerdung auf der Erde. Daher seid auch ihr. Aber nicht alle Menschen der Erde haben von da her ihren geistigen Ursprung, denn es gibt noch gar viele solche Geistersonnen im endlosen Schöpfungsraume. – Wir wollen uns aber noch zuvor in dieser näher umsehen, ehe wir in eine andre übergehen werden. –

 

18. Kapitel – Des Geistes Willenskraft, vereint mit dem Herrn, wirkt Wunder.

[GS.02_018,01] Wir haben hier nichts mehr zu tun, somit können wir uns auf unserer Welt wieder weiterbewegen; denn wenn man nur einmal eine Welt hat, also eine gute Unterlage, so kann man dann auf derselben herumgehen, wie man will, und allerlei gute Erfahrungen machen.

[GS.02_018,02] Wohin aber sollen wir uns nun begeben? Hier will ich nicht sagen: Dahin oder dorthin, sondern auch solches sollet ihr bestimmen. Aber auf eines muß ich euch aufmerksam machen, und das ist, daß ihr eine einmal gefaßte Bestimmung, hier- oder dorthin zu gehen, festhalten müsset, und es muß beim ersten Gedanken bleiben. Denn hier kommt es nicht darauf an, daß jemand sagen möchte: Ich weiß nicht recht und bin zweifelhaft, ob ich mich links oder rechts wenden solle, da bei solchen Zweifeln diese Welt, die ihr betretet, sobald wieder vor euch verschwinden würde. Daher muß ein jeder Gedanke festgehalten werden und kein zweiter den ersten verdrängen. Im Geiste ist das durchgehends der Fall; denn wer da nicht fest ist, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes. Also wie der Herr Selbst spricht: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurücksieht, der ist nicht geschickt zum Reiche Gottes."

[GS.02_018,03] Das will aber mit anderen Worten für unseren gegenwärtigen rein geistigen Zustand nichts anderes gesagt haben, als daß man im Geiste bei gar keiner Gelegenheit sich wankelhaft benehmen solle. Der erste Gedanke muß auch der erste Entschluß und die erste vollkommene Festigkeit sein; denn wäre im Geiste solches nicht der Fall, so stünde es schon lange gar schlecht mit aller Schöpfung.

[GS.02_018,04] Nehmet ihr nur an, ein allergeringster Wankelmut im Geiste Gottes, ein augenblickliches Zurückziehen Seines unbestechlichsten festesten Willens, würde auch sogleich eine augenblickliche Vernichtung aller Dinge nach sich ziehen.

[GS.02_018,05] Ihr saget zwar: Solches kann man sich freilich wohl gar leicht vom Geiste Gottes denken; ob aber für die Erhaltung der Dinge auch eine gleiche Festigkeit von seiten anderer Ihm nahestehender Geister vonnöten ist, das ist nicht so klar.

[GS.02_018,06] Ich sage euch aber: Es ist eines so klar wie das andere. Aus eben diesem Grunde kann nichts Unreines in das Reich Gottes eingehen; denn die Himmel sind das Zentralregiment des Herrn. Sie sind in ihrer Art vollkommen eins mit dem Willen des Herrn; und würde jemand in den Himmel gelangen, der da nicht eins wäre mit dem Willen des Herrn vollkommen, so würden dieses sobald alle Schöpfungsgebiete wahrnehmen. Denn solches würde allerlei Unordnung in der Schöpfung hervorrufen, und tausend der grimmigsten Höllen würden in all ihrer freien Wut nicht einen solchen Schaden anrichten als ein einziger unordentlicher Geist im Reiche Gottes!

[GS.02_018,07] Solange ihr unter der Führung anderer Geister bloß passive Betrachter der geistigen Verhältnisse waret, so lange konntet ihr freilich wohl mit euren Gedanken wechseln, wie ihr wolltet; und es blieb dennoch alles, wie ihr zu sagen pflegt, beim alten. – Jetzt aber seid ihr aktive Betrachter der geistigen Verhältnisse, d.h. ihr betrachtet nicht Dinge, die in meiner Sphäre sind, also nicht auf meinem Grund und Boden, sondern ihr betrachtet nun selbst als Geister Dinge eurer Sphäre. Ihr waret früher Gäste eines andern Bruders und durftet euch nicht entfernen von ihm, wolltet ihr genießen in Seinem Hause; jetzt aber bin ich euer Gast, und ihr könntet mich herumführen, wo ihr wolltet.

[GS.02_018,08] Aber, wie gesagt, es kommt darauf an, daß ihr eure Gedanken fest haltet, also eure Schöpfung fixieret; sonst stehen wir alle drei sogleich wieder in unserem früheren Dunste.

[GS.02_018,09] Als euch ehedem mein Bruder herumgeführt hat in seiner Sphäre, da mußte er ebenfalls seine Schöpfung festhalten; sonst hättet ihr gar wenig zu sehen bekommen. Dieses aber ist dem reinen vollkommenen Geiste ein leichtes, weil er seine Willenskraft vollkommen aus dem Herrn hat. Ihr habt euren Willen zwar auch aus dem Herrn, aber er ist noch nicht fest und vollkommen genug, um ihn gleich den vollkommenen Geistern allenthalben fixieren zu können. Darum aber sagte ich euch nun auch dieses, damit ihr wisset, wie man im Geiste lebt und den Schatz der Kraft seines Geistes erhält.

[GS.02_018,10] Wenn jemand auf dem Erdkörper lebt und will sein Eigentum erhalten, so muß man es wohl verwahren, damit nicht Diebe und Räuber es verderben und wegnehmen, was man besitzt. – Hier ist es eben also; Diebe und Räuber sind wankelmütige, begierliche Gedanken im Geiste. Wer diesen nicht alsogleich feste Schutzmauern setzt, der verliert bald gar leicht das schöne Eigentum seines Geistes.

[GS.02_018,11] Also sagte auch der Herr: „Wer da hat, dem wirds gegeben, daß er in der Fülle haben wird; wer aber nicht hat, dem wird genommen, was er hat, oder er wird das, was er hat, verlieren." – Was ist aber, das jemandem genommen werden kann, das er nicht hat, und jemandem gegeben werden, das er hat, um es dann zu besitzen in der Fülle? – Es ist des Geistes vereinte Willenskraft in dem Herrn! Wer sie hat, der wird dadurch endlose Reichtümer finden in seinem Geiste und dann im Besitze der Kraft und der Güter sein, und das ist ein Besitz in der Fülle.

[GS.02_018,12] Wer aber diese mit dem Herrn vereinte Willenskraft im Geiste nicht hat, was wird dessen Los wohl sein, da es hier für niemand einen andern Besitz gibt, als den höchst eigenen aus sich? Ich sage euch: Das Los eines solchen Geistes wird kein anderes sein als die entweder plötzliche oder sukzessive Verarmung; denn so jemand von euch einen Rock haben will, ist aber selbst kein Schneider, so muß er zu einem Schneider gehen, damit ihm dieser einen Rock mache. Wenn es aber keinen Schneider gäbe, oder wenn man aus einem Orte alle Schneider vertriebe und auch niemand sich selbst einen Rock machen könnte, so dürfte es doch ein wenig künstlich hergehen, um zu einem Rocke zu gelangen.

[GS.02_018,13] Seht, also ist es auch hier der Fall; der Herr schuf den Menschen nach Seinem Ebenbilde und hat ihn mit werktätig schöpferischer Kraft ausgerüstet. Diese aber hat Er nur wie ein Samenkorn in ihn gelegt. – Ihr saget aber selbst schon und wißt es aus der Schrift, da es heißt: „Und die Werke folgen ihnen nach."

[GS.02_018,14] Wenn also, so kann ein unfester, kraft- und werkloser Geist, der sich nie in irgendeiner Festigkeit versucht hatte, ja doch im reinen Geisterreiche unmöglich anders als ganz leer ankommen. Wie vieles aber daran liegt, daß der Mensch festen, unwankelhaften Geistes sei, zeigt der Herr bei verschiedenen Gelegenheiten.

[GS.02_018,15] Er begünstigt Petrum wegen der Festigkeit seines Glaubens; wieder heißt Er den einen klugen Mann, der auf einen Felsen baut, wieder spricht Er von Johannes dem Täufer, daß er kein Rohr ist, das von dem Winde hin und her bewegt wird. Gar oft spricht Er: „Es geschehe dir nach deinem Glauben; dein Glaube hat dir geholfen!" – Also spricht Er auch offenbarlich aus, indem Er sagt: „Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist", wodurch Er ebenfalls sagen will, daß sie, nämlich zu denen Er gesprochen hat, einen Gott gleich festen Willen haben und sich durch nichts aus der festen Richtung ihres Geistes bringen lassen sollten. Also preiset Er auch die Macht des festen Geistes mit folgenden Worten an:

[GS.02_018,16] „So ihr Glauben hättet wie ein Senfkörnlein groß, so könntet ihr zu diesem Berge sprechen: Hebe dich von hinnen und stürze ins Meer! – Es wird geschehen nach eurem Glauben."

[GS.02_018,17] Aus diesen wenigen angeführten Texten, dergleichen es noch eine Menge gibt, könnet ihr aber auch schon hinreichend klar entnehmen, worauf es vorzugsweise im Reiche der Geister ankommt.

[GS.02_018,18] Ich sage euch aber noch hinzu, was euch vielleicht etwas sonderbar vorkommen wird, und dennoch ist es die unbestechlichste Wahrheit. Wenn die Menschen auf der Erde wüßten, worauf es ankommt, um in ihrem Wollen etwas zu effektuieren, so würde gar manches Wunderbare geschehen; aber die Menschen wissen zum größten Teile ja kaum, daß sie einen Geist haben, weil dieser bei ihnen schon lange von ihrer Materie aufgesogen worden ist. Woher sollen sie es dann wissen, was in ihrem Geiste liegt?

[GS.02_018,19] Euch aber, die ihr nun den Geist schon ein wenig habt kennengelernt, kann ich es nun schon ein wenig kundgeben, worauf es hauptsächlich ankommt, um eben aus dem Geiste mächtig, unfehlbar, bestimmt und wahrhaft wunderbar zu wirken.

[GS.02_018,20] Worauf kommt es denn eigentlich an? – Höret, ich will euch dafür ein kleines Rezeptchen geben. Nehmet davon alle Morgen und Abende einen guten Eßlöffel voll ein, und ihr werdet euch überzeugen, daß dieses Rezept ein wahrhaftiges Wunder-Arkanum ist.

[GS.02_018,21] Die erste Spezies besteht darin, daß man sich gleich nach dem Erwachen mit dem Herrn durch die Liebe in Seinem Willen vereint; solches muß auch abends geschehen. – Wenn dann jemand etwas möchte, so habe er acht auf den ersten Gedanken; das ist die zweite Spezies. Diesen halte er nun augenblicklich fest und vertausche ihn um alle Weltreichtümer nicht mehr mit einer zweiten.

[GS.02_018,22] Hat er solches getan, dann bitte er den Herrn, daß Er Sich möchte mit Seiner unendlichen Stärke vereinen mit der Schwäche des eigenen Willens, erfasse den Herrn dabei abermals mit seiner Liebe, – das ist die dritte Spezies. Ist solches in aller wankellosen Festigkeit geschehen, dann geselle er zu diesen drei Spezies noch eine vierte hinzu, und das ist der fixiert feste Glaube.

[GS.02_018,23] Wenn diese vier Spezies beisammen sind vollkommen, so ist die Wundermedizin auch schon fertig.

[GS.02_018,24] Wer es nicht glauben will, der wird in sich wohl schwerlich die Probe ausführen können; wer es aber glaubt, der gehe hin und tue desgleichen, und er wird sich überzeugen von der vereinten Kraft des Herrn in seinem Geiste. – Dieses Geheimnis mußte ich euch hier mitteilen, weil es hier am rechten Platze ist.

[GS.02_018,25] Ihr wisset demnach nun auch, was ihr hier auf dieser unserer Welt zu tun habt, damit wir weiterkommen; ein Gedanke, eine feste Bestimmung, und wir werden den Ort vor uns haben, dahin wir wollen.

[GS.02_018,26] Dieses Geheimnis aber, das ich euch nun kundgegeben habe, gilt für alle naturmäßige wie für alle geistige Welt; denn es ist ganz dasselbe, welches der Herr und alle Seine Apostel und Jünger gelehrt hat, und zwar bei der Gelegenheit, da Er sagte: „Ohne Mich könnt ihr nichts tun; mit Mir aber, versteht sich von selbst, alles!"

[GS.02_018,27] Und weiter, da Er sagte: „Um was ihr immer den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das wird Er euch geben." – Hier hat der Herr in der Bitte keine Ausnahme gesetzt, indem Er sagte: „um was immer."

[GS.02_018,28] Also zeigte Er auch: Wenn zwei oder drei in Seinem Namen versammelt sind, so wird Er mitten unter ihnen sein; und um was sie da bitten werden, wird ihnen gegeben. – Der Verfolg dieser Weltbereisung wird jedoch, wie schon bemerkt, euch noch so manches verborgene Geheimnis lichten. Der neue Ort aber steht schon vor uns; also wollen wir ihm uns nahen! –

 

19. Kapitel – Ein neuer Ort – Herrlicher Prachtbau auf einer Anhöhe.

[GS.02_019,01] Ich sollte euch zwar fragen, wie euch dieser neue Ort gefällt. Allein, da ich nun auf eurem Grund und Boden mit euch einhergehe, so kann ich solches aus der guten Ordnung der Dinge nicht wohl tun, indem doch der Fremdling, so er zu einem Hausbesitzer kommt, denselben nicht fragen kann, wie ihm sein Eigentum gefalle; wohl aber kann der Hausbesitzer solch eine Frage an den Fremdling stellen. Doch ihr möget mich hier noch nicht fragen um solches, da ihr selbst noch stark Fremdlinge in eurem Eigentume seid; daher muß ich denn doch die Ordnung umkehren und euch die Frage geben, die ihr eigentlich mir geben solltet.

[GS.02_019,02] Dies wäre einerseits wohl gut; aber ich sehe einen anderen Haken, und dieser besteht in der noch sehr mangelhaften geistigen Beschauung in euch, deretwegen ihr auf meine Frage eben nicht die ersprießliche Antwort zuwege bringen dürftet. – Was wird denn da wohl zu tun sein? Wir wollen gleich einen Mittelweg finden, auf welchem wir uns darüber verständigen werden, und dieser Weg wird darin bestehen, daß wir die Frage ganz weglassen und sodann zu einer beschaulichen Erörterung übergehen.

[GS.02_019,03] Nun sehet denn, dieser neue Ort ist fürwahr noch um bedeutendes herrlicher als es der erste war. Auf einer ziemlichen Berghöhe steht ein überaus prachtvolles Gebäude. Die Wände sind von lauter durchsichtigem Golde, die Säulengänge vor den Wänden bestehen aus diamantenen und Rubinensäulen, das Dach des überaus großen Gebäudes bildet eine Kaiserkrone, welche mit großen, allerfeinsten Edelsteinen besetzt ist.

[GS.02_019,04] Von der Ebene den Berg hinan bis zum ersten Säulengange führt eine breite Stiege, deren Staffeln aus undurchsichtigem Golde angefertigt sind. Die Geländer beiderseits der Staffeln bestehen aus lauter Pyramiden, welche von Spitze zu Spitze mit Ketten von rotem Golde miteinander verbunden sind.

[GS.02_019,05] In der Mitte einer jeden Pyramide ist ein weißer, runder Sonnenstein eingefügt, welcher im Ernste einen unbeschreiblich schönen Glanz von sich wirft; und zwischen je zwei Pyramiden hinter der Kette steht ein prächtig ausgewachsener Pappelbaum, dessen Blätter wie mit Gold eingefaßte grüne allerfeinste Sammetstreifchen spielen, und ein Baum ist so groß wie der andere.

[GS.02_019,06] Und zugleich bemerke ich auch, daß über die breite Treppe herab noch obendrauf drei bei einer Klafter breite Sammetstreifen, zwei von grüner und in der Mitte ein einzelner von der schönsten roten Farbe, also gezogen sind, daß sie sich in den Staffeln gehörig fest anliegend stufenmäßig mit den Staffeln selbst einfurchen.

[GS.02_019,07] Diese Treppe geht nicht in einem Zuge von Staffel zu Staffel fort, sondern wie ich bemerke, so hat sie von je dreißig zu dreißig Staffeln einen sehr geräumigen Absatz, über welchem sich obendrauf noch ein herrlicher Triumphbogen angebracht befindet. Der Triumphbogen besteht, wie ich sehe, über die ganze Breite der Stiege aus je dreißig diamantenen Säulen, welche zu oberst mit Bögen aus den überaus stark von selbst leuchtenden Sonnensteinen verbunden sind.

[GS.02_019,08] Über den Bögen aber ist erst eine Galerie angebracht, auf welcher sich gar herrlich herumwandeln lassen muß. Und wie ich bemerke, so ist die Galerie abwechselnd aus lauter Rubinen und Smaragden erbaut. Fürwahr, das will ich doch eine wahrhaft sonnenkaiserliche Pracht nennen!

[GS.02_019,09] Und da sehet nur wieder noch einmal hin; der ganze vollkommen runde Berg, der da einer ziemlich flachen, aber zu oberst stumpfen Pyramide gleicht, ist an seinem Fuße von einem herrlichen bei hundert Klaftern breiten Wasserkanale umgeben. Der ganze Kanal ist künstlich angelegt und durch und durch gepflastert mit dem feinsten weißen Marmor, und die beiden Ufer sind mit goldenen Geländern eingefaßt. Die Wege zu beiden Seiten des Geländers sind blank gepflastert mit Jaspis, und der Weg ist an der Seite, welche vom Kanale abgewendet ist, mit den herrlichsten Fruchtbäumen besetzt.

[GS.02_019,10] Hier, wo die Treppe oder die Stiege über den Berg hinaufgeht, ist eine überherrliche Brücke aus rotem Marmor angefertigt. Das kunstvoll mit Zieraten versehene Geländer besteht aus weißem Golde, und seine Zieraten sind besetzt mit vielen und kostbaren Edelsteinen. Aber das Herrlichste sind die spitzigen Obelisken, ein jeder aus der Mitte des Wassers im Kanale bei dreißig Klaftern hoch emporgehend. Der Obelisk ist aus Topas, und in der Höhe schießt ein noch einmal so hoher Wasserstrahl empor und fällt in zahllosen strahlenden Perlen wieder in den weiten Kanal herab. Und da sehet ins Wasser, wie dasselbe belebt ist von allerlei strahlenden Fischchen; fürwahr, das ist eine große Pracht!

[GS.02_019,11] Wir wollen uns aber nun über die Stiege hinaufbegeben und unser prachtvolles Gebäude auf dem Berge in einen näheren Augenschein nehmen. Über diese Stiege geht es sich wirklich sehr bequem und sanft. Da sehet nur wieder einmal her, wir haben die erste Ruhestelle erreicht.

[GS.02_019,12] Blicket auf den Boden; sein Grund ist blau, und in diesem blauen Grunde sind weißglänzende Sterne eingelegt, und die außerordentliche Reinlichkeit übertrifft ja alles, was man sich nur denken kann!

[GS.02_019,13] Gehen wir weiter; da sehet die zweite Ruhestelle. Diese hat einen grünen Bodengrund wie aus einem Stück poliertem Smaragde, und aus seiner Oberfläche erglänzen in der schönsten Ordnung rosenrote Sterne.

[GS.02_019,14] Gehen wir aber nur weiter; da sehet die dritte Ruhestelle. Der Boden ist rot wie Karmin, aber glänzend wie Rubin, und in der schönsten neuen Ordnung erglänzen auf seiner Oberfläche hellgrüne Sterne. Gehen wir noch weiter; da ist schon die vierte Ruhestelle. Sehet diesen Boden an; er ist violett wie aus Amethyst, und in seiner Oberfläche erglänzen in der schönsten Ordnung lichtblaue Sterne.

[GS.02_019,15] Gehen wir wieder weiter; da ist schon die fünfte Ruhestelle. Da sehet den Boden; er ist gelb wie ein Topas, und von seiner Oberfläche erglänzen karminrote Sterne. Gehen wir aber nur weiter; da seht, wir sind an der sechsten Ruhestelle. Der Boden ist dunkelgrün, und die Sterne, die von seiner Oberfläche erglänzen, schillern mehrfarbig wie geschliffene Diamanten.

[GS.02_019,16] Gehen wir aber nur weiter; da ist schon die siebente Ruhestelle. Da seht einmal diesen Boden an; dunkelrot wie der Sammet eines Kaisermantels, und dunkelorangegelbe Sterne glänzen beinahe unerträglich stark auf seiner Oberfläche und geben dem roten, durchsichtigen Boden eine ganz sonderbar geheimnisartige Beleuchtung. – Nein, ich muß es sagen, ich hätte alles eher erwartet, als eine solche Pracht in euch. Es gibt noch eine Menge solcher Ruheplätze über uns hinauf; es dürften deren wohl noch bei dreiundzwanzig sein.

[GS.02_019,17] Doch gehen wir nun alle in einem Zuge durch, denn ich bin beinahe schon müde geworden von der Anschauung der großen Pracht. – Wir haben nun einen schnellen Zug gemacht und stehen unter dem ersten Bogengange, welcher mit lauter diamantenen Säulen unterstützt ist.

[GS.02_019,18] Betrachtet einmal diesen Gangboden zwischen den Säulen; er bildet einen hellstrahlenden Regenbogen, und eine jede Farbenlinie ist mit entsprechend hellglänzenden Sternen besetzt. Fürwahr eine überhimmlische Pracht!

[GS.02_019,19] Und da sehet, außerhalb dieses Bogenganges, mehr dem Gebäude zu, erhebt sich eine allgemeine Rundtreppe, bestehend aus dreißig Staffeln. Diese sind aus lauter Smaragd und sind abermals eingelegt mit hellrot glänzenden Sternen und seht, oberhalb dieser dreißig allgemeinen Rundstaffeln befindet sich schon wieder ein zweiter Bogengang, unterstützt mit Säulen von dem allerkostbarsten glänzenden Sonnensteine. Die Bögen über den Säulen sind aus lauter Rubinen und das Geländer über den Rubinbögen aus grünem Golde. Und da seht den Boden an; dieser ist von himmelblauer Farbe wie aus gleichfarbigen Hyazinthen zusammengefügt und ist abgeteilt in sieben Reihen nacheinander fortlaufender rot und grün glänzender Sterne.

[GS.02_019,20] Wir sind diesen Bogengang hindurch. Da sehet, abermals eine Rundstaffelei, bestehend aus wieder dreißig Staffeln, über welche man auf das weite Plateau des Berges gelangt, auf dem das eigentliche Prachtwohngebäude erbaut ist. Die Staffeln sind ebenfalls aus Hyazinthsteinen angefertigt und sind auch durch und durch mit rot und grün leuchtenden Sternen geziert.

[GS.02_019,21] Nun sind wir erst auf dem eigentlichen Hauptplateau, aber da seht einmal diese Pracht an! Das Plateau, so eben und glänzend wie die Fläche eines geschliffenen Diamanten, ist von azurblauer Farbe und ist in wunderbar schönen Reihen besetzt mit verschiedenfarbig glänzenden Sternen. Es hat von diesem Rande bis zum Hauptgebäude hin einen Durchmesser von noch hundert Klaftern. Fürwahr, diese Pracht ist beinahe unaussprechlich zu nennen!

[GS.02_019,22] Aber jetzt sehet erst einmal das Hauptgebäude an! Es ist ein Rundgebäude aus drei Stockwerken bestehend, davon ein jedes eine Höhe von dreißig Klaftern hat, und die Wände bestehen aus lauter aneinandergereihten Säulen. Ein jedes Stockwerk erglänzt in einer andern Farbe, und die Stockwerke sind durch die herrlichsten Galerien nach außen hin voneinander unterschieden.

[GS.02_019,23] Und da sehet, innerhalb der Säulenreihen ist erst eine kontinuierliche Wand erbaut von dem allerkostbarsten weißen, von selbst leuchtenden Sonnensteine; – die Pracht, die Pracht! Die äußere Säulenwand besteht im ersten Stockwerke aus Smaragd; die Säulenwand des zweiten Stockwerks aus lauter Rubin, die Säulenwand des dritten Stockwerkes aus lauter Hyazinth. Wie herrlich bricht sich da das mächtige Licht der inneren kontinuierlichen Wand durch diese Säulenreihen der äußeren Wand! Man glaubt ja, alle zahllosen Farbenabstufungen im hellsten Glanze zu erschauen. Fürwahr, da ist der Pracht zu viel auf einen Punkt zusammengedrängt.

[GS.02_019,24] Es hat zwar wohl dem Anscheine nach das Gebäude bei siebentausend Klaftern im Umfange, wobei das Auge einen hinreichenden Übersichtsraum gewinnt; aber man wird bei dem überprachtvoll herrlichen Anblicke im Ernste wonnemüde. – Daher wollen wir uns auch sogleich für unsern Hauptzweck in das Innere des Gebäudes begeben und sehen, wie es dort aussieht. –

 

20. Kapitel – Beschreibung der ungeahnten Pracht. – Gleichnis von Winterpracht und Frühlingswärme.

[GS.02_020,01] Da stehen wir schon am Eingangstore; aber wie es mir und sicher auch euch vorkommt, so kommen wir gerade vom Regen in die Traufe. Da seht nur einmal die kaum aussprechliche Pracht des Eingangstores selbst an! Es hat die volle Höhe des ersten Stockwerkes, also eine Höhe von nahe dreißig Klaftern und eine Breite von zwölf Klaftern. Die Seitenpfeiler des Tores sind massive Diamantpflöcke, genau ins Quadrat gezogen, und die Flächen dieser beiden Pfeiler sind noch in drei Reihen nebeneinander mit blauen, roten und grünen Sternen vom hellsten Glanze geziert. Der Bogen dieses Portals ist gezogen aus dem kostbaren weißen Sonnensteine und ist ebenfalls in der schönsten Ordnung geziert mit roten, blauen und grünen Sternen. Über dem Portale, d.h. über dem Bogen desselben, ist noch ein massives Rotgoldgeländer, und zu oberst der Handleiter des Geländers sind in gerechten Entfernungen runde Kugeln von dem allerfeinsten und kostbarsten weißen Sonnenstein gestellt, welche ein außerordentlich schönes weißes Licht von sich strahlen lassen. Die Torflügel sind aus künstlich durchbrochenem feinstem Golde angefertiget und sind mit Kreuzspangen aus weißem Golde überzogen, in welche wunderbar zierlich alle möglichen Gattungen der Edelsteine vom reinsten und schönsten Schliffe eingesetzt sind.

[GS.02_020,02] Das wäre also bloß das Tor. Durch dieses gelangen wir in die wunderschöne Vorhalle, welche zu beiden Seiten mit dreifachen Galerien aus lauter weißen Säulen geziert ist. Die Gänge der Galerien sind mit Geländern von Rubinen und Diamanten versehen. Und sehet nur den Boden der unteren ebenerdigen Galerie. Er ist ein reiner Mosaikboden, in welchem ihr die herrlichsten Girlanden von Blumen hellglänzend eingearbeitet erschauet. Die Farben der Blumen in den Girlanden wechseln bei jeder Wendung und spielen wie ein künstlich gearbeiteter Regenbogen, d.h. wenn es einem Menschen möglich wäre, statt des Regenbogens einen allerverschiedenfarbigsten Blumenkreis zu setzen, in dem die Blumen aber stets also ihre Farben wechselten wie ein wohlgeschliffener Brillant in den Strahlen der Sonne.

[GS.02_020,03] Ja, was saget ihr denn zu dieser unermeßlichen Pracht? Ist das nicht mehr als ein menschlicher Geist auf einmal ertragen kann?

[GS.02_020,04] Aber gehen wir nur hinein in den Mittelraum dieses Gebäudes, von welchem uns schon ganze Ströme von Licht entgegenkommen. Sehet, es ist eine überaus große Rotunde. Der Boden ist azurblau und ist durchgehends besetzt mit den euch wohlbekannten Sternbildern eures sichtbaren Himmels. Die Sterne glänzen aber bei weitem stärker als die, welche ihr zur Nachtzeit schaut von eurer Erde. Die Wände dieser Rotunde bestehen ebenfalls aus drei übereinandergestellten mächtigen Säulenreihen. Die unterste Reihe besteht aus lauter Rubinen, die mittlere Reihe aus lauter Smaragd und die oberste Reihe aus reinstem Hyazinthe. Jede Reihe ist mit weißen Bögen miteinander verbunden, über welchen prachtvollste Galerien aus durchsichtigem Golde angefertigt sind.

[GS.02_020,05] Hinter den Säulenreihen erblicket ihr eine kontinuierliche Wand von einem selbstleuchtenden lichtrosenroten Steine aufgeführt, durch welche Mauerwand verhältnismäßig große Fenster und Türen auf die herrlichen Galerien führen.

[GS.02_020,06] Aber nun hebet eure Augen noch höher zum Plafond dieser Rotunde empor! Sehet, er ist nichts anderes als die wunderherrliche große Kuppel, welche wir schon von außen her als eine großartige Kaiserkrone erschaut haben, besetzt mit den prachtvollsten und von selbst glänzenden Edelsteinen dieses Zentralsonnen-Weltkörpers, welche Edelsteine nach der innern Rotunde herab ein wunderbares Licht verbreiten.

[GS.02_020,07] Was steht aber da in der Mitte der Rotunde? Sehet, es ist schon wieder ein Altar, und zwar aus einem Rubinstücke, in welchem in den schönsten Kreisen weißglänzende Sterne eingesetzt sind. Auf dem Altare erblicken wir abermals Holz quer übereinandergelegt. Wir dürfen nicht lange fragen: wozu dieses? sondern uns nur an unseren früheren Palast zurückerinnern, und die Antwort ist schon fertig.

[GS.02_020,08] Ich sehe aber nun etwas in euch, und dieses lautet also: Unaussprechlich verschwenderisch ist die endlos reiche Pracht dieses Palastes. Fürwahr, wenn so etwas auf der Erde darstellbar wäre, so würden sich davor sogar die größten Kaiser und Könige allzugering fühlen, um Herren einer solch endlosen Pracht zu sein, sondern sie würden solch einen Palast zu einem allgemeinen Tempel des Herrn ehrfurchtsvollst weihen. – Ja, also ist fürwahr diese endlose Pracht selbst für den kühnsten Geist zur Beschauung völlig unerträglich.

[GS.02_020,09] Aber bei dieser Pracht vermissen wir denn schon wieder gerade die Hauptsache, nämlich die Menschen. – Ohne solche ist die größte Pracht tot, und wir können ihr kein inneres Wohlgefallen abgewinnen. Wir können wohl sagen: Unendlich groß ist die wunderbare Macht und Weisheit des Herrn, der allein nur solche Herrlichkeiten gestalten kann. Sollten wir sie aber genießen ohne Brüder und Schwestern, da wäre uns die gemeinste Erdhütte mit Brüdern und Schwestern ums Unaussprechliche lieber.

[GS.02_020,10] Ja, meine lieben Brüder und Freunde, ihr urteilet zwar nach einem guten und richtigen Gefühle; wißt ihr aber auch, worin solches liegt, daß ihr allezeit eher die Wohnungen der Menschen erschauet als die Menschen in den Wohnungen selbst?

[GS.02_020,11] Sehet, das hat darin seinen Grund, weil ihr als noch naturmäßige Menschen um gute zwei Dritteile mehr an der Materie als an dem inwendigen Geistigen hänget. Diese Materie aber ist tot, weil gerichtet, damit sie sich formen lasse. Darum denn erschauet auch ihr aus eurer naturmäßigen Sphäre dasjenige, was mit ihr verwandt ist.

[GS.02_020,12] Wolltet ihr das Lebendige sehen, da müßtet ihr die zwei Drittel durchbrechen und schon wieder in das Zentrum der Liebe greifen, allwo das Leben zu Hause ist. Sodann wird das Holz auf diesem Altare zu brennen anfangen, und wir werden uns sogleich überzeugen, daß die Hallen und Gemächer dieses großen Palastes nicht so unbelebt sind, als es euch auf den ersten naturmäßigen Anblick vorkommt.

[GS.02_020,13] Ihr fraget hier, warum denn hier allezeit die Entzündung des Holzes auf dem Altare zum Behufe der beschaulichen Gewahrwerdung der Menschen, welche solch einen Palast bewohnen, vonnöten ist?

[GS.02_020,14] Ich sage euch: Um diesen Grund einzusehen, gibt es ja auf der Erde schon eine Menge Beispiele. Ich will euch nur ein paar zeigen, und ihr werdet sogleich klüger werden.

[GS.02_020,15] Sehet an die große Pracht eines Wintertages und auch einer hellen Winternacht. Die ganze weite Oberfläche der Erde ist mit zahllosen Diamanten überstreut, welche beim Lichte der Sonne wie zahllose Sterne widerstrahlen und das Auge des Beschauers vor übermäßigem Lichtglanze beinahe erblinden machen. Die Äste der Bäume sind mit lauter Diamantkristallen besetzt, und zu einer reinen Nachtzeit funkeln die Sterne am Himmel in vervielfachter Glanzpracht. Aber wenn ihr hinschauet über diese von zahllosen Diamanten schimmernde weite Fläche, so ist sie wie tot, denn das Leben sucht warme Gemächer und mag sich nicht belustigen an dieser kalten, erstarrten Pracht. Wenn aber im Frühjahre der Sonne Strahl nicht nur Licht, sondern auch Wärme zu spenden anfängt, da vergeht die große Pracht der Erde; aber dafür ersteht aus den inneren Gemächern als sich vor der kalten Pracht zurückgezogen habende Leben. Dieses Leben verzehrt die Pracht des Winters und schafft sie neu um in eine viel herrlichere.

[GS.02_020,16] Ihr brauchet bei diesem Beispiele nichts hinzuzusetzen als das, daß die Wärme gleich ist der belebenden Liebe, welche Wärme hervorgeht aus der Mitte der Sonne; so werdet ihr die Sache gar leicht verstehen, warum hier auf diesem Altare das Holz zuvor durch eure Liebe entzündet werden muß, bevor ihr die lebendigen Bewohner dieser Pracht erschauen möget.

[GS.02_020,17] Ein zweites Beispiel könntet ihr bei zwei Menschen auf der Erde noch werktätiger erschauen. Sehet dort z.B. einen Palast, diesen bewohnt ein alles Menschengeschlecht verachtender Geizhals. Gehet hin; nicht einmal gar zu viele Fliegen werdet ihr um diesen Palast herumfliegen sehen, geschweige denn erst Menschen. Warum sieht es denn hier so leer aus? Weil keine Liebe im Hause ist.

[GS.02_020,18] Gehet aber hin zu einem andern auch recht schönen Wohnhause; dieses bewohnt ein wohlhabender großer Menschenfreund. Sehet, da wimmelt es von Menschen, alt, jung, groß und klein; die Bäume sind belebt von Vögelein, die Dächer des Hauses von Tauben, der Hof vom Geflügel und anderen nützlichen zahmen Haustieren; auch für die Fliegen gibt es hier immerwährend etwas zu naschen, und alles, was ihr nur anschauet, ist fröhlich und heiteren Mutes. Ja, warum ist es denn hier so lebendig? Weil im Hause die Liebe wohnt! Die Wärme der Liebe ist fühlbar in weite Entfernung hin und zieht alles an sich.

[GS.02_020,19] Ich meine, aus diesen zwei Bildern werdet ihr noch leichter erschauen, warum wir hier eben das Holz anzünden müssen, bevor sich um uns das Leben dieses Palastes wird zu sammeln anfangen. Erfasset somit eure Liebe zum Herrn und zu allen, die aus Ihm hervorgegangen sind; und das Holz wird brennend werden, und wir werden gar bald umlagert sein von Tausenden der Menschen, die da allezeit bewohnen diese prachtvolle Wohnstätte.

 

21. Kapitel – Die Liebe setzt das Holz auf dem Altar in Flammen.

[GS.02_021,01] Ihr habt getan, was ich euch geraten habe; und sehet, schon ergreift eine herrliche Flamme, glänzend wie ein Morgenrot. den Holzstoß auf dem Altare, und ein unbeschreiblich hoher Wohlgeruch erfüllt die überherrlichen Hallen und Galerien dieses großen Palastes.

[GS.02_021,02] Aber nun sehet auch hinauf auf die Galerien, wie es von Menschen zu wimmeln anfängt; und alles eilt herab in die große Rotunde!

[GS.02_021,03] Sehet einmal diese Menschen an, von welch unbeschreiblicher Schönheit sie sind! Die Weiber, als wären sie vom feinsten ätherischen Lichtstoffe geformt, und die Männer sehen wie Feuerflammen aus, die sich ergriffen hätten zu einer wunderherrlichen, liebernst-majestätischen Menschenform.

[GS.02_021,04] Nun sehet, es kommt aus der großen Menge dieser herrlichen Menschen schon wieder ein Ältester hervor und trägt wie einen Herrscherstab in seiner Hand. Seine Haare sind so weiß wie frisch gefallener, von der Sonne beschienener Schnee und wallen in reichen Locken den halben Rücken hinab. Sein Bart, ebenfalls so weiß, krauset sich bis über den Unterleib; seine Größe ist ehrwürdig erhaben vor der Größe der andern Menschen. Nach eurem Erdmaße dürfte er wohl bei sieben Schuh haben.

[GS.02_021,05] Ihr möchtet wohl wissen, warum er einen Stab trägt? Ist er vielleicht ein Herrscher oder sonst etwas Erhabenes vor seinen Mitmenschen? Ich sage euch: Er ist bloß ein Ältester und hat das Ansehen eines Patriarchen. Unter ihm stehen hier bei tausend solcher Paläste, wie wir einen schon vorher gesehen haben, und er ist somit auch ein Ausbund von Weisheit.

[GS.02_021,06] Wenn die Menschen in den untergeordneten Wohnungen irgendeines hohen Rates bedürfen, so kommen sie zu ihm. Aber er sendet niemals etwa Boten aus, um die Untergeordneten in einem oder dem andern Fache der Weisheit zu unterweisen. Denn hier gilt der Grundsatz der vollkommenen Freiheit allein; und diese darf nie eigenmächtig weder durch Wort noch Tat gefährdet werden. Daher können hier die Bewohner der anderen untergeordneten Paläste in Berücksichtigung auf diesen Hauptpalast tun unter sich, was sie wollen.

[GS.02_021,07] Nur darf sich niemand wagen, feindlich in das weite Territorium dieses Palastes zu treten. Würde solches geschehen, dann würde auch sogleich der mächtige Patriarchenstab in eine durch den Willen des Patriarchen mächtige Bewegung gesetzt werden. Dergleichen jedoch ist auf dieser Zentralsonnenwelt nicht leichtlich denkbar, obschon es gerade nicht außer der Möglichkeit ist. Denn ein jedes untergeordnete Haus besitzt ebenfalls fürs erste alle erdenklichen Reichtümer, Pracht und Schätze aller Art; dazu hat noch ein jedes Haus für sich allzeit einen weisen Ältesten, wie ihr schon einen habt kennengelernt, und somit ist von einer Feindseligkeit schwerlich je eine Rede.

[GS.02_021,08] Ein einziger Umstand nur ist vorhanden, der manchmal ein wenig bedrohlich auszusehen anfängt; und das ist die mächtige Weiberliebe der Bewohner dieser Zentralsonnenwelt.

[GS.02_021,09] Die Weiber solch eines Hauptpalastes sind, wie ihr sehet, aus so manchen Rücksichten ums Bedeutende schöner als die der untergeordneten Paläste. Es verhält sich diese Sache beinahe also, wie bei euch auf der Erde, da auch, im letzteren Falle versteht sich von selbst, das Weibervolk eines gebildeten reichen Hauses, wie auch einer ganzen besseren Stadt schöner und reizender ist als das des Landmannes, welches natürlicherweise durch eine geringere Bildung des Geistes und durch die mannigfache Verkümmerung an Liebreizen durch die schwere Handarbeit jenem nachsteht. Wenn bei euch ein rüstiger Landmannssohn sich in so einem reichen, ansehnlichen und wohlgebildeten Stadtvaterhause ein Weib holen dürfte, da ließe er sicher sein Landweibervolk sitzen. Die Ursache, warum, ist mehr als mit Händen zu greifen.

[GS.02_021,10] Ein ähnlicher Fall kann sich denn auch hier ereignen, und das beinahe leichter als auf der Erde. Wenn so die Jünglinge zufolge ihrer Freiheit dann und wann so einen Hauptpalast besuchen und nicht selten allda der ätherischen weiblichen Schönheiten gewahr werden, dann fängt es sie an, ganz gewaltig lüstern zu jucken, und sie möchten dann alles aufs Spiel setzen, um in den Besitz einer solchen unaussprechlichen Schönheit zu gelangen. – Es ist aber eine Frage, ob sie so etwas nicht auf einem gerechten Wege erreichen können? Auch das können sie beinahe auf dieselbe Art, wie solches auf der Erde nicht selten der Fall ist.

[GS.02_021,11] Wie kann sich aber auf der Erde der Sohn eines sogenannten gemeinen Landmannes zum Besitze einer ausgezeichneten Tochter eines vornehmen Stadthauses verhelfen? – Durch geistigen Fleiß! Ein solcher Landjunker durchläuft mit allem Fleiß die wissenschaftliche Bahn, zieht dann durch seine eminenten Fähigkeiten die Aufmerksamkeit des Landesherrn auf sich. Dieser macht ihn zu einem hohen Beamten, und unser ehemaliger Bauernjunker kann nun als ein bedeutender Herr mit dem ruhigsten Gewissen von der Welt in einem solchen vornehmen Hause anklopfen, und man wird ihm nicht den Riegel vor die Türe schieben. Das ist ein Weg.

[GS.02_021,12] Ein anderer Landjunker wird in bedenklichen Zeiten zwar zum Soldatenstande genommen, welcher Stand sich freilich wohl für das Reich der Himmel in einem sehr umgekehrten, unvorteilhaften Maßstabe verhält. Aber wenn es eine allgemeine Not erfordert, so kann er auch gerecht sein, also wie er es war zu den Zeiten Davids.

[GS.02_021,13] Wenn dann ein solcher zum Soldatenstande gestellter Bauernjunker sich als Vaterlandsverteidiger durch Tapferkeit und Umsicht auszeichnet, so wird er in kurzer Zeit von seinem Könige oder Kaiser selbst zur Würde eines Feldherrn erhoben. Als solcher darf er dann in gräflichen und fürstlichen Häusern anklopfen, und man wird dem Günstlinge des Kaisers mit offenen Armen entgegenkommen, der von Geburt nichts als ein einfacher Bauernsohn ist.

[GS.02_021,14] Sehet, auf beinahe dieselbe Weise geht es auch hier. Auf dem einfachen Begehrungswege ist freilich wohl nichts zu erreichen; aber auf dem Wege des Verdienstes durch einen entschiedenen Grad von hoher Weisheit kann sich ein jeder Mensch der unteren Ordnung in den Besitz einer solchen ätherischen weiblichen Palast-Schönheit bringen.

[GS.02_021,15] Worin bestehen aber diese Verdienste? Ihr dürfet nur die Pracht der Gebäude ein wenig betrachten, und ihr werdet doch gar leicht zu dem Schlusse kommen und sagen: Wenn diese Gebäude von Menschenhänden aufgeführt werden, so müssen die Menschen im Fache der Kunst in baulichen Dingen, wie auch im Fache von allerlei Manufaktureien überaus große Meister sein. Ja, also ist es auch; was ihr immer hier sehet und antreffet, ist alles ein Werk menschlicher Hände, und da sie auf diesem Weltkörper des edlen Materials in großer Menge besitzen, bieten sie auch alles Erdenkliche auf, ihre Wohnstätten so wunderherrlich als nur möglich zu machen.

[GS.02_021,16] Wenn jemand aus seiner Weisheit etwas Bedeutendes erfunden und zuwege gebracht hat und bringt es dann vor den Rat der Ältesten eines Hauptpalastes und wird da sein Werk als etwas Besonderes gewürdiget, so wird er mit der Würde eines Meisters in seiner Sache belehnt. Hat er dann dazu auch für den Glanz des Hauptpalastes etwas durch sein Talent bewirkt und bewerkstelligt, so darf er dann schon mit dem besten Gewissen im Hauptpalaste anklopfen, und er bekommt ein ihm wohlgefälliges Weib.

[GS.02_021,17] Das ist dann aber auch schon der höchste Lohn, den ein solcher Weisheitsmeister in seinem Fache erlangen kann. Er verlangt aber auch keinen höheren; und ich bin der Meinung, insoweit ich euch kenne, ihr gäbet für einen solchen Preis ein ganzes Kaisertum her. – Einem solchen beglückten Weisheitsmeister in seinem Fache aber werden dann auch zufolge solch einer Beglückung ganz außerordentliche Vorteile zuerkannt. Fürs erste bekommt er einen eigenen Grund und Boden, welchen für ein gewisses Territorium nur der Älteste des Hauptpalastes zu verleihen hat. Auf diesem neuen Grunde kann er sich dann einen neuen Palast nach seinem besten Geschmack erbauen.

[GS.02_021,18] Wie bekommt er aber die Bauleute? Nichts leichter als das; denn zu solch einem Begünstigten drängt sich alles hin und sucht sich bei ihm verdienstlich zu machen, um dadurch in ihm einen begünstigenden Freund und Fürsprecher im Hauptpalaste zu gewinnen, was einigen auch dann und wann zuteil wird.

[GS.02_021,19] Aber eben bei solchen Gelegenheiten gibt es dann auch mehrere, denen solche Begünstigungen aus so manchen Rücksichten nicht zuteil werden können. Die Folge ist dann manchmal eine kleine Erbitterung, und zufolge solcher Erbitterung gesellen sich dann einige Glücks- und Begünstigungslüsterne zusammen und wollen das nicht selten mit Gewalt erreichen, was andere durch ihr Verdienst erreicht haben. Und da gibt es denn so einen kleinen Krieg, der aber allezeit für die Gewaltlinge fruchtlos ausfällt, denn der Palastälteste darf sich nur mit seinem Stabe zeigen, und die Gewalttätigen sind in die Flucht geschlagen.

[GS.02_021,20] Ja, aber warum fürchten sich denn die Gewalttätigen gar so sehr vor dem Stabe? Weil der Stab das Symbol der Willenskraft des Weisen und Ältesten des Palastes ist. Ihr habet die Willenskraft der Menschen schon in der Sonne kennengelernt, und zwar beim naturmäßigen Teile derselben. Diese Willenskraft habt ihr auch in ihrer Vollmacht dort ganz besonders in den Ältesten gefunden.

[GS.02_021,21] In dieser Zentralsonne ist aber eben die Willenskraft noch entschiedener, und die Unterschiede derselben vom Hauptältesten bis zum gewöhnlichen Menschen herab sind eben so merklich, wie da die Unterschiede der Größen zwischen Zentralsonnen, Planetarsonnen, Planeten und ihren Monden es sind; daher denn auch die Willenskraft eines solchen Hauptpalastweisen gar wohl bekannt ist unter all den anderen Menschen, die in seinem Weisheits- und Willensterritorium wohnen. – Wie aber die Weisheit eines solchen Weisen schmeckt, das sollet ihr zu eurem größten Erstaunen sogleich erfahren. –

 

22. Kapitel – Enthüllung der Bedingungen zur Erreichung der Kindschaft Gottes.

[GS.02_022,01] Sehet, er erhebt seinen Stab, was so viel sagen will als: Höret mich an mit der gespanntesten und allertiefsten Aufmerksamkeit! – Nachdem, wie ihr sehet und in euch gar leicht merken könnet, sich alles Volk willig zeigt, aufmerksam zuzuhören, senkt der Älteste seinen Stab und spricht: Meine gesamten Kinder und Sprößlinge meiner Kinder! Ihr seid eingeweiht, und die Führungen des allerhöchsten Gottes, des allmächtigen Schöpfers und Lenkers aller Dinge, sind euch nicht unbekannt. Also seid ihr eingeweiht in die Worte unseres Propheten, der da einst als ein großer Geist einherging im Namen Gottes über die endlos weiten Triften unserer Welt, deren Ende noch keiner ermessen hat, und niemand aus uns weiß, in welche unbegreiflichen Tiefen der Schöpfung ihre Oberfläche dringt.

[GS.02_022,02] Dieser große Geist allein überschritt die Welt von einem Ende zum andern; denn seine Bewegung war gleich der eines zackenden Lichtes, und seine Stimme rollte wie mächtige Donner, und unsere Welt erbebte bis in den innersten Grund, wenn er sprach!

[GS.02_022,03] Seine Worte sind unter uns geblieben, und wir haben sie aufbewahrt in unserer Sternenschrift. Ihr möget gehen und stehen in diesem meinem Hause, wo immer ihr wollt, so wird euch diese Sternenschrift durch ihren hellen Glanz entgegenstrahlen und allezeit von neuem beleben eures Geistes innere Weisheit.

[GS.02_022,04] Wie aber lautet aus den vielen Worten dieses Prophetengeistes ein mächtiger Wink, der hier um den Altar mit den Sternen gezeichnet ist? – Wer von euch kann sagen: Ich kann ihn nicht lesen, denn ich selbst ja habe euch alle die Zeichen der Sterne lesen gelehrt?

[GS.02_022,05] Sehen wir aber hinauf in das endlose, bläuliche Luftmeer, und ihr könnt dort allezeit von dem großen Schöpfer dasselbe gezeichnet finden, was unsere Hand hier nachgeahmt hat. – Wie lautet denn sonach dieser Wink? Höret, ich will ihn euch wiederholen: Inmitten des großen Hofes des Sternenpalastes errichte du Ältester dem einigen Gott einen Altar und lege Holz quer übereinander darauf; das Holz aber sei makellos und vom besten Geruche. Doch sollst du dieses Holz nie mit einem weltlichen Feuer entzünden, sondern ein Feuer aus deinem Gemüte soll dieses Holz zur Flamme bringen. Wenn das Holz aber durch das Feuer des Gemütes wird flammend werden, dann gehe hin und erforsche dich und die Deinen im Lichte dieser Flamme, ob jemand deines Hauses fähig sei, zu betreten die Wohnstätte Gottes. Wer sich fähig fühlt, der trete zum Altare und lese in der Flamme die Bedingungen, die er zu erfüllen hat auf der Welt, die der große Gott für Sich nur und für Seine Kinder geschaffen hat. – Also lautet der Wink.

[GS.02_022,06] Ihr wisset aber alle, wie lange nach unserem genauen Zeitmesser das Holz schon auf dem Altare liegt, und niemand aus uns vermochte es zu entzünden, denn uns allen fehlte es beständig an der Kraft des Gemütes. Wohl weiß ich, daß niemand aus uns nach der Auflegung des Holzes den Altar des Herrn nur mit einer Fingerspitze angerührt hat, und dennoch ist wunderbarerweise nun einmal das geheiligte Holz in den Brand geraten. – Was sollen wir nun tun?

[GS.02_022,07] Ich sage euch: Prüfe sich ein jedes, Mann oder Weib, wie sein Gemüt vor Gott dem Allmächtigen beschaffen ist. Wer aus euch allen hat den Mut, das allerhöchste Wesen Gottes zu erfassen mit seiner Liebe? Wer da vermag alles niederzulegen vor dem Altare und nichts zu behalten denn allein die Liebe seines Herzens zu dem allmächtigen, ewig großen Gott, der trete hervor und versuche zu lesen, was die Flamme zeigt. Fürwahr, wer solches zu tun wird imstande sein, der hat einen großen Weg vor sich, einen Weg von der größten Freiheit bis zur niedrigsten Knechtschaft, einen Weg von diesem vollkommenen Leben durch den Tod, einen Weg von diesem höchsten Lichtgrade in die größte Nacht und durch dieselbe, einen Weg von der größten Seligkeit und Wonne, die wir alle empfinden, in die größte Trübsal, in das größte Elend und in die größte Not, einen Weg von unserem ununterbrochenen Wohlbefinden in und durch einen unerträglichen Schmerz, um auf diesem Wege unsicher zu gelangen in einer nirgends bestimmten Zeit zur Wohnung Gottes. Wohl dem, der diese Wohnung je erreichen kann, wer da werden kann ein Kind Gottes!

[GS.02_022,08] Aber welch ein Weg dazu! Leichter wäre es, unsere Welt, so endlos groß sie auch sein mag, auszuforschen, als zu erreichen dieses allerhöchste Ziel.

[GS.02_022,09] So viel konnte ich euch allen im voraus sagen; wer aber den Mut hat, dem sei dadurch der Weg nicht abgeschnitten, denn wo der Herr, der Allmächtige, das eine tut, da wird Er auch das andere tun.

[GS.02_022,10] Nun sehet, also hat unser Ältester gesprochen. Mit großer Sachkenntnis und tiefer Weisheit hat er seine Worte geführt; daher wollen wir nun achtgeben, welchen Effekt sie bei seinen Kindern und Kindeskindern hervorgebracht haben. Meinet ihr wohl, daß sich bei seiner abschreckenden Reisebeschreibung jemand entschließen wird, den Weg zur Wohnstätte Gottes anzutreten?

[GS.02_022,11] Sehet, kein männlich Wesen will sich diesmal hervortun; aber dort, ein gar wundersam schönes weibliches Wesen tritt hervor und spricht zum Ältesten: Zeuger meines Lebens durch die Kraft Gottes in dir! Meine Brust schwillt auf vor mächtiger Liebe zu dem einigen Gotte, ohne dessen einmal mögliche sichtbare Gegenwart sich nie eine vollkommene Seligkeit denken läßt. Ich möchte zu Ihm, und möchte sein eine allergeringste Magd in einem Seiner kleinsten Häuser, deren Er sicher in endloser Zahl haben wird. Mich schreckt der Weg nicht ab; wo und wie er zu finden ist, wird mir die Flamme weisen. Habe ich da die Gewißheit eingeholt, da laß mich denn auch ziehen nach dem Winke des mächtigen Propheten, der da zu allem Volke dieser endlos großen Welt geredet im Namen und in der Kraft des allmächtigen Gottes!

[GS.02_022,12] Der Älteste spricht: So trete denn hierher vor mich und kehre dein Angesicht zur Flamme und lies, was sie zu dir spricht. – Das weibliche Wesen tritt hin vor den Ältesten und liest aus der Flamme: Dein Gott und dein Herr ist ein Gott voll Liebe und Erbarmung und wird dir geben zu tragen ein sanftes Joch und eine leichte Bürde! Sei demütig in deinem Herzen; vergiß dieser Welt große Pracht und empfiehl dich dem allmächtigen Schutze des großen Gottes! Er Selbst wird dich unsichtbar auf Seinen eigenen Händen tragen durch ein kurzes materielles Leben bis zu Seiner Wohnung, allda du überkommen wirst die große Kindschaft und wirst leben ewig in des allmächtigen göttlichen Vaters Hause. Hast du Mut in deiner Liebe zu diesem großen Gotte, so lege deine Hand auf den Altar!

[GS.02_022,13] Der Älteste spricht: Nun, meine Tochter, du hast die Bedingung der großen Gnade Gottes gelesen; was willst du nun tun? Die Tochter spricht: Ich will nach meiner stets mächtiger werdenden Liebe zu meinem und zu deinem Gott, und werde ich dort sein, so will ich deiner gedenken, wenn es des Herrn Wille sein wird, auf daß auch du mit noch vielen anderen mir folgen mögest. Ich weiß wohl, daß auch diese Welt herrlich ist, und daß wir mit den reinen Geistern, die einen feineren Leib angenommen haben als da ist der unserige, allzeit Gesellschaft pflegen können. Wir können erschauen mit leichter Mühe ihre hohe Seligkeit, und diese ist von der Art, daß sie uns die Seligkeit des natürlichen Lebens nicht trübt; denn viel haben die seligen Geister dieser Welt fürwahr uns nicht voraus, außer daß sie sich nach ihrem Willen erheben können und machen schnellere Bewegungen, als wir sie im natürlichen Zustande zu machen imstande sind, indem wir uns nicht erheben können gleich ihnen, hoch empor in die Räume des starken Lichtes.

[GS.02_022,14] Nun aber bedenke, was es dagegen sagen will, ein Kind Gottes zu heißen und zu sein, welches mit einem Blicke mehr erschaut, als wir in zahllosen großen Zeitabstechern. Darum will ich denn auch meine Hand auf den Altar legen und antreten den wunderbaren Weg!

[GS.02_022,15] Sehet, diese Tochter legt ihre Hand auf den Altar, und sie ist nicht mehr zu erschauen unter der Gesellschaft. – Was aber wird nun die Gesellschaft tun? Das wollen wir bei der nächsten Gelegenheit betrachten!

 

23. Kapitel – Weise Rede des Ältesten an sein Volk.

[GS.02_023,01] Sehet, soeben tritt wieder unser Ältester hervor und spricht zu all den Anwesenden: Meine geliebten Kinder und Kindeskinder! Ihr wisset, woher wir diejenigen Steine nehmen, welche als selbstleuchtende Sterne gar köstlich eingelegt sind in die anderen kostbaren Bausteine. Es ist der Grund der großen Gewässer, welche gar tief sind, aus dem sie unsere wohlgeübten Wassertaucher holen. Also ist alles Herrliche, Große und Kostbare in schwer zugänglichen Tiefen verborgen; also sind auch wir oberflächlich wohl für tiefe Weisheit befähigt von Gott dem Allmächtigen erschaffen.

[GS.02_023,02] Da wir einmal da sind, so empfinden wir unser Dasein unter gar keinen Schwierigkeiten; es läßt sich so ganz leicht in einem Zuge hindurch leben. Wollen wir aber die in uns vorhandenen Fähigkeiten beleben, wollen wir in die Tiefe der Weisheit dringen, dann wird das Leben kein Scherz mehr, sondern es unterliegt dann einem großen Ernste und einem angestrengten Forschen nach dem, was der göttlichen Weisheit entspricht.

[GS.02_023,03] Menschen, die den großen Schatz in der Tiefe ihres Lebensmeeres gefunden haben, werden dann ebenfalls wie das Meer selbst. Sie sind ihrem Außen nach wogend gleich anderen Menschen, und dieses Wogen spricht sich in mannigfacher weiser Tätigkeit aus.

[GS.02_023,04] Der Unterschied zwischen der wogenden Tätigkeit geweckter und gewöhnlicher Menschen besteht darin, daß der in sich selbst Geweckte tut und handelt nach dem in ihm vorgefundenen ewigen Gesetze der göttlichen Ordnung. Der gewöhnliche Mensch aber handelt nach den von außen her gegebenen Gesetzen, welche da entstammen dem lebendigen Gesetze derer, die in sich gefunden haben die innere Weisheit, welche in sie gelegt hat vom Urgrunde schon die allerhöchste Weisheit des Schöpfers.

[GS.02_023,05] Wenn aber demnach zwischen den selbst geweckten und den bloß äußerlich nachahmenden Menschen beinahe gar kein wesentlicher Unterschied zu erkennen ist, wie kann man demnach erforschen und aus der Erfahrung klar werdend sagen: Siehe, das ist ein Selbstgeweckter und das nur ein bloß äußerer Nachahmer?

[GS.02_023,06] Meine geliebten Kinder und Kindeskinder! Sehet alle hin auf den Altar, allda noch die geheiligte Flamme lodert. Welcher aus euch hatte wohl Mut, nach dem Vernehmen der Bedingungen zur Erlangung der Kindschaft Gottes seine Hand zu legen auf den Altar?

[GS.02_023,07] Als ich euch die Anforderungen aus meiner Weisheit gezeigt hatte, da bebtet ihr alle, und ein jeder schauderte vom Altare der Umwandlung zur Kindschaft Gottes zurück. Aber eine Jungfrau – welche wohl die schlichteste in diesem meinem Palaste war, so daß da niemand aus uns allen ahnen mochte, daß in eben diesem gar schlichten jungfräulichen Wesen eine so tiefe Weisheit als vollkommen geweckt zugrunde lag (ihr Werk bürgt uns dafür) – zeigte uns allen, wie diejenigen Menschen geartet sind und sein sollen, in denen die innere Weisheit geweckt ist durch die stille Selbsttätigkeit und Selbsterforschung des eigenen Geistes.

[GS.02_023,08] Wir sind Bewohner dieses Hauptpalastes, tiefe und innere Weisheit soll uns darob auszeichnen vor allen anderen gewöhnlichen Menschen; wie aber steht es mit unserer männlichen Weisheit, wenn sie zu Schanden ward vor einer schwachen Jungfrau? Ja, wie steht es dann mit unserer Weisheit, wenn in den Wohnhäusern untergeordneter Menschen sich ebenfalls so beherzte Weise vorfinden sollten, die da Mut genug besitzen – in aller Demut und Liebe zu Gott – ihre Hände auf den Altar Gottes zu legen?

[GS.02_023,09] Ihr zucket mit den Achseln und machet mit dem Kopfe und mit den Augen eine zweideutige Bewegung, ich aber sage euch: Fürwahr, unsere Weisheit ist gleich dem Schaume des Meeres, dessen Blasen auf ihrer Oberfläche zwar auch ein schönes Farbenspiel schillern lassen; aber man darf so eine schillernde Blase nur anhauchen und sie ist samt ihrem Farbenspiele wie aus dem Dasein völlig verschwunden.

[GS.02_023,10] Die Weisheit solcher aber, die da gleichen der Jungfrau hier, die Mut genug besaß, um zu legen ihre Hand auf den Altar, ist gleich demjenigen herrlichen Gesteine im tiefen Grunde des Meeres, mit welchem wir wohl das Gemäuer unserer Wohnung in Sternenform zieren und legen in die Figuration der Sterne des Propheten Worte. Wir selbst aber sind kaum gleich den flachen Bausteinen, deren Oberfläche, aber nicht deren Inneres, mit den strahlenden Steinen beschrieben ist.

[GS.02_023,11] Wer aus euch kann diesen meinen Ausspruch wohl werktätig widerlegen? Wer hat aus euch noch Mut, seine Hand zu legen auf den Altar, allda noch die Flamme lodert? Ich sehe keinen aus euch sich erheben und hervortreten, sondern ihr alle zieht euch zurück, und niemand aus euch erwidert mir etwas.

[GS.02_023,12] Was sollen wir denn tun, da noch die Flamme lodert? Ich will euch einen Rat geben und dieser lautet also: Fallet alle nieder auf eure Angesichter vor dem Altare Gottes, lobet und preiset den allmächtigen Gott, damit Er uns alle wenigstens insoweit tiefer erwecken möchte, daß wir dadurch das erkennen möchten in der Tiefe unseres Lebens, wieviel uns noch abgeht, um zu werden, was da geworden ist unsere Schwester, unsere weise Jungfrau.

[GS.02_023,13] Und sollten wir auch nimmer den hohen Mut überkommen, zu legen unsere Hände auf den Altar, so aber bitten wir doch Gott, den Allmächtigen, Er möchte uns wenigstens auf dieser Welt insoweit durch Seine unendliche Weisheit beleben, daß wir dann allezeit als wahrhaft weise Vorbilder denen vorwandeln könnten, die in großen Volksmengen diesem unserem Hauptpalaste untertänig sind, und es für das größte Glück schätzen, von diesem Hauptpalaste aus irgendeine Begünstigung oder gar eine Braut zu überkommen. Und wir sind, wie es sich jetzt gezeigt hat, bei aller unserer sonstigen Weisheit dumm genug und geben, wenn es sich um eine Braut handelt, sicher allezeit die Weiseste her; während wir in der Meinung sind, gerade diejenige herzugeben, welche für unseren Palast am wenigsten taugt. Ist es aber auch recht, daß wir also tun?

[GS.02_023,14] Ich sage: In Hinsicht dessen, wie wir es tun, ist es unrecht; aber in Hinsicht dessen, wie der allmächtige Gott Himmels und der Erde Sich auch unsere Dummheit zinspflichtig machen kann, ist es vollkommen recht, was da geschieht, und ganz besonders bei solchen Brautgaben, wenn unsere Dummheit hinters Licht geführt wird und der allweise Gott eine Blume aus unserem Hauptpalaste hinwegnimmt, deren eben dieser unser Palast nicht wert ist, also wie wir selbst es nicht wert sind, daß da diese heilige Flamme noch in gleicher Stärke fortlodert auf dem Altare Gottes.

[GS.02_023,15] Wie sehr ich aber in dieser meiner Rede an euch alle recht oder unrecht habe, dafür spricht die außerordentliche Wunderpracht dieser unserer großen Patriarchalwohnung.

[GS.02_023,16] Saget mir, wer aus uns hat wohl je einen Stein herbeigeschafft und wer je einen Bauplan entworfen? Sehet, das alles ist ein Werk derjenigen Menschen in der flachen Ebene drunten, welche uns, d.h. unserer sein sollenden tiefen Weisheit liebewillig untertänig sind. Wenn aber solches unleugbar der Fall ist, so ist es dem gegenüber auch klar, daß in der tiefen Flachheit unserer großen Landschaften es Menschen gibt, denen wir nicht würdig sind, ins Angesicht zu schauen.

[GS.02_023,17] Wenn demnach aber solche Menschen sich durch die Verdienste ihrer Weisheit unserem Palaste nähern, um sich eine bessere Braut zu erwerben, ist es dann nicht vollkommen recht und allerbilligst, daß ihnen eben die Allerwürdigste zuteil wird? Ja, meine lieben Kinder und Kindeskinder, was Gott der Allmächtige tut, das allein ist wohlgetan; und also ist es ums Unvergleichliche besser, daß wir unsere Töchter den Freunden Gottes geben zu ihrer Freude, als daß wir sie ihnen vorenthalten und sie behalten für unsere eigene große Dummheit.

[GS.02_023,18] Und so denn fallet samt mir nieder vor dem Altare und bittet um so viel Weisheit, daß ihr euch nicht heimlich schämen müsset vor denen, die vor uns gering sein wollen. Und in der Flamme werden wir dann ganz deutlich lesen, was uns zu tun übrig bleibt, um dasjenige von Gott zu erreichen, das uns mehr frommen soll, denn unsere Dummheit. – Also geschehe es! Amen!

 

24. Kapitel – Verstandesgebet und Herzensgebet.

[GS.02_024,01] Nun sehet, die ganze zahlreiche Inwohnerschaft dieses Hauptpalastes fällt in einem Kreise auf ihr Angesicht vor dem Altare, auf welchem noch die Flamme lodert. Auch der Älteste verabsäumt nicht, solches zu tun.

[GS.02_024,02] Ihr möchtet wohl wissen, wie solche Menschen nun beten? Solche Menschen beten in ihrer Art also, wie ihr betet in eurer Art. Sie beten zu Gott, dem allerhöchsten Herrn Himmels und der Erde. Ihr Gebet ist eine Bitte, welcher der lebendige Wunsch innewohnt, daß ihnen der Herr dies geben möchte, um was sie Ihn bitten. Ihr betet nach eurer Art, wohlgemerkt, wenn ihr wahrhaft betet, in eurem Herzen, und begleitet euer Gebet ebenfalls mit dem Wunsche des Erhörens eurer Bitte, in welcher eigentlich das Gebet besteht.

[GS.02_024,03] Bei diesen Menschen ist das Gebet mehr ein Gebärdengebet, denn ein inneres Herzensgebet; es ist ungefähr dasselbe, als so ihr arbeitet mit eurem Verstande und gebärdet euch dabei unwillkürlich nach der Art eurer Gedanken. Also ist das Gebet dieser Menschen kein Gefühlsgebet, welches aus dem Herzen kommt, sondern ein Verstandesgebet, welches aus den Gedanken der Seele im Kopfe herkommt. Die Menschen überlegen in dieser Stellung ein jeder nach dem Grade seiner Weisheit, was da wohl das Klügere wäre.

[GS.02_024,04] Ihre Stellung dabei beurkundet nicht, wie bei euch, eine gewisse demütige und zerknirschte Andacht des Herzens, sondern es ist nur ein Zeichen, daß sie in diesem Zustande sich gegenseitig nicht im geringsten stören sollen. Ein jeder überlegt ungestört bei sich das Klügere mit dem Wunsche, daß Gott der Allmächtige dasselbe möchte geschehen lassen. Hat jemand nach seiner Art den weisesten Punkt gefunden, so mag er für sich dann auch ganz ruhig wieder aufstehen und dann lesen in der Flamme, inwiefern sein Weisheitspunkt in der Schrift der Flamme sich wiederfinden läßt. Läßt er sich finden, so bleibt der aufgestandene Beter schon stehen. Läßt sich aber sein Weisheitspunkt in der Flamme nicht finden, so legt sich der Beter sogleich wieder auf sein Angesicht nieder und betet oder denkt vielmehr weiter nach, was in seiner Sphäre wohl das Klügste sein dürfte.

[GS.02_024,05] Sehet, das ist das Gebet im allgemeinen bei den Menschen dieses Weltkörpers; ganz besonders aber derjenigen, welche den Patriarchalhäusern angehören. Ihr saget hier freilich wohl: Warum wenden sich denn diese Menschen nicht lieber an den Herrn, auf daß Er ihnen zeige die rechte Klugheit? Denn das müssen sie doch einsehen, daß der Herr endlos weiser ist denn all ihr Verstand, und daß Er ihnen auch das sicher geben kann und wird, um was sie Ihn bitten.

[GS.02_024,06] Ich sage euch: Solches ist wohl richtig gedacht, insofern jemand die großen Weltverhältnisse nicht kennt, aber wenn jemand diese kennt, so wird er allenthalben die heilige Ordnung des Herrn erkennen und wird sagen, daß auch diese Menschen in ihrer Art vor Gott vollkommen gültig beten, weil also zu beten ihre Ordnung ist.

[GS.02_024,07] Warum denn aber? Die Ursache wird sich gar leicht darstellen lassen; und so höret denn!

[GS.02_024,08] Diese Menschen erkennen und sagen: Wenn wir uns zu Gott kehreten darum, daß Er uns gebe eine wahre Klugheit, so würden wir dadurch Gott einen Vorwurf machen und einen großen Schimpf antun, denn wir würden dadurch ja vor Gott die Behauptung aufstellen, als hätte Er als der Allerweiseste und Allergerechteste uns trügen wollen, und müssen wir daher die Klugheit, welche der Herr Gott Himmels und der Erde (die Bewohner dieses Weltkörpers wie jedes andern nennen ihre Unterlage ebensogut Erde wie ihr die eurige) in uns gelegt hat, in hohen Ehren halten und sie benutzen nach Seiner Ordnung. Wenn wir diese Klugheit in uns werden verbraucht haben und sehen dann das Bedürfnis nach einer höheren Klugheit ein, so erst steht uns zu, Gott zu bitten um das, was uns mangelt, indem wir es verbraucht haben.

[GS.02_024,09] Sehet, in dieser Ordnung stehen die Menschen dieses Weltkörpers und beten auch darnach. Wem entsprechen sie aber in dem Wesen des Menschen? Sie entsprechen, nachdem sie Bewohner einer Zentralsonne sind, dem Gehirne; freilich wohl nur einem einzelnen Nerven in selbem, welcher Nerv zunächst dem Ausläufer des Sehnerven ziemlich nahe an der Gehirnhaut liegt. Darum denn ist auch ihre Art und ihre Ordnung diese, daß sie zumeist mit dem, was sie haben, vollkommen zufrieden sind; ungefähr auf diese Weise, wie die Verstandesmenschen bei euch auch mit nichts so sehr zufrieden sind, wie mit ihrem Verstande, indem ein jeder glaubt, den besten zu haben, und oft, je weniger Verstand jemand besitzt, er desto zufriedener mit demselben ist.

[GS.02_024,10] Ganz anders verhält es sich freilich wohl mit dem Gefühlsmenschen, der in seinem Herzen denkt. Dieser erkennt, daß alles menschliche Verstandeswissen ein pures Stückwerk ist, und daß derjenige Mensch der verständigste ist und der weiseste, der es dahin gebracht hat, daß er in seiner Demut sagen kann: Ich weiß nichts; denn all mein Wissen wiegt nicht ein Sonnenstäubchen gegen die unendliche Weisheit Gottes auf. Ein solcher Mensch hat dann erst den wahren Weisheitshunger überkommen, welcher ihn die große Speisekammer auffinden lassen wird, die der Herr so überreichlich ausgestattet in sein Herz gelegt hat.

[GS.02_024,11] Gibt es aber nicht auch in dieser unserer Zentralsonnenwelt ähnliche Menschen? – O ja, wir haben bereits zwei gesehen, und das sind diejenigen, welche ihre Hände auf den Altar gelegt haben. Denn die Hand auf den Altar legen besagt eben solches, daß da ein Mensch seine große Armut in sich aufgefunden hat, neben ihr aber auch ein hellschimmerndes Lämpchen, das vor einer beschriebenen Tafel im eigenen Herzen steht, auf welcher mit deutlich leserlicher Schrift geschrieben steht:

[GS.02_024,12] Unsterblicher Geist! Demütige dich in deiner Hoheit; entzünde dich in deiner Liebe zu Gott und kehre also zu Ihm, der dich erschaffen hat, zurück. Alldort im großen Vaterhause wirst du es in endloser Fülle finden, was dir hier so sehr gebricht!

[GS.02_024,13] Und sehet nun, wenn jemand von diesen Menschen solches alles in sich gefunden hat, dann wird er ein stiller Weiser und trachtet nach nichts anderem sehnlicher, als auf den Weg zu gelangen, der nach jenem Ziele führt, das er gefunden hat auf der erleuchteten Tafel in seinem Herzen. Es hat zwar ein jeder Mensch dieses Weltkörpers ein solches Täfelchen in sich; aber nicht ein jeder läßt das schimmernde Lämpchen vor demselben leuchten, sondern versetzt das Lämpchen zu allermeist in die Mitte seines Gehirns. Daher es denn auch kommt, daß aus den zahllos vielen Bewohnern dieses Weltkörpers nur gar Wenige dahin gelangen, daß sie möchten ihre Hand auf den Altar legen.

[GS.02_024,14] Aber wenn ihr einen Blick auf eure Erde zurückwerfet, so werdet ihr nahe dasselbe Verhältnis ohne angestrengtes Suchen mit leichter Mühe finden. Denket nur an das Wort des Herrn, da Er sagte: „Viele sind berufen, aber wenige auserwählt." – Und ihr werdet die Auserwählten eines bedeutenden Ortes sehr leicht an den Fingern abzählen können.

[GS.02_024,15] Worin aber liegt der Grund? Weil niemand oder aus den vielen nur höchst wenige sich die Worte des Herrn gefallen lassen, welche da lauten: „Verleugne dich selbst, nehme das Kreuz auf deine Schulter und folge Mir nach!"

[GS.02_024,16] Den Menschen auf dieser Zentralsonnenwelt ist freilich wohl diese endlose Gnade nicht zuteil geworden, daß ihnen der Herr Selbst den geraden und nächsten Weg mit eigenem heiligem Munde gelehrt und gezeigt und ihnen auf diese Weise nicht nur ein schimmerndes Lämpchen, sondern eine ganze Zentralsonne vor ihr Täfelchen hingestellt hätte, aber dessen ungeachtet stehen sie nicht außer der Möglichkeit, das Täfelchen des ewigen Lebens in ihrem Herzen zu finden und darnach ihr Leben einzurichten. Dazu leben sie auch lange genug, um das in sich zu gewärtigen; – denn es gibt allda Menschen, die so alt sind wie ein halbes Menschengeschlecht auf eurer Erde. Zudem sind sogar die Geisterseelen der Abgestorbenen, wenn sie es wollen, derselben Übersiedlung fähig, als wie sie es waren bei ihrem Leibesleben, zwischen welchen beiden Leben bei den Menschen dieser Welt ohnehin kein gar zu bedeutender Unterschied obwaltet, indem sie sich allezeit sehen und sprechen können, so oft sie solches nur wollen.

[GS.02_024,17] Wir aber haben nun auch genug, um die Art des Betens dieser Menschen einzusehen; die Beter haben sich bereits erhoben um den Altar, und wir wollen darum ihrem ferneren Benehmen noch eine kurze Aufmerksamkeit spenden und uns sodann wieder weiterbegeben auf dieser unserer Welt.

 

25. Kapitel – Unterschied zwischen Kindern der Sonne und Gotteskindern.

[GS.02_025,01] Unser Ältester erhebt wieder seinen Stab und öffnet seinen Mund. Was wird er nun wohl sprechen zu seinen Kindern? Selbstanhören wird auf diese Frage die beste Antwort geben; und so hören wir denn, wie er spricht. Seine Worte lauten:

[GS.02_025,02] Meine lieben Kinder und Kindeskinder! Ihr habt euch versammelt vor dem Altare, auf dem noch die Flamme Gottes lodert. Ein würdig Lob habt ihr dem Allmächtigen dargebracht; darum spricht der Geist Gottes aus der Flamme zu uns:

[GS.02_025,03] Dem Großen bin Ich groß, dem Kleinen klein, dem Starken stark und dem Schwachen schwach; aber in dieser Schwäche ruht eine geheime Stärke, welche mächtiger ist als alle Kraft der Großen. Wer barmherzig ist, dem bin auch Ich barmherzig; wer Gutes tut, dem solle Gutes getan werden. Dem Herrn bin Ich ein Herr; aber dem Diener ein Knecht. Der Weise mag nicht mit Meinem Lichte spielen; aber dem Einfältigen soll alle Flur Meiner göttlichen Fülle offen stehen. Der da ist voll Verstand, für den wohne Ich im unzugänglichen Lichte; aber mit dem Törichten vor der Welt und ihrem Glanze will Ich wie ein Bruder einhergehen. Die Kinder der Sonne haben große Macht, ihr Hauch ist stärker, denn der kleinen Erdkörper größter Sturm, und vor ihren Gedanken beugt sich ihre Welt und treibt neue Flammen aus ihren weiten Triften. Die aber Meine Kinder sind und sein wollen, müssen schwach sein, und ihre Schwäche muß erst eine Kraft werden in Mir. Die Kinder der Sonne mögen Mich anbeten in ihrem Lichte; aber Meine Kinder beten Mich an in ihrem Feuer. Die Kinder der Sonne sind, was sie sind; aber Meine Kinder dürfen nicht bleiben, was sie sind, sondern sie müssen verzehrt werden, damit sie in ihrer Vernichtung erst Das werden, was sie sein sollen.

[GS.02_025,04] Was wollet ihr Kinder der Sonne? – Ihr habt euren gut gemessenen Teil; wollt ihr mehr, soll euch auch mehr gegeben sein; wollt ihr eine größere Seligkeit, wie könnt ihr wohl mehr verlangen, als was euch wird nach eurer Erkenntnis und nach eurem Wollen? – Wollt ihr aber Meine Kinder werden, da müsset ihr nicht gewinnen, sondern nur alles verlieren wollen. Denn wie euer Los als Kinder der Sonne ein solches ist, daß ihr euch schmücken könnet mit ewig wachsenden Schätzen und Reichtümern, so ist andererseits, das Los Meiner Kinder, stets ärmer zu werden, und das insoweit, daß sie nicht einmal das eigene Leben als ihnen eigen betrachten dürfen. Und sie müssen stets bereit sein, ihre Liebe, welche der Grund ihres Lebens ist, zahllosen Brüdern zu spenden.

[GS.02_025,05] Was ihr besitzet, ist euch gegeben zum ewigen, unumschränkten Eigentume; Meine Kinder aber dürfen nichts besitzen, nicht einmal einen eigenen Tisch führen, sondern alles, was ihnen not tut, haben sie nirgends denn bei Mir in Meinem Hause zu nehmen. Ihr seid mächtige Herrn eurer Welt; Meine Kinder aber müssen sein arme Knechte, sie müssen arbeiten mit ihren Händen. Wenn sie sich aber etwas erarbeitet haben, da dürfen sie es nicht behalten als ein Eigentum, sondern es sobald einbringen in Mein Haus, allda Ich es dann erst jedem gebe, was er liebegerechtermaßen notwendig bedarf. Ihr wohnet in Palästen, die an Glanz und großer Pracht alles Erdenkliche überbieten; Meine Kinder aber müssen Hütten bewohnen, vor deren Niedrigkeit und gänzlicher Glanzlosigkeit euch schaudern würde. Aber Meine Kinder sind dennoch Meine Kinder und sind bei Mir allezeit, und tun allzeit nach Meinem Willen, welcher endlos mächtig ist den Mächtigen, aber auch endlos sanft den Kleinen und Schwachen.

[GS.02_025,06] Wollt ihr Meine Kinder werden, so müsset ihr solches bedenken und alle Vorteile eures Lebens auf ewig fahren lassen. Selbst euer Leben mit seinem klarsten Bewußtsein muß Mir geopfert werden; nichts dürfet ihr behalten als eure gänzlich ausgeleerte Wesenheit. Denn also, wie ihr seid, seid ihr wohl auch Gefäße des Lebens, welches ausgeht aus Meinem Lichte; aber als Meine Kinder müßtet ihr zur Wohnstätte Meines eigenen ewigen Geistes werden, und dieser kann nicht wohnen in der Flüchtigkeit eures Lichtes, sondern nur in der großen Festigkeit, welche gediegen genug ist, um zu widerstehen dem allmächtigen Feuer Meines eigenen ewigen Liebelebens.

[GS.02_025,07] Euch ziert ein mächtiger Willensstab, und wenn ihr ihn erhebet, da bebt eure große Welt unter der großen Zwangsmacht eures Willens; Meine Kinder aber müssen ein schweres Querholz auf ihre Schultern lagern, welches sie zu Boden drückt und ihnen den Tod gibt, über welchen ihre kleine Welt mächtig jubelt. Erst aus diesem Tode können sie erstehen, werden Mir gleich, und tun dann was Ich tue; nicht aber um zu herrschen gleich euch, sondern um zu dienen allen mit der größten Liebe, Sanftmut und vollsten Ergebung in Meinen Willen. Meinet ihr, dies ist etwas Geringes, sich zu ergeben ganz in Meinen Willen? – Höret und vernehmet es!

[GS.02_025,08] Sich zu ergeben vollkommen in Meinen Willen will mehr sagen, als so jemand aus euch die ganze unendliche Schöpfung in seine Faust fassen möchte und spielen damit wie mit kleinsten Sandbröckelchen. Ja es will mehr gesagt haben, als so ihr hinginget an jene weiten Triften eurer Welt, allda aus unermeßlich weiten Klüften die allerhöchste Glühkraft der Flammen unaufhörlich wütet und möchte sich einer allda hinabstürzen in den Krater und in sich schlürfen mit einem Zuge die endlos wütende Glut- und Flammenmasse. Und dennoch müssen Meine Kinder Meinen unendlich ewig mächtigen Willen bis auf den letzten Tropfen in sich aufnehmen, bevor sie vollkommen Meine Kinder werden können.

[GS.02_025,09] Ihr beurteilet und kennet die unendliche Macht Meines Willens; wer aus euch kann sich Meinem Willen gegenüberstellen und sagen: Herr! laß mich kämpfen mit Dir? – Wird nicht ein leisestes Fünklein ihn sobald vernichten, als wäre er nie dagewesen? Ja, ein leisestes Fünklein Meines Willens reicht hin, zahllose Sonnenwelten, als da ist diese, die ihr bewohnet, ins Nichts zu wandeln.

[GS.02_025,10] Wenn ihr aber solches nach eurer Beurteilung klarst erschauet, was wohl werdet ihr dazu sagen, so Ich es euch aus Meinem Feuer kundgebe, daß es eine Aufgabe ist und eine unerläßliche Bedingung, daß sich Meine Kinder Meinen Willen müssen vollkommen untertan machen? Um aber diese für euch unaussprechlich große Aufgabe zu lösen, müssen Meine Kinder oder diejenigen, welche Meine Kinder werden wollen, in ihre Freiheitsprobeperiode fortwährend die Last Meines Willens tragen lernen und müssen durch das Feuer Meines Eifers unter vieler Angst und Qual sich gänzlich verzehren lassen, damit sie dadurch dem endlosen ewigen Feuer Meines Willens für ewig verwandt werden. Und gar viele, welche diese Probe in ihrer gesonderten Freiheitsperiode nicht bestanden haben, werden sich dann nach ihrer Umänderung gefallen lassen müssen, für euch undenklich lange Zeitperioden sich im Feuer Meines Willens zu reinigen, und sich dasselbe mit schwerster Mühe angewöhnen, bevor sie zur größten Geringheit unter Meine vollkommenen Kinder werden können aufgenommen werden.

[GS.02_025,11] Was wollet ihr nun? Wollet ihr bleiben? oder wollt ihr im Ernste Meine Kinder werden? – Sehet, noch lodert der kleine Funke Meines Willens am Altare. Wollet ihr bleiben, so bleibet, wollt ihr aber zur Kindschaft gelangen, so leget eure Hände auf den Altar! –

[GS.02_025,12] Sehet, also hat unser Ältester aus der Flamme allen vorgelesen. Was aber sprechen nun die Kinder auf diese Vorlesung? – Sie sprechen: Großer Gott! Es muß freilich wohl etwas Unendliches sein, ein Kind von Dir zu werden, aber wenn Dein Wille noch heftiger ist, als die endlose Glut, welche unsere Welt trägt in ihren weiten Schlünden, wer mag demnach solche ertragen und leben dabei? – Daher laß uns bleiben, was wir sind, und laß Dir allzeit ein Opfer bringen von unserer Weisheit! Nehme daher die Schreckensflamme auf Deinem Altare wieder zurück und laß uns ziehen und leben in unserem Frieden!

[GS.02_025,13] Aus der Flamme ertönt nun ein Wort: Also geschehe nach eurem Wollen. Dennoch aber solle allzeit das Holz auf dem Altare liegen; denn Ich will die Wege erhalten, auf denen Meine große Liebe und Erbarmung wandelt.

[GS.02_025,14] Wisset aber, daß es bei Mir ein Leichtes ist, das euch schwer dünkt, und etwas Hartes, was euch leicht dünkt. Euch ist zwar lieber eure herrschende Freiheit, aber Ich habe dennoch allein nur Mein Wohlgefallen an der Einfalt und dienlich untergeordneten Knechtschaft Meiner Kinder; denn es gibt keinen Herrn, dem da ein anderer Herr lieber wäre denn sein eigener Knecht, der ihm allzeit ist ein getreuester Diener. Daher gibt der eine Herr dem andern nur den bedungenen Pflichtteil; aber der Knecht wird belohnt von seinem Herrn. Meine Kinder aber sind auch Meine Knechte; daher haben sie auch Meinen Lohn als Knechte und Mein Erbe als Kinder! – Solches bedenket allzeit; und wenn einmal wieder das neue Holz auf eurem Altare wird zu flammen anfangen, so bedenket, daß ein Vater besser ist als ein Herr! – Nun aber ziehet in euren Frieden, und die Flamme Meines Willens erlösche, damit der eure herrsche auf eurer Welt! Jedoch bis hin zu jenen Gebieten, da Mein Wille lodert aus endlosen Tiefen heraus; dahin wage sich keiner. Denn nur der fruchtbare Boden bleibe euch untertan; aber die Flamme sei Mein. Amen!

[GS.02_025,15] Nun sehet, die Flamme am Altare ist erloschen. Der Älteste senkt seinen Stab, und die gesamte Bevölkerung dieses Palastes zieht hinaus ins Freie, um sich nach dieser großartigen Lektion neu zu stärken. Wir aber ziehen auch wieder hinaus, und von da fürbaß zu einem anderen Orte.

 

26. Kapitel – Beschreibung eines Sonnenkreisgebietes.

[GS.02_026,01] Da wären wir nun schon wieder auf unserem wohlbekannten Prachtplateau: sehet, es hat sich noch nicht verändert. Ihr möchtet gerne die vor uns hinausgewanderten Bewohner dieses Palastes sehen, wo sie sich denn nun aufhalten. Gehet nur auf den Rand des Plateaus, und ihr werdet die schönen Bewohner gar bald erschauen, wie sie sich vergnügen, einige in den euch bekannten Rundgalerien, einige auf den Triumphbogen über unserer bekannten Treppe; und da sehet, eine ganze Legion schwärmt schon unten am Kanale herum.

[GS.02_026,02] Ihr fraget, wie so schnell sich diese Menschen allorts hin verfügen können? Ich sage euch, daß solches hier gar leicht möglich ist. Fürs erste sind ihre Leiber viel leichter denn die eurigen auf der Erde; dazu ist meist allen Sonnenbewohnern eine bedeutende Willenskraft eigen, der zufolge sie so manches ausführen können, was da den Erdbewohnern sicher unmöglich ist. Und so können sie sich denn auch über ihren Weltboden mit einer bedeutend größeren Schnelligkeit bewegen, als es euch begreiflich ist.

[GS.02_026,03] Diese Eigenschaft ist aber für die Bewohner einer Welt von solch immenser Größe auch von großer Notwendigkeit, denn wenn sie sich nur so schnell wie ihr auf der Erde bewegen könnten, was würden sie da wohl ausrichten bei so manchen Gebietsbereisungen, allda oft ein einzelnes Kreisgebiet, wie da ist das dieses Palastes, einen größeren Flächenraum hat, als wie groß da ist der mehrfache Flächenraum eures Erdkörpers. Zentralsonnenkörper unterscheiden sich dadurch von den Planetarsonnen, daß sie nicht so wie diese bewohnbare Gürtel haben, sondern nur bewohnbare große Gebiete, die man allenfalls Oasen nennen könnte. Wie viel solcher Oasen auf einer Zentralsonne vorkommen, deren Umfang mehrere Billionen Meilen eures Maßes beträgt, dürfte sich verständlicherweise kaum bestimmen lassen, aber so viel könnet ihr mit Sicherheit annehmen, als es da gibt in solch einem Sonnengebiete Planetarsonnen und Planeten um dieselben, welche Planetarsonnen mit ihren Planeten freilich wohl alle samt und sämtlich zu dieser einen Zentralsonne halten müssen.

[GS.02_026,04] Sind diese übergroßen Kreisgebiete, deren es also eine Unzahl gibt, voneinander abgemarkt oder nicht? – Sie sind sehr scharf voneinander abgemarkt; – wodurch denn? – Zumeist durch endlos weitgedehnte Feuerkraterreihen, hie und da auch durch überaus hohe Gebirge, deren Spitzen, wenn sie von der Erde ausgingen, gar leichtlich euren Mond in seiner Bahn beirren dürften. Diese haben manchmal noch einen größeren Flächenraum auf ihrer Höhe, als etwa die halbe Oberfläche eurer Erde.

[GS.02_026,05] Daß die Füße solcher Berge einen sehr bedeutenden Umfang und Durchmesser haben werden, könnt ihr euch leicht von selbst vorstellen. Noch eine dritte Art Begrenzung solcher Kreisgebiete sind hie und da entweder große und breite Ströme oder auch überaus große Weltmeere, welche von einem solchen gewaltigen Wasserinhalte sind, daß eure Erde, wenn sie hineinfiele, sich gerade so ausnehmen würde und in dem Meere gerade einen solchen Unterschied bewirkte, als so ihr in das Meer eurer Erde möchtet eine Perle hineinwerfen. Es ist aber auch notwendig, daß auf einem Weltkörper, auf dem es ortweise gar so überaus feurig zu Werke geht, auch große Löschapparate vorhanden sind.

[GS.02_026,06] Hie und da entdeckt man auf diesem Weltkörper auch weitziehende und sehr breite Lichtwasserströme. Das Wasser solcher Ströme ist nicht durchsichtig und um sehr Bedeutendes schwerer als ein anderes gewöhnliches, durchsichtiges Wasser.

[GS.02_026,07] Diese Lichtflutung aber kann mit nichts Ähnlichem auf eurer Erde verglichen werden, da sie allein nur solchen Sonnenkörpern eigen ist. Die Bewohner sammeln dieses Lichtwasser in gewisse Formen, allda es dann bald stockt und zum sogenannten selbstleuchtenden weißen Steine wird. Es ist mit diesem Wasser in dieser Hinsicht beinahe ein ähnlicher Fall wie mit eurem Erdenwasser, welches auch bald in salzigen Kristallen erstockt, wenn es von der Gesamtmasse abgeschlossen wird. Aber an und für sich im Strombette stockt dieses Lichtwasser nicht, indem es eben alldort aus seinem Bette die stets erweichende Nahrung bezieht.

[GS.02_026,08] Wohin ergießt sich denn ein solches Gewässer? Ein solches Gewässer entspringt gewöhnlich aus den vielen, mit großen Feuerkratern versehenen Bergen, sammelt sich da zu einem nicht selten Tausende von Meilen breiten Strome, durchfließt dann ein Gebiet, dessen Länge häufig bedeutender ist als allenfalls die Entfernung der Erde bis zu eurer Sonne und ergießt sich dann manchmal in ein anderes großes Wassermeer, zumeist aber in hier und da ausgebrannte große Feuerkrater, füllt diese nach und nach aus, macht mit der Zeit aus den großen und übertiefen Schlünden ein ebenes Land, welches einen für euch unbeschreiblichen Glanz verbreitet. Mit der Zeit aber stockt es auch gänzlich und kann als fruchtbares Land gebraucht werden.

[GS.02_026,09] Aus solchen Stellen wird dann auch hie und da der weiße Baustein gebrochen, welcher von selbst leuchtet und gewöhnlich zu Bogen über den Säulen wie auch zu festen Wänden eines Gebäudes benutzt wird. Jedoch hat der gebrochene und dann beschnittene Stein nicht den Wert wie der aus dem Stromwasser frisch gegossene, weil er minder leuchtet als der gegossene.

[GS.02_026,10] Das wären demnach die Begrenzungen unserer Kreisgebiete. Können aber diese Begrenzungen oder Abmarkungen der Kreisgebiete nicht überschritten werden? Dieses ist hier wohl nicht leichtlich der Fall; denn fürs erste ist ein solches Kreisgebiet schon so unendlich groß, daß darauf millionenmal Millionen Menschen überaus wohl versorgt und räumlich höchst bequem leben können. Dann hat es auf seiner Oberfläche zahllose Herrlichkeiten und Wundermannigfaltigkeiten, daß die Bewohner eines solchen Kreisgebietes ihr ganzes Leben lang daran hinreichend zu schauen, zu studieren und geistig zu genießen haben, und sich dann um ein nächstes Gut fast noch weniger kümmern, als ihr euch kümmert auf eurer Erde, wie es in einem fremden Planeten aussieht, besonders wenn ihr auf derselben recht wohl versorgt seid.

[GS.02_026,11] Auch wissen gar viele der Bewohner eines solchen Kreisgebietes, solange sie in ihrem Leibe leben, nicht, daß es noch andere Gebiete gibt, sondern sind vielmehr der Meinung, wenn sie zu einer oder der andern unübersehbaren Kreisgebiet-Abmarkung kommen, daß diese entweder als Feuer oder als Wasser, Gebirge oder als Lichtflutung schon ewig fortdauert.

[GS.02_026,12] Sehr bedeutende Weise wissen es wohl aus den Gesprächen mit den Geistern, daß auf dieser ihrer Welt es noch gar zahllos viele bewohnbare Kreisgebiete gibt. Aber solches wissen sie nur unter dem Siegel einstweiliger strenger Verschwiegenheit und teilen es nur ebenfalls jenen mit, welche da in die tieferen Geheimnisse der göttlichen Weisheit wollen eingeweiht werden.

[GS.02_026,13] Es gibt hie und da wohl recht große Freunde von hohen Bergen, die sie gern besteigen, wenn sie sich nur einigermaßen besteigen lassen. Aber was da diese überaus hohen Grenzgebirge betrifft, da lassen sich auch die größten Gebirgsfreunde den Appetit vergehen, denn fürs erste sind sie ihnen denn doch ein wenig zu hoch, dann hie und da auch zu steil; und die höchsten Kuppen kommen nicht selten schon zu nahe dem ätherischen Lichtstoffe zu stehen, in welchem selbst ihre Feuerleiber noch weniger aushalten dürften als eure Fleischleiber auf jenen Höhen eurer Erde, welche ebenfalls schon so ziemlich in den Luftätherstoff hineingreifen.

[GS.02_026,14] Zudem sind auch diese hohen Grenzgebirge zumeist in überaus stark leuchtende Wolken gehüllt, welche diesen Bewohnern in großer Nähe durchaus nicht zusagen, weil sie in ihrer Nähe ein zu grelles Licht von sich werfen, durch welches das Gesicht der Menschen so sehr geblendet wird, daß sie dann nichts mehr ausnehmen mögen, was sie umgibt.

[GS.02_026,15] Sehet, also weiß der Herr allenthalben Seine freien Geschöpfe in den gehörigen Schranken zu halten.

[GS.02_026,16] Es möchte freilich wohl einer oder der andere sagen: Ja, was würde denn das machen, wenn auf solch einem Kreisgebiete Menschen von verschiedenen Gebieten zusammenkommen könnten? – Darauf kann ich nichts anderes sagen als: Die Weisheit und Ordnung des Herrn geht durchaus tiefer allenthalben, als sie ein Mensch mit seinem geringen Verstandespfunde ermessen kann. Man könnte aber auch sogar auf eurer Erde fragen, warum sich auf diesem kleinen Weltkörper die Nationen, welche auf ihm leben, nicht also bunt durcheinander mengen wollen, wie das Gras und Kräuterwerk auf einer Wiese? – Ihr werdet mir zur Antwort geben:

[GS.02_026,17] Weil die Nationen verschiedene politische und moralische Verfassungen haben, welche sich durchaus nimmer vergleichen können. Es kann zwar jede für sich in ihrer strengen Ordnung gar wohl bestehen; aber alle auf einem Haufen beisammen würden eine noch viel gräßlichere Disharmonie bewerkstelligen, als so man alle Pfeifen einer Orgel möchte zu gleicher Zeit tönen machen.

[GS.02_026,18] Die Antwort ist gut. Aus ihr aber könnt ihr auch gar leicht entnehmen, wie es auf einem solchen immensen Weltkörper zuginge, wenn auf ihm die großen Nationen sich also berühren könnten, wie sich die kleinen Nationen der Erde allenfalls berühren können. Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht nicht zu sagen. Damit ihr aber solches noch gründlicher verstehen möget, wollen wir auch diesmal sogleich auf ein anderes Kreisgebiet übergehen, und ihr werdet da einen sehr bedeutenden Unterschied, von diesem Kreisgebiete aus betrachtet, finden. Und so denn machen wir uns auf die Reise nach der Richtung eures Wollens.

 

27. Kapitel – Warum es auf den Zentralsonnen fast keine Tiere gibt. Beleuchtung des Beispiels vom reichen Jüngling.

[GS.02_027,01] Ich merke schon den Zug, dahin ihr wollet; und so gehen wir auch schon diesem Zuge nach. – Sehet, links und rechts in diesem Kreisgebiete, das wir noch betreten, welche endlose Pracht und Herrlichkeit von allen Seiten strahlt! Paläste und Wohnungen von nie geahnter Herrlichkeit, Größe und Majestät!

[GS.02_027,02] Ihr fraget zwar: In diesem Lande erdrücken einen wohl die großartigsten Herrlichkeiten; aber wie mag es kommen, daß wir allda außer den Fischen in dem Kanale, welcher um den Palastberg ging, noch kein anderes vierfüßiges größeres Tier entdeckt haben? – Meine geliebten Freunde und Brüder, außer den Fischlein, wie auch sehr sparsamen Vöglein werdet ihr in dieser Zentralsonne durchaus kein anderes Tier entdecken. Dergleichen Tiere sind nur in den Planetarsonnen und in ihren Planeten und Monden vorhanden, weil eben diese gewisserart stufenweise abwärts mehr und mehr vom Auswurfe solcher Zentralsonnen gebildet sind, wodurch, wie ihr meines Wissens schon gar oft erfahren habt, das Leben einen härteren Daseinskampf durchmachen muß, um zur gehörigen Gediegenheit und Reinheit zu gelangen; und ihr könnet euch dieses Verhältnis merken:

[GS.02_027,03] Je mehr Feuer eine Welt in sich birgt, desto weniger der harten und groben Materie, welche dem Leben nicht förderlich, sondern hinderlich ist. Je weniger Feuer aber eine Welt in sich birgt, desto grobmaterieller ist sie auch, und das Leben hat einen härteren Kampf durchzumachen, um zu seiner stets konstanten Freiheit und Reinheit zu gelangen.

[GS.02_027,04] Warum denn? Wie läßt sich solches wohl sichtlichermaßen erweisen? Solches könnet ihr schon auf der Erde ganz klar, und zwar bei den Menschen selbst erschauen. Menschen, die voll Liebe zum Herrn und zu ihren Brüdern sind, gleichen den Welten, die da voll inneren Feuers sind. Wie leicht solche Menschen zum inneren wahren Leben gelangen, lehrt euch vielfache Erfahrung und das eigene Wort des Herrn Selbst, da Er spricht: „Mein Joch ist sanft, und Meine Bürde ist leicht."

[GS.02_027,05] Menschen aber, die wenig Feuer besitzen, also mehr lau sind, brauchen schon eines bedeutenden prüfenden Stoffes, bis sie geweckt werden und das Leben in sich finden. Es geht eben nicht zu geschwinde mit ihnen, weil sich ihre Materie noch immer als ein wahres Löschmittel gegen das Feuer des Lebens dazwischenmengt und so das baldige Erwachen des Geistes hindert.

[GS.02_027,06] Wieder nehmen wir einen andern Menschen, der bezüglich der Liebe zum Herrn ganz kalt ist. Dieser gleicht schon einem Planeten, und da gehört sehr viel Anstoßes und Triebes her, bis dieser in eine geregelte Lebensbahn kommt und sich nur nach und nach von auf ihn von außen her wirkenden Strahlen beleuchten und erwärmen läßt.

[GS.02_027,07] Warum denn solches? Weil so ein Mensch sich ganz im Grobweltlichen zuvor begründet hat und aus diesem sehr schwer ins Reingeistige übergeht. Wieder gibt es Menschen, die man als vollkommen feuerlos gleich lange ausgebrannten Vulkanen annehmen kann. Diese Menschen haben demnach auch gar nichts Geistiges mehr an sich und gleichen den Monden, die auch beinahe aller atmosphärischen Luft, wenigstens auf der einen Seite, ledig sind. Sie kehren ihrem Planeten stets die unwirtlichste Seite zu und wenden die wirtlichere stets von selbem ab; also ebenfalls dem ähnliche Menschen.

[GS.02_027,08] Sie sind nicht aufnahmefähig für ein höheres Leben, welches noch den Planeten umgibt; daher haben sie auch nur eine Richtung, und diese ist ihre eigene Selbstsucht. Wenn sie sich schon auf ihrer karg wirtlichen Seite manchmal dem Lichte zuwenden, so verzehren sie dasselbe aber dennoch nur zu ihrem materiellen Ersprießen, aber nimmer zur Belebung und zur Bildung des geistigen Lebens, welches sich in der liebetätigen Wechselwirkung durch die Sphären ausspricht, in denen jedes geistige Leben wirksam ist. Solche Menschen haben nur eine halbe Sphäre, und diese ist gleich der Eigenliebe, indem sie allzeit abgewendet ist von der Sphäre des Nächsten. Sie laufen zwar mit dem besseren Teile der Menschheit mit, halten sich aber dennoch stets gehörig fern von derselben, auf daß sie ja nichts verlieren möchten von ihrem materiellen, nichtigen Reichtume, und haben in ihrem Tun und Lassen eine stets schwankende Bewegung, durch welche sie jeder Gelegenheit ausweichen, allda sie liebtätigermaßen könnten in Anspruch genommen werden.

[GS.02_027,09] Wie schwer solche Menschen zum inneren Leben gelangen, spricht der Herr ebenfalls bei der Gelegenheit des Ereignisses mit dem reichen Jünglinge aus, der auch zum Herrn kam, um sich durch Sein Licht zu bereichern, doppelt, irdisch und geistig; aber alles zusammen dennoch im fest materiellen Sinne.

[GS.02_027,10] Es könnte leichtlich jemand fragen, warum denn hier gerade ein reicher Jüngling, und warum nicht lieber irgendein alter Geizhals im evangelischen Beispiele aufgenommen oder zugelassen ward. – Sehet, es muß alles seinen vielseitig entsprechenden Grund haben. Also ist ja auch ein jeder Mond ein Weltenjüngling, und zudem spricht sich auch das Wesen des Eigennutzes in einem Jünglinge allzeit lebendiger aus denn in einem Greise. Denn unter tausend Greisen dürftet ihr kaum zehn von geizig eigennütziger Art treffen, diese können verglichen werden mit den fernstehenden Planeten. Aber unter tausend Jünglingen werdet ihr ebenfalls kaum zehn finden, welche sich nicht vom Eigennutze lenken und treiben lassen.

[GS.02_027,11] Betrachtet nur einen Jüngling, was alles er tut und unternimmt seiner eitlen Weltversorgung wegen! Der eine rennt sich die Füße ab, um irgendeine reiche Partie zu machen; der andere studiert sich zu Tode, um es einst, versteht sich bald, möglichst zu einem ansehnlichen Beamten zu bringen. Ein anderer verlegt sich auf allerlei Kriechereien, um dadurch seinem schwächeren Talente zu überhelfen. Und so setzt der eine wie der andere fast durch die Bank alles Göttliche und Geistige völlig zur Seite und läßt sich wie eine Windfahne gebrauchen, um nur irgendein irdisches Ziel dadurch zu erhaschen.

[GS.02_027,12] Sehet, aus diesem Grunde wird denn auch im Evangelium ein Jüngling, und zwar ein reicher Jüngling, zugelassen und aufgeführt; ein Jüngling, weil er zumeist von solchen eigennützigen Interessen beseelt ist, reich aber, weil ein Jüngling eben die größte Tüchtigkeit, zum Reiche Gottes zu gelangen, in sich hat, so er sich selbst verleugnen möchte und treten in die Fußstapfen des Herrn.

[GS.02_027,13] Ich meine, aus diesem Beispiele werdet ihr mein aufgestelltes Verhältnis gründlich begreifen können; und es kommt allezeit darauf an: je mehr Feuer und daraus hervorgehender Wärme oder Liebe zu Gott und allen nächsten Brüderschaften, desto weniger Materie oder desto weniger des Todes, und somit desto mehr des Lebens in sich haltend. Im Gegensatze aber dann auch stufenfolglich: je mehr Materie, desto weniger Feuer, und somit auch desto weniger wahren Lebens ist vorhanden. Aus diesem Grunde denn auch auf einer solchen Zentralsonne, deren ganzes Wesen nahe ein pures Feuer ist, auch das materielle, tierische Leben bis auf einige Unbedeutendheiten völlig mangelt.

[GS.02_027,14] Da wir nun solches wissen, so können wir auch mit einem desto lebensfreieren Gemüte unsere Bahn verfolgen. – Da seht nur einmal vorwärts; wir stehen am Ufer eines euch schon vorhinein bekanntgegebenen Lichtstromes, über welchen wir, um in ein anderes Kreisgebiet dieses Landes zu gelangen, werden unsere Schritte setzen müssen.

[GS.02_027,15] Ihr saget, mit euren geistigen Augen diese endlos stark strahlende unübersehbare Stromoberfläche betrachtend, in eurem Gemüte: Wie werden wir über dieses Sonnenglutmeer mit wohlerhaltenen Füßen und unerblindeten Augen gelangen können? – Ich sage euch aber, wie ich euch schon einmal gesagt habe: Für den Geist darf nie eine Bedenklichkeit vorhanden sein. Festes Wollen und unerschütterliches Vertrauen müssen die ewige Richtschnur des Geistes sein. Daher bedenket auch ihr euch nicht, sondern wollet und vertrauet, so wird uns dieses Element nach unserem Wollen und Vertrauen dienstbar sein müssen. Nun ihr wollet und vertrauet, und die strahlenden Fluten tragen uns ganz wohlbehalten mit Blitzesschnelle in ein anderes fernes Weltgebiet hin.

[GS.02_027,16] Sehet, dort in noch großer Ferne taucht schon ein festes Ufer über den strahlenden Wogen empor. Himmelanstrebende Berge, mit grün leuchtenden Wäldern besetzt, sind die ersten Trophäen eines weiten, bewohnbaren Kreisgebietes, die unsere Augen überaus angenehm und erhaben herrlich begrüßen. Wird es über dieses Gebirge wohl steil zu gehen sein?

[GS.02_027,17] Wann fragt denn ein Geist, dem die Bahnen zwischen Welten selbst offenstehen, nach der Steile eines Gebirges auf einer Welt? Also werden wir wohl auch über diese Steile ohne ein lästiges Müdewerden mit der allerleichtesten Mühe gelangen.

[GS.02_027,18] Wir sind am Ufer und somit auch schon am Fuße des Berges. Sehet den Boden, wie sanft bekleidet er ist mit einem überweichen Grase und welche höchste Reinheit er uns zur Beschauung darbietet! Ist es nicht eine Lust, auf solch einem Boden unter den grünstrahlenden Bäumen zu wandeln? Ja fürwahr, das ist schon an und für sich himmlisch herrlich!

[GS.02_027,19] Ihr möchtet wohl wissen, ob diese Bäume Früchte tragen? Diese Bäume tragen keine Früchte; aber ihr grüner Strahl verbindet sich mit dem weißen Strahle des Stromes und macht den weißen Strahl dadurch intensiver, lebendiger und in endlos weite Ferne hin wirkender. Es ist beinahe dasselbe, als so jemand mit dem weißen Lichte seines Glaubens das mit demselben verbundene grüne Licht der Hoffnung betrachtet und daraus ersieht, daß der Glaube dadurch gesättigter und auch lebendiger wird, denn ein Glaube ohne Hoffnung wäre ein unerträgliches Licht. Es geschieht aber durch die Vereinigung dieser zwei Lichter auch zugleich eine Zeugung der Liebe; denn wer da glaubet und hofft, der fängt auch bald an zu lieben Den, an den er glaubt und auf den er vertraut.

[GS.02_027,20] So ist auch hier diese überweitgedehnte grünstrahlende Waldstrecke dieses großen Gebirges vor uns eine Sättigung des weißen Stromlichtes. Und sehet euch nach der Flutung des Stromes abwärts ein wenig um, da werdet ihr auch die beiden Lichter in ein rotes übergehen sehen, welches ebenfalls soviel besagt, als daß sich im Verfolge des Glaubens und Vertrauens die Liebe zu entwickeln anfängt. Ähnliches kann euch auch die Betrachtung eines jeden Regenbogens zeigen, darum er auch ein wahrer Bogen des Friedens genannt werden kann; es versteht sich von selbst, in geistiger Beziehung. – Indem wir aber nun solches wissen, so können wir uns ganz wohlgemut über die sanft aufsteigende Waldflur zu bewegen anfangen. –

 

28. Kapitel – Wanderung in ein weiteres Sonnenkreisgebiet. Liebe der Urgrund von Glauben und Hoffnung und zugleich deren Frucht.

[GS.02_028,01] Sehet, es geht den Berg hinan nicht so steil, als es von außen her das Ansehen hatte; denn solche Berge sehen nur von einer gewissen Entfernung sehr steil aus, in der Wirklichkeit sind sie es bei weitem nicht, was sie zu sein scheinen. Sie nehmen aber eine desto größere Fläche ein, weil sie nur ganz gemächlich aufsteigen; und das ist aber auch notwendig, damit aus solcher weitgedehnten Waldfläche ein hinreichendes Quantum des grünen Lichtes, in das weiße Licht des angrenzenden Lichtstromes überströmend, aufnehmen kann den ätherisch sättigenden Teil.

[GS.02_028,02] Denn das weiße Licht des Stromes ist noch gänzlich rein ätherisch, oder wenn ihr es leichter verstehet, es ist in sich selbst ein Äther, der noch nichts anderes in sich aufgenommen hat, aber dessen ungeachtet in ungeteilter Weise alles in sich enthält, gleichwie allenfalls das Wasser ein Träger dessen ist, was die Erde nur immer aufzuweisen hat.

[GS.02_028,03] Der grüne Lichtäther aber ist gewisserart hungrig, nachdem er sicher alle anderen ätherischen Stoffe verzehrte bis auf den grünen, der darum auch ein ausstrahlender ist. Zufolge seines Hungers bekommt er eben durch die weiße Farbe des Lichtäthers, welcher dem Strome entstammt, die vollkommene Sättigung, welche sich dann durch die rötliche Färbung ausspricht.

[GS.02_028,04] Ähnliches könnt ihr auch gar wohl vielfach auf eurer Erde finden; ihr dürfet euch nur an die meisten Baumfrüchte, wie auch an so viele Blumen hinwenden. Wie sieht da alles im unreifen Zustande aus? Grün; aber dieses Grün als eine hungrige Farbsubstanz sättigt sich fortwährend mit dem weißen Lichte der Sonne – und wie spricht sich dann die völlige Sättigung, welche das eigentliche Reifsein der Früchte bezeichnet, aus? Gewöhnlich zuallermeist in einer mehr oder weniger geröteten Farbe oder doch wenigstens sicher in einer solchen, welche der roten Farbe zunächst entstammt oder wohl gar in dieselbe übergeht.

[GS.02_028,05] Auf der Erde aber ist dieses alles nur unvollkommen vorhanden, während es auf einem Zentralsonnenkörper im tätigsten Maße zur Erscheinung kommt. Ihr saget wohl: Wie kommt es denn aber, daß bei uns auf der Erde gar viele Früchte in ihrem Reifwerden und vollkommenen Reifsein in die vollkommene blaue Farbe übergehen? Desgleichen gibt es auch eine Menge blauer Blumen, und wir wissen nicht, auf welche Weise solche blaue Farbe von der roten abgeleitet werden kann. – Ich sage euch: Betrachtet nur einmal so ganz gründlich eine solche blaue Frucht (z.B. Zwetschge) und ihr werdet es bald gewahr werden, daß die blaue Farbe nur ein äußerer leicht abwischbarer Anhauch ist; die Hauptfarbe aber ist dennoch die rote.

[GS.02_028,06] Wenn ihr da mit einem überaus feinen Glasstaube eine rote Fläche überstäuben möchtet, so wird euch die Fläche sobald nicht mehr rot, sondern bläulich vorkommen. Um aber die Sache noch besser zu erschauen, dürftet ihr aus einer solchen blauen Frucht nur den Saft herausnehmen, und ihr werdet daraus gar leicht die Erfahrung machen, daß der Grund vom Blau vollkommen rot ist. Noch deutlicher aber zeigt euch eine Morgen- oder Abendröte, wie allda die blaue Farbe der Luft bei einer gewissen Strahlenbewegung gar leicht in die rote übergeht. Darum kann denn auch die blaue Farbe für nichts anderes als nur für eine dunstige Umhülsung der roten angesehen werden.

[GS.02_028,07] Noch deutlicher werdet ihr solches ersehen, wenn ihr z.B. eine doch sicher vollkommen blaue Kornblume mit einem Mikroskope betrachtet, wo ihr aus den tausend aneinander gereihten Kristallchen gar häufig die vollkommen rote Farbe werdet hervorblitzen sehen. – Ich meine, wir haben genug, um einzusehen, daß sich die Sättigung zwischen Grün und Weiß allzeit so gut durch die rote Farbe ausspricht, wie sich die durch den Glauben genährte und gesättigte Hoffnung vollkommen in der Liebe ausspricht, deren entsprechende Farbe eben das Rot ist. – Ihr solltet zwar die Sache nun wohl verstehen und einsehen; aber ich erschaue soeben in dieser Beziehung noch eine kleine Lücke in euch, welche wir während unserer Gebirgsbesteigung noch gar leicht ausfüllen können.

[GS.02_028,08] Wie gestaltet aber stellt sich diese Lücke dar? – Seht, ihr versteht noch nicht, wie die eben erklärte gegenseitige Lichtfarbensättigung dem entsprechend verwandten Glauben, der Hoffnung und der Liebe entspricht. So habet denn acht, wir wollen die Sache gleich näher beleuchten. Die weiße Farbe entspricht dem Glauben. Wie aber die weiße Farbe als allerfeinstätherischer Stoff alle anderen Stoffe oder Farben in sich trägt, also trägt auch der Glaube in feinster geistiger Substanz schon alles Unendliche des Reiches Gottes und des göttlichen Wesens selbst in sich. Ein jeder Mensch aber ist gleich diesem mit grünstrahlenden Bäumen bewachsenen Berge, von welchem die grüne Hoffnungsfarbe beständig ausstrahlt. Und ihr werdet nicht leichtlich auf der ganzen Erde einen hoffnungslosen Menschen finden, während es eine Menge glaubens- und liebelose gibt.

[GS.02_028,09] Die Hoffnung aber verzehrt sich beständig und gelangt nie zu irgendeiner Kraft, wenn sie nicht eine gerechte Nahrung bekommt, was ihr aus einer Menge moralischer und naturmäßiger Beispiele auf eurer Erde zur Übergenüge erschauen könnet.

[GS.02_028,10] Als moralische Beispiele können euch alle erdenklichen Grade und Arten der Verzweiflung hinreichend belehrend dienen, denn eine jede Verzweiflung hat sicher ihren Grund in der sich selbst völlig aufgezehrten Hoffnung. – Naturmäßige Beispiele sind mehrere vorhanden.

[GS.02_028,11] Setzet einmal einen Blumentopf auf längere Zeit an einen vollkommen finsteren Ort; beschauet ihn dann etwa nach einem Vierteljahre, und ihr werdet nur gar zu klar finden, wie sehr da die grüne Farbe in eine weißlichtblaßgelbe, also in die völlige Farbe des Todes übergegangen ist.

[GS.02_028,12] Es versteht sich von selbst, daß man hier nur die Farbe der belebten Pflanzenwelt, aber nicht die Farbe der Mineralien verstehen muß, da in den Mineralien diese Farbe wie vollkommen gefangen ist und einem in der Hoffnung abgestorbenen Menschen gleicht, wo ebenfalls seine Hoffnung mit ihm selbst gefangen genommen ward. Aus diesem Grunde kommen denn auch solche Menschen jenseits zumeist in einer dunkelgrünen Farbe zum Vorschein, welche nach und nach durch die Einsicht, daß ihre entsprechende Hoffnung nicht realisiert werden kann, entweder in die schimmelgraue oder gar in die vollkommen schwarze übergeht, welch letztere Farbe aber eigentlich gar keine Farbe mehr ist, wie auch gar kein Licht, sondern es ist der vollkommene Mangel an allem. Also ist hier darum nur von der lebendigeren Pflanzenfarbe die Rede.

[GS.02_028,13] Es strahlt freilich wohl die grüne Farbe ihr Grün aus und verzehrt alles andere des ätherischen Farbentums. Das eben aber ist ja auch das Charakteristische der Hoffnungen. Die Hoffnung verzehrt ebenfalls alles mit großer Begierlichkeit, und wir können uns keinen größeren Vielfraß vorstellen als eben die Hoffnung. Was hofft oft nicht alles übereinander und durcheinander der Mensch und malt sich das Erhoffte mit seiner Phantasie in den allerbuntesten Farben aus; es versteht sich dasjenige, was er hofft. Alle diese Gemälde verzehrt er fortwährend, nur die Hoffnung selbst verzehrt er nicht. Und kommt er in den Zustand, daß ihm sogar seine Phantasie kein Gemälde mehr zu liefern imstande ist, dann ist er aber auch schon am allertraurigsten daran, denn da beißt er in seine eigene Hoffnung hinein und verzehrt sie. Das ist dann der Blumentopf am vollkommen finsteren Orte.

[GS.02_028,14] Wie aber kann die Hoffnung gesättiget werden? Setzet den Blumentopf nur wieder ans weiße Licht der Sonne, aber nicht zu jäh, so wird er wieder zu grünen anfangen. Warum denn? Weil er außerordentlich hungrig nach einer reellen Sättigung geworden ist.

[GS.02_028,15] Gehen wir auf den entsprechend moralischen Teil über. Wer wohl läßt sich lieber trösten als ein Betrübter, also ein in seiner Hoffnung getäuschter Mensch? Oder wer sucht begieriger einen reellen Trost, also eine moralische Sättigung einer verhungerten Hoffnung, als eben ein solch nahe hoffnungslos gewordener Mensch? Bringet ihn an den Strom des Lichtes, und er wird da in vollsten Zügen in sich aufnehmen, was ihm vorerst am meisten zusagt.

[GS.02_028,16] Aus dem aber kann auch gar klar ersehen werden, wie die Hoffnung durch den Glauben stets mehr und mehr und endlich vollkommen realisiert gesättiget werden kann. Ein hungriger Mensch ist traurig. Wollt ihr ihn heiter machen, so sättiget ihn, und in seiner Sättigung wird ihm alle Hungertraurigkeit vergehen, es wird sich eine Heiterkeit seines Gemütes bemächtigen, und in dieser Heiterkeit wird er mit der größten dankbarsten Liebe seine Gastfreunde erfassen.

[GS.02_028,17] Sehet, gerade also geht es dem nach Wahrheit oder nach der Realisierung seiner Ideen hungernden Menschen. Bringet ihn an den wahren Strom des Lichtes, und er wird sich gar bald mit demselben verbinden und sich sättigen nach seiner Herzenslust und nach seinem Bedürfnisse. Und wenn er gar leicht und gar bald gewahren wird, daß diese Sättigung eine wahrhaftige ist, welche für all seine noch leeren Ideen als vollkommen sättigend taugt, so wird er ebenfalls bald heiteren Mutes werden und den großen Gastgeber ehestens mit großer Glut seiner Liebe ergreifen; welche Liebe an und für sich schon eine vollkommene Sättigung ausdrückt, oder: in der Liebe ist alles des Glaubens und alles der Hoffnung in der vollkommen realisierten Reife und Sättigung vorhanden. Und so ist die Liebe einerseits die durch den Glauben vollkommen gesättigte Hoffnung; andererseits aber ist sie aus eben dem Grunde, weil sie die Hoffnung und den Glauben als gesättigt in sich schließt, auch der Urgrund von beiden. – Ihr saget: Wie kann denn das sein? Ich meine, etwas Natürlicheres und leichter Begreifliches dürfte es wohl kaum geben als eben das.

[GS.02_028,18] Woher kommt ein Baum? Ihr saget: Aus einem Kerne. Woher kommt denn der Kern? Aus dem Baume, saget ihr.

[GS.02_028,19] Nun, wenn also, so wird etwa doch der Kern alles, was da ist des Baumes, der aus ihm hervorgeht, eher grundursächlich in sich fassen müssen. Wenn aber der Baum sich wieder in einem neuen Kerne erneuen will, so muß er auch wieder sein Alles in den Kern niederlegen.

[GS.02_028,20] Ihr möchtet freilich wohl wissen, ob der Herr eher den Baum oder zuvor den Kern erschaffen hat? Ich meine, dieses Geheimnis müsse sich beinahe mit den Händen greifen lassen. Hätte der Herr den Baum eher erschaffen als den Kern, da könnet ihr versichert sein, daß Er solches auch gegenwärtig täte, denn Er ist in Seiner Handlungsweise durchaus nicht veränderlich, und Er tut nicht heute so und morgen anders, und ihr würdet in diesem ersten Falle fortwährend wie durch einen Zauberschlag plötzlich entstandene Bäume erblicken. – Ihr aber sehet einen jeden Baum fortwährend neu nach und nach stets mehr und mehr auswachsen und sich entwickeln.

[GS.02_028,21] Dieser Akt aber zeigt ja mehr als mit zehn Sonnen auf einmal beleuchtet, daß der Herr nicht nötig hatte, einen fertigen Baum zu erschaffen, sondern das Samenkorn nur. Und wenn dasselbe in die Erde kommt, da entwickelt es sich, und es wird dann in dieser Entwickelung eine vollendete Form dessen, was der Herr in eben das Samenkorn gelegt hat.

[GS.02_028,22] In dem Samenkorne aber liegt schon wieder die Fähigkeit, sich am Ende selbst wieder zu finden, und der Baum selbst und seine ganze Tätigkeit ist dann nichts anderes als ein zweckmäßiger Prozeß vom Kerne zum Kerne; und es ist meiner Meinung nach doch viel richtiger und klüger anzunehmen, daß eine Linie ein Produkt ist von vielen aneinander gereihten Punkten, und wird darum auch von zwei Endpunkten begrenzt, als daß man so ziemlich stark törichter Weise annehmen möchte, der Punkt sei ein Produkt einer zusammengeschrumpften Linie und sei zu beiden Seiten (N.B. deren er eine zahllose Menge hat) von zwei Linien begrenzt.

[GS.02_028,23] Ich meine, aus diesem Wenigen werdet ihr gar leicht einsehen, daß der Herr das Samenkorn eher als den Baum erschuf, d.h. Er erschuf zwar beide zugleich, aber den Baum legte Er zu gleicher Zeit unentwickelt in das Samenkorn.

[GS.02_028,24] Eben also ist auch sicher die Liebe der Urgrund von allem, und alles muß dann endlich wieder in diesen Grund zurückkehren, wenn es nicht zugrunde gehen will. – Bei dieser Gelegenheit aber haben wir auch die Höhe unseres Berges erreicht, und so wollen wir uns sogleich tiefer in unser neues Kreisgebiet wagen. –

 

29. Kapitel – Fortsetzung der Wanderung. In gerader Linie, mit unwandelbar festem Willen, dem Ziele zu.

[GS.02_029,01] Da sehet nur einmal hin – in die etwas tiefer gelegene unübersehbar große Ebene, die nach links und rechts, so weit nur immer das Auge reicht, von diesem bewaldeten Gebirge begrenzt ist! Was erblicket ihr in dieser Ebene? Sicher nichts anderes als ich: in einer sehr tüchtigen Entfernung ragt eine staffelförmige Rundpyramide überaus hoch empor. Man kann von dieser Entfernung außer einem Brillantglanze noch nichts Näheres ausnehmen. Aber dessen ungeachtet verspricht schon dieser erste Anblick etwas unerhört großartig Erhabenes, darum wollen wir denn auch hurtig darauf lossteuern, um uns so bald als möglich in der völligen Nähe dieses erhabenen Prachtwerkes zu befinden. Sehet, wir haben zwar keinen abgetretenen Weg, noch weniger eine Fahrstraße dahin; aber wenn ich diesen herrlichen Boden betrachte, welcher viel zarter und feiner aussieht als der allerfeinste Seidensammetstoff, da meine ich, braucht es keines abgetretenen Weges, sondern nur die Beobachtung der geraden Linie, und wir werden uns geistig schnellen Schrittes sobald dort befinden, wo wir sein wollen.

[GS.02_029,02] Wisset ihr aber auch, was geistig genommen die gerade Linie bezeichnet? Die gerade Linie bedeutet oder bezeichnet den unwandelbar festen Willen, welcher durch keine noch so widrige Erscheinung auf etwas anderes abzulenken ist; und eben diese gerade Willenslinie soll auch hier gemeint sein.

[GS.02_029,03] Ihr fraget zwar in euch, ob wir denn bei diesem Wege noch auf Hindernisse stoßen könnten, die uns die Erreichung des Zieles erschweren dürften? Das wird sich alles auf dem Wege zeigen. Bis jetzt ging es noch gut. Wir haben im Verlaufe unseres Gespräches schon eine ziemliche Strecke zurückgelegt, und so ich dorthin blicke, wo dieses außerordentliche Bauwerk sich befindet, da kann ich schon so manches genau ausnehmen, was ich ehedem von der Gebirgshöhe nicht imstande war.

[GS.02_029,04] So kann ich nun schon recht gut ausnehmen, daß dieses außerordentliche Bauwerk aus zwölf Abteilungen besteht, die fast in der Art sich übereinander erheben, als wenn ihr auf der Erde ein ausgezogenes Fernrohr, natürlich von der allerriesenhaftesten Gattung, senkrecht aufgestellt hättet, welches Fernrohr eben auch zwölf Züge haben müßte. Und wenn ihr die Sache so recht betrachtet, da werdet ihr bald mit leichter Mühe entdecken, daß ein jedes dieser zwölf Stockwerke aus lauter aneinander gereihten Säulen besteht, und sehet ein jedes Stockwerk in einer anderen Farbe erglänzen.

[GS.02_029,05] Aber wozu sich die Augen durch in die Ferne sehen verderben? – Wir werden das ganze Werk in der vollen Nähe ohnehin von Angesicht zu Angesicht betrachten können; daher gehen wir nur hurtig darauf zu. Aber ich merke, daß ihr eure Augen auf einen nicht mehr fern von uns abstehenden ziemlich hohen Wall richtet. Das hätte ja so den Anschein von einem bedeutenden Weghindernisse und einer Ablenkung von unserer geraden Linie, da wir einen Mauerbrecher nicht bei uns haben.

[GS.02_029,06] Wenn die Mauer dieses Walles nach irdischem Maßstabe kerzengerade aufsteigt und unterhalb kein Tor angebracht ist, da dürfte es freilich wohl einen kleinen Haken haben, die gerade Linie fortwährend beizubehalten, und doch dürfen wir sie nicht verlassen; denn im Geiste nur um eine Linie auf die Seite gerückt, will so viel sagen, als mit einem Augenblicke diese ganze schöne Welt aus unserem Gesichtskreise verlieren. Aber wir sind ja noch nicht an der Mauer; daher den Mut nicht verlieren, und es wird sich die Sache vielleicht besser machen, als wir es erwarten.

[GS.02_029,07] Ich bemerke aber nun auch vor dem Walle große und weitgedehnte Baumreihen, aus denen allerlei Säulen und Pyramiden emporragen. Es könnte da wohl sehr leicht geschehen, daß wir bei unserer geraden Linie auf einen Baum oder auf eine Säule stoßen und wären demnach genötigt, eines solchen Hindernisses wegen ein wenig von der geraden Linie abzubiegen.

[GS.02_029,08] Ihr saget: Wie wäre es denn, so wir uns geistigermaßen in die Luft emporschwingen möchten, und durch diese am leichtesten in gerader Linie hinziehen zu unserem großartigen Ziele?

[GS.02_029,09] Ich sage euch: Auch dieses könnten wir tun; aber dadurch setzen wir uns einer doppelten Gefahr aus, diese unsere Welt aus unserem Gesichtskreise zu verlieren, fürs erste, weil ein solcher Aufschwung eben auch eine Verletzung der geraden Linie ist, und fürs zweite dürfen wir ja so lange nicht unsere Füße von diesem Boden trennen, solange wir diese Welt beschauen wollen. Denn trennen wir unsere Füße vom Boden, so sinkt die ganze Welt unter uns in ihre erste unkenntliche Sterngestalt zurück. Daher bleibt uns nichts anderes übrig, als allen vorkommenden allfälligen Hindernissen mit fester Stirne zu begegnen!

[GS.02_029,10] Nun sehet, die Baumreihen hätten wir bereits erreicht. Soweit als mein Auge in diesen Alleewald hineindringt, geht es überraschend geradlinig aus; aber dort recht tief darin erblicke ich etwas wie einen aufgerichteten Altar, und dieser Altar steht meines Erachtens gerade in der Mitte dieser Allee. Es macht aber nichts, nur mit fester Stirne darauf zu, und es muß sich der Weg gerade so machen, wie wir ihn haben wollen, denn es wäre für einen Geist doch wohl traurig, wenn er sich von naturmäßigen Hindernissen sollte den Weg verrammen lassen.

[GS.02_029,11] Nun, da sind wir schon am Altare. Fürwahr, dieses erste Monument zeigt schon, wenn auch noch in einem entfernten Maßstabe, von welch einer unbeschreiblichen Pracht erst das Hauptwerk sein muß.

[GS.02_029,12] Sehet diesen Altar! Er hat etwa eine Höhe von einer Klafter und besteht aus lauter Rundstäben, welche von einem überaus glänzenden Materiale angefertigt sind, das aber sicher auf keinem anderen Weltkörper in dieser Eigentümlichkeit vorkommt. Da seht nur einmal die Stäbe an; sie sehen ja nicht einmal fest aus, sondern haben das Ansehen, als wären sie lauter abwärts schießende Wasserstrahlen, welche aber ohne sogenannten Seitenspritzer abwärts in goldene Trichter schießen. Die flammende Strahlenbewegung in diesen Rundstäben zeigt beinahe solches an, als wären diese Stäbe nichts als nur runde Wasserstrahlen, welche etwa durch eine Mittelsäule von irgend her zuerst aufwärts, und hier, wie wir es sehen, nach den Regeln der Wasserbaukunst abwärts fallen. Um uns aber zu überzeugen, greifen wir mit den Händen nach den Stäben – sehet, das Ganze ist nur eine Eigentümlichkeit des Materials. Dieses hat in sich solche flammende Bewegung, daß es scheint, als wäre es ein reinstes fließendes Wasser; an und für sich aber ist es fest, als wäre es ein Diamant.

[GS.02_029,13] Und da sehet über den Stäben die herrlich eingeländerte Rundtafel, wie sie strahlt, als hätte man im Ernste eine kleine Sonne auf diese aneinander gereihten Stäbe gelegt. Die Stäbe münden zuunterst in goldene Trichter ein, welche ebenfalls wieder in eine rot und blau schillernde allerherrlichste runde Kristallplatte eingeschichtet sind. Fürwahr, diesen Altar auf diesem schönen Rundplatze zu sehen, von den herrlichsten Bäumen in der schönsten Ordnung umfriedet, deren Äste oben wie riesige Arme zusammengreifen, ist an und für sich schon etwas so Bezauberndes, daß man es mit der größten Zufriedenheit eine geraume Zeit betrachten möchte. Dazu wenn man noch den wunderbaren grünen Sammetboden bedenkt und die Stämme der Bäume, welche das Ansehen haben, als wären sie lauter mächtige blaue, halbdurchsichtige Rundsäulen, an denen nicht der allerleiseste Makel zu entdecken ist.

[GS.02_029,14] Was saget ihr denn zu dieser ersten Pracht? Ich muß es aufrichtig gestehen, daß mich diese erhabene Einfachheit mehr anspricht und fesselt, als alle schon vorher geschauten Herrlichkeiten dieser Welt. Wir vergessen bei der Betrachtung dieser Herrlichkeit aber ja ganz, daß wir noch weiterzugehen haben.

[GS.02_029,15] Aber die gerade Linie, wie werden wir diese heraus bekommen?

[GS.02_029,16] Sollten wir etwa diesen überherrlichen Altar möglicherweise niederrennen? Fürwahr, so etwas wäre beinahe nicht übers Herz zu bringen, und besonders wenn man obendrauf noch bedenkt, daß solch ein Werk viele Arbeit und vielen Fleiß von Menschenhänden dieser Welt vonnöten hatte und daß es sicher zu einem von dieser Menschheit geheiligten Zwecke dasteht. Und dazu noch ist das Zerstören überhaupt am allerentferntesten von der göttlichen Ordnung abstehend.

[GS.02_029,17] Was werden wir demnach hier tun? Ihr saget: Als Geister durch die Materie rennen, was wird es denn sein? Ist doch der Herr auch durch die verschlossene Türe zu Seinen Aposteln gekommen.

[GS.02_029,18] Ich sage euch: Das ist zwar wahr; aber wir sind nicht Herren, sondern Diener und Knechte des Herrn, diese aber dürfen nicht alles tun, was der Herr getan hat, außer der Herr wollte es. Daher weiß ich mir nun schon einen Rat. Wir werden uns an den Herrn der Herrlichkeit wenden, und zwar in der Liebe unseres Herzens, und ich bin überzeugt, es wird sich die gerade Linie gleich herstellen.

[GS.02_029,19] Nun, ich habe solches getan und ihr nun in mir; und sehet, da eilt schon aus dem Hintergrunde ein männlich Wesen hervor, rührt soeben den Altar an, und dieser teilt sich bei der Mitte wie auseinandergehend, und wir können nun unsere Linie weiter verfolgen.

[GS.02_029,20] Ihr fraget nun wohl, ob dieser Altar im Ernste solch eine mechanische Vorrichtung habe, daß er für ähnliche geradlinige Reisezwecke allzeit auf gleiche Weise teilbar ist? Ich sage euch: Für den Herrn ist alles in einem allerzweckmäßigsten Maße eingerichtet, die Menschen dürfen eine Sache noch so fest miteinander verbinden, der Herr aber ist der Werkmeister des Stoffes. Der Mensch weiß wohl um die Glieder seines Werkes, und wie diese zu trennen sind, aber der Herr kennt die Glieder des Stoffes und weiß auch, wie diese zu trennen sind.

[GS.02_029,21] Daher brauchet ihr zur Beobachtung der geraden Lebenslinie nichts als die stets wachsende Liebe zum Herrn, und ihr werdet durch Felsen, Feuer und Wasser also wandeln können, als hättet ihr mit gar keinem Hindernisse zu kämpfen.

[GS.02_029,22] Ich aber mache euch noch obendrauf aufmerksam: Habet recht wohl acht auf alle die Erscheinungen, die uns auf diesem Wege vorkommen werden, und ihr werdet am Ende so manche Verhältnisse eurer Welt darin wie in einem großartigen Zauberspiegel erkennen. – Nun aber steht vor uns schon wieder eine überaus weitgedehnte offene Allee in gerader Linie, und wir können daher wieder mit gutem Gewissen vorwärtsschreiten.

[GS.02_029,23] Ihr möchtet wohl gerne wissen, was nun mit dem geteilten Tempel geschehen wird. Wird er sich wieder ergreifen, oder wird er also geteilt verbleiben? Ich aber sage euch: Verstehet mich wohl, und lasset das, was hinter uns ist; denn wir haben vor uns noch gar vieles und bei weitem Größeres. Wenn wir aber am Hauptziele sein werden, dann werden wir ohnehin von der Höhe einen allgemeinen Überblick erhalten. Und so lasset uns weiterziehen.

 

30. Kapitel – Fortsetzung der Sonnenwanderung. Mangelnde Erkenntnis und Weltliebe zwei Gebetshindernisse.

[GS.02_030,01] Die vor uns liegende offene Allee ist zwar etwas enger als die vorhergehende, allein diese Erscheinung ist für den Fortschritt auf unserer geraden Linie nicht im geringsten hinderlich, sondern gerade nur das Gegenteil, denn je enger irgendeine Gasse wird, desto leichter ist ja die Mitte derselben zu beobachten und in Mitte der geraden Richtung fortzugehen.

[GS.02_030,02] Solche Erscheinung hat ja aber darin ihren Grund, daß alle diese Alleen strahlenförmig von dem Zentrum des Hauptgebäudes heraus bemessen und angelegt sind; und könnten wir von der Höhe gerade über dem Hauptgebäude herabblicken, so würden wir diese ganze Prachtanlage wie eine ausstrahlende Sonne erblicken.

[GS.02_030,03] Und sehet, das ist schon ein gutes Zeichen; also ist ja die gerade Linie schon bedingt, wir dürfen dieser nur folgen, und es kann gar nicht fehlen, daß wir baldmöglichst das Hauptziel erreichen. Wir sind schon, wie ihr sehet, gut über die Hälfte dieser zweiten Allee geschritten, und es läßt sich darum schon recht gut das vorliegende Ende erschauen. Aber ich bemerke soeben wieder hinter dem Abschlusse dieser Allee ein neues Hindernis glänzen, welches uns von der geraden Bahn ein wenig ablenken möchte. Wir aber wollen dieses vorliegenden zweiten Hindernisses kaum mehr gedenken; denn wie das erste wird auch dieses zweite uns den gerechten Platz machen müssen.

[GS.02_030,04] Was aber ist etwa das, was uns da entgegenstrahlt? Nur einige beschleunigte Schritte noch und da seht einmal hin, ja fürwahr, da kann man sich beim ersten Anblicke ja nicht einmal genug fassen; denn zu groß ist die Pracht dieser Allee-Verzierung. Was wären da auf der Erde alle noch so kunstvoll ausgedachten Wasserkünste und Feuerwerks-Evolutionen! Da sprüht es ja nur so von erhabener Pracht und Herrlichkeit.

[GS.02_030,05] Sehet, die Platte, welche dieses zweite große Baumrondell wie in einem Stücke überpflastert, sieht doch gerade so aus wie eine kleinwellige Oberfläche eines allerreinsten Wassers, und dennoch ist die Fläche vollkommen eben und überaus fest. Das Sonderbarste bei dieser ganzen Geschichte ist nur das, daß man durch eine merkwürdige Strahlenbrechung wirklich in seinem Gesichte so sehr getäuscht wird, daß man die Oberfläche dieser Pflasterung wie fort und fort wellend erschaut, und jede Wellenwendung erstrahlt in einem anderen Lichte. Das will ich denn doch ein brillantes Strahlenbild nennen.

[GS.02_030,06] In der Mitte dieses weiten Baumrondells ist eine Säule aufgestellt, diese hat gerade das Ansehen, als so man bei euch auf der Erde eine Wasserhose erschauen möchte. Sehet nur, wie sich ein förmliches Wasser wie in Wirbelkreisen sprudelnd auf und ab zu treiben scheint, und ein jeder Wirbel erstrahlt fortwährend abwechselnd in tausend Farben; und sehet und fühlet diese Säule an, sie ist bei all dieser scheinbaren Lebendigkeit fest wie ein Diamant. Fürwahr, wer diese Materialzusammensetzung und Bearbeitung solch einer Zierde nicht für wunderbar hält, von dessen Munde möchte ich doch selbst vernehmen, was ihm ein Wunder deucht.

[GS.02_030,07] Und da sehet noch ganz hinauf zur Spitze dieser Säule, wie sie dort in überaus strahlende Äste gleich einer Trauerweide ausläuft und anstatt der Blätter allerlei strahlende Zäpfchen herabhängen läßt. –

[GS.02_030,08] Ja, was sagt ihr denn zu dieser Pracht? Fürwahr, ihr seid mit Recht stumm; denn fürs Gefühl läßt sich dergleichen nicht beschreiben, und man muß zufrieden sein, wenn man nur einen höchst matten Schattenriß davon selbst mit der größten und glühendsten Sprachfertigkeit hat entwerfen können.

[GS.02_030,09] Es wäre sonst alles recht, wenn sich diese ganze herrliche Geschichte nur nicht in der Mitte unserer Wandellinie befände. Was meinet ihr wohl, wird sich diese Allee-Zierde auch also wie die vorhergehende teilen lassen? Bei der ersten könnte man noch eher versucht werden zu glauben, die ganze Sache beruhte auf künstlich mechanischen Grundsätzen und war darum auch leicht auseinander bewegbar; aber bei dieser höchst kolossalen Zierde dürfte wohl ein jeder Mechanismus zu kurze und zu schwache Arme bieten, um diese gar mächtige Säule nach der vorher geschauten Art zu entzweien. – Was sollen wir denn nun tun? Ihr saget: Derjenige, der das erste Hindernis geteilt hat, der Herr nämlich, wird auch mit diesem zweiten gar sicher leicht fertig werden.

[GS.02_030,10] Ihr habt recht geantwortet. Aber es muß dabei etwas beobachtet werden, was ihr bisher noch nicht kennet, und so höret denn: – Der Herr ist zwar überall der allmächtige Helfer und Besieger aller Hindernisse, aber Er muß auch nach dem Grade und Maße des Hindernisses zu Hilfe gerufen werden, sodann erst wird es geschehen, was da geschehen soll.

[GS.02_030,11] Ihr saget hier freilich: Ja, warum aber das? So wir den Herrn um Hilfe anflehen, da wird Er uns wohl nicht weniger helfen, als wir es vonnöten haben. Ich sage euch: Ihr habt in einer Hinsicht zwar wohl recht, aber nur insoweit, als ihr daneben irrigerweise anzunehmen genötigt seid, dem Herrn sei wenig oder gar nichts daran gelegen, wie euer eigenes Erkenntnisvermögen bestellt ist. So etwas aber anzunehmen, meine ich, dürfte doch ein wenig zu töricht sein.

[GS.02_030,12] Der Herr aber will ja vor allem die Selbsterkenntnis der Kinder erheben; daher läßt Er auch alles von ihnen (selbst) eher beurteilen und bemessen, also auch ihre Not, auf daß sie Ihm dann dieselbe nach ihrer Erkenntnis vortragen sollen, und Er ihnen dann helfe nach ihrer eigenen Erkenntnis und Verlangen.

[GS.02_030,13] Aus diesem Grunde aber, meine lieben Freunde und Brüder, soll da auf der Erde auch niemand ein sündiges Hindernis auf der eben sein sollenden Bahn seines Lebens mit einem leichtfertigen Maßstabe bemessen, sonst muß er es sich selbst zuschreiben, wenn ihm nach vielen Gebeten nicht die erwünschte völlige Hilfe wird.

[GS.02_030,14] Denn der Herr ist zwar überaus liebevollst gut und freigebig mit Seiner Gnade und Erbarmung, aber dabei dennoch stets im vollkommensten Grade respektierend die freie Tätigkeit des Geistes in jeder Beziehung, sowohl in der Willens- als in der Erkenntnissphäre.

[GS.02_030,15] Unter uns aber gesagt, tut (daher) ein jeder Mensch für sich genommen besser, wenn er in Anbetracht seiner selbst, wie ihr zu sagen pfleget, aus einer Mücke einen Elefanten macht, als umgekehrt, und es wird dann sein, daß derjenige, der von solch einem Standpunkte aus um vieles bittet, auch viel empfangen wird; wer aber um weniges bittet, der erwarte ja nicht, daß ihm der Herr ein unerkanntes und unverlangtes Plus auf den Rücken nachwerfen wird.

[GS.02_030,16] Tut ihr ja auch das gleiche auf der Erde untereinander. Warum sollte es der Herr nicht tun, der dafür den liebeweisesten Grund hat? Wird wohl selbst ein allerbestgesinnter reicher Mann einem, der ihn bittet, ihm zweihundert Taler zu leihen, allenfalls streng benötigte zweitausend Taler geben? Ich sage euch: Solches wird er nicht tun, und wüßte er es auch augenscheinlichst, daß der bittende Entleiher unumgänglich notwendig der größeren Summe vonnöten hat.

[GS.02_030,17] Er wird wohl, ebenfalls aus dem edlen Grunde seines Herzens, zum Entleiher sagen: Ich leihe dir recht gerne die verlangte Summe, wenn sie dir in deinem Bedürfnisse nur genügen wird. Wenn bei solch einem Stupfer der Entleiher noch immer in seinen blindtörichten Schüchternheitsschranken sich bewegt und bleibt bei seiner ersten Petition, saget euch selbst, wer dann die Schuld trägt, wenn dem Entleiher mit 200 Talern nicht gedient ist.

[GS.02_030,18] Aus dem Grunde aber soll sich ein jeder genau erforschen und seine Not genau bemessen, und dann erst an den heiligen, allmächtigen Helfer sich wenden, so wird ihm schon sicher die gerechte Hilfe werden, wenn er dieselbe glaubensfest, vertrauensvoll und liebeernstlich von Ihm erwartet.

[GS.02_030,19] Und so denn wollen und müssen nun auch wir hier den Herrn ein wenig fester angehen als beim ersten Hindernisse, so wird uns auch hier der Herr die Bahn öffnen. Worin aber besteht die größere Festigkeit in dem den Herrn angehen?

[GS.02_030,20] Der Schmied sagt zu seinem Gesellen: Zur Schmelzung von wenig Eisen genügt auch eine geringere Kohlenglut, und die Esse braucht dazu den Atem nicht so tief zu holen; wenn aber ein großer Klumpen Eisen soll geschmolzen werden, da spricht der Schmiedmeister zu seinem Gesellen: Nun bringe drei Körbe fester Kohle, und laß die Esse festweg gehen, sonst wird der große Metallklumpen kaum an die Rotglühhitze gelangen. Ich meine, diese Schmiedmeistersregel, welche doch so ziemlich mit Händen zu greifen ist, wird auch für uns gar überaus wohl anzuwenden sein. Mehr Kohle, mehr Essenwind heißt soviel als: mehr Liebe und mehr Vertrauen, und es wird werden nach dem gläubigen Verlangen!

[GS.02_030,21] Ich habe bei mir das getan, und ihr mußtet es tun in mir, und sehet, diese Wasserhosensäule ist schon wieder geteilt, und wir können mit der leichtesten Mühe von der Welt nun wieder unsern Marsch weiter fortsetzen.

[GS.02_030,22] Verstehet ihr aber auch dieses zweite Hindernis, welches voll trüglichen Scheines ist und sich zeigt, als wäre es lebendig in allen Ecken und Winkeln? Rührt man es aber an, da ist es überall hart und widerstrebend fest. – Sehet, sich durch die Irrtümer durchzuarbeiten, ist ein bei weitem Leichteres; denn wer nur einigermaßen geweckten Geistes ist, wird die niedrige Dummheit bald leicht von der glänzendst reinsten Wahrheit zu trennen imstande sein, und das ist die Besiegung des ersten Hindernisses. Aber hier ist die Welt im Gesamtmaßstabe mit all ihrer buntstrahlenden Flitterei; und es braucht bei weitem mehr, um dieses Hindernis aus dem Wege zu räumen als das frühere.

[GS.02_030,23] Es gibt sicher recht viele Menschen auf der Erde, welche schon lange die Wahrheit in ihrem strahlenden Lichte erkannt haben. Aber von der Welt können sie sich doch nicht trennen; denn ihre Strahlen sagen ihnen zu sehr zu. Wie viel solcher anlockender Flitterstrahlen aber die Welt in sich faßt und wie beschaffen diese sind, kann euch eine nur ein wenig scharfe Betrachtung dieser Alleeverzierung auf ein Haar zeigen. Besitztümer, Geld, allerlei Bequemlichkeiten, guter Tisch, schöne Weiber, honette Kleider und dergleichen noch sehr viel mehreres sind noch gar mächtige Flitterstrahlen der Welt, selbst für schon recht tüchtig weise Männer. Für Weiber wollen wir kein Wort führen; denn da ist die Dummheit meist in ihrem Ursitze zu Hause.

[GS.02_030,24] Es gleicht aber ein Mensch, der sich in solchem Weltflitterwerk gefällt, einem Reichen im Traume, der da mit Millionen hin und her wirft, wenn er aber erwacht, so drückt nicht ein einziger Groschen seine Börse. Ich meine, ihr werdet mich verstehen; und da unser Hindernis besiegt ist, so könnten wir schon wieder weiterziehen.

 

31. Kapitel – Fortsetzung der Sonnenwanderung. Der Eingang vom materiellen ins geistige Leben in Entsprechungsbildern.

[GS.02_031,01] Sehet, schon wieder ist eine herrliche Allee vor uns, die sich ebenfalls gegen das Ende verengt; das ist bereits die dritte, welche wir betreten. Wenn ihr diese drei Alleen so nacheinander betrachtet, so stecken sie gewisserart ineinander wie drei aufeinander gesteckte Kegel, von denen die Endspitze immer in die Basis des folgenden hineinfällt; denn wenn die erste Allee mit ihren Linien fort liefe, so müßten sich dieselben eben auf dem Punkte kreuzen, da wir das erste Monument angetroffen haben. Aber die Berechnung ist so gestellt, daß die beiden Baumlinien gerade dort aufhören, wo wir am Ende einer Allee allzeit ein großes Baumrondell angetroffen haben, in dessen Mitte das Ornament stand. Daher fängt jetzt diese dritte Allee ebenfalls wieder sehr breit an und wird am Ende, wie die früheren, recht schmal enden.

[GS.02_031,02] Könnte da nicht allenfalls jemand sagen: Aber ich finde die Sache durchaus nicht ästhetisch? Entweder soll die Allee gleichlinig fortlaufen, oder sie soll verhältnismäßig breiter werden, und das zwar in dem Verhältnisse auseinander laufend, in welchem Verhältnisse sich sonst eine parallel laufende Allee scheinbar verengt. Auf diese Weise würde dann so eine Allee von ihrem Anfange an das scheinbare Ansehen eines Rechteckes oder einer vollkommen gleichweiten Bahn bis ans Ende bekommen. Solch eine Anlage würde mehr Wissenschaft und Geist verraten, als solch ein scheinbares Zusammenschrumpfen einer Allee.

[GS.02_031,03] Dieses ist zwar richtig; solch eine Anlage muß für das Auge offenbar drückend erscheinen, besonders bei einer so langen Allee, wie diese da ist. Aber die Menschen, welche hier diese Allee angelegt haben, haben einen viel höheren Zweck damit verbunden als allein den der Ästhetik nur. Und so bezeichnen diese drei Alleen ganz vollkommen sinnig und richtig den Eingang vom Materiellen in das geistige, innere Leben.

[GS.02_031,04] Wie aber soll solches begriffen werden? Das werden wir gar leicht herausbringen; denn Ähnliches befindet sich auch auf eurer Erde, wenn auch nicht gerade durch eine Allee ausgedrückt. Einige Beispiele werden uns diese Sache bei Gelegenheit der Durchwanderung dieser dritten Allee, in welcher ohnehin nicht viel Erhebliches zu beschauen ist, vollkommen erhellen.

[GS.02_031,05] Nehmen wir an, irgendein eines Faches kundiger Mann schreibt für eben dieses sein Fach ein Buch. Dieses Buch fängt zuerst mit einer nicht selten überaus breiten und dazu auch gehörig langweiligen Vorrede an, und gewöhnlich ist die Vorrede allzeit um so umfangreicher, je geist- und umfangschmäler das darauf folgende Werk selbst ist. Diese Vorrede beengt sich nach und nach auf eine ganz einfache und zugleich auch nicht selten schmale Nutzanwendung, wo es gewöhnlich mit wenigen Worten gesagt ist, was ehedem unnötigerweise die ganze Vorrede gesagt hat. Die Vorrede wäre glücklicherweise zu Ende. Dieser folgt ein leeres, weißes Blatt, auf welchem manchmal nichts, manchmal aber mit großen Buchstaben das wichtige Wort: Einleitung steht. – Blättert man dieses verhängnisvolle Blatt um, so fängt dann wieder eine noch breitere Einleitung an, als wie breit ehedem die Vorrede war. In dieser Einleitung kommt eigentlich, so wie in der Vorrede, nichts anderes vor, als nur eine etwas breiter gehaltene Belobung und Anempfehlung des darauf folgenden Hauptwerkes. Womit endet aber diese mehrere Ellen lange Einleitung? Gewöhnlich mit ähnlichen kurzen Ausdrücken: Wir wollen uns nicht länger mehr mit den Vorbegriffen abgeben, sondern zur Hauptsache selbst schreiten; alldort wird der geehrte Leser alles gehörig beleuchtet finden, was in dieser Einleitung nur kurz berührt werden konnte. Und das ist aber dann auch schon das Ende.

[GS.02_031,06] Warum hat denn der Verfasser seine Einleitung so breit angefangen und ließ sie gar so entsetzlich schmal enden? Hätte er sie nicht ebensogut ganz weglassen können? Wir können diese Frage weder bejahen, noch verneinen, denn für seinen Zweck taugt sie; ob sie auch für den Zweck des Lesers taugt, das wird der Leser, wenn er das ganze Werk wird durchgelesen haben, am leichtesten selbst bestimmen.

[GS.02_031,07] Nach dieser Einleitung kommt dann das Hauptwerk selbst. Was wird wohl etwa in diesem vorkommen, das ebenfalls wieder sehr breit und vielverheißend anfängt? Sicher nichts anderes als dasjenige mit noch etwas mehr Worten gesagt, was schon in der Vorrede und in der Einleitung gesagt worden ist. Und so endet der Geograph sein Werk mit der Darstellung eines gewöhnlich sehr unbedeutenden Fleckens; denn für große Orte hat er einen besseren Platz, sie stehen allzeit mehr am Anfange.

[GS.02_031,08] Der Mathematiker setzt am Ende seines tiefdurchdachten Werkes noch einige kurze noch unaufgelöste Aufgaben hinzu, von denen gewöhnlich die letzte die am wenigsten sagende ist.

[GS.02_031,09] Auch der Geschichtsschreiber spart das allerunbedeutendste Faktum für die allerletzte Blattseite auf, während er am Anfange ganz entsetzlich breite Blicke über die ganze Erdoberfläche warf; und so dürfet ihr – mit Ausnahme des Wortes Gottes – fast alle Werke betrachten, und ihr werdet finden, daß sie am Ende ganz schmal hinausgehen. – Das wäre ein Beispiel, welches hoffentlich hinreichend durchleuchtet ist.

[GS.02_031,10] Betrachten wir aber den Bau eines Hauses, eines Turmes oder einer Kirche; wie breit geht es am Anfang zu, und am Ende endet das Haus in ein zusammenlaufendes Dach, der Turm in seine Spitze und die Kirche auch gewöhnlich in ein sehr spitz zusammenlaufendes Dach. Dieses Beispiel bedarf keiner weiteren Beleuchtung; denn der tägliche Anblick gibt hierzu die rechte Erklärung.

[GS.02_031,11] Ein drittes Beispiel gibt euch die Betrachtung eures zeremoniellen Gottesdienstes. Mit großem Pompe zieht man aus der sogenannten Sakristei und ordnet sich dann vor dem Altare wie im Hintergrunde der Kirche am musikalischen Chore stets breiter und breiter; aber allenfalls nach der dritten Meßzeremonie werden die Meßteile schon kürzer und auch gewöhnlich weniger sagend, und dort, wo man eigentlich die größte Breite erwarten sollte, nämlich bei der Gelegenheit der sogenannten „Aufwandlung", da sieht es schon sehr schmal aus, dann wird es immer schmäler, bis sich endlich alles in das überaus kurze „Ite, messa est" verliert.

[GS.02_031,12] Ein sogenanntes Schauspiel bei euch fängt nicht selten überaus geheimnisvoll an und endigt gewöhnlich in einer überaus wenig sagenden Blindheirat. – Also fangen auch eure musikalischen Stücke samt den musikalischen Instrumenten sehr breit an und enden nicht selten so schmal, daß man im Ernste sagen müßte: Für diesen letzten höchst einfachen Ausgang hätte es fürwahr nicht so viel Aufhebens gebraucht. So fängt auch eure Tonleiter mit einem donnerähnlichen, breitschwebenden, tiefen Baßtone an und endet am Ende in den schönsten Akkorden mit einem überaus feinen und schmalen Dünnton. Habt ihr schon genug an den Beispielen?

[GS.02_031,13] Da wir aber noch nicht an das Ende der Allee gelangt sind, sondern uns in einer schon recht tüchtigen Enge derselben befinden, so können wir ja auch noch ein Beispiel zum größten Überflusse hinzufügen, welches in unsere Sache ein überaus helles Licht geben soll; denn im Geiste geht es wie auf der Welt. Auf der Welt haben die Menschen nie zuviel Geld; und hat jemand noch so viel, so wird er es nicht verschmähen, noch mehr hinzuzubekommen. Desgleichen hat man im Geiste auch nie zu viel Licht; und so wünscht der Weise, noch immer weiser zu werden. Darum wird uns auch dieses Beispiel nicht überflüssig sein, da es das Licht vermehrt.

[GS.02_031,14] Wie lautet aber dieses Beispiel? Das liegt euch sehr nahe; ihr dürfet nur einen Blick in die gegenwärtige Erziehung eurer Kinder tun, und ihr habt das ganze Beispiel schon auf einem Haufen beisammen. Was für großartige und breite Pläne macht oft ein bemitteltes Elternpaar für seine Kinder? Der Sohn muß studieren und daneben noch allerlei andere Künste und Fertigkeiten sich zu eigen machen; und für die Tochter laufen wenigstens ein halbes Dutzend allerlei Meister ins Haus. Die Sache sieht aus, als sollte aus dem Sohne ein Regent und aus der Tochter das Weib eines Herrschers werden. Endlich hat der Sohn seine Studienbahn vollendet und die Tochter sich aus den meisterlichen Krallen mit allerlei eben nicht vielsagenden Fertigkeiten entwunden. Was geschieht aber jetzt?

[GS.02_031,15] Der wohlgebildete und vielstudierte Sohn wird in eine enge Kanzlei auf eine schmale Praktikantenbank geschoben, von der aus eben nicht die größte Fernsicht genommen werden kann, und bei der Tochter heißt es: Nun müssen wir sie auch ein wenig fürs Häusliche erziehen lassen. Wenn ihr diese Stellung nur ein wenig aufmerksam betrachtet, so kann euch die sich stets mehr verengende Allee des anfangs so breit projektierten menschlichen Lebens unmöglich entgehen.

[GS.02_031,16] Aber für den Sohn fängt bald nach seiner sehr schmalen Praxissphäre wieder eine etwas breiter anfangende Amtsallee an, und die Tochter wird an einen Mann verheiratet, von dem man anfangs auch sehr viel Breites erwartete. Aber die Amtssphäre des Sohnes schmälert sich endlich im Pensionsstande schon wieder, und die Aussichten der verheirateten Tochter gewinnen auch durchaus nicht an Breite, sondern wie bei ihr so manche weibliche Vorteile nach und nach sich verflüchtigen, so wird sie am Ende samt den Aussichten schmäler.

[GS.02_031,17] Nun, was aber ist hernach das Ende der dritten Lebensallee? Ich meine, dieses muß ich euch nicht näher bezeichnen: ihr dürfet nur in den nächstbesten Friedhof gehen, allda werdet ihr eine Menge Ausläufer breit angefangener menschlicher Lebensalleen finden.

[GS.02_031,18] Und sehet, in eben diesem Sinne bauen diese Sonnenmenschen alles gerade also, wie es den Lebensverhältnissen vollkommen entspricht.

[GS.02_031,19] Einst bauten die Menschen der Erde auch ähnlichermaßen. Die sogenannten ägyptischen Pyramiden sind noch sprechende Zeugen dafür; denn diese großartigen Bauten waren nichts als Grabmäler großer und mächtiger Menschen. Je größer und mächtiger einer war, eine desto größere Pyramide ließ er sich als Grabmal erbauen. – Wer sie zuunterst messen möchte, der würde auf bedeutende Unterschiede stoßen; aber zuoberst liefen alle auf eine ganz haargleiche Spitze aus.

[GS.02_031,20] Ähnliche Weisheit in noch viel bedeutenderem Maßstabe finden wir denn auch hier auf dieser Lichtwelt, wo die Menschen besonders dieses Kreisgebietes wahrhaftige Grundweise sind. – Jedoch die Folge wird uns davon Helleres bieten.

[GS.02_031,21] Da wir aber bei dieser Gelegenheit unserer Unterwegs-Beredung wieder an das erwünschte, hier im Ernste sehr schmale Ende der Allee gekommen sind, so wollen wir nun auch wieder einen mutigen Blick vorwärts tun und sehen, ob sich da kein Hindernis mehr vorfindet, das uns nötigen dürfte, unsere gerade Linie beugen zu müssen. Bis jetzt erschaue ich außer der uns schon nahe stehenden großen Ringmauer kein Hindernis, daher können wir uns über diese noch übrige freie Ebene bis zur Mauer schon ganz ungehindert bewegen. Wie es uns aber bei der Mauer ergehen wird, das wird die Erfahrung selbst zeigen, daher nur mutig bis zur Mauer hingeschritten!

 

32. Kapitel – Fortsetzung der Sonnenwanderung. Die Palastanlage entspricht den Verhältnissen des menschlichen Wesens.

[GS.02_032,01] Es möchte wohl noch eine Strecke Weges von zwei Meilen sein oder achttausend Klaftern eures Feldmaßes. Die Strecke ist eben, und man kann mit dem Auge über die Fläche hin nicht alles ausfindig machen, was irgendeinem Hindernisse ähnlich sein könnte. Für unseren gegenwärtigen Standpunkt ist außer einem Pyramidenkreise von kleiner Gattung nichts zu entdecken. Die Pyramiden selbst aber stehen so weit voneinander ab und stehen auch nicht auf unserer Linie, und so können wir sie auch nicht als ein Hindernis ansehen; es müßte nur hinter den Pyramiden sich etwas vorfinden. Ich aber sage kurz und gut, gehen wir nur darauf zu, und der Weg wird ja wohl zeigen, was wir noch zu bekämpfen haben werden.

[GS.02_032,02] Wenn ich hier nicht euer Gast, sondern ihr die meinigen wäret, da wären wir schon lange an Ort und Stelle; aber ich muß hier eure Ungewißheit und Unschlüssigkeit leitend mit euch teilen. Daher geht der Marsch auch ein wenig langsamer. Es schadet aber solches der Sache gar nicht; denn wir wissen uns den etwas zögernden Weg – mit der Gnade des Herrn – ja gar wohl zunutze zu machen.

[GS.02_032,03] Dazu ist es auch sehr angenehm zu gehen auf diesem grünlich-blauen Samtboden, und so können wir uns die etwas längere Marschdauer schon gefallen lassen. Auch rückt uns wenigstens gut die Hälfte des merkwürdigen Hauptgebäudes im Mittelpunkte dieser Ringmauer stets näher, und so haben auch unsere Augen fortwährend vollauf zu tun. Die Pyramidenreihe hätten wir bereits erreicht, wie ihr merken könnet, und es zeigt sich noch immer kein anderes Hindernis als die zufolge unserer Annäherung beständig höher werdende Ringmauer. Diese selbst, wie es mir jetzt vorkommt, ist durchaus nicht kontinuierlich, sondern besteht aus lauter Säulengalerien, welche einen überaus prachtvollen Anblick zu gewähren anfangen.

[GS.02_032,04] O sehet nur hin, es sind ja drei Säulengalerien übereinander; aber die Säulen sind bei allem dem dennoch wenigstens dem jetzigen Anscheine nach ziemlich knapp aneinandergereiht. Also nur hurtig darauf losgeschritten und den Mut nicht sinken gelassen! Bald werden wir dieses großartig scheinende Hindernis meines Erachtens als gar kein Hindernis mehr anzuschauen Ursache haben, denn, wie ich bemerke, werden bei unserer Annäherung die Räume zwischen den Säulen merklicher und merklicher; und sehet, vor den Säulen ist eine zusammenhängende Staffelei angebracht, über welche man sicher von jeder Seite her wenigstens in die unterste Galerie gelangen kann.

[GS.02_032,05] Ja, sehet nur hin, die Säulen stehen recht weit auseinander, und wir können sicher zwischen ihnen in Reih und Glied durchziehen. Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, also ist es. Jede gute Arbeit ist ihres Lohnes wert; wir sind mutig darauf losgeschritten, und da wir das größte Hindernis zu finden glaubten, da finden wir gerade gar keines. Wir haben diese endlos prachtvolle Staffelei erreicht, welche meinem Erkennen nach aus lauter rotem durchsichtigem Golde angefertigt und dazu noch zwischen einer jeden Säule bis zur andern hin mit einem mir bis jetzt auf diesem Weltkörper noch nicht vorgekommenen Stoffe für die Fußwandler auf das allerprachtvollst Zierliche überdeckt ist.

[GS.02_032,06] Zwölf Staffeln sind es nur; diese werden wir gar leichtlich überschreiten. Also nur hinauf! Wir sind in der Galerie. Da sehet einmal das Bodenpflaster dieser Galerie an; sieht es nicht aus, als wäre es eine rundgestreckte, weit ausgedehnte, allerfeinst geschliffene Diamantfläche in einer Breite von zehn Klaftern eures Maßes genommen? Sehet es nur recht genau an, es ist nirgends etwas Zusammengefügtes zu entdecken, also durchgehends kein Stückwerk, sondern ein vollkommen Ganzes. Und betrachtet einmal die Säulen, die nach innen zu gewendet sind oder die inwendige Reihe bilden. Eine jede ist umfaßt mit einer Wendeltreppe aus dem allerherrlichsten Rubine. Die Treppe ist eingeländert mit den zierlichsten Stäben aus weißem Golde, und über einem jeden der vielen Stäbe des Geländers ist eine hellblau strahlende Kugel angebracht, welche ein wunderliebliches Licht von sich wirft.

[GS.02_032,07] Ihr möchtet wohl wissen, wozu diese Wendeltreppen, und das um jede Säule gleichförmig? Der erste Grund ist offenbar, um auf die zweite Galerie zu gelangen; aber dazu brauchte ja nicht eben eine jede Säule mit solch einer Wendeltreppe versehen zu sein.

[GS.02_032,08] Solches liegt in der Weisheit dieser Menschen, derzufolge sie allenthalben in die Höhe gelangen können, ohne daß eines das andere nur im geringsten beirren möchte; denn diese Säulen stellen die Lehrer oder Führer dar. Wie aber kein Führer und Lehrer also beschaffen sein soll, daß man durch sein Geleite nicht in die Höhe gelangen möchte, also darf auch keine solche entsprechende Säule ohne eine in die Höhe leitende Wendeltreppe sein.

[GS.02_032,09] Ihr saget hier gleichwohl und fraget, warum denn nicht auch aus eben dem Grunde die äußere Säulenreihe bestaffelt ist? Sehet, das liegt schon wieder im Grunde der Weisheit dieser Menschen, demzufolge die äußere Säulenreihe wohl auch Lehrer darstellt; aber Lehrer für naturmäßige Beschaffenheit, also Lehrer in äußeren Dingen. Diese aber können mit ihrem Lehrfache niemanden erheben, daher sind auch diese äußeren Säulen ohne Staffeln.

[GS.02_032,10] Ja ihr könnet hier betrachten, was ihr wollt, so werdet ihr überall die vollkommenste und innigste Entsprechung mit den äußern wie mit den innern Verhältnissen des Menschen finden. Also ist uns der Weg von unserer letzten Allee ganz einförmig vorgekommen. Es war nichts da als der schöne Boden und die etwas sparsame eben nicht ansehnliche Pyramidenreihe, darauf die beglückende Erweiterung der von uns früher als hinderlich vermeinten Ringmauer in geräumige Säulengalerien und über derselben eine halbe Ansicht des Hauptgebäudes in der Mitte. Das war aber auch alles, was uns auf der Reise über die freie Ebene vorkam.

[GS.02_032,11] Ihr meinet, hinter dieser höchst einfachen Erscheinung dürfte doch nicht gar zu viel Bedeutendes in entsprechender Hinsicht stecken. Ich aber sage euch: In eben dieser etwas langweiligen Reise liegt etwas ganz außerordentlich Tiefes verborgen. Es ist freilich wenig, was uns da begegnete; aber nach eurem Spruche, daß dem Weisen das Wenige genüge und er in selbem gar Großes finde, ist auch dieses Wenige so bestellt, daß es uns vollkommen genügen kann, wenn wir es nur mit einem einigermaßen weisen Blicke betrachten. Damit ihr euch aber davon einen kleinen Begriff machen könnet, so will ich euch vor der Hand nur einige ganz unbedeutende Stupfer geben, nach denen ihr mit sehr leichter Mühe das Tiefere selbst finden könnet.

[GS.02_032,12] Aus den drei Alleen, also aus den drei Demütigungsgraden aus dem Leiblichen, Seelischen und Geistigen, sind wir auf einmal in den freien Raum oder entsprechend in die innere Freiheit des Geistes gelangt, und das mit den Mitteln, welche uns der Herr Selbst verordnet hat. Und diese Mittel sind die äußere Weisheit der Lehre des Herrn, welche der Mensch zuerst buchstäblich beobachten muß, bis er zum inneren geistig freien Bewußtsein gelangt.

[GS.02_032,13] Herrlich ist der Boden, auf dem man wandelt, überall frei und ohne Hindernis, und blau ist seine Farbe, voll sanften Glanzes; also ist auch das freie Bewußtsein des Geistes, welches sich in einer unwandelbaren Beständigkeit ausspricht. Aber in der Mitte des freien Raumes sind Pyramiden angebracht. Das sind ja Grabmäler; was zeigen denn diese an? Ihr möchtet wohl sagen: Vielleicht das gänzliche Absterben für die Welt. Das, meine lieben Brüder und Freunde geschieht schon bei der Reise durch die drei Alleen.

[GS.02_032,14] Diese Pyramiden aber zeigen hier nur an – das Sichzurruhelegen der äußeren Weisheit, und daß man in dieser Sphäre kein Hindernis mehr zu erwarten hat, entsprechend, daß man sich der Möglichkeit enthoben hat, je mehr vor Gott sündigen zu können. Denn jeder Geist, an dem nichts Äußeres mehr klebt, kann nicht mehr sündigen und ist aus diesem Grunde erst rein.

[GS.02_032,15] Warum denn? Weil er vollkommen eins mit dem Herrn geworden ist! Mehr brauche ich euch in dieser Hinsicht nicht zu sagen; denn so jemand tut, was der Herr will und tut, der wird etwa dadurch doch nicht sündigen.

[GS.02_032,16] Als wir ganz nahe noch dem Austritte aus der letzten Allee waren, da kamen uns die herrlichen Säulengalerien noch wie eine kontinuierliche, unübersteigliche Ringmauer vor; also eine schauerliche Linie, über die zu gelangen sich beinahe gar keine Aussicht darbot. Als wir über die Pyramidenreihe hinaus waren, da fing die Mauer an, in getrennte Säulen sich aufzulösen, und nach sehr kurzer Reisefrist ward uns das zu einer großartigen Herrlichkeit und zu gar keinem Hindernisse mehr, was wir ehedem schon eine geraume Zeit hindurch am meisten befürchteten.

[GS.02_032,17] Was wohl stellt solches vor? Betrachtet den Tod eures Leibes. Das ist doch sicher für jeden noch äußerlich lebenden Menschen der am meisten gefürchtete Moment, also ein überaus allerstärkstes Lebensbahn-Hindernis. Das ist es auch sicher für jedermann, solange er die Pyramidenreihe nicht hinter dem Rücken hat.

[GS.02_032,18] Hat aber jemand bei der Ablegung alles äußeren Weisheitsscheines in seinem Geiste vollkommen den Herrn angezogen, dann wird dieses gefürchtete Hindernis ein überaus herrlicher Prachtanblick werden, und ein jeder wird da sicher den heißesten Wunsch tragen, sobald als möglich über die zwölf Staffeln in die untere Galerie zu gelangen.

[GS.02_032,19] Woher rühren denn die zwölf Staffeln? Diese stellen sinnbildlich die zehn Gebote Mosis und dann noch dazu die zwei Gebote der Liebe aus dem Munde des Herrn dar; so wie die drei übereinanderstehenden Galerien darstellen: Naturmäßiges im Geistigen, Geistiges im Geistigen, und Himmlisches im Geistigen. Ich meine nun, aus diesem Stößchen dürftet ihr die Erscheinungen auf dem Marsche über den freien Platz nun so ziemlich begreifen bis auf die halbe Ansicht des Mittelgebäudes, welches die Gnade des Herrn bezeichnet und vor der Hand allein sichtbar ist, bis jenseits der Galerien auch der Hauptgrund sichtbar wird, welcher die Liebe des Herrn ist oder der Herr Selbst in Seiner Persönlichkeit. Da wir solches wissen, so ziehen wir wieder weiter. –

 

33. Kapitel – Der Sonnenpalast. Ungeheure Prachtentfaltung mit Lichtwundern.

[GS.02_033,01] Wird es wohl schwer sein, von hier weiterzuziehen, und müssen wir von hier aus auch noch die gerade Linie beobachten? Gehen wir nur hinaus in den freien überaus geräumigen Raum, welcher sich zwischen dieser weiten Rundgalerie und zwischen dem Hauptmittelgebäude vorfindet, und wir werden da bald sehen, was zu machen sein wird.

[GS.02_033,02] Sehet nur einmal zwischen den zwei vor uns stehenden mit Wendeltreppen versehenen inneren Säulen hinaus und saget mir, was ihr erblicket.

[GS.02_033,03] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, für diesen Anblick finden wir keine Worte, um zu beschreiben, was alles sich da dem armseligen Auge in der allerwunderbarsten Art darstellt! Eine Fläche voll wogenden Glanzes sehen unsere Blicke, und aus einer jeden Woge sprühen Millionen Strahlen über Strahlen, ein jeder von einer anderen Farbe; und die Strahlen ergreifen sich gegenseitig und bilden vorübergehende Formen. Die Formen gehen hier und da ineinander über und bilden eine neue Form.

[GS.02_033,04] Dort, weiter gegen das Hauptmittelgebäude zu, sehen wir diese Strahlenwogen sich in den buntesten Kreisen drehen, und die Kreise erheben sich oft kegelförmig über den Boden. Diese Kegel schimmern in einem wechselnden Lichte, dessen zauberhaft schönster Reiz mit keinem Worte zu beschreiben ist. Und endlich erblicken wir über diese Lichtkreise hin die unterste Säulenreihe des großen Mittelpalastes.

[GS.02_033,05] Die Säulen scheinen aufwärts wirbelnde Flammen von hellroter Farbe zu sein, und hinter diesen merkwürdigen Säulen strahlt eine lichtblaue Wand hervor, welche zwischen den Säulen mit Eingangspforten versehen ist, aus denen ein wunderherrliches grünlich-weißes Licht strahlt. – Das ist alles, was wir bis jetzt ausnehmen können.

[GS.02_033,06] Wenn wir auf die wogende Beweglichkeit dieser Fläche hinblicken, so kommt es uns vor, als wenn der Boden irgendein Gewässer wäre, über welches dann festen Fußes nicht darüberzukommen sein dürfte. Nur auf das einzige können wir einen diese Sache widerlegenden Rückblick tun, daß wir in der letzten Alleeverzierung ebenfalls eine solche wogende Fläche angetroffen haben, welche darum nichts weniger als flüssig war, und so kann es wohl sein, daß dieses Lichtwogen dieser Fläche vor uns ebenfalls nur eine Augentäuschung ist.

[GS.02_033,07] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, also verhält es sich auch mit dieser Sache. Alles, was ihr hier als beweglich erschauet, ist nur ein Spiel des Lichtes, welches auf den Zentralsonnenkörpern besonders stark zu Hause ist, und das um so stärker auf irgendeinem Punkte, je mehr sich dieser dem großen Äquator solch einer Zentralsonne nähert. Daher gibt es hier ein Material, welches an und für sich überaus fest ist, und eine große Politur annimmt, viel stärker als der feinste Diamant bei euch. Wenn so eine große Fläche dann gehörig geglättet ist, da nimmt sie auch um so begieriger die mächtigen Lichtstrahlen aus dem einen solchen Sonnenkörper umgebenden Lichtäther auf und wirft dann nach der Übersättigung eben diese Strahlen wieder zurück. Und so entsteht aus dem Ein- und Gegenstrahlen solch eine wogende Wirkung, in der Nähe als sich zu allerlei Lichtformen bildende, durcheinanderbewegende Wogen, in der Entfernung aber zu Kreisen. Warum denn? Weil in der Ferne alle Bewegungen wie auch alle Formen sich fortwährend mehr und mehr abrunden, was ihr schon auf eurem Erdkörper aus verschiedenen Erscheinungen entnehmen könnet.

[GS.02_033,08] Gehet ihr z.B. auf eine bedeutende Höhe und sehet euch den weiten Horizont an, der an und für sich sehr uneben ist, so werdet ihr ihn aber dennoch ganz gerundet erblicken; die Ursache liegt darin, weil die kleinen Unebenheiten gegen den ganzen weiten Horizontkreis so gut als gänzlich verschwinden.

[GS.02_033,09] Beschauet ihr eine mehrkantige Säule von einer gewissen Entfernung, und sie wird euch nicht kantig, sondern rund erscheinen.

[GS.02_033,10] Gehet ferner an einen breiten Strom und betrachtet das Fortfließen des Wassers vom nächsten Ufer angefangen bis zum entgegengesetzten hin, da wird sich diese Erscheinung am meisten bestätigen. Am nächsten Ufer werdet ihr das Stromwasser bunt durcheinanderwogend erblicken, aber am entgegengesetzten Ufer werdet ihr bei einer etwas längeren Betrachtung lauter ineinander verschlungene Kreise erblicken, in denen sich die Fluten des Stromes wie langsam fortzuwirbeln scheinen.

[GS.02_033,11] Wie uneben die Weltkörper auf ihrer Oberfläche sind, das kann euch eure Erde zur Genüge zeigen; aber von großen Entfernungen betrachtet werden sie zu einem vollkommen runden Kreise, d.h. wenn schon nicht ganz vollkommen zirkelrund, so aber doch an der außen erscheinenden Randlinie als vollkommen eben.

[GS.02_033,12] Es ließen sich noch eine Menge solcher Beispiele anführen; allein ich meine, daß diese genügen, um die vor uns liegende so ziemlich stark ins Wunderbare gehende Erscheinung zu begreifen, d.h. als Erscheinlichkeit selbst, ohne innere geistig entsprechende Bedeutung, auf welche wir erst bei der passenden Gelegenheit kommen werden.

[GS.02_033,13] Wir brauchen vor der Hand nichts anderes zu wissen, als daß der vor uns ausgebreitete Boden vollkommen fest ist, und wir können uns dann sogleich schnurgerade auf demselben fortzubewegen anfangen; und so denn treten wir nur wohlgemut hinaus!

[GS.02_033,14] Wir sind heraus aus der Galerie auf dem Boden und sehet, er ist fest, und wo wir stehen, ist das Wogenspiel des Lichtes nicht zu erschauen. So können wir uns nun schon gegen das Hauptgebäude hin bewegen. Werfet aber einen Blick auf das Gebäude hin, welches nun schon in seiner ganzen enthüllten Pracht vor uns steht.

[GS.02_033,15] Was sagt ihr zu diesem Werke? Ihr saget, was ich eigentlich auch sage: Da hört das Reden auf, und man wird stumm vor dem zu großartig erhabensten Anblicke! Wenn man sich so einen ins Unendliche veredelten und verherrlichten babylonischen Turm vorstellen würde, so hätte man ungefähr wohl noch das beste Bild davon; nur müßte man die schneckenartig aufwärtsführenden Gänge des babylonischen Turmes hinwegnehmen und denselben in zehn Stockwerke einteilen, von denen ein jedes einen etwas engeren Kreis beschreibt. Das wäre aber nur eine nackte Form ohne Licht; hier jedoch ist die großartigste und edelste Form übergossen mit einer unbeschreiblichen Pracht und Glorie des Lichtes. Um wieviel steht sonach die gedachte Form dieser unbeschreiblichen, alle Begriffe übersteigenden Herrlichkeit nach.

[GS.02_033,16] Gehen wir aber nur näher; es wird sich die Sache immer mehr und mehr entwickeln in ihrer unendlichen Pracht. Ihr sehet die untere Reihe von hier so, als bestünde sie aus einzelnen großen Säulen, von denen eine jede eine Höhe von dreißig Klaftern hat. Die Höhe möget ihr wohl richtig beurteilt haben; aber die Säule an und für sich nicht. Wenn ihr genau hinsehet, da werdet ihr eine jede Säule also erblicken, als wäre sie mit Rundstäben belegt. Doch wir sind jetzt schon näher, und es läßt sich nun recht gut ausnehmen, daß eine solche Säule, die sich aus einiger Entfernung als nur eine Säule ausnimmt, in dieser Nähe ein ganzer Kreis von Säulen ist, was wir früher als einzelne Stäbe an einer großen Säule erschauten.

[GS.02_033,17] Und nun sehet, wir sind glücklicherweise schon an die große Staffel des Zentralgebäudes gekommen und erblicken, daß eine jede solche Hauptsäule aus dreißig in einem Kreise herumgestellten Säulen besteht, von denen eine jede von der andern noch so weit entfernt absteht, daß wir ganz bequem in solch ein Säulen-Rondell hineintreten und uns darin überzeugen können, daß es noch hinreichend Raum hat zur Aufnahme von tausend Menschen.

[GS.02_033,18] Aber zugleich betrachtet diese herrliche Einrichtung; längs des Kreises dieser Säulen windet sich im inwendigen Raume eine überaus prachtvolle Treppe in sanfter Steigung und mit den allerprachtvollsten Geländern versehen hinauf in das nächste Stockwerk. Und sehet, eine jede Säule oder vielmehr ein jeder Säulenkreis, den wir von hier erblicken, hat eine gleiche Einrichtung.

[GS.02_033,19] Der Boden solch eines Säulenkreises ist hellgrün und die Galerien, welche die aufsteigende Treppe einfassen, sehen aus wie flammendes Gold; und da sehet hinaus, der Boden dieser ersten großen, ebenerdigen Galerie ist von der Farbe eines allerschönsten Amethystes, in welchen allerlei Diamantzierat wie ein Mosaik eingearbeitet ist. Was saget ihr zu dieser wahrhaft unerhörten Pracht?

[GS.02_033,20] Ich sehe, daß es euch hier abermals so geht wie mir, man findet für die Buchstabensprache keine Worte. Gehen wir aber nun eine solche Treppe aufwärts und beschauen das zweite Stockwerk; allda erst werden wir Dinge zu Gesichte bekommen, die alles bisher Geschaute in den Schatten stellen werden. – Und so denn folget mir auf der Treppe.

 

34. Kapitel – Einzelheiten des Palastes und deren Entsprechung.

[GS.02_034,01] Sehet, da sind wir schon in der Galerie des ersten Stockwerkes. Ihr sehet wieder Säulenrondells statt einzelner großer Säulen aufgestellt, und in der Mitte dieser Säulenrondells seht ihr hier wie Altäre aufgerichtet, welche demjenigen Altare eben nicht unähnlich sind, den wir auf der Wanderung hierher in der Allee zuerst angetroffen haben. Die innere Rundung des Säulenkreises ist abermals, wie ihr sehet, allenthalben mit einer unaussprechlich prachtvollen Treppe versehen.

[GS.02_034,02] Wozu denn aber diese Altäre in der Mitte dieses Säulenrondells? Einesteils dienen sie zur offenen Zierde eines solchen Säulenrondells, andernteils aber bezeichnen sie den ersten Grad der Erkenntnis Gottes, während die Säulenrondells zu ebener Erde ganz leer sind und das Menschliche im gänzlichen Naturzustande bezeichnen.

[GS.02_034,03] Aber besehet die Pracht dieser Säulen; die sind nicht mehr glatt, sondern gewunden. In der Höhlung der Windung ist eine Verzierung von herrlichstem Laubwerke, und der Bauch der Windung ist besetzt mit den wunderherrlichsten, selbstleuchtenden Edelsteinen, welche wie Halbkugeln hineingefügt sind. Die Farbe der Säulen ist bläulich-grün, das Laubwerk ist wie flammendes Gold, der Boden des Rondells ist wie ein überaus stark funkelnder Rubin, und die Treppe ist hier von weiß flammendem Silber angefertigt.

[GS.02_034,04] Sehet aber den Boden der Galerie. Dieser ist aus lauter allerfeinstem Hyazinthe, das prachtvolle Geländer nach außen hinaus von Porphyr, und die innere Wand des Hauptgebäudes besteht aus Onyx, welcher ist ein gar herrlicher Edelstein. Das bogenartige Gewölbe zwischen den Säulen und der kontinuierlichen Wand aber besteht aus dem allerschönsten Opal, in welchem allerlei farbige, selbstleuchtende Steine in wunderbarer Ordnung eingelegt sind.

[GS.02_034,05] Und da sehet hin, zwischen einem jeden Säulenrondell ist in der festen Wand des Hauptgebäudes ein hohes und breites Tor angebracht. Dieses Tor hat, wie ihr bemerken könnet, zwei Flügel, welche an einer in der Mitte des Tores angebrachten viereckigen Säule eingehängt sind und sich somit nicht in der Mitte, sondern zu beiden Seiten öffnen. Die viereckige Säule ist ein flammendes Diamantstück, und die Torflügel bestehen aus flammendem Golde, welches noch herrlicher ist als das durchsichtige; dergleichen freilich wohl auf der Erde nicht vorkommt.

[GS.02_034,06] Ein durchsichtiges Gold könnte auf der Erde wohl erzeugt werden; wie aber? Durch Verglasung; denn ihr wisset, daß alle Metalle, wenn sie den höchsten Hitzegrad ausgestanden haben, gewisserart in eben diesem Hitzegrad verbrennen. Nach dem Verbrennen bleibt aber nichts als wie eine Art Schlacke übrig. Wenn nun diese Schlacke wieder zermalmt wird und gemengt mit einem dieselbe auflösenden Salze, so kommt sie in Fluß, und wenn sie dann abgekühlt wird, so ist diese durch das Salz und natürlicherweise durch große Hitze flüssig gewordene Masse zum durchsichtigen Glase geworden. Wenn also aus der freilich auf dem Erdkörper sehr teuer zu stehen kommenden Goldschlacke auf oben gezeigte Weise ein Glas verfertiget würde, so würde solch ein Glas von gelb-rötlicher Farbe das allerfeinste durchsichtige Gold geben.

[GS.02_034,07] Aber ein flammendes Gold auf der Erde darzustellen, wäre wohl die reinste Unmöglichkeit. Nicht einmal auf den Planetarsonnen geht solches an, sondern allein nur auf den Zentralsonnen, wo das Licht in für euch unmeßbarster Intensität zu Hause ist. Allda ist demnach jeder durchsichtige Körper der beständigen Durchflammung fähig, weil er das in sich aufgenommene Licht zufolge des ihn umgebenden Lichtes nimmer verzehren kann. Und so geschieht durch solch einen beständigen Konflikt zwischen Licht und Licht ein solches Flammen, welches den Anschein hat, als wäre die Materie im fortwährend brennenden Zustande. Rührt man aber solch eine Materie an, so ist sie vollkommen fest und nicht im geringsten irgend erhitzt, sondern gerade im Gegenteile, je flammender etwas ist, desto kühler ist es.

[GS.02_034,08] Es steht eben darum in einer nicht geringen Entsprechung mit denjenigen Menschen auf eurer Erde, die nach außen hin sehr feurig sind und über alles eifern; rührt man aber ihr Herz an, so erstaunt man über die Kälte desselben! So könnet ihr Menschen antreffen, die sich für die Unterstützung der Armen aus lauter Feuereifer die Zunge wund reden können; wenn ihnen aber heimlich ein Armer begegnet, da sind sie kälter als das tausendjährige Eis eines Gletschers, welches der gewöhnliche Sonnenstrahl nicht zu schmelzen vermag, wohl aber hie und da in kleinen Portionen ein wohlgenährter Blitz.

[GS.02_034,09] Also sieht es auch zu allermeist mit den berühmten Kanzelpredigern aus. Sie zünden mit ihrem übermäßigen Feuer eine Hölle an, in welcher es kein auch dem allermächtigsten Feuer verwandtes Wesen nur eine Sekunde lang aushalten könnte; fraget ihr sie hernach, was ihr Herz zu einem so außerordentlich hohen höllischen Hitzegrade sagt, so wird euch die Antwort werden: Ich befinde mich recht wohl dabei. Ein guter Braten und ein nicht zu kleines Glas Wein auf so eine hitzige Predigt bringt bei ihm alles wieder ins Gleichgewicht.

[GS.02_034,10] Das wäre demnach eine Entsprechung unseres flammenden Goldes; aber diese ist eben nicht die empfehlenswerte. Es gibt jedoch auch eine anempfehlenswerte, d.i. eine geistig gute, und diese lautet also:

[GS.02_034,11] Menschen, die voll Liebe sind in ihrem Herzen, gegen diese ist auch die Liebe des Herrn mächtig wirkend. Dadurch geschieht ein Konflikt zwischen Liebe und Liebe, und diese Liebe wirkt dann wohltätig nach außen. Sie erleuchtet und erwärmt, was sie umgibt; aber in sich selbst bleibt sie kühl. Warum denn? Weil sie keine Eigenliebe ist. Solches bezeigt auch das flammende Gold. – Nun wüßten wir diese Entsprechung; und so können wir die Torflügel schon ein wenig in Augenschein nehmen.

[GS.02_034,12] Da seht nur her, welche Erhabenheiten plastisch in diese Torflügel eingearbeitet sind! Sieht die Sache nicht beinahe aus wie eine Bilderschrift, welche aus der Mitte der Masse, aus welcher die Flügel angefertigt sind, in den wunderbarsten Farben durchstrahlet? Und da sehet durch eine glatte Fläche des Torflügels in das Innere des Gebäudes! Ihr fahret zurück; was alles habt ihr denn gesehen? Ich lese es schon an euren Gesichtern; ihr habt Menschen entdeckt, und das von nie geahnter Schönheit! – Ja, ja, so ist es.

[GS.02_034,13] Diesen Menschen dürfen wir uns für jetzt noch nicht nahen, wir müssen zuvor von der stets steigenden Pracht dieses Gebäudes gehörig abgestumpft werden, sonst könnten wir samt und sämtlich einen kleinen Schaden an unserer geistigen Gesundheit erleiden. Denn so vollkommen ist nie ein Geist selbst des höchsten Himmels, daß er unvorbereitetermaßen alle Schönheit der Schöpfung des Herrn anschauen könnte, ohne dabei eine zeitweise Beschädigung zu überkommen.

[GS.02_034,14] Damit wir aber hier nicht zu sehr angefochten werden, so begeben wir uns nur ganz hurtig in ein solches Säulenrondell und über die Treppe in das zweite Stockwerk, oder nach der Zahl der Galerie gewisserart in das dritte, allda uns wieder ganz andere Dinge erwarten.

[GS.02_034,15] Ich merke zwar noch einen zweifelhaften Punkt in euch, und dieser besteht wieder in einem euch unverständlichen Zahlenverhältnisse, und zwar darin, daß wir alle aus der Entfernung her dieses ganze Hauptgebäude aus zwölf Stockwerken bestehend erschauten, in dieser Nähe aber nur aus zehn. – Lassen wir die Sachen nur gut sein, wenn wir uns im zehnten Stockwerke befinden werden, so wird sich die Sache schon aufklären. Für jetzt aber gehen wir nur in unser zweites Stockwerk oder in die dritte Galerie.

 

35. Kapitel – Geistiges Fortschreiten durch Palasteinrichtungen dargestellt.

[GS.02_035,01] Sehet, es kommt nur auf eine Vorübung an, und man steigt dann in einer höheren Sphäre mit eben der Leichtigkeit in eine noch höhere, als man vorher von einer unteren Sphäre in eine nach ihr folgende höhere gestiegen ist.

[GS.02_035,02] Ihr saget freilich, daß es auf der Erde nicht eben ganz vollkommen derselbe Fall ist; denn je höher man dort steigt, desto schwerer werden einem auch die Füße, und so braucht jeder nächste Tritt eine etwas stärkere Anstrengung als der vorhergehende. Das ist richtig; aber ihr müsset dabei bedenken, daß so ihr irgend natürlichermaßen in die Höhe steigen wollet, ihr da in einem Zuge fortgehet und machet nicht verhältnismäßige Raststationen zwischen einem und dem andern Höhepunkte. Dadurch aber müsset ihr dann ja notwendigerweise ermüdet werden. Teilet ihr aber eine zu besteigende Höhe ab, und zwar in solche Rastabsätze, wo ihr von einem bis zum andern nicht müde werden könnet, da werdet ihr nach einer zweckmäßigen Rast jeden folgenden Absatz mit gleicher Kraft und Müdlosigkeit besteigen können.

[GS.02_035,03] Daß aber solches richtig ist, könnet ihr sehr leicht aus eurem täglichen Leben ersehen. Ihr gehet da doch häufig hin und her und werdet dabei nicht müde. Warum denn nicht? Weil ihr inzwischen wieder gehörig ausruhet. Zählet aber eure Schritte zusammen, die ihr in einem Tage hindurch machet, so werden es so viele sein, daß ihr mit denselben in einer geraden Linie leichtlich eine Strecke von zehn Stunden Feldweges zurücklegen würdet. Machet ihr nun aber einen Weg von zehn Stunden, so werdet ihr bis zum Niedersinken müde werden.

[GS.02_035,04] Sehet, also ist meine Annahme und Erklärung richtig; so jemand im Wege und im Emporsteigen desselben nicht müde werden will, da mache er Absätze mit gehöriger Rast, und er wird am Ende bei einer zurückgelegten Reisestrecke von zehn Stunden, ob eben oder aufwärts, noch dieselbe Kraft in seinen Füßen haben, wie er sie gehabt hat beim ersten Schritte, und bei einer weiter fortgesetzten Reise wird er statt müder nur stärker werden.

[GS.02_035,05] Auf dieselbe Weise aber verhält es sich auch mit dem geistigen Fortschreiten, wie auch mit demjenigen, welches halb geistig und halb materiell ist. Nehmet ihr z.B. jemanden an, der auf irgendeinem musikalischen Instrumente ein Virtuose werden wollte; was wird aus ihm wohl werden, wenn er sein Instrument den ganzen Tag und so auch noch dazu etwa die halbe Nacht nicht aus der Hand legt und dazwischen einige Stunden ruht? Ich sage euch: Nicht acht Tage wird er solch eine Übung aushalten. Warum denn nicht? Weil eine jede Bewegung sowohl des Leibes wie des Geistes eine viel größere Anstrengung der Lebenskräfte fordert als der Zustand der Ruhe.

[GS.02_035,06] Die Anstrengung der Lebenskräfte aber ist eine Verzehrung derselben, durch welche sie nicht gestärkt, sondern natürlicherweise nur geschwächt werden müssen. Der Mensch aber ist also eingerichtet, daß sich im Zustande der Ruhe seine verzehrten Kräfte durch das beständige Einfließen des Herrn aus den Himmeln wieder ersetzen. Und wenn so durch den öfteren zweckmäßigen Gebrauch die Lebenskräfte zu öfteren Malen in Anspruch genommen werden, da werden eben durch diesen Gebrauch die Gefäße zu fernerer Aufnahme der Lebenskraft nach und nach stets mehr erweitert und gestärkt. Dadurch muß dann der Mensch bei einer stufenmäßig geordneten Lebensweise an Kraft und Stärke notwendig zunehmen, weil er als ein Gefäß auf diese Art und Weise stets mehr Lebenskraft in sich aufnehmen kann.

[GS.02_035,07] Sonach wird ein Wanderer durch den zweckmäßigen Gebrauch der Kraft seiner Füße von Tag zu Tag stärker. Der auf einem musikalischen Instrumente sich zweckmäßig Übende wird tüchtiger und tüchtiger, und der im Geiste Fortschreitende wird ebenfalls von Periode zu Periode fähiger und fähiger werden, ohne wahnsinnige Ermüdung des Geistes sich in die größten Höhen und Tiefen der Weisheit emporzuschwingen.

[GS.02_035,08] Wollte aber jemand von heute bis morgen schon das erreichen, was ein geordnet Fortschreitender im Verlaufe von mehreren Jahren erreicht hat, so wird er ein Narr; denn er wird über das Maß des geordneten Zufließens seine geistige Lebenskraft verzehren und dann im Geiste zum Hinfallen schwach und ohnmächtig werden.

[GS.02_035,09] Die hungrigen Gefäße für Lebenskraft werden dann gleich einem Polypen alles aufzusaugen anfangen, was ihnen nur unterkommt, Unflat und Gold, Licht und Finsternis; also alles durcheinander. Diese ungleichartigen Substanzen aber werden dann in den Gefäßen zu gären anfangen, der Geist solcher Gärung wird bald die schwachen Gefäße zerreißen, und der Zustand, wo ihr saget: Bei dem ist das Radel laufend geworden, wird fertig sein.

[GS.02_035,10] Aus dem aber werdet ihr meines Erachtens nun schon ganz klar entnehmen können, daß ein jedes zweckmäßige Fortschreiten oder Aufsteigen in zweckmäßige Rastabsätze eingeteilt sein muß; und man wird dann mit der größten Leichtigkeit von der Welt jedes gute Ziel erreichen können.

[GS.02_035,11] Wer da ein großes Faß neuen Mostes hat und zieht ihn fortwährend von einem Fasse ins andere ab, um ihn dadurch etwa zu klären und stärker zu machen, der wird sich bei einem hundertmaligen Abziehen sicher überaus getäuscht finden. Dadurch wird der Most nicht nur allein nicht klar und stark werden, sondern, da in einem jeden Fasse etwas zurückbleibt, so wird er am Ende durch lauter Hin- und Herziehen den Most auch zum größten Teile einbüßen. Läßt er aber den Most im Fasse in der gehörigen Ruhe, so wird dieser tätig werden, alle Unreinigkeit von selbst hinausarbeiten, dadurch sich stets mehr und mehr klären und eben dadurch auch stets mehr und mehr sättigen mit der geistigen Kraft.

[GS.02_035,12] Hat er einmal die erste Stufe der Klarheit erreicht, dann wird es recht sein, ihn in ein anderes reines Faß abzuziehen, allda keine unlauteren Treber mehr auf dem Grunde liegen, welche die geistige Kraft des Weines schwächen; sondern er wird nun auf reinerem Grunde mit sich selbst, also mit seiner eigenen Kraft zu tun bekommen und sich durch diese eigene Kraftübung stets mehr und mehr stärken und kräftigen.

[GS.02_035,13] Gerade also ist es auch mit dem Menschen; von Stufe zu Stufe muß er steigen und von Stockwerk zu Stockwerk. So kommt er höher und höher in der Sphäre seines Lebens und aller Erkenntnisse desselben. Und so sind wir nun auch in unser zweites Stockwerk gelangt ohne die geringste Ermüdung und können uns nun hier in diesen herrlichen Galerien, wie ihr zu sagen pflegt, recht breitmachen und alle diese großen Herrlichkeiten betrachten.

[GS.02_035,14] Was die Bauart betrifft, so gleicht sie vollkommen der der ersten zwei von uns schon gesehenen und betretenen Galerien, nur sind die das nächste Stockwerk tragenden mächtigen Säulenrondelle etwas tiefer zurückgesetzt als die der vorigen Galerien.

[GS.02_035,15] Das Unterschiedliche zwischen dieser und der vorigen Galerie liegt zuerst in der ganz andern Färbung des Baumaterials ganz besonders aber in dem, daß in der Mitte dieser Säulenrondells statt eines Altares eine Art großer Gartenvase von der prachtvollsten und zierlichsten Arbeit sich befindet, aus welcher ein natürliches kleines Bäumchen wächst.

[GS.02_035,16] Ihr werdet etwa meinen, die Wurzeln dieses Baumes werden mit der Zeit die Vase auseinandertreiben. Des seid ohne Sorge. Die Weisheit dieser Menschen hat dagegen schon gehörig vorgesorgt; denn wird das Bäumchen mit der Zeit stärker und stärker, so wird es dann behutsam herausgenommen und versetzt in ein mächtiges Geschirr, das wir erst im nächsten Stockwerke antreffen werden. Dafür aber wird in die Vase dieses Stockwerkes wieder ein frischer Same gelegt, aus welchem ein neues ähnliches edles Bäumchen erwächst.

[GS.02_035,17] Hat denn auch diese gärtnerische Operation irgendeinen geistigen Grund? Allerdings, meine lieben Freunde und Brüder! Im ersten Stockwerke haben wir nur einen Altar in der Mitte gesehen. Dieser bezeichnete die erste gewisserart bloß nur buchstäbliche Erkenntnis Gottes; also ein Samenkorn, welches erst ins Erdreich kommen muß, um aus demselben zu einem Baume zu erwachsen, unter dessen Ästen dann die Vögel des Himmels Wohnung nehmen können.

[GS.02_035,18] Und sehet, hier ist dieses im ersten Stocke noch ledige Samenkorn schon in die Erde gelegt und aus derselben erwachsen zu einem kleinen Bäumchen. Es bezeichnet den Zustand des Menschen, wie er ein moralisches Wesen wird, sobald er von Gott eine Erkenntnis in sich aufgenommen hat und dann auch schon zur künftigen Fruchttragung geeignet ist, wie zur Wohnung der Vögel des Himmels. Und so werdet ihr im Verhältnis auch alles andere in diesem zweiten Stockwerke finden.

[GS.02_035,19] Der Boden der Galerie sieht aus wie ein weißglühend Erz, die Säulen sind rötlich-grün, der Boden der Säulenrondells, auf dem die Vase steht, ist weiß wie eine Sonne. Die Vase selbst ist aus einem Stücke Rubin geformt und ruht auf einem dreifüßigen Gestelle, welches aus flammendem Golde verfertigt ist, und das Erdreich in der Vase sieht aus wie Smaragdsamt. Die Treppe um die Säulen ist hier aus einem hellblauen Material angefertigt und mit grünem, mächtig stark schimmerndem Laubwerke verziert. Die Wand des Hauptgebäudes ist rosenrot, die Tore in das Innere sind aus Smaragd, die Mittelsäule, an der die beiden Flügel hängen, ist aus durchsichtigem Golde, und der Plafond in dieser Galerie samt seiner herrlichen Verzierung ist lichtgrün und glänzt mächtiger als die Sonne durch ein lichtgrünes Glas beschauet.

[GS.02_035,20] Nun aber begeben wir uns auch hier zu einer Türe hin und wollen durch ihr leicht durchsichtiges Material einen Blick ins Innere tun. Wir sind dabei; also sehet hinein! Was sehe ich? Ihr sinket ja völlig ohnmächtig zusammen, was hat euch denn da gar so erschüttert? Ich weiß schon, die in diesem Stockwerke noch viel schöneren Menschengestalten.

[GS.02_035,21] Ja, ich sage euch, die bildliche Schönheit dieser Menschen ist so groß, daß ihr auf eurer Erde nicht imstande wäret, eine solche Schönheit anzuschauen ohne das Leben plötzlich zu verlieren. Ich sage euch aber noch mehr: Der Glanz dieser Schönheit würde buchstäblich sogar eure ganze Erde in wenig Augenblicken völlig auflösen. Daher aber verlassen wir auch wieder diese Galerie und steigen somit ins dritte Stockwerk oder auf die vierte Galerie.

 

36. Kapitel – III. Stockwerk. Charakter der Verstandesbildung in entsprechenden Formen und Farben.

[GS.02_036,01] Wir hätten auch diese vierte Galerie oder das dritte Stockwerk erreicht. Daß hier nun alles noch ums Vielfache herrlicher und verklärter ist als in den vorigen Stockwerken, braucht kaum besonders erwähnt zu werden.

[GS.02_036,02] Ein Blick in diese in tausend glänzendsten Farben flammend strahlenden Galerien zeigt uns mit mehr als sprechender Klarheit, von welch unaussprechlicher Schönheit diese vierte Galerie ist; aber das sonderbare Gefäß im Säulenrondell verdient eine nähere Beachtung. Beschauet es genau, und zwar von allen Seiten, und ihr werdet am Ende sagen müssen: Fürwahr, das sieht eher einem Schiffe als irgendeinem Gartengefäße ähnlich. Und dennoch ist dieses schiffartige Gefäß gefüllt mit rötlich-blau schimmernder Erde, aus welcher in der Mitte des Gefäßes ein ganz tüchtiger Baum emporgewachsen ist, dessen Stamm von blendend weißer Farbe ist und glatt wie poliertes Silber. Die Äste und Blätter auf demselben aber gleichen so ziemlich den Ästen und Blättern eines Feigenbaumes auf der Erde, nur sind die Äste glänzend rot wie Korallen im Grunde des Meeres, und die Blätter sind blau-grün, an den Rändern mit kleinen wie Gold glänzenden Streifchen verbrämt, und über den Blättern zeigen sich im Ernste schon Knospen, darunter einige völlig zum Aufbrechen zeitig.

[GS.02_036,03] Das schiffartige Gefäß aber scheint aus hellrotem Golde zu sein und ist am Rande gar überaus zierlich mit einem verhältnismäßig festen, von durchsichtigem Golde angefertigten Geländer umfaßt, aus welchem kleine nach innen zu gebogene Röhren auslaufen und, wie es sich zeigt, fortwährend das Erdreich im Gefäße mit Wasser tropfenweise befeuchten. Das Wasser hat einen Wohlgeruch wie das allerfeinste Nardusöl. Der Boden des Säulenrondells scheint aus einer ähnlichen Masse verfertigt zu sein wie der große Hofraum zwischen der dreifachen Ringgalerie und diesem Hauptzentralgebäude; denn man kann hinsehen, wie man mag und will, so wellet und woget es immer auf seiner Oberfläche, und dennoch wissen wir, daß er sicher fest ist.

[GS.02_036,04] Merkwürdig sind dazu noch die einzelnen Säulen dieses Rondells. Ihre Farbe ist lichtgrau, aber durchsichtig, und in der Mitte einer jeden Säule scheint es lichtrot in gewundenen Röhren auf- und abzusteigen, wie eine rote durchsichtige Flüssigkeit, was der Säule ein sonderbares, merkwürdig erhabenes Aussehen gibt. Noch merkwürdig ist dabei, daß all die anderen Säulenrondells und ihre Säulen auf eine ganz haargleiche Weise in allem gestellt sind. In ihrer Mitte ist überall ein solches Schiffgefäß mit einem Baume, und überall entdecken wir in der Mitte der Säulen gewundene Röhren, in welchen gleichmäßige rote Flüssigkeit auf- und absteigt. Also sind auch die Rundtreppen innerhalb eines solchen Säulenrondells hier scheinbar etwas steiler gehalten wie in den früheren und scheinen aus einer Masse zu sein, welche unserem dunkelgrünen Glase gleicht, nur daß das Glas der Erde kein Eigenlicht hat und somit auch nicht mit einer so lebendigen Farbe förmlich in sich selbst zu glühen vermag.

[GS.02_036,05] Also ist es richtig, meine lieben Freunde und Brüder; aber was mag dieses alles wohl besagen? Wir wollen nicht lange herumgreifen und herumstehen, sondern die Sache gleich beim rechten Orte anpacken.

[GS.02_036,06] Was den in diesem schiffartigen Gefäße vorkommenden Baum betrifft, so haben wir bereits in der vorigen Galerie erfahren, daß er aus der dortigen Vase hierher überpflanzt wird, so er dort die gehörige Größe erhalten hat. Was geschieht denn aber hier mit ihm, so er auch da für dieses Gefäß zu mächtig wird? Wir haben ähnliche Alleen schon passiert. Wenn er hier die Früchte getragen hat, dann werden die Früchte abgesammelt und der Baum wird mit leichter Mühe versetzt hinaus in die Alleen und anderen Baumgruppen, allda er dann fortwährend blühen und Früchte tragen kann in die große Menge. Und hat er dort einmal ausgedient, so wird sein Holz genommen und seine Äste und sein Laubwerk und wird alles dieses auf den Altar gelegt, den ihr zuerst gesehen habt in der Allee, dann auf diesem Altare angezündet und somit Gott geopfert. Das wäre sonach das Schicksal des Baumes; – aber wir haben noch das Gefäß vor uns.

[GS.02_036,07] Warum hat denn dieses solch eine schiffähnliche Gestalt? Weil das Schiff auch hier auf diesem Weltkörper ein tragbares Fahrzeug über der Oberfläche des Gewässers ist. Um aber anzuzeigen, daß für den Baum hier noch keines Bleibens ist, wird ihm ein solches Gefäß gegeben. Der wogende Boden stellt scheinbar einen noch untüchtigen Grund vor, auf dem man kein Standquartier machen kann. Die graue Farbe der Säulen bezeichnet die Wehmut über das noch nicht beständige Leben des Baumes, und der rote rollende Saft in den gewundenen Röhren zeigt an, daß das wahre Leben in der Mitte aller äußeren Festigkeit wallen muß, wenn das äußere Leben fest und bleibend werden soll zur beständigen Tragung und freien Bewegung des inneren Lebens. Das bedeuten sonach die Form und Beschaffenheit der Säulen eines solchen Säulenrondells.

[GS.02_036,08] Die etwas steiler empor gehende Treppe bezeigt, daß der Fortschritt auf einem nicht festen Grunde schwieriger und manchesmal aufhaltender ist, als wenn man seine Schritte über das feste Land tun kann. Noch verständlicher gesprochen bezeigt die etwas steiler aufwärts gehende Treppe, daß der Mensch, wenn er einmal zu einer selbständig moralischen Wesenheit geworden ist, durch die alleinigen Tropfen der Erkenntnis schwerer vorwärts und aufwärts kommt, als wie ihm da anzeigt der rote in der Mitte der Säule leicht auf- und absteigende Saft, durch welchen dem freien moralisch gewordenen Menschen noch etwas verhüllt, aber doch faßlich klar genug gezeigt wird, welcher Weg zur Erreichung der wahren Höhe des Lebens der tauglichste und am wenigsten beschwerliche ist.

[GS.02_036,09] Durch die Röhrchen, welche vom Geländer des schiffartigen Gefäßes sich einwärts biegen, sehen wir zur Befeuchtung des Erdreiches Tropfen fallen; aber in der Mitte der Säulen steigt fortwährend eine ununterbrochene Masse Saftes auf und ab. Was bezeigt denn solches? Die Tropfen aus den Röhrchen sind die Erkenntnis von außen her und sind gewisserart nie ein Ganzes, sondern allezeit nur ein Stückwerk. Durch sie wird auch zumeist das äußere Formleben gebildet, aber nicht das inwendige einfache Hauptleben.

[GS.02_036,10] Also wird auch der Mensch durch allerlei Erkenntnisse wohl recht fein gebildet, bleibt aber bei all seiner großgelehrten Bildung ein zerstreuter, aber kein in eins gesammelter Mensch, und gleicht als solcher einem Baume, der in einem Schiffe wächst, wo er nämlich keine Festigkeit hat und für ihn in dieser Art noch keines Bleibens ist. Das Beste an ihm ist, wenn er auf den vielen und bunten Zweigen seiner äußeren Erkenntnisse gute Früchte bringt; diese werden behalten, der Baum aber nicht. Aber die Säule, die ein vereintes Leben wallen läßt in ihrer Mitte, bleibt fort und fort als eine feste, herrliche Stütze zur Tragung des Reiches Gottes.

[GS.02_036,11] Sehet, das alles bezeigt so ein vor uns stehendes Säulenrondell in dieser vierten Galerie; und ihr könnet von dieser Erkenntnis den sehr leichten Schluß ziehen, daß Menschen, die ihre Gebäude in solch einer hohen Entsprechung des Lebens aufführen, sicher überaus weise sein müssen. Solches bezeigt auch ihre strahlende Schönheit. Diese Menschen, die in dieser vierten Galerie wohnen, haben auch Entsprechung mit allem dem, was ihr hier sehet. Sie sind überaus weise und schön, und das mehr als alle, die wir bisher gesehen haben.

[GS.02_036,12] Darum wollen wir sie auch nicht ansehen, da deren Anblick euch eher einen Schaden als einen Nutzen bringen könnte, denn, wie ich schon bemerkt habe, ihr müsset vorher von der großen Pracht und Weisheit durch Beschauung dieses Zentralgebäudes förmlich abgestumpft werden, dann werdet ihr erst fähig sein, auch die Menschen, welche zu vielen Tausenden in diesem übergroßen Gebäude wohnen, in den Augenschein zu nehmen. – Und so werden wir uns sogleich wieder höher, in das vierte Stockwerk oder in die fünfte Galerie, begeben und dort wieder eine neue Pracht, Herrlichkeit und Weisheit dieser Menschen erschauen. Und so denn erheben wir uns über diese, wenn schon ein wenig steilere Treppe.

 

37. Kapitel – IV. Stockwerk. Der gewöhnliche Mensch und der göttlich-geistige Mensch.

[GS.02_037,01] Hier sind wir schon auf der fünften Galerie oder in dem vierten Stockwerke. Was erblicket ihr hier, das euch gar stark unterschiedlich von der vorigen Galerie vorkommt? Ihr saget: Das Unterschiedliche, das uns hier besonders auffällt, besteht in einer weißen, ziemlich hohen Pyramide, die sich da ebenfalls wieder in der Mitte der Säulenrondells befindet. Und die Spitze der Pyramide ist, für uns zum ersten Male merkwürdig genug, mit einer kleinen, einen nackten Menschen vorstellenden Statue geziert. Diese Statue hat eine rötlich-weiße Farbe und ist in ihrem verjüngten Maßstabe so vortrefflich geformt, daß man gerade glauben möchte, sie habe Leben. Solange wir uns bis jetzt auf diesem Weltkörper befinden, haben wir eine ähnliche Darstellung noch nicht entdeckt.

[GS.02_037,02] Was das Übrige dieses vierten Stockwerkes oder dieser fünften Galerie betrifft, so unterscheidet es sich im wesentlichen eben nicht mehr so viel von der unteren Galerie, nur daß der Fußboden dieser Galerie von flammend blauer Farbe ist, die Säulen von rötlich-weißer wie die Statue auf der Spitze der Pyramide, und die beinahe ins Dunkelrote gehende feste Wand des Hauptgebäudes ist das ziemlich Unterschiedliche von der vorigen Galerie. Aber wir müssen es fürwahr bekennen, daß wir von dem großen Glanze und von der Farbenpracht desselben schon so abgestumpft sind, daß wir auf dergleichen Unterschiede eben nicht mehr die größte Aufmerksamkeit verwenden. Aber was da dieses Zierakulum des Säulenrondells betrifft, so ist es uns überaus merkwürdig, da wir dergleichen, wie gesagt, auf diesem Weltkörper noch nicht gesehen haben. Es wird sicher nicht bloß als eine Zierde da sein, sondern wird einen guten Sinn haben, und diesen möchten wir in nähere Erfahrungen bringen.

[GS.02_037,03] Gut, meine lieben Freunde und Brüder, eure Bemerkung und euer Wunsch ist recht, vollkommen und billig, und so höret mich denn an; ich will die Bedeutung dieses Zierakulums in euch selbst ausfindig machen. Was bedeutet wohl die Pyramide? Ich habe euch die Bedeutung davon schon bei einer andern Gelegenheit kundgetan. Wollet ihr aber die Bedeutung, wie sie hier gar wohl gegründet ist, herausbringen, so betrachtet, wie eine Pyramide gestaltlich gebaut und wie da geartet ist ihr Zweck, und ihr werdet dadurch schon einen ganz tüchtigen Wink über die Bedeutung dieses Zierakulums in euch selbst erschauen.

[GS.02_037,04] Die Pyramide ist unten breit und endet oben in einer Spitze; also soll auch das gerechte demütige Leben des Menschen sein. Wie aber das Leben des Menschen sich zu arten anfängt, haben wir in den vorigen Galerien an dem Baume gesehen, wo der Baum aus einem gar kleinen Samenkörnchen sich stets mehr und mehr in seinen Ästen und Zweigen ausbreitet. Also breitet sich auch der Mensch aus in seinen verschiedenen Grundanlagen und daraus hervorgehenden mannigfaltigen Erkenntnissen, aber damit auch mit allerlei gearteten Begierden verbunden.

[GS.02_037,05] Was ist aber mit diesem ausgebreiteten Menschen mit der Zeit und in der Zeit? Er wird aus seinem schwankenden Boden herausgenommen und eingegraben hinter der Stätte der Gräber, allda die Probealleen sind. Oder verständlich gesprochen: Alles, was der Materie gehört, wird von der Materie wieder verschlungen, und es kümmert sich niemand um diejenigen Früchte, welche die von der Materie wieder aufgenommene Materie noch eine Zeitlang hervorbringt. Es werden nur diejenigen Früchte als gehaltvoll aufbewahrt, welche der Baum in den Gefäßen trug.

[GS.02_037,06] Sehet, also ist es auch mit dem Menschen. Was er Gutes gewirkt hat in der Zeit seines Lebens, welches da glich einem ausgebreiteten Baume, das wird aufbewahrt. Wenn aber der Mensch stirbt, so wird sein Leib eingegraben und somit alle seine weltläufigen Erkenntnisse mit ihm. Bleibt der Leib ohne Fruchttragung im Grabe? O nein; auf seinen vielen Ästen und Zweigen erwächst noch eine Menge Würmer, die sich nach und nach über ihren sie erzeugenden Baum selbst hermachen und ihn dann ebenso nach und nach bis auf das letzte Atom aufzehren. Die Würmer selbst aber haben schon wieder andere Gäste in sich, die sie nach und nach in den Schlamm der Erde und endlich in die Erde selbst verwandeln.

[GS.02_037,07] Das ist das Bild eines gewöhnlichen Weltmenschen. Durch diese Pyramide aber wird ein ungewöhnlicher Mensch dargestellt. Aber dieser ungewöhnliche Mensch stellt gerade einen Menschen vor, wie er vom Grunde des Grundes aus sein soll. Wie denn?

[GS.02_037,08] Der sich ausgebreitet habende Mensch fängt an, seine Erkenntnisse und seine Begierden fortwährend mehr und mehr auf einen Punkt zu vereinen, und dieser Punkt ist Gott in der Höhe! Je mehr er dahin aufblickt zu Dem, der ihn erschaffen hat zu einem freien Leben, in desto enger werdende Kreise werden seine Erkenntnisse und Begierden getrieben und gezogen; und das so lange fort, bis der Mensch die Spitze oder den Kulminationspunkt der Demut aus seiner völligen Selbstverleugnung in all seinen weltlichen Begierlichkeiten erreicht hat.

[GS.02_037,09] Was wird dann die Pyramide für den sich auf der Spitze der Demut befindlichen Menschengeist? Sie wird das, was sie war bei den alten Ägyptern, nämlich ein Grabmal für alle seine für die Welt gänzlich abgestorbenen Erkenntnisse, Begierlichkeiten und daraus hervorgehenden Leidenschaften.

[GS.02_037,10] Was aber erschauen wir hier über der Spitze der Pyramide? Eine sehr wohlgebildete kleine Gestalt eines Menschen von rötlich-weißer Farbe. Sehet, ein gar herrliches überaus treffendes Bild der Wiedergeburt des Menschen! Aus der Demut und der völligen Selbstverleugnung, also aus der Spitze der Pyramide geht er hervor. Wodurch ist er in die Spitze gelangt? Das zeigt seine Farbe; durch Glauben und Liebe zu Gott! Und seine kleine aber vollkommene Gestalt besagt soviel, als was der Herr einst Selbst gesagt hat zu uns, Seinen Jüngern: „So ihr nicht werdet wie die Kindlein, da werdet ihr nicht eingehen in das Reich Gottes!"

[GS.02_037,11] Die außerordentlich weich gehaltene Plastik bezeigt die Sanftmut; die Festigkeit des Materials, aus dem die kleine Statue geformt ist, aber bezeigt, daß der Mensch erst in solch einer wahren Wiedergeburt des Geistes in die unwandelbare Festigkeit des ewigen Lebens gediehen ist.

[GS.02_037,12] Der flammende blaue Boden bezeichnet dann ebenfalls den zwar einfachen, aber beständigen Grund zum ewigen Leben. Die mit der Statue gleichfarbigen Säulen aber bezeichnen die tragenden Stützen, welche da sind der wahre lebendige Glaube an Gott den Herrn und daraus die Liebe zu Ihm.

[GS.02_037,13] Sehet, das ist die überaus sinnige Bedeutung dieses Zierakulums. Begeben wir uns aber nun, da wir solches wissen, sogleich in die sechste Galerie oder in das fünfte Stockwerk. Dort werden wir wieder auf einen höheren Grad der Weisheit der Bewohner dieses Zentralgebäudes stoßen.

[GS.02_037,14] Ihr möchtet wohl gern einen Blick auf die anwesenden Bewohner im Inneren dieses vierten Stockwerkes machen. Ich aber sage euch: Lasset euch solch eine Begierde vergehen, denn ihr würdet hier noch weniger als in den früheren Galerien solch einen zu erhaben schönsten Anblick ertragen. Zur rechten Zeit aber werden wir schon ohnehin in einen näheren Kontakt treten mit den Bewohnern dieses Gesamtgebäudes; und so wollen wir nicht Säumens machen, sondern uns, wie gesagt, sogleich in den fünften Stock oder auf die sechste Galerie begeben.

 

38. Kapitel – V. Stockwerk. Fortgeschrittene Stufe der Entwicklung des Menschengeistes.

[GS.02_038,01] Wir sind oben; wie gefällts euch hier? Ihr saget: Überaus gut; aber es ist hier von diesem fünften Stockwerke oder von der sechsten Galerie schon ganz entsetzlich hoch hinabzuschauen! Es ist nur gut, daß da jede tiefer liegende Galerie über die andere hervorsteht; sonst würden wir eine solche Höhe kaum ertragen. Daß sonst alles in der früheren Art und Weise gestellt ist, läßt sich wohl auf den ersten Augenblick erschauen; aber was die Verzierung des Säulenrondells betrifft, so ist diese hier wirklich wieder ganz neu. Eine majestätisch große weiße glänzende Kugel ruht auf einer in der Mitte etwas erhabenen runden grünen Kreisplatte; auf der Kugel aber steht hier in einer wohlgehaltenen männlichen Stellung eine überaus meisterlich gearbeitete, einen vollkommenen Mann darstellende Statue. Die Statue blickt aufwärts; die linke Hand hält sie an der Brust und mit der rechten deutet sie hin in die Ferne auf die Weise, wie da ein Herrscher gestellt ist. Die Farbe der Statue geht ebenfalls ins rötlich-weiße über; aber die Haare sind völlig weiß und so auch der Bart. Die Nägel an den Fingern glänzen wie Sterne, der Mund ist halb geöffnet. Das ist aber auch alles, was wir von der Form dieser merkwürdigen Zierde herauszubringen imstande sind.

[GS.02_038,02] Auffallend ist es, daß hier die Säulen blau sind, der Fußboden aber rot und hier nicht so stark wellend und flammend wie ähnlichermaßen in den unteren Galerien, sondern die schwingende Bewegung, die wir an dem Boden bemerken, gleicht mehr dem Schwingen eines elastischen Körpers, da die Bewegungen gleichartig sind. Die Wand des inneren Gebäudes ist hier dunkelgrün, aus welchem Grün fortwährend eine hellrote Lichtfarbe herausvibriert.

[GS.02_038,03] Wenn man die Sache so recht in den Augenschein nimmt, so kommt es einem vor, daß das Gebäude hier in einem beständigen Vibrierzustande ist. Nur die Säulen lassen ihre wunderschöne blaue Farbe ganz ruhig ausströmen; und was wir bei diesen Säulen auch noch bemerken und bei den vorhergehenden nicht bemerkt haben, das sind die Kapitäle, welche über einer jeden Säule wie aus durchsichtigem Golde in einer unbeschreiblich kunstvoll schönsten Form angebracht sind. Lieber Freund und Bruder, das ist nun alles, was uns hier sonderheitlich auffallen konnte. Was aber dieses alles etwa besagen dürfte, dem sind wir nicht gewachsen und schon am allerwenigsten, was das Verhältnis dieser stets merkwürdiger werdenden Säulenrondelle betrifft.

[GS.02_038,04] Liebe Freunde und Brüder! Ihr habt das Notwendige und Zweckdienliche hinreichend gut beschaut. Was euch hier sonderheitlich aufgefallen ist, ist eben auch dasjenige, was wir zu unserem Zwecke brauchen können. Es hat hier zwar eine jede auch noch so kleine Verzierung ihren höchst weisen Grund; aber dieser betrifft gewisse Verhältnisse, die ausschließlich nur allein für diesen Weltkörper und namentlich für dieses Kreisgebiet gang und gäbe sind.

[GS.02_038,05] Was aber die von euch bemerkten sonderheitlichen Verzierungen betrifft, so haben sie einen allgemeinen Sinn, welcher wie ein Licht von diesem Zentralsonnenkörper ausgehend für die ganze Schöpfung gilt. Damit ihr aber diese Verzierung so geschwind und so gut als möglich erkennen möget, so müssen wir einen kleinen Blick auf die vorige Galerie werfen. Dort haben wir auf der Spitze der Pyramide eine kleine Statue gesehen. Sie bezeichnete die „Wiedergeburt des Menschen" in seinem Geiste. Unter ihr war das abgeschüttelte Weltliche noch in einer vollkommenen Pyramide ersichtlich.

[GS.02_038,06] Nun aber sehet hier die gegen die Mitte ein wenig erhabene grüne Rundplatte. Diese ist nichts anderes als die frühere durch das große Gewicht des groß gewachsenen wiedergebornen Menschengeistes ganz zusammengedrückte Pyramide, oder hier ist es, wo die Berge und Täler geebnet sind. – Das ist richtig.

[GS.02_038,07] Aber woher kam die große weiße Kugel und was besagt sie? Die Kugel sowie der Kreis ist das Symbol der Vollendung; zugleich aber stellt sie auch dar, daß der Geist des Menschen im vollkommenen Siege über sein Weltliches sich selbst eine neue Welt schafft, welche ist hervorgehend aus seiner vollendeten Weisheit. Also wird auch ein jeder vollendete Geist einst der Schöpfer seiner eigenen Welt werden, oder er wird die Welt bewohnen, die hervorgegangen ist aus den Werken seiner Liebe und aus dem lebendigen Lichte seines Glaubens. Und dazu bezeigt die Kugelgestalt die höchst mögliche Vollendung einer solchen Welt, vollendet in der Liebe, vollendet in der Weisheit und vollendet in jeglicher Tüchtigkeit.

[GS.02_038,08] Daß aber die Kugel eine solche Vollendung anzeigt, könnet ihr daraus zur Übergenüge ersehen, so ihr einen Weltkörper um den andern betrachtet, welche Weltkörper der Herr als das, was sie sind, vollendet erschuf. Wie sehen aber diese Weltkörper aus? Sehet, sie sind vollkommene Kugeln. Warum aber drückt sich durch die Kugel das Vollendete aus? – Messet einmal die Kugel mit einem Zirkel aus, und ihr werdet über diese Kugel zahllose Kreise machen können vom größten bis zum kleinsten. Die Oberfläche oder der äußere Umfang der Kugel wird nach jeder Richtung einen und denselben Kreis geben. Ferner könnet ihr, wo ihr immer wollt, auf der Kugel einen kleineren Kreis machen, so wird er sich überall ganz vollkommen in der Mitte der ganzen Oberfläche der Kugel befinden. Solches ist auf einem jeden anders geformten Körper nicht möglich, auch auf dem Kreise nicht; denn so ihr beim Kreise oder vielmehr auf der Fläche des Kreises irgendeinen kleineren Kreis machet, so wird er sich doch sicher nicht mehr in der Mitte der Kreisfläche befinden, aber auf der Oberfläche einer Kugel ist er überall vollkommen in der Mitte. Sehet, also drückt die Kugel wie kein anderer Körper die höchst mögliche Vollendung aus, wie auch die höchst mögliche Freiheit des geistigen Lebens.

[GS.02_038,09] Wie aber? Auf der Oberfläche der Kugel könnet ihr, wohin ihr wollt, einen kleineren Kreis oder einen Punkt setzen, und er wird sich vollkommen in der Mitte befinden, d.h. in der Mitte der gesamten Oberfläche der Kugel. Und da könnet ihr tun, was ihr wollt, und ihr könnet da unmöglich gegen dieses mathematisch richtige Gesetz je auch nur den allerleisesten Fehler begehen.

[GS.02_038,10] Sehet, also steht es auch mit der vollkommenen Handlungsfreiheit des vollendeten Geistes. Er kann tun, was er nur immer mag und will, und es ist ihm eine reine Unmöglichkeit, sich je gegen die allervollkommenste göttliche Ordnung zu verstoßen. – Und sehet, aus eben diesem Grunde ist dieser Statue solch ein überaus vielsagendes Symbol unterlegt.

[GS.02_038,11] Wissen wir nun solches, da zeigt uns die vollkommen männliche Statue ja eben nichts anderes als einen im Geiste vollendeten Menschen. Der Blick nach oben ist der unverwandte Blick zu Gott und rechtfertigt den Satz: „Schauet unverwandt auf Mich!" Die linke Hand, an das Herz gelegt, bezeigt die ausschließliche Liebe zu Gott; die andere Hand, herrschend in die Ferne hinausgestreckt, besagt, daß alles dem Gesetze der Liebe untertan ist.

[GS.02_038,12] Daß der Mensch bildlich hier auf der Kugel steht, bezeigt seine Erhabenheit über alle andere Schöpfung; denn alle andere Schöpfung in ihrer Vollendung macht den Gesamtinhalt der Kugel aus. Keine andere Erhabenheit ist auf ihrer Oberfläche zu entdecken; nur der Mensch allein steht gleich einem mächtigen Herrscher über alle Schöpfung erhaben da wie ein zweiter Gott über die ganze Unendlichkeit.

[GS.02_038,13] Der halb offene Mund bezeigt, daß neben Gott kein anderes Wesen als nur allein der Mensch wortfähig ist. Die gleich Sternen strahlenden Nägel an den Fingern aber bezeichnen die schöpferische Macht und Kraft und Weisheit, welche da innewohnt jedem vollendeten Geiste.

[GS.02_038,14] Daß ferner noch die blauen Säulen die unerschütterliche Beständigkeit und deren durchsichtig goldene Kapitale die göttliche Weisheit bezeichnen und die kleinen Schwebungen des Bodens das ruhige, geregelte, einfache Leben, braucht kaum näher erwähnt zu werden.

[GS.02_038,15] Da wir nun dieses wichtige Zierakulum dieses fünften Stockwerkes auf eine solch nützliche und zweckmäßige Weise haben kennengelernt, so können wir uns schon wieder um ein Stockwerk höher begeben. Ihr saget zwar: Wie aber werden wir da hinaufkommen; denn in diesen Rondellen erblicken wir keine Rundtreppe? Ich aber sage euch: Sehet nur ein wenig genauer, und ihr werdet sie schon erschauen. Sie ist hier nur aus einem überaus durchsichtigen, sonst aber festen Materiale angefertigt, um dadurch den reingeistigen Aufschwung oder den allermakellosesten Weg in die Höhe zu bezeichnen, auf dem ein jeder Tritt vollkommen beobachtet werden kann. – Da wir nun solches noch hinzuwissen, so begeben wir uns sonach nur wohlgemut in das sechste Stockwerk oder in die siebente Galerie. –

 

39. Kapitel – VI. Stockwerk. Im Zustand der Furcht zeigt der Mensch seine Schwächen.

[GS.02_039,01] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Auf dieser überaus stark durchsichtigen Rundtreppe ist es denn doch ein wenig fatal aufwärts zu steigen, denn es kommt einem ja gerade so vor, als ob man sich in die freie Luft erheben möchte, und das Hinabsehen auf den stets tiefer zu liegen kommenden Boden wird im Ernste etwas schwindelerregend! Und wenn das Hinaufgehen schon so sonderbar ist, da wird das Zurückgehen sicher noch sonderbarer werden. Ja, ja, meine lieben Brüder und Freunde, die Sache sieht wohl also aus und scheint eure Besorgnis zu rechtfertigen; aber dessen ungeachtet werdet ihr am Ende erfahren, daß sich alle die jetzt geschauten Verhältnisse also gestalten werden, daß ihr gar nicht achten werdet und nicht im geringsten merken, mit welcher Leichtigkeit und Anmut wir da zurückkommen werden.

[GS.02_039,02] Übrigens müßt ihr euch solches hinzumerken, daß die Höhen nur für denjenigen schwindelerregend sind, der sich fortwährend in der ebenen Tiefe befand; aber für ständige Bewohner der Höhen, und für diejenigen auch, die viel auf den Höhen zu tun hatten, sind sie das nicht im geringsten, sowohl in naturmäßiger als in staatlicher Hinsicht. So klimmt der Gebirgsbewohner und auch so mancher andere Höhenfreund über Wände und Steilen hinauf, deren Anblick einen ständigen Ebenlandsbewohner schon von fernehin in einen fast fieberhaften Zustand versetzt, während doch der Gebirgs- und Höhenbewohner jauchzend mit seinem Reise- und Steigapparate über die furchtbarsten Abgründe hinüberblickt.

[GS.02_039,03] So auch, wenn ein Mann geringen Standes sich etwa in einer solchen Lage befindet, vor seinem Landesherrn zu erscheinen, und zwar an dessen prachtvollem Hofe, mit welcher Furcht und Scheu naht er sich der Prachtwohnung seines Landesfürsten! Jede Staffel in derselben wird ihm glühender unter den Füßen, je mehr er sich dem Gemache nähert, in welchem gewöhnlichermaßen der Landesfürst sein Ohr leiht.

[GS.02_039,04] Betrachten wir aber dagegen einen Minister oder einen hohen Feldherrn, besonders wenn er noch obendrauf ein bedeutender Günstling des Landesfürsten ist, und also auch das an und für sich unbedeutende Hofgesinde. Diese gehen sicher ohne die geringste Beklemmung zum Landesfürsten, und letztere, dieser Höhe wie angeboren gewohnt, treiben nicht selten bübischen Mutwillen über jene Stufen, welche unserem schlichten Landmanne gar so schwindelerregend und heiß vorgekommen sind.

[GS.02_039,05] Ja selbst in bürgerlicher Hinsicht mangelt es nicht an solchen Beispielen; nehmen wir an einen schlichten wohlgebildeten jungen Mann, dessen Lebensverhältnisse ihm mit gutem Gewissen gestatten, sich ein ihm teures Weib zu nehmen. Er kennt ein Haus, und die Tochter des Hauses gefällt ihm überaus wohl; aber die Verhältnisse dieses Hauses überbieten die irdischen Vorteile des seinen um ein sehr bedeutendes. Er weiß zwar, daß der Familienvater dieses Hauses ein sehr respektabler und geachteter, guter Mann ist; aber dessen überragende Höhe seiner Verhältnisse flößt unserem Brautwerber so viel schwindelerregende Bedenklichkeiten ein, daß dieser sich kaum wagt, mit guter Hilfe verläßlicher Führer und Wegweiser den Standesunterschied seines erwählten Hauses zu übersehen.

[GS.02_039,06] Da es aber dennoch sein muß, so muß er das Wagestück bestehen; aber wie wird es ihm, wenn er die Türschwelle seines verhängnisvollen Hauses betritt, von dem er sein Glück erwartet? Der Puls wird schneller wie beim Besteigen eines hohen Berges, der Atem kürzer, und sein ganzes Wesen geht bei der Annäherung an die Türe, da der Hausvater und zugleich der Vater seiner Braut wohnt, in eine sehr stark schwingende Bewegung über; Furcht, Glaube, Hoffnung und Liebe sind in einem Knäuel untereinandergemengt.

[GS.02_039,07] Anfangs bringt er kaum ein Wort heraus, oder er mißt jede Silbe, bevor er sie ausspricht, um ja dadurch etwa nirgends eine Blöße zu zeigen, deren sich ein jeder Mensch so insgeheim stets mehrerer bewußt ist. Warum denn aber? Weil der Mensch in gar keinem Zustande seine Schwächen und Blößen, auch sogar seine Fehler leichter an den Tag legt, als wenn er sich im Zustande der Furcht befindet.

[GS.02_039,08] Nehmet an einen Virtuosen, wenn er seiner Sache noch so gewachsen ist, aber dennoch sich einiger Stellen in seinem vorzutragenden Stücke bewußt ist, die ihm bloß unter zwei Ohren und Augen manchesmal ein wenig mißlungen sind, so wird er dieser Stellen wegen in eine Furcht versetzt, in welcher er nicht selten, da er derselben nicht Meister werden kann, eben diese etwas zweifelhaften Stellen, wie ihr zu sagen pfleget, verhaut. Also war hier die Furcht derjenige Zustand, in welchem unser Virtuose seine Schwächen an den Tag legte.

[GS.02_039,09] Ein guter Fußgänger auf ebenem Lande will garnichts wissen von irgendeiner Schwäche seines Gehewerkes. Wenn es aber einmal heißt: Freund, du mußt mit mir auf die Spitze jenes Berges; wirst du dich solches wohl getrauen? So wird unser guter Fußgänger wohl sagen: Was hältst du von mir? Ich sollte mich mit meinem Gehewerke über jene Bergspitze nicht wagen, der ich doch schon mehrere hundert Meilen Feldweges gemacht habe? Aber es kommt auf den Ernst an. Unser guter Fußgänger kommt in seinem Leben zum ersten Male auf solch bedeutende Höhe.

[GS.02_039,10] Bei der Ersteigung einer sehr steilen Partie fangen seine Füße an zu schlottern; wenn er einen Schritt getan hat, so fängt er beim zweiten an zu zweifeln und mit sich sehr stark Rat zu pflegen, ob er ihn noch wagen solle oder nicht. So aber der andere Freund ihm erst die hohe Spitze zeigt, da fängt unser guter Fußgänger völlig an zu zagen und läßt sich samt dem anderen den Sicherheitsstrick um den Leib schnüren.

[GS.02_039,11] Was kommt denn hier heraus? Die Höhenfurcht hat die Schwächen in den Füßen unserem guten Fußgänger enthüllt, darum er selbst am Sicherheitsstricke jeden Schritt, den er tut, ja so sicher und wohl ausforscht und dabei dennoch stets in der Furcht ist, mit der leichtesten Mühe von der Welt einen Fehltritt zu tun. Also ist auch unser Brautwerber; er hat sich in der gewöhnlichen Lebensfläche sehr wohl herumzutummeln verstanden; aber auf dieser ernsten Höhe, da es sich um die Sicherheit eines jeden Trittes handelt, heißt es auch jeden Schritt, also jede Silbe auf eine sehr genaue Waage legen, um, wie ihr zu sagen pfleget, aus der Pastete keinen Talg zu machen.

[GS.02_039,12] Wie es sich aber mit diesen drei beispielsweise aufgeführten irdisch menschlichen Standpunkten verhält, also verhält es sich auch entsprechendermaßen mit den geistigen.

[GS.02_039,13] Der Schwindel als die Frucht der Furcht bleibt nicht aus; je höher man steigt, desto furchtsamer und behutsamer wird man in seinem Gemüte und somit auch desto glaubensscheuer.

[GS.02_039,14] Sehet, wenn ich mit euch nun sprechen möchte in der höchsten himmlischen Weisheitsform, so würdet ihr zu verzagen und zu verzweifeln anfangen und wäre keiner aus euch imstande, selbst bei der beherztesten Vornahme auch nur drei Zeilen niederzuschreiben.

[GS.02_039,15] Ich aber gehe darum mit euch und rede darum vollkommen nach eurer Art, oder ich wandle auf eurem angewohnten Grund und Boden und erhebe euch nur kaum merklich nach und nach. Aber selbst bei dieser kaum merklichen Erhebung fängt euch schon ein wenig an zu schwindeln bei der Besteigung unseres sechsten Stockwerkes oder der siebenten Galerie über diese etwas stark durchsichtige Treppe.

[GS.02_039,16] Wenn aber unser den Landesfürsten besuchender Landmann sich eine Zeitlang mit eben dem sehr herablassenden Fürsten besprechen wird, da wird ihm der staatliche Höhenschwindel samt der ganzen Furcht vergehen, und er wird eine viel behaglichere Rückreise haben über die heißen Staffeln des Palastes, als sie zuvor hin zum Palaste des Landesfürsten war.

[GS.02_039,17] Der Höhenbesteiger wird auf der Spitze des Berges mutiger und schwindelfester, und der Rückweg wird ihm, wie ihr zu sagen pfleget, nicht selten einen wahren Spaß machen.

[GS.02_039,18] Also auch unser Brautwerber, wenn er in die Erfahrung gebracht hat, daß er in seinem geliebten Hause einen festeren Boden gefunden hat, als er erwartete, wird sicher einen ums sehr bedeutende fröhlicheren Rückweg haben, als ihm der heiße Hinweg vorkam.

[GS.02_039,19] Und sehet, gerade so wird es auch uns ergehen; wir werden auch bis zur Erreichung der Vollhöhe dieses Gebäudes noch so manche Schwindelhöhe zu bestehen haben; aber die Vollhöhe wird dann alles ins Gleichgewicht setzen, und wir werden überaus frohen Mutes die Rückreise anzutreten imstande sein.

[GS.02_039,20] Bei dieser Gelegenheit unseres belehrenden Gespräches haben wir auch unsere stark durchsichtige Treppe, wie ihr selbst bemerken könnet, ganz behaglich überschritten, und uns auf diese Weise eine jede Staffel zunutze gemacht.

[GS.02_039,21] Nun aber befinden wir uns schon auf der siebenten Galerie, oder im sechsten Stockwerke, und somit sage ich euch: Schauet hier alles recht behaglich und aufmerksam an; denn was ihr hier finden werdet, wird von noch viel höherem Interesse sein als alles, was wir bis jetzt gesehen und dann erörtert haben in der Art der Weisheit dieser Bewohner. Also, wie gesagt, auf diesem sechsten Stockwerke oder auf der siebenten Galerie nehmet förmlich eure Augen in die Hand, beschauet alles wohl und gebet mir dann kund, was ihr gesehen habet; und wir werden dann die Bedeutung sicher nicht verfehlen.

 

40. Kapitel – Aufstieg aus der Liebe in die Weisheit.

[GS.02_040,01] Wie ich merke, so habt ihr alles wohl angesehen und könnet nun auch schon kundgeben, was ihr gesehen habt; und so saget denn, was ihr auf dieser siebenten Galerie oder auf dem sechsten Stockwerke als besonders auffallend erblickt habt. Ich sehe es euch an, daß ihr euch bei dieser Vorstellungsart noch nicht so recht auskennet und könnet auch die geschaute Sache nicht gehörig bezeichnen; daher muß wohl ich euch ein wenig zu Hilfe kommen.

[GS.02_040,02] Fürs erste, meine lieben Freunde und Brüder, merkt man auf dieser siebenten Galerie schon ein wenig die Rundung derselben, während man in den unteren Galerien wegen des großen Kreises davon noch nicht etwas Merkliches hat gewahren können. Fürs zweite merket ihr, daß hier die Säulenrondells nicht mehr von dem bedeutenden Umfange sind wie auf den früheren Galerien; auch besteht ein Säulenrondell nicht mehr aus dreißig, sondern nur mehr aus zwanzig Säulen, und der innere Platz ist darum auch etwas beschränkter. Fürs dritte bemerket ihr, daß hier der Boden lichtrot, die Säulen, die Wände und der Plafond aber lichtblau sind, die Tore durch die Wände des Hauptgebäudes aber ins Dunkelhochrote übergehen. An dem allem bemerket ihr keine Flammungen, obschon sonst einen überaus starken Glanz, und saget in euch auch aus dem Grunde: Was die äußere Pracht dieser gegenwärtigen Galerie betrifft, so steht sie offenbar den vorhergehenden etwas nach; aber was da die äußeren Galeriegeländer und die Verzierung der Rondelle betrifft, so haben diese wenigstens auf den ersten Anblick so manches vor den vorgehenden voraus.

[GS.02_040,03] Fürs erste bestehen die Galerien wie aus lauter Sternen, aus denen ganze feste Zierate gebildet und dann zu einem brauchbaren Ganzen zusammengesetzt zu sein scheinen. Die Sterne sind von überaus hellem Glanze und strahlen in tausendfachen Färbungen durcheinander, und die Rundtreppe innerhalb der Säulenrondelle scheint bloß aus Sternenlinien gefügt zu sein und ist zwischen diesen Sternenlinien kein anderes festes Material zu erschauen. Das ist jetzt aber auch alles, inwieweit unsere Sprache zur Darstellung dessen reicht, was wir hier erblicken. Aber was da betrifft die Mittelverzierung des Rondells, die wir wohl auch erblicken, so ist sie ein Gegenstand, der zu hoch über unserem Sprachfähigkeits-Horizonte steht, und wir können diesen Gegenstand auch darum durchaus nicht bezeichnen.

[GS.02_040,04] Ja, ja, meine lieben Freunde und Brüder, das ist es aber eben auch, was ich euch schon anfangs angemerkt habe, und habe es wohl wahrgenommen, daß euch die Beschreibung dieses Gegenstandes ein wenig schwerfallen dürfte. Darum habe ich aber das auch gleich anfangs auf mich genommen. Und so habet denn recht wohl acht! Wir wollen uns diesem Ziergegenstande möglichst nahestellen und ihn mit aller Aufmerksamkeit in Augenschein nehmen.

[GS.02_040,05] Wir sind nun in dessen möglichst vollkommener Nähe; und da sehet hinab auf den Boden des Rondells. Was erblicken wir denn? Einen bei sieben Klaftern im Umfange habenden Sternenkreis, welcher aus sieben Reihen von Sternen zusammengestellt ist, und zwar in der Ordnung der Färbung eines Regenbogens, und dieser Kreis hat eine Breite von drei Spannen. Innerhalb dieses Kreises erhebt sich ein violetter Altar zu einer Höhe von sechs Spannen und hat einen Umfang von etwa drei Mannsklaftern, d.h. nach dem ausgestreckten Handmaße genommen. Der obere Rundrand ist mit einem Reife aus ein wenig flammendem Golde umfaßt, und über dem Reife ist noch ein eine halbe Spanne hohes, aus lauter Rundsäulchen bestehendes, glänzendweißes Geländerchen angebracht. Über den Geländersäulchen wieder ist ein Breitreif aus hochrotem durchsichtigem Golde angefertigt, über welchem gerade an den Stellen, wo unter ihm die Säulchen stehen, noch mehr ins Dunkelblaue gehende vollkommen runde kleine Kugeln angebracht sind, und jede dieser Kugeln hat um ihre Mitte noch einen kleinen hellschimmernden Sternenkreis.

[GS.02_040,06] Aus der Mitte der eingeländerten Fläche dieses Altares aber erhebt sich eine ganz vollkommen lichtgrüne Säule, und über dieser Säule ist ein aus Sternen zusammengefügter großer Kreis angefertigt. Innerhalb dieses Kreises ist dann eine große Menge wie geometrischer Figuren aus hellroten und weißen Sternchen zusammengefügt, welche da samt ihrer Kreisumfassung einen überaus geheimnisvoll imposanten Anblick gewähren.

[GS.02_040,07] Vom Plafond herab aber hängt an einer massiven Goldschnur ein anderer Kreis, welcher nicht aufrechtstehend, sondern horizontal in gleicher Größe über den aufrechtstehenden zu stehen kommt, d.h. über den an der grünen Mittelsäule angefertigten, sieht aber diesem in allem vollkommen ähnlich. Sehet, das wäre die Gestalt des für euch etwas schwer beschreibbaren Zierakulums eines solchen Säulenrondells.

[GS.02_040,08] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder im Herrn! Es wäre alles recht überaus erhaben, schön und gut; aber es wird dieses Zierakulum gleich den früheren sicher auch eine tiefweise Bedeutung haben, wie du dich darüber schon selbst ausgesprochen hast; aber welche Bedeutung, wie lautet diese? Das ist eine andere Frage. Wenn es auf uns zur Erörterung ankäme, so hätten wir schon genug getan, so wir mit der Beschreibung zurechtgekommen wären und hätten die Entsprechung dann gar sicher ewig besseren Zeiten überlassen. Aber da du uns schon aus so vielen Verlegenheiten geholfen hast, da sind wir auch hier der festen guten Meinung, daß es dir auch in diesem Falle eben nicht zu schwer ankommen dürfte, uns darüber so ein kleines Lichtchen zu verschaffen.

[GS.02_040,09] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, wir befinden uns hier auf der ersten Stufe über die halbe Höhe dieses Gebäudes, und da haben wir nun schon mit Gegenständen purer Weisheit zu tun. Bisher waren wir im Grunde, d.h. in der Liebe, jetzt aber gehen wir aus der Liebe in die Weisheit, welches ist ein gerechter Weg vor Gott. Da aber Objekte der Weisheit ums überaus Bedeutende schwerer zu fassen sind als Objekte der Liebe, so müssen wir uns hier auch schon ein wenig mehr zusammennehmen, um nicht, wie ihr zu sagen pflegt, aus dem Sattel geworfen zu werden.

[GS.02_040,10] Ihr saget hier freilich: Davon sehen wir nicht so recht den Grund ein, denn in der Liebe ist ja auch die höchste Weisheit vorhanden; können wir sie dort vereint mit der Liebe erfassen, so wird sie uns auch im absoluten Zustande nicht gar zu leicht durchgehen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ihr urteilet sonst ziemlich richtig; aber diesmal muß ich euch sagen, daß ihr schon wieder einen ziemlich starken Hieb ins Blaue gemacht habt. Damit ihr aber solches von mir nicht nur allein höret, sondern auch bei euch so recht sonnenklar einsehet, so will ich euch ein paar Beispielchen aufführen, die euch zur Genüge meinen Ausspruch bestätigen sollen; und so höret denn!

[GS.02_040,11] Wenn ihr auf eurem Erdkörper hin und her wandelt und begegnet da zahllosen Gegenständen, welche alle von der Sonne wohl beleuchtet sind, da werdet ihr nicht einen finden, den ihr nicht mit euren Händen anfassen und weitertragen könntet, wenn nur sein Gewicht eure Kräfte nicht überragt; und ihr könnt bei keinem Gegenstande sagen, daß er nicht lichtaufnahmsfähig wäre, und so ihr ihn ergreifet, ihr auch zugleich sein Licht mit ergreifet. Nun aber versuchet einmal, euch an dem freien Lichte zu vergreifen und traget es in Bündeln hin und her. Ich meine, solches wird ein wenig schwer gehen.

[GS.02_040,12] Sehet, wo das Licht schon an einen festen Körper, welcher der Liebe entspricht, gebunden ist, da könnet ihr freilich das Licht samt dem Körper ergreifen und es dann hin und her tragen nach eurem Belieben; aber wie schon bemerkt, das freie Licht läßt solch einen Akt durchaus nicht zu. Das wäre ein Beispielchen. Betrachten wir noch ein anderes, aus dem da ersichtlich werden soll, daß der Mensch das Licht genießen und sich dasselbe leibhaftig zunutze machen kann; aber erst auf dem Wege der göttlichen Ordnung. Wie aber das, soll sogleich nachstehendes Beispielchen zeigen.

[GS.02_040,13] Woraus und woher reift wohl die Frucht des Baumes und des Weizenhalms? Ihr saget: Unfehlbar aus dem Lichte und aus der mit dem Lichte verbundenen Wärme. Ihr habt gut geantwortet. Sehet aber nun, eine Frucht ist sonach ein Produkt des Lichtes und der Wärme.

[GS.02_040,14] Das Licht aber gibt sich hier der Wärme gefangen, und je mehr Wärme, desto mehr Licht wird sich auch derselben gefangen geben. Und aus diesen zweien geht dann eine vollreife Frucht hervor, die ihr genießen könnet und nehmet auf diese Weise dann mit der genossenen Frucht mit der leichtesten Mühe von der Welt das gefangene Licht notwendig in euch auf, und dieses gefangene Licht ist auch jener ätherische Stoff, der eurem Organismus die belebende Nahrung gibt.

[GS.02_040,15] Könnte denn da nicht jemand sagen: Wenn solches offenbar und sicher richtig ist, da dürfte man ja auch nur sich der leuchtenden Sonne gegenüberstellen und das ihr entströmende Licht fleißig in sich hineinschlürfen, und man wird da jede grobe Mahlzeit ersparen. Ich aber sage: Es kommt da nur auf eine Probe an. Die Sonnenmahlzeit ist auch ohnedies schon bekannt; es solle nur jemand zehn Tage lang eine reine Sonnenmahlzeit halten, und sein Organismus wird ihm schon am zweiten Tage kundgeben, wieviel des Nahrungsstoffes er in sich eingeschlürft hat.

[GS.02_040,16] Aus diesem Beispiele aber könnet ihr noch klarer denn aus den vorigen erschauen, daß das Licht für sich allein in seinem freien Zustande ungenießbar ist, und sich somit niemand an ihm sättigen kann. Wenn es aber in der göttlichen Ordnung durch die göttliche Kraft selbst gefangen wird, dann erst ist es genießbar und nährend. Aus diesem Grunde soll auch der Mensch all sein Weltlicht in sein Herz gefangennehmen, allwo es gebunden wird mit der Lebenswärme, und er wird dann aus diesem Lichte eine rechte Nahrung für seinen Geist überkommen. Und desgleichen müssen auch wir hier das Geschaute der reinen Formen der Weisheit in unsere Liebe zum Herrn erst gefangennehmen, alsdann werden wir die Entwicklung derselben in uns gar bedeutungsvoll erschauen und uns eine tüchtige Mahlzeit bereiten können. Der Herr wird uns dann auch diesen Altar öffnen, wie Er uns geöffnet hat den in der Allee. –

 

41. Kapitel – Liebe und Weisheit, deren Verhältnis, Ordnung und Harmonie.

[GS.02_041,01] Nun sehet und habet wohl acht; ich habe das Ausgesprochene in mir getan, und ihr habet solches getan durch mich, und so wird es auch ein Leichtes sein. die freiere Weisheit mit der Kraft des Herrn in uns zu erfassen und sie für uns begreiflich zu machen. Um aber die Sache gehörig zu erfassen und zu begreifen, müsset ihr vorerst die Zahl der Stockwerke und Galerien in Anschlag bringen.

[GS.02_041,02] Wir sind im sechsten Stockwerke oder auf der siebenten Galerie, also in jeder Hinsicht über der Hälfte des Gebäudes. So die untere Grund- und bei weitem größere Hälfte des Gebäudes der Brust des Menschen und somit all dem, was der Liebe ist, entspricht, so bedeutet diese zweite, obere Hälfte den Kopf des Menschen und entspricht somit dem Verstande und der Weisheit desselben.

[GS.02_041,03] Hier stehen wir sonach auf der ersten Stufe der Weisheit oder auf derjenigen Stufe, wo die reine Weisheit und die Liebe zusammengreifen. Wenn ihr nun dieses ein wenig beachtet, so wird euch das Zierakulum dieses Säulenrondells, wie auch gleicherweise die Verzierungen aller Rondelle dieses Stockwerkes auseinanderzugehen anfangen.

[GS.02_041,04] Seht hier den Altar; er stellt vermöge seiner Gestalt, Farbe und Verzierung die in die Weisheit reichende Liebe dar. Die kleine Säule, in welche der geheimnisvolle Kreis eingefestigt ist, stellt gewisserart den Hals der Menschen dar, entsprechendermaßen aber die größtmöglichste Demut. Was geht aber aus der Demut hervor? Seht an den eingefesteten Kreis. Durch diesen Kreis wird das Haupt des Menschen dargestellt; entsprechendermaßen aber ist es das Licht der Weisheit, welches aus der Wärme der Liebe hervorgeht.

[GS.02_041,05] Die Sternchen, aus denen er zusammengefügt ist, samt den ebenfalls aus Sternchen zusammengesetzten Figuren, welche seinen freien Raum ausfüllen, bezeichnen die mannigfaltigen Erkenntnisse und Einsichten, welche natürlichermaßen alle samt und sämtlich ein Angehör der Weisheit sind. Der Sternenkreis zu unterst am Boden um den Altar aber besagt, daß die Liebe, ihre wahre Demut und auch ihre Weisheit göttlichen Ursprunges sind und aus der Werktätigkeit des Menschen nach dem göttlichen Willen hervorgehen.

[GS.02_041,06] Durch den siebenfachen Kreis wird der göttliche Wille beschaulich dargestellt. Die einzelnen Sternchen aber, aus denen er zusammengesetzt ist, bezeichnen die Werke, welche der Mensch verrichtet in der göttlichen Ordnung zufolge der Erkenntnis des göttlichen Willens. Aus dem aber geht hervor, daß niemand Gott lieben kann, so er nicht Seinen Willen erfüllt. Wer aber Gottes Willen erfüllt, indem er seinen eigenen Willen, sich selbst verleugnend, gefangennimmt, dem erst wird die Liebe zu Gott zuteil. Und so sind die Werke nach dem Willen Gottes die edlen Samenkörner, aus denen da erwächst die überaus und über alles beseligende und für ewig belebende Liebe zu Gott!

[GS.02_041,07] So aber jemand solche Liebe überkommen hat, der hat auch mit ihr die Weisheit überkommen, welche gleich ist der göttlichen Weisheit, weil die Liebe selbst, aus der solche Weisheit hervorgeht, göttlich ist. Daß die mannigfach geformten Zeichen des Kreises die vielfachen zusammenhängenden, in der göttlichen Ordnung und Weisheit begründeten erhabensten Erkenntnisse bezeichnen, braucht kaum näher erwähnt zu werden.

[GS.02_041,08] Insoweit hätten wir denn auch unser Zierakulum gelöst. Aber wir erblicken ja noch vom Plafond herabhängend ganz frei einen ähnlichen Kreis, wie der in die kleine Säule eingefestete ist, und dieser horizontal hängende Kreis berührt mit seinem Zentrum genau genommen die oberste Sphäre unseres in die kleine Säule eingefesteten Kreises. Was wird wohl dieser Kreis bezeichnen?

[GS.02_041,09] Dieser Kreis bezeichnet die göttliche Weisheit, wie diese beständig aus den Himmeln einfließt und fortwährend belebt und ordnet die ihr entsprechende Weisheit eines jeglichen Menschen, der da lebt der göttlichen Ordnung gemäß.

[GS.02_041,10] Daß sich diese beiden Kreise berühren, bezeichnet, daß der wahren göttlichen Weisheit Geist im Menschen in die Tiefen derselben, welche durch das Zentrum dargestellt sind, eindringt. Er kann demnach himmlische und göttliche Dinge begreifen, ja mit dem Herrn Selbst wohl erschaulicherweise umgehen und sich mit Ihm besprechen wie ein Kind mit seinem Vater, oder wie ein Bruder mit dem andern. – Sehet, das ist nun das Ganze, kurz möglichst und wohlverständlich dargestellt.

[GS.02_041,11] Ihr saget und fraget hier freilich: Lieber Freund und Bruder! Woher nehmen denn die Menschen dieses Zentralsonnen-Weltkörpers solche Weisheit, in welcher fürwahr buchstäblich das ganze geistige Lebenswesen eines jeden auf unserer Erde lebenden Menschen mit der höchsten Klarheit bezeichnet wird? Wenn Menschen auf unserer Erde zufolge geistiger Entsprechung Ähnliches errichten würden, so wäre das begreiflich, weil, wie du es augenzeuglich weißt, der Herr und Schöpfer aller Himmel und Welten auf dieser Erde Selbst leibhaftig gelebt, gewandelt und gelehret hat. Aber auf diesem Weltkörper, der sicher in einer unaussprechlichen Entfernung von unserer Erde absteht, solche Weisheit zu treffen, die ganz vollkommen der göttlich irdischen gleicht, ist fürwahr überaus seltsam. Wie ist das möglich?

[GS.02_041,12] Meine lieben Freunde und Brüder, diese Frage würde euch in einem Vereine himmlischer Geister einer sehr bedeutenden Lache aussetzen. Wovon ernähren sich die Finger und Extremitäten eures Leibes? Ihr esset doch nicht in die Extremitäten hinein; die Füße haben keinen Mund und Schlund, um eine eigens für sie bestimmte Nahrung aufzunehmen, die Hände und die Finger an denselben haben dergleichen auch nicht, und so hat euer Leib noch eine zahllose Menge von großen und kleinen Teilen, welche alle ihr nicht einzeln abzufüttern brauchet.

[GS.02_041,13] Der Mensch hat nur einen Mund und einen Magen, was dieser aufnimmt, geht an alle anderen Teile gehörig präpariert über; also hat er auch nicht in einem jeden Gliede ein Herz, sondern er hat nur eines in der Brust, und dieses hat seine Adern und Gefäße durch den ganzen Leib ausgebreitet und sendet durch dieselben sein Leben in alle Fibern des ganzen Leibes, und das allenthalben nach der wohlberechnet zweckmäßigen Aufnahmsfähigkeit fürs Leben.

[GS.02_041,14] Ihr habt aber gehört, daß die ganze große Schöpfung Gottes naturgemäß wie geistig vollkommen einen Menschen darstellt, welcher Mensch somit in der endlos großen Allgemeinheit sicher auch nur einen Magen und ein Herz hat. Ihr kennet den großen Kostgeber und kennet auch die Kost, mit der der große Kostgeber Seinen großen Menschen speiset; sie heißt das Brot des Lebens, oder: sie ist die Liebe Gottes!

[GS.02_041,15] So ihr aber in allen Teilen eures Leibes eine und dieselbe Kost findet, die ihr in euren Magen aufnehmet, und überall dasselbe Blut, welches dem Herzen in alle eure Leibesteile entströmt, so wird es doch auch kein Wunder sein, so ihr in diesem Teile des großen Weltmenschen dieselbe göttliche Liebe und Weisheit findet, welche ihr auf eurer Erde gefunden habt und auch noch allezeit findet und finden könnet.

[GS.02_041,16] Eine solche Zentralsonne ist gewisserart ein Hauptnerv des großen Weltmenschen, und die kleineren Sonnen und Planeten sind gleich den kleineren Nebennerven, Fibern und Fasern; und der Hauptnerv wird doch sicher vom selben Safte ernährt, von welchem die kleineren Nerven, Fibern und Fasern ernährt und erhalten werden. Wo ein Herr, ein Schöpfer und ein und derselbe Gott ist, da kann es auch in Seiner unermeßlichen Schöpfung nur eine göttliche Liebe, eine göttliche Weisheit und eine göttliche Ordnung geben! Außer ihr möchtet noch irgendeinen zweiten Gott und Schöpfer annehmen, vorausgesetzt, daß euer Gemüt und Verständnis einer solchen Torheit fähig wäre; da könnte man dann auch wohl auf eine andere Ordnung der Dinge gegründetermaßen hinblicken und allenfalls eine Frage aufwerfen, wie da die eurige war. Aber bei obwaltenden nur vollkommenst eingöttlichen Umständen bleibt es bei einer Kost, bei einer Weisheit und bei einer Ordnung. Da wir aber nun solches alles doch sicher klar einsehen, so wollen wir uns auch sogleich wieder um ein Stockwerk höher begeben, und zwar nun in das siebente oder in die achte Galerie. – Sieht diese Rundtreppe auch so ziemlich luftig aus, so machet euch aber dennoch nichts daraus; denn sie wird uns schon noch tragen; und so denn wollen wir gehen. –

 

42. Kapitel – VII. Stockwerk. Absolute Weisheit durchsichtig und undurchdringlich wie Diamant.

[GS.02_042,01] Sehet, unser Aufmarsch ist besser gegangen, als ihr es euch gedacht habt. Wir sind, wie ihr sehet, sonach auch schon im siebenten Stockwerke oder auf der achten Galerie. Wie findet ihr diesen Platz?

[GS.02_042,02] Ihr saget: Lieber Freund, hier sieht es schon sehr luftig aus; die Säulen der Rondelle sind wie aus dem feinsten durchsichtigsten Glase, der Boden, auf dem wir stehen, ist ebenfalls aus einer blau-weißlichten Materie, welche überaus stark glattglänzend ist. Die Geländer, welche von Säulenrondell zu Säulenrondell diese Galerie umfassen, sind ebenfalls von einem sehr durchsichtigen Materiale angefertigt, so daß man durch dasselbe mit nur höchst unbedeutender Schwächung des Augenlichtes schauen kann, und wenn wir aufwärts schauen zum Plafond, so ist auch dieser von einer gleichen licht-bläulichen Masse angefertigt, welche ebenfalls ziemlich durchsichtig zu sein scheint; denn man sieht ja stellenweise recht bequem in die neunte Galerie hinauf.

[GS.02_042,03] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, das ist alles richtig also. Ihr möchtet wohl wissen, ob diese schon sehr stark durchsichtige Materie von eben der Festigkeit ist, wie jene etwas weniger durchsichtige der unteren Stockwerke? Ich sage euch: Dessen könnet ihr vollkommen versichert sein; denn je durchsichtiger im harten Zustande irgendeine Materie hier ist, desto fester ist sie auch in ihren Teilen.

[GS.02_042,04] Ihr saget: Da wäre es doch in der Bauordnung, das Festere in den Grund zu legen, der ja doch die ganze Last des Gebäudes zu tragen hat, und das weniger Feste, weil weniger Durchsichtige in den oberen Teilen eines solchen Gebäudes zu verwenden, wo das Gebäude stets leichter wird.

[GS.02_042,05] Ihr urteilet nach eurer Art recht, und für die Bauordnung auf eurem Erdkörper wäre also auch sicher besser gesorgt; aber eine andere Welt, eine andere Einrichtung und somit auch eine andere Bauordnung. Solches aber wisset ihr dennoch, daß die harten Gegenstände spröde und leicht springbar sind, während die weniger harten wohl noch immer eine große Festigkeit haben, sind aber dabei um so mehr schmiegsam, weniger gebrechlich und können daher unbeschädigt einen desto größeren Druck aushalten als die ganz harten Gegenstände. Überleget einmal, was da wohl härter sei, eine Kugel aus gediegenem Glase oder eine Kugel aus gediegenem Kupfer? Um das Kupfer zu schneiden oder zu ritzen, bedarf es wahrlich nicht der härtesten Schneidewerkzeuge; mit einem gewöhnlichen Brotmesser könnet ihr ohne Anstrengung ganz bedeutende Partikel davon abschneiden oder wegschaben. Um die gläserne Kugel zu lädieren, brauchet ihr schon überaus harte Gegenstände wie feinsten Quarz, allerhärtesten, feinsten Stahl oder den Diamant. Nun aber nehmet die beiden Kugeln, stellet über eine jede ein Gewicht von tausend Zentnern und gebet einer jeden eine vollkommen harte Unterlage. Die gläserne Kugel wird zu weißem Staube erdrückt werden, aber die kupferne wird mit einer eben nicht zu bedeutenden Plattdrückung davonkommen.

[GS.02_042,06] Aus diesem Beispiele könnet ihr hinreichend erschauen, warum bei diesem Gebäude die härteren Materialien zu oberst verwendet worden sind. Zu unterst würden sie höchst wahrscheinlich das Geschick der gläsernen Kugel unter dem Gewichte von tausend Zentnern gehabt haben; hier aber sind sie davor vollkommen gesichert und für die Tragung der noch über ihnen ruhenden Last hinreichend fest und stark genug, und wir haben unterdessen durch unser Gewicht schon gar nichts zu befürchten.

[GS.02_042,07] Daß aber hier alles härter, spröder und durchsichtiger wird, hat einen bedeutungsvollen Sinn, über den man aber ebenfalls nicht gar zu viel sagen kann, wie man von der harten Materie selbst durch die festesten Werkzeuge eben nie gar zu große Brocken ablösen kann. Der Diamant bei euch auf der Erde ist sicher der härteste und zugleich auch der allerdurchsichtigste Körper; aber die ihn schleifen, oder nach eurer Kunstsprache „schneiden", die werden es euch genau zu sagen wissen, was dazu gehört, um nur atomgroße Teile von ihm abzulösen.

[GS.02_042,08] Sehet, also verhält es sich aber auch mit der stets reiner werdenden Weisheit; ein Brocken von ihr ist härter zu verzehren und zu zerlegen als eine ganze Welt von Liebe. Man könnte sagen: Ein solcher Weisheitsknäuel gleicht einem Bündel Flöhe, welche, wenn das Bündel geöffnet wird, mit der größten Hast davonhüpfen, und es gehört viel Behendigkeit dazu, um von Tausenden irgend ein paar matt gewordene zu erhaschen. Daher läßt sich auch, wie gesagt, über die harte und durchsichtige Beschaffenheit des Materials dieses siebenten Stockwerkes oder dieser achten Galerie nicht mehr gar zu viel sagen.

[GS.02_042,09] So viel aber ist gewiß und klar, daß die Gegenstände im Lichte der Weisheit, d.h. der absoluten Weisheit stets durchsichtiger, aber dafür stets desto undurchdringlicher werden; und je höher sie steigen, desto durchsichtiger und härter werden sie, so zwar, daß man am Ende auf der festen Materie steht und geht, aber man sieht sie vor lauter Durchsichtigkeit nicht mehr. Also ist es auch mit der absoluten Weisheit der Fall. Man hat wohl einen Grund, auf dem man sich befindet; aber das ist dann schon auch alles, was man von dem Grunde herausbringt. Wollt ihr ihn näher untersuchen, und zwar mit euren Augen, so werdet ihr, je länger von euch ein solcher Körper beobachtet wird, ihn stets mehr aus dem Lichte eures Gesichtes verlieren und werdet selbst da, wo ihr wenigstens auf den ersten Blick etwas zu erschauen vermeintet, nichts mehr erschauen.

[GS.02_042,10] Ist es nicht eben also mit der absoluten Weisheit? Ja, solches möget ihr schon aus so mancher Erfahrung wissen. Sollte euch aber die Sache noch nicht hinreichend klar sein, wie sich die absolute Weisheit entsprechend zu dem Baumateriale dieses großen Wohngebäudes verhält, da will ich euch nur beispielsweise so ein kleines Weisheitsbröckchen hinwerfen, und ihr könnet daran nagen, wie ihr wollet, und schaben, wie ihr wollt, und ihr werdet nichts herausbringen. Und so höret denn:

[GS.02_042,11] Sieben Kreise sind ineinander verschlungen; die Kreise durchdringen sich, die durchdrungenen verzehren sich und die verzehrten erheben sich in die, so nicht verzehrt sind, und die sieben Kreise haben kein Maß und keinen Mittelpunkt. Sie sind sieben ohne Ende; eine Zahl, welche durchdringt den Kreis der sieben, und die sieben den einen!

[GS.02_042,12] Sehet, das ist so ein Bröckchen absoluter Weisheit! Ich habe euch damit in wenig Worten so ungeheuer vieles gesagt, daß ihr dasselbe mit gewöhnlichen, eurem Verstande zugänglichen Begriffen in alle Ewigkeit nicht auseinandersetzen würdet. So ihr aber den Weisheitssatz leset, da wird es euch auf den ersten Augenblick vorkommen, als müßtet ihr daraus zu irgendeiner, wenn schon nicht Total-, so doch Partial-Löse kommen. Versuchet aber nur, daran zu schaben und zu feilen und setzet das Mikroskop eures Verstandes an diese Materie; je mehr ihr euch damit abgeben werdet, desto luftiger wird die Materie und desto weniger ersichtlich in ihr, und sie selbst wird stets mehr und mehr dem Augenlichte eures Verstandes entschwinden.

[GS.02_042,13] Ich meine, ihr werdet genug haben, um daraus zu der Einsicht zu kommen, daß für einen noch gebundenen Geist mit der absoluten Weisheit nicht viel zu machen ist. Daher bleiben wir schon nur hübsch bei der Kost, welche der gute heilige Vater für uns bereitet und gesegnet hat; zu einer Zeit aber, wenn euer Geist ungebundener wird, werdet ihr auch von der absoluten Kost mehr abzubeißen imstande sein denn jetzt. – So aber dem Weisen das Wenige genügt, da werden auch wir bei den geringeren Brocken, welche sich uns auf diesen Weisheitsgalerien darstellen werden, zur vollsten Genüge bekommen. – Wir haben aber hier noch das Zierakulum des Säulenrondells vor uns; betrachtet es, und wir wollen dann sehen, wieviel sich vom selben wird herabzwicken lassen. – –

 

43. Kapitel – Absolute Weisheit nicht tauglich für einen noch gebundenen Geist.

[GS.02_043,01] Soviel ich merke, so habt ihr euch mit euren Augen in das Zierakulum so recht hineinverpicht und es gewisserart von Atom zu Atom so recht intensiv betrachtet; daher wird es euch nun nicht schwer werden, euch darüber vollkommen auszusprechen und es ebensogut zu beschreiben, als wie gut ihr es angeschaut habt. Sonach könnet ihr sogleich mit der Beschreibung dieses Zierakulums beginnen. Aber wie es mir vorkommt, so werdet ihr ja mit der Beschauung nicht fertig. Was ist es denn, das euch ob dieses Ornaments die Augen an dasselbe so sehr bindet? Ist es wohl das Ornament selbst oder sind es dessen Teile?

[GS.02_043,02] Ich merke aber nun gar wohl, warum ihr mit der Beschauung nicht fertig werdet. Das Ornament dieses Rondells ist unstet, und ihr könnet ob der darin stets neu vorkommenden Formen nicht ins klare kommen. Ja, ja, dieses Ornament ist ein wahres Kaleidoskop, in welchem auch bei jedem Umdrehen sich andere Formen zeigen, und die früheren kommen nicht wieder zum Vorscheine. Ich sage euch daher auch:

[GS.02_043,03] Es wird euch wenig helfen; so ihr dieses Ornament auch eine ganze Ewigkeit hindurch betrachten möchtet, so werdet ihr aber dennoch nimmer zu einer Schlußform kommen, sondern an der Stelle der entschwundenen stets neue und auch sonderbarere zu Gesichte bekommen. Daher beschreibet nur dasjenige des Ornamentes, was an demselben stetig zu erschauen ist, und lasset den inneren Formenwechsel beiseite. Also worin besteht denn dieses?

[GS.02_043,04] Ihr saget hier: Lieber Freund und Bruder, das ganze Ornament an und für sich ist von höchst einfacher Art, insoweit wir es als fertig mit unseren Augen betrachten können. In einem über zwei Klafter im Durchmesser habenden ganz einfachen Goldreife ist eine gläserne Kugel angebracht, etwa also, wie bei uns auf der Erde ein Himmels- oder Erdglobus innerhalb eines messingnen beweglichen Meridians. Die Kugel dreht sich fortwährend innerhalb dieses großen Reifes, den sie beinahe ganz ausfüllt. Der Reif ist nicht mehr vom Boden aus irgend befestigt, sondern hängt an einer massiven Goldschnur, welche mit Sternen eingewirkt ist, vom Plafond herab bis zur Höhe eines Menschen reichend. Bei jeder nur etwas merklichen Drehung ersieht man in dieser großen durchsichtigen Glaskugel fortwährend neue Formen von ebenfalls durchsichtiger, aber dennoch buntfarbiger Beschaffenheit, und die Formen sind nicht selten von so anziehender Art, daß man sich daran nicht genug satt schauen kann. Aber sowie man eine Form mit seinem Auge recht fest fassen möchte, um sie zu beurteilen, da ist sie schon nicht mehr vorhanden, und eine andere, welche mit der vorhergehenden keine Ähnlichkeit hat, tritt an ihre Stelle; und das geht fort und fort.

[GS.02_043,05] Und so man glaubt, daß wenn die Kugel wieder mit ihrem Gürtel auf demselben Punkte sich befinden wird, von welchem man bei einer frühern Drehung eine bestimmte Form erschaut hat, wieder eben dieselbe Form zum Vorschein kommen möchte, so hat man sich gar gewaltig getäuscht; denn von einer einmal geschauten Form ist wenigstens bis jetzt vor unseren Augen nicht die allerleiseste Spur zum Vorschein gekommen. Das ist, lieber Freund und Bruder, alles, was wir an diesem sonderbaren Ornamente als höchst merkwürdig entdeckt haben.

[GS.02_043,06] Daß auch die anderen Säulenrondelle ganz gleich beschaffene Ornamente haben, erschauen wir von diesem Punkte recht genau. Es ist hier demnach nur die Frage: Wer treibt diese Kugel fortwährend um ihre Achse, und was bedeutet sie wie das ganze Ornament?

[GS.02_043,07] Meine lieben Freunde und Brüder! Sehet, da hängt denn an diesem Ornamente schon wieder so ein fataler absoluter Weisheitsbrocken, von dem sich für eure Einsicht eben nicht gar zu viel wird herabzwicken lassen. Was die Umdrehung dieser Kugel betrifft, so ist sie wohl an und für sich leicht zu erklären und zu begreifen.

[GS.02_043,08] So ihr nur wisset, daß der große, vollkommene Rundstabreif inwendig hohl ist und an der Stelle, wo die Spindel der Kugel in den Reif hineingesteckt ist, ein überaus klug berechneter Mechanismus angebracht ist, der als ein wahres „Perpetuum mobile" betrachtet werden kann, durch welches eben diese durchsichtige, aus feinstem Glase zu bestehen scheinende Kugel in einen fortwährend gleichen Umschwung gebracht wird, so könnet ihr dann mit dieser Beantwortung euch vollkommen zufrieden stellen.

[GS.02_043,09] Ihr möchtet hier freilich wohl die Triebkraft solch eines Perpetuum-mobile-Mechanismus näher kennen. Wenn ihr solches wisset, was zu erklären eben nicht zu schwer sein wird, so werdet ihr deswegen das Ornament noch um kein Haar besser verstehen als ohne eine solche Erklärung.

[GS.02_043,10] Ich sehe aber, daß ihr nach einem Perpetuum-mobile-Mechanismus sehr lüstern seid; so muß ich euch schon die Einrichtung desselben ein wenig auseinandersetzen; nur müßt ihr euch dabei ein unabnützbares Material denken, welches aber nur auf solchen Weltkörpern zu Hause ist, wie da ist diese unsere Zentralsonne. Auf den Erdkörpern, wie der eurige einer ist, kann sich solch ein Material unmöglich vorfinden, weil alle die erdkörperlichen Materialien einem unaussprechlich viel geringeren Licht- und Hitzegrade entstammen denn die einer solchen Zentralsonnenwelt.

[GS.02_043,11] Wenn wir dieses voraussetzen, so ist dann die Darstellung des Mechanismus von der höchst einfachsten Art von der Welt. Wie sieht dann dieser aus? Sehet, bis ungefähr ein Drittel zu unterst ist der vollkommen dicht verschlossene Reif mit einer unverdunstbaren Flüssigkeit angefüllt, etwa von der Art und Beschaffenheit, als wäre es bei euch möglich, ein überaus gereinigtes Quecksilber in vollkommen durchsichtigem und überaus leichtflüssigem Zustande darzustellen. Von zu oberst des Reifes aber langt ein sogenanntes „Polyorganon" herab in die Flüssigkeit, aber nur auf der einen Seite.

[GS.02_043,12] Dieses Polyorganon saugt zufolge seiner mächtigen Attraktion zu der Flüssigkeit dieselbe fortwährend auf. – Dieses Polyorganon reicht aber auf der entgegengesetzten Seite des Reifes bis zu einem Drittel der ganzen Reifhöhe herab, und läßt die auf der anderen Seite eingesogene Flüssigkeit herabträufeln. Vor dem Ende des Polyorganons ist ein trichterartiger Tropfensammler angebracht, dessen unterste Röhre an ein wohlberechnetes löffelartiges Schaufelwerk geleitet ist. Dieses Schaufelwerk ist unmittelbar an der Spindel befestiget, an welcher die Kugel selbst im Kreise hängt. Wenn durch einen oder mehrere herabfallende Tropfen ein Schäufelchen voll geworden ist, so wird das Schäufelchen natürlich schwerer, senkt sich dann abwärts, und bringt auf diese Weise die ganze große Kugel zum Umschwunge. Hat das Schäufelchen zu unterst seine Flüssigkeit ausgegossen, so wird unterdessen schon wieder ein anderes gefüllt und sinkt wieder herab. Und da das Polyorganon ebensoviel Flüssigkeit fortwährend aufsaugt, als es auf dieses Schaufelwerk herabträufeln läßt, so ist das Perpetuum mobile unter den vorher angegebenen Bedingungen ja überaus leicht möglich, wenn ihr noch dazu bedenket, daß diese Materie, aus welcher die Spindel und überhaupt das ganze Ornament besteht, keiner Abnützung und somit auch keiner Reibung fähig ist. Die Glätte der Spindel und des Zylinders, in welchem die Spindel läuft, ist so außerordentlich groß, daß sie sich gegenseitig zur Umdrehung nicht das leiseste Hindernis setzt. Es ist, als möchte sich eine solche Spindel im reinsten Äther bewegen. Und da die große glasartige Kugel auch höchst mathematisch genau sphärisch gleichgewichtig in der Spindel hängt, so wird ihre Ruhe schon durch das Gewicht eines kleinen Tropfens hinreichend leicht gestört. Ein solches Fabrikat aber gehört bei diesen höchst weisen Menschen zu keinem Wunderwerke.

[GS.02_043,13] Ihr saget: Diesen Perpetuum-mobile-Mechanismus begreifen wir jetzt ganz vollkommen; aber den beständigen Formenwechsel in der Glaskugel, den werden wir schwerlich begreifen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, da wird es freilich einen kleinen Haken haben; aber unmöglich ist es eben nicht, darüber irgendeine Einsicht zu erlangen. Auf eurem Erdkörper wäre so etwas darzustellen wohl eine ziemlich reine Unmöglichkeit, weil auf dem Erdkörper die mannigfaltigsten sogenannten imponderablen Stoffe nicht für bleibend aufgefangen werden können; aber auf einem Zentralsonnenkörper ist solches gar leicht möglich.

[GS.02_043,14] Und so könnet ihr zu eurer Wissenschaft erfahren, daß diese Kugel inwendig hohl ist, ist aber gefüllt mit allerlei solchen imponderablen Grundstoffen. Bei der geringsten Drehung mischen sich diese Stoffe fortwährend durcheinander, ohne sich vermöge ihrer Verschiedenartigkeit vollkommen zu vermengen. Durch diese Vermischung geschieht aber dann auch fortwährend eine neue Formbildung, welche sich bei einer stets darauf folgenden fortwährenden Umdrehung der glasartigen Kugel notwendig verändern muß. Ihr könnet wohl im Großen auf eurem Erdkörper Ähnliches erschauen, wo ebenfalls die imponderablen Stoffe innerhalb der großen Luftkugel, welche natürlich den ganzen Erdkörper einfaßt, auch fortwährend neue Formen zur Erscheinlichkeit bringen. Aber diese imponderablen Stoffe stehen auf einem Erdkörper auf einer viel geringer tätigen Potenz als auf einer solchen Zentralsonne; daher ist auch ihr Gebilde gewöhnlich unausgebildet, wie ihr solches bei den Bildungen des Gewölkes und noch mancher anderer Lufterscheinungen erschauen könnet. In dieser Kugel hier sind aber diese Stoffe gewisserart in ihrer konzentriertesten Potenz eingeschlossen; daher sind auch die entwickelten Formen unbeschreiblich und gewähren dann, wenn schon in kleinerem Maßstabe, den allerimposantesten Anblick.

[GS.02_043,15] Ich meine nun, soviel es für eure Begriffsfähigkeit möglich und tunlich war, hätten wir auch diese Erscheinlichkeit so ziemlich entziffert; aber was bedeutet solches alles? Das ist eine ganz außerordentliche Frage. Es ist, wie schon am Anfang bemerkt, ein Weisheitsbrocken, von dem sich nicht viel wird herabzwicken lassen, und wir werden zufrieden sein müssen, darüber nur einen höchst flüchtig allgemeinen Blick werfen zu können. Und so läßt sich die ganze Sache also zusammenfassen, daß durch dieses Ornament die absolute Weisheit ganz allein für sich dargestellt wird und ist unter diesem Gesichtspunkte etwas sich fortwährend Bewegendes und Form-Wechselndes, deren Bedeutung und innerer Zusammenhang nur dem Einen, aber sonst keinem ewig je entzifferbar ist.

[GS.02_043,16] Also ist es ja auch auf eurer Erde der Fall. Wer kann die zahllosen Formen der Wolken verstehen? Die höchste Weisheit sinkt bei dem fortwährend erneuten Anblicke in den Staub zurück und muß sagen: Herr! wie gar nichts sind alle Menschen und Geister vor Dir! Desgleichen wollen auch wir hier tun und uns dann statt einer leeren weiteren Erörterung lieber sogleich auf die neunte Galerie oder in das achte Stockwerk begeben. Die Treppe sieht hier wohl wie alles schon sehr luftig aus; aber uns wird sie schon gar wohl noch tragen, und so beginnen wir unseren Weitermarsch. –

 

44. Kapitel – VIII. Stockwerk. Vom Eingehen in das Leben des Geistes.

[GS.02_044,01] Wir sind oben; sehet euch recht gründlich um und beachtet vorzugsweise die Säulenrondell-Ornamente. Aus diesen, wie ihr bisher schon erfahren habt, lernen wir von Stockwerk zu Stockwerk die Weisheit der hier wohnenden Menschen kennen und zugleich die allgemeine Menschen- und Weltordnung eines ganzen Sonnengebietes, vorzugsweise desjenigen, auf dessen Zentralsonne wir uns gegenwärtig befinden.

[GS.02_044,02] Was das Übrige dieser Galerie betrifft, so ist eben nicht zu viel für unsere Augen besonders Erhebliches daran zu entdecken, denn das ganze Baumaterial bis auf die innere kontinuierliche Wand ist schon vollkommen hell durchsichtig, so daß man also nur mehr aus den Glanzflächen erkennen kann, daß es ein Material ist, sonst aber ist es, wie gesagt, vollkommen durchsichtig gleich der Luft. Die innere kontinuierliche Wand aber ist blendend weiß; die Tore in die inneren Gemächer sind lichtblau. Jetzt sind wir mit den Farben aber auch schon fertig, was das Bauwesen der Galerie betrifft; daher begeben wir uns sogleich in ein Säulenrondell, um in selbem das Merkwürdige zu erschauen, was uns um eine so ganz eigentliche geistige Galerie höher heben wird.

[GS.02_044,03] Wir sind im Rondell. Ihr saget zwar: Lieber Freund und Bruder, hier muß man die Säulen dieses Rondells mehr greifen als schauen. Sie glänzen wohl ungemein, wenn man so recht vor ihren Flächenspiegel tritt; sieht man aber flüchtig hinweg, fürwahr, da könnte man recht gut in die Säule rennen, ohne vorher gesehen zu haben, welch ein Stein des Anstoßes auf einen harrt.

[GS.02_044,04] Du hast zwar früher gesagt, wir sollten das Ornament dieses Säulenrondells besonders scharf ins Auge fassen, denn es stecke gar Großes dahinter. Aber wir schauen schon jetzt hin und her und auf und ab, und können mit Mühe nur die Säulen erschauen und innerhalb derselben eine ganze ungemein keusche, zarte und überaus durchsichtige Rundtreppe, versehen mit einem gleichmäßigen beiderseitigen Geländer; doch von einem Ornamente dieses Säulenrondells können wir bei der allerstrengsten Aufmerksamkeit auch nicht die leiseste Spur entdecken. Sollen wir aber daraus etwas für unsere innere Wiß- und Weisheitsbegierde Ersprießliches schöpfen, so müssen wir doch etwas Erschauliches vor uns haben; denn aus diesem Nichts wird doch sicher unmöglich viel mehr als wieder nichts herauskommen.

[GS.02_044,05] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, sehet, das Sehvermögen des Menschen ist durchgehends so eingerichtet, daß es aus den zwei Extremen heraustretend auf eine Zeitlang unbrauchbar ist. Ist jemand lange im heftigen Lichte gestanden und kommt dann in ein dunkles Gemach, so wird er mit dem besten Gesichte die Gegenstände im selben nicht unterscheiden können. Eben also ist es auch umgekehrt der Fall; hat sich jemand längere Zeit in einem dunklen Gemache aufgehalten und tritt dann plötzlich ans helle Licht, so wird er auch in den ersten Augenblicken vor lauter Licht nichts mehr sehen, gleichwie die Vögel der Nacht am Tage nichts sehen. Erst nach einigen Sekunden werden die Bilder anfangen, sich seinem Auge immer klarer und klarer darzustellen.

[GS.02_044,06] Also geht es euch auch hier; denn der Lichtunterschied von Galerie zu Galerie, von Stockwerk zu Stockwerk ist groß verschieden und wird durch die Anwendung des stets heller und heller werdenden Baumaterials bewirkt. Daher müssen wir uns hier in dieser Lichthöhe ein wenig verweilen, um unsere Augenkraft zu üben. Und so werden dann schon noch Sachen zum Vorschein kommen, die wir jetzt auf diesen ersten Augenblick freilich wohl nicht erschauen mögen.

[GS.02_044,07] Ihr fraget: Wie sollen wir denn das so ganz eigentlich anstellen? – Ich sage euch: Schauet nur hin auf die weiße Wand, euer Auge wird vor dem großen weißen Glanze bald lichtmatt genug werden, und ihr werdet dann alsobald die Umrisse unseres Ornamentes zu erspähen anfangen. Ihr saget hier freilich: Lieber Freund und Bruder, wie es uns vorkommt, so wird sich die Sache nicht recht tun lassen; denn ist das geistige Auge homogen mit dem leiblichen, so wird es durch einen längeren Anblick in seiner Schärfe ja nur getötet, aber unmöglich mehr belebt und gestärkt. Daher wären wir der Meinung, das Auge eher in irgendeine Dunkelheit zu versetzen, und es wird dann stärker werden zur Aufnahme des Lichtes.

[GS.02_044,08] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, dem Anscheine nach sollte es wohl so sein; aber solche Annahme taugt nicht für diesen Platz. Wollt ihr aber davon den Grund tüchtiger erschauen, so will ich euch durch ein faßliches Beispiel darauf aufmerksam machen.

[GS.02_044,09] Wie findet ihr die Morgen- oder Abendsonne auf den ersten Blick, den ihr nach ihr richtet? Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, unerträglich stark glänzend; und wir können die runde Form ihres Körpers nicht ausnehmen, sondern ihre Gestalt ist gleich einem unförmigen Feuerballe. Gut, meine lieben Freunde und Brüder; was geschieht aber, so ihr euch besieget und fanget an, konstant in diesen Feuerball zu schauen? Ihr saget: Der Glanz verliert sich nach und nach, und vor unseren Augen steht bloß eine schneeweiße Scheibe, die an ihrem Rande fortwährend zu vibrieren scheint, und wenn wir recht lange hinschauen, so können wir sogar die größten Flecken auf ihrer Oberfläche wie sehr kleine schwarze Punkte entdecken.

[GS.02_044,10] Wieder gut, meine lieben Freunde und Brüder; warum aber könnt ihr nun solches? Ist euer Auge etwa gestärkt worden durch den beständigen vehementen Lichtanblick der Sonne? O nein! Euer Auge ist dadurch eigentlich geschwächt worden, was ihr sehr leicht gewahren könnet, so ihr nun von der Sonne weg euer Auge einem anderen Gegenstande zuwendet. Wie werdet ihr einen solchen Gegenstand erschauen? Sehet, wie im Traum oder in einem schon erheblichen Nachtdunkel.

[GS.02_044,11] Wenn wir aber nun solches aus der Erfahrung wissen, so werden wir wohl auch leicht verstehen, wozu der etwas länger anhaltende Anblick der weißen kontinuierlichen Wand dieses Gebäudes gut sein soll; nämlich wozu der längere Anblick der Sonne gut war. – Ihr habet dort durch den längeren Anblick die reine Sonnenscheibe sogar mit ihren Flecken erschaut; und wir werden hier in dieser Lichtmasse nach und nach anfangen, das Ornament dieses Säulenrondells zu erschauen.

[GS.02_044,12] Ihr fraget hier noch einmal und saget: Aber lieber Freund und Bruder, haben die Bewohner dieses Gebäudes aller Gebäude auch so lange zu tun, um ihre Ornamente zu erschauen, mit denen sie dieses Säulenrondell geschmückt haben, wie wir? O nein, meine lieben Freunde und Brüder; ihr Auge erschaut alles dieses mit derselben Leichtigkeit, wie ihr die verschiedenen Gegenstände auf eurer Erde. Aber euer Auge muß ein wenig geübt werden, um die Dinge hier auszunehmen.

[GS.02_044,13] Ihr saget zwar: Lieber Freund und Bruder, diese deine Augenpräparation für uns kommt uns ein wenig eitel vor, denn wir sind ja doch auf der Erde und können von dem, was du uns durch die Gnade des Herrn kundgibst, bei dem allerbesten Willen so viel wie nichts erschauen. Wir schreiben wohl unsere Sache, sehen aber dabei nur das, was uns umgibt; aber für alle diese Herrlichkeiten sind nicht unsere Augen die Wahrnehmswerkzeuge, sondern bisher nur immer unsere Ohren.

[GS.02_044,14] Liebe Freunde und Brüder! Das ist von der sehr stark naturmäßigen Seite aus betrachtet ganz klar und richtig, aber von der nur einigermaßen mehr geistigen schon ganz grundfalsch. Wenn ihr eure äußeren groben Sinne in Anschlag bringet, da wird es sich mit der Anschauung dieser herrlichen Dinge freilich wohl etwas schwer tun; ich aber rede hier von der Angewöhnung des geistigen Sinnes; und das Auge des Geistes ist – euer Vorstellungsvermögen, euer Gefühl und die mit demselben lebendig verbundene Phantasie.

[GS.02_044,15] Dieses Auge müßt ihr öffnen und in das weiße Licht des Geistes wenden, und in solcher Wendung eine Zeitlang euch ruhig verhalten; so werdet ihr das, was hier besprochen wird, mit eurem geistigen Auge ebensogut zu schauen anfangen, als so ihr es schauen möchtet mit eurem Fleischesauge.

[GS.02_044,16] Also muß ja notwendig ein jeder, der in das Leben seines Geistes eingehen will, sich tagtäglich auf eine Zeitlang in die vollkommene Ruhe seines Geistes begeben und muß in dieser nicht etwa mit allerlei Gedanken umherschweifen, sondern er muß einen Gedanken nur fassen und diesen als ein bestimmtes Objekt unverwandt betrachten.

[GS.02_044,17] Der beste Gedanke ist hier freilich der Herr. Und wenn jemand solches mit Eifer und aller möglichen Selbstverleugnung fort und fort tun wird, so wird dadurch die Sehe wie das Gehör seines Geistes stets mehr und mehr an innerer Schärfe gewinnen, und nach einer eben nicht zu langen Zeit werden diese beiden Sinneswerkzeuge des Geistes so sehr erhöht werden, daß er mit der größten Leichtigkeit dort geistige Formen von der wunderbarsten Art erblicken wird, wo er vorher nichts als eine formlose Leere zu erschauen wähnte. Und so wird er auch mit eben der Leichtigkeit Töne und Worte vernehmen, wo ihm ehedem eine ewige Stille zu sein schien. Ich meine, ihr werdet mich verstehen, was ich euch damit habe sagen wollen und werdet hoffentlich auch einsehen, daß euer Einwurf hinsichtlich des Schauens um ein Bedeutendes eitler war als meine Beheißung, wie geartet ihr eure Sehe zum ferneren Anblicke dieser Herrlichkeiten stärken sollet.

[GS.02_044,18] Beobachtet also nur meinen Rat und beschauet die weißglänzende Wand oder in euch diejenige Gemütsseite, die da ledig ist von eitlen Gedanken der Welt; und ihr werdet das ganz einfache aber vielsagende Zierakulum dieses Säulenrondells gar bald und leicht erschauen.

[GS.02_044,19] Sehet nur hin; an einer durchsichtigen weißen Schnur hängt eine ganz einfache etwa eine Klafter im Durchmesser habende höchst rein durchsichtige Kugel, und vom Boden des Säulenrondells geht eine vollkommen runde, sehr schmale Kegelpyramide mit der Spitze bis zur Kugel empor und ist ebenso durchsichtig wie die Kugel selbst. Bemerket ihr solches? Ihr saget: Wir merken solches schon wie in einem ganz leisen Bilde in uns. Gut, sage ich euch; denket aber nun darüber selbst ein wenig nach und sehet, ob ihr die Bedeutung dieses Ornamentes nicht annähernd finden werdet. – In der nächsten Gelegenheit will ich dann euren Fund gehörig beleuchten. –

 

45. Kapitel – Göttlich-geistige Weisheit ist Torheit vor der Welt.

[GS.02_045,01] Ihr habt solches getan und habt darüber ein wenig nachgedacht; und ich sage euch: Hier ist das Verhältnis also: Ihr hättet darüber denken können, was ihr gewollt, und ihr hättet entsprechendermaßen vollkommen richtig und wahr ein Bild innerer Bedeutung dieses Ornamentes treffen müssen. Ihr saget hier freilich wohl mit etwas erstauntem Gemüte:

[GS.02_045,02] Wenn sich die Sache also verhält, da hat man es im Reiche der Geister überaus leicht. Man kann auf diese Weise ganz gedanken- und sinnlos allerlei unzusammenhängende Phrasen hintereinander herplaudern und das noch dazu zur erörternden Beantwortung einer allerwichtigsten Lebensfrage, und man hat am Ende durch allerlei nichtige Faseleien unwillkürlich die größte Weisheit hervorgebracht.

[GS.02_045,03] Wir sind aber gegenteils der Meinung, daß man im Geiste, um wahrhaft geistig weise zu sprechen, noch ums Unvergleichliche bündiger sprechen muß denn auf der Erde, und das aus solchem gewiß sicheren Grunde, weil dem Geiste auch viel triftigere und bündigere Hilfsmittel zu Gebote stehen, so er im völlig absoluten Zustande sich befindet, als auf der zerbröckelten Außenwelt, wenn er obendrauf noch von seiner schweren Fleischmasse gefangen und niedergedrückt ist.

[GS.02_045,04] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ihr habt einerseits wohl recht, so ihr das Geistige mit irdischem Maßstabe bemesset; bemesset ihr aber das Geistige geistig, so werdet ihr leichtlich gewahr werden, daß eure vorliegende Schlußfolgerung auf sehr untüchtigen Füßen basiert. Ihr habt sicher in den Briefen meines lieben Bruders Paulus gelesen, wo er sich nicht selten darüber ausspricht, daß die Weisheit der Weisen in Christo vor der Welt eine barste Torheit sei. Das ist sie auch richtig; wie denn aber?

[GS.02_045,05] Sehet, wenn ihr zählet, da meinet ihr, die Ordnung in eurem Zahlensysteme sei vollkommen und habe keine Lücken. Ich sage euch aber, daß zwischen jeder Zahl eine unausfüllbare Kluft vorhanden ist und diese Kluft ist nur dem höchsten Geiste erschaulich ausgefüllt. Was werdet ihr dann für ein Urteil fällen, so ein vom höchsten Gnadenlichte erfüllter Geist vor euch hintritt und zählt zwischen eins und zwei zahllose Milliarden hinein und sagt am Ende: Und noch ist die Kluft zwischen euren zwei systematischen Ordnungszahlen bei weitem nicht ausgefüllt. Und wenn er euch da noch in tiefere und tiefere unausgefüllte Klüfte zwischen den von ihm gezählten Milliarden führen wird, welche sich alle zwischen eurer Eins und Zwei befinden, so werdet ihr sagen:

[GS.02_045,06] Dieses Wesen hat im höchsten Grade überspannte Begriffe und faselt da von unendlichen Größen, wo wir nichts als zwei knapp aneinanderstoßende Einheiten erschauen.

[GS.02_045,07] Ein anderer Geist mag zu euch kommen und wird euch Geschichten über eure Erde erzählen, über die graue Vorzeit wie über die jüngste Vergangenheit und Gegenwart, welche auf der Erde eigentlich nie geschehen sind. Ja, er kann noch einen anderen Streich tun, er kann wirkliche Taten aus der Gegenwart ins graue Altertum zurückversetzen und umgekehrt die Taten des grauen Altertums in die gegenwärtige Zeit; so kann er auch die Orte verwechseln, wo eine oder die andere Tat begangen ward. Also kann er auch die Erde mit der Sonne austauschen und dergleichen noch mehr solches für eure Urteilskraft entsetzlich widersprechendes Zeug. Er kann da tausend setzen, wo ihr eins habt, und so auch umgekehrt. Was werdet ihr mit eurer irdisch weise geordneten Beurteilung dazu sagen? Sicher werdet ihr nichts anderes herausbringen als: Siehe da, der Geist faselt!

[GS.02_045,08] Ihr saget in eurer Weltweisheit: Wenn ich bin und denke, so bin ich der, der ich bin und denke. Der Geist wird aber zu euch sagen: Ich bin und bin nicht; ich denke und denke nicht; ich bin, der ich nicht bin; und ich denke, wie ich nicht denke. Was werdet ihr dazu sagen? Nichts anderes als: Siehe da, der Geist faselt schon wieder! Denn ordnungsmäßig kann ein bestimmtes Sein ja doch nicht zu gleicher Zeit ein Nichtsein sein.

[GS.02_045,09] Sehet, aus diesem aber könnet ihr leicht erschauen, daß sich die geistige Weisheit niemals nach dem irdischen Maßstabe bemessen läßt. Damit ihr aber doch davon irgendeinen leisen Begriff bekommet, so will ich nur das Sein und Nichtsein und das Denken und Nichtdenken nach geistiger Weisheit ein wenig erleuchten. Und so höret!

[GS.02_045,10] Wenn der Geist sagt: Ich bin und denke, so zeigt er dadurch an, daß der Herr in ihm alles in allem ist; und sagt er von sich aus: Ich bin nicht und denke nicht, so redet er, daß ohne den Herrn für sich selbst kein Wesen etwas ist noch etwas vermag. Wie ists denn aber, wenn der Herr in der tiefen Weisheit Ähnliches von Sich aussagt, der doch ewig alles in allem ist? Sehet, dann bezeiget solches, daß der Herr Selbst in Sich Selbst ewig vollkommen ist und denket. Wenn Er aber spricht: Ich bin nicht und denke nicht, so besagt das soviel als: Alle Wesen sind zwar Geschöpfe von Mir und sind Meine durch Meinen Willen festgehaltenen lebendigen Gedanken; und es gibt kein Ding in der ganzen Unendlichkeit, das Ich nicht gedacht und schöpferisch mit Meinem Willen gefestet hätte. Damit aber Meinen Geschöpfen die vollkommene Freiheit werde, so gebe Ich Meine Gedanken so vollkommen frei, als hätte Ich sie nicht gedacht und nicht geschaffen, auf daß sie nun wie aus sich ganz frei denken, schalten und walten können, als hingen sie von Mir nicht im geringsten ab und als wäre Ich gar nicht vorhanden.

[GS.02_045,11] Sehet, das ist dann der Weisheitssinn in den geistigen Begriffen, welche mit irdisch geordnetem Maßstabe in ihrer geistigen Einfachheit freilich wohl als Faseleien angesehen werden müssen. Wie es sich aber mit diesem für euch ein wenig erhellten Weisheitsbeispiele verhält, also verhält es sich auch mit allen den früher angeführten Rechen- und historischen Beispielen; und ihr könnet einen Geist fragen: Wie viel ist zwei mal vier? und der Geist gäbe euch zur Antwort: Zwei mal vier ist Judäa oder China oder Asien oder Europa oder Jerusalem oder Bethlehem oder der König Salomo und dergleichen noch eine zahllose Menge Mehreres, so hätte er euch allzeit die untrüglich wahre Antwort gegeben.

[GS.02_045,12] Aber ihr werdet dazu sagen: Daß zwei mal vier acht ist, das sehen wir ein, aber daß zwei mal vier – Länder, Städte und Völker bezeichnen sollen, das scheint wohl eine starke Faselei zu sein. Mit irdisch geordnetem Verstande genommen, sicher; aber mit geistigem, wo eine jede Zahl einen unerschöpflichen entsprechenden geistigen Grundsinn hat, wird die Antwort vollkommen richtig sein. Ich sehe aber, daß euch diese Angabe zu sehr wißbegierlich kitzelt, und ihr möchtet gern ein leises Fünklein haben, so will ich euch ja gleichwohl ein paar Fünklein vorspringen lassen.

[GS.02_045,13] Sehet, zwei mal vier ist acht; wie ist es aber Jerusalem? Sehet, in der Zahl 8 ist die Zahl 7 unfehlbar enthalten. Die Zahl 7 aber besagt die Vollmacht der sieben Geister Gottes, welche Entsprechung haben mit den sieben Farben und sonach auch mit dem Leben eines jeden Menschen. Aber nun haben wir bei der Zahl 7 die Zahl 1; was besagt denn diese? Sie besagt, daß diese sieben Geister nicht sieben, sondern im Grunde nur vollkommen ein Geist sind; und das ist gleichsam in der Zahl 8 ausgedrückt, in welcher Zahl zu gleicher Zeit die Geister Gottes abgesondert und dann daneben zu eins vereint entsprechend dargestellt werden; und dieses vereinte Eins zu dem früheren wie geteilten Sieben gibt die vollkommene Zahl 8.

[GS.02_045,14] Nun aber stellt Jerusalem den Herrn ebenfalls unter dem wirkenden Standpunkte der Liebe und Weisheit vor; welches ihr aus der Veranlassung der Entstehung dieser Stadt und ihrer zweckdienlichen Einrichtung gar wohl ersehen könnet. Sonach ist der Herr oder Seine Liebe und Weisheit oder die eben das bezeichnende Stadt Jerusalem ja vollkommen identisch; und die den Herrn als ein in eins vollendetes Wesen darstellende Zahl 8 muß ja dann alles dasjenige ebenfalls bezeichnen, was immer nur aus was auch für einem Standpunkte betrachtet, den Herrn in Seiner vereinten Vollkommenheit darstellt. Jerusalem aber tut solches; also kann es auch mit eben dem gleichen Rechte unter der Zahl 8 bezeichnet sein.

[GS.02_045,15] Wie es sich aber mit Jerusalem verhält, so verhält es sich im Grunde des Grundes mit allem andern; indem der Herr doch sicher überall alles in allem ist; und somit die Zahl 8 in der bestimmten Sphäre eines so gut wie das andere vollkommen richtig bezeichnen kann.

[GS.02_045,16] Ihr saget hier freilich: Wenn es sich mit 8 tut, so muß es sich auch mit allen anderen Zahlen tun. Das ist richtig und sicher; aber ihr werdet solches, solange ihr noch mit irdischen Zahlen und Maßstäben herumspringet und der Meinung seid, daß Gott und die reineren Geister ebenso zählen müssen wie ihr, nicht völlig in der Tiefe begreifen können.

[GS.02_045,17] Wenn aber ein Prophet spricht: Vor Gott sind tausend Jahre wie ein einzelner Tag, und die Zahl aller Menschen ist gleich null vor dem Herrn; was sagt ihr denn zu diesem mathematischen Verhältnisse? Denn im Grunde müßt ihr denn doch sagen: Gott hat die Jahre und die Tage gestellt, und hat das Jahr zusammengesetzt aus dreihundert und etlichen und sechzig Tagen, und mußte da ja doch die Tage und Jahre Selbst eher wohl unterschieden haben, sonst wäre es Ihm sicher nicht möglich gewesen, Tage und Jahre so wohlgeordnet und wohl unterscheidbar nacheinander folgen zu machen.

[GS.02_045,18] So aber der Herr solches ersichtlichermaßen allerhöchst klar berechnend getan hat und Selbst sicher am besten weiß, aus wieviel Tagen ein Jahr besteht, wie kann Er denn Seiner eigenen gestellten Ordnung gewisserart wie vergessen und dieselbe so sehr unbeachtet überspringen wollen und tausend Jahre einem einzelnen Jahrestage gleichstellen?

[GS.02_045,19] Sehet, solch ein Spruch kommt euch viel natürlicher vor, weil ihr euch denselben schon mehr angewöhnt, ihn schon zu öfteren Malen gehört und darüber euch schon mehr oder weniger passende Vergleichungen angestellt habt. Würdet ihr aber nie etwas davon gehört haben, so würde er euch ebenso wundersam klingen, als so ich euch sagen möchte: Siebenhundertdreißig und vier Jahre sind gleich 27 Tagen und etlich wenigen Stunden und einer Stunde und einer Minute für sich.

[GS.02_045,20] Aus diesem aber will ich euch nur zeigen, daß die Zahlen, Jahre, Tage, Stunden und Minuten im Geiste durchaus nicht das bezeichnen, als was sie dastehen, sondern die Weisheit des Geistes ist eine andere als die des irdischen Verstandes. Und so denn werdet ihr hoffentlich nun auch ein wenig zu begreifen anfangen, daß ich ehedem vollkommen richtig zu euch gesprochen habe, da ich zu euch sagte: Ihr möget über die Bedeutung dieses Zierakulums was immer für ein Entsprechungsbild aufgestellt haben, so habt ihr dennoch vollkommen den wahren Sinn dieses Säulenrondell-Ornamentes bezeichnet.

[GS.02_045,21] Damit ihr aber euch davon desto lebendiger überzeugen möget, so setzet wie zufällig ein bezeichnendes Entsprechungsbild über die Bedeutung dieses Ornamentes auf, und ich werde euch mit der Gnade des Herrn bei der nächsten Gelegenheit zeigen, daß ich in der aufgestellten Behauptung vollkommen recht habe. – –

 

46. Kapitel – Ineinanderfließen von Ewigkeit und Zeit.

[GS.02_046,01] Ich habe vernommen und wohl eingesehen euer vergleichend aufgestelltes Bild und muß euch noch obendrauf hinzu bekennen, daß ihr auf eurer Erde in kurzer Zeit Besitzer von Millionen werden könntet, so euch der Haupttreffer aus den Lotterien so sicher wäre, als wie grundrichtig eure aufgestellte Vergleichung die innere Bedeutung unseres vorliegenden Ornamentes darstellt. – Ihr habt den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber das will hier eben nicht zuviel gesagt haben; denn wo man den Nagel nirgends anders als auf den Kopf treffen kann, da hört es dann auch auf, eine Kunst zu sein, ja sogar ein Gelingen, einen Nagel auf den Kopf zu treffen. Denn ihr hättet auch ebensogut sagen können: Die untere Spitzpyramide bedeutet eine „Maus" und die hängende Kugel eine „Katze" – und ihr hättet die Sache ebensorichtig bezeichnet als mit der „Zeit" und mit der „Ewigkeit". Daß aber solches alles richtig ist, wird sogleich unsere nachfolgende Betrachtung zeigen.

[GS.02_046,02] Daß eine Kugel, welche nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat, am allerfüglichsten die Ewigkeit bezeichnet wie auch die der Ewigkeit innigst verwandte Unendlichkeit, das ist schon eine uralte sinnbildliche Wahrheit.

[GS.02_046,03] Ein Kreis bedeutet wohl auch die Ewigkeit, aber nur so, wie sie gewisserart als eine unendliche Zeitenfolge zu betrachten ist; aber die Ewigkeit in sich, welche gewisserart weder eine Vergangenheit, noch eine Zukunft, sondern eine fortwährende Gegenwart all des schon vor undenklichen Zeiten Geschehenen und des nach undenklichen Zeiten noch zu Geschehenden wie in einem unendlichen Zeitenknäuel vollkommen gegenwärtig darstellt, wird durch eine Kugel symbolisch bezeichnet.

[GS.02_046,04] Eine Spitzpyramide von kreisrunder Form (Spitzkegel) aber bezeichnet allerdings die Zeitenfolge; warum denn? Weil fürs erste die Kreisrundung der Spitzpyramide den Ausgang aus der Ewigkeit dadurch anzeigt, daß sie eigentlich eine gestreckte Kugel beschreibt, deren Kreise sich gegen den Streckpunkt stets mehr und mehr beengen. Schneidet ihr eine solche nach zwei Seiten gestreckte Kugel bei der Mitte auseinander, d.h. durch den Gürtel, so werdet ihr dann zwei Pyramiden (Kegel) bekommen, was soviel sagt, daß durch diese Manipulation die eigentliche Ewigkeit in sich zu einer Zeitenfolge ist ausgedehnt worden. Und da ihr die ausgestreckte Kugel durch den Gürtel auseinander teilet, da liegen alle Fakta dazwischen; denn da ist ihr Anfang und ihr Ende.

[GS.02_046,05] So könnet ihr euch auch keine begrenzte Zeit denken, wohl aber eine eingeteilte. Wo ihr aber die gestreckte Kugel als die zur Zeitenfolge ausgedehnte Ewigkeit abteilet, da steckt, wie gesagt, irgendein Faktum von seinem Anfange bis zu seinem Ende dazwischen, ohne das an keine Zeiteinteilung zu denken ist. Denn denket nur einmal nach, wie lange messet ihr wohl schon die Zeit? Von eurer Geburt an bis zur gegenwärtigen Lebensperiode. Sehet, das ist euer Durchschnitt; dieser schließt den Anfang und das Ende eures irdischen Lebens in sich, und nach beiden Seiten hin ist eine endlos ausgestreckte Linie, deren Ende nirgends als nur für euch bei eurem Lebens-Durchschnitte zu finden ist, d.h. vor eurer Geburt ist eine ewig lange Zeit vergangen, und nach eurem Übertritte wird ebenfalls wieder eine unendliche Zeitenfolge fortwähren.

[GS.02_046,06] Nun sehet unser Ornament an; eine Kugel, vollkommen durchsichtig, hängend an einer ebenfalls vollkommen durchsichtig glatten Schnur. Diese Kugel berührt mit ihrer untersten Sphäre die Spitze unserer Rundpyramide. Was will solches denn sagen?

[GS.02_046,07] Die in sich selbst komplette Ewigkeit oder Unendlichkeit, welche durch die Kugel dargestellt wird, dehnt sich in der Pyramide zu einer ewigen Zeitenfolge aus und fließt aus der Kugel wie aus einem ewigen Urborne, gleichsam durch die Spitzpyramide in die taten- und werkreichen Zeitperioden aus.

[GS.02_046,08] In diesem nun soviel als möglich erklärenden Satze werdet ihr sicher so ziemlich klar ersehen, daß euer Bild zur vorläufigen Erklärung dieses Ornamentes ein sicher ganz überaus wohlgelungenes war, denn ihr möget es wenden und drehen, wie ihr wollt, so werdet ihr allezeit dasselbe Endresultat bekommen.

[GS.02_046,09] Aber wie ginge es denn mit der Katze und mit der Maus? – Sehet, ihr dürfet die Sache nur umkehren und das Bild ist wieder richtig. Die Katze ist ein Tier, das fortwährend mit der Mordlust für Mäuse und auch für andere mausähnliche Tierchen erfüllt ist; die Pyramide stellt sonach eine Maus dar, wie schon im Anfange bezeichnet wurde, und die Kugel die Katze.

[GS.02_046,10] Wie aber die Katze, ein Raubtier, fortwährend die Mäuse verschlingen will, so verschlingt ja auch die Ewigkeit fortwährend alle die aus ihr herausgetretenen Zeitfolgen und alle Werke in denselben.

[GS.02_046,11] In der Ewigkeit könnet ihr alles: Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges wie auf einem Punkte beisammen treffen. Wenn es aber also anzutreffen ist, so muß es als ein Verschlungenes anzutreffen sein.

[GS.02_046,12] Sehet auf unsere Katze; könntet ihr sie geistig beschauen, so würdet ihr in diesem Tiere nichts anderes als ein Aggregat von nahe zahllos vielen Mäusen und mausähnlichen Tierchen erschauen. Daß solches richtig ist, dafür spricht die ziemlich bedeutende Ähnlichkeit zwischen diesen beiden Tiergattungen. Bei der Katze ist alles nur mehr abgerundet, welches die größere Inhaltskomplettheit darstellt, ähnlich mit der Kugel. Bei der viel kleineren Maus ist alles mehr gespitzt; das bezeigt die bei weitem geringere Inhaltskomplettheit.

[GS.02_046,13] Ihr saget hier freilich: Wenn ein erklärendes Bild vollkommen richtig sein soll, da muß es auch den Abgang und nicht nur allein den Auf- oder Rückgang, also das Ausbeuten ebensogut wie das Wiederverzehren bezeichnen. Es ist wahr, die Katze verschlingt die Mäuse, wie die Ewigkeit die Zeitenfolge und ihre Werke; aber die Zeitenfolge und ihre Werke gehen auch aus der Ewigkeit hervor. Ob aber auch die Mäuse aus der Katze hervorgehen? Darüber scheinen die vielen Weisen des Morgenlandes zu schweigen; und wir sind der Meinung, daß wir solches auch mit einem zentralsonnengroßen Steine der Weisen in der Hand kaum herausbringen werden!

[GS.02_046,14] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, mit eurer irdischen Weisheit dürfte es ja wohl ein wenig schwer gehen. Aber es war dennoch bei den alten Weisen ein ganzer Wust von Sprichwörtern, mittels deren man für einen wirklich Weisen so ziemlich dartun konnte, daß aus den Katzen durch eine gewisse naturgemäße kreisförmige Umbildung die Mäuse am Ende wieder aus der Katze hervorgehen. Ihr saget schon: Jedem Lappen gefällt seine Kappen; die Alten haben gesagt: Similis simili gaudet – gleich und gleich gesellt sich gern, und dergleichen noch eine Menge ähnlicher Sprichwörtchen.

[GS.02_046,15] Ihr wisset aber, daß bei dem Umstehen eines Tieres dessen animalischer Nervengeist allein nur in eine höhere Ordnung aufsteigt; der zurückgebliebene Körper als ein Aggregat von unteren Naturpotenzen zerfällt dann wieder und kehrt durch den Kreisgang genau wieder auf den Punkt zurück, der sein ordnungsmäßiger Vorgänger ist.

[GS.02_046,16] Die Katze nimmt das Leben derjenigen Tierwelt, die sie verzehrt, in sich auf und befördert in sich dasselbe zu einer höheren Stufe. Aber der Leib der Katze macht eine Rückbewegung, und die in ihm noch vorhandenen Kräfte bilden sich durch den Zyklus wieder zu Mäusen und darum – (jedem gefällt das Seinige) – gefällt auch der Katze ihr Wesen, welches durch den geordneten Zyklus zurückgekehrt ist in der Maus und in allen jenen Tierchen, die mit dieser auf einer verwandten Stufe stehen.

[GS.02_046,17] Also sehet ihr nun, daß auch dieses Bild richtig ist, und wir haben bei dieser Gelegenheit unser Ornament möglichst umfassend beleuchtet und wollen uns, da hier aus der sehr durchsichtigen Materie nicht viel mehr herauszubekommen ist, sogleich um ein Stockwerk höher begeben, also ins neunte oder in die zehnte Galerie.

 

47. Kapitel – IX. Stockwerk. Unterschied zwischen Weisheits- und Liebelicht.

[GS.02_047,01] Wir hätten uns über die überaus zarte Rundtreppe heraufgehoben und befinden uns nun ganz wohlbehalten im neunten Stockwerke oder auf der zehnten Galerie. So denn sehet euch nur sogleich recht aufmerksam um und saget es mir dann nach der gewöhnlichen Art und Weise, was alles ihr hier Neues und Denkwürdiges erschaut habt.

[GS.02_047,02] Ihr machet hier, wie ich sehe, ein wenig große Augen und stutzet. Was ist es denn, das euch hier also zu befremden scheint?

[GS.02_047,03] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, außer einer lichtgrauweißlichen, kontinuierlichen Wand des Hauptgebäudes entdecken wir zur Abwechslung gar nichts, außer, so wir abwärts sehen, Teile der früheren Galerien; aber das, darauf wir stehen, können wir nicht erschauen, also weder einen Boden, noch irgendein Säulenrondell, noch ein Geländer und schon am allerwenigsten irgendein Säulenrondell-Ornament. Sollten sich aber jedoch solche Dinge auch auf dieser ganz entsetzlich luftigen zehnten Galerie vorfinden, so bitten wir dich im Ernste um eine Augensalbe, denn mit so bestelltem Augenlichte werden wir ganz entsetzlich wenig zu Gesichte bekommen und darnach urteilen können, was alles Wunderherrliches und Vielbedeutendes sich etwa auf dieser zehnten Galerie vorfindet.

[GS.02_047,04] Lieber Freund und Bruder! Wenn allfällig im Innern dieses neunten Stockwerkes auch Menschen wohnen und diese von ebenfalls so überaus durchsichtiger Natur sind wie diese gegenwärtige Galerie, da meinen wir, wird es für uns keine Gefahr haben, solche anzusehen; so wenig, als es auf der Erde für die Menschen von irgendeiner sinnlich bezaubernden Gefahr ist, wenn sie auch von den allererhabenst schönsten himmlischen Wesen umgeben sind, aber von ihnen nicht ein Atom groß zu sehen bekommen.

[GS.02_047,05] Wenn wir überhaupt so recht aufmerksam auf die kontinuierliche Wand hinsehen, so entdecken wir nicht einmal irgendeine Eingangstüre; und es hat sehr stark den Anschein, als wohneten hierin entweder pure Geister, oder es wohne gar niemand darinnen. Fürwahr, über diese höchst luftige Einrichtung könnte man sich im Ernste ein wenig lustig machen, denn wo nichts zu sehen ist, da ist für das betrachtende Subjekt auch so gut wie gar kein Objekt vorhanden. Ohne Objekt aber möchten wir denn doch auch ein wenig wissen, wie man da zu irgendeinem anschaulichen Begriffe desselben gelangen kann, außer man schmiedet aus seiner eigenen Phantasie ein ganzes Regiment Hypothesen, mischt sie dann wie Spielkarten untereinander, wirft sie in seinen Glückstopf, zieht blindlings eine aus demselben hervor und macht dann diese zu einem Haupttreffer.

[GS.02_047,06] Fürwahr, es scheint sehr stark, daß wir auf dieser Galerie werden zu unsichtbaren Hypothesen unsere Zuflucht nehmen und sagen müssen, was allenfalls sich hier vorfinden kann; aber nicht, was sich etwa im Ernste vorfindet.

[GS.02_047,07] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, dem Anscheine nach habt ihr freilich wohl hier in so manchen Stücken recht; aber der Wirklichkeit nach sind eure Angaben und Mutmaßungen, wie auch so manche witzig scheinende Phrasen noch ums Außerordentliche viel luftiger und durchsichtiger als die Gegenstände dieser zehnten Galerie.

[GS.02_047,08] Habt ihr nie gehört auf der Erde und nie gesehen, welches Mittels sich die Blinden statt des Augenlichtes bedienen? Ihr saget: Diese greifen und befühlen, ob und was da ist. Nun gut; wenn ihr hier für diese Gegenstände so gut wie blind seid, so greifet, und ihr werdet euch dann ja wohl überzeugen, ob etwas oder ob nichts da sei.

[GS.02_047,09] Ich sage euch: Wir befinden uns knapp an einem Säulenrondell, welches hier freilich wohl nur mehr aus zwölf einzelnen Säulen besteht. Tastet ein wenig um euch, und euer Gefühl wird euch gar bald sagen, wie es sich mit der Sache verhält. Sehet, da hinter euch ist gleich eine Säule; nur hingegriffen, und ihr werdet sie sogleich sicher recht wohl gewahren.

[GS.02_047,10] Nun, ihr habt solches getan; habt ihr eine Säule entdeckt oder nicht? Ihr saget: Fürwahr, lieber Freund und Bruder, wir haben noch dazu eine überaus feste Säule mit unseren Händen entdeckt; aber was ist denn das für eine entsetzliche Materie, die bei solch einer außerordentlichen Festigkeit also durchsichtig ist, daß von ihr auch mit dem schärfsten Blicke keine Spur zu entdecken ist? Auf der Erde ist solch eine Erscheinung undenklich.

[GS.02_047,11] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ich sage euch hierzu nichts anderes als: Alles richtet sich nach der Gestalt (Wesen) der Sache. Es werden sich aber dennoch Beispiele finden lassen, durch die diese Erscheinung sich sogar auf eurer Erde recht gut wird erklären lassen. Die Erfahrung wird es euch lehren, so sie es euch nicht schon gelehrt hat, daß ganz gleiche Gegenstände, d.h. Gegenstände von vollkommen gleicher Farbe, voneinander unter gewissen Bedingungen mit dem allerschärfsten Auge nicht unterscheidbar sind.

[GS.02_047,12] Nehmet zum ersten Beispiele eine vollkommen weiße Wand und malet dann mit eben der vollkommen weißen Farbe eine Landschaft auf diese weiße Wand, und wenn sie fertig sein wird, dann versuchet eure Augen, ob ihr von der Landschaft etwas entdecken werdet? Sehet, da hätten wir schon ein Beispiel.

[GS.02_047,13] Nehmet einen geschliffenen Diamanten und leget ihn in durch eine kleine Esse angefachte Kohlenglut. Der Diamant wird sobald, ja im ersten Augenblicke, in die vollkommene Glühe der Kohlen übergehen, obschon sich bei solcher Hitze nicht im geringsten verflüchtigen. Rufet dann jemanden herbei, der die Stelle nicht weiß, dahin der Diamant gelegt worden ist, und er kann einen ganzen Tag lang in die Glut hineinstarren, und ihr könnet versichert sein, daß er so wenig wie ihr selbst von dem Diamanten die allerleiseste Spur entdecken wird. Warum denn nicht? Weil der Diamant als ein höchst durchsichtiger Körper unter ganz gleichen Licht- und Glühumständen selbst als ein überaus fester Körper von seiner Umgebung nicht unterscheidbar ist, indem seine Kanten unter solchen ganz gleichen Umständen keine Abmarkung seiner Form erschaulich zulassen.

[GS.02_047,14] Sehet, das ist schon wieder ein Beispiel auf der Erde. Gehet in eine Glasfabrik; nehmet da Glasperlen oder sonstige Gegenstände aus Glas und werfet sie hinein in die weißglühend flüssige Glasmasse im Schmelztigel, sehet dann recht fest hinein und beschreibet euch gegenseitig die verschiedenen Glasperlformen, wie sie allenfalls aussehen; ihr werdet davon so viel wie gar nichts entdecken. Sehet, da hätten wir schon wieder ein Beispiel auf der Erde.

[GS.02_047,15] Nun ein euch gar nahes Beispiel! Schüttet in ein ganz reines Glas ebenfalls ein ganz reines Wasser und versuchet dann, ob ihr vom gefüllten Glase die innere Wand, an der natürlich das Wasser liegt, entdecken könnet? – Noch mehr Beispiele: Leget ein vollkommen reines Glas in ein ebenfalls vollkommen reines Wasser, und ihr werdet von dem Glase eben nicht gar zu viel zu Gesicht bekommen. Ferner laßt euch von vollkommen reinem Glase, welches auf beiden Seiten spiegelblank geschliffen ist, eine Fensterscheibe einschneiden und versuchet vom Zimmer aus, etwas vom Glase der Fensterscheibe zu entdecken. Ihr könnt versichert sein, ein jeder Fremde, der in euer Zimmer kommen wird, wird zu euch sagen: Aber warum lasset ihr denn da keine Scheibe hineinschneiden? Warum wird er denn solches sagen? Weil er die Materie des reinen Glases von der gleich reinen Luft nicht zu unterscheiden vermag.

[GS.02_047,16] Dann ferner gehet an einem nebligen Tage an ein Wasser und versuchet, ob ihr vom Wasser etwas entdecken könnet, wenn der Nebel auf desselben Oberfläche liegt. Andere Gegenstände werdet ihr in gleicher Entfernung noch recht gut ausnehmen; aber nur die Oberfläche des Wassers nicht, weil dieses natürlich die gleiche Färbung mit dem über ihm schwebenden Nebel annimmt. Desgleichen werdet ihr auch auf einem Gletscher selbst schon bei einem schwachen Nebel von den Eisformen desselben, sogar unter euren Füßen, nichts mehr zu entdecken imstande sein. Die Ursache liegt ebenfalls im gleichen Lichte.

[GS.02_047,17] Nehmet ihr z.B. zum Beschlusse noch an, ihr befändet euch in einer Doppelsonnen-Weltsphäre, wo nicht selten für die Bewohner der Planeten eine Sonne vor der andern, wenn schon in bedeutender Entfernung, also vorüberzieht, wie bei; einer Sonnenfinsternis euer Mond scheinbar die Sonne verdeckt. Beim Monde könnet ihr ganz genau merken, in wie weit dessen scheinbare Scheibe über die scheinbare Scheibe der Sonne gezogen ist. Würdet ihr wohl auf eine gleiche Art zwei übereinander gezogene Sonnenscheiben ebensogut unterscheiden können? Ihr würdet da nichts als eine Zusammenschmelzung der zwei Sonnen in vollkommen eine ausnehmen; aber die Abmarkung der einen Glanzscheibe gegen die andere wird euren Augen völlig entgehen ob des gleichen Lichtes.

[GS.02_047,18] Ich meine, wir werden der Beispiele genug haben, aus denen ihr die Nichtsichtbarkeit der Gegenstände dieser Galerie gar leicht erklärlich finden werdet. Der Grund liegt nämlich darin, weil die Gegenstände in gleicher Farbe und gleicher Durchsichtigkeit mit dem sie allenthalben umgebenden ätherischen Lichtstoffe sind.

[GS.02_047,19] Dieses ist aber nicht nur materiell richtig, sondern auch geistig. Denket euch eine Gesellschaft von vollkommen gleich weisen Menschen; wie werden sich die untereinander verhalten? Ich sage euch: nicht anders als wie Blinde, Taube und Stumme, denn keiner wird dem andern etwas zu sagen haben, weil er schon im voraus weiß, daß sein Nachbar ganz bestimmt das weiß, was er ihm sagen möchte. Ein gleicher Fall ist ja in eurem gewöhnlichen Leben ersichtlich vorhanden.

[GS.02_047,20] Was tun zwei Bekannte, so sie dann und wann zusammenkommen? Sehet, alsbald fragt einer den andern: Nun, was gibt es denn Neues? Weiß einer dem andern etwas Neues zu erzählen, so wird ihn der andere mit großer Aufmerksamkeit anhören; wissen aber beide miteinander nichts, so wird der Diskurs von sehr kurzer Dauer sein. Warum denn? Weil in diesem Falle die beiderseitigen Wissenschaftslichtfarben ganz homogen sind. Derselbe Fall wird es auch sein, wenn beide eine und dieselbe Neuigkeit schon geraume Zeit wissen. Wie der eine dieselbe zu erzählen anfangen wird, so wird ihm der andere sogleich sagen: O das ist ja schon etwas Altes; wenn du nichts Besseres weißt, so haben wir schon ausgeredet.

[GS.02_047,21] Desgleichen ist es auch der Fall, wenn ein Blinder den andern führen soll, oder ein Dummer den andern unterrichten. Wie weit dergleichen Menschen kommen werden, ist bekannt und braucht nicht näher erörtert zu werden.

[GS.02_047,22] Aber aus eben dem Grunde können auch die Menschen auf dem Erdkörper die sie umgebenden Geister nicht sehen, weil sie selbe sehen möchten mit ihren Augen, die da homogen sind mit ihrem Verstande, und dieser homogen mit der formellen Substanz der Geister.

[GS.02_047,23] Wenn aber jemand in seine Liebe geht, welche ein anderes Licht ist als das Licht der puren Weisheit, so wird er auch sobald die geistigen Formen um sich zu schauen anfangen, und diese werden sobald verschwinden, wie er sie in sein Denken aufnehmen wird. – Sehet, das ist so ein kleiner Anfang von dem, was wir hier werden kennenlernen; fanget daher nur recht tüchtig an, um euch umherzugreifen, und wir werden fürs nächste Mal hinreichend Stoff zur belehrenden Erörterung bekommen. –

 

48. Kapitel – Die zwölf Träger des Lebens.

[GS.02_048,01] Ihr habt schon mehrere Säulen begriffen; nun verfüget euch denn auch in die Mitte auf diese Stelle hierher, wo ich mich befinde, und greifet da auch ein wenig nach aufwärts und saget mir, was ihr da begriffen habt.

[GS.02_048,02] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, wenn uns das Gefühl nicht täuscht, so begreifen wir Kugeln etwa von der Größe eines Menschenkopfes. Diese sind an zwei Querstäbe gesteckt und bilden sonach ein gleicharmiges horizontal hängendes Kreuz vom Boden gerade so weit entfernt, daß wir es mit unseren Händen noch ziemlich leicht erreichen können. Das ist aber auch schon alles, was wir hier zu entdecken vermögen.

[GS.02_048,03] Bei der Umfassung der Säulen haben wir auch noch eine höher hinaufführende Treppe entdeckt, welche mit einem flachen Geländer umfaßt ist. Wie sichs aber über solch eine nicht sichtbare Treppe wird höher wandeln lassen, das mag wohl auf jeden Fall der nachfolgenden Erfahrung vorbehalten sein. In dem liegt nun gar alles; was wir entdeckt haben, und du, lieber Freund und Bruder, magst uns darüber eine Erklärung geben, wenn darüber überhaupt eine Erklärung möglich ist.

[GS.02_048,04] Wenn es eigentlich auf uns ankäme, so wären wir bei weitem eher geneigt, uns von dieser zu durchsichtigen Galerie wieder um einige Stocke abwärts zu begeben als nur einige Staffeln in eine wahrscheinlich noch durchsichtigere Galerie höher zu gehen; aber, wie gesagt, es kommt hier allein auf dich an. Wir sind mit der Darstellung dieser höchst unsichtbaren Denkwürdigkeiten zu Ende, mache du nun daraus, was dir gut dünkt. – Daß wir dir ein geneigtes Ohr leihen werden, dessen brauchen wir dich gar nicht im voraus zu versichern.

[GS.02_048,05] Gut, meine lieben Freunde und Brüder; ihr habt die auf dieser zehnten Galerie merkwürdigen Gegenstände richtig beschrieben, abgerechnet einige schwache Witzfloskeln, die freilich nicht so ganz hierher taugen. Es ist zwar wohl der Witz auch ein Produkt der Weisheit; aber er steht als solches auf der alleruntersten Stufe derselben. Alle sogenannte Satirik ist fortwährend auf gewisse menschliche Schwachheiten berechnet und ist daher ein schlechter Fechtmeister; denn ein Held, welcher nur gegen Kinder zu Felde zieht und will vor diesen Schwächlingen seine Stärke zeigen, beim Anblicke eines wirklichen Helden aber Berge über sich ruft, verdient wahrlich diesen Namen nicht.

[GS.02_048,06] Der Löwe ist kein Mückenfänger; der aber da Mücken fängt und sich mit dem Abwägen einer Schafwollocke abgibt, der hat sicher die Natur des Löwen nicht. Also ist auch die Satirik und andere ihr entstammende Witzeleien mit der eigentlichen Tiefsinnigkeit der Weisheit des Geistes spottwenig verwandt; man könnte sie sehr gut und am allerbezeichnendsten eine barste Schmarotzerpflanze am Baume der tiefen inneren Erkenntnis des Lebens nennen.

[GS.02_048,07] Also, solches ist auch gut, daß ihr es euch merket; denn die Dinge, die wir vor uns haben, sind von zu ernster großartig erhabenster Art, als daß wir sie gewisserart mit eitlem Laubwerke von den Schmarotzerpflanzen verzieren sollten. Wie groß und vielbedeutend aber diese Gegenstände sind, werdet ihr sogleich aus meiner folgenden Erörterung entnehmen; und so höret denn:

[GS.02_048,08] Die Säulen dieses Rondells stellen die Lebenskräfte des Menschen dar. Zwölf Säulen habt ihr entdeckt. Wenn ihr das Gebiet der Leben äußernden Kräfte durchgehet, so werdet ihr mit leichter Mühe finden, daß dasselbe auch auf zwölf ähnlichen Trägern ruht.

[GS.02_048,09] Wie lauten aber diese Träger, welche Namen haben sie? Wir wollen sie ganz kurz durchgehen; der erste Träger heißt: Du sollst allein an einen Gott glauben.

[GS.02_048,10] Der zweite Träger: den Namen Gottes, der da heilig ist, überheilig, sollst du nimmer, weder durch Worte noch Gedanken, Begierden und Taten entheiligen.

[GS.02_048,11] Der dritte Träger heißt: Unterlaß nie, die Ruhe des Herrn zu feiern, sondern gedenke an dieser in deinem Herzen Gottes, deines Herrn und Schöpfers! Denn in dieser Ruhe nur wird dich der Herr, dein Gott, ansehen und segnen dein Leben.

[GS.02_048,12] Der vierte Träger heißt: Zolle allezeit Gehorsam, Liebe und Achtung denen, die dich durch die Kraft Gottes in ihnen gezeugt haben, so wirst du dadurch dir das Wohlgefallen Gottes erringen; und dieses wird sein ein mächtiger Grund aller Wohlfahrt deines Lebens!

[GS.02_048,13] Der fünfte Träger heißt: Achte das Leben in allen deinen Brüdern, so wirst du den Wert des eigenen Lebens erkennen; tötest du aber einen aus deinen Brüdern, so hast du dadurch deinem eigenen Leben eine tödliche Wunde versetzt.

[GS.02_048,14] Der sechste Träger lautet und heißt: Achte die zeugende Kraft in dir wie die aufnehmende im Weibe; denn siehe, Gott, dein Herr, hat dieses allmächtige Fünklein aus Seiner höchsten und tiefsten Liebe in dich gelegt. Mißbrauche daher nie diese heilige Kraft Gottes in dir und zerstreue sie nicht vergeblich; so wirst du ein allzeitiger Mehrer deines eigenen Lebens und des Lebens deiner gezeugten Kinder sein.

[GS.02_048,15] Der siebente Träger lautet: Siehe, alles, was da ist, ist ein Eigentum des Herrn, deines Gottes und Schöpfers; was Er gemacht hat, hat Er für alle gemacht. So dein Bruder aber eine Frucht vom Baume genommen hat, so hat er sie aus der Hand Gottes genommen; und du sollst dir dann kein eigenmächtig Recht einräumen, ihm, dem Bruder nämlich, die einmal genommene Frucht auf was immer für eine Art wegzunehmen. Es ist besser, nichts zu nehmen und nichts zu haben, als etwas zu nehmen und zu haben, das zuvor schon ein anderer Bruder aus der Hand des Herrn zu eigen empfing: denn nur der Herr ist ein allein rechtmäßiger Austeiler Seiner Dinge. Wer daher sich die Rechte Gottes anmaßt, der ist ein Frevler an der göttlichen Erbarmung und versteinert sein Herz, auf daß es ja nicht mehr fähig werde zur Aufnahme des Lebens.

[GS.02_048,16] Der achte Träger heißt: Gott ist die ewige Wahrheit. In Seiner Wahrheit sprach Er Sein ewiges Wort aus, und das Wort selbst ist die Wahrheit Gottes. Aus diesem Worte bist du Mensch hervorgegangen; daher sollst du diesem ewig heiligen Ursprunge getreu bleiben und sollst alle deine Worte allezeit demjenigen gleich treu und wahr stellen, aus dem du selbst hervorgegangen bist; wo nicht, so tötest du das Urwort in dir und somit dein eigenes Leben.

[GS.02_048,17] Der neunte Träger lautet: Gott, der Herr, hat dir mannigfache Sinne und Kräfte verliehen. Diese sollst du im Zaume halten wie ein junges Bäumchen im Garten deines Lebens, damit es mächtig heranwachse zur riesigen Kraft und Stärke eines mächtigen Baumes. Wenn du aber solche deine Sinne, Triebe und Begierden nach allen Richtungen herumschießen lässest, so wird dein Lebensbaum nie zur vereinten Kraft erwachen, sondern entweder verdorren oder zu einem nichtigen Gebüsche und Gestrüppe werden, in dem sich wohl allerlei Geschmeiß aufhalten wird, aber die Vögel des Himmels werden nimmer da ihre Wohnung nehmen.

[GS.02_048,18] Der zehnte Träger heißt: Siehe das Weib nicht mit begierlichen Augen an, und das Weib deines Nachbars und deines Bruders betrachte in der Begierde deines Herzens als wäre es nicht da, so wird dadurch deinem Geiste ein freies Gedeihen werden. Und wirst du in der Kraft deines Geistes dich befinden, dann wird es dir ein Leichtes sein, die Kraft des Geistes in deinem Weibe dir wahrhaft zu vermählen, welches wird sein eine wahre Ehe vor Gott. Verbindest du dich aber mit deinem Weibe nur nach deiner Begierde, die noch unreif ist, so wirst du durch solchen Verband deinen Geist mit dem Geiste deines Weibes nur zusammenknebeln, wodurch dann aus zwei Geistern ein unbehilflicher Sklave wird, und wird da nicht können ein Geist dem andern die heilige Lebensfreiheit je verschaffen, sondern noch die ursprüngliche in der stets mächtigeren Umstrickung verlieren.

[GS.02_048,19] Wie heißt denn der elfte Träger? – Also heißt er: Gott ist in Sich Selbst die ewige und allerreinste Liebe Selbst. Aus dieser unendlichen Liebe bist du Mensch hervorgegangen; also ein Werk der Liebe bist du. Daher sollst du auch Gott, deinen Schöpfer, der dich ganz und gar aus Seiner Liebe gebildet hat, mit aller deiner Liebe ergreifen und Ihn lieben über alles! Tust du solches, so ergreifst du das ewige, unvergängliche Leben und lebst ewig in selbem. Tust du es nicht, da trennst du dich vom Leben, und das Los deiner Trennung ist der ewige Tod!

[GS.02_048,20] Der zwölfte Träger endlich lautet: Siehe Mensch, wie du, so sind auch alle deine Brüder aus einer und derselben unendlichen Liebe Gottes hervorgegangen. Daher kannst du Gott nicht lieben über alles, wenn du deine Brüder nicht liebst, welche ebensogut wie du nichts anderes als die allmächtige Liebe des Herrn wesenhaft sind. –

[GS.02_048,21] Meine lieben Brüder und Freunde! Ich meine, unser Säulenrondell ist dadurch zur Genüge beleuchtet worden. – Ein unsichtbares Kreuz hängt in der Mitte desselben und ist aus so viel Kugeln quer zusammengestellt, als wie viel Säulen wir hier gezählt haben; ist aber nur durch das Gefühl, und nicht mit dem Lichte der Augen wahrzunehmen.

[GS.02_048,22] Sehet ihr hier das Geheimnis des Glaubens? – Nicht schauen könnet ihr, das ihr glaubet, obschon es ewig fest vor euren Augen steht.

[GS.02_048,23] Befühlet zuvor die inneren Lebensträger in euch und gehet dann in euer Inneres, da werdet ihr alle Lebenskräfte vereint in diesem heiligen Zeichen erschauen. Eine jede Lebenskraft ist eine Säule und eine Kugel am Zeichen, die Säule darstellend die Kraft, die Kugel die Vollendung des Lebens in jedem Zweige desselben.

[GS.02_048,24] Das Kreuz, auf eurer Erde aufgestellt, ist in seiner Zusammenfassung ein Bild des Glaubens. In seinen Einzelheiten stellt es mit dem aufrechtstehenden Balken, der größer und länger ist denn der Querbalken, die Liebe zu Gott, und mit dem Querbalken die Liebe zum Nächsten dar. – Dieses horizontal hängende Kreuz hier aber bezeichnet die Weisheit, das Licht des Geistes in seiner Vollendung, und dessen Einzelteile die reine himmlische Liebe, welche gleich ist in Gott zu Gott wie zu dem Nächsten. Sehet das ist schon tiefe Weisheit und liegt im großen Geheimnisse des Kreuzes wie in den Zwölfen, die der Herr erwählet hatte. – Ihr könnet dieses alles nun begreifen; wie aber? – Mit der Liebe! –

 

49. Kapitel – Vom Hauptschlüssel geistiger Geheimnisse.

[GS.02_049,01] Wollet ihr tiefer nachdenken? Wollet ihr mit dem Verstandeslichte dieses Geheimnis näher beleuchten? Wollet ihr es mit euren Händen greifen? – Ich sage euch: Dies alles ist fruchtlos. So wenig ihr die Umrisse eines weißen Gemäldes auf einer weißen Wand mit den Augen eures Fleisches werdet unterscheiden und ausnehmen können, möchtet ihr Jahre und Jahre dahinstarren, ebensowenig werdet ihr in solche Geheimnisse mit den gewöhnlichen Schau- und Urteilsmitteln näher enthüllend zu dringen imstande sein; denn es geht hier alles gleichen Schrittes.

[GS.02_049,02] Die Anschauung der Gegenstände dieser Galerie, da ihr nichts zu erschauen vermöget, und das Erfassen innerer, tiefster Weisheit, das geht, wie gesagt, alles gleichen Schrittes. Ich aber sagte: Mit Liebe erfasset ihr alles, in der Liebe zum Herrn könnet ihr alles begreifen. Die Liebe gibt den Dingen aus der Weisheit neue Form und Färbung, und was in dem Lichte der Weisheit endlos ferne liegt, das zieht die Liebe in einen engen Kreis zur Beschauung zusammen. Aber es muß wahre, vollkommene Liebe sein; denn mit der halben und Viertelliebe wird da wenig gedient sein. Solches ist auch natürlich begreiflich; ja es könnte im Grunde nichts natürlich begreiflicher sein als das. Wir haben eine Menge Beispiele, und viele sind vor euren Augen, von denen allen ihr dasselbe erlernen möget.

[GS.02_049,03] Nehmen wir an, jemand hätte Lust, bei einigem Vermögenszustande sich ein Haus zu erbauen; aber zum Aufbau des Hauses gehört ein viel- und mannigfaches Material. Es braucht viel Mühe und Arbeit, um das Material zusammenzubringen; es braucht viel Geduld, so manche Aufopferung, viel Aufmerksamkeit und noch so manches, bis das Haus fertig wird.

[GS.02_049,04] Mit der bloßen Lust und mit dem freudigen Gedanken wird das Haus schwerlich je zu stehen kommen. Wenn aber im Gemüte desjenigen, der ein Haus bauen lassen möchte, eine mächtige Liebe zum Hause erweckt ist, so werden alle Bedingungen mit einem großen Eifer ergriffen. Und werden diese Bedingungen näher und näher dem Bauplatze gebracht, da wird die Liebe auch stets heftiger, zieht am Ende alles auf einen Platz zusammen und setzt vieler Menschen Hände in tätige Bewegung durch ihr eigenes Leben. Das Haus als ein Werk der Liebe wird bald in seiner Vollendung dastehen, und ihr werdet dann sagen, wenn ihr das schmucke Haus ansehet: Wer hätte sich das vor einem halben Jahre gedacht, wo das Material noch weit zerstreut herumlag, daß es sobald zu einem schmucken Hause sollte herangebildet werden?! Nun aber hat es der menschliche Geist geordnet, und das Haus steht da, ein Inbegriff von verschiedenartigsten Materialien, die alle zu einem Zwecke wohl verbunden und vereinigt sind.

[GS.02_049,05] Jetzt fraget euch aber selbst: Wer war denn hier so ganz eigentlich der Baumeister? Wer zog die Materialen und die Bauleute zusammen? Etwa das Geld des Bauherrn oder sein fester Wille oder seine Einsicht? Ich sage euch: Weder das eine noch das andere, sondern die Liebe allein ist der mächtige Grundstein zum Baue dieses Hauses. Die Liebe des Bauherrn hat das Material zusammengezogen und rief die Bauleute herbei; ohne diese hätte der Bauherr weder ein Geld zum Baue hergegeben, noch hätte er das Material und die Bauleute zusammengebracht.

[GS.02_049,06] Und da das Haus auf diese Weise fertig ist, so kann nun jedermann die zweckdienliche Form desselben anschauen, während ohne die feste Liebe des Bauherrn das gesamte Material wie in einem formlosen Chaos weit und breit in seinem Ursein zerstreut liegengeblieben wäre. Ich meine, dieses Beispiel ist so recht tüchtig handgreiflich und bedarf doch sicher keiner näheren Erörterung. Gehen wir auf ein anderes Beispiel über. Denket euch einen Menschen, der zufolge seiner fortbildenden Phantasie eine große Anlage zu einem bildenden Künstler hat. Dieser Mensch hat eine recht bedeutende Lust beim Anblicke schon fertiger Kunstwerke, wie beim Anblicke der erhabenen Natur, selbst ein solcher Künstler zu werden; aber es fehlt ihm noch an dem eigentlichen Ernste, sich dazu zu setzen und diese Kunst praktisch zu studieren anzufangen.

[GS.02_049,07] Was ist wohl da die Ursache, daß dieser Mensch bei so glänzenden Anlagen noch nicht den Griffel und den Pinsel ergriffen hat, um eifrigst die Grundrisse und Hauptelemente zu solcher Kunst zu studieren?

[GS.02_049,08] Ich sage euch: Diesem Menschen fehlt sonst gar nichts als die wahre Liebe zu dieser Kunst. Wenn er von der Liebe durchdrungen wird, dann werden wir bald herrlich entworfene Formen von unserem angehenden Bildner auf den für diese Kunst bestimmten Flächen zu erschauen anfangen und bald gar herrliche Meisterstücke.

[GS.02_049,09] Wer ist da wohl der eigentliche Informator? Wer verbindet die innere Phantasie mit den äußeren Formen? Wer die so entwickelten Formen mit den Farben durch den Pinsel der weißgrundierten Leinwand? Meinet ihr, das hänge von den guten Instruktoren oder von den Vorzeichnern ab?

[GS.02_049,10] O ich sage euch: Alles dieses ist null und nichtig, sondern allein die eigene große Liebe zu dieser Kunst hat einen neuen großen Meister gebildet, der das Formlose aus der endlos weit zerstreuten Weisheitslichtsphäre zusammenzieht und es in neuen herrlichen Formen darstellt, die von jedermanns Augen nun gar wohl betrachtet werden können.

[GS.02_049,11] Sehet, das ist schon wieder ein so klares Beispiel für unsere Sache, daß es keiner weiteren Erörterungen bedarf. Wir wollen aber noch ein Beispiel hierhersetzen, und zwar eines, das euch so recht handgreiflich auf der eigenen Nase sitzt.

[GS.02_049,12] Gehen wir auf die sehr vielsagende Tonkunst über. Ihr werdet unter den Menschen sicher recht viele Freunde dieser Kunst finden, die sich alle überaus ergötzt fühlen, wenn sie eine herrliche Produktion von einem wahrhaften Künstler zu hören bekommen. Sind sie aber darum selbst Künstler? Ich meine, das werdet ihr auch selbst recht gut zu beurteilen imstande sein, daß da unter den sich ergötzenden Zuhörern sicher nur äußerst wenige sich vorfinden werden, die dieses Namens einigermaßen würdig sind.

[GS.02_049,13] Ja, aber warum sind denn alle diese entzückten Zuhörer nicht auch selbst Künstler, sondern bloß nur Liebhaber der Kunst? Warum ist nur ein so Vorzüglicher auf einer Tribüne vor ihnen, der mit seinen aus den Himmeln entlehnten Tönen die Gemüter der Zuhörer so überaus fröhlich stimmt und ihren Seelen ein anderes, höheres, vollkommeneres Leben verkündet?

[GS.02_049,14] Könnte man da nicht sagen: Was da einem Menschen möglich ist, das sollte ja auch den anderen Menschen ebenfalls gerade nicht unmöglich sein. Ein jeder Mensch nach seiner Art und nach seinen Talenten könnte bei der völligen Gewecktheit seines Geistes, der da ein Abkömmling göttlicher Vollkommenheit ist, doch sicher auch etwas Tüchtiges leisten. Wird es wohl anzunehmen sein, so man dagegen bemerken würde und sagen: Ja, das hängt von den Meistern ab? Hätten dieser und jener gediegene Meister gehabt, so wären sie auch selbst gediegene Meister geworden; aber „ex trunco non fit Mercurius", wie ihr zu sagen pfleget, also kann auch ein ungeschickter Meister schwerlich je einen Meister seiner Kunst bilden. Es ist wahr, wer selbst nichts kann, der wird einen andern auch nicht gar zu viel zu lehren imstande sein.

[GS.02_049,15] Aber nehmen wir dagegen an, wie viele Schüler so mancher wahrhafte Meisterkünstler nicht selten unter seiner instruktiven Leitung hat, und betrachten dagegen, wie spott- und blutwenig nur einigermaßen zu beachtende Künstler aus der Schule eines solchen Meisterkünstlers hervorgehen, und wir werden bei dieser Betrachtung auf einen Schluß kommen müssen, der uns sagen wird:

[GS.02_049,16] Weil denn aus der bestmöglichsten Künstlerschule so wenig Künstler hervorgehen, so muß eigentlich der wahre Grund, wodurch der Schüler ein wahrer Künstler wird, doch in etwas ganz anderem stecken als in dem Meister, der für sich, allen Anforderungen genügend, wohl ein vollendeter Künstler ist. Haben die Schüler etwa zu wenig Talent, zu wenig Fleiß, oder werden sie durch manche andere Umstände verhindert, der Kunst so recht obzuliegen?

[GS.02_049,17] Aha, ich sehe schon, was da jemand sagen will. Dieser Meister hat nur das Unglück, unter vielen seiner Schüler keine Genies zu besitzen. Und ich sage darauf ganz unverhohlen: Dieser Meister hat mit geringer Ausnahme fast lauter Genies unter seinen Schülern gehabt, und doch ist aus keinem Genie etwas geworden. Aber er hatte keinen unter seinen Schülern, der mit der innersten, mächtigsten Liebe zur Kunst wäre erfüllt gewesen. Daher wird auch nur derjenige ein wahrer Künstler, dessen Herz fortwährend lichterloh auflodert von mächtiger Liebe zur Kunst.

[GS.02_049,18] Hauche Liebe, d.h. wahre lebendige Liebe in das Herz deines Schülers, und du kannst versichert sein, daß durch dieses Feuer alle für diese Kunst erforderlichen Organe in kürzester Zeit so wunderbar ausgebildet werden, daß sich darob ein jeder Zuhörer wird allerhöchst verwundern und sagen müssen: Ja, da sieht wohl ein wahrhaft großer Künstler schon in seiner Vollendung heraus!

[GS.02_049,19] Sehet, also ist auch hier die Liebe der eigentliche wirkliche Meister, bildet den Tonkünstler zu einer Gefühlsgröße heran, von welcher sich ein anderer Mensch gar keinen Begriff machen kann, und macht dieser Gefühlsgröße auch den ganzen andern Organismus in kurzer Zeit so sehr untertänig, daß durch denselben alle sogenannten technischen Schwierigkeiten mit einer wunderbaren Sicherheit besiegt werden können.

[GS.02_049,20] Wie aber hier die Liebe rein alles in allem ist, so ist sie dann erst vorzugsweise alles über alles in der großen Kunst des Lebens! Mit der Liebe könnet ihr in Tiefen dringen, vor denen es selbst so manchen Geistern schaudert; aber ohne die Liebe oder mit etwas zu wenig Liebe wird nie ein vollkommener Künstler an das Tageslicht des Geistes treten. – Darum sagte ich auch gleich anfangs: Wollet ihr tiefer in diese Dinge hoher Weisheit schauen, da müsset ihr die Liebe vollernstlich zur Hand nehmen, aber es darf nicht eine halbe oder eine Viertelliebe sein, sondern eine Liebe im Vollmaße.

[GS.02_049,21] Ergreifet daher unseren allerliebevollsten Herrn und Vater in Jesu Christo so recht kernfest in eurem Herzen, und ihr werdet euch sodann bald überzeugen, was alles die Liebe zu Gott vermag.

[GS.02_049,22] Fürwahr, ich sage nicht zuviel: Wenn ihr Liebe hättet im Vollmaße, so hättet ihr auch den mächtigen, lebendigen Glauben; und mit solcher Liebe und solchem Glaubenslichte aus ihr könntet ihr Sterne vom Firmamente herabreißen! – Erwecket euch daher, und wir werden noch auf dieser zehnten Galerie Wunderdinge erschauen! – –

 

50. Kapitel – Vom Verliebtsein und von der Liebe zum Herrn.

[GS.02_050,01] Ihr saget: Lieber Freund und Bruder, du magst allerdings wohl recht haben, und es ist also, wie du gesagt hast. Aber siehe, es ist mit der plötzlichen Erweckung der Liebe eine schwere Sache, was wir hie und da schon aus der Erfahrung wissen. Es hat sogar in dieser Hinsicht mit dem sogenannten „Verliebtwerden" einen Haken. Wenn man der Sache so recht nachspürt, so bringt man gar bald in die Erfahrung, daß man die Liebe überhaupt nicht in seiner Gewalt hat, und man kann nicht sagen, daß man in ein Wesen, wann man nur immer will, mag verliebt werden, sondern es fügt sich solches nach den Umständen und nach den Bedingungen, und man ist als Liebender durchgehends kein aktives, sondern ein rein passives Wesen und muß im buchstäblichen Sinne genommen die Liebe nicht selten als eine Zentnerlast herumschleppen; und es gibt dann und wann durchaus kein Mittel, sich derselben ledig zu machen wie einer andern Last.

[GS.02_050,02] Und so meinen wir denn auch hier, wären wir wirkliche Meister der Liebe, so würde es sicher durchaus nicht fehlen, daß wir den Herrn ergriffen mit der flammendsten Heftigkeit unserer Herzen. Aber wir können tun, was wir wollen, können drücken unser Herz und unser Gefühl pressen, wie die Trauben auf einer Kelter gepreßt werden, und es kommt alles eher heraus als eine von dir beschriebene flammende Liebe.

[GS.02_050,03] Daher sind wir der Meinung, daß entweder die Liebe zum Herrn von einer ganz andern Beschaffenheit sein muß als etwa diejenige, die ein Mensch in der Blüte seines Lebens nicht selten zu einer schönen Jungfrau empfindet, oder die Liebe zum Herrn, wenn sie der Liebe zu einer Jungfrau ähnlich sein soll, muß unmittelbar vom Herrn Selbst nach Seiner großen Erbarmung in das Herz eingegossen werden; sonst ist es beinahe unmöglich, daß der Mensch aus seiner eigenen Kraft den Herrn allezeit mit der heftigsten Liebe erfassen könnte, wann er nur immer wollte.

[GS.02_050,04] Und wenn es hier demnach auf uns ankommt, allhier plötzlich die größte Liebe zum Herrn zu erwecken, so wird es mit der Anschauung der Wunderdinge auf dieser Galerie sicher ebenfalls einen starken Haken haben. Denn wir können wollen, wie nur immer möglich, und dennoch können wir trotz alles intimsten Wollens unser Herz nicht also entflammen im Momente des Wollens, als wie leicht wir in der Nacht eine Kerze anzünden. Hier also, lieber Freund und Bruder, wird es eines guten Rates gar sehr vonnöten haben.

[GS.02_050,05] Ja, meine lieben Freunde und Brüder, ihr habt einerseits wohl recht, und die Liebe ist stets des Menschen Meister, wie wir schon gestern in den Beispielen gesehen haben, weil sie so ganz eigentlich sein Leben selbst ist. Das Leben kann aber nicht beherrscht werden von dem, was nicht Leben ist; daher muß es schon ein anderes Mittel geben, dem die Liebe gehorcht und willig folgt dem höheren Rate dessen, dem sie gehorcht.

[GS.02_050,06] Worin besteht aber dieses Mittel? Dieses Mittel besteht in der klaren Vorstellung dessen, was man so ganz eigentlich mit der Fülle der Liebe erfassen will.

[GS.02_050,07] Versuchet einmal, ob ihr bloß dem Namen nach, und möge er noch so majestätisch klingen, euch in irgendeine Jungfrau verlieben möget! Ja, ihr werdet es bei solcher Bekanntschaft mit der Liebe eben nicht gar zu weit bringen; denn was man entweder gar nicht oder viel zu wenig kennt, das kann man ebensowenig mit der Liebe erfassen, als wie wenig man etwas, das gar nicht da ist oder nur subtil da ist, mit den Händen ergreifen kann.

[GS.02_050,08] Wenn ihr aber von der vorbesagten Jungfrau eine vollkommene Beschreibung überkommen werdet, wie sie aussieht und wie sie beschaffen ist, und wenn ihr von dieser Jungfrau selbst noch obendrauf ein Handbilletchen gewissermaßen unbekannterweise überkommet, in welchem sie einen oder den andern aus euch vollkommen ihrer Liebe versichert, aus dem angegebenen Grunde, weil sie euch aus den Beschreibungen ebenfalls auf das Vorteilhafteste hat kennen gelernt, so wird eure Liebe zu dieser Jungfrau sobald erwachen, und ihr werdet den allersehnlichsten Drang in euch zu verspüren anfangen, so bald als nur immer möglich sich dahin zu begeben, allda die Jungfrau eurer in aller Liebe harret. Und eure Liebe wird heftiger und heftiger werden, je mehr Vorteilhaftes ihr von der Jungfrau unterwegs oder im Verlaufe der Zeit vernehmen werdet.

[GS.02_050,09] Sehet, das ist sicher aus der Erfahrung richtig. Ich aber frage euch nun: Wie könnet ihr diese Jungfrau denn so mächtig in eurem Herzen ergreifen, da ihr sie ja doch nie gesehen habt und sie euch auch geflissentlich kein Porträt zukommen läßt, um euch gewisserart keine Vorsättigung, welche die eigentliche Liebe schwächen dürfte, zu gewähren? Die Antwort ist leicht und liegt ebenfalls in der Erfahrung: Weil ihr zu einer wohlbegründeten Vorstellung gelangt seid, durch welche euch die besagte Jungfrau stets mehr vielseitig auf das Vorteilhafteste dargestellt wurde.

[GS.02_050,10] Ihre Eigenschaften, ihre Schönheit haben euch gefangen genommen, und ihr könnet nicht umhin, sie bei solchen Vorteilen, die sie euch bietet, zu achten und zu lieben; ihr müßt sie also lieben.

[GS.02_050,11] Sehet, in diesem natürlichen Beispiele liegt es aber ja auch ganz offenkundig, auf welche Weise man sich der Liebe zum Herrn bemächtigen kann.

[GS.02_050,12] Die Erkenntnis des Herrn ist die mächtige Triebfeder, welche die Funken im Herzen zusammenzieht, und dann durch dieselben das ganze Herz in eine helle Flamme versetzt.

[GS.02_050,13] Wer möchte wohl Gott lieben können, so er Ihn nicht kennete? Wer Ihn aber stets mehr und mehr erkennt, der wird Ihn auch stets mehr und mehr lieben.

[GS.02_050,14] Doch aber müsset ihr die Liebe zum Herrn nicht platterdings mit der Liebe zu einer vorbeschriebenen Jungfrau völlig vergleichen wollen, sondern ihr müsset sie mehr gleich stellen der reineren Liebe zwischen Kindern und Eltern.

[GS.02_050,15] Diese Liebe aber ist nicht ein gewisser leidenschaftlicher Brand, sondern sie ist ein sanftes Wehen, welches den Menschen in seiner Freiheitssphäre ebensowenig beirrt, als wie wenig die Kinderliebe die Kinder in ihrer Tätigkeit nur im geringsten beirrt. – Sie lieben ihre Eltern sicher außerordentlich stark; natürlich sind hier die guten Kinder zu verstehen. Ja sie wissen oft gar nicht, wie stark sie ihre Eltern lieben.

[GS.02_050,16] Um das Maß solcher Liebe zu erschauen, dürfet ihr nur bei einem leidigen Todesfalle entweder des Vaters oder der Mutter solcher Kinder zugegen sein, so werden euch ihre Tränen und das Ringen ihrer Hände so bald das sehr gewichtige Maß der Liebe der Kinder zu ihren Eltern kundgeben. Und dennoch hättet ihr bei Lebzeiten der Eltern bei aller sorgsamen Betrachtung solche Intensität der Liebe nicht herausgefunden. – Sehet, also verhält es sich auch mit der Liebe zum Herrn. Sie ist, wie gesagt, ein sanftes Wehen, ein hochachtendes Gefühl, voll erhaben zarten Nachklanges, und beirrt niemanden in seiner Freiheitssphäre.

[GS.02_050,17] Nicht mit Leidenschaft drückt sie das Herz des Gottliebenden, sondern mit großer Freudigkeit und genügender lebendiger Speise erfüllt und sättigt sie fortwährend Geist, Herz und Leib des Menschen. Daher brauchet ihr nur in eurem Herzen „Vater" zu rufen, und ihr habt genug getan! Und der Vater wird euer Herz allezeit, insoweit es not tut, sättigen und kräftigen mit Seiner Liebe.

[GS.02_050,18] Ihr brauchet nicht einmal ein Bild, sondern nur die Erkenntnis in eurem Herzen von Gott, und ihr habt genug der Liebe, insoweit sie hier not tut, die Wunder zu erhellen, die da sind vor unseren Augen. – Tuet also solches, und schauet dann! –

 

51. Kapitel – Grund aller Dinge und Erscheinungen.

[GS.02_051,01] Ihr habt soviel als möglich meinem Rate Folge geleistet und staunet nun schon, soviel ich merke, über die Maßen ob des Anblickes der Wunderdinge, die sich nun hier in einem ganz anderen Lichte klar beschaulich darstellen.

[GS.02_051,02] Ihr saget und fraget freilich wohl: Aber lieber Freund und Bruder, wie ist solches um des Herrn willen wohl möglich?! Siehe, als wir so in unserem Gemüte des Herrn gedachten, da verwandelte sich allmählich das weiße Licht, von dem alle die Dinge hier umflossen waren, in ein rötliches, und dieses rötliche Licht läßt nun die Gegenstände in ihm ganz klar erschauen.

[GS.02_051,03] Wir sehen nun die Säulenrondelle, die Galerie, die Türen in das innere Gebäude, das herabhängende gleicharmige, aus Kugeln zusammengesetzte Kreuz. Der Kugeln zählen wir nun sichtbar genau so zwölf, wie wir sie früher nur tastend gezählt haben.

[GS.02_051,04] Und da siehe, welch eine Pracht in diesen Kugeln! Eine jede scheint eine kleine Welt zu sein, in deren innerem Raume nahe zahllose Wunderdinge wie lebendig zu erschauen sind, und in einer jeden Kugel etwas ganz anderes. Und soviel wir mit unseren Augen merken können, so scheinen diese inneren förmlichen Schöpfungen genau den zwölf Artikeln zu entsprechen, die du, lieber Freund und Bruder, uns in zwölf so herrlichen Abschnitten vorgeführt hast.

[GS.02_051,05] Ach, welche Herrlichkeit ist es doch, solche Wunderdinge anzusehen! Wahrlich, nimmer satt kann man werden; immer neuen Reiz bekommt dieser Miniaturwelten-Anblick in diesen zwölf Kugeln, aus denen das Kreuz formiert ist.

[GS.02_051,06] Und da sieh nur einmal die Säulen an. Fürwahr, äußerlich sind sie doch so glatt poliert, daß wir uns die Oberfläche des Äthers nicht glatter denken können; aber das Inwendige der Säule ist ja förmlich lebendig und entspricht in gedehnterem und ausführlicherem Maßstabe all dem wunderbar Erscheinlichen in den Kugeln. Es ist nun überaus wundervoll anzublicken, wie die Farben der mannigfaltigsten Formen, die sich innerhalb einer solchen Säule bewegen, fortwährend sanft abwechseln.

[GS.02_051,07] Ein sanftes Schillern reizt das Auge immer von neuem, denn bei der leisesten Wendung treten andere Farben zum Vorscheine, und das Merkwürdigste dabei ist, daß diese Farben, die denen auf unserer Erde gleich sind, hier einen ganz anderen Charakter annehmen. – Wir haben auch ein Rot, ein Grün, ein Blau, ein Violett, ein Gelb und die verschiedensten Übergänge von diesen Farben; aber fürwahr, wer da nachdenken will und mag, der soll es tun und eine Basis setzen für jede Farbe, und auf dieser Basis den Grund derselben bestimmen. Ja er soll sagen, welches Rot das Grundrot, welches Grün das Grundgrün, welches Blau das Grundblau, welches Violett das Grundviolett und welches Gelb das Grundgelb ist, von dem dann alle anderen Farbnuancen abgeleitet werden.

[GS.02_051,08] Welches Rot ist denn das so ganz eigentliche Rot? Ist das Blutrot das eigentliche oder das Rosenrot oder das Purpurrot oder das Scharlachrot oder das Carminrot? Alles ist rot, und doch sieht ein Rot dem andern nicht gleich. Ist das Dunkelrot mehr das Grundrot oder das Lichtrot? Und dergleichen Unterschiede hat jede Farbe; wo wohl ist der Grund einer jeden? Siehe, lieber Freund und Bruder, das mag auf der Erde wohl niemand bestimmen, aber hier erblicken wir im Ernste die Grundfarben, und diese kommen uns vor, als was man von einer reifen Ananas spricht, sie habe jeglichen Geschmack in sich, den man sich einbildet.

[GS.02_051,09] Und so sehen wir hier auch im Ernste Farben, die nicht selten wie aus dem Hintergrunde hervorstrahlen. Diese Farben haben ein so sonderbares Schillern, daß man in Rot alle seine Nuancen auf einmal erschaut, und es richtet sich dieses Schillern beinahe nach dem Wunsche des Beschauers; das Rot, welches man sich am stärksten vorstellt, dasselbe sticht auch im Augenblicke am stärksten hervor, ohne jedoch das eigentliche Grundfarbenwesen des Rot zugrunde zu richten. Ja fürwahr, von ähnlichen Farben läßt sich ein armer Sünder auf der Erde wohl nie etwas träumen.

[GS.02_051,10] Also haben wir auf der Erde wohl lauter geteilte und gebrochene Farben; aber von einer Grundfarbe, die da alle ihre Nuancen in sich fassete, haben wir durchaus nichts. Es gibt bei uns wohl auch Schillerungen in dem Wesen der Farbe, aber bei diesen Schillerungen kommt bei jeder Wendung eine ganz andere Farbe zum Vorschein. Bei diesem Schillern hier schillern in der Farbe nur alle Nuancen von Rot in der grünen alle Nuancen von Grün, und so weiter durch alle Farbenabstufungen hindurch.

[GS.02_051,11] Daneben aber entdecken wir wunderbarer Weise noch ganz neue fremde Farben, die uns auf unserer mageren Erde noch nie vorgekommen sind. Ja fürwahr, so ist auf der Erde alles nur ein Stückwerk, alles nur ein matter, höchst gebrochener Schimmer von der Herrlichkeit, die wir hier in solcher Grundüberfülle erschauen!

[GS.02_051,12] O lieber Freund und Bruder! Sage uns doch, wie wir diese Sache nehmen sollen? Warum konnten wir ehedem im weißen Lichte nichts, nun in diesem rötlichen aber gar so endlos vieles erschauen?

[GS.02_051,13] Ja, meine lieben Freunde und Brüder! Sehet, das bewirkt alles die Liebe und ihr Licht. Ich habe es euch ja gleich im Anfange gesagt: Im absoluten Lichte der Weisheit ist für einen beschränkten Geist nichts oder wenig zu erschauen. Aber im Lichte der Liebe wird das Licht der Weisheit in Formen gezwängt und kann aus der einmal gestellten Form nicht wieder entweichen, solange das Licht der Liebe, oder besser, das Feuer der Liebe es wie mit tausend mächtigen Armen gefangen hält. Im absoluten Lichte der Weisheit gleicht der Mensch einer vom Weinstock abgetrennten Rebe, welche verdorrt, sich mit der Zeit verflüchtigt und nimmer irgendeine Frucht bringt. Aber im Lichte der Liebe bleibt sie am Weinstocke und bringt tausendfältige Frucht. Daß solches durchaus buchstäblich richtig ist, möget ihr auch schon mit der leichtesten Mühe von der Welt an euren sogenannten kalten Weltweisen in die klarste Erfahrung bringen. Diese Menschen verachten die Liebe, erklären sie sogar für eine Torheit und schwärmen fortwährend in lauter übersinnlichen Spekulationen herum, bauen Grundsätze über Grundsätze, machen Hypothesen über Hypothesen und verlieren sich aus den Grundsätzen und Hypothesen in zahllose ebenso nichtige Schlüsse, als wie nichtig da sind ihre Grundsätze und Hypothesen selbst. Und wenn ihr sie am Ende aller ihrer Grundsätze, Hypothesen und Schlüsse über eines oder das andere fraget, so werden sie euch bei allem eine solche Antwort geben, die sie erstens selbst nicht im geringsten verstehen und ihr sie somit noch weniger verstehen werdet, und der allerweiseste Schluß, den die Allerweisesten am Ende herausbringen, ist der, daß sie als die Allerweisesten nichts wissen, nichts haben, und nichts sind!

[GS.02_051,14] Um aber dieses noch besser einzusehen, kann ich euch gleichwohl ein paar solcher Weltweisen aus der alten und neuen Zeit anführen. – Ihr werdet sicher von Sokrates, Aristoteles und Plato gehört und gelesen haben. Diese drei Weisen, obschon man sie zu den besseren zu rechnen hat, haben mit all ihrer Weisheit bei weitem nicht den millionsten Teil von dem herausgebracht, was ein ganz einfaches, noch kaum lesen könnendes Kind herausbringt, so es den Herrn zum ersten Male gläubig den lieben guten Himmelsvater nennt!

[GS.02_051,15] Sie haschten nach Erscheinungen und Erfahrungen; aber wozu nützten ihnen diese, da sie von keiner den Grund erfassen konnten, welcher da allein in der Liebe zum Herrn liegt?

[GS.02_051,16] Wer möchte wohl die zahllosen Erscheinungen im Ernste zählen wollen, wer in der Unendlichkeit auf ihren Grund dringen? Denn wo er immer glauben wird, einen zu haben, da wird er sich gerade in dem trüglichen Mittelpunkte der Unendlichkeit befinden, von dem aus es natürlichermaßen wieder nach allen Seiten hin unendlich fortgeht.

[GS.02_051,17] Wer aber die Liebe hat, der hat den Grund aller Dinge und aller Erscheinungen in sich, weil er den Herrn in sich hat, und kann daher auch allenthalben mit der leichtesten Mühe von der Welt auf den Grund kommen; aber der Weisheits- oder Unendlichkeitsjäger, der wird in der Unendlichkeit wohl schwerlich irgendein Ziel finden, dahin er sein flüchtiges und nichtiges Weisheitswurfgeschoß richten möchte.

[GS.02_051,18] Ich meine, aus diesen wenigen Beispielen dürfte euch die Sache wohl so ziemlich klar sein, besonders wenn ihr dazu noch ein paar Blicke auf die Weltweisen eurer Zeit werfet, die alle ihr Wurfgeschoß auf den Herrn hin richteten, und wollten Ihn fangen und messen mit der Elle und mit der Meßrute. Was aber haben sie mit all ihrer Weisheit am Ende errungen? Nichts als den Verlust des Herrn!

[GS.02_051,19] Den sie suchten im Unendlichen, im Unzugänglichen, den fanden sie nicht und waren am Ende genötigt, aus ihrer eigenen Nichtigkeit einen Gott zu kreieren, der aber freilich dann erst Gott ist, so es ihnen als Obergöttern beliebt, solch einen Begriff in ihre Vorstellung aufzunehmen. Ich meine, um diese allereklatanteste Dummheit auf den ersten Blick einzusehen, bedarf es durchaus nicht mehr als eines höchstens fünf bis sieben Jahre alten Kinderverstandes. Der einfachste Mensch, dem sogar das Wort „Weltweisheit" oder „Philosophie" ebenso fremd ist wie die beiden Erdpole, wird bei einer solchen Gottheits-Vorstellung auf den ersten Augenblick die zwar höchst einfache, aber desto treffendere Entgegnung zum Vorscheine bringen und sagen:

[GS.02_051,20] He! Freund, wie kann denn das sein? Wenn Gott erst dann Gott wäre, wenn ihr Ihn denket, da möchte ich denn doch auch wissen, wer euch erschaffen hat, und daß ihr eben einen Gott denken könnet, wer hat euch diese Fähigkeit gegeben? Denn das, was ihr von Gott aussaget, ist ja noch viel dümmer, als so da jemand ganz ernstlich behaupten möchte, daß ein Haus von sich selbst gebaut wird, ohne Baumeister, und ein Mensch erst dann ein Baumeister wird, wenn ihn allenfalls ein von sich selbst entstandenes Haus dafür annehmen will.

[GS.02_051,21] Sehet, hat der schlichte Mensch in seinem ganz einfachen Ausspruch nicht ums Unbegreifliche weiser gesprochen als das ganze hochweise philosophische Gremium zusammengenommen? Ja, bei dem kann man sagen: Der hat das Zentrum des Nagels getroffen und hat mit einem Schlage eine ganze Butte voll weiß glänzender Schmeißfliegen erschlagen, denn eine Schmeißfliege ist doch unstreitig das treffendste Bild und Symbolum für einen absoluten Philosophen; diese glänzt auch, als wäre sie mit lauter Gold überzogen. Wenn man diese Fliege im Freien sieht, da sollte man doch glauben, dieses