BISCHOF MARTIN

Die Entwicklung einer Seele im Jenseits.

Durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.

Nach der 3. Auflage.

Lorber-Verlag – Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.

Alle Rechte vorbehalten.

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1. Kapitel – Des alten Bischof Martin irdisches Ende und seine Ankunft im Jenseits.

[BM.01_001,01] Ein Bischof, der auf seine Würde große Stücke hielt und ebensoviel auf seine Satzungen, ward zum letzten Male krank.

[BM.01_001,02] Er, der selbst noch als ein untergebener Priester des Himmels Freuden mit den wunderlichsten Farben ausmalte – er, der sich gar oft völlig erschöpfte in der Darstellung der Wonne und Seligkeit im Reiche der Engel, daneben aber freilich auch die Hölle und das leidige Fegefeuer nicht vergaß, hatte nun – als selbst schon beinahe achtzigjähriger Greis – noch immer keinen Wunsch, von seinem oft gepriesenen Himmel Besitz zu nehmen; ihm wären noch tausend Jahre Erdenleben lieber gewesen als ein zukünftiger Himmel mit allen seinen Wonnen und Seligkeiten.

[BM.01_001,03] Daher denn unser erkrankter Bischof auch alles anwandte, um nur wieder irdisch gesund zu werden. Die besten Ärzte mußten stets um ihn sein; in allen Kirchen seiner Diözese mußten Kraftmessen gelesen werden; alle seine Schafe wurden aufgefordert, für seine Erhaltung zu beten und für ihn fromme Gelübde gegen Gewinnung eines vollkommenen Ablasses zu machen und auch zu halten. In seinem Krankengemach ward ein Altar aufgerichtet, bei dem vormittags drei Messen zur Wiedergewinnung der Gesundheit mußten gelesen werden; nachmittags aber mußten bei stets ausgesetztem Sanktissimum die drei frömmsten Mönche in einem fort das Breviarium beten.

[BM.01_001,04] Er selbst rief zu öfteren Malen aus: „O Herr, erbarme Dich meiner! Heilige Maria, du liebe Mutter, hilf mir, erbarme dich meiner fürstbischöflichen Würden und Gnaden, die ich trage zu deiner Ehre und zur Ehre deines Sohnes! O verlasse deinen getreuesten Diener nicht, du alleinige Helferin aus jeder Not, du einzige Stütze aller Leidenden!"

[BM.01_001,05] Aber es half alles nichts; unser Mann verfiel in einen recht tiefen Schlaf, aus dem er diesseits nicht mehr erwachte.

[BM.01_001,06] Was auf Erden mit dem Leichnam eines Bischofs alles für ‚hochwichtige‘ Zeremonien geschehen, das wisset ihr, und wir brauchen uns dabei nicht länger aufzuhalten; dafür wollen wir sogleich in der Geisterwelt uns umsehen, was unser Mann dort beginnen wird!

[BM.01_001,07] Seht, da sind wir schon – und seht, da liegt auch noch unser Mann auf seinem Lager; denn solange noch eine Wärme im Herzen ist, löst der Engel die Seele nicht vom Leibe. Diese Wärme ist der Nervengeist, der zuvor von der Seele ganz aufgenommen werden muß, bis die volle Löse vorgenommen werden kann.

[BM.01_001,08] Aber nun hat dieses Mannes Seele schon völlig den Nervengeist in sich aufgenommen, und der Engel löst sie soeben vom Leibe mit den Worten: „Epheta", d.h. „Tue dich auf, du Seele; du Staub aber sinke zurück in deine Verwesung zur Löse durch das Reich der Würmer und des Moders. Amen."

[BM.01_001,09] Nun seht, schon erhebt sich unser Bischof, ganz wie er gelebt hatte, in seinem vollen Bischofsornate und öffnet die Augen. Er schaut erstaunt um sich und sieht außer sich niemanden, auch den Engel nicht, der ihn geweckt hat. Die Gegend ist nur in sehr mattem Lichte gleich einer ziemlich späten Abenddämmerung, und der Boden gleicht dürrem Alpenmoose.

[BM.01_001,10] Unser Mann erstaunt nicht wenig über diese sonderbare Bescherung und spricht nun zu sich: „Was ist denn das? Wo bin ich denn? Lebe ich noch oder bin ich gestorben? Denn ich war wohl sehr krank und es kann leicht möglich sein, daß ich mich nun schon unter den Abgeschiedenen befinde! – Ja, ja, um Gotteswillen, es wird schon so sein! – O heilige Maria, heiliger Joseph, heilige Anna, ihr meine drei mächtigsten Stützen: kommet und helft mir in das Reich der Himmel!"

[BM.01_001,11] Er harrt eine Zeitlang, sorglich um sich spähend, von welcher Seite die drei kommen würden; aber sie kommen nicht.

[BM.01_001,12] Er wiederholt den Ruf kräftiger und harrt; aber es kommt immer noch niemand!

[BM.01_001,13] Noch kräftiger wird derselbe Ruf zum drittenmal wiederholt, – aber auch diesmal vergeblich!

[BM.01_001,14] Darob wird unserem Manne überaus bange. Er fängt an, etwas zu verzweifeln und spricht in seiner stets verzweifelter werdenden Lage: „Oh, um Gotteswillen, Herr, steh mir bei! (Das ist aber nur sein angewöhntes Sprichwort.) – Was ist denn das? Dreimal habe ich gerufen, – und umsonst!

[BM.01_001,15] Bin ich denn verdammt? Das kann nicht sein, denn ich sehe kein Feuer und keine Gottstehunsbei!

[BM.01_001,16] Hahahaaaaa (zitternd) – es ist wahrhaft schrecklich! – So allein! O Gott, wenn jetzt so ein Gottstehunsbei herkäme, und ich – keinen Weihbrunn, dreimal consekriert, kein Kruzifix, – was werde ich tun?!

[BM.01_001,17] Und auf einen Bischof soll der Gottstehunsbei eine ganz besondere Passion haben! – Oh, oh, oh (bebend vor Angst), das ist ja eine ganz verzweifelte Geschichte! Ich glaube gar, es stellt sich bei mir schon Heulen und Zähneklappern ein?

[BM.01_001,18] Ich werde mein Bischofsgewand ablegen, da wird Gottstehunsbei mich nicht erkennen! Aber damit hätte Gottstehunsbei vielleicht noch mehr Gewalt über unsereinen?! – O weh, o weh, was ist der Tod doch für ein schreckliches Ding!

[BM.01_001,19] Ja, wenn ich nur ganz tot wäre, da hätte ich auch keine Furcht; aber eben dieses Lebendigsein nach dem Tode, das ist es! O Gott, steh mir bei!

[BM.01_001,20] Was etwa geschähe, so ich mich weiterbegäbe? Nein, nein, ich bleibe! Denn was hier ist, das weiß ich nun aus der kurzen Erfahrung; welche Folgen aber nur ein rätselhafter Tritt weiter vor- oder rückwärts hätte, das wird allein Gott wissen! Daher will ich in Gottes Namen und im Namen der seligsten Jungfrau Maria lieber bis auf den Jüngsten Tag hier verharren, als mich nur um ein Haarbreit vor- oder rückwärts bewegen!"

 

2. Kapitel – Bischof Martins Langeweile in seiner Vereinsamung und sein Sinnen auf Abwechslung.

[BM.01_002,01] Nachdem unser Mann die Zeit von einigen Stunden da mauerfest gestanden war und sich dabei nichts ereignet und in seiner Nähe verändert hatte, ihm aber entsprechend die Zeit (denn auch in der naturmäßigen Sphäre der Geisterwelt gibt es eine Erscheinlichkeit gleich der irdischen Zeit) ganz verzweifelt lang geworden war, fing er wieder an, mit sich zu phantasieren:

[BM.01_002,02] „Sonderbar, nun stehe ich da wenigstens eine halbe Ewigkeit auf ein- und demselben Fleck, und es bleibt alles völlig beim alten! Nichts rührt sich! kein Moos, kein Haar auf meinem Haupte, auch mein Gewand nicht! Was wird da am Ende herauskommen?

[BM.01_002,03] Bin ich vielleicht gar dazu verdammt, ewig hier zu bleiben? – Ewig? Nein, nein, das kann nicht sein, denn da wäre das schon eine Hölle! Und wäre das hier der Fall, müßte ja auch schon die schreckliche Höllenuhr mit ihrem allerschrecklichsten Pendel zu erschauen sein, der da bei jeder Schwingung den Ruf tut: ,Immer!‘ – oh, erschrecklich! –, dann wieder: ,Nimmer!‘ – ooh, noch erschrecklicher!

[BM.01_002,04] Gott sei Dank, daß ich nur dies Schreckenszeichen der Ewigkeit nicht sehe! Oder wird das erst nach dem Jüngsten Tage ersichtlich! Wird etwa schon bald das Zeichen des Menschensohnes am Firmamente zum Vorscheine kommen? Wie viele Millionen Jahre stehe ich denn schon hier? Wie lange werde ich etwa noch stehen müssen, bis der erschrecklichste Jüngste Tag kommen wird?!

[BM.01_002,05] Wahrlich kurios: Auf der Welt läßt sich nichts sehen, was da in Bälde auf den Jüngsten Tag irgendeinen Bezug hätte; aber hier in der Geisterwelt sieht es noch endlos stummer aus! Denn da werden tausend Jahre gleich einem völlig stummen Augenblicke, und eine Million tut einen ebenso geringen Bescheid! Wenn ich nicht so festen Glaubens wäre, möchte ich beinahe an dem einstigen Eintreffen des Jüngsten Tages zu zweifeln anfangen, wie überhaupt an der Echtheit des ganzen Evangeliums!

[BM.01_002,06] Denn es ist doch kurios, alle die Propheten, die darin vorkommen, haben eine frappante Einstimmigkeit mit den delphischen Orakelsprüchen! Man kann aus ihnen machen, was man will: sie lassen sich mit einigen exegetischen Drehungen auf alles anwenden und niemand kann dabei klar sagen: ,Auf dies alleinige Faktum beziehen sie sich!‘ Kurz, sie passen im Grunde alle für den Steiß so gut wie fürs Gesicht! – Und der Heilige Geist, der im Evangelium soll verborgen stecken, muß gar ein seltenster Vogel sein, weil er sich seit den alten Apostelzeiten nimmer irgendwo hat blicken lassen, außer im albernen Gehirn einiger protestantisch-ketzerischer Schwärmer à la Tausendundeine Nacht!

[BM.01_002,07] Ich habe zwar noch immer einen sehr festen Glauben, aber ob er unter diesen Umständen noch länger fest bleiben wird, dafür könnte ich wahrlich nicht gutstehen!

[BM.01_002,08] Auch mit der in meiner Kirche überaus vielgepriesenen Maria, wie mit der ganzen Heiligen Litanei scheint es seine sonderbaren Wege zu haben! Wäre irgend etwas an der Maria, so hätte sie mich doch schon lange erhören müssen; denn von meinem Absterben bis zum gegenwärtigen Augenblicke sind nach meinem peinlichen Gefühl etwa ein paar Millionen Erdjahre verstrichen; von der Mutter Gottes, wie von ihrem Sohne, noch von irgendeinem andern Heiligen ist aber auch nicht die leiseste Spur zu entdecken. Das sind wahrlich Helfer in der Not, wie man sich keine besseren wünschen könnte! – Sage zwei Millionen Jahre komplett – und von allen keine Spur!

[BM.01_002,09] Wenn ich nur keinen so festen Glauben hätte, da stünde ich schon lange nicht mehr auf diesem überaus langweiligen Fleck; nur mein dümmster Glaube hält mich! Aber lange wird er mich nicht mehr halten! Sollte ich etwa noch einige Millionen Jahre länger hier hocken wie ein Buschklepper und nach Ablauf solch einer schauderhaft langen Zeit ebensowenig erreichen wie bisher? Da wäre ich ein Narr! Ist's denn nicht genug, daß ich auf der Erde einen Narren gespielt habe für nichts und wieder nichts? Daher werde ich mit dieser fruchtlosen Komödie hier bald ein Ende machen!

[BM.01_002,10] Auf der Welt wurde ich für die Dummheit doch ehrlich bezahlt und es lohnte sich dort, einen Narren zu machen; aber da an der Sache, wie nun meine millionenjährige Erfahrung es zeigt, nichts ist, werde ich mich sehr bald von all der Narrheit ganz gehorsamst empfehlen!" –

[BM.01_002,11] Seht, jetzt wird er bald diese Stelle verlassen, nachdem ihm der Engel die etlichen Stunden seines Hierseins in ein Millionen Jahre dauerndes Gefühl umgewandelt hatte. – Noch steht unser Mann mauerfest auf dem Punkte und schaut etwas schüchtern umher, um sich gleichsam einen Weg auszusuchen, den er fortwandeln möchte. Nun fixiert er gegen Abend einen Punkt, wo es ihm vorkommt, als bewege sich dort etwas. Er wird darum auch sichtlich verlegen und spricht wieder bei sich:

[BM.01_002,12] „Was sehe ich denn dort in einiger Ferne nun zum erstenmal seit einigen Millionen Jahren meines entsetzlich langweiligen Hierseins? Die Geschichte verursacht mir eine große Bangigkeit, denn es kommt mir vor, als wäre das etwa doch irgendeine leise Vorbereitung zu einem Gerichte!

[BM.01_002,13] Soll ich's wagen, mich dahin zu begeben? Am Ende ist das mein Untergang für ewig? Vielleicht aber doch auch eine endliche Erlösung?!

[BM.01_002,14] Nun ist schon alles ein Gottstehunsbei; denn wer wie ich Millionen von Erdenjahren auf einen Punkt gebannt zugebracht hat, dem ist es schon völlig einerlei, was da noch weiter mit ihm geschehen dürfte! Was Ärgeres wohl kann einem ehrlichen Menschen noch obendarauf geschehen, als über alle Bildsäulen hinaus dauernd Millionen Jahre – im echten Sinne des Wortes auf einen Punkt gebannt – so ganz eigentlich verdammt zu sein?!

[BM.01_002,15] Daher, wie die Bergleute auf der Erde sagen, wenn sie in einen Stollen fahren, sage ich nun auch: Glück auf! Hol's der Kuckuck; ich probier' es einmal! Mehr als ewig tot werden kann ich nicht! Und wahrlich, das könnte mir nur höchst erwünscht sein; denn so ein Leben fortleben, wie nun dies meinige – Millionen Jahre auf einem Flecke! – kein Fixstern würde es aushalten! Da ist ein ewiges Nichtsein ja ein endloser Gewinn dagegen!

[BM.01_002,16] Daher keinen Augenblick mehr gezaudert! Geht's wohin's will! Es ist nun ein – nein, das sag' ich doch noch nicht gerade heraus; denn hier ist noch eine starke Terra incognita für mich! Daher nur bescheiden, solange man nicht weiß, worauf so ganz eigentlich die Füße stehen!

[BM.01_002,17] Die Geschichte dort rührt sich immer mehr; es ist wie ein Bäumchen, das vom Winde beunruhigt wird! – Nur Mut, meine des Gehens freilich schon überlange entwöhnten Füße! Wir wollen einmal sehen, ob es sich mit dem Gehen noch tun wird!

[BM.01_002,18] Zwar hab' ich auf der Welt einmal gehört – soviel ich mich entsinnen kann –, ein Geist dürfte eigentlich nur denken, so wäre er auch schon dort, wo er sein wollte. Aber eben mit der Geisterschaft meiner Person scheint es seine krummen Wege zu haben! Denn ich besitze Füße, Hände, Kopf, Augen, Nase, Mund – kurz alles, was ich auf der Erde gehabt habe, – Magen auch; aber der hat schon lange einen wahren Kardinalfasttag! Denn gäbe es um mich her nicht ein reichliches Moos mit viel Tau darauf, wäre ich wohl schon lange zu einem Atom eingeschrumpft! Vielleicht gibt es dort auch für den Magen irgend etwas Besseres?!

[BM.01_002,19] Noch einmal: Glück auf! Eine Veränderung, wenn sonst nichts; diese kann auf keinen Fall schlechter sein als mein jetziger Zustand. Denn wer Millionen Jahre auf einem Flecke steht, der wird sich doch etwa mit einem wahren Millionzustande rühmen können?! – Also, in Gott's Namen!"

 

3. Kapitel – Bischof Martin in Gesellschaft eines scheinbaren Kollegen. Die guten Vorschläge des Führers.

[BM.01_003,01] Seht, nun setzt unser Mann seine Füße in Bewegung und geht behutsam und prüfenden Schrittes seinem sich stets mehr bewegenden Gegenstande zu!

[BM.01_003,02] Nach wenigen Schritten auch schon ganz wohlbehalten dort, staunt er nicht wenig, unter dem Baume auch einen Mann seinesgleichen zu finden, nämlich auch einen Bischof in optima forma, – freilich nur der Erscheinlichkeit nach; denn in Wirklichkeit ist das der Engel, der stets unsichtbar unserem Manne zur Seite war. Der Engel selbst aber ist der selige Geist Petri.

[BM.01_003,03] Höret nun, wie unser Mann seinen vermeintlichen Kollegen anredet und sich weiterhin mit ihm bespricht! So beginnt er:

[BM.01_003,04] „Seh ich recht oder ist es bloß ein Augentrug? Ein Kollege, ein Mitarbeiter im Weinberge des Herrn?! Welch eine endlose Freude, nach Millionen Jahren endlich wieder einmal einen Menschen, und einen Kollegen noch dazu, in dieser Wüste aller Wüsten zu finden!

[BM.01_003,05] Ich grüße dich, lieber Bruder! Sage, wie bist denn du hierher gekommen? Hast du etwa auch schon mein Alter in dieser schönen Geisterwelt erreicht? Weißt, so zirka fünf Millionen Jahre auf einem und demselben Flecke, – fünf Millionen Jahre!"

[BM.01_003,06] Der Engel als vermeintlicher Bischofskollege spricht: „Ich bin fürs erste dir ein Bruder im Herrn und natürlich auch ein alter Arbeiter in Seinem Weinberge. Was aber mein Alter betrifft, da bin ich der Zeit und dem Wirken nach älter, aber der Einbildung nach viel jünger als du.

[BM.01_003,07] Denn siehe, fünf Millionen Jahre der Erde sind ein ganz respektabler Zeitraum für einen geschaffenen Geist, – obschon vor Gott kaum etwas, indem Sein Sein weder durch die Zeitenfolge noch durch Raumesausdehnungen bemessen wird, sondern in allem ewig und unendlich ist!

[BM.01_003,08] Du bist daher in einer großen Irre als Neuling in der endlosen Welt der Geister. Denn wärest du fünf Millionen Jahre hier, dann hättest du schon lange ein anderes Kleid, indem in dieser Zeit der Erde Berge schon lange werden geebnet und ihre Täler ausgefüllt, ihre Meere, Seen, Flüsse und Moräste ausgetrocknet sein. Und auf der Erde wird auch eine ganz neue Schöpfung bestehen, von der nun noch nicht einmal der leiseste Keim in die Furchen gelegt ist!

[BM.01_003,09] Auf daß du, lieber Bruder, es aber selbst merkst, daß dein vermeintliches Alter bloß eine in dir selbst hervorgelockte Phantasie ist, als Entwicklung zugelassen aus dir selbst entstammte nach deinen eigenen Begriffen von Zeit und Raum, die bei dir stark mit der Hölle eingesalzen sind – so siehe dich um und du wirst noch deinen erst vor drei Stunden abgeschiedenen Leichnam entdecken!"

[BM.01_003,10] Seht, unser Mann kehrt sich nun schnell nach rückwärts und entdeckt wirklich seinen Leichnam noch auf dem dazu in der Domkirche eigens errichteten Paradebette, darum eine zahllose Menge Kerzen und eine noch größere Menge müßiger und neugieriger Menschen, die dasselbe umstehen. – Als er solchen Schauspiels ansichtig ward, da wurde er sehr ärgerlich und sprach:

[BM.01_003,11] (Der Bischof:) „Liebster Bruder, was soll ich da tun? Ach, welch ein gräßlicher Unsinn! Mir werden vor der entsetzlichsten Langeweile Minuten zu Ewigkeiten, und doch bin ich es ja, der diesen Leib bewohnt hat! Ich weiß mir vor Hunger und Lichtmangel kaum zu helfen, und diese Narren vergöttern meinen Fleischrock! Hätte ich nun als Geist denn nicht Kraft dazu, diesen Plunder klein zu zerreißen und wie Spreu untereinander zu werfen? – O ihr dummen Gottstehunsbei! Was wollt ihr denn hier dem stinkenden Dreck für eine Wohltat erweisen?!"

[BM.01_003,12] Der Engel spricht: „Kehre dich wieder zu mir und ärgere dich nicht; tatest du doch dasselbe, als du noch der äußeren Naturwelt angehörtest! Lassen wir das Tote den Toten begraben; du aber wende dich von all dem ab und folge mir, so wirst du zum Leben gelangen!"

[BM.01_003,13] Der Bischof fragt: „Wohin aber soll ich dir folgen? Bist du etwa gar mein Namenspatron, der hl. Bonifazius, daß du dich nun so sehr um mein Heil zu kümmern scheinst?"

[BM.01_003,14] Spricht der Engel: „Ich sage in des Herrn Jesu Namen: du sollst mir zu Jesus folgen! Der ist der rechte Bonifazius aller Menschen; aber mit deinem Bonifazius ist es nichts, und ich bin es schon ganz und gar nicht, wofür du mich anzusehen scheinst, – sondern ein ganz anderer!

[BM.01_003,15] Folge mir aber, d.h. tue, was ich dir nun sagen werde, so wirst du fürs erste alles fassen, was dir bis jetzt begegnet ist, und wie, durch was und warum. Fürs zweite wirst du dich sogleich auf einem besseren Grunde befinden; und endlich fürs dritte wirst du eben daselbst den Herrn quo-ad personam kennenlernen, durch Ihn den Weg in die Himmel, und danebenher auch mich, deinen Bruder!"

[BM.01_003,16] Spricht der Bischof: „Rede, rede, ich möchte schon lieber fliegen als gehen von diesem langweiligsten Orte!"

[BM.01_003,17] Spricht der Engel: „So höre! Lege sogleich dein lächerliches Gewand ab und ziehe da diesen gemeinen Bauernrock an!"

[BM.01_003,18] Spricht der Bischof: „Nur her damit; hier vertausche ich dies langweilige Kleid gerne mit dem gemeinsten Fetzen!"

[BM.01_003,19] Spricht weiter der Engel: „Gut – sieh, schon bist du im Bauernrocke; nun folge mir!"

 

4. Kapitel – Bischof Martins Ärgernis an dem lutherischen Tempel und des Engels Entgegnung. Martins Bereitschaft zum Dienst als Schafhirte.

[BM.01_004,01] Sie gehen nun weiter, mehr gegen Mittag gewendet, und kommen zu einem ganz gewöhnlichen Bauernhof, vor dem ein leicht erkennbarer kleiner lutherischer Tempel steht. Als der Bischof dieses größten Dornes in seinen Augen ansichtig wird, bleibt er stehen, um ein Kreuz ums andere über seine stark kahle Stirne zu schlagen und sich an die Brust mit geballter Faust unter steter Begleitung des Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa zu schlagen.

[BM.01_004,02] Der Engel aber fragt ihn: „Bruder, was hast du denn? Stört dich etwas hier? Warum gehst du denn nicht weiter?"

[BM.01_004,03] Der Bischof spricht: „Siehst du denn den lutherischen Tempel nicht, der des leibhaftigen Gottstehunsbei ist? Wie kann da ein Christ sich einem so verfl... – oh, will's nicht sagen – Orte nahen?

[BM.01_004,04] Oder bist du etwa selbst der verkleidete Gottstehunsbei?! – – Oooooh – wenn du das – bist, so ver – laß mich, o du abscheulichster – Gottstehunsbei!"

[BM.01_004,05] Spricht der Engel: „Möchtest du noch einmal die Tour von deinen 5-10 Millionen Jahren auf einem noch finstereren und magereren Orte des Geisterreichs zubringen? So dir solches lieber ist, sage es nur rund heraus; sieh, hier ist dein altes Bischofsgewand schon in Bereitschaft! Diesmal aber wirst du wohl zehnmal so lange zu harren haben, bis dir jemand zu Hilfe kommen wird!

[BM.01_004,06] Siehst du mich denn nicht noch in deinem Bischofsgewande einhergehen? Ihr aber habt ja eine Meinung und sagt: der Teufel könne sich wohl bis zu einem Engel des Lichtes verstellen, aber die vom Heiligen Geiste durchdrungene Gestalt eines Bischofs wäre ihm unmöglich nachzuahmen! Willst du deine Meinung nicht selbst verdammen, wie magst du mich denn für einen Teufel halten? (der Bischof sinkt fast zusammen, schlägt ein großes Kreuz und spricht: ,Gott steh uns bei!‘)

[BM.01_004,07] Verdammst du aber deine dogmatische Meinung, die aus der Unüberwindbarkeit des Felsen Petri durch die Pforten der Hölle herrührt, da hebst du damit ja ganz Rom auf. Und ich begreife dann nicht, wie dich als einen offenbaren Gegner Roms dies Häuschen genieren kann, das du für einen evangelischen Tempel hältst?! Siehst du denn nicht ein, daß da in deinem ganzen nunmaligen Benehmen auch nicht die leiseste Spur einer moralischen und noch weniger religiösen Konsequenz vorhanden ist?"

[BM.01_004,08] Spricht der Bischof: „Du hast freilich verzweifelt stark recht, wenn man die Sache beim Lichte betrachtet. Aber so du wirklich ein Bischof bist, so wird dir ja von Rom aus auch bekannt sein, daß da jeder Rechtgläubige allen seinen Verstand unter den Gehorsam des blinden, unbedingten Glaubens gefangennehmen muß! Wo aber der Verstand mit den schwersten Fesseln belegt ist, wo wohl sollte da bei unsereinem eine Konsequenz im Denken und Handeln herauswachsen?!

[BM.01_004,09] Bei uns heißt es: ,Der Mensch hüte sich vor allem, in den Geist der Religion einzudringen; er wisse nichts, sondern glaube alles blind und fest! Es ist dem Menschen heilsamer, als ein Dummkopf in den Himmel, denn als ein Aufgeklärter in die Hölle zu kommen! Man fürchte Gott der Hölle und liebe Ihn des Himmels wegen!‘ Wenn aber das der Grund unserer Lehre ist, wie willst du von mir denn eine Konsequenz haben?"

[BM.01_004,10] Spricht der Engel: „Leider ist mir nur zu bekannt, wie es mit der Lehre Babels steht, und wie sie dem Evangelium schnurstracks entgegen ist, allda es ausdrücklich heißt: ,Verdammet nicht, auf daß ihr nicht verdammet werdet; und richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet!‘ Ihr aber verdammet und richtet allzeit jedermann, der sich nicht unter euer Babelszepter schmiegt!

[BM.01_004,11] Sage: Seid ihr da wohl Christi, so ihr doch nicht im geringsten Seiner allersanftesten Lehre seid? Ist in Christi Lehre nicht die größte, allererhabenste Ordnung und Konsequenz wie in der ganzen Schöpfung? Weht nicht die Fülle des Heiligen Geistes aus jeglichem Worte des Evangeliums? Seid ihr aber im Wort und Werk nicht allzeit gegen den Heiligen Geist gewesen, da ihr absichtlich allzeit der reinsten Lehre entgegengehandelt habt, die voll ist des Heiligen Geistes, indem dieser erst die zuvor vom Herrn verkündigte Lehre für ewig bleibend den Aposteln und Jüngern wiedergab?!

[BM.01_004,12] Du siehst daraus, auf welch verdammlichem Grunde du stehst, wie ganz reif für die Hölle! Aber der Herr will dir Gnade für Recht ergehen lassen; darum beschickt Er mich zu dir, auf daß ich dich erretten solle aus deiner alten babylonischen Gefangenschaft!

[BM.01_004,13] Aus dem Grunde will es der Herr, daß du dich vor allem mit deinem stärksten Augendorne vergleichen und aussöhnen sollst, so du je auf den Himmel einen Gnadenanspruch nehmen willst. Möchtest du aber bei deiner Babelslehre verharren, so wirst du dich selbst zur Hölle treiben, aus der dich schwerlich je ein Freund Jesu des Herrn herausholen wird!"

[BM.01_004,14] Spricht der Bischof: „Ja, ja, liebster Freund, es fängt an, zum erstenmal etwas von einer Konsequenz in mir emporzutauchen! Daher habe nur Geduld mit mir; ich will ja in Gottesnamen schon tun, was du willst! Aber nur von der schrecklichsten Hölle rede mir nichts mehr – und führe mich nur weiter!"

[BM.01_004,15] Spricht der Engel: „Wir sind vorderhand schon am Ziel. Siehe, eben hier bei diesem lutherischen Landmann und Bischofe zugleich, der ich selbst es bin, wirst du einen Dienst als Schafhirte bekommen; die treue Verwaltung dieses Amtes wird dir Brot und ein allmähliches Emporkommen bewirken! Wirst du aber dabei mürrisch und richterisch zu Werke gehen, so wirst du dir sehr schaden und wirst dir schmälern Brot und Emporkommen! Willst du aber ein getreuer Diener sein, so denke nicht mehr an dein irdisch Sein zurück, sondern vielmehr, daß du hier wieder von unten an mußt zu dienen anfangen, so du es vorwärtsbringen willst!

[BM.01_004,16] Aber das merke dir übergut: Vorwärtsgehen heißt hier zurück treten und der Letzte und Geringste sein wollen. Denn niemand kommt eher zum Herrn, als bis er sich unter seine kleinste Zehe durch und durch in allem und jedem gedemütigt hat. – Nun weißt du für diese deine Lage alles; darum folge mir in dies Haus guten Herzens! Dein Wille!"

[BM.01_004,17] Der Bischof folgt ihm nun ohne Einrede, denn er sieht, daß sein Führer es mit ihm unmöglich übel meinen kann.

 

5. Kapitel – In der Hütte des Engels Petrus. Ein Lichtwort des Engels über Luther. Martins Anstellung als Schafhirte im Jenseits.

[BM.01_005,01] Als beide in das Haus kamen, das sehr einfach und fürs Nötigste eingerichtet war, erschaute unser Bischof auf einem kleinen dreieckigen Tisch die lutherische Bibel des Alten und Neuen Testaments und ward darob sichtlich verlegen.

[BM.01_005,02] Solches aber merkte sogleich der Engel Petrus und sprach zu ihm: „Was wohl hat je Luther dir getan, daß du ob der großen Verachtung dieses Mannes auch seine möglichst getreue Bibelübersetzung, in der nichts als das reine Wort Gottes enthalten ist, mit verachtest?

[BM.01_005,03] Siehe, war Luther auch nicht in der Fülle ein Mann, von dem sich mit vollstem Rechte sagen ließe: ,Er war ein Mann nach dem Herzen Gottes!‘, so war er aber dennoch um überaus vieles besser als gar überaus viele aus deiner Kirche, die wollen die allein rechten und allervollkommensten sein, sind im Grunde aber dennoch die unvollkommensten und allerletzten! Er aber allein hatte inmitten der krassesten Babelsnacht den löblichen Mut, der Menschheit das reine Wort Gottes wiederzubringen und diese dadurch auf den rechten Weg des Herrn zu führen!

[BM.01_005,04] Waren auf diesem Wege wohl auch einige Dunkelheiten anzutreffen – was natürliche Folgen des noch zu nahen Babels (Rom) waren –, so war dennoch seine Lehre nach dem reinen Worte des Herrn gegenüber der alten Irrlehre Roms gleich einer Mittagssonne gegen ein allermattestes Sumpflicht in stockfinsterer Nacht!

[BM.01_005,05] Wenn Luther aber solches im Namen des Herrn gewirkt hat, sage, welchen Grund hast du dann wohl, diesen würdigen Mann so zu verschmähen und zu verachten?"

[BM.01_005,06] Spricht der Bischof: „Ich verachte ihn gerade nicht; aber du weißt es, so man lange der Sklave einer Partei war, hat man mit der Zeit einen künstlichen Haß gegen den in sich herangebildet, den seine Partei bei tausend Gelegenheiten verflucht und verdammt hat! Das ist denn auch bei mir der Fall. Ich hoffe aber zu Gott und erwarte von Ihm, daß Er mir helfen wird, alle meine von der Erde hierher gebrachten Torheiten von A bis Z abzulegen. Daher stoße dich nicht an mir, es wird mit mir hoffentlich schon noch besser werden!"

[BM.01_005,07] Spricht der Engel Petrus: „O Bruder, ermahne nicht mich, sondern nur dich zur Geduld! Denn du weißt es noch nicht, was dir alles begegnen wird; ich aber weiß es und muß daher so mit dir handeln, daß du in der Wahrheit gestärkt werdest, jenen Versuchungen kräftig zu begegnen, die dir tausendfach auf dem Wege zum Herrn vorkommen werden.

[BM.01_005,08] Da siehe zum Fenster hinaus! Siehst du dort die vielen tausend Schafe und Lämmer, wie sie mutig durcheinanderrennen und springen?

[BM.01_005,09] Hier aber ist ein Buch, in dem ihre Namen verzeichnet sind; nimm es zu dir und rufe sie alle beim Namen daraus! So sie in deinem Rufe eines rechten Hirten Stimme erkennen werden, werden sie eiligst zu dir kommen. Erkennen sie aber in dir eines Mietlings Stimme, dann werden sie sich zerstreuen und werden dich fliehen. Wenn aber solches geschieht, da murre nicht, sondern erkenne, daß du ein Mietling bist; und es wird dann ein anderer Hirte zu dir kommen und wird dich lehren, wie Schafe und Lämmer zu hüten und wie zu rufen sind!

[BM.01_005,10] Nun aber nimm dies Verzeichnis; gehe hinaus und tue, wie ich dir's nun geraten habe!"

 

6. Kapitel – Bischof Martins angenehme, aber gefährliche Überraschung im neuen Dienst. Die Schafherde – eine Menge schöner Mädchen!

[BM.01_006,01] Unser Mann geht in seiner Bauernkleidung mit einem ziemlich dicken Buche unter dem Arm hinaus, wo ihm die Herde gezeigt wurde, die sich in der (geistigen) Entfernung der Erscheinlichkeit nach wirklich als Schafe und Lämmer ausnahm. In der geistigen Nähe aber bestand sie aus lauter frommen und sanftmütigen Menschen, zumeist aus weiblichen Seelen, die auf der Welt so recht kreuzfromm gelebt hatten, aber dabei auf die römische Geistlichkeit doch bei weitem größere Stücke hielten denn auf Mich, den Herrn, da sie Mich nicht kannten und jetzt auch noch nicht erkennen – daher sie denn in einiger geistigen Ferne sich noch jetzt als Tiere sanftester Art ausnehmen.

[BM.01_006,02] Als nun unser Mann hinauskam, so recht wohlgemut wie einer, der nach langer Praxis zum erstenmal in ein besoldetes Amt eingesetzt wird, ließ er sich auf einen bemoosten Stein nieder und sah umher, wo die Schafe und die Lämmer wären. Aber er entdeckte nun nichts mehr von diesen nützlichen Haustieren, sondern eine große Menge allerschönster und zartester Mädchen, die auf einem weitgedehnten Wiesenteppiche munter umherhüpfend Blumen sammelten und daraus die schönsten Kränze und Kränzchen flochten.

[BM.01_006,03] Als unser Mann solches merkte, da sagte er zu sich selbst: „Hm, das ist sonderbar! Es ist doch derselbe Platz, dieselbe Wiese, auf der ich ehedem eine beinahe zahllose Menge von Schafen und Lämmern entdeckte. Nun ist die Herde wie weggeblasen und an ihrer Statt tausend der allerliebsten Mädchen, von denen die eine schöner ist als die andere! Aufrichtig gesagt, wenn diese ganze Geschichte nicht irgendeine verfängliche Lumperei ist, so wäre mir diese Herde freilich wohl unglaublich lieber; aber man darf hier im Ernste seinen Sinnen nicht trauen, denn – kehr' die Hand um, und es ist alles ganz anders!

[BM.01_006,04] O weh, o weh, jetzt kommen sie alle auf mich zu, ohne daß ich sie verlesen habe! Na, ist auch recht; da werde ich diese lieben Kinder doch in der Nähe so recht nach Herzenslust betrachten können, und – oh, oh! – vielleicht kann ich hier etwa gar eine oder die andere umarmen? Da wäre es wahrlich gar nicht so übel, in alle Ewigkeit hier ein Hirte einer so herrlich verwandelten Schafherde zu sein! Wirklich nicht übel, nicht übel! –

[BM.01_006,05] Sie kommen näher; und je näher, desto herrlicher sehen sie aus! Die eine dort in der Mitte voran – oh, oh, ist die aber schön! – O Kraft meiner Moral, jetzt verlaß mich nicht, sonst bin ich verlesen! Es ist nur gut, daß hier das dumme Zölibat keine Geltung mehr hat, sonst könnte unsereiner hier auf die leichteste Art zu einem Todsünder werden!

[BM.01_006,06] Ich soll sie wohl aus dem Buche beim Namen rufen, aber das werde ich nun fein bleiben lassen; denn dann würden sie offenbar davonrennen und sich nimmer blicken lassen! Daher nur schön ruhig, du mein dickes Namensbüchlein; vor dieser Herde sollst du so hübsch verschlossen bleiben!

[BM.01_006,07] Sie kommen näher und näher, und – nur stille jetzt, noch zehn Schritte und sie sind da; ja, da ganz bei mir werden die lieben Engerln sein! – O ihr lieben, lieblichen Engerln!"

[BM.01_006,08] Seht, nun sind die „lieben Engerln" schon bei unserem Mann, umringen ihn und fragen ihn, was er hier zu machen habe?

 

7. Kapitel – Bischof Martins Versuchung und seine Belehrung durch den Engel Petrus.

[BM.01_007,01] Unser Mann, ganz weg vor lauter Anmut und Liebe, antwortet mit bebender Stimme: „O ihr – himm–lischen Engerln, oh, oh, oh, ihr lieben, lieben Engerln! – Oh, ohooooh, ihr allerliebsten Engerlein Gottes! – Ich – soll – euer – Hirte sein; aber ihr aller-, allerliebsten Engerlein, ihr seht es ja, daß ich dazu viel zu dumm bin!"

[BM.01_007,02] Die Schönste dieser Herde setzt sich recht kindlich zutraulich knapp neben unserem Mann zuerst nieder und die andern folgen ihrem Beispiele. Eben diese Allerschönste sagt darauf zu unserm Hirten: „O du lieber Mann, du bist zu bescheiden; denn ich finde dich sehr schön, und wärst du zu bewegen, so wäre ich überglücklich, ewig die Deine zu sein! Sieh mich an; gefalle ich dir denn nicht?"

[BM.01_007,03] Unser Mann bringt aus lauter Verliebtheit nichts als sein nun stark zitterndes und nimmer endenwollendes Ooooooooh heraus; denn der überschöne, goldblond gelockte Kopf, die freundlichsten großen, blauen Augen, der Rosenmund, der ätherisch wallende volle Busen, die schönsten, runden Hände, wie die noch ätherischeren Füße bringen unsern Mann beinahe von Sinnen.

[BM.01_007,04] Das Engerl sieht des Hirten große Liebesaufregung, beugt sich über ihn und gibt ihm einen Kuß auf die Stirne.

[BM.01_007,05] Bis dahin hatte sich unser Mann noch so ziemlich tapfer gehalten; nun aber war es rein aus! Er wurde durch und durch erregt; umschlang diese Schönste nach Kräften und brach endlich in einen Strom von Liebesbeteuerungen aus.

[BM.01_007,06] Als er aber so in sein Dulcissimum kam, verwandelte sich plötzlich die ganze Szene. Die lieben Engerln verschwanden und der Engel Petrus stand bei unserm Manne und sprach:

[BM.01_007,07] „Aber Bruder, wie weidest denn du deine Schafe? Habe ich dir solchen Rat erteilt? Ja, wenn du so mit den dir anvertrauten Schafen und Lämmern umgehst, dann wirst du wohl überlange nicht zum ewigen Lebensziele gelangen! Warum hast du denn das Buch nicht gebraucht?"

[BM.01_007,08] Spricht der Bischof: „Warum aber hast du mir auch nicht gesagt, daß diese von deinem Hause aus gesehenen Schafe und Lämmer eigentlich nur die allerschönsten und reizendsten Mädchen sind, bei denen nur ein Stein gleichgültig bleiben könnte?! Du siehst, daß ich da eigentlich nur gefoppt war, und so wirst du aus solcher Fopperei ja doch kein schrecklich Wesen machen?"

[BM.01_007,09] Spricht der Engel: „Wie sieht es denn nun mit deinem Zölibat aus? Hast du nun dieses nicht gebrochen und das Gelübde der ewigen Keuschheit?"

[BM.01_007,10] Spricht der Bischof: „Ach, was Zölibat, was Gelübde! Bin ich doch jetzt ganz mit Haut und Haar auf lutherischem Boden; der hebt beides auf! Und überhaupt: einem solchen Engel, wie dies Mädchen da war, hätte ich auch auf der Welt mit dem ganzen Zölibate ein Opfer gebracht und wäre ihr zuliebe augenblicklich ein Lutheraner geworden! Aber wohin sind denn nun diese herrlichen Mädchen verschwunden, besonders die eine? Oh, wenn ich nur diese noch einmal sehen könnte!"

[BM.01_007,11] Spricht der Engel: „Freund, du wirst sie nun recht bald wiedersehen, samt ihrer Begleitung; aber dann darfst du sie nicht sprechen und noch weniger dich ihr nahen! Wenn sie dir aber nachsetzen will, dann hebe deine Hand auf und sage: ,Kehre im Namen des Herrn zurück zur rechten Ordnung und versuche mich nicht, sondern folge der Stimme der Ordnung!‘

[BM.01_007,12] Sollte sich die Herde nicht daran kehren, da schlage das Buch auf und lies die Namen, die darinnen stehen, so wird die Herde sich entweder plötzlich zerstreuen oder – so sie in dir einen Ton gewahren wird, der aus des Herrn Kraft in dir entstammt – so wird sie dir folgen. Du aber wirst sie dann führen auf jenen Berg dort gegen Mittag, wo ich dir schon wieder entgegenkommen werde!

[BM.01_007,13] Was aber jetzt geschah, das opfere in deinem Herzen dem Herrn Jesus auf; denn Er ließ es zu, daß du fielst und im Falle dein hartnäckiges Zölibat von dir warfst!

[BM.01_007,14] Nun aber falle nicht mehr; denn ein wiederholter ähnlicher Fall würde dich in einen solchen Schaden versetzen, daran du im Ernste Hunderte von Erdenjahren zu nagen hättest, bis du ihn von dir brächtest! Daher sei nun vorsichtig und klug! Denn wirst du einmal lauter sein, dann werden zahllose und noch endlos größere Schönheiten im Reiche Gottes dir entgegenkommen; aber vorher mußt du alle deine irdischen Torheiten ablegen aus der Wurzel!

[BM.01_007,15] Nun verharre hier und tue nach diesem meinem Rate, so wirst du für die Folge einen angenehmen Weg haben im Namen des Herrn!"

[BM.01_007,16] Nach diesen Worten verschwindet der Engel Petrus plötzlich, damit der Bischof nun keine Gelegenheit haben solle, noch irgend einige burleske Bemerkungen zu machen und in manchem dem Engel zu widersprechen!

 

8. Kapitel – Bischof Martins kritisches Selbstgespräch und Sündenbekenntnis.

[BM.01_008,01] Ganz allein nun wieder auf der Wiese, fängt er nach einer Weile mit sich selbst folgenden Monolog zu führen an:

[BM.01_008,02] (Bischof Martin:) „Wo ist er denn jetzt hin, mein Führer? Ein sauberer Führer das; wenn man ihn am nötigsten brauchte, verschwindet er und ist nun Gott weiß wo! – Nur wenn man irgend gefehlt hätte, da ist er im Nu da – eine Eigenschaft, die ich am allerwenigsten leiden kann! Entweder bei einem bleiben und ihn führen auf solch unsicheren Wegen, wie diese geisterweltischen da sind, oder – er soll sich packen für ewig von mir, so er nur dann zu mir kommt, wenn ich schon irgend gesündigt hätte! O solche Narren gäbe es mehrere!

[BM.01_008,03] Will er mich der Seligkeit zuführen, so bleibe er sichtbar bei mir, sonst ist seine Führerschaft überhaupt nichts wert! Na warte, du lutherischer Versteckpatron von einem Führer, – du sollst an mir einen Knochen zu nagen bekommen, daß dir alle deine Geduld vergeht! Was kann mir denn noch mehr geschehen? Lutheraner bin ich, nach der Lehre Roms vollkommen zur Hölle reif – vielleicht, ohne daß ich's merke, schon darinnen?!

[BM.01_008,04] Daher laß die schönen Lämmer nur noch einmal zu mir kommen! Ich werde ihnen zwar kein Wolf im Schafskleide sein, aber ein Liebhaber voll Feuer, wie es keinen zweiten auf der Erde je gegeben hat! – Meine Hand werde ich nimmer gegen sie erheben und sie auch aus diesem Buche nicht verlesen, auf daß sie nicht mehr fliehen sollen von mir. Ich will mich zwar auch nicht mehr so weit vergessen mit einer oder der andern; aber von der Handaufhebung und vom Verlesen soll an mir keine Spur zu entdecken sein! Und kommt er dann etwa wie aus einem Schlupfwinkel zum Vorscheine, da soll er sehen, wie ein Bischof von der Erde reden kann, so er es will! –

[BM.01_008,05] Wo etwa nur die lieben Engerln so lange bleiben? Bis jetzt ist noch keine Spur von ihnen irgendwo zu entdecken. Ich merke aber nun auch an mir, daß ich nun viel mutiger und kecker geworden bin! Daher nur her mit euch, ihr lieben Engerln, ihr sollet an mir nun schon den rechten Mann finden – keinen Feigling mehr, sondern einen Helden, und was für einen Helden!

[BM.01_008,06] Aber noch immer weilen sie irgendwo! Es ist doch schon eine geraume Zeit, seit mein Führer mich verließ, und noch immer keine Seele irgendwo zu entdecken! Was soll denn das sein? Hat mich etwa gar mein sauberer Führer so hübsch angesetzt für alle ewige Zeiten? Die Geschichte riecht hübsch stark darnach! Mir kommt schon wieder vor, als wenn so einige Dutzend Jahre verstrichen wären, seit er mich verließ. Es werden etwa gar wieder Millionen herauswachsen?

[BM.01_008,07] Es ist dies Geisterweltleben schon ein wahres Sauleben! Man steht da wirklich wie ein Ochse am Berge: Alles ist so dunstig; kein rechtes Licht! Alles ist das nicht, als was es sich zeigt! Der Stein, auf dem ich nun schon eine geraume Zeit der Schafe und Lämmer harre, ist sicher auch etwas ganz anderes, als er zu sein scheint! Auch die lieben Engerln: Gott weiß, wo und was sie so ganz eigentlich sind? Wahrscheinlich – nichts! Denn wären sie etwas, so müßten sie schon da sein! Ja, ja, es ist alles nichts, was da ist! Mein Führer auch; sonst könnte er doch unmöglich so schnell ins reinste Nichts verschwinden!

[BM.01_008,08] Am meisten finde ich dieses Leben dem Traumleben ähnlich. Da hat es mir auch oft von allerlei dummen Dingen geträumt, von allerlei Verwandlungen. Was waren sie aber? Nichts als Bilder, ausgeprägt von der phantastischen Einbildungskraft der Seele! Ebenso ist nun auch dieses Leben nichts als ein eitler, leerer, höchstwahrscheinlich ewiger Traum! Bloß diese meine Erwägungen scheinen wirklich von Gehalt zu sein; alles andere aber ist nichts als ein elendes Phantasiestück der Seele! Nun warte ich schon sicher bei 200 Jahre hier auf die Lämmer und Schafe, aber es ist keine Spur von ihnen zu entdecken!

[BM.01_008,09] Was mich aber dennoch wundert: daß in dieser Phantasiewelt dies Buch, diese meine Bauernkleidung, auch diese Gegend samt dem lutherischen Haus und Tempel so ganz unverändert ihre Gestalt behalten? Diese Geschichte ist allerdings etwas spaßig. Etwas scheint an der Sache doch zu sein, aber wieviel, das ist eine andere Frage!

[BM.01_008,10] Oder sollte etwa doch nicht recht sein, daß ich gleich anfangs nicht gewillt war, seiner Lehre fest Folge zu leisten?! So er aber ein rechter Führer ist, hätte er mir's denn nicht gleich verweisen können, anstatt sich sogleich mir und dir nichts aus dem Staube zu machen! Hat er denn nicht gesagt, daß ich, so ich noch einmal fiele, dann in einen großen Schaden käme, an dem ich im Ernste mehrere Hunderte von Erdenjahren werde zu lecken haben? Bin ich denn aber wirklich schon gefallen? Mit dem Gedanken und bloßen Willen freilich wohl, aber im Werke unmöglich, weil die gewissen Engerln gar nicht zum Vorschein gekommen sind!

[BM.01_008,11] Vielleicht aber sind diese darum nicht erschienen, weil ich solche Gedanken und solchen Willen hatte? Das könnte sehr leicht sein! Wenn ich aber nur solche Gedanken loswerden könnte! Warum mußten sie auch gar so entsetzlich schön und reizend sein? Da habe ich mich einmal ordentlich eingetunkt! Jetzt heißt's denn warten, bis sich meine dummen Gedanken legen werden – und der Wille mit ihnen!

[BM.01_008,12] Das seh ich aber schon ein nun: Wenn das eine Prüfung meiner Hauptschwäche ist, so wird es mit mir einen ganz verzweifelten Haken haben; denn in diesem Punkte war ich auf der Welt insgeheim ein Vieh in optima forma! Ja, wenn ich da so eine recht üppige Dirne sah, so ging's mir – – – taceas! Wie viele habe ich – – taceas de rebus praeteritis! – schöne junge Nonnen! Oh, das waren selige Zeiten, – aber nun taceas!

[BM.01_008,13] Wie strenge war ich im Beichtstuhle gegen die Beichtkinder, und wie lau gegen mich! Leider, leider, es war nicht recht; aber wer außer Gott hat Kraft, der Macht der Natur zu widerstehen?

[BM.01_008,14] Wenn das saudumme Zölibat nicht wäre und ein Bischof der Mann eines ordentlichen Weibes wäre, wie es meines Wissens Paulus auch ausdrücklich verlangte, da hätte man mit dem Fleische doch sicher einen leichteren Kampf. Aber da lebt so ein Bischof stets wie ein Adam vor der Segnung des Erkenntnisbaumes mit der verführerischen Eva in einem gewissen – Paradiese und kann sich an dem dargereichten Apfel nimmer satt fressen!

[BM.01_008,15] O große Lumperei! Es ist nun einmal so, wer kann's ändern? Der Schöpfer allein, so Er es will; ohne Ihn aber bleibt der Mensch – besonders aus meinem Gelichter! – schon allzeit und ewig ein Vieh, und das ein recht abscheulichstes Vieh!

[BM.01_008,16] Herr, sei mir gnädig und barmherzig! Ich sehe schon, so Du an mich nicht Deine Hand legen wirst, wird's mit mir schwer weitergehen; denn ich bin ein Vieh – und mein Führer ein eigensinniger Tropf, vielleicht gar Luthers Geist! Da wird es nicht gehen! Geduld, verlaß mich nicht; schon wieder tausend Jahre auf einem Fleck!"

[BM.01_008,17] Nun verstummt er endlich und harrt der Schafe und Lämmer.

 

9. Kapitel – Weitere Geduldsprobe Bischof Martins und sein Galgenhumor.

[BM.01_009,01] Er sieht sich nach allen Seiten um und wartet und wartet; aber noch immer keine Spur von Schafen und Lämmern. Er steht nun von seinem Steine auf, besteigt ihn und schaut von diesem erhöhten Punkte nach den Schafen; aber auch von da ist nichts zu erschauen.

[BM.01_009,02] Er fängt nun zu rufen an, doch meldet sich nichts und kommt auch nichts zum Vorschein. Er setzt sich abermals nieder und harrt. Aber vergeblich, denn es läßt sich von keiner Seite her etwas erschauen. Er wartet noch eine Weile, und da durchaus nichts mehr kommen will, steht er nun ganz ungeduldig auf, nimmt sein Buch und begibt sich mit folgenden Worten weiter:

[BM.01_009,03] (Bischof Martin:) „Jetzt habe ich aber diese Geschichte satt! Es werden jetzt schon wieder bei einer Million Jahre verflossen sein, wenigstens nach meinem Gefühle, und noch keine Änderung meines Zustandes! Jetzt aber werde ich dir, du mein sauberer Führer, keinen Narren mehr machen; als ein ehrlicher Kerl werde ich dir dein dummes Buch in dein lutherisches Haus stellen und mich dann auf den Weg machen – geh's, wohin es wolle! Es wird diese Welt ja doch auch irgendwo einmal so ganz echt mit Brettern vernagelt sein, wo man dann wird sagen können: Huc usque et non plus ultra!

[BM.01_009,04] Und wenn ich dann in Gottes Namen auf einem solchen Punkte werde etwa eine Trillion oder gar Dezillion Jahre hocken müssen, bis etwa die Geisterweltbretter dann auch morsch werden, so werde ich doch wissen, warum! Aber hier für nichts und wieder nichts einen Narren machen, das werde ich fortan bleiben lassen. Denn was man sich selber zufügt, erträgt man leichter, als was einem so ein bornierter Gimpel von einem Führer zufügt! Ich bin schon so toll auf diesen lutherischen Lumpen, daß ich mich an ihm gerade vergreifen könnte, so er mir jetzt unterkäme!

[BM.01_009,05] Kann es denn wohl etwas Langweiligeres und auch Peinlicheres geben, als etwas bestimmt Verheißenes erwarten, und dieses kommt nimmer zum Vorscheine? Nein, das ist zu arg! Welch eine schaudervoll lange Zeit harre ich nun schon hier; ob der Wirklichkeit, oder bloß dem Gefühle nach, das ist nun schon ein – Gott steh' uns bei! – und ganz ohne Grund und mir begreiflichen Zweck! Denn wegen der gewissen Schafe und Lämmer, – das ist nun schon lange nicht mehr wahr, wie es auch nie wahr gewesen ist!

[BM.01_009,06] Träfe ich aber hier nur einen mit mir gleichgesinnten Menschen, o wie herrlich wäre das! Wie schön würden wir über diese schundigste Geisterwelt losziehen, daß es eine helle Freude wäre; so aber muß ich diese Freude schon mit mir selbst teilen! Aber nun auf! Es ist keine Zeit mehr zu verlieren, will ich auf diesem Steine nicht selbst zu Stein werden!

[BM.01_009,07] Wo ist denn nun das verzweifelte Buch? Hat es sich vielleicht selbst nach Hause getragen, um mir den Weg zu ersparen? Ist auch recht! Aber es geniert mich heimlich doch ein wenig; es ist doch gerade noch dagelegen und ich wollte es in die Hand nehmen – und sieh, es verschwand!

[BM.01_009,08] Nein, wie diese Geisterwelt dumm bestellt ist, das liegt über dem Horizont aller menschlichen Vorstellung! Ein Buch empfiehlt sich von selbst, so man es verdientermaßen ein wenig kritisiert hat! Die Sache ist nicht übel!

[BM.01_009,09] Ich werde schon noch müssen diesen Stein auch um Vergebung bitten, daß ich so lange mein unwürdiges Wesen habe auf ihm ruhen lassen – sonst empfiehlt er sich auch noch! Und so ich mich nun auf einen Marsch durch diese herrlichen Nebelgefilde und Moosfluren bei doppelter Sonnenwendkäferbeleuchtung machen werde, da werde ich wohl etwa auch das Moos vorher um die Erlaubnis bitten müssen, mir gnädigst zu gestatten, meinen Fuß zwecks meiner Weiterbeförderung darauf setzen zu dürfen!

[BM.01_009,10] O das ist schon ganz ver-, halt, nur nicht fluchen! Das ist schon überaus saudumm! Da seht: auch – Gott sei Dank! – das lutherische Haus samt dem Tempel ist Gott weiß wohin spazierengegangen! Nur zu, zuletzt geht schon alles zum Plunder! Nur der Stein ist noch da, wenn's wahr ist?! Das Aussehen hätte es wohl, als wäre der Stein noch da; aber ich muß schon genauer sondieren! – Richtig, richtig, auch der Herr von Stein hat sich empfohlen!

[BM.01_009,11] Na, jetzt wird es vielleicht auch für mich an der Zeit sein, sich zu empfehlen? Aber wohin? Da ist hier wahrlich nicht viel zu wählen! Nur schnurgerade der Nase nach – vorausgesetzt, daß ich noch eine Nase habe; denn wer wie ich nun schon zum zweiten Male einige Millionen Jahre bloß bei der Nase herumgeführt wurde, der müßte sich doch im Ernste fragen, wie es noch mit dem Besitze dieses Gliedes steht? Aber Gott sei Dank, ich habe es noch; daher nun nur vorwärts diesem einzigen Wegweiser nach in dieser wirklich schönen Geisterwelt!"

[BM.01_009,12] Seht, nun fängt er an zu gehen, und der Engel Petrus folgt ihm unsichtbar. ,Gehen‘ in der Geisterwelt aber heißt ,andern Sinnes werden‘, und wie sich dieser ändert, so ändert sich auch scheinbar der Ort. – Wir werden nun bald sehen, wohin sich unser Mann wenden wird. –

 

10. Kapitel – Bischof Martin auf Abwegen. Winke des Herrn über geistige Zustände und deren Entsprechungen.

[BM.01_010,01] Wer von euch am Kompaß des Geistes sich auskennt, wird bald merken, daß unser Mann nun statt gegen Mittag schnurgerade gegen Abend seine Richtung eingeschlagen hat. Er geht nun ganz mutig und behende vorwärts; aber er entdeckt nichts außer sich als einen mit spärlichem Moose bewachsenen ebenen Boden und eine sehr matte, graulichte Beleuchtung des scheinbaren Firmaments, das, je mehr und je tiefer gen Abend, stets dunkler wird.

[BM.01_010,02] Diese sichtlich zunehmende Dunkelheit macht ihn etwas stutzen; aber es hält ihn nicht ab, seinen Gang einzuhalten, wovon der Grund ist, weil seine Erkenntnis und sein Glaube so gut wie gar nichts sind. Was aber noch da, das ist falsche Begründung wider das reine Wort des Evangeliums, somit barstes Antichristentum und ein im verborgenen Hintergrunde in humoreske Maske verhüllter Sektenhaß.

[BM.01_010,03] Daher dieses Bischofs Gang gegen den stets dunkler werdenden Abend; daher der mit spärlichem Moose bewachsene Boden, welcher die Trockenheit und die magerste Geringheit Meines Wortes in dieses Mannes Gemüte bezeichnet. Daher auch das stets zunehmende Dunkel, weil das zu gering und gar nicht geachtete und noch weniger beachtete Wort Gottes (vor dem sich derlei Bischöfe nur pro forma in roten und goldenen Gewändern beugen) in ihm nie zu jener Lebenswärme gedieh, aus der dann das herrliche Licht des ewigen Morgens für den Geist hätte hervorgehen können.

[BM.01_010,04] Solche Menschen müssen in der Geisterwelt in die größte scheinbare Verlassenheit kommen und in die vollste Nacht; dann erst ist es möglich, sie umzukehren. Wie schwer es aber hier auf der Welt ginge, einen solchen Bischof auf den wahren Apostelweg zu bringen, ebenso und noch bei weitem schwerer geht es dort, weil er dort von außen her als Geist natürlich rein unzugänglich ist, in ihm aber nichts ist als Irrtümliches, falsch Begründetes und im Grunde Herrschsüchtiges.

[BM.01_010,05] Meiner Gnade aber sind freilich wohl viele Dinge möglich, die dem gewöhnlichen Ordnungsgange unmöglich wären! Daher wollet ihr eben bei diesem Manne praktisch beschauen, wohin er kommen kann mit dem, was da in ihm ist, und was am Ende, wenn sozusagen alle Stricke reißen, noch Meine Gnade bewirken kann, ohne in die Freiheit des Geistes einzugreifen. Solche Gnade wird diesem Manne auch zuteil, weil er einmal gebeten hatte, daß Ich ihn mit Meiner Hand ergreifen möchte! Aber eher kann ihn die ausschließliche Kraft Meiner Gnade dennoch nicht ergreifen, als bis er all den eigenen Plunder von allerlei Falschem und verborgen Bösem aus sich hinausgeschafft hat, was sich durch den Zustand der dichtesten Finsternis, die ihn umgeben wird, kundtun wird.

[BM.01_010,06] Nun aber richten wir unsere Augen wieder auf unsern Wanderer! – Langsam und behutsamen Schrittes schreitet er wieder vorwärts, bei jedem Schritte den Boden prüfend, ob er wohl fest genug wäre, ihn zu tragen. Denn der Boden wird nun hie und da sumpfig und moorig, was ein entsprechendes Zeichen ist, daß alle seine falsch begründeten Erkenntnisse bald in ein unergründliches Geheimnismeer münden werden. Daher stoßen sie schon jetzt auf unterschiedliche kleine Geheimnissümpfe in stets dichter werdender Dunkelheit – ein Zustand, der sich schon auf der Welt bei vielen Menschen dadurch kundgibt, daß sie, so ein Weiserer mit ihnen etwas vom Geistes- und Seelenleben nach dem Tode zu reden beginnt, sogleich mit dem Bedeuten davon abzulenken suchen: so etwas mache sie ganz verwirrt, verstimmt und traurig, und der Mensch würde, so er viel über derlei nachgrübeln möchte, am ersten zu einem Narren.

[BM.01_010,07] Diese Scheu ist nichts anderes als ein Auftritt des Geistes auf einen solchen Boden, der schon sehr sumpfig ist, und wo niemand mehr den Mut hat, die unbestimmten Tiefen solcher Sümpfe mit seinem überaus kurzen Erkenntnismaßstabe zu bemessen aus Furcht, dabei etwa ins Grundlose hinabzusinken.

[BM.01_010,08] Seht, der Boden, der unsern Mann trägt, fängt an, stets gedehntere förmliche kleine Seen zu entwickeln, zwischen denen sich nur noch kleine und schmale, scheinbare Erdzungen durchschlängeln. Dies entspricht den hirngespinstischen Faseleien eines solchen erkenntnislosen Gottbekenners mit dem Munde, dessen Herz aber dennoch der purste Atheist ist.

[BM.01_010,09] Auf solchem Boden also wandert nun unser Mann den Weg, den viele Millionen wandeln! Immer schmäler werden diese Erdzungen zwischen den stets bodenloser werdenden Seen, voll verzweifelter Unergründlichkeit für seine Erkenntnis. Er wankt schon stark, wie jemand, der über einen schmalen Steg geht, unter dem ein reißender Bach dahinstürzt. Aber dennoch bleibt er nicht stehen, sondern wankt aus einer Art falscher Wißbegierde fort, um irgendein vermeintliches Ende der Geisterwelt zu finden; zum Teil aber auch, um heimlich die schönen Schafe und Lämmer zu suchen, denn diese gehen ihm noch nicht aus dem Sinn!

[BM.01_010,10] Wohl ist ihm alles genommen worden, was ihn daran erinnern könnte: das Buch, die Wiese, der Stein (des Anstoßes) samt den Schafen und Lämmern, die ihm einmal auf der Welt sehr viel bezaubernd Reizendes und überaus erheiternd Angenehmes bedeuteten. Darum führte sie ihm der Engel Petrus auch hauptsächlich vor, um seine Schwächen in ihm zu enthüllen und ihn auch dadurch mehr abzuöden.

[BM.01_010,11] Nun sehen wir auch, was unseren Mann also treibt, bis er ans grenzenlose Meer kommen wird, wo es dann heißen wird: „Bis hierher und nicht weiter reicht alle deine Blindheit, Dummheit und übergroße Narrheit!"

[BM.01_010,12] Lassen wir ihn daher nur fortwanken bis an die äußerste Erdzungenspitze seiner Faseleien, der er nun nicht mehr ferne ist. Dort wollen wir ihn dann nach Muße behorchen, was alles für Narrheiten er in das Meer seiner Geistesnacht hinausspeien wird!

[BM.01_010,13] Ein jeder von euch aber erforsche seine geheimen dummen Weltneigungen genau, auf daß er über kurz oder lang nicht auf den sehr traurigen Weg dieses Wanderers kommen wird!

 

11. Kapitel – Die bedrängte Lage unseres Wanderers; sein weiteres Selbstgespräch und ärgerliches Schimpfen.

[BM.01_011,01] Nun sehet hin: unser Mann hat bereits das Meer erreicht; kein Zünglein teilt irgend mehr das endlose Gewässer dieses Meeres, was eben aus dem grenzenlosen Unverstande dieses Mannes entspringt und selben in entsprechender Form darstellt. Auch bezeichnet es jenen Zustand des Menschen, in dem er fast zu gar keiner Vorstellung von was immer gelangen kann und förmlich begrifflos wird gleich einem kompletten Narren, bei dem alle seine Begriffe chaotisch in ein Meer von Unsinn zusammenfließen.

[BM.01_011,02] Mürrisch und voll Unwillen steht er nun am letzten Rande, das ist: am letzten Begriffe, nämlich bei sich selbst! Sich allein noch erkennt er; alles andere ist zu einem finsteren Meere geworden, in dem nichts als allerlei unförmliche, finstere Ungeheuer dumpf und blind und stumm herumschwimmen und unseren Mann umreihen, als wollten sie ihn verschlingen. Groß ist die Dunkelheit und feucht und kalt der Ort; unser Mann erkennt nur aus der Wellen mattestem Schimmer und dem grauenerregenden dumpfen Geplätscher der Wogen, daß er sich nun am Rande eines unermeßlichen Meeres befindet.

[BM.01_011,03] Höret nun aber wieder ihn selbst, was er nun für sonderliches Zeug zusammenfaselt, damit ihr erkennen möget, wie es nicht nur diesem Manne, sondern noch einer zahllosen Menge von Menschen ergeht, die alles im Kopfe, in ihrer dümmsten Einbildung, aber wenig oder nichts in ihrem Herzen besaßen und noch besitzen! Horchet nun, er beginnt zu sprechen:

[BM.01_011,04] (Bischof Martin:) „So, so, so, – jetzt ist es recht! O du verfluchtes Sauleben! Wenigstens zehn Millionen Erdenjahre mußte ich als arme Seele in dieser Nacht und barsten Finsternis herumirren, um statt eines erwünschten guten Zieles an ein Meer zu gelangen, das mich ohne weiteres für die gesamte Ewigkeit verschlingen wird!

[BM.01_011,05] Das wär' mir ein schönes „Requiescant in pace, et lux perpetua luceat eis!"! Auf der Welt werden sie diese herrliche Hymne mir sicher oft genug nachgesungen haben. Ich ruhe nun wohl für die Welt ewig, und meine Asche wird noch irgend von einer Sonne beschienen oder von einem phosphorischen Moderschimmer einer Totengruft; aber ich, ich, der eigentliche Ich – was ist aus mir geworden?

[BM.01_011,06] Ich bin wohl noch ganz derselbe, der ich war; aber wo, wo bin ich, wo bin ich hingekommen? Hier steh' ich an der lockeren Spitze einer schmalsten Erdzunge, wenn man diesen Boden auch Erde nennen kann, und rings um mich her ist die dickste Nacht und ein ewiges, unergründliches Meer!

[BM.01_011,07] O Menschen, die ihr auf der Erde noch die große Gnade habt, das Leben des Leibes zu besitzen – vorausgesetzt, daß die Erde noch besteht –, wie endlos glücklich seid ihr und wie enorm reich gegen mir alle, die ihr dort in den dürftigsten Lumpen gute Menschen um einen Zehrpfennig anflehet! Leider erwartet euch hier mein oder vielleicht noch ein viel ärgeres Los!

[BM.01_011,08] Daher rette sich dort, wer sich nur immer retten kann: entweder durch feste Haltung der Gesetze Gottes, oder er werde mit Leib und Seele ein Stoiker, was vorzuziehen ist; alles andere taugt für nichts! Hätte ich das eine oder das andere getan, so wäre ich nun glücklicher; so aber stehe ich als ein ewiger Ochse und Esel zugleich – nicht vor einem Berge, sondern vor einem Meere, das da sicher ewig fortdauert, mich wahrscheinlich für ewig verschlingen wird, aber unmöglich töten kann, weil ich schon einmal unsterblich sein muß!

[BM.01_011,09] Denn könnte hier in dieser endlos dümmsten Geisterwelt mir etwas den Tod geben, so wäre es doch unfehlbar am ersten der furchtbare Hunger, der mich nun schon so viele Millionen von Erdenjahren auf das entsetzlichste plagt! Wäre ich nicht selbst eine höchstwahrscheinlich sehr luftige Seele, so hätte ich mich schon lange gleich einem Werwolf bis aufs letzte Zehenspitzel aufgefressen; aber so ist auch das nichts und wieder nichts!

[BM.01_011,10] Wenn mich aber dies Meer nun höchstwahrscheinlich ehestens verschlingen wird, wie wird es mir dann in dieser endlosen Fischwelt ergehen? Wie viele Haifische werden mich darin verschlingen, und wie viele andere Ungeheuer werden sich an mir mit ihren Zähnen versuchen und werden mich fressen und mir dadurch die größten Schmerzen verursachen, dabei mich aber dennoch ewig nicht zu töten imstande sein?! – O der herrlichsten Aussicht für die ewige Zukunft!

[BM.01_011,11] Vielleicht waren jene Schafe und Lämmer so eine Art geistiger Sirenen und haben mich unsichtbar hierher gezogen, um mich hier zu zerreißen und aufzufressen? Es ist schon freilich beinahe endlos nicht mehr wahr, daß ich sie einmal vor Millionen Jahren der Erde gesehen habe; aber dennoch wäre so etwas gerade nichts Unmögliches in dieser unbegreiflich dümmsten Geisterwelt, wo man die Jahrtausende verlebt, ohne außer sich etwas zu erschauen, zu beurteilen und zu erkennen, ohne etwas zu tun, außer dann und wann mit sich einige tausend Jahre lang wert- und fruchtlose Gespräche zu führen gleich einem barsten Narren auf der Welt der Leibesmenschen!

[BM.01_011,12] Ich begreife nur das einzige nicht, daß ich nun keine größere Furcht habe in dieser meiner sicher verzweifeltsten Lage? Ich bin im Grunde mehr zornig als furchtsam; aber da ich niemanden habe, an dem ich meinen gerechten Zorn auslassen könnte, so muß ich ihn wie einen abgestandenen Essig verbeißen.

[BM.01_011,13] Dennoch aber kommt es mir vor, daß wenn selbst Gott nun, so Er irgend Einer ist, zu mir käme, so würde mein abgestandener Essig von einem Zorne wieder ganz frisch. Ich könnte mich weidlich vergreifen an einem solchen Scheingott, so er irgend Einer ist, weil Er die vergängliche Welt mit zahllosen Herrlichkeiten ausschmückte, diese unvergängliche aber schlechter bedachte als der barbarischste Tyrann von einem Stiefvater seine ihm verhaßtesten Stiefkinder, die ohne ihr Verschulden das Dasein erhielten und leider, leider seine Stiefkinder geworden sind!

[BM.01_011,14] O wie herrlich wäre es, an einem solchen Gott seinen Zorn auszulassen, wenn Er irgend Einer wäre! Aber leider, es gibt keinen Gott und kann nie einen gegeben haben! Denn wäre irgendein gottartiges höheres Wesen, so müßte es doch notwendig weiser sein als wir, seine Geschöpfe; so aber ist von einer Weisheit aber auch nirgends nur eine leiseste Spur zu entdecken!

[BM.01_011,15] Denn das muß doch ein Blinder einsehen, daß jedes Sein und Geschehen irgendeinen Zweck haben muß; ich aber bin doch auch ein Sein und ein unverschuldetes Geschehen! Ich lebe, ich denke, ich fühle, ich empfinde, ich rieche, ich schmecke, ich sehe, ich höre, ich habe Hände zur Arbeit und Füße zum Gehen, einen Mund, mit Zunge und Zähnen versehen, und – einen leersten Magen; aber dieser Gott sage mir: wozu? Wozu Millionen von Erdenjahren solche Besitztümer, die man doch nie gebraucht?

[BM.01_011,16] Also heraus mit einem so höchst unweisen Gott! Er stehe mir zur Rede – wenn Er irgend Einer ist –, auf daß Er von mir Weisheit lerne! Aber ich könnte Ihn Ewigkeiten lang herausfordern, so wird Er dennoch nicht erscheinen! Warum? Weil Er nicht und keiner ist!"

 

12. Kapitel – Bischof Martin auf dem toten Punkte. Aufnahme durch das ersehnte Schiff. Martins Dankrede an den Schiffsmann, der der Herr selbst ist.

[BM.01_012,01] Nach einer langen Pause, in der er doch etwas furchtsam die so kühn beschimpfte und sogar herausgeforderte Gottheit erwartete, beginnt er wieder folgendes, etwas dumpfere Gespräch mit sich selbst:

[BM.01_012,02] (Bischof Martin:) „Nichts, nichts und abermals nichts! Ich kann herausfordern, wen ich will; schmähen, wen ich will; gröblichst beschimpfen, wen ich nur immer will; hier gibt es niemanden, hier hört mich niemand, ich bin wie ein alleiniges, sich selbst bewußtes Leben in der ganzen Unendlichkeit!

[BM.01_012,03] Aber ich kann ja doch nicht allein sein! Die vielen tausendmal tausend Millionen von Menschen auf der Erde, die so wie ich geboren wurden, gelebt haben und wieder gestorben sind, wo sollen denn diese hingekommen sein? Haben sie etwa gänzlich aufgehört zu sein, oder haben sie in all den zahllosen Punkten der ganzen Unendlichkeit, voneinander endlos weit entfernt, etwa mit mir ein gleiches Eselslos? – Das scheint mir wohl das Allerwahrscheinlichste zu sein! Denn mein einstiger Führer und darauf die schönen Schäflein und Lämmerlein waren doch ein sicherer Beweis, daß es in dieser rein endlosen Welt wohl noch irgend Menschen gibt! Aber wo, wo, wo? Das ist eine andere Frage!

[BM.01_012,04] Da hinaus über dies endlose Meer wird es wohl sehr wenig Lebendiges mehr geben – aber höchstwahrscheinlich endlos weit hinter meinem Rücken! Wenn ich nur zurück könnte, so möchte ich auch diesen Versuch machen und würde sie aufsuchen! Aber leider bin ich hier mit Wasser ringsum so sehr verrammelt, daß eine Umkehr beinahe unausführbar erscheint.

[BM.01_012,05] Hier unter meinen Füßen ist's zwar noch trocken, und ich stehe noch auf einem, wennschon sehr lockeren, aber mich dennoch mit genauer Not tragenden Boden. So ich aber den Fuß weitersetzen würde, entweder rück- oder vorwärts, wie würde es mir dann ergehen? Sicher würde ich in den bodenlosesten Abgrund hinabsinken, in dies endlos große Wassergrab! Darum muß ich hier schon hocken bleiben in alle Ewigkeit, was auf jeden Fall eine herrliche Unterhaltung für mich abgeben wird!

[BM.01_012,06] Ach, wenn es hier doch so ein kleines, aber sicheres Schiff gäbe, in das ich so ganz frei einsteigen könnte, und das ich lenken könnte, wohin ich's wollte: welch eine Seligkeit wäre das doch für mich nun wahrhaftig allerärmsten Teu – – oho, nicht heraus; dieser Name soll nie über meine Lippen kommen! Es wird zwar an dem Teu –, nein „Gottstehunsbei" ebensowenig daran sein wie an der Gottheit selbst; aber der Begriff an sich ist so häßlich, daß man ihn ehrlichermaßen nicht leicht ohne gewissen heimlichen Schauder aussprechen kann!

[BM.01_012,07] Was sehe ich aber dort auf dem Wasserspiegel, nicht ferne von hier? Ist es etwa ein Ungeheuer – oder etwa gar ein Schiff? Siehe, du mein dürstend Auge, es kommt näher und näher! Bei Gott, es ist im Ernste ein Schiff, ein recht nettes Schiff mit Segel und Ruder! Nein, wenn das herkäme, so müßte ich von neuem an einen Gott zu glauben anfangen; denn so was wäre ein zu auffallender Beweis gegen alles, was ich bisher geplaudert habe! Richtig, es kommt stets näher und näher! Vielleicht hat es gar jemanden an Bord? Ich werde um Hilfe schreien: vielleicht hört mich jemand?!

[BM.01_012,08] (laut:) He da! He da! Zu Hilfe! Hier harrt schon eine endlose Zeitendauer ein unglücklicher Bischof, der einst auf der Welt einen sehr großen Herrn gespielt hat, nun aber in dieser Geisterwelt in größte Armseligkeit versunken ist und sich nimmer zu helfen und zu raten weiß! O Gott, o Du mein großer, allmächtiger Gott, so Du irgend Einer bist, hilf mir, hilf mir!"

[BM.01_012,09] Nun seht, das Schiff nähert sich behende dem Ufer, wo unser Mann sich befindet! An Bord ersehet ihr auch einen gewandten Schiffer, der Ich Selbst bin, und hinter unserem Mann den Engel Petrus, der nun, da das Schiff ans Ufer stößt, samt unserem Bischof behende das Schiff besteigt.

[BM.01_012,10] Der Bischof aber ersieht bloß Mich als den Schiffsmann, den Engel Petrus erblickt er noch immer nicht, weil dieser stets hinter ihm wandelt. Er geht nun überaus freundlichen Angesichts schnurgerade auf Mich zu und spricht:

[BM.01_012,11] „Welch ein Gott oder sonst ein anderer guter Geist machte es denn, daß du mit deinem Schifflein auf diesem endlos großen Meere dich gerade in diese Gegend verirrtest oder gar geflissentlich hieher lenktest, wo ich eine undenklich lange Zeit der Erlösung harrte? Bist du etwa gar ein Lotse in dieser Geisterwelt oder sonst ein Rettungsmann? Menschen deinesgleichen müssen hier unglaublich selten sein, indem ich jetzt seit einer undenklichen Zeitdauer aber auch nicht die allerleiseste Spur von irgendeinem Menschen entdeckt habe!

[BM.01_012,12] O du holdseligster, liebster Freund! Du scheinst mir viel besserer Natur zu sein als einer, der vor undenklich langer Zeit sich mir als ein Führer in dieser Welt von selbst aufdrang, um mich auf einen rechten Weg zu bringen! Aber das war dir ein Führer non plus ultra! Gott der Herr mag es ihm verzeihen; denn er führte mich nur eine kurze Zeit hindurch, und da zu lauter Schlechtem!

[BM.01_012,13] Einmal mußte ich mein Bischofskleid, das ich Gott weiß wie von der Welt mit herübernahm, ablegen und dafür diese gegenwärtige Bauernkleidung anziehen, die muß wohl aus einem allerbesten Stoffe verfertigt sein, ansonst sie selbst bei meinem ruhigsten Verhalten unmöglich Millionen von Erdenjahren gedauert hätte!

[BM.01_012,14] Mit dieser Bescherung aber wäre ich noch so leidlich zufrieden gewesen, natürlich mit der Hoffnung auf ein besseres Schicksal. Allein, was tat da dieser Held von einem Führer? Er selbst dingte unter manchen moralischen Sentenzen mich zu einem Hirten seiner Schafe und Lämmer!

[BM.01_012,15] Ich nahm den Dienst bereitwilligst an – obschon auf einem lutherischen Boden –, ging mit einem dicken Namenbuche seiner Herde hinaus und wollte tun, wie er mir angezeigt hatte; allein siehe da, aus der Herde der Schafe und Lämmer wurden lauter bildschöne Mädchen! Von Schafen und Lämmern war keine Spur mehr!

[BM.01_012,16] Ich hätte ihre Namen aus dem Buch verlesen sollen, aber es kamen keine solchen Tiere in der ganzen Gegend vor, die ich vorher deutlich aus dem Hause dieses lutherischen Führers gesehen hatte!

[BM.01_012,17] Wohl aber kamen, ohne sich aus dem Buche rufen zu lassen, diese schönsten Mädchen haufenweise zu mir und scherzten um mich her und küßten mich sogar. Und eine, die allerschönste, hat sich gar über mich mit beiden Armen ausgebreitet und mich mit einer so bezaubernden Anmut an ihre überzarte Brust gedrückt, daß ich darob in einen solchen Gefühlsdusel kam, wie ich etwas Ähnliches auf der Welt wohl nie empfunden habe.

[BM.01_012,18] Die ganze Geschichte war im Grunde sicher nicht schlecht, besonders für einen Neuling in dieser Welt; denn wußte ich vorher, daß ich statt der Schafe und Lämmer solche Mädchen würde in meine Obhut bekommen?

[BM.01_012,19] Aber da war, wie von einem Blitze herbeigeführt, auch schon mein schöner Führer bei der Hand und machte mir darob eine Predigt, die dem Martin Luther keine Schande gemacht hätte. Er gab mir unter manchen Androhungen neue, aber noch dümmere und luftigere Vorschriften, die ich auf das strengste hätte befolgen sollen und die sämtlichen Schafe und Lämmer am Ende auf einen angezeigten Berg bringen!

[BM.01_012,20] Allein ich, mit diesem etwas sonderlichen Auftrag eben nicht sehr zufrieden, bekam darauf weder den Führer noch die Herde zu Gesichte, wartete Gott weiß wie viele Millionen Jahre, – allein umsonst; wollte endlich das Buch meinem saubern Dienstgeber ins Haus zurückstellen. Allein das Buch, wahrscheinlich eine Art geistiger Automat, empfahl sich von selbst, nebst der ganzen Gegend; und ich empfahl mich endlich auch und ging. Ich kam hierher und konnte nicht mehr weiter, schimpfte eine Zeitlang, was ich nur konnte und verzweifelte endlich völlig, da sich durch eine so lange Dauer von keiner Seite her eine Spur irgendeiner Rettung zeigte.

[BM.01_012,21] Endlich kamst du als ein wahrhaftiger göttlicher Rettungsengel hierher und hast mich in dein sicheres Fahrzeug aufgenommen! Nimm meinen möglichst größten Dank dafür hin! Hätte ich etwas, womit ich es dir vergelten könnte, wie süß wäre das meinem dir ewig dankbarsten Herzen! Aber du siehst, daß ich hier ärmer bin als alles, das der Mensch nur immer als arm bezeichnen kann, und außer mir nichts besitze. Daher begnüge dich für deine große Freundschaft mit meinem Danke und mit mir selbst, so du mich zu irgendeinem Dienste gebrauchen kannst!

[BM.01_012,22] O Gott, o Gott, wie ruhig und wie sicher und wie schnell schwimmt dein Fahrzeug über den brausenden Wogen dieses endlosen Meeres, und welch ein angenehmes Gefühl! O du lieber, göttlicher Freund, jetzt sollte mein einstiger sehr bornierter Führer da sein! Da möchte es sich denn doch der Mühe lohnen, dich ihm vorzustellen und zu zeigen, was ein rechter Führer und Rettet für ein Gefühl haben müsse, so er ein Führer sein will! Ich war wohl auf der Welt selbst einmal ein Führer, aber – da schweige ich! – O Dank dir! Dank! Wie herrlich geht das Schifflein!"

 

13. Kapitel – Des göttlichen Schiffsmannes Worte über den Segen der Einsamkeit. Ein Beichtspiegel zur Förderung der Selbsterkenntnis.

[BM.01_013,01] Darauf spreche Ich als der freundliche Schiffsmann: „Es mag wohl recht mißlich sein, sich lange dauernd allein zu befinden; aber ein solch länger andauerndes Alleinsein hat doch wieder sehr viel Gutes! Denn man gewinnt da Zeit, über so manche Torheiten nachzudenken, sie zu verabscheuen und ganz abzulegen und aus sich hinauszubannen. Und siehe, das ist mehr wert als die zahlreichste und glänzendste Gesellschaft, in der allzeit mehr Dummes und Schlechtes vorkommt als Weises und Gutes!

[BM.01_013,02] Noch mißlicher aber ist die Lage, wenn das Alleinsein mit einer Lebensgefahr bedroht ist, wenn auch oft nur zum Schein; aber dessenungeachtet ist ein solches Alleinsein auch noch um tausendmal besser als die anmutigste und schönste Gesellschaft! Denn in solchem Alleinsein bedroht einen nur ein scheinbarer Untergang, für den es noch eine Rettung gäbe, so er auch wirklich erfolgt wäre. In der bezeichneten anmutigen und schönen Gesellschaft aber bedrohen einen Menschen nicht selten tausend wirkliche Gefahren, jede vollkommen tauglich, Seele und Geist ganz zu verderben und in die Hölle zu bringen, von der es nahezu keinen Ausweg mehr gibt! Daher war dein gegenwärtiger Zustand für dein Gefühl wohl ein sehr mißlicher, aber für dein Wesen keineswegs ein unglücklicher.

[BM.01_013,03] Denn siehe, der Herr aller Wesen sorgte dennoch für dich, sättigte dich nach Maß und Ziel und hatte mit dir eine große Geduld! Denn du warst auf der Welt ein römischer Bischof, was ich wohl weiß, und verrichtetest dein heidnisches Götzenamt zwar dem Buchstaben nach wohl sehr strenge, obschon du innerlich nichts darauf hieltest; aber so etwas kann doch deiner eigenen Beurteilung nach bei Gott, der allein auf das Herz und dessen Werke sieht, unmöglich einen Wert haben! Zudem warst du sehr stolz und herrschsüchtig und liebtest trotz deines geschworenen Zölibates das Fleisch der Weiber über die Maßen! Meinst du wohl, dies könnten gottwohlgefällige Werke sein?

[BM.01_013,04] Du machtest dir auch mit den Klöstern viel zu schaffen und besuchtest am liebsten die weiblichen, in denen es recht viele und schöne Novizinnen gab. Du hattest dann ein großes Wohlgefallen, so sie sich vor dir wie vor einem Gott niederwarfen und dir deine Füße umklammerten und du sie dann auf allerlei moralische Proben stelltest, von denen einige um nichts besser sind als eine komplette Hurerei! Meinst du wohl, daß solch ein moralischer Eifer von deiner Seite Gott dem Herrn wohlgefällig war?

[BM.01_013,05] Was hast du auf der Welt gegen das Gebot Christi, der den Aposteln gebot, keine Säcke, somit kein Geld, keinen Rock, keine Schuhe – außer im Winter – und nie zwei Röcke zu haben und zu tragen, für große Reichtümer besessen! Welch ausgesuchte Speisen trug dein Tisch, welch glänzendes Fuhrwerk, welche reichsten Bischofsinsignien zierten deine Herrschsucht!

[BM.01_013,06] Wie oft hast du als sein wollender Verkünder des Wortes Gottes auf der Rednertribüne falsch geschworen und hast dich selber verflucht, so dies oder jenes nicht wahr wäre, was du bei dir selbst doch in deinem ganzen Leben nie geglaubt hast!

[BM.01_013,07] Wie oftmals hast du dich selbst befleckt – und warst im Beichtstuhle, solange du dich noch im selben herumtriebst, unerbittlich strenge gegen die armen Kleinen und ließest die Großen so leicht durch, als wie leicht da springt ein Floh durch ein Stadttor!

[BM.01_013,08] Meinst du wohl, daß der Herr daran ein Wohlgefallen haben konnte, dem doch das ganze römische Babylon ein Greuel ist in seiner besten Art?

[BM.01_013,09] Hast du je gesagt in deinem Herzen: ,Lasset die Kleinen zu mir kommen!‘? – O siehe, nur die Großen hatten bei dir einen Wert!

[BM.01_013,10] Oder hast du je ein armes Kind in Meinem Namen aufgenommen und hast es bekleidet, gespeist und getränkt? Wieviel Nackte hast du wohl bekleidet, wieviel Hungrige gesättigt, wieviel Gefangene frei gemacht? – O sieh, Ich kenne niemanden davon; wohl aber hast du Tausende in ihrem Geiste zu harten Gefangenen gemacht und hast der Armut nicht selten durch dein Verfluchen und Verdammen die tiefsten Wunden geschlagen, während du den Großen und Reichen Dispense über Dispense erteiltest – natürlich für Geld, nur manchmal bei sehr großen Weltherren aus einer Art großimponierender Weltfreundschaft umsonst! Meinst du wohl im Ernste, daß Gott derlei Werke angenehm und wohlgefällig sein könnten und du darum sogleich nach deines Leibes Tode hättest sollen von Mund auf in den Himmel aufgenommen werden?

[BM.01_013,11] Ich, dein Rettmann, sage dir das aber nicht, um dich zu richten, sondern darum nur, um dir zu zeigen, daß der Herr an dir kein Unrecht tat, so Er dich hier scheinbar ein wenig im Stiche ließ; und daß Er dir sehr gnädig war, darum Er nicht zuließ, daß du sogleich nach deinem Absterben vor Gott wohlverdientermaßen zur Hölle hinabgefahren wärest!

[BM.01_013,12] Bedenke das und schmähe nicht mehr deinen Führer, sondern denke in aller Demut, daß du von Gott aus nicht der geringsten Gnade wert bist, so kannst du sie wieder finden! Denn so sich die getreuesten Knechte als schlecht und unnütz betrachten sollen, um wieviel mehr du, der du noch nie etwas dem Willen Gottes Gemäßes getan hast!"

 

14. Kapitel – Bischof Martins aufrichtiges Reuebekenntnis und sein guter Wille zur Buße und Umkehr.

[BM.01_014,01] Spricht darauf der Bischof: „O du mein hochgeehrtester und alles Dankes würdigster Retter! Ich kann dir auf diese deine Enthüllung leider nichts anderes sagen als: Das ist alles Mea culpa, mea quam maxima culpa! Denn es ist alles buchstäblich wahr. Aber was läßt sich nun tun?

[BM.01_014,02] Ich fühle nun sicher die tiefste Reue über all das Begangene; aber mit aller meiner Reue läßt sich das Geschehene nimmer ungeschehen machen, und somit bleibt auch die Schuld und die Sünde unverrückbar, die da ist der Same und die Wurzel des Todes. Wie aber läßt sich in der Sünde des Herrn Gnade finden? – Siehe, das scheint mir ein völlig unmöglich Ding zu sein.

[BM.01_014,03] Darum meine ich also, indem ich nun vollkommen einsehe, daß ich sogestaltig ganz für die Hölle reif bin: die Sache läßt sich auf keine andere Weise ändern, außer ich würde durch eine allmächtige Zulassung Gottes mit meinem gegenwärtigen Gefühl nun noch einmal auf die Erde gesetzt, um daselbst so viel als möglich meine Fehler wieder gutzumachen. Oder – da ich vor der Hölle denn doch eine zu entsetzliche Furcht habe – der Herr möchte mich für die ganze Ewigkeit als ein allergeringstes Wesen in irgendeinen Winkel stecken, wo ich als ein allergeringster Landmann mir auf einem mageren Boden den nötigsten Unterhalt mit meiner Hände Arbeit erwerben könnte. Dabei leistete ich ja von ganzem Herzen gerne Verzicht auf irgendeine höhere Beseligung, indem ich mich selbst für den allergeringsten Grad des Himmels bei weitem zu unwert halte.

[BM.01_014,04] Das ist so mein Gefühl; denn meine Meinung kann ich's darum nicht nennen, weil ich's empfinde, daß das nun der innerste Anspruch meines Lebens ist. Es ist auf der über Hals und Kopf vernagelten Welt wohl auch nichts mehr zu machen; denn der allgemeine Zug des Stromes ist nun durch und durch schlecht, so daß es beinahe zur Unmöglichkeit wird, gut zu sein als ein Schwimmer wider den Strom.

[BM.01_014,05] Die Regierungen tun, was sie wollen, und die Religion gebraucht man nur noch als ein politisches Opium fürs gemeine Volk, um es leichter im Zaume und zu allem Möglichen dienstbar zu erhalten! Da sollte der Papst selbst versuchen, der Religion eine andere, bloß geistige Bedeutung zu geben, so wird man gegen seine deklarierte Unfehlbarkeit sogleich von allen Seiten her mit Waffen und klingendem Spiel zu Felde ziehen. Aus dem aber geht klar hervor, wie schwer es nun ist, besonders als ein Bischof die rechten Wege des Wortes Gottes zu gehen, indem er auf allen seinen Wegen und Stegen von einer Legion geheimer Aufseher beschnüffelt wird.

[BM.01_014,06] Alles das benimmt zwar weder einem Bischof noch irgendeinem andern Menschen den freien Willen; aber wie sehr wird dadurch das Handeln erschwert, ja in tausend Fällen sogar unmöglich gemacht – was dem Herrn sicher auch nicht unbekannt sein wird.

[BM.01_014,07] Es wäre freilich recht und billig und in dieser Zeit beinahe notwendig, des Wortes Gottes wegen ein Märtyrer zu sein; aber was würde damit geholfen sein? Nur ein Wort losgelassen, was mit der heiligsten Religion nun für ein barster Mißbrauch getrieben wird, und man steckt im Loch mit dem Auftrage des ewigen Schweigens, oder man wird so ganz heimlich aus der Welt geschafft.

[BM.01_014,08] Frage: was würde da jemand nützen können, so er strikte gegen den Strom schwimmen wollte, so er die reinste Wahrheit verkünden und sich opfern wollte für die geblendete arme Menschheit?

[BM.01_014,09] So man aber das aus der Erfahrung ersieht, daß sich da rein nichts tun läßt in einer Welt, die vom Fuß bis zum Kopf im dicksten Ärger steckt, und ihr nicht zu helfen ist, da wird es am Ende sogar wie verzeihlich, so man bei sich selbst ausruft: ,Mundus vult decipi, – ergo decipiatur!‘

[BM.01_014,10] Ich meine aber nun auch: der Herr sucht sicher jeden Menschen zu beseligen; aber so der Mensch schon durchaus die Hölle dem Himmel vorzieht, so vermag Er, der Allmächtige, ihn am Ende selbst nicht zu behindern, daß er nicht hinabfahre in den ewigen Pfuhl – bei welcher Gelegenheit dann sicher auch der Allweiseste nichts anderes als ,Si vis decipi, ergo fiat!‘ sagen würde.

[BM.01_014,11] Damit will ich auch nicht im geringsten mich vor dir etwa beschönigen und meine Schuld geringer machen, als sie ist, sondern dir nur sagen, daß man nun auf der Welt mehr ein genötigter als ein freiwilliger Sünder ist, worauf der Herr doch sicher auch eine gnädige Rücksicht nehmen wird.

[BM.01_014,12] Ich meine nicht, als sollte Er mir meine große Schuld darum für geringer ansetzen, als sie in Wirklichkeit ist, sondern eine Berücksichtigung möchte ich darum, weil die Welt wirklich Welt ist, mit der selbst beim besten Willen nichts zu machen ist; und weil man am Ende auch den guten Willen verlieren muß, ihr zu helfen, da man zu klar einsieht, daß man ihr gar nicht helfen kann.

[BM.01_014,13] Mein geliebtester Retter, sei mir darob nicht gram; denn ich redete nun, wie ich's bisher verstand und einsah. Du wirst es sicher besser verstehen und wirst mich darüber belehren; denn ich habe aus deinen Worten entnommen, daß du voll wahrer, göttlicher Weisheit bist und mir eine rechte Auskunft geben wirst, was ich zu machen habe, um wenigstens nur der Hölle zu entgehen.

[BM.01_014,14] Dazu gebe ich dir auch noch die Versicherung, daß ich deinem Wunsche nach meinem früheren Führer von ganzem Herzen vergebe! Denn ich war ja auch nur darum ärgerlich auf ihn, da ich bis jetzt noch nicht innewerden kann, was er mit mir für einen eigentlichen Plan hatte! Er ließ es zwar wohl sehr unbestimmt durchleuchten, was er mit mir vorhaben könnte; aber dieses überlange Verlassen meiner Person von seiner Seite mußte mich am Ende über ihn doch ärgerlich machen! Aber nun ist alles vorbei, und so er jetzt herkäme, würde ich ihm deinetwegen augenblicklich um den Hals fallen und ihn abküssen wie ein Sohn seinen lange nicht gesehenen Vater!"

 

15. Kapitel – Des göttlichen Schiffsmannes Bußpredigt an Bischof Martin.

[BM.01_015,01] Nun rede wieder Ich als der Schiffsmann: „Höre mich nun an und merke genau, was Ich dir sagen werde!

[BM.01_015,02] Siehe, wohl weiß Ich, wie die Welt beschaffen ist, weil Ich es auch weiß, wie sie zu allen Zeiten beschaffen war. Denn wäre die Welt nicht arg oder wenigstens nur manchmal besser als ein anderes Mal, so hätte sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt! Da ihr großböser Mutwille aber schon solches tat am grünen Holze, um wieviel weniger wird er des dürren Reisigs schonen! Daher gilt für die Welt ein für alle Male das, was aus dem Munde des Herrn im Evangelium geschrieben steht und lautet:

[BM.01_015,03] In diesen Tagen – d.h. in der Zeit der Welt – braucht das Himmelreich Gewalt; nur die werden es besitzen, die es mit Gewalt an sich reißen! Eine solche moralische Gewalt aber, Freund, hast du dem Himmelreiche wohl nie angetan. Darum darfst du die Welt eben auch nicht zu sehr anklagen, indem Meines höchst klaren Wissens du es zu allen Zeiten bei weitem lieber mit der Welt als irgend mit dem Geiste gehalten hast! Denn in diesem Punkte warst du eben einer der Hauptgegner aller geistigen Aufklärung, ein Feind der Protestanten und verfolgtest sie ob der vermeintlichen Ketzerei mit Haß und bitterstem Ingrimm!

[BM.01_015,04] Bei dir hieß es wirklich nie: Si mundus vult decipi!, sondern ohne Gnade und Pardon: Mundus decipi debet! – und das sine exceptione! Ich aber sage dir, daß die Welt nirgends schlechter ist als gerade in deiner und zumeist in deinesgleichen Sphäre! Ihr seid zu allen Zeiten die größten Feinde des Lichtes gewesen, und es gab Zeiten, wo ihr jedem nur um ein Haar heller Denkenden und Sehenden Scheiterhaufen errichtet habt!

[BM.01_015,05] Nicht die Fürsten der Welt suchten die Finsternis bei ihren Völkern auszubreiten, sondern ihr waret es, die ihr die Fürsten selbst in den Bannfluch legtet, so sie es wagten, etwas heller zu denken, als es eurer finstersten, hierarchischen, tyrannischesten Despotie genehm war! Wenn nun Fürsten selber finster sind hie und da, so sind sie sogestaltig euer Werk; aber ihr waret nie ein Werk der Fürsten, sondern jetzt wie zu allen Zeiten euer eigenes!

[BM.01_015,06] Daß es nun etwas schwerer ginge in manchem Lande, das vom Lichte von A bis Z keine Ahnung mehr hat, das reine Licht Gottes einzuführen, das weiß Ich; aber wer trägt daran die Schuld? Siehe, niemand sonst als ihr selbst!

[BM.01_015,07] Wer hieß euch je Götzentempel und barste Götzenaltäre errichten? Wer hat euren lateinischen sogenannten Gottesdienst angeordnet? Wer hat die Ablässe erfunden, wer die Schrift Gottes verbannt und an deren Statt die absurdesten und lügenhaften Legenden der sogenannten Heiligen eingeführt, wer die Reliquien, wer die Millionen von allerlei heiligen Bildern und Schnitzwerken? – Siehe, niemand anderer, kein Kaiser und kein Fürst, sondern ihr! Ihr allein waret zu allen Zeiten die Werkmeister der allerdicksten Finsternis, um darinnen allerlei, groß und klein, zu fangen für euer Zepter!

[BM.01_015,08] Die Fürsten sind zumeist voll frommen Glaubens und gehorsam eurer Lehre; sage mir, was hattest aber du, der du doch in der Schrift bewandert warst, für einen Glauben? Und wem gehorchtest du wohl? Wieviel hast du wohl gebetet, ohne dafür bezahlt zu sein?

[BM.01_015,09] Sage, kannst du wohl bei Gott nach all dem irgendeine Berücksichtigung erwarten, indem die Welt nicht dich, sondern nur du die Welt in deinem Bezirke um vieles schlechter gemacht hast, als sie ehedem war?

[BM.01_015,10] Ich sage dir aber: Was das Märtyrertum betrifft, das du angeführt hast, so hättest du dich tausendmal eher aus herrschsüchtiger Liebe zur Nacht ans Kreuz schlagen lassen, als nur einmal fürs reine Gotteslicht! So hättest du auch von den Fürsten wenig zu besorgen gehabt, wenn du das Licht hättest verkündigen lassen, und noch weniger von ihren Aufsehern. Denn Ich weiß es nur zu gut, wie du den Fürsten widerstandest, so sie sich gegen deine unsinnigsten, allen Menschen- und Bruderwert verachtenden und verdammenden Forderungen sträubten!

[BM.01_015,11] Siehe, so sind Mir auch wenig Beispiele bekannt, daß Fürsten wahrhaft helle Priester, die der Gotteslehre rein oblagen, ins Loch steckten oder gar – was von dir eine grobe Anschuldigung ist – in die Geisterwelt expedierten. Wohl aber sind mir eine ungeheure Zahl Beispiele bekannt, daß nur ihr das an jenen tatet, die es gewagt haben, reiner nach dem Worte Gottes zu leben!

[BM.01_015,12] Wer da klug ist wie eine Schlange und dabei sanft wie eine Taube und wandelt also des Herrn Wege: meinst du wohl, daß der alte Gott schwächer geworden ist, als Er zu den Zeiten der Apostel war, und somit jenem nicht mehr zu helfen vermöchte, wenn er von der Welt bedräut wird?

[BM.01_015,13] O sieh, Ich könnte dir nebst Luther noch eine große Menge Brüder anführen, die in einer allerfinstersten Zeit es dennoch gewagt haben, das reine Gotteswort vor aller Welt zu bekennen. Und siehe, die Fürsten der Welt haben keinem den Kopf vom Leibe getrennt; wohl aber ging's nur dem schlecht, der reineren Geistes in eure Hände geriet!

[BM.01_015,14] Du wirst nun hoffentlich einsehen, daß hier, wo nichts als die reinste Wahrheit, mit der ewigen Liebe geeint, nur gilt, mit all deinen Entschuldigungen nichts erreicht wird – außer mit der alleinigen Mea quam maxima culpa! Das ist allein recht, alles andere gilt vor dem Herrn nichts! Denn das wirst du wohl zugeben, daß Gott die Welt in ihren kleinsten Fibern besser kennt von Ewigkeit her, als du sie je erkennen wirst. Darum wäre es auch der größte Unsinn, so du Gott dem Herrn zu deiner Entschuldigung beschreiben wolltest, wie sie ist; obschon du sagst, daß du das nicht zu deiner Entschuldigung sagst, sondern nur, daß der Herr mit dir eine Rücksicht nehmen solle – ohne dabei im geringsten zu bedenken, daß du selbst ein Hauptweltschlechtermacher warst!

[BM.01_015,15] Inwieweit du als ein Weltgefangener Rücksicht verdienst, wird sie dir nicht um ein Haar entzogen werden; aber in allem dem, was du ihr nun anwirfst, nicht die allergeringste! Was die Welt dir schuldet vor Gott, das wird mit einer kleinen Rechnung abgetan sein. Aber deine Schuld wird so kurz nicht ablaufen, außer du bekennst sie selbst reumütigst und bekennst auch, daß nie du – der du allzeit schlecht bist und warst –, sondern allein nur der Herr alles wieder gutmachen und dir vergeben kann deine Schuld.

[BM.01_015,16] Du hast wohl eine große Furcht vor der Hölle, weil du dich in deinem Gewissen ihrer wert fühlst und meinst, Gott werde dich da hineinwerfen wie einen Stein in einen Abgrund. Du bedenkst aber nicht, daß du nur deine eingebildete Hölle fürchtest, aber an der wirklichen ein großes Wohlgefallen hast und nicht heraus willst in der Fülle!

[BM.01_015,17] Siehe, alles, was du bisher noch gedacht hast, war mehr oder weniger Hölle im eigentlichsten Sinn! Denn wo nur noch ein Fünklein Selbstsucht herausschaut und Eigendünkel und Beschuldigung anderer, da ist Hölle; wo der fleischliche Sinn noch nicht freiwillig verbannt wurde, da ist noch Hölle! Bei dir aber haftet das alles noch; somit bist du noch sehr stark in der Hölle! – Siehe, wie eitel da deine Furcht ist!

[BM.01_015,18] Der Herr aber, der Sich aller Wesen erbarmt, will dich daraus erretten – und nicht nach deiner römischen Maxime noch tiefer hineinverdammen! Daher sage fürder auch nicht vom Herrn, daß Er den durchaus in die Hölle Fahrenwollenden sage: ,So du denn durchaus zur Hölle willst, so sei's!‘

[BM.01_015,19] Siehe, das ist eine sehr frevelnde Behauptung von dir! Du bist eben einer, der schon gar lange der Hölle nicht entsagen will; wann aber hast du von seiten des Herrn ein solches Gericht über dich vernommen?

[BM.01_015,20] Bedenke diese Meine Worte wohl und kehre dich danach in dir, so will Ich dies Schifflein also lenken, daß es dich aus deiner Hölle in das Reich des Lebens bringen soll. Es sei!"

 

16. Kapitel – Bischof Martins Schuldbekenntnis. Martins Entschluß, bei dem Lotsen, seinem Retter, zu bleiben. Der Engel Petrus als Dritter im Bunde.

[BM.01_016,01] Spricht nun unser Mann: „O lieber Freund, ich muß es dir leider offen gestehen, daß es mit mir gerade so steht, wie du es mir nun ohne Vorenthalt meiner Sünden kundgetan hast. Und ich sehe es ein, daß ich dagegen auch nicht die geringste Entschuldigung vorbringen kann; denn alles trifft mich rein ganz allein! Aber nur das möchte ich noch von dir erfahren, wohin du mich nun bringen wirst, und was wird mein ewiges Los sein?"

[BM.01_016,02] Spricht der Schiffsmann: „Frage dein Herz, deine Liebe! Was sagt diese? Was ist ihre Sehnsucht? Hat dir diese aus deinem Leben heraus ganz bestimmt geantwortet, so hast du dann schon in dir selbst dein Los entschieden: denn jeder wird von seiner eigenen Liebe gerichtet!"

[BM.01_016,03] Spricht der Bischof: „O Freund, so ich nach meiner Liebe gerichtet würde, da käme ich Gott weiß wohin! Denn in mir geht es noch gerade so zu wie im Gemüte eines modesüchtigen Weibes, das da in einem irdischen Modeverkaufsgewölbe vor sich hundert Modestoffe hin und her mustert und am Ende nicht weiß, was es nehmen soll!

[BM.01_016,04] Meinem innersten Gefühle nach möchte ich bei Gott, meinem Schöpfer sein. Aber da treten mir meine vielen und großen Sünden in den Weg, und ich sehe dann die Realisierung solches meines Wunsches für rein unmöglich an!

[BM.01_016,05] Darauf denke ich wieder an jene schon diesweltlichen abenteuerlichen Schafe und Lämmer; mit einem solchen Schafe wäre es gerade auch nicht unangenehm in Ewigkeit zu leben! Aber da sagt mir wieder ein innerer Mensch: ,So etwas wird dich Gott ewig nie näherbringen, sondern dich stets mehr nur von Ihm entfernen!‘, – und damit sinkt auch dieser mein Lieblingsgedanke ins Grundlose dieses Meeres!

[BM.01_016,06] Wieder kommt mir der Gedanke, irgendwo in einem Winkel dieser ewigen Geisterwelt als ein schlichtester Landmann zu leben und nur wenigstens einmal die Gnade zu besitzen, Jesus zu sehen, wenn auch nur auf einige wenige Augenblicke! Aber da ermahnt mich wieder mein loses Gewissen und spricht: ,Dessen bist du ewig nicht wert!‘, – und ich sinke wieder zurück in mein mit allen Sünden behaftetes Nichts vor Ihm, dem Allerheiligsten!

[BM.01_016,07] Nur ein Gedanke kommt mir am wenigsten schwer und unmöglich zu realisieren vor, und ich muß gestehen, daß das nun meine Lieblingsidee ist: nämlich bei dir, wo du auch sein magst, die ganze Ewigkeit zu sein und zuzubringen! Obschon ich auf der Welt diejenigen am wenigsten leiden konnte, die es wagten, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, so habe ich aber dich eben dadurch nun über alles liebgewonnen, weil du mir die Wahrheit wie ein allerweisester, aber auch wie ein allersanftester Richter offen ins Gesicht gesagt hast. Bei dieser Lieblingsidee aber werde ich auch verbleiben in Ewigkeit!"

[BM.01_016,08] Spreche Ich: „Nun gut, wenn das deine Hauptliebe ist, von der du dich in der Folge aber noch tiefer überzeugen mußt, so kann sie sogleich ausgeführt werden! Siehe, wir sind nun nicht mehr fern von einem Ufer und ebensowenig ferne von Meiner Wohnhütte. Mein Geschäft kennst du nun schon, daß ich ein Lotse bin im vollsten Sinne des Worts?! Du wirst nun dies Geschäft mit Mir teilen; den Lohn für unsere Bemühungen wird uns unser Grundstückchen bringen, das wir in geschäftsfreien Augenblicken nach Möglichkeit emsig bearbeiten wollen. Und sieh dich um, neben dir wirst du noch jemanden finden, der da getreu mit uns halten wird!"

[BM.01_016,09] Der Bischof sieht sich auf dieser Seefahrt zum erstenmal um und erkennt sogleich den Engel Petrus; er fällt ihm um den Hals und bittet ihn um Vergebung ob der angetanen Schmähungen.

[BM.01_016,10] Petrus erwidert die gleiche Liebe und preist den Bischof glücklich, daß sein Herz diese Wahl getroffen hat aus seinem innersten Herzengrunde.

[BM.01_016,11] Das Schiffchen stößt nun ans Ufer, wo es an einem Stock befestigt wird, und wir alle drei gehen in die Hütte.

 

17. Kapitel – In der Hätte des Lotsen. Das gesegnete Morgenmahl und Martins Dank. Die neue Arbeit Martins mit den Fischern.

[BM.01_017,01] Bisher aber war es gleich stets mehr dunkel als hell. In der Hütte fing die Dunkelheit jedoch mehr und mehr an sich zu verlieren, und eine wohltuende Dämmerung verscheuchte nach und nach stets mehr die frühere Nacht – natürlich vor den Augen des Bischofs nur, denn vor Meinen (des Herrn) und des Engels Petrus Augen war es stets der allerhellste, ewige, unvergängliche und unveränderliche Tag!

[BM.01_017,02] Daß es aber nun auch vor den Augen des Bischofs zu dämmern anfing, geschah aus dem Grunde, weil in seinem Innersten die Liebe aufzutauchen begann, nachdem durch Meine Gnade der Bischof eine große Menge irdischen Unflates freiwillig aus sich hinausgeschafft hatte und noch fortschafft.

[BM.01_017,03] „Was geschieht aber nun in der Hütte?", werdet ihr fragen. – Nur Geduld, sogleich wird nun von Mir die Dienstordnung vorgetragen werden, die der Bischof von nun an zu befolgen haben wird, nachdem er zuvor sich ein wenig mit Meinem Lebensbrote wird gestärkt haben. Denn ihr sehet leicht ein, daß der Mann sicher sehr hungrig sein muß, indem er durch sein ganzes Leben auf der Welt, wie auch in der sehr kurzen Periode von sieben natürlichen Tagen (wennschon anscheinend eine undenklich lange Dauer) noch nie an diesem wahrsten Nährtische gegessen hat und nie verkostet das Brot des Lebens. Daher müssen wir ihn nun schon, wie ihr zu sagen pflegt, ein bißchen dreinhauen lassen, d.h. so recht den ersten Heißhunger stillen lassen.

[BM.01_017,04] Seht, wie er ein Stück Brot ums andere verzehrt, und wie er dabei ganz zu Tränen gerührt ist und nun spricht:

[BM.01_017,05] (Bischof Martin:) „O du mein allerbester Freund und nunmaliger Dienstherr für ewig, wie überaus gut ist es bei dir sein! Nimm vorerst meinen inbrünstigen Dank hin, und trage selben in deinem reinen Herzen auch Gott dem Herrn vor. Denn meine Zunge ist ewig nicht wert, dem Herrn ein Dankgebet vorzutragen, indem ich doch ein viel zu großer und zu grober Sünder vor Ihm bin!

[BM.01_017,06] So, so; ach, das war gut! O der undenklichen Zeit meines Hungers, meines Durstes und meiner ununterbrochenen Nacht! O Dank, Dank dir, größter Dank Gott, dem Herrn, da Er es zugelassen hat, daß du mich rettetest und nun auch sättigtest, daß mir nun so wohl ist, als wäre ich frisch geboren! – Und siehe, siehe, es wird auch ganz hell wie an einem Frühlingsmorgen, so sich die Sonne dem Aufgange naht! O wie herrlich ist es nun hier!

[BM.01_017,07] O liebster Freund und auch du, mein alter und erster Führer, da ich nun gesättigt bin zur Übergenüge, so lasset mich nun an irgendeine Arbeit, auf daß ich euch – wennschon in einem höchst verjüngten Maße gegen eure übergroße Wohltat an mir – durch meiner Hände Fleiß meine große Liebe zu euch an den Tag legen kann!"

[BM.01_017,08] Nun rede Ich: „Komme nur mit uns aus der Hütte, und wir werden sogleich Arbeit in schwerer Menge bekommen! Sieh, wir sind nun schon wieder im Freien und am Ufer des Meeres! Dort sind die Fischernetze: gehe mit dem Bruder hin, und bringe sie hierher in das Schiff; denn das Meer ist heute ruhig, und wir werden einen guten Fang tun!"

[BM.01_017,09] Die beiden bringen eiligst drei gute Tauchbären herbei und ein Schleppnetz, schaffen es sogleich ins Schiff, worauf der Bischof voll Freuden spricht: „Ach, das ist wohl eine lustige Arbeit! So gefällt mir das Meer; aber als ich dabei an dessen lockerstem Ufer meines Untergangs harrte, da sah es ganz schrecklich anders aus!

[BM.01_017,10] Aber gibt es denn hier im Geisterreiche auch Fische? – Wahrlich, davon hatte mir auf der Welt nie etwas geträumt!"

[BM.01_017,11] Spreche Ich: „Und was für Fische! Es wird dir bei der Arbeit noch ganz sonderlich zumute werden, besonders da es hier unsere Aufgabe ist, dieses Meer voll auszufischen. Doch darum darfst du deinen Mut nicht sinken lassen, es wird alles gehen. Aber, wie gesagt, es gehört Geduld und Mut und große männliche Festigkeit dazu!

[BM.01_017,12] Es werden dabei recht viele Gefahren vorkommen, und du wirst dich nicht selten für verloren halten. Dann aber sieh auf Mich, und tue, was Ich tue, so wird alles gut und zu unserm großen Vorteil ablaufen! – Denn jedes gute Ding braucht Mühe, Geduld und feste Arbeit! – Löset nun das Schiff vom Stock, und wir wollen sogleich in die hohe See hinausstoßen!"

[BM.01_017,13] Die beiden lösen das Schiff ab und ein von Morgen her wehender Wind treibt es pfeilschnell in die hohe See hinaus.

[BM.01_017,14] Im Verlaufe der Fahrt spricht wieder der Bischof: „O tausend, tausend! Aber Freunde, da muß es schon ganz entsetzlich tief sein, denn das Wasser sieht ja vor lauter Tiefe nahezu kohlschwarz aus! Wenn da das Schiff scheitern möchte, wie erginge es uns dann?!"

 

18. Kapitel – Auf der Fischjagd.

[BM.01_018,01] Spreche Ich: „Freund, nur keine Furcht, denn wir sind guter Dinge wegen auf dem Wasser, und da mag es tief sein, wie es wolle, so haben wir nichts zu befürchten! Nun, aufgepaßt, das Schleppnetz hinausgeworfen! Dort, wo das Wasser stark wogt, ist ein ungeheurer Fisch! Nur behende, daß er uns nicht entgeht!"

[BM.01_018,02] Die beiden werfen das Netz hinaus, und kaum hat es sich im Wasser ausgebreitet, fährt auch schon ein sichtliches Ungeheuer von einem Fisch hinein. Und da es das starke Netz nicht durchbrechen kann, so reißt es das Schiff pfeilschnell mit sich fort auf der Oberfläche und macht keine Rast, sondern wütender und wütender schleppt es das Schiff mit sich fort.

[BM.01_018,03] Der Bischof, darob voll Entsetzen, ruft: „O um Gottes willen, was jetzt?! Nun sind wir offenbar verloren! Das Ungeheuer füllt das Netz gerade kaum mit seinem halben Kopfe aus! Der Leib reicht Gott weiß wie weit noch ins Wasser hinein; es ist sicher dreimal so groß als unser Schiff! Wenn wir's auch erlegen könnten, wohin möchten wir dann damit?! – Oh, oh, immer wütender und schneller rennt es mit unserm Fahrzeuge zum ... O-Gott-steh-uns-bei!"

[BM.01_018,04] Nun redet Petrus: „Sei nur nicht kindisch! Laß rennen den Fisch, wohin und wie lange es ihn freut! Solange er den Kopf im Netze hat, geht er nicht unter, daß weiß ich als ein alter Fischer. Und wenn er sich wird zur Genüge ausgerannt haben, da wird er schon ruhiger werden, und wir werden dann ein leichtes haben, uns seiner zu bemächtigen und ihn ans Ufer schleppen! Denn siehe dorthin – der Fisch rennt gerade einem Ufer zu; da wird es dann schon wohlfeiler gehen mit seinem Davonrennen!

[BM.01_018,05] Und hast du denn vergessen, was da unser aller hochgeliebter Meister geredet hat? – Siehe, Er ist ruhig, daher seien es auch wir! Wenn es aber heißen wird: ,Nun Mir nach, die Hände ans Werk!‘, dann erst heißt es sich rühren, wie Er es anordnet. Denn über Ihn gibt es keinen Meister in der Fischerkunst! Jetzt aber heißt es: Aufgepaßt, der Moment unserer Tätigkeit wird sogleich eintreten!"

[BM.01_018,06] Nun rede Ich: „Petrus, nimm du den großen Haken und stoße ihn kräftig hinter die Kiefer! Und du, Freund Martin, springe nun behende ans Ufer, ergreife kräftigst das Schiffstau und ziehe es ans Ufer! Befestige es schnell an den vorhandenen Stock, springe dann wieder ins Schiff herein, nimm den zweiten Haken und tue, was Petrus tat! Denn siehe, das Ungeheuer hat die rechte Mattigkeit erlangt, und wir werden seiner nun leicht Meister! Also nur behende!"

[BM.01_018,07] Der Bischof Martin tut eiligst, wie ihm geboten wurde. Das Schiff ist befestigt, und unser Martin ist schnell wieder im Schiff. Er ergreift den Haken und stößt ihn scharf und stark hinter die andere Kieferlappe, und so ist das Ungeheuer nun wohl befestigt.

[BM.01_018,08] Und nun befiehlt der Herr: „Gehet hinaus ans Ufer, bringt das große Tau, an dem ein schwerer und scharfer Wurfhaken befestigt ist; dort nahe an der Hütte ist es schon in Bereitschaft! Ich werde unterdessen mit den beiden Hakenstangen den Fisch näher ans Ufer hin bringen, wo ihr dann äußerst schnell den Wurfhaken auf den Kopf des Tieres schleudern müßt. Und du, Freund Martin, darfst nicht erschrecken, so der Fisch dabei einige mächtige Bewegungen machen wird, die dir freilich ganz grauenerregend vorkommen werden. Aber nur Mut und Beharrlichkeit – dann geht alles! Also nun Mir die beiden Stangen in die Hände gegeben und ihr eilet an euer Werk!"

[BM.01_018,09] Alles geschieht pünktlich. Aber als dem Fisch der schwere und scharfe Wurfhaken ins Lebendige dringt, fängt er an, ganz schrecklich (für den Bischof Martin) sich zu winden und zu bäumen. Er treibt dadurch mächtige Fluten ans Ufer, so daß manchmal unser neuer Fischer Martin ganz vom Wasser zugedeckt wird, was ihn um so mehr geniert, weil manchmal der tausendzähnige Rachen des Fisches ihm beim Halten des Taues sehr nahe kommt und zugleich stark nach ihm schnappt. Er ist in großer Angst, aber nun mehr um Mich als um sich, indem er sieht, wie der Fisch mit seinem mächtigen Schwanze das Schiff schon einige Male ganz übers Wasser emporhob und dann wieder niederschleuderte.

[BM.01_018,10] Petrus aber spricht zu ihm: „Halte nur fest, Bruder! Nimm alle deine Kräfte zusammen, sonst reißt uns das furchtbare Ungeheuer in die Meerestiefe hinein, wo es uns eben nicht am besten erginge!"

[BM.01_018,11] Spricht der Bischof Martin: „O Bruder, wenn ich nur hinter dir wäre! Die Bestie schnappt fortwährend nach mir, und unser Meister schiebt es noch dazu völlig mir unter die Nase, wo dies schrecklichste Untier gerade vor meinem Kopfe in einem fort seinen schrecklichen Rachen drei gute Klafter weit aufreißt und dann wieder so gewaltig zusperrt, daß es mir dadurch wenigstens hundert Eimer Wasser ins Gesicht speit!

[BM.01_018,12] Ah, das ist eine verzweifelt schwere und sehr gefahrvolle Arbeit! Diese Arbeit wäre ja für Galeerensklaven zu schlecht! – Oh oh, m-m-m – brrr, brrr, – ah – ah, – schon wieder eine volle Ladung Wasser im Gesicht! Ich werde noch ersaufen, so mich die Bestie noch einige Male anspeien wird! Eh – eh, der Rachen geht schon wieder auf! Nein, ich halte es nimmer aus! Das Wasser ist so entsetzlich kalt, daß mich nun schon so friert, als wenn ich mutternackt auf dem Eise läge! Jetzt wird er gleich wieder zuschnappen!"

[BM.01_018,13] Spricht Petrus: „Da nimm die Spreize und spreize ihm den Rachen auf, so wird er nimmer zuschnappen können!"

[BM.01_018,14] Spricht Bischof Martin: „Nur her damit! – Ist schon gehörig darinnen! – Oho, du gewaltiges Vieh, jetzt wird dein Schnappen wohl einmal ein Ende haben? Das war wirklich ein guter Gedanke von dir; nur hättest du ihn um ein paar Dutzend Schnapper früher fassen sollen, da wäre ich nicht so jämmerlich durchnäßt worden! Aber so ist es nun auch gut."

[BM.01_018,15] Nun rede Ich vom Schiffe: „Gut so; befestigt nun auch das Hakentau an einem Stock und kommt dann schnell wieder ins Schiff! Das ist schon unser Fisch, der geht uns nimmer durch! Wir aber wollen unser Schiff sogleich wieder flott machen und in die hohe See hinausstoßen, vielleicht machen wir in kurzer Fristung noch einen ansehnlicheren Fang?"

[BM.01_018,16] Die beiden tun schnell, was ihnen befohlen wird. Bischof Martin kratzt sich hinter den Ohren zwar – denn er hätte gewisserart für einmal schon genug; dessenungeachtet aber tut er dennoch schnell, was von Mir geboten wurde.

[BM.01_018,17] Nun sind schon wieder beide im Schiffe, das jetzt wieder pfeilschnell davoneilt.

[BM.01_018,18] Ich aber mache zu Bischof Martin unterwegs die Bemerkung: „Freund, du mußt dir hier schon angewöhnen, stets unverdrossen zu sein. Denn wer etwas mürrisch an die Arbeit geht, dem glückt selten ein Werk! Daher Geduld, Mut und Ausharrung; die Freude kommt erst nach vollbrachter Arbeit!

[BM.01_018,19] Ja, mein lieber Freund, hier im Geisterreiche ist es nichts mit deinem oft auf der Welt herabgeplärrten: Requiescant in pace!, sondern: Arbeitet, dieweil es noch Tag ist! Genug, so man in der Nacht ruht, in der niemand arbeiten kann! Als du Nacht hattest, warst du auch arbeitslos; da aber nun auch dir der Tag angebrochen ist, so mußt du auch arbeiten – denn das Gottesreich ist ein Arbeitsreich und kein Faulenzer- und Brevierbeterreich! Daher nur frischen Mutes!

[BM.01_018,20] Seht dorthin gegen Mitternacht, wo noch eine starke Dämmerung auf dem Gewässer rastet! Dort wogt das Meer stark, doch ist kein Wind weder hier noch dort; sonach kann der Grund solch einer wogenden Bewegung kein anderer sein als irgendein mächtig großer Fisch! Daher hurtig hingesteuert und alle Hände ans Werk gelegt; dieser Fisch soll hauptsächlich unsere Mühe lohnen!"

[BM.01_018,21] Bischof Martin spricht: „O Freund, der wird uns wohl etwa mit der Hilfe des Gott-steh-uns-bei den Garaus machen. Aber wozu braucht man denn hier im Geisterreiche so viele und so närrisch große Fische? Gibt es denn auch hier Fasten, wo man nur Fischfleisch essen darf? Oder wird das Fleisch und das Fett solcher Fische etwa auch hier weiterhin versendet und verhandelt?"

[BM.01_018,22] Rede Ich: „Jetzt nur schnell jeder von euch ein Schwert in die Hand; denn das ist eine zehnköpfige Hydra! Das Ungeheuer hat uns gesehen und schießt schnurstracks auf uns zu. Du, Petrus, weißt schon, wie derlei Fische gefangen werden; du, Bischof Martin, aber tue, was der Bruder tun wird! Wie diese zehnköpfige Hydra ihre Schlangenköpfe über Bord hereinbeugen wird, dann nur hurtig gemäht, bis alle zehn Köpfe von dem langen Schlangenleibe getrennt sind; das andere werde dann schon Ich machen! Das Untier ist hier, also nun nur zugehauen!"

[BM.01_018,23] Seht, Petrus putzt mit seinem scharfen Schwerte der dem Bischof Martin entsetzliches Grauen erregenden Hydra einen Kopf um den andern von ihrem schwarzen, panzerartigen Schuppenleibe, oder vielmehr vom Halse, da vom Leibe auch zehn Hälse ausgehen, auf deren jedem ein Kopf gewachsen ist. Aber unser Bischof Martin weiß nicht recht, wo er hinhauen soll, um einen Kopf zu treffen, da er vor lauter Angst beinahe nichts sieht und die Augen mehr zu als offen hält.

[BM.01_018,24] Nun aber hat Petrus gerade den zehnten Kopf von eben auch dem zehnten Halse getrennt! Ströme von Blut entstürzen dem Ungeheuer. Das Meer ist weit herum mit Blut gefärbt und wogt für den Bischof überaus stark ob des gewaltigen Wütens des nun völlig enthaupteten Untieres, das fürs Auge unseres Bischof Martin eine Länge von 111 Klaftern mißt und ebensoviel im Umfange.

[BM.01_018,25] Nun rede Ich wieder zu den zweien: „Petrus, lege nun das Schwert wieder an seinen Ort und reiche Mir den großen Stanghaken, damit Ich ihn in den Bauch des Ungeheuers stoße und dasselbe herziehe! Du, Martin, aber ergreife das Steuerruder und stecke es in den siebenten Grad des Aufgangs, und wir werden mit diesem ausgezeichneten Fange bald wieder am Ufer sein!"

[BM.01_018,26] Alles geschieht nach der größten Ordnung, und das Schiff, die Beute mit sich herziehend, eilt auch schon wieder mit Wurfschnelle dem bekannten Ufer zu.

[BM.01_018,27] Da aber nun das Schiff dem Ufer schon sehr nahe ist, späht Bischof Martin sorglichst, was etwa der frühere große Fisch noch macht. Aber er erstaunt nicht wenig, als er vom ganzen Fische keine Spur mehr findet, und spricht sogleich:

[BM.01_018,28] „Aber, aber, aber, – was ist denn das?! Da haben wir's – jetzt hat uns dieses zweite Ungeheuer beinahe alle Lebenskräfte entrissen, bis wir's erlegt und gefangengenommen haben und hierher geschleppt; während solcher wahren Millionmühe aber ist der erste Fang zum Plunder gegangen! Mir ist es wohl vorgekommen, als hätten wir es ein wenig zu locker befestigt!

[BM.01_018,29] Ei, ei, das ist doch fatal! Soviel Mühe hat uns die Bestie gemacht, und jetzt haben wir erst nichts für alle unsere Gefahr und Mühe! Liebe Freunde, diese Beute müssen wir schon etwas mehr befestigen, sonst geht sie uns auch zum Plunder, so wir etwa wieder auf einen neuen Fang ausgehen werden!"

[BM.01_018,30] Spricht Petrus: „Sorge dich um nichts – der erste Fisch ist schon versorgt! Denn hier gibt es noch mehr Arbeiter, die schon wissen, was sie zu tun haben, so wir ihnen einen Fang ans Ufer stellen! Nun aber, da wir uns bereits am Ufer befinden, springe schnell hinaus und mache das Schiff fest. Ich und der Herr Meister aber werden die große Beute ans Ufer ziehen!"

[BM.01_018,31] Bischof Martin, etwas verblüfft, tut sogleich, was ihm Petrus sagt; wir aber tun vor seinen Augen, was ihm Petrus sagte.

[BM.01_018,32] Die zweite Beute ist nun auch befestigt, und Ich spreche: „Da dieser Fang so gelungen ist, so haben wir damit eine Hauptarbeit beendet; daher laßt uns nun hier am Ufer mit den Tauchbären die kleineren Fische aus dem Wasser heben und ans Ufer werfen! Denn die zwei größten Ungeheuer haben wir erlegt, und es wird dergleichen nicht mehr geben in diesem Gewässer; darum gehen wir nun unverdrossen an diese leichtere Arbeit! Treten wir nur wieder ins Schiff und versuchen, wie es mit dem Kleinfischfang gehen wird!"

[BM.01_018,33] So geschieht, wie Ich angeordnet habe. Die beiden stoßen die Tauchbären ins Wasser und Ich leite das Schiff. Die Arbeit geht gut vonstatten: jeder Zug füllt die Tauchbären mit allerlei Fischen, die die beiden behende ans Ufer hinausschleudern; die Fische aber, so sie das Ufer berühren, werden alsbald zunichte. –

 

19. Kapitel – Bischof Martins Bedenken über die vergebliche Arbeit – Petrus' gute Erwiderung unter Hinweis auf die leeren, geistlosen Verrichtungen eines römischen Bischofs.

[BM.01_019,01] Dieses Zunichtewerden der Fische fängt, je länger es dauert, desto mehr den Bischof Martin zu genieren an, so daß er nun schon ärgerlich wird und bei sich zu murmeln anfängt: „Ist aber das eine blitzdumme närrische Arbeit! Ich bin schon beinahe ganz hin vor lauter Fischeherausheben und Hin-ans-Ufer-Schleudern, und das alles für nichts und wieder nichts! Denn es bleibt ja keiner: ein jeder vergeht wie die Butter an der Sonne! Das wird etwa doch merkwürdig dumm sein? Nein, ist aber das eine extraordinär blitzdumme Arbeit!

[BM.01_019,02] Ich muß doch einmal genauer nachsehen, wohin denn diese Fische so schnell kommen! – Hm, hm, kann nichts bemerken! – Wieder ein Wurf von meinem Kollegen, und nichts bleibt in diesem Reiche der Unvergänglichkeit! Eine schöne Unvergänglichkeit – das! Auf der Erde bleibt von dem Dagewesenen wenigstens nicht viel übrig; aber von gar nichts ist da keine Rede so wie hier, denn hier bleibt von dem einmal Daseienden gar nichts zurück!

[BM.01_019,03] Ich habe mich schon so etwa auf einen heißen abgesottenen Lachs, Stör oder sonst einen Fisch gefreut. Aber bei der alles verzehrenden Schärfe dieser Geisterweltluft, die für die Fische sehr eingenommen zu sein scheint, wird damit enorm wenig herausschauen! Ich habe zwar freilich noch eigentlich keinen Hunger; aber ein ziemlich fühlbares Appetitchen wandelt mich dennoch an, und der Gedanke an einen heiß abgesottenen Lachs macht mir den ganzen Mund wässrig!

[BM.01_019,04] Es ist zwar hier um eine ganze Million besser, als da war mein früherer Stand; aber diese luftige Fischerarbeit wird sich für die ganze Ewigkeit auch nicht übel machen! Es ist auch merkwürdig, wie es hier schon lange morgendämmert; aber von einer Sonne, die da aufgehen soll, kommt nichts zum Vorschein!

[BM.01_019,05] Sonderbare Welt, sonderbares Sein! Man kann's nehmen und betrachten, wie man's will, so ist's und bleibt's dumm! Diese meine einzigen Freunde sind zwar sehr weise in ihren Worten, aber dafür desto dümmer im Handeln! Man nehme nur diese ganz zwecklose Fischerei an! Was ist das doch für eine läppisch-tolle Arbeit, und doch betreiben sie diese zwei, als wenn das Heil der Ewigkeit davon abhinge! Aber was will ich machen? Was Besseres habe ich nicht zu erwarten, und so muß es in Gott's Namen gut sein! Daher nur lustig diese Luftfische herausgefischt; vielleicht wird nachher doch wieder etwas anderes zum Vorscheine kommen!

[BM.01_019,06] Petrus fragt den Bischof Martin: „Was murmelst du denn so in dich hinein? Bist etwa schon müde?"

[BM.01_019,07] Spricht Bischof Martin: „Müde, Freund, bin ich gerade nicht. Aber ich muß dir offen gestehen, daß mir diese Arbeit denn doch ein bißchen spaßig vorkommt, trotzdem ich mehr als überzeugt bin, daß du und besonders unser Meister sehr weise Männer seid!

[BM.01_019,08] Schau, schau, – nun arbeiten wir schon eine ziemlich geraume Zeit bloß für die Luft, oder noch besser für nichts! Der erste große Fisch ist beim Plunder, und der zweite zehnköpfige? Ich seh' nichts mehr von ihm! Diese Kleinfische werden von der Luft schon eher verzehrt, als sie noch den Boden berühren! Frage: wozu ist solch eine leere Arbeit wohl gut?

[BM.01_019,09] Ich erkenne euch wohl als sehr weise Männer, und es wird diese Arbeit wohl auch einen sehr weisen Zweck haben. Aber laßt mich doch auch ein bißchen erfahren, warum wir diese anscheinend höchst leere Arbeit verrichten, wozu das eigentlich gut ist oder sein wird!"

[BM.01_019,10] Spricht Petrus: „Schau, schau, lieber Freund und Bruder! Als du auf der Welt ein Bischof warst, sage: wie viel noch leerere Arbeiten hast du verrichtet? Hätte dich aber wohl jemand fragen dürfen, wozu sie in Wahrheit gut wären und ob an ihnen wohl in Wirklichkeit etwas gelegen wäre – z.B. an der Glockentaufe, Orgelweihe, an den verschiedenartigen sogenannten priesterlichen Gewändern?

[BM.01_019,11] Welche Bedeutung und Kraft hätte die Impfel, der Mantel, der Chorrock, die Stole, das Meßgewand, das Predigerhemd, das Quadratel und tausend derlei Dinge mehr? Welche Kraft liegt etwa in den verschiedenartigsten Mönchskutten? Warum ist ein und derselben Mariä Bild wundertätiger als das andere? Warum ist der Florian fürs Feuer und warum Johann Nepomuk fürs Wasser, da doch beide ins Wasser geworfen wurden: der eine in Oberösterreich bei Linz in die Donau, der andere in Böhmen zu Prag in die Moldau?

[BM.01_019,12] Warum ist unter den vierzehn Nothelfern Jesus nicht auch vorfindlich? Und warum wird in der heiligen Bitt-für-uns-Litanei von den Menschen zuerst Gottes Barmherzigkeit angerufen, da sich nachher die Betenden dennoch an die Heiligen um Fürbitte wenden? Warum wenden sie sich zuerst an Gott und nachher erst an die Heiligen? Wollen sie etwa Gott bewegen, die Heiligen anzuhören? Können sie aber gleich anfangs Gott bewegen, wozu rufen sie dann die Heiligen an?

[BM.01_019,13] Warum wird im sogenannten Rosenkranze Maria zehnmal und Gott nur einmal mit des Herrn Gebet angerufen? Warum sind in einer Kirche große, kleine, hölzerne und metallene Kruzifixe im Überfluß vorhanden, und warum wenigstens noch einmal soviel Marias in allen möglichen Formen?

[BM.01_019,14] Was ist zwischen einem feierlichen Amte und zwischen einer gemeinen stillen Messe für den Geist für ein Unterschied? Wann hat Christus, Petrus oder Paulus dieses, im Geldpreise verschieden hochstehende sogenannte unblutige Opfer eingesetzt? Wie muß das Herz Gottes beschaffen sein, daß es ein höchstes Wohlgefallen haben kann, Seinen Sohn täglich millionenmal abschlachten zu sehen?

[BM.01_019,15] Schau, schau, du mein lieber Freund, eine Unzahl so ganz leerer und vollkommen geistloser Verrichtungen vollführtest du in der Welt, ohne selbst nur im geringsten daran zu glauben! Und doch ist dir bei solch leerer Fischerei nie eingefallen, wenigstens dich selbst zu fragen: ,Wozu solch leere Arbeit?‘ Sie ist dir bezahlt worden, wirst du sagen! Gut, auch hier brauchst du nicht umsonst arbeiten! Was willst du denn da noch mehr?

[BM.01_019,16] Ich aber sage dir, diese Arbeit ist bei weitem nicht so gehaltlos, wie da war deine irdische! Darum murmle künftig nicht mehr in dich hinein, sondern rede offen, was dich drückt, da werden wir mit unserer Leerfischerei bald zu Ende sein! Aber so du noch lange so einen römischen Geheimniskrämer machen wirst, werden wir auch noch lange zu fischen haben; und der Fang wird noch lange so zunichte werden gleich unserer Belehrung in deinem Herzen! – Verstehe das! Nun nimm wieder deinen Tauchbären zur Hand und arbeite fortan unverdrossen!"

 

20. Kapitel – Die geistige Entsprechung der Fischjagd. Die Zusammensetzung der Seele. Martins Entschuldigungen und des Herrn zurechtweisende Worte.

[BM.01_020,01] Der Bischof tut, wie ihm geraten ward, und spricht: „So, jetzt ist mir schon wieder leichter, wenn ich nun ein bißchen weiß, warum ich etwas tue und wozu so ein leerscheinendes Tun am Ende doch noch gut ist!

[BM.01_020,02] Soviel ich aus deinen Worten habe entziffern können, stellen diese Fische meine Dummheiten vor: die großen meine Kardinal- und die kleineren die Unzahl meiner geringeren Torheiten. Aber wie diese meine verschiedenartigsten Lumpereien zu großen und kleinen Fischen dieses Meeres geworden sind, das bringe ich nicht heraus!

[BM.01_020,03] Dieses Meer wird sicher von der Sündflut herstammen, deren Gewässer auch die schwere Menge der menschlichen Todsünden in sich aufgenommen hat, worunter sich auch die meinigen anticipando befunden haben? Auf diese Art kann ich mir die Sache wohl ein wenig versinnlichen, aber anders geht es durchaus nicht!

[BM.01_020,04] Warum sich die Sünden aber hier in diesem barsten Sündflutwasser gerade als allerlei Fische reproduzieren, das natürlich geht über den äußerst beschränkten Horizont meiner Erkenntnisse! Der Allmächtige aber, der dieses alte Sündflutgewässer in diesem ewig endlosen Becken für die Geisterwelt aufbewahrt hat, wird davon den Grund sicher klarst einsehen!

[BM.01_020,05] Daher will ich nun nicht mehr weiter forschen, sondern bloß fleißig fischen, auf daß mein Sündenanteil ehest möglich aus diesem Gewässer möchte gehoben werden!"

[BM.01_020,06] Nun rede Ich: „Recht also, sei nur fleißig, Freund! Siehe, auf einen Hieb fällt kein Baum, aber mit Geduld läßt sich am Ende alles überwinden! Es ist zwar hier nicht Noahs Gewässer, und noch weniger sind die Fische, die wir hier herausheben, als deine Anticipationssünden in der Noachischen Sündflut zu betrachten. Aber eine Sündflut ist dies Gewässer wohl, doch nicht aus deinen anticipierten, sondern aus all deinen wirklich auf der Welt begangenen Sünden hervorgehend!

[BM.01_020,07] Daß sich aber deine Sünden in allerlei Fischgestalten ausnehmen und in Gestalt anderer seeischer Ungeheuer großer und kleiner Art, hat darin seinen Grund, weil jede Sünde eine Untüchtigkeit der Seele hervorruft. Und diese zerteilt in ihr die endlos vielen zerrissenen Vorbestände, die im Wasser den Anfang nehmen und im Feuer der Liebe Gottes im Menschenherzen vollendet werden zu einem vollkommen gottähnlichen Ebenmaße.

[BM.01_020,08] Es war aber physisch deine Seele wohl komplett in deinem Leibe zur Menschengestaltung dir gegeben auf der Welt in deinen Kinderjahren. Da du aber nicht nach der Ordnung Gottes lebtest, sondern nach der tierischen nur, aus der die Seele ursprünglich zusammengesetzt ist, so verlorst du denn auch sehr viel von und an deiner Seele. Und siehe, dieses Verlorene müssen wir nun wieder aus den Fluten deiner Sünden herausheben und damit deine Seele einmal plastisch ganz machen! Ist dies geschehen, dann erst werden wir können für deinen Geist und für dessen Einung mit dir Sorge tragen! Darum sei nun fleißig und geduldig, so wirst du bald einsehen, was hier ein rechter Lotse zu tun hat!

[BM.01_020,09] Da diese Seetiere aber hier deine Taten vorstellen, die pur Sünden waren, so vergehen sie auch, so sie heraus ans Gotteslicht gehoben werden. Und es kommt zur Erscheinung, wie geschrieben steht:

[BM.01_020,10] ,Das Reich Gottes ist zu vergleichen einem Fischer, der viele Fische in sein Netz fing. Da er aber das Netz aus der Flut zog, da behielt er die guten; die schlechten aber ließ er wieder ins Meer zurückwerfen zum Verderben.‘

[BM.01_020,11] Wir aber haben nun schon sehr viele deiner Taten als Fische aller Art hervorgehoben, und siehe, sie haben keinen Bestand im Gotteslichte! Was ist das aber? – Weil du sie verzehrst ob deiner zerstörten Seele, auf daß diese wieder zu ihrer Vollgestalt gelange!

[BM.01_020,12] Wann aber wird es in deinem Gewässer wohl auch bleibende Taten geben? Suche, daß dein Herz voll werde, und erwache in der Liebe! Solange du nicht Liebe zu Gott in dir verspüren wirst, wird es noch sehr viel leere Arbeit geben für deine Hände!

[BM.01_020,13] Dies merke dir nun und wisse, wo es am Ende hinaus muß. So wirst du in rechter Reue und Demut und Geduld arbeiten, um zu einem wirklichen Ziele zu gelangen und dadurch zum klaren Schauen und zum eigenen wahren Gerichte – und aus dem zur Gnade. Es sei!"

[BM.01_020,14] Bischof Martin denkt über diese Worte nach und arbeitet dabei fort. Nach einer Weile aber wendet er sich wieder an Mich und spricht: „Höre, du lieber Meister, der du mein irdisch Leben zu durchblicken vermagst wie der Goldschmied einen Diamanten, du kommst mir zwar deinem Charakter nach sehr liebreich vor; aber in der gerechten Rüge bist du schonungsloser als die nackteste Wahrheit selbst!

[BM.01_020,15] Freilich ist nur zu wahr, daß all mein Tun und Lassen vor Gott dem Herrn schon darum ein Greuel sein muß, weil ich durch mein ganzes irdisches Leben mich nur in lauter Falschem bewegt habe und zum Teil auch bewegen habe müssen. Somit konnten auch alle meine Handlungen unmöglich anders als schlecht sein, was ich nun klar einsehe! Aber das – und so du selbst ein Engel wärest – mußt du mir denn doch zugeben: daß der Mensch, als durchaus nicht sein eigenes Werk mit den seltensten Neigungen begabt, doch unmöglich an all seinen Mängeln und Gebrechen die Schuld tragen kann; man sollte ihm sonach auch nicht absolut alles zur Last legen!

[BM.01_020,16] Hätte ich mich selbst erschaffen und darauf selbst erzogen, da wäre ich der eigentliche Grund jeder von mir verübten Handlung und könnte dafür zur vollsten Genugtuung angehalten und mit allem Rechte verurteilt werden. Aber so geradeweg jede meiner Taten darum verdammen und ihnen den Todsündenstempel aufdrücken, weil ich sie beging – das kommt mir, wennschon gerade nicht ungerecht, aber doch etwas zu hart vor!

[BM.01_020,17] Wenn der Sohn eines Räubers wieder ein Räuber wird, weil er nie etwas anderes gesehen, gehört und gelernt hat als rauben und morden – Frage: Kann ihm allein, streng genommen, seine an sich freilich greuelhafteste Handlungsweise zur Sünde gerechnet werden?

[BM.01_020,18] Oder kann der Tiger verdammt werden, weil er so grausam und blutdürstig ist? Wer gab der Viper und der Ringelnatter das tötende Gift?

[BM.01_020,19] Was kann der Buschklepper des heißen Afrika dafür, daß er Menschen ißt, so er welche erjagen kann? Warum steigt kein Engel, auch kein anderer guter Geist, aus den Himmeln und belehrt ihn eines Besseren? Oder soll Gott im Ernste einige Billionen Menschen lediglich für die Verdammnis erschaffen haben – was doch sicher die endloseste Tyrannei wäre?

[BM.01_020,20] Ich meine daher: Jedem das Seinige, aber nicht auch das Fremde, an dem er unmöglich je die Schuld tragen kann!"

[BM.01_020,21] Rede wieder Ich: „Freund, du tust mit deiner Gegenrede Mir groß Unrecht! Siehst du denn nicht, daß wir diese Arbeit dich eben darum nicht allein verrichten lassen, weil Ich in dir schon lange deine stoischen Rechtsgrundsätze kenne?

[BM.01_020,22] Siehe, was deiner vermeintlich vernachlässigten Erziehung zur Last fällt, das hat nun Bruder Petrus auf sich genommen. Und was dem Schöpfer du zur Last legst, das habe Ich auf Meine Schulter genommen!

[BM.01_020,23] Glaubst du aber für deinen Teil wirklich ganz schuldlos zu sein? Kannst du solches behaupten? Hast du nicht Gottes Gebote kennengelernt, wie auch ganz bestimmt die irdischen Gesetze für bürgerliche Ordnung? Warst du nicht da und da und wußtest, daß du eine Sünde vorhast?!

[BM.01_020,24] Als dich das Gewissen mahnte, so ließest du aber dennoch nicht ab, sondern tatest wider dein lautes Gewissen Böses! Frage: War daran auch die Erziehung und der Schöpfer schuld?

[BM.01_020,25] So du hartherzig gegen Arme warst, da doch deine irdischen Eltern wahre Muster der Freigebigkeit waren, sage: war daran die Erziehung der Schuldträger?

[BM.01_020,26] So du über einen Aar herrschsüchtig geworden bist, während deine Eltern von ganzem Herzen demütig waren, wie es das Wort Gottes verlangt, sage: war auch daran die Erziehung oder gar der Schöpfer schuld?

[BM.01_020,27] Siehe, wie unrecht du dem Schöpfer tust! Erkenne das, und sei demütig; denn mit aller deiner Entschuldigung wirst du bei Gott ewig nicht auslangen, da alle Haare gewogen sind! Liebe Gott über alles und deine Brüder, so wirst du die rechte Gerechtigkeit finden! Es sei!"

 

21. Kapitel – Philosophisch dumme Ausrede Bischof Martins. Ein liebfreundlicher und göttlichernster Gewissensspiegel.

[BM.01_021,01] Spricht Bischof Martin: „Gott lieben über alles und den Nächsten wie sich selbst, wäre schon recht, wenn man nur wüßte, wie man das anstellen soll! Denn Gott sollte man mit der reinsten Liebe lieben, desgleichen womöglich auch den Nächsten; aber woher sollte unsereiner eine solche Liebe nehmen, wodurch sie in sich erwecken?

[BM.01_021,02] Ich kenne wohl das Gefühl der Freundschaft und kenne auch die Liebe zum weiblichen Geschlechte; auch kenne ich die interessierte Kinderliebe zu ihren Eltern; nur die Liebe der Eltern zu ihren Kindern kenne ich nicht! Kann aber die Gottliebe einer von diesen erwähnten Liebesarten gleichen, die alle auf den unlautersten Füßen basiert sind, indem sie nur auf Geschöpfe gerichtet sind?

[BM.01_021,03] Ich behaupte sogar: der Mensch als ein Geschöpf kann Gott als seinen Schöpfer ebensowenig lieben wie ein Uhrwerk seinen Urheber! Denn dazu gehörte die vollkommenste göttliche Freiheit, der sich höchstens die freiesten Erzengel rühmen können, um Gott Seiner Heiligkeit wegen würdig lieben zu können! Wo aber ist der auf der untersten, unheiligsten Stufe stehende Mensch und wo die vollste göttliche Freiheit?

[BM.01_021,04] Es müßte nur Gott gefallen, Sich von Seinen Geschöpfen so lieben zu lassen, wie sie sich untereinander lieben: wie die Kinder ihre Eltern, oder wie ein Jüngling seine schöne Maid, oder wie ein rechter Bruder den anderen, oder auch wie ein armer Mensch seinen höchst uninteressierten Wohltäter, oder wie ein Regent seinen Thron, oder wie ein jeder Mensch sich selbst!

[BM.01_021,05] Dazu aber fehlt das sichtbare Objekt, ja sogar die Fähigkeit, sich dies erhabenste Objekt auf irgendeine Art vorstellen zu können! – Wie sieht Gott aus? Wer von den Menschen hat Gott je gesehen? Wer Ihn gesprochen? Wie aber kann man ein Wesen lieben, von dem man sich aber auch nicht den allerleisesten Begriff machen kann! Ein Wesen, das da nicht einmal historisch, sondern lediglich nur mythisch existiert unter allerlei mystisch poetischen Ausschmückungen, welche mit einer altjüdischen scharfen Moral allenthalben unterspickt sind!"

[BM.01_021,06] Nun rede Ich: „Freund, Ich sage dir, mit diesem unsinnigen Gewäsch könntest du wohl nie auch nur einen Faden deines schmutzigsten Gewandes reinwaschen! Du hattest auf der Welt Objekte genug! Da waren Arme die Menge, Witwen, Waisen, eine Menge anderer Notleidender! Warum liebtest du sie nicht – und hattest doch Liebe genug, dich selbst über alles zu lieben?!

[BM.01_021,07] Deine eigenen Eltern liebtest du nur der Gaben wegen; gaben sie dir aber zu wenig, so wünschtest du ihnen nichts sehnlicher als den Tod, um sie dann zu beerben!

[BM.01_021,08] Deine untergeordneten Pfarrer liebtest du, so sie dir fleißig reichliche Opfer einsandten; blieben diese aus, da warst du bald ihr unerbittlichster Tyrann!

[BM.01_021,09] Die reichen und viel opfernden Schafe segnetest du; die armen aber, die daher nur wenig oder nichts opfern konnten, wurden von dir mit der Hölle abgespeist!

[BM.01_021,10] Die Witwen liebtest du wohl, so sie noch jung, schön und reich waren und sich zu allem herbeiließen, was dir angenehm war, ebenso üppige, honette weibliche Waisen von 16 bis 20 Jahren!

[BM.01_021,11] Siehe, bei der Liebe so gestalteter Objekte ist es freilich unmöglich, sich zur geistigen Anschauung und Liebe des allerhöchsten und aller Liebe würdigsten Objektes zu erheben!

[BM.01_021,12] Hattest du doch das Evangelium, die erhabenste Lehre Jesu, des Christus, als die Hauptlebensschule – warum versuchtest du nicht wenigstens einmal in deinem Leben, nur einen Text praktisch anzuwenden, auf daß du dann erfahren hättest, von wem diese Lehre ist?

[BM.01_021,13] Heißt es nicht darinnen: ,Wer Mein Wort hört und danach lebt, der ist es, der Mich liebt; zu dem werde Ich kommen und werde Mich Ihm Selbst offenbaren!‘

[BM.01_021,14] Siehe, hättest du je nur einen Text an dir praktisch versucht, so würdest du dich wohl überzeugt haben, daß fürs erste die Lehre von Gott ist. Und fürs zweite wäre dir auch dadurch die Objektivität Gottes beschaulich geworden wie vielen Tausenden, die viel geringere Menschen waren als du!

[BM.01_021,15] So steht auch geschrieben: ,Suchet, so werdet ihr's finden; bittet, so wird euch's gegeben, und klopfet an, so wird's euch aufgetan!‘ – Tatest du je etwas davon?

[BM.01_021,16] Siehe, weil du von alledem nie etwas getan hast, so konntest du über Gott auch nie zu einer geistigen Anschauung gelangen. Es ist daher höchst widersinnig von dir, so du darum für Gott keine Liebe findest, weil Er dir nie zu einem Objekte geworden ist – da Er dir doch zum Objekte hätte werden müssen, so du nur im geringsten für diesen Zweck etwas getan hättest!

[BM.01_021,17] Ich frage dich aber auch, unter welchem Bilde hättest du Gott wohl mit deiner schmutzigsten Liebe ergreifen können, das deinem steinernen Herzen einige Funken hätte zu entlocken vermögen zur Belebung eben solchen Gottesbildes in dir? Siehe, du schweigst; Ich aber will es dir zeigen!

[BM.01_021,18] Höre: Gott müßte entweder des schönsten weiblichen Geschlechtes sein, dir die größte Macht und den größten Glanz verleihen und daneben dir noch gestatten, die schönsten Mädchen mit nie schwächer werdender Manneskraft zu beschlafen; und dir überhaupt alles gönnen, was dir deine Einbildungskraft als angenehm darstellete, ja womöglich dir am Ende sogar die Gottwesenheit rein abtreten, auf daß du dann mit der ganzen unendlichen Schöpfung nach deinem Belieben sozusagen ,Schindluder treiben‘ könntest!

[BM.01_021,19] Siehe, nur unter solcher Objektivität wäre dir die Gottheit liebenswert. Aber unter dem Bilde des armen gekreuzigten Jesus war dir der Begriff ,Gottheit‘ unerträglich, widerlich, ja verächtlich sogar!

[BM.01_021,20] Unter solchen Umständen mußt du nun freilich fragen, wie man Gott lieben solle, und zwar mit reinster Gottes würdiger Liebe! Der Grund davon ist – wie gezeigt – kein anderer denn der: du wolltest Gott nie erkennen und also auch nie lieben! Darum tatest du auch nichts, aus Furcht, es möchte ein besserer Geist in dich fahren, der dich zur Demut, zur Nächstenliebe und daraus zur wahren Erkenntnis und Liebe Gottes geleitet hätte!

[BM.01_021,21] Siehe, das ist der eigentliche Grund, demzufolge du nun fragst, wie man Gott lieben solle und könne! So du aber schon deine Brüder nicht liebst, die du siehst und trotzdem nicht lieben magst, wie solltest du Gott lieben, den du noch nicht siehst, weil du Ihn nicht sehen willst!

[BM.01_021,22] Siehe, wir beide sind dir nun die größten Freunde und Brüder, und du verachtest uns fortwährend in deinem Herzen, obgleich wir dir helfen wollen und dich durchschauen auf ein Haar! Darum wende dein Herz! Fange an, uns als deine Wohltäter zu lieben, so wirst du auch ohne deine dümmste Philosophie den Weg zum Herzen Gottes finden, wie es recht ist und sich geziemt! Es sei!"

[BM.01_021,23] Spricht wieder Bischof Martin: „Ja, ja, mein Gott ja, du hast schon recht, ich liebe euch und schätze euch überaus ob eurer Weisheit und ob der damit vereinten Kraft, Liebe, Geduld und Ausharrung! Möchtest du, mein liebster Freund, mit mir aber dennoch nur so reden, daß ich aus deiner Rede nicht allzeit meine Fluchwürdigkeit in aller Fülle und Schwere erschauete, so wäre ich ohnehin schon lange förmlich verliebt in dich! Aber eben deine durchdringlichste Wortschärfe erfüllt mich eher mit einer Art geheimer Furcht als mit Liebe zu dir und deinem Freunde Petrus! Rede sonach schonender mit mir, und ich werde dich dann aus allen meinen Kräften lieben!"

[BM.01_021,24] Rede Ich: „Freund, was verlangst du von Mir, daß ich dir's nicht angedeihen ließe im höchsten Vollmaße, ohne von dir dazu aufgefordert zu werden?! Meinst du denn, daß nur ein Schmeichelredner ein wahrer Freund ist oder einer, der sich aus lauter Ehrfurcht nicht getraut, die Wahrheit jemandem unters Gesicht zu bringen? Oh, da bist du in großer Irre!

[BM.01_021,25] Du bist einer, an dem kein gutes Härchen irgendwo steht! Kein edles Werk der Liebe ziert dich! Hast du je etwas getan, das vor der Welt wie liebedel schien, so war es aber dennoch eitel Böses. Denn all dein Tun war nichts als eine arge Politik, hinter der irgendein geheimer herrschsüchtiger Plan verborgen lag!

[BM.01_021,26] Gabst du irgend jemandem ein karges Almosen, so mußte davon nahezu der ganze Erdkreis Notiz nehmen. Sage, war das evangelisch, wo die Rechte nicht wissen soll, was die Linke tut?

[BM.01_021,27] Gabst du jemandem einen sogenannten kirchlichen guten Rat, so war auch der allzeit so gestellt, daß am Ende dessen Wasser dennoch auf deine Mühle laufen mußte!

[BM.01_021,28] Zeigtest du dich herablassend, so geschah es nur, um den unten Stehenden so recht anschaulich deine Höhe einzuprägen!

[BM.01_021,29] War sanft der Ton deiner Rede, so wolltest du damit das erreichen, was da zu erreichen suchen die Sirenen mit ihrem Gesang und die Hyänen mit ihrer Weinerei hinter einem Busche! Du warst fortwährend ein gierigstes Raubtier!

[BM.01_021,30] Kurz und gut, wie schon gesagt, an dir war auch nicht ein gutes Haar, und du befandest dich schon Hals über Kopf vollkommen in der Hölle! Gott der Herr aber erbarmte sich deiner, ergriff dich und will dich frei machen von all den Höllenbanden! Meinst du wohl, daß solches möglich sein könne, ohne dir zu zeigen, wie du beschaffen bist?!

[BM.01_021,31] Oder hast du auf der Erde nie gesehen, was die Uhrmacher mit einer verdorbenen Uhr machen, wenn diese wieder gut und brauchbar werden soll? Siehe, sie zerlegen sie in die kleinsten Teile, aus denen sie zusammengesetzt ist, untersuchen da jedes Stückchen sorgfältigst und reinigen es, machen das Krumme gerade, feilen das Rauhe hinweg und ergänzen, wo irgend etwas fehlt, und setzen am Ende das Werk wieder zusammen, auf daß es wieder wirkend entspräche seiner Bestimmung! Meinst du wohl, daß solch eine ganz verdorbene Uhr zum Gehen käme, so der Uhrmacher bloß ihr Äußeres recht blank putzte, das Innere aber beließe, wie es ist?

[BM.01_021,32] Ebenso aber bist auch du ein Uhrwerk, in dem auch nicht eines Rades Zahn in der Ordnung ist! Sollst du gebessert werden, so mußt du auch zerlegt werden in allem deinem verdorbenen Wesen! Es muß alles heraus ans Licht der ewigen unbestechlichsten Wahrheit, auf daß du dich selbst beschauen kannst und sehen, was alles in und an dir völlig verdorben ist!

[BM.01_021,33] Hast du erst alle deine Gebrechen erkannt, dann erst kann die Raspel, die Feile, die Zange und endlich auch eine Putz- und Polierbürste angelegt werden, um aus dir wieder einen Menschen in der Ordnung Gottes zu gestalten. Und zwar einen ganz neuen Menschen; denn dein jetziger Mensch, wie du selbst es nun bist, ist dazu völlig unbrauchbar!

[BM.01_021,34] So Ich nun aber all das an dir tue, sage: verdiene Ich da nicht deine Liebe?"

 

22. Kapitel – Bischof Martins demütige Selbsterkenntnis und seiner Liebe Erwachen. Die verwandelte Gegend. Der Palast und sein schmutziges Inneres.

[BM.01_022,01] Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, du hast völlig recht, teuerster Freund! Nun gehen mir erst die Augen so ganz eigentlich ein wenig auf. Auch empfinde ich nun rechte Liebe in mir, – ja ich liebe dich nun von ganzem Herzen! O laß dich an mein Herz drücken, denn ich sehe nun, wie arg und dumm ich war und noch bin, und wie wahrhaft gut du es mit mir meinst! O du herrlichster Freund, und du auch, mein erster Führer, vergib mir meine große, roheste Blindheit! –

[BM.01_022,02] Aber, aber, was ist denn das?! Wo ist denn nun das Meer hingekommen, wohin unser Schiff? Es ist hier ja alles trocken, das schönste Land! Ach, diese herrlichen Fluren, dieser wunderschöne Garten, und dort, wo ehedem die Hütte stand, steht nun ein Palast von mir nie geschauter Pracht! – Ja wie, wie ist denn das geschehen?"

[BM.01_022,03] Rede Ich: „Siehe, Bruder, das gebar schon ein kleinster Funke rechter Liebe zu uns, deinen Brüdern und Freunden! Das Meer deiner Sünden trocknete er aus samt all den bösen Wirkungen, und den Schlamm deines Herzens verwandelte er in ein fruchtbares Land. Die ärmliche Hütte deiner Erkenntnis verwandelte dieser Liebesfunke in einen Palast.

[BM.01_022,04] Aber, wie herrlich dies auch alles schon aussieht, so ist dennoch nirgends noch von einer reifen, genießbaren Frucht etwas zu entdecken. Alles gleicht noch stark dem Feigenbaume, der keine Frucht hatte zur Zeit, da es den Herrn hungerte nach des Feigenbaumes Frucht.

[BM.01_022,05] Darum heißt es nun vollauf tätig sein und die einmal erwachte Liebe frei walten lassen, wodurch dann diese Bäume ehestens Frucht tragen werden. Denn siehe, wie auf der Welt alles im Lichte und in der Wärme der Sonne wächst und reift, ebenso wächst und reift hier alles im Lichte und in der Liebe des Herzens des Menschen! Des Menschen Herz ist die Sonne dieser Welt für ewig!

[BM.01_022,06] Bald werden sich dir nun in dieser neuen, besseren Periode eine Menge Gelegenheiten zeigen, dein Herz zu beschäftigen, seine Kraft zu erweitern und zu stärken. Je mehr du es in der Liebe wirst walten lassen, desto mehr des Segens wirst du in dieser Gegend auftauchen sehen!

[BM.01_022,07] Komm aber nun mit uns in diesen Palast, darinnen werden wir erst das Nähere deines neuen Zustandes besprechen. Du wirst von da aus auch bald eine Menge Gelegenheiten entdecken, die alle dein Herz in vollsten Anspruch nehmen werden. Komm also, Bruder, und folge uns beiden! Es sei!"

[BM.01_022,08] Wir sind nun schon im Palaste, dessen Inneres bei weitem nicht so herrlich aussieht wie sein Äußeres. Bischof Martin ist auch etwas frappiert, daß er sich darob nicht enthalten kann, folgende satirische Bemerkung zu machen:

[BM.01_022,09] „Nein, aber das heißt mir doch etwas fürs Gesicht herstellen! Von außen Königspracht, und von innen Bettlertracht! Wer dies gemacht, hat schlecht gedacht! Da sieht es ja gerade so aus, als so das Gebäude von innen noch gar nicht ausgebaut wäre, sondern bloß nur von außen fürs Auge verputzt!

[BM.01_022,10] Liebe Freunde, da muß ich euch offen gestehen: die frühere Hütte wäre mir um eine ganze Million lieber! Ah, was es da noch Mist darinnen gibt! Hört, in diesem Miste kann ich's, der ich die größte Reinlichkeit liebe, ja beinahe gar nicht aushalten!

[BM.01_022,11] Freunde, liebe Freunde, ich bitte euch, gehen wir sogleich wieder in das herrliche Freie! Denn in diesen Mistgemächern wäre ich auch nicht eines guten Gedankens fähig und könnte eher schlechter als besser werden; denn vor dem Zimmermiste habe ich einen ganz absonderlichen Widerwillen!"

[BM.01_022,12] Nun rede wieder Ich: „Höre, du lieber Bruder und Freund, wohl sehe Ich, daß dir das Innere dieses Palastes nicht gefallen kann. Aber du wirst auch einsehen, daß das Innere deines Herzens, das genau diesem Palaste entspricht, Gott dem Herrn ebensowenig gefallen kann, wie deinen Augen diese unreinsten Gemächer!

[BM.01_022,13] Du hast sicher auf der Welt unter den heidnischen Fabeln auch von des Herkules zwölf schweren Arbeiten gehört, welche dieser Held verrichten mußte, um in die Zahl der fabelhaften Götter aufgenommen zu werden? Unter diesen Arbeiten befand sich auch die bekannte Stallreinigung!

[BM.01_022,14] Was tat der fabelhafte Held Herkules? Siehe, er leitete einen ganzen Fluß durch den großen Stall, und dieser hob alsbald allen Mist in wunderkürzester Zeit aus dem Stalle!

[BM.01_022,15] Ich aber sage dir: leite du auf gleiche Weise einen ganzen Strom der Liebe durch den alten Sündenstall deines Herzens, so wird solch ein Strom auch am geschwindesten mit diesem deinem Herzensmiste fertig werden!

[BM.01_022,16] Als wir uns noch auf dem Meere befanden, das da aus deiner eigenen Sündflut entstanden ist, da genügte ein Fünklein oder ein Tropfen der echten Liebe und das Meer vertrocknete, und der Schlamm wurde in fruchtbares Erdreich verkehrt!

[BM.01_022,17] Dies Fünklein, da es bei dir nur durch Meine Rede erzeugt wurde, also wie durch ein äußeres Mittel, konnte daher auch nur das Äußere deines Herzens berühren und es dadurch rein machen. Aber das Innere deines Herzens blieb noch, wie es war: ein wahrer Augiasstall, der nur durch dich selbst gereinigt werden kann. Und das, wie oben gesagt, durch einen ganzen Strom von rechter Liebe zu uns, deinen Brüdern und größten Freunden, und auch zu denen, die dir bald hie und da vors Gesicht treten werden und in Anspruch nehmen dein Herz!

[BM.01_022,18] Da siehe zu diesem Fenster hinaus! Was siehst du dort in einiger Ferne von hier gegen Mitternacht hin?"

 

23. Kapitel – Bischof Martins erstes gutes Werk der Barmherzigkeit an den armen Neuhinübergekommenen.

[BM.01_023,01] Spricht Bischof Martin: „Ich sehe mehrere überaus zerlumpte Menschen entsetzlich langsamen, hinkenden Schrittes wandeln. Sie scheinen kein Obdach zu haben. Wahrscheinlich werden sie auch im Magen eine sehr bedeutende Leere haben und ihr Herz dürfte gerade auch nicht von der heitersten Stimmung sein.

[BM.01_023,02] Freund, mich erbarmen diese armseligsten Wanderer. Laß es mir zu, daß ich hingehe und sie hierher führe, sie hier aufnehme und soviel als möglich gut versorge! Sind diese Zimmer auch schmutzig, so werden sie ihnen dennoch sicher dienlicher sein als jene frostigen und trüb aussehenden holprigen Pfade nach jener mir wohlbekannten Richtung, bei deren Verfolg es immer schlechter wird!"

[BM.01_023,03] Rede Ich: „Gut, recht gut, gehe und tue, was dir dein Herz gebietet. Aber das muß dich nicht abschrecken, so du finden wirst, daß jene Wandler nicht deiner, sondern lutherischer Konfession sind!"

[BM.01_023,04] Spricht Bischof Martin: „Das ist mir freilich wohl ein wenig zuwider. Aber nun ist schon alles eins, ob Luther, Mohammed, Jude oder Chinese! Kurz, was Mensch ist, dem soll Hilfe werden!"

[BM.01_023,05] Bischof Martin, noch in der gemeinen Landmannskleidung, empfiehlt sich nun und eilt den Wandlern nach und ruft und schreit, daß sie seiner doch harren sollen. Worauf die Wandler stehenbleiben und auf unsern Bischof Martin warten, um zu erfahren, was er mit ihnen wolle. Denn diese sind auch erst von der Erde in der Geisterwelt angelangt und wissen nun auch nicht, wo aus, wo ein.

[BM.01_023,06] Nun hat unser Bischof Martin eben diese traurige Gesellschaft erreicht und spricht zu ihr in einem sehr freundlichen Tone: „Liebe Freunde, wohin wollet ihr euch denn da begeben? Ich bitte euch um Gottes willen, kehret um und folget mir nach, sonst geht ihr alle zugrunde! Denn die Richtung, die ihr verfolget, führt schnurgerade zu einem Abgrunde, der euch alle für ewig verschlingen wird!

[BM.01_023,07] Ich aber bin hier mit noch zwei gar lieben Freunden ansässig, eine geraume Zeit schon, und weiß, wie diese Gegend hier beschaffen ist, daher ich euch warnen kann.

[BM.01_023,08] Sehet aber dorthin gegen Mittag! Daselbst werdet ihr einen Palast erschauen, der freilich von außen schöner als von innen aussieht, aber das macht vorderhand nichts! Ein Obdach und auch ein Stückchen Brot werden wir darinnen dennoch finden, was doch auf jeden Fall besser sein wird, als diesen ins sichere Verderben führenden Weg fortwandeln! Besinnet euch daher nicht lange, sondern kehret sogleich um und folget mir; bei Gott, es soll das euer Schade nicht sein!"

[BM.01_023,09] Einer von den Wandlern spricht: „Gut, wir wollen dir folgen. Aber das merke dir im voraus, daß du uns in kein katholisches Haus bringst! Denn da wäre für uns keines Bleibens, indem wir gegen nichts einen so starken Widerwillen haben als gegen den über alle Pest stinkenden römischen Katholizismus, namentlich gegen den Papst, gegen seine Bischöfe und gegen das über alles schlechte Mönchstum der römischen Hure!"

[BM.01_023,10] Spricht der Bischof Martin: „Was Papst, was Bischof, was Mönch, was Luther, was Calvin, was Mohammed, was Moses, was Brahma, was Zoroaster?! Das gilt nur auf der dummen Welt etwas; hier im Reiche der Seelen und Geister hören alle diese irdischen dummen Unterschiede so gut wie ganz auf! Hier gibt es nur eine Losung, und diese heißt Liebe! Mit dieser allein kommt man hier weiter; alles andere zählt soviel wie nichts!

[BM.01_023,11] Als ich auf der Welt war, war ich ein römischer Bischof und bildete mir was Ungeheures darauf ein. Aber hier angelangt, lernte ich bald kennen, wie ganz und gar nichts daran gelegen ist, was man auf der Welt war, sondern alles liegt daran, was man auf der Welt getan hat und wie und unter welchen Bedingungen!

[BM.01_023,12] Daher laßt auch ihr euch weder durch Luther, noch durch Calvin beirren, sondern folget mir! Wahrlich, ihr sollet es nicht bereuen! Wird es euch bei mir aber nicht behagen, so steht euch dieser Weg noch immer offen!"

[BM.01_023,13] Spricht der Anführer dieser Gesellschaft: „Nun gut, du scheinst mir ein ziemlich gescheiter Mann zu sein; daher wollen wir dir denn folgen in deine Behausung! Aber das bitten wir uns schon im voraus aus, daß da unter uns ja nie von der Religion etwas gesprochen wird; denn uns ekelt alles, was Religion heißt, auf das allerwidrigste an!"

[BM.01_023,14] Spricht der Bischof Martin: „Na, ist ja auch gut! Redet, wovon ihr reden wollt. Nach und nach werden wir uns wohl hoffentlich noch besser kennenlernen, und ihr werdet an mir durchaus nie etwas entdecken, was euch nur irgend im allergeringsten beleidigen soll. Daher nur muntern und heitern Geistes aufgebrochen, und in meiner und besonders meiner Freunde und Brüder Behausung Platz genommen!"

[BM.01_023,15] Nun geht Bischof Martin voraus, und die ganze Karawane von 30 Köpfen folgt ihm, und er führt sie geraden Weges dem Palaste zu und nun in denselben und da sogleich zu Mir und Petrus. Als er da anlangt, spricht er voll Freude zu Mir:

[BM.01_023,16] (Bischof Martin:) „Siehe, mein geliebter Freund und Bruder in Gott dem Herrn, hier habe ich sie glücklich sämtlich hierher gebracht. Nun sei du von der Güte und zeige mir an, in welchen Gemächern wir sie unterbringen werden. Dann werde ich dich auch bitten um ein wenig Brot, auf daß sie sich stärken, denn sie werden sicher schon sehr hungrig sein."

[BM.01_023,17] Rede Ich: „Dort, die Tür gegen Abend, da ist ein großes Zimmer gut eingerichtet! Da werden sie schon alles finden, was ihnen irgend gebricht. Du aber komme dann zurück, auf daß wir schnell an eine wichtige Arbeit gehen, die keinen Aufschub leidet!"

[BM.01_023,18] Bischof Martin tut, wie Ich es ihm anzeigte, und die Gesellschaft freut sich sehr, als sie in das wohleingerichtete Zimmer tritt, das ihr Bischof Martin anweist. Nach der Einlogierung aber kommt er schnell wieder und fragt, wo die neue Arbeit wäre.

 

24. Kapitel – Neue Arbeit Bischof Martins: Brandlöschen und Lebenretten! Aufnahme und Einkleidung der Abgebrannten.

[BM.01_024,01] Und Ich sage: „Siehst du dort gen Norden einen Brand? Dorthin müssen wir eilen und dem Feuer Einhalt tun, sonst leidet diese ganze Gegend. Denn das geistig böse Feuer ist viel um sich greifender denn das naturmäßig irdische. Darum nur schnell auf die Füße!"

[BM.01_024,02] Wir eilen nun dem Brande zu und haben ihn auch schon erreicht. Man sieht hier ein höchst ärmliches Dorf, das ganz in Flammen steht, sowie eine Menge ärmlichster, ganz nackter Menschen, die sich aus ihren brennenden Hütten auf die Flucht machten. Aber inmitten des Dorfes steht ein etwas besseres Häuschen mit einem Söller, auf dem sich fünf Menschen befinden und jämmerlich um Hilfe rufen, indem die Flammen schon zu ihnen emporschlagen und sie im nächsten Augenblick zu verschlingen drohen.

[BM.01_024,03] Unser Bischof Martin ersieht das und schreit: „Freunde, um Gottes willen, wo ist denn hier etwas wie eine Leiter, daß ich hinansteige zu diesen Ärmsten und sie möglicherweise mit euerm Beistande noch rette?"

[BM.01_024,04] Rede Ich: „Siehe, hier gerade zu unseren Füßen liegt so etwas! Nimm es und mache damit deinem Herzen Luft!"

[BM.01_024,05] Bischof Martin packt schnell die Leiter und läuft damit an das Häuschen mit dem Söller, das schon ganz von Flammen umringt ist. Er lehnt sie an den Söller, steigt mutig durch die Flammen hinauf und ladet da zwei schon zusammengesunkene Menschen auf seine Schultern und trägt sie eilends hinab, während die drei kräftigeren ihm jählings folgen. In einer Minute hat er wirklich fünf das Seelenleben gerettet.

[BM.01_024,06] Als er nun mit dieser Arbeit fertig ist, kommt er schnellstens wieder zu Mir und spricht (Bischof Martin:) „O Gott sei Dank, daß mir diese Rettung gelungen ist! Schon glaubte ich, daß mir diesmal mein Eifer ganz übel bekommen wird; aber dennoch – Gott sei's gedankt! – hat es sich noch mit genauester Not getan.

[BM.01_024,07] Ah, Freunde! Das war aber eine Hitze, Tausend, Tausend! Meine Haare müssen so hübsch verkürzt worden sein? Aber das macht nichts, wenn nur diese Armen gerettet sind! Die zwei haben freilich schon nahezu den Tod bekommen, und es war wirklich die höchste Zeit, sie den Flammen zu entreißen. Aber sie leben nun wieder frisch auf, und das, meine liebsten Freunde und Brüder, ist mir lieber, als so ich jetzt wirklich in die Seligkeiten aller drei oder sieben Himmel eingegangen wäre.

[BM.01_024,08] Gelt, Brüder und Freunde! Diese armen von mir Geretteten und die vielen nun Obdachlosen, die hier draußen an den Zäunen nackt herumkauern und wehklagen, nehmen wir alle in unsern Palast auf! O liebe Brüder, wohl, wohl; gönnet mir diese Freude!"

[BM.01_024,09] Rede Ich: „Ja, freilich wohl, darum sind wir ja hauptsächlich hierher gekommen. Aber nun müssen wir auch das Feuer ersticken. Ist dies geschehen, dann wollen wir ganz fröhlich mit diesen Armen nach Hause ziehen. Darum legen wir nur gleich die Hände ans Werk, daß das Feuer nicht noch mehr um sich greift!"

[BM.01_024,10] Spricht Bischof Martin: „Wäre schon alles recht, wenn wir nun nur gleich so einen kleinen Ozean bei der Hand hätten! Aber ich entdecke hier auch nicht einen Tropfen Wasser. Ich meine, diese Geschichte wird etwas hart gehen ohne Wasser?"

[BM.01_024,11] Rede Ich: „Siehe, dort am Boden liegt ein Stab, ähnlich dem, den einst Moses trug. Hebe ihn auf und stoße ihn gläubig in den Boden, und wir werden sogleich Wasser in schwerer Menge haben; denn diese Gegend ist sehr sumpfig! Also tue!"

[BM.01_024,12] Bischof Martin tut sogleich das Geratene und sofort springt ein starker Quell aus dem Boden. Bischof Martin spricht: „So, so, wohl so – jetzt ist es schon recht! Nun nur Gefäße her!"

[BM.01_024,13] Rede Ich: „Freund, es ist genug! Das Wasser wird nun schon von selbst das Rechte tun; denn dieser mächtige Quell wird dem Feuer bald über den Kopf wachsen und es gehörig versorgen. Daher können wir uns mit unseren armen Geretteten schon nach Hause begeben und dort ein wenig ausruhen und uns stärken zu einem andern Geschäfte. Gehe nun und bringe sie alle zu Mir!"

[BM.01_024,14] Bischof Martin geht heitersten Mutes und bringt alle die Armen herbei. Wir begeben uns nach unserm Palaste, wo angelangt die Armen sogleich in ein anderes, geräumiges Gemach untergebracht werden.

[BM.01_024,15] Als sie nun im Zimmer sind, noch ganz nackt, zieht Bischof Martin gleich seinen Bauernrock aus und hängt ihn um die Schultern desjenigen, der ihm am ärmsten und schwächsten vorkommt. Und sein Leibchen gibt er einem andern, der ihn auch sehr dauert, darob loben ihn alle.

[BM.01_024,16] Er aber macht nun einen rechten Mann und spricht: „Meine lieben armen Freunde und Brüder, nicht mich, sondern Gott und diese beiden Freunde preiset! Denn ich bin selbst erst vor kurzem von ihnen hier aufgenommen worden und habe von ihnen die größten Wohltaten empfangen. Ich selbst bin nur ein schlechtester Knecht dieser Freunde der unglücklichen Menschen. Ich aber habe die größte Freude an eurer Rettung, und diese Freude ist nun mein größter Lohn in mir selbst!"

[BM.01_024,17] Rede Ich: „So ist es recht, Mein geliebter Bruder! So bist du aus einem Saulus ein Paulus geworden. Fahre so fort, so wirst du Mir und Meinem Freunde und Bruder bald würdig zur Seite stehen! Nun aber gehen wir in unser Gemach!"

 

25. Kapitel – Unterschied des Denkens dies- und jenseits. Einführung in die lebendige Entsprechungswissenschaft. Martins Tathunger und Erkenntnismüdigkeit.

[BM.01_025,01] Wir kommen nun in unser Gemach, das zwar nicht im reichsten Glanze prunkt, dessenungeachtet aber überaus geschmackvoll eingerichtet ist.

[BM.01_025,02] Als Bischof Martin dieses Gemach betritt, erstaunt er sehr über die unerwartete einfache Pracht desselben und spricht: „Aber liebste Freunde und Brüder, wer hat denn während der kurzen Zeit unseres Ausbleibens dieses Gemach gereinigt und so überaus zierlich hergestellt? Denn es war früher ja ordinärer als die gemeinste Bauernstube. Auch die Fenster kommen mir viel größer vor und Tische und Stühle so rein und geschmackvoll! O sagt mir doch, wie das zugegangen ist!"

[BM.01_025,03] Rede Ich: „Lieber Bruder, das ging ganz einfach und natürlich vor. Siehe, so jemand auf der Welt seine Wohnung ausschmücken will, faßt er einen Plan aus seinem Verstande und läßt allerlei Handwerker und Künstler kommen, die nach seinem Plane die Wohnung schmücken müssen.

[BM.01_025,04] Diese Ausschmückung geht auf der Erde aber darum länger her, weil dort die Trägheit der Materie, die erst bearbeitet werden muß, ein überaus hemmendes Medium ist. Hier aber fällt dieses Hemmnis weg, und so wird der Plan des Verstandes auch sogleich als ein vollbrachtes Werk dargestellt. Denn was hier ein vollkommener Geist denkt und das Gedachte zugleich will, ist auch schon vollendet so da, wie es gedacht wurde.

[BM.01_025,05] Freilich ist hier in der ewigen Geisterwelt das Denken ein ganz anderes als auf der Welt. Auf der Welt besteht das Denken aus Ideen und Bildern, welche den Dingen der Welt und ihren Bewegungen und Veränderungen entnommen sind. Hier aber besteht das Denken aus den Fähigkeiten des Geistes, die aus Gott in ihn gelegt sind, so sie durch die Werktätigkeit der Liebe zu Gott und zum Nächsten geweckt und mit dem Lichte aus Gott erleuchtet werden.

[BM.01_025,06] Siehe, dieses Gemach besteht nun lediglich aus deiner nun schon frei werktätigen Liebe zum Nächsten. Aber es ist noch ganz einfach zierlich, weil in dir das Gotteslicht noch nicht Wurzel gefaßt und tief in dein Leben getrieben hat. Wird bei dir auch das der Fall sein, dann wirst du dir dessen voll bewußt sein und dir über alles selbst die genügendste Rechenschaft geben können. Aber dazu gehört die rechte Erkenntnis Gottes, die dir noch mangelt, die du aber bald erreichen wirst, so du in der Liebe stets mehr wachsen wirst. Nun aber setzen wir uns an den Tisch, an dem schon eine gemessene Stärkung unser harrt. Es sei!"

[BM.01_025,07] Bischof Martin spricht: „Ja, ja, so ist es! Es ist zwar hier alles wunderbar, ein wahres zauberisches ,Tischlein-deck-dich‘. Aber man muß sich hier an die Wunder ebenso gewöhnen wie auf der Erde an die Naturwunder, die zwar auch noch heute kein Mensch völlig begreift und einsieht, aber man macht sich daraus nichts, weil man sich an all solches unbegreifliche Zeug gewöhnt hat. Also wird es auch hier gehen.

[BM.01_025,08] Ich bin überhaupt aufs volle Einsehen der Wunder Gottes eben nicht allzu versessen. Und so ist es schon zum Aushalten, wenn man auch nicht alles, was da zum Vorscheine kommt, auf den Grund des Grundes einsieht. Wenn ich nur fortwährend etwas zu tun bekomme und dazu manchmal so ein kleine Rast und Stärkung, wie sie eben jetzt vor uns auf dem schönen Tische in Bereitschaft liegt, und habe euch um mich, dann verlange ich mir für die ganze Ewigkeit nichts Besseres!

[BM.01_025,09] Gott erkenne ich nun so weit, daß Er richtig Einer ist in irgendeinem ewig unzugänglichen Lichte, darin Er ist heilig, überheilig, allmächtig und endlos weise. Mehr von Ihm, dem Unendlichen, zu wissen und zu kennen, würde ich sogar für eine Todsünde halten. Daher lassen wir das, was für uns endlos unerreichbar ist und begnügen uns dankbarst mit dem, was uns Seine Güte allergnädigst zukommen läßt!"

[BM.01_025,10] Rede Ich: „Gut, gut, mein lieber Bruder, setzen wir uns zum Brote, und du, Petrus, hole dort aus der Kammer auch den mit Wein gefüllten Becher!"

 

26. Kapitel – Martins Bescheidenheit und Demut. Das gesegnete Liebesmahl am Tische des Herrn.

[BM.01_026,01] Wir setzen uns nun zum Tische, und Petrus bringt den Wein nebst einer Toga für Bischof Martin und sagt: „Da, Bruder, weil du deinen Rock und dein Hemd den Armen gabst, so ziehe dafür diesen etwas bessern Rock an, und verzehre in diesem Kleide das vorgesetzte Mahl!"

[BM.01_026,02] Bischof Martin betrachtet den schönen lichtblauen Rock mit purpurner Verbrämung und spricht: „Ah, ah, das ist für unsereinen ja viel zu schön und herrlich! Was fällt dir denn da ein? Ich – ein armer Sünder vom Kopfe bis zum Zehenspitzel – und so ein Rock, wie ihn der Heiland Jesus auf der Welt getragen, der Würdigste der Menschen! Das wäre ja eine Verspottung ohnegleichen!

[BM.01_026,03] Nein, nein, das tue ich nicht! War Jesus auch gerade kein Gott, wozu ihn die dummen Menschen machten, so war er dennoch der weiseste und beste aller Menschen, die je die Erde bewohnt haben. Er war ein vollkommenster Mensch ohne Sünde, an dem Gott sicher Sein höchstes Wohlgefallen haben konnte. Ich aber bin und war der unvollkommenste Mensch voller Sünden. Daher kann ich seinen Rock nimmer anziehen!

[BM.01_026,04] Wahrlich, Freunde, da wollte ich lieber keinen Bissen Brot und keinen Tropfen dieses Weines verkosten, als so unwürdigster Weise diesen wahrhaftigen Jesusrock anziehen. Gebt mir sonst irgendeinen für mich taugenden Fetzen her! Es ist genug, daß ich auf der Welt Melchisedeks Kleider trug und hier diese Torheit teuer genug habe büßen müssen: für die ewige Zukunft werde ich mit Gottes Hilfe wohl klüger sein!"

[BM.01_026,05] Rede Ich: „Auch gut; wie du's willst! Hier gibt es durchaus keinen Zwang. Daher iß und trink nun ohne Rock. Es sei!"

[BM.01_026,06] Spricht wieder Bischof Martin: „Das freut mich, nur keinen Luxus für unsereinen! Aber, liebe Brüder, nun komme ich euch mit einer andern Bitte; höret! Ich bin zwar schon recht hungrig und durstig, aber unsere armen Schützlinge werden sicher noch hungriger und durstiger sein. Gönnt mir daher die Freude, daß ich den mir beschiedenen Teil diesen Armen überlasse und ihn selbst hintrage. Die Freude, diese Armen gesättigt zu haben, soll diesmal eine Hauptsättigung meines Herzens sein!"

[BM.01_026,07] Rede Ich: „Liebster Bruder, solch ein Wunsch aus deinem Herzen macht auch Mir die größte Freude! Aber diesmal soll's bei deinem Wunsche verbleiben, denn für deine Armen ist schon bestens gesorgt. Daher setze dich nur zu Mir her und iß und trink nach Herzenslust! Nach der Mahlzeit werden wir dann die Armen besuchen und sehen, ihnen irgendeine angemessene Beschäftigung zu geben. Also sei es!"

[BM.01_026,08] Petrus spricht: „Herr und Meister, teile Du das Brot und auch den Wein aus; denn mir schmeckt alles besser, so Du es austeilst, als wenn ich mir's selbst nehme! Ich bitte Dich darum, liebster Herr und Meister!"

[BM.01_026,09] Rede Ich: „Ja, ja, mein geliebter Bruder, das tue Ich dir von ganzem Herzen gerne, wenn es nur unsern lieben Freund und Bruder nicht geniert!"

[BM.01_026,10] Spricht Bischof Martin: „Oh, nicht im geringsten, liebste Freunde und Brüder! Ich kenne wohl die Sekte der sogenannten Brotbrecher – ihr werdet weltlich wahrscheinlich ihr angehört haben? Allein das ist hier in der Geisterwelt ohnehin gehauen wie gestochen. Wem hier derlei menschliche fromme Rückerinnerungen aufheiternd dünken, der tue, was ihm gut dünkt. Mir aber ist nun alles, was da irgend nach einer Zeremonie riecht, sehr leicht entbehrlich. Denn ich habe mir auf der Welt an aller Zeremonie einen allerbarsten Ekel angefressen.

[BM.01_026,11] Daher möget ihr hier das Brot auseinanderbrechen, -schneiden oder -sägen, das ist mir eines; wenn's zur rechten Zeit nur was zum Beißen gibt! Mit dem aber bin ich einverstanden, daß da der Herr des Hauses das Brot an seine zwei Knechte austeilen soll: man ißt ein gegebenes Stück Brot ungenierter als eines, das man selbst genommen hat!"

[BM.01_026,12] Rede Ich: „Nun gut, gut, so es dich nicht geniert, so will Ich das Brot brechen und segnen und es euch dann austeilen!"

[BM.01_026,13] Ich breche nun das Brot und segne es und gebe es dann den zweien.

[BM.01_026,14] Petrus weint beinahe vor Freude, Bischof Martin aber lächelt freundlichst, umarmt Petrus und spricht: „Bist aber du auch ein seelenguter Mensch! Die Brotbrechung hat dich gewiß an die sehr erhabene, entweder wirkliche, oder wahrscheinlich fromm erdichtete Szene der zwei nach Emmaus wandelnden Jünger erinnert? Ich muß es auch aufrichtig gestehen, daß sie mich selbst schon oft zu Tränen gerührt hat.

[BM.01_026,15] Denn es liegt darinnen fürs erste wirklich eine schöne, hohe Bedeutung zugrunde. Und fürs zweite fühlt man die Sehnsucht und den Wunsch, daß sich diese Szene wirklich hätte ereignen mögen. Der schwache, kurzsichtige Mensch hört und träumt nichts lieber als von Wundern, besonders wenn seine Phantasie das allerhöchste Gottwesen so inkognito persönlich mitwirkend darstellen kann bei irgendeiner urzeitlichen Gelegenheit. Bei einer gleichzeitigen würde die Sache freilich ein bei weitem unglaublicheres Gesicht bekommen.

[BM.01_026,16] Also brich du, liebster Herr, Meister und Freund, nur allzeit das Brot; denn auch mir gefällt diese fromme Art!

[BM.01_026,17] Hörst du, lieber Freund, ist aber das ein herrliches Brot! Und der Wein – non plus ultra! Hab' wahrlich auf der Erde wohl nie etwas Vorzüglicheres verkostet! Ist das etwa auch so ein Gedankenwein, also überaus geistiger Natur? Das macht aber nichts! Mag er wachsen, wo er will, wenn er nur gut schmeckt. Gott sei gelobt und gepriesen für ewig für dies herrlichste Mahl! Jetzt wird sich's schon wieder tun bei der möglich kommenden schwersten Arbeit!"

[BM.01_026,18] Rede Ich: „Nun, Mich freut es auch, so es euch beiden wohlgeschmeckt hat; es sei euch gesegnet! Nun aber gehen wir schnell zu unseren Armen und wollen sehen, wie sie sich befinden!"

 

27. Kapitel – Martins merkwürdige Erfahrungen an den Aufgenommenen. Martin will belehren und wird belehrt.

[BM.01_027,01] Wir gehen nun zu den dreißig ersten, die Bischof Martin allein hierher gebracht hat. Als wir eintreten, liegen sie auf den Gesichtern und rufen: „O Herr, o Herr, Du großer, erhabener Gott in Jesu Christo, komme nicht zu uns! Denn wir sind zu große Sünder und sind nicht der geringsten Gnade wert! Zu überaus heilig und für uns zu unerträglich ist Deine Nähe!"

[BM.01_027,02] Bischof Martin schaut um sich her nach allen Seiten, um zu sehen, wo denn die dreißig Jesus erschauten. Aber er sieht noch immer nichts und fragt Mich: „Lieber Freund, was haben denn diese Armen? Sind sie von Sinnen, oder sind sie etwa eingeschlafen ob des sicher auch genossenen Weines und haben nun entweder ein lutherisches oder römisches Traumgesicht?"

[BM.01_027,03] Rede Ich: „Nein, nein, sicher nichts dergleichen; sie halten in ihrem Sinne Mich dafür und darum schreien sie so."

[BM.01_027,04] Spricht Bischof Martin: „Na, also doch eine Art Geistesschwäche, nur ein wenig anders motiviert, als ich's mir gedacht habe. Übrigens haben sie nach meiner Ansicht recht, dich als nun ihren größten Wohltäter unter dem Begriffe des höchsten Wesens anzupreisen. Denn ich meine, ein jeder Wohltäter deiner Art trägt eine große Portion der echten Gottheit in sich, und so er geehrt wird, so wird auch die Gottheit in ihm geehrt. – Was wird aber nun mit diesen Armen zu machen sein?"

[BM.01_027,05] Rede Ich: „Diese werden wir gerade bei ihrer Meinung ihrem Wunsche nach belassen und werden uns zu den andern begeben. Denn wenn sie vorderhand Meine Nähe nicht zu ertragen der Meinung sind, wollen wir sie auch nicht weiter quälen; mit der Zeit wird sich's schon machen!"

[BM.01_027,06] Spricht Bischof Martin: „Ja, ja, so ist's recht! Übers Knie läßt sich nichts Starkes brechen; daher gehen wir nur geschwind zu den andern, aus dem Feuer Geretteten. Ich freue mich schon sehr auf sie!"

[BM.01_027,07] Wir gehen nun schnell zu den andern. Als wir an die Tür kommen, sage Ich zu Bischof Martin: „Bruder, gehe du zuerst hinein und melde Mich und den Petrus an! So sie es wünschen werden, werde Ich zu ihnen hineingehen. Wünschen sie Mich aber nicht – was du aus ihren Worten leicht entnehmen wirst –, da komme nur schnell wieder, daß wir uns dann an ein anderes Geschäft wenden können!"

[BM.01_027,08] Bischof Martin tut gleich, was Ich ihn geheißen habe. Als er zu diesen aus den Flammen Geretteten kommt, macht er ein ganz pathetisches Gesicht gleich einer Amtsmiene und spricht: „Liebe Freunde, der Herr und der Meister dieses Hauses will euch besuchen, so es euch genehm ist. Ist euch aber für diesmal sein Besuch nicht willkommen, so äußert euch darüber und ihr sollt von seinem Besuche verschont bleiben. Meine, eures Freundes Meinung aber wäre diese: Da der Herr und Meister dieses Hauses ein gar überaus guter und sanfter Herr ist, so soll euer aller Wunsch dahin gehen, daß er zu euch käme! Aber ihr seid frei und könnt tun, was ihr wollt. Also äußert euch!"

[BM.01_027,09] Die Geretteten aber fragen den Bischof Martin: „Weißt du wohl, wer dieses Hauses Herr und Meister ist?"

[BM.01_027,10] Bischof Martin spricht: „Das gerade weiß ich genau selbst nicht, was aber hier in der Geisterwelt gar nicht so sehr vonnöten ist. Es ist genug, daß ich aus der Erfahrung weiß, daß er ein überaus guter und weiser Mann ist. Mehr wissen zu wollen, wäre sogar aberwitzig. Daher begnüget vorderhand auch ihr euch mit dem, was ich euch auf ein gutes Gewissen von ihm ausgesagt habe. Und gebt mir Bescheid, was ihr laut meinem Auftrage an euch wollt."

[BM.01_027,11] Spricht einer aus der Gesellschaft der Geretteten: „Aber Freund, warum bist du gegen uns so hinterhältig und willst uns das Heiligste und Allerhöchste vorenthalten?

[BM.01_027,12] Siehe, der Herr und Meister dieses Hauses ist ja auch der alleinige Herr, Schöpfer und ewige Meister des Himmels und aller Sonnen und Erden in der ganzen Unendlichkeit, wie aller Menschen und Engel in Jesus Christus!

[BM.01_027,13] Wie kannst du da sagen, du kennst Ihn nicht näher! Bist du denn blind und hast noch nie beschaut Seine durchbohrten Hände und Füße, die wir doch alle auf den ersten Blick entdeckt haben?

[BM.01_027,14] Betrachte nur Seinen mildesten Ernst, Seine große Liebe und Weisheit, und lege deine Hände auf Seine durchbohrte Seite gleich einem Thomas; du wirst dann sicher noch klarer als wir ärmsten Teufel ersehen, was da hinter diesem deinem Herrn und Meister alles steckt!

[BM.01_027,15] Siehe, nicht als ob wir nicht wünschten in unserm Herzen, daß Er, der Allererhabenste, der ewig Allerheiligste zu uns käme in dies Gemach Seiner Erbarmung. Aber wir alle sind zu große und grobe Sünder und sind solch eines Besuches nicht im geringsten wert, wo Gott käme zu Seinen allerletzten und niedrigsten Geschöpfen, die Seine Liebe und Geduld auf der Erde so oft gar schmählichst mißbraucht haben!

[BM.01_027,16] Daher vermelde du glücklichster Freund deines Gottes und Herrn, den du nicht kennst oder nicht kennen willst: Unser Herz sehnt und sehnte sich allzeit nach Ihm; aber unsere Sünden haben uns zu häßlich, schmutzig, nackt und stinkend gemacht, als daß wir wünschen könnten, daß Er zu uns käme!

[BM.01_027,17] Wir vergehen beinahe vor Schande und Schmach, hier in diesem Hause uns zu befinden, wo Er nun hauptsächlich der Sünder wegen zu wohnen pflegt, um ihnen Seine Erbarmung angedeihen zu lassen. Was erst würde mit uns geschehen, wohin würden wir uns verkriechen, so Er nun vollends zu uns käme?

[BM.01_027,18] Daher bitte Ihn, du Glücklichster, daß Er uns Nichtswürdigste verschonen möchte; jedoch nicht unser, sondern Sein heiligster Wille geschehe!"

 

28. Kapitel – Martin als blinder Rationalist in der Klemme.

[BM.01_028,01] Bischof Martin spricht: „Oh, oh, oho, was fällt euch ein! Gott, das allerhöchste, unendliche Wesen, das im ewig unzugänglichen Lichte wohnt und mit Seiner Allkraft die ganze ewige Unendlichkeit erfüllt, wird Sich je in der Gestalt eines Menschen zeigen und mit Händen arbeiten gleich uns?!

[BM.01_028,02] Gott erfüllt wohl solche Menschen und Geister mit Seinem Gnadenlichte – manche mehr, manche weniger. Aber darum bleibt zwischen Gott und Mensch noch immer eine unendliche Kluft.

[BM.01_028,03] Jesus war wohl unter allen Menschen ein von Gottes Kraft am meisten erfüllter Mensch, aber darum doch ebensowenig wie wir ein Gott. – Kein denkender Mensch und Geist kann das annehmen, indem man da auch glauben müßte, der kleine Planet Erde wäre das Hauptzentrum aller Schöpfung, über welche Annahme die Sonnen doch sicher ein wenig protestieren möchten!

[BM.01_028,04] Daher nur hübsch gescheit hier im ewigen Reiche der Geister! Es ist genug, daß wir auf der Welt so dumm durcheinandergelebt haben und hielten Brot, Wein und nicht selten geschnitzte Bilder für Gottheiten, während wir an der Sonne das herrlichste Abbild der Gottheit hatten.

[BM.01_028,05] Betrachtet mich und meine beiden liebsten und besten Freunde als das, was wir sind, so werdet ihr nie von einer so dummen Furcht heimgesucht sein!

[BM.01_028,06] Ich weiß wohl, daß dieses Hauses Herr und Meister mächtiger ist und weiser als wir alle zusammen. Und er kann auch vielleicht recht wohl jener Jesus sein, der uns die weiseste Lehre gab. Aber für Gott müßt ihr ihn nicht halten, sondern als das nur, was er ist, nämlich – wie ich schon früher bemerkt habe – der beste, weiseste und somit mit Gotteskraft erfüllteste Mensch der Erde!

[BM.01_028,07] Ihr wisset doch, wie er auf der Welt ist getötet worden von den elendsten Menschen! Könnet ihr es annehmen, daß sich Gott als Urgrund alles Seins und Lebens im Ernste von den elenden Menschen könnte töten lassen?

[BM.01_028,08] Was geschähe wohl mit einem Hause, so man dessen Grundfesten zerstörte? Seht, es würde bald zusammenstürzen!

[BM.01_028,09] Was wohl wäre mit der ganzen Schöpfung, die da ist das eigentliche Gotteshaus, im Moment geschehen, so man eben Gott Selbst vernichtet hätte? Wer wohl hätte ohne Gott leben können? Hätte ein Gottestod nicht schon lange zuvor alles Leben und Sein vernichtet?! Daher, meine liebsten Freunde, nur schön gescheit hier in der Geisterwelt!"

[BM.01_028,10] Spricht wieder einer aus der Gesellschaft: „Freund, du hast zwar sehr weise scheinend gesprochen, um uns zu trösten. Allein, du bist vom Ziele ferner als wir, obschon du dich im fortwährenden Umgange mit dem Herrn befindest, während wir armen Sünder uns vor Ihm gebührend tief scheuen und fürchten müssen!

[BM.01_028,11] Ich aber sage dir als ein Sünder: du hast in der wahren Weisheit noch nicht das Einmaleins begonnen – und willst über Gottes innere Weisheit urteilen? So du Gott nur nach dem Volumen schätzest, wird dir Jesus freilich noch lange zu klein-winzig vorkommen. Willst du aber bedenken, daß Gott nicht nur pur Sonnen und Erden, sondern auch die Mücken gemacht hat, da wird es dir vielleicht doch einleuchten, daß sich Gott auch mit kleinsten Dingen ebensogut abgibt wie mit dem größten. Und daß es Ihm auch möglich sein kann, sich den Menschen als Mensch zu zeigen, sie zu lehren und zu führen die rechten Wege! Die Sonnen aber wird Er sicher auch als Sonne aller Sonnen leiten!

[BM.01_028,12] Wir Menschen aber verstehen nur wieder einen Menschen und so auch Gott nur im Menschen Jesus. Die Sonnen aber verstehen wir nicht, sonach wären sie für uns ohne Jesus auch eine vergebliche Gottheit!

[BM.01_028,13] Siehe, das ist mein Verstand! Geh und lerne deinen und unseren Hausherrn besser erkennen, dann komme wieder und sage uns allen, ob ich unrecht hatte!"

[BM.01_028,14] Bischof Martin verläßt nun die Gesellschaft und kehrt ganz verblüfft zu uns zurück.

 

29. Kapitel – Der Herr gibt sich dem blinden Martin als Jesus zu erkennen.

[BM.01_029,01] Als Bischof Martin nun zu Mir kommt, spricht er sogleich: „Aber, du mein allerliebster Herr, Meister, Freund und Bruder, das war eine schöne Geschäftsbescherung von deiner Seite an meine angeborene Dummheit! Nun weiß ich wirklich nicht: bin ich ein Narr – oder sind es die da drinnen, die nun die Türe von uns scheidet.

[BM.01_029,02] Die haben im Grunde eine noch größere Furcht vor dir als die früheren und halten dich im Ernste nicht nur für den einstigen Religionsstifter Jesus, sondern auch für das allerhöchste Gottwesen selbst, und das mit einer Art philosophischer Konsequenz, der man gerade keine Berge von Gegenbeweisen entgegenstellen kann.

[BM.01_029,03] Sage mir auch du, liebster Freund, was an der Sache so ganz eigentlich gelegen ist? Woher mag es doch kommen, daß diese armen Seelen oder Geister von dir einen so sonderlichen Begriff haben? Ich sehe nun auch wirklich die bekannten Wundmale an deinen Händen und Füßen und bin beinahe außer Zweifel, daß du der einstige Heiland Jesus bist; aber Gott? Jesus und Gott zugleich? Das – erlaube mir – ist etwas zu viel!

[BM.01_029,04] Und doch behaupten die da drinnen das keck weg! Woher also haben denn diese einen solchen Begriff von dir eingesogen? Sollten sie etwa am Ende doch noch recht haben? Das wäre mehr als zuviel für eine arme Seele, wie da die meinige ist! Freund, wenn das im Ernste, mir freilich wohl unbegreiflichst der Fall wäre, da wüßte ich selbst vor Angst und Schrecken mir nicht zu helfen! O Freund, nun noch immer Freund – gib mir doch darüber einen beruhigenden Aufschluß!

[BM.01_029,05] Rede Ich: „Freund und Bruder, du warst doch selbst Bischof auf der Welt und hast Jesus, den Gekreuzigten, gepredigt und seine Gottheit sogar in den kleinsten Hostienpartikeln bewiesen! Siehe, alle diese hier nun in unserm Gewahrsam Befindlichen, die wir aus den Flammen gerettet haben, sind Schafe deines Sprengels und Jünger deiner Lehre!

[BM.01_029,06] Warum hast du sie auf der Welt denn so gelehrt, wenn dir nun das als Unsinn vorkommt, was sie als Schüler deiner Schule behaupten? Reden sie Unsinn – Frage: ,Wessen ist er?‘ Reden sie aber weise – Frage: ,Was bleibt dann ihrem einstigen Lehrer für Ruhm, so er nun seine eigene Lehre in seinen Schülern bekämpfen will und auch wirklich bekämpft?‘ Ich meine, bei dieser Gelegenheit würde für ihn auch der Unsinn offenbar!

[BM.01_029,07] Siehe, Ich bin wirklich Jesus, der Gekreuzigte! Und in diesem Bruder habe Ich die Ehre, dir den wirklichen alten Petrus vorzustellen, auf dessen angenommenem Stuhle die Bischöfe Roms sitzen und herrschen: freilich nicht in der Ordnung dieses wirklichen Petrus, sondern in der Ordnung jenes Petrus, den sie sich selbst erdichtet haben, wie sie ihn zu ihren materiellsten Zwecken am besten brauchen konnten. Nun weißt du, wer Ich und dein erster Führer sind; das Weitere werden dir deine eigenen Jünger zeigen!

[BM.01_029,08] Ich sagte aber einst, daß die Kinder der Welt klüger sind denn die des Lichts. So du dich aber schon für einen Sohn des Lichtes gleich einem Herrscher Chinas hältst, so gehe hin zu deinen Schülern, die da reine Weltkinder sind, und lerne von ihnen Klugheit wenigstens, so dir ihre Weisheit schon durchaus nicht munden will und mag!"

[BM.01_029,09] Spricht Bischof Martin : „O Freund, du bist wohl der Jesus, der sich als Sohn des Allerhöchsten verkündete und verkünden ließ – wo aber ist der Allerhöchste? Wo ist der allmächtige, ewige Vater? Wo dann der aus beiden hervorgehende Heilige Geist, so wir schon auf das Dogmatische zurückgehen wollen und beseitigen das Licht der reinen Vernunft?"

[BM.01_029,10] Rede Ich: „Was steht im Evangelium geschrieben? Siehe, da heißt es: ,Ich und der Vater sind eins; wer Mich sieht, der sieht auch den Vater!‘ Wenn du glaubst, was fragst du da weiter, so du Mich siehst? Glaubst du aber nicht, was fragst du? Bleibe, wie du bist, und Ich auch, wie Ich bin, und Ich meine, wir werden einander doch nicht in die Augen fahren?

[BM.01_029,11] Da drinnen aber sind deine Schüler. Gehe hinein zu ihnen und lerne von ihnen Meine Lehre von neuem. Dann komme wieder, auf daß Ich sie dir hernach erkläre!

[BM.01_029,12] Denn Ich, der wirkliche Heiland Jesus, sage dir hier in Meinem ewigen Reiche, daß du ein unsinniger Geist bist und erkennst nicht Meine übergroße Liebe, die Ich zu dir habe. Ich trage dich auf den Händen, und du bist noch immer taub und blind! Ich gebe dir das Brot des Lebens, und du verzehrst es wie ein Polyp, ohne auf die innere Wirkung zu achten, die es doch bei diesen Sündern plötzlich hervorgebracht hat!

[BM.01_029,13] Du bist wohl einer, der mit offenen Augen und Ohren nichts sieht und hört. Welche wunderbarsten Begebnisse habe Ich um dich her geschehen lassen, und du fragtest nicht: ,Wer ist Der, dem Meere und Winde gehorchen?‘

[BM.01_029,14] Darum gehe noch einmal zu diesen deinen Jüngern und lerne von ihnen Den erkennen, den du bis jetzt noch stets dir gleich gehalten hast! Es sei!"

 

30. Kapitel – Zwiegespräch zwischen dem Rationalisten Martin und dem weisen Lichtmanne über die Gottheit Jesu.

[BM.01_030,01] Bischof Martin macht ein noch verblüffteres Gesicht, tut aber dennoch sogleich, was Ich ihm nun notwendig etwas ernster angeraten habe.

[BM.01_030,02] Als er wieder zu den Geretteten kommt, erstaunt er, daß er sie nun schon ganz verändert antrifft. Ihre Züge sind verjüngt und veredelt, und ihre früher beinahe nackten Leiber sind mit blauen Kleidern angetan, die um die Lenden mit einem purpurroten Gürtel an den Leib in vielen reichen Falten angeschmiegt sind. Unter der Gesellschaft entdeckt er eine erhabenere Mannsgestalt mit einem glänzend weißen Hut auf dem Haupte, unter dem reiche, goldblonde Locken herumwallen bis über den halben Rücken.

[BM.01_030,03] Dieser schöne Mann geht sogleich auf unseren Bischof Martin los und fragt ihn: „Freund, du bist schnell wieder zu uns zurückgekehrt! Hast du an dem allererhabensten Meister und Herrn dieses Hauses das gefunden, auf das wir alle dich aufmerksam gemacht haben? Ist Er das? Ist Er Jesus, der Herr Himmels und der Erde natürlich und geistlich, zeitlich und ewig?"

[BM.01_030,04] Spricht Bischof Martin: „Jesus, – ja, ja, das ist er wohl. Aber mit der Gottheit – da scheint die Sache noch nicht ganz im Reinen zu sein. Ich meine, mit der Annahme, daß Jesus auch wirklich Gott ist, sollte man doch etwas behutsamer zu Werke gehen. Denn wenn er es am Ende doch nicht wäre und dem allerhöchsten Wesen mißfiele solch eine Annahme? – könnte sein, daß Es uns dann verdamme, zu seiner Zeit, wie Es dies schon mit vielen Völkern der Urzeit getan hat, die gewagt haben, neben Ihm an mehrere Götter zu glauben. Was täten wir dann samt unserm guten Herrn Jesus?!

[BM.01_030,05] Denn bei Moses heißt es ein für allemal: ,Du sollst nur an einen Gott glauben und sollst dir weder ein geschnitztes Bild machen und es anbeten, noch sollst du wem andern als allein Mir die Ehre geben. Denn Ich bin der alleinige Herr und Gott, der Himmel und Erde gegründet hat und alles, was darauf und darinnen ist, lebt und atmet!‘

[BM.01_030,06] Moses spricht wohl sehr dunkel von einem Erlöser, der die Völker vom harten Joch der alten Knechtschaft befreien würde. Aber daß Jehova selbst in diesem Erlöser zur Erde herabsteigen würde, davon steht im ganzen Moses keine Silbe. Daher ist diese eure Annahme etwas zu schnell; da heißt's alles genau prüfen und wohl erwägen, was man tut.

[BM.01_030,07] Haltet Moses und Jesus gegeneinander, so werdet ihr es selbst finden, wie schwer, ja wie beinahe ganz unmöglich sich die Gottheit Mosis mit der Gottheit in Jesus vereinigen läßt. Dieses schärfsten mosaischen Gottesgesetzes wegen hat ja schon Moses selbst auf Gottes Geheiß die Todesstrafe gesetzt: so jemand dadurch Gott lästern möchte, daß er entweder einem Götzen opferte, oder einen Zauberer, einen Propheten oder irgendeinen andern Helden für die Gottheit hielte! Ein Grund, der auch Jesus an das Kreuz brachte, obschon er über seine vorgeblich göttliche Sendung im Angesichte der Schriftgelehrten sich stets nur in dunklen Bildern auszudrücken pflegte.

[BM.01_030,08] Es ist auch sehr schwer einzusehen, warum die Gottheit durch Moses mit solchem Himmelspompe eine Kirche gegründet hätte für oft ausgesprochene ewige Zeiten – wenn diese Kirche dann mit Jesus als derselben Gottheit gegen ihre oftmalige Verheißung einen vollen Garaus bekäme!

[BM.01_030,09] Darum, liebe Freunde, ist eure vorschnelle Annahme der Jesusgottheit etwas sehr Kitzliges und Delikates hier in der Geisterwelt.

[BM.01_030,10] Ich sehe wohl, daß euch wahrscheinlich diese eure Annahme in diesem Jesushause schnell in einen bessern Zustand versetzt hat durch ein kleines Hauswunderchen. Aber daß ich euch darob bis jetzt noch nicht im geringsten beneide, dessen könnet ihr völlig versichert sein. Denn ich bleibe immer bei dem Grundsatze: ,Wer zuletzt lacht, der lacht am besten!‘"

[BM.01_030,11] Spricht der große Mann mit dem strahlenden Hute: „Freund, alles, was du hier geredet hast, kenne ich so gut wie du. Und dennoch bedaure ich dich ob deiner Blindheit und befürchte sehr, daß du nach deiner Meinung je zuletzt lachen wirst. Ich und diese ganze Gesellschaft aber denken also:

[BM.01_030,12] Jesus, dessen Ankunft alle Propheten gleich vorausgesagt haben, von dem David singt: ,Also spricht der Herr zu meinem Herrn!‘ oder: ,Also spricht Gott der Herr zu Sich Selbst: Setze dich zu Meiner Rechten, bis Ich alle Feinde lege zum Schemel deiner Füße!‘, und: ,Machet die Tore weit und die Pforten hoch, auf daß der Herr der Herrlichkeit, auf daß Jehova einziehe in unsere Stadt, in die heilige Stadt Gottes, in Seine Stadt!‘; –

[BM.01_030,13] Jesus, dessen Geburt nach der einstimmigen Erzählung der Evangelisten voll Wunder war, ja dessen ganzes Leben eigentlich sich als ein ununterbrochenes Wunder darstellte; –

[BM.01_030,14] Jesus, der in Seiner Lehre nur zu oft klar zeigte, wer Er war in Seinem innersten Wesen, und der einen der zehn Gereinigten fragte, als dieser zurückkam und Ihm die Ehre gab: ,Wo sind denn die andern neun, daß sie auch herkämen und Gott die Ehre gäben?‘; –

[BM.01_030,15] Jesus, der aus eigener Macht am dritten Tage aus dem Grabe erstand und hernach noch bei 40 Tage auf der Erde umherging und sie, Seine Schüler, unterrichtete, darauf vor tausend gläubigen Augen in die Himmel aufstieg und bald darauf den Geist der ewigen Kraft, Macht, Liebe und Weisheit aus den Himmeln auf die Seinen niederwehen ließ; –

[BM.01_030,16] Jesus, von dem Johannes das erhabenste Zeugnis gibt, sowohl in seinem Evangelium wie auch in seiner hohen Offenbarung:

[BM.01_030,17] Sage, Freund, ist es dir wohl noch möglich, diesen Menschen aller Menschen für nicht mehr als bloß nur für einen ganz gewöhnlichen Weltweisen zu betrachten? –

[BM.01_030,18] Schau, Freund, ich will dir etwas recht Dummes sagen. Aber es scheint mir doch weiser zu sein, als was du sagst: Ich meine, wenn Gott der Herr nicht das Menschliche angenommen hätte, um auch von uns Menschen, Seinen Geschöpfen, gesehen zu werden, wozu wohl hätte Er uns erschaffen? Für sich nicht! Denn was hätte Er davon, so wir Ihn nie zu Gesicht bekämen und vollauf liebten? Und wozu wäre uns ein Leben ohne einen erschaulichen Gott? Denke darüber nach, vielleicht wird's dir dann doch etwas heller in deinem Verstande werden!"

[BM.01_030,19] Bischof Martin spricht: „Laßt mich nun ein wenig in Ruhe; ich werde deine ziemlich hellen Worte ein wenig tiefer beherzigen!"

[BM.01_030,20] Nach einer ziemlich langen Pause fängt Bischof Martin wieder zu reden an und spricht: „Freund, ich habe nun deine Worte nach allen mir denklichen Seiten erwogen und sehe nur stets mehr das Gegenteil von dem, was du ehedem behauptet hast. Dessenungeachtet aber bin ich nicht hartnäckig und will aus ganzem Herzen gerne deiner Meinung beipflichten, so du mir einige meiner Fragen zu meiner Zufriedenheit beantwortest."

 

31. Kapitel – Kritische Fragen Martins und die Antworten des Weisen.

[BM.01_031,01] Spricht der Weise aus der Gesellschaft: „Frage, und ich will dir antworten; ob zu deiner dich selbst überzeugenden Zufriedenheit oder nicht, wird wenigstens mir ganz einerlei sein."

[BM.01_031,02] Bischof Martin fragt: „Warum hat die Erde nur einen höchsten Berg? Und liegt darum die Gottheit in ihm oder über ihm ganz in ihrer Fülle, weil er der einzige höchste Berg der Erde ist?"

[BM.01_031,03] Spricht der Weise: „Wohl hat die Erde einen Berg, der da höher ist als jeder andere bekannte Berg, der die Erde mit seinem mächtigen Fuße drückt. Allein, darum ist er nicht der Berge Gott, sondern Gott wußte und weiß es, warum Er auf diesen Planeten einen höchsten Berg gesetzt hat. Wahrscheinlich, um damit den Winden einen allgemeinen Teilungs- und Abteilungspunkt zu geben. Darum auch zumeist zunächst dem Äquator in den tropischen Ländern die höchsten Berge vorkommen, weil eben in diesen nahe dem Hauptgürtel gelegenen Ländern die Winde zufolge der Erdrotation am heftigsten sein müßten. Und weil da die Zentrifugalkraft am heftigsten wirken muß, weshalb die Umschwungkreise vom Mittelpunkt oder der Achse am weitesten abstehen.

[BM.01_031,04] Wären demnach in diesen Gegenden nicht solche höchsten Windregulatoren vom Herrn aufgerichtet, da wären sie wohl für ewig unbewohnbar. In der Richtung – und zwar in den größten Kontinenten, besonders in Asien –, wo die Luft in einem Hauptstrome sich eint, sind demnach auch die höchsten Berge. Und in Asien, als dem größten Kontinent, ist auch ein allerhöchster Berg der Erde notwendig. – Bist du mit dieser Antwort zufrieden?"

[BM.01_031,05] Spricht Bischof Martin: „Vollkommen in seiner Art! – Aber nun eine Frage weiter: Warum ist in Amerika der Amazonenstrom sicher der größte auf der ganzen Erde? Ist etwa darum die Fülle der Gottheit in ihm?"

[BM.01_031,06] Spricht der Weise: „Freund, ich weiß wohl, wo du am Ende hinauswillst. Aber dessenungeachtet will ich auch diese sehr alberne Frage so gründlich als tunlich beantworten.

[BM.01_031,07] Siehe, Amerika ist ein viel jüngerer Kontinent und hat in den Kordilleren ein höchst ausgedehntes Gebirge, sowie auch in den Anden.

[BM.01_031,08] Die Gebirge stehen einerseits sehr nahe an dem größten Weltmeere und haben daher in ihren unterirdischen Fundamenten eine übergroße Menge Wasser, das da fortwährend aufsteigt durch die zahllosen Poren und durch die vielen größeren Adern und Kanäle. Andererseits aber hat besonders Südamerika, als ein jüngstes, erst kaum einige 1000 Jahre über den Meeresspiegel erhobenes Land, überaus große und sehr wenig über den Meeresspiegel emporgehobene Flächen und Ebenen von meistens sehr lockerem Sandgehalte.

[BM.01_031,09] Wo aber ausgedehnte Gebirge viel Wasser ausbeuten und sich diese dann in den größten ebenen Flächen ansammeln, ohne Widerstand ausbreiten können und nur sehr langsam dem Meere zuströmen, da muß es auch notwendig und leicht den größten und breitesten Strom geben. Ohne daß darob mehr von der Gottheit darinnen enthalten zu sein braucht als in einem Regentropfen! – Sage, bist du mit dieser Antwort zufrieden?"

[BM.01_031,10] Spricht Bischof Martin: „Vollkommen in seiner Art. Die Antwort läßt nichts zu wünschen übrig. Aber darum nur weiter!

[BM.01_031,11] Sage mir: Warum ist der Diamant der härteste und durchsichtigste Edelstein und warum Gold das edelste Metall?"

[BM.01_031,12] Spricht der Weise: „Weil es die Menschen dazu gemacht haben nach ihrem eitlen Gutachten. Und das taten sie, weil diese Mineralien seltener vorkommen als andere. Lassen wir aber die Diamanten so häufig vorkommen wie Kiesel, und Gold so wie das Eisen – und man wird mit Diamanten die Straßen beschottern und die Wagenräder mit Gold beschlagen.

[BM.01_031,13] Warum aber gerade diese zwei Mineralien seltener vorkommen als andere, das wird der Herr am besten wissen. Wahrscheinlich, weil sie für den Geist des Menschen einen zu großen Giftgehalt aus der Hölle beigemischt haben, woraus sich mit großer Konsequenz schließen läßt, daß in diesen für die Weltmenschen edelsten Mineralien eben nicht eine zu große Portion von der Gottheit stecken wird. Bist du auch mit dieser Antwort zufrieden?"

[BM.01_031,14] Spricht Bischof Martin: „Ich kann dir nichts einwenden – daher muß ich mich zufriedenstellen in seiner Art. Aber das, was ich von dir erwartete, fand ich in keiner dieser deiner Antworten: nämlich einen natürlichen Beweis für die Gottheit Jesu!

[BM.01_031,15] Siehe, auf der Erde, wie sicher auf jedem Planeten, gibt es in jeder Art der Dinge, der Wesen und so auch der Menschen gewisse höchste Punkte, so einzig und alleinig in ihrer Art, daß sie nie übertroffen werden können. So gibt es sicher irgendeine größte Sonne, einen größten Planeten, auf dem Planeten selbst wieder allererste Vorzüglichkeiten, die unübertrefflich sind in ihrer Art. Kann ein Weiser aber darum von solchen Vorzüglichkeiten behaupten, sie seien darum Gottheiten, weil sie in ihrer Art alles in einem beispiellos höchsten Grade übertreffen? – Also taten es wohl die Heiden, die alles nach ihrer Einsicht unübertrefflich Vollkommenste vergötterten, aber auf diesem Wege am Ende in die schändlichste Vielgötterei kamen.

[BM.01_031,16] Es gab sicher irgend einmal einen gelehrigsten Affen, Hund, Esel gleich dem des Bileam, ein schönstes und mutigstes Pferd, wie der Buzephalus des Cäsar, sicher ein schönstes Weib gleich der Mediceischen Venus, also auch einen Apollo, eine weise Heldin Minerva, eine eifersüchtigste Juno.

[BM.01_031,17] Die Heiden haben diese Eminenzen samt und sämtlich vergöttert, was kein Mensch leugnen kann. So aber die Bewohner eines Planeten schon mit außerordentlichen Vorzüglichkeiten aus allen Reichen der Natur das taten, was Wunder, so die gleichen Menschen den weisesten Lehrer und größten Magier zur ersten Gottheit erhoben, ihm Altäre errichteten und ihn bis zur Stunde noch anbeten; ein Teil aus wirklicher, freilich stockblinder Frömmigkeit, der größte Teil aber aus Politik wegen der Erhaltung der Blindheit der andern.

[BM.01_031,18] Weil aber nur die Menschen aus ihrem weisesten Mitmenschen das machten – Frage: Ist das wohl ein hinreichender Grund zu seiner vollsten Vergötterung?! Oder sind je von uns gesehene und gesprochene höhere Wesen zur Erde gekommen und haben die Gottheit Jesu vollends gezeigt und bestätigt?

[BM.01_031,19] Man erzählt sich wohl Wunderdinge von seiner Geburt, auch, wie da höhere Geister zur Erde sichtbar niedergestiegen sind und hätten die Menschheit von seiner Göttlichkeit unterrichtet. Ich frage aber mit gleichem Menschenrechte: Haben auch wir davon je etwas gesehen? Ich wenigstens nie! Vielleicht du?

[BM.01_031,20] Ja, in einem langweiligen und eigennützigen Mönchs- oder Nonnentraum haben sich wohl ähnliche Lügen lassen zusammendichten können. Fragen wir aber nach der Wahrheit, so kommt nichts als Mensch und wieder Mensch zum Vorschein, von denen jeder mehr und wunderbar mehr wissen will als sein Nächster, aber jeder bei sich selbst sagen muß: ,Herr, ich bin blind; mein ganzes Wissen ist bloß ein angewohnter, stumpfer Glaube und sonst nichts!‘

[BM.01_031,21] Von einer Überzeugung kann da nie die Rede sein, wo ein Mensch auf die Autorität des andern baut und sonst nichts als eben diese Autorität als höchstes Beweismittel annimmt. Und annehmen muß, weil er sich unmöglich von irgendwoher lebendigere Beweise verschaffen kann als eben nur von Menschen, wo man dann freilich wohl sagen muß: ,Vox populi, vox dei‘, weil man vom eigentlichen Deus außer auf rein menschlichem Wege noch nie etwas vernommen hat.

[BM.01_031,22] Eine Offenbarung ist demnach auch nur ein Menschenwerk und kann nichts anderes sein, indem wir bei unsern Lebzeiten nie eine andere zu Gesichte bekommen haben als eine solche nur, an der Menschenhände und menschliche Phantasien nur zu sehr erkennbar sind.

[BM.01_031,23] Also, mein liebster Freund, prüfe ich nun wohl alles, bevor ich es annehme, und bin nicht unüberzeugbar. Aber deine Beweise sind mir wahrlich nicht genügend. Ein Mensch kann wohl für Gotteserkenntnis den größten Trieb haben; diesen aber kann kein Mensch, sondern nur Gott selbst befriedigen. Ich meine aber: Bevor wir zu dieser Befriedigung gelangen werden, werden wir noch ungeheuer viel in allen Seinen Schöpfungsräumen durchmachen müssen, bevor wir für eine wahre göttliche Offenbarung werden fähig sein!

[BM.01_031,24] Alles aber, was uns bis jetzt begegnet ist, ist nichts als nur eine erste Elementarschule für den einstigen großen, heiligen Unterricht. – Kannst du mir aber auf diese meine klaren Argumente etwas Besseres, Reineres, Wahreres und somit Göttlicheres erwidern, so bin ich in aller Geduld bereit, dich mit aufmerksamstem Gemüte anzuhören."

 

32. Kapitel – Fortsetzung des Gespräches über die Gottheit Jesu.

[BM.01_032,01] Spricht der Weise: „Freund, fürwahr, ich muß offen gestehen, daß ich dir nicht gewachsen bin, obschon du mit allen deinen triftigsten Beweisen von der einzigen Gottheit Jesu, des Herrn, auch nicht ein Atom weggenommen hast. Im Gegenteil nur vielfach mehr bestärkt, weil ich daraus noch klarer ersah, daß Gott auch ein Mensch, aber freilich der allerhöchste und allervollkommenste Mensch ist und sein muß. Sonst wären wir unmöglich das, was wir sind, nämlich Menschen, und könnten Gott auch nicht lieben, so Er nicht ein Mensch aller Menschen wäre.

[BM.01_032,02] Die Liebe aber ist unser höchstes Gut, unser Leben, unsere Seligkeit! Wozu wohl wäre sie, so wir Gott nicht lieben könnten, da Er kein Mensch wäre?

[BM.01_032,03] Tue nun, was du willst – aber von mir erwarte ja keine höhere Weisheit; ich gab dir hiermit alles, was ich hatte!"

[BM.01_032,04] Der Bischof Martin denkt über das vom Weisen der Gesellschaft Gesagte nach und spricht nach einer Weile, mehr zu sich als zum Weisen: „Du hast im Grunde recht; denn wenn der Pentateuch des Moses die Wahrheit spricht, mußte Gott freilich wohl ein Mensch sein, ansonst Er den Adam nicht nach Seinem Ebenmaße erschaffen hätte, so Er selbst nicht die gleiche Gestalt hätte! Dieselbe Gestalt aber setzt freilich auch dieselbe Wesenheit voraus!

[BM.01_032,05] Ein Uhrmacher braucht freilich wohl selbst keine Uhr zu sein, um eine Uhr zu machen; aber die Idee der Uhr muß er doch aus sich nehmen, ansonst er keine Uhr zuwege brächte!

[BM.01_032,06] Aber da ist schon wieder ein Haken: So ein Mensch eine Idee fassen kann, die ihm nicht gleicht, also ein ganz anderes Bild ist, sollte das Gott nicht vermögen? O sicher, das wird Er gar wohl vermögen!

[BM.01_032,07] Demnach könnte der Text aus dem Pentateuch etwa so zu verstehen sein: ,Gott schuf den Menschen nach Seinem Ebenmaße‘ heißt: ,Gott schuf den Menschen nach dem Maße Seiner Idee, d.h. Seiner Idee vollkommen entsprechend!‘

[BM.01_032,08] Wenn der Text so zu verstehen ist – was sehr viel Wahrscheinliches hat –, wäre dann freilich noch lange keine Folge, daß Gott den Menschen gerade nach Seiner Gestalt geschaffen hätte. Oder daß Gott überhaupt eine begrenzte Gestalt haben müßte, um einen Menschen gestalten zu können. Ist ja doch jede Idee als Begriff an sich gestaltlos, so kann auch Gott an und für sich als die Totalgrundidee aller Ideen auch gestaltlos sein.

[BM.01_032,09] Müßte man annehmen, daß Gott, um Menschen zu gestalten, auch notwendig eine Menschengestalt haben müsse, so müßte Er, um einen Bären oder einen Haifisch und so fort alle zahllosen Dinge zu gestalten, entweder Sich in alle diese Gestalten verwandeln können, oder Er müßte gewisserart geteilt in allen diesen Gestalten für ewig unveränderlich vorhanden sein, damit an Ihm alle Dinge und Wesen ein sie allzeit richtendes und nach Ihm formendes Muster hätten.

[BM.01_032,10] Das anzunehmen wäre doch wohl die barste alte scholastische Faselei! Daher braucht Gott auch keine Gestalt, um Menschen als Menschen zu gestalten. Und am allerwenigsten braucht Er darum selbst ein Mensch zu sein – welche Annahme auch dem Begriffe der vollkommensten göttlichen Freiheit schnurgerade in die Quere springt. Denn wie ist eine vollste Freiheit unter dem Begriffe einer gestaltlichen Einschränkung denkbar?

[BM.01_032,11] Daher muß auch die vollste Freiheit gestaltlos sein, was auch mit dem Texte des Pentateuch zusammengeht, wo Jehova dem Moses streng verbietet, Ihn sich irgend unter einem Bilde vorzustellen.

[BM.01_032,12] Ja, ja, du mein geliebter Freund, nach der reinen Vernunft werde wohl ich recht haben, du aber wirst nach Paulus ,deines Glaubens leben‘! Ist freilich auch ein Leben, aber ein Leben ohne Einsicht und ohne Rechnung. Ich will es dir nicht nehmen und will aus dir auch keinen Proselyten machen. Aber zeigen muß ich dir doch, daß ein einstiger Bischof auf der Erde nicht um ein leichtes Geld gleich einem Hasenbalge umzuwenden ist, besonders von jenen schon gar nicht, die auf der Erde seine Schafe waren!"

[BM.01_032,13] Spricht der Weise „Ah – ja so, nun weiß ich freilich, von welcher Seite her der Wind weht! Ja, so du derjenige Bischof bist, der erst vor einigen Wochen dies ewige Sein mit dem zeitlichen vertauschte, dann ist es wohl begreiflich, warum dir die Gottheit Jesu nicht eingeht! Ex trunco non fit Mercurius!

[BM.01_032,14] Ich aber bin der Buchhändler in derselben Stadt, wo du Bischof warst. Ich weiß es nur zu gut, wie du beschaffen warst! Äußerlich ein Zelot ohnegleichen, bei dir selbst aber ein barster Atheist! Wer las fleißiger den Kant, den Hegel und vollends mit dem größten Enthusiasmus den Strauß? Voltaire, Rousseau und Helvetius lagen statt der Vulgata stets auf deinem Lesepulte, – lauter Geister, die du auf der Kanzel und in deinen Hirtenbriefen tausendmal zur Hölle sandtest, aber bei dir im Herzen bei weitem über Jesus erhobst!

[BM.01_032,15] Siehe, das weiß ich am besten, weil ich dir alle diese Werke liefern mußte und dein Vertrauter war. Aber ich folgte dir dennoch nicht, sondern ging meinen geheimen Weg fort, den ich in Swedenborg fand, von dem du aber nie etwas wissen wolltest, weil er nicht für deine römische Zwickmühle taugte! Gut, daß ich das nun weiß! Wir werden darum schon einige Wörtlein miteinander zu wechseln bekommen!"

[BM.01_032,16] Spricht der Bischof Martin ganz verblüfft: „Nun, jetzt geht es gut! Zu allen Übeln auch noch das! Muß aber dich der – Gottstehunsbei auch gerade hierher gebracht haben!

[BM.01_032,17] (Bei sich:) Der Kerl von einem Buchhändler weiß auch noch eine Menge anderer Stückeln von mir! Na, das wird eine schöne Wäsche hier in der Geisterwelt absetzen!

[BM.01_032,18] Wenn nur der Hausherr Jesus, der es ganz sicher ist, nicht etwa hereinkäme! Das wäre ja eine verzweifelte Geschichte! Denn ich habe von ihm schon so einige Leviten bekommen, und er hat mir schon einige meiner irdischen Lumpereien aufgedeckt!

[BM.01_032,19] Aber wenn dieser Glanzhütler anfängt, über mich loszuziehen und aufzudecken meine geheimen Hauptlumpereien, da wird es mir sicher nicht am besten ergehen. Vielleicht komme ich wieder so auf irgendein angenehmes Wasser oder auf sonst ein Uferl hin – sicher auf einige Millionen von kurzweiligen Jahren! Oh, oh, ohoh! Das wird wieder löblich sein! –

[BM.01_032,20] Was tue ich denn nun, um dieser Kalamität auszuweichen, wenn hier überhaupt ein Ausweichen möglich ist? Hm – aha, ja, da hab ich's schon, so geht's! Und geht es nicht, so gehe ich denn wieder an irgendein Meeresuferchen, die Ewigkeit auf selbem fischen! In Gott's Nam', ist mir nun schon alles eins! Nein, gerade mit diesem Kerl mußte ich hier zusammenkommen! Aber die Sache läßt sich nicht mehr ändern; daher nur einen rechten Entschluß gefaßt und ausgeführt! Was tue ich also nun?"

[BM.01_032,21] Fällt ihm unaufgefordert der Buchhändler ins Wort und sagt: „Glaube, was ich wohlbegründet glaube, so wirst du aller deiner vermeintlichen Kalamität entgehen. Halte mich aber weiter für keinen Verratspitzel mehr, sondern für deinen Freund, dem du aus dem Feuer seines blinden Eifers halfst und hast ihn bekleidet, da er nackt war!

[BM.01_032,22] Glaube mir: Jesus, der Herr, wird an uns ewig keine Spione und Verräter brauchen. Denn Ihm sind unsere innersten Gedanken schon eher bekannt, als wir sie noch in unserer Seele empfunden haben – daher wir uns füglich die Mühe, einander anzuschwärzen, völlig ersparen können!

[BM.01_032,23] Schau, schau, Bruder, warum sollte denn Jesus nicht der Herr Himmels und aller Welten sein können, warum nicht Gott der Ewige, der endlos Mächtige? Sollte denn Ihm gerade das Leichteste meines Erachtens – wenn für Gott überhaupt Schwereres oder Leichteres denkbar ist – weniger möglich sein als etwas, das ich für viel schwerer erachten möchte?

[BM.01_032,24] Sollte es Dem, von dem jedes durch Zeit und Raum begrenzte Wesen hervorging, wohl unmöglich sein, ohne Verlust Seiner göttlichen Allmacht, aus Liebe zu uns, Seinen Geschöpfen, Seinen Kindern, Sich selbst in Zeit und Raum einzuschränken, da doch Zeit wie Raum aus Ihm hervorgehen?

[BM.01_032,25] Oder: Sollte ein Maler oder Bildner, der tausend Gestalten in Farben oder in geformter Materie wiedergab, nicht auch sich selbst zu malen oder zu meißeln imstande sein? Wenn das schon einem Menschen möglich ist – wennschon in unvollkommenstem Sinn –, wie sollen wir uns von Gott da etwas Unmögliches denken können?

[BM.01_032,26] Oder: Wäre Gott wohl das höchst freieste Wesen, so Er irgend etwas aus Sich selbst nicht zu bewirken imstande wäre? Du beschränkst Ihn ja durch deine Hegelianischen Grundsätze völlig, und machst aus Ihm einen Unendlichkeitsarrestanten, der höchstens Zentralsonnen erschaffen kann mit Erden, Menschen, Tieren. Aber mit Infusorien vollends – die doch auch Leben haben und einen kunstvoll konstruierten Organismus, durch den sich eben das Leben kundgibt –, als endlos großes Allwesen unmöglich etwas zu tun haben könnte, und sich daher um uns Menschen auch nicht kümmern möchte und könnte eher, als bis wir etwa die Zentralsonnengröße möchten erreicht haben? Wie aber das? Darüber werden auch Hegel und Strauß geschwiegen haben! –

[BM.01_032,27] Ich, dein Freund, meine nun, du wirst zur Einsicht kommen und wirst keinen Anstand mehr finden, Jesus die Ehre zu gönnen und zu geben, die Ihm für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gebührt, um so mehr, da Er dir schon so große Gnaden von neuem erzeigt hat!"

[BM.01_032,28] Spricht der Bischof Martin: „Bruder, Freund! Ich habe dich aus der Flamme gezogen. Du aber hast mir dafür nun eine andere Flamme mächtigsten Lichtes gegeben! Ich danke Ihm, ich danke dir! Aber nun laß mich sammeln, laß mich fassen! Zu groß, zu unendlich ist der Gedanke, den ich jetzt denken muß! Daher gönne mir einige Ruhe! – Ich erwache, ich erwache!! –"

 

33. Kapitel – Bischof Martin erkennt in Jesus den Herrn. Die Furcht des Sünders. Martins Belehrung.

[BM.01_033,01] Nach einiger Zeit begann Bischof Martin wieder zu reden: „Ja, ja, liebster Bruder, ich kann nun denken, wie ich will, so halten deine jetzigen Grundsätze allenthalben Stich. Unser Hausherr und Meister ist und bleibt auch der Hausherr und der Meister der Unendlichkeit und aller Ewigkeit! Er ist unstreitbar der ,Sohn‘ des allerhöchsten Wesens, das da sicher ist der schon gar oft bezeichnete ,Vater‘! Aber wo ist nun der ,Heilige Geist‘ als gewisserart die dritte göttliche Person?

[BM.01_033,02] Spricht der weise Buchhändler: „Freund, da mußt du ganz dem Evangelium folgen! Siehe, hier ist eine Bibel, und darin das Neue Testament. Da lies den Johannes, den ich dir schon einmal angezogen habe! Sieh, dieser spricht: ,Im Anfange war das Wort, das Wort war bei Gott, Gott war das Wort; dies Wort ist zu Fleische geworden und hat in (Jesus Christus) unter uns gewohnt!‘ usf.

[BM.01_033,03] Wieder heißt es in einer andern Stelle: ,In Jesus Christus wohnt die Fülle der Gottheit körperlich!‘ Und wieder: ,Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater; denn Ich und der Vater sind Eins, – der Vater ist in Mir, und Ich im Vater!‘ – und dergleichen Stellen noch eine schwere Menge!

[BM.01_033,04] Siehe, so man derlei Stellen, wie überhaupt das ganze Alte und das Neue Testament wohl überdenkt, so stellt sich immer mehr heraus, daß Jesus der alleinige Herr und Schöpfer Himmels und aller Erde ist!

[BM.01_033,05] Als die Apostel Ihn angingen, daß Er ihnen denn doch auch einmal so à la Verklärung auf dem Berge Tabor den Vater zeigen solle, indem Er ihnen schon so viel von Ihm erzählt hatte, da verwunderte Sich Jesus förmlich über die Blindheit Seiner Schüler und sprach: ,Was sagt ihr (Blinden): ,Zeige uns den Vater!‘, und doch bin Ich schon so eine geraume Zeit unter euch?! Wisset ihr denn noch nicht, daß, wer da Mich sieht, auch den Vater sieht? Denn Ich und der Vater sind ein und dasselbe!‘ usw. – wie ich die Stelle schon gezeigt habe!

[BM.01_033,06] Ich aber meine, du fragst hier gerade so, wie dereinst die Apostel und Jünger ihren Herrn und Meister gefragt haben, als ihnen auch noch die dreifache Mosisdecke vor den Augen hing!"

[BM.01_033,07] Spricht wieder Bischof Martin: „Ja, du hast recht, ein vollstes Recht hast du – ich bin nun vollkommen im klaren! Er ist es, Er ist es! Er ist der einige Herr, Gott, Schöpfer und Vater Himmels und aller zahllosen Myriaden von Engeln, Sonnen, Erden und Menschen. Daß Er aber gerade die Erde so ausgezeichnet hat, wird wohl auch seinen allertriftigsten Grund haben, der mir mit der Zeit wohl auch noch hoffentlich klarer wird!

[BM.01_033,08] Nun aber kommt ein anderer Artikel! Siehe, Bruder, je mehr ich nun diese unaussprechliche, allerheiligste Sache betrachte, je ungezweifelter dieser unser Hausherr Jesus als das allerhöchste Gottwesen heraustritt, desto mehr konzentriert sich die Furcht in meinem Herzen. Es wäre schrecklichst, nun vor Ihm erscheinen zu müssen!

[BM.01_033,09] Denn daß ich als ein Sünder nun dastehe, der seinesgleichen sucht, wie du es weißt – und der allmächtige Gott daneben! Oh, das wird bald die respektabelste ewige Verdammnis absetzen! Bisher konnte diese vielleicht darum nicht in der Fülle erfolgen, weil ich den so nahen allergerechtesten Richter nicht erkannt habe. Nun aber, da ich Ihn, den Erschrecklichen, unwiderlegbar erkannt habe, wird der höllische Tanz mit mir schon sicher bald angehen!

[BM.01_033,10] Denn schau, Bruder, wir haben Ihn nun wohl erkannt und müssen nun zu Ihm ,Herr! Herr!‘ sagen! Er aber hat es Selbst auf der Erde gelehrt und gesagt: ,Es werden nicht, die zu Mir Herr! Herr! sagen, in das Reich der Himmel eingehen, sondern jene nur, die des Vaters Willen tun!‘ Sage, Freund, haben wir je diesen Willen beachtet und danach getan? Vom Himmel kann daher für uns nie eine Rede sein!

[BM.01_033,11] Was gibt es aber außer dem Himmel? – Siehe, nichts als die Hölle! Ohoho, nichts als die nackte Hölle! Ich sehe nun schon ordentlich die Flammen über meinem Kopfe zusammenschlagen. Auch kommt's mir schon vor, als wenn die Teufel – ohohoh – Gottstehunsbei – –! Bruder, lieber Bruder, ich kann es dir gar nicht sagen, was für eine unendliche Angst sich nun meiner bemächtigt hat!

[BM.01_033,12] Was werden wir sagen, so Er nun als der allmächtige Gott und als der gerechteste, gestrengste, ja unerbittlichste Richter zu uns kommen wird, und wird uns so mir und dir nichts in die Hölle hinein zu verdammen anfangen und wird sagen: ,Hin–weg – von Mir – ihr – Ver–fluch–ten! – – In – das e–wige – Feuer, das allen Teu –Gottstehunsbei bereitet ist!‘?

[BM.01_033,13] Ohohohoh! Erschrecklich, erschrecklich! Ich hör' schon ordentlich den Donner dieses erschrecklichsten Richtspruchs. – Ohohoh, das wird ein Leben sein, ein erschrecklichstes Leben, und eine Empfindung, wenn ich vielleicht ganz hinab zu allen Teufeln fahren werde – Gottstehunsbei, hätte ich beinahe schon zu sagen vergessen vor lauter Angst, Furcht und Schrecken! Ich begreife nur nicht, wie du dabei so gleichgültig sein kannst, wo ich vor Furcht vergehe und schon beinahe ganz verschmachte!"

[BM.01_033,14] Spricht der weise Buchhändler: „Fasse dich nur, Bruder, und sei versichert, der Herr ist besser, als Roms Päpste und Mönche Ihn darstellen! Solange wir Ihn aber so närrisch fürchten, wird Er wohl verziehen und wird erst kommen, so wir unsere Furcht werden in Liebe umgestaltet haben!

[BM.01_033,15] Schau, schau, was wohl hättest du denn für ein Vergnügen, so du dich an einer Milbe, die dich beleidigt hätte, rächtest? Wäre eine solche Rache nicht der barste Unsinn eines verrückten Narren? Wie kannst du demnach so etwas der allerhöchsten göttlichen Weisheit unterbreiten! Was sind wir gegen Gott? Sind wir gegen Ihn wohl das, was eine Milbe gegen uns?!

[BM.01_033,16] Siehe, wir sind ja ganz und gar nichts gegen Ihn, und Er sollte an uns solche Rache nehmen? – Wohin, Freundchen, wohin? Fasse dich; ich bin der besten Hoffnung, daß da am Ende noch alles um ein Haar besser ablaufen wird, als wir es uns vorstellen! – – Stille! Mir scheint, Er kommt herein! Richtig, Er kommt!"

 

34. Kapitel – Eine heilige Erlösungsszene: Martin an der Brust des Herrn.

[BM.01_034,01] Als Ich mit Petrus eintrete, sinkt Bischof Martin wie in eine Ohnmacht zusammen, und die ganze Gesellschaft mit Ausnahme des Buchhändlers ruft: „Wehe uns!"

[BM.01_034,02] Nur der Buchhändler fällt bei klarer Besinnung auf die Knie nieder und spricht: „Herr, Vater – geheiligt werde Dein allerheiligster Name, Dein Wille geschehe! Siehe, wir sind alle große und grobe Sünder und sind wohl nicht der geringsten Deiner Gnaden wert. Aber wir alle lieben Dich in aller Fülle unseres Gemütes! Daher, so es Dein Wille ist, laß Deine Erbarmung statt Deiner Gerechtigkeit über uns ergehen! Was sollen wir ohne Deine Gnade, ohne Deine Liebe, ohne Deine Barmherzigkeit!

[BM.01_034,03] Du bist ewig, Du bist endlos weise, und Deine Allmacht hat keine Grenzen! Nimmer könnten wir uns vor Dir entschuldigen! Oder könnte sich wohl irgend jemand in der ganzen Unendlichkeit auflehnen gegen Deine Macht? Denn noch ehe er diesen Gedanken faßte, könntest Du ihn schon vernichten so, als wäre er nie im Dasein vorhanden gewesen.

[BM.01_034,04] Ich und wir alle erkennen und bekennen, daß du der alleinige Herr Himmels und aller Welten bist. Wir alle aber sind nichts gegen Dich und Deine endlose Macht. Tue daher mit uns allen, was Dein heiliger Wille ist; aber sei eingedenk unserer Schwäche, und Deine Erbarmung bleibe uns nicht ferne!"

[BM.01_034,05] Rede Ich: „Stehet auf, und jammert hier nicht wie Delinquenten auf der Welt! Denn so Ich zu euch komme, seid ihr ja schon selig. Denn die unseligen Geister fliehen Mich und wollen ewig nicht, daß Ich zu ihnen käme und sie erlöste und selig machte. Daher ist eure Furcht vor Mir eitel und schwach das Licht eures Verstandes.

[BM.01_034,06] Leget ab all das, was da nicht taugt in Meinem Hause, in Meinem Reiche. Denn wo Ich bin, da ist auch Mein Reich, und dieses Reich ist der Himmel innerster und höchster! Dieser Himmel aber ist nicht ein Himmel des Müßiggangs und der ewigen Trägheit, sondern ein Himmel der vollsten Tätigkeit, in die ihr alle von nun an stets tiefer und tiefer werdet eingeführt werden: jeder von euch in dem, wozu er schon auf der Erde talentierte Vorübungen machte. Also sei es!

[BM.01_034,07] Alle erheben sich in der freudigsten Stimmung und danken Mir laut für solche endlose Gnade und Erbarmung. Nur der Bischof Martin liegt noch in seiner Ohnmacht und hört und sieht vor lauter Angst nichts, was da vorgeht.

[BM.01_034,08] Da geht Petrus auf Meinen Wink hin zu ihm, rüttelt ihn auf und spricht: „Aber Martin, was tust du denn hier? Wir haben schon die längste Zeit draußen auf dich gewartet und du kamst nicht wieder zum Vorscheine! Was plaudertest du denn hier so lange und ließest uns warten wie eine zimperliche Braut ihren Bräutigam, die sich gar zu eitel zum Hochzeitsfeste schmückt! Weißt du denn nicht, daß wir wichtige und diesmal sehr dringende Geschäfte vorhaben?"

[BM.01_034,09] Spricht endlich nach einer Pause wieder Bischof Martin: „O, ja – gut – ja, ja! Richtig, du bist es! Ja sieh, ich ging diesmal wie auf große und überwichtige Entdeckungsreisen aus, und von großen Reisen kommt man nicht so bald zurück. Hab' freilich wohl Allerhöchstes entdeckt, aber nicht zu meiner Freude, sondern zu meinem größten Schrecken nur!

[BM.01_034,10] Ach, Freund, ich habe nun unwiderlegbar die Entdeckung gemacht, daß unser Hausherr und Meister Gott, der Herr der Unendlichkeit ist! Das ist nun klarer als auf der Erde die Mittagssonne am reinsten Tag. Nun aber denke dir mich als einen Sünder non plus ultra – und Gott, den Allmächtigen, den Allerweisesten, den Gerechtesten, den Allwissendsten, den Heiligsten, der einen verdammen muß wegen Seiner Gerechtigkeit und Heiligkeit! – Ohohoh, Freund, das ist eine ganz entsetzliche Entdeckung!

[BM.01_034,11] Mein Freund da mit dem Glanzhute hat mich zwar wohl trösten und beruhigen wollen. Aber solange man nicht von Dem die Beruhigung hat, der unsereinen plötzlich in die Hölle hinein auf ewig verstoßen kann, so lange nützt kein fremder Trost etwas!"

[BM.01_034,12] Spricht Petrus: „Stehe nur auf, und sei nicht dumm! Siehe, der Herr Jesus, den du so unbändig fürchtest, harrt mit offenen Armen deiner! Sieht Er wohl so aus, als säße Ihm schon dein Verdammungsurteil auf der Zunge?"

[BM.01_034,13] Bischof Martin wirft einen flüchtigen Blick nach Mir und ersieht Meine große Freundlichkeit. Dies macht ihm Mut, daß er sich sogleich vom Boden etwas mehr erhebt und mit Tränen in den Augen spricht: „Nein, nein, aus dieser Milde sieht ewig kein Verdammungsurteil heraus! O Herr, o Vater, wie gut mußt Du sein, daß Du einen Sünder, wie ich es bin, so endlos mild und gnädig ansehen kannst!

[BM.01_034,14] O Jesus, jetzt aber halte ich es nimmer aus! Mein Herz brennt wie eine Zentralsonne vor plötzlich erwachter Liebe zu Dir – Sünde hin, Sünde her: ich muß wenigstens Deine Füße umklammern und an ihnen meiner zu großen Liebe Luft machen! Herr, tue mit mir, was Du willst; aber nur diesmal laß meiner Liebe ihren Lauf!"

[BM.01_034,15] Rede Ich: „Komm her; du Mein hartnäckiger Bruder; deine Sünden sind dir vergeben! Und nicht da zu Meinen Füßen, sondern hier an Meiner Brust mache deiner Liebe Luft!"

[BM.01_034,16] Auf diese Anrede stürzt der Martin hin zum Herrn und verdrückt und vergräbt sich völlig in Den, den er so lange nicht erkennen wollte.

[BM.01_034,17] Als er sich so recht an Meiner Brust vor Liebe ausgeweint hat, da frage Ich ihn: „Nun, Mein liebster Bruder und Mein Sohn, sage Mir: Wie gefällt dir diese Höllenfahrt? Bin Ich wohl der ewige Tyrann, wie Ihr Mich ausgeschrien habt?"

[BM.01_034,18] Spricht der Bischof Martin: „O Herr, ich bin jetzt stumm und zu wortarm, um Dir vor allen diesen lieben Brüdern zu bekennen, wie klar ich nun alle meine Fehler und größten Irrtümer einsehe. Aber laß mich in dieser neuen Größe des endlosesten Glückes erst so ein wenig zurechtfinden, dann erst will ich Dir, o Du mein süßester, gütigster, barmherzigster Herr Jesus, ein rechtes Bekenntnis ablegen!

[BM.01_034,19] O Herr, o Jesus, o Du heiligster aller Heiligkeit, Du Liebe aller Liebe, Du endlose Geduld aller Geduld, ich kann jetzt nichts anderes als Dich lieben, lieben, lieben, Dich über alles lieben!"

[BM.01_034,20] Rede Ich: „Nun gut, gut; dieser deiner Liebe wegen, die Ich in dir sah, hatte Ich aber auch diese große Geduld mit dir und habe Selbst Hand an dich gelegt! Nun bist du seligst, da du nun fortan da sein wirst, wo Ich Selbst bin. Aber in der Müßigkeit suche du ja nicht den Grund der Seligkeit, sondern in der größten Tätigkeit, die sich hier in größter Fülle ewig vorfinden wird!

[BM.01_034,21] Nun aber gehen wir zu den dreißig im andern Gemache, die du gebracht hast. Gehe du zuerst hinein, und versuche sie zu Mir zu bringen! Ist dir diese erste Arbeit deines seligen Zustands gelungen, dann werden wir auch sie gleich ihrer ewigen Bestimmung zuführen! Also gehen wir dahin, und du allein zu ihnen ins Gemach. Es sei!"

 

35. Kapitel – Martins erster Missionsgang und seine Erfahrungen. Eine scheinbare Menagerie – „Ohne Mich vermöget ihr nichts!"

[BM.01_035,01] Bischof Martin begibt sich sogleich freudigst dahin in Meiner, des Petrus und des weisen Buchhändlers Gesellschaft, welch letzterer mit unendlicher Ehrfurcht hinter uns einhergeht. Zur Türe des Gemaches kommend, verläßt uns Bischof Martin und begibt sich nach Meinem Geheiße sogleich zu den dreißig im obbezeichneten Gemach.

[BM.01_035,02] Nun aber ist zu bemerken, daß sich unser Bischof Martin nicht mehr in seinem eigenen, sondern in Meinem reinsten Himmelslichte befindet, das er aber freilich aus weisen Gründen noch nicht so ganz in der Fülle seines wahrnehmenden Bewußtseins empfindet. In diesem Lichte aber erscheinen alle Dinge anders als im eigenen Naturlichte, also auch die Seelen, d.h. die abgeschiedenen Menschen.

[BM.01_035,03] NB. ,Abgeschieden‘ darf hier nicht mit ,Sterben‘ verwechselt werden, was natürlich ein Unsinn wäre. ,Abgeschieden‘ bezeichnet hier den aus sich selbst durch allerlei Sünden (Seelengebrechen) gerichteten Zustand nach der Ablegung des Fleisches.

[BM.01_035,04] Dieser Ordnung zufolge fand denn auch Bischof Martin, als er ins Gemach trat, statt Menschen meistens Tiergestalten, freilich wohl keine bösartigen, sondern mehr furchtsame und dumme. Nur wenige darunter hatten ein kretinartiges, schrolles und mit allerlei Auswüchsen behaftetes Aussehen. Die meisten andern sahen aus wie gehetzte Hasen, verhungerte Esel und Ochsen, auch ein paar sehr verkümmerte, räudige Schafe waren darunter.

[BM.01_035,05] Als nun unser Bischof Martin anstatt der vermeintlichen dreißig von ihm hierhergebrachten Protestanten diese für ihn höchst sonderbare Gesellschaft im Gemache traf, die sich vor ihm schnell in die Winkel verkroch, eins übers andere kauernd, da blieb er eine Weile wie versteinert stehen. Endlich sprach er nach einem tiefen Atemholen zu sich: „Ja, was ist denn das schon wieder für ein echter Höllenspuk im ersten Himmelreiche, im Hause des Herrn? Nicht übel! Vielleicht gibt es hier auch Ratten und Mäuse und noch eine Menge kleineres Ungeziefer?!

[BM.01_035,06] Nicht übel, nicht übel! Das ginge auch so hübsch mit der Schrift zusammen, wo es steht: ,Nichts Unreines kann in das Reich Gottes eingehen!‘ Und dies Paar räudige Schafe, da fünf Stück Kretins, voll der abscheulichsten Auswüchse, auch magere, schmutzige Ochsen, dergleichen Esel und mehrere ganz schäbig aussehende Hasen – wahrlich, eine rare Gesellschaft für den ersten oder obersten Himmel! In solcher Gesellschaft die himmlischen Freuden genießen? Das wird sich machen!

[BM.01_035,07] Nein, heißt das aber doch einen armen Kerl, wie ich einer zu sein das Vergnügen habe, gehörig als ersten Aprilsboten gebrauchen – vorausgesetzt, daß man hier im Himmel auch etwas von einem Monat April weiß!

[BM.01_035,08] Ah, das ist denn doch ein wenig zu toll! Was soll ich denn nun mit dieser ganz gutmütigen Menagerie anfangen? Wo sind denn meine dreißig hierher gebrachten Protestanten hin? Sind sie etwa hier in diese Tiere so allerliebst verwandelt worden, – was wirklich sehr spaßig wäre; man muß nur denken, daß hier das Zentrum des obersten, höchsten Himmels ist!

[BM.01_035,09] Der Herr ist einmal der Herr; davon bin ich nun aus dem innersten Grunde meines Herzens überzeugt. Das sagt mir ja meine Liebe zu Ihm. Aufrichtig gesagt, ich möchte Ihn – wie man auf der Welt sagt – geradezu fressen vor Liebe! Aber was Er nun wieder mit diesem mir neu angebundenen Schabernack will, das wird auch Er sicher am besten wissen! Will Er etwa die Tiere gar in die Mast tun? Fürwahr, da wird sich wenig Speck ziehen lassen!

[BM.01_035,10] Was plausche ich aber auch wie etwa ein Esel Nr. 31 dieser Gesellschaft?! Halb rechts kehr' dich um, und gehe dahin zurück, von wannen du gekommen bist! Lebt wohl, ihr Guten all, es wird mich sehr freuen, euch bald wiederzusehen!"

[BM.01_035,11] Nach dieser lakonischen Anrede öffnet Bischof Martin wieder die Tür und kommt zu uns mit ganz lakonisch-verblüfftem Gesichte. Ich aber frage ihn sogleich, wo denn die dreißig seien.

[BM.01_035,12] Und Bischof Martin erwidert: „O Herr, das weißt Du sicher besser als ich! Die da drinnen werden es sicher nicht sein. Und wären sie es, so wäre das im Ernste eine Metamorphose, die in diesen ersten und höchsten Himmel ebensowenig taugte als die Faust aufs Auge.

[BM.01_035,13] Ohne die Viehsprache zu kennen, falls das Vieh auch irgendeine geheime Sprache hat, wird sich meines Erachtens mit der Einwohnerschaft dieses Gemaches nicht viel machen lassen. Du verstehst freilich auch die Steine und kannst mit den Elementen reden und durch Deine Allmacht ihnen gebieten; aber woher soll unsereiner so was nehmen?

[BM.01_035,14] Daher, so Du, o Herr, doch sicher gewußt hast, was dies Gemach enthält, war das doch ohne weiteres eine Ansetzerei meiner Blödheit von Deiner Seite?"

[BM.01_035,15] Rede Ich: „O Freund, nicht im geringsten, sondern du selbst hast dich angesetzt! Weißt du denn nicht, daß ein jeder neue Diener seines Herrn sich vorher in allem muß genau unterweisen lassen, bevor er irgendein ihm zukommendes Geschäft antritt?

[BM.01_035,16] Siehe, es ist nicht genug, so Ich zu dir sage: ,Gehe dahin!‘, und du gehst, und so Ich wieder sage: ,Komme her!‘, und du kommst, – sondern da kommt es hauptsächlich aufs Warum und aufs Wie und aufs Wodurch an!

[BM.01_035,17] Steht es nicht geschrieben: ,Ohne Mich vermöget ihr nichts!‘? Daher hättest du auch sogleich, als Ich dich in dies Gemach beschied, vor Mir bekennen sollen: ,Herr, ohne Dich vermag ich auch nicht das Geringste!‘, so hätte Ich dann schon diese Sache anders gewendet. Du aber gingst sogleich in einer Art von Selbstvertrauen da hinein. Darum mußtest du denn auch bei dir selbst erfahren, wieviel jedermann ohne Mich vermag.

[BM.01_035,18] Auf der Welt wohl gibt es leider so viel selbständige Tatenverrichter, als es Menschen gibt, und so viel verschiedenartige Sinne und Erkenntnisse als Köpfe. Hier aber ist es anders, da gibt es nur eine Selbständigkeit, nämlich in Mir – und einen Sinn und eine Erkenntnis, nämlich auch in Mir und durch Mich! Wo das nicht ist, da ist nichts als Selbsttrug und Selbsttäuschung.

[BM.01_035,19] Dies also zu deiner künftigen Belehrung und Richtschnur! – Nun aber gehen wir alle in dies Gemach und wollen da sehen, was sich mit dieser deiner vermeintlichen himmlischen Menagerie alles wird machen lassen, und ob diese Tiere Meine Sprache verstehen werden. Es sei!"

 

36. Kapitel – Martins zweiter Besuch in der Menagerie unter Leitung des himmlischen Meisters. Seine Bekehrungsrede. Die Rettung der Verirrten.

[BM.01_036,01] Wir treten nun schnell wieder in dasselbe Gemach und finden die Gesellschaft der dreißig noch in den Winkeln zusammenkauernd, und zwar in gleicher tierischer Gestaltung.

[BM.01_036,02] Petrus ruft sie folgendermaßen an, sagend: „Calvins Bekenner, kehret euch um; denn der Herr harrt euer! Nicht Luther, nicht Calvin, nicht die Bibel, auch nicht Petrus und Paulus oder Johannes, sondern allein Jesus, den Gekreuzigten, bekennet! Denn Er allein ist der Herr Himmels und aller Erde; außer Ihm gibt es keinen Herrn, keinen Gott und kein Leben mehr!

[BM.01_036,03] Dieser Herr Jesus, der da ist der allein wahre Christ ewig, ist hier und will euch annehmen – so ihr wollet –, auf daß ihr alle selig würdet in Seinem allerheiligsten Namen!"

[BM.01_036,04] Spricht einer aus der Gesellschaft, der das Aussehen eines Esels hat: „Wer bist du, der du wagst, mit der alten Jesusmäre mir in diesem aufgeklärten Zeitalter zu kommen? Siehst du meine Schätze denn nicht, mit denen ich für die ganze Ewigkeit auszukommen hoffe, und bin mit meinem Zustande vollkommen zufrieden? Was soll ich dabei dann noch mit dem mythischen Jesus tun, der nie war, nicht ist und nie sein wird? Wann wird man denn einmal anfangen, die alten mythischen Weisen auszumerzen und an ihre Stelle die wirklichen weisen Männer der Gegenwart zu setzen?

[BM.01_036,05] Muß denn Homer immer der größte Dichter sein, Orpheus ein förmlicher Gott der Töne, Apelles der erste Maler, Apollodorus der erste Bildner, der Dschingis-Chan der größte Held und Eroberer, Sokrates, Plato und Aristoteles die größten Philosophen, die Pharaonen Ramses und Sesostris und Möris die größten Baukönige, Ptolomäus der erste Astronom, Moses der größte und weiseste Gesetzgeber, David und Salomo die weisesten Könige und endlich Jesus der größte und weiseste Moralist!

[BM.01_036,06] Haben wir Deutsche nicht Männer genug, gegen die sich alle diese Alten rein verkriechen müßten? Und dennoch baut man diesen Alten Opferaltäre, während man nicht selten die Weisen der Gegenwart verhungern läßt! Wann, wann wird denn dieser Unsinn einmal ein Ende nehmen?"

[BM.01_036,07] Redet Petrus: „Ich bin, der ich bin, – manchmal Simon Jona, manchmal wieder nur Petrus! Was deine aufgeklärten Zeiten betrifft, so sind sie wahrlich eben nicht gar zu weit her. Die alte Jesusmäre ist offenbar mehr wert als die Schätze deiner Eselshaut. Die alten Weisen sind darum auch mehr wert als die jungen Laffen, weil sie wußten, was sie taten. Darum wurden sie Lehrer der Völker aller Zeiten, während alle sich hochweise dünkenden Gelehrten dieser Zeit nicht wissen, was sie tun, sich selbst nicht kennen, daher noch weniger jemand andern und schon am allerwenigsten die rein göttliche Natur und Wesenheit des Herrn Jesu Christi. Aus welchem Grunde sie sich dann hier im Angesichte des Herrn aber auch ausnehmen wie ihr, nämlich in der Gestalt der Esel, Ochsen, gehetzter Hasen (die auf der Welt, so sie ob ihrer manchmal zu sonderbaren Weisheit vor Gericht verlangt wurden, aus lauter Mut für ihre gut sein sollende Sache lieber das sogenannte Fersengeld nahmen, als sich vor demselben mutigst zu verteidigen, und erst dann ein Gegengebelle ertönen ließen, so sie ihren Balg in irgendeinem Schlupfwinkel sicher wußten), auch in der Gestalt von räudigen Schafen!

[BM.01_036,08] Kehrt euch nur um und betrachtet euch, und ihr werdet die Wahrheit meiner Worte an euch erschauen! Warum hattet ihr denn ehedem eine so große Furcht vor Jesus und batet, daß Er nicht zu euch käme, und betrachtet Ihn nun, da Er wirklich zu euch kam, als ein bloß mythisches Wesen?"

[BM.01_036,09] Der Eselhafte aus der Gesellschaft ist nun stumm und redet nichts. Aber Bischof Martin machte diese Bemerkung: „O Herr, wahrlich, Deine Geduld ist groß und endlos Deine Liebe! Aber so ich diesem wirklichen Esel so einige wohlgenährte Prügel über seinen Balg so recht kräftig ziehen könnte, tät's mir völlig wohl. Nein, ist aber das ein wirklicher Esel! Da ist wirklich gar nichts zu reden. Die Katholiken sind wohl auch dumm; aber so ein dummer Kerl ist mir noch nicht vorgekommen wie dieser calvinische Esel."

[BM.01_036,10] Rede Ich: „Mein lieber Freund und Bruder Martin, weißt du nicht, was Ich einst eben zu diesem unserm Bruder Petrus sagte, als er einem Knechte des Hohenpriesters, Malchus nämlich, mit einem Schwerte ein Ohr abhieb? Siehe, dasselbe gilt auch hier! Wo die Liebe, gepaart mit aller Sanftmut und Geduld, nichts vermag, da vermag auch kein Schwert und keine sonstige Macht etwas!"

[BM.01_036,11] Die Allmacht kann wohl alles richten und töten und vernichten durchs Gericht. Aber helfen, aufrichten, das Leben erhalten, das Verlorene wiedergeben, den gefangensten Geist wieder frei machen, siehe, das kann allein nur die Liebe, gepaart mit aller Sanftmut und Geduld. Wo diese mangelt, da ist nichts als Tod und Verderben.

[BM.01_036,12] Wir aber wollen, daß da niemand zugrunde gehen soll, sondern daß alle, die an Mich glauben, das ewige Leben haben sollen! Daher ist es an uns, für alle nur jene Mittel zu gebrauchen, durch die es allein möglich ist, jedermann in seiner Art zu helfen.

[BM.01_036,13] Versuche dich an diesen unbändigen gelehrten Calvinern, und siehe, was du als ein einstiger Bischof mit ihnen ausrichten wirst!"

[BM.01_036,14] Spricht Bischof Martin: „O Du liebster Herr, Du mein allerliebster Gott und Vater Jesus, es wäre schon alles recht. Aber so der würdigste Petrus mit ihnen, wie es scheint, ohne Wunder nicht viel richten mag, da weiß ich wirklich nicht, wie weit dann ich mit ihnen kommen werde.

[BM.01_036,15] Ich meine nun aber, da Du, o Herr, da bist in Deiner vollsten göttlichen Wesenheit persönlich, dem alle Mittel ewig zu Gebote stehen, so wäre es wohl höchst unverzeihlich von mir, wenn ich als ein reinstes Nichts vor Dir da wirken wollte, wo Du alles in allem bist und ein leisester Gedanke aus Dir schon mehr vermag, als so ich eine Ewigkeit so weise als möglich fortreden möchte. Daher bitte ich Dich, nimm diesen Antrag, den Du mir machtest, wieder gnädigst zurück."

[BM.01_036,16] Rede Ich: „Nicht so, Mein lieber Bruder Martin! Siehe, auch du gehörst nun zu Meinen Mitteln! Würde Ich nun gleich persönlich in diese halb tote Gesellschaft einwirken, da würden sie gerichtet. Sie wissen nun schon, daß Ich hier bin, und einige von ihnen haben auch einen halben Glauben, daß Ich doch der wahre Herr sein könnte.

[BM.01_036,17] Daher übertrage Ich dir dieses Geschäft, zu dem dir der Bruder Petrus nun schon den Weg gebahnt hat. Er selbst ist nun auch noch zu stark für diese Schwachen. Daher muß ihnen nun zuerst einer unter die Arme greifen, der nicht zu stark ist, auf daß er diese Ohnmächtigen nicht erdrücke. Denn Mücken können und müssen zuerst wieder nur von Mücken gesäugt werden, auf daß sie nicht verderben. Und Kindlein können vorerst nicht der Männer Kost verdauen, sondern nur eine leichte und zarte Milch. Daher gehe nur hin und erfülle Meinen Auftrag an diesen dreißig Ohnmächtigen. Es sei!"

[BM.01_036,18] Ich, Petrus, und der nun überaus demütige Buchhändler gehen nun wieder aus dem Gemach und lassen unsern Martin allein bei den dreißig.

[BM.01_036,19] Bischof Martin aber betrachtet diese Herde eine Zeitlang und richtet sich dann mit folgenden Worten nach seinem eigenen und dieser Herde Zustande eben an diese, sagend: „Ihr armen, ohnmächtigen Brüder, die ihr da im reinsten Lichte des allmächtigen, ewigen Gottes als förmliche dumme Tiere erscheinet, höret mich geduldig an und vernehmet den Sinn meiner Rede!

[BM.01_036,20] Ich war auf der Welt ein römischer Bischof und war ein wütender Gegner alles Protestantentums, obschon ich auf Rom bei mir noch weniger hielt als auf Mohammeds Lehre. Und wie ich war auf der Welt, so kam ich auch hierher als ein gegen alles Gute und Heilig-Wahre widerspenstiges Vieh. An mir war aber auch nicht ein gutes Haar und mein Herz war ein wahrster Augias-Stall. Ich sage euch, von irgend etwas, das man nur mit dem kleinsten Scheingrunde als irgendein christliches Verdienst hätte bezeichnen können, war bei mir gar keine Rede!

[BM.01_036,21] Das einzige, das aber an und für sich gar nichts ist, war zu Zeiten bei mir, daß ich mir in einer Art luftigen Phantasie Jesus den Herrn so vorstellte, wie Er beschrieben war, und dabei dachte: ,Ja, wenn ich Ihn so haben könnte und mit Ihm gemeinschaftlich wirken unter dem überzeugenden Bewußtsein, daß Er möglicherweise wirklich das allerhöchste Gottwesen wäre, da wäre ich freilich das glücklichste Wesen in der ganzen Unendlichkeit. Denn fürs erste wäre das doch die höchste Ehre aller Ehren, fürs zweite die sicherste Versorgung und Lebensversicherung für die ganze Ewigkeit, fürs dritte der höchste und mächtigste Schutz, und endlich könnte ich in solcher Gesellschaft doch Wunderdinge zu Gesicht bekommen, die bisher noch kein menschlicher Gedanke gedacht hat.‘

[BM.01_036,22] Sehet, dieser Gedanke, meine Phantasie, ja diese meine in der Welt allerluftigst aussehenden Luftschlösser waren hier meine einzigen Retter vom ewigen Verderben. Sie waren eine verborgene Liebe zu Gott in mir, die ich selbst nicht kannte. Und seht, liebe Brüder, wie schwer es mir auch ging, so bin ich aber durch diese Liebe so weit gekommen, daß eben diese irdischen Phantasien sich in mir – für euch freilich noch schwer glaublich – zur evidentesten Wirklichkeit gestaltet haben. Ich bin nun wirklich bei Jesus, dem alleinigen Herrn der Geister- und Körperwelt, und bin auf diese Art und Weise seligst für die ganze Ewigkeit versorgt.

[BM.01_036,23] Brüder, Freunde, so ihr nicht eure eigenen größten Feinde sein wollt, folget meinem Beispiel, und ich will euch alles sein, so ihr es ewig je bereuen solltet! Glaubt mir, der Herr ist hier in diesem herrlichen Hause und ist endlos gut, besser als die besten Engel und Menschen aller Welten und aller Himmel zusammengenommen! Daher kehret um und fasset Vertrauen, und es wird um euch augenblicklich anders aussehen als jetzt! Ziehet meine Erfahrungslehre eurer falschen Mutmaßung vor und werdet lebendige Werkzeuge des Herrn!"

[BM.01_036,24] Auf diese wirklich salbungsvolle Rede unseres Martin kehrten sich nun alle dreißig zu ihm und erwiderten ihm fast einstimmig: „Freund, diese Rede gefällt uns besser als deine früheren Worte, die du an uns gerichtet hast; obschon wir gerade nicht umhin können, dir nebstbei anzuzeigen, daß uns deine Tieransichten an unserer Persönlichkeit eben nicht am besten gefallen. Man kann wohl einen dummen Kerl einen Esel und Ochsen schelten; aber ihm gewissermaßen begreiflich machen wollen, daß er zugleich ein wirklich gestaltlicher Ochse und Esel ist – sieh, Bruder, das ist denn doch etwas zu stark!

[BM.01_036,25] Aber sei dem nun, wie es wolle! Du hast durch deine Rede bewiesen, daß du ein gescheiter und guter Kerl bist, und wirst auch mit deinem Jesus so ziemlich rechthaben. Nur das einzige ist etwas sonderbar, daß man hier keine Engel sieht. Auch mit der himmlischen Schönheit dieser Gegend scheint es uns einen bedeutenden Faden zu haben, sowie mit den himmlischen Kleidern. Denn du bist noch immer ein irdischer Bauer, ohne Rock auch noch dazu. Ebenso hat auch dein Herr Jesus einen nichts weniger als himmlischen Rock an, und der Petrus ist eher schundig als himmlisch zu nennen. Nur der mir wohlbekannte Buchhändler aus N. hat einen etwas bessern Rock, der aber für den Himmel sicher auch nicht den rechten Schnitt hat.

[BM.01_036,26] Siehe Freund, da hat es einen sehr bedeutenden Faden. Kannst du diese Scharten auswetzen, da wollen wir dir alles aufs Wort glauben, was du uns immer sagen magst und wollen dir auf den leisesten Wink folgen."

[BM.01_036,27] Hier stutzt Martin ein wenig, denn an diese Dinge hat er selbst noch nicht gedacht im Laufe seines geistigen Fortschritts. Aber er ermannt sich bald sichtlich und spricht weiter zu dieser nun schon halb bekehrten Herde: „Freunde, glaubt mir, da kommt es hauptsächlich darauf an, wie es jemand haben will! Ich wollte es bis jetzt also und darum ist es auch so; werde ich es aber anders wollen, wird es auch gleich anders aussehen!

[BM.01_036,28] Engel habe ich freilich wohl noch nicht gesehen. Aber was liegt da an allen Engeln und an aller himmlischen Pracht, wenn man nur den Herrn aller Engel und himmlischen Herrlichkeiten hat! Der kann alles, was hier noch abgeht, in einem Augenblicke – wie man zu sagen pflegt – herzaubern. Überhaupt habe ich wirklich noch kein Bedürfnis nach all dem in mir verspürt, nicht einmal nach einem bessern Rock; denn mir ist nun der Herr alles in allem, ja alles über alles!

[BM.01_036,29] Werdet ihr auf meiner Stufe stehen, so werdet auch ihr so denken und fühlen wie ich. Die Ewigkeit ist noch so lang, und da wird an der Seite des Herrn, des ewigen Meisters der Unendlichkeit, sich noch so manches erschauen und erfahren lassen. Dessen bin ich schon im voraus voll überzeugt.

[BM.01_036,30] Ich aber sage hier auch, wie ich's in mir lebendig fühle: Herr, so ich nur Dich habe, da frage ich nicht nach allen andern Herrlichkeiten ohne Maß und Namen. Denn das Herrlichste aller Herrlichkeit ist und bleibt ewig allein nur der Herr, ja unser Herr Jesus! Ihm allein sei alle Ehre, alles Lob und alle meine Liebe ewig! Amen."

[BM.01_036,31] Auf diese Rede erhebt sich die ganze Herde wie aus einer Staubwolke in schon voller Menschengestalt und spricht ebenfalls laut: „Amen! Bruder, du hast recht, wir glauben dir nun allesamt. Du hast nun wirklich mehr als weise geredet und dadurch in unsern Herzen ein Licht angezündet, das sicher nimmer erlöschen wird! Dank sei darum dem Herrn Jesus, deinem und nun auch für ewig unserem Gott!"

[BM.01_036,32] In diesem Augenblicke trete Ich mit Meinen beiden Begleitern wieder ins Gemach und alle stürzen Mir zu Füßen und schreien: „O Herr Jesus, Du heiligster Vater, Du dreieiniger Gott, sei uns armen Sündern gnädig und barmherzig! Dir allein sei alle Ehre ewig!"

[BM.01_036,33] Ich aber sage: „Stehet auf, Meine Kindlein! Sehet, nicht mit dem Gericht, sondern mit der größten Liebe kommt euch euer Vater entgegen. Und da ihr Ihn aufgenommen habt in eure Herzen, so nimmt Er euch tausendfach auf in Sein ewiges Vaterherz. Kommet daher nun alle zu Mir, die ihr schwer beladen und mühselig waret, Ich will euch für ewig vollauf erquicken!"

[BM.01_036,34] Hier erheben sich alle und fallen Mir, wo nur einer kann, an die Brust. Sie weinen zum ersten Male Tränen endlosester Freude und folgen Mir, nachdem sie sich an Meiner Brust ausgeweint haben, freudigst in den großen Speisesaal, wohin auch die frühere Gesellschaft durch Petrus beschieden ward.

 

37. Kapitel – Das himmlische Mahl. Segnung der Neuerlösten und ihr himmlisches Heim.

[BM.01_037,01] Wir kommen nun in einen am meisten gegen Morgen gelegenen Saal, der überaus groß und mit wahrer himmlischer Pracht ausgeschmückt ist.

[BM.01_037,02] In der Mitte dieses Saales steht ein großer runder Tisch aus reinstem durchsichtigem Golde, der auf zwölf verschiedenartigen Edelstein-Füßen ruht. Um den Tisch sind ebensoviele Stühle aus reinstem Gold gestellt, als es nun Gäste in diesem Saale gibt. Der Boden des Saales ist so blendend weiß wie frischgefallener Schnee; und des Saales Decke, auf welcher die schönsten Sterne glänzen, ist hellblau. Der Fenster Zahl dieses Saales ist 24, und jedes Fenster ist 12 Fuß hoch und 7 Fuß breit. Durch sie dringt ein herrliches Licht in den Saal, und durch jedes Fenster zeigen sich Gegenden von nie geahnter Pracht und Anmut. Auf dem Tische liegen sieben Brote nebst einem großen Prachtbecher voll des köstlichsten Weines.

[BM.01_037,03] Alle hier Eintretenden sind nun ganz weg ob der zu großen Herrlichkeit, die ihnen hier auf einmal so unerwartet entgegenkommt. Die Gesellschaft, die den Buchhändler zu ihrem Vormann hat, ist samt ihm vor lauter Hochachtung bis zum Boden gebeugt. Die dreißig, die kurz vorher nach der ihnen abgängigen Himmelspracht fragten, reißen nun Mund und Augen auf und finden keine Worte, mit denen sie diese Pracht genügend bezeichnen könnten.

[BM.01_037,04] Nur unser Martin bleibt sich gleich und spricht, auf Mich hindeutend: „Liebe Brüder, was staunet ihr gar so gewaltig über dieses Saales enorme Pracht? Seht, mir ist sie ganz gleichgültig; denn wenn unser Herr und Vater nicht mit uns in diesem Saale wäre, so gäbe ich für den ganzen Saal nicht eine faule Orange. Nur Er ist mir alles; alles andere aber ist mir nun ohne Ihn nichts!

[BM.01_037,05] So Er mit mir sich in der gemeinsten Strohhütte befände, wäre ich dort endlos seliger als allein in diesem herrlichsten Saale. Daher besticht mich dieses Saales Pracht auch gar nicht, sondern allein Er, Er, unser aller Vater, Herr und Gott! Ihm allein gebührt alle unsre höchste Achtung, Liebe, Bewunderung, Verehrung und Anbetung! Denn alle diese übergroße Herrlichkeit ist ja Sein Werk, ein Hauch Seines Mundes! Tue zwar jeder von euch, was er will – ich denke und tue einmal so!"

[BM.01_037,06] Rede Ich: „Martin, du machst deine Sache gut und bist nun ein wahrer Paulus. Aber siehe zu, daß du selbst nicht noch einmal irgendwo schwach wirst und sagst: ,Aber wenn der Herr nur nicht gar so in einem fort bei mir wäre!‘ Ich werde dich aber darum dennoch nicht verlassen! – Nun aber setzet euch alle zu Tisch und esset und trinket! Dann harren schon gar mächtige Arbeiten unserer Hände. Es sei!"

[BM.01_037,07] Sie tun nun alle nach Meinem Geheiß, und Ich breche das Brot und teile es unter sie. Und alle essen mit großer Liebe und dankbarster Regung ihrer Herzen dies wahre Brot des ewigen Lebens und trinken darauf alle den Lebenswein der Erkenntnis aus einem und demselben Becher und sind dabei munter und wohlauf. Denn nach dem Genusse des Weines bemächtigt sich aller ein so erhaben himmlisch-tiefweiser Sinn, daß alle darob vor Freude sich kaum zu helfen wissen und aus lauter Liebe kaum Worte finden, Mir zu sagen, wie über alle Maßen sie sich nun glücklich fühlen.

[BM.01_037,08] Ich aber segne sie nun alle und erwähle sie zu Dienern und wahren Knechten Meines ewigen Reiches.

[BM.01_037,09] Nachdem dies beendet ist, erhebt sich unser Bischof Martin und spricht: „Herr, ich habe etwas bemerkt, nämlich, als sollte auch ich mich von Dir trennen, um irgendeinem wichtigen Geschäfte zu obliegen. Tue Du, was Du willst, aber ich lasse nimmer ab von Dir! Herr, wo Du nicht mit mir bist, da ist rein nichts mit mir! Ich gehe ein für allemal nicht mehr von Dir; denn ich habe Dich nun zu überaus mächtig lieb! Also, ich bleibe einmal bei Dir!"

[BM.01_037,10] Rede Ich: „Nicht so, Mein liebster Bruder Martin! Ich sage dir: nicht einen Augenblick lang sollst du von Mir entfernt sein, sowie auch kein anderer aus dieser Gesellschaft und keiner von all den Zahllosen, die Mich in ihren Herzen erkannt und aufgenommen haben! Andererseits ist es dennoch nötig, daß sich jeder scheinbar wie ohne Mich dahin verfügt, wohin Ich ihn bescheide, ansonsten seine Freude unvollkommen wäre und zwecklos sein Leben!

[BM.01_037,11] Daher muß hier jeder sich der größten Tätigkeit befleißen und soviel als möglich Gutes wirken. Je tätiger da einer wird, desto größere Seligkeit wird ihm zuteil. Denn die Seligkeit besteht lediglich nur im Handeln nach Meiner festgestellten ewigen Himmelsordnung.

[BM.01_037,12] Siehe da zum Fenster hinaus! Dort gegen Morgen in einem schönen großen Garten – nicht ferne von diesem Meinem Hause von Ewigkeit – ersiehst du ein gar niedliches Häuschen, das innerlich viel geräumiger ist, als es von außen her aussieht. Dorthin gehe und nimm es in deinen Vollbesitz!

[BM.01_037,13] In einem Zimmer wirst du eine glänzend-weiße, runde Tafel finden. Diese Tafel besiehe du allzeit, so du von einem Geschäfte nach Hause kommen wirst. Denn von nun an wirst du dort stets Meinen Willen aufgezeichnet finden, nach dem du dich dann allzeit in deinem Handeln wirst zu richten haben. Wirst du das allzeit pünktlich erfüllen, was dir Meine Willenstafel in deinem Hause anzeigen wird, so wirst du bald über Größeres gesetzt werden; im Gegenteile aber nur über ein Kleineres, je nach deiner Willenskraft.

[BM.01_037,14] Solltest du dich aber in irgend etwas nicht völlig auskennen, da komm hierher, und es soll dir in allem Bescheid gegeben werden. Wenn du Mich aber rufen wirst in deinem Hause, so werde Ich bei dir sein. Nun weißt du vorderhand alles, was dir zu wissen nottut. Gehe daher nun in dein Häuschen, dort wirst du das Nähere erfahren, danach du dich aber genau zu halten hast.

[BM.01_037,15] Was Ich aber nun dir eröffnet habe, das eröffne Ich zugleich jedermann aus dieser Gesellschaft. Sehet alle hinaus, und das Haus, das ihr ersehet, ist dessen, der es ersieht! Dahin gehet und wirket, wie Ich soeben dem Bruder Martin, angezeigt habe, denn es wird ein jeder von euch in seinem Hause die gleiche Einrichtung antreffen. Es sei!"

[BM.01_037,16] Bischof Martin kratzt sich zwar ein wenig hinter den Ohren, geht aber doch, wie Ich ihn beschieden, denn er meint, daß er Mich dort nicht haben und nicht sehen werde. Die andern der Gesellschaft, denen Meine Nähe noch zu überheilig vorkommt, gehen leichter, um sich gewisserart von dieser zu großen Aufregung ihres Gemütes zu erholen.

 

38. Kapitel – Bischof Martin in seinem himmlischen Heim. Die erste Überraschung. Einrichtung des Heimes.

[BM.01_038,01] Als nun Bischof Martin bald sein Häuschen erreicht und in dasselbe tritt, ist er über alle Maßen überrascht, als Ich Selbst ihn schon an der Schwelle erwarte und ihn nun in sein Haus einführe: ein Dienst, den bei den andern die Engel versehen, weil die andern der Gesellschaft vor Mir noch bei weitem mehr Ehrfurcht haben als Liebe zu Mir. Aber bei Bischof Martin ist es gerade der umgekehrte Fall, daher es ihm eigentlich gar nicht recht war, daß er sich von Mir gewisserart hätte trennen sollen.

[BM.01_038,02] Als er Mich aber nun auch in seinem Häuschen ersieht und Ich ihn da schon an der Schwelle erwarte, schlägt er die Hände vor lauter Freude über dem Kopf zusammen und spricht:

[BM.01_038,03] (Bischof Martin:) „Ja, so, – so gefällt's mir da freilich noch viel besser als dort in Deinem Hause, besonders in dem letzten Prachtsaale! Mein allergeliebtester Herr Jesus, wenn nur Du bei mir bist, dann ist mir die gemeinste Hütte schon der herrlichste Himmel für ewig!

[BM.01_038,04] Aber wie bist denn Du so schnell, mir ganz unersichtlich, dahergekommen? Das ist wirklich schon wieder ein Non-plus-ultra-Wunder! Ja, ja, Du mein geliebtester Herr Jesus, bei Dir ist doch alles Wunder über Wunder, und ich bin dabei noch so hübsch ein Stockfisch, der noch nichts einsieht und begreift! Nein, aber sonderbar ist es doch, daß Du eher da warst als ich, und ich habe Dich doch ganz richtig in Deinem großen Prachtsaale verlassen!"

[BM.01_038,05] Rede Ich: „Mache dir darob keine Skrupel, Mein geliebter Bruder Martin. Siehe, so Ich nicht allenthalben der Erste und der Letzte und nicht überall alles in allem wäre, sähe es traurig aus mit der ganzen Unendlichkeit. So aber magst du dich nun hinwenden und hingehen, wohin du nur immer willst, so wirst du Mich schon dort antreffen, wohin du dich wenden und begeben wirst.

[BM.01_038,06] Gehe aber nun in dies Häuschen mit Mir, auf daß Ich Selbst dir alle Einrichtung werde zeigen und diese auch richtig gebrauchen lehren. Komme, komme, komme darum nun mit Mir in dieses nun dein Häuschen. Es ist zwar klein, enthält aber dennoch mehr als alle Welt, ja mehr als ein ganzes Sonnengebiet in der naturmäßigen Weltensphäre, wovon du dich alsbald klarst überzeugen wirst. Daher komme, gehe und wandle mit Mir in dieses dein Haus! Es sei!"

[BM.01_038,07] Bischof Martin folgt Mir sogleich und erstaunt über die Maßen, als er anstatt in ein vermeintliches kleines Kabinettchen in eine ungeheuer große Halle eintritt. Je länger er sie stets aufmerksamer betrachtet, desto mehr erweitert sie sich und bietet alles zur Beschaulichkeit dar, was unser Bischof Martin sich nur immer vorzustellen vermag.

[BM.01_038,08] In der Mitte dieser großen Halle steht auf einem goldenen Postament eine große, weißglänzende runde Scheibe. Hinter ihr auf einem ehernen Gestell ein vollkommenster, himmlisch-künstlicher Erdglobus, der vom Größten bis zum Kleinsten alles enthält, was die wirkliche Erde vom Zentrum bis zur Oberfläche und darauf enthält, natürlich auch alles, was da geschieht.

[BM.01_038,09] Hinter diesem Globus ist das ganze Planetensystem dieser Erdsonne auf eine gleiche himmlisch-künstliche Weise aufgestellt und zeigt genau auch auf dieselbe Art jede Kleinigkeit und jede Eigentümlichkeit jedes einzelnen Planeten wie auch der Sonne.

[BM.01_038,10] Der Boden dieser Halle ist wie aus reinstem Saphir, die hohen Wände wie aus Smaragd, die Decke wie aus Azur mit vielen Sternen. Durch die großen Fenster fällt ein herrliches, violettrotes Licht in diese große Halle, die in der halben Höhe noch mit einer herrlichen Galerie wie aus feinstem Jaspis geziert ist, wobei aus der Halle noch zwölf Türen in nebenanstoßende Gemächer führen. Die smaragdenen Wände aber produzieren noch obendarauf in den schönst kolorierten Schattenrissen, was sich Bischof Martin nur immer denkt.

[BM.01_038,11] Nach längerem übermäßigem Staunen öffnet endlich Bischof Martin wieder seinen Mund und spricht: „O Herr, Herr, Herr! Ja, was ist denn das schon wieder für ein neues Gaukelspiel? Ah, das ist aber doch, was man sagen kann, über alles! Nein, nein, nein! Ah, ahahah! Von außen klein wie beinahe ein Fliegenhäuschen – und von innen wie eine ganze Welt! Ja, wie geht denn das wieder zusammen? Nein, das ist mir bisher noch das Unbegreiflichste, wie eine Sache von innen größer sein kann als von außen! Das begreife, wer es will und mag; für mich aber ist diese Sache ein für allemal rein zu rund!"

[BM.01_038,12] Rede Ich: „Mein geliebter Bruder Martin, Ich sage dir, du wirst dich in all dem bald zurecht finden! Siehe, in der eigentlichen wahren Welt der Geister ist alles völlig umgekehrt von dem, wie es in der Welt ist. Was in der Welt groß ist, das ist hier klein; was aber in der Welt klein ist, das ist hier groß. Wer auf der Welt der Erste ist, der ist hier der Letzte; wer aber auf der Welt der Letzte ist, der ist hier der Erste!

[BM.01_038,13] Wie groß aber ist ein Mensch auf der Welt? Er mißt sechs Spannen Höhe und 2 Spannen Breite. So er aber ist ein Weiser, sage, welche endlosen Größen und Tiefen liegen in seinem Herzen! Ich sage dir, alle Ewigkeiten werden nicht hinreichen, die Fülle seiner Wunder zu enthüllen und zu erfassen!

[BM.01_038,14] Du hast wohl öfter auf der Welt ein Weizenkorn betrachtet. Das ist doch sicher klein seinem äußern Umfange nach, und dennoch enthält es soviel seinesgleichen in sich, daß es die ganze Ewigkeit nimmer ermessen könnte. Ebenso liegt auch hier der gleiche Grund vor dir aufgedeckt:

[BM.01_038,15] Das Äußere dieses Hauses ist gleich deinem nun völlig demütigen äußern Wesen: es ist – wie du – klein. Das Innere dieses Hauses aber kommt nun deiner inneren Weisheit gleich, die Größeres umfaßt als das äußere Maß deiner Wesenheit. Darum ist es auch als größer ersichtlich als das Äußere dieses Hauses, das da gleich ist deinem Außenwesen. Das Innere aber wird noch stets größer, je mehr du in der wahren Weisheit aus Meiner Liebe wachsen wirst. Denn hier lebt ein jeder seiner Weisheit aus seiner Liebe zu Mir, welche aber die eigentliche Schöpferin alles dessen ist, was dir hier so wunderbar vorkommt.

[BM.01_038,16] Siehe aber dort jene weißglänzende aufrechtstehende Tafel; sie stellt dein durch Mich gereinigtes Gewissen dar. Auf dieser Tafel wirst du allzeit nunmehr Meinen alleinigen Willen entdecken, darnach du dich dann allemal sogleich richten wirst!

[BM.01_038,17] Es hat zwar wohl schon auf der Welt ein jeder Mensch eine gleiche Gewissenstafel in seines Herzens Kämmerlein aufgerichtet, auf der allzeitlich Mein Wille aufgezeichnet wird zur getreuen Darnachrichtung für jedermann. Aber nur wenige merken darauf, und gar viele streichen am Ende diese Tafel mit allen Sünden ganz schwarz an, auf daß sie ja nimmer erschauen mögen Meinen Willen.

[BM.01_038,18] Siehst du nun, wie ganz naturgetreu hier die Errichtung dieses nun deines Hauses ist? Also nicht so sehr ein Gaukelwunderspiel, wie du ehedem meintest.

[BM.01_038,19] Hinter der Tafel ist ein getreuestes Abbild der Erde, wie sie ist in allem ihrem Wesen, und hinter diesem Abbilde die Sonne mit den andern Planeten. Wirst du dich in irgend etwas dabei nicht auskennen, da siehe nur auf die hintere Fläche dieser Tafel, die der Welt zugewendet ist; dort wirst du allemal die Erklärung finden. Willst du aber dann auch wissen, was du dabei tun sollest, da beschaue die vordere Fläche dieser Tafel; da wirst du allzeit Meinen Willen erschauen.

[BM.01_038,20] Noch ersiehst du zwölf Türen, die aus dieser großen Halle in kleinere Seitengemächer führen. In diesen Gemächern aber wirst du allerlei noch etwas verdeckte Speisen treffen. Diese genieße aber erst dann, so Ich sie dir alle werde zuvor vollends gesegnet haben, ansonst sie dich blöde machen würden und du dann nach längerer Dauer nicht fähig wärest, die Schrift Meines Willens auf dieser Tafel zu lesen. Daher, so du zu einer solchen verdeckten Speisekammer kommen wirst, verlasse sie alsbald und komme zu Mir, und Ich werde dann hingehen und dir die Speisen enthüllen und vollends segnen.

[BM.01_038,21] Nun weißt du, wie diese Dinge hier stehen; tue darnach, so wirst du stets mehr und mehr in der Seligkeit wachsen! Es sei!"

 

39. Kapitel – Bischof Martin allein im Saale seines Hauses. Die Betrachtung des Erdglobus und der übrigen Himmelskörper. Martins Langeweile.

[BM.01_039,01] Ich verlasse nun erscheinlich den Bischof Martin und er fängt, sich allein befindend, folgendermaßen mit sich zu debattieren an: „So, so, nun bin ich endlich wieder einmal allein! Zwar hier überaus wahrhaft himmlisch, erhaben glänzend, gesättigt, gesegnet und somit sicher auch nun schon selig, überselig. Aber allein, und das mutterseelen allein bin ich nun doch! Bloß meine Ideen gaukeln an diesen Wänden, ähnlich den Bildern, die auf der Welt auf dem Wege der Hohlspiegel erzeugt werden, auf und ab und hin und her. Sonst aber gibt es auch nicht einmal eine Mücke, die mir etwas vorsumsen möchte.

[BM.01_039,02] Will einmal doch zu dem großherrlichen Erdglobus gehen und mich ein wenig mit ihm beschäftigen. Wahrlich, ein endlos kostbares Kunstwerk! Da, sieh, gerade da ist ja der Ort, wo ich als Bischof fungiert habe; da die Kirche, da meine Residenz! Und siehe, da ist auch der Friedhof, da mein Grab, und was für ein köstlich Monument! Aber sind das doch übergroße Narren, die Menschen, welche dem Kote Monumente setzen und den Geist vergessen! Wenn ich so könnte dieses Monument mit einem wohlgenährten Blitze zerstören, es wäre mir ordentlich leichter ums Herz. Aber, der Herr allein tue was des Rechtens ist!

[BM.01_039,03] Daher etwas umgedreht, mein lieber Globus! Werde einmal sehen, wie's etwa in Australien aussieht! Aha, da ist es schon, das Land der Wildheit! O Tausend, Tausend, da sieht es sehr schief, sehr arg aus: nichts als die derbste Finsternis, die schnödeste Sklaverei, Verfolgung, Mordung der Menschen leiblich und geistig! Behüte dich der Herr, mein lieber Globus, auf die Art werden wir sehr wenig miteinander zu tun bekommen! Da müßt' ich ein großer Esel sein, so ich mich über deinen Anblick bis zum Verzweifeln ärgern sollte, hier im Reiche des ewigen Friedens! Nein, jetzt möchte ich aber gerade vor Ärger zerbersten, wie da diese mächtigeren Erdenmenschen ihre schwachen Brüder gerade zur Unterhaltung auf alle mögliche Art martern und grausam töten! Weg, weg daher mit dir, du elende Repräsentiermaschine irdischer Greuel, wir zwei werden uns sehr selten sehen!

[BM.01_039,04] Siehe, da ist ja auch das gesamte Planetensystem mit der Sonne! Werde einmal gleich den nächsten besten in Augenschein nehmen. Da ist ja gleich die Venus!

[BM.01_039,05] Wie schaust du also aus, du meine liebe Venus, die du mich auf der finstern Erde gar oft mit deinem herrlichen Lichte als Abend- oder Morgenstern ergötzt und erfreut hast? Laß dich nun endlich einmal in der Nähe betrachten! – Aha, hmm, hab' mir die Sache auch ganz anders vorgestellt! Ist auch eine Erde, fast wie die, die ich bewohnte, – nur gibt es keine so großen und zusammenhängenden Meere, dafür aber recht viele und für diesen Planeten sehr hohe Berge!

[BM.01_039,06] Wie sieht es aber etwa mit der Vegetation aus und wie mit einer allfälligen Bevölkerung von aller Art lebenden Wesen? Ich bitte um ein bißchen mehr Vergrößerung des Planeten selbst oder um ein geistiges Mikroskop, sonst werde ich bei dieser Miniaturdarstellung dieses Planeten nicht viel mehr entdecken, als ich bisher entdeckt habe! Ist ja der ganze Planet nicht größer als ein mäßiges Hühnerei auf der Welt, – was sollte sich da wohl ausnehmen lassen? Wahrlich, bei diesem Maßstab müßten die Infusionstierchen hübsch klein ausfallen!

[BM.01_039,07] Muß aber doch auch einmal auf die weiße Tafel sehen, vielleicht steht schon etwas oben? Schau, auf dieser Seite sehe ich nichts! Das ist gut, denn ich muß offen gestehen, daß ich vor dieser Tafel einen sonderlichen Respekt habe! Muß sie aber doch auch von vorne besehen, vielleicht steht dort etwas? Ah, das ist vorderhand noch besser; denn da steht auch noch nichts darauf! Daher nun nur wieder zu meinem Planetensystem!

[BM.01_039,08] Da ist ja schon die Venus wieder, aber noch um kein Haar größer. Also habe ich auch bei dir, du mein schönster Stern, nichts mehr zu tun, so du dich nicht vergrößern willst! Schiebe dich daher nur weiter!

[BM.01_039,09] Aha, da kommt der kleine Merkur, ein ganz possierliches Weltchen von der Größe einer Nuß! Scheint auch kein Meer zu haben, dafür aber desto mehr Berge – vorausgesetzt, daß man diese einen halben Stecknadelkopf großen Unebenheiten auch mit dem Ehrentitel ,Berge‘ bezeichnen kann! Mein lieber Merkur, auch wir sind miteinander schon fertig; nur fort mit dir!

[BM.01_039,10] Was ist denn das für ein kupfriger Kerl von einem Planeten? Das wird doch etwa nicht zum zweiten Male die Erde sein? Nein, nein, die ist es nicht! Oh, wir haben dich schon, du feuriger Held; du bist ja der Mars! Na, hab' mir auf der Erde von dir auch eine ganz andere Vorstellung gemacht! Ich habe mir immer gedacht, daß du ein sehr unruhiger und stürmischer Patron sein wirst. Aber wie ich's nun aus deiner sehr flachen, mit wenigen Bergen besetzten Oberfläche erschaue, so scheinst du gerade das Gegenteil von dem zu sein, was ich von dir gedacht habe. Näheres kann ich auch auf dir nicht entdecken, daher schiebe auch du dich weiter!

[BM.01_039,11] Da sehe ich bei sieben kleine Kügelchen von – sicher auch Planeten? Nur weiter mit euch, ihr habt schon gar nichts für mich!

[BM.01_039,12] Da dreht sich schon der Planeten Großmogul Jupiter vor mein Gesicht her! Wahrlich, ein schöner Brocken! Vier Trabanten auch noch um ihn, das gibt aus! – Wie sieht es denn auf dir aus? Sapprament, da gibt es ja ganz entsetzlich viel Wasser! Bloß am Äquator herum bedeutende Inseln, sonst aber pur Wasser! Berge gibt es auch hier und da; aber hoch sind sie gerade nicht! Wie sieht es denn aber mit der Vegetation aus, wie mit lebenden Wesen? Dieser Planet ist zwar sichtlich um einige tausend Male größer als die vorigen, aber von einer Vegetation kann ich auch da nichts ausnehmen. Ich merke es wohl, daß die Flächen so gewisserart etwas rauhlich aussehen; aber was das ist, – dazu gehören ganz andere Augen.

[BM.01_039,13] Dort sehe ich auch den Saturn, den Uran und noch einen sehr großen Planeten ganz im Hintergrunde mit – ja, ja, richtig, mit 10 Monden, darunter drei bedeutend groß, und neben ihnen einige kleinere! Das werden etwa doch nicht Monde von Monden sein? – Kometen sehe ich im Hintergrunde nun auch eine schwere Menge!

[BM.01_039,14] Es ist wirklich schön, ja erhaben schön ist es. Aber wenn man auf diesen guten Planeten nichts anderes entdecken kann als nur höchstens Meere und größere Gebirge, da gewähren sie sage für die ganze Ewigkeit verzweifelt wenig Vergnügen. Ich bin nun schon fertig; in diesem Maßstabe werden wir für die Zukunft sehr wenig miteinander zu tun bekommen!

[BM.01_039,15] Dort in der Mitte ist wohl noch die Sonne! Freilich ein ganz unbändig großer Klumpen. Aber was nützt das, so ihr Maßstab zu ihrem wirklichen Größenverhältnisse sich gerade so verhält wie ein Sandkörnchen zur ganzen Erde, wo sich dann auch nichts ausnehmen läßt? Also ist auch mit dir, du liebe Sonne, nichts für mich; daher lebe auch du recht wohl und gesund!

[BM.01_039,16] Jetzt wäre ich aber auch schon fertig mit der Betrachtung der außerordentlichen himmlischen Kunstraritäten, die hier diesen nun meinigen Saal zieren. Was nun? Auf der Tafel steht nichts; von den Planeten ist auch nichts Weiteres abzulesen und zu besichtigen. Den saubern Erdglobus möchte ich lieber draußen als drinnen haben. Also Frage: Was nun? Zum Herrn hinübergehen? Würde sich nun geschwinde auch nicht schicken!

[BM.01_039,17] Hm, hm, hm – ist doch recht fatal, wenn man sich als seligster Geist im Himmel knapp neben dem Herrn aller Herrlichkeit ein bißchen langweilen muß! Hat sicher auch sein Gutes; aber Langeweile bleibt Langeweile, ob im Himmel oder auf der Erde.

[BM.01_039,18] Auf der Erde vertröstet man sich am Ende, wenn sozusagen alle Stricke reißen, mit dem lieben Tode, der jedem Liede – ob lustigen oder traurigen Inhaltes – ein Ende macht, wenigstens für die Erde. Aber hier, wo freilich – dem Herrn ewig Dank darum! – dem Leben kein Tod mehr folgt, nimmt alles sogleich einen ewigen Charakter an. Und man kommt da gar so leicht in die Versuchung zu glauben, daß so ein Zustand ewig gleichfort andauern wird. Dieser Umstand macht dann jede stark einförmige Erscheinung wenigstens um tausendmal langweiliger als auf der Erde, wo jedem Ding ein Ende gesetzt ist.

[BM.01_039,19] Was also soll ich nun tun? Ist auf der Tafel noch nichts zu ersehen? Nein, noch immer nichts! Gar zu nötig wird es dem Herrn sicher nicht sein, sich meiner zu bedienen, sonst müßte ich ja doch schon etwas zu tun bekommen haben!

[BM.01_039,20] Hm, hmmmm! Es wird einem schön langweilig hier im Himmel! Werde ich mich so ewig in diesem himmlischen Kunstmuseum aufhalten müssen? O sapprament, das wird eine schöne, ganz unvergleichliche Langweile abgeben!"

 

40. Kapitel – Die zwölf kleinen Kabinette mit den verdeckten, noch ungesegneten geistigen Speisen. Die Herde der schönen Mädchen. Die schöne Merkurianerin. Die formvollendeten nackten Venusmenschen. Wichtigkeit des Segens des Herrn.

[BM.01_040,01] (Bischof Martin:) „Aber jetzt fällt mir was ein! Neben diesem Saale gibt es ja noch 12 Nebengemächer, in die man durch diese 12 Türen gelangen kann. Richtig, die hätte ich bald vergessen und auch die etwas verhängnisvollen verdeckten Speisen in denselben. Oh, die muß ich nun sogleich durchpatrouillieren! Also, in des Herrn Namen ,Glück auf!‘ wie auf der Erde die Bergleute sagen. Gibt es hier auch keine Stollen und Schächte, so gibt es doch gewisse 12 geheime Gemächer, wo man noch nicht weiß, was sie enthalten; daher auch hier im Himmel: Glück auf! –

[BM.01_040,02] Da wär' einmal die Türe Nr. 1! Also nur aufgemacht und eingetreten! Oh, oh, oh! Oh, Tausend, Tausend, Tausend! Da ersehe ich ja in aller Form meine schöne Herde! Ah, das laß ich mir gefallen! Bei solcher Bescherung wird einem die liebe Ewigkeit freilich nicht zu lang! Aber jetzt heißt es halbrechts – umgekehrt! Das ist schon eine verdeckte Speise Nr. 1! Daher nur zur Türe Nr. 2!

[BM.01_040,03] Da ist sie schon! Also im Namen des Herrn nur hübsch fein und sachte aufgemacht; denn man kann nicht wissen, was alles sich darinnen befindet! Schau', diese Tür geht etwas schwerer auf als die frühere; aber es geht doch! Gott sei's gedankt, offen ist sie! Aber es ist etwas dunkler in diesem Gemache als in dem früheren, daher muß ich schon etwas tiefer hinein meine Schritte setzen!

[BM.01_040,04] Oh, oh, oh! Ja, was ist denn das schon wieder? Dies Gemach ist ja größer als die ganze große Vorhalle! Und im Hintergrunde entdecke ich eine große Menge ganz nackter Menschen beiden Geschlechtes; ihre Anzahl ist unübersehbar! O jemine, was das für schöne Menschen sind, besonders die weiblichen!

[BM.01_040,05] O sapprament, sapprament – da kommt gerade eine auf mich zu! Soll ich sie abwarten? Ja, ganz ja, ich muß sie abwarten; denn diese Speise ist wahrlich nicht verdeckt, – nein, nein, nein, diese ist nicht verdeckt!

[BM.01_040,06] O Tausend, Tausend – ist aber das eine Schönheit non plus ultra! Diese Weiße, diese üppigste Fülle, diese Brust! Nein, das ist nicht auszuhalten! Dieser rundeste, weichste Arm, diese göttlichen Füße und dieses – man könnte sagen – selbst für den Himmel zu freundlich-schönste, allersüßeste Gesicht mit einer so himmlisch zart lächelnden Miene!

[BM.01_040,07] Ahahahah! Nein, nein, nein – ich halte es nicht aus! Ich muß gehen, – kann doch nicht, nein ich – es ist rein unmöglich! Vielleicht will sie mir was sagen? Sie ist schon – da –, ist da, da! Stille nun, sie will ja reden mit mir; darum still nun, meine lose Zunge!"

[BM.01_040,08] Das Weib spricht: „Du bist sicher der Eigentümer dieses Hauses, auf den wir schon lange warten?"

[BM.01_040,09] Spricht Bischof Martin: „Ja – o ja, doch nein, und doch wieder halbwegs ja! Bin nur erst einlogiert worden. Der eigentliche Eigentümer alles dessen ist so ganz eigentlich dennoch der Herr Jesus, Gott von Ewigkeit! Womit kann ich euch dienen und besonders dir, du überhimmlische Schönheit über alle Schönheiten der ganzen Unendlichkeit?"

[BM.01_040,10] Spricht das Weib: „Preise mich nicht so sehr! Denn siehe, dort rückwärts gibt es noch eine zahllose Menge meines Geschlechts, die alle ums unvergleichliche schöner sind als ich, darum ich als die Häßlichste auch zu dir hergesandt wurde, damit du im Anfang nicht allzusehr geblendet würdest.

[BM.01_040,11] Unser Anliegen aber besteht darin: Siehe, wir sind alle Menschen aus der Erde, die ihr Kinder des Allmächtigen ,Merkur‘ nennet, wie wir es nun hier erfahren haben. Dies Haus ist dein; es kommt nun auf dich an, uns zu behalten zu deinem Dienste oder auch zu verstoßen. Wir bitten dich aber alle, daß du uns gnädig sein möchtest!"

[BM.01_040,12] Spricht Bischof Martin: „Oh, ich bitte dich, du himmlische, du erhabenste, allersüßeste Schönheit: oh, wenn eurer noch tausendmal soviel wären, so ließe ich euch nimmer von der Stelle! Denn ich bin ja aus lauter Liebe zu dir ganz weg! Komm nur her, du allerschönste Merkurianerin, und lasse dich umarmen! Ohohoh – nein, nein; ach, du wirst ja immer schöner, je freundlicher du mich anlächelst! So komme, komme und lasse dich umarmen!"

[BM.01_040,13] Spricht das Weib: „Du bist ein Herr; ich aber bin ewig nur deine Sklavin! So du gebietest, muß ich ja wohl tun deinen Willen, der uns allen heilig sein muß!"

[BM.01_040,14] Spricht Bischof Martin: „Oh, bitte, du meine Allerhimmlischste! Was Sklavin – das kenne ich nicht! Du bist von nun an eine Gebieterin meines Herzens! Komme nur, komme, du allerreizendste, ja namenloseste Schönheit! – O Gott, o Gott, das ist aber eine Schönheit! Nein, nein; mir bleibt schon ordentlich der Atem aus vor lauter Entzückung!"

[BM.01_040,15] Bischof Martin will dieser schönsten Merkurianerin gerade an die Brust fallen, als Ich Selbst ihn auf die Achsel klopfe und sage: „Halt, Mein lieber Sohn Martin, das ist auch schon eine verdeckte Speise. Erst wenn Ich sie für dich werde gesegnet haben, dann kannst du ihr an die Brust fallen, so es dich noch gelüsten wird! Mache daher auch hier dein Halbrechts!"

[BM.01_040,16] Spricht Bischof Martin: „Oohoh – oh, Du mein allergeliebtester Herr Jesus! Ich liebe Dich sicher, wie einer nur immer Dich lieben kann; aber ich muß Dir nun offenherzig bekennen! Ja – was wollte ich denn so ganz eigentlich sagen? Ja, ja, ich muß Dir offenherzig bekennen: so lieb ich Dich habe, aber diesmal wäre es mir beinahe lieber gewesen, so Du um ein paar Augenblicke später gekommen wärest!"

[BM.01_040,17] Rede Ich: „Das weiß Ich wohl und habe es dir auch schon vorhergesagt, daß du so zu Mir reden wirst in Kürze, obschon du dich damals von Mir durchaus nicht trennen wolltest. Aber Ich verlasse den nimmer, der Mich einmal ergriffen hat, also auch dich nicht! Darum komme nun schnell aus diesem Gemache! Warum? Das wird dir zur rechten Weile bekanntgegeben werden! – Du, Weib, aber ziehe dich wieder zurück!"

[BM.01_040,18] Das Weib tut sogleich, wie ihr geboten, und Bischof Martin folgt Mir mit einem etwas verlängerten Gesicht, aber dennoch willigst, zur Türe Nr. 3.

[BM.01_040,19] Wir kommen nun zur vorbezeichneten Türe, und siehe, sie tut sich von selbst auf!

[BM.01_040,20] Der Bischof Martin sieht sehr neugierig hinein und fährt völlig zusammen, als er hier wie in eine neue Welt schaut und in selber nebst den wunderbarsten Herrlichkeiten eine Menge seliger Wesen in vollkommenster Menschengestalt erblickt, die so schön sind, daß darob unserem Bischof Martin förmlich die Sinne vergehen.

[BM.01_040,21] Nach einer Weile erst ruft Bischof Martin aus: „O Herr, Du herrlichster Schöpfer und Meister aller Dinge, aller Wesen, Menschen und Engel, das ist ja unendlich! Das ist zu hoch über alle menschlichen Begriffe!

[BM.01_040,22] Ja was ist denn das schon wieder? Was sind das für Wesen? Sind das schon Engel oder wohl noch seligste Menschengeister? Sie sind zwar auch nackt, – aber ihre sonnenweiße Haut, der vollkommenste, üppigste Wuchs, die höchste, vollkommenste Harmonie in ihren Gliedmaßen, ein eigener Glanz, der sie umgibt, das alles ersetzt millionenfach die herrlichsten Kleider. Ich kann mir unmöglich eine herrlichere, schönere und erhabenere Form denken!

[BM.01_040,23] Ja, Herr, kein Lob, kein Preis und keine Ehre kann gedacht werden, um Dich gebührend zu loben, zu preisen und zu ehren damit! Wahrlich, wahrlich, Du bist heilig, heilig, heilig: Himmel und Erden sind voll Deiner Herrlichkeiten! Dir sei darum Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!

[BM.01_040,24] O Herr, ich bitte Dich, gehen wir da weiter, denn diesen zu herrlichen Anblick kann ich nicht länger ertragen! Nur das sage mir gnädigst, was das für Wesen sind?"

[BM.01_040,25] Rede Ich: „Das sind Menschengeister aus dem Planeten, den ihr ,Venus‘ benannt habt. Ihre Bestimmung ist, euch, Meinen Kindern, zu dienen, wo und wann immer ihr ihrer Dienste benötigen mögt. Dieser Dienst ist ihre höchste Seligkeit. Daher wirst du sie auch allzeit um so seliger machen, je öfter und weiser du sie benützen wirst!

[BM.01_040,26] Das sind jedoch nicht die einzigen, die auf deine Winke harren, sondern es gibt noch eine zahllose Menge anderer aus andern Planeten, die du in der Zukunft weise zu benutzen erst lernen mußt. Nun weißt du vorderhand, was dir zu wissen not tut; alles andere wird folgen!

[BM.01_040,27] Daraus kannst du aber nun schon entnehmen, was Paulus mit den Worten andeutete, da er sagte: ,Kein Auge sah es und kein Ohr hat es je gehört, und in keines Menschen Sinn ist es je gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben!‘

[BM.01_040,28] Als du auf der Welt warst, da ahntest du freilich nicht, warum dich manchmal die Sterne so mächtig angezogen haben. Nun aber siehst du den Magnet vor dir, der dich auf der Welt oft so magisch anzog und dir manchen Seufzer und manches ,Ach, wie herrlich!‘ aus deiner damals sehr verknöcherten Seele entlockte.

[BM.01_040,29] Siehe, das ist schon eine Art Dienstes dieser Wesen, daß sie durch ihr festes, unerschütterliches Wollen nicht selten empfängliche Gemüter der Erdenmenschen beschleichen und sie hinauf zu den Sternen lenken. Das taten sie auch dir, als du sie noch nicht kanntest. Und sie werden es nun um so mehr tun, da sie dich sichtlich kennen, wie du nun auch sie, wenn auch noch etwas unvollkommen.

[BM.01_040,30] Nun aber komme wieder weiter, und zwar zur Türe Nr. 4! Dort wirst du wieder etwas anderes und noch Herrlicheres erschauen. Es sei!"

[BM.01_040,31] Spricht Bischof Martin: „Herr, aber warum dürfen uns denn nun diese herrlichsten Wesen nicht näherkommen, und warum müssen sie von Dir zuvor erst gesegnet sein?"

[BM.01_040,32] Rede Ich: „Mein lieber Sohn Martin, hast du auf der Erde nie gesehen, so du an einem Strome lustwandeltest, daß zu gleicher Zeit auch auf der andern Uferseite Menschen lustwandelten oder andere Geschäftswege machten? Konntest du wohl, so dich die Lust angewandelt hätte, sogleich ohne Brücke oder ohne Schiff zu ihnen gelangen? Du sprichst: Nein! – Siehe nun aber: Wozu auf der Welt die Brücke oder ein Schiff dient, eben dazu dient hier Mein Segen!

[BM.01_040,33] Ohne Mich kannst du weder auf der Erde noch hier im Himmel etwas tun. Mein Segen aber ist Mein allmächtiger Wille, Mein ewiges Wort ,Es werde!‘, durch das alles, was da ist, gemacht ward. Also muß durch dasselbe auch zuvor die Brücke zu all diesen Wesen gemacht werden, damit du zu ihnen und sie zu dir ohne Schaden gelangen können. Alles aber hat seine Zeit und seine Weile, deren richtige Dauer nur Ich allein bestimmen kann – und der, dem Ich es offenbare."

[BM.01_040,34] Spricht eiligst Bischof Martin: „Aber wie konnte denn hernach die schöne Merkurianerin so nahe zu mir kommen, daß sie mir auch in die Arme gesunken wäre, so Du mich nicht davon abgehalten hättest – und doch war sie als eine verdeckte Speise noch nicht gesegnet von Dir? Was hatte ihr denn dann zur Brücke gedient? Oder war das auch noch eine leere Erscheinlichkeit?"

[BM.01_040,35] Rede Ich: „Mein lieber Sohn Martin, wolle nicht mehr wissen, als was Ich dir offenbare; denn Aberwitz stürzte einst Adam und vor ihm den erstgestalteten größten Engelsgeist! Daher: Willst du vollkommen selig sein, so mußt du auch in allem vollkommen Meinen Weisungen folgen und nie über ein Ziel hinaustreten wollen, das Meine höchste Liebe und Weisheit dir stellt!

[BM.01_040,36] Zur rechten Zeit wird dir alles klar werden. Diese untrügliche Verheißung genüge dir, sonst kommst du noch einmal auf ein Wasser, das dir noch mehr zu schaffen machen würde als das frühere! Denn solange du noch kein himmlisches Hochzeitsgewand um deine Lenden gegürtet hast, bist du noch kein eigentlicher fester Himmelsbürger, sondern nur ein aus puren Gnaden angenommener Sünder, der hier durch mancherlei Wege erst zu einem wahren Himmelsbürger werden kann. Darum frage nun nach nichts weiter, sondern folge Mir zur vierten Türe; es sei!"

[BM.01_040,37] Bischof Martin gibt sich nun selbst eine Maulschelle und folgt Mir ohne alles weitere Bedenken. Es reut ihn auch, daß er Mich so aberwitzig gefragt hatte.

[BM.01_040,38] Ich aber vertröste ihn, sagend: „Sei nur ruhig und angstlosen Gemütes! Denn siehe, ein jedes Wort, das aus Meinem Munde an dich ergeht, gereicht dir nicht zum Gerichte, sondern allein nur zum ewigen Leben, dessen sei versichert! Hier aber ist auch schon die Türe Nr. 4. Sie öffne sich!"

 

41. Kapitel – Die Herrlichkeiten des Mars. Martins geistige Ermattung und törichter Wunsch. Des Herrn Rüge.

[BM.01_041,01] Ich rede weiter und sage: „Wir sind nun schon am offenen Eingang. Was siehst du hier und wie gefällt es dir?"

[BM.01_041,02] Spricht Bischof Martin etwas kleinlaut: „Herr, ich habe weder Mut noch Zunge genug, diese erhöhte Pracht in ihrer Größe, Tiefe und anmutigsten Majestät gebührend zu schildern. Was ich dabei jedoch nach meinem Gefühle zu bemerken habe, ist: daß hier in allem Ernste für mich nun des Guten zu viel ist! Ich werde nun schon förmlich stumpf ob des steten Wachstums dieser mehr als himmlischen Schönheiten – besonders jener, die hier in sichtbar weibmenschlich-himmlischer Gestalt in einer wahren Unzahl vorkommen!

[BM.01_041,03] Wie viele Millionen sind denn wohl in einem solchen Seitenkabinett, das eigentlich eine ganze Welt ist, beisammen? Es wimmelt ja alles von diesen Wesen, wohin und wieweit das Auge nur immer reichen kann. Dazu kommen noch die tausend und abertausend der allerzierlichsten Hütten und Tempel und Gärten und Haine und eine Menge von kleinen Berglein, die wie mit den schönsten grünen Samtteppichen bedeckt zu sein scheinen.

[BM.01_041,04] Siehe, Herr, es ist zu viel; ich fasse es nimmer und werde es auch ewig nimmer vollends erfassen können! Daher laß ab, o Herr, mir die weiteren, noch größeren Herrlichkeiten zu zeigen. Wahrlich, mir sind schon die bisher geschauten für die Ewigkeit zu viel!

[BM.01_041,05] Was brauche ich auch alles das? So ich Dich habe und noch einen sonstigen Freund, der bei mir unter einem Dache wohnt und bleibt, so Du manchmal verziehst, da habe ich für die ganze Ewigkeit genug. Es mögen jene an solchen Erhabenheiten Freude haben, denen ihr Gewissen sagt, daß sie rein sind und darum würdig und auch fähig, solche Himmelsgüter zu besitzen. Ich aber, der ich nur zu gut weiß, was mir gebührt, bin zufrieden mit der einfachsten Strohhütte und mit der Erlaubnis, Dich, o Herr, in Deinem Hause besuchen zu dürfen und manchmal auch ein Stückchen Brot und ein Schlückchen Wein von Dir, Du bester Vater, zu bekommen!

[BM.01_041,06] Dieses Prachthaus aber gib ohne weiteres wem andern, der fähiger und würdiger ist, es zu besitzen, als ich; denn mit mir ist da nichts. Tue, Herr, was Du willst! Ich gehe, wenn ich frei wollen darf, zu keiner Tür mehr weiter.

[BM.01_041,07] Oh, wenn ich mich erst aller dieser Wesen bedienen solle, wo käme ich da hin mit meiner Dummheit! Daher bitte ich Dich, o Herr, laß ab, mich hierin weiter zu führen! Gib mir einen Schweinestall, wie er auf Erden besteht, und ich werde mich glücklicher fühlen!"

[BM.01_041,08] Rede Ich: „Höre, Mein lieber Martin, so du es besser verstehst, wie jemand zu gehen hat, um ein vollkommener Himmelsbürger zu werden, so kannst du es ja haben, wie du es wünschest. Aber da sei auch versichert, daß du ewig nimmer weiterkommen wirst. Setzest du aber auf Mich mehr Vertrauen als auf deine Blindheit, da tue, was Ich will – und nicht, was du willst!

[BM.01_041,09] Meinst du denn, Ich habe Meine Kinder bloß nur fürs Hüttenhocken und fürs Brotessen und Weintrinken erschaffen? O sieh, da irrst du dich gewaltigst! Hast du denn nicht gelesen, wie geschrieben steht: ,Werdet vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!‘ Meinst du wohl, daß sich die erforderliche Vollkommenheit Meiner Kinder in einem Schweinestall erreichen läßt?

[BM.01_041,10] Oder hast du auf Erden nie erlebt, wie die Kinder irdischer Eltern auch lieber müßig wären und sich mit ihren losen Spielereien beschäftigten, als daß sie sich an das Erlernen ihrer einstigen Berufskenntnisse wenden müssen? Oder hast du auf der Welt nicht stets eine Menge solcher Menschen gesehen, denen der Müßiggang über alles ist?

[BM.01_041,11] Siehe, zu dieser Gattung gehörst auch du. Nun hast du eine Scheu vor dem vielen, was deiner hier harrt; zum Teile aber möchtest du Mir auch so ganz höflich ein wenig trotzen, darum Ich dir vorher den Aberwitz deiner eitlen Frage verwies!

[BM.01_041,12] Allein das alles taugt nicht für den, dem Ich schon so viel Gnade, Liebe und Erbarmung erwies und noch fort erweise. Siehe, was vielen Millionen nicht geschieht, das geschieht dir! Millionen sind glücklich bloß in der Anwartschaft, Mich einmal zu erschauen und werden geführt von ganz geringen Schutzgeistern zu dem seligsten Behufe. Dich aber führe Ich Selbst, – Ich, der ewige Gott und Vater aller Unendlichkeit, als das ewige, seligste Ziel aller Engel und Geister der Unendlichkeit! Und dir wäre ein freigewählter Schweinestall lieber, als was Ich dir geben will und dich befähigen für die größte Seligkeit! Sage Mir, wie gefällt dir nun solch löblicher Wunsch?"

[BM.01_041,13] Spricht der Bischof Martin ganz verdutzt: „O Herr, o Du ewig heiligster, bester Vater, habe Geduld mit mir! Ich bin ja ein reines Vieh, ein wahrer dümmster Saukerl, der nicht des kleinsten Strahles Deiner Gnade wert ist! Oh, nun führe mich Du allein, guter Vater, wohin Du willst, und ich werde Dir folgen, wenn auch dumm wie ein Fisch. Aber folgen werde ich Dir ewig ohne alles eselhafte Bedenken!"

[BM.01_041,14] Sage Ich: „Nun denn, so folge Mir von dieser Marstüre zur Jupitertüre Nr. 5! Es sei, und es geschehe!"

 

42. Kapitel – Die Überraschungen hinter der fünften Tür. Die Wunderwelt des Jupiter.

[BM.01_042,01] Wir befinden uns nun schon bei der Türe 5, die sich alsbald auftut, als wir zu ihr gelangen, und der Bischof Martin schlägt gleich beim ersten Anblick dieses geöffneten Kabinettes die Hände dreimal über dem Haupte zusammen und schreit förmlich: „Aber um Deines Gottesnamens willen, Herr, Jesus, Vater – ja, was ist denn das schon wieder?! Diese Unermeßlichkeit! Eine himmlischste Erde ohne Ende; über ihr noch vier Erden wohl zu beschauen! Alles von einem Lichte umflossen, von dem sich selbst der tiefsinnigste Erdenpilger nicht den allerleisesten Begriff machen kann. Diese Pracht und Majestät der leuchtenden Paläste, der Tempel und auch der kleinen Tempel, die diesen Bewohnern wahrscheinlich als freie Wohnungen dienen!

[BM.01_042,02] Oh, oh, nun erschaue ich auch Seen, und ihr Wasser schimmert wie die schönsten geschliffenen Diamanten im Sonnenlichte. Aber alles leuchtet da eigens aus sich selbst. Denn es ist nirgends etwas zu entdecken, von wo aus etwa ein Licht käme. Ach, ach, Herr, Vater! Das ist ja über alle Begriffe schön, herrlich, erhaben, ja ich möchte es ordentlich heilig-schön nennen, so ich es nicht wüßte, daß Du allein nur heilig bist!

[BM.01_042,03] O Herr, Vater, je länger ich da hineinschaue, desto mehr entdecke ich stets. Nun sehe ich auch schon Menschen, die aber freilich noch etwas zu ferne sind, daß ich nicht ausnehmen kann, wie sie ganz eigentlich aussehen. Offenbar werden sie ebenfalls in entsprechender Art mit ihrer Erde unaussprechlich schön sein! Es ist aber auch besser, daß sie mir nicht zu nahe kommen: ich könnte ihre sicher zu große Schönheit am Ende etwa doch nimmer ertragen. Man hat da schon mit dieser großen, herrlichsten Wohnerde zum größten Übermaße genug!

[BM.01_042,04] Aber Herr, Herr, Vater! Ist es wohl außer Dir einem Geiste möglich, so eine endlose Fülle und Tiefe und Größe von solchen Erhabenheiten, deren Zahl kein Ende hat, je ganz zu durchschauen und nur einen kleinsten Teil davon auch zu begreifen? Ich glaube, das ist selbst dem größten Engel rein unmöglich!"

[BM.01_042,05] Rede Ich: „Nicht so, Mein lieber Sohn Martin! Alles, was du hier ersiehst, schon gesehen hast, und was du nun noch sehen wirst, ist nur ein allerkleinster Teil von dem, was die weisen Engel Meines ewigen Reiches in aller Tiefe der Tiefen einsehen und in aller Fülle überaus wohl verstehen.

[BM.01_042,06] Denn siehe, alles, was du hier siehst und worüber du so überaus erstaunst, ist nicht außer dir, sondern in dir selbst. Daß du es aber hier wie außer dir erblickst, liegt an deiner geistigen Sehe. Es hat Ähnlichkeit mit dem Schauen der Gegenden, die du öfter in einem Traume geschaut hast wie außer dir, während du sie eigentlich doch nur in dir selbst mit dem Auge der Seele beschautest. Nur ist hier der Unterschied, daß hier alles wirkliche Sache ist, was in einem Traum sich eigentlich zumeist nur als leere Seelenspiegelfechterei darstellt. Frage nun nicht weiter darüber, denn zu rechter Weile wird es dir klar werden!

[BM.01_042,07] Die Menschen dieser Erde aber bekommst du hier darum nicht näher zu Gesicht, weil sie für deinen Zustand wirklich zu schön sind. Wenn du aber stärker wirst, dann wirst du alles in aller Fülle besehen und in allerseligster Reinheit genießen können – was dir jetzt noch nicht möglich wäre, da dir die dazu erforderliche Stärke fehlt.

[BM.01_042,08] Gehen wir aber nun wieder um eine Tür weiter, dort wirst du noch unvergleichlich Erhabeneres erschauen. Bei dieser kommenden sechsten Tür mußt du dich jedoch so ruhig als möglich verhalten, bloß auf Mich hören und alles wohl vernehmen, was Ich dir da sagen werde. Auch darfst du Mich nicht fragen, warum du dich da so ruhig verhalten mußt. Auch nicht, so Ich zu dir reden werde manches, das du nicht fassen und verstehen wirst; denn in rechter Weile wird dir alles klar werden! Darum nun weiter und vorwärts zur Tür Nr. 6! Es sei!"

 

43. Kapitel – Saturn als herrlichster aller Planeten. Die Erde als Gotteskinderschule und Schauplatz der Menschwerdung des Herrn.

[BM.01_043,01] (Der Herr:) „Siehe, wir sind nun schon vor der offenen Türe. Und die herrliche Himmelswelt, die du erschaust in vollster Klarheit: der große Wall, der in äußerster Ferne sich in lichtblauer Färbung ausnehmen läßt und über dem in gemessener Ordnung noch sieben Vereine wie frei schwebend erschaulich sind, das alles ist in entsprechender Weise der Planet Saturn; die schönste und beste der Erden, die um die Sonne bahnen. Um diese bahnt auch deine Erde, die da ist der häßlichste und letzte Planet in der ganzen Schöpfung, dazu bestimmt, den größten Geistern als eine Schule der Demut und des Kreuzes zu dienen!

[BM.01_043,02] Dieses aber ist darum so bestimmt: Siehe, so irgendein großer und mächtiger Herr der Welt in seiner angestammten Residenz wohnt und geht, und fährt und reitet da oft durch die Gassen und Plätze der Stadt, da sehen sich die Bewohner als sicher nächste Nachbarn eines solchen Machthabers kaum um, daß sie ihn als ihren Regenten begrüßten und ihm die Ehre gäben. Darnach ist er aber auch aus Gewohnheit gar nicht lüstern, weil er seine Nachbarn kennt und wohl weiß, daß auch sie ihn kennen. Wenn er aber einen entfernten kleinen Ort besucht, da fällt alles nieder vor ihm und betet ihn förmlich an. Dazu aber zeigt auch er in solch einem kleinen Orte, was er so ganz eigentlich ist; was zu zeigen er in seiner Residenz nicht vermag: fürs erste, weil ihn ohnehin ein jeder Mensch kennt, und fürs zweite, weil ein solches Sich-Zeigen eben darum keinen Effekt machen würde.

[BM.01_043,03] Gleich – als möchte auf der Welt jemand in einer großen Halle ein Lot Schießpulver anzünden, wo die Explosion auch keinen Effekt zuwege brächte. Wohl aber, so dasselbe Maß Pulver in einem sehr engen Raume angezündet werden möchte, wo dann ein dröhnender Knall erfolgen würde und eine zerstörende Wirkung der Explosion.

[BM.01_043,04] Weil aber das Große dem Kleinen gegenüber sich erst recht groß zeigt, das Starke gegenüber dem Schwachen recht stark, das Mächtige dem Ohnmächtigen gegenüber sehr mächtig, – so ist eben die Erde so höchst elend in allem gestaltet, auf daß sie den einst größten und glänzendsten Geistern entweder zur Demütigung und daraus zur neuen Belebung diene, oder aber zum Gerichte und daraus zum neuen ewigen Tode. Denn wie Ich dir schon früher gezeigt habe, dient das Kleine und Unansehnliche auch für sich dazu, das Große und Angesehene in seiner Art zu erhöhen. Und das ist schon das Gericht, obschon das Große und Angesehene sich da, wo alles klein und unansehnlich ist, nach dem richten und sich demütigen soll.

[BM.01_043,05] Wenn so ein großer Mensch durch ein enges und niederes Pförtlein in ein Gemach kommen will, da muß er sich zuvor zusammenschmiegen und recht tief bücken, ansonsten er in keinem Falle ins Gemach gelangen kann. Also ist auch die Erde ein schmaler und dorniger Weg und eine niedere und enge Pforte zum Leben für jene Geister, die einst übergroß waren und noch größer sein wollten.

[BM.01_043,06] Aber diese Geister wollten sich diesen ihren alten Hochmut sehr demütigenden Weg nicht gefallen lassen und sprachen, dieser Weg sei für sie zu klein: ein Elefant könne nimmer auf einem Haare gleich einer Mücke umhergehen und ein Walfisch nicht schwimmen in einem Wassertropfen. Darum sei solch ein Weg unweise, und Der ihn geordnet, sei ohne Einsicht und Verstand.

[BM.01_043,07] Da nahm Ich als der allerhöchste und endlos größte Geist von Ewigkeit das Kreuz und ging diesen Weg als Erster allen voran. Und Ich zeigte, wie dieser Weg, den der größte und allmächtigste Geist Gottes gehen konnte, auch von allen andern Geistern leicht kann durchwandert werden und durch ihn erreicht das wahre, freieste, ewige Leben.

[BM.01_043,08] Darauf wandelten viele schon diesen Weg und erreichten durch ihn das vorgesteckte, erwünschte Ziel, nämlich die Erhebung zur Kindschaft Gottes und dadurch die Erbschaft des ewigen Lebens in aller Macht, Kraft und höchsten Vollendung. Sie besteht darin, daß sie sich aller jener schöpferischen Eigenschaften erfreuen, die Mir freilich ewig im vollsten Maße eigen sind. Das aber ist den Geistern aus allen andern zahllosen Sternen und Erden nicht gegeben, gleichwie nicht allen Gliedern des Leibes die Sehe oder das Gehör, und noch weniger das Gefühl der innersten Geistessehe, welches ist das eigentlichste Bewußtsein des eigenen und fremden Seins und das Vermögen, Gott zu schauen und zu erkennen.

[BM.01_043,09] Diese dir nun gezeigten Eigenheiten haben nur gewisse wenige Glieder des Leibes, während zahllose andere Gliederteile dieser höchsten Lebenseigentümlichkeiten für sich völlig entbehren, sich dabei aber dennoch als Glieder desselben Leibes im steten Mitgenuß befinden.

[BM.01_043,10] Ebenso steht es auch mit den vernünftigen Bewohnern aller andern Gestirne: sie sind wie einzelne Teile des Leibes oder im vollkommeneren Sinne des ganzen Menschen, der in aller Fülle Mein Ebenmaß und das Ebenmaß aller Himmel ist. Daher bedürfen sie zu ihrer Beseligung auch all der göttlichen Fähigkeiten nicht, die all Meinen Kindern eigen sind. So aber Meine Kinder allerseligst sind, sind es auch diese Sternenbewohner in und bei ihnen, wie ihr Meine Kinder in und bei Mir, euerm liebevollsten heiligen Vater von Ewigkeit zu Ewigkeit.

[BM.01_043,11] Bist du nun selig, da sind all diese Zahllosen, die du hier bemerkst, es auch aus und in dir; gleich als wenn du dich wohlbefindest, da befindet sich auch wohl dein ganzer Leib. Daher aber erfordert es dann auch der heiligen Liebe höchste Pflicht bei Meinen Kindern, so vollkommen als Ich selbst zu werden. Denn von solcher seligster Vollkommenheit hängt die Seligkeit von zahllosen kleinen Enkelkinderchen ab, durch deren Seligkeit die eure stets ins Endlose vergrößert und erhöht wird.

[BM.01_043,12] Nun weißt du, warum Ich dir hier zuerst diesen deiner Erde nächsten Planeten zeigte. Denke darüber nach und folge Mir nun zur 7. Tür, wo du wieder in eine neue Weisheit eingeführt wirst! Aber fragen darfst du Mich auch dort um nichts. Denn Ich allein weiß es, welchen Weg Ich dich führen muß, um dich so selig als möglich zu machen. Also gehen wir weiter; es sei!"

 

44. Kapitel – Das siebente Kabinett. Vom Wesen und Zweck des Uran und seiner Geister. Die Schöpfung im Menschen und außerhalb des Menschen in ihren Wechselbeziehungen.

[BM.01_044,01] (Der Herr:) „Wir sind nun auch schon bei der offenen 7. Tür. Auch hier entdeckst du eine neue Himmelswelt, die zwar nicht so groß und auch nicht gar so übermäßig schön ist wie die frühere. Aber dafür erschaust du hier Gebäude von der seltensten und dabei großartig-kühnsten Weise und eine für dich unübersehbare Menge von Werken, die dieses Planeten, den ihr ,Uran‘ nennet, starrmütige Bewohner hervorbringen. Ebenso entdeckst du auch eine übergroße Menge der seltensten Gärten, die an den seltensten Verzierungen einen strotzenden Überfluß haben.

[BM.01_044,02] In den Gärten ersiehst du auf deren breiten, überaus wohlgeebneten Wegen eine große Menge Geister in vollkommenster äußerer Menschengestalt, alle wohlbekleidet. Aller Augen sind nach uns gerichtet, denn sie alle ahnen, daß Ich Mich in ihrer Nähe befinde und daß sich auch der künftige Besitzer und Gebieter nun schon in gleicher Nähe aufhält. Durch ihn hoffen sie erst in ihre volle Seligkeit einzugehen und dadurch zu ihrer vollen verheißenen Kraft und Stärke zu gelangen.

[BM.01_044,03] Im Hintergrunde, scheinbar in großer Ferne, ersiehst du noch fünf kleinere Erden. Das sind Nebenerden dieses Planeten und haben alle eine von dem Planeten ganz verschiedene Einrichtung, die aber dennoch in voller Harmonie mit dem Planeten selbst steht.

[BM.01_044,04] Dieses Planeten Geister dienen im Menschen entsprechend dazu, daß er wachse in allen seinen Teilen, auf der Welt körperlich und hier geistig wesenhaft. Jedoch nur, was die Ausbildung der Außenform betrifft oder das Wachstum des Menschen sowohl physisch als auch psychisch der Form nach, wird durch das eigens geordnete und zugelassene Einfließen dieses Planeten bewirkt.

[BM.01_044,05] Wie aber natürlich das Vermögen zu wachsen im Menschen vorhanden sein muß, ansonst er nicht wachsen könnte, ebenso müssen auch diese Geister in entsprechender Weise im Menschen und an jener Stelle vorhanden sein, die der Hauptgrund des Wachsens ist. Darum ist auch wieder alles das, was du hier erschaust, in und nicht außer dir. Es befindet sich aber dieser Planet samt seinen Bewohnern und andern Dingen in der Wirklichkeit auch irgendwo außer dir; allein dies kannst du noch lange nicht schauen.

[BM.01_044,06] Wirst du aber in dir selbst zur Vollreife des ewigen Lebens gelangen, dann wirst du auch die große Schöpfung außer dir schauen können, wie Ich Selbst sie schaue – was aber auch nötig ist. Denn so Ich Meinen vollendeten Kindern, die da Engel sind, eine ganze Welt zur Hut und Obsorge anvertraue, so müssen sie so eine Welt doch auch genauest sehen. Denn ein Blinder kann kein Hirte sein. Aber zur Beschauung der wirklichen großen Schöpfung außer dir bist du noch lange nicht reif genug! Daher mußt du nun schon dich mit dem begnügen, was du nun siehst; denn du siehst das Wirkliche in entsprechender lebendiger Abbildung in dir so, als wäre es außer dir.

[BM.01_044,07] In dieser inneren Beschauung mußt du groß werden und reif dein Geist und wohlgenährt in aller Liebe zu Mir und aus dieser Liebe in der Liebe zu allen Brüdern und Schwestern. Diese Liebe wird dann erst jener Segen sein, den Ich dir verheißen habe, als du die schöne Merkurianerin zu sehr lieben wolltest!

[BM.01_044,08] Dieser Segen, eine rechte Brücke hinaus in die endlose große Wirklichkeit, wird dir dann ewig nimmer genommen werden. Auf seinen Pfeilern erst wirst du in aller Fülle erkennen, wo du bist, und w er du bist, und woher du kamst.

[BM.01_044,09] Nun weißt du für diese Tür auch, was dir da zu wissen nottut. Das alles weißt du nun von Mir und aus Mir Selbst. Und da du nun das alles weißt, so denke in dir wohl darüber nach und folge Mir wieder weiter hin zur achten Tür! Dort werden wir wieder eine andere und für dich völlig neue Welt kennenlernen samt ihren denkwürdigen Bewohnern. Es sei!"

 

45. Kapitel – Die Welt des Miron, das Geheimnis des achten Kabinetts. Das Geistige als Urgrund und Träger aller Schöpfung.

[BM.01_045,01] (Der Herr:) „Siehe, wir sind auch hier an Ort und Stelle. Die Tür ist geöffnet, und du siehst durch sie wieder eine neue, sehr große, weitgedehnte Himmelswelt, die in einem hellgrünlichen Lichte prangt. Auch hier ersiehst du große Gebäude und unterschiedlich hohe Berge, von denen viele einen bläulichen Rauch von sich geben. Diese rauchenden Berge entsprechen der Erscheinlichkeit nach den vielen feuerauswerfenden Bergen, von denen dieser von der Sonne am weitesten abstehende Planet mit dem rechten Namen Miron (der Wunderbare) den größten Vorrat hat.

[BM.01_045,02] Hinter diesem Planeten ersiehst du zehn kleinere Erden, die alle zu ihm gehören, aber dennoch eine ganz andere Ordnung und Beschaffenheit haben als ihr Hauptplanet selbst. Hier kannst du alle Augenblicke etwas Neues ersehen: Bäume schwimmen in der Luft herum und noch eine Menge anderer dir bisher noch ganz unbekannter Dinge. Der Rauch aus den Bergen nimmt auch allerlei seltene Gestaltungen an. Die Menschen in vollkommener Gestalt sind zumeist wohlbekleidet, so daß du außer dem Gesichte nicht viel zu sehen bekommen wirst.

[BM.01_045,03] Diese Menschen lieben Musik und Dichtung, daher sie als Geister auch durch Entsprechung bei euch, Meinen Kindern, Herz, Gemüt und Seele für die beiden obgesagten Künste empfänglich machen. Sie haben ihren Sitz in den dazu geeigneten Organen im Menschen, wo sie dann diese Organe anregen und dadurch im Menschen den Sinn für Musik und Dichtung tauglich und aufnahmefähig machen, im ganzen den Menschen harmonisch stimmen und seine Phantasie begeistern und erheben. Überhaupt aber werden alle wundersamen und sogenannten romantischen Gefühle von diesem Planeten in entsprechender Weise erregt.

[BM.01_045,04] Nun weißt du, was dieser Planet für eine Eigenschaft hat und wozu er so ganz eigentlich gut ist. Nur mußt du dir da nicht den wirklichen Planeten denken, der zwar wohl auch also beschaffen ist, sondern das entsprechende Abbild nur, das da in deinen Geist gelegt ist. Der war früher als alle äußere, materielle Schöpfung, die erst nach dem gestaltet wurde, was schon lange vorher in einem jeden vollkommenen Geiste vorhanden war. Denn bevor alle Welt war, war schon der Geist, und jene ging aus dem Geiste, und nicht etwa der Geist aus ihr hervor! Daher ist dieser Planet, den du in dir hast, auch um sehr vieles älter als der nun wirkliche materielle. Und hätte er nur in eines einzigen Menschen Geiste gemangelt, so hätte er auch nimmer gestaltet werden können.

[BM.01_045,05] Daraus aber kannst du leicht entnehmen, daß, so du dich selbst vollkommen erkennen wirst, du auch all das erkennen wirst, was sich da befindet außer dir; da sich außer dir nichts befinden kann, das nicht schon lange zuvor in dir vorhanden gewesen wäre. Ebenso wie auch in der ganzen Unendlichkeit sich nichts befinden kann, das nicht schon von Ewigkeit zuvor in Mir in vollster Klarheit vorhanden gewesen wäre!

[BM.01_045,06] Wie Ich aber der ewige Urgrund und Träger aller Wesen bin, so sind nun auch Meine Kinder in Mir Selbst der Grundstoff von allem, was nun erfüllt die Unendlichkeit für ewig. Wie aber in Mir Unendliches ist, so ist es auch in euch aus Mir. Denn Meine Kinder sind die Kronen Meiner ewigen Ideen und großen Gedanken!

[BM.01_045,07] Nun weißt du auch von dieser Tür, was dir hier zu wissen nottut. Daher folge Mir nun zur neunten Tür, allwo du wieder neue Wunder Meiner Liebe und Weisheit erschauen wirst! Es sei!"

 

46. Kapitel – Das neunte Kabinett mit seinem traurigen Geheimnis. Die zertrümmerte Welt der Asteroiden und ihre Geschichte.

[BM.01_046,01] (Der Herr:) „Wir sind nun auch bei der neunten Tür. Was ersiehst du hier? Nun kannst du, Mein lieber Sohn Martin, schon wieder reden, aber nur so viel als nottut. Und so antworte Mir auf Meine Frage!"

[BM.01_046,02] Spricht Martin: „Herr, ich sehe vorderhand noch eben nicht gar viel! Bei neun kleine, kahle, unförmliche Weltklumpen schwimmen in dieser reinsten Himmelsluft herum, auf denen außer einigen Gesträuchen eben nicht viel zu entdecken ist. Im kaum ausnehmbaren tiefsten Hintergrunde kommt es mir wohl vor, als erschaute ich eine große, vollkommene Himmelswelt. Aber diese scheint mir schon so ungeheuer weit von hier entfernt zu sein, daß ich ob dieser enormen Ferne kaum die Welt selbst entdecken kann, geschweige das, was auf ihr zu Hause ist.

[BM.01_046,03] Vier dieser hier in größerer Nähe herumkreisenden Weltklümpchen scheinen wohl auch bevölkert zu sein, weil ich auf ihnen eine ganz eigentümliche kleine Art von Gebäudchen entdecke. Aber von den Völkern dieser Weltstücke ist nichts zu erspähen. Wahrscheinlich werden das der Himmel größte Völker nicht sein! Vielleicht wohnen darauf bloß nur so eine gewisse Art von Infusionsmenschchen? Hier schwebt eben so ein Weltstückelchen an der Türschwelle vorüber. Ich entdecke nichts außer sehr verkümmerten Gesträuchen und einigen wahren Fliegenhäuschen, die freilich eher zierlichen Ameisenhäufchen ähnlich sehen als irgendeiner Art Wohnhäusern. Nichts regt sich da und nichts bewegt sich – außer das Weltstückchen selbst. Sage Du, o Herr, mir gnädigst, was denn das ist, auch irgendein Planet oder sonst etwas?"

[BM.01_046,04] Rede Ich: „Ja, Mein lieber Sohn Martin, auch das ist ein Planet – aber, wie du siehst, kein ganzer, sondern ein ganz gewaltig zerstückter! Denn nebst diesen neun Teilen, die da vor uns sich in stark unordentlichen Kreisen bewegen, gibt es noch eine große Masse Trümmer: zum Teil auf andern Planeten zerstreut herumliegend, teils sich aber noch in sehr unordentlichen Bahnen in den endlosen Raumhallen der Schöpfung herumtreibend. Hie und da noch zur Stunde, so sie einem festen Planeten oder gar einer Sonne in die Nähe geraten, werden sie von denselben an sich gezogen und gewisserart aufgezehrt.

[BM.01_046,05] Du fragst nun in dir: ,Wie und warum ist denn ein solcher Planet also zerstückt worden, und wie sah dieser Planet früher aus, und wie seine Einwohner?‘

[BM.01_046,06] Siehe, das Wie beantwortet dir Meine Allmacht! Es war also Mein Wille.

[BM.01_046,07] Warum aber? – Siehe, dieser Planet war einst vor der Erde dazu bestimmt, welche Bestimmung nun die Erde hat! Denn der erste gefallene Geist hatte sich ihn auserwählt mit der Verheißung, er wolle sich da demütigen und zu Mir zurückkehren. Dieser Stern sollte darum dereinst ein Stern alles Heiles sein! Hier wollte er ganz in sich gezogen wirken, und kein Geschöpf dieses Sternes sollte je von ihm in seiner Sphäre beirrt werden, noch weniger irgend andere Planeten mit ihren Bewohnern!

[BM.01_046,08] Aber er hielt diese seine Verheißung nicht, sondern wirkte so böse in seiner ihm zugelassenen Freiheit, daß da kein Leben mehr fortkommen konnte. Er wurde darum in das Feuerzentrum dieses Planeten gebannt, und die Bestimmung jenes Planeten wurde sofort deiner Erde gegeben.

[BM.01_046,09] Als diese reif ward für Menschen und Ich zu dem ersten Menschen den Keim legte, da riß der Böse an seinem Kerker. Es dauerte Mich seiner und Ich ließ ihn tun, was er wollte. Und siehe, da zerriß er seine Erde und fiel von da in den Abgrund dieser deiner Erde und tat dann auf selber allzeit, was dir wohlbekannt ist!

[BM.01_046,10] Der Grund der Zerstörung dieses Planeten war sonach wie allzeit in allen Dingen Meine Erbarmung! Denn als der Planet noch ganz war und reich an mächtigen Völkern, da begeiferte der Drache ihre Herzen. Und sie entbrannten alle in der wütendsten Herrschsucht und schworen sich alle einen ewigen Krieg und eine gegenseitige gänzliche Aufreibung bis auf den letzten Mann.

[BM.01_046,11] Da fruchtete kein freies Mittel mehr. Daher mußte hier ein Gericht erfolgen. Und das war eben die gewaltige Teilung dieses Planeten, bei welcher Gelegenheit aber freilich auch viele Millionen von den riesig großen Menschen den Untergang fanden und teils unter den Trümmern begraben wurden, zum größten Teile aber auch hinaus in den unendlichen Raum geschleudert wurden. Einige von ihnen fielen sogar auf diese Erde, von woher noch heutzutage die heidnische Mythe von dem Gigantenkriege datiert.

[BM.01_046,12] Diese ersten Menschen aber starben dann auf den kleinen Resten dieses einst größten Planeten ganz aus, weil sie darauf keine Nahrung mehr fanden. An ihre Stelle wurden dann verhältnismäßig kleine Menschen gesetzt, die noch jetzt die kleinen Erdchen bewohnen und äußerst genügsame Wesen sind und nun den Kopfhaaren und den Augenbrauen entsprechen. Im Hintergrunde aber ersiehst du noch den ganzen Planeten mit allem, wie er einst bestand, aufbewahrt für einen großen Tag, der einst über die ganze Unendlichkeit ergehen wird!

[BM.01_046,13] Nun weißt du auch von dieser Tür, was dir nun vorderhand zu wissen nottut. Alles andere wird zur rechten Weile von selbst aus dir selbst, und zwar aus diesem Samen kommen, den Ich nun in dein Herz gelegt habe! Darum folge Mir nun zur zehnten Tür, allwo schon wieder neue Wunder deiner harren; es sei!"

 

47. Kapitel – Das Geheimnis der zehnten Kammer: die Sonne mit ihrer Pracht. Vom Wesen des Lichtes. Die Wunder der Sonnenwelt. Schönheit als Ausdruck innerer Vollkommenheit.

[BM.01_047,01] (Der Herr:) „Siehe, wir stehen vor der zehnten Tür; rede nun von allem, was du hier ersiehst!"

[BM.01_047,02] Spricht Bischof Martin: „Herr, was soll ich hier reden! Ein unermeßlicher Lichtglanz blendet meine Augen, und eine wunderbar herrlichste Harmonie dringt an meine Ohren! Das ist alles, was ich über den Anblick durch die Türe sagen kann. Wahrlich, ich sehe sonst nichts als ein unermeßlich starkes Licht und vernehme auch nichts als allein die besagte himmlische Harmonie, die da aus dem Lichte zu mir zu kommen scheint.

[BM.01_047,03] Das Licht scheint hier auch einen Raum einzunehmen, der völlig unermeßlich sein muß. Denn wohin ich nur immer mein Auge wende, ist nichts als Licht über Licht. Dabei aber ist dennoch äußerst sonderbar, daß diese ungeheure Lichtmasse nicht mehr Wärme durch die offene Tür herein spendet!

[BM.01_047,04] Herr, was ist das? Ist das etwa die Hauslampe dieses von Dir mir gegebenen Hauses? Oder ist das etwa gar die Sonne, d.h. eine Miniatursonne von jener wirklichen großen Sonne, die der Erde leuchtet?"

[BM.01_047,05] Rede Ich: „Ja, so ist es; das ist die entsprechende Sonne in dir! Wenn dein Auge lichtgewandter wird, dann wirst du schon auch andere Dinge in diesem Lichte erschauen. Daher siehe nur eine kleine Weile unverwandt hinein und du wirst dieses Lichtes Reichtum bald über die Maßen anzupreisen beginnen!"

[BM.01_047,06] Bischof Martin dringt nun recht mit seinen Augen in das Licht hinein und späht, wo er etwas anderes als bloß das Licht erschauen könnte. Aber er schaut noch immer nichts und spricht wieder nach einer Weile: „Herr Jesus, es wird's nicht tun! Mir vergehen schon förmlich die Augen, und ich sehe noch immer nichts als Licht über Licht. Ist zwar ein schöner Anblick, aber dabei doch etwas langweilig. Aber das macht gerade nichts; wenn ich nur Dich sehe, brauche ich ewig kein Wunderding in diesem Lichtmeere herumschwimmen zu sehen! Ist aber wirklich merkwürdig: nichts als Licht, und was für ein Licht!

[BM.01_047,07] Mein allergeliebtester Jesus, was ist denn so ganz eigentlich Licht? Auf der Welt streiten die Gelehrten noch zur Stunde, was da sei das Licht und behaupten dies und jenes. Aber am Ende zeigt sich's denn doch wieder, daß da einer wie der andere nichts weiß und nichts versteht! Ich habe darüber so manches gehört und gelesen, aber aus allem ersehen, daß die Weltgelehrten in keinem Fache so wenig wissen, als was da betrifft die Wesenheit des Lichtes. Daher, so es Dein Wille wäre, könntest Du mir wohl einige Winke über das Wesen des Lichtes geben, da wir schon gerade an dieser Lichtpforte weilen?"

[BM.01_047,08] Rede Ich: „Siehe, Ich Selbst bin das Licht allenthalben! Das Licht ist Mein Gewand darum, weil die ewige, unermüdlichste Tätigkeit Mein Grundwesen ist und Mich sonach allenthalben durchdringt und umgibt. Wo eine große Tätigkeit zu Hause ist, da ist auch ein großes Licht vorhanden. Denn Licht ist an und für sich nichts als eine pure Erscheinung der Tätigkeit der Engel und besseren Menschengeister. Je höher in der Tätigkeit diese stehen, umso größer ist auch ihr Licht.

[BM.01_047,09] Daher glänzen die Sonnen auch mehr als die Planeten, weil auf ihnen und in ihnen eine millionenfach größere Tätigkeit zu Hause ist als auf den Planeten. Ebenso ist auch das Licht eines Erzengels größer als das Licht eines bloß kleinen weisen Engelgeistes, weil ein Erzengel ganze Sonnengebiete zu übersorgen hat, während einem kleinen weisen Geiste nur ein kleinstes Gebiet auf der Erde oder gar nur auf ihrem Monde zugeteilt wird.

[BM.01_047,10] Ebenso glänzt auch ein Diamant stärker denn ein gemeiner Sandstein, weil in seinen Teilen eine für dich kaum berechenbar große Tätigkeit vor sich geht, weswegen er so hart ist, was beim Sandstein sicher nicht der Fall ist. Denn es gehört doch sicher mehr dazu, die Kohäsion des Diamanten als die eines Sandsteines zu bewerkstelligen!

[BM.01_047,11] Kurz und gut, wo du an irgendeinem Ding eine größere Licht- und Glanzfähigkeit entdecken wirst, kannst du auch allzeit auf eine größere Tätigkeit schließen; denn die Tätigkeit ist das Licht und der Glanz aller Wesen und Dinge. Des Auges Sehkraft aber besteht darin, diese Tätigkeit wahrzunehmen. Ist die Sehe noch unvollkommen, da ersieht sie bloß nur Licht und Glanz. Ist sie aber vollkommen, da ersieht sie die wesenhafte Tätigkeit selbst – was du nun in diesem Lichte auch bald erkennen wirst, so deine Sehe nun vollkommen wird.

[BM.01_047,12] Daher gib nun nur recht acht: du wirst Dinge erschauen, die dich ins höchste Erstaunen setzen werden; denn nun haben wir keinen Planeten, sondern eine Sonne vor uns! Betrachte und rede dann!"

[BM.01_047,13] Nach einer ziemlich geraumen Welle, in der unser Martin unverwandt in die Lichtmasse hineinsah, fing er an, sich so zu verwundern, daß es beinahe kein Ende nehmen wollte.

[BM.01_047,14] Als Ich ihn fragte, was denn nun gar so sehr sein Verwundern in Anspruch nehme, spricht er:

[BM.01_047,15] (Bischof Martin:) „O Herr, o Herr, o Herr! Um Deines allerheiligsten Namens willen – ah, ah, ah! Ist das wohl möglich! Ist es möglich, daß alle diese Wunder der Wunder Du übersehen, ordnen und leiten kannst? Nein, nein, das ist über alle menschliche und selbst engelische Vorstellungskraft! O mein Gott, mein Gott, Du bist unbegreiflichst groß und Deines Ruhmes und Deiner Herrlichkeit ist ewig kein Ende!"

[BM.01_047,16] Rede Ich: „Ja, was siehst du denn, das dich in eine solche Andachtsekstase bringt? So rede doch einmal, was es ist, das du siehst!"

[BM.01_047,17] Spricht Bischof Martin: „Ach Herr, was soll ich da reden, wo mir die Sinne vor zu großer Herrlichkeit und überhimmlischer Schönheit und Majestät vergehen!

[BM.01_047,18] Fürwahr, das ist für mich rein namenlos! Endlos schöne Menschen, das ist der einzige Gegenstand, den ich als das erkenne, was er ist; alles andere aber ist für mich namenlos! Solche erhabensten Dinge sah ich nie, auch die begeistertste Phantasie des weisesten Menschen hat nie so etwas je geahnt! Es war bisher wohl alles von höchster Anmut und Schönheit, was ich schon gesehen habe, – aber mit dem verglichen, was ich hier erschaue, sinkt es in ein Nichts zurück!

[BM.01_047,19] Es ist hier von allem eine solch endlose Fülle vorhanden, daß man sie bei einiger genauerer Betrachtung ewig nimmer übersehen könnte. Dazu entwickeln sich hier noch fortwährend neue, vorher nicht dagewesene Wunder, von denen stets das neue herrlicher ist als sein vorhergehendes!

[BM.01_047,20] Nur die Menschen allein bleiben sich gleich, aber in einer so namenlosen Schönheit, daß ich mich darob in den dicksten Staub verkriechen möchte. Alles andere aber wechselt wie die symmetrischen Reflexfiguren eines auf der Erde vorhandenen Kaleidoskop.

[BM.01_047,21] Sogar die Gegenden verändern sich! Wo früher ebenes Land war, wächst auf einmal ein ungeheurer Berg; der treibt Wässer mit sich auf und weitgehende Fluren werden zu Meeren. Die Berge zerspringen, und alsbald stürzen eine Unzahl brennender Welten aus des Berges Öffnung und fliehen oder fallen dann, wie durch eine große Gewalt getrieben, in den endlosen Weltenraum hinaus. Dagegen fallen ebenso viele aus dem endlosen Raum wieder zurück und vergehen da wie einzelne Schneeflocken, so sie auf einen warmen Boden fallen.

[BM.01_047,22] Ach, ach, das sind furchtbar große Erscheinungen! Und doch wandeln diese schönsten Menschen seligst aussehend unter diesen Szenen und scheinen sich kaum viel darum zu kümmern! Sie gehen in ihren überhimmlischen Gärten herum und ergötzen sich am Anblicke der herrlichsten Blumen, die, wie ich merke, sich auch unter den Augen ihrer Beschauer verändern und in stets herrlicheren Formen sich erneuen. O Herr, laß nur da mich noch eine halbe Ewigkeit hineinschauen; denn da kann sich meiner Meinung nach nicht einmal der erhabenste Erzengel ewig je satt sehen!

[BM.01_047,23] Oh, oh, nur diese Menschen, diese Menschen! Es ist wahrlich nicht auszuhalten! Diese Fülle, diese Weichheit und Rundung, diese Weiße und diese herrlich schönste, erhabenste Anmut des Gesichtes! Nein, das ist zu himmlisch! Ich halte es nicht aus!

[BM.01_047,24] Ach, ach, da kommen einige so recht nahe zu mir her. Ich kann ihre über alle menschliche Vorstellung erhaben schönsten Gesichtszüge und den wahrhaft endlos harmonisch gebauten Leib in vollsten Zügen bewundern und anstaunen! Sie sind nun völlig da, so nahe sind sie mir, daß ich sie überleicht anreden könnte. Aber ich würde es nicht aushalten, so diese zu himmlisch-schönen Menschen mit mir zu reden anfingen! O Herr, ich würde von einem einzigen Worte aus diesem zu schönsten Munde ganz vernichtet werden!

[BM.01_047,25] O Herr, o Herr, mache, daß sie sich wieder zurückbegeben, denn ihre Anschauung macht mich völlig verschwinden! Ich komme mir vor wie einer, der nicht ist, wie einer, der in einen verzückenden Traum versunken ist! Ach, es ist namenlos!

[BM.01_047,26] Gott, du großer, allmächtiger Weltenmeister, wie ist es Dir doch möglich gewesen, in der höchst einfachen menschlichen Form, die im Grunde doch stets dieselbe ist, eine so endlose Mannigfaltigkeit und Schönheit zuwege zu bringen, und das in zahllos verschiedenen Abweichungen! Ich könnte mir wohl eine schönste Form denken, alle andern aber dann minder; da aber sind zahllose, und eine jede ist unendlich schön in ihrer Art! O Herr, das ist unbegreiflich, rein unbegreiflich!

[BM.01_047,27] Ich hatte auf der Welt immer die überdumme Vorstellung, daß auf und eigentlich in der vollkommenen himmlischen Geisterwelt alle Seligen einander so vollkommen gleich sehen wie auf der Welt die Sperlinge. Aber wie ich's nun erschaue, so ist hier erst die rechte Mannigfaltigkeit zu Hause, die auf der Welt entsetzlich stark durch das sterbliche Fleisch verdeckt war!

[BM.01_047,28] Ach, ach, das wird immer herrlicher und herrlicher! Da kommt schon wieder ein neues Paar! O Herr, o Herr, o Herr! Nein, da bleibt jetzt mein Verstand rein kleben!

[BM.01_047,29] Herr, halte mich, sonst sinke ich wie ein leerer Strumpf zusammen! – Ahahah, das ist ein weiblich Wesen! Ich erkenne es an der hohen wallenden Brust! O Du mein Jesus, ist das eine Herrlichkeit, eine so namenlose Schönheit, daß man darob gerade in den feinsten Sonnenstaub könnte aufgelöst werden!

[BM.01_047,30] Diese Zartheit der Füße, diese üppigste Fülle aller andern Leibesteile, die Glorie, die sie umgibt, dieser endlos sanfte und freundlichste Blick aus einem Augenpaare, für deren Beschreibung sicher der Erzengel Michael in die allergrößte Verlegenheit käme!

[BM.01_047,31] Kurz, ich bin nun schon ganz dumm, schrecklich dumm muß ich sein! Ich wollte noch etwas fragen – fra – fra – fragen, ja richtig fragen!? Es hole der Kuckuck die Frage! Ich bin nun ganz dumm, oh, ich bin ein Esel oder noch ein dümmeres Vieh! Ja, ja, ein Rhinozeros bin ich! Da gaffe ich hinein wie der Ochse in ein neues Tor und vergesse beinahe, daß Du, o Herr, hier bei mir bist, gegen den auch alle diese Schönheiten ein purstes Nichts sind! Denn so Du es wolltest, könntest Du sicher noch endlos größere Herrlichkeiten im Augenblicke hervorrufen!

[BM.01_047,32] Herr, ich habe mich nun zur Genüge ergötzt an diesen überhimmlischen Schönheiten! Für mich sind sie zu rein und zu schön. Laß mich daher wieder etwas ganz Ordinäres sehen, auf daß ich mich wieder finden kann und mich selbst besehen, ohne mich zu entsetzen ob meiner gräßlich häßlichen Gestalt im Vergleiche zu diesen schönsten Himmelswesen!

[BM.01_047,33] Wahrlich, da sieh einmal her – oh, ich bin ja ein heller Pavian und ein ganz entsetzlich grober Lümmel! Nein, ist aber das ein Unterschied zwischen mir und diesen Engeln der Engel! Gerade speien könnte ich, so ich mich anschaue! Es ist grauslich, grauslich, und doch bin ich nun auch schon ein Geist, der doch um etwas besser aussehen sollte als ein Fleischmensch auf der Erde! Aber wie kommt es denn, daß diese Menschen gar so unendlich schön sind, und wir als Deine Kinder sehen dagegen aus wie echte Paviane, besonders ich?"

[BM.01_047,34] Rede Ich: „Weil ihr Mein Herz seid; diese aber sind Meine Haut! Aber auch Meine Kinder sehen endlos schön aus, wenn sie vollkommen sind. Wenn sie aber noch dir gleichen in der Unvollkommenheit, dann sehen sie freilich nicht gar zu schön aus. Daher befleiße dich der Vollendung und werde vollkommen, so wird deine Gestalt schon auch ein himmlischeres Aussehen bekommen!

[BM.01_047,35] Ich aber will, daß du diese großen, reinen Schönheiten schauest, auf daß du in ihrem Lichte dich desto eher und desto leichter erkennest. Darum schaue nur noch eine Zeitlang hinein in dieses Licht und empfinde deine eigene seelische Häßlichkeit, daß sie dadurch zerbreche, mürbe werde und reif und dein Geist dann in ihr erstehe und dich zu einem neuen Geschöpfe umgestalte!

[BM.01_047,36] Denn siehe, du bist noch lange nicht wiedergeboren aus dem Geiste! Daher habe ich dich hierher in diesen Garten verpflanzt, gleich wie in ein mächtiges Treibhaus, auf daß du eher zur vollen Wiedergeburt gelangen mögest. Aber du mußt dich auch pflegen lassen wie eine edle Pflanze! Denn siehe und fasse: Disteln und Dornen zieht man nicht in den himmlischen Gärten und Treibhäusern! Betrachte nun weiter und rede; aber um weniges nur frage! Es sei!"

 

48. Kapitel – Bischof Martins weitere wunderbare Entdeckungen auf seiner Sonne. Grund der Größenverschiedenheit der Sonnenvölker. Liebe und Weisheit als die wahren Größen des Geistes. Martins Klage über die Erde und ihre Bewohner.

[BM.01_048,01] Bischof Martin wendet sein Auge wieder der Sonne zu und beschaut die großen Szenen und Wunderdinge auf ihrem leuchtenden Boden. Nach längerer Betrachtung spricht er wieder: „Da seht, noch stets dieselbe Sonne und doch ganz andere Menschen! Zwar auch sehr schön, aber ihre Schönheit ist doch wenigstens zu ertragen, denn sie haben Ähnlichkeit mit schon gesehenen auf den andern Planeten und selbst mit den Bewohnern unserer Erde.

[BM.01_048,02] Ich sehe nun überhaupt mehrere Gürtel, die sich parallel um die Sonne ziehen. Und innerhalb jedes Gürtels ersehe ich andere Menschen, die einen groß, die einen wieder etwas kleiner, wieder andere ganz klein, und – o Tausend, Tausend! – da am Ende gibt es aber Menschen, sind die aber groß! O je, auf diesen könnten die andern ja gerade als Schmarotzermenschen anstatt gewisser Tierlein ganz bequem auf dem Kopfe zwischen den Haaren herumsteigen!

[BM.01_048,03] O Herr, o Herr, vergib mir meine etwas schmutzige Bemerkung! Ich sehe ein, sie gehört nicht hierher an den Ort des Erhabensten. Aber man kann sich bei der Betrachtung dieser ungeheuren Riesenmenschen ihrer nicht erwehren! Ich habe zwar schon in einigen anderen Planeten wie im Jupiter, Saturn, Uran und Miron die Entdeckung gemacht, daß deren Bewohner größer sind als die Menschen der Erde, die ich bewohnte, manche um ein sehr bedeutendes. Aber was diese Riesen betrifft, so sind alle Bewohner der andern Planeten pure Schmarotzermenschchen gegen sie!

[BM.01_048,04] Wenn so ein Riese auf der Erde sich befände, so möchte er ja noch um ein bedeutendes die höchsten Berge überragen! Nein, nein, das ist wahrlich mehr als ungeheuer! Sage mir, Du mein allergeliebtester Herr Jesus, Du mein Gott und mein Herr, warum denn diese Menschen gar so entsetzlich groß sind? Ich sollte Dich zwar nicht fragen um vieles; aber da ich Dich bisher bei dieser jetzigen Betrachtung noch um nichts gefragt habe, so vergib mir diese erste Frage! Gib mir gnädigst eine mich erleuchtende Antwort auf diese meine erste Frage in dieser Wundersache!"

[BM.01_048,05] Rede Ich: „So höre und vernimm es wohl! Sahst du nie auf der Erde, wie da Kriegsleute verschiedenes Geschütz haben vom leichtesten bis zum schwersten Kaliber? So du nun in ein kleines Gewehr die Ladung vom schwersten Geschütze tätest, was würde dadurch dem kleinen Gewehre widerfahren? Siehe, die starke Ladung würde es in kleinste Stücke zerreißen!

[BM.01_048,06] Was geschähe mit einem Planeten, so er erfüllt wäre mit der Kraft der Sonne? – Siehe, würde die Erde nur die Dauer von einer Minute hindurch in die mächtigste Lichtflut der Sonne getaucht, so wäre sie also zerstört schon wie ein Tropfen Wasser, wenn er fiele auf ein glühendes Erz. Also muß die Sonne darum aber auch ein sehr großer und für die Größe verhältnismäßig starker Körper sein, um die in ihn gelegte Kraft in aller Fülle der Tätigkeit tragen und halten zu können!

[BM.01_048,07] Wenn du eine Federflaume auf ein Ei legtest, da wird das Ei nicht erdrückt werden, denn es hat Festigkeit in Übergenüge, zu tragen dieses Gewicht. So du aber auf das Ei ein Gewicht von 100 Pfund legen würdest, wird das Ei unter dem mächtigen Drucke des zu schweren Gewichtes gänzlich erdrückt werden!

[BM.01_048,08] Könnte wohl ein Riese den Rock eines Kindes anziehen? Sicher nicht! So er's aber dennoch täte, was würde da mit dem Rocke geschehen? Siehe, es würde der Rock in viele Stücke zerrissen werden!

[BM.01_048,09] Also hat in der ganzen Schöpfung jedes Ding sein Maß: das Kleine in seiner Art in allen seinen Verhältnissen, und das Große in seiner Art auch in allen seinen Verhältnissen.

[BM.01_048,10] Wie du aber nun siehst, daß es Welten gibt von verschiedenster Größe, zu tragen eine verhältnismäßige Kraft, ebenso gibt es auf den Welten in gleichem Maße verschieden große Geister, zu deren einstweiligen Trägern auch verschieden große Leiber erforderlich sind.

[BM.01_048,11] Nun wird aber die wahre, eigentliche Größe des Geistes freilich nicht nach seinem Umfange, sondern lediglich nach seiner Liebe und Weisheit bemessen. Aber siehe, das sind noch Urgeister, die im freien Zustande ein ganzes Sonnengebiet in wirkender Fülle erfüllten! Da sie aber auch an Meinem Reiche den seligen Anteil haben möchten, so müssen sie auch des Fleisches engen Weg wandeln! Werden sie den Leib ablegen, dann werden sie ob ihrer großen Sanftmut und Demut eben auch nur unsern Umfang haben, – aber wohl auch den frühern, so sie seiner benötigen werden!

[BM.01_048,12] Nun weißt du alles, was du zu wissen brauchst in dieser Sphäre und für diesen deinen Zustand. Schaue daher nun wieder weiter und rede, was dir auffallen wird, auf daß wir bald zu der elften Türe übergehen können! Es sei!"

[BM.01_048,13] Bischof Martin schaut nun wieder in die Lichtgefilde der Sonne und entdeckt da bald übergroße Tempel und andere Wohngebäude, auch Straßen und Brücken von der allerkühnsten Art. Bald wieder übermajestätisch hohe Berge, die sich in Hauptzügen um die ganze Sonne ziehen und diese in Gürtel abmarken, von denen jeder andere Bewohner und andere Lebensweisen hat und andere Sitten und Gebräuche. Ebenso entdeckt er nun auch, wie zu beiden Seiten des Mittel- oder Hauptgürtels zwei Gürtel miteinander zumeist in allem die größte Ähnlichkeit haben.

[BM.01_048,14] Vor allem aber gefallen ihm doch noch immer die Menschen des Mittelgürtels am allerbesten, an deren übermäßige Schönheit er sich nun schon etwas mehr gewöhnt hat. Nur dürfen sie ihm noch nicht gar zu nahe gestellt werden, besonders die Weiber und Mädchen schon gar nicht, weil sie zu schön und reizend sind. Aber selbst der männliche Teil macht ihm starke Anfechtungen, weil auch dieser Teil so überaus schön und reizend gebaut ist, daß diese Erde noch nie ein Wesen weiblicher Art von solcher Üppigkeit, Weiche, Rundung und Sanftmut getragen hat.

[BM.01_048,15] Nach längerem Umherspähen ersieht er nun ein Gebäude in der Mitte des Hauptgürtels, das an Pracht, Glanz und reichster Verzierung alles bisher Gesehene in einem so hohen Grade übertrifft, daß alles, was unser Martin bisher gesehen hatte, kaum als etwas angesehen werden kann. Um dies Gebäude wandeln Menschen von einer so großen Schönheit, daß er ob solchen Anblickes wie ohnmächtig zusammenfällt und lange kein Wort herausbringen kann.

[BM.01_048,16] Nach geraumer Weile erst fängt Bischof Martin wieder, wie ganz erschöpft, mehr zu stöhnen als zu reden an und spricht ziemlich unzusammenhängend: „Mein Gott und mein Herr! Ach, wer auf der Welt läßt sich so etwas in den Sinn kommen! Die Sonne ein leuchtender runder Körper, aber wer vermutet das auf ihrem Boden!

[BM.01_048,17] Was bist du, Erde, gegen diese endlos seligstmachende Pracht? Was sind die reißendsten Tiere von Menschen der Erde gegen diese unbeschreibbar schönsten Wesen, voll der himmlischsten Glorie, Schönheit und seligst-freundlichsten Anmut, von der sich der beste Mensch nicht den leisesten Begriff machen kann!

[BM.01_048,18] Auf der Erde sind die Menschen um so gefühlloser und oft um so teuflischer, in je prächtigeren Palästen sie wohnen, je zarter ihre Haut ist und je glänzendere Kleider sie über ihre Haut hängen können. Hier ist gerade der umgekehrte Fall! Ach, ach, so was ist ja unerhört, nie gesehen auf der Erde!

[BM.01_048,19] Hier wohnen die Weisesten in den unansehnlichsten Hütten auf den Bergen, wie ich soeben entdecke. Auf der Erde ist die Wohnung des weisest sich dünkenden Oberhirten der Christenheit gerade die größte, reichste und glänzendste auf der Erde. Und seine Kleider sind pur Seide, Gold und kostbarste Edelsteine! Hier ist es gerade umgekehrt der Fall. Ach, ach, und die Bewohner der Erde sollen Gotteskinder sein?! Ja, Kinder des Satans sind sie diesen Sonnenkindern gegenüber, können auch nichts anderes sein gegenüber diesen reinsten Himmelskindern!

[BM.01_048,20] Diesen ist nie ein Evangelium gepredigt worden. Und doch sind sie ihrer Natur nach das reinste Evangelium selbst, was sie auch offenbar sein müssen, da sich sonst diese himmlischste Ordnung in allem, was hier zum Vorscheine kommt, ewig nie denken ließe! Ja, ja, hier ersehe ich das reinste, wahrste und ewig vollkommenste, unverfälschte und richtig gedeutete Wort Gottes lebendig!

[BM.01_048,21] Sehet an die Lilien auf dem Felde: sie arbeiten nicht und ernten nichts in ihre Scheunen, und Salomo in all seiner Königspracht war nicht bekleidet wie einer der Geringsten aus ihnen! Da sehe ich zahllos viele solcher Lilien, sie haben keinen Pflug, kein Messer, keine Schere, keinen Webstuhl und keine Stickrahmen. Wo aber auf der ganzen Erde lebt ein Königssohn, eine Königstochter, die sich einer der allergeringsten dieser Himmelslilien nähern dürften?

[BM.01_048,22] O Menschen, Menschen, die ihr die Erde verfinsternd und verpestend bewohnet, was seid ihr, und was bin ich gegen diese Sonnenvölker! Herr, Herr, o Herr, wir sind nichts als die allerbarsten Teufel, und die Welt ist die Hölle selbst in optima forma! Darum stehen die Sterne auch sicher so weit von der Erde ab, daß sie von ihr nicht verpestet werden möchten!

[BM.01_048,23] O Gott, Du bist heilig und endlos erhaben! Aber in Deinem Ärger mußt Du einmal ausgespuckt haben, und daraus muß die Erde entstanden sein und ihre Geschöpfe aus Deinem einstigen Fluche, den Du einmal in die Unendlichkeit hinausgedonnert hast!

[BM.01_048,24] O Herr, vergib mir diese meine Bemerkung, aber ich kann mich ihrer beim Anblicke dieses Himmels nicht erwehren! Nun graut es mir vor der Erde und ihren Bewohnern wie vor einem giftig stinkenden Aase!

[BM.01_048,25] O Herr, sende mich in die endlosesten Räume hinaus, aber nur zur Erde sende mich ewig nimmer! Denn sie ist für mich eine Hölle aller Höllen, und ihre Bewohner sind unbekehrbare Teufel, die sich's zum Hauptgeschäfte gemacht haben, die wenigen Engel unter ihnen bis zum letzten Blutstropfen zu verfolgen.

[BM.01_048,26] O Herr, o Herr, laß doch einmal ein rechtes Gericht los über diesen alleinigen Schandfleck in Deiner ganzen unendlichen Schöpfung! Je mehr ich diese Herrlichkeiten betrachte, desto mehr drängt sich mir der Gedanke auf, daß die ganze Erde samt ihren eigentlichen Bewohnern eigentlich gar nicht Dein Werk, sondern ein Werk des Satans, des Obersten aller Teufel, ist – rund heraus gesagt, ohne Scheu und ohne Blatt vor dem Munde! Da ist nur Laster, Tod und Verderben, und davon bist Du, o Herr, ewig der Schöpfer nicht!

[BM.01_048,27] Ach, ach, wie herrlich, wie herrlich ist es hier, wo Deines Wortes ewige Ordnung herrscht! Und wie elend und qualvoll dagegen auf der Erde, die da ist ein Fluch aus Dir, weil sie in allem Deiner Ordnung gleichfort widerstrebt! O Herr, richte sie, verderbe und vernichte sie auf ewig, denn sie ist nimmer Deiner Gnade wert!"

[BM.01_048,28] Rede Ich: „Sei nur ruhig, noch siehst du das Rechte nicht, obschon du recht geredet hast. Gehe nun aber mit Mir zur elften Tür, dort wirst du so manche Verhältnisse klarer erschauen und anders urteilen! Darum folge Mir; es sei!"

 

49. Kapitel – Eine Mondschau durch die elfte Tür. Bischof Martin und der Mondweise.

[BM.01_049,01] (Der Herr:) „Siehe, wir sind nun bei der elften Tür! Siehe hinein und rede dann, was du hier alles erschaust!"

[BM.01_049,02] Bischof Martin schaut da nun eine Weile hinein und spricht dann etwas schmollend: „Was ist denn das für eine wahre Schnakerlwelt? Menschen, etwas größer als auf der Erde die Kaninchen, und die Gegenden so schön wie auf der Erde recht nette Mistbeete! Die Bäume möchten einige Spannen Höhe haben wie auf der Erde die Krummholz- und Brombeer- und Wacholdersträucher. Das Beste sind noch die Berge, die im Ernste sehr hoch und sehr steil sind. Meere sehe ich gerade keine, wohl aber Seen, der größte hätte etwa, nach irdischem Maße genommen, wohl bei 10000 Eimer Wasser! Sapprament, das ist ein Unterschied zwischen der Tür Nr. 10 und Nr. 11!

[BM.01_049,03] Ah, ah – was ist denn das für ein Springinsfeld mit einem Fuße noch dazu? Das wird doch wohl nur ein Tier und kein menschliches Wesen sein! Da entdecke ich noch eine ganze Herde von einer eigenen Art Murmeltiere! Es ist überhaupt merkwürdig! Bis jetzt habe ich noch nirgends Tiere gesehen, und hier auf dieser Schnakerlwelt gibt's auf einmal beinahe mehr Tiere als Menschen. Soll denn das im Ernst eine Tierwelt sein? – Ja, ja, siehe, da kommt noch eine starke Herde von einer Art Schafen daher! Schade, daß ich keine Ochsen und Esel erschaue, daß ich mich meinesgleichen erfreuen könnte! Vögel gibt es auch; wenn darunter nur keine gar zu lustigen sind!

[BM.01_049,04] Da, da, da! Hahaha, das ist ein wahrer Spaß! Da sind ja die Menschen ganz zusammengewachsen! Das Weibchen sitzt dem Männchen wie Buckelkraxen über den Schultern! Und da bläht sich ein Männchen wie ein Laubfrosch auf und macht mit dem gespannten Bauche einen Lärm wie auf der Erde ein türkischer Regimentstambour! Nein, das ist im Ernste sehr spaßig und in einem bedeutenden Grade lächerlich!

[BM.01_049,05] Wahrlich, Herr, so Du dieses Weltchen erschaffen hast, hat es sicher Deine Allmacht und Weisheit nicht zu sehr in Anspruch genommen, denn soweit ich jetzt dieses Welterl sehe, so ist es eigentlich gegen alles früher Gesehene mehr fade als irgend erhaben. Da muß ich der Erde wieder abbitten, was ich bei Nr. 10 zu schlecht von ihr geredet habe. Denn gegen diese Welt ist sie bis auf ihre Menschen denn doch ein wahres Paradies! – Sage, o Herr, mir doch gnädigst, wie da diese Welt heißt! Die kann doch nicht mehr in unserer Erde Sonnengebiet sich befinden?"

[BM.01_049,06] Rede Ich: „O ja, siehe, das ist der Mond der Erde. Und diese Menschen sind der Erde entnommen, so wie der ganze Mond selbst, der zwar damals der Erde schlechtester Teil war, nun aber um sehr vieles besser ist als die ganze Erde! Darum ist er nun auch eine Schule für sehr weltsüchtige Seelen geworden. Denn siehe, besser eine magere, kleine Welt mit einem fetten Geiste, als eine fette, große Welt mit einem höchst mageren Geiste!

[BM.01_049,07] Siehe, so armselig diese Menschen hier auch äußerlich aussehen, so wirst du aber noch lange zu tun haben, bis du im Geiste so fett sein wirst, als diese es lange schon sind!

[BM.01_049,08] Auf daß du es aber praktisch einsehen lernst, wie es mit der Weisheit dieser Menschen steht, so soll sich ein Paar dir nahen und sich mit dir über Verschiedenes unterreden. Siehe, da kommt schon so ein Buckelkraxenpärchen her: frage sie um Verschiedenes und sei versichert, sie werden dir keine Antwort schuldig bleiben! Es sei!"

[BM.01_049,09] Spricht Bischof Martin: „Ja richtig, da ist schon so ein Pärchen. Es nähert sich uns gleich mit seiner ganzen Welt, deren es sich förmlich wie eines Schiffes bediente. Schau, in der Nähe sieht das Pärchen ganz possierlich aus, besonders das kleine Weibchen! Aber wie ich's merke, so müssen wir für sie unsichtbar sein, weil sie so ahnungsvoll um sich blicken, als gewahrten sie im Ernste etwas, dabei aber dennoch nichts entdecken können!"

[BM.01_049,10] Rede Ich: „Du mußt ihnen näher treten und dadurch berühren ihre kleine Sphäre, dann werden sie dich schon besser ausnehmen! Die Bewohner aller Monde der Planeten haben das Eigentümliche, daß sie die Geister anderer Planeten erst dann völlig erschauen, so diese sich in ihren kleinen Sphären befinden. Der Grund dieser Erscheinung ist, weil die Monde der Planeten unterste, materiellste Stufe sind; gleichsam wie der Unflat der Tiere auch ihre unterste und materiellste Stufe ist, aber oftmals nützlicher als das Tier oder der Mensch selbst! – Tue nun, was Ich dir sagte und das Pärchen wird deiner sogleich ansichtig sein!"

[BM.01_049,11] Bischof Martin tut nun, was Ich ihn hieß. Das Pärchen ersieht Martin sogleich und bewundert seine Größe. Martin aber beginnt sogleich folgendes Gespräch mit den beiden Mondbewohnern: „Seid ihr wohl die wirklichen Bewohner dieser kleinen Welt, oder gibt es noch andere, die größer sind denn ihr und weiser vielleicht auch?"

[BM.01_049,12] Reden die beiden: „Als Menschen gibt es nur eine gerechte Menge unsersgleichen. Aber sonst gibt es noch eine Menge Geschöpfe, und auf dem entgegengesetzten Teile dieser Erde wohnen Büßer, die nicht selten zu uns herüberkommen, um von uns die innere Weisheit zu erlernen. Diese Büßer aber kommen gewöhnlich von einer andern Welt her, wahrscheinlich von der, von der du auch bist! Sie sind wohl sehr groß der Gestalt nach, aber dem Wesen nach sind sie überaus klein. Auch du siehst sehr groß aus, aber der eigentliche Mensch in dir ist noch kaum sichtbar!

[BM.01_049,13] Was tut ihr aber, ihr großen Menschen, denen viel Leben gegeben ist? Warum wahret ihr dieses Leben so wenig? Wenn die Zeit ist, Früchte auszusäen – von welcher Aussaat der Mensch sein irdisches Leben zu wahren und dasselbe ernährend zu versorgen hat –, da ist der Mensch voll Fleißes und arbeitet, wenn es ihm nur die Kräfte gestatten, wie ein Wurm in einem morschen Baume unablässig fort und läßt sich nicht beirren durch alle vorkommenden Hemmnisse. Er erduldet Hitze und große Kälte und Regen und anderes Unwetter. Seinen Leib schont er nicht und setzt nicht selten dessen an einem Haar hängendes kurzes Leben in die größte Gefahr, um eine kümmerliche Nahrung zu erbeuten. Aber für die Wahrung und Erhaltung und Vervollkommnung des eigentlichen inneren Lebens, für das eigentliche, ewige, heilige, große Ich tut er wenig oder nichts!

[BM.01_049,14] Was wohl möchtest du zu einem Gärtner sagen, der auf seinem Grunde Fruchtbäume setzte. Als sie aber Blüten trieben und schützendes Laub, da nähme er diese ersten Triebe schon für die Frucht, risse alle Blüten und Laub von den Zweigen und verzierte damit seines Hauses Flur? So ein Gärtner wäre doch sicher ein allerdümmster Narr: denn wenn sein Nachbar eine reiche Ernte hielte, müßte er vor Hunger sterben, da seine Bäume keine Frucht trügen!

[BM.01_049,15] Ist aber nicht ein jeglicher Mensch bei sich ein gleicher Narr im noch viel größeren Maße, so er ein irdisches Leben, das Blüte und Laub nur zum innern, wahren Leben ist, schon als eine Frucht genießt? Er zerstört durch solch unnatürlichen und höchst unreifen Genuß die daraus erst hervorgehen sollende eigentliche Frucht, das wahre, ewige Leben des Geistes. Was wächst denn wieder zum neuen, unvergänglichen Leben: die Blüte, das Laub, oder der innere Same der reifgewordenen Frucht? Sieh, allein nur der Same!

[BM.01_049,16] Ebenso ist es auch mit jedem Menschen der Fall: sein Leib, seine Sinne, sein äußerer Verstand, seine Vernunft – das sind Blüten und Laub. Aus diesen geht hervor eine reife Seele. Und diese gerechte, gute Reife der Seele faßt dann in sich auch einen reifen Kern. Dieser Kern ist der unsterbliche Geist, der in seiner Vollreife alles ergreift und in seine eigene Unsterblichkeit verwandelt, – gleichwie ein verwesliches Fleisch, das mit dem ätherischen Öle der Unverweslichkeit gesalbt wird, auch mit unverweslich wird.

[BM.01_049,17] Siehe, du großer Mensch, das ist unsere Weisheit! Um diese zu bewerkstelligen, befolgen wir die erkannte Ordnung des allerhöchsten Geistes Gottes, und so sind wir vollkommen, was wir sind. Du aber bekämpfe mich nun, so du es kannst; ich bin bereit, von dir alles zu ertragen!"

[BM.01_049,18] Unser Martin macht ob dieser Rede ein verdutztes, sehr langes Gesicht und kann nicht genug erstaunen über die ihm ganz enorm vorkommende Weisheit dieses Mondpärchens. Nach einer geraumen Weile erst spricht er: „Ah, ah – da hätte ich doch alles eher gesucht als so eine tiefe Weisheit bei euch Mondmenschen! Wer lehrte euch solche tiefe Weisheit? Denn aus euch selbst kann sie doch nicht entsprungen sein?

[BM.01_049,19] Es erkennen wohl die Tiere ihre Ordnung instinktmäßig und entwickeln diese ganz natürlich aus ihrer Naturordnung, die da eben ist ihr Instinkt. Auch alle Gewächse müssen das entfalten, was in sie gelegt ist. Aber Tiere und Pflanzen sind eben darum als das, was sie sind, gerichtet. Der Mensch aber als ein freies Wesen muß das alles erst durch äußere Belehrung in sich wie ein vollkommen leeres Gefäß aufnehmen. Und das Wort der Weisheit Gottes muß in sein Herz wie das Samenkorn in die Erde gelegt werden, damit er dann erst zur Erkenntnis seiner selbst und daraus zur Erkenntnis Gottes und Seiner Ordnung gelangen kann. Bekommt der Mensch durchaus keinen Unterricht, so bleibt er dümmer als jedes Tier und begriffsloser als ein Stein.

[BM.01_049,20] Da ihr unleugbar aber auch Menschen von gleichen göttlichen Rechten seid wie unsereiner, so müsset auch ihr einen Unterricht einmal, und zwar von Gott Selbst mittel- oder unmittelbar empfangen haben, ansonsten mir deine Weisheit das allergrößte Wunder wäre, das mir bis jetzt vorgekommen ist. Denn bei allen Urmenschen muß Gott der erste Lehrer gewesen sein, indem sonst alle Menschen bis auf die jüngsten Zeiten in ihrer Bildung bei weitem unter dem Tierstande sich befänden. Denn wo der A blind wäre, wer hätte da dem B Licht geben können? Und wäre auf die Art notwendig auch der B blind geblieben, von wem hätte dann der C usw. Licht bekommen sollen? Da du aber ein sehr erleuchteter Mensch bist, so sage mir gefälligst, wie das unverkennbare, wesenhafte Gotteslicht zu euch gekommen ist, und ungefähr wann!"

 

50. Kapitel – Unterschied der Wirkung des Unterrichtes von außen und von innen. Die Töpferwerkstatt.

[BM.01_050,01] Spricht der Mondbewohner: „Freund, du redest und fragst, wie du es verstehst, und ich antworte dir nach meiner Art! Nach dir zu urteilen, muß der allerhöchste Gottesgeist euch freilich wohl von außen mit einem Prügel in der Hand unterrichtet haben. Denn für einen innern, geistigen Unterricht scheinst du bis jetzt noch viel zu stumpf zu sein, und höchstwahrscheinlich auch deines Weltkörpers gesamtes Menschengeschlecht!

[BM.01_050,02] Meinst du wohl im Ernste, der höchste, allmächtige Gottesgeist habe den Menschen als Sein vollkommenstes Geschöpf wie einen leeren Sack gestaltet, in den man zuvor erst etwas hineintun muß, wenn man etwas darinnen haben will? O siehe, da bist du in sehr großer Irre!

[BM.01_050,03] Der Mensch eines jeden Weltkörpers hat einen unendlichen Weisheitsschatz schon in sich! Dieser darf nur durch ein taugliches Mittel geweckt werden, so treibt er sofort von selbst die herrlichsten Früchte. Für ein solches Weckmittel aber sorgt schon der erhabenste Gottesgeist.

[BM.01_050,04] Hat der Mensch so ein Mittel nicht in den Wind geschlagen, sondern sogleich bei sich selbst in Anwendung gebracht, wird er aus seinem eigenen Samen zu keimen, zu wachsen und endlich zu reifen anfangen. Es bedarf da keines Unterrichtes von außen her, sondern lediglich von innen heraus.

[BM.01_050,05] Denn alles, was von außen her zum Menschen gelangt, ist und bleibt ewig ein Fremdes. Es kann dem Empfangenden keine wahre, bleibende, eigene Weisheit geben, sondern eine Weisheit nur gleich einer Schmarotzerpflanze, die dem Leben nie hilft, sondern dasselbe nur verkümmert und am Ende ganz verdirbt, weil es als ein Äußeres stets nach außen sich wendet statt nach innen, dem Wohnsitze des eigentlichen, wahren, ewigen Lebens aus Gott, dem allerhöchsten Geiste!

[BM.01_050,06] Auf diesem Wege kommen wir zu unserer Weisheit, nämlich lediglich von innen aus und nicht von außen herein! So ihr aber auch eines äußeren Unterrichtes bedürfet, da müsset ihr sehr verstockte Wesen sein und überaus sinnlich und daraus gröbst sündhaftig: also Gegner der göttlichen Ordnung und so sicher das Gegenleben in euch selbst. Da freilich muß der A wie der B und C usw. blind sein und bleiben, wenn kein äußerer Unterrichtswind ihn weckt!

[BM.01_050,07] Hier hast du die Antwort auf deine Frage auch äußerlich. Denn für eine innere scheinst du noch lange keine Fähigkeiten zu besitzen, wovon deine Frage ein sicherer Beweis ist! Magst aber darum schon weiter fragen!"

[BM.01_050,08] Das Gesicht des Bischof Martin wird nach dieser Rede des Mondbewohners noch länger, indem er nun einsieht, daß er mit seiner Weisheit neben der Weisheit des Mondbewohners nicht aufkommen kann. Er denkt nun bei sich nach, was er tun soll, um dem Mondpärchen zu beweisen, daß er als ein Erdbewohner dennoch am Ende der Weisere sei. Er denkt wohl hin und her, aber es will ihm durchaus nicht so etwas recht Gescheites einfallen.

[BM.01_050,09] Bischof Martin wendet sich daher an Mich und spricht: „Herr, laß mich doch nicht so ganz im Stiche und hilf mir, diesen überweisen Mondbewohner zu überwinden und ihm zu zeigen, daß auf Deiner Erde die Menschen geradeweg auch keine Tannenzapfen sind! Der verarbeitet mich ja auf eine Art, daß ich ihm nun auf Tausend nicht Eins antworten könnte. Und doch soll ich sein Herr sein und mit der Weile der Leiter dieser ganzen Welt!

[BM.01_050,10] Das möchte sich mit der Zeit machen, so die Bewohner aller der bisher mir vorgestellten Welten zu mir als ihrem Herrn kämen und mir zeigten, daß ich aus dieser ganzen Schöpfung der allerdümmste Kerl bin! Ich denke, um dieser Schmach vorzubeugen, wäre es nötig, ihnen gleich anfangs durch eine überwiegende Weisheit zu zeigen, daß man völlig ihr Meister ist. Dann würden sie es in der Zukunft wohl bleiben lassen, unsereinem gar so schulmeisterisch zu kommen und einen zu behandeln wie einen Abc-Schützen!"

[BM.01_050,11] Rede Ich: „Höre, du Mein lieber Martin! Meinst du denn, du werdest durch eine triftige Gegenmundwetzerei solchen echten Weisen den Mund stopfen? Oh, da bist du in einem sehr großen Irrtum! Siehe, wie es nur eine Wahrheit gibt, so gibt es auch nur eine Weisheit, die gleich einer ewigen Festung auch für alle Ewigkeit unüberwindlich dasteht! So dieser Mondbewohner dir aber mit der einzig rechten Wahrheit entgegenkam, sage, mit welcher noch größeren Weisheit wolltest du ihn dann bekämpfen?

[BM.01_050,12] Siehe, da gibt's einen ganz andern Weg, diese Geister sich gefällig, dienstfertig und liebuntertänig zu machen, als der, den du meinst. Der Weg heißt Liebe, Demut und eine große Sanftmut! Durch diese drei allerersten und allerwichtigsten Lebensstücke kommt man endlich auf den Punkt, allen diesen zahllosen Sternenbewohnern auf das allerkräftigste zu begegnen.

[BM.01_050,13] Die Liebe lehrt dich, allen diesen Wesen wohlzutun und sie so glücklich als möglich zu machen. Die Demut lehrt dich, klein zu sein und sich über niemanden – möchte er noch so unbedeutend scheinen – hochmütig zu erheben, sondern sich selbst stets als den Geringsten zu betrachten. Und die Sanftmut lehrt dich, jedermann stets gleich wohlwollend zu ertragen und aus dem innersten Herzensgrunde bemüht zu sein, jedem zu helfen, wo es ihm nottut. Und das allzeit durch jene sanftesten Mittel, durch die ja niemand im geringsten in seiner Freiheit beirrt werden kann. Werden hie und da ernstere Mittel vonnöten, so muß hinter ihnen nie etwa eine Strafsucht oder gar richterlicher Zorn stecken, sondern allzeit die allerhöchste und reinste, sich selbst nie berücksichtigende Liebe!

[BM.01_050,14] Siehe, das sind die Dinge aller himmlischen Meisterschaft! Diese müssen dir völlig eigen sein, dann wirst du mit diesen Mondbewohnern schon besser auskommen. Kehre daher noch einmal zu dem Pärchen zurück und versuche dich in dieser himmlischen Art mit ihm; vielleicht wirst du dann mit ihm leichter überorts kommen! Gehe und tue also; es sei!"

[BM.01_050,15] Bischof Martin wendet sich nun wieder an das Mondpärchen und spricht: „Höre, du mein lieber, kleingroßer Freund, ich habe nun deine sehr weisen Worte wohl erwogen und daraus ersehen mit der Gnade des Herrn, daß du wirklich in all dem, was du geredet, vollkommen recht hast. Dessenungeachtet habe ich dennoch eine neue Frage an dich, nicht aber etwa, um deine feste Weisheit tiefer prüfen zu wollen, sondern mich lediglich von dir belehren zu lassen!

[BM.01_050,16] Siehe, du hast ehedem allen äußern Unterricht für rein null und nichtig erwiesen; ich kann dir nicht sagen, daß du unrecht hast! Aber so aller äußere Unterricht, also auch alle äußere Wahrnehmung – mag sie von wo immer herrühren und durch was immer für einen Sinn in den Menschen hineingelangen – schlecht, unnütz und somit verwerflich ist, da möchte ich denn doch nun von deiner Weisheit vernehmen, wozu der große Schöpfer aller Welten, Menschen und Engel uns äußere Sinne gegeben hat? Und wozu eine nach außen hinaustönende Stimme und dazu eine sprachfähige Zunge? Wozu eigentlich alle äußere Form und alle äußere Erscheinlichkeit all der zahllosen Dinge und Wesen?! – Oder läßt sich wohl ein Wesen ohne alle Äußerlichkeit denken? Hebt etwa nicht die Wegnahme aller Äußerlichkeit ein jedes Wesen ganz auf? Denn siehe, ich wenigstens kann mir kein Wesen denken, das durchgehends gar keine Äußerlichkeit hätte! Du ersiehst hier meine gerechten Zweifel; habe daher Geduld und kläre sie mir auf!"

[BM.01_050,17] Spricht darauf der Mondbewohner: „Freund, du greifst einmal zu seicht und das andere Mal zu tief! Einmal zu wenig und einmal zu viel, das macht dir erreichen noch lang nicht dein Ziel!

[BM.01_050,18] Der große Geist hat von allem endlos viel erschaffen. Und all das viele, das sich gegenseitig nur äußerlich begegnen kann – ansonst es unmöglich ein vieles wäre –, ist sich darum gegenseitig auch ein Äußerliches. Damit aber der Mensch auch das Äußerliche fasse, sind ihm auch äußere Sinne gegeben. Verstehen aber kann er es mit diesen äußeren Sinnen nimmer, sondern lediglich mit den inneren seines Geistes.

[BM.01_050,19] So hat der Mensch äußere Sinne, um Äußeres zu fassen, und hat innere Sinne, um Inneres zu fassen. Die Weisheit aber ist ein Angehör der inneren Sinne des Geistes und nicht der äußeren des Leibes; daher muß sie auch von innen heraus und nicht von außen hinein erlernt werden.

[BM.01_050,20] Diesen inneren Unterricht aber erteilt der Seele allein der Geist, dem der große Geist Gottes alles völlig enthüllt eingehaucht hat, was da geschaffen ward und noch ewigfort geschaffen wird.

[BM.01_050,21] Die äußere Sprache aber ist nur, um das Äußere zu bemessen und es dann mit dem Innern zu vermählen. Dadurch wird eine Ehe zwischen Außen und Innen bewerkstelligt, und durch diese Ehe die volle Erkenntnis der göttlichen Ordnung. Diese Erkenntnis dann ist die eigentliche Weisheit, nach der wir allein trachten sollen, weil sie die einige innere Kraft des Geistes und sein wirkendes Leben bedingt.

[BM.01_050,22] Du wirst nun leicht ersehen, daß Gottes Geist ewig nie die Menschen durch äußere Offenbarungen unterrichtet hat, sondern allzeit lediglich von innen heraus durch den Geist. Hatte es etwa auch das Ansehen eines persönlich äußeren Unterrichts, so konnte aber dieser dennoch so lange von keiner innern Wirkung sein, bis er nicht durch die allerweckende Kraft des Gottesgeistes in den inwendigsten Geist des Menschen geführt wurde. Also ist auch alles das, was ich dir nun auch nur äußerlich erläuterte, für dich so lange von keiner Wirkung, bis du es nicht aus dir selbst vernehmen wirst!

[BM.01_050,23] So dich Gott Selbst äußerlich in aller Weisheit unterwiese, wie ich's nun getan habe, so würde dir auch dieser Gottesunterricht nichts nützen, solange Er, der große Gott, durch Seinen allerheiligsten Geist dich nicht von innen durch deinen eigenen Geist unterrichtete.

[BM.01_050,24] Dies fasse nun, so du's kannst, als eine rechte Antwort. Und bedenke, daß sie dir nicht zum Heile, sondern nur zum Gerichte dient, solange du sie nicht aus dir selbst empfangen wirst! Denn was nicht dein ist, das ist ein Gericht, solange es nicht dein ist, und macht dich nicht frei! – Willst du aber noch fragen, so frage; ich werde dir antworten!"

[BM.01_050,25] Spricht darauf der Bischof Martin: „Freund, ich sehe nun abermals, daß du bei aller deiner äußeren Geringfügigkeit ein wahrhaft grundweises Wesen bist. Ich erkenne auch, daß ich es mit dir noch lange nicht aufnehmen kann. Aber das wirst du steinfester Weiser mir dennoch zugeben, daß ich, so ich jemanden aus großer Liebe auch bloß äußerlich in Dingen der Ordnung Gottes, dessen Macht, Liebe und Weisheit unterrichte, solch ein Unterricht doch unmöglich ein Gericht sein kann für einen harmlosen, willigsten Jünger, sondern nur ein gerechter Weg zum ewigen Leben! Denn ich halte überhaupt nicht gar zu große Stücke auf die ledige Weisheit, sondern nur auf die Liebe. Denn wo diese mangelt, da ist mir alle Weisheit um einen gemeinsten Lehmbatzen feil!

[BM.01_050,26] Was sagst du zu dieser meiner Ansicht? Ich weiß es wohl, daß da ein jeder Mensch zuvor aus dem Geiste muß wiedergeboren sein, bis er ins eigentliche, freieste Reich Gottes eingehen kann. Aber um eben zu dieser Wiedergeburt zu gelangen, muß man ja doch zuvor die ersten Wege dazu durch den äußern Unterricht empfangen, weil für mich wenigstens ein innerer Unterricht – besonders bei Kindern – gar nicht denkbar ist. Und habe ich da auch nicht recht, so zeige mir, wie denn ihr Mondmenschlein eure Kinder unterrichtet!"

[BM.01_050,27] Spricht der Mondbewohner: „Was fragst du denn da weiter, so dir deine eigene Ansicht bei weitem richtiger zu sein scheint? Kurzsichtiger Mundwetzer, ist denn nicht jeder äußere Unterricht ein Gesetz, das bestimmt, wie das eine oder das andere zu fassen ist? Richtet aber nicht jedes Gesetz und jede Regel? Wann hat noch je jemanden das Gesetz freigemacht?!

[BM.01_050,28] Ihr wohl macht aus euren Kindern zuerst Gefangene und könnet sie dann nimmer frei machen. Wir aber erziehen unsere Kinder, wie da ein Töpfer bei euch verfertigt seinen Topf, den er von in- und auswendig zugleich auf seiner Drehscheibe auszuziehen beginnt, ansonsten er einen sehr einseitigen Topf erzeugen würde! Willst du demnach lernen, wie Menschen erzogen werden zur ewigen Freiheit, so gehe in die Werkstatt eines Töpfers, dort wirst du deine unverstandene Liebe erkennen! Verstehe wohl, bei einem Töpfer liegt mehr Weisheit als bis jetzt noch in dir!"

[BM.01_050,29] Nach diesem Hiebe kehrt sich Bischof Martin wieder zu Mir und sagt: „O Herr, diesem wirklich radikalen Mondwesen ist durchaus nicht beizukommen. Denn ich mag eine Sache noch so rein Deiner Lehre gemäß darstellen, so ist er mir richtig schon wieder um ganze tausend Jahre vor! Das Sonderbarste bei der Sache ist nur, daß er als ein Mondbewohner die Erde, die er doch sicher auch nicht einmal als einen Stern gesehen hat, besser zu kennen scheint als ich selbst! Er beschied mich zu einem Töpfer auf der Erde, wo ich die Weisheit und gewisserart das Geheimnis der Liebe studieren soll! Das ist ja im Ernste sehr spaßig!

[BM.01_050,30] Was wohl soll ich bei einem Töpfer? Soll ich etwa hier diese Profession ausüben? Ja, der Kerl geht so weit, daß er mir ganz trocken ins Gesicht behauptete, auch Du, o Herr, könntest mir mit Deiner mündlichen Unterweisung nicht helfen, wenn solche nicht von innen aus durch meinen eigenen Geist käme! Das ist doch offenbar eine grobe Versündigung! So es nach meinem Wunsche ginge, da ließe ich diesen Kampel schon ein wenig fühlen, was das heißt, sogar Deiner Lehre die wirkende Kraft abzusprechen!"

[BM.01_050,31] Rede Ich: „Laß das gut sein, Mein lieber Martin, denn so du dich mit diesem Mondbewohner in einen Streit einließest, da würdest du bei weitem den kürzern ziehen müssen! Er aber verdient es durchaus nicht, daß Ich ihm etwas Widerwärtiges begegnen lassen sollte, denn er ist ein überaus guter Geist. Daß er dir aber zuletzt etwas dicker gekommen ist, rührt daher, weil er in dir eine Art verborgener ehrsüchtiger Tücke erschaut hat, die diese Mondwesen am allerwenigsten leiden können! Denn bei ihnen muß das Äußere dem Innern völlig gleichen.

[BM.01_050,32] Im übrigen beachte du recht wohl, was du von diesem Weisen vernommen hast; es wird dir zu seiner Weile wohl zustatten kommen! Der Töpfer aber ist das beste Bild: aus diesem Bilde kannst du die ganze Fülle Meiner Ordnung kennenlernen! Denn siehe, Ich Selbst bin ja ebenfalls ein Töpfer und Mein Wirken ist das eines Töpfers. Denn Meine Ordnung ist gleich der Drehscheibe eines Töpfers, und Meine Werke sind gleich den Töpfen eines Töpfers! – Wie, das wird dich die Zukunft lehren!

[BM.01_050,33] Gehen wir nun aber zur 12. Tür, da wird dir manches klar werden, was dir jetzt noch dunkel ist! Es sei!"

 

51. Kapitel – Ein Blick durch die zwölfte Tür auf das kleinste Sonnengebiet. Martins Ahnung von der Größe und Gnade Gottes. Die Form des Menschen als bleibende, überall gleiche Grundform. Jenseitige Gefahren für den noch nicht völlig Wiedergeborenen.

[BM.01_051,01] (Der Herr:) „Wir sind nun bei der zwölften Tür; sie ist auch wie die früheren schon geöffnet! Tritt an die Schwelle und rede dann, was alles du hier erschaust!"

[BM.01_051,02] Bischof Martin tut, wie ihm geboten. Nach einer Weile des seltensten Staunens beginnt er erst zu reden und spricht: „O Gott, o Gott, das ist endlos, das ist ewig unermeßlich groß! Da sehe ich ja in den ungeheuersten Fernen zahllose allerglänzendste Sonnen und Welten so durcheinanderschwärmen wie auf der Erde die Ephemeriden etwa ein paar Stunden vor dem Sonnenuntergange an einem Sommertage! Wie viele Dezillionen gibt es denn ihrer? Und wie viele Ewigkeiten werden hierzu wohl erforderlich sein, um sie alle nur einigermaßen näher kennenzulernen?!

[BM.01_051,03] O Gott, o Herr, je länger ich da hineinsehe, desto mehr erschaue ich ihrer! O Herr, ist es Dir wohl möglich, diese zahlloseste Masse von Sonnen und Erden zu übersehen, zu leiten und zu erhalten? Das ist ja geradeweg erschrecklich, erschrecklich!

[BM.01_051,04] Mir gäbe schon der kleine Mond für die Ewigkeit zu tun genug! Und Du, o Herr, spielst nur mit all diesen zahllosen Dezillionen von Sonnen und Welten, ordnest und erhältst alle und sorgst für das Kleinste auf all diesen zahllosen Weltkörpern, als stünde in der ganzen Unendlichkeit gerade kein zweites mehr da! O Herr, o Herr, wie, wie, wie ist Dir das möglich?"

[BM.01_051,05] Rede Ich: „Wie Mir solches leicht möglich ist, das zu fassen vermag kein geschaffener Geist in der Fülle. Aber die Ewigkeit wird dich noch so manches lehren, was dir jetzt dunkel ist! Darum forsche darin nicht weiter. Würde Ich dir die Größe Meiner allmächtigen Liebe und Weisheit zeigen, so könntest du nicht leben, denn die Tiefen Meiner Gottheit sind für jeden geschaffenen Geist zu unergründlich!

[BM.01_051,06] Was du aber hier erschaust, ist das kleinste Sonnengebiet nur, das du auf der Erde bei heiteren Nächten oft gesehen hast. Denke aber ja nicht, daß dieses schon das einzige ist, das den endlosen, ewigen Raum erfüllt. Ich sage dir, derlei und endlos größere, reichere und wunderbarere Gebiete gibt es ohne Ende, ohne Zahl und ohne Maß! Denn Meine Schöpfungen haben nimmermehr irgendein Ende. Allenthalben wirst du die Einrichtungen für dich wunderbar verschieden finden und neue Formen allenthalben von nie geahnter Majestät und Pracht.

[BM.01_051,07] Nur die Form des Menschen allein ist die bleibende und überall gleiche. Unter diesen zahllos vielen Bewohnern der verschiedenen Welten gibt es nur Abstufungen bezüglich der Größe, Liebe, Weisheit und Schönheit. Aber allen diesen Abstufungen liegt dennoch die unveränderte Menschenform zugrunde, indem sie alle Mein Ebenmaß haben. Die Weisesten sind die schönsten, und die mit Liebe Erfüllten sind die zartesten und herrlichsten!

[BM.01_051,08] Du aber wärest jetzt noch nicht imstande, auch nur die geringste Schönheit einer menschlichen Form von den unbedeutendsten dieser von dir nun geschauten Welten zu ertragen. Daher mußt du nun dich nur mit der Beschauung dieser dir noch sehr ferne liegenden Sonnen und Welten begnügen. Wird aber dein Geist reifer, so wirst du schon auch zur näheren Beschauung all Meiner Schöpfungswunder gelangen!

[BM.01_051,09] Aber da heißt es zuvor noch in gar vielen Dingen dich selbst verleugnen, und ganz besonders in deiner dir noch stark anklebenden fleischlichen Weibersucht! Solange du dich von der nicht entschlagen wirst, so lange wird dir all diese nähere Anschauung verborgen bleiben müssen, weil du, so du nun zu all dieser für dich unbegreiflichen Schönheit zugelassen würdest, Meiner leicht vergäßest!

[BM.01_051,10] Meiner vergessen aber heißt soviel als: das Leben und dessen himmlische Freiheit verlieren und dafür das Gericht, den Tod und die Hölle anziehen, vor der ein Geist so lange nicht sicher ist, solange er nicht völlig aus Meinem Geiste wiedergeboren ist.

[BM.01_051,11] Nun kennst du diese deine Wohnung. Ich Selbst habe dich überall an die Schwelle des ewigen Lebens geführt, nun mußt du selbst wandeln, willst du wahrhaft frei werden! Ich werde dich nun wieder sichtlich verlassen, dir aber dafür einen andern Gesellschafter senden. Dieser wird dich lehren, Meinen Willen auf der weißen Tafel zu erkennen. – Denke nun über all das, was du nun gesehen und gehört, getreu nach und sei in allem nüchtern, so wirst du leicht weiterkommen! Es sei!"

 

52. Kapitel – Segen des Lichtes Swedenborgs. Der alte Adam in Martin. Weise Lehre des Weibes und scharfe Mahnung Borems.

[BM.01_052,01] Nach diesen Worten verlasse Ich sichtbar den Bischof Martin sehr plötzlich. An Meiner Stelle steht schon ein anderer Engelsgeist, und zwar der des uns schon bekannten Buchhändlers. Dieser hat unterdessen an der Seite Petri große Fortschritte gemacht, wozu ihm freilich die Bekanntschaft mit den geoffenbarten Schriften Swedenborgs einen großen Vorschub geleistet hatte.

[BM.01_052,02] Als Bischof Martin an Meiner Stelle den ihm wohlerkennbaren Buchhändler erblickt, verwundert er sich groß und spricht sogleich zu ihm: „Oho, oho, wieso denn!? Bist etwa gar du mein künftiger Führer? Nein, da hätte ich mir auch eher den Tod im Himmel hier eingebildet, als daß du mein Führer werden würdest! – Ah, ah, das ist denn doch ein wenig zu stark! Zuvor der Herr Selbst – und nun du? Das wird sich etwa doch so reimen, wie früher die Sonne und nachher der Hintern!

[BM.01_052,03] Hahaha, das ist ja doch rein zum Lachen! Du, ein Buchhändler, mein Führer! Hahaha, das ist denn doch ein wenig zu stark! Ein elender Buchhändler soll einem einstmaligen Bischof, einem Gottesgelehrten, den Wegweiser durch alle Himmel machen? Nein, nein, das geht auf keinen Fall! Mein Freund, gehe, wie du gekommen bist; denn dir werde ich in gar keinem Falle irgendwohin folgen!

[BM.01_052,04] Ich hätte mir nichts daraus gemacht, so der Herr mir auch den nächsten besten Gassenjungen zum Gesellschafter und Führer gesandt hätte. Aber dich, und gerade dich, der du in alle meine Lumpereien eingeweiht bist – das kann ich auf keinen Fall dulden! Entweder gehst du oder ich, was mir ziemlich einerlei ist. Ich überlasse dir recht gerne dieses Gedankenhaus, das sicher keine Beständigkeit hat, weil mir dessen ganze Einrichtung überaus verdächtig vorkommt.

[BM.01_052,05] Was dieser Saal enthält, das siehst du – wenn du überhaupt das sehen kannst, was ich sehe. Denn so weit habe ich es in dieser chimärischen Welt schon gebracht, daß da zwei Menschen nebeneinander ein und dasselbe Ding ganz anders erschauen. Wo der eine einen Esel sieht, da sieht sein Kamerad entweder einen Ochsen oder gar einen Weisen. Oder wo der eine Licht erschaut, da erschaut sein Gefährte Finsternis.

[BM.01_052,06] Daraus aber kann ein gescheiter Kerl, wie ich einer zu sein die Ehre habe, allzeit den Schluß ziehen, daß diese himmlische Welt, wie ich sie nun erkenne, eine sehr dumme und gar nichts sagende Welt ist. Sie ist ein pures traumähnliches Sinnentrugwerk, an dem nicht die leiseste Konsistenz haftet!

[BM.01_052,07] Darum werde ich auch gehn, wohin es geht! Du weiser Bücherstaubschlucker aber kannst an meiner Statt bei allen diesen zwölf Türen hinaus die höhere Astronomie studieren und dich dabei in eine schöne Merkurianerin verlieben oder gar in eine schönste Sonnenbewohnerin – vorausgesetzt, daß du mit deinen Augen auch das erschauen kannst, was ich da erschaut habe! Lebe wohl und tue, was du willst. Ich aber gehe und werde mir einen Ort suchen, der mehr Konsistenz hat als dieser astronomische Saal!"

[BM.01_052,08] Nach diesen Worten will der Bischof gehen. Aber der Buchhändler hindert ihn daran durch folgende gute Rede: „Bruder, Freund – siehe, wie läppisch und überaus närrisch du bist! Waren wir denn auf der Erde nicht stets die intimsten und vertrautesten Freunde? Wußte ich dort nicht um alle deine Stücke und Stückelchen? Wann aber habe ich dich je gegen jemanden verraten? Habe ich's dort nicht getan, um wieviel weniger werde ich es hier im Himmelreiche tun, wo der Herr dich ohnehin Millionen Male besser kennt, als ich dich je kennen werde! Was hältst du dich aber darum auf und bist voll Ärger, als hätte der Meister der Ewigkeit mich dir zu einem Führer gegeben?

[BM.01_052,09] Siehe, da bist du in einer großen Irre! Ich kam zu dir nur, dir Gesellschaft zu leisten und dir ein Diener und Knecht in allem zu sein. Wie aber einst du das wie gerade und krumm untereinander? Ich will nur von dir, der du nun an der Seite des Herrn schon sicher die größten Erfahrungen wirst gemacht haben, etwas lernen; nicht aber, daß du von mir etwas annehmen sollest. Wenn sich die Sache aber bestimmt so verhält, wie kannst du nun so auffahren bei meinem Erscheinen an deiner Seite!

[BM.01_052,10] Bleibe nur ganz ruhig in diesem deinem Besitze, der sicher konsistenter ist, als du es wähnst. Und betrachte mich für das, als was ich zu dir komme, und nicht als etwas, das du – gegen den Herrn im höchsten Grade undankbar – von mir dir selbst vorfaselst. Dann werden wir beide uns hoffentlich sehr wohl und freundlichst vertragen können!"

[BM.01_052,11] Bischof Martin ist nun ganz stumm und weiß nicht, was er darauf dem Buchhändler erwidern soll. Er geht darum zur Merkurtüre und sucht sich da zu sammeln und zu fassen.

[BM.01_052,12] Als er dort ankommt, erschaut er sogleich eine Menge Menschen beiderlei Geschlechtes als Bewohner ebendieses Planeten. Unter ihnen auch jene ihm noch wohlbekannte Schöne, die ihm schon beim ersten Besuche dieses Planeten stark in die Augen und ins Herz gefallen ist. Als er diese erschaut, vergißt er sogleich seinen Gesellschafter, den wir nun ,Borem‘ nennen wollen, und geht durch die Türe sogleich ihr entgegen.

[BM.01_052,13] Als er in ihre Sphäre tritt, da wird auch sie (die schöne Merkurianerin) seiner ansichtig und spricht zu ihm: „Ich kenne dich und liebe dich, wie dich auch wir alle lieben als unsern Gebieter. Aber dennoch entdecke ich etwas in dir, das mir und uns allen nicht gefällt, und dieses Etwas ist: fleischliche Gier in dir! Diese mußt du aus dir schaffen, ansonsten du dich mir wie uns allen nimmer nähern dürftest.

[BM.01_052,14] Solches sage ich dir aber, weil ich dich liebe. Und weil ich glaube, daß auch du mich und uns alle liebst, die wir durch dich glücklich zu werden hoffen, so du wirst, wie du sein sollst. Wirst du aber das nicht, dann freilich werden wir dir genommen und einem Würdigeren gegeben werden.

[BM.01_052,15] Laß dich darum nicht verblenden durch meine Reize und wandle der Ordnung jenes allerhöchsten Geistes Gottes gemäß, dessen ewige Weisheit dich und mich so schön gestaltet hat.

[BM.01_052,16] Siehe, auch du bist für mich unbegreiflich schön. Es leuchtet aus dir eine wahre Majestät des allerhöchsten Gottgeistes. Aber dennoch muß ich mich bezähmen und muß dich fliehen, sobald ich merke, daß mein Abbild in dir zu erglühen anfängt.

[BM.01_052,17] Tue desgleichen, solange du nicht die volle göttliche Festigkeit hast. Wirst du aber diese haben, dann wirst du mich und uns alle haben können in der Fülle aller göttlich-himmlischen Lust.

[BM.01_052,18] Überhaupt aber merke dir: Was du hier haben möchtest, das fliehe, so wirst du es erhalten. So du es aber fliehest, da fliehe es aus Liebe und nicht aus Abscheu. Darum fliehe auch ich dich, weil ich dich übermäßig liebe.

[BM.01_052,19] Geh und tue also, und du sollst dafür in dieser für dich hoch aufwallenden Brust einen ewigen süßesten Dank finden: ach, einen Dank, dessen Süße dir jetzt noch völlig fremd ist!"

[BM.01_052,20] Nach diesen Worten tritt die schöne Merkurianerin zurück und entfaltet so erst recht sichtlich ihre rein himmlische Anmut und Schönheit, die unsern Bischof Martin ganz zusammensinken macht.

[BM.01_052,21] Lange hockt er da am Boden, ganz stumm und beinahe auch ganz gedankenlos. Er erhebt sich erst wieder, als Borem zu ihm kommt, ihm auf die Achsel klopft und spricht:

[BM.01_052,22] (Borem:) „Aber, Bruder Martin, was ist dir denn widerfahren? Hat dich etwa gar jene holde Merkurianerin so sehr verzaubert, daß du darum ganz schwach und förmlich ohnmächtig bist? Oder ist dir sonst was zugestoßen?"

[BM.01_052,23] Spricht Bischof Martin ganz ärgerlich: „Eh – hol dich, wer dich will! Hab' ich dich denn gerufen? Was kommst du denn, so du mein Knecht bist und ich dein Herr, wenn ich dich nicht rufe! Für künftig merke dir das und komme erst, wenn du gerufen wirst; sonst kannst du gehen, von wannen du gekommen bist!"

[BM.01_052,24] Spricht wieder Borem: „Höre, Freund, so darfst du mit mir nicht handeln! Sonst könnte es sehr leicht geschehen, daß der Herr, der mit dir eine namenlose Geduld hat, dir noch zeigen würde, wie dem Seine Schärfe schmeckt, der Seine Milde, wie du nun, gerade mit Füßen zu treten anfängt! Erhebe dich darum und folge mir im Namen des Herrn und auch im Namen dieser himmlischen Jungfrau, die dir soeben eine sehr weise Lehre gegeben hat, sonst dürfte es dich bald sehr zu gereuen anfangen!

[BM.01_052,25] Bedenke, welche namenlosesten Gnaden dir der Herr seit deiner letzten Weltstunde hat angedeihen lassen, welche weisesten Lehren du von allen Seiten schon erlangt hast! Wie wenig haben sie in dir noch irgendeine himmlische Frucht bewirkt; darum werde endlich einmal ein anderes Wesen! Sonst, wie gesagt, sollst du empfinden, wie da schmeckt die Schärfe des Herrn dem Hartnäckigen, der Seine Milde mit Füßen zu treten anfängt! Denn wisse, der Herr läßt mit Sich eben gar zu lange nicht spaßen! Darum erhebe dich und folge mir in den Saal zurück!"

[BM.01_052,26] Bischof Martin richtet sich nun auf und spricht voll Ärger: „Aha, aha, nun kommt es schon heraus, was für ein Gesellschafter und Knecht du mir bist! Bedanke mich für so einen Gesellschafter, für solch einen Knecht! Du bist mir ja nur zu einem Zuchtmeister gegeben worden – und dafür bedanke ich mich! Bleibe du daher hier und tue, was du willst; ich aber werde auch gehen und sehen, ob ich ohne deine Einsprache nicht auch Gutes zu tun vermag!

[BM.01_052,27] Das ist ja doch überärgerlich: Ich, ein Bischof, also ein Apostel Jesu Christi, soll mich von einem lausigen Lumpen von einem Buchmakler hofmeistern und führen lassen!? Nein, das ist zu arg! Gehe mir aus den Augen, sonst zwingst du mich, daß ich mich an dir vergreife! Ich habe dich zwar leider aus den Flammen gerettet und war dir gut; aber nun reut es mich gewaltig, daß ich dir je etwas Gutes erwies! Kurz und gut, du bist mir nun ein Dorn in meinen Augen, da du nun schon besser bist als ich und bist mir darum zu einem Hof- und Zuchtmeister gegeben!

[BM.01_052,28] Man hört hier nichts als von himmlischer Freiheit! Das ist mir eine schöne Freiheit, wo man nicht einmal zur Türe seines Hauses hinausblicken darf, ohne einen Zuchtmeister an der Seite zu haben! Geh und schau, daß dir diese himmlische Freiheit nicht gestohlen wird! Drohen auch noch dazu! Das geht ja vortrefflich, charmant, charmant! Also kann man auch noch im Himmel gezüchtigt werden! Nicht übel, nicht übel, das macht sich!

[BM.01_052,29] Hast schon etwa gar so einen himmlischen Zuchtprügel unter deiner himmlischen Toga bei dir versteckt, um im nächsten Augenblicke auf mich loszudreschen? Kannst ja dein Glück versuchen! Wirst wohl sehen, wieviel sich in einen Bischof hinein- oder herausdreschen läßt!

[BM.01_052,30] Meinst du Esel von einem Himmelsbewohner denn, ich fürchte mich vor irgendeiner Strafe? Versuche es nur einmal, und du wirst dich gleich überzeugen, welch einen geringen Respekt sie mir einflößen wird! Will der Herr mich aber durch Strafe besser machen als ich bin, so soll Er tun, wie es Ihm beliebt. Ich aber werde auch sein, wie ich werde wollen, solange ich wollen kann, was ich will! Ich kenne wohl, was das heißt, dem Herrn Trotz bieten, und kenne Seine Macht. Aber ich kann auch die Größe eines solchen Geistes nicht genug anstaunen, der den Mut hat, dem Herrn Trotz zu bieten!"

[BM.01_052,31] Spricht Borem: „Freund, ich kam im Auftrage des Herrn zu dir, so sanft wie ein Lamm. Ich habe dir nie im geringsten etwas zuleide getan, weder in der Welt und noch viel weniger hier. Aber du empfingst mich gleich auf eine Weise, wie auf der Welt kein Herrscher den geringsten seiner Sklaven! Sage, ist das weise oder liebreich, wie es im Himmel sein soll? So der Herr aber für gut fand, mich zu dir zu bescheiden – bist du denn nun besser und weiser als der Herr, der allein mich zu dir befohlen hat?!

[BM.01_052,32] Siehe, der Herr sieht deine fleischliche Gier in dir und hinter dieser großen Hochmut gegen jedermann, der dir in deiner ekelhaften Brunst begegnen möchte! Daher hat Er mich zu dir gesandt, daß dein Hochmut endlich einmal herauskäme und mit ihm deine stets steigende fleischliche Weibergier. Du aber empfängst mich wie ein barster Höllenbewohner und scheinst dich wenig zu kümmern um den Herrn, der dich so überselig machen will! Wahrlich, so du dabei beharren wirst, so wirst du für solche Güte des Herrn bald desto mehr Gericht empfangen, je hartnäckiger du Ihm entgegentreten wirst!

[BM.01_052,33] Ich aber verlasse dich nun, da ich sehe, daß du mich hassest, ohne daß ich dir dazu den geringsten Anlaß gegeben habe. Der Herr aber tue dir nach Seiner Liebe, Erbarmung und Gerechtigkeit!"

[BM.01_052,34] Als Borem gehen will, ergreift ihn Bischof Martin freundlich und bittet ihn, zu bleiben, da er sich mit ihm wieder aussöhnen möchte und dann reden mit ihm über große Dinge; und Borem bleibt nach dem Wunsche des Martin.

[BM.01_052,35] Borem harrt eine Weile auf eine weitere Äußerung des Bischofs. Aber dieser studiert aus allen seinen Lebenswinkeln zusammen, wie er nun dem Borem ganz unwiderlegbar begegnen und ihn dann für sich gewinnen könnte; und das wegen besagter Schlichtung großer Dinge, deren er dem Borem früher erwähnt hat.

[BM.01_052,36] Borem aber durchschaut ihn und fängt folgendermaßen mit ihm das Wort zu führen an: „Freund Martin, ich sage dir im Namen des Herrn Jesu Christi, der da ist der einige Herr Himmels und aller andern Schöpfung in der ganzen Unendlichkeit, mache dir keine vergebliche Mühe; denn siehe, ich durchschaue dich haarklein!

[BM.01_052,37] So wie du dir's jetzt zusammendenkst, so denken alle rein höllischen Geister, die wir allesamt ,Teufel‘ nennen! Wahrlich, mit derlei großen Dingen – die aber bei mir ganz ungeheuer scheußlich klein sind – komme mir ja nicht, sonst könnte dir dein Plan sehr übel zustatten kommen!

[BM.01_052,38] Sage mir, auf wie lange hast du dir denn vorgenommen, dem Herrn zu widerstreben in deinem Herzen? Sage mir das ganz unverhohlen, damit ich mich danach richten kann! Denn glaube mir: So sehr ewig von Bestand auch das alles ist, was du hier siehst, so kannst du dennoch dich plötzlich auf einem Orte befinden, der dir eben nicht so angenehm wie dieser hier vorkommen dürfte. Denn ich habe vom Herrn den bestimmten Auftrag, mit dir von nun an keine Schonung mehr zu haben, da in dir das Feuer der Unzucht und der Herrschsucht aufgetaucht ist!

[BM.01_052,39] Rede nun aus dir frei heraus ohne Hinterhalt, was du tun willst! Rede aber die volle Wahrheit! Denn ich sage dir im Namen des Herrn: Jeder lügenhafte Gedanke wird in dir von mir schnell erkannt und mit meiner Entfernung von dir bestraft werden, und zwar durch die plötzliche Wegnahme all dessen, was du jetzt noch dein nennen darfst! Bedenke dies und rede dann wahr, was du nun tun willst; willst du mir folgen oder nicht folgen?"

 

53. Kapitel – Der ärgerliche Bischof Martin. Borems scharfe Mahnung und Weggang. Der einsame Martin.

[BM.01_053,01] Bischof Martin fängt auf diese sehr kräftige Rede sich stark hinter den Ohren zu kratzen an und spricht endlich wie für sich halblaut: „Da haben wir's, ich hab es ja gewußt, daß man sich auch hier im Himmel auf niemanden verlassen kann und darf! Der Herr hat mir hier schon gewisserart alle Schätze der Himmel aufgetan, und der führt nun eine Sprache mit mir, als sollte ich etwa schon im nächsten Augenblicke in der Hölle, Gott steh uns bei, stecken! Hübsche Vergeltung! Ich habe ihn sicher vor so ein bißchen höllischem Feuer gerettet. Dafür wird er nun bemüht sein, mich in diesen schönen Ort zu befördern. Ja, über eine solche Freundschaft steht wohl ewig nichts auf!

[BM.01_053,02] (Etwas lauter zu Borem:) Mein lieber Freund, so schön nach und nach ziehst du ganz behutsam die Larve von deinem Gesicht und zeigst in klarerem Lichte, als was du zu mir gesandt wurdest. Recht, recht so, tue du nur nach deinem Auftrage, und ich werde den befolgen, den mir meine Vernunft auferlegt!

[BM.01_053,03] Es ist wahr, ich hatte einen dummen und vielleicht auch wohl bösen Plan. Denn ich wollte im Ernste dem Herrn einen kleinen Trotz bieten, – aber bloß, um mich zu überzeugen, was da in einem solchen Falle mir begegnen würde. Aber du hast mich wirklich musterhaft durchschaut und bist mir schärfstens in den Weg getreten.

[BM.01_053,04] Aber daß du mich darum schon für einen Teu- (Gottstehunsbei) hältst und ganz reif für die Hölle, davon hat der Herr, der doch offenbar mehr sein wird als du, mir nichts gemeldet. Ich aber halte mich an den Herrn und nicht an dich! Daher werde ich auch tun, was der Herr mir befehlen wird: ich werde dich nur an der weißen Tafel hören, von der mir der Herr angedeutet hat, daß du mich ihren Gebrauch lehren wirst. In allen anderen Dingen aber werde ich dich hören, so ich es wollen werde, so wie bis jetzt.

[BM.01_053,05] Mit deinen Drohungen aber bleibe nur hübsch fein zu Hause. Denn mit ihnen wirst du bei mir sehr wenig ausrichten, da ich mich vor gar nichts fürchte! Das kannst du daraus entnehmen, daß ich auch vor dem Herrn Selbst mir kein Blatt vor den Mund nehme und rede, wie ich fühle und wie mir die Zunge gewachsen ist. Ich aber gehe nun wieder in den Saal zurück. – Das kannst du auch tun, so du es willst; wenn nicht, so tue, was du willst!"

[BM.01_053,06] Nach diesen Worten erhebt sich Bischof Martin völlig und begibt sich schnell in den Saal. Borem folgt ihm ganz freundlich.

[BM.01_053,07] Als beide im Saale sich befinden, bemerkt Bischof Martin sogleich, daß die runde Tafel klein angeschrieben ist. Er geht eilends hinzu und versucht zu lesen, was dort geschrieben steht. Aber er vermag es nicht; denn er kennt diese Schrift nicht, die da aussieht wie Hieroglyphen. Darum fängt er sich von neuem an zu ärgern und spricht:

[BM.01_053,08] (Bischof Martin:) „Können denn die Himmelsschreiber nicht auch eine solche Schrift schreiben, die unsereiner selbst lesen könnte, ohne darum einen Dolmetscher kommen lassen zu müssen? Denn jemandem in einer unbekannten Schrift schreiben, heißt geradesoviel, als mit einem Deutschen chinesisch reden zu wollen! Wozu das etwa gut sein wird oder kann?"

[BM.01_053,09] Fällt ihm Borem ins Wort: „Freund, gerade dazu, wozu bei euch auf der Welt der ausschließliche dogmatisch-lateinische Ritus gut ist! Denn da versteht auch niemand etwas, außer er ist dieser heidnischen Zunge mächtig. Damit auf der Erde aber ja niemand verstehen solle, was da in dem sogenannten gottesdienstlichen lateinischen Ritus vorkommt, so er auch der lateinischen Zunge mächtig wäre, muß während der Messe mit Orgeln, Pauken und Posaunen ein unbändiger Lärm geschlagen werden. Dies, damit ja niemand etwas vernehme, was da alles gebetet oder geplärrt wird. Ansonsten aber diese Messe still gemurmelt wird, damit davon auch niemand etwas verstehe! Sage, ist das nicht auch unsinnig – und ist doch bischöflich!?

[BM.01_053,10] Wie magst du dich nun als ein solchen Unsinn gewöhnter Mann darüber ärgern, so du auf den ersten Augenblick diese Schrift nicht lesen kannst? Siehe nur deutlicher und genauer auf die Tafel! Vielleicht entdeckst du darauf auch einige lateinische Brocken, mit den zwölf Himmelszeichen mystisch untermengt! Siehe, oben im Anfang lese ich wenigstens recht deutlich: ,Dies illa, dies irae!‘"

[BM.01_053,11] Bischof Martin beschaut die Tafel nun genauer, erschaut dasselbe und fragt, was das bedeute.

[BM.01_053,12] Borem aber spricht: „Bist doch ein Lateiner; wirst dir's wohl übersetzen können! Lies nur weiter, es stehen schon noch mehr solcher Brocken da oben! Wenn du fertig bist, dann komme und frage!"

[BM.01_053,13] Bischof Martin heftet nun sein Gesicht intensiver auf die Tafel und ersieht die Worte: ,Requiescant in pace, et lux perpetua luceat eis!‘, und wieder weiter: ,Requiem aeternam dona eis, domine!‘ und wieder weiter: ,Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris‘ und noch eine Menge dergleichen höchst unsinniger Brocken mehr. Nachdem er alle durchgelesen, wendet er sich an den Borem wieder und fragt ihn sichtlich aufgeregt:

[BM.01_053,14] (Bischof Martin:) „Nun, was soll's da mit diesem Zeug? Was bedeutet das? Warum steht es hier? Soll das etwa gar eine Art Stichelei auf meine irdische Würde sein, die ich getragen habe?"

[BM.01_053,15] Spricht Borem: „O nein, Freund, das nicht im geringsten! Das alles steht bloß darum da, um dir zu zeigen, wieviel Narrheit noch in dir steckt. Deshalb stehst du auch noch in deiner bald nach deinem Tode mit dem Bischofspallium vertauschten Bauernkleidung da, von der dir aber die Oberjacke mangelt, weil du sie freiwillig mir gespendet hast, da ich nackt im Hause des Herrn mich befand. Du weißt, bei welcher Gelegenheit! Damit dir aber auch diese nicht fehle, kannst du sie wieder zurücknehmen. Siehe, dort unter der Tafel liegt sie wohlgereinigt und ordnungsmäßig zusammengelegt. Nimm sie und ziehe sie wieder an, auf daß es dir leichter wird, die Fülle deiner Torheiten einzusehen!

[BM.01_053,16] Hat der Herr dir auch die endlose Gnade erwiesen und dir das Gift der Bosheit genommen, so blieb dir aber noch die große Torheit. Wenn sie von dir recht genährt wird, kann sie in die barste Bosheit übergehen und dich stürzen in ein gräßliches Gericht. Denn wisse: Solange du im Geiste nicht völlig wiedergeboren bist, bist du vor der Hölle nicht im geringsten sicher! Damit du aber solcher Kalamität entgehen möchtest, soll dir hier alle deine große Torheit gezeigt werden, an der du noch überstark hängst und von der der Herr Selbst dich nicht befreien möchte, ohne dich zu richten."

[BM.01_053,17] Spricht der Bischof Martin etwas nachdenklich: „Nun, wenn so, da ziehe ich pro primo meine Jacke wieder an, damit ich nicht aussehe wie ein Hausknecht, sondern wenigstens so gut und ehrlich wie ein Bauer. Und pro secundo zeige, du nun schon überweiser himmlischer Buchhändler, meine vermeintlichen Torheiten, die ich von der Schrift dieser Tafel erkennen soll. Aber ich kann sie darum wahrlich nicht erkennen, weil alle diese Sätze sicher für jedermann ernst und zugleich sehr weise sind, indem sie alle von so erhaben weisen Kirchenvätern herrühren, daß wir beide deren Schuhriemen aufzulösen noch lange nicht wert sind – und wahrscheinlich auch ewig nie sein werden!"

[BM.01_053,18] Spricht Borem: „Nun gut, so höre! Wo und was ist denn der Tag des Zornes, des Gerichts? Wer wird da zürnen und wer richten? Meinst du, Gott ist ein Gott des Zornes und ein Gott des Gerichtes? O nein! Siehe, Gott ist die reinste und höchste Liebe Selbst, der von Sich Selbst aussagte: ,Ich komme nicht, zu richten die Weit, sondern selig zu machen jeden, der an Mich glaubt, und der Mich liebt!‘

[BM.01_053,19] Wohl spricht der Herr von einer Erweckung am jüngsten Tage, der jedoch bei jedem gleich nach seines Leibes Tode anfängt. Aber von einem Gerichte spricht Er nur also: ,Jeder aber hat in sich schon, das ihn richten wird, nämlich Mein Wort!‘ Wenn aber so das Wort des Herrn lautet, wo ist dann dein ominöser Dies irae, dies illa? Das hieße offenbar besser: ,O Tag meiner nackten Torheit und meiner grellen Bosheit!‘"

[BM.01_053,20] Spricht Bischof Martin: „So du diese Texte so gut in Anwendung bringen kannst und es nach deiner Meinung kein letztes allgemeines Gericht gibt: wie verstehst du hernach jene Texte, die eben, aus des Herrn Munde gehend, von der erschrecklichen Wiederkunft des Herrn als unerbittlichsten Richter die allerunzweideutigste Kunde geben? Wo der Herr die Vorzeichen schon an und für sich als überfürchterlich bezeichnet, als da sind große Trübsal, Teuerung, Hungersnot, Kriege, Volksaufstände, Erdbeben, Erscheinen des Zeichens des Menschensohnes am Firmamente, das Aufsteigen und Fallen des Antichrist, die Verfinsterung der Sonne und des Mondes und das Herabfallen aller Sterne vom Himmel. Und wo Er endlich die allerschrecklichste Vorbereitung zum jüngsten Gerichte und am Ende das erschrecklichste Gericht selbst beschreibt: wie die fluchwürdigsten Ketzer, Hurer und Ehebrecher zu allen – Gottstehunsbei werden fahren müssen unter Begleitung von Milliarden Blitzen, die aus dem Munde der Auserwählten und Engel Gottes als ein gerechter Fluch über all die zahllosen, gleich dir verdammlichsten Ketzer ausgehen werden?

[BM.01_053,21] Sage mir nun, du übermütig weiser Buchhändler, wie erklärst du dieses? Bin ich da auch dumm, töricht und boshaft noch obendarauf, wenn ich diesen Worten Gottes glaube?"

[BM.01_053,22] Spricht Borem: „Heuchler, wie lange wohl ist es, daß du Christus halbwegs für Gott hältst – bei der leisesten Versuchung aber wieder abfällst wie ein dürres Laub vom Baume! Ich sage dir, hättest du dein ganzes Erdenleben hindurch diesen Worten Christi auch nur den geringsten materiellen Glauben bezeigt, so stündest du hier schon lange in einem andern Gewande. Aber da du weder den äußern Buchstabensinn des Evangeliums und noch viel weniger den innern, geistigen Sinn gläubig und darnach tätig angenommen hast, so stehst du noch da als einer, der beim Anblick all dieser endlosen Wunder Gottes und beim Anhören von tausend weisesten Lehren aus dem Munde Gottes Selbst der alte, unverbesserliche Stock bleibt!

[BM.01_053,23] Wer kennt sich denn aus bei dir, und wer kann und mag dich leiten? Denn so du einmal einen Glauben und irgendeine Demut zeigst, da bist du schon im nächsten Augenblicke ein Wesen, an dem statt des Glaubens höchstens eine gleisnerische Heuchelei und statt der Demut und Liebe der allerbarste Hochmut und Haß nur zu grell ersichtlich wird!

[BM.01_053,24] Meinst du wohl, meine weiseste Lehre wird dir etwas nützen? O, ich kenne dich! Was hat dir des kleinen Mondweisen wirklich weiseste Lehre genützt? Siehe, du wurdest darob sogar in der sichtbaren Gegenwart des Herrn nur stets erboster, je weiser dir der Mondpriester Piramah entgegenkam. Gebe ich dir nun auch die gründlichste Belehrung auf deine deinen Stolz nährende Frage, so wirst du darob nicht besser, sondern nur erboster und schlechter.

[BM.01_053,25] Darum sollst du von mir so lange keine Lehre und Weisung mehr bekommen, solange du so verbleiben wirst wie du jetzt bist! Damit ich dir aber von nun an keine Gelegenheit zum Ärger mehr gebe, so verlasse ich dich nun im Auftrage des Herrn. Du kannst von nun an frei machen, was du willst. Nur bedenke, daß dir von hier aus beide Wege, zum Himmel wie auch zur Hölle gleich offen stehen nebst der damit verbundenen Erklärung, was im Evangelium tatsächlich gesagt ist über die Erscheinungen der letzten Zeit!"

[BM.01_053,26] Nach diesen Worten verschwindet Borem und Bischof Martin ist nun ganz allein, sich selbst vollkommen überlassen. Nun erst kommt es darauf an, was er tun wird, und wie er alle die weisen Lehren bei und in sich behandeln wird.

[BM.01_053,27] Bischof Martin ruft zwar nun ganz gewaltig nach Borem, aber dieser meldet sich nimmer. Er ruft auch nach dem Herrn und nach Petrus; aber auch von diesen meldet sich nirgends etwas. Er läuft nun wieder zur Merkurtüre und sieht diesen Planeten wohl, jedoch in einer großen Ferne. Er geht zur Tür, durch die er früher bei Nr. 1 die schöne Lämmerherde erschaut hatte, ersieht durch diese Türe aber nichts als jene ziemlich öde Wiese, auf der er diese schönste Herde zum erstenmal erschaut hatte, versehen mit dem Verzeichnisse ihrer Namen.

[BM.01_053,28] Darauf läuft er auch alle andern Türen ab und ersieht wohl die Sonne, die andern Planeten und den Mond, alles das aber in großen Entfernungen wie naturmäßig von der Erde. Nur der Saal allein steht noch in seiner vorigen Gestalt da, in dessen Mitte die schon oft berührte Tafel und neben ihr der astronomische Mechanismus.

[BM.01_053,29] Aber diese Gegenstände gefallen unserm Bischof Martin nicht. Daher begibt er sich nun zur Ausgangstür und will in das Haus des Herrn eilen, doch auch dieses ist unsichtbar geworden! Da er auch dieses nicht mehr erschaut und der kleine Garten um sein Haus sehr öde aussieht und ihn zu keinem anmutigen Spaziergange einlädt, begibt er sich ganz verzweifelt wieder in sein Haus, wo er alles gleich und unverändert antrifft.

[BM.01_053,30] Da steht er eine Weile wie eine Säule vor der weißen Tafel, die auf einer Seite leer und auf der andern Seite noch mit den eben angeführten lateinischen Versen angeschrieben ist. Als ihm da die Zeit zu langweilig wird, bewegt er sich einige Schritte vorwärts gegen den astronomischen Mechanismus und fängt wieder die Erde zu betrachten an. Aber zu reden getraut er sich nicht, weil er jetzt zu merken anfängt, daß es mit ihm ganz sonderlich zu stehen beginnt.

 

54. Kapitel – Martins Selbstgespräch. Eine Kritik der Kirchen. Die Entdeckung einer Vesperecke.

[BM.01_054,01] Nach einer Welle von irdischen zwölf Stunden, nachdem er den geistig kunstvollen Erdglobus ganz durchmustert hatte und niemand mehr zu ihm kam, begann er wieder folgendes Gespräch mit sich zu führen:

[BM.01_054,02] (Bischof Martin:) „So, so – da hätte ich nun wieder einmal die Erde beschaut und muß sagen, da geht es schändlich zu! Nein, diese Betrügereien, diese Falschheiten, diese Bosheiten, diese schändlichste Politik und diese namenlosen Grausamkeiten, die da in allen Zonen verübt werden! Das ist wahrlich sogar alle englischen Begriffe übersteigend!

[BM.01_054,03] Nein, man muß einen barsten Ekel vor allem Leben bekommen, so man auf der Erde diese schändlichsten Ausartungen so recht ins Auge faßt! Inmitten der schreiend größten Wunder Gottes haben so viele Millionen Menschen nahezu keinen Begriff von Ihm und handeln auf eine so eigentümlich herrschsüchtige Art, als wollten sie im Ernste ewig leben auf einer Welt, der doch Milliarden Siegel des Todes von allen Seiten her aufgedrückt sind. Wahrlich, das ist doch sonderbar, sonderbar! Ich bin wohl auch noch ein ziemliches Stück Vieh; aber was zu toll ist, das ist zu toll!

[BM.01_054,04] Meine römischen Genossen halten wohl Konklave und Konzilium. Aber der Grund davon ist nicht der Herr und der Geist der Lehre des Evangeliums, sondern lediglich die allerstinkendste Herrschgier, die da verborgen beratet, durch welch schändlichste Mittel sie am ehesten zu ihrem Zwecke gelangen könnte!

[BM.01_054,05] Desgleichen trachten auch die Evangelischen, durch die Macht der reinen Vernunft bald über die ganze Erde zu siegen und ihr dann neue Gesetze vorzuschreiben, die auch mehr zum Besten der Gesetzgeber als zum Besten der Gesetzempfangenden gerichtet sind.

[BM.01_054,06] Die hohe bischöfliche Kirche Englands bemüht sich auch auf das kräftigste, die Lehre vom Geben durch allerlei schändliche Mittel unter ihre Gemeinde auszubreiten. Aber sie selbst gibt keiner toten Katze auch nur ein Loch zum nötigsten Einscharren!

[BM.01_054,07] Kurz und gut, auf der Erde geht es wirklich schon so zu, daß es offenbar in der Hölle nimmer ärger zugehen kann. Weg daher mit dir, du schändliche Welt! Wer vorher nicht schlecht war, der muß ja schon schlecht werden, so er dich nur ansieht – geschweige erst, so er auf deinem Boden bei fünfzig Jahre selbst das Amt eines römischen Bischofs ausgeübt hat!

[BM.01_054,08] Ich bin auch wirklich ein sehr schlechtes Luder von einem Geiste hier in diesem Pseudohimmelreiche; aber, was kann ich da tun? Vielleicht wird sich meine Bosheit doch etwa in 2000 wirklichen Jahren legen, so alles Irdische aus mir verraucht sein wird? O ich Vieh, ich Vieh!"

[BM.01_054,09] Nach diesem Selbstgespräche wird der Bischof Martin wieder still und überlegt bei sich, was er nun tun solle; aber es fällt ihm nichts so recht Gescheites ein.

[BM.01_054,10] Nach längerem Simulieren fällt ihm endlich ein, daß er die schönen Galerien dieses seines Hauses noch nicht durchsucht und besichtigt habe. Er fängt daher den Aufgang zu suchen an, um auf diese zu gelangen. Aber dieser ist verborgen, so daß er ihn nicht finden kann. Er begibt sich darum hinaus und sucht außerhalb seines Hauses den Aufgang. Auch da aber ist nirgends eine Spur von irgendeinem Aufgange in die Galerien!

[BM.01_054,11] Es kommt ihm überhaupt sehr komisch und unbegreiflich vor, daß sein Haus von innen eine so übergroße Halle darstellt, während es von außen nicht viel größer und ansehnlicher aussehe als auf der Erde irgendein Eremitenhäuschen. Auch wundert es ihn nicht wenig, daß er außerhalb dieses seines Gartenhauses keine Spur von den zwölf inneren Seitengemächern entdeckt, während diese im Innern des Hauses doch eine so wunderbare Rolle spielten.

[BM.01_054,12] Da er sich aber eine Zeitlang außerhalb seines Hauses aufhält und nichts von all dem findet, was er so gerne finden möchte, geht er darauf etwas verdrossen in seinem kleinen Garten eine Zeitlang umher und findet einige unansehnliche Beeren, die er alsbald abbrockt und verzehrt, da es ihn ein wenig zu hungern beginnt. Aber diese Kost schmeckt ihm gerade nicht am besten, daher er davon eben nicht zu viel genießt. Er sucht zwar noch eine kleine Zeit herum. Da er aber nichts findet, geht er wieder in sein Haus und gibt da auch auf, die Galerien dieses seines Hauses fernerhin besteigen zu wollen.

[BM.01_054,13] Im Hause geht er wieder an die weiße Tafel und beschaut sie von vorne und von rückwärts, findet aber noch keine Veränderungen an ihr: auf der Vorderseite ist sie noch leer, und auf der Rückseite gegen den astronomischen Mechanismus stehen noch die früheren lateinischen Verse darauf, also für unsern Bischof Martin nichts Interessantes. Er begibt sich daher wieder zu einer Tür, und zwar zu jener der Sonne. Er öffnet sie und schaut durch diese die sehr ferne stehende Sonne und ergötzt sich wenigstens an ihrem Lichte, da er sonst nichts entdecken kann.

[BM.01_054,14] Nachdem er ungefähr ein paar Stunden lang, nach der Rechnung seines Gefühls, da hinausschaut, fängt er nun wieder mit sich folgendes Gespräch an:

[BM.01_054,15] (Bischof Martin:) „Die Erde ist wohl im ganzen genommen ein Narrenhaus, aber so dumm ist sie denn doch nicht wie diese angebliche himmlische Welt. Denn was auf der ist, das ist es und bleibt es auch, oder kommt wenigstens als Gleiches wieder zum Vorschein.

[BM.01_054,16] Die Sterne am Firmament sind stets dieselben – ein Haus bleibt sich so lange gleich, bis man es abgerissen und ein anderes an seine Stelle gesetzt hat. Hier aber ist alles wie ein dummer Traum nur! Man hat es einmal gesehen. Kehrt man sich jedoch dann um und möchte es wiedersehen, etwa von einer andern Seite, dann ist keine Spur mehr da von alledem, was man früher gesehen hatte von einer Seite.

[BM.01_054,17] Man nehme jetzt nur diese Tür, durch die ich nun in eine viele Millionen Meilen weite Entfernung hinausschaue! Wo ist sie, so ich außerhalb des Hauses sie suche? Keine Spur ist von ihr irgend anzutreffen!

[BM.01_054,18] Hier ist gleich außerhalb der Türstöcke ein unermeßlicher, dunkelblauer leerer Raum bestimmt erschaulich, in dessen tiefster Tiefe die liebe Sonne in der Größe eines kleinen Tellers prangt. Kommt man aber auf diese Stelle außerhalb dieses Hauses, so sieht man weder von einer Tür und noch weniger von einer Sonne etwas. Wie ist denn das? Was ist das?

[BM.01_054,19] Wahrlich, wer sich da auskennt, der muß offenbar mehr als bloß das Einmaleins verstehen. Oder er muß notwendig noch ein größerer Esel sein als ich, der ich doch wenigstens noch einzusehen scheine, daß das alles bloß nur leerer Sinnentrug ist. So würden auch alle Gelehrten der Erde sicher die Hände über dem Kopfe zusammenschlagen, würde man ihnen sagen, daß man hier in Häusern wohnt, die von außen bei weitem kleiner sind als von innen.

[BM.01_054,20] Oh, das sind Sachen, wer da nicht ein Narr wird, der wird es wohl ewig nimmer! Was soll ich aber nun tun? Hier bleiben?! Das ist eine ganz fatale Geschichte, – allein, und nichts zum Essen haben!

[BM.01_054,21] Es ist freilich sonderbar, daß man auch als ein Geist in dieser sozusagen himmelreichischen Geisterwelt empfindlich hungrig und durstig wird; aber es ist einmal so. Also hungrig, durstig, und nichts zu essen, nichts zu trinken! Das ist ja ganz verzweifelt lustig! Und doch wird nichts anderes zu tun sein, als leider hierzubleiben, wo es doch noch in dem kleinen Garten einige schlechte Beeren für die äußerste Not zum Verzehren gibt.

[BM.01_054,22] Aber halt, jetzt fällt mir etwas ein, hol's der Kuckuck! Hier außerhalb dieser Sonnentür ist nun ja ein endloser freier Raum! Was könnte einem denn wohl geschehen, so man da in diesen endlosen Raum hinausspränge? Denn es ist abwärts wie aufwärts nichts, also frei!

[BM.01_054,23] Wenn ich nun den Kopf hinausstecke über die Türstöcke, da sehe ich von dem Hause nichts: auch nicht die leiseste Spur von einer Wand, einem Dache und irgendeiner Grundfeste. Kurz, es ist alles leer. Nur wenn ich wieder den Kopf hereinziehe, dann sehe ich wieder meinen Saal, wie er sich mir bis jetzt noch immer gezeigt hat. Also, von einem Loch in den Kopf schlagen kann da durchaus nicht die Rede sein, da gibt es ewig nirgends einen Gegenstand, auf den man fallen könnte. Und gäbe es auch so etwas, so bin ich ja ein Geist, dessen Gewicht hübsch luftig sein dürfte! Daher nur mutig hinausgesprungen; wer weiß, was ich bei dieser endlosen Luftfahrt alles für Erfahrungen machen werde!

[BM.01_054,24] Aber, halt! Mir fällt nun noch etwas Besseres ein! Warum sollte ich denn in diesen hohlen Sonnenraum hinausspringen? Ich habe ja bei der Türe Nr. 1 jene mir bekannte Wiese gesehen. Wie wäre es denn, so ich auf derselben einen Spaziergang versuchte?! Vielleicht käme ich da irgend mit den schönen Lämmern zusammen? Gut, gut, dieser Gedanke ist besser; daher nur zur Türe Nr. 1!

[BM.01_054,25] Schau, schau, da bin ich ja schon; es ist richtig Nr. 1! Aber wo ist denn die Wiese? Schau, die ist schon weg; ich sehe nichts als einen sehr dichten, grauen Nebel! Stellt sich denn dieser Spätherbstgast der Erde zuweilen auch hier in der Geisterwelt ein? – Warum denn nicht? Gibt es doch himmlische Wolken, warum sollte es da nicht auch einen himmlischen Nebel geben! Aber hinausgehen werde ich nun doch nicht. Denn man kann eigentlich nicht wissen, wem alles man in solch einem Nebel begegnen könnte!

[BM.01_054,26] Wie wäre es denn, so ich durch die Merkurstüre so einen wahren Salto Mortale versuchte? Vielleicht käme ich da mit der Zeit mit diesem Planeten in nähere Berührung und dadurch vielleicht gar auch mit der schönen Merkurianerin, auf die ich – Gott verzeih mir meine Sünden! – eine wahre, wie man im gemeinen Leben zu sagen pflegt, Vieh-Passion habe! Oh, oh, oh, – von der nur so einen halben Kuß und ein wenig Busenbetastung! Oh, oh, oh, das müßte ja eine wahre Götterlust sein! Also nur zur Merkurstüre! Ist sogleich die nächste an dieser.

[BM.01_054,27] Da bin ich schon! Das ist die Türe; aber sie ist zu! Werde sie aufmachen! – Wa – wa – was ist denn das?! Ah, das ist nicht übel! Die Tür ging auf, und statt der Aussicht in die weite Merkursphäre sehe ich einen mit Speisen reich besetzten Wandkasten! In der untern Etage ist auch eine ganz schöne Batterie von Weinflaschen aufgestellt! Ja, wenn so, da bleibe ich offenbar ohne weiteres hier! Lebe wohl, schöne Merkurianerin! Lebe auch du, unendlicher Sonnenraum, sehr wohl; denn da ist mir diese enge, wohlbesetzte Tafel um sehr vieles lieber!

[BM.01_054,28] Wahrlich, das ändert meine ganze Gesinnung! O Du mein lieber Herr Jesus, das ist sicher Dein Werk! Oh, nun sind wir wieder ganz ausgesöhnt, du mein liebster Buchhändler. Komm her, auf daß ich dich umarme! – Du kommst zwar nicht, aber das macht nichts, ich habe dich darum doch von Herzen lieb! Nun aber will ich gleich so eine Kommunion halten im Namen des Herrn!"

 

55. Kapitel – Vom Hunger und Durst unreifer Geister. Martin im angeheiterten Zustand nach seinem Vespermahl. Die Ernüchterung des unternehmungslustigen Martin durch den erzürnten Jupitler.

[BM.01_055,01] Nach diesen Worten macht sich Bischof Martin sogleich über ein gutes Stück Brot her und verzehrt es mit einem starken Appetit. Denn so irgendein Geist sich eine Weile von Mir abgewandt hat, wird er bald sehr hungrig und durstig. Und bekommt er dann, so er ein wenig wieder in sich geht, etwas zu essen, verzehrt er es mit großer Gier, desgleichen auch den Trank. Diese Gier zeigt aber eben auch, wie leer der Geist in seinem Innern ist und daher von ihm noch lange nicht viel Ersprießliches zu erwarten ist – was sich bei unserem Martin sogleich zeigen wird.

[BM.01_055,02] Nachdem er nun das Brot verzehrt hat und darauf auch eine gute Flasche Wein, wird er sehr lustig, dabei aber noch mehr sinnlich. Denn auch die Geister, wenn sie nicht aus Mir und durch Mich wiedergeboren sind, können sich berauschen, in welchem Zustande sie dann oft ganz dumm sinnlich ausgelassen werden und ihre Freiheit dabei sehr mißbrauchen.

[BM.01_055,03] Als unser Bischof die Flasche geleert hat, macht er den Wandkasten zu, damit sein Vorrat nicht verderbe nach seiner Idee. Dann geht er hinaus ins Freie und spricht zu sich selbst:

[BM.01_055,04] (Bischof Martin:) „Gott sei Dank, nun hätt' mein schon sehr hungrig gewordener Magen auch endlich wieder eine kleine Arbeit bekommen. Ich aber will nun in diesem meinem Gärtchen ein wenig herumschlendern und frische Luft einatmen.

[BM.01_055,05] Ja, ja, die frische Luft nach einer Mahlzeit ist bei weitem besser als der dumme schwarze Kaffee, und, das muß ich sagen, die Luft dieses Gärtchens ist wirklich das Beste an ihm.

[BM.01_055,06] Der Wein aber war schon auch so ein rechter Mondtropfen! Sapprament! Ist eigentlich nur so ein schwaches Halberl gewesen, aber ich g'spür ihn – was schon sehr viel sagen will, wenn ich einmal so ein Halberl g'spür! Bin zwar nicht rauschig, aber ich g'spür ihn ganz ordentlich!

[BM.01_055,07] Wenn in diesem Gärtchen nur so ein Bänkchen wäre, auf das man sich ein wenig niedersetzen könnte! So einem die Füße so ein wenig zu wackeln anfangen, da wäre dieses Gärtchen nicht zu verachten. Aber da gibt es nichts dergleichen und der Boden sieht eben auch nicht zu appetitlich aus!

[BM.01_055,08] Ich werde an die Umzäunung des Gartens mich begeben, mich dort ein wenig anlehnen und einmal betrachten, was ich denn so ganz eigentlich für eine Nachbarschaft habe, oder ob ich eine habe! Denn von irgendeiner Landschaft ist hier wohl keine Spur zu entdecken, sondern die ganze Gegend gleicht einer Sandwüste, über der noch dazu ein grau umwölkter Himmel ein sehr düsteres und unfreundliches Gesicht macht. Also nur an den Zaun hin; wer weiß, was sich über denselben alles wird erschauen lassen!

[BM.01_055,09] Sapperment, sapperment, ich sage es, 's Wein'l g'spür ich! Aber nur an den Zaun!

[BM.01_055,10] Aha, da bin ich schon! Ahh, die Aussicht ist prächtig! Da sieht man gar nichts! Dieser Garten samt meinem Palais royal scheint so eine Art Schiff zu sein, das da auf den Wogen der Unendlichkeit herumschwimmt, wo es mit irgendeiner Nachbarschaft verzweifelt schlecht aussieht. Ich bin also nun ganz allein, vollkommen allein bin ich, und das wird ein wenig verflucht sein – und verdammt obendarauf!

[BM.01_055,11] So, so, so – das ist nicht übel! Ich kann also wirklich nirgends hin, über dieses Gärtchen nicht eine Spanne weit? Oh, das ist ja ganz verflucht! Ich bin also so ganz geheim verflucht?! Deswegen also solche Sentenzen auf der weißen Tafel? Deswegen also richtig dies irae, dies illa? Da werde ich nun einstweilen bis zum jüngsten Tage – requiescam in pace. Dann aber wird über mich erfolgen die allerschönste ewige Verdammnis! O wehe, o wehe mir Armen!

[BM.01_055,12] Wenn ich nur beten könnte, so einen Rosenkranz nach dem andern und eine heilige lauretanische Litanei nach der andern, die von großer Kraft und Wirkung ist, da könnte mir vielleicht doch noch geholfen werden. Aber ich kann nicht beten, und es kommt mir auch vor, als wollte ich's nicht, wenn ich's auch könnte! Ich kann höchstens noch herausbringen: ,Herr, erbarme Dich meiner; Christe, erbarme Dich meiner; Herr, erbarme Dich meiner!‘ Weiter aber geht es auf keinen Fall!

[BM.01_055,13] Ja, was schaue ich denn aber auch da in dieses dümmste Nichts hinaus? Zurück mit dir ins Haus! Da werde ich mich wieder an die Sonnentüre hinmachen, von der man doch wenigstens die schöne Sonne sieht! Oder – halt! Ich gehe einmal an die Mondtüre! Vielleicht treffe ich da meinen Mondweisen; der soll mir anzeigen, was ich zu tun habe, um möglicherweise vielleicht doch in ein etwas besseres Los zu gelangen! Also nur ins Haus hinein und da an die Mondtür! –

[BM.01_055,14] Da wär' ich wieder! Schau, das Innere dieses Hauses sieht noch überaus herrlich aus; es bleibt sich gleich! Ah, da bleib' ich von nun an ununterbrochen im Hause, es ist wirklich hier sehr angenehm! Aber nun an die Mondtür!

[BM.01_055,15] Holla, da wäre ich bald hergefallen! Du Wein'l du; das will noch nicht so recht aus dem Kopf heraus. Aber das macht nichts. Da ist schon die Mondtür und offen auch noch dazu! Aber – o du verzweifelter Kerl von einem Mond – wie weit steht er von hier! Da wird sich mit dem Mondweisen eben nicht viel reden lassen! Ist zwar gerade Vollmond, aber er steht ja von hier noch weiter als von der Erde ab, da ist also nichts!

[BM.01_055,16] Werde mich einmal aber an den Jupiter machen; vielleicht ist der nicht gar so g'schämig wie der keusche Mond?

[BM.01_055,17] Da ist schon die Pforte zum großen Jupiter! Schau, diese ist zu! Werde sie aufzumachen versuchen! Hephata (tue dich auf)! Da siehe einmal, die ging leicht auf! Und, Gott sei Dank, dieser Großmogul unter den Planeten ist wirklich ganz nahe da; ja er kommt stets noch näher! O Gott sei Dank, da werde ich etwa doch einmal zu einer respektabeln Menschengesellschaft gelangen!

[BM.01_055,18] Richtig, richtig, da kommt schon einer gerade auf mich zu, und nun ist der Planet auch völlig da! O Gott, o Gott, was sind das für furchtbar weite Ausdehnungen der Ländereien! Nun kommt es mir vor, als stünde mein Haus selbst auf dem Boden dieses Riesen der Planeten!

[BM.01_055,19] Der schöne, große Mann steht mir zwar gerade vor dem Gesichte und ist ein Riese. Aber er scheint mich nicht zu bemerken, weil er sich gar nicht nach mir umschaut! Werde einmal in seine Sphäre treten – vielleicht wird er mich dann wohl erschauen?"

[BM.01_055,20] Bischof Martin tritt nun in die Sphäre des Jupitlers. Dieser ersieht ihn und fragt ihn sogleich:

[BM.01_055,21] (Der Jupitler:) „Wer bist du, der du es wagst, dich mir zu nahen voll Schmutz und Unflat, voll Trug und voll Hurerei: lauter Schändlichkeiten, die meiner großen Erde völlig unbekannt sind? Meine Erde ist ein reines Land und würde gewaltigst erzürnt werden, so sie von dir länger betreten würde. Daher weiche zurück in dein Schmeißhaus, wo du fressen und huren kannst im Vollmaße deiner Schändlichkeit – oder ich zerreiße dich!"

[BM.01_055,22] Bischof Martin macht nun einen Satz ins Innere seines Hauses, wirft eilends die Tür hinter sich zu und sagt zu sich: „Gehorsamer Diener – den Kerl könnte ich gerade noch brauchen als Zugabe zu meinem Elende! Lebe wohl, Herr von Jupiter, wir sind für ewig quitt! Nein, das ginge mir gerade noch ab! Zerreißen? Ganz gehorsamer Diener! Da habe ich's letzte Mal hinausgeschaut!"

 

56. Kapitel – Martins vergeblicher Versuch zu schlafen. Überraschung durch eine Schar Unglücklicher, deren sich Martin erbarmt.

[BM.01_056,01] (Bischof Martin:) „Aber was fange ich jetzt an, wo wende ich mich nun hin? Gehe ich etwa zur Tür des Mars, der Venus, oder soll ich zu den Türen des Saturns, des Uran, des Miron (der neu entdeckte Planet Neptun) oder der mehreren kleinen Planetchen hingehen? Am Ende begegnet mir noch Gröberes, noch Unverschämteres! Was dann? Denn von einer ,Gegenwehr‘ von meiner Seite kann da keine Rede sein, wo ich's weder mit der Kraft noch mit der Weisheit mit jemandem aufnehmen kann!

[BM.01_056,02] Ich bleibe sonach für die Zukunft von allen Türen ferne und werde mich in irgendeinen Winkel hinmachen und da gleich einem Igel zusammenkauern und versuchen, ob es denn da nicht möglich ist, zu einem Schlafe zu kommen. Läßt sich das nicht tun, so will ich wenigstens ganz unbeweglich liegenbleiben in alle Ewigkeit und werde keine Nahrung nehmen und auch kein Wort mit jemandem mehr verlieren – möge da kommen, wer da wolle! Kurz und gut, ich werde tot sein für jedermann, sogar für die schöne Merkurianerin! Also alles Gott befohlen von nun an!

[BM.01_056,03] Weil ich nicht aufhören kann zu sein, so will ich mich aber dennoch in eine Ruhe begeben, aus der mich kein Gott mehr erwecken soll. Dort seh' ich schon so ein Plätzchen. Nur hin – dort will ich liegenbleiben in alle Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen."

[BM.01_056,04] Bischof Martin begibt sich nun wirklich hin in eine Nische zwischen den Pfeilern, die die Galerie tragen. Er legt sich da hinein, ganz zusammengekauert, und versucht zu schlafen: aber natürlich – mit dem Schlafe geht es da nicht. –

[BM.01_056,05] Nachdem er aber ungefähr nach irdischer Zeitrechnung bei zwei Stunden liegt, entsteht außerhalb des Hauses ein großes Getöse, etwa wie das eines sehr heftigen Orkans, unter dem sich Menschenstimmen vernehmen lassen also, als suchten sie Hilfe.

[BM.01_056,06] Als solches Bischof Martin vernimmt, da erhebt er sich blitzschnell und sagt: „Ah, das ist was anderes; bei so was kann man nicht ruhig verbleiben. Da kann auch von meiner mir vorgenommenen ewigen Ruhe keine Rede sein. Nur schnell hinaus! Das sind Notleidende, denen muß geholfen werden!"

[BM.01_056,07] Mit diesen Worten springt der Bischof eiligst hinaus und ersieht außerhalb seines Gärtchens wirklich eine Menge wie verfolgter Geister, die da Hilfe und Rettung suchen. Bei diesem Anblicke eilt er zum Gartenpförtchen, macht es auf und ruft allen den Verfolgten zu:

[BM.01_056,08] (Bischof Martin:) „Hierher, hierher, ihr Freunde, ihr lieben Brüder alle – hier ist ein sicherer Ort! Hier seid ihr vor jeglicher Verfolgung sicher. Und so es euch hungert und dürstet, wird sich auch noch Rat schaffen lassen! Kommt sonach nur alle herein! Wie viele sind euer an der Zahl?"

[BM.01_056,09] Spricht einer zunächst am Martin: „Wir sind unser bei Tausend an der Zahl, lauter elendeste arme Teufel! Wir sind der Hölle entlaufen und irren nun schon eine halbe Ewigkeit in dieser schrecklichen, endlosen Wüste herum und finden weder Dach noch Fach, da wir uns verbergen und nur ein wenig erholen könnten. Ach, ach, ach, das ist ein schreckliches Los, ewig ohne Ruh' und Rast verfolgt zu werden! Hast du, Edler, aber irgendeinen Winkel, der uns nur einige sichere Ruhe gönnen könnte, so nimm uns alle auf und rechne auf unsere Dankbarkeit."

[BM.01_056,10] Spricht Bischof Martin: „Freund und Freunde! Hier ist das Pförtlein – kommt, kommt, kommt nur alle herein! Mein Haus sieht zwar nicht groß aus von außen. Aber ich stehe euch dafür, wir werden alle hinreichend Platz darinnen finden!"

[BM.01_056,11] Nach diesen Worten strömen die Verfolgten nun alle in den Garten und von da ins Haus. Alle sind voll des höchsten Staunens, als sie das Innere des Hauses so überaus herrlich und geräumig finden.

[BM.01_056,12] Der erste umarmt gleich den Bischof Martin und spricht im Namen aller: „O du seligster Freund, wie herrlich ist es bei dir! Es ist das erste Licht seit Milliarden von irdischen Jahrtausenden! Seit wir die Erde verlassen haben, drang kein Lichtstrahl mehr in unsere Augen! O Licht, Licht, Licht, wie endlos herrlich bist du! O Freund, laß uns nimmer von hier ziehen – oh, behalte uns!"

[BM.01_056,13] Spricht Bischof Martin: „Warum nicht gar, ich werde euch von hier lassen? Ich bin ja selbst froh, daß ich an euch eine so reiche Gesellschaft gefunden habe. Ihr bleibet bei mir ewig; macht's euch nur bequem. Ich habe freilich selbst nicht viel zum besten hier in diesem meinem Himmel. Aber was ich habe, das teile ich ja gerne unter euch, und wenn da auch für mich nichts bliebe. Gott sei's gedankt, daß ich endlich einmal eine Gesellschaft gefunden habe!

[BM.01_056,14] Wahrlich, an euch habe ich nun meine größte Freude! Ja, ihr seid mir lieber als alle sogenannten himmlischen Engel Gottes, die in ihrer Glückseligkeit einen armen Teufel eine ganze Ewigkeit vergessen können und gar nicht bedenken können oder wollen, wie es einem Unglücklichen zumute ist. Ich sage euch: Der Herr allein ist gut, das muß ich sagen. Aber alles andere himmlische Gesindel kann mir ewig vom Halse bleiben! Denn dieses hat euch einen Weisheitsdünkel, der für einen geraden, ehrlichen Kerl, wie ich es bin und ihr es sicher alle seid, geradezu stinkt! Aber wie gesagt: Gott, den Herrn Jesus, nehme ich aus! Der ist wirklich gut; ja Er ist sehr gut!"

[BM.01_056,15] Spricht wieder ein anderer aus den tausend: „Ja, ja, du hast recht: Der ist wirklich gut! Ihm alles Heil, so Er irgend Einer ist! Aber auf alles andere Himmelsgesindel halten auch wir alle nichts, dich, lieber Freund, ausgenommen!"

[BM.01_056,16] Spricht Bischof Martin: „Liebe Freunde, bei mir hat der Himmel gute Weile, denn ich stehe mit euch so ziemlich auf einem Punkte. Doch wir haben noch Zeit nachher in Ewigkeit, über unsere Verhältnisse uns nach Muße zu verständigen. Daher wollen wir uns zuerst nach einer Magenstärkung umsehen. Nachher erst wollen wir unseren Herzen den freiesten Lauf gönnen. Kommt nun einige von euch mit mir her zu diesem Wandschrank, da habe ich einen kleinen Vorrat für Hungernde und Dürstende!"

 

57. Kapitel – Die Erquickung der Elenden. Ihr Dank und ihre Klagen über das Erlebte. Die Rede des Geretteten und Martins Antwort.

[BM.01_057,01] Bischof Martin macht nun die Tür auf und findet zu seinem eigenen großen Erstaunen diesen Schrank vollgepfropft mit Brot und Wein. Er spricht zuerst bei sich: „Gott sei Dank – schon meinte ich der Angesetzte zu sein! Denn hier verändert sich ja gleich alles. – (Dann laut zu der Gesellschaft:) Da nehmt und sättigt euch nach Herzenslust!"

[BM.01_057,02] Und alle nehmen davon und essen und trinken; aber der Vorrat geht nicht aus, sondern mehrt sich sichtlich. Die Gesättigten aber loben ihren Wirt über die Maßen und bekommen viel schönere Züge und eine hellere Farbe im Gesichte; nur mit der Kleidung sieht es noch sehr jämmerlich aus.

[BM.01_057,03] Als in kurzer Weile alle die tausend gesättigt sind und ihrem Wirte alles erdenkliche Lob gespendet wird, macht Bischof Martin den Wandkasten wieder zu und spricht zu seiner Gesellschaft: „Höret ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, von denen ich soeben einige als solche erkannt habe. Macht nicht soviel Aufhebens mit euerm Lobe an meine außerordentliche Wenigkeit. Denn seht, mir macht das darum keine Freude, weil ich durchaus nicht der eigentliche Geber bin, sondern nur ein schlechter Austeiler dessen, was ich sicher zu dem Behufe vom Herrn Jesu Selbst unverdientestermaßen erhalten habe.

[BM.01_057,04] So ihr sonach schon jemanden loben wollt, da lobet Jesus, den Herrn! Vorausgesetzt, daß ihr je von Ihm was vernommen habt, – was ich bei euch allen um so weniger voraussetze, da ihr eurer Aussage nach schon eine undenklich lange Zeit hier im Geisterreiche euch befinden müßt. In solchem Falle wäre es aber dann auch nötig, daß ihr von diesem alleinigen Gott und Herrn Jesus irgend einige Notiz nehmen möchtet!"

[BM.01_057,05] Spricht einer aus der großen Gesellschaft: „Freund, du wirst etwa doch nicht den Juden Jesus meinen, der da an den Schandpfahl geheftet wurde mit noch ein paar Raubmördern?"

[BM.01_057,06] Spricht Bischof Martin: „Ja, Freunde, ja, gerade Den meine ich! Dieser ist wirklich Gott und Mensch zugleich! Er ist der Urgrund aller Dinge! Außer Ihm gibt es ewig keinen andern Gott in der ganzen ewigen Unendlichkeit!

[BM.01_057,07] Glaubet mir das, denn ich versichere euch: es hat wohl nie jemanden mehr Mühe gekostet als mich, so etwas anzunehmen! Mit Worten hätten mir das auch alle Erzengel nicht beigebracht. Aber da kam der Herr Jesus Selbst zu mir und lehrte mich durch rein nur Gott mögliche Taten, daß Er es ist: der alleinige Herr der Unendlichkeit! Und so bin ich darin nun ebenso stark, als ich ehedem über alle Maßen schwach war.

[BM.01_057,08] Ich meine, so ihr das beherziget, da kann es euch unmöglich mehr schwer werden, mit mir alles zu teilen, wie die Wohnung und Brot und Wein, so auch meine Überzeugungen!"

[BM.01_057,09] Sprechen mehrere aus der Gesellschaft: „Wie recht, wie recht! Das versteht sich von selbst, wir wollen dir in allem gleichen! Wir haben freilich auf den Jesus bei unsern Lebzeiten eben kein großes Vertrauen gehabt. Und hier in der Geisterwelt um so weniger, weil wir zu hart gehalten wurden und von der göttlichen Milde nirgends auch nicht die leiseste Spur entdecken konnten. Von einem Jesus war daher auch bis jetzt keine Rede mehr, außer daß Er samt uns irgend als ein armer, betrogener Teufel schmachtet und alles verwünscht, was Er je auf der Erde getan und gelehrt hat!

[BM.01_057,10] Aber wenn die Sache sich so verhält, wie du, lieber Freund, sie uns eben mitgeteilt hast, ist uns alles eins. Sei da Gott, wer da will, und heiße Er, wie Er will, wenn Er nur Einer ist, auf den man sich verlassen kann!

[BM.01_057,11] Nur das eine ist uns etwas unbegreiflich, wie dieser dein guter Jesus uns arme Teufel eine so endlose Zeit hat können herumhetzen ohne Speise und Trank? Wahrlich, Freund, da hat ganz verdammt wenig Liebe und Barmherzigkeit herausgeschaut! Freilich ist jetzt alles gut. Aber an alle die Martern, die wir ausgestanden haben, dürfen wir nicht zurückdenken, sonst ist es aus mit unserer Liebe zu dem ewigen Seelenhetzmeister.

[BM.01_057,12] Es ist zwar wohl wahr, daß wir alle auf der Welt uns um Seine Religion wenig oder gar nicht gekümmert haben und gingen unseren Gelüsten nach. Aber wir waren sonst doch ehrliche und honette Menschen aus den besten Häusern. Wir sind wie Kavaliere erzogen worden und lebten dann auch solcher Erziehung gemäß. Ein weiser Gott aber sollte das doch einsehen, daß sich kein Mensch selbst erschaffen und ebensowenig erziehen kann, wie er will!? Aber es sei nun, wie es wolle, die niederträchtigste Hetzerei hat nun ein Ende hoffentlich; daher sei Jesus von uns aus auch verziehen, was Er an uns allen getan hat."

[BM.01_057,13] Tritt ein anderer vor und spricht: „Hast wohl recht im Grunde, denn verzeihen ist schöner als sich rächen wollen. Aber ich werde dennoch mit dem vollen Verzeihen etwas innehalten. Denn du weißt es, wie ich 1000 Jahre nach meinem und euerm Gefühle zwischen zwei glühende Felsen eingeklemmt war und habe mehr gebetet und geflucht, als es da gibt des Sandes im Meere. Und hättet ihr durch eure äußerste Anstrengung mich nicht gerettet, so befände ich mich jetzt noch in dieser unerhört schmerzlichen Felsenpresse; ein allmächtiger Herr Jesus hätte diese Höllentortur nicht um ein Haar gemildert.

[BM.01_057,14] Wisset, so was ist denn doch kein Spaß. Man merkt sich so etwas sehr leicht für ewig. Wahrlich, für so ein ewiges Leben wird sich sicher jedermann bedanken! Ich bin gerade auch kein Rache sinnender Geist, denn es wäre doch die scheußlichste Dummheit, so sich ein beschränkter Geist gegen einen allmächtigen Gott auflehnen wollte. Aber merken kann man sich das allerdings. Verstehst schon, was ich unter ,merken‘ verstehe!"

[BM.01_057,15] Spricht Bischof Martin: „Ja, ganz ja, und gut ist deine Bemerkung – habe ich doch selbst noch so einige Merkspitzel in mir, die mich noch manchmal ganz gewaltig stechen! Aber ich sage euch auch, was da wahr ist: der Herr Jesus hat daran nicht die geringste Schuld, sondern allzeit der nur, den es betrifft. Und oft wohl auch Seine, des Herrn himmlische Beamte, die nicht selten nach einer Willkür handeln, von der ihr noch gar keinen Begriff habt!

[BM.01_057,16] Es läßt sich das freilich am Ende alles mit der Weisheit entschuldigen. Aber wehe dem, der unter solch eine Weisheitsscheibe zu stehen kommt: für den wäre es wahrlich endlos besser, so er nie wäre geboren worden! Daher ist der Herr auch allzeit zu entschuldigen und hoch zu loben, so Er fast allzeit in die Willkür solcher Geister eingreift und ihre Weisheit beschämt.

[BM.01_057,17] Oh, diese himmlischen Engel sind Trotzköpfe ohnegleichen, so sie allein sind. Nur wenn der Herr kommt, da ziehen sie freilich gleich den Schweif von einem Mute ein und tun so süß und bescheiden, als so sie alle Weisheit aus der Demut mit dem großen Löffel gefressen hätten!

[BM.01_057,18] Seht, das weiß ich alles und habe darum Jesus erst recht lieb. Tut demnach, wie ich's tue, so werden wir miteinander die ganze Ewigkeit leicht auskommen! Euer Wahlspruch sei: ,Der Herr Jesus allein ist lieb und gut!‘ Alles andere aber gehört rein der Sau zu, und Petrus und Paulus sind selbst keinen Schuß Pulvers wert.

[BM.01_057,19] Nur das einzige gebt mir kund, wann ihr so ganz eigentlich die Erde verlassen habt müssen? Denn das sehe ich zufolge eures Gesprächs schon ein, daß ihr vor Christus nicht gelebt habt, da ihr um dessen nähere Verhältnisse zu wissen scheint, wie auch um die der römischen Kirche. Ihr waret also nach Christus erst zur Welt gekommen! Das ist klar; aber in welcher Zeitperiode, das allein gebet mir, so ihr's wollt, näher kund. Denn auf diese geisterweltliche Gefühlszeit kann man sich nicht verlassen, weil sie einem armen Sünder eine Stunde für eine ganze Million Jahre kann empfinden machen – was ich selbst leider nur zu deutlich empfunden habe!"

 

58. Kapitel – Näheres über die neue Gesellschaft von männlichen und weiblichen Dienern Roms. Ein römisch-chinesischer Missionar.

[BM.01_058,01] Spricht einer aus der GeselIschaft: „Lieber Freund und Bruder! Wir alle haben im Jahre 1846 nach Christi Geburt die Erde verlassen. Auf der Erde lebten wir sehr zerstreut und haben uns erst hier in der Geisterwelt so eigentlich zusammengefunden. Denn wir waren auf der Erde Mönche aus dem Orden der Jesuiten, Liguorianer, Minoriten und Karmeliter. Wir sind männlicherseits bei 800 an der Zahl; die 200 Schwestern sind zum Teil aus dem Orden der ,Barmherzigen‘ und zum Teil aus dem Orden der ,Schulschwestern‘ und ,Herz-Jesu-Damen‘.

[BM.01_058,02] Nun weißt du, unser aller lieber Freund und Bruder, wann wir auf der Erde gelebt haben und was wir waren. Alles andere kannst du dir leicht selbst denken, was wir alles für Narrheiten haben ausführen müssen, wie uns Rom in die ganze Welt aufs Fischen hinausgesandt hat. Und wie wir für diese saure Ehre uns zum Teil in Asien, zum Teil im glühenden Afrika und Australien und auch in Amerika haben müssen die Köpfe abschlagen lassen. Und als wir dann, hier in der Geisterwelt anlangend, meinten, als offenbare Märtyrer sogleich die Krone der ewigen Glorie zu erreichen, da erst ging das Elend so recht radikal an!

[BM.01_058,03] Wie ich dir sage, du bist nach wirklichen oder bloß nur gefühlten Trillionen von Erdenjahren – was ein Teufel ist – das erste menschliche Wesen, dem wir in dieser endlosen Wüste begegneten. Ist das nicht scheußlich – so ein Lohn für unsere märtyrerischen Mühen auf der Erde? Ach, wie große Esel sind doch die Menschen auf der Erde! Wir aber waren doch sicher die allergrößten!

[BM.01_058,04] Freilich, wohl glaubten wir alles das, was wir den andern Menschen mit glühendsten Zungen lehrten, nicht im geringsten – denn unser Motiv war nur Rom und die goldenen Fische für uns und für Rom. Aber Christus haben wir dennoch gepredigt und viele Heiden zum Christentum bekehrt – und haben uns am Ende noch müssen martern lassen. Welchen Lohn wir hier dafür geerntet haben, das zeigt dir unser namenloses Elend in dieser Welt.

[BM.01_058,05] Ich bin ganz besonders gut zum Teile gekommen! Ich war in China und hatte dort, dieser Sprache mächtig, zehn Jahre hindurch recht gute Geschäfte gemacht. Ich drang vor und kam mit Hilfe einer wunderschönen Chinesin sogar vor den Hof. Da aber entlarvte sich diese Bestie, die ich leider zu tief in meine Geheimnisse eingeweiht hatte, und verklagte mich sogleich bei der höchsten Behörde des Betrugs und meiner andern Absichten, die freilich auch einen Hochverrat im Schilde führten.

[BM.01_058,06] Ich wurde ergriffen und sogleich zwischen zwei steinerne Platten gesteckt und festgeklemmt. Zu deren beiden Seiten fingen die Mandarins zu heizen an, wodurch diese Platten nach und nach stets mehr erhitzt und ich langsam gebraten wurde. Diese Todesart ist doch sicher die schmerzvollste, und man sollte glauben, damit alle Todsünden abgebüßt zu haben; allein, höre! Diese Marter ward an mir auch nach dem Tode fortgesetzt durch jene zwei glühenden Felsen, deren ich schon früher erwähnt habe.

[BM.01_058,07] Das war der Lohn für meine vielen irdischen Mühen bisher; was noch folgen wird, weiß ich nicht. – Ich glaube, du wirst nun so ziemlich mit unserm Wesen und Lose vertraut sein. Wir sind mit einem Worte kreuzarme Teufel nun, und du tust an uns ein gutes Werk; der Herr, so Er irgend Einer ist, entgelte dir's!"

[BM.01_058,08] Spricht Bischof Martin: „Oh, nun weiß ich auf einmal mehr, als ich eigentlich wissen wollte! Aber das macht nichts; wir bleiben deshalb noch gute Freunde! Bringt mir aber die Klosterjungfern her, auf daß ich auch von ihnen erfahre, wie sie zu euch und hierher gelangt sind!"

 

59. Kapitel – Die Werkheiligkeit der römischen Klosterschwestern. Wie die Arbeit, so der Lohn!

[BM.01_059,01] Der Redner begibt sich sogleich zurück gegen die Tür dieses Hauses, wo sich die Schwestern befinden, beruft sie und führt sie dann dem Bischof Martin vor.

[BM.01_059,02] Als sie nun samt und sämtlich sich um Bischof Martin befinden, fragt dieser sie sogleich: „Liebe Schwestern und Damen, wie sieht es denn eigentlich mit euch aus? Wie seid denn ihr in solches Elend gekommen? Ihr habt doch sicher gebeichtet und genug kommuniziert und habt Chor gesungen und zahllose Rosenkränze herabgebetet, wennschon manchmal vielleicht mehr geschnattert als gebetet.

[BM.01_059,03] Auch an anderen Andachtsübungen wird es nicht gemangelt haben. Auch habt ihr sicher alle Fasttage streng gehalten und habt in großen Ehren gehalten die heiligen Reliquien, den Weihbrunn und den Weihrauch und Glocke und Glöckchen. Auch habt ihr in euerm sonstigen Amtswesen sicher unverdrossen eure Pflichten erfüllt. Es fragt sich daher hier, wie ich euch gleich anfangs gefragt habe: Wie möglich wohl seid ihr in dieses Elend gekommen?"

[BM.01_059,04] Spricht eine von den Barmherzigen Schwestern: „O du lieber Freund, das alles wird der liebe Herrgott besser wissen als wir! Ich sage dir: ich und auch alle diese Schwestern meines Ordens waren wahre Märtyrerinnen!

[BM.01_059,05] Tag und Nacht waren wir auf den Beinen; unverdrossen pflegten wir die Kranken; taten manchmal sogar mehr, als was uns die ohnehin allerstrengste Ordensregel auferlegte. Wir fasteten dabei und beteten ohne Unterlaß; wir gingen wöchentlich mehrmals zur Beichte und Kommunion. Und so uns manchmal dennoch ehestandliche, sinnliche Gedanken kamen, da schrien wir laut: ,Jesus, Maria und Joseph, stehet uns bei und bewahret unsern keuschen Leib vor solchen Teufelsanfechtungen!‘

[BM.01_059,06] Und hat das dreimal nacheinander noch nichts genützt, da liefen wir in die Kirche. Half auch diese nicht, da kasteieten wir uns oft blutig und legten uns die allerschärfsten Zilizien an den bloßen Leib; und hatte manchmal auch das nicht den erwünschten Erfolg, so hat dann freilich müssen der Beichtvater mit exorzistischen Mitteln zu Hilfe kommen, die aber leider nur bei den jüngeren Schwestern mit Nutzen konnten angewendet werden. Bei uns älteren mußten dann eiskalte Bäder statt des Exorzismus angewendet werden, mitunter auch ein Aderlaß.

[BM.01_059,07] Siehe, du liebster Freund, so strenge war unser Leben; ja mancher Kettenhund hätte uns darum sicher nicht beneidet, so er Verstand hätte!

[BM.01_059,08] Daß wir für solche Strapazen hier die himmlischen Freuden mit Recht erwarteten, wird etwa für unser wahres Kettenhundeleben auf der Welt doch nicht zu unbillig sein? So erwarteten wir solches mit ungezweifelter Zuversicht, wie es allen verheißen ist, die um Christi willen auf der Welt alles verlassen und sich wegen der himmlischen Glorie den schmalen, dornigsten Kreuzespfad erwählt haben!

[BM.01_059,09] Aber da siehe nun unsere erhoffte himmlische Glorie! Sehen wir nicht aus wie die barsten Blocksberghexen? Die Gesichtsfarbe dunkelgrau, die Kleidung besteht aus den schmutzigsten Fetzen. Fett sind wir schon wie die Mumien, die man dann und wann in den Wüsten Afrikas findet, und hungrig wie ein Haifisch und durstig wie die Sandwüste Sahara! Das ist nun unser so bestimmt und gewiß erhoffter Himmel! Was soll man sich von solch einer göttlichen Gerechtigkeit wohl für einen Begriff machen?

[BM.01_059,10] Als ich von der Welt hier anlangte, da sah ich wohl ein sehr schlechtes Mensch, die nichts als eine Hure war, von leuchtenden Engeln abholen und sie gegen den Himmel führen – so eine Kanaille! Zu mir aber kam bis jetzt noch keine Katze, geschweige erst ein besseres Wesen aus dem Himmel! Frage: Ist das auch eine Gerechtigkeit?! Ach, ist das doch ein Elend, ist das ein Elend!

[BM.01_059,11] Ich habe so manche ehrliche Mädchen, die jung, reich und schön waren, zu meinem Orden gebracht, die mir nun fluchen, daß ich sie so schändlich geprellt hätte. Das geht mir nun gerade auch noch ab! Für solch meinen Eifer gar noch eine verdammliche Verantwortung vor dem ewigen Richter!"

[BM.01_059,12] Hier treten mehrere jüngere Barmherzige Schwestern hervor und schreien: „Ja, ja, ja – du altes Luder, du alte Bestie bist an allem schuld! Hast du dir nicht die Zunge nahezu bis in den Magen hinab ausgeschrien, um uns zu überreden für deinen barmherzigen Lumpenorden? Als wir den Profeß nicht ablegen wollten – da wir in der Welt doch bessere Aussichten hatten, als wir sie in deiner Hurenanstalt kennenlernten – liefst du da nicht zum Tod und allen Teufeln, damit uns nur der Austritt verleidet wurde?!

[BM.01_059,13] Und als wir – zum größten Teil gezwungen – den schmählichen Profeß ungefähr so ablegten, wie ein Rekrut den militärischen Treue-Eid schwört, nämlich unter ,Du mußt, sonst bist du des Teufels!‘, – da wurden wir dann behandelt ärger als die ärmsten Seelen im Fegfeuer oder gar in der Hölle selbst. Wir durften bei strengster Ahndung nicht einmal unsern lieben Eltern auch nur eine Silbe vermelden, wie schändlich und schmählich wir gehalten wurden! Nur dem Beichtvater durften wir klagen, und das nur im Beichtstuhle, weil er über eine solche Anklage dann selbst verstummen mußte!

[BM.01_059,14] Wir fordern nun den verheißenen Himmel von dir, und das mit mehr Recht als du den deinigen! Wo ist er? Führe uns hin, – oder wir vergreifen uns an dir für ewig!"

[BM.01_059,15] Die erste Nonne wirft sich nun vor dem Bischof Martin nieder und fleht ihn um Schutz an.

 

60. Kapitel – Martin als Friedensstifter. Die werkheiligen Torheiten der Schulschwestern und ihre jenseitigen Folgen. Martins Mahnung.

[BM.01_060,01] Bischof Martin aber spricht hier: „Höret ihr alle, meine lieben Schwestern! Lasset den Herrn Jesus allein entscheiden unter euch; Er allein ist ein gerechter Richter! Ihr aber vergebet einander von Herzen, so wird alles gut werden. Dies mein Haus ist ein Haus des Friedens und der Liebe, und nicht ein Haus der Rache! Daher beruhigt euch und seid frohen Mutes, darum ihr hier bei mir eine so gute Unterkunft gefunden habt – sicher nur durch die unsichtbare Gnade des Herrn! Werdet ihr euern Haß in Liebe umgestalten, da werdet ihr schon auch zu einem bessern Aussehen gelangen!

[BM.01_060,02] Es gehen aber auf der Welt gar viele einen verkehrten Weg der Tugend; wie solltet davon ihr eine Ausnahme sein! Ihr habt zwar viel getan, aber nicht des Herrn, sondern des Himmels wegen, – und das ist noch lange nicht evangelisch! Man muß alles tun und dann erst ausrufen: ,Herr, siehe, ich war ein fauler Knecht! O Herr, sei mir, Deinem nutzlosesten Knechte, gnädig und barmherzig!‘ Wenn ihr, meine lieben Schwestern, so urteilen werdet über euch und werdet einander nicht richten und verdammen, da werdet ihr schon Gnade vor Gott finden!

[BM.01_060,03] Wisset ihr denn nicht, was da der weise Lehrer Paulus spricht, der für sich auch ein schlechter unnützer Knecht ist und sein Tun nicht achtet, sondern allein die pure Gnade des Herrn? Sehet, dieser Lehrer spricht: ,Du wirst nicht aus deinem Verdienste, sondern lediglich durch die Gnade des Herrn selig werden!‘ – Beherziget das und werfet all euere vermeintlichen Verdienste dem Herrn zu Füßen! Bekennet vor Ihm die volle Nichtigkeit alles dessen, was ihr bisher als etwas Verdienstliches zum ewigen Leben angesehen habt, so wird die Gnade des Herrn sogleich über euch ersichtlich werden!

[BM.01_060,04] Sehet, ich war gar ein Bischof auf der Welt und glaubte auch, so ich aus der Welt gehen werde, daß mir da gleich ganze himmlische Scharen entgegenziehen würden. Aber, dem war ganz anders! Ich selbst habe noch bis jetzt den eigentlichen Himmel nicht gesehen, obschon ich mit dem Herrn schon sehr oft geredet habe und dies Haus auch unmittelbar aus Seiner allerheiligsten Hand empfing. Wie wollt demnach ihr schon mit aller Glorie gekrönt sein? Daher nur Geduld, Sanftmut und Liebe und einen heitern Mut angezogen, alles andere wird sich dann schon von selbst geben!"

[BM.01_060,05] Die Barmherzigen Schwestern treten nun ganz besänftigt zurück. Bischof Martin ruft die Schulschwestern vor, die sich während dieser Belehrung in einem Winkel soeben ein wenig die Augen auskratzen wollten, und fragt auch sie, wie und auf welche Art sie in dies Elend gelangt sind und wo sie auf der Erde eigentlich gelebt haben.

[BM.01_060,06] Und eine von diesen antwortet: „O geliebtester, hochgeehrtester, allerhochwürdigster Freund! Wir sind nicht alle von einem Orte, sondern sind teils aus Frankreich, teils aus der Schweiz, aus Welschland und Tirol und teils auch aus der Steiermark.

[BM.01_060,07] Wir lebten übermäßig fromm: Tag für Tag beteten wir wenigstens 14 Male, und allzeit wenigstens eine Viertelstunde lang; täglich wohnten wir einer heiligen Messe bei und fehlten nie bei der Vesper. Sonn- und feiertags wohnten wir wenigstens drei Messen bei, einer Predigt und der nachmittäglichen Litanei und beiden ,Segen‘. Wir gingen wöchentlich, besonders in der Advents- und Fastenzeit zum wenigsten dreimal beichten und empfingen täglich das allerheiligste Altarsakrament. Wir fasteten alle Wochen fünfmal zu Ehren der allerheiligsten Fünf Wunden und gaben uns am Freitage zu Ehren der allerseligsten Jungfrau Maria 7 Schmerzensstreiche, und zwar 4 auf die linke und 3 auf die rechte Brust mit Strick oder Rute.

[BM.01_060,08] Die übrige Zeit widmeten wir frommen Betrachtungen und dem Unterrichte junger Mädchen. Dabei richteten wir unser Augenmerk hauptsächlich darauf, daß in den jungen Herzen schon frühzeitig der Drang erwachen sollte – wenn aus finanziellen Rücksichten möglich –, so früh als möglich in unsere Fußstapfen zu treten und all ihr irdisches Erbe Gott zu Füßen zu legen, um so eine reine und würdige Braut Jesu Christi zu werden!

[BM.01_060,09] Ebenso durfte auch keine von uns mit unverschleiertem Haupte auf die Straße und bei strengster Ahndung keinen weltlichen Mann ansehen: nicht einmal einen Weltpriester, sondern allein nur einen heiligen Bruder aus dem Orden des heiligen Franziskus, wohl auch einen heiligen Jesuiten und den Bischof oder auch einen sehr frommen Domherrn. Kamen uns dabei etwa dann und wann unzüchtige Gedanken, so zeigten wir solche sogleich der würdigsten Mutter an und baten sie um eine recht scharfe Strafe zur Abwendung solchen Höllenspuks von unseren keuschesten Herzen.

[BM.01_060,10] Die gute würdige Mutter, die sehr heilig war, gab uns dann sogleich die weisesten Lehren und nachher erst die gebührenden Strafen, die verschieden waren je nach der Größe der unkeuschen Gedanken. Für einen ganz kleinen Gedanken war ein Streich auf die nackte Natur, darauf 3 Rosenkränze und ein vollkommener Fasttag. Auf einen größeren Gedanken waren 7 starke Rutenstreiche auf die nackte Natur, daß es Blut gab, darauf 12 Rosenkränze und 3 volle Fasttage in der Woche. Auf einen noch stärkeren Gedanken – etwa gar an den allerverdammlichsten Ehestand, wie er jetzt besteht – waren 15 Streiche mit spitzigen Ruten, 30 Rosenkränze und 9 volle Fasttage 3 Wochen hindurch und ein spitziges Zilizium über die nackte Brust oder Lenden als Strafe diktiert und sogleich ausgeführt.

[BM.01_060,11] Dazu kamen noch die geistlichen Bußen, oft noch ärger als jene, die uns die liebe würdige Mutter gab. So mußten wir auch bei Nacht vom besten Schlafe oft aufstehen und Chorbeten gehen, was besonders im Winter sehr bitter war. Wurden wir krank ob der vielen Strapazen und Marter, so durften wir uns nie die liebe Gesundheit, sondern allzeit nur den bittersten Tod wünschen wegen Abbüßung unserer läßlichen Sünden, und dergleichen schrecklichste Selbstverleugnungen mehr. – Du siehst aus meiner zwar kurzen, aber überaus wahren Schilderung unsern sehr bitteren irdischen Zustand.

[BM.01_060,12] Wir haben also für Christus viel und meist geduldig erlitten und haben uns ohne Murren willigst gefügt den harten Regeln unseres strengen Ordens! Wir haben all unser Vermögen diesem Orden vermacht zu seiner heilsamen Ausbreitung zur Ehre der allerseligsten Jungfrau Maria und zur stets größeren Ehre Gottes! So glaubten wir denn, an Gott keine unbillige Forderung gestellt zu haben, so wir nach unserem bitteren Leibestode sogleich in die ewige Glückseligkeit möchten aufgenommen werden! Aber nicht nur, daß wir alle unsere begründeten Hoffnungen hier wie einen Schaum zerfließen sahen, sondern höre:

[BM.01_060,13] Als wir alle, die wir hier stehen, fast zu gleicher Zeit uns hier in dieser Welt trafen und von einigen Bauern angerufen wurden, daß wir nun in der Geisterwelt wären, da sahen wir von einer andern Seite ganz liederliche und wohlbekannte Weibspersonen in diese Welt ankommen. Wir waren ganz sicher der Erwartung, daß sogleich eine Menge Teufel daherkommen würden, um diese schlechten, ausgelassenen und ketzerischen Weiberseelen sogleich verdientestermaßen in die Hölle zu ziehen!

[BM.01_060,14] Allein – ah, wer hätte sich das je können träumen lassen! Statt der Teufel kamen sichtbare Engel vom Himmel herab und umkleideten diese schlechten, sündigsten Seelen sogleich mit wahren himmlischen Kleidern! Sie gaben ihnen leuchtende Palmen und trugen sie schnurgerade in den Himmel; uns aber würdigte kein Engel auch nur eines Blickes! Wir schrien, wir beteten, ja wir beschworen Maria und Gott bei allen Seinen Heiligen und Auserwählten, – aber all unser sicher Millionen Jahre langes Schreien war bis jetzt noch fruchtlos! Sage, ist das nicht zu arg!? Sind wir nicht betrogen, zeitlich und ewig! Ist das wohl auch eine Gerechtigkeit Gottes zu nennen?!"

[BM.01_060,15] Spricht Bischof Martin: „No, no, habt nur Geduld! Für jetzt seid ihr versorgt. Und wenn's auch in die Ewigkeit nicht besser würde wie nun mit euch, so könntet ihr es schon ertragen! Denn auf euer Verdienst dürfet ihr euch eben nicht zu viel einbilden. Warum waret ihr so dumm auf der Welt, euch einsperren und prügeln und am Ende gar förmlich umbringen zu lassen? Was Gutes habt ihr dadurch euren Nächsten wohl getan? Ihr habt nur für eure Haut gesorgt und hättet euch wenig daraus gemacht, so Gott auch die ganze Welt verdammt hätte, wenn nur ihr den Himmel erworben hättet!

[BM.01_060,16] Sehet, mit solcher Nächstenliebe kommt hier niemand weiter. Darum seid geduldig und werft euer Verdienst von euch! Betrachtet euch als schlechte, nutzlose Mägde des Herrn, so werdet auch ihr bei Gott Gnade finden! Tretet nun zurück und lasset die Herz-Jesu-Damen hierher kommen!"

 

61. Kapitel – Rede der Herz-Jesu-Damen. Deren körperliche Verirrungen und geistige Torheit. Martins Belehrungsversuch und Moralpredigt.

[BM.01_061,01] Die Schulschwestern treten nun etwas murrend zurück. Die Herz-Jesu-Damen treten hervor und beginnen sogleich folgende Rede zu führen: „Allerhochwürdigster Herr! Wir sind Damen des allerersten Damenordens der Welt, in welchen Orden nur Mädchen von sehr reichen, angesehenen und adeligen Häusern aufgenommen werden, wo sie alles lernen können, was es in der Welt nur immer zu lernen gibt!"

[BM.01_061,02] (Bischof Martin bei sich: „Nicht übel, – die fangen schon gut an! Gerade so wird's der Herr am besten brauchen können, oder was anders?")

[BM.01_061,03] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Alle Sprachen, Musik und Tanzen, allerlei andere Gymnastik – wie Fechten, wo tunlich auch das Reiten –, dann Zeichnen, Malen, allerlei Kunststickereien und Kunstnähereien! Daneben natürlich werden auch alle andern Wissenschaften traktiert wie die vollkommene Geographie, Mathematik, Physik, Astronomie, Geschichte, Nautik, Hydraulich, Geometrie, Trigonometrie, Stereometrie, Poesie in den nobelsten Sprachen Europas und noch eine Menge anderer nützlicher Gegenstände.

[BM.01_061,04] Kurz und gut, in unserm Orden werden aller Welt Wissenschaften gelehrt und aller Welt Künste geübt – natürlich nur, so es verlangt und dafür gezahlt wird. Die übrige Zeit aber wird mit Beten, Singen, mitunter auch mit Fasten zugebracht, täglich eine Messe gehört und wöchentlich dreimal Beichte und Kommunion. Auf die Übertretung der strengen Ordensregeln sind auch angemessene scharfe Strafen gesetzt, welche allzeit leider genauer beachtet werden als die Ordensregeln selbst!"

[BM.01_061,05] (Bischof Martin bei sich: „Schau, bin doch auch ein Bischof gewesen, aber die Geheimnisse dieses Ordens habe ich nie so ins Detail eingesehen wie eben jetzt! Ah, an diesem Orden muß der Herr ja eine ganz besondere Freude haben!?")

[BM.01_061,06] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Du lieber, allerhochwürdigster Freund, du siehst daraus, –"

[BM.01_061,07] (Bischof Martin bei sich: „daß ihr die dümmsten Gänse seid!")

[BM.01_061,08] (Die Herz-Jesu-Damen:) „welche schwere Regeln unser allerstrengster Orden hat und welche Größe"

[BM.01_061,09] (Bischof Martin bei sich: „der Dummheit")

[BM.01_061,10] (Die Herz-Jesu-Damen:) „von Selbstverleugnung dazu gehört, alle diese tausend schwersten Regeln genau zu beachten. Ja, ich sage dir, nur wahre Riesen"

[BM.01_061,11] (Bischof Martin bei sich: „von Narren")

[BM.01_061,12] (Die Herz-Jesu-Damen:) „von Geistern gehören dazu, um alle die schwersten Regeln zu beachten! Dennoch haben wir alle wie wahre Heldinnen fürs Himmelreich all diese Regeln genauest beachtet und geglaubt, der Himmel könne uns auf diese Art unmöglich entgehen!"

[BM.01_061,13] (Bischof Martin bei sich: „Da gehört wirklich ein sehr starker Glaube dazu!")

[BM.01_061,14] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Aber da siehst du uns jetzt nach einigen Millionen von Erdenjahren noch ganz so elend, wie wir uns zum ersten Male hier in dieser Geisterwelt befanden. Dies dein Haus ist der erste herrliche Gegenstand, der uns in dieser Welt zu Gesichte gekommen ist. – Frage: Ist das wohl auch eine göttliche Gerechtigkeit?!"

[BM.01_061,15] (Bischof Martin bei sich: „O nirgends mehr als eben hier bei euch dummen Gänsen!")

[BM.01_061,16] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Anstatt, daß man uns den wohlverdienten Himmel gegeben hätte, mußten wir von einem ganz roh und ungebildet aussehenden, gemeinsten Bauernbengel, als wir bei einer Pforte anklopften, über der geschrieben stand ,Tür in den Himmel!‘ die Worte anhören: ,Zurück mit euch, ihr dummen und törichten Jungfrauen! Warum habt ihr eure Lampen nicht zuvor mit Öl gefüllt!‘"

[BM.01_061,17] (Bischof Martin bei sich: „Nichts mehr als billig! Diese Gänse könnte ich schon beinahe selbst aus meinem Hause treiben!")

[BM.01_061,18] (Die Herz-Jesu-Damen:) „Darauf verschwand diese Himmelspforte, und wir waren sogleich von einer Menge kleiner Teuferl umringt, die aussahen wie Irrlichter. Diese Teuferl hüpften fortwährend um uns herum und neckten uns jämmerlich die ganze endlose Zeit hindurch, bis wir erst vor kurzem diese gegenwärtige Gesellschaft trafen auf unserer schon nahezu ewigen Flucht!

[BM.01_061,19] Was sagst du, liebster, allerhochwürdigster Freund dazu? Was ist das, – was sollen wir denn tun, um vielleicht doch einmal in einen etwas bessern Stand zu gelangen? Oh, rate uns, du liebster, hochwürdigster Freund!"

[BM.01_061,20] Spricht Bischof Martin ganz lakonisch-ironisch: „Ah, ah, ah, da hat euch der Herr freilich sehr unrecht getan! Denn ihr habt ja doch genau nach dem Evangelium gelebt! Ah, das muß ich sagen, da ist der Herr Jehova Jesus sehr ungerecht, wenn Er auf die sehr evangelischen Regeln eures Ordens den Himmel verheißen hat – und ihn euch hernach nicht geben will! Das könnte man von Ihm sogar impertinent und très mal honnête nennen! So zarten und doch so übergelehrten Herzerln den Himmel versagen, – ah, das ist doch alles, was man sagen kann? Es müßte nur sein, daß ihr vielleicht heimlich untereinander sodomitische Unzucht getrieben hättet? Oder ihr hättet etwa neben euren tausend gelehrten Ordensregeln die beste christliche Regel der Nächstenliebe ganz hintangesetzt?!"

[BM.01_061,21] Spricht eine andere, stark französisch wirken wollende Dame: „Aeh ne, aeh ne, mon ami, mer leben schon all' sehr Keußeit, ond Religion habe mer aug sehr gehabt! O mon dieu, was brauk mer plus pour le Imel? Der Näckstelieb sein le ons, und den sodomitischen Onzuckt könn' mer nikt, we sein der für Fih!? Mer habe urdenlik geleben ond verstege, mon ami, keiß wie den Blumen! Was will mer plus Monsieur Jesu Christ?"

[BM.01_061,22] Spricht Bischof Martin: „Ich bitte dich, höre mir um Gottes willen auf mit dieser Sausprache! Bist doch eine Deutsche und kannst aus lauter Sprachenmodedummheit deine Muttersprache nicht reden? Glaubst denn du, so eine deutsche Franzosengretel wird hier in den Himmel kommen? Ich sage dir, du extra dumme Gans, da hat's noch lange Zeit! – Nein, das ist mir noch nicht vorgekommen hier im Geisterreiche! Geister sogar anderer Planeten haben mit mir ganz rein deutsch gesprochen, und dieser dummen Herz-Jesu-Dame gefällt noch's Französische besser, als deutsch mit einem Deutschen zu reden! – Warum hat denn deine Vorgängerin, die doch eine geborne Lyonerin ist, mit mir gut deutsch reden können, und warum du stolze Gans nicht?!"

[BM.01_061,23] Spricht die Dame: „O Freund, weil ich glaubte, mich dadurch bei dir recht einzustellen!"

[BM.01_061,24] Spricht Bischof Martin: „Das war wohl ein ganz dummer Glaube gleich dem, durch den ihr alle für eure grenzenlose Dummheit von Gott den Himmel erwartetet! Meint ihr, der Herr hat den Himmel für solche dummen Gänse gemacht? Oh, da seid ihr in einer sehr großen Irre! Ich sage euch: Eher kommen alle Esel und Ochsen hinein denn ihr, merket euch das! Gehet dort in den hintersten Winkel und lernet zuerst die Demut! Dann erst kommet und fragt, ob für euch irgendeine Kuhmagdstelle im untersten Himmel zu vergeben sein wird – woran ich sehr zweifle. Gehet, wohin ich euch beschied!"

 

62. Kapitel – Zwiegespräch zwischen einem Jesuiten und Bischof Martin. Belehrung einer höllenängstlichen Barmherzigen Schwester.

[BM.01_062,01] Tritt ein Jesuit hervor und spricht: „Edler Freund, du scheinst eben kein großer Freund von Künsten und Wissenschaften zu sein, weil du an diesen so überaus wertesten Damen des Herzens Jesu so wenig Wohlgefallen findest. Und doch sind sie sozusagen der einzige weibliche Orden, der mit allem Fleiße den Wissenschaften und Künsten von früh morgens bis spät abends obliegt und dadurch uns Brüdern der Gesellschaft Jesu am nächsten kommt! Ah, Bruder, Freund, diese Damen solltest du doch mit mehr Achtung und Liebe behandeln!"

[BM.01_062,02] Spricht Bischof Martin: „Warum nicht gar, diese dummen, eingebildeten Greteln mit mehr Achtung? Ich sage dir, für diese ist das noch viel zu viel, was ich ihnen an Achtung zolle! Diesen sollte man die Türe weisen und sie noch auf einige Millionen Jahre hinausstoßen. Vielleicht verlernten sie dadurch ihre fremden Sprachen – was wirklich gut für sie wäre!

[BM.01_062,03] Siehe, wie ich sie nun anschaue, so sehe ich Zorn und Hochmut aus ihren Augen sprühen! Sie möchten sich wohl sehr gerne verstellen, aber das tut sich nicht hier im Reiche der Geister. Denn hier durchschaut man besonders so lockere Geister mit einem Blick und erschaut bald und leicht, wie sie so ganz eigentlich von innen beschaffen sind. Weil ich aber diese Gänse nun noch besser durchschaue und sie ob ihrer großen Torheit mich sehr anekeln, muß ich sie ja wenigstens in jenen Winkel hinbescheiden, damit ich mich nicht ärgere an ihrem Anblicke.

[BM.01_062,04] Du selbst und alle deines löblich-dummen Kollegiums aber müsset euch auf euern höchst ungebührlichen Namen eben auch nichts einbilden. Denn denke selbst nach und sage mir, mit welchem Rechte ihr euch Jesuiten nennet, und wer euch da zu solcher Entheiligung des göttlichen Namens die Befugnis erteilt hat? Du wirst dann leicht einsehen, wie schändlich ihr selbst diesen allerheiligsten Namen mißbraucht habt und wodurch ihr alle nun solchen Frevel wieder gutmachen könntet!

[BM.01_062,05] Kann einer von euch sagen: ,Jesus, der Herr, hat uns so berufen wie etwa einen Paulus oder Petrus‘? Oder hat je einer von euch Jesus gesehen oder gesprochen oder bei Lebzeiten eures Leibes etwa das Evangelium höher gehalten als den Ignatius von Loyola? Seht, ihr waret in der Tat die entschiedensten Feinde Jesu Christi und nennet euch ,Jesu-iten‘?!"

[BM.01_062,06] Spricht wieder der Jesuit: „Liebster Freund und Bruder, diese Sache scheinst du entweder schlecht oder gar nicht zu verstehen! Verstehst du denn nicht, was das heißt: Omnia ad maiorem dei gloriam!? Siehe, in dem liegt der Grund unseres Namens! Nicht, als wenn uns Jesus, der Herr, nominativ gestiftet hätte, sondern wir nur erwählten diesen Namen zu Seiner größeren Ehre! Ich weiß wohl, daß das Mittel an und für sich nicht löblich ist. Aber was liegt da am Mittel, wenn nur der Zweck gut ist und das Mittel heiligt, wenn dieses auch noch so schal wäre!"

[BM.01_062,07] Spricht Bischof Martin: „Du sprichst hier auch wie ein Narr und urteilst über göttliche Dinge wie ein Blinder über die Farben! Meinst du wohl, der große Gott, den zahllose Myriaden der unerhörtesten Wunder der Wunder ewig durch die ganze Unendlichkeit ehren – ich sage dir: heilige Wunder, deren Klarheit, Erhabenheit und unbegreiflichste göttliche Schönheit so groß ist, daß sie dich in einem Augenblicke töten würde, so du ihrer ansichtig würdest –, wird dadurch an Seiner Ehre etwas gewinnen, so du dich Ihm zu Ehren ungebührendst ,Jesuit‘ nennst, oder so du durch tausend andere, oft allerschändlichste Mittel scheinbar gute Zwecke zu erreichen wähntest?!

[BM.01_062,08] Meinst du wohl, daß Jesus die schmähliche Inquisition zu Seiner größeren Ehre eingesetzt hat durch einen Mönch?! Oder meinst du, Jesus hat ein Wohlgefallen an den Autodafés und an anderen Greueln, die ihr vorgeblich zu Seiner größeren Ehre verübt habt, hattet aber doch im Hintergrunde nur einen ganz andern, nicht selten allerschändlichsten Zweck?!

[BM.01_062,09] Meinst du wohl, der Herr Jesus hat ein Ihn ehrendes Wohlgefallen daran, so du Mädchen geschwängert hast und hast sie dann eben auch ad maiorem dei gloriam in der Kirchengruft lebendig einmauern lassen? Oder so du zur größeren Ehre Gottes das Vermögen von tausend Witwen und Waisen durch allerlei höllische Vorspiegelungen an dich gezogen hast und hattest nachher kein Herz, wenn du Tausende im größten Elende schmachten sahst?!

[BM.01_062,10] Meinst du wohl noch im Ernste, so was könnte zur größeren Ehre Gottes dienlich sein, und der Herr Jesus hätte ein Wohlgefallen an solcher Verherrlichung Seines Namens? Oh, wenn du das im Ernste meinst, so bist du das bedauernswürdigste Wesen in der ganzen ewigen Unendlichkeit Gottes!

[BM.01_062,11] Was wohl würdest du sagen, so nun Jesus, der alleinige, ewige Herr und Gott Himmels und aller zahllosen Myriaden von Welten, vor dir stünde und dich fragte, wie du und dein ganzer Anhang Sein Wort gehandhabt habt? Und wer hat euch das Recht erteilt, Seinen allerheiligsten Namen auf eine so gräßliche Art zu entheiligen? Sage – ja saget ihr alle, was wohl würdet ihr dem allmächtigen, ewigen Gott erwidern?!"

[BM.01_062,12] Alle ergreift ein ersichtlicher Schauder und eine starre Stumpfheit. Keiner getraut sich auch nur mit einer Silbe dem Bischof Martin etwas zu erwidern, denn sie alle halten ihn nun für einen Richterengel.

[BM.01_062,13] Nur eine Barmherzige Schwester geht ganz furchtsam zum Bischof Martin hin und sagt: „O du richtender Engel im Namen Gottes! Nur in die Hölle verdamme uns nicht; ins Fegefeuer wollen wir in Gottes Namen ja alle gerne gehen! – Oooooh, das ist ja schrecklich, was du für ein gestrengster Richter bist! Hohoh – habe doch nur einiges Mitleid mit uns armen Sündern und Sünderinnen!"

[BM.01_062,14] Spricht Bischof Martin: „Stehe auf, du blitzdumme Barmherzigerin! Ich bin ewig kein Richter, sondern selbst ein armer Sünder und erhoffe selbst des Herrn Gnade. Aber ich sehe meine große Dummheit Gott sei Dank nun ein, und so zeige ich euch auch die eurige, auf daß ihr dieselbe ablegen sollet und werden, wie es die ewige Ordnung des Herrn will. Sonst werdet ihr stets nur in ein größeres Elend verfallen, statt emporzusteigen in eine größere Seligkeit!

[BM.01_062,15] Daß ich euch aber nicht richte, beweist, daß ich euch alle aufgenommen habe und euch nicht fortschaffe, sondern freundlichst allesamt behalte – so ihr bei mir verbleiben wollt. Aber so ihr bleibet, müßt ihr nicht an euren Torheiten festhalten, sondern euch ruhig belehren lassen von dem, der hier sicher mehr Erfahrung hat als ihr Neulinge in dieser Welt. Seid nun ruhig, und denket über meine Worte nach!"

 

63. Kapitel – Martins Zwiegespräch mit zwei andern Jesuiten und zwei Liguorianern.

[BM.01_063,01] Es treten abermals zwei andere Jesuiten und dazu noch zwei Liguorianer vor den Bischof Martin und sagen: „Lieber, bester Freund, wir sind mit deiner Lehre, die du uns allen zugleich gegeben hast, wohl recht sehr einverstanden. Wie wir's jetzt verspüren, so geht uns allen hier auch wirklich nichts ab. Aber so wir daneben nur eine kleine Beschäftigung hätten, da wären wir mit diesem Lose überhaupt zufrieden und verlangten für die ganze Ewigkeit kein besseres. Müßten wir aber ohne alle Beschäftigung die ganze Ewigkeit zubringen, da wäre uns am Ende schon der vollkommene Tod lieber als so ein einförmigstes geschäftsloses Leben."

[BM.01_063,02] Spricht Bischof Martin: „Freunde, könnet ihr lesen, was da auf dieser runden weißen Tafel geschrieben steht?"

[BM.01_063,03] Spricht einer von den vieren: „O ja, da steht ja das verhängnisvollste ,Dies irae, dies illa! Libera nos ab omni malo! Memento, homo, quia pulvis es et in pulverem reverteris! Requiescant in pace! Requiem aeternam dona eis, domine, et lux perpetua luceat eis! Ex profundis clamavi! Clamor meus ad te veniat! Vitam aeternam dona eis, domine, et sedere in sino Abrahami, et considere ad mensam illius, et comedere cum illo per omnia secula seculorum, amen!‘

[BM.01_063,04] Siehe, lesen kann ich ja noch, wenn ich auch meinem Gefühle nach einige tausend Millionen von Jahren keinen Buchstaben mehr gesehen habe. Aber sage mir, was soll's denn da mit diesen alten dogmatischen Versen? Wird sich denn hier in der Geisterwelt etwa ganz ernstlich danach gerichtet? Wahrlich, so das der Fall wäre, sähe es sehr schlecht aus mit unser aller Existenz für die ganze lange Ewigkeit! O Freund, erläutere uns das, wie es hier zu verstehen und zu nehmen ist!"

[BM.01_063,05] Spricht Bischof Martin: „Wie anders soll es denn zu verstehen sein, als wie es da geschrieben steht! Ich sage euch, diese Stellen haben keinen andern Sinn als den nur, der sich klar aus ihren zusammengefügten Worten entnehmen läßt! Zudem saget ihr es selbst: Habt ihr wohl je auf der Welt einen andern Sinn mit diesen Exklamationen verbunden, als der sich in der äußern Fügung kundgibt? Waret ihr auf der Welt mit diesen Verseln zufrieden, wo sie euch Geld trugen und ein geheimes geistliches Ansehen, warum sollen sie euch jetzt genieren, wo ihr Sinn an euch praktisch angewendet wird? Was brauchet ihr Beschäftigung? Requiescant in pace; ergo requiescamus! Diese Ruhe im ewigen Frieden habt ihr nun alle gefunden!

[BM.01_063,06] Licht gibt es auch hier, das da bei den schönen großen Fenstern fortwährend gleich hereinleuchtet. Also ist auch dies mein Haus gleich einem Schoße Abrahams und dort jener große, mit gutem Brote und Weine vollgefüllte Schrank ein wahrer Abrahamstisch, bei dem ihr samt mir ewig gespeist werdet bis zum jüngsten Gerichte – und, so ihr an diesem Tage des Zornes nicht verdammt werdet, auch nach diesem ewig! Was wollet ihr da noch mehr?!"

[BM.01_063,07] Spricht der Liguorianer einer: „Ja, ja, Freund, du hast recht, es wird schon also sein. Dessenungeachtet aber muß ich dir nach meinem Gefühle bemerken, daß die Geschichte mit der hier überaus langweiligen Zeitenfolge ganz unbegreiflich, entsetzlich langweilig wird! Denke dir: ewig hier, völlig müßig, und nichts anderes ewig zu erwarten habend! Höre, Freund, diese Langweile nach etwa einigen Dezillionen Erdenjahren! O Herr, das wird doch kein lebend Wesen mehr zu ertragen imstande sein!"

[BM.01_063,08] Spricht Bischof Martin: „Ja, was nützt dir aber da auch dein Vernünfteln! Hast du denn nie gelesen, daß geschrieben steht: ,Jeder wird seines Glaubens leben‘ und ,Wie der Baum fällt, so wird er liegen bleiben‘? Warum glaubten wir denn so ein dummes Zeug, dessen Wirklichkeit uns hier nicht munden will?

[BM.01_063,09] Waren wir starrsinnige Esel auf der Welt, so müssen wir uns auch hier die Verwirklichung unseres eselhaften Glaubens gefallen lassen, ob sie uns behagt oder nicht! Hätten wir aber weiser unsern Glauben auf der Welt eingerichtet, würden wir uns auch hier sicher besser befinden. Wir alle aber – ich nicht ausgenommen – waren auf der Welt nur desto glücklicher, je mehr Finsternis wir dort verbreiteten. Darum geniere uns das auch hier nicht, so wir nun allesamt hier in unserer eigenen Dummheit begraben leben wie im vermeintlichen Schoße Abrahams!

[BM.01_063,10] Gab und gibt es nicht in der Welt eine ungeheure Menge von alten Eseln, Ochsen und Schafsköpfen, die zwar selbst in einem fort vom Lichte und von Aufklärung faseln? Wenn ihnen auch ein besseres Licht gegeben wird und ein besseres Futter, so aber richten sie sich dennoch nicht danach, sondern kehren ganz behaglich in ihre alte Dummheit zurück, fressen das alte Futter und erquicken ihre Augen am spärlichsten Zwielichte ihres Esels- oder Ochsenstalles, so sie ihres Magens alten Unflat wiederkäuen können.

[BM.01_063,11] Seht, dergleichen Esel und Ochsen und Schafsköpfe waren ja eben auch wir im Vollmaße. Daher muß es uns nun gar nicht wundern, wenn der Herr so großmütig für unsere alte Viehnatur gesorgt hat. Wer Freude hatte an der Dummheit, der bleibe in seiner Freude! Wer Freude hatte mit dem Schlafe, der kann hier schlafen nach Herzenslust! Wer Freude hatte am Müßiggange, der ruhe hier ewig! Wer Freude hatte am Essen und Trinken, dort ist Abrahams Tisch! Wer sich gerne mit Jungfrauen befaßte, der hat dort Barmherzige Schwestern, Schulschwestern und Herz-Jesu-Damen! Wir sind ja ohnehin mit allem bestens versorgt; was jammern wir da noch?!"

[BM.01_063,12] Alle zucken die Achseln und sagen: „Du hast zwar recht – aber der Teufel soll unsere Weisheit holen! Könnten wir noch einmal Frösche auf der Welt werden und nach Lust quaken, so wären wir offenbar besser daran! Aber was nicht mehr zu ändern ist, das muß leider so verbleiben."

 

64. Kapitel – Ehrliches Bekenntnis des Minoriten. – Rom als Schuldträger. – Beginnende Erkenntnis und Besserung bei den Minoriten.

[BM.01_064,01] Tritt ein Minorit hervor, und spricht: „Freunde, lasset mich ein Wörtlein reden! Und sollte es zu nichts Besserem taugen – was ich freilich nicht bestimmen kann –, so soll es uns wenigstens ein Stückchen von unserer bevorstehenden ewigen Ruhe angenehmer machen!"

[BM.01_064,02] Sprechen alle: „Bravo, recht so! Rede nur zu, wir werden dich mit Vergnügen anhören! Denn du warst ja schon auf der Welt als ein sehr weiser und salbungsvoller Redner bekannt. Rede daher hier nur fleißig zu, wie dir die Zunge gewachsen ist!"

[BM.01_064,03] Spricht der Minorit: „Brüder und Freunde, wir hatten alle auf der Welt gewisserart zwei Evangelien. Erstens ein altes von Christus dem Herrn und von manchen Seiner Apostel, und zweitens das der römisch-katholischen Kirche, die sich den dogmatischen Titel ,die Allein-Seligmachende‘ beilegte, indem sie sich auf dem Stuhle Petri zu befinden wähnte und noch wähnt und die Schlüssel zum Himmel wie zur Hölle habe.

[BM.01_064,04] Dieser Kirche schworen wir, bis an unser letztes Ende treu zu sein und alles für wahr anzunehmen, was sie zum Glauben gebiete – ob es nun in irgendeiner Bibel geschrieben stehe oder nicht. Ebenso haben wir uns ihr auch eidlich verpflichtet, jeden Andersdenkenden und Andersglaubenden als einen barsten Ketzer zu betrachten und zu verdammen.

[BM.01_064,05] Was wir beschworen haben, das hielten wir auch genau – obschon nicht selten wider unsere eigene Vernunft und wider allen gesunden Menschenverstand.

[BM.01_064,06] Ihr wißt wohl alle, wie uns die Bibel zu lesen von der Kirche aus als Todsünde verboten war und wie wir bloß nur die sonntäglichen, sehr abgekürzten Evangelien lesen durften. Alles andere durften bloß die Doktoren der Theologie lesen und verstehen. Uns waren dafür die Patres ecclesiastici und das Breviarium und die Legenden beschieden, dann auch die Ordensregeln, der Ignatius v. Loyola, die Reliquien, Bilder, die Messen, die Sakramente, die Beichte und noch eine Menge anderer Dinge mehr, die man hier sicher ohne Scheu als barste, oft bösartige Dummheiten bezeichnen kann.

[BM.01_064,07] Frage: So wir bei all dieser, von Gott doch sicher wenigstens zugelassenen römischen Kirchenverfassung der eigentlichen Jesuslehre schnurgerade entgegengehandelt haben, können da wir etwas dafür? Der Schuldträger daran ist somit nach allem menschlichen und sicher auch göttlichen Rechte zur Verantwortung zu ziehen. Uns allen wäre aber ein solcher Bescheid zu erteilen, wie wir uns für die ewige Zukunft zu benehmen haben und wie gutzumachen, was wir am Ende selbst Schlechtes verübt haben!"

[BM.01_064,08] Sprechen die andern: „Bravo, du hast wirklich sehr weise geredet und hast uns allen ein großes Vergnügen bereitet! Der Schuldträger büße für uns! So ist's recht! Der Römische Stuhl büße und jeder, der uns zu etwas qualifizieren ließ, ohne unsere Einwilligung auf eine Zeit abzuwarten, in der unser Denkvermögen im rechten Lichte reif und geläutert geworden wäre!

[BM.01_064,09] Man hat uns getauft ohne unsere Einwilligung und hat eben durch derlei zu frühzeitige Taufe uns ein römisches Bekenntnis aufgedrungen, somit das Kind im Mutterleibe schon verantwortlich gemacht. Oder ist es nicht mehr als toll, von einem neugeborenen Kinde durch gewisse Stellvertreter einen Eid der Treue schwören zu lassen? Ohne zu bedenken, ob das Kind, so es erwachsen sein wird, mit dieser genötigt geschworenen Treue wohl einverstanden sein wird oder nicht, und im entgegengesetzten Falle offenbar einen Eidbruch begehen muß. Oh, das ist ja entsetzlich widerchristlich!

[BM.01_064,10] Hat doch Christus Selbst gesagt: ,Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden!‘ Oh, das ist ja ganz antichristlich; wie kann man denn früher getauft werden, als man noch des christlichen Glaubens in sich bewußt wird? Die Taufe soll doch ein lebendiges Zeugnis sein, daß jemand den christlichen Glauben zur einzigen Richtschnur seines Lebens angenommen! Weiß aber ein neugeborenes Kind, was Glaube, was der christliche Glaube und was ein Zeugnis ist? Ah, wenn man da recht nachdenkt, findet man die Dummheit immer größer und widerchristlicher!

[BM.01_064,11] Es heißt, daß durch diese Taufe die Erbsünde und alle vor der Taufe begangenen Sünden nachgelassen werden. Oh, wie schroff dumm ist das doch! Kann ein nur ein wenig heller denkender Mensch ein Kind darum verdammen, weil seine Eltern einen verzeihlichen Fehler begangen haben unter sich? Und Gott, der allerhöchst Weiseste, sollte Kindern der mehr als tausendsten Generation noch fortwährend Adams Fehltritt zur Todsünde rechnen, die doch nie eine Schuld an seinem Fehltritt haben können?! Ja, das sieht man erst hier so recht ein. Was aber die vor der Taufe begangenen Sünden betrifft, so ist das doch rein zum Lachen! Ein Kind wird doch nicht schon im Mutterleibe sündigen!

[BM.01_064,12] Ein Heide aber, der erst zur christlichen Religion übertritt, die jetzt wohl bei weitem heidnischer ist als das barste Heidentum selbst, welche Sünden kann er wohl haben? Es müßten nur Sünden gegen seine heidnischen Gesetze sein. Denn gegen die christlichen Gesetze kann ein Heide sich doch unmöglich versündigen, weil er sie noch nie erkannt hat! Einem Heiden aber seine heidnischen Sünden nachlassen, hieße ja doch nichts anderes, als ihn von vorne wieder in seinem Heidentum bestätigen. Ebendasselbe ist sicher bei einem Juden der Fall: denn einem Juden durch die Taufe verzeihen wollen, daß er so lange ein Jude war, das wäre doch auch alles, was sich nur ein einigermaßen nüchterner Mensch als Kulminationspunkt der Dummheit denken kann!"

[BM.01_064,13] Spricht wieder der Minorit: „Freunde, ihr seid mir nur zuvorgekommen. Eure Bemerkung war ganz richtig. Ich sage euch: Mir kommt nun diese römische Christenmacherei schon im Mutterleibe geradeso vor wie die alten Märchen von der Teufelsverschreiberei! Man wird hier aus lauter niedrigen, politischen Absichten schon fast im Mutterleibe förmlich dem ,Gott-steh-uns-bei‘ verschrieben, der einen dann durch Rom von allen Seiten her völlig in Beschlag nimmt. Oh, das ist löblich! Und so eine widerchristliche, sogenannte ,Erste Christenkirche‘ nennt sich auch noch dazu eine ,Mutter‘ und ihr Oberhaupt einen ,Stellvertreter Jesu Christi‘, also Stellvertreter Gottes!

[BM.01_064,14] Merkwürdig, merkwürdig – und doch ist es wahr: in welchem Irrsal waren wir doch alle und merkten es nicht, daß wir schon von der Geburt an rein des ,Gott-steh-uns-bei‘ waren! Durch die Taufe hätten wir sollen von der blitzdümmsten Erbsünde befreit werden so, daß wir dadurch zu Gotteskindern würden. Schöne Gotteskinder, – Gott steh uns bei! Statt aus der Hölle sind wir nur buchstäblich in die Hölle hineingetauft worden!

[BM.01_064,15] Und daß ja niemand je an ernstliche Buße und wahre Besserung seines Lebens denken sollte, ward die alle Todsünden beschwichtigende Ohrenbeichte erfunden mit dem vollkommenen Absolutionsrechte bei uns Priestern. Dadurch wurde jeder Mensch wieder in seinen alten Pfuhl hineingeworfen und war nie imstande, eine neue Kreatur in Christus zu werden!

[BM.01_064,16] O Brüder, Brüder, Brüder! Das sind Sachen, deren Zulassung von seiten Gottes uns ein ewig unauflösliches Rätsel bleiben wird! ,Werdet alle vollkommen, wie da euer Vater im Himmel vollkommen ist!‘ Schöne Vollkommenheit das, wo man wohlbewußt nur dümmer noch als ein Stockfisch sein mußte und erst jetzt als Geist in einem mehr himmlischen Lichte einzusehen anfängt, in welchem Irrsal man sich auf der Welt befunden hat!

[BM.01_064,17] Es wäre noch sehr viel zu reden und ließe sich immer deutlicher erweisen, daß der Römische Stuhl der ganz alleinige Schuldträger an all unserer Verkehrtheit ist. Aber ich denke, was wir jetzt nur dunkel einsehen, das wird der Herr sicher im vollsten Lichte sehen. Und Er wird uns armen verführten Sündern gnädig und barmherzig sein, wenn wir allen von Herzen vergeben wollen, die je irgend an unserer planmäßigen Verfinsterung Schuld getragen haben und noch tragen! – Das ist so meine Meinung; was meinet denn ihr?"

[BM.01_064,18] Alle rufen laut: „Bravo!" und sind – bis auf wenige Jesuiten – vollkommen mit ihm einverstanden.

 

65. Kapitel – Bischof Martin macht die geistig-blinden Jesuiten sehend.

[BM.01_065,01] Diese Jesuiten aber übernimmt Bischof Martin zur Bearbeitung und beginnt mit diesen Kopfschüttlern und Achselzuckern einen ganz radikalen Diskurs zu führen, der so lautet:

[BM.01_065,02] „Warum schüttelt ihr verneinend eueren Kopf und zuckt zweifelhaft mit den Achseln? Versteht ihr die Sache etwa besser als eure nun recht bieder denkenden Gefährten? Ich glaube es kaum! Ich weiß aber, wo ihr hinauswollt, und eben darin liegt der Grund, warum ihr wenigen hierbei den Kopf schüttelt und die Achseln zuckt! Sehet, ich will euch sagen, was euch noch die dreifache Decke Mosis vor den Augen hält!

[BM.01_065,03] Zuerst ist es euer alter, starrer, unbeugsamer Sinn, der eure Gemüter noch fortwährend beherrscht und kein besseres und reineres Licht in eure Herzen kommen läßt. Fürs zweite aber ist es euer finsterer Irrwahn, demzufolge ihr glaubt, es gehöre, um ein Christ zu sein, vorerst nichts als die Taufe dazu. Man brauche jemanden bloß nur im Namen des Vaters, des Sohnes und Heiligen Geistes zu taufen – und der Christ ist nach eurem Irrglauben fertig! Wahrlich, ein schöner Glaube! Und fürs dritte seid ihr noch der hochmütigen Meinung und des herrschsüchtigsten Glaubens, ihr seid die rechten Apostel des Herrn und habt von Ihm die Gewalt, zu tun, was ihr wollt, weil ihr den wahren Heiligen Geist hättet!

[BM.01_065,04] O ihr alten Narren! Wodurch könnt ihr das beweisen? Wo steht in der Schrift ein solcher Text, durch den sich eure Narrheit rechtfertigen ließe? Meint ihr, daß der Herr auch zu euch vollkommensten Widerchristen geredet hat, was Er zu Petrus und zu Seinen andern Aposteln geredet hat, als Er sie in die Welt hinaussandte, das Evangelium allen Völkern zu verkünden? Oh, da seid ihr in großer Irre! Sehet, dort heißt es: ,Nehmet hin den Heiligen Geist! Was ihr – im Besitze dieses Heiligen Geistes – binden oder lösen werdet auf Erden, das soll auch im Himmel gebunden oder gelöset sein!‘

[BM.01_065,05] Habt ihr aber je diesen Heiligen Geist besessen? Kann sich der Heilige Geist je selbst widersprechen, kann er ändern, was er einmal für ewig bestimmt hat? Oder kann er auch noch weiser werden und einsehen, daß seine einmal gegebenen Gebote mangelhaft seien und daher mit neuen und besseren zu ersetzen sind?

[BM.01_065,06] Hat denn der Heilige Geist zu den Zeiten der Apostel noch nicht eingesehen, daß da später Mönche aller Farben und Gattung vonnöten sein werden, die Menschen in den Himmel zu bringen? Daß da Bilder, Schnitzwerke, Reliquien, Gnadenbilder, Glocken, Weihbronn, Weihrauch, Meßgewänder, Mönchskutten, Kirchen und Klöster, Kelche und Monstranzen, Meßglöckchen und lateinisch korrespondierende Ministranten und tausend derlei Torheiten mehr nötig sein werden, um in den Himmel zu kommen? Wie blind muß der Heilige Geist damals doch gewesen sein, daß er solche Notstücke nicht schon zu den Apostelzeiten für das Seelenheil der Menschen eingesehen und sogleich angeordnet hat!

[BM.01_065,07] Oder sind die ersten Christen samt Petrus und Paulus eben darum nun wirklich des Teufels, weil sie keine Kirchen, keine Glocken, keine lateinischen Messen und Totenämter hatten und keine seligmachenden Gnadenbilder, sogar keine Beicht und letzte Ölung, keine teuer bezahlten Seelenämter, kein Verschiedenläuten, kein Bahrtuch, keine Windlichter und gelben Wachskerzen und dergleichen mehr?!

[BM.01_065,08] Seht ihr denn solch einen Unsinn noch nicht ein? Sehet ihr nicht ein, daß wir alle – eben durch diese von unserer Habsucht und glänzenden Herrschgier ganz eigenmächtig, nicht nur ohne den allergeringsten evangelischen Auftrag, sondern schnurgerade wider das Wort Gottes und wider die Lehre aller Apostel kreierten – sogenannten gottesdienstlichen Werke, Gesetze und Zeremonien die offenbarsten Sünder gegen den Heiligen Geist waren, von denen es heißt, daß es ihnen nicht vergeben wird, weder zeitlich noch ewig?

[BM.01_065,09] So ihr das reine Wort des Herrn an alle Menschen nur einmal oberflächlich vergleichet mit unserem römisch-katholischen Unsinn, muß es euch ja wie Schuppen von den Augen fallen. Und ihr müßt vollkommen einsehen, daß Rom nichts als die in der göttlichen Offenbarung nur zu klar bezeichnete Hure Babels ist und wir Priester zuallernächst ihre Engelchen – Gottstehunsbei – sind in optima forma!

[BM.01_065,10] Laßt also, liebe Brüder und Schwestern alle, euren alten weltlichen Unsinn fahren! Wendet euch samt mir alle an den alleinigen Gott und Herrn, Jesus Christus – so werdet ihr alle sicher in Gnaden angenommen werden!

[BM.01_065,11] Aber höret: nicht diese meine magere, wennschon gut gemeinte Beredung, sondern euer eigener Wille und die Liebe eures Herzens bestimme euch fest und unabänderlich dazu!"

[BM.01_065,12] Alle sind nun mit dem Bischof Martin einverstanden, – nur die Herz-Jesu-Damen sagen: „Bis wir nicht von Gott Selbst, oder wenigstens von der seligsten Jungfrau Maria den Auftrag dazu erhalten, bleiben wir der römischen Mutter getreu und nehmen von euch keine neue Lehre an, die uns in die Hölle bringen könnte!"

[BM.01_065,13] Spricht Bischof Martin: „Nur still, ihr dummen Greteln! Der Herr wird euch sogleich eine ganz eigene Wurst braten lassen! Wollt ihr das Evangelium nicht zu eurer Lebensrichtschnur nehmen für ewig, so bleibt in eurer Dummheit eine ganze Ewigkeit lang und zehret an dem Speck eurer lieben römischen Mutter! Daß ihr dabei sicher nicht zu fett und schön werdet, dafür wird des Herrn Weisheit Sorge tragen. Denn der Herr versteht es, so dumme Geister auf eine ganz gehörige, überhomöopathische Diät zu setzen, welche oft eine kleine Ewigkeit dauert und solchen dummen Geistern entschieden die besten Dienste leistet – was ich aus der Erfahrung weiß!

[BM.01_065,14] Lassen wir diese dummen, finstern Damen bei ihrem Glauben! Wir aber wollen uns null einem bessern Lichte zuwenden im Namen des Herrn!"

 

66. Kapitel – Die Herz- und Hauserweiterung. Des Herrn Ruf an Martin.

[BM.01_066,01] Fragt der Minorit: „Wo, Bruder, wo ist dein ausgesprochenes besseres Licht? Wohin wirst du uns führen, daß wir es erschauen?"

[BM.01_066,02] Spricht Bischof Martin: „Folgt mir hierher in die Mitte dieses Saales! Seht, dort befindet sich ein wahrhaft göttlich kunstvoller tellurischer und astronomischer Mechanismus! Da wollen wir zuerst die Erde, die wir bewohnt haben, näher betrachten und von ihr uns dann zu den andern Planeten und endlich zur Sonne selbst begeben. Allda werdet ihr so manches erschauen, was euch allen bisher ein Rätsel war. Also nur vorwärts!"

[BM.01_066,03] Alles bewegt sich nun auf die bezeichnete Stelle und umgibt diese in dichten Reihen. Auch die Herz-Jesu-Damen schleichen ganz langsam nach, um zu sehen und zu hören, was alles da verhandelt wird und wie etwa das vom Bischof Martin bezeichnete bessere Licht aussehen wird.

[BM.01_066,04] Bischof Martin bemerkt das und spricht ziemlich laut: „Was schleicht ihr weisen Damen uns denn nach, wie auf der Welt eine geheime Polizei? Da ist nichts mit der geheimen Polizeischaft! Wollt ihr euch dem bessern Lichte mit uns, euren Brüdern und Schwestern, zuwenden, so gehet offen und freudig wie wir! Geheime, spitzelhafte Schleicherei wird hier nicht geduldet! Verstanden?"

[BM.01_066,05] Als die Herz-Jesu-Damen solches vernehmen, machen sie halt und sagen: „Freund, sei nicht zu ärgerlich über uns! Denn so du weißt, daß wir dumm und schwach sind und sicher verleitet – wie es sicher du selbst warst und hast auch nicht gleich beim Eintritte in diese Welt alles für bare Münze angenommen, was dir gesagt wurde –, da habe doch einige Geduld mit uns Armen, wir bitten dich darum! Wir haben von dir bis jetzt noch keinen löblichern Namen als ,Greteln‘ erhalten und haben uns darüber nicht beschwert. Daß wir unsern Orden in Schutz nehmen, wird doch etwas gar so Schlechtes nicht sein! Du, lieber Freund, aber bist uns sehr hart gekommen, doch wir ertrugen es, wenn wir schon ein wenig murrten. Wir bitten dich aber nun, vergib uns, und sei nicht mehr gar so hart gegen uns arme Sünderinnen!"

[BM.01_066,06] Spricht Bischof Martin: „Ah, diese Sprache von euch gefällt mir schon besser als die französische. Wenn ihr mir so kommt, da kommet nur mutig und freudig zu mir her und überzeugt euch von allem, was hier ist, geschieht und fürder geschehen wird!"

[BM.01_066,07] Die Herz-Jesu-Damen kommen nun schneller herbei und fangen sich nicht wenig zu verwundern an, als sie dieses großen und kunstvollsten Mechanismus ansichtig werden. Die Jesuiten umstehen sogleich den Erdglobus und schlagen die Hände vor lauter Verwunderung über dem Kopfe zusammen, daß dieser Globus der wirklichen Erde so getreu nachgeformt ist und auf demselben auch nicht die geringste Kleinigkeit mangelt. Die Minoriten gucken mit gleichem Erstaunen diesen Globus an, ebenso auch die Liguorianer. Die Franziskaner bewundern mehr das Planetensystem und den Glanz der Sonne, die hier ebensoviel Licht verbreitet, als zur Erleuchtung des ganzen Planetenmechanismus vonnöten ist. Diese Sonne gefällt auch den Barmherzigen Schwestern und den Schulschwestern am besten. Kurz, alles bewundert diese Einrichtung, und Bischof Martin macht, so gut er's kann, einen eifrigen Erklärer dieser himmlischen Merkwürdigkeit, wobei ihm manchmal freilich ein sarkastischer Witz über die Erscheinungen auf der Erde nicht auf der Zunge steckenbleibt.

[BM.01_066,08] Nachdem diese ganze große Gesellschaft sich eine geraume Zeit bei diesem Erd- und Planetenmechanismus aufhält und sich von Bischof Martin unterweisen läßt, wird es auf einmal bedeutend heller im Saale. Er kommt nun sogar dem Bischof viel größer vor als früher im sehr gemäßigten Lichte. Die Gesellschaft bemerkt das auch und fragt den Bischof, woher nun mehr Licht und wodurch diese so bedeutende Erweiterung des Saales komme.

[BM.01_066,09] Bischof Martin spricht: „Meine lieben Freunde und Brüder und Schwestern! Das muß euch hier nicht zu sehr befremden. Denn da verändert sich nur zu leicht alles, was einmal in einer gewissen Art und Gestalt zum Vorscheine kommt. Habt ihr, als ihr hierher kamet, nicht bemerkt, wie klein dies Haus von außen aussah, und wie groß es dann von innen war? Seht, das ist doch schon sicher ein Wunder! So ist auch diese Erscheinung nichts als ein Wunder, das wir zwar alle nicht verstehen, das zu bewerkstelligen aber dem Herrn dennoch etwas überaus Leichtes ist.

[BM.01_066,10] Ich meine aber, da ihr alle nun schon etwas bessere Erkenntnis angenommen habt, läßt der Herr auch mehr Licht zu uns kommen. Und da sich unsere Begriffe über Ihn nun etwas erweitert haben, so hat auch Er uns diese sichere Wohnung entsprechend erweitert, auf daß wir alle in ihr einen desto hinreichenderen Platz haben sollen. Oh, über derlei Erscheinungen muß man sich hier im eigentlichen Wunderreiche gar nicht zu sehr wundern: hier werden nicht zuerst die Kirschen, dann die Pflaumen und bald darauf Zwetschgen zeitig, sondern hier geschieht alles nur nach der Reife unserer Herzen durch die Allmacht, Liebe und Weisheit des Herrn!

[BM.01_066,11] Aber nun erschaue ich dort auf der runden Tafel auch auf einmal eine ganz neue, stark glänzende Schrift! Muß doch sehen, was da oben steht!" Bischof Martin bewegt sich behende zur Tafel und liest: „Martin, komme heraus, denn Ich habe Nötiges mit dir abzumachen! Die ganze Gesellschaft aber soll sich unterdessen ruhig verhalten. Komm, es sei!" Bischof Martin macht ganz selig der Gesellschaft kund, daß sie sich nun ruhig verhalte, was sie auch genau befolgt. Er aber will dann sogleich dem Rufe auf der Tafel nachkommen.

 

67. Kapitel – Veränderung des Gartens. Borem als Gärtner.

[BM.01_067,01] Als Bischof Martin aus der Tür seines Hauses tritt, erschaut er den Garten um sein Haus sehr erweitert und in einem überaus blühenden Zustande, was ihm eine ungemein große Freude macht. So ersieht er auch wieder des Herrn Wohnung in großer Nähe gegen den Morgen zu, was ihn noch ums unvergleichbare seliger stimmt. Aber er sieht sich nach allen Seiten um und erblickt niemand, der ihn draußen erwartete. Das macht unsern Martin schon wieder ein wenig stutzen; aber er verliert diesmal seinen Mut wie auch seine Geduld nicht und geht in den Garten, Mich, den Herrn, aufzusuchen. Er meint, Ich werde Mich da irgend verborgen halten, um möglicherweise von der großen Gesellschaft durch ein Fenster nicht gesehen zu werden.

[BM.01_067,02] Bischof Martin durchsucht emsigst den Garten. Da er Mich dennoch nicht findet, so spricht er bei sich: „Das sieht schon wieder so einer kleinen himmlischen Ansetzerei gleich! Aber das macht nichts, wenn nur ich meiner erkannten Pflicht nachkomme. Mag der Herr entweder Selbst oder ein Abgesandter von Ihm tun, was Er will, das ist mir nun schon alles eins. Ich könnte freilich wohl zu Ihm hin in Seine Wohnung gehen, aber dazu habe ich keinen Auftrag. Denn auf der Tafel stand nur: ,Martin, komme heraus; denn Ich habe Nötiges mit dir abzumachen!‘ Draußen bin ich nun einmal, meinen Auftrag habe ich genau erfüllt. Hat mich der Herr umsonst herausgerufen, so geht mich das nichts an, ich bin einmal da."

[BM.01_067,03] Nach diesen Gedanken schlendert Bischof Martin weiter in dem sehr ausgedehnten Garten herum und entdeckt ganz am Ende des Gartens einen Gärtner, der gerade ein kleines Bäumchen ums andere in das Erdreich setzt. Diesem fleißigen Gärtner geht er zu. Als er in seine Nähe kommt, erkennt er sogleich seinen Buchhändler Borem und spricht voll Freuden: „O Bruder, o Freund! Wie oft habe ich schon bereut, daß ich dich so grob und so arg beleidigt habe! Vergib es mir, und werde mein ewig unzertrennlicher Führer! Denn siehe, ich erkenne nun in der Fülle mein Unrecht gegen dich – und besonders gegen die Güte des Herrn!"

[BM.01_067,04] Borem sieht sich um und begrüßt freundlichst den Bischof mit den Worten: „Sei mir gegrüßt, mein lieber Bruder Martin! Es macht dem Herrn eine rechte Freude, daß du frei aus dir selbst Gutes getan hast. Darum aber hat der Herr mich auch hierher beschieden, daß ich dir diesen deinen Garten zurechtbringe und ihn erweitere, wie du dein Herz zurechtgebracht hast und hast es sehr erweitert in der Liebe. Fahre so fort, im Namen des Herrn zu wirken, so wirst du dich der Wiedergeburt deines Geistes mit Riesenschritten nahen!

[BM.01_067,05] Ich aber bleibe nun bei dir, weil du mich selbst in deinem Herzen verlangtest, und will dir beistehen und helfen, wo es dir nur immer nottun wird. In deinem Hause gibt es nun eine große Arbeit. Diese wird uns noch sehr viel zu schaffen machen. Aber wenn der Kampf am ärgsten sein wird, dann wird auch ein glänzender Sieg am nächsten sein.

[BM.01_067,06] Nun bin ich auch mit dem Einsetzen der Bäumchen fertig. Laß uns daher zu denen gehen, die unserer Hilfe bedürfen! Sie sind zwar von dir schon tüchtig bearbeitet, ungefähr wie dieser Garten nun; dessenungeachtet wird es noch ziemlich viel brauchen, bis alle die tausend Bäumchen vollreife Frucht zum Vorscheine bringen werden.

[BM.01_067,07] Liebe und Geduld aber überwinden alles! Daher gehen wir nun getrost ins Haus und beginnen sogleich unser gerechtes Werk im Namen des Herrn!" – Borem und Martin gehen nun sogleich ins Haus.

 

68. Kapitel – Borems belehrende Worte über den Weg zur Seligkeit.

[BM.01_068,01] Als nun beide ins Haus kommen, geht ihnen sogleich einer der Minoriten, der schon früher so recht verständig geredet, entgegen und fragt Martin: „O lieber Freund und Bruder, was doch gab es draußen, darum du so eilends hinaus mußtest? Siehe, wir alle waren darob in großer Bestürzung und Sorge wegen deiner: wir meinten, du wärest etwa unseretwegen zur Rechenschaft gezogen, und dir sei darum vielleicht etwas Übles begegnet. O sage uns, wie es dir erging!"

[BM.01_068,02] Martin lächelt und spricht: „O liebe Freunde und Brüder, seid meinetwegen gänzlich unbesorgt! Seht, diesen lieben Freund und Bruder hat mir der Herr euret- und meinetwegen zugesandt, daß er mir helfe, euch alle auf den rechten Weg zu bringen, – darum einzig und allein bin ich hinaus gerufen worden.

[BM.01_068,03] Ihr alle aber müßt nun diesen Freund des Herrn willigst anhören und euch allezeit nach seinen Worten richten, so wird euer und vielleicht auch mein Los bald in Kürze ein besseres und freieres werden. Denn seht, auch ich bin noch lange kein völlig seliger Geist, sondern nur auf dem Wege, der vollkommenen Seligkeit durch die Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!

[BM.01_068,04] Befleißigt euch nun alle, dieser Gnade ehest möglich teilhaftig zu werden! Es kann sehr leicht sein, daß wir dann samt und sämtlich unsern Weg zu gleicher Weile in das Reich des Gotteslichtes nehmen werden!"

[BM.01_068,05] Spricht der Minorite wieder: „Ja, Bruder, wir alle versprechen es dir und deinem Freunde, uns in allem strenge nach der Vorschrift zu verhalten, die ihr uns geben werdet, um nur der allergeringsten Gnade des Herrn teilhaftig zu werden!"

[BM.01_068,06] Spricht Borem: „Ja, liebe Brüder und Schwestern, haltet dies euer Versprechen aus dem Grunde eures Herzens! Liebet Jesus Christus, den Gekreuzigten, über alles, darum Er ist unser aller einiger, liebevollster und heiligster Vater! Suchet allein nur Ihn und Seine Liebe und hänget an nichts eure Herzen denn allein nur an Ihn, so werdet ihr viel eher, als ihr es denket, euch in Seiner ewigen Liebewohnung befinden! Aber alle eure sinnlichen Weltanhängsel müsset ihr aus euren Herzen verbannen, sonst wäre es nicht möglich, euch in die ewige Wohnung des heiligen Vaters zu bringen. Merket aber nun wohl, was ich euch sagen werde!

[BM.01_068,07] Seht, ihr alle hattet auf der Welt von Gott und vom Himmel, wie überhaupt vom Leben der Seele und ihrem Befinden nach dem Tode des Leibes, zwar zwei verschiedene, aber durchgehends grundfalsche Begriffe. Ihr habt euch schon bisher überzeugen können, daß sich hier euer irdischer Glaube in nichts bestätigt erwiesen hat: Ihr habt kein Fegefeuer, ja sogar keine Hölle, wie auch keinen Himmel und keine beflügelten Engel gefunden. Wie ihr aber das alles nicht gefunden habt, so werdet ihr auch alles andere ewig nicht finden, woran ihr als römische Katholiken geglaubt habt.

[BM.01_068,08] Auch alle die Gebetshilfen der Gemeinden und der Priester, auf die ihr große Glaubensstücke gehalten habt, haben hier nicht den allergeringsten Wert. Niemand kommt hier durch ein vermitteltes Erbarmen zum Herrn, da der Herr ohnehin von der allerhöchsten Erbarmung ist. Es wäre daher eine allergrößte, sündhaftigste Torheit, den allerbarmherzigsten, liebevollsten, allerbesten Vater zur Barmherzigkeit bewegen zu wollen.

[BM.01_068,09] Daher muß hier ein jeder selbst ernstlichst Hand an sein eigenes Werk legen, ansonsten es unmöglich wäre, zu Gott, dem Herrn aller ewigen, unendlichen Herrlichkeit zu gelangen. Seht, ich bin nun selbst ein großer Engel des Herrn. Er ruft mich nicht anders als: ,Mein Bruder! Wie endlos lieb habe Ich dich!‘ Und seht, so ich auch hinginge und möchte bitten für euch eine Ewigkeit, würde euch das dennoch nichts nützen. Denn jeder muß selbst tun aus seiner Liebe heraus, was da in seiner Kraft steht, ansonsten er nie zu der wahren Freiheit seines Geistes gelangen kann. Gott ist wohl allmächtig, aber Seine Allmacht macht niemanden frei, da eben sie es ist, aus der wir durch unsern freien Willen und durch die Liebe zu Gott frei gemacht werden müssen. Sonst wären wir nichts als Maschinen und Automaten dieser Allmacht Gottes.

[BM.01_068,10] Der Herr aber hat darum aus Seiner endlosesten Weisheit geordnete Wege gestellt, die wir wandeln müssen, um zu dieser göttlichen Freiheit zu gelangen. Diese Wege waren euch bis jetzt unbekannt, ich aber werde sie euch nun bekanntgeben. Daher müßt ihr wohl darauf achten, und euch genau – aber freiwillig – auf diesen Wegen halten. Dann werdet ihr dahin gelangen, wohin zu gelangen ein jeder von Gott geschaffene Geist berufen ist.

[BM.01_068,11] Es wird euch von nun an alle erdenkliche Freiheit gegeben werden. Was ihr immer wünschen und wollen werdet, wird euch zuteil werden. Aber diese Freiheit ist noch keine Freiheit, sondern nur eine Prüfung, die ihr zu verstehen, aber ja nicht zu mißbrauchen habt!

[BM.01_068,12] Es werden euch tausende Evas den versuchenden Apfel hinhalten, aber ihr dürft ihn aus Liebe zum Herrn nicht anrühren!

[BM.01_068,13] Ihr werdet verleumdet und verspottet werden, aber da dürft ihr euch nie erzürnen oder an eine böse Vergeltung denken!

[BM.01_068,14] Man wird euch verfolgen, wird euch berauben, und mißhandeln sogar. Aber eure Gegenwehr sei nichts als Liebe, obschon euch alle Mittel zu Gebote stehen werden, durch die ihr euch zur Genüge rächen könntet!

[BM.01_068,15] Gedenket allezeit des Herrn und Seines Evangeliums, so werdet ihr eure Wohnung für die Ewigkeit auf festem Grunde bauen, daß sie nimmer erschüttert wird!

[BM.01_068,16] Ich sage euch die ewige Wahrheit aus Gott, dem Herrn alles Seins und Lebens. Wer da nicht erfüllet das Wort Gottes in sich tatsächlich, der kann in Sein Reich nicht eingehen!

[BM.01_068,17] Jeder muß der Demut engste Pforte passieren und muß dem Herrn alles anheimstellen. Nichts als die alleinige Liebe, mit der tiefsten Demut gepaart, darf uns bleiben! Uns darf nichts beleidigen. Wir dürfen nie denken und sagen, dies und jenes gebühre uns irgend mit Recht. Denn wir alle haben nur ein Recht, nämlich das Recht der Liebe und der Demut. Alles andere ist ganz allein des Herrn!

[BM.01_068,18] Wie aber der Herr Selbst Sich bis auf den äußersten Punkt gedemütigt hat, also müssen auch wir es tun, so wir dahin kommen wollen, wo Er ist!

[BM.01_068,19] Wer dir eine Ohrfeige gibt, dem erwidere sie nicht, sondern halte ihm noch die andere Wange hin, auf daß Friede und Einigkeit herrsche unter euch! Wer von dir den Mantel verlangt, dem gib auch den Rock dazu! Wer dich zu einer Stunde Geleite nötigt, mit dem gehe zwei Stunden, auf daß du ihm Liebe erweisest im Vollmaße! Den Feind segne, und bete für die, so dich verfluchen! Nie vergelte jemand Böses mit Bösem und Schlechtes mit Schlechtem, sondern tuet denen Gutes, die euch hassen – so werdet ihr wahrhaft Kinder Gottes sein!

[BM.01_068,20] Solange ihr aber euer Recht irgend anderwärts suchet als allein nur im Worte Gottes, solange ihr noch der Beleidigung Stachel in euch traget, ja, solange ihr der Meinung seid, es geschehe euch in diesem oder jenem ein Unrecht – so lange seid ihr noch Kinder der Hölle und des Herrn Gnade ist nicht in euch.

[BM.01_068,21] Gottes Kinder müssen alles ertragen können, alles erdulden! Ihre Kraft sei allein die Liebe zu Gott und die Liebe zu ihren Brüdern, ob sie gut oder böse sind.

[BM.01_068,22] Wenn sie darin fest sind, dann auch sind sie vollkommen frei und fähig, in das Reich Gottes aufgenommen zu werden.

[BM.01_068,23] Ich weiß aber, daß ihr alle Priester waret und Nonnen der Gemeinde Roms, die da ist die allerfinsterste. Ich weiß auch, daß sich einige von euch darauf heimlich noch viel zugute tun. Aber da sage ich euch: daran denke niemand von euch, was er auf der Erde war und getan hat! Denn so jemand daran denkt, daß er Gutes getan hat, wird der Herr auch daran denken, wieviel Böses jemand von euch getan hat, und wird ihn richten nach seinen Werken! Wer aber vom Herrn gerichtet wird, der wird gerichtet zum Tode und nicht zum Leben; denn das Gericht ist der Tod der Seele in der ewigen Knechtschaft ihres Geistes!

[BM.01_068,24] So aber der Herr spricht: ,Wenn ihr alles getan habet, so bekennet, daß ihr nutzlose Knechte waret!‘ – um wieviel mehr müßt ihr an euch das bekennen, die ihr doch alle nie das Evangelium nur im geringsten in euch, an euch und noch weniger an euren Brüdern erfüllet habt!

[BM.01_068,25] So habe ich nun zu euch geredet im Namen des Herrn und habe kein Wort dazugesetzt und keines weggenommen: Wie ich es empfangen habe vom Herrn, so habe ich es euch auch getreu kundgetan. Nun aber ist es an euch, das alles in den besten Vollzug zu bringen. Von nun an könnt ihr euch nimmer entschuldigen, als hättet ihr es nie gehört, so ihr wegen starrsinniger Nichtbefolgung dem Gerichte verfallen würdet!

[BM.01_068,26] Ist aber jemand guten Willens und fällt ob angestammter Schwäche, da bin ich und dieser Bruder da, im Namen des Herrn jedermann aufzuhelfen!

[BM.01_068,27] Ihr sehet nun, daß von euch allen vorerst nur der gute Wille gefordert wird, dann erst das Werk!

[BM.01_068,28] Seid also alle voll des Willens zum Guten, so wird man es mit dem Werke so genau nicht nehmen, da ein guter Wille schon als ein Werk des Geistes zu betrachten ist!

[BM.01_068,29] Wehe aber jedem von euch, der da wäre in sich geheim hinterlistigen, bösen Willens und täte nur äußerlich, als hätte er einen guten Willen! Ich sage euch aus der Kraft des Herrn, die mich nun durchweht wie ein mächtigster Orkan einen Wald: ein solcher würde jählings zur Hölle getrieben werden und geworfen in den Pfuhl des ewigen Verderbens – wie da ein Stein fällt vom Himmel in den Abgrund des Meeres, von wo aus er nicht wieder genommen wird, sondern liegenbleibt im Pfuhle und Schlamme des Gerichtes!

[BM.01_068,30] Nun wißt ihr, was ihr zu tun habt, um als wahre Kinder des Herrn in Sein Reich zu gelangen. Tuet alle danach, so werdet ihr leben!

[BM.01_068,31] Ich und dieser euer erster Freund aber werden, wennschon nicht allzeit sichtbar, hinter euch uns befinden und werden euch aufhelfen, so jemand von euch fiele in seiner Schwäche. Aber der da fiele in seiner Bosheit, dem wird nicht geholfen werden, außer durch Gleiches mit Gleichem! Fragt aber nicht, wo wird der Ort solcher unserer Prüfung sein? Ich sage euch: Hie und da, und wenn ihr es am wenigsten gedenket, auf daß eure Freiheit nicht gestöret werde! Der Herr sei mit euch und mit uns! Amen!"

[BM.01_068,32] Spricht Bischof Martin: „Bruder, du hast hier wirklich rein aus dem Herrn geredet, und wahr ist alles auf ein Haar. Aber mich hat es auch ganz sonderlich ergriffen, denn ich selbst habe noch viele Punkte darin gefunden, die mich sehr nahe angehen!"

[BM.01_068,33] Spricht Borem: „So wird es dir sicher keinen Schaden bringen, so du sie auch beachtest! Denn zu der schönen Merkurianerin möchte ich dich ganz allein noch nicht lassen! Verstehst mich, Bruder?"

[BM.01_068,34] Spricht Bischof Martin: „Hast recht, hast recht! Weißt, so'n bißchen Vieh bin ich noch immer; aber ich hoffe, nun wird sich's wohl ändern!"

 

69. Kapitel – Ein neues Wunder für Bischof Martin: Prüfungsszene der Minoriten und Jesuiten.

[BM.01_069,01] Bischof Martin: „Aber nun bin ich selbst neugierig, wie und wo die Prüfungen dieser sozusagen tausend Mann hohen Gesellschaft beginnen werden. Hier im Hause wird sich's nicht tun, und außer demselben einen jeden auf einen andern Ort stellen? Wir sind nur unser zwei – ich weiß wirklich nicht, wie sich diese Sache tun wird. Aus hundert Schafen, so neunundneunzig darunter gerecht sind, das eine verlorene suchen, das wäre nach meiner Meinung eben keine gar zu unausführbare Aufgabe. Hier aber handelt sich's um tausend sozusagen rein verlorene Schafe, da wird es heißen, nicht nur einem, sondern tausend verirrten nachgehen. Höre, Freund, das wird eine höchst sonderbare, mir bis jetzt durchaus unbegreifliche Aufgabe sein!"

[BM.01_069,02] Spricht Borem: „Freund und Bruder, laß du solches Fragen gut sein. Siehe, bei Gott sind gar viele Dinge möglich, die dir jetzt noch völlig unmöglich vorkommen. Diese alle werden hier in diesem Hause verbleiben und werden sichtlich keinen Fuß vor die Schwelle setzen. Und doch werden sie bei sich selbst in verschiedenste Gegenden versetzt werden, die mit ihrem Innern auf ein Haar korrespondieren werden. Und so wir in ihre Sphäre treten werden, so werden wir ganz von ihnen gesehen werden, und sie werden mit uns gar wohl reden können. Werden wir uns aber außer ihrer Sphäre befinden, so werden sie uns nicht sehen. Wir aber werden sie dennoch wie jetzt vor uns haben und werden aus ihren Hinterhäuptern genauest erkennen, was sie tun und wie sie des Herrn Wege beachten und wandeln.

[BM.01_069,03] Siehe, sie alle sind nun ihrem Inwendigen nach schon lange dort, wo sie sein müssen. Wir sehen sie alle unverrückt an ihren Plätzen stehen und sich so gebärden, als führten sie Gespräche miteinander. Aber sie reden nicht miteinander, denn sie sehen sich nun untereinander ebensowenig, als sie uns sehen.

[BM.01_069,04] Siehe, nun werden sie geordnet in eine Reihe, daß wir sie leicht übersehen werden. Aber sie merken davon ebensowenig wie ein tief Schlafender, so er samt seinem Bette in ein anderes Zimmer getragen wird. Nun sind sie schon in Reihen geordnet, so, daß wir eines jeden Hinterhaupt beobachten können. Komme hier zu diesem Minoriten und sieh, was er tut!"

[BM.01_069,05] Bischof Martin tritt nun hinter den Minoriten und sieht durch dessen Hinterhaupt wie bei einem sogenannten Diorama durch das Vergrößerungsglas. Da erschaut er eine gar wunderherrliche Gegend und in selber den Minoriten selbst, wie dieser von einer ganzen Gruppe Evas umzüngelt ist, sich aber von ihnen nicht beirren läßt, sondern sie nur belehrt und sein Auge einem hellen Sterne, der im ewigen Osten aufgeht, unverwandt zuwendet.

[BM.01_069,06] Spricht Borem: „Siehe, der ist schon gerettet! Und da sieh weiter, mit ihm noch eine Menge! Aber nun gehen wir weiter und schauen, wie es mit den Jesuiten aussieht!"

[BM.01_069,07] Beide bewegen sich nun hinter die Reihe der Jesuiten und besichtigen deren Hinterhaupt. Was erschauen sie aber hier? Bei dreißig dieser Mönche balgen sich um eine ganze Legion nackter Dirnen und können sich nicht sattsam befleischlustigen. Die Stärkeren ziehen die Üppigsten an sich und lassen den Schwächeren die weniger Üppigen über. Das ärgert die Schwächeren ganz gewaltig, darum sie sich auch von diesen ihren stärkeren Kollegen zu entfernen beginnen, um gegen diese eine Rächerschar zu sammeln, sie dann anzugreifen und grausamst zu züchtigen. Auch die Menge der schwächeren und weniger üppigen Dirnen rottet sich gegen die üppigeren und wollen ihnen ihre größere Üppigkeit mit der Schärfe aller ihrer Nägel auf das energischste herunterkratzen.

[BM.01_069,08] Bischof Martin betrachtet diese Szenen ganz stumm, teils vor Verwunderung und teils vor heimlichem Ärger, und weiß nicht, was er dazu sagen soll.

[BM.01_069,09] Borem merkt das wohl und spricht zum Bischof Martin: „Bruder, wie kommt dir dieser Anblick vor, was sagst du dazu?"

[BM.01_069,10] Spricht Bischof Martin: „O du mein liebster Freund und Bruder! Nein, das hätte ich von diesen scheinheiligen Lumpen denn doch nicht geglaubt. Die Kerle treiben es ja ärger als alle Hunde und Affen auf der Erde. Bei meinem armseligen Leben, da dürfte ich wahrlich nicht deine Macht und Weisheit haben und dies mein Gefühl dazu! Ich ließe sogleich wenigstens eine Million Blitze unter sie fahren. Wie diese Kerle nach so einem Manöver aussehen würden, für das gebe es sicher kein hinreichend elendes Bild, durch das sie ganz getroffen werden könnten!

[BM.01_069,11] O ihr allerabgefeimtesten Lumpen! Nein, aber ich bitte dich, Bruder, da sieh hin! Da sehe ich nun gerade den Lumpen, der in China ob Verrats zwischen zwei Steinplatten verbrannt wurde, wie er eben die schöne Chinesin nun auf das entsetzlichste mißhandelt! Sieh, sieh, wie er wie ein Geier die Arme zerfleischt! Ah, so was ist ja im höchsten Grade empörend! Das müssen wir denn bei Gott ja doch nicht angehen lassen!"

[BM.01_069,12] Spricht Borem: „Mein Freund, das ist erst der Anfang; lassen wir es nur gehen, wie es nun geht! Es wird sich das Rad bald wenden. Sieh, diese Chinesin entflieht nun und wird bald zu einem mächtigeren Regiment stoßen, das sich ihrer annehmen wird. Sie wird dann eine ganz entsetzliche Rache nehmen an diesem rachsüchtigen Jesuiten. Da sieh, dort aus jener Berghöhle, vor der sie nun steht und schreit, steigen schon eine Menge Ungeheuer allergräßlichster Art! Sieh ihrer eine Unzahl! Sie teilen sich und umzingeln nach allen Seiten unsere Jesuitenschar. Diese merken noch nicht, was ihnen bevorsteht. Aber nun gib acht, die Ungeheuer haben den Kreis geschlossen. Die Chinesin, noch mit ganz zerrissener und zerfetzter Haut und mit einem Herrscherstabe in der Hand, naht sich dem Jesuitenhaufen, der sich noch mit den nackten Dirnen beschäftigt. Nun gib acht, und sage mir, was du nun sogleich erschauen wirst!"

[BM.01_069,13] Bischof Martin sieht nun eine kurze Zeit hin, fährt dann förmlich zurück und spricht ganz ergriffen: „Ah, ah, das ist ja schrecklich, ja, das ist entsetzlich, entsetzlich, entsetzlich! Sieh, diese Chinesin trat gleich einer Furie wie ganz glühend vor unsern Jesuiten. Und soviel ich aus ihrer rein höllischen Gebärde entnehmen konnte, sprach sie: ,Kennst du mich, Elender?‘ Der Jesuite machte ein erbostes, trotziges Gesicht und sprach: ,Ja, Elendeste! Mein Fluch soll deiner ewig nimmer vergessen!‘ Er gebietet darauf seinen Kollegen, diese Elendeste noch einmal zu ergreifen und sie in Stücke zu zerreißen. Aber in diesem Augenblicke schreit sie: ,Zurück, ihr verfluchten Verführer aller Welt! Euer Maß ist voll! Nun kommt meine Rache über euch!‘ In diesem Augenblicke stürzen eine ganze Legion großer, scheußlichster Ungeheuer auf unsere Jesuiten los, ergreifen sie und zerreißen sie in kleine Stücke. Die Chinesin nimmt nun das Haupt unseres Jesuiten, der sie ehedem zerfleischt hatte, und schleudert es in einen Abgrund, aus dem nun helle Flammen emporschlagen, und schleudert nun auch die übrigen Reste in denselben Abgrund. Ah, wenn das nicht mehr als Hölle ist, so weiß ich wirklich nicht, unter welchem noch gräßlicheren Bilde ich mir dieselbe vorstellen sollte! Höre, sollen wir da etwa auch noch nicht intervenieren?"

[BM.01_069,14] Spricht Borem: „O nein, da handelt der Herr Selbst; wir wären da viel zu ohnmächtig! Sieh aber, solange sie hier noch vor uns in Reih und Glied stehen, so lange sind sie noch immer nicht für verloren anzusehen. Aber so etwa welche aus dieser Reihe entschwinden möchten, mit diesen würden wir dann wenig mehr zu tun bekommen! Soviel aber sage ich dir: gar zu weit sind diese von der Hölle eben nicht mehr, denn das alles, was du nun geschaut hast, geht nur in den Gemütern dieser Patres vor und nicht in der Wirklichkeit. Aber wenn ein Gemüt so sich gestaltet und gebärdet, da ist freilich die allertraurigste Wirklichkeit keineswegs mehr ferne.

[BM.01_069,15] Was du nun gesehen, geht im Herzen dieser Patres vor. Der Herr aber bewirkt es, daß wir so ganz in salvis das alles bildlich und dramatisch vor uns erschauen. Wir haben nun gesehen, welchen Sinnes und Willens diese Wesen sind. Nun werden wir ersehen, ob sie etwa doch, der ihnen gegebenen Lehre eingedenk, diese arge Sinnes- und Willensart nicht ändern werden zufolge dieser Demonstration, die ihnen der Herr Selbst in ihr Gemüt wie eine Gegenrache eingegossen hat.

[BM.01_069,16] Die Zerreißung durch die Ungeheuer stellt zwar eine starke Demütigung vor, durch die sie sicher zu irgendeiner Vernunft gebracht werden. Wir werden sie nun aber bald wieder als ganze Wesen auftreten sehen. Da wird sich's dann sogleich zeigen, welchen Eindruck diese Demonstration auf sie gemacht hat.

[BM.01_069,17] Da, sieh nun nur wieder hinein, du wirst die ganze Jesuitenschar wieder aus demselben Loche emporsteigen sehen, in das früher die Chinesin bloß nur den einen zerstückelten Jesuiten hinabgeschleudert hat!"

[BM.01_069,18] Bischof Martin richtet nun wieder sein Augenmerk auf diese Szene und spricht: „Richtig, da kommen die Kerls wieder ganz wohlgestaltig zurück; bin doch recht neugierig, was sie nun anfangen werden! Aha, schau, schau, sie fangen an, nun etwas bessere Saiten aufzuziehen! No, vielleicht wird sich's doch machen! Ich bemerke sogar, wie einige aus der Schar den Eindruck erwecken, als wollten sie gar zu beten anfangen, denn sie machen ganz fromme Mienen. Ich wäre wirklich von ganzem Herzen froh, so sie sich alle bessern möchten!"

[BM.01_069,19] Spricht Borem: „Was bei den Menschen unmöglich scheint, das ist bei Gott gar wohl möglich! Die erste Prüfung wäre so leidlich ausgefallen, aber nun kommt eine andere. Wir werden da sehen, wie sie diese bestehen werden. Ich sage dir, diese wird viel ärger sein denn die erste. Sieh nun wieder hin, der zweite Akt wird sogleich seinen Anfang nehmen!"

 

70. Kapitel – Zweite Szene der Jesuitenprüfung und ihre Erklärung durch Borem.

[BM.01_070,01] Bischof Martin sieht nun wieder hin und bemerkt, wie sich unseren Jesuiten eine Karawane Pilger naht, welche sehr viele Schätze und Reichtümer mit sich führt.

[BM.01_070,02] Die Patres bemerken das, und als die Karawane in ihre Nähe kommt, wird sie von ihnen angehalten und gefragt, wohin sie ziehe und was sie mit sich führe.

[BM.01_070,03] Die Karawane spricht: „Wir kommen von der Welt, haben dort mehrere Klöster ausgeraubt, und namentlich jene reichsten der Jesuiten, weil diese selbst die größten Räuber und Banditen auf der Welt sind.

[BM.01_070,04] Denn der Menschheit durch falsche Reden, Frömmeleien, Gleisnerei und durch allerlei arge Vorspiegelungen von der Hölle und Verdammnis ihre oft kümmerlich erworbene Habe abnehmen und oft sogar mit allerlei Gewalt entreißen, ist noch ärger als öffentlich rauben und stehlen. Gegen Räuber und Diebe hat jedermann das Notwehr- und Verteidigungsrecht, aber gegen derlei jesuitische und andere mönchische Diebereien und Räubereien können sich nur sehr wenige schützen.

[BM.01_070,05] Und so ist ihr Besitz ein höchst unrechtmäßiger. Es ist demnach recht und billig, daß wir diese früher erwähnten Klöster ausgeplündert haben. Nun tragen wir diesen Raub vor Gottes Thron und wollen dort so lange um Rache schreien, bis der Herr und Gott uns erhören wird und diese boshafteste und am meisten betrügerische Brut von der Wurzel aus vertilgen wird!"

[BM.01_070,06] Als die Patres Jesu solches vernehmen, da erglühen sie förmlich vor Wut und Grimm.

[BM.01_070,07] Bischof Martin, der das alles mit angehört hatte, spricht zu Borem: „Bruder, jetzt sieht es im Ernste für diese unsere Jesuiten – wenigstens für die dreißig, die schon beim ersten Manöver zugegen waren – schlimm aus! Ich sehe wohl auch alle andern dieses Kollegiums, diese aber halten sich nicht bei diesen dreißig auf, sondern bilden eine abgesonderte Schar, die viel lichter aussieht als diese dreißig."

[BM.01_070,08] Spricht Borem: „Diese andern sind schon so gut wie gerettet, aber diese dreißig stehen noch überaus locker. Gib aber nun acht,